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RÜDIGER CAMPE

Kafkas Institutionenroman. Der Procej, Das Schloß

»Nein«, sagte der Geistliche, »man muß nicht


alles für wahr halten, man muß es nur für not-
wendig halten.«
Kafka, Der Proceß

In Kaf1<as ProcfjS gibt es etwa im Mittelstück des vorhandenen Textes einen


Augenblick, wo K. eine »kurze Lebensbeschreibung« erwägt. Darin will er
bei jedem irgendwie wichtigern Ereignis erklären, aus welchen Gründen er
so gehandelt hatte, ob diese Handlungsweise 'nach seinem gegenwärtigen
Urteil zu verwerfen oder zu billigen war und welche Gründe er für dieses
oder jenes anführen konnte. (P 149)1

Eine Lebensbeschreibung, die von K.'s Schuld oder Unschuld Zeugnis gäbe, ha-
ben die Leser zu suchen nicht aufgehört. Ob als Allegorie der Desillusion oder
der erleuchtenden Umkehr oder als symbolische Geschichte von Bildung und
Sozialisationsspiel: erst die Perspektive einer Lebensbeschreibung machte den
ProcfjS zum Roman in dem Sinne, in dem seit Defoe und Richardson, Rousseau
und Goethe erzählende Bücher Romane heißen. 2 Nur wo eine Art von auto-
biographischer Perspektive eröffnet ist, bildet sich zwischen dem Geschehen,
das erzählt wird, und dem Blickwinkel, aus dem es erzählt wird, ein Hohl- und
Resonanzraum für die Erzählung des Romans im Sinne der Neuzeit. 3 Erst von
der autobiographischen Perspektive her treten die bloße Geschichte einerseits und
das reine Erzählen andererseits auseinander in der Kunst und im Problem der
erzählenden Rede.4
1 Franz Kafka: Der Proceß. Hg. von Malcolm Pasley. In: Kafka: Schriften. Tagebücher. Briefe.
Kritische Ausgabe. Frankfurt 1982 ff.
2 G. A. Starr: Defoe and Spiritual Autobiography, 2. Auflage New York 1971. Friedrich A.
Kittler: Über die Sozialisation Wilhelm Meisters. In: Gerhard Kaiser; Friedrich A. Kittler (Hg.):
Dichtung als Sozialisationsspiel, Göttingen 1978, 13-124; Hans-Jürgen Schings: Agathon, Anton
Reiser, Wilhelm Meister. Zur Pathologie des modernen Subjekts im Roman. In: Wolfgang Witt-
kowski (Hg.): Goethe im Kontext. Kunst und Humanität, Naturwissenschaft und Politik von der
Aufklärung bis zur Restauration, Tübingen 1984, 42-68.
3 Grundlegend erörtert diese Geschichte des biographischen Romans und seine Kritik im 20.
Jahrhundert Manfred Schneider: Die erkaltete Herzensschrift - der autobiographische Text im
20. Jahrhundert, München 1986.
4 Histoire, narration und discours unterschieden nach Gerard Genette: Die Erzählung, München
1994.
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K. führt aber die ausdrücklich eröffnete Perspektive der Lebensbeschrei-


bung nicht aus, und der Leser erhält auch keine Entschädigung dafür. K.'s
LebensbeschreibUl?-g hätte ohnehin den Wunsch nach einem biographischen
oder anthropologischen Roman nicht befriedigen können. K. plant seine
»Lebensbeschreibung« als »Verteidigungsschrift«, eine rechtliche Argumenta-
tion. Als eine »Lebensbeschreibung«, die bei »jedem irgendwie wichtigern
Ereignis« erklärt, »aus welchen Gründen er so gehandelt hatte«, hätte sie das
Leben K.'s im Ganzen in den Rahmen des Falles gefaßt, der im Proceß verhan-
delt wird. Sie hätte entweder sein ganzes Leben zum Fall gemacht, in dem die
Autobiographie dann Stück für Stück Schuld und Unschuld erörtert. Oder der
besondere Fall, in dem der ProcdJ die Frage nach Schuld oder Unschuld stellt,
hätte nicht weniger als K.s ganzes Leben als Motivation und Erklärung verlangt.
Beide Male wäre die autobiographische Erzählung ein Stück Text in der dünnen
Sprache des Prozesses geworden, anstatt für den Proceß den Raum der Erzählung
zwischen Geschichte und Erzähler zu schaffen.
K. kommt die Idee zur Autobiographie kurze Zeit nachdem er im Advoka-
ten seinen Rechtsvertreter erhalten und mit Leni eine Geliebte als Helferin bei
Gericht angeworben hat. Mit der Helferin und dem Repräsentanten hat K. eine
Beziehung zum Gericht und zur Frage von Schuld oder Unschuld eingerichtet.
Durch Vertretung und Unterstützung ist er in seinen Prozeß der Un-/Schuld
eingetreten. Wenn K. nun über eine Lebensbeschreibung nachdenkt, ist von
»Vorteile[n] einer solchen Verteidigungsschrift gegenüber der bloßen Verteidi-
gung durch den [... ] Advokaten« die Rede. Der Lebensbericht ist also nicht
nur als Verteidigungsschrift geplant; er soll ausdrücklich die - bloße - Vertei-
digung durch Vertreter überbieten. Durch die Lebensbeschreibung als eigene
Verteidigungsschrift wäre K. nicht in die erste Position eines Autobiographen
eingerückt. Im Gegenteil wäre er Vertreter seiner Vertreter geworden. K. wäre
zum Fürsprecher seiner selbst avanciert.
Das zeigt, daß K.'s Leben ein einziges institutionelles Faktum ist. Die inhalt-
lich ausgeführte Autobiographie, die Erzählung des Individuums, kann im Text
des Processes fehlen, weil sie ohnehin vom Diskurs der Institution artikuliert
ist. Von einer romangemäßen autobiographischen Perspektive des Individuums
bleibt im ProcdJ nur der formale Augenblick der Subjektivität. In diesem Augen-
blick feHlt K. der eigene Name, in dem er sprechen kann, durch die Apostrophe
der Institution zu. Das geschieht zweimal - einmal am Anfang, einmal gegen
Ende. Im Modus der Frage und halb komisch zu Anfang als Einleitung des
Verhörs: » >] osef K.?< fragte der Aufseher, vielleicht nur um K.' s zerstreute Blicke
auf sich zu lenken. K. nickte.« (P 20) Imperativisch mit priesterlichem Ernst am
Ende: »Es war aber nicht die Gemeinde, die der Geistliche anrief, es war ganz
eindeutig und es gab keine Ausflüchte, er rief: >Josef K.!< K. stockte und sah
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vor sich auf den Boden.« (P 286 f.) In beiden Augenblicken gibt die Institution
dem Kürzel K. die formale Eignung zur Autobiographie. Sie ergänzt den Vorna-
men, den der Erzähler nie verwenden wird; und sie erzielt die Aufmerksamkeit,
Stockung und Sammlung, die dem ewig Zerstreuten eine Rücksicht auf sich
selbst erst aufnötigt oder erlaubt: K. nickt; K. stockt.
Der institutionelle Zusammenhang eignet sich die Lebensgeschichte K.'s und
damit die autobiographische Verfassung der Roman-Erzählung an; und der Trä-
ger der autobiographischen Geschichte wird reduziert auf eine bloße Adresse in
den Fragen und Rufen der Institution. Im Schlqß ist diese zweifache Reduktion
der Autobiographie in einen einzigen Punkt zusammengezogen. An die Stelle
eines legitimierenden Dokuments für K. tritt im Schlqß die Auseinandersetzung
um seine Anstellung als Landvermesser. Hier kommt der autobiographische
Augenblick der Erzählung gleich zu Anfang, wenn K. vom Sohn des Unterka-
stellans, Schwarzer, zur Rede gestellt wird. (S 7-10)5 Es geht gar nicht erst um
eine personale Identität, die dann in eine inhaltliche Lebensbeschreibung und
in den Namen, auf den einer reagiert, zerlegt werden kann. Hier geht es um
Identität nur für die Institution, um Paß oder Bestallung. Der Name der zählt
ist die Position; und die einzige Geschichte, die erzählt wird, ist die Geschich-
te der institutionellen Stellung. Insofern wird im Schloß wirklich die gesamte
Erzählung des Romans zur Antwort auf die Frage nach dem Subjekt - aber
nicht als autobiographische, sondern institutionelle Erzählung. Der Roman der
Institution ist in diesem Fall die Antwort auf die Frage nach dem Subjekt.
Procif5 und Schlqß erzählen den Roman der Instanz, die ein Leben institu-
iert. Darum nehmen sie allen Romantheorien ihren Gegenstand aus der Hand,
die von Goethe bis Lukacs den Gang des Subjekts durch die institutionellen
Instanzen ins Auge fassen.

Institutionen treten in Kafl<as späteren Romanen 6 in einer formal interessanten


Weise an die Stelle der autobiographischen Ursprungsperspektive des Romans,
weil sich über sie nicht wieder etwas wie eine Lebensgeschichte erzählen läßt. Die
Institutionen von Gericht und Behörde nehmen im Proceß und im Schloß die
Perspektive des Ersatzes der Autobiographie ein und halten an ihr fest, indern sie
ihre eigene Auflösung und Formalisierung unaufhörlich in Gang halten. Nur so

5 Franz Kafka: Das Schloß. Hg. von Malcolm Pasley. In: KatKa: Schriften. Tagebücher. Briefe,
Frankfurt a. M. 1981.
6 Wie sich der Verschollene an den Roman der Bildung anschließen läßt, zeigt Gerhard Neumann:
Der Wanderer und der Verschollene. Zum Problem der Identität in Goethes Wilhelm Meister und
Kafkas Amerika~Roman. In:]. P. Stern; J. J. White (Hg.): Paths and Labyrinths. Nine Papers from
a Kafka-Symposium, London 1985, 43-65; und ]oseph VogI: Ort der Gewalt. Kafkas literarische
Ethik, München 1990, 18-23.
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überführen sie den herkömmlichen Roman des autobiographischen Subjekts in


die ausdehnungslose Erzählung der Institution. Erst damit gibt es über Gericht
und Behörde hinaus in der Erzählung die Institution, die das defekte Wesen des
Menschen auf Dauer stellt. Die Institution ist in ihr nämlich die ständige Preis-
gabe der eigenen Identität zugunsten von Selbstfortsetzung und Dauerstellung
ihrer selbst. In dieser Eigenschaft liegt für die philosophische Anthropologie
seit Plessner und Gehlen - jedenfalls kann man sie so verstehen - die Ironie im
Gesetz der Institution. Sie setzt an die Stelle des Wesens des Menschen, das sich
nicht selbst genügt, den Kunstbau ihrer Gehäuse und Strukturen. Und sie kann
das nur, indem sie das Prinzip des Kunstersatzes auf sich selbst anwendet. Die
Institution ist unaufhörliche Selbstersetzung durch Kunst.
Wenn man in diesem Zusammenhang von Ironie spricht, kann man sich
dafür auf QIinitilians Rhetorik berufen. Ironie hat bei Quinitilian - so wie
die Allegorie - die Besonderheit, als semantisches Verfahren, d. h. Tropus (das
Gegenteil des Gesagten meinen) und als Form, d. h. Figur (ironische Einstel-
lung des Sprechenden, ironischer Text) zu existieren. Zur Form (Figur) wird
das semantische Verfahren (Tropus) nach Qyintilian, wenn man fortfährt, das
Verfahren anzuwenden. Continuatio metaphorae macht die (Figur oder Form der)
Allegorie; die (Figur oder Form der) Ironie ist der tropus contextus der Ironie, das
auf den Kontext übergreifende semantische Verfahren Ironie. Daß das Gegenteil
des Gesagten zu verstehen gegeben ist - die ironische Intention - ist formfähig
erst durch ihre Dauerstellung; umgekehrt ist die Dauerstellung zur Form aber
schon enthalten in der ironischen Absicht. Das Gegenteil des Gesagten meinen
- und besonders den ausgesagten Inhalt verneinen - nimmt von sich aus bereits
Richtung auf das Weitermachen und Fortsetzen desselben Verfahrens. 7
So ist es vielleicht zum ersten Mal Erzähl-Form geworden in Robert Wals-
ers Roman Jakob von Gunten, den Kafka besonders hoch geschätzt hat (die
Neuausgabe der englischen Übersetzung heißt zutreffend Institute Benjamenta).8
Schon Waiser hat in den Roman vom Institut Benjamenta die institutionen-
erzeugte Lebensgeschichte eingesetzt. 9 In Jakob von Gunten wird sie aber (nach

7 Marcus Fabius Q!lintilianus: Ausbildung des Redners, 2. Auflage Darmstadt 1988; VIII 6,
54-56 und IX 2, 44-53. Die Ironie im Roman der Institution ist soweit analog zur Allegorie
gedacht (vgl. Rüdiger Campe: Continuing Forms: Allegory and translatio imperii in Caspar von
Lohenstein and Johann Wolfgang von Goethe. In: Germanie Review 77 (2002), 128-145); eine
Kontrastierung mit der romantischen Ironie des Romans wäre anzuschließen.
8 Robert Walser: Institute Benjamenta. Translated and with an afterword by Christopher Midd-
leton, New York 1995.
'I Was hier und im folgenden zu Walsers Roman zusammen gefaßt wird, ist genauer erörtert in
Rüdiger Campe: Robert Walsers Institutionenroman.}akob von Gunten (erscheint 2004 in: Rudolf
Behrens; Jörn Steigerwald: Imagination und Macht), Vgl. auch den Beitrag von Wim Peeters in
diesem Band.
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langen vergeblichen Versuchen Jakobs und vielen nachdrücklichen Mahnungen


des Schuldirektors Benjamenta) Wirklichkeit.

Übrigens habe ich den Lebenslauf jetzt geschrieben. Er lautet folgender-


maßen.

Lebenslauf

Unterzeichneter, Jakob von Gunten, Sohn rechtschaffener Eltern, den


und den Tag geboren, da und da aufgewachsen, ist als Eleve in das Institut
Benjamenta eingetreten [... ].10

So wie hier die autobiographische Perspektive des Helden ausdrücklich zum


Faktum der Institution wird, so ist in den Romantext auch eine ausdrückliche
Formel der Selbstentleerung und Selbstfortsetzung der Institution eingefügt. In
einer der ersten Eintragungen in Jakobs Tagebuch ist davon die Rede, daß im
Institut Benjamenta, in das Jakob zu Anfang eingetreten ist und das er am
Ende unter Zerstörung der Schule verläßt, nur ein einziges Buch gelehrt wird.
Es ist das Buch »Was bezweckt Benjamenta's Knabenschule?«. Wenn der einzige
Zweck der Schule die Unterweisung im Regelwerk vom Zweck der Schule ist,
dann zerstört und sichert sich das Institut Benjamenta offenbar in einem. Es
zerstört sich als Schule der lehr- und lernbaren Inhalte, und es sichert sich als
Fortsetzung seiner eigenen Operationen des Lehrens und Lernens. Erziehung
zur Erziehung ist Katastrophe und Ideal der Erziehung.
Die Verschränkung von Institution und Autobiographik ist bei Kafka we-
niger durchsichtig. Aber sie ist enger geknüpft. Bei Walser sind Institutionali-
sierung der Biographie und Selbstformalisierung der Institution getrennte Mo-
mente: Stücke aus Jakobs Familiengeschichte sind teils im »Lebenslauf«, teils
in anderen Kapiteln gegenwärtig; und das Institut Benjamenta inszeniert sich
in einem Familienroman, in dem der Direktor und seine Tochter die Rollen
von Herr und Herrin, Vater und Mutter-Geliebter, geben. Die Stücke passen
ineinander; aber man erkennt in ihnen Stücke aus fremden Zusammenhängen.
In Kafkas Romanen des Protagonisten K. sind, ganz anders, die biographische
Individualitätserzählung und die Apostrophen der Subjektivität unmittelbar in
die Beziehung zur Institution verstrickt.
Im Praceß ist diese Verbindung besonders kompliziert. Wie schon gesagt plant
K. die »Lebensbeschreibung« in einem Augenblick, wo er die Annahme des Ad-
vokaten zu bereuen beginnt. Die biographische Perspektive, die eröffnet und
gleich wieder verschlossen wird, ist völlig auf die Frage: Schuld oder Unschuld
konzentriert. Man muß nun zwei Fassungen der Frage >Schuld oder Unschuld<

10 Robert Walser: Jakob von Gunten. Ein Tagebuch, Frankfurt a. M. 1985, 50 f.


202 Rüdiger Campe

in Kafkas Roman unterscheiden. In der ersten und tieferliegenden Fassung geht


es um die Eröffnung dieser Frage und die Eröffnung der in ihr vorgelegten
Unterscheidung. Soweit K. am Anfang des Romans und ganz besonders in der
})Ersten Untersuchung« (P 49-72) auf seiner Unschuld beharrt, stellt er sich
nicht unschuldig statt schuldig dar, sondern er erkennt die Frage >Schuld oder
Unschuld< gar nicht als an sich gerichtet an. Unschuldig heißt in diesem Sinne:
sich nicht im Prozeß sehen. Darum gelingt K. sein großer Auftritt, in dem er das
Gericht als konspirative Organisation entlarvt und damit beim Publikum Bei-
fall und Gelächter erntet (womit die spätere Interpretation des Romans als To-
talitarismuskritik vorweggenommen ist), genauso mühelos, wie er wirkungslos
bleibt. Wenn K. aber in Gestalt des Advokaten und seiner Krankenpflegerin Ver-
treter und Helfer im Verfahren des Gerichts angenommen hat, ist die Beziehung
zum Prozeß eröffnet und die Unterscheidung Schuld/Unschuld vollzogen. Jetzt
sind nur noch »scheinbare Freisprechung« und »Verschleppung« (P 205 und
211) möglich. Indem K. Fürsprache im Prozeß annimmt, erkennt er die Schuld
an, die im bloßen Zutreffen der Unterscheidung >Schuld oder Unschuld< liegt.
Unter dieser Bedingung kann er dann im Prozeß an der Option >Unschuld<
arbeiten (damit ist er in der Situation, die allen religiösen Auffassungen der
Schuld im Proceß zu Grunde liegt). Wenn K. nun seine Autobiographie plant,
weil er seinen Vertretern und Helfern mißtraut, dann will er offenbar, nachdem
er die in der Annahme der Frage >Schuld oder Unschuld< liegende Schuld ak-
zeptiert hat, die Perspektive der grundlegenden Unschuld wieder gewinnen, die
sich von der Frage >Schuld oder Unschuld< noch nicht adressiert sieht. Da er
aber die Autobiographie als Verteidigungs schrift plant, geht er nur noch tiefer
in die Position des Schuldigen ein. Mit dem Wiedereintritt, re-entry, der Un-
terscheidung in das von ihr Unterschiedene zerschneidet K. den Ariadnefaden,
der ihn an die ersten Wegbiegungen der Unterscheidung und Frage >Schuld oder
Unschuld< hätte zurück führen können. Die Autobiographie, die Erzählung der
Individualität, steht im Proceß also zwischen der Eröffnung des Prozesses (der
Unschuld der noch anstehenden Unterscheidung >Schuld oder Unschuld<) und
dem schon eröffneten Prozeß (der als Schuld angenommenen Unterscheidung
}Schuld oder Unschuld<). Die Autobiographie, die K. erwägt, sieht aus wie die
Wieder-Eröffnungsrede des Prozesses; und sie wäre bestenfalls das Zitat einer
Eröffnungsrede im laufenden Prozeß.

Was hat K. in diese Lage gebracht - in die Lage, in der sein Bildungsroman
nur die unwiederbringliche Institutionalisierung seines Lebens wäre? Verant-
wortlich dafür ist der einzige, der K. nur bei seinem Vornamen nennt: der
Onkel. »>Was habe ich gehört, Joset?< rief der Onkel, als sie allein waren [... ].«
(P 119) Der Onkel ist, wie er sagt, »gewissermaßen noch Dein Vormund« und
»bis heute stolz darauf«. An der Stelle der Anrufungen durch die Institution
Kafkas Institutionenroman 203

- das >Josef K.< des Aufsehers bei der Verhaftung und des Priesters im Dom -
hat der quasi-Vater nur die Intimfassung >Was habe ich gehört, Josef?< zu bieten.
>Was habe ich gehört, Josef?< setzt den Angeredeten an die familiale Subjektpo-
sition. Der Vormund-Onkel ist keine Instanz des Gesetzes, sondern der Agent
der Verstrickung in das Gesetz: »J osef, lieber J osef, denke an Dich, an Deine
Verwandten, an unsern guten Namen.« (P 122) Wenn es nun die Verbindung
des Onkels zum Advokaten ist, die K. in die Annahme von Vertretern und
Helfern führt, dann ist der Familienroman nicht so sehr eine institutionelle
Instanz eigenen Rechts; er ist der Mechanismus der Verstrickung in das Gesetz.
Da nun um den Auftritt des Onkels alles gruppiert ist, was der Leser über die
Biographie K.'s erfährt, ist damit die Analyse des Biographischen im Procif! ab-
geschlossen. Es ist der (vom Onkel in Erinnerung gebrachte) Familienroman,
der K.'s Autobiographie an die Institution und damit an ihre Selbstentleerung
und -formalisierung übergibt.
Im Procif! kann man also die Stücke in Augenschein nehmen, die die Ana-
lyse der Biographik durch die Institution ergibt: die individuelle Lebensgeschichte,
die Apostrophe des Subjekts und, zuletzt, den die Biographie tragenden Familien-
roman. Keines der drei Momente der Biographik ist im Schlqß mehr zu finden.
Man muß sich noch einmal klarmachen, daß der formbildende Ausgangspunkt
des Romans die »Landvermesserschaft« (S 13) ist, die Auseinandersetzung um
die Stellung in der Institution. Es gibt keine Identität K.'s außerhalb der Fra-
ge seines Platzes in ihr, und die Institution entfaltet ihre Struktur für den
Leser ausschließlich durch die Frage von K.'s Platz in ihr. Dabei wird beim
Namen genannt und zum handlungsbestimmenden Motiv gemacht, was im
ProCfß die Unschuld der abgewiesenen von der Schuld der akzeptierten Frage
>Schuld oder Unschuld< getrennt hatte: die Anerkennung. Das aber aus einem
anderen Grund. Im Procdf markierte die Anerkennung (des Gerichts durch K.)
den Punkt, an dem K. in Beziehung zur Institution tritt. Dieser Punkt ist die
Annahme der Vertreter und Helferinnen vor Gericht. Die Versuche K.'s, diese
Entscheidung rückgängig zu machen, zielen auf diesen Punkt, ohne daß K. je-
tnals wieder an ihn zurück kommen könnte. Im Schloß ist der Moment eines
ersten Anfangs der Beziehung, einer grundlegenden Anerkennung zwischen K.
und der Institution von Anfang an Vergangenheit. Die Anerkennung (K.s durch
die Institution), die die aktuelle Handlung im Schloß ausmacht, ist bereits die
des Anspruchs von K. auf eine ihm verliehene Position. Mit dieser Diagnose
endet das kurze Vorspiel des Romans, in dem K. nach seinem Daseinsrecht im
Dorf gefragt wird und die Position des Landvermessers als Legitimationsgrund
nennt.

K. horchte auf. Das Schloß hatte ihn also zum Landvermesser ernannt.
Das war einerseits ungünstig für ihn, denn es zeigte, daß man im Schloß
204 Rüdiger Campe

[... ] die Kräfteverhältnisse abgewogen hatte und den Kampf lächelnd


aufnahm. Es war aber andererseits auch günstig, denn es bewies seiner
Meinung nach, daß man ihn unterschätzte [... ]. Und wenn man glaubte
durch diese geistig gewiß überlegene Anerkennung seiner Landvermesser-
schaft ihn dauernd in Schrecken halten zu können, so täuschte man sich
[... ]. (S 12 f.)

Der Kampf der Anerkennung, in dem K. sich von nun an begriffen sieht,
ist die sekundäre Anerkennung (K.'s durch die Institution), die immer unter
der Hypothese einer ersten - wahren oder falschen - Anerkennung steht. Die
Ereignisse des Romans sind nichts als unentwegte re-entries der ersten Grenzüber-
schreitung, des Eintritts von K. ins Dorf, das zur Domäne des Schlosses gehört.
Vom Sinn dieses ersten Ereignisses oder Übertritts über die Bedeutungsgrenze
der Institution 11 entfernt er sich mit jedem re-entry weiter. Ob das erste Ereig-
nis ein unerlaubter Grenzübertritt und ein unerhörtes Ereignis war oder nicht,
wird unzugänglich unter der unaufhörlich sich fortschreibenden Wiederinsze-
nierung des Nicht-/Ereignisses der elementaren Beziehung zwischen K. und der
Institution.

*
Die letzte Überlegung führt auf die Topographie der Institution. Mit der Topo-
graphie - der Beobachtung ihres Innen und Außen, dem Verlauf der Grenze und
den Regeln des Übertritts - ist man ganz bei der Institution selbst angelangt.
In ihrer Topographie manifestiert sich die Institution als sie selbst. Aber wenn
nun im Schloß alle erzählbaren Ereignisse - alle Übertritte der kulturell entschei-
denden semantischen Grenze - zugleich und wortwörtlich die Überschreitung
der Grenze der Institution und ihre unaufhörliche Wiederholung im Inneren
der Institution sind - dann kann man mit gutem Grund sagen, daß das Schloß
den Erzähltypus des Institutionenromans ins reinster Form - nämlich als Form
- darstellt. Das gilt auch für K.'s Lebensgeschichte. Wenn K.'s Identität seine
Beziehung zur Institution is~ dann ist deren Topographie, die Grenze und die
Punkte des Übertritts, der Verlauf seines Lebens. 12
11 ] urij Lotman definiert das narrative Ereignis so: »An event in a text is the shifting oJ a persona
across the borders of a semanticfield.« Gurij Lotman: The Structure of the Artistic Text, Ann Arbor
1977, 233) Lotman fahrt fort: »It follows that the description of some fact or action in their
relation to areal denotatum or to the semantic system of a natural language can neither be
defined as an event or as a non-event until one has resolved the question of its place in the
secondary semantic field as determined by the type of culture.« Das sekundäre, kulturell defi-
nierte Bedeutungsfeld ist im Schloß die Domäne der Institution, das vom Schloß beherrschte,
zum Schloß gehörende Gebiet im Unterschied zum unbestimmten Außen seiner Domäne. Zu
dieser semantischen Topographie die folgenden Überlegungen.
12 Nicht nur K.'s Lebensweg besteht ausschließlich in den vermeintlichen oder unbemerkten
Übertritten über die Grenze der Institution zwischen Dorf und Schloß. Dasselbe gilt auch vom
Kajkas Institutionenroman 205

Jakob von Gunten, Robert Walsers beispiellose literarische Erfindung, ließ dem
Protagonisten und der Institution deutlich unterschiedene Bedeutungsfelder.
Dem entspricht, daß die Institution des Instituts Benjamenta einen abgegrenz-
ten Raum im wörtlichen Sinne besetzt - einen Raum in den Jakob von Gunten
eintreten, dessen innere und äußere Grenze er überschreiten und den er am
Ende wieder verlassen kann. Die Schule ist ein sorgsam vers.chlossener Innen-
raum, dessen Außen die moderne Großstadt der Expressionisten ist. Gegen diese
Umwelt, die der notorische Zerfall der traditionalen Institutionen in eine zwei-
te Natur verwandelt, muß die andere, neue Institution errichtet werden. Mit
genauer Sorgfalt hatte Walser dieser Institution ein inneres Außen eingezeich-
net, in dem das Emblem ihres Daseingrundes aufbewahrt wird. Es sind die so
genannten >inneren Gemächer< des Instituts Benjamenta - die Privatwohnung
der familialen Repräsentanten der Schule -, in die Jakob von Gunten seine
fantasmatische Unterweltsfahrt führt. Dieser überdeutlichen Kartographie der
Institution und der narrativen Bedeutung gegenüber - dort, wo sich bei Waiser
moderner Großstadtroman und antikes Epos kreuzen - führen Kafkas Institu-
tionenromane fortschreitend Verknappungen ein. Verknappungen in der Anlage
der Institution im Raum und in der Architektur der Bedeutung.
Die Verknappungen wirken vereinfachend im Design und komplizierend in
der semantischen Konsequenz. In beiden Romanen, im Proct;ß und im Schloß,
tendieren die Innenräume der Institution dazu, das Ganze des verfügbaren
Raums einzunehmen und damit die Grenze selbst zum Verschwinden zu brin-
gen. Im Proct;ß kann man von ubiquitärer Nachbarschaft sprechen. Die Orte
des Gerichts sind überall nebenan. Gerichtssaal und Büros liegen im fünften
Stock und auf dem Dachboden von alten Mietshäusern der Vorstadt. Zu An-
fang verwandeln die verhaftenden Wächter den an K.' s Zimmer angrenzenden
Raum in ein Untersuchungsbüro; am Ende stellt sich heraus, daß der Hin-
terausgang von Titorellis Wohnung - die Tür, die man erreicht, indem man
über Titorellis Bett steigt - unmittelbar zu den Amtsräumen des Gerichts führt.
Und mitten im Gebäude der Bank, für die K. arbeitet, liegt hinter einer Tür,
die K. noch nie geöffnet hat, eine »Rumpelkammer«, wo das Gericht die Prü-
gelung seiner Agenten, der Wächter, vornimmt. Das Gericht hat weder einen
bestimmten Ort, noch ist es überall. Es ist immer nebenan. Es liegt hinter der
Tür, der Wand, die sich damit als Grenze erweist. Das Gebiet des Schlosses hat

Lebensweg des Schloßboten Barnabas. Seine Geschichte ist übrigens die einzige, die K. im Schlqß
in einer großen, zusammenhängenden Folge erzählt wird. (270-364) Auch vom Schloßboten
Barnabas kann man sagen, daß die Geschichte seines Lebens darin besteht, wie und wann er die
Grenze vom Schloß zum Dorf zu überschreiten glaubt oder unbemerkt überschritten hat. Und
darin ist Barnabas - als der Bote, der möglicher Weise K. zugeordnet ist - K.'s Spiegelbild. Darin
sind ihre Lebenswege Spiegelbilder, weil sie die beiden sich entsprechenden Gegenbewegungen
im Übertritt über die Grenze sind.
206 Rüdiger Campe

dagegen einen ganz bestimmten Ort: den gegliederten Herrschaftsbreich aus


Schloß und Dorf. Nur ist nach dem ersten Absatz - »Lange stand K. auf der
Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt« (S 7) - von der Umwelt
dieser institutionellen Innenwelt nie wieder die Rede. Für den Roman wird das
Territorium der Institution zur Innenwelt ohne Außenwelt. Die Grenze nach
außen, deren berechtigte oder unberechtigte Überschreitung die Handlung bis
zum Ende dirigiert, wird nie wieder sichtbar. Das ganze Gewicht der Grenzzie~
hung verlagert sich auf die Binnengrenze zwischen Dorf und Schloß, zwischen
beherrschtem Gebiet und der beherrschenden Instanz. Um die Berechtigung
des ersten Grenzübertritts nachzuweisen, der im Roman gar nicht stattgefun~
den hat, kämpft K. den Kampf der Anerkennung an dieser inneren Grenze der
Institution, zwischen Oben und Unten. Die Evidenz der horizontalen Außen-
grenze ist ganz an die vertikale Binnengrenze verlegt. Ihrer Funktion nach ist
diese Grenze ebenso scharf gezogen, wie sie zunehmend unsicher wird. Noch im
Verlauf des ersten Kapitels erfährt K.: »Zwischen den Bauern und dem Schloß
ist kein Unterschied.« (S 20) Und diese Auskunft bestätigt nur, was er vorher
schon gesehen hat. Das Schloß, das »weder eine alte Ritterburg, noch ein neuer
Prunkbau« ist, ist eigentlich ein »Städtchen«. (S 17) Und zwar »ein recht elendes
Städtchen, aus Dorfhäusern zusammengetragen«. (S 17) Nur solange das Schloß
sich den Blicken entzog, war es Emblem des Zentrums der Macht. Als sicht-
barer Bau ist es nur das, wovon es sich unterscheiden soll. Das Schloß ist eine
Collage aus Stücken des Dorfes, das es vom inneren Außen der Institution her
beherrscht. Der nach außen hin randlose Raum der Institution ist im Inneren
von einer Grenze zwischen Herrschaftsgebiet und zentralem Ort der Herrschaft
durchzogen, die es erst zum Territorium macht; die aber nur da ist, wenn man
sie (wie K. zu Anfang, von der Brücke aus) nicht sieht. 13 Die Grenze gilt. Ih-
re Bedeutung ist mit Notwendigkeit vorausgesetzt, ohne daß es ein Kriterium
ihrer Überprüfbarkeit gibt - kein Maß dafür, was und wie sie abgrenzt und
unterscheidet.

In Robert Walsers Jakob von Gunten erzeugte eine ironische Einstellung beim
Blick auf das Gesetz der Institution den Stil des Institutionenromans. Die
Schule Benjamenta ist nicht, was sie scheint. Der Zweck der Schule, das Ge-
setz ihrer Gründung und ihres Daseins, ist die Einübung ihres Gesetzestextes.
Eine Ironie, die ebenso zerstärerisch wie affirmativ ist. Sie zerstört den Inhalt

13 Zur Funktion dessen, was als Geheimnis den Blick auf sich zieht, in Kafkas Schreiben vgl.
Manfred Schneider: Kafkas Lockung. Hochzeitsvorbereitungen auf unbrauchbaren Blättern. In:
Gerhard Buhr, Friedrich A. KittIer; Horst Turk (Hg.): Das Subjekt der Dichtung. Festschrift für
Gerhard Kaiser, Würzburg 1990.
Kafkas Institutionenroman 207

und sichert den Fortgang; sie affiziert die Bedeutung und ermöglicht die Ver-
kettung. Die Ironie ist der Stil einer Erzählung, die anstelle dessen, was sie zu
meinen scheint, die wörtliche Bedeutung ihres Meinens setzt. Schon beim Ma-
ler Titorelli im Proceß nimmt die Ironie des Gesetzes eine andere Wendung,
die sie aus der stilistischen Offensichtlichkeit herausdrängt und tiefer in die
bloße Anlage des Textes und der Erzählung einarbeitet. In der topographischen
Poetik des Schlosses wird diese Wendung der Ironie in die Form der Erzählung
bestimmend.
Titorelli ist Gerichtsmaler. Sein besonderes Wissen, vom Vater ererbt, betrifft
die Allegorik des Gerichts - die Zeichen, Mythen und Prinzipien, auf die das
Gesetz seine Gesetzmäßigkeit gründet und bezieht. Trotzdem ist Titorelli auch
derjenige, der K. umfassendste Auskünfte über das bloße - empirische - Funk-
tionieren des Gesetzes als Prozeß geben kann. Der Allegoriker mit seinem exklu-
siven, ererbten Wissen ist der Pragmatiker, der über die genauesten strategischen
Kenntnisse zu verfügen scheint. Genau das malt er auch: eine Allegorie, in der
die Gerechtigkeit und die Siegesgöttin verschmelzen. (P 196) Die Einebnung
des Unterschieds zwischen Repräsentation und Technik, zwischen dem Gesetz
des Gesetzes und seiner bloß verfahrensmäßigen Außenseite kennzeichnet aber
dann alles, was K. im Schloß erfährt, wenn er seinen Kampf der Anerkennung
an der notwendig vorausgesetzten und immer wieder unsichtbaren Grenze der
Institution kämpft. Jede Information über die Funktionsweise der Behörde ist
vielleicht auch oder nur ein Stück Schloß-Mythos; alle Andeutungen über den
Daseinsgrund des Schlosses sind vielleicht nur oder auch Hinweise zum bloßen
Überleben in ihr. Das ist nicht ein ironischer Blick auf das Gesetz, sondern
die Ironie des Gesetzes. Es ist die Unbedingtheit der Geltung des Gesetzes, die
jedes Zeichen, jede Allegorie, jedes Prinzip an dieser Stelle bloß empirisch und
technisch macht. Gerade daß es im Innern des Schlosses den Grund seines Da-
seins geben muß, macht es beliebig, was in den Geschichten erzählt wird, solange
sie wie Gründungsgeschichten funktionieren. In dieser Verlängerung der Iro-
nie ins Formale wird der Institutionenroman die Lösung der Fundierungsfrage,
die die Literatur anzubieten hat: Der Institutionenroman folgt nicht der Logik
der Konstitution, er gibt nicht das jundamentum inconcussum oder den Grund
der Möglichkeit systemischer Ganzheiten zu verstehen. Der Institutionenroman
ist aber auch nicht einfach der selbsterzeugte Fortgang dessen, was im Innern
solcher systemischen Ganzheiten oder Welten sich ereignen kann. Der Institu-
tionenroman, in seiner ganz literarischen Art, ist die Geschichte und nichts als
die vom systemisch Ganzen erzeugte Geschichte eines Fundaments oder Ermög-
lichungsgrundes.
Keine Frage: Der Roman der Institution kommt schon vor in Goethes Wil-
helm Meister. Nichts wäre Wilhelms Bildungsgang durch das Theater zum Staat
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und zur Ökonomie ohne die Turmgesellschaft, die den Prozeß der Bildung
und die Ausbildung eines selbsttragenden Entwicklungsprozesses beobachtet,
überwacht, historiographisch bearbeitet und in dieser Bearbeitung archiviert.
Der Turm und seine Geheimgesellschaft in Wilhelm Meister ist aber nur ein
Kolportageroman am Rande des Romans der Individualität oder, wie man in
Turmkreisen bevorzugt sagt: der Persönlichkeit. Er öffnet Wilhe1m Meisters in-
terne Entwicklungs- und Bildungsgeschichte an ihrem vorläufigen Ende in den
Lehrjahren auf die sie organisierende Institution, so daß sich in dieser Öffnung
auf den Institutionenroman der Bildungsroman endgültig in sich selbst, in
seiner eigenen und selbstgenügsamen Logik abschließen kann. Der Institutio-
nenroman des Turms ist selbst nicht Teil der Form des Romans, sondern er ist
der in ihr von Anfang an vorausgesetzte Anhang.
In dieser ganz anderen Funktion und Gestalt nimmt sich aber schon der
Institutionenroman, der den Bildungsroman ergänzt, einigermaßen kaf1<aesk
aus. Denn ebenso wie Wilhelm Meisters Bildungsroman nichts ohne den er-
gänzenden Roman der Turmgesellschaft an seinem Ende wäre, gilt auch das:
Nichts wäre die Institutionalisierung seiner Biographie und Bildung für Wil-
helm, wiederholte die Initiation in die Mysterien des Turms nicht in genauer
Weise die Kinderinitiation beim Puppenspiel, die gerade der Anfang der Bil-
dungsgeschichte war. Im Theater der Institution erfährt Wilhelm, daß er von
der Leidenschaft zum Theater, die seiner Lebensgeschichte als Ausgangs- und
Orientierungspunkt diente, ablassen muß. Aber auch die Initiation in die Ge-
sellschaft des Turms ist wieder nur Theater, oder ~)Hokuspokus«, wie man Wil-
helm später erklärt. Doch daß es nur zufällige, auswechselbare Kulissen sind,
verhindert nicht, daß sie den Ort der Wahrheit vorstellen.