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G. Kurz: Studien zu Kafka 349

chetypen religiöser Erfahrung gehören – auf Schuld, Verzweiflung,


Gericht und Gerechtigkeit, Hoffnung, Erlösung und Liebe“ (S. 162).
Stadt Hildesheim Helge Miethe
Büro des Oberbürgermeisters
Pressesprecher
D-31141 Hildesheim
h.miethe@gmx.de

Bettina von Jagow / Oliver Jahraus (Hgg.), Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wir-
kung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 576 S., € 49,95.
Manfred Engel / Bernd Auerochs (Hgg.), Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wir-
kung. Metzler, Stuttgart – Weimar 2010. 561 S., € 49,95.
Marek Nekula / Ingrid Fleischmann / Albrecht Greule (Hgg.), Franz Kafka im
sprachnationalen Kontext seiner Zeit. Sprache und nationale Identität in öffentlichen
Institutionen der böhmischen Länder. Böhlau, Köln – Weimar – Wien 2007. 266 S.,
€ 32,90.
Marie Haller-Nevermann / Dieter Rehwinkel (Hgg.), Franz Kafka. Visionär der Mo-
derne. Wallstein, Göttingen 2008. 166 S., € 14,–.
Bernd Neumann, Franz Kafka. Gesellschaftskrieger. Eine Biographie. Fink, München
2008. 662 S., € 39,90.
Louis Begley, Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Über Franz Kafka. Aus
dem Englischen von Christa Krüger. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 355
S., € 19,95.

Was erwartet man von einem Handbuch zu einem Schriftsteller? Ein


Handbuch entfaltet eine große, das Wissen kanonisierende Wirkung.
Benutzt wird es von dem, der „solide und philologisch unmittelbar
verwertbare“ („Vorwort“, S. 9) Informationen sucht, zum Beispiel zur
Vorbereitung einer germanistischen Prüfung oder einer Deutschstun-
de. Daher soll es das Wissen möglichst verlässlich und konzise zusam-
menfassen. Es soll über Aspekte des Lebens und des Werks dieses
Schriftstellers, seiner Zeit und seiner Wirkung informieren, es soll ei-
nen Überblick über wesentliche Fragestellungen, Richtungen, Kon-
troversen und neue Perspektiven der Forschung geben, den Stand der
Erkenntnisse, Gesichertes, Kontroverses, festhalten und, womöglich,
Lücken und offene Fragen der Forschung benennen, weiterführende
Interpretationsansätze eröffnen.1 Erfüllt das Handbuch von Jagow

1
Vgl. das z.T. natürlich überholte erste Handbuch zu Kafka: Hartmut Binder
(Hg.), Kafka-Handbuch. 2 Bde. Bd. 1: Der Mensch und seine Zeit; Bd. 2: Das Werk
und seine Wirkung. Stuttgart 1979. Danach sind drei weitere Handbücher zu Kafka
erschienen: Julian Preece (Hg.), The Cambridge Companion to Kafka. Cambridge –
New York 2002; Richard T. Gray / Ruth V. Groß / Rolf J. Goebel / Clayton Koelb
(Hgg.), A Franz Kafka Encyclopedia. Westport, CT 2005; James Rolleston (Hg.), A
Companion to the Works of Franz Kafka. New York 2006 (zuerst 2002).

DOI 10.1515/arbi.2011.087

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350 Gerhard Kurz

und Jahraus solche Erwartungen? Es erfüllt sie nur zum Teil. An


Handbüchern vermisst man natürlich immer etwas. Doch werden hier
wesentliche Dimensionen von Kafkas Werk nicht behandelt, begrün-
det durch die theoretische Anlage des Handbuchs. Der Stand des Wis-
sens wird manchmal gar nicht, oft nicht klar oder nicht differenziert
genug präsentiert.
Wie der Untertitel verheißt, will das Handbuch, wie für solche Au-
torenhandbücher üblich, über „Leben – Werk – Wirkung“ informie-
ren. Im „Vorwort“ schreiben die Herausgeber: „Das vorliegende Kaf-
ka-Handbuch eröffnet auf der Grundlage der geleisteten und
aktuellen Forschung grundlegende Informationen in einem umfassen-
den Überblick zu Leben, Werk, Deutung und Wirkung desjenigen
Autors, der wie kaum ein anderer im Mittelpunkt interpretatorischer
und literaturtheoretischer Anstrengungen steht“(ebd.). Aufgebaut ist
es in vier Abschnitte: „Franz Kafka. Der Mensch zwischen Leben und
Werk“, „Werküberblick“, „Deutungsperspektiven“ und „Einzelinter-
pretationen“. Den Abschluss bilden eine umfangreiche Bibliographie
der Forschungsliteratur (S. 553–567) und ein Werk- und Personen-
register. Es fällt auf, dass ein Abschnitt zum „Leben“ und zur Wir-
kung fehlt. Aspekte der Wirkung werden im Abschnitt „Deutungsper-
spektiven“ in Waldemar Fromms Beitrag zur „Kafka-Rezeption“
(S. 250–259) behandelt. Doch enthält dieser Beitrag große Lücken. Die
Wirkung in England, in den USA, in Frankreich wird mit nur weni-
gen, kargen Sätzen berührt, die Rezeption nach 1945 konzentriert sich
auf die Forschungsgeschichte (Beißner, Emrich, Politzer, Sokel).
Nichts zum Beispiel über die Prägung und internationale Karriere des
Schlagworts ‚kafkaesk‘, nichts über die frühe und hochinteressante
Rezeption in Belgien und den Niederlanden, nichts über die politisch
folgenreiche Kafka-Konferenz in Liblice 1963, viel zu wenig über die
Rezeption Kafkas bei Schriftstellern und Künstlern. So kommt die
wohl einzigartige internationale Wirkung Kafkas nicht in den Blick.2
Die Pointe von Beißners Begriff der „Einsinnigkeit“ liegt keineswegs
darin, „dass es zwischen dem Autor und der Perspektive der Haupt-
figur keine Trennung gibt“ (S. 258).
In den vier Abschnitten sollen in einzelnen Kapiteln „die großen
und größeren Zusammenhänge des Werks nachgezeichnet und durch-
schaubar gemacht werden“ („Vorwort“, S. 9). Viele dieser Kapitel ent-
halten wichtige, auch grundlegende Informationen und Analysen.
Doch erfüllen nur wenige Kapitel die Anforderungen an einen Hand-
buchartikel, die meisten präsentieren nicht einen einigermaßen gesi-
cherten, differenzierten Wissensstand, sondern den Forschungsansatz

2
Vgl. dagegen den – schon damals lückenhaften – Überblick über die Rezeptions-
geschichte in Binders Handbuch, Bd. 2, S. 583–786.

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Studien zu Kafka 351

des jeweiligen Verfassers. Dies zeigt sich exemplarisch in den Anmer-


kungen, die meist nur auf die eigene Forschungsposition bezogene, se-
lektive bibliographische Hinweise enthalten.
Die Kapitel zu „Kafka als Beamter“ und „Kafka und Krankheit“ (ein merkwürdiger
Titel! Auch sonst dieser Titeltyp: „Kafka und Recht/Justiz“, „Kafka und gender“), je-
weils von Sander Gilman, enthalten überhaupt keine Anmerkungen, Clayton Koelb
verweist zu seinem Artikel über „Kafka als Tagebuchschreiber“ pauschal auf eigene
Publikationen. Kein Hinweis hier zum Beispiel auf die grundlegende Untersuchung
von Guntermann.3 So gehörte zum Beispiel schon in die Anmerkungen zum Kapitel
über „Kafkas Publikationen zu Lebzeiten“ der Hinweis auf die textkritische und kom-
mentierte Bibliographie der Veröffentlichungen Kafkas von Ludwig Dietz (1982), nicht
erst in die allgemeine Bibliographie. Aus diesen Kapiteln ragen heraus, auch im Sinne
der Anforderungen eines Handbuchs, die Kapitel zu „Kafka und seine Geschwister“
(Hans Dieter Zimmermann; stimmt es wirklich, dass Kafka ein „Außenseiter in jeder
Hinsicht“ war? [S. 60, Anm. 18]), „Franz Kafka und Max Brod“ (Galili Shahar / Mi-
chael Ben-Horin), „Kafka und das Judentum“ (Andreas B. Kilcher), „Kafka und
Recht/Justiz“ (Ulf Abraham), „Kafka und die Weltliteratur“ (Monika Schmitz-
Emans), „Der Heizer / Der Verschollene“ (Bodo Plachta), „In der Strafkolonie“ (Ale-
xander Honold). Informativ auch die Beiträge von Joachim Unseld und Annette
Steinich, Els Andringa, Oliver Jahraus („Kafka und der Film“), Bettina von Jagow und
Jagow / Jahraus zu den Tier- und Künstlergeschichten sowie Mark H. Gelbers Beitrag
zu „Kafka und zionistische Deutungen“.
Im ersten Abschnitt „Franz Kafka. Der Mensch zwischen Leben
und Werk“ werden die Aspekte „Kafkas Biographie und Biographien
Kafkas“ (Christian Klein), „Kafka und sein Vater: Der Brief an den
Vater“ (Michael Müller), „Kafka und seine Geschwister“ (Zimmer-
mann), „Kafka und die Frauen“ (Vivian Liska), „Kafka als Briefe-
schreiber: Briefe an Felice und Briefe an Milena“ (Christian Schärf),
„Franz Kafka und Max Brod“ (Shahar / Ben-Horin), „Kafka als Tage-
buchschreiber“ (Koelb), „Kafka als Beamter“ (Gilman), „Kafka und
Krankheit“ (Gilman) behandelt. Es fehlt ein Kapitel, in dem informa-
tiv-zusammenhängend Kafkas Leben in Prag, der Übergang von der
k.u.k. Monarchie in die tschechoslowakische Republik, das Leben in
Berlin vorgestellt wird, seine Schulzeit, sein Studium, sein Umgang
mit Frauen und Freunden, seine Haltung zum Weltkrieg, zum Antise-
mitismus etc.4 Die Informationen zum Leben, die gegeben werden, oft
nicht auf dem neuesten Stand, muss man sich aus den einzelnen Kapi-
teln zusammenlesen. Der Mensch mit dem Kaiservornamen Franz er-
hält in diesem Handbuch keine Kontur. Vielleicht glauben die Heraus-
geber ja noch an die Mär vom Tod des Autors? Hinter dem Verzicht
auf ein solches Kapitel steckt eine methodische Absicht, die mit dem
poststrukturalistischen beziehungsweise diskurstheoretischen drive

3
Georg Guntermann, Vom Fremdwerden der Dinge beim Schreiben. Kafkas Tage-
bücher als literarische Physiognomie des Autors. Tübingen 1991.
4
Vgl. Anm. 16, 17 und 29.

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352 Gerhard Kurz

der Handbuchanlage zusammenhängt. Der Poststrukturalismus glaubt


eigentlich nicht, dass es so etwas wie ein Leben jenseits der Reden und
Texte, dass es eine Grenze zwischen Leben und Reden oder Schreiben
über das Leben gibt. Bezeichnend die Generalüberschrift des ersten
Teils „Der Mensch zwischen Leben und Werk“: Man kommt ins Grü-
beln über diese Formulierung. Aber immerhin wird dem Autor so et-
was wie ein Leben konzediert.
Der erste Beitrag konzentriert sich konsequent auf das „Rauschen
des biographischen Diskurses“ (S. 18), arbeitet aber immerhin die Be-
deutung der Biographien, besonders der Biographie Peter-André Alts
heraus. Man liest später Sätze wie: „Die Grenze zwischen Erlebnis
und Darstellung verschwindet, wenn diese Grenze für Kafka über-
haupt je bestanden hat. Es ist ihm völlig bewusst, dass er während sei-
nes Aufenthaltes in Jungborn in Wirklichkeit in einem Buch lebt“
(S. 106) oder: „Sein Bewusstsein war so vollständig durch Sprache
strukturiert, dass er weder die Welt, noch sich selbst anders als in
sprachlichen Wendungen erleben konnte“ (S. 107).
Die Bedeutung dieses theoretischen Paradigmas für dieses Hand-
buch zeigt sich auch im Abschnitt zu den „Deutungsperspektiven“
und in der völlig unkritischen Aufnahme der Ansätze von Derrida
und Deleuze / Guattari. Besonders die Aufnahme von Deleuze / Gu-
attaris Kafka-Essay,5 ein Essay voller Klischees und unhaltbarer Aus-
sagen, zu schweigen von der frivolen psychopolitischen Theorie, hat
mich erstaunt.6 Abwägend und nüchtern dagegen die Behandlung des
Themas der „kleinen Literaturen“ in Zimmermanns Beitrag über
„Kafkas Prag und die Kleinen Literaturen“ (S. 174ff.; vgl. auch S. 186,
dagegen S. 261 und 345ff.). Kafka hat seine Literatur nicht als „kleine
Literatur“ mit den Merkmalen „Deterritorialisierung der Sprache,
Koppelung des Individuellen ans unmittelbar Politische, kollektive
Aussageverkettung“ (S. 308) verstanden. Mitnichten verwarf er eine
„Literatur der Autoren und Meister“.7 (Für ihre These einer „Deterri-
torialisierung“ machen Deleuze / Guattari aus Kafka einen tsche-
chischen Juden, aus seiner Sprache eine „ausgetrocknete, mit tsche-

5
Gilles Deleuze / Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt/M.
1976 (zuerst französisch 1975). Die Autoren beziehen sich nur auf französische Über-
setzungen Kafkas.
6
In diesem Zusammenhang fehlt eine genauere Aufnahme des wichtigen Aufsatzes
von Gerhard Lauer, „Die Erfindung einer kleinen Literatur. Kafka und die jiddische
Literatur“. In: Manfred Engel / Dieter Lamping (Hgg.), Franz Kafka und die Welt-
literatur. Göttingen 2006, S. 125–143, zitiert S. 179 u. 261, und die Berücksichtigung
der Kritik an Deleuze / Guattari von Stanley Corngold, „Kafka and the Dialect of
Minor Literatur“. In: ders., Lambent Traces: Franz Kafka. Princeton 2004, S. 142–157
(eine frühere Version in: College Literature 21 [1994], S. 89–101). Diese Kritik Corn-
golds wird S. 186 verworfen.
7
Deleuze / Guattari, Kafka (Anm. 5), S. 26.

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Studien zu Kafka 353

chischen und jiddischen Brocken durchsetzte Sprache“.8 Im Übrigen:


Der Begriff der Deterritorialisierung, verhaftet noch dem romanti-
schen Klischee vom Künstler als Außenseiter, mit revolutionärem Ge-
stus vorgetragen, passt aufs Beste auf moderne kapitalistische Verhält-
nisse!) In Müllers in Vielem bedenkenswerten Ausführungen zum
Brief an den Vater fehlt ein Eingehen auf die sprachliche Form dieses
Briefes, eine genauere Diskussion der „advokatorischen Kniffe“,9 auch
um ein differenzierteres Bild des Vaters zu gewinnen.10 Hier fehlt auch
ein Hinweis auf die Faksimile-Ausgabe dieses Briefes im S. Fischer
Verlag 1994, herausgegeben und mit einem Nachwort von Joachim
Unseld (zuerst: Hamburg 1986). Liska behandelt in ihrem Beitrag zu
„Kafka und die Frauen“ die feministische Diskussion der Frauenfigu-
ren in Kafkas Werk; Schärf konzentriert sich in „Kafka als Briefe-
schreiber“ auf die Briefe an Felice und Milena; die Briefe an Ottla, die
Eltern, an Brod, an Robert Klopstock werden nicht berücksichtigt.11
In Shahars / Ben-Horins Darstellung des komplizierten Freund-
schaftsverhältnisses zwischen Kafka und Brod fehlt der Hinweis auf
den wichtigen Aufsatz „Kafkas Max und Brods Franz“ von Hans-
Gerd Koch.12 Gilmans Beitrag zu „Kafka als Beamter“ verfehlt ein
wichtiges Thema. Die Edition der „Amtlichen Schriften“ von Klaus
Hermsdorf und Benno Wagner in der Kritischen Kafka-Ausgabe mit
wichtigem Einleitungs- und Kommentarteil (nicht verzeichnet) liegt ja
seit 2004 vor, ebenso das Marbacher Magazin Nr. 100 (2002) zu „Kaf-
kas Fabriken“, bearbeitet von Hans-Gerd Koch und Klaus Wagen-
bach. Gerne hätte man die Quelle erfahren, derzufolge Kafka im Amt
anfänglich als das „Bürobaby“ (S. 112) behandelt worden sei. Geht der
Ausdruck vielleicht über eine stille Post auf den von Brod überliefer-
ten Ausdruck „Amtskind“ zurück?13

8
Ebd., S. 30.
9
Franz Kafka, Briefe an Milena. Erweiterte Neuausgabe. Hg. von Jürgen Born und
Michael Müller. Frankfurt/M. 1986, S. 85.
10
Vgl. Hans-Gerd Koch, Franz Kafka: Brief an den Vater. Mit einem unbekannten
Bericht über Kafkas Vater als Lehrherr und anderen Materialien. Berlin 2004; auch
Hans Dieter Zimmermann, Kafka für Fortgeschrittene. München 2004, bemüht sich
um ein differenzierteres Bild des Vaters.
11
Hier fehlen Hinweise auf die Edition der Briefe an die Eltern: Franz Kafka, Brie-
fe an die Eltern aus den Jahren 1922–1924. Hg. von Josef Čermák und Martin Svatoš.
Frankfurt/M. 1990, und auf Hugo Wetscherek (Hg.), Kafkas letzter Freund. Der
Nachlass Robert Klopstock (1899–1972). Mit kommentierter Erstveröffentlichung von
38 teils ungedruckten Briefen Franz Kafkas. Wien 2003.
12
Hans-Gerd Koch, „Kafkas Max und Brods Franz: Vexierbild einer Freund-
schaft“. In: Bodo Plachta (Hg.), Literarische Zusammenarbeit. Tübingen 2001, S. 245–
256 (zitiert S. 147, Anm. 7).
13
Vgl. Max Brod, Franz Kafka. Eine Biographie. 3. Aufl. Frankfurt/M. 1954,
S. 101f.

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354 Gerhard Kurz

Im zweiten Abschnitt „Werküberblick“ gibt Joachim Unseld auf


der Basis seiner Monographie einen soliden Überblick über Kafkas
Publikationen zu Lebzeiten, Annette Steinich diskutiert die verschie-
denen Kafka-Editionen. Gegenüber der Kritischen Kafka-Ausgabe
favorisiert sie die Frankfurter Ausgabe mit den Faksimiles der Hand-
schriften und einer diplomatischen Umschrift als eine „gleichsam
basisdemokratische Kontrollmöglichkeit der bisherigen Editionen“
(S. 145). Basisdemokratisch? Nicht eher eine zwar willkommene, aber
doch eine Edition für philologische Spezialisten, also ein alexand-
rinisch-elitäres Unternehmen? Wenn Steinich der Kritischen Kafka-
Ausgabe vorhält, sie fixiere ein „Strömen und Stocken“ (S. 145), einen
„dynamischen Schreibprozess in die Statik gedruckter Buchstaben“
(S. 143), so muss man dagegen fragen, ob Kafka wirklich keine end-
gültige, gedruckte Textgestalt intendiert hat. Kafka war ein „Autor“
(Unseld, S. 127, gegen Steinich, S. 145), er wollte seine Werke publi-
zieren, also drucken, er schrieb zum Beispiel in einem Brief an den
Verleger Ernst Rowohlt von der „Gier, unter ihren schönen Büchern
auch ein Buch zu haben“ (14. August 1912). Die Druckgestalt von
Das Urteil – „mehr Gedicht als Erzählung, es braucht freien Raum
um sich und es ist auch nicht unwert ihn zu bekommen“ (an den
Kurt Wolff-Verlag, 14. August 1916) – ließ er sich sehr angelegen sein.
Stanley Corngold geht in seinem Beitrag über „Kafkas Schreiben“
dem thematischen Zusammenhang von Tod und Schreiben bei Kafka
nach, mit sehr selektiven Verweisen und sprechenden Nichtverweisen
auf die Forschung; Zimmermann behandelt im Kapitel „Kafkas Prag
und die Kleinen Literaturen“ Kafkas Verständnis von der jiddischen
und tschechischen Literatur. Unter dem Titel „Kafka und die litera-
rische Moderne“ verortet Scott Spector Kafka weniger in der histo-
rischen Epoche der Moderne als in einem poststrukturalistischen,
sehr abstrakten Modell von Moderne als freischwebendem Spiel mit
Bedeutungen, mit einer „bestimmten und schwierigen Form der Anti-
referenzialität“ (S. 191). Natürlich ist Kafkas Werk nicht antirefen-
ziell! Er referiert zum Beispiel auf die Situation des Menschen nach
dem Tod Gottes, auf das Schicksal des Judentums und Christentums,
auf die Lage der Kunst, auf Formen der Macht. Kilchers Beitrag über
„Kafka und das Judentum“ habe ich schon erwähnt, ebenso die Bei-
träge von Abraham über „Kafka und Recht/Justiz“ und von Jahraus
zu „Kafka und der Film“.
Die Beiträge des folgenden Abschnittes „Deutungsperspektiven“
kommen in ihrem theoretischen Teil mehr oder minder pointiert in
der bekannten These von der Undeutbarkeit von Kafkas Texten über-
ein. „Uninterpretierbarkeit als Strukturprinzip“ (S. 309) und Auto-
reflexivität der Texte bedingten sich: „In diesem Sinne könnte man alle
Texte Kafkas als Erzählungen lesen, die von ihrer eigenen Uninterpre-
tierbarkeit erzählen.“ Als Gleichnisse seien sie „Gleichnisse der Unin-

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Studien zu Kafka 355

terpretierbarkeit“ (S. 313). So Jahraus in seinem Beitrag über „Kafka


und die Literaturtheorie“. Vorher kann man lesen: „Der Gegenstand
von Kafkas Parabeln wäre dann weder irgendein bestimmter Inhalt,
der da geschrieben stünde, noch ein einfach beliebiger, der dann je-
weils vom Leser zu verantworten wäre, sondern diese Lektüre selbst“
(S. 245). Die Rede von „bezeichnungslose[n] Zeichen“ (S. 310) in die-
sem Zusammenhang ist semiotisch unsinnig. Ein Zeichen ohne Be-
zeichnetes ist keines. Nun „erzählen“ Kafkas Werke durchaus nicht
nur von ihrer eigenen Uninterpretierbarkeit. Es ist Teil des Mythos
Kafka, dass seine Werke als uninterpretierbar gelten. Wäre es wirklich
so, wäre ihr Welterfolg nicht zu erklären. Jahraus unterstellt in seinem
späteren Beitrag über Das Urteil durchaus eine geradezu eindeutige
Interpretierbarkeit, wenn er diese Erzählung als Entwurf eines „Mo-
dellfall[s] eines Machtapparates am Beispiel der Familie“ (S. 417) inter-
pretiert.

Die dekonstruktivistischen Denkfiguren werden auch durchgespielt in den Beiträ-


gen von Sabine I. Gölz über „Kafka und die Parabel/das Parabolische“, von Detlef
Kremer über „Kafka und die Hermeneutikkritik“, von Henry Sussman über „Kafka
und die Psychoanalyse“, von Dagmar C. Lorenz über „Kafka und gender“ und – mit
einigen kritischen Schlenkern – von Maximilian G. Burkhart über „Kafka und décon-
truction“. Kremers Schlusssatz, wonach die „intertextuelle Einsicht in Kafkas Texte als
„Zitat-Passagen“ die „Voraussetzungen der traditionellen Hermeneutik“ dementiere,
offenbart nicht nur ein dekonstruktivistisch verengtes Verständnis von Kafkas Texten,
sondern auch ein völlig schiefes Verständnis der „traditionellen Hermeneutik“ (S. 350).
Jahraus und Burkhart zitieren aus dem Roman Der Process als Sanktion ihrer Thesen
den Satz des Geistlichen: „Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen sind oft
nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber“ (S. 315, 397). Es heißt jedoch „oft nur“,
nicht ‚nur‘, und dann redet der Geistliche auch noch völlig undekonstruktivistisch von
einer ‚unveränderlichen‘ Schrift! Sussman bemüht sich, wenn ich ihn richtig verstanden
habe, mit Hilfe von Lacan zu erklären, dass und wie Kafka eine „neue Metaphorik“
(S. 354) eingeleitet hat. Lorenz untersucht Kafkas vieldeutige und ‚häretische‘ (S. 381)
„Geschlechtercharaktere“ (S. 374) und bemüht sich zu zeigen, dass Kafka, im Gegen-
satz zu Otto Weininger, Geschlecht und Geschlechtscharakter „ent-essenzialisiert“
(S. 380). Wenn sie schreibt, dass in Das Urteil der Vater seine Vormachtstellung zu-
rückgewinne, indem der Sohn entmachtet werde, so übersieht sie, dass auch der Vater
am Ende mit einem Schlag aufs Bett „stürzte“. Er stirbt ebenfalls, wie man im Kontext
verstehen muss. Bei dem sich in den Tod fallen lassenden Georg fühlt sie sich an „Wei-
ningers Konstrukt des willen- und substanzlosen Weibes“ (S. 380) erinnert. Neben den
informativen, differenzierten Beiträgen über „Kafka und die Weltliteratur“ von Moni-
ka Schmitz-Emans14 und über die der verschiedenen Interpretationsansätze von Els
Andringa behandelt Gelber unter dem Titel „Kafka und zionistische Deutungen“ ab-
wägend zionistische Diskurselemente wie „Volk“, „Volkstum“, „Ost“, „West“, „Bo-
denbearbeitung“, „Gemeinschaft“ in Kafkas Werk. Nach Gelber betrachtet Kafka das
zionistische Projekt fasziniert, gleichwohl auch distanziert. Zumal der späte Kafka be-
trachte das zionistische Projekt „düsterer“ (S. 302). Hier fehlen ein Hinweis auf den

14
Sie kann sich stützen auf: Manfred Engel / Dieter Lamping (Hgg.), Franz Kafka
und die Weltliteratur (Anm. 6).

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356 Gerhard Kurz

älteren, wichtigen Aufsatz von Tismar zur Erzählung Schakale und Araber15 und ein
Verweis auf den, über den zionistischen hinausgehenden, zeitgenössischen Diskurs
über Westen und Osten, Volk, Volkstum, Blut, Gemeinschaft.
Der letzte Abschnitt umfasst „Einzelinterpretationen“ zu einzelnen Werken bezie-
hungsweise Werkgruppen: „Frühe Erzählungen: Der Betrachtung-Band“ (von Jagow),
„Das Urteil“ (Jahraus), „Die Verwandlung“ (Abraham), „Der Heizer/Der Verscholle-
ne“ (Plachta), „Der Proceß/Vor dem Gesetz“ (Hans H. Hiebel), „In der Strafkolonie“
(Honold), „Der Landarzt-Band“ (von Jagow), „Das Schloß“ (Müller), „Kafkas Tier-
und Künstlergeschichten“ (Jahraus / von Jagow). Sie sind meist informativ. Doch feh-
len auch hier oft differenzierte Hinweise auf das Forschungsspektrum. In seiner Inter-
pretation zu Das Urteil konzentriert sich Jahraus gänzlich auf den Aspekt familiärer
Machtstrukturen. Macht werde als „anonymes und allgemeines gesellschaftliches Prin-
zip“ (S. 419) verstanden. Sie, nicht der Vater, jage Georg am Ende in den Tod. Eine sol-
che Interpretation, wonach in dieser Erzählung die „Konstitution“ des Subjekts „aus-
schließlich“ auf Macht beruhe, blendet zum Beispiel die religiöse Dimension der
Erzählung aus („Jesus!“ ruft die Bedienerin, als Georg die Treppe hinunter eilt). Was
bedeutet es, dass die ganze Familie untergeht, Mutter, Vater, Sohn, und der Freund in
Russland nach den Worten des Vaters „gelb zum Wegwerfen“ ist? Dass der Vater die-
sen Untergang ungeduldig will? Was bedeutet es, dass Georg das Geländer der Brücke
ergreift „wie ein Hungriger die Nahrung“?
Nicht nur in diesem Beitrag, im gesamten Handbuch fehlt eine eige-
ne Thematisierung der religiösen Dimension von Kafkas Werk, seiner
spezifischen, eklektischen Verwendung jüdischer und christlicher Mo-
tive und Symbole.16 Ebenso fehlen ein eigenes Kapitel zu Kafkas lite-
rarischem Stil, seiner Erzähltechnik, zu seinen literarischen Gattungen,
ein eigenes Kapitel zu seinem Ort in der Epoche des Expressionismus,
zu seinem Selbstverständnis, seiner Rolle als Autor, und, trotz der Bei-
träge von Zimmermann und Kilcher, ein eigenes Kapitel zur sozialen,
ethnischen, politischen, intellektuellen und literarischen Szene von
Prag in Kafkas Epoche.17 Zum sogenannten ‚Prager Kreis‘ finden sich

15
Jens Tismar, „Kafkas ‚Schakale und Araber‘ im zionistischen Kontext betrachtet“.
In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 19 (1975), S. 306–323 (verzeichnet in
der allgemeinen Bibliographie).
16
Vgl. neben den Monographien von Ritchie Robertson, Kafka. Judentum, Gesell-
schaft, Literatur. Stuttgart 1988, und Giuliano Baioni, Kafka. Literatur und Judentum.
Stuttgart 1994, z. B. die wichtigen, in der allgemeinen Bibliographie nicht verzeichne-
ten Aufsätze von Ritchie Robertson, „Die Erneuerung des Judentums aus dem Geist
der Assimilation. 1900–1922“. In: Wolfgang Braungart u. a. (Hgg.), Ästhetische und
religiöse Erfahrungen der Jahrhundertwenden. II: Um 1900. Paderborn 1998, S. 184ff.;
ders., „Kafka und das Christentum“. In: Der Deutschunterricht 5 (1998), S. 60–69;
ders., „Kafka als religiöser Denker“. In: Beatrice Sandberg / Jakob Lothe (Hgg.),
Franz Kafka. Zur ethischen und ästhetischen Rechtfertigung. Freiburg/Br. 2002,
S. 135–149.
17
Vgl. z.B. Gary B. Cohen, The Politics of Ethnic Survival: Germans in Prague,
1861–1914. Princeton, NY 1981; die Bibliographie von Jürgen Born / Diether Kry-
walski (Hgg.), Deutschsprachige Literatur aus Prag und den böhmischen Ländern
1900–1925. 3. Aufl. München u. a. 2000; Kurt Krolop / Hans Dieter Zimmermann
(Hgg.), Kafka und Prag. Berlin 1994; Maurice Godé u. a. (Hgg.), Allemands, Juifs et
Tchèques à Prague/Deutsche, Juden und Tschechen in Prag. 1890–1924. Montpellier
1996; Scott Spector, Prague Territories. National Conflict and Cultural Innovation in

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Studien zu Kafka 357

gerade mal sieben Zeilen (S. 87), zu den anderen literarischen Gruppie-
rungen in Prag nichts.
Für Studenten in der Prüfungsvorbereitung, ein Härtetest für solche
Handbücher, könnte ich dieses Handbuch insgesamt nur mit starken
Einschränkungen empfehlen.
Hingegen ist nicht nur solchen Studenten das Handbuch von Engel
und Auerochs nachdrücklich zu empfehlen, auch wenn, die einzige
Einschränkung, ein Kapitel zur Rezeptionsgeschichte Kafkas fehlt.
(Die Bibliographie enthält jedoch S. 545ff. umfangreiche Forschungs-
titel zur Rezeption.) Die Erklärung der Herausgeber, man habe darauf
verzichtet, weil die multimediale Wirkungsgeschichte Kafkas „einfach
zu umfassend“ (S. XV) sei, überzeugt nicht, denn mit diesem Argu-
ment könnte man auf das gesamte Handbuch verzichten. Sonst erfüllt
das Handbuch die Erwartungen an ein Handbuch – mit wenigen Aus-
nahmen – vorbildlich. Es ist in vier Abteilungen gegliedert: „Leben
und Persönlichkeit“, „Einflüsse und Kontakte“, „Dichtungen und
Schriften“, „Themen, Strukturen, Schreibweisen“. Der „Anhang“ ent-
hält die Auflistung der Werkausgaben, einen Überblick über die Edi-
tionsgeschichte, eine Auflistung der Biographien, Bildbände und Le-
benszeugnisse, sehr nützliche Hinweise auf Hilfsmittel der Forschung
einschließlich der Internet-Mittel, ein Verzeichnis der Siglen und Ab-
kürzungen sowie ein übersichtliches, umfangreiches Literaturverzeich-
nis, gefolgt von einem Register der Personen und der Werke Kafkas.
Die einzelnen Artikel zu den Werken orientieren sich sinnvoll an ei-
nem Schema von vier Teilen: Am Anfang stehen Basisinformationen
zur Entstehung und Veröffentlichung, dann folgt eine Textbeschrei-
bung, danach ein Forschungsüberblick und schließlich ein Deutungs-
versuch des Artikelautors. Sie informieren nicht nur insgesamt diffe-
renziert, abgewogen, sachlich luzide über den Stand der Forschung,
sie entwerfen häufig auch originelle, weiterführende und grundlegende
Deutungsperspektiven. Eine Ausnahme bildet der Artikel „Figuren-
konstellationen: Väter/Söhne – Alter Egos – Frauen und das Weibli-
che“ von Elizabeth Boa, der nur eigene (bedenkenswerte, aber einseiti-

Franz Kafka’s Fin de Siècle. Berkeley – Los Angeles – London 2000; Klaas-Hinrich
Ehlers u. a. (Hgg.), Brücken nach Prag. Deutschsprachige Literatur im kulturellen
Kontext der Donaumonarchie und der Tschechoslowakei. Festschrift für Kurt Krolop
zum 70. Geburtstag. Frankfurt/M. – Berlin 2000; Walter Schmitz / Ludger Udolph
(Hgg.), „Tripolis Praga“. Die Prager ‚Moderne‘ um 1900. Katalogbuch. Dresden 2001;
Susanne Fritz, Die Entstehung des „Prager Texts“. Prager deutschsprachige Literatur
von 1895 bis 1934. Dresden 2005; Marek Nekula / Walter Koschmal (Hgg.), Juden
zwischen Deutschen und Tschechen. Sprachliche und kulturelle Identitäten in Böhmen.
München 2006; Marek Nekula u. a. (Hgg.), Franz Kafka im sprachnationalen Kontext
seiner Zeit. Sprache und nationale Identität in öffentlichen Institutionen der böh-
mischen Länder. Köln – Weimar – Wien 2007. Bis auf Nekula (2007) alle nicht in der
allgemeinen Bibliographie.

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358 Gerhard Kurz

ge) Deutungen mit einer (ebenfalls einseitigen) Bibliographie bietet.


Die vorzügliche Qualität dieses Handbuchs zeigt sich schon in den
beiden ersten Abschnitten, in der Darstellung von Leben und Persön-
lichkeit (Ekkehard W. Haring) und der Einflüsse und Kontakte. Hier
behandelt Dieter Lamping Kafkas Lektüren und diskutiert als Beispiel
für Kafkas produktive Rezeptionen Der Verschollene; Andreas B. Kil-
cher führt in den ‚Prager Kreis‘ und die deutsche Literatur in Prag zu
Kafkas Zeit ein. Er betont – zu Recht, anders Dirk Oschmann (S. 440)
– ihre Zuordnung zum Expressionismus. Ebenso differenziert behan-
delt Gerhard Lauer das Thema Judentum / Zionismus. Sein Fazit: „Ju-
dentum, Zionismus und das Ostjudentum sind daher ein, aber kein
zwingender Kontext für ein angemessenes Verständnis von Kafkas
Werk, noch gar das allein bestimmende“ (S. 56). Oschmann fasst Kaf-
kas Beschäftigung mit Philosophen (Pascal, Kierkegaard, Schopenhau-
er, Nietzsche, Franz Brentano) zusammen, Thomas Anz führt um-
sichtig in Kafkas Rezeption der Psychoanalyse ein, Carolin Duttlinger
in die Bedeutung von Film und Fotografie für die „Wahrnehmungs-
und Schreibweisen“ im Werk Kafkas. Die folgenden Artikel wahren
(fast) alle dieses Niveau.
Im nächsten Kapitel „Dichtungen und Schriften“ wird das Werk mit
guten Gründen in drei Phasen gegliedert: In ein frühes Werk bis Sep-
tember 1912 (von Beschreibung eines Kampfes bis Richard und Sa-
muel), ein mittleres Werk bis September 1917 (von Das Urteil bis
Beim Bau der chinesischen Mauer) und in ein Spätwerk (von den „Zü-
rauer Aphorismen“ bis Der Bau). Abgeschlossen wird dieses Kapitel
mit einer Darstellung von „Werkgruppen“: „Gedichte“, „Tagebü-
cher“, „Briefwerk“ und „Amtliche Schriften“. Von diesen insgesamt,
mit einer Ausnahme, vorzüglichen Artikeln möchte ich besonders die
Artikel von Bernard Dieterle („Der Gruftwächter, Kleine nachgelasse-
ne Schriften und Fragmente 2“), Manfred Engel („Der Verschollene,
Der Proceß“, „‚Zürauer Aphorismen‘, Kleine nachgelassene Schriften
und Fragmente 3“) und Nicolas Berg („Forschungen eines Hundes“)
hervorheben. Engels Darstellung des späten Werks in seinem Zusam-
menhang kann nun als grundlegend gelten. Seine Darstellung von Von
den Gleichnissen widerlegt die „dominierende Deutung des Textes als
‚metaparadigmatisches‘ Musterbeispiel für Kafkas Autoreflexivität“
(S. 363).
Einige wenige – zum Teil etwas mäkelnde – Anmerkungen: Die Ae-
roplane in Brescia (Ronald Perlwitz) sind auch als eine Allegorie von
Künstlern und artistischem Schreiben zu verstehen. Das Ende von
Das Urteil (Monika Ritzer) ist nicht so einfach, wie dargestellt, son-
dern höchst ambivalent. Die Aufzeichnung Über kleine Litteraturen
diskutiert Jutta Heinz umsichtig und kritisch („sachliche ‚Richtigkeit‘
oder ihre argumentative Stringenz sind im einzelnen zweifelhaft“,
S. 139f.). Die Fortsetzung: „ihr apologetischer Wert für den Verfasser

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Studien zu Kafka 359

ist demgegenüber relativ klar“ scheint darauf hinzudeuten, dass Kafka


damit seine eigene Literatur meint (diese Tendenz beziehungsweise
These auch S. 384, 429f.). Hier steht – im Blick auf Kafka – der Satz:
„Kafka stellt hier einen dezentralen und antihierarchischen Literatur-
begriff vor.“ Dies trifft, wie schon gesagt, auf Kafka nicht zu, wie auch
das Konzept der ‚Kleinen Literatur‘ nicht auf seine Literatur zutrifft
(vgl. dazu auch den Beitrag von Zimmermann im Handbuch von Ja-
gow und Jahraus, S. 165ff.). Kafka schrieb deutsch, nicht tschechisch
oder jiddisch, er verstand sich im Horizont der ‚großen‘ deutschen Li-
teratur und er verstand sich als auserwählter Autor, man denke zum
Beispiel an den Brief an Felice Bauer vom 1. November 1912 („Gibt es
also eine höhere Macht, die mich benützen will oder benützt, dann lie-
ge ich als ein zumindest deutlich ausgearbeitetes Instrument in ihrer
Hand“) oder an den Brief an Milena Jesenská vom 2. Juni 1920 („ein-
berufen zu dem großen welterlösenden Kampf“; vgl. auch S. 485) oder
an das Prosastück Nachts.18 Der Tod der Mutter Thereses in Der Ver-
schollene trägt nicht nur „Züge eines Selbstmords“ (S. 179), er ist,
wichtig für das Verständnis des Romans, ein Selbstmord! Zu Recht
kritisiert Engel entschieden die These, dass Kafkas Schreiben sein Te-
los im Schreiben selbst, nicht in einem Werk hat (vgl. S. 195). In Benno
Wagners Deutung von Beim Bau der chinesischen Mauer wird der
Text Kafkas mittels eines diskurstheoretischen Apparats und eines
Netzes vermeintlicher Referenztexte und Referenzereignisse, denen
Kafkas Text „präzise“ folge, fast zum Verschwinden gebracht
(S. 253fff.; vgl. dagegen die Ausführungen zu diesem Textkomplex
S. 505ff.). Zu Recht stellt Engel wiederum die Bedeutung der Zürauer
Aphorismen heraus: „Die Aphorismen sind eine weltanschauliche
Grundsatzreflexion Kafkas im Medium der Literatur – und wer sie
ernst nimmt, wird dies nicht ohne Folgen für seine Lektüre des Kafka-
schen Werkes (mindestens in seiner späten Phase) tun können“
(S. 287). Zum Brief an den Vater schreibt Daniel Weidner gut dekon-
struktivistisch: Es gibt „keinen Vater des ‚Brief‘, niemand, der ober-
halb des Textes angesiedelt ist und ihn beherrscht“ (S. 300). Doch, es
gibt den realen Verfasser dieses Briefes namens Franz Kafka und er
kalkulierte ihn advokatorisch. Ob er ihn „beherrscht“, ist eine andere
Frage. Auch hier wäre das Bild des realen Vaters differenzierter darzu-
stellen.19 Der Tod des Hungerkünstlers in Ein Hungerkünstler (Bernd
Auerochs) bedeutet nur auf den ersten Blick einen Abbruch (vgl.

18
Vgl. z.B. Malcolm Pasley, „Die Schrift ist unveränderlich …“. Essays zu Kafka.
Frankfurt/M. 1995, S. 85ff., 163ff., und den Aufsatz von Thomas Anz über die Heroi-
sierung der Autorrolle bei Kafka im unten besprochenen Sammelband Franz Kafka.
Visionär der Moderne.
19
Vgl. Koch, Franz Kafka und Dieter Zimmermann, Kafka für Fortgeschrittene
(Anm. 10).

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360 Gerhard Kurz

S. 320) des Hungerns. Er bedeutet dessen eigentliche Vollendung. Bei


Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse wird die Figur des Er-
zählers unterbestimmt. Sie ist mindestens ebenso wichtig wie die Figur
der Josefine. In den Ausführungen zu Der Bau (Vivian Liska) fehlt ein
Hinweis auf den wichtigen Aufsatz von Wolf Kittler zu einer Anre-
gungsquelle,20 bei Das Schweigen der Sirenen (Engel) werden die
grammatischen und semantischen Doppeldeutigkeiten zu wenig be-
rücksichtigt.
Vorzüglich auch die Artikel zu den „Werkgruppen“. Der Darstel-
lung der „Amtlichen Schriften“ kommt zu Gute, dass Wagner hier sei-
nen Foucault-Furor – „präzise“ bringe Kafka Canetti und Foucault
machtanalytisch „zur Deckung“ (S. 408) – etwas diszipliniert. Was ist
genau mit dem ebenso modischen wie in seiner diskursanalytisch-kon-
struktivistischen Verwendung fragwürdigen Begriff der „Poetik“ ge-
meint, wenn im Artikel zu den Tagebüchern von Kafkas „Poetik der
Familie“ geredet wird, die sich mit einer „Poetik der Körperlichkeit“
(S. 387) verbinde? Hier möchte ich besonders die Ausführungen von
Heinz zur Lyrik und von Haring zum „Briefwerk“ (ein treffend ge-
wählter Titel!) hervorheben.
Das systematisch sinnvoll abschließende Kapitel „Strukturen,
Schreibweisen, Themen“ enthält die Artikel: „Kafka lesen – Verste-
hensprobleme und Forschungsparadigmen“ (Engel), „Schaffenspro-
zess“ (Waldemar Fromm), „Kafka als Erzähler“ (Oschmann), „Kleine
Formen: Denkbilder, Parabeln, Aphorismen“ (Rüdiger Zymner), „Fi-
gurenkonstellationen: Väter/Söhne – Alter Egos – Frauen und das
Weibliche“ (Boa), „Zu Kafkas Kunst- und Literaturtheorie: Kunst und
Künstler im literarischen Werk“ (Engel), „Kafka und die moderne
Welt“ (Engel). Alles luzide informierende, die Anforderungen an ein
Handbuch, mit einer Ausnahme, wie erwähnt, vorbildlich erfüllende
Artikel! Gleichwohl werfen manche Ausführungen kritische Über-
legungen auf.
In seinem Artikel zu den „Verstehensproblemen“ schlägt Engel vor,
die Texte Kafkas nicht nach dem Modell absoluter Metaphorik, son-
dern nach dem Modell einer „absoluten Metonymie“ zu „lesen“
(S. 414).21 Was ist damit gewonnen, zumal diese Begriffe hochproble-
matisch sind? Eine absolute Metapher – hinter der Einführung dieses
Begriffs stand ein verkürztes Verständnis von Metaphern – ist keine
mehr, eine absolute Metonymie auch keine Metonymie mehr. Sinnvol-

20
Wolf Kittler, „Grabenkrieg – Nervenkrieg – Medienkrieg. Franz Kafka und der
1. Weltkrieg“. In: Jochen Hörisch / Michael Wetzel (Hgg.), Armaturen der Sinne. Li-
terarische und technische Medien 1870 bis 1920. München 1990, S. 289–309.
21
Zur Problematik der gängigen Ersetzung des Begriffs der Interpretation durch
den des Lesens vgl. Simone Winko, „Lektüre oder Interpretation“. In: Mitteilungen
des Deutschen Germanistenverbandes 49,2 (2002), S. 128–141.

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Studien zu Kafka 361

ler erscheint es, nicht ein Modell zum hermeneutischen Leitmodell zu


erheben, sondern die verschiedenen Textverfahren Kafkas wie Meta-
phorisierungen, Symbolisierungen, Parabolisierungen, Allegorisierun-
gen, die Rekurrenz von Metaphern, Motiven und Figuren, eine (fast)
‚einsinnige‘ (Friedrich Beißner) beziehungsweise (vgl. S. 424) perso-
nale Erzähltechnik, Anspielungen, Erzeugung einer gespaltenen Er-
zählstimme, die sich zum Beispiel in kaum merklichen Abweichungen,
Verschiebungen, Ambiguitäten und Mischausdrücken äußert, aufzu-
fächern. In Das Urteil folgt auf den Entschluss Georgs, den Vater in
seinen zukünftigen Haushalt mitzunehmen, der Satz: „Es schien ja
fast, wenn man genauer zusah, daß die Pflege, die dort dem Vater be-
reitet werden sollte, zu spät kommen könnte.“ In einer kleinen Ab-
weichung drängt sich in die Formulierung einer Befürchtung ein
Wunsch. Das „zusah“ anstelle von „hinsah“ artikuliert im Kontext
den untergründigen Wunsch, zu bewirken, was man befürchtet. Ein
wunderbares Beispiel für Kafkas Spiel mit Ambiguitäten und der ge-
spaltenen Erzählstimme ist der Anfang von Die Verwandlung! Erzähl-
verfahren Kafkas wie „Poetik der Reduktion“, ‚Einsinniges Erzählen‘
und ‚gleitendes Paradox‘ (nach Gerhard Neumann, gemeint sind damit
die Verfahren der Verschiebung und Abweichung) stellt Oschmann in
seinem Artikel heraus. Diese Verfahren wären noch zu differenzieren,
vor allem wäre hier auf die Technik der gespaltenen Erzählstimme ein-
zugehen. Die auf Fritz Mauthner zurückgehende These vom kargen
Prager Deutsch (vgl. S. 439) lässt sich nicht halten. Engel betont in sei-
nem Artikel gegen eine modische Ästhetik des absoluten Schreibens
völlig zu Recht, dass Kafka einem „Werkideal von geradezu klassi-
scher Rigorosität“ (S. 417) gefolgt ist. Ebenso zutreffend ist seine Kri-
tik an der „gegenwärtigen Konjunktur von Auto-Reflexivitätsdiagno-
sen an Kafkas Texten“ (S. 416; vgl. auch S. 483; dieser Konjunktur
verdankt es sich wohl auch, dass S. 431 der Vater in Das Urteil auch
als eine Figuration des „literarischen Übervater[s] Goethe“ verstanden
wird – hier wird diese Geschichte und Kafkas Poetik missverstanden).
Umsichtig werden von Engel auch die verschiedenen „Schulen“
(S. 411) der Kafka-Interpreten vorgestellt. Hier merkt er an, dass die
„religiösen/existentialistischen Interpretationen“ längst „Geschich-
te“(S. 422) geworden seien. Nicht so schnell mit solchen Urteilen! Wie
ist zum Beispiel die Passage aus Nachts zu verstehen: „Eine kleine
Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung daß sie in Häusern
schlafen, in festen Betten unter festem Dach ausgestreckt oder geduckt
auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie
sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später einmal in
wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Men-
schen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hin-
geworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das
Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend.“ Ist dies keine Aussage

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362 Gerhard Kurz

über die menschliche Existenz (vgl. dazu die Bemerkung zu Nachts


S. 497!)? Später redet Engel von der „anthropologische[n] Einsicht“
(S. 507) Kafkas, von der „Priorität der anthropologischen gegenüber
jeder denkbaren soziologischen Erklärungsebene“ (S. 511). Wiederum
zu Recht kritisiert Engel, dass „heute religiöse wie ethische Aspekte in
Kafkas Werk schandbar vernachlässigt werden“, obwohl sie „einfach
unübersehbar“ sind (S. 423). Übersehen werden solche Aspekte frei-
lich auch in diesem Handbuch, zum Beispiel in den Deutungen zu
Das Urteil und Die Verwandlung, zu Beim Bau der chinesischen Mauer
oder zu den Figurenkonstellationen. Keineswegs kann man von einer
„Randständigkeit Prags“ (S. 430) in der deutschsprachigen Literatur
sprechen. Instruktiv behandelt Zymner mit erhellenden Hinweisen
zu den Transfersignalen die kleinen Formen „Denkbilder, Parabeln,
Aphorismen“. Ich kann allerdings nicht sehen, warum der Gattungs-
begriff des Denkbilds dem von Kafka verwendeten, traditionsreichen
– auch theologisch traditionsreichen – Begriff der Betrachtung über-
legen sein soll (vgl. auch die Bemerkungen S. 112f.). Als Benutzer die-
ses Handbuchs hätte man sich gewünscht, dass dieser Artikel um die
Diskussion der Gattungsbegriffe Fabel, Legende, Geschichte (Unter-
titel von z.B. Das Urteil), Roman erweitert worden wäre. Nicht dis-
kutiert werden auch die für die Ausbildung der Kurzprosa Kafkas
wichtige Gattung des Prosagedichts und die feuilletonistische Kurz-
prosa. In den beiden abschließenden Artikeln behandelt Engel „Kaf-
kas Kunst- und Literaturtheorie: Kunst und Künstler im literarischen
Werk“ und „Kafka und die moderne Welt“. Er insistiert darauf, dass
Kafkas „Moderne-Kritik“ in „engstem Zusammenhang mit dem Phä-
nomen der Säkularisierung“ (S. 501) steht.
Das Literaturverzeichnis ist ebenfalls zu loben. Vermisst habe ich
nur Weniges, zum Beispiel die Monographie von Cohen,22 die Werk-
auswahl im Goldmann-Verlag (mit ausführlichen Stellenkommentaren
von Ewald Rösch) und im Reclam-Verlag (mit Kommentaren von Mi-
chael Müller). Um es zu wiederholen: Ein vorbildliches Handbuch.
Der Sammelband Franz Kafka im sprachnationalen Kontext seiner
Zeit enthält einige empirisch substanzielle Untersuchungen zur poli-
tisch brisanten „Sprachenfrage“ in Prag und in Böhmen zu Zeiten
Kafkas. Zu Recht verweisen die Herausgeber einleitend auf das merk-
würdige Gebilde „Odradek“ in Die Sorge des Hausvaters, das implizit
auch danach befragt wird, ob es tschechischen oder deutschen oder jü-
dischen Wesens ist (vgl. S. 11). Georges Lüdi entwirft einen instruk-
tiven Überblick über „Sprachverhalten, Sprachpolitik, Diskurs über
Sprache: Staatlichkeit in Europa zwischen dem einsprachigen Natio-
nalstaat und dem mehrsprachigen Vielvölkerstaat“. Andreas B. Kilcher

22
Vgl. Anm. 17.

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Studien zu Kafka 363

analysiert die „Sprachendiskurse im jüdischen Prag um 1900“. Marek


Nekula behandelt sowohl die Prager Topographie in der Wahrneh-
mung Kafkas als auch die „national discourses“ von Prag und dis-
kutiert dabei das Motiv des babylonischen Turms und die Erzählung
Beim Bau der chinesischen Mauer als literarischen Ausdruck der „divi-
sion along linguistic and national lines“ in Böhmen. Das Stadtwappen,
geschrieben 1920, artikuliere eine Sehnsucht nach Selbstzerstörung als
Ergebnis des sprachlichen Nationalismus, an dem die Tschechoslowa-
kei wie der Habsburger Staat untergehe (vgl. S. 96ff.). Auf Archiv-Ma-
terial der Anstalt gestützt untersucht unter dem Titel „Tschechisch
oder Deutsch? Auf dem Weg von Konkurrenz zu Dominanz. Zum
Einsatz von innerer und äußerer Amtssprache in der Arbeiter-Unfall-
Versicherungs-Anstalt im Prag der Kafka-Zeit (1908–1822)“ Simona
Švingrová die Sprachpolitik der Institution, in der Kafka 14 Jahre ar-
beitete und, hochgeschätzt, Karriere machte. Vor 1918 hatten die Be-
werber die Kenntnis beider Landessprachen offiziell nachzuweisen.
Nach 1918 hatten die deutschen Anstaltsbeamten eine Sprachprüfung
abzulegen, um ihre Kenntnisse der neuen Staatssprache (1920 offiziell)
zu belegen. Kafkas Kompetenz in der tschechischen Sprache galt als
„gut“, doch ließ er seine Briefe für die Anstalt nach 1918 von seiner
Schwester Ottla und ihrem Mann Josef David ins Tschechische über-
setzen beziehungsweise korrigieren (vgl. S. 137).23 Wegen seiner Loya-
lität gegenüber dem neuen Staat und seiner Sprachkenntnisse behielt
Kafka seine Stelle, hätte sogar befördert werden können. Da wir keine
Zeugnisse für eine explizite Zustimmung zur oder eine Ablehnung der
neuen tschechoslowakischen Republik haben und der Übergang of-
fenbar konfliktfrei war, wäre auch ein ‚böhmisches‘ Bewusstsein zu
bedenken.24 Nicht nur auf Grund dieser Untersuchung wäre das Fazit
von Kilchers Beitrag, demzufolge für Kafka eine „alle gesicherte Posi-
tionen irritierende Mehrsprachigkeit“ charakteristisch sei, die mit sei-
ner „Poetik des gleitenden Paradoxes“ korrespondiere (S. 83), sehr viel
vorsichtiger zu reformulieren. Kilcher postuliert für Kafkas „Sprach-
reflexion und -praxis“ einen „Zwischenraum“ (S. 83) zwischen Jid-
disch und Hebräisch, Deutsch und Tschechisch. Jedoch: Kafka hat
Deutsch geschrieben! „Das mehrsprachige Unterrichtswesen der Ver-
fassungszeit (1867–1918) und die sprachnationale Identität der Juden“

23
Vgl. zu Kafkas – nicht unbeschränkter – Beherrschung des Tschechischen Marek
Nekula, „Franz Kafka und die tschechische Sprache“. In: Ehlers u. a. (Hgg.), Brücken
nach Prag (Anm. 17), S. 243–292.
24
Vgl. zur Frage des „Bohemismus“ z.B. Christoph Stölzl, „Die ‚Burg‘ und die
Juden. T. G. Masaryk und sein Kreis im Spannungsfeld der jüdischen Frage: Assimila-
tion, Antisemitismus und Zionismus“. In: Karl Bosl (Hg.), Die ‚Burg‘ . Einflussreiche
politische Kräfte um Masaryk und Beneš. 2 Bde. München 1974, Bd. 2, S. 94. Vgl. dazu
allgemein: Martin Schulze Wessel (Hg.), Loyalitäten in der Tschechoslowakischen Re-
publik. München 2004.

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364 Gerhard Kurz

untersucht Hannelore Burger, Tilman Berger unter dem Titel „Böh-


misch oder Tschechisch?“ den „Streit über die adäquate Benennung
der Landessprache der böhmischen Länder zu Anfang des 20. Jahr-
hunderts“. Ein Ergebnis der Studie Ingrid Fleischmanns zu „Sprachen
an deutschen Prager Volksschulen“ ist der Aufweis einer komplexen
Entwicklung seit den 1880er Jahren „von einer zwar mehrheitlich
deutsch-, insgesamt aber gemischtsprachigen, überwiegend katho-
lischen Schülerschaft, die zu einem Großteil aus Prag stammt, hin zu
einer überwältigenden Mehrheit an ‚deutschen‘ Schülern, vor allem jü-
dischen Bekenntnisses, die zu größeren Teilen aus tschechischsprachi-
gen Gebieten nach Prag gezogen sind.“ Gegenüber diesem Anstieg
der jüdischen Bevölkerung unter den deutschsprachigen Einwohnern
Prags reagiert die „tschechische Seite mit sprachnational (antideutsch)
geprägtem Antisemitismus.“ Trotz der „sprachnationalen Polarisie-
rung“ (S. 191) kann sie jedoch auch feststellen, dass „das Deutsche
bei tschechischen Schülern respektive Eltern stark nachgefragt
wird“(S. 199). Auch Jiří Pešek stellt in seiner aufschlussreichen Unter-
suchung über „Jüdische Studenten an den Prager Universitäten 1882–
1939“ ein hohes Maß an Integration „oder gar Assimilierung“ der Pra-
ger jüdischen Gemeinde an das deutsche Prag heraus, so dass die
„tschechischen Antisemiten jener Zeit kaum einen Unterschied zwi-
schen den Prager Juden und Deutschen machten“ (S. 216; Pešek bestä-
tigt damit die Ergebnisse der grundlegenden Untersuchung von Co-
hen25). Daher ist Nekulas These: „The Jews were sinking between the
Scylla and Charybdis of German and Czech nationalism“ (S. 103)
nicht zutreffend. Die Sprachenfrage wird auch verfolgt von Tara Zah-
ra („Bilingualism and the Nationalist ‚Kampf um Kinder‘ in the Bohe-
mian Lands, 1900–1938“) und von Mirek Nĕmec („Von der Einspra-
chigkeit zum Bilingualismus? Das Mittelschulwesen und die
Sprachenfrage in den böhmischen Ländern der Zwischenkriegszeit“).
Aus diesen auch für die Kafka-Forschung wichtigen empirischen Studien zur
Sprach- und Identitätspolitik fallen die übrigen Beiträge heraus. Unter dem Titel
„Sprache, Medien und Kritik“ behandelt Friedrich Schmidt „Kafkas Sprachskepsis im
Kontext ihrer Zeit“, ohne der – differenzierteren, nur selektiv rezipierten Forschung –
Neues hinzuzufügen. Kafkas Werk erfülle wie kein anderes das, was „Derrida als ‚dis-
sémination‘ beschrieb“ (S. 31, Anm. 1). Kafkas Sprachreflexion ist komplizierter. Die
Metapher aus Beschreibung eines Kampfes von der „Seekrankheit auf festem Lande“
bedeutet nicht einfach ‚Seekrankheit‘ (vgl. S. 42), sondern ‚Seekrankheit auf festem
Lande‘! Benno Wagner – der, wie ich fürchte, sich von mir schon verfolgt fühlen muss
– geht („‚Sprechen kann man mit den Nomaden nicht‘. Sprache, Gesetz und Verwal-
tung bei Otto Bauer und Franz Kafka“) davon aus, wenn ich den heftig foucaultisie-
renden Jargon richtig verstanden habe, dass Kafkas Texte eine ‚nomadische‘ Text-„Ver-
waltung“ (S. 125) aller möglichen Texte und Medien seiner Zeit darstellen, und
behauptet, dass zum Beispiel Otto Bauers berühmte Abhandlung Die Nationalitäten-

25
Vgl. Anm. 17.

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Studien zu Kafka 365

frage und die Sozialdemokratie von 1907 ein Referenztext von Beim Bau der chinesi-
schen Mauer, Ein altes Blatt und vor allem für Ein Bericht für eine Akademie bildet,
wobei sich „für nahezu jedes Detail der Kafka-Geschichte ein ‚Motiv‘ bei Bauer“ nach-
weisen lasse (S. 120). Zum Schluss schreibt Wagner, dass in Kafkas „Textgalaxie“ die
Bedeutung weder auf der „Seite der Form noch des Inhalts“ steht, „sie fungiert ledig-
lich als Medium einer komplexen, aber keinesfalls regellosen intertextuellen bzw. inter-
medialen Verwaltung von Welt“ (S. 125).
Der Sammelband Franz Kafka. Visionär der Moderne geht auf ein
Kolloquium der Stiftung Genshagen 2006 zurück. Anke Bennholdt-
Thomsen behandelt mit vielen sensiblen Beobachtungen unter dem Ti-
tel „Schreiben statt Leben. Zu Kafkas Tagebüchern“ die „Aufzeich-
nung des Lebens in den Tagebüchern“ (S. 26) und stellt heraus, dass
„Kafkas Tagebücher Selbstzeugnis-Charakter nur aufweisen im
Dienste der übergeordneten Prinzipien: Ausdruck und Darstellung“
(S. 27f.). Josef Čermák geht der Bedeutung der Topographie Prags für
Kafkas Verhältnis zu dieser Stadt nach. Seine These, dass Kafka „unter
die seltenen Vermittler zwischen tschechischer und deutscher Kultur
einzureihen ist“, lässt sich schwerlich halten.26 Danach folgen in-
formative Beiträge zur tschechischen (Alice Stašková), französischen
(Hélène Cusa, Hedwig Cambreleng) und zur polnischen (Adam Krze-
miński) Rezeption Kafkas. Bernd Neumann will in seinem Beitrag den
Anfang des Romans Der Verschollene, das Verhältnis Karl Rossmans
zum Heizer, als „Bild“ der jüdischen Assimilation in Prag, nämlich als
„Bündnis mit den Deutschen gegen die anderen Nationalitäten des
Vielvölkerstaates“ (S. 95), ‚entschlüsseln‘ (S. 94). Die Bürgel-Episode
im Schloß-Roman versteht er als Allegorie der gescheiterten Assimila-
tionshoffnungen. In Bürgel will er eine Figuration von Hans Blüher
erkennen, dessen Secessio Judaica. Philosophische Grundlegung der
historischen Situation des Judentums und des Antisemitismus, 1922 er-
schienen, Kafka intensiv beschäftigte. Wie kommt man von K.’s
Traum, in dem ein Sekretär wie ein griechischer Gott erscheint, auf
Blüher? Über die Homoerotik und die Namenassonanz? Peter-André
Alt untersucht danach Kafkas künstlerische „Selbstmodellierung in
den Erzählungen“ am Beispiel der frühen Prosa und der Prosastücke
Ein Traum, Der Kübelreiter, Erstes Leid und Ein Hungerkünstler. Sein
Fazit: Die schriftstellerische Arbeit werde das, „was bereits Kafkas
erste Erzählung ist: Beschreibung eines Kampfes“ (S. 122). Unter dem
Titel „‚Mein Vater ist immer noch ein Riese‘“ legt Stefanie Rinke einen
„Versuch einer psychoanalytischen Sicht auf Kafka“ vor. Sie konzen-
triert sich auf Das Urteil und interpretiert mit Lacan den Vollzug des
Todesurteils aus der Unfähigkeit des Sohnes, ein „Subjekt der sym-
bolischen Ordnung“ (S. 131) zu werden. Auch hier wird übersehen,

26
Vgl. Zimmermann, „Kafkas Prag und die Kleinen Literaturen“. In: von Jagow /
Jahraus (Hgg.), Kafka-Handbuch, S. 174ff. und Anm. 23.

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366 Gerhard Kurz

dass auch die Ordnung des Vaters niederstürzt. Hingegen übersieht


sie nicht die Passage, in der die Bedienerin angesichts des die Treppe
hinunterjagenden Georg „Jesus!“ ruft und ihr Gesicht mit der Schürze
bedeckt. Georg opfere sich ebenfalls, ihr Gesicht bedecke sie, „wie
Moses es tat, als er Gottes Angesicht gesehen hatte“(S. 133; aber: Wel-
ches scharfe Licht wirft der Tod dieses „Jesus“ auf den Opfertod von
Jesus?27). Kafkas „Helden der Moderne“ geht Thomas Anz in einem
erhellenden Beitrag nach. Er konstatiert eine „Entheroisierung“
(S. 142) der Protagonisten Kafkas, gleichzeitig eine Heroisierung der
Autorrolle, einen Machtanspruch des Autors Kafka als moderner
„Autor-Held“. „Als Autor nimmt Kafka selbst diese Position der un-
durchschaubaren, unzugänglichen Autorität ein. Die um die Auf-
lösung der Rätselhaftigkeit bemühten Leser befinden sich ihm gegen-
über in der Position von ewigen Söhnen oder Töchtern, die sich der
Autorität seiner Texte nur annähern können“ (S. 154, 153; Janouch,
vgl. S. 141, sollte man nicht mehr zitieren). Den Abschluss des sehr an-
regenden Bandes bildet ein erhellendes, sympathisches Interview Ma-
rie Haller-Nevermanns mit der Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff,
die bekennt, von Kafka immer wieder gefesselt zu werden: „Fasziniert
bin ich gewiss von der unaufhörlichen Gottsucherei, die aber im Klei-
nen, im Verschrobenen oder im Zusammenhang mit merkwürdigen
Machtfiguren betrieben wird. Dann verblüfft mich, selbst bei wieder-
holtem Lesen, welche Wendungen Kafkas Sätze nehmen, wie da ein
Wechsel der Tonart, das Abändern von Gefühlen sich vollzieht, mitten
im Satz“ (S. 155).
Der Untertitel von Neumanns voluminöser Biographie Gesell-
schaftskrieger müsste eigentlich heißen „Assimilationskrieger“
(S. 484), denn sie behandelt Kafka als Krieger im „Assimilations-
kampf“ (S. 579; vgl. S. 527: „Assimilationsstreiter“) um einen „Assimi-
lations- und Sprachraum innerhalb einer deutsch dominierten Donau-
monarchie“ (S. 367).28 Seine Biographie versteht Neumann als ein
„Geburtstagspräsent“ (zum 125. Geburtstag): „Er wird wieder als der,
dem es stringent um die Assimilation ging, darin ein österreichischer
Beamter und Jurist zugleich, auf seine eigentlich mental-soziale Be-
findlichkeit als ein Prager Bürger österreichischer Staatsbürgerschaft
zurückbezogen“ (S. 16). Dieser Assimilationskampf beziehe seine In-
tensität aus dem „Sprachenstreit“, den „Rassen- und Nationalitäten-
spannungen, wie sie als teilweise latente den sozialen Ort Prag zu
Kafkas Zeiten ausmachten“ (S. 154), und der „Weltkatastrophe“ (S. 15)

27
Vgl. Ritchie Robertson, „Kafka as Anti-Christian. Das Urteil, Die Verwandlung
and the Aphorisms“. In: James Rolleston (Hg.), A Companion to the Works of Franz
Kafka (Anm. 1), S. 101–122.
28
Vgl. schon Bernd Neumann, Franz Kafka: Aporien der Assimilation. Eine Rekon-
struktion seines Romanwerks. München 2007.

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Studien zu Kafka 367

des Ersten Weltkriegs.29 Mit vor allem Hartmut Binders Kommenta-


ren als Gewährstexten und der erkenntnisleitenden New Historicism-
Metapher der „sozialen Energie“ sucht Neumann, Kafkas Leben und
Werk „in biographischem Erzählen“ (S. 16) zu rekonstruieren. Dabei
wird das Werk als literarisch verschlüsselter Ausdruck des eigenen Le-
bens verstanden. So schreibt er etwa, ein Beispiel für viele: „Die im
gleichen Herbst 1920 entstandene Kafkasche Erzählung von der Trup-
penaushebung reflektiert noch einmal ihres Autors ungebrochenen
Wunsch, Soldat zu werden, der aber jetzt schon nicht mehr mit wirk-
licher Hoffnung erfüllt scheint“ (S. 571). Diesen Ausdruck behandelt
Neumann als große Allegorie eines Kampfes um Assimilation.
Findet Neumann in Der Verschollene noch einen „strahlende[n] As-
similationsheld[en] Karl“ (S. 413), verdüstere sich danach im Werk zu-
nehmend die Assimilationsaussicht. Spätestens seit dem Herbst 1912
habe Kafka unter der „anwachsenden panischen Furcht vor dem Ver-
lust des Assimilationsraumes Donaumonarchie“ (S. 400) gestanden.
Das Ende des Jahres 1916 mit dem Friedensangebot der Mittelmächte
interpretiert Neumann als eine Wende. Das Bewusstsein, dass der
Krieg verloren sei, damit die „Assimilationsheimat“ (S. 521) abhanden
komme, habe neue poetische Impulse freigesetzt, einen „Produktions-
rausch“, in dem der Schriftsteller Kafka erst „zu sich selbst gebracht“
(S. 530) worden und zu einem „kalten Schreiben“ (S. 515) gekommen
sei. „Hat ihn zu dem gemacht, dem von nun an das Schreiben Weg
und Ziel zugleich darstellte; einerseits eine wahrhaft hoffnungslose Tä-
tigkeit, und paradoxerweise andererseits dennoch so heilig wie sonst
nur – das Beten“ (S. 530). Das Erzählfragment Der Jäger Gracchus, an
dem Kafka in dieser Zeit wieder zu arbeiten beginnt, deutet Neumann
nun als Kafkas „zentrale[] Lebenserzählung“ (S. 520), als Erzählung
vom „endgültig heimatlos werdenden Ahasver der Meere“ (S. 521; vgl.
auch S. 448: „in der Assimilationsmythe vom schweifenden Schwarz-
waldjäger eine geradezu Heideggersche Lebenserzählung“), Ein Be-
richt für eine Akademie als satirische „Selbstbiographie der westeuro-
päisch assimilierten Judenheit“ (S. 535).
Der Frage nach der Bedeutung der Assimilation in Kafkas Leben
und Werk ist die Forschung natürlich schon länger und immer wieder
nachgegangen.30 Doch als das eigentliche Lebens- und Werkthema
Kafkas ist die Frage der Assimilation, soweit ich sehe, zumal in den
Biographien Kafkas, noch nicht unterstellt worden. Auch nicht der
Ansatz, Kafka als einen k.u.k. Patrioten zu verstehen. So macht man

29
Die lange übersehene Bedeutung des Ersten Weltkriegs für Kafka hat Thomas
Anz herausgearbeitet, vgl. Thomas Anz, „Kafka, der Krieg und das größte Theater
der Welt“. In: Uwe Schneider / Andreas Schumann (Hgg.), Krieg der Geister. Erster
Weltkrieg und literarische Moderne. Würzburg 2000, S. 247–262.
30
Vgl. z.B. die Titel in Anm. 16.

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368 Gerhard Kurz

sich, trotz des modischen, abwegigen Titels, an die Lektüre mit Neu-
gierde, die jedoch schnell den Mühen einer Rezensentenpflicht weicht.
Sie beginnen mit der typographischen Technik, die das Zuordnen der
Zitate erschwert, und setzen sich fort mit den Zumutungen eines kum-
pelhaft-kitschigen Stils,31 den Phantasien einer biographie romancée
und einem durchgängigen Suggestionsverfahren. Da wir vieles nicht
wissen – wir wissen aber zum Beispiel, dass Kafka keineswegs vom
Dienst „suspendiert“ (S. 577) wurde –, vieles allenfalls vermuten kön-
nen, greift Neumann auf Passagen anderer Autoren zurück und gibt
an, dass es so oder anders gewesen sein könnte oder muss. So schreibt
er zum Beispiel: „Unter diesem Aspekt betrachtet, kann Franz Kafka
Dora Diamant so begegnet sein, wie, nahezu zeitgleich, der Thomas
Mannsche Zauberberg-Held Hans Castorp seiner famosen Clauwdia
Cauchat [sic!]“ – und dann folgt ein längeres Zitat aus dem Zauber-
berg (S. 28). Eine Seite später heißt es dann schon: „Für Kafka wie für
Castorp begründet gerade das durch die Krankheit vermittelte Gefühl
der unwiderruflich bemessenen Zeit den im Wortsinn fiebrigen
Wunsch nach Ewigkeit im Augenblick“ (S. 29). In der Figur des Fisch-
böck aus Werfels Roman Verdi. Roman einer Oper will er eine Figura-
tion Kafkas (S. 51ff.) als Neutöner und „Mann der Zukunft“ (S. 58) er-
kennen. Hier liest man zum Beispiel den Satz: „Weshalb Werfels
Venedig, wie es sich im Kopfe des lesenden Kafka konstituierte, seinen
besten, weil vollkommen lyrischen Ausdruck im Venediggedicht
Rilkes (auch er ja ein Prager!) findet“ (S. 59). Peinsam wird es, wenn
Neumann eine pornographische Passage aus der Autobiographie von
Raddatz zitiert, um dagegen Kafkas sexuelles „Debut“ als ‚unspek-
takulär‘ und „womöglich“ sogar als „geglückt“ abzugrenzen (S. 272).
Diesem Suggestionsverfahren dienen die ständigen Fragen, die in
Wahrheit keine sind, und Vermutungen, die später als Gewissheiten
ausgegeben werden. Ein Beispiel ist Neumanns Umgang mit Grete
Blochs Behauptung, sie habe 1914 einen Sohn von Kafka geboren, der
mit sieben Jahren gestorben sei. Zuerst heißt es „wohl sogar mit der
Folge eines Kindes“ (S. 22; wir „wissen nicht mit letzter Gewissheit“,
S. 452). Dann: „Denn es existiert kein Dokument oder Argument, das
einen hindern könnte, in Grete die Mutter von Kafkas Sohn zu er-

31
„[E]rotische Kernfusion vor der sonnenstrahlenden Ostseekulisse“; „Der Prager
war grau geworden in den letzten Monaten“; „Annäherung zwischen Franz und Mi-
lena“; „Milena als Liebescoach im Wienerwald“; „Nebel allüberall“; „So war es,
Franz“; „Kafkas emotionaler Erlebnispalette“; „erotisches Filetstück seiner Erzäh-
lung“; „unverzüglich koitusbereiten Russin“; „Und es waren dennoch Tage im Licht
gewesen, in denen zwei exemplarisch großäugige, von ihrem dunklen Teint her beson-
ders ausgezeichnete Menschen in heftigster und sinnlichster Liebe zu einander ent-
brannten“; „Auf solche Weise ‚verfrühstückt‘ hat Franz Kafka im Sommer 1908 die
‚Modistin‘ und Weinkellnerin Juliane ‚Hansi‘ Szokoll“; die unglückliche Liebe zur pe-
dantischen Partikel „qua“. Lektor, wo bist du geblieben?

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Studien zu Kafka 369

blicken, darin ganz in Übereinstimmung mit Max Brod, dem Frauen-


kenner“(S. 471). S. 608 ist es endgültig gewiß: Über den Tod des Kna-
ben heißt es: „[D]er Knabe, den Kafka gezeugt hatte und dessen Heran-
wachsen im Leib der Mutter die Trennung von Felice mit bewirkt
haben mag, kann damals hinübergegangen sein wie folgt.“ Und dann
zitiert Neumann eine Passage aus Kafkas Ein Traum. Bei seinen gewalt-
samen biographischen Verkürzungen liest Neumann oft auch ungenau,
was zu bizarren Überlegungen führt. Obwohl er zum Beispiel Deleuze
/ Guattari eigentlich kritisch behandelt, verwendet er (vielleicht auch
für den Titel) ihre Thesen, wo sie ihm passen. Er fabuliert von der „Ras-
senjustiz“ des Gerichts in Der Proceß und redet ihnen nach, dass die
Gesetze in einem „Pornoheft“ stünden (S. 487f.). Um Pornographie
geht es nur einem flüchtigen Blick. So gibt diese Biographie auf ihre be-
denkenswerte Ausgangsfrage keine überzeugende Antwort.
Louis Begleys „biographischer Essay“32 ist eine Art popularisieren-
de Einführung in Kafkas Leben und Werk nicht nur für amerikanische
Leser. Neue Erkenntnisse muss man von diesem Buch nicht erwarten,
die Ausführungen zum Werk, zumal zu den Romanen, vereinfachen
sehr. Es ist auch nicht frei von Irrtümern, zum Beispiel über das, seit
Mauthner kolportierte, angeblich „arme“ Prager Deutsch (S. 106); es
stimmt nicht, dass das Prager kulturelle Milieu „wenig weltoffen“
(S. 82) war; aus dem Nichtvorkommen von Autoren oder Werken in
den Tagebüchern und Briefen kann man nicht schließen, dass Kafka
sie nicht kannte (S. 82ff.); den Vornamen von Kafkas Vater, Herrmann
oder Hermann, der die tschechische Schreibweise je nach den Verhält-
nissen annahm, schreibt er tschechisch, also Heřman; oder Klischees:
„Die Klaustrophobie der Welt, die er in seinen Romanen schildert,
spiegelt seine Welt“ (S. 84). Janouchs Erinnerungen nimmt er noch für
bare Münze. Doch hat der flüssig geschriebene (d.h. auch gut über-
setzte) Essay seine starken Seiten, welche ihn interessant machen. Da-
zu zählt eine nüchterne Urteilskraft, die bei aller Bewunderung für
den „Meister deutscher Prosa“ (S. 109) keine Sakralisierung Kafkas be-
treibt. So urteilt Begley differenziert über Kafkas „oft nicht klarsichti-
ge“ (S. 111) Bewunderung für das Ostjudentum, hält Grete Blochs
Geschichte, sie habe 1914 einen Sohn Kafkas geboren, der im Alter
von sieben Jahren gestorben sei, mit Gründen für „vollkommen un-
glaubwürdig“ (S. 157), und scheut sich auch nicht, über einen Brief
Kafkas an Grete Bloch zu schreiben: „Hier zeigt sich Kafka von seiner
schlechtesten Seite; er verstößt gegen alle Regeln des guten Benehmens
und vergißt in seiner Geschwätzigkeit die Loyalität gegenüber Felice“
(S. 160). Am stärksten ist der Essay an jenen Stellen, wo Begley aus

32
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel: The Tremendous World I
Have Inside My Head. Franz Kafka: A Biographical Essay.

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370 Barbara Wiedemann

der Schriftstellerwerkstatt über Kafka redet. Da findet er triftige


Gründe, warum Kafka die Arbeit in der Versicherungsanstalt nicht
aufgibt („[D]as Risiko, den ganzen Tag lang auf ein leeres Blatt Papier
zu starren, hätte er womöglich nicht ertragen können. […] Kafka
konnte der Versicherungs-Anstalt und den Lebensumständen in der
Wohnung seiner Eltern die Schuld an den langen Phasen seiner
Schreibunfähigkeit geben: ein Schutz, der ihm erlaubte, sich etwas von
seiner Selbstachtung zu erhalten“ [S. 73]) und gibt zu bedenken: „Wer
Geschichten erfindet, denkt beim Schreiben sehr selten, vielleicht so-
gar nie nur an eine Erfahrung, nur an ein Konzept, nur an eine Person
oder Personengruppe, selbst wenn er einen Schlüsselroman verfaßt –
und Kafka hat nie einen Schlüsselroman geschrieben“ (S. 246). Das
Buch endet mit dem Satz: „Kafka trieb Der Verschollene und Das
Schloß so weit voran wie er konnte, und gab sich dann geschlagen“
(S. 314).
Universität Gießen Gerhard Kurz
Institut für Germanistik
Otto-Behaghel-Straße 10
D-35394 Gießen
gerhard.kurz@germanistik.uni-giessen.de

Charlotte Ryland, Paul Celan’s Encounters with Surrealism. Trauma, Translation and
Shared Poetic Space. Modern Humanities Research Association and Maney Publi-
shing, London 2010. 206 S., £ 45,–.

Eine differenzierte Untersuchung von Celans Auseinandersetzung mit dem Surrealis-


mus auf der Basis der neueren Celan-Forschung, die Editionen eingeschlossen, fehlt
bisher. Rexheusers und Pretzers Arbeiten kamen deutlich zu früh; dies gilt auch für die
Leipziger Dissertation von Guţu, deren politischer Kontext eine ausgewogene Beurtei-
lung des Surrealismus zudem schwierig machte, und meine eigene frühe Arbeit. Die
Bibliothek etwa stand noch nicht zur Verfügung, der Nachlass war noch nicht öffent-
lich zugänglich. Aber auch Kohler-Luginbühl und Könneker1 lagen für diesen Bereich
wichtige biographische Forschungen noch nicht vor: Die Ausstellung Fremde Nähe.

1
Adelheid Rexheuer, Sinnsuche und Zeichen-Setzung in der Lyrik des frühen Ce-
lan. Linguistische und literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu dem Gedichtband
,Mohn und Gedächtnis‘. Bonn 1974; Lieselotte Anne Pretzer, Geschichts- und sozial-
kritische Dimensionen in Paul Celans Werk. Eine Untersuchung unter besonderer Be-
rücksichtigung avantgardistisch-surrealistischer Aspekte. Bonn 1980; George Guţu,
Die rumänische Koordinate der Lyrik Paul Celans. Diss. Leipzig 1977, in überarbeite-
ter Form als Die Lyrik Paul Celans und der geistige Raum Rumäniens. Bukarest 1990.
Barbara Wiedemann-Wolf, Antschel Paul – Paul Celan. Studien zum Frühwerk. Tü-
bingen 1985; Dorothee Kohler-Luginbühl, Poetik im Lichte der Utopie. Bern 1986;
Sabine Könneker, „Sichtbares, Hörbares“. Die Beziehung zwischen Sprachkunst und
bildender Kunst am Beispiel Paul Celans. Bielefeld 1995.

DOI 10.1515/arbi.2011.088

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