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Dänemark dkr 59,95 Frankreich € 7,– Italien € 7,50 Österreich € 6,20 Schweiz sfr 8,10 Slowakei € 7,– Spanien € 7,– Tschechien Kc 200,- in Germany

CDU
AKTIEN

neue Merz?
an der Börse

Wer wird der


Guerillakrieg
uns überrennen«
»Die Mutanten werden
VIROLOGIN BRINKMANN

»EINE
VERSION
MODERNE
DER MAFIA«
GEHEIME CHATS. ABSURDE DEALS.
UND EIN TOPMANAGER PACKT AUS
Deutschland
Nr. 6 / 6.2.2021
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Sie möchten im
Vereinigten Königreich
leben und arbeiten?
Die Bestimmungen für EU-Bürger
haben sich geändert

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punktebasierten beantragen Sie online ein Visum, bevor
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müssen Sie bestimmte
Bedingungen erfüllen. EU-Bürger, die Anspruch auf einen
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haben, sind hiervon nicht betroffen.

Prüfen Sie, ob Sie berechtigt sind, unter


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Das deutsche Nachrichten-Magazin
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Hausmitteilung
Betr.: Titel, Frontex, Xinjiang, SPIEGEL WISSEN, »Dein SPIEGEL« der neuen Ausgabe!
Als die SPIEGEL-Redakteure Tim Bartz und Martin
Hesse den ehemaligen Wirecard-Manager Jörn Leo-

Florian Generotzky / DER SPIEGEL


grande in München zum Gespräch trafen, glaubten
sie, eigentlich schon so ziemlich alles über den Jahr-
hundertskandal zu wissen: das unfassbare Ausmaß
des Betrugs, die Chuzpe des Vorstandschefs Markus
Braun, die Flucht des Masterminds Jan Marsalek,
das Versagen von Wirtschaftsprüfern, Aufsicht und
Politik. Aber je länger Leogrande sprach, desto
Bartz, Leogrande, Hesse mehr hatten Bartz und Hesse das Gefühl, zum ers-
ten Mal mittendrin zu sein in dem Krimi um den
Finanztechnologiekonzern aus Aschheim. Ein SPIEGEL-Team wertete für die Titel-
geschichte zudem Tausende interne Mails aus und stieß auf ein Video, das dokumen-
tiert, wie der Möchtegernvisionär Braun alle an der Nase herumführte. »Es war wie
im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Erst am Ende sahen alle, dass der
Wirecard-Herrscher nackt war«, sagt Hesse. Seiten 8, 14

Im vergangenen Herbst berichtete der SPIEGEL, dass Europas Grenzschutzagentur


Frontex in illegale Rückführungen von Flüchtlingen, sogenannte Pushbacks, in der
Ägäis verstrickt ist. Die EU-Antibetrugsbehörde Olaf leitete daraufhin Ermittlungen
gegen Frontex ein, auch das EU-Parlament prüft die Vorwürfe. Die SPIEGEL-
Redakteure Giorgos Christides, Steffen Lüdke und Maximilian Popp haben nun mit
Frontex-Mitarbeitern gesprochen und interne Dokumente ausgewertet. Die Krise
bei Frontex, so stellten sie fest, beschränkt sich nicht auf Pushbacks, es geht offenbar
auch um Mobbingvorwürfe gegen Frontex-Chef Fabrice Leggeri, mögliches Miss- Jet z t
management und finanzielle Unregelmäßigkeiten. »Frontex soll Europas Grenzen
kontrollieren«, sagt Lüdke, »doch die Agentur ist selbst außer Kontrolle.« Seite 74 graimtisel!
and
Buchh

Mehr als eine Million Uigurinnen und Uiguren wer-


Laura Stevens / DER SPIEGEL

den in Umerziehungslagern in Xinjiang im Nord-


westen Chinas festgehalten, Peking betrachtet die Freude am Schmökern:
Muslime als Staatsfeinde. Zu den wenigen, die aus
den Lagern entkommen konnten, zählt die ehemalige Geschichten fürs Herz
Ingenieurin Gulbahar Haitiwaji. SPIEGEL-Redakteu-
rin Katrin Kuntz traf die 54-jährige Uigurin jetzt Unter diesem Motto präsentieren wir
in Paris. Haitiwaji erzählte von Schlafentzug, von Kuntz, Haitiwaji Ihnen in der Frühjahrsausgabe des
Zwangsimpfungen und wie sie in der Haft genötigt
wurde, Chinas Präsidenten Xi Jinping zu preisen. Kuntz hatte bereits in Kasachstan Taschenbuch-Magazins Liebes- und
ehemalige Lagerhäftlinge getroffen, aber Haitiwaji, so sagt die Redakteurin, verbinde Familiengeschichten sowie Bücher über
mit ihren Berichten auch eine politische Botschaft: »Sie appelliert an die internationale mutige Neuanfänge und beeindruckende
Gemeinschaft, China entschlossener entgegenzutreten.« Seite 84
Lebenswege. Darüber hinaus finden Sie
wie gewohnt auch Buchtipps aus den
Bereichen Spannungsliteratur, Fantasy,
Wie sieht es aus, das Rezept für eine glückliche Ehe?
© Ralf Kunze, pixabay.com

Wie finden Paare trotz aller Gegensätze einen ge- Young Romance und Jugendbuch.
meinsamen Weg? Antworten darauf geben Exper-
ten in SPIEGEL WISSEN »Lieben lernen«, das ab
Dienstag im Handel ist. Ebenfalls am Dienstag er- Das buch aktuell Taschenbuch-Magazin erscheint in der
scheint das neue Heft des Nachrichten-Magazins Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien
für Kinder »Dein SPIEGEL«. Die Titelgeschichte GmbH & Co. KG, Königswall 21, 44137 Dortmund.
zeigt, wie Kinder mit der Corona-Pandemie umge-
hen. Die meisten haben zahlreiche Wochen des letz-
ten Schuljahres zu Hause verbracht, viele mussten mit den Eltern Deutsch und Mathe
pauken. Und SPD-Politiker Karl Lauterbach erklärt im Kinder-Interview, was Schulen
und Politiker besser machen müssen – und wie wir die Pandemie endlich loswerden.
kundenmagazine
DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 3 www.buchaktuell.de
Inhalt
75. Jahrgang | Heft 6 | 6. Februar 2021

Titel Baden-Württemberg Vor der


Landtagswahl machen junge
Skandale Wie es dem Wirecard- Klimaschützer den Südwest-
Duo Markus Braun und Jan grünen Konkurrenz . . . . . . . . . 41
Marsalek gelang, Mitarbeiter,
Aufseher und Politik hinters Karrieren Ein schwerreicher
Licht zu führen . . . . . . . . . . . . . . . 8 Unternehmer hat einen
Corona-Impfstoff entwickelt,
Spionage Die unrühmliche doch jetzt ermittelt
Rolle des österreichischen das Landeskriminalamt . . . . . 44
Verfassungsschutzes . . . . . . . . 12
Landwirtschaft Der Streit
Enthüllungen Champagner- zwischen Agrar- und Umwelt-
orgien und Ego-Shooter – ministern blockiert eine fort-
der frühere Wirecard-Manager schrittliche Klimapolitik . . . . 47
Jörn Leogrande erzählt
im SPIEGEL-Gespräch Gesundheit Die Psychologin

Odd Andersen / Pool / REUTERS


vom bizarren Innenleben Cornelia Betsch erklärt,
des Skandalkonzerns . . . . . . . 14 wie sich die Impfbereitschaft
steigern lässt . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Deutschland
Reporter
Leitartikel Die Produktion
der Impfstoffe muss radikal
ausgeweitet werden . . . . . . . . . . 6
Auf der Suche nach dem Familienalbum / Gibt es einen
Corona-Babyboom? . . . . . . . . . 50
neuen Messias
Seehofer für Öffnung von Eine Meldung und ihre
Friseurläden / Missbrauchsfall Durch die Niederlage von Friedrich Merz Geschichte Warum zwei Māori-
Lügde: Jugendamt unter bei der Vorsitzendenwahl haben die Konservativen Köpfe von Berlin nach Neusee-
Verdacht / BER will mit Corona- land geflogen wurden . . . . . . . 51
in der CDU ihre Galionsfigur verloren. Wie viel
Hilfen Altkredite tilgen / Die
Gegendarstellung / So gesehen: haben sie in der Union überhaupt noch zu melden? Ernährung Früher waren
Exodus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Und wer könnte Merz ersetzen? Seite 28 Schweinezüchter wohlhabend
und angesehen – und heute? 52
Parteien Nach der Niederlage
von Friedrich Merz sucht der Kolumne Neuwelt . . . . . . . . . . . 57
konservative Flügel der CDU
eine neue Führungsfigur . . . . 28
Wirtschaft
SPD Warum die Genossen
den Koalitionsfrieden auf- Condor will in Brüssel gegen
kündigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Staatshilfe für Lufthansa vorge-
Bloomberg / Getty Images

hen / Altmaiers Unterstützung


Bundeswehr Eine geheime für die Innenstädte stockt . . . 58
Analyse offenbart, dass
Deutschland seine Nato-Ziele Finanzmärkte Was steckt hinter
nicht einhalten wird . . . . . . . . . 33 der GameStop-Revolte? . . . . . 60

Essay Der Führungsstil der Corona Um die Impfstoff-


Kanzlerin wird in der Arme Schweine herstellung zu beschleunigen,
Pandemie zum Problem .... 36 muss der Staat finanziell
Geschlossene Kantinen, Schlachthöfe, in denen alles einspringen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Innere Sicherheit BKA-Chef stillsteht, dazu die Schweinepest und Menschen,
Holger Münch im SPIEGEL- Pharmaindustrie Biontech-
Gespräch über Ermittler im
die Fleischessen eklig finden: Die Züchter haben’s Vorstand Sierk Poetting
Homeoffice und die Gefahr inzwischen schwer. Besuch in Damme, über die Risiken der Impfstoff-
durch Corona-Leugner . . . . . 38 Deutschlands Schweinehauptstadt. Seite 52 produktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

4 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Volkswagen Manager Oliver Pandemie SPIEGEL-Gespräch
Schmidt saß vier Jahre mit der Virologin Melanie
lang in den USA in Haft – nun Brinkmann über Wege aus
kämpft er um seinen Ruf . . . . 66 dem Shutdown und
ihre schwierige Rolle als
Politikberaterin . . . . . . . . . . . . . 94
Medien
Karrieren Der Biologe Eric
Öffentlich-Rechtliche Der Lander soll den Führungs-
WDR löschte einen Beitrag aus anspruch der US-Wissenschaft
dem Programm, der für verteidigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Armin Laschet heikel wäre 68
Tiere Woher kommen die
Aale? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Ausland
Astrobiologie Wie der
Separatistenstreit in Kata- Astrophysiker Avi Loeb
lonien / Studentenproteste Hinterlassenschaften
in der Türkei . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 von Außerirdischen finden
will . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
EU Die Skandale der Grenz-
schutzagentur Frontex . . . . . . 74 Die Verführer von Aschheim
Kultur
Italien Der designierte Vor mehr als sieben Monaten brach das
Premierminister Mario Draghi Lügengebäude der Wirecard-Chefs zusammen. Missbrauchsvorwürfe gegen
spaltet das Land . . . . . . . . . . . . . 79 Vertrauliche Mails, Chats und Insider- Marilyn Manson / Autorin
Dolly Alderton / Eine Ausstel-
berichte zeigen jetzt, wie Markus Braun
Russland Das Urteil gegen lung über jüdisches Leben 102
Alexej Nawalny und Jan Marsalek sich den Konzern
verschärft die gesellschaft- untertan machten und die Welt täuschten. Seite 8 Medien »Washington Post«-
lichen Spannungen . . . . . . . . . . 80 Chefredakteur Martin Baron
im SPIEGEL-Gespräch über
Myanmar Der Machtkampf Aluhüte und Jeff Bezos . . . . 104
zwischen der Armee und
der Friedensnobelpreisträgerin Brutal unterworfen Zeitgeist Warum die Autorin
Aung San Suu Kyi . . . . . . . . . . . 82 Hengameh Yaghoobifarah
Mehr als eine Million Uiguren sind in Straflagern zum Star einer neuen Gene-
China Wie brutal Peking in der nordwestchinesischen Region Xinjiang ration wurde . . . . . . . . . . . . . . . 108
die muslimische Minderheit inhaftiert. Eine von ihnen war die Ingenieurin
der Uiguren unterdrückt . . . . 84 Corona-Hilfen Das Kultur-
Gulbahar Haitiwaji. Sie berichtet von Folter, programm von Monika
überwacht von der Kommunistischen Partei. Seite 84 Grütters kommt nicht bei
Sport allen an . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110

Wo die besten Männer und Debatte Der Soziologe


Frauen gleich viel verdienen / Alexander Bogner
Wieso gibt es im Biathlon über die Nachteile der
einen Heimnachteil? . . . . . . . . 87 Wissensgesellschaft . . . . . . . . 112

Fußball Worum es in dem Kino Chinas Blockbuster


grotesken Machtkampf beim »The Eight Hundred« setzt
Teutopress / imago images

VfB Stuttgart geht . . . . . . . . . . 88 Hollywood unter Druck . . . 114

Olympia Selbst japanische Buchkritik Dylan Farrows


Athleten wollen wegen Fantasyroman »Hush« . . . . . 115
der Pandemie keine Spiele 90

Wissen »Wertvolle Zeit verloren«


SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . . 69
Fachten Taifune in Asien die Die Gefahr durch die Corona-Mutanten Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Waldbrände in Kalifornien werde unterschätzt, mit aller Macht müssten sie Impressum, Leserservice . . . 116
an? / Nachbau von Tourismus- Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
hochburgen / Analyse:
gestoppt werden, sagt die Virologin Melanie Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . 118
Corona zeigt, welche Medizin Brinkmann im SPIEGEL-Gespräch – und verrät, wie Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
überflüssig ist . . . . . . . . . . . . . . . . 92 die Politiker wirklich beraten wurden. Seite 94 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 122

Titelfotos [M]: Leopold Fiala (2); Florian Generotzky für den SPIEGEL; Tobias Hase / dpa 5
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Baut Fabriken!
Leitartikel Die Regierung muss die Impfstoffproduktion endlich mit aller Macht ankurbeln,
sonst kann sie das gesamte Jahr 2021 abschreiben.

er sogenannte Impfgipfel diese Woche war schnell grassieren. Es ist nicht mehr sicher, wann überhaupt eine

D entlarvt als Placebo-Kränzchen. Was aber viele im-


mer noch nicht wahrhaben wollen: Deutschland
wird keinen unbedarften Sommer haben, nicht mal
einen halb schönen wie im vergangenen Jahr. Ganz lapidar,
Herdenimmunität erreicht werden kann.
Und was heißt das jetzt? Europa muss schnell mehr
Produktion aufbauen, muss die Hersteller zu mehr Kapazi-
täten motivieren und dazu Geld in die Hand nehmen.
als wäre nichts dabei, verkündete die Bundesregierung näm- Die Politik muss endlich alle verfügbaren Kräfte mobilisie-
lich, dass erst bis Ende September allen ein Impfangebot ge- ren, alle Ressourcen des Landes, um diese Pandemie zu
macht werden könne. Und zwar nur für die erste Dosis. beenden.
Die zweite dann fast einen Monat später. Unter Vorbehalt. Zur Rettung des Urlaubsfliegers TUI stellte die Regie-
Und das Ärgerlichste ist: Die Regierung tut so, als wäre rung im Handumdrehen vier Milliarden Euro bereit. Aber
das unvermeidbar gewesen. Es gebe nun mal nicht genug bei der Impfproduktion wird erst um jeden Euro gerungen
Impfstoff, nix zu machen, ist und sich anschließend darauf
halt so. verlassen, dass die Hersteller
Wir können uns jetzt schon schon selbst dafür sorgen
innerlich darauf einstellen, dass werden, riesige Industriekapa-
sich die geimpften Amerikaner zitäten aufzubauen. Das ist
im Juli an den Stränden Kalifor- absurd und fahrlässig.
niens tummeln, die Briten auf Es ist keine allzu überra-
den Kanaren und die Israelis schende Erkenntnis, dass
am Mittelmeer. Und die Deut- Unternehmen nicht von selbst
schen größtenteils zu Hause motiviert sind, vorsichtshalber
bleiben. fünf zusätzliche Fabriken zu
Noch unbegreiflicher als die errichten. Schon zu Beginn der
Fehler der Vergangenheit ist, Pandemie hatten einige der
dass die Politik bis heute so tut, führenden Ökonomen in der
Ryan Young / NYT / Redux / laif

als ginge es nur um etwas Ver- »New York Times« gewarnt:


spätung bei der Rückkehr in die Es dürfe nicht passieren, dass
Normalität. Noch immer rech- es zwar Impfstoffe gebe, die
net sie sich die Welt schön und aber nicht in ausreichendem
verspricht, es sei genug Impf- Maße hergestellt würden.
stoff da, spätestens bis Ende Der Staat, forderten sie, müsse
des Jahres. Impfung in den USA sich deshalb massiv finanziell
Hat die Bundesregierung an dem Aufbau von Fabriken
denn gar nichts aus den Pleiten beteiligen.
der vergangenen Monate gelernt? Die EU habe mehr als Die in Europa so gern verlachte Trump-Regierung legte
genug Impfstoff bestellt, hieß es noch bis vor Kurzem. daraufhin für 18 Milliarden Dollar ein staatliches Impfstoff-
Ein fataler Irrtum. Denn angenommen wurde damals wie programm auf, gesteuert von einem erfahrenen Pharma-
jetzt das Best-Case-Szenario. Damit zu planen ist ebenso manager und dem Logistikchef der U. S. Army. Dutzende
blauäugig wie unverständlich. In einer Pandemie solcher Behörden, Ministerien und Firmen werden koordiniert,
Tragweite, die schon so viele Leben gekostet hat, muss mit damit der Impfstoff tatsächlich auch produziert wird. Und
dem Worst Case gerechnet werden. Dass immer wieder die neue US-Regierung hat gerade noch einmal bekräftigt,
ganze Chargen mit Millionen Impfdosen ausfallen werden, bis April 100 Millionen Amerikaner impfen zu können,
sei es wegen Produktionsfehlern, weil die Rohmaterialien eher mehr. Dank garantiert gelieferten 220 Millionen Do-
fehlen oder Fabriken nicht rundlaufen. Oder dass die Impf- sen allein von Biontech/Pfizer und Moderna.
stoffe nicht richtig gegen eine der vielen Virusvarianten Der Sommer hierzulande ist dagegen nicht mehr zu ret-
ankommen und deswegen eine verstärkende dritte Dosis ten. Und wenn es so weitergeht, können wir das ganze Jahr
nötig wird. Oder dass die nächste Mutante einen ganz neu- abschreiben. Es sei denn, die Hersteller erhalten endlich
en Impfstoff erfordern könnte. Wahrscheinlich muss auf die nötigen Hilfen und Anreize. Sie benötigen nicht nur
absehbare Zeit jedes Jahr neu geimpft werden, ähnlich wie Abnahmegarantien, sondern eine direkte finanzielle Förde-
bei der Grippe. rung der Produktion. Gebraucht werden die Dosen so
Das sind Szenarien, die sich seit Wochen andeuten. oder so, wenn nicht in Europa, dann in den ärmeren Teilen
Manche Impfstoffe scheiterten bereits in der Entwicklung, der Welt. Ohne einen solchen nationalen Kraftakt zittern
andere wirken schlecht, Lieferungen fielen aus. Mutanten wir bald auch um den Sommer 2022. Thomas Schulz

6 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


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Titel

Die Vorstadtbande
Skandale Alle glaubten das Märchen vom erfolgreichen Weltkonzern Wirecard. Und erwachten jäh,
als der Jahrhundertbetrug aufflog. Dokumente und Insiderberichte belegen, wie Firmen-
chef Markus Braun und sein Vize Jan Marsalek Vertraute narrten und Kritiker gefügig machten.

D
a stehen sie, die mutmaßlich und schönredete. Seine faszinierende Nicht anders erging es Investoren, Ban-
größten Betrüger der deutschen Dreistigkeit macht sprachlos. kern, Analysten, Aufsehern, Politikern
Wirtschaftsgeschichte, und lä- Das fatale KPMG-Gutachten? Für und vielen Journalisten, die Braun und
cheln in die Kamera, als gälte es, Braun und Marsalek kaum der Rede wert. Marsalek hofierten und belogen. Sie alle
bloß ein paar gut gelaunte Worte zur Er- Die Aktie? Unterbewertet, sagt Braun, der wollten an das Märchen vom deutschen
öffnung der Weihnachtsfeier loszuwerden. sieben Prozent des Firmenkapitals hält. Silicon-Valley-Pendant glauben. California
Markus Braun, der Wirecard-Chef, in Corona werde Wirecard zum Gewinner Dreamin’ in Aschheim, wie verführerisch.
jenem Outfit, das ihn wie einen deutschen machen, weil das Virus die Menschen zum Doch Wirecard war nie ein erfolgreicher
Steve Jobs aussehen lassen soll: dunkler Onlineshopping zwinge. Dass ein Hedge- Techkonzern, sondern eine Chimäre, so
Anzug, schwarzer Rollkragenpullover, blass fonds seinen Rücktritt fordert, quittiert er hemdsärmelig geführt, dass er wohl früher
und ernst wie immer, aber für seine Ver- mit einem Lachen. Er genieße das Vertrau- oder später an Dilettantismus gescheitert
hältnisse auffällig fröhlich. en des Aufsichtsrats und bleibe natürlich wäre, auch ohne Betrug. Zeugen charak-
Neben ihm Jan Marsalek, sein Mann an Bord. »Wirecard stehen keine größeren terisieren die Führung als Ansammlung
fürs Tagesgeschäft und, wie man heute an- Hindernisse mehr bevor«, fasst Marsalek fragwürdiger Charaktere, den Mangel an
nehmen muss, Mastermind des Wirecard- die Lage zusammen. Kurzum, no worries. kaufmännischen Fähigkeiten als frappie-
Bluffs. Ein smarter, sportlicher Mann im Am 25. Juni, sieben Wochen später, ist rend, das Klima als frauenfeindlich.
edlen Slimfit-Anzug, das weiße Business- der Konzern insolvent, Marsalek ist da be- Eine Vorstadtklitsche, die Weltkonzern
hemd lässig aufgeknöpft, den sündteuren reits verschwunden. spielen wollte. Und die zwei Männern aus-
Chronografen am Handgelenk. Wie kann es sein, dass sich alle bis zum geliefert war, die alles dem Ziel unterord-
Es ist der 4. Mai 2020, gerade einmal bitteren Ende einlullen ließen von den Be- neten, das große Rad zu drehen.
sechs Tage ist es her, dass die Wirtschafts- schwörungen des ungleichen Wirecard-Ge-
prüfer von KPMG ein Sondergutachten spanns? Dass Mitarbeiter, Aufseher, Banken
Der Global Player
zu den Zuständen bei Deutschlands digi- den Betrug nicht witterten? Wie konnten
talem Vorzeigekonzern vorgelegt haben. Braun und Marsalek sich Wirecard so gefü- Die Digitalmesse DLD in München ist für
Eine einzigartige Abrechnung mit der Wire- gig machen, dass alle Sicherungssysteme die Techszene eine der Topveranstaltun-
card-Führung, vor allem mit Braun und versagten und selbst engste Mitarbeiter gen des Jahres. Wer reindarf, ist eine große
Marsalek: eine Milliarde Euro Cash sind ihnen treu ergeben waren, bis zum Ende? Nummer, nur ausgewählte Firmenchefs
nicht nachweisbar. Die Buchhaltung, die Auf der Suche nach Antworten hat ein werden eingeladen, das Konzernfußvolk
internen Kontrollen – ein Desaster. Eigent- Team von SPIEGEL-Journalisten Tausen- muss draußen bleiben. Für Markus Braun,
lich müsste man den Laden dichtmachen. de E-Mails, Untersuchungsberichte und eigentlich öffentlichkeitsscheu, bleibt der
Die Aktie ist abgestürzt, die Mitarbeiter Gesprächsprotokolle ausgewertet und mit Zutritt lange ein Wunschtraum.
sind verunsichert. Ein Townhall-Meeting Insidern wie Jörn Leogrande gesprochen. Erst als der Emporkömmling nicht mehr
mit dem Vorstand soll sie beruhigen, si- Der ehemalige Innovationschef von Wire- zu übersehen ist, weil Wirecard wächst
gnalisieren: Ihr habt Sorgen, wir haben card hat seine 15 Jahre im Unternehmen und wächst, laden ihn die DLD-Macher
die Antworten. »Eure Hingabe«, heißt es in Buchform verarbeitet. »Bad Company – 2013 ein. Braun ist aufgeregt, er nutzt den
in der Einladung zu der pandemiebedingt Meine denkwürdige Karriere bei der Wire- Auftritt, um sich auch äußerlich ein Mar-
virtuellen Versammlung, deren Mitschnitt card AG« erscheint an diesem Montag. kenzeichen zuzulegen. »Als Markus sah,
dem SPIEGEL zugespielt wurde, »ist so Aus den Gesprächen und Unterlagen er- dass keiner der anderen CEOs Krawatte
wichtig, um unser Unternehmen weiterzu- gibt sich das Bild einer verrotteten Unter- trug, kam er auch ohne«, sagt einer, der
entwickeln und unsere Vision zu verwirk- nehmenskultur, der Braun und Marsalek ihn gut kennt. Das dröge Businessoutfit
lichen.« Jeder könne sich einbringen und ihren Stempel aufdrückten. »Markus war mit Schlips und Oberhemd tauscht Braun
Fragen stellen, der Vorstand freue sich der größte Einzelaktionär, und er hat alle gegen den emblematischen schwarzen
schon, auf geht’s. spüren lassen, dass er glaubt, ihm gehöre Rollkragenpullover. Die Anzüge, oft eben-
Das Video der Veranstaltung, 25 Minu- die Firma«, sagt Leogrande (siehe Seite falls nachtschwarz, sind maßgeschneidert.
ten lang, hat wirtschaftshistorischen 14). Die normalen Mitarbeiter, gut 5000 Wirecard steigt zum DLD-Sponsor auf,
Charakter. Es ist einer der sehr raren An- Leute? »Haben sich dann den Arsch abge- mit eigener Bar in der ersten Etage der
lässe, bei denen Jan Marsalek zu sehen arbeitet. Die dachten ja, es geht voran.« Kongresshalle. Braun, den bis dahin eine
und zu hören ist – der Mann, der schon Sie glaubten an Brauns Erfolgsstory – und triste Workaholic-Aura umgibt, wird zum
vor seiner Flucht im Juni 2020 selbst für erwachten jäh, als der Bluff platzte. digitalen Vorzeige-CEO. Er fühlt sich oben
die meisten Mitarbeiter ein Phantom war. angekommen. Seine Benchmark sind jetzt
Ob er je wieder auftaucht oder gar tot ist: Genies wie Jeff Bezos oder Steve Jobs, von
ungewiss. Eine Klitsche, die Welt- dem er sich das Markenzeichen, den
Vor allem ist der Mitschnitt ein Ausweis schwarzen Rollkragen, abgeschaut hat.
der Unverfrorenheit und Chuzpe, mit der konzern spielen Doch hinter der Fassade des erfolg-
das Führungsduo bis zuletzt log, täuschte wollte, um jeden Preis. reichen Genies steckt ein verunsicherter

8 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Fotos aus privatem Besitz von Wirecard-Mitarbeitern

E I N E V E R R O T T E T E U N T E R N E H M E N S K U LT U R
Wirecard-Manager Braun, -Vize Marsalek bei Firmenfeier

9
Mensch, dem andere Menschen zutiefst Bord geholt haben, andere wurden von
suspekt sind. Er hat bald einen Leibwäch- Marsalek mit lukrativen Posten in Indien
ter, seinen Chauffeur Roy, der den Chef oder Singapur versorgt.
begleitet, sobald der sein Zuhause oder Wenn ihm danach ist, stutzt Braun Bud-
die Firmenzentrale verlässt. Roy gibt dem gets ohne Rücksprache mit dem verantwort-
Sonderling Halt und gehört zu den weni- lichen Manager. Dann wieder sind ihm die
gen Konstanten in Brauns Leben, das sich Kosten egal, das ganze Klein-Klein zuwider.
fast ausschließlich um Wirecard drehte. Etwa wenn sich seine persönliche Assisten-
Braun kam 2002 als Berater an Bord, tin über hohe Essensrechnungen echauffiert
stieg zügig zum CEO auf. Doch einer stand (»sehr auffällig«) und Braun den Warnruf
über ihm, Aufsichtsrat Paul Bauer-Schlich- nur matt quittiert: »Ist wirklich viel.«
tegroll. Ein König der Grauzone, er gab Tollhaus Wirecard Der CEO führt ein Doppelleben: nach
die deutsche Ausgabe des US-Sexmaga- Schlüsselpersonen des Skandals außen Workaholic, Nerd, Sozialautist, der
zins »Hustler« heraus und wusste, wie man seine Freizeit mit Frau und Kind in Wien
mit dem Abwickeln von Zahlungen für AUFSICHTSRÄTE Kontrollgremium verbringt. Tatsächlich ist Braun ein Macht-
Porno- und Gaming-Sites Millionen macht. mensch, der Einfluss und Geld nutzt, um
2009 verlässt Bauer-Schlichtegroll den Wulf Matthias Banker sich luxuriöse Fluchten aus dem Alltag zu
Konzern, Braun hat freie Bahn. Er räumt Vorsitzender 2008 bis 2020 organisieren, und der auf dem Weg in den
mit alten Seilschaften auf und baut sich Thomas Eichelmann Finanzmanager Börsenolymp das süße Leben entdeckt.
seine eigenen, mit Marsalek als Vertriebs- 2019 bis 2020, Vorsitzender ab Januar 2020 Als er seinen Wunsch nach einem grö-
vorstand; Braun führt Englisch als Unter- Alfons Henseler Banker ßeren, deutlich teureren Dienstwagen mit
nehmenssprache ein, wirft mit Begriffen 2005 bis 2019, stellvertretender Vorsitzender dem Aufsichtsrat abstimmen soll, be-
wie »Corporate Trust Center«, »Risk Plat- Stefan Klestil FinTech-Experte kommt er einen Tobsuchtsanfall; der
form« und »Standalone Product« um sich, 2009 bis 2020 Wechsel vom S-Klasse-Mercedes zum
das macht Eindruck. Wirecard, das hat sich Anastassia Lauterbach Unternehmensberaterin Maybach wird ihm schließlich gewährt.
Braun vorgenommen, soll ein Global Play- 2018 bis 2020 Privat ordert Braun schon mal Wein für
er werden und Mitglied im Dax, der deut- Vuyiswa V. M’Cwabeni SAP-Managerin gut 22 000 Euro, die Wochenenden ver-
schen Börsenelite. Sein Antrieb? Macht. 2016 bis 2020 bringt er gern an der Côte d’Azur. Um keine
»Markus hat sich immer alles genommen, Susana Quintana-Plaza Zeit zu verlieren und Menschenmassen am
was er wollte«, sagt eine Ex-Mitarbeiterin. Venture-Capital-Spezialistin Gate zu vermeiden, bucht er Privatjets der
Seine Vision braucht eine Aufstiegs- 2018 bis 2020 Firma Avcon Jet, direkt nach Nizza oder
geschichte – und ungestümes Wachstum. Hyères. Für die Anfahrt zu seiner Nobelvilla
Der Umsatz? Musste um 30 Prozent wach- VORSTANDSMITGLIEDER
im Badeort Ramatuelle stehen ein Mercedes
sen, weil der Chef es anordnete. Der Ge- GLC und ein V-Klasse-Bus bereit. Vor Ort
winn? Immer ein Drittel vom Umsatz. lässt er es sich gut gehen: auf der Jacht »Lady
Weil Vision und Realität nicht in Einklang Markus Braun verhaftet
S« für knapp 500 000 Euro Miete pro Wo-
Vorstandsvorsitzender (CEO) 2002 bis 2020
finden wollten, schufen Braun und seine che, in den angesagten Bars der Côte wie
Mitstreiter offenbar ein Betrugsmodell, Jan Marsalek untergetaucht dem Le Club 55 oder dem Loulou, wo die
Vorstand (COO), zuständig für
das auf dem Papier Traumrenditen ermög- Vertrieb und Asiengeschäft
Trüffelpizza 45 Euro kostet. »In der Firma
lichte. So stellt es sich heute dar. 2010 bis 2020 war nie die Rede davon, dass der Chef auf
Wie an Wirecard ist auch an Braun vie- einer Jacht schippert, da gab er sich sehr as-
Burkhard Ley
les Fassade. Der vermeintliche Techpapst Finanzvorstand 2006 bis 2017
ketisch«, sagt eine frühere Mitarbeiterin.
etwa, über den geschrieben wurde, er lese In München entwickelt Braun ein Faible
selbst nachts aktenweise Material zu Ar- Alexander von Knoop für das Hearthouse, den ersten Private
Finanzvorstand (CFO) seit 2018
tificial Intelligence. Die »wenigen Men- Member Club der Stadt mit gehobener
schen, die Markus je getroffen haben, wis- Susanne Steidl Cuisine, strengem Bewerbungsverfahren
Produktmanagerin (CPO) seit 2018
sen, dass das nur Legendenbildung war«, und 900 Euro Jahresbeitrag. Das Edelkon-
so Leogrande. Tatsächlich sei Braun ein zept frisst Geld, aber die Betreiber gewin-
Freund des Oberflächlichen gewesen. MARSALEK-VERTRAUTE und Geschäftspartner nen den Wirecard-Chef als Big Spender.
Im Konzern kriegen nur wenige mit, Seine private MB Beteiligungsgesellschaft
dass unter der Maske des asketischen Vor- Oliver B. Kronzeuge, verhaftet leiht dem Hearthouse eine Million Euro.
denkers ein lausiger Manager steckt. Er Geschäftsführer einer Wirecard-Gesellschaft in Dubai Im Sommer 2019 pumpen die Heart-
übernimmt Firmen wie am Fließband, um Henry O’Sullivan untergetaucht house-Jungs Braun erneut an und schmei-
deren Integration schert er sich nicht. Wer Marsalek-Geschäftspartner in Indien und Singapur cheln ihm: »Gratulation zu der gelungenen
daran Kritik übt, bekommt zu hören: Brigitte Häuser-Axtner und Carlos Häuser Jahreshauptversammlung. Die Presse singt
»Wenn dir improvisieren nicht passt, dann Singapur ja in den höchsten Tönen von Dir!«
bist du im falschen Unternehmen.« Hamid »Ray« Akhavan verhaftet Brauns Bling-Bling-Leben kontrastiert
Kollegen, die mit Problemen zu ihm alter Freund, Geschäftspartner mit einer skurrilen Unsicherheit im Zwi-
kommen, habe er behandelt, als hätten sie Ahmad »Andy« Khawaja schenmenschlichen. In Gesellschaft muss
nicht alle Tassen im Schrank, erzählt eine ihn eine Kollegin aus der Presse- oder Per-
Tobias Hase / picture alliance / dpa

Wirecard-Großkunde
Ex-Mitarbeiterin. Ist ihm fad, lässt er Mit- Christopher Bauer mutmaßlich verstorben
sonalabteilung begleiten, damit er nicht
arbeiter kommen und dekretiert Unmög- Wirecard-Geschäftspartner auf den Philippinen* Gefahr läuft, allein herumzustehen.
liches: »Denk nach, wie wir die gleichen Tuschelthema im Konzern ist der Auf-
Mark Tolentino
Leute anheuern wie Google oder Apple!« Treuhänder auf den Philippinen*
stieg von Mitarbeiterinnen, die die Kolle-
Er nimmt hin, dass sich Friends & Fa- gen nicht der Kategorie Leistungsträger
mily im Konzern einnisten. Ein Topmana- * Dort verschwanden rund 2 Mrd. € bzw. waren nie existent. zuordnen können. Seine Menschenscheu,
ger soll seine halbe Fußballmannschaft an so scheint es, kann Braun bisweilen able-

10
Titel

gen. Immerhin verheiratet ist er, mit Sylvia, es um die EY-Prüfer, die Dokumente für Einigkeit Risse. Immer wieder vertröstet
intern zuständig für »Strategic Allian- den Jahresabschluss anmahnen. Marsalek D., die ihn nach Dokumenten
ces & Business Development«. Sie habe »Du weißt ja sicher, dass EY sich mal wie- fragt. Inzwischen wollen sogar zwei Prüfer
ihre Energie eher in die Inneneinrichtung der beim AR (Aufsichtsrat –Red.) beschwert Papiere sehen, EY und KPMG. Ständig ist
der Zentrale gesteckt, Tupperware und hat ...«, schreibt D. und bietet ihm Unter- Marsalek auf dem Sprung, hetzt zum Flie-
Kaffeetassen durch Designergeschirr er- stützung an. Die braucht Marsalek nicht, er ger oder in eine Besprechung, verspricht,
setzt und teure Vitra-Wanduhren aufge- zaubert die Unterlagen schließlich selbst her. sich pronto zu melden, und taucht dann ab.
hängt, wie es im Konzern heißt. Die Vor- Die Finanzfrau ist begeistert. »Jan, du soll- Sein Zauber scheint langsam zu verflie-
standsbüros richtet sie nach Feng-Shui- test wirklich unter die Schriftsteller gehen.« gen. »Verteidige Dich grad bei Control-
Harmonielehre aus. Dass das Paar recht Marsalek lobt D. für ihre Arbeit, sie ling«, berichtet D. ihm. Auf seine Rückfra-
spät noch ein Kind bekommt, weiß jeder revanchiert sich mit Leckereien. Und hält ge »Wegen?« antwortet sie: »Allem, Jan.
im Konzern, allerdings nicht vom CEO die Prüfer hin, damit der Meister seine Allem«. Ihr Zorn wächst, das Misstrauen
selbst: Braun spricht fast nie über Privates. Ruhe hat. D. ist für Marsalek die nützliche auch. »Es ist unfair, dass Ihr mich wieder
Brauns Anwalt erklärte, sein Mandat kön- Idiotin, ihre Beziehung die Businessvari- mal loslaufen lasst und Ihr im Hintergrund
ne sich zu verfahrensrelevanten Sachver- ante des Stockholm-Syndroms. Euer Ding macht«, schreibt sie im Februar
halten wegen der anstehenden Entschei- D. glaubt, dass sich die Welt gegen Wire- 2020. »Macht Ihr seit 15 Jahren.«
dung im Haftprüfungsverfahren nicht äu- card verschworen hat. »Die wollen uns Marsalek wird nun öfters harsch, seine
ßern. Andere gegen ihn vorgebrachte Un- echt das Licht ausdrehen, oder?«, fragt sie gut gelaunte Coolness weicht. »Markus
terstellungen seien »unzutreffend und teil- Marsalek Anfang 2020. Der Druck der entscheidet, wann die letzte Sekunde ist«,
weise durch Fakten widerlegt«. Prüfer auf Wirecard wächst und schweißt lässt er D. wissen, als mal wieder eine
die beiden zusammen. Regelmäßig scher- Frist verstrichen ist. »Doch nicht für die
zen sie über ihren »Plan B«: die Eröffnung Bank«, widerspricht D. Marsaleks Antwort
Der Manipulator
eines Katzencafés. EY-Prüfer Gregor Fich- kommt in Großbuchstaben: »DOCH«.
Jan Marsalek geht es nicht gut im Herbst telberger verspotten sie als »Fichtlwichtl«. »Du hast wirklich 2 Gesichter«, stellt D.
2018. Seit dem Oktoberfest, wo er wie je- Doch bald darauf bekommt die traute im Mai 2020 fest. Das Ende ist jetzt nah.
des Jahr mit Geschäftspartnern und Kol- »Was bildet sich Wirecard eigentlich ein?
legen gefeiert hat, plagt ihn eine schwere Wie geht Ihr denn mit Menschen um?«
Grippe. »Fühlt sich aber an wie eine russi- Mies, müsste Marsalek antworten, wäre
sche Bio-Waffe«, schreibt er einer Kollegin er ehrlich. Tatsächlich plant er da wohl
auf dem Messenger-Dienst Telegram. bereits die Flucht. Zurück lässt er ein Netz-
Doch nicht nur die Viren und sein Dau- werk treuer Helfer. Leute wie Brigitte Häu-
erleiden, ein Bandscheibenvorfall, quälen ser-Axtner, zuständig für Kunden aus dem
ihn. Die Wirtschaftsprüfer von EY hängen Schmuddelmilieu, ihren Gatten Carlos
Marsalek im Nacken. Sie wollen endlich Häuser, den als cholerisch geltenden
die Geschäftsabschlüsse von Partnerfir- Chefbuchhalter Stephan von E. und
men aus Asien und die Businesspläne von Dubai-Statthalter Oliver B. Mit ihnen fei-
Tochterfirmen sehen. »Ansonsten haben erte Marsalek Partys, kümmerte sich,
wir folgende Risiken«, schreibt ihm seine wenn es für sie nicht rundlief. Besonders
enge Mitarbeiterin D., eine Finanzexper- eng soll die Beziehung zu Häuser-Axtner
tin: »Abwertung der Wandelanleihen = ne- gewesen sein, die er in sein Schattenreich
gativer Ergebniseffekt EUR 21.5 m.« nach Singapur holte. Und deren Mann
21,5 Millionen. gleich mit, nachdem er den erhofften Vor-
Marsalek vertröstet sie. Wochen später, standsjob nicht bekommen hatte.
am 3. Dezember 2018, tippt sie schüchtern Marsalek hatte für jeden eine Rolle. Renn-
in ihr Smartphone: »Hallo Jan, ich frag auto-Fan Oliver B. bildete in Dubai die
jetzt mal lieber nicht wie es Dir geht.« Und Schnittstelle zu Wirecards Drittpartnern, die
wird fürsorglich: »Und obwohl du nix ge- angeblich den Löwenanteil der Gewinne bei-
liefert hast und es Dir so nicht verdient trugen, aber wohl die Basis des Betrugssys-
hast: Es ist Weihnachtsplätzchen-Zeit und tems waren. B. manipulierte auf Anweisung
ich wollte fragen, ob Du ein paar magst?« ihre Abrechnungen. Er ist bisher der Einzige,
Im Moment könne sie etwa Nougatkipferl, der gestanden hat, unter anderem auf seine
Vanillekipferl und Husarenkrapferl anbie- Aussagen stützt die Staatsanwaltschaft ihre
ten. »Wenn Du welche magst, schick ich Vorwürfe gegen Braun und Marsalek.
Dir morgen ein paar per Kurier.« Extern zählte Marsalek auf Männer wie
Was Braun mit der Aura des unnahba- Hamid »Ray« Akhavan, der mit ihm Kon-
ren Techgurus gelingt, erreicht Marsalek takte ins Geheimdienstmilieu teilte. Der
mit Wiener Schmäh: Menschen in seinen »Porno-Baron« gehörte früh zu den engen
Bann zu ziehen, sie für seine Zwecke zu Kumpels von Marsalek. Weihnachten 2015
missbrauchen, ohne rabiat zu werden. Die schickte »Ray« ihm einen Apple-Fern-
wenigen Mitarbeiter, zu denen er Kontakt seher. Die Zollgebühren übernahm Wire-
hat, verfallen der Mischung aus Charme card, auf Marsaleks Anweisung.
und Lässigkeit, Sexappeal und seiner Fä- Beinahe zärtlich klingt ein Mail-Wechsel
higkeit, sich aus allem herauszuwinden. zwischen den beiden Männern vom April
Zu seinem Glück klappt die Masche bei 2016. »Darling Let’s discuss the below, there
seiner Kollegin D. Die Finanzexpertin GELD UND CHARME may be a good opportunity here … Love
tauscht mit ihm täglich Dutzende Tele- Weinrechnung an Braun, Ray«, schreibt Akhavan. »Hey my love,
gram-Nachrichten aus. Immer wieder geht E-Mail von Marsalek Just saw this«, antwortet Marsalek. »Looks

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 11


Spionage Beamte des österreichischen Verfassungsschutzes sind in die Nach einem Ortsbesuch am Wiener
Rennweg im Februar 2019 notierten die
Wirecard-Affäre verstrickt. Der Dienst gilt als Skandalbehörde. Gäste fassungslos, dass die BVT-Mit-
arbeiter Handys in den Sicherheitsbereich

»Ein noch größerer Sauhaufen« mitnehmen durften und das interne Netz-
werk des Verfassungsschutzes eine Verbin-
dung zum Internet habe – beides absolute
No-Gos in der Agentenwelt. Von der
Straße aus konnten die ausländischen Be-
G Viel Schlaf bekam Martin W., 57, in heimdienst endgültig in die Liga der amten den Besprechungsraum des
der Wiener Gefängniszelle nicht. Bananenrepubliken katapultiert. BVT belauschen – das Fenster stand offen.
Nach einem Kaffee am Morgen entschied Der Ruf des Amts ist seit Jahren ram- Wie schwach das Land der Ski-Asse
er auszupacken. poniert. Unter europäischen Partnern gilt und des Topfenstrudels in der Terror-
Was folgte, war das Geständnis eines das BVT als bedingt leistungsfähig und abwehr ist, zeigte sich beim islamistischen
Mannes, der bis vor wenigen Jahren einer wenig zuverlässig. Rundschreiben werden Anschlag im November. Die Österreicher
der mächtigsten Geheimdienstbeamten teils mit der expliziten Anweisung ver- hatten mehrere Hinweise auf den späteren
Österreichs war. Martin W. schilderte, wie schickt, diese nicht nach Österreich zu Wien-Attentäter und sein radikales
er dem Wirecard-Vorstand Jan Marsalek senden. Zu groß ist das Misstrauen, dass Umfeld bekommen, auch von deutschen
jahrelang dubiose Dienste leistete – und sensible Informationen in den falschen Behörden. Trotzdem konnte der Mann
ihm am 19. Juni zur Flucht nach Belarus Händen landen könnten. Ein vertrauliches vier Menschen ermorden.
verhalf. Ein Bekannter habe zwei Piloten Papier des finnischen Geheimdienstes In Berlin hatte man gehofft, dass der
organisiert, die Marsalek mit einem Jet an Partner in der Europäischen Union war österreichische Verfassungsschutz unter
vom Typ Cessna 510 nach Minsk brachten. 2018 mit dem Hinweis versehen: der neuen Regierung aus Konservativen
Seitdem ist Marsalek verschwunden. »Except BVT Vienna« – außer an Wien. und Grünen endlich Reformen auf den
Auch nach dessen Flucht, so berichtete Als bisheriger Tiefpunkt galt eine Razzia Weg bringen würde. Die Wirecard-Affäre
Martin W., habe Marsalek sich bei ihm im BVT im selben Jahr, bei der Polizisten belegt nun, wie tief die Abgründe im BVT
über verschlüsselte Messenger gemeldet, unter Führung eines Beamten mit Partei- sind. »Das kaputte Amt«, titelte das öster-
unter anderem von einer russischen Num- buch der rechtspopulistischen FPÖ geheime reichische Nachrichtenmagazin »profil«.
mer. Um sich zu erkennen zu geben, habe Akten beschlagnahmten – auch Unter- Die Ermittler glauben, dass Marsalek
Marsalek gefragt, was seine »Schaukel- lagen aus Deutschland. Danach musste mithilfe des Ex-BVT-Abteilungsleiters
figur« mache – die stand in einer Villa in sich das BVT aus dem »Berner Club« Martin W. geheime Informationen über
München-Bogenhausen, in der Marsalek zurückziehen, einem informellen Zirkel mindestens zehn Personen einholen ließ –
und der Ex-Geheimdienstmann zweifel- der europäischen Geheimdienste. eine Art Background-Check in Behörden-
haften Geschäften nachgegangen waren. Aus den Reihen des Klubs der Spione datenbanken. Es sei ihm vorgekommen,
Martin W. leitete bis zu seiner Be- stammt auch eine Bestandsaufnahme über als wollte Marsalek »auch ein Geheim-
urlaubung 2018 im Bundesamt für Ver- die laxen Sicherheitsstandards des BVT. agent sein«, sagte W. laut Vernehmungs-
fassungsschutz und Terrorismusbekämp- Mehrere ausländische Partner, darunter protokoll, über das zuerst die Wiener
fung (BVT) die wichtige Abteilung 2 der britische MI5 und das deutsche Bun- »Presse« berichtete und das dem SPIEGEL
für »Informationsbeschaffung und Ermitt- desamt für Verfassungsschutz, hatten den vorliegt. Marsalek habe ihm eine Liste mit
lung«. Nun rückt er ins Zentrum eines Dienst unter die Lupe genommen – und Namen ausgedruckt. Er habe diese dann
Skandals, der den österreichischen Ge- ein vernichtendes Urteil gefällt. an einen alten Spezl weitergereicht.
Der österreichische Beamte, der Martin
W. bei den Datenabfragen geholfen
haben soll, ist Egisto O. Er arbeitete eben-
falls viele Jahre im BVT, zuletzt im Refe-
rat für verdeckte Ermittlungen. Neben
der Wirecard-Vorwürfe hegen die Fahnder
noch einen anderen schwerwiegenden
Verdacht gegen ihn: Er soll Staatsgeheim-
nisse verraten haben – auch an einen
russischen Geheimdienst. O. sitzt in Unter-
suchungshaft, während W. nach seinem
Geständnis auf freien Fuß kam. Seine
Anwältin hält die Vernehmung jedoch für
rechtlich nicht verwertbar, da sie nicht
hinzugezogen wurde. Egisto O. soll die
Jeff Mangione / Kurier / picture alliance

Vorwürfe bestritten haben, sein Anwalt


ließ eine Anfrage unbeantwortet.
In den Handys der Ex-Verfassungs-
schützer fanden die Ermittler Chats, in
denen die beiden über ihren alten Laden
lästerten, das BVT. Das Amt sei früher
schon »ein Sauhaufen« gewesen, schrieb
Martin W. »Und jetzt ein noch größerer.«
BEDINGT LEISTUNGSFÄHIG UND WENIG ZUVERL ÄSSIG Roman Lehberger,
BVT-Zentrale in Wien Wolf Wiedmann-Schmidt

12 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Titel

exciting. I’m on my way to Israel. Will call


you asap. Big kiss, Jan.«
»The below«, das Untenstehende, ist ein
Hilfsangebot des Ex-CIA-Agenten Gary
Berntsen. Die drei Männer kennen sich,
Akhavan hat sie zusammengebracht.
Berntsen soll die beiden offenbar bei Kon-
takten zu US-Behörden unterstützen, wo-
rum es genau geht, ist den Quellen nicht
zu entnehmen. Akhavan und Berntsen re-
agierten nicht auf Anfragen des SPIEGEL.
Berntsen machte schon mit der CIA-
Truppe »Jawbreaker« (Kieferbrecher) Jagd
auf Osama Bin Laden. 2018 sollte er helfen,
Österreichs Botschaft in Israel nach Jerusa-
lem zu verlegen – ein Wunsch der FPÖ, mit
der Marsalek eng verdrahtet war. Immer
wieder suchte Marsalek die Nähe zu Leuten
wie Akhavan, die wie er versuchten, ihre
Zugänge und Informationen als Zahlungs-
abwickler politisch nutzbar zu machen.

Die Claqueure S Ü S S E S L E B E N A U F D E M W E G I N D E N B Ö R S E N O LY M P
Konzernchef Braun auf der Weihnachtsfeier 2012
Während Marsalek sich um die dunkle Sei-
te der Macht bemühte, umgarnte Braun die
Politik. Noch im vergangenen April bot Hinzu gesellten sich Berater wie die Ex- 1,3 Millionen Euro. Die Rechnung sorgte
Wirecard an, den Freistaat Bayern mit einer Chefs der »Bild«-Zeitung, Kai Diekmann intern für Nachfragen, die Marsalek mit
Million Corona-Masken und Schutzklei- und Hans-Hermann Tiedje. »Bleiben Sie der Ankündigung abwiegelte, »aufgrund
dung aus China zu beliefern. Leider seien stark!«, textete Diekmann noch kurz vor der veränderten Rahmenbedingungen vor-
»alle Unterlagen unzureichend«, kabelte dem Kollaps an Braun. Zuvor hatte Tiedjes erst keine weitere Unterstützung« mehr
die Mitarbeiterin einer staatlichen »Unter- Agentur WMP Wirecard ein PR-Konzept zu benötigen. Er sollte recht behalten:
stützungsgruppe Beschaffungen« nach namens »Drachenblut« angeboten. Es soll- Zwei Wochen später war Wirecard pleite.
Aschheim. In Nordrhein-Westfalen wollte te Wirecard unverwundbar gegenüber Kri-
ausgerechnet Wirecard Corona-Hilfsanträ- tikern machen, der Erfolg blieb aus.
Das Finale
ge auf Betrug prüfen. Das ist doppelt grotesk: Wirecard bezahlte allein 2019 fast
Die Staatsanwaltschaft München glaubt, 45 Millionen Euro für Kommunikations-, In der Nacht auf den 19. Juni 2020, nur
dass illegal erschlichene Corona-Hilfen Rechts- und andere Berater. Sie sollten sechs Wochen nach dem denkwürdigen
über Wirecard-Konten gewaschen wurden. auch Nörgler auf Linie bringen. Gelang »Townhall«-Auftritt, stellt sich Braun noch
Womit und wie genau der vermeintliche das nicht, schäumte Braun. Als die Inter- einmal mit seinen Vorstandskollegen,
Vorzeigekonzern eigentlich Geld verdien- netseite MCA-Mathematik 2019 Betrugs- ohne Marsalek, vor eine Videokamera.
te, verstand in der Politik niemand. Wie vorwürfe erhob, schrieb er wütend an die Brauns Stimme klingt leer und teil-
auch? Selbst Analysten und Banker mach- Leiterin seiner Rechtsabteilung: »Es ist nahmslos. Es könne nicht ausgeschlossen
ten lange Gesichter, wenn sie Wirecards schon ärgerlich, dass wir es nicht schaffen, werden, sagt er, »dass die Wirecard AG in
Geschäftsmodell erklären sollten. Kaum derartige falsche und Kriminelle Websites einem Betrugsfall erheblichen Ausmaßes
einer blickte durch bei all den »conversion kurzfristig herunternehmen zu lassen.« zum Geschädigten geworden ist«. Wer den
rates«, »forward-looking payment ser- Um Kritiker unter Journalisten und Betrug begangen hat, sagt er nicht.
vices« und »risk management solutions«, Hedgefonds mundtot zu machen, engagier- Mittlerweile ist seine Welt sehr klein
von denen Braun schwadronierte. Hängen ten Braun und Marsalek »Spezialberater« geworden. Eine Zehn-Quadratmeter-Zelle
blieb, dass Wirecard wuchs und expandier- wie die Atlas Group, die »Research im in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gab-
te, vor allem in Asien, und alle reich zu Umfeld der div. Short-Attacken« machte. lingen ersetzt das Feng-Shui-Büro in Asch-
machen schien, die sich dranhängten. Für zwei Monate Arbeit verlangte Atlas heim, die Luxuswohnung in München-
Dem Wunderkind wollten viele dienen. Bogenhausen, das Haus in Wien, die Villa
Die früheren Landeschefs von Hamburg in Kitzbühel. Es heißt, Braun komme gut
und Schleswig-Holstein, Ole von Beust zurecht; er könne seine Ansprüche herun-
und Peter Harry Carstensen, spannte terschrauben, wirke aufgeräumt. Er studiert
der Konzern als Experten für Glücks- Ermittlungsakten, zweimal in der Woche
spielregulierung ein. Bayerns Ex-Lan- kommt sein Verteidiger Alfred Dierlamm.
despolizeichef Waldemar Kindler half, Wenn Braun eines Tages vor Gericht
einen Waffenschein für Brauns Fahrer Roy steht, will er seine Version der Geschichte
zu besorgen. Ex-Geheimdienstkoordina- erzählen. Die Staatsanwaltschaft kennt sie,
tor Klaus-Dieter Fritsche beschaffte Kon- er hat sie in rund einem halben Dutzend
takte ins Kanzleramt. Und Karl-Theodor Vernehmungen vorgetragen. Braun ist da-
zu Guttenberg, einst Verteidigungsminis- rin das ahnungslose Opfer.
ter, lobbyierte bei Angela Merkel so inten- Tim Bartz, David Böcking, Martin Hesse,
siv, dass die Kanzlerin Wirecard bei der NICHTS PRIVATES VOM CEO Nicola Naber, Gerald Traufetter
Expansion in China behilflich wurde. Braun-Gattin Sylvia

13
Titel

»Am schlimmsten war es,


wenn wir essen
waren, nur er und ich«
SPIEGEL-Gespräch Der Wirecard-Manager Jörn Leogrande, 57, arbeitete 15 Jahre lang mit Markus
Braun und Jan Marsalek zusammen. Nun hat er ein Buch geschrieben und packt aus:
über das Innenleben des Dax-Konzerns, Champagnerpartys in der Führungsriege und die Frage,
warum selbst enge Mitarbeiter vom Betrug nichts ahnten.

SPIEGEL: Herr Leogrande, Sie waren einer Kritiker soll er einen Boxer vorbeige- SPIEGEL: Bauer ist ein Mythos, es gibt kein
der Topmanager bei Wirecard, haben schickt haben, um ihn mundtot zu machen einziges Bild von ihm im Netz. Warum
direkt an Markus Braun berichtet – welche – was Bauer allerdings dementiert. verließ er die Firma 2009?
Rolle spielte der Konzern in Ihrem Leben? Leogrande: Er hatte einen Hang zur Halb- Leogrande: Ich glaube, dem wurde alles zu
Leogrande: Meine Frau hat immer gesagt, welt und war schon ein Despot. Bei Wire- öde und popelig. Paul wollte international
dass Wirecard mein Leben komplett über- card hat sich kaum jemand getraut, mit wachsen, sah aber, dass Porno und Gamb-
nommen hat. Das stimmt, ich werfe mir ihm zu sprechen. Selbst Markus und Jan ling in die Illegalität gedrängt wurden. Vor-
das auch selbst vor. Ich habe dort 15 Jahre waren devot. Intern hat er gesagt, Jan wür- mittags rauchte er Joints, um durch den Tag
lang gearbeitet und mich stark mit dem de unter ihm niemals Vorstand. Paul hat zu kommen. Im Prinzip hat er wohl alle ver-
Unternehmen identifiziert. Ich war be- alles bestimmt, auch noch als er 2005 in achtet. Irgendwann hatte er genug und hat
geistert von der Innovationsdynamik. Von den Aufsichtsrat wechselte und Braun ihm mit viel Geld, angeblich 500 Millionen Euro,
dem mutmaßlichen Betrug rund um den nachfolgte. Wirecard verlassen. Heute soll er in Kam-
Konzern habe ich bis zur Insolvenz nichts SPIEGEL: Was hatte er gegen Marsalek? bodscha oder Laos ein Ökohotel führen.
gewusst. Leogrande: Jan war Schulabbrecher, hatte SPIEGEL: War sein Abgang der Startschuss
SPIEGEL: Sie haben 2005 angefangen? sich Programmieren selbst beigebracht, für Marsalek und Braun?
Leogrande: Ja, da war Wirecard noch eine aber einige Projekte in den Sand gesetzt. Leogrande: Absolut. Markus wollte immer
Klitsche, ein unauffälliger Mittelständler Paul hat es ganz offensichtlich genossen, ihn CEO werden, Jan Vorstand. Beide hatten
mit miserablem Marketing, der Zahlungs- zu demütigen, etwa wenn er ihn zwang, auf brutalen Ehrgeiz. Sie haben Pauls Leute
verkehr abwickelte, fast ausschließlich für Messen unseren Stand zu reinigen. gefeuert und deren Posten mit Vertrauten
die Porno- und Glücksspielbranche. Das besetzt. Vom Kerngeschäft, der Abwick-
kann man moralisch verwerflich finden, lung digitaler Zahlungsströme, hatte mei-
es war aber legal und lukrativ. ner Meinung nach vor allem Markus Braun
SPIEGEL: Wann sind Sie Markus Braun nur wenig Ahnung. Dem Wirtschaftsinfor-
und Jan Marsalek erstmals begegnet? matiker Markus mussten wir einmal sogar
Leogrande: Das war 2006. Ich sollte ein erklären, wie ein Algorithmus funktioniert.
neues Marketingkonzept präsentieren. SPIEGEL: Was waren denn überhaupt die
Markus war CEO und Technikvorstand, Stärken von Braun und Marsalek?
kam im Anzug und wirkte verschlossen. Leogrande: Jan kannte sich mit der Technik
Jan war Bereichsleiter Technik, trug Jeans, und den Prozessen aus; er wusste immer
Cowboystiefel und eine Art Irokesen- genau, welche Server die besten sind, wel-
schnitt. Viel zu sagen hatten sie nicht. che Gebühren passen. Markus hat verstan-
SPIEGEL: Warum? den, wohin sich die digitale Welt entwickelt,
Leogrande: Paul Bauer-Schlichtegroll, da- und alle permanent angetrieben. Der redete
mals Aufsichtsrat, war der Alleinherrscher. schon früh davon, Wirecard in den Dax zu
Seine EBS, die Zahlungen im Porno- und bringen. Das hat er ja auch geschafft.
Florian Generotzky / DER SPIEGEL

Glücksspielsegment abwickelte, hatte 2002 SPIEGEL: Mit gefälschten Bilanzen.


die damalige Wire Card übernommen. Von Leogrande: So wie es aussieht, wohl ja.
dort kamen brave Techniker, von EBS ag- Der hat in seinen Visionen einfach immer
gressive Vertriebler. So fing alles an. ein paar Jahre in die Zukunft hochgerech-
SPIEGEL: Bauer war berüchtigt für seine net, was herauskommt, wenn der Umsatz
rüden Methoden. Einem frühen Wirecard- um 30 Prozent wächst.
SPIEGEL: Eine willkürliche Zahl.
Das Gespräch führten die Redakteure Tim Bartz und 15 JAHRE IM IRRSINN WIRECARD Leogrande: Hat funktioniert, weil alle da-
Martin Hesse in München. Ex-Innovationschef Leogrande ran geglaubt haben: Mitarbeiter, Aktionä-

14
re, Analysten. Markus wollte immer Chef
eines Weltkonzerns werden, da war er wie
Paul Bauer. Sein Maßstab waren die Tech-
Giganten in den USA und China. Elon
Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg. In
dieser Liga hat er sich gesehen.
SPIEGEL: Sie haben acht Jahre lang direkt
an Braun berichtet, waren mit ihm auf Rei-
sen. Was für ein Mensch ist er?
Leogrande: Es klingt krass, aber ich weiß
es nicht. Er hat immer nur über die Arbeit
geredet, er kannte nichts anderes. Wie
sieht die digitale Welt von morgen aus,
welche Branchen überleben? Fürchterlich
eindimensional. Und er hat manisch auf
dem Handy den Kurs der Wirecard-Aktie
verfolgt. Wenn der gefallen war, hat man
ihn besser gemieden. Eine soziale Persön-
lichkeit war er nicht.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie
vom »gepflegtem Autismus« des CEO.
War er im Unternehmen für die meisten
überhaupt sichtbar?
Leogrande: Markus ist morgens von der
Tiefgarage in sein Büro gegangen und
abends wieder zurück. Dem Bodenperso-
nal ist er eigentlich nur auf der jährlichen
Sommerparty und der Weihnachtsfeier
erschienen. Da hat er immer eine kurze
Rede gehalten, und jeder hoffte, vom Meis-
ter erwähnt zu werden. Einmal habe ich
den Ritterschlag erhalten, für ein Projekt,
das ich mit Produktchefin Susanne Steidl
in Russland aufgesetzt hatte. Auf der Som-
merfeier 2011 war das, er taufte Susanne
und mich »Batwoman and Robin«. Das
Projekt ist dann trotzdem gescheitert.
SPIEGEL: Was war das Privateste, das er
Ihnen erzählt hat?
Leogrande: Dass er sich sehr für die öster-
reichische Politik interessiert und Kanzler
Sebastian Kurz gut findet, den hat er ja
beraten. Intimer wurde es nie. Seine Frau,
sein kleines Kind? Darüber hat er nicht
gesprochen. Am schlimmsten war es,
wenn wir essen waren, nur er und ich.
SPIEGEL: Was war so schlimm daran? GUTE STIMMUNG BIS ZUM SCHLUSS
Leogrande: Es war unmöglich, sich mit Wirecard-Führungskräfte Marsalek, Steidl, Braun, Häuser-Axtner
ihm zu unterhalten. Ich war jedes Mal froh,
wenn es vorbei war. Ich hatte kein persön-
liches Verhältnis zu ihm, das hatte nie- zehnte zurückliegen. So wirkt er am Bahn- te tolle Manieren. Wer mit Jan auf Tele-
mand. Er war unglaublich menschenscheu. steig und im Zug alles andere als entspannt. gram kommunizierte, war relevant. Man
Entsetzt blickt er in alle Richtungen. Diese konnte super ausgehen mit ihm. Luxus
In seinem Buch, das der SPIEGEL hier in ganzen Massen und diese ständige Bewe- war ihm wichtig, es musste immer der
Auszügen abdruckt, schildert Leogrande gung überall … Das alles ist so gar nicht die teuerste Wein sein, das beste Steak. Hö-
einen gemeinsamen Businesstrip nach Welt des kultivierten Dr. Braun. Nachdem hepunkt des Jahres war für ihn das Ok-
Fotos aus privatem Besitz von Wirecard-Mitarbeitern

Moskau, der für Braun zur Hölle wird: er die Fahrt trotz überall lauernder Gefahren toberfest. Der Champagner wurde in Bier-
Markus möchte eigentlich mit dem Taxi zum überlebt hat, ist er so euphorisch wie ein Berg- krügen ausgeschenkt. Jan hat sich mit
Flughafen aufbrechen, aber das dürfte an- steiger nach der erfolgreichen Route über Vitaminspritzen fit machen lassen, um
gesichts des Moskauer Feierabendverkehrs den Großglockner. In diesem Hochgefühl alles durchzustehen.
viel zu lang dauern. Ich mache ihm schließ- beugt er sich zu mir, legt seine Hand auf SPIEGEL: Doping für die Wiesn?
lich den Vorschlag, dass wir schnell und un- meine Schulter und bietet mir das Du an. Leogrande: Ja, der ist jeden Tag in seiner
kompliziert den Aeroexpress-Zug nehmen. Lederhose hin und war der King. Wir hat-
Das ist für Markus ein ziemlich ungewöhn- SPIEGEL: War Jan Marsalek unterhaltsa- ten durchgehend mehrere Tische gebucht
licher Reiseplan. Seine letzte Erfahrung im mer? und immer Gäste, meist aus Asien. Jan saß
öffentlichen Nahverkehr dürfte seinem Ver- Leogrande: Absolut. Er war offen, welt- an seinem Tisch im Hippodrom-Zelt, hat
halten nach zu schließen schon einige Jahr- männisch, sprach sehr gutes Englisch, hat- alles kontrolliert und dabei zugesehen, wie

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 15


»JEDER HOFFTE, VOM MEISTER ERWÄHNT ZU WERDEN«
Wirecard-Boss Braun, Mitarbeiter auf Firmenveranstaltungen

sich andere besoffen in die Haare kriegten. seine Freundin nicht geheiratet: Er glaubte litär. Mit russischen Paramilitärs ist er nach
Nach Wiesn-Schluss gingen alle ins P1 und nicht, dass eine Hochzeit so perfekt wer- Syrien gefahren, in Libyen wollte er eine
feierten weiter, auf Wirecard-Kosten. Das den könnte, wie er sich das vorstellt. Söldnerarmee aufbauen. Wie passt das
war extrem teuer und lief total aus dem SPIEGEL: Hat der Mann einen Knall? alles zusammen?
Ruder. Erst als irgendwann Fotos dieser Leogrande: Sicher. Trotzdem war Jan der Leogrande: Jan quatschte ständig über Li-
Wiesn-Orgien auf Twitter gepostet wur- intelligenteste Typ, den ich je kennenge- byen, Syrien, Afghanistan, das Militär. Bei
den, musste er das zurückschrauben. lernt habe. Smart, eloquent, auf den Punkt, diesen Themen hatte man ihn sofort. Wie-
SPIEGEL: Es heißt, Marsalek habe stets mit stets das richtige Argument, den richtigen so? Ich weiß es nicht. Er war ja nicht ein-
Bargeld bezahlt, um keine digitalen Spu- Spruch, die richtige Sicht. mal beim österreichischen Bundesheer. Er
ren zu hinterlassen. Stimmt das? meinte, ich solle mal nach Libyen oder
Leogrande: Nein. Meistens hat er mit seiner Seine Synapsen funktionieren in Milli- Syrien fahren, es sei total cool dort. Wenn
schwarzen Centurion-Kreditkarte von Ame- sekunden. Vielleicht liegt das auch an den ich ihm sagte, dass es dort doch brand-
rican Express bezahlt, die haben in Deutsch- Alzheimer-Medikamenten und halb lega- gefährlich sei, sagte er bloß: »Schmarrn,
land nur ein paar Tausend Leute. Das war len Dopamin-Bomben, die er aus China du ziehst eine Weste an, dann bist du safe.«
ihm als Statussymbol total wichtig. importiert, um die Fähigkeiten seines Ge- SPIEGEL: Halten Sie ihn für gewalttätig?
SPIEGEL: Sie beschreiben Marsalek als hirns zu erweitern. Es ist jedenfalls immer Leogrande: Nein, er war der perfekte
smartes Feierbiest, aber auch als Pedanten. beeindruckend, die Klarheit und Schärfe Gentleman.
Leogrande: In Präsentationen hat er sofort seines Verstandes zu beobachten. Er durch- SPIEGEL: Wie war sein Verhältnis zu
und als Einziger die winzigsten Fehler ent- schaut Zusammenhänge sofort, die andere Braun?
deckt. Wenn im Konferenzraum Tische – mich eingeschlossen – in Stunden nicht Leogrande: Markus hat sich als Jans Men-
und Stühle nicht total symmetrisch zu- auf die Reihe bekommen. Das alles gepaart tor aufgespielt, zumindest anfänglich.
einander standen, ist er nervös geworden. mit augenzwinkerndem Wiener Charme, Wirklich vertraut kamen mir die beiden
Und erst sein Sportfimmel. Er hat immer perfektem Austria-Englisch und tadellosen indes nie vor. Im Gegenteil: Markus war
erzählt, dass er irgendeinen Kampfsport Manieren. zu Jan sehr distanziert, obwohl beide von
betreibt und mal einen Marathon durch Anfang an dabei waren und aus Wien ka-
die Wüste gelaufen ist. Ihm war Perfektion SPIEGEL: Marsalek hatte Verbindungen zu men. Markus war der größte Einzelaktio-
extrem wichtig. Deswegen hat er auch Geheimdiensten und einen Hang zum Mi- när, und er hat alle spüren lassen, dass er

16 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Titel

glaubt, ihm gehöre die Firma. Jan hat sich schnack. Das wäre weltweit einzigartig ge- SPIEGEL: Das hätte das Ende sein können.
irgendwann ein Schattenreich aufgebaut. wesen, wir hätten das für die Londoner Leogrande: Ja, wir mussten über Note-
SPIEGEL: Sie meinen das dubiose Geflecht Tube, die Subway in New York und Tokio books die Kernsysteme wieder hochfah-
an Drittpartnern in Asien, über die Wire- weiterentwickeln können. ren, alles manuell. Erst nach einer Woche
card Zahlungsvorgänge abgewickelt hat, SPIEGEL: Was war das Problem? war Wirecard wieder halbwegs im Nor-
weil der Konzern dort keine Lizenzen Leogrande: Dass die Moskauer U-Bahn malzustand. Ein Desaster, aber draußen
hatte. Es gilt heute als Kern des Betrugs- auf dem Niveau der Dreißigerjahre ist und hat niemand etwas mitbekommen.
modells. Wie kam es dazu? wir nicht die technologischen Vorausset- SPIEGEL: Sind Braun und Marsalek nicht
Leogrande: Ich denke, das muss mit dem zungen hatten! Das war wieder so ein Luft- explodiert?
»Black Friday« begonnen haben. Am schloss, um die Wachstumsillusion am Le- Leogrande: Marsalek trieb sich irgendwo
15. April 2011 ließ die US-Regierung plötz- ben zu erhalten. So lief es ständig: Markus herum, der war ja meistens weg, erst recht
lich fast alle großen Pokerseiten und und Jan hatten irre Ideen, die Mannschaft nach seinem Bandscheibenvorfall. Markus
Glücksspielseiten im Internet sperren. musste versuchen, sie umzusetzen, ob- ist richtig aufgelebt und hat angepackt.
SPIEGEL: Das FBI verhaftete die Top- wohl das oft aussichtslos war. Wie beim Wenn es heiß wurde, war er cool.
manager von Pokerkonzernen und den Facebook-Projekt ab 2011. SPIEGEL: Neben geplatzten Deals gab es
beteiligten Zahlungsabwicklern. Online- SPIEGEL: Was war da los? echte Kooperationen und Übernahmen.
Casinos wurden zu dreistelligen Millionen- Leogrande: Jan wollte eine Kreditkarte für Wieso haben die nicht gereicht, um zu
strafen verurteilt, einige gingen pleite. Facebook entwickeln und sie Zuckerberg wachsen?
Leogrande: Das war heftig, schließlich er- persönlich vorstellen. Das war für ihn das Leogrande: Einige sehr erfolgreiche Pay-
wirtschaftete Wirecard einen Teil der Um- Schlüsselprojekt für Wirecards Zukunft. ment-Firmen sehen komplett von Über-
sätze im Pokerbusiness. Eigentlich waren Die mit Facebook in Kontakt stehende in- nahmen ab. Denn mit dem Zukauf erwirbt
wir an diesem Tag am Ende. Denn im Ver- dische Milliardärsfamilie Mittal sollte ihn man immer neue technische Systeme, die
gleich zum Glücksspiel ist die traditionelle mit Zuckerberg zusammenbringen. Jan zumeist nicht kompatibel sind. Bloß bei
Zahlungsabwicklung im Supermarkt oder prahlte herum, dass er die kennen würde. Wirecard haben die Chefs auf aggressives
im Internet deutlich weniger ertragreich. SPIEGEL: Wie hätte das gehen sollen? Mar- Wachstum über Merger gesetzt. Auch die
Die Stornoquoten sind geringer, die Ge- salek ist nie in die USA gereist, aus Angst, Kooperationen waren ein Problem, vor
bühren, die Zahlungsabwickler verlangen wegen Wirecards Glücksspielgeschäften allem wegen Jan.
können, ebenfalls. vom FBI festgenommen zu werden. SPIEGEL: Wieso?
SPIEGEL: Ersatzgeschäft musste her, ande- Leogrande: Das fiel ihm dann auch ein. Leogrande: Er hat in der Regel alles ver-
renfalls wäre alles Makulatur gewesen: das Sie müssen wissen: Jan hat eine Aufmerk- schenkt. Sein Ding waren die Revenue
Umsatzwachstum von 30 Prozent, der stei- samkeitsspanne von höchstens zwei Mi- Shares. Dabei teilen sich Wirecard und der
gende Aktienkurs, die Vision, in den Dax nuten, dann langweilen ihn Themen, und jeweilige Kunde zukünftige Gewinne. Die-
aufzusteigen. er denkt nicht weiter. Diese operative Stre- se Deals sind jedoch extrem risikoreich.
Leogrande: Genau. Markus und Jan brü- cke, die notwendig ist, um Projekte wirk- Alles hängt am Erfolg der Projekte. Jan
teten eine Idee nach der anderen aus, neue lich umzusetzen, wollte er nie gehen. Er hat also oft auf klassisches Geschäft über
Produkte, neue Kooperationspartner. Das hat die Dinge nie durchgezogen, sonst Gebührenumsätze verzichtet.
Muster war immer gleich. wäre er vielleicht tatsächlich auf legalen SPIEGEL: Weshalb?
SPIEGEL: Erzählen Sie! Wegen erfolgreicher gewesen. Und er hat- Leogrande: Es ging ihm, wie Markus, mei-
Leogrande: Es gab unzählige Projekte, aus te überhaupt kein Team. Es gab in Asch- ner persönlichen Einschätzung nach oft
denen nie etwas wurde. Mit der russischen heim fast niemanden, der eng mit ihm zu- darum, den Aktienkurs zu pushen. Braun
Telefongesellschaft MegaFon sollten wir sammengearbeitet, dem er vertraut hat. wollte jeden zweiten Tag eine Pressemit-
Prepaid-Kreditkarten entwickeln, die an SPIEGEL: Wie ging es mit Facebook weiter? teilung haben, mit tollen neuen Deals. Das
einen bestimmten Handytarif gekoppelt Leogrande: 2015 gab es immerhin ein Tref- war alles, was zählte. Für die Details inte-
sind. Treue Kunden hätten Kredite und fen mit Facebooks Europachef in Aschheim, ressierten sich Markus und Jan nicht, das
Versicherungen abschließen und Guthaben- das ging völlig in die Hose: Jan kam im wurde nach unten delegiert. Die normalen
punkte sammeln können, Wirecards Um- maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug aus Mitarbeiter haben sich dann den Arsch ab-
satz sollte allein durch diesen Deal jährlich der Savile Row, am Arm eine fette Panerai- gearbeitet. Die dachten ja, es gehe voran.
um hundert Millionen Euro wachsen. Luxusuhr, der Facebook-Mann in Jeans Hätten wir nicht Umsätze verschenkt,
SPIEGEL: Anrüchig ist das nicht. und Parka. Nach fünf Minuten war klar, wären wir vielleicht erfolgreich gewesen.
Leogrande: Nein, mit vielen Ideen waren dass es nicht passt. Nach vier Jahren Arbeit! Zumal wir die Kosten im Griff hatten, trotz
wir der Realität zehn Jahre voraus. Das SPIEGEL: Sie schreiben im Buch, dass es Jans horrender Ausgaben.
war ja oft das Problem: Wir waren tech- 2016 im Konzern einen kompletten Sys- SPIEGEL: Ausgerechnet Wirecard hatte die
nisch nicht mal im Ansatz so weit, trotz- temausfall gab, der damals nicht heraus- Kosten im Griff?
dem sollte alles rasend schnell umgesetzt gekommen ist. Herrschte Panik? Leogrande: Verrückt, oder? Markus per-
werden, damit Markus weiter seine Wachs- Leogrande: Absolut, es hat nichts mehr sönlich hat meine Abrechnungen durch-
tumsstory erzählen und irgendwann Mil- funktioniert. Meine Mitarbeiter sind ins geschaut, der war total pingelig. Auch Vor-
liardär werden konnte. Büro gekommen und haben festgestellt: ständin Steidel, zuletzt meine direkte Vor-
SPIEGEL: Was wurde aus dem MegaFon- Es sind keine Daten mehr da, alle Server gesetzte, war extrem kostenbewusst. Aber
Projekt? leer! Das Licht ging noch, sonst nichts. wir hatten schlicht zu wenige Einnahmen.
Leogrande: Die Russen haben es nach end- SPIEGEL: Dafür ein Betrugssystem, das
losen Meetings platzen lassen. Wie auch Einnahmen vortäuschte, die es nie gab,
die Kooperation mit der Moskauer U-Bahn. Oliver B. zockte »Call und das von Marsalek aufgebaut war. Ahn-
Jan wollte die mit einem komplett neuen ten Sie, was er in Asien so alles anstellte?
Bezahlsystem für den öffentlichen Nahver- of Duty«, Markus Leogrande: Ich habe irgendwie geahnt, dass
kehr ausrüsten, mit automatischer Passa- da was nicht ganz koscher ist. Aber dass
giererkennung per Bluetooth, intelligenter
hatte Welteroberungs- 1,9 Milliarden Euro fehlen und das Drittpart-
GPS-Reiseplanung und allem Schnick- fantasien. nergeschäft praktisch nicht existiert, konnte

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Titel

sich niemand vorstellen. Das Ganze war so und überhaupt allen crazy shit, Alter. Oli- hatte meiner Meinung nach etwas von
undurchschaubar, dass selbst die engsten ver ist daneben auch der Welt größter Fan einem britischen Hooligan!
Mitarbeiter nicht wussten, wie es funktio- des Ego-Shooters »Call of Duty« und bal-
niert. Auch die Bilanzprüfer waren blind. lert sich über den 24-Zoll-Monitor, den er Mr. O’Sullivan (ist) einige Jahre lang auch
SPIEGEL: Was wusste Braun? eigens dafür in seinem Büro anbringen der erfolgreichste Kundenvermittler der
Leogrande: Schauen Sie: Wenn es ständig ließ, endlos und gut vernehmbar für an- Wirecard … Er sorgte beispielsweise für
Vorwürfe gibt, dass die Bilanzen gefälscht dere in Rage … einen Deal mit Monarch Airlines. Die bri-
sind, ist es unwahrscheinlich, dass sich der Seine offen gezeigte Ausländerfeindlichkeit tische Billigfluglinie führte lange Jahre das
Chef das nicht genauer ansieht, oder? Vor ist legendär und gefürchtet. Ich finde mich Ranking der transaktionsstärksten Kunden
allem ein analytischer Typ wie Markus, etwa in einer Situation wieder, in der sich von Wirecard an. Für die Anbahnung
der sich extrem für Geld interessiert. Oliver in Anwesenheit eines farbigen Mit- dieses Geschäfts kassierte Henry Monat
SPIEGEL: Wer blickte noch durch? arbeiters bei mir entschuldigt, dass er seinen für Monat Hunderttausende Euro an Pro-
Leogrande: Marsalek hatte noch den Über- Hund noch nicht richtig auf Schwarze abge- vision … In jenen Tagen lebt Henry in ei-
blick, der wusste, wer wo Geschäfte mit uns richtet hat. So läuft Olivers Swag: ein Hoch- nem der feudalsten Apartments in Monaco.
macht. Markus irgendwann wohl nicht mehr. gesang auf das Dritte Reich, auf die Über- Ihm gehören in dem Luxus-Stadtstaat Res-
SPIEGEL: Weil er es nicht wissen wollte? legenheit der arischen Rasse gegenüber den taurants und Nachtklubs. Er nennt darüber
Leogrande: Natürlich wusste er noch ge- Juden und überhaupt auf Österreich und hinaus auch ein Hotel auf einer Insel vor
nug, schließlich hat er das Ganze ja nach Deutschland. Und all das präsentiert Oliver der Küste Afrikas, einen Privatjet und ein
außen präsentiert. Aber wie es unter der so lustbetont offen und ungezwungen – goldenes Rolls Royce Cabrio sein Eigen.
Oberfläche genau lief, wer da vor Ort ar- gerne auch in Meetings mit Kunden und
beitete, wer die wichtigen Kunden waren Partnern –, dass man sich oft fragt, ob das SPIEGEL: Was hielt die Gruppe zusammen:
– all das durchschaute er wohl nicht mehr. in seiner Überhöhung nicht auch nur ein der Wunsch, Wirecard auszuplündern?
SPIEGEL: Das zu großen Teilen erfundene Joke, eine gezielte Provokation ist. Leogrande: Das weiß ich nicht. Klar ist,
Drittpartnergeschäft kann ihm doch nicht dass sie alle den gleichen Spirit hatten, die-
durchgerutscht sein. SPIEGEL: Hat Braun ein solch angeblich selben Kunden und Strategien. Sie haben
Leogrande: Vielleicht hat er wirklich da- bizarres Verhalten von B. nie gestört? 24 Stunden durchgearbeitet und hart ge-
ran geglaubt. Leogrande: Markus’ Haltung war: jeder feiert, meistens in Singapur. Die haben sich
SPIEGEL: Da müssen wir nachhaken. Mar- wie er mag. Das war eines der Probleme, wie eine Elitetruppe aufgeführt. Es gab da
salek knüpft ein Lizenzpartnernetz in alle haben gemacht, was sie wollten. Su- dieses Abendessen, zu dem ich eingeladen
Asien. Er benötigt dafür nur ein paar Mit- sanne Steidl war ins Micromanagement war. Henry und Jan hatten ein Restaurant
arbeiter, sorgt aber für einen Großteil von verliebt und mit ihrer pingeligen Art oft oben im Marina Bay Sands Hotel gemietet.
Gewinn und Umsatz und düpiert fast im recht anspruchsvoll. Oliver B. hat »Call of Zwölf Leute saßen um einen runden Tisch,
Alleingang die Konkurrenz – und intern Duty« gezockt, Markus hatte Welterobe- Starkoch Wolfgang Puck kam rein, es wur-
wird niemand misstrauisch? rungsfantasien und hing ständig am Ak- de eine Flasche Champagner nach der an-
Leogrande: Misstrauisch war ich schon. tienkurs. Und Jan fädelte an allen vorbei deren geköpft. Als ich da um vier Uhr mor-
Ich habe auch nicht geglaubt, dass Wire- Geschäfte ein, die niemand durchschaute. gens rauskam, dachte ich mir: Wenn es
card den Stein der Weisen gefunden hat. SPIEGEL: Zum Marsalek-Kreis gehörte heute so eine moderne Version der Mafia
Ich habe zu meiner Chefin Susanne Steidl auch Henry O’Sullivan, ein Brite, Soft- gibt, dann dürfte sie so aussehen.
gesagt: Wenn das so gut läuft dort, dann wareentwickler, jedoch nie Wirecard-Mit- SPIEGEL: War Braun in Singapur dabei?
holt doch noch viel mehr Drittpartner an arbeiter. Er soll von Singapur aus mit Mar- Leogrande: Nie. Der war meines Wissens
Bord! Was brauchen wir 5000 Leute, salek das Firmennetz aufgebaut haben, nur einmal in Singapur, als der Aufsichtsrat
wenn in Asien oder Dubai 5 bis 10 Leute das den großen Schwindel kaschierte, und dort tagte.
Monsterumsätze machen? er soll Firmen völlig überteuert an Wire- SPIEGEL: Wir fassen zusammen: Braun
SPIEGEL: Und? card verkauft haben. Auch davon will nie- war ein autistischer Visionär, Marsalek ein
Leogrande: Susanne war ebenfalls skep- mand etwas bemerkt haben? intelligenter Aufschneider mit Hang zum
tisch, hat nach eigener Aussage immer wie- Leogrande: Bei Wirecard in Aschheim hat Protz, Dubai-Chef B. ein spielsüchtiger
der Jan gefragt, wer diese Wunderhändler den ja niemand gekannt, selbst Markus Nazisympathisant und O’Sullivan ein feier-
in Asien seien. Wir haben es nie erfahren. hat Henry dem Vernehmen nach nur ein wütiger Ex-Hooligan. Das klingt nach
Dabei muss jedem die Diskrepanz aufge- einziges Mal getroffen. Das war der ganz einer irren Netflix-Serie. Bereuen Sie, so
fallen sein. Selbst die Zahlungsabwicklung enge Kreis: Jan, Henry, Oliver B., dazu lange dabei gewesen zu sein?
für die wildesten Pornoseiten wirft nicht Carlos Häuser und dessen Frau Brigitte. Leogrande: Natürlich verspüre ich Reue,
so viel ab. Wenn Henry in München war, dann hat vor allem weil so viele Kleinanleger und
SPIEGEL: Als Schlüsselfigur des Betrugsmo- er regelmäßig mit der Truppe im Mandarin auch Mitarbeiter Geld und ihre Jobs verlo-
dells gilt neben Marsalek und mutmaßlich Oriental oder im Brenner gefeiert. Ich ren haben. Ich glaube aber nicht, dass es die
Braun vor allem Oliver B., Wirecards Statt- habe Henry auch in Singapur gesehen, Schuld der normalen Wirecard-Angestellten
halter in Dubai. Wie haben Sie den erlebt? aber was genau der wirklich mit Jan ge- war. Die glaubten ja an eine tolle Unterneh-
Leogrande: Oliver B. war Jans Typ für die macht hat, wusste ich nie. Ich wusste le- mensstory in einem Wachstumsmarkt.
groben Sachen. diglich, dass man ihm besser aus dem Weg SPIEGEL: Sehen Sie sich nicht auch als ein
geht, wenn er getrunken hat. Der Mann wichtiges Rädchen in diesem Betrug?
Von all den … merkwürdigen Schatten- Leogrande: Nein, ich war nicht daran be-
gestalten, die in jenen Tagen über die Flure teiligt. In der Innovationsabteilung, die ich
des Firmensitzes … schweben, ist Oliver »Es entsprach Jans geleitet habe, haben wir Dinge entwickelt,
mit einigem Abstand die größte Freakshow die technologisch »next level« waren – es
… B. ist der Meinung, dass ein ausgespro- elitärem Denken, dass ging um die Zukunft des Bezahlens. Es
chener Gettoslang seine Persönlichkeit per- fühlte sich gut an, für ein so schnell wach-
fekt unterstreicht. So geht es dann endlos
er von den Leuten in sendes Technologieunternehmen zu arbei-
über Bitches und Hoes, Fucker und Loser Aschheim nichts hielt.« ten, das gab es so in Deutschland ja nicht.

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Babiradpicture

Don Pasquale

»24 S T U N D E N D U R C H G E A R B E I T E T U N D H A RT G E F E I E RT«
Manager Marsalek (oben), Eingang Münchner Diskothek P1, Mitarbeiter Häuser, Geschäftspartner O’Sullivan

SPIEGEL: Anfang 2019 hat die »Financial Der Trick war, das alles so undurchsichtig Meeting, bei dem Markus über Shortseller
Times« (»FT«) aus allen Rohren auf Wire- aufzuziehen, dass selbst engste Mitarbei- scherzte, die seinen Kopf forderten, und
card gefeuert. Hat das im Unternehmen ter nicht mehr durchblicken. Selbst als die Jan in perfektem Business-Englisch und
irgendetwas verändert? Corona-Pandemie begann, die Wirtschaft ohne einmal zu stottern einfach alles weg-
Leogrande: Wenig. Die Mitarbeiter haben lahmzulegen, erklärte Markus ja noch: moderierte. Meine Mitarbeiter, von denen
reagiert wie die Öffentlichkeit, nach dem Das macht uns nichts aus. Er hat wirklich die meisten Markus und Jan noch nie ge-
Motto: »Das kann doch alles gar nicht Nerven gehabt. Auch als er sich dann vor sehen hatten, haben anschließend gesagt:
sein.« Uns ist sogar die Bafin zur Seite die Investoren gestellt und ihnen etwas Be- »Das sind ja Supertypen!«
gesprungen, die Analysten waren weiter ruhigendes erzählt hat. SPIEGEL: Dann kam der 18. Juni und Wire-
positiv und völlig unbeeindruckt. SPIEGEL: Hat Braun seine Visionen und cards Eingeständnis, dass auf philippini-
SPIEGEL: Wie haben Braun und Marsalek Wachstumszahlen denn selbst geglaubt? schen Bankkonten 1,9 Milliarden Euro
reagiert? Die »FT« war schließlich auf der Leogrande: Davon bin ich überzeugt. Sol- fehlten, Wirtschaftsprüfer EY die Bilanz
richtigen Spur. che aberwitzigen Visionen kann nur ver- nicht testiere und die Insolvenz drohe. Wie
Leogrande: Markus hat meiner Ansicht breiten, wer das selbst glaubt. haben Sie den Tag erlebt?
nach viel zu schnell und viel zu scharf ge- SPIEGEL: Das ist doch nicht normal … Leogrande: Um 7.30 Uhr sollte eigentlich
schossen. Kaum hatte die »FT« etwas ge- Leogrande: Warum? Es haben ja auch alle die Ad-hoc-Meldung zum Testat raus.
schrieben, gab es sofort ein aggressives Wirecard-Mitarbeiter daran geglaubt. Mar- Als das nicht passierte, war mir klar,
Statement. Die »FT« betreibe Verleum- kus und Jan hatten einfach diese irre Über- dass es ein Problem geben könnte.
dung, kooperiere mit Shortsellern und so zeugungskraft. Zugleich umgab sie etwas Ich habe allerdings die Dramatik nicht
weiter. Andererseits: Die Bafin und die Geheimnisvolles. Das wurde überdeutlich, richtig erfasst, außer dem Vorstand waren
Analysten hat er damit tatsächlich be- nachdem die KPMG-Wirtschaftsprüfer wir ja alle im Homeoffice. Als die Mel-
eindruckt. Ende April ihr Sondergutachten zu Wire- dung über die Ticker lief, dass das Geld
SPIEGEL: Und Marsalek? card veröffentlicht hatten. fehlt, haben wir noch gedacht: Dann
Leogrande: Der blieb lässig. Er hat sich SPIEGEL: Eine einzigartige Abrechnung fährt halt jemand nach Manila und verifi-
vermutlich darauf verlassen, dass niemand mit dem Management. ziert das.
den Fake entlarvt, weil es enorm schwierig Leogrande: Ja, und was haben Markus SPIEGEL: Wann reifte bei Ihnen die Er-
zu verstehen war, wie die Gelder flossen. und Jan gemacht? Ein virtuelles Townhall- kenntnis, dass alles aus ist?

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 19


Leogrande: Nach einigen Tagen bin ich in mit der Staatsanwaltschaft München um-
ein Loch gefallen. 15 Jahre lang gab es fassend aufarbeitet«.
kaum Probleme, Wirecard ist immer wie- Insbesondere den von Leogrande erho-
der aufgestanden, und plötzlich waren wir benen Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit
insolvent. Ein Dax-Konzern! Wahnsinn. weist B. über seine Anwälte »ausdrück-
Mitarbeiter von mir brauchten drei Mona- lich« zurück. Die Behauptung, B. habe sich
te, um das zu begreifen. Sie sind aus allen entschuldigt, seinen Hund noch nicht rich-
Wolken gefallen, als nach und nach immer tig auf Schwarze abgerichtet zu haben, sei
neue Lügen ans Tageslicht kamen. »ein unrichtiger Angriff auf die Persönlich-
SPIEGEL: Was würden Sie Braun gern fra- keit« von Oliver B. und entbehre jeder
gen, wenn er jetzt zur Tür hereinkäme? Grundlage. Er habe zudem zuletzt vor
Leogrande: Was er von alldem gewusst 25 Jahren einen Zwergpudel besessen.
hat natürlich. Entweder ist er der dümmste Auch den Vorwurf des Rassismus und der
CEO aller Zeiten, den nicht interessiert, Judenfeindlichkeit weisen die Anwälte von
wo 75 Prozent seines Umsatzes und ein B. in seinem Namen »mit aller Deutlich-
Großteil des Gewinns herkommen. Oder keit« zurück. B. betrachte »die Shoa als
er steckte knietief mit drin. Und ich würde eines der größten oder das größte Verbre-
ihm sagen, wie enttäuscht ich bin, dass für chen, das jemals in der Welt verübt wur-
ihn und Jan die Mitarbeiter überhaupt de«. Die Tatsache, dass er zahlreiche
keine Rolle spielten. Wir waren Material, Israelis in seinem Freundeskreis habe,
das sie hin und her schieben konnten. mache deutlich, dass »ein solcher Vorwurf
SPIEGEL: Das wird Ihnen jetzt erst klar? an den Haaren herbeigezogen ist«.
Leogrande: Nein, das wusste ich schon lan- Falsch, so die Anwälte von B. weiter, sei
ge. Es entsprach Jans elitärem Denken, dass auch die Behauptung, er habe sich eigens
er von den Leuten in Aschheim nichts hielt. einen 24-Zoll-Bildschirm im Büro anbrin-
Die meisten waren für ihn Low Performer, gen lassen, um das Computerspiel »Call of
die da auf ihrem Arsch sitzen, keiner blickt duty« zu spielen. Der Bildschirm habe viel-
durch, keiner macht es richtig. Typisch Jan. mehr dienstlichen Zwecken gedient, in Pau-
SPIEGEL: Wieso haben sich die Kollegen »DER PERFEKTE GENTLEMAN« senzeiten habe man an diesen Monitor ge-
das so lange gefallen lassen? Personalisierte Marsalek-Telegram-Sticker legentlich eine Spielekonsole angeschlossen.
Leogrande: Das waren Mitarbeiter, die in Paul Bauer-Schlichtegroll erklärt über
einem innovativen Unternehmen etwas wähnt werden, mit seiner Darstellung. Den seine Anwälte, die Vorwürfe seien »ersicht-
gestalten, etwas reißen wollten. Bei Wire- Kern ihrer Antworten geben wir hier wieder. lich unzutreffend«. Weder habe Bauer-
card ging das. Wir hatten gute Leute, viele Die Anwälte von Markus Braun erklären, Schlichtegroll »einem früheren Wirecard-
arbeiten heute für große Unternehmen dass ihr Mandant »zu verfahrensrelevanten Kritiker einen Boxer bzw. Boxpromoter«
wie Apple oder die Deutsche Bank. Sachverhalten im Hinblick auf die anstehen- vorbeigeschickt, um ihn mundtot zu ma-
SPIEGEL: Und was würden Sie von Mar- de Entscheidung des Oberlandesgerichts chen, noch habe er »in der Firma Joints
salek wissen wollen? München im Haftprüfungsverfahren keine geraucht«. Auch habe er »zu Herrn Mar-
Leogrande: Wie er es vom Kopf her ge- Stellung nehmen« könne. Nach SPIEGEL- salek so gut wie keinen Kontakt« gehabt.
schafft hat, in so unterschiedlichen Welten Informationen wird das Gericht frühestens Es habe für Bauer-Schlichtegroll nie zur
zu leben. Was ich über ihn lese, hätte ich in der kommenden Woche darüber entschei- Debatte gestanden, ob Marsalek Vorstand
ihm nicht zugetraut. den. Die Staatsanwaltschaft hat eine Fort- würde oder nicht. Marsalek sei zudem nie
SPIEGEL: Glauben Sie, dass er noch lebt? dauer der Haft beantragt. Zu allen weiteren gemeinsam mit Bauer-Schlichtegroll bei
Leogrande: Natürlich weiß ich nicht, wo Vorhaltungen Leograndes erklären Brauns Messen gewesen.
Jan wirklich steckt. Aber wenn ich speku- Verteidiger, diese seien »unzutreffend und Bauer-Schlichtegroll habe Wirecard
lieren dürfte, würde ich sagen: In Russland teilweise durch Fakten widerlegt«. auch nicht deshalb verlassen, weil er kaum
ist er eher nicht, das passt nicht zu ihm. Oliver B. weist über seine Anwälte die Chancen sah, international zu wachsen. Zu
Wenn er wirklich mit dem russischen Ge- Charakterisierung durch Leogrande scharf der »völlig überzogenen« Darstellung sei-
heimdienst zusammengearbeitet hat, ist zurück. Falls mit der Aussage, er sei »Jans ner finanziellen Verhältnisse sagt Bauer-
er Geheimnisträger. Was sollte irgend- Typ für die groben Sachen« gewesen, ge- Schlichtegroll: Er habe in seiner aktiven
jemanden daran hindern, ihn die Treppe meint sein sollte, »Journalisten zu bespit- Tätigkeit für Wirecard ein Gehalt von etwa
herunterzuschubsen? Er ist für die Russen zeln, Personen körperlich zu bedrohen 20 000 Euro monatlich bezogen. Ihm ge-
ja nicht so wertvoll wie Edward Snowden. oder Hacking-Angriffe auszuführen«, so höre in Laos die NamKhan Eco Lodge, er
Übrigens wäre es wahrscheinlich einigen weise er dies ebenso »mit aller Deutlich- führe sie jedoch nicht.
an dem Betrug Beteiligten am liebsten, keit zurück wie die Insinuierung, dass B. Jan Marsalek, Henry O’Sullivan und
wenn er tot wäre, dann ließe sich alles auf Leute innerhalb des Wirecard-Konzerns andere erwähnte Personen äußern sich zu
ihn schieben. Wissen Sie, was ich glaube? irgendwie angegangen wäre«. Er habe ihrer Darstellung durch Leogrande nicht.
SPIEGEL: Sagen Sie es uns. vielmehr »am Schreibtisch«“ gearbeitet
Leogrande: Es ist nur eine Mutmaßung, und »Abrechnungen auf Anweisung ma-
aber: Vielleicht ist Jan uns viel näher, als nipuliert«. Jörn Leogrande:
wir denken. Die Anwälte von Oliver B. erklären wei- »Bad Company.
SPIEGEL: Herr Leogrande, wir danken Ih- ter, diese Tätigkeit hätte auch »jede andere Meine denkwürdige
Karriere bei der
nen für dieses Gespräch. Person« ausführen können, B. sei somit Wirecard AG«.
auch keine Schlüsselfigur in dem Betrugs- Penguin; 288 Seiten;
Der SPIEGEL konfrontierte die Personen, system gewesen. Die Verteidiger betonen, 22 Euro.
die im Gespräch mit Leogrande und in den dass Oliver B. bisher der Einzige sei, »der Erscheint am 8. Februar.
abgedruckten Ausschnitten seines Buchs er- zu seiner Verantwortung steht und dies

20
ALS VOLL-, MILD-
UND PLUG-IN HYBRID.
WELCHER ANTRIEB PASST ZU IHNEN?
MEHR INFOS AUF FORD.DE

Kraftstoffverbrauch (in l/100 km nach § 2 Nrn. 5, 6, 6 a Pkw-EnVKV in der jeweils geltenden Fassung): 2,9–1,2
(kombiniert); CO2-Emissionen: 66–26 g/km (kombiniert); Stromverbrauch: 20,53–15,8 kWh/100 km (kombiniert)*.

* Die Angabe zum Stromverbrauch bezieht sich ausschließlich auf den Ford Kuga Plug-in-Hybrid.
Deutschland

Michael Probst / AP
Land unter Ein Zug überquert am Mittwoch im hessischen Nidderau bei Frankfurt überflutete Wiesen und Felder –
so dramatisch war die Hochwasserlage in Deutschland lange nicht mehr. Tauwetter mit bis zu 15 Grad Celsius und
das Regentief »Siegbert« lassen Flüsse und Seen über die Ufer treten. Während im Norden Winterchaos angesagt ist,
versinkt der Südwesten vielerorts im Hochwasser. Am Rhein sollen die Pegel erst Anfang der Woche zurückgehen.

Verdacht gegen Jugendamt


Missbrauchsfall Lügde Haben Mitarbeiter nachträglich Akten manipuliert?
G Im Untersuchungsausschuss des Düssel- Am Mittwoch hatte eine Mitarbeiterin des in einem solchen Fall noch mal die Akten
dorfer Landtags zum Missbrauchsfall auf Jugendamts im Landtag eingeräumt, einen durchgehe und ergänze«, sagt Bialas.
dem Campingplatz in Lügde erheben Vermerk erst angefertigt zu haben, als der »Sollten tatsächlich ungerechtfertigte
Abgeordnete schwere Vorwürfe gegen das Skandal schon öffentlich war und die bei- Änderungen vorgenommen worden sein,
Jugendamt in Höxter. Dort wurde ein den Haupttäter in Untersuchungshaft sa- wäre das ein Fall auch für die Ermittlungs-
Mädchen betreut, das von einem der ßen. Dabei sei es darum gegangen, warum behörden.« Im Missbrauchskomplex Lüg-
Haupttäter, Mario S., schwer sexuell miss- die sozialpädagogische Familienhilfe für de hatte die Staatsanwaltschaft auch gegen
braucht worden war. Andreas Bialas, das Mädchen und seine Mutter anderthalb Mitarbeiter der Jugendämter in Hameln-
Obmann der SPD im Ausschuss, spricht Jahre zuvor eingestellt worden war, ob- Pyrmont und Lippe ermittelt, die für die
vom »Verdacht der Aktenmanipulation«. wohl es bereits etliche Hinweise auf Miss- Pflegetochter des verurteilten Dauercam-
»Offenbar wurden gezielt Akten verän- brauch gegeben hatte. Das Mädchen wur- pers Andreas V. zuständig waren, die Ver-
dert«, sagt auch der Ausschussvorsitzende de an eine psychotherapeutische Ambu- fahren aber eingestellt. »Wir werden uns
Martin Börschel (SPD), »die Frage ist: lanz überwiesen. »Eine Teamleiterin hat nun intensiv den Vorgängen in Höxter
Warum und auf wessen Veranlassung?« uns dann erklärt, es sei normal, dass man widmen müssen«, so Börschel. AGR, LE

22 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Shutdown te würden sich auf anderen Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
Wegen und ohne Hygienekon-
Seehofer: Friseure
sollen öffnen
zepte die Haare schneiden las-
sen. Das sei viel gefährlicher,
als Friseurläden mit einem
Platte für alle
G Bundesinnenminister Horst strengen Hygienekonzept die Träumen Sie vom Eigenheim? Von mehr Platz für
Seehofer (CSU) fordert, Öffnung zu erlauben. »Wich- sich und Ihre Familie, vom kleinen Garten mit
demnächst kleinere Gewerbe tig ist, die hochsensiblen Grill und Kinderschaukel? Dann habe ich einen
wie Friseursalons wieder zu Bereiche, wie Krankenhäu- Tipp: Beeilen Sie sich mit dem Bauen, bevor es
öffnen. »Ich bin in der aktuel- ser oder Alten- und Pflege- zu spät ist. So wie in Hamburg-Nord. Dort regiert
len Situation ganz klar für heime, strikt zu schützen. seit einem Jahr der grüne Bezirksamtsleiter Michael
eine Verlängerung der Coro- Hier darf es keine Kompro- Werner-Boelz und hat verfügt: Der Gebäudetyp
na-Schutzmaßnahmen«, misse geben«, so Seehofer. Einfamilienhaus passt nicht mehr in unsere Zeit: zu viel Flä-
sagt Seehofer. »Wir sollten Schulen sollten geschlossen chenfraß, zu viel Baumaterial, vergleichsweise schlechtere
aber diejenigen Maßnahmen bleiben, bis ein überzeugen- Energiebilanz. Die Bebauungspläne wurden bereits geändert.
zurücknehmen, die ganz des Pandemiekonzept vorlie- In Stadtteilen wie Fuhlsbüttel und Langenhorn, hier wohnte
offensichtlich keine Schutz- ge. »Leider kenne ich aus den einst Helmut Schmidt im Doppelhaus, werden Sie für ein neues
wirkung entfalten.« Bei den Ländern bislang noch kein Eigenheim schon keine Genehmigung mehr bekommen.
Friseuren habe sich »regel- einziges«, sagt Seehofer. Der Bezirksamtsleiter sagt: »Wir müssen höher bauen, um
recht ein Schwarzmarkt« ent- »Dabei ist das dringend nötig mehr Menschen unterzukriegen.«
wickelt, mehr und mehr Leu- und längst überfällig.« KNO Wer das Programm der Grünen liest, muss davon ausgehen,
dass sich dies auch in anderen Stadtteilen und Kommunen
durchsetzen könnte. Das Einfamilienhausverbot ergibt sich aus
einem Parteitagsbeschluss für eine »Bauwende« aus dem
BND-Kommission Buch über die Beziehungen November 2019. Penibel rechnen die Grünen dort vor, wie viel
»Peinlich« des BND zu den westlichen Sand und Kies (»200 Tonnen«) pro Eigenheim draufgehen,
Diensten vorgeworfen. Krie- »das können wir uns nicht mehr leisten«.
G Das Kanzleramt versucht, ger wies das zurück und Das neue grüne Wohnideal sieht demnach so aus: Raus aus
im internen Streit der Histori- sprach von »ideologischen dem Townhouse mit Pelletheizung, rein in die sanierte
kerkommission zu vermitteln, Differenzen«. Nun veröffent- Plattenbausiedlung. Ein später Triumph
die im Auftrag des Bundes- lichten seine Kritiker ein inter- der DDR-Wohnungsbaupolitik: Der
nachrichtendiensts (BND) nes Gutachten, in dem sie Tei-
Freilandhal- ökologische Fußabdruck dürfte nirgends
dessen Geschichte erforscht. le von Kriegers Text als »pein- tung für Hüh- geringer sein als in Berlin-Marzahn
BND und Kanzleramt fürch- lich«, »dilettantisch« und ner, Käfig- und anderen Trabantensiedlungen in
ten, Querelen könnten das »schlichtweg skandalös« be- Ostdeutschland.
Ansehen des 2,4 Millionen zeichnen. Für Mai ist ein wei-
haltung für Ich habe keinen Zweifel, dass die Grü-
Euro schweren Forschungs- terer Band der Kommission Menschen – nen alle Berechnungen korrekt ausge-
projekts beschädigen. Vergan- geplant, den Krieger heraus- für die Grünen führt haben. Der Mensch ist ein Raum-
gene Woche hatten die Ge- gibt. Dülffer, Henke und Mül- greifer und Ressourcenverbraucher; wer
schichtsprofessoren Jost Dülf- ler wollen sich auch davon in
geht das. lebt, sündigt, das ist das ökologische
fer, 77, Klaus-Dietmar Henke, Teilen distanzieren. Das Kanz- Dilemma unserer Existenz. Einerseits.
73, und Rolf-Dieter Müller, 72, leramt hofft, dass die Kommis- Andererseits ist das Einfamilienhaus die wohl immer noch
ihrem Kollegen Wolfgang sion zusammenbleibt. Für beliebteste Wohnform. Im Corona-Shutdown dürfte die Sehn-
Krieger, 73, im SPIEGEL hand- Juni ist die Abschlusskonfe- sucht nach einem Haus mit Garten sogar noch gewachsen sein,
werkliche Mängel bei dessen renz angesetzt. KLW sogar bei Grünenwählern. Auch der Trend zum Homeoffice
spricht fürs Häuschen in der Vorstadt.
Die Frage ist, wie die Grünenchefs Annalena Baerbock und
Robert Habeck diese Widerstände überwinden werden. Die
Nachgezählt
Grünen wollen ja keine Verbotspartei mehr sein, sondern, so
Herkunft der 2019 in Deutschland gemeldeten
Produkte mit ernstem Risiko Habeck, mit einer »Politik der Ermöglichung« punkten. Ihr
für den Anwender Parteitagsbeschluss jedoch hält gleich jede Menge Maßnahmen

11%
China
43%
Deutschland
für ein neues »Förder- und Ordnungsrecht« bereit; so viel
zum Thema Freiwilligkeit. Und steckt nicht auch ein gewisser
Widerspruch darin, wenn sich eine Partei bei Hühnern und
Schweinen dafür einsetzt, Käfig- durch Freilandhaltung zu
9% insgesamt ersetzen, bei Menschen aber nicht?
Frankreich »Die Mitglieder einer freien, demokratischen Gesellschaft
437
Produkte Von insgesamt
brauchen Wohn- und Arbeitsräume, die Wertschätzung,
Gleichheit und positive Gestaltungskraft ausdrücken«, heißt es
im Grünen-Beschluss. So ähnlich klang die Propaganda in der
8% 188 Meldungen
zu deutschen DDR für den Plattenbau. Der ostdeutsche Dramatiker Heiner
USA Produkten betreffen
183 Fahrzeuge
Müller drückte es damals anders aus. Wohnungen in der Platte,
29% und Fahrzeugteile. das seien »Fickzellen mit Fernheizung«.
Sonstige/
k. A. An dieser Stelle schreiben Markus Feldenkirchen und Alexander Neubacher
Quelle: Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin im Wechsel.

23
Roma und Sinti Impfung brechen zusammen. Der Frust gerade bei
alten Menschen ist groß.
Bildung auf »Wie bei einem Konzert Schulenberg: Uns war klar, dass die Soft-
Sechzigerjahre-Niveau der Rolling Stones« ware der Kassenärztlichen Vereinigungen,
auf die mehrere Länder setzen, mit der zu
G Sinti und Roma erleben im deut- Eventim-Chef Klaus-Peter erwartenden Last überfordert sein würde.
schen Schul- und Ausbildungssystem Schulenberg, 69, über In Schleswig-Holstein ist noch kein Server
nach wie vor »extreme Benachteili- seine neue Rolle als Impf- zusammengebrochen. Wir können beim
gung«. So lautet das Fazit der noch Organisator Ticketverkauf bis zu drei Millionen Anfra-
unveröffentlichten RomnoKher-Studie gen, online und per Telefon, gleichzeitig
2021, für die 614 Interviews geführt SPIEGEL: Eventim ist der größte Ticket- betreuen. In Schleswig-Holstein gab es in
wurden und deren Ergebnisse dem verkäufer Europas, jetzt vergeben Sie in der Spitze pro Minute etwa 190 000
SPIEGEL vorliegen. Demnach verfügen Schleswig-Holstein die Termine für Coro- Onlinezugriffe und 1100 Anrufe.
40 Prozent der 18- bis 50-jährigen na-Impfungen. Wie kam es dazu? SPIEGEL: Wie bewältigen Sie das?
Angehörigen der Minderheiten über Schulenberg: Im November haben wir Schulenberg: 100 Mitarbeiter in zwei
keine abgeschlossene Berufsausbildung, den Gesundheitsministern aus Bund und Callcentern können 100 Termine gleich-
knapp 15 Prozent der 18- bis 25-Jähri- Ländern schriftlich unser Know-how zeitig vereinbaren. Alle weiteren Anrufer
angeboten. Unsere Systeme sind darauf erhalten eine Ansage mit der Bitte, in der
eingestellt, dass eine Million Menschen Leitung zu warten. Sind keine Termine
gleichzeitig ein Ticket buchen wollen – mehr verfügbar, wird auch das angesagt.
wie bei einem Konzert der Rolling Jeder weiß mit einem Anruf, woran er ist.
Stones. Ähnlich läuft es beim Run auf Wer online buchen will, erfährt umge-
Impftermine. Wir sprechen da von Last- hend, ob er Erfolg hat.
spitzen. Leider haben wir nur aus zwei SPIEGEL: Auch in Schleswig-Holstein gab
Bundesländern überhaupt eine Antwort es Klagen älterer Menschen.
bekommen. Ein Vertrag kam bislang Schulenberg: Die Landesregierung hatte
allein mit Schleswig-Holstein zustande. sich zunächst für ein Verfahren entschie-
SPIEGEL: Lag es am Geld? den, bei dem der Erste auch zuerst
Schulenberg: Von Geld war erst mal gar bedient wird. Mittlerweile gibt es für
nicht die Rede. Bei den Impfterminen Menschen ab 80 ein vereinfachtes
verdienen wir weniger als in unserem Buchungsverfahren mit einem garantier-
Dominik Asbach

Kerngeschäft, das wegen Corona weitge- ten Impftermin.


hend brachliegt. Unsere Rechnung geht SPIEGEL: Könnten Sie Ihr System bun-
so: Je schneller geimpft wird, desto eher desweit anbieten?

Michael Kappeler / dpa


Roma-Mädchen in Duisburg können auch wieder Veranstaltungen Schulenberg: Ja, und dafür werbe ich
stattfinden. natürlich. Wir sind seit Kurzem mit zwei
gen verlassen bereits die Schule ohne SPIEGEL: In vielen Bundesländern gibt es weiteren Bundesländern in fortgeschritte-
Abschluss. Abitur oder Fachabitur ha- massive Probleme bei der Terminverga- nen Gesprächen. Dort ist der Leidens-
ben nur 17 Prozent der befragten Roma be. Anrufer fallen aus der Leitung, Server druck inzwischen hoch. SMS
und Sinti dieser Altersgruppe. »Das
sind dramatische Zahlen auf dem Ni-
veau der späten Sechzigerjahre«, sagt
Albert Scherr, Leiter des Instituts für Chappattes Welt
Soziologie an der Pädagogischen Hoch-
schule Freiburg. Erst in den Siebziger-
jahren sei der Schulbesuch bei Roma
und Sinti in Deutschland überhaupt
zum Standard geworden. Erfolgreiche
Bildungskarrieren blieben jedoch seit-
her die Ausnahme – laut Studie ein
Ergebnis jahrzehntelanger struktureller
Diskriminierung. Von der Politik for-
dert Scherr einen langfristigen Förder-
plan: »Wir brauchen klare Signale, dass
Sinti und Roma bei Bildung und Teilha-
be vom Staat unterstützt werden.« Die
Bereitschaft bei den Betroffenen sei da:
80 Prozent der Befragten wünschen
sich entsprechende Hilfen. Wie viel
noch zu tun ist, zeigt ein anderes Ergeb-
nis der Studie: 40 Prozent der Inter-
viewten berichteten von Benachteili-
gung im Unterricht. Scherr: »Leider
sind noch immer nicht genug Lehrerin-
nen und Lehrer für Diskriminierung in
der Schule sensibilisiert.« HIM

24
Ufos und Außerirdische 56-Jährige, der sich zu den
»Ufo-Verschwörungstheo-
Offenbarungen aus retikern« zählt, Mitglied der
dem Rathaus CDU und Social-Media-
Beauftragter der erzkonser-
G Der stellvertretende Bür- vativen Gruppe »Werte-
germeister und Leiter des union«. Bundestagsabgeord-
Rechtsamts in Burg in Sach- nete, die den Kurs der
sen-Anhalt, Jens Vogler, Bundeskanzlerin stützten,
verbreitet im Internet bizarre bezeichnete er als »verach-
Verschwörungserzählungen. tungswürdig«. In seinem

Nicolas Armer / DER SPIEGEL


Er betreibt das Blog »Vision- Blog verbreitete er unter
blue«, in dem er etwa anderem wirre Behauptun-
die Frage aufwirft, ob die gen zum Terroranschlag vom
Menschheit von Außer- 11. September 2001. Es gebe
irdischen abstamme. Ȇber Hinweise, dass die Tat von
welche außerirdischen Tech- einem US-Geheimdienst
nologien verfügen diese begangen worden sei. Auf
höchsten Regierungsstellen Nachfrage des SPIEGEL sagte Der Augenzeuge
und warum werden diese vor Vogler, es existierten beim
der großen Mehrheit der
Weltbevölkerung geheim
gehalten?«, fragt er etwa.
11. September eben »Unge-
reimtheiten«. Er selbst wisse
nicht, ob es Ufos gebe – er
»Schnell ins Gespräch«
Überdies ist Vogler auch der hält dies aber nicht für un- Sven Sittler, 32, hat zwei Beinprothesen und arbeitet
Auffassung, die Menschheit möglich. Dass er Bundestags- als Fahrradkurier in Würzburg. Vor Eis und Schnee hat
werde auf eine Offenbarung abgeordnete als »verachtungs- er keine Angst.
vorbereitet, nach der Außer- würdig« bezeichnete, sieht er
irdische unter ihr lebten. rückblickend allerdings als G »Der Frauenarzt meiner Mutter hatte nicht erkannt, dass sich
Bis Ende Januar war der »überzeichnet« an. RHO, TIL meine Beine nicht richtig entwickeln würden. Sein Ultraschall-
gerät war sehr alt, die Aufnahmen waren schlecht. Ich kam mit
fehlgebildeten Hüften und verkürzten, unvollständigen Beinen
auf die Welt. Als ich ein Jahr alt war, bekam ich meine ersten
Affären Prothesen, mit denen ich stehen konnte. Mit einem kleinen Wä-
Verstecktes Geld gelchen, das ich vor mir herschob, lernte ich schließlich laufen.
Schon während des Studiums bin ich viel Fahrrad gefahren.
G Der ehemalige DFB-Funk- Auf die Idee, als Fahrradkurier zu arbeiten, bin ich aber erst
Nikolay Doychinov / REUTERS

tionär Horst R. Schmidt, eine gekommen, als ich vor siebeneinhalb Jahren ein neues Prothe-
der Schlüsselfiguren der Som- senknie erhalten hatte. Die Krankenkasse wollte wissen, was
mermärchen-Affäre, hat offen- das Knie taugt und ob es besser für mich geeignet ist.
bar jahrelang Geld vor den Um es größeren Belastungen auszusetzen, begann ich, als
deutschen Finanzbehörden Fahrradkurier zu arbeiten. Mit dem Knie hat das gut funk-
versteckt. Dies geht aus bis- tioniert, der Job hat Spaß gemacht. Seitdem fahre ich zwei-
lang unbekannten Akten der Schmidt, Beckenbauer 2007 bis dreimal die Woche etwa drei bis vier Stunden lang als
Staatsanwaltschaft Frankfurt Kurier mit dem Rad.
hervor, die gegen Schmidt, 79, dent des deutschen WM-Orga- Mittlerweile erkennen mich die Menschen in Würzburg,
und andere ehemalige Fußball- nisationskomitees (WM-OK) vor allem wenn ich in kurzer Hose unterwegs bin. Die Pro-
funktionäre im Zusammen- war. In dieser Zeit war er feder- thesen sind ziemlich auffällig, zumal ich sie ohne Kosmetik
hang mit der dubiosen 6,7- führend an der Rückzahlung trage – also ohne Verkleidung. Es gibt ja auch Prothesen, die
Millionen-Euro-Zahlung des des 6,7-Millionen-Kredits aussehen wie echte Körperteile. Aber dann sind sie schwerer.
DFB im Vorfeld der Fußball- beteiligt, den der ehemalige Je leichter die Prothese ist, umso besser kann ich sie bewegen.
WM 2006 ermittelt. Den Adidas-Chef Robert Louis- Nach sechs Jahren habe ich mein Politikstudium abgebro-
Dokumenten zufolge hat der Dreyfus dem OK-Präsidenten chen, ich wollte etwas Handfestes machen und endlich Geld
langjährige DFB-Generalse- Franz Beckenbauer gewährt verdienen. Deswegen habe ich mich zum Orthopädietechniker
kretär »für seine persönliche hatte. Das Geld war, wie sich ausbilden lassen. Ich arbeite jetzt für ein Sanitätshaus, das
Einkommensteuer der Jahre 2015 herausstellte (SPIEGEL Arm- und Beinprothesen anfertigt sowie Schienen für Men-
2000 bis 2008« eine »Selbst- 44/2015), auf einem Konto des schen mit Lähmungen und Fehlstellungen. Die Firma hat ihren
anzeige im Jahr 2011 erstat- notorisch korrupten ehemali- Sitz mit ihrer Hauptwerkstatt direkt im Krankenhaus. Natür-
tet«. Im Klartext: Schmidt, gen Fifa-Funktionärs Moha- lich komme ich da schnell mit Menschen ins Gespräch, die
dem die Frankfurter Staatsan- med Bin Hammam gelandet. einen Körperteil verloren haben. Meine Firma bittet mich auch
wälte »hohe kriminelle Ener- Die dem SPIEGEL vorliegen- oft zu Beratungsgesprächen, um Patienten mit Prothesen see-
gie« attestieren, hat als Privat- den Hinweise, dass Schmidt lisch beizustehen und ihnen Kniffe für den Alltag zu zeigen.
mann augenscheinlich acht eine sechsstellige Summe auf Beim Fahrradfahren nutze ich spezielle Magnetpedale, weil
Jahre lang Steuern hinterzo- einem Schweizer Konto ver- meine Prothesen sonst öfter mal vom Pedal rutschen würden.
gen. Und zwar überwiegend steckt hatte, wies sein Anwalt Ich bin jetzt auch viel bei Schnee, Eis und Glätte unterwegs.
in jenen Jahren, als er ge- Tilman Reichling als »unzu- Ich habe keine Angst hinzufallen. Wenn ich laufe, rutsche ich
schäftsführender Vizepräsi- treffend« zurück. AMP, GLA schneller aus.« Aufgezeichnet von Kristin Haug

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 25


So gesehen Hauptstadtflughafen erinnert, dass sie für Schulden von 3,5
Milliarden Euro bürgen. Bisher lehnen sie
Exodus Corona-Hilfen für eine Art Bad Bank für alte Kreditlasten
Altschulden aus dem Bau des BER ab. Ein Teil dieser
Der Auszug der Schafe Lasten soll nun offenbar über Corona-
G Die Finanzlage der Flughafen Berlin Hilfen finanziert werden. Dass nicht die
G Die Behörde überlastet, das Brandenburg GmbH (FBB) wird trotz Co- gesamten Corona-Darlehen für Verluste
Buchungssystem am Limit, die Men- rona-Hilfen in Höhe von knapp einer Mil- durch Corona fließen würden, hatte Lütke
schen warten verzweifelt, endlich an liarde Euro immer kritischer. Nach einem Daldrup bereits indirekt zuvor einge-
die Reihe zu kommen – in Köln ist es Treffen des Aufsichtsrats Ende Januar räumt. Ein Sprecher der Flughafengesell-
gerade unmöglich, einen Termin für erklärte die FBB, sie sei auf »eine Teilent- schaft bestätigt nun, dass, wie schon im
den ersehnten Kirchenaustritt zu schuldung angewiesen«, sonst könne sie Darlehensantrag erwähnt, 193 Millionen
bekommen. Frühestens im zweiten schon bald den Kapitaldienst für laufende Euro aus den Corona-Darlehen für »Nach-
Quartal 2021 kann man so die Kirche Kredite nicht mehr aus eigener Kraft laufkosten BER und Schallschutz« ver-
verlassen, neue Slots beim Amtsgericht erbringen. Im kommenden Jahr dürften wendet werden sollen. Für den haushalts-
werden aber erst Anfang März freige- 490 Millionen Euro für Zins und Tilgung politischen Sprecher der Grünen-Bundes-
schaltet. von BER-Altkrediten und Corona-Darle- tagsfraktion, Sven-Christian Kindler, ist
Noch rätseln Experten über die Ur- hen fällig werden. Schon Anfang Dezem- eine solche Verwendung von Corona-Hil-
sachen der Austrittswelle. Ersten Spe- ber hatte Flughafenchef Engelbert Lütke fen »ungeheuerlich«. Solange »die mögli-
kulationen zufolge sollen insbesondere Daldrup vor dem BER-Untersuchungsaus- che zweckfremde Nutzung der Corona-
katholische Gläubige betroffen sein. schuss des Berliner Abgeordnetenhauses Hilfen des Bundes nicht aufgeklärt ist«, so
Vonseiten der Kirche ist leider keine die Gesellschafter – die Länder Berlin und Kindler, müssten »alle Zahlungen an die
Aufklärung zu erwarten, der Kölner Brandenburg sowie den Bund – daran FBB auf Eis gelegt werden«. WAS
Kardinal Rainer Maria Woelki ist voll-
auf mit der Zurückhaltung eines Gut-
achtens in anderer
Die Bundes- Sache ausgelastet.
Dieses darf, wie es
wehr könnte heißt, aus juristi-
mit mobilen schen Gründen
nicht veröffentlicht
Austritts- werden. Es besteht
die Gefahr, darin
teams helfen namentlich genann-
te Kleriker könnten
in den vollkommen weltfremden Ver-
dacht geraten, Vorwürfe des sexuellen
Missbrauchs gegen katholische Priester

Odd Andersen / DPA


vertuscht zu haben. Jetzt soll erst ein-
mal ein Ersatzgutachten her. Frühes-
tens danach wird man sich mit den mys-
teriösen Kirchenaustritten beschäftigen
können. Hauptstadtflughafen-Gangway mit rotem Teppich für Staatsempfang
Darauf will man in Köln nicht mehr
warten, längst wird über schnellere
Lösungen nachgedacht. Im Gespräch
ist der Aufbau eines Austrittszentrums Behörden Eine Analyse der Wirtschaftsprüfungs-
in den ungenutzten Messehallen, akut Millionen an Microsoft gesellschaft PwC im Auftrag des Bundes-
könnte die Bundeswehr mit mobilen innenministeriums hatte schon 2019
Austrittsteams helfen. Bis die Konzep- G Die Abhängigkeit der Bundesregierung »dringenden Handlungsbedarf« ange-
te umgesetzt sind, raten Anstand und von Produkten des US-Softwaregiganten mahnt: Die Abhängigkeit insbesondere
Vernunft, nach jeder Begegnung mit Microsoft steigt weiter – entgegen allen von Microsoft führe »zu Schmerzpunkten
Woelki gründlich die Hände zu wa- Absichtserklärungen, für mehr digitale bei der Bundesverwaltung, die im Wider-
schen. Noch besser: Abstand halten. Souveränität sorgen zu wollen. Wie aus spruch zu den strategischen Zielen der IT
Stefan Kuzmany der Antwort der Bundesregierung auf des Bundes stehen«. In ihrer Antwort auf
eine Anfrage aus der Linkenfraktion im die Linkenanfrage betont die Bundesre-
Bundestag hervorgeht, gaben die Bundes- gierung, man verlange von Microsoft die
ministerien im Haushaltsjahr 2020 rund Einhaltung der geltenden Gesetze und
178,5 Millionen Euro für Softwarelizen- stelle erhöhte Sicherheitsanforderungen.
zen, Cloud- und Serverdienste des Kon- »Der Konzern nutzt die Abhängigkeit der
zerns aus. 2015 bezifferte die Regierung Bundesverwaltung eiskalt aus, die Kosten
die Überweisungen an Microsoft noch sind außer Kontrolle«, sagt hingegen Vic-
auf 43,5 Millionen Euro, für 2019 waren tor Perli, Haushaltsexperte der Linken.
ursprünglich gerade einmal 57,2 Millio- »Anstatt weiter tatenlos zuzuschauen,
nen veranschlagt. Tatsächlich waren es müssen endlich mehr Lösungen mit offe-
mit 177,2 Millionen dann dreimal so viel. nem Quellcode gefördert werden.« ROM

26 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Sichtbar auf ab 199 EUR1
mtl. Leasingrate
Zukunftskurs.
Der neue Hyundai TUCSON.

Abbildung zeigt aufpreispflichtige Zusatzausstattung.

Ein Blick genügt, um das wichtigste Ziel des neuen Hyundai TUCSON zu erkennen: die
Zukunft. Mit seinen teilverspiegelten und in den Kühlergrill integrierten Tagfahrlichtern
präsentiert er sich schon von außen futuristisch. Das offene Innenraumdesign bietet
erstmals in einem Hyundai eine Mittelkonsole mit reiner Touch-Bedienung1. Und mit dem
10,25 Zoll großen digitalen Cockpit1 sowie einer Auswahl an alternativen Antrieben setzt
der neue Hyundai TUCSON weitere progressive Impulse in der SUV-Klasse. On to better.

Mehr Informationen auf hyundai.de

Kraftstoffverbrauch für den Hyundai TUCSON Pure 1.6 T-GDI Frontantrieb, MT 110 kW (150 PS): innerorts: 7,6 l/100 km; außerorts: 5,5 l/100 km; kombiniert:
6,3 l/100 km; CO2-Emission kombiniert: 144 g/km; CO2-Effizienzklasse: C. Die angegebenen Verbrauchs- und CO2-Emissionswerte wurden nach dem vorg-
eschriebenen WLTP-Messverfahren ermittelt und in NEFZ-Werte umgerechnet.
1
Ein unverbindliches Leasingbeispiel der HYUNDAI Finance, ein Geschäftsbereich der Hyundai Capital Bank Europe GmbH, Friedrich-Ebert-Anlage 35–37, 60327 Frankfurt am Main.
Verbraucher haben ein gesetzliches Widerrufsrecht. Nach den Leasingbedingungen besteht die Verpflichtung zum Abschluss einer Vollkaskoversicherung. Hyundai TUCSON Pure 1.6 T-GDI
6-Gang-MT, 110 kW (150 PS), Fahrzeugpreis 26.800,00 EUR, einmalige Leasingsonderzahlung 2.680,00 EUR, Laufzeit 48 Monate, Gesamtlaufleistung 40.000 km, 48 mtl. Rate à 199,00 EUR,
Gesamtbetrag 12.232,00 EUR, effektiver Jahreszins 1,99 %, gebundener Sollzinssatz p.a. 1,97 %. Kostenpflichtige Sonderausstattung möglich. Zuzüglich Überführungskosten. Alle Preise inkl.
gesetzlicher MwSt. Angebot gültig bis 31.03.2021.

* Ohne Aufpreis und ohne Kilometerlimit: die Hyundai Herstellergarantie mit 5 Jahren Fahrzeuggarantie (3 Jahre für Car-Audio-Gerät inkl. Navigation
bzw. Multimedia), 5 Jahren Lackgarantie sowie 5 Jahren Mobilitätsgarantie mit kostenlosem Pannen- und Abschleppdienst (gemäß den jeweiligen
Bedingungen im Garantie- und Serviceheft). 5 kostenlose Sicherheits-Checks in den ersten 5 Jahren gemäß Hyundai Sicherheits-Check-Heft.
Für Taxis und Mietwagen gelten generell abweichende Regelungen. Die Hyundai 5 Jahre-Garantie für das Fahrzeug gilt nur, wenn dieses ursprünglich
von einem autorisierten Hyundai Vertragshändler an einen Endkunden verkauft wurde. 1 Nicht in der Ausstattungslinie Pure enthalten.
Deutschland

Odd Andersen / Reuters


CDU-Politiker Merz auf dem Parteitag in Berlin im Januar: Vorsichtige Absetzbewegungen

Schwarzes Loch
Parteien Nach der Niederlage von Friedrich Merz sehnen sich die Konservativen
in der CDU nach einem Neustart. Doch dem wirtschaftsnahen
Flügel fehlt so ziemlich alles – eine Führungsfigur, eine Idee, ein Projekt.

F
riedrich Merz ist abgetaucht. Kein und Wirtschaftsliberalen in der CDU, all ner Held, Friedrich Merz, 65 Jahre alt,
Auftritt, keine Interviews, statt- jene also, die die Partei kantiger und streit- wird vielleicht in der Partei bald keine Rol-
dessen Urlaub im eigenen Ferien- barer machen wollten, die lange von einer le mehr spielen. Und wenn Merz weg sein
haus. Dem Vernehmen nach fährt Anti-Merkel-Welt geträumt haben, von ei- sollte, so die Befürchtung, dann verlöre
er Rennrad, telefoniert mit Freunden. Merz nem Neuanfang. Zweimal hat der Merz- der gesamte Flügel endgültig an Einfluss.
wolle eine Weile schweigen, heißt es. Die Flügel den Umsturz versucht, 2018 und Man gehöre »nicht mehr so selbst-
Partei, so soll er es Vertrauten gesagt haben, nun im Januar. Zweimal ist er gescheitert, verständlich wie früher« zum Spektrum
sei »aufgerieben«, strapaziert durch den eine dritte Gelegenheit wird sich so schnell der Union, klagt Wolfgang Bosbach, eine
langen Wettkampf um den Vorsitz. Alle in nicht bieten. der konservativen Identifikationsfiguren:
der CDU müssten jetzt mal durchschnau- Plötzlich müssen sich diejenigen, die »Heute haben wir eher so einen Duldungs-
fen. Er sowieso. den Sauerländer an der Spitze wollten, mit status. Das betrübt viele.«
Die Niederlage bei der Wahl des Partei- der Realität arrangieren. Mit Armin La- Wahr ist aber auch, dass die anderen
vorsitzenden schmerzt ihn, vor allem aber schet, dem neuen Parteichef, den manchen Gruppen und Strömungen in der CDU in
schmerzt sie sein Lager, die Konservativen als Kopie Angela Merkels sehen. Ihr eige- den 15 Jahren Merkel-Regierung an Be-

28 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


deutung verloren haben. Sozial- und Ar- Wachsende 2019 gen Union, dessen Wunschkandidat auch
beitnehmerflügel, einst geprägt von Nor-
bert Blüm und Heiner Geißler, haben Steuerlast 24,0% Friedrich Merz gewesen ist.
Kuban denkt längst über die Zeit nach
schon lange kaum Einfluss mehr auf Ge- Deutschlands Steuerquote, Merz nach. Er findet, jetzt müsse die
Steuereinnahmen im Verhältnis
setze. Die sozialen Vorhaben der Großen zum BIP in Prozent Jugend übernehmen und den Konserva-
Koalition werden im Wesentlichen von tismus modern interpretieren. »Früher
der SPD eingespeist. 2017 ging es um Markt oder Staat. Ich will ein
Aber im Merz-Lager ist die Leere be- Quelle: BMF 23,5 neues Und etablieren«, sagt er. Die CDU
sonders erschreckend, personell wie in- müsse für »Rechtsstaat und Humanität,
haltlich. Schon lange sehnt man sich nach Heimat und Hightech« stehen. Er klingt
einer starken Figur, einem neuen Ludwig 2014 dabei ein bisschen wie ein Werber. Aber
Erhard. In der Realität aber gibt es ja nicht 22,8 immerhin, Kuban sagt nicht nur: Merz
mal einen Ansprechpartner in der Regie- muss bleiben.
rung. Da sitzt nur Peter Altmaier. Wenn Das Problem mit dem Merz-Flügel: Es
die Wirtschaftsliberalen von Reformen re- herrscht Durcheinander. Auch das macht
den, setzen Merkel und ihre Minister lie- 2010 den Neustart so schwer.
ber auf teure soziale Projekte. Wenn sie 21,8 Die einen sind genervt vom grünen Zeit-
vor zu viel staatlichem Einfluss warnen, geist, die anderen zählen jeden Tag bis
rettet die Koalition lieber TUI oder Luft- zum Ende von Merkels Amtszeit. Es gibt,
hansa. Seit Jahren ist das so, die Pandemie vor allem im Osten der Republik, die har-
hat diese Tendenz noch deutlich verstärkt. tegrations- und gesellschaftspolitischen ten Rechtsaußen, die kaum noch integrier-
Mindestens so schlimm ist die Lage für Fragen weit rechts agieren. In Schimkes bar erscheinen. Es gibt kulturkonservative
die Wertkonservativen in der Union. Die Welt steht die CDU für Führung, Ordnung, Mitglieder, die noch unter Adenauer ein-
Wehrpflicht, die Atomkraft, eine Bierde- wenn es sein muss, auch Härte. Also alles, getreten sind und vom Gestern träumen.
ckel-Steuerreform – alles weg, alles abge- wofür Laschet eher nicht steht. Aber er ist Aber es gibt in diesem Flügel auch die, die
räumt von den eigenen Leuten, von der jetzt nun mal der Chef. lieber ins Übermorgen wollen, sich nach
Kanzlerin. Nicht mal die Ehe als Bund zwi- Eine Welt ohne Friedrich Merz, geht dem großen Wurf sehnen, nach einer Re-
schen Mann und Frau konnte aus ihrer das? Nee, geht nicht, findet Schimke. Über- formagenda. Das Einzige, was es derzeit
Sicht gerettet werden. Es ist fast schon tra- haupt nicht. »Wir können auf Friedrich nicht gibt im Merz-Lager, ist ein gemein-
gisch: Die Welt verändert sich so rasant, Merz nicht verzichten«, sagt sie. »Er ist sames Band.
dass Konservative es immer schwerer ha- Identifikationsfigur und verkörpert ein Laschet wird das noch zu spüren be-
ben, den Überblick darüber zu behalten, Wertegerüst, das einmal Grundkonsens in kommen. Das Merz-Lager in all seinen
was überhaupt bewahrenswert ist. unserer Partei war.« Merz und die Partei Facetten ist ein konstanter Risikofaktor
Konservative wie Wirtschaftsliberale, gehören aus ihrer Sicht zusammen: »Sonst im Wahljahr, nicht etwa, weil es so orga-
so ist die Stimmung in beiden Gruppen, ist die CDU einmal Volkspartei gewesen.« nisiert wäre, sondern weil es so chaotisch
brauchten mal wieder ein Projekt, eine Schimke, das muss man wissen, gehört ist und damit unberechenbar. Wohin das
Leitidee, am besten eine gemeinsame. zu den Merz-Ultras, wie sie CDU-intern führen kann, sieht man im Osten, wo es
Unter Helmut Kohl predigten die Kon- genannt werden, dem harten Kern seiner selbst manchem Ministerpräsidenten
servativen noch die »geistig-moralische Anhänger. Andere sehen es differenzier- schwerfällt, die eigenen Leute vom Flirt
Wende«, die der Kanzler nur halbherzig ter. Tilman Kuban etwa, der Chef der Jun- mit der AfD abzuhalten.
verfolgte, die aber einem großen Teil der Laschet weiß von der Gefahr für ihn
Partei half, sich ihrer selbst zu vergewis- im Osten. Sein Glück ist, dass die dortige
sern. In Leipzig wollten die Wirtschafts- Funktionärsebene erkannt hat, wie wich-
liberalen im Bündnis mit Merkel 2003 tig jetzt die Einigkeit ist, sie bemüht sich
das Steuersystem umkrempeln, was am um ein halbwegs belastbares Verhältnis
Ende zwar gestrichen wurde, der CDU zu ihm. Bei den Sachsen schaltete sich
aber für den Moment das Gefühl gab, der Parteichef kürzlich digital in die Vor-
ein Zukunftskonzept zu haben. Seitdem standssitzung und versprach, sich be-
klammern sich alle an die schwarze Null. sonders um die Belange des Ostens zu
Und an Friedrich Merz. kümmern. Auf Merz kam er auch zu
Von der Verengung auf Merz sind die sprechen. Der sei, behauptete Laschet,
Ersten genervt. Er schätze Merz sehr, sagt »ja in keinem anderen Flügel, sondern wir
Wolfgang Bosbach. »Aber wir sollten den- sind beide in der CDU«. Wenn es doch
noch nicht jeden Tag darüber diskutieren, nur so einfach wäre.
welches Amt er vielleicht übernehmen Laschet müsse die Merz-Fraktion ein-
könnte.« Wichtiger sei es, jetzt dafür zu binden, fordern manche. Aber eigentlich
sorgen, den Kurs der CDU stärker zu geht es erst mal darum, sie aufzurichten.
prägen und in gesellschafts- und ordnungs- Er braucht sie, wenn er Kanzler werden
politischen Fragen klarer aufzutreten. will. Zugleich muss er in die politisch an-
Es sind vorsichtige Absetzbewegungen dere Richtung blinken, um Wähler von
von Merz. Aber gehen sie tiefer? den Grünen fernzuhalten. Das wird ein
Dienstagnachmittag, Rangsdorf in Bran- schwieriger Spagat. Das Merz-Lager sich
Britta Konrad

denburg, eine Gemeinde südlich von Ber- selbst zu überlassen ist dabei keine Option.
lin. Jana Schimke empfängt in einem histo- Mit nur einer halben CDU lässt sich die
rischen Backsteinbau, ihrem Wahlkreis- Wahl nicht gewinnen.
büro. Schimke ist Bundestagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete Schimke Noch aber fehlt ein Ansprechpartner,
sie gehört zu jenen in der CDU, die in In- »Wir können auf Merz nicht verzichten« ein neuer Merz. Jemand, der für Zusam-

29
menhalt sorgen kann und trotzdem kon- vor. Darin plädiert er für ein beherztes Ein-
servative Positionen hart vertritt. Merz greifen des Staates bis hin zur Teilverstaat-
konnte sagen, was er wollte: Weil er als lichung, wenn ein bedeutendes Unterneh-
Outsider antrat, hofften die einen, er führe men in ausländische Hände zu geraten
sie zurück in die gute alte Zeit, andere droht. Es mag dafür Gründe geben, aber
glaubten, er könne das Land nach vorn für den Wirtschaftsflügel der CDU sind
bringen. Merz war für viele Konservative solche Schritte eigentlich ein No-Go.
eine Projektionsfläche. Derzeit gibt es nie- Krümmt sich da nicht der Magen? Lin-
manden, der diese Rolle übernimmt. nemann winkt ab. »Wir müssen mal mit
Jens Spahn war mal ein Hoffnungsträ- einem Missverständnis aufräumen in der
ger. Aber unter den Wirtschaftsliberalen CDU«, sagt er. »Manche glauben, für gute
ist der Gesundheitsminister mittlerweile Wirtschaftspolitik reiche es aus, das Wirt-
als »Sozialminister« verschrien. Außer- schaftsministerium zu haben. Bei Ludwig
dem gilt er wegen des Bündnisses mit Erhard war das vielleicht noch so. Heute
Laschet für manche als eine Art Verräter. ist Wirtschaftspolitik ein Querschnittsthe-
Andere wie Parteivize Volker Bouffier ma.« Finanzen, Arbeit, Bildung – alles sei
oder Agrarministerin Julia Klöckner ha- betroffen. »Nehmen Sie die Digitalisie-
ben die besten Zeiten hinter sich. Wieder rung. Die gab es vor 30 Jahren noch gar

Andreas Chudowski / Der Spiegel


andere haben noch nicht mal richtig ange- nicht als Thema. Das Spektrum ist weiter
fangen. So wie Carsten Linnemann. geworden. Das müssen wir verinnerli-
Donnerstag vergangene Woche, ein chen.« Das klingt alles noch sehr vage,
Spaziergang an der Spree. Linnemann aber zumindest mal nach einer Idee.
hat eine knappe Stunde Zeit. Der 43-Jäh- Ein gutes halbes Jahr ist es bis zur Bun-
rige aus Paderborn ist ein kleiner Star in destagswahl, für das Merz-Lager bleibt
der Bundestagsfraktion, jung, dynamisch, nicht viel Zeit, die Sehnsüchte von Wert-
manchmal etwas vorlaut. Chef der Mittel- Wirtschaftsexperte Linnemann konservativen, Merkel-Kritikern und Libe-
standsunion, stellvertretender Fraktions- Für manche die künftige Leitfigur ralen zusammenzubringen.
chef, bestens vernetzt und so superwirt- Markus Söder (CSU) macht vor, wie
schaftsliberal, dass er selbst in der FDP wickelt, was ich mir zutraue, dann würde man Themen, die eigentlich in anderen Par-
auffallen würde. ich das auch machen.« teien angesiedelt sind, einfach kapert. Der
Aber er kämpft auch gegen den politi- Linnemann wird es schwer haben. Ne- Kampf gegen den Klimawandel ist mittler-
schen Islam und forderte vor einiger Zeit ben ihm und Laschet kommen etliche füh- weile fester Bestandteil seines Programms,
eine Vorschulpflicht für Migrantenkinder, rende Christdemokraten aus Nordrhein- die Bewahrung der Schöpfung sieht Söder
die noch kein Deutsch können. Es gab öf- Westfalen. Brinkhaus, der Fraktionschef. neuerdings als urkonservatives Anliegen.
fentlichen Ärger, doch in der CDU kam Paul Ziemiak, der Generalsekretär. Jens Die Liste der Möglichkeiten ist lang. Die
der Vorstoß an. Linnemann hat ein Gespür Spahn. Nach der Wahl dürften alle nach Digitalisierung wird in fast allen Parteien
für konservative Themen. Themen für die Spitzenämtern streben. Nicht auszuschlie- noch immer stiefmütterlich behandelt, die
christdemokratische Seele. ßen, dass Linnemann leer ausgeht. Integrationspolitik schreit nach Verände-
Es gibt Leute, die glauben, Linnemann Dabei könnte gerade der Wirtschaftsflü- rung. Ein lohnendes Feld für Reformen
sei die künftige Leitfigur. »Ihm traue ich gel einen Stürmer ganz gut gebrauchen. bieten auch die Sozialversicherungen und,
am ehesten zu, Anhänger von Friedrich Der Flügel, Kernbestandteil des Merz-La- klar, das Steuersystem.
Merz an die Union zu binden«, sagt Bos- gers, führt seit Jahren ein kümmerliches Die Steuerlast wächst jährlich, die Ein-
bach. »Sollte Ralph Brinkhaus nicht mehr Dasein. Im Schatten der spendierfreudigen kommensteuer ist mittlerweile hoffnungs-
antreten, könnte ich mir Linnemann gut Regierung beziehen die Wirtschafts- und los ungerecht, weil schon mittlere Einkom-
an der Spitze der Fraktion vorstellen oder Finanzpolitiker der Union ihr Selbstbe- men unter den Spitzensteuersatz fallen.
sogar in der Bundesregierung.« wusstsein vornehmlich daraus, Steuerer- Hier böte sich für die Union im Wahl-
Auch Hamburgs Landeschef Christoph höhungen und neue Schulden zu verhin- kampf eine gute Gelegenheit, sich zu pro-
Ploß drängt auf mehr Verantwortung für dern. Ideenloser geht es kaum. filieren, sogar im Lager der Arbeitnehmer.
Linnemann. Es gebe »viele Ämter, für die Der Niedergang der Union als Partei Egal was die Merz-Anhänger vorhaben:
Linnemann infrage kommt«, sagt er. Es des ökonomischen Sachverstands hängt Wollen sie die CDU im Wahlkampf stärker
wäre »sicher gut, wenn Carsten Linne- nicht zuletzt mit ihrem Wirtschaftsminister prägen, brauchen sie nicht nur konzeptio-
mann künftig eine größere Rolle in der zusammen. Altmaier hat zwar eine Büste nelle Klarsicht, sondern auch Durchset-
Partei spielen würde«, sagt Raymond Ludwig Erhards im Foyer seines Ministe- zungsvermögen und Mut, sich gegen die
Walk, Vizelandeschef in Türingen. Andere riums stehen, aber mitunter wirkt es, als Sozialpolitiker in den eigenen Reihen zu
gehen noch weiter: »Mit Linnemann als wollte er dessen Erbe eher abwickeln. Wo stellen – aber auch gegen eigene, überhol-
Kanzlerkandidat hätten wir hier in Sach- Erhard vor zu viel Einfluss des Staates te Überzeugungen.
sen-Anhalt gute Chancen, Wähler zu ge- warnte, macht Altmaier das Gegenteil. Ob Merz dann noch dabei ist? Fraglich.
winnen«, glaubt Gerhard Oertel vom Statt auf Wettbewerb zu setzen, will er ihn In ein paar Wochen, so heißt es, wollen sich
»Konservativen Kreis« in der CDU Sach- zuweilen verhindern. Ein Beispiel: 2019 Laschet und Merz zusammensetzen und
sen-Anhalt. legte er ein industriepolitisches Konzept darüber reden, ob es eine gemeinsame Zu-
Eine nette Fantasie, aber vielleicht gilt kunft gibt. Im März, im April. Irgendwann.
es für ihn erst mal, in die Merz-Lücke zu In den Urlaub hat Merz die Obama-
stoßen? Ach, sagt Linnemann. Man müsse In ein paar Wochen Erinnerungen mitgenommen. Rund 1000
jetzt in »Teams« denken. Er will nicht wollen Laschet und Merz Seiten. Er hat ja jetzt viel Zeit.
drängeln, jedenfalls nicht zu sehr. »Mir ist
immer wichtig: Ich will mich nicht ver-
darüber reden, ob es eine Florian Gathmann, Kevin Hagen, Timo
Lehmann, Veit Medick, Christian Reiermann
biegen. Und wenn sich daraus etwas ent- gemeinsame Zukunft gibt.
30 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021
Deutschland

»Das lassen wir uns nicht gefallen«


SPD Aus Sicht der Sozialdemokraten hat die Union ihren Job bei der Impfstoffbeschaffung schlecht
gemacht. Jetzt schießen selbst zurückhaltende Genossen gegen den Koalitionspartner.

E
nde Januar sieht Hamburgs Erster Belastung der Menschen leicht in Verzweif- Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans
Bürgermeister Peter Tschentscher lung und Protest umschlagen.« etwa über die Untätigkeit des CDU-geführ-
den Kanzleramtschef in einer Die Empörung des Hamburgers illus- ten Bildungsministeriums, wie man aus
Talkshow, und was er da hört, triert eine Entwicklung, die seit Jahres- Parteikreisen hört.
macht ihn wütend. Helge Braun (CDU) beginn von Woche zu Woche an Heftigkeit Tatsächlich hat die SPD längst in den
sagt sinngemäß, die Bundesregierung gewinnt: Zwischen den Koalitionsparteien Angriffsmodus geschaltet und nimmt
habe bei der Impfstoffbestellung keine CDU und CSU auf der einen und der SPD kaum noch Rücksicht auf den Koalitions-
Fehler gemacht. Tschentscher sieht das auf der anderen Seite klafft ein tiefer Riss. partner. Zur Abwechslung gehen die Ge-
völlig anders. Viel Zeit verbringen die Partner damit, nossen dabei abgestimmt vor, mit Frontal-
Der Sozialdemokrat hat das Papier vor sich gegenseitig Versäumnisse beim Kampf angriffen aus den Landesregierungen und
Augen, das der Bundesgesundheitsminis- gegen die Pandemie vorzuwerfen. der Parteizentrale und gelegentlichen Na-
ter im Oktober verschickt hatte und in Den Eindruck können auch die jüngsten delstichen aus der Bundesregierung durch
dem 5 Millionen bis 12,5 Millionen Dosen Beschlüsse für neue Hilfen in der Pande- Finanzminister Scholz.
des Biontech-Impfstoffs bis Ende 2020 in mie nicht verwischen, den die Koalitionäre Die Union bemüht sich, die Kritik als
Aussicht gestellt wurden. Tschentscher bei ihrem Gipfel am Mittwoch fassten. Wahlkampfmanöver der SPD abzutun.
erinnert sich, wie er sich damals für Ham- Nach diesen Runden betonen zwar beide Doch jedenfalls im Fall von Tschentscher
burg mindestens 7000 Impfungen pro Tag Seiten gern die große Einigkeit und Har- verfängt das nicht. Der Hamburger muss
ausrechnete und dann in wenigen Wochen monie in der Koalition. Doch hinter den in nächster Zeit keine Wahl gewinnen, hat
ein Impfzentrum mit Ärzten und Pflegern Kulissen schimpfen die SPD-Vorsitzenden also kein Profilierungsproblem. Sein Ärger,
organisierte. Um später zu er- für Fehler in Haftung genommen
fahren, dass Deutschland vor- zu werden, die er der Union zu-
erst doch nur sehr wenige Impf- schreibt, wiegt schwerer.
dosen von Biontech bekom- Genervt sind die Sozialdemo-
men würde. kraten auch von Gesundheits-
Aus seiner Sicht hat Tschen- minister Jens Spahn (CDU).
tscher seinen Job gemacht, an- Der sei immer schnell zur Stelle,
ders als der Bundesgesundheits- wenn es Erfolge in der Pande-
minister und das Kanzleramt, miebekämpfung zu vermelden
die für die Impfstoffbeschaffung gebe, schimpfen sie. Beim ver-
zuständig sind. Und jetzt hört patzten Impfstart stehle er sich
er, wie Braun im Fernsehen das aber aus der Verantwortung.
Gegenteil behauptet. »Unsere Ministerpräsidenten
Aber es gibt etwas, das den bekommen Prügel für Sachen,
eigentlich zurückhaltenden Han- die Spahn und Merkel verbockt
seaten Tschentscher noch mehr haben«, sagt Daniel Stich, SPD-
aufbringt. Seit Januar verbreite Generalsekretär in Rheinland-
das Kanzleramt eine Deutung, Pfalz. »Das lassen wir uns nicht
die der SPD-Mann brandgefähr- mehr gefallen.«
lich findet: Die Infektionszah- Der ganze Frust entlud sich
len seien so hoch, weil die Mi- bereits in der letzten Januar-
nisterpräsidenten im Herbst woche bei einer Videokonfe-
härtere Maßnahmen verhindert renz. Am Dienstag tagte die so-
hätten. genannte A-Länder-Runde mit
Als Tschentscher am Telefon den SPD-Ministerpräsidenten,
davon erzählt, wird er emo- der Partei- und Fraktionsspitze
tional: »Sehen Sie sich die Be- sowie Vizekanzler und Finanz-
schlussvorlage des Kanzleramts minister Olaf Scholz. Die Füh-
vom 14. Oktober an. Das haben rung lag eigentlich bei der rhein-
wir fast wortgleich so beschlos- land-pfälzischen Regierungs-
sen!« Dennoch sei später ver- chefin Malu Dreyer. Doch diese
Hans Christian Plambeck / laif

breitet worden, die Minister- Runde hatte Manuela Schwesig


präsidenten hätten die Infek- eingefordert. Neben Lars Kling-
tionslage auf die leichte Schul- beil und Carsten Schneider
ter genommen, und deswegen treibt sie seit Wochen die An-
sei jetzt alles noch schwerer. griffe gegen die Union voran.
»Das untergräbt das Vertrauen »Wir hatten eine klare Aufga-
der Bevölkerung in unsere Ent- Genossen Esken, Scholz benteilung«, sagt Schwesig dem
scheidungen. Dadurch kann die »Nicht derselbe Scheiß« SPIEGEL: »Die Länder küm-

31
mern sich um die Impfzentren und die mo- Scholz will die SPD auch BASF-Chef Martin Brudermüller zu-
bilen Teams und der Bund um den Impf- geschaltet werden. Er wird der Runde be-
stoff. An Letzterem mangelt es.« wegführen vom Image richten, welche Herausforderungen auf ein
Die Genossen einigten sich in der Vi- des Quengelpartners Unternehmen zukommen, das sich dauer-
deoschalte, einen Impfgipfel zu fordern, haft von fossilen Energieträgern verab-
mit Vertretern der Hersteller und der EU- in der Koalition. schieden will.
Kommission. Tenor der Runde: Wir müs- Die Runde am Sonntag beschäftigt sich
sen das jetzt eskalieren. Am nächsten Tag EU sei »scheiße gelaufen«, wetterte Scholz, zudem mit der Wende zur Elektromobili-
machte Dreyer die Forderung öffentlich. jetzt komme es darauf an, dass bei der Ver- tät und der Förderung des öffentlichen
»Wir brauchen einen klaren und transpa- impfung »nicht derselbe Scheiß« passiere. Nahverkehrs auf dem Land. Insgesamt sol-
renten Impfstoffplan für die kommenden Der Ausbruch motivierte sogar Merkel zu len vier bis fünf »Missionen« definiert wer-
Monate«, sagte sie. Merkels Versprechen, einem seltenen Widerspruch gegen ihren den, mit denen die Sozialdemokraten ihre
allen bis zum 21. September ein Impfan- Vizekanzler: Die EU habe doch doppelt Zukunftsfähigkeit beweisen wollen.
gebot zu machen, stehe auf dem Spiel. so viel Impfstoff bestellt, wie sie Einwoh- Unter die Leute bringen will Scholz sei-
Mehrere von Dreyers Kollegen zogen ner habe, ob das nicht genug sei. ne Strategie in 299 virtuellen »Townhall-
nach. Zwei Tage später schaltete sich die Den Einwand, er habe als Vizekanzler Meetings«. Bis zum Sommer wird er jeden
Runde erneut zusammen. Michael Müller den Kurs mitgetragen und sei in alle Ent- Wahlkreis per Videoschalte besuchen. Ein-
wurde beauftragt, einen Brief an Merkel scheidungen eingebunden gewesen, lässt wählen dürfen sich die örtlichen Direkt-
zu schreiben. Man erhoffe sich »einen Im- Scholz nicht gelten. Er habe immer wieder kandidaten und Parteimitglieder.
puls für unsere weitere Arbeit«, schrieb nachgefragt, heißt es in seinem Umfeld, Für die Wahlkampfstrategen der SPD
Berlins Regierender Bürgermeister. Des- doch die entscheidende Information, dass steht fest, dass Scholz in den kommenden
halb wäre es »wichtig, wenn diese Punkte die EU mehr Impfstoff hätte bestellen kön- Wochen und Monaten als Kandidat stär-
möglichst konkret besprochen werden«. nen, sei ihm vorenthalten worden. ker in den Vordergrund treten muss.
Die Frage ist: Wo steht Scholz? Der Dass sich die rote Offensive noch nicht Schwierig wird es, die Botschaften des
Kanzlerkandidat gab sich zunächst vor- in den Umfragen bemerkbar macht, beun- Kanzleranwärters auf die möglichen Stim-
sichtig. Erstmals trat er als Kritiker in Er- ruhigt Scholz dem Vernehmen nach nicht. mungslagen des Wahlvolks zuzuschnei-
scheinung, als die SPD-Länderchefs Spahn Wichtig sei jetzt, heißt es, dass die SPD den. Niemand weiß, wie sich die Corona-
den Fragenkatalog zur Impfstoffbestellung Rheinland-Pfalz bei der Landtagswahl im pandemie entwickelt. Gut möglich, dass
schickten. Scholz sprach Spahn vor allen März halten könne. Den Durchbruch er- die Wähler den Sommer in Partystimmung
Ministerkollegen darauf an. wartet Scholz erst für den Sommer. verbringen, weil immer mehr geimpft wer-
Vertrauten erklärte er, dass seine Unter- Und er hat schon einen Plan geschmie- den. Im schlimmsten Fall aber reiht sich
stützung für die Fragenliste nötig sei, damit det, wie er die SPD wegführen will vom Shutdown an Shutdown, weil Vakzinen
die enttäuschten Bürger nicht dächten, in Image des Quengelpartners in der Koali- fehlen und Mutanten grassieren.
der Regierung steckten alle unter einer tion. Am Sonntag bei der Vorstandsklau- »Für Wahlkämpfer gibt es nichts Ge-
Decke. Normalerweise bemüht sich Scholz, sur geht es vor allem um Zukunftsfragen. fährlicheres, als mit ihren Botschaften an
offene Attacken auf Ministerkollegen zu Dann will Scholz mit den Spitzengenos- den Gefühlen und am Denken der Wähler
vermeiden. Aber jetzt nahm er das Risiko sen diskutieren, was das Land und seine vorbeizusenden«, sagt das Scholz-Lager.
in Kauf. Muss ein sozialdemokratischer Wirtschaft dem drohenden Klimawandel Doch die Frage ist, wie konsequent die
Kanzlerkandidat nicht zeigen, dass ihm entgegensetzen sollen. Was ist zu tun, da- Strategie in Scholz’ eigenem Fachgebiet
das Schicksal der Menschen am Herzen mit Deutschland tatsächlich bis zur Mitte ausfällt: der Steuerpolitik.
liegt, deren Existenzen in unterschiedlichs- des Jahrhunderts klimaneutral wirtschaf- Auf jeden Fall werden die Sozialdemo-
ter Weise von Corona bedroht werden? tet, und was kann die Politik dazu beitra- kraten einen Klassiker aufwärmen, der für
Seitdem agiert Scholz mal subtil, indem gen? Vor allem wird es um die Wasserstoff- sie immer funktioniert. Untere und mitt-
er in einem Interview Zweifel anmeldet, technologie gehen, für die sich Scholz in lere Einkommen will Scholz bei der Ein-
ob das Versprechen der Kanzlerin, »bis jüngster Zeit nachhaltig erwärmt hat. kommensteuer entlasten, für höhere Ein-
Ende des Sommer« alle Deutschen zu imp- Bei den Diskussionen verlässt er sich kommen den Spitzensteuersatz erhöhen.
fen, wohl zu halten sei. Mal geht es deftiger nicht allein auf die Kenntnis seiner Genos- Auch die Vermögensteuer will er wieder-
zu, wie am Montag im Corona-Kabinett. sen. Wie aus dem Willy-Brandt-Haus zu beleben. Zugleich plant er aber just in die-
Die Beschaffung der Impfstoffe durch die hören ist, soll bei der virtuellen Sitzung sen Tagen eine Steuererhöhung, die eher
nicht die Besserverdienenden treffen wird:
Der Finanzminister bringt eine Tabaksteu-
Großer Graben ererhöhung auf den Weg. Vom 1. Januar
»Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre?« 2022 soll die Packung mit 20 Zigaretten
40 % fünf Jahre lang jeweils um 5 Cent teurer
Bundestagswahl 24. Sept. 2017 werden, Drehtabak um bis zu 15 Cent je
37% Packung. Der Preis für Zigarren und Zi-
32,9%
CDU/CSU garillos soll entsprechend steigen.
30 Sogar die beliebten E-Zigaretten will
der Minister erstmals besteuern. Jeder
Schritt bringt dem Bund zusätzlich zwei
20
20,5% Milliarden Euro.
Die gute Nachricht: Das Geld kann jede
SPD
Regierung, gleich welcher Couleur, nach
15% der Coronakrise gut gebrauchen.
10
Christian Reiermann, Lydia Rosenfelder,
29. Sept. 2017 6. März 2020 28. Jan. 2021 Christian Teevs
Quelle: Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF; rund 1250 Befragte; Schwankungsbreite bei einem Anteilswert von 40 Prozent rund +/- drei Prozentpunkte.

32
Deutschland

Phillip Spalek / laif


Bundeswehrpanzer bei Nato-Einsatz in Litauen: Eine Ausgabenkurve, so flach wie die norddeutsche Tiefebene

In der Parallelwelt
Bundeswehr Die geheime »Finanzbedarfsanalyse 2022« des Verteidigungsministeriums zeigt:
Den Streitkräften geht das Geld aus. Für ihre längst überfällige Modernisierung
fehlen die Mittel, und Deutschland wird seine Bündniszusagen kaum erfüllen können.

I
n der Hauptstadt kennt man das amerikanischen Beziehungen. Der Titel: wird.« Der Mann gehört zu den wenigen
Phänomen schon länger. Jene »Vier- »Das transatlantische Band wieder stär- in der Bundeswehrführung, denen in die-
Augen-Gesellschaft«, die der dama- ken«. sen Tagen die vertrauliche »Finanzbedarfs-
lige Kanzleramtschef Bodo Hom- Unter Punkt zwei heißt es da, man wer- analyse 2022« des Verteidigungsministe-
bach schon 1998 beschrieb. Gerade in de die Nato »als Rückgrat der eurotrans- riums zugesandt wurde.
Wahljahren, so Hombach, werde fein un- atlantischen Sicherheit« zukunftsfest ma- »Es wird deutlich«, schreibt General-
terschieden zwischen einer öffentlichen chen: »Deshalb werden wir unsere Inves- inspekteur Eberhard Zorn in seinem Be-
Debatte, »in der Illusionen ungestraft ver- titionen in Verteidigung konsequent im gleitbrief zu diesem Dokument des Schre-
breitet werden können«, und der privaten Sinne unserer Zusagen vom Nato-Gipfel ckens, »dass die erforderlichen Ressour-
Diskussion unter vier Augen zwischen Ex- in Wales (darunter das Zweiprozent-Ziel) cen nicht in Deckung mit den zur Verfü-
perten und Politikern, in der man sich weiter erhöhen und damit auch künftig gung stehenden und vor allem perspek-
»stöhnend die Wahrheit sagt«. der Nato zehn Prozent ihrer Fähigkeiten tivischen Finanzmitteln in Einklang zu
Wie die Berliner »Vier-Augen-Gesell- zur Verfügung stellen.« bringen sind.«
schaft« im Wahljahr 2021 funktioniert, Ein hoher Offizier, der wie alle Infor- So funktioniert sie, die »Vier-Augen-
ließ sich am 26. Januar besichtigen. Da manten in dieser Geschichte nicht genannt Gesellschaft« der Hauptstadt. Die Unions-
verabschiedete die CDU/CSU-Bundes- werden darf, war verblüfft, als er das fraktion versichert der Nato und damit
tagsfraktion wenige Tage nach der Amts- Unionspapier las. »Das hat mir fast die auch den Amerikanern öffentlich, man
einführung des neuen US-Präsidenten Joe Beine weggerissen«, sagt er, »diese Paral- werde alle Zusagen gegenüber dem Bünd-
Biden ein Positionspapier zu den deutsch- lelwelten, in denen da im Moment operiert nis einhalten. Und gleichzeitig schreibt der

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 33


oberste Soldat der Bundeswehr einen
vertraulichen Brief an die Führungsspitze
des unionsgeführten Verteidigungsministe-
riums, in dem er darlegt, dass genau diese
Ziele nicht zu erreichen sind.
Es ist klar, warum diese Botschaft besser
nicht nach außen dringen sollte. »Wie wol-
len Sie das Biden erklären, wenn der das
erste Mal nach Europa kommt?«, fragt der
hohe Offizier.
Die Zeiten, in denen man in Berlin die
Schuld am schlechten deutsch-amerikani-
schen Verhältnis dem Horrorclown im
Weißen Haus in die Schuhe schieben konn-
te, sind vorbei. Mit der Abwahl Donald
Trumps regiert in Washington nun wieder
ein Transatlantiker. Alles gut also?

United Archives GmbH / action press


Mitnichten. Der Ton wird freundlicher
werden, aber die Zahl der Konflikte nimmt
dadurch nicht ab. Biden verübelt Angela
Merkel, dass die EU noch kurz vor seiner
Amtseinführung ein Handelsabkommen
mit China abgeschlossen und die Kanzle-
rin das nicht verhindert hat. Warum, so
fragt man sich in Washington, haben die
Europäer nicht gewartet, um eine gemein- Ministerin Kramp-Karrenbauer, Soldaten: Maximaler Druck mit einem Horrorszenario?
same Position des Westens gegenüber dem
Regime in Peking aufzubauen?
Dann das Pipelineprojekt Nord Stream 2. mal mehr als 100 Seiten Anlagen, auf de- auf absehbare Zeit keine finanzplaneri-
Seit der Verhaftung und Verurteilung des nen bei Tausenden Einzelposten der Kos- schen Spielräume ergeben.«
Kremlkritikers Alexej Nawalny gerät die tenbedarf der nächsten Jahre projiziert Im günstigsten Fall, glauben die Planer
Bundesregierung immer stärker unter wird – von der »Mars II Rakete 298 mm« im Verteidigungsministerium, werde der
Druck, das umstrittene Vorhaben endlich bis zum »Maschinengewehr mittel MG5 Finanzminister den bisherigen Finanzplan
fallen zu lassen. 1. Los«. einfach um ein Jahr verlängern. Die Aus-
Biden fehlt jedes Verständnis für die Am 17. März will Finanzminister Olaf gabenkurve bliebe weiter so flach wie bis-
deutsche Position. Und einer überwälti- Scholz die »Eckwerte« für den Haushalt her. Im ungünstigsten Fall würde sie sogar
genden Mehrheit im US-Kongress auch. 2022 vorlegen. Im Verteidigungsministe- leicht nach unten zeigen.
Da hilft es nicht, dass die Bundesregierung rium blicken sie auf diesen Termin wie das Dieses Worst-Case-Szenario wollen
versichert, weitere EU-Sanktionen gegen Kaninchen auf die Schlange. Denn an je- sich die Planer in ihrem Papier gar nicht
Russland anzustreben. nem Tag wird sich nicht nur entscheiden, erst vorstellen, denn die wahrscheinliche-
Und schließlich die deutschen Verpflich- wie viel Geld die Bundeswehr im nächsten re Variante ist schon düster genug. Die
tungen gegenüber dem westlichen Bünd- Jahr bekommen soll. Der Finanzminister Experten des Ministeriums gehen davon
nis. Das erste Videotelefonat von Vertei- wird auch den neuen Finanzplan vorle- aus, dass die Betriebskosten der Streit-
digungsministerin Annegret Kramp-Kar- gen, in dem die Ausgabenentwicklung der kräfte pro Jahr um zwei bis drei Prozent
renbauer mit ihrem neuen US-Kollegen vier Jahre von 2023 bis 2026 festgelegt steigen werden, also die Ausgaben für Ge-
Lloyd Austin begann zwar höflich mit wird. hälter, Versorgungsansprüche, Mieten
Anekdoten aus seiner Zeit als Soldat in Die Bundeswehrplaner rechnen mit oder die Instandhaltung von Kasernen
Deutschland. Doch dann fiel schon das lei- dem Schlimmsten. Schon im letzten Vier- und Gerät.
dige Stichwort »burden sharing«, also die jahresplan blieb die Ausgabenkurve so Wird der bisherige Finanzplan fortge-
gerechte Teilung der Lasten. flach wie die norddeutsche Tiefebene. Der schrieben und der Verteidigungshaushalt
Kramp-Karrenbauer gibt sich keinen Il- Verteidigungshaushalt stieg zwar im ers- bleibt auf dem heutigen Niveau, würden
lusionen hin. Auch die neue US-Adminis- ten Jahr leicht um 2,8 Prozent auf knapp allein diese Betriebskosten ab 2027 das
tration wird verlangen, dass die Deutschen 47 Milliarden Euro an, um sich dann in komplette Budget auffressen. Dabei muss
ihre Zusage, nämlich zwei Prozent der den Folgejahren auf etwas über 46 Milli- die Bundeswehr eigentlich wie jedes Wirt-
jährlichen Wirtschaftsleistung für die Ver- arden einzupendeln. schaftsunternehmen regelmäßig investie-
teidigung auszugeben, gegenüber der Nato Warum sollte es dieses Mal besser wer- ren, um ihre Ausrüstung auf dem neuesten
endlich erfüllen. Bleibt der Verteidigungs- den? »Durch die wegen des Corona-Ein- Stand zu halten.
haushalt auf dem Niveau von heute, wäre flusses unter Druck stehende gesamtwirt- Die Nato verlangt von ihren Mitglie-
das jedenfalls nicht die ausgestreckte schaftliche Lage Deutschlands«, heißt es dern, dass sie 20 Prozent ihrer Verteidi-
Hand, die man in Washington erwarte, in der Finanzbedarfsanalyse, »werden sich gungsausgaben in Rüstung investieren.
sagt einer ihrer Berater. Die Bundeswehr kommt aktuell noch auf
Das macht die geheime »Finanzbe- eine Investitionsquote von 17 Prozent.
darfsanalyse 2022« des Verteidigungs- Den Militärs droht Bleibt der Verteidigungshaushalt aber in
ministeriums so brisant. Auf 38 Seiten le- in den nächsten den nächsten Jahren auf dem heutigen
gen die Bundeswehrplaner dar, wie viel Niveau, wird diese Quote ständig sin-
Geld die Streitkräfte in den nächsten Jah- Jahren ein gewaltiger ken, weil ja die Betriebskosten Jahr für
ren brauchen. Dazu kommen noch ein- Investitionstsunami. Jahr steigen.

34
Deutschland

Es ist ein Teufelskreis. Der Bundeswehr nungsziele und EU-Vorgaben«) heißt es tegie, die Ursula von der Leyen als Minis-
fehlt das Geld, um ihre Ausrüstung zu mo- nüchtern, »zahlreiche zur Erfüllung der terin zur Perfektion entwickelt hatte. Sie
dernisieren. Die Panzer und Kampfflug- Nato-Planungsziele erforderliche Rüs- hatte schnell erkannt, dass prestigereiche
zeuge werden immer älter und anfälliger, tungsprojekte« ließen sich mit der derzei- Großprojekte nicht nur bei den Verbünde-
ihr Unterhalt wird immer teurer. Damit tigen Finanzplanung »nicht oder nicht ten gut ankamen, sondern auch in Haus-
wird im Verteidigungshaushalt der Anteil mehr zeitgerecht realisieren beziehungs- haltsverhandlungen als Druckmittel ge-
der Betriebskosten immer größer, wäh- weise initiieren«. So werde es »abermals nutzt werden konnten.
rend gleichzeitig die Investitionsquote nicht gelingen«, den Finanzbedarf »zur Er- Das Von-der-Leyen-Prinzip war simpel.
sinkt. Der Effekt verstärkt sich also selbst. füllung der gegenüber der Nato gemachten Erst gigantische Forderungen stellen, um
Zudem droht den Militärs in den nächs- Zusagen und Verpflichtungen ausreichend dann am Ende zumindest etwas mehr
ten Jahren ein gewaltiger Investitions- mit Ressourcen zu hinterlegen«. Geld als geplant zu bekommen. Als ihre
tsunami, weil wichtige Waffensysteme Dann werden die Planer konkret. So Generäle vorschlugen, die Bundeswehr
dann nach Jahrzehnten endgültig ver- fehle bisher das Geld, um den altersschwa- von 180 000 auf 200 000 Männer und
schlissen sind und auf einen Schlag ersetzt chen Transporthubschrauber CH-53 zu Frauen aufzupumpen, willigte die Minis-
werden müssen. Allein die Nachfolge- ersetzen. Doch das habe die Bundeswehr terin sofort ein. Mit den Folgen wird die
lösung für das Kampfflugzeug »Tornado« der Nato gleich für vier Szenarien zuge- Bundeswehr noch Jahre kämpfen. Wenn
wird deutlich mehr als zehn Milliarden sagt: den schnellen Transport von Solda- diese Personalstärke irgendwann erreicht
Euro kosten, die Nachfolge des Uralt- ten zum Gefecht, die Bergung von Ver- ist, belasten allein die zusätzlichen Perso-
hubschraubers CH-53 fünf bis zehn Mil- wundeten, die Rettung von Soldaten aus nalkosten für diese 20 000 Soldaten die
liarden, der Ersatz für das alternde Luft- Gefahr und die Verlegung von Spezial- Truppe jedes Jahr mit zwei Milliarden
abwehrsystem »Patriot« noch einmal um kräften. Euro.
die zehn Milliarden. Auch beim Seekampf beispielsweise Mithilfe ihrer Rüstungsmanagerin, der
Doch woher soll das Geld plötzlich kom- werde man seine Zusagen nicht einhalten früheren McKinsey-Beraterin Katrin Suder,
men? »Zur Deckung des unabdingbaren können. Die Projektverzögerung bei der versuchte die Ministerin, die desaströse
Bedarfs und der Vorbelastungen wird ein neuen Fregatte 126 »wird die zeitgerechte Rüstungsbürokratie zu reformieren. Ein
Finanzbedarf von rund 50,7 Milliarden Erreichung der Planungsziele erheblich guter Ansatz, aber als sie nach mehr als
Euro in 2022 bis rund 49,6 Milliarden Euro einschränken«, schreiben die Planer, die fünf Jahren im Berliner Bendlerblock nach
in 2026 erforderlich«, schreiben die Bun- sich über die Reaktion der Nato-Partner Brüssel wechselte, war das Projekt geschei-
deswehrplaner in ihrer Analyse. Allein keine Illusionen machen. tert. Und hinterließ den Kollateralschaden,
schon diese »Minimallinie« liegt mehrere So habe Deutschland auf dem Nato-Ver- dass sich fast alle großen Rüstungsprojekte
Milliarden über dem bisherigen Finanz- teidigungsminister-Treffen im Juni 2020 auf Jahre verzögern sollten.
plan. »Maßnahmen zur Stärkung der Integrier- Mit den Folgen kämpft jetzt die Nach-
Will die Bundeswehr die Nato-Quote ten Luftverteidigung zugestimmt«. Doch folgerin. Am Mittwoch schickte Kramp-
von 20 Prozent für Rüstungsinvestitionen wenn die Finanzierung für das entspre- Karrenbauers Staatssekretär den Haushäl-
einhalten, ist die Lage noch düsterer. chende Projekt jetzt nicht gesichert sei, tern im Bundestag eine vertrauliche Liste
Selbst wenn der Verteidigungshaushalt, »wird dies in der Allianz zu erheblicher mit zentralen Großprojekten, die gestri-
wie von der Bundesregierung versprochen, Kritik führen«. chen werden könnten, »weil die Finanzie-
bis 2024 auf 1,5 Prozent der jährlichen Mit leichter Verzögerung wird die Bun- rung zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesi-
Wirtschaftsleistung und danach in Rich- deswehr nun auch spätes Opfer einer Stra- chert ist«. Es scheint so, als wollte Kramp-
tung 2 Prozent ansteigen würde, reiche Karrenbauer die Methode ihrer Vorgänge-
das »zur Deckung des Bedarfs nicht aus«, rin kopieren und mit einem Horrorszena-
heißt es in dem Dokument. Auf verlorenem Posten rio maximalen Druck vor den Haushalts-
Um aber den kompletten Bedarf bis Jährlicher Finanzbedarf der Bundeswehr in Mrd. € verhandlungen aufbauen.
2026 zu decken, schreiben die Planer, In der Tabelle sind 15 Projekte aufge-
müsste der Verteidigungshaushalt auf eine Q Rüstungsinvestitionen Q Betrieb listet, von denen die meisten unentbehr-
»rechnerische ›Maximallinie‹« erhöht wer- bisher geplanter Haushalt lich sind für die Bundeswehr. Da steht das
den, und die hat es in sich. Die Steigerun- Bei Ausgaben von 1,5% des BIP Nachfolgemodell für den überalterten
gen, um die es geht, sind astronomisch. Im im Jahr 2024 und 2% des BIP bis 2031* »Tornado«-Kampfjet genauso wie der
nächsten Jahr müsste der Wehretat um neue Transporthubschrauber, die Moder-
9 Milliarden Euro erhöht werden, 2024 100 nisierung des »Eurofighters« oder die
um 15,9 und zwei Jahre später sogar um neue Raketenabwehr, in die schon Hun-
20,7 Milliarden. Völlig undenkbar, vor al- derte Millionen investiert wurden. Alles
lem nachdem Corona die öffentlichen 80 scheint zur Disposition zu stehen.
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Haushalte verwüstet hat. Es ist ein riskanter Erpressungsversuch.
Was also tun? Man müsse untersuchen, Scheitert die Ministerin, sind die Folgen
heißt es in der Geheimanalyse, ob es nicht 60 für das deutsch-amerikanische Verhältnis
bei einem zeitlich begrenzten »Verzicht 53 und das transatlantische Bündnis unüber-
auf Fähigkeiten« möglich sei, die »Rea- 46 sehbar. Doch werden sich der Finanzmi-
lisierung der Bedarfe wieder beherrschbar 40 nister und am Ende auch die Kanzlerin so
zu machen«. Einfach gesagt: Die Bundes- beeindrucken lassen?
wehr sollte den Offenbarungseid leisten. Die Planer in Kramp-Karrenbauers Mi-
Die internen Berechnungen zeigen, wie 20 nisterium sind nicht sonderlich hoffnungs-
dramatisch die Lage der Streitkräfte inzwi- froh. Sie rechnen sicherheitshalber schon
schen ist. Chronisch unterfinanziert, wird mal mit dem Schlimmsten.
die Bundeswehr auch die deutschen Zusa- 0
Matthias Gebauer, Konstantin
gen an die Nato kaum erfüllen können. 2021 2026 2031
von Hammerstein
Unter Punkt 5.4 (»Erreichen Nato-Pla- * Herbstprojektion des BMWi; Quelle: BMVg

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 35


dann noch ruhig und gelassen zu bleiben, wenn allen um
Markus Feldenkirchen
sie herum die Düse ging. Übersehen wurde bei dieser
Erzählung die Schattenseite dieser Ruhe: die Passivität.

Unterlassene Das Problem ist nicht, dass Angela Merkel in der Corona-
Zeit vieles falsch entschieden hätte. Das Problem ist all
das, was sie gar nicht erst versucht hat. Es ist die politi-
sche Version der unterlassenen Hilfeleistung.

Hilfeleistung Fast nichts, was den Verlauf der zweiten Welle rechtzei-
tig hätte abmildern oder sie gar verhindern können, wur-
de in Deutschland früh und entschlossen eingesetzt. Die
Corona-Warn-App ist und bleibt, so wie sie konzipiert ist,
Essay Der lange gerühmte Führungsstil von Angela ein Witz. Bis heute sind die Bürger nicht ausreichend mit
Merkel wird in der Pandemie zum Problem. medizinischen Masken versorgt, von besser schützenden
FFP2-Masken ganz zu schweigen. Dass Alten- und Pflege-
Es fehlen Kreativität, Elan und Ambition. Das hat heime mit allem erdenklichen Engagement geschützt
gravierende Folgen fürs Land. werden müssten, ist schon seit dem Frühjahr Allgemein-
wissen. Um die dafür notwendigen Mittel wird bis heute
gerungen. Schnelltests sind bereits seit dem Frühsommer
auf dem Markt. Doch statt sie von staatlicher Seite zu
evor die Pandemie einsetzte, war das Skript für erwerben, und zwar milliardenfach, um sie dann unters

B die Endphase der Kanzlerschaft Angela Merkels


so gut wie geschrieben. Bewunderung würde sich
mit vorauseilender Wehmut mischen. Jeder Ver-
gleich mit ihren potenziellen Nachfolgern würde Merkel
Volk zu bringen, wurden bei den Herstellern nur gewisse
Kontingente für Pflegeheime reserviert – und der Rest
dem freien Markt überlassen.
Die Gesundheitsämter, deren Nachverfolgungskapazi-
noch etwas heller strahlen lassen. tät zum zentralen Faktor für Schließungen und Lockerun-
In der ersten Phase der Pandemie erreichte die Merkel- gen erkoren wurde, sind noch immer personell und digital
Verehrung bereits ihren frühzeitigen Höhepunkt. Deutsch- so mies ausgestattet wie eine herkömmliche Amtsstube
land kam besser als andere Länder durch die Krise, auch der Neunzigerjahre. Und wo blieb der Auftrag für Stu-
weil es Glück hatte, aber nicht nur. Angela Merkel hatte dien, um präziser herauszufinden, in welchen Bereichen
früh die Gefährlichkeit des Virus verstanden und die rich- der Gesellschaft viele Ansteckungen erfolgen und wo
tigen Maßnahmen eingeleitet. In einer ihrer eher seltenen eher nicht? Ohne sie tappt die Politik weiter im Dunkeln
großen Reden traf sie im Frühjahr den richtigen Ton und muss das Virus mit dem Hammer bekämpfen statt
und motivierte so Millionen Bürger, tatsächlich zu Hause mit gezielten Stichen. Die Liste der verschlummerten
zu bleiben. Wäre sie im vergangenen Sommer zurück- Gelegenheiten ließe sich fortsetzen, würde aber den Rah-
getreten, was sich mitten in einer Krise natürlich ohnehin men dieses Textes sprengen.
verboten hätte, wäre Merkel nur schwer an der Heilig- Nicht jeden der vielen Fälle staatlichen Versagens hat
sprechung vorbeigekommen. die Kanzlerin zu verantworten. Auch Landräte, Daten-
Im Frühjahr, als man noch sehr wenig über das Virus schutzbeauftragte, Länderminister, Ministerpräsidenten
wusste, waren Schließungen das einzige wirksame oder manche Bundesminister tragen zum Ausfall bei. Für
Instrument, das der Politik zur Verfügung stand. Man einige Bereiche, die Schulen etwa, besitzt die Bundes-
brauchte weder Kreativität noch kanzlerin formal gar keine Zuständigkeit. Aber niemand
besonderen Elan, um das Richtige zu hätte sich beschwert, wenn auch sie mal skizziert hätte,
Noch immer unter- tun. Man musste den Laden einfach wie es sich in Pandemiezeiten besser unterrichten ließe.
liegt die Angela- dichtmachen. Und das tat die deutsche Es gab keinen App-Gipfel unter ihrer Leitung. Keinen
Kanzlerin hinreichend beherzt. Schnelltest-Gipfel. Keinen Masken-Gipfel. Keinen Alters-
Merkel-Betrachtung Die frühe Schließung ist bis heute heim-Gipfel. Keinen Gesundheitsämter-Gipfel. Keinen
einer gewissen Merkels Paradedisziplin. Das kann sie Schul-Gipfel. Und ein Impf-Gipfel der Bundeskanzlerin
besser als alle anderen im Land, gera- fand nicht etwa im vergangenen Juli statt. Auch nicht
Verklärung. de im Vergleich zu vielen Minister- im September. Nicht vor Weihnachten. Ja, nicht mal zu
präsidenten. »Dann sitzen wir in zwei Jahresbeginn, als längst offensichtlich war, dass es viel
Wochen eben wieder hier.« Ihr trot- zu wenig Impfstoff gibt und es nichts bringen würde, sich
ziger Satz von Mitte Oktober, als ein Großteil der Länder- selbst weiter auf die Schulter zu klopfen.
chefs schärfere Maßnahmen nicht für nötig hielt, ist
bereits heute legendär. Sie sollte recht behalten. Während
andere Entscheidungsträger längst der Hybris erlagen, m Sommer drängte die Kanzlerin darauf, die Verhand-
sich von den Erkenntnissen der Wissenschaft zu eman-
zipieren, blieb Merkel erfreulich stur bei den Fakten. Lei-
der ist das Drängen auf rechtzeitige und ausdauernde
Schließungen und Shutdown-Verlängerungen bis heute
I lungen mit den Impfstoffherstellern der EU-Kom-
mission zu überlassen. In der Folge ließ ihr Interesse an
deren Fortgang rapide nach. Daran vermochte auch
der Umstand nichts zu ändern, dass Deutschland im ent-
ihre einzige richtige Antwort auf die Krise geblieben. Es scheidenden Zeitraum die EU-Ratspräsidentschaft innehatte.
kam nichts hinzu. Was für die erste Welle genügte, ist Dabei hätte es für das Wohlergehen des Landes und des Kon-
für die zweite oder dritte aber bei Weitem zu wenig. Der tinents keine wichtigere Aufgabe gegeben. So stand am Ende
aufwendigere Teil der Pandemiebekämpfung misslang. ein Einkaufsprozess, der zögerlicher und knausriger nicht
Irgendwie hatte sich über die Jahre die Erzählung ver- hätte sein können. Mit dem allseits bekannten Ergebnis.
festigt, Angela Merkel sei eine begnadete Krisenkanzlerin. Ein Impfgipfel im Kanzleramt fand dann doch noch
Vermutlich lag das an ihrer unbestreitbaren Gabe, auch statt: in dieser Woche. Aber auch nur, weil er der Kanzle-

36 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Deutschland

reichende Reformen verordnen, vor allem in der Gesund-


heits- und Steuerpolitik. Kritiker bezichtigten sie der
sozialen Kälte, des neoliberalen Denkens. Doch egal wie
man inhaltlich zu ihren Ideen stand, sie wirkten ambitio-
niert. Paradoxerweise hätte ihr damaliger Gestaltungs-
drang beinahe ihre Kanzlerschaft verhindert. Bei der Bun-
destagswahl 2005 wurde sie von vielen Wählern für ihren
Elan bestraft. Ihr Sieg fiel viel knapper aus als vorher
erwartet. Merkel war das eine Lehre. So wurde ihre Kanz-
lerschaft zu einer risikoaversen, weitgehend ambitions-
losen Angelegenheit. Statt eines »Ich will« oder »Wir wol-
len« stand ein »Wir warten mal ab, was passiert, und rea-
gieren dann«. Bis heute gibt es kein nennenswertes Pro-
jekt, kaum eine Reform, die mit ihrem Namen verbunden
sein wird. In Erinnerung bleiben wird ihre angenehm
bedachte, bescheidene, oft auch selbstironische Art.
Das letzte Mal, dass Merkel wirklich etwas wollte und
dafür sogar ein Risiko einging, war im Herbst 2015.
Ihre Entscheidung, die Grenzen offen zu halten und so
Hunderttausenden Flüchtlingen und Migranten den Weg
nach Deutschland zu ermöglichen, war mutig. Für eine
Michael Kappeler / AP

Zeit wirkte es sogar, als steckte eine tiefe Überzeugung


hinter diesem Entschluss. Doch dieser Eindruck ver-
flüchtigte sich, als ihre Regierung zu wenig für die Inte-
gration der neuen Mitbürger tat. Auf den mutigen
Auftakt folgte – ähnlich wie beim Klimawandel – keine
Kanzlerin Merkel engagierte Politik.
Lange Jahre ist Deutschland mit diesem moderierenden,
reaktiven Führungsstil ganz gut gefahren. Die Corona-Pan-
rin von sozialdemokratischen Ministerpräsidentinnen und demie aber zeigt die Grenzen dieses Stils auf. Wer keine
Ministerpräsidenten aufgenötigt wurde. Bei derart fehlen- Vorstellung davon entwickeln kann, in welcher Welt seine
dem Enthusiasmus ist es wiederum kein Wunder, wenn Reise enden soll, dem bleibt nichts anderes übrig, als
solche Gipfel vor allem Enttäuschung produzieren. immer nur auf Sicht zu fahren. Wie unbefriedigend dieser
Nichts, was neben Shutdown und Kontaktbeschränkun- Ansatz sein kann, zeigt sich spätestens jetzt, da es an der
gen zur Eindämmung der Pandemie hätte beitragen kön- Spitze des Staates für alle sichtbar an Fantasie und Um-
nen, wurde zur Chefsache erklärt – und die Impfstoff- triebigkeit mangelt. Kaum jemand verkörpert diese an
beschaffung erst viel zu spät. Manche der nie stattgefun- Genügsamkeit grenzende Gemütlichkeit besser als Merkels
denen Gipfel wären womöglich gescheitert, andere hätten Kanzleramtschef, der stets freundliche Helge Braun. Wenn
nur halb gare Ergebnisse produziert. Aber jeder Versuch Braun und Merkel tatsächlich der Auffassung sind, dass
wäre es wert gewesen. Weil er einen Anspruch dokumen- bei der Impfstoffbeschaffung »im Großen und Ganzen
tiert hätte: den Wunsch nach besonderer Anstrengung. nichts schiefgelaufen« ist, wäre das bitter. Andererseits:
Nach der ganz großen Lösung. Man muss sich die Ziele eben nur klein genug setzen, um
Es kommt auf die Grundhaltung an, auf den Spirit. sie zu erreichen – und mit sich zufrieden sein zu können.
Wenn von der Spitze Ambitionslosigkeit ausgeht, führt
das in den unteren Etagen selten zu größerer Betriebsam-
keit. Ambition muss vorgelebt werden, ein Anspruch och noch immer unterliegt die Angela-Merkel-
muss formuliert, ein Ziel ausgegeben, Initiativen gestartet
werden. Welche Folgen es hat, wenn all das ausbleibt,
konnte man vorigen Sonntag am Beispiel von Wirtschafts-
minister Peter Altmaier in der Talkshow »Anne Will«
D Betrachtung weiter Teile der Bevölkerung – Jour-
nalisten eingeschlossen – einer gewissen Ver-
klärung. Jede Kritik an ihr wird vom gesättigte-
ren Teil der Gesellschaft als unschicklich empfunden. Viel-
beobachten. Der gab zu verstehen, dass die Regierung bis leicht weil Merkel die erste Frau in diesem Amt ist, was
heute keinen Überblick habe, welche bereits bestehenden nach Jahrhunderten der Männerherrschaft überfällig war.
Werke eventuell für die Impfstoffproduktion genutzt wer- Vielleicht weil sie als extrem fleißig gilt und viele Themen
den könnten. »Ich weiß nicht, wie viele Menschen es bis ins Detail durchdringt. Vielleicht weil ihre bescheiden-
gibt, die wissen, wo in Deutschland solche Dinge verfüg- geerdete Art im Vergleich zu vielen Mitentscheidern eine
bar gemacht werden können«, sagte Altmaier. Eine solche Wohltat ist. Gerade im Kontrast zu testosterongesteuer-
Aussage ist in diesem Stadium der Krise eine Bankrott- ten Urviechern auf nationaler wie internationaler Bühne
erklärung. Sie ist auch das Dokument einer für die Ära wirkt ihre unprätentiöse Nüchternheit wohltuend. Trotz-
Merkel nicht untypischen Bräsigkeit. Anne Will beendete dem verhindern all diese Faktoren einen nüchternen
die Sendung übrigens mit einem süffisanten Appell an Blick auf ihre Bilanz.
die Zuschauerinnen und Zuschauer: »Wenn Sie zufällig Gerhard Schröders Führungsstil der ruppigen Hemds-
ein Pharmaunternehmen haben, das sich jetzt angespro- ärmeligkeit war 2005 an sein Ende gekommen, der Zeit-
chen fühlt, dann bitte melden Sie sich!« geist war über ihn hinweggefegt, es brauchte etwas Neues.
Das vorletzte Mal, dass Angela Merkel wirklich etwas Angela Merkel wusste dieses Bedürfnis zu bedienen.
gestalten und verändern wollte, war in den Jahren zwi- Nach fast 16 Jahren ist auch ihr Führungsstil nicht mehr
schen 2003 und 2005. Damals wollte sie dem Land weit- zeitgemäß. ■

37
Deutschland

»Hass und Hetze im Netz


entgegentreten«
SPIEGEL-Gespräch BKA-Chef Holger Münch über Kriminalität im Shutdown,
radikale Corona-Leugner und wie seine Behörde das Internet sicherer machen will

Münch, 59, ist seit 2014 Präsident des Personen mit hoher Reichweite in den so- SPIEGEL: Eine Pandemie bedeutet Stress,
Bundeskriminalamts (BKA). Der gebürtige zialen Medien auch hierzulande dazu bei, Unsicherheit, Angst. Macht das die Men-
Bremer machte zuvor in der Polizei seiner diese kruden Botschaften weiter zu ver- schen anfälliger für Extremismus?
Heimatstadt Karriere. breiten. Die Dynamik ist groß, und grund- Münch: Das ist eine schwierige Frage, die
sätzlich können Verschwörungstheorien wir noch nicht abschließend beantworten
SPIEGEL: Herr Münch, die Erstürmung des eine gefährliche Wirkung haben. Wir müs- können. Demonstranten bilden eine hete-
Kapitols in Washington mit fünf Toten hat sen diese Szene deshalb im Blick behalten. rogene Mischszene mit unterschiedlichen
die Welt entsetzt. Wäre so etwas auch in SPIEGEL: Bemerken Sie eine erhöhte Ge- ideologischen Ausrichtungen: Unter den
Deutschland möglich? fährdung von Politikern und Wissenschaft- Querdenkern sind Verschwörungstheore-
Münch: Die Geschehnisse sind für mich lern durch Corona-Leugner? tiker, Esoteriker, aber auch Reichsbürger
so nicht unmittelbar auf Deutschland über- Münch: Wir sehen mit Sorge, dass die und Rechtsextremisten. Es gibt also eine
tragbar. Zum einen weil es in den USA um Zahl der Bedrohungen und Anfeindungen Nähe zu Radikalen, aber bislang keine Un-
angebliche Wahlmanipulation ging, wäh- stetig zunimmt. Das betrifft Politiker, aber terwanderung der kompletten Protestbe-
rend sich der Protest bei uns überwiegend auch andere Personen wie etwa Virologen, wegung. Wichtig wird weiterhin sein, dass
gegen Corona-bedingte Einschränkungen die während der Pandemie in den Medien die Politik ihre Maßnahmen gut erklärt.
richtet. Zum anderen wurden die Demons- besonders präsent sind. Immer häufiger Auch die Unterstützung für Menschen, die
tranten in Washington offenkundig von registrieren wir Angriffe auf Journalisten. wegen Corona wirtschaftlich in Not gera-
politischen Verantwortungsträgern an der Die Emotionalisierung ist groß. Wir haben ten sind, stabilisiert die Gesellschaft. Zu-
Spitze der Regierung in die Irre geleitet unsere Schutzkonzepte deswegen in enger gleich zeichnet sich ab, dass die Zahl der
und aufgewiegelt. Abstimmung mit den Ländern angepasst, politisch motivierten Straftaten im vergan-
SPIEGEL: Im Sommer schien nur die Ent- sie werden flexibler. genen Jahr deutlich gestiegen ist – darun-
schlossenheit weniger Polizisten wütende SPIEGEL: Bekommen Wissenschaftler nun ter auch die der fremdenfeindlichen, ras-
Protestler daran zu hindern, in das deut- Bodyguards? sistischen und antisemitischen Delikte.
sche Parlament einzudringen. Haben die Münch: Das liegt in der Entscheidung der Das alarmiert uns sehr.
Sicherheitsbehörden die Militanz der Co- zuständigen Landespolizeien. Für unsere SPIEGEL: Nach dem Mord an dem Kasse-
rona-Leugner unterschätzt? Schutzpersonen, Abgeordnete etwa und ler Regierungspräsidenten Walter Lübcke
Münch: Während der Proteste gegen die Mitglieder der Bundesregierung, beurtei- hat die Politik versprochen, den Hass im
Corona-Maßnahmen wurde wiederholt len wir ständig deren individuelle Gefähr- Internet einzudämmen. Wenn das entspre-
versucht, symbolträchtige Bilder zu schaf- dungslage, auch im Hinblick auf konkrete chende Gesetz demnächst in Kraft tritt,
fen. Wir beobachten die Entwicklung der Situationen und Termine. Dabei werden soll eine neue Zentralstelle des BKA diese
Szene daher sehr genau. Was häufig mit natürlich auch emotionalisierte Debatten Aufgabe übernehmen. Ist das Vorhaben
Mobilisierung und Radikalisierung im berücksichtigt, die öffentlich in den sozia- nicht zum Scheitern verurteilt?
Netz beginnt, zeigt Auswirkungen auch in len Medien geführt werden. Münch: Das sehe ich absolut nicht. Wir
der analogen Welt. Dennoch sehen wir sind auf einem guten Weg und haben für
derzeit nicht, dass Proteste hierzulande uns wichtige Vorarbeiten geleistet. Wenn
eine ähnliche Brisanz und Militanz errei- wir der Verbreitung von Hass und Hetze
chen könnten wie in den USA. Die Polizei im Netz entgegentreten wollen, müssen
hat aber aus der Besetzung der Reichs- wir die rote Linie zwischen Meinungs-
tagstreppe gelernt. Symbolträchtige Orte freiheit und Straftat eindeutiger ziehen
werden bei Demonstrationen stärker ge- als bislang. Es darf nicht sein, dass Hass
schützt als vor einigen Monaten. und Hetze im Internet keine Reaktion des
SPIEGEL: In den Vereinigten Staaten hat Staats nach sich ziehen und Betroffene
sich QAnon zu einer hochgefährlichen Be- alleingelassen werden. Wir müssen da
wegung entwickelt. Auch in Deutschland Flagge zeigen. Deshalb haben wir den Vor-
greift diese wirre Theorie immer stärker schlag einer Zentralstelle gemacht.
um sich. Geht von den Verschwörungs- SPIEGEL: Twitter, YouTube, Facebook,
Stefan Boness / IPON

ideologen eine Terrorgefahr aus? Instagram und TikTok werden Ihnen Hun-
Münch: Eine solche Gefahr stellen wir mit derttausende problematische Posts ihrer
Blick auf QAnon in Deutschland bislang Nutzer schicken, die Sie dann bewerten
nicht fest. Allerdings tragen prominente und gegebenenfalls strafrechtlich verfol-
gen sollen. Wie kann das gelingen?
Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Diehl, BKA-Präsident Münch Münch: Wir haben gemeinsam mit den
Roman Lehberger und Wolf Wiedmann-Schmidt. »Wir müssen Flagge zeigen« Ländern und der Justiz ein abgestimmtes

38
men wirklich Hilfsermittler des Bundes-
kriminalamts sein?
Münch: Wir werden in der Praxis sehen,
welche Qualität die Meldungen der An-
bieter haben. Die Firmen werden durch
den Austausch mit uns lernen, was für
das BKA und damit für die Strafverfolgung
relevant ist.
SPIEGEL: Die Unternehmen wehren sich
gegen das Gesetz, das sie zur Kooperation
mit dem BKA zwingen soll. Sie sehen die
Verfassung verletzt. Stimmt es, dass sich
Facebook und andere bislang weigern, mit
Ihnen einen Probebetrieb zu starten?
Münch: Richtig ist, dass alle großen Fir-
men abwarten wollen, bis das Gesetz in
Kraft getreten ist, ehe sie mit uns in kon-
krete Absprachen gehen. Eine Zusammen-
arbeit mit Strafverfolgungsbehörden ist
für die Unternehmen nicht leicht. Es geht
für sie immerhin um Daten ihrer Kunden.
Deshalb habe ich Verständnis dafür, dass
sie erst einmal zögern. Sobald das Gesetz
in Kraft tritt, erwarte ich aber eine Koope-
ration. Ein erfolgreiches Vorgehen gegen
Hass und Hetze im Netz bedingt ein gutes
Zusammenwirken aller.
SPIEGEL: Haben Sie die Hoffnung, dass
das Internet ein besserer Ort wird, wenn
das BKA dort Streife geht?
Münch: Ich erhoffe mir weniger hass-
erfüllte Auswüchse auf den großen Platt-
formen. Dabei könnte helfen, dass betrof-
fene Nutzerinnen und Nutzer benachrich-
tigt werden, wenn ihr Kommentar an die
Polizei übermittelt wurde. So wird für de-
ren Verfasser auch im Netz sichtbar, dass
es keine rechtsfreien Räume gibt.
SPIEGEL: Was ist aber gewonnen, wenn
solche Hetzer dann einfach von Facebook
zu Telegram wechseln?
Münch: Es gibt immer Verdrängungseffek-
te. Wenn Hetzer von den großen Plattfor-
men in geschlossene Chatgruppen abwan-
dern, führt das auch dazu, dass öffentliche
Lutz Jäkel / laif

Anfeindungen auf den großen Plattformen


abnehmen. Das ist unser klares Ziel. Im
nächsten Schritt müssen wir dann schauen,
Polizisten vor dem Reichstag in Berlin: »Symbolträchtige Bilder schaffen« ob und wie man andere Anbieter im Netz
verpflichten kann, Hass einzudämmen.
SPIEGEL: Der versuchte Anschlag auf die
Verfahren entwickelt, mit dem wir arbeits- Münch: Schon heute müssen Anbieter so- Synagoge in Halle hat gezeigt, wie sich
teilig jede einzelne Meldung prüfen wol- zialer Netzwerke problematische Inhalte Gewalttäter aus dem rechten Spektrum
len. Handelt es sich um eine zulässige löschen, wenn sie von den Nutzern darauf inzwischen radikalisieren. Der Attentäter
Meinungsäußerung, oder haben wir es hingewiesen werden. Und nur mit diesen war nicht in klassische Neonazi-Grup-
hier mit einer Straftat zu tun? Ist Letzteres Beiträgen werden wir uns als BKA künftig pen eingebunden. Ein junger, unauffälliger
der Fall, werden wir unsere rechtlichen befassen. Wenn wir dann erkennen, dass Mann, der sich unbemerkt im Netz radi-
Möglichkeiten ausschöpfen, um festzu- darunter legale Inhalte waren, werden wir kalisierte, bis er schließlich mordete. Wie
stellen, wer hinter dem Eintrag steht und die sozialen Netzwerke darüber informie- wollen Sie solche Täter besser aufspüren?
den Fall an die örtlich zuständige Staats- ren. So können die Firmen ihre Filter op- Münch: Wir haben inzwischen rund 70
anwaltschaft abgeben. Für das BKA kann timieren. Natürlich stehen wir auch im Gefährder und etwa 160 sogenannte rele-
ich sagen: Ich bin mir sicher, dass wir engen Austausch mit der Justiz, damit klar vante Personen aus dem rechten Spektrum
das schaffen. zwischen Straftaten und Meinungsäuße- im Blick. Um mögliche Terroristen und
SPIEGEL: Wie stellen Sie sicher, dass Men- rungen unterschieden wird. Extremisten zu erkennen, nutzen wir er-
schen sich auch in Zukunft frei im Netz SPIEGEL: Die erste Einschätzung der ge- probte Techniken aus der Bekämpfung des
äußern können, ohne dass ihnen gleich meldeten Inhalte kommt jedoch von den islamistischen Terrorismus. Unser Analyse-
das BKA im Nacken sitzt? sozialen Netzwerken. Können solche Fir- instrument Radar wird dafür weiterent-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 39


Deutschland

wickelt. Im kommenden Jahr werden wir SPIEGEL: Wenn Sie auf das Krisenjahr
es dann zur Bewertung des Gefahren- 2020 zurückblicken und auf die Pande-
potenzials von Rechtsextremisten einset- mie – wie hat Corona die Kriminalität in
zen können. Schon jetzt tauschen wir uns Deutschland verändert?
aber zu bestimmten Personen ständig mit Münch: In verschiedenen Phänomenbe-
den Experten in den Ländern aus, die ihre reichen verzeichnen wir einen Rückgang
lokalen Szenen am besten kennen. Trotz- der polizeilich erfassten Fallzahlen für
dem sehen wir nicht alles. Viele überführte 2020. Besonders während der Lockdown-
Täter, die etwa Volksverhetzungen began- Monate sind Tatgelegenheiten für Krimi-
gen haben, waren der Polizei vorher nicht nelle entfallen. Wenn die Menschen zu
bekannt. Wir stocken unsere Kapazitäten Hause bleiben, ist etwa ein Wohnungsein-
in diesem Bereich deshalb deutlich auf, um bruch riskanter. Und wenn es keine Men-
bislang unbekannte Personen, Verbindun- schenansammlungen gibt, haben Taschen-
gen oder gar Netzwerke besser zu erken- diebe keine Chance.
nen und zu bekämpfen. Dieses Ziel ver- SPIEGEL: Das klingt nach einer guten
folgen wir auch in einer neuen Fachgruppe Nachricht, so etwas ist derzeit selten.
Internet. Wahr ist aber auch: Es wird sehr Münch: Nur zum Teil. Kriminelle sind lei-
schwierig sein, jeden potenziellen Atten- der anpassungsfähig und verlagern ihre Ta-
täter im Vorhinein zu erkennen. ten dahin, wo die Menschen während des
SPIEGEL: Immer größere Bedeutung für Lockdowns noch präsenter sind, nämlich
die Radikalisierung junger Rechtsextremis- ins Netz. Sie haben zum Beispiel falsche In-
ten haben Internetforen wie etwa 8kun. ternetseiten aufgebaut, auf denen die Men-
Versteht Ihre Behörde diese Subkultur in- schen angeblich Corona-Soforthilfen bean-
zwischen gut genug? tragen können. In Wirklichkeit werden dort
Münch: Es wäre anmaßend zu behaupten, Daten abgegriffen, um damit Betrügereien
dass wir schon am Ziel sind. Das sind sehr im Netz zu begehen. Generell hat die Cy-
dynamische Szenen. Wir erhöhen unsere berkriminalität im vergangenen Jahr erheb-
Lerngeschwindigkeit und stellen zum Bei- lich zugenommen. Wir verzeichnen mitt-
spiel Analystinnen und Analysten mit spe- lerweile zwischen 8 Millionen und 17 Mil-
ziellen IT-Kenntnissen ein, die dann nicht lionen neue Malware-Varianten pro Monat
erst drei Jahre durch die Polizeiausbildung – das sind fast unvorstellbare Dimensionen.
gehen müssen, sondern schnell eingesetzt SPIEGEL: Wie gelingt Verbrecherjagd in
werden können. Zugespitzt gesagt: Auch Pandemiezeiten? Immerhin arbeitet ein
ein Gamingexperte soll sich eine Karriere beträchtlicher Teil der Polizei aktuell von
im BKA vorstellen können. Wir investie- zu Hause aus.
ren in Spezialisten, die solche Phänomene Münch: Unsere aktuelle Homeoffice-Quo-
schnell und systematisch erfassen können. te liegt bei gut 50 Prozent. Das ist für eine
SPIEGEL: Hätten Sie gern einen General- Sicherheitsbehörde sehr hoch. Wir haben
schlüssel für die kryptierten Telefonate die Zahl der gesicherten Laptops, die un-
und Chats von WhatsApp und anderen sere Mitarbeiter zu Hause einsetzen kön-
Messengern? nen, vervierfacht. Aber natürlich geht das
Münch: Den Sicherheitsbehörden muss nicht in allen Bereichen. Unsere Personen-
auch im digitalen Zeitalter die ganze Band- schützer etwa können ihre Arbeit nicht im
breite der Strafverfolgungsinstrumente zur Homeoffice machen. Und Vernehmungen
Verfügung stehen. Sie müssen im Einzel- können wir nicht im eigenen Wohnzim-
fall, nach einem Beschluss eines Richters, mer durchführen.
die Kommunikation eines Straftäters über- SPIEGEL: Kann ein BKA-Präsident denn
wachen können – auf allen Kanälen. Das Homeoffice machen?
ist derzeit nur unter erheblichem techni- Münch: Ja, das mache ich auch. Ein bis drei
schen Aufwand möglich, indem wir in Tage pro Woche arbeite ich aktuell von zu
Einzelfällen entsprechende Software auf Hause aus. Wir haben die Marschroute, per-
Endgeräte aufspielen. Das allein ist keine sönliche Kontakte so weit wie möglich zu
zukunftsfähige Strategie. reduzieren. Das gilt auch für mich.
SPIEGEL: Und deshalb wollen Sie nun die SPIEGEL: Und wenn die Videokonferenz
Verschlüsselung vollständig knacken und mal wieder streikt, ärgern Sie sich wie Mil-
die Messengerdienste für alle Nutzer unsi- lionen Arbeitnehmer in Deutschland?
cherer machen? Münch: Es läuft nicht immer alles perfekt.
Münch: Nein, wir wollen keine Hintertü- Aber es kann niemand erwarten, dass wir
ren ausnutzen. Wir wollen einen Zugang jetzt in Rekordzeit aufholen, was wir in
durch die Vordertür. Anbieter etwa von den vergangenen zehn Jahren bei der Di-
Messengerdiensten sollen ihre Systeme so gitalisierung noch nicht gemacht haben.
gestalten, dass sie im Fall einer richterlich Am Ende werden wir aus dieser Krise je-
genehmigten Überwachung unverschlüs- doch deutlich moderner herauskommen,
selte Daten an die Ermittler ausleiten kön- als wir hineingegangen sind.
nen. Wir haben das technisch analysiert SPIEGEL: Herr Münch, wir danken Ihnen
und glauben, dass das geht, ohne die Ver- für dieses Gespräch.
schlüsselung insgesamt aufzubrechen.

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Franziska Krug / Getty Images
Landesvater Kretschmann in Baden-Baden 2019: Belächelt und bewundert

Alternative Volkspartei
Baden-Württemberg Unter dem konservativen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann
sind die Südwestgrünen längst Teil des politischen Establishments geworden. Bei der
Landtagswahl machen den einstigen Ökopionieren jetzt junge Klimaschützer Konkurrenz.

J
ohanna Legnar verzichtet auf eine getroffen, Corona-bedingt muss nun der andere Prognosen sagen ein Kopf-an-
Bewerbungsrede. »Schließlich wis- Parkplatz des Bahnhofs in Neckargemünd Kopf-Rennen voraus, an dessen Ende die
sen ja alle, worum es geht«, sagt sie. bei Heidelberg als Treffpunkt herhalten. Klimaliste womöglich einen entscheiden-
Es ist kalt an diesem Donnerstag- Die Klimaliste Baden-Württemberg den Ausschlag geben könnte. Es würde
abend im Dezember, das Thermometer wurde erst im September gegründet. In- schon reichen, wenn die junge Partei den
zeigt null Grad. Legnar trinkt Tee aus einer zwischen zählt sie rund 400 Mitglieder, Grünen ein paar Prozentpunkte klaut.
Thermoskanne. »Eigentlich müssten die darunter viele Fridays-for-Future-Aktivis- Während sich die meisten Südwestgrü-
Grünen der Seniorpartner des Klimas sein. ten. In den vergangenen vier Monaten ist nen nach außen entspannt geben, sieht es
Doch das sind sie nicht«, sagt sie. es der jungen Partei gelungen, in 67 von intern bei manchen anders aus. »Wer seine
Legnar ist Angehörige der Klimaliste 70 baden-württembergischen Wahlkreisen Stimme an die Klimaliste verschenkt, kann
Baden-Württemberg, einer neuen Partei, eine Kandidatin oder einen Kandidaten dem Klimaschutz einen echten Bären-
die dem grünen Ministerpräsidenten Win- für die Landtagswahl aufzustellen. dienst erweisen«, sagt Grünen-Landeschef
fried Kretschmann bei der Landtagswahl Legnar und ihre Mitstreiter wollen Oliver Hildenbrand. »Wir sind die Klima-
am 14. März Konkurrenz machen will. Vor Druck auf die etablierten Parteien aus- schutzpartei.«
ihr stehen zwei Parteifreunde, die Legnar üben. Und genau das könnte zum Problem Viele in der Landespartei wurmt es,
zur Kandidatin für den Wahlkreis Sins- für Kretschmann werden. Der jüngsten dass die Klimaaktivisten mit ihrer Forde-
heim küren möchten. Das Landtagswahl- Umfrage von Infratest dimap zufolge lie- rung nach mehr Umweltschutz aufs Herz
gesetz schreibt eine solche Aufstellungs- gen die Landesgrünen zwar mit 34 Pro- der Grünen zielen. Die jungen Wilden füh-
versammlung vor. In normalen Zeiten zent noch vor der CDU und deren Spit- ren ihnen schmerzlich vor Augen, dass sie
hätten sich die drei wohl in einem Café zenkandidatin Susanne Eisenmann. Doch schon lange nicht mehr zur politischen

41
Deutschland

Avantgarde zählen, sondern selbst zum Kretschmanns Image Auto-Kaufprämie ein. Und im Dezember
Establishment geworden sind. Dass aus verschickte er einen Brief an EU-Abgeord-
ihrem flirrigen »Projekt alternative Partei« als souverän-präsidialer nete, mit dem er verhindern wollte, dass
der Achtzigerjahre ein gewöhnlicher Regierungschef soll die Automobilhersteller durch schärfere
Machtapparat geworden ist. Vorschriften beim Klimaschutz überfor-
Und so lässt sich in Baden-Württemberg keine Dellen bekommen. dert werden.
schon jetzt beobachten, was den Grünen »Winfried Kretschmann weiß, dass die
im Bund bald bevorstehen könnte. Im Süd- die Pampa« schicken müsse, mal wetterte nötige Veränderung für eine klimaneutrale
westen sind die Grünen längst Volkspartei. er beim Thema gendergerechte Sprache Wirtschaft nur mit der Industrie gelingen
Seit nunmehr einem Jahrzehnt regieren gegen »Sprachpolizisten«. An den Stamm- kann. Das auszubauen ist sehr wichtig«, sagt
sie das Land, bis 2016 in einer Koalition tischen des Landes kommt das gut an. Kon- der Grünen-Bundesvorsitzende Habeck.
mit der SPD, seitdem mit der CDU. Minis- servative, die früher CDU gewählt hätten, Klimalisten-Politikerin Legnar spricht
terpräsident Winfried Kretschmann resi- wählen jetzt Kretschmann – nicht wegen, von Lobbyismus für eine Branche, die den
diert in der Villa Reitzenstein, dem präch- sondern trotz seiner Partei. Wandel zur Elektromobilität verschlafen
tigen Amtssitz in Halbhöhenlage über Für die Grünen gleicht die Daueraffäre habe. In Klimafragen hält sie Kretsch-
Stuttgart, als wäre es nie anders gewesen. mit dem Konservatismus einem schmalen mann, der privat eine E-Klasse mit Die-
Die Landtagswahl in Baden-Württem- Grat zwischen Machterhalt und Selbstauf- selmotor fährt, deshalb für wenig authen-
berg sei »natürlich wichtig«, sagt der Bun- gabe. Für viele in der Partei war das Re- tisch.
desvorsitzende Robert Habeck. Sein Ver- gieren mit dem schwarzen Koalitionspart- Legnar ist 32 Jahre alt und Grafik-
hältnis zu Kretschmann beschreibt er als ner in den vergangenen fünf Jahren nicht designerin. Bevor sie zur Politik fand,
»vertrauensvoll und eng«. Früher war die immer einfach. Beim Klimaschutz sei nahm sie in Heidelberg an den Demons-
Beziehung zwischen den Grünen in Ba- die CDU ein »Klotz am Bein« gewesen, trationen von Fridays for Future teil und
den-Württemberg und den Bundesgrünen schimpfte der zum linken Grünenflügel engagierte sich bei der Umweltschutz-
mindestens angespannt. Die Südwestgrü- gehörende Landeschef Hildenbrand kürz- bewegung Extinction Rebellion. Die Akti-
nen wurden belächelt und bewundert. Be- lich. Kretschmann dagegen hatte mit visten organisierten Protestaktionen, um
lächelt, weil sie daherkamen wie die den Schwarzen weit weniger Probleme, auf die »Umweltverbrechen« eines Heidel-
schwäbische Hausfrau, die gern die Schöp- schließlich ist er selbst bekennend konser- berger Zementunternehmens mit hohem
fung bewahrt, aber mit dem grünen Kos- vativ. In Streitfragen war der Ministerprä- CO -Ausstoß aufmerksam zu machen.
²
mopolitismus nicht viel anfangen kann. sident derjenige, der die Koalition zusam- Der Ministerpräsident sitzt beim Video-
Bewundert, weil sie damit schon früh er- menhielt. Unter seiner Führung machten telefonat vor einer schwarz-goldenen Ba-
folgreicher waren als alle anderen Grünen die Grünen häufig Zugeständnisse, sei es den-Württemberg-Flagge. »Die jungen
in der Republik. bei Abschiebungen gut integrierter, aber Leute beziehen sich auf globale Szenarien,
Ihr Zugpferd ist heute 72 Jahre alt und bereits abgelehnter Asylbewerber oder nicht auf die Landespolitik«, sagt Kretsch-
heißt Winfried Kretschmann. Er ist der bei der Ausweitung polizeilicher Befug- mann. »Aber mit Szenarien spart man
Typ Vertrauenslehrer, einer von der Sorte, nisse. kein CO ein.« Dann wird er emotional:
²
der mit seinen Schülern abends noch ein Auch was die Verkehrspolitik betrifft, »In der Politik braucht man wirksame In-
Bier trinken geht. Bevor er Politiker wurde, ist Baden-Württemberg mit seiner mäch- strumente, Mehrheiten und Bündnisse,
unterrichtete Kretschmann Biologie, Che- tigen Automobilindustrie nicht gerade grü- um seine Ziele zu erreichen. Denn am
mie und Ethik. Jetzt gibt er gern den do- nes Kernland. Als Landeschef muss Ende zählt, was wir tatsächlich bewirken.
zierenden Landesvater, nah am Menschen, Kretschmann Rücksicht auf die fast Nicht, was wir bewirken wollen.« Um das
gutmütig. Und immer das passende Sprich- 500 000 Arbeitsplätze in der Branche neh- zu erkennen, bedürfe es politischer Erfah-
wort auf den Lippen. men. Auch deshalb setzte er sich für eine rung. »Die Argumentation der Klimaakti-
Gespielt ist das nicht. Wenn Kretsch- visten ist mir aber absolut geläufig, ich
mann auf seine Bürger trifft, nimmt er sich habe ja die Grünen mitbegründet.«
Zeit, hört zu. Er zeigt aufrichtiges Interesse Grüne Hochburg Damals, im Januar 1980, war Kretsch-
an anderen Meinungen. Die Baden-Würt- »Welche Partei würden Sie wählen, wenn am mann 31 Jahre alt. Zur Gründungsver-
temberger schätzen das. Laut einer Um- kommenden Sonntag in Baden-Württemberg sammlung in Karlsruhe fand sich ein bun-
frage sind 69 Prozent mit der Arbeit des Landtagswahl wäre?«, Ergebnisse der Grünen ter Haufen zusammen, darunter undog-
Ministerpräsidenten zufrieden. Bei einer matische Linke, Christen und ökologisch
Direktwahl würden sich sogar 69 Prozent 40 Orientierte. Kretschmann zählte zu den
der CDU-Wähler für ihn entscheiden. Landtagswahl- 34 % »Ökolibertären«, die den rechten Rand der
ergebnis 2016
Der Katholik ist für seine Partei Segen 30,3% linken Partei bildeten und früh realpoli-
und Fluch zugleich. Vom linken bis zum 30
tisch dachten. Noch im selben Jahr zog er
rechten Flügel wissen alle, dass sie ohne mit den Grünen ins Stuttgarter Parlament
Kretschmann keine Chance hätten, bei ein. Es waren die ersten Parlamentarier
der nächsten Landtagswahl wieder stärks- 21 % der Ökopartei in einem Flächenstaat.
te Kraft zu werden. Der Wahlkampf ist 20 zum Vergleich: Sonntags- Die Prägung der grünen Abgeordneten
frage zur Bundestagswahl
deshalb komplett auf ihn zugeschnitten. für die Grünen war von Beginn an vergleichsweise kon-
»Grün wählen für Kretschmann« steht auf 12% servativ und liberal. Das passte zur Men-
allen Plakaten. Vom politischen Gegner talität im Ländle. Bei Kretschmanns Grü-
werden die Landesgrünen als »Kretsch- 10 nen hatten Fundis und Realos nie Be-
mann-Wahlverein« verhöhnt. Bundestagswahl- rührungsängste. »Nicht links, nicht rechts,
ergebnis 2017
Parteiinterne Kritik am allmächtigen 8,9% sondern vorne«, lautete das Motto. So
Landesvater wird nur zaghaft geäußert. 0
fuhren die Südwestgrünen in den Acht-
Dabei gibt es dafür durchaus Anlass. Mal zigerjahren gute Ergebnisse ein. Schon
bezeichnete Kretschmann straffällige 2016 2017 2018 2019 2020 2021 damals sahen sie sich als »Steigbügelhal-
Flüchtlinge als »Tunichtgute«, die man »in Quelle: Infratest dimap; jeweils mindestens 1000 Befragte ter« für die Bundespartei. Kretschmann,

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1983 Sprecher der Grünen im Landtag, nichts, die FDP hatte damals kein Interes-
dachte früh über eine Zusammenarbeit mit se. Inzwischen hat sich das aber geändert.
der SPD nach. Ihr Spitzenkandidat, Hans-Ulrich Rülke,
Der schwäbische Oberpragmatiker woll- macht den Grünen jetzt Avancen.
te immer an die Regierung, und er bewies Wenn es erneut für den ersten Platz
einen langen Atem. Im Mai 2011 beendete reicht, dürfte wohl Kretschmann selbst
Kretschmann mithilfe der SPD die 57-jäh- entscheiden, mit wem er koaliert – und
rige Vorherrschaft der CDU im Ländle. wie lange. Stets hat er betont, er trete für
Seitdem ist der Ministerpräsident der eine volle Legislaturperiode an, also bis
mächtigste Grüne in Deutschland. Bei sei- 2026. Dann wäre er 77 Jahre alt. Insge-
ner ersten Wahl spielten ihm die gesell- heim hoffen manche Grüne, dass er vor-
schaftlichen Konflikte um das Bahnprojekt her aufhört – und bis dahin endlich einen
Stuttgart 21 und die Atomkatastrophe im potenziellen Nachfolger aufbaut. Denn
japanischen Fukushima in die Hände. im Schatten des 1,93 Meter großen
Doch anders als von der CDU lange ge- Kretschmann gedieh bislang kein Nach-
hofft, war der Triumph der Grünen kein wuchstalent.
Betriebsunfall. 2016 gelang Kretschmann Auf einen grünen Schwaben, der bislang

Peter Jülich / DER SPIEGEL


die Wiederwahl. in Berlin ist, wird nach dieser Landtags-
»Wir haben eine gute Regierungsarbeit wahl daher besonders geschaut. Es ist Cem
vorzuweisen«, sagt der heutige Chef Özdemir. Oft schon wurde er als Kron-
der grünen Landtagsfraktion, Andreas prinz Kretschmanns gehandelt, aber noch
Schwarz. Er verweist auf ein Programm nie so ernsthaft wie in diesen Tagen. Der
zum Arten- und Naturschutz, auf den Aus- Kandidat selbst spekuliert wohl eher auf
bau der Forschung zur künstlichen Intel- Klimapolitikerin Legnar ein Bundestagsmandat. Kretschmann hält
ligenz und die Weiterentwicklung des »Ich erlebe viel Zustimmung« es zwar für »möglich, aber nicht wahr-
emissionsfreien Fahrens. Mit Blick auf die scheinlich«, dass sein Wegbegleiter einen
kommende Landtagswahl sieht Schwarz Freiburger Kita festgestellt wurde, musste Ministerposten in Stuttgart übernimmt.
seine Partei gut vorbereitet. Es gebe kei- die Kultusministerin schließlich einlenken. Özdemir wolle nicht in die Landespolitik.
nerlei Querelen, und Kretschmann sei als Der Fall in Freiburg habe sie »völlig über- Ein anderer Parteifreund, der will, aber
Spitzenkandidat bestens geeignet. »Klar rascht«. nicht mehr darf, ist Boris Palmer. Der Tü-
ist aber auch, dass wir nicht im Schlaf- Kretschmann trug die Pläne seiner Mi- binger Oberbürgermeister zählt zwar zu
wagen erneut in die Villa Reitzenstein ein- nisterin erst mit, sprach dann aber ein den bekanntesten Grünen in Deutschland.
fahren werden.« Die verlorene OB-Wahl Machtwort: Kitas und Schulen sollen bis Doch durch seine verbalen Eklats hat er
in der Landeshauptstadt Ende November, mindestens zum 21. Februar geschlossen sich selbst ins Aus geschossen. Manche
bei der die grüne Kandidatin nach dem bleiben. Der Grüne, der in Berliner Run- wollen ihn gar aus der Partei schmeißen.
ersten Wahlgang kapitulierte, haben viele den oft den Schulterschluss mit der Kanzle- Kretschmann mahnt zwar eine »Versöh-
Mitstreiter als Mahnung verstanden. rin sucht, will einen Streit mit der CDU nung« mit dem populären Querulanten an.
Die Südwest-CDU kritisiert Kretsch- um jeden Preis vermeiden. »Ich muss mit »Ich sehe derzeit aber keine Chance, eine
mann gern wegen seiner angeblichen Be- der Koalition bis zum letzten Tag regie- führende Rolle in der Landespolitik zu
häbigkeit. Hinter vorgehaltener Hand läs- rungsfähig bleiben«, sagt er. »Wir sind spielen«, gibt Palmer selbst zu.
tert man über »betreutes Regieren«, weil gerade in der schwierigsten Phase der Pan- Er glaubt zwar, dass seine Partei die
der Ministerpräsident bei Pressekonferen- demie.« Und er weiß auch, dass seine Landtagswahl wieder gewinnen werde,
zen häufiger mal einen Souffleur benötigt. Chancen auf eine Wiederwahl steigen, aber er macht sich auch Sorgen. »Mich be-
Die christdemokratische Spitzenkandida- wenn sein Image als souverän-präsidialer wegt die Frage, ob das Band zwischen den
tin Susanne Eisenmann, zugleich Kultus- Regierungschef möglichst keine Dellen be- Klimaaktivisten und der Partei reißt«, sagt
ministerin im Ländle, versucht sich im kommt. er. »Das sind alles junge Leute, die eigent-
Wahlkampf als dynamischen Gegenent- Als Krisenmanager in der Pandemie ist lich für die Grünen kämpfen müssten. Das
wurf zu Kretschmann zu inszenieren. Kretschmann seit Monaten omnipräsent. kann strukturell gefährlich werden.«
In der Pandemie scheint die Taktik der Die Bekanntheitswerte seiner Konkurren- Der Landesverband tut derweil alles,
56-Jährigen jedoch nach hinten loszuge- tin sind dagegen eher mäßig. Mancher in um die frische Konkurrenz zu Tode zu
hen. Bildungsminister sind selten beliebt, der CDU stellt sich schon darauf ein, auch umarmen. Beim Parteitag im Dezember
in Corona-Zeiten können sie erst recht in der nächsten Legislaturperiode als wurde noch flugs eines der Hauptziele der
kaum etwas richtig machen. Ende Dezem- Kretschmanns Juniorpartner zu regieren. Klimaliste ins Wahlprogramm aufgenom-
ber löste Eisenmann einen bundesweiten Grünen-Landeschef Hildenbrand und men: Die Erderwärmung soll auf 1,5 Grad
Shitstorm aus, weil sie im Alleingang die seine Co-Vorsitzende Sandra Detzer ha- gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter
Rückkehr zum Präsenzunterricht in Kitas ben andere Pläne. Im Dezember erklärten begrenzt werden. Danach zogen sich
und Grundschulen forderte – »unabhängig sie bei einer Pressekonferenz, sie bevor- einige Vorstandsmitglieder der Klimaliste
von den Inzidenzzahlen«. Bei Lehrern zugten künftig wieder eine grün-rote zurück.
und Eltern kam ihr Vorschlag überhaupt Koalition. Kretschmann gefielen die kla- »Unser Ziel ist, über die Fünfprozent-
nicht gut an. ren Worte der Landesspitze offenkundig hürde zu kommen«, sagt Jungpolitikerin
Vergangene Woche wiederholte Eisen- nicht. Er korrigierte, die Grünen führten Legnar selbstbewusst. »Bei Veranstaltun-
mann ihre Forderung, obwohl Angela Mer- »keinen Koalitionswahlkampf«. gen erlebe ich viel Zustimmung. Die Leute
kel und die Ministerpräsidenten in ihrer Hinter den Kulissen liebäugeln grüne sagen mir, die Grünen haben ihre Integri-
Schaltkonferenz Mitte Januar vor einer Strategen auch mit einer Ampelkoalition. tät verloren.«
Ausbreitung neuer Corona-Mutanten ge- Schon 2016 hatte die Landespartei ver- Felix Bohr, Valerie Höhne,
warnt hatten. Weil die mutierte Form des sucht, diese Konstellation in Baden-Würt- Jonas Schulze Pals
Virus dann bei mehreren Kindern in einer temberg zu verhandeln. Daraus wurde

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 43


Deutschland

Antigen im Marmeladenglas
Karrieren Der Arzt Winfried Stöcker entwickelte einen Impfstoff gegen Corona,
renommierte Virologen bestätigten eine Wirkung. Doch anstatt eine erfolgreiche Produktion zu
starten, sieht sich der schwerreiche Unternehmer nun einem Strafverfahren ausgesetzt.

D
as Geheimnis seiner Marmela- ladekochens reden hört, könnte ihn für Konzern verkauft – für insgesamt 1,2 Mil-
den, sagt Winfried Stöcker, sei einen exzentrischen Hobbytüftler halten. liarden Euro, 600 Millionen kassierte er
ein Rotationsverdampfer. Der Wäre da nicht die Tür, durch die man von selbst.
entziehe den Früchten bis zur seinen Wohnräumen in eine Welt mit Der Laborpionier hat also viel Geld und
Hälfte des Wassers. Für seine Fruchtsäfte Hochleistungsmikroskopen und Behältern nicht mehr ganz so viel Lebenszeit. So er-
hingegen benutze er eine Zentrifuge mit mit flüssigem Stickstoff gelangt. »Klinisch- klärt sich seine Ungeduld, seine Dickköp-
einer Beschleunigung von 30 000 g, der immunologisches Labor Professor Dr. med. figkeit – und der Ärger, den er sich mit sei-
30 000-fachen Erdbeschleunigung. Der Winfried Stöcker« steht auf einem Schild, ner neuesten Entwicklung eingehandelt
74-Jährige holt aus dem Kühlraum neben 50 Angestellte arbeiten hier. hat: ein Antigen gegen das Sars-CoV-2-
seinem Wohnzimmer verschiedene Gläser: Der Arzt Winfried Stöcker hat es mit Virus. Was wie der Beginn einer Erfolgs-
Quitte, Erdbeere, Hagebutte. Erfindungen weit gebracht. 1987 gründete geschichte im Kampf gegen die Pandemie
Zur Verkostung legt Stöcker Volkslieder er die Firma Euroimmun. Das Unterneh- klingt, endete vorläufig mit einem Ermitt-
auf, seine Frau serviert Thymiankekse und men entwickelte Verfahren zur Erken- lungsverfahren des Landeskriminalamts
Birnenkuchen. Wer den Mann mit der wei- nung von Autoimmun- und Infektions- Schleswig-Holstein. Doch dazu später.
ßen Haarpracht und den buschigen Augen- krankheiten. Es hat heute 3100 Mitarbei- Stöcker steht jetzt in einem Raum seines
brauen bei sich zu Hause in Groß Grönau ter und Niederlassungen in 17 Ländern. Labors, er hat zwei Marmeladengläser mit-
bei Lübeck über die Kunst des Marme- 2017 hatte Stöcker die Firma an einen US- gebracht. In dem Glas mit dem Erdbeer-
deckel befindet sich eine Ampulle mit
einem blauen Verschluss. »Da ist das An-
tigen drin«, sagt Stöcker. »Damit könnte
man innerhalb eines halben Jahres drei
Viertel der Bevölkerung Deutschlands ge-
gen Corona immunisieren.«
Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Da
versinkt Deutschland im Impfchaos, und
ein 74-jähriger Arzt behauptet, den idea-
len Impfstoff gegen Corona gefunden zu
haben? Noch dazu einen, der sich leicht
und in großen Mengen produzieren ließe?
Und der nicht bei minus 70 Grad gekühlt
werden muss, sondern in einem Marmela-
denglas im Kühlschrank lagern kann?
Die Idee sei eigentlich ganz einfach, sagt
Stöcker. Die Wissenschaftler von Euro-
immun hätten über Jahre Tests gegen ge-
fährliche Viruserkrankungen entwickelt.
Denguefieber zum Beispiel, Zika, auch
Sars-CoV-1 und Mers. Nachdem der Co-
vid-19-Erreger in China entdeckt worden
sei, habe Euroimmun als eines der ersten
Unternehmen verschiedene Corona-Tests
entwickelt. Einige basieren auf einem
Antigenkonstrukt, mit dem sich Antikör-
per gegen Sars-CoV-2 nachweisen lassen.
Stöckers Privatlabor kooperiert noch im-
mer mit seinem ehemaligen Unternehmen,
deshalb ist er über jede neue Entwicklung
gut informiert.
Das Virus, erzählt Stöcker, binde sich
Rafael Heygster / DER SPIEGEL

im menschlichen Körper mithilfe eines so-


genannten Spike-Proteins an die Rezepto-
ren der Zielzelle. »Für mich lag es nahe,
dass eine Immunisierung mit diesem Pro-
tein eine Schutzwirkung vor einer Infek-
tion entfaltet«, sagt er. Er habe Zeit sparen
Mediziner Stöcker: »Ich bin jetzt immun« und »deshalb nicht lange um eine amt-

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Rafael Heygster / DER SPIEGEL

Rafael Heygster / DER SPIEGEL


Ampulle mit rekombinantem Antigen, Stöcker-Labor in Groß Grönau: Hochleistungsmikroskope und Stickstoffbehälter

liche Genehmigung bitten« wollen, wie er senschaftler und bot an, Neutralisations- bisher gemessenen Immunantworten ge-
sagt. »Stattdessen habe ich mir ein auf dem tests durchzuführen. Durch sie kann über- gen Sars-CoV-2.«
Euroimmun-Konstrukt basierendes re- prüft werden, ob sich tatsächlich spezifi- Drosten sagt dem SPIEGEL, er habe da-
kombinantes Antigen hergestellt. Wenn sche Antikörper gebildet haben, die in der mals »kollegialiter« Stöckers Serum auf
ich mich mit diesem Antigen immunisiere, Lage sind, das Coronavirus zu neutralisie- Antikörper getestet. Er legt aber Wert auf
bekomme ich Antikörper, die das Virus ren. »Insgesamt kann ich Ihren Selbstver- die Feststellung, dass er keine umfassende
daran hindern, sich an die Rezeptoren zu such gut nachvollziehen, aber man muss Befundung oder Begleitung von Stöckers
binden, sie können ihre Zielzellen nicht natürlich beachten, dass die Produktion Selbstversuch gemacht habe. Auf die Fra-
mehr infizieren.« eines Impfantigens sehr hohe Qualitäts- ge, ob eine klinische Studie mit dem Anti-
Es sei ein Verfahren, das sich schon bei ansprüche erfüllt, wenn man den Impfstoff gen sinnvoll wäre, schreibt der Virologe,
anderen Viruserkrankungen bewährt habe, vermarkten will«, schrieb Drosten. »Ha- dass sich ähnliche oder möglicherweise
sagt Stöcker. In die Schlagzeilen schaffen ben Sie denn Pläne, in eine wie auch im- auch identische Konzepte mittlerweile in
es derzeit vor allem neuartige Verfahren mer angedachte Antigenproduktion ein- klinischer Erprobung befänden.
wie die mRNA-Impfstoffe von Biontech/ zusteigen?« »Die Maske können Sie abnehmen«,
Pfizer und Moderna oder die sogenannte Stöcker antwortete, er wolle die Pro- sagt Stöcker bei der Marmeladenverkos-
Vektortechnologie, wie sie der britisch- duktion den Firmen überlassen, die darin tung am heimischen Esstisch, »wir können
schwedische Konzern AstraZeneca nutzt. mehr Übung hätten. »Aber ich würde die uns nicht mehr anstecken.« Denn mittler-
Wesentlich älter sind hingegen sogenannte Sache gerne beschleunigen und sowohl die weile habe er auch seine Frau und seine
Totimpfungen. Dabei werden dem Körper Unbedenklichkeit an einigen Freiwilligen Kinder mit dem Antigen gespritzt. Neben-
abgetötete Krankheitserreger oder Be- aufzeigen wie auch die Schutzwirkung an wirkungen habe keiner gehabt, sagt Stö-
standteile von Erregern gespritzt. Das Im- einem begrenzten Kollektiv von Exponier- cker, außer ein paar Reizungen oder
munsystem erkennt sie als fremd und bil- ten.« Drosten antwortete, er würde das Schmerzen an der Einstichstelle, aber alle
det Antikörper. Die gängigen Impfungen Ganze jetzt als »diagnostische Untersu- hätten die Impfungen gut vertragen.
gegen Polio oder Tetanus funktionieren chung sehen, weniger als einen Test einer Am 2. September wendete sich Stöcker
auf diese Weise. Impfstoff-Wirksamkeit«. Dazu müsse man an den Präsidenten des Paul-Ehrlich-Insti-
Im März und April vergangenen Jahres viel mehr machen. »Aber ich verstehe Ihre tuts (PEI), Klaus Cichutek. Die Behörde
spritzte sich der Mediziner das Antigen gute Intention und bin generell interessiert mit Sitz in Hessen ist unter anderem zu-
insgesamt viermal selbst in den Oberschen- zu sehen, wie die neutralisierende Ant- ständig für die Zulassung von Impfstoffen
kelmuskel. Am 8. Mai meldete Stöcker auf wort auf dieses Antigen aussieht.« und biomedizinischen Arzneimitteln.
seinem Internetblog: »ICH BIN JETZT Die Ergebnisse der Neutralisationstests Stöcker mailte dem PEI die Testergeb-
IMMUN GEGEN SARS-CoV-2!« waren eindeutig: Die Immunisierung hatte nisse und schrieb: »Sehr geehrter Herr Prof.
Mehrere Medien berichteten über Stö- funktioniert. Auch das Institut des Viro- Cichutek! Die Wucht, mit der uns Corona
ckers Selbstversuch. »Lübecker Unterneh- logen Hendrik Streeck in Bonn kam zu überrollt, erfordert ein unkonventionelles
mer spritzt sich Wirkstoff gegen Corona- ähnlichen Ergebnissen. »Wir haben Ihre Vorgehen.« Es könne umgehend mit einem
virus«, titelten die »Lübecker Nachrich- Proben analysiert. Wirklich sehr span- wirksamen Impfprogramm gestartet wer-
ten«. »Dieser Milliardär setzt sich selbst nend!«, schrieb Streeck. »Die IgG/IgA- den. »Wir würden gerne Ihre Zustimmung
die Corona-Impfung«, schrieb »Bild«. Antworten sind recht hoch, und wir sehen dafür erlangen, dass wir umgehend diese
»Gefährlicher Selbstversuch mit Corona- im Plaque Assay eine unerwartet starke bagatellartige Immunisierung mit einer grö-
Impfung«, meldete RTL. Zahlreiche Men- Reduktion. Damit sind Ihre Neutralisa- ßeren Zahl Freiwilliger nachvollziehen, um
schen kontaktierten daraufhin den Unter- tionswerte im oberen Drittel der von uns festzustellen, ob es auch bei diesen keine
nehmer und boten sich als Freiwillige an. Nebenwirkungen gibt«, schrieb der Arzt.
Stöcker vertröstete sie – vorerst. Mit einem einzigen 2000-Liter-Reaktor
Stattdessen schickte er im Mai eine »Die Wucht, mit der uns könne man 35 Gramm Antigen pro Tag
E-Mail an Christian Drosten, den Chef- Corona überrollt, produzieren. »Das würde für 350 000 Per-
virologen der Berliner Charité. »Ich habe sonen reichen.« Stöcker bot an, nach Hes-
von Ihrem Selbstversuch in den Lübecker erfordert ein unkonven- sen zu kommen, »um diese Thematik zu
Nachrichten gelesen«, antwortete der Wis- tionelles Vorgehen.« erörtern«. Der Institutschef antwortete

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 45


nicht persönlich. Stattdessen bekam Stö- Sein Anwalt Kubicki hat beantragt, das
Die cker einen Anruf aus dem für wissenschaft- Ermittlungsverfahren gegen Stöcker ein-
liche Beratungen von pharmazeutischen zustellen. Sein Mandant, argumentiert der
GANGSTER Unternehmern und Start-ups zuständige
Innovationsbüro des Instituts. Was in
FDP-Politiker, habe keine klinische Prü-
fung durchgeführt. Er habe vielmehr das
von dem Gespräch verabredet wurde – da- Antigen im Rahmen »individueller Heil-
rüber gehen die Aussagen auseinander. versuche« gespritzt. Daher habe er auch
NEBENAN Stöcker jedenfalls erwartete, dass sich
das Paul-Ehrlich-Institut wieder bei ihm
keine Herstellungserlaubnis benötigt.
Da Professor Stöcker die Substanz nur
melden würde. sich selbst und seinen Patienten auf deren
Stattdessen erhielt Stöcker Anfang Wunsch und nach entsprechender Aufklä-
Dezember eine Vorladung vom Landes- rung verabreicht habe, sei ihm arzneimit-
kriminalamt Schleswig-Holstein. Gegen telrechtlich kein Strafvorwurf zu machen,
ihn laufe ein Ermittlungsverfahren wegen schrieb Kubicki an die zuständige Staats-
Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, anwältin. Professor Stöcker habe gegen-
teilte der zuständige Kriminalhauptkom- über dem PEI lediglich seine wissenschaft-
missar mit. liche Idee kommunizieren und das Institut
Nachdem er über seinen Anwalt Akten- veranlassen wollen, dieser Idee zum
einsicht beantragt hatte, kam heraus, dass Durchbruch zu verhelfen. »Warum das
ihn Cichutek selbst gemeldet hatte. Fünf Paul-Ehrlich-Institut nicht auf den Wunsch
Tage nachdem das Institut Stöckers E-Mail nach Kontaktaufnahme reagiert hat, son-
erhalten hatte, schrieb der PEI-Präsident dern mit einer Strafanzeige«, so Kubicki,
an das Landesamt für soziale Dienste »bleibt das Geheimnis des Paul-Ehrlich-
(LAsD) in Kiel: »Es besteht aus Sicht des Instituts.«
PEI der Verdacht strafbaren Handelns.« Eine Sprecherin des PEI allerdings weist
Das entwickelte Antigen sei »als Arznei- den Vorwurf zurück. Für die arzneimittel-
mittel, nämlich als Impfstoff gegen Co- rechtlichen Behörden bestünden »gegen-
vid-19, zum Einsatz gekommen«. Es be- seitige Unterrichtungsverpflichtungen«,
stehe der Verdacht, »dass hier eine klini- daher habe man das Landesamt für soziale
sche Prüfung mit diesem experimentellen Dienste in Kiel über Stöckers E-Mail in-
Arzneimittel stattgefunden hat – ohne zu- formiert. Stöcker sei von der Innovations-
352 Seiten, gebunden · 20,00 € vor die erforderlichen Genehmigungen abteilung darüber informiert worden, dass
Auch als E-Book erhältlich einzuholen«. die Durchführung einer klinischen Prüfung
Das LAsD erstattete daraufhin Strafan- ohne die erforderlichen Genehmigungen
zeige beim Landeskriminalamt. »Aus Sicht strafrechtlich relevant sei. Das Innova-
Kriminelle arabisch-stämmige des LAsD ist Eile geboten, da nicht ausge- tionsbüro habe Stöcker dann am 6. Januar
schlossen werden kann, dass weitere Her- per E-Mail angeboten, sein Konzept »im
Clans kontrollieren inzwischen stellungen und Impfungen, die evtl die Ge- Rahmen eines strukturierten Beratungsge-
in deutschen Großstädten sundheit der Probanden schwer gefährden sprächs« zu präsentieren. Dieses Angebot
ganze Stadtteile. können, durchgeführt werden«, hieß es. habe Stöcker abgelehnt.
Stöckers Anwalt ist der stellvertretende Stöcker sagt, das Angebot sei »viel zu
Polizei und Justiz sind FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki. Der spät« und deutlich nach der Strafanzeige
oft machtlos gegen Unternehmer hat ihn engagiert, als er ei- gegen ihn gekommen. Er vertraue dem In-
die um sich greifende Gewalt. nen Bolzplatz für seine Beschäftigten und stitut nicht mehr und glaube, dass man ihn
deren Kinder errichtete – eine Genehmi- ausbremsen wolle. »Wenn sich herausstellt,
Die SPIEGEL-TV-Reporter gung hatte er nicht abgewartet. Er musste dass mein Verfahren funktioniert, dann
Thomas Heise und ein Bußgeld von mehr als 50 000 Euro zah- sind die Patente der anderen hinfällig. Weil
Claas Meyer-Heuer len. Mit Regeln nahm es der Mediziner dann jeder einen Impfstoff herstellen
noch nie so genau. Zumindest, so sieht er könnte.«
recherchieren seit vielen Jahren es, wenn es um ein »höheres Gut« gehe. Stöcker will deshalb nicht mehr mit dem
live vor Ort, bei Razzien, Er wolle, sagt Stöcker, kein Geld verdie- Institut zusammenarbeiten, sondern die
Gerichtsverhandlungen und nen mit seinem Impfstoff. Er wolle ihn so Rezeptur für das Antigen ins Internet stel-
schnell wie möglich der Allgemeinheit zur len. Er hofft, dass Pharmafirmen es pro-
Beerdigungen. Ihr Buch gibt Verfügung stellen, deshalb sei er den un- duzieren. Ärzte könnten es dann ihren Pa-
exklusive Einblicke in konventionellen Weg gegangen. »Ich habe tienten verabreichen, natürlich nur im Rah-
die Machenschaften der Clans das mit Absicht in die Zeitung setzen las- men individueller Heilbehandlungen.
sen«, sagt er. »Ich wollte nicht, dass irgend- In dieser Woche seien auch die Ergeb-
und zeigt, was passieren muss, jemand ein Patent darauf anmeldet, und nisse der Tests an den mehr als 60 Freiwil-
damit der Staat die Kontrolle ich selbst hatte das auch nicht vor.« ligen gekommen, denen er das Antigen im
zurückerlangt. Dann senkt er die Stimme. Noch habe Dezember und Januar in mehreren Dosen
er nicht alle Corona-Experimente veröf- gespritzt habe. »Die banale Impfung war
fentlicht. Er habe das Antigen nämlich nahezu nebenwirkungsfrei und äußerst
nicht nur sich und seiner Familie gespritzt, effektiv«, sagt Stöcker. »Mehr als 90 Pro-
sondern auch weiteren hundert Freiwilli- zent hatten schützende Antikörper in ho-
gen. »Wenn die Ergebnisse bei denen auch her Konzentration entwickelt.«
so gut sind, dann haue ich mal richtig auf Christoph Schult
den Putz«, sagt er.

46 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


www.dva.de
Deutschland

sind zwar in der Unterzahl. Doch weil die Die Umweltressorts sehen das anders und

Schlechtes Konferenz nur einstimmig entscheidet,


reicht es nicht für einen Beschluss.
Es geht um viel in diesem Jahr bei den
unternehmen im November 2020 internen
Schreiben zufolge einen neuen Anlauf zur
Zusammenarbeit. Sie müssten »deutlich stär-

Klima Entscheidungen über die Gemeinsame


Agrarpolitik (GAP) der EU. Für die Land-
wirte, die die Milliarden aus Brüssel brau-
ker als bisher in die Entscheidungsprozesse
eingebunden werden«, schreibt die hessi-
sche Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).
Landwirtschaft Interne chen, und für Natur und Menschheit – Zudem bitte man um »zeitnahe Übersen-
Dokumente zeigen, wie die denn nur eine ambitionierte Agrarpolitik dung« von Grundlagenpapieren zur GAP.
kann den Klimawandel bekämpfen und Wieder beraten die Agrarminister, wie-
Agrarminister ihren die Artenvielfalt erhalten. der gibt es kein Votum für eine konkrete
Umweltkollegen Mitsprache Die EU-Kommission drängt darauf, Kooperation. Angesichts einer Umfrage
beim Klimaschutz verweigern. dass die Landwirtschaft hier endlich Fort- unter den Agrarministern und der aktuel-
schritte macht. Der Bundesrat hat in einem len Corona-Lage sehe er eine gemeinsame
Beschluss festgehalten, dass eine »qualifi- Konferenz derzeit als nicht möglich an, er-

A m Ende reicht selbst eine klare


Mehrheit nicht im Tagungssaal
des Vier-Sterne-Superior Parkhotels
Weiskirchen. Dort, im Saarland, haben sich
zierte Mitwirkung und Beteiligung der
Umwelt- und Naturschutzverwaltungen«
am GAP-Plan »unabdingbar« ist. Nur was
heißt »qualifiziert«? Das interpretieren
widert der saarländische Agrarminister
Reinhold Jost (SPD) am 27. November per
Brief. Für die Unterlagen sollten sich die
Umweltminister an das Bundesministe-
im September 2020 die deutschen Agrar- Agrar- und Umweltseite unterschiedlich. rium wenden. Dessen Einverständnis vo-
ministerinnen und Agrarminister versam- Interne Unterlagen aus den Ministerien, rausgesetzt, sei eine Weitergabe denkbar.
melt. Das Hotel wirbt auf seiner Website die dem SPIEGEL vorliegen, dokumentie- Kurz vor Weihnachten kommt aber
mit der Nähe zum Grünen, und das passt ren den monatelangen Ressort-Zwist. auch aus Berlin eine Absage. Eine Weiter-
ganz gut zur Konferenz, denn die deutsche Das Problem beginnt schon auf Bun- gabe sei derzeit nicht möglich, »da hier
Landwirtschaft soll schließlich auch grüner desebene. Das Umwelt- und das Landwirt- die Agrarministerkonferenz zustimmen
werden, nachhaltiger und klimafreundli- schaftsministerium in Berlin verbindet vor müsste«, antwortet das Ministerium. Ge-
cher. Beteuern zumindest alle. allem gegenseitige Abneigung. Ob Dün- nau das Gremium also, das vorher noch
Doch hinter den Kulissen findet seit Mo- geverordnung, Insektenschutz oder jetzt selbst an das Bundeslandwirtschaftsminis-
naten ein Ringen um die Zukunft der Land- eben EU-Subventionen – regelmäßig gera- terium verwiesen hatte.
wirtschaft statt, um Macht, Einfluss und ten die beiden Häuser aneinander, und Wie absurd dieses Hin und Her ist, zeigt
die Frage: Wenn Landwirtschaft auch Um- mit ihnen die Ministerinnen Klöckner und die Tatsache, dass sowohl Hinz als auch
weltschutz sein soll, müssten dann die Um- Svenja Schulze (SPD). Anfang des Jahres Jost Umwelt- und Agrarminister in Perso-
weltministerinnen und Umweltminister etwa hielt das Umweltministerium seinen nalunion sind. Was Jost also als Chef der
nicht mit am Tisch sitzen? Zwölf Bundes- Agrarkongress ab. Aktuelles Thema: die Agrarminister ablehnen muss, hat er kurz
länder sehen das in Weiskirchen so, sie GAP. »Aus dem Landwirtschaftsministe- zuvor als Umweltminister noch mit gefor-
wollen laut Protokoll eine gemeinsame Sit- rium kommt dazu bisher nichts«, sagte dert. In 10 von 16 Bundesländern gibt es
zung. Ein unübliches Vorgehen, das sich Schulze. »Diese Lücke wollen wir heute – diese Doppelrolle.
aber auch die Umweltseite schon lange für alle umweltrelevanten Punkte – schlie- Dort, wo beide Ressorts getrennt sind,
wünscht. Die Gegner, Bundeslandwirt- ßen.« Aus Sicht der Agrarseite grenzte besteht man umso entschiedener auf der
schaftsministerin Julia Klöckner (CDU) so- das an Amtsanmaßung. Man habe einen Abgrenzung. »Die Umweltministerkonfe-
wie die Länder Bayern, Baden-Württem- Plan, und die Umweltseite sei eng einge- renz ist schlicht nicht zuständig«, sagt Ba-
berg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, bunden. den-Württembergs Agrarminister Peter
Hauk (CDU). »Wir reden ja auch nicht bei
Naturschutzfragen auf offenen Flächen
mit.« Seine bayerische Kollegin Michaela
Kaniber (CSU) sagt: »Umweltschutz spielt
eine wichtige Rolle, aber es ist nur eines
von vielen Zielen.«
Wolfram Günther, ihr grüner Kollege
aus Sachsen, der zugleich auch Umwelt-
minister ist, hält dagegen. »Umweltbelan-
ge müssen sowieso geprüft werden. Das
ist nicht nur politisch, sondern auch recht-
lich geboten«, sagt Günther. »Keine ge-
meinsame Konferenz zu veranstalten hält
uns nur auf.« Jetzt sei das Jahrzehnt der
Entscheidung für den Klimaschutz, sagt
die rheinland-pfälzische Umweltministerin
Anne Spiegel (Grüne). »Wir werden hier
nicht lockerlassen.«
Hartmut Schwarzbach / argus

In dieser Woche haben die Umweltres-


sorts wieder ein Schreiben verfasst, dies-
mal direkt an Julia Klöckner. Die Forde-
rung, erneut: eine gemeinsame Konferenz
zur europäischen Agrarpolitik.
Philipp Kollenbroich, Jonas Schaible
Traktor beim Pflügen: »Schlicht nicht zuständig«

47
Deutschland

xen und Seniorenheimen haben jede Men-

»Es fehlt an Wissen« ge unbeantwortete Fragen und geben diese


Unsicherheit weiter. Das ist problematisch,
denn oft sind sie die Ersten, die von Freun-
den und Bekannten nach ihrer Meinung
Gesundheit Zahlreiche Menschen in Deutschland würden sich derzeit zur Corona-Impfung gefragt werden.
nicht gegen Corona impfen lassen. Die SPIEGEL: Aus Kliniken mit vielen Covid-
Psychologin Cornelia Betsch hat Ideen, wie sich das ändern ließe. 19-Patienten ist allerdings zu hören, dass
die meisten Mitarbeiter dringend auf den
Impfstoff warten.
Betsch, 41, ist Professorin für Gesundheits- kräften in Seniorenheimen und Kranken- Betsch: Ja, die Wahrnehmung ändert sich,
kommunikation an der Universität Erfurt. häusern nicht impfen lassen wollte. wenn ein Kollege an dem Virus verstorben
Seit Ausbruch der Pandemie untersucht SPIEGEL: Sie meinen, das hätte sich vo- ist oder man einen Toten in ein Kühlhaus
die Forscherin mit ihrem Team in regelmä- raussehen lassen? bringen musste. Je unmittelbarer die Er-
ßigen Umfragen, der sogenannten Cosmo- Betsch: Die Erfahrung mit der Grippeimp- fahrung, desto höher bewertet man das
Studie, wie die Deutschen auf die Corona- fung hat diese Entwicklung nahegelegt. eigene Risiko. Menschen wägen ab, ob sie
krise reagieren. Betsch beriet auch die Kanz- Bei der Influenza hat man es ebenfalls mit sich impfen lassen wollen, so gesehen ist
lerin und die Ministerpräsidenten vor der einem ständig mutierenden Virus zu tun, die Zahl derjenigen, die sich in Deutsch-
Verlängerung des Shutdowns. das jedes Jahr nach einem veränderten land gegen Corona impfen lassen würden,
Impfstoff verlangt. Auch da reagieren gar nicht so klein. Im Moment liegen wir
SPIEGEL: Frau Betsch, Sie erforschen seit Menschen in pflegerischen und medizini- bei 61 Prozent. Dass die Bereitschaft in
Jahren, warum sich Menschen impfen las- schen Assistenzberufen eher skeptisch: den vergangenen Wochen zugenommen
sen oder nicht. Was können Politiker aus Weniger als die Hälfte lässt sich impfen. hat, hängt mit dem wachsenden Vertrauen
diesen Studien lernen? SPIEGEL: Warum ist das so? in die Impfung zusammen.
Betsch: Wichtig wäre, darauf zu reagieren, Betsch: Die wenigsten Menschen lehnen SPIEGEL: Warum ist es gestiegen?
dass die Menschen im Moment ein riesiges Impfungen grundsätzlich ab, höchstens Betsch: Die Impfstoffe werden gerade
Bedürfnis nach Informationen über den zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung weltweit eingesetzt, ohne dass damit me-
Corona-Impfstoff haben. Das ist anders sind echte Impfgegner. Die Angst vor Ne- dizinische Katastrophen einhergehen. Im
als bei Impfungen, die selten aufgefrischt benwirkungen spielt eine Rolle, für viele Umkehrschluss bedeutet das allerdings,
werden müssen und altbekannt sind. Die- ist ein Impftermin in einem stressigen All- dass dieses Vertrauen schnell wieder sin-
ses Bedürfnis ist unterschätzt worden. Das tag auch schlecht unterzubringen. Doch ken kann, falls etwas Gravierendes passie-
hat vermutlich mit dazu geführt, dass sich vor allem fehlt es im Moment an Wissen. ren sollte – selbst wenn es Einzelfälle wä-
erst einmal eine relevante Zahl von Pflege- Viele Mitarbeiter in Krankenhäusern, Pra- ren. Wahrscheinlich käme es dann auch

Klaus Schultes / action press

Impfzentrum im Kurhaus von Baden-Baden: »Experten müssten Fragen beantworten, wie sie in dubiosen Videos gestellt werden«

48
zu einem akuten Fall von »false balance«, nicht alle das Ziel erreicht hatten. Erst als
einer falschen Ausgewogenheit in der die WHO eine Art Ranking erstellte, das
Berichterstattung. anzeigte, wie sich die einzelnen Länder
SPIEGEL: Was meinen Sie damit? im Kampf gegen Masern schlugen, war der
Betsch: Voraussichtlich würden dann jene Ehrgeiz deutlich stärker.
verstärkt zu Wort kommen, die Impfun- SPIEGEL: Wie ließe sich dieses Prinzip auf
gen grundsätzlich ablehnen. Und ihre Deutschland und Corona übertragen?
Ansichten würden in der Öffentlichkeit so Betsch: Ich denke an einen Stufenplan,
diskutiert, als stünden sie gleichberechtigt der Einschränkungen im öffentlichen Le-
neben dem wissenschaftlichen Konsens – ben vorsieht und sich an den Inzidenzwer-

Marco Borggreve
also dem übereinstimmenden Urteil zahl- ten und vielleicht an weiteren wichtigen
reicher Wissenschaftler über die Sicherheit Indikatoren orientiert. Wenn man dann
und den Nutzen von Impfungen. Wer Imp- im eigenen Ort immer noch nicht Pizza
fungen befürwortet, argumentiert auf der essen gehen darf, im benachbarten Land-
Basis dieses Konsenses, der auf den Impf- Impfexpertin Betsch kreis aber die Restaurants geöffnet haben,
daten beruht und ständig überprüft wird. »Jemanden abzuwatschen ist kein Weg« weil die Fallzahlen dort niedrig und die
Impfgegner hingegen ändern ihre Mei- meisten Einwohner geimpft sind, könnte
nung in der Regel nicht, auch wenn die schen impfen lassen, müsste dafür gesorgt das zu einem Anstieg der Impfbereitschaft
Daten ihren Ansichten widersprechen. werden, dass die Termine schnell verfüg- führen. Die Leute würden merken, dass
Aber auf die Öffentlichkeit wirkt es so, als bar sind und man nicht weit fahren muss. mögliche Lockerungen vom eigenen Ver-
hätte ihre vereinzelte Meinung die gleiche SPIEGEL: Momentan scheint die Frage halten abhängen – und nicht von einem
Aussagekraft. Das verunsichert Menschen. dringlicher, wo und wann überhaupt genü- Datum, das dann doch wieder verschoben
SPIEGEL: Soll das heißen, Sie plädieren gend Impfstoff zur Verfügung stehen wird. wird. Es gäbe ein planbares Ziel. Das mo-
dafür, Impfskeptiker gar nicht erst zu Wort Betsch: Dennoch darf man die Logistik tiviert und würde sich wohl auch positiv
kommen zu lassen? wegen der Lieferengpässe nicht hinten- auf die Akzeptanz der anderen Maßnah-
Betsch: Wäre ich für Talkshows oder die anstellen. Der Impfstoff wird kommen, men auswirken.
Gesprächssendung eines Radiosenders ver- und dann muss alles gut funktionieren. Das SPIEGEL: Ihre jüngste Umfrage zeigt, dass
antwortlich, würde ich sie eher nicht einla- trägt entscheidend dazu bei, dass die Impf- die Deutschen der Regierung derzeit so
den. Der Aufklärung ist nicht gedient, wenn willigen sich tatsächlich impfen lassen. wenig Vertrauen schenken wie noch nie
man Impfgegnern eine Bühne bietet. Men- SPIEGEL: Welche weiteren Ratschläge ha- seit Beginn der Pandemie.
schen mit Bedenken einfach abzuwatschen ben Sie an die Politik? Betsch: Ja, und das macht all solche Vor-
ist aber auch kein Weg. Daher müssten Ex- Betsch: Wenn der Impfstoff in ausreichen- haben nicht leichter. Es gibt jede Menge
perten Fragen beantworten, wie sie in du- der Menge verfügbar sein wird, kann ein Leute, die sich von der Regierung nicht
biosen, aber viel geklickten Videos gestellt bisschen mehr Wettbewerb nicht schaden. über Corona informieren lassen wollen,
werden. In unseren Umfragen geben die SPIEGEL: Von welchem Wettbewerb spre- weil sie sich bevormundet oder manipu-
meisten an, dass sie am liebsten durch chen Sie? liert fühlen. Das ist ein wirkliches Problem,
Rundfunkprogramme und von ihren Ärz- Betsch: Man könnte sich zunutze machen, denn sämtliche Erkenntnisse über die Si-
ten über Corona-Impfungen informiert wer- dass niemand gern als Versager dastehen cherheit der Impfung und den Nutzen der
den wollen. Dort sollten sie Antworten fin- will. Als die Mitgliedsländer der Weltge- anderen Maßnahmen laufen zuerst bei der
den. Außerdem müsste man bekannter ma- sundheitsorganisation (WHO) vereinbar- Regierung zusammen und werden momen-
chen, dass Impfen ein sozialer Vertrag ist. ten, die Masern auszurotten, verpflichte- tan fast ausschließlich von ihr verkündet.
SPIEGEL: Inwiefern? ten sie sich auf ein Erfolgsdatum, das dann SPIEGEL: Wer sollte stattdessen sprechen?
Betsch: Wir profitieren alle davon. Man aber mehrfach verschoben wurde, weil Betsch: Vereinsvorsitzende, Spitzensport-
vereinbart mit einer Impfung ja gewisser- ler, Religionsgemeinschaften, Arbeitgeber.
maßen, dass man sich gegenseitig vor einer Im Grunde Angehörige aller gesellschaft-
Ansteckung schützt. Und wenn man sich Schwankende Impfbereitschaft lichen Gruppen. Viele sitzen bislang die
an diesen Vertrag nicht hält, bringt das Anteil der Befragten in Deutschland, die … Zeit bis zu den Lockerungen ab oder
nicht nur eine möglicherweise tödliche ... bereit sind, sich gegen das Coronavirus suchen nach Schlupflöchern, um ihre
Krankheit, sondern auch soziale Unruhe impfen zu lassen Interessen zu wahren. Auch da würde ein
in eine Gesellschaft. Noch immer ist einem ... für eine Corona-Impfpflicht sind Stufenplan hoffentlich bewirken, dass alle
Drittel der Bevölkerung nicht bewusst, dass 80% mehr an einem Strang ziehen.
Corona durch Aerosole übertragen werden SPIEGEL: Wäre eine Impfpflicht eine Al-
kann. Wenig bekannt ist außerdem, dass ternative?
inzwischen immer mehr jüngere Menschen 60 61 % Betsch: Die sollte zu den letzten Mitteln
mit Covid-19 auf den Intensivstationen lie- der Politik gehören. Zahlreiche Menschen
gen. Wer all das weiß, wird empfänglicher setzen eine Impfpflicht mit einem elemen-
für den Nutzen einer Impfung. Und es ist 40 taren Eingriff in ihre Freiheitsrechte gleich.
wichtig, die Ärzte jetzt in ihrer Rolle als Und nach allen Erkenntnissen kann sie so-
Aufklärer zu unterstützen. Es ist aber wohl 42 % gar dazu führen, dass sich Menschen dann
nicht damit getan, sie mit Broschüren fürs 20 aus purem Ärger weniger an die anderen
Wartezimmer auszustatten. Regeln zum Schutz vor einer Ansteckung
SPIEGEL: Sondern? halten. Deswegen wäre ich als Politiker in
0
Betsch: Es könnte sinnvoll sein, dass sie dieser Frage sehr zurückhaltend und wür-
es mit den Krankenkassen abrechnen kön- 14. 21. 27. 26. de mich vielmehr dafür interessieren, was
nen, wenn sie Fragen zur Corona-Impfung April Juli Oktober Januar Leute davon abhält, sich impfen zu lassen.
beantworten. Und wenn man erreichen Zwischen dem 19. Mai und dem 9. Juni wurde keine Zustimmung zu einer
Impfpflicht erfasst; Quelle: Cosmo Covid-19 Snapshot Monitoring; Interview: Katja Thimm
möchte, dass sich möglichst viele Men- Onlinebefragung; rund 1000 Befragte zwischen 18 und 74 Jahren

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 49


Reporter
Fortpflanzung
Kriegen wir Kinder aus
Langeweile, Herr Bujard?
SPIEGEL: Herr Bujard, wird es einen
Corona-Babyboom geben?
Bujard: Mich würde das überraschen.
Zwar haben im vergangenen Jahr die
künstlichen Befruchtungen in Deutsch-
land um 9,3 Prozent zugenommen, aber
das kann viele Gründe haben. Die tech-
nischen Möglichkeiten werden besser,
und viele Frauen schieben ihren Kinder-
wunsch immer weiter auf. Bei den natür-
lichen Zeugungen erwarten wir jetzt ers-
te Daten – der Beginn der Corona-Be-
schränkungen ist etwa zehn Monate her.
SPIEGEL: Gibt es Tendenzen aus ande-
ren Ländern?
Bujard: In den USA rechnen viele mit
einem Einbruch der Geburtenrate.
Die Menschen spüren eine finanzielle
Unsicherheit, und es gibt kaum staatliche
Absicherungssysteme. In einigen afrika-
Familienalbum oder zwölf Zylinder hatten. Auf dem nischen Ländern wird allerdings eher mit
Foto stehe ich, noch etwas schlanker mehr Babys gerechnet. Durch die Corona-
»Fortschritt«, als heute, am Ende des Anhängers. Beschränkungen ist der Zugang zu Ver-
Ich hatte den Radstand verlängert und hütungsmitteln häufig erschwert, genauso
1992 ihn auf Allradantrieb umgerüstet, wie der zu Bildung, weil viele Schulen ge-
weil ich mit ihm tief in den Dschungel schlossen sind. Die Menschen verschiede-
Gerhard Ramsaroop, 49, aus Berlin: fahren musste. Die IFA-Differenziale ner Nationen reagieren beim Kinderkrie-
Ich bin mit diesem Lkw IFA W50 waren so gut, dass sie in den 1980er- gen durchaus unterschiedlich auf Krisen.
aufgewachsen. Mein Vater war 1962 und 90er-Jahren in Guyana bei bri- SPIEGEL: Und die Deutschen?
aus Guyana in die DDR gekommen tischen Bedford-Modellen eingesetzt Bujard: Wir haben Kurzarbeit, die
und hatte in Rostock seinen Elektro- wurden. Einmal fuhr ich im Regen einiges abfedert, trotzdem erwarte ich,
ingenieur gemacht. 1976 kehrten einen Hügel hinauf, und in der Kurve dass sich Existenzängste negativ auf die
wir nach Südamerika zurück, kurz vor begann der Lkw rückwärts zu rut- Geburtenrate auswirken werden. Dazu
meinem fünften Geburtstag. Dort schen. Die Differenzialsperre hat sich kommt der Gesundheitsaspekt: Was,
gründete mein Vater die »Freund- noch während der Fahrt eingeschaltet wenn ich mich schwanger mit Corona in-
schaftsgesellschaft DDR-Guyana« und und mich davor bewahrt abzustürzen. fiziere? Andererseits zeigt die Pandemie,
träumte davon, Helikonien, das sind Kabine, Antriebsstrang, alles war wie wichtig Familie ist. Es gibt keine
diese Zierpflanzen, nach Brandenburg modular aufgebaut und so unkompli- Ablenkungen wie Konzerte, Freunde,
zu exportieren. Aber seine eigent- ziert, dass viele Reparaturen von Restaurants, das Verhältnis zwischen
liche Aufgabe war der Bau der damals nur einer Person durchgeführt werden Freizeit und Partnerschaft verschiebt sich.
größten Lkw-Werkstatt in der Karibik. konnten. Ein Zweierteam konnte SPIEGEL: Dann zeugen die Leute Kinder,
Die DDR hatte enge Beziehungen fast alles ohne Hebezeug reparieren. weil sonst nichts los ist?
dorthin, sie tauschte IFA-Lastwagen Für mich verkörpert dieser phäno- Bujard: Im Volksmund heißt es, man
und Traktoren gegen Reis aus menale Truck W50 einen Geist, auf könne Stromausfälle in der Babystatistik
Guyana ein. den alle Deutschen stolz sein können. erkennen. Das kann ich als Forscher
Ich kenne keinen anderen Lastwagen, Der Traktor rechts auf dem Bild ist nicht bestätigen, es gibt dazu kaum Stu-
der einen so einfachen und billigen übrigens auch aus ostdeutscher Pro- dien. Fakt ist: Paare haben in Zeiten der
Umbau ermöglicht wie der W50. duktion: ein »Fortschritt ZT 303-D«. Krise viel mehr Zeit füreinander.
Zum Beispiel gab es im Wesentlichen Aufgezeichnet von Alexander Smoltczyk SPIEGEL: Haben Sie selbst Kinder?
nur einen Motortyp, unabhängig Bujard: Einen Jungen und ein Mädchen,
von der Anzahl der Zylinder. So ‣ Sie haben auch ein Bild, zu dem Sie
8 und 15 Jahre alt. Sie bereichern mein
konnten grundlegende Teile für alle uns Ihre Geschichte erzählen möchten? Leben jeden Tag. MAP
Motoren der DDR-Nutzfahrzeuge Schreiben Sie an:
verwendet werden, egal ob sie zwei familienalbum@spiegel.de Martin Bujard, 45, ist Forschungsdirektor
für Familie und Fertilität beim Bun-
privat

desinstitut für Bevölkerungsforschung.

50
wahrten, glaubten die Māori, blieben sie mit ihren Ahnen in
Eine Meldung und ihre Geschichte
Kontakt.
Als die Europäer nach Neuseeland kamen, boten sie Mus-

Die letzte Reise keten und Kleidung für die Köpfe, oft erzwangen sie den
Tausch. Neuseeland war eine britische Kolonie, aber auch
Deutsche wanderten dorthin aus. Die Europäer waren faszi-
niert vom »Exotischen«, die Köpfe wurden zu einer Attrak-
Warum zwei tätowierte Māori-Köpfe von Berlin tion in Museen, die Nachfrage stieg.
nach Neuseeland gebracht wurden Europäische Museen zeigten die Köpfe als »künstlerische
Kuriositäten des Südpazifik«, als »Primitive Kunst«. Die Ber-
liner Exponate tauchen in Museumsführern der Jahre 1895
iemand weiß, wann die Ahnen von Te Arikirangi Ma- bis 1929 als »tatauierte Köpfe der Maori« auf. Weitere Auf-
N maku nach Europa kamen, und niemand weiß, wer
dafür verantwortlich war. Sicher ist: Irgendwann lan-
deten ihre tätowierten Köpfe im Ethnologischen Museum in
zeichnungen fehlen, aber einer der beiden Schädel war ver-
mutlich noch in den Achtzigerjahren Teil der Ausstellung im
Ethnologischen Museum, er lag im Bereich Ozeanien in einer
Berlin; 1879 der eine als Ankauf aus Großbritannien, 1905 Glasvitrine.
der andere als Schenkung eines Deutschen, Inventarnum- Aufgrund des ungleichen Verhältnisses zwischen indige-
mern VI 2559 und VI 23649. ner Bevölkerung und den reichen, bewaffneten Kolonialisten
An einem Morgen im vergangenen Oktober stand Te Ari- hätten sich die Māori bestohlen gefühlt, sagt Mamaku. In
kirangi Mamaku dann im Foyer des Museums. Die Köpfe la- den Museen habe man seine Vorfahren zu Objekten gemacht
gen in weißen Boxen vor ihm, abgedeckt mit schwarzem und dadurch entmenschlicht.
Stoff. Videoaufnahmen zeigen Mamakus Kollegen suchen
Mamakus Auftritt. Er trägt ei- heute auf der ganzen Welt nach
nen blauen Anzug, es sieht aus, solchen Schaustücken, sie
als würde er weinen. Mitarbei- durchforsten Museumsbestän-
ter des Museums sind gekom- de und recherchieren im Inter-
men, auch Hermann Parzinger net. Mehr als 600 Überreste
ist da, Präsident der Stiftung ihrer Ahnen haben die Neusee-
Preußischer Kulturbesitz, die in länder schon zurückgeholt, da-
diesem Moment noch Besitze- runter viele Köpfe. Sie lagerten

Christophe Gateau / picture alliance / dpa


rin der beiden Köpfe ist. in Europa, Australien und Nord-
Es sei Zeit, sich von seinen amerika, in Basel, Sydney, New
Vorfahren zu verabschieden, York oder Vancouver. Rund
sagt Mamaku den Deutschen. 300 von ihnen hat Mamaku
Die Köpfe würden zurück nach persönlich heimgebracht.
Neuseeland gebracht. In ihre Im Frühjahr 2019 kontaktier-
Heimat. te er das Ethnologische Mu-
Während der Kolonialzeit seum in Berlin. Es gebe
wurden in Neuseeland sterb- Forschungskooperationen zwi-
liche Überreste der indigenen Mamaku (r.) bei Übergabe in Berlin schen beiden Ländern, sagt er.
Māori gekauft, getauscht oder Wütend auf die Deutschen sei
gestohlen, Knochen und Schä- er nicht. Die Rückgabe sieht er
del zumeist, und über die ganze als aufrichtige Entschuldigung
Welt verstreut. Viele landeten für koloniales Unrecht, das in
in Museumsvitrinen. der Vergangenheit liege.
2003, erzählt Mamaku per Aus der »B. Z.« Die Kosten für die Rückfüh-
Zoom, habe Neuseeland nach rung übernimmt das National-
jahrzehntelanger Vorbereitung damit begonnen, die Über- museum Te Papa. Für die Berliner Köpfe beauftragte es eine
reste der Māori nach Hause zu holen. Mamaku, 39, arbeitet Kölner Logistikfirma. Sie packte die Köpfe am Amsterdamer
für das Nationalmuseum Te Papa, das mit der Rückführung Flughafen in Metallcontainer und verstaute sie im Frachtraum
beauftragt ist. der Linienmaschine, mit der auch Mamaku flog. In ihren
Er wuchs im Norden Neuseelands auf, im Dorf Te Teko. Boxen waren die Köpfe mit Nylonfolie umwickelt und mit
Früh erfuhr er von den Bräuchen seines Volkes. Einst ließen Schaumstoff gepolstert. Nach einem Zwischenstopp auf den
sich besonders wichtige Māori das Gesicht tätowieren – die Philippinen nahm ein Kollege von Mamaku die Fracht in
Männer überall, Frauen meist nur die Lippen und das Kinn. Auckland in Empfang.
Tätowierer bekamen eine spezielle Ausbildung. Sie Jetzt lagern die Berliner Exponate im Museum Te Papa.
bearbeiteten die Haut mit einem kleinen Meißel und füllten In Neuseeland nennt man solche Köpfe heute Toi Moko.
mit einem scharfzahnigen Kamm Farbpigmente in die Wun- Moko bezeichnet in Māori tief eingearbeitete Tätowierungen.
den. Die schwarzen Tattoo-Linien gaben Auskunft über Ab- Toi umfasst den Ursprung der Menschheit und den Gipfel
stammung, Rang und Heldentaten. künstlerischer Leistung. Der genaue Herkunftsort der Ber-
Nach dem Tod eines solchen Menschen trennten die liner Köpfe muss noch geklärt werden.
Māori den Kopf vom Körper und entnahmen die Augen Mamakus Arbeit ist nicht zu Ende. Knapp 600 Überreste
und das Gehirn. Damit er nicht schrumpfte, stopften sie den seiner Vorfahren müssen noch zurückgebracht werden, rund
Hohlraum mit Pflanzenfasern und Lehm aus; manchmal 50 davon lagern in Deutschland, die meisten in den Staat-
nähten sie den Mund zu. Sie erhitzten den Kopf in einem lichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen.
Ofen, räucherten ihn über Feuer und ließen ihn dann in der Das seien jedenfalls die, sagt Mamaku, von denen man
Sonne trocknen. Schließlich bestrichen sie ihn mit Haifischöl, wisse. Von manchen werde man womöglich nie erfahren.
um Haut und Tattoos zu schützen. Indem sie den Kopf ver- Yannick Ramsel

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 51


Reporter

Martin von den Driesch / DER SPIEGEL

Ferkelzüchter Hansen

Schwein und Zeit


Ernährung Schweinefleisch hat in Deutschland zunehmend einen schlechten Ruf.
Wie lebt es sich da gerade mit 17 000 Tieren im Stall? Ein Besuch bei einem
Züchter in dritter Generation im niedersächsischen Landkreis Vechta. Von Alexander Smoltczyk

52
W
er über Schweinezüchter Die Zahl der Veganer nig & kernig«), sagt: »Hier im Landkreis
schreiben möchte, muss vor- gibt es mehr Millionäre pro 1000 Einwoh-
sichtig sein. Das Ansehen die- in den Bauernschaften ner als in Hannover.«
ses Berufes – Max Hansen dürfte sich an der Die Zahl der Veganer in den Bauern-
würde sagen: dieser Berufung – liegt hier- schaften dürfte sich allerdings an der Nach-
zulande irgendwo zwischen Salafist und Nachweisgrenze bewegen. weisgrenze bewegen. Wer hier aufwächst,
Kinderschänder. der wird über die Existenz einer »Gülle-
»Ich sach mal«, sagt Hansen, »das sind Andere Kinder erinnern sich an den Ur- Börse« in Vechta nicht staunen, der spricht
wohl Welten, die sich da gegenüber- laub auf Amrum, das Buddeln mit den El- wie selbstverständlich von »Abferkeln«
stehen.« tern. Max Hansen bekam in jener Nacht und »Deckställen«, von »Gesäuge« und
Feindlich und verständnislos: die Welt erstmals eine Ahnung davon, dass Land- »Aufziehleistung«, von »Saugferkelver-
der »Tierproduktion« und die Welt derer, wirtschaft nichts mit Bullerbü zu tun hat. lust« und »Vollwertschwein«.
die allein bei diesem Wort schon Gänse- »Wenn du Spaß an der Sache hast, dann Wenige hier werden im Zusammenhang
haut bekommen. Wenn überhaupt, dann mach es, habe ich ihm immer gesagt«, er- mit Ferkelmast von »Qualhaltung« und
begegnen sich die zwei Welten nur bei Lidl, zählt Wolfgang Hansen, der Vater, 68. Schwei- »herausgequetschten Hoden« reden oder
an der Kasse. nemäster aus Überzeugung, bisher vier- sonstige Gruselwörter verwenden. Unter
Auch wer über Schweinezucht reden mal Urlaub gemacht im Leben, zweimal »wachstumswilligen Schweinehaltern« (so
möchte – und Max Hansen möchte das, Berlin, einmal Hamburg und dann die paar heißt es im Verbandsorgan »Schweine-
weil es so, wie es ist, ja auch nicht weiter- Tage auf Rügen: »Geschenk vom Sohn.« zucht und Schweinemast«) ist das, was mit
geht –, muss vorsichtig sein. Keinen Na- Es ist immer noch derselbe Hof, hinter den Sauen gemacht wird, »Kastenstand«;
men, kein Foto bitte, auf dem er zu erken- Birken am Ortsrand, natürlich wertig um- was mit ihren Ringelschwänzchen ge-
nen ist. Nicht dass er was zu verbergen gebaut. Die Küche ist Design, der Tisch schieht, heißt »Kupieren«.
habe, aber: »Ich lass mir unseren Betrieb verwittertes Brett unter Glas. Auf der Zwei Welten, zwei Sprachen.
nicht von militanten Tierschützern blockie- Kochinsel stehen zwei Packungen Protein- Zur Dammer Landschaft gehört neben
ren oder sonst wie kaputt machen«, sagt präparat. Richtige Ernährung ist wichtig. den Dammer Bergen (146 Meter hoch)
er. Das Wort »Tierschützer« setzt Max »Künstliche Erzeugnisse des Menschen und dem See Dümmer ein Geruch, der bis-
Hansen, der in Wirklichkeit anders heißt, sind sie alle«, schrieb Alfred Brehm weilen schwer auf dem Land liegt. Was da
mit vier Fingern in Anführungszeichen. (»Brehms Tierleben«) über Schweineras- stinkt, heißt in Damme »Emission«.
Heimliche Aufnahmen, »Stallpornos« sen, »das stämmige Berkshire- wie das fett- Es sei doch so, sagt Max Hansen: Solan-
mit Nahaufnahmen aus der Kadavertonne leibige Harrisson- oder das quappliche ge jeder einen Misthaufen vor der Haustür
und sich mühsam aufstützenden Sauen, Zwergschwein; ein Kunstprodukt auch ist hatte und 80 Schweine hinterm Haus,
und schon kann er den Laden dicht- das Maskenschwein, in welchem die Laune habe der Geruch keine Sau interessiert.
machen. Sei im Emsland neulich wieder japanesischer Züchter ihren Ausdruck ge- »Jetzt stinkt es, weil in der ganzen Bauern-
vorgekommen. funden hat.« Brehm berichtete auch von schaft nur noch ein Stall steht.«
Damme im Landkreis Vechta, Südolden- rechnenden, buchstabierenden, jagenden Bereits im Jahr 1410 versuchten Städte
burg, ist gefühlt Deutschlands Schweine- und zum Dudelsack tanzenden Schweinen. wie Ulm, die Zahl der Schweine pro Ein-
hauptstadt. In Damme kommen auf jeden Vom Schwein als Glied einer Produktions- wohner zu begrenzen. Nur eine Stunde zur
Einwohner statistisch 21 Schweine, also kette konnte er noch nichts wissen. Mittagszeit durften die Tiere frei in der
Sauen, Ferkel und Mastschweine. Max Südoldenburg war früher eine Sorgen- Stadt herumlaufen. Heute heißt das »Emis-
Hansen ist hier vor 32 Jahren geboren. gegend unter den ländlichen Regionen sionsradius«. Heute sagt Max Hansen: »Ich
Eine seiner Kindheitserinnerungen ist Deutschlands, mit mageren Böden und kann den Betrieb ohne teure Filtertechnik
ein früher Morgen im März 1993. Da wa- Schweineställen, die nach dem Krieg erst nicht vergrößern, weil ich sonst über den
ren so komische Geräusche im Hof: »Ich mal zu Unterkünften umgebaut wurden, Emissionsradius hinausschießen würde.«
bin ins Schlafzimmer der Eltern, aber die für die Vertriebenen aus Pommern. Mit Der Boden in Niedersachsen ist mit
waren nicht da. Dann bin ich nach unten dem Marshall-Aufbauplan kamen Mais Gülle getränkt. 30 Prozent der Agrarfläche
gegangen. Wir haben im ersten Stock ge- und Milokorn in die Bremer Häfen, Mast- sind als rote Zone ausgewiesen. Das heißt,
wohnt, unten lebten die Großeltern. Da futter, später auch Maniok dass die Landwirte vom
wurden die Tiere auf den Hof getrieben. aus Westafrika, eine leicht kommenden Jahr an dem
Das Bild habe ich nie vergessen.« gebogene Wurzel, die in Boden aktiv Stickstoff ent-
1993 begannen die Jahre der Schweine- Damme »Pimmel« hieß.
Preisschlacht ziehen müssen. In betroffe-
pest. Die Kleinbauern schlos- Preise je Kilogramm Schweine- nen Gebieten muss 20 Pro-
fleisch in Deutschland, in Euro
»Alles, was Mastschwein war, wurde tot- sen Mastverträge ab. Sie zent weniger gedüngt wer-
Quellen: AMI, BLE
geschlagen.« Es ist Wolfgang Hansen, kauften Ferkel auf Kredit, den, den Rest sollen sich
Max’ Vater, der jetzt weitererzählt, die mästeten sie mit Dorsch- 7,19 die Pflanzen aus den Alt-
für
beiden sitzen beim Bier am Küchentisch. mehl, Maniok, Weizen- Verbraucher lasten im Erdreich holen.
6,07
»Rausgetrieben auf einen großen Platz, kleie. Und weil die Deut- »Gülle ist erst mal ein
und da waren Kolonnen von Russen, die schen nicht mehr hungern, Naturprodukt«, sagt Han-
die Tiere mit Elektrozangen getötet haben. sondern satt sein wollten, sen dazu, und wenn man
Das ging drunter und drüber. Die erste war in den Achtzigern das so sieht, »dann ist
Lage lag da, und die anderen wurden da- das ganze Südoldenburger 4,74 Differenz 5,97 das nur ein Verteilungspro-
rüber hergejagt. Das ging einem so was Land satt und prall, in blem. Es gibt Gegenden,
von an die Nieren. Man hat die Tiere ge- den Ställen und außerhalb. wo Gülle fehlt«. Deswe-
füttert und gepflegt im Stall, und dann alle So prall, dass Bernhard gr. für gen gibt es im Landkreis
mit dem Radlader rein in den Container.« Austing, ein Freund der 1,33 1,22 auch die »Gülle-Börse«,
Erzeuger
Er räuspert sich. »Also das kann man sich Familie und außerdem mit Charts wie beim Dax.
gar nicht vorstellen. Wir haben die Kinder Chef des Mischfutterwerks Dezember Dezember
Er habe nichts zu verber-
dann weggeschickt.« Austing (»100 Jahre kör- 2014 2020 gen, sagt Max Hansen. Er

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 53


schäme sich nicht für seinen Beruf. Auch Eine Veterinärin fragte, sich erst in zehn guten Jahren amortisiere.
wenn er manchmal nicht wisse, weshalb er Und wann hat es in der Landwirtschaft
sieben Tage die Woche morgens um fünf wie es sich anfühle, zuletzt zehn gute Jahre gegeben? Es
aufsteht für etwas, das gerade kein Geld ein- unschuldigen Tieren die hilft nichts: Die Ferkel müssen weg, um
bringt und schon lange kein Ansehen mehr. jeden Preis.
Früher war das anders. Land und Leute Eier rauszureißen. Der Wind bläst Max Hansen immer
hier verdanken dem Schwein viel, wenn ins Gesicht: »Afrikanische Schweinepest,
nicht alles. Die Höfe in Südoldenburg sind hat Reserven aus der Zeit, als die Ferkel- Schweinestau und überhaupt.« Wobei das
bis in die Backsteinfugen hinein gepflegte preise dreistellig waren. Aber in diesem »überhaupt« die andere Welt ist, da drau-
Schaustücke, mit neuen Treckern vor Jahr sind sie von knapp 100 auf jetzt ßen, jenseits der Kreisgrenzen von Vechta.
der Einfahrt, die Hecken säuberlich gestutzt 26 Euro eingebrochen. Allein die 600 der- Aus Hansens Sicht hat sich dort eine Front
und oben am Gebälk fleißig-fromme Sinn- zeit trächtigen Sauen würden den Hof aus Reglementierern, Veganern und Veg-
sprüche: »O Gott, erhöre unsere Bitten / ziemlich ins Minus werfen, sagt Hansen. gie-Bürgern gebildet, denen beim Wort
Segne unser Erb und Land / Und bewahre »Wenn es 40 Euro kostet, ein Ferkel aus- »Tierproduktion« schon übel wird, und die
unsere Hütten / Stets vor Unglück, Krieg zumästen, dann sind das bei 20 000 Stück in Ferkeln nur diese süßen Schweinchen-
und Brand«. Man spendet für die »Dam- ... Ich sag mal, wir machen jede Woche Babes sehen, die mit den Boris-Becker-
mer Carnevalsgesellschaft von 1614«, wird 10 000 Euro Verlust.« Äuglein so fröhlich durchs Stroh tollen.
irgendwann Karnevalsprinz oder Schützen- Die Afrikanische Schweinepest ist das Was dem einen »Leben« sind, steht auf
könig, und alles könnte ewig so weiterge- nächste Problem. Die Chinesen haben dem Produktionsdatenblatt für die Bank
hen, wenn es nach Max und seinem Vater 2019 zwei Drittel ihres Schweinebestands als »Mastschweine-Durchgänge«.
Wolfgang Hansen ginge. Geht es aber nicht. gekeult, um die Seuche einzudämmen. Das »überhaupt« sind Berichte über La-
Schuld daran ist zunächst einmal das 200 Millionen Tiere. Damals konnte borfleisch, wonach man bald »Schwein«
Schwein als solches. man als deutscher Schweineproduzent aus Stammzellen züchten werde und nicht
»Sogar wenn es tot ist, widersetzt sich richtig Geld verdienen. Doch seit die ers- mehr in den Mastbuchten von Max Han-
das Schwein der Maschine«, schrieb der ten Wildsauen den Erreger über die Neiße sen. Es ist eine grundsätzliche Auseinan-
Schweizer Architekturhistoriker Sigfried nach Brandenburg schleppten, haben dersetzung. Es geht dabei nicht nur um
Giedion. Bis heute sei »noch niemand in China, Südkorea, Japan, Singapur und eine andere Tierhaltung, sondern um eine
der Lage gewesen, eine Maschinerie zu er- große Teile Lateinamerikas einen Import- andere Haltung zum Tier.
finden, die einen Schenkel von einem Ge- stopp für deutsches Schweinefleisch ver- Die Zeiten sind andere, das weiß Han-
rippe loslösen kann«. hängt. sen selbst. »Lebensmittel« reimt sich
Das war 1948. Aber auch ein Menschen- Klar ist: Ohne den Export hat Schwei- inzwischen auf »Skandal«, man denkt
leben später, im Zeitalter autonomen Fah- nefleisch in Deutschland keine Zukunft. Dioxinskandal, Gammelfleischskandal,
rens, sind Schlachthöfe abhängig von Ar- »Schlimmster Vermarktungsnotstand seit BSE-Skandal, Hormonskandal, Tönnies-
beitskräften. Und wenn die durch ein Virus Jahrzehnten«, so schreibt es besorgt das Skandal. Es ist einfach zu viel passiert.
am Erscheinen gehindert werden, bricht Verbandsorgan »Schweinezucht und In der guten alten Zeit der Sechziger –
eine Lieferkette zusammen. Auch die Schweinemast«. Max Hansen zeichnet wieder Anführungs-
Intensivhaltung von Leiharbeitern ist an- Die »Interessengemeinschaft der zeichen in die Luft –, da hausten die
fällig für Seuchen. Schweinehalter«, mit Sitz in Damme, Schweine im hintersten Verließ, im Fun-
Im Frühsommer vorigen Jahres wurden warnte in den vergangenen Wochen vor zellicht einer 25-Watt-Birne, und wurden
Schlacht- und Zerlegebetriebe zumindest dem »katastrophal niedrigen Niveau« bei an den Ohren aus der Pampe gezogen.
zeitweilig geschlossen. Es gibt in Deutsch- den Erlösen. Deutsches Schwein dürfe Strohhaltung heiße ja nicht, dass die Tie-
land nur noch wenige Großschlachtereien, »nicht als Ramschware verschleudert re auf sauberem Stroh lägen. »Die liegen
und seither kommt man mit dem Schlach- werden«. auf Stroh und dem, was der Auspuff so
ten nicht mehr hinterher: »Schweinestau«. All die Pfötchen, Schnauzen, Ohren, rausgibt. Ein Endmastschwein frisst am
Noch so ein Wort des Jahres 2020. Gedärme und fetten Bäuche der Schweine Tag drei Kilo. Die fliegen hinten auch wie-
Woche für Woche in Deutschland über wurden früher nach Fernost exportiert, der raus. Und da ist die Flüssigkeit noch
80 000 schlachtreife Tiere mehr im Warte- für die asiatischen Küchen, denn: »Jeder- gar nicht mitgerechnet. Und glaubt nicht,
stand. Das ist eine Flut, die mann weiß«, wusste dass die jeden Tag rausgeschippt werden.«
sich bis in die Ferkelställe schon Alfred Brehm, Weswegen auf Bildern von Biohöfen
von Damme zurückstaut. Massentierhaltung »daß eigentlich kein Theil meist nur frisch eingestrohte Stallungen
Denn ohne voll arbeitende Durchschnittliche des ganzen Schweines ver- zu sehen seien. Es gebe aber keine sanfte
Anzahl der Schweine
Schlachthöfe, ohne die Ab- pro Betrieb loren geht.« Jetzt müssen Haltung, sagt Hansen, so wie es auch kei-
nahme von schlachtreifen in Deutschland die Schlachthöfe sorgfäl- nen sanften Tod gebe. Auch nicht in der
Tieren gibt es keine Ein- tig sezieren. Das kostet, landlustigen Kuschelwelt, die mancher
nahmen. Als die nieder- Quelle: Destatis und Fachpersonal lässt Ökohof von sich präsentiert. Muss man
sächsische Landwirtschafts- sich nicht so schnell züch- nicht so sehen, aber so sieht es Max Han-
ministerin Barbara Otte- ten wie Ferkel. sen. Die Tötung von Tieren ist nun mal
Kinast, selbst Landwirtin, Eine Zeit lang, sagt verbunden mit Angst, Panik und Schmerz
dem Landtag am 8. Ok- 2020 Max Hansen, könne man und Bestandteil jeder noch so kleinbäuer-
tober Bericht erstattete, 1244 dem Schweinestau gegen- lichen Tierwirtschaft. Bio sei schon gut,
brach ihr die Stimme. Mäs- steuern, weniger protein- sagt Hansen, aber eben eine Nische. Je-
ter hätten sie angerufen, reiches Futter zumischen, denfalls nichts für jemanden mit gerade
die sagten: Ich töte meine so etwas. Aber nicht auf 17 000 oinkenden und quiekenden Proble-
Schweine, und ich werde 1958 Dauer. Auf bessere Preise men im Stall.
mich töten. warten geht auch nicht, Max Hansen hat Fachabitur gemacht
So weit ist es bei Max 6 dafür müsste ein neuer und in Soest Agrarwirtschaft studiert,
Hansen nicht. Der Betrieb Stall gebaut werden, was trotz des Massakers damals auf dem

54 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Reporter

dem Erzeuger derzeit 1,19 Euro. Davon


gehen fünf Cent Transportkosten für den
Vermarkter ab. Und es spielt keine Rolle,
ob das Fleisch später als »Landjunker-«
oder »Wirtshaussteak« angepriesen wird,
ob es als Haustierfutter verkauft oder als
Leberkäse getarnt wird: 1,14 Euro das Kilo.
Viele Käufer im Supermarkt machten
sich eben keine Vorstellung davon, wie
Schweinezucht und Markt zusammen-
hängen, sagt Max Hansen. »Ein fettes
Schwein, also mit hoher Fettschicht am
Bauch, würde Abzüge bei der Schlachterei
kriegen. Deswegen setzt man auf die
Mutterlinie eine Vaterlinie drauf, die vom
Muskelfleisch her prozentual höher liegt.«
Ein Hybrid entstehe so, ein Idealschwein,
das hohe Futteraufnahme mit Fruchtbar-
keit vereine, und wer Max Hansen eine
Weile zuhört, beginnt zu ahnen, wie weit
sich Konsument und Produzent beim
Fleisch inzwischen entfernt haben.
Hansen könnte noch lange so weiter-
reden, über den Piétrain, den Bodybuilder
unter den Ebern, mit starkem Muskelauf-
bau und wenig Fettansatz.
Es sei schon unfair, sagt Hansen, wie
Landwirtschaft üblicherweise dargestellt
werde. Das mit den Ringelschwänzchen
etwa. Auch bei Schweinen gebe es Verhal-
tensstörungen, die könnten sich in Caudo-
Karl Thomas / allOver / picture alliance
phagie äußern, dem Abknabbern der
Ringelschwänzchen. In der Welt des Land-
kreises Vechta wird auf das Syndrom mit
Anführungszeichen in der Luft reagiert –
und in den Ferkelställen mit dem Kupieren
der Schwänze. Eine Praxis, die in der EU
seit 1994 nur im Ausnahmefall erlaubt,
aber allgemein verbreitet ist.
»Aktiver Tierschutz« sei das Stutzen der
Totes Schwein in Schlachthof: »Nicht als Ramschware verschleudern« Ferkelschwänze eigentlich, sagt Max Han-
sen. »Das ist im Grunde, als ob ich mir
den Fingernagel abschneiden würde. In
elterlichen Hof. Er hat nicht bei der Kar- habe, die da auch hintersteht.« Sie wollen den letzten fünf Zentimetern des Schwan-
tonagenfabrik in Damme angeheuert, heiraten dieses Jahr, eigentlich. Wenn zes laufen kaum Nervenbahnen, da ist nur
sondern über »Gülle-Separation« ge- nichts dazwischenkommt. wenig Gefühl.« Schmerzhaft sei nur die
schrieben und seinen Abschluss über Ein Hof ist längst keine Garantie mehr, spätere Entzündung.
Mischfutteranlagen in der Schweinezucht um reich zu werden. Eine Familienarbeits- Nun ließe sich einwenden, dass es bei
gemacht. Das war nichts, womit man da- kraft in der Landwirtschaft macht im Durch- genügend Platz auch zu keinen Verhaltens-
mals in den Discos und Klubs punkten schnitt 38 000 Euro Gewinn, ein Betrieb störungen wie Schwanzbeißen käme. Und
konnte. Nicht mal in Soest. 55 000 Euro, wenn es gut läuft. Wenn also dass offizielle Gutachten belegten, dass
Allein schon der Begriff. »Bauer«. Ab- keine Exportmärkte die Grenzen hochzie- Kupieren lang anhaltende Schmerzen ver-
wertend, findet Hansen. Wie bei RTL, wo hen, wenn kein Wildschwein ein Virus ein- ursacht. Und fragen, ob denn auch das Kas-
irgendwelche Vollidioten hingestellt wür- schleppt. Wenn nicht von heute auf morgen trieren männlicher Ferkel eine Art Mani-
den, die sich bei der Brautschau zum Dep- alle Kantinen, Mensen, Restaurants und küre sei.
pen machten. »Heute ist ein Landwirt Stadionwurstbuden schließen müssen. Als Wolfgang Hansen, der Vater, ver-
Unternehmer, der mit wenig Aufwand Im vergangenen Jahr sind die Erzeuger- gangenes Jahr in Berlin war, hätten Tier-
möglichst viel Gewinn machen will«, sagt preise für Schwein gefallen, die Verbrau- schützer vor dem Reichstag demonstriert,
Hansen. Es geht um Cashflow, Vorsteuer, cherpreise dagegen deutlich gestiegen. erzählt er. Eine Veterinärin sei da in einem
Betriebsflächenveränderung. Das, was im- »Das Geld bleibt also irgendwo im weite- blutbesudelten Kittel gestanden. Sie habe
mer mehr Menschen als »Geschöpf« se- ren Verlauf der Wertschöpfungskette, bei gefragt, wie sich das anfühle, unschuldigen
hen, ist für ihn immer noch ein »Produkt«: Schlachtunternehmen und Einzelhandel«, Tieren die Eier herauszureißen.
Schwein ist Schwein. sagt Torsten Staack von der ISN. Das ist »Ich habe die dann angesprochen.
»Viele Frauen sagen, nee, Landwirt- die Interessengemeinschaft der Schweine- Sie solle sich das Kastrieren einmal an-
schaft, das brauche ich nicht, das riecht im- halter Deutschlands, Sitz in Damme. sehen. Da fließt nämlich kein Blut. Ich
mer so, kein Urlaub«, sagt Hansen. »Ich Pro Kilogramm Schlachtgewicht, also nehm das hoch, kastriere, und das fängt
bin froh, dass ich eine Freundin gefunden tot und ausgeweidet, bringt das Schwein an zu quieken, als Abwehrreaktion. Wenn

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der nicht mehr weiterkann. Die Familien-
betriebe gäben auf, sagt er, auch weil
sie mit den Vorschriften, Dokumenta-
tionen, Stoffstrombilanzen überfordert
seien. »Und wenn ein Großer aufgibt, wird
er von einem noch Größeren übernom-
men. Sodass die Strukturen immer größer
werden.«
Man macht also weiter und hofft, dass
der Markt sich erholt, man rennt und
ackert, weil es bisher stets weitergegangen
ist. »Es wird immer Leute geben, die
Schwein essen und sich kein Biofleisch leis-
ten können«, sagt sich Hansen, wenn er
merkt, dass die Zeit ihm entgleitet. Wird
schon, sagt er sich. Der Betrieb ist groß ge-

Carsten Koall / Getty Images


nug, um diese Krise durchzustehen.
Es darf nur nichts passieren, kein Unfall,
keine Kampagne militanter Tierschützer,
keine Krankheit in den Ställen. Oder in
der Familie.
Max Hansen hat gelernt, mit den üb-
Mastferkel mit kupiertem Schwanz: »Da ist nur wenig Gefühl« lichen Störungen umzugehen, Preis-
schwankungen in der Futtermühle, neuen
Vorschriften und Standards. Selbst die ein-
es wieder in die Bucht gesetzt wird, geht Schweinehochhäusern. »Da kümmert sich brechenden Märkte in Fernost kann man
es ans Gesäuge und nuckelt weiter. Aber keiner um Tierwohl und Standards.« berechnen, man kann nachkalkulieren und
das hat die Frau alles nicht interessiert.« Wolfgang Hansen, der Vater, hat die sich umstellen.
Denn die einen reden in dieser Aus- Ställe möglichst mit eigenen Leuten ge- Was er nicht kalkulieren kann: Das Ver-
einandersetzung von Effizienz, die anderen baut, um die Kosten im Rahmen zu halten. halten einer Kundschaft, die sich zuneh-
von Tierwohl. Die einen argumentieren So konnte er, wenn irgendwo ein Klein- mend verantwortlich fühlt für das, was sie
betriebswirtschaftlich, die anderen ethisch. züchter aufgeben musste, Anlagen zu- isst. Denn es ist nicht mehr nur der Preis,
Es sind nicht nur zweierlei Sprachen, es kaufen. Er tat damit das, was er eigent- der an der Kühltheke zählt. Es geht immer
sind tatsächlich zwei Welten, und Wolf- lich nicht wollte: kleine Strukturen kaputt mehr um Haltungsnoten, um Moral. Und
gang Hansen wehrt sich gegen den Gedan- machen. die lässt sich nicht ins Controlling aufneh-
ken, dass es auch zwei Zeiten sein könnten, Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich men oder in das Formblatt »22 Kurzfristige
von denen eine gerade am Ablaufen ist. Hegel hat es das unglückliche, weil »in sich Erfolgsrechnung«.
Sie seien immer mitgegangen, sein Vater entzweite« Bewusstsein genannt. Das Schwein ist zudem ein Wesen, mit
und sein Großvater und auch er, sagt Max Das System »Schwein« ist vielleicht an dem den Menschen mehr verbindet als ge-
Hansen, der Sohn. Es bleibe einem ja eine Grenze gekommen: die restlose Nut- genseitiges Mästen. Es ist eine besondere
nichts übrig. Sie hätten »die Genetik ge- zung und Durchoptimierung eines Säuge- Geschichte mit Schwein und Mensch und
wechselt«, so drückt er das aus. Es gebe tiers auf industriellem Niveau. Und nicht mit ihrer Nähe zueinander.
Großlieferanten für Schweinesamen, mit nur für die Greta-Generation sind Tier- Der Wiener Philosoph Fahim Amir hat
Namen wie »Pig Improvement Company«, fabriken ebenso unerträglich wie zu Marx’ in seiner Abhandlung »Schwein und Zeit«
und damit »schnellte die Lebendleistung und Engels’ Zeiten die Lage der arbeiten- über den Zusammenhang von Industria-
prompt nach oben«. den Klassen in Manchester. lisierung und Schweinemast geschrieben.
Man muss es nicht mö- Max Hansen weiß Henry Ford sei die Idee des Fließbands
gen, wenn so über Leben- selbst, wie gutes Schwein erst nach einem Besuch in den Schlacht-
diges geredet wird. Han- Fleischrepublik schmecken kann. »Bei höfen Chicagos gekommen, bei den dorti-
sen und alle, die er so Schweine haltende Betriebe Schweinen werden Rassen gen Förderschienen und der Aufteilung in
kennt in Damme, halten in Deutschland wieder zum Leben er- einzelne Operationen.
allerdings die Skepsis und 27000
weckt, die sehr gut schme- Denn anders als Kühe, so Amir, wehrten
die Abscheu der Tierwohl- cken, weil die einen hohen sich Schweine gegen den Gang zur
21000
täter für Heuchelei. Anteil an intramuskulä- Schlachtbank. Dieser Widerstand könne
Die Lebensmittelindus- rem Fett haben. Aber die nur durch eine massive Mechanisierung
trie und die Verbraucher, Schlachtereien geben uns gebrochen werden. »Der gesamte Apparat
sagt er, hätten die Macht. vor, mageres Fleisch abzu- an Zäunen, Käfigen, Gehegen, Überwa-
November November
»Die diktieren den Preis. 2014 2020 liefern.« chungs- und Monitoringsystemen ist eine
Das kann sein, dass wir in »Durch die immer ge- Antwort auf die monströse Akteurschaft
20 Jahren keine Landwirt- Gehaltene Schweine in Deutschland ringeren Fleischmargen von Tieren«, schreibt Fahim Amir.
schaft mehr in Deutsch- 28 Millionen muss man das Rad immer Das Lebewesen wird in der Apparatur
26 Millionen
land haben, sondern den größer drehen«, sagt Han- geführt und weiß nicht, ob es selbst noch
ganzen Müll aus Litauen, Quellen: sen. Ein Kreislauf. Noch geht oder wer das ist, der ihm die Füße
Russland, China, Brasilien BMEL, ISN,
Statistisches
mehr Abferkelboxen, noch setzt. Es geht immer nur voran, weil
beziehen.« Freunde hät- Bundesamt mehr Besamungsstatio- da kein Ausweg ist, und irgendwann ist
ten sich in China umge- November November
nen, noch einen Zuchtstall eben Schluss.
schaut. Erzählten von 2014 2020 aufkaufen von jemandem,

56 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Reporter

Für viele andere Familien aber sieht es schlecht aus mit dem

Kita-Scham Anspruch auf Betreuung.


Jens Spahn hat im Frühjahr bei einer Regierungsbefragung
mal einen Satz gesagt, der ein Schlüsselsatz des Corona-Jah-
res geworden ist. Er sagte: »Wir werden in ein paar Monaten
Neuwelt Über neu entdeckte Gefühle wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.« Vermutlich
in der Pandemie meinte er auch das Wort »Systemrelevanz«. Es ist wie ein
Rettungsboot, auf dem ein paar Glückliche einen Platz be-
kommen. Alle anderen drohen in ihrem Arbeitsalltag mit
nter den vielen Merkwürdigkeiten, die diese Pandemie Kind unterzugehen. Das ist natürlich ungerecht.
U in ihrem Portfolio bereithält, habe ich vergangene
Woche eine neue entdeckt, speziell für Eltern. Es gibt
noch kein offizielles Wort dafür, jedenfalls kenne ich keines,
Die Kita-Scham hat aber noch eine zweite, größere
Komponente. Sie hat damit zu tun, dass die heldenhaften
Erzieher und Erzieherinnen, die seit einem Jahr zwischen
ich nenne es vorläufig: Kita-Scham. Miniaturstühlen und Kletterinseln für uns Familien – und
Ein bisschen ist es mit den Covid-Gefühlen ja wie auf dem damit vor allem auch für unsere Arbeitgeber – die Stellung
Farbfächer im Baumarkt: Es sind einfach zu viele Schattie- halten, ja nach wie vor keine Möglichkeiten haben, sich vor
rungen – man verliert leicht den Überblick. Je nach Impf- Corona zu schützen. Kleinkinder tragen keine FFP2-Masken,
stoffbeschaffungslage gibt es große Hoffnung, mittlere oder und Körperkontakt mit ihnen lässt sich nicht vermeiden.
geschrumpfte. Dieselben Abstufungen sind für Verunsiche- Aber was ist die Alternative zur Notbetreuung, wenn an-
rung oder Erschöpfung da. Auch regelmäßig im Angebot: sonsten der Familieninfarkt droht? In manche Kitas kommen
Fernweh, Büroweh, Aluhut- deshalb auch eine Woche nach
Fremdscham, Zoom-Fatigue. Schließung des Regelbetriebs
Und, bei mir zunehmend ausge- noch immer mehr als 50 Prozent
prägt: »heute journal«-Burn-out. der Kinder. Das ist offensichtlich
Schon beim Anfangsjingle zucke zu viel.
ich innerlich zusammen, aus Man sieht jetzt Eltern mit ein-
Furcht davor, was Frau Slomka deutiger Systemrelevanz die Au-
gleich wieder verlesen könnte. gen rollen über Eltern mit weni-
Und nun ist da noch diese Kita- ger eindeutiger Systemrelevanz.
Scham. Man hört von Eltern, die sich
Es begann vorige Woche, als mit Kita-Leitungen über die Fra-
die Kitas in Hamburg offiziell ge streiten, ob sie Betreuungs-
schlossen, zumindest für die ansprüche haben oder nicht.
meisten Kinder. Seitdem fühle Einer der Gründe dafür ist, dass
ich es an jenen zwei bis drei Ta- die Politik den Eltern diesmal
gen der Woche, an denen wir mehr Verhandlungsspielraum
das Kleinkind in die Notbetreu- offengelassen und damit die
ung bringen. Konfliktlinie von oben nach un-
Den Zweitklässler, inzwi- ten durchgeschoben hat, zur
schen seit anderthalb Monaten Kita. Vermutlich ist das keine
zu Hause, setzen wir in dieser gute Nachricht für den sozialen
Zeit fürs Homeschooling an den Frieden.
Schreibtisch, darauf gefasst, dass Vor Kurzem, im leeren War-
er alle fünf Minuten eine Frage tezimmer beim Arzt, las ich in
stellen, das Radiergummi verlie- der Zeitung von einer Erziehe-
ren, Hunger oder Durst anmel- rin, die in einem Brandbrief an
den oder ein Jucken am Rücken Niemand kann sechs Stunden am den Bürgermeister von ihrem
verspüren wird, genau da, wo er Betreuungsalltag berichtete. Sie
nicht rankommt. Hätte man ei- Stück systemrelevant sein. schreibe diesen Brief unter Trä-
nen Schrittzähler vom eigenen nen, sagte sie. Ich fühlte mich
Schreibtisch ins Kinderzimmer, wäre das Tagesbewegungsziel sofort mitverantwortlich für ihr Leid. Das alles verschmolz
schon mittags erreicht. dann zu dem neuen Gefühl: einer Mischung aus schlechtem
Aber egal, mit einem Siebenjährigen kommt man klar. Mit Gewissen und der Sorge, die Entscheidung, das Kind in die
dem Kleinkind ist das anders. Schon mal versucht, mit einem Kita zu bringen, könnte das Inzidenzziel 50 gefährden – ge-
Zweijährigen auf dem Schoß den Laptop zu bedienen und paart mit der Erkenntnis: »Geht aber nicht anders«. Es bleibt
dabei sinnergebende Sätze zu formulieren? ein Dilemma.
Also stecken wir ihn in den Kinderwagen und bringen ihn So was hat man dann an notbetreuten Arbeitstagen im
für ein paar Stunden die Woche in die Kita. Unterwegs meldet Hinterkopf, zusammen mit der Frage, wie systemrelevant
sich dann das Gewissen. Es fragt: »Ist das jetzt eigentlich in man eigentlich gerade ist. Niemand kann ja sechs Stunden
Ordnung?« am Stück systemrelevant sein. Darf ich jetzt nur noch über
Denn es ist ja so: Wir schieben den Kinderwagen in die Regierungskrisen schreiben? Ist es in Ordnung, zwischen-
Notbetreuung auf einer Linie entlang, die quer durch die durch einen Kaffee zu trinken? Wie lang darf die Mittags-
deutsche Elternschaft verläuft. Die Linie heißt: »systemrele- pause sein? Unter normalen Umständen könnte man mal
vant«. Pausensport machen, wird ja ständig empfohlen, zehn Mi-
Es gibt Berufe, da sind sich die meisten einig, dass sie nuten Yogamatte gegen Homeofficerücken. Aber als Not-
systemrelevant sind, bei Ärztinnen, Lehrern, Kassiererinnen. betreuungsnutzer geht das nicht, moralisch schwierig, wie
Bei Journalisten ist es mit einigen Ausnahmen wohl ähnlich. so vieles in dieser Pandemie. Dialika Neufeld

Illustration: Cynthia Kittler für den SPIEGEL 57


Wirtschaft

Marcel Kusch / dpa


Jet auf dem Flughafen Düsseldorf

Streit zwischen Condor und Lufthansa eskaliert


Tourismus Ferienfluggesellschaft will sich bei EU-Kommission wegen Wettbewerbsverzerrung beschweren

G Die Ferienfluglinie Condor plant weite- drängt werden. Nach Ansicht der Condor- tet. Eine Condor-Sprecherin will sich zu
re juristische Schritte gegen die Lufthansa. Führung geschieht genau dies. Im Novem- der Darstellung nicht äußern, bestätigt
Condor-Chef Ralf Teckentrup will bei ber hatte die Lufthansa überraschend aber, man prüfe »alle juristischen Optio-
der EU-Kommission gegen die milliarden- einen langjährigen Vertrag über Zubrin- nen«. Bisher kamen sich die beiden Flug-
schwere Staatshilfe der Bundesregierung gerflüge für ihre einstige Ferienflugtochter gesellschaften kaum in die Quere, weil
für den Konkurrenten intervenieren. Brüs- gekündigt. Damit drohe eine marktbeherr- die Lufthansa vor allem auf Geschäftskun-
sel hatte die Lufthansa-Hilfen im Sommer schende Stellung der Lufthansa bei tou- den setzte. Da das Segment einbricht, will
2020 nur unter der Bedingung genehmigt, ristischen Fernstrecken. Teckentrup hat das Unternehmen künftig mehr Urlaubs-
dass kleinere Wettbewerber nicht ver- bereits das Bundeskartellamt eingeschal- ziele ansteuern. DID, GT, MGB

Medien hatte der Tageszeitung »Junge »Panikschleudern in Sachen Kollegen anlege. Ähnlich
Ärger von rechts Freiheit« ein Interview gege- Corona«. Beim Sender zeigt äußert sich ein Sprecher des
ben, in dem er seinen Arbeit- man sich angesichts der Äuße- Deutschlandradios, wo Ullrich
G Der Südwestrundfunk geber scharf kritisiert. Unter rungen irritiert. Zwar gebe es gelegentlich eine Presseschau
(SWR) und das Deutschland- anderem klagte er über die »keinen Anlass, an der journa- moderiert. Ein fairer und rück-
radio haben Schwierigkeiten »Dummheit und Charakter- listischen Integrität von Mül- sichtsvoller Umgang sei die
mit einem langjährigen freien losigkeit« vieler Kollegen und ler-Ullrich zu zweifeln«, aller- Basis für eine interne Diskus-
Mitarbeiter. Burkhard Müller- die »zunehmende Gleich- dings entsprächen die durch sionskultur. »Dieser respektvol-
Ullrich, seit mehr als 30 Jah- geschaltetheit« der Rundfunk- das Interview ausgelösten le Umgang ist in den aktuellen
ren Moderator der Diskus- räte. Vor allem die öffentlich- »Suggestionen« nicht den Stan- Äußerungen von Herrn Müller-
sionssendung »SWR2 Forum«, rechtlichen Medien seien dards, die der Sender an seine Ullrich nicht zu erkennen.« RAI

58 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Corona-Gelder vorausgesetzt, sie investieren
Start-up-Hilfen das Geld in Start-ups. Doch
das Interesse ist verhalten.
werden nicht Nur mit 26 Fonds hat die
KfW Capital bis jetzt Verträ-
angenommen ge abgeschlossen, zehn Geld-

Christian Marquardt / epa-EFE / Shutterstock


G Die Corona-Hilfsgelder, geber zogen sich trotz Bewil-
mit denen der Bund notlei- ligung wieder zurück. Das
dende Gründer unterstützen insgesamt zwei Milliarden
wollte, werden kaum in Euro schwere Maßnahmenpa-
Anspruch genommen. Von ket sollte Ende Dezember
den 1,2 Milliarden Euro, die auslaufen, kürzlich wurde es
von einer Tochterfirma der bis Sommer 2021 verlängert.
staatlichen Förderbank KfW Die KfW Capital erklärt die Altmaier
verwaltet werden, wurden geringe Nachfrage damit, dass
bis zum 26. Januar nur Deutschlands Start-ups besser
284 Millionen Euro abgeru- als erwartet durch die Krise Handel de Onlinekonkurrenz zu
fen, also weniger als ein Vier- gekommen seien. Bei vielen Rettung der helfen. »Die Not ist groß«, so
tel. Die KfW Capital fördert Investoren ist das Instrument Altmaier damals. Beim Han-
unter anderem über die jedoch wegen seiner hohen Innenstädte lässt del ist inzwischen die Ernüch-
»Corona Matching Fazilität« bürokratischen Anforderun- terung groß: Dialog und
private Risikokapitalfonds – gen unbeliebt. RAI
auf sich warten runde Tische seien wichtig.
G Mehr als ein Vierteljahr »Aber am Ende müssen
nach dem »Innenstadt-Gip- auch zeitnah konkrete Maß-
fel« von Bundeswirtschaftsmi- nahmen und entsprechende
Scheuer-Verordnung gegenwärtigen Technik im nister Peter Altmaier (CDU) Unterstützungsleistungen
Riskante Pläne für Regelbetrieb nicht verkehrs- kommt die Rettung innerstäd- stehen«, so Stefan Genth,
sicher möglich und sollte des- tischer Geschäfte kaum voran. Hauptgeschäftsführer des
autonome Autos halb ausgeschlossen werden«, Bislang wurde noch keine Handelsverbands Deutsch-
warnt Siegfried Brockmann, konkrete Fördermaßnahme land. Für viele kämen die Pro-
G Unfallforscher und Ver- Leiter der Unfallforschung aufgesetzt, dabei hatte Alt- gramme sonst schlicht zu spät.
braucherschützer warnen vor der Versicherer. Deren Ver- maier im Oktober 2020 einen Er fordert einen 100 Millio-
einem geplanten Gesetz und band GDV sorgt sich um die »runden Tisch« abgehalten nen Euro schweren »Digitali-
Verordnungen, die den recht- Frage, wie die Schuldfrage bei und versprochen, binnen sierungsfonds«. Davon ist bei
lichen Rahmen für autonom Unfällen geklärt wird. Künftig Wochen Handlungskonzepte Altmaier keine Rede, stattdes-
fahrende Autos und Lkw set- könnte es auch ein Program- zu erarbeiten, um stationären sen plant der Minister ein wei-
zen sollen. Die Regelungen mierer des Herstellers sein Händlern gegen die wachsen- teres Spitzengespräch. GT, SBO
aus dem Bundesverkehrsmi- oder der Anbieter der digita-
nisterium von Andreas Scheu- len Karten. Die Verordnun-
er (CSU) sollen kommende gen regelten diese Frage
Woche vom Bundeskabinett jedoch nicht ausreichend. Der Luftfahrt rem mit IT-Leistungen und
beschlossen werden. Dem- Verbraucherzentrale Bundes- Star Alliance bei der Harmonisierung ihres
nach dürften künftig neben verband rät in seiner Stellung- Produktangebots. Aktuell
Fahrzeugen mit bis zu nahme davon ab, den priva- will nach entwickeln die 40 Mitarbeite-
20 Stundenkilometern auch ten Besitz autonom fahrender rinnen und Mitarbeiter eine
schnellere Pkw und Lkw Autos zu erlauben. Beim
London ziehen biometrische Passagierdaten-
nicht nur in der Erprobung, Stand der Technik wäre es G Das internationale Luft- bank. Sie soll kontaktloses
sondern auch regulär selbst- sinnvoller, »den Anwendungs- fahrtbündnis Star Alliance Reisen in Zeiten von Corona
ständig auf deutschen Straßen bereich nur auf gewerbliche plant, sein weltweites Service- erleichtern. Trotzdem sollen
fahren. »Das ist mit der Halter zu beschränken«. GT zentrum von Frankfurt ins die Angestellten ausgerechnet
Ausland zu verlegen. Favori- auf dem Höhepunkt der Krise
siert wird London als künfti- umziehen – angeblich um
ger Standort, obwohl keine Geld zu sparen. Dabei liegen
der 26 angeschlossenen Flugli- die Personalkosten und Büro-
nien ihren Sitz in Großbritan- mieten in London eher noch
nien hat. Zudem gehen viele höher als in Frankfurt. Für
Firmen in anderen Branchen Mitarbeiter, die aus familiä-
gerade den umgekehrten Weg ren Gründen in Deutschland
und planen, ihren Sitz wegen bleiben wollen oder müssen,
des Brexits aufs europäische würden zudem hohe Abfin-
Julian Rettig / DER SPIEGEL

Festland zu verlagern. Die dungen fällig. Bei der Star


kleine, aber prestigeträchtige Alliance heißt es, noch sei kei-
Star Alliance residiert schon ne Entscheidung gefallen. Zu
seit 20 Jahren am Frankfurter den Motiven für den geplan-
Flughafen und unterstützt die ten Standortwechsel will man
Daimler-Testgelände für hochautomatisiertes Fahren Mitglieds-Airlines unter ande- sich nicht äußern. BAZ, DID

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SOPA Images / Zuma Wire / action press
Demonstranten von »Re-Occupy Wall Street« in New York City Ende Januar: »Wenn wir gewinnen, wird es für immer sein«

Wölfchen of Wall Street


Finanzmärkte Der Aufstand der GameStop-Aktionäre schreckt die Börsen auf. Die Zockertruppe
organisiert sich online, gibt sich antikapitalistisch und brachte einen Hedgefonds
um mehrere Milliarden Dollar. Doch der Triumph der Rebellen ist wohl nur von kurzer Dauer.

N
och ist nicht entschieden, wie das Achtfache des Startkapitals. Inspira- Motiviation: Sie wollten Hedgefonds wie
viele Verlierer dieser Zocker- tion für sein nächstes Investment fand er Melvin Capital eins auswischen, den sie
krieg hinterlässt, wer alles zu im Internetforum Reddit, Untergruppe zu ihrem Feind erklärt hatten, weil er auf
den Gewinnern zählt und wie es WallStreetBets (WSB). den Absturz der Aktie wettete. Auch
weitergeht. Max F.* aus Berlin zumindest Dort bespötteln Nutzer einander als Teenager Max erwarb GameStop-Anteile,
hat es richtig gemacht. Der 14-Jährige ist »Autisten« oder »Zurückgebliebene«, fach- im Wert von 15 000 Euro. Binnen Tagen
jetzt reich. Weil er rechtzeitig mitlief beim simplen über Wertpapiere und veröffent- ging ihr Wert durch die Decke. Ende
Sturm auf die GameStop-Aktie, aber klug lichen neben lustigen Videos auch ihre De- Januar trennte er sich wieder davon –
genug war, sich zurückzuziehen, bevor es potauszüge. Er habe etwas Geld übrig, und bekam dafür 260 000 Euro, wie er
wieder bergab ging. »Ich hatte Schiss, mich fragte der Gymnasiast in die Runde, was sagt. Wenige Tage später schmierte die
zu verspekulieren«, sagt er. tun? Etwa ein Dutzend Foristen empfahl Aktie ab.
Alles begann damit, dass seine Mutter ihm die Aktie des strauchelnden, aus ihrer Der GameStop-Coup der WSB-Ge-
voriges Jahr 2000 Euro in Bitcoin anlegte Sicht jedoch unterbewerteten Videospie- meinde wird in die Finanzgeschichte ein-
und ihm die Passwörter für das Depot gab. lehändlers GameStop. Ein Geheimtipp, gehen. Er führt vor, was geschehen kann,
Der Junge sollte sein erstaunliches Inte- der binnen Tagen zum Hype wurde. wenn Schwarmintelligenz auf dem Finanz-
resse für Geldanlagen ausleben. Als er das Weltweit rotteten sich WSB-Nutzer zu- markt ein gemeinsames Ziel entschlossen
Kryptogeld vor einigen Wochen wieder sammen und kauften sich bei GameStop verfolgt. Es war eine Umkehr der Macht-
veräußerte, erlöste er mit diversen Wetten ein, auf Profit hoffend oder weil sie Fans verhältnisse, zumindest für ein paar Wo-
der US-Filialkette sind. Ein beträchtlicher chen. Melvin Capital verspielte die Hälfte
* Name geändert. Teil von ihnen hatte noch eine andere seines Kapitals, andere Fonds mussten mit

60
Wirtschaft

2,75 Milliarden Dollar unter die Arme raumte für den 18. Februar eine Anhörung losenunterstützung warten, die Börsen ver-
greifen. an, die sich mit dem »Raubtierverhalten« meldeten derweil Kursrekorde. Die Coro-
»Was in diesen Foren passiert, ist wun- der Hedgefonds beschäftigen soll. na-Hilfen, die dann doch noch bei den Leu-
dervoll«, sagt US-Börsenanalyst Michael Wer verstehen will, wer die Leute sind, ten eintrafen, hätten das Spielgeld für den
Pachter. Er schwärmt von einer »Demo- die Hedgefonds vor sich hertreiben, kann Sturm auf die Märkte geliefert, so Massa-
kratisierung der Finanzwelt«. Wirtschafts- mit Adrienne Massanari sprechen, Kom- nari. Und das Homeoffice die nötige Zeit.
ethiker Thomas Beschorner von der Univer- munikationswissenschaftlerin aus Chicago. Zu denen, die ihren Zorn nach außen
sität St. Gallen spricht von einem »Warn- Reddit ist ihr Spezialgebiet. Massanari hat tragen, gehört »keenfeed«, wie er sich auf
schuss für die Hedgefonds«. in dem Netzwerk zu toxischer Männlich- WSB nennt. Der Politikberater aus Kanada,
Andere Beobachter fürchten hingegen, keit und zu Onlinetrollen geforscht. der in seiner Freizeit Papageien und Rehe
die wütenden Kleinanleger könnten den »Es ist kein Zufall, dass diese Dinge ge- fotografiert, postete Ende Januar ein Video:
gesamten Finanzmarkt destabilisieren. Die rade hier passieren und gerade jetzt«, sagt Frauen im Cocktailkleid, Männer im Smo-
US-Aufsichtsbehörde SEC kündigte eine Massanari. »Es gibt eine große Wut auf king mit Fliege und mit Drink in der Hand,
Untersuchung an. Zu klären sei, ob es sich das System.« Begründet liege sie in der aufgenommen mutmaßlich während der
bei den Onlineabsprachen um eine verbo- Finanzkrise 2008, als Banken mit Milliar- Finanzkrise. Dazu schrieb er: »Vor 13 Jah-
tene Kursmanipulation handelte. den vor der Pleite gerettet wurden, wäh- ren: WallStreet Hedgefonds lacht und
Der Mythos jedenfalls ist schon geboren. rend Menschen massenhaft ihren Job ver- trinkt, während die Welt zusammenbricht.
Mehrere Produzenten haben angekündigt, loren. Das vergangene Jahr habe den Frust Nie VERGESSEN.« Er selbst habe vor vier
die Story verfilmen zu wollen. Wäre es verstärkt. Mitten in der Pandemie mussten Jahren an der Börse seine gesamten Er-
ein Thriller oder eher eine Gaunerkomö- Millionen Amerikaner auf ihre Arbeits- sparnisse verloren, erzählt er im Chat.
die? Die WSB-Foristen selbst posten Sze- Als er durch WSB von GameStop erfuhr,
nen aus dem Historienfilm »300«, in dem war »keenfeed« angefixt: »Zum ersten
300 Spartaner gegen Zigtausende Perser Voller Einsatz Mal konnte ich direkt gegen diese Männer
aufbegehren. So sehen sie sich: Klein gegen Das Ringen um die GameStop-Aktie in ihren Smokings kämpfen.« Er investierte
Groß, Hobbyanleger gegen Hedgefonds, und verkündete, es sei Zeit, Rache zu
Rebellen gegen Establishment. Eine schöne 1.
GameStop nehmen. Mitte der Woche schrieb er dem
Erzählung, aber zu simpel. Die Aktien des Videospiel- SPIEGEL, der Absturz der Aktie habe ihn
Unter den Neozockern finden sich nicht verkäufers fallen am tief in die roten Zahlen rutschen lassen.
3. April 2020 auf einen
nur Kapitalismuskritiker, sondern Glücks- Tiefststand von 2,80$. »Aber so ist es nun mal. Wenn wir gewin-
ritter, digitale Goldgräber sowie Nerds, die nen, wird es für immer sein. Wenn sie ge-
in der GameStop-Wette einen groß ange- Investoren winnen, werden wir damit klarkommen
legten Spaß sehen. Weil der Andrang auf 2. Investoren kaufen vermehrt müssen.«
die Aktie vielfältige Interessen bediente, Aktien. Der Kurs steigt bis Nicht alle GameStop-Neuaktionäre ver-
war die Masse leicht zu mobilisieren. Jahresende auf 18,84 $. stehen sich als Revoluzzer. Da ist der Stu-
Müssen sich die Börsen also auf weitere dent aus der Nähe von Hamburg, beken-
Flashmobs organisierter Wutanleger ein- nender Opportunist, der 30 Aktien für
stellen? Bringt die Kleinanlegerarmee gar Hedgefonds 800 Euro kaufte. 20 davon veräußerte er
den Finanzmarkt in Gefahr? Oder zerstreut Hedgefonds wetten nun gegen wieder mit einem Gewinn von 4000 Euro.
3. eine dauerhafte Erholung von
sie sich schnell, weil viele Mitläufer Geld Da ist der Leipziger Germanist, der aus
GameStop. Sie leihen sich
versenkt haben, seit die gepushte Aktie Aktien, verkaufen sie und hoffen, Shutdown-Langeweile ins Kleinanleger-
wieder abgestürzt ist? diese nach einem Kurseinbruch, tum stolperte und seine Anteile trotz des
Im politischen Washington jedenfalls den solche Verkäufe meist Kurseinbruchs behält, weil er »nicht so un-
schuf der Aufstand etwas, was es dort seit auslösen, billig wieder zurück- moralisch« sein will wie ein Hedgefonds.
Jahren nicht mehr gab: parteiübergreifen- kaufen zu können (Short-Seller). Dabei würde seine Freundin mit dem Geld
de Einigkeit. Kaum hatte Linken-Ikone lieber verreisen, sobald das wieder geht.
Alexandria Ocasio-Cortez Sympathien für 4. Kleinanleger Da ist der Inder, 20 Jahre alt, der in Du-
die Kleinanleger bekundet, twit- Im Internetforum Reddit bai lebt und sich auf WSB »exoticoptions«
werden diese »short«-Positionen
terte der erzkonservative republi- der Hedgefonds bemerkt. nennt. Vor ein paar Monaten habe er seine
kanische Senator Ted Cruz aus Te- GameStop-Fans und Börsen- Stelle bei einem Private-Equity-Fonds ver-
xas, der sonst gern gegen die »ra- kritiker verabreden sich, loren, sagt er im Chat. Die Aktiengewinne
dikale sozialistische Agenda« der Aktien und Optionen zu kaufen, seien gerade sein einziges Einkommen.
Demokraten hetzt: »Ich stimme um den Kurs durch die verstärkte Der GameStop-Streich war keine spon-
voll zu.« Beide wollen auf der rich- Nachfrage in die Höhe zu tane Aktion, sondern ein kalkulierter An-
treiben – und den Hedgefonds
tigen Seite der Geschichte stehen: bei den so ihr Geschäft zu verderben. griff. Was der Schwarm vollzog, war ein
kleinen Leuten und nicht beim Großkapi- Aufbegehren gegen Hedgefonds und deren
tal, an dessen Nutzen für die Gesellschaft Geschäftsmodell, auf den Niedergang von
inzwischen viele Amerikaner zweifeln. Firmen zu wetten. Die WSBler schlugen
Hedgefonds
Für die neue Regierung kommt der das System mit seinen eigenen Mitteln.
Der Kurs der Aktie steigt zeit-
GameStop-Coup zur rechten Zeit, sie 5. weise auf 347,50 $, was einigen Es ist nicht das erste Mal, dass Nerds
plant ohnehin, die Finanzbranche stärker Hedgefonds hohe Verluste und Netzaktivisten die Wirtschaft auf-
zu regulieren. Die Vorfälle zeigten einmal beschert hat. Denn sie müssen schrecken. 2010 bekamen es Finanzdienst-
mehr, dass der Aktienmarkt »nicht spie- die geliehenen Aktien meist nach leister mit der Bewegung Anonymous zu
gelt, wie es den Arbeiter- und Mittelklas- kurzer Zeit an den Verleiher tun. Sie attackierte die Websites der Kre-
sefamilien geht«, ließ US-Präsident Joe Bi- zurückliefern – und dafür teurer ditkartenfirmen Visa und Mastercard so-
am Markt wieder einkaufen
den seine Sprecherin Jen Psaki erklären. als erhofft. wie der Bank of America. Als Vergeltung
Die Vorsitzende des Finanzausschusses im Kursangaben: jeweils Tagesschlusskurse,
dafür, dass die verkündet hatten, keine
Repräsentantenhaus, Maxine Waters, be- Quelle: Refinitiv Datastream Spenden mehr an die Whistleblower-Platt-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 61


Wirtschaft

form Wikileaks weiterzuleiten. Zuletzt wa- gen gierige Hedgefondsmanager geht. Un- weiß, was passiert, wenn Menschen viel
ren Twitter-Shitstorms ein beliebtes Mittel, terschlagen wird dabei gern, dass Game- Geld verlieren.« Vielleicht hilft es, die
Unternehmen schlecht dastehen zu lassen. Stop kein Underdog ist, so mau die Geschäf- Bewegung in einem größeren Zusammen-
Doch diesmal geht es um mehr als die Re- te zuletzt auch liefen. Immerhin gehören hang zu sehen. So wie es Martin Gurri tut.
putation von Konzernen. Es geht um Geld. die Vermögensverwalter BlackRock und Der US-Medientheoretiker stellt WSB
Um Macht. In Teilen wird auch ein Kampf Fidelity zu den Hauptgesellschaftern. Und in eine Reihe mit weiteren Revolten der
der Generationen ausgetragen. Die WSB- wie erste Einschätzungen zeigen, zockten jüngsten Vergangenheit. »Black Lives Mat-
Community setzt sich vorwiegend aus Mil- Anleger mit großen Budgets ebenfalls ter«. QAnon. Dem Sturm aufs Kapitol. Es
lennials zusammen, Mitte-20- bis -40-Jäh- munter mit. Dem Hedgefonds Senvest Ma- seien weniger gemeinsame Pläne, die jede
rigen. Sie treffen Anlageentscheidungen nagement bescherte das laut »Wall Street dieser Bewegungen zusammenhalten, son-
nicht beim Sparkassenberater, sondern Journal« 700 Millionen Dollar Gewinn. dern Slogans, sagt Gurri. Ihre Haltung sei
richten sich nach Leuten wie »DeepFu- Das reale Börsengeschäft ist zu kom- es, dagegen zu sein. »Sie greifen Institutio-
ckingValue«, einem Mann von 34 Jahren, plex, um immer sauber zwischen Guten nen an, setzen an deren Stelle aber nichts
der ein rotes Stirnband trägt und eigentlich und Bösen trennen zu können. Zwischen Neues.« Beim Sturm auf das Kapitol
Keith Gill heißt. Monatelang postete der die Fronten geriet etwa das Gebaren von posierten die Eindringlinge an Schreibti-
Finanzexperte auf WSB nichts anderes als populären Trading-Apps wie Robinhood, schen von Abgeordneten und machten
Screenshots seines Investmentportfolios, Drohgesten, darin erschöpfte es sich. Ähn-
in dem sich nur ein einziges Unternehmen lich sei es bei GameStop: »Sie haben keine
befand: GameStop. Es geht um Geld. Um Forderungen, keine kohärente Ideologie.
Bereits im Sommer 2019 kaufte er Ak- Macht. In Teilen wird Deshalb hat diese Bewegung auch keine
tien, zunächst 50, dann 200, ein halbes Hoffnung.«
Jahr später waren es 1000. Gill hatte einen auch ein Kampf der Der Frankfurter Wirtschaftswissen-
Narren an GameStop gefressen. Weniger Generationen ausgetragen. schaftler Andreas Hackethal glaubt sogar,
aus nostalgischen Gefühlen, sondern weil sie sei bereits am Ende, nachdem Anleger
er in dem Investment enormes Potenzial hohe Verluste hinnehmen mussten. »Die
sah. »Du solltest verkaufen«, appellierten über die viele WSB-Nutzer ihre Käufe ab- Party ist vorbei, weil keine Massen an neu-
andere Nutzer. Gill weigerte sich, seine wickelten. Die locken insbesondere junge en Käufern mehr nachkommen werden.«
Posts markiert er mit YOLO, der Abkür- Nutzer mit ihrem kostenlosen Angebot, Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der
zung für »You Only Live Once«, man lebt saugen dafür aber deren Daten ab, die sie GameStop-Kurs ins Bodenlose falle. »Das
nur einmal. unter anderem an Hedgefonds verkaufen. war bisher bei jeder Spekulationsblase so.«
Im Juli vorigen Jahres begann er, live Doch Robinhood fiel seinen eigenen Und wenn sich der Schwarm einfach ein
aus seiner Wohnung zu senden. In You- Kunden in den Rücken und schränkte auf nächstes Ziel sucht? »Ein zweites GameStop
Tube-Videos, in denen er im Katzenshirt dem Höhepunkt des Börsenspektakels den wird es nicht geben«, sagt Hackethal. Eine
Excel-Tabellen erläutert, nennt er sich Handel mit GameStop- und weiteren Ak- erneute Mobilisierung gelinge der Commu-
»Roaring Kitty«, brüllendes Kätzchen. Früh tien massiv ein. Erst da schien den Anle- nity nicht, weil die Plattformen leicht von
äußerte er die Hoffnung auf einen Short gern bewusst zu werden, dass dieselben Profis zu unterwandern seien. »Längst
Squeeze, die Angebotsknappheit eines Hedgefonds, die auf den Niedergang von durchkämmen vermutlich Hedgefonds Red-
Wertpapiers, das zuvor in großer Zahl leer- GameStop gewettet hatten, Geschäftspart- dit-Foren oder befüllen sie selbst.« Schon
gekauft wurde. Die Debatte begann. ner von Robinhood sind. Ihre Wut wuchs. der Versuch der WSB-Community, die Game-
In den folgenden Monaten waren auf Und nun? Wissenschaftlerin Massanari Stop-Geschichte Anfang der Woche mit dem
WSB nicht nur Diagramme und Analysen sieht WallStreetBets an einem riskanten angeblich stark unterbewerteten Rohstoff
zu finden, sondern zunehmend Verach- Punkt angelangt: »Manche Leute in die- Silber zu wiederholen, gestaltete sich schwie-
tung für Hedgefonds. Das Forum radikali- sem Forum glaubten offensichtlich, man rig. Tatsächlich stieg der Silberpreis auffal-
sierte sich. Ende Dezember schrieb je- könne diese Aktie bis in die Unendlichkeit lend stark, die Aktien großer Minen legten
mand: »Lasst uns Melvin Capital zerstö- treiben.« Die Frage sei, was geschehe, binnen 24 Stunden um rund 20 Prozent zu.
ren.« Im Januar rief ein User namens »gar- wenn ihnen klar wird, dass das eine absur- In der Community wurde das neue Ziel
deeon« zu den Waffen: »Macht die Trup- de Vorstellung ist. Werden sie aggressiver, dann allerdings kontrovers diskutiert und
pen bereit, meine Brüder.« Wenige Stun- greifen sie zu härteren Mitteln? »Niemand sorgte für erste Verschwörungserzählungen.
den später würden die Märkte GameStop Denn diesmal sind Hedgefonds, die auf
»nicht nur zum Mond tragen«, sondern bis einen Anstieg des Silberpreises gewettet ha-
ans »Ende des fucking beobachtbaren Uni- ben, mit von der Partie; darunter die Finanz-
versums«. Er war einer von vielen Nut- firma Citadel, die Melvin Capital nach dem
zern, die zum Angriff bliesen. GameStop-Debakel aus der Patsche half.
Der Kurs der GameStop-Aktie stieg. Citadel besitzt sechs Millionen Anteile
Die Taktik der WSB-Armee brachte die am Ishares Silver Trust sowie Beteiligun-
Shortseller in Bedrängnis, jene Fonds, die gen an mehr als einem Dutzend weiteren
mit Leerverkäufen auf einen sinkenden Silberfonds und Minen. Durch den Silber-
Kurs setzten. Sie leihen sich eine Aktie, Push der Wallstreet-Wetter holte der
um sie danach sofort wieder zu verkaufen. Hedgefonds einen Teil seiner Verluste aus
Fällt der Kurs wie erwartet, können die der Vorwoche wieder herein.
Shortseller die Aktie für weniger Geld zu- Am Ende, so scheint es auch diesmal,
rückkaufen. Die Differenz ist ihr Gewinn. gewinnt immer das Kapital.
Wenn eine mit Mobiltelefonen bewaff- Patrick Beuth, Michael Brächer, Henning
nete Horde Millennials Kurse bewegt und Jauernig, Janne Knödler, Alexander Kühn,
Anleger weltweit zum Mitmachen moti- Anton Rainer, Marcel Rosenbach, Stefan
viert, mag das sympathisch wirken. Zumal Finanzexperte Gill Schultz, Ines Zöttl
wenn es vermeintlich um den Kampf ge- »Man lebt nur einmal«

62 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


dpa
Minister Spahn: Ein bisschen Zuckerbrot, ein bisschen Peitsche

Zur Not mit Zwang


Corona Die Impfstoffproduktion könnte zügig ausgebaut werden, wenn der Staat mit
Milliardenhilfen ins Risiko ginge. Doch die Bundesregierung zeigt daran wenig Interesse.

ie Hoffnung entsteht zwischen bestellt. Vielleicht dauere es etwas länger, wirtschaft: zusätzliche Pharmaproduktion

D dem Naturfreundehaus Stein-


kautenhütte und dem Mauso-
leum von Emil von Behring: eine
Handvoll Fabrikhallen und Verwaltungs-
alle zu impfen, wie die Bundeskanzlerin
diese Woche erklärte, bis Ende September
sollte eine erste Impfung für alle indes mög-
lich sein. 323 Millionen Dosen sollen es
per Dekret. Und sogar EU-Kommissions-
präsidentin Ursula von der Leyen, die für
das Beschaffungsdebakel der EU in der
Kritik steht, schlägt die Umwidmung be-
gebäude am Stadtrand von Marburg, man- werden, insgesamt, bis Ende des Jahres. stehender Produktionsstätten mit Geld aus
che von ihnen sind mehr als hundert Jahre Vermutlich. dem EU-Haushalt vor.
alt. Damals wurden darin noch die ersten Dabei haben die vergangenen Wochen Aber sollte sich der Staat tatsächlich
Ampullen gegen Tetanus abgefüllt. Nun gezeigt: Die Wahrscheinlichkeit, dass es direkt einmischen? Bundesgesundheits-
errichtet Biontech hier eine neue Impfstoff- immer wieder zu Rückschlägen bei der minister Jens Spahn hätte es lieber, dass
produktion. Ab März sollen jeden Monat Vakzine-Entwicklung kommt, ist hoch. die Unternehmen selbst für den nötigen
rund 70 Millionen Dosen das Werk ver- Lieferschwierigkeiten können dazu führen, Nachschub sorgen.
lassen. dass Millionen Dosen plötzlich ausfallen. Aus Sicht der Ökonomen wird es ganz
Die Anlage wurde in wenigen Monaten Immer schneller verbreiten sich mutierte ohne Staat nicht gehen. Er müsste die Her-
aufgebaut, ein Rekordtempo. Und wann Virusvarianten und könnten eine dritte steller motivieren, stimulieren, antreiben,
immer in diesen Tagen darüber diskutiert Dosis erfordern oder gar einen ganz neuen helfen. Ein bisschen Zuckerbrot, ein biss-
wird, wie Deutschland endlich an mehr Impfstoff notwendig machen. chen Peitsche.
Impfstoff kommt, dann nennen alle das Führende Ökonomen fordern daher »Ein Aufbau von Produktionskapazitä-
Werk in Marburg. Es könnte zur Blau- erweiterte Produktionskapazitäten, ange- ten ist extrem teuer«, sagt Marcel Fratz-
pause und zum Vorbild werden. schoben vom Staat. Es brauche ein Milliar- scher, Präsident des Deutschen Instituts für
Theoretisch. Praktisch fehlt es Europa deninvestment für mehr Fabriken, damit Wirtschaftsforschung. Solche Risiken ge-
an eigenen Produktionskapazitäten, um ge- Deutschland wenigstens zum Jahresende hen Unternehmen, zumal wenn sie an der
nügend Impfstoffe herzustellen, nicht nur sicher aus der Pandemie herauskomme. Börse notiert sind, nicht einfach ein.
für die ersten Monate, sondern auch für die Das hieße, den ohnehin strapazierten Wenn schon das erste Halbjahr nicht
zweite Jahreshälfte und die kommenden Staatshaushalt noch einmal zu belasten. mehr zu retten sei, so Fratzscher, müsse
Jahre. Das wird mit jeder Woche deutlicher. Andererseits kostet jeder Monat Pandemie der Staat jetzt wenigstens Versäumtes nach-
Daran ändert auch Marburg wenig. die globale Wirtschaft 420 Milliarden Euro. holen. »In diesem Fall ist es ein Irrglaube,
Seit Monaten aber hält die Bundesregie- Der CSU-Vorsitzende Markus Söder der Markt allein könne das schon richten.«
rung unverdrossen an ihrem immer glei- und Grünenchef Robert Habeck verlangen Die Meinungen darüber, wie der Staat
chen Credo fest: Deutschland habe genug deshalb unisono eine Art Not-Impfstoff- am besten helfen könne, gehen jedoch aus-

63
Pharmaindustrie Biontech-Vorstand Sierk Poetting fordert die Politik ben von Anfang an damit gerechnet,
dass es mit den USA schwierig werden
auf, die Impfstoffproduktion mit Geld anzuschieben. könnte, mit oder ohne Trump, wenn es
zu Abschottungen kommt. Also haben

»250 Gramm mehr Moleküle wir gesagt: Wir müssen auch woanders
bestellen, bauen und herstellen.
SPIEGEL: EU-Kommissionspräsidentin

sind eine Million Dosen mehr« Ursula von der Leyen hat vorgeschlagen,
mit Geldern aus dem EU-Haushalt den
Ausbau oder die Umwidmung bestehen-
der Produktionsstätten zu unterstützen.
Wie ernst nehmen Sie das?
SPIEGEL: Herr Poetting, Biontech und Poetting: Den Vorschlag müsste man prü-
sein Partner Pfizer haben diese Woche fen. Er könnte idealerweise dazu führen,
pünktlich zum Impfgipfel bekannt gege- dass mittelfristig Kapazitäten erhöht wer-
ben, die weltweite Produktion in diesem den könnten.
Jahr deutlich zu erhöhen, von 1,3 Milliar- SPIEGEL: Fürchten Sie, dass Materialien
den geplanten Dosen auf 2 Milliarden Do- aus den USA nicht mehr exportiert wer-
sen. Haben Sie kurzfristig ein halbes Dut- den, weil sich die Amerikaner erst mal
zend neuer Fabriken gebaut, oder wie ist selbst versorgen?
das möglich? Poetting: Es gibt eine Executive Order
Poetting: Das Produktionsziel haben wir von Donald Trump, die Joe Biden
Mitte Januar bekannt gegeben und diese aufrechterhalten hat. Sie sagt im Wesent-
Woche erneut bestätigt. Dafür haben lichen, dass der Impfstoff im Land bleibt.
wir im Herbst schon angefangen, eine Darüber hinaus gibt es den Defence Pro-
deutliche Ausweitung der Kapazitäten duction Act. Der sieht vor, dass bestimm-
zu planen. Wir haben uns gefragt: te Stoffe für heimische Unternehmen
Welche bestehenden Werke können wir priorisiert werden. Wir hätten damit bei-
ausbauen, wo können wir mit Partnern nahe Probleme gehabt, konnten die Liefe-

BioNTech
zusammenarbeiten, die Kapazitäten rung aber nach Europa holen. Es gibt
haben, was kann unser neues Werk in noch ein paar Materialien auf der Liste.
Marburg beitragen? Das musste alles Manager Poetting Wir stehen im Kontakt mit dem Kanzler-
zusammenkommen. »Der Bedarf wird größer« amt, um im Fall des Falles freie Bahn zu
SPIEGEL: Wie viele Dosen wird das haben.
Marburger Werk im Monat produzieren? lionen Dosen, die wir 2020 produziert SPIEGEL: Um welches Material handelt es
Poetting: 750 Millionen Dosen im Jahr, haben, waren das, was maximal möglich sich konkret?
also circa 65 bis 70 Millionen pro Monat, war. Auch mit Milliarden Euro und Poetting: Zum Teil um ganz Banales. Ste-
wenn die Fabrik richtig hochgelaufen ist. Tausenden zusätzlichen Mitarbeitern rile Plastiktüten zum Beispiel. Die sind
Damit wäre sie eine der größten Produk- wäre es nicht mehr geworden. Jetzt für eine bestimmte Produktion zugelas-
tionsstätten für mRNA-basierte Impfstoffe aber würde Geld helfen. Erst recht, wenn sen, ohne sie kann der Zulieferer nicht
in Europa. Bis zur vollen Leistung dauert wir für nächstes Jahr eine Kapazität von ohne Verzögerung arbeiten.
es aber noch einige Monate. drei Milliarden Dosen antizipieren sollen, SPIEGEL: Wo ist der größte Flaschenhals
SPIEGEL: Sind zwei Milliarden Dosen das wie es diese Woche bereits angefragt in der Produktion?
Maximum, oder könnten Sie im Sommer wurde. Poetting: Der wechselt. Derzeit sind es
noch mal aufstocken, auf dann vielleicht SPIEGEL: Wie könnte der Staat am besten zwei synthetische Moleküle. Hätte man
2,5 Milliarden Dosen? helfen? Rohstoffe vorfinanzieren? Oder nur 250 Gramm mehr davon, könnte man
Poetting: Erst mal rechnen wir für dieses sich mit Geld direkt am Aufbau von Fabri- eine Million Dosen mehr herstellen. Wir
Jahr mit den zwei Milliarden Dosen. Aber ken beteiligen? sollten also den freien Warenverkehr mit
ich glaube, wir müssen uns darauf vor- Poetting: All das würde natürlich helfen. Ländern außerhalb der EU sichern. Im
bereiten, dass der Bedarf größer wird. Es Nun ist die Politik gefragt. Es braucht zweiten Quartal werden weitere Lieferan-
gibt unterversorgte Länder, es könnte einen Ansatz, wie sich die Pharmaindus- ten ihre Kapazitäten hochfahren. Dann
eine dritte Impfdosis gegen mutierte Vari- trie in Europa aufstellen will. In den ver- entspannt sich auch hier die Lage.
anten des Virus notwendig werden, oder gangenen Tagen hatten wir dazu gute SPIEGEL: Was passiert, wenn der Impf-
es könnten sich ganz neue Mutationen Gespräche. stoff wegen Mutationen verändert wer-
entwickeln. Deswegen arbeiten wir daran, SPIEGEL: Sie denken an ein europäisches den muss: Braucht es dann einen ganz
weitere Standorte auszubauen und neue Zuliefernetzwerk? neuen Zulassungsprozess, der über Mona-
Partner in unser Netzwerk zu nehmen. Poetting: Ja, das wäre ein Weg, den wir te geht und erneut für Knappheit sorgt?
SPIEGEL: Würde es Ihnen helfen, wenn bereits verfolgen. Wir haben Pfizer als Poetting: Das ist noch nicht ganz klar
die EU oder die Bundesregierung nicht strategischen Partner dazugenommen, und abhängig von den Regulierungsbehör-
bloß die Abnahme der Impfdosen garan- weil wir wussten, dass wir es am Anfang den. Gut möglich, dass man eine kleine
tieren würden, sondern direkt in die Pro- nicht allein schaffen. Inzwischen haben klinische Studie machen muss, um die Si-
duktion investieren? wir ein Netzwerk mit 13 Produktions- cherheit nachzuweisen. Es kann aber
Poetting: Im vergangenen Jahr hätte uns partnern hochgezogen, mit Marburg als auch sein, dass der Impfstoff wie beim
mehr Geld nicht geholfen, weil wir den großer Produktionsstätte im Zentrum. Grippe-Vakzin ohne Studien angepasst
Produktionsprozess im großen Maßstab Das könnten wir weiter ausbauen zu werden kann.
erst sicher aufstellen mussten. Die 50 Mil- einem europäischen Netzwerk. Wir ha- Interview: Martin U. Müller, Thomas Schulz

64 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Wirtschaft

einander: Clemens Fuest, Präsident des


Münchner Ifo-Instituts, schlägt vor, die
Pharmaunternehmen mit einer hohen Prä-
mie zu motivieren. »Eine Dosis, die drei
Monate zu früh geliefert wird, könnte für
die Gesellschaft durchaus Hunderte von
Euro wert sein.«
Der Bonner Ökonom Moritz Schularick
sieht bereits den Punkt erreicht, »wo finan-
zielle Anreize allein nicht mehr ausreichen,
sondern die Produktion als Notwirtschaft
quasi kriegswirtschaftlich organisiert wer-
den muss«, also mit Zwang.
Nur wie schnell lässt sich die Fertigung
in Deutschland hochfahren? »In drei Mo-
naten könnte man einiges erreichen. In
sechs Monaten hätte man ziemlich sicher
mehr Produktionskapazität«, sagt Gerhard

Punit Paranjpe / AFP


Winter, Professor für Pharmatechnologie
an der Ludwig-Maximilians-Universität
München.
Er hält es für sinnvoll, vor allem die
Produktion von mRNA-Impfstoffen zu Impfstoffproduktion in Indien: Schlimmstenfalls wegwerfen
beschleunigen. Diese sei weniger zeitauf-
wendig als der Aufbau von Fabriken für
Vektorimpfstoffe wie den von AstraZeneca. im belgischen Puurs gebracht – per Klein- oder die Beutel fehlen, in denen sie trans-
Hierfür werden Bioreaktoren benötigt, de- laster. portiert werden.
ren Bau sehr lange dauert. »Die Komplexität ergibt sich daraus, Wird der Wirkstoff ausgeliefert, man-
Auch die Herstellung von mRNA-Impf- alles parallel hochfahren zu müssen. Ge- gelt es nicht an Abfüllern: Novartis will
stoffen ist komplex, aber leichter zu be- rade fehlen die Lipide, morgen kann es für Biontech fertigen. Sanofi, bei der eige-
schleunigen. Sie erfolgt in drei Schritten. was anderes sein«, sagt Geschäftsführer nen Impfstoffproduktion zurückgeworfen,
Zunächst muss die mRNA hergestellt wer- Dietmar Katinger. ebenfalls.
den. Das geschieht derzeit bei Biontech Es kann schlimmstenfalls passieren, Bei der Herstellung der Rohware wer-
und Curevac. Reichten die Kapazitäten dass mRNA weggeworfen werden muss, den die Hilfsangebote schon rarer. Immer-
dort nicht aus, könne man diesen Schritt weil nicht genügend Lipide ankommen hin, im Lauf des Jahres will zumindest
delegieren, sagt Pharmaexperte Winter. Novartis zusätzlich in die Herstellung von
»Man braucht dafür keine gigantischen mRNA einsteigen. Das Tübinger Unter-
Bauwerke, kleinere Herstellbetriebe tun Hoffnung am Horizont nehmen Curevac hat sich mit Bayer ver-
es auch.« Lieferprognosen von Covid-19-Impfstoffen für bündet. Das geeignete Werk in Wuppertal
Derzeit herrscht an mRNA kein Man- Deutschland, nach Herstellern, in Mio. Dosen umzubauen dauert bis Ende des Jahres.
gel, sie liegt sogar auf Halde. Es fehlt viel- Biontech/Pfizer* 126,6 Das zeigt das grundsätzliche Problem:
mehr an der ausreichenden Menge zweier 34,7 Selbst Pharmariesen können in technisch
Moderna*
synthetischer Moleküle, ohne die die geeigneten Werken nicht einfach ihre
mRNA nicht weiterverarbeitet werden AstraZeneca Produktion von Krebsmedikamenten auf
kann. Denn im zweiten Schritt muss sie Impfstoff umstellen. Dennoch will es die
in fetthaltige Nanopartikel eingehüllt wer- Johnson &Johnson Bundesregierung weitgehend den Herstel-
100,2
den. Diese werden derzeit etwa aus den Curevac 13,5 lern überlassen, die Kapazitäten hochzu-
USA importiert. fahren. Helfen will man allenfalls bei Ka-
Schließlich muss der Impfstoff keim- Sanofi/GSK 26,7 nülen oder chemischen Produkten.
frei abgefüllt werden. Das erfordert vor 42,9 Bei direkten Investments in Produktio-
77,1
allem penibel geschultes Personal. Eine Schätzungen;
nen gibt sich die Bundesregierung dage-
unsterile Abfüllung – und die Fabrik steht * inklusive 40,2 gen zurückhaltend. Im vergangenen Jahr
Mengen aus
wochenlang still, weil grundgereinigt wer- noch nicht hatte sich die Bundesregierung zwar für
den muss. endgültig ab-
geschlossenen
33,8 300 Millionen Euro bei Curevac einge-
Besonderer Druck lastet auf kleinen Verträgen; kauft, damit aber keine konkreten Auf-
Spezialisten wie etwa dem österreichi- Quelle: BMG,
Impfgipfel lagen verbunden. Der Bund besitzt nun
schen Familienunternehmen Polymun. vom 1. Februar Unternehmensanteile, eine zusätzliche
Hier wird die mRNA mit Nanopartikeln 4,6 Fabrik gibt es nicht.
verschmolzen. Etwa 16 Mitarbeiter küm- 6,4
11,7 Wirtschafts- und Gesundheitsministe-
mern sich in mehreren Reinräumen um 22,0
rium wollen mit den Firmen künftig lieber
16,9
die Liposomproduktion für vier verschie- 27,5 Abnahmegarantien mit einer Laufzeit von
18,3
dene mRNA-Impfstoffprojekte. Am Ende vier oder fünf Jahren vereinbaren. In der
verlassen sterile Einwegbehälter mit ins- 10,9 Zeit, hoffen sie, könnte sich die Investition
gesamt etwa 80 Liter in Lipid-Nano- 10,1 in einen neuen Standort ausgezahlt haben.
1,8 9,4
partikeln verpackte mRNA die Fabrik. 5,6 3,5 Kristina Gnirke, Martin U. Müller,
Eine Lieferung reicht für knapp eine 1. Quartal 2. Q 3. Q 4. Q Thomas Schulz, Gerald Traufetter
Million Dosen und wird zum Pfizer-Werk 2021

65
Wirtschaft

von fünf FBI-Beamten und drei Flughafen-

Zurück aus dem Knast polizisten überrascht und verhaftet.


Knapp vier Jahre verbrachte Schmidt
im US-Gefängnis. Kein anderer Beschul-
digter im Dieselgate-Skandal hat einen der-
Volkswagen Niemand wurde so hart für die Dieselaffäre bestraft wie art hohen Preis bezahlt. Sein früherer VW-
Oliver Schmidt. Fast vier Jahre lang saß der Ex-Manager in US-Haft. Kollege James Liang, der ebenfalls in den
Nun erwartet ihn ein harter Kampf mit seinem früheren Arbeitgeber. USA in Haft musste, kam nach gut zwei
Jahren wieder frei. Der ehemalige Audi-
Chef Rupert Stadler und sein Ex-Mana-
m 24. September 2020 verlässt Dabei spielte Schmidt im Dieselskandal gerkollege Wolfgang Hatz saßen jeweils
A Oliver Schmidt das US-Gefängnis
in Milan, Michigan, in Richtung Hei-
mat. Der 1,86 Meter große Häftling trägt
nur eine Nebenrolle. Die berüchtigten Ab-
schalteinrichtungen (»Defeat Devices«),
mit denen VW die Abgasreinigung Hun-
mehrere Monate in Deutschland in U-Haft.
Beide bestreiten die Vorwürfe.
Weitere hochrangigere Beschuldigte wie
einen grauen Jogginganzug, Hand- und derttausender US-Fahrzeuge manipulierte, der ehemalige VW-Boss Martin Winter-
Fußfesseln, als Sicherheitskräfte ihn zum hatte er weder beauftragt noch gebaut. In korn, den die US-Behörden mit inter-
Chicagoer Flughafen begleiten. Dort neh- Volkswagens Konzernhierarchie war er nationalem Haftbefehl suchen ließen,
men ihn zwei Beamte des Landeskriminal- ein relativ kleines Rad. entzogen sich einer drohenden Gefängnis-
amts Niedersachsen in Empfang. Ihr Auf- Dennoch musste Schmidt den Kopf für strafe. Sie vermieden Reisen ins Ausland –
trag: den ehemaligen Volkswagen-Mana- einen der größten Betrugsfälle der jünge- aus Angst, verhaftet und ausgeliefert zu
ger nach Deutschland zu überstellen. »Ich ren Wirtschaftsgeschichte hinhalten. Der werden. Und daheim kommen die Ge-
wollte einfach nur noch nach Hause«, sagt Grund: Er hatte die US-Behörden über die richtsverfahren nur langsam voran.
er heute. Manipulation informiert. Oder besser ge- Der Beginn des Betrugsprozesses in
Schmidt, 52, hat es in den USA zu zwei- sagt: nicht korrekt informiert. Braunschweig, wo Winterkorn und andere
felhafter Prominenz gebracht. Sein Ver- Und er beging Ende 2016 den folgen- ehemalige VW-Manager angeklagt sind,
haftungsfoto machte den VW-Manager schweren Fehler, in die USA einzureisen, wurde wegen Corona auf Ende April ver-
dort Anfang 2017 zum Gesicht der Diesel- um dort und im Nachbarstaat Kuba seinen schoben. Erste Urteile sind frühestens in
affäre. Wikipedia listet ihn als einen der Weihnachtsurlaub zu verbringen. Kurz etwa zwei Jahren zu erwarten. Ähnliches
fünf bekanntesten Insassen des fast 90 Jah- vor dem Rückflug am 7. Januar 2017 wur- gilt für das Münchner Audi-Verfahren ge-
re alten Bundesgefängnisses. de er auf der Flughafentoilette in Miami gen Ex-Chef Stadler und seine ehemaligen

Michael Löwa / DER SPIEGEL

Ex-Führungskraft Schmidt vor dem VW-Stammwerk in Wolfsburg: In der Konzernhierarchie ein relativ kleines Rad

66
Managerkollegen, er hat erst in diesem Freunde geschickt. Er schildert, wie er sich finanziell überfordern. Die Geldstrafe von
Herbst begonnen. Sowohl Stadler als auch im Alltag mit Mördern, Bankräubern und 400 000 Dollar, die er in den USA zusätz-
Winterkorn beteuern ihre Unschuld. Drogendealern arrangieren musste. lich zur Haft bezahlen musste, haben seine
Schmidt wurde belangt, weil er sich Monatelang schlief der VW-Manager in Ersparnisse weitgehend aufgefressen.
nicht wegduckte. Als die US-Behörden im einem 130-Mann-Saal, ehe er eine Zweier- Eine geplante außergerichtliche Eini-
Sommer 2015 die Zulassung neuer VW- zelle beziehen durfte. An Schlaf war kaum gung ist unlängst geplatzt – weil Schmidt
Modelle verweigerten, stellte er sich als zu denken, weil seine Mithäftlinge bis tief angeblich nicht bereit war, eine Verschwie-
Problemlöser zur Verfügung. Am 5. Au- in die Nacht lautstark Karten spielten und genheitserklärung zu unterzeichnen, die
gust sollte er der kalifornischen Umwelt- Domino-Spielsteine auf den Tisch knallten. VW-Anwälte von ihm gefordert haben
behörde Carb erklären, warum VWs Die- Der Knastalltag war ein krasser Kontrast sollen. Weder Schmidt noch VW wollen
selautos auf dem Prüfstand scheinbar sau- zu Schmidts Leben als VW- das laufende arbeitsrechtliche
ber, auf der Straße aber Dreckschleudern Führungskraft, in dem er zu- Verfahren kommentieren.
waren. Sie stießen teils das 40-fache der letzt rund 130 000 Euro pro Fest steht: VW hat keiner-
erlaubten Schadstoffgrenzwerte aus.
Schmidt war zu diesem Zeitpunkt am
Konzernsitz Wolfsburg stationiert, er hätte
die heiklen Gespräche einfach seinen zu-
ständigen Fachkollegen aus Wolfsburg
Jahr verdiente und Dienst-
wagen fuhr. Bei seiner Ver-
haftung musste er alle Wert-
sachen – Handy, Schlüssel,
Portemonnaie – an seine mit-
100
Beschuldigte
lei Interesse daran, dass der
prominent gewordene Ex-
Häftling hierzulande für wei-
tere Schlagzeilen sorgt. Der
Konzern will die Dieselaffäre
oder den USA überlassen können. Doch reisende Frau übergeben. Das führt die endlich abhaken. Da wäre
er erklärte sich bereit, persönlich an dem Geld für Einkäufe im Gefäng- Staatsanwaltschaft es hinderlich, wenn Schmidt
Treffen mit dem Carb-Verantwortlichen in nisshop – Burritos, Cheese- Braunschweig durch Talkshows tingeln und
Traverse City, Michigan, teilzunehmen. cakes, Freizeitkleidung – muss- im VW- einem Millionenpublikum sei-
Schmidt hatte, mit Unterbrechungen, te Schmidt selbst verdienen. Dieselverfahren. ne Leidensgeschichte erzählen
mehr als vier Jahre lang für VW in den Der Ex-Manager passte sich Quelle: Justiz Niedersachsen würde.
Vereinigten Staaten gearbeitet. Anderthalb schnell an. Schmidt program- Jeder Auftritt eines redseli-
Jahre als Teilnehmer des VW-Projekts mierte unter anderem Dreh- gen Ex-Managers erhöht für
»Moonraker«, das die Vorlieben von US- bänke und Fräsmaschinen in der Gefäng- VW zudem das Risiko, den Klägeranwäl-
Kunden erforschte, drei Jahre als Leiter niswerkstatt, brachte anderen Sträflingen ten frisches Futter zu bieten. Aktionäre
des konzerneigenen Technik- und Umwelt- die Bedienung der Geräte bei und repa- verlangen von dem Konzern milliarden-
büros in Michigan. In dieser Funktion hielt rierte Fahrräder. Sein Gefängnislohn, be- schweren Schadensersatz, weil er sie nicht
er Kontakt zu den Umweltbehörden, den richtet Schmidt nicht ohne Stolz, sei im rechtzeitig über den Skandal informiert
zuständigen Sachbearbeiter kannte er gut. Lauf der Jahre von 23 Cent auf 1,30 Dollar haben soll, was VW bestreitet. Selbst eine
Dass Schmidt bei dem Gespräch Un- pro Stunde gestiegen. In der Haft entdeck- öffentliche Verhandlung vor dem Arbeits-
regelmäßigkeiten einräumte, aber nicht te der Deutsche außerdem seine Vorliebe gericht wäre riskant, sollten sich beide Sei-
zugab, dass der Konzern eine illegale Ab- für Yoga, gegen Ende gab er sogar Kurse. ten nicht zuvor einigen.
schalteinrichtung eingebaut hatte, sollte Den Job hatte er von einem Mithäftling Tatsächlich will auch Schmidt die Ver-
ihm später zum Verhängnis werden. In der übernommen, der wegen Kidnapping und gangenheit schnell hinter sich lassen. Di-
Rechtskultur der USA wird die Vertu- Bankraubs einsaß. Er gibt sich geläutert: rekt nach seiner Entlassung hat er begon-
schung einer Straftat oft härter geahndet »Ich habe gelernt, worauf es wirklich an- nen, einen neuen Job zu suchen. Dabei
als das Vergehen selbst: »The cover-up is kommt.« geht der Ex-Häftling offen mit seinem Ma-
worse than the crime«, lautet ein gängiges Vor zwei Wochen hat Schmidt ein neues kel um. Als erster Punkt in seinem Lebens-
Sprichwort unter US-Juristen. Leben begonnen. Am 18. Januar bewilligte lauf steht »Inhaftierung«, von Januar 2017
Später gestand Schmidt, er habe den das Landgericht Lüneburg seinen Antrag bis Januar 2021, »Haftstrafe wegen Ver-
Begriff »Defeat Device« gegenüber der auf vorzeitige Haftentlassung auf Bewäh- schwörung zum Betrug und Verstoß gegen
Umweltaufsicht absichtlich nicht verwen- rung, zwei Tage später kam er frei. Die die Luftreinhaltegesetze der USA«.
det, weil er »vom VW-Management instru- vergangenen Monate hatte Schmidt in Erste Angebote branchenfremder Fir-
iert« gewesen sei, dies nicht zu tun. Das einem Gefängnis in Uelzen verbracht. Er men hat Schmidt schon erhalten. Doch er
Geständnis führte dazu, dass sich Schmidts darf sich jetzt wieder weitgehend frei be- will eigentlich zurück in die Autoindustrie.
Gefängnisstrafe von angedrohten, hypo- wegen, Zeit mit seiner Frau verbringen, An ihr hänge sein Herz, sagt er. Es müsse
thetischen 169 Jahren auf 7 Jahre reduzier- mit Freunden joggen gehen, soweit es die kein Autobauer sein, aber vielleicht ein
te, nach gut der Hälfte der Haftzeit wurde Corona-Regeln erlauben. Schmidt wohnt Zulieferer oder ein Job als Berater. Außer-
er nach Deutschland überstellt. in seiner alten Heimat nahe dem nieder- dem wolle er einen Verein gründen, der
Der VW-Konzern sagt zu Schmidts sächsischen Gifhorn, nur wenige Kilome- sich um Gefangene im Ausland und deren
Schilderungen, sie ließen sich »nicht voll- ter vom VW-Hauptsitz Wolfsburg entfernt. Angehörige kümmert.
ständig und zweifelsfrei rekonstruieren«. Bei der Wahl des Autos ist er seinem alten Noch ist sein Fall nicht ganz abgeschlos-
Daher könne man »die Richtigkeit der Arbeitgeber loyal geblieben: VW Polo, sen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig
betreffenden Aussagen nicht bestätigen«. Baujahr 2002, 55 PS, Benziner. führt ihn nach wie vor als Beschuldigten.
Doch auch der damalige Vizechef der Ansonsten verbindet Schmidt nicht Theoretisch könnte Schmidt ein zweites
US-Behörde Carb, Alberto Ayala, hält mehr viel mit dem Konzern. Er wehrt sich Mal verurteilt werden, weil Deutschland
Schmidt nicht für den Hauptschuldigen: dagegen, dass VW ihm im Dezember 2017, mit den USA kein Abkommen hat, das eine
Er habe nur versucht, ein Problem für sein unmittelbar nach seiner Verurteilung, frist- Doppelbestrafung ausschließt.
Unternehmen zu lösen. los kündigte. Es geht um seinen Ruf – und Eine weitere Verhaftung in den USA hat
Mittlerweile spricht Schmidt nicht mehr um viel Geld. Schmidt dagegen definitiv nicht mehr zu
über Volkswagen und den Dieselbetrug, Schmidts Anwaltskosten summieren befürchten. Die dortige Justiz hat ein le-
aus juristischen Gründen. Seine Erlebnisse sich auf knapp vier Millionen Euro. VW benslanges Einreiseverbot gegen ihn ver-
im US-Knast hingegen hat er genau proto- hat das Geld zwar vorgestreckt, fordert es hängt. Simon Hage
kolliert und teils per Post an Familie und jedoch in Teilen zurück. Das könnte ihn

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 67


Christophe Gateau / dpa
Herby Sachs / WDR

WDR-Programmdirektor Schönenborn, Demonstrationsplakat im Hambacher Forst 2018: Unzulässige Verkürzung?

»Ich brauch einen Vorwand«


Öffentlich-Rechtliche Der WDR löscht einen Beitrag, der für
Ministerpräsident Armin Laschet heikel ist – angeblich wegen journalistischer Mängel.

A uf dem Video ist nicht viel zu sehen


außer gut polierten Schuhen und
Autoreifen. Aber es ist etwas Interes-
santes zu hören, die unverkennbare Stim-
Sprengstoff in der Aufnahme und verfasste
einen Beitrag fürs Radio: »Hambacher
Forst: Räumung brauchte Vorwand«. Am
18. September 2019 um 17 Uhr wurde er
ausschuss des WDR. Der kommt in einem
internen Bericht zu dem Schluss: Es han-
dele sich um einen »Programmkonflikt«
über einen Beitrag, der »journalistisch ein-
me des nordrhein-westfälischen Minister- in der ARD-Audiothek veröffentlicht. wandfrei war«. Das bedeutet: Der Aus-
präsidenten Armin Laschet. Aktivisten Doch zweieinhalb Stunden später nahm schuss hält die Absetzung des Beitrags
haben ihn im Jahr 2019 nach einer CDU- der WDR den Beitrag wieder von der Seite weder journalistisch noch juristisch für ge-
Veranstaltung in Düren abgefangen. Es – die Veröffentlichung im Radio und auf rechtfertigt. Döschner wollte sich zu dem
geht um den Hambacher Forst, den La- Tagesschau.de wurde gestoppt. Aufmerk- hausinternen Konflikt nicht äußern.
schets Regierung 2018 räumen ließ. Der same Hörer beschwerten sich. Eine Rolle bei der Entscheidung, den Bei-
Energiekonzern RWE wollte den Wald ro- Der Sender reagierte mit einer Stellung- trag zu stoppen, spielte offenbar WDR-Pro-
den lassen, um Braunkohle abzubauen. nahme: Es sei aus »rechtlichen Gründen« grammdirektor Jörg Schönenborn. In einer
Ob er nachts noch ruhig schafen könne nicht möglich, den »Gesamtkontext der »Chronologie«, die im Sender zu dem Vor-
mit der Entscheidung, fragt eine Frau in Situation zu zeigen, in der die Aussage fall zirkulierte, wird die Mail eines Kölner
dem Video. Laschet wiegelt erst ab und aufgenommen wurde«. Eine angemessene Tagesschau.de-Redakteurs zitiert, in der es
redet sich dann in Rage. »Ja, ich brauch Einordnung des Zitats sei damit schwierig. heißt: »Nach Rücksprache mit unserem
auch einen Vorwand, sonst kann man doch Auf Anfrage erklärt der WDR, dass die Informationsdirektor Jörg Schönenborn …
nicht tätig werden. Ich wollte den Wald Fachredaktion den Beitrag gestoppt habe, bitten wir Euch, das Textangebot des Kol-
räumen, ich wollte den Wald räumen.« weil die Verwendung der »illegalen Auf- legen Döschner für Donnerstag 19.9., Sperr-
Die Landesregierung hatte als offiziellen nahme nach rechtlicher Prüfung nicht in- frist 6.00 Uhr ›Räumung Hambacher Forst‹
Grund für den Polizeieinsatz Verstöße ge- frage« gekommen sei. Außerdem hätte die linear und online nicht zu veröffentlichen.«
gen Brandschutzvorschriften angeführt. Im »einzelne Aussage des Ministerpräsiden- War die Entscheidung also rein redak-
Spätsommer 2019 jedoch untermauerten ten« als unzulässige Verkürzung gelten tioneller Natur – oder war der Eingriff poli-
veröffentlichte interne Gutachten den Ver- können. Ein WDR-Justiziar hatte Dösch- tisch motiviert?
dacht, dass dieses Argument nur vorge- ner hingegen vor Fertigstellung des Arti- »Früher wäre dieser Beitrag beworben
schoben war. Laschet hatte dazu geschwie- kels »ein gewisses Informationsinteresse« worden – heute wird er gestoppt«, sagt
gen – bis zu jenem verheerenden Satz in bescheinigt, die Äußerung Laschets zu eine WDR-Redakteurin. »Die Leitung will
dem Video. publizieren. Laut einer Mail, die dem es sich nicht mit der Landesregierung ver-
Der heimlich aufgenommene Film wur- SPIEGEL vorliegt, finden sich »nicht so scherzen – schließlich entscheiden die
de WDR-Redakteur Jürgen Döschner zu- gewichtige Gesichtspunkte«, als dass ein hinterher über die Gebühren für die Öf-
gespielt, einem für seine investigativen Re- Zitieren des Ministerpräsidenten »grund- fentlich-Rechtlichen mit.«
cherchen über Industrie- und Energiepolitik sätzlich unzulässig wäre«. Laschet kommt im WDR auffallend oft
bekannten und mit Preisen ausgezeichne- Mit dem Vorfall befassten sich die Re- gut weg. Der Landesvater darf im »Tatort«
ten Journalisten. Er sah offenbar politischen dakteurvertretung und der Schlichtungs- auftreten. Interviews mit ihm geraten

68
Medien
Programm
manchmal so unkritisch, dass sich der Jour-
nalist Friedrich Küppersbusch – früher
selbst beim WDR – über »sechs scharfe Fra-
gen an Armin Laschet« in der WDR-Talk-
show »Kölner Treff« lustig gemacht hat.
Beispielsweise über diese: »Sind Sie des-
halb der beste Kanzlerkandidat möglicher-
weise, weil Sie mehr abwägen als andere?«
Die Düsseldorfer Landesregierung jeden-
falls hat im neuen WDR-Gesetz Gutes für
die Anstalt bewirkt. Statt, wie einst be-
schlossen, die Werbung im Hörfunk auf
60 Minuten zu reduzieren, darf der Sender
weiterhin 75 Minuten lang werben – und
das in zwei Programmen statt in einem.
»Landesrundfunkanstalt und Landesregie-

SPIEGEL TV
rung haben sich gut eingerichtet und ar-
rangiert«, sagt Volker Lilienthal, Journa-
listikprofessor der Universität Hamburg. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel (M.) bei Kapitulation in Berlin-Karlshorst 1945
In dieser harmonischen Beziehung wür-
den Journalisten wie Döschner offenbar
als »Störenfriede« wahrgenommen. SPIEGEL GESCHICHTE SPIEGEL TV WISSEN
Hat die NRW-Landesregierung selbst SAMSTAG, 6. 2., 20.15 – 22.45 UHR, SKY DONNERSTAG, 11. 2., 17.55 – 18.40 UHR, SKY
versucht, die Berichte zu stoppen? Die und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern
Staatskanzlei erklärt auf SPIEGEL-Anfra- Countdown zum Kriegsende
ge, es lägen »keine Informationen« zu Ge- Am 8. Mai 1945 kapituliert Adolf Die Abriss-Profis
sprächen zwischen Landesregierung und Hitlers Wehrmacht bedingungslos. Wenn Gebäude einsturzgefährdet
WDR-Intendanz am Tag vor der geplan- Die drei letzten Monate von Diktatur sind oder neuen weichen müssen,
ten Veröffentlichung von Jürgen Döschner und Krieg davor bedeuten Fanatis- schlägt die Stunde der Abriss-Profis.
vor. Der Austausch mit den Journalisten mus, Chaos und Massenmord, aber Das vermeintlich brachiale Gewerbe
gehöre zum Alltag. es zeigt sich auch Zivilcourage. benötigt Menschen mit Finger-
Jürgen Döschner wurde mittlerweile Die Sieger entdecken das Ausmaß spitzengefühl und Sachverstand.
zum Spartenkanal Cosmo versetzt. Früher der Verbrechen in den Konzentrations-
sendete der WDR täglich ein bis zwei Bei- lagern. Kindersoldaten sterben
träge von ihm, seit dem unerwünschten sinnlos, Flüchtlinge ertrinken in der
Videovorfall ist seine Stimme nur noch sel- Ostsee, Menschen verbrennen im DONNERSTAG, 11. 2., 20.15 – 21.45 UHR,
ten zu hören, Dienstreisen zu Recherchen Inferno des Feuersturms. RTL ZWEI
wurden abgelehnt.
Der Schlichtungsausschuss forderte den
Sender auf, für ihn eine »angemessene re-
daktionelle Anbindung« zu finden; Dösch- SPIEGEL TV
ner sei mit seinen »anerkannten Kompe- MONTAG, 8. 2., 23.15 – 0.00 UHR, RTL
tenzen im Bereich Energie und Umwelt«
auch »im Newsroom ein wertvoller An- Attilas Absturz
sprechpartner und Autor«. WDR-Inten- Der steile Weg vom Koch zum
dant Tom Buhrow wollte dazu keine Corona-Verschwörer

SPIEGEL TV
Stellung beziehen.
Wie Schönenborn auf den Journalismus Tödliche Spaßpille
aus seinem Haus blickt, zeigt eine interne Ecstasy ist vor allem bei Obdachloser Daniel in Hannover
»Programmpost«. Darin fordert er seine Jugendlichen lebensgefährlich
Mitarbeiter auf, künftig eine »Multiper- Hartes Deutschland –
spektivität« einzunehmen. Viele geäußer- Balkanroute 2.0 Leben im Brennpunkt
te Meinungen lägen nicht unbedingt in der Warum die EU-Gelder nicht bei den In der Messestadt Hannover kon-
Mitte der Gesellschaft, heißt es in seiner Flüchtlingen ankommen zentriert sich rund um den
Mail. Als Beispiel wählt er das Kohlekraft- Hauptbahnhof eine der härtesten
werk in Datteln, ein bis in die Bundesre- Drogenszenen der Republik.
gierung hinein umstrittenes Riesenprojekt. Crack, Kokain und Heroin – diese
»Wo ist der Kommentar, dass besser ein und andere Suchtmittel bestimmen
modernes Kohlekraftwerk wenig CO2 aus- das Dasein der Abhängigen am
stößt als viele ältere Kraftwerke viel?«, Rande der Gesellschaft. Sie sind
fragt Schönenborn. Welcher Kommentar obdachlos und ohne Perspektive,
erkenne an, dass die Bundesregierung ih- jeder Tag dreht sich nur um die
SPIEGEL TV

ren Klimazielen »viel näher gekommen ist Jagd nach dem nächsten Rausch.
als erwartet«? Sein »Durst nach neuen, Ein Kreislauf ohne Ausweg, ein
anderen Argumenten« sei groß. Grab einer Ecstasy-Toten Kampf ums Überleben.
Susanne Götze, Annika Joeres

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 69


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Hoshang Hashimi / AFP


Afghanische Sicherheitskräfte führen in Herat eine Gruppe mutmaßlicher Talibankämpfer vor. Jede Woche kommen
in Afghanistan Dutzende Menschen durch Attacken von Islamisten ums Leben. Ihr weiteres Vorrücken gilt
als wahrscheinlich, falls es zu dem vom damaligen US-Präsidenten Donald Trump vereinbarten Truppenabzug bis
Anfang Mai kommt – die Regierung seines Nachfolgers Joe Biden überlegt daher, diesen Beschluss zu korrigieren.

Streit der Separatisten suchen noch immer den Konflikt mit Madrid, andere, wie die
linksrepublikanische ERC, haben sich gemäßigt und setzen
auf Dialog. Gut möglich, dass die Separatisten bei der Wahl eine
Analyse Bei der Regionalwahl in Katalonien Mehrheit erringen – und die Linksrepublikaner trotzdem eine
erneute Eskalation des Konflikts verhindern. Nur 44,5 Prozent
könnte die Bindung an Madrid gestärkt werden. der Katalanen sprechen sich aktuell für die Unabhängigkeit ihrer
Region aus. Dass sich damit keine Sezession erzwingen lässt,
G Da war er wieder, der leidenschaftliche Aufruf, als wäre die weiß die ERC. Gerade sei nicht der richtige Zeitpunkt, heißt es in
Zeit stehen geblieben: Katalonien müsse sich endlich von ihren Reihen.
Spanien lösen, erklärte Laura Borràs vergangene Woche. Bei Richtungweisend könnte die Regionalwahl trotzdem werden.
der Regionalwahl am 14. Februar werde der Weg dafür frei, Salvador Illa, bis vor ein paar Tagen noch spanischer Gesund-
falls sie selbst gewinnen sollte und die separatistischen Parteien heitsminister, ist zurückgetreten, um in Katalonien zu kandidieren.
zusammen mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. Die spanische Corona-Bekämpfung ist keine Erfolgsgeschichte,
Als Spitzenkandidatin der konservativ-nationalistischen Junts Illa hat sich trotzdem profiliert. Er gilt als moderater Mittler, der
per Catalunya vertritt Borràs den ehemaligen katalanischen sich nie aus der Ruhe bringen lässt. Illas Sozialisten sind gegen
Ministerpräsidenten Carles Puigdemont, der nach Brüssel geflo- eine Abspaltung Kataloniens. Mit ihm an der Spitze haben sie die
hen ist. Borràs bezeichnet sich als »Tochter des 1. Oktober«, Chance, eine Koalition der beiden großen separatistischen Par-
in Anspielung auf das Referendum über die katalanische Unab- teien zu verhindern. Wären die Linksrepublikaner künftig auf
hängigkeit, das an diesem Tag 2017 stattfand. Allerdings ist sozialistische Stimmen angewiesen, würde der Konflikt um Kata-
das separatistische Lager zerstritten. Puigdemonts Anhänger lonien wohl in eine längere Ruhephase eintreten. Steffen Lüdke

72 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Israel/Palästina eine moralische und huma- Indien Landwirtschaft im internatio-
nitäre Verpflichtung, die nalen Vergleich als unproduk-
»Moralische Palästinenser zu unterstützen.
Bauernaufstand tiv gilt und den Beschäftigten
Verpflichtung« Israel sollte es zumindest nach Reformen nur wenig Geld einbringt. Die
anbieten – dann könnten die Bauern fürchten jedoch, dass
Während in Palästinenser immer noch G Wer in diesen Tagen an den sie künftig dem Willen von
Israel schon entscheiden, ob sie unsere Hil- Stadtrand von Delhi fährt, Agrarkonzernen ausgeliefert
Erwachsene fe wollen. bekommt den Eindruck, sich sein werden.
und Jugendliche SPIEGEL: Wie könnte diese einer feindlichen Zone zu Neuen Aufwind bekam der
über 16 Jahre Hilfe konkret aussehen? nähern. Bewaffnete Polizisten Protest Ende Januar, als die
PRIVAT

mit Corona- Kamin-Friedman: Israel sollte haben Aufstellung genommen, Bauern zu den Feierlichkeiten
Impfungen ver- Impfstoff finanzieren, bereit- die Straßen sind mit Durch- zum »Tag der Republik« in
sorgt werden, warten viele stellen und logistisch helfen, fahrtsperren aus Stacheldraht die Hauptstadt marschierten
Palästinenser noch auf eine zum Beispiel bei der Aufrecht- und Nagelbrettern gegen und es zu gewalttätigen Aus-
Vakzine. Shelly Kamin-Fried- erhaltung der Kühlketten. Eindringlinge gesichert. Das einandersetzungen mit
man, 48, ist Expertin für So könnten die Palästinenser Internet im Sperrgebiet ist der Polizei kam. Anfang der
Medizin- und Gesundheits- den Impfstoff selbst in den teilweise abgeschaltet. Jenseits Woche drückten dann meh-
recht und unterrichtet an Gazastreifen bringen, wo Israel der Abriegelung kampieren rere Prominente ihre Solidari-
der Ben-Gurion-Universität keinen Zugang hat. Diese Zehntausende Bauern, tät mit den demonstrieren-
in Beer Sheva und an der Schritte wären auch in unserem die dort seit mehr als zwei den Bauern auf Twitter aus,
Universität Haifa. eigenen Interesse. Monaten gegen die Regierung darunter die Popsängerin
SPIEGEL: Warum? protestieren. Rihanna und die Klimaschutz-
SPIEGEL: Frau Kamin-Fried- Kamin-Friedman: Die Pa- Der Streit hat sich an Refor- aktivistin Greta Thunberg
man, Israel hat angekündigt, lästinenser und wir sind Nach- men entzündet, bei denen (»Ich unterstütze ihren friedli-
erstmals 5000 Dosen Covid- barn, es gibt regelmäßigen es sich im Kern um eine Teil- chen Protest«). Die Reaktion
Impfstoff an die Palästinen- Kontakt. Viele arbeiten in Is- liberalisierung der Landwirt- der Regierung lässt auf
sische Autonomiebehörde zu rael. Das Coronavirus stoppt schaft handelt. Viele Ökono- Nervosität schließen: Dem
liefern. Ist das genug? nicht an Grenzen. Wenn men halten die im September Außenministerium war
Kamin-Friedman: Natürlich wir eine Herdenimmunität er- begonnenen Reformen für Rihannas Tweet eine eigene
nicht. Im Westjordanland reichen wollen, müssen wir notwendig, da die indische Stellungnahme wert. LH
leben rund drei Millionen Pa- beide Seiten impfen – Israelis
lästinenser, im Gazastreifen und Palästinenser.
weitere zwei Millionen. Die SPIEGEL: Glauben Sie,
5000 Dosen reichen nicht ein- dass Israel sich darauf einlas-
mal für medizinisches Per- sen wird?
sonal, ganz zu schweigen vom Kamin-Friedman: Ich weiß,
Rest der Bevölkerung. dass es Gespräche gibt, aber
SPIEGEL: Israel sagt, es könne sie sind vertraulich. Jetzt
nur dann mit Impfstoff helfen, ist ein guter Zeitpunkt: Ein
wenn es die palästinensische großer Teil der israelischen
Führung offiziell beantragt. Bevölkerung ist bereits ge-
Das sei nicht geschehen. An- impft. Israel kann stolz auf

Adnan Abidi / REUTERS


fangs ließen die Palästinenser sein Impfprogramm sein, weil
sogar verlauten, sie wollten wir niemanden zurücklassen:
keinesfalls Vakzine von Israel. Flüchtlinge sollen zum Bei-
Kamin-Friedman: Als Exper- spiel auch geimpft werden.
tin für öffentliche Gesundheit Aber wir sollten die Palästi-
bin ich überzeugt: Wir haben nenser nicht vergessen. ARV Protestierende Bauern in Delhi

Türkei worden, allein auf Twitter gemacht. Fakultätsmitglieder tiert. Unterstützung bekom-
wurde der Clip mehr als fünf und Studierende sehen darin men die Istanbuler Studenten
Studenten gegen Millionen Mal aufgerufen. einen Eingriff in die institutio- inzwischen aus anderen Städ-
Erdoğan Daraus entstanden ist ein nelle Unabhängigkeit, sie fürch- ten, von Prominenten und
Slogan für den Widerstand: ten, dass die Regierung künftig Oppositionellen, auch ein Rap-
G »Schau nach unten«, ruft »Aşağı bakmayacağız« – stärkeren Einfluss auf die Istan- song bestärkt sie in ihrem
ein in Zivil gekleideter Polizist »Wir werden nicht nach unten buler Hochschule nimmt. anhaltenden Protest. Die Risse
einem jungen Mann zu, der schauen«. Auslöser der Pro- Seit mehr als einem Monat in Erdoğans Machtbasis könn-
sich friedlichen Studentenpro- teste ist eine Personalentschei- kommt es zu Demonstratio- ten sich dadurch vergrößern.
testen in Istanbul angeschlos- dung des türkischen Präsiden- nen, auf die der Staat mit Poli- Wegen der angespannten Wirt-
sen hat. Zweimal ruft er, wäh- ten Recep Tayyip Erdoğan. Am zeigewalt und Festnahmen schaftslage steht der Staats-
rend er auf den Studenten 1. Januar hat Erdoğan seinen reagiert. Erdoğan sieht sich präsident bereits unter Druck.
zugeht, der kurz darauf von Parteifreund Melih Bulu von inzwischen mit einer der größ- Umfragen zeigen, dass sich
mehreren Polizisten bedrängt der AKP zum Rektor der ange- ten Protestwellen seit der vor allem die jungen Wähler
wird. Die Szene ist gefilmt sehenen Bosporus-Universität Gezi-Bewegung 2013 konfron- von ihm abwenden. ASC

73
Ausland

Piotr Malecki / Panos Pictures / VISUM

Direktor Leggeri: »So kann man eine internationale Organisation nicht führen«

Die Akte Frontex


EU Die Grenzschutzagentur soll die Zuwanderung nach Europa steuern – doch sie produziert
lauter Skandale: Bei den Vorwürfen geht es um finanzielle Unregelmäßigkeiten,
Mobbing und illegale Rückführungen. Sie belasten den Behördenchef Fabrice Leggeri schwer.

74 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


ie Männer und Frauen, die Der Aufbau der ständigen Reserve ist art im Chaos versinken? Und was heißt

D Europas neue Elitegrenztruppe


bilden sollen, schalten sich jeden
Morgen um neun Uhr zur Video-
konferenz zusammen. In Griechenland,
eines der wichtigsten migrationspoliti-
schen Vorhaben der EU. Sie soll die irre-
guläre Zuwanderung kontrollieren. Nun
müssen die EU-Kommission und die Mit-
das für Europas Migrationspolitik?
Der SPIEGEL, die Medienorganisation
Lighthouse Reports und die Zeitung »Li-
bération« haben für diesen Report mit
Kroatien, Bulgarien, Albanien leuchten gliedsländer mitansehen, wie sie zu einer knapp einem Dutzend aktuellen und ehe-
dann Bildschirme auf. Normalerweise spre- Lachnummer verkommt. maligen Frontex-Offiziellen gesprochen.
chen die Frontex-Beamten über Migra- Das Fiasko um die ständige Reserve ist Die meisten von ihnen bestanden darauf,
tionsbewegungen und Menschenhandel. zum Sinnbild geworden für eine Behörde, dass ihr Name nicht genannt wird. Sie ha-
Doch seit Anfang Januar geht es in den die seit Jahren hinter den Erwartungen der ben Angst um ihren Job. Leggeri selbst
internen Sitzungen vor allem um die mise- Öffentlichkeit zurückbleibt, und für einen lehnte ein Interview ab.
rable Stimmung in der Truppe. Behördenchef, der immer mehr Macht an- Gemeinsam mit internen Dokumenten,
»Macht endlich was, oder hier arbeitet häuft, sie aber nicht einzusetzen versteht. die der SPIEGEL und seine Partner ein-
bald keiner mehr«, warnte ein Grenzschüt- Unter Leggeri schlittert Frontex von sehen konnten, zeichnen die Berichte der
zer in einem der Videocalls. Die Polizis- einer Affäre in die nächste. Vergangenen Insider das Bild einer Agentur in Aufruhr.
tinnen und Polizisten, die regelmäßig ihr Herbst enthüllte der SPIEGEL gemeinsam
Leid klagen, sind die ersten eigenen Grenz- mit internationalen Medienpartnern, dass
»France Télécom«:
schützer der EU. Sie stellen die »ständige Frontex-Einsatzkräfte in der Ägäis in ille-
Wie Leggeri die Macht bei Frontex
Reserve« von Frontex dar. gale Rückführungen von Geflüchteten ver-
an sich riss
Die EU-Grenzschutzagentur Frontex wickelt waren, sogenannte Pushbacks. Der
und ihr Chef Fabrice Leggeri sind in eine Frontex-Verwaltungsrat prüft die Vorwür- Frontex residiert in einem Bürokomplex
Reihe von Skandalen verstrickt: Sie müs- fe, die EU-Ombudsfrau hat eine Untersu- im Warschauer Stadtteil Wola, nicht weit
sen sich wegen illegaler Rückführungen an chung eingeleitet. Leggeri selbst behindert vom Stadtzentrum entfernt. Jahrelang ar-
den Grenzen verantworten, wegen mut- offenbar bislang die Aufklärung. beiteten hier nur ein paar Beamte, die Be-
maßlichen Mobbings, wegen eines mögli- Im Januar wurde bekannt, dass das Euro- richte über Migrationsrouten erstellten;
chen Betrugsfalls im Umfeld der Behörde. päische Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf) Grenzschützer borgte man sich bei natio-
Nun hat die Krise auch die ständige Reser- ein Verfahren gegen Frontex eröffnet hat. nalen Polizeibehörden.
ve erreicht, das Prestigeprojekt der Grenz- Leggeri behauptet, die Ermittler befassten Doch die Agentur wächst: 2005 betrug
schutzagentur. sich mit den Pushback-Berichten, mehr das Budget gut 6 Millionen Euro, 2020
Frontex will in den kommenden Jahren könne er nicht sagen. Nach SPIEGEL- waren es rund 460 Millionen. Bis 2027
bis zu 10 000 Beamte an die EU-Außen- Erkenntnissen reichen die Vorwürfe viel wei- werden Europas Steuerzahler der Agentur
grenzen entsenden. Ihnen wurde brand- ter. Bei den Ermittlungen geht es um einen 5,6 Milliarden Euro zur Verfügung stellen.
neues Equipment in Aussicht gestellt, ein möglichen Betrugsfall im Zusammenhang Die Agentur verfügt nun über eigene
EU-Job mit üppigem Gehalt. Kommissions- mit einem Dienstleister, um Mobbingvor- Grenzbeamte, die ständige Reserve, über
präsidentin Ursula von der Leyen setzte würfe und die Frage, ob der Grundrechts- Flugzeuge und Drohnen, bald will sie Zep-
sich persönlich für die ständige Reserve ein. beauftragten der Agentur Informationen peline über der Ägäis kreisen lassen. Der
Am Ärmel der neuen dunkelblauen Uni- vorenthalten wurden. Interne Dokumente Aufstieg von Frontex hat viel mit Fabrice
form funkeln die Sterne der EU-Flagge. legen nahe, dass Leggeris gesamter Füh- Leggeri zu tun, mit jenem Mann, der Fron-
Doch in den Einsatzländern, in Griechen- rungsstil auf dem Prüfstand steht. tex wie kein Zweiter prägte.
land, Kroatien oder Albanien, spüren die Wie konnte es so weit kommen? Wie Fabrice Leggeri, 52 Jahre alt, wurde in
Beamten nichts von Glanz. Sie haben zu konnte die Behörde, der die EU den Mülhausen im Elsass geboren, er spricht
wenig Dienstwagen, mussten teure SUV Schutz ihrer Grenzen anvertraut hat, der- fließend Deutsch. Er studierte an der École
anmieten und teils das Benzin selbst zahlen.
Spesen würden offenbar aus bürokrati-
schen Gründen nicht erstattet, Teile der
neuen Uniformen fehlten – sie mussten von
den Polizisten selbst gekauft werden. So
schildern es mehrere Beamte dem SPIEGEL.
Eigentlich sollen die Polizistinnen und
Polizisten Kriminelle jagen und Schmugg-
ler stellen. Doch die Beamten der Katego-
rie 1, die bei Frontex direkt angestellt sind,
dürfen bisher keine Waffen tragen. Fron-
tex hat versäumt, dafür rechtzeitig eine
rechtliche Grundlage zu schaffen. Europas
vermeintliche Elitetruppe wird deshalb bei
Emin Ozmen / Magnum Photos / Agentur Focus

jeder Patrouille von nationalen Sicherheits-


kräften eskortiert.
Die Pandemie habe die Herausforderun-
gen rund um die Entsendung der Truppe
noch vergrößert, teilte Frontex auf Anfra-
ge mit. Inzwischen sei das Projekt aber auf
Kurs. Die eigenen Beamten sehen das
offenbar anders. Sie seien eine »Potem-
kinsche Reserve«, spottet einer. »Das ist
es nicht wert«, sagt ein Offizier, der darü-
ber nachdenkt hinzuschmeißen. Türkische Grenzschützer mit Flüchtlingen: Rettung mitten in der Nacht

75
Ausland

Nationale d’Administration in Straßburg. greifen interne Kontrollmechanismen wohl gen in der Ägäis und empfahl ihm, die Mis-
Die Universität bildet seit je die französi- immer schlechter. sion in Ungarn abzubrechen. Dort hatte
sche Elite aus. Von 2013 an arbeitete er im Inmaculada Arnáez hat mehr als 20 Jah- Premier Viktor Orbán Pushbacks 2016
Pariser Innenministerium in der Abteilung re lang Erfahrung in Menschenrechtsfra- legalisiert.
für irreguläre Migration. Damals setzte gen. Die Anwältin aus Spanien hat bei der Leggeri ignorierte die Berichte der
sich die Regierung für den Ausbau von Uno gearbeitet und der OSZE, seit 2012 Grundrechtsbeauftragten und führte den
Frontex ein. Zwei Jahre später wurde Leg- ist sie bei Frontex. Als Grundrechtsbeauf- Einsatz in der Ägäis fort. Aus Ungarn zog
geri zum Chef der Agentur ernannt. tragte sollte sie unabhängig vom Exekutiv- er seine Beamten erst ab, als ihn ein Urteil
Wegbegleiter beschreiben Leggeri als direktor operieren – und die Agentur von des Europäischen Gerichtshofs vor weni-
Technokraten. Bei einer Weihnachtsfeier innen kontrollieren. Doch als Leggeri 2015 gen Wochen dazu zwang. Auf Anfrage ließ
habe er vor versammelter Mannschaft die Macht übernahm, bekam sie schnell Leggeri mitteilen, er habe die Kooperation
eine Rede gehalten, pathetisch von den zu spüren, wie wenig der neue Chef offen- mit Arnáez stets wertgeschätzt. Manage-
Errungenschaften der »Frontex-Familie« bar für Menschenrechte übrighat. menterfahrung sei auf dem Posten wegen
gesprochen. Doch Leggeri las von seinem Arnáez sei links liegen gelassen worden, des stark gestiegenen Budgets nötig.
Notizzettel ab. »Es wirkte, als wäre die berichten ehemalige Frontex-Mitarbeiter. Die 40 Menschenrechtsbeobachter hat
ganze Sache eine Nummer zu groß für »Wir hatten das Gefühl, dass Leggeri sie Leggeri immer noch nicht eingestellt. Vor
ihn«, erinnert sich ein Zuhörer. einfach überging.« Menschenrechte seien dem Europaparlament machte er die Kom-
Im Zuge der Frontex-Expansion schnitt nie seine Priorität gewesen. mission für die Verzögerungen verantwort-
Leggeri die Agentur ganz auf sich zu. Er Zum endgültigen Bruch zwischen Leg- lich. Die zuständige Kommissarin Ylva
vergrößerte sein Kabinett. Viele der wich- geri und Arnáez kam es, als das Europa- Johansson warf ihm daraufhin vor, das Par-
tigen Stellen besetzte er mit Landsleuten. parlament der Grundrechtsbeauftragten lament in die Irre geführt zu haben.
Leggeri, so erzählen es Mitarbeiter, sehe 2019 mehr Kompetenzen zusprach. Arnáez Arnáez ist seit vergangenem März er-
man nur selten auf den Fluren. Alle wich- sollten 40 Menschenrechtsbeobachter zur neut krankgeschrieben. Der Frontex-Ver-
tigen Entscheidungen würden in kleinstem Seite gestellt werden. Sie hätte eigene Un- waltungsrat ersetzte sie interimsmäßig
Kreis getroffen. Von Kontrollwahn ist die tersuchungen an Europas Grenzen durch- durch die Deutsche Annegret Kohler, die
Rede, einige ehemalige Mitarbeiter be- führen können. Für Leggeri allem An- zuvor im Kabinett von Leggeri arbeitete.
zeichnen ihn als »Diktator«. »Leggeri schein nach undenkbar. »Ein klarer Interessenkonflikt«, sagt ein
führt die Agentur wie eine Unterpräfek- Am 19. November 2019, Arnáez war ge- Frontex-Beamter.
tur«, sagt jemand, der lange mit ihm gear- rade nach längerer Krankheit zurückge-
beitet hat. »So kann man vielleicht ein kehrt, schrieb der Frontex-Chef ihre Stelle
Die Pushback-Affäre:
französisches Ministerium leiten, aber öffentlich aus. Leggeri überging damit den
Wie Frontex Menschenrechts-
nicht eine internationale Organisation.« Frontex-Verwaltungsrat. Der hätte der
verstöße vertuscht
Leggeris Kabinett nennen Frontex-Leu- Stellenausschreibung zustimmen müssen.
te hinter vorgehaltener Hand »France Arnáez selbst informierte er erst kurz vor- An den Wänden des Frontex-Lagezen-
Télécom«. Die Bezeichnung ist eine An- her. Die EU-Kommission bezeichnete Leg- trums sind Monitore angebracht. Über-
spielung auf den Skandal bei der fran- geris Manöver in einer schriftlichen Ein- wachungsflugzeuge und -satelliten über-
zösischen Telekommunikationsbehörde: schätzung, die dem SPIEGEL vorliegt, als mitteln Bilder aus den Grenzregionen in
Systematisches Mobbing trieb damals zahl- »schlicht und einfach illegal«, es könne als Echtzeit. Von ihren Schreibtischen aus
reiche Mitarbeiter in den Selbstmord. Versuch wahrgenommen werden, Arnáez können die Frontex-Beamten mitverfol-
Der Unmut vieler Frontex-Mitarbeiter zu schwächen oder zu diskreditieren. gen, was an Europas Rändern geschieht.
richtet sich vor allem gegen einen von Leg- Die EU-Kommission zwang Leggeri, die »Man erkennt, wie viele Menschen in ei-
geris engsten Vertrauten: Thibauld de la Ausschreibung zurückziehen. Doch der nem Flüchtlingsboot sitzen«, sagt jemand,
Haye Jousselin. Der Franzose entstammt Frontex-Chef gab nicht auf: Arnáez müsse der den Raum gut kennt.
einer Adelsfamilie aus dem Süden des Lan- ersetzt werden, sie habe nicht genug Ma- Die Bilder, die hier in der Nacht vom
des. Einst arbeitete er für den französi- nagementerfahrung, um die 40 Mitarbei- 18. auf den 19. April 2020 über die Bild-
schen Abgeordneten Bernard Carayon, ter anzuleiten, behauptete er. schirme flimmerten, beschäftigen das
der früher Mitglied einer rechtsextremen In Wahrheit dürfte dem Frontex-Chef EU-Parlament bis heute. Sie stammen von
Studentenvereinigung war. Er ist Reserve- Arnáez vor allem durch ihr Eintreten für einem Frontex-Überwachungsflugzeug
offizier der französischen Armee und hat Menschenrechte lästig sein. Arnáez warn- über der Ägäis. So geht es aus mehreren
einen Fimmel für Militär und Uniformen. te Leggeri wiederholt vor Rechtsbrüchen. internen Frontex-Berichten hervor, die
»De la Haye Jousselin steht politisch klar Sie habe an die Kraft ihrer Berichte ge- dem SPIEGEL vorliegen.
rechts«, sagt einer, der ihn lange kennt. glaubt, so Kollegen. Regelmäßig informier- Kurz vor Mitternacht hatten griechische
Jetzt dient er Leggeri als Kabinettschef. te sie ihn über Menschenrechtsverletzun- Grenzschützer nördlich der Insel Lesbos
De la Haye Jousselin regiert offenbar ein Schlauchboot mit 20 bis 30 Flüchtlin-
mit harter Hand. Er fahre schnell aus der gen gestoppt und die Menschen an Bord
Haut, heißt es. Mitarbeiter berichten von genommen. Sie hätten die Schutzsuchen-
Beleidigungen und respektlosem Verhal- den nach geltendem Recht nach Lesbos
ten. Offizielle Beschwerden über de la bringen müssen, wo diese einen Asyl-
Haye Jousselin habe Frontex nicht erhal- antrag stellen können. Stattdessen setzten
ten, teilte die Agentur mit. Keines der sie die Migrantinnen und Migranten wie-
Kabinettsmitglieder sei aufgrund seiner Na- der auf das Schlauchboot und schleppten
tionalität eingestellt worden. De la Haye sie in Richtung Türkei.
Jousselin selbst weist die Anschuldigungen, Griechische Beamte im Koordinierungs-
Frontex

als »falsch und unbegründet« zurück. zentrum in Piräus wiesen den Frontex-
Das Verhalten von Leggeri und seinem Piloten an, eine andere Route einzuschla-
Kabinettschef hat Folgen. Widerspruch Kabinettschef de la Haye Jousselin gen, weg vom Schlauchboot. Ob es für die
scheint nicht gern gesehen. Auch deshalb »Politisch klar rechts« Kursänderung einen besonderen Grund

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Emin Ozmen / Magnum Photos / Agentur Focus

Emin Ozmen / Magnum Photos / Agentur Focus


Gestrandete Flüchtlinge in der Ägäis (Videoaufnahme der türkischen Küstenwache), leere Rettungsinsel: Auf dem Meer ausgesetzt

gebe, fragte der Frontex-Teamleiter. »Ne- paparlament stellte Leggeri die Angelegen- ren, es brauche ein individuelles Verfahren
gativ«, erwiderten die Griechen. heit später als Missverständnis dar. an Land. Zudem habe die griechische Küs-
Um 3.15 Uhr ging dem Frontex-Flug- Den Pushback vor Lesbos vom 18. auf tenwache das Leben der Geflüchteten ge-
zeug der Sprit aus. Der Pilot nahm ein letz- den 19. April haben Frontex-Beamte selbst fährdet, indem sie die Menschen auf ein
tes Bild auf. Es zeigte die Flüchtlinge allein lückenlos dokumentiert. Die Fakten stüt- Schlauchboot ohne Motor setzte und auf
auf dem Meer, ein paar Hundert Meter zen den »Vorwurf einer möglichen Verlet- dem Meer zurückließ.
von der türkischen Küste entfernt. Türki- zung von Grundrechten oder internatio- Doch Leggeri gab sich mit dem Bericht
sche Einheiten seien nicht in der Nähe, nalen Schutzverpflichtungen«, heißt es in zufrieden. Das Urteil: kein Pushback, keine
meldete der Pilot. Das Schlauchboot habe einem internen Frontex-Bericht, der dem Grundrechtsverletzung. Der Frontex-Chef
keinen Motor. Die griechische Küsten- SPIEGEL vorliegt. begrub auch diesen Vorfall geräuschlos.
wache sei weggefahren. Erst am nächsten Der Fall war offenbar so heikel, dass »Leggeri hat uns schon mehrmals nicht an-
Morgen um 6.32 Uhr rettete die türkische Leggeri selbst die Aufklärung übernahm gemessen informiert, obwohl er gesetzlich
Marine nach eigenen Angaben die Men- und ihn nicht, wie üblich, seiner Grund- dazu verpflichtet ist«, sagt die niederlän-
schen, darunter vier Kinder. rechtsbeauftragten überließ. Am 8. Mai dische Europaabgeordnete Tineke Strik.
Die griechische Küstenwache führt seit schrieb er an Ioannis Plakiotakis, den grie- Auf Anfrage sagt Frontex dazu: Die grie-
Monaten systematisch Pushbacks durch. chischen Schifffahrtsminister. Der Brief chische Regierung habe keine Rechtsver-
Sie stoppt Flüchtlingsboote in griechischen liegt dem SPIEGEL vor. Leggeri zeigte sich stöße feststellen können. Man müsse sich
Gewässern, zerstört teilweise die Motoren, darin besorgt. Er bat um eine interne Un- auf nationale Behörden verlassen, um sol-
schleppt die Flüchtlinge zurück in Rich- tersuchung. Die Einhaltung von Grund- che Vorfälle zu untersuchen. Die Agentur
tung Türkei. »Aggressive Überwachung« rechten, insbesondere dem Grundsatz dürfe das gemäß ihrer Regularien nicht.
nennt die Regierung in Athen die Strategie der Nichtzurückweisung, sei »ultimative Eigentlich müssen Frontex-Beamte
offiziell. Tatsächlich ist sie illegal. Voraussetzung« des Frontex-Einsatzes. schon den Verdacht von Menschenrechts-
Die Frontex-Regularien verpflichten Die Antwort der griechischen Regie- verletzungen melden, in sogenannte
Leggeri, Missionen zu beenden, wenn er rung ist ein Sammelsurium aus Relati- »Serious Incident Reports«. Doch solche
von schwerwiegenden und anhaltenden vierungen. Die Migrationsströme in der Berichte werden kaum geschrieben. Seit
Menschenrechtsverletzungen erfährt. Sei- Ägäis stellten eine »hybride Gefahr« dar, Jahren agieren Frontex-Beamte so, wie ihr
ne Truppe soll Menschenrechte schützen. heißt es darin. Wegen der Coronakrise Chef Leggeri es ihnen vorlebt: Im Zweifel
Leggeri aber behauptet beharrlich, keine sei es wichtiger denn je, illegale Grenz- schweigen sie.
belastbaren Kenntnisse über Pushbacks überquerungen zu verhindern. Keiner der Insider beschreiben die Regeln als eine
zu besitzen – und das, obwohl der SPIEGEL Migranten habe um Asyl gebeten. Laut Art Omertà. Kaum jemand will seine Kar-
und seine Recherchepartner lückenlos do- vorläufiger Einschätzung der griechischen riere gefährden oder den Kollegen im Gast-
kumentiert haben, dass Frontex-Einheiten Beamten sei keiner von ihnen besonders geberland Probleme bereiten. In einem
bei mindestens sieben illegalen Rückfüh- schutzbedürftig gewesen. Fall habe ein Beamter versucht, seinen
rungen in der Nähe waren. Juristinnen und Juristen betrachten das schwedischen Kollegen daran zu hindern,
Die Frontex-Kräfte unterstehen bei ihren Antwortschreiben der Griechen als wert- einen »Serious Incident Report« zu schrei-
Operationen dem Kommando der griechi- los. »Die griechische Küstenwache hat in ben, sagte der Chef der schwedischen
schen Grenzbeamten. Bereits vergangenen dem Fall ohne jeden Zweifel Menschen- Grenzpolizei dem Frontex-Verwaltungsrat.
März befahl ein griechischer Verbindungs- rechte verletzt«, sagt Dana Schmalz, Völ- Ein deutscher Bundespolizist ist einer
offizier einer dänischen Frontex-Crew, kerrechtlerin am Max-Planck-Institut in der wenigen, die widersprachen. Seinen
schon gerettete Flüchtlinge auf dem Meer Heidelberg. Aus ihrer Sicht handelt es sich richtigen Namen möchte er nicht veröf-
auszusetzen. Das geht aus internen E-Mails klar um einen illegalen Pushback. Ob je- fentlicht sehen. Am 28. November 2020,
hervor, die der SPIEGEL einsehen konnte. mand schutzbedürftig sei oder ihm in der seinem ersten Tag im Frontex-Einsatz auf
Frontex legte den Fall trotzdem innerhalb Türkei Gefahr drohe, könne man nicht an der griechischen Insel Samos, ploppte auf
eines Tages zu den Akten. Vor dem Euro- Bord eines wackeligen Schlauchboots klä- seinem Handy ein Artikel des SPIEGEL

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 77


Die Olaf-Ermittler interessieren sich da-
rüber hinaus offenbar auch für den Ver-
dacht auf Mobbing bei Frontex. Sie wollen
wissen, ob Leggeri oder sein Kabinettschef
ihre Mitarbeiter angeschrien oder schi-
kaniert haben. Sie untersuchen zudem,
ob Mitarbeiter angewiesen wurden, der
Grundrechtsbeauftragten Inmaculada Ar-
náez und ihrer Nachfolgerin Informationen
vorzuenthalten – und falls ja, von wem.
Olaf betont, dass trotz des Verfahrens
die Unschuldsvermutung gelte. Die Ermitt-
lungen allein sind kein Beweis für Unre-
gelmäßigkeiten. Doch offenkundig gibt es
zumindest ernsthafte Anhaltspunkte für
persönliches Fehlverhalten von Leggeri.
Der Fragenkatalog der Fahnder wirft gro-

Murat Türemis
ße Zweifel an seinem Führungsstil auf.
In Brüssel wird Leggeri auch »Fabrice
Teflon« genannt. Egal ob es um die Betei-
Grenzschützer im Frontex-Einsatz: »Aggressive Überwachung« ligung seiner Beamten an Pushbacks oder
Missmanagement in der Agentur ging, der
Frontex-Chef hat bislang sämtliche Vor-
auf. In dem Bericht ging es um die »Ucker- Büros von Leggeri und dessen Kabinetts- würfe an sich abprallen lassen. Nun aber
mark«, das Boot, auf dem er noch am chef de la Haye Jousselin ein. nimmt der Druck auf ihn zu.
selben Abend Dienst schieben sollte. Die Leggeri hat sich bislang nicht öffentlich EU-Innenkommissarin Ylva Johansson
Deutschen hatten am 10. August ein zu den Ermittlungen geäußert. Vor dem hat mehr oder weniger klargemacht, dass
Flüchtlingsboot gestoppt und an die grie- Innenausschuss des Bundestags sprach er sie Leggeri für nicht länger tragbar hält.
chische Küstenwache übergeben. Danach nach Angaben von Abgeordneten im Ja- »Es ist schwierig, bei Leggeris Fehltritten
setzten die Griechen die Menschen auf nuar davon, dass es in dem Verfahren um noch mitzukommen«, sagt ein hochrangi-
dem Meer aus. die Pushback-Vorwürfe gehe, mehr könne ger Kommissionsbeamter. »Die Priorität
Der Bundespolizist ging zu seinen Vor- er nicht sagen. Doch das ist allenfalls die muss sein, das Ansehen der Agentur zu
gesetzten. Er könne bei der Sache nicht halbe Wahrheit. schützen. Leggeris Handlungen sind damit
mitmachen, sagte er sinngemäß, er wolle Nach SPIEGEL-Informationen ist das nur schwer in Einklang zu bringen.«
keine Beihilfe zu Verbrechen leisten. Spä- Mandat tatsächlich viel breiter angelegt. Über Leggeris Zukunft entscheidet je-
ter erklärte er sich seinen Kameraden per Seit Wochen laden Olaf-Beamte Zeugen doch nicht die EU-Kommission, sondern
WhatsApp: »Ich selbst habe für mich ent- vor, befragen Frontex-Mitarbeiter. der Frontex-Verwaltungsrat. In ihm sind
schieden, dass ich die Maßnahmen der Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht vor allem die Regierungen der Schengen-
Griechen nicht tolerieren und schon gar offenbar unter anderem ein möglicher staaten vertreten, die Kommission entsen-
nicht unterstützen kann«, schrieb er. Betrugsfall: Eine polnische IT-Firma ver- det lediglich zwei Vertreter. Die EU-Staa-
Sein Vorgesetzter antwortete ein paar kaufte der Agentur für Hunderttausende ten haben Leggeri in der Vergangenheit
Minuten später: »Fakt ist, dass unser Han- Euro Business-Software, unter anderem stets gestützt. Viele dürften insgesamt froh
deln rechtmäßig ist! Abgedeckt durch das sollte sie für die Ausbildung von Grenz- sein, dass Frontex Schutzsuchende mit
Frontex-Mandat.« Gemeint war offenbar beamten verwendet werden. Frontex-Mit- zum Teil rabiaten Methoden am Grenz-
die Pflicht, sich an die Anweisungen der arbeiter bemängelten bei ihren Chefs, übertritt hindert, glaubt Giulia Laganà,
griechischen Küstenwache zu halten. dass die Software schlecht funktionierte. Migrationsexpertin am Open Society
Die Bundespolizei widerspricht der Dar- Die Agentur zahlte trotzdem einen gro- European Policy Institute.
stellung des Mannes nicht, weist auf An- ßen Teil der vereinbarten Summe. Mit- Die Frage ist, ob der Verwaltungsrat
frage aber darauf hin, dass sie sich nicht arbeiter wiesen das Management 2018 auch dann noch zu Leggeri hält, wenn nun
an rechtswidrigem Verhalten beteiligt darauf hin, dass die Unregelmäßigkeiten immer mehr Vorwürfe von Mobbing und
habe. Der Bundespolizist selbst sah das einen Betrugsfall darstellen könnten. So womöglich sogar Betrug im Umfeld von
jedoch anders. Er weigerte sich, an der geht es aus Dokumenten hervor, die der Frontex öffentlich werden. Das Europa-
Mission teilzunehmen. Stattdessen schob SPIEGEL einsehen konnte. parlament hat bereits angekündigt, die
er an Land Wache. Für einen Frontex-Ein- Auch Leggeri erfuhr von den Vorwür- Agentur in einem Prüfverfahren vier Mo-
satz will er sich nie wieder melden. fen. Es gab zumindest eine interne Unter- nate lang durchleuchten zu wollen. Das
suchung. »Der Frontex-Direktor ist aber Mandat ist absichtlich breit angelegt. Auch
laut EU-Regularien verpflichtet, poten- Leggeris Führungsstil und die Arbeitskul-
Auffällige Amtsgeschäfte:
zielle Betrugsfälle unverzüglich an Olaf tur bei Frontex sollen untersucht werden.
Wie Leggeri ins Visier der Anti-
zu melden«, sagt Valentina Azarova vom Selbst die eigenen Mitarbeiter in War-
betrugsbehörde geriet
Manchester International Law Centre. Auf schau rätseln, wie lang ihr Chef sich noch
Die Antibetrugsbehörde schreitet immer Anfrage wollte sich Frontex zu den Olaf- an seinen Posten klammert. »Olaf hat uns
dann ein, wenn sie vermutet, dass finan- Ermittlungen nicht äußern. Die Firma im Visier, die Moral der Leute liegt am
zielle Interessen der EU verletzt werden. teilte mit, alle bisherigen IT-Dienstleis- Boden«, sagt ein Beamter. »Ich frage mich,
Nun hat Olaf ein Verfahren gegen Fron- tungsverträge mit Frontex korrekt und warum er nicht endlich geht.«
tex eröffnet. Am 7. Dezember durchsuch- vertragsgemäß ausgeführt zu haben. Bis Giorgos Christides, Klaas van Dijken,
ten Olaf-Fahnder die Frontex-Zentrale in heute bekommt sie Aufträge von Frontex Steffen Lüdke, Maximilian Popp
Warschau, drangen unter anderem in die in Millionenhöhe.

78 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Ausland

publik zu verteidigen. »Whatever it takes«, Twitter. »Wir alle müssen ihn anfeuern,

Super-Mario was immer nötig ist: Das war der berühm-


te Satz, mit dem Draghi in der Eurokrise
klarmachte, dass die EZB alles tun würde,
weil er dem Land Licht und Hoffnung
gibt.« Der Gegenseite gilt Draghi wie frü-
her als Dracula der Finanzmärkte und als
oder Dracula? um die europäische Währung zu retten.
Mit der Wahl Draghis hat nun Mattarella
klargemacht, dass er alles tun will, was nö-
Apostel der Eliten.
Ein Riss geht vor allem durch die Fünf-
Sterne-Bewegung, die größte Fraktion
Italien Der ehemalige EZB-Chef tig ist, um Italiens Stabilität zu retten. im Parlament. Die Populisten protestierten
Draghi soll neuer Minister- Atemlos verfolgen die Bürgerinnen und einst gegen die Technokratenregierung
Bürger seither jeden Schritt, um zu verste- von Mario Monti, der in der Eurokrise
präsident werden. Er wird gefeiert hen, was der ehemalige EZB-Chef mit dem einen harten Sparkurs verfolgte. Viele aus
und gehasst – in jedem Land vorhat. Ob Draghi links oder rechts der Bewegung wollen eine Neuauflage
Fall erschüttert er die Politik. sei, lautet eine beliebte Suchanfrage im verhindern. »Draghi hat immer das Groß-
italienischen Google. Hilflos befragen kapital und das Finanzsystem gestützt«,
Medien selbst ehemalige Schulfreunde sagt Alessandro Di Battista, ein einfluss-
ario Draghi führte ein stilles Rent- (»Er war gut in Mathe«). reicher Sterne-Mann. Aber der Zuspruch
M nerleben, nachdem er 2019 den
Eurotower in Frankfurt verließ –
und bevor er 2021 unerwartet sein Hei-
Kann Europa aufatmen, ist Italien ge-
rettet, das Politchaos beendet, ein Ausweg
aus Corona-, Impf- und Wirtschaftskrise
in der Partei für Draghi wächst. Außen-
minister Luigi Di Maio und andere Partei-
größen haben sich für ihn ausgesprochen.
matland Italien retten sollte. absehbar? So rasch geht es nicht. Die Be- Auch die Sozialdemokraten wollen ihn
Im vergangenen Sommer machte ihn völkerung ist ähnlich polarisiert wie das unterstützen – und selbst Ex-Premier Sil-
der Vatikan zum Mitglied in einer päpstli- Parlament. Draghi löst Hoffnungen und vio Berlusconi (Forza Italia). Die Opposi-
chen Akademie. Manchmal holte er seine Ängste aus. Seine Berufung ist ein Stress- tionspolitikerin Giorgia Meloni von der
Enkelin von der Schule ab. Irgendwann test für das politische System Italiens. postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia
hat es in seinem Ferienhaus in Umbrien Er zwingt führende Politiker dazu, ihre fordert dagegen Neuwahlen – und Matteo
gebrannt – das waren die aufregendsten Haltung zu Europa zu überdenken, ihren Salvini (Lega) sucht noch nach dem richti-
Nachrichten über den Ex-Präsidenten der Populismus zu mildern und Feindschaften gen Kurs: Der Rechtspopulist möchte ei-
Europäischen Zentralbank (EZB). im Parlament zu überwinden. nerseits selbst Premier werden; außerdem
Wenn der 73-Jährige nach seiner politi- Ob Draghi eine stabile Regierung ge- kritisiert er EU und EZB regelmäßig. An-
schen Zukunft gefragt wurde, verwies er lingt – und mit wem –, war am Donnerstag dererseits setzen seine Unterstützer im
auf seine Frau. Die schloss eine Karriere noch nicht klar. Zwei Lager stehen sich ge- wirtschaftsstarken Norditalien große Hoff-
in Rom frühzeitig aus. »Mein Mann wird genüber. Die einen hegen fast grenzenlose nungen auf Draghi.
keine Regierung bilden, er ist kein Politi- Bewunderung für Super-Mario, den sie als Die Aufgaben für den möglichen nächs-
ker«, sagte Maria Serena Cappello. Retter feiern. »Draghi ist Superman«, ten Premier sind gewaltig, nicht nur im
Seit Dienstag Mittag ist es mit der Ruhe schwärmt ein Abgeordneter aus der Mitte Umgang mit der Pandemie und dem Impf-
vorbei. Nach langem Streit in der Mitte- des Parlaments, ihn abzulehnen wäre in debakel. Bislang hat Draghi nicht erken-
links-Regierungskoalition hatte Staatsprä- etwa so dumm, »als hätte man Pelé und nen lassen, wie er sein Land regieren
sident Sergio Mattarella genug. Er beauf- ließe ihn nicht spielen«. Eine mögliche Re- möchte. In den Sondierungsgesprächen
tragte Draghi, eine neue Regierung der na- gierung Draghi wäre »ein deutsches Vor- wollte er bis Samstag erst mal zuhören
tionalen Einheit zu bilden. bild für die politische Klasse Italiens«, sagt und beruhigen.
Es war, als hätte Mattarella damit die der Regionalpräsident von Ligurien Gio- Einen harten Sparkurs wie einst Monti
sprichwörtliche »Bazooka« in die Hand vanni Toti. Fiat-Erbe Lapo Elkann postete muss Draghi, wenn er tatsächlich Regie-
genommen, um seine angeschlagene Re- eine Fotomontage von Super-Mario auf rungschef wird, nicht verkünden. Stattdes-
sen braucht er einen verlässlichen Plan,
wie er die 209 Milliarden Euro an Darle-
hen und Zuschüssen aus dem historischen
EU-Wiederaufbaufonds investieren will.
Seine Aufgabe wird sein, einen Weg zu fin-
den, damit die Hilfsgelder nicht – wie so
oft in der Vergangenheit – jahrelang in der
Bürokratie hängen bleiben oder nutzlos
verpuffen.
Für Draghi, den vermeintlichen Liebling
der Finanzeliten, wäre es ein bemerkens-
werter Rollenwechsel. Als EZB-Chef for-
derte er von Staaten einst massive Struk-
turreformen. Als Premier könnte er nun
Roberto Monaldo/ Insidefoto / Getty Images

in großem Stil neue Schulden machen.


Auf einer Konferenz in Rimini sagt
Draghi im Sommer, viele Wirtschafts-
regeln seien jetzt außer Kraft gesetzt, um
pragmatischer auf die Pandemie zu reagie-
ren. Er zitierte den Ökonomen John May-
nard Keynes: »Wenn sich die Fakten än-
dern, ändere ich meine Meinung.«
Frank Hornig
Kandidat Draghi: »Als hätte man Pelé und ließe ihn nicht spielen«

79
Ausland

Moskau wird zu Minskau


Russland Wladimir Putins Regime kriminalisiert mit der Haftstrafe für Alexej Nawalny die
politische Opposition. Fortan entscheidet der Geheimdienst, was erlaubt ist.

D
er Morgen danach beginnt mit den Hausarrest zahlen, den er 2014 absaß. Humanität« und darüber, dass der Verur-
bitteren Scherzen im Frühstücks- Der angebliche Verstoß gegen die Bewäh- teilte dennoch nicht »auf den Weg der Bes-
radio. »Hallo Minskau«, ruft der rungsauflagen wiederum fällt in das Jahr serung getreten« sei.
Moderator des liberalen Senders 2020, in dem Nawalny in Deutschland in Es ist, als wollte der Kreml verkünden:
Echo Moskau. Seine Kollegin sagt: »Es medizinischer Behandlung war – und zwar Wenn unsere Justiz ein Problem hat, dann
sendet: Echo Minsk«. nach einer Vergiftung mit dem Nerven- ist es nicht übergroße Härte, sondern über-
Es ist Mittwoch, der Tag nach dem Ge- kampfstoff Nowitschok, für die nach Re- große Milde. Am Ende der Verhandlung
richtsurteil gegen den Oppositionspolitiker cherchen von SPIEGEL und Bellingcat der steht eine doppelte Entscheidung: Zum
Alexej Nawalny, und manche Moskauer Geheimdienst FSB verantwortlich ist. einen muss Nawalny seine einst zur Be-
haben den Eindruck, sie seien an diesem Immerhin: Der Kreml hat Nawalny an währung ausgesetzte Freiheitsstrafe antre-
Morgen nicht in der Hauptstadt Russlands diesem Dienstag eine Bühne gegeben, auf ten – nach Anrechnung seines Hausarrests
aufgewacht, sondern in der Hauptstadt des der er noch einmal zur Öffentlichkeit re- muss er zwei Jahre und acht Monate in ei-
Nachbarlands Belarus, in der düsteren Dik- den kann. Aber er hat zugleich sich selbst nem Straflager absitzen. Aber die Richte-
tatur von Alexander Lukaschenko. eine Bühne gegeben, um der Gesellschaft rin straft auch die Gegenseite: Der Vertre-
Mehr als tausend Festnahmen hat es am zu erläutern, was er tut. ter der russischen Justizvollzugsbehörde
Vortag und in der Nacht gegeben, als junge Und so sieht man an diesem Dienstag Fsin, die Nawalnys Inhaftierung beantragt
Menschen gegen die Haftstrafe für Nawal- zwei Figuren gegeneinander antreten. Da hat, soll eine offizielle Rüge bekommen,
ny protestiert hatten. Die Bilder aus jenen ist einerseits Nawalny selbst. Man hat ihn weil er schon viel früher gegen den Verur-
Stunden haben sich tief eingegraben: Wie in Handschellen in einen Glaskasten ge- teilten hätte vorgehen sollen.
ein Heer von Polizisten in schwerer Aus- führt, da steht er in seinem blauen Kapu- »Das ist auch die Linie im Fernsehen:
rüstung wenige friedliche Demonstranten zenpulli und mischt sich mal mit kühlem Dass man milder mit Nawalny umgegan-
durch die Gassen jagt; wie die Sicherheits- Spott, mal mit ohnmächtiger Wut in die gen sei als mit jedem anderen Russen«,
kräfte auf jene einprügeln, die bereits die Verhandlung ein. Seiner Frau Julija schickt sagt die Politologin Tatjana Stanowaja.
Hände hochhalten; wie sie Passanten fest- er per Handzeichen Herzen. »Ich glaube, diese These stammt von ei-
nehmen, einen Journalisten niederknüp- Seine Botschaft ist: Dies ist ein politi- nem Menschen: von Putin. Das ist sein
peln, einen Mann aus dem Taxi zerren. scher Prozess, eine persönliche Rache Pu- persönliches Verhältnis zu Nawalny: ›Wir
Moskaus Innenstadt wirkt für eine tins. Den habe er gekränkt, weil er seine waren viel zu nachsichtig mit ihm, viel zu
Nacht wie die Kulisse eines dystopischen Vergiftung durch den FSB erstens überlebt, großzügig.‹«
Science-Fiction-Films. Es ist nicht nur die zweitens sich nicht versteckt, drittens diese Stanowaja glaubt zwar nicht, dass das
Gewalt, es ist das schiere Missverhältnis Vergiftung auch noch mitaufgeklärt habe. Urteil von Putins Rache zeuge. Aber Pu-
der Kräfte, das schockiert. Dieser Schock »Das treibt diesen kleinen Betrüger in sei- tins Regime, sagt sie, habe »eine rote Linie
ist beabsichtigt. Widerstand ist zwecklos, nem Bunker in den Wahnsinn«, sagt Na- überschritten, und das wird ernste Folgen
so scheint Wladimir Putins Regime an die- walny und spottet: »Nun ist er gekränkt, haben. Nur konnte es nicht anders, als die-
sem Dienstag seinen Gegnern zu sagen. dass er in die Geschichte als Vergifter ein- se Linie zu überschreiten«. Vor allem die
Es hat nach zwei Wochenenden landeswei- gehen wird. Es gab Alexander den Befreier Eliten hätten nun ein Problem: »Die ver-
ter Proteste die Schrauben in dieser Woche und Jaroslaw den Weisen, künftig gibt es stehen jetzt, dass es ein politisches Milieu
noch einmal deutlich angezogen. Aber Wladimir den Unterhosenvergifter.« von Systemgegnern gibt, das kriminalisiert
man wird den Eindruck nicht los, dass da- Der Kreml spricht an diesem Tag mit und von der Staatsmacht nicht mehr aner-
bei etwas kaputtgegangen ist in diesem der Stimme der jungen, fernsehtauglichen kannt wird. Das wirft die Frage auf: Wer
System. Was ist es genau? Staatsanwältin Jekaterina Frolowa. Sie ist entscheidet, was erlaubt ist? Das entschei-
Der Tag, an dem Wladimir Putin ein in blauer Uniform und strenger Frisur det der FSB. Und damit sind viele unzu-
altes Problem loswerden will und sich da- erschienen und spricht mit herausfordern- frieden.«
für ein Neues schafft, beginnt im Moskau- der Fröhlichkeit, wie eine Erzieherin im Im Protestwinter 2011/2012, als Putins
er Stadtgericht, einem modernen Bau im Kindergarten. In Frolowas Rede ist Nawal- Regime erstmals kurz ins Wanken geriet,
Osten der Stadt. Es ist schon morgens weit- ny ein Mann, der einzigartige Privilegien konnte die Führung noch nachgeben,
räumig abgeriegelt, als würde hier ein ge- in Russland genossen, aber leider nicht ge- Druck abfedern, Reformen anbieten, und
fährlicher Terrorist abgeurteilt. Verhandelt würdigt habe. »Als einziger Mensch in der sei es nur zum Schein. Jetzt ist es dafür zu
wird die Frage, ob Alexej Nawalny, der Russischen Föderation ist er zweimal nur starr. Eine Spaltung oder auch nur Risse
Kremlgegner, Politiker und Antikorrup- zu Bewährungsstrafen verurteilt worden«, in der Elite, wie sie sich 2011 immerhin an-
tionsaktivist, eine mehrjährige Freiheits- sagt sie. Sie spricht von »beispielloser deuteten, sind diesmal nicht zu sehen.
strafe antreten muss, die bisher zur Bewäh- Nachsicht« des Gerichts, von »bewiesener Noch 2019, bei Protesten gegen den Aus-
rung ausgesetzt war. schluss der Opposition von der Wahl ins
Juristisch ist der Fall absurd: Die bereits Moskauer Stadtparlament, hatte sich im-
2014 verhängte Bewährungsstrafe wegen Festgenommene verbrin- merhin Putins ehemaliger KGB-Kollege
Betrugs wurde vom Europäischen Ge- gen 24 Stunden im Gefan- Sergej Tschemesow getraut zu warnen –
richtshof für Menschenrechte längst als das Land brauche eine »gesunde Opposi-
»willkürlich« abgeschmettert. Russland genentransporter, weil tion«, sagte der Manager der Staatshol-
musste Nawalny sogar Entschädigung für die Gefängnisse voll sind. ding Rostec. Heute ist von der Unzufrie-

80
Moscow City Court press service / AFP
Oppositionspolitiker Nawalny im Moskauer Stadtgericht: Ein Herz für Ehefrau Julija

denheit an der Spitze nichts zu hören. Die schen bei uns. Ich fürchte mich vor Kon- es früher im diktatorisch regierten Tsche-
Angst der Elite vor dem FSB zu groß. flikten.« tschenien.
Und der Druck von unten ist zu gering. Das ist das Spannende, Beunruhigende Am härtesten geht das Regime gegen
In Moskau demonstrierten Zehntausende an dieser neuen Phase der russischen Poli- Nawalnys Mitarbeiter vor. »Und trotzdem
Menschen für Nawalnys Freilassung – das tik: dass zu der Angst vor dem Staat die hat keiner, weder in den Regionen noch
ist viel, aber nicht genug. »Wenn 150 000 Angst voreinander kommt. Putins Umfra- in Moskau, gekündigt oder Angst bekom-
Menschen in Moskau auf die Straße gehen, gewerte sinken unter den 18- bis 24-Jähri- men oder gesagt: ›Leute, ich gehe‹«, sagt
dann wird die Führung einen anderen Ton gen schneller als unter den Alten, das Ruslan Schaweddinow stolz. Er ist einer
wählen. Aber das sehe ich derzeit nicht«, macht Streit absehbar. Aber es ist unklar, der wenigen engen Mitstreiter Nawalnys
sagt die Politologin Stanowaja. wie das Kräfteverhältnis der drei etwa im Land, die noch in Freiheit sind. Warum
Ob die Unzufriedenheit noch zu gering gleich großen Gruppen, in die man die rus- sie ihn nicht festgenommen haben, weiß
oder die Angst schon zu groß ist, darüber sische Gesellschaft grob teilen kann – Pu- er nicht. Es kann jeden Moment passieren,
kann man mutmaßen. Sicher ist, dass die tin-Anhänger, Putin-Gegner, dazwischen sagt er – »aber ich versuche, nicht daran
russische Gesellschaft auseinanderdriftet. das große Feld der Unentschiedenen oder zu denken, sonst würde ich wahnsinnig«.
Man spürt die Kluft in Gesprächen. Unpolitischen – genau aussieht. Natürlich seien nicht alle automatisch
Da ist der Moskauer Unternehmer, 24 Klar ist: Wer sich den Nawalny-Protes- für Nawalny, die auf die Straße gingen, sagt
Jahre alt, der die Organisatoren der Pro- ten anschließt, riskiert heute mehr als Schaweddinow. »Manche protestieren ge-
teste »Feinde« nennt, »die das Land zer- früher. Mit Entsetzen haben liberale Mos- gen Willkür, nicht für Nawalny.« Aber die
stören wollen. Ich als Mann finde, die darf kauer die neuen Sitten von Polizei und Unpolitischen, Neutralen, Lauen, die wer-
man foltern oder schlagen. Aber es ist na- Strafjustiz beobachtet. Einer jungen Akti- den gerade politisiert, davon ist er über-
türlich besser, die Gesetze anzuwenden.« vistin wird eine Plastiktüte über den Kopf zeugt. Zehntausend Festnahmen im Land
Da ist die Kassiererin aus Petersburg, gezogen, um sie zum Entsperren ihres Te- in nur zehn Tagen, so etwas habe es noch
31 Jahre alt, die sich zum ersten Mal über- lefons zu zwingen. Festgenommene ver- nie gegeben, sagt Schaweddinow. Als im
haupt auf eine ungenehmigte Kundgebung bringen 24 Stunden im Gefangenentrans- Frühjahr 2020 die Proteste im Nachbar-
gewagt hat und beunruhigt ist über die porter, weil die Gefängnisse voll sind. Der land Belarus losgegangen seien, da hätten
Leute auf dem Land, die nur Staatsfern- hoch angesehene Chefredakteur des Inter- sie noch gescherzt: »Heute Minsk, morgen
sehen schauen: »Die glauben den Unsinn. netmediums Mediazona, der gar nicht auf Moskau.«
Mit denen kann man nicht diskutieren.« der Kundgebung war, erhält 25 Tage Ar- »Aber heute ist das kein Scherz mehr.
Da ist die Alleinerziehende, 42 Jahre rest, weil er auf Twitter einen Witz geteilt Wir haben in zwei Wochen den Weg
alt, die sich mit ihrer Mutter über Putin hat, der als Demo-Aufruf gedeutet wird. zurückgelegt, für den andere Länder Jahr-
streitet, aber zugleich findet, »Nawalny Demonstranten werden auf der Polizeiwa- zehnte brauchen – den Weg in die Dik-
spielt mit Gefühlen«, er ziehe Kinder in che gezwungen, ihre Missetaten zu bereu- tatur.« Christian Esch, Christina Hebel
die Politik. »Es gibt viele wütende Men- en, vor laufender Kamera. So etwas gab

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 81


mokratie (NLD) 2015 eine überwältigende
Mehrheit. Die Zensur wurde gelockert,
politische Gefangene kamen frei, Exilan-
ten kehrten zurück, gefolgt von Investoren.
Es herrschte Aufbruchstimmung.
Allerdings hatten die Generäle die
Macht nur scheinbar abgegeben. Eine von
ihnen eingesetzte Versammlung schrieb
ein Grundgesetz, das ihnen die Kontrolle
über Schlüsselministerien garantierte, über
Armee, Polizei, Geheimdienste, dazu eine
Sperrminorität gegen Verfassungsänderun-
gen. Eine Klausel in der Verfassung ver-
wehrte das Präsidentenamt zudem all je-
nen, die ausländische Familienmitglieder
haben – ein Paragraf gegen Suu Kyi. Aus
ihrer Ehe mit dem Briten Michael Aris sind
zwei Söhne hervorgegangen, die einen bri-
tischen Pass besitzen.
Ranghohe Militärs zogen sich aus der
ersten Reihe der Politik zurück – und pro-
fitierten von der Öffnung und den gelo-
ckerten Sanktionen. Ihr Kalkül war offen-
bar, dass die NLD die Erwartungen der
Menschen auf ein besseres Leben nur ent-
täuschen kann, dadurch würde ihre Anzie-

Lynn Bo Bo / epa
hung schnell verfliegen.
Die Strategie der Generäle hatte eine
Schwachstelle: Suu Kyi ist eine Frau von
General Min Aung Hlaing, Politikerin Suu Kyi 2015: Zusammenprall zweier großer Egos legendärer Sturheit, sie ließ sich nicht so
einfach ausbooten. Nach ihrem Wahlsieg
2015 setzte sie einen Getreuen als Präsi-
denten ein und schuf für sich selbst den

Die Furcht ist zurück machtvollen Posten der »Staatsrätin«, den


sie fortan in Personalunion mit dem Au-
ßenministeramt bekleidete. Sie war, auch
wenn sie nicht das höchste Amt innehatte,
Myanmar Nach dem Militärputsch droht dem Land ein Rückfall die mächtigste Frau im Staat.
in düstere Zeiten. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sitzt Die Liebe der Myanmaren zu der 75 Jah-
in Hausarrest. Im Untergrund planen Aktivisten den Widerstand. re alten Suu Kyi ist bis heute ungebrochen.
Daran konnten ausbleibende Erfolge ihrer
Partei genauso wenig ändern wie der Ge-
m Sonntag, als die Gerüchte über nichts mehr von ihm gehört. »Wir könnten nozid an den Rohingya. Hunderttausende
A einen bevorstehenden Putsch lauter
werden, packt Thet Swe Win ein
paar Habseligkeiten, verabschiedet sich
als Nächstes dran sein«, sagt Thet Swe Win.
»Freiheit von Furcht« lautet der Titel
eines berühmten Aufsatzes von Suu Kyi,
Angehörige dieser muslimischen Minder-
heit flohen nach Angriffen des Militärs
nach Bangladesch, Tausende starben. Suu
von seiner Frau und den zwei Kindern und der großen, umstrittenen Dame der Politik Kyi hatte zwar keine Befehlsgewalt über
geht in den Untergrund. »Ich verstecke von Myanmar, Friedensnobelpreisträgerin die Soldaten, die Häuser und Siedlungen
mich, weil ich zu Hause nicht mehr sicher des Jahres 1991. »Ohne Menschenrechte in Brand steckten, verharmloste aber die
bin«, erzählt der 35-Jährige. Er sei bei und die Freiheit von Furcht kann eine De- Verbrechen.
Freunden außerhalb der Metropole Yan- mokratie nicht Fuß fassen und sich entwi- Ihre Haltung trug ihr internationale
gon untergekommen. Genauer will er es ckeln«, sagte sie 2012 in ihrer allerersten Entrüstung ein, nutzte ihr aber innenpoli-
am Telefon lieber nicht sagen – zu groß TV-Wahlkampfrede. Nach ihren Hoffnun- tisch – denn die Vertreibung der Rohingya
ist die Gefahr, dass jemand mithört. gen für die Zukunft befragt, antworten vie- stieß in großen Teilen des Volkes auf Zu-
Thet Swe Win führt eine Gruppe von Ak- le ihrer Mitbürger mit denselben Worten. stimmung. Sie gelten vielen Myanmaren
tivisten an. Er will mit anderen Mitstreitern Myanmar ist in diesen Tagen des Put- als illegale Einwanderer; das Militär und
den politischen Kampf gegen das Militär sches und der Umwälzung ein Land auf Hardliner unter den buddhistischen Mön-
aufnehmen, das in der Nacht auf Montag dem Rückweg in düstere Zeiten. Wenige chen haben diese Wahrnehmung befeuert.
die Macht in dem südostasiatischen Land kurze Jahre konnten die Menschen ein Bei den Wahlen im vergangenen No-
an sich gerissen und die De-facto-Regie- kleines Stück Freiheit kosten, seit Anfang vember erhielt Suu Kyis Partei noch mehr
rungschefin Aung San Suu Kyi abgesetzt dieser Woche ist die Furcht zurück. Stimmen als zuvor. Ihr mächtigster Gegen-
hat. Doch zunächst sind die Aktivisten mit Dabei hatte alles so hoffnungsvoll an- spieler, der Oberkommandierende Min
ihrer eigenen Sicherheit beschäftigt. gefangen. Nach fast einem halben Jahr- Aung Hlaing, beobachtete das mit Arg-
Viele von Thet Swe Wins Mitstreitern hundert Diktatur war 2011 die Militärjunta wohn. Das Militär warf der NLD Wahlbe-
sind rechtzeitig abgetaucht, nur einer ent- zurückgetreten. Bei den ersten fairen Wah- trug vor, was diese an sich abprallen ließ.
kam der Polizei nicht. Beamte nahmen ihn len seit Beginn des Öffnungsprozesses Der ehemalige deutsche Botschafter in
zu Hause fest. Seitdem habe seine Familie gewann Suu Kyis Nationale Liga für De- Myanmar, Christian-Ludwig Weber-Lortsch,

82 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Ausland

hat den Armeechef mehrfach getroffen. ihr und dem abgesetzten Präsidenten Win in Mandalay. Darüber hinaus sollen rund
»Ich erinnere mich an ihn als intelligenten Myint schweben bereits Strafverfahren: tausend Mediziner in 70 Krankenhäusern
Mann, der immer gut vorbereitet war«, er- In Suu Kyis Haus seien illegal importierte im ganzen Land in Streik getreten sein.
zählt er. Andere beschreiben den General Walkie-Talkies gefunden worden; Win International fallen die Reaktionen auf
als eher unauffällige Erscheinung. Myint wird vorgeworfen, er habe sich im den Putsch deutlich aus. US-Präsident Joe
Diesem Mann stand also eine stolze, stu- Wahlkampf über die geltenden Corona- Biden sprach von einem »direkten
re Frau gegenüber, die in jeder Hinsicht Regeln hinweggesetzt. Beide Vergehen Anschlag auf die Demokratie und die
herausragt. Schon vor Monaten soll es zwi- können mit jeweils drei Jahren Haft be- Rechtsstaatlichkeit des Landes«. Die EU
schen Suu Kyi und dem General zum straft werden. forderte die Freilassung der festgesetzten
Bruch gekommen sein. Aus Altersgründen Zeitgleich versucht das Militär, die Politiker. Sanktionen sind im Gespräch,
hätte der 64-Jährige eigentlich 2021 aus Gunst der buddhistischen Mönche zu er- möglicherweise wird Brüssel Handels-
dem Militärdienst ausscheiden sollen. Ver- ringen, die in Myanmar eine politische privilegien für Myanmar streichen. Denk-
bündete verbreiteten, er interessiere sich Macht sind. Tempel und Pagoden, zuvor bar wäre ebenso, Sanktionen gegen ein-
für eine politische Anschlussverwendung. wegen Corona gesperrt, sind wieder offen. zelne Generäle zu verhängen, wie es die
Vielleicht als Präsident? Die große Frage ist nun, ob sich die myan- Menschenrechtsorganisation Human
Suu Kyi soll diesem Ansinnen eine Ab- marische Bevölkerung dem Willen der Rights Watch fordert.
sage erteilt haben. »In gewisser Hinsicht Generäle fügen wird. Die Erinnerung an Das Problem ist, dass Strafmaßnahmen
hat sich die Lady so verhalten, wie der vergangenes Leid sitzt tief: Die Aufstände aus Europa und den USA wenig bewirken
Westen es immer von ihr gefordert hat: von 1988 und 2007 endeten blutig und mit dürften. »Die meisten dieser Herrschaften
Sie hat dem Militär die Stirn geboten«, Tausenden politischen Gefangenen, die haben ihr Geld nicht im Westen, sondern
sagt ein gut vernetzter Beobachter in My- teils jahrzehntelang im Knast saßen. in Asien gebunkert«, sagt Ex-Botschafter
anmar, der anonym bleiben will, weil er Inzwischen sind die Myanmaren besser Weber-Lortsch. Sanktionen sieht er skep-
Folgen für seine Arbeit fürchtet. In dieser vernetzt, zum Nachteil des Militärs. Auf tisch: »Was soll das nützen, solange die
Lesart war der Staatsstreich ein Zusam- Facebook posteten Nutzer Fotos mit aus- Nachbarn nicht mitmachen?«
menprall zweier großer Egos. Eine Lady gestrecktem Mittelfinger. »Sie haben sich China ist Myanmars größter Handels-
gegen einen General. wie Schweine und Hunde verhalten. Dann partner, eine erste Stellungnahme aus Pe-
Derzeit gilt in Myanmar ein einjähriger werden sie auch wie Schweine und Hunde king fiel zurückhaltend aus. Die staatliche
Ausnahmezustand. Der Analyst Khin Zaw sterben«, lautete einer der Kommentare. Nachrichtenagentur Xinhua beschönigte
Win vom Tampadipa Institute in Yangon, Seit Donnerstag ist die Plattform geblockt, den Militärputsch gar als »Kabinettsum-
einem Thinktank, hält es durchaus für mög- angeblich nur vorübergehend. bildung«. Ein Treffen des Uno-Sicherheits-
lich, dass bald Neuwahlen stattfinden könn- Nach Einbruch der Dunkelheit stellen rats endete ergebnislos, weil Russland und
ten, womöglich auch unter Beteiligung der viele Myanmaren brennende Kerzen in China einer gemeinsamen Erklärung nicht
NLD – allerdings ohne Suu Kyi. »Um es die Fenster. Um 20 Uhr erhebt sich Lärm zustimmen wollten.
ganz offen zu sagen: Ich glaube, wir erleben über den großen Städten, Menschen schla- Fürs Erste sind die Myanmaren auf sich
das Ende ihrer politischen Karriere«, sagt gen auf Töpfe und Mülleimer, Autofahrer gestellt. Einer von ihnen sitzt Mittwoch-
Khin Zaw Win. hupen. Von ihren Balkonen aus singen nacht vor seinem Rechner, im Videofenster
Seit dem Putsch stehen Soldaten und Bürgerinnen und Bürger gemeinsam ein erscheinen eine Haartolle und ein dünner
Militärfahrzeuge an wichtigen Orten der altes Revolutionslied: »Bis zum Weltun- Schnurrbart, seine Mimik schwankt zwi-
großen Städte. Augenzeugen zufolge zie- tergang werden wir uns nicht beruhigen schen Erschütterung und Kampfeslust.
hen Schlägerbanden durch die Straßen können, die Geschichte schreiben wir mit Nan Lin, 25, erinnert sich an seine Ge-
und verprügeln NLD-Sympathisanten. unserem Blut.« fühle in der Putschnacht: »Ich war sehr
Quellen im Land sprechen von 40 bis Am Mittwochabend zog eine Gruppe wütend, weil meine persönlichen Träume
50 Festnahmen, darunter Suu Kyi, die sich Aktivisten singend durch Yangon, tags da- und die aller jungen Leute in Myanmar
inzwischen in Hausarrest befindet. Über rauf protestierten 20 Frauen und Männer zerstört worden waren.« Zu gern würde
der angehende Politikwissenschaftler im
Ausland studieren. »Das muss ich zur Seite
legen. Derzeit ist mein stärkster Wunsch,
etwas gegen das Militär zu tun.«
Für seine Überzeugungen hat Nan Lin
bereits gelitten, nach Studierendenprotes-
ten gegen ein neues Bildungsgesetz 2015
steckte man ihn für ein halbes Jahr ins Ge-
fängnis. Auch damals stand der Strafvoll-
zug unter Kontrolle der Generäle, doch
die NLD war auf dem Weg in die Regie-
rung und das politische Klima liberaler.
Diesmal, fürchtet er, droht ihm ein dunk-
leres Schicksal. »Würde ich sagen, dass ich
keine Angst habe, wäre es eine Lüge«, sagt
Nan Lin. »Jetzt festgenommen zu werden
wird natürlich viel schlimmer sein als da-
mals.« Seine Gruppe plane friedliche Ak-
tionen, sagt er. Aber wenn Menschenmas-
sen auf den Straßen seien, könne man die
Lage ja nicht kontrollieren.
AFP

Georg Fahrion, Laura Höflinger


Protestierende in Yangon: »Die Geschichte schreiben wir mit unserem Blut«

83
Ausland

Drei gestohlene Jahre


China Die Uigurin Gulbahar Haitiwaji wandert mit ihrer Familie nach Frankreich aus. Dann wird
sie unter einem Vorwand zurück in ihre Heimat gelockt und verschwindet jahrelang
in einem staatlichen Umerziehungslager. Nun ist sie frei. Eine Begegnung. Von Katrin Kuntz

I
n einem Appartement am Stadtrand Französisch erschienen ist*. Die 54-Jähri- Seit Mitte 2016 nimmt die systemati-
von Paris erzählt eine Frau eine Ge- ge will, dass die Welt ihre Geschichte hört. sche Auslöschung der uigurischen Identi-
schichte über Chinas Versuch, die Mehr als eine Million Uiguren werden tät und Kultur immer gravierendere Aus-
Identität eines Volks auszulöschen. den Vereinten Nationen zufolge in chine- maße an. China inhaftiert die Uiguren
Sie erzählt von Umerziehungslagern, en- sischen Straflagern festgehalten. Sie wer- nicht nur in den geschätzt bis zu 1200
gen Gefängniszellen, von Zwangsimpfun- den geschlagen und zum Teil brutal gefol- Umerziehungscamps, sondern unterwirft
gen. Aber auch von der Kraft des Yoga tert. Immer wieder gibt es Berichte über sie auch durch Zwangsarbeit. Hundert-
und stiller Freundschaft in Haft – und von extremste, systematische Vergewaltigungen, tausende müssen auf Baumwollfeldern
der Frage, wann der Wille eines Menschen die Frauen brechen sollen, und über oder in der Gemüseproduktion schuften.
bricht. Es ist ihre Geschichte. Zwangssterilisierungen. Die US-Regierung Frauen und Mädchen werden zwangsste-
Die Frau lebt in Boulogne-Billancourt, nennt das Vorgehen der chinesischen Be- rilisiert. Die Geburtenrate der Uiguren
einem wohlhabenden Pariser Vorort. Von hörden einen Genozid. Gulbahar Haitiwajis sinkt merklich.
ihrem Haus kann sie zur Seine spazieren. Erzählung deckt sich mit denen anderer Gulbahar Haitiwaji wurde 1966 in der
Ein paar Kilometer weiter sieht sie den Eif- Überlebender und Einschätzungen von Ex- Stadt Ghulja in Xinjiang als fünftes von
felturm. Sie hat das Leben hier stets genos- perten wie Adrian Zenz, der seit Jahren acht Kindern geboren. »Kulturell haben
sen. Bis sie in die Fänge des chinesischen über die Uiguren forscht. wir nichts mit den Chinesen zu tun«, er-
Regimes geriet und für Jahre in seinem Un- Wie geht es Haitiwaji heute? »China hat zählen die beiden im Wohnzimmer in Bou-
terdrückungsapparat verschwand. mir drei Jahre meines Lebens gestohlen«, logne. »Wir haben eine andere Schrift,
Gulbahar Haitiwaji nimmt am Wohn- sagt sie. »Am Anfang war ich sehr ge- eine andere Sprache, eigene Bräuche, Tän-
zimmertisch Platz, ihr kleines Apparte- stresst. Jetzt distanziere ich mich. Wenn ze und Speisen.« Haitiwaji springt auf und
ment ist mit einem weißen Sofa und Kunst- ich erzähle, fühlt es sich an, als gehörte holt Naan-Brot vom Fenstersims, das sie
pflanzen eingerichtet. Sie hat Kuchen auf- diese Geschichte nicht zu mir.« Suchend gebacken hat. »Unsere Beilage statt Reis.
geschnitten und fünf Sorten Trockenobst schaut sie zu ihrer 29-jährigen Tochter Gul- Für China sehr exotisch!« Sie lacht.
ordentlich nebeneinander auf einer Platte humar, die ins Französische übersetzt, was Peking kontrolliert das Gebiet seit 1949.
angerichtet. Das leichte Make-up betont ihre Mutter auf Uigurisch erzählt. Haitiwaji kann sich nicht erinnern, dass
ihre dunklen Augen. Die schwarzen Haare Die beiden wollen von ihrer Heimat sie als Kind je Diskriminierung erfahren
rahmen ihre sanften Gesichtszüge ein. Xinjiang im Nordwesten Chinas berichten,. hätte. Das ändert sich, als sie ihren Mann
Haitiwaji stammt aus der nordwestchi- Eine Region mit 24 Millionen Einwohnern, kennenlernt. Kerim, mit dem sie heute in
nesischen Region Xinjang, 2006 verlässt dreimal so groß wie Frankreich. Viel Wüs- Boulogne lebt, wäre gern Journalist gewor-
sie ihre Heimat, um in Paris in einer Kan- te, durchzogen von Flüssen und Bergen. den. Gulbahar sah sich als Ärztin. Beide
tine zu arbeiten. Sie kümmert sich um ihre Peking hatte schon vor rund 70 Jahren bekommen aber eine Einladung der Fakul-
beiden Töchter und ihren Mann, der als begonnen, in Xinjiang Öl und Gas zu tät der ortsansässigen Ölindustrie. In der
Uber-Fahrer Geld verdient. Wenn sie frei fördern. Die Wirtschaft wuchs, aber die Ui- Stadt Karamay überprüft Haitiwaji später
habe, sagt sie, gehe sie schwimmen. guren profitierten kaum. Immer wieder gab die gigantischen Metallrohre, durch die
Dann aber, im November 2016, wird es Unruhen. Weil muslimische Extremisten das Erdöl aus dem Boden kommt.
Haitiwaji unter einem Vorwand zurück in in der Region Anschläge begangen haben, Die beiden heiraten, bekommen zwei
ihre Heimat gelockt. Sie landet als Insassin sieht Peking alle Uiguren als Staatsfeinde, Töchter und verdienen gutes Geld. Doch
Nummer 9 in einem der staatlichen Umer- die den Aufbau einer »harmonischen Ge- als Uiguren stoßen sie an eine Decke. »Bei
ziehungslager für Uiguren, die den Gefan- sellschaft« verhinderten. Uiguren, Kasa- Jobausschreibungen für zehn Stellen hieß
genen die Errungenschaften der Kommu- chen und Angehörige anderer muslimischer es, dass neun Han-Chinesen und ein Uigure
nistischen Partei einhämmern sollen. Minderheiten sollen in Lagern zu staats- gesucht werden«, erzählt Haitiwaji. Einige
Etliche Male fürchtet sie zu sterben. treuen Bürgern umerzogen werden. Stellenangebote schlossen Uiguren explizit
Nur wenige Zeugen haben bislang Die Führung in Peking sorgt sich auch aus. Ihr Mann Kerim habe das nicht mehr
ausführlich über die Unterdrückung der wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen ausgehalten. Im Jahr 2002 verlässt er Xin-
uigurischen Minderheit in China berich- einiger Uiguren. Chinas Megainfrastruk- jiang und wird in Frankreich als politischer
tet, das macht die Geschichte von Hai- turprojekt »Neue Seidenstraße«, das Flüchtling anerkannt. Seine Frau folgt ihm
tiwaji besonders. Kaum jemand ent- Asien über den Nahen Osten mit Europa 2006 mit den Kindern nach Paris.
kommt den Lagern in Xinjiang. verbinden soll, führt durch Xinjiang. Anders als ihr Mann behält sie die chi-
Bei Gulbahar Haitiwaji ist das anders, nesische Staatsbürgerschaft. »Falls meine
sie hat den Mut gefunden, über ihre Folter Mutter in Xinjiang krank werden sollte,
öffentlich zu sprechen. Zusammen mit Neonlampen wollte ich zu ihr reisen können.«
der Journalistin Rozenn Morgat des fran- brennen ohne Pause,
zösischen »Figaro« hat sie über ihre Erfah-
rungen in Xinjiang ein beeindruckendes ihre Füße sind * Gulbahar Haitiwaji, Rozenn Morgat: »Rescapée du
goulag chinois« (Überlebende des chinesischen Gu-
Buch geschrieben, das bislang nur auf zeitweise angekettet. lag –Red.). Éditions des Équateurs; 244 Seiten; 18 Euro.

84
ist Gulhumar zu sehen, damals noch min-
derjährig, wie sie in eine Flagge Ostturkes-
tans gehüllt an der Place du Trocadéro
in Paris steht, bei einer Demonstration.
Es ist die Flagge der uigurischen Befürwor-
ter eines unabhängigen Staats. Gulhumar
sagt: »Der Protest war für mich bloß ein
soziales Event.« Die Polizisten in Xinjiang
interessiert das nicht. Sie werfen Haitiwaji
vor, ihre Tochter sei eine »Terroristin«.
Ende Januar 2017 verschwindet Gulba-
har Haitiwaji im Gefängnis von Karamay.
Vier Monate harrt sie in der Zelle 202 aus.
Die Neonlampen brennen ohne Unterlass.
An den Fußgelenken ketten ihre Bewacher
sie zeitweise an einer Pritsche fest.
Mit ihr im Gefängnis sind Uigurinnen,
die Verwandte im Ausland haben oder
dort lebten. Frauen, die beim Beten er-
wischt wurden oder die ausländische Apps
auf ihre Handys runtergeladen hatten, was
inzwischen für sie verboten ist.
Die sogenannte Karakax-Liste der chi-
nesischen Regierung, ein im Februar 2020
geleaktes Dokument, belegt Haitiwajis
Schilderung. Uiguren stehen in China un-
ter Generalverdacht. Eingesperrt werden
sie schon dann, wenn sie mehr Kinder ha-
ben, als der Staat erlaubt – auf dem Land
drei, in den Städten zwei. Oder weil sie
sich einen Bart wachsen lassen oder die
falschen Bücher lesen.
Am 9. Juni 2017 wird Haitiwaji zur
»Schule geschickt«, wie ihre Bewacher be-
schönigend formulieren: Man verlegt sie
nach Baijiantan in ein Umerziehungslager.
»Bei guter Führung sollte ich nach ein paar
Monaten entlassen werden«, erzählt sie.
Aber das Martyrium beginnt erst.
Im Umerziehungslager am Stadtrand
von Karamay sind mit ihr etwa 200 Frauen
Laura Stevens / DER SPIEGEL

inhaftiert. Alle tragen blaue Uniformen.


Es habe 16 Zellen gegeben, in jeder Zelle
standen zwölf Betten. Der Geruch von Far-
be deutete an, dass der riesige Bau neu
war. Haitiwaji gerät in einen riesigen Un-
terdrückungsapparat, der wächst.
Exilantin Haitiwaji in Paris: »Ich finde keine echte Ruhe mehr« Nach einer militärischen Ausbildung
besteht ihr Alltag vor allem darin, Regeln
und Werte auswendig zu lernen. Die Tage
Im Pariser Finanzviertel La Défense be- So sitzt Haitiwaji am 25. November 2016 der Gefangenen fangen früh mit patrioti-
ginnt Haitiwaji, in einer Kantine die Des- im Flieger nach Xinjiang. Den Rückflug hat schen Liedern an. Sie machen penibel ihre
serts vorzubereiten. Das Leben, sagt sie, sie für zwei Wochen später gebucht. Ihr ist Betten. Beim Frühstück in der Kantine
habe ihr gefallen. Sogar ihre Freundinnen bewusst, dass die Repression in Xinjiang müssen sie der Volksrepublik China, der
aus Xinjiang konnten sie besuchen. zugenommen hat. Aber sie weiß nicht, dass Kommunistischen Partei und Xi Jinping
Mitte November 2016 sitzt Haitiwaji in mit Chen Quanguo ein Hardliner, der zu- danken, erzählt Haitiwaji. Dann marschie-
ihrem Appartement in Boulogne, als ein vor brutal in Tibet gewirkt hat, nun die Re- ren die Gefangenen in Reih und Glied in
Anruf eingeht. Ein Mitarbeiter ihrer Firma gionalregierung in Xinjiang führt. die Unterrichtsräume. Für die elfstündigen
aus Karamay ist am Apparat. Er bittet sie, »Hätten wir den leisesten Verdacht ge- Schultage habe es ein Unterrichtsbuch ge-
nach Xinjiang zu kommen. Es gehe um ein habt, hätten wir sie niemals fahren lassen«, geben. »Es hatte einen weißen Umschlag
paar administrative Dinge bezüglich ihrer sagt ihre Tochter Gulhumar. mit einer chinesischen Flagge darauf.« Es
Frühverrentung. Haitiwaji findet das über- Als sie in Karamay das Büro der Ölfir- sei um den Fortschritt Chinas gegangen,
trieben, aber sie hat gesundheitliche Pro- ma betritt, nimmt man ihr den Pass ab und um Präsident Xi Jinping und den Aufbau
bleme und lange auf die Chance gewartet, fährt sie zur Polizeistation. Drei Männer einer harmonischen Gesellschaft.
ab 50 das Arbeitsleben hinter sich zu las- verhören sie über ihr Leben im Ausland. Die Aufseher unterrichten Mandarin
sen. Der Angestellte beharrt darauf, sie Sie finden nichts, da zeigen sie Haitiwaji und chinesisches Recht, sie klittern die Ge-
müsse persönlich vorbeikommen. ein altes Foto ihrer Tochter. Auf dem Bild schichte. »Man hat uns gelehrt, dass die

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 85


Uiguren schon immer chinesisch gewesen Es ist ein Risiko, das sie mit dem Inter-
seien«, erzählt Haitiwaji. »Xinjiang habe view eingeht. Im Außenministerium habe
nie Unabhängigkeit genossen.« man ihr zwar gesagt: »Bei jedem diploma-
Nach dem Abendessen, das sie schwei- tischen Austausch zwischen China und
gend einnehmen müssen, sollen die Insas- Frankreich spricht man über Ihre Mutter.«
sinnen die Nachrichten des Staatsfernse- Aber dass sie lebt, glaubt Gulhumar erst,
hens schauen. Schriftlich müssen sie dar- als sie ihre Stimme am Telefon hört. »Mir
legen, was sie sich gemerkt haben. Freitags geht es gut, sorgt euch nicht«, das seien
finden ganztägig Prüfungen statt. ihre ersten Worte gewesen. Haitiwaji sitzt
Zu Beginn hält Haitiwaji der Behand- beim Telefonat von Polizisten umgeben in
lung stand. In der halbstündigen Mittags- einer Wohnung in Karamay.
pause träumt sie sich in ihren »geheimen Einige Monate nach ihrer Verurteilung
Garten«. Sie stellt sich vor, in Paris bei ihrer lässt man sie unter Auflagen frei. In der
Familie zu sein. Malt sich aus, was sie zu Stadt wird sie von Polizisten überwacht.

privat
Mittag kochen würde. Ihre Freundinnen in Die Männer zwingen Haitiwaji, ihre Fami-
Haft fragen sie nach dem Aufwachen, was Haitiwaji mit Töchtern in Versailles 2015 lie auszuhorchen, und diktieren ihr eine
es im Traum zu essen gab. Die restliche »Wir dachten, dass sie tot ist« Liste von Artikeln, die ihre Tochter im In-
Zeit lernt sie, um zu überleben. Schreibt ternet löschen soll. Der Fall Haitiwaji soll
Aufsätze in den drei verlangten Stilformen: gen, dass der Staat Millionen in Geburten- aus dem Netz verschwinden.
»Selbstkritik, Geständnis, Bedauern«. kontrolle bei Uigurinnen investiert. Je mehr Haitiwaji kooperiert, desto mehr
Noch immer hat Haitiwaji nicht vor Ge- In den Zellen hängen Kameras, die die Freiheiten bekommt sie. Im Sommer 2019
richt gestanden. Sie hat keinen Anwalt ge- Frauen permanent überwachen. Haitiwaji helfen ihr die Beamten, einen Reisepass zu
sehen. Niemand sagt ihr, wie es weitergeht. verliert an Gewicht. Ihre Erinnerungen besorgen. Es gebe die Anweisung, ihren
In Frankreich ist Haitiwajis Familie lösen sich langsam auf. Es gibt nur noch Fall zu schließen. Das Regime will sie of-
krank vor Sorge. Kerim und seine beiden die Propaganda aus Peking. Zwar erfährt fenbar loswerden, vermutlich dank Frank-
Töchter hören monatelang nichts. Ihre sie keine extreme physische Gewalt. Aber reichs diplomatischer Anstrengungen.
Tochter Gulhumar ruft Bekannte in Xin- die psychische Gewalt zermürbt sie. Am 21. August 2019 fällt Haitiwaji nach
jiang an, die ihre Anrufe abblocken. In ihrer Zelle spricht Haitiwaji mit Gott zwei Jahren und neun Monaten ihrer Fa-
Als auf sozialen Netzwerken die ersten in einer tiefen Vorbeuge des Yoga. Das Ge- milie in die Arme. Gulhumar hat geträumt,
Berichte über die Camps auftauchen, habe sicht zu den Schienbeinen gerichtet, ver- dass sie in einem Rollstuhl ankommt.
Gulhumar verzweifelt E-Mails an den fran- birgt sie vor der Kamera in ihrer Zelle, dass Doch sie sieht fast wie früher aus. »Sehr
zösischen Vizekonsul in Peking geschrie- sie die Lippen im Gebet lautlos bewegt. dünn, aber glücklich, uns zu sehen.«
ben. Ihr Hilferuf sei zunächst verhallt. Haitiwaji steht auf, um die Übung vor- Wenige Monate nach Haitiwajis Rück-
Im Oktober 2017 findet der 19. Partei- zumachen. Sie steht kerzengerade, dann kehr werden geheime chinesische Doku-
kongress statt, bei dem Xi Jinping als KP- lässt sie ihren Kopf nach unten sinken. Ihre mente publik, die erstmals die offizielle
Chef bestätigt wird. Haitiwaji und ihre Mit- schwarzen Haare berühren den Teppich. Politik hinter den Lagern explizit beschrei-
gefangenen gestalten im Lager eine Feier »Wir dachten lange, dass sie tot ist«, sagt ben. Die »China Cables« belegen den Ver-
mit einem Singwettbewerb. Sie hoffen, Gulhumar am Wohnzimmertisch. such der Regierung in Peking, den Willen
dass danach die Regeln locker werden, Erst als sich im Jahr 2018 die Berichte ihrer uigurischen Häftlinge zu brechen.
doch alles sei schlimmer geworden. »Wir von Experten und den Vereinten Nationen Bis heute hat sich an dieser Praxis nichts
durften nicht mehr miteinander sprechen«, zu der systematischen Internierung meh- geändert. China bemüht sich nach außen
erzählt Haitiwaji. Aufseher verteilen Tage- ren, als die ersten Uiguren aus den Lagern um Unterstützung für seine Xinjiang-Poli-
bücher, die alle zwei bis drei Tage einge- entkommen, schöpft die Familie Hoffnung. tik – auch um die Olympischen Winter-
sammelt und benotet werden. Peking kann nun die Existenz der Lager spiele 2022 in Peking nicht zu gefährden.
Was hat sie geschrieben? »Dass China nicht mehr leugnen, behauptet aber Ende Doch die Lager werden immer mehr in
groß ist. Dass ich glücklich bin, hier zu 2018, es handle sich bei den Lagern um Hochsicherheitsgefängnisse verwandelt.
sein.« Pause. Dann verstellt sie die Stimme freiwillige »Berufsbildungszentren«. Für Gulbahar Haitiwaji hat ein zartes Zu-
und sagt mit gespielter Freude: »Ich bin Tochter Gulhumar startet eine Online- rücktasten ins Leben begonnen. Leicht hat
entzückt, Chinesin zu sein.« petition, nimmt Kontakt mit Journalisten sie es nicht. In der uigurischen Exilgemeinde
Fitnessübungen in der Zelle hätten ihr und mit der französischen Regierung auf. in Paris erzähle man sich, sie sei nur freige-
geholfen, nicht krank zu werden. Sie zeigt, Im Oktober 2018 wird Gulbahar Haiti- kommen, weil sie den chinesischen Behör-
wie sie die Schultern unmerkbar nach hin- waji in ein größeres Umerziehungslager ver- den Informationen geliefert habe.
ten dehnte oder ihren Beckenboden leicht legt. Hier erwartet sie nach anderthalb Jah- Haitiwaji ist politischer geworden.
hin und her kippte, wenn die Wächter sie ren Haft ihr sogenannter Prozess. Er dauert »Europa muss mehr tun, um die Camps zu
zum Stehen zwangen. Ein Überlebens- neun Minuten. Polizisten ziehen wieder das schließen«, sagt Gulhumar, ihre Tochter.
kampf, der sich auf Millimetern abspielte. Foto ihrer Tochter hervor. Der Richter wirft »Das Ziel kann nicht sein, einen Menschen
Ist sie dieselbe Frau, die sie vor dem La- ihr Verfehlungen rund um ihre Auswande- nach dem anderen rauszuholen.«
ger war? »Ich finde keine echte Ruhe mehr. rung vor. Er verurteilt Haitiwaji zu sieben Gulbahar Haitiwaji hat die Hölle über-
In mir wohnt immer eine Angst.« Jahren im Lager. Danach muss sie der Partei lebt. Daran zerbrochen ist sie nicht. Zeit
Im Lager in Xinjiang wird Haitiwaji für diese Chance zur Umerziehung danken. und Routine werden sie heilen, glaubt sie.
2017 zwangsgeimpft, erzählt sie. Angeb- Haitiwaji lacht in ihrer Wohnung bitter auf. Wenn der Lockdown vorbei ist, will
lich sollen die Spritzen gegen Grippe sein. »Danke«, sagt sie. »Danke.« Haitiwaji endlich Französisch lernen. Sie
»Doch viele Frauen bekamen danach ihre In Frankreich hat ihre Tochter beschlos- möchte wieder arbeiten gehen. Ihre Toch-
Periode nicht mehr.« Die Angst vor Steri- sen, die Öffentlichkeit einzuschalten, sie ter schlägt eine Ausbildung als Floristin
lisierungen geht um. Haitiwaji erzählt von gibt dem Sender France24 ein Interview. vor. In Blumen liege so viel Schönheit. Sie
verzweifelten jungen Frauen, die eine Fa- »Ich verlange die Freiheit meiner Mutter«, findet, zu ihrer Mutter passe das sehr gut.
milie gründen wollten. Recherchen bele- sagt sie. »Einer unschuldigen Frau.«

86
Sport
Die Topverdienerinnen im Tennis . .. ... und beim Ski alpin
Preisgelder 2019/20, in Euro

Ashleigh Barty Mikaela Shiffrin


Australien 9,1 Mio. USA 366 336

Simona Halep Federica Brignone


Rumänien 6,2 Mio. Italien 344 644

Elina Switolina Petra Vlhová


Ukraine 4,9 Mio. Ashleigh Barty bei den Slowakei 316 714
WTA Qatar Open in Doha, 2020

zum Vergleich Männer:


Alexis Pinturault
Rafael Nadal Spanien 12,6 Mio. Frankreich 332 497
Matthias Mayer
Novak Djoković Serbien 11,3 Mio. Österreich
309 017

Picture Alliance
Henrik Kristoffersen
Daniil Medwedew Russland 6,6 Mio. Quellen: Forbes, Fis Norwegen
275 132

Die ungleiche Bezahlung von Sportlerinnen und Sportlern wird in diesem Jahr ein wichtiges Thema bleiben. Bei großen
Tennisveranstaltungen wie etwa den Australian Open, die in der kommenden Woche beginnen, sind die Preisgelder
zwar identisch, bei anderen jedoch klaffen sie noch auseinander. Im Ski alpin liegen die Prämien bei den meisten
Weltcuprennen gleichauf, allerdings bei insgesamt weit geringeren Summen. Bei der Nordischen Kombination, in
der es in diesem Winter erstmals einen Weltcup für Frauen gibt, bekommen die Männer deutlich mehr.

Gut zu wissen

Warum gibt es im Biathlon einen Heimnachteil?


G In der kommenden Woche beginnen fremden Schießständen 2050-mal vorbei, Zum Teil wird dieser Malus verringert
im slowenischen Pokljuka die Weltmeister- im eigenen Land 2120-mal. Die Frauen durch den Antrieb, den Fans in der Hei-
schaften im Biathlon. Für die deutschen verfehlten auswärts 2023-mal die Schei- mat entfachen können. Im eigenen Land
Sportlerinnen und Sportler dürften sie ben, zu Hause 2136-mal. sind die Laufzeiten besser: um 1,25 Se-
erfolgreicher werden, als wenn die Wett- Durch die damit verbundenen Straf- kunden bei den Männern und 1,88 Sekun-
kämpfe in den heimischen Hochburgen zeiten sind die Athletinnen und Athleten den bei den Frauen. Sie genügen jedoch
Oberhof oder Ruhpolding stattfänden. zu Hause um mehrere Sekunden lang- nicht, um den Verlust durch die schlechte-
Denn anders als wohl bei den meisten samer. An der Weltspitze, wo es oft auf re Schießleistung auszugleichen.
Sportarten gibt es im Biathlon einen Bruchteile einer Sekunde ankommt, Denkbar wäre, dass die Biathletinnen
Heimnachteil. Der Sportökonom Alex sind das Nachteile, die über den Sieg und Biathleten nur deshalb häufiger
Krumer von der Hochschule im norwegi- entscheiden können. vorbeischießen, weil sie zuvor schneller
schen Molde hat zusammen mit einem laufen und sich dadurch stärker ver-
Kollegen von der London Business School ausgaben. Doch Ergebnisse der Studie
die Schießresultate von 220 Biathleten sprechen gegen diese Theorie.
und 217 Biathletinnen über 16 Jahre aus- An der Rennstrecke in Oberhof, wo
gewertet. »Wir haben festgestellt, dass die Zuschauer normalerweise so laut sind,
sowohl Männer als auch Frauen in Sprint- dass einige Sportlerinnen und Sportler
wettbewerben mehr Schüsse verfehlen, zu Ohrstöpseln greifen, war in dieser
wenn sie in ihrem Heimatland antreten, Weltcupsaison kein Publikum zugelassen.
Benjamin Soelzer / Eibner

verglichen mit Wettkämpfen im Ausland«, Trotz der Stille schossen die deutschen
sagt Krumer. Männer nicht gut. Krumer erklärt das
Der Druck, die Angst zu versagen – das damit, dass die Erwartungen zu Hause
seien die Gründe, weshalb die Athleten etwa durch die Presse oder Sponsoren
vor heimischem Publikum öfter daneben- hoch seien – auch ohne Publikum an der
zielten. Konkret schossen die Männer auf Stefanie Scherer im Januar in Polen Strecke. MAS

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 87


Sport

Getrickst, getäuscht, gelogen


Fußball Ein interner Ermittlungsbericht zeigt, wie der VfB Stuttgart seine
Mitglieder offenbar verraten hat. Weil Vereinsfunktionäre die Aufklärung blockieren, eskaliert
nun der Machtkampf zwischen Stadionkurve und Kapital.

Robin Rudel / picture alliance/ dpa


Präsident Vogt, Vorstandsvorsitzender Hitzlsperger beim Bundesligaspiel des VfB Stuttgart in Freiburg: Kollege »Spalter«

T
homas Hitzlsperger ist eine Le- der der in eine AG ausgegliederten Profi- zwei Männern um Macht und Einfluss. Es
gende des VfB Stuttgart. Die Fans fußballabteilung. Ende Dezember hatte er geht im Kern um die Frage, wer über den
verehren den Mittelfeldmann für angekündigt, zusätzlich Vereinspräsident Fußball bestimmen darf: ein kleiner Kreis
seinen wuchtigen Schuss im letz- werden zu wollen. Er hätte sich damit von Mächtigen oder die Fans? Was setzt
ten Meisterschaftsspiel der Saison 2006/07. selbst kontrolliert, wäre allmächtig beim sich durch im Fußballgeschäft – die Inte-
Aus 22 Metern schlug der Ball im Tor des Bundesligisten geworden. Viele Anhänger ressen des Kapitals oder die der Kurve?
FC Energie Cottbus ein. nennen Hitzlsperger seitdem »Spalter« Fragen, die auch die Anhänger von Han-
Wenig später feierte eine ganze Stadt. oder »Sonnenkönig«. nover 96, dem Hamburger SV und von
Der VfB Stuttgart war deutscher Meister Der Mann, der im Oktober für sein so- Schalke 04 bewegen. Beim VfB Stuttgart
geworden. Es war eine Sensation. ziales Engagement das Bundesverdienst- sind die Methoden der Auseinanderset-
»Das Beieinandersein, diese Kamerad- kreuz erhielt, steht im Mittelpunkt einer zung aber hinterlistiger, es wird getrickst,
schaft« seien der Schlüssel zum Erfolg ge- der größten Vereinskrisen des VfB Stutt- getäuscht und gelogen.
wesen, so beschrieb Hitzlsperger den größ- gart. Die Spitze des Vereins ist heillos Die Vereinsmitglieder wählten Hitzls-
ten Triumph der jüngeren Vereinsgeschich- zerstritten: auf der einen Seite Hitzls- pergers Gegenspieler im Dezember 2019
te, so etwas »habe ich vorher und nachher perger, den weite Kreise des Führungszir- zum Präsidenten, weil er die Nähe zu den
so nicht mehr erlebt«. kels unterstützen; auf der anderen Seite Fans verkörpert. Claus Vogt geht mit VfB-
Die Harmonie bei dem Bundesligisten Vereinspräsident Claus Vogt, 51, der die Schal in die Stadionkurven.
ist längst Vergangenheit, und dazu hat der Basis der 71 500 Vereinsmitglieder hinter Im Hauptberuf führt er ein Unterneh-
Fußballheld von einst viel beigetragen. sich weiß. men für Facility-Dienstleistungen. Im Auf-
Der ehemalige Nationalspieler, 38, ist heu- Was den Verein seit einigen Wochen trag von Großkunden wie Metro oder Bur-
te Sportvorstand und Vorstandsvorsitzen- durchschüttelt, ist mehr als der Streit von ger King organisiert er den Betrieb von

88
Büro- und Geschäftsräumen. Lange vor kehr zwischen der Behörde und dem AG- aller Störfeuer kamen die Prüfer zu einem
seiner Wahl hat er den Verein »FC Play- Vorstand belegt. klaren Urteil: Es sei zutreffend, dass der
Fair!« gegründet. »Wir hatten die Idee, Vergangenen Mittwoch bestellte Daten- Verein Zehntausende Mitgliederdaten wei-
rund um den Fußball die Sinnfrage zu stel- schützer Brink Hitzlsperger und Vogt ein tergegeben habe – und es sei »sehr wahr-
len«, erklärte Vogt, PlayFair sei eine Platt- und eröffnete ihnen, dass er nach erster scheinlich«, dass die Daten auch für Gue-
form für Fans, »die mit ihrer Hingabe und Prüfung erhebliche Datenschutzverstöße rilla-Marketing genutzt worden seien.
Treue den Zuschauersport Fußball erst beim VfB sehe. Brink hat deshalb ein Buß- Dies, so schreibt Esecon, stelle »sicherlich
groß gemacht haben.« geldverfahren eingeleitet. einen Täuschungsversuch ggü. den Mitglie-
Männer wie Vogt werden im Bundesliga- Vogt hatte zügig auf die Vorwürfe rea- dern und damit einen Vertrauensbruch dar.
business oft als Fußballromantiker verspot- giert und eine »externe, transparente, kri- Dies gilt umso mehr, als die Untersuchun-
tet. Beim VfB rückte er an die Spitze, als tische, neutrale und unabhängige Auf- gen klare Hinweise darauf gaben, dass Pla-
der Verein im Begriff war, weitere Anteile arbeitung« der Affäre angekündigt. Wie nung und Umsetzung dieser Maßnahmen
an Investoren zu verkaufen. interne Dokumente nun belegen, stand er auf der Führungsebene des VfB bekannt wa-
Vogt war rund drei Monate im Amt, als vereinsintern mit diesem Bestreben aber ren und zumindest geduldet wurden«.
die Pandemie um sich griff. Der Verein von Beginn an auf verlorenem Posten. Die Liste der von Esecon belasteten
schickte Mitarbeiter in Kurzarbeit, bean- Ende September mandatierte der VfB Funktionäre ist lang. Die zwei leitenden
tragte später Staatshilfen. Und es kam auf Vogts Initiative die Berliner Beratungs- Angestellten Oliver Schraft und Uwe Fi-
noch schlimmer. firma Esecon mit der Aufklärung. Deren scher verschickten demnach die Daten-
Im September 2020 berichtete das Ermittler sind erprobt beim Durchleuch- pakete an den Betreiber der Facebook-
Sportmagazin »Kicker« von skandalösen ten von Funktionärsfilz; zuletzt gingen sie Seite. In die Pläne für das »Guerilla-Mar-
Vorgängen in Stuttgart. Demnach habe der für den Deutschen Fußball-Bund der Frage keting« sollen die Vorstände Stefan Heim
Verein in den Jahren 2016 und 2017 sein nach, wie im Verband halbseidene Deals und Jochen Röttgermann sowie das heuti-
kostbarstes Gut verkauft – seine Fans. Der mit dem Sportvermarkter Infront einge- ge Präsidiumsmitglied Rainer Mutschler
Vorwurf: VfB-Mitarbeiter hätten mehr- stielt worden waren. eingeweiht gewesen sein.
mals per Mail Zehntausende Daten von Beim VfB gestaltete sich die Arbeit kom- Mutschler kommt bei der Affäre eine
Mitgliedern an einen externen Dienstleis- pliziert für die Prüfer, so steht es in einem zentrale Rolle zu. Der Esecon-Bericht legt
ter weitergeleitet, ohne die Betroffenen Abschlussbericht, den die Ermittler diese nahe, dass der Dienstleister, an den die
darüber zu informieren. Empfänger der Woche intern vorgelegt haben. Esecon be- Mitgliederdaten versendet wurden, aus ei-
brisanten Mails sei der Betreiber einer ver- nem von Mutschler verantworteten Bud-
einsnahen Facebook-Seite gewesen. gettopf bezahlt wurde. Mutschler leitete
Hinter dem Deal, so die Vermutung, Eine unabhängige zu dem Zeitpunkt eine vereinsinterne Pro-
habe ein perfider Plan gesteckt: kritische jektgruppe, die den Ausgliederungspro-
Anhänger umzudrehen, die gegen die ge-
Aufarbeitung sei »nicht zess vorbereiten sollte.
plante Ausgliederung der Profiabteilung gewährleistet« gewesen, Auf Anfrage teilte der VfB mit, man wer-
in eine AG stimmen wollten. Erst mit der schreiben die Ermittler. de sich bis zur »Bekanntgabe der Ergeb-
neuen Kapitalgesellschaft konnte sich der nisse zur Aufarbeitung« nicht öffentlich
VfB für Investoren öffnen. äußern. Hitzlsperger und Vogt lehnten die-
Vogts Vorgänger in der Vereinsspitze mängelt in dem streng vertraulichen Pa- se Woche ein Gespräch zu dem Thema ab.
hatten die Ausgliederung gewollt. Der ex- pier, dass Es ist auffällig, wie viel Energie die Ver-
terne Dienstleister sollte dafür Stimmung ‣ die Präsidiumsmitglieder Bernd Gaiser einsbosse seinerzeit investierten, um die
machen und mithilfe der Mitgliederdaten und Rainer Mutschler »zahlreiche Ver- Ausgliederung des Profifußballs in die AG
»glaubwürdiges Guerilla-Marketing« be- suche« unternommen hätten, Esecons voranzutreiben. So gab es bei der entschei-
treiben. So steht es in einer VfB-internen Mandat zu beschneiden, sie hätten da- denden Mitgliederversammlung von mehr
Präsentation von damals. Es sei das Ziel mit »erhebliche Verzögerungen des Un- als 12 000 Stimmberechtigten im Juni 2017
gewesen, die Vereinsanhänger subtil auf tersuchungsablaufs« verursacht, im Stuttgarter Stadion weitere Ungereimt-
Facebook zu beeinflussen, zugunsten einer ‣ der AG-Vorstand sowie das Vereinsprä- heiten. Rund ein Viertel der Anwesenden
möglichen Ausgliederung. sidium »nachhaltig« Einfluss »auf die beteiligte sich nicht an der wohl wichtigs-
Ein Schritt, der bei einer Mitgliederver- Untersuchung genommen« hätten. Un- ten Abstimmung der Vereinsgeschichte.
sammlung im Juni 2017 dann tatsächlich ter den zahlreichen Beispielen, die Ese- Warum Tausende ihr Stimmrecht nicht
vollzogen wurde, Monate nach der Daten- con auflistet, finden sich E-Mails, in wahrnahmen, ist schleierhaft.
weitergabe. denen Hitzlsperger VfB-Mitarbeiter da- Eine mögliche Erklärung geben zwei
Durch das Votum war der Weg frei für rüber informierte, dass sie sich der Be- Augenzeugen, von denen sich einer nun
die Ausgliederung. Und er war frei für den fragung durch die Ermittler verweigern an die Esecon-Ermittler gewandt hat.
ersten VfB-Investor: Daimler. Der Auto- könnten, Schriftlich berichtet er von »massiven Pro-
bauer zahlte 41,5 Millionen Euro für ‣ eine unabhängige Aufarbeitung beim blemen« bei den elektronischen Geräten,
11,75 Prozent der AG-Anteile. Laut Mit- VfB »nicht gewährleistet« gewesen sei. mit denen die Abstimmung durchgeführt
gliederbeschluss stehen weitere 13,15 Pro- Denn in den Vereinsgremien säßen Per- wurde, »zahlreiche Mitglieder« hätten sich
zent der AG-Anteile im geschätzten Wert sonen, die »direkt mit den zu untersu- deshalb vor Ort beschwert. Besonders
von rund 50 Millionen Euro zum Verkauf. chenden Vorgängen in Verbindung ste- dort, wo die eher kommerzkritischen VfB-
Wenige Tage nach dem »Kicker«-Be- hen«. Daher seien »Glaubwürdigkeit Anhänger saßen, habe die Technik ge-
richt meldete sich das Büro des baden- und Verwertbarkeit der Untersuchungs- streikt. »Obwohl das Problem weiterhin
württembergischen Landesdatenschutzbe- ergebnisse« eingeschränkt. flächendeckend bestand und Offizielle da-
auftragten Stefan Brink bei Hitzlsperger Beim VfB, so suggeriert es der Esecon- rüber informiert waren«, sei die Veranstal-
mit einem Fragenkatalog. Wie konnten Bericht, bewachte der Fuchs den Hühner- tung fortgesetzt worden, heißt es in dem
mutmaßlich Tausende Daten den Verein stall. Offenbar wussten einige Funktions- Schreiben.
verlassen? Hitzlsperger lieferte nur schlep- träger, dass ihnen die Untersuchungsergeb- Alles nur Zufall – oder waren die Wahl-
pend Informationen, wie der Schriftver- nisse nicht gefallen dürften. Denn trotz geräte manipuliert, um das Abstimmungs-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 89


Sport

ergebnis zu beeinflussen? Der Verein kostet. Laut einer Umfrage der Nachrich-
schweigt auch dazu.
Auffallend ruhig im Chaos der vergan-
Leben ist tenagentur Kyodo sind 80 Prozent der an-
fangs euphorischen Japaner mittlerweile
genen Monate ist Ankerinvestor Daimler. gegen die Austragung des Megaevents in
Dabei ist der Einfluss des Stuttgarter Un-
ternehmens traditionell hoch beim VfB.
wichtiger diesem Sommer.
»Tokyo 2020« hat das Potenzial, zu den
Seit mehr als sechs Jahren sitzt Wilfried unbeliebtesten Spielen der Geschichte zu
Porth, Daimlers Personalvorstand, im Auf- Olympia Jetzt zweifeln sogar werden. Trotzdem verkünden die Olym-
sichtsrat des Fußballklubs. Porth, 62, lob- japanische Sportler an »Tokyo piaplaner beständig Durchhalteparolen.
byiert offen dafür, Investoren an den Ver- 2020«. Die Spiele werden »Ganz egal, wie es sich mit der Corona-
ein zu binden. Dafür spannt der Manager virus-Pandemie entwickelt, wir halten
auch seinen Arbeitgeber ein. zunehmend zu einer Belastung die Spiele ab«, erklärt Organisationschef
Vor einer VfB-Mitgliederversammlung für das Gastgeberland. Yoshiro Mori.
im Juli 2019 warb Porth im Daimler-Intra- Ein Jahrzehnt nach dem Atomreaktor-
net für den damaligen Vereinspräsidenten unfall von Fukushima sollte Olympia in
und Großkapital-Fürsprecher Wolfgang itomi Niiya ist in Japan ein Star. Im Japan das Ende des Wiederaufbaus mar-
Dietrich, dem das Aus drohte. »Die An-
träge auf Abwahl des Präsidenten lehnen
wir ab«, richtete sich Porth an die VfB-Mit-
H Halbmarathon und über 10 000
Meter hatte sie zwei mehr als zehn
Jahre alte Landesrekorde gebrochen. Der
kieren. »›Tokyo 2020‹ galt als großes pa-
triotisches Projekt«, sagt Hiroki Ogasa-
wara, Soziologieprofessor an der Kobe-
glieder in der Daimler-Belegschaft. Leichtathletikverband kürte die 32-Jährige Universität. »Sportler haben in Japan
Der Appell war vergebens. Dietrich trat deshalb zur Sportlerin des Jahres 2020. nicht die Rolle von Akteuren, die ihre Mei-
zurück, nachdem bei der Mitgliederver- Als Niiya gefragt wurde, wie sie eigent- nung kundtun und damit die Gesellschaft
sammlung das WLAN ausgefallen war und lich zu »Tokyo 2020« stehe, den Olympi- beeinflussen«, so Ogasawara, von Athle-
die Veranstaltung vor Dietrichs wahrschein- schen Spielen, die Ende Juli eröffnet wer- ten erwarte man: »Halt den Mund, und
licher Abwahl im Chaos abgebrochen wer- den sollen, erwiderte sie: »Als Sportlerin mach dein Spiel.«
den musste. Bis heute ist ungeklärt, wie will ich es durchziehen, als Mensch will Im vergangenen März, als die Spiele
es zu der Störung kommen konnte. ich es nicht.« Im Zweifel müsse man die erst nach lauten Protesten von Sportlern
Seitdem zermürben Machtkämpfe den Veranstaltung absagen: »Das Leben ist anderer Länder verschoben wurden, blieb
Verein. Richtig schmutzig wurde es zur wichtiger als die Olympischen Spiele.« Japans Sportszene stumm. Umso bedroh-
Jahreswende. Nachdem im November Für die Veranstalter von »Tokyo 2020« licher ist es für die Organisatoren, wenn
durch einen Zwischenbericht von Esecon sind solche Aussagen prominenter Sportler sich jetzt selbst im Gastgeberland Wider-
klar geworden war, dass Verfehlungen ak- wie Tiefschläge im Boxen. Das Internatio- stand formiert. Um den Jahreswechsel hat-
tueller Führungskräfte aufgedeckt werden nale Olympische Komitee (IOC) und das te der Sender NHK 42 japanische Athleten
könnten, eskalierte intern der Widerstand Tokioter Organisationskomitee bemühen zu Olympia befragt. 38 Prozent gaben an,
gegen den aufklärungswilligen Vogt. sich seit Monaten, der anschwellenden dass ihre Motivation nachlasse. 26 Prozent
Einige Funktionäre bedrängten den Prä- Skepsis Herr zu werden. Nach rasant stei- sagten, die öffentliche Debatte im Land
sidenten, sich zurückzuziehen. Als Vogt genden Infektionszahlen befindet sich auch schlage auf ihr Gemüt.
sich weigerte, putzte ihn Hitzlsperger in der Großraum Tokio seit Beginn des Jahres Die kritischen Athleten bekamen Ende
einem offenen Brief einen Tag vor Silves- im Ausnahmezustand, der Anfang Februar Januar zudem Unterstützung von Haruo
ter herunter und kündigte seine eigene noch einmal verlängert werden musste. Ozaki, dem Präsidenten des Tokioter Ärz-
Kandidatur zum Vereinschef an. Nachdem Es mehren sich die Stimmen, auf Olym- teverbands: »Die Spiele zu veranstalten,
sich große Teile der Fanszene mit Vogt so- pia zu verzichten – zumal die Verschie- nur weil man sie veranstalten will, ist sinn-
lidarisiert hatten, entschuldigte sich Hitzls- bung der Spiele um ein Jahr Milliarden los.« Das begrenzte Ärztepersonal werde
perger erst für seine Attacke und zog bald anderswo gebraucht. Ozaki forderte zu-
darauf seine Kandidatur zurück. Es war dem ein Hygienekonzept für Olympia ein.
ein peinlicher Vorgang – aber der Zweck Zumindest in diesem Punkt hat sich das
war womöglich erfüllt. Der Riss in der Füh- IOC bewegt. In dieser Woche hat es den
rungsmannschaft war nunmehr für jeder- Sommersportverbänden die erste Version
mann so offensichtlich, dass der Beirat des der sogenannten Playbooks zugestellt, aus
Vereins mittlerweile einen neuen Präsi- denen ansatzweise hervorgeht, wie die
dentschaftskandidaten sucht. Amtsinha- Spiele aussehen könnten.
ber Vogt läuft somit Gefahr, für die nächste Insgesamt waren für Tokio rund
Wahl nicht einmal nominiert zu werden. 130 000 Personen eingeplant, Athleten,
Und der Kleinkrieg geht weiter. Er dreht Betreuer, Funktionäre, Medienleute. Sie
sich inzwischen etwa um die Frage, wer den müssen eine App auf ihrem Smartphone
PCN Photography / Alamy / Mauritius Images

Auftrag erhält, die rechtliche Bewertung des installieren, mit der sich Kontakt- und Be-
brisanten Esecon-Berichts vorzunehmen. wegungsprotokolle erstellen lassen. Zu-
Vogt wurde bearbeitet, den Zuschlag der dem sind für sämtliche Sportler die öffent-
Kanzlei Gleiss Lutz zu übertragen. Daimler- lichen Transportmittel tabu, sie sollen die
Mann Porth versuchte Ende Januar, per Blase generell nicht verlassen. Im Olym-
Umlaufbeschluss im Aufsichtsrat durchzu- pischen Dorf ist ein Abstand von zwei Me-
drücken, dass die Stuttgarter Rechtsanwälte tern vorgeschrieben.
mandatiert werden. Gegen den Willen Vogts. Wer gegen die Corona-Regeln verstößt,
Die Kanzlei Gleiss Lutz ist eng mit wird bestraft – bis zum Olympiaausschluss.
Daimler verbunden. Die olympische Idee sah einmal anders
Udo Ludwig, Thilo Neumann Langstreckenläuferin Niiya 2012 in London aus. Felix Lill, Jens Weinreich
»Als Mensch will ich die Spiele nicht«

90 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


LESE
P RO
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Das geklaute Rotkäppchen


Neues aus der SPIEGEL-Welt: Wie die Brüder Grimm mit ihren Märchen eine deutsche
Tradition erfanden und so gegen den Eroberer Napoleon kämpften, erklärt die
aktuelle Ausgabe von SPIEGEL GESCHICHTE.

echs Jahre vor Erscheinen der »Kinder- und Haus- »Alles ist fast nur in Hessen und den Main- und Kinzig-

S märchen« hatte Napoleon Bonaparte dem Heiligen


Römischen Reich den Todesstoß versetzt. Seit
dem 15. November 1807 war Kassel, wo die Brü-
der Grimm wohnten, Hauptstadt des Königreichs West-
gegenden in der Grafschaft Hanau, wo wir her sind, nach
mündlicher Überlieferung gesammelt«, verkünden sie
in der Vorrede ihrer Märchensammlung. Das stimmte nicht
ganz: Zwar hatten sie die Märchen ringsum in ihrer Heimat
phalen, das der Kaiser für seinen kleinen Bruder Jérôme aufgespürt, nur waren die Geschichten dort meist nicht
eingerichtet hatte. entstanden, sondern zu großen Teilen eingewandert – aus-
Der tägliche Anblick französischer Soldaten, die anti- gerechnet aus Frankreich.
französischen Ressentiments, die auf den Straßen und
in den Stuben die Gespräche beherrschten, weckten ein
deutsches Nationalgefühl, das es im bis dahin föderal orga- Weitere Themen
nisierten Heiligen Römischen Reich nicht gegeben hatte. G Nützliche Verbindungen:
Viele Intellektuelle fahndeten nach Anknüpfungspunkten Wie Joséphine Napoleon
in der Geschichte und spürten einer vermeintlichen deut- zur Macht verhalf
schen Tradition nach. G Gute Gesetze: Warum der
Auch die Grimms stöberten tief in der Vergangenheit – und »Code Civil« bis heute
begannen, nach möglichst alten »Volksmärchen« zu suchen. in Deutschland nachwirkt
»In diesen Volks-Märchen«, behaupteten die Brüder Grimm G Gefährlicher Guru: Die Deutsch-
1814 im Vorwort zum zweiten Band ihrer Märchensamm- tümelei von »Turnvater« Jahn
lung, »liegt lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren
gehalten.« Tatsächlich hatten sie ihre Märchen aus vielen SPIEGEL GESCHICHTE erscheint sechsmal im Jahr, fächert
Dokumenten zusammengetragen: mittelalterlichen Legenden, jeweils ein historisches Thema unterhaltsam und analytisch
Schwank- und Anekdotenbüchern, Tierfabeln mit antiken auf und liefert immer auch Erkenntnisse für die Gegenwart.
Wurzeln, Wunderzeichenbüchern und manch anderem litera- Erhältlich im Abonnement (abo.spiegel-geschichte.de),
rischen Werk des 17. und 18. Jahrhunderts. Vor allem aber in der SPIEGEL-Kiosk-App, im Zeitschriftenhandel und unter
wurden ihnen Märchen von Frauen zugetragen. amazon.de/spiegel. 148 Seiten; 9,90 Euro.

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Wissen

Nhac Nguyen / AFP


Wie ein Raumschiff scheint dieses Boot auf einem See in der Hang Son Doong zu schweben, der vielleicht größten
Höhle der Welt, mit Decken teilweise höher als der Kölner Dom. Die Grotte, rund 400 Kilometer südlich der
vietnamesischen Hauptstadt Hanoi gelegen, wird erst seit wenigen Jahren erkundet. Sie entstand wohl dadurch,
dass einst ein Fluss in Kalksteinklüften versickerte und schließlich sein Bett in die Unterwelt verlegte.

Klinik des Städtischen Klinikums Dresden-Friedrichstadt. Wahr


Besser ohne Arzt ist: Viele diagnostische Verfahren und Heilversuche haben
keinen Nutzen. Ungefähr ein Fünftel aller Ausgaben wird schät-
zungsweise für Übertherapie und Überdiagnose verschwendet.
Analyse Eine Lehre aus der Coronakrise: Viele Die Pandemie macht diese unnötige Medizin jetzt sichtbar.
medizinische Prozeduren werden gar nicht gebraucht. Menschen mit Rückenschmerzen, die nicht an den Bandscheiben
operiert werden konnten, wurden dank Wärmflasche und
G In der Coronapandemie haben Krankenhäuser sich für die Gymnastik auch so wieder gesund. Zappelige Schüler, die keinen
Behandlung von Covid-19-Patienten gerüstet und ihre sonstigen Termin beim Kinderpsychiater wahrnahmen, bekamen ihr
Leistungen um bis zu 50 Prozent heruntergefahren. Auch Temperament ohne ADHS-Medikamente in den Griff. Erwach-
die Zahl der Behandlungen in Arztpraxen ist stark gesunken, sene, die den Check-up ausfallen ließen, blieben von Zufallsbe-
weil viele Menschen sich nicht mehr zum Doktor trauen. Ob- funden und sinnlosen Folgeuntersuchungen verschont.
wohl die medizinische Grundversorgung immer gewährleistet Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medi-
war, haben nicht durchgeführte Untersuchungen den Verlauf zin fordert Chefarzt Schellong deshalb jetzt, das Ausmaß der
mancher Erkrankung gewiss ungünstig beeinflusst. Übertherapie zu erforschen: »Es ist mehr als wahrscheinlich, dass
Aber auch das Gegenteil ist richtig. »Es wäre töricht, ganz Leistungsbereiche identifiziert werden, deren Verknappung
pauschal zu behaupten, dass jeder ausgelassene Arztbesuch oder keine negativen Folgen haben.« Die Lehre: Ärzte sollten auf über-
jeder abgesagte Wahleingriff per se einen messbaren Schaden flüssige Prozeduren verzichten, Patienten nicht mehr danach
setzt«, sagt Sebastian Schellong, Chefarzt der II. Medizinischen fragen. Jörg Blech

92 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Klima schen Ozeans in Südkorea gewöhnlich«, sagt ein Mitautor. Fußnote
Fachten Stürme wüteten. Das beschreibt ein »Aber drei innerhalb von nur

in Asien Brände in
Amerika an?
● Mehr als 10 000 Waldbrän-
Team um den Klimaforscher
Jin-Ho Yoon vom Gwangju
Institute of Science and Tech-
nology in der Zeitschrift
»Geophysical Research Let-
zwei Wochen? Das war schon
historisch.« Die tropischen
Wirbelstürme hatten eine der-
artige Wucht, dass sie in der
Lage waren, den Jetstream zu
3068
Galaxien hat ein Forscherteam
de verheerten im vorigen ters«. »Ein Taifun dieser verformen, jenen Höhenwind, am Anglo-Australian Telescope
Sommer und Herbst die US- Stärke ist in Korea nicht un- der wie ein Förderband um in New South Wales vermes-
Westküste, über 150 000 den Planeten kreist. Das ver- sen, um ihr Verhalten zu verste-
Menschen mussten fliehen. Es stärkte die Wetterfront zwi- hen. 250 Nächte lang durch-
kam dabei sogar zu einem schen einem Hochdruckge- forstete es mithilfe des speziell
»Gigafeuer«, einem Brand auf biet über Kanada- und einem angefertigten Spektrografen
einer Fläche von mehr als Tiefdruckgebiet über der US- »Sami« den Südhimmel. Nun
4000 Quadratkilometern, Westküste. »Der Taifun ›Hai- veröffentlichen die Forscher
deutlich größer als die Fläche shen‹ verlängerte die anfäng- die Beobachtungsdaten und
Luxemburgs. Angefacht wur- liche Ausbreitung der Feuer«, erstaunliche Einsichten: Das

Josh Edelson / AFP


den die Brände in Amerika sagt Yoon. »Er sorgte für Drehtempo einer Galaxie hängt
womöglich auch durch die ungewöhnlich heiße und tro- demnach von ihrer Gesamt-
drei Taifune »Bavi«, »May- ckene Bedingungen in Kali- masse ab, die Drehrichtung
sak« und »Haishen«, die auf fornien und für extreme Wind- dagegen eher von ihrer kosmi-
der anderen Seite des Pazifi- Brand in Kalifornien 2020 ereignisse in Oregon.« HIL schen Nachbarschaft.

Modernes Leben Kunstgeschichte oder einen SPIEGEL: Wir reisen doch, um


Karneval, an dem die Be- das Original zu sehen, nicht
»Wir brauchen ein zweites Venedig« sucher teilnehmen können. einen kitschigen Abklatsch.
SPIEGEL: Klingt unrealistisch. Frey: Heutzutage kann man
Der Zürcher sich die ärmeren Reisenden Und wieso sollte ich zu einer Kopien herstellen, die besser
Wirtschafts- dann umso heftiger an den Disneyland-Kopie reisen? aussehen als das Original.
wissenschaftler restlichen Orten drängen wür- Frey: Ein zweites Venedig oder Selbst Experten erkennen eine
Bruno Frey, 79, den. Die Lösung liegt also ein zweites Salzburg könnte Fälschung oft nur mit Mühe.
über seine nicht darin, das Angebot zu ein tieferes Eintauchen in diese SPIEGEL: Weimar hat schon
Vision, hyper- verknappen, sondern das An- Orte ermöglichen. Zugleich 1999 so etwas Ähnliches ver-
realistische gebot zu erweitern – indem würde die Anreise der Besu- sucht und Goethes Gartenhaus
Kopien von Touristenhoch- man zum Beispiel ein zweites cher weniger ökologische nachgebaut. Verstehen Sie,
burgen zu bauen Venedig errichtet.  Schäden verursachen. Und die dass Bildungsbürger darüber
SPIEGEL: Ein Scherz, oder? gezeigte Kultur könnte mit- die Nase rümpften?
SPIEGEL: Herr Frey, warum Frey: Ganz und gar nicht. hilfe von Augmented Reality Frey: Ehrlich gesagt: nein. Die-
machen Sie sich ausgerechnet Wir brauchen ein neues Vene- und Multimedia fundiert se neuen Originale bieten ja
während der Pandemie dig. Das könnte sogar besser und zugleich leicht zugänglich oft ein viel intensiveres Erleb-
Gedanken über den »Über- sein als das Original, speziell sein. Übertourismus verwan- nis, man darf sie berühren,
tourismus«? für Touristen entworfen. Es delt sich so in eine individuell sie können elektronisch mit Zu-
Frey: Genau jetzt sollten wir könnte viel mehr bieten: Mul- gestaltbare Bildungsreise auf satzinformationen bespielt
die Zeit nutzen, um einen timediapräsentationen zur allerhöchstem Niveau. werden. Die alten Originale da-
schonenderen Tourismus zu gegen werden oft hinter Vitri-
entwerfen. Nehmen Sie Vene- nen weggeschlossen, die Besu-
dig. An manchen Tagen über- cher müssen Abstand halten.
rannten 130 000 Besucher die SPIEGEL: Würden die Original-
Altstadt. Allein innerhalb der orte dann wieder in einen
EU gibt es mehr als 100 Orte, Dornröschenschlaf verfallen?
die vor der Pandemie am Ȇber- Frey: Das wird nicht geschehen.
tourismus« litten, dazu ge- Wer einmal das neue Venedig
hören etwa der Louvre in Paris besucht hat, wird vielleicht da-
mit zehn Millionen Besuchern nach auch einmal das Original
pro Jahr oder der Vatikan mit sehen wollen. Aber das wären
LaPresse via ZUMA Press / action press

sechs Millionen Besuchern. dann eher die echten Fans, die


SPIEGEL: Was wäre die Alter- wirklich zu schätzen wissen,
native, vielleicht Einreise- was sie am Original haben. Der
beschränkungen wie im König- Rest wird in der Kopie mehr
reich Bhutan? erlebt haben als im Original –
Frey: Nein, damit schaffen wir und zufrieden heimreisen. HIL
nur einen Zweiklassentouris- Bruno S. Frey: »Venedig ist überall –
mus mit ein paar exklusiven Vom Übertourismus zum Neuen Origi-
Luxusdestinationen, wobei Touristen in Venedig bei Hochwasser im November 2019 nal«. Springer; 132 Seiten; 19,99 Euro.

93
Jörg Müller / Agentur FOCUS / DER SPIEGEL
Corona-Expertin Brinkmann

»Der Wettlauf ist längst verloren.


Es wird kommen wie in England«
SPIEGEL-Gespräch Stürzen die Mutanten uns in die schlimmste Phase der Pandemie? Oder impfen
sich die Deutschen bis zum Sommer frei von Sars-CoV-2? Die Virologin Melanie Brinkmann sagt:
Nur eine knallharte Eindämmungsstrategie kann das Land auf Dauer aus den Lockdowns führen.

94
Wissen

Brinkmann, 47, hat im Braunschweiger Gefährliche Lockerung


Helmholtz-Zentrum an Herpesviren ge-
Szenarien zur Entwicklung der Neuinfektionen in Deutschland je 100000 Einwohner binnen sieben Tagen .. .
forscht und an der TU der niedersächsi-
schen Stadt gelehrt. Dann kam Corona. Die ... bei Fortsetzung des Lockdowns ... bei einer Teilöffnung ab Mitte Februar
Pandemie hat die Biologin zu einer öffent-
lichen Person gemacht. Sie gehörte jüngst Mutante (z .B. B.1.1.7.)
zum wissenschaftlichen Beraterstab für 200 Ursprungsvirus (Wildtyp) 200
Kanzlerin Angela Merkel und die Minister- gesamt
150 150
präsidenten und verfasst Positionspapiere
zur Eindämmung der Seuche. Teilöffnung
100 100

SPIEGEL: Frau Professorin Brinkmann, Sie 50 50


gelten als Anhängerin einer harten Linie 10 10
im Kampf gegen die Pandemie und wer-
den dafür auf Twitter als »Sprechpuppe« Dezember Januar Februar März April Dezember Januar Februar März April
Quelle: »No-Covid-group«
der Kanzlerin verunglimpft. Oder als
»Menschenfeind«, als »Predigerin des men-
schenverachtenden Irrsinns«, die »das
Land in eine totale Katastrophe« fährt. durch mal kurz auftauchen und nach Luft die Mutanten. Für Virologen ist es nur noch
Wie geht es Ihnen damit? schnappen kann. Und das ginge dann bis eine Frage von wenigen Wochen, bis sie
Brinkmann: Wow, steht das da? Gut, dass ins Jahr 2022 hinein. sich auch in Deutschland durchgesetzt ha-
ich mir das Getwittere nie angucke. Eine SPIEGEL: Was empfiehlt die »No Covid«- ben. Das habe ich klar gesagt: Die Mutante
Kollegin, die genauso in der Öffentlichkeit Gruppe stattdessen? aus Großbritannien und andere werden
steht, sagte mir neulich: »Ich kann nicht Brinkmann: Eine konsequent durchgesetz- uns überrennen, das Virus hat einen Rake-
mehr.« Ich habe ihr geraten, das Zeug zu te Kontaktvermeidungsstrategie, um die tenantrieb bekommen. Es geht nur noch
ignorieren. Zahlen sehr schnell zu senken. Damit ließe darum: Können wir den Siegeszug der
SPIEGEL: Funktioniert das als Selbst- sich die 7-Tage-Inzidenz zügig unter 10 Varianten hinauszögern, Zeit gewinnen?
schutz: einfach nicht hinsehen? drücken. Die Gesundheitsämter könnten SPIEGEL: Hatte das eine Wirkung?
Brinkmann: Na ja, mir fehlt auch schlicht wirklich wieder Infektionsketten nachver- Brinkmann: Die Stimmung war ange-
die Zeit dazu. Aber ich lese zumindest alle folgen, und wir alle bekämen unser Leben spannt, und sie war zum Teil gegen uns. Ei-
Mails. Und die meisten sind positiv, muss zurück. Zumindest ein Leben, so ähnlich nige waren unzufrieden, weil ihnen keiner
ich sagen. Bis vor Kurzem jedenfalls … wie im Sommer 2020. Dieses Larifari des von uns Wissenschaftlern eine exakte Zahl
SPIEGEL: … nachdem die »Bild«-Zeitung »Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein liefern konnte. So in der Art: Genau 0,458
Sie zur Einflüsterin der Kanzlerin in Sa- improvisiertes Hygienekonzept«, das Prozent der Infizierten haben schon die Mu-
chen Mega-Lockdown erklärt hatte? muss aufhören. tante. Diese Zahl gab es noch nicht, und da-
Brinkmann: Ja, da kamen einige Drohun- SPIEGEL: Wie hat die Politikerrunde rea- rauf wurde herumgehackt. Mit meiner Art
gen, und ich hatte zum ersten Mal Angst. giert? kam man offenbar auch nicht gut zurecht.
Ich habe meinen beiden älteren Jungs ge- Brinkmann: So ein Treffen ist nicht ein- Ich erklärte, dass es doch egal sei, ob wir
sagt: Guckt bitte, ob ihr Leute seht, die fach für einen Wissenschaftler, der in die jetzt bei 0,5 oder 1,5 Prozent sind; es wird
vor dem Haus herumgehen und sich merk- Tiefe gehen will. Jeder von uns acht Exper- so kommen wie in England, die Varianten
würdig benehmen. tinnen und Experten hatte nur drei Minu- setzen sich durch. Das ist ein Naturgesetz.
SPIEGEL: Und wie gehen Ihre Söhne mit ten für sein Eingangsstatement. Wir sollten SPIEGEL: Ein Politiker bewegt sich in einer
der Situation um? einschätzen, wie gefährlich die Virusmu- anderen Welt als ein Virologe. Ist jede Sei-
Brinkmann: Ziemlich gut, finde ich. Mein tanten aus England, Südafrika und Brasi- te zu sehr ihren Denkmustern verhaftet,
Ältester ist 13, der sagte zu mir: »Mama, lien seien. Bei »No Covid« geht es aber als dass man sich versteht?
es ist wichtig, dass du allen erklärst, was um viel mehr: eine Gesamtstrategie, die Brinkmann: Ich will der Politik gar nicht
bei Corona passiert, und dafür im Fern- Pandemie besser zu managen. Das waren vorwerfen, dass sie nicht ihr Bestes gibt.
sehen bist. Du musst das weitermachen.« zwei große Themen, und mit dem zweiten Viele sind wirklich bemüht, aber es gibt
Damit war das so beschlossen. dringt man dann nicht mehr richtig durch. Teilnehmer in diesen Runden, die sind
SPIEGEL: Am 18. Januar waren Sie als Ex- SPIEGEL: Vielleicht waren die Ministerprä- nicht richtig im Thema.
pertin zu einem Treffen mit Angela Merkel sidenten auch nicht interessiert an einer SPIEGEL: Nach einem Jahr Pandemie?
und den Ministerpräsidenten eingeladen. Strategie, die neue Härten verordnet? Brinkmann: Unser größtes Problem ist,
Sie hatten dazu das Strategiepapier einer Brinkmann: (lacht) Ja, mag sein. dass einige aus der Politik zuerst mal sehen
Initiative mitgebracht, die sich »No Covid« SPIEGEL: Sind Sie trotzdem durchgedrun- wollen, ob es wirklich so schlimm kommt
nennt. Worum geht es da? gen mit Ihrer »No Covid«-Idee? wie vorhergesagt. Klimaforscher erleben
Brinkmann: Kurz gesagt: Wir, eine Grup- Brinkmann: Wohl eher nicht. Wir haben das auch: Offensichtlich müssen manche
pe von 13 Wissenschaftlern aus mehreren ihnen ja durchaus einen konstruktiven Vor- Leute erst mit der Realität konfrontiert
Disziplinen, glauben nicht an die Strategie, schlag gemacht mit unserem Papier. Ich werden, bis sie es begreifen.
dass man mit dem Virus irgendwie leben hätte mir gewünscht, die Ministerpräsiden- SPIEGEL: Es gibt Forscher, die andere Bot-
kann, sondern dass man es besiegen muss. ten hätten das alle vorher im Detail gele- schaften verkünden. Etwa dass es ausrei-
Es wäre fatal zu hoffen, wir könnten die sen. Aber das war natürlich naiv. che, Hotspots wie Alten- und Pflegeheime
Maßnahmen mit einer Inzidenz von SPIEGEL: Es ist ja bekannt, dass manche besser zu schützen; dann könnten alle an-
knapp unter 50 lockern und dabei das Teilnehmer nicht immer mit voller Auf- deren einigermaßen normal weiterleben.
Virus im Zaum halten. Die Zahlen würden merksamkeit zuhören. Brinkmann: Ich verstehe die Politiker ja.
sofort wieder steigen. So eine Mittel- Brinkmann: Das ist mir nicht aufgefallen. Die fragen mal mich, mal die Vertreter sol-
inzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer- Aber ich habe schon den Anspruch, dass cher Positionen – und hinterher fragen sie
Lockdown, aus dem man nur zwischen- man mir zuhört. Es ging also erst mal um sich selbst, wem sie jetzt noch glauben sol-

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 95


len. Und da hat die Seite der – ich nenne Brinkmann: Wir kriegen niemals genü-
sie mal »Beruhiger« – einen Vorteil: Sie gend Menschen geimpft, bevor die Mutan-
sagen, was viele gern hören wollen. Alles ten durchschlagen. Dieser Wettlauf ist
nicht so schlimm, alles wird gut. Ich dage- längst verloren. Alles andere entspringt
gen bin die Überbringerin der schlechten Wunschdenken, genährt von falschen Ver-
Botschaft: Es wird nicht reichen, nur die sprechungen einiger Politiker. Der Impf-

Filip Singer / action press


Altenheime besser zu schützen. Und: Die stoff ist zwar da, die Produktion läuft, aber
Pandemie wird uns auch noch 2022 be- es wird dauern, bis alle ihn bekommen.
schäftigen. Das mag niemand hören. Das Impfen wird uns erst aus der Pande-
SPIEGEL: Andererseits gibt es in der evi- mie befreien, wenn sie weltweit abflaut.
denzbasierten Wissenschaft Kriterien, mit Corona wird uns 2022 noch beschäftigen –
deren Hilfe sich einschätzen lässt, was Pandemiemanagerin Merkel* wahrscheinlich darüber hinaus.
wahrscheinlich richtig ist und was falsch. »Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist zwölf« SPIEGEL: Und bis dahin?
Brinkmann: Leider gibt es für vieles noch Brinkmann: Spätestens an Ostern, wenn
keine Evidenz, das ist ein Problem. Die die bestehenden konsequenter anzuwen- die über 80-Jährigen hoffentlich geimpft
Pandemie rast, alles ist in Bewegung, und den. Wir müssen auch besser kontrollie- sind, wird der Ruf nach Lockerungen so
manchmal bleibt einem nur der gesunde ren, dass sich alle daran halten. Quaran- laut werden, dass möglicherweise wieder
Menschenverstand, der natürlich Evidenz täne ist Quarantäne – da kann ich nicht geöffnet wird. Und dann würde das Virus
nicht ersetzt. Was mich aber ärgert: dass draußen herumspringen. Und kurzfristig durch die jüngeren, bis dahin noch nicht
der öffentliche Diskurs inzwischen total müssen wir die Schulen geschlossen hal- geimpften Altersgruppen rauschen, die kei-
schief aufgesetzt ist. Es wird so getan, als ten, sonst kriegen wir sie wegen der an- ne Immunität haben – und das mit einer
wären die »Beruhiger« 50 Prozent der steckenderen Varianten sehr, sehr lange Wucht, die man sich gar nicht vorstellen
Wissenschaftsgemeinde, und Brinkmann nicht mehr richtig geöffnet. Vielleicht müs- kann. Weil die Mutanten noch infektiöser
und Konsorten sind die anderen 50 Pro- sen wir sogar wieder Grenzen schließen. sind. Nicht zu vergessen das Risiko, dass
zent. Das ist hanebüchen. Unser Papier, Was Urlaubsreisen ins Ausland angeht – Varianten auftauchen könnten, gegen die
in dem wir eine paneuropäische Strategie dass das immer noch geht, macht mich Impfstoffe schlechter wirken. Die Gefahr,
zur Eindämmung des Virus fordern, haben fassungslos. dass das passiert, steigt mit der Zahl der
mehr als 1000 Wissenschaftler unterschrie- SPIEGEL: Aber es wird doch jetzt geimpft, Infizierten. Dann fangen wir noch mal
ben. Es ist die vorherrschende Auffassung, wenn auch noch zu langsam. Wie weit lässt ganz von vorn an.
dass man konsequent eingreifen muss. Die sich damit die Seuche bremsen? SPIEGEL: Gegen die englische Variante sol-
andere Position wird von einer krassen len die Impfstoffe wirken. Und die Regie-
Minderheit vertreten. Manch einer in der rung hat ein »Impfangebot« für alle Er-
Politik nimmt das aber so auf, als wäre das Besser bremsen wachsenen bis September versprochen.
eine so gut wie das andere. Vorschläge der »No Covid«-Initiative Brinkmann: Bis September ist vielleicht
SPIEGEL: Am 14. Februar endet der Lock- zum Pandemiemanagement die Hälfte der Bevölkerung geimpft, wenn
down – vorerst. Wie geht es dann weiter? alles top läuft. Die britische Mutation hat
Brinkmann: Die Politik wird garantiert Testen aber eine Basisreproduktionszahl von
nicht lockern können, ohne einen Schub Ziel: jederzeit Kontrolle über das schätzungsweise bis zu 4,5 – so viele Men-
an Neuinfektionen zu riskieren. Bis dahin Infektionsgeschehen, Vorbeugung schen steckt ein Infizierter im Schnitt an,
exponentieller Infektionsdynamiken
liegen auch bessere Zahlen auf dem Tisch, wenn es keinerlei Kontaktbeschränkungen
wie sehr die Virusvarianten in Deutsch- • Schutztests: vor jedem Besuch vulnerabler Personen, gibt. Da muss ich über 80 Prozent geimpft
land verbreitet sind. Die Kurve steigt stark nicht nur in Altersheimen haben, um sie in Schach zu halten. So viel
an. Ob die Englandmutante nun um • niedrigschwelliges Testen: etwa durch massenhafte Impfstoff werden wir bis dahin nicht be-
Schnelltests bei Clusterausbrüchen
30 oder 50 Prozent infektiöser ist, sei mal kommen, und für Kinder und Jugendliche
dahingestellt. Aber selbst bei nur 30 Pro- • Frühwarnsystem: Abwasserscreening ist bisher auch gar keiner zugelassen.
zent haben wir eigentlich eine ganz neue • Ausbruchsmanagement: mobile Testteams, SPIEGEL: Wir hatten im Sommer eine In-
PCR-Massentests
Pandemie, draufgesattelt auf die bisherige. zidenz von 2,6, ganz nah an der Null. Was
Die neue läuft sich sozusagen im Hinter- Kontaktnachverfolgung, hat der zweiten Welle den Weg bereitet?
grund gerade warm, ohne dass wir das Isolierung/Quarantäne Brinkmann: Dass wir das Virus nicht ernst
schon klar erkennen können. Bereits mit Ziel: effizienter neue Fälle entdecken – genug genommen haben. Im Kopf sind wir
den noch geltenden, zum Teil halbherzig und eindämmen nie davon weggekommen, dass bis zur In-
befolgten Verboten kommen wir dann • Software: einheitliche Lösung im öffentlichen zidenz von 50 alles okay sei, unter Kon-
nicht mehr klar. Wir geraten wieder in ein Gesundheitsdienst trolle. In Wahrheit gibt es für diese Zahl
exponentielles Wachstum und werden • Prozesse optimieren: Verkürzung der Dauer bis keine wissenschaftliche Basis – nicht ein-
noch rigoroser infektiöse Kontakte verhin- zur Quarantäneanordnung mal die 35 als Obergrenze ist wissenschaft-
dern müssen. Die Frage ist nur, ob wir es • Infektionsketten: vollständige Nachverfolgung lich fundiert, das hatten Experten damals
einmal richtig tun, hart, konsequent. Oder • Quarantäne/Isolation: konsequente Durchführung im Mai der Bundesregierung auch klar ge-
ob wir in eine Dauerschleife von kurzem sagt. Aber dann hörte ich aus dem Kanz-
Öffnen und langem Schließen gehen. Grüne Zonen leramt, dass die Ministerpräsidenten selbst
SPIEGEL: Was würde für Sie zu einem här- Ziel: Leben ohne Restriktionen, Schutz die 35 nicht geschluckt haben, heraus kam
teren Lockdown gehören? vor Eintragungen aus roten Zonen dann die 50. Es muss ein Basar gewesen
Brinkmann: Es geht weniger darum, im- sein, ein Geschacher, unglaublich.
mer härtere Maßnahmen einzuführen, als • Pendlerverkehr: Mobilität messen und Entwicklung
SPIEGEL: Hat die Politik im Herbst also
umfassender Schutzkonzepte für notwendigen Pendler- zu viel gehofft und zu spät reagiert?
* Mit Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Mül-
reiseverkehr Brinkmann: Ja, klar. Alle Wissenschaftler,
ler und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus
Söder bei der Pressekonferenz zu den Bund-Länder- • Kontrollen: stichprobenartig, die sich auskennen, haben die zweite Welle
Beratungen am 19. Januar. Bußgelder bei Nichtbeachtung Quelle: »No-Covid-Group« erwartet – es ist nicht so schwer, die Kurven

96 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Wissen

zu verlängern. Mitte Oktober hat mich die »Als zöge man sich ein Brinkmann: Die Idee ist, dass »No Covid«
Kanzlerin angerufen. Ich habe gesagt: Es als Strategie von unten funktioniert: Ein-
ist nicht fünf vor zwölf, Frau Merkel, es ist Pflaster quälend langsam zelne Landkreise oder Gemeinden neh-
zwölf. Am Ende haben dann aber wohl vie- ab – oder einmal schnell, men sich vor, möglichst schnell zur grünen
le Ministerpräsidenten nicht mitgespielt. So Zone zu werden. Dazu müssen sie nicht
haben wir wertvolle Zeit verloren. Die zack!, weg ist es.« ganz runter auf null, 10 ist das Zwischen-
Schulen blieben auf, die Mobilität blieb ziel. Dann können erste Lockerungen fol-
hoch. Allein diese zwei Wochen Verzöge- gen. Zum Beispiel in Kita und Schule!
rung bis Anfang November haben uns in Brinkmann: Unsere Initiative hat mit SPIEGEL: Wie lang ist der Weg für Gemein-
den letzten drei Monaten etwa 30 000 Men- »Zero Covid« nur gemeinsam, dass wir auf den, die mit Inzidenzen von mehr als 200
schenleben gekostet. Jetzt, mit den neuen die Null zusteuern wollen. Der größte Un- zu kämpfen haben?
Varianten, passiert wieder das Gleiche. terschied ist, dass die Unterzeichner der Brinkmann: Was exponentiell steigt, kann
SPIEGEL: Dass die Politik zu spät ..? »Zero Covid«-Kampagne Bürger aus allen auch exponentiell sinken. Bei einer R-Zahl
Brinkmann: Ich fürchte, ja. Wir alle wol- Lebensbereichen sind, denen es darum von 0,9 dauert es einen Monat, bis sich
len aus diesem verdammten Lockdown geht, eine bessere Welt zu erschaffen. Dazu die Zahlen halbieren, bei 0,7 nur eine Wo-
raus – aber die Kanzlerin hat am Dienstag wollen sie zum Beispiel die Wirtschaft kom- che. Das ist, als würde man sich ein Pflas-
leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz plett lahmlegen. Genau das wollen wir auf ter quälend langsam abziehen – oder ein-
weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit gar keinen Fall, der Schaden wäre zu groß. mal schnell, zack!, und weg ist es.
diesem Kurs haben wir keine Chance. Wir sind eine Gruppe von Wissenschaftlern, SPIEGEL: Gut, aber wie schnell geht
SPIEGEL: Woher wissen Sie das so sicher? die ein evidenzbasiertes Konzept vorlegt, »zack« in diesem Fall?
Brinkmann: Dazu müssen wir nur in an- wie es möglich wäre, die Pandemie zu ma- Brinkmann: Mit der »No Covid«-Strategie
dere Länder blicken, die bei Inzidenzen nagen, ohne solche drastischen Einschnitte. könnten wir das bis Ostern geschafft haben.
um die 50 geöffnet haben – und prompt SPIEGEL: Auf der anderen Seite stehen SPIEGEL: Welchen Beleg haben Sie dafür,
sind die Zahlen wieder hochgegangen. In Wissenschaftler wie der Epidemiologe dass das funktionieren würde?
Irland zum Beispiel nach Weihnachten; da- Klaus Stöhr, der sagt, im Winter seien die Brinkmann: Einer unserer Mitstreiter in der
ran war nicht nur die neue Variante schuld, Inzidenzzahlen sowieso nicht auf 10 oder Initiative ist ein Helmholtz-Kollege, Michael
die zu der Zeit dort zu zirkulieren begann. weniger zu drosseln. Meyer-Hermann. Er hat mir gerade seine
Und selbst wenn man es am Ende einiger- Brinkmann: Das kann er gern stoisch wie- Modellierungen gezeigt, und mir stockte
maßen hinbekäme, die Zahl der Neuinfek- derholen. Aber er hat unrecht. In Irland gin- der Atem, als ich sah, dass seine Zahlen aus
tionen nicht allzu hoch schießen zu lassen, gen die Zahlen zunächst im Winter herunter; dem Dezember 2020 fast genau überein-
die Zahl der Toten auch in der jüngeren das funktioniert also. Und umgekehrt: In stimmen mit dem, was danach kam. Wenn
Bevölkerung wäre viel zu hoch. Afrika ist es heiß, aber das Virus wütet trotz- wir seine Kurven nun verlängern, kommt
SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf? dem. Der saisonale Effekt – dazu gibt es eine heraus: In sechs Wochen könnten wir durch
Brinkmann: Das kann sich jeder mit dem Studie – macht 20 Prozent aus. Mehr nicht. sein, wenn wir im Lockdown blieben.
Taschenrechner selbst ausrechnen. Wir ha- Außerdem wissen wir aus 15, 16 Ländern SPIEGEL: Bei vielen Menschen schleicht
ben das für das »No Covid«-Papier ge- weltweit, die die Pandemie unter Kontrolle sich ein Gefühl der Hilflosigkeit ein: Egal
macht – und kamen auf 180 000 Men- haben, dass es funktioniert. Nehmen Sie wie sehr wir uns einschränken, es bringt
schen in Deutschland unter 60 Jahren, die Australien, Neuseeland, Vietnam, Taiwan… nichts. Wie wollen Sie die motivieren?
das nächste Frühjahr nicht erleben würden. SPIEGEL: … alles Inseln, halten Ihnen Kri- Brinkmann: Wir entwickeln gerade soge-
Auch Kinder würden sterben. tiker entgegen, beziehungsweise … nannte Toolboxes, Werkzeugkästen, in
SPIEGEL: Wenn man jetzt plötzlich alles Brinkmann: … autoritäre Regime, ich weiß denen wir smarte Methoden zusammen-
aufmacht und das Virus laufen lässt? Das schon. Ich kenne die Argumentation. Aber tragen, um die Fallzahlen zu senken und
hat ja bisher niemand vor. man muss doch schauen: Wie haben die niedrig zu halten. Zum Beispiel kann man
Brinkmann: Dennoch, diese Zahl, die das gemacht? Dann kann man immer noch Menschen mit Antigen-Schnelltests ver-
180 000, gehört auf den Tisch, wenn über sehen, inwieweit sich deren Strategien sorgen, die sie selbst vornehmen können,
die nächsten Wochen entschieden werden übertragen lassen. Und siehe da: In Aus- ganz einfach, vorn in der Nase, nicht tief
soll. Stattdessen suggerieren einige Regie- tralien ist die Situation durchaus in Teilen hinten im Rachen. Es gibt auch kluge Soft-
rungsmitglieder: Der Impfstoff ist da, bald vergleichbar. Auch da hat es heftigen Streit ware, mit der die Gesundheitsämter Kon-
können wir lockern. Immerhin, RKI-Chef um »No Covid« gegeben, es ging hin und takte besser nachverfolgen können.
Lothar Wieler hat in der Expertenrunde her, aber am Schluss waren alle happy. SPIEGEL: Das alles dauert. Ab wann greift
vorgerechnet, dass bei einer Infektions- SPIEGEL: Aber schon Deutschland unter- die »No Covid«-Strategie nicht mehr?
sterblichkeit von einem Prozent 800 000 teilt sich in 401 Kreise und kreisfreie Städ- Brinkmann: Eigentlich kann man damit
Menschen in Deutschland sterben würden te, alle mit eigenem Corona-Management. immer anfangen. Wenn wir allerdings
– falls die Krankenhauskapazitäten ausrei- noch vier Wochen warten, geht es hier
chen. Was sie aber nicht tun. Die Zahl der demnächst zu wie in London, dann gibt
Covid-19-Toten läge deshalb nach aktuellen es eine Tausender-Inzidenz, und alle sind
Jörg Müller / Agentur FOCUS / DER SPIEGEL

Schätzungen noch um 30, 40 Prozent hö- ganz erschrocken. Je später man anfängt,
her; das wären eine Million Tote oder mehr. auf die Null zuzusteuern, desto mehr Tote
SPIEGEL: Trotz dieses Horrorszenarios – haben wir, desto größer ist der wirtschaft-
die Politik hat spitze Finger bei Ihrer »No liche, soziale und gesundheitliche Schaden.
Covid«-Initiative. Vielleicht auch, weil der Und desto länger dauert es.
Name so klingt wie »Zero Covid«, eine SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Virus?
Kampagne, die mit einem radikalen Um- Brinkmann: Angst nicht. Aber einen
bau der Gesellschaft einhergehen soll. Wahnsinnsrespekt.
SPIEGEL: Frau Professorin Brinkmann,
* Jürgen Dahlkamp und Rafaela von Bredow in der Brinkmann, SPIEGEL-Redakteure* wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
SPIEGEL-Redaktion in Hamburg. »Das hat 30 000 Menschenleben gekostet«

97
Der Prof des
Präsidenten
Karrieren Der Biologe Eric
Lander ist der »Science
Advisor« von Joe Biden. Er soll
den Führungsanspruch der

Christian Science Monitor / Getty Images


US-Wissenschaft verteidigen.

V or Ausbruch der Pandemie saß im


Coffeeshop an der Concord Avenue
in Cambridge, Massachusetts, häu-
fig ein jungenhaft gebliebener Mann mit
wachen Augen, Schnauzbart und ergrau-
tem Wuschelkopf. Konzentriert, ohne die
Gäste um sich herum wahrzunehmen, ar- Genforscher Lander: Querkopf aus Brooklyn
beitete er sich durch den Papierstapel, den
er mitgebracht hatte.
Nun wird sich Eric Lander einen neuen verfasste Bush einen inzwischen legendä- der Ingenieurswissenschaften augenschein-
Coffeeshop suchen müssen, diesmal in Wa- ren Bericht. »Science – the Endless Fron- lich gemacht. Allen war klar: Der Zweite
shington, D. C.: Der Forscher wurde zum tier« gilt als Manifest einer neuen Form Weltkrieg war nicht nur von Soldaten,
»Science Advisor« des neuen amerikani- von Wissenschaftspolitik, die die Förde- sondern auch von Wissenschaftlern gewon-
schen Präsidenten ernannt. Um die große rung der Forschung als strategische Auf- nen worden.
Bedeutung zu unterstreichen, die er diesem gabe des Staats begreift. Hinzu kommt, dass der historische Mo-
Amt beimisst, hat Joe Biden Lander sogar Zu diesem Zweck schuf Bush die Natio- ment, in dem die Macht der Wissenschaft
in den Ministerrang erhoben. In seiner neu- nal Science Foundation. Er war der Archi- offenbar wurde, zusammenfiel mit jenem,
en Funktion soll er nicht nur aktuelle Ent- tekt des speziellen Netzwerks aus Univer- in dem Amerika weltweit ohnehin die Füh-
scheidungen des Präsidenten begleiten. Er sitäts-, Industrie- und Militärforschung, rungsrolle übernahm. In fast allen Diszi-
soll auch helfen, neu zu definieren, welche das zur maßgeblichen Grundlage des ame- plinen rückte die amerikanische Forschung
Rolle die Wissenschaft künftig in den Ver- rikanischen Nachkriegserfolgs wurde. Vie- an die Weltspitze. Und nie war diese Posi-
einigten Staaten überhaupt spielen soll. le Historiker halten Bush für den einfluss- tion seither ernsthaft gefährdet.
Die Erwartungen an Lander sind hoch. reichsten Manager der amerikanischen Bis jetzt. Inzwischen wächst in Amerika
Anlässlich seiner Ernennung hat ihm Bi- Forschungsgeschichte. die Sorge, das Land könne im internatio-
den einen Brief geschrieben, in dem er ihm Natürlich kamen ihm auch günstige Um- nalen Wettbewerb zurückfallen. Seit Jahr-
Fragen zur Beantwortung aufgibt: zu den stände zugute. Bush hätte sich keinen zehnten schon geht die staatliche For-
Lehren aus der Pandemie, zum Klima- besseren Zeitpunkt für den Umbau der schungsförderung gemessen an der Wirt-
schutz und zur Stellung der Wissenschaft amerikanischen Forschungslandschaft aus- schaftsleistung zurück. Andere Länder,
in der amerikanischen Gesellschaft. Gleich suchen können. Nicht nur die Atombom- mahnt Biden in seinem Brief, unternäh-
im ersten Satz legt der Präsident die Latte be, sondern auch die Radartechnik hatten men enorme Anstrengungen, »Amerika
auf, die er Lander aufträgt zu übersprin- die strategische Bedeutung der Physik und wissenschaftlich und technologisch in den
gen. Und er hätte sie kaum höher legen Schatten zu stellen«. Der frisch gewählte
können: Biden verweist auf Vannevar Präsident lässt keinen Zweifel daran, wen
Bush, der einst von Präsident Franklin D. er dabei im Auge hat: »vor allem China«.
Roosevelt berufen wurde, als erster Eine zentrale Aufgabe des neuen Science
Science Advisor der US-Geschichte. Advisor soll darin bestehen, die Stellung
Bush habe dazu beigetragen, den Ame- von Amerikas Wissenschaft gegen China
rikanern Ansehen und Wohlstand zu be- zu verteidigen. Und Lander hat das Pro-
scheren, seit 75 Jahren zehrten sie von sei- blem frühzeitig erkannt: »Erstmals seit dem
nem Erbe, heißt es sinngemäß in Bidens Zweiten Weltkrieg ist unsere Führungsrolle
Brief. Doch nun sei es an der Zeit, »die na- in Gefahr«, warnte er schon im Januar 2018
tionale Wissenschafts- und Technologie- in einem Beitrag für den »Boston Globe«.
strategie aufzufrischen und neu zu bele- Voller Sorge rechnete er darin vor, dass
ben«. Biden wünscht einen neuen Bund China in seinen staatlichen Forschungs-
KEVIN LAMARQUE / REUTERS?

von Politik und Wissenschaft – »für die anstrengungen im Begriff sei, Amerika zu
nächsten 75 Jahre«. überflügeln. Während Vannevar Bush
Bush ist ein Mythos in den USA. Wie nach Washington ging, als die Sonne der
Lander war er Professor an der Eliteuni amerikanischen Wissenschaft aufging,
MIT; wie Lander war er zugleich Macher, scheint es nun, als übernähme Eric Lander
Manager und Universalgelehrter; wie Lan- zum Zeitpunkt der Abenddämmerung.
der erhielt er vom Präsidenten einen Brief US-Präsident Biden, Berater Lander Lander ist blitzgescheit, zupackend, mit-
mit Fragen zur Bearbeitung. Als Antwort Abenddämmerung der Forschung? reißend, und er denkt unkonventionell.

98
Wissen

Schon seine ungewöhnliche Laufbahn schützen zu können, muss man ihre Le-
spricht für sich: Lander wuchs im New Yor-
ker Stadtteil Brooklyn auf, in einem Vier-
tel, in dem kaum einer aufs College ging.
Sex in der bensweise gut verstehen.
Sollten Biologen statt nur in der Sargas-
sosee lieber an einem anderen Ort nach
Trotzdem brachte er es schon in der
Highschool so weit, dass er sein Land bei
der internationalen Mathematik-Olympia-
Tiefsee der Kinderstube der Aale suchen? Und
zwar weiter östlich, irgendwo in der Tief-
see über dem Mittelatlantischen Rücken?
de vertreten durfte. Tiere Aale sind rätselhafte Dies vermutet ein französisch-japanisches
Mit 23 promovierte Lander in einem Geschöpfe, bis heute sind Forscher Forscherteam im Wissenschaftsmagazin
esoterischen Teilgebiet der Algebra. Doch »Scientific Reports«. Die Gelehrten stüt-
statt eine Karriere als Mathematikprofes- uneins, wo die schlangen- zen sich dabei unter anderem auf eine 3-D-
sor einzuschlagen, ging er an die Harvard förmigen Fische herkommen. Computersimulation, in der sie virtuelle
Business School, um dort Management- Nun gibt es neue Hinweise. Larven östlich der Sargassosee »aussetz-
kurse zu geben. Wenig später fand er sich ten«. Ihre simulierte Wanderung im Rech-
dann in einem Labor der Fadenwurm- nermodell passte recht gut zur realen Reise
genetik wieder.
Der Genforschung blieb er treu: Lander
war eine zentrale Figur bei der Entschlüs-
selung des menschlichen Genoms und
S eit Jahrtausenden zählen Aale zu
den geheimnisvollsten aller Lebewe-
sen. Die klügsten Köpfe machten
sich Gedanken über ihre Herkunft, von
der Fische Richtung Europa.
Die überraschende neue Hypothese
sorgt in der Fachwelt für Aufsehen, weil
einer der Mitautoren kein Geringerer ist
gründete 2004 das Broad Institute, das Aristoteles über Plinius den Älteren bis als der japanische Biologe Katsumi Tsuka-
rasch an die Weltspitze der Genomfor- hin zu Sigmund Freud. Doch es blieb wie moto, Emeritus der Universität von Tokio.
schung aufstieg. Seither leitete er es als verhext: Weder ihre Geschlechtsorgane Er gilt als Star seiner Zunft. Nach vielen
dessen Präsident. noch ihre Laichgründe waren auffindbar. Expeditionsfahrten beschrieb Tsukamoto
Wissenschaftlich ist Lander unumstrit- Erst vor rund hundert Jahren gelang es 1992 erstmalig die Laichgründe des Japa-
ten – aber es gibt andere Gründe, die ge- dem dänischen Biologen Johannes Schmidt, nischen Aals. Sie liegen in der Nähe un-
gen ihn sprechen. »Eric Lander ist keine nach jahrelangen Expeditionen kreuz und terseeischer Berge (»seamounts«) westlich
optimale Besetzung«, heißt es zum Bei- quer über den Atlantik einzugrenzen, wo des Marianengrabens. Laichen, wie es die
spiel in der Zeitschrift »Scientific Ameri- sich die Europäischen Aale mutmaßlich Computersimulation nahelegt, nicht nur
can«. Verfasst wurde der Beitrag von einer fortpflanzen: nicht weit von Bermuda, in die Japanischen Aale in der Nähe solcher
Gruppe von Aktivistinnen, die für die der relativ warmen und ruhigen Sargasso- Tiefseeberge, sondern auch ihre europäi-
Rechte von Frauen und Minderheiten in see, die ihren Namen der Überfülle an Braun- schen Verwandten?
der Wissenschaft kämpft. algen (»Sargassum«) verdankt. Deutsche Aalforscher, die schon mit
Bei der Kritik, die jetzt laut wird, geht Aber stimmt das auch? Bis heute ist es dem Meister aus Japan zusammengearbei-
es vor allem um die Antworten auf die keinem Forscher gelungen, die schlangen- tet haben, sind skeptisch. »Mit diesem
vierte der insgesamt fünf Fragen, die Biden förmigen Fische auch nur ein einziges Mal Paper haben sich unsere Kollegen leider
seinem Berater aufgegeben hat: »Wie kön- beim Sex oder beim Laichen in freier Wild- verrannt«, meint etwa Reinhold Hanel
nen wir garantieren, dass ganz Amerika bahn zu beobachten. vom Thünen-Institut für Fischereiökolo-
und alle Amerikaner die Früchte von Wis- Die Frage ist nicht rein akademisch, gie in Bremerhaven. Der Wissenschaftler
senschaft und Technik teilen?« Biden be- denn die Bestände sind in den vergange- verweist auf wichtige Unterschiede zwi-
klagt, dass die Wissenschaft noch immer nen Jahrzehnten dramatisch eingebrochen, schen den beiden Weltmeeren: »Im Atlan-
ein elitäres Unterfangen sei, an dem teilweise um 95 Prozent. Und um eine Art tik reichen die unterseeischen Berge selbst
Schwarze und Latinos, aber auch Frauen entlang des genannten Abschnitts des mit-
zu wenig Anteil hätten. telozeanischen Rückens nicht näher als
Ist Lander berufen, das zu ändern? Zwei Lange Reise 2000 Meter an die Meeresoberfläche he-
Vorfälle belasten ihn. Im Patentstreit um Wanderung und Lebenszyklus ran«, so der Fischforscher. »Doch Aale
die bahnbrechende Crispr-Technik hat er des Europäischen Aals
Europäisches
schwimmen nicht tiefer als 1000 Meter.
die Beiträge der beiden inzwischen mit Nordmeer Das passt nicht zusammen.«
dem Nobelpreis geehrten Forscherinnen Mittlerweile klingen die Autoren der
Emmanuelle Charpentier und Jennifer Nord- Aalsimulation etwas verhaltener, etwa Eric
see
Doudna kleingeredet. Und anlässlich von Atlantik Feunteun, Biologe am Muséum National
3
Jim Watsons 90. Geburtstag hat Lander d’Histoire Naturelle im französischen Di-
einen Toast auf den wegen seiner rassisti- 2 nard, der federführend an der Veröffentli-
schen Äußerungen in Verruf geratenen 4 chung beteiligt war: »Es ist klar, dass Aale
Entdecker der DNA-Struktur ausgebracht. Sargasso- in der Sargassosee laichen«, erklärt Feun-
Die Geringschätzung der Leistung zwei- 1 see teun auf Anfrage. »Aber wir vermuten,
er Kolleginnen macht Lander noch nicht dass sie wohl auch östlich davon laichen.«
zum Macho; und seine Würdigung von Er würde gern eine Expedition unterneh-
Watson nicht zum Rassisten. Dennoch 1 In der Sargassosee schlüpfen die Aallarven men, um seine Hypothese zu überprüfen.
werfen die beiden Episoden Fragen auf. aus ihren Eiern. Auch Professor Hanel aus Bremerhaven
Vielleicht neigt selbst ein Querkopf wie 2 Mittels des Golfstroms driften die Larven plant schon seine nächste Forschungsreise.
Lander dazu, im Zweifel alten weißen in europäische Gewässer. Im Jahr 2023 will er in See stechen. Wie
Männern den Vorzug zu geben – nicht 3 Als sogenannte Glasaale wandern sie in die Flüsse Dutzende Forscher vor ihm in die Sargas-
weil er alte weiße Männer für klüger, fähi- ein und verbringen anschließend den Großteil ihres sosee. Um als erster Mensch der Geschich-
ger oder sonst wie besser als andere hielte, Lebens im Süßwasser. te endlich Europäischen Aalen in ihrer
sondern schlicht deshalb, weil er selbst ein 4 Die ausgewachsenen Aale kehren zurück ins Meer natürlichen Umgebung beim Sex zuzu-
alter weißer Mann ist. Johann Grolle und migrieren zum Laichen wieder in die Sargasso- schauen. Hilmar Schmundt
see, wo sie auch sterben.

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 99


Wissen

das aber war nicht der Fall. An dieser Stelle

Schrotthalde der Aliens beschreitet Loeb in seiner Argumentation


einen grundsätzlich anderen Weg als der
Rest der Physikergemeinde. Die Mehrheit
der Astronomen geht davon aus, dass ’Ou-
Astrobiologie Der Physiker Avi Loeb hat eine Idee, wie muamua nichts anderes als ein Komet oder
sich die Existenz von Außerirdischen beweisen ließe: Asteroid gewesen sein könne. Zwar ließen
Er empfiehlt, nach ihren Hinterlassenschaften zu suchen. die Daten manche Fragen offen, doch seien
sie eben ungenügend. Der Besucher aus
dem All wurde erst entdeckt, als er bereits

D ie Außerirdischen sind unter uns,


seit Langem schon sind wir daran
gewöhnt. In Gestalt spinnenhaft
schleimiger Aliens, blauhäutiger Na’vi
Sichtung stand für die Experten fest: Erst-
mals hatten sie hier ein interstellares Objekt
vor sich, das aus der unendlichen Weite des
Weltalls jenseits des Sonnensystems kam.
an der Sonne vorbeigerauscht war. Deshalb
habe es an der nötigen Zeit gefehlt, ihn ge-
nauer zu studieren. Um die Rätsel, die ’Ou-
muamua hinterlassen hat, zu klären, gelte
oder glupschäugiger E.T.s besiedeln sie Für Astrophysiker war es eine spannen- es nun zu warten, bis der nächste interstel-
Hollywood, als lichtschwertbewehrte Jedi- de Zeit. Noch spannender aber findet Loeb lare Gast im Visier der Forscher auftaucht.
Ritter finden sie sich in jedem zweiten Kin- den Vorgang. Denn nach gründlicher Sich- Loeb dagegen erklärt, die verfügbaren
derzimmer. Einige der Vorfälle, bei denen tung der Daten gelangte er zu der Über- Daten reichten sehr wohl aus, um eine
sie gesichtet wurden, spuken sogar durch zeugung, dass ’Oumuamua, wie das Objekt Deutung von ’Oumuamua als herkömmli-
vertrauliche Geheimdienstdossiers. getauft wurde, weder Komet noch Aste- chen Himmelskörper auszuschließen. Des-
Doch diesmal ist es anders. Diesmal ist roid, sondern ein von intelligenten Wesen halb hält er es mit Sherlock Holmes, der
es kein Science-Fiction-Autor, der von ei- konstruierter Apparat sei. erklärte: »Wenn man das Unmögliche aus-
nem Besuch aus dem All berichtet. Es ist Darüber, dass ’Oumuamua seltsam war, geschlossen hat, muss das, was übrig bleibt,
kein Erich von Däniken, der über Start- herrscht Einigkeit. Es fängt schon mit sei- wie unwahrscheinlich es auch sein mag,
rampen von Außerirdischen fabuliert. ner äußeren Gestalt an. Ein Foto des Ob- die Wahrheit sein.« Das Einzige, das Form
Diesmal ist es ein veritabler Astrophysik- jekts gibt es zwar nicht, dafür ist die Auf- und Bahn von ’Oumuamua erklären kön-
professor, und sogar einer, der hohes An- lösung der Teleskopbilder viel zu gering. ne, ist Loeb zufolge, dass es sich um das
sehen genießt. Avi Loeb ist langjähriger Beobachten aber ließ sich, dass ’Oumua- Konstrukt Außerirdischer handelt.
Vorsitzender des Fachbereichs Astrono- muas Helligkeit ungefähr im Achtstunden- Darf ein Forscher das? Ist die Hypothe-
mie an der Harvard University, Mitglied takt schwankte. Daraus folgerten die As- se extraterrestrischer Intelligenzen im Rah-
der Amerikanischen Akademie der Künste tronomen, dass es rotiert und der Erde mal men naturwissenschaftlicher Theorien zu-
und Wissenschaften und Autor von mehr die Breit-, mal die Längsseite zugewendet lässig? Sind Loebs Außerirdische nicht nur
als 700 wissenschaftlichen Arbeiten. hat. Das Studium der Helligkeitskurve er- ein Taschenspielertrick, der taugt, um alles
Nun macht er sich noch auf einem wei- laubt den Forschern eine Abschätzung der Beliebige zu erklären – wie der Deus ex
teren Feld einen Namen – als Apologet dreidimensionalen Form – und die weicht Machina, der unvermittelt in der antiken
außerirdischen Lebens. von allem ab, was man im Sonnensystem Tragödie auf die Bühne schwebt und das
Es ist nicht leicht zu glauben, aber er bisher kennt: ’Oumuamua muss zigarren- Schicksal nach Belieben wendet?
meint es wirklich so: Vor nunmehr knapp oder scheibenförmig sein und mindestens Die Reaktion der Fachwelt auf Loebs
dreieinhalb Jahren habe das Raumschiff fünfmal so lang wie breit. Es ist nicht leicht These war überwiegend negativ. Dass er
einer fernen Zivilisation unserem Sonnen- zu erklären, wie solch ein Gebilde auf na- auf »Missfallen« stieß, so sagt er selbst, sei
system einen Besuch abgestattet. Mit letz- türliche Weise entstanden sein könnte. »gelinde ausgedrückt«. Einige Kollegen
ter Gewissheit könne er das zwar nicht sa- Noch erstaunlicher aber ist ’Oumuamuas halten ihm kurz angebunden vor, Beweise
gen. Allen Indizien zufolge aber sei es ver- Bahn. Denn es zeigt sich, dass beim Vorbei- für seine Idee gebe es ja nicht. Andere –
mutlich wahr. flug an der Sonne nicht nur deren Schwer- fast noch schlimmer – ignorieren ihn.
Vor gut zwei Jahren löste Loeb mit die- kraft, sondern eine weitere Kraft auf das Loeb erregt Anstoß, weil er ein Extre-
ser These schon einmal Begeisterung im Objekt eingewirkt haben muss. Nun fragt mist ist, der die Vorstellung eines von intel-
Laienpublikum und Kopfschütteln in der sich: Was könnte das gewesen sein? ligenten Wesen zivilisierten Universums auf
Kollegenschaft aus. Jetzt hat er nachgelegt Für die Mehrheit der Astrophysiker die Spitze treibt. Andererseits sind mode-
und ein ganzes Buch über den Besucher steht fest: Infrage kommt nur ein Effekt, rate Versionen dieses Gedankens inzwi-
aus dem All verfasst*. Die Fachwelt rätselt: den man von Kometen kennt. Wenn sie schen gesellschaftsfähig geworden. Die De-
Ist Loeb übergeschnappt? Hat ihm das an der Sonne vorbeifliegen, heizen sie sich batte um die Frage, ob wir allein in der Un-
Grübeln über Urknall und schwarze Lö- auf. Das Eis, aus dem sie bestehen, ver- endlichkeit des Weltalls sind, hat sich in den
cher den Kopf verdreht? Warum riskiert dampft. Oft wird es mit hinlänglich großer vergangenen Jahren spürbar verändert.
er seinen guten Ruf? Geschwindigkeit ausgestoßen, um einen Grund für den Stimmungswandel sind
Es geht um eine Spanne von 34 Tagen im Rückstoß zu bewirken. vor allem die rasanten Fortschritte bei der
Herbst 2017, in der sich ein an Leuchtkraft Loeb überzeugt das nicht. Von einem Entdeckung ferner Planeten. 4414 Traban-
verlierender Punkt über den irdischen Schweif ausgestoßenen Gases, wendet er ten von Sternen jenseits des Sonnensys-
Nachthimmel bewegte. Teleskopschüsseln ein, sei nichts zu sehen gewesen. Außer- tems. Die Daten erlauben den Schluss, dass
weltweit, auf der Erde und im All, richteten dem hätte sich unter dem Rückstoß die ein Großteil der rund 200 Milliarden Sterne
sich darauf, um diesem Punkt so viele Ge- Rotationsgeschwindigkeit ändern müssen; in der Milchstraße planetare Begleiter hat.
heimnisse wie möglich zu entreißen, bis er In einem Viertel der Fälle ist die sogenannte
Mitte November für immer in Richtung habitable Zone, in der flüssiges Wasser exis-
Sternbild Pegasus entschwand. Das Interesse Zivilisationen neigen tieren kann, besetzt. Bis zu 50 Milliarden
war groß, denn schon kurz nach der ersten dazu, sich auf dem Weg Erden allein in unserer Galaxis – für die
Entstehung von Leben lässt das viel Raum.
* Avi Loeb: »Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits
zur interstellaren Kom- Das ließ bei vielen Forschern die Einsicht
unseres Planeten«. DVA; 272 Seiten; 22 Euro. munikation zu zerstören. reifen, dass die Existenz von Leben jenseits

100 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


war es bis zu einer interstellaren Zivilisa-
tion noch weit.
Vor gerade einmal einem Jahrhundert
funkte der Mensch erste Radiosignale ins
All. Vor nicht einmal zehn Jahren verließ
das erste menschengemachte Objekt das
Sonnensystem. Niemand weiß, wie lange
die Menschheit noch fähig sein wird, Son-
den ins All zu schicken. Keiner vermag zu
sagen, wie lange die Radiostation Erde
noch besetzt bleiben wird. Doch ange-

Auntspray / Shutterstock
sichts der schwindelerregend schnellen
technischen Entwicklung bedarf es schon
großen Optimismus, um anzunehmen,
dass es noch viele Jahrhunderte oder gar
Jahrtausende so weitergehen kann.
Loeb sieht das Dilemma. Er fürchtet so-
gar, es könne so etwas wie ein Naturgesetz
des zivilisatorischen Kollapses geben: Um
eine interstellare Raumfahrtindustrie be-
gründen zu können, bedürfe es einer ra-
santen technischen Entwicklung. Mögli-
cherweise aber wohne dieser stets eine
exponentielle Dynamik inne, die unwei-
gerlich in den Untergang führt. Mit ande-
ren Worten: Zivilisationen neigen dazu,
sich auf dem Weg zur interstellaren Kom-
munikation selbst zu zerstören.
Für die Menschheit ist das bedauerlich.
Für die Astronomen eröffnet es Loeb zu-
folge neue Perspektiven: Statt nach den
Signalen ferner Intelligenzen zu fahnden,
empfiehlt er, nach ihren Relikten zu suchen.
Im Rahmen des sogenannten Seti-Pro-
gramms durchforstet eine unverdrossene
Gemeinde E.T.-Gläubiger den Himmel
nach Radiosignalen, die erkennbar intel-
ligenten Ursprungs sind. Loeb wendet
Adam Glanzman / The Washington Post / Getty Images

nun ein, dass sie damit nur erfolgreich


seien, wenn sie das Glück hätten, mit
ihren Messungen genau den richtigen Mo-
ment zu erwischen: Der Planet muss eine
Zivilisation beherbergen, die einerseits
weit genug entwickelt ist, um Radiosigna-
le funken zu können, und andererseits
noch nicht so fortgeschritten ist, dass sie
sich zerstört.
Bessere Erfolgsaussichten verspricht
sich Loeb bei der Suche nach Hinterlas-
senschaften: Raumschiffe und Sonden aller
Himmelskörper ’Oumuamua (spekulative Darstellung), Forscher Loeb Art, die jemals von Zivilisationen in die
Hat ihm das Grübeln über schwarze Löcher den Kopf verdreht? Weiten der Milchstraße entlassen wurden,
müssten sich über Jahrmilliarden hin an-
der Erde wahrscheinlich ist. Die Suche nach recht schnell entstehen kann, dass es bis gesammelt haben – der interstellare Raum
Biosignaturen, an denen sich außerirdische zur Entwicklung menschähnlicher Intelli- als Schrotthalde längst untergegangener
Organismen erkennen lassen, avancierte genz jedoch sehr lange dauert. Und selbst Kulturen. ’Oumuamua ist laut Loeb ein
zum Modethema der Astronomie. wenn eine zur interstellaren Kommunika- Fundstück daraus.
Allerdings ist Leben das eine – Intelli- tion fähige Zivilisation einmal begründet In einer Hinsicht hat Loeb recht: Falls
genz oder gar Zivilisation ist etwas ganz ist, bleibt ungewiss, wie lange ihre Exis- nach vielen Jahrtausenden ein Außerirdi-
anderes. Die Indizien sprechen zwar dafür, tenz wohl währt. scher die Aluminiumplakette finden sollte,
dass die Erde, kaum dass sie halbwegs ab- Auch hier lohnt es sich, das Beispiel die Nasa-Techniker auf der Raumsonde
gekühlt war, vergleichsweise binnen kur- Erde zu betrachten. Vor vier Millionen »Pioneer 10« angebracht haben, wird er
zer Zeit von mikrobiellem Leben erobert Jahren erschienen dauerhaft aufrecht ge- darauf die Abbilder eines Menschenpaars
wurde. Bis der Mensch auftrat, vergingen hende Hominiden. Vor rund 300 000 Jah- finden. Die von Adam und Eva begründe-
jedoch noch mehr als 3,5 Milliarden Jahre. ren wurde der erste Homo sapiens ge- te Spezies jedoch wird es dann vermutlich
Das Beispiel Erde spricht also dafür, boren. Vor rund 12 000 Jahren bestellte nicht mehr geben. Johann Grolle
dass unter geeigneten Bedingungen Leben der erste Bauer ein Feld. Und selbst da

101
Kultur

Apple TV+
Timberlake, Allen

Filme moderator und später als Popstar bekannt gerade frisch aus dem Knast, trägt häss-
geworden, spielt in diesem von Fisher liche Tattoos und hat dicke Muskeln, aber
Perfekter Stevens inszenierten Film einen harten
Kerl, der sich mit einem siebenjährigen
auch Schlag bei den Frauen. Im Not-
quartier im Haus seiner Großmutter lernt
Ersatzdaddy Jungen anfreundet. Der gut genährte Kna-
be namens Sam trägt gern Rosa, spielt
er den schwer vernachlässigten Sohn
einer Drogensüchtigen kennen, eben Sam.
G Nur boshafte Menschen dürften behaup- mit Puppen, ist das Mobbingopfer seiner Die Story des nun beim Streamingdienst
ten, dass in »Palmer« zwei Kinderstars Schulkameraden – und wird wirklich Apple TV+ präsentierten Unterschicht-
einander die Schau stehlen. Der 40-jähri- herzzerreißend gespielt von dem achtjäh- dramas mag ein bisschen absehbar sein,
ge Justin Timberlake, im Kindesalter rigen Kinderdarsteller Ryder Allen. Tim- aber der kleine Sam und sein Ersatzdaddy
als »The Mickey Mouse Club«-Fernseh- berlake kommt als Titelheld in »Palmer« sind ein perfektes, anrührendes Paar. HÖB

Es heißt: häusliche Gewalt


Analyse Was die Missbrauchsvorwürfe gegen Musiker Marilyn Manson für die #MeToo-Debatte bedeuten

G Im Herbst 2017 warfen zahlreiche Frauen dem US-Filmpro- pulation gefügig gemacht. Mehrere Frauen, die ebenfalls mit ihm
duzenten Harvey Weinstein vor, sie belästigt oder vergewaltigt liiert waren, berichten Ähnliches. Manson streitet alles ab.
zu haben. Aus Angst um ihre Karriere hätten sie zuvor lange Es gibt offenbar eine Entwicklung in der Diskussion um
geschwiegen. Weinstein ist inzwischen zu 23 Jahren Haft ver- Machtmissbrauch. Der Unterschied zu Weinstein und der
urteilt worden. Die Berichterstattung war Auslöser für eine #MeToo-Debatte ist: Seinen Vorgesetzten kann man sich nicht
Debatte über sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch am aussuchen, seinen Partner in der Regel schon. Deshalb ist es
Arbeitsplatz, unter dem Hashtag #MeToo schilderten Frauen manchmal noch schwieriger, über Vorfälle in einer Beziehung zu
auf der ganzen Welt, wie mächtige Personen sie begrapscht, zu sprechen. Dabei gibt es dafür einen – denkbar unglamourösen –
Besprechungen in Hotelzimmer eingeladen oder ihnen gegen- Namen: häusliche Gewalt. Dass die Anschuldigungen gegen
über sexistische Sprüche gemacht hatten. Manson nicht als Privatsache oder Rosenkrieg abgetan werden,
Auch dem Musiker Marilyn Manson wird jetzt Machtmiss- zeigt anderen Betroffenen, dass selbst von außen starke, erfolg-
brauch vorgeworfen. Doch die Kronzeugin, die Schauspielerin reiche Menschen in toxische Beziehungen geraten können – und
Evan Rachel Wood, hat nicht mit Manson zusammengearbeitet; es gar nicht so leicht ist, da wieder rauszukommen. Und die
sie war seine Freundin, kurzzeitig sogar seine Verlobte. Manson Solidarität, die Evan Rachel Wood in der Öffentlichkeit erfährt,
habe sie »jahrelang schrecklich missbraucht« und durch Mani- zeigt, dass es sich lohnt, diesen Schritt zu gehen. Laura Backes

102 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Literatur Abend ankündigt, sie heiraten
zu wollen. Stattdessen ver-
Geister der schwindet er nach ein paar
Gegenwart Monaten, antwortet überra-
schenderweise auf keinen
G Dolly Alderton, 32, wird Anruf und keine Nachricht
gern die Stimme einer Gene- mehr, löst sich förmlich in Luft
ration genannt, sie ist aber auf. Er »ghostet« Nina. Es

Janos Bayer / AIP


zu clever, um nicht zu durch- gebe für jede Generation The-
schauen, welche Fallstricke men, mit denen diese zum ers-

MiQua
damit verbunden sind. »Es ten Mal konfrontiert sei, sagt
ist ein schönes Kompliment, Alderton, Erfahrungen, die sie Mittelalterlicher Goldohrring, Einsteinturm in Potsdam
aber ich weiß nicht, ob die verbinden. Ghosting gehöre
Idee einer Generation außer- dazu. Auch wenn die Britin Ausstellungen ganze Geschichte der Simson
halb des Journalismus wirk- nicht die Stimme ihrer Genera- Erinnern im Netz Schwalbe, eines in der DDR
lich existiert«, sagt die bri- tion sein will, ist sie gut darin, produzierten Mopeds? Das
tische Autorin. Alderton hat das, was in dieser Gegenwart G Wer an dieser Zeitreise teil- Vorgängerunternehmen hatte
über 100 000 Follower auf in der Luft liegt, unterhaltsam nimmt, ist eine Weile unter- der jüdischen Familie Simson
Twitter und bezeichnet sich zu schildern. CLV wegs. Ein Jahr lang wird das gehört und war von den
dort als Kolumnistin, als Co- New Yorker Leo Baeck Insti- Nationalsozialisten »arisiert«
Gastgeberin der »High Low«- Dolly Alderton: »Gespenster«. tute im Internet jede Woche worden. »Shared History Pro-
Show, eines sehr erfolgreichen Atlantik; 384 Seiten; 22 Euro. ein Objekt präsentieren ject« nennt sich das Projekt,
Podcasts (der im Dezember und so 1700 Jahre jüdisches zu jeder Spur gibt es ein Bild
endete), sowie als Best- Leben im (heute) deutschspra- und einen Text, wer sich
sellerautorin. Gerade ist ihr chigen Raum veranschau- anmeldet, wird regelmäßig
erster Roman »Gespenster« lichen. Den Auftakt bildet ein auf den neuesten Stand ge-
erschienen, und er hat das Dekret Kaiser Konstantins bracht. Darüber hinaus star-
Potenzial, ein Nachfolger der aus dem Jahr 321; er hatte es tet Ende Februar eine virtuel-
weltbekannten »Bridget auf Bitte jener Siedlung er- le Schau. Sobald es die Coro-
Jones«-Reihe zu werden. lassen, aus der später Köln na-Bestimmungen erlauben,
Alderton erzählt von Nina, wurde. Gezeigt wird als Zeug- zeigt der Bundestag Besu-
die 32 wird und wie jedes Jahr nis mittelalterlicher Gold- chern seines Abgeordneten-
einen Song von Wham! hört, schmiedekunst ein Ohrring, hauses eine Auswahl der
weil der am Tag ihrer Geburt eine Brille erinnert an Moses Objekte im realen Raum. Das
auf Platz eins der Charts Mendelssohn, einen Philo- Vorhaben hat viel mit der Ver-
stand. Der Tradition britischer sophen der Aufklärung. In gangenheit und noch mehr
Alexandra Cameron

Romantic Novels gehorchend, Potsdam steht der kantenlose, mit der Gegenwart zu tun: Es
ist Nina auf der Suche nach aber moderne Einsteinturm sei eines gegen Geschichts-
Mr Right. Über eine Dating- des Architekten Erich Men- vergessenheit und den wach-
App kommt sie in Kontakt mit delsohn aus den Zwanziger- senden Antisemitismus, sagen
Max, der ihr bereits am ersten Alderton jahren. Und wer kennt die die Veranstalter. UK

Pop einem kurzen Schlagzeugsolo zügig mit


Klezmer schwindelig, zunächst ange-
Die wahnwitzigen führt von der Geigerin Georgia Ellery,
bald unterstützt von Lewis Evans
Sieben am Saxofon. Der Rock? Der kommt
auch dazu, aber er bleibt nicht lange,
G Schon der Name dieser Londoner bei keinem der sechs Stücke. Diese
Band ist klangvoll, die sieben Musiker wilden Sieben bringen viele unterschied-
fanden ihn per Zufallsgenerator im liche und vor allem viele gute Ideen
Netz. Und bereits nach zwei Singles stan- in einem einzigen Lied unter, auch wenn
den die Plattenfirmen Schlange, um es dann fast zehn Minuten dauert.
Black Country, New Road zu verpflichten. Andere Gruppen würden den Einfalls-
Nun hat die Gruppe ein erstes Album reichtum, der in einem Track zu hören
eingespielt, es heißt »For the First Time« – ist, wohl auf mehrere Songs strecken,
und man hört einen Sound, der unver- hier ist das Motto: Alles muss mit. Man-
gessliche Haken schlägt. Die erste Idee gels einer klassisch schönen Stimme
für einen neuen Song kommt meist wählt Wood mal den Sprechgesang, mal
von dem 22-jährigen Sänger und Gitarris- den dramatischen Vortrag, auch das ist
ten Isaac Wood, den Text tippt er ins besonders. Zwischendurch gibt es
Ninja Tune

Smartphone, seine Kollegen steuern bei, wahnwitzige Klanglandschaften zwi-


was ihnen einfällt. Beim ersten Lied schen Post-Punk und Free Jazz. Was für
des Albums spielt die Band sich nach ein Debüt. RED Black Country, New Road

103
Journalist Baron im Newsroom der »Post« Justin T. Gellerson / NYT / Redux / laif

»Wir hätten Trumps Lügen


früher ansprechen müssen«
SPIEGEL-Gespräch Der scheidende »Washington Post«-Chefredakteur Martin Baron über
die Trump-Jahre, die Frage, warum Nachrichten oftmals nicht gegen
Verschwörungstheorien ankommen – und sein Verhältnis zu »Post«-Besitzer Jeff Bezos
104 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021
Kultur

Martin (»Marty«) Baron, 66, zählt zu den »Die Drohungen SPIEGEL: Sie waren während Donald
einflussreichsten Journalisten der USA. Er Trumps gesamter Amtszeit Chefredakteur
arbeitete bei der »New York Times« und kommen ja immer noch. der »Post«. Haben die Medien den Lü-
der »Los Angeles Times«, leitete den Es ist schlimmer und gen Trumps zu viel Aufmerksamkeit ge-
»Miami Herald« und den »Boston Globe«; schenkt?
die Enthüllung des Missbrauchsskandals schlimmer geworden.« Baron: Er war Präsident der Vereinigten
der katholischen Kirche im Erzbistum Bos- Staaten, das ist der mächtigste Job der
ton durch den »Globe« wurde unter dem Welt. Er hatte einen enormen Einfluss auf
Titel »Spotlight« verfilmt und mit dem Os- sie davon zu überzeugen, dass sie von der das, was hier bei uns und auf der ganzen
car ausgezeichnet. Seit 2013 ist Baron Chef- Realität abgekoppelt sind. Sie sehen uns Welt geschah. Es war unsere Pflicht, darü-
redakteur der renommierten »Washington Mainstream-Medien als diejenigen, die lü- ber zu berichten.
Post«. Das Blatt, das in den Siebzigerjahren gen. Und sie sehen sich selbst als diejeni- SPIEGEL: Welche Fehler haben Journalis-
den Watergate-Skandal und die Pentagon- gen, die im Besitz der Wahrheit sind. ten im Umgang mit ihm gemacht?
Papiere enthüllt hatte und 2013 von Ama- SPIEGEL: Hilft dagegen mehr Transparenz Baron: Wir machen ständig Fehler, un-
zon-Gründer Jeff Bezos gekauft wurde, war der Redaktionen – indem diese etwa of- abhängig davon, wer Präsident ist. Wir
vor Barons Ankunft zu einer Regionalzei- fenlegen, wie die Geschichten entstehen, sind eine höchst unvollkommene Profes-
tung geschrumpft, er führte es zu neuer, in- die publiziert werden? sion. Wie jede Profession. Also müssen
ternationaler Bedeutung. Jetzt hört Baron Baron: Wir könnten unsere Geschichten wir ehrlich damit umgehen. Wir müssen
als Chefredakteur auf. Mit dem SPIEGEL anders schreiben. Wir könnten mehr da- uns eingestehen, dass wir gewisse Schwä-
sprach er wegen der Corona-Pandemie im rüber offenbaren, wie wir unsere Geschich- chen haben. Wir treffen Entscheidungen
Videochat von zu Hause aus. ten angehen, wie wir unsere Berichterstat- in Echtzeit, wir müssen schnell handeln,
tung machen. Wir könnten transparenter wir haben keine Zeit, uns zurückzulehnen
SPIEGEL: Mr Baron, Sie beenden Ihre Zeit sein. Das sollten wir tun, und das haben und über die Auswirkungen unseres Tuns
als Chefredakteur bei der »Post« in einer wir auch schon getan. Aber am Ende nachzudenken. Das sollten wir zwar öfter
politisch schwierigen Zeit. Machen Sie sich scheint es keinen großen Unterschied zu machen, aber die Dinge bewegen sich in
Sorgen um Ihr Land? machen. Wir verstärken eben nicht das fes- einem sehr schnellen Tempo.
Baron: Ich mache mir Sorgen um den Zu- te Weltbild von Verschwörungstheoreti- SPIEGEL: Aber noch mal: Worin bestan-
stand unserer Demokratie. Sie steht vor kern – und weil wir das nicht tun, sehen den die Fehler im Umgang mit Trump?
enormen Herausforderungen. Und als ihre Anhänger uns als Feinde, als Lügner, Baron: Wir hätten Trumps Lügen schon
Journalisten spielen wir in dieser Demo- als bezahlte Agenten ihrer Gegner. früher offener ansprechen müssen, hätten
kratie eine wichtige Rolle: Wir versorgen SPIEGEL: Sie klingen sehr pessimistisch. sie viel klarer benennen müssen. Wir
die Menschen mit den Informationen, die Inzwischen sitzen die Verschwörungstheo- haben ihn anfangs noch wie jeden norma-
für sie wichtig sind und die sie kennen retiker selbst im Kongress, etwa die neue len Präsidenten behandelt, er war ja ord-
sollten. republikanische Abgeordnete Marjorie nungsgemäß gewählt. Das hat er ausge-
SPIEGEL: Millionen Amerikaner glauben Taylor Greene, die Anhängerin von QAnon nutzt.
heute lieber an Verschwörungstheorien, ist und an einen globalen linksliberalen SPIEGEL: Haben Sie ihn unterschätzt?
statt Nachrichten zu lesen. Wie kam es Kult pädophiler Satanisten glaubt. Baron: Viele Leute gingen davon aus,
dazu? Baron: Der Journalismus als Beruf ist nicht dass er autoritäre Instinkte hat, aber dafür
Baron: Das passiert auch in anderen Län- sonderlich gut darauf vorbereitet, über so mussten wir handfeste Beweise sehen. Es
dern, ich halte es für eine Folge des Inter- etwas zu berichten. Wir müssen aufpassen, ist nicht unsere Aufgabe, nur darüber zu
nets. Die Leute können sich heute Infor- dass wir Menschen wie Greene nicht zu spekulieren, was er tun könnte. Unsere
mationen zusammensuchen, die nur ihren viel Aufmerksamkeit schenken. Anderer- Aufgabe ist es, darüber zu berichten, was
Standpunkt bestätigen. Das ist auch das seits: Wenn diese Leute die Republikani- der Präsident getan hat und was er zu tun
Geschäftsmodell einiger Medien: Sie lie- sche Partei repräsentieren, wenn sie einen gedenkt. Und für die längste Zeit hatten
fern sogenannte Nachrichten, die den bedeutenden Teil der Parteibasis vertreten wir keine harten Beweise für seine autori-
Menschen den Eindruck vermitteln, dass und wenn sie dann auch noch zu Gewalt tären Instinkte. Jetzt haben wir sie. Ich
ihre Gefühle richtig sind, dass ihre Instink- anstiften, zuletzt beim Angriff auf das Ka- glaube also nicht, dass die Leute ihn un-
te richtig sind, dass es andere gibt, die pitol – dann müssen wir darüber berichten. terschätzt haben.
genau so denken wie sie. Solche Medien Wir müssen zeigen, wie sie die Partei be- SPIEGEL: Trump hat die »Post« während
stören sich nicht an Fakten oder an der einflussen, wie sie die Partei in ihre Rich- seiner Präsidentschaft häufig angegriffen.
Wahrheit. tung ziehen statt dorthin, wo die Republi- Was war für Sie der denkwürdigste Mo-
SPIEGEL: Sie spielen da unter anderem auf kaner traditionell mal standen. ment?
Fox News an, den früheren Lieblingssen-
der Donald Trumps.
Baron: Ich werde keine Namen nennen.
SPIEGEL: Wie lassen sich Menschen errei- CNN.com 147
chen, die an Verschwörungstheorien glau- Vox Media 106
ben? Gibt es überhaupt noch eine Chance,
The New York Times Brand 95
sie zu erreichen?
Baron: Ich habe keine Antwort auf diese Washingtonpost.com 93
Frage. Ich hoffe, dass es einen Weg gibt. USAToday.com 85
Aber das Verschwörungsdenken ist tief
Buzzfeed 64
verwurzelt. Wenn Menschen einmal an-
fangen, so zu denken, ist es sehr schwer, The Wall Street Journal Online 51
US-Zeitungsmarkt 2.0
The Guardian US 44 Website-Besucher monatlich in Mio., Dez. 2020
Das Gespräch führten die Redakteure Roland Nelles HuffPost US 32
und Marc Pitzke. Quelle: Comscore Media Metrix Multi-Platform, Unique Visitors; Auswahl

105
Kultur

Baron: Als er zum ersten Mal den Aus- »Um Journalismus sich nun aus der Leitung von Amazon zu-
druck »Feinde des Volkes« für Medien wie rück und will sich in Zukunft zudem stär-
uns benutzte. Das war schockierend. Diese richtig zu machen, muss ker um die »Post« kümmern. Haben Sie
Phrase wurde bekanntlich schon in ande- man sowohl Seele Angst, dass er sich auch in redaktionelle
ren Zusammenhängen auf die schlimmste Entscheidungen einmischen wird?
Art und Weise verwendet … als auch Rückgrat haben.« Baron: Ich erwarte überhaupt nicht, dass
SPIEGEL: … im Nationalsozialismus etwa er sich redaktionell mehr engagiert. Viel-
verfolgte das Hitler-Regime unter dem leicht wird er mehr auf der geschäftlichen
Begriff politische Gegner. Gesellschaft wird, wenn es uns nicht mehr Seite mitmischen. Ehrlich gesagt weiß ich
Baron: Sie vergleichen das mit dem, was gibt. nicht, was er vorhat. Aber Jeff weiß ganz
schließlich in Deutschland passierte – so SPIEGEL: Sie sind ein Printjournalist der genau, dass die Glaubwürdigkeit des Nach-
weit würde ich nicht gehen. Aber es war alten Schule. Wie sehen Sie die Zukunft richtenbetriebs auf unserer Unabhängig-
klar, dass Trump alles tun würde, um uns des Zeitungsgeschäfts? keit beruht. Deshalb haben er und unser
zu dämonisieren. Er bemühte sich, uns als Baron: Ich kann mit einiger Sicherheit sa- Verleger Fred Ryan ein durchdachtes Ver-
Abschaum darzustellen, als Schurken. gen, dass Print keine große Zukunft hat. fahren zur Auswahl des neuen Chefredak-
Und er war, das muss ich sagen, sehr ef- Das ist einfach nicht mehr die Art, wie die teurs oder der neuen Chefredakteurin ein-
fektiv darin, die Menschen gegen uns auf- Menschen ihr Leben leben. Jeder läuft mit geleitet. Sie wollen volles Vertrauen in die
zubringen. Ziel war, seine Anhänger dazu einem mobilen Gerät herum. Dort holen Person, die sie auswählen.
zu bringen, alles, was wir geschrieben ha- sich die meisten ihre Informationen, und SPIEGEL: Können Zeitungen ohne Mäze-
ben, zu ignorieren und als ein Produkt viele von ihnen holen sie sich auch aus den ne wie Bezos in Zukunft überhaupt noch
der Opposition zu betrachten. Er wollte sozialen Netzwerken. Die Vorstellung, arbeiten?
uns als Teil der Oppositionspartei darstel- Bäume zu fällen, sie zu Zellstoff zu verar- Baron: Das ist ein Missverständnis. Wir
len. Das ist ihm auch weitgehend gelun- beiten, diesen in Papier zu verwandeln, das sind keine Wohltätigkeitsorganisation. Be-
gen. Und er wollte selbst dann nicht auf- dann auf riesige Maschinen zu legen, um zos hat von Anfang an klargemacht, dass
hören, als es Gewalt und Drohungen ge- eine Zeitung zu produzieren, die irgend- wir weiter als Unternehmen arbeiten. Wir
gen Journalisten gab. wann am nächsten Morgen ausgeliefert sind jetzt schon seit Jahren profitabel.
SPIEGEL: Haben Sie besondere Schutz- werden kann – das ist kein Geschäftsmo- Auch 2020 hatten wir trotz allem wieder
maßnahmen ergriffen? dell für die Zukunft, seien wir ehrlich. Na- ein profitables Jahr. So funktionieren wir.
Baron: Ja, um unsere Mitarbeiter und türlich wird es weiter schöne Printprodukte Und das ist auch gut, denn es ist wirklich
unsere Bürostandorte zu schützen. Und geben. Aber das ist nicht die Zukunft der wichtig, dass wir ein zukunftsfähiges Ge-
die Drohungen kommen ja immer noch. Branche. Sie wird digital sein, sie wird mo- schäftsmodell haben – wenn wir wie eine
Es ist schlimmer und schlimmer geworden. bil sein. Sie wird visueller werden. Charity betrieben würden und Bezos eines
Und es ist bedauerlich, dass wir das in die- SPIEGEL: Was meinen Sie damit? Tages keine Lust mehr dazu hätte, kämen
sem Land tun müssen. Zeitungen wollen Baron: Wir leben heute in einer sehr vi- wir in eine sehr prekäre Lage. Ich glaube
traditionell ja immer offen sein, die Leute suellen Gesellschaft. Das merkt man an nicht, dass die Zukunft des Journalismus
einladen, in die Redaktion zu kommen. der Popularität von YouTube und daran, von sogenannten Mäzenen abhängt.
Führungen bieten wir zum Beispiel nicht wie viele Menschen auf interaktive Grafi- SPIEGEL: Sondern?
mehr an. ken und Animationen positiv reagieren. Baron: Sie hängt von guten Eigentümern
SPIEGEL: Die Ära Trump hat Medien- Das sind Inhalte, die helfen, komplizierte ab, die langfristig denken und strategisch
unternehmen auch geholfen. Die »Post« Themen zu erklären – und somit sehr ef- investieren. Man muss das richtige Modell
hat, wie auch andere, in dieser Zeit eine fektive Wege, Geschichten zu erzählen. finden, so wie es Bezos mit der »Post«
Menge neuer Digitalabonnenten dazu- Ich glaube, dass die Storys der Zukunft getan hat. Er hat unsere Ausrichtung ge-
gewonnen. Wie wollen Sie das aufrecht- eine Kombination aus diesen Werkzeugen ändert, von einer regionalen zu einer na-
erhalten? sein werden: Text, Video und Grafik, Ani- tionalen und sogar internationalen Publi-
Baron: Als Medien befinden wir uns in mation, Audio, all das in einer integrierten kation. Das war ein kluger Schachzug.
einer etwas anderen Situation als noch Form. Und das Ganze muss auch immer SPIEGEL: Viele Redaktionen – auch die
vor ein paar Jahren. Viele Menschen ha- auf einem mobilen Gerät funktionieren. »Post« – debattieren darüber, wie neutral
ben eingesehen, dass sie für Qualitäts- SPIEGEL: Seit 2013 gehört die »Post« Jeff sich ihre Mitarbeiter in den sozialen Me-
journalismus bezahlen müssen und auch Bezos, dem Gründer von Amazon und dien geben sollen; ein umstrittener Tweet
bezahlen sollten, wenn sie sich informie- reichstem Menschen der Welt. Er zieht kann einen Redakteur heute seinen Job
ren wollen. Im Vergleich mit all den an- kosten. Wo endet die journalistische Ob-
deren Dingen, für die sie sonst bezahlen, jektivität für Sie?
ist das auch gar nicht mal so teuer. Es gibt Baron: Dazu muss man erst mal verstehen,
einen Grund, weshalb unser Journalismus was Objektivität bedeutet. Der Begriff
nicht kostenlos ist: Es kostet uns Geld, wurde vor hundert Jahren von Walter
April Greer / The Washington Post / Getty Images

diese Art von Arbeit zu leisten, unsere Lippmann geprägt, einem der bemerkens-
Mitarbeiter zu bezahlen, anspruchsvolle wertesten Journalisten Amerikas. Objek-
Berichterstattung zu betreiben, investi- tivität heißt nicht, neutral zu sein oder
gative Recherchen durchzuführen, Stan- immer beide Seiten wiederzugeben. Sie
dards durchzusetzen. Wenn Sie also Jour- berücksichtigt, dass wir alle vorgefasste
nalismus von diesem Kaliber wollen, soll- Meinungen haben und versuchen sollten,
ten Sie auch dafür bezahlen. Hinzu diese so weit wie möglich beiseitezulassen,
kommt: Ein großer Teil der Bevölkerung wenn wir an unsere Berichterstattung ge-
wünscht sich, journalistische Institutionen hen. Gute Berichterstattung heißt, dass wir
zu unterstützen, die es richtig machen. den Leuten erklären, was wir herausgefun-
Sie wollen, dass wir weiter existieren. Publizist Baron, Unternehmer Bezos den haben – und dass wir dies direkt, ehr-
Sie sorgen sich darum, was aus unserer »Keine Wohltätigkeitsorganisation« lich und unbeirrt tun. Wir reden nicht um

106
den heißen Brei herum. Wir tun nicht so,
als könnten wir nichts Definitives sagen.
Ich halte einen solchen Objektivitätsbe- Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin »buchreport« (Daten: media control);
griff für ein gutes Prinzip, das wir befolgen nähere Informationen finden Sie online unter: spiegel.de/bestseller
sollten. Wir sollten für nichts anderes ein-
treten als für die Fakten und die Wahrheit. Belletristik Sachbuch
SPIEGEL: Sollten Journalisten auf Twitter
ihre persönlichen Meinungen verbreiten? 1 (–) Haruki Murakami 1 (1) Barack Obama
Baron: Ich habe nichts dagegen, dass Jour- Erste Person Singular DuMont; 22 Euro Ein verheißenes Land Penguin; 42 Euro
nalisten eine Social-Media-Präsenz haben.
Fast alle von uns haben die. Aber es ist 2 (–) T. C. Boyle 2 (10) Dan Morain
wichtig, dass sie vorsichtig und zurückhal- Sprich mit mir Hanser; 25 Euro Kamala Harris Heyne; 22 Euro

tend sind. Es ist wichtig, dass das Social- 3 (–) Horst Evers Wer alles weiß, 3 (2) Robert Habeck
Media-Verhalten unserer Journalisten hat keine Ahnung Rowohlt Berlin; 20 Euro Von hier an anders
nicht gegen unsere Grundprinzipien und Kiepenheuer & Witsch; 22 Euro
Standards verstößt. 4 (2) Sebastian Fitzek
SPIEGEL: Was heißt das? Der Heimweg Droemer; 22,99 Euro 4 (4) Gustav Dobos
Baron: Wir achten stark darauf, dass das,
Die gestresste Seele Scorpio; 20 Euro
5 (1) Dirk Rossmann Der neunte Arm
was wir Print und Online veröffentlichen, des Oktopus Lübbe; 20 Euro 5 (3) Julian Barnes Der Mann im roten Rock
unseren Ruf als hochkarätiges Medium Kiepenheuer & Witsch; 24 Euro
stärkt. Wir beschäftigen Redakteure, die 6 (3) Charlotte Link
sicherstellen, dass unsere Berichterstat- Ohne Schuld Blanvalet; 24 Euro 6 (5) Monika Gruber / Andreas Hock
tung diese Standards erfüllt. Wenn Jour-
Und erlöse uns von den Blöden
7 (4) Elke Heidenreich Männer Piper; 20 Euro
nalisten jedoch auf Twitter oder Facebook in Kamelhaarmänteln Hanser; 22 Euro
posten, sind keine Redakteure daran be- 7 (6) Michelle Obama
teiligt. Die Journalisten müssen sich selbst 8 (–) Martin Mosebach Becoming Goldmann; 26 Euro
redigieren. Sie müssen auch dann unsere Krass Rowohlt; 25 Euro
8 (7) Markus Rex Eingefroren am Nordpol
Standards einhalten, genauso wie es von 9 (6) Martin Suter / Benjamin C. Bertelsmann; 28 Euro
ihnen erwartet wird, wenn sie im Fernse- von Stuckrad-Barre
hen oder Radio auftreten oder eine Rede Alle sind so ernst geworden 9 (12) Bas Kast Der Ernährungskompass
Diogenes; 22 Euro
halten. C. Bertelsmann; 20 Euro
SPIEGEL: Ende Februar ziehen Sie sich aus 10 (14) Bernardine Evaristo 10 (9) Philippa Perry Das Buch,
der Chefredaktion zurück. Welche Quali- Mädchen, Frau etc. Tropen; 25 Euro von dem du dir wünschst, deine Eltern
fikationen muss der nächste Chefredak- hätten es gelesen Ullstein; 19,99 Euro
teur oder die nächste Chefredakteurin 11 (–) Jennifer L. Armentrout
der »Post« mitbringen? Redemption – Nachtsturm 11 (11) Maja Göpel Unsere Welt neu denken
Carlsen; 23,99 Euro
Baron: Diese Person sollte Integrität be- Ullstein; 17,99 Euro

sitzen. Um diesen Job richtig zu machen, 12 (–) Carsten Henn 12 (18) James Nestor
um Journalismus richtig zu machen, muss Der Buchspazierer Pendo; 14 Euro Breath – Atem Piper; 22 Euro
man sowohl Seele als auch Rückgrat ha-
ben. Seele heißt, dass man mit Leiden- 13 (–) Monika Helfer 13 (–) Andreas Englisch Der Pakt
schaft bei der Sache ist, und Rückgrat, dass Vati Hanser; 20 Euro gegen den Papst C. Bertelsmann; 22 Euro
man dem Druck standhält. Auch muss 14 (–) Andrea Camilleri Das Karussell 14 (–) Gregor Schöllgen / Gerhard Schröder
man jemand sein, der die Mitarbeiter mo- der Verwechslungen Lübbe; 22 Euro Letzte Chance DVA; 22 Euro
tivieren kann, der es ihnen ermöglicht, ihr
Bestes zu geben. Ich wurde zum Gesicht 15 (5) Mark Benecke / Kat Menschik 15 (–) Mischa Meier Geschichte
Illustrirtes Thierleben der Völkerwanderung
und zur Stimme der »Post«. Aber ich bin Galiani Berlin; 20 Euro C. H. Beck; 58 Euro
auf ein riesiges Team angewiesen, aus
der Redaktion, aus dem Unternehmen, 16 (12) Alena Schröder Der Historiker beweist
aus der Technik. Das ist keine Top-down- Junge Frau, am Fenster stehend, Sinn für Details, aber
Situation. Abendlicht, blaues Kleid dtv; 22 Euro auch für die großen Linien:
SPIEGEL: Wie geht es für Sie selbst weiter Völker wanderten oft
17 (11) Tove Ditlevsen nicht, sie veränderten
nach dem Rückzug? Werden Sie sich erst Kindheit Aufbau; 18 Euro sich vielmehr – bis heute.
mal ausruhen?
Baron: Es wäre toll, Zeit zu haben, ein 18 (10) David Schalko 16 (8) Gerhard Wisnewski
Buch zu lesen. Ich werde eine kleine Pause Bad Regina Kiepenheuer & Witsch; 24 Euro
verheimlicht – vertuscht –
einlegen und darüber nachdenken, was ich 19 (–) Jan Seghers vergessen 2021 Kopp; 14,99 Euro
als Nächstes tun möchte. Ich möchte wei- Der Solist Rowohlt; 20 Euro
ter aktiv bleiben und mich im Journalis- 17 (–) Bill Buford
20 (–) Joachim B. Schmidt Dreck Hanser; 26 Euro
mus einbringen. Ich möchte nur einen Weg
finden, der nicht erfordert, dass ich jede Kalmann
Diogenes; 22 Euro 18 (15) Christopher Clark
Minute jedes Tages, jeder Woche, jedes Gefangene der Zeit DVA; 26 Euro
Jahres arbeite. Aber auf dem Golfplatz
werden Sie mich nicht sehen. Ein Dorf in Island, Blut im 19 (–) Benjamin Ferencz »Sag immer
Schnee. Der gute Kalmann, Deine Wahrheit« Heyne; 17 Euro
SPIEGEL: Mr Baron, wir danken Ihnen für mehr Forrest Gump als Miss
dieses Gespräch. Marple, nimmt sich der Sache 20 (–) Joe Biden
an. Das ist so heiter wie eisig.
Versprich es mir C. H. Beck; 22 Euro

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 107


Kultur

chen fühlen sie sich bestimmt auch selber

Alles sprengen am wohlsten.«


Die Empörung war gewaltig, Horst See-
hofer kündigte die erwähnte Anzeige an,
Zeitgeist Hengameh Yaghoobifarah wurde von Horst Seehofer die er aber dann doch nicht erstattete. Das
übernahmen dafür die Polizeigewerk-
wegen der berüchtigten »taz«-Polizeikolumne fast angezeigt. schaft und zahlreiche Einzelpersonen. In-
Treffen mit einem Menschen, der Provokation und Pop vereint. nerhalb der »taz« entbrannte eine Debatte
um Identitätspolitik und die Frage, ob sich
hier ein Generationenkonflikt zeige. Vor

D ie künstliche Intelligenz, die das auf-


genommene Gespräch transkribie-
ren soll, kommt beim Interview mit
Hengameh Yaghoobifarah an ihre Gren-
lungen reicht. Yaghoobifarah mag zwar
nicht auf Platz eins der Charts stehen. Aber
man muss Yaghoobifarah als Popstar lesen.
Beim Treffen im Büro des Berliner
allem der letzte Satz und das Wort »ihres-
gleichen« führte zu Textexegesen und warf
die Frage auf, ob hier Menschen mit Müll
verglichen werden – was man durchaus
zen. Da sind die englischen Begriffe, aus Verlags, der »Ministerium der Träume« als menschenverachtend bezeichnen kann.
»nice« wird »naiv«, aus »du fuckst mich herausbringt, trägt der Star eine Mischung Also, Hengameh Yaghoobifarah: Ver-
ab« wird »du fragst mich ab«. Da sind die aus Ugg- und Moonboots, eine Highwaist- gleichen Sie Polizisten mit Müll?
Namen von Schriftstellern, die die App Jeans und einen Wollpullover mit einer »›Ihresgleichen‹ bezieht sich ja auf Per-
nicht erkennt, die für Yaghoobifarah aber fast hypnotisierenden Spirale darauf. Eine sonen, nicht auf Gegenstände. Wenn wir
wichtige Inspiration sind, aus »Roxane randlose Brille mit kleinen Gläsern, Typ sagen, wir sind jetzt unter unseresgleichen,
Gay und Ocean Vuong« werden »Rock, »deutscher Vater«. »Jeden Tag suche ich sind wir unter Journalisten und nicht unter
Sergej und Außenraum«. Und da ist natür- mir so eine Persona aus, die ich an diesem Schneebänken und Aschenbechern und
lich der Glottisschlag, der durch eine kurze speziellen Tag spielen will, und setze das Himmel« sagt Yaghoobifarah während
Pause ausgesprochene Unterstrich oder mit Mode um. Heute ist es der suburban einer Zigarettenpause auf der Dachterras-
Genderstern. Vor dem kapituliert die Ma- parent«, sagt Yaghoobifarah. se des Verlagsgebäudes.
schine komplett: Aus »Klassenverräter*in« Alle zwei Wochen erscheint in der »taz« Nachfrage: Aber dass diese Anspielung
macht sie »klasse UN-Vertreter«. eine Kolumne von Yaghoobifarah unter trotzdem da ist, muss Ihnen ja bewusst ge-
Es wäre auch zu leicht, wenn Yaghoobi- dem Titel »Habibitus«. Der Titel ist zu- wesen sein, oder?
farah, 29, einfach zu verstehen und zu in- sammengesetzt aus Habibi, arabisch für »Ja, aber das macht den Joke ja auch
terpretieren wäre. Yaghoobifarah identifi- »mein Liebling«, und dem soziologischen aus.«
ziert sich weder als Mann noch als Frau, Begriff Habitus, und schon diese Wort- Also ja, es war Yaghoobifarah schon ir-
sondern als non-binär, was schon die An- melange zeigt, wie Yaghoobifarah funktio- gendwie bewusst.
sprache schwierig macht; dieser Text ver- niert: Der Habitus, also die durch Soziali- Yaghoobifarah wiegt jedes Wort ab,
zichtet auf die Pronomen »er« oder »sie«. sierung und Gewohnheit festgefahrenen spricht leise, zurückhaltend. Der Ton hat
Da ist der Migrationshintergrund, aber Verhaltensweisen, werden nicht nur be- nichts gemein mit dem in der Kolumne,
eben auch die helle Haut, weshalb Yaghoo- trachtet, sondern lustvoll gesprengt. die angriffslustig daherkommt und ohne
bifarah manchmal »schlicht als weiß gele- Die Kolumne handelt von Deutschen Rücksicht auf Verluste durchbrettert.
sen« wird. Und für ein Luxuskaufhaus zu ohne Migrationshintergrund, die meistens Das sei ja auch klar, sagt Yaghoobifarah.
modeln, obwohl man eher nicht schlank nur »Kartoffeln« oder »Almans« genannt Beim »taz«-Kolumnenworkshop habe es
ist und noch dazu links, liegt auch nicht werden oder, wenn es spezifischer wird: damals geheißen: Man brauche eine Ko-
gerade auf der Hand. Annika. Über die zieht Yaghoobifarah her, lumnenpersona, die nicht man selbst ist.
All das eignet sich natürlich hervor- aus der Perspektive eines Menschen, der »Die Gefahr ist: Ich werde als gefährlicher
ragend für einen Hype. Bei Yaghoobifarah selbst keine Annika ist. Das ist etwas über- gelesen, als ich bin. Und entsprechend
hatte der seinen Höhepunkt im Sommer. zogen, manchmal lustig, manchmal nicht. auch dämonisiert und mit härteren Mit-
Damals schrieb Yaghoobifarah in der »taz« Es ist aber auch eigentlich nicht besonders teln bekämpft. Aber ich dachte eigentlich,
eine Kolumne, die eine deutschlandweite krass. dass wir im 21. Jahrhundert die Media-
Debatte auslöste und Horst Seehofer dazu Zumindest war es das nicht, bis eben Literacy haben, um das differenzieren zu
verleitete, Yaghoobifarah eine Anzeige an- zum 15. Juni vergangenen Jahres, als unter können.« Es ist natürlich etwas naiv, auf
zudrohen; dazu später mehr. der Überschrift »All cops are berufsunfä- das zu hoffen, was man im Deutschen lei-
Die Öffentlichkeit liebt Figuren wie hig« eine Kolumne erschien, die sich vor der nur mit dem drögen Wort Medien-
Yaghoobifarah, die Widersprüche in sich dem Hintergrund der Debatte um struktu- kompetenz bezeichnen kann. Und doch
vereinen, an denen man sich reiben, die rellen Rassismus in der Polizei die Frage ist da was dran. Waren wir nicht schon
man hassen und lieben kann, deren Priva- stellte, was Polizisten Sinnvolles arbeiten mal weiter?
testes man hervorzerren und diskutieren könnten, wenn man die Polizei abschaffen Die Diskrepanz zwischen gesproche-
kann und die sowohl zum Heilsbringer als würde. Die Lösung für Yaghoobifarah: nem und geschriebenem Tonfall erklärt
auch zum Beelzebub taugen, kurz: zum »Spontan fällt mir nur eine geeignete Op- sich vielleicht auch daraus, dass Yaghoo-
Star. Yaghoobifarah schreibt Texte, lässt tion ein: die Mülldeponie. Nicht als Müll- bifarah nie gern gesprochen hat. »Ich habe
sich fotografieren, nimmt Podcasts auf, hat menschen mit Schlüsseln zu Häusern, son- gestammelt. Ich war die, die beim Reden
jetzt den Roman »Ministerium der Träu- dern auf der Halde, wo sie wirklich nur vor der Klasse einen Kugelschreiber
me« verfasst* – lässt sich aber nicht bloß von Abfall umgeben sind. Unter ihresglei- komplett auseinandergenommen hat.«
als Summe dieser Tätigkeiten und der da- Wenn man nach der Kindheit fragt, blät-
raus resultierenden Kolumnen, Tweets tert sich eine Erzählung auf, die von Aus-
oder Bücher verstehen, deren Qualität von »Die Gefahr ist: Ich werde grenzung und Einsamkeit handelt. Nieder-
ganz gut über ganz lustig bis eher miss- als gefährlicher gelesen, sächsische Kleinstadt, Schmiersprüche wie
»Hengameh ist eine dumme Fotze« in der
* Hengameh Yaghoobifarah: »Ministerium der Träume«.
als ich bin. Und ent- Stadtbücherei, stundenlanges Fernsehen,
Blumenbar; 384 Seiten; 22 Euro. sprechend dämonisiert.« um Deutsch zu lernen, oft mit der Anime-

108
auch die Nazis umarmten. »Das hat mich
überhaupt nicht interessiert. Ich habe mich
null identifiziert mit dem Lifestyle dieser
Leute.«
Das ist wichtig: Natürlich geht es um
reale Bedrohung durch Rassismus, wenn
Yaghoobifarah davon erzählt, wie es war,
als Kind iranischer Eltern in der Provinz
aufzuwachsen. Es geht aber auch um Style.
Politik und Ästhetik lassen sich hier nicht
trennen. Deshalb wird man Yaghoobifa-
rahs Geschichte auch nicht gerecht, wenn
man diese als geradlinige Entwicklung von
Ausgrenzung zu Aktivismus erzählt.
Ähnlich viel Empörung wie die Müll-
kolumne verursachte wenig später ein
Foto, das riesengroß im Schaufenster des
KaDeWe in Berlin prangte: Yaghoobifarah
in einem knapp 4000 Euro teuren Leder-
mantel der Luxusmarke Marni. Das Model
hat die Augen geschlossen und träumt viel-
leicht vom Ende des Kapitalismus, denn
dazu steht der Slogan: »Alles allen!«
Der Widerspruch war so offensichtlich,
dass es überrascht, wie reflexartig die Kri-
tik kam. »Was ich da gemacht habe, war
weder widerständig noch revolutionär. Es
war einfach ein Job. Man warf mir dann
vor, ich würde jetzt selbst in Luxusklamot-
ten rumlaufen. Als ob ich diesen Mantel
behalten durfte. Den kann ich mir doch
selbst nicht leisten. Auch da wieder: feh-
lende Media-Literacy. Die Leute haben
keine Ahnung davon, wie Modeln funk-
tioniert.«
Es ist bezeichnend, dass Yaghoobifarah
nicht nur die Texte, sondern auch sich
selbst als Zeichen sieht, das gelesen wer-
den will. Koketterie ist da natürlich eben-
falls mit im Spiel. Denn auch, wenn
Yaghoobifarah ständig betont, dass die
Aufregung um die Kolumne, das Modeln
oder um die eigene Person nicht beabsich-
Tarek Mohamed Mawad

tigt war – ganz darf man dem nicht auf


den Leim gehen. »Ich dachte mir so: Es
gibt relevante Themen. Dies ist keines«,
sagt Yaghoobifarah zu der Aufregung nach
dem Modelauftrag. Was natürlich Blöd-
sinn ist. So viel Medienkompetenz darf
Model Yaghoobifarah: Eine Welt von »Kartoffeln« und »Annikas«
man voraussetzen.
In der »Zeit« erschien gerade ein Abge-
serie »Sailor Moon«. Und vor allem: das men Hengameh Yaghoobifarah nur am sang auf den selbstironischen, spieleri-
Internet als Erlösung. Als Ort, der keine Rande um die tatsächlichen Werke geht, schen Hipster, der als soziologische Figur
Grenzen kennt, wo man unsichtbar und erscheint als logische Konsequenz. Er han- das Erscheinungsbild der Metropolen
gleichzeitig voll da sein kann, einen Auf- delt von drei Generationen einer Familie 15 Jahre lang geprägt hat. An seine Stelle
tritt haben kann. Und man Foren voll- mit iranischem Migrationshintergrund. trete nun die Generation »woke«, die um
schreiben kann, von Teenie-Rockbands. Die Geschichte könnte »eine Geschichte ihre Privilegien weiß und sich dem stren-
Aber auch Tagebücher, Raptexte, Kurz- zum Schreien und Weinen sein«, wie es gen Kampf gegen Diskriminierung ver-
geschichten. der Klappentext verspricht, wäre sie nicht schrieben hat.
»Schreiben ist nice. Gerade wenn man so holzschnittartig erzählt wie ein TKKG- Vielleicht sind wir mit Hengameh Yag-
stammelt, nicht so eine selbstbewusste Hörspiel. Aber zurück zu Hengameh hoobifarah schon einen Schritt weiter.
Leseperformance hat, langsam spricht, viel Yaghoobifarah. Spiel und Ästhetik gehören genauso dazu
unterbrochen wird oder Leute einem Das Internet und der Fernseher waren wie Kartoffeln und Annikas. Das mag
nicht zuhören – das Papier hat Geduld.« auch deshalb ein Zufluchtsort, weil die nicht jedem gefallen. Aber jede Genera-
Yaghoobifarahs Debütroman »Ministe- Außenwelt so hässlich war, die Highlights tion bekommt die Popstars, die sie ver-
rium der Träume«, um den es hier nur am aus Dorfpartys und Osterfeuer bestanden, dient. Xaver von Cranach
Rande geht, weil es auch bei dem Phäno- wo besoffene Typen feierten und im Suff

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021 109


Kultur

Teil. Viele Hilfen haben ein Verfallsdatum,

Trostpflaster für und es war – was im Rückblick naiv wirkt –


der zweite Lockdown nicht einkalkuliert
worden. Manche Veranstaltung ist bis Jah-

Auserwählte resende nicht mehr zu realisieren. Doch


wenn ungenutzte Zuschüsse nicht binnen
sechs Wochen zurückgezahlt werden, dro-
hen Zinsaufschläge.
Corona-Hilfen Wer von Kunst und Kultur lebt, bekommt kaum Dann ist da noch die schwierige Situation
Unterstützung – und Staatsministerin Grütters ändert daran wenig. der Freischaffenden in der Kultur. Den Ber-
liner Kabarettisten und Schauspieler Ale-
xander Pluquett, 38, ärgert, dass das Finanz-

D ie Berliner Malerin Ines Doleschal


arbeitet zurzeit nur morgens zwi-
schen sieben und neun Uhr an ihren
abstrakten Bildern. Anschließend betreut
gramms, darbende Kindertheater aber von
wichtigen Hilfen ausgeschlossen würden,
weil sie sich bis 2019 überwiegend mit öf-
fentlichen Zuschüssen über Wasser gehal-
ministerium lange lieber Betriebskosten be-
zuschusste als den Lebensunterhalt der
Soloselbstständigen: »Für uns Darsteller ist
aber unser Körper unsere Werkstatt, unser
sie ihre drei Kinder, das jüngste ist im Kita- ten hätten. Mal sei öffentliches Geld ein Instrument, also sind für uns die Kosten
Alter, das älteste macht Abitur. Abends Ausschlusskriterium, mal nicht. zum Leben unsere Betriebskosten.« Kultur-
diskutiert sie mit ihrem Mann, ob das alles Aber es hakte noch anderswo: Viele An- staatsministerin Grütters habe diese Unzu-
gerade gerecht ist. »Es stört mich, dass ich träge konnten erst nach Monaten gestellt länglichkeiten hingenommen und viele
nichts zum Familieneinkommen beitragen werden. »Neustart Kultur«, so der Name Künstler »regelrecht ins ihrer Meinung nach
kann.« Auch ihr Zweitjob als Museums- der großen Geste, lief zäh an. Die »mittel- ach so wunderbare ALG II gedrängt, mich
führerin löste sich 2020 wegen Corona ausgebenden Stellen« dagegen durften auch«. Der Druck sei enorm. Pluquett hätte
weitgehend in Luft auf. Portale vor Fristende schließen, wenn sie sich statt punktueller Hilfen – wie der neuen,
Als Kulturstaatsministerin Monika Grüt- von der Flut der Anträge überwältigt wur- dritten Überbrückungshilfe – eine »langfris-
ters Stipendien für bildende Künstlerinnen den, ein Teil der Förderungen lief nach tige Perspektive« für die Freischaffenden in
und Künstler auslobte, bewarb sich Dole- dem sogenannten Windhundverfahren ab: der Kultur gewünscht. »Diese verdammte
schal, 49, um zwei Förderungen, eine rich- Die Bewerber mussten schnell sein. Perspektivlosigkeit quält viele Kollegen.«
tete sich explizit an Eltern jüngerer Kinder. Die Bearbeiter brauchen Zeit. Von der Einige Förderungen erinnern an eine
Sie erhielt zwei Absagen. Doleschal sagt, beschworenen ersten Milliarde sind Grüt- Geschmackslotterie. Da, wo es um die rei-
sie kenne »mindestens 30 Künstlerinnen, ters zufolge erst rund 500 Millionen Euro ne kreative Arbeit geht, um Ausstellungen,
denen es ebenso ging«. bewilligt worden – wirklich ausgezahlt Tanzprojekte oder Arbeitsstipendien, müs-
Kein Wunder. Auf 675 Grütters-Stipen- wurde aber auch davon bislang nur ein sen die Bewerber den Geschmack von Ju-
dien für bildende Künstler kamen 5578 Be-
werberinnen und Bewerber; es reicht bei
solchen Ausschreibungen nie für alle. Aber
hält dann das »milliardenschwere Rettungs-
programm« für die Kultur, das Grütters im
Juni aufsetzte, was es zu versprechen
schien, wenn viele bedürftige Künstlerin-
nen und Künstler am Ende leer ausgehen?
Grütters meinte es nach eigenem Be-
kunden nur gut. Eine Milliarde Euro durfte
sie ausgeben, eine so fürsorgliche Behand-
lung, betont sie gern, erhalte keine andere
Branche. Zuletzt verhandelte sie sogar um
weitere 1,5 Milliarden Euro, heraus kam
jetzt eine Milliarde. Ein »ganz großes Aus-
rufezeichen« sei das, triumphierte sie trotz-
dem. Doch funktioniert ihr Verteiler-
system? Oder dient es nur ihrer Eigen-PR?
Bereits im Sommer wurden immer
neue Pressemitteilungen von Grütters ver-
öffentlicht, dazu, wen sie alles unterstütze:
20 Millionen Euro für die freie Tanzszene,
27 Millionen Euro für die Klubszene, so
ging es weiter. Sie wollte aber vor allem
in die Infrastruktur investieren, in größere
Wirtschaftseinheiten, in Gebäude. 250 Mil-
lionen Euro wurden etwa reserviert für
»pandemiebedingte« Umbauten in Kinos,
Gerhard Westrich / laif

in Konzerthäusern. Nach welchen Krite-


rien genau verteilt wurde, blieb aber un-
klar. Der FDP-Kulturpolitiker Hartmut Eb-
bing sagt, ihm erscheine es unlogisch, dass
große staatliche Museen ihre Digitalisie-
rung vorantreiben dürften dank des Pro- Protestaktion in Berlin im Oktober 2020: Rettung oder Verdammnis

110
rys treffen. Und obgleich die Entscheider
Fachleute sind, ist ein objektives Urteil da
nie möglich. Als die Malerin Doleschal ge-
meinsam mit Kolleginnen nachfragte, wa-
rum sie nicht zu den Stipendiatinnen ge-
hörten, wurde ihnen vermittelt, sie hätten
dem »bundesweit herausragenden Quali-
tätsmaßstab« nicht entsprochen. Das fand
Doleschal, die am bekannten Goldsmiths-
College in London und bei renommierten
Professoren in Münster und Berlin studiert
hat, eher unverschämt.
Eine gerechte soziale Verteilung der Gel-
der kann nach solchen individuellen Er-
messensvorstellungen nicht funktionieren,
für »Wirtschaftshilfen« fühlte sich Grütters
als Kulturpolitikerin – trotz versprochener
»Rettung« – aber gar nicht zuständig.
Dabei wäre es nur vernünftig, die Kul-
turindustrie in der Breite zu fördern: Jah-
relang wuchs die Kultur- und Kreativwirt-
schaft laut Bundeswirtschaftsministerium
besonders dynamisch. Mehr als 100 Mil-
liarden Euro trug sie 2019 zur Wertschöp-
fung des Landes bei. Dieser Bereich lebt
stärker als andere Wirtschaftsfelder vom
Austausch. Künstler, Filmemacher und
Hersteller von Computerspielen inspirie-
ren sich gegenseitig, arbeiten sich quasi zu.
»Ein Tänzchen aufführen« nennt Martin
Ehrhardt, 55, aus Leverkusen, die Bewer-
bung vor einer Grütters-Jury. Auch er be-
warb sich vergebens um ein Stipendium. Jetzt die F.A.Z. abonnieren
Der Geiger, der schon mit Berühmtheiten und Zusammenhänge
wie Herbie Hancock und Anna Netrebko besser verstehen.
auf der Bühne stand, sagt, Kultur sei der
Ab 14,90 Euro/4 Wochen –
Klebstoff der Gesellschaft. Ehrhardt be-
freiheitimkopf.de
tont, er habe seine fünfköpfige Familie im-
mer gut ernähren können »und jede Men-
ge Steuern bezahlt«. Damit finanzierten
er und andere Soloselbstständige nun auch
die Kurzarbeit für die Festangestellten mit.
2020 sanken Ehrhardts Einnahmen um
75 Prozent, zuletzt beantragte er die vom Weil man Märkte verstehen
Finanzministerium ermöglichte Novem-
ber- und Dezemberhilfe, die sich immer-
hin an seinen Umsätzen vom Vorjahr ori-
muss, bevor man von
entiert. Aber wie geht es weiter? Weil er
sich bei der Gewerkschaft ver.di engagiert,
weiß Ehrhardt, dass auch viele Kollegen
ihnen profitieren kann.
»echte Angst« haben. Schließlich werde es
Jahre dauern, bis in seiner Branche wieder
Normalität einkehre. »Bis dahin können Die Frankfurter Allgemeine leistet sich eines der besten Kompetenznetzwerke
viele zum Sozialfall werden, ihre Erspar- der Welt. 350 Redakteurinnen und Redakteure im In- und Ausland stellen täglich
nisse fürs Alter verlieren.« eine tiefgehende Durchdringung des Geschehens sicher.
»Passgenau« ist die Vokabel, mit der
Grütters ihre Hilfen beschreibt und die Mit einem Abonnement der F.A.Z. investieren Sie in intelligente Analysen und
davon ablenken soll, dass ein echter, vor Einordnungen unserer Redaktion. Sie fördern Ihr fundiertes Verständnis der
allem ein gerechter Plan fehlt. Die oberste wirtschaftlichen Zusammenhänge. Und Sie fördern die freie Marktwirtschaft.
Kulturpolitikerin bietet nur Trostpflaster – – Freiheit beginnt im Kopf.
für Auserwählte. Kürzlich hielt sie eine di-
gitale Pressekonferenz ab, eine zugeschal-
tete Expertin sagte, vielen in der Musik-
branche stehe »das Wasser bis zum Hals«.
Mit Mitgefühl geizte Grütters nicht. Sie sag-
te, ihr blute das Herz. Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Statistiken und Simulationen. Und selbst Bücher, die wis-
Alexander Bogner
senschaftlich unhaltbare Einlassungen zu Covid-19 enthal-
ten, ziert wenigstens ein Doktortitel.

Macht der Evidenz Wenn es um den Einsatz von Pestiziden in der Land-
wirtschaft (Glyphosat), um Grenzwerte der Feinstaubbe-
lastung, um Risiken elektromagnetischer Felder (5G-Netz)
geht – in all diesen Fragen ist wissenschaftliche Expertise
Debatte In der Coronakrise folgen die Regierenden die zentrale Ressource.
wissenschaftlichem Rat. Das ist richtig – und zugleich
problematisch. Denn alternative Fakten haben uch bei der Bewältigung der Klimakrise konzen-
Konjunktur, wenn Politik alternativlos scheint.
A triert sich der Streit primär auf Wissensfragen: Ist
der Anstieg der globalen Durchschnittstempera-
tur eine Folge menschlicher Aktivitäten oder nur
ein Indiz für natürliche Klimaschwankungen? So lautete
lange die Frage, die verhandelt wurde. Heute: Wie hoch
ie Coronakrise ist eine Sternstunde der Wissen- wird die Temperatur steigen, wenn die Weltwirtschaft

D schaft. Ohne die Wissenschaft wäre das Corona-


virus kein Virus, sondern eine dunkle Heimsu-
chung des Schicksals. Und ohne die Wissenschaft
gäbe es auch wenig Hoffnung, Covid-19 so weit eindäm-
ohne klimapolitische Restriktionen weiterläuft, und wel-
che Folgen würden sich daraus ergeben? Der Dissens
bezieht sich hier – anders als in Wertkonflikten – nicht
auf die normative Bewertung dieser Folgen. Es ist unum-
men zu können, dass ein halbwegs verträgliches Zusam- stritten, dass eine globale Erwärmung von vier oder fünf
menleben mit dem neuen Virus auf Dauer möglich Grad Celsius bis zum Jahr 2100 für einen Großteil der
erscheint. Weltbevölkerung katastrophale Folgen hätte. Im Vorder-
Im Februar 2020 richtete sich der hilfesuchende Blick grund steht die Frage, ob die Prognosen über die Eintritts-
der vom Virus überraschten Politik auf Virologie und wahrscheinlichkeit allgemein als negativ bewerteter Ereig-
Epidemiologie. Die maßgeblichen Statements, Interviews nisse zuverlässig sind. Es geht also primär darum, wer das
und Podcasts kommen seither von den Virologen, die bessere Wissen hat. Was dabei womöglich auf der Strecke
zwischenzeitlich fast als Popstars gehandelt wurden. bleibt, ist eine offene Debatte darüber, welche Zukunft
Anthony Fauci, Anders Tegnell oder Christian Drosten wir eigentlich wollen und welche Einschränkungen wir
sind in den internationalen Medien allgegenwärtig, sie dafür in Kauf zu nehmen bereit sind.
klären über Ansteckungswege, Viruslastschwellenwerte Der Yale-Politologe Robert E. Lane prognostizierte
und Verdoppelungszeiten auf und liefern den Regierenden schon vor 50 Jahren, dass die klassische Interessenpolitik
das Rüstzeug für ihr politisches Krisenmanagement; in naher Zukunft rapide an Bedeutung verlieren werde.
Daten, Modelle und Prognosen weisen der Politik den Das Größenwachstum der Wissenschaft, also die unauf-
Weg. hörliche Steigerung von Forschungsgeldern, Akademiker-
Bildungsministerin Anja Karliczek hielt im vergangenen quoten, Publikationen und Thinktanks trage nicht nur zur
April fest: »Wissenschaftliche Erkenntnisse leiten die Verbreitung eines typisch wissenschaftlichen Habitus in
Politik und leiten uns wie selten zuvor.« Das waren der Bevölkerung bei, sondern führe auch zu erhöhter Sen-
damals – gerade mit Blick auf Corona-Populismus von sibilität für Probleme, die sich durch rationales Denken
Männern wie Donald Trump und Jair Bolsonaro und und Expertise lösen lassen.
die dramatische Situation in ihren Ländern – beruhigende Die Durchsetzung der Wissensgesellschaft (»know-
Worte. Taten folgten, und Deutschland erzielte anfangs ledgeable society«), so Lanes Erwartung, werde den
Spitzenplätze in der Pandemiebekämpfung. Vor diesem Bereich der uns vertrauten, ideologisch motivierten Poli-
Hintergrund war es kein Wunder, dass sich bald die tik zusammenschrumpfen lassen. Letztlich werde der
Vorstellung verfestigte: Wer auf die Wissenschaft hört, politische Handlungsspielraum immer enger werden, weil
wer der Mehrheit der Experten folgt, wird die das bessere Wissen der Experten eine unerbittliche Sach-
richtige Politik machen. zwangwirkung entfaltet.
Innerhalb der Wissenschaft entwi- Diese Vision wurde von vielen Sozialwissenschaftlern
ckelten sich bald offen ausgetragene als Fortschritt empfunden: An die Stelle partikularer
Auseinandersetzungen über mögli- Aspekte (Interessen) tritt ein universalistisches Prinzip
che Ansteckungswege, die Übertra- (Wissen). Kämpfe zwischen Ideologien und Weltanschau-
gung durch Kinder oder den Nutzen ungen gehören damit der Vergangenheit an, die alten
von Masken, wodurch sich manche Zerreißproben der Gesellschaft bleiben erspart. Die Wis-
Politikempfehlungen mit der Zeit sensgesellschaft wird nicht länger durch Leidenschaften
Universität Innsbruck

änderten. Auch wenn die Schlüsse, und Eigennutz gesteuert, so die Hoffnung, sondern durch
die daraus gezogen wurden, sich Vernunft und Gemeinwohlorientierung.
unterschieden, interpretierten Politik Der schöne Traum von einer ideologiefreien, rein
und Öffentlichkeit die Krise doch wissensgesteuerten Politik hat jedoch einen Haken: Er
entlang jener Begrifflichkeiten, die basiert auf der irrigen Annahme, dass es auf politische
Bogner, 51, ist Soziologe aus Virologie und Epidemiologie Streitfragen stets »richtige« oder wahre Antworten
an der Österreichischen Aka- stammten. Konflikte um die Verhält- gibt. Doch das ist nicht der Fall. Selbst wenn wir zuver-
demie der Wissenschaften. nismäßigkeit der politischen Maß- lässige Zahlen über die Infektiosität des Virus oder
Aktuell ist von ihm erschie- nahmen wurden im Deutungsrah- über das Ausmaß der globalen Erwärmung haben, so
nen: »Die Epistemisierung men der Wissenschaft ausgetragen, steckt in diesen Zahlen doch noch kein politisches Hand-
des Politischen« (Reclam). also im Rückgriff auf Daten, lungsprogramm.

112 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021


Kultur

für die Opposition bereithalten: Wir nennen sie heute oft


»Corona-Leugner«. Früher einmal hießen die, die dagegen
waren, »Atomkraftgegner«. »Atomkraftnutzen-Leugner«
kannte man damals nicht. Obwohl die Auseinanderset-
zungen um eine friedliche Nutzung der Atomkraft teilwei-
se mit Militanz ausgetragen wurden, hatte eine radikale
Technikkritik offenbar Kredit. Die aktuell oft genutzte
Leugner-Rhetorik aber macht deutlich, dass aus weltan-
schaulichen Gegnern Feinde der Vernunft geworden sind.
Radikaler Protest gilt als Ausdruck krimineller Realitäts-
verweigerung oder plumper Ignoranz. Es ist ja verständ-
lich: Wenn drängende Überlebensfragen in trost- und end-
losen Konferenzserien gewissermaßen zu Tode verhan-
delt werden, lässt die Geduld natürlich nach. Doch auf
diese Weise werden wir nie verstehen, warum Menschen
den Weg in faktenferne Gegenwelten antreten.

ines ist offensichtlich: Wenn politische Auseinan-

E dersetzungen als Streit um die bessere Expertise


ausgetragen werden, dann muss, wer an solchen
Konflikten ernsthaft teilhaben will, über extrem

F. Kern / Future Image / SZ Photo


profundes Wissen verfügen. Wer es nicht schafft, die eige-
ne normative Position durch den Rückgriff auf Experten
abzusichern, für den wird es eng. Ein Ausweg besteht
darin, die von anderen etablierte Faktenwelt auf den Kopf
zu stellen. Dies ließ sich schon zu Beginn der Coronakrise
beobachten: Bei den »Hygiene-Demos«, die ab Ende
März 2020 regelmäßig in Berlin stattfanden, war auf
Protestplakate bei Demonstration im November in Berlin Transparenten zu lesen, dass Corona nicht bedrohlicher
sei als jede Grippe. Gegner der 5G-Technik sahen in den
Funkmasten die wahren Auslöser der Pandemie, radikale
Impfgegner interpretierten die Krise als politisches Kom-
o etwas wie ein politischer Sachzwang ergibt sich plott zur Durchsetzung von Zwangsimpfungen. Die Pro-

S nur auf der Basis allgemein geteilter Werte, auch


das hat die Coronakrise deutlich gemacht: Ange-
sichts der dramatischen Bilder aus der Lombardei
im März 2020 erhielt der Lebens- und Gesundheitsschutz
teste der Anti-Corona-Bewegung sind nicht nur gegen die
Regierung gerichtet, sie haben immer auch eine antiwis-
senschaftliche Schlagseite. Es geht gegen eine vermeint-
lich autoritative Instanz, die mittels überlegener Rationa-
oberste Priorität. Alle Gesellschaftsbereiche wurden lität festzulegen beansprucht, was real ist, was rational
einem einzigen Imperativ, dem Lebensschutz unterwor- und politisch geboten. Verschwörungstheorien sind eine
fen, und erst Wolfgang Schäuble erinnerte Ende April zwangsläufige Begleiterscheinung der Epistemisierung
2020 als einer der Ersten daran, dass auch dieser Wert kei- des Politischen, also einer Konstellation, in der Fakten,
neswegs absolute Gültigkeit hat, sondern im Einzelfall Evidenzen und Expertise sowohl maßgebliche Ressource
gegen andere Werte abgewogen werden muss. als auch zentraler Gegenstand politischer Kontroversen
Der verständliche Wunsch nach einer rationalen, fak- sind. Ihr Boom lässt sich als ideologische Reaktion auf
tenfesten Politik fördert die Bereitschaft, auf politische eine Politik verstehen, die stark im Einvernehmen mit der
Abwägungs- und Kompromissbildungsprozesse zu ver- Wissenschaft handelt und daher im Rahmen eines Wis-
zichten, weil sich die Debatte irgendwann auf die Frage senskonflikts von den Ungebildeten, Uninformierten oder
beschränkt, wer das bessere Wissen auf seiner Seite hat. einfach nur Ungehaltenen nicht mehr wirkungsvoll
Politik wird auf diese Weise mit der Wahrheitsidee kurz- herausgefordert werden kann. Alternative Fakten haben
geschlossen. Ein solches Wahrheitsmodell der Politik ganz offensichtlich Konjunktur, wenn Politik als alterna-
wäre aber demokratiepolitisch langfristig gesehen viel- tivlos erscheint.
leicht gar noch gefährlicher als das leichter durchschau- Es kann nicht darum gehen, den Diskurs für Ver-
bare Spiel mit Fake News und Twitter-Lügen im politi- schwörungstheoretiker zu öffnen oder jede Auseinander-
schen Alltag, das uns in den vergangenen Jahren so stark setzung um politikrelevante Fakten und Wahrheits-
beschäftigt hat. Denn im Zuge einer Politik, die sich über behauptungen zu vermeiden. Wir sollten aber bei unseren
Wissen und Wahrheit legitimiert, muss Bürgerbeteiligung nüchternen Erwägungen über Risiken, Reproduktions-
als Ballast erscheinen. Wohin aber kämen wir mit der zahlen und Grenzwerte nicht vergessen, dass es letztlich
Auffassung, dass die Demokratie eigentlich nur eine Dik- immer konkrete Ängste, Zukunftsbilder und Nutzener-
tatur der Dummen ist? Ja: Politik soll auf Fakten und wartungen sind, die Konflikte anheizen, auch Wissens-
wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Doch eine konflikte. Damit diese nicht in langwierigen Abnützungs-
Politik, die sich im Rausch der Ideologiefreiheit der gefechten zwischen wissenschaftlichen Expertisen und
Macht der Evidenz oder der Herrschaft der Algorithmen Gegenexpertisen überhitzen, sollte man auch der kon-
unterwirft, macht sich überflüssig. struktiven Vermittlung widerstreitender Meinungen,
In der öffentlichen Rede wird die Wissenslastigkeit vie- Wertüberzeugungen und Interessen Raum geben – sozu-
ler Politdebatten auch in den Begriffen greifbar, die wir sagen: mehr Politik wagen. ■

113
Chinas
Blockbuster
Kino Die Filmindustrie der
Volksrepublik fordert Hollywood
heraus. Das Kriegsepos
»The Eight Hundred« war 2020 die
weltweit erfolgreichste Produktion.

V om Dach eines Lagerhauses blicken


die Soldaten auf das Vergnügungs-
viertel von Shanghai. Leuchtrekla-
men flackern, Menschen strömen durch
die Straßen. Dann schwenkt die Kamera

Koch Films
über die Köpfe der Soldaten hinweg und
erfasst hinter ihnen eine Ruinenlandschaft,
die sich bis zum Horizont erstreckt. Selten Szene aus »The Eight Hundred«: Großer Aufwand, noch mehr Einfallsreichtum
war die Front zwischen Leben und Tod in
einem Film so klar und scharf gezogen.
Das Lagerhaus ist der Schauplatz der auf amerikanische Blockbuster wie »Fast mehr und mehr der Empathie. Irgendwann
weltweit erfolgreichsten Kinoproduktion & Furious 8« oder »Avengers: Endgame« schleudern sie mit selbst gebauten Kata-
des vergangenen Jahres. Das Kriegsepos zurück, waren 2020 vor allem inländische pulten Lebensmittel auf die andere Seite.
»The Eight Hundred«, das in Deutschland Produktionen erfolgreich. Für Hollywood Der Film zeigt die vier Tage im Oktober
nun als Stream herauskommt, erzählt von ist diese Entwicklung gefährlich, denn die 1937, die mit einem verlustreichen Rück-
einer legendären Schlacht. Im Oktober Einnahmen aus China sind notwendig, um zug der chinesischen Truppen endeten,
1937 verteidigten Hunderte chinesische die enormen Produktionskosten wieder aus verschiedenen Perspektiven, zumeist
Soldaten das Gebäude vier Tage lang ge- hereinzuholen. aus der Innensicht der Eingeschlossenen,
gen eine japanische Übermacht. In China Auch in Guan Hus Film ist die Unab- aber auch aus dem Blickwinkel von »Wo-
werden sie noch heute für ihren Opfermut hängigkeit Chinas ein Thema. 1937 be- chenschau«-Reportern, die das Geschehen
verehrt. saßen die europäischen Kolonialmächte damals von einem Zeppelin aus filmten.
»The Eight Hundred« startete im Au- noch großen Einfluss in China und hatten Guan bemüht sich um eine komplexe Re-
gust, als die chinesischen Kinos nach dem die Hoheit über einzelne Stadtviertel, konstruktion der Ereignisse.
Lockdown wieder geöffnet hatten, und »Konzessionen« genannt. Während des Eher selten verfällt er in allzu lautes
spielte fast eine halbe Milliarde Dollar ein. Krieges wurden sie von japanischen Bom- patriotisches Pathos. Tatsächlich bekam
Hollywoods größter Sommer-Blockbuster berpiloten weitgehend verschont. Die Guan mit seinem Film Ärger mit der chi-
»Tenet«, der wenig später herauskam, Viertel mit Bars, Spielbanken und Bor- nesischen Zensur. Denn die Soldaten, die
brachte es in China nur auf ein Siebtel die- dellen begannen direkt vis-à-vis dem La- das Lagerhaus damals hielten, gehörten
ser Summe. Auch weltweit liegt Christo- gerhaus. zu den Kuomintang, chinesischen Natio-
pher Nolans Agententhriller deutlich hin- Guan stellt die brutalen Kämpfe dem nalisten, die von Maos Truppen bekämpft
ter »The Eight Hundred« zurück. ausgelassenen Nachtleben gegenüber. Nur wurden und sich nach der kommunisti-
Der Erfolg des wuchtigen, packenden ein schmaler Fluss liegt zwischen Krieg schen Machtübernahme 1949 nach Taiwan
Films, den der 52-jährige Regisseur Guan und Frieden, zwischen Blutbad und Amü- zurückzogen.
Hu mit großem Aufwand, aber noch mehr sierbetrieb. Europäer und reiche Chinesen Wenn Guan nun im fertigen Film zeigt,
Einfallsreichtum in Szene setzte, zeigt, wie stehen am Ufer und verfolgen die Schlacht wie seine Helden auf dem Dach des La-
stark sich die Machtverhältnisse im inter- auf der anderen Seite. Über ihnen prangen gerhauses versuchen, im Kugelhagel ihre
nationalen Filmgeschäft verschieben. Seit Leuchtschriften für Firmen wie Siemens, Flagge zu hissen, dürfte das aus Sicht der
Jahren prognostizieren Branchenexperten, die damals in China Geschäfte machten. heutigen Pekinger Machthaber die falsche
dass China Nordamerika als größten Film- Guan nutzt diese simple, auf den ersten sein. Entsprechend dezent wird sie von
markt der Welt ablösen wird. Dies geschah Blick fast propagandistische Zweiteilung, Guan ins Bild gesetzt, meist aus weiter Fer-
nun früher als vermutet. um seine Zuschauer in seinen Film hinein- ne. Das gibt der ultraheroischen Aktion
Hauptgrund dafür ist die Pandemie. In zuziehen. Denn der anfängliche Voyeuris- eine gewisse Beiläufigkeit.
den USA sind die Kinos in besucherstar- mus und Zynismus der reichen Zaungäste, Guan macht aus dem Vorbild, auf das
ken Bundesstaaten wie Kalifornien oder die das Sterben und Leiden mit Cham- er sich in der Flaggenszene bezieht, keinen
New York seit März fast durchgehend ge- pagner in der Hand betrachten, weicht Hehl: Clint Eastwoods Kriegsfilm »Flags
schlossen, um mehr als 80 Prozent bra- of Our Fathers«. Er verarbeitet das ameri-
chen die Einnahmen auf dem heimischen kanische Kino, erschafft dennoch ein eige-
Markt gegenüber 2019 ein. China kam mit Die Machtverhältnisse nes Werk – und entwickelt das Genre so
Einbußen von etwa 70 Prozent etwas bes- im internationalen weiter. Vielleicht kommen die besseren
ser davon. Hollywoodfilme in Zukunft aus China.
Ging der chinesische Kinoboom der ver-
Filmgeschäft verschieben
Lars-Olav Beier
gangenen Jahre bislang nicht unerheblich sich gerade.
114 DER SPIEGEL Nr. 6 / 6. 2. 2021
Kultur

ren Hunger, Armut und das Teenagerdasein an sich nicht schon

Die Rächerin schlimm genug, besitzt Shae auch noch eine Zauberkraft, die
ihr Todesurteil bedeuten könnte: Was sie auf ein Stück Stoff
stickt, wird wahr. Verziert sie ein Taschentuch mit Tulpen,
blüht die trockene Erde. Bringt sie einen kleinen Hasen auf
Buchkritik Dylan Farrow, die Adoptivtochter ein Kopfkissen, hüpft dieser schließlich durch die Steppe.
von Woody Allen, hat einen Fantasyroman Was in einer anderen Fantasywelt für eine Einladung nach
geschrieben. Geht es darin auch um ihr Leben? Hogwarts sorgen würde, ist in Montane gefährlich, denn in
der hierarchischen Gesellschaft wird Anderssein bestraft: von
den Barden, autokratischen Magiern, die durch das Land
hr Roman handle von Mut und Risikobereitschaft. Er er- ziehen, Steuern eintreiben und Men