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Text- und Gesprächslinguistik

Linguistics of Text and Conversation

HSK 16.1


Handbücher zur
Sprach- und Kommunikations-
wissenschaft
Handbooks of Linguistics
and Communication Science

Manuels de linguistique et
des sciences de communication

Mitbegründet von
Gerold Ungeheuer

Herausgegeben von / Edited by / Edités par


Armin Burkhardt
Hugo Steger
Herbert Ernst Wiegand

Band 16.1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2000
Text- und
Gesprächslinguistik
Linguistics of Text and
Conversation
Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung
An International Handbook of Contemporary Research

Herausgegeben von / Edited by


Klaus Brinker · Gerd Antos
Wolfgang Heinemann · Sven F. Sager
1. Halbband / Volume 1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2000

앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die
US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

Die Deutsche Bibliothek ⫺ CIP-Einheitsaufnahme

Text- und Gesprächslinguistik : ein internationales Handbuch zeitgenössi-


scher Forschung ⫽ Linguistics of text and conversation / hrsg. von Klaus
Brinker …. ⫺ Berlin ; New York : de Gruyter
(Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft ; Bd. 16)
Halbbd. 1. ⫺ (2000)
ISBN 3-11-013559-0

쑔 Copyright 2000 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin
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Printed in Germany
Satz: Arthur Collignon GmbH, Berlin
Druck: Hubert & Co, Göttingen
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Einbandgestaltung und Schutzumschlag: Rudolf Hübler, Berlin
Inhalt / Contents

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XVII
Preface . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXIII

1. Halbband: Textlinguistik
Volume 1: Text Linguistics

I. Forschungsphasen und Forschungsansätze


Research Phases and Research Approaches
1. Hartwig Kalverkämper, Vorläufer der Textlinguistik:
die Rhetorik
(Precursors of Text Linguistics: Rhetorics) . . . . . . . . . . . . ... 1
2. Willy Sanders, Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik
(Precursors of Text Linguistics: Stylistics) . . . . . . . . . . . . ... 17
3. Roland Harweg, Strukturalistische Linguistik und
Textanalyse
(Structural Linguistics and Text Analysis) . . . . . . . . . . . . ... 28
4. Hans-Werner Eroms, Der Beitrag der Prager Schule zur
Textlinguistik
(The Contribution of The Prague School to Text Linguistics) ... 36
5. Karl N. Renner, Die strukturalistische Erzähltextanalyse
(Structuralist Story Grammar) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 43
6. Wolfgang Heinemann, Das Isotopiekonzept
(The Concept of Isotopy) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 54
7. Erich Steiner, Der britische Kontextualismus
(British Contextualism) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 60
8. Helmuth Feilke, Die pragmatische Wende in der
Textlinguistik
(The Pragmatic Turn in Text Linguistics) . . . . . . . . . . . . . ... 64
9. Wolfdietrich Hartung, Kommunikationsorientierte und
handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze
(Communication Theory and Theory of Action Oriented
Approaches) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 83
10. Udo L. Figge, Die kognitive Wende in der Textlinguistik
(The Cognitive Turn in Text Linguistics) . . . . . . . . . . . . . ... 96
11. Gerd Antos, Ansätze zur Erforschung der Textproduktion
(Approaches to Research into Text Production) . . . . . . . . . ... 105
12. Ursula Christmann, Aspekte der Textverarbeitungsforschung
(Aspects of Research into Text Processing) . . . . . . . . . . . . ... 113
VI Inhalt / Contents

II. Forschungsregionen
Research Regions
13. Eva Schoenke, Textlinguistik im deutschsprachigen Raum
(Text Linguistics in the German-Speaking World) . . . . . . . ... 123
14. Wolfgang Thiele, Textlinguistik im englischsprachigen Raum
(Text Linguistics in the English-Speaking World) . . . . . . . . ... 132
15. Nils Erik Enkvist, Text Linguistics in the Nordic Countries
(Textlinguistik in den nordischen Ländern) . . . . . . . . . . . . ... 140
16. Marie-Hélène Pérennec, Textlinguistik im romanischen
Sprachraum
(Text Linguistics in the Area of the Romance Languages) . . ... 145
17. Jan Mazur, Textlinguistik im slawischen Sprachraum
(Text Linguistics in the Area of the Slavic Languages) . . . . ... 153

III. Methoden
Methods
18. Klaus Brinker, Textstrukturanalyse (Text Structure Analysis) . . . 164
19. Klaus Brinker, Textfunktionale Analyse
(Functional Text Analysis) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
20. Maximilian Scherner, Kognitionswissenschaftliche Methoden in
der Textanalyse
(Cognitive Methods in the Analysis of Text) . . . . . . . . . . . . . . 186
21. Ulrich Schmitz, Statistische Methoden in der Textlinguistik
(Statistical Methods in Text Linguistics) . . . . . . . . . . . . . . . . 196
22. Gunter Martens, Methoden der Textkritik und Textedition
(Methods of Text Criticism and Text Editing) . . . . . . . . . . . . . 201
23. Gerhard Kurz, Methoden der Textinterpretation in
literaturwissenschaftlicher Perspektive
(Methods of Text Interpretation from a Literary Studies
Perspective) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
24. Jürgen Kriz, Inhaltsanalyse (Content Analysis) . . . . . . . . . . . . 220

IV. Textkonstitution I: Voraussetzungen


Text Constitution I: Prerequisites
25. Wolfgang Heydrich, Logisch-semantische Voraussetzungen:
Wahrheitsbedingungen und Kontextveränderung
(Logical-Semantic Prerequisites: Truth Conditions and Context
Change) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
26. Michael Grabski/Hannes Rieser, Situative Voraussetzungen:
Text und Situation
(Situative Prerequisites: Text and Situation) . . . . . . . . . . . . . . 235
27. Annelies Häcki Buhofer, Mediale Voraussetzungen:
Bedingungen von Schriftlichkeit allgemein
(Medial Prerequisites: Conditions of the Written in General) . . . . 251
Inhalt / Contents VII

28. Hans Strohner, Kognitive Voraussetzungen:


Wissenssysteme ⫺ Wissensstrukturen ⫺ Gedächtnis
(Cognitive Prerequisites: Knowledge-System ⫺ Knowledge-
Structure ⫺ Memory) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261

V. Textkonstitution II: Grammatische Aspekte


Text Constitution II: Grammatical Aspects
29. Gert Rickheit/Ulrich Schade, Kohärenz und Kohäsion
(Coherence and Cohesion) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
30. Angelika Redder, Textdeixis (Textual Deixis) . . . . . . . . . . . . . 283
31. Ludger Hoffmann, Anapher im Text (Textual Anaphora) . . . . . 295
32. Angelika Linke/Markus Nussbaumer, Rekurrenz (Recurrence) . . 305
33. Gisela Zifonun, Textkonstitutive Funktionen von Tempus,
Modus und Genus Verbi
(The Text-Constitutive Function of Tense, Mood and Genus
Verbi) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 315
34. Cathrine Fabricius-Hansen, Formen der Konnexion
(Forms of Connexion) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 331

VI. Textkonstitution III:


Thematische und pragmatische Aspekte
Text Constitution III:
Topical and Pragmatical Aspects
35. Ludger Hoffmann, Thema, Themenentfaltung, Makrostruktur
(Topic, Topic Development, Macro-Structure) . . . . . . . . . . . . . 344
36. Wolfgang Heinemann, Vertextungsmuster Deskription
(Textualisation Pattern Description) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356
37. Elisabeth Gülich/Heiko Hausendorf, Vertextungsmuster
Narration
(Textualisation Pattern Narration) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
38. Silke Jahr, Vertextungsmuster Explikation
(Textualisation Pattern Explication) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385
39. Ekkehard Eggs, Vertextungsmuster Argumentation: Logische
Grundlagen
(Textualisation Pattern Argumentation: Logical Foundations) . . . 397
40. Wolfgang Motsch, Handlungsstrukturen von Texten
(Illocutionary Structures of Texts) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414
41. Eckard Rolf, Textuelle Grundfunktionen
(Basic Textual Functions) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
42. Angelika Linke/Markus Nussbaumer, Konzepte des Impliziten:
Präsuppositionen und Implikaturen
(Concepts of the Implicit: Presuppositions and Implicatures) . . . . 435
43. Ulla Fix, Aspekte der Intertextualität
(Aspects of Intertextuality) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
VIII Inhalt / Contents

VII. Textkonstitution IV:


Textproduktion ⫺ Textgestaltung ⫺ Textrezeption
Text Constitution IV:
Textproduction ⫺ Textformation ⫺ Textreception
44. Arne Wrobel, Phasen und Verfahren der Produktion schriftlicher
Texte
(Phases and Methods of Production of Written Text) . . . . . . . . 458
45. Ulrich Püschel, Text und Stil (Text and Style) . . . . . . . . . . . . 473
46. Winfried Nöth, Der Zusammenhang von Text und Bild
(The Connection between Text and Image) . . . . . . . . . . . . . . . 489
47. Wolfgang Schnotz, Das Verstehen schriftlicher Texte als Prozeß
(The Comprehension of Written Text as a Process) . . . . . . . . . . 497

VIII. Typologisierung von Texten I: Kriterien


Text Typology I: Criteria
48. Wolfgang Heinemann, Textsorte ⫺ Textmuster ⫺ Texttyp
(Text Type ⫺ Text Pattern) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 507
49. Wolfgang Heinemann, Aspekte der Textsortendifferenzierung
(Aspects of the Differentiation of Text Types) . . . . . . . . . . . .. 523
50. Günter Dammann, Textsorten und literarische Gattungen
(Text Types and Literary Genres) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 546
51. Dieter Möhn, Textsorten und Wissenstransfer
(Text Types and the Transfer of Knowledge) . . . . . . . . . . . . .. 561
52. Norbert Gutenberg, Mündlich realisierte schriftkonstituierte
Textsorten
(Texts Constituted in a Written Form yet Realised in a Spoken
Form) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 574
53. Sven F. Sager, Hypertext und Hypermedia
(Hypertext and Hypermedia) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 587

IX. Typologisierung von Texten II:


Kommunikationsbereiche und ihre konstitutiven
Textsorten
Text Typology II:
Fields of Communication and Their Constitutive
Text Types
54. Margot Heinemann, Textsorten des Alltags
(Text Types in Everyday Use) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 604
55. Harald Burger, Textsorten in den Massenmedien
(Text Types in the Mass Media) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 614
56. Michael Becker-Mrotzek/Maximilian Scherner, Textsorten
der Verwaltung
(Text Types in Administration) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628
Inhalt / Contents IX

57. Markus Hundt, Textsorten des Bereichs Wirtschaft und Handel


(Text Types in the Fields of Economics and Commerce) . . . . . . . 642
58. Dietrich Busse, Textsorten des Bereichs Rechtswesen und Justiz
(Text Types in the Fields of Jurisprudence and the Legal System) 658
59. Franz Simmler, Textsorten des religiösen und kirchlichen
Bereichs
(Text Types in the Fields of Church and Religion) . . . . . . . . . . 676
60. Michael Becker-Mrotzek, Textsorten des Bereichs Schule
(Text Types in the Field of School) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 690
61. Margot Heinemann, Textsorten des Bereichs Hochschule und
Wissenschaft
(Text Types in the University and the Scientific Fields) . . . . . . . 702
62. Ingrid Wiese, Textsorten des Bereichs Medizin und Gesundheit
(Text Types in the Fields of Medicine and Health) . . . . . . . . . . 710
63. Franz Simmler, Textsorten im Bereich des Sports
(Text Types in the Field of Sports) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 718
64. Josef Klein, Textsorten im Bereich politischer Institutionen
(Text Types in the Field of Political Institutions) . . . . . . . . . . . 732
65. Gerhard Vigener, Textsorten des Militärwesens am Beispiel
der Dienstvorschrift
(Text Types in the Field of the Military, Illustrated by the
Example of Service Regulations) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 756

X. Textlinguistik und andere Disziplinen


Text Linguistics and Other Disciplines
66. Wolfgang U. Dressler, Textlinguistik und Semiotik
(Text Linguistics and Semiotics) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 762
67. Antonio Garcı́a-Berrio, Textlinguistik und Literaturwissenschaft
(Text Linguistics and Literary Studies) . . . . . . . . . . . . . . . . . 772
68. Geert Keil, Textlinguistik und Philosophie
(Text Linguistics and Philosophy) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 783
69. Harald Schweizer, Textlinguistik und Theologie
(Text Linguistics and Theology) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 790
70. Peter Blumenthal, Textlinguistik und Geschichtswissenschaft
(Text Linguistics and Historiography) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 797
71. Dietrich Busse, Textlinguistik und Rechtswissenschaft
(Text Linguistics and Jurisprudence) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 803
72. Susanne Günthner/Hubert Knoblauch, Textlinguistik und
Sozialwissenschaften
(Text Linguistics and the Social Sciences) . . . . . . . . . . . . . . . 811

XI. Anwendungsbereiche
Areas of Application
73. Jürgen Baurmann, Der Einfluß der Textlinguistik auf die
Muttersprachendidaktik
(The Influence of Text Linguistics on Native Language Didactics) 820
X Inhalt / Contents

74. Paul R. Portmann-Tselikas, Der Einfluß der Textlinguistik auf


die Fremdsprachendidaktik
(The Influence of Text Linguistics on Foreign Language
Didactics) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 830
75. Henrik Nikula, Der Einfluß der Textlinguistik auf Kontrastive
Linguistik und Übersetzungswissenschaft
(The Influence of Text Linguistics on Contrastive Linguistics and
on Theories of Translation) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 843
76. Annely Rothkegel, Der Einfluß der Textlinguistik auf die
Informatik
(The Influence of Text Linguistics on Information Science) . . . . . 847
77. Brigitte Endres-Niggemeyer, Der Einfluß der Textlinguistik auf
Bibliothekswissenschaft und Informationswesen
(The Influence of Text Linguistics on Library Studies and the
Information System) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 852
78. Bernd Ulrich Biere, Der Einfluß der Textlinguistik auf die
praktische Verständlichkeitsforschung
(The Influence of Text Linguistics on the Study of Practical
Comprehensibility) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 859
79. Jörg Hennig, Der Einfluß der Textlinguistik auf den
Journalismus
(The Influence of Text Linguistics on Journalism) . . . . . . . . . . 870
80. Albert Bremerich-Vos, Der Einfluß der Textlinguistik auf die
Ratgeberliteratur
(The Influence of Text Linguistics on Advice Literature) . . . . . . 877

2. Halbband: Gesprächslinguistik (Überblick über den


vorgesehenen Inhalt)
Volume 2: Conversation Linguistics (Preview of Contents)

XII. Forschungsphasen und Forschungsansätze


Research Phases and Research Approaches
81. Eckard Rolf/Jörg Hagemann, Die Bedeutung der
Sprechakttheorie für die Gesprächsforschung
(The Significance of Speech Act Theory for Conversation
Linguistics)
82. Johannes Schwitalla, Gesprochene-Sprache-Forschung und ihre
Entwicklung zu einer Gesprächsanalyse
(Spoken Language Research and Its Development into a
Linguistics of Conversation)
83. Ingwer Paul, Interaktionsforschung/Sozialpsychologie und ihre
Bedeutung für die Gesprächsanalyse
(Interactional Research/Social Psychology and Their Significance
for Conversation Linguistics)
Inhalt / Contents XI

84. John Heritage, Ethno-Sciences and Their Significance for


Conversation Linguistics
(Ethnowissenschaften und ihre Bedeutung für die
Gesprächsanalyse)
85. Jörg R. Bergmann, Das Konzept der Konversationsanalyse
(The Concept of Conversation Analysis)
86. Jochen Rehbein, Das Konzept der Diskursanalyse
(The Concept of Discourse Analysis)
87. Franz Hundsnurscher, Das Konzept der Dialoggrammatik
(The Concept of Dialogue Grammar)
88. Jacques Moeschler, The Geneva School (Die Genfer Schule)
89. Wolfgang Lörscher, Die Britische Schule (The British School)
90. Helmut Rehbock, Ansätze und Möglichkeiten einer historischen
Gesprächsforschung
(Approaches to and Possibilities of Historical Conversation
Linguistics)

XIII. Forschungsregionen
Research Regions
91. Heiko Hausendorf, Gesprächsanalyse im deutschsprachigen
Raum
(Conversation Linguistics in the German-Speaking World)
92. Eija Ventola, Discourse Studies in the English-Speaking
Countries
(Gesprächsanalyse in den englischsprachigen Ländern)
93. Luise Liefländer-Koistinen, Gesprächsanalyse im Bereich der
skandinavischen Sprachen
(Conversation Linguistics in the Region of the Scandinavian
Languages)
94. Catherine Kerbrat-Orecchioni, Gesprächslinguistik im Bereich
der romanischen Sprachen
(Conversation Linguistics in the Region of the Romance
Languages)
95. Zofia Bilut-Homplewicz, Gesprächsanalyse im slawischen
Sprachraum
(Conversation Linguistics in the Region of the Slavic Languages)

XIV. Methoden I: Erhebungsverfahren


Methods I: Survey Methods
96. Thomas Spranz-Fogasy/Arnulf Deppermann, Teilnehmende
Beobachtung in der Gesprächsanalyse
(Participant Analysis in Conversation Linguistics)
97. Josef Schu, Formen der Elizitation und das Problem der
Natürlichkeit von Gesprächen
(Forms of Elicitation and the Problem of the Naturalness of
Conversation)
XII Inhalt / Contents

98. Sven F. Sager, Formen und Probleme technischer


Dokumentation von Gesprächen
(Forms of and Problems in the Technical Documentation of
Conversation)
99. Thomas E. Murray, Ethical and Legal Considerations in the
Surreptitious Recording of Conversational Data
(Ethische und juristische Überlegungen bei der verdeckten
Aufnahme von Gesprächsmaterial)

XV. Methoden II: Transkription


Methods II: Transcription
100. Angelika Redder, Aufbau und Gestaltung von
Transkriptionssystemen
(The Construction and Arrangement of Transcription Systems)
101. Margret Selting, Probleme der Transkription verbalen und
paraverbalen/prosodischen Verhaltens
(Problems in the Transcription of Verbal and Para-Verbal/
Prosodic Behaviour)
102. Sven F. Sager, Probleme der Transkription nonverbalen
Verhaltens
(Problems in the Transcription of Non-Verbal Behaviour)

XVI. Methoden III: Analyse


Methods III: Analysis
103. Elisabeth Gülich, Zum Zusammenhang von alltagsweltlichen
und wissenschaftlichen „Methoden“
(On the Connection between Lay and Specialist “Methods”)
104. Caja Thimm, Methodische Probleme des Fremdverstehens
(Methodical Problems of Interpretation)
105. Dieter Metzing/Walther Kindt, Strukturbezogene Methoden
(Structurally-Related Methods)
106. Paul Drew, Process Methods (Prozessuale Methoden)

XVII. Gesprächskonstitution I: Voraussetzungen


The Constitution of Conversation I: Prerequisites
107. Gisela Klann-Delius, Bedingungen und Möglichkeiten verbaler
Kommunikation
(Conditions and Possibilities of Verbal Communication)
108. Peter Auer/Margret Selting, Der Beitrag der Prosodie zur
Gesprächsorganisation
(The Contribution of Prosody to Conversational Organization)
109. Sven F. Sager, Bedingungen und Möglichkeiten nonverbaler
Kommunikation
(Conditions and Possibilities of Non-Verbal Communication)
Inhalt / Contents XIII

110. Rüdiger Weingarten, Voraussetzungen und Formen technisch


realisierter Kommunikation
(Preconditions and Forms of Technically Realised
Communication)
111. Arnulf Deppermann/Thomas Spranz-Fogasy, Aspekte und
Merkmale der Gesprächssituation
(Aspects and Characteristics of the Conversational Situation)
112. Frank Liedtke, Relevanz und Relevanzbereiche im Gespräch
(Relevance and Fields of Relevance in Conversation)
113. Hans Strohner/Roselore Brose, Die Rolle von Wissenssystemen
für die Gestaltung interaktiven Handelns
(The Role of Knowledge Systems for the Realisation of Interactive
Behaviour)
114. Walther Kindt, Konventionen, Regeln und Maximen in
Gesprächen
(Conventions, Rules and Maxims in Conversation)
115. Margot Heinemann, Handlungsintention und Handlungsplanung
in Gesprächen
(Intentions to Act and The Planning of Action in Conversation)
116. Klaus Müller, Probleme der Sinnkonstituierung in Gesprächen
(Problems of the Constitution of Meaning in Conversation)

XVIII. Gesprächskonstitution II: Strukturen


The Constitution of Conversation II: Structures
117. Rainer Rath, Gesprächsschritt und Höreraktivitäten
(Turns and Hearer Signals)
118. Helmut Gruber, Die Struktur von Gesprächssequenzen
(The Structure of Conversation Sequences)
119. Carmen Spiegel/Thomas Spranz-Fogasy, Aufbau und Abfolge
von Gesprächsphasen
(The Construction and Ordering of Conversation Phases)
120. Klaus Brinker/Jörg Hagemann, Gesprächssegmentierung nach
Themen und Themenprogression
(Conversation Segmentation on the Basis of Topics and Topic
Progression)
121. Iwar Werlen, Rituelle Muster in Gesprächen
(Ritual Patterns in Conversation)
122. Christiane von Stutterheim/Ute Kohlmann, Beschreiben im
Gespräch
(Description in Conversation)
123. Uta M. Quasthoff, Erzählen als interaktive Gesprächsstruktur
(Narration as an Interactive Conversation Structure)
124. Josef Klein, Erklären und Argumentieren als interaktive
Gesprächsstrukturen
(Explication and Argumentation as Interactive Conversation
Structures)
XIV Inhalt / Contents

XIX. Gesprächskonstitution III: Prozeduren


The Constitution of Conversation III: Procedures
125. Wolfram Bublitz, Formen der Verständnissicherung in
Gesprächen
(Forms of Checking for Mutual Comprehension in Conversation)
126. Thomas Kotschi, Formulierungspraxis als Mittel der
Gesprächsaufrechterhaltung
(Formulation Practice as a Medium of Conversation
Maintenance)
127. Martin Hartung, Formen der Adressiertheit der Rede
(Forms of Address in Talk)
128. Johannes Schwitalla, Beteiligungsrollen im Gespräch
(Participant Roles in Conversation)
129. Liisa Tiittula, Formen der Gesprächssteuerung
(Forms of Conversation Management)
130. Johannes Schwitalla, Konflikte und Verfahren ihrer
Bearbeitung
(Conflicts and Conflict Management)
131. Werner Holly, Beziehungsmanagement und Imagearbeit
(The Management of Relations and Face-Work)

XX. Gesprächskonstitution IV: Modalitäten


The Constitution of Conversation IV: Modalities
132. Anne Betten, Gesprächsstile (Conversation Styles)
133. Bruce Fraser, The Form and Function of Politeness in
Conversation
(Form und Funktion von Höflichkeit im Gespräch)
134. Reinhard Fiehler, Emotionalität im Gespräch
(Emotionality in Conversation)
135. Neal R. Norrick, Jokes and Joking in Conversation
(Witz und Scherz im Gespräch)
136. Bärbel Techtmeier, Form und Funktion von
Metakommunikation im Gespräch
(The Form and Function of Meta-Communication in
Conversation)

XXI. Gesprächstypologisierung I: Kriterien


Conversation Typology I: Criteria
137. Sven F. Sager, Gesprächssorte ⫺ Gesprächstyp ⫺ Gesprächs-
muster
(Conversation Type ⫺ Conversation Pattern)
138. Kirsten Adamzik, Aspekte der Gesprächstypologisierung
(Aspects of Conversation Typology)
Inhalt / Contents XV

XXII. Gesprächstypologisierung II: Kommunikationsbereiche


und ihre konstitutiven Gesprächstypen
Conversation Typology II: Fields of Communication
and Their Constitutive Conversational Types
139. Wilfried Schütte, Alltagsgespräche (Everyday Conversation)
140. Harald Burger, Gespräche in den Massenmedien
(Conversation in the Mass Media)
141. Michael Becker-Mrotzek, Gespräche in Ämtern und Behörden
(Conversation in the Public Authorities and Administration)
142. Gisela Brünner, Gespräche in der Wirtschaft
(Conversation in Economics and Commerce)
143. Ludger Hoffmann, Gespräche im Rechtswesen
(Conversation in Jurisprudence)
144. Iwar Werlen, Gespräche im kirchlichen Bereich
(Conversation in the Church and Church Institutions)
145. Wolfgang Sucharowski, Gespräche im schulischen Bereich
(Conversation in School)
146. Petra Löning, Gespräche in der Medizin
(Conversation in Medicine)
147. Josef Klein, Gespräche in politischen Institutionen
(Conversation in Political Institutions)

XXIII. Gesprächstypologisierung III: Sonderformen


Conversation Typology III: Special Forms
148. Wolfgang Hoeppner, Der Mensch-Maschine Dialog
(The Man-Machine Dialogue)
149. Ernest W. B. Hess-Lüttich/Gesine Lenore Schiewer, Literarische
Gesprächsformen
(Literary Forms of Conversation)
150. Jerzy Żmudski, Gespräche über einen Dolmetscher
(Conversation Mediated by an Interpreter)

XXIV. Gesprächsanalyse in anderen Disziplinen


Conversation Linguistics in Other Disciplines
151. Ernest W. B. Hess-Lüttich, Gesprächsanalyse in der
Literaturwissenschaft
(Conversation Linguistics in Literary Studies)
152. Brigitte Boothe, Gesprächsanalyse in der Psychologie
(Conversation Linguistics in Psychology)
153. Wolfgang Sucharowski, Gesprächsanalyse in der Pädagogik
(Conversation Linguistics in Pedagogics)
154. Graham Button, Conversation Linguistics in Sociology and
Cultural Anthropology
(Gesprächsanalyse in der Soziologie und Kulturanthropologie)
XVI Inhalt / Contents

XXV. Anwendungsbereiche
Fields of Application
155. Willis J. Edmondson, Conversational Analysis and Language
Teaching
(Gesprächsanalyse und Sprachunterricht)
156. Agnes Speck, Gesprächsanalyse und Therapieformen
(Conversation Linguistics and Forms of Therapy)
157. Reinhard Fiehler, Gesprächsforschung und
Kommunikationstraining
(Conversation Linguistics and Communication Training)
158. Werner Holly, Gesprächsanalyse und Verhörtechnik
(Conversation Linguistics, Police Interview Technique and Court
Examination/Cross Examination Technique)
159. Gerd Antos, Gesprächsanalyse und Ratgeberliteratur
(Conversation Linguistics and Advice Literature)

XXVI. Register
Indexes
Sachregister (Subject Index)
Namenregister (Index of Names)
Vorwort

Sprache und Kommunikation begegnen uns täglich in vielfältigen Formen. Das Alltags-
verständnis hat diese komplexe Vielfalt in die strenge Dichotomie von „geschriebener“
und „gesprochener Kommunikation“ aufgegliedert. Die Termini „Text“ und „Ge-
spräch“, die diese Dichotomie zum Ausdruck bringen, verweisen zunächst auf den me-
dialen Realisierungsmodus der Kommunikation, deuten aber darüber hinaus eine kate-
goriale Trennung an, die auch wissenschaftstheoretische und methodische Implikatio-
nen aufweist.
Während die Textlinguistik in ihren Anfängen den schriftkonstituierten Text wie das
mündlich konstituierte Gespräch noch unter den übergreifenden Begriff des „Textes“
subsumiert hat, um die grundlegenden Gemeinsamkeiten zu berücksichtigen, wird seit
einiger Zeit zunehmend die Verschiedenheit von „Text“ und „Gespräch“ herausgestellt.
So hat sich seit Anfang der 80er Jahre eine relativ eigenständige linguistische Diszi-
plin entwickelt ⫺ die Gesprächslinguistik, die sich mit der Erforschung der mündlich
konstituierten und interaktiv realisierten Kommunikation befaßt. Das Gespräch ist in
diesem Verständnis der gesamte situativ konstituierte Kommunikationsprozeß, in dem
eine Vielfalt von verbalen und nonverbalen Akten von den beteiligten Partnern reali-
siert wird.
Die Textlinguistik, die gut ein Jahrzehnt zuvor aus der Kritik an einer ausschließlich
satzorientierten Linguistik entstanden war, läßt sich demgegenüber auf folgende Form
sprachlicher Kommunikation eingrenzen: Sie wird von einer bestimmten Instanz (Ein-
zelperson, Gruppe, Institution etc.) schriftlich konstituiert; Produktion und Rezeption
sind nicht interaktiv-gleichzeitig, sondern zeitlich und räumlich versetzt.
Das vorliegende Handbuch folgt dieser theoretischen wie methodischen Zweiteilung
linguistisch-kommunikationswissenschaftlicher Gegenstände und unterscheidet daher
eine „Text-“ von einer „Gesprächslinguistik“, wobei grundlegende Gemeinsamkeiten
durchaus berücksichtigt werden.
Im Gegensatz zu „Textlinguistik“ ist der Terminus „Gesprächslinguistik“ nicht un-
problematisch. Neben dem Ausdruck „Gespräch“ werden in der Forschung Termini wie
„Dialog“, „Diskurs“ oder „Konversation“ verwendet. Wir sprechen im vorliegenden
Handbuch von „Gespräch“, weil wir der Meinung sind, daß damit in weitgehend neu-
traler und allgemeiner Weise auf das zur Debatte stehende Phänomen interaktiver
Kommunikation rekurriert werden kann. Die anderen Termini dagegen sind bereits im
Rahmen bestimmter gesprächsanalytischer Konzepte wie etwa der Dialoggrammatik
bzw. der Diskurs- oder Konversationsanalyse eingeführt worden und assoziieren da-
durch bei ihrer Verwendung immer schon spezifische theoretisch-methodische Implika-
tionen.
Die Komplexität wie die wissenschaftliche Bedeutsamkeit der Gegenstände haben
eine Fülle verschiedener analytischer Verfahren, Fragestellungen, erkenntnistheoreti-
scher Zielperspektiven wie methodologischer Reflexionen hervorgebracht. Die Breite
der internationalen Forschung läßt es daher als sinnvoll erscheinen, dieses Gebiet in
zwei getrennten Halbbänden darzustellen.
XVIII Vorwort

Im einzelnen bestehen die Aufgaben des Handbuchs vor allem darin:


⫺ die Forschungsentwicklung und den aktuellen Forschungsstand in der Text- und
Gesprächslinguistik auf internationaler Ebene zu repräsentieren;
⫺ die grundlegenden text- und gesprächsbezogenen Methoden zu erläutern und einer
kritischen Einschätzung zu unterziehen;
⫺ die wesentlichen Aspekte der Konstitution sowie der Typologisierung von Texten
und Gesprächen systematisch darzustellen und an ausgewählten Beispielen zu ver-
deutlichen;
⫺ die Text- und Gesprächslinguistik mit anderen Disziplinen, die sich in irgendeiner
Form mit Texten und Gesprächen befassen, in Beziehung zu setzen, mit dem Ziel,
den interdisziplinären Austausch unter den „Textwissenschaften“ zu fördern;
⫺ die bisherige Umsetzung von Forschungsergebnissen der Text- und Gesprächslingui-
stik in bestimmten Praxisfeldern zu dokumentieren und zu evaluieren sowie weitere
Anwendungsmöglichkeiten zu eruieren.
Angesichts der Fülle bereits vorliegender und ständig neu entstehender text- und ge-
sprächslinguistischer Programme und Projekte stellt der mit Handbüchern dieser Art
verbundene Anspruch auf Vollständigkeit zwar ein anzustrebendes, letztlich aber nicht
erreichbares Ideal dar. Das Handbuch erfaßt aber nicht nur die nach Ansicht der Her-
ausgeber wichtigsten Bereiche der Text- und Gesprächslinguistik, sondern es bean-
sprucht darüber hinaus mit seiner Gliederung eine Geschlossenheit im systematischen
Sinn.
Das Handbuch wendet sich nicht nur an Sprachwissenschaftler, sondern an alle, die
sich in ihrer wissenschaftlichen oder praktischen Tätigkeit mit Problemen der Text- und
Gesprächskonstitution befassen, z. B. Literaturwissenschaftler, Philosophen, Theolo-
gen, Historiker, Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Lektoren, Übersetzer usw.
Aufgrund der internationalen Ausrichtung des Handbuchs hinsichtlich der Thematik
sowie der Autoren und Leser sind die Publikationssprachen Deutsch und Englisch.
Die beiden Halbbände des Handbuchs sind so gestaltet, daß sie sich in ihrer Grob-
gliederung weitgehend entsprechen. Dadurch sollen die bei aller Unterschiedlichkeit
bestehenden Zusammenhänge zwischen schriftkonstituierter monologischer und münd-
lich konstituierter dialogischer Kommunikation deutlicher hervortreten und die Orien-
tierung des Benutzers erleichtert werden. Die mit einer solchen Konzeption verbunde-
nen Überschneidungen bei der Behandlung einiger Themen sind bis zu einem gewissen
Grade erhalten geblieben, da auch sie dazu dienen, die Bezüge zwischen den Halbbän-
den herzustellen.
Die für beide Halbbände gewählte Grundeinteilung versucht, die zentralen Aspekte
beider Disziplinen, wie sie gegenwärtig in der internationalen Forschungsdiskussion
zum Ausdruck kommen, systematisch zu erfassen.
Kapitel I und II bzw. XII und XIII sind der Forschungsgeschichte und dem aktuellen
Forschungsstand gewidmet. Um bei der großen Vielfalt verschiedener Schulen, Rich-
tungen und Ansätze ⫺ besonders in der Textlinguistik ⫺ ein möglichst umfassendes
Bild zu erhalten, werden wichtige Forschungsphasen in längeren Übersichtsartikeln be-
handelt und darüber hinaus forschungsgeschichtlich besonders produktive Ansätze in
eigenen (kürzeren) Artikeln dargestellt.
Kapitel III sowie XIV bis XVI enthalten eine Darstellung der für die beiden Diszipli-
nen jeweils konstitutiven Analysemethoden, und zwar unter einer streng wissenschafts-
Vorwort XIX

systematischen Perspektive ⫺ im Unterschied zur wissenschaftsgeschichtlichen Orientie-


rung der Kapitel I und II bzw. XII und XIII.
Im Mittelpunkt des Handbuchs stehen zum einen die Kapitel IV bis VII bzw. XVII
bis XX, die sich mit den verschiedenen Aspekten der Text- und Gesprächskonstitution
befassen, zum anderen die Kapitel VIII und IX bzw. XXI bis XXIII, die die Typologi-
sierung von Texten und Gesprächen zum Gegenstand haben.
Die Kapitel X und XI bzw. XXIV und XXV runden das Handbuch ab, indem sie
über den disziplinären Bereich im engeren Sinne hinausgehen. In Kapitel X bzw. XXIV
werden die Text- und die Gesprächslinguistik in den interdisziplinären Rahmen wichti-
ger textbehandelnder Wissenschaften gestellt; es geht dabei nicht nur um eine allge-
meine Erfassung text- bzw. gesprächsbezogener Aktivitäten, sondern auch um die
Frage, ob und inwieweit Text- und Gesprächslinguistik für andere Disziplinen, die sich
mit Texten und Gesprächen beschäftigen, von Nutzen sind bzw. sein können.
Das jeweils letzte Kapitel (XI bzw. XXV) bezieht sich dann auf Anwendungsaspekte
der Text- und Gesprächslinguistik, d. h. auf die Umsetzung von Forschungsergebnissen
beider Disziplinen in bestimmten Praxisbereichen.

Im einzelnen kommen den Kapiteln die folgenden Aufgaben zu:


Kapitel I ist der Geschichte der Textlinguistik gewidmet.
Kapitel II bietet kurze Übersichten über die Entwicklung und den Stand der Textlingui-
stik in bestimmten Regionen. Die Auswahl beschränkt sich auf Sprachregionen (im
weitesten Sinn), die eine ausgeprägte textlinguistische Forschung aufweisen. Vollstän-
digkeit kann hier nicht angestrebt werden.
Kapitel III beschäftigt sich mit wichtigen textanalytischen Methoden, die entweder im
Rahmen der Textlinguistik entwickelt wurden oder aus anderen Disziplinen stammen
und für die Textlinguistik von besonderer Relevanz sind. Die Artikel sind systematisch
und nicht historisch konzipiert (im Unterschied zu den Artikeln von Kap. I).
Kapitel IV enthält in Form von umfassenden Artikeln eine systematische Darstellung
der wesentlichen Voraussetzungen für die Konstitution von Texten.
Die Kapitel V und VI, in denen die grammatischen, thematischen und pragmatischen
Bedingungen der Textkonstitution dargestellt werden, machen den Kern der Konstitu-
tionsthematik aus.
Kapitel VII behandelt dann die Konstitution schriftlicher Texte unter den Aspekten
„Textproduktion“, „Textgestaltung“ und „Textrezeption“.
Als weiterer Kernaspekt der Textlinguistik ist das Problem der Typologisierung von
Texten anzusehen.
Kapitel VIII geht unter dem Terminus „Kriterien“ auf die Grundlagen dieses Fragen-
komplexes ein.
Kap. IX bearbeitet die Typologisierungsproblematik unter einer anderen Perspektive,
nämlich der Textsortenbeschreibung (im Unterschied zur Textsortenabgrenzung in Kap.
VIII). Da es den Rahmen des vorliegenden Bandes bei weitem überschreiten würde,
alle gesellschaftlich relevanten Textsorten in Form von Einzelartikeln zu behandeln,
werden zentrale Kommunikationsbereiche mit den für sie jeweils konstitutiven Textsor-
ten vorgestellt. Dieses Vorgehen trägt der Verankerung der Textsorten in übergeordne-
XX Vorwort

ten Handlungszusammenhängen Rechnung, eine isolierte Betrachtung einzelner Text-


sorten wird dadurch vermieden. Der Terminus „Kommunikationsbereich“ bezieht sich
dabei auf bestimmte gesellschaftliche Bereiche, für die jeweils spezifische Handlungs-
und Bewertungsnormen konstitutiv sind. Kommunikationsbereiche können somit als
situativ und sozial definierte „Ensembles“ von Textsorten beschrieben werden. Da eine
adäquate Typologie von Kommunikationsbereichen in der Forschung bisher nicht vor-
liegt, ist eine Abgrenzung und Auflistung dieser Bereiche allerdings noch recht vorläufig
und unsystematisch. Die Herausgeber sind aber der Meinung, daß die für die schrift-
liche Kommunikation wesentlichen Kommunikationsbereiche erfaßt sind.
Kapitel X setzt die Textlinguistik in Beziehung zu anderen Wissenschaften, für die die
Arbeit an bzw. mit Texten in irgendeiner Weise grundlegend ist. Die Auflistung ist zwar
nicht vollständig, erfaßt aber die ⫺ nach Auffassung der Herausgeber ⫺ wichtigsten
textbezogenen Disziplinen. Der Schwerpunkt liegt in diesen Artikeln auf der Explika-
tion des jeweils zugrundeliegenden Textbegriffs sowie spezifischer theoretischer und me-
thodischer Prinzipien im Umgang mit Texten. Der Bezug zur Textlinguistik wird soweit
wie möglich hergestellt.
Kapitel XI ist schließlich auf zentrale Anwendungsbereiche der Textlinguistik gerichtet.
Bei der Behandlung der Gesprächslinguistik im zweiten Halbband wird ⫺ wie bereits
angedeutet ⫺ grundsätzlich in der gleichen Weise vorgegangen wie im ersten Halbband
„Textlinguistik“.
Kapitel XII und XIII stellen die Geschichte und die regionale Ausbreitung der Ge-
sprächslinguistik dar. Es wird der Frage nachgegangen, wie sich die Gesprächslinguistik
aus frühen Konzepten der Linguistik bzw. anderer Disziplinen entwickelt hat, wie sie
in verschiedenen Regionen vertreten ist und welche aktuellen Richtungen sich herausge-
bildet haben. Dabei versteht es sich von selbst, daß der Versuch einer Systematisierung
eher dem Ziel einer mehr oder weniger groben Orientierung als einer wirklich trenn-
scharfen Kategorisierung heute vertretener gesprächsanalytischer Richtungen dient. So
verstehen sich denn auch die in den Titeln verwendeten Termini wie „Konversations-
analyse“, „Diskursanalyse“ und „Dialoggrammatik“ eher als grobe Annäherung an
eine Systematik bzw. als Kondensationspunkte für die verschiedenen durchaus differen-
zierten Bemühungen um die Analyse dialogisch-mündlicher Kommunikation.
In Kapitel XIV ändert sich ⫺ nach den wissenschaftshistorischen wie wissenschaftsso-
ziologischen Aspekten der beiden vorangegangenen Kapitel ⫺ die Blickrichtung der
Artikel von der metatheoretischen Sichtweise zur Betrachtung des Gegenstands selbst.
Dabei geht es zunächst um die wissenschaftliche Dokumentation des Gesprächs. Ge-
genstand der Betrachtung ist hier die besondere methodische Ausrichtung der Ge-
sprächslinguistik, die, bis auf wenige Ausnahmen wie etwa die Dialoggrammatik, eine
primär empirisch-induktive Wissenschaft ist. Die damit verbundenen Verfahren müssen
entsprechend detailliert behandelt werden.
Kapitel XV befaßt sich mit dem zweiten großen Problembereich einer empirisch arbei-
tenden Gesprächslinguistik: der weiteren Aufbereitung der technisch dokumentierten
Gespräche. Gesprächsanalyse wird nur möglich, wenn das dokumentierte Material de-
tailliert transkribiert und damit in eine die zeitliche Linearität und Flüchtigkeit fixie-
rende Form übersetzt worden ist. Bei der Konzeption und Anlage solcher Transkriptio-
nen spielen verschiedene Fragen eine Rolle, die in einzelnen Artikeln behandelt werden.
Vorwort XXI

Kapitel XVI schließt die Methodendiskussion ab. Nachdem die Verfahren der Doku-
mentation und Transkription von Gesprächen erläutert worden sind, werden in diesem
Kapitel die grundlegenden Analysemethoden vorgestellt.
Die Kapitel XVII bis XX behandeln die verschiedenen Aspekte der Konstitution von
Gesprächen: Voraussetzungen, Strukturen, Prozeduren und Modalitäten. Dieses Pro-
blemfeld steht ⫺ zusammen mit dem der Typologisierung von Gesprächen ⫺ im Mittel-
punkt der Gesprächslinguistik.
In Kapitel XVII werden die verschiedenen Möglichkeiten und Bedingungen der Reali-
sierung wie die kognitiven, sozialen und medialen Voraussetzungen von Gesprächen
thematisiert.
Kapitel XVIII behandelt die Gesprächsstruktur auf verschiedenen Ebenen. Diese Ebe-
nen bilden Hierarchien, auf denen die analytisch unterscheidbaren Elemente faßbar
werden. Eine Gesprächsanalyse hat nun die Aufgabe, die verschiedenen Elemente und
Strukturen des Gesprächs im einzelnen aufzudecken, zu benennen sowie zu systemati-
sieren und zu kategorisieren. Bei einer solchen methodischen Perspektive wird das Ge-
spräch nicht sukzessive analytisch abgearbeitet, sondern als Ganzes, als fertiges und
abgeschlossenes Produkt betrachtet.
Kapitel XIX stellt dann unter einer anderen methodischen Blickrichtung verschiedene
Prozeduren dar, die die Gesprächspartner verwenden, um die Gespräche entstehen zu
lassen.
In Kapitel XX geht es um eine weitere wichtige und zentrale Problematik, auf die man
durch die besondere interaktiv-thematische Ausrichtung spezieller Gesprächsabschnitte
geführt wird: die Modalität. Hierunter wird der jeweilige kommunikativ-intentionale
Charakter und Wirkungsstatus der Gesprächsaktivitäten verstanden, mit dem die Part-
ner unterschiedliche kommunikative Absichten realisieren können. Der Stil des Ge-
sprächs, der Grad seiner Ernsthaftigkeit und Bedeutsamkeit wird durch solche Modali-
tätsmarkierungen festgelegt.
Neben diesen die Konstitution des Gesprächs betreffenden Artikeln, die sich auf die
internen Gegebenheiten des Gesprächs beziehen, befaßt sich der nächste größere Pro-
blemkomplex mit dem Gespräch als Ganzem und den Möglichkeiten seiner Klassifizie-
rung.
In Kapitel XXI wird zunächst die Problematik der Klassifizierung von Gesprächen
allgemein dargestellt.
Kapitel XXII versucht, eine Übersicht über die in der Forschung untersuchten Ge-
sprächstypen ⫺ systematisch gegliedert nach verschiedenen Kommunikationsbereichen
⫺ zu geben.
Kapitel XXIII behandelt einige Sonderformen von Kommunikation, die schwer in der
Klassifikation von Kapitel XXII unterzubringen sind.
Den Abschluß des Bandes bilden Artikel, die verschiedenen interdisziplinären Proble-
men im Zusammenhang mit der Analyse von Gesprächen gewidmet sind.
In Kapitel XXIV geht es um die Frage, inwieweit Gesprächsanalysen auch in anderen
wissenschaftlichen Bereichen eine Rolle spielen, dort praktiziert werden und inwieweit
die dabei angewandten theoretisch-methodischen Konzepte für die Gesprächslinguistik
interessant sein können.
XXII Vorwort

In Kapitel XXV wird schließlich die Frage behandelt, in welchen gesellschaftlichen Be-
reichen die Erkenntnisse und Ergebnisse der Gesprächslinguistik angewandt werden
können und welchen praktischen Nutzen sie dort haben.
Die Feingliederung der Kapitel in die einzelnen Artikel ist aus dem Inhaltsverzeichnis
zu ersehen und braucht hier nicht weiter dargestellt zu werden.
Für die sachliche Richtigkeit und die Qualität der einzelnen Beiträge tragen die jewei-
ligen Autoren und Autorinnen die Verantwortung. Die Herausgeber haben sich soweit
wie möglich um quantitative Ausgewogenheit und formale Einheitlichkeit bemüht. Eine
(auch durch die Entstehungszeit des Handbuchs bedingte) Ausnahme bildet lediglich
die Rechtschreibung. Hier blieb den Autoren die Entscheidung für die alte oder neue
Regelung freigestellt, und die Herausgeber haben sich nach den geäußerten oder er-
kennbaren Intentionen der Autoren gerichtet. Auf die artikelspezifische Einheitlichkeit
wurde dabei natürlich geachtet.
Die Herausgeber möchten an dieser Stelle allen herzlich danken, die am Entstehen
des Handbuchs mitgewirkt haben, den Autorinnen und Autoren, den Reihenherausge-
bern und dem Verlag Walter de Gruyter. Ein besonderer Dank gilt Dagmar Schacht
und Jörg Hagemann (beide in Hamburg) für tatkräftige Hilfe bei den vielfältigen redak-
tionellen Arbeiten.
Die Herausgeber hoffen, daß die Beiträge der gegenwärtigen text- und gesprächslin-
guistischen Diskussion manche Anregung bieten und das breite Informationsangebot
des Handbuchs intensiv genutzt wird.

Im Dezember 1999 Klaus Brinker (Hamburg)


Gerd Antos (Halle)
Wolfgang Heinemann (Leipzig)
Sven F. Sager (Hamburg)
Preface

We encounter language and communication daily in a multitude of forms. Our every-


day understanding of language and communication has divided this complex variety
of forms into the strict dichotomy of “written” and “spoken” text. The terms “text”
and “conversation”, which express this dichotomy, indicate not only the medial mode
of realisation of the communication, but also a categorial division with its attendant
scientific and methodological implications.
Whilst in its early stages text linguistics subsumed written text and forms of oral
communication under the general term “text” in order to take account of the funda-
mental similarities between the two, the differences between “text” and “conversation”
have latterly been accorded increasing prominence.
Thus since the beginning of the 80s a relatively independent discipline has developed
⫺ conversation linguistics ⫺ which is concerned with research into spoken, interactive-
cooperatively realised communication. Conversation is, in this understanding of the
word, the overall situational communication process, in which a multitude of verbal
and non-verbal acts are realised by the co-present participants to the interaction.
Text linguistics, which arose a decade earlier from criticism of an exclusively sen-
tence-level oriented linguistics, may in contrast be delimited in terms of the following
form of linguistic communication: it is constituted by a particular instance (individual,
group, institution, etc.) in written form; production and reception are not interactively-
simultaneous, but are rather temporally and spatially removed.
The handbook follows this theoretical and methodological division of the subjects
of linguistic theories of communication and distinguishes, therefore, a “text linguistics”
from a “conversation linguistics”, but fundamental common features will nevertheless
be taken into account.
In contrast to “Textlinguistik” (text linguistics), the term “Gesprächslinguistik” (con-
versation linguistics) is, in German, not unproblematic. Alongside the term “Gespräch”
(conversation), terms such as “Dialog” (dialogue), “Diskurs” (discourse), or “Konver-
sation” (again, conversation) are used. We speak in this handbook of “Gesprächslin-
guistik”/“conversation linguistics” because we are of the opinion that it is thereby pos-
sible to return to a far more neutral and general examination of the phenomenon in
question, namely interactive communication. The other terms, in contrast, have already
been introduced in the framework of particular analytical concepts for oral communi-
cation such as “Dialoggrammatik” (Dialogue Grammar), or “Diskursanalyse” (Dis-
course Analysis), or “Konversationsanalyse” (Conversation Analysis) and are therefore
always associated in their use with specific theoretical and methodological implications.
Both the complexity and the scientific significance of the subjects have given rise to a
multitude of analytical methods, issues, epistemiological objectives, and methodological
reflections. The breadth of international research therefore renders a presentation of
this area in two separate volumes reasonable. Hence volume 1 is devoted to text linguis-
tics; volume 2 to conversation linguistics.
XXIV Preface

In detail, the principal tasks of the handbook are:


⫺ to represent developments in research and the current state of research in text lin-
guistics and in conversation linguistics at an international level;
⫺ to elucidate the fundamental text-relevant and conversation-relevant methods and
to subject them to a critical examination;
⫺ to present systematically and to exemplify essential aspects of the constitution and
the typology of text and of conversation;
⫺ to show text linguistics and conversation linguistics in relation to other disciplines
which concern themselves in some form with text and with conversation, with the
aim of encouraging the interdisciplinary exchange of information between “text-sci-
ences”;
⫺ to document and to evaluate the application of research in text linguistics and in
conversation linguistics to date in particular fields of practice, and to investigate
further areas of application.
In view of the mass of extant and incipient text linguistics and conversation linguistics
programmes and projects, the aim of a handbook such as this to provide an exhaustive
study is a desirable but, in the final analysis, an unattainable ideal. The handbook,
however, does not only concern itself with those areas which the editors consider to be
the most important in text linguistics and conversation linguistics but also aspires, in
its structure, to being systematically comprehensive.
The handbook is intended not only for linguists but also for all others who are
concerned in their daily scientific or practical work with the issues of the constitution
of text and of conversation ⫺ such as literature specialists, philosophers, theologians,
historians, psychologists, sociologists, educationalists, editors, and translators, etc.
In view of the international orientation of the handbook in terms of its subject and
of its contributors and readers, the languages of publication are German and English.
The two volumes of the handbook are arranged in a way that they correspond to
each other in their overall composition. The intention thereby is to give prominence
to the connections between written-monologic and spoken-dialogic communication ⫺
despite all dissimilarities between the two ⫺ and to facilitate the orientation of the
handbook user. The overlaps in the treatment of some themes which arise from such a
concept have to some extent been retained, since they too serve to show the connections
between the two volumes of the handbook.
The basic division of contents chosen for the two volumes aims to register systemati-
cally the central aspects of both disciplines as they are currently expressed in interna-
tional discussion.
Chapters I and II and chapters XII and XIII are devoted to the history of research
and to the current state of research. In order to maintain as comprehensive a picture
as possible in the midst of this great variety of schools, trends, and approaches ⫺
particularly in the case of text linguistics ⫺ important phases in the research will be
dealt with in longer overview articles and, in addition to this, approaches which have
proved to be particularly productive when viewed from the perspective of the history
of research will be dealt with in their own (short) articles.
Chapter III and chapters XIV to XVI contain a presentation of the methods of
analysis which are constitutive for each discipline, and do so from a strictly scientific-
systematic perspective ⫺ this is in contrast to the orientation towards the history of
research adopted in chapters I and II and in chapters XII and XIII.
Preface XXV

The focus of the handbook is formed on one hand by chapters IV to VII and by
chapters XVII to XX, which concern themselves with various aspects of the constitu-
tion of text and the constitution of conversation respectively, and on the other hand
by chapters VIII and IX and by chapters XXI to XXIII, which have as their subject
the typology of text and the typology of conversation respectively.
Chapters X and XI and chapters XXIV and XXV round off the two volumes of the
handbook by going beyond the purview of the disciplines in their strict sense. In chapter
X and in chapter XXIV, text linguistics and conversation linguistics respectively are
presented in the interdisciplinary framework of important disciplines which deal with
text: the focus here is not only on a general recording of text-related and of conversa-
tion-related activities, but also on the issue of if, and if so, in how far, text linguistics
and conversation linguistics can be of use to other disciplines which concern themselves
with text and with conversation.
The final chapter of each volume (chapters XI and XXV respectively) is concerned
with the aspect of applied text linguistics and of applied conversation linguistics, that
is, these two final chapters are on the application of the research results of both disci-
plines in particular areas of practice.

In detail, the individual chapters serve the following purposes:


Chapter I is devoted to the history of text linguistics.
Chapter II gives a short overview of the development and the current state of text
linguistics in particular geographical regions. The selection restricts itself to language
areas (in the broadest sense) which have distinctive text linguistic research trends. A
comprehensive study is not the objective here.
Chapter III concerns itself with important text analysis methods which either have been
developed within the bounds of text linguistics or have been developed within other
disciplines and are of particular relevance for text linguistics. The articles here are
conceived systematically rather than historically (in contrast to the articles in chapter I).
Chapter IV offers, in the form of comprehensive articles, a systematic presentation of
the essential prerequisites for the constitution of texts.
Chapters V and VI, which cover the grammatical, topical, and pragmatical conditions
for the constitution of texts, define the core of the issue of text constitution.
Chapter VII then deals with the constitution of written texts under the aspects of “text
production”, “text structuring” and “text reception”.
The issue of text typology is to be seen as a further central aspect of text linguistics.
Chapter VIII takes as its theme “criteria” in order to examine the fundamental prin-
ciples of the typology of texts.
Chapter IX deals with the issue of text typology from another perspective, namely that
of text-type description (in contrast to the delimitation of text types in chapter VIII).
Since it would go far beyond the scope of this handbook to deal with all socially
relevant text types in the form of individual articles, this work concentrates on the
presentation of central fields of communication and on their constitutive text types.
This procedure takes into account the basis of the text types in superordinate interac-
tional contexts and an isolated examination of one text type is thus avoided. The term
XXVI Preface

“field of communication” is related to particular social areas for which the specific
action and evaluative norms are constitutive. Fields of communication can thus be
described as situatively and socially defined “ensembles” of text types. Since an ade-
quate typology of fields of communication has not yet been provided by research the
delimitation and listing of these fields is still rather provisorial and unsystematic. The
editors are, however, of the opinion that for written communication the principal fields
of communication have been recorded.
Chapter X sets text linguistics in relation to other disciplines for which work with or
on texts is in some way fundamental. The list is not exhaustive yet comprises, in the
opinion of the editors, the most important text-related disciplines. The focus in these
articles is on the explanation of the respective underlying text concepts as well as on
specific theoretical and methodological principles in dealing with texts. The relation to
text linguistics is, as far as possible, established.
Finally, chapter XI is directed towards the central areas of application of text linguis-
tics.
In the treatment of conversation linguistics in volume 2 the basic procedure will be ⫺
as mentioned above ⫺ the same as that adopted for “text linguistics” in the first vol-
ume.
Chapters XII and XIII introduce the history and the regional spread of conversation
linguistics. They investigate, how conversation linguistics developed from other con-
cepts and from sub-disciplines within linguistics, how it has spread in various geograph-
ical regions, and what actual trends have emerged. It is self-evident here that the at-
tempt at a systematisation has as its goal a more or less broad orientation rather than
a precise categorisation of contemporary trends in conversation linguistics. Thus the
terms which are used in the titles such as “conversation analysis”, “discourse analysis”,
and “dialogue grammar” are to be understood rather as a broad approach to a systema-
tisation or as a point of condensation for the various, quite differentiated endeavours
towards the analysis of spoken communication.
In chapter XIV the point of view of the articles ⫺ following the scientific-historical
and the scientific-sociological aspects of the two previous chapters ⫺ shifts from the
meta-theoretical level to the examination of the subjects themselves. The initial focus
is on the scientific documentation of the conversation. The object of the examination
here is the particular methodological orientation of conversation linguistics which,
apart from a few exceptions such as dialogue grammar, has always been a primarily
empirical-inductive discipline. The procedures connected therewith must be discussed
in appropriate detail.
Chapter XV concentrates on the second most important issue within an empirically-
oriented conversation linguistics: the further processing of technically documented in-
teractions. Conversation linguistics is only possible if the documented material is tran-
scribed in detail and thus translated into a form which fixes its temporal linearity and
transitoriness. In the conception and arrangement of such transcriptions a variety of
factors plays a role, and it is these factors which are addressed in the individual articles.
Chapter XVI rounds off the methodological discussion. Following the examination of
the processes of the documentation and of the transcription of conversation, in this
chapter the basic methods of analysis are presented.
Preface XXVII

Chapters XVII to XX are devoted to the various aspects of the constitution of conver-
sation: prerequisites, structures, procedures and modalities. This issue-complex is ⫺
together with the typology of conversation ⫺ a central concern of conversation linguis-
tics.
In chapter XVII the various means and conditions for the realisation of conversation,
such as the cognitive, social and medial preconditions, are thematised.
Chapter XVIII deals with the structure of conversation on various levels. These levels
form hierarchies, on which the analytically differentiated elements are accessible. A
conversation linguistics now has the tasks of discovering the various individual ele-
ments and structures of the conversation, of naming them, and of systematising and
categorizing them. From such a methodological perspective the conversation is not
processed successively-analytically but is perceived holistically as a finished and com-
pleted product.
Chapter XIX then presents, from a different methodological perspective, the various
procedures which participants to an interaction employ in order to allow the conversa-
tion to come into being.
In chapter XX the focus is on a further important ⫺ and central ⫺ issue to which one is
led through the particular interactive topic-orientation of special conversation sections:
namely, modality. Under this are to be understood the relevant communicative inten-
tional character and effect status of the conversation activities, with which the partici-
pants are able to realize various communicative intentions. The style of the conversa-
tion, the degree of sincerity and of significance are determined through such modality
markings.
Whereas these articles are concerned with the constitution and the internal conditions
of conversation, the next large issue-complex deals with conversation as a whole and
with the possibilities for its classification.
First, chapter XXI presents the problems of the classification of conversation in gene-
ral terms.
Chapter XXII essays to give an overview of those conversation types examined in the
research ⫺ systematically arranged according to various fields of communication.
Chapter XXIII looks at special forms of communication which are difficult to subsume
under the classification employed in chapter XXII.
The conclusion of this volume is formed by articles which are devoted to various
interdisciplinary problems connected with the analysis of conversation.
In chapter XXIV the concern is in how far the analysis of conversation plays a role in
other disciplines, is practised there, and in how far the theoretical-methodological con-
cepts which are applied there might be of interest to conversation linguistics.
Finally, in chapter XXV the questions of in which social fields the findings and results
of conversation linguistics can be applied and what practical use they might have there
are addressed.
The detailed structure of the chapters can be seen from the table of contents and
therefore does not need further explanation at this point.
Responsibilty for the correctness and quality of each article rests with the individual
contributors. The editors have tried ⫺ as far as possible ⫺ to achieve a quantitative
XXVIII Preface

balance and formal uniformity among the articles. The only exception, due to the intro-
duction of the German spelling reform during the course of the production of this
handbook, is orthography. Here, the authors were free to choose between the old and
the new system, and the editors have followed the authors’ instructions or indicated
intentions. Of course, consistency of spelling in the individual articles is assured.
The editors would like to thank all those who where involved in the making of this
handbook, the authors, the editors of the handbook series, and the Walter de Gruyter
Publishing House. Our special thanks also go to Dagmar Schacht and Jörg Hagemann
(both Hamburg) for their active help in the various editorial stages.
The editors hope that the contributions will stimulate the contemporary discussion
in text linguistics and conversation linguistics and that the wide range of information
offered in this handbook will be used intensively.

December 1999 Klaus Brinker (Hamburg)


Gerd Antos (Halle)
Wolfgang Heinemann (Leipzig)
Sven F. Sager (Hamburg)
I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik

1. Wissenschaftsgeschichte im Blick der 1.2. Für die beiden Sprach-Disziplinen ‘Rhetorik’


Disziplinensystematik: ein Problem der und ‘Textlinguistik’ trifft ein derartiger Gesichts-
Wissenschaftshistoriographie punkt von „Vorläufertum“ der Rhetorik so nicht
2. Kommunikationswissenschaftliche zu (trotz des Titels dieses Artikels); die beiden sind
Grundlagen als Disziplinen-Klammer vielmehr durch ein interdisziplinäres, d. h. koope-
3. Die antike Rhetorik ratives Verhältnis bestimmt, bei dem (i) beide Dis-
4. Die Textlinguistik ziplinen noch aktuell Bestand haben, (ii) sie ihre
5. Antike Rhetorik und Textlinguistik: Relationen zueinander immer wieder neu beachten
Beziehungen und Integrationen und (iii) sie sich im Verhältnis zu benachbarten
6. Modell einer Disziplinen-Konfiguration Disziplinen dynamisch in divergente Richtungen
7. Literatur (in Auswahl) weiterentwickeln. Vor diesem Hintergrund läßt sich
‘Vorläufer’ dann nur im Sinne von ‘historisch
ältere Disziplin’ verstehen; somit geht es dann ei-
1. Wissenschaftsgeschichte im Blick gentlich um die Thematik: Die antike Rhetorik und
ihre Wirkungsgeschichte bis in die moderne Textlin-
der Disziplinensystematik: guistik.
ein Problem der Wissenschafts-
historiographie 1.3. Wissenschaftstheorie, Disziplinensystematik und
Wissenschaftsgeschichte mit ihrer zunehmend wich-
1.1. Die modernen Wissenschaften spiegeln den tigen, weil kulturbewahrenden Historiographie der
Fundus permanenter Erkenntnissuche und Ergeb- Wissenschaften greifen hier ineinander und bilden
nisfindung. Da sich dabei eine Wissenschaftsge- eine zentrale Komponente in der mentalitätsge-
schichte erstellt, gibt es folglich auch stets „Vorläu- schichtlichen Tradition der Völker sowie generell in
fer“, da Wissenschaft prinzipiell eine kulturhisto- einer übernationalen Kulturgeschichte der Mensch-
risch gewachsene, eine Traditionen- (und Konven- heit, hier aber ⫺ mit der Rhetorik im Mittelpunkt
tionen-)Gemeinschaft von geordneten Wissensbe- ⫺ speziell des attisch geprägten Abendlandes.
ständen, von Methodendiskussionen und von per-
manenter kritischer Wertung der Analyse-Instru-
mentarien repräsentiert, als Grundlage für Krea- 2. Kommunikationswissenschaftliche
tivität und Fortschritt in Theorie und Praxis. Dieser Grundlagen
diachrone Begriff der Vorläuferschaft ist perspekti-
visch ausgerichtet, indem er etwas Historisches und als Disziplinen-Klammer
für die Gegenwart Abgeschlossenes meint: Konti-
nuität durch Ablösung, was letztlich der Auffas-
2.1. Kommunikativität
sung der Renaissance entspricht, daß der Zusam- als relationale Qualität
menhalt wissenschaftlichen ‘Fort-Schritts’ durch Die modernen Wissenschaften, die sich mit ‘Spra-
die sukzessive Weitergabe und dabei Vervollkomm- che’ unter den jeweilig disziplineigenen Aspekten
nung von Kenntnisbeständen geschieht. Dahinter beschäftigen, legen inzwischen dafür ein komplexes
steht zum einen das translatio-Modell des kontinu- Verständnis zugrunde. Dieser Zuwachs ist nicht
ierlichen Kulturtransfers (translatio artium/sapien- selbstverständlich, hat sich das Analyse-Interesse in
tiae/studii), wie auch andererseits die alte Konkur- der Entwicklungsgeschichte der Disziplinen doch
renz zwischen den Antiqui und Moderni, die Que- zunächst den kleinen, überschaubaren Einheiten
relle des Anciens et des Modernes, als ein Wider- (bis hin zur Satz-Grenze) zugewandt. Inzwischen
streit zwischen Vorläufertum und Neuschaffung aber ist das Format deutlich erweitert: nämlich, ab
oder Neubewertung, hier durchscheint (vgl. Mer- den siebziger Jahren (mit der sogen. „kommunika-
ton 1983; Kalverkämper 1983a, 349⫺353). Ein der- tiven Wende“), in die Dimension ‘Kommunikation’
artiges auf Sukzession hin angelegtes Fortschritts- hinein. Insbesondere durch Soziolinguistik und
modell, das von ‘Paradigmenwechseln’ ausgeht, Pragmalinguistik kamen dabei allerdings Faktoren
wird heute eher abgelöst durch den kooperativen „neu“ in den Blick, deren Vorhandensein und Wir-
Begriff der ‘Diskurstraditionen’, wie er den Gei- ken schon zweitausend Jahre zuvor, nämlich in der
stes-, Sozial- und Kulturwissenschaften eignet. antiken Rhetorik, bekannt, analysiert und ganz-
2 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

heitlich beschrieben waren und damals auch ge- (3) Als KOMPONENTEN lassen sich
lehrt wurden (Aufbauregeln, Einsatzbedingungen, zwei Hauptbereiche isolieren: im Kommuni-
Typen, Wirkungsweisen u. a.). kationsablauf „komponieren“ (3.a) pragma-
Damals wie inzwischen wieder in der moder- tisch die (i) Kommunikationspartner ⫺ Sen-
nen Text-, Sprach- und Kommunikations- so- der (Sprecher, Schreiber) und Empfänger
wie Kulturwissenschaft spielt die Primatset- (Hörer, Leser) ⫺ und die (ii) Situation, also
zung der Dyade von Sender und Empfänger der jeweils sich auswirkende soziokulturelle
eine zentrale Rolle, die sich aus einem Prinzip Kontext, den Prozeß; und (3.b) textuell sind
ableitet, nämlich dem der Relationalität. Die (iii) der sprachliche Text und (iv) alle Formen
Relationen des Kommunikationsprozesses der Visualisierung (Zeichnung, Abbildung,
beziehen sich auf vier Aspekte (1) bis (4), die Photo, Skizze, Diagramm, Graphik etc.) be-
verschiedene Geltungsbereiche bündeln und teiligt, wobei der letzte Punkt außerdem,
ein festes Bedingungsgefüge funktionierender wenn auch in geringerem Maße, durch an-
Kommunikationen bilden: dere Sinnenkomponenten (z. B. olfaktorische
oder taktile) ergänzt werden kann.
(1) FUNKTIONEN ⫺ (2) RAHMEN ⫺ (4) Als FAKTOREN (lat. facere, ‘ma-
(3) KOMPONENTEN ⫺ (4) FAKTOREN. chen’), die die Kommunikativität hauptver-
(1) FUNKTIONEN (lat. fungi ‘dienen zu’, antwortlich in der Rede bzw. im Text erstel-
‘leisten’) stehen bei allem kommunikativen len („machen“), lassen sich jene drei forma-
Verhalten prinzipiell am Anfang und domi- len Aspekte anführen, die bereits Aristoteles
nieren als oberste Ausformungs- (Produzen- in seiner Poetik für die Dichtung als maßgeb-
tenseite) und Bestimmungsgröße (Rezipien- lich beschreibt:
tenseite) das Kommunikat, also die Rede (a) Einheit (sie wird nicht durch penibles Verfolgen
(Sicht der Rhetorik), bzw. den Text (mündli- z. B. eines Heldenlebens erreicht, sondern durch
ches oder schriftliches Kommunikat aus der Wahl einer in sich geschlossenen, ganzheitlichen
Sicht der Textlinguistik). Begebenheit, von der alles nicht Zugehörige wegge-
(2) Der RAHMEN von Kommunikation lassen wird; vgl. Kap. 8); (b) Zusammenhalt (Zu-
(vgl. Kalverkämper 1998, insbes. 24⫺27) er- sammenhang wird durch Aufbau- und Ablaufstra-
tegien erzielt: mit Anfang und ⫺ schon daraufhin
gibt sich durch Bestimmungsgrößen, die das
angelegt (Relation!) ⫺ einem Ende; ansonsten
Funktionieren von Texten gewährleisten fände sich nur eine Ansammlung von Einzelsze-
[(2.a) bis (2.d)]: nen); (c) (Angemessener) Umfang, der sich aus dem
(2.a) Die Determination durch die Komplexgröße Anliegen der Handlung ergibt und hier ein optima-
Kultur und (2.b) die insbesondere vom Faktor Me- les Verhältnis ⫺ also weder zu klein: hektisch, noch
dium bestimmte Vernetzung kulturspezifischer zu groß: unübersichtlich ⫺ verlangt.
Kommunikationsformen; (2.c) hierbei speziell die Mit Termini der heutigen Zeit formuliert,
Trennung bzw. Gemeinschaft von sprachlichen und
verlangt Aristoteles also Kohärenz (a'), Distri-
nichtsprachlichen Äußerungsformen [zu (2.b) und
(2.c) vgl. Abb. 1.1]; (2.d) die partnerrelevante bution (b') und Delimitation (c') als Mittel, um
Kommunikationsgröße (‘Gattung’) ‘Textsorte’. Kommunikativität ⫺ für ihn: dichterische
Aussage ⫺ zu erreichen. Diese Aspekte verei-
Für diese Bereiche (2.a) bis (2.d) der Rah- nigen sich in der grundsätzlichen Erkenntnis,
menbedingungen gilt als Maßstab die ‘KON- daß Kommunikation, sei sie poetisch/dichte-
VENTION’ (grundlegend Lewis 1969). risch, alltäglich oder wissenschaftlich/fach-
lich, stets auf ein Zusammenwirken von Tei-
len zu einem Ganzen hin strebt, folglich
Kommunikativität prinzipiell aus Teilen-im-
Ganzen, aus Teilganzen, erstellt wird (vgl.
Gülich/Raible 1977; Kalverkämper 1981a;
1981b).
2.2. Kommunikativität
als regelgeleitete Qualität
In der griechisch-römischen Antike hat sich die Er-
kenntnis herausgeformt, daß man mit Sprache er-
kennbare und sich wiederholende Wirkung (auf
den Partner bzw. das Publikum) erzielen kann.
Über den (von der GRAMMATIK festgelegten)
Abb. 1.1: Medialität und Semiose „richtigen“ Sprachgebrauch hinaus bedurfte es,
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 3

nicht zuletzt zur Weitergabe jenes Wissens in der selber gaben, schuf (i) zum einen die im 5. Jh.
schulischen Lehre, bestimmter Regeln und eines aufkommende Kunstprosa mit ihren ästheti-
Regelsystems, um eben einerseits dichterisch wir- schen Gesetzen (die Poesie war viel älter [die
kungsvoll und andererseits politisch sowie foren-
Vorsokratiker schrieben schon in Versen]),
sisch und persönlich wirksam Sprache einzusetzen:
die Technik (griech. te¬xnh téchne ‘Kunst[fertig- (ii) zum andern aber prägte sie ein „wissen-
keit]’, lat. ars) (i) des Dichtens (Erzählen, Wort- schaftliches Denken“ aus, in dem sich „neben
wahl, Textaufbau, Versmaß u. a.) und (ii) des Re- Mythos, Magie und Technik zweifellos auch
dens (s. u. 3.1. u. 3.3.) schuf die herausragenden das Rechts- und Gesellschaftssystem“ (Pichot
sprachgestaltenden Disziplinen (i1) POETIK und 1995, 16) vermischten.
(ii1) RHETORIK, die Maßstäbe setzen sollten für
Positionen, die ab Mitte der sechziger Jahre des Der Ort dafür war in Griechenland die agora¬
20. Jhs. wieder „neu entdeckt“ und heftig disku- agorá (‘Versammlung’, ‘Ort/Zeit/Tätigkeit der Ver-
tiert wurden und zur Etablierung eines neuartigen sammlung’ [wozu die ‘Rede’ gehört]), später in rö-
linguistischen Selbstverständnisses, nämlich der mischer Zeit das forum, also der öffentliche, er-
TEXTLINGUISTIK, führten. höhte und umgrenzte Platz, auf dem vor Publikum
Reden gehalten wurden.
Es handelt sich nunmehr um eine gezielte
Kommunikativität, die (i) in erster Linie vom Dieses regelbewußte Denken ließ dann im
Partnerbezug bestimmt wird, und hier spezi- Laufe der griechischen Antike ein theoriege-
ell von der Wirkung auf den oder die ande- leitetes System entstehen:
ren, und die (ii) ihre Effizienz an den prakti-
(i) Es setzte mit der WISSENSCHAFTLICHEN
schen Resultaten dieses jeweiligen Sprachein- Reflexion ein insbesondere von Platon (427⫺347
satzes mißt, also „evaluativ“ angelegt ist. v. Chr.) und seinen philosophischen Dialogen Gor-
Wirkung und Evaluation sind ohne Regel- gias (ca. 393⫺388) und Phaidros (ca. 365⫺350). ⫺
system nicht zu erzielen. Die Regeln und (ii) Es entwickelte sich, dem öffentlichkeitsbewuß-
Konventionen dieses Systems sind in der fol- ten Zeitgeist folgend, in römischer Zeit ab etwa
genden Kurzdarstellung (s. u. 3.3.) nach je- Mitte des 2. Jhs. v. Chr. zur FORENSISCHEN
nen Gesichtspunkten ausgewählt, die mit Rhetorik, die mit Marcus Tullius Cicero (106⫺43
Blick auf die Disziplin ‘Textlinguistik’ von v. Chr.) (De inventione [ca. 91⫺88 v. Chr.], Rheto-
Belang sind. rica ad Herennium [ca. 86⫺82 v. Chr.], De oratore
[55 v. Chr.], Orator [46 v. Chr.]) zur Vollendung
reifte. ⫺ (iii) Eine in der lateinischen Bildungstradi-
3. Die antike Rhetorik tion beheimatete EDUKATIVE (oder SCHOLA-
STISCHE) Rhetorik ist mit dem Namen des ersten
3.1. Soziokulturelle Voraussetzungen staatlich (von Kaiser Domitianus) besoldeten Leh-
rers (der Rhetorik in Rom) verbunden, mit Marcus
Die Rhetorik der Antike ist zeitlich dem attischen Fabius Quintilianus (35⫺96 n. Chr.), der im Rah-
Griechenland nach der archaischen Periode (ca. men einer in 12 Büchern niedergeschriebenen Rhe-
1000⫺600 v. Chr.) zuzuordnen, also ab den ersten toriklehre ⫺ Institutio oratoria (nach 90 n. Chr.) ⫺
Jahrzehnten des 5. Jh. v. Chr. (Zeit der und nach neben den Idealen (iii.1) einer perfekt gewählten
den Perserkriegen der Griechen 492, 480/479, bis Sprache und (iii.2) des Erreichens der intendierten
448 v. Chr.). Das ist die klassische Epoche (ca. Wirkung auch (iii.3) ein allgemein gepflegtes Men-
500⫺350 v. Chr.) mit Sokrates (470⫺399), Platon schenbild durch Vorbildcharakter des Redners an-
(427⫺347), Demosthenes (384⫺322) und Aristoteles
strebt und darin an Cicero anknüpft: den vir bonus,
(384⫺322) und dem folgenden Hellenismus (ca.
der sich in der französischen Klassik begrifflich als
350⫺100 v. Chr.). Rhetorik ist entstanden aus den
honnête homme, und in der englischen Aufklärung
Prinzipien der Demokratie des Altertums, die ein
als gentleman fortsetzen wird (hierzu z. B. Ueding/
Geschenk des griechischen Geistes an die Mensch-
Steinbrink 1986, 86⫺89). Die rhetorischen Qua-
heit ist; und konsequenterweise ist die rhetorische
Kunst im Altertum ⫺ als Praxis ⫺ auch wieder ver- litäten wurden allerdings bereits im 1. Jh. n. Chr.
fallen mit dem Niedergang der politischen Freiheit als schon im Verfall begriffen beklagt (so Tacitus
am Ende der Römischen Republik (im 1. Jh. [ca. 55⫺ca. 120 n. Chr.]), wenngleich die schulisch-
v. Chr.) zugunsten von Diktatur und Kaisertum theoretische Tradition ungebrochen gepflegt wurde
(bis 6. Jh.). In der demokratischen Gesellschaft, (s. o. Quintilian) und als geistformender Komplex
und nur in ihr, bestand ein Bewußtsein für gezü- in die Ausbildung der jungen Intellektuellen Ein-
gelte Macht; es kannte nicht Gesetze, durch die die gang gefunden hatte („enzyklopädische Erzie-
Macht herrschte (wie in Mesopotamien oder Ägyp- hung“, s. u.) (vgl. Ueding/Steinbrink 1986, 37⫺45).
ten), sondern schuf Gesetze, die die Macht be- ⫺ (iv) Die Spätantike ergänzt diese Facetten ⫺ (i)
herrschten (vgl. Pichot 1995, 15 f). bis (iii) ⫺ durch die PREDIKATORISCHE Rheto-
rik, die die hermeneutischen Absichten der Patri-
Die Beziehung zu Regeln und deren Wirken stik (Verkündigung mit Auslegung der Schrift) er-
auf die Menschen, die sich ebendiese Regeln möglicht.
4 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Die Griechen erfaßten mit egky¬kliow pai- Wenn es keine zeitenüberdauernde Einheit
dei¬a enkýklios paideı́a (‘allgemeine Bildung’, gibt, dann ist auch kein zeitlos festes System
‘Rundum-Ausbildung’), später die Römer mit vorhanden; „die Rhetorik“ bietet eher mit
artes liberales (artes honestae/humanae/inge- und zwischen den großen Kulminations-
nuae, bonae u. a.), jenen [Um-]Kreis von punkten ‘Cicero’ (1. Jh. v. Chr.) und ‘Quinti-
Lehr-Fächern (‘en/zyklo/-pädisch’), der sich lian’ (1. Jh. n. Chr.) einen Kernbestand des
ab der Spätantike gefestigt in das („naturwis- Selbstverständnisses, an dem sich auch heute
senschaftliche“) Quadrivium (‘Vierweg’) der noch die gängigen Begriffe „des Rhetori-
„Zahlenfächer“ Arithmetik, Geometrie, Astro- schen“ trotz aller Veränderungen und sozio-
nomie und Musik und in das („geisteswissen- kulturellen Anpassungen weiterhin messen.
schaftliche“) Trivium (‘Dreiweg’) der „Wort- Dazu gehören:
wissenschaften“ Grammatik, Rhetorik und (a) der prinzipiell bewußt (!) gehaltene Partnerbe-
Dialektik einteilte (vgl. mit Literaturangaben zug; ⫺ (b) die Wirkungsintention und ⫺ nicht zu
Kalverkämper 1998, 4⫺6). vergessen oder zu vernachlässigen ⫺ die Abhängig-
keit von Wirkung bzw. Reaktion; ⫺ (c) der Einbe-
3.2. Definition der Rhetorik zug der Situation und ihrer (soziokulturellen) Spe-
„Die Rhetorik“ läßt sich nicht als monolithi- zifika in die Produktions- und Rezeptionsprozesse;
sche Einheit über die Jahrhunderte festlegen. ⫺ (d) die mentale, sprachliche und körperliche
Selbstkontrolle des Redners (/Schreibers) durch
Curtius (1938, 135) hat das Schillern des Einheits- Regelbeachtung bei der Textproduktion (schon die
begriffs für die Antike aufgezeigt; Kopperschmidt Termini te¬xnh rhtorikh¬ téchne rhetoriké, lat. ars
(1973, 135) erkennt für den heutigen Sprachge- oratoria, eloquentia weisen mit dem Etymon griech.
brauch drei Verwendungsweisen (Redetheorie/ eirein eirein, lat. orare ‘künden’, ‘reden’, ‘erzäh-
-lehre, Redekunst, Redefähigkeit), oder Spillner len’, ‘aneinanderreihen’ auf ein gehobenes Sprach-
(1977, 94) unterscheidet vier Auffassungen (Tech- niveau); ⫺ (e) aus Punkt (d) ergibt sich: das (er-
nik/Anleitung zur Praxis, Theorie zur Produktion lernte) Wissen um die relationale Qualität von Kom-
persuasiver Texte, Instrument für Textanalyse, munikativität (s. o. Abschn. 2.3.): nämlich um (i)
Mittel für Erkenntnis- und Handlungsprozesse). Funktionen, (ii) Rahmenbedingungen, (iii) Kompo-
Sie ist als partnerbezogene Ausdruckskunst nenten und (iv) Faktoren des intentionalen, reak-
auch immer ein mentalitätsgeschichtliches tionsabhängigen Sprechens; hier beweist sich, wie
Phänomen, folglich abhängig von den gesell- außerordentlich komplex die Rhetorik ausgelegt ist
und darin im Grunde eine Kommunikationspraxis
schaftlich herrschenden Einstellungen zur und deren Theorie (s. o. Abschn. 2.) in einem dar-
Redekunst (s. u. Abschn. 3.3., Punkt (2.c): stellt.
‘Gattungen’). Selbst in der Zeit der griechi-
schen und lateinischen Antike wechselten die Auf den epochenunabhängigen Kernbestand
Aspekte, die die Einschätzungen gewichteten bezogen, sind folgende drei Komponenten
(s. o. 3.1.), gepaart mit Ablehnung bis Zu- konstitutiv für den ‘Rhetorik’-Begriff:
stimmung: (A) Das Überzeugen (als [kommunikative] Inten-
(i) Von Sprachmittel der allumspannenden Ästhetik tion) (griech. peiuv¬ peithó, lat. persuasio), was im
(Gorgias von Leontinoi [ca. 480⫺ca. 380 v. Chr.]) forensischen und politischen Rahmen allerdings
über (ii) Instrument der Verführung und Manipula- Gefahr laufen kann, die Wahrheit zu verletzen; ⫺
tion (eine Art Psychagogik: „Meisterin der Über- (B) die appellative Präsentation des Redeganzen
redung“) (Platon [427⫺347 v. Chr.]: Gorgias-, auch (als eine formal-inhaltliche Gemeinschaft), was äs-
Phaidros-Dialog), hin zur (iii) Trägerin von Bil- thetische (wie Schönheit) und funktionale Aspekte
dung (Isokrates [436⫺338 v. Chr.]) und (iv) Mittel (wie Angemessenheit [aptum], Zielbezogenheit,
für den Ausbau wissenschaftlicher Strenge (Aristo- Adressatenspezifik, Wirkungsmächtigkeit) verwebt
teles [348⫺322 v. Chr.]: „Fähigkeit, für jeden Ein- (und darin bis heute eine hohe Aktualität der Text-
zelfall das, was glaubhaft gemacht werden kann, produktion und Textrezeption bewahrt hat [man
ins Auge zu fassen“), und weiter erhöht zu (v) ei- denke an Werbung, Technical Writing, Sachbuch,
nem individuellen Idealprogramm des Menschen, Bedienungsanleitungen, Fachwissen-Präsentation
konzentriert im Redner (Cicero [106⫺43 v. Chr.]), für Laien unter Verständlichkeitsaspekten in/mit
bis hin zu (vi) moralisierend-edukativen, „schola- den verschiedenen Medien und Textsorten, u. a.]);
stischen“ Ambitionen (Quintilian [35⫺96 n. Chr.]: ⫺ und (C) die Beherrschung des Regelwerkes als
„bene dicendi scientia“ ‘Wissen[schaft] vom schönen Kunst (instrumentelles Wissen), was (i) allerdings
Ausdruck’ [s. u.]), die sich dann, in der Patristik bis in literarische Umsetzungen (rhetorische Kunst-
nach der Antike (Augustinus [354⫺430 n. Chr.]), in prosa) hinein die Gefahr in sich birgt, daß (i.1) der
einer christlichen Verkündigungs- oder Predigt- Wert des Formalen (das ‘Wie’) über das Inhaltliche
rhetorik (Homiletik) neu ausformt. (Die weiteren (das ‘Was’) gestellt wird (wogegen sich schon Cato
„Stationen“ von Qualifikationen s. bei Loebbert maior [234⫺149 v. Chr.] mit seiner berühmten Sen-
1991; auch Göttert 1991, Kap. C.). tenz stellte: rem tene, verba sequentur [fragm. 15])
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 5

sowie (i.2) Traditionelles und Routiniertes die Vita- Leidenschaften (II.) kann der Redner im Be-
lität und Innovation bei den Textprozessen brem- reich des Ethos (II."A.), d. h. bei der Besänf-
send beeinflussen; (ii) was andererseits aber eine tigung, die Zuhörer [zweckgebunden] gewin-
große Wirkungsgeschichte auf die europäische Li- nen (conciliare) oder [zweckfrei] erfreuen (de-
teratur (vgl. literarische Rhetorik [Lausberg 1960],
Stilistik, Poetik, Produktions- und Rezeptions-
lectare; im 18. Jh.: ‘ergötzen’); im Bereich des
ästhetik) und auf die abendländische Konversa- Pathos (II."B.) kann er sie bewegen (movere)
tions-, Predigt- und Schreib- sowie Redekultur (wie oder sogar aufstacheln (concitare; im 18. Jh.:
Diskussionen um gesellschaftsrelevante wissen- ‘rühren’). Der publikumsbezogene Zweck der
schaftliche Entwicklungen, Debatten der parla- Rede wird allerdings nur erreicht, wenn die
mentarischen Demokratie, ideologische Werbung intellektuellen und die affektiven Mittel ⫺
u. a.) ausgeübt hat. Logik und Gefühl ⫺ gemeinsam zum Ein-
Mit Quintilian (Institutio oratoria II 14, 5; II satz kommen.
15, 16) ist die Rhetorik „ars bene dicendi“ (II (2) Die RAHMEN(bedingungen) für die
17, 37) oder „bene dicendi scientia“ („Wissen- Reden der antiken Rhetorik entsprechen den
[schaft] vom schönen Ausdruck“) (zu ars ⫺ prinzipiellen Rahmenbedingungen von Kom-
scientia ⫺ facultas als Abfolgeschema s. munikation (s. o. 2.1., Punkt (2): dort (2.a)
Lausberg 1960, § 5). bis (2.d)):

Dieses bene, Adverb zu bonus ‘gut’ ‘geeignet’ (2.a) Semiotische Vorentscheidung: sprachliche
‘schön’, gilt als rhetorische Tugend (virtus) des und nichtsprachliche Äußerungen (s. o. 2.1. Punkt
Redners (orator), was sich in Catos Definition vom (2.c); Weiteres s. u.); ⫺ (2.b) Soziokulturelle Spezi-
sittlich guten Redner (mores oratoris [Quintilian II fika des Bedarfs und der Ausführung (s. o. 2.1.
15, 34]), die Cicero übernimmt und der Quintilian Punkt (2.a) und (2.b); s. u.); ⫺ (2.c) Maßgebende
folgt, festgesetzt hat: vir bonus dicendi peritus Gattungen als Ordnungskategorien einer interaktiv
(Quintilian XII 1, 1; ‘der Redner ist ein aufrechter geregelten Welt (s. o. 2.1. Punkt (2.d); s. u.).
und im Reden geschickter Mann’), und was auf
(2.a) SPRACHLICHE UND NICHT-
dessen Werk, seine Rede, als virtus übertragen wird
(bona oratio [Quintilian II 14, 5]): „diese technisch- SPRACHLICHE ÄUSSERUNGEN: In der
moralische Doppeldeutung des bene ist nur aus der rhetorischen Fachliteratur der Antike ⫺ so
Verteidigung der Rhetorik gegen die Philosophie Aristoteles, Cicero, Quintilian u. a. (s. o. 3.1.)
zu verstehen“ (Lausberg 1960, §§ 32; 14, 36). (die lateinische Antike bietet hier deutlich
mehr als die griechische) ⫺ widmen sich die
3.3. Disziplin-Systematik Rhetoren mit starkem Übergewicht dem ge-
Die Systematik der Rhetorik ist vor allem (i) sprochenen Text; sie übersehen allerdings
an der Wirkung (ii) beim Publikum ausge- nicht, daß eine Rede ohne körperliche Prä-
richtet (prinzipielle Relationalität [s. o. 2.1.]); senz des Redners und der Zuhörer undenkbar
so lassen sich auch hier die zugehörigen kom- ist und somit ohne eine subtile Beachtung
munikativen Geltungsbereiche ⫺ also Funk- und den Einbezug der geltenden Redesitua-
tionen (1), Rahmenbedingungen (2), Kompo- tion mit all ihren Unwägbarkeiten, die viel-
nenten (3) und Faktoren (4) ⫺ zugrunde- fach gar nichts mit dem Inhalt der Rede,
legen: stark aber mit deren Präsentation zu tun ha-
(1) Die FUNKTIONEN beziehen sich in ben, nicht angemessen wirken kann. Deshalb
der alten Rhetorik auf die Aufgaben des Red- finden sich sporadisch körpersprachliche ⫺
ners (officia oratoris); er hat zum einen (I.) Cicero (De oratore III, 222) spricht anschau-
die intellektuellen Fähigkeiten der Zuhörer lich von sermo corporis ‘Gespräch des Kör-
anzusprechen, zum anderen aber (II.) die Af- pers’ ⫺ Beobachtungen und Hinweise als
fekte, die Leidenschaften, die Emotionen auf- Lehren zu wirkungsunterstreichender, Af-
zurütteln. Die antike Trias dazu bestimmt als fekte steuernder und sympathiesichernder
Funktionen einerseits (I.') den Appell an die Rede. Pronuntiatio (sprachliche Ausformung)
Einsicht, was insbesondere die Logik leistet; und actio (Fingerhaltung, Gestik, Mimik,
und andererseits (II.'A.) die Beruhigung, als Körperhaltung und redebegleitende Bewe-
den Ort des Ethos, bzw. (II.'B.) die Erregung gungen, Kleidung) gehören zusammen. Zwar
(Affekte), als den Ort des Pathos. nicht ausgefeilt und auch erstaunlich wenig
Aus dieser Dreiheit werden vom Redner systematisiert, aber doch bewußt und katego-
verlangt: Er soll, was die Einsicht via Logik riell erfaßt, markieren die Ausführungen zu
(I.") verlangt, belehren (docere) [eher infor- den nichtsprachlichen Rahmenbedingungen
mativ], beweisen (probare) [argumentativ] der Rede den frühen Beginn einer Redepsy-
und ermahnen (monere) [ethisch]). Bei den chologie, Psychagogik, Wirkungsanalyse, Re-
6 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

zeptionsforschung, was bis in den Redeein- stufenschema entwickelt hat. Dieses unter-
satz von Diktatoren und in die Kommunika- liegt zwei Großbereichen, die die fünf Bear-
tionsweisen der modernen Werbung ausgreift beitungsphasen unter (modern gesprochen:)
(vgl. Kalverkämper 1999). semiotischem Blickwinkel aufteilen: (I.) der
(2.b) SOZIOKULTURELLE SPEZI- Bereich der Sach-Inhalte (res) oder argumen-
FIKA: Die soziokulturellen Rahmenkonstel- tativ abwägenden, logisch abfolgenden „Ge-
lationen werden mit vier zentralen Fragen danken“ einerseits; und (II.) der Bereich der
(quaestiones) nach dem status (‘Stand’ einer sprachlichen Fassung des Sach-Bereichs, also
Situation, die in der Rede behandelt wird; dessen formale Gestaltung durch „Sprache“
Hauptproblem) erkundet, die den Verlauf der (verbum, plur. verba), andererseits.
(Gerichts-) Rede (genus iudiciale) bestimmen Diese Trennung (I.) und (II.), die unter modernen
(status orationis; Quintilian III 6). Der Red- sprachwissenschaftlichen und zeichentheoretischen
ner stellt sich (I.) die Vermutungsfrage (status Gesichtspunkten problematisch wirkt, hebt sich ge-
coniecturae), mit der er die Frage klärt, „ob mäß dem Verständnis der Rhetorik im Vertex-
der Angeklagte es getan hat“; ⫺ dann (II.) tungsprozeß, in der konkreten Rede, auf. Dort fin-
die Definitionsfrage (status finitionis), die be- den sich die zugehörigen fünf Phasen, nachdem sie
für die Texterstellung nacheinander durchlaufen
antwortet, „was er getan hat“; ⫺ anschlie-
worden waren, integriert im Textganzen.
ßend (III.) die Rechtsfrage (status qualitatis),
die eine Tat abwägt, ob sie zu Recht vom An- (3.a) Der res-Bereich (I) setzt für die Text-
geklagten getan worden ist; ⫺ und schließlich produktion mit der Phase der Auffindung der
(IV.) die Verfahrensfrage (status translatio- Gedanken (INVENTIO) ein, die sich für Si-
nis), mit der geprüft wird, ob ein Verfahren tuation und Redezweck eignen. Als Hilfestel-
überhaupt zulässig ist (Göttert 1991, 19⫺21; lung dazu dienen Frageformeln, wie sie schon
Ueding/Steinbrink 1986, 28 f, 237; Lausberg aus dem antiken Katalog des Stoikers Her-
1960, §§ 79⫺138) (s. u. 5.3. Punkt (2)). magoras von Temnos [2. Jh. v. Chr.] bekannt
(2.c) GATTUNGEN: Die Rhetorik kennt waren und als circumstantiae partes (griech.
und pflegt in der Tradition der Aristoteli- perı́stasis-Lehre) pragmatisch vorgingen: quis,
schen Rhetorik drei Redegattungen (genera quid, ubi, quibus auxiliis, cur, quomodo, quan-
orationis) (s. Lausberg 1960, §§ 59⫺65), die do?. Diese Kette hat sich in der modernen
sich ganz pragmatisch aufteilen: Version der pragmatischen w-Fragen tradiert:
wer, was, wo, welche Mittel, warum, wie,
(I.) die GERICHTSREDE (griech. dikaniko¡n ge¬- wann?, englisch bekannt als New Rhetoric-
now dikanikòn génos, lat. genus iudiciale) („juristi- Formel von Harold Dwight Lasswell aus den
sche Rhetorik“, die vor Gericht in Anklage und
auslaufenden vierziger Jahren: Who says
Verteidigung argumentativ und problemgerichtet
vorgeht und, um Unrecht und Recht zu finden, da- What In which channel To whom With what ef-
bei Vergangenes traktiert); ⫺ (II.) die BERA- fect?, die auch als Leitformel journalistischer
TUNGSREDE (griech. symboyleytiko¡n ge¬now Ethik für gewissenhaftes Recherchieren propa-
symbouleutikon génos, lat. genus deliberativum, po- giert wird (Prakke 1965) (vgl. Kalverkämper
litische Rede) („kommunikative Rhetorik“, die in 1981, 69, 163).
der Versammlung Informationen aufbereitet und Die Fragen markieren („Stand“-) Orte
Entscheidungen für die Zukunft in den Blick (griech. to¬poi tópoi, lat. loci), die ⫺ als TO-
nimmt, dabei Vor- und Nachteile abwägt); ⫺ (III.) PIK ⫺ bei der Er- oder Auffindung mit typi-
die LOBREDE (griech. epideiktiko¡n ge¬now epi- schen Argumenten (argumentatio) helfen sol-
deiktikòn génos, lat. genus demonstrativum, epideik- len (bekannt sind die sogen. „Gemeinplätze“,
tische Gattung) („ästhetische Rhetorik“, bei der im
loci communes).
Rahmen des Feierns und der Festlichkeit erfreu-
ende Themen der Gegenwart in ausgesuchter Die loci sind pragmatisch reich untergliedert, wozu
Sprachwahl vorgetragen werden). Quintilian (V 10, 23), im Anschluß an Aristoteles,
eine differenzierte Topik-Liste vorstellt, deren Ar-
(3) Als KOMPONENTEN dienen die gumentationsfragen gleichsam die Welt abtasten:
Strukturteile einer Rede (partes orationis), die loci a persona (von der Person her bestimmt: z. B.
in einem dynamischen Prozeß der Texterstel- Abstammung, Nationalität, Vaterland, Geschlecht,
lung als Bearbeitungsphasen verstanden wer- Alter, Körperbeschaffenheit, Schicksal, soziale
Stellung, Wesensart, Beruf, Neigungen, Vorge-
den: als sukzessive Ausarbeitung von Teiltex-
schichte, Namen [Lausberg 1960, § 376]); und Ar-
ten des Redeganzen. In der Redepraxis fin- gumente mit loci a re (von der Sache herstammend:
den sie sich ineinander verwoben; sie haben z. B. Ähnlichkeit, Ursache, Ort, Zeit, Art und
aber ihre Berechtigung in den Zäsuren der Weise, u. v. a. [Lausberg 1960, §§ 377⫺399]) (vgl.
Rhetoriklehre, die dazu ihr berühmtes Fünf- auch Ueding/Steinbrink 1986, 218⫺235).
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 7

Zur inventio gehören die Aufbauteile (i) exor- der formalistische und der ästhetische Keim
dium (Einleitung), narratio (Sachverhaltsdar- einer Literaturwissenschaft steckt); sie steht
stellung, Schilderung), argumentatio (Begrün- seitdem als dritter Bereich neben Rhetorik
dungen), peroratio (Schluß) (vgl. Lausberg und Poetik (vgl. Spillner 1974; Gumbrecht/
1960, §§ 260⫺442; Ueding/Steinbrink 1986, Pfeiffer 1986; Stickel 1995; ⫺ Ueding/Stein-
240⫺257) (s. u. 5.3. Punkte (2), (3), (4)). brink 1986, s. Stichwort).
(3.b) Die nächste Stufe des res-Bereichs ist (3.d) Die vierte Stufe der Textverarbeitung
die Gliederung der aufgefundenen Gedanken ist das Memorieren der Rede (MEMORIA)
(DISPOSITIO). Sie folgt normalerweise (Lausberg 1960, §§ 1083⫺1090), was mit Hilfe
(ordo naturalis) einer in sich logischen Ab- bestimmter Mnemotechniken (Gedächtnis-
folge von (i) ‘Einleitung’ mit Publikumsbezug lehre) erleichtert werden kann. Res und verba,
(exordium) über (ii) ‘Sachverhaltsschilderung’ Gedanken (I.) und sprachliche Fassung als
(narratio) und (iii) ‘Begründung’ (argumenta- Text (II.) verbinden sich hier, auch schon nach
tio) mit eigenen Beweisen (confirmatio) und antikem Verständnis (Cicero, Quintilian), im
Zurückweisen von solchen der Gegenpartei Auswendiglernen (Fundstellen bei Lausberg
(refutatio), bis zum (iv) ‘Schluß’ (peroratio), 1960, § 1083).
mit dem man zusammenfaßt und publikums- (3.e) Die letzte Stufe ist zugleich die Kon-
wirksam appelliert. kretisierung des Textes, als ars in agendo po-
(3.c) Der erste Schritt zum verba-Bereich sita (Lausberg 1960, § 1091), die Rede in ih-
(II) markiert zugleich die wichtigste und an- rem Vortrag (PRONUNTIATIO) und im Er-
spruchsvollste Phase: nämlich die sprachliche scheinungsbild des Redners (actio): vox und
Gestaltung dieser gedanklichen Vorarbeiten, corpus. Verbale und nonverbale, hier speziell
die ELOCUTIO. Hier finden sich (i) normie- körpersprachliche Mittel (vocis et corporis
rende Richtlinien (‘Tugenden’) der Sprach- moderatio) sollen die Wirksamkeit der Rede
wahl (virtutes elocutionis), zu denen (i.1) die unterstützen, zudem bei sensibler Berücksich-
‘Sprachrichtigkeit’ (latinitas), (i.2) die ‘Klar- tigung der Redesituation und Beachtung des
heit’ (perspicuitas), (i.3) die ‘Ausschmückung’ Publikums und seiner Reaktionen (s. o. Ab-
(ornatus) und (i.4) die ‘Angemessenheit’ (ap- schn. (2), Punkt (2.a)).
tum) gehören. (4) Als FAKTOREN, die die Kommunika-
Für den sprachlichen Schmuck ⫺ (i.3) ⫺ seiner tivität eines Textes ⫺ der Rede ⫺ „machen“
Rede kann der Redner auf reiche Arsenale zurück- (s. o. 2.1. Punkt (4)), gelten (a) Kohärenz, (b)
greifen. Sie teilen sich nach rhetorischer Tradition Distribution und (c) Delimitation; die antike
auf in (i.3.a) die schmückenden Einzelwörter (in Rhetorik hat diese, wenngleich nicht mit sol-
verbis singulis): die Tropen (tropi, sing. tropus, chen wissenschaftlichen Termini, ebenso ge-
griech. tro¬pow trópos [Quintilian VIII 6, 1; Laus- sehen und sie aus ihrer Empirie heraus als
berg 1960, §§ 552⫺598]), die durch Ersetzung (im- prägnante Rede-Mittel erkannt, systemati-
mutatio) des „Eigentlichen“ ihre schmückende
Funktion ausüben (wichtigste: Metapher, Meto-
siert und gelehrt (Lausberg 1960). Einheit,
nymie, Hyperbel, Emphase, Ironie); und in (i.3.b) Verteilung und Begrenzung gilt sowohl für die
die Verbindungen (in verbis coniunctis), die Figuren Teile wie für das Ganze einer Rede (s. u. 5.2.).
(Schema) (Quintilian IX 1; Lausberg 1960, §§ 600⫺
603), die ⫺ wiederum vielfältig klassifiziert (Laus- 3.4. Phänomenologie der Charakteristika
berg 1960, §§ 600⫺910) ⫺ eine künstlerische Verän- Die antike Rhetorik weist, wie die vorstehen-
derung der Normalabfolge bewirken. den Darlegungen (3.1. bis 3.3.) verdeutlichen,
(ii) Zur Elokution gehört auch, was die Rheto- einen konsequenten Bezug zur Kommunika-
rik die Stilebenen (‘Ausdrucksweisen’) nennt tion auf; somit könnte sie durchaus der mo-
(genera dicendi); zu ihnen entsteht ein dreistu- dernen Kommunikationstheorie zur Seite ge-
figes Modell ⫺ (ii.1) hoher (genus grande, stellt werden:
‘großartig’, ‘pathetisch’) (ii.2) mittlerer (genus (1) Sie verwebt Praxis und Theorie, bestimmt
medium), (ii.3) schlichter Stil (genus subtile) und korrigiert sich aus der Empirie und schafft so
⫺, denen die sprachlichen Qualitäten ⫺ s. o. eine Theorie der Gesetzmäßigkeiten und ein reali-
(i) ⫺ als Stilmerkmale zugewiesen werden tätsnahes Regelwerk, das seinerseits wiederum
(vgl. z. B. Ueding/Steinbrink 1986, 211⫺214. Lehre für die Praxis und Bewährung in der Anwen-
dung ermöglicht.
Hier ist der Ort, von dem eine kriterienge- (2) Sie ist mit ihrem System an Regeln, ihren
stützte STILISTIK ihren Anfang genommen Wirkungsgesetzen und Hinweisen gemäß einem
hat, um sich im Laufe der Zeit, spätestens im konsekutiven Ablauf ‘wenn … dann …’, ihren
Barock, als Stiltheorie und als (praktische) strukturellen Arsenalen und ihren Analysen von
Stilanalyse verselbständigt zu haben (worin Teilen im komplexen Ganzen (s. u. Punkt (7)) eine
8 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

dyadisch funktionierende, also Sender (Redner) Agierenden gehören konstitutiv dazu. ⫺ (6.a) Dem
und Empfänger (Publikum) mittels Text (Rede) Gegenstand der Rhetorik ist also die Multimediali-
gleichermaßen umspannende und sensibel berück- tät schon im Selbstverständnis rhetorischer Proze-
sichtigende, somit: eine grundständig kommunika- duren eigen. ⫺ (6.b) Will man sich ihnen wissen-
tiv („konstruktivistisch“ und „rezeptivistisch“) an- schaftlich nähern, gilt als Zugang die Interdiszipli-
gelegte Disziplin. narität, bei der Linguistik, Pragmatik, Soziologie,
(3) Die Rhetorik ist gleichermaßen systemorien- Psychologie, Kognitionsforschung, Semiotik, auch
tiert und sprachverwendungsorientiert. Bei ihr Anthropologie gleichsam im Brennpunkt zusam-
zeigt sich das gegenwärtige Bedingungsverhältnis menfinden.
von Regelsystemen in absentia und konkreter Um- (7) Die antike Rhetorik verfolgt in ihrem System
setzung in praesentia ganz offenkundig. In dieser von Einheiten und in ihrem Arsenal von Struktu-
Gemeinschaft ist die Rhetorik eher eine ange- ren (s. o. 3.3. Punkte (2) u. (3)) das Prinzip der Teil-
wandte denn eine theoretisierende (oder theoreti- ganzen: (i) entweder im Prozeß des Aufbaus der
sche) Disziplin. Ganzheit (nämlich der ‘Rede’) durch textuelle Teil-
(4) Sie geht aus von einer Verkettung der Reden, ganze („Synthese“); (ii) oder im Prozeß des Prüfens
prinzipiell also von Dialogizität, was mit der Argu- der Ganzheit auf ihre Teilganzen hin („Analyse“).
mentation, dem Abwägen im jeweiligen (partei- Dabei ist stets bewußt, daß der erste Weg die Lei-
lichen) Interesse, zusammenhängt. Vorgängertexte, stungen des Redners, der zweite die Anstrengungen
Aktuellrede, Anschlußtexte, Bezugnahmen auf ge- des Zuhörers beschreibt. Da aber beide im rhetori-
hörte und noch zu hörende Reden ⫺ hier ist der schen Textprozeß zusammengehören ⫺ s. o. Punkt
Ort einer praktizierten Intertextualität. (2) ⫺, sind diese Trennungen eher methodologi-
(5) Die Reden erhalten durch diese verschieden scher Art und definieren sich innerhalb der ars rhe-
plazierten Optiken unterschiedliche Status: (5.a) sie torica.
finden sich (oder werden behandelt, zitiert, verwer-
tet) als faktische Produkte, als statische Texte (in 3.5. Disziplin im Wandel
diesem Sinne müssen dann auch die literarisierten, Das komplexe Format und die alle Lebens-
d. h. verschriftlichten Reden ⫺ z. B. von Cicero ⫺ komponenten erfassende Qualität der Rheto-
aufgefaßt werden); ⫺ oder aber (5.b) sie entwickeln rik prädestiniert sie geradezu, in der heutigen
sich als dynamische (nicht starr ablaufende) Pro- Zeit einen eigenen Stellenwert innezuhaben.
zesse zwischen Redner und Publikum, dienen also
als Angebote zur Reaktion, die ihrerseits Anlaß ge-
Dieser bestimmt sich in erster Linie dadurch,
nug ist (oder sein sollte), die Rede in ihrem Verlauf daß und wie sie die gesellschaftlichen Bedürf-
zu modifizieren, in welche Richtung auch immer nisse und die kommunikativen Anforderun-
(Inhalt, Affekte, Aufbau, Stil o. a.); ⫺ oder schließ- gen des modernen Lebens meistern hilft. Im
lich (5.c) sie stellen Kulturereignisse dar, als Träger Gegensatz zur Textlinguistik (s. u. 4.1.) hat
von Einstellungsqualitäten, von soziokulturellen die Rhetorik ihren Bezug zur Kommunika-
Vorgaben und Erwartungen, von Werten und kol- tionssituation und zu deren Komponenten
lektiven Erfahrungen, Vorwissen und allgemeinen behalten und spezifisch ausgebaut. In dem
Kenntnissen. Anforderungskatalog und Leistungspotential
‘Rede als’ ⫺ diese insbesondere zu (5.b) und erweist sich die moderne Rhetorik in der Tra-
(5.c) passende relationale (s. o. 2.1.) Formu- dition der antiken Rhetorik als eine interdis-
lierung hebt (i) neben der kommunikations- ziplinäre angewandte Disziplin mit Auswir-
wissenschaftlichen Nähe auch (ii) die semioti- kungen auf (i) Sprache und Texte sowie auf
schen Grundlagen der Rhetorik hervor und (ii) Menschenführung und Verhalten. Hier ei-
bestimmt sie (iii) als eine grundständig prag- nige über den Rahmen der Antike hinausrei-
matische Disziplin, bei der die soziokulturel- chende Aktionsbereiche der heutigen Zeit:
len Konstellationen (Kultur, Gesellschaft, Rhetorik der politischen Umbrüche („Revolutio-
Handlungsrahmen, Publikum, Situation, In- nen“), Rhetorik und Politik; Werbung und Rheto-
tentionen) vorrangig Geltung haben und so- rik; Sprache und Institutionen (Kommunikations-
mit die sprachlichen Mittel beherrschen und gefälle, Fach- und Wissenschaftssprachen, Exper-
ihre Auswahl und deren Einsatz bestimmen, tensprache als Machtfaktor); Rhetorik und An-
und zwar dies, um die eigentliche Bestim- thropologie; Semiotik und Rhetorik der Körper-
mung des Rhetorischen, die Wirkmächtigkeit sprache, dies auch interkulturell und interdiszipli-
när; Popularisierende Rhetorik-Ratgebung (Brei-
des Gesagten (s. o. 3.2.), zu gewährleisten. tenwirksamkeit); ‘Verständlichkeit’ als rhetorische
(6) Für die antike Rhetorik gilt der Text, also (Text-) Qualität, auch innerhalb der Zielsetzungen
die Rede vor dem Publikum, nicht als ein allein des neuartigen Berufsbildes des Technischen Re-
sprachliches Phänomen. Auch die Situation als dakteurs (s. u. 5.3. Punkt (7)); Rhetorik als Ele-
Vortragsort, das Publikum als Zuhörerkulisse, die ment von Sprachkultur: Streitkultur, Kommunika-
eingebrachten Wirkungsmittel wie Beweisstücke, tionskultur, Bildung, Sprachregister; Stilistik und
Skizzen, Modelle, szenisch-theatralische Präsenta- Rhetorik, z. B. im Rahmen neuer Konzepte von
tionen, ja das körperliche Auftreten der forensisch Aufsatzlehre und Schreiben überhaupt; Rhetorik
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 9

und Gesprochene-Sprache-Forschung; Rhetorik prognostizieren, in der sie nur noch integriert


des Bildes (und andere semiotische Beziehungen); und unter neu erarbeiteten Etiketten er-
Rhetorik und Poetik (Sprachspiele, Konkrete Poe- scheint:
sie, Werbung); u. a.
(i) (Linguistische) Pragmatik nämlich, aber auch ⫺
(ii) Konversationsanalyse, ⫺ (iii) Kommunika-
4. Die Textlinguistik tionswissenschaft (mit starken soziologischen und
psychologischen Anteilen des Sprachgebrauchs), ⫺
4.1. Disziplin im Übergang (iv) Medienforschung und ⫺ (v) Interkulturelle
(1) Zwischen Rhetorik-Tradition und neuen Po- Linguistik.
sitionen: Textlinguistische Forschungen küm- (2) Kreative Umsetzungen im Format der an-
mern sich nur äußerst spärlich um die Er- gewandten Rhetorik: Die Konvergenzen zur
kenntnisse der Antike, und ihre Forschungs- Rhetorik sind mit diesen Positionen (i) bis (v)
geschichte schaut nur selten und dann zu unübersehbar; den fünfen ist das Format der
flüchtig auf die Rhetorik-Tradition. Rhetorik eigen, das auch die Textlinguistik
Ausnahmen, in unterschiedlicher Intensität und auszeichnet, nämlich die Gemeinschaft von
auch Zielsetzung: Kopperschmidt 1973; Breuer *‘Text(ualität)’ ⫺ ‘Kommunikativität’ ⫺ ‘Prag-
1974; Spillner 1974; Plett 1975; Junker 1976; matik’ ⫺ ‘Kultur’+ (vgl. u. 5.3.). Sie verdich-
Knappe 1976; Weinrich 1976a; Spillner 1977; Heil- ten sich in dem Begriff der ‘Kommunika-
mann 1978; Plett 1978; Kalverkämper 1981a; tionssituation’ mit ihren einzelnen Kompo-
1981b; 1983a; Hantsch/Ostheeren 1982.
nenten: nämlich (a) Sender, (b) Empfänger,
Andererseits lassen die Entwicklungen der (c) Gegenstände/Sachverhalte/Handlungszu-
Textlinguistik, die ab den sechziger Jahren sammenhänge. An diesen orientiert (s. Abb.
noch eigenständig aufgetreten ist, eine Zu- 1.2., Kopfzeile), hat sich die Textlinguistik bei
kunft seit den beginnenden neunziger Jahren jenen verschiedenen Ansätzen und For-

Abb. 1.2: Interdisziplinäre Weiterentwicklung und Angewandtheit


10 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

schungsbereichen (s. Abb. 1.2., 햲 bis 햽; das ihm und außerhalb von ihm)’; (ii) oder ⫺ textsor-
sind also keine Disziplinen [vgl. u. 5.3.]) prä- tenorientiert ⫺ als *‘allgemeine Textmodelle’ und
gend ausgewirkt, in denen sie inzwischen auf- ‘Erzähltextmodelle’+; (iii) oder ⫺ objektbezogen ⫺
gegangen ist. Diese ihrerseits gehören großen als *‘textextern’, ‘textintern’ und ‘kombinatorisch
textintern⫺textextern’ bestimmte Linguistik+ (vgl.
Sachfeldern an, die unter vier Leitbegriffe (s. Gülich/Raible 1977; Kalverkämper 1981a; 1981b)
Abb. 1.2., (I.) bis (IV.)) fallen können: hat sich ‘Textlinguistik’ zu einer inzwischen fest
(I.) MEDIALITÄT (d. h. entscheidendes Ge- verankerten Methodenposition entwickelt, die die
wicht des Mediums für die Kommunikation): 햲 modernen Forschungen des ausgehenden 20. Jhs.
Mündlichkeit/Schriftlichkeit (Konversations- oder bestimmt: Nicht das Einzelelement in seiner metho-
Dialoganalyse) und ⫺ 햳 Polysemiose/Multimedia- dischen Isolation gilt, sondern in seiner funktiona-
lität (Medienwissenschaft, Elektronische Kommuni- len Gemeinschaft mit anderen (sprachlicher und si-
kation, Fachsprachenforschung mit insbesondere tuativer/pragmatischer Kontext), aus der heraus ⫺
der naturwissenschaftlich-technischen Kommunika- den mündlichen oder schriftlichen Texten und ih-
tion, Dokumentation und Technische Redaktion, ren Verwendungssituationen ⫺ das Einzelelement
Semiotik), wobei der Text als Symbol, also in seiner dann auch entsprechend analysiert (und gelehrt
referentiellen Funktion, von Interesse ist. [Didaktik!]) werden muß.
(II.) KONTEXTUELLES HANDELN (d. h.
entscheidend ist das sprachliche, situative und Die Verdienste liegen also (a) zum einen bei
sachbezogene Umfeld): 햴 der ausdrückliche Bezug den neuen Forschungsresultaten, die, weil sie
auf Situation und soziokulturelle Einbettung (Prag- aus den kommunikativen Zusammenhängen
matik) und ⫺ 햵 die Fachkommunikation, deren heraus evident waren, bald zum linguisti-
Selbstverständnis vornehmlich im Bereich der schen Wissensbestand gehörten; ⫺ (b) zum
(fachlichen) Handlungszusammenhänge liegt (vgl. andern aber bei der methodologischen Revo-
Kalverkämper 1998, 1⫺59). lutionierung: (b.1) Aufsprengen von (künstli-
(III.) VERWENDUNG (d. h. die spezifischen
Einsatzweisen und Gebrauchsbedingungen der
chen) Begrenzungen (Obergrenze des lingui-
Texte): 햶 im direkten Sender-Empfänger-Bezug stischen Interesses sei der „Satz“); (b.2) ganz-
die Körpersprache, an der, über die Rhetorik hin- heitlicher, integrativer Analyse-Ansatz, der
aus, die Komplexwissenschaften Anthropologie die Sicht auf das funktionierende Ganze, den
und Semiotik besonders interessiert sind (s. u. 5.3. Text, und seine Teilganze freigab:
Punkt (10)); ⫺ 햷 der Text als Symptom, als sender-
Hier ist im Laufe der neunziger Jahre nochmals er-
bezogenes Zeichen, mit vornehmlich expressiver
weitert worden durch die Ebene der Kultureme
Funktion, was bei der vieldiskutierten Frage der
Nationalstile in der Interkulturellen Kommunikation (Kulturspezifika) ⫺ ein nun wohl nicht mehr zu
in Wissenschaft und Wirtschaft (Interkulturalitäts- überbietender Komplexitätszuwachs in kulturelle
forschung) eine Rolle spielt (vgl. Hoffmann/Kal- Dimensionen hinein, darin aber dann auch eine
verkämper/Wiegand 1998, Kap. XI, u. a. Art. 88); Herausforderung an ein neues Selbstverständnis
⫺ 햸 der Text als Signal, als empfängerbezogenes der Linguistik und ein Überdenken ihrer bisherigen
Zeichen, mit vornehmlich appellativer Funktion: methodischen Möglichkeiten und Analyse-Instru-
Textoptimierung, Technische Redaktion, Werbung, mentarien (Entwicklung zu einer Interdisziplinari-
Textmarketing u. a., worum sich Verständlichkeits- tät, zu einer Kooperation bei Methoden, Analysen,
forschung und Technische Redaktion (s. u. 5.3. Resultaten, Bewertungen und Konsequenzen [z. B.
Punkt (7)) kümmern. Angewandtheit, Praxisbezüge, didaktische Umset-
(IV.) VERMÖGEN/KOMPETENZ (d. h. die zungen]).
Fähigkeit, rhetorisch gestaltete Texte in spezifi-
schen Problemsichten, die sich auf die Komponen-
4.3. Disziplinmarkierende Prinzipien
ten der Kommunikationssituation beziehen [s. Das Credo dieser integrativen Neusicht auf
Kopfzeile des Modells], zu erstellen bzw. zu behan- die alten, isoliert betrachteten Phänomene
deln): 햹 die kognitive Strukturierung als für Sender hatte schon 1964 Peter Hartmann († 1984),
(Textproduktion) und Empfänger (Textrezeption) neben Harald Weinrich einer der großen Pio-
gleichermaßen wichtige Kompetenz: textanalyti- niere in Theorie und Praxis der Textlinguistik
sche Kognitionsforschung, Psycholinguistik; ⫺ 햺
das Übersetzen: Translationswissenschaft; ⫺ 햻 die (vgl. Kalverkämper 1981a; 1981b), program-
Sprachstörungen (Aphasie u. a.) und Probleme der matisch formuliert.
Vertextung (Patholinguistik); ⫺ 햽 das Fremdspra- „Mit ‘Text’ kann man alles bezeichnen, was an
chenlernen (linguale, kommunikative, Handlungs- Sprache so vorkommt, daß es Sprache in kommu-
und Kultur[en]-Kompetenz) als eine komplexe nikativer oder wie immer sozialer, d. h. partnerbe-
Herausforderung an die moderne Didaktik. zogener Form ist; oder kürzer: Sprache kommt be-
obachtbar vor in Textform“ (Hartmann 1964, 17).
4.2. Selbstverständnis und Leistung
Nach Definitionen unter Etiketten wie (i) ‘vom „Noch niemals ist Sprache in anderer Form
Satz zum Text’ (transphrastisch) oder ⫺ in anderer als in Textform vorgekommen, d. h. in
Blickrichtung ⫺ ‘vom Text zu seinen Einheiten (in Sprachfunktion geäußert worden“ (Hart-
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 11

mann 1964, 17). Der Text ist das „sprachliche Textlinguistik verblaßt zu sein. In den siebzi-
Primärzeichen“ (Hartmann 1968a, 221). Als ger Jahren dagegen herrschte reges Interesse,
solches ist es folglich auch dem Menschen als insbesondere (i) in semiotischen und pragma-
Sozialwesen am nächsten: die hier gegebenen tischen Zusammenhängen (s. o. 4.1.) und (ii)
anthropologischen Implikationen haben zu ei- als Ausweis interdisziplinärer Gemeinschaft-
ner dialogisch (dyadisch, partnerbezogen), lichkeit mit literarischen und nichtliterari-
kommunikativ, situativ (kontextuell) ausge- schen (z. B. werbesprachlichen) Analysen.
richteten, zu einer „leiblichkeitsorientierten“
Dabei standen allerdings eher Einzelphänomene im
‘Linguistik vom Text-in-Situation-(und-Funk-
Vordergrund, deren Vorhandensein oder Wir-
tion)’ geführt, was methodologisch die Sprache kungsweise als gleich oder eben unterschiedlich er-
wieder zum Menschen zurückgebracht hat: kannt und beschrieben wurde. Metaphern, Phasen
(i) Zum einen mit semiotischer Gewichtung als In- der Texterstellung (s. o. 3.3. Punkt (3)), Eröff-
struktionslinguistik, bei der ein sprachlicher Hand- nungs- und Schlußformeln u. a. standen im verglei-
lungsbegriff einbezogen ist (Weinrich 1976a, Kap. chenden Blick (vgl. z. B. Breuer 1974; Plett 1971;
I. u. II.; 1982, 14 f; 1993, 18; Näheres s. Kalver- 1975).
kämper 1981a, 55 u. 158); ⫺ (ii) zum andern durch
die Stärkung einer wissenschaftlichen Beschäfti- Das Interesse an Rhetorik als solcher war da-
gung mit der Sprachverwendung, dem Gebrauch gegen als Ausgang für vielfältige und weit-
von Sprache (Sprachverwendungslinguistik, Lin- greifende Themen der conditio humana leben-
guistik der Parole, lingüı́stica del hablar [Coseriu dig und nahm sogar in der modernen kom-
1955]) als gleichberechtigt zur strukturalistischen munikationsorientierten Weltgemeinschaft der
Sicht auf das Sprachsystem (Linguistik der Langue).
Der damit verbundene außerordentliche Komplexi-
Kulturen und Gesellschaften zu (vgl. Kopper-
tätszuwachs beim Beschreibungsobjekt zu ‘Sprache- schmidt 1990⫺1991; Ueding/Steinbrink 1986,
in-Funktion’ verlangte auch nach einer Ergänzung 157⫺189; Kalverkämper 1993; 1994) (s. o.
und interdisziplinären Differenzierung der Analyse- 3.5.).
Instrumentarien, woraus sich die (linguistische)
Pragmatik entwickelte; ⫺ (iii) außerdem in einer 5.2. Strukturen, Prinzipien, Konzepte
anthropologischen Konzeption, bei der der han- Über den Vergleich der Einzelphänomene
delnde Mensch als Maß der Kategorien seiner Spra- hinaus lassen sich auch komplexere und so-
che erkannt und für die Analyse entsprechend be-
rücksichtigt wird (Hartmann 1965; Weinrich 1976b;
mit abstraktere Einheiten betrachten:
1982; 1993); gerade wegen dieser Voraussetzungen (1) Die hierarchisch oberste Einheit ist die Kul-
scheinen hier günstige Möglichkeiten von Didakti- tur, dementsprechend die KULTUR(EIN)GEBUN-
sierungen (Fremdsprachenunterricht) zu liegen. DENHEIT der Kommunikation (Partner, Situa-
Das Überwinden reduktiver Linguistik-Kon- tion, Text). Die antik-rhetorischen Rahmenbedin-
gungen (s. o. 3.1.) (i) des Forums, (ii) der öffentli-
zepte durch eine solche „realistische“ Lingui- chen Situation, (iii) der prinzipiell demokratischen
stik (Hartmann 1980), die den „Lebensbe- Haltung, (iv) der Gemeinschaft, ausgeprägt gegen-
zug“ der Linguistik aufrechterhalten soll, in- über dem Fremden (griech. ba¬rbaroi bárbaroi
dem (ganz analog zu Anliegen der Rhetorik) ‘nicht griechisch Redende’, ‘Stammelnde’), (v) der
die Methoden und Resultate „einsetzbar und Einbindung in ein Erziehungsprogramm (artes li-
nützlich sind für die Bewältigung und Verbes- berales) speziell der Oberschicht (s. o. 3.1.) entspre-
serung außerwissenschaftlicher Bedarfslagen“ chen nicht den Konfigurationen der modernen
(Hartmann 1980, 255), ist mit Harald Wein- Textlinguistik: diese ist allein am Objekt ‘Sprache’
richs Textgrammatik (1982; 1989a; 1993) ge- und seinen Manifestationsweisen interessiert (s. o.
lungen. Ausgangspunkt ist die Kommunika- 4.2., 4.3.). Der ‘Kultur‘-Begriff (vgl. Kalverkämper
tion, gefaßt als „Gespräch“ (Dyade, Kommu- 1995) ist als methodologische Erweiterung hinzuge-
wonnen (s. o. 2.1. Punkt (2)).
nikationspartner, Medium, Situation, Sprach-
(2) Die Rhetorik hat ihre REDE (oratio, griech.
spiel, Text). „Der Text oder genauer der Text- lo¬gow lógos) (sie kennt nicht den Terminus ‘Text’),
in-der-Situation ist für die Textlinguistik die mündlich, präsentisch, argumentativ und persuasiv
erste Gegebenheit („primum datum“)“ (Wein- angelegt. Die Textlinguistik hat ihren Text, der
rich 1982, 28). durch die literarische Tradition kanonisiert und so-
mit eingeschränkt war auf (i) schriftlich, (ii) litera-
5. Antike Rhetorik und Textlinguistik: risch, (iii) monologisch und (iv) abgeschlossen, weit
aufgebrochen, nicht zuletzt über die Erweiterung
Beziehungen und Integrationen zu einer Linguistik der Sprachverwendung (s. o.
5.1. Aktualitäten 4.3.), nämlich zu: (i') mündlich und schriftlich, dabei
dann auch körpersprachlich und mit Bild(ern), (ii')
Seit den mittachtziger und in den neunziger literarisch und nichtliterarisch/gebrauchs-/zweck-/
Jahren scheint das Interesse an einer diszi- fachtextuell, (iii') monologisch und dialogisch, (iv')
plinhistorischen Filiation von Rhetorik und formal-inhaltlich abgeschlossen und offen.
12 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

(3) Die Rhetorik unterscheidet in ihrem Lehrge- 5.3. Entwicklung rhetorischer Systemteile zu
bäude konsequent nach (i) VERBA SINGULA, textbezogenen Forschungsschwer-
also den Einzelzeichen, als electio verborum und so- punkten oder eigenständigen
mit in modern strukturalistischer Sicht: in der pa- Disziplinen
radigmatischen Dimension; und nach (ii) VERBA
CONIUNCTA, also den verbundenen Zeichen, als Prinzipielle Anknüpfungsmöglichkeiten gibt
compositio, modern: in der syntagmatischen Di- es aufgrund des weiten und komplexen For-
mension. Hier treffen sich beide Disziplinen, da die mats der Rhetorik ⫺ *‘Text(ualität)’, ‘Kom-
Einzelzeichen als funktionierende Teile im Ganzen munikativität’, ‘Pragmatik’, ‘Kultur’+ (s. o.
angesehen und in ihrer Wirkungsweise einge- 4.1. Punkt (2)) ⫺ für viele Disziplinen (vgl.
schätzt werden. Kopperschmidt 1990; Kalverkämper 1993).
(4) Das Textganze ist in beiden Disziplinen als
etwas hierarchisch Strukturiertes erkannt: die
Umgekehrt haben aber auch einzelne Groß-
TEXTKONSTITUTION ergibt sich über die Teil- bereiche der antiken Rhetorik ihr Gewicht für
texte. Die Rhetorik bietet hierzu bei den partes ora- die Kommunikationsprozesse auch außerhalb
tionis/artis (s. o. 3.3. Punkt (3)) mit der dispositio- des rhetorischen Rahmens bewiesen und
Lehre ein System, sogar pragmatisch aufgeteilt sind, je nach den wissenschaftlichen Entwick-
nach ‘werk-intern’ und ‘werk-extern’ (s. Lausberg lungen bzw. den gesellschaftlichen Mentali-
1967, §§ 46⫺90); die Textlinguistik widmet sich tätslagen, derart in den Blick gerückt, daß sie
dem unter Etiketten wie ‘Makrostruktur’, ‘Text- sich isoliert haben zu textbezogenen For-
gliederung’, ‘Delimitation’ (vgl. Kalverkämper schungsschwerpunkten, eigenen Fachgebie-
1981a; 1981b). ⫺ Die Topik (s. o. 3.3. Punkt (3.a))
bietet Brückenschläge zu dem Begriff der ‘Inter-
ten oder selbständigen Disziplinen:
textualität’ (s. Junker 1976, 381; Kalverkämper (1) Zuerst der Bereich der genera, der zwangs-
1983a, 354⫺356), wie er mit der textsemiotischen läufig zu den GATTUNGEN hinführt (vgl. Hem-
Sicht der Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva pfer 1973); sie sind in der Textlinguistik üblicher-
Ende der sechziger Jahre eingeführt ist. ⫺ Textdeli- weise als ‘Textsorten’ geführt, was in bestimmten
mitation, Textveränderung, Textbearbeitung (z. B. Differenzierungen begründet ist: die (drei Haupt-)
durch Exkurse oder andere Gattungsrahmen) spie- Redegattungen der Rhetorik (s. o. 3.3. Punkt (2.c))
len in der rhetorischen Produktion wie in der text- haben in der literarischen Klassifikation (s. o. 2.1.
linguistischen Analyse eine dominante Rolle (Jun- Punkt (2.d)) ihr Korrelat: in den poetischen Gat-
ker 1976, 381 f). tungen. Diese sind Formen einer Textklassifikation
(5) Die funktionale Gemeinschaft rhetorisch (i) mit historischer Dimension, (ii) auf literarische
wirksamer Einzelelemente und größerer rhetori- Texte bezogen, somit (iii) vornehmlich an Schrift-
scher Einheiten ist in der literaturwissenschaft- lichkeit ausgerichtet, (iv) dabei (mehr oder weniger)
lichen TEXTANALYSE fruchtbar gemacht wor- präskriptiv (normsetzend und somit vorzugsweise
den; systematisierender Pionier zu dieser Intellek- autorbezogen), und sie sind (v) einbezogen in die
tualisierung poetischer Wirkung, von Literarizität Stellenwerte eines (literarischen Gattungs-) Sy-
also, ist Heinrich Lausberg. Sein Handbuch (1960) stems (vgl. o. 5.2. Punkt (2)). Mit dem Format der
hat die philologische Methode mit den Kategorien Textlinguistik haben sich aufgrund der komplexen
der systematischen Rhetorik objektiviert und empi- Grundlagen von Kommunikation (s. o. 2.) zu die-
risiert (Babilas 1961). ⫺ Der Folgeterminus sol- sen literarischen Gattungsmerkmalen folgende hin-
chermaßen analysierter literarischer Texte wurde zugesellt (!) (s. Kalverkämper 1983b): (i') synchron;
ab den siebziger Jahren die ‘Textanalyse’ (z. B. (ii') nichtliterarische (nonfiktionale/expositorische/
Plett 1971; 1975), die, angeregt durch das Format Gebrauchs-/Zweck-) Textsorten; (iii') mündliche
der antiken Rhetorik, auch die Pragmatik als Kommunikation; (iv') deskriptive Ausrichtung; und
‘Textpragmatik’ mit einbezog (z. B. Breuer 1974). (v') textsortentypologisch (hierzu s. Kalverkämper/
⫺ Die Verflechtung von Rhetorik, Linguistik, Lite- Baumann 1996).
raturwissenschaft, Poetik, auch Semiotik am Ob- Es sei nicht vergessen (s. o. 2.1. Punkt (2.d)),
jekt ‘Text’ zu einem interdisziplinären deskriptiven daß hier ein Kernbereich der literarischen POETIK
Analyse-Instrumentarium speziell für poetische liegt; er ist seinerseits stets Wandlungen (sogen.
(bzw. literarische) Texte ist gerade vom Prager „kleine Gattungen“, genera minora [Lausberg
Strukturalismus der dreißiger Jahre unter Etiketten 1960, § 1242], genres mineurs [Nies 1978]) und Er-
wie ‘linguistische Poetik’ (Kloepfer/Oomen 1970; weiterungen (gerade zu nichtfiktionalen „Gattun-
Oomen 1973; Nikula 1990) durch Forscher wie Ro- gen“, besonders der vielseitigen Fachkommunika-
man Jakobson (s. z. B. Jakobson 1974) proklamiert tion, hin) unterworfen (vgl. Kalverkämper 1996).
worden (vgl. Kalverkämper 1981a, 96⫺100, 176⫺ (2) Die rhetorische Status-Lehre (s. o. 3.3.
178; Spillner 1974, 104⫺116). Inzwischen ist es in Punkt (2.b)), die auf Hermagoras von Temnos zu-
dem Umkreis eher still geworden, und es scheint rückgeht (2. Hälfte 2. Jh. v. Chr.) (s. o. 3.3. Punkt
stattdessen eine eher anthropologische Ausrichtung (3.a)), verhalf dazu, die Rechtsfälle zu systematisie-
der Literaturwissenschaft den notwendigen Stellen- ren (Lausberg 1960, §§ 79⫺138); sie gehört deshalb
wert von Kommunikativität in den literarischen zur Gliederung der materia (‘Stoff’, ‘Redegegen-
Texten (s. o. 2.1.) erkannt zu haben. stand’) einer Rede (Lausberg 1960, §§ 53⫺138) und
1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 13

in der Redepraxis in den Rahmen der inventio der mit dem 17. Jh. etablierte Literaturkritik hat sich
Redeteile (s. o. 3.3. Punkt (3.a)) (Ueding/Stein- mit solchen (und weiteren) Kriterien seit Mitte der
brink 1986, 28 f). Sie hat sich neben der Gerichts- achtziger Jahre auch eine Stilkritik der Wissen-
praxis auch für andere Gattungen bewährt, so bei schaftssprachen gesellt (Kalverkämper/Weinrich
den (juristisch affinen!) Konflikten des Dramas 1986, Kap. II.; Weinrich 1989b; Lit. in Kretzenba-
(Lausberg 1960, § 96; griech. drãn dran ‘handeln’). cher 1992, Kap. XX) (vgl. u. Punkt (7)).
Es liegt somit nahe, daß das Korrelat der Moderne (7) Der zweite Bereich der elocutio-Lehre ist die
bei den HANDLUNGSLEHREN zu finden ist: perspicuitas (s. o. 3.3. Punkt (3.c)) (vgl. Lausberg
Rhetorik und Poetik, insbesondere in der Lehre 1960, §§ 528⫺537). Die Tugend der Transparenz,
von den dramatischen Gattungen, als „eine sehr die der obscuritas (höchstens als poetische Lizenz
differenzierte und teilweise höchst subtile Hand- geduldet: „Verfremdung“ [Lausberg 1967, §§ 84⫺
lungstheorie“ (Weinrich 1976a, 24) und somit als 90]) entgegensteht, ist unter textueller Sicht (in ver-
eine Pragmatik (Fuhrmann 1975). bis coniunctis) in den späten achtziger Jahren als
(3) Der ausgebaute Bereich der narratio (als eine kommunikative Herausforderung durch die
zweiter Teil der inventio; s. o. 3.3. Punkt (3.a)) hat gesellschaftlichen Konflikte insbesondere zwischen
in der textbezogenen Sicht der Moderne eine litera- den arbeitsteiligen Fächern und ihren Fachspra-
risch-textwissenschaftliche Beachtung durch die chen sowie in der Fachleute-Laien-Kommunika-
NARRATIVIK (Narratologie, Erzähltextanalyse) tion in den Blick gerückt. ‘VERSTÄNDLICH-
gefunden (hierzu vgl. Gülich/Raible 1977, Kap. III; KEIT’ als (i) sozialer Anspruch an eine (ii) vom
Kalverkämper 1981a, 119⫺123, 183 f). Autor, der die Fähigkeiten seiner Rezipienten anti-
(4) Aus dem vierten Teil der inventio, nämlich zipiert, zu leistende und (iii) im Text verankerte
der peroratio (‘Schluß’) (s. o. 3.3. Punkt (3.a)), hat kommunikative Qualität (Kalverkämper 1988) ist
die affectus-Lehre (Lausberg 1960, § 436⫺439) eine inzwischen auch ein justiziables Gut geworden.
gewisse Selbständigkeit erhalten in der Psychagogik Wegen dieser eminenten gesellschaftlichen Bedeu-
des Werbemanagements und der WIRKUNGS- tung bedarf es wissenschaftlicher Analyse durch die
PSYCHOLOGIE im Verhaltenstraining von Füh- Verständlichkeitsforschung, ihrerseits mit eigener
rungskräften der Industrie und größerer Unterneh- Disziplingeschichte (s. Göpferich 1998, Kap. 8)
men. Dies hat Konsequenzen bis hin zur Vermark- und eines eigenständigen Berufsbildes, nämlich
tung von Populärrhetoriken oder gedruckten Ver- Technische Redaktion (Technical Writing), mit in-
haltensratgebern als (oft zweifelhafte) Lebenshilfe zwischen elaboriertem Instrumentarium (Antos/
(vgl. Ueding/Steinbrink 1986, 184⫺186; Kalver- Krings 1989; Krings 1996; Göpferich 1998), das
kämper 1995). auch das weite interdisziplinäre Spektrum in Theo-
(5) Als zweiter Teil der partes orationis (s. o. 3.3. rie und Praxis als genuin angewandte Wissenschaft
Punkt (3.b)) dient die Lehre von der dispositio. offenkundig macht (vgl. Kalverkämper 1998, 12;
Dies ist in der Schultradition, insbesondere seit auch Raible 1978). ⫺ Die Diskussion im Umfeld
Mitte des 18. Jhs., traktiert und ausgebaut zur hat zudem auch einen Begriff zum Leben erweckt,
AUFSATZLEHRE, wobei auch die Stilistik der der für die antike Rhetorik genauso gilt, aber als
elocutio und weitere redewirksame Bestandteile der solcher aus dem Prager Strukturalismus der dreißi-
ger Jahre stammt, von Harald Weinrich aber in die
Rhetorik einbezogen wurden (vgl. Ludwig 1988;
Moderne umgesetzt worden ist: die SPRACH-
Kalverkämper 1991a). ⫺ Auch in der (i) medienbe-
KULTUR (Weinrich 1985; zum Begriff und seiner
zogenen Diskussion um „Textbausteine“ für fertige
Tragweite vgl. auch Kalverkämper 1998, 52 f).
oder halbfertige Texte, die mit spezifischen Lücken
(8) Die Lehre vom aptum (decorum, decens, con-
am PC abrufbar und bearbeitbar sind, sowie inzwi-
veniens, accomodatum; griech. pre¬pon prépon;
schen in der (ii) multimedialen Gestaltung von Tex- franz. bienséance), dem vierten Bereich der elocutio
ten („Design“, „Layout“ u. a.) spielt die Makro- (s. o. 3.3. Punkt (3.c)), sieht die „Zweckhaftigkeit“
struktur und das Zusammenwirken der Teile im oder Angemessenheit, und diese innerhalb und
Ganzen und für das Ganze eine wichtige Rolle. außerhalb (‘pragmatisch’) der Rede bzw. des Textes
(6) Aus dem dritten Bearbeitungsteil der Rede, (vgl. Lausberg 1960, §§ 1055⫺1062; 1967, § 464).
der elocutio (s. o. 3.3. Punkt (3.c)), hat sich die STI- Dieser Faktor berücksichtigt also auch die sozio-
LISTIK entwickelt. ⫺ Ein wichtiger Bestandteil kulturellen Umstände mit Sprecher, Publikum,
(neben Stiltheorie, Stilforschung und Stilanalyse; Zeitpunkt und Ort (Lausberg 1960, § 1057; Quin-
vgl. Spillner 1974; Junker 1977, 533) ist die STIL- tilian XI 1). Hier schließen sich moderne For-
KRITIK, die ihrerseits vorzugsweise auf Kriterien schungsbereiche wie TEXTPRAGMATIK, Kon-
der elocutio-Lehre zurückgreift, nämlich auf (i) die versationsanalyse, Konfliktforschung oder (inter-
Sprachrichtigkeit (latinitas), was vorzugsweise kulturell ausgerichtete) TRANSLATIONSWISSEN-
grammatisch gemeint ist; (ii) die gedankliche und SCHAFT an. ⫺ Er belegt die Richtigkeit, den in-
sprachliche Transparenz (perspicuitas) als rhetori- zwischen erreichten Komplexitätsstand begrifflich
sche Tugend (Quintilian VII 2, 22) (bei Aristoteles ganzheitlich zu umreißen mit dem Format ‘Spra-
„ist sie die zentrale Tugend der le¬jiw überhaupt“ che-in-Texten-und-Kommunikationssituationen-in-
[Lausberg 1960, § 528]); (iii) der sprachliche Kultur(einbettung)’ (Kalverkämper 1998, 50; vgl.
Schmuck (ornatus) im Einzelwort wie im Textver- auch Weinrich 1976a).
band (Figuren, Komposition, Klauseln); (iv) die (9) Die vierte Verarbeitungsphase, das MEMO-
Angemessenheit (aptum). ⫺ Neben die spätestens RIEREN von Rede bzw. Text (memoria), um es in
14 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

geeignet strukturierter (dispositio) und wirkender (interkulturell sensibilisiertes Dolmetschen), aus


Weise (pronuntiatio) vorbringen zu können (s. o. der Erforschung der interkulturellen Wirtschafts-
3.3. Punkt (3.d)), hat in modernen Programmen kommunikation, aus der Kulturwissenschaft und
des Gedächtnistrainings (Mnemotechnik) eine der anthropologisch ausgerichteten Literaturwis-
praktische, auch kognitionswissenschaftlich ge- senschaft, und natürlich aus der Angewandten
stützte Umsetzung erfahren. Eine kulturhistorische (oder Praktischen) Rhetorik in Trainings- und Aus-
und interkulturelle Dimension erwächst gerade aus bildungsseminaren für Manager u. a. im internatio-
der räumlich konzipierten Gedächtnislehre des nalen Wirtschaftsverkehr (s. Kalverkämper 1991b;
Altertums: Erinnern und Vergessen als Themen der 1994; 1995; 1999), was, oft für den Alltag, bis hin
Schriftlichkeit und Mündlichkeit, der Kulturge- zu populärpsychologischen Ratgebern mit Verhal-
schichte (Mythen), der Literatur und Philosophie tensrezepten reicht.
(Haverkamp/Lachmann 1993; Weinrich 1997), der
Didaktik (Kuhn 1993), der Kunst (z. B. Denkmal),
der Geschichte (z. B. Staatsmemoiren), der Institu- 6. Modell einer
tionen, der gesellschaftlichen Identitätsschaffung
(„kulturelles Gedächtnis“). Disziplinen-Konfiguration
(10) Die pronuntiatio, letzte der fünf Bearbei-
tungsphasen (s. o. 3.3. Punkt (3.e)), wird heute be- Das Verhältnis von Rhetorik und ihren
sonders in ihrem Teilbereich der actio aufgegriffen Nachbardisziplinen, zu denen sie eine mehr
von der KÖRPERSPRACHENFORSCHUNG. oder weniger ausgeprägte Affinität innehat,
Hier ist grundlegend Rhetorisches gegeben mit den insbesondere zur Textlinguistik, läßt sich in
Komponenten (i) ‘Rednerkörper’, (ii) ‘Publikum’, einem Modell darstellen, dessen eine Dimen-
(iii) ‘Situation’, (iv) ‘Kommunikativität’ (Redetext, sion die Inklusionsbeziehung von dicere (‘re-
Partnerbezug), (v) ‘Wirkung’, (vi) ‘Dynamik’, (vii) den’) als dem spezifischsten Begriff, dann te-
‘Kulturspezifika’. ⫺ Besonderes Interesse der Mo- xere (‘verweben’) und schließlich, am weite-
derne für dieses interdisziplinäre Thema kommt
aus der Konversations- oder Gesprächsanalyse,
sten, agere (‘handeln’) repräsentiert; und des-
überhaupt der Mündlichkeitsforschung (die aller- sen zweite Dimension die Qualifikatoren auf-
dings die auftretenden Komplexitätsprobleme bei nimmt, die die beteiligten Disziplinen selbst
der schriftlichen Notation noch nicht ausreichend liefern: das Evaluative (bene ‘gut’), das Neu-
bewältigen kann), aus der Translationswissenschaft trale (‘deskriptiv’) und das Normative (recte

Abb. 1.3: Disziplinen-Konfiguration


1. Vorläufer der Textlinguistik: die Rhetorik 15

‘richtig’), das die Grundlage für Weiterauf- Hartmann, Peter (1964): Text, Texte, Klassen von
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2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik

1. Vorbemerkung und aufsatzdidaktischer Akzentuierung, bei


2. Zur historischen Entwicklung der Stilistik U. Abraham (1996). Erste Theoretisierun-
3. Von der Mikro- zur Makrostilistik gen liegen zu einer diachronen/historischen
4. Stilistik und Textlinguistik Stilistik vor (Pöckl 1980; Fix 1991), speziell
5. Literatur (in Auswahl) auch zum Phänomen des Stilwandels (Neu-
land 1994; Lerchner 1995); nach wie vor be-
steht das Problem einer fast ausschließlich li-
1. Vorbemerkung teraturorientierten Chronologisierung in Stil-
epochen und Zeitstilen (Falk 1980; Por/Rad-
Eine geschlossene Darstellung der Stilistik in nóti 1990). Wissenschaftsgeschichtlich be-
geschichtlicher und forschungsgeschichtlicher schränkt sich die Aufarbeitung der Stilistik
Perspektive gibt es noch nicht; ein Ansatz zur auf Ansätze und Ausschnitte, z. B. ihre Her-
„Stilgeschichtsschreibung“, allerdings mit stil- ausbildung aus der Rhetorik, Stil im Rahmen
18 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

der Literatur und des Deutschunterrichts menklatur, ersichtlich vorgebildet im Franzö-


oder Arbeiten zur romanistischen Stilfor- sischen als Bezeichnung der neuen Lehre vom
schung; neben herausragenden Gestalten der Stil. War in G. A. Bürgers Göttinger Vorle-
älteren Stilgeschichte wie Buffon, Goethe, sungen noch von der „Wissenschaft vom
Nietzsche, auch Spitzer u. a. waren es die je- Styl“ die Rede (1785/1824), begegnet der
weils herrschenden Stiltheorien, auf die sich Ausdruck Stylistik erstmals in einem Frag-
besonderes Interesse richtete (Sowinski 1991, ment des Novalis (1798/99), dann bei L. Aur-
17 ff; Sanders 1995, 12 ff). Der oft rasche bacher (1817), Chr. F. Falkmann (1835) u. a.,
Wechsel solcher stilistischen Konzeptionen zunächst in engster Verbindung mit der Rhe-
erklärt sich offenkundig aus ihrem Zusam- torik, deren Nachfolge die Stilistik in zuneh-
menhang mit allgemeinen Geistesströmun- mender Emanzipation antrat (Campe 1990,
gen, aktuellen Wissenschaftstendenzen, spezi- 86 f; Linn 1963). Seit dem späteren 19. Jahr-
ell linguistischen Theoriebildungen, Gram- hundert vollzog sich ihr Wandel zur eigen-
matikmodellen und ihren Terminologien. ständigen sprach- und literaturwissenschaft-
Fast zwangsläufig kam es daher, als Anfang lichen Disziplin, als die sie sich unter Oberbe-
der sechziger Jahre die Textlinguistik zu ih- griffen wie ‘Stilistik, Stilkunde, Stilforschung’
rem spektakulären Siegeszug in der Sprach- in die bekannten, bis heute gültigen Subdiszi-
wissenschaft ansetzte, zur Konfrontation der plinen theoretischer, deskriptiver und norma-
beiden Textdisziplinen, der neuen und der tiver Art aufgliederte (Stiltheorie, Stilana-
alten ⫺ auf die Formel des Göttinger Germa- lyse, Stillehre).
nisten-Kongresses 1985 gebracht: „Textlin-
guistik contra Stilistik?“ (Schöne 1986). 2.2. Das Ende des „rhetorischen Zeitalters“
wird in die zweite Hälfte des 18. Jhs. datiert.
Zeitgleich mit einem merklichen Rückgang
2. Zur historischen Entwicklung des rhetorischen Schrifttums führten damals
der Stilistik auffallend viele deutschsprachige Lehr- und
Handbücher an Stelle des früheren Rhetorik
2.1. Am Anfang steht der Stilbegriff. Der la- oder Beredsamkeit das Wort Stil in ihrem Ti-
teinische Schreibgriffel stilus hatte bekannt- tel. In einer schrittweisen Auflösung des rhe-
lich schon früh seine Bedeutung, auf Schrift torischen Systems wichen die klassischen Vor-
und Sprache übertragen, zur „Schreibweise“ schriften der Dreistillehre mit ihrem reglemen-
ausgeweitet. Während des 15. Jhs. gelangte tierten Sprachdekor überall einem neuen
das Fremdwort, wie zuvor schon in anderen Ideal, das sich mit der Abkehr von Regelpoe-
europäischen Kultursprachen (stile, estilo, tik und Gattungszwängen in der Hinwendung
style usw.), als stil ins Deutsche, wo es den zur Subjektivität eines „natürlichen“, künstle-
Sinn der charakteristischen Ausdrucks- und risch freien Persönlichkeitsstils äußerte.
Gestaltungsweise, schließlich sogar Geistes- Diese Entwicklung zeigt sich schon bei J.
art eines Individuums annahm (W. G. Müller G. Hamann, der 1776 G. L. L. de Buffons
1981, 6 ff; A. Müller 1981; Sauerländer 1983; berühmten „Discours sur le style“ (1753) in
Gauger 1991; 1995, 187 ff). Ebenso bekannt deutscher Übersetzung herausgab, wenn er
ist die spätere Übertragung des Begriffs auf dessen Kernsatz „Der Stil ist der Mensch
Musik, bildende Kunst und Literatur wie auch ganz und gar“ in individualstilistischem Sinn
seine moderne Entwicklung zum „Allerwelts- missversteht (Trabant 1990, 1992; auch Gau-
wort“, das heute ubiquitär in Künsten und ger 1995, 203 ff). Sogar die Sprachautorität
Wissenschaften, Technik und Sport, Architek- der Aufklärung, J. Chr. Adelung, der in sei-
tur, Kleidung und Lebensform gilt: Stil „als ner zweibändigen Stillehre „Ueber den deut-
anthropologische, kulturwissenschaftliche, schen Styl“ (1785) das ganze Inventar rheto-
semiotische oder wie immer zuzuordnende rischer Figuren und Regeln in rationalisti-
Größe“ (Lerchner 1995, 96 f; Gumbrecht/ scher Systematisierung aufmarschieren lässt
Pfeiffer 1986; Heinz 1986). und die Stilistik als Lehre vom Ausdruck der
Im Laufe des 18. Jahrhunderts hatte sich Gedanken versteht, beruft sich auf die neue
das zeitweilig mit Schreibart konkurrierende Individualität der Stilauffassung, „daß jeder
Stil (älter auch Styl) im Deutschen endgültig Mensch seine eigene Schreibart haben müsse“
durchgesetzt. Nicht von ungefähr gleichzeitig (Sanders 1996b, 347 f). Sein imposantes
mit dem Niedergang der alten Rhetorik er- Lehrgebäude zeichnete sich durch zwei Neue-
scheint um die Jahrhundertwende der Begriff rungen aus, die Schule machten: durch eine
‘Stilistik’ in der geisteswissenschaftlichen No- grammatikähnliche Strukturierung der Stilis-
2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik 19

tik, gewissermaßen als eine spezielle Art von Kunstwissenschaft (besonders H. Wöfflins
Sprachlehre, und durch eine Psychologisie- einflussreiches Werk „Kunstgeschichtliche
rung der rhetorischen Figuren und Tropen, Grundbegriffe“, 1915) und durch die romani-
die jeweils in ihrer Wirkung auf die Seelen- stische Sprachwissenschaft.
kräfte erklärt werden. Ganz anders, aber
nicht weniger folgenreich der Literat K. Ph. 2.3. Für die historisch-vergleichende Sprach-
Moritz; seine „Vorlesungen über den Stil“ wissenschaft des 19. Jhs. stand die Stilistik
(1793/94; veröffentlicht 1808) waren vehe- nicht im Vordergrund des Interesses; immer-
ment gegen eine dem rhetorischen Regel- hin gab sie aber der sich zur gleichen Zeit ent-
system verhaftete Stilistik gerichtet und wirk- wickelnden literarischen Stiluntersuchung
ten vor allem mit ihrem Individualitätsbe- und späteren Textinterpretation etwas mit
griff, Stil sei „das Eigentümliche, woran man auf den Weg: ihre Methode des Beschreibens
die Schreibart eines jeden wiedererkennet“, in und Erklärens, nicht des Vorschreibens und
die Zukunft. Bewertens. Der Ruhm, die moderne sprach-
Adelungs konventionalistische Regelstili- wissenschaftliche Stilistik begründet zu ha-
stik, wenn diese auch erst in der gekürzten ben, kommt Ch. Bally zu, dem Saussure-
und bearbeiteten Fassung von Th. Heinsius Nachfolger in Genf. Er vertrat eine emotio-
(1800) zu weiterer Verbreitung gelangte, und nal-affektive Stilauffassung und eröffnete
die Moritz’sche Theorie eines individuell-ex- eine bedeutende romanistische Tradition, der
pressiven Stils können in ihrer Verschieden- in Frankreich Gelehrte wie J. Marouzeau, M.
heit als frühe Prototypen einer zweisträngi- Cressot, P. Guiraud u. a. angehörten; in
gen Entwicklung in der Stilistik der Folgezeit Deutschland waren es E. Wechsler, K. Voss-
gelten. Der eine Strang etablierte sich, wie es ler und vor allem L. Spitzer, dessen Interpre-
R. Campe (1990, 73 ff) in seinem Überblick tationsmethode des „philologischen Zirkels“
über die Jahrzehnte von 1780 bis 1870 skiz- es zu einiger Berühmtheit gebracht hat
ziert und neuerdings U. Abraham (1996, (Craddock 1952; Klesczewski 1969; Hatzfeld
36 ff) in akribischer Untersuchung bis auf 1975; auch Ax 1976). Einen typisch amerika-
den heutigen Stand weitergeführt hat, in nischen „Neuanfang“ setzte die Blooming-
schulpädagogischen Zusammenhängen, vor toner Stilkonferenz von 1958 (Sebeok 1960;
allem in Lehrbüchern für Gymnasien, Real- spätere Veranstaltungen ähnlich programma-
und Bürgerschulen. Methodisch konkretisiert tischer Art Chatman 1971; Molinié/Cahné
in „Stilübungen“, wie sie damals Grammatik- 1994); obwohl dort Wissenschaftler der ver-
unterricht und Aufsatzdidaktik betrieben, schiedensten Disziplinen über das Stilphäno-
führte dieser Weg ⫺ unter Voraussetzung ei- men diskutierten, so Anthropologen, Philo-
ner prinzipiellen Lehrbarkeit von Stil ⫺ über sophen, Psychologen, Linguisten und Litera-
feste Schreib- und Darstellungsarten zu den turkritiker, ging und geht es ⫺ dies eine Ge-
„Stilformen“ der normativen Aufsatzlehre meinsamkeit der romanistischen und anglo-
unseres Jahrhunderts. Der andere Strang amerikanischen Stilistik ⫺ fast immer um
setzte mit Leitbegriffen wie Stil und sprachli- „Stil in der Literatur“.
cher Ausdruck, Individualität und Originali- Eine Wende kam seit den sechziger Jahren
tät den klassisch-literarischen Persönlich- mit dem Höhenflug der Linguistik, der auch
keitsstil fort und mündete ⫺ nach Vorläufern die sprachwissenschaftliche Stilistik ⫺ theo-
wie Th. Mundts „Kunst der deutschen Prosa“ retisch wie praktisch (in einer starken Zu-
(1837) ⫺ in die literaturwissenschaftliche nahme der Veröffentlichungen) ⫺ beflügelte.
Tradition der Stilistik. Diese verbindet sich in Stiltheorien wechselten sich in rascher Folge
der ersten Hälfte des 20. Jhs. vor allem mit ab: die Selektionstheorie („Stil als Wahl“) ge-
Namen von Literaturwissenschaftlern wie R. radezu als Grundvoraussetzung für das Stil-
M. Meyer („Deutsche Stilistik“, 1906), E. El- phänomen; die quantifizierenden Verfahren
ster („Prinzipien der Literaturwissenschaft“; der Stilstatistik, die im Gefolge der Informa-
deren zweiter Band „Stilistik“, 1911) und E. tionstheorie und technischen Fortschritte des
Winkler („Grundlegung der Stilistik“, 1929) Computers aufblühte usw. Die meisten Theo-
bis hin zu dessen Schüler H. Seidler („Allge- rien der Frühphase, so auch speziell M. Rif-
meine Stilistik“, 1953, 21963; dazu Seidler faterres „Kontrast-im-Kontext“-Modell, las-
1978, 13 ff; Obermayer 1986). Jedenfalls lässt sen sich dem Strukturalismus zuordnen (Tay-
sich der Aufstieg der Stilistik auf wesentliche lor 1981). Hingegen verlieh die generative
Förderung von drei Seiten zurückführen: Grammatik, ohne selbst stilistisch sehr wirk-
durch die deutsche Literaturwissenschaft, die sam zu sein, der im Kern schon alten Devia-
20 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

tionsstilistik neue Impulse, die literaturorien- kobson propagierten ‘Linguistischen Poetik’


tiert Stil als „Abweichung von der Norm“ er- gipfelten, wirkten sich derart aus, dass J. An-
klärt. Soziologisch fundierte Konzepte sind deregg, der vor Jahren noch die Literaturwis-
die britische ‘Registerlinguistik’, die eine er- senschaft als „in Fragen der Stilistik lange
wartbar an bestimmte Kommunikationssi- Zeit allein aktiv und federführend“ bezeich-
tuationen gebundene, stilistisch relevante Va- net hatte, ihr jetzt bescheinigt: „Alles deutet
riation im Sprachgebrauch als „Stilregister“ darauf hin, dass Stilbegriff und Stiluntersu-
beschreibt, und die in Prag entwickelte, na- chung ihre große und gute Zeit hinter sich
mentlich von der Moskauer Germanistin E. haben“ (Anderegg 1977, 79; 1995, 115). Ge-
Riesel propagierte ‘Funktionale Stilistik’, die nerell zeigt sich, dass eine klare Abgrenzung
von einer zweckmäßigen, funktionsgerechten von sprach- und literaturwissenschaftlicher
und gesellschaftlich konventionalisierten Ver- Stilforschung ⫺ ‘Linguostilistik’ vs. ‘Poeto-
wendung der Sprache in bestimmten Kommu- stilistik’ ⫺ in der Praxis kaum möglich ist.
nikationsbereichen ausgeht (Sanders 1995, 2 f;
Püschel 1991a). In den achtziger Jahren hat 2.5. Eine Sonderentwicklung stellt der heu-
sich eine kommunikativ-pragmatische Sicht tige präskriptiv-normative Zweig der Stilistik
des Stils durchgesetzt, die Stilstrukturen und dar. Nachdem die Schul- und Aufsatzstilistik
Stilfunktionen, Stilnormen, Stilprinzipien, sich weitgehend verselbständigt hatte, kamen
Stilmuster usw. in ihrer Relation zu den Be- im späteren 19. Jh. für bestimmte Sparten des
dingungsfaktoren der Kommunikation und öffentlichen Lebens („Amtsdeutsch“ in Be-
auf sprachpragmatischer Grundlage, d. h. als hörden und Verwaltung, kaufmännischer Ge-
stilistische Handlungsmuster in Texten und schäftsverkehr, Journalistensprache usw.),
Gesprächen beschreibt ⫺ Stil, kurz gesagt, doch auch für den allgemeinen Schreibge-
als „holistisches“ Textphänomen mit interdis- brauch spezielle Stil- und Sprachlehrbücher
ziplinärem Ausgriff in zahlreiche benachbarte in Umlauf. Sie begründeten außerhalb der
Sprachbereiche und dies alles unter dem wei- Fachwissenschaft, die sich ja in Deskription
ten Dach von Sprachhandlungstheorie und übte, und ebenso der sich aufs Schulische be-
Semiotik (Sandig 1978; 1986; Lerchner 1981; schränkenden Fachdidaktik eine eigene, von
Hoffmann 1987; 1988; Spillner 1995). Kein „Laien“ betriebene und gewöhnlich als „popu-
Zweifel, dass hier zumindest sprachwissen- lär“ bezeichnete Tradition mit einem spezifi-
schaftlich der Stilbegriff bis an seine äußer- schen Schrifttum: Neben Briefstellern als schon
sten Komplexitätsgrenzen ausgeschöpft wird. älterer Gattung waren es vor allem ‘Antibar-
bari’ zur Bekämpfung von Stil- und Sprach-
2.4. Solange es die Stilistik gibt, hat man sich fehlern ⫺ am bekanntesten G. Wustmanns
über ihre Einordnung in den Kanon der Wis- „Allerhand Sprachdummheiten“ (1891) ⫺,
senschaften Gedanken gemacht. Zuerst fand eine vielfältige Ratgeberliteratur in Sprach-
sie, als Fortsetzung der elocutio, ihren Platz fragen, ferner Stillehren aller Art, moderne
in der Reihe Poetik ⫺ Rhetorik ⫺ Stilistik, Schreib- und Kommunikationstrainings,
so ausdrücklich in den Basler Vorlesungen W. auch Redelehren usw. (Nickisch 1975, 187 ff;
Wackernagels (1836/37). Das erklärt auch, in Antos 1996; Bremerich-Vos 1991). Bei aller
der Folgezeit, ihre Haupterscheinungsweise Kritik entspricht diese sog. Praktische Stilis-
als literaturwissenschaftliche Stilistik. Eine tik, wie ihr anhaltender großer Erfolg deut-
neuere Dokumentation von Stiluntersuchun- lich macht, offenbar einem weit verbreiteten
gen literarischer Autoren, Werke und Epo- Bedürfnis. Das hat neuerdings zur Erklärung
chen indiziert allein durch ihren Umfang (So- dieses Phänomens im Rahmen einer landläu-
winski 1991, 182 ff), welch einen großartigen figen „Laien-Linguistik“ geführt, aber auch
Beitrag die Literaturwissenschaft vor allem in den Ruf nach einer fachlich fundierten Stil-
der stilistischen Textinterpretation geleistet didaktik ausgelöst, die sich den Aufgaben der
hat. Daran änderte sich auch nicht viel durch Stilkritik, Stilbewertung und auch prakti-
das Aufkommen einer eigenen sprachwissen- schen Stillehre nicht länger entzieht.
schaftlichen Stilistik zu Beginn unseres Jahr-
hunderts, wohl aber mit der „linguistischen
Wende“ der sechziger Jahre. Es kam zu einer 3. Von der Mikro- zur Makrostilistik
zeitweise intensiven, nicht immer unproble-
matischen Zusammenarbeit. Die theoreti- 3.1. Die Ablösung der Rhetorik durch die
schen und methodologischen Einflüsse der Stilistik vollzog sich bekanntlich nicht als To-
Linguistik, die in einer namentlich von R. Ja- talübernahme, sondern in einer Art Schrump-
2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik 21

fung: die Stilistik als „Schwundstufe der Rhe- Einheiten als der Satz berücksichtigt. Ge-
torik“ (Asmuth 1991, 24 f, 36). Von den fünf wisse Stilfiguren wie Antithesen, Parallelis-
klassischen Hauptteilen, die das rhetorische men, Wiederholungsfiguren, Ironie usw.
System im Ganzen ausgemacht hatten (inven- überschreiten ohnehin den Satzrahmen, sind
tio, dispositio, elocutio, memoria, actio), setzte also „Textfiguren“. Zudem hatte die Rhetorik
sich nur die zentrale elocutio fort, die Lehre bereits textwirksame Prinzipien (virtutes) her-
vom sprachlichen Ausdruck, wie sie künftig ausgebildet wie Klarheit, Kürze und vor
nahezu gleichbedeutend mit Stil für die allem Angemessenheit, das antike aptum. Sie
sprachliche Darstellung maßgebend wurde. zielten in Verbindung mit den Regeln kunst-
Hatte die Elokutionslehre in Antike und Mit- vollen Periodenbaus darauf ab, den Text als
telalter hauptsächlich den Einsatz der rhe- einen einheitlichen, geschlossenen Zusam-
torischen Figuren und Tropen geregelt, so menhang erscheinen zu lassen. Auch die alten
stellte sie nun die stilistischen Ausdrucksfor- genera dicendi, die sich modifiziert in der li-
men bereit. Allerdings wurde der Kanon der teraturwissenschaftlichen Gattungslehre fort-
neuen ‘Stilfiguren’ seither nicht nur stark re- setzen, stellten übergeordnete, den Text be-
duziert und modifiziert, sondern erfuhr da- treffende Aspekte in den Vordergrund.
mals auch eine tief greifende Sinnverände- Diese textuelle Perspektive gilt besonders
rung: Sie fungierten nicht mehr als purer Re- für die literarische Textinterpretation und die
deschmuck (ornatus), sondern standen jetzt populäre Stillehre. In der Literaturwissen-
im Dienste neu aufkommender Stilprinzipien schaft, und dies nicht erst seit den Tagen mo-
wie Anschaulichkeit, Natürlichkeit usw. Man derner Texthermeneutik und Rezeptionsäs-
hat jene Figuren lange infolge ihrer rheto- thetik, versteht es sich von selbst, dass bei der
rischen Herkunft und zwei Jahrtausende lan- Interpretation dichterischer Werke auch dort,
gen Verwendung in der abendländischen wo man von der Mikrostruktur ausgeht, die
Dichtungstradition als universale Gestal- Makrostruktur stets implizit gegenwärtig ist.
tungsformen der Rede- und Sprachkunst be- Denn der Interpret muss ja ⫺ im Gegensatz
trachtet. Aber wie man schon im 19. Jahr- zum Autor, der vorher schon über das Text-
hundert den natürlichen Ursprung der Figu- ganze Bescheid weiß ⫺ aus dem Nacheinan-
ren betont findet, beruht das rhetorische der der Spracheinheiten sukzessiv den Text
System nach H. Seidler (1980, 210) auf kon- verstehen, d. h. seinen Gesamtsinn rekonsti-
sequenter Sprachreflexion unter dem Ge- tuieren. Der literarischen Interpretation ent-
sichtspunkt der Wirkung: „diese Reflexion spricht eine ‘Rezeptions-Stilistik’ mit eigenen
erfand nichts, sondern richtete sich an den Gesetzen, die sich aus den Unterschiedlich-
vorgefundenen Redegewohnheiten aus.“ Das keiten von „aktivem“ und „passivem“ Stil
heißt, im Grunde entsprechen die Stilfiguren herleiten (Thieberger 1988, 13 ff). In den Stil-
nur „allgemeinen menschlichen Formulie- lehren, die traditionell die klassisch-rhetori-
rungstendenzen“, die großenteils auch im schen Rezepte in Anpassung an Zeit und ei-
spontanen Gebrauch des Alltags durchaus ge- gene Sprache verwenden, treten zu den
läufig sind (Asmuth/Berg-Ehlers 1978, 121). grundlegenden Abschnitten über Wort und
Eine weiterführende Perspektive ergab Satz allgemeinere Gesichtspunkte wie Auf-
sich, als die in der Sprachwissenschaft schon bau, „Tonart“, Stilschichten, auch ästhetische
länger übliche Differenzierung in Mikro- und Gestaltungsprinzipien, die textorientiert sind,
Makrostrukturen seit 1975 auch auf die Sti- ohne dass allerdings der Text als zentrale
listik angewandt wurde: Die Grundfragen Größe in den Blick tritt. Generell lässt sich
des Stils könnten „aus mikro- und makro- zusammenfassen, dass für die Rhetorik und
stilistischer Sicht“ angegangen werden; Auf- in ihrer Nachfolge auch die Stilistik nie Satz
gabe der ‘Mikrostilistik’ sei es, „die stilisti- und Satzgrenze eine entscheidende Rolle ge-
sche Leistung der sprachlichen Einheiten aller spielt haben; vielmehr wird stets von Texten
Ebenen zu erkennen und zu systematisieren“ (Reden, Werken) ausgegangen, die primär
(Riesel/Schendels 1975, 11 f). Was neu Mikro- nicht syntaktisch aus Sätzen, sondern kom-
stilistik genannt wird, deckt sich weithin mit munikativ aus Äußerungen bestehen (Knape
den lexikalischen und grammatisch-syntakti- 1994, 1071 f).
schen Aufgabenfeldern der traditionellen Sti-
listik, deren Hauptbereiche in der Tat und 3.2. Unter ausdrücklichem Bezug auf die
zum Teil bis heute Wort und Satz bilden. junge Textlinguistik hat der Literaturwissen-
Darüber hinaus wurden aber in Rhetorik und schaftler B. Asmuth 1974 vor der „Frosch-
Stilistik immer schon größere sprachliche perspektive“ der traditionellen Sprachstilistik
22 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

gewarnt, die in ihrer weitgehenden Beschrän- vor“ (Sanders 1996a, 33 f). Das „Ganze der
kung auf Lexik und Syntax die größeren Ge- Rede“ ist natürlich, modern ausgedrückt, der
staltungsfaktoren vernachlässige, und er skiz- Text. Grundsätzlich geht es um die Wechsel-
zierte literaturorientiert in Grundzügen eine beziehung zwischen der umfassenden Textor-
„sprachübergreifende Stilistik“ (Asmuth/Berg- ganisation und den sie konstituierenden Ein-
Ehlers 1978, 67 ff). Vorausgegangen war 1970 zelelementen, allgemeiner: zwischen dem
im Stil-Wörterbuch von S. Krahl/J. Kurz Ganzen des Textes und seinen Teilen. Die
(1984, 29 f) der eher tentative Entwurf einer Textproduktion, der die stilistische Theorie
‘Denkstilistik’, deren Anliegen es sei, die ge- nachgeht, setzt also ebenso sehr wie die Text-
danklichen Komponenten sprachlicher Äuße- rezeption, die in der konkreten Stilanalyse
rungen, insbesondere der Textgestaltung, zu (Spillner 1984; Püschel 1995) erfolgt, eine
erfassen. E. Riesel und E. Schendels propa- strategische Planung voraus, die auf dem Zu-
gierten dann den schließlich erfolgreichen Be- sammenwirken sachlicher, gedanklicher und
griff der ‘Makrostilistik’; ihr obliege „die Er- sprachlicher Komponenten beruht.
forschung des Stils als Komplexerscheinung Diese makrostilistische Perspektive ist vor
und Organisationsprinzip von Ganzheits- dem Horizont der sich gleichzeitig entwi-
strukturen“ (Riesel/Schendels 1975, 12). Die ckelnden kommunikativ-pragmatischen Stil-
Erörterung einer Reihe von Einzelerscheinun- auffassung zu sehen. Kommunikativ bedeu-
gen wie Darstellungsprinzipien oder Stilzü- tet, dass alle Umstände des Kommunika-
gen eingeschlossen, sind seit den achtziger tionsprozesses stilistisch in Betracht gezogen
Jahren zögernd erste Arbeiten zur Theorie, werden: Gegenstand und Thema, die Kom-
Methodik und Beschreibung genuiner Auf- munikationspartner mit ihren Prädispositio-
gabengebiete einer solchen ‘Textstilistik’ er- nen, Einstellungen und Erwartungen, Situa-
schienen. tionen und Kontexte, Intention und Wirkung
Beschränkt die Mikrostilistik sich wie die usw.; pragmatisch besagt, dass der Stil eine
ältere Stilistik weitgehend auf die sprachli- wesentliche Eigenschaft unseres sprachlichen
chen Kleinstrukturen, so liegt das eigentlich Handelns ist, wobei zusätzlich Alltagswissen,
Neue in der makrostrukturellen Perspektivik, Konventionen und der kulturelle Hinter-
die nun auch die größeren Zusammenhänge grund von Sprache und Texten einfließen
der Sprachgestaltung berücksichtigt und von (vgl. 2.3.; Sowinski 1991, 43 ff; Sandig 1995).
der Grundgröße ‘Text’ ausgeht. Die Makro- Die Weite dieses theoretischen Ansatzes
stilistik bedeutet daher eine Umkehrung der macht die vielfältigen Affinitäten zu Sprach-
bisherigen Sicht: Der kritisch beschworenen pragmatik, Soziolinguistik, Gesprächsana-
„Froschperspektive“ der Wort- und Satzsti- lyse und anderen linguistischen Teilgebieten
listik wird die „Adlerperspektive“ eines Zu- verständlich, nicht zuletzt auch zur Texttheo-
griffs auf das Textganze, auf dessen „globale rie/Textlinguistik, ohne dass die Stilistik des-
stilistische Eigenschaften und Strukturen“ halb in ihrem Selbstverständnis beeinträch-
entgegengesetzt (Püschel 1991b, 64). Dieser tigt wäre.
Perspektivenwechsel folgt der linguistischen
Methodenalternative des ‘bottom up’ und 3.3. Seitdem Riesel/Schendels (1975, 264 ff)
‘top down’, derzufolge es auch eine Stilistik einige „Probleme der Makrostilistik“ behan-
„von unten“ und eine Stilistik „von oben“ delten, namentlich Kontext, Komposition als
gibt (Sandig 1986, 15). Traditionell führte der innerer und äußerer Textaufbau, die architek-
stilistische Weg immer von den „Bausteinen“, tonische Funktion sprachstilistischer Mittel
Wort und Satz, zum fertigen „Bauwerk“, ge- usf., erweitert sich der Katalog makrostilisti-
nauer gesagt: zum „Überbau“ literarästheti- scher Einheiten ständig. B. Asmuth hat Text-
scher Gestaltungsprinzipien. Aber schon bei arten und Darstellungsprinzipien, sach- und
W. von Humboldt, dem großen Sprach- sprachübergreifende Darstellungsmittel wie
denker des 19. Jhs., findet sich in aller Klar- Bauformen, „rhetorische“ Ersatz- und Ver-
heit formuliert: „Wenn wir gleich gewöhnt bindungsfiguren sowie Formen indirekter
sind, von den Lauten zu den Wörtern und Darstellung erörtert (Asmuth/Berg-Ehlers
von diesen zur Rede überzugehen, so ist im 1978, 67 ff). Der schwedische Stilforscher N.
Gange der Natur die Rede das Erste und Be- E. Enkvist führt als textrelevante Ingredien-
stimmende. In der Wirklichkeit wird die Rede zien der Rhetorik und Stilistik z. B. die Textor-
nicht aus ihr vorangegangenen Wörtern zu- ganisation (dispositio), Argumentationen, Ty-
sammengesetzt, sondern die Wörter gehen pen von Kohäsion, Übergänge zwischen Text-
umgekehrt aus dem Ganzen der Rede her- einheiten, auch die Thema/Rhema-Struktur
2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik 23

der „Funktionalen Satzperspektive“ an (Enk- tik die Rhetorik und die Stilistik zu betrach-
vist 1978, 179 f). Im Zusammenhang mit der ten seien (Kalverkämper 1981, 4 ff; Coseriu
„Teil-Ganzes-Dialektik“ komplexer Sprach- 1994, 13 ff; Kalverkämper 1983; Scherner
strukturen nennt G. Michel (1986, 5) z. B. 1983). Sah sich H. Kalverkämper zu einem
Zielhierarchien, Kompositionsstrategien, To- mehr als zweitausendjährigen Brückenschlag
pikalisierungsmuster, Titelbildung und Titel- zwischen der antiken Rhetorik und heutigen
funktionen sowie die Konstituierung von Stil- Textlinguistik genötigt, so wird diese von der
zügen. Für die sprachpragmatisch/handlungs- Stilistik her in ebenso vielen Jahrhunderten,
theoretisch begründete Stilistik sind ⫺ unter zudem mit direktem Anschluss erreicht. Man
dem Oberbegriff des „Durchführens“ oder könnte sogar ⫺ unter angemessener Berück-
„Gestaltens“ als allgemeinstem Stilmuster ⫺ sichtigung der historischen Unterschiede im
folgende Aufgabenbereiche stilistischen zugrunde liegenden Textbegriff, in den me-
Sprachhandelns zentral: textartenkonstitutive thodologischen Prämissen und Verfahrens-
Musterbildungen, d. h. die Realisierung von weisen, schließlich auch in den theoretischen
Textsorten; organisatorische Muster wie be- Zielsetzungen ⫺ von einer chronologisch fi-
sonders Sprecherwechsel, Themenentfaltung xierbaren ‘Translatio artium’ sprechen: aus
und Verständnissicherung; Kontakt- und Be- der antiken, mittelalterlichen, humanisti-
ziehungsmuster, also Adressatenbezug, Selbst- schen und nachhumanistischen Rhetorik (bis
darstellung, Imagearbeit usw. (Püschel 1991b, Ende des 18. Jhs.) geht die Stilistik hervor,
64 f; Sandig 1986a). neben die seit den sechziger Jahren unseres
Am intensivsten mit dieser Problematik Jahrhunderts die Textlinguistik tritt.
befasst hat sich B. Sowinski (1983b; 1984; Aber in dieser scheinbaren Kontinuität
1991). Unter makrostilistischen Elementen liegt zugleich das Problem. Trotz gegenwärtig
versteht er solche textlichen Kategorien, „die unbestrittener Dominanz der Textlinguistik
oberhalb der Satzebene die Struktur eines
bestehen Rhetorik und Stilistik ja nicht nur
Textes variierend beeinflussen“, und ihre
weiter, sondern beide verzeichnen als ‘Neue/
Zahl ist beeindruckend: mündliche/schriftli-
wissenschaftliche Rhetorik’ und linguistisch
che Kommunikationsweise, Stiltypen, Stil-
fundierte Stilistik gerade in jüngster Zeit einen
und Darstellungsprinzipien, „stilistische Ope-
rationen“ oder Stilmuster, Stilzüge, Stilfär- bemerkenswerten Aufschwung. Wie schon für
bung, Textsorten und Gattungen, Komposi- die Rhetorik festgestellt, war auch die Stilistik
tion und Bauformen, Darstellungsarten, Re- nicht nur wort- und satzorientiert, sondern
dewiedergaben, Erzählstrukturen u. m. (So- insgesamt von einer „neutralen, umfassenden
winski 1991, 75 ff). Aus diesen äußerst hete- Textorientiertheit“ (vgl. 3.1.; Junker 1976,
rogenen Aufzählungen wird ersichtlich, dass 382; Enkvist 1973, 176 ff). Darüber hinaus
solche und weitere Kategorien derzeit noch hielten sich die strukturalistischen und gene-
voll in der Diskussion stehen und weit davon rativen Grammatikmodelle weitgehend im
entfernt sind, schon eine kanonische Zusam- Rahmen des Satzes, so dass alle übersatzmä-
menstellung von Makrostilistika zu bieten. ßigen Strukturen der Stilistik zufielen: gleich-
Ihre Erklärung weist einerseits zurück auf die sam als „Fortsetzung der Grammatik mit an-
Rhetorik, insofern die seinerzeit bei der Ver- deren Mitteln“ (Eroms 1983, 245). So gab es
selbständigung der elocutio entfallenen Berei- vor Aufkommen der modernen Textlinguistik
che der Stofffindung (inventio) und Stoff- als unmittelbar vorgängige Textdisziplin nur
anordnung (dispositio) wieder aufgenommen die Stilistik. Der Konflikt lag auf der Hand
werden. Andrerseits beziehen sich alle ange- und äußerte sich in der Befürchtung: „Wird
führten Kategorien ⫺ und darin liegt ihre die jahrhundertealte, nie genau bestimmte
Modernität gemäß dem textlinguistischen Stilistik also nun durch die neue, exakter be-
Credo „beyond the sentence“ ⫺ auf satz- schreibende Textlinguistik abgelöst?“ (Sowin-
übergreifende Einheiten und die größeren Or- ski 1991, 9).
ganisationsstrukturen des Textes.
4.2. Folgerichtig bildet das Verhältnis, in
4. Stilistik und Textlinguistik dem Textlinguistik und Stilistik zueinander
stehen, einen wichtigen Diskussionspunkt in
4.1. Kaum eine textlinguistische Veröffentli- der einschlägigen Literatur. Grundsätzlich
chung verzichtet darauf, Ahnenforschung lassen sich drei Standpunkte unterscheiden:
nach den „Textlinguistiken ante litteram“ zu die Disparitätsthese (sie haben nichts mitein-
betreiben, und das einhellige Ergebnis lautet, ander zu tun), die Identitätsthese (sie fallen
dass als Vorläuferdisziplinen der Textlinguis- zusammen) und eine vermittelnde „Komple-
24 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

mentaritäts“these (beide sind im Prinzip ei- drücklich vom „Nutzen der Textlinguistik für
genständig, ergänzen sich aber gegenseitig). die Stilistik“. Beiden fallen aber, trotz ihrer
Die völlige, wenn auch interdisziplinär ver- gleichen Ausrichtung auf den Text, durchaus
zahnte Selbständigkeit der Stilistik wird nur unterschiedliche „Domänen“ zu. Es ist ja in
in älteren, „vortextlinguistischen“ Darstel- den Wissenschaften absolut nichts Unge-
lungen vertreten. Sie soll „genau auf der wöhnliches, dass ein und derselbe Gegen-
Grenze zwischen Sprach- und Literaturwis- stand unter wechselnden Aspekten behan-
senschaft“ die Lücke schließen, die der Aus- delt wird.
fall der Rhetorik geschaffen habe (Ullmann So herrscht denn heute die vermittelnde
1972, 147); dezidierter noch die ⫺ aus dem Position vor, die Textlinguistik und Stilistik
Jahr 1970 stammende ⫺ Formulierung W. in einem Verhältnis der „Eigenständigkeit bei
Spiewoks, dass „die Stilistik als eigenständige gleichzeitiger gegenseitiger Ergänzung“, der
wissenschaftliche Disziplin in der Grenzzone Komplementarität also, sieht (Simmler 1986,
von Sprach- und Literaturwissenschaft“ auf- 66 f; Enkvist 1978, 176 ff; Lerchner 1986,
zufassen sei (Spiewok 1990, 35 ff). Das ei- 32 ff). In den Gegenüberstellungen beider
gentliche Problem stellte sich erst in direkter Disziplinen werden zahlreiche unterschei-
Konfrontation mit der jungen Textlinguistik, dende Kriterien angeführt: transphrastisch
die nun auch den Text zu einem Objektbe- vs. kommunikativ, sprachintern vs. situations-
reich der Linguistik machte, so wie er vorher bezogen, strukturbeschreibend vs. sinnbe-
schon lange Gegenstand von Rhetorik, Stilis- schreibend, syntaktisch/semantisch vs. prag-
tik und Literaturwissenschaft gewesen war. matisch, deskriptiv vs. evaluativ usw. Der
Demgemäß haben manche Textlinguisten vor Unterschied zwischen textlinguistischer Satz-
allem in der transphrastischen Frühphase die bzw. Satzgrenzenüberschreitung und stilisti-
Stilistik ausdrücklich mit dem Studium der schem Äußerungsbezug wurde bereits erör-
Textdimension „über die Satzgrenze hinaus“ tert. Ist die Textlinguistik eo ipso mehr auf
identifiziert, mit der Konsequenz: “text lin- die textinternen Zusammenhänge fixiert, liegt
guistics would become stylistics, and vice der generelle Zweck von Stil darin, Hand-
versa“ (Enkvist 1978, 174). Stellvertretend lungstypen auf „die konkreten Bedürfnisse in
hierfür steht die textlinguistische Stil-Defini- der konkreten Situation zuzuschneiden“
tion: „Stil ist die Art und Weise der Konstitu- (Sandig 1986b, 26 f). Dementsprechend geht
tion von Texten“ (Harweg 1972, 71). die textlinguistische Strukturbeschreibung in
Die Sicht ist mittlerweile differenzierter, erster Linie syntaktisch/semantisch vor, sie
damit zwar das Zuordnungsverhältnis kom- erfasst das grammatisch Regelhafte der Text-
plizierter, aber auch sachgerechter geworden. konstitution. Die pragmatisch verfahrende
Eine klare Grundbeziehung zwischen Stilistik Stilistik operiert hingegen vorwiegend in Va-
und Textlinguistik ergibt sich aus dem ihnen riantenspielräumen; sie bemüht sich, „gerade
gemeinsamen wissenschaftlichen Gegenstand, die jeweils charakteristischen sprachlichen
eben dem Text; denn Stil gilt, stilistisch wie lin- Variationen struktureller Einheiten zu be-
guistisch, als eine Eigenschaft von Texten. schreiben, auch die Abweichungen von er-
Dabei hat sich im Verlauf der letzten Jahr- warteten Normen und Regeln“ (Sowinski
zehnte eine Annäherung beider Disziplinen 1991, 9 f). Galten Wortwahl und Satzbau
vollzogen, die durch eine „Pragmatisierung schon immer als (mikro)stilistische Charak-
der Linguistik“ und „Linguistisierung der teristika, bedürfen neuerdings insbesondere
Stilistik“ gekennzeichnet ist (Lerchner 1986, makrostilistische Kategorien verstärkter Be-
33 f). Außer Zweifel steht auch, dass die Text- achtung. Neben solchen Fällen, wo sich die
linguistik heute wesentliche Aufgabenbereiche textlinguistische und die stilistische Perspek-
übernommen hat, die herkömmlicherweise in tive als verschiedene Sehweisen derselben
die Zuständigkeit der Stilistik gehörten, „so Texterscheinung erklären lassen, gibt es mar-
z. B. Probleme, die die Intention, die Kompo- kante Überschneidungen: Die Vertextungs-
sition, das Thema, den situativen Kontext, strategien, schuldidaktisch bekannter unter
die Wirkung von Texten betreffen“ (Flei- dem Namen Darstellungsarten, gelten als
scher/Michel/Starke 1993, 13 f). Da der tradi- eine der Schnittstellen zwischen Stiltheorie
tionellen Stilistik oft ihre intuitiv-subjektive und Textlinguistik. Stilzüge wie etwa Sach-
Unschärfe zum Vorwurf gemacht worden ist, lichkeit, Pathos oder Humor, die durch ein
bedeutet die neue Verbindung mit linguisti- rekurrentes Ensemble spezifischer Aus-
scher Methodenstrenge nicht unbedingt einen drucksmittel zustande kommen, sind nicht
Nachteil; B. Sandig (1986b, 24) spricht aus- nur maßgeblich an der textlinguistischen Ko-
2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik 25

härenz beteiligt, sondern prägen zugleich die Stilistika gewürdigt hätten. Hier wird deut-
stilistische „Eindruckswirkung“ eines Textes. lich greifbar, was H. W. Eroms (1986, 13) das
Im Verein mit bestimmten Stilprinzipien wie „Janusgesicht des Stils“ nennt: „die kollektiv
Klarheit, Folgerichtigkeit und vor allem An- geforderte Einhaltung und die individuell er-
gemessenheit erzeugen sie eine textuelle Ein- wartete Durchbrechung von Normen zur Er-
heitlichkeit, die linguistischen und stilisti- zielung einer individuellen Textwirkung“,
schen Anforderungen entspricht. So sind die wodurch jede vorhersagbare Regelhaftigkeit
Ansatzpunkte beider Disziplinen zwar ähn- textgrammatischer oder welcher Art auch im-
lich, doch auch wieder verschieden; sie bedin- mer hinfällig wird. Es wäre jedoch falsch an-
gen einander nicht, aber sie ergänzen sich, zunehmen, dies gelte allein für die hohe Lite-
und die Erkenntnisse jeder Disziplin können ratur, der die allbekannte „dichterische Frei-
in der anderen fruchtbar mitverwendet wer- heit“ jederzeit Abweichungen von der Norm
den (Sowinski 1983a, 122). gestattet. Vielmehr bietet sich auch im allge-
meinen Sprachgebrauch dieselbe Möglich-
4.3. Trotz aller Übereinstimmungen, Schnitt- keit, wenn nur eine bewusste stilistische Ab-
stellen und Ergänzungen gibt es einen grund- sicht sinnvoll umgesetzt wird: Stil als „Ab-
legenden Unterschied zwischen Textlinguistik sicht, Wahl und Wirkung“, so eine griffige
und Stilistik, und diese allenthalben regis- Formel B. Sandigs (Spillner 1984, 151). Diese
trierte Divergenz liegt darin begründet, dass besondere Sprachgestaltung kommt durch
Stil eine wertende Kategorie ist. Im Gegen- eine Mischung stilneutraler und stilistisch
satz zur alten ars recte dicendi, der Gram- markierter Sprachelemente, ja auffälliger Stil-
matik, und zur neuen ars texendi, der Textlin- effekte zustande. Im Unterschied zu aller sys-
guistik (Kalverkämper 1983, 366 ff), ging es tematischen Sprachbeschreibung liegt die Ei-
der Stilistik immer schon als ars bene dicendi genart der Stilistik darin, dass ihr das Regel-
um die „Gutheit“ des Ausdrucks: auch wo hafte der Sprache nur als Folie für ihre eige-
nur von Stil die Rede ist, wird darunter im nen Untersuchungsziele dient, dass sie vor
Allgemeinen „guter Stil“ verstanden. Folglich allem an charakteristischen Akzentuierungen
geht es um den zentralen Unterschied von oder Variationen interessiert ist, dass nicht
Beschreibung und Bewertung, wie er sich in selten bewusste Durchbrechungen des Regel-
der zuvor erwähnten Dichotomie „deskriptiv haften, eigentlich also „Fehler“, den Wert be-
vs. evaluativ“ ausdrückt. Fast alle neueren sonderer Stilhaftigkeit haben. Textlinguistik
linguistischen Disziplinen, und die Textlin- und Stilistik kann man sagen, sind so gleich
guistik bildet da keine Ausnahme, sind vor- und verschieden wie die zwei Seiten einer
nehmlich an systembezogenen Regularitäten Münze.
interessiert, die deskriptiv erfasst werden. Die Komplexität der Sprache hat dazu ge-
Dagegen trifft die Stilistik über diese bloße führt, sie methodisch in eine Anzahl sprach-
Richtigkeit hinaus wertende Aussagen über wissenschaftlicher Sachgebiete aufzuteilen,
die Sprachqualität und Textwirkung. gewissermaßen additive Sprachausschnitte
Es gehört zu den Sündenfällen der jungen bzw. Sprachaspekte, denen traditioneller-
Textlinguistik versucht zu haben, diesen eva- weise grammatische oder anwendungsbezo-
luativen, nach nicht immer objektivierbaren gene Disziplinen zugeordnet sind: Phonetik/
Wertungsmaßstäben definierten Begriff der Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik
stilistischen ‘Gutheit’ von Texten durch den ⫺ Psycho-, Sozio-, Pragmalinguistik usw.
der textgrammatischen ‘Richtigkeit’ zu erset- Anders die Stilistik, die einen Querschnitt
zen: „Ein stilistisch guter Text ist demzufolge durch all diese Teilbereiche der Sprache legt,
also nichts anderes als ein textgrammatisch da prinzipiell „jedes Sprachelement vom
richtiger Text“ (Harweg 1972, 75 ff). Diese Buchstaben bis zum Text […] die Funktion
Zielvorstellung ergibt eine rationale, empi- eines Stilmittels übernehmen“ kann (Liwerski
risch nachprüfbare „Theorie des guten Stils, 1976, 460; Sanders 1996a, 11 ff). Das heißt,
verstanden als eine Theorie der richtigen Stil umfasst seinerseits Teilaspekte, die es mit
Textbildung“. Ihre Exemplifizierung an ei- den Stilqualitäten von Lautung, Formen,
nem Ausschnitt aus Thomas Manns „Versuch Satzbildung usw. zu tun haben. Das Verhält-
über Schiller“ erbrachte tatsächlich eine nis der linguistischen und entsprechenden sti-
Reihe textueller „Korrekturen“ ⫺ müßig zu listischen Teilaspekte lässt sich als komple-
sagen, dass der Dichter seine Formulierungen mentär bestimmen: Phonetik und Phonologie
wahrscheinlich auktorial verteidigt und Inter- etwa beschreiben die Sprachlaute, ihre arti-
preten vom Fach diese gerade als besondere kulatorischen und akustischen Eigenschaf-
26 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

ten, ihre systematischen Distinktionen und Anderegg, Johannes (1977): Literaturwissenschaft-


Funktionen, auch Lautinventare von Spra- liche Stiltheorie. Göttingen.
chen, Phonemsysteme usw. Die Stilistik hin- ⫺ (1995): Stil und Stilbegriff in der neueren Litera-
gegen untersucht, als spezielle Phonostilistik, turwissenschaft. In: Stickel 1995, 115⫺127.
die stilhaltige Ausdruckskraft von Lauten
Antos, Gerd (1996): Laien-Linguistik. Studien zu
und Lautfolgen, besonders in Form von Al- Sprach- und Kommunikationsproblemen im All-
literation, Endreim, Lautsymbolik, Onoma- tag. Am Beispiel von Sprachratgebern und Kom-
topoie, Rhythmik oder Sprachmelodie, und munikationstrainings. Tübingen.
sie urteilt über die Klangwirkung (z. B. ist
Asmuth, Bernhard (1991): Stilprinzipien, alte und
das Kompositum Jetztzeit, eine Neuprägung
neue. Zur Entwicklung der Stilistik aus der Rheto-
Jean Pauls, für den Grammatiker völlig un- rik. In: Neuland/Bleckwenn 1991, 23⫺38.
problematisch, aus stilistischer Sicht jedoch
wegen seiner Konsonantenhäufung ein schon Asmuth, Bernhard/Berg-Ehlers, Luise (1978): Sti-
immer kritisiertes „hässliches“ Wort). Der hier listik. 3. Aufl. Opladen.
exemplifizierte Perspektivenwechsel zwischen Ax, Wolfram (1976): Probleme des Sprachstils als
systematisch-deskriptiver und stilistisch-eva- Gegenstand der lateinischen Philologie. Hildes-
luativer Betrachtung gilt analog für alle an- heim/New York.
deren Sprachbereiche bis hin zum Text. So Bremerich-Vos, Albert (1991): Populäre rhetori-
wie sich die Gesamtstilistik in Spezialgebiete sche Ratgeber. Historisch-systematische Untersu-
wie Phonostilistik, Graphostilistik, Morpho- chungen. Tübingen.
stilistik usw. aufteilt, existiert also auch eine Campe, Rüdiger (1990): Die zwei Perioden des
Textstilistik, die ihre eigenen Domänen hat: Stils. In: Comparatio 2, 73⫺101.
Stilzüge beispielsweise als Summierung stilis-
tisch in gleichem Sinne markierter Sprachele- Chatman, Seymour (ed.) (1971): Literary Style: A
mente oder eine auf besondere Wirkung zie- Symposium, London/New York.
lende Komposition des inneren Textaufbaus; Coseriu, Eugenio (1994): Textlinguistik. Eine Ein-
sogar eine so ausgesprochen textlinguistische führung. Hg. und bearb. von Jörn Albrecht. 3.
Erscheinung wie die Thema/Rhema-Struktur Aufl. Tübingen/Basel.
kann in charakteristischer Variation der „the- Craddock, Sr. Clare Eileen (1952): Style Theories
matischen Progression“ durchaus stilrele- as Found in Stylistic Studies of Romance Scholars
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dierenden textlinguistischen Teilaspekten zu-
geordnet sind (vertikale Gliederung), präsen- Eroms, Hans-Werner (1983): Stilistik. In: Gorsche-
tiert sich die Stilistik „als Paralleldisziplin, nek, Margareta/Rucktäschel, Annamaria (eds.):
die mit der Textlinguistik in einem Verhältnis Kritische Stichwörter zur Sprachdidaktik. Mün-
fruchtbarer gegenseitiger Ergänzung steht“ chen, 235⫺246.
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Textkonstitution, die Stilistik hat es dagegen für Internationale Germanistik 12, H. 2, 98⫺114.
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2. Vorläufer der Textlinguistik: die Stilistik 27

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3. Strukturalistische Linguistik und Textanalyse

1. Satzübergreifende Ansätze in der Hochphase von den zwanziger bis in die späten fünfziger
der strukturalistischen Linguistik Jahre unseres Jahrhunderts beherrscht hat.
2. Die strukturalistische Anfangsphase der Charakteristisch für die diversen Schulen die-
Textlinguistik ses Paradigmas ist, dass sie, unbeschadet gra-
3. Strukturalistische Untersuchungen in den
dominant nichtstrukturalistischen
vierender Unterschiede in anderer, so vor
Folgephasen der Textlinguistik allem semantikbezüglicher Hinsicht, alle den
4. Zusammenfassung strukturalistischen Prinzipien der Segmenta-
5. Literatur (in Auswahl) tion und der ⫺ anschließenden ⫺ Klassifika-
tion sprachlicher Einheiten anhängen. Das
Bild, das sie, im Rahmen ihrer Beschreibung
1. Satzübergreifende Ansätze in der der sprachlichen Strukturen, dabei von der
Hochphase der strukturalistischen Struktur einer Sprache zeichnen, ist das eines
Linguistik aus verschiedenen sprachlichen Ebenen be-
stehenden hierarchischen Systems. Verein-
Die strukturalistische Linguistik ist jenes lin- facht gesagt, besteht dieses System für die
guistische Paradigma, das die Linguistik, vor meisten Strukturalisten oder genauer: die
allem die amerikanische, aber auch diejenige meisten Strukturalisten der Hochphase des
verschiedener europäischer Länder ⫺ zu de- Strukturalismus aus den Ebenen des Pho-
nen allerdings Deutschland nicht gehörte ⫺, nems, des Morphems, des Wortes, der Wort-
3. Strukturalistische Linguistik und Textanalyse 29

gruppe und des Satzes. Der Satz war also, im im Rahmen des amerikanischen Strukturalis-
hierarchischen Aufbau des Sprachsystems, mus üblich, hat sich Harris bei diesen Analy-
für die meisten dieser Strukturalisten die sen bemüht, auf semantische Daten weitge-
höchste Ebene ⫺ eine These, die, explizit for- hend zu verzichten, und damit die Fruchtbar-
muliert z. B. von L. Bloomfield (1933, 170), keit und Aussagekraft seiner Analysen von
allerdings nicht nur den Strukturalismus, vornherein ungebührlich eingeschränkt.
sondern z. B. auch die nachfolgende genera- Ähnlich zurückhaltend und bescheiden wie
tive Grammatik kennzeichnet. Harris in der Ansetzung satzüberschreitender
Vereinzelt hat es jedoch, unter den Vertre- sprachlicher Ebenen ist der ⫺ mehr in der
tern der Hochphase des Strukturalismus, Nachfolge Sapirs als derjenigen Bloomfields
auch andere Stimmen gegeben. Bereits im stehende ⫺ amerikanische Linguist K. L.
Jahre 1943 ist der dänische Strukturalist L. Pike (1954⫺1960). Zwar unterscheidet er
Hjelmslev (1943/1953, 62 f) bei der von ihm mehr als nur eine solcher Ebenen, nämlich
favorisierten deszendenten Form der Sprach- die der Monologe, die von Folgen aus Äuße-
analyse in einer Vision von gleichsam alle rung und Reaktion und die von Gesprächen,
Schranken sprengender Kühnheit von einer aber ausdehnungsmäßig gehen all diese ⫺ im
sprachlichen Größe ausgegangen, die, begrif- übrigen mündlichen ⫺ Einheiten nicht über
fen als ein Text von letztlich unbegrenzter, die von Harris untersuchten Texte hinaus.
d. h. alles, was in einer Sprache geschrieben Davon abgesehen, fehlt bei Pike auch jegli-
und gesagt ist, umfassender Ausdehnung, cher Versuch einer Analyse solcher Einheiten.
gleichsam unabsehbar hoch über der Ebene Etwas konkreter als die entsprechenden
des Satzes liegt. Aber diese seine Vision hat Ausführungen von Pike und fruchtbarer als
Hjelmslev, wie nicht anders zu erwarten, nur die von Harris sind Ausführungen wie die
in den knappsten Andeutungen zu skizzieren von Fries (1952, 240 ff), W. N. Francis (1958,
gewußt, und es liegt auf der Hand, dass, wer, 409 ff) und R. Karlsen (1959). Die Autoren
mit Aussicht auf Praktikabilität und Reali- behandeln sprachliche Mittel, die bestimmte
sierbarkeit, versuchen wollte, den Gegen- Sätze (bei Fries und bei Francis heißen sie ‘se-
standsbereich der Linguistik über die Ebene quence sentences’) mit ihren Vorgängersätzen
des Satzes hinaus zu erweitern, in der Anset- verknüpfen, aber sie verknüpfen diese ihre
zung seiner Ziele wesentlich bescheidener Ausführungen (die bei Fries und bei Francis
sein musste. ohnehin nur vergleichsweise knapp sind)
Dies sind, als sie, in den fünfziger Jahren, nicht mit der Etablierung einer höheren
also bereits in der Spätphase der Blüte des sprachlichen Ebene. Karlsens Untersuchun-
Strukturalismus, diesen Versuch ebenfalls un- gen ⫺ die übrigens schwerpunktmäßig der
ternahmen, verschiedene amerikanische Lin- satzverbindenden Kraft von Ellipsen gewid-
guisten tatsächlich gewesen. Sie haben sich met sind ⫺ sind allerdings weniger dem
nämlich, vielleicht auch deshalb, weil ihr An- Strukturalismus als vielmehr der traditionel-
satz, anders als der Hjelmslevsche, kein des- len Grammatik verpflichtet.
zendenter, sondern ein ⫺ von den kleineren
zu den größeren Einheiten aufsteigender ⫺
aszendenter war, damit begnügt, die Struktur 2. Die strukturalistische Anfangsphase
nur solcher übersatzlicher sprachlicher Ge- der Textlinguistik
bilde in den Blick zu nehmen, deren Ausdeh-
nung nicht über diejenige kürzerer Texte, Ge- Mitte der sechziger Jahre beginnt sich in
spräche oder Satzfolgen hinausgeht. Deutschland, als eine eigenständige linguisti-
Einer dieser Linguisten ist der ⫺ in der sche Teildisziplin, die sogenannte Textlingui-
Nachfolge Bloomfields stehende ⫺ Distribu- stik zu etablieren. Ihre Anfänge sind struktu-
tionalist Zellig S. Harris gewesen. Er hat, un- ralistisch geprägt. Sie versucht, indem sie
ter dem Begriff der ‘discourse analysis’, ver- über die Ebene des Satzes hinausgeht, den
schiedene kleinere Texte, wissenschaftliche Text zu etablieren als eine weitere Ebene in
und nichtwissenschaftliche, auf in deren Sät- der Hierarchie sprachlicher Einheiten.
zen wiederkehrende und teilweise erst mit Im Jahre 1964 ⫺ demselben Jahr, in dem
Hilfe von Transformationen als äquivalent P. Hartmann seinen programmatischen Auf-
erwiesene Satzglieder hin untersucht und die satz Text, Texte, Klassen von Texten (Hart-
dabei aufgestellten Äquivalenzklassen als eine mann 1964) schrieb ⫺ erschien in Deutsch-
Beschreibung der Struktur des Textes ver- land H. Weinrichs Buch Tempus. Weinrich,
standen (Harris 1952; Harris 1957/1963). Wie einer der frühen deutschen Strukturalisten,
30 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

untersucht darin die Distribution der Tem- Substituenda sind entweder, wie in der Sub-
pora zweier von ihm aufgestellter Tempus- stitutionssequenz ein Mann : er, solche der
gruppen in Texten vorwiegend romanischer Identität oder, wie in der Substitutionsse-
Sprachen. Die Tempora selber gehören zwar quenz ein Auto : der Motor, solche der Konti-
nicht zu den satzverknüpfenden und damit guität. Texte ⫺ und darunter werden sowohl
nicht eigentlich zu den textbildenden Sprach- schriftliche als auch mündliche Satzfolgen
elementen, aber sie kennzeichnen, wenn man (und im Extremfall Sätze) verstanden ⫺ sind,
Weinrich folgt, unterschiedliche Textsorten wenn sie, wie es zumeist der Fall ist, aus mehr
oder genauer: Kategorien von solchen, näm- als einem Satz bestehen, Satzfolgen, die
lich erzählende und besprechende Texte. durch solche Substitutionen, teils explizit,
Der Versuch, satzverknüpfende Elemente teils implizit, teils eindeutig, teils uneindeutig,
zu eruieren und damit ein fundamentales ⫺ ununterbrochen verkettet sind. Anknüpfend
für ihn sogar das fundamentale ⫺ Verfahren an Termini von K. L. Pike (1954⫺1960) wird
der Textbildung zu beschreiben, wird in dem dabei allerdings unterschieden zwischen eti-
⫺ 1962 bis 1964 geschriebenen, aber erst 1968 schen und emischen Texten und besonders
erschienenen ⫺ Buch Pronomina und Text- zwischen etischen und emischen Textanfän-
konstitution von R. Harweg (Harweg 1968/ gen. Emische Texte oder Textanfänge sind
1979) unternommen. Das Buch knüpft an ei- solche, die textintern und textstrukturell, und
nerseits an Hjelmslev (dessen weiten Textbe- das heißt: im wesentlichen durch das Prinzip
griff es signifikant einschränkt) und anderer- der syntagmatischen Substitution definiert
seits an Bloomfield. Von diesem übernimmt sind. Etische Texte und Textanfänge demge-
es das ⫺ eng mit dem Konzept der Pronomi- genüber sind Texte bzw. Textanfänge, die text-
nalität verbundene ⫺ Konzept der Substitu- extern (im Falle schriftlicher Texte im we-
tion, deutet es allerdings auf eine entschei- sentlichen durch den Titel und im Falle
dende Weise um. Ist es bei Bloomfield letzt- mündlicher Texte durch hinreichend lange,
lich ein paradigmatisches Konzept, so wird es ihnen voraufgehende Sprechpausen) definiert
hier, wenigstens dominant, zu einem syntag- sind. Zumindest im Falle der schriftlichen
matischen. Es werden verschiedene Katego- Texte entsprechen sie damit dem allgemein
rien von syntagmatischen Substitutionsaus- verbreiteten Verständnis des Begriffes Text.
drücken ⫺ syntagmatische Substituenda oder Emische und etische Texte bzw. Textanfänge
Textanfangsausdrücke, syntagmatische Sub- können zusammenfallen, müssen es aber
stituentia oder Textforsetzungsausdrücke und nicht, und besonders im Falle moderner litera-
Ausdrücke, die gegenüber dieser Unterschei- rischer Texte tun sie es häufig auch nicht. Syn-
dung neutral sind, syntagmatische Substi- tagmatische Substitutionsbeziehungen wer-
tuenda-Substituentia ⫺ unterschieden. Syn- den in dem Buch aber nicht nur für die Erfas-
tagmatische Substituenda sind unbestimmte sung der konstitutiven Struktur von Texten
Pronomina oder Adverbien wie jemand, et- schlechthin, sondern auch für die strukturelle
was oder einmal und durch einen unbestimm- Interpretation einer fundamentalen texttypo-
ten Artikel oder Grundzahlwörter eingelei- logischen Unterscheidung, nämlich der zwi-
tete partikulär verwendete Gattungsnamen schen wissenschaftlichen und nichtwissen-
wie ein Mann oder zwei Frauen. Syntagmati- schaftlichen Texten, herangezogen. Auch die
sche Substituentia sind anaphorische Prono- Unterscheidung zwischen mündlichen und
mina oder Adverbien wie er/sie/es, dort oder schriftlichen Texten wird substitutionell inter-
damals und durch einen bestimmten Artikel pretiert.
oder ein Demonstrativpronomen eingeleitete In einer Reihe von nachfolgenden Aufsät-
partikulär verwendete Gattungsnamen wie zen hat Harweg das in diesem Buch entwik-
der Mann oder diese Frau. Syntagmatische kelte Modell präzisiert und erweitert. Präzi-
Substituenda-Substituentia schließlich sind siert hat er es vor allem in Aufsätzen über
Eigennamen, generisch und universell ver- Textanfänge in geschriebener und in gespro-
wendete Gattungsnamen wie der Mensch (all- chener Sprache (Harweg 1968a), Vergleichs-
gemein), alle Frauen oder jedes Kind und ausdrücke (Harweg 1969a und Harweg
Deiktika wie ich, hier oder jetzt. Das Prinzip 1982), Nachfolgeradjektive (Harweg 1969b),
der syntagmatischen Substitution ist ein refe- die textologische Rolle der Betonung (Har-
renzsemantisches und als solches ein im we- weg 1971a), monologische und dialogische
sentlichen linksgerichtetes, also ein anaphori- Textkonstitution (Harweg 1971b), unterge-
sches. Die referentiellen Beziehungen der ordnete und eingebettete Koreferenz (Har-
Substituentia zu den ihnen voraufgehenden weg 1989) und perspektivisch-substitutionelle
3. Strukturalistische Linguistik und Textanalyse 31

Unterschiede auf verschiedenen Stufen des als Textem bezeichneten ⫺ Textes, sondern
Individuums (Harweg 1991). Erweitert hat er oberhalb dieser ⫺ bei ihm nur monologische
jenes Modell demgegenüber in Aufsätzen Texte enthaltenden ⫺ Ebene noch die Ebenen
über Perspektiven einer Großraumtextologie des Bitextems und des N-Textems vor. Krite-
(Harweg 1970), polytope Textkonstitution rium für die Ansetzung dieser Ebenen ist die
(Harweg 1969c), Textgabelungen (Harweg Anzahl der an der Konstitution eines Textes
1974) und Wohlgeformtheitsstufen von Tex- beteiligten Sprecher. Ein Bitextem ist also ein
ten (Harweg 1975a). Angewandt auf be- Dialog, ein N-Textem ein Text mit mehr als
stimmte Texte und/oder Textsorten ist das zwei Produzenten.
Modell, außer in jenem Buch, in den Aufsät- Im selben Jahr wie Kochs Buch erschien,
zen Harweg 1968b (mit Bezug auf Rundfunk- im Anschluß an verschiedene textlinguisti-
nachrichten), Harweg 1968c (mit Bezug auf sche Aufsätze (z. B. Brinkmann 1965; Brink-
eine Zeitungsnachricht), Harweg 1975b (mit mann 1966; Brinkmann 1967), die ⫺ um ein
Bezug auf den Anfang einer Novelle), Har- umfangreiches textlinguistisches Kapitel er-
weg 1977 (mit Bezug auf eine Fabel) und weiterte ⫺ zweite Auflage von H. Brink-
Harweg 1983 (mit Bezug auf das Deutsche manns Buch Die deutsche Sprache. Das Buch
Bürgerliche Gesetzbuch). steht zwar nicht auf dem Boden der struktu-
Nicht um die Mechanismen der Verket- ralistischen Linguistik im engeren Sinne, son-
tung von Sätzen zu Texten, sondern um ⫺ dern hat seine Wurzeln vielmehr in der Tradi-
lexikalische und prosodische ⫺ Signale der tion der mehr inhaltlich orientierten deut-
Textgliederung geht es der Weinrich-Schüle- schen Sprachwissenschaft, setzt sich aber in
rin E. Gülich in ihrer 1970 erschienenen seinem umfangreichen Kapitel über die Rede
Schrift Makrosyntax der Gliederungssignale ⫺ dies Brinkmanns Terminus für ‘Text’ ⫺ in-
im gesprochenen Französisch. Der Begriff der tensiv mit strukturalistisch orientierten An-
Gliederungssignale umfasst bei ihr aber nicht sätzen der Textanalyse (z. B. mit Harweg
nur Unterbrechungs-, sondern auch und vor 1968/1979) auseinander und dürfte zumindest
allem Eröffnungs- und Schluss-Signale ⫺ in bestimmten Teilen ⫺ so z. B. in dem Ab-
eine Tatsache, die ihrerseits zurückzuführen schnitt „Der Aufbau der Redeeinheiten“ ⫺
ist auf die Vagheit des zu Grunde gelegten ⫺ als strukturalistisch im weiteren Sinne einge-
etischen ⫺ Textbegriffs, eines Textbegriffs, in stuft werden können. Im letzten Abschnitt
dem offenbar auch Textteilen eine gewisse seines Kapitels über die Rede, dem Abschnitt
textuelle Selbständigkeit zuerkannt wird. „Arten der Rede“, geht Brinkmann, indem er
Bereits in den sechziger Jahren hatte W. A. auch das jeweilige kommunikative Verhalten
Koch verschiedene an strukturalistischen Me- von Produzent und Rezipient thematisiert,
thoden orientierte textlinguistische Aufsätze allerdings deutlich über den Bereich des
geschrieben: Koch 1965, Koch 1966a und Strukturalistischen hinaus, und was seine
Koch 1968. Dabei hatte er in Koch 1965 und Analyse von Textbeispielen angeht, so weist
Koch 1966a eine ⫺ später z. B. von E. sie immer auch interpretative Züge auf.
Agricola (1969) aufgegriffene ⫺ spezielle Art Ein Jahr später, 1972, erschien das Buch
von topikaler Analyse von Texten vorge- Satz und Text von W. Raible. Raible unter-
schlagen und durchgeführt und in Koch sucht darin, im wesentlichen an Versionen ei-
1968, im Rahmen einer Erörterung der se- nes bestimmten nichtliterarischen Textes aus
mantischen Hierarchik von Texten, Ebenen vier romanischen Sprachen und dem Deut-
wie die von Topik, Thema, Paragraph und schen, die Funktion der ⫺ weit gefaßten ⫺
Textkern etabliert. Bereits 1966 hatte er auch, Kategorie des Artikels in Satz und Text, die
methodisch inspiriert durch Z. S. Harris und Rolle von Pronomina und Eigennamen im
A. A. Hill, eine kleine Schrift über satzüber- Rahmen substitutioneller Satzverknüpfungen
greifende Rekurrenzstrukturen speziell in der und das Phänomen von ⫺ auch Tempora mit
Poesie (Koch 1966b) veröffentlicht. 1971 er- einbeziehenden ⫺ textdeiktischen „Textver-
schien dann sein ⫺ diese Ansätze in ein um- weisen“. Außerdem geht er kurz auf ⫺ von
fassendes zweidimensionales System von kurzen Zusammenfassungen bis zu bloßen
Schichten und Ebenen integrierendes ⫺ Buch Titeln reichende ⫺ Textreduktionen ein.
Taxologie des Englischen (Koch 1971). Darin K. Heger hat in verschiedenen Veröffentli-
entwirft Koch u. a. eine Taxologie der von chungen der siebziger Jahre, inspiriert durch
ihm als Plana bezeichneten sprachlichen Ebe- Gedanken Hjelmslevs, eine über den Satz
nen. Diese Taxologie sieht oberhalb des Sat- hinausreichende aszendente Hierarchie von
zes aber nicht nur die Ebene des ⫺ von ihm sogenannten Signemrängen, d. h. Zeichen-
32 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

ebenen entwickelt und diese verquickt mit ei- teilweise, dem strukturalistischen Paradigma
nem von Tesnière übernommenen und mit verpflichtet sind.
Anleihen bei der Prädikatenlogik formulier- Zu diesen Untersuchungen gehören, um
ten Aktantenmodell. Während er in Heger die Mitte der siebziger Jahre, u. a. zwei Bü-
1971 in der Entwicklung seiner Hierarchie cher von E. Werlich: Werlich 1975 und Wer-
nur skizzenhaft über die Ebene des Satzes lich 1976. Werlich entwirft darin eine Hierar-
hinausgeht, legt er in Heger 1974, im Zusam- chie von Texttypen, und obwohl er für die
menhang mit der Analyse einer Fabel von Begründung dieser oder zumindest einiger
Thurber, eine recht detaillierte Darstellung dieser Typen auf kognitive Kategorien rekur-
der Ränge oberhalb des Satzes vor. Auch die riert, geht er bei seinen textlinguistischen
Zahl der Ränge hat sich in Heger 1974 noch Analysen derselben ⫺ und auch bei seinen
erhöht. Es handelt sich, oberhalb der Satz- den Text als solchen betreffenden Analysen ⫺
stufe, um nunmehr insgesamt zwölf Ränge. im wesentlichen textintern-grammatisch vor,
Die Ränge entstehen aus dem jeweils vorher- und sein grammatischer Zugriff ist, selbst im
gehenden Rang durch die Addition einer spe- Falle seiner bestimmte Texttypen definieren-
zifischen Differenz. Die Vielzahl der satz- den Basissätze, ein strukturalistisch-oberflä-
transzendenten Ränge ergibt sich zum Teil chenstruktureller.
daraus, dass sie, ähnlich wie bei Koch 1971, 1976 erschien auch das Buch Entpersön-
durch eine unterschiedliche Zahl beteiligter lichende Personenerwähnung im modernen
Sprecher definiert sind, und zum Teil daraus, französischen Roman von J. Kahr, ein Buch,
dass sie auch unterschiedliche Komplexe ver- das textgrammatische Untersuchungen mit
schiedener Texte als Einheiten beherbergen. poetologischen vereint. Die textgrammati-
Bei der Analyse des erwähnten Fabeltextes schen Untersuchungen rekurrieren auf Vor-
hat sich allerdings gezeigt, dass die Annahme arbeiten von Harweg und Raible und kon-
einer strikten Aufeinanderfolge der Ränge zentrieren sich, unter Rückgriff auf das Kon-
empirisch nicht zu halten war. Heger hat des- zept der Substitution, auf die Möglichkeiten
halb in einer späteren Schrift (Heger 1976) der Einführung und Wiedererwähnung von
zwei bestimmte Gruppen von Rängen als ⫺ Personen im Roman.
miteinander kombinierbare ⫺ Varianten ei- Literarische Texte, diesmal allerdings deut-
nes jeweils einzigen Ranges reinterpretiert sche und russische, untersucht, unter textsyn-
und dabei die Anzahl der satztranszendenten taktischen Gesichtspunkten, auch W. Birken-
Ränge auf nur noch vier reduziert. In einer maier (Birkenmaier 1979). Sein Buch ist der
der Varianten des nunmehr ersten Ranges Frage gewidmet, wie die textlinguistisch
oberhalb des Satzes, dem sogenannten Ak- höchst bedeutsame Opposition zwischen be-
tantiellen Präsuppositionsgefüge, sollen auch stimmtem und unbestimmtem Artikel einer
die in Harweg 1968/1979 untersuchten substi- Artikelsprache wie der deutschen in einer ar-
tutionellen Satzverknüpfungsmechanismen tikellosen Sprache wie der russischen wieder-
ihren Platz finden. Aufs Ganze gesehen spie- gegeben werden könne. Sein Ergebnis ist:
len diese im Hegerschen System jedoch eine durch verschiedene Mittel, allerdings Mittel,
recht untergeordnete Rolle. die in der Regel eine jeweils begrenzte Gültig-
keit haben. Eins derselben ist die Wortstel-
lung, ein anderes ⫺ um nur zwei zu nennen
3. Strukturalistische Untersuchungen ⫺ Betonung und Intonation. Es sind dies
in den dominant freilich Mittel, von denen in Artikelsprachen,
nichtstrukturalistischen wie z. B. der deutschen, ebenfalls Gebrauch
Folgephasen der Textlinguistik gemacht wird, nur dass sie dort lediglich eine
die morphologischen Mittel begleitende Rolle
Auf die ⫺ oft als transphrastisch bezeichnete spielen.
⫺ strukturalistisch-textinterne Anfangsphase Auf die Betonung als textgrammatisch re-
der Textlinguistik folgen in den siebziger und levanten Faktor geht auch G. Tschauder in
achtziger Jahren dominant nichtstrukturali- seiner 1979 erschienenen Schrift Existenz-
stisch-textexterne Phasen der Textlinguistik: sätze ein. Es ist eine Untersuchung, in der ein
die dominant pragmatische und die domi- Phänomen, das bis dahin fast nur Sprachphi-
nant kognitive. Aber auch in diesen domi- losophen interessiert hatte, auch aus der
nant nichtstrukturalistischen Phasen erschei- Sicht der Textlinguistik diskutiert wird. Da-
nen noch Untersuchungen, die, ganz oder bei unterscheidet Tschauder verschiedene Ar-
3. Strukturalistische Linguistik und Textanalyse 33

ten und Formen von Existenzsätzen und dis- Verwendung bestimmter Personalpronomina
kutiert deren Grammatikalität. der dritten Person für Sachen, an Stellen aus
Wawrzyniak (1980) untersucht, nach Vor- Texten unterschiedlicher Gattungen in Ver-
stellung verschiedener Textmodelle, eine Reihe sionen verschiedener ⫺ hauptsächlich roma-
von Erscheinungen der Textbildung im Deut- nischer ⫺ Sprachen. Einen besonderen Raum
schen. Außer auf nominale geht er dabei auch nimmt dabei das anaphorisch verwendete
auf verbale Verflechtungsmittel ein. Die letz- Identitätspronomen derselbe ein.
teren konstituieren allerdings zum Teil (wie Zurückgreifend auf Harweg 1970, erwei-
schon die Tempusgruppen von Weinrich tert G. Tschauder in seinem 1989 erschiene-
1964) eher Texttypen. nen Buch Textverbindungen das in Harweg
Ein bestimmtes Spezialphänomen, nämlich 1970 skizzierte und von ihm selber als ‘Makro-
bestimmte Formen der Wortbildung, unter- textologie’ bezeichnete Konzept einer Groß-
sucht, aus textlinguistischer Sicht, C.-P. Her- raumtextologie. Er untersucht die makrotex-
bermann in einem Kapitel seines Buches Wort, tologische Rolle von Eigennamen und Gat-
Basis, Lexem (Herbermann 1981, 284 ff). Re- tungsnamen und diskutiert auch Zitate als
kurrierend auf die Substitutionstheorie Har- Konstituenten von Makrotexten. Ein beson-
wegs (1968/1979), untersucht er darin kom- deres Kapitel widmet er fiktionalen Makro-
plexe Wortstämme, die, in Texten ad hoc ge- texten. Die Untersuchung ist im wesentlichen
bildet, als syntagmatische Substituentia fun- textgrammatisch orientiert, aber auch die
gieren. pragmatische Dimension bleibt nicht ganz
Im Jahre 1984 erscheint das Buch Textsor- außer Acht.
ten von L. Gobyn. Der Autor prüft darin elf 1993 veröffentlicht H. Weinrich, nachdem
verschiedene textlinguistische Ansätze ⫺ die er 1982 bereits ein entsprechendes Buch über
er alle ausführlich beschreibt und kommen- das Französische veröffentlicht hatte, eine
tiert ⫺ im Hinblick auf ihre Verwendbarkeit Textgrammatik der deutschen Sprache. Das
für eine exemplarische textsortenlinguistische Buch ist, mit seinen Kapiteln über das Verb,
Interpretation (die sein eigentliches Anliegen das Nomen, das Adjektiv, das Adverb, die
ist) eines bestimmten Märchens, des Mär- Syntax der Junktion und die Wortstellung,
chens Dornröschen der Brüder Grimm. Die zwar schwerpunktmäßig eine Satzgrammatik
verschiedenen Ansätze, die er in diesem Zu- (lediglich das Kapitel „Syntax des Dialogs“
sammenhang diskutiert, sind ⫺ nach seiner ist genuin textgrammatisch), aber es ist eine
Einteilung ⫺ textinterne, textexterne und sol- Satzgrammatik, die ihre Phänomene von
che, die beides sind. Die ⫺ überwiegend ⫺ Texten her beschreibt und die in den den ab-
textinternen und damit die am stärksten der gedruckten Textausschnitten zur Seite gestell-
strukturalistischen Linguistik verpflichteten ten „textgrammatischen Kommentaren“ auch
Ansätze sind die von Daneš, Harweg, Wein- häufig textspezifische Erscheinungen behan-
rich und Werlich. delt. Das Buch versteht sich ⫺ unter anderem
Texttypologischer Natur in einem weiteren ⫺ auch als eine pragmatische Grammatik,
Sinne ist die 1986 erschienene Untersuchung aber seine Pragmatik ist lediglich eine als
Monolog und Dialog von P. Canisius. Der adressatenorientiert verlängert zu verste-
Autor untersucht darin die beiden fundamen- hende Semantik, eine sogenannte Instruk-
talen Textstrukturtypen des Monologs und tionssemantik. Das Buch gehört damit letzt-
des Dialogs, und zwar einerseits, zurückgrei- lich durchaus noch ins ⫺ mehr textintern ori-
fend u. a. auf Arbeiten von Harweg, Brink- entierte ⫺ strukturalistische Paradigma.
mann, Tesnière und Weinrich, unter struktu- In einem Aufsatz über Kontiguitätsana-
rellen und andererseits, im Anschluss an Arbei- phern hat E. Greber (1993) eine zentrale Ka-
ten von W. A. Koch und J. Piaget, unter geneti- tegorie der syntagmatischen Substitutions-
schen Gesichtspunkten. Er bettet seine text- theorie, die Kontiguitätssubstitutionen (Har-
linguistischen Untersuchungen ein in Überle- weg 1968/1979, 192 ff), also Beziehungen
gungen zu Solitär- und Gemeinschaftshand- vom Typus ein Auto : der Motor, aufgegriffen.
lungen und betrachtet als Paradigma der Sie differenziert deren Typologie und weist
letzteren die Spiele. auf ihre ⫺ partiell rhematische ⫺ Leistung
Im gleichen Jahr wie das Buch von Cani- für den Textfortschritt hin. Zusammen mit
sius erschien das Buch Personalpronomina für interpretativen Identitätsanaphern, beson-
Sachen von H. Thun (Thun 1986). Es behan- ders solchen, die Satzinhalte wiederaufneh-
delt ein Spezialproblem der syntagmatischen men, interpretiert sie diese Anaphern als indi-
Substitution, dasjenige der anaphorischen rekte ⫺ und damit seitens des Rezipienten
34 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

eine gewisse Inferenzleistung erfordernde ⫺ 1999 schließlich ist das umfangreiche Buch
Anaphern. Textgrammatik ⫺ gesprochene Sprache ⫺
Unter dem Titel Substitution als Prinzip Sprachvergleich: Proformen im gesprochenen
der Textkonstitution hat I.-k. Ahn (1993), auf- Französischen und Deutschen von M. Schrei-
bauend auf dem Harwegschen Substitutions- ber erschienen. Es ist ebenfalls strukturali-
modell, versucht, dieses Modell, im Rahmen stisch-transphrastisch orientiert und arbeitet
einer kontrastiven Analyse, auch auf das Ko- ebenfalls mit dem Konzept der syntagmati-
reanische anzuwenden. Sie hat ihre klein- schen Substitution.
raum- wie großraumtextologischen Ausfüh-
rungen über das Phänomen der Substitution
ergänzt um einen Abschnitt über Deixis und 4. Zusammenfassung
schließt mit Erörterungen von Implikationen Wie die vorstehende Übersicht zeigt, fällt die
für die Übersetzungstheorie. Schwerpunktphase der ⫺ manchmal auch
Eine Reihe strukturalistisch orientierter transphrastisch genannten ⫺ strukturalisti-
Beiträge zur Textlinguistik enthält auch die schen Textlinguistik zusammen mit der ⫺ in
1994 erschienene Festschrift Text und Gram- die zweite Hälfte der sechziger und den An-
matik für R. Harweg. Darunter befinden sich fang der siebziger Jahre fallenden ⫺ Anfangs-
Aufsätze wie die von H. Zhou über „Korefe- phase der Textlinguistik. Die Übersicht zeigt
renzbeziehung und Textprogression“ (Zhou jedoch auch, dass textlinguistische Untersu-
1994), von C.-P. Herbermann über „Die dritte chungen mit strukturalistischem Schwer-
Person. Pronomina und Definitheit“ (Herber- punkt oder zumindest strukturalistischer
mann 1994), von P. Canisius über „Relativpro- Teilorientierung auch noch in den späteren
nomina, Personalpronomina, Kongruenz“ Entwicklungsphasen der Textlinguistik, der
(Canisius 1994) und von H. Kalverkämper pragmatischen und der kognitiven, erschie-
(der dabei auf Kalverkämper 1978 zurück- nen sind. In den Untersuchungen mit ledig-
greift) über „Eigennamen in Texten“ (Kalver- lich strukturalistischer Teilorientierung steht
kämper 1994). diese Teilorientierung dann zumeist im Dien-
Eine Anwendung der Substitutionstheorie ste einer übergeordneten anderen Orientie-
auf eine Erzählung von Thomas Mann, näm- rung. Diese wiederum ist jedoch nicht immer
lich Unordnung und frühes Leid, bietet P. eine textlinguistische, etwa eine textlinguisti-
Koniszewski 1994, und Deskriptionssequen- sche mit pragmatischer oder kognitiver Ori-
zen in dominant narrativen fiktionalen Tex- entierung, ja sie ist nicht einmal immer eine
ten aus dem deutschen, dem englischen und linguistische, sie ist bisweilen auch ⫺ um nur
dem französischen Sprachraum behandelt P. ein Beispiel zu nennen ⫺ eine literaturwissen-
Lücking 1995. Der Autor verbindet dabei die schaftliche.
Konzepte der Identitäts- und der Kontigui-
tätssubstitution mit den Konzepten von
Thema und Rhema sowie von Vordergrunds- 5. Literatur (in Auswahl)
und Hintergrundsperspektivierung.
Strukturalistisch-textlinguistisch orientiert Agricola, Erhard (1969): Semantische Relationen
im Text und im System. Halle (Saale).
sind auch die von P. Canisius verantworteten
Teile in Canisius/Knipf 1996. Canisius geht Ahn, In-kyoung (1993): Substitution als Prinzip
dabei aus von der Harwegschen Substitu- der Textkonstitution. Eine kontrastive Analyse
tionstheorie, entwickelt diese jedoch, fußend zwischen Deutsch und Koreanisch. Bochum.
auf vorangegangenen Aufsätzen (u. a. auf Birkenmaier, Willy (1979): Artikelfunktionen in ei-
Canisius/Sitta 1991), partiell weiter, und zwar ner artikellosen Sprache. Studien zur nominalen
unter anderem um das interessante Konzept Determination im Russischen. München.
einer ⫺ als Umkehrung der Exophora oder Bloomfield, Leonard (1933): Language. New York.
Deixis begriffenen ⫺ Esophora. Außerdem Brinkmann, Hennig (1965): Die Konstituierung
versucht er nachzuweisen, dass bestimmte der Rede. In: Wirkendes Wort 15, 157⫺172.
Verwendungsweisen anaphorischer Prono-
mina im Deutschen, u. a. die in Anfangssät- ⫺ (1966): Der Satz und die Rede. In: Wirkendes
Wort 16, 376⫺390.
zen personaler Erzählungen, keine „norma-
len“ syntagmatischen Substituentia sind, son- ⫺ (1967): Die Syntax der Rede. In: Satz und Wort
dern logophorische Pronomina (im Sinne von im heutigen Deutsch. Düsseldorf, 74⫺94.
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4. Der Beitrag der Prager Schule zur Textlinguistik

1. Der Prager Linguistenkreis und sein der Prager Schule gegenüber den anderen
Interesse am ‘Text’ Zentren des sogenannten Strukturalismus be-
2. Die Auffassung über Sprache als gründet: Im Gegensatz zu den eher statischen
funktionales System
Konzeptionen de Saussures mit seinen strik-
3. Ältere und neuere textlinguistische
Forschungslinien der Prager Linguistik ten Trennungen von Synchronie und Dia-
4. Literatur (in Auswahl) chronie betonen V. Mathesius, B. Trnka, B.
Havránek, R. Jakobson und dazu N. Trubec-
koj, die sich 1926 zum Prager Linguistenkreis
1. Der Prager Linguistenkreis und sein (Pražsky lingvistický kroužek) zusammen-
Interesse am ‘Text’ schlossen, von Anfang an den funktionalen
und dynamischen Charakter der Sprache, der
Obwohl in den ersten Publikationen des Pra- auch Berührungen und Übergänge zwischen
ger Linguistenkreises von Text und Textlin- sonst getrennten Bereichen vorsieht, so zwi-
guistik nicht explizit gesprochen wird, sind schen der Phonologie und der Morphologie,
die Anstöße für die sich entwickelnden For- zwischen der Morphologie und der Syntax
schungsdisziplinen von großer Bedeutung. und zwischen der Syntax und diese über-
Sie sind zunächst in dem spezifischen Ansatz schreitende Entitäten, wobei das Textuelle
4. Der Beitrag der Prager Schule zur Textlinguistik 37

eher als Folie in den Blick tritt. Die Erfas- das Programm in komprimierter Form ent-
sung des Satzes in kommunikativer Hinsicht halten: „Als Produkt der menschlichen Tätig-
führte zwangsläufig zur Ausarbeitung von keit ist die Sprache wie diese zielgerichtet.
Konzeptionen, in denen vor allem der „Aus- Untersucht man die Sprache als Ausdrucks-
gangspunkt“ für die Strukturierung größerer tätigkeit oder als Kommunikation, so ist es
Komplexe herangezogen wurde. die Absicht des Sprechers, sich möglichst
Gemeinsam mit den anderen Zentren der deutlich, leicht und natürlich auszudrücken.
strukturellen Linguistik ist die Reserve ge- Deshalb muss man den funktionalen Ge-
genüber den quasi naturwissenschaftlichen sichtspunkt bei der linguistischen Analyse be-
Regeln, die die Junggrammatiker aufgestellt rücksichtigen. Unter diesem Gesichtspunkt
hatten, aber auch gegenüber den unklaren ist die Sprache ein System von Ausdrucksmit-
Abgrenzungen zur Psychologie, Logik und teln, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet
Soziologie. Die Sprachwissenschaft wird als sind. Kein sprachliches Faktum ist ohne Be-
autonome Wissenschaft begriffen (vgl. Helbig rücksichtigung des Systems, zu dem es ge-
1974, 51). hört, zu verstehen“ (Thesen [1929] 1976, 43).
Die Betonung der funktionalen Seite der Hier ist nicht nur der klassische strukturali-
Sprache führte neben den syntagmatischen stische Systemgedanke formuliert, sondern
Konzepten der Funktionalen Satzperspektive auch ein sehr modern wirkender pragmati-
(aktuálnı́ členěnı́ větné) und ihren Nutzungen scher. Im Folgenden wird darauf abgehoben,
und Weiterentwicklungen auch zu paradig- dass „die synchronische Analyse der Gegen-
matischen Klassifizierungen der Sprachfunk- wartssprache“ den besten Zugang biete (44),
tionen schlechthin: dem Unterschied zwi- andererseits könne „die synchronische Be-
schen gesprochener und geschriebener Spra- schreibung den Begriff der Entwicklung nicht
che und der Differenzierung nach den jeweili- mehr völlig ausschließen, weil selbst in einem
gen primären Zielsetzungen der Äußerungen, synchronisch betrachteten Ausschnitt immer
der Viergliederung in Alltags-, Sach-, Wissen- das Bewusstsein von einem im Schwinden be-
schafts- und Dichtersprache. Wie es im syn- griffenen Stadium, von einem gegenwärtigen
tagmatischen Bereich sodann zur Erstellung Stadium und von einem sich herausbildenden
von Paradigmen, nämlich zur Konstitution Stadium vorhanden ist“ (45). Der funktio-
der Typen der „thematischen Progression“ nale Gesichtspunkt wird sodann für den laut-
kommt, so umgekehrt beim paradigmatisch lichen Aspekt der Sprache, sowie für die
differenzierenden Vorgehen zu Ausarbeitun- Klassifikation der Wörter und deren Verbin-
gen in je speziellen Bereichen, etwa bei der dung herangezogen. Die grundlegende syn-
Erforschung der Sprache der schönen Litera- tagmatische Handlung sei die Prädikation,
tur als dem wichtigsten Sektor der Literatur- wobei die Funktion des grammatischen Sub-
sprache, vor allem durch J. Mukařovský. jekts zu berücksichtigen sei: „Am besten tritt
Auch hier sind es wieder „prototypische“ die Funktion des Subjekts hervor, wenn man
Differenzierungen, die für die Unterschei- die aktuelle Gliederung des Satzes in Thema
dung von epischer Prosa (Betonung des In- und Aussage mit der formalen Gliederung in
halts) und Lyrik (Betonung des Ausdrucks) grammatisches Subjekt und Prädikat ver-
wichtig sind. gleicht“ (50).
In allen diesen Bereichen geben Prager
Linguisten in den zwanziger und dreißiger 2.1. Thema und Rhema
Jahren wichtige Anstöße, die jedoch zum Teil Damit werden die kurz zuvor von V. Mathe-
erst später rezipiert werden, in voller Breite sius herausgearbeiteten Unterschiede zwi-
erst nach dem zweiten Weltkrieg, und hier schen dem Tschechischen mit seiner „nichter-
vor allem durch eine jüngere tschechische starrten Wortfolge“ zum Englischen bzw.
Forschergeneration. Französischen benannt, mit denen in der sla-
wischen Sprache Konkurrenzen zwischen
Thema und grammatischem Subjekt ausge-
2. Die Auffassung über Sprache als schaltet werden können. Das auf die kommu-
funktionales System nikative „aktuelle“ Gliederung des Satzes ab-
gestellte dichotomische Paar wird etwas spä-
Diese Überschrift trägt der erste Abschnitt ter mit den Ausdrücken Thema und Rhema
der „Thesen des Prager Linguistenkreises belegt (zur Terminologie vgl. Daneš et al.
zum I. Internationalen Slawistenkongress“ 1974, zur Forschungsgeschichte, zu Vorläu-
(Thesen [1929] 1976). In den ersten Sätzen ist fern und parallelen Entwicklungen vgl. Eroms
38 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

1986). Deutlich wird jedoch von Anfang an 2.2. Funktionalstilistik


die Funktion des Themas als Ausgangspunkt, In den Thesen zum I. Slawistenkongress wird
„the basis of the utterance or theme …, i. e. besonderer Nachdruck auf die funktionale
things relatively familiar or most readily Schichtung der Sprache gelegt. Der Zugriff
available to the speaker as the starting point“ erfolgt mit Merkmalspaaren wie intellektuelle
(Mathesius [1929] 1983, 127). versus emotionale Sprache, mündliche versus
So gesehen ist das Thema der diskursiv re- schriftliche Erscheinungsweise, dialogische
levante Term, während die prädikative Aus- versus monologische Redetätigkeit (Thesen
sage den eigentlich syntaktischen Schwer- [1929] 1976, 51⫺53), mitteilende Sprache und
punkt bildet. Mathesius unterscheidet zu- Dichtersprache, erstere untergliedert in prak-
nächst „objektive“ Wortstellung, d. h. eine tische und theoretische Sprache (vgl. Horálek
solche, bei der der Satz mit dem Thema be- 1976, 26) und vor allem eine teilweise in
ginnt, und eine „subjektive“, die mit dem Kreuzklassifikation dazu liegende Dichoto-
Rhema einsetzt. Von daher ergeben sich nicht mie Volkssprache ⫺ Literatursprache. Diese
nur generelle sprachtypologische Bewertun- ist „Ausdruck des kulturellen Lebens und der
gen, sondern auch spezielle stilistische Deu- Zivilisation (der wissenschaftlichen, philoso-
tungen über die Variationsmöglichkeiten in phischen und religiösen, der politischen und
den einzelnen Sprachen. sozialen, juristischen und administrativen Tä-
Diese Dichotomisierung stellt in nuce eine tigkeit und der entsprechenden Ergebnisse
Schwerpunktverteilung der syntaktischen und des Denkens)“ (Thesen [1929] 1976, 53 f), da-
der textuellen Primärinteressen dar: Die Syn- durch ergebe sich die „Intellektualisierung“
tax befasst sich stärker mit dem rhemati- des entsprechenden Wortschatzes. Die Dich-
schen, die Textlinguistik mit dem themati- tersprache nun ist ein hervorgehobenes Ge-
schen Material des Satzes. Für die sich ent- biet der Literatursprache, von der „Sprache
wickelnde Textlinguistik haben die Untersu- der Mitteilung“ ist sie u. a. dadurch abge-
chungen der thematischen Aspekte des Satzes grenzt, dass ihr „organisierende[s] Merkmal
immer wieder auf diese Grundeinsicht von V. … nicht auf das Bezeichnete, sondern auf das
Mathesius zurückgegriffen. Zeichen selbst zielt“ (Thesen [1929] 1976, 59).
Mathesius (1929) hat mit dem Konzept der Diese Aussagen sind der Keim der Funk-
Funktionalen Satzperspektive die Unterschiede tionalstilistik und der Theorie über die Spra-
im Satzbau zwischen dem Englischen und den che der schönen Literatur, sie geben aber
slawischen Sprachen und auch des Deutschen, auch einen Ansatz für die Entwicklung der
das darin eine Mittelstellung einnimmt, be- Beschäftigung mit der Sprachkultur. Havrá-
schrieben. Im Englischen ist eine deutliche nek unterschied auf dem Gebiet der nicht-
Tendenz fühlbar, „das Thema der Satzaus- künstlerischen Kommunikation zunächst All-
sage womöglich zum grammatischen Subjekt tagssprache, Sachsprache und Wissenschafts-
des Satzes zu machen“ (Mathesius 1929, sprache. Auch auf die journalistische Sprache
202). Von daher erklären sich die vielfältigen geht er etwas später ein (Havránek [1932]
Passivtypen des Englischen, außer dem per- 1983, 158). Er gibt genauere Bestimmungen,
sönlichen Passiv Bildeweisen wie I am told, I was unter Intellektualisierung zu verstehen
have been given the advice, wo im Deutschen sei: die Anpassung des Wortschatzes, in ge-
unpersönliche Fügungen stehen (es ist mir wisser Hinsicht auch der anderen sprachli-
gesagt worden) oder Konstruktionen wie ev- chen Ausdrucksmittel an die Erfordernisse
erywhere he had crowds hanging on his lips, klarer und präziser Ausdrucksbedürfnisse;
Fügungen mit so see, to feel, to find, to catch dies gipfele in der Wissenschaftssprache.
(Jack found himself looking out of the window Auch die anderen Funktionalsprachen sind
again). Auch Ausdrucksweisen wie I am von dominanten Wirkungsbereichen her be-
warm enough (es ist mir warm genug), he is stimmt, die sich in vorherrschenden ‘Stilen’
long in coming (es dauert lange, bis er kommt) zeigen, wobei sich Berührungen mit den Büh-
gehorchen der Tendenz, thematische Sub- lerschen Kategorien ergeben: Im Fachstil do-
jekte entstehen zu lassen. Mathesius hat dabei miniert die Darstellung, im Direktivstil die
sowohl den Satz als auch die „zusammenhän- Aufforderung und im emotionalen Stil die
gende Sprache“, den Text, im Auge. Denn Expression. Ein anderer funktionaler Bewer-
durch die aufgewiesenen Tendenzen ergibt tungsmaßstab ergibt sich durch das Katego-
sich im Englischen vielfach ein gleichförmige- rienpaar „Automatisierung“ und „Deautoma-
rer Textbau als in den genannten anderen tisierung“ („foregrounding“) (Havránek [1932]
Sprachen. 1983, 147⫺151). Automatisierung meint die
4. Der Beitrag der Prager Schule zur Textlinguistik 39

Abschleifung aller denkbaren spracheigenen Strukturcharakter der Kommunikate, ihre


Werte, so dass allein der intendierte kommuni- ‘Textur’, die Zusammengehörigkeit, die Ver-
kative Zweck zählt, während bei der Deauto- knüpftheit der Bestandteile des Ganzen, der
matisierung der Blick auf die Sprachmittel sel- syntagmatische Charakter des Textes (im wei-
ber gelenkt wird, was nicht nur in poetischer teren Sinne)“ sei (Hausenblas 1977, 147).
Sprache, sondern etwa auch beim Verfassen Ganz im Sinne von Mathesius sieht Hausen-
von Essays der Fall sei. Dadurch ergeben sich blas, dass der Text schrittweise „wachse“.
ganz verschiedenartige kommunikative Stile, „Der Text wird durch die Aufeinanderfolge
die jeweils nur auf ihre Funktionen hin beur- von Elementen gebildet“ (Hausenblas 1977,
teilt, nicht aber gegeneinander ausgespielt 148), noch wichtiger ist, dass sich dies nicht
werden dürften (Havránek [1932] 1983, 151⫺ nur formal zeige, „auch der Sinn des Textes
162). Die vor allem von J. Mukařovský be- wird sukzessive durch Erweiterung und Ver-
triebene systematische Erforschung der Dich- änderung des bisher Mitgeteilten entfaltet“
tersprache nimmt Anstöße des russischen (148). „Diese prozessuale Dynamik stellt eine
Formalismus auf und diskutiert den Abwei- der Haupteigenschaften der Textstruktur
chungscharakter der Sprache der schönen Li- dar“ (148). Die inhaltliche Seite des Textes
teratur. Aber auch hier dominiert der funk- wird konsequenterweise am Begriff des The-
tionale Gesichtspunkt, indem die „ästhetische mas festgemacht. Hausenblas verwirft alle
Funktion“ gleichsam dialektisch die anderen statischen Bestimmungen, etwa Thema als
Funktionen negiert (Horálek 1976, 38). ‘Gegenstand’ der Mitteilung, als etwas außer-
halb des Textes Liegendes. Er betont dagegen
seinen dynamischen Charakter, bei dem vom
3. Ältere und neuere textlinguistische Ausgangspunkt als dem einen Pol eines Tex-
Forschungslinien tes bis zu seinem anderen Pol, den Kern der
der Prager Linguistik Mitteilung, fortgeschritten werde (151).
Während hier der Textbau fast analog zum
3.1. Der Textbegriff der Prager Schule Aufbau des Satzes gesehen wird, ist die Auf-
Während die zuletzt angeführten Strömungen fassung, dass nur dem Text ein ‘Sinn’ zu-
den Textbegriff entweder global voraussetzen komme, nämlich „eine situations- und/oder
oder letztlich literaturwissenschaftlich einbin- kontextbedingte Bedeutung” (Daneš 1977,
den, sind die Entwicklungen auf dem Gebiet 157), konsequent textlinguistisch gedacht.
der Funktionalen Satzperspektive genuine Daneš, der von einer eher semiotischen Per-
Beiträge zur Textlinguistik, wenn auch eher in- spektive her argumentiert und daher zwi-
direkte, mittelbare. Doch konnte J. Vachek, schen ‘Text’ und ‘Äußerung’ (Kommunikat)
der selber als einer der Hauptvertreter der nicht trennen will, spricht über den Text als
Prager Schule sich der Erforschung der Spe- ‘Textereignis’ und als ‘Text in potentia’, setzt
zifik geschriebener Sprache widmete (Va- also die de Saussursche Dichotomie von lan-
chek 1973) V. Mathesius 1994 mit Recht „as gue und parole, die Satzebene einschließend,
one of the forerunners of modern textological auch für die oberste linguistische Ebene an,
research“ bezeichnen (Vachek 1994, 67). Im nämlich eine virtuell-abstrakte und eine kon-
Besonderen weist er auf Überlegungen zur kret-realisierte Version.
Gliederung von Texten und zur Themenent-
faltung hin. Hier unterscheidet Mathesius 3.2. Die Funktionale Satzperspektive und
zwei Prozeduren, entweder das Basisthema der Textbau
eines Abschnittes Schritt für Schritt zu entfal- Daneš betont, „the relevance of functional
ten oder aber, induktiv, auf eine thematische sentence perspective for the organization of
Zusammenfassung hinzuführen (Vachek 1994, discourse (or text) is beyond doubt“ (Daneš
69). Der zentrale Ansatzpunkt ist mithin auch 1974, 106). Von den drei relevanten Aspekten
hier die thematische Fokussierung, hier nun der Funktionalen Satzperspektive gehen zwei
deutlich in textueller Hinsicht (Mathesius auf Mathesius zurück, auch in terminologi-
1942). scher Hinsicht: Erstens, die Gliederung des
Zur Klärung des Textbegriffs der Prager Satzes unter kommunikativen, diskursfunk-
Linguistik weist Hausenblas darauf hin, dass tionalen Gesichtspunkten in die Kategorien
man theoretisch zwischen ‘Kommunikat’ und ‘bekannte’ ⫺ ‘neue’ Information (given infor-
‘Text’ zu unterscheiden habe. Das Kommuni- mation ⫺ new information). Dabei ist der
kat sei das bloße Resultat der Informations- Ausgangspunkt der Mitteilung (východisko)
übermittlung, während Text der „spezifische aus der bekannten Informationsmenge ge-
40 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

nommen, von ihr geht der Sprecher aus. Dies fang, als topic, es ist gewöhnlich, aber nicht
ist eine Sichtweise, die auf den Informations- automatisch Subjekt, es ist unbetont. Diese
ausgleich abgestellt ist. Zweitens, die satzor- Nichtfestgelegtheit, die es schwerer als das
ganisierende Kategorisierung, bei der das, Rhema bestimmen lassen, machen es ande-
worüber im Satz gesprochen wird (základ, rerseits für seine Aufgaben in textueller Hin-
téma) dem Bereich gegenübergestellt wird, sicht geeigneter. (Zu den textuellen Bedin-
mit dem der Sprecher etwas über das Thema gungen der Funktionalen Satzperspektive
sagt (jádro, später Rhema). (Im einzelnen vgl. ferner Dressler 1994.)
und zur terminologischen Klärung vgl. Da-
neš 1974). Dazu tritt drittens das Konzept 3.3. Der „Kommunikative Dynamismus“
des „Kommunikativen Dynamismus“ (vgl. Ihren konsequentesten Ausdruck hat die „dy-
3.3.). Der erste Aspekt betont die kontex- namische“ Sichtweise des Satzes, d. h. die Be-
tuelle Einbindung des Satzes, der zweite seine wertung seiner kontextuellen Einbindung mit
kommunikative Organisation, der dritte die allen seinen Teilen im Konzept des ‘Kommu-
Skalierung und Relationalisierung seiner Be- nikativen Dynamismus’ gefunden, das von J.
standteile unter Thema-Rhema-Gesichtspunk- Firbas entwickelt worden ist. Mit dieser Auf-
ten. Dass beim Thema die Kategorien der Be- fassung wird der Tatsache Rechnung getra-
kanntheit und des Ausgangspunkts zu unter- gen, dass in jedem Satz eines Textes ein je-
scheiden sind, ist vor allem darin begründet, weils neues relatives Gewichtungsverhältnis
dass es auch Themata gibt, die nicht be- zwischen den Satzgliedern aufgebaut wird.
kannte Information vermitteln (Firbas 1964), Dabei werden die grammatischen Katego-
wenn dies auch die Ausnahme ist. Im Nor- rien, insbesondere das Subjekt und die Ob-
malfall ist das Thema als bekanntes Element jekte, sowie die Adverbialia danach bewertet,
entweder direkt vorerwähnt oder aus dem ob sie neu in den Text eingeführt oder wieder
Kontext oder der Situation ableitbar. In je- aufgenommen werden. Sie werden mit Regu-
dem Fall lässt sich sagen, dass dann auch das laritäten der Wortstellung und der Intonation
Thema als Ausgangspunkt, als Element be- so verrechnet, dass alle Teile des Satzes auf
trachtet, das den Satz eröffnet, diesen mit eine Skala projiziert werden können, auf der
dem Kontext und der Situation verbindet. sich der Fortgang der Informationsvermitt-
Doch ist die Wahl des Themas nicht als bloße lung erkennen lässt. Diese kontextbezogene
Automatik zu verstehen, sondern generell als kommunikative Qualität des Satzes bezeich-
Auswahl aus einer Fülle von Möglichkeiten net Firbas als Kommunikativen Dynamismus
(Beneš 1959, 216). (CD): „By CD I understand a property of
Daher ist der Satzbeginn, auch in seiner communication, displayed in the course of
realen Topologie, bereits in den ersten Arbei- the development of the information to be
ten der Prager Schule zur Funktionalen Satz- conveyed and consisting in advancing this de-
perspektive besonders beachtet worden (vgl. velopment. By the degree or amount of CD
Beneš 1959). Dies gilt bis hin zu Ansätzen, carried by a linguistic element, I understand
die mit semantischen Tiefenstrukturen arbei- the relative extent to which the element con-
ten (Sgall/Hajičová/Benešová 1973). Die für tributes to the development of the communi-
die Abgrenzung des Themas und des Rhemas cation, to which, as it were, it ‘pushes the com-
herangezogenen Kriterien sind nicht immer munication forward’“ (Firbas 1971, 135 f).
überzeugend, jedenfalls gibt es keine automa- Die Interdependenz mit den angeführten
tisierbare Prozedur. Insbesondere wird der grammatischen Kategorien und weiter mit
Fragetest kritisiert. Dressler (1974, 91) schlägt den unterschiedlichen Typen des verbalen
statt dessen den „responsiven Auslassungs- Wortschatzes ist der Ausgang für die CD-Be-
test“ vor, bei dem normalerweise alles bis auf wertung; die jeweils aktuelle, d. h. gültige re-
das „rhematisierte“ Satzglied ausgelassen lative Gewichtung ergibt sich erst im konkre-
werden kann: Hans hat Maria gesehen. ⫺ ten Satz auf Grund seiner kontextuellen Ein-
Wen hat Hans gesehen? ⫺ Maria (hat Hans bindung. Ausgehen lässt sich von den Fällen,
gesehen). Achtet man auf die Intonations- bei denen ein ‘bekanntes’ Subjekt an der
kontur des Satzes, ist das Rhema durch den Satzspitze steht und ein ‘unbekanntes’ Objekt
Betonungsgipfel, den es trägt, auch in schwie- oder Handlungsziel durch das Verb verbun-
rigen Fällen zu ermitteln. Allerdings ist oft den sind. In diesen Fällen steigt die CD von
seine Reichweite problematisch. Das Thema links nach rechts linear gleichmäßig an.
dagegen lässt sich gleichsam immer nur „er- Gleichzeitig lässt sich darin eine Dreiteilung
rechnen“. Es steht tendenziell am Satzan- erkennen, bei der das Verb das Verbindende
4. Der Beitrag der Prager Schule zur Textlinguistik 41

oder Durchgangselement (transition) dar- zum Textganzen, sowie zur Situation“ (Daneš
stellt. Wortstellung und Intonation sind die 1970, 74). Daneš unterscheidet die folgenden
klarsten Indikatoren, sie laufen zumeist par- vier Typen, für die hier seine Beispiele etwas
allel, es begegnen aber auch Elemente mit vereinfacht beigegeben werden:
dem Intonationsschwerpunkt, dem Rhema-
gipfel, an der Satzspitze. Auch das Subjekt ist (1) Die einfache lineare Progression (oder die
nicht ausnahmslos das Glied mit dem nied- Progression mit einer linearen Thematisie-
rigsten Grad an CD. Die sogenannten Ver- rung):
ben des In-Erscheinung-Tretens geben eine Alle Stoffe bestehen aus Atomen. Diese klei-
gleichsam invertierte CD-Bewertung ab: Ins nen Teilchen der Materie sind aber noch nicht
Zimmer kam ein Mäß dchen. Auch für den die letzten Einheiten.
Sprachvergleich ist die Erfassung der CD-
Werte aufschlussreich. So lassen sich unter- Bei diesem Progressionstypus wird das
schiedliche Anordnungsregularitäten erklä- Rhema der ersten Aussage zum Thema der
ren, vor allem für den Satzbeginn. Immer zweiten usw. Schematisch:
aber ist die Tendenz zu erkennen, eine ideale
CD herzustellen, d. h. eine von links nach T1 J R1
rechts stetig ansteigende. Damit wird einer- B
seits kognitiv-psychologischen Auffassungen T2 (⫽ R1) J R2
Rechnung getragen, indem zwischen den CD- B
bewerteten Gliedern ein Fortschreiten, das T3 (⫽ R2) J R3
gleichzeitig das Lösen einer Spannung dar- .
stellt, nachgezeichnet wird. Andererseits wird .
.
hier deutlich der textuelle Ort des Satzes be-
achtet, weil jedes Glied des Satzes auf Vorer- Abb. 4.1: Lineare Progression
wähntheit oder Neuheit und dazu stets in ei-
ner relativen Skalierung zu bewerten ist. (2) Der Typus mit durchlaufendem Thema:
Schließlich ergibt sich von daher eine klare
Funktionsbelegung des Themas: Es ist das Goethe war überzeugt von dem Fortschritt
Glied mit der geringsten CD. Dadurch ist es der menschlichen Entwicklung. Er trat für die
für den Bau des Textes besonders relevant; Erziehung des Menschengeschlechts zur fried-
die Glieder mit höherer CD bis hin zum Rhe- lichen Entwicklung ein … Sein Humanismus
magipfel lassen sich auch von dieser Sicht- ging aus … Der Dichter nannte sich …
weise aus primär von ihren satzbezogenen
Aufgaben her erfassen. Hier wird einem konstanten oder leicht aus
dem ersten ableitbaren Thema in der Abfolge
3.4. Die thematische Progression der Sätze ein jeweils neues Rhema zugewie-
Für die Erfassung der Struktur eines Textes sen.
in Bezug auf die Verkettung seiner themati- (T1 J R1)
schen Elemente hat in den sechziger Jahren, B
also verhältnismäßig spät, F. Daneš die The- T2 (⫽ R1) J R2
mata der aufeinanderfolgenden Sätze als B
stützendes Gerüst eines Textes erfasst (Daneš T2 (⫽ R1) J R3
1968; Daneš 1970). Im Sinne sowohl der frü- B
hen Prager Linguisten, vor allem aber Firbas’ T2 (⫽ R1) J R4
Auffassungen, geht er davon aus, dass das je-
weilige Thema der Sätze für den Aufbau des Abb. 4.2: Durchlaufendes Thema
Textes besonders wichtig ist, weil seine „In-
formationsbelastung“ niedrig ist. „In dieser (3) Die Progression mit abgeleiteten Themen,
Hinsicht kann jeder Text (und seine Ab- d. h. von Themen, die von einem ‘Hyper-
schnitte) als eine Sequenz von Themen be- thema’ abgeleitet sind:
trachtet werden. Die eigentliche thematische
Struktur des Textes besteht dann in der Ver- Die sozialistische Republik Rumänien liegt
kettung und Konnexität der Themen, in ihren … Die Bodenfläche des Landes beträgt …
Wechselbeziehungen und ihrer Hierarchie, in seine Bevölkerungszahl … Die Staatsgrenze
den Beziehungen zu den Textabschnitten und hat eine Gesamtlänge von …
42 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

(T) mehrdimensionales Verfolgen der themati-


schen Verkettungen veranlassen. Die Kon-
zeption der thematischen Progression hat
T1 R1 sich gerade aus diesem Grunde für die Wei-
T2 R2 terentwicklung der Textlinguistik als sehr
fruchtbar erwiesen.
T3 R3
Abb. 4.3: Hyperthema 4. Literatur (in Auswahl)
(4) Die Entwicklung eines gespaltenen Rhe- Beneš, Eduard (1959): Začátek německé věty z hle-
mas. Hier wird ein formales oder komplexes diska aktuálniho členěnı́ větného (mit deutscher
Zusammenfassung: ‘Der Satzbeginn im Deutschen,
Rhema im Textfortgang entfaltet, d. h. das von der Mitteilungsperspektive her betrachtet’). In:
erste Rhema enthält ein potentielles Doppel- Časopis pro modernı́ filologii 41, 205⫺217.
oder Mehrfachthema:
Daneš, František (1968): Typy tematických pos-
Die Lebensfähigkeit ist bei pathogenen Vi- loupnostı́ v textu. In: Slovo a slovesnost 29, 125⫺
ren sehr unterschiedlich. Poliomyelitisviren 141.
sterben bei trockener Luft sofort ab … bei ⫺ (1970): Zur linguistischen Analyse der Textstruk-
Grippeviren ist es hingegen umgekehrt. tur. In: Folia Linguistica 4, 72⫺78.
⫺ (1974): Functional Sentence Perspective and the
T1 R1 (=R1’+R1’’) Organization of the Text. In: Daneš, František
(ed.), 106⫺128.
T2’ R2’ ⫺ (1977): Zum Status der Textebene. In: Daneš,
. František/Viehweger, Dieter (eds.): Probleme der
. Textgrammatik II, Berlin, 153⫺158.
. ⫺ et al. (1974): Zur Terminologie der FSP. In: Da-
neš, František (ed.), 217⫺222.
T2’’ R2’’ ⫺ (ed.) (1974): Papers on Functional Sentence Per-
spective. Prag.
Abb. 4.4: Gespaltenes Rhema
Daniel, Beatrix (1997): Diachrone Untersuchungen
zur thematischen Progression in Predigten. Diss.
(5) Thematische Progression mit einem the- Passau.
matischen Sprung. Daneš fasst diesen Typ als
Dressler, Wolfgang (1974): Funktionelle Satzper-
Progressionskette, bei der ein oder mehrere
spektive und Texttheorie. In: Daneš, František
Glieder ausgelassen sind: (ed.), 87⫺105.

T J R1 ⫺ (1994): Functional Sentence Perspective within a


Model of Natural Textlinguistics. In: Čmejrková,
B
Světla/Štı́cha, František (eds.): The Syntax of Sen-
T2 J R2 tence and Text. A Festschrift for František Daneš.
.
. Amsterdam/Philadelphia, 91⫺104.
B...J Eroms, Hans-Werner (1986): Funktionale Satzper-
. spektive. Tübingen.
.
⫺ (1991): Die funktionale Satzperspektive bei der
B
Textanalyse. In: Brinker, Klaus (ed.): Aspekte der
T 4 J R4 Textlinguistik. Hildesheim/Zürich/New York, 55⫺
Abb. 4.5: Thematischer Sprung 72.
Firbas, Jan (1964): On defining the theme in func-
Derartige „Sprünge“ sind ausnehmend häu- tional sentence analysis. In: Travaux linguistiques
fig. Spätere Untersuchungen (Eroms 1991; de Prague 1, 267⫺280.
Daniel 1997) haben gerade in diesem Bereich ⫺ (1971): On the Concept of Communicative Dy-
weitere Untertypen ermittelt, die darauf hin- namism in the Theory of Functional Sentence Per-
weisen, dass die prototypisch einfachsten spective. In: Sbornı́k pracı́ filosofické fakulty
Progressionsformen (Typ 1 und Typ 2) mit brnenske university A19, 135⫺144.
teilweise komplexeren verbunden sind, die in Grundlagen der Sprachkultur (1976). Beiträge der
Kohärenz zu einem ermittelbaren Hyper- Prager Linguistik zur Sprachtheorie und Sprach-
thema stehen und beim Textrezipienten ein pflege. Teil 1. Berlin.
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 43

Hausenblas, Karel (1977): Zu einigen Grundfragen Some basic and less known aspects of the Prague
der Texttheorie. In: Daneš, František/Viehweger, linguistic school. Amsterdam/Philadelphia, 121⫺
Dieter (eds.): Probleme der Textgrammatik II. Ber- 142.
lin, 147⫺152.
⫺ (1939): O tak zvaném aktuálnı́m členěnı́ větném
Havránek, Bohuslav [1932] (1983): The Functional (⫽ Über die sogenannte Zweiteilung des Satzes).
Differentiation of the Standard Language. In: In: Slovo a slovestnost 5, 171⫺174.
Vachek, Josef/Dušková, Libuše (eds.): Praguiana.
Some basic and less known aspects of the Prague Sgall, Petr/Hajičová, Eva/Benešová, Eva (1973):
linguistic school. Amsterdam/Philadelphia, 143⫺ Topic, Focus, and Generative Semantics. Kron-
164. berg.
Helbig, Gerhard (1974): Geschichte der neueren Thesen des Prager Linguistenkreises zum I. Inter-
Sprachwissenschaft. Reinbek. nationalen Slawistenkongress. [1929] (1976). In:
Grundlagen der Sprachkultur I, 43⫺73.
Horálek, Karel (1976): Zur Geschichte der Prager
Linguistik und ihrer internationalen Wirkung. In: Vachek, Josef (1973): Written Language. General
Grundlagen der Sprachkultur I, 24⫺42. Problems and Problems of English, The Hague/
Paris.
Mathesius, Vilém (1929): Zur Satzperspektive im
modernen Englisch. In: Archiv für das Studium der ⫺ (1994): Vilém Mathesius as One of the Forerun-
neueren Sprachen und Literaturen 84, 202⫺210. ners of Modern Textological Research. In: Čmejr-
⫺ (1942): Řeč a sloh (speech and style). In: Havrá- ková, Světla/Štı́cha, František (eds.): The Syntax of
nek, Bohuslav/Mukařovský, Jan: Čtenı́ ojazyce a Sentence and Text. A Festschrift for František
poesii 1 (Readings in Language and Poetry). Daneš. Amsterdam/Philadelphia, 67⫺71.
Praha: Drúžstevnı́ práce, 11⫺102.
⫺ [1929] (1983): Functional Linguistics. In: Hans-Werner Eroms, Passau
Vachek, Josef/Dušková, Libuše (eds.): Praguiana. (Deutschland)

5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse

1. Forschungsgeschichte und Gegenstand Propp eingeschlagen. Die Diskussion beider


2. Propp: Morphologie des Märchens Konzepte bestimmt die weitere Forschung, zu
3. Lévi-Strauss: strukturale Mythenforschung nennen sind insbesondere die Arbeiten von
4. Greimas: Aktanten- und Greimas und Bremond. Einen eigenen nar-
Transformationsmodell
5. Bremond: triadisches Handlungsmodell
rativen Ansatz, der zum Teil ebenfalls auf
6. Todorov: Die Grammatik der Erzählung Propp aufbaut, vertritt Jurij M. Lotman im
7. Lotman: Das Ereignis als Rahmen des Sowjetischen Strukturalismus.
Grenzüberschreitung Entwickelt Propp eine Handlungslogik, die
8. Ausblick sich auf die syntagmatische Abfolge der Ereig-
9. Literatur (in Auswahl) nisse konzentriert, so betont Lévi-Strauss die
paradigmatischen Beziehungen zwischen den
1. Forschungsgeschichte und Ereignissen und die dahinterstehende Thema-
tik. Lotman wiederum analysiert den Ereig-
Gegenstand nisbegriff und stellt ihn in einen Zusammen-
1.1. Paradigmatische Bedeutung für die hang mit der semantischen Struktur des jewei-
strukturalistische Erzähltextanalyse besitzt ligen Textes.
Vladimir Propps „Morphologie des Mär-
chens“, eine Arbeit des Russischen Formalis- 1.2. Gegenstand der strukturalistischen Er-
mus. 1928 in Leningrad erschienen, blieb sie zähltextanalyse sind alle verbalen und non-
bis zu ihrer englischen Ausgabe, 1958, fast verbalen Texte, wie Erzählungen, Romane
unbekannt, gewann danach aber wesentli- oder Theaterstücke, Spielfilme und Comics,
chen Einfluß auf den französischen Struktu- „von denen angenommen wird, daß sie eine
ralismus. Denn 1955 hatte Claude Lévi- ‘Geschichte’ erzählen“ (van Dijk u. a. 1973,
Strauss seine Methode der Mythenanalyse 60). Das Ziel der strukturalistischen Erzähl-
vorgestellt und dabei ähnliche Wege wie textanalyse ist es, die narrative Struktur die-
44 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

ser Texte, ihre Intrige bzw. ihren Plot, zu be- konzentrieren sich diese Theorien auf Pro-
schreiben und zu erklären. Diese Struktur bleme der Oberflächengestaltung wie Zeit-
wird als eine Makrostruktur aufgefaßt, die wiedergabe und Erzählertypologie.
Texte organisiert und sich in erster Annähe-
rung als eine Menge zeitlich geordneter, kau-
sal aufeinander bezogener Ereignisse verste- 2. Propp: Morphologie des Märchens
hen läßt.
Methodisch gemeinsam ist den verschiede- 2.1. Die entscheidende Neuerung von Vladi-
nen Theorieansätzen, daß sie die narrative mir Propp liegt darin, daß für ihn nicht mehr
Struktur nicht auf Textoberfläche (discours), gegenständlich definierte Motive die elemen-
sondern auf Tiefenebene (histoire) ansiedeln. taren Einheiten des Märchens bilden, son-
Einige Theorieansätze untergliedern die Tie- dern abstrakte Größen, die er als Funktionen
fenebene ihrerseits wiederum nach unter- bezeichnet. Hier entwickelt er Ansätze des
schiedlichen Abstraktionsgraden oder nach Russischen Formalismus weiter, insbesondere
Verschiebungen der Ereignisabfolge (Fabel die Konzeption von Sujet und Motiv bei Ve-
vs. Sujet). Das mit der Ebenendifferenzierung selovskij.
verbundene methodische Problem, wie in Andererseits orientiert sich Propp noch am
klar operationalisierten Schritten von der Paradigma der historisch-genetischen Mär-
Textoberfläche ausgehend die Tiefenstruktur chenforschung, doch kommt bei ihm Syn-
zu entwickeln ist, ist allerdings nur ansatz- chronie vor Diachronie. Ihm geht es um
weise gelöst. Einen möglichen Weg skizzieren Klassifikationskriterien, die eine Klärung hi-
die Arbeiten Todorovs. storischer Fragestellungen erlauben, so wie
die Systematik Linnés der Evolutionstheorie
Darwins vorangeht. Sein empirisches Aus-
1.3. Forschungsgeschichtlich konzentriert sich gangsmaterial ist ein Korpus von 100 russi-
die strukturalistische Erzählanalyse zunächst schen Zaubermärchen; sein methodisches
nicht auf Einzeltexte, sondern auf Textkor- Leitbild ist die systematische Botanik, der Ti-
pora stereotyp aufgebauter Texte wie Mär- tel „Morphologie des Märchens“ bezieht sich
chen oder Mythen. Ihr Ausgangspunkt ist der explizit auf Goethes Untersuchungen über
Vergleich unterschiedlicher Varianten dersel- die Morphologie der Pflanzen.
ben Geschichten, der Vergleich von Varianz
und Invarianz. Textvergleiche bleiben eine
2.2. Propp stützt seine Kritik an der atomi-
Domäne der strukturalistischen Erzählana-
stischen Märchenkonzeption Veselovskijs auf
lyse, etwa bei der Dramatisierung epischer
die Beobachtung, daß sich Motive in kleinere
Texte oder Literaturverfilmungen. Erfolglos
Einheiten zerlegen lassen und daher nicht als
blieben die Bestrebungen, ausgehend von der
Vergleichsbasis taugen. Eine Märchenanalyse
strukturalistischen Erzählanalyse eine allge-
ist für ihn vielmehr nur „auf der Basis der
meine Wissenschaft des Narrativen (Narrato-
Funktionen der handelnden Personen mög-
logie) zu etablieren.
lich“ (Propp 1975, 26).
So beginnt das eine Märchen damit, daß
1.4. Die strukturalistische Erzähltextanalyse der Zar dem Burschen einen Adler gibt und
grenzt sich von der strukturalistischen Text- dieser den Burschen in ein anderes Reich
analyse durch ihren engeren Gegenstandsbe- bringt. Ein anderes Märchen beginnt, indem
reich ab, sie beschränkt sich auf die Untersu- der Großvater Sutschenko ein Pferd gibt und
chung narrativer Texte. Ansonsten verwendet dieses Sutschenko in ein anderes Reich bringt
sie die gleichen Methoden der Oppositions- usw. „Es wechseln die Namen und die ent-
und Äquivalenzbildung wie die strukturalisti- sprechenden Attribute der handelnden Perso-
sche Textanalyse, ist einem ebenso umfassen- nen, konstant bleiben ihre Aktionen bzw.
den Textbegriff und dem gleichen intersub- Funktionen“ (Propp 1975, 25). Die Vielge-
jektiven Erklärungsanspruch verbunden. staltigkeit der Märchen läßt sich so auf eine
Die Konzentration auf narrative Strukturen relativ geringe und begrenzte Zahl konstanter
bildet einen wesentlichen Unterschied gegen- Funktionen zurückführen, wobei Propp den
über herkömmlichen Erzähltheorien. Zwar Begriff „Funktion“ als „eine Aktion einer
nehmen Fragen des Handlungsaufbaus bereits handelnden Person … unter dem Aspekt ih-
in der Poetik des Aristoteles breiten Raum rer Bedeutung für den Gang der Handlung“
ein, doch durch ihre Orientierung am Roman definiert (Propp 1975, 27).
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 45

Die Definition der einzelnen Funktionen chens, die einzelnen Märchen stellen dann
richtet sich damit nicht nach der Gestalt der „eine Kette von Varianten“ dar (Propp, 1975,
einzelnen Aktionen, sondern nach ihrer Posi- 113). Eine Systematisierung der Varianten er-
tion im Gang der Erzählung. Gleiche Funk- gibt sich durch das Kombinationsmuster der
tionen können in verschiedenen Handlungen Funktionen. Einige Funktionen treten immer
Gestalt annehmen, und hinter gleichen paarweise auf, etwa Verbot ⫺ Verletzung des
Handlungen können sich verschiedene Funk- Verbots oder Verhör ⫺ Verrat, andere bilden
tionen verbergen. In einem Fall bekommt der Gruppen, z. B. der Knoten der Handlung,
Held Geld geschenkt und kauft sich dafür ein der aus den Funktionen Schädigung ⫺ Aus-
Kätzchen mit übernatürlichen Eigenschaften, sendung ⫺ Entschluß zu Gegenhandlung ⫺
womit das Märchen beginnt, während das Auszug von zu Hause (A B C A) besteht.
andere Märchen damit endet, daß der Held Funktionenketten, die mit einer Schädigung
für seine Heldentat mit Geld beschenkt wird. (A) beginnen und zur Konfliktlösung führen,
Diese, auf den Handlungsfortgang bezo- bilden eine Sequenz. Ein Märchen kann sich
gene Definition setzt voraus, daß die Reihen- aus mehreren Sequenzen zusammensetzen,
folge der Funktionen nicht zufällig ist, son- die aufeinander folgen oder miteinander ver-
dern daß sie „immer ein und dieselbe“ bleibt schränkt sind.
(Propp 1975, 27). Unerheblich ist dabei, wenn
in verschiedenen Märchen einzelne Funktio- 2.5. Gelingt es Propp für die Syntagmatik
nen fehlen. Denn dies verändert nicht die Ab- Kriterien der Variantenbildung zu entwik-
folge der restlichen Funktionen. keln, so kann er dies für das Ensemble der
handelnden Personen nur in ersten Ansätzen
2.3. Insgesamt beobachtet Propp beim russi- leisten. Er sieht, daß sich die verschiedenen
schen Zaubermärchen 31 verschiedene Funk- Funktionen auf die Handlungskreise von sie-
tionen, die er kursorisch definiert und mit ei- ben Personen verteilen, die er typologisch als
nem Schlagwort und einem Buchstabensym- Gegenspieler, Schenker, Helfer, Zarentochter,
bol bezeichnet. So hat die Funktion Nr. 8 den Sender, Held und falschen Helden bezeich-
Inhalt Der böse Gegenspieler fügt einem Fami- net. Diese sieben Figuren sind nach ihm für
lienmitglied einen Schaden oder Verlust zu. Sie das Zaubermärchen genauso konstitutiv wie
trägt den Namen Schädigung und wird mit seine 31 Funktionen.
dem Buchstaben A abgekürzt. Zusätzliche In- Keine Systematik kann Propp jedoch in
dizes differenzieren die einzelnen Funktionen den Attributen der Figuren erkennen, die er
nochmals nach Gattungen und Arten. Je mit den zusätzlichen Indizes erfaßt. Zwar hat
nach Funktionen läßt sich dann der Hand- sich ein bestimmter Figurenkanon herausge-
lungsablauf der einzelnen Märchen mit einer bildet, so erscheint der Schädiger bevorzugt
bestimmten Formel ausdrücken. als Drache, dennoch besteht hier „uneinge-
Das Märchen „Frolka, der Stubenhocker“ schränkte Variationsfreiheit“ (Propp 1975,
wird z. B. mit dieser Formel wiedergegeben: 112).
i a3 c1 A1 B1 C A K1 ⫺ S1 L4 B h3 Hier liegt ein markanter Unterschied zur
strukturalistischen Vorgehensweise von Lévi-
Sie ist folgendermaßen zu lesen: Der Zar hat Strauss, der die Form nicht vom Inhalt
drei Töchter (Ausgangssituation, i), die im trennt. Er bezieht in seine Analyse Namen
Garten spazieren gehen (Entfernung, a3) und und Merkmale der Figuren mit ein und er-
sich verspäten (Übertretung eines Verbotes, schließt so das Bedeutungssystem, das den
c1). Der Drache entführt sie (Schürzung des Mythos bzw. das Märchen organisiert (vgl.
Knotens, A1), der Zar ruft zur Hilfe auf (Auf- Lévi-Strauss 1960).
ruf, B1) und die drei Helden ziehen aus (Be-
ginn der Gegenhandlung und Abreise, CA).
Es kommt zu einem dreimaligen Kampf mit 3. Lévi-Strauss: strukturale
dem Drachen und zum Sieg (K1 ⫺ S1). Die Mythenforschung
Mädchen werden gerettet (Liquidierung des
Unglücks, L4), die Helden kehren zurück (B) 3.1. In der von Claude Lévi-Strauss begrün-
und werden belohnt (h3). deten strukturalen Anthropologie nimmt die
Mythenforschung eine zentrale Position ein.
2.4. Die syntagmatische Abfolge aller 31 Wie seine anderen ethnologischen Arbeiten
Funktionen bildet für Propp das invariante orientiert sie sich an der Prager phonologi-
Strukturschema des russischen Zaubermär- schen Schule, insbesondere an Roman Jakob-
46 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

son. Besonders hervorzuheben sind zwei Ver- herzustellen. Für den Ödipus-Mythos ergibt
öffentlichungen: der Aufsatz „The Structural dies folgende Partitur:
Study of Myth“ (1955), in dem Lévi-Strauss
die Methodik der strukturalistischen Mythen- Kadmos
analyse vorstellt, und das epochale Werk der sucht seine
„Mythologiques“ (1964⫺1971), das einer von Zeus
umfassenden Untersuchung der Indianermy- entführte
then in Süd- und Nordamerika gewidmet ist. Schwester
Europa.
3.2. Mythen sind für Lévi-Strauss weder Kadmos
Träume des Kollektivbewußtseins noch Ver- tötet den
Drachen.
göttlichung historischer Gestalten, sondern
Sprachgebilde. Ihre Bedeutung hängt ⫺ ähn- Die Spar-
lich wie bei Propp ⫺ nicht an den einzelnen toi rotten
Motiven, sondern an den Beziehungen zwi- sich gegen-
seitig aus.
schen diesen Motiven, genau so wie nach den
Erkenntnissen der modernen Sprachwissen- Labdakos
schaft die Bedeutung von Sprache nicht an (Vater von
Laios) ⫽
den Lauten selbst, sondern an deren Kombi-
„hinkend“
nationsmustern hängt. (?)
Zugleich besitzen Mythen eine der Sprache
vergleichbare zeitliche Doppelnatur. Wie die Ödipus er- Laios (Va-
schlägt sei- ter von
gesprochene Sprache sind sie an den unum- nen Vater Ödipus) ⫽
kehrbaren Gang der Zeit gebunden, denn sie Laios. „linkisch“
berichten von vergangenen Ereignissen. Da (?)
diese Ereignisse aber dauerhafte Sachverhalte
Ödipus
begründen, besitzen Mythen wie das System bringt die
der Sprache zugleich eine ahistorische Dauer- Sphinx
struktur: Seit dem Sündenfall müssen die um.
Menschen sterben.
Ödipus Ödipus ⫽
Allerdings ist für Mythen die Spezifik einer heiratet Jo- „geschwol-
einzelnen Sprache nicht relevant, im Gegen- kaste, lener Fuß“
satz zur Dichtung lassen sie sich problemlos seine Mut- (?)
übersetzen. Die Substanz eines Mythos liegt ter.
somit „weder im Stil noch in der Erzählweise Eteokles
oder der Syntax, sondern in der Geschichte, tötet sei-
die darin erzählt wird“ (Lévi-Strauss 1978, nen Bruder
231). Die „konstitutiven Einheiten“ eines Polyneikes.
Mythos, die Mytheme, sind also auf Satzni- Antigone
veau angesiedelt. beerdigt
Polyneikes,
3.3. Exemplarisch stellt Lévi-Strauss seine ihren Bru-
Analysemethode am Ödipus-Mythos vor. Er der, und
übertritt
notiert zunächst jedes Ereignis mit möglichst das Ver-
kurzen Sätzen auf einzelnen Karteikarten, im bot.
zweiten Schritt ordnet er diese zu Gruppen.
Die so entstehenden Beziehungsbündel sind Abb. 5.1: Partitur des Ödipus-Mythos (Lévi Strauss
für ihn die konstitutiven Einheiten des My- 1978, 235)
thos. Wegen der zeitlichen Doppelstruktur
gleicht nämlich ein Mythos, so die bekannte Beim Erzählen des Mythos wird diese Parti-
Metapher von Lévi-Strauss, einer „Orchester- tur zeilenweise von links oben nach rechts
partitur, die ein verrückter Amateur Seite für unten wiedergegeben. Um den Mythos zu
Seite in Form einer kontinuierlichen melodi- verstehen, ist jedoch eine Lektüre nach Spal-
schen Reihe übertragen hat“ (Lévi-Strauss ten nötig, die die Relationen zwischen den
1978, 234). Aufgabe der Analyse ist es, zu- vier senkrecht angeordneten, paradigmati-
nächst die ursprüngliche Anordnung wieder schen Beziehungsbündeln aufdeckt.
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 47

Die erste Spalte links erfaßt Ereignisse, die Tiere auf der Grenze zwischen Pflanzenfres-
Verwandschaftsbeziehungen überbewerten, sern und Raubtieren und vermitteln so zwi-
während in der zweiten Spalte Verwand- schen Landwirtschaft und Jagd, so wie die
schaftsbeziehungen unterbewertet werden. Jagd zwischen Bauern und Kriegern vermit-
Die dritte Spalte berichtet von der Vernich- telt, wodurch wiederum das Anfangspaar Le-
tung autochthoner Ungeheuer, die Namen ben und Tod ersetzt wird.
der vierten Spalte verraten schließlich, daß In solch stufenweisen Vermittlungen er-
hier autochthone Figuren versammelt sind. sten, zweiten, dritten Grades usw. entwickelt
Denn autochthone Figuren haben Schwierig- sich ein Mythos „spiralenförmig“, bis seine
keiten beim aufrechten Gang, wie die Ethno- intellektuelle Kraft verbraucht ist. Jeder My-
logie aus vielen Beispielen kennt. Der Vernei- thos läßt sich so nach Lévi-Strauss auf eine
nung der Autochthonie steht also ihre Bestä- kanonische Beziehung folgenden Typs zu-
tigung gegenüber. Damit ergibt sich zwischen rückführen:
den vier Spalten folgende homologe Bezie-
Fx(a) : Fy (b) ⬵ Fx(b) : Fa-1(y)
hung, die den Mythos vorantreibt: Die Über-
bewertung der Blutsverwandtschaft verhält Wenn a und b zwei Ausdrücke und x und y
sich zu ihrer Unterbewertung wie die Bemü- zwei Funktionen dieser Ausdrücke sind, dann
hung, der Autochthonie zu entgehen, zur besteht eine Äquivalenzrelation zwischen
Unmöglichkeit, dies zu erreichen. „Die Un- zwei Situationen, die durch eine Umkehrung
möglichkeit, Beziehungsgruppen miteinander der Ausdrücke definiert werden. Dabei gilt,
in Verbindung zu bringen, ist überwunden daß ein Ausdruck (a) durch sein Gegenteil
(oder, genauer gesagt, ersetzt) durch die Be- (a-1) ersetzt wird und eine Umkehrung zwi-
stätigung, daß zwei einander widerspre- schen dem Funktionswert und dem Aus-
chende Beziehungen identisch sind, soweit sie druckswert zweier Elemente erfolgt (vgl. Lévi-
beide in sich widersprüchlich sind“ (Lévi- Strauss 1978, 251 f).
Strauss 1978, 237 f). Der Ödipus-Mythos
drückt auf diese Weise die Aporie einer Gesell- 3.5. Erkenntnisziel von Lévi-Strauss sind we-
schaft aus, die an eine pflanzenartige, autoch- niger die narrativen Strukturen der einzelnen
thone Entstehung der Menschen glaubt und Texte als die dahinter stehenden Bedeutungs-
andererseits immer wieder zur Kenntnis neh- ordnungen. Ihn interessiert weniger der ein-
men muß, daß zur Entstehung eines Menschen zelne Mythos als das mythische Denken.
die Vereinigung von Mann und Frau erforder- Eindrucksvoll realisiert Lévi-Strauss die-
lich ist. sen Entwurf in den vier Bänden seiner „My-
Unterschiedliche Varianten des Ödipus- thologiques“ (1964⫺1971). Die Untersu-
Mythos ändern nichts an dieser Struktur, sie chung der Mythen ist hier eingebunden in
akzentuieren nur einzelne Elemente. Für eine strukturelle Analyse der verschiedenen
Lévi-Strauss ist daher die Suche nach einer Sitten und Gebräuche der einzelnen India-
authentischen oder ursprünglichen Version nervölker in Süd- und Nordamerika und er-
des Mythos hinfällig. Jeder Mythos ist für ihn hellt so die komplexen Transformationsbezie-
durch die Gesamtheit seiner Fassungen defi- hungen zwischen den vielfältigen Formen der
niert. menschlichen Kultur.

3.4. Mythen bilden nach alledem eine Art lo- 3.6. Eine Modifikation der kanonischen For-
gisches Werkzeug, das eine Vermittlung zwi- mel für Zwecke der Textanalyse legen Ma-
schen unüberwindlichen Gegensätzen herstel- randa und Maranda vor:
len soll. Sie machen zunächst bestimmte Ge-
QS : QR ⬋ FS : FR
gensätze bewußt und versuchen diese schritt-
weise auszugleichen. Eine entscheidende Rolle Diese Formel bezeichnet folgende Beziehun-
spielen hier doppeldeutige Figuren, etwa Göt- gen: quasi solution (Quasilösung) verhält sich
ter, die bald gut und bald böse sind, oder die zu quasi result (Quasiergebnis) wie final solu-
in der Ethnologie bekannte Figur des Trick- tion (endgültige Lösung) zu final result (end-
ster, der Betrüger und Heilsbringer in einem gültiges Ergebnis). Ihre empirische Anwen-
ist. Diese Vermittlung der Gegensätze ist in dung auf Texte der finnischen Folklore zeigt,
das Klassifikationssystem der jeweiligen Kul- daß die Komplexität des Vermittlungsprozes-
tur eingebunden. So erscheint in der amerika- ses zwischen den Termen der Ausgangsoppo-
nischen Mythologie der Trickster meist als sition stark variiert. Neben Texten, in denen
Coyote oder Rabe. Als Aasfresser stehen diese auf jede Vermittlung verzichtet wird, stehen
48 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Texte mit erfolgloser und erfolgreicher Ver- schichte, wo er sie begehrt und sie ihm ihre
mittlung, die sich wiederum danach unter- Liebe mitteilt.
scheidet, ob die Anfangseinwirkung aufgeho-
ben oder modifiziert wird. Geschichtenerzäh- Er Subjekt ⫹ Adressat
ler können demnach auf eine hierarchische ⬵
geordnete Struktur von Entscheidungs- Sie Objekt ⫹ Adressant
alternativen zurückgreifen. Abb. 5.3: Anwendungsbeispiel (Greimas 1971, 162)

Die Funktion des Adjuvanten ist es, Hilfe zu


4. Greimas: Aktanten- und bringen und im Sinne des Begehrens zu han-
Transformationsmodell deln oder die Kommunikation zu erleichtern.
4.1. Die narrativen Arbeiten von Algirdas Die Funktion des Opponenten ist es hinge-
Greimas entwickeln eine Synthese der An- gen, dies zu erschweren. Damit vermitteln
sätze von Propp und Lévi-Strauss. Sein Ak- oder behindern diese beiden Aktanten ein be-
tantenmodell verbindet Handlungsstruktur stimmtes Können.
und Figurenensemble, seine Überlegungen
4.3. Parallel zum Aktantenmodell entwickelt
zur Ereignisabfolge reduzieren die Fülle der
Greimas seine Konzeption des Handlungs-
31 Funktionen Propps auf eine überschau-
verlaufs als Abfolge aufeinander bezogener
bare Größe. Beide Konzepte sind in seinem
Transformationen. Diese Transformationen
Entwurf einer strukturalen Semantik veran-
operieren auf den paradigmatischen Relatio-
kert, die als textanalytische Semantik eine
nen, die sich in den bereits von Propp beob-
methodologische Einheit von sprach- und li-
achteten syntagmatischen Verknüpfungen ein-
teraturwissenschaftlicher Analyse anstrebt.
zelner Funktionen manifestieren (vgl. 2.4.).
So manifestiert sich in der Abfolge von
4.2. Aktanten sind für Greimas abstrakte Be-
Verbot und Übertretung die paradigmatische
deutungseinheiten, die als funktionale Träger
Relation Verbot vs. Übertretung. Das Verbot
von Aktionen auftreten. Die linguistischen
ist nach Greimas wiederum die negative
Kategorien Subjekt und Objekt fallen für ihn
Transformation der Funktion Aufforderung
genauso darunter wie die Akteure einer Er-
des Helden, die ihrerseits von der dazu rezipro-
zählung, genauer gesagt: die abstrakten Grö-
ken Funktion Entschluß des Helden, bzw. An-
ßen, die sich hinter diesen Akteuren verber-
nahme der Aufforderung begleitet wird. Zwi-
gen. Ausgehend von den Arbeiten Souriaus
schen diesen paarweisen Oppositionen ergibt
über die Figuren des Theaters und von Propps
sich ⫺ analog zur kanonischen Formel von
Beobachtungen über die sieben Akteure des
Lévi-Strauss ⫺ folgender Zusammenhang:
Zaubermärchens (vgl. 2.5.) entwickelt Grei-
mas folgendes Modell:
Aufforderung Verbot
vs.
Adressant ⫺ Objekt J Adressat Annahme Übertretung
A Abb. 5.4: Greimas’ Konzeption des Handlungsver-
laufs (vgl. Greimas 1971, 181)
Adjuvant J Subjekt I Opponent
Abb. 5.2: Greimas’ Aktantenmodell (Greimas Diese Struktur läßt sich nun ihrerseits als Op-
1971, 165) positionspaar Etablierung des Kontrakts vs.
Bruch des Kontrakts auffassen.
Die sechs Aktanten lassen sich drei Katego- Demnach wird das Zaubermärchen durch
rien, also drei paradigmatischen Klassen, zu- den Bruch eines Vertrags in Gang gesetzt.
ordnen, die durch die drei Modalitäten „wol- Homolog dazu sieht Greimas in der letzten
len“, „wissen“ und „können“ definiert sind. Funktion des Proppschen Schemas, der
Kennzeichnend für die Kategorie „Subjekt“ Hochzeit, einen neuen Vertrag, der nach all
vs. „Objekt“ ist das „Begehren“; in einer Er- den Peripetien der Erzählung wieder eine
zählung manifestiert es sich etwa in der Suche Ordnung herstellt. Hier zeigt sich eine erste
des Helden. Die Vermittlung von Wissen, also Verbindung von Transformations- und Ak-
Kommunikation, ist für die Kategorie „Adres- tantenmodell: Der neue Vertrag wird abge-
sant“ vs. „Adressat“ bezeichnend. Synkretisti- schlossen, indem der Adressant (Zar) dem
sche Manifestationen beider Kategorien sind Subjekt-Adressaten (Held) das Objekt der
möglich. So z. B. in einer simplen Liebesge- Suche (Zarentochter) anbietet.
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 49

Diese Endsituation des Märchens ist mit lungsalternativen miteinzubeziehen. Hieraus


der Ausgangssituation durch die Entfernung ergibt sich für Bremond, daß die Einheiten
des Helden („Alienation”) und seine Wieder- einer Erzählung ausgehend vom terminus a
kehr („Reintegration“) sowie durch seine quo zu entwickeln sind, der „das Netz der
Prüfung verbunden. Hierunter versteht Grei- Möglichkeiten spannt, und nicht mehr aus-
mas die Funktionenkette Aufforderung vs. gehend vom terminus ad quem“ (Bremond
Annahme ⫺ Konfrontation vs. Gelingen ⫺ 1972, 193).
Konsequenzen, wobei er mit Konsequenzen Bremonds Analyseverfahren baut nicht
folgende Ereignisse bezeichnet: Empfang des auf einzelnen Funktionen auf, sondern auf
Adjuvanten ⫺ Beseitigung des Mangels ⫺ Er- Funktionssequenzen. Denn diese Sequenzen
kennung des Helden. Diese drei Ereignisse, „sind die eigentlichen ‘Fäden’ der Intrige …,
die den drei Modalitäten können ⫺ wollen die zu verknüpfen, zu verwirren und zu ent-
⫺ wissen entsprechen, tilgen schrittweise den wirren die Kunst der Erzählung ausmacht“
Schaden, der aus dem Bruch des Vertrages (Bremond 1972, 197).
und der Entfernung des Helden entstanden ist. Diese erzähltechnischen Möglichkeiten ba-
Auf dieser Abstraktionsebene zeigt sich ein sieren auf zwei grundverschiedenen Kohä-
weiterer Zusammenhang von Transforma- renzbeziehungen zwischen den einzelnen
tions- und Aktantenmodell. Die drei Konse- Funktionen: Es gibt nach Bremond Funktio-
quenzen entsprechen den drei Modalitäten, nen, die mit logischer Notwendigkeit mitein-
die die drei Aktantenkategorien ordnen. Zu- ander verknüpft sind, während sich andere
gleich wird deutlich, daß das Zaubermärchen nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit
eine ähnlich vermittelnde Funktion wie der verbinden. So setzt die Kategorie Rettung die
Mythos besitzt: „Die individuelle Freiheit Kategorien Intervention eines Beschützers
zieht die Alienation nach sich; die Reintegra- und Gefahr logisch voraus, während sie mit
tion der Werte muß mit einer Einsetzung der der Kategorie Dankbarkeitsbekundung nur
Ordnung, d. h. durch den Verzicht auf diese mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ver-
Freiheit, bezahlt werden“ (Greimas 1971, 194). bunden ist.
Die Wahrscheinlichkeitsgruppierungen las-
sen Umstellungen und Vertauschungen zu,
5. Bremond: triadisches
während die anderen strikt fixiert sind. Damit
Handlungsmodell lassen sich die einzelnen Sequenzen wie Fä-
5.1. Claude Bremonds Theorie der Erzähl- den miteinander verschlingen. Elemente einer
nachricht entwickelt den syntagmatischen Sequenz werden zwischen die Elemente einer
Ansatz der Märchenanalyse Propps weiter. anderen eingeschoben, ohne daß sich inner-
Seine Absicht ist es, diesen Ansatz auf alle halb der einzelnen Sequenzen die Position der
narrativen Texte auszuweiten, auf Romane jeweiligen Funktionen verschiebt.
und Novellen genauso wie auf Filme und
Bühnenstücke. Damit verschiebt sich die Kampf
Untersuchungsperspektive von der invarian- Zeichnung des Helden
ten Struktur eines Textkorpus auf die spezifi-
schen narrativen Strukturen einzelner Texte, Sieg
auf ihre Erzählnachricht. Verschwinden des Helden
5.2. Mit diesem Ziel kollidiert die von Propp Betrüger
vorgestellte finale Definition der Erzählein-
heiten. Denn damit ist ein starres Erzähl- Entlarvung
schema vorgegeben, das keine Handlungs-
alternativen und keine Verzweigungen des Erkennen des Helden
Erzählablaufs kennt. Da z. B. Propp die
Funktion Kampf in Abhängigkeit von der an-
schließenden Funktion Sieg definiert, sind Bestrafung
Kämpfe, bei denen der Held eine Niederlage
erleidet, per definitionem keine Kämpfe, son-
dern Missetaten des Schädigers. Will man je- Belohnung des Helden
doch die Geschichte einer bestimmten Person
erzählen, z. B. die Geschichte von Herkules Abb. 5.5: Anordnung der Proppschen Funktionen
am Scheideweg, ist es unerläßlich, Hand- nach Bremond (vgl. Bremond 1972, 199)
50 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Anders als Propp ordnet also Bremond alle 5.4. Die Problematik dieses Modells liegt
Funktionen nicht auf einer Linie an, sondern zum einen in seiner binären Struktur, die im-
verteilt sie auf einzelne Sequenzen, „wie die mer nur zwei und nicht mehrere Handlungs-
von jedem Instrument gespielten Noten in ei- alternativen zuläßt. Zum zweiten bleibt die
ner musikalischen Partitur“ (Bremond 1972, inhaltliche Substanz der Erzählsequenzen of-
199). Trotz diesere Berufung auf Lévi-Strauss fen. Da der von Propp vorgeschlagene Kata-
bleibt für ihn die chronologische Reihenfolge log auf ein begrenztes Textkorpus bezogen
wesentlich. Denn ihn interessiert die Erzähl- ist, ist er für den universellen Anspruch Bre-
technik und nicht die atemporale thematische monds nur bedingt geeignet. Vielmehr liegt
Struktur der Erzählung. die Annahme nahe, daß die Elementarse-
quenzen „einer kleinen Zahl von wesentli-
5.3. Um die verschiedenen, miteinander ver- chen Situationen im Leben entsprechen“ (To-
flochtenen Sequenzen einer Erzählung zu dif- dorov 1972c, 268), etwa den Situationen Be-
ferenzieren, entwickelt Bremond das Modell trug, Vertrag, Schutz usw.
der Elementarsequenz. Es ist dies jenes Urele- Schwierigkeiten bei der praktischen Um-
ment der Erzählung, das keine fremden setzung dieses Modells ergeben sich weiterhin
Komponenten einschließt, andererseits aber durch die inhärente Perspektivenproblema-
alle logisch notwendigen Bestandteile enthält. tik. Denn dasselbe Ereignis kann gleicherma-
Wesentlich für eine Elementarsequenz ist ßen als Erfolg des Missetäters und als Mißer-
ihr triadischer Aufbau. Sie verbindet die Mo- folg des Helden gewertet werden. Dies legt,
dalitäten des Ursprungs eines Zeitsegments wie von Fritz Göttler vorgeschlagen, die Ein-
mit seiner Entwicklung und seinem Ab- beziehung von Handlungslogiken und spiel-
schluß. Zugleich muß es sich dabei um einen theoretischen Modellen in die Textanalyse
gerichteten Prozeß handeln, der auf ein vor- nahe.
her bekanntes Ergebnis oder auf ein vorher
bekanntes Ziel zustrebt. Formal läßt sich eine 6. Todorov:
Elementarsequenz als eine Triade aufeinan-
der folgenden Dichotomien darstellen: Die Grammatik der Erzählung
Die Erforschung der „starken Analogien zwi-
Ï Erfolg schen den Kategorien der Sprache und den
Ï Aktualisierung J ÌÓ Mißerfolg
Ô Kategorien der Erzählung“ (Todorov 1972b,
Möglichkeit J Ì 271) steht im Mittelpunkt der narrativen Ar-
Ô Nichtaktualisie- J ÏÌ Erfolg beiten von Tzvetan Todorov, ebenfalls ein
Ó rung Ó Mißerfolg Vertreter des französischen Strukturalismus.
Abb. 5.6: Schema einer Elementarsequenz (vgl. Seine empirische Basis sind Novellen aus Bo-
Bremond 1972, 201) caccios Decamerone, die von illegalen Lie-
besbeziehungen handeln. Ihre Protagonisten
Dieses abstrakte Schema läßt sich dann inhaltlich werden aber nicht bestraft, denn sie können
z. B. folgendermaßen ausfüllen: die Tat verschleiern oder sie ertappen die
sanktionierende Instanz ebenfalls in fla-
Missetat J Sühne/keine S. J Bestrafung/Keine B.
granti. Die Intrigen dieser Novellen gehor-
Befehl J Gehorsam/kein G. J Ausführung/keine A. chen folgendem Schema:
Gefahr J Schutzmaßnahmen/keine Schutzmaßnah-
men J Gefahr beseitigt/nicht beseitigt X verstößt gegen ein Gesetz ⇒
Abb. 5.7: Inhaltliche Ausfüllung des Schemas (vgl. ⇒ Y muß X bestrafen ⇒
Bremond 1972, 201) ⇒ X versucht, es zu vermeiden ⇒
Die einzelnen Elementarsequenzen einer Er- Ï a. Y verstößt gegen ein Gesetz
⇒ Ì b. Y glaubt, daß X nicht ⇒
zählung sind auf verschiedene Weise mitein- gegen das Gesetz verstößt
ander verbunden, wobei zwei Verknüpfungen Ó
besonders wichtig sind. Bei der Hand-in- ⇒ Y bestraft X nicht
Hand-Verbindung bildet das Ergebnis der Anmerkung: ⇒ bedeutet „hat zur Folge“
vorhergehenden Sequenz den Ausgangspunkt Abb. 5.8: Schema der Intrigen in Bocaccios Novel-
der folgenden, bei der Enklave sind zwischen len (Todorov 1972c, 270)
dem Ausgangs- und Endpunkt einer Sequenz
eine oder mehrere andere vermittelnde Se- Das Schema zeigt, daß sich die minimale Ein-
quenzen eingeschaltet. heit der Intrige, die Situation, mit einem Satz
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 51

wiedergeben läßt. Die Analyse dieses Satzes Das wichtigste Merkmal dieses Raumes ist
ergibt die Existenz zweier untergeordneter seine Grenze. Sie teilt ihn in zwei disjunkte
Einheiten, die den Wortarten entsprechen. Teilräume, sie ist unüberschreitbar, und die
Die Handelnden, hier mit X und Y bezeich- innere Struktur beider Teile ist verschieden
net, entsprechen den Nomen, die als Subjekt (vgl. Lotman 1972, 327). So gliedert sich der
und Objekt fungieren. Als Prädikate dienen Raum des Zaubermärchens in Haus und
Verben, die Handlungen bezeichnen, durch Wald. Der Waldrand bildet die Grenze, die
die Situationen verändert werden. Entspre- Figuren des Waldes können nicht in das
chend dazu lassen sich Eigenschaften, die Si- Haus eindringen.
tuationen unverändert lassen, mit Adjektiven Ähnliches beobachtet Lotman in vielen an-
wiedergeben. Weitere Analogien bestehen bei deren Texten. Er entwickelt nämlich sein
den Modalitäten der Verben und auf Satz- Konzept nicht anhand eines spezifischen
ebene. Korpus, sondern arbeitet mit zahlreichen Bei-
Die minimale vollständige Intrige selbst spielen aus der russischen Literatur. Auch
läßt sich nach Todorov „als den Weg von ei- greift er immer wieder auf die Ansätze von
nem Gleichgewicht zu einem anderen dar- Veselovskij und Propp zurück.
stellen“ (Todorov 1972b, 273). Der Begriff
Gleichgewicht, den er aus der genetischen 7.2. Ausgehend von seinem theoretischen Be-
Psychologie übernimmt, drückt das „Vorhan- griff der Grenze definiert Lotman das Ereig-
densein einer dauerhaften, aber dynamischen nis als „die Versetzung einer Figur über die
Beziehung zwischen den Gliedern einer Ge- Grenze eines semantischen Feldes“ (Lotman
sellschaft aus“ (Todorov 1972b, 273). Die 1972, 332). Ereignisse sind nach dieser Defini-
beiden Gleichgewichtsmomente sind durch tion von der semantischen Struktur des jewei-
eine Periode der Gleichgewichtsstörung ge- ligen Textes abhängig. Dies erklärt, warum
trennt. „ein und dieselbe Lebensrealität in verschiede-
Daraus ergeben sich nach Todorov für das nen Texten den Charakter eines Ereignisses
Decamerone zwei Handlungsmuster. Im Typ sowohl annehmen wie auch nicht annehmen
vermiedene Bestrafung wird der ganze Zy- kann“ (Lotman 1972 331). Die Figur, die die
klus durchlaufen. Das Anfangsgleichgewicht Grenze überwindet, ist der Held als Träger
wird durch die Gesetzesübertretung verletzt, der Handlung.
die Bestrafung würde dieses Gleichgewicht Neben der Grenzüberschreitung kennt
wieder herstellen, die vermiedene Bestrafung Lotman noch die Zerstörung der Grenze, bei
führt zu einem neuen Gleichgewicht. Der der die Struktur des Raumes vernichtet wird.
zweite Typ, die Bekehrung, beginnt mit dem So in Gogols Erzählung „Der Vij“, wo es den
Zustand einer Gleichgewichtsstörung. Sie Ungeheuern des Waldes gelingt den schützen-
wird durch den charakterlichen Fehler einer den Bannkreis niederzureißen (vgl. Lotman
Person ausgelöst und im Verlauf der Novelle 1974, 359).
korrigiert.
7.3. Ausgehend vom Ereignis betrachtet Lot-
man Fabel und Sujet als spezifische Ereignis-
7. Lotman: Das Ereignis als abfolgen. Dabei beobachtet er zwei Sujetty-
Grenzüberschreitung pen: Im einem Fall dringt der Handlungsträ-
ger in den Gegenraum ein, die Bewegung
7.1. Die Überlegungen Jurij M. Lotmans zur kommt dort zum Stillstand und der Held ver-
Narrativik entwachsen seinem Konzept des wandelt sich aus einer beweglichen Figur in
Kunstwerks als sekundärem modellbildenden eine unbewegliche. Im anderen Fall kehrt der
System, d. h. als einem semiotischen System, Held in seinen Ausgangsraum zurück.
das nach dem Vorbild der Sprache aufgebaut Neben dieser linearen Verknüpfung von
ist und ein Modell der Welt entwirft. Da hier- Ereignis und Sujet gibt es noch einen hierar-
bei wegen psychologischer Mechanismen chischen Zusammenhang, jedes Sujet läßt
räumliche Qualitäten eine zentrale Rolle spie- sich zu einem Ereignis verdichten und jedes
len, gewinnen topologische Relationen wie Ereignis kann zu einem Sujet expandiert wer-
hoch ⫺ niedrig, rechts ⫺ links usw. beson- den.
dere Relevanz. Die Raumstruktur eines Tex-
tes wird damit zum Modell der Struktur des 7.4. Die logische Rekonstruktion der Grenz-
Raums der ganzen Welt (vgl. Lotman 1972, überschreitungstheorie durch Karl N. Renner
312). interpretiert die Unüberschreitbarkeit der
52 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Grenze als nicht-triviale Teilmengenrelation Daß derartige Ordnungszusammenhänge


bzw. in prädikatenlogischer Formulierung als textrelativ sind, zeigt das Beispiel des Italo-
allquantifizierte Implikation, deren Gültig- western, in dem der rechtsfreie Raum in der
keit vom jeweiligen Text postuliert wird. Stadt lokalisiert ist und der rechtschaffende
So ist für den klassischen Western die Held aus der Prärie auftaucht. Die gleiche to-
Grenze zwischen Prärie und Stadt bestim- pographische Struktur wird semantisch an-
mend, die zwei komplementäre Mengen bil- ders ausgefüllt.
den. Diese Grenze trennt die Cowboys von
den Bürgern, den rechtsfreien Raum vom 7.5. Die Rekonstruktion des Lotmanschen
Recht. Faßt man die Cowboys als eine nicht- Ereignisbegriffs erfordert weiterhin die Inte-
triviale Teilmenge der Objekte in der Prärie gration der Zeit in dieses narrative Modell.
auf, so können sie die Grenze nicht über- Dazu wird die erzählte Zeit in diskrete Ein-
schreiten, da sie an den Raum Prärie gebunden heiten untergliedert. Die wechselnde Mengen-
sind. In mengentheoretischer (1) bzw. in prädi- zugehörigkeit einzelner Figuren kann dann
katenlogischer Darstellungsform (2) läßt sich zeitpunktabhängig erfaßt werden.
diese Relation folgendermaßen ausdrücken: Besitzt nun eine Figur zu einem Zeitpunkt
ti eine Eigenschaft, die einem Ordnungssatz
(1) {x 兩 cowboy x} 傺 {x 兩 in pr‰rie x} widerspricht, so ist dies ein Ereignis. Je nach
Blickpunkt bedeutet dies nämlich, daß sich
eine Figur nicht in dem Raum befindet, an
den sie gebunden ist, oder daß ihre Eigen-
schaften die vom Text postulierte Ordnung
verletzen.
Die Zerstörung der Grenze, der zweite
ereignishafte Vorgang bei Lotman, läßt sich
als Ordnungstransformation darstellen. Ein
von einer Ordnungsprämisse abhängiger
Ordnungssatz wird außer Kraft gesetzt, was
die postulierte Ordnung ebenfalls in Frage
stellt.

7.6. Die verschiedenen Sujetverläufe lassen


sich unter Rückgriff auf das Gleichgewichts-
prinzip von Todorov (vgl. 6) systematisieren.
Versteht man nämlich Ordnungsverletzungen
Abb. 5.9: Darstellung von (1) als Diagramm (vgl. als Störungen des Gleichgewichts, so ergibt
Renner 1983, 38) sich für ein Sujet die formale Abfolge „Kon-
sistenz ⫺ Inkonsistenz ⫺ Konsistenz“.
Sujets können also damit einsetzen, daß
(2) L x (cowboy x J pr‰rie x) eine Figur in einen fremden Raum eindringt
(Grenzüberschreitung), daß eine Figur Eigen-
Macht das Diagramm den Zusammenhang schaften annimmt, durch die sie an einen an-
von topographischer und semantischer Ord- deren Raum gebunden ist (Berufung), oder
nung anschaulich, so enthüllt die prädikaten- daß sich durch eine Ordnungstransformation
logische Schreibweise den klassifikatorischen die Ordnung so ändert, daß bislang unver-
Charakter dieser Ordnung. Denn umgangs- fängliche Eigenschaften die neue Ordnung
sprachlich ausgedrückt, behauptet der Satz verletzen. Analog dazu lassen sich Sujets be-
L x (cowboy x J pr‰rie x) folgenden Zu- enden, indem ⫺ wie von Lotman beschrieben
sammenhang: Alle Cowboys sind in der Prä- ⫺ der Held in seinen Raum zurückkehrt, in-
rie. Mit ähnlichen Ordnungssätzen läßt sich dem er sich dem Zustand des anderen Rau-
die weitere semantische Ordnung des Textes mes anpaßt oder indem eine Ordnungstrans-
entwickeln, etwa daß alle Bürger in der Stadt formation eine neue Ordnung stiftet.
leben und sich an Recht und Zucht halten. Damit gewinnt dieses Gleichgewichtsprin-
Die Schießerei der Cowboys in der Stadt ist zip einen explanativen Charakter, da es theo-
damit gleichermaßen ein Einbruch der Prärie retische Zusammenhänge zwischen einzelnen
in die Stadt und ein Einbruch des Faustrechts Textdaten herstellt, die sich empirisch über-
in den Raum des Rechts. prüfen lassen.
5. Die strukturalistische Erzähltextanalyse 53

7.7. Erfassen die Sujetverläufe Figurenbewe- Greimas, Algirdas J. (1971): Strukturale Semantik.
gungen relativ zur Grenze, so läßt sich die Methodologische Untersuchungen. Braunschweig.
Figurenbewegung innerhalb der einzelnen ⫺ (1972): Elemente einer narrativen Grammatik.
Räume durch die Extrempunktregel erklären. In: Blumensath, Heinz (ed.): Strukturalismus in der
Extrempunkte markieren Endpunkte von Literaturwissenschaft. Köln, 47⫺67.
hierarchischen Strukturen, die in den jeweili- ⫺ (1972): Die Struktur der Erzählaktanten. Ver-
gen Räume etabliert sind. Überschreitet eine such eines generativen Ansatzes. In: Ihwe, Jens
Figur die Grenze eines semantischen Feldes, (ed.): Literaturwissenschaft und Linguistik. Bd. III.
so führt sie ihr Weg innerhalb dieses Feldes Frankfurt a. M., 218⫺238.
zu dessen Extrempunkt. Entweder endet dort ⫺ (1972): Zur Interpretationstheorie der mythi-
ihre Bewegung, oder es kommt zu einer Ent- schen Erzählung. In: Gallas, Helga (ed.): Struktu-
scheidung, sei es, daß sich die Bewegungs- ralismus als interpretatives Verfahren. Darmstadt,
richtung der Figur ändert und sie in ihren 105⫺162.
Ausgangsraum zurückkehrt oder daß eine Grimm, Petra (1996): Filmnarratologie. Eine Ein-
Ordnungstransformation eintritt (vgl. Ren- führung in die Praxis der Interpretation am Bei-
ner 1986). spiel des Werbespots. München.
Ein typisches Beispiel dafür ist der shoot Ihwe, Jens (1972): linguistik in der literaturwissen-
down im Western. Er wird normalerweise auf schaft. zur entwicklung einer modernen theorie der
der Hauptstraße mitten in der Stadt ausge- literaturwissenschaft. München.
tragen, einem topographischen Extrempunkt. Kanzog, Klaus (1976): Erzählstrategie. Eine Ein-
Immer stehen sich dabei aber die hierarchisch führung in die Normeinübung des Erzählens. Hei-
ranghöchsten Protagonisten der beiden La- delberg.
ger gegenüber. Der Ausgang des Schießens ⫺ (1991): Einführung in die Filmphilologie. Mün-
fungiert als Ordnungstransformation, denn chen.
die Normen des Siegers sind für die ganze
Lévi-Strauss, Claude (1971⫺1976): Mythologica.
Stadt verbindlich. Bd. I⫺IV. Frankfurt a. M.
⫺ (1975): Die Struktur und die Form. Reflexionen
8. Ausblick über ein Werk von V. Propp. In: Propp, Vladimir:
Morphologie des Märchens. Frankfurt a. M.,
Ob amerikanische Indianermythen, die Epen 181⫺213.
Homers, oder das aktuelle Kino- und Fern-
⫺ (1978): Die Struktur der Mythen. In: ders.:
sehprogramm: Geschichten besitzen für jede
Strukturale Anthropologie. Frankfurt a. M.,
Gesellschaft eine nicht zu überschätzende Be- 226⫺254.
deutung. Damit gewinnt die strukturalisti-
sche Erzähltextanalyse als elaborierter An- Lotman, Jurij M. (1972): Die Struktur literarischer
Texte. München.
satzpunkt für eine Theorie des Erzählens ih-
ren besonderen Stellenwert. Daß sich Frage- ⫺ (1974): Aufsätze zur Theorie und Methodologie
stellungen, die über das reine Funktionieren der Literatur und Kultur. Kronberg.
von Geschichten hinausgehen, mit diesen An- Maranda, Elli K./Maranda, Pierre (1973): Struktu-
sätzen beantworten lassen, demonstrieren relle Modelle in der Folklore. In: Ihwe, Jens (ed.):
zum einen die einzelnen Forschungspro- Literaturwissenschaft und Linguistik. Frankfurt
gramme selbst, zum anderen belegen dies a. M., 127⫺215.
viele Arbeiten, die auf diese Methoden auf- Oppitz, Michael (1975): Notwendige Beziehungen.
bauen (vgl. Kanzog 1976; Wünsch u. a. Abriß der strukturalen Anthropologie. Frankfurt
1996). a. M.
Propp, Vladimir (1975): Morphologie des Mär-
chens. Frankfurt a. M.
9. Literatur (in Auswahl)
Renner, Karl N. (1983): Der Findling. Eine Erzäh-
Bremond, Claude (1972): Die Erzählnachricht. In: lung von H. v. Kleist und ein Film von G. Moorse.
Ihwe, Jens (ed.): Literaturwissenschaft u. Lingui- Prinzipien einer adäquaten Wiedergabe narrativer
stik. Bd. III. Frankfurt a. M., 177⫺217. Strukturen. München.
van Dijk, Teun/Ihwe, Jens/Petöfi, Jànos u. a. ⫺ (1986): Zu den Brennpunkten des Geschehens.
(1973): Prolegomena zu einer Theorie des Narrati- Erweiterung der Grenzüberschreitungstheorie: Die
ven. In: Ihwe, Jens (ed.): Literaturwissenschaft und Extrempunktregel. In: diskurs film. Münchner Bei-
Linguistik. Frankfurt a. M., 51⫺77. träge zur Filmphilologie 1, 115⫺130.
Göttler, Fritz (1983): Handlungssysteme in H. v. Springer, Bernhard (1987): Narrative und optische
Kleists Der Findling. Frankfurt a. M. Strukturen im Bedeutungsaufbau des Spielfilms.
54 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Methodologische Überlegungen entwickelt am ⫺ (1972c): Die Kategorien der literarischen Erzäh-


Film „Falsche Bewegung“ von Peter Handke und lung. In: Blumensath, Heinz (ed.): Strukturalismus
Wim Wenders. Tübingen. in der Literaturwissenschaft. Köln, 263⫺294.
Todorov, Tzvetan (1972a): Die Grammatik der Er- Wünsch, Marianne/Decker, Jan-Oliver/Krah, Hans
zählung. In: Gallas, Helga (ed.): Strukturalismus (1996): Das Wertesystem der Familienserien im
als interpretatives Verfahren. Darmstadt, 57⫺72. Fernsehen. Kiel.
⫺ (1972b): Die strukturelle Analyse der Erzählung.
In: Ihwe, Jens (ed.): Literaturwissenschaft u. Lin- Karl N. Renner, Mainz
guistik. Bd. III. Frankfurt a. M., 265⫺275. (Deutschland)

6. Das Isotopiekonzept

1. Grundlegung: Greimas und die strukturelle schen und methodologischen Grundlegung


Semantik für die Analyse von Elementarstrukturen der
2. Zur Weiterentwicklung des Basiskonzepts Bedeutung. Zwar orientierte er sich dabei
3. Zur ‘Aufhebung’ des Isotopie-Ansatzes in methodologisch weitgehend an strukturell-
übergreifenden Modellen
4. Literatur (in Auswahl)
grammatischen Grundpositionen. Doch ging
sein Satz- und Textverständnis grundsätzlich
über das rein Grammatische hinaus; er wollte
1. Grundlegung: Greimas und die nicht „nur ein Appendix der Syntax“ (Große
strukturelle Semantik 1974a, 97) konstituieren, sondern die Eigen-
ständigkeit semantischer Textstrukturen auf-
Das Isotopiekonzept markiert eine wichtige decken, von Strukturen, die den syntakti-
Phase in der Entwicklung der Textlinguistik schen letzlich vorgeordnet sind. Und die
von strikt strukturell-grammatischen Positio- Textganzheiten ⫺ hier zeichnet sich mit aller
nen hin zu einer (noch primär strukturorien- Deutlichkeit ein grundlegender Paradigmen-
tierten) Semantik, die sich ⫺ zunächst aller- wechsel ab ⫺ begriff Greimas als „hierarchi-
dings nur beiläufig ⫺ auch auf Textphäno- sche Ensembles von Bedeutungen“ (Hyun
mene bezog. Nachdem das Semantische in 1994, 65), also als primär semantisch ge-
den 50er Jahren noch als unvereinbar mit prägte Einheiten.
dem Anliegen struktureller Sprachanalyse Die Relevanz des Semantischen für die
aus der Linguistik verbannt worden war, an- Kennzeichnung von Texten ergab sich für ihn
dererseits aber auch die Unzulänglichkeit und aus Problemen der Textrezeption. Jedes Ver-
Begrenztheit rein formaler Analysen deutlich stehen von Texten basiert ⫺ nach Greimas ⫺
wurde, forderten mehr und mehr Linguisten darauf, daß Rezipienten bestimmte (über den
eine exakte, auf neuen Grundsätzen und Me- Text verteilte) Texteinheiten und -elemente
thoden aufbauende Bedeutungsforschung, als semantisch identisch (oder semantisch zu-
eine strukturelle Semantik (Wotjak 1971, 11), sammengehörig) erfassen; und erst die ⫺ se-
die in eine umfassende Sprachtheorie einbe- mantische ⫺ Äquivalenz zwischen einzelnen
zogen werden sollte. Eine herausragende Stel- Textsegmenten bewirkt dann die postulierte
lung kam bei diesen Bemühungen französi- Homogenität des Textganzen aus der Sicht
scher Strukturalisten ⫺ vor allem Pottier und des Partners und damit die Adäquatheit jedes
Greimas ⫺ zu, die versuchten, das Funktio- Textverstehens. Daher müsse es ein wesentli-
nieren sprachlicher Formen auf der syntag- ches Anliegen von Linguisten sein, solche se-
matischen Ebene ⫺ bei stetem Rückgriff auf mantischen Korrespondenzen zwischen Text-
Saussure und Hjelmslev (Wiegand 1980, 200) segmenten, insbesondere von Minimalpaaren
⫺ auch durch semantische Phänomene, und -ketten, zu eruieren und damit deren Re-
durch Bedeutungsstrukturen von Äußerungs- kurrenz ⫺ und letztlich auch das ‘semanti-
komplexen, zu erklären. sche Netz’ eines jeden Textes ⫺ mit einem ho-
Schon 1966 entwickelte Greimas (termino- hen Grad von Exaktheit regelhaft zu explizie-
logisch teils auch in Anlehnung an Pottier) ren.
ein eigenständiges theoretisches Modell einer Greimas blieb daher auch nicht bei der Be-
‘Semantique structurale’, einer systemati- schreibung von Rekurrenzen der Oberflä-
6. Das Isotopiekonzept 55

chenstrukturen, dem ‘univers de la manifesta- (ii) Die semantische Struktur von Texten ma-
tion’ stehen; weit wichtiger für sein Konzept nifestiert sich als Relation zwischen unter-
erschien ihm das Transparentmachen des schiedlichen Textbestandteilen (Greimas 1971,
‘univers immanent’ (1971, 38), von Bedeu- 94). „Ein semantisch … kohärenter Text weist
tungsstrukturen und -zusammenhängen in … gewisse in den Gesamtrahmen passende
der langue. Diese ‘Doppeltheit der Situie- und die Erwartungshaltung bestätigende Le-
rung’ der Basiseinheiten des immanenten xeme auf“ (Kalverkämper 1981, 42), die vor
Universums (der ‘Klasseme’ und der ‘Seme’) allem durch Bedeutungsbeziehungen mitein-
im ‘discours’/Text ebenso wie im System war ander verknüpft sind. Die Bedeutung von
für Greimas Ansatzpunkt für die Konstitu- Texten erweist sich somit als funktioneller
tion einer „vagen Parallelität“ (Große 1974a, bzw. struktureller Begriff.
95) dieser kleinsten (und nicht wahrnehm- (iii) Die Äquivalenzen zwischen zwei (oder
baren) semantischen Grundeinheiten und mehreren) Segmenten eines Textes (insbeson-
-relationen mit den bekannten Isotopen der dere von minimalen Bedeutungseinheiten,
Kernphysik und ihrer ‘Doppeltheit’ der Ok- Greimas 1978, 312) konstituieren wesentliche
kurrenz (chemischer Eigenschaften von Ato- Teile des semantischen Gesamtzusammen-
men und ‘Wirkfaktoren’ realer Prozesse ei- hangs des Textes, seiner Isotopie.
nerseits und Grundeinheiten eines physika-
lischen Systems andererseits, Große 1974a, (iv) Die Pole für isotope Verkettungen bilden
95). Greimas übertrug daher auch den Termi- inhaltliche miteinander korrespondierende
nus Isotopie auf die semantischen Relationen Lexeme des Textes, deren Inhalte funktio-
von Textstrukturen. (Er gibt allerdings keine nelle lexikalische Oppositionen bilden. Das
explizite Begründung für diese terminologi- eigentliche semantische Potential liegt aber
sche Anlehnung.) nur partiell in den lexikalischen Ganzheiten,
Ausgehend von einer Präzisierung des sondern wird erst durch Dekomposition in
Strukturbegriffs (Große 1974a, 89), entwik- kleinere, unter der Zeichenschwelle anzuset-
kelte Greimas ein relativ umfassendes und zende und miteinander kompatible Einheiten
differenziertes Modell einer Isotopiesemantik, faßbar (Geckeler 1978, 2). „Lexeme, die in
das als Übergangsphase „von der lexikali- einem Teil über ein gemeinsames, rekurrent-
schen Semantik zur Textsemantik“ verstan- dominierendes semantisches Merkmal ver-
den werden kann (Geckeler 1978, 2). Der knüpft sind, konstituieren eine Isotopieebene“
Versuch aber, diesen wichtigen theoretischen (Kallmeyer/Klein/Meyer-Hermann et al. 1974,
Ansatz in nuce zusammenzufassen, stößt auf 149).
erhebliche Schwierigkeiten, weil Greimas (v) Semantische Korrespondenzen ergeben
nicht nur den von ihm erstmals auch auf lin- sich zunächst ⫺ durch Iterativität ⫺ auf binär
guistische Phänomene übertragenen Begriff artikulierten semantischen Achsen, den „In-
der ‘Isotopie’, sondern auch die semantischen haltselementen eines Textes“ (Große 1974b,
Basisbegriffe ‘Klassem’ und ‘Sem’ terminolo- 10), den Klassemen. Greimas (1971, 80, 96 ff)
gisch nicht immer konsequent ⫺ und wider- spricht in diesem Zusammenhang von ‘syn-
spruchsfrei ⫺ handhabt (Große 1974a, 95). tagmatischer Isotopie‘, weiter untergliedert in
Wegen dieser begrifflichen Ambivalenzen ‘einfache’ und ‘komplexe syntagmatische
wurde dieses theoretische Modell in der Fol- Isotopie‘. Diese „semantischen Kategorien“
gezeit in verschiedener Weise ⫺ und mit ganz (Wiegand 1980, 202) sind der Objektsprache
unterschiedlichen Konsequenzen ⫺ interpre- inhärent, aber nur außerhalb dieser meta-
tiert; dennoch soll hier versucht werden, die sprachlich formulierbar (z. B. als Belebtheit,
Kerngedanken dieses Theorieansatzes thesen- Geschlecht, Räumlichkeit …).
haft zusammenzufassen.
(vi) Hinzu kommen die Merkmalausprägun-
(i) Jedes Textverstehen basiert auf dem Erfas- gen der Lexeme, von Greimas (1971, 17) ⫺
sen von semantischen Textzusammenhängen. im Anschluß an Pottier ⫺ Seme genannt (die
Die semantische Ganzheit von Texten ist in ‘Atome’ der strukturellen Semantik), die Ein-
sich strukturiert. Obwohl sich Texte aus hete- zelelemente der einfachen oder mehrfachen
rogenen Ganzheiten zusammensetzen, sind Untergliederung einer Achse (z. B. maskulin/
sie doch „auf homogenen semantischen Ebe- feminin der Achse Geschlecht; tief, hoch, lang,
nen (d. h. Isotopie-Ebenen) situiert und bil- kurz, breit … der Achse Räumlichkeit). Unter
den damit ein Bedeutungsganzes“ (Greimas der Voraussetzung ihrer Iterativität ergeben
1971, 45 f). sie sich beim „Vorkommen mehrerer gleicher
56 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Klasseme in den paradigmatischen Einheiten, (ix) Die Isotopie innerhalb eines Textes sieht
die durch Kommutations- und Ersetzproben Greimas (1971, 79) in der „Permanenz einer
ermittelt werden können“ (Greimas 1971, hierarchisierten Klassembasis, die dank der
93 ff). Diesen Typ der semiologischen menta- Eröffnung von Paradigmen (den klassemati-
len Ebene (Schmidt 1976, 64), der von semi- schen Kategorien) die Variationen der Mani-
schen Konfigurationen gebildet wird, nennt festationseinheiten erlaubt“. Die Rekurren-
Greimas (1971, 93 ff) ‘paradigmatische Isoto- zen dieser Einheiten tragen zur „Bekräfti-
pie‘. Seme sind in Sem-Systemen organisiert, gung der Isotopie“ bei. Ein Text ist daher für
die sich in den Lexemen synkretisch manife- Greimas (1971, 34) erst dann homogen und
stieren (Wiegand 1980, 202). Sie bilden das kohärent, wenn die Seme miteinander ver-
Bedeutungsuniversum einer Sprache. bunden sind und denselben Sem-Systemen
angehören.
(vii) Durch Konjunktion weniger Seme (aus
der Menge eines begrenzten universalen In- (x) Das Entdecken der Isotopie-Ebenen im
ventars) werden Sememe gebildet, Bedeu- gleichen Text ⫺ und damit schließt sich der
tungsvarianten virtueller Lexeme. Ein solches Kreis ⫺ ist dann die Voraussetzung für Mo-
„Ensemble von Semen eines Semems“ ist nosemierungen der bivalenten lexikalischen
gleichfalls durch hierarchische Relationen Einheiten und damit die Erfassung des Text-
miteinander verbunden (Greimas 1971, 29). sinns.
Er unterscheidet dabei zwischen Invarianten Als Bedingungen für das Zustandekom-
Kern-Semen und modifizierenden kontex- men von Isotopien nennt Greimas (1971,
tuellen Semen, aus deren je spezifischer Kom- 126) ⫺ neben dem grundlegenden Prinzip der
Äquivalenz ⫺ vor allem auch bestimmte Wis-
bination die kontextuelle Variabilität von Le-
senskomponenten bei den Kommunizieren-
xemen und die Eröffnung verschiedener Iso-
den sowie das je spezifische „kulturelle Git-
topie-Ebenen resultiert (Greimas 1971, 73).
ter“ und dessen individuelle Variation, womit
Kontextuelle Synonymie basiert nicht auf
auch wesentliche Aspekte des Textverstehens
Sem-Identität, sondern auf der Gemeinsam-
thematisiert werden.
keit eines semantischen Merkmals, das im Abschließend sei darauf verwiesen, daß
thematischen Sinnzusammenhang durch die das hier wiedergegebene Konzept der Isoto-
Korrelationen der Partner funktionalisiert piesemantik eingebettet ist in ein umfassen-
wird, indem der Bezug auf denselben Gegen- des Modell zur Kennzeichnung von generel-
stand hergestellt oder eine gemeinsame Rele- len semantischen Strukturen und das Bemü-
vanz-Setzung eines Sems für die Sinn-Konsti- hen um die Konstitution einer epistemologi-
tution des Textes erfolgt (Hyun 1994, 66). schen Theorie (s. auch Greimas 1978, 315;
Der Kontext selbst ⫺ als Element der zur Anwendung des Theorie-Ansatzes auf li-
kommunikativen Gesamtsituation ⫺ bildet terarische Erzähltexte J Art. 5 in diesem
dann nur den Rahmen für das Funktionieren Band).
dieser semantischen Korrespondenzen (und
damit für das Textverstehen). In diesem Zu-
sammenhang kennzeichnet Greimas (1971, 2. Zur Weiterentwicklung des
45) den Kontext als „ein System von Kompa- Basiskonzepts
tibilitäten und Inkompatibilitäten zwischen
Sem-Konfigurationen“. In den 70er Jahren, in denen man „die über-
ragende Rolle von Bedeutungsphänomenen,
(viii) Die Iterativität/Rekurrenz von Basis- besonders von solchen im Rahmen des Funk-
Semen in verschiedenen Lexemen desselben tionierens der Sprachen in gesellschaftlichen
Textes gewährleistet dann auch semantische Zusammenhängen“ (Hartmann 1971, I) in
Korrespondenzen im gesamten Text. Und der der Linguistik mehr und mehr erkannte,
Text selbst ⫺ ein „in sich abgeschlossenes Mi- wurde auch das Isotopiekonzept von Grei-
kro-Universum“ (Greimas 1971, 75) ⫺ kann mas zum Gegenstand zahlreicher linguisti-
dann als „ein System von Kompatibilitäten scher Arbeiten. Teils ging es dabei nur um Be-
von verschiedenen Merkmalen der im Text stätigung, Interpretation und Anwendung
vorhandenen lexikalischen Verträglichkeiten des Konzepts, teils aber wurden auch ⫺ bei
verstanden werden“ (Greimas 1971, 45). In Beibehaltung des Grundansatzes ⫺ Modifi-
diesem Sinne ist die Isotopie eine wesentliche kationen in Einzelfragen vorgeschlagen. Auf
Bedingung für die (textgeleitete) Kohärenz einige dieser weiterführenden Ansätze sei im
von Texten. Folgenden summarisch verwiesen.
6. Das Isotopiekonzept 57

Agricola (1972) bezieht sich zwar nicht ex- pieebenen enthält, seien dann auch verschie-
plizit auf das Isotopiekonzept von Greimas; dene Lesarten desselben Textes möglich.
dennoch sind Konvergenzen zwischen den Während Rastiers ‘Ausweitungsmodell’
beiden Modellen unverkennbar. Das betrifft noch strikt wortsemantisch geprägt ist, geht
vor allem den Isotopiebegriff selbst (Agricola Große (1971/1974a) einen Schritt weiter. Aus-
1972, 28 f), auch wenn sich Agricola termino- gangspunkt sind auch für ihn 1971 die schon
logisch stärker an Koch (1966) und seinen durch Greimas und Rastier bekannten Isoto-
‘topics’ und Topikketten orientiert. Agricola pie-Ebenen; er bemängelt aber, daß syntag-
(1972, 15) strebt eine „vollständige Erfassung matische und paradigmatische Isotopie bei
und Systematisierung aller Kontextrelatio- Greimas nicht deutlich genug geschieden
nen“ an, von denen er die Topik/Isotopie-Re- seien (Große 1974a, 95). Zur Ergänzung der
lation als grundlegend ansieht, da sie ent- Inhaltsbereiche nimmt er daher ein lexikali-
scheidend sei für das Fortschreiten des In- sches Universum, die Lexie, an, die durch die
halts und die Entfaltung des Textthemas. Kategorien Virtualität (bezogen auf die Kon-
Hervorhebung verdient vor allem, daß stitution einer Lexie) und Valenz (im Hin-
Agricola zahlreiche Arten der Wiederauf- blick auf syntaktische und semantische An-
nahme von (auf Lexeme bezogenen) Inhalts- schließbarkeiten) charakterisiert wird.
einheiten im Text detailliert erfaßt und mo- In seinen Überlegungen zu einer Texttheo-
delliert. rie 1974 fügt er den genannten Isotopie-Ebe-
Auch Rastier (1972) schließt sich eng an nen eine weitere hinzu, die ‘propositionale Iso-
das Basismodell von Greimas an, postuliert topie’, die er als Menge von „Aussagen über
aber eine Ausweitung dieses Ansatzes von der ICH/DU/X“ kennzeichnet. Hinzu komme
Inhaltsebene auch auf die Ausdrucksebene. noch eine textuelle Einführungsformel für
In diesem Sinne modifiziert er auch den Iso- Propositionen, die ‘metapropositionale Basis’
topiebegriff (jedes wiederholte Vorkommen (z. B. Ich behaupte, daß X), die dann die in-
einer sprachlichen Einheit, Rastier 1974, 153). haltliche Verknüpfung ganzer Textteile oder
Diese Iterativität „jedweder Merkmale“ de- Texte festlegen kann (vgl. dazu auch Große
monstriert er am Beispiel einer „isotopischen 1976). Der Text wird damit als eine Einheit
verstanden, „die die wichtigsten Elemente
Textanalyse“ von Mallarmés ‘Salut’.
der dominierenden Isotopie-Ebenen“ (Große
Nach wie vor bleibt auch bei Rastier die
1974b, 157) ⫺ mit den Merkmalen Rekurrenz
Semantik die Basis für jede Textgenerierung;
und Informationsfortschritt ⫺ enthält und
aber er differenziert schärfer auch im Rah-
daher wie eine Partitur gelesen werden kann.
men der Inhalts-Isotopien: Neben die tra-
Der Zusammenhalt des Textes ergibt sich so-
dierte klassematische Isotopie setzt auch er mit für Große aus dem gemeinsamen thema-
die semiologische Isotopie; aber innerhalb tischen Bezug aller Isotopie-Ebenen. Damit
dieser Klasse differenziert er nochmals zwi- überschreitet Große mit diesem Modell deut-
schen einer semantischen (⫽ horizontalen) lich die Grenzzone einer lexikalisch gepräg-
Isotopie, bei der die Sememe durch minde- ten Wortsemantik in Richtung einer proposi-
stens ein identisches Sem miteinander ver- tional fundierten Textsemantik.
bunden sind, und einer metaphorischen Eine Art ‘Aufhebung’ und Vertiefung, zu-
(⫽ vertikalen) Isotopie. Darunter versteht er gleich aber auch grundlegende substantielle
jede elementare Isotopie, die zwischen zwei Kritik des Konzepts einer ‘reinen’ Isotopie-
(verschiedenen Feldern angehörenden) Seme- semantik stellt schließlich der Ansatz Kall-
men hergestellt wird. Das eigentliche Neue meyers (1974) dar. Wie Greimas und Rastier
aber besteht in einer ‘Isotopie des Aus- faßt er Isotopie als „Merkmal-Rekurrenz“
drucks’, der er lexikalische und syntaktische (Kallmeyer/Klein/Meyer-Hermann et al. 1974,
Äquivalenzen sowie phonetische Spezifika 147), differenziert zwischen mehreren Isoto-
(Assonanzen, Alliterationen, Reime …) zu- pie-Ebenen und betrachtet Isotopien als eine
ordnet (Rastier 1974, 95 ff). Diese ‘stilistische wichtige Bedingung für die Kohärenz von
Isotopie’ bestimmt dann ⫺ nach Rastier ⫺ Texten.
die ‘Tonlage’ eines Textes. Erst eine solche Andererseits aber verweist er auf die ent-
‘Systematik der Isotopien’ (im Zusammen- scheidenden theoretischen Schwachstellen
spiel mit nichtsprachlichen Situationselemen- des Konzepts: Isolierte (und relativ auto-
ten) bilde dann ⫺ nach Rastier ⫺ die Basis nome) Seme, die nur auf Grund der Hierar-
jeder Textanalyse. Immer dann, wenn ein chie der Lexemkomponenten als Äquivalenz
Text mehrere einander ausschließende Isoto- herstellende Größen fungieren, müssen deut-
58 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

lich abgehoben werden von ⫺ für die Text- dererseits aber auch gezeigt, daß die isotopi-
Isotopie relevanten ⫺ Semem/Sem-Gruppie- sche Vernetzung von Texten zwar eine we-
rungen, die letztlich erst durch den Textzu- sentliche, aber keine zureichende Bedingung
sammenhang determiniert werden (Hyun darstellt für die Erklärung der Kohärenz und
1994, 73). Der Begriff der Merkmaldominanz der komplexen Bedeutung von Textganzhei-
(im Gegensatz zur Merkmalhierarchie, s. ten (Heinemann/Viehweger 1991, 39). Das
Kallmeyer 1980, 145) sei daher nicht auf iso- bloße Vorhandensein von Semrekurrenzen in
lierte Lexeme anwendbar. Folglich müsse un- einer Äußerungsfolge reicht nicht aus, um
terschieden werden zwischen der System- und aus einzelnen Satzfolgen einen Text zu ma-
der Textrelevanz von Sememkomponenten. chen; umgekehrt kann Kohärenz auch ohne
Als pragmatisch bestimmt erweisen sich Merkmalrekurrenz zustandekommen. Außer-
auch die unterschiedlichen ‘Anschließbarkei- dem war „der Greimas’sche Begriff der Isoto-
ten’ der Lexeme sowohl in paradigmatischer pie nur schwer zu fassen und kaum zu opera-
(als Wortfeldkompatibilitäten: Strom ⫺ Fluß tionalisieren“ (Gerzymisch-Arbogast 1998,
⫺ Kanal ⫺ Bach ⫺ Rinnsal) als auch in syn- 596). Wegen dieser substantiellen (und daher
tagmatischer Hinsicht (als ‘Solidaritäten’ mit auch methodologischen) Begrenztheiten des
Kontextpartnern: Strom mit Meer, Wasser, Modells spielt das Isotopie-Konzept in neue-
Gas, Stärke, elektrisch, Netz, Preis …). Erst ren linguistischen Darstellungen eher eine un-
im pragmatischen Kontext erfolgt nach Kall- tergeordnete Rolle, wurde es mehr und mehr
meyer die Dominanzsetzung eines kontex- integriert in theoretische Modelle übergrei-
tuellen Merkmals, die Festlegung des Refe- fenden Charakters, in denen Interaktions-,
renzbezugs und damit die Monosemierung ei- Text- oder Verstehenszusammenhänge the-
nes Lexems im Text (Kallmeyer 1974, 124 ff). matisiert werden. Auf einige ⫺ eher periphere
Damit kann auch die grundsätzliche semanti- ⫺ Okkurrenzen des Isotopiekonzepts in die-
sche Offenheit von Texten erklärt werden. Da sen Modellen und in Einzeldarstellungen
es möglich erscheint ⫺ bei Einbettung der kann hier nur beiläufig verwiesen werden.
Isotopiephänomene in pragmatische Zusam- Die Integration erfolgte dabei vor allem
menhänge ⫺ auch die ‘Bedeutung von Tex- unter folgenden Aspekten: Satzverknüp-
ten’, zu erfassen, macht Kallmeyer den Isoto-
fungsrelationen bei gleichzeitiger inhaltlicher
pie-Begriff zur Grundlage einer semantisch
Verflechtung (Isenberg 1974; Meyer 1975;
orientierten Textdefinition: „Ein Text läßt
Mudersbach 1983); Referenzrelationen in
sich semantisch als ein Gefüge von 1 bis n
Texten (Vater 1991); Textprogression und
Isotopie-Ebenen definieren, wobei sich deren
Kohärenz (Daneš 1976; Weinrich 1976;
Anzahl nach der Anzahl der im Text dominie-
renden Merkmale richtet“ (Kallmeyer 1980, Schmeling 1982; Lerchner 1986); Texte als
147). Propositionskomplexe (van Dijk 1972; 1980);
Text-Thema (Agricola 1976; 1977; 1979; Löt-
scher 1987); Textpragmatik (Schmidt 1973;
3. Zur ‘Aufhebung’ des Isotopie- Beaugrande/Dressler 1981; Brinker 1985;
Ansatzes in übergreifenden Heinemann/Viehweger 1991); Textverstehen
(van Dijk 1972; van Dijk/Kintsch 1978; 1983;
Modellen Scherner 1984).
Es ist kein Zufall, daß das Konzept einer Iso- Die (in der Regel explizit gemachte) Ein-
topie-Semantik ⫺ das etwa ein Jahrzehnt bettung in die genannten übergreifenden Zu-
lang im Zentrum theoretischer (und zugleich sammenhänge führte dazu, daß das Isotopie-
praxisbezogener) Reflexionen in der Lingui- konzept zugleich auch als methodisches In-
stik stand (s. Ostheeren 1982; Gerzymich-Ar- strument für Textanalysen (und für Textge-
bogast 1998, 595) ⫺ mit der Weiterentwick- staltungsprozesse) genutzt wurde. Das be-
lung semantischer, pragmatischer, textlingui- trifft insbesondere die Analyse literarischer
stischer, soziolinguistischer und psycholingui- Texte und vor allem von Metaphern aus der
stischer Theorien etwa seit 1980 wieder an die Sicht einer ‘konnotativen Isotopie’ (Arrivé
Peripherie wissenschaftlichen Interesses ge- 1975; Ostheeren 1982; Haubrichs 1982;
rückt wurde. Obwohl vielfach dargelegt wer- Schmeling 1982; Oomen 1993; Hyun 1994;
den konnte, welche Bedeutung Isotopieketten Debatin 1995); Analoges gilt aber auch für
als Mittel der Textintegration sowohl für Pro- Fachtexte allgemein (Wiegand 1987), und
zesse der Textproduktion als auch für jene speziell für Texte des Rechtswesens (Selle
des Textverstehens zukommt, hatte sich an- 1990), der Wirtschaft (Gerzymisch-Arbogast
6. Das Isotopiekonzept 59

1998), der Journalistik (Thiel/Thoma 1988) Strukturale Semantik. Methodologische Untersu-


und der Translationswissenschaft (Stolze chungen. Braunschweig.
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7. Der Britische Kontextualismus

1. Einordnung in die Geschichte der Text- und 1. Einordnung in die Geschichte der
Gesprächslinguistik
2. Forschungsphasen und ihr Beitrag zur Text- und Gesprächslinguistik
Systematik
3. Perspektiven: Anwendungskontexte und
Was die Bezüge des BK zu den Vorläufern
Entwicklungslinien der Textlinguistik in Rhetorik, Stilistik, histo-
4. Literatur (in Auswahl) risch-vergleichender Sprachwissenschaft und
Philologie angeht, so sind diese Bezüge in
weiten Bereichen weniger von einem Bruch
Der Britische Kontextualismus (im folgenden gekennzeichnet, als dies in den meisten Aus-
BK) stellt eine integrierte Familie von formungen des amerikanischen Strukturalis-
Forschungsansätzen zum Gesamtphänomen mus und in der rationalistischen Linguistik
Sprache dar, die den Zugang zu ihrem Ge- Chomskyscher Prägung der Fall war und ist:
genstand grundsätzlich durch den Diskurs Zwar entwickeln sich die programmatischen
und den Text suchen, gerade deshalb aber eine Arbeiten Malinowskis und Firths auch aus ei-
scharfe Trennung zwischen Kern-, System- ner Kritik der Armchair Philosophy (Mali-
oder Satzlinguistik einerseits und Text- und nowski) bzw. Antiquarian Philology (Sweet),
Gesprächslinguistik andererseits nie als not- aber die entstehende Art von Sprachwissen-
wendig angesehen haben. Die Entwicklung schaft ist eine, die auf der Wichtigkeit der
der Systematik dieser Ansätze soll hier von Einbettung jeder sprachlichen Interaktion im
der Perspektive her geschichtlich dargestellt Kontext der Kultur und im Situationskontext
werden. besteht. Dadurch ist eine potentielle und in
7. Der Britische Kontextualismus 61

der weiteren Entwicklung auch aktuelle Ver- logischen und mentalistischen Verständnis,
bindung zu Ethnographie und Soziologie, wie etwa in kognitiven Ansätzen der rationa-
aber auch zu Rhetorik und Stilistik gegeben. listischen Schulen. Mit den hier implizierten
Ein Gegensatz zur traditionellen Sprachwis- Spezifizierungen gehört der BK zu den eher
senschaft und zur Philologie besteht in so handlungstheoretischen, kommunikations-
weit, wie diese die Beschränkung auf den lite- theoretischen und empiristischen Ansätzen.
rarischen Text und die ungebrochen normie- Wie viele Ansätze dieser Grundorientierung
rend-abschätzige Sichtweise von Alltagskom- hat der BK eine etwas stärkere Tendenz zur
munikation, zusammen mit einer einseitig hi- Erforschung und Modellierung von Textpro-
storisch-deskriptiven Methodik, zum Pro- duktion, als zur Textverarbeitungsforschung,
gramm erheben. Der BK konstituiert sich aus wenngleich letztere durchaus als wichtiger
einer Kritik der hier implizierten Eigenschaf- Arbeitsgegenstand begriffen wird.
ten traditioneller Fächer und Methoden, aber
auch aus einer Kritik am reduktionistischen
und bedeutungsfernen amerikanischen Struk- 2. Forschungsphasen und ihr Beitrag
turalismus sowie am Strukturalismus euro- zur Systematik
päischer Prägung dort, wo dieser sich einsei-
tig mentalistisch-rationalistisch gibt. Wichtig 2.1. Quellen des BK
und theoriebildend sind andererseits, vor Wesentliche Quellen des Gedankengutes des
allem für Firth, die Bezüge auf Hjelmslev und BK sind in Arbeiten Henry Sweets (Sweet
auf die frühe Prager Schule, später bei Halli- 1891), Philipp Wegeners (Wegener 1885),
day die Verarbeitung von Einsichten der spä- Alan Gardiners (Gardiner 1932) und beson-
teren Prager Schule, in einigen Fragen auch ders Bronislaw Malinowskis (Malinowski
der Tagmemik und Stratifikationsgramma- 1953) zu sehen (vgl. Steiner 1983) Henry
tik, vor allem aber die Auffassungen von Sa- Sweets Propagierung der Living Philology,
pir und Whorf zur sprachlichen Relativität, die Ausarbeitung von Grundlagen des Situa-
wenn auch nicht in ihren subjektivistischen tionsbegriffes sowie in Verbindung damit die
Pointierungen. Was die strukturalistische Er- Betonung von mehreren Dimensionen der
zähltextanalyse und das Isotopiekonzept an- Sprachanalyse in den Arbeiten Wegeners und
geht, so tauchen die dort behandelten Frage- Gardiners, sowie insbesondere Malinowskis
stellungen erst in der neueren Phase der Sys- ethnographische Sprachtheorie verbinden sich
temic Functional Linguistics, etwa bei Halli- in den Arbeiten Firths zur ersten umfassen-
day und Hasan, ab den 70er Jahren auf, wer- den, wenn auch lückenhaften, Programmatik
den allerdings seitdem systematisch und in des BK, und damit zunächst der modernen
beträchtlicher Breite verfolgt. Der BK stand Linguistik in Großbritannien überhaupt.
und steht von seiner eher ethnographisch-
rhetorischen Grundorientierung her in Oppo- 2.2. Die Formulierung der Programmatik
sition zu logikbasierten Zugängen zu sprach- Firth beginnt ab etwa 1930 eine rege Lehr-
lichen Phänomenen, greift allerdings einige und Publikationstätigkeit, wobei die meisten
der dort behandelten Fragestellungen im der wichtigeren Schriften in (Firth 1957) und
Rahmen der eigenen Orientierung durchaus (Palmer 1968) später veröffentlicht werden.
auf. Was nun Entwicklungen wie die pragma- Wie andere Schulengründer legt er den
tische, oder später die kognitive Wende in der Schwerpunkt seiner Veröffentlichungstätig-
Textlinguistik angeht, so waren und sind sol- keit teilweise auf die Programmatik, anson-
che Entwicklungen aus der Sicht des BK als sten auf Phonetik und Phonologie. Kenn-
Neuorientierungen nicht erforderlich: eine se- zeichnend für Firth ist aber ein Arbeits-
parate Pragmatik ist im BK nicht notwendig, schwerpunkt in der Formulierung eines Kon-
da Fragestellungen der Pragmatik von jeher zepts von Situationskontext und Kontext der
als integraler Bestandteil der Linguistik ange- Kultur als integralen linguistischen Analyse-
sehen wurden. Die kognitive Wende hat ihre ebenen. Daneben stehen Einzelarbeiten zu
Parallele im BK in Hallidays Hinwendung Grammatik und Lexis. Von der Methodolo-
zur Sozio-Semantik seit etwa den späten 60er gie her ist die von Firth entwickelte Lingui-
Jahren, aber diese Semantik wird grundsätz- stik einheitlich (monistisch), insofern als auf
lich als gesellschaftlich, semiotisch und empi- allen Analyseebenen Bedeutung als Funktion
ristisch verstanden, wie in weiten Teilen der im Kontext, realisiert in den Beschreibungs-
heutigen holistischen Kognitiven Linguistik, kategorien System und Struktur, analysiert
im Gegensatz zu einem individuellen, psycho- wird. Die Methode ist gleichzeitig polysy-
62 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

stemisch in dem Sinne, daß Systeme wie etwa ken auch gerade in der Gegenwart von
Konsonanten, Kasus oder Numerus als un- größter Bedeutung geblieben. Da Grammatik
terschiedlich strukturiert je nach ihrem Platz und Lexis eher als unterschiedliche Sichtwei-
im Kontext anderer Systeme angenommen sen auf einen gemeinsamen Bereich sprachli-
werden. cher Form, denn als essentiell verschiedene
sprachliche Ebenen verstanden werden, be-
2.3. Die Ausdifferenzierung nutzt die SFL häufig den Begriff der Lexiko-
Nach dem Tode Firths finden wir eine Aus- Grammatik (lexicogrammar).
differenzierung des BK, manchmal auch Lon-
don School of Linguistics genannt, in eine An- 2.4.2. Die Funktionen der Sprache und
zahl von Ansätzen und oft Einzelarbeiten. die generalisierten Funktionen
Abgesehen davon, daß eine Reihe von der Grammatik (ca. 1966⫺1976)
Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwis- Halliday geht hier zunächst von einem Be-
senschaftlern in Großbritannien individuell griff von Bedeutung als Funktion im Kontext
und kritisch Ideen des BK weiterführen (je- aus, wie er bei Malinowski und Firth angelegt
weils in Einzelarbeiten Henderson, Palmer, ist, versucht allerdings, diesen Begriff etwas
Leech, Robins, Abercrombie, Svartvik u. a.), schärfer und eingeschränkter zu formulieren,
sind in den weiteren Entwicklungen vielleicht als seine Vorgänger (vgl. Halliday 1973). Sein
vor allem die Arbeiten um John Sinclair (vgl. Begriff von generalisierten, d. h. grammtikali-
Sinclair 1991), und hier besonders die CO- sierten Sprachfunktionen konkretisiert sich
BUILD Wörterbücher und Grammatiken, dabei gleichzeitig in einer Reihe von Arbeiten
wichtig geworden. Vielerorts wird in dieser zur Intonation und Lexiko-Grammatik, in
Arbeit eine der interessantesten Richtungen deren Rahmen formale Oppositionen syste-
der Sprachwissenschaft Großbritanniens ge- matisch in Bezug gesetzt werden zu ihrer
sehen, vor allem auch wegen der unmittelba- funktionalen Semantik (Halliday 1970a, b).
ren Bedeutung weit über das rein Fachliche Hier spielen, oft im Hintergrund, die Auffas-
hinaus. Unmittelbar schulenbildend aber wir- sungen, die Whorf im Zusammenhang seiner
ken zunächst die Arbeiten von Michael Alex- grammatischen cryptotypes formuliert, eine
ander Kirkwood Halliday, denen wir uns im wichtige Rolle.
folgenden zuwenden wollen.
2.4.3. Sprache als gesellschaftliches
2.4. Hallidays Systemisch Funktionale semiotisches System (Orientierung auf
Linguistik (SFL) Gespräch und Text) (ca. 1976⫺heute)
Halliday steht nach eigener Aussage in der In diesen Zusammenhang fällt eine Anzahl
Tradition Firths, hat daneben allerdings auch von Arbeiten, in denen die Grundlagen einer
Einflüsse der chinesischen Sprachwissen- sprachlich orientierten social semiotics gelegt
schaft, Hjelmslevs und Whorfs verarbeitet. werden (Halliday 1978), (Halliday/Hasan
Die SFL ist heute eine weltweit verbreitete, 1989). Abgesehen von den genannten phasen-
wenn auch nur lose organisierte, Richtung weisen Schwerpunktsetzungen sind immer
der Sprachwissenschaft mit eigenen nationa- wieder Arbeiten entstanden, die im Rahmen
len und internationalen Gesellschaften. des SFL-Grundverständnisses den Zugang
zur Sprache Ebene für Ebene erlauben: Zur
2.4.1. Grammatik und Lexik
Intonation (Halliday 1970a), Grammatik
Die erste Phase der Arbeit Hallidays (ca. (Halliday 1994), aber auch (Fawcett 1980) in
1956⫺1966) brachte eine methodologische einer wichtigen eigenen Variante, und Text-
Ausarbeitung der Grammatik und, in weit struktur (Halliday/Hasan 1976).
geringerem Maße, Lexis (Halliday 1961).
Wenn diese Phase in ihrer Satzbasiertheit
auch deutlich enger war, als die späteren Pha- 3. Perspektiven: Anwendungskontexte
sen mit ihren Schwerpunktsetzungen in den und Entwicklungslinien
Bereichen Text und Gespräch, so haben sich
doch die damals eingeführten methodologi- Der BK hat sich von Beginn an durch eine
schen Kategorien (Einheit, Klasse, Struktur, bewußte Reflexion der Tatsache ausgezeich-
System) durch alle Beschreibungsebenen hin- net, daß sich theoretische Weiterentwicklun-
weg sehr stabil erhalten, sind die eingeführten gen im Rahmen von, oder im Kontakt mit
methodologischen Skalen (Rang, Exponenz, theoretisch motiviert gewählten Anwen-
Feinheit) für das gesamte theoretische Den- dungskontexten vollziehen. Für eine Pro-
7. Der Britische Kontextualismus 63

gnose der weiteren Entwicklung scheinen mir rung im Rahmen der Architektur des Ge-
die folgenden besonders wichtig: Der Arbeits- samtmodells deutlich vorantreibt. Ein weite-
kontext um John Sinclair und COBUILD hat rer fruchtbarer Kontext für Anwendung und
sich erfolgreich als langfristiges Vorhaben Entwicklung von SFL kann, wenn auch noch
etabliert, in dessen Rahmen eine Reihe kor- in bescheidenem Maße, in der Übersetzung
pusbasierter und von der Orientierung her gesehen werden (vgl. Hatim/Mason 1990 und
funktionaler Wörterbücher und Grammati- eine Reihe weiterer Arbeiten), wobei sich
ken entstanden sind bzw. gegenwärtig entste- auch im Rahmen der Modellierung des
hen. Der funktionale Kernbegriff der Lexiko- menschlichen Übersetzungsprozesses ver-
Grammatik und das Begriffspaar Kollokation stärkt die Frage nach dem Charakter sprach-
und Kolligation (lexikalisches und grammati- licher Information und ihrer Sprachgebun-
sches Syntagma), erhalten von daher eine ge- denheit oder ihrer Verteiltheit über mehrere
schichtlich bisher einmalige und kritische Sprachen stellt. Letztlich wird voraussichtlich
Unterstützung. Dies hat Auswirkungen nicht der Kernbereich der Arbeit an Lexik und
nur auf die Tradition des Erstellens von Grammatik, sowie an ihren semantischen
Grammatiken und Wörterbüchern, sondern Schnittstellen zum Diskurs und Text, das viel-
auf die Methodendiskussion in der Sprach- leicht organisierende Zentrum einer Sprach-
wissenschaft, und insbesondere auch in der theorie bleiben, die zwar Sprache nie an-
SFL. Die SFL selbst hatte schon immer als ders, als über Diskurs und Text verstanden
ein wesentliches Gebiet der theoriegeleiteten hat, die aber für die Modellierung der Reali-
Anwendung die Sprachdidaktik (vgl. Halli- sierung von Diskurs auf nichts weniger als
day u. a. 1964). In dieser Richtung entwik- auf einer eigenen sozial-semiotisch basierten
keln sich die Begriffe von Texttypen, Genre, Lexiko-Grammatik (vgl Halliday/Matthies-
Ideologie, Register. Im Zusammenhang da- sen im Druck) besteht ⫺ und die diese auch
mit, aber als durchaus selbständiger Bereich kontinuierlich ausarbeitet und aus ihr einen
entwickelt sich eine SFL-basierte Methode Großteil ihrer methodischen Substanz be-
der kritischen Diskursanalyse, die ihre Wur- zieht.
zeln in Arbeiten der 60er und 70er Jahre hat,
aber gerade in den letzten Jahren an Bedeu-
tung gewinnt (vgl. Hodge/Kress 1988). Hier 4. Literatur (in Auswahl)
sucht man den Dialog mit der Soziologie, Fawcett, Robin P. (1980): Cognitive Linguistics
aber auch mit Elementen der postmodernen and Social Interaction ⫺ Towards an Integrated
und poststrukturalistischen, sowie der marxi- Model of a Systemic Functional Grammar and the
stischen Kritischen Theorie. Auch eröffnet Other Components of a Communicating Mind,
sich hier der Weg zur Modellierung von volume 3 of Exeter Linguistic Studies. Heidelberg.
nicht-sprachlichen Modi der Kommunika- Firth, John Rupert (1957): Papers in Linguistics
tion, wie etwa Musik und Visueller Kommu- 1934⫺1951. London.
nikation. In allen genannten Bereichen wird Gardiner, Alan (1932): The theory of speech and
der Kernbegriff des Registers als organisie- language. London.
render Begriff für den Zusammenhang zwi-
schen Situationskontext und Sprache weiter- Ghadessy, N. (1993): Register Analysis. Theory
and Practice. London.
entwickelt (vgl. Ghadessy 1993). Weiterhin
von Wichtigkeit, gerade für die Modellierung Halliday, Michael A. K. (1961): Categories of the
von Teilbereichen der Lexiko-Grammatik, theory of grammar. In: Word 17, 241⫺292.
sind Arbeiten zur automatischen Analyse ⫺ (1970a): A Course in Spoken English: Intona-
und, in weit größerem Umfang, Generierung tion. Oxford.
von Sprache, insofern als in manchen dieser ⫺ (1970b): Language structure and language func-
Anwendungen theoretisch interessante und tion. In: Lyons, John (ed.): New Horizons in Lin-
gleichzeitig explizite Fragmente implementiert guistics. Harmondsworth.
werden (vgl. Matthiessen/Bateman 1991). Aus ⫺ (1973): Explorations in the Functions of Lan-
diesem Bereich stammen auch einige For- guage. London.
malisierungen von Teilen der SFL. Gerade
⫺ (1978): Language as social semiotic. London.
durch Beschäftigung mit multilingualer Text-
generierung erhält die Arbeit an multilingua- ⫺ (1994): An Introduction to Functional Gram-
len Grammatikfragmenten wichtige Impulse, mar. London, 2nd edition.
was innerhalb der Theorie die Auseinander- Halliday, Michael A. K./Hasan, Ruqaiya (1976):
setzung mit Generalisierung und Abstrahie- Cohesion in English. London/New York.
64 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

⫺ (1989): Language, Context, and Text: Aspects of Linguistics: Experiences from English and Japa-
Language in a Social Semiotic Perspective. London. nese. Communication in Artificial Intelligence
Halliday, Michael A. K./Matthiessen, Christian M. Series. London.
I. M.: Constructing experience through meaning: Palmer, Frank R. (1968): Selected Papers of J. R.
a language based approach to cognition. London, Firth 1952⫺1959. London.
im Druck.
Sinclair, John M. (1991): Corpus, Concordance,
Halliday, Michael A. K./McIntosh, Angus/Stre- Collocation. Oxford.
vens, Peter (1964): The linguistic sciences and lan-
guage teaching. London. Steiner, Erich (1983): Die Entwicklung des Briti-
schen Kontextualismus. Heidelberg.
Hatim, Basil/Mason, Ian (1990): Discourse and the
Translator. Language in Social life Series. London. Sweet, Henry (1891): A new English Grammar.
Hodge, Robert/Kress, Gunther (1988): Social Oxford.
Semiotics. Cambridge, England. Wegener, Philipp (1885): Untersuchungen über die
Malinowski, Bronislaw (1953): Coral Gardens and Grundfragen des Sprachlebens. Halle.
their Magic. New York.
Matthiessen, Christian M. I. M./Bateman, John A. Erich Steiner, Saarbrücken
(1991): Text Generation and Systemic-Functional (Deutschland)

8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik

1. Vorbemerkungen tive der Wende lagen dabei außerhalb der


2. Historiographische Probleme der „Wende“- Disziplinen selbst in der Artikulation gesell-
Metapher schafts- und bildungspolitischer Ansprüche
3. Problemgeschichtliche Einordnung der an die Wissenschaft, etwa zur Kompensation
Wende
4. Zur Konzeption der pragmatischen Wende
sozialer Ungleichheit, zum Abbau von Bil-
in der Textlinguistik dungsschranken, zur Emanzipation und der
5. Die Transformation der Wende: Kritik und Erweiterung kommunikativer Partizipations-
Perspektiven möglichkeiten beizutragen (vgl. z. B. Maas/
6. Literatur (in Auswahl) Wunderlich 1972; Hartung 1987).
Die Formulierung „pragmatische Wende in
der Textlinguistik“ bezeichnet zum einen die
1. Vorbemerkungen Folgen der Anwendung pragmatischen Den-
kens und pragmatischer Methodik in einem
Unter dem Etikett des „pragmatic turn“ oder speziellen Teilbereich linguistischer Theorie-
der „pragmatischen Wende“ wird eine in den bildung und Deskription, eben der Textlin-
60er Jahren einsetzende Konvergenz neuer guistik (vgl. z. B. Schlieben-Lange 1975/1979,
Denkansätze in der Philosophie und Wissen- 110 ff; Helbig 1988/1990, 152 ff; Heinemann/
schaftstheorie und beinahe allen Human- Viehweger 1991, 22 ff). Zum andern jedoch
und Kulturwissenschaften zusammengefasst, wird die von der stärker textgrammatisch
die sich aus sehr heterogenen Strömungen zu- orientierten Textlinguistik sich abgrenzende
sammensetzte (vgl. Stachowiak 1993; Ver- Texttheorie in der Diskussion der 70er Jahre
schueren 1995) und in der Linguistik ihre gerade durch die „Wende“ zu einem Synonym
Hauptwirkung ab etwa 1970 entfaltet hat für eine pragmatisch orientierte Sprach-
(vgl. Helbig 1988/1990). Gemeinsam ist allen theorie überhaupt (z. B. Schmidt 1973a). Das
Strömungen die Überzeugung von der sozia- heißt, die pragmatische Wende beansprucht
len Vermitteltheit wissenschaftlicher Erkennt- ein Aufbrechen etablierter Konzeptualisierun-
nis, die Prämisse einer wesentlich sozialen, gen nicht nur von „Text“, sondern qua Text
das heißt durch Handeln und soziale Erfah- von „Sprache“ im Verhältnis zum Sprechen
rung begründeten Konstituenz der zu erklä- und den Sprechern allgemein. Die Kenntnis
renden und beschreibenden Gegenstände so- sozial bestimmter Handlungszusammenhänge
wie der Anspruch auf gesellschaftliche Bedeu- ist Voraussetzung sozialen Handelns. „Die
tung und praktische Relevanz der Theoriebil- symbolische Bindung von Handlungszusam-
dung. Die wesentlichen Triebkräfte und Mo- menhängen ist aber die Leistung der Spra-
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 65

che“ (Maas/Wunderlich 1972, 193). Diese auf schen Entwicklung der Diskussion orientiert,
Sprache insgesamt bezogene pragmatische sind gut zugänglich (vgl. Brinker 1973; 1996;
Perspektive fordert, sprachliche Tatbestände Kallmeyer/Meyer-Hermann 1973; Dressler
grundsätzlich vom Texthandeln her und im (ed.) 1978a, 1⫺15; Völzing 1978, 13⫺33; de
Hinblick auf die Bedingungen seines Gelin- Beaugrande/Dressler 1981, 15⫺31; Helbig
gens theoretisch zu konzipieren und zu be- 1988/1990, 148⫺178, Heinemann/Viehweger
schreiben. 1991, 13⫺85). Da der begriffliche und theore-
Eine Darstellung zur textpragmatischen tische Ertrag der pragmatischen Wende in
Wende steht damit vor der Alternative, die diesem Band in verschiedenen Beiträgen aus-
Aufgabe entweder auf die speziell pragma- führlich zur Sprache kommt, konzentriert
tisch motivierten Beiträge zum „Text“ als sich der Artikel auf eine problemgeschicht-
(weiterer) linguistischer Beschreibungsebene liche Darstellung und Einordnung.
zu beschränken oder aber das eigentliche Mo-
tiv und Movens der „pragmatischen Wende
in der Textlinguistik“, nämlich den Versuch 2. Historiographische Probleme der
zur Begründung eines pragmatischen Sprach- „Wende“-Metapher
begriffs ins Zentrum zu stellen. Für eine dem
Forschungsstand adäquate Darstellung und Konsensbildung in wissenschaftsgeschicht-
problemgeschichtliche Wertung der „Wende“ lichen Darstellungen ist ein komplizierter
scheint es sinnvoll, die beiden Gesichtspunkte und von Kontroversen getragener Prozess.
zu verbinden. Damit wird eine Erörterung Initiale Prozesse wissenschaftshistorischer
zum Begriff der Pragmatik selbst erforder- Entwicklungen, Kristallisations- und Kulmi-
lich, die eine problemgeschichtliche Einord- nationspunkte wie auch Bruchstellen und
nung der Wende und ihrer Folgen für die Wendepunkte sind durch die Historiographie
Textlinguistik ermöglicht. keineswegs im Sinne bloßer Faktensammlung
In die Formulierung der Themenstellung zu dokumentieren; sie werden vielmehr histo-
des Beitrags gehen vielfältig komplexe und in riographisch konstruiert. Wissenschaftssozio-
der Diskussion kontrovers thematisierte Vor- logisch junge Disziplinen wie die linguistische
aussetzungen ein. Dies betrifft die Rede von Pragmatik und die Textlinguistik sind in ihrer
einer „Wende“ überhaupt, den zugrunde zu Entwicklung unmittelbar geprägt vom Ver-
legenden Begriff der Pragmatik wie auch den such, den eigenen Forschungsstandpunkt dis-
der Textlinguistik bzw. des Textes. Der Arti- kursiv durchzusetzen und über historiogra-
kel orientiert den Aufbau der Argumentation phische Deutungsmuster ⫺ wie etwa das der
an dieser Problematik. Im Folgenden werden „Wende“ ⫺ verbindlich zu interpretieren. Die
unter (2) die methodologischen Implikationen Etablierung von Darstellungskonventionen
des historiographischen Konzepts „Wende“ zur Geschichte steht dabei stets in der Span-
problematisiert. Die Erörterung wird unter nung zwischen der Diskursgeschichte der
(3) auf die jüngere historiographische Ein- Disziplinen einerseits und ihrer wissenschaft-
ordnung und Bewertung der „pragmatischen lichen Problemgeschichte andererseits (vgl.
Wende“ in der Linguistik bezogen. Damit Knobloch 1996). Was im sozialen System der
verbunden ist eine Erörterung zum Begriff Wissenschaftskommunikation Anerkennung
der Pragmatik. Kapitel (4) diskutiert die Ent- findet, muss nicht notwendigerweise auch
stehungshintergründe und die Differenzie- problemgeschichtlich ein Fortschritt sein,
rung textpragmatischer Orientierungen unter und umgekehrt. Der Erfolg theoretischer In-
primärem Bezug auf die Diskussion im deut- novation wird notwendig zunächst als ein
schen Sprachbereich. Kapitel (5) schließlich kommunikativer Erfolg manifest, indem etwa
behandelt die Aussichten der Textpragmatik gegenüber einer bis dahin vorherrschenden
vor dem Hintergrund der Kritik an Haupt- Leitorientierung eine Abgrenzung durchge-
orientierungen der Wende in der linguisti- setzt wird und autonome Thematisierungen
schen Diskussion. ermöglicht werden. Vor allem darauf ist die
Hinsichtlich der weitestgehend kanoni- Selektivität und Perspektivität der „Wende“-
schen Elemente der Darstellungen zur Ent- Metapher ⫺ auch im Kontext der „pragmati-
wicklung der textlinguistischen Diskussion schen Wende“ ⫺ bezogen. Sie betont die Dis-
fasst sich der Beitrag kurz. Übersichtliche kontinuität und den Bruch mit herrschenden
und informative Darstellungen dazu, in de- Orientierungen und bezieht daraus ihre Wert-
nen sich die Entfaltung der textlinguistischen schätzung. Helbig (1988/1990, 15) macht den
Systematik in der Regel auch an der histori- auf die spezifische zeitgeschichtliche Diskurs-
66 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

konstellation bezogenen Sinn der Wende-Me- weger 1991, 22). Die Einschätzung trifft zu,
taphorik deutlich, wenn er formuliert: „Vor soweit man sich dabei am wissenschaftlich
allem unter dem maßgebenden Einfluss des institutionellen Aufkommen und der Kon-
Strukturalismus und der generativen Gram- junktur der sogenannten „Bindestrich-Lin-
matik entstand der Eindruck einer solchen guistik“ Sprechakttheorie, Gesprächsanalyse,
Umorientierung als ‘Wende’“, und entspre- Soziolinguistik, Psycholinguistik ⫺ auch die
chend formuliert Hartung in einem Rück- Textlinguistik wird dazu gezählt ⫺ (vgl. Hel-
blick auf die 70er Jahre: „Man wußte, woge- big 1988/1990, 148 ff) orientiert. Ein erhebli-
gen man war, aber nicht unbedingt, wofür“ cher Anteil dieser Prosperität der Wende ist
(Hartung 1987, 278). Diese Hinweise auf die dabei gleichursächlich mit der allgemeinen
diskursive Eigendynamik der sprachprag- Expansion des Bildungs- und Wissenschafts-
matischen Wende lassen zunächst offen, wie systems zu Beginn der 70er Jahre.
ihr problemgeschichtlicher Stellenwert einzu-
schätzen ist. 3.2. Problemgeschichtliche Ambivalenz
In der Retrospektive ist kritisch zu konstatie-
ren, dass die Geschichte pragmatisch argu-
3. Problemgeschichtliche Einordnung mentierender Sprachbegriffe in der Sprach-
der Wende theorie tiefergehende Fundamente gelegt hat,
als in der „pragmatischen Wende“ selbst zum
3.1. Diskursive Dynamik der Wende Tragen kommen. Die Wende bleibt theore-
Der unter dem Stichwort „pragmatische tisch und grundbegrifflich hinter Vorleistun-
Wende“ gefasste Wandel setzt den Prozess gen pragmatischen Denkens in der Sprach-
der wissenschaftlichen Institutionalisierung theorie zurück, und zwar sowohl im Blick
einer linguistischen Pragmatik in Gang. Die auf den sprachkonstituierenden als auch im
Wende kommt bezogen auf die Textlingui- Blick auf den sozial konstitutiven Charakter
stik/Texttheorie in programmatischen Ent- sprachlichen Handelns. Brigitte Nerlich und
würfen zum Ausdruck (z. B. Hartmann 1968; David D. Clarke fassen die Ergebnisse ihrer
1971; Maas/Wunderlich 1972; Schmidt 1973a; Forschungen zur Geschichte der Pragmatik
Breuer 1974; Kummer 1975), die innerhalb (Nerlich 1995a; 1995b; Nerlich/Clarke 1994;
kurzer Zeit in den 70er Jahren zu einem An- 1996) in einer äußerst skeptischen Wertung
stieg einschlägiger Forschungsaktivitäten füh- des Ertrags der Wende zusammen: „How-
ren, begleitet von Tagungen, Kongressen und ever, in the case of pragmatics, some of the
Debatten, denen Diskussionsbände (Stempel past got lost or forgotten in the excitement
(ed.) 1971; Gülich/Raible (eds.) 1972; 1977; of the present. As a result something of the
Schmidt (ed.) 1976; Petöfi (ed.) 1979), For- discipline itself was lost, in the same way that
schungsberichte und Anthologien (Schmidt individuals can lose their identity by losing
(ed.) 1974; Dressler (ed.) 1978a; 1978b) fol- their memory“ (Nerlich/Clarke 1994, 440).
gen. Nahtlos schließt sich für den Bereich der Die Autoren weisen nach, dass (und aus
Pragmatik insgesamt die Gründung entspre- welchen Gründen) im „so-called pragmatic
chender Zeitschriften an ⫺ zuerst des „Jour- turn“ (Nerlich 1995a, 311) der hinsichtlich
nal of Pragmatics“ im Jahr 1977 ⫺ sowie das der sprachtheoretischen Pragmatiktradition
Erscheinen einschlägiger Einführungen (be- weitestgehend isolierte Diskursstrang der
reits Dressler 1972; Kallmeyer et al. 1974; „ordinary language philosophy“ (Austin,
Coseriu 1980/1994; van Dijk 1980; Dressler/ Grice, Searle) zum Tragen kommt (Nerlich
de Beaugrande 1981; Brinker 1985; Heine- 1995a, 324 ff). Dieser verfehlt bereits be-
mann/Viehweger 1991; Vater 1992) und Hand- züglich der Sprechakttheorie i.e. S. die Re-
bücher (van Dijk (ed.) 1984). Im Blick auf zeption einschlägiger Arbeiten, z. B. Adolf
diese Entwicklungen beschreiben Heine- Reinachs (Burkhardt 1990; Nerlich/Clarke
mann/Viehweger (1991) die Konsequenzen 1996). Wichtiger im vorliegenden Zusam-
der pragmatischen Wende wie folgt: „Seither menhang ist jedoch die nahezu vollständige
rücken in stärkerem Maße Fragen der prak- Vernachlässigung der Arbeiten, die die Kon-
tischen Verwendung von Sprachzeichen in textualität der Kommunikation, die Bezogen-
konkreten Kommunikationsereignissen ins heit sprachlicher Ordnungen auf Kontexte
Zentrum des Interesses, wird die Einbettung des Handelns und die pragmatisch bestimmte
sprachlicher Äußerungen in komplexe, über- zeichenhafte Materialität der Sprache in den
greifende Zusammenhänge der kommunika- Mittelpunkt stellen. In diesem Sinne bezieht
tiven Tätigkeit postuliert“ (Heinemann/Vieh- das Pragmatikverständnis der „ordinary lan-
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 67

guage philosophy“ weder Grundlegungen der beziehungen qualifiziert sind, kommt nicht
20er Jahre (z. B. bei Malinowski und Mead) als ein pragmatisches Problem in den Blick.
mit ein, noch die vor allem im deutschen Kontext und sprachliche Bedeutung sind in
Sprachbereich anzusiedelnden sprachprag- einem pragmatischen Sprachbegriff koevol-
matischen Entwürfe (z. B. bei Marty, Wege- vierende Einflussgrößen, und zwar potentiell
ner und vor allem Bühler), die in der Lingui- hinsichtlich der Gesamtheit sprachlicher Ei-
stik Einfluss auch auf die englischsprachige genschaften. Entsprechend kritisch gegen-
Diskussion der 30er Jahre (z. B. Gardiner, über einem aktzentrierten Pragmatikbegriff
Firth) gewinnen und die Entwicklung des formuliert Verschueren „if … pragmatics is
Kontextualismus mit motivieren. Diese histo- to be defined as the study of meaning in
rische Unbedarftheit hat Konsequenzen auch context, it should study whatever meaning
für den dadurch etablierten Pragmatikbegriff. emerges as a result of the contextual use of
Freilich ist zu konzedieren, dass auch der aus any linguistic feature (including phonologi-
heutiger Sicht komplexeste Entwurf zu einem cal, morphological, or syntactic ones),
pragmatischen Sprachbegriff ante litteram, whether this feature has a ‘semantics’ of its
Karl Bühlers Sprachtheorie, bestenfalls An- own or not“ (Verschueren 1995, 11). Erst
sätze zu einem Begriff von Textualität als ei- recht gilt dies freilich auch für die übersatz-
genständiger Sprachbeschreibungsebene ent- mäßigen Ordnungen des Textes und des Ge-
wickelt und dass ihm ebenso der Zugriff sprächs, die über semasiologisch fassbare
auf den sozialkonstitutiven Charakter des Zeichenqualitäten komplexe Handlungssche-
Sprechakts (i. S. performativer Akte) fehlt. mata in der Kompetenz verfügbar machen.
Zumindest hinsichtlich des ersten Punkts Die Tradition eines die Leistungen des Ver-
liegt die Ursache in einer Unterschätzung der stehens in Rechnung stellenden Sprachbe-
durch das Verstehen konstituierten sprachli- griffs, die Dimension der „Sprache als Text“
chen Ordnungen (Ehlich 1989). Nichtsdesto- (Scherner 1984) bleibt in der sprechakttheo-
weniger liefert Bühler ein umfassendes Mo- retisch dominierten Pragmatik der Wende
dell für einen ungeteilt pragmatischen Begriff weitgehend unberücksichtigt.
der Sprache „als Kommunikationsmittel mit
ausdrücklichem Sprecher-Hörer-Bezug“ (Sta- 3.3. Die Dialektik der Wende
chowiak 1993, XXVII) und entwickelt hier Während die „pragmatische Wende“ ⫺ im
den frühen Ansatz Philipp Wegeners weiter. Kontext der Texttheorie ⫺ zunächst bean-
Die besondere Leistung dieser Perspektive sprucht, die systemlinguistische Perspektive
bestand gerade auch darin, dass sie es ermög- aufzuheben, kommt es in der Folge tatsäch-
lichte, das System pragmatisch zu verstehen. lich zu einer Art Zwei-Reiche-Lehre, in der
Im Gegensatz dazu nimmt der Ansatz der auf der einen Seite Systemlinguistik, also
„ordinary language philosophy“ zwar die Grammatik (mit Syntax ⫹ wahrheitswert-
pragmatischen Funktionen des Sprachhan- funktionaler Semantik), und auf der anderen
delns in den Blick, aber er blendet die prag- Seite die Pragmatik als Residualkategorie ste-
matische Funktionalität der Sprache selbst hen. Mit dieser Entwicklung kommt inner-
theoretisch und empirisch weitgehend aus halb einer linguistischen Pragmatik, die ihr
(vgl. Verschueren 1995, 6 ff). Bei Austin und Entstehen wesentlich der ⫺ gegen den logi-
Searle bestimmen die konventionellen For- schen Positivismus Rudolf Carnaps gewende-
mate der Sprechakte ⫺ und damit implizit ten ⫺ ordinary-language-philosophy Austins
nach wie vor der Satz ⫺, bei Grice die weitge- verdankt, tatsächlich Carnaps Pragmatikver-
hend zeichenungebundene Intention und die ständnis der ideal-language-philosophy zum
konversationelle Logik der Implikatur den Tragen. Diese Ambivalenz ist bereits 1938 in
Pragmatikbegriff. Die Pragmatik wird auf ei- Morris’ Konzeption der Pragmatik angelegt
nen eng umschriebenen, gegen Syntax und (vgl. Schneider 1993; Verschueren 1995). Syn-
(kontextfreie) Semantik weitgehend abge- taktische und semantische Kompetenz einer-
schotteten kanonischen Bereich begrenzt, der seits und pragmatische Kompetenz anderer-
Deixis, konversationelle Implikatur, Präsup- seits werden im Diskurs kategorial geschie-
position, Sprechakte und konversationelle den. Genau dadurch jedoch wird ein für die
Interaktion (z. B. Levinson 1983/1994) um- Textlinguistik folgenreicher Kunstgriff mög-
fasst. Dass sprachliche Selektionen aller lich: In der Gegnerschaft der Wende-Pragma-
Strukturebenen im Text nicht ein bloßes Per- tik zur Aussagenlogik und Satzlinguistik
formanzphänomen sind, sondern auch durch bleibt die Bezugsgröße konstant: Der Satz
in der Kompetenz verfügbare Text-Kontext- wird durch die Äußerung ersetzt; die ver-
68 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

meintlich „neue“ Handlungsperspektive wird hoben“ zu werden“ (Helbig 1988/1990, 157).


qua Satz auf den Sprech-Akt bezogen, ⫺ und Das ist die Dialektik der pragmatischen
darauf reduziert. Der Handlungswert des Wende. Diese Dialektik ist allerdings nicht
Textes ergibt sich in dieser Sicht als Summe das letzte Wort in der Geschichte der Textlin-
illokutiver Teilhandlungen eines Sprechers, guistik (vgl. Kap. 5).
die sprachlich „auf die Sätze des Textes ab-
bildbar“ (Motsch 1986, 262) sein sollen (vgl.
Kap. 4.3.3.). Damit werden rationalistische 4. Zur Konzeption der pragmatischen
Syntax und universalistische Pragmatik ver- Wende in der Textlinguistik
söhnt. Der Erfolg der Wende scheint ⫺ ent-
gegen dem historiographischen Augenschein 4.1. Die Hinwendung der Systemlinguistik
⫺ problemgeschichtlich geradezu dadurch zum Text
zustande zu kommen, dass ihr Pragmatikbe- Der Text ist durchaus auch in systemlingui-
griff Interessen der generativen Position stischer Perspektive ein Ausgangs- und Ziel-
stützt. „Austin, Wittgenstein, and Grice were punkt der linguistischen Analyse. Im me-
hailed as heroes in the 1970s and their in- thodologischen Programm seiner „Prolego-
sights were quickly integrated into a system- mena“ (zuerst 1943) bestimmt Hjelmslev, der
oriented linguistics looking for universal fea- Ausgangspunkt der linguistischen Analyse sei
tures of language“ (Nerlich 1995a, 311). „der noch unanalysierte Text in seiner unge-
Diese eigentümliche Gleichsinnigkeit von teilten und absoluten Ganzheit“ (vgl. Hjelms-
Grammatik und Pragmatik der Wende führt lev 1943/1974, 17). Die Analyse soll, ausge-
unmittelbar zu einer letzten Ambivalenz: Im hend vom „Text als einer in Komponenten
Selbstverständnis der Textlinguistik wird be- aufgeteilten Klasse“ (vgl. ebd.), zur Kon-
reits in den 80er Jahren das „Wende“-Modell struktion des Systems führen. Die Perspek-
einer Ablösung der textgrammatischen durch tive und der Zielpunkt systemlinguistischer
eine handlungstheoretische bzw. texttheoreti- Zugänge zum Text wird in einer Metapher
sche Perspektive zurückgeführt und aufgelöst Hjelmslevs deutlich: „Die erste Aufgabe der
zugunsten eines integrativen Ansatzes (z. B. Analyse besteht … darin, eine Teilung des
Heinemann/Viehweger 1991; Brinker 1985; Textverlaufs vorzunehmen. Der Text ist eine
1996). Der Anspruch auf eine vollständige Kette, und alle Teile (z. B. Sätze, Wörter, Sil-
Assimilation der Textkonstituenz an Kate- ben und was man sonst noch nennen will)
gorien des Handelns ist aufgehoben und in sind ebenfalls Ketten“ (ebd. 34). Die Me-
ein nach Beschreibungsebenen differenziertes thode der Textbeschreibung ist die Textana-
Modell überführt worden, das wesentlich lyse im Sinne einer „fortgesetzten Teilung“
auch die Gliederung dieses Handbuchs ⫺ na- (ebd.), wobei sich Hjelmslev explizit gegen
mentlich in Kapitel V. und VI. ⫺ bestimmt. den linguistischen Usus wendet, gleich mit ei-
Die Textlinguistik hat sich ⫺ so gesehen ⫺ ner Teilung der (Satz)Perioden in Sätze zu be-
als wissenschaftliche Diszplin konsolidiert. ginnen und die Behandlung größerer Text-
Komplementär dazu jedoch steht in einer teile, Periodenverbindungen usw. anderen
nach Grammatik & Pragmatik differenzier- Wissenschaften zuzuweisen (vgl. ebd. 96).
ten Sprachtheorie der Status des Textes ⫺ Trotz dieser Selbstverpflichtung, den Text
auch und gerade als Folge der „pragmati- zum Gegenstand zu machen, kommt Hjelms-
schen Wende“ ⫺ zur Disposition, denn die levs analytische Perspektive nicht zur Syn-
Pragmatik hat keinen systematischen Ort für these. Zwar ist der Text phänomenologisch
eine Textlinguistik, die mit der Sprachlichkeit eine Ganzheit, aber die Frage, was eigentlich
des Textes in toto rechnet (vgl. z. B. Motsch die ‘Ketten’ auf der Ebene des Textes selbst
1986 vs. Hartung 1987). Weite Teile der herr- integriert, stellt Hjelmslev nicht. Der Text ist
schenden Pragmatik ⫺ von der Grammatik unentbehrlich als Bezugsgröße für die Aus-
zu schweigen ⫺ geben den Text als eigenstän- gliederung einer Hierarchie von Taxemen des
dige Kategorie zur Analyse eines sprachlich Systems, aber genau dadurch kommt er nicht
zeichenhaft integrierten Handelns auf. In der selbst als Komponente des Handelns in den
Sicht ⫺ des Grammatikers und Historiogra- Blick. Die bei Hjelmslev exemplarische Pro-
phen Gerhard Helbig: „Die Textlinguistik hat blematik, die sich auch in Harris’ (1952) di-
das Schicksal, von der gleichen wissenschafts- stributioneller „discourse analysis“ fortsetzt
geschichtlichen Entwicklung (der „kommu- (vgl. Wunderlich 1976, 294 ff; Völzing 1979,
nikativ-pragmatischen Wende”) zugleich her- 19 ff), bricht in der systemlinguistischen Per-
vorgebracht und eingeschränkt bzw. „aufge- spektive bereits auf, bevor die Entwicklung
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 69

der Pragmatik den Prozess akzeleriert. Der sche Selektivität voraussetzen. Dabei begrün-
Versuch, den Text transphrastisch als Satz- det erst die in der (Text)Handlung bzw. im
kette zu bestimmen und deren Kohärenz mit Texttyp liegende Perspektivität einer Thema-
den Konzepten und Methoden der Satzlin- tisierung kohärente Präsuppositions- und Er-
guistik zu analysieren, scheitert. Satzgram- wartungszusammenhänge (vgl. Völzing 1979,
matische Merkmale wie Satzgliedstellung (to- 32 ff; Scherner 1984, Kap. 7⫺9). Die zentrale
pic-comment-Gliederung), Artikelselektion, Rolle des übergreifenden Kohärenzaspekts
Partikelgebrauch, Tempusfolge, Satzmodus, tritt besonders deutlich bei der sogenannten
direkte und indirekte Rede, Ellipse, Satzak- „impliziten“ Wiederaufnahme, Konnexion
zent und Intonation, vor allem aber Korefe- bzw. Themaprogression (vgl. bereits Isenberg
renz und ana- und kataphorische Pronomi- 1971; Brinker 1996, 1517 ff) zutage. Teun A.
nalisierung weisen über den Satz hinaus auf v. Dijks Konzept der „Makrostruktur“ von
den Text als Funktionseinheit. Entsprechende Texten greift dieses Problem zunächst im
Kataloge von Merkmalen und Kategorien ei- Rahmen eines generativen Ansatzes auf (v.
ner Textgrammatik werden erarbeitet (vgl. Dijk 1971/78; 1977; 1980, 41 ff); die resultie-
z. B. Isenberg 1968/1971; Wunderlich 1970; rende textsemantische Konzeption steht aber
Dressler 1972, 16 ff). Es gelingt aber nicht, bereits auf der Schwelle zu einem deszendent
mittels der analytisch bestimmten transphra- pragmatischen Textbegriff, der die Meta-
stischen Qualitäten und Einheiten textuelle phorik der Text-„Kette“ aufgibt (vgl. v. Dijk
Kohärenz hinreichend zu fassen, geschweige 1980, 92 ff).
denn kohärente Texte zu generieren. Das gilt
für das syntaktische Konzept pronominaler 4.2. Philosophischer Kontext der
Verkettung Roland Harwegs (1968) ebenso textpragmatischen Wende
wie für die bereits strukturalistisch transfor- Der sprachphilosophische Kontext ist für die
mationell orientierten Ansätze in der Arbeits- Begründung einer linguistischen Texttheorie
stelle für Strukturelle Grammatik (ASG) in vor allem bedeutsam, weil die Philosophie ge-
Ost-Berlin (z. B. Isenberg, Heidolph, Steinitz) rade nicht den sprachlichen Text zum Aus-
oder die der generativen Semantik verpflich- gangspunkt der Reflexion nimmt, sondern
teten Ansätze im Konstanzer DFG-Projekt eine pragmatische Basisebene zu begründen
zur „Textgrammatik“ (vgl. v. Dijk/Ihwe/Pe- sucht, die Textualität selbst erst ermöglicht
töfi/Rieser 1972). Die insbesondere in der und fundiert. Nur philosophisch kann der
deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft blinde Fleck jeder Sprachtheorie in den Blick
forcierte Diskussion führt zu grundsätzlichen kommen. Der philosophische Schlüssel zu ei-
Kontroversen (z. B. Schmidt 1973b zu Dress- ner pragmatischen Theorie des Textes ist
ler 1972). Schwierigkeiten zeigen sich in text- zweifellos die Kategorie der Handlung.
syntaktischer und textsemantischer Hinsicht. Schon philosophisch ist dabei jedoch die Ex-
Textsyntaktisch führt etwa der Versuch, tension von „Handlung“ problematisch und
die koreferente pronominale Wiederauf- an der Frage, wie die „Handlung“ zur
nahme eines Nominalausdrucks syntaktisch sprachlichen Form in Beziehung zu setzen
als Transformation dieses Ausdrucks zu be- sei, scheiden sich grundsätzlich divergierende
handeln, bei einem Satz wie the woman who Orientierungen. Die sprachpragmatische Phi-
wrote him saw the man who loves her zu einem losophie der 60er und 70er Jahre trägt zur
infiniten Regress, wenn her bzw. him jeweils Beantwortung dieser zentralen Frage nahezu
durch den koreferenten Nominalausdruck er- nichts bei. Auch eine pragmatische Philoso-
setzt werden. Dieses sogenannte „Bach-Pe- phie des „Textes“ hat es nicht gegeben, und
ters-Paradox“ durchbricht die Logik einer so fehlt ein entsprechendes Kapitel in ein-
Rückführung der Substitution auf syntakti- schlägigen Abhandlungen zur Begriffsge-
sche Kategorien und Transformationen (vgl. schichte von „Text“ (vgl. Ehlich 1984; Kno-
Bach 1970; Völzing 1979, 32 f). bloch 1990a, b; Scherner 1997). Gleichwohl
Das textsemantische Hauptproblem der können genuin philosophische Leitkonzepte
Erklärung beziehungsweise des Generierens benannt werden, die den Diskurs zur prag-
kohärenter Satzfolgen liegt darin, dass die matischen Wende in der Linguistik und Text-
aszendenten Formen der Wiederaufnahme linguistik geprägt haben. Dazu gehören:
ebenso wie die nichttextualisierten Verstehens- kommunikative Konstitution und Sprach-
voraussetzungen (Präsuppositionen, Konti- Apriori der Möglichkeit von Erkenntnis;
guitätssubstitution etc.) zu ihrem Funktionie- Doppelstruktur der Rede (illokutionär/pro-
ren eine jeweils textuell deszendente themati- positional); Performativität/Handlungscha-
70 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

rakter der Äußerung; Konventionalität von für Searle ein pragmatisch inexistentes philo-
Sprechhandlungen; Intentionalität und inten- sophisches Gebilde. Nur Sprechakte sind
tionale Logik der Konversation bzw. Argu- pragmatisch real. Propositionen kommen als
mentation, Dialogizität, Universalität der Teile solcher Akte vor, unterliegen dabei aber
Diskursnormen. Der philosophische Kontext stets der Kontrolle durch den illokutionären
lässt sich problemgeschichtlich unter drei Akt, der durch bestimmte funktionsanzei-
zentralen Topoi rekonstruieren: Sie betreffen gende Mittel ⫺ namentlich die sogenannten
das Verhältnis (a) von Bedeutung und Be- „performativen Verben“ ⫺ erkennbar sein
griff, (b) von Aussage und Handlung sowie soll. Die Analyse wahrheitsfunktionaler Aus-
(c) das Verhältnis der Handelnden selbst zu- sagen in der Sprachphilosophie betrifft ledig-
einander. lich die Behauptungen und damit einen sehr
(a) Die Grundlegung einer pragmatischen eingeschränkten Typ illokutionärer Akte. Er-
Perspektive in der sprachphilosophischen Se- kenntnistheoretisch zentral ist ⫺ bereits bei
mantik geht zurück auf Ludwig Wittgen- Austin ⫺ das Kriterium der Performativität:
steins Anregungen zu einer operationalen Be- Das Sprechen bezieht sich nicht qua Pro-
deutungstheorie. In S. J. Schmidts (1968) phi- position auf eine Wirklichkeit, sondern es
losophischer Habilitationsschrift wird diese ist selbst wirklichkeitskonstitutiv, indem es
Traditionslinie sprachphilosophisch und lin- Handlungen vollzieht und Geltungsbedin-
guistisch rekonstruiert und in kritischer Ab- gungen für Sprechakte setzt. Für das Verhält-
setzung von der sich als nicht-empirische nis zur Linguistik entscheidend ist Searles Be-
Wissenschaft verstehenden logischen Seman- stimmung, der illokutionäre Akt sei „die mi-
tik (Frege, Mill, früher Wittgenstein, Carnap, nimale Einheit der sprachlichen Kommuni-
Tarski, Stegmüller) zum Konzept einer empi- kation“ und zu spezifizieren als „die Produk-
rischen Textsemantik weiterentwickelt. Be- tion des Zeichens für den Satz unter be-
deutungsfragen werden abgelöst von der in stimmten Bedingungen“ (Searle 1965/1975,
der logischen Semantik vorherrschenden Re- 154). Hinsichtlich des Verhältnisses von Prag-
ferenz- und Wahrheitsproblematik ⫺ und lin- matik und Textlinguistik hat Searles Theorie
guistisch ebenso von der in Deutschland ⫺ obwohl zentraler Bezugspunkt nahezu
noch dominierenden Wortfeldtheorie ⫺ und aller einschlägigen Arbeiten der frühen siebzi-
sie werden pragmatisch an die Bedingungen ger Jahre ⫺ gegensätzliche Entwicklungen
des Verstehens gekoppelt. Dieses stützt sich zur Folge: Die zitierte Definition des illoku-
qua sprachlicher Struktur intentional auf den tionären Aktes führt einerseits dazu, dass die
situativen Kontext und erzeugt so Bedeu- linguistische Analyse sich im Wesentlichen
tung. Die Pragmatik wird zur Grundlegung weiterhin auf das strukturelle Format des
der Semantik (vgl. auch Schneider 1975). Das Satzes beschränkt. Am Status des Verhältnis-
dafür maßgebliche integrative Format wird ses zur Syntax scheiden sich ⫺ namentlich im
bei Schmidt (1973a) der Text als eine prag- deutschsprachigen Bereich ⫺ hier bereits früh
matisch „geordnete Menge von Anweisungen divergierende pragmatische Grundorientie-
an Kommunikationspartner“ (ebd. 76). Die- rungen: Es entwickelt sich einerseits eine eher
ser Zugang bleibt in der weiteren Entwick- sprechakttheoretisch-syntaktische Richtung,
lung der Textlinguistik wichtig für die verste- die der Syntax eine pragmatische Kompo-
hensorientierte Perspektive, die das Kohä- nente als Filter vorausgehen lässt (z. B. Wun-
renzproblem in den Vordergrund stellt (vgl. derlich), von der sich andererseits eine eher
Scherner 1984; 1997). textsemantisch orientierte Pragmatik ab-
(b) Parallel zur Etablierung eines pragma- grenzt (Hartmann, Schmidt, Kummer, v.
tischen Bedeutungsbegriffs in der Sprachphi- Dijk, Weinrich), die pragmatische Informa-
losophie, der die Tradition der Identifizie- tion als Grundlage der jeweiligen sprachli-
rung von Bedeutung mit dem begrifflichen chen Selektionen selbst sieht (vgl. Schmidt
Denotat sprachlicher Zeichen kritisiert und 1973a, 131 ff). Entsprechend kritisiert bereits
den Weg für linguistische Theorien der Text/ Schmidt (1973a, 51): „Searle argumentiert
Kontextbeziehung freimacht, rückt in der ausschließlich satzbezogen, nicht textbezo-
Sprechakttheorie der späten 60er Jahre in der gen, und behandelt folglich das Problem der
Nachfolge von Austins frühem Entwurf bei soziokommunikativen Funktion sprachlicher
Searle (1965; 1969) erneut die Kritik an der Äußerungen auf der falschen Ebene“. Neben
Fixierung der Sprachphilosophie auf die Pro- Searle werden die Arbeiten von H. P. Grice
position bzw. Aussagebedeutung in den Vor- (1968; 1975) zu einem wichtigen Impuls für
dergrund. Die Aussage oder Proposition ist die pragmatische Wende in der Linguistik.
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 71

Grice’ Schlüsselbegriff ist der der „Intentio- (vgl. Apel 1993, 48 ff). Dabei stützt er sich
nalität“. Sie bestimmt, was mit einer Äuße- vor allem auf Peirce’ Semiotik. In der tran-
rung gemeint ist und ist die Voraussetzung szendentalsemiotischen Philosophie wird die
für das Verstehen des Nichtgesagten in „kon- zeichenvermittelte Beziehung der Handeln-
versationellen Implikaturen“. Damit lenkt den zueinander zur unhintergehbaren Vor-
Grice ⫺ gewissermaßen kontrapunktisch zu aussetzung von Identität und Erkenntnis.
Searles Konventionalismus ⫺ die Aufmerk- Das „ich denke“ der klassischen Bewußt-
samkeit auf das Problem des intentionalen seinsphilosophie wird zum „ich argumen-
Gebrauchs und der Erwartbarkeit sozial tiere“. Text und Texthandeln in einer „Inter-
sinnvoller Inferenzen in der Kommunikation pretationsgemeinschaft“ sind damit episte-
(vgl. Fritz 1982; Vossenkuhl 1982). mologisch konstitutiv und überwinden Kor-
(c) Von Bedeutung für die Entwicklung der respondenztheorien der Wahrheit ebenso wie
linguistischen Pragmatik der 70er Jahre sind erkenntnistheoretischen Solipsismus. Für Ha-
Habermas’ Konzeption einer Universalprag- bermas wie für Apel grundlegend ist die in-
matik und Apels Transzendentalpragmatik. tentionale Strukturierung von Argumentatio-
Habermas legt seine Konzeption auf eine nen, für die Toulmins (1958/1974) Theorie
Parallelität zu Chomskys Kompetenztheorie das Fundament bildet.
an. Sein Vorschlag zu einer „Theorie der
kommunikativen Kompetenz“ zielt auf die 4.3. Linguistischer Kontext der
„Nachkonstruktion des Regelsystems, nach textpragmatischen Wende
dem wir Situationen möglicher Rede über- 4.3.1. Diskursgeschichtlicher Kontext der
haupt hervorbringen oder generieren“ (Ha- Philologien
bermas 1971, 102). Habermas unterscheidet
vier universale Klassen von Sprechakten Die Durchsetzung des Textbegriffs der prag-
(Konstativa, Repräsentativa, Regulativa, matischen Wende verläuft parallel zu einer
Kommunikativa), die er Typen von Geltungs- grundbegrifflichen Krise der Literaturwissen-
ansprüchen für Äußerungen zuordnet (Wahr- schaft und übernimmt Hand in Hand mit der
heit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit, Verständ- Semiotik ⫺ zumindest vorübergehend ⫺ eine
lichkeit). Zentrales Argument der Theorie, Führungsrolle für den Gesamtbereich der
die auf Begründung einer diskursiven Ethik nun so genannten Textwissenschaften. Spezi-
zielt, ist, dass Handelnde in der Kommunika- ell innerhalb der germanistischen Literatur-
tion zwei kontrafaktischen Erwartungen fol- wissenschaft war spätestens seit dem Germa-
gen: Nämlich, dass die Befolgung von Regeln nistentag 1966 eine deutliche Entwicklung zu
oder Normen für Sprechakte grundsätzlich einem säkularen, an Texthandlungen und
intentional sei (Intentionalitätserwartung) -strukturen orientierten Werk-Begriff erkenn-
und dass ⫺ daraus abgeleitet ⫺ diese Nor- bar, der dem ideologischen Ballast der „Dich-
men als legitim akzeptiert sind bzw. prinzpiell tungs“-Philologie ein neues Gegenstandsver-
diskursiv thematisiert und legitimiert werden ständnis und wissenschaftlich rationale Me-
können (Legitimitätserwartung) (vgl. ebd. thoden gegenüberstellte (z. B. Kreuzer/Gun-
118 f). Damit sind die Sprecher in jedem nor- zenhäuser 1965). Das neue Konzept „Text“
menthematisierenden Diskurs genötigt, eine stand in der Diskussion für das Ziel, den ge-
ideale, auf Verständigung und Konsens zie- genüber der werkzentrierten hermeneutischen
lende Sprechsituation zu unterstellen. Die Tradition gehegten Ideologieverdacht unter
Struktur der kommunikativen Kompetenz ist der Führung einer erkenntnis- und hand-
Habermas zufolge genau auf die Fähigkeit lungstheoretisch reflektierten Theorie der
zur Konstruktion dieser Situation bezogen Texte zu überwinden (vgl. Scherner 1997,
(ebd. 122). Apel kritisiert Habermas’ Anleh- 134 ff). Die Umorientierung der Literaturwis-
nung an Chomsky. Er fordert, die grammati- senschaft ist dabei gleichursächlich mit einer
sche wie die kommunikative Kompetenz als Neuorientierung auch der Literatur selbst auf
im Sozialisationsprozess koevolvierende Fä- gesellschaftliche Wirksamkeit hin (vgl. Kreu-
higkeiten zu analysieren, wobei der Gesichts- zer 1973/75). Die Philologien erfassen nun-
punkt kommunikativer Funktionalität füh- mehr „alle textgebundene Kommunikation
rend sei. In Apels Konzeption steht die er- als ihren potentiellen Gegenstandsbereich“
kenntnistheoretische Begründung eines drit- (ebd. 74), zu dem nicht nur literarische Texte,
ten Typs der Philosophie ⫺ nach einer Phase sondern auch Alltagstexte und nicht primär
der klassischen Ontologie und einer weiteren sprachliche „Texte“ (Film, Fernsehen, Wer-
der Bewusstseinsphilosophie ⫺ im Zentrum bung) zählen.
72 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Auch in der sprachwissenschaftlichen Dis- orientierten und einzelsprachlich rückgebun-


kussion der frühen 70er Jahre gibt es diskur- denen Textgrammatik akzentuiert die Text-
siv einen Bruch mit der Tradition. Die Dis- pragmatik bzw. Texttheorie zunächst die
kussion setzt der philologischen Tradition der Universalität und Generativität der für Kom-
„Grammatik“ nicht nur den „Text“ als munikation vorauszusetzenden sprachlichen
schwer zu integrierende weitere Beschrei- Handlungskompetenzen.
bungsebene, sondern vor allem den Begriff (a) Generativität erscheint in der textprag-
der „Kompetenz“ entgegen. Das gerade erst matischen Wende als Merkmal von Denkan-
bekannt werdende, aber schon mit hohem sätzen unterschiedlicher Provenienz. In Sear-
Prestige versehene Konzept Chomskys wird les Sprechakttheorie scheint das Merkmal auf
als ein theoretischer Schlüsselbegriff der im sogenannten Prinzip der Ausdrückbarkeit
Wende sogleich rhetorisch von der grammati- (1971, 34 ff), das für jeden möglichen illoku-
schen auf die kommunikative Kompetenz tionären Akt eine sprachliche Realisierungs-
übertragen und in dieser rhetorischen Funk- option postuliert. In Habermas’ (1971) Kon-
tion Anfang der 70er Jahre in der Diskussion zeption der kommunikativen Kompetenz
„breit aufgegriffen“ (Ehlich 1993, 318). Dabei geht es um die Fähigkeit von Sprechern, prin-
liegt das tertium comparationis der beiden zipiell unbegrenzt Situationen möglicher
begrifflich heterogenen Verwendungen von Rede und entsprechend pragmatische Bin-
„Kompetenz“ vor allem in den Merkmalen dungseffekte erzeugen zu können. Teun A.
der Universalität und Generativität der van Dijk untersucht in einer von der text-
Sprach- bzw. Redefähigkeit (vgl. z. B. Haber- grammatischen Perspektive sich absetzenden
mas 1971; Hartig/Kurz 1971). Beide Merk- Sicht die „Rekonstruktion des Sprachvermö-
male etablieren im Hinblick auf die Tradition gens eines Sprachbenützers, eine potentiell
der Philologie neue Gesichtspunkte. Hin- unendliche Anzahl von Texten zu produzie-
sichtlich der philologischen Tradition wirken ren“ (1971, 272), wobei die generative Satz-
die Wende in der Grammatiktheorie und in grammatik als Teil dieser Kompetenz ver-
der Pragmatik in die gleiche Richtung, auch standen wird. Entscheidend für die genera-
wenn sie ansonsten getrennte Wege gehen tive Potenz ist bei v. Dijk die Differenz zwi-
und um den Führungsanspruch konkurrieren. schen einer die globale Kohärenz organisie-
renden semantischen Tiefenstruktur (Makro-
4.3.2. Leitorientierungen und struktur) und kontingenten Möglichkeiten
Gemeinsamkeiten der Oberflächenorganisation (ebd. 290 ff). S.
Die „kommunikative Kompetenz“ ist promi- J. Schmidt (1973a, 159 ff) schlägt ein Texter-
nentes Beispiel und zugleich zentraler Be- zeugungsmodell als Teil eines Kommunika-
zugspunkt eines Ensembles hoch bewerteter tionsmodells vor, in dem pragmatische Kohä-
Leitorientierungen bzw. Gesichtspunkte, die renzdeterminanten bei der Erzeugung einer
die textpragmatische Wende prägen: Genera- Texttiefenstruktur führend sind.
tivität, Universalität, Kontextualität/Situati- (b) Universalität: Der generative Charak-
vität, Prozessualität, Handeln/Intentionalität, ter der Rede- und Textkompetenz kooinzi-
Dialogizität. Diese Aspekte werden in diver- diert mit ihrer Universalität. Die stets einzel-
gierenden Konzeptionen begrifflich unter- sprachlich rückgebundenen Restriktionen der
schiedlich bestimmt und gewichtet. Gleich- Textgrammatik sind aufgehoben in universa-
wohl bilden sie die Kristallisationspunkte der len sozialen Strukturen des Handelns, etwa
Diskussion. Einige Bezüge seien daher knapp des Argumentierens (vgl. Wunderlich 1974;
herausgestellt. Im Rückblick auf die pragma- Huth 1975) und in universalen kognitiv-se-
tische Wende schreibt Brinker (1985, 15): mantischen Strategien des Erzeugens und
„Die kommunikationsorientierte Textlingui- Prozessierens von Texten. „Die Bildung und
stik entwickelt sich vor dem Hintergrund der erst recht der Verlauf von Texten folgt …
linguistischen Pragmatik“. Damit wird zu- nicht mehr einzelsprachlichen Regelungen,
treffend herausgestellt, dass sich die Wende sondern […] gemeinsam befolgten Textbil-
in der Textlinguistik eben nicht als Antwort dungsnormen und zugleich ganz individuell
auf ungelöste Fragen der Textgrammatik er- begründbaren Ausdrucksmotivationen“ (Hart-
gibt (vgl. Kap. 3.1.), sondern umgekehrt mann 1971, 19). Die Eigenständigkeit der
„neue“ Fragen der Pragmatik zum Ausgangs- Textlinguistik als Linguistik des Sinnes und
punkt für Antworten werden, die auf eine der Ordnung kommunikativer Akte betrifft
neue Fassung des Textbegriffs selbst zielen. also universale Fähigkeiten und Texttraditio-
Im Unterschied zur korpus- bzw. produkt- nen.
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 73

(c) Kontextualität: Textbildungsnormen, wird in direkter Wendung gegen Chomskys


die die von der Satzebene unabhängige Text- rationalistisch motivierte Trennung von
förmigkeit des Handelns strukturell sichern Kompetenz und Performanz die kommunika-
und sich in funktional zu bestimmenden Text- tive Kompetenz durchgängig unter dem Ge-
sorten manifestieren, sind in ihrem Funktio- sichtspunkt ihrer empirisch bestimmten Ak-
nieren wesentlich kontextuell determiniert. tualgenese und ihres prozessualen Charakters
Man denke exemplarisch etwa an ein ein- bestimmt (z. B. Searle 1969/1971, 32 ff; Maas/
faches Beispiel wie den Witz als Textsorte, Wunderlich 1972, 90 ff). Es geht nicht um die
dessen Realisierung spezifische Situations- Kompetenz zur (performativen) Anwendung
variablen und die Antizipation obligatorischer und sozialen Situierung des sprachlichen
kommunikativer Züge konstitutiv voraussetzt Wissens, sondern umgekehrt wird für die
(z. B. Marfurt 1978). Die kommunikative „Linguistik als Texttheorie“ gefordert, dass
Kompetenz umfasst nicht bloß die Kenntnis ihr Kompetenzbegriff sich auf den Prozess
suprasyntaktisch operierender sprachlicher der Konstitution von Texten beziehen müsse.
Mittel, sondern das Wissen um kontextuelle Methodologisch wird daraus gefolgert, dass
Konstellationen möglicher Rede. „Redekon- die Linguistik „ihre Objekte nur aus Kom-
stellationstypen“ (Steger et al. 1974) oder munikationsintegralen ‘ausbetten’ kann und
auch „kommunikative Handlungsspiele“ sensu sollte“ (Schmidt 1973a, 39).
Schmidt (vgl. 1973a, 234) sind keine sprach- (e) Handeln/Intentionalität. Diese metho-
lich manifestierten Ordnungen, sondern Text- dologische Maxime reflektiert die Tatsache,
Kontext-Gefüge, in die situative Parameter dass sich unter der Hand das Objekt der Lin-
obligatorisch eingehen. Hier spielt in der guistik selbst verändert, indem Sprache nun-
pragmatischen Wende K. L. Pikes Tagmemik mehr unter dem Gesichtspunkt der Einheiten
(1967) eine wichtige Rolle, die fordert: „Lin- des sozialen Handelns bestimmt wird. Prag-
guistic analysis must begin with the com- matische, semantische und grammatische
posite verbal-nonverbal behavioreme“ (1967, Kohärenzkriterien sind im Sinne einer Hier-
147; vgl. Gülich/Raible 1977, 97 ff). Der Text archie geordnet, in der die Stimmigkeit von
ist nicht rein sprachlich, geschweige denn Handlung bzw. Kommunikationsintention
schriftlich, zu konzipieren, sondern fungiert und Kontext den höchsten Stellenwert hat
als „zweiseitige sprachlich-soziale Struktur“ (vgl. das Referat von Brinker 1996). Ent-
(Schmidt 1973a, 146) und „kommunikative scheidend ist dabei nicht, dass in der Folge
Rahmenfunktion für sprachliche Elemente etwa der Satz als strukturelles Format in
und Strategien“ (ebd.). Kontextuell verbindli- Richtung auf den Text überschritten würde,
che, d. h. an eine Situationstypik gebundene sondern dass er als Bezugsgröße für eine
Obligationen verankern die pragmatischen handlungsorientierte Beschreibung über-
Kriterien der Textsortendefintion auch auf haupt zur Disposition steht. „Auch ein Text,
der einzelsprachlichen Ebene der langue der einen einzigen Satz enthält, besteht ei-
selbst (vgl. Simmler 1984, 32 ff). Steger et al. gentlich nicht aus diesem Satz als solchem,
(1974) konstruieren die Textsortenunterschei- sondern aus diesem Satz als Ausdruck einer
dungen unmittelbar aus sechs zugrunde ge- bestimmten situationell bedingten Textfunk-
legten Redekonstellationstypen. In umge- tion“ (Coseriu 1973, 8/9). Unter dieser Per-
kehrter Richtung nehmen Gülich/Raible spektive ist auch die Zuordnung des Sprech-
(1975), indem sie von intuitiven Textsorten- aktes zum Format des Satzes problematisch
unterscheidungen ausgehen, eine Zuordnung (vgl. z. B. die Diskussion zu Kummer in
von externen Merkmalen der Verwendung zu Gülich/Raible 1972, 50 ff; Wunderlich 1976,
kommunikativen Textfunktionen vor. Die 296 ff), denn ein Sprechakt kann ausdruck-
Kontextualität von Äußerungen als Hand- seitig als Laut, als Wort, als Satz oder auch
lungen ist der entscheidende Punkt, der zur als Satzfolge realisiert sein. Die Intentionali-
Aufgabe der Konzeption der Textlinguistik tät des Handelns und dessen konventionelle
als Sprachverwendungslinguistik führt, wie Form entscheiden über das strukturelle For-
sie noch von Hartmann (1971) vorgestellt mat der Selektionen. Die wichtigste Konse-
wird, denn Text und Kontext sind bereits auf quenz dieser Einsicht ist, dass das Kohärenz-
der Ebene der Kompetenz vermittelt. kriterium nicht mehr auf die Abfolge von
(d) Prozessualität: Texte sind im Unter- Sätzen, sondern auf Folgen von Handlungen
schied zu ihrer stets sprachlich manifesten in einem Text-Kontext-Gefüge bezogen wird,
Realisierung prinzipiell als Zeichen-in-Funk- wobei diese Handlungen auch auf unter-
tion (Schmidt 1973a) zu bestimmen. Dabei schiedliche Akteure verteilt sein können.
74 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

(f) Dialogizität: Es ist dieser letzte Ge- des Zeichens und einer eher syntaxnah am
sichtspunkt, der dazu führt, dass in der prag- Aspekt der Kompositionalität orientierten
matischen Wende nicht mehr der semantisch Denkrichtung zum Tragen. Ist der Text a)
weitgehend „selbstversorgte“ (Bühler) mono- „originäres sprachliches Zeichen“ (Hart-
logische, schriftliche Text, sondern der Dis- mann) oder b) performative Resultante einer
kurs und der Dialog zum herausragenden Ex- vor allem auf dem Satz als Handlungseinheit
empel für die Bestimmung von „Text“ wer- aufruhenden Komposition? Davon noch ein-
den. Entsprechend ⫺ so schreibt etwa Wun- mal zu unterscheiden sind Ansätze, die c) die
derlich (1976, 295 f) ⫺ „verschiebt sich der Verstehensproblematik und das Zustande-
Schwerpunkt der Untersuchungen von mo- kommen thematischer Kohärenz ins Zentrum
nologischen schriftlichen Texten zu dialogi- der Textlinguistik rücken.
schen und mündlichen ‘Texten’, die ich allge- Zu (a): Die Zeichenhaftigkeit des Textes
mein auch Diskurs nennen will“. Es gehört wird schon früh in der Frage nach der Kon-
zur Dialektik der textpragmatischen Wende, stituenz von Textsorten zum Thema. Zur Sor-
dass genau dieser Punkt, an dem der viel- tenfrage äußern sich Vertreter unterschiedli-
leicht radikalste Schnitt im Verhältnis zur cher textpragmatischer Orientierungen (vgl.
philologischen Texttradition vollzogen wird, Gülich/Raible (eds.) 1972). Eine bedeutende
im Fortgang der Entwicklung zu einem zen- Gruppe versucht, den Text als eigenständige
tralen Argument gegen den Textbegriff der sprachliche Form mit Zeichenqualität (Hart-
Wende wird (vgl. Kap. 5). mann, Gülich, Raible, Stempel, Weinrich) zu
fassen (vgl. Gülich/Raible 1975; Raible 1980).
4.3.3. Zur Divergenz Für die Zeichenhaftigkeit spricht die konven-
textpragmatischer Orientierungen tionelle Prägung von Textsortenunterschei-
Die knapp vorgestellten Leitorientierungen dungen und die Redundanz in der Merkmals-
motivieren problemgeschichtlich die diskur- struktur intuitiver Textsortenkonzepte (vgl.
sive Absetzung der pragmatischen Perspek- Dimter 1981). Die Textsorte wird als Merk-
tive von der grammatischen Tradition in der malskomplexion textinterner (sprachlicher)
Wende. Dieser Bruch führt zu einer Topik der und textexterner (kommunikativer) Merk-
Perspektiven auf den Text ‘vom System her’ male gesehen, wobei sich bei verschiedenen
und ‘vom Handeln her’, die in der Darstel- Textsorten und innerhalb von Textsorten-
lung unterschiedliche Formulierungen gefun- klassen Merkmalsbereiche überlappen und
den hat: z. B. Textgrammatik vs. Textprag- jeweils typische Vertreter von Textklassen be-
matik (Dressler 1972), transphrastischer An- nannt werden können. Dabei steht die Narra-
satz vs. kommunikationsorientierter Ansatz tivik als Paradigma im Mittelpunkt des Inter-
(Kallmeyer/Meyer-Hermann 1973, 221), Text- esses. Während die beschriebene Denkrich-
linguistik vs. Texttheorie (Schmidt 1973a, tung vorwiegend induktiv von gegebenen
129 ff), propositionale vs. kommunikative Textsortenunterscheidungen ausgeht, entwik-
Textauffassung (Helbig 1988/1990, 167 ff), keln textfunktionale Ansätze ihre Kriterien
Erweiterungspostulat vs. Fundierungspostu- zur Textsortendifferenzierung deduktiv. Die
lat (Heinemann/Viehweger 1991, 24 ff). Dabei Textfunktion wird als die im Text ausge-
suggeriert die polarisierende Topik zwar Ein- drückte Kommunikationsabsicht des Text-
heitlichkeit der textpragmatischen Wende, produzenten verstanden (vgl. Brinker 1996,
tatsächlich aber, dies zeigte auch schon die 1522 ff). Bezugspunkte dafür sind etwa Büh-
philosophische Diskussion, ist damit ein in lers Organonmodell oder Searles Illokutions-
sich sehr heterogener Konstitutionszusam- typologie. Auch hier wird der Text als eine
menhang nur unzulänglich gefasst. Die Hete- Ganzheit gesehen, aus der erst mögliche Satz-
rogenität hat Konsequenzen für die Entwick- funktionen ausgliederbar werden.
lung der Wende, die bereits von Beginn an Zu (b): Daneben und in Konkurrenz dazu
offensichtlich sind. Es ist wenig sinnvoll, hier entwickelt sich im Gefolge der Searle’schen
eine Liste divergierender Positionen zu Ein- Analyse illokutionärer Akte eine Form der
zelpunkten vorzustellen. Statt dessen soll die Textbetrachtung, die ⫺ wie Searle, wesentlich
Beschreibung der Divergenzen auf verschie- produktions- und sprecherorientiert ⫺ ver-
dene Erkenntnisinteressen und theoretische sucht, die Struktur von Texten als hierarchi-
Motive bezogen werden. sche Ordnung von Teilillokutionen einer
Der Gesichtspunkt der kommunikativen Textillokution zu analysieren (vgl. Motsch/
Funktionalität von Texten kommt in Kon- Viehweger 1981; 1991, 121 ff). Helbig (1988/
zeptionen der Wende in einer eher am Begriff 90, 214) charakterisiert den Ansatz zutref-
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 75

fend, wenn er schreibt: „Der Begriff der Textverstehen ab? Hier ergibt sich eine deutli-
Sprachhandlung wird von Sätzen auf Texte che höhere Affinität zur Semantik und zum
übertragen“. Der Satz als die sprachliche Beitrag semantisch vermittelter Kontextuali-
Form elementarer Teilhandlungen ermöglicht sierungsleistungen von Rezipienten zur tex-
strukturell die Komposition der Texthand- tuellen Kohärenz. Die Geschichte und Syste-
lung, wobei zwischen den durch Sätzen reali- matik dieses Zugangs hat Scherner (1984)
sierten Teilhandlungen „pragmatische Ver- aufgearbeitet, der (ebd. 223 ff) deutlich auf
knüpfungen“ (Motsch 1983, 510 ff) bestehen. das Ungenügen sprechakttheoretischer An-
Diese Richtung favorisiert von Beginn an sätze für texttheoretische Fragen hinweist
eine syntaxnahe Konzeption der Textprag- (vgl. bereits Brinker 1973, 30 f). Gleichwohl
matik, wobei „eine gesetzmäßige Zuordnung erlaubt die Perspektive einen Anschluss auch
von sprachlichen Formen und Illokutions- an sprechakttheoretische Kategorien. Wäh-
typen“ (Motsch/Viehweger 1991, 116) ange- rend produktionsorientierte Ansätze die satz-
nommen wird. Die wichtigsten Vertreter sind bezogene Illokutionsanalyse in den Vorder-
in der Frühphase vor allem Wunderlich und grund stellen, ergibt sich für verstehensorien-
später Motsch, Viehweger, Rosengren, Hunds- tierte Zugänge ein Schwerpunkt auf der Ana-
nurscher u. a. Eine wichtige Rolle spielt für lyse der Textproposition und ihrer funktiona-
diese Diskussion das von Inger Rosengren len Einbettung. Die semantische Integration
organisierte Lunder Symposion „Sprache des Textes wird dabei durch multiple sprach-
und Pragmatik“, das von 1978 bis 1986 insge- liche Indices (phonologische, lexikalische,
samt fünfmal stattfindet. Während in der An- grammatische) gestützt und ist pragmatisch
fangszeit das Modell der Illokutionshierar- vorrangig orientiert an dem Ziel, den Emp-
chie noch in sehr verschiedenen Ansätzen ge- fänger hinsichtlich der Intention und des Ver-
nutzt wird, z. B. auch bei Schmidt (1973a), stehensmodus des Textes zu instruieren. Ein-
wird die Applikation der Sprechakttheorie flussreiche Zugänge zur Problematik thema-
für Zwecke der Textanalyse im Fortgang der tischer Kohärenz kommen von der Seite der
Entwicklung besonders von generativ-gram- generativen Semantik (v. Dijk) und aus der
matisch orientierten Ansätzen favorisiert. Die vorwiegend mit Bedeutungsfragen sich ausein-
Behandlung von Texten als selbst zeichenhaft andersetzenden Philosophie (Schmidt 1973a).
organisierten Mustern wird abgelehnt und Vor allem v. Dijk greift bereits Mitte der 70er
eine Analyse von Texten als „Produkt ele- Jahre auf Methoden und Ergebnisse der
mentarer Kenntnissysteme“ (Motsch/Vieh- sprachpsychologischen Textforschung zurück
weger 1991, 126) gefordert. Auch eine Er- und bereitet mit der Unterscheidung von (se-
weiterung der Anwendungs-Perspektive für mantischer) Makrostruktur und (funktiona-
Sprechakttaxonomien auf den Dialog findet ler) Superstruktur die kognitive Neuorientie-
statt (Weigand 1989). rung der Textlinguistik vor (vgl. Kintsch/v.
Zu (c): Die kommunikative Funktionalität Dijk 1978; v. Dijk 1980). In gleicher Weise
von Texten bezeichnet nur einen der Bezugs- verstehensorientiert argumentieren schon früh
punkte für die Differenzierung unterschiedli- Vertreter aus der textgrammatischen Tradi-
cher Positionen in der textpragmatischen tion (vgl. Sitta/Brinker (eds.) 1973; Brinker
Wende. Dieser Bezugspunkt ist, namentlich 1973; Glinz 1977). Der Begriff des Textthe-
bei den an Searle orientierten Ansätzen, deut- mas wird hier in Weiterentwicklung des
lich produktions- bzw. sprecherorientiert. Die Strukturfunktionalismus der Prager Schule
Funktion eines Textes wird als Resultat der zum zentralen theoretischen Instrument aus-
Intentionalität einer Produktionshandlung gebaut (vgl. Brinker 1985; Lötscher 1987).
gesehen, die den Textsinn artikuliert. Die Bei Brinker werden funktional ⫺ d. h. durch
Seite des Hörers wird kaum berücksichtigt. die kommunikative Absicht ⫺ bestimmte Ty-
Demgegenüber entwickeln sich schon früh in pen der thematischen Entfaltung zur Grund-
der textpragmatischen Wende Ansätze, die lage textueller Kohärenz. Hier wird der Be-
das Kohärenzproblem stärker von der Seite griff des Themas nicht mehr rein linguistisch,
der Rezipienten her aufgreifen. Der Akzent sondern in Bezug auf das Weltwissen und die
liegt hier auf den Voraussetzungen für das Handlungsintention gefasst. Die propositio-
Erzeugen einer semantisch-thematischen Ko- nale Kohärenz wird der pragmatischen Funk-
härenz von Texten. Was braucht die rezeptive tionalität untergeordnet, die in Analogie zur
Seite, damit ein Text (noch) kohärent erschei- Searle’schen Illokutionstypologie differen-
nen kann? Von welchen sozialen und vor ziert und zum Kriterium für die Abteilung
allem kognitiven Voraussetzungen hängt das von Textsorten wird. Brinker (1985) versucht
76 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

damit eine konstruktive Integration sehr he- nen Großräumen und Einflusssphären ver-
terogener Ansätze. Dabei ist es kein Zufall, pflichtet (vgl. Jörn Albrecht in: Coseriu 1980/
dass dieser Vorschlag zur Synthese auf den 1994, S. XI; Östman/Virtainen 1995; Antos/
Modellfall der Konstitution schriftlicher Texte Tietz 1997, XIII). Dabei hängt die theoreti-
bezogen und damit an ein prototypisches sche Offenheit bzw. Unverbindlichkeit der
Textkonzept gebunden wird, das für die „discourse analysis“ mit dem institutionell
Wende zentrale Gesichtspunkte der Neudefi- äußerst bunten Feld us-amerikanischer For-
nition von „Text“ (z. B. Kontextualität, Pro- schungsinteressen zu „Text“ zusammen (vgl.
zessualität, Dialogizität) gerade nicht in den Chafe 1986).
Mittelpunkt stellt (Brinker 1996).
Mit dem Zustand der Unübersichtlichkeit
der eigenen Disziplin gehen ihre Vertreter 5. Die Transformation der Wende:
beim Versuch zu einer Summa der Wende ⫺ Kritik und Perspektiven
etwa in Einführungen in die „Textlinguistik“
aus den 80er Jahren ⫺ sehr verschieden um: Die Beurteilung der „Wende-Zeit“ der 70er
Während etwa Klaus Brinker ⫺ auf Kosten Jahre bot im Rückblick der 80er ein wenig
einer zentralen Intention der Wende, nämlich konsistentes Bild. Während etwa für Kalver-
der Öffnung zum Diskurs ⫺ durch die proto- kämper 1980 „offenkundig bewiesen … [ist],
typische Konstruktion des Gegenstandes daß der Textlinguistik die Zukunft gehört“
„Text“ durchaus eine Synthese verschiedener (Kalverkämper 1980, 124), kommt Gerhard
Ansätze erreicht, bieten de Beaugrande/ Helbig (vgl. Kap. 3.3.) zu dem Schluss, dass
Dressler (1981), die den Text als „kommuni- es der Disziplin „nicht gelungen ist, die Frage
katives Ereignis“ (ebd. XII) verstehen, in ih- nach ihren fundamentalen Kategorien zu klä-
rem Syntheseversuch ein Spiegelkabinett text- ren und damit die Textlinguistik selbst als
theoretischer Begriffe an. Sie definieren eine eigenständige Disziplin vollständig zu le-
„Textualität“ über ein Ensemble von sieben gitimieren“ (Helbig 1988/90, 157). Solche
Kriterien bzw. „konstitutiven Prinzipien“ Wertungen sind stets auch interessegebun-
(ebd. 13 f) ⫺ die völlig heterogenen Theorie- den. Nicht weniger gilt dies für die Einschät-
traditionen verpflichtet sind: So verweist das zung der textlinguistischen Zukunft heute
Merkmal der Kohäsion auf die Textgramma- (vgl. Antos/Tietz 1997). Robert de Beau-
tik, das Merkmal der Kohärenz ist den Zielen grande schreibt in seinem Überblick zur Text-
der Textsemantik verpflichtet, Intentionalität linguistik im Handbook of Pragmatics der
betont vor allem die sprecherseitigen (Sprech- International Pragmatics Association von
akttheorie) Voraussetzungen und die Akzep- 1995: „The 1990s look toward a general
tabilität sowie Informativität beziehen sich science of text and discourse“ (de Beau-
auf hörerseitige Konditionen des Textverste- grande 1995, 542). Ist diese Einschätzung ⫺
hens. Schließlich rekurriert Situationalität auf über das institutionelle Interesse der Pragma-
die kontextuelle Einbindung und das Krite- tik hinaus ⫺ gerechtfertigt durch substanti-
rium der Intertextualität betont die diachrone elle Fortschritte der linguistischen Pragmatik
Dimension einer Textsortentypik. Der Zu- in den 80er Jahren? Man kann im Rückblick
gang belegt die Vielfalt textlinguistischer und auf die vergangenen 20 Jahre der Nach-
texttheoretischer Untersuchungsansätze der Wende-Zeit eine Reihe grundlegender Neu-
70er Jahre, aber eine theoretische Synthese orientierungen feststellen, die großenteils ge-
wird gar nicht erst angestrebt. Eher repräsen- rade auch aus der Kritik der Wende erwach-
tiert diese Einführung schon exemplarisch sen sind. Fast alle substantiellen pragmati-
den theoretisch lockeren Verbund des „dis- schen Neuorientierungen der 80er und frühen
course analysis“-Kozepts, das zumindest für 90er Jahre gehen zurück auf Interessenver-
den anglo-amerikanischen Wissenschaftsbe- schiebungen, die mit der Überwindung einer
trieb bis heute gegenüber den Konzepten unfruchtbaren Topik des Paradigmenwech-
„text“ oder gar „text linguistics“ deutlich do- sels aus den 70er Jahren zusammenfallen.
miniert. „Textlinguistik“ dagegen hat auch Das soll an zwei Aspekten exemplarisch ge-
heute noch eine europäische, wenn nicht, spe- zeigt werden, die zugleich Aufschluss geben
zifisch deutsche Konnotation. Die topische über die Logik der Versachlichung, die dem
Kontinuität der Perspektiven „text as pro- diskursiven Hoch einer „Wende“ stets auf
cess“ und „text as product“ (vgl. de Beau- dem Fuß folgt.
grande 1989) ist in der scientific community Diese Versachlichung zeigt sich im Hin-
auch wissenschaftsgeschichtlich verschiede- blick auf
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 77

• die exemplarische Rolle von Schrift und Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Weder eine
Schreiben für die Transformation der lin- transphrastische Grammatik in struktureller
guistischen Pragmatik und der Textlingui- Hinsicht, weder Themata in textsemantischer
stik Hinsicht, noch eine Illokutionshierarchie in
• sowie das Verhältnis von Text und Kontext pragmatisch-funktionaler Hinsicht sind hin-
und ⫺ damit unmittelbar verbunden ⫺ reichend, um den Text als Text konstituieren
den theoretischen Status textuell bestimm- zu können. Pragmatisch ausschlaggebend ist
ter Zeichenhaftigkeit. die sprachliche Formulierung als Form und
Resultat problemlösenden Handelns (Antos
(1) Während die pragmatische Wende ihren 1982; Bereiter/Scardamalia 1987). Textpro-
Gegenstand gegen die philologische Tradi- duktion etabliert sich ⫺ nicht als Subdisziplin
tion der schriftorientierten Grammatik und einer Textlinguistik ⫺ sondern als ein neues
Philologie konstituierte, verbindet sich seit Verständnis vom Gegenstand selbst, das die
Beginn der 80er Jahre ein wesentlicher Er- Beschränkung auf die Beschreibungsebene
kenntnisschub in der Linguistik mit einer „Text“ überwindet und genau dadurch zur
prosperierenden Schriftlichkeits- und Schreib- weiteren Klärung des Begriffs beiträgt (vgl.
forschung. Die Einsicht in den „written lan- Antos 1989; de Beaugrande 1992).
guage bias“ führt eine neue Leitdifferenz ein, Parallel zu dieser Entwicklung tritt zum
die dazu beiträgt, Aporien in verschiedenen anderen namentlich auch für systemlinguisti-
pragmatischen Forschungsbereichen (Sozio- sche Erkenntnisinteressen das Verhältnis von
linguistik, Psycholinguistik, Textlinguistik) zu Schriftlichkeit und Sprache in den Vorder-
klären bzw. zu überwinden. Der Prototyp des grund. Dabei stellt sich die Schrift in einem
Textes ist der medial und konzeptionell ersten Schritt als Sprachanalyse dar (Coul-
schriftliche Text der systematisch die von der mas 1981), in einem zweiten Schritt stellt sich
Sprechakttheorie ins Zentrum gestellte raum- heraus, dass das Schriftsystem selbst als
zeitlich und dialogisch gebundene Sprech- sprachlich bzw. als „schriftliche Sprache“
handlung überschreitet und dafür eine spezi- verstanden werden kann. Schriftlichkeit führt
fische sprachliche Formalität ausbildet (Coul- auch historisch zur Transformation von
mas/Ehlich (eds.) 1983); Schlieben-Lange Sprache, und zwar auf allen Ebenen (vgl.
1983, 138 ff; Ehlich 1984; 1994; Koch/Öster- Müller 1990; Ludwig 1991; Ehlich 1994; Stet-
reicher 1985; Brinker 1996). „Reden ist Sil- ter 1997). Insbesondere auch das Verhältnis
ber, Schreiben ist Gold“ überschreibt Florian von Satz und Text wird einer pragmatischen
Coulmas 1985 einen Aufsatz und bringt da- Klärung zuführbar. Unter den Bedingungen
mit die neue Wertschätzung zum Ausdruck, von Schriftlichkeit ändert sich nicht bloß die
die die Schriftlichkeit in der Linguistik ge- grammatische Organisation von Sätzen,
winnt. ganze Bereiche gerade textlinguistisch be-
Diese Wertschätzung geht zum einen zu- deutsamer sprachlicher Inhaltsformen ⫺
rück, auf den exemplarischen Status der Er- etwa das Spektrum der Konjunktionen ⫺ bil-
forschung von Rezeption und Produktion den sich erst im Gebrauchskontext dekon-
schriftlicher Texte im Kontext der sogenann- textualisierter Kommunikation aus (Raible
ten „kognitiven Wende“. Das wissenschaftli- 1992). Damit werden Schriftlichkeit und
che Reden über Texte setzt an zentraler Stelle Schreiben tatsächlich zum Paradigma einer
die Berücksichtigung ihrer prozeduralen Kon- pragmatisch intendierten Sprachanalyse, die
stitution durch Schreiber und Leser ⫺ respek- allerdings weder den mündlichen Diskurs ge-
tive Sprecher und Hörer ⫺ voraus. Dabei ste- gen den schriftlichen Text, noch den „Text als
hen zunächst primär psychologisch die Re- Handlung“ gegen das „System“ rhetorisch
zeptionsseite und die Bedingungen der Erzeu- ausspielen muss.
gung textueller Kohärenz im Vordergrund (2) Einen erheblichen Teil ihrer Dynamik
(vgl. Kintsch/van Dijk 1978; Rickheit/Stroh- hatte die Texttheorie der Wende daraus bezo-
ner 1985). Dies führt vorübergehend zu einer gen, dass sie den „Text in Funktion“ zu ihrem
Assimilation textlinguistischer Kategorien an Gegenstand erklärte. Die Zeichenhaftigkeit
die kognitive Psychologie, die die zeichen- des Textes schien nur abhängig von kontex-
hafte Materialität des konkreten Textes in tuellen Handlungsdeterminanten und Kon-
den Hintergrund drängt. Gegenüber diesem stellationen möglicher Rede bestimmbar.
Interesse rückt dann zunehmend die sprach- Nun sind aber Kontext und Situation keine
liche Artikulation des Textes als textkonstitu- vorkommunikativ oder außersprachlich be-
tiver Prozess und als Textqualität in den stimmbaren Größen, die der Textanalyse so-
78 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

ziologisch oder konversationsanalytisch vor- ausragendes Beispiel dafür ist das erst in
ausgehen könnten. Ein verbindlicher Kontext jüngster Zeit deutlich werdende Gewicht text-
muss für die Beteiligten selbst erst durch rollenindizierter Kollokationen für die Kon-
Kommunikation bzw. Interaktion ⫺ also struktion textueller Kohärenz (vgl. Sinclair
durch Zeichengebrauch ⫺ festgelegt werden. 1991; Rothkegel 1994; Feilke 1996, 156 ff,
Ins Zentrum des pragmatischen Interesses 242 ff). Aber auch im Bereich der Grammatik
rückt daher etwa bei Charles Fillmore und steht mit der Untersuchung sogenannter
John J. Gumperz (von sehr verschiedenen „grammatical constructions“ in jüngster Zeit
Seiten kommend) schon Mitte der 70er Jahre ein Ansatz zur Diskussion, der den pragmati-
die Frage nach einer erstaunlichen Fähigkeit schen und textlinguistischen Mehrwert gram-
der Sprecher: Welche sprachliche Kompetenz matischer Konstruktionsmuster untersucht
ist es, fragt Fillmore (1976, 90), die es einem (vgl. z. B. Feilke 1994, 315 ff; Fillmore et al.
Sprecher ermöglicht, einer gegebenen sprach- 1988; Lambrecht 1994). Die zeichenhafte
lichen Äußerung einen bestimmten Kontext Materialisierung textbestimmter sprachlicher
des Handelns zuzuordnen? Die Frage führt ⫺ Selektionen aller Strukturebenen ermöglicht
vor allem durch Gumperz (1982) vorange- auch einen neuen Zugang zur Textsorten-
trieben ⫺ zur Entwicklung und Begründung frage. Während de Beaugrande/Dressler (1981,
des Konzepts der „Kontextualisierung“ (Auer/ 191) meinen, Textsorten unabhängig von
di Luzio (eds.) 1992) und zu einem prag- Oberflächeneigenschaften bestimmen zu kön-
matischen Verständnis sprachlicher Kompe- nen, zeichnet sich gerade in diesem Punkt
tenz als einer Kontextualisierungskompetenz heute ⫺ auch bei de Beaugrande selbst (vgl.
(Feilke 1994; 1996). Nonverbales und sprach- de Beaugrande 1991, 301; 1995) ⫺ eine ver-
liches Verhalten kontextualisieren Textsor- änderte Sichtweise ab, die der Oberfläche
tenkonzepte, idiomatisch geprägte Sprech- eine wichtige Rolle zuweist. Adamzik (1995)
akte, Modalitäten der Interaktion, ebenso etwa sieht Textsorten als „durchaus unsyste-
das Thema und die Handlungsrollen der Be- matisch, nämlich nach dem jeweiligen kom-
teiligten. Dies hat in zwei Richtungen Konse- munikativen Bedarf sich ausbildende Kon-
quenzen für die Topik der Wende: Erstens: ventionen oder Schemata zur Bildung be-
Weil die sprachliche Kompetenz des „sensi-
stimmter Texte, … so etwas wie Routinefor-
tive speaker“ (Fillmore 1976) eine Kontex-
meln auf der Textebene“ (Adamzik 1995, 28).
tualisierungskompetenz ist, können kommu-
Hier ist auch das in jüngster Zeit gestiegene
nikative Kompetenz und linguistische Kom-
Interesse an den „kommunikativen Gattun-
petenz nicht länger i. S. einer Zwei-Reiche-
gen“ der Alltagskommunikation zuzuordnen
Lehre (Pragmatik vs. Syntax ⫹ Semantik)
nebeneinander gestellt werden, wie dies die (Günthner 1995). Es ist klar, dass ein solches
Wende in weiten Teilen der Pragmatik for- Konzept keine trennscharfe Kategorisierung
derte. Zweitens: Wenn die linguistische Kom- der Texte erlaubt. Dafür aber kommt es All-
petenz des „sensitive speaker“ selbst bereits tags-Textsorten-Konzeptionen sehr nahe, die
pragmatisch instruiert ist, dann materialisiert sich durch Merkmals-Redundanz auszeich-
sich pragmatische Information nicht erst auf nen (vgl. Dimter 1981). Auch Dimter betont
der Ebene des aktualen Textes oder der bereits die zentrale Rolle von Oberflächen-
Sprechhandlung. Sie ist vielmehr zeichenhaft strukturen für die textbezogene Schemabil-
manifest im pragmatischen Mehrwert oder dung, wenn er feststellt, dass Sprecher/Hörer
Gebrauchswert von Einheiten aller sprachli- Textexemplare ohne Kenntnis des Inhalts und
chen Strukturbereiche. Innerhalb der Textlin- des Verwendungskontexts allein aufgrund
guistik wie auch in der Diskursanalyse gibt makro- und mikrosyntaktischer Oberflächen-
es eine deutliche Entwicklung zur „Rehabili- merkmale übereinstimmend bestimmten Text-
tierung der sprachlichen Oberfläche (Antos klassenkonzepten zuordnen (Dimter 1981,
1989, 13). Phonologische, morphologische, 126 f). Eine rein funktional deduzierte und
lexikalische und grammatische Selektionen trennscharfe Sortengliederung kann die zei-
selbst sind bereits in der Kompetenz in unter- chenhaft bestimmte Qualität ihres Gegen-
schiedlichem Maße durch die „Textbereiche“ standes gerade nicht fassen. Gegen die uni-
domänenspezifisch geprägt, in denen sie versalistischen Intentionen der Wende ergibt
pragmatisch eine Rolle spielen. Mit dieser sich in diesem Zusammenhang auch eine
Sichtweise schließt die neuere Pragmatik ex- neue Aufmerksamkeit für die kulturspezi-
plizit an an die Tradition des Britischen Kon- fische Prägung des Textsortenwissens (vgl.
textualismus namentlich bei Firth. Ein her- bereits Schlieben-Lange 1983, 143; Fix 1997).
8. Die pragmatische Wende in der Textlinguistik 79

Neben der Herausforderung der Textlin- Bach, E. (1970): Probleminalization. In: Linguistic
guistik durch die sich ständig wandelnde Inquiry 1, 121⫺122.
Kommunikations-Praxis, liegt ein wichtiges de Beaugrande, Robert-Alain (1989): From Lin-
theoretisches Anregungspotential für die Dis- guistics to Text Linguistics to Text Production: A
ziplin in der Aufarbeitung des Kontextuali- Difficult Path. In: Antos/Krings (eds.) (1989),
sierungspotentials pragmatisch bestimmter 58⫺83.
sprachlicher Zeichenhaftigkeit aller Struktur- ⫺ (1991): Linguistic Theory. The discourse of fun-
ebenen. damental works. London/New York.
Hier kann die Textlinguistik vielleicht aus ⫺ (1992): Theory and practice in the design of text
dem Schicksal der Sprechakttheorie lernen. production models. In: Krings/Antos (eds.) (1992),
Den „Niedergang der Sprechakttheorie“ 5⫺44.
führt Burkhardt (1990) auf Searles Über- ⫺ (1995): Text Linguistics. In: Verschueren/
schätzung des Sprechakts zurück, namentlich Östman/Blommaert (eds.) (1995), 536⫺544.
auf dessen Unfähigkeit, die aus philosophi-
de Beaugrande, Robert-Alain/Dressler, Wolfgang
schen Gründen satz- und sprecherzentrierte
(1981): Einführung in die Textlinguistik. Tübingen.
Theorie zu öffnen für ein pragmatisches
Sprachverständnis, das auch die sprachlichen Bereiter, Carl/Scardamalia, Marlene (1987): The
Voraussetzungen der Erkennbarkeit von psychology of written composition. Hillsdale.
Handlungswerten durch einen Hörer syste- Breuer, Dieter (1974): Einführung in die pragmati-
matisch mitreflektiert. Im Unterschied zur sche Texttheorie. München.
Sprechakttheorie war die Textlinguistik nie Brinker, Klaus (1973): Zum Textbegriff in der heu-
„ex cathedra“ konzipiert. Das Forschungsin- tigen Linguistik. In: Sitta, H./Brinker, K. (eds.):
teresse am Text ist vielfältig und entspre- Studien zur Texttheorie und zur deutschen Gram-
chend vielfältig ist auch die Wahrnehmung matik. Düsseldorf, 9⫺41.
des Gegenstandes. Was vordergründig als ⫺ (1985): Linguistische Textanalyse. Eine Einfüh-
Uneinheitlichkeit der Textlinguistik erschei- rung in Grundbegriffe und Methoden. Berlin.
nen mag, ist damit auch als Chance zu sehen: ⫺ (1991): Aspekte der Textlinguistik. Zur Einfüh-
Nur eine Textlinguistik, die an der theoreti- rung. In: Brinker, K. (ed.): Aspekte der Textlingui-
schen Integration der vielfältigen sprachli- stik. Germanistische Linguistik 106/107, Hildes-
chen Determinanten arbeitet, die die Produk- heim et al., 7⫺17.
tion und das Verstehen von Texten bestim- ⫺ (1996): Die Konstitution schriftlicher Texte. In:
men, kann zeigen, dass und in welchem Sinne Günther, H./Ludwig, O. (eds.): Schrift und Schrift-
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9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 83

9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch


ausgerichtete Ansätze

1. Voraussetzungen, Entwicklungen, klären sind und was sie bewirken. Auch die
Begriffliches Orientierung auf Funktionen komplexerer
2. Ablösungen und Neuorientierungen sprachlicher Einheiten hat durchaus ihre Ge-
3. Handlungstheoretisch begründete Ansätze schichte. Wie wichtig es ist, Hörererwartun-
4. Im weiteren Sinne
kommunikationsorientierte Ansätze
gen zu berücksichtigen und wie diese von
5. Perspektiven Zwecken und Veranlassungen des Sprechens
6. Literatur (in Auswahl) bestimmt werden, hat beispielsweise schon
Wegener (1885) herausgestellt, dem es freilich
noch nicht um den Spezialfall Text, sondern
1. Voraussetzungen, Entwicklungen, um Äußerungen allgemein ging. Eine Annä-
Begriffliches herung an einen spezielleren Textbegriff und
die verschiedenen Ebenen einer wissenschaft-
Spätestens in der zweiten Hälfte der 60er lichen Untersuchung finden wir bei Bühler
Jahre setzte in der Linguistik ein neues Inter- (1982/1934, 48 ff). In seinem Vierfelderschema
esse an Phänomenen ein, die über die Grenze unterschied er auf der „niederen Formali-
des (einfachen und zusammengesetzten) Sat- sierungsstufe“ Handlungen und Werke. Die
zes hinausgingen. Dabei ging es allerdings im Wissenschaft vom Sprachwerk würde Kate-
Grunde noch kaum um Texte, aber der Weg gorien für die Erfassung des Einzelnen bereit-
führte zu ihnen. Hauptanliegen war vielmehr, stellen; er verweist hier auf die Stilistik. Da-
gewisse „Anomalien“ zu überwinden, die ein neben sei eine „Theorie der Sprechhandlung“
Grammatikmodell bewusst werden ließ, das aufzubauen. Der hier zentrale Handlungsbe-
sich auf den Satz als größte Einheit be- griff schließt ein ⫺ aktuell präsentes ⫺ „Ak-
schränkte. Der nächste Schritt war die Aus- tionsfeld“ ein, das durch „Bedürfnis und Ge-
weitung der bislang vornehmlich zeichen- legenheit“ („innere und äußere Situation“)
orientierten Perspektive auf sprachliche Ein- determiniert werde, gleichzeitig aber auch
heiten zu einer (auch) funktionsorientierten. eine historische Komponente, eine „Aktge-
Beide Perspektiven müssen sich nicht aus- schichte“, in der festgehalten ist, wie das Auf-
schließen, haben aber doch eine Reihe unter- tauchen der Idee zu einer Handlung letztend-
schiedlicher Konsequenzen. Dieser Perspekti- lich durch ihre Realisierung, das Aussprechen
ven-Wechsel war eng mit der sog. pragmati- eines Satzes etwa, abgeschlossen wird. Beide
schen Wende verbunden. Vor ihrem Hinter- Ebenen der wissenschaftlichen Untersuchung,
grund wurden Begriffe wie Kommunikation die Wissenschaft vom Sprachwerk wie die
(kommunikationsorientiert) und Handlung Theorie der Sprechhandlung, zielen im Un-
(handlungstheoretisch ausgerichtet) zentral. terschied zur „Gebildelehre“, der ältesten
Die Textlinguistik wird gewöhnlich als eine Wissenschaft von der Sprache, auf Problem-
junge Wissenschaft bezeichnet. Das ist inso- felder hin, die später in neuen linguistischen
fern richtig, als sich der disziplinäre Rahmen Teildisziplinen, u. a. in der Textlinguistik,
und die entsprechende Bezeichnung tatsäch- aufgegriffen wurden. Übrigens ist der von
lich erst Ende der 60er und Anfang der 70er Bühler dabei verwendete Handlungsbegriff
Jahre herausbildeten. Mit bestimmten Aspek- mit seinen drei Komponenten ⫺ innere und
ten textlinguistischer Phänomene hat man äußere Bedingungen, Prozessualität ⫺ weiter
sich natürlich schon sehr viel früher beschäf- und damit in der Anlage reicher als manch
tigt ⫺ wenngleich solche Aussagen immer jüngeres Konzept von Handlung.
etwas gewagt sind, denn oft wird etwas erst Zwischen den Annäherungen an „textlin-
in dem Maße zu einem Problem, zu einer zu guistische“ Probleme und dem, was viele Lin-
lösenden Aufgabe, in dem es formuliert wer- guisten Ende der 60er Jahre bewegte und un-
den kann. Und das setzt eine entsprechende zufrieden machte, lagen oft nur wenige
Begrifflichkeit voraus, die einen bestimmten Schritte. Überkommene Begriffs- und Wert-
Stand der Ausarbeitung erreicht hat. Jeden- systeme und Forschungsinteressen standen
falls finden wir textlinguistische Probleme in diesen Schritten jedoch entgegen. Die Über-
einem weiten Sinn in der Rhetorik und in der windung der Hemmnisse, das dazu erforder-
Stilistik behandelt, wenn diese danach fragen, liche Umdenken und die Schaffung neuer
wie bestimmte Qualitäten der Rede zu er- disziplinärer Perspektiven wurden später als
84 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

pragmatische Wende bezeichnet. Der pro- lehnung an die pragmatische Begrifflichkeit


grammatische Kernpunkt dieser Wende, die wurde nicht überall mitgemacht, teilweise
zeitlich mit den ersten Versuchen des Über- wurde sie auch wieder aufgegeben.
schreitens der Satzgrenze fast zusammenfiel, Helbig (1986, 157) meint, dass der Textlin-
bestand in einer neuen Verortung der Spra- guistik ein einheitliches Leitmotiv fehlte.
che. Seit de Saussure sahen die meisten Lin- Viehweger (1976, 196) urteilt noch schärfer:
guisten in der Betrachtung der „Sprache an zahlreiche textlinguistische Ansätze hätten
und für sich selbst“, also losgelöst von ihrem sich völlig isoliert voneinander entwickelt.
Eingebettetsein in menschliche Lebenspraxis, Das ist in bestimmten Fällen sicher richtig.
den eigentlichen oder einzigen Gegenstand Soweit die verschiedenen Ansätze aber mehr
und die Grundlage für Wissenschaftlichkeit. als eine Erweiterung der Grammatik wollten,
Gerade nach diesen Verbindungen, ja nach verband sie doch wohl das Bestreben, neue
der partiellen Identität von Sprache und linguistische Fragestellungen aus dem mensch-
menschlicher Lebenspraxis sollte nun gefragt lichen Umfeld des Zeichengebrauchs abzulei-
werden. Die Ursachen für diesen Wandel im ten, aus den „Texten in ihrer Funktion“, ein-
Denken waren vielfältig. Unzufriedenheit mit geordnet in eine Situation oder einen Hand-
den von einer starren Gegenstandsbestim- lungszusammenhang. Allerdings wurden da-
mung gezogenen Grenzen des Erkennbaren bei unterschiedliche Aspekte in den Vorder-
hat eine wichtige Rolle gespielt. Hinzu kamen grund gestellt, so dass sich die Theorie-Ent-
Wünsche nach einer breiteren Nutzung lin- würfe z. T. sehr beträchtlich unterschieden.
guistischer Erkenntnisse. Man glaubte, Kom- Der Zeichen gebrauchende Mensch lebt in ei-
munikation optimieren, sie erfolgreicher und ner sozialen Welt, er ist von ihr geprägt, er
durchsichtiger machen zu können, und verwendet die Sprache in einer bestimmten
hoffte, dadurch auch dem Individuum neue Situation und mit einem bestimmten Ziel,
Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und und er sammelt dabei spezifische Erfahrun-
der sozialen Integration zu schaffen. (Zur gen, auf die er in späterer Kommunikation
pragmatischen Wende vgl. auch Hartung immer wieder zurückgreifen kann. Neben die
1991, 24 ff). Ein erstes Denkmodell für das Betrachtung der Sprache als eines Reservoirs
Hinausgehen über bisherige Grenzen der Lin- von Mitteln und Möglichkeiten trat die ihres
guistik fand sich in der Semiotik bzw. in der Gebrauchs, der nun aber nicht mehr als bloße
logischen Semantik. Hier wurden drei Berei- Realisierung von bereits Vorhandenem gese-
che von Zeichenrelationen unterschieden: hen wurde, sondern als eigenständige mensch-
Syntax, Semantik und Pragmatik. Die Prag- liche Aktivität, als Handlung oder Tätigkeit,
matik sollte sich mit den Beziehungen zwi- in der etwas Neues geschaffen wurde, als
schen Zeichen und Mensch beschäftigen, ent- (sprachliche) Kommunikation. Damit wurde
sprach also dem Ausbruch aus der engeren ein funktionsorientiertes Herangehen, eine
Welt der bloßen Zeichen am ehesten. Von Analyse unter Verwendung nicht nur textin-
Anfang an gab es jedoch unterschiedliche terner, sondern auch textexterner Kriterien,
Deutungen des gegenseitigen Verhältnisses eigentlich erst realisierbar. Gleichzeitig wurde
der drei Bereiche, die ihren Niederschlag es möglich, Zeichen, insbesondere auch kom-
auch in linguistischen Diskussionen fanden. plexe Zeichen, die bisher nur als Korrelate
Es war möglich, insbesondere für die Prag- für eine außersprachliche Wirklichkeit gese-
matik, eine relative Unabhängigkeit anzuneh- hen wurden, nun auch als Handlungsanwei-
men. Ebenso konnte man aber von einem In- sungen für den Kommunikationspartner zu
klusionsverhältnis ausgehen, das dann auch begreifen, als Anweisungen dafür, wie ein
wieder auf zweierlei Art gedeutet werden Text als Struktur zu verstehen ist, wie ein
konnte: Pragmatik als der umfassendste Be- Wirklichkeitsmodell hergestellt werden kann
reich, der alle andern einschließt, oder Syntax oder welche Folgehandlungen sich aus dem
als vorgeordneter oder Kernbereich, der Gesagten ergeben. Vielen bedeutete all dies
schrittweise über die Semantik zur Pragmatik nicht einfach eine Ausweitung des Gegen-
erweiterbar ist. Später ist ⫺ weitgehend zu standes, sondern (zumindest auch) ein Infra-
Recht ⫺ kritisiert worden, dass mit der Hin- gestellen herkömmlicher Begriffe, Werte und
wendung zur Pragmatik nur einzelne Aspekte disziplinärer Grenzziehungen. Das Verhältnis
des Handelns thematisiert wurden und dass zu den Nachbardisziplinen veränderte sich.
die überkommene Sprachauffassung, mit ge- Linguisten sahen sich mit neuen Arten von
wissen Ergänzungen, im Grunde weiterbe- empirischen Daten konfrontiert, die über das
stand (vgl. etwa Ehlich 1987, 280 ff). Die An- bisherige Verständnis von Sprachlichem weit
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 85

hinausgingen. Wie konnte man mit ihnen gerichtete Textlinguistik ist stärker mit der
umgehen? Wie sollte man mit Begriffen arbei- Sprechakttheorie verbunden. Oft ist es aber
ten, die in ganz anderen Zusammenhängen schwer, die jeweiligen Bezugskonzepte scharf
erklärt wurden? War es nicht besser, sich voneinander abzugrenzen. Handlungstheore-
dann auf das zu beschränken, wofür es tische Anregungen wurden auch über die Phi-
sprachliche Ausdrücke oder wenigstens Indi- losophie, Logik und Soziologie vermittelt.
katoren gab? Oder konnte man kommunizie- Für sprachliches Handeln scheint mündli-
rende Individuen so weit in die Theorie inte- che Kommunikation prototypisch zu sein,
grieren, dass man auch mit dem operierte, während schriftliche Kommunikation eher an
was sie normalerweise wissen oder schlussfol- etwas Abgeschlossenes, Gegebenes denken
gern, wenn sie kommunizieren? Der „neue“ lässt, allenfalls an ein Handlungsprodukt.
Gegenstand wurde außerordentlich komplex. Das hat zur Folge, dass der Handlungscha-
All dies belebte grundlagentheoretische Dis- rakter von Texten besonders zu begründen
kussionen in einer zuvor nicht gekannten In- war. Meist wurde von der im Prinzip richti-
tensität und Strenge. gen Annahme ausgegangen, dass jede Art
Es war in dieser Zeit kaum möglich, sich kommunikativer Aktivität ein Handeln ist.
mit Texten linguistisch zu beschäftigen, ohne Die dann vorwiegend an schriftlichen Texten
nicht in der einen oder anderen Weise an die- oder an Gesprächsaufnahmen entwickelten
sen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Der Begriffe wurden ⫺ mit einem gewissen Recht
größere Teil der TextlinguistInnen, zumal in ⫺ mehr oder weniger auf den jeweils anderen
Deutschland, bezog den Gegenstand der Un- Bereich ausgedehnt. Dabei wurde dann aber
tersuchung auf Bedingungen der Kommuni- häufig vernachlässigt, dass schriftliche und
kation und war in irgendeiner Weise hand- mündliche Texte, wenn sie auf Grund ihrer
lungs- oder tätigkeitstheoretischen Anregun- Gemeinsamkeiten schon zu einem Oberbe-
gen verpflichtet. Deshalb waren sehr viele Ar- griff zusammengefasst werden können, eine
beiten in einem weiten Sinn kommunika- Reihe von Spezifika aufweisen, die auch un-
tionsorientiert. Unterschiede erwuchsen vor terschiedliche Betrachtungsweisen verlangen.
allem daraus, ob diese Orientierung als Die folgende eher exemplarische Darstel-
grundsätzliche Herausforderung an die Lin- lung einzelner Ansätze versucht, bei aller
guistik begriffen wurde oder ob eher versucht Schwierigkeit der Auswahl und Abgrenzung,
wurde, einzelne Aspekte der kommunikati- gewissen Schwerpunkten in den dominieren-
ven Einbettung zur Grundlage eines spezifi- den Interessen gerecht zu werden und gleich-
schen Herangehens auszubauen, also etwa zeitig zeitliche Abläufe, soweit dies hier mög-
die Situation mit ihren typischen Merkmalen lich ist, nachzuzeichnen.
oder bestimmte Handlungsqualitäten. In der
bisweilen polemischen Abgrenzung sind spä-
ter auch ⫺ nicht immer sehr treffend ⫺ um- 2. Ablösungen und Neuorientierungen
fassende oder globale und modulare Ansätze
einander gegenübergestellt worden. „Kom- Sich dazu zu bekennen, dass auch jenseits des
munikationsorientiert“ ist deshalb nur be- Satzes noch für die Linguistik interessante
dingt ein differenzierendes Attribut für ein- Probleme zu lösen sind, mag im Nachhinein
zelne Ansätze. Für die „handlungstheoreti- als nicht erwähnenswerte, weil absolut selbst-
sche“ Ausrichtung gilt diese Einschränkung verständliche Leistung erscheinen. Neue Ge-
insofern weniger, als sich die entsprechenden danken sind aber in gewisser Weise immer
Ansätze meist auf den intentionalen Aspekt auf vorgefundene Begriffe angewiesen. In der
des Handelns konzentrierten. Mit gewissen ersten Hälfte des 20. Jhs. galt ziemlich einhel-
Differenzierungen ist oft, zumindest anfäng- lig die Auffassung, dass der Satz jene Einheit
lich, auch von Tätigkeit oder Tätigkeitstheo- darstellt, die alle grammatischen Regulari-
rie die Rede. Tätigkeit wird verbreitet als der täten und damit das in der Linguistik sinn-
übergeordnete Begriff verstanden. Er wurde vollerweise Beschreibbare enthält. Auch in
eher in sog. globalen als in modularen Ansät- der frühen generativen Grammatik lieferte
zen verwendet. Eine wichtige Quelle hat er in der Satz (S) noch das oberste Symbol aller
der Tätigkeitstheorie der sowjetischen Psy- grammatischen Ableitung. Das ganze 19. Jh.
chologie (Vygotskij, A. N. Leont’ev, A. A. hindurch galt das Hauptinteresse noch nicht
Leont’ev, Galperin u. a.), die insbesondere in einmal dem Satz, sondern eher dem Wort
den frühen 70er Jahren in Deutschland rezi- und seiner Morphologie. Um diesen Zustand
piert wurde. Die handlungstheoretisch aus- zu überwinden, war zweierlei notwendig: Er-
86 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

stens mussten Texte als etwas wahrgenom- stellte er die damals noch kritische Frage, ob
men werden, das im Bereich linguistischer zur „Domäne der Grammatik“, also zum Be-
Beschreibungen oder Erklärungen lag. Zwei- reich der für die Grammatik relevanten Fak-
tens musste sich das Bewusstsein entwickeln, ten, nur der Satz oder auch der Text gehört.
dass es erfolgversprechende und auch wissen- Er nannte eine Reihe von empirischen Moti-
schaftlich akzeptable Wege der Analyse von vierungen (die bekannten grammatischen Er-
Texten gab. In der Zeit um 1970 ist von vielen scheinungen, die sich nur mit Bezug auf den
etwas hervorgehoben worden, das eigentlich Text befriedigend erklären lassen) für die wei-
selbstverständlich ist, dass nämlich der Text tere Auffassung. Die Erzeugung grammati-
„das originäre sprachliche Zeichen“ ist scher Strukturen begann, dem generativen
(Hartmann 1971, 10 ff), dass Sprache nur Modell folgend, mit einer Kette, die das
oder „primär texthaft/textförmig vorkommt“ TEXT-Symbol enthält und 1-n Sätze domi-
(S. J. Schmidt 1974, 33), „daß sprachliche nieren kann. Unter Verwendung von „Textre-
Kommunikation sich stets in Form von Tex- geln“ sollten dann nur solche Satzfolgen er-
ten vollzieht“ (Isenberg 1976, 47) oder dass zeugt werden können, die als wohlgeformte
alle anderen Einheiten als solche gar nicht Sätze einer Sprache L gelten können. ⫺ Spä-
vorkämen, sondern erst im Text ihren „Sinn“ ter (Isenberg 1974b) stellte er der (bloßen)
erhielten (Hartmann a. a. O.). Es gab auch Satzgrammatik eine „textbezogene Gramma-
die folgerichtige, wenngleich voreilige An- tik“ gegenüber. Aus prinzipiellen Gründen
nahme, dass Linguistik oder Sprachwissen- könne auch diese nicht alle Texteigenschaften
schaft eigentlich oder eines Tages in einer erschöpfend erklären, sehr wohl aber be-
„Texttheorie“ (S. J. Schmidt 1974, 31) oder stimmte, die allen Texten eigen sind. Sie hat
in einer „Textwissenschaft“ (van Dijk 1980, gewissermaßen Vorarbeit für eine spätere
6) aufgehen könnte. Die in solchen Formulie- Theorie der sprachlichen Kommunikation zu
rungen stets enthaltenen problematischen leisten und müsse deshalb Elemente enthal-
Momente sollen nicht diskutiert werden. ten, die auf eine solche Theorie hinweisen.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Dabei kommt dem Begriff der „kommunika-
hier eine neue Perspektive auf ein Stück tiven Funktion“ eine wichtige Bedeutung zu.
Wirklichkeit ihren Ausdruck findet: Etwas, Kommunikative Funktionen schließen drei
das vorher nicht oder nur sehr undeutlich Arten von Elementen ein: 1) situative Voraus-
wahrgenommen wurde, rückt nun in den setzungen, 2) kommunikative Intentionen, 3)
Vordergrund. Wie aber sollte man sich dem angekündigte Erwartungen oder Forderun-
wissenschaftlich nähern? In der zweiten gen. Jedem Satz kommt genau eine kommu-
Hälfte der 60er Jahre hatte die Linguistik, zu- nikative Funktion zu. Sie definiert einen Teil
mal in Deutschland, einen Stand erreicht, der seiner Tiefenrepräsentation. „Eine (textbezo-
sie in die Lage versetzte, Art, Grad und Si- gene) Grammatik als Theorie über den Zei-
cherung ihrer Wissenschaftlichkeit systema- chenaspekt der Sprache beschreibt alle in
tisch zu reflektieren. Das hing mit der Rezep- Texten einer gegebenen natürlichen Sprache
tion des Strukturalismus sowie dem Ausbau möglichen Zuordnungen von kontextbeding-
und der wenigstens partiellen Durchsetzung ten Intentionsstrukturen und Lautstrukturen
der generativen Grammatik zusammen. Das vom Typ ‘Satz’. Die kontextbedingte Inten-
erreichte Niveau konnte und sollte durch eine tionsstruktur als Tiefenrepräsentation eines
Ausweitung der Erkenntnisinteressen auf den Satzes erfasst die Gesamtheit des von der
Text nicht wieder in Frage gestellt werden. Morphemfolge des Satzes Signalisierten in
Deshalb kam der methodologisch reflektie- bezug auf die kommunikative Leistung des
renden Begleitung des Entstehens der Textlin- Satzes im Text.“ (106) Eine solche textbezo-
guistik und des Übergangs von sprachsy- gene Grammatik soll dann durch weitere
stem- zu kommunikationsbezogenen Auffas- Teiltheorien ergänzt werden, in denen die
sungen eine besondere Bedeutung zu. kommunikativen Prinzipien für die Verknüp-
Ein charakteristisches Beispiel dafür ist fung von Sätzen zu kohärenten Folgen und
der Ansatz von Isenberg. In seiner ersten Ar- für das Verstehen solcher Verknüpfungen be-
beit zur Texttheorie (Isenberg 1974a/1968) ⫺ schrieben werden. Mit den kommunikativen
genauer eigentlich: zur Textgrammatik, denn Funktionen als Teilen der Tiefenstruktur von
trotz seiner Bezugnahme auf kommunikative Sätzen sind natürlich noch nicht die kommu-
Funktionen und eine künftige Kommunika- nizierenden Individuen eingeführt. Darauf
tionstheorie blieb er noch im Rahmen eines, hat Ungeheuer (1974, 21 f) schon früh hinge-
allerdings erweiterten, Grammatikmodells ⫺ wiesen: Kommunikative Textqualitäten wür-
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 87

den als quasi-grammatische Eigenschaften richtetheit auf. Unter dieser Perspektive mo-
behandelt; auch die Einführung pragmati- difiziert sich die Auffassung von Grammatik.
scher Indizes sei „eine andere Sache als die Da sie mit Elementen und Konzepten arbei-
begriffliche Einführung der handelnden Per- tet, die nicht von ihr erklärt werden, kann sie
sonen selbst in die Theorie“ (21); der zu er- nicht mehr als autonom gelten. Sie definiert
forschende Sachverhaltsbereich werde ganz nicht mehr Laut-Bedeutungs-Zuordnungen,
unterschiedlich bestimmt. Es ist zweifellos sondern ordnet Lautstrukturen und kontext-
alles andere als eine triviale Frage, wie diese bedingte Intentionsstrukturen einander wech-
„Einführung der handelnden Personen“ bei selseitig zu. Letztere erfassen so jenen Bereich
gleichzeitiger Wahrung einer wie auch immer von Intentionen und situativen Bezügen, der
erweiterten disziplinären linguistischen Spezi- sprachlich signalisiert wird. Um diese Zu-
fik erfolgen soll. ordnung vornehmen zu können, müsse die
Schließlich ist die Loslösung von bisheri- Grammatik mindestens über Regeln ver-
gen Auffassungen so weit gefestigt, dass sie fügen, die Wohlgeformtheitsbedingungen für
nun auch mit Wertungen verbunden wird. kommunikative Funktionen bestimmen, so-
Die bisherigen Auffassungen ⫺ ausdrücklich wie über Bindungsregeln, die einzelne Bezüge
auch die auf der Sprechakttheorie basieren- zu Oberflächenstrukturen herstellen. Aufbau
den ⫺ blieben bei Teilaspekten stehen und und Arbeitsweise solcher Regeln werden in
würden die Handlungszusammenhänge in Isenberg (1976) detailliert dargestellt. Die
der Gesellschaft nicht berücksichtigen (Isen- „Einführung der handelnden Personen“ er-
berg 1976, 50 f). Deshalb müsse ihnen eine folgt über Annahmen in Bezug auf mögliche
andere, eine „dynamische Auffassung vom Zusammenhänge zwischen sprachlich Signa-
Text“ entgegengestellt werden, „nach der die lisiertem einerseits und situativen Bedingun-
Einheit ‘Text’ als solche nicht primär durch gen, Intentionen und textinternen Ankündi-
handlungsunabhängige Relationen und Zu- gungen andererseits. ⫺ Die „dynamische“
sammenhänge, sondern durch Handlungen Auffassung, für die der Text eine primär
und Operationen bestimmter Art konstituiert kommunikations- und handlungsbezogene
wird.“ (51) Grundlage dieser Auffassung sei Einheit und sein Satzcharakter nur ein
die Betrachtung der Sprache als einer Form Aspekt ist, wird der „propositionalen“ Auf-
menschlicher Tätigkeit. Natürlich sei auch fassung, die den Text in Analogie zum Satz
eine andere Textauffassung möglich, diese behandelt, gegenübergestellt (Isenberg 1977).
„entbehrt jedoch nicht eines gewissen Diese Unterscheidung ist in der Linguistik
Aspekts der Selbsttäuschung“ (ebed.), da sie weithin übernommen worden, oft auch mit
nicht die Bildungsprinzipien von Texten er- der Variation propositional vs. kommunika-
klären könne und da die Ausklammerung tiv ⫺ oder eingeschränkt: handlungstheore-
von gesellschaftlicher Legitimität, kommuni- tisch ⫺ oder (später) prozedural. Anfangs ist
kativer Funktionalität, Situtionsbezogenheit auch vorgeschlagen worden, die engere,
und Intentionalität nicht begründet motivier- sprachsystembezogene Auffassung als textlin-
bar sei. Ihrer Struktur nach schließt diese dy- guistisch zu bezeichnen, die weitere, kommu-
namische Texttheorie mehrere miteinander nikationsbezogene dagegen als texttheore-
verbundene Teiltheorien ein, mindestens eine tisch. Diese Unterscheidung hat sich aber
Grammatiktheorie, eine Theorie der sequen- nicht durchgesetzt. Isenberg behandelt beide
tiellen Textkonstitution und eine Theorie der Auffassungen als Alternative, sie schließen
Textkomposition (53). Die für jede linguisti- sich gegenseitig oder auch eine dritte Mög-
sche Theorie zentrale Laut-Bedeutungs-Zu- lichkeit aus (1977, 135 u. a.). Je nach der ana-
ordnung erfolge nicht kommunikationsindif- lytischen Fragestellung könne dem Satz oder
ferent, sondern kommunikationsbezogen, in- dem Text der Primat zukommen. Gehe es je-
dem für jeden Satz eines Textes bestimmte doch um „die Art und Weise, in der Sprache
Bedingungen angegeben werden, unter denen in der Gesellschaft bzw. in der gesellschaftli-
Laut- und Bedeutungsstrukturen miteinander chen Kommunikation in Erscheinung tritt, so
verknüpft werden können. Die Gesamtheit läßt sich feststellen: Der ‘Text’ ist die primäre
dieser Bedingungen ist bei Isenberg die Organisationsform, in der sich menschliche
„kommunikative Funktion“. Kommunika- Sprache in der Gesellschaft manifestiert.“
tive Funktionen beziehen sich mit den in ih- (144) Da es hier um verschiedene Aspekte
nen enthaltenen Elementen in bestimmter geht, ist die Frage nach dem Verhältnis der
Weise auf bereits produzierten und/oder noch beiden Auffassungen gelegentlich auch positi-
zu produzierenden Text, weisen also eine Ge- ver beantwortet worden: sie würden komple-
88 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

mentär oder kompatibel sein. Natürlich ha- wohl diese drei Aspekte des Handelns eng
ben beide ihre „wissenschaftliche Relevanz“ miteinander verbunden sind, ist es doch
(Viehweger 1980, 19), aber es sind eben doch kaum möglich, sie in einem einzigen Ansatz
prinzipiell verschiedene Annäherungen an den und gleichzeitig darzustellen. Ebenso proble-
Text. ⫺ Isenbergs Ansatz ist vor allem als ein matisch kann aber auch ihre Trennung, also
Modell ausgearbeitet und diskutiert worden. das modulare Herangehen sein. Ein Ansatz,
Eigentlich angewandt wurde das Modell we- der nur ausgewählte Daten berücksichtigt
niger. Viehweger sprach rückblickend von und den daraus folgenden fragmentarischen
einem „methodologischen Dilemma“: „Eine Charakter der Theorie nicht ständig reflek-
Textgrammatik war als Grammatik über- tiert, erliegt leicht der Gefahr, die Daten
frachtet und als handlungstheoretischer Er- falsch zu interpretieren und Theorie-Ent-
satz überfragt“ (1991, 203). würfe zu erzeugen, die nur schwer mit den
Ergebnissen benachbarter Untersuchungsfel-
der verbindbar sind. (Dies dürfte einer der
3. Handlungstheoretisch begründete Gründe für das oft beklagte Nebeneinander
Ansätze von Textlinguistik und Gesprächsanalyse sein,
die sich, zumal wenn es um mündliche Kom-
Was unter dem Handlungscharakter des Ge- munikation geht, am ehesten mit dem drit-
brauchs von Sprache zu verstehen ist, kann ten Aspekt sprachlichen Handelns beschäf-
durchaus unterschiedlich gesehen, zumindest tigt.) ⫺ Handlungstheoretische Ansätze in
akzentuiert werden. Vor allem folgende der Textlinguistik knüpfen vornehmlich,
Aspekte sind hervorgehoben worden: 1) Han- mehr oder weniger kritisch, an die Sprechakt-
deln schließt immer ein, dass ein Handelnder theorie an. Diese hatte (und hat) einen sehr
etwas erreichen will, dass er ein Ziel hat, dem nachhaltigen Einfluss auf die Durchsetzung
er sich in bestimmten Schritten zu nähern
eines Handlungsverständnisses, das den in-
sucht. Handeln ist also in Bezug auf diese
tentionalen Charakter jedes Handelns her-
Zielgerichtetheit und entsprechende Gliede-
vorhebt. Es geht davon aus, dass mit dem
rungen beschreibbar. 2) Am Handeln sind
Äußern eines Satzes (oder eines satzwertigen,
häufig und am kommunikativen Handeln
jedenfalls prädizierenden Ausdrucks) immer
stets mehrere Personen beteiligt, es ist Inter-
aktion. Diese Interaktion muss koordiniert etwas beabsichtigt ist. Dies lässt sich als Illo-
werden, d. h., die einzelnen Handlungen kution oder als illokutionärer Akt erfassen
müssen so gerichtet und terminiert sein, dass und systematisieren. Eine hier anknüpfende
jeder Beteiligte seinen spezifischen Anteil am Textlinguistik musste also ebenfalls die Be-
Erreichen eines gemeinsamen Ziels leisten schränkung auf das Satzformat kritisieren
kann. Das gemeinsame Ziel kann im Bereich und überwinden. Sobald dies geschehen war,
sprachlicher Verständigung bleiben, es kann konnten Texte als Folgen von (elementaren)
aber auch über sich hinausweisen auf die Handlungen (oder Illokutionen) beschrieben
Durchführung aktueller oder künftiger nicht- werden, die auf ein übergeordnetes Ziel ge-
sprachlicher Handlungen. Kommunikative richtet sind und in ihrer Sequentialität und
oder sprachliche Handlungen sind also in Gerichtetheit bestimmte (Illokutions-)Struk-
Bezug auf ihre internen und externen Koor- turen bilden. Am weitesten entwickelt und in
dinationsleistungen beschreibbar. Übrigens: Einzeluntersuchungen exemplifiziert wurde
Wenn Handlungen interaktiv sind und einem diese textlinguistische Erweiterung der Sprech-
(mehr oder weniger) gemeinsamen Ziel unter- akttheorie in Arbeiten von Motsch und Vieh-
geordnet werden, dann schließt dies ein, dass weger sowie der Gruppe um Rosengren, die
nicht nur die Produktion von Äußerungen teilweise auch in einem Projekt miteinander
Handlungscharakter hat, sondern auch deren verbunden waren. Die Idee einer Parallelität
rezeptive Verarbeitung. 3) Sprachliches Han- von Text und Handlung ist aber durchaus
deln als eine interindividuelle Aktivität weiter verbreitet. Auch van Dijk, in dessen
schafft Beziehungen zwischen den Handeln- Ansatz eigentlich semantische Begriffe im
den, eine bestimmte soziale Welt, und es be- Mittelpunkt stehen, spricht davon. Eine
dient sich bereits geschaffener sozialer Welten Makrostruktur könne durch eine globale In-
samt deren Wirklichkeitskonstruktionen und tention und ihre Aufgliederung auf Teilhand-
Sinnzuordnungen. Sprachliches Handeln ist lungen zusammengehalten werden. Sie sei
also auch als ein sukzessives Schaffen und dann eine „pragmatische Makrostruktur“
Aushandeln von Sinn beschreibbar. ⫺ Ob- (1978; 1980, 71 ff).
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 89

Wichtige Grundzüge ihres Ansatzes wur- Handlungsziele auf eine kleine Zahl von
den erstmals in Motsch/Viehweger (1981) Handlungstypen (Illokutionen) schränkt die
dargestellt. Ihr Ziel sahen sie darin, „Bezie- funktionale Erklärung von Texten unnötig
hungen zwischen bestimmten Handlungsfak- ein und ist im Grunde eine Nachwirkung
toren und Sätzen“ (126) zu analysieren und satzzentrierter Betrachtungsweisen; ebenso
so die Bedingungen zu charakterisieren, un- ist die satzweise Aufgliederung der Intentio-
ter denen Äußerungen als angemessen gelten nalität in Texten zumindest für manche Texte
können, also als den Handlungsfaktoren, be- wenig plausibel. Hinzu kommt noch das all-
stimmten Zielen etwa, entsprechend. An- gemeine Problem, dass im Grunde nicht In-
knüpfend an den Kompetenz-Begriff, gingen tentionen der Handelnden offengelegt wer-
sie davon aus, dass Sprecher/Hörer eine den, sondern dass die Analysierenden ihnen
Kenntnis solcher Zusammenhänge besitzen, welche zuschreiben.
dass sie über entsprechende Kenntnissysteme Zur gleichen Zeit stellten Koch/Rosengren/
verfügen, darunter auch über solche, die die Schonebohm (1981) ihren sehr ähnlichen
Bedeutung eines Satzes in einer gegebenen Si- Ansatz vor. Sie unterschieden mit größerer
tuation festlegen, insbesondere der Situatio- Deutlichkeit drei Analyseebenen: die illoku-
nen, die durch bestimmte Absichten charak- tive, die thematische und die syntaktische
terisierbar sind. Die Verallgemeinerung über (oder sprachliche). Ihr Ziel sahen sie darin,
diesen Absichten oder „illokutionären Rol- die Beziehungen zwischen den ersten beiden
len“ sind „Handlungstypen“. Die Gramma- und der dritten Ebene zu beschreiben, wobei
tik stellt nicht nur Mittel bereit, mit denen die illokutive Ebene als dominierend und die
propositionale Inhalte zu repräsentieren sind, sprachliche Realisierung steuernd begriffen
sondern auch Mittel, die Handlungsbedin- wurde. Zusammen bilden die drei Ebenen die
gungen repräsentieren. Dazu gehören u. a. kommunikative Struktur des Textes. Die illo-
Satztypen und Modi, Modalverben, Adver- kutive Struktur stellt sich als Abfolge von Il-
bien und Partikel. Absichten können aber lokutionen dar. Ihre Beziehungen zueinander
auch erschlossen werden, etwa aus Proposi- spiegeln die Argumentationsstruktur des Sen-
tionen. Die „handelnden Personen“ sind hier ders wider: Illokutionen sollen erklärt, einge-
⫺ sowohl über die spezifizierten Kenntnis- schränkt oder ergänzt werden. Als Hand-
systeme wie über die Zulassung von nicht lungseinheit fällt die Illokution nicht mit syn-
notwendig signalbasierten Schlüssen der Teil- taktischen Einheiten zusammen, ein Satz
nehmer ⫺ in die Theorie integriert, allerdings kann mehr als eine Illokution umfassen, eine
noch auf eine sehr allgemeine Weise. ⫺ Der Illokution kann aber auch aus mehreren Sät-
Text ist für Motsch/Viehweger eine komplexe zen bestehen. ⫺ Die Unterscheidung mehre-
Äußerung und wird wie jede Äußerung durch rer „Ebenen“ war ein wichtiges Mittel, ver-
einen Handlungstyp bestimmt. Gleichzeitig schiedene Arten von Struktur und von Orga-
sind aber auch mit den einzelnen Sätzen, in nisationsprinzipien begrifflich zu fassen. Des-
die ein Komplex zerfällt, Handlungstypen halb wurde die sprachliche oder grammati-
verbunden, so dass bestimmte Strukturen, sche Ebene durch über die Sprache hinaus-
„Handlungstyphierarchien“, entstehen. Das weisende Ebenen ergänzt. So nimmt van Dijk
hat die Konsequenz, dass der Handlungscha- (1980) neben der grammatischen eine prag-
rakter von Texten auf genau die gleiche Weise matische, eine stilistische, eine rhetorische
klassifiziert wird wie der von Satzäußerun- und eine Superstrukturebene an. Viehweger
gen, nämlich über die möglichen Handlungs- (1983, 157 ff) nimmt eine Zweiteilung in pro-
typen, und dass das Gesamtziel eines Textes positionale und aktionale Ebene an, unter-
über die Realisierung einer Reihe von Teilzie- gliedert letztere aber noch: Illokutionsstruk-
len erreicht werden kann. Entsprechend gibt turebene, metaaktionale und interaktionsbe-
es einen „dominierenden Handlungstyp“, in zogene Ebene. (Vgl. zum Ebenen-Problem
Bezug auf den andere Teile eine „subsidiäre auch Hartung 1983a und 1987.)
Funktion“ erfüllen. ⫺ Die Kritik an diesem Die Grundzüge beider Ansätze sind in
Ansatz und an ähnlichen Versuchen deckte nachfolgenden Arbeiten mehrfach präzisiert,
sich in wichtigen Punkten mit der an der ergänzt und ausgebaut, aber nicht grundsätz-
Sprechakttheorie, die im Allgemeinen den lich verändert worden. In Brandt/Koch/
grundlegenden theoretischen Anknüpfungs- Motsch u. a. (1983, 105) heißt es, dass die Le-
punkt darstellt. Die Sprechakttheorie setzt gitimität dieses Herangehens an den Text
ein einsam und zweckrational handelndes In- nicht mehr in Frage gestellt werde, dennoch
dividuum voraus; die Festlegung möglicher sei man von verlässlichen Aussagen noch ein
90 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

Stück entfernt. Vor dem Hintergrund der die an der Textbildung beteiligten Kenntnis-
Zielgerichtetheit sprachlichen Handelns wer- systeme oder Wissenskomponenten zu re-
den für den Text zwei Strukturierungen wich- konstruieren. Dies war schon von Anfang an
tig, die propositionale und die illokutive eins der Grundverständnisse der generativen
Struktur, mit Propositionen und Illokutionen Grammatik, rückte nun aber in das Umfeld
als Basiseinheiten und der hierarchischen der sog. kognitiven Wende. 2. Die verschiede-
Ordnung als grundlegendem Organisations- nen Kenntnissysteme oder Wissenskompo-
prinzip. Etwas schnell wird gefolgert, dass die nenten haben modularen Charakter, besitzen
an Illokutionen orientierten Sprachhand- also eine Eigengesetzlichkeit, sie sind auto-
lungstypen keine beliebige Ordnung darstel- nom, nicht auf andere Module reduzierbar
len, sondern den empirischen Zugang zur Or- und können folglich wenigstens bis zu einem
ganisation der Kenntnisse schaffen würden, gewissen Punkt für sich untersucht werden.
über die der Sprecher verfügen muss (114). Viehweger (1987, 5) weist darauf hin, dass die
Dieses Kenntnissystem solle in der wissen- Kenntnisse, die beim Bilden und Verstehen
schaftlichen Theorie rekonstruiert werden von Texten Anwendung finden, einen „zen-
(109). In ähnlicher Weise wird eine Entspre- tralen Explikationsgegenstand für dynami-
chung zwischen der aus dominierenden und sche Textmodelle bilden“. Als solche Kennt-
subsidiären Zielen erwachsenden Zielhierar- nissysteme werden genannt: das sprachliche
chie, einer Illokutionshierarchie und der in Wissen, das enzyklopädische Wissen, das Il-
der Psychologie teilweise üblichen Unterglie- lokutionswissen und das Wissen über Hand-
derung der Handlungen in Teilhandlungen lungsmuster (später auch als Interaktionswis-
oder Operationen gesehen. Das mit einem sen zusammengefasst). In seinem Rückblick
Text verfolgte dominierende Ziel (gelegent- auf die textlinguistischen Forschungsansätze
lich kann es auch mehrere geben) kann in ei- (Viehweger 1991, 206 ff) bezeichnet er das
ner speziellen Illokution Ausdruck finden, Konzept Wissen als fundamental für eine text-
also explizit genannt werden, es ist aber auch linguistische Neuorientierung. Auch Motsch/
möglich, dass es aus subsidiären Illokutionen Reis/Rosengren (1990) gehen bei der zusam-
erschlossen werden muss. Die entstehenden menfassenden Charakterisierung des theoreti-
Illokutionsstrukturen können neben dem schen Rahmens ihres Forschungsprogramms
hierarchischen auch konjunktiven Charakter von der Modularität grammatischer und prag-
haben. ⫺ Rosengren (1983) hat die Interakti- matischer Kenntnissysteme aus. Zwischen ih-
vität der Textstruktur hervorgehoben: Da der nen bestehe aber eine systematische Interde-
Text ein Ergebnis strategischer Überlegungen pendenz, die es zu untersuchen gelte, denn
des Senders ist (wie kann ein Ziel möglichst pragmatische Funktionen würden über gram-
schnell und effektiv erreicht werden?), spie- matische Strukturen realisiert und grammati-
gelt sich dies auch in der Textstruktur wider. sche kämen in der Kommunikation nur als
Zugespitzt könne man deshalb sagen, „daß pragmatische vor. Ihr Interesse gilt deshalb
der Empfänger darüber entscheidet, wie der der Zuordnung von sprachlicher Form und
Sender seinen Text strukturiert“ (166). In die- Illokutionstyp. Zu untersuchen ist, welche
sem Fall ist es natürlich noch nicht der Emp- Kenntnissysteme an dieser Zuordnung betei-
fänger selbst, sondern das Wissen des Senders ligt sind und wie die grammatischen und
über mögliche Empfänger-Reaktionen. ⫺ pragmatischen Kenntnissysteme untereinan-
Kritische Einwände betrafen auf dieser Stufe der und mit anderen zusammenwirken. Dabei
der Ausarbeitung der Ansätze insbesondere wird betont, dass wir über die Grammatik
die Vereinfachungen der kommunikativen mehr wissen als über die Pragmatik und dass
und sozialen Bedingungen, unter denen Texte vom Satz bzw. der Grammatik ausgegangen
entstehen (vgl. dazu auch Hartung 1983b). werde. In den Vordergrund rückt so die Auf-
Auch das Zustandekommen einer Illokutions- fassung, dass der Satz ein „kommunikatives
hierarchie muss letztlich als ein interaktives Ge- Potential“ hat, bestimmte Strukturierungen
schehen begriffen werden; was dominierende ⫺ oder allgemeiner: grammatisch beschreib-
Illokution in einem Text ist, wird nicht nur bare Eigenschaften ⫺, die mit bestimmten
durch den Sprecher bestimmt, sondern auch „Aktualisierungskontexten“ verträglich sind
durch die Interpretationsleistung des Adres- (vgl. damit auch Isenbergs Herangehen an
saten (Gülich/Meyer-Hermann 1983, 253). die „Textgrammatik“). Das kommunikative
Zwei auch schon zuvor thematisierte Potential zerfällt in drei Teile, die jeweils
Punkte erlangten in späteren Jahren zuneh- bestimmte Äußerungsbedeutungen, Informa-
mende Bedeutung: 1. Es kommt darauf an, tionsgliederungen und Illokutionen festlegen.
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 91

Kandidaten für das Illokutionspotential sind weise das nicht-sprachliche Umfeld, also Si-
jene grammatischen Strukturen, die für die tuation und Handlungszusammenhang, eben
Satztypen konstitutiv sind, sowie performa- die Kommunikation, zum Bezugspunkt der
tive Formeln. Kenntnissysteme werden auch Sprache. Es ist auch schwer, Grenzen gegen-
für die Textbildung angenommen. Die Gram- über Ansätzen zu ziehen, die sich nicht als
matik bestimmt die Verkettung von Sätzen in kommunikationsorientiert verstanden, denn
Texten. Sobald Sätze in Texten geäußert wer- eigentlich sind alle Ansätze, auch wenn sie
den, erhalten sie eine aktuelle Existenz, wer- nur die Situation in den Mittelpunkt stellen,
den sie zu sprachlichen Akten, also zu Illo- gleichzeitig kommunikationsorientiert. Sie
kutionen. Über die Kenntnissysteme hinaus, unterscheiden sich allenfalls noch von sol-
die für das pragmatische Potential des Satzes chen, die außerdem den Prozesscharakter be-
zuständig sind, werden zwei weitere Arten tonen oder sich die Rekonstruktion bestimm-
von Kenntnissystemen angenommen: solche, ter Teilnehmer-Aktivitäten oder -Fähigkeiten
die für die eigentliche Strukturierung und zum Ziel stellen. Beispielsweise wird man
Formulierung des Textes zuständig sind, und den sozial-semiotischen Ansatz von Halliday
solche, die „prozessuale Aufgaben“ (116) kaum zu den kommunikationsorientierten
wahrnehmen, also Bezüge zum aktuellen oder handlungstheoretischen rechnen, den-
Kommunikationsgeschehen herstellen und so noch beschreibt er Entstehung und Interpre-
auch auf Planung und Strukturierung zu- tation von Texten als Prozesse von Entschei-
rückwirken. Hinzu kommen „außersprachli- dungen der Teilnehmer, als Zuordnungen
che“ Kenntnissysteme (genannt werden Kom- zwischen sprachlichen Einheiten und Bedeu-
munikationsmaximen, Hintergrund-, Welt- tungspotentialen, die für soziale Situationen
und Situationswissen), die gewährleisten, typisch sind.
dass Äußerungen auch dann als kohärent Besonders in den frühen Jahren beriefen
verstanden werden, wenn der Zusammen- sich viele auf die Tätigkeitstheorie der sowje-
hang zwischen ihnen weniger explizit ge- tischen Psychologie und die (vorwiegend psy-
macht wird. „Texte sind also das Ergebnis cholinguistischen) Arbeiten A. A. Leont’evs.
einer Hierarchisierung, Sequenzierung und Die Wirkung dieser Theorie auf die Lingui-
Verkettung von durch Sätze realisierten stik lag mehr im programmatischen Entwurf
Äußerungsbedeutungen und Illokutionen“ einer integrativen und disziplinübergreifen-
(116). Dabei wirken verschiedene Kenntnis- den Perspektive als in der Fundierung spezi-
systeme zusammen. Weitere Kenntnissysteme fisch ausgerichteter Untersuchungen. Auch
betreffen das Textsortenwissen sowie den der sowjetischen Textlinguistik, die eine
Dialog, hier etwa Kenntnisse über den Spre- breite Tradition hat (Textgrammatik, Einhei-
cherwechsel oder über Maximen der Höflich- ten oberhalb des Satzes, Texttypologie, dialo-
keit. gische und künstlerische Texte), lieferte die
Mit den Mitteln der hier besprochenen Tätigkeitstheorie Anregungen, aber es ent-
handlungstheoretischen Ansätze ist ein rela- stand keine eigene tätigkeitstheoretische
tiv großer Bereich von Zusammenhängen Richtung in der Textlinguistik. A. A. Leon-
zwischen Grammatik und Pragmatik unter- t’ev selbst hat sich relativ wenig zur Textlin-
sucht worden, insbesondere Satzmodi und guistik geäußert. Seine Unterscheidung zwi-
Modalität überhaupt, der Ausdruck von Ein- schen den Texteigenschaften „Verbunden-
stellungen, begründende und folgernde Sätze, heit“ und „Zielgerichtetheit“ (vgl. etwa A. A.
Fragesätze (vgl. zuletzt Motsch 1996). Leont’ev 1979) ist der von propositionaler
und kommunikativer Textauffassung oder in
gewissem Sinn auch der von Kohäsion und
4. Im weiteren Sinne Kohärenz vergleichbar. Vor dem psycholin-
kommunikationsorientierte Ansätze guistischen Hintergrund wird der „Produkt“-
Charakter des Textes relativiert und dessen
Ein Überblick stößt hier auf zwei Schwierig- Prozesshaftigkeit betont. Primär soll mit dem
keiten: Erstens erweiterten sich die Unter- Äußern eines Textes eine bestimmte Aufgabe
suchungsgebiete sehr vieler LinguistInnen in gelöst werden. Entsprechend dem von Vy-
der Folge der pragmatischen Wende so, dass gotskij eingeführten Prinzip der Analyse nach
Texte mehr oder weniger selbstverständlich in Einheiten und nicht nach Elementen kommt
sie eingeschlossen waren; man ging ja davon es darauf an, den Text nicht als Folge von
aus, dass sich Sprache gerade in Texten mani- Elementen (Produkten oder Abstraktionen
festiert. Zweitens wurde dabei natürlicher- darüber) zu sehen, sondern als eine dynami-
92 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

sche Organisation von Operationen inner- chen Handlungsmuster“. Sie bilden „Poten-
halb immer komplexerer Handlungs-Gebilde. tiale für die Realisierung von Zwecken“
Die Operationen, die schließlich zum Entste- (ebenda, 250). Da es in jeder Gesellschaft
hen von Texten führen, gliedern sich in ein eine Vielzahl von Zwecken sprachlichen Han-
„System funktionaler Blöcke“ (1979, 27), be- delns gibt, haben sich auch entsprechend
ginnend mit der Bestimmung des Themas viele Formen herausgebildet. Ehlich/Rehbein
oder der Strategie; der Prozess insgesamt ist u. a. haben diese Zweckbestimmtheit an
nicht vorgegeben, sondern hat schöpferischen Institutionen (z. B. der Schule) untersucht.
Charakter. ⫺ Im einzelnen sind in diesem an- Wie Bedürfnisse der Kommunizierenden be-
regenden und lange Zeit einflussreichen Mo- stimmte Prozeduren oder Teil-Operationen
dell viele Punkte offen geblieben. Textlingui- hervorbringen, hat Ehlich vor allem an der
stische Untersuchungen, die als unmittelbare Deixis gezeigt (vgl. etwa 1985): Sprachliches
Umsetzung verstanden werden können, hat Handeln setzt voraus, dass die Beteiligten
es nicht hervorgebracht, sehr wohl aber psy- eine gemeinsame Orientiertheit haben; diese
cholinguistische oder gesprächsanalytische, wird, z. B. im Bereich der Wahrnehmung,
etwa zur „übergeordneten Tätigkeit“. ⫺ Ein- durch deiktische Ausdrücke geschaffen. Die
fluss auf das Verständnis vom Text hatten Einführung solcher Ausdrücke, die deiktische
auch die Arbeiten Žinkins. Einer seiner Prozedur, lenkt die Aufmerksamkeit des Re-
Grundgedanken (vgl. etwa Žinkin 1982, 78 ff) zipienten. Andere Bedürfnisse, etwa des Phi-
war, dass dem Text in der inneren Rede be- losophierens (Ehlich 1983), bedienen sich an-
stimmte „Sinnkondensate“ entsprechen, die derer Prozeduren: Beim Entstehen entspre-
die Textproduktion steuern bzw. im Ergebnis chender Texte muss egozentrisches Sprechen
der Textrezeption aufgebaut werden. In die- ins Medium des Schriftlichen umgesetzt wer-
ser Denktradition steht beispielsweise Jaku- den, gleichzeitig orientiert sich der entste-
šin (1983), der sich mit der Frage beschäftigt, hende Text am Gang des Gedanken ebenso
wie Inhalte in den Text hineinkommen und wie an Verstehensbedürfnissen.
wie diese repräsentiert werden. Für ihn ist der In seinen grundsätzlichen Teilen ist dieser
Text nur eine Etappe in einem längeren und Ansatz auf sprachliches Handeln generell ge-
vielschichtigen Prozess, gekennzeichnet da- richtet. Im Unterschied zu vielen anderen hat
durch, dass der Prozess hier für die Beteilig- Ehlich jedoch die Besonderheiten sprachli-
ten wahrnehmbar wird. Dabei finden Über- chen Handelns mit Texten unterschiedlicher
gänge von inneren zu äußeren Texten statt Art reflektiert. Sprachliches Handeln reali-
und umgekehrt. Eine wichtige Konsequenz siert sich nach Ehlich in Diskursen und im
ist das auch von anderen Wissenschaftlern Text (vgl. 1986). Erstere vollziehen sich in
hervorgehobene Auseinanderfallen von Autor- einer gemeinsamen Sprechsituation. Diese
Text und Leser-Text. Eine Aufgabe der Kom- fehle für Texte aber und bereite deshalb einer
munikation besteht dann gerade darin, dieses unmittelbar handlungsbezogenen Betrach-
(notwendige) Auseinanderfallen zu kontrol- tung Schwierigkeiten; der Zusammenhang sei
lieren. hier zerrissen, die Situation also unvollstän-
Einen Ansatz, der sprachliches Handeln dig oder zerdehnt (vgl. dazu vor allem 1984).
ebenfalls umfassend und grundsätzlich ver- Dies theoretisch zu rekonstruieren, sei „die
steht und die erforderlichen Begriffe aus dem eigentliche Aufgabe eines linguistischen Text-
Handeln selbst abzuleiten sucht, hat Ehlich, begriffs innerhalb einer Theorie des sprach-
teilweise zusammen mit Rehbein, entwickelt. lichen Handelns“ (1984, 16). Nicht alle Pro-
Der Grundgedanke ist, dass sprachliche dukte sprachlichen Handelns seien Texte,
Handlungen „spezifische Handlungswege für sondern nur die, die in einer zerdehnten Si-
den Eingriff in die Wirklichkeit“ bieten und tuation entstanden sind. Die sprachliche
dass sie geeignet sind, „transindividuelles Handlung mit ihren drei Dimensionen ⫺
Handeln zu konstituieren“ (Ehlich/Rehbein Äußerungsakt, propositionaler Akt, illokuti-
1979, 249). Die Formen sprachlichen Han- ver Akt ⫺ bleibt in Texten bestehen, wird
delns gründen sich auf: standardisierte (situa- aber durch die Herauslösung aus der Situa-
tive) Konstellationen; das Bedürfnis, diese zu tion überfordert. Daraus ergibt sich die be-
verändern, was als Zweck bewusst wird; so- sondere Textstruktur. Zweck der Herauslö-
wie standardisierte Handlungswege, die Be- sung und damit des Textes ist die Überliefe-
standteile eines Beteiligten-Wissens werden rung, die Bearbeitung von Gruppenwissen.
und Bewertungen erfahren. Diese auf Ab- Die Überformungen können sich verschiede-
läufe bezogenen Formen sind die „sprachli- ner Mittel bedienen. So entwickeln orale Kul-
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 93

turen eine Vielzahl von Formen mündlicher gänglich wird das Problemlösen dann, wenn
Texte. Ein anderes Mittel ist die schriftliche mehrere Beteiligte gemeinsam einen Text her-
Aufzeichnung, die die Überlieferung visuell stellen und darüber kommunizieren. Da häu-
wahrnehmbar und multiplizierbar macht. fig nicht mit Sicherheit anzugeben ist, ob ein
Propositionale Inhalte werden in einer neuen, Formulierungsresultat endgültig ist, kann
komprimierten Weise darstellbar. Der „illo- man eigentlich „nur vorläufige Endpunkte ei-
kutiven Dürftigkeit“ etwa des Romans steht ner Folge von Umformulierungen“ feststel-
ein „propositionaler Reichtum“ gegenüber, len. „Unter dieser Perspektive erscheint Rezi-
der in mündlichen Texten nicht erreicht wer- pieren als ein weitergeführtes Formulieren ⫺
den kann (1984, 22). ⫺ Obwohl viel für diese genauso wie umgekehrt Formulieren als ein
Art einer handlungsbezogenen Textauffas- antizipiertes Rezipieren zu verstehen ist.“
sung spricht, ist sie bisher relativ wenig be- (439) Damit wird von einem anderen Punkt
achtet worden. aus das Auseinanderfallen von Autor- und
Unterschiedliche Auffassungen hat es gele- Lesertext thematisiert.
gentlich darüber gegeben, ob der Text ein In mancher Hinsicht ähnlich sind Untersu-
Produkt oder ein Prozess ist bzw. welches der chungen von Gülich/Kotschi (1987). Auch sie
wichtigere, auch weiteren Erkenntnisfort- beschäftigen sich mit den Textherstellungs-
schritt verheißende Gesichtspunkt ist. Natür- handlungen, die sie als besonderen Aspekt
lich sind Texte in Prozesse eingeordnet und der handlungsbezogenen Textanalyse ⫺ ne-
auf sie bezogen. Sie setzen Prozesse voraus, ben der Beschreibung als geordnete Folgen
lösen andere aus und sind selbst nicht auf von Sprechakten und als soziale Beziehungen
einmal vollständig da, sondern entstehen konstituierend ⫺ herausstellen (199). Sie ver-
schrittweise, sich dabei auch immer wieder stehen ihren Ansatz konsequenterweise als
verändernd. So sind Spuren des Prozesshaf- textlinguistisch und nicht als handlungstheo-
ten, des Vorläufigen, der interaktiven Entste- retisch oder ethnomethodologisch, betonen
hung, in jeder Erscheinungsform von Text aber zugleich die interaktive Leistung der
deutlich. Man kann den Text aber auch als Textherstellung. Näher untersucht haben sie
das Ergebnis einer Formulierungshandlung Reformulierungshandlungen, also Paraphra-
sehen. Genau genommen, ist das Produzieren sen, Korrekturen und Redebewertungen. Ob-
von Texten ein Handeln in zweifacher Hin- wohl diese Verfahren in mündlicher Kommu-
sicht: es wird ein Inhalt dargestellt, und es nikation Besonderheiten aufweisen, gelten sie
wird ein Text hergestellt. Dies ist der Kern- im Kern doch auch für schriftliche Kommu-
punkt des Ansatzes von Antos (1981; 1982). nikation.
Der Handelnde übernimmt Verantwortung Die Ziele der von W. Schmidt begründeten
nicht nur für den Inhalt, sondern auch für und über zwei Jahrzehnte entwickelten funk-
seine Formulierung. Deshalb kann man einen tional-kommunikativen Richtung gingen zwar
Text als ‘umständlich’, ‘konfus’ usw. charak- über die Textlinguistik hinaus (angestrebt
terisieren (1981, 404). Eine Theorie des For- war eine vor allem in der Schule umsetzbare
mulierens muss die Formulierungsleistungen Sprachtheorie), enthielten aber einen bedeut-
aufzeigen und erklären. Antos geht von der samen textlinguistischen Teil und orientierten
Annahme aus, dass Textherstellen ein „suk- sich jedenfalls an der Kommunikation und
zessives Lösen von Formulierungsproble- an sprachlichen Handlungen. Ausgangspunkt
men“ ist (414), die daraus entstehen, dass des Ansatzes war der Begriff der Kommu-
Ziele und Mittel nicht von Anfang klar sind, nikationsaufgabe, die aus gesellschaftlichen
sondern erst allmählich erarbeitet werden und individuellen Bedürfnissen entsteht und
(vgl. Kleists Idee von der „allmählichen Ver- beim Textproduzenten eine Kommunikations-
fertigung der Gedanken beim Reden“). Weil absicht erzeugt. Um diese optimal realisieren
Probleme zu lösen sind, kann das Formulie- zu können, entwickelt der Textproduzent ei-
ren ‘schwer’ sein, und die Texte können un- nen Kommunikationsplan, der Kommunika-
terschiedlich ‘gut’ oder ‘schlecht’ ausfallen tionsverfahren als Strukturelemente enthält.
(415). Ein Formulierungsmodell muss eine Wichtiger theoretischer Bezugspunkt war die
Folge von Umformulierungsschritten unter- Tätigkeitstheorie der sowjetischen Psycholin-
scheiden, die einen unakzeptablen Ausgangs- guistik. Schmidt und seine Mitarbeiter haben
text in einen akzeptablen Zieltext überführen. versucht, den Operations-Begriff dieser Theo-
Unvollkommene Formulierungen sind des- rie linguistisch umzusetzen. (Vgl. zum Ge-
halb keine Fehler, sondern Spuren des Pro- samtansatz W. Schmidt 1981; Michel 1985;
blemlösens (438 f). Methodisch am besten zu- zur Kritik vgl. Hartung 1997). Der Text hat
94 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

in diesem System an zwei Stellen einen wich- Konzepten und in einer ungenügenden em-
tigen Platz. Einmal entspricht der Kommuni- pirischen Plausibilität. An einzelnen textlin-
kationsabsicht eine bestimmte Textfunktion. guistischen Ansätzen ist wiederholt relativ
Darauf baut die Einteilung der Texte auf. Je grundsätzliche Kritik geübt worden. Den
nach der dominierenden Absicht oder Text- umfassenderen, globalen oder holistischen
funktion werden informierende, aktivierende Ansätzen ist vorgeworfen worden, sie würden
und klärende Textklassen unterschieden, die sich zu sehr von disziplinspezifischen Frage-
sich dann noch in speziellere Typen und Ar- stellungen entfernen, den engeren oder mo-
ten aufgliedern. Zum andern wird der Text in dularen, sie würden komplexe Zusammen-
seiner Vermittlerfunktion zwischen Produ- hänge ignorieren und eben deshalb nicht ge-
zent und Rezipient wichtig. Dies ist gerade nügend plausible Erklärungen liefern kön-
für den Unterricht von Bedeutung und hat nen. ⫺ Es wäre m. E. falsch, das Überschrei-
eine entsprechende Rezeptionsforschung her- ten eines Höhepunktes bereits als Beginn ei-
vorgebracht. Rückblickend hat Michel (1991, ner wissenschaftlichen Obsoletheit zu deuten.
99 ff) verschiedene aufeinanderfolgende Linien Wenn Fragen, die mit der pragmatischen und
in der funktional-kommunikativen Sprachbe- später mit der kognitiven Wende aufgeworfen
trachtung unterschieden und als letzte eine wurden, noch nicht befriedigend beantwortet
texttheoretische genannt. Ihr Ziel sollte ⫺ und angefangene Forschungen noch nicht ab-
über anfangs engere Vorstellungen der Zu- geschlossen sind, kann das immer auch hei-
ordnung von „Sprachmitteln“ und funktio- ßen, dass sie unter gegebenen Bedingungen
nal-kommunikativen Merkmalen hinausge- nicht beantwortbar oder abschließbar sind.
hend ⫺ darin bestehen, Textsorten komplex Verändert haben sich auch Motivationen.
zu beschreiben, „in ihrer Einheit von Pro- Frühere Leitideen sind inzwischen durch
positionalem und Aktionalem, … als sprach- neue ergänzt oder ersetzt worden. Die prag-
liche Repräsentation typischer Kommuni- matische Wende wurde durch die kognitive
kationsvorgänge“ (100). Damit war eine An- abgelöst. Für die Textlinguistik bedeutete dies
näherung an andere kommunikations- und u. a., dass sich das Interesse stärker den Pro-
formulierungstheoretische Ansätze eingelei- zessen der Textproduktion und -rezeption zu-
tet. ⫺ In Bezug auf Anspruch und begriffli- wandte sowie den Wissensbeständen, über
che Schärfe der funktional-kommunikativen die Produzent und Rezipient verfügen müs-
Sprachbetrachtung gab es wiederholt kriti- sen. Wachsende Aufmerksamkeit wurde auch
sche Auseinandersetzungen, die insbesondere der angewandten Forschung und der Umset-
in den 80er Jahren zu manchen Modifikatio- zung zuteil, etwa den Texten in den Medien
nen führten. Dennoch ist dieser Ansatz mit oder der computergestützten Textanalyse.
anderen vergleichbar. Er hat eine große An- Häufig lassen sich neue Ideen in Vorhandenes
zahl von Untersuchungen zu funktionalen integrieren. Manchmal scheint es aber einfa-
Eigenschaften von Texten hervorgebracht und cher, gelegentlich vielleicht auch verlockender
in der DDR über längere Zeit die Textauf- zu sein, etwas Neues zu beginnen, insbeson-
fassung insbesondere bei jenen LinguistInnen dere wenn dies durch Veränderungen in der
mitbestimmt, die in der Lehrerausbildung tä- institutionellen Struktur der Wissenschaft
tig waren. oder in den beteiligten Personengruppen na-
hegelegt wird.
Den kommunikativen Textmodellen im
5. Perspektiven Allgemeinen hat Viehweger (1991, 203 ff) in
einem resümierenden Artikel vor allem me-
Kommunikationsorientierte und handlungs- thodologische Mängel vorgeworfen: es seien
theoretisch ausgerichtete Ansätze hatten, was keine eigenständigen Kategorien entwickelt
die Zahl der Veröffentlichungen und der worden, die übernommenen wurden nicht ge-
neuen Ideen betrifft, ihre Höhepunkte in der genstandsspezifisch interpretiert, reduktioni-
2. Hälfte der 70er und der 1. Hälfte der 80er stisches Vorgehen hätte dialogische Texte
Jahre. Während weiter greifende Ansätze oft ausgegrenzt. Den Ausweg sah er in einem
mehr oder weniger programmatisch blieben (neuen) dynamischen Modell, das sich auf die
und allenfalls einzelne Punkte stärker entwik- kognitiven Wissenschaften stützt und die in
kelten, sind einige der handlungstheoreti- den Prozessen der Textproduktion und -re-
schen Ansätze detailreicher ausgearbeitet zeption Anwendung findenden verschieden-
worden. Ihre Schwächen liegen eher in der artigen Kenntnissysteme untersucht. Mir er-
ungenügenden Verbindbarkeit mit anderen scheint die kritische Prämisse nicht ganz
9. Kommunikationsorientierte und handlungstheoretisch ausgerichtete Ansätze 95

zutreffend. Zu bedenken ist auch, dass sich Gülich, Elisabeth/Kotschi, Thomas (1987): Refor-
Forschungsinteressen und -bedingungen ver- mulierungshandlungen als Mittel der Textkonstitu-
ändert haben. Große Theorie-Entwürfe und tion. Untersuchungen zu französischen Texten aus
grundlagentheoretische Diskussionen stehen mündlicher Kommunikation. In: Motsch, Wolf-
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heute offenbar weniger hoch im Kurs. Dies lin, 199⫺268.
zu bewerten setzte allerdings eine weitere Per-
spektive als die hier eingenommene voraus. Gülich, Elisabeth/Meyer-Hermann, Reinhard (1983):
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10. Die kognitive Wende in der Textlinguistik

1. Kognitive Textlinguistik ⫺ die in einem interdisziplinären Verbund


2. Vorgeschichte mit anderen kognitiven Disziplinen steht,
3. Textverstehen ⫺ die sich informatische Konzeptionen zu ei-
4. Textproduktion gen gemacht hat,
5. Geschichten-Grammatiken
6. Neurolinguistik darf als eine voll ausgeprägte kognitive Text-
7. Perspektiven linguistik gelten. Die Herausbildung einer sol-
8. Literatur (in Auswahl) chen kognitiven Textlinguistik hat um 1970
begonnen, ist aber noch nicht zu einem end-
1. Kognitive Textlinguistik gültigen Abschluss gekommen. Die Frage,
die den Beginn ihrer Geschichte markiert,
Eine Wissenschaft von der Sprache, war die nach den mentalen Strukturen, die
⫺ für die Texte die eigentlichen sprachlichen Texten zugrunde liegen.
Zeichen sind,
⫺ die Texte in einem Zusammenhang mit 2. Vorgeschichte
Wissen, Denken, Gedächtnis und darüber
hinaus mit Wahrnehmung behandelt, 2.1. Textlinguistik
⫺ deren Gegenstände die Prozesse des Verste- und kognitive Psychologie
hens und des Produzierens von Texten sind, Eine der beiden wesentlichen Voraussetzun-
⫺ die diese Prozesse als Prozesse der Infor- gen einer kognitiv orientierten Untersuchung
mationsverarbeitung betrachtet, von Texten war, dass Texte überhaupt als lin-
10. Die kognitive Wende in der Textlinguistik 97

guistische Objekte in den Blick genommen strukturen als Folgen von Funktionen, die
wurden. Sieht man nun einmal von Harris von Aktanten wahrgenommen werden (J
(1952) ab, dessen distributionalistisch-textlin- Art. 5).
guistischer Ansatz zwar häufiger zitiert, aber
kaum je rezipiert wurde (s. Kalverkämper 2.2.2. Schema-Konzeptionen
1981, 9 f), dann lässt sich die Mitte der sech- In der Psychologie waren Texte als Materia-
ziger Jahre als der Zeitabschnitt bestimmen, lien für Untersuchungen über Lern- und Be-
zu dem die Linguistik ihr Augenmerk nach- haltensleistungen genutzt worden. Einfluss-
haltig auf den Text zu richten begann (s. Kal- reich war vor allem Bartlett, der für ganzheit-
verkämper 1981, 14⫺18), vornehmlich in liche mentale Konstrukte, die das Erinnern,
strukturalistischer Perspektive (J Art. 3). auch das Erinnern textlicher Gehalte, steu-
Der damalige Münsteraner Linguist Peter ern, den Begriff „Schema“ von dem Neurolo-
Hartmann hat diese Wende mit seiner Rede gen Henry Head übernommen und präzisiert
von den Texten als den primären oder den hatte (1932, insbesondere 197⫺214; zu einer
originären sprachlichen Zeichen, in denen Reihe von Untersuchungen, die sich mehr
Sätze oder Wörter nur als Teilzeichen erschei- oder weniger dieser Richtung zuordnen las-
nen, auf eine Formel gebracht (1968a, 213, sen s. van Dijk/Kintsch 1978, 61⫺65). Einen
215, 220; 1968b, 100; 1971, 10⫺12). Die an- ähnlichen Einfluss hatten 30 Jahre später
dere wesentliche Voraussetzung waren die Miller/Galanter/Pribram (1960, insbesondere
kognitive Wende, die die Psychologie in dem- 16⫺19) mit ihrer prozeduralen Konzeption
selben Zeitraum vollzogen hat, insbesondere des Plans und ihrer repräsentationalen Kon-
durch die Konzeption kognitiver Prozesse zeption des Bildes (image). Die Bartlettsche
und kognitiver Strukturen, die aus kogniti- Schema-Konzeption hat seit Ende der sechzi-
ven Prozessen hervorgehen (Neisser 1967), ger Jahre auch auf Konzeptionen der Wis-
und die Definition von kognitiven Vorgängen sensrepräsentation in der Künstlichen Intelli-
als Prozessen der Informationsverarbeitung genz eingewirkt (Minsky 1975, 213). Beson-
(Lachman/Lachman/Butterfield 1979). ders wichtig waren Konzeptionen von Reprä-
sentationen, die sowohl bei der Verarbeitung
2.2. Textliche Tiefenstrukturen der Wahrnehmung stereotyper Situationen
Die Frage nach Strukturen, die Texten zu- als auch beim Verstehen entsprechender
grunde liegen, ist auch schon zu früheren Zei- Texte aktiviert werden (vgl. Metzing 1980).
ten von verschiedenen Disziplinen gestellt Solche Strukturen wurden scripts (Schank
worden. Die beginnende kognitive Textlin- 1972; Schank/Abelson 1977) oder frames
(Minsky 1975; Charniak 1976) genannt. Bei-
guistik hat sich mit diesen Traditionen aus-
spiele sind der Minskysche Kindergeburts-
einandergesetzt und auch von ihnen beein-
tagsfeier-Frame und das Schanksche Restau-
flussen lassen.
rantbesuch-Script.
2.2.1. Rhetorik und Literaturwissenschaft 2.2.3. Psychologische Semantik
Die in der Antike begründete Tradition der Dass Sprache dem Ausdruck von Gedanken
Rhetorik sah in der Produktion bestimmter dient, ist ein sprachphilosophischer, rhetori-
Arten von Texten, nämlich von Reden, einen scher und grammatikographischer Topos, der
Ausdruck von Gedanken (elocutio), die zuvor sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt
im Gedächtnis zu aktivieren (inventio) und in (vgl. Figge 1994). Als psychologische Seman-
einen strukturierten Zusammenhang (disposi- tik (vgl. Hörmann 1976; Le Ny 1979) lässt
tio) zu bringen waren (Lausberg 1967, sich ein Forschungsansatz bezeichnen, der
24⫺27, 42; J Art. 1). Die Literaturwissen- diesen Topos zu einem Programm erhebt, in-
schaft hat es schon immer als eine ihrer Auf- dem er explizit die Beziehungen zwischen
gaben angesehen, die Bedeutungsstrukturen sprachlichen Zeichen und Gedächtnisstruk-
von Texten zu erschließen. Eine stärkere Sys- turen zum Gegenstand seiner Analysen
tematisierung hat diese Analyse durch den macht. Bei diesen sprachlichen Zeichen han-
osteuropäischen Formalismus erfahren, be- delte es sich zunächst um den Wortschatz
sonders nachhaltig durch Propps (1928) und dessen mentale Entsprechung, das „se-
funktionale Märchen-Analyse (s. Erlich 1969, mantische Gedächtnis“. Der Begriff des se-
249⫺251). In Auseinandersetzung mit Propp, mantischen Gedächtnisses geht auf Quillian
aber auch an dependenzgrammatische For- (1967; 1968) zurück, der versucht hatte,
malismen (Tesnière 1959) angelehnt, be- durch computergestützte Analyse eines engli-
stimmte Greimas (1966) narrative Tiefen- schen Wörterbuchs mentale Konzepte zu
98 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

identifizieren. Die Gedächtnisstrukturen, die nerativ-semantische Ansätze (vor allem wohl


in der Folge angenommen wurden, waren ei- Rohrer 1971), einen propositionalen Aufbau
nerseits Konzept-Hierarchien (Collins/Quillian aus Prädikaten in Form von szenenartig ge-
1969) und Konzept-Netze mit Aktivations- fassten Zuständen, Handlungen, Ereignissen
Ausbreitung (Collins/Loftus 1975), anderer- und aus Argumenten zu, die er in Anlehnung
seits Konzept-Merkmal-Strukturen (Smith/ an Tesnière (1959), Greimas (1966) und Fill-
Shoben/Rips 1974). Über die Ebenen der more (1968) als kasusartige Aktanten defi-
Wörter und der Konzepte gingen Anderson/ nierte (1972, 37; vgl. 2.2.1.).
Bower (1973) hinaus, indem sie Sätze und
3.2. Psychologische Ansätze
deren mnemische Grundlagen als Einheiten
psychologischer Semantik in den Blick nah- Seit Beginn der siebziger Jahre wurde eine
men. Die mnemischen Grundlagen von Sät- ganze Reihe psychologischer Experimente zu
zen definierten sie, in Gegenposition zum einzelnen Text-Aspekten durchgeführt, die
herrschenden Assoziationismus, als proposi- zeigten, dass Sätze in einem Kontext verstan-
tionale Strukturen, deren Terme Konzepte den werden, wobei als Kontext andere Sätze,
sind. Das semantische Gedächtnis (vgl. Smith Bilder oder Überschriften dargeboten wur-
1978) wurde von Tulving (1972) als Hort des den, dass die Reihenfolge, in der Sätze darge-
allgemeinen Wissens eines Individuums be- boten werden, deren Verständnis beeinflusst,
stimmt und gegen das episodische Gedächt- dass Satzfolgen besser behalten werden,
nis als Hort autobiographisch relevanten wenn sie rekurrente Phrasen enthalten; ins-
Wissens abgegrenzt. besondere wurde auch die Wirkung von Pro-
nomina, bestimmten Artikeln und Thema-
Rhema-Strukturen (given-new-Strukturen) un-
3. Textverstehen tersucht. Bock/Engelkamp (1978) berichteten
3.1. Linguistischer Ansatz eingehend über solche Experimente und
brachten sie mit einem Übergang von einer
In die junge textlinguistische Strömung (vgl. Psycholinguistik der Kompetenz, deren Do-
2.1.) reihte sich zu Anfang der siebziger Jahre mäne die Satzsyntax war, zu einer Sprachpsy-
der Amsterdamer Philologe Teun A. van Dijk chologie der Performanz, die notwendiger-
(1971; 1972) ein, der nicht nur mit den gene- weise „texttheoretisch orientiert“ (1978, 302)
rativ-linguistischen und ebenso mit den lite- sein musste, in Zusammenhang. Gleichzeitig
raturwissenschaftlichen Konzeptionen seiner gewann die Vorstellung an Raum, dass Tex-
Zeit gut vertraut, sondern auch interdiszipli- ten propositionale Strukturen zugrunde lie-
när auf die Psychologie ausgerichtet war. gen. Frederiksen (1975) nahm an, dass Wis-
Seine frühen Arbeiten setzten zwei wichtige sen, auch textlich gewonnenes oder auszu-
Meilensteine an den Weg zu einer kognitiven drückendes Wissen, im wesentlichen die
Textlinguistik. Zum einen führte er für text- Form eines semantischen Netzes aus Konzep-
liche Tiefenstrukturen den Begriff „Makro- ten (vgl. Simmons 1973) hat, dass jedoch be-
struktur“ ein, mit dem er globale, schemati- stimmte Beziehungen nicht als Beziehungen
sche kognitive Strukturen meinte, die er in zwischen Konzepten gefasst werden können,
die Nähe der kognitiven Strukturen Neissers sondern nur als Beziehungen zwischen Pro-
(1967) und der Pläne von Miller/Galanter/ positionen, so dass für ihn auch Propositio-
Pribram (1960) rückte (1972, 291; vgl. 2.1.). nen Netz-Elemente sein konnten. In Anleh-
Zu deren Annahme führten ihn psychologi- nung an Grimes (vgl. Grimes 1975) ging
sche Erwägungen, vor allem dass das Meyer (1975) bei ihren Untersuchungen über
menschliche Gedächtnis Texte nicht detail- den Einfluss bestimmter textstruktureller Ele-
liert zu speichern vermag, Menschen aber mente auf das Behalten von Texten von der
trotzdem in der Lage sind, rezipierte Texte Annahme aus, dass Texten eine hierarchische
wiederzugeben, zusammenzufassen oder zu „Inhaltsstruktur“ zugrunde liegt, die auf ih-
kommentieren. Die Bildung von Makro- ren oberen Ebenen aus Propositionen mit
strukturen betrachtete er als die Grundlage rhetorischen Prädikaten (z. B. Explanation
von Textrezeption und -produktion (1972, oder Setting time) und auf ihren unteren Ebe-
325), die er als regelgeleitete algorithmische nen aus Propositionen mit lexikalischen Prä-
Prozeduren auffasste (1972, 134 f). Zum an- dikaten und kasusartigen Argumentstruktu-
deren wies er den Makrostrukturen, aber ren besteht (23⫺56).
auch den detaillierten Strukturen, die Texten Besonders einflussreich war jedoch der
unmittelbar zugrunde liegen und die er amerikanische Sprach- und Gedächtnispsy-
Mikrostrukturen nannte, angeregt durch ge- chologe Walter Kintsch (1974). Er bestimmte
10. Die kognitive Wende in der Textlinguistik 99

Sprachpsychologie explizit als eine Unterdis- Dort wurden dann insbesondere prozedurale
ziplin der Kognitionspsychologie; er stellte Aspekte zur Geltung gebracht:
Sprache, insbesondere Textverarbeitung, in ⫺ Es wurden drei verschiedene, aber paral-
einen Zusammenhang mit Denken und Ge- lele und interagierende Prozesse angenom-
dächtnis und betrachtete mentale Strukturen men: Bildung von kohärenten Mikro-
als Ergebnisse mentaler Prozesse (1⫺3). Den strukturen aus Propositionen mit Konzep-
Topos von der Sprache als Mittel zum Aus- ten als Termen, Reduktion dieser Mikro-
druck von Gedanken (vgl. 2.2.3.) griff er auf strukturen zu kohärenten Makrostruktu-
und präzisierte ihn begrifflich dadurch, dass ren, Textproduktion auf der Basis der
er zwischen gedanklichen Textbasen einer- Makrostrukturen (363 f).
und Texten andererseits unterschied (5). Wis- ⫺ Der Verstehensprozesses wurde als zykli-
sen war für ihn propositional repräsentiert, sche Verarbeitung jeweils relativ kurzer
Denken eine Operation mit Propositionen Folgen von Propositionen eines Textes
aus (Wort-)Konzepten ⫺ eine Auffassung, die modelliert, in die das Kurzzeitgedächtnis
er ausdrücklich mit Anderson/Bower (1973) und kurzzeitgedächtnisabhängig unter-
und der psychologisch-semantischen Tradi- schiedliche Strategien einbezogen sind;
tion (vgl. Kintsch 1972 und 2.2.3.) und, auch Textverstehen geschieht „on-line“ (368⫺
in Details, mit van Dijk (1972) in Beziehung 370).
brachte (1974, 5, 9⫺35) und durch eine ganze ⫺ Es wurden Makroregeln formuliert, deren
Reihe von Argumenten abzusichern versuchte hierarchisch aufsteigende, zyklische An-
(1974, 45⫺102). Eine Textbasis (eine Mikro- wendung zur Bildung von Makrostruktu-
struktur in der Terminologie van Dijks) defi- ren als kondensierten Listen von Proposi-
nierte er als eine Liste von durch „und“ mit-
tionen führt, und zwar unter der Kon-
einander verknüpften Propositionen, die da-
trolle von (z. B. narrativen oder argumen-
durch eine hierarchische Struktur bekommt,
tativen) Schemata, die ihrerseits auf die
dass eine Proposition, in der sich ein Argu-
Verstehensziele der Textrezipienten zu-
ment einer voraufgehenden Proposition wie-
rückgehen; diese Regeln sind außer der
derholt und die insofern mit ihr in Kohärenz-
schon erwähnten Tilgungsregel eine Ver-
Beziehung steht, von ihr abhängig gemacht
allgemeinerungsregel, auf Grund deren
wird; er sah als gedächtnispsychologisch rele-
Folgen von Propositionen durch eine ge-
vant an, dass übergeordnete Propositionen
nerellere Proposition ersetzt werden kön-
besser behalten werden als abhängige (13⫺17).
nen, und eine Konstruktionsregel, die den
Globale Makrostrukturen entstehen nach sei-
Ersatz einer Folge von Propositionen
ner Auffassung durch rekursive Zusammen-
durch eine frameartige Proposition gestat-
fassung von Propositionen-Listen zu Listen
tet (372 f).
von Propositionen-Listen; er bestimmte also
eine Makrostruktur als ein hierarchisches Ge- Getestet wurde das Modell durch Experi-
bilde aus Listen von Propositionen (25⫺23), mente mit freier Wiedergabe und Zusammen-
bei dessen Bildung allerdings auch Tilgung fassung von Texten. Nach der Einschätzung
redundanter Propositionen und Inferenzen von Strohner „stellten Kintsch und van Dijk
eine Rolle spielen. Textverstehen definierte er das erste Prozessmodell der Textverarbeitung
als einen Abgleich („Assimilation“) zwischen vor und legten damit den Grundstein für ein
Textwissen und allgemeinem Wissen. Der ganzes Gebäude von theoretischen und empi-
Ansatz von Kintsch ist im Vergleich zu van rischen Studien, die sich an diesem Modell
Dijk (1972) kognitiv-psychologisch expliziter, orientierten“ (1988, 482). Nach Auffassung
macht deutlich detailliertere Annahmen über der Autoren selber fehlte es dem Modell je-
propositionale Textbasen und Makrostruktu- doch noch an einer Komponente, die den Zu-
ren und kann sich vor allem auf eine Reihe sammenhang zwischen Textverstehen und all-
von Experimenten stützen (103⫺242). Aller- gemeinem Weltwissen fasst (392 f, vgl. auch
dings: „The theory lacks a detailed processing die Kritik in Bock/Engelkamp 1979).
component“ (1972, 243). Diesem Manko halfen van Dijk/Kintsch
(1983) durch die Annahme eines Situations-
3.3. Interdisziplinärer Ansatz modells ab, für das sie sich vor allem auch
Es kam bald zu einer Zusammenarbeit zwi- auf Johnson-Lairds Konzeption mentaler
schen Kintsch und van Dijk (vgl. van Dijk Modelle beriefen (s. Johnson-Laird 1983).
1995). Erste Zeugnisse waren Kintsch/van Ein solches Modell wird als eine Art Schema
Dijk (1975), van Dijk/Kintsch (1978) und be- (vgl. 2.2.2.) im episodischen Gedächtnis (vgl.
sonders ausführlich Kintsch/van Dijk (1978). 2.3.3.) aufgebaut und repräsentiert die ge-
100 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

samten äußeren Umstände, auf die sich ein telligenz allerdings möglich, Textverstehen zu
Text bezieht; es greift aber auch auf ähnliche simulieren, und zwar weil es keine Algorith-
frühere Situationen und auch auf relevante men gibt, die ganze Texte nicht satzweise,
allgemeine Elemente des semantischen Ge- sondern als Texte grammatisch analysieren
dächtnisses zurück. Textverstehen ist in die- können. Kintsch und van Dijk haben das
ser Sicht nicht nur eine Erarbeitung kohären- Problem einer detaillierten grammatischen
ter Mikro- und Makrostrukturen, sondern Analyse von Texten freilich auch umgangen,
auch die Herstellung von Beziehungen zwi- und zwar durch die Entwicklung von Regeln
schen diesen Strukturen und einem Situa- zur Überführung von Texten in propositio-
tionsmodell, so dass nicht nur die Bedeutung, nale Strukturen durch die Experimentatoren
sondern auch die Bezeichnung, die Referenz selber.
des Textes bewusst wird (11 f, 336⫺346). Aus- Es seien hier drei Textproduktionssysteme
serdem haben van Dijk/Kintsch (1983) die skizziert, nämlich das von Davey (1978, auf
prozeduralen Aspekte des Textverstehens da- Arbeiten aus den Jahren 1970⫺1973 zurück-
durch konsequenter gefasst, dass sie das gehend, die explizit auf „using a computer to
Konzept der Verarbeitungs-Stragegie detail- model the brain and mental processes“ ge-
liert erörtern und illustrieren (61⫺107) und richtet waren, 1978, 6), das System TEXT
als Leit-Konzept ihres Modells verwenden. von McKeown (1985, auf Arbeiten seit 1980
Man wird sagen dürfen, dass sich mit diesem zurückgehend) und das System NAOS von
Modell eine prozessorientierte kognitive Lin- Novak (1987). Den drei Systemen liegt je-
guistik eines konstruktiven, wissensbasierten weils eine eingeschränkte Wissens-Domäne
Textverstehens voll etabliert hat. Eine detail- zugrunde. Bei dem System von Davey han-
lierte Darstellung kognitionspsychologischer delt es sich dabei um Züge in dem Spiel
Textverarbeitungs-Modelle und ein kritischer Noughts and Crosses“, bei TEXT um die
Vergleich solcher Modelle mit instruktionspsy- Struktur einer Datenbank der amerikani-
chologischen Ansätzen finden sich bei Christ- schen Kriegsmarine, bei NAOS um compute-
mann (1989, 35⫺135; auch J Art. 20; 25). risierte Aufnahmen von Verkehrsszenen an
einer bestimmten Hamburger Straßenkreu-
zung. Die drei Systeme geben den Rezipien-
4. Textproduktion
ten Informationen in Textform. Das von Da-
Die Modelle von Kintsch und von van Dijk vey kommentiert eine Serie von Spielzügen,
waren im wesentlichen Modelle des Textver- TEXT gibt Antworten auf Fragen nach der
stehens. Eher ansatzweise sind die beiden Struktur der Datenbank, NAOS schildert
Autoren auch auf Strategien der Textproduk- eine kurze Verkehrsszene. Dabei gehen das
tion eingegangen, speziell im Hinblick auf die System von Davey und NAOS von einem Re-
freie Wiedergabe und die Zusammenfassung zipientenmodell aus, durch das sie ein über-
von rezipierten Texten (Kintsch/van Dijk geordnetes Motiv gewinnen, nämlich ein-
1978, 374⫺376). Wesentliche Konzeptionen deutige, redundanzfreie Texte zu erzeugen.
auch dieser Ansätze waren die der textlichen NAOS geht überdies davon aus, dass die Re-
Makrostruktur in Form eines Produktions- zipienten die unveränderlichen Elemente der
Plans, die der Mikrostruktur oder Textbasis Szenen kennen und dass sie sich am Ende die
und die der Makroregeln zum Gewinn von Ereignisse einer Szene bildlich vorstellen kön-
Mikro- aus Makrostrukturen (van Dijk/ nen sollen. Ein entscheidendes Charakteristi-
Kintsch 1983, 261⫺301). Ein schwer zu be- kum der drei Systeme ist, dass sie nicht das
wältigendes Problem für die experimentelle sind, was Kintsch und van Dijk on-line nen-
Untersuchung von Textproduktion ist die nen, dass sie ihre Wissensbasis nicht zyklisch
kontrollierbare Vorgabe einer mentalen Struk- abarbeiten, sondern im wesentlichen zu-
tur als Ausgangsbasis. Demgegenüber war nächst eine Makrostruktur erstellen, die an-
nun die Künstliche Intelligenz insofern in ei- schließend vertextet wird. McKeown unter-
ner besseren Lage, als sie Wissensrepräsenta- scheidet dementsprechend zwischen einer
tionen entwerfen und implementieren konnte, „strategischen“ und einer „taktischen“ Kom-
um dann auf der Basis solcher Repräsentatio- ponente ihres Systems. Im einzelnen kennen
nen Algorithmen der Textproduktion zu kon- die Systeme allerdings zyklische Prozesse.
struieren und zu implementieren. Simulation Das System von Davey bildet ein Rezipien-
von Textproduktion gibt es seit Beginn der tenmodell, das es im Laufe der Produktion
siebziger Jahre. Weder zu dieser Zeit (s. Waltz eines Textes aktualisiert. TEXT modelliert ei-
1982) noch später war es der Künstlichen In- nen Aufmerksamkeits-Fokus, der sich auf
10. Die kognitive Wende in der Textlinguistik 101

den jeweils bereits produzierten Textteil rich- Rumelhart gab auch eine semantische Inter-
tet und die Auswahl von Alternativen bei der pretation seiner generativen Regeln, durch
Produktion folgender Textteile steuert. In die Beziehung zwischen den Elementen von
dem System von Davey ist die Wissensgrund- Geschichten, vor allem kausale Beziehungen,
lage (eine Liste von Spielzügen) identisch mit aber auch temporale Beziehungen und die
der textlichen Makrostruktur. Sie steuert sel- und-Beziehung, gefasst wurden. Außerdem
ber die textlinguistisch relevanten Prozesse hat er Zusammenfassungs-Regeln formuliert,
der Grammatik, nämlich die Sequenzierung die auf diesen Beziehungen operieren und de-
und Koordination oder Subordination der ren Ergebnisse zur Bildung von Sätzen mit
Sätze, die Einfügung von Konnektoren, die kausativen Verben oder von subordinativen
Einfügung bestimmter Artikel und die Pro- Satzgefügen führen. Diese Regeln hat er in
nominalisierung mit Hilfe von one, other, einem einfachen Experiment überprüft. In
same. TEXT unterscheidet dagegen zwischen dieser Tradition haben Thorndyke (1977) und
der zielgerechten Auswahl von Wissen aus Mandler/Johnson (1977) generative Geschich-
der Datenbank und der Auswahl eines rheto- ten-Grammatiken mit jeweils anderen Regeln
rischen Schemas (vgl. die rhetorischen Struk- entworfen und unter der Annahme experi-
turen von Mann/Thompson 1988), einer Slot- mentell überprüft, dass solche Regelsysteme
Struktur, die mit „rhetorischen Prädikaten“ das Verstehen, das Erinnern und das Zusam-
(z. B. identification, attributive, constituency, menfassen von Erzählungen steuern. Mand-
compare, contrast) gefüllt wird. NAOS unter- ler/Johnson nahmen außer Ersetzungs- auch
scheidet entsprechend zwischen der Ereignis- noch Transformationsregeln an, und zwar
Sequenz einer Szene und einer Folge von Er- Tilgungs- und Permutationsregeln. Throndyke
eignis-Modellen, die die Ereignisse „erken- zeigte durch Experimente mit zwei unter-
nen“ und die eine Referenz-Semantik für Be- schiedlich strukturierten Erzählungen und
wegungsverben definieren. NAOS zeichnet strukturellen Varianten dieser Erzählungen
sich dadurch aus, dass es räumliche und (ex- vor allem, dass eine Erzählung bei redundan-
pliziter als das System von Davey) zeitliche ter Entfaltung ihrer Struktur besser verstan-
Strukturen verarbeiten kann, dass es seine den und behalten wird als bei stärkerer struk-
Texte in Absätze gliedert (deren Grenzen
tureller Verdichtung und dass Propositionen,
durch Subjektwechsel bestimmt sind), und
deren generative Ableitung relativ kurz ist,
vor allem dadurch, dass es an Strukturen an-
bei freier Wiedergabe und Zusammenfassung
knüpft, die durch die Simulation von Wahr-
mit höherer Wahrscheinlichkeit auftreten als
nehmung gewonnen wurden. Insbesondere
Propositionen mit relativ langem Ableitungs-
TEXT hat eine Tradition der Simulation von
Textproduktion in Computerlinguistik und weg. Mandler/Johnson experimentierten teil-
Künstlicher Intelligenz begründet, die sich bis weise mit einer Geschichte, die schon Bartlett
heute fortsetzt (J Art. 76). (1932) eingesetzt hatte, mit dem sie sich auch
intensiv auseinandersetzten. Sie zeigten vor
allem, dass bei der verzögerten Wiedergabe
5. Geschichten-Grammatiken einer Erzählung andere, vor allem stärker ka-
nonische Regeln angewandt werden können
5.1. Verstehen
als bei ihrer Rezeption und dass es einige
Unter Berufung auf Propp (1928) und in ei- Unterschiede zwischen den Geschichten-
nem Kontext der Künstlichen Intelligenz be- Grammatiken von Kindern und denen von
gründete Rumelhart (1975) eine Tradition der Erwachsenen gibt, Geschichten-Grammati-
Geschichten-Grammatiken (story grammars). ken sich also ontogenetisch entwickeln. Diese
Geschichten-Grammatiken sind generative Arbeiten haben eine kognitionspsychologi-
Systeme, deren Ersetzungsregeln die Hand- sche Wende in der Erzählforschung einge-
lungs-Struktur einfacher Erzählungen entfal- leitet. Zur weiteren Entwicklung und zur Kri-
ten, und zwar weitestgehend unabhängig von tik des Geschichten-Grammatik-Ansatzes vgl.
deren Inhalt. Sie lassen sich also als sehr all- Christmann (1989, 78⫺83) und auch Gülich/
gemeine Erzählungs-Schemata auffassen. Bei Hausendorf (J Art. 37). Ein Computer-
Rumelhart lauteten beispielsweise die ersten system, das das Verstehen von Erzählungen,
drei Regeln: insbesondere die Bildung kausaler Beziehun-
⫺ Story J Setting ⫹ Episode gen durch Verarbeitung von Erzählungstex-
⫺ Setting J (States)* ten, simuliert, schildert Sabah (1982; auf eine
⫺ Episode J Event ⫹ Reaction Dissertation von 1976 zurückgehend).
102 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

5.2. Produktion türlich auch unter anderen sprachlichen) Kri-


Ähnlich wie in der allgemeinen Textfor- terien untersucht. Es zeichnet sich jedoch ab,
schung waren auch in der Erzählforschung dass der Kortex der nicht-dominanten (also
die kognitiven Ansätze auf das Verstehen meist der rechten) Hemisphäre ebenfalls
ausgerichtet (vgl. die Arbeiten und die Biblio- sprachliche Funktionen hat und dass zu die-
graphien in van Dijk 1980), während die Pro- sen Funktionen insbesondere die Verarbei-
duktion erzählerischer Texte, wenn auch eher tung von Satzzusammenhängen, von inner-
nur ansatzweise und vorübergehend, zu ei- textlichen Beziehungen gehört (Gardner/
nem Untersuchungsgegenstand der Künstli- Brownell/Wapner u. a. 1983; Damasio 1992,
chen Intelligenz wurde. Das System TALE- 537). Diesem Befund scheint jedoch textneu-
SPIN (Meehan 1976), das eine relativ breite rolinguistisch noch nicht nachgegangen wor-
Beachtung gefunden hat, erzeugte in der den zu sein.
Weise Tierfabeln, dass es von einem Schema
ausging, das jeweils eine Fabel-Welt, insbe- 7. Perspektiven
sondere die Figuren, deren Eigenschaften
und Ziele, die sozialen Beziehungen zwischen Die kognitive Wende in der Textlinguistik hat
ihnen und kausale Beziehungen, repräsen- sich hier als eine unter dem Einfluss der Text-
tierte, und dieses Schema dann narrativ „aus- linguistik vollzogene Hinwendung der Sprach-
spann“ und versprachlichte. Diesem System und Gedächtnispsychologie zum Text, speziell
stellte Dehn (1981) ein System gegenüber, das auch zum narrativen Text, dargestellt, die
sie unter dem Namen AUTHOR zu entwi- von der Entwicklung textverarbeitender Sys-
ckeln im Begriffe war. Es enthielt nicht nur teme in der Künstlichen Intelligenz und der
narrative Schemata, sondern auch allge- Berücksichtigung textbezogener Symptome
meines Wissen über Ereignisse und Charak- in der Aphasiologie begleitet wurde. Das
tere, simulierte aber vor allem Erzähler-Ziele, kognitive Prinzip hat aber bisher nicht so in-
die sich während der Ausarbeitung des Sche- tegrierend gewirkt, dass es ein textwissen-
mas dynamisch entfalteten, etwa die Ziele, schaftliches Paradigma begründet hätte, dem
eine Geschichte plausibel zu machen, sie dra- sich die verschiedenen beteiligten Disziplinen
matisch zu gestalten oder mit deskriptiven hätten anschliessen können. Insbesondere die
Details zu versehen, vor allem das Ziel einer Literaturwissenschaft ist von der kognitiven
kreativen Gestaltung. Insofern lässt sich das Wende in der Textlinguistik ziemlich unbe-
System als teilweise on-line charakterisieren. rührt geblieben. Peter Hartmann hat vor 30
Jahren mit seinem Slogan von den Texten als
den eigentlichen sprachlichen Zeichen zwei
6. Neurolinguistik Merkmale hervorgehoben, die ein umfassen-
deres Paradigma auf jeden Fall kennzeichnen
Textbezogene Experimente mit Aphasikern müssen, nämlich dass Linguistik grundsätz-
wurden seit den frühen siebziger Jahren ge- lich in textlicher Perspektive zu betreiben ist
macht (vgl. den Überblick in Kotten 1989). und dass sie sich den empirisch vorfindlichen
Diese Experimente zielten weitestgehend auf Texten zuzuwenden hat.
eine Differenzierung verschiedener Arten von
Aphasie, im wesentlichen ohne Erfolg. Die
grundlegenden Ergebnisse sind schon relativ 8. Literatur (in Auswahl)
früh erzielt worden: Aphasien bewirken keine
Anderson, John R./Bower, Gordon H. (1973): Hu-
einschneidende Beeinträchtigung des Textver-
man associative memory. Washington, DC.
stehens (vgl. etwa Stachowiak/Huber/Poeck
u. a. 1977); bei der Textwiedergabe können Bartlett, Frederic C. (1932): Remembering. A study
jedoch Auslassungen wichtiger Informatio- in experimental and social psychology. Cambridge.
nen vorkommen (vgl. etwa Engel 1977); Bock, Michael/Engelkamp, Johannes (1978): Text-
Aphasiker haben Probleme beim Gebrauch strukturen aus sprachpsychologischer Sicht. Teil I:
von Pronomina und Konjunktionen (vgl. Satz, Satzkontext, Text. In: Folia Linguistica 12,
etwa Gleason/Goodglass/Obler u. a. 1980). 301⫺318.
Aphasien entstehen durch Verletzungen des ⫺ (1979): Textstrukturen aus sprachpsychologi-
Kortex der dominanten (meist der linken) scher Sicht. Teil II: Textmodelle. In: Folia Lingui-
Hirn-Hemisphäre. Daher wurden vorwiegend stica 13, 125⫺144.
auch nur Patienten mit Störungen der domi- Charniak, Eugene (1976): Inference and know-
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10. Die kognitive Wende in der Textlinguistik 103

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11. Ansätze zur Erforschung der Textproduktion 105

11. Ansätze zur Erforschung der Textproduktion

1. Einführender Überblick ist Problemlösen’ (Molitor-Lübbert 1996 und


2. Terminologisches J Art. 44).
3. Relevanz der TPF 3. Sozio-kognitives Paradigma (Nystrand;
4. Paradigmen Flower; dominant ab 1990): Textproduzieren
5. Schreibforschung in Deutschland
6. Literatur (in Auswahl)
ist sprachliches, kommunikatives und sozio-
kulturelles Handeln im Kontext von Diskurs-
gemeinschaften.
1. Einführender Überblick Das Verhältnis der drei Paradigmen läßt
sich als eine erweiternde Transformation von
Die Textproduktionsforschung (TPF) hat Fragestellungen, Gegenstandsbereichen und
durch die in den USA seit den 70er Jahren Methoden verstehen: Standen als Gegen-
betriebene Schreibforschung (SF) starke Im- standsbereich z. B. anfangs die Schreibpro-
pulse erhalten, so daß beides vielfach gleich- dukte im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit,
gesetzt wird (vgl. 2). Ohne die Rolle der SF so stellten die beiden folgenden Paradigmen
zu schmälern, soll im folgenden gezeigt wer- Schreibprozesse in den Mittelpunkt der Ana-
den, daß sich die TPF ⫺ insbesondere in den lysen.
90er Jahren ⫺ von der SF zu lösen beginnt, Mit dem dritten Paradigma löst sich die
nicht zuletzt durch die Einbeziehung der Schreibforschung allmählich aus dem schuli-
Mündlichkeit und neuer technischer Medien schen/universitären Umfeld und wird zu einer
einerseits und z. T. durch neue Fragestellungen eigenständigen Forschungsrichtung, die mitt-
und Anwendungsgebiete (Textproduktion in lerweile auch Aspekte des Schreibens im pri-
Institutionen und Berufen) andererseits. vaten (Barton/Ivanic 1991) und beruflichen
Als Ausgangspunkt der Schreibforschung Bereich (Odell/Goswami 1985; Häcki-Buho-
in den USA wird die Mitte der 70er Jahre fer 1985; Spilka 1993; Pogner 1998) erforscht.
in der Bildungspolitik und den Medien heftig Hier stehen fachsprachliche, institutionsspe-
diskutierte literacy crisis genannt. Hinter- zifische und interkulturell-fremdsprachliche
grund war die Diagnose vermeintlich man- Fragestellungen im Vordergrund der Diskus-
gelnder Schreib- (und Lese-)fertigkeiten bei sion.
vielen Schülern und Studierenden (kritisch Seit Mitte der 90er Jahre kommt ein ver-
dazu für den deutschsprachigen Raum: Nuss- stärktes Interesse an Problemen und Chan-
baumer 1991; Sieber 1994). Auf dem Hinter- cen einer electronic literacy hinzu (Knorr/Ja-
grund dieses gesellschafts- bzw. bildungspo- kobs 1997, 2): Stichworte hierfür sind Hyper-
litischen Problems setzte eine primär päd- text, Informationsmanagement, Erweiterung
agogisch und didaktisch orientierte Erfor- und Auflösung von Schreib- und Genrekon-
schung der entwicklungsspezifischen, kogni- ventionen (Knorr 1998; Jakobs/Knorr/Pog-
tiven und sprachlich-rhetorischen Bedingun- ner 1999).
gen des Schreibens (composition studies) ein. Auch wenn die englischsprachige Schreib-
Trotz unterschiedlicher Ausgangslagen (z. B. forschung die Entwicklung der TPF nachhal-
Nordamerika gegenüber Europa), Eigenent- tig bestimmt hat, sind spezifische mitteleuro-
wicklungen (Dominanz der Textlinguistik in päische Strömungen nicht zu übersehen (An-
Europa) und spezifischer Rezeptionstraditio- tos 1989; Boscolo 1989; Cmejrková/Daneš/
nen sowie z. T. sehr heterogener Ansätze las- Havlová 1994; Eigler/Jechle 1993; Bergh/Rij-
sen sich drei Paradigmen der SF unterschei- laarsdam 1995).
den, die zugleich drei Stadien der TPF reprä-
sentieren:
1. Didaktisches Paradigma (dominant bis 2. Terminologisches
1980): Erforschung der Entwicklung der
Schreibfähigkeiten im Hinblick auf Konzepte Die TPF kann als Schnittpunkt von Interes-
zur Förderung und „Verbesserung“ des Schrei- sen und Ansätzen verschiedener Disziplinen
bens (Feilke 1996; Eigler 1996). auf dem Wege zu einem interdisziplinären Ar-
2. Kognitives Paradigma (dominant ab beitsgebiet aufgefaßt werden. Es handelt sich
1980): Zentrale Thesen: ‘Schreibunterschiede vor allem um Rhetorik, Stilistik, Erziehungs-
beruhen auf unterschiedlichen Formen der wissenschaften, Didaktik, Psychologie, (Text-)
Informationsverarbeitung’ und: ‘Formulieren Linguistik, Konversationsanalyse, Überset-
106 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

zungs- und Medienwissenschaften, Literatur- gen Verfassens von Texten in Berufen (z. B.
wissenschaften, z. B. „critique génétique“. in der Presse, der Administration, der Wirt-
Entsprechend heterogen sind Bezeichnungen, schaft, der Politik, vgl. Gemert/Woudstra
Konzepte und Ziele (Antos 1996). 1997) oder in der Ausbildung („Schreibla-
Zunächst einige terminologische Erläute- bors“) eine wichtigere Rolle (zum „kommu-
rungen: Der Begriff der Textproduktion (TP) nikativen Schreiben“, vgl. Jechle 1992).
(de Beaugrande 1984; Antos/Krings 1989; ⫺ Daß Schreiben und TP nicht mehr
Krings/Antos 1992) ist systematisch von dem gleichgesetzt werden können, zeigt sich ferner
der Sprachproduktion abzugrenzen, sofern er an den vielfältigen Formen der technologisch
explizit oder implizit auf die Erzeugung pho- basierten TP: Zum einen wächst der Einfluß
netischer oder grammatisch korrekter Wör- der visuellen Textgestaltung mit Hilfe von
ter, Phrasen oder Sätze gerichtet ist (Blanken/ Diagrammen, Bildern etc. (Jakobs 1997a),
Dittmann/Wallesch 1988). Allerdings gibt es insbesondere in vielen Fachtexten und im
unter diesem Begriff auch Ansätze, die die Informationsmanagement (Knorr 1998). Mit
Satzgrenze überschreiten (Hermann/Hoppe- der Berücksichtigung von elektronischen In-
Graff 1989; Herrmann/Grabowski 1994; Gra- formations- und Wissensspeichern erscheinen
bowski 1995) und der TPF zugerechnet wer- ferner fachsprachliche TP-Prozesse zuneh-
den können. Als (weiteres) Kriterium für den mend als eine Folge von Rezeptions-, Pro-
Unterschied zwischen Sprachproduktions- duktions- und Re-Produktionsprozessen (Ja-
forschung im engeren Sinne und einer TPF kobs 1995, 2). Gerade im Hinblick auf die
wird genannt: Viele mündlich-rhetorische Nutzung neuer Medien wird der Begriff des
und schriftliche Texte erfordern ein über die Schreibens zusätzlich überdehnt: So kann
Realisierung der linguistischen Kompetenz z. B. Krings (1998) am Nachredigieren von
(⫽ Sprachproduktion) hinausgehendes (prag- Maschinen-Übersetzungen zeigen, wie der
matisches, technisches etc.) Wissen. Die Be- Textproduktionsprozeß durch die Vorgabe ei-
rücksichtigung und Integration der beim ner maschinellen Übersetzung entlastet wer-
Textproduzieren erforderlichen verschiede- den kann.
nen Wissensbereiche führte zur Auffassung, ⫺ Schließlich hat sich der Terminus TP in
daß Formulieren als problemlösendes Han- den 90er Jahren ⫺ häufig sogar als Titelbe-
deln zu modellieren sei (Molitor-Lübbert griff ⫺ in Aufsätzen und einer ganzen Reihe
1989; 1996). von Büchern durchgesetzt (Eigler et al. 1990;
Gegen eine generelle terminologische Winter 1992; Günther 1993; Rothkegel 1993;
Gleichsetzung von Schreib- und Textproduk- Rau 1994; Speck 1995; Wrobel 1995; Jakobs/
tionsforschung werden vor allem in den 90er Knorr/Molitor-Lübbert 1995; Knorr/Jakobs
Jahren folgende Gründe geltend gemacht: 1997; Becker-Mrotzek 1997; Stutterheim 1997;
⫺ Neben konnotativen Verengungen ist Knorr 1998; Jakobs/Knorr/Pogner 1999).
Schreiben (z. B. im Hinblick auf Schriftlich-
keit) selbst in hohem Maße explikationsbe-
dürftig (Ludwig 1983). 3. Relevanz der TPF
⫺ Bedingungen, Kontexte, Resultate und
Rezeption mündlicher und schriftlicher TP Wie schon am Anfang der klassischen Rheto-
unterscheiden sich deutlich. Außerdem gibt rik war und ist das Interesse an der TP weit-
es einen eigenen Schwerpunkt der Erfor- gehend praktisch motiviert:
schung mündlicher TP (Möhle/Raupach ⫺ TP ist neben den visuellen und mathe-
1989; Speck 1995; Stutterheim 1997; J Art. matischen Repräsentationen die wichtigste
52). Verarbeitungs- und Manifestationsform für
⫺ Das Zusammenspiel von mündlicher die Auffindung, Aneignung, Darstellung,
und schriftlicher TP muß mit einem übergrei- Weitergabe und Speicherung von Wissen (An-
fenden Begriff (wie z. B. Formulieren, Antos tos 1997; Jakobs 1999).
1982) bezeichnet werden (Antos 1992; Dau- ⫺ In den globalen Informationsgesell-
sendschön-Gay et al. 1992; Gülich 1994). schaften „vermehrt“ sich Wissen explosions-
Entsprechendes gilt für die Einbeziehung von artig. Entsprechendes gilt für die Produktion
mündlichen Planungs- und Evaluierungsdis- und Reproduktion von Texten (u. a. als Wis-
kursen beim beruflichen Schreiben (Pogner senstransfer, Niederhauser 1997; Knorr 1998).
1997; 1998). ⫺ Aufgrund ökonomischer Entwicklungs-
⫺ In zunehmendem Maße spielen koope- prozesse (z. B. Service) und der zunehmenden
rative oder kollektive Formen des arbeitsteili- technischen Vernetzung (PC, Internet, E-
11. Ansätze zur Erforschung der Textproduktion 107

Mail) wächst das Bedürfnis, aber auch der seine Stadien) für das sprachliche Produkt
Zwang zur schnellen und vermehrten Kom- (z. B. in entwicklungsspezifischer Hinsicht)?
munikation. Mit Hilfe introspektiver Datenerhebungsme-
⫺ Immer mehr Berufstätige sind gehalten, thoden (z. B. des „Lauten Denkens“, vgl.
Texte nicht nur zu rezipieren, sondern sie sel- Krings 1992) rücken die Schreibprozesse von
ber, z. T. eigenverantwortlich, in der Mutter- Schülern und Studierenden, aber auch die
oder einer Fremdsprache (mit) zu produzie- von sogenannten Schreibexperten, in den
ren. Mittelpunkt des Interesses. Aufgrund der Ba-
⫺ Damit wird Formulieren, insbesondere sis von Schreibprozeßdaten (Krings 1992)
Schreiben, zu einem gesellschaftlichen Pro- entstehen sehr bald textlinguistisch und psy-
blem (nicht nur in der Ausbildung). cholinguistisch basierte, parellel oder rekur-
⫺ Hinzu kommt in Zukunft das, was elec- siv konstruierte Modelle, die die kognitiven
tronic literacy (Knorr/Jakobs 1997) genannt Prozesse bei der TP zu beschreiben versuchen
werden kann. (Molitor-Lübbert 1996; J Art. 44).
Schreiben wird im kognitiven Paradigma
4. Paradigmen meist als kognitiver Problemlösungsprozeß
modelliert, der auch die „dialektische“ Klä-
Da bereits eine Reihe von entsprechenden rung der Ziele (z. B. Intentionen) mit umfas-
HSK-Artikeln vorliegen (Antos 1996; Eigler sen kann (Antos 1982). Dieser Prozeß zerfällt
1996; Feilke 1996; Molitor-Lübbert 1996; J wiederum in einzelne Teilprozesse wie Pla-
Art. 44), soll in dieser Darstellung der nen, Formulieren (Wrobel 1995), Revidieren
Schwerpunkt auf Ansätze der TPF in den (Rau 1994), die mehrschichtig, iterativ und
90er Jahre gelegt werden. Aus dieser Perspek- rekursiv durchlaufen werden. Die entstehen-
tive wird auch ein zusammenfassender Rück- den (Prä-)Texte schränken dann sukzessive
blick auf die Entwicklung der TPF versucht, die Möglichkeiten weiterer Optionen für die
wobei hier naturgemäß die Schreibforschung Schreiber ein. Die Prozeßforschung zeigt
im Vordergrund steht (vgl. Antos/Pogner u. a., daß Schreibnovizen und -experten Pla-
1995, an die sich die folgende Darstellung nung, Formulierung und Revision unter-
z. T. anlehnt): schiedlich handhaben (Wrobel 1995).
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Erfor-
4.1. Didaktisches Paradigma
schung des Zusammenhangs von Wissen und
Dieses Paradigma ist dadurch zu charakteri- Formulieren (Molitor-Lübbert 1989; Augst/
sieren, daß Schreib- und damit Textprodukte Faigel 1986; McCutchen 1986; Bereiter/Scar-
vor allem unter entwicklungspsychologischer damalia 1987; Eigler et al. 1990; Winter
Perspektive untersucht werden. Rhetorischen 1992). Konkret: Welche Rolle spielt das
und stilistischen Verfahren nicht unähnlich Schreiben beim Denken? In der second lan-
und teilweise auf sie Bezug nehmend, werden guage production-Forschung wird diese Frage
bestimmte Eigenschaften von Schreibproduk- auf die Rolle der Erstsprache erweitert: ‘Wel-
ten, insbesondere unter evaluativen Aspekten chen Einfluß hat die L1-Sprache auf das
und daraus ableitbaren didaktischen Verbes- Textproduzieren in L2?’ (Krings 1989; 1994;
serungen analysiert. Diese Textproduktfor- Kroll 1990; Wolff 1989).
schung steht unter der Fragestellung: Wie
geht Schreiben ⫺ verstanden als die Produk- 4.3. Sozio-kognitives Paradigma
tion von semantisch und syntaktisch richti-
4.3.1. Allgemein
gen sowie thematisch und inhaltlich kohären-
ten Texten (Feilke 1996; Eigler 1996) ⫺ vor Dieser in den 90er Jahren dominierende An-
sich? satz (Nystrand 1989; Flower 1989; 1994) löst
sich von der Vorstellung eines „solipsisti-
4.2. Das kognitive Paradigma schen Schreibers“ im Sinne des kognitiven
Die in der traditionellen, der „präskriptiven“ Paradigmas. Nicht mehr allein die kognitiven
Schreibdidaktik vorherrschende Frage, wie Prozesse des Schreibers stehen im Vorder-
Texte als Endprodukte der Bemühungen von grund der Modellierung: Das Interesse gilt
Schreibern aussehen sollen, wird Ende der nun den kulturellen, sozialen, fach-, berufs-
70er Jahre abgelöst vom Interesse an den oder institutionsbedingten und medialen Rah-
Vorgängen, die während der Schreibprozesse menbedingungen des Schreibens und den dar-
ablaufen. Die zentrale Fragestellung: Welche aus resultierenden interaktionellen, sprachli-
Rolle spielt der Produktionsprozeß (und chen, rhetorischen und stilistischen Konven-
108 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

tionen und Erwartungen. Damit läßt sich schaft, Technik und Wissenschaft eingebettet
die zentrale Aussage des Paradigmas als in eine Kette von z. T. arbeitsteiligen mündli-
„Textproduzieren ist soziokulturelles, kogni- chen, schriftlichen und nicht-sprachlichen
tives und sprachliches Handeln im Kontext Prozessen. Damit bekommt das Formulieren
von Diskursgemeinschaften“ zusammenfassen. auch einen anderen Stellenwert als im Ausbil-
Schreibprozesse können danach als spezifi- dungssektor: Die Fähigkeit, Texte präzise,
sche Interaktionen zwischen soziokulturellen, adäquat, adressatenspezifisch oder justiziabel
gruppenspezifischen und sprachlichen Kon- zu verfassen, kann Auswirkungen auf die
texten, Konventionen und Erwartungen einer- technische, administrative etc. Umsetzung
seits und Kognitionen individueller Schreiber von Textinhalten haben oder zu neuen For-
andererseits verstanden werden. men der (z. B. betrieblichen) Kommunikation
Dieser Forschungsansatz betont zum ei- führen (Gemert/Woudstra 1997; Perrin 1997;
nen den Einfluß unterschiedlicher Vorstellun- Niederhauser 1997; Pogner 1998; Krings
gen von und Erfahrungen mit dem Schreiben 1998; Göpferich 1998).
aufgrund sozialer und kultureller Herkunft
(Adamzik/Antos/Jakobs 1997; Göpferich 1998;
Antos/Pogner 1999). Auf dem Gebiet des wis- 5. Schreibforschung in Deutschland
senschaftlichen, technischen und beruflichen
Schreibens operiert das Paradigma zum an- 5.1. Rezeption des kognitiven Paradigmas
deren theoretisch und terminologisch auf Schreibentwicklung und Didaktik: Ludwig,
dem Konzept von „Schreib- bzw. Diskurs- Baurmann und die Siegener Gruppe um
gemeinschaften“. Soziale Netzwerke, Institu- Augst und Feilke haben wesentlichen Anteil
tionen, Schreib- oder Diskursgemeinschaften, an der Etablierung der SF in der Linguistik
aber auch neue Medien (Hess-Lüttich 1997; und Didaktik (Baurmann 1992; Baurmann/
Jakobs/Knorr/Pogner 1999) bestimmen, was, Weingarten 1995; Feilke/Portmann 1995). Ter-
wann, wie und wo geschrieben werden kann minologische (Ludwig 1983) und methodi-
und darf. sche Arbeiten (Baurmann 1989) werden er-
Die kognitive Entwicklung des Individu- gänzt um theoretisch motivierte empirische
ums vollzieht sich gemäß dieser Sicht als fort- Analysen (etwa über die Schreibentwicklung
laufende Sozialisation in verschiedenen Dis- bei argumentativen Texten, vgl. Augst/Faigel
kursgemeinschaften (zu Hause, in der Schule, 1986; Feilke 1988).
am Arbeitsplatz, innerhalb einer Wissen- Textproduktion und Wissen: Dieser Ar-
schaftsdisziplin), da nur hier die jeweils ak- beitsschwerpunkt steht im Zentrum der Ar-
zeptierte Art und Weise zu denken, zu spre- beiten der Freiburger Gruppe um Eigler und
chen und zu schreiben erlernt wird (Berken- seine Mitarbeiter (u. a. Jechle, Winter). Da-
kotter et al. 1989). Neben dieser eindirektio- neben hat diese Gruppe ⫺ zusammen mit
nalen Abhängigkeit wird auch die interak- Molitor-Lübbert ⫺ die Rezeption des kogni-
tive Beziehung zwischen Diskursgemeinschaft tiven Paradigmas im Kontext der cognitive
und Individuum herausgestellt. Bei der inter- sciences vorangetrieben (Eigler et al. 1990;
aktionistischen Sicht befinden sich Schreiber Winter 1992; Eigler 1996; Molitor-Lübbert
und Leser in einer reziproken Beziehung, die 1989; 1996).
konstitutiv ist für Inhalt und Form der zu Empirische Arbeiten zum Formulierungs-
schreibenden Texte. Die Kunst des Schrei- prozeß: Die empirische Analyse von Pla-
bens guter Texte besteht vor allem darin, das nungs-, Formulierungs- und Revisionsprozes-
richtige Verhältnis zwischen dem zu finden, sen bei Wegbeschreibungen, Geschäftsbriefen
was als bekannt vorausgesetzt werden kann, und Zusammenfassungen stehen im Mittel-
und dem, was explizit ausgeführt werden punkt der Arbeiten des Marburger Projekts
muß (Nystrand 1986; 1989; Pogner 1998). um Keseling (1993), Rau (1994) und Wrobel
1995).
4.3.2. Textproduktion im Beruf Schreiben in der Fremdsprache: Im Zen-
Neuere, vor allem ethnographisch und sozio- trum dieser Rezeption steht die Frage, worin
linguistisch ausgerichtete Studien bemühen sich Schreibprozesse in einer Fremd- oder
sich um die Erforschung des außerschu- Zielsprache (L2) von denen in der Mutter-
lischen Schreibens (Odell/Goswami 1985; sprache (L1) unterscheiden und inwieweit ein
Häcki-Buhofer 1985; Spilka 1993; Flower/ Transfer von L1-Scheibfähigkeiten möglich
Ackermann 1994). Anders als im Ausbil- ist (Krings 1989; 1994; Börner 1992; Wolff
dungssektor ist TP in Verwaltung, in Wirt- 1989).
11. Ansätze zur Erforschung der Textproduktion 109

5.2. Ansätze und Rezeption des sozio- diese Gruppe ist neben einer umfangreichen
kognitiven Paradigmas (kritischen) Rezeption der einschlägigen For-
Formulieren als Problemlösen und Handeln: schung eine bewußt fachüberschreitende Ver-
Ausgehend von Antos (1982) wird das Zu- bindung von Schreibforschung, Textlingui-
sammenspiel von mündlichen und schriftli- stik und Didaktik.
chen Formulierungsprozessen einerseits im Schreiben als Systemregulation: Die Mann-
Hinblick auf eine kognitiv basierte Hand- heimer Gruppe um Herrmann und Grabowski
lungstheorie des Formulierens untersucht. hat einen eigenständigen psychologisch fun-
Andererseits wird in Gülich/Kotschi (1987) dierten Ansatz vorgelegt, der auch Einfluß
dieser Ansatz z. B. für „Reformulierungen“ auf die Heidelberger Gruppe um Speck und
in mündlicher Kommunikation aufgegriffen Stutterheim hat. Im Zentrum dieses sog.
und auf die Analyse von Formen „konversa- Quaestio-Ansatzes steht die Modellierung der
tioneller Schreibinteraktionen“ erweitert und TP dergestalt, daß sich der Text einem Pro-
präzisiert (Dausendschön-Gray et al. 1992; zeß verdankt, der als eine inhaltliche wie
Gülich 1994). strukturelle Antwort auf eine Textfrage, die
Schreibentwicklung und Textproduktion: sog. Quaestio, aufgefaßt werden kann.
Anknüpfend an den funktional-pragmati- Kreatives Schreiben und écriture automati-
schen Ansatz (Ehlich) wird in Becker-Mrot- que: Mit der Rezeption des kreativen Schrei-
zek (1997) am Beispiel des Schreibens von bens rückt in der Mutter- wie Fremdspra-
Bedienungsanleitungen die Schreibentwick- chendidaktik die freie Textproduktion immer
lung von Schülern analysiert. mehr in das Blickfeld. Sie dient der indivi-
Textproduktion in der Berufs- und Arbeits- duellen Selbstfindung, manchmal der Selbst-
welt: Pogner (1998) beschreibt die arbeitstei- therapie (Scheidt 1990), wird aber auch
lige Produktion fremdsprachlicher Texte von beim Fremdsprachenlernen (Hornung 1997)
Ingenieuren und Technikern bei der Erstel- sowie dem wissenschaftlichen und beruflichen
lung eines Gutachtens für ein Energiekon- Schreiben eingesetzt (Werder 1992; Kruse et
zept. Im mitteleuropäischen Bereich hat Pog- al. 1999).
ner mit den „Odense Working Papers in Lan-
guage and Communication“ schon frühzeitig
das sozio-kognitive Paradigma bekannt ge- 6. Literatur (in Auswahl)
macht und damit den sozialen Charakter des Adamzik, Kirsten/Antos, Gerd/Jakobs, Eva-Maria
(gemeinsamen) Textherstellens unterstrichen (eds.) (1997): Domänen- und kulturspezifisches
(Pogner 1994; 1997). Zur interkulturellen Di- Schreiben. Frankfurt/Main.
mension der beruflichen TP vgl. Göpferich
Antos, Gerd (1982): Grundlagen einer Theorie des
(1998). Formulierens. Textherstellung in geschriebener und
Produktion Wissenschaftlicher Texte mit gesprochener Sprache. Tübingen.
und ohne Computer PROWITEC: Die von
der Gruppe um Jakobs und Knorr herausge- ⫺ (1989): Textproduktion: Ein einleitender Über-
blick. In: Antos, Gerd/Krings, Hans P. (eds.),
gebenen vier Sammelbände haben in den spä- 5⫺57.
ten 90er Jahren die insbesondere medien- und
fachsprachenspezifische TPF in Deutschland ⫺ (1992): Kontrastive Textproduktionsforschung.
am profiliertesten bekannt gemacht. Obwohl Mündliches und schriftliches Erzählen bei Kin-
dern. Eine vergleichende Pilotstudie. In: Krings,
die wissenschaftliche TP im Vordergrund
Hans P./Antos, Gerd (eds.), 193⫺218.
steht, hat diese Gruppe die technischen, me-
dialen, sozialen und kulturellen Konsequen- ⫺ (1996): Die Produktion schriftlicher Texte. In:
zen der neuen electronic literacy durch Auf- Günther, Hartmut/Ludwig, Otto (eds.), Art. 137.
sätze, Monographien (Knorr 1998; Jakobs ⫺ (1997): Texte als Konstitutionsformen von Wis-
1999) und Sammelbände bisher am konse- sen. Thesen zu einer evolutionstheoretischen Be-
quentesten herausgestellt. gründung der Textlinguistik. In: Antos, Gerd/Tietz,
Heike (eds.), 43⫺64.
5.3. Eigenständige Ansätze Antos, Gerd/Krings, Hans P. (eds.) (1989): Text-
Die Züricher Gruppe um Häcki-Buhofer produktion. Ein interdisziplinärer Forschungs-
(1985), Portmann (1991; 1997), Nussbaumer überblick. Tübingen.
(1991), Sieber (1994) u. a. arbeitet ebenso wie Antos, Gerd/Pogner, Karl-Heinz (1995): Schreiben.
der Berner Niederhauser (1997) dezidiert (Studienbibliographien Sprachwissenschaft, 14).
angewandt linguistisch. Charakteristisch für Heidelberg.
110 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

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12. Aspekte der Textverarbeitungsforschung 113

12. Aspekte der Textverarbeitungsforschung

1. Vorstrukturierung: die historische gien. Richtungsweisend für die Entwicklung


Ausgangssituation einer kognitionspsychologischen Textverar-
2. Sprach- und gedächtnispsychologische beitungsforschung waren vor allem die Be-
Grundlagen der Textverarbeitungsforschung funde der frühen sprach- und gedächtnispsy-
3. Propositionale Textverarbeitungsmodelle
4. Prozeßmodelle der Textverarbeitung
chologischen Forschung zum Wort- und
5. Schematheoretische Ansätze der Satzverstehen sowie die aus der Linguistik
Textverarbeitung (speziell der Generativen Semantik) kom-
6. Mentale Modelle menden Kasusgrammatiken zur Beschrei-
7. Statt eines Ausblicks ⫺ ein Rückblick bung semantischer Satzstrukturen (Fillmore
8. Literatur (in Auswahl) 1968; Chafe 1970). Als Rahmentheorie wurde
(mehr oder minder explizit) die von Bartlett
(1932) im Rahmen gedächtnispsychologi-
1. Vorstrukturierung:
scher Untersuchungen zur Reproduktion
die historische Ausgangssituation narrativer Texte begründete Konstruktivi-
Der Begriff der Textverarbeitung bezieht sich tätshypothese angesetzt, nach der die Verar-
auf all jene kognitiven Vorgänge, die an der beitung sprachlichen Materials keinen passi-
Aufnahme, Transformation, Organisation, ven Rezeptionsvorgang, sondern einen kon-
Speicherung, Reaktivierung und Reproduk- struktiven Akt der Sinngebung darstellt, bei
tion von Textinformationen beteiligt sind. An dem Rezeptienten/innen aktiv auf der Grund-
der Theoriebildung und Forschung in diesem lage ihres Wissens von Welt neue Informatio-
Bereich sind zwei Disziplinen maßgeblich be- nen in ihre Wissensstruktur einfügen. Der
teiligt gewesen: Die Linguistik und die Psy- Verarbeitungsprozeß wird dementsprechend
chologie. Die Verbindung von linguistischen als Interaktion zwischen einem vorgegebenen
Sprach- und Textmodellen mit psychologi- Text und der Kognitionsstruktur des/der Re-
zipienten/in aufgefaßt (Ballstaedt et al. 1981;
schen Vorstellungen über kognitive Verar-
Groeben 1982; Christmann 1989; Christ-
beitungsprozesse und deren Überprüfung im
mann/Groeben 1996a; 1996b). Kennzeich-
Rahmen eines erfahrungswissenschaftlichen
nend für die kognitionspsychologische Text-
Methodenkanons führte zu dem Forschungs-
verarbeitungsforschung ist, daß sie sich in ih-
zweig, der heute als empirische Textverarbei-
ren Modellen zunächst auf die Textseite die-
tungsforschung bezeichnet wird und ein Teil-
ses Wechselwirkungsprozesses konzentriert
gebiet der Kognitionspsychologie darstellt.
hat und im Zuge ihrer Entwicklung zuneh-
Mit Kognitionspsychologie ist dabei jene
mend die Rezipientenseite (Weltwissen, Vor-
Richtung in der Psychologie gemeint, die das
wissen, Zielsetzungen, Situationswissen etc.)
‘Kognitive’ (und damit auch die Verarbeitung
mitberücksichtigt hat (vgl. Christmann 1989;
von Texten) primär in Termini von Informa-
Christmann/Groeben 1999). Damit einher
tionsverarbeitungsprozessen faßt. Sie be-
geht die Verwendung von zunehmend kom-
schäftigt sich seit Beginn der 70er Jahre mit
plexeren (im Sinne von bedeutungshaltige-
den Vorgängen, die dem Verstehen und Be-
ren) Beschreibungs- und Verarbeitungsein-
halten komplexen sprachlichen Materials zu-
heiten (vgl. Groeben 1986), die zugleich auch
grunde liegen. Das Interesse an diesem For-
der Komplexität des Verarbeitungsprozesses
schungsgegenstand ist dabei in Parallelität
eher gerecht werden. Ziel dieses Beitrags ist es,
zur sog. ‘Kognitiven Wende’ zu sehen, die in
die wichtigsten Etappen dieser Forschungs-
den 60er Jahren durch eine Reihe von theore-
entwicklung von den sprach- und gedächtnis-
tischen und methodologischen Neuorientie-
psychologischen Anfängen bis hin zu den re-
rungen innerhalb und außerhalb der Einzel-
zenten mentalen Modellen zu skizzieren.
wissenschaft Psychologie eingeleitet wurde.
Dazu gehören der Niedergang der bis in die
60er Jahre hinein vorherrschenden behavio- 2. Sprach- und gedächtnis-
ralen Forschungstradition mit ihrer völligen psychologische Grundlagen der
Ausblendung internaler Vorgänge, die Aus- Textverarbeitungsforschung
einandersetzung mit der Chomskyschen Ge-
nerativen Transformationsgrammatik sowie Von besonderer Relevanz ist das erstmals von
die Entwicklung der Informationstheorie und Miller (1956) formulierte Rekodierprinzip,
das Aufkommen neuer Computertechnolo- das den Vorgang der Organisation und In-
114 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

tegration von Einzelinformationen zu um- 1970). Die psychologische Bedeutsamkeit der


fassenderen, übergeordneten Einheiten be- Prädikat-Argument-Struktur liegt in der An-
schreibt und heute als fundamentales Sprach- nahme, daß es sich dabei um kognitive Be-
verarbeitungsprinzip angesehen wird (Bock deutungsstrukturen handelt, die die Struktur
1978). Danach werden Einzelinformationen unseres Wissens von Welt repräsentieren (En-
wie Ziffern, Buchstaben und Wörter nicht gelkamp 1976). In der Tat konnte die Verar-
isoliert voneinander verarbeitet, sondern sie beitungsrelevanz propositionaler Bedeutungs-
werden aufeinander bezogen, gruppiert und einheiten in zahlreichen Untersuchungen em-
zu umfassenderen Gedächtniseinheiten inte- pirisch belegt werden (zusammenfassend Bock
griert. Gespeichert wird dabei immer der 1978). Der grundlegende Versuchsgedanke
übergeordnete Code (nicht die Einzelinfor- bestand darin, zu zeigen, daß Sätze mit iden-
mation), der in der Reproduktionsphase die tischer Oberflächenstruktur, aber unterschied-
Funktion eines Abrufreizes übernimmt. Die licher propositionaler Tiefenstruktur in Ab-
Gültigkeit dieses Prinzips konnte durch eine hängigkeit von der Art und Anzahl der Pro-
Fülle empirischer Untersuchungen belegt wer- positionen der Tiefenstruktur unterschiedlich
den, und zwar gleichermaßen auf Wort-, Satz- gut verarbeitet werden (vgl. Christmann
und Textebene (für einen Überblick vgl. En- 1989, 44). So konnte beispielsweise sicherge-
gelkamp 1976; Bredenkamp/Wippich 1977; stellt werden, daß die Verarbeitungsgüte bei
Bock 1978). oberflächengleichen Sätzen von der Anzahl
Auf Wortebene erfolgt die Bildung überge- der Propositionen der Tiefenstruktur abhängt
ordneter Einheiten auf der Grundlage vor- (Engelkamp 1973), daß bei Sätzen mit glei-
handener semantischer Relationen des Wort- cher Anzahl von Inhaltswörtern, die Verar-
materials (z. B. Bildung von Oberbegriffen beitungszeit mit der Anzahl der Satzproposi-
bei kategorial verbundenen Wörtern). Fehlen tionen steigt (Kintsch/Keenan 1973) und daß
solche Relationen im Wortmaterial, dann die Verarbeitungszeit von der Anzahl der Ar-
werden übergeordnete Einheiten nach sub- gumente einer Proposition abhängt (Raue/
jektiven Gesichtspunkten gebildet (subjektive Engelkamp 1977). Die Bildung einer Prädi-
Organisation nach Tulving 1962), d. h. der/ kat-Instrument-Struktur wird hier als Reko-
die Rezipient/in muß selbst semantische Rela- diervorgang aufgefaßt, wobei das Prädikat
tionen (‘natural language mediators’) zwi- bei der Satzverarbeitung die Funktion eines
schen den Wörtern herstellen (für eine empi- Organisationskerns übernimmt.
rische Überprüfung vgl. Mandler 1967; zu- Die Verarbeitung von Texten folgt dem
sammenfassend: Bredenkamp/Wippich 1977; gleichen Grundprinzip wie die Verarbeitung
Bock 1978). von Wörtern und Sätzen mit dem einzigen
Parallele Organisationsvorgänge spielen Unterschied, daß die entscheidenden Reko-
sich auch auf Satzebene ab. Satzelemente diervorgänge die Satzgrenzen überschreiten.
werden dabei im Verarbeitungsprozeß auf der Als empirische Belege für solche satzüber-
Grundlage ihrer semantischen Relationen zu greifenden Integrationsprozesse gelten Un-
sog. propositionalen Einheiten oder Prädi- tersuchungen, die zeigen, daß bei Darbietung
kat-Argument-Strukturen rekodiert (Engel- einer Zufallsabfolge von Sätzen stets eine
kamp 1973; 1976; Bock 1978). Mit dem Kon- schlechtere Behaltensleistung resultiert als bei
zept der Prädikat-Argument-Struktur wurde Darbietung der gleichen Sätze in einer ‘natür-
für die Sprach- und vor allem für die (spä- lichen’ textgemäß geordneten Folge (Frase
tere) Textpsychologie ein Konzept fruchtbar 1969; Schultz/DiVesta 1972; Perlmutter/
gemacht, das ursprünglich aus der Linguistik, Royer 1973). Diese satzübergreifenden Reko-
speziell der Kasus-Grammatik stammt (Fill- dierprozesse sind dabei offensichtlich seman-
more 1968; Chafe 1970). Die semantische tisch-relationaler Art (vgl. Bransford/Franks
Struktur eines Satzes wird in der Kasus- 1971). Die Befunde lassen vermuten, daß
Grammatik als tiefenstrukturelle Relation Teilkomponenten einer Grundidee wegen der
zwischen einem Prädikat (Zustände, Ereig- zwischen ihnen bestehenden semantischen
nisse, Eigenschaften) und den von ihm impli- Relationen zu einer Gedächtniseinheit inte-
zierten Argumenten (Objekte, Personen, Sach- griert werden. Eine textlinguistisch differen-
verhalte) beschrieben. Das Prädikat steht da- ziertere Betrachtung solcher satzübergreifen-
bei im Zentrum des Satzes und legt die An- den Rekodier- bzw. Integrationsprozesse un-
zahl der möglichen Argumente fest, die zu ter Zugrundelegung des Konzepts der Prädi-
ihm in einer besonderen Kasusbeziehung kat-Argument-Struktur zeigt, daß diese dann
stehen (Fillmore 1978, 24 f; vgl. auch Chafe besonders gut gelingen, wenn die einzelnen
12. Aspekte der Textverarbeitungsforschung 115

Propositionen sich auf denselben Referenten tiv maximal präzisen Beschreibung des tex-
beziehen (Manelis/Yekovich 1976). Dieses als tualen Ausgangsmaterials als Kernstück einer
Koreferenz bezeichnete Verknüpfungsprin- empirischen Textpsychologie.
zip, das an der Sprachoberfläche z. B. durch Nach dem Beschreibungsmodell von
Rekurrenz oder Pronominalisierung realisiert Kintsch (1974) werden Texte als Listen von
sein kann, ist nach Dressler (1972) das stärk- Propositionen (s. o. 2.) notiert, die als Text-
ste kohärenzerzeugende Mittel in einem Text basis bezeichnet werden. Propositionen gel-
und spielt bei den späteren propositionalen ten als Einheiten der semantischen Tiefen-
Textbeschreibungsmodellen eine dominie- struktur, die an der Sprachoberfläche unter-
rende Rolle für die Herausarbeitung der se- schiedlich realisiert sein können. Die Be-
mantischen Textstruktur (s. u. 3.). schreibung der semantischen Textstruktur er-
Semantische Integration meint in den oben folgt in zwei Schritten: Im ersten Schritt wird
dargestellten Beispielfällen allerdings mehr ein Text in eine Propositionsliste ‘übersetzt’,
als die bloße Integration der mitgeteilten im zweiten Schritt wird auf der Grundlage
Textinformation. Sie bezieht sich auch auf die der Kohärenzverhältnisse der Textbasis eine
Integration von Textinformationen mit dem hierarchische Textstruktur erstellt. Zur Trans-
bereits vorhandenen Wissen des/der Rezi- formation eines Textes in eine Propositions-
pienten/in. Bransford und Mitarbeiter konn- liste bzw. Textbasis wurde ein umfangreiches
ten in weiteren Untersuchungen zeigen, daß Regelsystem entwickelt (vgl. das Manual von
im Verarbeitungsprozeß über den unmittel- Turner/Greene 1977), das in der Textverar-
bar gegebenen semantischen Input hinausge- beitungsforschung breite Anwendung gefun-
gangenen und die sprachliche Information den hat. Mit Hilfe dieses Regelsystems soll es
mittels Schlußfolgerungsprozessen mit dem möglich sein, Textbasen zu erstellen, die eine
bereits vorhandenen Wissen integriert wird eindeutige Rekonstruktion der Textbedeu-
(Bransford et al. 1972; Bransford/Johnson tung ermöglichen, d. h. es müssen auch sol-
1972). Die Existenz solcher konstruktiven che Informationen aufgenommen werden, die
Schlußfolgerungsprozesse belegen generell an der Textoberfläche sprachlich nicht expli-
Untersuchungen, bei denen Rezipienten/in- zit ausgedrückt werden (Kintsch 1974, 11).
nen sich an mehr erinnern, als sie gehört ha- Ausgehend von dieser expliziten Textbasis
ben. Die Befunde von Bransford sind auch wird im nächsten Schritt die Kohärenz der
heute noch von ungebrochener Aktualität für Textstruktur bestimmt und die hierarchische
die Textverarbeitungsforschung: Sie belegen Textstruktur etabliert. Als Kohärenzkrite-
zum einen, daß die ursprünglich für die Re- rium gilt dabei das Rekurrenz-Prinzip, nach
produktionsphase aufgestellte Konstruktivi- dem Propositionen dann miteinander ver-
tätshypothese (Bartlett 1932) bereits für die knüpft sind, wenn sie die gleichen Argumente
Rezeptionsphase zutrifft; sie verdeutlichen enthalten (Argumentüberlappung) oder wenn
zum anderen, daß im Verarbeitungsvorgang eine Proposition als Argument in einer ande-
eine semantische Beschreibung von Situatio- ren Proposition eingebettet ist. Eine beson-
nen aufgebaut wird, deren Repräsentation im dere Rolle spielen dabei jene Propositionen,
wesentlichen dem entspricht, was in der neue- die Argumente enthalten, die in nachfolgen-
ren Kognitionspsychologie als mentales Mo- den Propositionen wieder auftreten. Sie gel-
dell bezeichnet wird (s. u. 6). ten im Sinne des Rekodierprinzips als überge-
ordnete Organisationskerne und sollten bei
der satzübergreifenden Verarbeitung beson-
3. Propositionale ders gut behalten werden. Die Über-/Unter-
Textverarbeitungsmodelle ordnungsverhältnisse von Propositionen wer-
den in der hierarchischen Textstruktur, die
Ausgehend von der empirisch gut gestützten auch als Kohärenzgraph dargestellt werden
Annahme, daß Propositionen die zentralen kann, abgebildet. Sie wird nach einer intuiti-
Einheiten der Sprachverarbeitung darstellen ven Festlegung der sog. Top-Proposition
und daß Propositionsfolgen im Verarbei- (thematische Propositionen auf höchster
tungsprozeß integriert und hierarchisch orga- Hierarchieebene) rein mechanisch auf der
nisiert werden, wurden Mitte der 70er Jahre Grundlage des Rekurrenz-Prinzips aufgebaut
die ersten propositionalen Verarbeitungsmo- (zum genauen Verfahren vgl. Kintsch 1974;
delle entwickelt (Kintsch 1974; Meyer 1975). Turner/Greene 1977; Christmann 1989;
Im Mittelpunkt stand dabei zunächst die Grabowski 1992). Ein alternatives Rekon-
Frage nach der objektiven, d. h. intersubjek- struktions- und Notationsmodell hat (Meyer
116 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

1975) entwickelt, mit dem sie sich aber gegen eine völlig objektive Beschreibung der se-
das Modell von Kintsch nicht hat durchset- mantischen Textstruktur liefern zu können
zen können. (Kintsch/Vipond 1979, 345; van Dijk/Kintsch
Neben einer möglichst objektiven Be- 1983, 43) nicht gerecht werden (insbesondere
schreibung der Textstruktur ist es das Haupt- nicht bei komplexeren und längeren Texten).
anliegen einer empirischen Textverarbei- Dies hat natürlich Konsequenzen für die Er-
tungsforschung, den Einfluß spezifischer klärungskraft der Modelle. Außerdem haben
Merkmale der semantischen Textstruktur auf sie sich für eine Anwendung außerhalb der
das Verstehen und Behalten von Textinfor- Grundlagenforschung als zu aufwendig und
mationen nachzuweisen. Innerhalb der pro- unökonomisch erwiesen (vgl. im einzelnen
positionstheoretischen Modellierung konnte unter Bezug auf die Kriterien der Ökonomie,
dabei gezeigt werden, daß Propositionen, die Objektivität, deskriptive und explanative Va-
einen höheren Grad an Vernetzung mit ande- lidität Christmann 1989).
ren Textpropositionen aufweisen, besser be- Zur Beschreibung und Erklärung von Ver-
halten werden als solche mit niedriger Ver- arbeitungsvorgängen bei längeren Texten
netzung (Kintsch 1974; Manelis 1980), daß wurden daher Ende der 70er Jahre ausgehend
die propositionale Dichte eines Textes einen von textlinguistischen Modellierungen (van
signifikanten Einfluß auf die Lesezeit hat Dijk 1972) sog. Makrostrukturmodelle ent-
(Kintsch/Keenan 1973) und daß Propositio- wickelt (Kintsch/van Dijk 1978; van Dijk
nen, die über das Rekurrenz-Prinzip verbun- 1980; Graesser 1981), die es erlauben, den
den sind, schneller gelesen und besser erin- Textzusammenhang auf globalerer Ebene
nert werden (Manelis/Yekovich 1976; Yeko- abzubilden als Mikropropositionsmodelle.
vich/Manelis 1980). Am bedeutsamsten wa- Makrostrukturmodelle gehen davon aus, daß
ren dabei jene Untersuchungen, die den Ein- die Textinformationen im Verarbeitungspro-
fluß hierarchischer Strukturvariablen auf die zeß durch eine Reihe von Reduktionsopera-
Verarbeitung überprüften. Postuliert wurde, tionen (sog. Makroregeln) auf das Wesentli-
daß hierarchiehohe Propositionen besser be- che verdichtet wird. Van Dijk (1980) unter-
halten als hierarchieniedrige, und zwar des- scheidet vier Makroregeln: Auslassen, Gene-
halb, weil sie Argumente enthalten, die in den ralisieren, Selegieren und Konstruieren bzw.
nachfolgenden Propositionen wieder aufge- Integrieren. Diese Regeln sind rekursiv, d. h.
nommen werden. Sie haben somit einen ho- sie können wiederholt auf bereits gebildete
hen integrativen Wert und sollten bei der Makrostrukturen angewendet werden und
Textverarbeitung als Organisationskerne wir- erlauben es damit, die Textinformation auf
ken (Bock 1978; Christmann 1989). Diese als unterschiedlichen Globalitätsniveaus abzu-
‘level-effect’ bezeichnete Annahme konnte bilden. Die Anwendung von Makroregeln
unabhängig von dem zugrunde liegenden erfolgt dabei nicht ausschließlich auf der
Textbeschreibungsmodell empirisch belegt Grundlage des vorgegebenen Textes, son-
werden (für einen Überblick vgl. Christmann dern immer in Interaktion mit dem Welt- und
1989). Hierarchiehohe Propositionen wer- Vorwissen des/der Rezipienten/in. Entspre-
den unabhängig von der Textposition, in der chend gelten Makrostrukturen als konstruk-
sie auftreten, besser behalten und weniger tive Prozesse der Informationsreduktion. Die
schnell vergessen als hierarchieniedrige (z. B. Verarbeitungsrelevanz der Makrostrukturbil-
Kintsch et al. 1975; Graesser 1978). Darüber dung wurde durch Untersuchungen belegt,
hinaus konnte gezeigt werden, daß Fragen zu die zeigen, daß Makropropositionen auf
übergeordneten Propositionen schneller und Grund ihrer strukturellen Bedeutsamkeit bes-
besser beantwortet werden als solche zu un- ser behalten und weniger schnell vergessen
tergeordneten Propositionen (McKoon 1977; werden als Mikropropositionen (Kintsch/van
Meyer 1977). Die Verarbeitung eines Textes Dijk 1978; Beyer 1987). Am deutlichsten tritt
läßt sich nach diesen Befunden als semanti- dieser Effekt bei längeren Texten und nach
scher und hierarchisch-sequentieller Organi- längeren Behaltensintervallen auf. Insgesamt
sationsprozeß beschreiben (Bock 1978; Groe- werden Makrostrukturmodelle den Beson-
ben 1982). derheiten der Verarbeitung längerer Texte
Diese positive empirische Befundlage darf besser gerecht als Mikropropositionsmodelle;
jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß problematisch ist allerdings, daß die unter-
die propositionalen Beschreibungsmodelle ei- schiedenen Makroregeln und die ihnen zu-
nige gravierende Schwachstellen aufweisen. grundeliegenden kognitiven Operationen re-
Dazu gehört u. a., daß sie dem Anspruch, lativ unscharf gefaßt sind.
12. Aspekte der Textverarbeitungsforschung 117

4. Prozeßmodelle der Textverarbeitung diktoren für die Verstehensleistung schlechter


Leser ab als Merkmale auf Makroebene,
Während die bislang dargestellten Modelle während es sich bei guten Lesern umgekehrt
eher strukturellen Charakter haben, wurden verhält (Vipond 1980).
Ende der 70er und in den 80er Jahren auch Genau ein Jahrzehnt später hat Kintsch
Modelle entwickelt, die versuchen, den Pro- (1988) ein weiteres Prozeßmodell für die
zeßaspekt der Verarbeitung stärker zu be- Mikroebene der Verarbeitung entwickelt. Es
rücksichtigen. Das erste Prozeßmodell der erhebt den Anspruch, die Interaktion von rezi-
Textverarbeitung wurde von Kintsch/van pientenseitigem Weltwissen und Textbedeu-
Dijk (1978) entwickelt. Es wird als Modell tung präziser modellieren zu können als bishe-
der zyklischen Verarbeitung bezeichnet und rige Verarbeitungsmodelle, die nach Kintsch
stellt eine Weiterentwicklung des strukturel- entweder zu unflexibel oder zu allgemein sind,
len Propositionsmodells von Kintsch (1974) um angeben zu können, welche Vorwissensbe-
dar. Die Verarbeitung eines Textes erfolgt da- reiche aktiviert werden. Das Konstruktions-
nach in aufeinander folgenden Zyklen, wobei Integrations-Modell unterscheidet eine Kon-
jeder Zyklus mehrere Phasen umfaßt, die struktions- und eine Integrationsphase des
zum Teil parallel ablaufen. In der ersten Verarbeitungsprozesses, wobei die Wissensak-
Phase wird eine Gruppe von (2⫺20) Textpro- tivierung als datengesteuerter (vom Text aus-
positionen ins Arbeitsgedächtnis eingelesen gehender) Prozeß aufgefaßt, durch den auf der
und auf Kohärenz geprüft; außerdem werden Grundlage einfacher Regeln ein relativ um-
Kohärenzlücken durch Inferenzen geschlos- fangreiches Wissensnetzwerk aufgebaut wird,
sen. In der nächsten Phase werden einige Pro- das viele irrelevante Informationen enthält,
positionen aus dem Arbeitsgedächtnis ins die in der Integrationsphase aktiviert werden.
Kurzzeitgedächtnis übernommen und zwar
diejenigen, die einen hohen strukturellen Wert
haben. Nach Kintsch/van Dijk sind dies hier- 5. Schematheoretische Ansätze der
archiehohe und zuletzt eingelesene Propo- Textverarbeitung
sitionen. Im nächsten Zyklus wird versucht,
zwischen einer neu eingelesenen Gruppe von Im Unterschied zu propositionalen Modellen
Propositionen und der im Kurzzeitgedächtnis fokussieren die ab Mitte der 70er Jahre ent-
abgelegten Teilstruktur, Kohärenz herzustel- wickelten schematheoretischen Ansätze zur
len, und der beschriebene Prozeß beginnt Textverarbeitung den Einfluß von Vorwis-
von vorne. Gelingt die Kohärenzherstellung sensstrukturen, Erwartungen und Zielsetzun-
nicht, müssen die Kohärenzlücken durch In- gen auf das Verstehen und Behalten von Tex-
ferenzen oder sog. Reinstatements (Reakti- ten. Zur Beschreibung der rezipientenseitigen
vierung bereits verarbeiteter und ins Lang- Wissensbestände wird der auf Selz (1913),
zeitgedächtnis transferierter Teile) geschlos- Piaget (1926) und Bartlett (1932) zurückge-
sen werden. Beide Formen der Schließung hende Begriff des Schemas verwendet. Sche-
von Kohärenzlücken sind verarbeitungser- mata repräsentieren Wissen über verschie-
schwerend und kosten Zeit. Die wichtigsten, dene Realitätsbereiche (zum Beispiel Biblio-
für die Verarbeitung eines Textes relevanten theken, Computer, Autos, Möbel etc.), und
Modellmerkmale sind die Aufnahmekapazi- zwar auf unterschiedlichen Abstraktionsebe-
tät des Arbeitsgedächtnisses, die Speicher- nen. Sie bestehen aus Konzepten und deren
kapazität des Kurzzeitgedächtnisses, der Ko- Interrelationen und sind nach dem Allge-
härenzgrad der propositionalen Textbasis so- meinheitsgrad ihrer Begriffe hierarchisch or-
wie die Anzahl der Umorganisationen, Infe- ganisiert. Schemata weisen Leerstellen auf
renzen und Reinstatements zur Schließung (‘slots’), die durch neue Informationen gefüllt
von Kohärenzlücken. Auf der Grundlage der werden können. Der schemagesteuerte Ver-
Kenntnis dieser Merkmale ist es möglich, so- arbeitungsprozeß wird dabei als Ineinander-
wohl die Lesezeit und die Behaltensleistung greifen von datengeleiteten (bottom-up) und
vorherzusagen als auch den Schwierigkeits- schemageleiteten (top-down) Prozessen auf-
grad eines Textes anzugeben (z. B. Kintsch/ gefaßt (Frederiksen 1975): Ein neuer Text ak-
Vipond 1979). Das Modell kann gleicher- tiviert bereits vorhandene Schemata, die ih-
maßen Gültigkeit für die Mikro- wie für die rerseits wieder Hypothesen und Erwartungen
Makroverarbeitung beanspruchen (vgl. Mil- hinsichtlich der neuen Information generie-
ler/Kintsch 1980). Allerdings geben die Mo- ren. Im Verarbeitungsprozeß erfüllen sie zwei
dellmerkmale auf Mikroebene bessere Prä- wichtige Funktionen: In der Enkodierphase
118 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

wirken sie als Organisationsraster für die ting, Ereignis, Charaktere etc.) und welche
neu aufzunehmenden Informationen, in der hierarchische und sequentielle Position diese
Rekodierphase steuern sie auf den Prozeß Elemente in der Gesamtstruktur einnehmen.
der Rekonstruktion von Informationen (zu- Dabei wird angenommen, daß Erzähltexte
sammenfassend Throndyke/Yekovich 1980; unabhängig vom jeweiligen Inhalt so verstan-
Mandl et al. 1987). Die empirische Relevanz den und behalten werden, wie es in den jewei-
von Schemata für die Textverarbeitung wurde ligen Grammatiken spezifiziert wird. Die em-
in Untersuchungen überprüft, in denen Texte pirische Befundlage ist uneindeutig. Zwar lie-
mit ambiguen Inhalten vorgegeben wurden, gen etliche positive Evidenzen dafür vor, daß
und zwar einmal mit einer Integrationshilfe das Behalten eine Funktion der hierarchi-
(Texttitel, Thema, Bildvorlage), einmal ohne schen und sequentiellen Struktur der Kon-
eine solche Hilfe. Die Ergebnisse zeigen, daß stituenten ist (z. B. Mandler/Johnson 1977;
bei Vorgabe einer Integrationshilfe eine signi- Thorndyke 1977). Aber es gibt auch Ergeb-
fikant bessere Behaltensleistung resultiert. Es nisse, nach denen der semantische Gehalt der
wird dabei angenommen, daß Integrations- Konstituenten, ihre Wichtigkeit und die Art
hilfen relevante Schemata aktivieren, die die und Anzahl der Relationen zu anderen Text-
Interpretation und Organisation der Textin- elementen eine bedeutsame Rolle spielt (z. B.
formation erleichtern (zum Beispiel Brans- Black/Bower 1980; Glowalla 1981). Dies wird
ford/Johnson 1972). In die gleiche Richtung dann in jenen Ansätzen berücksichtigt, die
wirkt auch die Vorgabe sog. Leseperspekti- Geschichten als Ketten von Problemlöse-
ven: Sie haben einen Einfluß darauf, welche handlungen auffassen. Als wichtigste Relation
Textelemente als wichtig angesehen werden. gelten hier Ursache und Konsequenz (Tra-
Pichert/Anderson (1977) konnten belegen, basso/Sperry 1985). Insgesamt versucht man
daß die Wichtigkeit von Textelementen keine in der neueren Forschung zum Verstehen von
unveränderbare Größe darstellt, sondern daß Erzähltexten diese auf einem globaleren Ni-
in Abhängigkeit von den durch eine Leseper- veau zu beschreiben als in den ursprüngli-
spektive aktivierten Schemata andere Aspekte chen Grammatik-Modellen (vgl. Abelson/
wahrgenommen und erinnert werden (vgl. Black 1986).
auch Flammer und Tauber 1982). Darüber Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß
hinaus liegen Untersuchungen vor, die zeigen, die (Wieder-)Entdeckung des Schemabegriffs
daß schemarelevante Textelemente besser be- vor allem darauf aufmerksam gemacht hat,
halten werden als schemairrelevante (Britton daß das Vorwissen von Rezipienten/innen
et al. 1979), wobei die Stärke dieses Effekts eine nicht zu vernachlässigende Einflußvaria-
von dem Ausmaß des bereichsspezifischen ble bei der Verarbeitung von Texten darstellt.
Vorwissens abhängen dürfte (Spilich et al. Allerdings sind schematheoretische Konzep-
1979). tionen wegen ihrer begrifflichen Unschärfe
Die Schematheorie stellt heute einen inte- häufig massiv kritisiert worden (z. B. Herr-
grativen Rahmen für eine Fülle von Konzep- mann 1982).
ten zur Beschreibung verschiedener Typen von
Wissensstrukturen dar. Dazu gehören u. a.
Skripts, die Wissen über routinierte Verhal- 6. Mentale Modelle
tens- und typische Ereignisabläufe in stereo-
typisierten Situationen repräsentieren (vgl. Seit den späten 80er Jahren wird die kognitions-
Schank/Abelson 1977; Überblick bei Mandler psychologische Textverarbeitungsforschung
1984), ‘Thematic Organization Points’ (Schank zunehmend von der Theorie mentaler Modelle
1982) zur Beschreibung des Zusammenspiels beherrscht, die eine integrative Berücksichti-
von Zielen und Plänen, ‘Plots’ (Lehnert 1981), gung von Text- und Rezipientenseite erlaubt.
die Wissen über Verhaltensmuster sowie emo- Im Unterschied zu den Textverarbeitungsmo-
tionale und affektive Reaktionen von Perso- dellen der letzten 20 Jahre geht die Theorie
nen repräsentieren (ausführlich in Abelson/ mentaler Modelle davon aus, daß Wissen
Black 1986). Dazu gehören nicht zuletzt auch nicht nur symbolisch in Form von unter-
Kategorien- und Regelsysteme zur Generie- schiedlich komplexen Informationseinheiten
rung narrativer Texte, die sog. story grammars repräsentiert ist, sondern daß zusätzlich ein
(z. B. Rumelhart 1975; Thorndyke 1977). Sie internes Modell des im Text beschriebenen
bestehen aus Ersetzungsregeln, die spezifi- Sachverhalts gebildet wird (Johnson-Laird
zieren, aus welchen Konstituenten eine Ge- 1983). In einem solchen Modell sind Sachver-
schichte besteht (zum Beispiel Thema, Set- halte analog, ganzheitlich und inhaltsspezi-
12. Aspekte der Textverarbeitungsforschung 119

fisch repräsentiert. Als zentrales Merkmal Kintsch 1985; Glenberg/Meyer/Lindem 1987;


mentaler Modelle gilt, daß sie anschaulich zusammenfassend Kelter/Kaup 1996). Zwin-
(im Sinne von vorstellbar) sind und daher die gende Belege für die Bildung mentaler Mo-
Möglichkeit eröffnen, Prozesse und Hand- delle sind nach Schnotz (1993) allerdings nur
lungen mental zu simulieren (Johnson-Laird schwer zu erbringen. Auf der Grundlage des
1983). Sie werden in struktureller und funk- derzeitigen Forschungsstandes (Überblick:
tionaler Analogie zu einem Sachverhalt in der Garnham/Oakhill 1996) scheint es am plausi-
Realität gebildet. Das bedeutet nicht, daß sie belsten, davon auszugehen, daß symbolische
den betreffenden Sachverhalt vollständig ab- und analoge Repräsentationsformen einan-
bilden müssen, vielmehr kann dieser gegen- der ergänzende Verarbeitungsweisen darstel-
über dem Original aspekthaft verkürzt oder len, die für unterschiedliche Aufgaben und
elaboriert modelliert sein (Dutke 1994). Zielsetzungen unterschiedlich gut geeignet
Texte werden nach der Theorie mentaler sind (vgl. dazu auch das Konzept der Verar-
Modelle auf zwei Ebenen repräsentiert: auf beitungsflexibilität bei Christmann/Groeben
der propositionalen Ebene, auf der sie an 1996a). Die Spezifizierung dieser Aufgaben
sprachlichen Strukturen orientiert sind, und und Ziele bleibt der weiteren Forschung
auf der Ebene mentaler Modelle, auf der sie überantwortet.
den im Text beschriebenen Sachverhalt pri-
mär bildlich abbilden. Im Verarbeitungspro-
zeß greifen beide Ebenen ineinander. Das 7. Statt eines Ausblicks
mentale Modell wird durch die propositio- ⫺ ein Rückblick
nale Repräsentation aktiviert und im Zuge
des Verarbeitungsprozesses unter Rückgriff Aus Gründen der wissenschaftshistorischen
auf Vorwissensbestände sukzessive angerei- Gerechtigkeit soll abschließend verdeutlicht
chert, verfeinert und/oder modifiziert. Die werden, daß die in diesem Beitrag skizzierten
propositionale Struktur gilt dabei als Anlei- Prinzipien zur Erklärung von Verarbeitungs-
tung für die mentale Modellkonstruktion, de- vorgängen nicht ausschließlich Errungen-
terminiert sie jedoch nicht vollständig (zu- schaften der kognitionspsychologischen Text-
sammenfassend: Christmann 1989; Christ- verarbeitungsforschung darstellen, sondern
mann/Groeben 1996b). Die elaborierteste daß einige davon bereits vor der ‘kognitiven
Modellierung des Textverarbeitungsprozesses Wende’ in der anwendungsorientierten in-
im Rahmen mentaler Modelle haben van struktionspsychologischen Textverarbeitungs-
Dijk/Kintsch (1983) mit ihrem Strategiemo- forschung der 60er Jahre, speziell der kogniti-
dell vorgelegt (für alternative Modellierun- ven Lerntheorie von Ausubel (1963; 1968),
gen vgl. Sanford/Garrod 1981; Gentner 1983; zumindest mitenthalten waren.
Johnson-Laird 1983). Textverstehen wird hier In der kognitiven Lerntheorie, auch Theo-
als strategischer, flexibler Prozeß konzipiert, rie des sinnvollen Rezeptionslernens genannt,
der vom Rezeptionsziel gesteuert wird und wird die Rezeption eines Textes als aktiver
bei dem die Textbedeutung in einem schritt- Prozeß der Eingliederung von Textinforma-
weisen Prozeß (on-line-Annahme) auf der tionen in die kognitive Struktur der Lernen-
Grundlage von Weltwissen und Erwartungen den aufgefaßt. Damit wird, wie auch in der
aufgebaut wird. Das Modell berücksichtigt Kognitionspsychologie, eine kognitiv-kon-
darüber hinaus auch die Funktion eines Tex- struktivistische Sichtweise des Verarbeitungs-
tes im sozialen Kontext sowie die von dem/ prozesses zugrunde gelegt mit der Konse-
der Rezipienten/in antizipierte Autorinten- quenz, daß bereits bei Ausubel (und auch in
tion (van Dijk/Kintsch 1983, 6 ff). Insgesamt der Textverständlichkeitsforschung der frü-
wird postuliert, daß Textrezeptionen, die hen 70er Jahre; vgl. Groeben 1972; 1978) die
nicht nur in propositionaler, sondern zusätz- Verarbeitung eines Textes als Wechselwir-
lich in Form mentaler Modelle ablaufen, zu kung zwischen Text und Kognitionsstruktur
einem tieferen Verstehen und einer adäquate- des/der Rezipienten/in angelegt ist. Die kog-
ren Nutzung der Textinformation führen nitive Struktur konzipiert Ausubel als hierar-
(Schnotz 1993). Befunde, die die Annahme ei- chisch organisiertes Konzeptgefüge mit den
ner mentalen Modellbildung wahrscheinlich allgemeinsten und inklusivsten Konzepten an
machen, liegen im Bereich der Textverarbei- der Spitze, die auf jeweils untergeordneteren,
tung insbesondere aus Studien vor, die sich spezielleren Konzepten aufbauen. Die Paral-
mit der Verarbeitung von räumlichen Gege- lele zur Explikation des kognitionspsycholo-
benheiten von Texten befassen (z. B. Perrig/ gischen Schemabegriffs als ein nach dem All-
120 I. Forschungsphasen und Forschungsansätze

gemeinheitsgrad von Begriffen hierarchisch Bock, Michael (1978): Wort-, Satz-, Textverarbei-
organisiertes Konzeptgefüge wird hier über- tung. Stuttgart.
deutlich. Hinzu kommt, daß inklusive Kon- Bransford, John D./Barclay, Richard R./Franks,
zepte im Verarbeitungsprozeß die gleiche Jefferey J. (1972): Sentence memory. A con-
Funktion haben wie Schemata: sie wirken als structive versus interpretative approach. In: Cogni-
Organisationsraster für die neu aufzuneh- tive Psychology 3, 193⫺209.
mende Information. Die Verfügbarkeit inklu- Bransford, John D./Franks, Jefferey J. (1971): The
siver Konzepte oder Ankerideen wird dabei abstraction of linguistic ideas. In: Cognitive
als wichtigste Bedingung für die Güte des Psychology 2, 331⫺350.
Lernprozesses gesehen und schlägt sich in der Bransford, John D./Johnson, Marcia K. (1972):
Empfehlung nieder, zur Aktivierung relevan- Contextual prerequisites for understanding: Some
ter Ankerideen bei der Textgestaltung sog. investigations of comprehension and recall. In:
Advance Organizer’ (Vorstrukturierungen) Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior
zu verwenden (für eine detaillierte Darstel- 11, 717⫺726.
lung vgl. Groeben 1982). Auch die kogni- Bredenkamp, Jürgen/Wippich, Werner (1977):
tionspsychologischen Konzeptualisierung des Lern- und Gedächtnispsychologie. Bd. II. Stutt-
Verarbeitungsprozesses als semantischer und gart.
hierarchisch-sequentieller Organisationsvor- Britton, Bruce K./Meyer, Bonnie J. F./Simpson,
gang ist in der Theorie Ausubels vorwegge- Roger/Holdredge, Timothy S./Curry, Cheryl
nommen. Inklusive Konzepte haben ebenso (1979): Effects of the organization in text on mem-
wie hierarchische Propositionen oder Makro- ory. Tests of two implications of a selective atten-
positionen im Verarbeitungsprozeß die Funk- tion hypothesis. In: Journal of Experimental
tion eines Organisationskerns (für eine dif- Psychology: Human Learning and Memory 5,
ferenzierte Analyse von Konvergenzen und 496⫺506.
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Insgesamt läßt sich festhalten, daß einige beitung: Textbeschreibung als Textverstehen. Mün-
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II. Forschungsregionen

13. Textlinguistik im deutschsprachigen Raum

1. Vorbemerkungen Umfeldes aus, z. B. Harweg (1968); wesent-


2. Entstehung und Entwicklung der liche Impulse kamen von ostdeutschen Lin-
Textlinguistik guisten (Heidolph 1966; Isenberg 1974; 1976;
3. Methoden der Textanalyse
4. Textsortenklassifizierung ⫺ Texttypologie
1977; Agricola 1969; 1976; Viehweger 1976;
5. Ausweitung und Anwendung der 1977). Textlinguistische Forschungszentren
Textlinguistik entstanden zunächst an den Universitäten
6. Textlinguistik in der universitären Lehre Konstanz und Bielefeld und an der Ostberli-
7. Literatur (in Auswahl) ner Akademie der Wissenschaften.
In der ersten Entwicklungsphase betreffen
1. Vorbemerkungen detaillierte Untersuchungen vor allem die Be-
ziehungen zwischen benachbarten Sätzen bzw.
Seit den 60er Jahren entwickelte sich die zwischen deren Elementen (Transphrastik, vgl.
Textlinguistik zu einer relativ selbstständigen 2.2.). In den 70er Jahren gewinnen pragmati-
Disziplin und weitete sich zu einem interdiszi- sche Aspekte an Bedeutung (vgl. 2.3.). Unter-
plinären Forschungsfeld aus. Auch bei ganz suchungen globaler Textstrukturen, Analysen
verschiedenen Forschungsschwerpunkten ste- von Textganzen und Teiltexten werden in die
hen außer dem Text selbst Textkohärenz und Forschung einbezogen (vgl. 2.4.). Einflüsse
Textsorte im Mittelpunkt der Untersuchun- aus den Kognitionswissenschaften bewirken
gen; am unterschiedlichen Verständnis dieser seit Beginn der 80er Jahre, dass Wissensverar-
textlinguistischen Termini wird die jeweilige beitung in der Textproduktion und Textrezep-
Dominanz bestimmter Richtungen in einzel- tion berücksichtigt wird (vgl. 2.5.).
nen Entwicklungsphasen deutlich.
Beeinflusst wurde die Entwicklung der 2.1. Entstehung
Textlinguistik im deutschsprachigen Raum Der Begriff Textlinguistik geht nach Harweg
besonders durch Prager Linguisten (z. B. Da- (1974, 111) auf Weinrich zurück: „Linguistik
neš 1970). Dies war bedingt durch die Nähe ist Textlinguistik“ (Weinrich 1967, 109). Hart-
textlinguistischer Überlegungen zu Untersu- mann erklärt 1968 auf einem Kolloquium an
chungen der Funktionalen Satzperspektive der Universität Konstanz, dass der Text als
(Firbas 1964) und wurde begünstigt durch die linguistisches Objekt und Textlinguistik als
enge Zusammenarbeit von Linguisten des linguistische Aufgabe zu gelten hätten; er
Ostberliner Zentralinstituts für Sprachwis- betrachtet den Text als das „originäre sprach-
senschaft und des Prager Instituts für tsche- liche Zeichen“ (Hartmann 1971, 10) und
chische Sprache (vgl. Daneš/Viehweger 1976; nimmt spätere Entwicklungen durch seinen
1977; 1983). Wesentlichen Einfluss auf die Hinweis vorweg, dass man bei linguistischen
textlinguistische Forschung im deutschspra- Textanalysen zwar vorläufig von den kleine-
chigen Raum nahmen auch die Arbeiten fran- ren sprachlichen Einheiten ausgehen, dass
zösischer Semantiker (Greimas 1966; Rastier sich die Richtung jedoch umkehren werde
1972) und Publikationen in englischer oder (ebd. 16). Das Thema des Konstanzer Kollo-
niederländischer Sprache (z. B. Halliday/Ha- quiums benennt die in der Anfangsphase do-
san 1976; van Dijk 1972; 1980). minierende Forschungsrichtung: „Möglich-
keiten und Methoden der transphrastischen
2. Entstehung und Entwicklung der Analyse“ (vgl. Stempel 1971).
Textlinguistik 2.2. Transphrastik
Initiativen zur Entwicklung der Textlinguis- In seiner für die Entwicklung der Textlin-
tik gingen von Hartmann (1964; 1968; 1971) guistik im deutschsprachigen Raum grund-
und Linguisten seines wissenschaftlichen legenden Arbeit (verfasst 1962⫺1964, ersch.
124 II. Forschungsregionen

1968) definiert Harweg Text als „ein durch lenke (Oomen 1971, 19 ff). Dressler stellt der
ununterbrochene pronominale Verkettung Textgrammatik die Textpragmatik gegenüber
konstituiertes Nacheinander sprachlicher (Dressler 1972, 92 ff). Nach Schmidt ist eine
Einheiten“ (Harweg 1968, 148) und erklärt rein linguistische Textdefinition nicht mög-
die „syntagmatische Substitution“ als trans- lich, ein Text müsse über soziokommunikative
phrastisches Prinzip, das die Vertextung von Kriterien definiert werden (Schmidt 1976,
Sätzen bewirke (ebd. 24 ff). Schwerpunkte 146), er bestimmt Texte als „Texte-in-Funk-
der transphrastischen Untersuchungen sind tion“ (Schmidt 1976, 145). Große (1976)
die in Satzsequenzen feststellbaren Relatio- untersucht die Funktionen der Texte in der
nen zwischen Wörtern und Wortgruppen auf- Kommunikation; Isenberg betont die „Hand-
grund von Referenz- und Kontiguitätsbezie- lungsbezogenheit“ von Texten (Isenberg 1977,
hungen und die Verknüpfungen von Proposi- 143 ff). Textlinguistische Modellbildungen und
tionen benachbarter Sätze durch Konnektive. Erklärungen werden nun in der Regel von
Weinrich nimmt von Anfang an eine Sonder- Handlungstheorien abgeleitet (Schmidt 1976)
position ein, da er als Forschungsschwer- bzw. systemtheoretisch begründet (Oomen
punkt nicht den Text selbst, sondern die tex- 1971; vgl. auch Strohner/Rickheit 1990).
tuelle Determiniertheit sprachlicher Phäno-
mene wählt, die „Sprache in Texten“ (Wein- 2.4. Untersuchungen globaler
rich 1976; vgl. auch 1993); in dieser Phase Textstrukturen
weist er die textuell bedingte Artikelselektion Die Verwendung funktionaler Erklärungsan-
(Weinrich 1969) und die textuelle Determi- sätze führt zu einer starken Ausweitung der
niertheit des Tempusgebrauchs nach (Wein- textlinguistischen Forschung. Parallel zur zu-
rich 1970). nehmenden Berücksichtigung textpragmati-
Der Ausweitung der Untersuchungen von scher Aspekte kommt es zu einer textseman-
der Satzebene auf die Ebene von Satzsequen- tisch orientierten Verlagerung der Untersu-
zen entsprechen Versuche, satzgrammatische chungen hin zu globalen Textstrukturen. Ne-
Beschreibungs- und Erklärungsmodelle, z. B. ben Weiterführungen in der Textsortenklassi-
die generative Grammatik, auf Satzfolgen zu fizierung (vgl. 4.) wird die Textgliederung un-
übertragen (Heidolph 1966; Petöfi 1971; tersucht (Gülich/Heger/Raible 1974), werden
Isenberg 1974). Petöfi begegnet den Schwierig- Beziehungen zwischen Text und Texttitel er-
keiten bei der Ausdehnung der generativen mittelt (Agricola 1979, 21), wird die Unter-
Grammatik durch die Entwicklung einer scheidung von Textkomposition und sequenti-
spezifischen Texttheorie, der Textstruktur- eller Textkonstitution betont. Jetzt werden
Weltstruktur-Theorie (Petöfi 1971). 1972 wird auch die Grundlagen für später intensivierte
in Konstanz ein Kolloquium „Zur Form der Untersuchungen des Textthemas gelegt.
textgrammatischen Basis“ durchgeführt (vgl. Auf der ersten Arbeitstagung „Probleme
Rüttenauer 1974). der Textgrammatik“ 1973 in Ostberlin (vgl.
Daneš/Viehweger 1976) werden Möglichkei-
2.3. Die pragmatische Wende: ten gesucht, von der entfalteten Textform
Texte in Funktion zum thematischen Kern des Textes zu gelan-
Schon 1968 hatte Schmidt auf die Notwen- gen (Agricola 1976, 13). Isenberg unterschei-
digkeit einer handlungstheoretischen Fundie- det bei den Prinzipien der Textbildung den
rung textlinguistischer Untersuchungen hin- kompositorischen Aufbau der Texte, deren
gewiesen (Schmidt 1971, 40 ff). Da seman- „Wohlkomponiertheit“, von der sequentiellen
tisch-syntaktische Verknüpfungen benach- Textkonstitution (Isenberg 1976, 143).
barter Sätze nicht mehr als hinreichende Be- Auf der zweiten Arbeitstagung „Probleme
dingung für Textualität akzeptiert werden, der Textgrammatik“ 1975 in Ostberlin, auf
kommt es zu einer Verlagerung der For- der die Textlinguistik theoretisch fundiert
schungsschwerpunkte von der Satzsequenz- werden soll (Daneš/Viehweger 1977, 7), un-
grammatik zur Textpragmatik (und zur Un- tersucht Agricola die Beziehungen zwischen
tersuchung globaler Textstrukturen, vgl. 2.4.). dem konkreten Text und seinen möglichen
Oomen, die Texte als gegliederte komple- Varianten und stellt fest, dass verschiedene
xe Systeme mit Funktion in kontextuellen Texte dann Paraphrasen voneinander sind,
(außersprachlichen) Systemzusammenhängen wenn man sie auf denselben „Themenkern“
auffasst, setzt an die Stelle rein linguistischer zurückführen kann (Agricola 1977, 13 f). Die
Kriterien die „kommunikative Funktion“, die zusammenhängende inhaltliche Textprogres-
den spezifischen Ablauf von Textprozessen sion erklärt Agricola durch die Verknüpfung
13. Textlinguistik im deutschsprachigen Raum 125

der Textaktanten, Elementen der Hauptiso- durch Erweiterungen früherer Forschungen


topieketten, an besonders markanten Text- unter kognitiven Aspekten, z. B. zu Referenz-
stellen; auch er unterscheidet zwischen Text- relationen in Texten (Vater 1991, 36 ff). Von
komposition und Textkonstitution (Agricola der kognitiven Semantik gehen Untersuchun-
1977, 15 f). gen der (texttypspezifischen) textuellen Funk-
1979 integriert Brinker unterschiedliche tion konzeptueller Metaphern aus (Schoenke
Forschungsansätze, indem er den Kohärenz- 1998).
begriff grammatisch, thematisch und prag- Nicht nur der Textlinguistik zuzuordnen,
matisch expliziert, nicht in alternativen, son- jedoch wesentlich für deren Weiterentwick-
dern in komplementären Explikationen, bei lung sind Arbeitsergebnisse der Forscher-
denen der Textpragmatik eine dominierende gruppe „Kohärenz“ an der Universität Biele-
Rolle zugesprochen wird (Brinker 1979, 7). feld, die interdisziplinär, primär psycholin-
Als spezifisch textlinguistisch schätzt Brinker guistisch arbeitet, als Metatheorie die Sy-
die Thematik ein und fasst das Textthema als stemtheorie wählt und das Ziel verfolgt, „eine
„Kern des Textinhalts“ auf, das in enger Be- neue prozessorientierte Modellierungsperspek-
ziehung zur Textintention stehe (Brinker tive für Kohärenzphänomene zu erarbeiten“
1979, 9) (vgl. 3.2.). (Rickheit 1991, 1; vgl. auch Strohner/Rick-
heit 1990).
2.5. Der kognitive Ansatz:
Wissensverarbeitung
3. Methoden der Textanalyse
Untersuchungsergebnisse der Kognitionswis-
senschaften, bes. der Kognitiven Psychologie, Auch die im deutschsprachigen Raum ent-
ermöglichen seit Ende der 70er Jahre auch wickelten Methoden der Textanalyse gehen
textlinguistische Forschungsrichtungen, in de- von unterschiedlichen Voraussetzungen (z. B.
ren Mittelpunkt kognitive Prozesse der Wis- einem integrativen oder modularen Textver-
sensverarbeitung bei der Textproduktion und ständnis) aus und haben verschiedene Schwer-
-rezeption stehen. Psycholinguistische Unter- punkte. Das Textthema steht ⫺ bei unter-
suchungen (vgl. Rickheit/Strohner 1985) wer- schiedlichem Themaverständnis ⫺ häufig im
den in einigen textlinguistischen Arbeiten be- Zentrum der Textanalysen. Nur selten wird
rücksichtigt. auch der Texttitel in die Untersuchungen ein-
Eine relativ frühe, spezifisch textlinguisti- bezogen. (Zu textlinguistischen Analysen von
sche Ausarbeitung des prozeduralen Ansatzes Überschriften vgl. Agricola 1979; Hellwig
legen Beaugrande/Dressler 1981 vor. Ihrem 1984; Tschauder 1991; Brandt 1991.)
primär an den Prozeduren der Textverarbei-
tung orientierten Vorgehen entspricht die 3.1. Thematische Progression
Aufstellung verwenderzentrierter Kriterien Daneš geht in seinem bereits 1970 vorgestell-
der Textualität (Intentionalität, Situationali- ten Analysemodell von der Thema-Rhema-
tät, Informativität, Akzeptabilität, Intertex- Gliederung aus und bezieht den Themabegriff
tualität) neben textzentrierten Kriterien (Ko- auf Satzthemen. Deren Abfolge in benach-
härenz, Kohäsion) (Beaugrande/Dressler 1981, barten Sätzen und die Relationen zwischen
8 ff). Die Gegenüberstellung verwenderzen- ihnen in Satzsequenzen klassifiziert Daneš als
triert ⫺ textzentriert entspricht nicht völlig Typen der thematischen Progression, die beim
der Dichotomie textextern ⫺ textintern, son- Textaufbau in unterschiedlicher Weise kom-
dern betont die Dominanz der jeweiligen biniert werden (Daneš 1970, 74, 78). Umstrit-
Sichtweise. So ist für Beaugrande/Dressler der ten ist, ob die Relationen der Satzthemen in
dem Text zugrundeliegende Sinnzusammen- Satzsequenzen eine Identifizierung von „Hy-
hang Grundlage der Kohärenz; und Kohärenz perthemen“ in Absätzen (Daneš 1970, 75)
ist das Ergebnis kognitiver Prozesse, bei denen und die Ermittlung des Textthemas ermögli-
durch den Text aktualisiertes (bzw. inferiertes) chen (vgl. dazu Lötscher 1987, 233 ff). Eine
eigenes Wissen verarbeitet wird, um den Sinn- Ausweitung und Differenzierung der Analy-
zusammenhang des Textes herzustellen (Beau- sen von Daneš nehmen Beneš (1973) und
grande/Dressler 1981, 88, 114, 118). Eroms (1991) vor (J Art. 4).
Untersuchungen des Textverstehens als
Prozess der Wissensverarbeitung und kon- 3.2. Themenentfaltung
struktive Leistung der Sinnherstellung (Scher- Nach Brinker signalisiert der Text als Ganzes
ner 1984; Strohner 1990) und der Textproduk- eine erkennbare kommunikative Funktion
tion (vgl. Antos 1989, 29 ff) werden ergänzt (Brinker 1985, 17); der Textfunktion entspre-
126 II. Forschungsregionen

che am stärksten das Hauptthema eines Tex- 3.5. Text als Antwort auf die „Quaestio“
tes, von dem sich die Nebenthemen ableiten des Textes
lassen (vgl. 52), häufig als Spezifizierungen Nach Klein/von Stutterheim kann ein Text
des Hauptthemas (57). Bei der Analyse des als Antwort auf eine (explizite oder implizite)
Themas ist eine Orientierung an der Wieder- Frage, die „Quaestio“ des Textes, verstanden
aufnahmestruktur (als grammatischer Trä- werden, die dessen globale und lokale Struk-
gerstruktur thematischer Zusammenhänge) tur bestimme (Klein/von Stutterheim 1992,
möglich (40 f, 52). Unter thematischer Entfal- 69 ff). Der Textaufbau unterliege globalen
tung versteht Brinker die gedankliche Aus- Beschränkungen, die aus der komplexen
führung des Themas, die durch kommunika- „Gesamtvorstellung“ resultieren (69) und
tive und situative Faktoren gesteuert wird sich auf den Inhalt beziehen, aber auch die
und in der relationale, logisch-semantisch de- Möglichkeiten bei der Wahl sprachlicher Mit-
finierte Katagorien verknüpft bzw. kombi- tel verringern (79). Verschiedene Typen der
niert werden. In einer Analyse der themati- „referentiellen Bewegung“ bestimmen da-
schen Entfaltung sind zunächst der inhalt- nach als lokale Beschränkungen die Entfal-
liche Beitrag der Propositionen zum gesam- tung der Informationen und sind an der Wahl
ten Textinhalt und dann die logisch-semanti- sprachlicher Mittel erkennbar (69 f).
schen Relationen der Teilinhalte/Teilthemen
zum Textthema festzustellen (56). Als unter-
schiedliche Möglichkeiten, ein Thema zu ent- 4. Textsortenklassifizierung ⫺
falten, führt Brinker die deskriptive, die ex- Texttypologie
plikative, die argumentative und die narrative Im Gegensatz zum stärker theoriebezogenen
Themenentfaltung an (59 ff; J Art. 18). Terminus Texttyp (vgl. Isenberg 1983, 308)
3.3. Illokutionsstruktur bezieht sich der Begriff Textsorte auf Grup-
pen authentischer Texte mit übereinstimmen-
Die Analysen von Illokutionsstrukturen basie- den Merkmalen. Die Wahl unterschiedlicher
ren auf modularem Verständnis, nach dem Differenzierungskriterien bedingt verschie-
(relativ autonome) Module der Grammatik dene Textsortenklassifizierungen, die sich
und Pragmatik bei der Herstellung von Texten häufig auf Gebrauchstexte beschränken.
interagieren; das Illokutionswissen wird als Die Texttypologisierung gilt als Aufgabe
selbstständiges Kenntnissystem vom Gram- der Texttheorie, um ⫺ in der Regel hand-
matik- und Weltwissen abgegrenzt (Motsch/ lungstheoretisch fundiert ⫺ Modelle und Er-
Viehweger 1991, 117). Durch Übertragung klärungen für Textsortendifferenzierungen
des Illokutionsbegriffs von der Ebene einzel- bereitzustellen. Isenberg, der als Kriterien für
ner Sprechakte auf die Ebene von Sätzen in die Bewertung von Texttypologien Homoge-
Texten wird ein mehrschichtiges Textmodell nität, Monotypie, Striktheit und Exhaustivi-
mit einer hierarchisch geordneten Illoku- tät nennt (Isenberg 1983, 312 ff), bezeichnet
tionsstruktur entworfen, nach dem der Erfolg die Texttypologisierung als zentrales Problem
dominierender Illokutionen durch subsidiäre der Texttheorie, das mit der Erarbeitung ei-
Illokutionen gestützt wird (Motsch/Viehweger nes allgemeingültigen Textbegriffs und der
1991, 121 ff; Motsch 1996a, 9 ff); untersucht Beschreibung von Textualität in Zusammen-
wird auch die Sequenzierung von Illokutionen hang stehe (Isenberg 1983, 305 f).
(Motsch 1996b; J Art. 40).
4.1. Textinterne ⫺ textexterne
3.4. Textthema als defizitäres Objekt Klassifizierungskriterien
Für Lötscher ist der Text eine Handlung zur 1972 werden auf einem Kolloquium in
Beseitigung eines Defizits (Lötscher 1987, Rheda, durchgeführt von der Universität
81 f, 125) und das Textthema ein defizitäres Bielefeld, textextern gewonnene Kriterien zur
Objekt, dessen Mangel durch die Themenbe- Textsortenklassifizierung textintern abgeleite-
handlung behoben werde (83 f). Seinen funk- ten (strukturellen) Kriterien gegenüberge-
tional definierten Themenbegriff (300) wen- stellt (vgl. Gülich/Raible 1972). Sandig cha-
det Lötscher auf argumentative Texte an, de- rakterisiert Gebrauchstextsorten nach zwan-
ren Mangel in der nicht vorhandenen Akzep- zig z. T. textextern, z. T. textintern abgeleite-
tanz einer Proposition bestehe (83 f). Bei den ten Merkmaloppositionen (Sandig 1972,
Analysen der Themenstruktur werden ver- 114 ff; 118: Übersicht) und unterscheidet
schiedene Möglichkeiten der Themenver- Textsorten nach den verschiedenen Merkmal-
knüpfung beschrieben (149 ff). kombinationen.
13. Textlinguistik im deutschsprachigen Raum 127

4.2. Klassifizierung nach Basiskriterien und Aktivierens eingeprägter Textkonfigura-


Als Basiskriterium für die Klassifizierung von tionen.
Textsorten wird in der Regel die Textfunktion Sandig betont schon früh den Zusammen-
gewählt (Große 1976; Brinker 1985; Rolf hang von Textsorten und Handlungsmustern
1993; J Art. 41). Unter Textfunktion wird (Sandig 1972, 123); Muster versteht sie als
dabei die durch sprachliche Ausdrücke ver- komplexe, in sich strukturierte Einheiten und
mittelte, an den Rezipienten gerichtete In- nennt als Beispiele Intonations-, Satz-, Wis-
struktion verstanden, wie der Text zu verste- sens- und Handlungsmuster, Text- und Stil-
hen sei (Große 1976, 15 ff, 26, 68) bzw. die muster (Sandig 1989, 133).
Kommunikationsabsicht des Textverfassers, Auf einem Kolloquium über Textsorten/
die im Text mit konventionell geltenden Mit- Textmuster 1990 an der Universität Leipzig
teln realisiert ist (Brinker 1985, 86). Brinker differenziert Heinemann globale Textmuster
bezeichnet die Textfunktion explizit als von Textsorten und bezeichnet sie als „text-
„Basiskriterium“ für die Differenzierung von orientierte psychische Potentiale“, als „ab-
„Textsortenklassen“ und nimmt Subklassifi- strakte Rahmenschemata“ (Heinemann 1990,
zierungen unter kontextuellen und strukturel- 12 f). Nach Heinemann, für den Textmuster-
len Kriterien vor (Brinker 1985, 125 ff). Als wissen prototypisches Wissen ist, spielen die
strukturelle Kriterien gelten die Art des Text- durch bestimmte Interaktionszusammen-
themas und die Form der thematischen Ent- hänge aktivierten globalen Textmuster eine
faltung, die weitgehend der Textfunktion ent- wesentliche Rolle in den Strategien der Text-
spreche (130 f). produktion und der Textrezeption (Heine-
mann 1990; 14 f; vgl. auch Antos 1987; Nuss-
4.3. Mehrebenenklassifizierung baumer 1991, 283 ff; J Art. 48 u. 49).
In einem die Theorien sprachlichen Han-
delns, der Grammatik und der Textkomposi- 5. Ausweitung und Anwendung der
tion integrierenden Modell (Heinemann/
Viehweger 1991, 127 f) und ausgehend vom Textlinguistik
Vorwissen der Kommunikationspartner ord- Textlinguistische Überlegungen werden oft in
nen Heinemann/Viehweger ihre Texttypologi- ein interdisziplinäres Forschungsfeld inte-
sierung in ein Mehrebenenmodell: Funktions- griert und für praxisorientierte Anwendungen
typen, Situationstypen (abgeleitet von situa- genutzt, u. a. bei der Analyse von Pressetex-
tiven Rahmenbedingungen), Verfahrenstypen ten (Lüger 1995; Gruber 1991; Schoenke
(im Sinne strategischen Handelns), Text- 1996b), bei soziopsychologischen Untersu-
strukturierungstypen (auf Grund textkompo- chungen der Textplanung (Wodak 1984) oder
sitorischer Entscheidungen) und prototypi- zum Textverstehen von Hörfunknachrichten
sche Formulierungsmuster (Heinemann/Vieh- (Lutz/Wodak 1987), aber auch für Textsor-
weger 1991, 147 ff). Die primären Textfunk- tenbeschreibungen in der forensischen Lin-
tionen gelten hier auch für fiktionale Texte guistik (Artmann 1996). Die Erweiterungen
(mit ästhetischen Wirkungen) (149 ff). Ob- textlinguistischer Forschung werden am Bei-
gleich Textformulierungen nicht in eine spiel der Fachtextlinguistik besonders deut-
strikte Musterbildung einzuordnen seien, lich, die Anwendungsmöglichkeiten am Bei-
sondern auch individuell variiert werden, ver- spiel der Sprachdidaktik.
fügen Kommunikationspartner nach Heine-
mann/Viehweger über ein Wissen prototypi- 5.1. Fachtextlinguistik
scher Formulierungs- und Stilmerkmale be- Die Fachsprachenforschung, deren Untersu-
stimmter Textklassen (164 ff), die als Indika- chungsbereich sich von der Fachlexik her auf
toren einzelner Textsorten gelten können immer größere sprachliche Einheiten bis zum
(167). Text ausgedehnt hat, berücksichtigt bes. seit
den 80er Jahren textlinguistische Untersu-
4.4. Textmuster chungsergebnisse (vgl. Hoffmann 1983; 1988).
in der Textsortenklassifizierung Gläser bezeichnet 1984 auf einer Arbeitsta-
Bei den früher häufig synonym verwendeten gung an der Universität Leipzig (Thema:
Termini Textsorte und Textmuster deutet sich „Fachsprachliche Textlinguistik“) die Fach-
eine zunehmende Differenzierung an: Text- textlinguistik als Erweiterung der Textlinguis-
sorte weist auf Klassifizierungen hin, Text- tik (Gläser 1985, 14). In der Fachtextlinguis-
muster auf Prozesse des (Wieder-)Erkennens tik spielen kommunikative Aspekte (wie die
128 II. Forschungsregionen

Funktionen der Fachtexte und die Situatio- In die Didaktik des Faches Deutsch als
nen ihrer Verwendung) eine wesentliche Fremdsprache (DaF) lassen sich textlinguisti-
Rolle. sche Überlegungen leichter integrieren als in
Unterscheidungen in der Fachsprachenfor- die Didaktik der Primärsprache, da die be-
schung wie die nach Fachgebieten, nach dem wusste Aneignung expliziten Sprachwissens
Grad an Fachlichkeit, nach fachinterner, in- im Fremdsprachenunterricht eine größere
terfachlicher und fachexterner Kommunika- Rolle spielt. Übungsmaterial für den DaF-
tion werden durch die textlinguistisch orien- Unterricht wird in der Gegenwart häufig auf
tierte Entwicklung einer Fachtextsortenlingui- die Textebene ausgedehnt (vgl. Häusser-
stik ergänzt (Gläser 1985; Hoffmann 1988; mann/Pipho 1996). Für die schriftliche Text-
Göpferich 1995). Bei der Differenzierung von produktion hält Portmann die Vermittlung
Fachtextsorten werden z. T. auch kognitive textbezogener Kenntnisse (z. B. über Textauf-
Prozeduren der Wissensverarbeitung berück- baumuster und kohärenzerzeugende Techni-
sichtigt (Baumann 1996, 360 ff). ken) für notwendig, eine Beschränkung auf
textlinguistisch orientierte Übungen bei der
5.2. Textlinguistik und Sprachdidaktik Vorbereitung auf die Textproduktion jedoch
Möglichkeiten zur Nutzung textlinguistischer für nicht ausreichend (Portmann 1991, 469 ff,
Forschungsergebnisse für eine am Text orien- 384 ff). Wichtigste Aufgabe der Schreibdidak-
tierte Sprachdidaktik bieten sich besonders in tik sei nicht die Einübung bestimmter Lö-
den Bereichen der schriftlichen Textproduk- sungsformen, sondern die Unterstützung bei
tion und der Reflexion über Sprache (auf der Arbeit des Problemlösens (404 ff). Text-
Textebene). Voraussetzung für eine Aus- verfasser sollten auf der Grundlage ihres Wis-
schöpfung der Möglichkeiten wäre aller- sens um die eigenen Kenntnisse selbst ihre
dings, dass in der Lehrerausbildung grundle- Aktivitäten beim Schreiben steuern (Port-
gende textlinguistische Kenntnisse vermittelt mann 1991, 407 ff).
und die Fähigkeiten zu fachdidaktischen Um- In der Sprachdidaktik insgesamt lässt sich
setzungen entwickelt werden, die sich an den ⫺ wie in der Fachtextlinguistik und parallel
Lernbedingungen in der Zielgruppe und den zur Entwicklung in der Textlinguistik ⫺ eine
Unterrichtszielen orientieren (vgl. Schoenke Tendenz feststellen, zunächst vorhandene Be-
1991, 8 ff, 183 ff). schränkungen auf transphrastische Phäno-
Im Zusammenhang mit dem Forschungs- mene abzulösen durch Prioritätensetzung bei
projekt „Muttersprachliche Fähigkeiten von kommunikativ-funktionalen und kognitiven
Maturanden und Studienanfängern in der Aspekten. Auswirkungen auf die alltägliche
Deutschschweiz“ 1988⫺1991 an der Univer- Unterrichtspraxis sind vereinzelt festzustellen.
sität Zürich erörtert Nussbaumer textlinguis-
tisch begründete Kriterien zur Beurteilung von 6. Textlinguistik
Texten, wobei er bes. kognitive Aspekte be-
rücksichtigt (Nussbaumer 1991, 303 ff: „Zür-
in der universitären Lehre
cher Textanalyseraster“). Für die Schreib- Das Angebot an textlinguistischen Lehrver-
didaktik hat sich bei prozessorientiertem anstaltungen zeigt große Unterschiede: an
Vorgehen, in das außer dem Schreiben selbst vielen Universitäten werden sporadisch ein-
auch die Prozesse des Planens, der Vorberei- zelne Seminare mit ganz verschiedenen text-
tung und der Überarbeitung einbezogen wer- linguistischen Themen angeboten, an man-
den, eine Orientierung am prozeduralen An- chen Universitäten fehlt dieses Angebot ganz;
satz der Textlinguistik (vgl. 2.5.) als nützlich und an einigen Universitäten entwickelte sich
erwiesen (Schoenke 1991, 133 ff, 139 ff). ⫺ oft im Zusammenhang mit textlinguisti-
Im deutschsprachigen Raum wird in den schen Forschungsvorhaben ⫺ ein größeres
Lehrplänen für das Fach Deutsch bisher nur Angebot an textlinguistischen Lehrveranstal-
in Österreich (Lehrpläne 1985/1989) auch tungen. Mitte der 70er Jahre wurden z. B. an
Textgrammatik als Unterrichtsgegenstand den Universitäten Konstanz und Bielefeld
genannt (vgl. Blüml 1992, 132 ff: textgram- bes. viele Seminare mit textlinguistischen In-
matische Übungen). Trotzdem werden auch halten durchgeführt, in der Gegenwart ist das
außerhalb Österreichs in einigen Sprachbü- Angebot an den Universitäten Hamburg,
chern Übungen auf Textebene angeboten Leipzig, Jena und Bielefeld bes. groß. Doch
(vgl. z. B. Kreye/Roth/Schmidt u. a. 1979⫺ auch dort bestehen große Unterschiede in der
1996; Schoenke 1991, 106 ff: Übersicht über Wahl der einzelnen Veranstaltungsthemen: an
entsprechende Übungstypen). den Universitäten Leipzig und Jena werden
13. Textlinguistik im deutschsprachigen Raum 129

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132 II. Forschungsregionen

14. Textlinguistik im englischsprachigen Raum

1. Vorbemerkung mehrfach Erwähnung findet. Im letzten Ab-


2. Allgemeines schnitt wird auf Anwendungsgebiete der
3. Richtungen der Textbeschreibung Textlinguistik eingegangen (vgl. 4.). Die Glie-
4. Anwendungen derung des Artikels folgt damit in wesent-
5. Literatur (in Auswahl)
lichen Teilen einer von Graustein (1984)
praktizierten Darstellung. Auf eine weitere
1. Vorbemerkung regionale Untergliederung der textlinguisti-
schen Arbeit wird in der Regel verzichtet,
Textlinguistik wird im englischsprachigen weil zum einen die linguistischen Trends pri-
Raum häufig als Teil von Diskurslinguistik mär zu beachten sind und zum anderen eine
bzw. Diskursanalyse verstanden. Dies ist darin regionale Ansiedlung vieler Textlinguisten
begründet, dass die Prozesse und Ergebnisse aufgrund der globalen Mobilität der Wissen-
sprachlicher Kommunikation in der briti- schaft und ihrer Wissenschaftler häufig
schen und US-amerikanischen Linguistik, die schwierig ist.
als prägend für den hier abzuhandelnden Ge-
genstand angesehen werden können, weitge-
hend in einen soziolinguistischen und funk- 2. Allgemeines
tionalen Rahmen gestellt werden. Daraus er-
gibt sich die Konsequenz, das Diskurshafte Wie in den Vorbemerkungen bereits ange-
sprachlicher Kommunikation in den Vorder- klungen, basiert die Textlinguistik nicht auf
grund zu rücken und somit auch die schriftli- einer konsistenten und umfassenden Theorie
che Kommunikation in diesen weiteren Zu- und Methodologie. Dies ist nicht nur auf die
sammenhang einzuordnen. Den interaktiven Konkurrenz linguistischer Schulen und die
Charakter auch des (schriftlichen) Textes ha- Komplexität des Gegenstandes zurückzufüh-
ben aus unterschiedlicher Perspektive z. B. ren, sondern auch auf eine ausgeprägte
Widdowson (1979, 176), Nystrand et al. (1986, Zweckorientiertheit, die gerade für die Text-
39; 41), McCarthy (1991, 27) und Coulthard linguistik im englischsprachigen Raum ty-
(1994, 4 f) hervorgehoben. Daher sind Zu- pisch ist (vgl. 4.). Die Textlinguistik verfügt
gänge zur Beschreibung schriftlicher Kom- über einen variantenreichen Apparat von
munikate häufig durch ein Theorie- und Me- Kategorien und Beschreibungsprinzipien, der
thodeninventar gekennzeichnet, das für die grundlegend für die etablierten Richtungen
mündliche Kommunikation entwickelt wor- der linguistischen Forschung ist (vgl. 3.). Ar-
den ist. Dies begründet, warum im Folgenden beiten, die die Situation im englischsprachi-
gelegentlich auch auf Beschreibungsverfah- gen Raum und z. T. darüber hinaus in we-
ren eingegangen wird, die primär der Analyse sentlichen Gesichtspunkten reflektieren und
von Dialogen dienen. Die stark soziolingui- dabei verschiedene Konzepte der Textlingui-
stische und funktionale Orientierung der bri- stik vorstellen, sind die Monografien bzw.
tischen Diskursanalyse führt in manchen Fäl- Sammelbände von Coulthard (1977; 1994),
len zu einer so nicht gerechtfertigten Ab- Brown/Yule (1983), Stubbs (1983; 1996) und
grenzung von einer kontinentaleuropäischen de Beaugrande/Dressler (1981).
(angeblich strukturalistischen) Textlinguistik Coulthard (1977) ist ein Repräsentant der
(vgl. Watts 1994, 41 f). in Birmingham entwickelten Schule der Text-
Der Artikel wird zunächst einige allge- linguistik, die in der Tradition von Firth und
meine Prinzipien der Textlinguistik im eng- dessen sozialer Einbettung von Sprache in die
lischsprachigen Raum wiedergeben (vgl. 2.) kommunikative Interaktion steht und die den
und sich dann der Darstellung von Richtun- theoretischen Rahmen der nach Firth von
gen der Textbeschreibung widmen (vgl. 3.). Halliday ausgearbeiteten systemischen Gram-
Dabei müssen ⫺ der Methodenvielfalt bei der matik nutzt. Im Anschluß an gemeinsame Un-
Gegenstandsbeschreibung geschuldet ⫺ Über- tersuchungen mit Sinclair (Sinclair/Coulthard
schneidungen im forschungsmethodologischen 1975) sowie an Brazils (1975) Arbeit zur In-
Zugang in Kauf genommen werden. In ein- tonation beschreibt der Autor die sequentielle
zelnen Fällen kommt es daher auch vor, dass und hierarchische Organisation von Unter-
ein Linguist der einen oder auch anderen richtsgesprächen in ihrer funktionalen und
Richtung zugeordnet werden kann bzw. besonders strukturellen Dimension. Die Ein-
14. Textlinguistik im englischsprachigen Raum 133

heit, in der die Lehrer-Schüler-Interaktion den Untertitel „Computer-assisted studies of


vollzogen wird, ist der Redewechsel/Austausch language and culture“). Diese deutliche An-
(exchange), ein „Gefäß, in dem ‘Ideen’ über- bindung der textlinguistischen und linguisti-
mittelt werden“ (Watts 1994, 48). Diese zen- schen Arbeit überhaupt an „the use of real
trale Einheit des Dialogs findet ihre Paralleli- language in written and spoken discourse,
tät in der Beschreibung des schriftlichen Tex- both across corpora of data, and with refer-
tes (vgl. 3.). Die Interpretation der Bedeu- ence to the functions of language in social in-
tung des Diskurses und seiner Einheiten stitutions“ (Stubbs 1993, 1) geht u. a. auf das
bleibt bei Coulthard (1977) auf interaktionale einflussreiche Wirken von Sinclair und Mit-
Merkmale beschränkt. Auch wird die Über- arbeiter zurück, die in Theorie und Praxis da-
tragbarkeit des Modells auf weniger rituali- tenbezogene Beschreibungen des Englischen
sierte und institutionalisierte Interaktionsty- (evidence) fundiert und realisiert haben und
pen häufig bezweifelt (vgl. Watts 1994, 48). in diesem Kontext auch eine Pionierrolle in
Brown/Yule (1983), die kein eigenes Be- der computergestützten textlinguistischen Ar-
schreibungsverfahren präsentieren, unterschei- beit im englischsprachigen Raum begründe-
den die transaktionale (Ausdruck des Inhalts) ten. Unter den heute vorliegenden und für
und interaktionale (Ausdruck der sozialen verschiedene linguistische, besonders auch
Haltungen) Funktion der Sprache. Sie ver- textlinguistische Zwecke häufig genutzten
zichten auf eine systematische Beschreibung Textkorpora des Englischen seien nur bei-
der Semantik sowie der sprachlichen Mittel spielhaft das Lancaster⫺Oslo/Bergen Corpus
zum Ausdruck der Bedeutung und konzen- (LOB) für das Britische Englisch und das
trieren sich auf Probleme der Referenz, Ko- Brown University Corpus of American Eng-
härenz und Relevanz. Die Autoren nutzen lish erwähnt.
Referenz für „that function whereby speakers Die oben skizzierten Herangehensweisen
indicate, via the use of linguistic expression, sind inhaltlich u. a. in Australien aufgenom-
the entities they are talking about“ (Brown/ men worden und widerspiegeln gegenwärtige
Yule 1983, 206). Der Textproduzent ⫺ und Projekte der (allerdings weitgehend mündli-
nicht der Text ⫺ referiert auf etwas, worüber chen) Diskursanalyse. Dabei spielen die Ent-
kommuniziert wird. Relevanz determiniert wicklung der Sprachkompetenz von Vor-
das Thema des Textes; für Kohärenz wird die schulkindern, das Unterrichtsgespräch und
Kenntnis von Standardstrukturen, die über die Analyse verschiedener Konversationssi-
den Satz hinausführen (z. B. Intonation und tuationen eine besondere Rolle (vgl. Clyne/
Proformen), als wesentlich betrachtet. Slade 1994).
Stubbs (1983) folgt in einigen Aspekten Die Einführung in die Textlinguistik von
der in Birmingham entwickelten Schule der de Beaugrande/Dressler (1981), die partiell
Diskursanalyse, hebt aber noch deutlicher die auf de Beaugrande (1980) aufbaut, soll hier
Situation, in der Sprache verwendet wird, nur knapp erwähnt werden, weil sie eine der
hervor. So zeigt er z. B. auf, wie sich die so- Arbeiten ist, die richtungsweisend für die
zialen Rollen bzw. Aktivitäten der Kommuni- Grundlagen und die Entwicklung der Textlin-
kationspartner in der Diskursstruktur reflek- guistik insgesamt ist. Dabei ist allerdings auf-
tieren. Darüber hinaus gibt der Autor einen fällig, dass diese Publikationen in der im en-
nützlichen Überblick über wesentliche sozio- geren Sinne britischen Diskursanalyse weni-
linguistische Ansätze zur Diskursanalyse, ein- ger Aufmerksamkeit gefunden haben als in
schließlich des ethnografischen Forschungs- der globalen Rezeption. de Beaugrande/
zugangs, und befasst sich auswahlhaft mit Dressler (1981) argumentieren für eine opera-
Strukturen, die der Realisierung der Diskurs- tionale bzw. prozedurale Textlinguistik, die
kohäsion dienen. Seine Monografie zur Text- Texte als aktuelle Systeme betrachtet und da-
und Korpusanalyse (Stubbs 1996) schließt in- mit nicht der von de Saussure begründeten
haltlich an die frühere Publikation an und Tradition der Unterrscheidung von langue
stellt damit auch seine Herangehensweise in und parole folgt. Insofern liegt diese Arbeit
die von Firth begründete Tradition und die im Trend einer oben (vgl. 1.) skizzierten Dis-
von Halliday etablierte Schule. Von ihm aus- kursanalyse, die solche Unterscheidungen ge-
gewählte Fragestellungen (z. B. zu Texttypen, nerell zurückweist und stattdessen die soziale
kulturellen Schlüsselwörtern, Kollokationen, Einbettung der Sprache in die kommunika-
zum Verhältnis zwischen Syntax und Prag- tive Interaktion stark beachtet. Texte werden
matik) werden vor dem Hintergrund der in ihrer Funktion in der menschlichen Inter-
Analyse von Computercorpora erörtert (vgl. aktion betrachtet und müssen, dem folgend,
134 II. Forschungsregionen

Standards der Textualität (Kohäsion, Kohä- nannten Autoren berücksichtigen allerdings


renz, Intentionalität, Akzeptabilität, Infor- kaum textexterne Faktoren und begrenzen
mativität, Situationalität und Intertextuali- die Beschreibung der sprachlichen Mittel
tät) entsprechen. weitgehend auf die Darstellung von Signalen
zum Ausdruck der Informationsstruktur.
In der pragmalinguistischen Tradition der
3. Richtungen der Textbeschreibung Textbeschreibung sind auch Nystrand et al.
zu sehen, die schriftliche Kommunikation als
Die im Folgenden dargestellten Richtungen „pact of discourse“ (1986, 41) betrachten. Sie
der Textbeschreibung reflektieren Trends der heben ihre „means-end view of language pro-
linguistischen Forschung, die für das zu bear- duction“ hervor, d. h. „successful communi-
beitende Gebiet typisch sind. Dabei sind cation requires speakers’ finding expressions
allerdings im Rahmen von Generalisierungen that appropriately effect their purposes“
partielle Überlappungen in den folgenden Be- (Nystrand et al. 1986, 41). Auch der geschrie-
reichen nicht auszuschließen. bene Text sei ein Vertrag (hier) zwischen
Die pragmalinguistische Richtung der Text- Schreiber und Leser, der daher den Grice-
forschung im englischsprachigen Raum wird schen Maximen der Kommunikation, beson-
durch die in Birmingham entwickelte textlin- ders dem Prinzip der Kooperation, zu folgen
guistische Schule geprägt. Daran schließt die habe. Diese Interpretation von Sprache als
Analyse auch des schriftlichen Textes an. Bei- sozialer Handlung, bei der die Effekte, die
spielhaft sind hier Bolı́var (1994) und Coul- beim Rezipienten erreicht werden sollen, im
thard (1994) zu erwähnen. Bolı́var (1994) be- Vordergrund stehen, befinden sich daher
schreibt für den Leitartikel eine dem Ge- auch in der Tradition der sprachphilosophi-
sprächswechsel angenäherte Dreiteilung der schen Ansätze von Austin und Searle.
zentralen Textstruktur. Diese Triade „shares Der stärker soziolinguistische Zugang zur
similarities with the exchange in that it con- textlinguistischen Forschung, der ebenfalls
sists of up to three elements of structure and unter wesentlicher Beeinflussung der Analyse
constitutes the minimal unit of interaction in mündlicher Kommunikation (vgl. Stubbs
written text“ (Bolı́var 1994, 276). Die Auto- 1983) ethnomethodologisch und auch ethno-
rin folgt der philosophisch begründeten grafisch (vgl. Garfinkel; Gumperz; Hymes;
Sprechakttheorie und beschreibt den Ge- Schegloff; Sacks; van Dijk in jüngeren Arbei-
sprächswechsel als „three fundamental turns ten u. a.) geprägt ist, wird ⫺ für den schriftli-
(Tn) calles lead (L), follow (F) and valuate chen Text ⫺ u. a. durch eine Genre-bezogene
(V)“ (Bolı́var 1994, 279), die mit anderen Herangehensweise von Swales (1990) vertre-
Triaden kombiniert werden können. Coul- ten. Swales, der eine Vermittlerrolle zwischen
thard (1994) führt am Beispiel einer Instruk- einer US-amerikanischen praxisorientierten
tion Merkmale der linguistischen Analyse Kompositionslehre und einer fachsprach-
und Bewertung eines schriftlichen Textes an lichen Arbeit in Großbritannien zu versuchen
und zeigt überzeugend, dass die in diesem spielt, will „the general value of genre analy-
Falle nicht angemessene Vertextung von einer sis as a means of studying spoken and written
unangemessenen Vorstellung des potentiellen discourse for applied ends“ (1990, 1) demon-
Lesers ausgeht. Die von ihm vorgeschlagenen strieren. Ihm geht es um die Betrachtung der
rhetorischen Strukturen, die „his/her non-lin- Rollen, die Texte in bestimmten Umgebungen
ear message in a comprehensible linear form“ spielen. Als Schlüsselbegriffe etabliert er die
(Coulthard 1994, 7) illustrieren, sind Ausweis Diskursgemeinschaft, das Genre und die
einer pragmalinguistischen Sichtweise schrift- sprachlernbezogene Aufgabe: „Discourse com-
licher Texte und ihrer textlinguistischen Be- munities are sociorhetorical networks that
schreibung. Bolı́var (1994) und Coulthard form in order to work towards sets of common
(1994) leisten im Zusammenhang mit ihrer goals. One of the characteristics that estab-
Herangehensweise auch einen Beitrag zur Be- lished members of these discourse communi-
schreibung der globalen Informationsstruk- ties possess is familiarity with the particular
tur von Texten. Wichtige Vorläufer dieser Ar- genres that are used in the communicative
beit zur Darstellung der Informationsstruk- furtherance of those sets of goals. In conse-
tur, die z. T. vorrangig satzorientiert sind, quence, genres are the properties of discourse
sind u. a. Winter (1976; 1982; 1986), Hut- communities; that is to say, genres belong to
chins (1977), Selinker et al. (1978), Hoey discourse communities, not to individuals,
(1979) und Sopher (1979). Die zuletzt ge- other kinds of grouping or to wider speech
14. Textlinguistik im englischsprachigen Raum 135

communities. Genres themselves are classes Mittel wie Pronomen, Substitution, Ellipse,
of communicative events which typically pos- aber auch lexikalische Mittel). Als sehr ein-
sess features of stability, name recognition flussreich hat sich auch die Beschreibung se-
and so on. Genre-type communicative events mantischer Relationen wie Ursache und Wir-
(and perhaps others) consist of texts them- kung oder Kontrast von Mann/Thompson
selves (spoken, written, or a combination) (1986; 1988) erwiesen, die von rhetorischen
plus encoding and decoding procedures as Relationen zwischen Informationsblöcken
moderated by genre-related aspects of text- ausgehen, den Zugang zu den Relationen
role and text-environment“ (Swales 1990, 9). aber über sprachliche Mittel zwischen den In-
In den Kontext der Forschungen zur Kog- formationsblöcken (und nicht auch innerhalb
nitiven Psychologie bzw. Künstlichen Intelli- der Blöcke) finden. Eine Reihe von For-
genz, die sich im Zusammenhang mit größe- schungen, die den Weg zur Textanalyse über
ren sprachlichen Einheiten die Aneignung, Oberflächensignale verfolgen, hat Hoey (z. B.
Speicherung und Nutzung von Wissensbe- 1979; 1983; 1991; 1994; 1997) vorgelegt.
ständen bzw. die Realisierung von Zielorien- Hoey geht in seinen Arbeiten von verwobe-
tierungen beim Rezipienten zum Gegenstand nen Sätzen aus, die ein Netzwerk des Textes
der wissenschaftlichen Arbeit gemacht haben, darstellen (und einer strikten Hierarchisie-
ist van Dijks Monografie (1980) zu den rung der Textstruktur vorzuziehen seien) und
Makrostrukturen und Superstrukturen des durch verschiedene Mittel der Versprachli-
Textes einzuordnen. Sie versucht linguisti- chung realisiert werden (vgl. Hoey 1991,
sche, psychologische und kognitive Aspekte 92 f). Die Situation schließt textexterne und
der Textbeschreibung zu kombinieren. Die Interaktionsmerkmale, die Form die Syntax
Funktionen der Makrostrukturen van Dijks und die Substanz die Phonologie/Phonetik
bestehen darin, komplexe Informationen zu ein, wobei die Lexik und der Text zwischen
verarbeiten. Die Makroregeln, die diese diesen vermitteln: „In short, lexis, like text,
Funktionen erfüllen sollen, sind Tilgungen, may be seen as mediating between, and to
Generalisierungen etc. von Mikropropositio- some degree overlapping with, syntax and
nen des Textes. Die Superstrukturen sind eine morphology“ (Hoey 1991, 208). Wenn auch
Art Schema, die die Etablierung von narrati- dieser theoretische Ansatz, die Lexik auf den
ven, argumentativen u. a. Strukturen (Textty- Rang des Textes zu erheben, problematisch
pen) erlauben. Auch Arbeiten zu anderen erscheint, so ist doch festzustellen, dass seine
Mustern der zielorientierten Wissensspeiche- subtilen Arbeiten zur Rolle der Lexik im eng-
rung und -verarbeitung (frames/roles/scripts; lischen Text eine Fülle von Details und Zu-
scenarios) gehören in diesen Rahmen der sammenhängen aufdecken, die von weiter-
textlinguistischen Arbeit im englischsprachi- führenden Forschungen auf diesem Gebiet
gen Raum (vgl. Minsky 1975; Schank/Abel- nicht übersehen werden können. In diesem
son 1977; Sanford/Garrod 1981; Johnson- Zusammenhang ist auch die experimentelle
Laird 1983). Arbeit von Hoey (1997) zu erwähnen, in der
Schließlich sind Arbeiten zu erwähnen, die er mit Hilfe von Probanden nachweist, wie
den Zugang zur Textbeschreibung stärker un- durch Veränderungen der Verwendung von
ter dem Gesichtspunkt von Textoberflächen- lexikalischen und z. T. auch grammatischen
signalen suchen. In diesem Zusammenhang Mitteln, die mit dem Sprachsystem konform
spielt die Monografie zur Kohärenz und Ko- sind, die Absatzgestaltung eines ursprünglich
häsion im Englischen von Halliday und Ha- authentischen Textes manipuliert werden
san (1976) eine besondere Rolle. Sie geht von kann.
einer linearen Textbeschreibung aus (d. h. Auf anderer Ebene als bisher dargestellt
ohne Berücksichtigung der hierarchischen liegen Arbeiten zur Texttypologie. Eine sehr
Strukturierung des Textes), gibt aber eine in- begrenzte Auswahl von Typologisierungsan-
nerhalb des Satzes und über den Satz hinaus- geboten, die terminologisch nicht immer ein-
gehende Beschreibung des inhaltlichen Zu- heitlich sind, soll Richtungen andeuten. Sie
sammenhangs der Teile des Diskurses. Kohä- alle repräsentieren allerdings komplexe Klas-
renzbeziehungen sind Relationen, bei denen sifikationen bzw. Klassifikationssysteme, was
die Interpretation „of some element in the angesichts der Schwierigkeiten einer Typolo-
discourse is dependent of that of another“ gisierung nicht überraschen kann.
(Halliday/Hasan 1976, 4). Der Kohärenz Eine texttypologische Arbeit, die zwar
werden typische sprachliche Mittel zu deren nicht im englischen Sprachraum entstanden
Ausdruck zugewiesen (z. B. grammatische ist, für die anglistische textlinguistische For-
136 II. Forschungsregionen

schung insgesamt aber eine wichtige Rolle munikation widmen. In diesem Zusammen-
spielt, ist die von Werlich (1983) vorgelegte hang wird aus Gründen der Wissenschafts-
taxonomische Klassifizierung von Texten. tradition häufig auf Kaplan Bezug genom-
Der Texttyp „is an idealized norm of distinc- men. Kaplan (1966, 15) nahm für unter-
tive text structuring which serves as a deep schiedliche Sprachen bzw. Sprachengruppen
structural matrix of rules and elements for (Englisch, Semitisch, Orientalisch, Roma-
the encoder when responding linguistically to nisch, Russisch) unterschiedliche Formen der
specific aspects of his experience“ (Werlich Textentwicklung bzw. Textstruktur an, die
1983, 39). Auf dieser Grundlage unterschei- kulturell begründet seien. Dabei schrieb er
det er die Typen Beschreibung, Exposition, dem Englischen Linearität (verstanden im
Narration, Argumentation und Instruktion, Sinne von Geradlinigkeit) der Argumenta-
die in Textsorten (text forms) untergliedert tionsführung zu, die in dieser Form in den
werden. Die Argumentation z. B. ist der Text- anderen Typen nicht vorhanden sei. Clyne
typ, „in which the encoder proposes relations (z. B. 1987) schließt an Kaplan an und be-
between concepts of phenomena. The en- trachtet den englischen Fachtext ⫺ im Unter-
coder makes his propositions in explicit or schied zum deutschen Fachtext, der eine Art
implicit opposition to deviant or alternative Mischform verschiedener Typen darstelle ⫺
propositions“ (Werlich 1983, 40). Argumen- ebenfalls als linear (vgl. hierzu die ausführ-
tative Textsorten sind z. B. der Zeitungskom- liche Diskussion bei Oldenburg 1992, 28 ff).
mentar und der wissenschaftliche Kommen- Y. Kachru (1995) betrachtet argumentative
tar. Diese Erläuterungen zeigen bereits, dass Textstrukturen und geht von kulturell be-
(auch) bei dieser Klassifizierung Mischtypen dingten Unterschieden zwischen verwandten
und Mischsorten in Kauf genommen werden Texttypen aus. So postuliert sie einen Texttyp
müssen. Dennoch ist sie wegen ihrer Über- deliberative in Hindi, der zwar der Argumen-
schaubarkeit und der Anbindung an typische tation entspreche, aber in der Struktur anders
sprachliche Mittel eine praktikable Grund- sei, da in einem argumentativen Text das Ziel
lage für die textlinguistische Arbeit (vgl. darin bestünde, dass die im Text dargestellte
Graustein/Thiele 1987). Ansicht richtig sei und alle anderen Meinun-
Eine anders geartete Darstellung und dar- gen falsch. „In the deliberative text, however,
aus resultierende Klassifizierung nimmt Biber the points in favor as well as those opposed
(1988) vor. Er beschreibt computergestützt to a particular position are put forward […],
Ähnlichkeiten und Unterschiede geschriebe- and the decision as to which one of the posi-
ner und gesprochener Genres der LOB- und tions presented is right or wrong is left to the
LUND-Corpora. Er untersucht die Häufig- reader“ (Y. Kachru 1995, 27).
keit von etwa 60 lexikalischen und syntakti- Es ist anzunehmen, dass auch in Zukunft
schen Merkmalen und vergleicht diese mit interkulturell begründete texttypologisch an-
Hilfe von Clusteranalysen. Auf dieser Grund- gelegte kontrastive Untersuchungen gerade
lage stellt er Gruppierungen von Kommuni- englischer Texte wegen iher Rolle in der glo-
katen fest, häufig aber auch Überlappungen. balen Kommunikation anwachsen werden.
Dennoch findet er wichtige Unterschiede zwi-
schen typisch Geschriebenem und typisch
Gesprochenem. 4. Anwendungen
Swales (1981; 1990) vermittelt Erkennt-
nisse zur Genreanalyse in der Wissenschafts- Mit dem zuletzt Dargelegten ist bereits ein
sprache. Er stellt typische Informations- wichtiger Anwendungsaspekt der textlingui-
blöcke in Texten vor und zeigt, dass lexikali- stischen Forschung berührt worden. Dies gilt
sche und syntaktische Merkmale (Unter- nicht nur deshalb, weil texttypologische Ar-
schiede) an unterschiedliche Genres bzw. beiten generell Anwendungen unterliegender
häufig an funktional unterschiedliche Teile theoretischer und methodologischer Kon-
eines wissenschaftlichen Textes (z. B. Arti- zepte sind. Der Anwendungsaspekt betrifft
kels) gebunden sind, etwa Abstract, Einlei- auch die Zwecksetzungen, die hinter den ty-
tung, Hauptteil und Schlussfolgerung. pologischen Versuchen stehen (vgl. z. B. Swa-
Im Zusammenhang mit texttypologischen les 1981; 1990 sowie die Forschungen zur in-
Forschungen bzw. kontrastiven Arbeiten zu terkulturellen Kommunikation).
ausgewählten Texttypen und -sorten nehmen Unter den Anwendungsfeldern der Textlin-
auch im englischsprachigen Raum Arbeiten guistik im englischsprachigen Raum sind vor
zu, die sich Fragen der interkulturellen Kom- allem Untersuchungen und Interpretationen
14. Textlinguistik im englischsprachigen Raum 137

literarischer Texte, kontrastive Analysen, die pen bzw. Genres unter Berücksichtigung (ne-
textlinguistische bzw. textlinguistisch orien- ben textlinguistischen) von syntagmatischen,
tierte Beschreibung des Kommunikationsbe- lexikalischen und anderen Aspekten. In den
reiches der Fachsprachen (Englisch for Spe- Kontext der fachsprachlichen Forschung ge-
cific Purposes/English Special Languages) hören auch die oben (vgl. 3.) erwähnten Ar-
und der fremdsprachliche Unterricht zu er- beiten von Swales (1981; 1990) sowie die Mo-
wähnen. Aus Umfangsgründen können diese nografie von Trimble (1985). Mit Fragen der
Bereiche nur äußerst skizzenhaft behandelt Gestaltung wissenschaftlicher Artikel oder
und an Beispielen illustriert werden. Abstracts befassen sich u. a. Mitchell (1968)
Zu den textlinguistischen Arbeiten, die sich und Cleveland/Cleveland (1983).
mit literarischen Texten beschäftigen, gehö- Die bisherigen Ausführungen haben be-
ren u. a. die stilistischen Studien von Sinclair reits angedeutet, dass unter den Zweckset-
(1965; 1968) und Leech/Short (1981) sowie zungen, die für die textlinguistische Arbeit im
die Überlegungen zu einer Verbindung von englischsprachigen Raum bestimmend waren
textlinguistisch orientierter literarischer Ana- und sind, der Sprachunterricht die determi-
lyse mit der Vermittlung der Literatur (Wid- nierende Komponente ist. Das gilt für den
dowson 1975). Hoey/Winter (1982) illustrie- muttersprachlichen und mehr noch für den
ren Möglichkeiten der Anwendung eines fremdsprachlichen Unterricht. Dies ist histo-
Analysemodells der Informationsstrukturie- risch begründet in dem Bedarf an Lehrmate-
rung auf zwei Reden von Brutus und Marko rialien und an der Ausbildung von Lehrern
Antonio in Julius Cäsar von Shakespeare. für die Erfordernisse eines (ehemaligen) Ko-
Mit Hilfe textsemantischer Verfahren unter- lonialreiches und gewinnt heute eine noch
sucht Crombie (1983) Auszüge aus Raymond viel größere Bedeutung wegen der wachsen-
Chandlers Kriminalliteratur und unterschei- den Rolle des Englischen als internationales
det dabei die Burleske, die Parodie und die Kommunikationsmittel. Die Ausrichtung des
Paradoxie. fremdsprachlichen Unterrichts auf die kom-
Kontrastive Analysen sind im allgemeinen munikativen Bedürfnisse der potentiellen
Voraussetzung der oben (vgl. 3.) erwähnten Nutzer ergab sich zwingend aus diesem Be-
texttypologischen Arbeiten im Zusammen- dingungsgefüge. Damit war und ist die Text-
hang mit Fragestellungen zur interkulturellen linguistik als linguistische Disziplin, die sich
Kommunikation. Dass eine kontrastiv ange- der primären Organisationsweise der Sprache
legte Textlinguistik ein wichtiger Weg zur (dem Text bzw. dem Gespräch) widmet, be-
Überwindung einer eng verstandenen Sy- sonders für solche praktischen Bedürfnisse in
stemlinguistik ist, wird von James (1980) un- die Pflicht genommen. Entsprechend um-
terstrichen, der über den Satz hinausgehende fangreich und vielfältig sind daher auch die
Einheiten im sozio-kulturellen Rahmen be- kaum überblickbaren Publikationen, die für
trachtet. Houghton/Hoey (1983) heben die unterschiedliche Zielgruppen, Kompetenz-
Rolle rhetorischer Strukturen bei der Heraus- stufen, die Entwicklung verschiedener Fähig-
arbeitung von Sprachkontrasten hervor. keiten und Fertigkeiten usw. erarbeitet wur-
Die fachsprachliche Forschung ist zum ei- den. Die Breite und Vielfalt der Arbeiten soll
nen Resultat einer allgemeinen Orientierung durch einige stichpunktartige Erwähnungen
der Textlinguistik auf praktische Bedürfnisse, zumindest angedeutet werden. Crombie (1982)
zum anderen hat sie sich zu einem wichtigen z. B. demonstriert die Anwendung eines theo-
Gebiet der englischen Textlinguistik, die auf retischen Konzepts semantischer Relationen
einen spezifischen Kommunikationsbereich auf die Anwendung des Englischen als Fremd-
gerichtet ist, überhaupt entwickelt. Einen Ge- sprache allgemein. Jarvis (1983) schließt an
samtüberblick, der textlinguistische Fragen Swales (1981) an und entwickelt Überlegun-
prominent einschließt und zugleich auch an- gen, wie der Schreiber beim Abfassen eines
dere linguistische Disziplinen einbezieht, ist die Artikels funktional determinierte Schritte
zu englischen Fachsprachen von Sager/Dung- auswählt, die den potentiellen Leser berück-
worth/McDonald (1980) erarbeitete Monogra- sichtigen. Cook (1989) legt ein Lehrbuch vor,
fie. U. a. ordnet sie die Fachsprachen in die das die theoretische Vermittlung diskurs- und
Grundfunktionen von Sprache ein, schließt textlinguistischer Grundlagen mit deren päd-
textexterne Faktoren (Situation, Handlungs- agogischer Vertiefung und praktischen An-
ziel, Kommunikationsteilnehmer) in die Dar- wendung für das Lehren und Lernen des
stellung ein und beschreibt für die fach- mündlichen und schriftlichen Gebrauchs der
sprachliche Kommunikation wichtige Textty- Sprache verknüpft. Widdowson (1979), der
138 II. Forschungsregionen

selbst an der Erarbeitung von sprachprakti- Cook, Guy (1989): Discourse. Oxford u. a.
schen Lehrbüchern beteiligt war, vermittelt Coulthard, Malcolm (1977): An introduction to
unter dem Gesichtspunkt einer Angewandten discourse analysis. London.
Sprachwissenschaft theoretische Grundlagen ⫺ (ed.) (1994): Advances in written text analysis.
der Diskurs- und Textbeschreibung und auf London/New York.
die Anwendung bezogene Übungsmodelle so-
⫺ (1994): On analysing and evaluating written text.
wie darauf basierende Beispiele. Dabei ordnet In: Coulthard, Malcolm (ed.), 1⫺11.
er den Text in seinen sozialen Kontext ein,
bezieht auch nicht-sprachliche Mittel in die Crombie, Winifred (1982): The application of some
Darstellung ein und verbindet die Realisie- recent research in text semantics to the teaching of
English as a foreign language. In: The British Jour-
rung von Texttypen mit typischen sprachli- nal of Language Teaching 1, 47⫺50.
chen Mitteln. Ein gesondertes Kapitel (Wid-
dowson 1979, 173 ff) ist der Vermittlung von ⫺ (1983): Raymond Chandler ⫺ burlesque, par-
Lesestrategien gewidmet. B. Kachru (1982) ody, paradox: The application of some descriptive
categories from text semantics to extracts from
setzt sich mit der speziellen Situation der Raymond Chandler’s detective fiction. In: Lan-
Kommunikation unter Nicht-Muttersprach- guage and Style 2, 151⫺163.
lern des Englischen auseinander und verweist
van Dijk, Teun (1980): Macrostructures. Hillsdale.
auf die Dekontextualisierung des Englischen
von muttersprachlichen Varianten. Was für Graustein, Gottfried (1984): Episodes in English
den einen Sprecher/Schreiber als Abweichung textlinguistics. In: Zeitschrift für Anglistik und
betrachtet werden könnte, ist für einen an- Amerikanistik 32 (Heft 1), 101⫺113; (Heft 3),
197⫺210.
deren Sprachbenutzer ein gelungener kom-
munikativer Akt. B. Kachru illustriert dies Graustein, Gottfried/Thiele, Wolfgang (1987):
u. a. an Todesanzeigen, Briefen und an wis- Properties of English texts. Leipzig.
senschaftlichen Texten. Damit werden Fra- Halliday, M. A. K./Hasan, Ruqaiya (1976): Cohe-
gen der interkulturellen Kommunikation sion in English. London.
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140 II. Forschungsregionen

15. Text Linguistics in the Nordic Countries

1. Introduction problems, comparing for instance fronting in


2. Denmark English with left dislocation in Danish as de-
3. Finland vices controlling the information flow through
4. Norway texts. She has also been interested in prag-
5. Sweden
6. Internordic activities
matics. Another example of a Danish text lin-
7. Conclusion guist working in a business school is Henning
8. Literature (selected) Nolke of Aarhus, who has published papers
on information structure and contrastive
text linguistics.
1. Introduction
The Nordic countries ⫺ here Denmark, Fin- 3. Finland
land, Norway, and Sweden ⫺ differ in aca-
demic traditions, not least in linguistics. 3.1. In 1974 the Academy of Finland gave a
Therefore in a regional survey they are best three-year research chair to Nils Erik Enkvist
dealt with one by one. References will be in of the Swedish-language Åbo Akademi Uni-
the nature of examples with no claims on versity to continue his work on text (e.g.
completeness. Enkvist 1974). He published a textbook in
Finnish (Enkvist 1975) and set up a Text Lin-
guistics Research Group to organize confer-
2. Denmark ences, offer research facilities to scholars from
2.1. ‘Text’ was a central term in Louis Hjelm- Finland and abroad, and publish reports (such
slev’s theory (Hjelmslev 1966, 7, 17, 21), as Enkvist/Kohonen 1976; Enkvist 1982). In
though neither he nor his followers went on 1975, Kay Wikberg published a monograph
to study actual texts. In Denmark in the on yes⫺no questions and answers in Shake-
1970’s and 1980’s literary theorists have been speare, partly inspired by Holger Thesleff’s
influenced by international currents and in- study of yes and no in Plautus and Terence
terested in text, for instance Peter Brask and (Thesleff 1960). The core members of Enk-
Jørgen Dines Johansen. vist’s first group ⫺ Erik Andersson, Auli Ha-
kulinen, Fred Karlsson, Viljo Kohonen, Jan-
2.2. Better known among linguists is Ole To- Ola Östman ⫺ all now have professorships
geby’s massive Prakst (Togeby 1993), an at- in linguistic subjects. In 1984 Enkvist moved
tempt at a pragmatic text theory and pub- into a personal chair and led another re-
lished as a Copenhagen dissertation. To- search group, whose work can be exemplified
geby’s ‘pentagrammatical’ approach deals with Tuija Virtanen’s book on textual factors
with a wide range of subjects from grammar in adverbial placement in English (Virtanen
via speech acts and cultural background to 1992) and Martina Björklund’s study of tex-
schizophrenic and aphatic language. The ex- tual structures in Chekhov (Björklund 1993).
amples are mainly from, and in, Danish.
3.2. In Fennistics, Auli Hakulinen and co-
2.3. Teachers of communication in a foreign workers in Helsinki have pioneered the text-
language have been increasingly sensitized to linguistic study of corpora of authentic con-
discoursal macrostructures. Two of the text versational Finnish. This is of particular in-
linguists in the Copenhagen Business School terest because colloquial Finnish differs from
are Lita Lundquist in French and Anne Ma- the written standard not only in rhetorical
rie Bülow-Møller in English. In addition to patterns and pragmatic particles, but also in
her own work (e.g. Lundquist 1980; 1983), basic morphology (e.g. Hakulinen 1989). A
Lundquist has furthered contacts between more classic textual and syntactic problem,
Nordic and francophone students of dis- that of Finnish word order, was studied by
course. Bülow-Møller’s Omnibus (Bülow- Maria Vilkuna (Vilkuna 1989).
Møller 1989) is a pedagogically oriented sur-
vey of current theories with sample applica- 3.3. If we define discourse as text described
tions. She has taken part in Nordtext (see be- in its situational context, we can say that the
low, 6.1.), and her papers deal with transfer expansion from text as such into discourse
15. Text Linguistics in the Nordic Countries 141

and interaction was accelerated by linguists ture and as process, rhetorical patterns, lin-
returning to Finland from study and research earization, pragmatics, connective mecha-
abroad. Partly trained in the U.K. were nisms, information structure, presupposition
Heikki Nyyssönen, Liisa Lautamatti, Liisa and implication, and time relations. His pi-
Korpimies (later Löfman; Korpimies 1983), oneering activities as Professor of Norwegian
and Anna Mauranen. From Australia came in Oslo were cut short by his untimely death.
Eija Ventola (Ventola 1987); from Germany,
Liisa Tiittula (Tiittula 1993); from Russia, 4.2. In addition to theory and method, Lars
Martina Björklund. The list could be contin- Sigfred Evensen of Trondheim has focussed
ued. Several visiting professors and foreign on concrete applications of text linguistics to
lectors have promoted the study of text and the learning and teaching of languages, in-
discourse, often starting out from applica- cluding evaluation and testing. Nordskriv,
tions in courses on composition. one of the spin-offs of the Nordtext Group
(see below, 6.1.), has looked into writing
3.4. Such practical needs have directed atten- problems of language learners on the basis of
tion to contrastive and intercultural rhetoric, corpora of authentic data from the Nordic
one of the favourite subjects of Finland’s ap- countries. Another project is DEVEL, Devel-
plied linguists (e.g. Lehtonen 1993 and sev- oping Written Language Competence. Trond-
eral symposium volumes of AFinLA, the heim has hosted several relevant conferences
Finnish Association for Applied Linguistics: (e.g. Fretheim et al. 1992).
Sajavaara et al. 1991; Löfman et al. 1993;
Laurinen/Luukka 1994; Muikku-Werner et 4.3. Wenche Vagle, Margareth Sandvik and
al. 1995). More directly concerned with Jan Svennevig have produced two widely
translation are studies such as those by Sonja used textbooks (Vagle et al. 1993; 1995). The
Tirkkonen-Condit (Tirkkonen-Condit 1985). former introduces text linguistics and prag-
Academic rhetoric has been dealt with by matics, the latter being a set of applications.
Eija Ventola and Anna Mauranen (Ventola/ Kjell Lars Berge’s monograph (Berge 1990)
Mauranen 1990; Mauranen 1993). Anja Pii- deals with the diachrony of text norms. He
rainen-Marsch represents those who apply too has stimulated postgraduate research,
concepts from conversation analysis to lan- first in Trondheim and then in Oslo. Among
guage learning (Piirainen-Marsh 1995); Sauli the many subjects under research in Norway
Takala, Anneli Vähäpassi and Anneli Kaup- are academic writing (Frøydis Hertzberg and
pinen have studied school composition. Like students in Oslo), text norms on internet, the
Wikberg, Korpimies and Björklund, Ann- nature of hypertext, and the structure of di-
Marie Londén has worked on literary dis- saster reports.
course (Londén 1989). Lauri Carlson’s study
of dialogue is in another tradition: its start- 4.4. The foreign-language departments of
ing-point is Hintikka’s Wittgenstein-inspired Norway’s universities have made many con-
game-theoretical semantics (Carlson 1983). tributions to the study of text and discourse.
In English, Eva Sivertsen of Trondheim, well-
3.5. Such selected examples show that Fin- known pioneer in applied linguistics, super-
land’s rich academic infrastructure has given vises theses, for instance on cohesive links in
a solid base for studies of text and discourse. quality versus popular newspapers in the
In addition to language departments in uni- U.S. In Oslo, Kay Wikberg has written many
versities and schools of economics, the numer- papers on topic, theme, text typology, and
ous university language centres and schools of procedural discourse. In Bergen, Anna-Brita
international communication (which train Stenström (cf. below, 5.4.) has followed up
translators and interpreters) all stimulate fur- her Lund dissertation with a book on spoken
ther work in this area. interaction (Stenström 1994). In French,
Kjersti Fløttum, now of Bergen, continues
her work on text, summarizing and précis
4. Norway writing. And in German, Wolfgang Feigs of
Trondheim has developed didactically ori-
4.1. Bernt Fossestøl published the final ver- ented approaches to text. Beyond linguistics
sion of his dissertation in 1978 (Fossestøl in the strictest sense are the relevant writings
1978). To meet obvious needs of the time, his of Ragnar Rommetveit, the Oslo psycholo-
approach was wide: he discusses text as struc- gist.
142 II. Forschungsregionen

5. Sweden 5.4. In Lund, Jan Svartvik of the English de-


partment edited the classic London-Lund
5.1. In Stockholm, Bengt Sigurd and his col- Corpus of Spoken English, together with his
laborators began experimenting with text in mentor Lord Quirk of Bloomsbury (Svartvik
the early 1970’s (e.g. Sigurd et al. 1977). Mar- 1990). Data from the corpus were used for a
gareta Westman (Westman 1981) and Gunnel number of studies (e.g. Stenström 1984; Tha-
Källgren (Källgren 1979) have continued venius 1983; Oreström 1983). Inger Rosen-
work on text. Beside Kent Larsson’s Uppsala gren, also of Lund, ran a Swedish-German
survey of models and methods in text linguis- pragmalinguistics project, which cemented
tics (Larsson 1978), Källgren’s book has re- Swedish-German collaboration (Rosengren
mained one of the fundamental contributions 1979⫺1986). At Uppsala, the Slavic Papers
to Swedish studies of text and discourse. contain reports on coherence (de Kaminski
Källgren and co-workers have participated in and Lavén 1981), text comprehension
a number of projects, some with practical ap- (Lönngren 1981), and contrastive Polish-
plications, and they have been sensitive to Swedish text linguistics (Maciejewski 1982).
textual parameters in studies not expressly The highly productive FUMS Group studies
devoted to text. Östen Dahl, Sigurd’s suc- modern Swedish and many of its approxi-
cessor, has also documented a long-term in- mately 200 publications include observations
terest in text, starting from information on text and discourse. One of the prominent
structure (Dahl 1970). He has promoted the group members is Britt-Louise Gunnarsson,
study of text comprehension in man and ma- who made her name with a study of compre-
chine. hension of legal text (Gunnarsson 1982). Siv
Strömqvist has devoted her efforts to para-
5.2. Gothenburg, Dahl’s former university, is graph structure (Strömqvist 1987). There are
another major centre of discourse studies, es- several linguists in different departments
pecially of interaction. Jens Allwood has whose work touches upon text, in English at
written on communication as human cooper- Uppsala for instance Ingegärd Bäcklund.
ation (Allwood 1976), and there are related
studies by several others, for instance Ri-
chard Hirsch (Hirsch 1989). The Gothenburg 6. Internordic activities
spectrum has included for instance data-and-
corpus-based studies of turn-taking (Nivre 6.1. One of the inter-Nordic symposia at
and Richthoff 1988), cohesion in language Åbo Akademi University, Finland, in 1984,
acquisition (Strömqvist et al. 1989), and a resulted in the foundation of an informal
number of studies, often published in house contact organization named Nordtext. Its
series, of the clash and interaction of cultures leader is now Lars Sigfred Evensen of Trond-
in communication. Some have explored topi- heim. Nordtext conferences have taken place
cal problems such as the safety of immigrant in Norway twice (1985), Sweden (1986; 1995),
workers on the shop floor. Denmark (1988) and Finland (1990), and
members have met at various other confer-
5.3. A third prominent centre, beside the lin- ences as well. There are some collections of
guistics departments of Stockholm and Go- Nordtext papers (Evensen 1986; 1996; Linde-
thenburg, is the Department of Communica- berg et al. 1992) but many have been scat-
tion of the University of Linköping, directed tered into various journals. Nordskriv, con-
by Per Linell. Authentic spoken impromptu ceived and led by Evensen and financed with
dialogue has been one of the favourite ob- inter-Nordic funds, has been Nordtext’s most
jects. Data have been taken from the court- ambitious project so far (see above, 4.2.).
room (Adelswärd 1988; Jönsson 1988), police
interrogation, job interviews, school situa- 6.2. A considerable number of Nordic and
tions, language lessons, computer-mediated international conferences on text have been
communication, and so on (e.g. Gustavsson organized over the years in addition to those
1988, Severinsson-Eklundh 1986). The insist- mentioned above. Sometimes the scope has
ence on authentic dialogue has stimulated the been general and wide (e.g. Rønhovd 1981;
setting-up of theoretical frames and models Nyyssönen et al. 1988; Wårvik et al. 1996),
for conversation analysis (e.g. Linell 1982; sometimes more specific (e.g. Enkvist 1982;
Linell/Gustavsson (1987). Aijmer et al. 1996).
15. Text Linguistics in the Nordic Countries 143

7. Conclusion Aronsson, Karin/Linell, Per (1991): Framgång och


motgång i dialoger. Linköping.
7.1. In the Nordic countries, as elsewhere, Berge, Kjell Lars (1990): Tekstnormers diakroni.
the domain has expanded from the study of Oslo.
textual parameters in syntax and from in- Björklund, Martina (1993): Narrative Strategies in
tersentential cohesion to coherence, contex- Chechov’s The Steppe. Cohesion, Grounding, and
tualized discourse, pragmatics, rhetoric, and Point of View. Åbo.
human interaction. During the past quarter
Bülow-Møller, Anne Marie (1989): The Textlin-
century, simplistic arguments based on self- guistic Omnibus. Copenhagen.
generated examples have given way to au-
thentic data, often from well organized cor- Carlson, Lauri (1983): Dialogue Games. Dordrecht
pora even of impromptu dialogue and con- et al.
versation. As linguists have increasingly Connor, Ulla et al. (1995): Tehokkaita EU-projek-
understood that the form of individual sen- tiehdotuksia (Effective grant proposals for the
tences is governed by their function in a dis- EU). Helsinki.
coursal and interactional context, the border- Dahl, Östen (1969). Topic and Comment. Gothen-
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Concepts in Text Linguistics). Helsinki.
7.2. An overall characteristic of the Nordic
⫺ (ed.) (1982): Impromptu Speech: A Sympo-
scene has been the interest in application, sium. Åbo.
necessary in small countries whose life de-
pends on foreign-language communication. Enkvist, Nils Erik/Kohonen, Viljo (eds.) (1976):
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16. Textlinguistik im romanischen Sprachraum

1. Zum Standort der Textlinguistik in der sumiert werden. Die Abgrenzung beider Be-
Romania griffe wird ohnehin selten problematisiert,
2. Zur Definition und Strukturierung des wenn man von einigen wenigen Autoren ab-
Textes sieht.
3. Texttypologien
4. Lokale Analysen der Kohäsion (Anaphern
⫺ Viele namhafte Linguisten sind gegenüber
und Tempora) der Textlinguistik ausgesprochen skeptisch,
5. Kohärenz und Textgestaltung so z. B. Molino (1990, 161), der kategorisch
6. Literatur (in Auswahl) behauptet, es könne keine allgemeine Theorie
des Diskurses oder des Textes geben.
Dieser Tatbestand erklärt sich durch viel-
1. Zum Standort der Textlinguistik in fache Gründe. Zunächst muss sich die Text-
der Romania linguistik von benachbarten Wissenschaften
wie Semiotik, Rhetorik, Argumentationstheo-
Im Gegensatz zum deutsch- oder englisch- rie, Pragmatik, Diskursanalyse, Stilistik, Her-
sprachigen Raum scheint die Textlinguistik in meneutik und Literaturwissenschaft durch ei-
der Romania Schwierigkeiten zu haben, sich gene Zielsetzungen und Methoden abgrenzen
als eigenständige Disziplin zu etablieren. Da- können, letztere aber als Hilfsmittel erken-
von zeugen mehrere Fakten: nen. Da, wo diese Wissenschaften stark aus-
⫺ Es gibt keine einheitliche Bezeichnung für geprägt sind ⫺ so z. B. die Semiotik in
das Fach: ob man man von ‘grammaire du Frankreich mit Greimas, Barthes, und in Ita-
texte’, ‘linguistique du texte’, ‘linguistique lien mit Eco, oder die Pragmatik mit Roulet
textuelle’, ‘linguistica testuale’, ‘textologie’, (Genfer Schule) und Ducrot (Frankreich) ⫺
‘lingüı́stica textual’, ‘pragmatique textuelle’, kommt der Textlinguistik wenig Raum zu,
‘pragmática textual’ spricht ⫺ die Ansichten oder aber sie wird einfach von der anderen
und Zielsetzungen sind recht verschieden. Fachrichtung einverleibt. Dabei wird die not-
Stati (1990, 11) verwendet sogar das deutsche wendige Interdisziplinarität in der Textlingui-
Wort ‘Textlinguistik’. stik oft betont, so z. B. Lamiquiz (1978, 13),
⫺ Im Bulletin analytique de linguistique fran- Rastier (1989, 6), Adam (1990, 25 ff) oder
çaise, das jedes Halbjahr alle Neuerscheinun- auch Maingueneau (1993, 18).
gen registriert und kommentiert, gibt es keine Zweitens ist die Rezeption der fachgrün-
besondere Rubrik für Textlinguistik. Textlin- denden Literatur (Petöfi 1971; van Dijk 1972;
guistische Publikationen werden unter Stilistik, Schmidt 1973; de Beaugrande/Dressler 1981,
Soziolinguistik besprochen. Genauso steht es usw.) auch sehr unterschiedlich verteilt.
mit dem Dictionnaire encyclopédique de Prag- Wenn die Schweizer aufgrund ihrer Mehr-
matique von Moeschler/Reboul (1994), wo sprachigkeit Zugang zu aller Literatur haben,
die Begriffe Text und Textlinguistik im Regi- sind deutsche Arbeiten in Frankreich so gut
ster nicht erwähnt werden, wohl deshalb, weil wie unbekannt, in Italien dafür dank den Be-
sie unter dem Begriff ‘Diskursanalyse’ sub- mühungen von Conte und Stati mehr verbrei-
146 II. Forschungsregionen

tet. Spanien hingegen zeichnet sich durch die denen Genres (etwa Gedicht, Roman, Pre-
größte Übersetzungstätigkeit aus: sowohl die digt, Gebet, Inserat, usw. …), die den sozia-
deutschen textlinguistischen als auch die len Praktiken innerhalb eines Feldes entspre-
französischen pragmatischen Arbeiten sind chen, wobei das Genre den Text mit dem Dis-
bald nach ihrem Erscheinen übersetzt wor- kurs verbinde. Daraus erhellt, dass ⫺ zumin-
den. Die Produktion jedes Landes spiegelt dest für viele französische Semantiker ⫺ der
diese meist zufälligen Einflüsse wider. Text unter die Kategorie ‘Diskurs’ fällt und
Schließlich wird der Begriff ‘Text’ doch pragmatisch erfasst wird.
noch oft mit literarischem Text gleichgesetzt, Wie die meisten Textlinguisten in Frankreich
so dass der Unterschied zwischen literari- und in der französischsprachigen Schweiz ist
scher und linguistischer Analyse schwer er- Adam stark von Benveniste und Bally beein-
fassbar wird. Das ist besonders der Fall für flusst, die beide als Gründer der ‘Theorie der
die Arbeiten von Garcia Berrio (1978; 1981; Äußerung und des Äußerungsaktes’ gelten
1988), der sich fast ausschließlich mit Liebes- können. Schon 1932 hat Bally im Satz zwei
lyrik beschäftigt. Rastier (1989, 8) bekennt Ebenen der Analyse unterschieden: das dic-
sich auch eindeutig zum literarischen Text. tum, d. h. den Inhalt der Aussage, und den
Jedoch gibt es in Frankreich, Italien, Spa- modus, der die Subjektivität des Sprechers
nien und in der Schweiz eine ganze Reihe von ausdrückt. Damit hat er späteren pragmati-
Arbeiten, die sich mit Textlinguistik befassen, schen Arbeiten den Weg gebahnt. Adam, der
wenn sie sich auch nicht alle um eine umfas- für eine Pragmatik des Textes plädiert, beruft
sende Texttheorie bemühen. Eine Ausnahme sich aber auch auf Bachtin (1984) und Eco
stellt der schweizerische Linguist Jean-Michel (1979). Die in Adam (1990) entwickelte Theo-
Adam dar, der seit etwa zwanzig Jahren eine rie wird in Adam (1992) einigermaßen revi-
originelle Texttheorie entwickelt hat und in diert und durch eine Texttypologie ergänzt.
Lausanne eine sehr aktive Forschungsgruppe Adam (1990, 23) versteht den Text als ein ab-
leitet. Deshalb wird hier ausführlicher über straktes Produkt, das dadurch entsteht, dass
ihn referiert, besonders in den Abschnitten 2. man den sozialen Kontext, d. h. die Produk-
und 3., die globale Aspekte einer Texttheorie tionsbedingungen des Diskurses ausklam-
berücksichtigen. Dann sollten einige grundle- mert. Textlinguistik soll sich also damit be-
gende Arbeiten dargestellt werden, die spezi- gnügen, die linguistischen Voraussetzungen
fische Aspekte der Textlinguistik behandeln, der Interpretation zu bestimmen. Diese An-
insbesondere die anaphorischen Ketten (4) sicht teilt er mit vielen, u. a. Fuchs (1985, 22)
und die Argumentation in Texten (5). Die an- und Rastier (1989, 18). Dabei übernimmt er
schließende Bibliographie wird auch weitere Ecos Grundthese, dass der Leser/Hörer mit
Linguisten erwähnen, die hier zu kurz ge- Relevanzerwartungen an den Text herangeht,
kommen wären. Um ohnehin unvermeidliche und er entwickelt demnach eine leserzen-
Wiederholungen in Grenzen zu halten, wird trierte Theorie des Textes. Die vielen aufein-
nicht über jedes Land der Romania einzeln anderfolgenden Definitionen des Textes, die
berichtet, sondern vielmehr eine thematische er Schritt für Schritt erarbeitet, streichen fol-
Anordnung bevorzugt, wobei einige Teilbe- gende Eigenschaften heraus: Ein Text besteht
reiche der Textlinguistik leider unerwähnt aus Satzfolgen, aus Sequenzen von gebunde-
bleiben müssen. nen Äußerungen, die zielgerichtet zusammen-
gefügt sind (1990, 49). Im Gegensatz zu Cha-
rolles (1988, 6⫺10), der vier Ebenen der Text-
2. Zur Definition und Strukturierung organisation unterscheidet, gibt es im Modell
des Textes von Adam sechs Ebenen der Textualität, die
aufeinander bezogen sind:
Darüber, was ein Text ist, gehen die Meinun- ⫺ Die Ketten (chaı̂nes de liage) beziehen sich
gen seit eh und je auseinander. Wie schon er- auf alle Kohäsions- und Kohärenzerschei-
wähnt, ist es also manchmal schwierig, zwi- nungen. Damit werden sowohl lokale Verbin-
schen Textlinguistik und Diskursanalyse zu dungen (Anapher und Koreferenz) gemeint,
unterscheiden. Mainguenau (1995) definiert als auch Präsuppositionen und Inferenzen.
die Diskursanalyse als die Wissenschaft, wel- ⫺ Der semantische Raum (espace sémanti-
che die Verankerung eines bestimmten Äuße- que) umfasst einige besondere pragmatische
rungsmodus in einem sozialen Ort beschreibt. Komponenten (Sprecherverantwortung und
Gleichermaßen hatte schon Rastier (1989, 40) Polyphonie im Sinne Ducrots, siehe unten
behauptet, Diskurs entfalte sich in verschie- 5.3.).
16. Textlinguistik im romanischen Sprachraum 147

⫺ Die Ebene der textuellen Gliederung be- gisiert und nicht die Texte, ermöglicht er da-
zieht sich auf die manifeste Aufteilung des mit eine lockerere Handhabung der Typolo-
Textes in Absätze, Kapitel usw. Die augen- gie.
scheinliche Gliederung des Textes soll den
Leser unter anderem auf die Textsorte (So-
3. Texttypologien
nett, Zeitung, Gebrauchsanweisung, usw.)
aufmerksam machen. Viele Typologien begnügen sich damit, die
⫺ Die vierte Ebene, die der Periode, arbeitet herkömmlichen literarischen Gattungen zu
den rhetorischen Begriff der Periode um, in- übernehmen und zu verfeinern. So geht
dem damit ‘Pakete’ (paquets de propositions), Huerta Calvo (1983) von vier Grundkatego-
d. h. gebundene Mengen von Sätzen gemeint rien (lyrisch, episch, dramatisch, didaktisch)
sind, die explizit im Text durch besondere aus, die er dann weiter unterteilt. So verfährt
Zeichen (Organisatoren, Konnektoren) als auch Garcı́a Berrio (1978), der das Sonett der
zusammengehörend gekennzeichnet sind. klassischen Liebeslyrik nach Form und The-
⫺ Über diese Ebene hinaus konstituiert die matik subklassifiziert. Wenn sie nicht direkt
Sequenz (séquence) im Textmodell von Adam von den literarischen Genres übernommen
die grundsätzliche Ebene der Textorganisa- werden, basieren die meisten aktuellen lingui-
tion. Die Sequenz wird durch ein hierarchi- stischen Texttypologien auf pragmatischen
sches Netz von Relationen gebildet, sie ist Textfunktionen, wie sie z. B. in Werlich
eine relativ autonome Einheit, die vom Leser/ (1975) dargestellt sind. So diejenige Mortara
Hörer als solche erkannt wird. Ein Text setzt Garavellis (1988), der die fünf Typen von
sich zusammen aus einer Menge von Sequen- Werlich (deskriptiv, narrativ, expositiv, argu-
zen gleichen oder verschiedenen Typs. Damit mentativ, präskriptiv) um einen weiteren er-
stimmt er mit Roulets (1981) Definition des gänzt: der optative Texttyp, der durch Wün-
Gesprächstextes als ‘hierarchische Folge von sche, Verwünschungen, magische Formeln,
Sequenzen’ überein. Gebete, usw. aktualisiert wird.
⫺ Die sechste Ebene wird als pragmatische Einen interessanten Versuch stellt die Typo-
bzw. konfigurationelle Dimension definiert. logie Albaladejos (1986, 58⫺59) dar, der, auf-
Damit bezieht sich Adam zugleich auf Ri- bauend auf Petöfis Textstruktur-Weltstruktur-
cœur (1986) und Bachtin, die beide auf das Theorie, die Texte nach ihrer Zugehörigkeit zu
Ganzheitliche des zusammengefügten Textes einem Weltmodell klassifiziert. Er unterschei-
hingewiesen haben. Auf dieser Ebene treffen det also drei Texttypen, je nachdem ob sie
drei Komponenten zusammen: eine wirklichkeitsgetreue Welt (mundo de lo
a) die referenz-semantische Komponente verdadero) darstellen, eine fiktive, aber wirk-
⫺ womit gemeint wird, dass der Text allmäh- lichkeitsähnliche Welt (mundo de lo ficcional
lich eine eigene Diskurswelt konstruiert, die verosı́mil) oder schließlich eine ganz fiktive
durch einen Titel zusammengefasst werden Welt (mundo de lo ficcional no verosı́mil).
kann. Eine solche Typologie hat allerdings den
b) die Äußerungskomponente analysiert Nachteil, dass sie keine formalen Kriterien
die verschiedenen Verankerungen der Aus- einbezieht und somit schwer zu handhaben
sage innerhalb des Textes. ist.
c) und schließlich die argumentative Rich- Rastier (1989) zeigt die Ineffizienz strikter
tung des Textes, die ihn als Diskursakt eta- Kategorisierungen und definiert den Text als
bliert ⫺ wobei die argumentative Richtung Interaktion von vier Komponenten: die The-
auch für fiktionale Texte relevant ist. matik, die Dialektik (womit er die zeitliche
Jede Textanalyse soll in erster Linie die Folge von Zuständen, Prozessen und Sach-
Verbindung zwischen den letzten zwei Ebe- verhalten meint), die Dialogik (die alle se-
nen, die einander bestimmen, an den Tag le- mantischen Modalitäten umfasst) und die
gen. Die Erfassung der Textsequenzen dient Taktik (die die lineare Abfolge der semanti-
vor allem dem Erkennen der Textabsicht, die schen Einheiten beschreibt). Die Texttypen
wiederum die Interpretation der verschiede- hängen dann von Zahl und Typus der Inter-
nen Sequenzen bedingt. aktionen zwischen allen vier Komponenten
Adam nennt seine Theorie auch deshalb ab. Der haı̈ku z. B. wird definiert durch die
sequentiell, weil die Sequenz als Zwischen- Interaktion zwischen seiner Form und seiner
stufe zwischen Proposition und Text dessen Thematik (Rastier, 1989, 108).
Zuweisung zu einem bestimmten Texttyp ent- Adam (1992) verzichtet lieber auf eine ei-
scheidet. Indem Adam die Sequenzen typolo- gentliche Texttypologie, da Texte selten ei-
148 II. Forschungsregionen

nem einzigen Typ angehören. Da er die Se- sichtigt, vor allem Kerbrat-Orecchioni (1990,
quenz als Grundelement des Textes definiert 197), deren Definition er übernimmt: Ein Ge-
hat, etabliert er Sequenzentypen. Ein Text ge- spräch sei ein kollektiv produzierter Text. Die
hört dann zu einem besonderen Typ, wenn Basis-Einheit ist der Austausch, als Minimal-
die meisten Sequenzen des Textes diesem Typ paar von Sätzen verstanden.
zuzuschreiben sind. Dass er nur fünf Se- Abschließend bemerkt Adam, dass die ver-
quenztypen unterscheidet, mag verwundern. schiedenen Typen von Sequenzen zwar ‘fuzzy’
Sie werden aber prototypisch definiert, ver- Kategorien darstellen, die aber der Komplexi-
mögen weitere Typen einzubeziehen und er- tät eines Textes gerecht werden.
übrigen somit größere Aufzählungen, wie sie
bei den meisten Typologien üblich sind.
a) die narrative Sequenz muss sechs Ele- 4. Lokale Analysen der Kohäsion
mente aufweisen: eine Reihe von Ereignissen, (Anaphern und Tempora)
eine thematische Einheit (mindestens ein han-
delndes Subjekt), veränderte Prädikationen, Bevor über einzelne Arbeiten berichtet wird,
eine fortschreitende Handlung (Anfangssi- muss darauf hingewiesen werden, dass die
tuation ⫺ Veränderung und Endzustand), die drei Termini Kohäsion, Kohärenz und Konne-
Einbeziehung der Ereignisse in Kausalzusam- xität keineswegs einheitlich verwendet wer-
menhänge durch die narrative Instanz und den. Die Unterscheidung zwischen Kohäsion
schließlich eine explizite oder implizite Wer- und Kohärenz, wie sie bei de Beaugrande/
tung der Geschichte. Dressler (1981) geprägt wurde, ist nicht über-
b) die deskriptive Sequenz unterscheidet all üblich und wurde mehrmals um ein drittes
sich von der vorigen vor allem dadurch, dass Konzept (Konnexität) erweitert. Bei Chico
darin die Reihenfolge der Operationen nicht Rico (1985/6; 1987) umfasst der Terminus
geordnet ist. Adam nennt vier deskriptive ‘coherencia’ beide Bedeutungen von Kohä-
Prozeduren (bzw. Makrooperationen). sion und Kohärenz. Für Adam (1990, 109⫺
In diese Kategorie reiht er die sonst proze- 112) verweist Konnexität auf die grammati-
dural oder instruktionell genannten Texte schen Beziehungen innerhalb des Satzes und
ein. Für ihn sind z. B. Rezepte nur besondere des Textes. Nominalisierungen, Ellipsen, Ko-
Aktualisierungen des deskriptiven Typs. referenz, anaphorische Ketten, Temporafol-
c) die argumentative Sequenz basiert auf gen sind alle Erscheinungen, die unter diesen
dem argumentativen Schema von Toulmin Begriff fallen. Kohäsion hingegen ist für ihn
und wird prototypisch so definiert: Aus- ein semantischer Prozess, der durch Isotopie-
gangspunkt ist die explizite oder implizite vo- ketten gewährleistet wird. Kohärenz wie-
rige These (des Gegners), auf welche die An- derum ist keine linguistische Eigenschaft der
gabe der Daten folgt, die dank Stützung und Äußerungen, sondern entsteht erst durch die
Inferenzen den Schluss herbeiziehen. interpretative Aktivität des Hörer/Lesers.
d) Die sog. explikative Sequenz hat mit ex- Diese Auffassung entspricht mehr oder weni-
positiven oder auch informativen Texten, wie ger derjenigen Contes (1988).
sie in manchen Arbeiten (Combettes/Tomas- Über die kohärenzstiftende Funktion der
sone 1988) vorkommen, nichts zu tun. Für Tempora in erzählenden Texten sind nach
Adam besteht ein informativer Text aus Ver- Weinrichs Tempus viele Arbeiten erschienen.
bindungen von deskriptiven und explikativen Eine besondere Nennung verdient Vuillaume
Sequenzen, wird also als gemischter Typ an- (1990), der überzeugend zeigt, wie bei franzö-
gesehen. Exposition behandelt das Wie eines sischen erzählenden Texten des 19. Jhs. der
Sachverhalts, während Explikation nach dem Leseprozess als zweite Referenzzeit fungiert.
Warum fragt. Die prototypische explikative Von allen Mitteln der Konnexität bilden
Sequenz erfolgt in vier Schritten: Anfangs- vor allem die anaphorischen Ketten ein be-
schema, dann Problemstellung in Form einer liebtes Thema in allen Ländern der Romania.
Warum-Frage, dann explikative Antwort, Da hier nicht über alle Autoren referiert wer-
dann bewertender Schluss. den kann, sollen nur einige Arbeiten exem-
e) der letzte Sequenztyp wird als dialogal plarisch vorgestellt werden.
bezeichnet. Für Adam ist Dialog nicht mit
Gespräch gleichzusetzen, und er versteht die 4.1. Chico Rico (1985/6; 1987) untersucht die
dialogale Sequenz nicht in dem Sinne der textstrukturierende Funktion des Artikels.
Konversationsanalyse, selbst wenn er ver- Ausgehend von Weinrichs Darstellung des
schiedene Arbeiten dieser Richtung berück- französischen Artikels als Instruktion an den
16. Textlinguistik im romanischen Sprachraum 149

Hörer/Leser, zeigt er die kotextuellen Bedin- der zweite Referent innerhalb der Evalua-
gungen des Gebrauchs des definiten Artikels tionsumstände der ersten NG erfasst.
im Spanischen auf. Er zählt acht verschie- (3) Paul entra dans une maison. Le toit
dene sprachliche Kotexte, die den definiten était abı̂mé.
Artikel hervorrufen. Dieser ist eine Instruk- Das Konzept der Evaluationsumstände ist
tion an den Leser, den Linkskontext zu be- jedoch wiederholt kritisiert worden, vor allem
rücksichtigen, während der unbestimmte Ar- weil es als logisches Konzept der Komplexität
tikel seine Aufmerksamkeit nach rechts lenkt. der natürlichen Sprache nicht gerecht wird.
Der Nullartikel seinerseits verweist ihn auf Kleiber (1990, 208⫺220) setzt sich ausführ-
seine lexikologischen bzw. enzyklopädischen lich damit auseinander und verbindet dieses
Kenntnisse. Damit trägt der spanische Artikel Konzept einerseits mit der Existenzpräsuppo-
zur Textkohäsion bei (Chico Rico verwendet sition des definiten Artikels, andererseits mit
allerdings den Terminus ‘coherencia’). der Theorie der möglichen Welten. Die rele-
vanten Evaluationsumstände ergeben sich
4.2. Die Verteilung des französischen be- aus der jeweiligen Redesituation und dem ge-
stimmten Artikels und des Demonstrativarti- meinsamen Wissen der Beteiligten.
kels in anaphorischen Ketten.
Corblin (1985; 1995) und Kleiber (1986; 4.3. In Italien beschäftigt sich Maria-Elisa-
1989; 1990) haben sich wiederholt mit dem beth Conte seit langen Jahren mit Anapher-
Problem der Wiederaufnahme von Nominal- problemen und hat mehrere wichtige Auf-
gruppen in Texten befasst. Je nach Kontext sätze über dieses Thema verfasst, in denen sie
und Sprechsituation fällt die Wahl entweder die Ausdrucksmittel der Anapher im Italieni-
auf den definiten Artikel oder auf den De- schen, Deutschen, Französischen und Engli-
monstrativartikel. Corblin hat gezeigt, dass schen vergleicht.
im Französischen der bestimmte Artikel in Conte (1990a) nimmt die Diskussion in
manchen Satzfolgen ausgeschlossen ist, der Corblin und Kleiber wieder auf und führt das
Demonstrativartikel also obligatorisch. Er wichtige Konzept der empathischen Anapher
erklärt diesen Umstand dadurch, dass beide ein. In Anlehnung an Kuno und Lyons zeigt
Artikel textuell kontrastiv gebraucht werden. sie, wie Pronomina nicht nur auf Referenten
Diese Interpretation wird von Kleiber hinweisen, sondern auch Informationen lie-
(1986) wiederaufgenommen und modifiziert. fern über die Gefühle des Sprechers, z. B.
Dazu führt er das Konzept der Evaluations- wenn neutrale Pronomina auf Menschen re-
umstände (circonstances d’évaluation) der de- ferieren, oder wenn ein Pronomen wie quello
finiten NG in die Analyse ein. Die Evalua- Verachtung beinhaltet. Diese These illustriert
tionsumstände sind die Voraussetzungen für sie mit Beispielen aus Werken von Henry Ja-
die Wahrheitsbestimmung einer NG. mes, Flaubert und Kafka.
Beim bestimmten Artikel wird der Refe- In Conte (1990b) untersucht sie anaphori-
rent der NG indirekt gefasst, innerhalb vor- sche Pronomina, für die keine Referenziden-
gesetzter Evaluationsumstände (1986, 176), tität zwischen Pronomen und Antezedens be-
die vom ersten Satz gegeben werden, und der steht. Sie unterteilt sie in drei Gruppen:
Satz mit der definiten anaphorischen NG ⫺ anaphorische Pronomina, deren Vorgän-
muss als kohärente Folge des vorigen erschei- ger referentiell, aber nicht-koreferentiell sind.
nen. ⫺ anaphorische Pronomina, deren Vorgänger
(1) Il était une fois un prince très malheu- nicht-referentiell und somit a fortiori nicht-
reux malgré son beau château. Le prince ne koreferentiell sind.
pouvait pas avoir de fils. ⫺ anaphorische Pronomina, die keinen Vor-
Der Demonstrativartikel hingegen erfasst gänger im Text haben.
den Referenten direkt, ohne Bezug auf be- Nach dieser Analyse zeigt sie, dass das An-
sondere Evaluationsumstände. Der zweite tezedens nicht der einzige Faktor ist, um den
Satz konstituiert einen neuen Evaluations- Referenten eines Pronomens auszumachen.
rahmen, in dem der Referent als herausra- Andere kotextuelle Fakten sind hier von Be-
gend (salient) hingestellt wird. deutung. Dem Pronomen schließlich kommt
(2) Un avion s’est écrasé hier. Cet avion relie die wichtigste Rolle zu, indem es manchmal
habituellement Miami à New-York. sogar seinem Antezedens die textuelle Exi-
Diese Interpretation erklärt auch, warum stenz verschafft.
der demonstrative Artikel bei der assoziati- In Conte 1996 befasst sie sich mit den De-
ven Anapher ausgeschlossen ist. Hier wird monstrativpronomina questo und quello und
150 II. Forschungsregionen

ihren unterschiedlichen Verwendungen. Sie gestaltet, wobei sie die folgende Äußerung
zeigt, dass die Distanz im spatialen oder präselegiert. Es gibt also in dieser Theorie
diskursiven Bereich für ihre Verwendung keine isolierten Äußerungen, insofern als jede
zwar relevant ist, aber auch die emotionale Äußerung Ausdruck einer diskursiven Strate-
Distanz. Anschließend diskutiert sie Ducrots gie ist. Für Anscombre und Ducrot ist die ar-
Behauptung, der Demonstrativartikel sei gumentative Kraft einer Äußerung nicht aus
gleichbedeutend mit dem definiten. Der De- dem Kontext herauszurekonstruieren, son-
monstrativartikel kann anaphorisch nur in dern linguistisch in der Äußerung selber ver-
praesentia gebraucht werden, d. h. im Kon- ankert. Es gibt also eine Wechselwirkung zwi-
text einer expliziten Erwähnung des Referen- schen einem Argument und einem Schluss,
ten. Deswegen kann er im Falle der assoziati- weil die Form beider sie gegenseitig determi-
ven Anapher nicht vorkommen, wie schon niert. Dieser Hypothese zufolge analysieren
Kleiber (1986) gezeigt hatte. sie eine Reihe von Konnektoren und Adver-
bien, unter anderem die Negation. In Les
Mots du discours zeigen sie, dass Adverbien
5. Kohärenz und Textgestaltung wie peu und un peu sich durch die möglichen
folgenden Äußerungen unterscheiden.
Viele Linguisten sind der Ansicht, Textlingui-
stik sollte mit der Beschreibung minimaler (4) Il a peu bu / il a un peu bu
Ketten von etwa zwei Äußerungen ansetzen.
So meint Stati (1990, 12), die Analyse des legen jeweils den Schluss nahe, dass er fahren
Transphrastischen müsse zur Erklärung des bzw. nicht fahren darf.
Gestaltungsprozesses von Texten führen, in- Ihre Interpretation des Konnektors mais
dem sie die Verkettung von Äußerungen un- hat viele Arbeiten beeinflusst. Für sie blok-
tersucht. In dieser Richtung arbeiten auch die kiert in einer Äußerungsfolge p, mais q, mais
französischen Linguisten Anscombre und eine mögliche Inferenz der Proposition p und
Ducrot, die seit ungefähr 25 Jahren eine ei- bewirkt somit eine Umorientierung der Argu-
gene Theorie der Textkohärenz entwickelt mentation.
haben.
Obwohl Anscombre und Ducrot sich sel- 5.2. Argumentative Skalen und Topoi
ber bestimmt nicht als Textlinguisten bezeich- Da jede Äußerung einen bestimmten argu-
nen würden, haben ihre Arbeiten einen im- mentativen Zweck verfolgt, kann man also
mensen Einfluss auf alle textlinguistischen jede als Argument ansehen. Ein Argument
Forschungen ausgeübt, sowohl in Frankreich kennzeichnet sich durch dreierlei:
als auch in der Schweiz, da sie mit der Genfer ⫺ Erstens hängt sein Argumentationswert
pragmatischen Schule (Roulet) in engem von dem Bewertungssystem des Sprechers ab.
Kontakt stehen. Ducrot ist derjenige, der im Dieser Wert ist str