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und die Art von Diskriminierung und


Antisemitismus: Verfolgung der Juden. Seit Jahrhunder-
ten ist eine antisemitische Strömung in
Kehrt das Monster die europäische Kultur eingewoben.
Öffentliche Meinungsumfragen in di-
zurück? versen europäischen Staaten legen
nahe, dass ein bemerkenswerter Pro-
Kürzlich aß ich zu Mittag mit einem zentsatz von Menschen noch immer
Freund, der in London eine Menschen- Ansichten vertritt, die antisemitisch
rechtsorganisation leitet. Seine Organi- sind oder zumindest so wirken. So zum
sation arbeitet in der ganzen Welt, der Beispiel sind sich nach einer kürzlich
Nahe Osten eingeschlossen. In der Ver- durchgeführten Umfrage 42 Prozent
gangenheit hat sie die israelische Poli- der Italiener einig, dass „Juden in der
tik insbesondere in Bezug auf die freie Geschäftswelt zu viel Einfluss haben“.2
Meinungsäußerung in den besetzten (In Großbritannien sind es 21 Prozent.)
palästinensischen Gebieten öffentlich Doch es ist eine neue Situation einge-
scharf kritisiert. Ich horchte deshalb treten. Früher war das Thema Antise-
auf, als mein Freund mir gestand, gele- mitismus relativ eindeutig: Antisemi-
gentlich über die Ausdrucksweise über tismus ist eine Form von Bigotterie. Nur
Israel, die einige Leute in seinem Ar- bigotte Menschen unterstützen Bigotte-
beitsbereich benutzen, besorgt zu sein. rie. Wir anderen verachten diese Hal-
Er bezog sich auf Unterhaltungen mit tung. So einfach war das. Heute ist das
Personen, die sich politisch links einord- jedoch sehr viel komplexer und proble-
nen würden. Israel, sagte er mir, werde matischer. Denn die Frage des Antise-
oft zum „Sündenbock“ für alle Probleme mitismus ist zum Politikum geworden.
in der arabischen Welt gemacht. Außer- Das Wort „Antisemitismus“ ist in die
dem neige man dazu, Juden mit Israel erbitterte Schlacht zwischen Israelis
gleichzusetzen, geradezu so, als ob sie und Palästinenser geraten und zum
für die Menschenrechtsverletzungen Spielball der Nahostpolitik geworden.
und andere Verbrechen der israelischen Diese Entwicklung ist nicht über
Regierung kollektiv verantwortlich Nacht gekommen. Ihre Anfänge rei-
seien. Er habe den Eindruck, in der Ge- chen ungefähr hundert Jahre zurück,
dankenwelt einiger Linker, denen er im als eine neue nationale Bewegung ge-
Rahmen seiner Menschenrechtsarbeit boren wurde: der jüdische Nationa-
begegnet sei, nehme Israel einen über- lismus oder Zionismus. Wenn Benatoff
proportional großen Stellenwert ein. aber sagt, das Monster sei wiederge-
Wie ist diese Erfahrung zu werten? kehrt, meint er damit, der Antisemi-
Bestätigt sie etwa die Warnungen von tismus wachse wieder, seit vor mehr als
Cobi Benatoff, Präsident des Euro- drei Jahren im Juli 2000 die Friedens-
päischen Jüdischen Kongresses, auf verhandlungen in Camp David zu-
dem EU-Seminar über Antisemitismus sammenbrachen und später im Jahr die
am 19. Februar in Brüssel? „Der Antise- Al-Aksa-Intifada ausbrach.
mitismus ist zurückgekehrt. Das Mons- Ist dem so? Es ist nicht einfach, im
ter weilt wieder unter uns“, so Benatoff.1 Lichte der gegenwärtigen Debatte, in
Ist das Monster wirklich wieder da? der Antisemitismusvorwürfe so schnell
Zunächst gilt festzuhalten: Das Monster ausgeteilt werden, diese Frage über-
war nie verschwunden. Das Ausmaß haupt zu stellen, geschweige denn sie
und die Intensität des Antisemitismus in zu beantworten. Das EU-Seminar fand
Europa haben sich stets verändert. jüngst beinahe nicht statt, weil die Eu-
Unterschiedlich waren auch der Grad
2 Eine Untersuchung von ADL im September
1 BBC-Nachrichten-Website, vgl. http://news. 2002, vgl. www.adl.org/anti_semitism/Euro-
bbc.co.uk/1/hi/world/europe/3502019.stm. peanAttitudesPoll-10-02.pdf.

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ropäische Kommission einige Wochen baren Hände kontrollieren die Banken,


zuvor selbst dem Antisemitismusvor- die Märkte und die Medien. Sogar Re-
wurf ausgesetzt war.3 Einer der zwei gierungen werden von ihnen gelenkt.
Ankläger war Edgar Bronfman, Präsi- Und wenn Revolutionen ausbrechen
dent des Jüdischen Weltkongresses. oder Staaten in den Krieg ziehen, sind
Der andere war Benatoff. Die Grundla- es die Juden, die – geschickt, skrupellos
ge ihrer Vorwürfe war so dürftig, dass und als Gruppe in sich geschlossen –
Ronny Naftaniel, der Direktor des Zen- unweigerlich die Fäden ziehen und die
trums für Information und Dokumenta- Früchte ernten.“
tion über Israel in den Niederlanden, an Wenn solche Hirngespinste auf Israel
Benatoff schrieb und den Angriff für projiziert werden, weil Israel ein jüdi-
unweise erklärte, „insbesondere da der scher Staat ist, dann muss Feindschaft
Vorwurf falsch ist“.4 Das war kein Ein- gegenüber Israel oder dem Zionismus
zelfall. Der Vorwurf ist oft unbegründet, wohl antisemitisch sein. Indes, Israels
wenn er gegen Kritiker oder Gegner Besatzung der Westbank und des Gaza-
der israelischen Regierungspolitik ge- streifens ist kein Hirngespinst. Auch die
richtet wird. In einer solchen Situation jüdischen Siedlungen in diesen Gebie-
müssen wir zu den Ursprüngen zurück- ten sind es nicht. Und auch nicht die
gehen und das Wort „Antisemitismus“ institutionalisierte Diskriminierung is-
aus dem verworrenen Netz der Politik raelisch-arabischer Bürger in verschie-
zurückholen, in das es geraten ist. denen Lebensbereichen. Das sind Rea-
Obwohl das Wort erst in den 1870er litäten. Es ist eine Sache, auf der
Jahren geprägt wurde, ist der Antisemi- Grundlage antisemitischer Hirnge-
tismus ein altes europäisches Hirnge- spinste gegen Israel oder gegen den
spinst über Juden. Der Komponist Ri- Zionismus zu argumentieren, eine an-
chard Wagner drückte das so aus: „Ich dere jedoch, wenn man es der Realitä-
halte die jüdische Rasse für den eigent- ten am Ort wegen tut. Letzteres ist nicht
lichen Feind der reinen Humanität und antisemitisch.
all dessen, was in ihr edel ist.“5 Wagner Natürlich kann Antizionismus auch
sprach von der jüdischen „Rasse“. Aber ein verdeckter Antisemitismus sein. Es
all die Jahrhunderte über war der anti- gibt eine lange und unschöne Ge-
semitische Diskurs mehr oder weniger schichte davon, wie „Zionisten“ als Co-
derselbe, unabhängig davon, ob Juden dewort für das Wort „Juden“ gebraucht
als Rasse, Nation, Volk, Glaubensge- wurde. Ich erinnere an das kommunisti-
meinschaft, Kultur oder was auch im- sche Polen, das im Rahmen der soge-
mer angesehen wurden. Die Essenz nannten antizionistischen Säuberun-
lässt sich so zusammenfassen: „Juden gen 1968 tausende von Juden aus dem
sind Außenseiter. Wo immer sie hinge- Land trieb. Die extreme Rechte benutz-
hen, schaffen sie einen Staat innerhalb te viele Jahre das Akronym ZOG (Zio-
des Staates. Sie arbeiten gemeinsam im nist Occupation Government), wenn sie
Verborgenen daran, ihre kollektiven von der US-Administration sprach.
Vorteile herauszuschlagen – auf Kosten Doch die Verbindung zwischen Anti-
der Staaten, in deren Mitte sie leben zionismus und Antisemitismus ist nicht
und deren Ressourcen sie ausbeuten. zwangsläufig. Historisch gesehen ha-
Sie haben sich zusammen verschworen, ben viele Antisemiten den Zionismus
die Welt zu beherrschen. Ihre unsicht- unterstützt. Entweder wollten sie die
Juden loswerden oder sie hatten eine
3 Europe’s moral treachery over anti-Semitism, in:
„Financial Times“, 5. 1. 2004. völlig übertriebene Vorstellung von der
4 Associated Press, European anti-Semitism semi- Macht der zionistischen Bewegung,
nar is back on the track, in: „Ha’aretz“, 9.1.2004. weil diese jüdisch war. Umgekehrt war
5 Brief an Ludwig II. von Bayern, zitiert in Robert
S. Wistrich, Antisemitism: The Longest Hatred,
der Zionismus unter Juden von Anfang
London 1992, S. 57. an umstritten. Mit der Zeit stellen nun

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immer mehr Juden den jüdischen Na- re Behauptungen auch nur ansatzweise
tionalismus in Frage und befassen sich zu modifizieren, kann das den Eindruck
mit einer möglichen postzionistischen vermitteln, alle Juden müssten für die
Zukunft für Israel. Nicht zuletzt gehö- Machenschaften einiger weniger her-
ren gerade Juden aus Israel und an- halten. Das nährt eine antisemitische
derswo zu den schärfsten Kritikern der Strömung innerhalb breiterer kultureller
israelischen Politik. Das macht sie ge- Kreise. Der jüdische Sozialist Steve Co-
nauso wenig zu sich selbst hassenden hen stellte zu Recht fest: „Jede Gruppie-
Juden wie die nichtjüdischen Kritiker rung, die vorgibt, gegen den Antisemi-
zu Antisemiten. In Wahrheit sind diese tismus zu sein, sollte extrem darauf ach-
Leute nachdenklich und engagiert. ten, welche Bilder sie hervorruft.“6
Aber wie verhält es sich nun mit den Ähnlich ist es mit Koalitionen – dem A
Leuten, von denen mir mein Freund und O politischer Aktivitäten. Denn
beim Mittagessen erzählte? Es sind manche Bündnisse sind weniger heilig
Menschen, die im Menschenrechtsbe- als andere. Auf einigen Massenver-
reich arbeiten. Gewiss sind auch sie sammlungen und Demonstrationen der
nachdenklich und voller Engagement. Linken tauchten unverhüllt antisemiti-
Doch sie scheinen dazu zu neigen, un- sche Slogans und Symbole auf.7 Außer-
bedacht über Israel und die Juden zu dem gibt es Komplizen des Schwei-
sprechen. Ist das ein Beweis für linken gens. Naomi Klein, die Anti-Globalisie-
Antisemitismus? rungs-Aktivistin, verweist auf „Veran-
Möglich. Links oder rechts, niemand staltungen, auf denen ich kürzlich war,
ist gegen Vorurteile innerhalb der eige- wo zu Recht anti-muslimische Gewalt
nen Kultur immun, und der Antisemi- verurteilt und Ariel Sharon mit ebensol-
tismus ist seit langem ein Bestandteil cher Berechtigung verdammt wurde, es
der europäischen Struktur. Es gibt aber aber keinerlei Erwähnung von Angrif-
auch andere Dinge, sozusagen andere fen auf jüdische Synagogen, Friedhöfe
Sünden, deren sich Linke schuldig ge- und Gemeindezentren gab.“8
macht haben könnten, ohne dabei anti- Menschen, die sich als Linke betrach-
semitisch zu sein: etwa Ignoranz, Acht- ten, sollten überlegen, ob sie sich dieser
losigkeit und Mittäterschaft. „Sünden“ oder gar des Antisemitismus
Ich denke zum Beispiel daran, dass oft schuldig gemacht haben. Doch nicht
und vor allem seit dem Sechstagekrieg minder sollten jene, die andere be-
von 1967 vergessen wird, dass der Zio- schuldigen, innehalten und nachden-
nismus, welche Mängel auch immer er ken. Antisemitismus ist wie jede andere
haben möge, eine Reaktion auf den An- Form des Rassismus ein Monster. Fal-
tisemitismus war. Juden sind in Europa sche Anschuldigungen der Bigotterie
an den Rand gedrängt, ausgeschlossen sind jedoch ebenfalls monströs.
und schließlich fast völlig ausgelöscht
worden. Sobald Linke diesen histori- Brian Klug
schen Hintergrund ausblenden und die Übersetzung: Alexandra Senfft
Geschichte der Juden einfach allgemein
in die Geschichte des europäischen Im- 6 Steve Cohen, That’s Funny, You Don’t Look An-
perialismus einordnen, fühlen die meis- ti-Semitic: An anti-racist analysis of left anti-Se-
mitism, Beyond the Pale Collection, Leeds 1984,
ten Juden – nichtzionistische Juden ein- S. 86.
geschlossen – sich abermals marginali- 7 Vgl. Steve Silver, Anti-imperialism of fools, in:
siert und ausgeschlossen. Es ist ver- „Searchlight“, 2/2003, S. 6-8; David Rosenberg,
When words fail us, in: „Jewish Socialist“, Win-
ständlich, wenn sich das wie Antisemi- ter 2002/2003, S. 5-7; Brief von Reva Klein u.a.
tismus anfühlt, selbst wenn es keiner ist. als Reaktion auf einen Marsch in London gegen
Wenn linke Kritiker Israels außerdem die Invasion des Irak, in: „The Guardian“, 1. 10.
2002.
leichtfertig von „jüdischer Macht“ und 8 Naomi Klein, Sharon’s best weapon, in: „The
„jüdischem Einfluss“ sprechen, ohne ih- Guardian”, 25. 4. 2002

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