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Dependenz und Valenz

Dependency and Valency

HSK 25.1


Handbücher zur
Sprach- und Kommunikations-
wissenschaft
Handbooks of Linguistics
and Communication Science

Manuels de linguistique et
des sciences de communication

Mitbegründet von Gerold Ungeheuer (†)


Mitherausgegeben 1985⫺2001 von Hugo Steger

Herausgegeben von / Edited by / Edités par


Herbert Ernst Wiegand

Band 25.1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2003
Dependenz und Valenz
Dependency and Valency
Ein internationales Handbuch der
zeitgenössischen Forschung
An International Handbook of
Contemporary Research

Herausgegeben von / edited by


Vilmos Ágel, Ludwig M. Eichinger, Hans-Werner
Eroms, Peter Hellwig, Hans Jürgen Heringer,
Henning Lobin
1. Halbband / Volume 1

Walter de Gruyter · Berlin · New York


2003

앝 Printed on acid-free paper which falls within the guidelines
of the ANSI to ensure permanence and durability.

ISBN 3-11-014190-6

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über ⬍http://dnb.ddb.de⬎ abrufbar.

” Copyright 2003 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 10785 Berlin, Germany.
All rights reserved, including those of translation into foreign languages. No part of this book may be
reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopy,
recording or any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.
Printed in Germany
Typesetting: META-Systems GmbH, Wustermark
Binding: Lüderitz & Bauer-GmbH, Berlin
Coverdesign: Rudolf Hübler, Berlin
Inhalt / Contents

1. Halbband / Volume 1

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XI
Preface . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XV

I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und


Geisteswissenschaften
The Dependency and Valency Paradigm in the Arts and
Sciences
1. Klaus Mainzer, Das Abhängigkeitskonzept in den Wissenschaften . . . . 1
2. Stefan Pongó, Die Wertigkeitsmetapher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
3. Kurt Otto Seidel, Valenzverwandte Ansätze in der Antike . . . . . . . . . 14
4. Lauri Seppänen, Mit der Valenz verwandte Begriffe im Mittelalter: ein
Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
5. Jonathan Owens, Valency-like Concepts in the Arabic Grammatical
Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
6. Dieter Cherubim, Valenzverwandte Ansätze in Humanismus und
Aufklärung: ein Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
7. Klaus Mudersbach, Mathematische und logische Rekonstruktion des
Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

II. Lucien Tesnière und seine Zeit


Lucien Tesnière and his Times
8. Jean Fourquet, Lucien Tesnière. Ein Zeugnis 1933⫺1993 . . . . . . ... 67
9. Hans Jürgen Heringer, Lucien Tesnière. Sein Leben . . . . . . . . . . ... 70
10. John Ole Askedal, Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien
Tesnière . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
11. Bernhard Engelen, Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière . . . . . . . . 100
12. Gerd Wotjak, Zu Tesnières Semantikkonzept . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
13. Edeltraud Werner, Das Translationskonzept Lucien Tesnières . . . . . . 115
14. Hans Jürgen Heringer, Die Junktionstheorie Lucien Tesnières . . . . . . 129
15. Richard Waltereit, Negation und Frage bei Lucien Tesnière . . . . . . . . 139
16. Peter Koch, Metataxe bei Lucien Tesnière . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
17. Hans-Werner Eroms, Die Wegbereiter einer deutschen
Valenzgrammatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ... 159
VI Inhalt / Contents

III. Dependenz. Grundlagen und Grundfragen


Dependency. Basic Principles and Basic Issues
18. Willy Van Langendonck, The Dependency Concept and its
Foundations . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
19. Igor Mel’čuk, Levels of Dependency Description: Concepts and
Problems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
20. Pál Uzonyi, Dependenzstruktur und Konstituenzstruktur . . . . . . . . . 230
21. Hans-Werner Eroms, Hans Jürgen Heringer, Dependenz und lineare
Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
22. Peter Colliander, Dependenzstruktur und grammatische Funktion . . . 263
23. Stanley Starosta, Dependency Grammar and Lexicalism . . . . . . . . . 270
24. Wha-Young Jung, Rektion und Kongruenz in der
Dependenzgrammatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282
25. Norbert Bröker, Formal Foundations of Dependency Grammar . . . . . 294
26. Elisabeth Leiss, Empirische Argumente für Dependenz . . . . . . . . . . . 311
27. Henning Lobin, Dependenzgrammatik und Kategorialgrammatik . . . . 325
28. Thomas Michael Groß, Dependency Grammar’s Limits ⫺ and Ways of
Extending Them . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331

IV. Valenz. Grundlagen und Grundfragen


Valency. Basic Principles and Basic Issues
29. Gisela Zifonun, Grundlagen der Valenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
30. Joachim Jacobs, Die Problematik der Valenzebenen . . . . . . . . . . . . 378
31. Hans-Joachim Meinhard, Ebenen der Valenzbeschreibung: Die logische
und die semantische Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
32. Norbert Richard Wolf, Ebenen der Valenzbeschreibung: Die
syntaktische Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
33. Rüdiger Harnisch, Ebenen der Valenzbeschreibung: die
morphologische Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
34. Christina Gansel, Valenz und Kognition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
35. Viktor S. Xrakovskij, Valenz und Sprachtypologie . . . . . . . . . . . . . . 444
36. Charles Fillmore, Valency and Semantic Roles: the Concept of Deep
Structure Case . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 457
37. Klaus Welke, Valenz und semantische Rollen: das Konzept der Theta-
Rollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 475
38. Marcel Vuillaume, Valenz und Satzbauplan . . . . . . . . . . . . . . . . . . 484
39. Henrik Nikula, Valenz und Pragmatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 499

V. Dependenzielle Theorien
Dependency Theories
40. Richard Hudson, Word Grammar . . . . . . . . . . . . . . . . . ....... 508
41. Stanley Starosta, Lexicase Grammar . . . . . . . . . . . . . . . ....... 526
42. Sylvain Kahane, The Meaning-Text Theory . . . . . . . . . . . ....... 546
43. Eva Hajičová, Petr Sgall, Dependency Syntax in Functional
Generative Description . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ....... 570
Inhalt / Contents VII

44. Peter Hellwig, Dependency Unification Grammar . . . . . . . . . . . . . 593


45. Klaus Schubert, Metataxe: ein Dependenzmodell für die
computerlinguistische Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 636
46. Karel Oliva, Dependency, Valency and Head-Driven Phrase-Structure
Grammar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 660
47. Srinivas Bangalore, Aravind K. Joshi, Owen Rambow, Dependency and
Valency in Other Theories: Tree Adjoining Grammar . . . . . . . . . . . 669
48. Dan Maxwell, The Concept of Dependency in Morphology . . . . . . . 678
49. Henning Lobin, Konzeptuelle Semantik als dependenzielle Theorie . . . 684
50. Wolfgang Menzel, Semantische Netze und Dependenzgrammatik . . . . 691
51. Claudia Villiger, Dependenzielle Textmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . 703

VI. Valenz: Schwerpunkte der Forschung


Valency: Core Research Areas
52. Marja Järventausta, Das Verb als strukturelles Zentrum des Satzes . . . 717
53. Irma Hyvärinen, Der verbale Valenzträger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 738
54. Angelika Storrer, Ergänzungen und Angaben . . . . . . . . . . . . . . . . . 764
55. Marja Järventausta, Das Subjektproblem in der Valenzforschung . . . . 781
56. Heinz Vater, Valency Potency and Valency Realization . . . . . . . . . . 794
57. Fritz Pasierbsky, Toward a Classification of Complements . . . . . . . . 803
58. Kjell Johan Sæbø, Valency and Context Dependence . . . . . . . . . . . . 814
59. Wolfgang Teubert, Die Valenz nichtverbaler Wortarten: das Substantiv 820
60. Thomas Michael Groß, The Valency of Non-Verbal Word Classes: the
Adjective . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 835
61. Gertrud Gréciano, Probleme der Valenz in der Phraseologie . . . . . . . . 843

2. Halbband (Überblick über den vorgesehenen Inhalt) /


Volume 2 (Preview of Contents)

VII. Grammatische Phänomene unter Dependenz- und


Valenzgesichtspunkten
Grammatical Phenomena as Seen from Dependency and
Valency Viewpoints
62. Ludwig M. Eichinger, Wortstellung: die verbalen Teile ⫺ Interne
Valenzen und Klammerhierarchie
63. Ursula Hoberg, Wortstellung: valenzgebundene Teile und
Positionspräferenzen
64. Erwin Koller, Wortstellung: textfunktionale Kriterien
65. John Ole Askedal, Infinitivkonstruktionen
66. Wilhelm Oppenrieder, Subjekt- und Objektsätze
67. Henrik Nikula, Unpersönliche Konstruktionen
68. Renate Pasch, Adverbial- und Relativsätze
69. Eva Breindl-Hiller, Präpositionalphrasen
70. Josef Schmid, Die „freien“ Dative
71. Roman Sadziński, Konversen und Diathesen
VIII Inhalt / Contents

72. Henning Lobin, Koordination in Dependenzgrammatiken


73. Wilfried Kürschner, Negation in Dependenzgrammatiken
74. Thomas A. Fritz, Modalität in Dependenzansätzen
75. Hans-Werner Eroms, Diskurspartikeln und Modalwörter
76. Jürgen Erich Schmidt, Serialisierung in der Nominalphrase
77. Stefan Schierholz, Flexion in der Nominalphrase
78. Ludwig M. Eichinger, Dependenz in der Wortbildung

VIII. Dependenz in der maschinellen Sprachverarbeitung


Dependency in Computer-Based Language Processing
79. Peter Hellwig, Parsing with Dependency Grammars
80. Helmut Horacek, Generierung mit Dependenzgrammatiken
81. Klaus Schubert, Maschinelle Übersetzungen mit
Dependenzgrammatiken

IX. Dependenz und Valenz in der kontrastiven Linguistik


Dependency and Valency in Contrastive Linguistics
82. Marja-Leena Piitulainen, Dependenz und Valenz in der kontrastiven
Syntax: ein Überblick
83. Rudolf Emons, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Englisch
84. Albrecht Plewnia, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Französisch
85. Teresa Bianco, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Italienisch
86. Christian Fandrych, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Spanisch
87. Norbert Nübler, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Russisch
88. Christoph Schatte, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Polnisch
89. Ulrich Engel, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Serbisch/Kroatisch
90. Emilia Baschewa-Monova, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺
Bulgarisch
91. Speranţa Stănescu, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Rumänisch
92. Siamak Mohadjer-Ghomi, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Persisch
93. Irma Hyvärinen, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Finnisch
94. Jan Daugaard, Contrastive Case Study: German ⫺ Danish
95. Peter Bassola, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Ungarisch
96. Abdesrazzaq Msellek, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Arabisch
97. Han Wanbeng, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Chinesisch
98. Susumu Zaima, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺ Japanisch
99. Lie Kwang-Sook, Mi-Kyung Hong, Kontrastive Fallstudie: Deutsch ⫺
Koreanisch

X. Das Valenzkonzept in der Grammatikographie


The Valency Concept in Grammaticographical Studies
100. Ulrich Engel, Das Valenzkonzept in der Grammatikographie: ein
Überblick
101. Dorothea Kobler-Trill, Anita Schilcher, Das Valenzkonzept in
Referenzgrammatiken: deutsche Schulgrammatiken und Sprachbücher
Inhalt / Contents IX

102. Karl-Ernst Sommerfeldt, Das Valenzkonzept in Referenzgrammatiken:


Gebrauchsgrammatiken
103. Elke Hentschel, Das Valenzkonzept in Referenzgrammatiken:
Handbuchgrammatiken
104. Maria Thurmair, Das Valenzkonzept in Referenzgrammatiken:
Grammatiken für Deutsch als Fremdsprache

XI. Das Valenzkonzept in der Lexikographie


The Valency Concept in Lexicography
105. Jaqueline Kubczak, Valenzinformationen in allgemeinen einsprachigen
Wörterbüchern
106. Peter Bassola, Valenzinformationen in allgemeinen zweisprachigen
Wörterbüchern
107. Helmut Schumacher, Deutschsprachige Valenzwörterbücher
108. Winfried Busse, Valenzwörterbücher in anderen Sprachen
109. Ludwig M. Eichinger, Kontrastive zweisprachige Valenzwörterbücher

XII. Das Valenzkonzept in der Sprachgeschichtsforschung:


ausgewählte Bereiche
The Valency Concept in Research into the History of
Language: Selected Areas
110. Hans Jürgen Heringer, Prinzipien des Valenzwandels
111. Jarmo Antero Korhonen, Valenzwandel am Beispiel des Deutschen
112. Albrecht Greule, Historische Fallstudie: Althochdeutsch
113. Hans-Joachim Solms, Historische Fallstudie: Mittelhochdeutsch
114. Jarmo Antero Korhonen, Historische Fallstudie: Frühneuhochdeutsch
115. Rosemarie Lühr, Historische Fallstudie: Altsächsisch
116. Herbert Schendl, Historische Fallstudie: Alt- und Mittelenglisch
117. Peter Stein, Claudia Benneckenstein, Historische Fallstudie:
Altfranzösisch
118. Tamás Forgács, Historische Fallstudie: Altungarisch

XIII. Das Valenzkonzept in weiteren Forschungsbereichen


The Valency Concept in Other Areas of Research
119. Franz Simmler, Varietätenlinguistik: Fachsprachen
120. Bernhard Sowinski, Varietätenlinguistik: Sprache der Literatur
121. Franz Patocka, Varietätenlinguistik: Dialekte
122. Heidrun Gerzymisch-Arbogast, Valenz und Übersetzung
Vorwort

Zielsetzungen
Neben der generativen Grammatik, die zunächst den Satz als rekurrente Anwendung
gleicher Regelteile konstitutionell aufgebaut und im Bedarfsfall umgeordnet angesehen
hat, haben sich etwa zur gleichen Zeit, in den fünfziger Jahren, andere Konzeptionen
entwickelt, die stärker auf die funktionale Seite des Satzes abgestellt waren. Denn nicht
nur die gesamte linguistische Tradition, auch die neueren formalen Theorien fordern
eine funktional erklärende, der Bedeutung der Sätze gerecht werdende Konzeption.
Solchen Anforderungen werden unter den neueren grammatischen Konzeptionen die
Dependenz- und Valenztheorien gerecht. ‘Dependenz’ als grammatisches Konzept, das
die gerichtete Verkettung von Wörtern zum Ausgang nimmt, und ‘Valenz’ als komple-
mentäre Annahme, dass Wörter Leerstellen um sich eröffnen, die zu füllen sind, haben
sich als fruchtbare grammatische Ansätze erwiesen, mit denen die Grundstruktur von
Sätzen und auch die Ausbaumöglichkeiten erfasst werden können. Ansätze zu solchen
Sichtweisen sind an verschiedenen Stellen entwickelt worden, besonders im deutschen
und französischen Bereich. Im letzteren ist das Werk von Lucien Tesnière, Eléments de
Syntaxe Structurale von 1959, ein methodischer Entwurf, in dem sowohl ‘Valenz’, als
syntaktisches Grundprinzip, insbesondere des Verbs, und ‘Dependenz’ als syntaktisches
Steuerungsprinzip, in einer Weise verbunden sind, mit der strukturalistische, und darin
von der ‘Bedeutung’ von Sätzen weitgehend abstrahierende Ansätze deutlich überschrit-
ten werden. Die Rezeption dieses Ansatzes, Eigenentwicklungen auf der Basis vergleich-
barer Annahmen und gegenseitige Beeinflussung haben zu einer inzwischen weitver-
zweigten Forschungslage geführt.
Das Handbuch gibt einen Überblick über den Stand der Forschung, aus dem zweier-
lei deutlich wird: Einerseits sind die Grundannahmen von Dependenz und Valenz in
ihrer Einfachheit und Stringenz Prinzipien, die wesentliche Einsichten über die Struktur
des Satzes ermöglichen. Darin sind sie auch von eminent praktischer Bedeutung. Die
einzelsprachliche und die kontrastive Linguistik haben eine Fülle von Arbeiten, vor
allem Kompendien und Handbücher hervorgebracht, mit denen die Syntax ihren zen-
tralen Platz in der Grammatik rechtfertigt. Das zweite ist, dass die genannten Prinzipien
auch in grammatischen Theorien, die zunächst anders aufgebaut waren, eine Rolle spie-
len. Von der allgemeinen Syntax, in der Fremdsprachenforschung und -praxis und in
der Computerlinguistik werden Elemente der Valenzkonzeption und der Dependenzthe-
orie genutzt. Mit den Grundprinzipien können so gut wie alle grammatischen Phäno-
mene dargestellt werden. Es werden ebenso theoretische Linguisten angesprochen wie
Praktiker aus allen linguistischen Sparten, insbesondere Lehrende des Mutter- und
Fremdsprachenunterrichts sowie an der linguistischen Datenverarbeitung Interessierte.

Aufbau des Handbuchs


Das Handbuch stellt im ersten Teilband zunächst die wissenschaftsgeschichtlichen
Voraussetzungen der Konzeptionen dar und behandelt sodann die einzelnen Theorie-
XII Vorwort

teile ausführlich. Theorie und Empirie wird gleichermaßen Rechnung getragen. Das
Kapitel I stellt die Idee und die Ausarbeitungsmöglichkeiten der Abhängigkeit und der
Valenz in einem weiteren wissenschaftstheoretischen und wissenschaftsgeschichtlichen
Rahmen vor. Es verfolgt zunächst den Gedanken der Abhängigkeit in Mathematik,
Logik und Naturwissenschaften, sodann den Weg der Grundidee über die Ausbildung
der Wertigkeitsmetapher in die Geisteswissenschaften und insbesondere in die Gram-
matik. Das Kapitel II ist dem eigentlichen Begründer der Valenzlehre, Lucien Tesnière,
gewidmet. Es behandelt seinen Ansatz wissenschaftsgeschichtlich und bringt ihn in den
Zusammenhang seiner wissenschaftlichen Biographie. Darüber hinaus werden die
Komponenten der Tesnièreschen Theorie in Einzelbeiträgen dargestellt und expliziert.
Nach einer Würdigung der Persönlichkeit Tesnières und seiner Tätigkeiten als Lehrer
und Forscher wird sein grammatisches System in den Grundzügen beschrieben und
die einzelnen Bausteine der Tesnièreschen Theorie werden dargestellt. Den Schluss des
Kapitels bildet ein Abschnitt, der den Auffassungen über Wertigkeiten und den sich
daraus ergebenden Konsequenzen für die Grammatik in der neueren germanistischen
Tradition nachgeht.
Das Kapitel III hat die Funktion, die Grundlagen des Dependenzbegriffes darzustel-
len und die mit diesem Ansatz verbundenen Grundfragen zu diskutieren. Zunächst
erfolgt eine Grundlegung von ‘Dependenz’ als grammatikologisches Konzept. Hier wer-
den die Reichweite des Abhängigkeitsbegriffs und die sich daraus ergebenden Konse-
quenzen für die Grammatikschreibung dargestellt. Sodann erfolgt die für dieses Kapitel
besonders wichtige Gegenüberstellung der Begriffe der Dependenz und der Konstitu-
enz, weiter das Verhältnis von dependenzieller Struktur und linearer Ordnung. Die oft
behauptete, aber selten im einzelnen dargelegte enge Beziehung zwischen Dependenz-
grammatik und Kategorialgrammatik ist Gegenstand eines Artikels. Das Kapitel wird
abgeschlossen mit einer Diskussion der Grenzen dependenzieller Systeme und der Dar-
stellung einiger bereits vorgeschlagener Erweiterungen. Das Kapitel IV klärt die grund-
legenden Annahmen der Valenztheorie und zeigt die Reichweite des Valenzbegriffes auf.
Zunächst wird auf dem Hintergrund der Forschung „Valenz” als allgemeine Eigenschaft
von Wörtern, Leerstellen um sich zu eröffnen, bestimmt. An der Valenz des Verbs wer-
den exemplarisch wesentliche Eigenschaften dieser Bindungskapazitäten der Wörter
erarbeitet und in ihren Auswirkungen auf die Syntax verfolgt. Andere Wortarten
werden einbezogen. In der Forschung hatte sich frühzeitig gezeigt, dass eine genaue
Bestimmung der Ebenen, auf denen sich die Steuerungseigenschaften der Wörter,
insbesondere des Verbs niederschlagen, nötig ist. Generell werden die Valenzschich-
tungen beschrieben, wobei das zunächst als einheitlich erscheinende Phänomen der
Valenz differenziert und problematisiert wird. Es wird die Kognitionsforschung einbe-
zogen und die Sprachtypologie. Ebenfalls ein universales Raster betrifft das Konzept
der ‘Tiefenkasus’ (Kasusrollen, Theta-Rollen), das derzeit in allen gängigen semanti-
schen und syntaktischen Theorien einen zentralen Platz einnimmt. In den folgenden
Artikeln werden die ‘Tiefenkasus’ aus der Sicht der Valenzlehre behandelt, d. h. es wird
die Kompatibilität mit bzw. die Redundanz zu den durch Valenz geforderten Aktanten
und den Circonstanten in Rechnung gestellt. Weiter werden Satzmodelle und pragmati-
sche Aspekte behandelt.
Kapitel V gibt zunächst einen Überblick über die grammatischen Theorien, die ganz
oder zu Teilen dependenzbasiert sind. Sodann werden Aus- und Einwirkungen depen-
denzieller Grundannahmen für nichtsyntaktische Komponenten der Grammatik disku-
Vorwort XIII

tiert. Im einzelnen werden folgende Ansätze behandelt: Die Word Grammar, die Lexi-
case Grammar, das Meaning-Text-Modell, die Functional Generative Description, die
Dependenzielle Unifikationsgrammatik. Die Reichweite des Dependenzprinzips als
Ordnungsrelation und Strukturierungsmöglichkeit führt zu teilweise völlig neuen Ein-
sichten und hat Auswirkungen auf benachbarte Teiltheorien und grammatische Ge-
samtkonzeptionen. Kapitel VI hat die in der modernen Valenzforschung am häufigsten
thematisierten und am intensivsten diskutierten Probleme zum Gegenstand. Besonderes
Gewicht liegt auf denjenigen Fragen, die den theoretischen Anspruch der Valenzfor-
schung als einer lexikonbasierten grammatischen Teiltheorie begründen, unter anderem
die Frage des Zentralregens, die grundlegende Unterscheidung zwischen Ergänzungen
und Angaben, das Subjektsproblem und die Valenz bei anderen Wortarten und in der
Phraseologie.
Der zweite Teilband beginnt mit einer ausführlichen Darstellung grammatischer Phä-
nomene unter Dependenz- und Valenzgesichtspunkten. Die Nutzung von Dependenz
und Valenz in der maschinellen Sprachverarbeitung schließt sich daran an. Die restli-
chen Kapitel behandeln die kontrastive Linguistik, die Grammatikographie, die Lexi-
kographie, die historische Linguistik und weitere linguistische Forschungsbereiche, in
denen Dependenz und Valenz von Wichtigkeit sind. Kapitel VII zeigt Folgendes: Die
dependenziellen Verhältnisse, welche von der Valenz des Verbs herzuleiten sind, müssen
sich als Instruktionen in der syntaktischen Kodierung wiederfinden. Die Artikel dieses
Kapitels behandeln unter anderem Stellungsmuster des Deutschen, besonders die Satz-
klammer, Infinitivkonstruktionen, Subjekt- und Objektsätze, unpersönliche Konstruk-
tionen, die sogenannten freien Dative, das Passiv und andere Diathesen und die Nega-
tion. Weitere Schwerpunkte sind die Modalität, Diskurspartikeln und Modalwörter so-
wie die Nominalphrasen und die Wortbildung.
Kapitel VIII behandelt die Anwendung des dependenzgrammatischen Ansatzes im
Rahmen der Computerlinguistik. Das Kapitel beginnt mit einer Darstellung der grund-
sätzlichen Aufgaben eines Parsers und gängiger Verfahren bei der Erzeugung von De-
pendenzstrukturen. Es folgen vertiefende Artikel zu ableitungs- und valenzbasierten
Parsern. Weitere zentrale Anwendungsbereiche der Dependenzgrammatik liegen in der
Entwicklung und Funktion maschineller Übersetzungssysteme und der maschinellen
Erkennung gesprochener Sprache. In Kapitel IX wird zunächst ein Überblick gegeben,
welche Rolle Valenz und Dependenz in kontrastiven Darstellungen spielen und welche
spezifische Ausformung generelle Annahmen und Probleme kontrastiver Behandlung
hier finden. In den weiteren Artikeln dieses Teils wird die in diesem Bereich für verschie-
dene Sprachpaare im Vergleich mit dem Deutschen geleistete Arbeit dargestellt, syste-
matisiert und vorhandene Beschreibungen werden ausgebaut. In allen diesen Artikeln
wird von einem dependenziellen Rahmen ausgegangen. Die verbale Valenz steht im
Vordergrund. Die Artikel sind einheitliche abhängigkeitsgrammatische Sprachverglei-
che. Kapitel X belegt, in welcher Weise der Valenzbegriff in die Grammatikschreibung
aufgenommen worden ist. Zunächst erfolgt ein Überblick, in dem unter anderem ge-
zeigt wird, dass derzeit so gut wie alle Grammatiken in irgendeiner Weise valenzbasiert
sind. Sodann werden sogenannte Schulgrammatiken daraufhin untersucht, in welcher
Weise die Valenz aufgenommen, motiviert und u. a. zur Beschreibungsvereinfachung
genutzt wird. Analoge Fragestellungen, abgestimmt auf die jeweilige Zwecksetzung,
werden für Gebrauchsgrammatiken, grammatische Handbücher und Grammatiken für
den Unterricht in Deutsch als Fremdsprache angegangen.
XIV Vorwort

Im Kapitel XI werden die Voraussetzungen und die Ergebnisse valenzlexikologischer


Unternehmungen dargestellt und zwar in ein- und zweisprachigen Wörterbüchern sowie
in für die DaF-Praxis entworfenen kontrastiven zweisprachigen Valenzwörterbüchern.
Kapitel XII hat die historische (synchrone wie diachrone) Dimension der Valenzfor-
schung zum Gegenstand, zunächst den allgemeinen Valenzwandel. Danach folgt eine
Reihe von historischen Fallstudien. Kapitel XIII schließt das Handbuch ab und stellt
verschiedene Bezüge zu anderen linguistischen Forschungsbereichen her, in denen das
Konzept der Valenz bereits eine Rolle gespielt hat, unter anderem zur Varietätenlinguis-
tik und zur Übersetzungswissenschaft.

Dank
Unser Dank gilt den Autoren der Artikel, die zum Teil eine längere Wartezeit in Kauf
genommen haben, dem Verlag für die hervorragende Betreuung und exzellente Gestal-
tung des Bandes, schließlich den Helfern und Helferinnen in Passau, Maurice Flatscher,
Katrin Flexeder, Carina Hofmann, Guta Rau, Thomas Stolz und Imelda Wagner, ohne
deren Einsatz der Band nicht fertig geworden wäre.

Vilmos Ágel, Szeged


Ludwig M. Eichinger, Mannheim
Hans-Werner Eroms, Passau
Peter Hellwig, Heidelberg
Hans Jürgen Heringer, Augsburg
Henning Lobin, Gießen
Preface

Goals of the Handbook


In addition to generative grammar, which viewed the sentence as being constituted, in
the first place, by a recursive use of the same regular structures that could, when neces-
sary, be rearranged, other conceptions were developed at about the same time, during
the fifties, which laid greater emphasis on the functional side of the sentence. For it is
not just the whole of traditional linguistic theory, but, equally, the more recent formal
theories which demand a conception of the sentence that both explains its function and
does justice to its meaning.
Amongst the more recent grammatical conceptions, dependency and valency theories
meet such demands extremely well. “Dependency”, as a grammatical concept which
assumes that words are arranged in meaningfully interconnected chains, as well as
“valency”, describing the complementary assumption that words open up slots around
themselves which need to be filled, have proved to be fruitful grammatical approaches
to comprehending the basic structure of sentences and to grasping the ways in which
the latter can be extended. Such theoretical approaches have been developed in various
places, in particular by linguists in the German and French-speaking world. It is from
the latter that Lucien Tesnière’s “Eléments de Syntaxe Structurale” originates, a work
published in 1959. Tesnière’s methodological stance is to link “valency” as the basic
syntactical principle, especially for the verb, and “dependency” as the governing prin-
ciple of syntax in a way that clearly transcends structuralist theories or theories which
are largely removed from the “meaning” of sentences. The reception of Tesnière’s ideas,
together with independently developed theories based on comparable assumptions, and
the mutual influence exercised by one on the other, have today combined to create a
broad body of research.
The handbook provides an overview of the current status of this research, in which
two things are demonstrated quite clearly. In the first place, the basic assumptions of
dependency and valency represent principles, which, in their simplicity and stringency,
offer vital insights into the structure of the sentence. They are thus of eminently practi-
cal significance. Both language-specified and contrastive linguistics have produced a
wide range of works, above all compendia and handbooks, in which the central rôle
taken by syntax in grammar has been justified. In the second place, the above-men-
tioned principles also play a part in grammatical theories, which were originally based
on different premises. Elements taken from the valency conception and dependency
theory are used by general syntax, in foreign-language research and practice and in
computer linguistics. The basic principles can be used to depict virtually every gram-
matical phenomenon. Theoretical linguists will find this handbook just as useful as
practitioners in all the various fields of linguistics, in particular both native-language
and foreign-language teachers and all those interested in the linguistic side of data pro-
cessing.
XVI Preface

Contents
In its first volume, the handbook begins by presenting the historical background of the
theories in which the conceptions are rooted and then goes on to deal in detail with
the individual elements of the theory. Equal consideration is given to theoretical and
empirical work. Chapter I introduces the concepts of dependency and valency, together
with the opportunities for further elaborating these ideas, in the wider context of aca-
demic theory and the history of ideas. It begins by tracing the concept of dependency
in mathematics, logic and the natural sciences. It then goes on to trace the course taken
by the basic concept, via the elaboration of the valency metaphor, as it was adopted in
the arts and, in particular, in the study of grammar. Chapter II is devoted to the
founder of valency theory proper, Lucien Tesnière. It deals with his theory in the
context of the history of ideas and relates it to his academic biography. Over and above
this, the components that go to make up Tesnière’s theory are elaborated and elucidated
in separate articles. After Tesnière’s biographical history, as well as his activities as a
teacher and his research work have been assessed, the basic characteristics of his gram-
matical system are described, and the individual elements on which Tesnière’s theory is
built are portrayed. The chapter concludes with a section, which explores the various
views on valencies and the consequences that the latter have had on grammar in recent
German studies.
In Chapter III, the object is to describe the basic principles of the dependency con-
cept and to discuss the basic issues involved with this theoretical approach. To begin
with, a basic definition of “dependency” as a concept belonging to grammaticographi-
cal theory is undertaken: the scope of the dependency concept and the resulting conse-
quences for grammatical studies are portrayed. The following articles deal with a
central issue in this chapter, namely the confrontation of the two concepts dependency
and constituency, and with the problems concerning the relationship between depen-
dency structures and linear organisation. Furthermore the close relationship between
dependency grammar and categorial grammar, a link that has been often posited, but
seldom depicted in detail, is looked into. The chapter concludes with a discussion of
dependency systems’ limits and a description of some of the ways that have been sug-
gested to date to extend them. Chapter IV clarifies what the fundamental premises in
valency theory are and demonstrates the scope of the valency concept. It begins by
defining “valency”, against the background of the body of research work, as the general
property of words to open up slots around themselves. The essential features pertaining
to words’ capacity to bind are demonstrated, using the valency of the verb as a classic
example, and the effects of this on syntax are pursued. Other categories of words are
also included. Research demonstrated at an early stage the importance of determining
at precisely what levels words, especially verbs, unfold their governing properties. The
layers on which valency operates are described generally, whilst distinctions are drawn,
and questions raised, that cast new light onto the, at first glance, uniform phenomenon
of valency. It is an equally universal pattern that is involved with the concept of the
“deep structure case” (case rôles, theta rôles), which at present occupies a central posi-
tion in all the current semantic and syntactical theories. In the following articles, the
“deep structure cases” are dealt with from the viewpoint of valency theory, i. e. their
compatibility with or, as the case may be, redundancy vis-à-vis the actants and circon-
stants demanded by valency theory is considered. Furthermore clause models and prag-
matic aspects are dealt with.
Preface XVII

Chapter V begins by providing a “tour d’horizon” over the grammatical theories


that are partly or wholly dependency-based. This is followed by a discussion of the
impact and influence exerted by basic dependency assumptions on some of the non-
syntactical components of grammar. Each of the following individual approaches is
dealt with: word grammar, lexicase grammar, the meaning-text model, functional gene-
rative description and“dependency unification grammar”. The scope of the dependency
principle as an ordering factor and structuring tool can at times open up entirely new
insights and it has an impact on juxtaposing sub-theories and overall grammatical
conceptions. Chapter VI focusses on those issues that have been most commonly
tackled and most intensively debated in modern valency research. Particular weight is
given to those questions upon which rest the theoretical claim propounded by valency
research for its being a lexicon-based grammatical sub-theory, for example the question
of the central verb (Regens), the fundamental distinction between complements and
adjuncts, problems concerning the subject, furthermore valencies of other word classes,
and also valencies in phraseology.
The second volume begins with a detailed description of grammatical phenomena as
seen from dependency and valency viewpoints. This is followed by chapters on the
application of dependency and valency concepts in computer-based language process-
ing. The remaining chapters deal with contrastive linguistics, grammaticography, lexi-
cography, historical linguistics and other areas of linguistic research in which depen-
dency and valency play a significant rôle. Chapter VII shows how the dependency
relationships derived from the valency of the verb have to re-emerge as instructions in
the syntactical coding. The articles in this chapter are dealing with word orders that are
peculiar to the German language, especially the sentence frame, infinitive constructions,
subject and object clauses, impersonal constructions, the so-called free datives, the pas-
sive voice and other diatheses, as well as negation. Other main issues are modality, as
well as discourse particles, modal words, noun phrases and word formations.
Chapter VIII treats the application of dependency grammar theory in the context of
computer linguistics. The chapter begins with a description of the fundamental tasks
performed by a parser and outlines the current processes used to produce dependency
structures. This is followed by articles that go into more detail, firstly, on derivation-
and valency-based parsers. Other key areas in which dependency grammar is used are
to be found in the development and running of computer-based translation systems
and in computer recognition of the spoken language. In Chapter IX an overview is
provided showing the rôle played by valency and dependency in contrastive studies and
indicating what specific form is taken in this area by the general assumptions and
problems of contrastive linguistics. The remaining articles in this section describe the
work done in this area on various language pairs, in each case German in comparison
with another language: the work is systematized and existing descriptions are expanded.
All articles take a dependency framework as their point of departure. Verbal valency
plays a preeminent rôle. The articles represent a homogenous series of language com-
parisons based on dependency grammar. Chapter X illustrates the reception of the
valency concept in grammatical studies. To begin with, an overview is presented which
shows, among other things, that today virtually all grammars are in some way based
on valency. This is followed by an analysis of school grammar books to see how valency
is received and motivated in them and used to simplify descriptions. Analogous ques-
tions, tailored to the respective object of interest, are addressed in relation to the stan-
XVIII Preface

dard grammar books, to grammatical handbooks and in relation to the grammar books
used to teach German as a foreign language.
In Chapter XI, a look is taken at the premises on which efforts to use valency in
lexicographical work have been based, together with the results that have been achieved
regarding monolingual and bilingual dictionaries, as well as contrastive, bilingual va-
lency dictionaries designed for the teaching of German as a foreign language. Chapter
XII examines the historical (synchronic and diachronic) dimension of valency research.
Valency changes in general are dealt with, followed by historical case studies. The
handbook closes with Chapter XIII, which establishes links with other areas of linguis-
tic research where the valency concept has already played a rôle, for instance variety
linguistics and translation disciplines.

Acknowledgements
We extend our deepest thanks to the authors, who took on rather long periods of
waiting, to the publishers for their exceptional support and the excellent design of this
volume, and last but not least to all our helpers in Passau, Maurice Flatscher, Katrin
Flexeder, Carina Hofmann, Guta Rau, Thomas Stolz and Imelda Wagner, without
whose efforts this book would not have been finished.

Vilmos Ágel, Szeged


Ludwig M. Eichinger, Mannheim
Hans-Werner Eroms, Passau
Peter Hellwig, Heidelberg
Hans Jürgen Heringer, Augsburg
Henning Lobin, Gießen
I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in
Natur- und Geisteswissenschaften
The Dependency and Valency Paradigm in
the Arts and Sciences

1. Das Abhängigkeitskonzept in den Wissenschaften

1. Logische Abhängigkeit von Begriffen len x0, x1, x2, …, 2) Individuenkonstanten ci,
2. Mathematische Abhängigkeit von Axiomen n-stellige Funktionskonstanten fni und Prädi-
und Axiomensystemen katenkonstanten Pni als nicht-logische Kon-
3. Maschinelle Abhängigkeit von Regeln
und Kalkülen
stanten, 3) Junktoren (z. B.  ∧, ∨ für ‘und’
4. Dependenz und Valenz in den
und ‘oder’),
 Allquantor ( ) und Existenz-
Naturwissenschaften quantor ( ) als logische Konstanten, 4) Hilfs-
5. Kausale Abhängigkeit von Ereignisketten zeichen wie z. B. Klammern und Komma.
6. Literatur in Auswahl Endliche Folgen solcher Grundzeichen
heißen Worte über dem Alphabet A. Der
Das Abhängigkeitskonzept der Wissenschaf- Ausdruckskalkül von S legt fest, welche
ten bezieht sich nicht nur auf die grammati- Worte die Terme und die Formeln von S sind.
kalische Verkettung von Wörtern. Es reicht Wenn keine Unklarheiten entstehen, werden
von der logischen Abhängigkeit von Begrif- die Indizes fortgelassen und bequemere Zei-
fen, Regeln, Sätzen, Axiomen- und Hypothe- chen verwendet, also z. B. der Term f (x, y)
sensystemen bis zur kausalen Abhängigkeit aus der 2-stelligen Funktionskonstanten f
von Atomen, Molekülen, Strukturen, Ereig- und den Individuenvariablen x und y, die
nisketten und dynamischen Systemen. Damit Formel P (x) ∧ Q (z) aus den 1-stelligen Prädi-
werden methodische Grundlagenfragen der katenkonstanten P, Q und den Individuenva-
formalen Wissenschaften wie Logik, Mathe- riablen x, z. Unter einer zum Alphabet pas-
matik und Informatik, aber auch der empiri- senden Interpretation stehen Terme für Ge-
schen Wissenschaften wie Physik, Chemie genstände aus einem Objektbereich (z. B. die
und Biologie berührt. Menge der natürlichen Zahlen) und Formeln
für Aussagen (z. B. wahre oder falsche Aussa-
gen der Zahlentheorie). In diesem Fall wird
1. Logische Abhängigkeit ein System von Formeln auch (formale) The-
von Begriffen orie über den betreffenden Gegenstandsbe-
reich genannt.
In formalen Sprachen werden Begriffe, Sätze Ein Grundbegriff einer Theorie T heißt ab-
und Axiomensysteme durch Prädikatoren, hängig von den übrigen Grundbegriffen von
Formeln und Formelsysteme dargestellt, die T, wenn er aus diesen Grundbegriffen nach
aus formalen Zeichen nach formalen Regeln den Definitionsregeln der Sprache von T de-
erzeugt werden. Um das logische Abhängig- finierbar ist. So ist z. B. der Begriff ‘Schim-
keitskonzept von Begriffen, Sätzen und Axio- mel’ als weißes Pferd in der Zoologie abhän-
mensystemen zu verstehen, muss daher zu- gig von den Begriffen ‘Pferd’ und ‘Weiß’, der
nächst das Konzept einer formalen Sprache S Begriff ‘Wasser’ als H2O in der Chemie von
eingeführt werden. Grundlage ist eine nicht- den Begriffen ‘H-Atom’ (Wasserstoff) und
leere Menge (‘Alphabet’) von Grundzeichen, ‘O-Atom’ (Sauerstoff). In formalen Sprachen
mit denen die wohlgeformten Ausdrücke der werden Grundbegriffe durch Prädikaten-
formalen Sprache definiert werden. So ent- konstanten bzw. Prädikatoren bezeichnet.
hält das Alphabet A der Quantorenlogik Allgemein heißt ein k-stelliger Prädikator
1. Stufe 1) abzählbar viele Individuenvariab- P (x, …, xk) genau dann definierbar in einer
2 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Theorie T, wenn es in T eine Formel D mit Theorie festzustellen. Mathematikhistorisch


den folgenden Eigenschaften gibt: hatte sich die Frage nach der Unabhängigkeit
eines Axioms erstmals an dem Problem ent-
1) die Variablen x1, …, xk sind sämtlich von- zündet, ob das Parallelitätsaxiom aus den üb-
einander verschieden, rigen Axiomen der euklidischen Geometrie
2) D enthält keine anderen Variablen als x1, logisch folgt oder nicht. Historische Beweis-
…, xk, versuche des Parallelitätsaxioms führten tat-
3) D enthält außer Grundzeichen und be- sächlich nur auf mathematisch äquivalente
reits definierten Zeichen der Theorie Lehrsätze. So ist z. B. die Aussage, dass es auf
keine nicht-logischen Konstanten, einer Ebene durch einen Punkt außerhalb ei-
4) die Äquivalenz P (x1, …, xk,) ↔ D (bzw. ner Geraden genau eine Parallele gibt, äqui-
die zugehörige allquantorische Formel) valent damit, dass die Winkelsumme im Drei-
ist in T ableitbar. eck zwei rechte Winkel beträgt. Die Negation
Ein Grundbegriff einer Theorie T heißt unab- des Parallelitätsaxioms führt dann zu den
hängig von den übrigen Grundbegriffen von beiden Möglichkeiten, dass es unendlich viele
T, wenn er nicht aus diesen Grundbegriffen oder keine Parallele durch einen Punkt zu ei-
nach den Definitionsregeln der Sprache von ner Geraden gibt. Äquivalent damit ist die
T definierbar ist. So sind die Grundbegriffe Aussage, dass die Winkelsumme im Dreieck
der euklidischen Geometrie wie z. B. ‘Punkt’ kleiner oder größer als zwei rechte Winkel ist.
und ‘Gerade’ in der Hilbertschen Formalisie- Ersetzt man das Parallelitätsaxiom jeweils
rung voneinander unabhängig. Allerdings durch eine der beiden Negationsmöglichkei-
gibt es kein allgemeines logisches Verfahren, ten, erhält man eine von zwei möglichen
um festzustellen, ob Grundbegriffe einer The- nicht-euklidischen Geometrien.
orie voneinander unabhängig sind. Wegen Allgemein heißt ein Axiom einer Theorie T
der Unentscheidbarkeit der Quantorenlogik genau dann unabhängig von den übrigen
gibt es nämlich kein algorithmisches Verfah- Axiomen dieser Theorie, wenn es nicht aus
ren, um für eine beliebige Formel zu entschei- diesen Axiomen logisch folgt. Um zu bewei-
den, ob sie in der Quantorenlogik ableitbar sen, dass das Parallelitätsaxiom nicht aus den
ist oder nicht. Insbesondere gibt es kein allge- übrigen Axiomen der euklidischen Geometrie
meines Entscheidungsverfahren, ob eine be- folgt, wird eine Interpretation der formalen
liebige Formel der Bedingung 4) der Definier- Theorie der Geometrie angegeben, in der das
barkeit quantorenlogisch ableitbar ist oder Parallelitätsaxiom nicht gilt, aber alle übrigen
nicht. Für die Unabhängigkeit von Grund- Axiome der euklidischen Geometrie wahr
begriffen sind daher Definierbarkeitskriterien sind. Fasst man die euklidischen Axiome als
von besonderem Interesse. Bereits 1900 hatte Formeln auf, so sind ihre Grundbegriffe wie
der italienische Logiker A. Padoa ein Nicht- z. B. ‘Punkt’, ‘Gerade’, ‘Ebene’ formal nichts
definierbarkeitskriterium vorgeschlagen. Es anderes als Variablen für Prädikatoren, die
beruht auf der Einsicht, dass ein k-stelliger wir unterschiedlich interpretieren können.
Prädikator P (x1, …, xk) von den übrigen Prä- Nach einem Modell von F. Klein werden
dikatoren einer Theorie T sicher dann unab- ‘Punkte’ als die Punkte im Innneren eines fest
hängig ist, wenn man zwei Interpretationen vorgegebenen Kreises, ‘Geraden’ als die Seh-
I1 und I2 von T finden kann, die beide den nen dieses Kreises (ohne Eckpunkte) und
gleichen Individuenbereich haben, für alle ‘Ebene’ als das Innere der Kreisscheibe (ohne
von P verschiedenen Prädikatoren von T Randpunkte) interpretiert (Abb. 1a). In die-
übereinstimmen, aber für mindestens ein Bei- sem Fall gelten alle Axiome der euklidischen
spiel von Individuenkonstanten c1, … ck die Geometrie bis auf das Parallelitätsaxiom: Es
Aussage P (c1, … ck) bei I1 wahr und bei I2 gibt nämlich durch einen Punkt im Inneren
falsch ist. der Kreisscheibe unendlich viele Kreissehnen,
die eine vorgegebene Kreissehne nicht schnei-
den, d. h. in der Kleinschen Interpretation
2. Mathematische Abhängigkeit von gibt es unendlich viele ‘Geraden’ durch einen
Axiomen und Axiomensystemen ‘Punkt’, die eine vorgegebene ‘Gerade’ nicht
schneiden. Während dieser Unabhängigkeits-
Padoas Kriterium der Unabhängigkeit von beweis auf die nichteuklidische hyperbolische
Grundbegriffen orientiert sich an einem auf Geometrie führt, gelangen wir mit folgender
G. Peano zurückgehenden Verfahren, um die Interpretation zur nichteuklidischen sphäri-
Unabhängigkeit der Axiome einer formalen schen Geometrie. Als ‘Ebene’ wird die unbe-
1. Das Abhängigkeitskonzept in den Wissenschaften 3

grenzte Oberfläche einer Kugel, als ‘Gerade’ Fraenkel) ohne Auswahlaxiom widerspruchs-
werden die Großkreise (Äquator) der Kugel- frei sei, dann ergibt sich eine widerspruchs-
oberfläche, als ‘Punkte’ diametrale Punkt- freie Theorie sowohl durch Hinzunahme des
paare der Kugeloberfläche interpretiert. Wie- Auswahlaxioms (nach K. Gödel 1938) als
der gelten (bei geeigneten Änderungen der auch durch Hinzunahme der Negation des
Anordnungsaxiome) die euklidischen Axiome Auswahlaxioms (nach P. J. Cohen 1963). Die-
bis auf das Parallelitätsaxiom: Da alle Groß- ser Unabhängigkeitsbeweis lässt sich wenigs-
kreise sich in diametralen Punktpaaren tens als Nachweis der Verträglichkeit des
schneiden, gibt es diesmal keine ‘Gerade’ Auswahlaxioms mit der übrigen Mengenlehre
(Großkreis) durch einen ‘Punkt’ (diametrales und Mathematik auffassen. Allgemein heißt
Punktpaar) außerhalb einer vorgegebenen eine Formel unabhängig von einem formalen
‘Gerade’ (Großkreis), die diese ‘Gerade’ Axiomensystem, wenn sie von diesem System
(Großkreis) nicht schneidet. nicht abhängig ist, d. h. wenn weder die For-
mel noch ihre Negation aus dem Axiomen-
system folgerbar ist. Folgerbarkeit ist ein se-
mantisches Abhängigkeitskonzept und bedeu-
tet, dass jede wahre Interpretation (Modell)
des Axiomensystems auch eine wahre Inter-
pretation der gefolgerten Formel ist.

3. Maschinelle Abhängigkeit von


Regeln und Kalkülen
Abb. 1.1: Unabhängigkeitsbeweis des Parallelitäts-
axioms in der hyberbolischen (a) und sphärischen Davon zu unterscheiden ist die Ableitbarkeit
(b) Geometrie als syntaktisches Abhängigkeitskonzept. Eine
Zeichenreihe (z. B. Formel) heißt ableitbar in
einem formalen Zeichenkalkül (z. B. formales
Im Hilbertschen Formalisierungsprogramm Axiomsystem), wenn sie durch endlich viele
wird die Unabhängigkeit eines formalen Axio- Anwendungen von Regeln des Kalküls herge-
mensystems zu einer allgemeinen Forderung. stellt werden kann. In diesem Sinn lässt sich
Danach soll kein Axiom aus den übrigen der 1. und 2. Gödelsche Unvollständigkeitssatz
Axiomen eines Axiomensystems folgerbar auch als Unableitbarkeitssatz auffassen. Da-
sein. Andernfalls handelt es sich um einen im nach beweist der 1. Gödelsche Satz eine syn-
Axiomensystem beweisbaren Lehrsatz und taktische Unabhängigkeit, nämlich daß für
das Axiomensystem ist überbestimmt. Unab- jedes widerspruchsfreie formale Axiomensys-
hängigkeitsbeweise führen heute zu zentralen tem, in dem die Arithmetik repräsentiert wer-
Grundlagenfragen der modernen Mathema- den kann, eine Formel angebbar ist, die
tik. Da alle mathematischen Theorien men- ebenso wie ihre Negation im System nicht
gentheoretisch formulierbar sind, können sie ableitbar ist. Auch der 2. Gödelsche Satz be-
letztlich auf die (axiomatische) Mengenlehre weist ein syntaktisches Unabhängigkeitskon-
zurückgeführt werden. Sie ist in diesem Sinn zept, dass nämlich unter bestimmten Voraus-
die fundamentale Theorie der Mathematik. setzungen eine Formel, mit der die Wider-
Ähnlich wie über das Parallelitätsaxiom in spruchsfreiheit des formalen Systems be-
der Geometriegeschichte entstand eine De- hauptet wird, nicht im System ableitbar ist.
batte darüber, ob einzelne umstrittene Nicht nur Zeichenreihen, sondern auch Re-
Axiome der Mengenlehre unabhängig sind geln von Kalkülen lassen sich als syntaktische
oder nicht. Es handelt sich dabei um Axiome, Abhängigkeitskonzepte auffassen. Eine Regel
die wie z. B. das Auswahlaxiom zu nicht-ab- heißt unabhängig von den übrigen Regeln ei-
zählbaren und nicht-konstruktiven Mengen- nes Kalküls, wenn sie im Kalkül nicht ableit-
bildungen führen. Für nicht-konstruktive bar ist. In diesem Fall gibt es mindestens eine
Verfahren stellt sich nämlich verschärft das Zeichenreihe, die im Kalkül mit dieser Regel
Problem einer widerspruchsfreien Rechtferti- ableitbar, aber ohne diese Regel nicht ableit-
gung. bar ist.
Setzt man allerdings (ohne bisher vorlie- Die syntaktische Abhängigkeit von Zei-
genden Beweis) voraus, dass die axiomatische chenreihen und Regeln lässt sich im Prinzip
Mengenlehre (in der Version von Zermelo- auch von Automaten und Maschinen realisie-
4 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

ren. So können z. B. endliche Automaten In regulären, kontext-freien und kontext-


Texte und andere sprachliche Informationen sensitiven Sprachen kann rekursiv entschie-
verarbeiten. Ein endlicher (deterministischer) den werden, ob eine Zeichenkombination
Automat besteht aus endlich vielen Input- endlicher Länge zur Sprache gehört oder
und Outputkanälen, endlich vielen Zustän- nicht. Dazu braucht man nur alle Zeichenrei-
den und einem endlichen Speicher. Zwei Re- hen bis zu dieser Länge zu erzeugen und mit
geln geben eindeutig an, wie bestimmte In- der vorliegenden Zeichenkombination zu ver-
put- und Zustandszeichen in neue Zustände gleichen. Ist diese Forderung nicht erfüllt,
bzw. Outputzeichen transformiert werden. werden Maschinen von der Komplexität der
Ein Beispiel der Informatik sind Compiler, Turing-Maschine notwendig. Eine Turing-
d. h. Programme, die Befehle in einer dem Maschine ist ein endlicher Automat, der
Nutzer verständlichen Programmiersprache freien Zugriff auf einen unbegrenzt großen
in die Maschinensprache eines Computers Speicher hat. Es gibt allerdings komplexe
übersetzen. Der Teil eines Compilers, der jede nicht-rekursive Sprachen, deren Zeichenrei-
Zeichengruppe auf ihre Zulässigkeit prüft, hen auch eine Turing-Maschine nicht in end-
heißt lexikalischer Scanner. Durch syntakti- licher Zeit erkennen kann. Programmgesteu-
sche Analyse von Abhängigkeiten unterschei- erte Computer sind technische Realisationen
det ein endlicher Automat eine unendliche von universellen Turing-Maschinen. Hier zei-
Zahl richtig gebildeter Zeichenketten von ei- gen sich also Grenzen von Computern bei der
ner unendlichen Zahl falsch gebildeter. Vo- Bewältigung syntaktischer Abhängigkeiten.
raussetzung ist, wie S. C. Kleene 1956 zeigte,
dass es sich um eine sogenannte reguläre
Sprache handelt. Kurz gesagt ist es bei einer 4. Dependenz und Valenz in den
regulären Sprache möglich, alle ihre Worte zu Naturwissenschaften
analysieren, indem von links nach rechts ein
Symbol nach dem anderen gelesen wird, ohne Die formalen und grammatikalischen Kon-
zurück- oder vorausschauen zu müssen. Die zeptionen von Dependenz und Valenz haben
Zulässigkeit eines Zeichens hängt höchstens Vorgänger in den empirischen Wissenschaf-
ten. So wie die Ausdrücke formaler Sprachen
von dem Zeichen ab, das unmittelbar links
aus atomaren Bausteinen von Zeichen er-
von dem zu beurteilenden Zeichen steht. Die
zeugt werden, setzen sich auch Stoffe und
Voraussetzung entspricht der Beschränktheit
Strukturen der Natur aus Atomen und Ele-
endlicher Automaten, die weder künftige Zu-
mentarteilchen zusammen. B. Russell sprach
stände voraussehen noch sich vergangene
deshalb vom logischen Atomismus in Analo-
merken können, sondern aufgrund ihres mo- gie zum Atomismus der Naturwissenschaften.
mentanen Zustandes und Inputs einen Über- Atomare Dependenz bedeutet, dass Eigen-
gang in den nächsten Zustand wählen. schaften und Wirkungen von Stoffen von ih-
Jenseits der endlichen Automaten und re- rer atomaren Zusammensetzung abhängen.
gulären Sprachen gibt es eine Hierarchie stär- Valenz ist ein chemisches Konzept aus dem
kerer Maschinen und allgemeiner Sprachen, Periodensystem der Elemente. Gemeint ist
die N. Chomsky in einer Hierarchie mögli- damit die Eigenschaft eines Atoms, Ions oder
cher Modelle für natürliche Sprache geordnet Radikals, sich mit anderen Atomen, Ionen
hat. Dazu werden die grammatikalischen Re- oder Radikalen in definierten Verhältnissen
geln der Sprache gelockert und die Automa- zu kombinieren.
ten durch Speicherzellen ergänzt. Ein Beispiel Grundlage ist das Periodensystem, in dem
ist der Keller-Automat, der kontextfreie die Elemente nach ihrem Atombau und ihren
Sprachen erkennt, bei denen die Zulässigkeit physikalischen und chemischen Eigenschaf-
eines Symbols vom linken und vom rechten ten angeordnet sind. Atome besitzen einen
Nachbarn abhängt. positiv geladenen Kern, der aus Protonen
Hebt man diese Beschränkung auf, so er- und Neutronen besteht. Im Bohrschen Atom-
hält man kontextabhängige Sprachen, bei de- modell wird der Atomkern von schalenförmi-
nen weit auseinanderliegende Symbole mitei- gen Bahnen von Elektronen eingeschlossen,
nander in Beziehung stehen. Solche kontext- die negativ geladen sind. Das gesamte Atom
sensitiven Sprachen werden von linear be- ist nach außen neutral, da die gleiche Anzahl
schränkten Automaten erkannt, in denen sich von Protonen und Elektronen über die glei-
jede von endlich vielen Speicherzellen in wahl- che, aber entgegengesetzte Ladungseinheit
freiem Zugriff erreichen lässt. verfügt. Wird dem Atom ein negatives Elek-
1. Das Abhängigkeitskonzept in den Wissenschaften 5

tron entzogen, so überwiegt die Anzahl der ketten vorliegt (z. B. Äthylen): CH2-CH2-
positiv geladenen Protonen. In diesem Fall CH2-CH2-CH2-CH2-.
entsteht ein positiv geladenes Atom, das als Die Bindungskräfte, die die Atome zu Mo-
Ion bezeichnet wird. Das einfachste Atom be- lekülen oder die Moleküle zu Verbindungen
steht also aus einem Proton und einem Elek- höherer Ordnung vereinigen, sind sehr ver-
tron wie das H-Atom (Wasserstoff). Das schieden. Anschaulich entstehen sie durch die
nächste Atom verfügt über zwei Protonen Verformung der Elektronenhüllen bei gegen-
und zwei Elektronen etc. Dieses Kombinati- seitiger Annäherung der Atome. In der Gram-
onsprinzip lässt sich allerdings nicht beliebig matik meint Valenz, dass Wörter Leerstellen
fortsetzen, da Atomkerne mit zu vielen Pro- um sich eröffnen, die mit Wörtern besetzt
tonen instabil werden und unter Aussendung werden können. Diese Vorstellung entspricht
radioaktiver Strahlung zerfallen. Jedenfalls der chemischen Valenz, mit der die Möglich-
ist es naheliegend, die empirisch bekannten keit z. B. eines Atoms charakterisiert wird,
chemischen Elemente durch ihre verschiedene sich mit anderen Atomen zu verbinden. Bei
Protonenzahl zu unterscheiden. Im Perioden- diesen Analogien muss man sich allerdings
system werden daher alle Elemente mit stei- wissenschaftstheoretisch darüber klar sein,
gender Protonenzahl in einer Reihe geordnet. dass es sich beim Bohrschen Atommodell nur
Dabei folgen einander besonders ähnliche um eine vereinfachte Annäherung an die
Elemente in bestimmten Abständen, die als atomare Wirklichkeit handelt. Keinesfalls
Perioden bezeichnet werden. Es gibt eine sehr darf man sich Elektronen als kleine Planeten
kurze Periode mit 2 Elementen, zwei kurze vorstellen, die auf festen Bahnen um den
mit je 8 Elementen, zwei lange mit je 18 Ele- Atomkern wie um eine Sonne kreisen. Für
menten und eine sehr lange mit 32 Elemen- Planeten lässt sich der Zustand im Sinne der
ten. Ordnen wir die Elemente mit ähnlichen Klassischen Mechanik zu jeder Zeit mit belie-
Eigenschaften untereinander, so ergeben sich biger Genauigkeit angeben, in dem Ort und
die chemischen Gruppen. Dabei werden acht Impuls bestimmt werden. Für Elektronen im
Hauptgruppen unterschieden, die mit römi- Größenbereich des Planckschen Wirkungs-
schen Ziffern bezeichnet werden. So umfasst quantums h gilt jedoch die Heisenbergsche
Unschärferelation. Danach ist es prinzipiell
Gruppe I die Alkalimetalle wie z. B. Kalium
unmöglich, Ort und Geschwindigkeit zu-
und Natrium. Gruppe VII sind die Halogene
gleich mit beliebiger Genauigkeit zu messen:
mit z. B. Chlor, Brom und Jod. Gruppe VIII
Um so genauer wir den Ort messen, um so
sind die Edelgase. Die Gruppennummer gibt
unschärfer streut der Impulswert und umge-
jeweils an, wie viele Elektronen auf der äuße-
kehrt. Die atomare Wirklichkeit der Quan-
ren Schale vorhanden sind. tenmechanik ist also kein Lego-Baukasten, in
Damit wird es möglich, die Valenz oder dem atomare Bausteine nach den Gesetzen
Wertigkeit eines Elements zu bestimmen. Va- der klassischen Mechanik zusammensetzbar
lenz wird in der Regel ausgedrückt durch die sind. Analog stellt sich für die Grammatik
Anzahl von H-Atomen oder anderen einwer- natürlicher Sprachen die Frage, in welchem
tigen Atomen (z. B. Cl Chlor, Na Natrium), Maße der logische Atomismus von formalen
mit denen sich ein Atom des betreffenden Sprachen auf die sprachliche Wirklichkeit
Elements zu einem Molekül verbinden kann. übertragbar ist.
Praktisch erleichtert die Kenntnis der Valenz
dem Chemiker, chemische Formeln aufzustel-
len und sich zu merken. Am häufigsten 5. Kausale Abhängigkeit von
kommt die I-, II- und III-Valenz vor, wäh- Ereignisketten
rend die höchste VIII-Valenz sehr selten ist.
Das gleiche Element kann verschiedene Va- Von zentraler Bedeutung für die empirischen
lenz aufweisen. So ist z. B. das Eisen Fe im Wissenschaften ist die kausale Abhängigkeit
grünen FeCl2 zweiwertig, aber im braunen bzw. Unabhängigkeit von Ereignissen und
FeCl3 dreiwertig. Es ist offensichtlich, wie das Zuständen. Ereignisse werden durch drei
grammatikalische Konzept der Dependenz Ortskoordinaten im 3-dimensionalen Raum
und Valenz in Analogie zur Chemie zu verste- und eine Zeitkoordinate bestimmt. Eine Pla-
hen ist. In der Grammatik meint Dependenz netenbahn ist dann eine Ereigniskette, die
die gerichtete Verkettung von Wörtern und durch die Gravitationseinwirkung der Sonne
entspricht damit der chemischen Verbindung, verursacht wird. Zustände von Systemen wer-
wie sie insbesondere bei gestreckten Polymer- den durch Zustandsfunktionen bestimmt, die
6 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

z. B. von Ort und Impuls oder Zeit und Ener- aber nur bei kausalen Abhängigkeiten zu, die
gie des Systems abhängen können. So be- wie das Hookesche Federgesetz die lineare
schreibt ein Elektron zwar keine kausale Abhängigkeit einer Wirkung von einer Ursa-
Ereigniskette im Sinne einer eindeutigen Pla- che bestimmen. Bei komplexen Systemen, wie
netenbahn um einen Atomkern. Dennoch ist einer Wetterlage, bei der viele Größen in ver-
die kausale Entwicklung seiner Zustände ein- schiedenen Luftschichten gleichzeitig aufein-
deutig durch die ψ-Funktion der Quantenme- ander einwirken und viele Ursachen und Wir-
chanik bestimmt: Der spätere ψ-Zustand kungen miteinander nichtlinear rückgekoppelt
zum Zeitpunkt t2 ⬎ t1 hängt eindeutig vom sind, kann sich Instabilität und Chaos aus-
vorausgehenden ψ-Zustand zum Zeitpunkt t1 breiten. In diesem Fall können sich kleinste
ab, auch wenn wir in einem ψ-Zustand z. B. lokale Ereignisse wie z. B. ein kleiner Wirbel
Ort und Impuls nach der Heisenbergschen oder im Prinzip der Flügelschlag eines
Unschärferelation nicht gleichzeitig mit belie- Schmetterlings zu globalen Veränderungen
biger Genauigkeit messen können. Für die des Gesamtsystems aufschaukeln. Man spricht
Alltagswelt des Menschen spielen diese quan- deshalb auch populär vom Schmetterlingsef-
tenmechanischen Einschränkungen kaum fekt in chaotischen Systemen. Gemeint ist die
eine Rolle. Kausale Abhängigkeiten von Ereig- sensible Abhängigkeit ihrer kausalen Ereignis-
nisketten sind grundlegend von der ketten von geringsten Veränderungen der An-
Wettervoraussage über die ärztliche Diag- fangsbedingungen.
nose bis zur Rechtsprechung. Häufig sind wir Komplexe nichtlineare Systeme sind be-
jedoch auf statistische Angaben angewiesen. sonders lebende Organismen, in denen viele
Zwei Ereignisse heißen statistisch unabhän- Zellen wechselwirken und sensibel auf Verän-
gig, wenn die Wahrscheinlichkeit des einen derungen reagieren können. In der Evoluti-
Ereignisses die Wahrscheinlichkeit des ande- onstheorie wird die Frage diskutiert, ob die
ren Ereignisses nicht beeinflusst. Bei statis- heutige Vielfalt der Arten das alleinige Ergeb-
tisch unabhängigen Ereignissen ist die Wahr- nis von Evolutionsstrategien aus Selektion,
scheinlichkeit des gemeinsamen Auftretens Mutation und Selbstreproduktion ist oder
gleich dem Produkt der Wahrscheinlichkeiten auch von externen Zufallsereignissen (z. B.
des Auftretens der Einzelereignisse. So sind globale Katastrophen wie Meteoritenein-
die Ergebnisse aufeinanderfolgender Würfel- schläge und Vulkanausbrüche) abhängt.
ereignisse bei einem fairen Würfel statistisch Schließlich geht es um die Emergenz von
unabhängig. Andernfalls sprich man von sta- Geist und Bewusstsein in der Evolution. Das
tistischer Relevanz. In diesem Fall ist die be- traditionelle Leib-Seele-Problem diskutiert
dingte Wahrscheinlichkeit p (A/B) für das seit altersher die Frage, wie und ob Leib und
Eintreten von A bei vorausgesetztem Eintre- Seele kausal voneinander abhängen. Modern
ten von B verschieden von der Wahrschein- geht es um die Frage, wie Kognition, Be-
lichkeit p (A) für das Eintreten von A ohne wusstsein und Sprache von der Dynamik des
vorausgesetztes Eintreten von B, d. h. Gehirns abhängt. Fest steht heute, dass die
p (A) ⫽ p (A/B). Zwei Ereignisse, die kausal Grammatik menschlicher Sprachen zwar
abhängen, besitzen offenbar statistische Rele- nicht aus den biochemischen Gesetzen des
vanz. Umgekehrt muss die statistische Rele- Gehirns abgeleitet werden kann. Es gibt auch
vanz zweier Ereignisse aber keine gegenseitige keine einzelnen Nervenzellen, die denken,
kausale Abhängigkeit bedeuten. So erhöht sprechen und fühlen können. Allerdings wa-
das plötzliche Fallen der Barometeranzeige ren es die kollektiven und nichtlinearen
(A) zwar die Wahrscheinlichkeit eines Sturms Wechselwirkungen der grauen Zellen vieler
(B), d. h. p (B/A) ⬎ p (B), ohne aber seine Ur- Autoren, die dieses Buch über sprachliche
sache zu sein. Allerdings hängen beide Ereig- Dependenz und Valenz möglich machten.
nisse von einer gemeinsamen Ursache ab,
nämlich dem Herannahen eines Tiefdruckge-
biets. 6. Literatur in Auswahl
In der Alltagswelt gehen wir gewöhnlich
davon aus, dass ähnliche Ursachen ähnliche Coulson, Charles A. (1961): Valence. New York.
Wirkungen in der gleichen Größenordnung Ebbinghaus, Heinz-Dieter/Hermes, Hans/Hirze-
hervorrufen: Hängen wir z. B. ein kleines Ge- bruch, Friedrich/Koecher, Max/Mainzer, Klaus/
wicht an eine Feder, dann wird sie nur wenig Prestel, Alexander/Remmert, Reinhold (1992):
gedehnt. Bei einem großen Gewicht wird die Zahlen (⫽ Grundwissen Mathematik Bd. 1). Berlin
Feder entsprechend stark gedehnt. Das trifft (3. Aufl.).
2. Die Wertigkeitsmetapher 7

Mainzer, Klaus (1980): Geschichte der Geometrie. Mainzer, Klaus (1999): Zeit. Von der Urzeit zur
Mannheim. Computerzeit. München (3. Aufl.).
Mainzer, Klaus (1995): Computer – Neue Flügel des Mittelstraß, Jürgen (Hg.) (1980⫺1996): Enzyklo-
Geistes? Die Evolution computergestützter Technik, pädie Philosophie und Wissenschaftstheorie Bde.
1⫺4, Stuttgart.
Wissenschaft, Kultur und Philosophie. Berlin (2.
Aufl.). Salmon, Wesley C. (1984): Scientific Explanation
and the Causal Structure of the World. Princeton,
Mainzer, Klaus (1988): Symmetrien der Natur. Ein N.J.
Handbuch der Natur- und Wissenschaftsphiloso-
phie. Berlin. Klaus Mainzer, Augsburg (Deutschland)

2. Die Wertigkeitsmetapher

1. Linearisierung und Abhängigkeit 1. Linearisierung und Abhängigkeit


2. Naturwissenschaften und Sprache
3. Linguistik und Naturwissenschaften Eines der charakteristischen Merkmale der
4. Die Metapher als ein auf Irrtum menschlichen Intelligenz ist zweifelsohne die
beruhender Vergleich Fähigkeit, Informationen in geordneter Rei-
5. Der Valenzbegriff ⫺ Metapher oder
henfolge auszudrücken. Im Unterschied zu
Struktureigenschaft?
6. Literatur in Auswahl
unseren nächsten Verwandten unter den Pri-
maten befindet sich das Zentrum, das beim
Sprechen eine Schlüsselrolle spielt, gleich
Die ganze Physik ist eine einzige Tautologie; über dem linken Ohr. Affen besitzen ein sol-
Benutze für die Darstellung nur passende Ten-
ches laterales Zentrum nicht, ihre Lautäuße-
soren,
Und die Gesetze reduzieren sich allesamt auf
rungen werden durch ein für das Sprechen
das Faktum, weniger geeignetes Zentrum zwischen den
Dass man mit ihnen das Gemessene beschrei- beiden Hemisphären koordiniert. Die Fähig-
ben kann. keit zu sprechen setzt voraus, dass der
Das ist die Quintessenz der deskriptiven Theo- Mensch seine Gedanken in geordneter linea-
rien. rer Reihenfolge hervorbringen kann. Diese
(William Empson, Physiker und Dichter) geordnete Artikulation, ohne die wir kaum
intelligenter wären als die Primaten, nennen
Der vorliegende Beitrag behandelt Kontakt- wir Syntax. Hier wird Syntax in einem wei-
punkte zwischen natur- und geisteswissen- teren Sinne verstanden, als sie gewöhnlich
schaftlicher Sicht- und Denkweise. Die Va- interpretiert wird. Tiere, etwa die in freier
Wildbahn lebenden Schimpansen, verwenden
lenztheorie ⫺ ähnlich wie viele andere Berei-
zwar etwa drei Dutzend verschiedene „Wör-
che der Sprachwissenschaft ⫺ ist zwar letzten
ter“. Informationen, die sie ihren Artgenos-
Endes das Ergebnis einer inneren Entwick-
sen vermitteln wollen, können sie etwa durch
lung linguistischer Bemühungen und Ausein- ständiges Wiederholen verstärken, sie sind
andersetzungen, wurde aber auch durch Ent- aber nicht in der Lage, drei verschiedene
wicklungstendenzen und Denkweisen der Na- Signale miteinander zu kombinieren. Obwohl
turwissenschaften stark beeinflusst. Anderer- die menschliche Sprache nur etwa vierzig
seits greifen auch Naturwissenschaftler im- phonetische Minimaleinheiten (Phoneme)
mer mehr nach Mitteln der Geisteswissen- kennt, kann der Mensch durch Kombinie-
schaften, insbesondere dort, wo das klassi- rung von bedeutungslosen Signalen sinnvolle
sche naturwissenschaftliche Konzept und die Ausdrücke bilden, durch ihre weitere Zusam-
Mathematisierbarkeit nicht als das einzige menfügung auch solche Äußerungen, die er
Kriterium der Wissenschaftlichkeit gelten. vorher noch nie gehört hat. (Calvin 1999: 12).
Ein bereits von der klassischen Rhetorik ver- Wenn wir unsere Gedanken in sprachliche
wendetes Mittel, das Naturwissenschaftler Form umsetzen, entsteht eine eindimensional
womöglich öfter benutzen als Geisteswissen- geordnete Formation. Ihre Strukturierung ist
schaftler, sind die „kleinen Lügen“, die Meta- aber zweidimensional: ihre quantifizierbaren
phern. Elemente haben nicht nur ihren Anfang und
8 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

ihr Ende, sondern auch eine Tiefe, deren hie- tätstheorie und Max Plancks Quantenmecha-
rarchische Strukturiertheit nur unter Einbe- nik, haben unsere Vorstellungen über die Be-
ziehung qualitativer Merkmale nachweisbar schaffenheit der Welt grundlegend verändert.
ist. Wenn wir also die „Kräfte“, die die satz- Dinge werden nicht einfach wahrgenom-
konstruierenden Elemente „zusammenhal- men oder entdeckt, sondern sie werden häu-
ten“, berücksichtigen, können wir den Satz fig von dem Menschen selbst erschaffen oder
als hierarchisches Gebilde „zweidimensional“ erfunden. Unsere Logik ist so beschaffen,
darstellen. Der Satz als lineare Folge von dass wir auch Phänomene, die sich unseren
Konstituenten ist quantitativ „messbar“. Er Vorstellungskräften entziehen, als etwas Rea-
besteht aus einer endlichen Menge von Ele- les oder zumindest geistig Vorstellbares inter-
menten, aber die Gesamtsumme ist keine pretieren. Wir könnten das tun, indem wir
bloße Addition der satzkonstruierenden Ele- uns der Sprache bedienen. Die Sprache be-
mente. Da der Grad der Zusammengehörig- sitzt die Fähigkeit, durch alltägliche Benen-
keit von Elementen des Satzes nicht unbe- nungsformen auch die kompliziertesten Er-
dingt durch ihre unmittelbare syntaktische scheinungen der Welt zu benennen.
Nähe gegeben wird, brauchen wir zur Struk- Vor kaum achtzig Jahren schien die Be-
turbeschreibung und Interpretation eine an- schaffenheit der Welt (und damit auch die der
gemessene Theorie. Neben der Generativen Sprache) unkompliziert und durch einfache
Transformationsgrammatik hat sich in den mechanische Formeln erkenn- und interpre-
letzten Jahrzehnten die Valenz- und Depen- tierbar zu sein. Viele Naturwissenschaftler
denzgrammatik als alternative Theorie und waren der Meinung, im Geiste des von Isaac
Beschreibungsverfahren etabliert. Newton geschaffenen mechanistischen Welt-
bildes, bereits alles entdeckt zu haben bzw.
die Geheimnisse der Welt bald erforschen zu
2. Naturwissenschaften und Sprache können. Die menschliche Sprache wurde
ebenfalls als ein einfach funktionierender Me-
Wenn wir uns über die Wirklichkeit Gedan- chanismus verstanden, den man „verbessern“
ken machen, denken wir an die Kategorien und dessen Unvollkommenheiten man besei-
von Raum, Zeit und Materie sowie an eine tigen kann. Man kreierte leicht erlernbare, lo-
angenommene Kraft, die aufgrund kausaler gische Sprachen, in denen jedem Ding der
Gesetzlichkeit wirkt und das Universum als Welt ein einziges Wort entsprechen sollte. Ein
Ganzes zusammenhält. „Zeit, Raum und Umdenken wurde in den Wissenschaften
‘Kausalität’ sind die primären Faktoren der durch revolutionäre Konzepte wie Einsteins
objektiven Wirklichkeit und ihr gemeinsames Allgemeine (1905) und Spezielle Relativitäts-
Fundament. Es sind die Fäden des Gewebes, theorie (1915), Werner Heisenbergs Unschär-
welches wir Wirklichkeit nennen.“ (vgl. Ver- ferelation (1927) oder Max Plancks Quanten-
ycken 1994). theorie (1931) hervorgerufen. Diese revoluti-
Die Feststellung, dass sich unsere Welt onären Vorstellungen über die Natur, die
ständig verändert und entwickelt, gehört Entstehung des Kosmos sowie die Beschaf-
zweifelsohne zu den geläufigsten Banalitäten. fenheit der Materie, deren Richtigkeit empi-
Um die in ständigen Veränderungen begrif- risch erst Jahrzehnte später bewiesen wurde,
fene Welt zu erforschen, die Art und Weise haben nicht nur das menschliche Vorstel-
sowie die Ursache der Veränderungen ausfin- lungsvermögen beeinflusst, sie haben auch in
dig machen zu können, brauchen wir nicht den Geisteswissenschaften bleibende Spuren
nur auf entsprechend hohem technischen Ni- hinterlassen.
veau stehende Mechanismen, sondern auch
ein Mittel, um die Erscheinungsformen oder
Zusammenhänge benennen zu können. So- 3. Linguistik und Naturwissenschaften
lange wir uns in der von uns direkt wahr-
nehmbaren Wirklichkeit bewegen, scheinen Einzelne Wissenschaftszweige können vonei-
beobachtete Phänomene und der gesunde nander isoliert nicht existieren. Neue Einsich-
Menschenverstand in Einklang zu stehen. ten oder einfach nur kurzfristige Modetrends
Raum und Zeit betrachtet man als reale, un- in einem Wissenschaftszweig können anderen
veränderliche Kategorien, die unabhängig Wissensgebieten neue Impulse geben, die
vom beobachtenden Subjekt existieren. nicht selten zur Entstehung neuer Theorien
Zwei fundamentale Neuorientierungen im führen. Auch Konzepte und Beschreibungs-
zwanzigsten Jahrhundert, Einsteins Relativi- verfahren, die in den Naturwissenschaften
2. Die Wertigkeitsmetapher 9

verwendet werden, finden häufig in linguisti- Poesie, sondern auch in den Geistes- und
sche Denkweisen und Theorien ihren Ein- Naturwissenschaften eine bedeutende Rolle.
gang. Von Linguisten selbst werden sie oft Der Begriff, den bereits Isokrates (436⫺338
nur auf Umwegen aufgegriffen, da sie, bevor v. Chr.) als rhetorischen Terminus verwendet
sie in linguistischen Theorien angewandt wer- hat, beruht auf einer Bedeutungsübertragung
den, oft einen weiten Weg zurücklegen müs- von einem Begriff auf einen anderen Begriff.
sen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Prototy- Sie ist daher nicht einfach als (neuer) Name,
pensemantik oder die holistische Sprach-/ sondern als dynamisches Zeichen, als seman-
Weltbetrachtung, bei denen viele Linguisten tischer Prozess zu betrachten.
beteuern, dass diese modernen Bedeutungs- Eine Metapher beruht, wie seit Cicero und
beschreibungen Methoden der kognitiven Quintilian bekannt, auf einem „Irrtum“, der
Psychologie verwenden, um die Inhaltsseite zugleich auf Möglichkeiten der richtigen Lö-
der Sprache dort, wo die klassische Kompo- sung hinweist. Ein als Metapher verwendeter
nentenanalyse offenbar ihre Grenzen erreicht Begriff unterscheidet sich von dem banalen,
hat, beschreiben zu können. Diese Methode alltäglichen Gebrauch eines Wortes. Wenn
ist in der kognitiven Psychologie selbst ein ein Maler, Bildhauer oder Fotograf gegen-
„Importartikel“. sätzliche, extreme Momente darstellen will,
Man hat es dem Anschein nach mit einer so wählt er auch Lösungen, die sich vom All-
Vermengung von miteinander nicht verein- täglichen, vom Banalen unterscheiden.
barten Sichtweisen zu tun. Die Strukturie- „Wenn ein Terminus so aus dem geistigen
rung der Sprache und die Beschaffenheit der Raum herausgenommen wird, für den er defi-
Natur sind offenbar verschieden. Was Spra- niert wurde, wird er nur Metapher und be-
che und Physik miteinander verbindet, sind darf möglicherweise einer neuen Definition.
zunächst einmal die technischen Geräte, mit Damit ist das Wesen der Metapher zwar nicht
deren Hilfe man in der Phonetik sprach- erschöpft, aber wir haben hier doch einen we-
liche Erscheinungsformen quantitativ messen sentlichen Zug der symbolischen metaphori-
kann. Neuerdings stehen uns technische Ge- schen Sprache.“ (vgl. Ogden/Richards 1974).
räte zur Verfügung, die die Sprache digitali- Wie bereits erwähnt, bedeutet die Quan-
sieren und visualisieren können. Sie können tentheorie neben Einsteins Relativitätstheorie
aber nur deswegen funktionieren, weil Wis- eine radikale Abkehr von der klassisch-deter-
senschaft und Technik ohne eine eigene ministischen Weltsicht. Dass hier die Quan-
„Sprache“ und ohne sprachwissenschaftliche tentheorie erwähnt wird, liegt nicht einfach
Vorarbeit nicht mehr denkbar sind. Natur- daran, dass Ansätze dieser Weltsicht in ver-
und Geisteswissenschaftler können ihren schiedenen Konzeptionen über die Sprache
Forschungsgegenstand nur dann beschreiben immer häufiger auftauchen. Jede neue Theo-
und erklären, wenn sie auf der Grundlage der rie bedarf einer neuen Sprachverwendung, in-
menschlichen Sprache eine Metasprache be- dem sie häufig nach metaphorischem Sprach-
nutzen. Diese Metasprache ist oft der „Nor- gebrauch greift. Der neue Sprachgebrauch
malsprache“ ähnlich oder kann auf einer hö- taucht später nicht selten in anderen Wissen-
heren Abstraktionsstufe die Fom einer ma- schaftszweigen auf. Die Valenz- und Depen-
thematischen Formelsprache annehmen. Eine denzgrammatik wurde durch die Denkweise
mathematische Formelsprache, der sich auch der Naturwissenschaften und durch die neue
die Linguistik immer wieder bedient, muss „Sprachverwendung“ tiefer betroffen, als
nicht zwangsläufig eine höhere Abstraktions- man oft annimmt.
stufe bedeuten. Wollen wir in der Physik etwa Wir können den subatomaren Bereich mit
im Makrokosmos oder im subatomaren Be- unserem makrophysischen Alltagsdenken, in-
reich das Unvorstellbare, das Rätselhafte be- dem wir uns in quantifizierbaren Abschnitten
nennen, gebrauchen wir oft ein einfaches seit von Raum und Zeit bewegen, nicht erfassen.
der Antike bekanntes Mittel: die Metapher. Hier entsteht eine unüberbrückbare Kluft
zwischen den Alltagsvorstellungen und denen
der Quantentheorie. Von den Naturwissen-
4. Die Metapher als ein auf Irrtum schaften werden häufig Begriffe postuliert,
beruhender Vergleich denen scheinbar kein existierender Gegen-
stand zuzuordnen ist. Grundbausteine der
Die Metapher (gr. metaphora, lat. translatio), Materie werden nicht entdeckt, sondern eher
eine der Tropen der klassischen Rhetorik, aus Gründen der theoretischen Zweckdien-
spielt als sprachliches Mittel nicht nur in der lichkeit eingeführt. Elementarteilchen, die ei-
10 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

gentlich nicht einmal Objekte im uns geläufi- der Materie, die selbst nie isoliert in Erschei-
gen Sinne sind, werden mit Begriffen aus der nung treten können, postuliert. Parallelen gibt
Alltagssprache benannt. Zur Erklärung von es in den linguistischen Bestrebungen der sech-
Beobachtungen werden im ausgehenden ziger und siebziger Jahre unseres Jahrhun-
zwanzigsten Jahrhundert häufig Metaphern derts, Wortbedeutungen als „Summe“ von
verwendet. Der britische Physiker J. J. Elementarpartikeln (Seme, Noeme etc.) zu er-
Thomson führte, um beobachtete Phäno- mitteln. Die semantische Analyse hat jedoch
mene deuten zu können, den Begriff des nie die Schönheit und den Einfallsreichtum
Elektrons ein. Natürlich kann das Elektron der Quark-Hypothese erreicht. Die Quarks
direkt nicht beobachtet werden, man be- als angenommene Grundbausteine der Mate-
kommt es nur als aufblitzendes Pünktchen rie verhalten sich, als besäßen sie eine Eigen-
auf dem fluoreszierenden Schirm zu sehen. schaft, die man als „Farbe“ (engl. flavour
Obwohl die Existenz des Elektrons erst 1932 oder flavor) bezeichnet. Neben Ladungszu-
durch den englischen Physiker James Chad- ständen (positiv und negativ) werden diesen
wick nachgewiesen wurde, wurde der Begriff Grundbausteinen auch komplementäre „Far-
bereits 1912 von dem dänischen Physiker ben“ und „Antifarben“ (rot, gelb, blau) zuge-
Niels Bohr für die Darstellung des Atommo- sprochen. Die Linguistik hat anscheinend
dells verwendet, von dem sich auch Linguis- keine „eigene“ Quark-Hypothese. Das Stre-
ten inspirieren ließen. Sämtliche Eigenschaf- ben nach Exaktheit dort, wo es keine Eindeu-
ten von Atomen und Molekülen können tigkeit geben kann, hat dazu geführt, dass
durch die Wechselwirkungen der Elektronen sich die in den 70er Jahren zum Programm
miteinander und mit dem Atomkern erklärt erklärte exakte Bedeutungsbeschreibung in
werden. Da die Sprache offensichtlich über vielen Bereichen als undurchführbar erwies.
solche „Teilchen“ nicht verfügt, stößt eine lin- Da unsere normale Wahrnehmung auf
guistische Deutung dieser Metapher in der makrophysische Körper und auf die Bezie-
Valenztheorie offenbar auf Schwierigkeiten. hungen zwischen ihnen gerichtet ist, können
Wir können noch weitere Metaphern in wir Dinge um uns herum beobachten, unter-
den Naturwissenschaften nennen, auf die suchen, Messungen unterziehen, seien sie sta-
Linguisten in ursprünglicher oder modifizier- tisch oder dynamisch, ohne dabei die objek-
ter Form zurückgreifen, wie etwa Feld als ein tive Welt damit zu beeinflussen. In der sub-
grundlegender Begriff zur Darstellung von atomaren Welt verhalten sich die Dinge an-
Zuständen und Wirkungen, Feldtheorie, Quant ders. Es ist unmöglich, eine Messung durch-
als die kleinste Menge von irgendetwas (man zuführen, ohne dabei das Gemessene nicht zu
denke an erkenntnistheoretische oder seman- beeinflussen. Auf subatomarer Ebene versagt
tische Minimaleinheiten wie Noeme und unser herkömmlicher Begriffsapparat. Wenn
Seme), Quantensprung (man denke an Kon- eine Erscheinung gemessen wird, existiert sie
zeptionen der Valenzerweiterung und -redu- im nächsten Augenblick nicht mehr. Man
zierung), Quark (vgl. Murray Gell-Mann braucht eine neue Denkweise, neue Begriffe,
1961), Photon (obwohl 1905 von Einstein um mikrophysikalische Phänomene beschrei-
postuliert, verwendet man den Begriff erst ben und erklären zu können. Das gegenwär-
seit 1926). tig vertretene Atommodell entspricht unseren
Physiker scheinen bei der Bezeichnung ih- Kenntnissen aus der Schulzeit längst nicht
res Forschungsobjektes einfallsreicher zu sein mehr. Proton und Neutron sind keine termi-
als ihre Zeitgenossen in den Bereichen der nalen, nicht weiter teilbaren Korpuskula, sie
Geisteswissenschaften. Ein in der Physik be- sind stets gebundene Zustände noch kleinerer
kanntes Beispiel soll dies verdeutlichen. Als Teilchen, die man allgemein, wie bereits er-
1964 Murray Gell-Mann die Gesetze der wähnt, als Quarks bezeichnet. Die Quarks
kleinsten Bausteine der Materie mathema- sind wahrscheinlich auch nicht die aller-
tisch zu formulieren versuchte, entlehnte er kleinsten subatomaren Teilchen, aber wir
den Namen Quarks aus James Joyces Roman sind nicht in der Lage, diese Zustände der
Finnegans Wake. Da Gell-Manns Modell Materie zu erfassen. Daher brauchen wir ei-
schön und elegant war und trotz der Tatsa- nen Begriffsapparat, der unserem täglichen
che, dass man ihre Existenz bis 1986 nicht be- Erfassungsvermögen entspricht: das sind die
weisen konnte, fiel es den Physikern offenbar „kleinen Lügen“, die Metaphern.
schwer, diese Konzeption „zu den Akten zu Metaphern spielen in den Wissenschaften
legen“ (vgl. Brockmann 1991, 99). Inzwischen aber noch eine weitere, nicht weniger wich-
hat man sechs dieser kleinsten Grundbausteine tige Rolle. Im Arsenal der Natur- und Geis-
2. Die Wertigkeitsmetapher 11

teswissenschaften haben Metaphern, wie der Atome festzulegen, mit denen ein Atom des
verstorbene Philosoph Ernst Nagel gezeigt Elementes kombiniert werden kann. Sie ent-
hat, Einfluss auf die Art und Weise, wie der spricht den freien elektrischen Ladungen der
Mensch Aspekte der individuellen, kulturel- Ionen. Ursprünglich wurde die Wertigkeit
len und gesellschaftlichen Existenz wahr- hinsichtlich der höchsten Anzahl von Wasser-
nimmt und deutet. Die naturwissenschaftli- stoffatomen definiert. Wasserstoff wurde als
chen, philosophischen und ethischen Deutun- Eichmaß ausgewählt, weil Forscher entdeckt
gen eines Platon oder Aristoteles wollten die hatten, dass ein Wasserstoffatom nur in der
damalige „Rechtsordnung“ der Sklavenhal- Kombination mit einem einzigen Atom vor-
tergesellschaft rechtfertigen. Das Weltbild des kommen kann und daher als das einfachste
Ptolemaios oder fast ein Jahrtausend später aller chemischen Elemente betrachtet wurde.
die Ansichten des Thomas von Aquin wollten Auf diesem Wege konnte man feststellen,
die damalige gesellschaftliche Ordnung auf dass die typische Wertigkeit des Sauerstoff-
Erden als göttlich gegeben bestätigen. Die atoms 2 (wie im Wasser, also H2O), von
Mechanik von Isaac Newton war nicht ein- Stickstoff 3 (NK3, Ammoniak) und des
fach „ein physikalisches Paradigma zur Er- Chlors 1 (wie in Chlorwasserstoff, HCl) be-
klärung des Verhaltens mechanischer Sys- trägt. Auf diesem Wege war es möglich, allen
teme; sie diente zumindest zeitweise auch als Elementen typische Wertigkeiten zuzuschrei-
theoretisches Rüstzeug in wissenschaftlichen ben, auch wenn ihre Kombination mit dem
Diskussionen über die Existenz Gottes oder Wasserstoffatom unbekannt war.
über die Berechtigung der monarchischen In der Chemie werden unter Valenz zwei
Regierungsform“ (vgl. Brockmann 1991, Dinge verstanden: das Bindungsvermögen
162 f.). Das Paradigma vom Überleben von der Elemente, also seine Wertigkeit; mit dem
Ch. Darwin passte in das frühkapitalistische Begriff Valenz bezeichnet man aber auch die
System des 19. Jh. zur Rechtfertigung einer Anzahl der an ein Atom (an das Verb) gebun-
rücksichtslosen Ausbeutung und eines rück- denen anderen Elemente.
sichtslosen wirtschaftlichen Wettbewerbs, Zur Chronik der Valenztheorie gehört die
„eines ebenso rücksichtslosen Imperialismus allgemein bekannte Tatsache, dass der fran-
in der Außenpolitik, einer extrem individua- zösische Linguist Lucien Tesnière den Begriff
listischen und amoralischen Ethik, aber auch der Valenz in die Sprachwissenschaft einge-
bestimmter pädagogischer Konzepte usw.“ führt hat. Als Ausgangspunkt diente die
(vgl. Brockmann 1991, 162 f.). Nun deutet Übernahme einer vereinfachten, der Wirk-
vieles darauf hin, dass das kooperative Ver- lichkeit kaum entsprechenden Darstellung
halten in der Evolution ebenso wichtig war der Atomstruktur. Von Linguisten wird der
und ist wie die (rücksichtslose) natürliche bi- Valenz- oder Dependenzansatz neben der Ge-
ologische Selektion oder das nach hierarchi- nerativen Transformationsgrammatik gerne
schen Ordnungsprinzipien vorgestellte Uni- als die zweite Theorie oder das Beschrei-
versum. Der Gedanke des kooperativen Ver- bungsverfahren der zweiten Hälfte des
haltens der Elementarteilchen aber auch der 20. Jahrhunderts angesehen. Diese Behaup-
Lebewesen, der gegenwärtig von einigen Wis- tung erscheint ein wenig übertrieben. Nach-
senschaftlern vertreten wird, könnte ein Im- forschungen in mehreren Werken enzyklopä-
puls dafür sein, dass neben der hierarchi- discher Art ergaben keinen Hinweis, um diese
schen Organisiertheit sprachlicher Einheiten Behauptung zu bestätigen. In der Encyclo-
dieser Aspekt berücksichtigt wird. paedia Britannica finden sich unter valence
oder valency lediglich Hinweise auf die Phy-
sik bzw. Chemie. Die slowakische Enzyklo-
5. Der Valenzbegriff ⫺ Metapher oder pädie der Sprachwissenschaft kennt zwar die
Struktureigenschaft? Begriffe Valenz und Valenztheorie, erklärt
aber die Dependenzgrammatik als eine Wei-
Der Begriff Valenz oder Wertigkeit im Sinne terentwicklung der GTR in semantischer
von Bindungsvermögen chemischer Elemente Richtung, betont also die semantischen Ka-
wurde in die Chemie im Jahre 1868 einge- sus Fillmorescher Prägung.
führt. Man hatte empirisch ergründet, dass es L. Tesnière war nicht der erste, der auf die
unterschiedliche Typen von Kombinationen Frage, welche Elemente sich an das Verb
von Elementen gibt. Mit dem Begriff Valenz knüpfen, eine mögliche Antwort gegeben hat.
oder Wertigkeit bezeichnete man die Eigen- Zu einer Zeit, als die Chemie vorübergehend
schaft eines Elementes, die Anzahl anderer über andere Naturwissenschaften Dominanz
12 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

erlangte, lag der Gedanke nahe, die „passen- abhängig gemacht. Agens, als Entität der Tie-
den Tensoren“, d. h. die Vorstellungen, die fenstruktur (diesen Begriff verwendet er na-
man von der Atomstruktur und der Wertigkeit türlich nicht), muss nicht identisch mit dem
des Atoms hatte, auf den Satz zu übertragen. syntaktischen Subjekt und Patient mit dem
Etwa hundert Jahre früher, wie die ungarische syntaktischen Objekt sein.
Linguistin I. H. Molnár (1973, 123 ff.) berich- Paulı́ny hat in seiner Konzeption ein se-
tet im Zeitalter der Entdeckungen in der Ast- mantisch und syntaktisch gleichwertiges
ronomie, fand I. Brassai im Sonnensystem ein Merkmal gefunden, das zur Grundlage der
Bezugsgleichnis zum Satz. Im System, das slowakischen akademischen Grammatik
man Satz nennt, so Brassai, sei das herr- wurde.
schende Zentrum das Verb, das die Planeten, Noch stärker wurde die Konzeption von
die die Grammatiken als Subjekt, Objekt J. Oravec durch die naturwissenschaftliche
oder Umstandswörter bezeichnen, an sich Denkweise beeinflusst. Nach dem Vorbild der
zieht, diese wiederum zögen andere Himmels- Naturwissenschaften der sechziger Jahre un-
körper, die Monde, an (vgl. H. Molnár 1973, terscheidet er „starke Valenz“, die in den Va-
125). Etwa ein Jahrhundert später verglich lenzgrammatiken unter dem Begriff obligato-
L. Tesnière ⫺ im Geiste der naturwissen- rische Aktanten/Ergänzungen erscheint, und
schaftlichen Schulung der Gelehrten seiner „schwache Abhängigkeit“, bei der „nur die
Epoche ⫺ den Satz mit der Wertigkeit des syntaktische Unterordnung, die Zusammen-
Atoms. Obwohl Tesnières Gleichnis einerseits gehörigkeit des untergeordneten Gliedes“
ein überholtes physikalisches Erkenntnisni- (vgl. Oravec 1967, 19) mit dem Valenzträger
veau übernimmt, war seine Erkenntnis, dass (er verwendet den Begriff übergeordnetes
das Verb nicht nur einfach das strukturelle Satzglied) signalisiert wird. Oravec entnimmt
Zentrum des Satzes sei, sondern die Anzahl das Gedankengut samt entsprechenden Me-
und Qualität der Aktanten bestimmt, eine taphern der Physik der 20er und 30er Jahre
neue Vorstellung in der Sprachwissenschaft. und schafft damit ein statisches Modell, ohne
Man könnte noch weitere Linguisten nennen, dabei von der Valenztheorie Tesnièrescher
in deren Auffassungen vor, aber auch nach Prägung Notiz zu nehmen.
Tesnière das Valenzgleichnis zum Vorschein Verfolgt man die weitere Entwicklung des
kommt. So werden etwa die Kasuslehre von Valenzkonzeptes in den siebziger und achtzi-
Jakobson und deren Weiterentwicklung bei ger Jahren, so hat man den Eindruck, dass
Kuryłowicz in valenztheoretischen Einfüh- dabei das Weltbild, das Naturwissenschaftler
rungen erwähnt. Unerwähnt bleibt die Leis- geschaffen haben, immer stärker in den Vor-
tung von E. Paulı́ny, der bereits 1943 die An- dergrund tritt. Valenzbindung bedeutet in der
sicht vertrat, dass eigentlich jedes Verb aus Chemie unmittelbaren Kontakt zwischen
drei Komponenten besteht: der Handlung zwei Elementen, unmittelbare „Berührung“.
selbst, dem Agens und dem Patiens. Diese Die Anzahl von Wasserstoffatomen als Ver-
drei Komponenten lassen sich unterschied- gleichsbasis ist aber, wie sich herausgestellt
lich kombinieren. hat, keine zufriedenstellende Lösung des
Paulı́ny verstand unter verbaler Intention Problems der chemischen Kombinationen
die Gerichtetheit des durch das Verb ausge- von Elementen. Erst 1916 konnten der ameri-
drückten Geschehens sowohl auf die Aus- kanische Chemiker G. N. Lewis und der
gangsgröße (Agens) als auch auf die Ziel- deutsche Forscher W. Kossel auf die Frage
größe (Patient). Laut dieser Konzeption setzt dadurch eine befriedigende Antwort liefern,
eine (verbale) Handlung voraus: „einen Voll- dass sie in die Erklärung ein hypothetisches
zieher der Handlung, ein Agens …, die Hand- Element einbezogen. Sämtliche chemischen
lung selbst … und den Gegenstand, auf den und physikalischen Eigenschaften von Ato-
sich die Handlung bezieht“. (vgl. Paulı́ny men und Molekülen lassen sich durch die
1943, 93, dt. Resümee). In dieser Formulie- elektronischen Wechselwirkungen der Elek-
rung ⫺ abgesehen davon, dass die ursprüng- tronen miteinander und mit dem Atomkern
liche Formulierung nicht nach exakten lin- erklären.
guistischen Kriterien geschah ⫺ wurde die Es gibt offensichtlich Kräfte, die das ganze
verbale Handlung auf einer logisch-semanti- Universum zusammenhalten. Für kompli-
schen Ebene aufgefasst. Das Verb wurde ins zierte wechselseitige Beziehungen sind Kräfte
Zentrum der Satzstruktur gerückt, und der wie Gravitation „verantwortlich“, die auf alle
explizite oder implizite Ausdruck der Valenz- Teilchen im Mikro- und Megakosmos wirkt.
partner wurde von der Semantik des Verbs Sie hat zwei grundlegende Eigenschaften: Sie
2. Die Wertigkeitsmetapher 13

wirkt auf weite Entfernungen und ist immer these verzichten, weil deren konkrete „Exis-
anziehend. Die stärkste Kraft ist die elektro- tenz“ noch nicht bewiesen worden ist. Wir
magnetische Kraft, die auf elektrisch gela- werden nie in der Lage sein, ein „reales“
dene Teilchen wie Quarks und Elektronen Quark zu Gesicht zu bekommen.
wirkt. Diese Kraft ist äußerst stark und über- „Existenz“ bedeutet im subatomaren Be-
fordert unser Vorstellungsvermögen: Die reich keine „materielle“ Erscheinungsform
elektromagnetische Kraft zwischen zwei im Sinne der Alltagssprache. Wir haben es
Elektronen ist 1942mal größer als die Gravi- hier auch „nur“ mit einer Metapher zu tun,
tation. Es ist eine für den „gesunden Men- die dazu dient, Phänomene, die mit unserer
schenverstand“ unvorstellbare Energie. Zwei Alltagslogik nicht im Einklang stehen, ver-
Körper, die sich durch Gravitation anziehen, ständlich zu machen. Wir sind zwar in der
lassen sich leicht voneinander trennen. Soll- Lage, konkrete Sätze zu beobachten und zu
ten miteinander durch elektromagnetische analysieren, aber nach welchen Kriterien ein
Kraft verbundene Teilchen voneinander ge- Satz „beobachtet“ wird, hängt davon ab, für
trennt werden, würde dies zu einer gewaltigen welche Theorie sich der Beobachter entschei-
Explosion führen. Das ist die Kraft, die in det. Die Dependenzgrammatik ist nur eine
der Physik für die Valenz „verantwortlich“ der mehreren Möglichkeiten.
ist. Wie diese Kraft funktioniert, gehört zwei- In der Sprachwissenschaft hat sich die Va-
felsohne zu den Problemen, die wir nie wer- lenz-Metapher als ein brauchbares Mittel er-
den direkt beobachten können. Der Valenz- wiesen, weil man damit diffizile Strukturzu-
begriff ist hier trotzdem nicht überflüssig; er sammenhänge vergegenwärtigen kann. Es ist
ist eine Metapher, die viele andere Kräfte der offensichtlich nicht möglich, die wahre
Materie zusammenfasst. „sprachliche Ursache“ der Valenz zu ent-
Unmittelbar beobachtbare Kräfte, die die schleiern. Wie es Theoretikern nicht nur in
Valenz auslösen, gibt es in der Sprache offen- den Natur-, sondern auch in den Geisteswis-
bar nicht. Nimmt man in der Sprache ⫺ in senschaften so oft ergeht, hat man sich in
Analogie zu virtuellen physikalischen Teil- eine Idee verliebt. Auch wenn diese Idee auf
chen ⫺ die Existenz virtueller (offenbar se- die reale Ebene (strukturell, terminologisch,
mantischer) Einheiten an, geht man wie der
im Hinblick auf ihre praktische Nutzbarkeit)
Quantenphysiker vor: Es werden Komponen-
unterschiedlich projiziert wird und ihre theo-
ten „erfunden“, die es offenbar in der vom
retischen Ansätze oft divergent interpretiert
Linguisten dargestellten Form nicht gibt,
werden, ist und bleibt sie eine der führenden
ohne die er aber nicht in der Lage wäre, auf
theoretischen und in der Praxis brauchbaren
die Frage nach dem Funktionieren der
menschlichen Sprache eine Antwort geben zu linguistischen Theorien des ausgehenden
können. Wenn wir darüber diskutieren, nach zwanzigsten Jahrhunderts, auch wenn sie im
welchen genauen Kriterien die Valenz ermit- Grunde ein auf „Irrtum“ beruhender Ver-
telt werden kann, oder nach welchen Krite- gleich ist.
rien valenzgebundene Glieder von der freien Am Anfang des Beitrages haben wir auf
unterschieden werden können, auf welcher den Einfluss naturwissenschaftlicher Denk-
Ebene der Valenzbegriff angesetzt werden weisen auf die Geisteswissenschaften hinge-
kann, „ob es sich bei der Valenz um eine for- wiesen. Es erscheint angemessen, den Aufsatz
male oder/und eine begriffliche Kategorie … mit einem naturwissenschaftlichen Lehrsatz
handelt“ (vgl. Stepanowa/Helbig 1981, 123), abzuschließen. Die zweite These der Quan-
führen wir offenkundig eine unfruchtbare tentheorie besagt, dass man bei der Untersu-
Diskussion. Mit dem Begriff Valenz werden, chung eines Phänomens das untersuchende
wie das in den Geisteswissenschaften des öf- Subjekt miteinbeziehen muss. Es gibt kaum
teren der Fall ist, unterschiedliche Sachver- eine andere linguistische Disziplin, die von
halte bezeichnet, die unter Umständen be- den untersuchenden Subjekten so stark mit-
grifflich differenziert werden können und bestimmt wäre, wie die Valenz- und Depen-
müssen. Eine andere Möglichkeit wäre, auf denzgrammatik. Im Sinne der Möglichkeit,
den Valenzbegriff zu verzichten, da die ver- stets neue Hypothesen zu bilden, mag es auf
schiedenen Interpretationen zu Verwirrungen die Stärke der Theorie deuten, für die prakti-
führen können. Das will aber niemand tun. sche Adaptierbarkeit, z. B. im DaF-Unter-
Die Valenz-Metapher ist schön und elegant, richt außerhalb des deutschsprachigen Rau-
nicht nur weil sie nützlich ist. In der Physik mes, könnte man es als essentiellen Mangel
würde wohl niemand auf die Quarkhypo- der Theorie auslegen.
14 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

6. Literatur in Auswahl Ogden, Charles Kay/Richards, Ivory Armstrong


(1974): Die Bedeutung der Bedeutung. Eine Unter-
Barrow, John D. (1996): Pôvod vesmı́ru. (The Ori- suchung über den Einfluß der Sprache auf das Den-
gin of the Universe). Bratislava. ken und über die Wissenschaft des Symbolismus.
Brockmann, John (1991): Einstein, Gertrude Stein, Frankfurt.
Wittgenstein & Frankenstein. Die Geburt der Zu- Oravec, Jan (1967): Väzba slovies v slovenčine.
kunft. Die Bilanz eines naturwissenschaftlichen Bratislava.
Weltbildes. München.
Paulı́ny, Jan (1943): Štruktúra slovenského slovesa.
Calvin, William H. (1999): Čo sa stane o chvı́l’u?
In: domino fórum 11, 12. Bratislava.
Encyclopædia Britannica. Multimedia CD 98. Mul- Stepanowa, Marija D./Helbig, Gerhard (1978):
timedia Edition. Wortarten und das Problem der Valenz in der deut-
Hawking, Stephen W. (1991): Stručná historie času. schen Gegenwartssprache. Leipzig.
Od velkého třesku k černým dı́rám (A Brief History Verycken, Laurent (1994): Formen der Wirklichkeit
of Time. From the Big Bang to Black Holes). Praha. ⫺ Auf den Spuren der Abstraktion. Penzberg.
Molnár, Ilona H. (1973): A vonzat problémái és a Világirodalmi Lexikon (1982), Bd. VIII. Budapest.
nyelv közlési funkciója (Probleme der Valenz und
die kommunikative Funktion der Sprache). In: Ál-
talános Nyelvészeti Tanulmányok IX, 123 ff. Stefan Pongó, Nitra (Slowakei)

3. Valenzverwandte Ansätze in der Antike

1. Antiker Grammatikbegriff Grammatik i. w. S. (I 91⫺93) Sacherklärun-


2. Quellen gen (historikon [historischer Teil]), Aussagen
3. Aussagen zu Valenz- und zur Sprache einzelner Autoren (idiaiteron
Dependenzaspekten im Einzelnen [spezieller Teil]) und einen technischen Teil
4. Terminologie
(technikon), der die Regeln hinsichtlich der
5. Zusammenfassung
6. Literatur in Auswahl sprachlichen Elemente auf verschiedenen
Beschreibungsebenen vom Laut/Buchstaben
über Silbe und Redeteil bis hin zum Satz be-
handelt. Für Augustinus (De ordine II 12)
1. Antiker Grammatikbegriff umfasst die Grammatik die Verfügung über
Sprache als Mittel mündlicher und schriftli-
Eine systematische Behandlung von Valenz cher Kommunikation (litteratio), die Lehre
und Dependenz findet sich bei den antiken von den für Buchstaben, Silben und für die
Grammatikern nicht. Dementsprechend fehlt 8 Redeteile (octo genera verborum) geltenden
auch eine feste Terminologie. Es ist also zu- Regeln, schließlich die Kenntnis der Schrif-
nächst der Platz zu bestimmen, an dem Aus- ten (litteratura).
sagen zu Valenz oder Dependenz implizit zu Valenz- oder dependenzorientierte Aussa-
erwarten sind. gen sind vornehmlich im technischen Teil der
Grammatik im antiken Verständnis um- Grammatik im Zusammenhang der systema-
fasst die gesamte Kunde von der Literatur; tischen Behandlung der Redeteile (insbes. des
zu ihr gehören eng aufeinander bezogen Text- Verbs) und ihrer Kombinationsregeln (Syn-
kritik, Textexegese, Sacherklärung, Worter- tax) zu erwarten. Zusätzlich behandeln die
klärung, schließlich als Grammatik i. e. S. Grammatiker einzelne Fragen der Sprach-
systematische Sprachbeschreibung (vgl. Ax richtigkeit in Bezug auf Flexion (Barbaris-
1982, 96 f.; 1991, 277 f.). „Grammatik ist die men) und Syntax (Soloecismen); im Rahmen
auf Erfahrung (empeirı́a) beruhende Kennt- der Beschäftigung mit solchen Soloecismen
nis dessen, was meistens von den Dichtern kann auch die Verbsyntax eine Rolle spielen.
und Prosaschriftstellern gesagt wird“, defi-
niert Dionysios Thrax (GG I 1, ⬘ 1). Sextus 2. Quellen
Empiricus (Bury 1987) erweitert in seiner
Diskussion dieser Definition die empirische Grammatische Reflexion der Antike ent-
Grundlage der Grammatik auf den Sprach- springt primär aus zwei verschiedenen Quell-
gebrauch überhaupt (Adversus mathematicos bereichen (vgl. dazu Steinthal 21890/91; Pfeif-
I 64) und unterscheidet als Teilgebiete der fer 21978):
3. Valenzverwandte Ansätze in der Antike 15

2.1. Dialektische Analyse ten. Aelius Donatus (4. Jh. n. Chr.) behandelt
Die Dialektiker befassen sich notwendig mit in seiner ‘Ars minor’ nur die Redeteile, in sei-
Fragen der grammatischen Richtigkeit, da ner ‘Ars maior’ zusätzlich Buchstabe und
nur grammatisch richtige Sätze eine logische Silbe sowie Barbarismen (GL IV); die Syntax
Analyse zulassen. Aussagen zur Grammatik bleibt unberücksichtigt. Auf Apollonios Dys-
und zur Dialektik sind hier oft nicht zu tren- kolos und andere Vorläufer stützt sich Pris-
nen. Aristoteles behandelt die Grammatik cian (6. Jh. n. Chr.), der das 17. und 18. Buch
des Satzes vor allem in ‘Peri hermeneias’ und seiner ‘Institutiones grammaticae’ der Syntax
in der ‘Poetik’. Großen Einfluß auf die späte- widmet (GL II/III). Neben Donat, der vor-
ren Grammatiker haben die Ergebnisse der nehmlich im Elementarunterricht verwendet
stoischen Dialektik (Gründung der stoischen wurde, vermittelt vor allem Priscian das
Schule um 300 v. Chr.; keine Werke erhalten, grammatische Wissen der Antike ins Mittel-
Fragmente bei Hülser 1987); hier finden sich alter.
früh Aussagen, die Valenzgesichtspunkte ein-
beziehen.
3. Aussagen zu Valenz- und
2.2. Homer-Philologie Dependenzaspekten im Einzelnen
Sprachveränderungen im Hellenismus stellen Valenz- und Dependenzaspekte werden kaum
seit dem 3. Jh. v. Chr. zunehmend die Auf- direkt angesprochen. Doch finden sich in ver-
gabe, den Homer-Text textkritisch zu unter- schiedenen Kontexten Aussagen, die zeigen,
suchen und inhaltlich wie sprachlich zu erklä- dass die damit verbundenen grammatischen
ren. Diese Arbeit führt zunächst allerdings Phänomene bereits von antiken Grammati-
nicht zu zusammenhängenden grammati- kern erkannt und berücksichtigt wurden. (Ich
schen Darstellungen. Weder die Werke der verwende im Folgenden teilweise die mo-
Alexandriner Aristophanes von Byzanz (ca. derne Terminologie; vgl. aber 4.)
257⫺180 v. Chr.) oder Aristarch von Samo-
thrake (ca. 216⫺144 v. Chr.) noch die der 3.1. Vollständigkeit
Pergamener sind erhalten. Die Fragmente Der Satz (logos) wird von Dionysios Thrax
und Zitate bei anderen Autoren geben keine (GG I 1, ⬘ 11) definiert als eine grammatisch
Hinweise auf valenzbezogene Aussagen (vgl. richtige Verbindung von Wörtern, die einen
Ax 1991). Die erste erhaltenene Darstellung vollständigen Sinn (dianoia autotelēs) aus-
der Grammatik stammt möglicherweise von drückt. Apollonios Dyskolos legt diese Defi-
Dionysios Thrax (160⫺90 v. Chr.). Seine Au- nition (GG II, I 1 f.) seiner Syntax zugrunde
torschaft und die Datierung des Werkes sind (autotelēs logos), spätere Grammatiker wie-
umstritten (Kemp 1991, 307 ff.), die For- derholen sie. Priscian, der in seiner Syntax
schung neigt vielfach zu einer späteren Datie- stark von Apollonios Dyskolos abhängig ist,
rung auf das 3.⫺5. Jh. n. Chr.; allerdings re- definiert: Oratio est ordinatio dictionum con-
präsentiert die ‘Techne grammatike’ (GG I 1; grua, sententiam perfectam demonstrans [Ein
Übersetzung von Kemp 1986) auch in diesem Satz ist eine kongruente Anordnung von
Fall ältere Quellen. Dionysios Thrax verbin- Wörtern, die einen vollständigen Sinn aus-
det stoische und philologische Traditionen, drückt.] (Institutiones grammaticae II 15,
die Grammatik emanzipiert sich von Rheto- vgl. auch XVII 2/3). Vollständigkeit orientiert
rik und Dialektik. Die Syntax behandelt er sich an der Bedeutung (dianoia; sententia), ist
nicht, seine Aussagen zum Verb beschränken also vor allem semantisch bestimmt.
sich auf Aspekte der Formenbildung. Die Aussagen der Grammatiker stehen in
Ausführlich beschäftigt sich Apollonios der Tradition der aristotelischen und stoi-
Dyskolos (1. H. 2. Jh. n. Chr.) mit der Syn- schen Dialektik. Ein vollständiger Satz muss
tax; sein Werk ‘Peri syntaxeōs’ (GG II; Über- Subjekt und Prädikat enthalten, damit sein
setzungen von Buttmann 1877; Householder Inhalt als wahr oder falsch bestimmt werden
1981) ist die einzige erhaltene griechische Be- kann, und hierauf richtet sich das Interesse
handlung syntaktischer Fragen. der Dialektiker. Aristoteles stellt dabei No-
Die lateinischen Grammatiker bauen auf men (Subjekt) und Verb (Prädikat) auf eine
den Ergebnissen der griechischen Grammatik Stufe. Beide sind zur Bildung einer Aussage
auf. Von Varros (116⫺27 v. Chr.) ‘De lingua erforderlich; ein Verb allein bezeichnet „kein
latina’ (Kent 1967) sind die Bücher zu syn- wirkliches Ding“ (Peri hermeneias 16b). Die
taktischen Themen (XIV⫺XXV) nicht erhal- Stoiker dagegen unterscheiden zwei Arten
16 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

von Ausdrücken (lekta): die vollständigen, tisch begründet und kein inhärentes Merkmal
z. B. Aussagen (axiōmata), und die unvoll- des Verbs als Redeteil.
ständigen, die Prädikate (katēgorēmata), die, Apollonios Dyskolos übernimmt die stoi-
obwohl unvollständig, dennoch eine vernünf- sche Einteilung (III 155 ⫽ Hülser Nr. 794;
tige Vorstellung repräsentieren (Hülser Nr. vgl. auch III 187 ⫽ Hülser Nr. 795, sowie den
696, vgl. auch Nr. 874 ff.). Zur Vollständig- Kommentar ebd., 946⫺949). Am Beginn sei-
keit benötigt eine Aussage ein explizites Sub- ner Syntaxdarstellung entwickelt er eine Art
jekt; der Ausdruck graphei [er-schreibt] gilt Weglassprobe (I 14 f.): Alle Elemente eines
als unvollständig im Unterschied zu Sokrates Satzes mit Ausnahme von Nomen bzw. Pro-
graphei. Allerdings findet sich der Begriff des nomen (in Subjektfunktion) und Verb (als
Subjekts bei den Stoikern nur mit Einschrän- Prädikat) können entfallen, ohne dass der
kung (vgl. Baratin 1991, 201). Bei der Ana- Satz unvollständig wird. Da Apollonios Dys-
lyse der Prädikate gehen sie vom Verb aus, kolos ein intransitives Verb wählt (fallen),
von dem her sie sowohl die grammatische trifft dies für sein Beispiel zu. Es geht hier
Form des (logischen) Subjekts als auch der allerdings nicht um eine Charakterisierung
verbabhängigen Ergänzungen (prosthēchē) von Verben, sondern um den Nachweis des
charakterisieren (vgl. Baratin 1991, 199 ff.). Vorrangs von Nomen und Verb gegenüber
Sie systematisieren die Verben nach den Ka- den übrigen Redeteilen; an anderer Stelle
tegorien ‘persönlich/unpersönlich’ und ‘voll- (I 16) schreibt Apollonios Dyskolos im Ein-
ständig/unvollständig’ (Hülser Nr. 791, vgl. klang mit den Dialektikern dem Nomen die
auch Nr. 696, 792⫺799): primäre Rolle zu. Dennoch geht er bei seinen
weiteren syntaktischen Überlegungen fast
(1) Verben, die allein mit einem Nomen im
nur vom Verb aus; ein eigenständiger Sub-
Nominativ eine vollständige Aussage bil-
jektsbegriff fehlt ihm wie den Stoikern ⫺ er
den ⫽ persönliche vollständige Prädikate
spricht stattdessen immer vom Nominativ
(symbama): Sokrates geht herum.
(onomastikos). Im vollständigen Satz fordert
(2) Verben, die mit einem Nomen in einem
das Verb die Besetzung der Subjekt/(Nomina-
obliquen Kasus eine vollständige Aussage
tiv)-Stelle, bestimmte Verbtypen benötigen
bilden ⫽ unpersönliche vollständige Prä-
zudem eine weitere Ergänzung in einem obli-
dikate (parasymbama): Es gereut den So-
quen Kasus (I 46; III 8, 82). Apollonios Dys-
krates.
kolos unterscheidet zwischen notwendigen
(3) Verben, die neben einem Nomen im No-
Ergänzungen und Angaben. Ein Satz wie:
minativ eine Ergänzung in einem obli-
Platon lebt kann ergänzt werden durch im
quen Kasus benötigen, um eine vollstän-
Hause; bei Verben, die Affekte eines Subjekts
dige Aussage zu bilden ⫽ persönliche un-
bezeichnen, kann die Ursache dieses Affekts
vollständige Prädikate (elatton ē katēgo-
genannt werden (Theon kommt um vor
rēma bzw. symbama): Platon liebt, näm-
Trauer); in diesen Fällen benötigen die Ver-
lich den Dion.
ben aber die Ergänzung nicht (autoteleia
(4) Verben, die neben einem Nomen in einem
[Nichtergänzungsbedürftigkeit]). Ein Satz wie
obliquen Kasus (als logisches Subjekt)
Tryphon liebt ist dagegen ohne Ergänzung
eine Ergänzung in einem obliquen Kasus
unvollständig (hēmitēles). Allerdings erkennt
benötigen ⫽ unpersönliche unvollstän-
Apollonius Dyskolos (III 156, vgl. auch 158,
dige Prädikate (elatton ē parasymbama):
182), dass philei [liebt] auch ohne Ergänzung
Es ist … an … gelegen, nämlich dem So-
grammatisch richtig gebraucht werden kann,
krates an Alkibiades.
wenn nämlich allein ein Gemütszustand be-
Da bei einem Teil der Fälle Verb und Prädi- zeichnet werden soll (dieser Mensch liebt); mit
kat zusammenfallen [(1) und (2)], wird nicht der Ergänzung (den Dionysios) gilt ihm der
immer deutlich zwischen dem grammatischen Satz jedoch als vollständiger (exergastikotē-
Redeteil Verb und dem im Rahmen einer dia- ron). Damit ist das Phänomen freier Valenzen
lektischen Analyse der Aussage von der logi- angesprochen.
schen Funktion her definierten Prädikat ge- Priscian schließt sich eng an Apollonios
trennt (zur Unterscheidung vgl. Hülser Nr. Dyskolos an, auf den er sich häufig beruft:
570, 570A). Die Notwendigkeit einer Ergän- Weglassprobe (XVII 12/13), Vorrang des No-
zung ergibt sich aus den Bedingungen der lo- mens vor dem Verb (XVII 14), Notwendig-
gischen Aussagenanalyse, sie beruht auf ei- keit von Nomen und Verb zur Bildung eines
nem semantisch-ontologischen Vollständig- vollständigen Satzes (XVII 12), stoische Sys-
keitskriterium und ist primär nicht gramma- tematik der Prädikate mit veränderter Termi-
3. Valenzverwandte Ansätze in der Antike 17

nologie (XVIII 4/5 ⫽ Hülser Nr. 798). Auch einem Verb, das Erwerb, Nutzen, Gewinn (III
bei ihm fehlt ein eigener Subjektsbegriff, er 177: peripoiēsis) oder eine gegenseitige Hand-
spricht dafür von nomen oder nominativus lung (III 185) bezeichnet. Auch der weiteren
(z. B. XVII 93). Im Zusammenhang der per- Unterteilung dieser semantisch-syntaktisch
sönlichen ergänzungsbedürftigen Verben bestimmten Verbgruppen liegen Bedeutungs-
führt er dabei den Begriff der Transitivität kriterien zugrunde. Mehrwertige Verben wer-
(transitio) ein, stellt also eine Verbindung zur den ebenfalls diskutiert, wobei wiederum das
grammatisch-semantisch bestimmten Kate- Phänomen der freien Valenz in den Blick ge-
gorie der transitiven Verben her. rät. Nach Apollonios Dyskolos ergibt sich
aus dem Dativ in einem Satz wie: ich bringe
3.2. Verbrektion dir den Wein notwendig der Akkusativ, da das
Die Verbsyntax behandelt Apollonios Dysko- Verb zwar ohne Dativ-Ergänzung verwend-
los vor allem im 2. Teil von Buch III (III bar ist, bei Gebrauch der Dativ-Ergänzung
54 ff.). Die Relation Verb⫺Subjekt (⫽ No- aber auch die Akkusativ-Ergänzung benötigt
men im Nominativ) gerät kaum in den Blick; (III 183). Bei Präfigierung (III 149) oder
hier wirkt sich das Fehlen eines eigenen Sub- Kausativierung (III 153) ändert sich die Rek-
jektbegriffs aus. Auch ein Begriff für das Prä- tion des Verbs.
dikatsnomen fehlt (vgl. z. B. II 47). Apollo- Weitere Hinweise finden sich im Rahmen
nius Dyskolos unterscheidet (II 48) zwischen der Behandlung der Diathese. Bereits bei den
Verben, die in sich vollständig sind (autotelēs) Stoikern findet sich die Beobachtung, dass
und somit keine Ergänzung benötigen, und die Passivbildung nur bei einem Verb möglich
unvollständigen, damit ergänzungsbedürfti- ist, das eine syntaktische Verbindung mit ei-
gen Verben (elleipēs). Die Ergänzungsbedürf- nem Genitiv oder einem Akkusativ eingeht
tigkeit transitiver Verben ist semantisch be- (poiei tēn syntaxin), nicht bei einer Verbin-
gründet: die Verbbedeutung impliziert den dung mit einem Dativ (Hülser Nr. 803, vgl.
Übergang einer Handlung (diabasis; metaba- auch Nr. 696). Der gleiche Gedanke begegnet
sis) von einer Person auf eine andere Person/ erweitert bei Apollonios Dyskolos: Der
Sache (III 148: pros hypokeimenon ti diabiba- Übergang der durch das Verb bezeichneten
zetai [geht über auf einen anderen Gegen- Handlung auf etwas anderes (Transitivität)
stand]), fordert also eine Ergänzung „von ist Voraussetzung der Passivfähigkeit (III
Natur aus“ (III 83: rhēma physei pherētai ep’ 148 ff.) ⫺ im Gegensatz zu den (intransitiven)
aitiatikēn [das Verb fordert von Natur aus ei- Verben ohne Übergangsbewegung (III 150:
nen Akkusativ]). Fehlt bei einem transitiven autopatheia). Verben, die ohne obliquen Ka-
Verb die Ergänzung oder steht diese im fal- sus nur mit dem Nominativ konstruiert wer-
schen Kasus, liegt ein Konstruktionsfehler den können, bilden im Gegensatz zu Verben,
(Soloecismus) vor (III 8). Da der Infinitiv als die eine Ergänzung benötigen, kein Passiv
die allgemeinste, am wenigsten markierte (III 157).
Verbform (III 60: aparemphaton [nicht mitbe- Auch bei der Behandlung der Verbrektion
zeichnend]) gilt, geht Apollonios Dyskolos dominieren semantisch-ontologische Krite-
zunächst von ihm aus. Handlungsleere Ver- rien. Die Rektion ist kein grammatikinternes
ben (III 58: Modalverben; III 67: unpersönli- Phänomen, die Notwendigkeit von Ergän-
che Verben) müssen durch einen Infinitiv er- zungen wie auch deren jeweilige Kasusform
weitert werden, der die jeweilige Handlung werden aus der Verbsemantik abgeleitet.
bezeichnet. Syntaktisch verhält sich der Infi- Priscian übernimmt wesentliche Aussagen
nitiv wie die entsprechende finite Verbform von Apollonios und bezieht diese auf das La-
(III 78 ff.); dies gilt übrigens auch für das teinische. Vielfach stellt er dabei kontrastive
Partizip (III 190). Ausführlich wird die Rek- Überlegungen an (bes. XVIII 157 ff.: illi ⫺
tion der Verben dargestellt (III 158 ff.). Die nostri; Attici ⫺ Romani); Verben der Sinnes-
vom jeweiligen Verb bedingten unterschiedli- wahrnehmung etwa werden im Griechischen
chen Kasus werden semantisch begründet: mit dem Genitiv, im Lateinischen mit dem
Der Akkusativ steht, wenn eine Handlung Akkusativ konstruiert (XVIII 153).
gleich welcher Art (körperlich oder geistig) Ein Satz benötigt zur Vollständigkeit min-
vom Subjekt ausgeht und sich auf ein anderes destens Nomen und Verb: nulla oratio sine iis
richtet (III 159, 168); der Genitiv wird be- completur [kein Satz ist ohne sie vollständig]
nutzt, wenn das Verb ein (Mit-)Leiden (III (XVII 12). Ein Teil der Verben wird nur mit
170, 173, 186) oder ein Besitzverhältnis aus- Nominativen verbunden (ad nominativos con-
drückt (III 174); der Dativ ist erforderlich bei iunguntur solos), andere benötigen oblique
18 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Kasus (obliquos desiderant casus) (XVII 13): nisi per obliquos casus [jener, auf den sich eine
non enim omnia verba obliquos desiderant ca- Handlung bezieht, kann nur durch oblique
sus nominum vel pronominum, quomodo omnes Kasus benannt werden]). Neben der intransi-
obliqui casus verba desiderant, quoniam quae- tiven (XIV 14: percurrit homo excelsus) und
dam ex his perfecta sunt et absoluta, quaedam der transitiven Konstruktion (XIII 23: Aristo-
defectiva [nicht alle Verben benötigen No- phanus Aristarchum docuit; tu mihi dixisti)
mina oder Pronomina in obliquen Kasus, so nennt er die reziproke (XIII 23: Phemius se
wie alle obliquen Kasus Verben benötigen, da docuit) und die retransitive Konstruktion
ja einige von ihnen (allein) vollständig und (XII 12: orare iussit […] ut ad se venias).
eigenständig sind, andere mangelhaft] (XVII Da Priscian ausführlicher als Apollonios
83). Solche absoluten Verben bilden allein mit Dyskolos die Syntax des Nomens in einem
einem Nominativ eine constructio perfecta eigenständigen Abschnitt (XVIII 1⫺39) be-
(XVIII 135). Damit nimmt Priscian die Un- handelt, gibt er auch Hinweise zur Form des
terscheidung von ergänzungs- und nichter- Anschlusses an Nomina, vor allem an Adjek-
gänzungsbedürftigen Verben bei Apollonios tive, die eine Teilklasse der Nomina sind
Dyskolos auf. Allerdings können absolute (z. B. XVIII 28: gloriosus laude). Den jeweils
Verben auch nicht-notwendige Erweiterun- erforderlichen Kasus begründet Priscian auch
gen (Angaben) haben (XVIII 135). Wie Apol- hier semantisch, da die verschiedenen Kasus
lonios unterscheidet Priscian (XVIII 136) ei- semantisch gefüllt sind; bei Verbalnomina
nen transitiven und einen absoluten Ge- orientiert sich der Kasus am syntaktischen
brauch des gleichen Verbs bei semantischer Verhalten des zugrundeliegenden Verbs
Modifikation (Beispiel: amat). Auch für ihn (XVIII 24 f.).
ist der Infinitiv das verbum generale (XVIII
40), finite wie infinite Verbformen verhalten
sich in Bezug auf Ergänzungen gleich (XVIII 4. Terminologie
156 f.). Auch Priscian geht wesentlich vom
Verb aus, wenn er syntaktische Relationen im Für die Beschreibung der valenzverwandten
Satz beschreibt. Dies zeigt sich etwa in der grammatischen Phänomene findet sich bei
Systematisierung der Verben nach dem Krite- Apollonios Dyskolos keine einheitliche Ter-
rium des verbspezifischen Kasusanschlusses minologie. Dies zeigt sich vor allem in einer
(XVIII 127 ff.), in der Priscian wiederum großen Zahl von Ausdrücken, die für die Be-
Apollonios folgt. Im Rahmen von Ausfüh- zeichnung der Verb-Nomen-Relationen ver-
rungen zum Genus verbi (genus sive significa- wendet werden.
tio verbi […], quam diathesin Graeci vocant) Am begrenztesten ist der Wortschatz zur
behandelt Priscian auch den Zusammenhang Bezeichnung der Transitivität und Intransiti-
zwischen Transitivität und Passivfähigkeit vität von Verben. Hierfür wird vornehmlich
der Verben. Im Schlussabschnitt seiner Syn- metabasis ‘Übergang’ mit einer Reihe von
tax (XVIII 157 ff.) stellt er ein kontrastiv an- Ableitungen (metabatikos; ametabatos) ver-
gelegtes Lexikon der Verbrektion lat. und wendet, daneben diabasis, ebenfalls mit Ab-
griech. Verben zusammen, das alphabetisch leitungen (diabatikos; diabibazetai; adiabibas-
nach den griech. Verben geordnet ist. tos). Die konkrete Bedeutung ‘Übergang ei-
Mehr als Apollonios Dyskolos stellt Pris- ner Handlung von einer auf eine andere Per-
cian den Gesichtspunkt der Transitivität, des son/Sache’ steht im Vordergrund; es handelt
Übergangs der Verb-Handlung auf ein ande- sich noch nicht um einen rein auf grammati-
res, in das Zentrum seiner Unterscheidung sche Relationen bezogenen Terminus.
von Konstruktionstypen. Da dieser Über- Wesentlich vielfältiger sind die Ausdrücke,
gang in der Verbsemantik gründet, ist die mit deren Hilfe die Relation Verb⫺obliquer
Einteilung einerseits semantisch orientiert, Kasus beschrieben wird. Wohl am häufigsten
andererseits verbzentriert. Eine intransitive begegnet pheretai epi ‘zielt hin auf, bezieht
Ausdrucksweise (intransitiva elocutio) liegt sich auf’, manchmal auch das Kompositum
vor, wenn kein Übergang stattfindet, etwa sympheretai epi ‘stimmt überein, verträgt sich
beim Gebrauch von Nominativen (XIV 15), mit’. Neben der Verb-Kasus-Relation werden
bei der transitiven Ausdrucksweise richtet damit auch die Adverb-Verb- und die Präpo-
sich die vom Nominativ ausgehende Hand- sition-Nomen/Pronomen-Beziehung bezeich-
lung auf eine andere Person, dafür ist ein ob- net. Oft finden sich aitei und apaitei ‘fordert,
liquer Kasus erforderlich (XIII 23: non aliter verlangt’, vornehmlich im Rahmen der Be-
igitur potest proferri is, in quem aliquid agitur, handlung der Verbrektion.
3. Valenzverwandte Ansätze in der Antike 19

Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer zur Vollständigkeit des Satzes (dianoia auto-
Ausdrücke, etwa Zusammensetzungen mit telēs; oratio perfecta) und zur Verbrektion
syn: synartatai ‘verknüpft, verbindet’; synde- (katallēlia; sermo congruus). In Hinblick auf
detai ‘verbindet, fügt zusammen’; synechei die Frage nach der Vollständigkeit eines Sat-
‘enthält, führt mit sich’; sympleketai ‘verbin- zes werden, vielfach im Rückgriff auf die
det’; syntassetai ‘bezieht sich auf’; synteinei Stoa, notwendige Ergänzung, freie Valenz
‘bezieht sich auf, zielt hin auf’; synyparchei und Angabe unterschieden. Im Zusammen-
‘besteht zusammen mit’. Weitere Möglichkei- hang der Behandlung der Verbrektion wer-
ten zur Benennung der Beziehung sind: epar- den die Verben nach ihrem jeweiligen Ka-
tatai ‘verbindet’; epidechetai ‘lässt zu, nimmt susanschluss klassifiziert. Unterschiedliche
zu sich’; epizētei ‘begehrt, verlangt’; katanta Verbsemantik bedingt Rektionsunterschiede.
‘gelangt, nimmt zu s.’; paradechetai ‘nimmt Die lateinische Grammatik nimmt diese
an, erhält, nimmt zu sich’; paralambanetai Ergebnisse in teilweise reduzierter Form auf.
‘zieht an sich, verbindet sich mit’; proslamba- Indem sie den Aspekt der handlungsfundier-
nei ‘nimmt zu sich’; charizetai ‘wünscht, ten Transitivität betont, gewinnt sie ein ein-
stimmt überein mit’; chōrei ‘enthält’. heitlicheres syntaktisches Beschreibungskrite-
Die große Zahl oft synonymer Ausdrücke rium, das das Verb und sein syntaktisches
verweist darauf, dass die Phänomene noch Verhalten deutlicher in den Mittelpunkt
keine endgültige begriffliche Klärung erfah- rückt, als dies die Tradition vorgibt. Das Kri-
ren haben. Auch zwischen Rektion des Verbs terium erlaubt die Aufstellung von verborien-
und Abhängigkeit vom Verb, also der Rich- tierten Konstruktionstypen. Die syntaktische
tung der Verb-Ergänzung-Relation, wird ter- Form der Nominalgruppe wird stärker be-
minologisch nicht geschieden; die gleichen leuchtet. Von verbbezogenen Abhängig-
Verben können verwendet werden, ggf. in keitsstrukturen sprechen weder die griechi-
passivischer Form. schen noch die lateinischen Grammatiker;
Priscian benutzt für die Beziehung zwi- dieser Aspekt tritt erst in der mittelalterlichen
schen Verb und Ergänzung die Ausdrücke Grammatiktheorie ergänzend zum Rektions-
iungi, adiungi, coniungi, construi, desiderare begriff, der seinerseits nun auch terminolo-
und exigere. Auch hier gibt es also noch keine gisch schärfer gefasst wird. Gemeinsam ist
einheitliche Terminologie. Die Richtungen bis in diese Zeit, dass die syntaktischen Rela-
der Relation werden nicht unterschieden. Die tionen auf eine semantisch-ontologische Ba-
in der mittelalterlichen Priscian-Kommentie- sis bezogen werden.
rung seit dem 12. Jh. vorherrschenden Aus-
drücke regere und dependere verwendet er 6. Literatur in Auswahl
noch nicht. Demgegenüber erscheint die Ka-
tegorie des Handlungsübergangs (transitio; Ax, Wolfram (1982): Aristarch und die „Gramma-
tik“. In: Glotta 60, 96⫺109.
transitive, intransitive), die sich bereits bei
Apollonios Dyskolos findet, bei Priscian ter- Ax, Wolfram (1991): Sprache als Gegenstand der
alexandrinischen und pergamenischen Philologie.
minologisiert und als Grundlage syntakti-
In: Schmitter, Peter (Hg.) (1991), 275⫺301.
scher Einteilungen (Konstruktionstypen;
Verbklassen) ausgeweitet. Baratin, Marc (1991): Aperçu de la linguistique
stoı̈cienne. In: Schmitter, Peter (Hg.) (1991),
275⫺301.
5. Zusammenfassung Blank, David L. (1982): Ancient Philosophy and
Grammar. The Syntax of Apollonius Dyscolus (⫽
Bereits in der griechischen Grammatik wer- American classical studies. 10). Chico, Calif.
den valenzverwandte Phänomene aufgenom- Bury, Robert G. (Hg.) (1987): Sextus Empiricus
men und in den syntaktischen Beschreibun- with an English translation. Bd. 4: Adversus Mathe-
gen berücksichtigt. Trotz der von der Dialek- maticos. Against the Professors. Cambridge/
tik vorgegebenen Grundlage einer Subjekt- London.
Prädikat- bzw. Nomen-Verb-Struktur mit Buttmann, Alexander (1877): Des Apollonios Dys-
Vorrang des Nomens ist die konkrete Dar- kolos vier Bücher Über die Syntax übersetzt und er-
stellung syntaktischer Probleme in großem läutert. Berlin.
Maß verbzentriert. Eine wichtige Rolle spie- Grammatici Graeci (1878⫺1910). Hg. von R.
len dabei Valenzphänomene, während der Schneider, G. Uhlig u. a. 4 Tle in 11 Bden. Leipzig.
Dependenzgedanke nicht auftaucht. Valenz ND Hildesheim 1979. ⫽ GG.
wird vornehmlich in zwei Analysekontexten Grammatici Latini (1855⫺80). Hg. H. Keil. 8 Bde.
thematisiert, im Rahmen von Überlegungen Leipzig. ND Hildesheim 1961. ⫽ GL.
20 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Householder, Fred W. (1981): The Syntax of Apol- Pfeiffer, Rudolf (1978): Geschichte der klassischen
lonios Dyscolos. Translated, and with commentary Philologie. Von den Anfängen bis zum Ende des Hel-
(⫽ Amsterdam Studies in the Theory and History lenismus. München (2. Aufl.).
of Linguistic Science. III 223). Amsterdam. Pinborg, Yan (1975): Classical Antiquity: Greece.
Hülser, Karlheinz (Hg.) (1987): Die Fragmente zur In: Thomas A. Sebeok (Hg.): Historiography of
Dialektik der Stoiker. Neue Sammlung der Texte mit Linguistics (⫽ Current Trends in Linguistics. Bd.
deutscher Übersetzung und Kommentar. 4 Bde. 13). The Hague/Paris, 69⫺126.
Stuttgart/Bad Cannstatt.
Schmitter, Peter (Hg.) (1991): Sprachtheorien der
Kemp, Alan (1986): The Techné Grammatiké of abendländischen Antike (⫽ Geschichte der Sprach-
Dionysius Thrax. In: Historiographica Linguistica theorie, Bd. 2). Tübingen.
13, 343⫺363.
Kemp, Alan (1991): The Emergence of Autono- Steinthal, Heymann (1890/1891): Geschichte der
mous Greek Grammar. In: Schmitter, Peter (Hg.) Sprachwissenschaft bei den Griechen und Römern
(1991), 302⫺333. mit besonderer Rücksicht auf die Logik. 2 Tle. Ber-
lin (2. Auflage).
Kent, Roland G. (Hg.) (1967): Varro on the Latin
Language with an english translation (⫽ The Loeb
Classical Library). 2 Bde. London/Cambridge. Kurt Otto Seidel, Essen (Deutschland)

4. Mit der Valenz verwandte Begriffe im Mittelalter: ein Überblick

1. Verlangen und Erfüllung: Scholastik Aber die realia waren für sie die (ursprüng-
2. Potenz und Akt des Satzes: Modistik lich aristotelischen) in re-Ideen, d. h. die uni-
3. Literatur in Auswahl versellen Wesenheiten, die Gott im Schöp-
fungsakt in die kreatürlichen Dinge eingegos-
sen hatte: der Realismus war damit zugleich
1. Verlangen und Erfüllung: objektiver Idealismus (Sertillanges 1954,
429). Entscheidend war, dass diese aus der
Scholastik strengen Ordnung der Ideen bestehende Welt,
Der Begriff Valenz war dem Mittelalter der ordo universi, der menschlichen Erkennt-
fremd. Ein fundamentaler Gedanke der mit- nis zugänglich war.
telalterlichen Philosophie und Theologie war Durch die Erkennbarkeit der Ideen war
die Vorrangstellung der Epistemologie vor
jedoch mit ihm grundsätzlich verwandt; er
der Ontologie gesichert ⫺ denn nur das Er-
umfasste allerdings das ganze kreatürliche
kannte kann untersucht werden (Thomas von
Sein. Der Gedanke besagt, dass die Seins-
Aquin 1955, I, 84, 1). Hieraus ergab sich der
weise dieses Seins ein unaufhörliches Erfüllen
enorme Wert der Sprache, denn sie war ein-
des jedem Geschöpfe innewohnenden Verlan- fach mit der Erkenntnis identisch (Sertillan-
gens ist, die gottgegebenen Möglichkeiten ges 1954, 694). Sprache hieß ja im Mittelalter
(die „Leerstellen“) zu aktualisieren. Und da alles, was Ausdruck eines gegebenen Inhalts
die Sprache nichts anderes als Abbild dieser war, und Erkenntnis war Ausdruck der gott-
stets ergänzungsbedürftigen Welt war, galt erschaffenen Ideen der Dinge. Vor allem war
dies auch für sie. Zur Klärung der hier in diese Erkenntnislehre äußerst optimistisch:
Frage kommenden Begriffe wie „Mangel“, intelligibile et intellectus sunt unum. Das hieß,
„Übel“ etc. zieht man am besten einschlägige dass im Erkenntnisakt das intentionale Sein
ontologische und epistemische Grundzüge des Objektes mit dem des Subjektes eins
des aristotelisch-dominikanischen Realismus wurde. Im Erkenntnissubjekt zeigte sich dies
heran, der das ganze Hochmittelalter souve- als die seeleninnere species expressa, d. h. als
rän dominierte. (Zu weiteren Schulen vgl. das innere Wort, verbum cordis. Darin er-
Pinborg 1967.) Alle Erkenntnistheoretiker schöpfte sich das sprachlich und epistemisch
der Zeit waren ja Realisten, und die christli- Signifikante. Das verbum vocis konstituierte
chen Philosophen müssen es immer sein (Gil- nichts, für die Scholastik hatte es folglich nur
son 1950, 259). die weniger wichtige äußere Mitteilungsfunk-
Die christliche Philosophie war realistisch, tion. Die Modisten machten einen schließlich
da sie die vom subjektiven Einfluss unabhän- missglückten Versuch, seine Rolle stark zu
gigen, äußeren realia als solche untersuchte. betonen.
4. Mit der Valenz verwandte Begriffe im Mittelalter: ein Überblick 21

Mangel, Übel, Entbehren etc. als zu erfül- friedigung des natürlichen Verlangens ist in
lende „Leerstellen“ ergaben sich mit Notwen- statu viae jedoch nie total, sie bleibt immer
digkeit aus der Struktur des dominikanischen ein winziger Schritt. Deshalb ist jedes Welt-
Realismus, dessen tragende Prinzipien die ding eine Mischung aus Möglichkeit und
aristotelischen Dichotomien materia-forma Wirklichkeit. Nur Gott ist actus purus [reine
und potentia-actus waren. Wirklichkeit]; reine Materie wäre ein Nichts.
Die erste Dichotomie, die Lehre des Hyle- Dies ist der letzte Grund des ewigen Strebens
morphismus, war fundamental. Sie besagt, der ganzen Schöpfung, auch der Erkenntnis
dass jede kreatürliche Entität aus den konsti- und Sprache, denn actus est prior potentia
tuierenden Prinzipien Materie-Form besteht. [Wirklichkeit ist vor Möglichkeit].
Zugleich legte sie die für das vorliegende Die aristotelische Dichotomie Materie-
Thema zentralen Begriffe Mangel und Erfül- Form soll diese Doppelheit der Weltdinge zei-
lung (Sättigung) als Prinzipien alles geschöpf- gen. Sie soll zugleich und vor allem den Wan-
lichen Seins, Werdens und Sprechens fest. del erklären, dem die ganze Kreatur (auch
Die zweite Dichotomie Potenz-Akt ist eine Erkenntnis und Sprache) unterliegt. Die
Folge der ersten und mit dieser nahe ver- Doppelnatur bedeutet jedoch keinen Dualis-
wandt. mus. Die Form ist zwar wirklich, sie hat je-
1.1. Materie doch keine unabhängige Existenz: „Eigent-
lich gesprochen ist sie nicht, sondern es ist
Materie als metaphysische Größe bedeutet
etwas durch sie; sie ist bloß Prinzip des Seins“
nichtverwirklichte Möglichkeit. Es scheint
(Sertillanges 1954, 344). Was wir „Ding“ nen-
eine Erfahrungstatsache zu sein, dass jedes
nen, ist immer einfach, denn ens et unum con-
Entstehen an reale Möglichkeiten gebunden
vertuntur [Ding und eins sind austauschbar]:
ist. Eine Statue kann man aus einem Mar-
morblock machen, nicht aber aus der Luft. die Wissenschaft macht in ihm Unterschei-
Aristoteles hat diese Erfahrung auf das ganze dungen zu ihren eigenen Zwecken.
Sein und Werden ausgedehnt und damit die
1.3. Potenz
sehr einflussreiche Kategorie Materie begrün-
det. Wenn nun keine Substanz wie ein Mar- Nach dem Gesagten brauchen über die zweite
morblock als reale Materie für ein Werden aristotelische Dichotomie Potenz-Akt für das
vorhanden ist, so muss eine quasi irreale Ka- vorliegende Thema nur noch zwei Aspekte
tegorie materia prima herangezogen werden, genannt zu werden. Zum einen kann die Po-
eine reine Möglichkeit ohne jede weitere Rea- tenz als ein jeder natürlichen Spezies zugewie-
lität. sener Platz in der aus den Ideen bestehenden,
Materie selbst ist kein aktuell Seiendes. Als strengen Weltordnung verstanden werden. So
Möglichkeit ist sie voll und ganz auf Realisie- kommt beispielsweise der Idee humanitas al-
rung angelegt. Deshalb wird ihr in der scho- les Menschenmögliche zu, eine praktisch un-
lastischen Literatur ein dynamischer Charak- erschöpfliche Fülle der Möglichkeiten, die je-
ter zugewiesen. Sie ist „ein Streben nach doch durch die übrigen Ideen des ordo uni-
Sein“ (Wirklichkeit), was zugleich ein Stre- versi, z. B. durch bestia und angelus, einge-
ben nach dem Guten (bonum) bedeutet, denn schränkt sind. Zum anderen ist die Aktuali-
bonum convertitur cum ente [Gut und Sein sierung des Möglichen eine gottgestiftete Ver-
sind austauschbar] (Thomas von Aquin 1955, pflichtung, denn gerade darin bestand der
I, 6, 3, ob. 1.). Folglich ist die Materie selbst Heilsweg der Seele.
mit Mangel an Sein gleichbedeutend, was sei- Entsteht nun im Inneren eines Menschen
nerseits die Definition des Übels ist. Die beispielsweise das innere Wort homo, so
ganze Natur ist eben immer „hinter etwas
taucht sofort eine typisch menschliche Span-
her“, weshalb die Materie ein Vermögen dar-
nungslage auf. Dem innerlich ausgesproche-
stellt, eine Empfänglichkeit für gewisse Ver-
wirklichungen, weil sie „ihrer ermangelt, ih- nen Wort homo wird intuitiv-unmittelbar, als
rer beraubt ist, sie entbehrt, denn ihre Emp- Gabe, die significatio [Bedeutung] humanitas
fänglichkeit enthält sie schon“ (Sertillanges geschenkt, die jedoch nur eine inhaltsleere
1954, 333 f.). quidditas [Identität] darstellt, die allgemeine
Einsicht also, dass es sich um einen Men-
1.2. Form schen handelt. Homo eröffnet somit bloß ei-
Wirklich und erkennbar ist eine Entität erst nen äußerst breiten, leeren Rahmen, der ein-
durch die Form bzw. Idee, Wesenheit; sie be- dringlich nach Ausfüllung sucht. Es ist die le-
friedigt das Verlangen der Materie. Eine Be- benslange Verpflichtung des Menschen, diese
22 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

„Leerstelle“ mit richtigem Inhalt zu füllen. hauptet, diese hätten mit dem Terminus con-
Dies gilt für jedes kategorematische Sprach- notatio, [Mitbezeichnung], die moderne Lehre
element (Seppänen 1985, 62 ff.). der Leerstellen der Wörter begründet (Bräuer
1974, 267 ff.). Bühler stützt sich dabei auf
1.4. Akt John Stuart Mill, der ähnliche Behauptungen
Die Dominikaner waren aristotelische Intel- aufgestellt hat. Bühler und Mill gehen jedoch
lektualisten. Sie versuchten vor allem nachzu- nicht auf die philosophischen Begründungen
weisen, dass die Aktualisierung der gottge- der Leerstellen ein. Außerdem kannten die
gebenen Potenzen ⫺ die Schmälerung der Scholastiker (Schütz 1958) und Modisten das
„Leerstellen“ ⫺ nur mit Hilfe des Verstandes Wort connotatio praktisch nicht, obgleich der
durchzuführen war. Das stärkste Argument Begriff besonders bei den letzteren einer der
hierfür leiteten sie von der Art des Erkennt- wichtigsten war; der technische Terminus da-
nisaktes ab. Die Definition dieses Aktes ken- für war consignificatio.
nen wir schon (vgl. 1): intelligibile in actu et Als Theologen und Seelsorger begnügten
intellectus in actu sunt unum, [im Erkenntnis- sich die Scholastiker gemeinhin mit den phi-
akt sind Ding und Verstand eins]. Wird hier losophisch-theologischen Grundlagen des
der Verstand als passiver intellectus possibilis Sprachmangels. Ihre zumeist wenigen Bei-
aufgefasst, in den die aktive Wirklichkeit ein- spiele betrafen unerfüllte Potenzen der Ein-
strömt, so ist die Erkenntnis unfehlbares Ab- zelwörter. Bezeichnend ist, dass in dem um-
bild der Wirklichkeit, denn der Spiegel lügt fangreichen Buch von Franz Manthey über
nicht. die Sprachphilosophie des Thomas von
Im gleichen Zusammenhang wird oft ein Aquin das Kapitel „Satz“ nur vier Seiten in
anderer wichtiger Satz angeführt: Erkenntnis Anspruch nimmt (Manthey 1937, 146 ff.). Die
ist Sein. Was im Akt der Erkenntnis nämlich Modisten hingegen beschäftigten sich einge-
eins wird, sind die ursprünglich göttliche hend mit den Fragen der Syntax.
Form des Objekts und das Erkenntnisvermö-
gen. Da nun eine Entität nur durch die Form
im vollen Sinne ein Seiendes, d. h. eine Sub- 2. Potenz und Akt des Satzes:
stanz ist und als solche Teil des Erkennenden Modistik
wird, so bedeutet jeder Erkenntnisakt einen
Zuwachs des wirklichen Seins auf Kosten des Auch die wichtigsten Modisten des Mittelal-
Möglichen. Sehr wichtig ist, dass das Sein mit ters waren aristotelische Realisten. Sie waren
Gut gleichbedeutend ist, und dass Gott selbst natürlich auch Theologen und Philosophen,
das Sein schlechthin ist, Deus est esse. Die denn Sprache hatte ja nur als wesentlicher
Konsequenz scheint unausweichlich: Er- Bestandteil der beiden Disziplinen einen ein-
kenntnis bzw. Sprache als innerseelischer, un- sehbaren Wert (ein reiner Linguist im moder-
fehlbarer Ausdruck der göttlichen Ideenwelt nen Sinn wäre eine gottlose und absurde Vor-
leitet den Christen auf dem Wege zu Gott. stellung gewesen). Somit war von vornherein
Irrtümer ließ erst der aktive Verstand des klar, dass die philosophische Begründung der
Menschen entstehen. Hieß es im Mittelalter syntaktischen Potenz mit der der eben darge-
beispielsweise allgemein, die intuitiv-passiv stellten der Einzelwörter (vgl. 1) prinzipiell
empfangene Idee humanitas sei als animal ra- zusammenfiel. In den modistischen Traktaten
tionale zu analysieren, so war jedem klar, sind denn auch die vertrauten aristotelischen
dass diese Deutung, die nur ein menschliches Dichotomien materia-forma und potentia-ac-
Urteil [iudicium] war, sich einmal als unwahr tus die tiefsten Erklärungsgrundlagen. Hinzu
erweisen konnte. Auch deshalb war es nur kommen noch die aristotelischen causa effi-
mit der größten Anstrengung möglich, die ciens und causa finalis. Vorgreifend soll da-
durch die Ideen eröffneten Lücken erfolg- rauf hingewiesen werden, dass der Begriff der
reich zu schließen. mangelhaften und vollständigen syntakti-
schen Fügung von dem modernen grundsätz-
1.5. Forschungslage lich abweicht.
Aus der Zeit vor Tesnière hat die Forschung Eine Stellungnahme zur modistischen Syn-
der Neuzeit recht wenig mit der modernen tax ist weitgehend auf die Diasynthetica
Valenztheorie Vergleichbares zu bieten. In (Kap. XLV⫺LIV) der Grammatica Specula-
seiner „Sprachtheorie“ vom Jahre 1934 hat tiva des Thomas von Erfurt angewiesen. Tho-
Karl Bühler (1982, 226 ff.) zwar mit aus- mas war zweifellos der Höhepunkt der kurz-
drücklichem Verweis auf die Scholastiker be- lebigen Modistik des Mittelalters (ca. 80
4. Mit der Valenz verwandte Begriffe im Mittelalter: ein Überblick 23

Jahre: 1270⫺1350) und seine Syntax ist die pendent, das andere Terminant (Thomas von
umfangreichste und am besten organisierte Erfurt 1972, XLV ff.). Schwierig war die Be-
der Modistik. Die Grammatik von Thomas stimmung des abhängigen und des determi-
erschien gegen Ende der modistischen Ära nierenden Gliedes, d. h. praktisch der Vor-
und stellt eine Art Zusammenfassung prak- rangstellung des Substantivs oder des Verbs.
tisch aller wichtigen Ideen der früheren Mo- Thomas von Erfurt (1972, LXVII, 91) gibt
disten dar. Philosopisch vertrat Thomas ei- hierfür eine ganz allgemeine Definition: Illud
nen gemäßigten Aristotelimus (Bursill-Hall autem constructibile est dependens, quod ra-
1972, 26 ff. und Pinborg 1967, 131 ff.). Auch
tione alicuius modi significandi tantum petit
die Pionierarbeit von Bursill-Hall über die
modistische Semantik und Philosophie be- vel exigit; illud vero constructibile est termi-
ruht wesentlich auf den Gedanken von Tho- nus, quod ratione alicuius modi significandi
mas. Der andere Pionier der Modistikfor- tantum dat, vel concedit. [Das Konstruktions-
schung, Pinborg, schenkt der dänischen glied ist dependent, das aufgrund irgend eines
Schule der Dacer mehr Aufmerksamkeit und Bezeichnungsmodus nur [um Ergänzungen]
konzentriert sich stark auf die Geschichte bittet oder [sie] verlangt; aber determinierend
und auf handschriftliche Quellen der Gram- ist das Glied, das aufgrund eines Bezeich-
matiktheorie. nungsmodus nur [Erfüllung des Verlangens]
gibt oder gewährt.] Ähnliche Definitionen
2.1. Ziel der Syntaxforschung
findet man oft, z. B. bei Radulphus Brito
Gegenstand der modistischen Syntaxfor- (vgl. Pinborg 1984, VII, 507): […] dependens
schung waren die Bedingungen des vollkom- est quid in potentia, quia est suae dependentiae
menen Satzes (perfectio). Die Vollkommen- terminum appetens. Terminus autem […] est
heit wurde jedoch nicht wie heute durch die
quid in actu, quia est dependentiae terminum
Sprachkompetenz der Sprecher/Hörer be-
stimmt, sie wurde eher definitorisch festge- dans. [Dependent ist etwas Potentielles, da es
legt, und zwar mit philosophischen Argumen- nach der Terminierung seiner Abhängigkeit
ten. Drei Argumente waren maßgeblich. Ers- hungert. Terminant aber ist etwas Aktuelles,
tens musste der perfekte Satz der außer- da es der Abhängigkeit die Erfüllung gibt.]
sprachlichen Realität entsprechen, so wie Die von Thomas und Radulphus gegebe-
diese sich im modus intelligendi zeigte, denn nen Definitionen des abhängigen und deter-
sonst wäre er logisch falsch und sprachlich minierenden Satzgliedes beruhen ganz auf
nicht kongruent. Das Verlangen des innersee- den aristotelisch-scholastischen Dichotomien
lischen Verstandesurteils war aber bereits ge- Materie-Form und Potenz-Akt, die auch für
sättigt, wenn mindestens zwei durch modi sig- die Einzelwörter galten. Thomas meint, dass
nificandi zusammenfügbare Konstituenten das dependente, d. h. in sich mangelhafte
vorhanden waren. (Als Abbild zeigte das Ur- Glied nur bittet oder verlangt, und das deter-
teil ja, dass zwei entsprechende Ideen der Re-
minierende nur gibt oder gewährt. Radul-
alität eine sinnvolle Kombination bildeten.)
Zweitens hatte der starke Einfluss der Logik phus ist noch deutlicher: Das abhängige
auf die Grammatik dazu geführt, dass die Glied ist im Zustande der Potenz und hun-
Grundform des Satzes aus zwei und nur zwei gert nach Erfüllung, die ihm das determinie-
Elementen zu bestehen hatte. So meinte Tho- rende Glied als Akt gibt. Somit kann festge-
mas von Erfurt (1972, LIV, 119), lego sei vom stellt werden, dass die (aristotelisch-realisti-
Standpunkt des Hörers kein Satz, es müsse sche) Syntax der Modisten im Grunde durch
ego lego lauten, und lego librum Vergilii sei Dependentien bestimmt ist. Bedingung einer
keine Grundform (kein einfacher Satz), darin Dependenz ist natürlich die Tatsache, dass
seien zwei Syntagmen enthalten, nämlich lego das eine Glied des Satzes in sich mangelhaft
librum und liber Vergilii. Zum dritten wurde (nur potentielles Glied) ist, d. h. eine „Leer-
die Zweigliedrigkeit (z. B. suppositum-apposi- stelle“ eröffnet, die ausgefüllt werden muss,
tum, d. h. Subjekt-Prädikat) durch den für die damit ein Kernsatz vollständig wird. Über
ganze Scholastik typischen aristotelischen Bi- die Qualität der beiden Glieder geben deren
narismus (Materie-Form, Potenz-Akt etc.) be-
modi significandi Auskunft. Auch in den Sät-
günstigt (Thomas von Erfurt 1972, XLV, 89).
zen und sonstigen Syntagmen zeigt sich also
2.2. Das ergänzungsbedürftige Satzglied das Streben des Menschen nach der Aktuali-
Die gegenseitigen Beziehungen dieser zwei tät, was eine möglichst weitgehende Aus-
Grundglieder wurden ausschließlich durch schaltung des bloß Potentiellen bedeutet,
Dependenz bestimmt: das eine Glied war De- denn Gott selbst ist actus purus.
24 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

2.3. Stufen der Satzbildung tat der außermenschlichen Realität, sondern


Zur Bildung eines vollständigen Satzes sind nur bezüglich ihres sogenannten inneren Tei-
drei hierarchische Stufen erforderlich, näm- les, der natürlich aus den hylemorphistischen
lich constructio, congruitas und completio. Er- Konstruktibilien bestand. Aber die Natur
kennbar weden diese Stufen nach Thomas fügt die Konstruktibilien nicht zu kongruen-
(1972, XLVI, 90) durch zwei Verfahren, per ten Einheiten, dazu ist ein äußeres Agens nö-
definitionem und per divisionem. Die Defini- tig. Dieser vorsichtige Konzeptualismus im
tion ergibt aufgrund der vier aristotelischen Herzen des realistischen Zeitgeistes erleich-
Ursachen, causa materialis, causa formalis, tert das Verständnis der zwei letzten Stufen
causa efficiens und causa finalis, das Wesen der modistischen Satzlehre.
des Satzes, die Division [Analyse] des so defi- Erklärbar wird hierdurch die für die vom
nierten Satzes ergibt secundum sui posse [auf- Standpunkt der Valenz interessante proprie-
grund seiner Potentialitäten], die im Sprach- tas [Angemessenheit]. Sie scheint im norma-
gebrauch möglichen Satzvariationen (Satz- len Verlauf der von Thomas sehr extensiv
typen). und minutiös explizierten Typen der Kongru-
enzen eine störende Ausnahme zu bilden. Als
2.3.1. Constructio Beispiele der proprietas gibt Thomas (1972,
LIII, 112) die Syntagmen cappa nigra und
Constructio stellt gewisse grundlegende Vo-
cappa categorica [schwarzer Mantel und kate-
raussetzungen einer vollständigen syntakti-
gorischer Mantel]. Nach seiner Ansicht sind
schen Fügung fest, die durch Material- und
beide Konstruktionen zwar kongruent, denn
Formalursache, Bezeichnungsmodi (modi sig-
das dependente Adjektiv folgt gemäß seinem
nificandi) und Dependenz bedingt sind. Bei
modus significandi in Genus, Numerus und
den weiteren zwei Stufen geht es um die rest-
Kasus in beiden Fällen regelrecht dem Diktat
lichen Bedingungen der Vollständigkeit. Die
des determinierenden Substantivs. Aber nur
Materie z. B. des Satzes homo currit besteht
das erste Beispiel ist proper, das letztere hin-
aus den zwei constructibilia homo und currere.
gegen nicht. Nach Thomas’ eigener Lehre
Der Terminus selbst sagt schon, dass die zwei
von Potenz und Akt müsste man sagen, dass
eben als Materie nur mögliche Teile sind und
die Potenz („Valenz“) des Adjektivs catego-
als solche nach Behebung ihres Mangels su-
rica durch ein Substantiv wie cappa nicht ak-
chen. Diese gewährt ihnen die causa formalis,
tualisiert wird (der Mangel wird nicht beho-
und zwar durch die constructibilium unio
ben); m. a. W. cappa befindet sich nicht inner-
[Vereinigung der Konstruktibilien], die den halb des Potenzskopus von categorica. Und
aktuellen Satz homo currit entstehen lässt. hier handelt es sich nicht nur um den Realis-
Verlangt wird ferner die Harmonie der modi mus (z. B. darum, dass es einen kategorischen
significnadi der beiden möglichen Teile. Da Mantel nicht gibt), sondern um eine freie
nun homo den modus entis (Substanz) und Entscheidung des Menschen selbst (des Intel-
currere den modus esse (Wandel) vertritt, ist lektes), oder wie Bursill-Hall (1971, 309) be-
eine Harmonie, d. h. ein sinnvoller Satz, mög- tont, um die sprachlichen Kollokationen: so
lich. Schließlich ist hier homo als Substanz pflegt man nicht zu sagen.
das Terminans und currere als Akzidenz das
Dependens. 2.3.3. Completio
Die Satzbildung erreicht mit der Stufe der
2.3.2. Congruitas completio bzw. perfectio [Vollständigkeit] ihr
Materie und Form sind nach Aristoteles soge- Ziel. Completio befindet sich im Bereich der
nannte innere Ursachen, denn sie sind innere aristotelischen causa finalis [Zweckursache],
Aufbauprinzipien alles Seins. Die auf diesen sie soll somit auf die Frage nach dem Zweck
beruhende constructio war deshalb echt rea- des äußeren Satzes (des äußeren Urteils) die
listisch kein Ergebnis der menschlichen Be- Antwort geben. Um eine solche Antwort ha-
mühung, sondern der Natur selbst. Congrui- ben sich die früheren Stadien nicht bemüht,
tas hingegen wurde durch die causa efficiens weshalb es notwendig ist, zu diesen noch
[Wirkursache] hervorgebracht, die Aristoteles wichtige Aspekte hinzuzufügen.
zu den äußeren Ursachen zählte. Die äußere Die Antwort lautet: An die äußeren, mate-
Ursache der congruitas war natürlich der ak- riellen Zeichen gebundene Sätze werden ge-
tive Intellekt des Menschen, wie Thomas be- bildet, um die komplexen Begriffe der Seele
tont (1972, XLV, 89 und XLVI, 90). Congrui- nach außen auszudrücken; und der Ausdruck
tas stand deshalb nicht ganz unter dem Dik- muss exakt und vollständig sein. Die inner-
4. Mit der Valenz verwandte Begriffe im Mittelalter: ein Überblick 25

seelischen Urteile bestehen nun immer aus quae magis quietat animum auditoris; et quae
Substantiv und Verb, da ja das äußere Sein minus quietat, minus perfecta erit. [Denn die
selbst aus Substanz [modus permanentis] und Konstruktion ist vollständiger, die die Seele
Bewegung [modus fluxus] besteht. So ist bei- des Hörers mehr beruhigt; und diejenige, die
spielsweise das verblose homo albus, das auf weniger beruhigt, ist weniger vollkommen]
der Stufe der Kongruenz akzeptabel war, (Thomas von Erfurt 1972, LIV, 117). Für
nicht vollständig, sondern lässt die Seele un- Konstruktionen, die die wichtigste Bedin-
befriedigt: soll es nun homo est albus, homo gung der Perfektion, einen genauen Sinn zu
erat albus etc. heißen? Erst wenn dieser Man- ergeben (dem Streben des Verstandes Genüge
gel durch die explizite Angabe des Verbs be- zu tun), grob verletzen, gibt Thomas (1972,
hoben ist, findet der Verstand Ruhe (quie- LIV, 118) u. a. die Beispiele Si Socrates currit
scit). und me legere. Zum ersteren sagt er, dass si
Der Sprecher muss allerdings nicht unbe- im sonst einwandfreien Satz eine neue De-
dingt unter einem solchen Mangel leiden, pendenz von etwas schafft, was außerhalb
denn er wird in seinem Inneren den vollstän- des Satzes Socrates currit liegt und die Kon-
digen Satz gehabt haben; dieser nicht ausge- struktion für immer unvollständig lässt,
sprochene Satz heißt secundum intellectum wenn die fehlende Ergänzung nicht ausge-
[gemäß dem [inneren] Verständnis]. Er kann drückt wird. Me legere ist ebenfalls sehr un-
deshalb ruhig homo albus sowie lego sagen vollständig quia animum auditoris non quietat
und beide Sätze für vollständig halten. Unbe- [da es der Seele des Hörers keine Ruhe ge-
friedigt ist aber der Hörer. Er wird die Kon- währt]. Abschließend fasst Thomas das Ge-
struktionen homo est albus und ego lego ver- sagte noch so zusammen: Die Perfektion ist
langen, denn nur diese sind für ihn vollstän- bei der Satzbildung nichts anderes als die
dig, d. h. sie sichern das exakte Verständnis letzte Stufe, die über die richtige Kombina-
des inneren Urteils. Das sind Sätze secundum tion der Konstruktibilien insofern hinaus-
sensum [gemäß dem [sprachlichen] Sinn]. geht, als sie fähig ist, den komplexen Begriff
Hier begegnen uns noch einmal außer dem
der Seele durch ein Verb auszudrücken und
metaphysischen Postulat der Realität (Sub-
so in der Seele des Hörers einen vollständigen
stanz-Bewegung) der Einfluss der Logik auf
Begriff zu erzeugen.
die Grammatik und noch die lange Tradition,
die alle für die strenge Zweigliedrigkeit
Substanz-Verb plädieren. Bereits Priscianus
stellte fest: Si tollas nomen aut verbum, imper- 3. Literatur in Auswahl
fecta sit oratio [Würdest du Nomen oder Verb Bräuer, Rolf (1974): Valenztheorie, ihre Ge-
unterdrücken, so wäre die Rede unvollkom- schichte, ihr aktueller Stand und ihre Möglichkei-
men] (Bursill-Hall 1971, 290, Anm. 15). Der ten. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-
Standpunkt des Hörers, der Satz secundum Universität zu Berlin. Gesellschaft- und sprachwis-
sensum, ist natürlich entscheidend, deshalb senschaftliche Reihe 3/4, 267⫺280.
sind die Bedingungen der completio auch bei Bursill-Hall, Geoffrey (1971): Speculative Gram-
Thomas so rigoros: Kein ausgedrückter Satz mars of the Middle Ages (⫽ Approaches to Semio-
darf dem Verstand zu Unruhe und Verlangen, tics, vol. 11). The Hague/Paris.
d. h. zum Gefühl der unerfüllten Potenzen Bursill-Hall, Geoffrey (1972): Introduction to
(„Leerstellen“) Anlass geben. Grammatica Speculativa of Thomas of Erfurt, Lon-
Thomas betont wiederholt, dass jede Kon- don, 1⫺26.
struktion vollständig ist, die einen exakten
Bühler, Karl (1982): Sprachtheorie. Nachdruck der
Sinn im Verstande des Hörers entstehen lässt. Ausgabe von 1934. Stuttgart/New York.
Er gibt zugleich jedoch bereitwillig zu, dass
diese Vollständigkeit im Verstande des Hö- Dacus, Martinus (1961): De modis significandi. Hg.
rers nicht genau feststellbar ist. Sie kann un- von Heinrich Roos (Corpus Philosophorum Dani-
corum Medi Aevi, vol. 2). Kopenhagen.
terschiedliche Grade der Perfektion aufwei-
sen: einmal ist sie größer, ein anders Mal ge- Gilson, Etienne (1950): Der Geist der mittelalterli-
ringer. Deshalb werden Konstruktionen mehr chen Philosophie (Frz. Original 1944: L’Esprit de la
oder weniger vollständig genannt. Und der Philosophie Médiévale). Wien.
Maßstab des jeweiligen Grades ist das Maß Grabmann, Martin (1926⫺56): Mittelalterliches
der Befriedigung der Seele des Hörers, d. h. Geistesleben. 3 Bände. München.
das Maß der erfüllten oder unerfüllten „Leer- Manthey, Franz (1937): Die Sprachphilosophie des
stellen“ des Satzes: Nam ea magis perfecta est, hl. Thomas von Aquin. Paderborn.
26 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Oeing-Hanhoff, Ludiger (1981): Sein und Sprache des 12. bis 17. Jahrhunderts (⫽ Valenztheorie und
in der Philosophie des Mittelalters (Miscellanea Me- historische Sprachwissenschaft). Tübingen.
diaevalia, vol. 13/1). Berlin/New York. Sertillanges, Antonin-Gilbert (1954): Thomas von
Pinborg, Jan (1967): Die Entwicklung der Sprach- Aquin (Frz. Original 1910: Saint Thomas d’Aquin).
theorie im Mittelalter (⫽ Beiträge zur Geschichte Köln/Olten.
der Philosophie und Theologie des Mittelalters, Bd.
XLII, Heft 2). Münster/Kopenhagen. Sigerus de Cortraco (1977): Summa modorum signi-
ficandi sophismata. Ed. by Jan Pinborg (⫽ Amster-
Ders., (1984): Medieval Semantics. Hg. von Sten dam Studies in the Theory and History of Linguis-
Ebbesen. London. tic Science, vol. 14). Amsterdam.
Robins, Robert (1967): A short history of linguis-
Thomas von Aquin (1955): Summa Theologiae (⫽
tics. London.
Biblioteca de autores cristianos, 5 Bände). Madrid.
Roos, Heinrich (1948): Sprachdenken im Mittelalter
(⫽ Classica et Mediaevalia, vol. IX, 200⫺215). Ko- Thomas von Erfurt (1972): Grammatica Specula-
penhagen. tiva. Hg., übersetzt und eingeleitet von Geoffrey
Bursill-Hall. London.
Schumacher, Helmut (1988): Valenzbibliographie.
Mannheim. Thurot, Charles (1964): Notices et extraits de livres
Schütz, Ludwig (1958): Thomas-Lexikon. Faksi- manuscrits latins pour servir à l’histoire des doctri-
mile-Nachdruck der „zweiten, sehr vergrösserten nes grammaticales au moyen âge (Frz. Original
Auflage“ von 1895. Paderborn. 1896). Nachdruck Frankfurt am Main.
Seidel, Kurt Otto (1982): Quid sit dictonem regere
dictionem. Aspekte der Verbvalenz in Grammatiken Lauri Seppänen, Tampere (Finnland)

5. Valency-like Concepts in the Arabic Grammatical Tradition

1. The Standard Model only was the subject matter of Arabic, what
2. The Dogma of the Verb and Other Issues today is known as Classical Arabic, defined,
3. Select Bibliography but also the theoretical framework in which
it was described, established. The additions
and alterations which were effected over the
Because there exists a large degree of isomor- next 100 years were more of organizational
phism between the overall conceptualization than of material or conceptual nature. None-
of grammar developed by the Arabic gram- theless, not least because of Sibawaih’s dense
marians and many key aspects of modern va- style, these were not inconsiderable, so that
lency theory as developed in the wake of Tes- Ibn al-Sarraj’s 1,300 page al-øUsjuwl fiy
nière (1959), it is possible to summarize the l-Nahw “The Foundations of Grammar”,
Arabic tradition within its own terms, with- building on the work of his teacher Mubar-
out adjusting or interpreting the framework rad (author of the Muqtadj ab), marked a sig-
in a way that takes special account of the au- nificant milestone in defining the form of
dience this handbook is intended for. With- Arabic grammar, a form which has not
out outlining the argument here, it can be changed in most essentials up to the present
shown that Arabic grammatical theory was day. In section 1 I shall summarize ‘Arabic’
conceived of basically in dependency terms, valency theory within the terms established
with the lexical categories instantiating the by Sarraj, and in section 2 discuss various
head (øaamil) and dependent elements (maø- ramifications of this framework. Explicitly
muwl) generally corresponding to those in and implicitly this summary draws on the
the western tradition (Owens 1988 for de- work of various Arabic authors, and critical
tails). A verb, for instance, is the governor of studies on them in the western tradition. The
various objects, and a preposition of an ob- bibliography contains a representative listing
ject (see 1.1). of the sources, not all of which are referred
The Arabic tradition effectively began with to explicitly in the text. At the outset I think
the grammar of the late eighth century lin- a disclaimer is necessary. A six page summary
guist Sibawaih (d. 798), whose al-Kitaab ‘The can hardly do justice to a grammatical theory
Book’ is a compendious tome of nearly 1,000 as sophisticated and variegated as the Ara-
densely-packed pages. With Sibawaih not bic one.
5. Valency-like Concepts in the Arabic Grammatical Tradition 27

1. The Standard Model the functional and constituent relations, a


further element of Arabic syntax, arguably
1.1. Basic Structure the most central one since it is seen as tying
The basis of syntactic analysis in the Arabic together different parts of the sentence, is the
model is the sentence which consists of two dependency relation. The dependency struc-
obligatory parts, a predicate and a nomi- ture of the nominal sentence (2), with impli-
native actant. In the course of time these two cations for the valency interpretation, was
parts became generalized under various one of the more frequently debated issues in
names as table 5.1. Arabic grammar (e. g. Insjaaf 44 ff.) and can-
This central sentential unit, Topic/Agent not be gone into in here. In the verbal sen-
and Predicate/Verb was known as the øumda tence (1) the agent ar-rijaalu depends on the
lit. “support”, the predicative relationship as verb qaama, which imparts its nominative
?isnaad. These units developed out of an (raf ø ) case to it. The verb governs an agent
original bifurcated analysis of sentences: sen- obligatorily, and optionally a series of further
tences which begin with a verb are ‘verbal complements, collectively known as the fadj la
sentences’ ( jumla fiøliyya, see (1)) with the lit. ‘leftover’, all of them governed in the
two obligatory constituents verb ( fiøl) and accusative (nasjb) case. Prototypically these
agent ( faaøil) and those which begin with a are conceived of as objects (maf øuwl, pl. ma-
nominative noun, nominal sentences ( jumla faaøiyl), and traditionally are divided into
two categories, the true objects and the
ismiyya (2)) with the two obligatory constitu-
pseudo-objects (sibh al-maf øuwlaat), the lin-
ents topic (mubtada?, not to be confused with
guistic basis of this distinction being unclear
“subject”) and comment (xabar). There are (though see Astarabadhi I, 112 for late ratio-
various syntactic grounds for distinguishing nalization). There are five true objects and
these two types of sentences (e. g. agreement, three pseudo-objects, as listed in (3) and il-
pronominal coreference), and the nominal lustrated in (4).
sentence has a more complex internal struc-
ture than summarized here. Further details (3) Objects:
are not necessary for the present exposition, absolute object (maf øuwl mutjlaq), direct
however. object (maf øuwl bihi), locative object
(time and place, maf øuwl fihi or Îj arf ),
(1) Verbal sentence reason object (maf øuwl lahu), accompa-
qaama ar-rijaal-u niment object (maf øuwl maøahu)
Verb Agent Pseudo-object:
got up def-men-nom circumstance (haal), exception (?istiθ-
‘the men got up’ naa?), specifier (tamyiyz)
(2) Nominal sentence (4) dj araba zayd-un øamr-an yawm-a
ar-rijaal-u qaam-uw Verb Agent DO Loc obj
Topic Comment hit Zayd-nom Amr-acc day-acc
def-men-nom got up-mpl al-jumøat-i wa xaalid-an
‘the men got up’
Accomp. obj
It is noteworthy that the largest and most in- Friday-gen and Xalid-acc
clusive syntactic structure defining the sen- ?ikraam-an la-ka
tence is conceived of in constituency terms, Reason obj
namely the notion “sentence” ( jumla or ka- respect-acc for-you
laam) containing two obligatory parts. The ‘Zayd hit Amr on Friday along with
sentence constituents are fixed, functional Xalid out of respect for you’.
categories (Verb, Agent etc.). In addition to (Astarabadhi I, 113)

Tab. 5.1.
Predicate/Verb Topic/Agent
muxbar “what is reported” muxbar øanhu “what is reported about”
muhdaθ “what is talked about” muhdaθ øanhu “that about which it is talked”
musnad “what is placed upon” musnad ?ilayhi “topic, that upon which something is placed”
(Levin 1981, Goldenberg 1988)
28 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Objects stand in a special relationship to the That verbs such as Îj anna should be considered
verb, namely that of taødiya “transitivity” ditransitive follows from the basic fact that its
(lit. ‘passing, carrying over’). Prototypically two complements are marked by the accusa-
transitivity is conceived of as a physical tive case typical of objects. The fact that both
movement (Mubarrad Muqtadj ab III, 116). A of its objects are obligatory (laa taqtasjir øalaa
verb componentially consists of a time ele- maf øuwl waahid “you can’t restrict yourself to
ment and an action. It is the action which one object”) is explained by the fact that the
someone or something (the agent) places ‘underlying’ structure of the two complements
upon (?awqaøa øalaa) or causes to happen is a nominal sentence of the type illustrated in
(?ahdaθ) to this object. This notion of transi- (2) above (i. e. sjaahibuhu øaalimun “his friend
tivity applies to objects other than the direct is learned”) upon which the verb Îj anna ‘en-
object as well (Muqtadj ab IV, 395). ters’, imposing its governance structure, and
Objects, however, are not all of equal changing the functional status of the two com-
status in one important respect. Whereas ev- plements. Just as the two constituents in the
ery verb can occur with all other types of ob- nominal sentence are obligatory (see discus-
jects, verbs are severely restricted as to their sion above), so too are the two objects obliga-
co-occurrence with the direct object (maføuwl tory here. Verbs like ?aøtjaa ‘give’, on the other
bihi). Verbs are divided into two main classes hand, may occur with two direct objects, or
based on their transitivity vis a vis the direct with one (either one; see Jurjani Dalaa?il, 118
object, intransitive and transitive. qaama in for discussion of transitives occurring with no
(1), for instance, is an intransitive verb (al-fiøl direct object complements).
allaÎiy lam yataøaddi fiøluhu ?ilaa maf øuwl Finally there are tri-transitive verbs derived
“a verb whose action does not carry over to an from the type (6b) via a causative affix (e. g.
object”), lacking a direct object. The same ?aølama ‘inform s. o. that’, see 1.4), and tri-
verb, however, may optionally expand its transitives derived via a refunctionalization of
other object complements freely. locatives complements (see Versteegh 1990 for
notion of saøat al-kalaam ‘extension of func-
(5) qaama zaydun qiyaam-an jtawiyl-an tion, refunctionaliztion’).
Verb Agent Absolute obj Among the transitive verbs are also those
quddaam-a al-maktab-i whose direct objects are marked by a preposi-
Locative obj tion, so that in marar-tu bi-zayd-in ‘I passed by
‘Zayd stood up a long time (a long stand- (⫽ bi) Zayd’ marra ‘pass by’ is a verb whose
ing) in front of the desk’. object necessarily is marked by bi.
The basic valency classification of verbs is
Transitive verbs are divided into four sub- of formal nature based on the number of direct
classes based on the number of direct objects objects each takes, a criterion which, in the
they take, and their status relative to obliga- standard grammars, is used to sub-divide
tory occurrence. First are those like dj araba in chapters in the exposition of verbs. Sarraj
(4), which are simple transitive verbs (mu- (I, 169) attempts to establish a semantic corre-
taøaddiy ?ilaa maf øuwl waahid). Second are lation to transitivity under the criterion that
ditransitive verbs, which are further divided all verbs whose inherent action encounters
into two sub-classes. Verbs like ?aøtjaa “give” and affects the object (yulaaqiy say?an wa
are opposed to ditransitive like Îj anna “think” yu?θir fiyhi) like dj araba ‘hit’ are transitive,
in that the former type may occur optionally while those which do not are intransitive, like
with a single object, whereas the latter re- tjaala “become tall” or qaama ‘get up’. For the
quires two: most part, however, this definition is a seman-
tic characterization of an already fixed syntac-
(6) a. ?aøtjaa zaydun sjaahib-a-hu tic division of verbs. Sarraj introduces further
gave Zayd friend-acc-his semantic criteria, including verbs which en-
(dirham-an) code a movement towards (harakat li-l-jism)
dirham-acc like qaama ‘stand up’, those which represent
‘Zayd gave his friend (a dirham)’. an innate but physically perceptible quality
b. Îj anna zaydun sjaahib-a-hu (xilqa) like tjaala ‘become tall’, and those
thought Zayd friend-acc-his which represent an inherent state (nafs) like
øaalim-an hasuna ‘be good’. These semantic components,
learned however, potentially cross-classify transitivity,
‘Zayd thought his friend learned’. so that, for instance, the verb ?ataa “come” in
5. Valency-like Concepts in the Arabic Grammatical Tradition 29

?atay-tu zay-dan ‘I approached Zayd’, a verb 1.3. Derivational and analogous forms
of movement towards a body, is transitive Valency relations of the verb carry over to
(mutaøaddiy), on the basis of its accusative participial and verbal noun constructions,
object. That Sarraj (I, 170) notes that verbs though the discussion of these constructions
of the senses (hawaas, like samiøa ‘hear’) are relates more to the case form of the comple-
all transitive might be interpreted as suggest- ments than to valency relations in general, so
ing that such verbs do not fit well in the basic there is not (I believe) so detailed a discussion
semantic definition of transitivity given in these instances as to the range of “objects”
above. Where Sarraj’s semantic definition allowed as with the finite verb. It is largely
correlates better with a syntactic category self-evident (though see Zajjaji Iydj aah,
concerns the class of ditransitives whose two 135 ff.) to the grammarians that related to the
direct objects are obligatory (see 6b). These finite sentence ?akala al-?akl-a “he ate the
are noted all to be verbs which do not affect food” is the participial (?aakil) construction,
the object (I, 180). haaÎaa ?aakil-un al-?akl-a ‘this one will eat
It may be briefly noted that semantic va- the food’, with the direct object (termed
lency (co-occurrence) relations also exist be-
maf øuwl bihi in both cases) in the accusative.
tween the verb and certain other of the object
In this instance the greatest discussion cen-
complements. The absolute object in particu-
ters on aspectual matters relating to different
lar in subject to the general constraint that it
case marking possible on the object, not on
must be cognate to the verb which it is gov-
the range of complements which a participial
erned by in form (in some circumstances
governor allows. Similar considerations ap-
meaning suffices). Thus in (4) the absolute
ply to the passive participle and verbal noun.
object dj arb-an ‘hitting, a hard hitting’ could
Beyond the regular derivational forms are
be added to the sentence, but not, say qiy-
a range of constructions which may be
aam-an “sitting”, which has no formal or se-
termed analogical verbs. These either are not
mantic relation to the verb.
strictly speaking verbs, or are awarded verbal
1.2. “Be” status only by a part of the community of
The verb “be”, kaana has a special status in grammarians. What they have in common is
the Arabic valency concept. Its complements a meaning and a power of governance which
have the same case marking as do transitive likens them to verbs. For instance, øalay- in
verbs (agent ⫽ nominative, complement ⫽ (8) øalay-ka zayd-an
accusative) and its morphology is unmis- on-you Zayd
takeably verbal. ‘You take Zayd’.
(7) kaan-at hind-u ¥aniyy-at-a-n
was-f Hind-nom wealthy-f-acc-indef. is, morphologically, and in normal morpho-
‘Hind was wealthy’. syntactic categorization, a locative noun. In
this instance, however, it has the valency
In other respects, however, it differs from frame of a transitive verb so it takes an accu-
what are termed “true verbs” (al-?af øaal al- sative direct object complement, has the
haqiyqa) in that it has no passive (see 1.4) and meaning of a verb, and is considered to have
it has no inherent lexical meaning, other than assumed the position of a verb (qaam ma-
to distinguish tense. Most importantly, how- qaam al-fiøl). Various classes of words have
ever, kaana is regarded as being imposed a similar status (ism al-fiøl “nominal verb”
upon the basic nominal sentence type (see (see Larcher 1992), as in (8), fiøl at-taøajjub
e. g. (2)), “entering” (daxala) the Topic-Com- “verb of surprise”, niøma, bi?sa ‘how good/
ment structure, and changing only the form
bad’).
of the complements, but not the basic mean-
ing. Accordingly its valency frame is termino- 1.4. Diathesis
logically distinguished by naming the noun
analogous to the agent the “noun” (ism) of Regular changes in the actant structure of
kaana, its complement the xabar. sentences, generally associated with a change
It can be noted that a range of verbs in verb form, were dealt with in various parts
(termed kaana wa ?axawaatuhaa, “kaana and of the Arabic grammar. The most basic rela-
its sisters”) belong to the same class as kaana, tionship was probably the active-passive one.
including ?asjbaha “become”, Îj alla ‘remain’, Actives are implicitly taken as basic, and in
sjaara “become”, maa zaala ‘continue’, laysa passivization the agent is removed (hence a
‘be not’ … common name for the passive construction,
30 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

“the verb whose agent is not named ”, al-fiøl second consonant (samuna/sammana ‘become
allaÎiy lam yusamma faaøiluhu). A promo- fat/make fat’), though as these derivational
tional scale determines which ‘remaining’ ac- correspondences are irregular they are simply
tant takes the position of the agent, thereby listed as one semantic association among oth-
assuming the nominative case of the “repre- ers. A significant number of verbs with the
sentative of the agent”, derived subject, ?a- prefix have the meaning of ‘becoming’
(naa?ib al-faaøil) as it became known after (?a-sjbaha ‘become’, ?a-msaa ‘become eve-
the twelfth century. The scale is direct object ning’), for example. It may be noted, how-
(transitive, di- or tri-) ⬎ absolute object ⬃ ever, that in some later works (e. g. Zamaxsh-
locative object. That is, if a direct object is ari, 257 ff.) the syntactic and morphological
present, it assumes the agent position, there- aspects of diathesis are treated together.
after absolute or locative object. For exam-
ple, if (4) were passivized, the direct object
would be promoted. 2. The Dogma of the Verb and
(9) dj uriba øamr-un yawma al-jumøati … Other Issues
‘Amr was beaten on Friday …’ 2.1. The Verb
Had the original sentence not contained the As will have become clear in this very brief
object øamran, the locative could assume the introduction, valency questions permeate
agentive position: into all reaches of Arabic grammatical prac-
(10) dj uriba yawm-u al-jumøati … tice. While the core of the Arabic tradition
‘On Friday it was beaten …’ centers around descriptive grammar, concep-
tual categories of the type outlined in sec-
It follows that intransitives allow passiviza- tion 1, a not insignificant metatheoretical dis-
tion as well, since they always have a comple- cussion developed around questions relating
ment available (locative or absolute object) to to the status of the categories themselves, and
assume subject status. to the status of the linguistic exponents real-
In the later tradition at least, causative di- izing them. Among the first works of this
athesis, the increase of actants, is not en- genre is Zajjaji’s Iydj aah (Versteegh 1995).
coded in special terminology as is the passive, One important discussion in this direction
though it is described systematically. Thus, which relates directly to valency centers on
given dj araba zaydun øamran ‘Zayd beat the relation between the verb and the accusa-
Amr’, a causative ?adj rabtu zayd-an øamr-an tive case. It was observed that the verb is the
is formed with the meaning ‘I made Zayd governor par excellence of the accusative
beat Amr’. In Sarraj, who is generally repre- case. As seen above, a verbal dependent is
sentative, the double object verb ?adj rab is de- typically governed in the accusative. There
scribed in the chapter headed “the verb are instances, however, where an accusative
which is transitive to two objects” (Sarraj I, appears which is not self-evidently governed
177), and is thus treated conceptually among by the verb. These include the following two
inherently ditransitive verbs like kasaa cases:
‘clothe’ or ?aøtjaa ‘give’.
Systematic correspondences between verb (11) a. Complements of ?inna “indeed”
form and diathetic relations are often treated ?inna zayd-an kariym-un
separately from the syntax, in the morphol- indeed Zayd-acc generous
ogy section (e. g. in Sarraj III, 116 ff.). This ‘Zayd is indeed generous’.
is probably in part because of the traditional
division of description between morphology b. Locative complements in nominal
and syntax, though partly perhaps also due sentences
to the fact that, other than the passive, syn- zayd-un quddaam-a al-bayt-i
tactic diathesis does not correspond com- Zayd-nom in front-acc house-gen
pletely with morphological changes. The pas- ‘Zayd is in front of the house’.
sive verb form is known as the “form of the
unknown” (mabniy or binaa? al-majhuwl). Within the terms of a generalizing framework
Derived verb forms frequently related to an with claims to be able to explain aspects of
increase in actants are duly noted, e. g. those linguistic form, it was argued that in both of
with the prefix ?a- (dj araba ⫺ ?a-dj raba ‘hit, these cases a ‘verbal’ governor or a resem-
make s. o. hit’ above) or those with a doubled blance to a verbal governor in fact motivates
5. Valency-like Concepts in the Arabic Grammatical Tradition 31

the accusative case. In (11b), according to the accusative case’, (Maøaaniy II, 215). None-
standard view (Anbari Insjaaf, 245), there is theless, the categories which he distinguishes
an assumed (muqaddar) verb which had been are generally analogous to those of Sibawaih,
deleted (huÎifa) from the ‘surface’ structure, in this case for instance, the identification of
a verb with the value of ?istaqarra ‘remain’ taraa as a ditransitive verb.
(or the active participle mustaqirr, Lumaø, From its inception, therefore, the Arabic
112). The lexical value is reconstructed from tradition was defined by concepts which by
the syntactic (accusative complement) and se- and large are isomorphic with modern va-
mantic (locative meaning) valency frame of lency grammar. That traditions so separated
the construction. In (11a) it was claimed (Zaj- by time and culture should describe language
jaji Iydj aah, 64, Anbari Insjaaf, 178) that the in similar conceptual terms is cause for reflec-
particle ?inna (along with four other mor- tion.
phemes) has the force of a transitive verb in
a number of respects, for instance it has a
similar form to a perfect verb and it has a 3. Select Bibliography
verbal meaning, namely “assert” (Larcher
1990, 1992 for a pragmatic perspective). In Primary (date of death of author in brackets)
both cases the valency structure of a transi- Al-Farra?, Abu Zakariyya (822). Maøaaniy al-
tive verb is taken as the prototypical frame Qur?aan. Ed. by Mohammad Al-Najar and Atmad
for accusative form. Najatiy. Beirut: øAlam al-Kutub (no date).
2.2. Historical perspective al-Astarabadhi, Radj i l-Din (1286). Sharh Kitaab al-
Kaafiya. Beirut: Dar al-Kutub al-øIlmiyya (no
This exposition is generally representative of date).
Arabic theory as it became fixed in the early
tenth century and thereafter. As noted above, Ibn Al-Anbari, Abu Barakat (1187). Al-?Insjaaf fiy
it is also broadly commensurate with earlier Masaa?il al-Xilaaf bayna l-Nahwiyyiyna l-Basjriyyi-
yna wa l-Kuwfiyyiyna. Ed. by M. øAbd al-Hamid.
grammatical descriptions, such as we know
Beirut: Dar al-Fikr (no date).
of them, though there are differences worth
exploring in systematic detail, such as, with a Ibn Al-Anbari, ?Asraar Al-øArabiyya. Ed. by M. al-
few exceptions (Owens 1990, Talmon 1997), Bitjar, Damascus: Al-Majmaø Al-øIlmi l-øArabi,
has not been done to date. For instance, in 1957.
the earliest grammarian, Sibawaih (I, 10 ff.), Ibn Jinniy, Abu al-Fatt (1002). Al-Lumaø fiy al-
the notion of transitivity (taødiya) was essen- øArabiyya. Ed. by Husayn Sharaf, Cairo: øAlam al-
tial, though in his treatment active and pas- Kutub, 1978.
sive sentences are conflated in ergative-like Ibn al-Sarraj, Abu Bakr (928). Al-?Usjuwl fiy al-
fashion, so that an intransitive verb like Nahw. Ed. by A. al-Fatli. Beirut: Mu?assasat al-
Îahaba ‘go’ was introduced in the same chap- Risaala, 1985.
ter as a passive transitive verb like dj uriba Jurjani, øAbd al-Qahir (1078). (a). Al-Muqtasjid fiy
‘was hit’. In this description both the subject Sharh al-?Iydj aah. Ed. by K. B. al-Murjan.
of an intransitive verb and the object of a Baghdad: Ministry of Culture and Information,
transitive passive verb have in common the 1982.
fact that they are governed in the nominative Jurjani, øAbd al-Qahir, (b) Dalaa?il al-Iøjaaz. Ed.
case by the verb, and that this verb is not by Mohammad Ridj a. Beirut: Dar al-Maørifa,
transitive to an object complement. In Siba- 1978.
waih, as opposed to later treatments (see Mubarrad (898). al-Muqtadj ab. Ed. by M. al-Xaliq
above), the object was not promoted to sub- øUdj ayma. Beirut: øAlam al-Kutub (no date).
ject or subject-like status.
Sibawayhi, Ibn øUthman (793). Al-Kitaab. Ed. by
Though no extant grammars of his exist,
H. Derenbourg. Hildesheim: Georg Olms, 1970.
the work of Farra?, the only other very early
grammarian for whom a large corpus exists, Ibn Ya‘ish, Muwaffaq al-Dı̂n (1228). Sharh al-Mu-
is also worth mentioning. His opus magnum fasjsjal, Vol. 1⫺10. Cairo: Maktaba al-Mutanabbi
is a textual study of various aspects of the and Beirut: øAlam al-Kutub, n.d.
Qur?aan, many of the topics being of linguis- Zajjaji, Abu l-Qâsim (949). Al-?Iydj aah fı̂ øIlal al-
tic nature. His descriptions are often less Nahw. Ed. by Mazin al-Mubarak, Beirut: Dar al-
technical than Sibawaih, for instance the verb Nafa’is, 1979.
taraa ‘you see, consider’ is said to ‘require Zamaxshari, Abu l-Qasim (1154). Al-Mufasjsjal fı̂ l-
two things’, not two objects, ‘to put in the øIlm al-øArabi. Beirut: Dar al-Jil, n.d.
32 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

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6. Valenzverwandte Ansätze in Humanismus und Aufklärung:


ein Überblick

1. Der Kontext der Entwicklung der tiken Autoritäten Aelius Donatus (4. Jh.) und
europäischen Sprachwissenschaft Priscianus (6. Jh.) überlieferten Kategorien-
2. Zum Valenzbegriff in der Tradition systems und b) als Anwendung bzw. Vermitt-
der Grammatik lung dieses Systems im Sprachunterricht an
3. Exemplarische Valenzansätze in
Renaissancegrammatiken
höheren Schulen und Universitäten. Im Kern
4. Valenzbeschreibungen in Grammatiken umfaßt die Grammatik die Lehre von den
der Aufklärung Wortarten (partes orationis) und Ansätze zur
5. Literatur in Auswahl Syntax (de constructione), die aber im allge-
meinen nur Probleme der Kongruenz bzw.
Konvenienz der Wörter im Satz, also typische
1. Der Kontext der Entwicklung der Erscheinungen stark flektierender Sprachen
europäischen Sprachwissenschaft behandeln. Tatsächlich bleiben viele Arbeiten
zu dieser Grammatik, vor allem im pädagogi-
Sieht man von anderen sprachtheoretisch in- schen Bereich, in der Wortartenlehre stecken.
teressanten Fragen wie nach dem Sprachur- Probleme der Wortgruppensyntax (z. B. Rek-
sprung, der Vielfalt sprachlicher Ausprägun- tion, Transitivität, vgl. auch Helbig 1978,
gen oder dem Sprachwandel (exemplarisch in Hopper/Thompson 1980) werden oft integ-
Dantes Programmschrift De vulgari eloquen- riert bei den einzelnen Wortarten, d. h. unter
tia, entstanden ca. 1305, Erstdruck 1577) ab, bestimmten Akzidentien (z. B. Kasuslehre,
so konzentrieren sich die sprachwissenschaft- Verbdiathese, species von Verben) behandelt.
lichen Bemühungen des späten Mittelalters Objekt- und zugleich Leitsprache ist noch un-
vor allem auf das Gebiet der Grammatik, die eingeschränkt Latein, das zudem als wissen-
in zwei Erscheinungsformen präsent ist: a) als schaftliche Interlingua und grammatische
philosophische Begründung des durch die an- Metasprache gilt. Hinweise auf andere Spra-
6. Valenzverwandte Ansätze in Humanismus und Aufklärung: ein Überblick 33

chen haben meist nur erklärende und/oder di- Strukturen im Satz die Ausstattung einzelner
daktische Funktion. Elemente von Wortklassen (vornehmlich der
Mit Renaissance und Humanismus ändert Verben) mit bestimmten grammatischen, se-
sich das Bild: Denn erstens werden nun ⫺ im mantischen und/oder pragmatischen Umge-
Rahmen übergreifender Säkularisations- und bungen und sie gehört zu den in der Gram-
Pragmatisierungsprozesse ⫺ die sog. Volks- matik zu beschreibenden Regelhaftigkeiten
sprachen (linguae vulgares) um ihrer selbst der Wortfügung und Satzkonstruktion. Va-
willen interessant und zunehmend Gegen- lenzen werden daher entweder in Wörterbü-
stand grammatischer Kultivierung, wobei ge- chern aufgeführt, als prinzipielle syntagmati-
zielt auf in der Antike entwickelte Sprach- sche Möglichkeit in der Lexikologie erläutert
richtigkeits- und Klassizitätsmodelle (z. B. oder als hierarchische Strukturen in Synta-
Varro, Quintilian, vgl. Siebenborn 1976) zu- xen entwickelt.
rückgegriffen wird; und zweitens verlagert Valenzbeobachtungen lagen zunächst zum
sich der Schwerpunkt grammatischer Bemü- Verb vor, dessen konstitutive, strukturbil-
hungen deutlich von der Systemtheorie der dende Leistungen in Sätzen schon früh be-
Grammatik auf die deskriptive Erfassung merkt wurden. Konkreter Ausgangspunkt al-
einzelner Sprachen (Percival 1975, Padley ler frühneuzeitlichen Diskussionen von va-
1985, 1986, Cherubim 2001a), an denen die lenzähnlichen Erscheinungen sind jedoch die
tradierte Systematik überprüft und ⫺ gegebe- Beobachtungen und Diskussionen, die in der
nenfalls ⫺ modifiziert werden kann. Die lateinischen Tradition und deren (spätantiken
Folge davon ist eine die Entwicklung der und mittelalterlichen) Kommentierungen zu
neuzeitlichen Sprachwissenschaft bestim- finden waren. An erster Stelle ist hier die In-
mende, neue Zweiteilung der Aufgaben des stitutio grammatica des Priscianus (Gramm.
Grammatikers, die allerdings in der Praxis Lat., rec. H. Keil, Bde. II, III) zu nennen, die
nicht immer durchzuhalten war: (1) Rechtfer- auch eine relativ ausführliche Syntax (lib.
tigung der Prinzipien (rationes) der gramma- XVII, XVIII) enthält, welche sich wiederum
tischen Organisation von Sprachen, vor allem ausdrücklich an der älteren griechischen Syn-
durch die Entwicklung einer allgemeinen oder tax des Apollonios Dyskolos (Gramm.
universalen Grammatik, die zunächst die phi- Graec., rec. G. Uhlig Bd. II, 2) orientiert.
losophischen Ansätze des Mittelalters auf ei- Einschlägig sind hier vor allem die jeweiligen
ner anderen Ebene fortführt (z. B. bei Julius Ausführungen zum Satzbegriff und zur Ziel-
Caesar Scaliger, vgl. Jensen 1990), dann aber setzung der Syntax einerseits, andererseits die
neue philosophische Begründungen, z. B. in in den Verb- und/oder Syntaxkapiteln vorge-
den Systemen von R. Descartes, Ch. Wolf oder nommene Explikation der Begriffe unter-
I. Kant, sucht (vgl. Salus 1976, Lenders 1976, schiedlicher Verbklassen oder -typen. So ist
Naumann 1986, 46 ff.); (2) eine vornehmlich es ja für die Beobachtung dieser Erscheinun-
auf literarische Texte gestützte Analyse der gen nicht unerheblich, ob man, wie Apollo-
Struktur einzelner Sprachen, zunächst im In- nios (A, 14) und Priscian (XVII, 12), grund-
teresse kulturpatriotischer und bildungspoli- sätzlich von einer zweipoligen Satzstruktur
tischer Konzepte (Hauptsprachenidee, Stan- (mit nominalem und verbalem Kern) aus-
dardisierung, vgl. Huber 1984), später auch geht, deren Zusammenhang durch kategori-
als Teil kulturgeschichtlicher, anthropologi- elle Angleichung (Kongruenz; Apollonios:
scher oder naturhistorischer Modellierungen katallhlo¬thw) gesichert wird, so daß z. B.
(z. B. bei Johann Christoph Adelung, vgl. subjektlose (z. B. impersonale) oder subjekt-
Bahner 1984). Versuche, beides (Linguistik aussparende Konstruktionen (z. B. Antwor-
und Philologie) miteinander in Einklang zu ten auf Fragen) nur als spezifische Abwei-
bringen, lassen sich bereits in der Barockzeit chungen von diesem Grundmodell erschei-
(z. B. in den Werken von Gerardus Johannes nen. Und natürlich ist es für eine Gramma-
Vossius, vgl. Leonhardt 2001), erkennen. tik, deren Zielvorgabe das recte loqui bzw.
recte scribere sein soll, wesentlich, die Regeln
zu beschreiben, die abweichende Kasus- oder
2. Zum Valenzbegriff in der Tradition Präpositionalkonstruktionen (Rektion) bei
der europäischen Grammatik bestimmten Verben verhindern. Erscheinun-
gen, die sich mit den Begriffen Transitivität/
Valenz gilt ⫺ auch heute noch ⫺ als Phäno- Intransivität verbinden lassen, verweisen je-
men zwischen Lexik und Grammatik: Sie be- doch noch auf einen anderen Kontrollbegriff,
trifft innerhalb der Darstellung gerichteter der hier eine Rolle spielt: den Begriff der
34 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Vollständigkeit von Sätzen oder Phrasen durch zahlreiche Ausgaben und eine große
(Priscian XVII, 3: oratio perfecta, Apollonios Verbreitung, (iii) deutliche Bezugnahme auf-
A, 1: ayœtotelh¡w lo¬gow), der letztlich auf lo- einander sowohl in positiver (Übernahme)
gisch-semantische Diskussionen der stoischen wie in negativer Form (Kritik, Ablehnung).
Grammatik zurückweist (vgl. Pohlenz 1964, Dem entspricht auch der Befund zu Va-
47 f., Döring/Ebert 1993), aber auch in mo- lenzansätzen bei einzelnen Autoren. So fin-
dernen Grammatiken und in den heutigen den sich in Vallas Elegantiae (weniger eine
Valenzsyntaxen noch eine wichtige Funktion Stillehre als ein grammatischer Kommentar,
hat. vgl. Ax 2001b, 33) nur unsystematische va-
Neben diesen systematischen Ansätzen in lenzrelevante Beobachtungen sowohl in den
den Grammatiken sind aber auch Beobach- grammatisch-syntaktischen Büchern, vor al-
tungen zu nutzen, die ⫺ gleichsam als Kom- lem in den Kapiteln über die Verben (II, 22⫺
plemente normativer Beschreibungen oder im 24; III, 23 [Verbkongruenz], 45 f. [Kasusrek-
stilistischen Anhang deskriptiver Grammati- tion]) wie in den lexikalisch-semantischen Bü-
ken ⫺ in (oft lexikalisch orientierten) Samm- chern, die sich, wie Ax (2001b, 37 ff.) hervor-
lungen von Anomalien, Sprachverstößen, hebt, an der Tradition der lateinischen Glos-
Zweifelsfällen usw., also im sog. pathologi- sographie orientieren, und hier vor allem un-
schen und antibarbarischen Schrifttum ent- ter dem Aspekt der Bedeutungsdifferenz von
halten sind und die über das usuell Zulässige Verben (Buch V). In ähnlicher Weise geht
oder systematisch zu Fordernde hinaus wei- Niccolò Perotti in seinen Rudimenta gramma-
tere Strukturmöglichkeiten der jeweils unter- tices (Erstdruck 1473) im Syntaxteil noch von
suchten Sprachen sichtbar machen können der Konstruktion der partes orationis aus,
(vgl. auch Cherubim 2001c). kommt aber bei der Behandlung der Verben
schon zur Einteilung von semantisch moti-
vierten Konstruktionsklassen (ordines verbo-
3. Exemplarische Valenzansätze in rum), die auf einer Abhängigkeitsrelation ba-
Renaissancegrammatiken sieren und damit eine Art „konzeptuelle Ähn-
lichkeit“ zu modernen valenzsyntaktischen
Eine systematische Analyse des sehr umfang- Modellen aufweisen (Worstbrock 2001, 69,
reichen grammatischen Schrifttums in Re- Anm. 40).
naissance und Humanismus auf den Spuren Relativ wenig für die Beschreibung von
valenzverwandter Ansätze liegt bisher nicht Valenzerscheinungen gewinnt man aus Julius
vor und ist auch nur schwer vorstellbar. Caesar Scaligers sonst so zentralem Werk De
Schon Längsschnittuntersuchungen zur Be- causis linguae Latinae (Erstdruck 1540), zu-
handlung spezifischer grammatischer Kate- mal dort nur ein minimaler Syntaxanteil (eine
gorien oder Teilsysteme einzelner Sprachen Art syntax figurata: Buch XII) geboten wird.
(vgl. Golling 1903, Jellinek 1914) sind eher Wie bei Valla handelt es sich auch hier um
selten und im Ansatz problematisch. So ist einen grammatischen Kommentar, der sich
hier nur eine exemplarische Betrachtung zwar am klassischen Aufbau der Elementar-
möglich. Für den zunächst zu betrachtenden grammatik (vom Laut zum Satz) orientiert,
Zeitraum seien die Grenzen einerseits durch aber nur bestimmte diskussionswürdige
Lorenzo Vallas berühmte Abhandlung De Probleme auswählt. Denn vorrangiges Ziel
Elegantia linguae Latinae (entstanden ca. der Darstellung ist die Bloßlegung der Irrtü-
1441, Erstdrucke 1471), andererseits durch mer (errores) und die Aufklärung der Unklar-
Gerardus Johannes Vossius’ barockes Werk heiten (tenebrae) früherer Grammatiker bzw.
De arte grammatica (1635) markiert (vgl. die Erläuterung der Prinzipien (rationes)
Cherubim 2001b, 133 ff.). Dazwischen ent- grammatischer Strukturanalysen auf der Ba-
standen vor allem für das Lateinische, aber sis der aristotelischen Philosophie (Jensen
zunächst nur vereinzelt auch für einige Volks- 1990, Cherubim 2001b). Lediglich in den Aus-
sprachen (z. B. für das Spanische schon 1492, führungen über das Verb (bes. V, 110, 123 f.)
in Deutschland erst seit ca. 1570) bedeuten- findet man, wie schon bei Perotti, eine Dis-
dere grammatische Werke, die übergreifend kussion spezifisch syntaktischer und semanti-
durch folgende Merkmale gekennzeichnet scher Verbklassen (z. B. Transitiva vs. Abso-
werden können (vgl. Parret 1976, Padley luta [⫽ Intransitiva], Impersonalia usw.), der
1985, 1988): (i) nachhaltige Orientierung an Verbdiathesen und verwandter Erscheinun-
der erneuerten grammatischen Tradition gen, innerhalb dessen ⫺ wenn auch nur an-
(bes. Donat und Priscian), (ii) starke Präsenz satzweise und primär unter logischen [tiefen-
6. Valenzverwandte Ansätze in Humanismus und Aufklärung: ein Überblick 35

strukturellen] Aspekten ⫺ Fragen der Voll- 4. Valenzbeschreibungen in


ständigkeit von Konstruktionen oder der Grammatiken der Aufklärung
Verbkomplemente behandelt werden (vgl.
auch Chevalier 1968, Helbig 1982). Im Zentrum der Aufklärungsepoche steht der
Interessanter und ergiebiger für diese Fra- Begriff der Rationalität. Auf die ratio als
gestellung ist die Arbeit eines spanischen Hu- sprachtheoretischen Kontrollbegriff hatten
manisten, die sich in Titel und Intention eng sich aber auch schon die Grammatiker des
an Scaliger anschließt, Franciscus Sanctius’ 16. Jhs. berufen. Freilich waren die Konzepte
Minerva seu de causis linguae Latinae com- nicht dieselben. Bei dem deutschen Barock-
mentarius (Erstdruck der Endfassung 1587). grammatiker Justus Georg Schottelius wird
Diese grammatische Abhandlung, deren ge- diese ratio z. B. im Sinne des antiken Analo-
radezu prästrukturalistischer Formalismus giebegriffs verstanden, bei dem Spätaufklärer
auf die grammatischen Konzeptionen Scali- Johann Christoph Adelung im Sinne des Sen-
gers und des französischen Humanisten Pe- sualismus. Weitreichender sind noch die Ra-
trus Ramus zurückgeht (vgl. Vogt-Spira tionalitätskonzepte der verschiedenen philo-
2001, 178), ist vor allem wegen ihres domi- sophischen Schulen, an denen sich die zahl-
nanten Syntaxanteils und der ungewöhnlich reichen allgemeinen Grammatiken der Aufklä-
rung (vgl. Brekle 1992 ff.) orientierten. De-
breit angelegten Ellipsenbehandlung bekannt
pendenz- oder valenzsyntaktische Ansätze
(vgl. auch Breva-Claramonte 1983), wobei
der Zeit sind also jeweils in ganz unterschied-
letztere wiederum von einem anderen Hu- liche Rahmen zu stellen.
manisten und dessen maßgeblicher Arbeit, Als Ausgangspunkt rationalistischer Gram-
Thomas Linacres De emendata structura La- matiken wird oft die Grammaire générale et
tini sermonis (Erstdruck 1524), bestimmt ist raisonnée (Erstdruck 1660) von Antoine Ar-
(vgl. auch Percival 1976). Auffällig ist hier die nauld und Claude Lancelot genommen. R.
Gewichtung: Nur Buch I entspricht im Auf- Lakoff (1976, 364) zeigt jedoch, wie sehr sie
bau der typischen Elementargrammatik (in der Konzeption von Sanctius’ Minerva ver-
manchen Ausgaben, z. B. der 6. Ausgabe, pflichtet ist. Wie schon ihre Vorläufer geht
Amsterdam 1754, zusätzlich als Anhang prä- diese Grammaire de Port-Royal von einem
sent), während die Syntaxbücher (II und III) engen Zusammenhang von Logik und Gram-
den Kern des Werkes ausmachen. Hierin geht matik aus: Beide sind Formen des Denkens,
Sanctius wie Priscian und Apollonios von der wobei die verschiedenen Sprachen eben nur
Zweipoligkeit der Satzstruktur (oratio aus no- verschiedene formale Ausprägungen dieses
men und verbum) aus und führt als Grundbe- Denkens zeigen. Eine solche Bestimmung
griffe concordia (⫽ Kongruenz) und rectio von Sprache motiviert die Vorstellung von ei-
(hier weiter gefaßt: III, 1) ein, wobei auch ner Differenz zwischen abstrakten, zugrunde-
schon der Begriff der Abhängigkeit (pendere) liegenden und konkreten, im Ausdruck reali-
als Entsprechung zur rectio benutzt wird. So- sierten Strukturen, was auch für die Beschrei-
wohl die Kapitel über die Konstruktion der bung von Valenzphänomen wichtig ist. Denn
Nomina (Kasusrektion: II, 1⫺7) wie über die so fallen sie in das Gebiet der Semantik (sig-
Konstruktion der Verben (Verbklassensyn- nification) und werden in traditioneller Ma-
tax: III, 1⫺4) und Präpositionen (III, 12) ent- nier bei der Behandlung der Nomina (⫽ Ka-
halten Beobachtungen, die für moderne Va- sussemantik: II, 6) und Präpositionen (II, 11),
andererseits bei der Darstellung der Verben
lenzanalysen interessant sind. Und dies gilt
(II, 13) exemplifiziert. Bei letzteren geht es
auch für die im letzten Buch (IV, 2⫺7) ange-
auch hier wieder um die bekannten Erschei-
botene, ungewöhnliche Ellipsendiskussion, nungen (Verbdiathese, Neutra, Impersona-
die unter dem Oberbegriff der figurae con- lia), nur daß immer wieder auf den Unter-
structionis (d. h. Abwandlungskonstruktio- schied von generellen (⫽ universalen) und
nen) steht und damit in den Zusammenhang speziellen (⫽ einzelsprachlichen) Regeln hin-
der Pathologie in der antiken Grammatik ge- gewiesen wird. Die Syntax (II, 24) geht eben-
hört. Andere bedeutende Beiträge der gram- falls wie in der Tradition von den Begriffen
matischen Diskussionen in Renaissance und convenance und regime aus, erstere wird je-
Humanismus (z. B. Melanchthons oder der doch als naturelle (universal), letzterer als „en
Sanctiusschüler Schoppe [Scioppius] und usage presque partout“ verstanden, weswe-
Voss[ius]) wären auf diesem Hintergrund gen nur begrenzt maximes generales ange-
ebenfalls interessant. nommen werden können. Im Anhang zum
36 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Syntaxkapitel findet sich eine Figurenlehre, (⫽Abhandlungen der Sächsischen Akademie der
die sich ebenfalls an Sanctius orientiert und Wissenschaften zu Leipzig. Phil.-hist. Kl. 70/4).
wiederum die Differenz zwischen Grund- Berlin.
strukturen (l’ordre naturel) und kommunika- Baum, Richard (1976): ‘Dependenzgrammatik’.
tiv bedingten Abwandlungen betont, somit Tesnières Modell der Sprachbeschreibung in wissen-
pragmatische Bedingungen von Valenzregeln schaftsgeschichtlicher und kritischer Sicht. Tü-
bingen.
thematisiert.
Ein echter Vorläufer moderner Valenzmo- Brekle, Herbert Ernst u. a. (Hgg.) (1992 ff.): Biblio-
delle ist Johann Werner Meiners Versuch ei- graphisches Handbuch zur Sprachwissenschaft des
18. Jahrhunderts. Die Grammatiker, Lexikographen
ner an der menschlichen Sprache abgebildeten
und Sprachtheoretiker des deutschsprachigen Rau-
Vernunftlehre […] (Erstdruck 1781). Auffällig mes mit Beschreibungen ihrer Werke. [bisher] 7
ist hier schon die Dominanz der Syntax in Bde. Tübingen.
dieser Philosophischen und Allgemeinen
Breva-Claramonte, Manuel (1983): Sanctius’ Theory
Sprachlehre, was wiederum an Sanctius erin- of Language (Studies in the History of Linguistics
nert. Im Unterschied zur Tradition hält er 27). Philadelphia.
das Prädikat für den „vornehmsten Teil des
Cherubim, Dieter (2001a): Schottelius and Euro-
Satzes“ und stellt dessen strukturbildende pean traditions of grammar. In: Kniffka, Hannes
Potenz im Bild eines Sprachbaums dar. Auch (ed.) (2001): Indigenous grammar across cultures.
er betont den Unterschied zwischen universa- Frankfurt/M. etc., 559⫺574.
len und einzelsprachlichen Regeln und entwi- Cherubim, Dieter (2001b): Von den Aufgaben des
ckelt ein ganzes Inventar valenzsyntaktischer Grammatikers. Zu Julius Caesar Scaligers ‘De cau-
Begriffe, das leider von den Grammatikern sis linguae Latinae’ (1540). In: Ax, Wolfram (Hg.)
nach ihm nicht mehr genutzt wird (vgl. Erben (2001a), 125⫺146.
1978, Naumann 1990). Denn trotz der positi- Cherubim, Dieter (2001c): Pathologia Linguae. Die
ven Aufnahme seines Versuchs durch Johann ‘Krankheiten’ der Sprache und deren Remedur. In:
Christoph Adelung bleibt dieser, wie auch Burkhardt, Armin/Cherubim, Dieter (Hgg.) (2001):
seine bedeutenderen Vorgänger (z. B. Johann Sprache im Leben der Zeit. Beiträge zur Theorie,
Christoph Gottsched) noch ganz der traditio- Analyse und Kritik der deutschen Sprache in Vergan-
nellen Konzeption von der zweipoligen, am genheit und Gegenwart. Helmut Henne zum 65. Ge-
logischen Urteil orientierten Satzstruktur burtstag. Tübingen, 427⫺447.
verhaftet, auch wenn er in seinem Umständli- Chevalier, Jean Claude (1968): Histoire de la syn-
chen Lehrgebäude der Deutschen Sprache […] taxe. Naissance de la notion de complément dans la
(Erstdruck 1782) bei der Behandlung der un- grammaire française (1530⫺1750). Genève.
terschiedlichen Verbkonstruktionen im Wort- Döring, Klaus/Ebert, Theodor (Hgg.) (1993): Dia-
artenteil (I, 2, 7) ebenso wie bei der Behand- lektiker und Stoiker. Zur Logik der Stoa und ihrer
lung der Verbrektion im ausführlichen Syn- Vorläufer. Stuttgart.
taxteil neue detaillierte Beobachtungen zu ge- Erben, Johannes (1987): Über „Kopula“-Verben
richteten Relationen im deutschen Satzbau und „verdeckte“ (kopulalose) Ist-Prädikationen,
zugleich ein Beitrag zur Theorie der Valenz und ih-
zusammenträgt. Eine Valenztheorie ist auf
rer Geschichte. In: Moser, Hugo/Rupp, Heinz/Ste-
dieser Basis zwar angedacht, aber selbst da, ger, Hugo (Hgg.): Deutsche Sprache: Geschichte
wo bereits der Terminus Dependenz genutzt und Gegenwart. Festschrift für Friedrich Maurer
wird (z. B. in August Ferdinand Bernhardis zum 80. Geburtstag. Bern/München, 75⫺92.
Anfangsgründe der Sprachwissenschaft, 1805) Golling, Josef (1903): Einleitung in die Geschichte
grundsätzlich noch nicht möglich. der lateinischen Syntax. In: Landgraf, Gustav
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schaft. München, 105⫺117. 1850. In: Parret, Herman (Hg.) (1976), 85⫺101.
Naumann, Bernd (1986): Grammatik der deutschen Siebenborn, Elmar (1976): Die Lehre von der
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7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits-


und Valenz-Konzepts

Einleitung mischen oder dramaturgischen) Intuitionen


1. Grundannahmen zur Dependenz und Valenz leiten lassen, ohne sich einen formalen
2. Formales Instrumentarium zur Beschreibung Zwang auferlegen zu müssen. Negativ ist:
der Valenz-Struktur Wenn man diese Intuitionen nicht in ein Pro-
3. Die pragmatisch-kognitive Modellierung
der Verbvalenz als holistische Struktur:
krustesbett überkommener syntaktischer
das Verb-Holon-Modell Formalisierungswerkzeuge betten will, muss
4. Das Abhängigkeitskonzept in der man mühsame Maßarbeit für eine geeignete
mathematischen Rekonstruktion mathematische und logische „Einbettung“
5. Literatur in Auswahl leisten. Denn Dependenz und Valenz stellen
Ansprüche an ein mathematisches „Ambi-
ente“, das mit den sperrigen Versatzstücken
Einleitung der extensionalen Struktur-Mathematik (cf.
2.1 und 3.1.1 f.) nur schlecht zu zimmern ist.
Bei der Konzipierung der Strukturalen Syn- Aber die Mühe lohnt sich, wenn sich schließ-
tax hat ihrem Erfinder Lucien Tesnière sicher lich zeigt, dass beide in einem holistischen
weder Mathematik noch Logik Pate gestan- Bett am ehesten zusammenfinden.
den. Dies hat sein Positives und sein Negati- Zunächst sollen die grundlegenden Intui-
ves. Positiv daran ist: Tesnière konnte sich tionen und Konzepte Tesnières zu Dependenz
von seinen kreativen linguistischen (oder che- und Valenz in einer mathematischen Sprache
38 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

formuliert werden (1.2⫺1.5). Anschließend Dies widerspricht eigentlich der Grundidee


wird dazu ein formales Instrumentarium ein- einer syntaktischen Theorie und man ist ge-
geführt (2), das zu einer pragmatisch-kogniti- neigt, Tesnières Ansatz als defizitär einzustu-
ven Rekonstruktion verwendet wird (3). fen, jedenfalls solange man die Strukturale
Schließlich wird gezeigt, welche linguistischen Syntax als syntaktische Theorie ansehen will.
Einsichten sich aus dieser Modellierung erge- Daher soll schon hier gesagt sein, dass man
ben (4). meines Erachtens Tesnières Anliegen besser
Das Ergebnis der Rekonstruktion wird versteht, wenn man sein Programm nicht als
sein: Im Gegensatz zum Aufbau von Tes- Syntax-Theorie versteht, sondern die fol-
nières Buch, in dem dem Dependenz-Begriff gende Arbeitshypothese vertritt: (AHYP) Die
gegenüber der Valenz der Vorrang einge- Strukturale Syntax zeigt den Aufbau eines
räumt wird, liefert die Valenz die übergeord- Semantik-Konzepts, das nicht die lexikalische
nete Strukturierung, während die Dependenz Bedeutung erfassen will, sondern die kompo-
eine untergeordnete, fast marginale Rolle sitionellen semantischen Bedingungen der ka-
spielt. Dies ist nicht so sehr eine Eigenheit tegoriellen Verknüpfungen im Satz. Das ist
dieser Modellierung als vielmehr der Vor- der Dependenz-Aspekt. Diese Semantik wird
schlag eines Auswegs aus den vielen „ausweg- aber zusätzlich unter kognitive Forderungen
losen“ Diskussionen um die Art und Rich- gestellt, die einen holistisch-funktionalen
tung der Dependenz-Beziehung. Der Vor- Überbau verlangen. Das ist der Valenz-As-
schlag hat zudem noch den Vorteil, die De- pekt.
pendenz mit der Valenz-Auffassung verträg- Diese Auffassung zu modellieren und zu
lich zu machen. Der Grund für die geringe begründen, wird das Anliegen der mathema-
Theoriefähigkeit des Dependenz-Begriffs er- tisch-logischen Rekonstruktion sein (vgl. z. T.
gibt sich daraus, dass der Ansatz des Kon- Heringer 1993a, 299). Im Folgenden sollen
zepts schon bei Tesnière selbst nicht operatio- die Rahmen-Annahmen (1.2) und die spezifi-
nalisiert werden kann (cf. 1.2, 4.2.1). sche Ausfüllung, die Tesnière vorschlägt,
voneinander getrennt werden (1.3⫺1.5). Der
Zweck dieser Trennung ist es, Modifikatio-
1. Grundannahmen zur Dependenz nen und Weiterentwicklungsvorschläge da-
und Valenz nach zu beurteilen, welchen der beiden Berei-
che sie betreffen.
1.1. Tesnières Absicht ist zu beschreiben, wie
ein Sprecher einen Gedanken in einen Satz 1.2. Die Wahl des Regeltyps
umwandelt bzw. wie ein Hörer die Links-
1.2.1. Wahl 1: Der Zusammenhang zwischen
Rechts-Abfolge eines Satzes zu einem Gedan-
Wörtern im Satz wird als zweistellige
ken umorganisiert (1: 7⫺10) (Die Angaben
Beziehung zwischen Wörtern konzi-
dieser Art beziehen sich auf Kapitel in Tes-
piert: als Konnexion CNX.
nière 1959 bzw. 1980). Tesnière gibt selbst
keine Regeln zur Überführung eines Satzes in Alle semantischen Beziehungen in einem Satz
einen Gedanken an. Er stellt eine baumartige werden auf Paar-Beziehungen zwischen
Struktur für die Gedanken-Organisation vor, Wortkategorien C und C⬘ abgebildet. Tes-
die er Stemma nennt. Dieses Verfahren, bei nière nennt sie „Konnexionen“ (im Fol-
Satz-Beispielen, statt die Regelanwendung genden als CNX (C, C⬘) bezeichnet). Der
vorzuführen, jeweils gleich den Ergebnis- Gesamtzusammenhang im Satz wird dadurch
Baum zu zeichnen, wird in 1.2.3 und 4.2.1 hergestellt, dass Konnexions-Paare mitein-
hinterfragt. ander „verkettbar“ sein sollen, d. h. wenn
Die formale Rekonstruktion der Struktu- U und V miteinander konnektiert sind
ralen Syntax muss versuchen, ein Kriterium CNX (U, X), dann soll es ein weiteres kon-
für die Struktur eines wohlgeformten Gedan- nektiertes Paar CNX (V, W) geben, das an
kens anzugeben, das allerdings bei Tesnière CNX (U, X) angehängt werden kann (entwe-
nur implizit vorhanden ist (6: 2 ff., 7: 6 ff.). der durch W = U oder durch X = V).
Die sonst in der Syntax übliche Frage nach Die Konnexion zwischen zwei Kategorien
den Regeln der Wortfolge kann schon deswe- wird von Tesnière ohne Begründung postu-
gen nicht Ziel der Strukturalen Syntax sein, liert. D. h. er gibt keine syntaktische (oder se-
weil Tesnière von der nur semiotisch oder mantische) Begründung seiner Wahl an (cf.
physikalisch bedingten Links-Rechts-Abfolge 2.1 ff.). Sie ist auch nicht begründbar, weil
im Satz gerade wegkommen möchte (7: 4 ff.). dieser Grundpfeiler der Dependenzgramma-
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 39

tik auf einer semiotischen Fallacy beruht (cf. Betrachtung ausgewählt. (Nach Wahl 2 gibt
4.2.1). Diese Nicht-Fundierbarkeit des De- es dann genau eine Kategorie C⬘, die mit C
pendenzbegriffs ist die Ursache für die Fülle in CNX-Beziehung steht (d. h. CNX (C, C⬘))
der Diskussionen, die auch der Anlass zu die- bzw. die cnx-Funktion erfüllt: C⬘ = cnx (C).)
sem Handbuch ist. Die Regel zur Stemmabildung lautet dann:

1.2.2. Wahl 2: Die Relation CNX ist eine (RG.SB) Wenn es in der Links-Rechts-Um-
Funktion (im Folgenden „cnx“ ge- gebung zu w genau ein anderes
nannt). Wort w⬘ (mit der Kategorie C⬘)
gibt, dann kann man die Stemma-
Die Funktion cnx ordnet jeder Kategorie aus linie w J w⬘ erzeugen.
einer bestimmten Kategorien-Menge eindeu-
tig eine andere Kategorie zu (3: 1), d. h. zu Das Stemma zu SK ist dann wohlgeformt,
jeder Kategorie X gibt es genau eine Katego- wenn die Regel auf alle Wörter im Satz SK
rie Y, die zu X „gehört“. Inhaltlich heißt das: angewandt worden ist und alle dabei erzeug-
Tesnière fasst die Organisation eines Satzes ten Stemmalinien miteinander nach Wahl 2
so auf, dass man aus der Kenntnis der Kate- (1.2.2) verbunden sind. Das so erstellte
gorie C eines Wortes folgern kann, welche Stemma erfüllt auch das oben angegebene
weitere Kategorie C⬘ im Satz durch ein Wort Kriterium (WFB). Aber die Anordnung von
vertreten sein muss: cnx (C) ⇒ C⬘. Dies hat unten nach oben ist hier kein Teil der Regel.
einen entscheidenden Vorteil für den Hörer Denn es handelt sich um eine zusätzliche
eines Satzes, denn er kann bei jedem Wort nicht-essentielle semiotische Konvention (und
eine bestimmte weitere Kategorie und deren diese darf auch nicht essentiell eingebracht
Besetzung erwarten. Dadurch wird die intui- werden, weil sich daraus semiotische Fehl-
tive Abarbeitung der Wortinformationen er- schlüsse ergeben (cf. 4.2.1)).
leichtert (cf. 1.2.3). Im Folgenden wird der oben voraus-
Anm.: Die funktionale Zuordnung wird im gesetzte Sachverhalt abkürzend auch so
Folgenden immer mit dem asymmetrischen formuliert: Wenn in SK die Kategorie C (mit
„⇒“ bezeichnet und nicht mit dem symmetri- w) besetzt ist, dann muss die Kategorie
schen „=“, da das in der Mathematik in die- C⬘ = cnx (C) auch besetzt sein. – Dabei ist
sem Zusammenhang verwendete Gleichheits- der Begriff „besetzte Kategorie folgenderma-
zeichen fehl am Platz ist, wenn es um die ßen definiert: in einer Satzkette SK ist eine
Ausführung einer Funktion oder Operation Kategorie C besetzt, wenn es mindestens ein
geht (cf. 2.1 (KR1)). Wort w in SK gibt, das zu der Kategorie C
Aus Wahl 2 ergibt sich die hierarchische gehört. Dafür schreiben wir: „In SK:
Anordnung der Kategorien im Satz (eine *C: ⫹+“ bzw. bei Kenntnis des besetzenden
Baumstruktur). D. h. es gibt mehrere unterste Wortes w: „in SK: *C: w+“.
(Ausgangs-)Kategorien, die alle in einer ober- Das besondere Merkmal dieses „Regelsys-
sten Kategorie zusammenlaufen (die dann die tems“ ist dies: der Zusammenhang im Satz
Rolle des Satzrepräsentanten übernimmt: bei SK muss nicht zwischen den Wörtern, son-
Tesnière nicht die Kategorie des Satzes, son- dern zwischen den Kategorien hergestellt wer-
dern die des Verbs). den, die in SK besetzt sind. D. h. welche Wör-
Die Wohlgeformtheits-Bedingung lässt sich ter die Kategorien besetzen, ist unwesentlich.
dann (nicht-formal) so angeben: Strukturbestimmend ist nur die Bedingung,
dass es ein Wort geben muss, das die Katego-
(WFB) Ein von einem Sprecher konstruier- rie besetzt. Oder anders ausgedrückt: das vir-
ter Satz ist für einen Hörer wohlge- tuelle Stemma, d. h. das Stemma, das nur die
formtheit, wenn er zu allen Wörtern Kategorienangaben enthält, kann nur in den
die Kategorie angeben kann und diese Ausgangskategorie unbesetzt bleiben. Sobald
in einer Baumstruktur (Stemma) so eine Kategorie besetzt ist, muss auch die da-
zusammenbauen kann, dass keine mit konnektierte Kategorie besetzt sein. Da-
Zwischenknoten unbesetzt sind. raus folgt: dieses Regelsystem kann weder für
die Kategorien allein formuliert werden (weil
1.2.3. Wahl 3: Die Regel zur Stemmabildung sie nichts über die Besetzung im Satz aussa-
Sie erfordert einige Voraussetzungen: Gege- gen), noch für die Wörter allein (weil zwi-
ben sei ein wohlgeformter Satz in Form einer schen den individuellen Wörtern selbst keine
Kette von Wörtern (SK). In SK sei ein Wort regelhaften Beziehungen bestehen). Unglück-
w mit der Kategorie C als Ausgangspunkt der licherweise führt aber Tesnière das Stemma
40 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

so ein, als ob die Abhängigkeiten zwischen nicht-zirkulär anwenden, wenn man von ei-
den Wörtern direkt bestünden (1: 5, 2: 2 ff. ner holistischen Gesamtsicht zu Dependenz
usw.). Erst in 32: 21 und 33: 1 ff. wird das und Valenz ausgeht (cf. 3.1.5, 3.4), in der die
„virtuelle Stemma“ eingeführt, das die Ab- Abhängigkeit auf eine kognitive Tätigkeit bei
hängigkeit der Kategorien voneinander zeigt der Referenztermbildung eingeschränkt wird.
(dann aber die Bedingung der Besetztheit Nach der allgemeinen Konzeption Tes-
weglässt!). – Damit wird klar, dass es sich um nières folgt hier seine spezielle Wahl der Ka-
eine kompositionelle Semantik handelt, bei tegorien (Modifikationen dazu, siehe unten;
der nur die Kategorien regelhaft verknüpft die Diskussion dazu in 3.4, 3.7, 4.3.2).
sind, nicht jedoch die Wörter selbst, anderer-
seits aber nur das Besetztsein der Kategorien 1.3. Die Kategorienwahl Tesnières
ein Kriterium für die Wohlgeformtheit des Tesnière definiert die Funktion cnx auf der
Stemmas zu einer bestimmten Satzkette erfül- Menge MK der folgenden 4 Kategorie MK:
len kann. Dieses Vorgehen löst die Schwierig- = (ADJ, NOM, VRB, ADV), wobei der De-
keit, die sich aus Ansätzen ergibt, in denen finitionsbereich der Funktion DB (cnx): =
das virtuelle und das konkrete Stemma „aus (ADV, ADJ, NOM) und der Wertebereich
einem Topf“ gespeist werden, der sowohl die WB (cnx): = (NOM, VRB) ist. Die Funktion
Paare zu den Kategorien als auch die aus der cnx ist definiert durch:
Wortmenge enthält (z. B. in Heringer/Stre-
cnx (ADV) ⇒ VRB
cker/Wimmer 1980, 131 f.).
cnx (ADJ) ⇒ NOM
Problematisch an der Regelformulierung
cnx (NOM) ⇒ VRB
(RG.SB) ist die Einschränkung „auf eine
Umgebung um das Wort w“. Diese Ein- Anm. 1: Tesnière nennt die Kategorien aus
schränkung ist wesentlich, weil sonst „zu bestimmten Gründen A (hier: ADJ), E (hier:
weit“ entfernte Wörter bzw. deren Kategorien ADV), I (hier: VRB), O (hier: NOM). Die
konnektiert werden könnten. Andererseits Bezeichnung NOM (bzw. im Text „Nomen“)
lässt sich diese Umgebung aber nicht durch heißt hier soviel wie „Substantiv“ (Tesnière:
eine bestimmte Längenangabe präzisieren, „substantif“), entspricht also nicht Tesnières
weil sich erst aus dem Verstehen der Satzkette „Nom“, das Substantive und Adjektive zu-
(bzw. formal bei einer vorausgehenden Satz- sammenfasst (32: 13 f.).
analyse nach einem (anderen?) syntaktischen Anm. 2: Oft werden in der Sekundärlitera-
Regelsystem) herausstellt, welche Teilketten tur mindestens noch zwei weitere Kategorien
zusammengehören. D. h. entweder setzt die angenommen: MOD (Adjektiv-Modifikator)
Dependenzanalyse eine Vorstrukturierung und ART (Artikel) mit der Festlegung:
mittels einer anderen Grammatik voraus,
cnx (MOD) ⇒ ADJ und
dann ist sie nur sekundär und komplementär
cnx (ART) ⇒ NOM
verwendbar (cf. Baumgärtner 1970, 52; 54;
60, siehe dazu aber auch Heringer/Strecker/ Diese lassen sich aus bestimmten Stemma-
Wimmer 1980, 245 f.), oder sie erfordert das darstellungen intuitiv gewinnen, sind aber bei
vorausgehende Verstehen der Abhängigkeiten Tesnière nicht explizit so eingeführt. Die Ein-
(aufgrund der Intuition oder der Dependenz- führung dieser Kategorien ist noch im Rah-
analyse), dann wird die Dependenzgramma- men des Konzeptes möglich, da keine Ver-
tik zirkulär. Die Vorgehensweise Tesnières, zu zweigungen auftreten. Würde jedoch die Ka-
einer Satzkette nur das Resultatstemma an- tegorie MOD mit der Kategorie ADV identi-
zugeben, scheint zunächst nur eine Verkür- fiziert, würde dies die Definition einer Funk-
zung zu sein, in der (keineswegs triviale) Zwi- tion cnx nicht mehr zulassen (cf. Heringer
schenschritte weggelassen werden; hier zeigt 1993a, 300 ff.).
sich aber, dass dadurch die Zirkularität des
ganzen Ansatzes (ungewollt) verschleiert 1.4. Basismengen zu den Kategorien
wird. Da sie aber prinzipiell nicht vermeidbar Zu jeder Kategorie K sei eine Menge von Ba-
ist, zeigt sich hier eine basale Schwierigkeit sisausdrücken B (K) definiert. Solche Basis-
dieses Syntax-Konzepts: Man muss auf Um- ausdrücke (Wörter) werden bei Tesnière nicht
gebungen einschränken. Um dies aber sinn- explizit vorgegeben, sie ergeben sich aber aus
voll tun zu können, muss man die Abhängig- einer wohlwollenden Analyse der Stemma-
keitsstruktur, d. h. das zu bildende Stemma, Beispiele. Andererseits fasst Tesnière oft meh-
eigentlich schon kennen. – Meines Erachtens rere Ausdrücke an einem Stemmaknoten zu-
lässt sich dieses Konzept nur transparent und sammen, wobei unklar bleibt, ob dies eine
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 41

Abkürzung für den darunterstehenden Teil- versteht man intuitiv; das lässt sich aber we-
baum (bei T. „Nexus“, 2: 3) oder tatsächlich gen der oben genannten Zirkularität nicht als
ein als Einheit genommener Ausdruck sein Randbedingung formulieren, cf. 1.2.3). – Die
soll (dazu cf. Heringer/Strecker/Wimmer Translation soll hier nicht weiter behandelt
1980, 141). werden (dazu in 4.3.3). Auf die Junktion soll
Die Wahl Tesnières, nur Wort-Kategorie aber wegen des damit verbundenen logischen
einzuführen und die Anzahl auf vier zu be- Aspekts im Folgenden eingegangen werden.
schränken, ist eine kühne Einschränkung, die
eigentlich den üblichen Wortarten-Klassifika- 1.5.1. Junktion
tionen zuwiderläuft. Der Nachteil zeigt sich Das (implizierte) Regelsystem wird um eine
daran, dass die Dependenz-Analyse die Regel erweitert, die verschiedenen Ausdrü-
Wohlgeformtheit des zu analysierenden Sat- cken derselben Kategorie (ADJ, NOM, VRB)
zes immer voraussetzen muss. Wenn das De- graphisch durch einen Junktionsstrich mitei-
pendenzkonzept zur Erzeugung einer Satz- nander verbindet. Dies ist erlaubt, wenn im
kette verwendet würde, würden viele nicht Satz Junktive (wie „und“, „oder“, „aber“)
wohlgeformte Sätze entstehen. D. h. eine sol- auftreten. Unter logischen Aspekten ist be-
che Syntax wäre nicht korrekt (cf. Heringer/ merkenswert, dass die Junktive auch für die
Strecker/Wimmer 1980, 132 f.). Die Konse- Kategorie ADJ, NOM, VRB und ADV defi-
quenz für die anschließende pragmatische Be- niert sind, während sie in der Modernen Lo-
trachtung ist daher: das Ziel des Sprechers, gik (d. h. in der Aussagenlogik) nur für die
nämlich die Bildung einer Satzkette, kann im Satzkategorie definiert sind (die bei Tesnière
Dependenzkonzept nur bis zu einem Rede- gar nicht vorkommt). Er verbindet die Über-
plan beschrieben werden. Die Bildung der setzung aus der Satzkette in das Stemma mit
wohlgeformten Satzkette nach diesem Plan naiven logischen Folgerungen, die haupt-
muss dann nach einem andern Verfahren ent- sächlich die Distribuierbarkeit von und bzw.
schieden werden. oder zeigen sollen. Da er diese Beziehungen,
Wenn man jedoch die Arbeitshypothese die sich aus der Distribution ergeben, aber
(AHYP) zu Hilfe nimmt (1.1), kann man ebenfalls mit denselben Kanten(-linien) im
diese 4 Kategorien als die kognitive Grund- Stemma bezeichnet wie die CNX-Linien,
Funktionen von Wörtern bzw. Satzgliedern wird das Linienkonzept mehrdeutig und
interpretieren. Dies wird noch zu zeigen sein. überfrachtet. Man hätte von der Dependenz-
Allerdings fasst Tesnière auch Wörter in einer Analyse eher erwartet, dass sie gerade den ge-
Kategorie zusammen, die einer genaueren se- nerischen Charakter junktiv-haltiger Sätze
mantisch-kognitiven Analyse nicht standhal- modelliert, anstatt alle Einzelfälle ausrechnen
ten werden (dazu 4.1.1 und 4.3.2). und in einem Stemma gleichzeitig angeben zu
wollen. Dabei hätte doch der Gedanke, einen
1.5. Komplexbildung (Translation, einzigen Knoten mehrfach besetzen zu kön-
Junktion) nen, gerade dazu dienen können, die Absicht
Aus der sparsamen Wahl der Basiskategorien des Sprachbenutzers, Geeignetes zusammen-
ergibt sich für Tesnière das Problem: alle zufassen, in einfacher Weise darzustellen.
sonstigen vorkommenden Wortarten, Wort- Aufgabe einer Dependenz-Grammatik kann
bildungen bzw. Satzgliedarten müssen mit es ja nicht sein, en passant „Logik“ treiben
diesen 4 Kategorien beschrieben werden. Er zu wollen. – Da außerdem keinerlei logische
führt daher sozusagen als „Ausweg“ zwei zu- Überführungsregeln angegeben werden, son-
sätzliche Beschreibungsmittel ein, die eine dern wiederum nur ad hoc Übersetzungen in
Komplexbildung wie in der Phrasenstruktur- Beispielen vorgeführt werden, ist es wenig er-
grammatik zulassen, aber die Komplexe auf giebig, dies mit der Aussagenlogik verglei-
die Basiskategorien projizieren anstatt wei- chen zu wollen. In einer kognitiv ausgearbei-
tere Kategorien für Satzteile einzuführen. teten modernen Version der Dependenz-
Das ist zum einen die Operation der Transla- Grammatik sollte jedoch die Flexibilität der
tion, die mithilfe von „Translativ-Wörtern“ Junktiv-Anwendung auf verschiedenen Kate-
eine Kategorie in eine andere transformiert, gorien logisch genutzt werden. Die Probleme
und zum anderen die Junktion, die mithilfe dabei zeigt Heringer/Strecker/Wimmer (1980,
von „Junktiv-Wörtern“ mehrere nebeneinan- 141 ff.) auf. – Dass es dazu im Prinzip eine
derstehende Ausdrücke derselben Kategorie befriedigende Lösung geben kann, wird im
zusammenfassen kann. (Dass diese Ausdrü- Rahmen der in 3. dargestellten Rekonstruk-
cke auch dieselbe Funktion haben müssen, tion skizziert (cf. 3.3 (S4)).
42 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

1.6. Valenz nung nur dadurch wieder aufheben, dass man


Jedem Verb-Ausdruck ordnet Tesnière eine ein „Warnschild“ setzt, diese Anordnung
bestimmte Anzahl von Rollen (Aktanten) zu nicht als relevant anzusehen. Dies geschieht
(die sogenannte Valenz des Verbs). Diese Rol- durch die Schrägstriche: sie sollen deutlich
len sind spezifisch für jedes einzelne Verb, sie machen, dass es nicht auf die Reihenfolge an-
sind innerhalb einer Verbvalenz voneinander kommen soll. Jede Umstellung in der Rollen-
verschieden. Aber Rollen verschiedener Ver- angabe (Permutation) ist gleichwertig mit der
ben sind nicht miteinander vergleichbar. D. h. dargestellten, nur die Liste der Rollen muss
sie sind „Entitäten“, die nicht zu einer Menge vollständig sein.
zusammengefasst werden können. Dies wirft Als Beispiel: Zum Verb „schenken“:
Probleme auf, wenn man versucht, die Valenz vlz(„schenken“) = /der Schenkende(„schen-
im Rahmen der (extensionalen) Mathematik ken“); der Beschenkte(„schenken“); das Ge-
zu behandeln. Das wird in 1.7 besprochen schenk(„schenken“)/. Hier wird das Verb
und führt letztlich zur Änderung des Relati- ausdrücklich in die Klammer geschrieben,
onskonzepts und des Mathematik-Konzepts um deutlich zu machen, dass die Rollen je-
(cf. 2.1⫺2.4 und 3.1.1 f.). weils nur mit Bezug auf dieses Verb definiert
sind (cf. 2.2).
1.6.1. Valenz-Zuordnungsvorschrift vlz Um aber die folgende Betrachtung nicht zu
Zu einem Verb kann dessen Valenz aus einer stark zu belasten, wird eingedenk der hier an-
einzelsprachspezifischen Liste LS zugeordnet gegebenen Vorkehrungen im Folgenden doch
werden. Die Zuordnungsvorschrift wird „vlz“ die vertrautere Schreibweise gewählt: vlz (vJ)
genannt. Im Folgenden wird als Beispiel ein = *r1, r2, r3+.
dreistelliges Verb gewählt, zwei oder einstel- Bei Tesnière wird die Verb-Valenz im
lige Verben sind dann als einfachere Fälle da- Stemma als Kanten-Etikett an die Kante
raus gewinnbar. Einem individuellen Verb vJ CNX (NOM, VRB) angehängt. Dies täuscht
wird die Valenz vlz (vJ) zugeordnet: eine graphische Einfachheit und Einheit vor,
die sich aber bei genauer Analyse als in sich
vlz (vJ) = /ru (vJ), rb (vJ), rq (vJ)/. inkompatibel herausstellt (cf. 4.1.2).
Dies ist so zu lesen: Im Stemma werden die Aktantenrollen ge-
nerell durch Nomina besetzt (51:12). Dies ist
(v1) das Verb vJ hat drei Rollen (ru, rb, rq). eine spezielle Wahl, die bei Bedarf modifiziert
Die Bezugnahme auf vJ in der Klammer dient werden kann, ohne dass das Gesamt-Kon-
hier nur der Verdeutlichung, dass jede Rolle zept darunter leidet. (Daher wird in 3.4 statt
nur in Bezug auf dieses eine Verb definiert ist. des Nomens der Referenzterm als Aktanten-
besetzer eingeführt). – Tesnière hält sich im
(v2) Die Rollennamen ru, rb, rq sind hier ab- Übrigen selbst nicht an seine Vorschrift; denn
sichtlich so gewählt, dass keine Reihenfolge
in vielen der Stemmas sind Eigennamen bzw.
suggeriert wird, sondern dass sie nur als Ab-
Nomen zusammen mit einem Artikel (und
kürzung für eine Charakterisierung der Rolle
eventuell Adjektiv) angegeben. Hier hat Tes-
beim Verb verstanden werden können. In ei-
ner Benennung der Rollen durch *r1, r2, r3+ nière bei der Anwendung intuitiv das Rich-
würde ein bestimmte inhärente Reihenfolge tige getan, obwohl er gegen seine eigene Re-
der Rollen suggeriert, die aber nicht vorliegt. gel verstieß (dazu siehe 3.4).
Nimmt man Tesnières Auffassung von der In den beiden folgenden Kapiteln wird das
Gleichstellung jeder Rolle vor dem Verb ernst Valenzkonzept in zwei Stufen modelliert: zu-
(49: 12), dann ist auch schon die semiotische nächst als nicht-extensionaler Relationsbe-
Vorgabe einer bestimmten Links-Rechts-Rei- griff (2) und dann als Teil einer holistischen
henfolge im Stemma (Subjekt, Objekte, An- Gesamtmodellierung (3), in die auch die De-
gaben) eine „Verschleierung“, d. h. eine Kon- pendenz einbezogen wird, soweit ihre Model-
vention, deren Willkür immer bewusst blei- lierung sinnvoll ist und nicht mit der Valenz
ben muss, wenn man sie der vollkommen in Konflikt gerät (3.4). In 4. wird schließlich
gleichwertigen „Lokalisierung“ im kogniti- gezeigt, warum die Dependenz als Abhängig-
ven Raum des Sprachbenutzers gegenüber- keitskonzept nicht tragfähig ist, dass es aber
stellt. Da man aber semiotisch gezwungen ist, andere Arten von Abhängigkeiten gibt, die
auf dem Papier die Rollen in eine lineare An- bei Tesnière angelegt sind, aber erst in der Re-
ordnung zu bringen, kann man diese Anord- konstruktion deutlich werden.
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 43

2. Formales Instrumentarium zur (cf. Marcziszewski 1981, 165 f., Montague


Beschreibung der Valenz-Struktur 1974, 256, Link 1991, 836 f.). Hinweise zur
Schreibweise und Nomenklatur: Die Reihen-
2.1. Vergleich mit dem Relationskonzept folge der Lambda-Ausdrücke bestimmt, wel-
in Mathematik und Logik che Stelle zuerst zu besetzen ist: Besetzt wer-
Ein Verb und seine Valenz lassen sich nähe- den kann immer nur die Variable, die links
rungsweise mit dem logiksprachlichen Kon- als erste steht (im Beispiel also: lx vor ly vor
zept der Relation vergleichen. Der Vergleich lz). Diese Vorschrift muss jedoch im folgen-
wird zeigen, dass das mengensprachliche bzw. den modifiziert werden.
logiksprachliche Relationskonzept modifi- Da die Reihenfolge der Anwendung ein-
ziert werden muss, wenn es geeignet sein soll, deutig ist, können die Klammern zwischen
das zu beschreiben, was Tesnière ausdrücken den l-Zeichen auch weggelassen werden. Der
will. Diese Modifikationen wirken auch auf Übergang zum Resultat wird hier mit einem
weitere logiksprachliche Ausdrucksmittel wie asymmetrischen Pfeil angegeben und nicht
z. B. die Variablen-Verwendung oder die mit einem Gleichheitszeichen, das den fal-
Einsetzungsoperation zurück (cf. 2.2 und schen Eindruck der Symmetrie zwischen lin-
3.1 f.). Einem z. B. dreistelligen Verb vrb sind ker und rechter Seite erzeugen könnte. Wir
3 Verbrollen (Aktanten) aufgrund einer Liste unterscheiden l-Zeichen („l“), l-Ausdruck
fest zugeordnet: vrb (r1, r2, r3). Diese Verb- („lx“) und l-Operator („*lx Q (x, …)+“).
rollen müssen nicht mit einer festen Abfolge 2.1.1. Wahl der besetzbaren Argumentstellen
im Satz verbunden sein (wie dies bei der fes-
ten Wortstellung der Fall ist), sie können bei Für die Anwendung des l-Operators bei der
geeigneter morphologischer Kennzeichnung Darstellung eines Verbs und seiner Valenz als
auch auf unterschiedlichen Positionen im Relationsausdruck ist die folgende Konven-
Satz stehen. tion wichtig (cf. 2.3.):
In der prädikaten- und relationslogischen (KONV1): In einem Relationsausdruck mit
Sprache ist eine dreistellige Relation Leerstellen sind nur die Leerstel-
R (x, y, z) mit fixierten Argumentpositionen len besetzbar, die mit einem l-
verbunden. Dies ist die einzige Charakterisie- Zeichen markiert sind, alle an-
rung der Rolle, die ein Argument bzgl. der dern Leerstellen sind „blockiert“.
Relation spielt. Die Argumentpositionen sind
durch Platzhalter (Variable) markiert. Statt So ist also in dem l-Operatur
der Variablen können in die Leerstelle kons- *lz (ly R (x, y, z))+
tante Individuennamen (z. B. a, b, c) einge-
setzt werden: R (a, b, c). (Dabei kann zu- die Leerstelle x (1. Argumentposition) blo-
nächst noch offenbleiben, was für Entitäten ckiert.
solche Individuen sein sollen, sofern sie von Um das Relations- und l-Konzept für die
den Relatoren verschieden sind). Wenn man Modellierung der Verb-Valenz brauchbar zu
die Handlung des Einsetzens explizit als machen, müssen verschiedene Modifikatio-
Übergang von einem Ausgangszustand in ei- nen vorgenommen werden, die jetzt einge-
nen Ergebniszustand modellieren will, be- führt werden.
nutzt man den sogenannten Lambda-Opera-
tor lx, der eine Individuen-Variable x in ei- 2.2. Der Begriff „Rollen-Relation“
nem Ausdruck markiert und zur Besetzung Um ein Verb als Relator auffassen zu kön-
durch eine Konstante freigibt. So ist z. B. *lx nen, müssen wir von der Vorstellung ausge-
R (x, y, z)+ ein Operator, der angewandt auf hen, dass in einer Relation R jede Argument-
eine Individuenkonstante (z. B. x = a) zum position einen R-spezifischen Charakter hat
Ergebnisausdruck R (a, y, z) führt. Dies be- (Valenzrolle, cf. 1.6.1). D. h. zu einer Relation
schreibt die l-Konversionsregel: werden nicht Argument-Positionen einge-
führt, sondern Argument-Charaktere. Für die
(KR1) *lx R (x, y, z)+ (a) ⇒ R (a, y, z)
Zuordnung der Valenz wird eine Liste vorge-
bzw. allgemeiner: geben, die zu jedem Verb dessen Valenz ent-
hält (z. B. ein Valenzwörterbuch). Über dieser
(KR2) *lx (ly (lz R (x, y, z)))+ (a) (b) (c) ⇒ Liste lässt sich dann die Zuordnung vlz zu
*ly (lz R (a, y, z))+ (b) (c) ⇒ jedem Verb vrb definieren:
*lz R (a, b, z)+ (c) ⇒
R (a, b, c). z. B.: vlz (vrb1) ⇒ *r1, r2, r3+ (cf. 1.6).
44 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Z. B. gehören zum Verb „schenken“ nach Grundform GF2 ein (die Stelligkeit wird im
eine solchen Liste LS die Rollen: Folgenden weggelassen):
der Schenkende (rS), der Beschenkte (rB (GF3) lR *R, vlz (R)++ (R1) ⇒
und das Geschenkte (rG). *R1, vlz (R1)+
Im Folgenden werden zur Vereinfachung Mit vlz (R1) = *r1, r2, r3++ ergibt sich dann:
auch nur die Fragepronomen zur Rollenbe- (GF4) *R1, *r1, r2, r3++.
zeichnung verwendet, also: *schenken, *WER,
WEM, WAS++. Hier ist die Spezifizität der Dieser Ausdruck wird „Rollen-Relation“ ge-
Rolle dann gewahrt, wenn man „WER“ als nannt. Der Rollen-Relator ist folgenderma-
„Wer schenkt?“ liest, d. h. die Rolle „Der ßen definiert:
Schenkende“ oder „WER“ kann nur in einem (Def.RR) Ein Rollen-Relator ist ein Relator
Satz mit „schenken“ vorkommen. Auch R mit einer bestimmten Anzahl
wenn die Rolle des Schenkenden zeichenaus- von R-spezifischen Rollen, die
drucksseitig durch den Nominativ ausge- durch die vlz-Zuordnung gegeben
drückt wird, so ist erst durch die Anwesenheit sind.
des Verbs „schenken“ im Satz garantiert, das
die Besetzung des Nominativs inhaltsseitig Die Rollenangaben im Rollen-Relator ent-
mit der spezifischen Rolle des Schenkenden binden die Rollen von einer festgelegten Rei-
interpretiert wird (cf. dazu 2.4). Wenn man henfolge in Form von Argumentpositionen
aber die „Nominativ-Rollen“ bei verschiede- und gleichzeitig von der Leerstellenmarkie-
nen Verben zu einem einzigen Tiefenkasus rung in Form von unterschiedlichen Variab-
(z. B. „Agent“) zusammenfasst, so führt das lennamen. Dies hat auch zur Folge, dass man
zum Fehlschluss der Semantisierung einer nicht mehr statt einer Variablen eine Kons-
morphologischen Gegebenheit, d. h. aus der tante in eine Leerstelle „einsetzt“, sondern
syntaktischen oder morphologischen Ausprä- eine Rolle „besetzt“, wobei natürlich die
gung wird auf die Gleichartigkeit der seman- Rolle erhalten bleibt. (Spätestens hier wird
tischen Differenzierung geschlossen. Dieser dem in der extensionalen Prädikatenlogik Be-
Schluss ist oft richtig, aber hier ist es ein Fehl- wanderten auffallen, dass der Status der Vari-
schluss, der weitere Fehlschlüsse bzw. Unsi- ablen bzw. der Leerstellen und deren Inter-
cherheiten nach sich zieht, wie die Diskussion pretation eigentlich schon immer ein eskamo-
in der Literatur zu den Tiefenkasus zeigt. tiertes Problem war.)
Die Grundform GF1 des Satzes lässt sich 2.3. Der Begriff „Rollen-Operator“
dann (für einen allgemeinen Verbausdruck
bzw. Relatornamen R) so charakterisieren: Im Rollen-Relator *R1, *r1, r2, r3++ können
laut (KR2) Rollen nur dann besetzt werden,
(GF1) *R, vlz (R)+ wenn sie durch ein l-Zeichen freigegeben
sind.
Diese Grundform GF1 wird erst dadurch zu Das Lambda-Zeichen bezieht sich jetzt
einer für Einsetzung zugänglichen Form, dass aber nicht mehr auf einen Variablennamen,
sie mit dem Lambda-Ausdruck für R verse- sondern auf einen Rollennamen, der als
hen wird (siehe 2.1) Konstante aufzufassen ist. Um Verwechslun-
(GF2) *lR *R, vlz (R)++. gen mit der bisherigen Verwendung des
Lambda-Zeichens zu vermeiden, führen wir
Ein Sprachbenutzer hat diese Grundform zur daher ein neues Operatorzeichen ein: statt
Verfügung und wendet sie als Sprecher auf „l“ das Zeichen „r“. Wir erhalten dann z. B.:
eine bestimmte Relation an, die er versprach-
lichen will (z. B. R1) und als Hörer auf eine (R1) rr1 rr2 *R1, *r1, r2, r3++
gehörte Relation R1, die als Ausgangspunkt Statt zu sagen: „in die Argumentstelle r1
für die Strukturierung des gehörten Satzes kann eine Individuenkonstante (z. B. „a“)
und dann des zu bildenden Gedankens die- eingesetzt werden“, sagen wir jetzt: „die Rolle
nen soll. r1 kann mit „a“ besetzt werden (ausgedrückt
Der Sprecher, der einen Satz bilden will, durch *r1: a+“). Gemäß (KONV1) kann
wählt zunächst einen Relator (sprachlich also auch die Rolle r2 besetzt werden, nicht je-
ein Verb) z. B. den dreistelligen Relator R13 doch die Rolle r3.
mit vlz (R13) = *r1, r2, r3+ und setzt diesen Damit kann der Unterschied zwischen feh-
nach der Konversionsregel (KR2) in die lender Valenzstelle (v1), indefinit erwähnter
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 45

Valenzstelle (v2) und besetzter Valenzstelle (n2) Die Reihenfolge der rollenspezifizierten
(v3) modelliert werden (cf. z. B. Welke 1988, Argumente (oben: (r2: b) (r1: a)), die die vom
127; Storrer 1992, 102 f.; 162). Hörer gehörte Abfolge der Argumente dar-
stellt, ist für die Erstellung der kognitiven
(v1) „Hans hat wieder genascht“ (durch: Form irrelevant; sie kann daher für andere
*naschen, *WER: Hans, WOVON++ ) Mitteilungszwecke offengehalten werden (cf.
(v2) „Hans hat wieder von etwas genascht“ 2.5).
(durch: rWOVON *naschen, *WER:
Hans, WOVON++ ) Wir können zusammenfassend sagen: Die
(v3) „Hans hat wieder von der Marmelade Rollen-Relation soll dazu dienen
genascht.“ durch: *naschen, *WER:
Hans, WOVON: Marmelade++ – beim Hörer den Übergang von der Argu-
mentfolge in der Satzkette zur kognitiven
Die Form (v2) zeigt, dass hier der Hörer Grundform, in der die entsprechenden
nachfragen kann, wovon Hans genascht hat, Rollen dann besetzt sind, zu modellieren
um diese Information noch einsetzen zu kön- und
nen (wie z. B. in v3); bei (v1) kann er dagegen – beim Sprecher den Übergang von einer sol-
nicht nachfragen (cf. 2.3.2). chen argumentbesetzten Grundform (dem
Gedanken bei Tesnière, 1: 7) in eine Satz-
2.3.1. Rollen-Besetzung kette darzustellen.
Wenn besetzbare Rollen mit Individuenna-
Dabei ist zu unterscheiden:
men (z. B. a, b) besetzt werden sollen (vom
Sprecher), so wendet man die Rollen-Konver- – zwischen einer Sprache mit freier Wortstel-
sationsregel an. Sie lautet z. B. für den Fall, lung, in der der Sprecher die Wortstellung
dass in der bestimmten Relation R1 die Rol- noch für andere Mitteilungszwecke nutzen
len r2 und r1 (in dieser Reihenfolge) besetzt kann (und damit noch einen Gestaltungs-
werden sollen: parameter wählen kann cf. 2.3.3 und 2.5)
und
(KR3): *r1 *r2 *R1, *r1, r2, r3+++ (r2: b)
– einer Sprache mit fester Wortstellung, in
(r1: a) ⇒
der die Rollen mit einer (oder mehreren)
*rr1 rr2 *R1, *r1, r2: b, r3+++ (r1: a)
fest vorgegebenen Argumentabfolgen im
⇒ *R1, *r1: a, r2: b, r3++
Satz verbunden sind.
Diese Regel enthält zwei Neuerungen gegen-
über der bisherigen Lambda-Konversionsre- 2.3.2. Hörertätigkeit
gel (KR1, KR2): Zu fragen ist nun, wie mit dem Konzept der
Rollen-Relation und des Rollen-Operators
(n1) Die einzusetzenden Argumentnamen
die Tätigkeit des Hörers beschrieben werden
(Individuenausdrücke) werden zusammen
kann, der eine Satzkette als einen Gedanken
mit ihren Rollen angegeben. Damit wird die
zu verstehen versucht. Der Hörer „liest“ eine
Rolle von der Bindung an eine Argumentpo-
gegebene Satzkette mit der kognitiven
sition befreit.
Grundform, die er mitbringt, und füllt die In-
ABK: „(r1: a)“ heißt soviel wie: „die Rolle formationen, die er zu den einzelnen Rollen
r1 ist besetzt mit dem Argument a“. erkennt, in diese ein. D. h. im einzelnen:
Das einzusetzende Argument („a“) bringt so- (HR1) Gegeben sei eine Satzkette SK, die
zusagen seine ‘Platzkarte’ („r1“) mit, damit den Relator R1 (mit
der Hörer das aus dem gehörten Satz ent- vlz (R1) = *r1, r2, r3+) und die Argu-
nommene Argument in seiner (kognitiven) mente (r2: b) (r1: a) in dieser Reihen-
Grundform des Satzes (GF1) an der „richti- folge enthält (also z. B. SK: = *(r2: b),
gen“ Stelle einfügen kann – und dies unab- R1, (r1: a)+. – Die Besonderheiten der
hängig von der gehörten Argumentreihen- Zeichen-Ausdrucksseite werden erst
folge. Das Resultat ist die Besetzung der ge- in 2.4 eingeführt.)
wünschten Rollen in der Grundform des Sat- (HR2) Der Hörer geht von seiner kognitiven
zes (GF4), die zugleich die invariante Struk- Grundform *rR *R, vlz (R)+ aus und
tur der Relation im „kognitiven Raum“ des setzt darin zunächst aus SK die Rela-
Hörers darstellt (cf. 2.3.3, 3.6). Aus (KR3) tion R1 ein:
lässt sich außerdem die zweite Neuerung er- *rR *R, vlz (R)+ (SK) ⇒
sehen: *R1, vlz (R1)+ ((r2: b), (r1: a))
46 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

(HR3) Mit seinem Valenz-Wissen (SR3) Ergebnis ist dann die „extrahierte“
vlz (R1) = *r1, r2, r3+ bildet der Hö- Abfolge *(r2: b), (r1: a)+, die die Argu-
rer dazu laut Konversionsregel mentpositionen in der geplanten linea-
(KR3): ren Satzkette festlegt. Zusätzlich muss
*rr1 rr2 rr3 *R1, *r1, r2, r3+++ in die Redeplanung noch die Stellung
(r2: b) (r1: a) ⇒ des Relators R1 aufgenommen wer-
rr3 *R1, *r1:a, r2:b, r3++. den. Sie muss sich aufgrund von syn-
D. h. die besetzte kognitive Struktur taktischen Regeln ergeben, die in die-
zum Satz SK (den Gedanken). ser Grammatik nicht interessieren.
(Zur Planung weiterer Teile des Satzes
Dabei fällt auf, dass die Rolle r3 nicht besetzt siehe 3.3⫺3.6).
ist, aber zur Besetzung freigegeben ist, d. h.
der Hörer wartet am Ende der Verarbeitung Zusammenfassend kann man zum Begriff der
des Satzes noch auf die Besetzung dieser Rollen-Relation sagen: Mit der Konversions-
Rolle. Hier bekommt der Satzpunkt Signal- und der Extraktionsregel für Rollen kann
wirkung: denn der Hörer muss jetzt den Rest also sowohl die Invarianz der kognitiven Re-
der Verarbeitung selbst leisten: präsentation der Relation im „kognitiven
Raum“ des Sprachbenutzers (ob Sprecher
– entweder er schließt unhinterfragt den Satz oder Hörer) als auch der flexible wählbare
ab, weil er die Besetzung für irrelevant hält, Übergang zur linearen Satzkette (beim Spre-
– oder er fragt nach, cher) bzw. der umgekehrte Übergang zum in-
– oder er folgert aus den im Vortext vorhan- varianten Gedanken (beim Hörer) darge-
denen Informationen, dass die Besetzung stellt werden.
aus dem Vortext und Gesetzeswissen er-
schließbar ist (cf. 3.1.2) 2.4. Bilaterale Sicht der Rollen-Relation
– oder er vermutet, dass der Sprecher die Be- Bei der bisherigen Betrachtung wurde die
setzung verschweigen will (cf. 2.4.4). Rollen-Relation (d. h. das Verb und seine Va-
Dies kann hier nicht im Einzelnen erörtert lenz) als „monolateraler“ Ausdruck verstan-
werden (cf. dazu Storrer 1992, 274 ff.). den. Er diente dazu, die Bedeutung des Verb-
ausdrucks als Relator-Rollen-Struktur zu
2.3.3. Sprecher-Tätigkeit modellieren und diese als die Grundstruktur
Der Sprecher geht dagegen von seiner besetz- des Gedankens bei Tesnière anzusehen. Um
ten kognitiven Struktur aus und liest die Re- aber den Übergang vom Gedanken zum Satz
gel (KR3) sozusagen von rechts nach links zu modellieren, muss die Bilateralität der na-
(als „Extraktionsregel“ (KR4)). Im Falle der türlichsprachlichen Zeichen noch berücksich-
tigt werden. Die Idee dabei ist: der Sprachbe-
freien Wortstellung hat er einen zusätzlichen
nutzer hat eine bilaterale Grundform des Sat-
Gestaltungsoperator (z. B. „WAHL (r2, r1)“)
zes als gedankliche Basis zur Verfügung.
zur Verfügung, um die Reihenfolge für die zu
Beim Konzipieren eines konkreten Gedan-
äußernde Satzkette aus der Gedankenstruk-
kens wird diese Struktur mit den entspre-
tur zu erzeugen:
chenden Informationen besetzt und zwar
(SR1) Gegeben sei der „Gedanke“: beim Sprecher erst von der Inhaltsseite her,
**R1, *r1: a, r2: b, r3: c++. zu der dann die Ausdrucksseite aufgebaut
(SR2) Die Sprechertätigkeit besteht dann in wird, während der Hörer aus der Ausdrucks-
der Anwendung der Extraktionsregel, seite des gehörten Satzes die Inhaltsseite
die an diesem Beispiel exemplarisch dazu aufbaut.
vorgeführt werden soll:
(KR4) 2.4.1. Bilaterale Grundform des Satzes
*WAHL (r2, r1)+ (**R1, *r1: a, r2: b, r3: c++) ⇒ Ein Zeichen(-Ganzes) ZZ wird als Paar defi-
rr1 rr2 *R1, *r1, r2, r3:c++ (r2: b) (r1: a). niert, das aus (Zeichen-)Ausdrucksseite ZA
D. h. Der Sprecher geht von den Rol- und (Zeichen-)Inhaltsseite ZI besteht:
len-Besetzungen, die er versprachli-
ZZ ⇔ *ZA, ZI+. Beide Teile sollen ein-
chen will, aus, wendet darauf den
eindeutig einander zugeordnet sein, d. h.
Wahl-Operator *WAHL (r2, r1)+ an, zwischen den Teilen sollen die folgenden
der bestimmt, welche der Rollen in Abbildungen za und zi definiert sein:
welcher Reihenfolge in die Satzstruk-
tur aufgenommen werden sollen. zi (ZA) ⇒ ZI und za (ZI) ⇒ ZA
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 47

D. h. der Ausdrucksseite eines Zeichens wird 2.4.2. Bilaterale Valenz-Information


durch za die Inhaltsseite zugeordnet, und für Mit der Einsetzung ‘R1’ := *„R1“, R1+ in
zi gilt das Umgekehrte. Wegen der 1⫺1-Be- (GF6) lässt sich aus einer entsprechenden
ziehung zwischen Ausdrucksseite und In- Liste LM die Ausdrucks- und Inhaltsseite der
haltsseite sind beide Abbildungen als Um- bilateralen Valenz-Information“ ermitteln:
kehrabbildungen voneinander definierbar:
d. h. za (zi (ZA)) = ZA. (Mehrdeutige Aus- (GF7) **„R1“, *za (vlz (R1))+,
drücke müssen vorher durch Indizierung ein- *R1, vlz (R1)+++
deutig gemacht werden.) Wenn diese Vorstel- und mit vlz (R1) = *r1, r2, r3+ zu (GF7):
lung auf die Grundform des Satzes (GF1) an-
gewandt wird, ergibt sich zu der schon defi- (GF8) **„R1“, *za (*r1, r2, r3+)++,
nierten Inhaltsseite (z. B. *R, vlz (R)++) die *R1, *r1, r2, r3+++.
Ausdrucksseite (*za (R), za (vlz (R)+) und da-
Die Anwendung der Funktion za auf die Rol-
mit der bilaterale Ausdruck:
len ordnet (aus der Liste LM) jeder verbspe-
(GF5) **„R“, za(vlz(R)+, *R, vlz(R)++. zifischen Rolle ausdrucksseitig eine Markie-
(KONV2) Doppelte Anführungszeichen („) rung zu (bei Tesnière „Markant“ genannt,
dienen im Folgenden zur Kenn- 16: 5 ff.). Die Markierung kann je nach Spra-
zeichnung der expliziten Aus- che in einer morphologischen Information
drucksseite. Die Inhaltsseite bleibt (wie Kasusangabe) bestehen und/oder in ei-
unmarkiert. Das Zeichen-Ganze ner Positionszuweisung (bei Sprachen mit
als Einheit von Ausdrucksseite fester Wortstellung) oder in Null-Markierun-
und Inhaltsseite wird, wenn erfor- gen (cf. Tesnière 16, 17). Da dies nicht das
derlich, in einfache Anführungs- zentrale Thema dieser Betrachtung ist, soll
zeichen gesetzt (z. B. ‘R1’). hier für die Ausdrucksseite einer Rolle (z. B.
r1 (in R1) die Bezeichnung „mark1“ verwen-
Zu der semantischen Valenz-Information det werden:
kommt jetzt also noch die syntaktisch-
morphologische Bezeichnung der Rollen, d. h. za (r1) ⇒ mark1
za (vlz (R)), hinzu. (Dies entspricht der Inten- Der besetzten Rolle *r1: a+ ist dann aus-
tion Tesnières von der „Inhaltsform“ auszu- drucksseitig zugeordnet:
gehen, cf. 16: 4).
Ein Beispiel: das Zeichen(-Ganzes) ‘schen- za (*r1: a+) ⇒ *za (r1): za (a)+
ken’ besteht aus ⇒ *mark1 („a“)+.
‘schenken’ ⇔ *„schenken“, schenken+ Die Markierung mark1 ist als ein Operator
(= *ZA, ZI+. zu verstehen, der auf die Ausdrucksseite („a“)
anzuwenden ist. Als Ergebnis erhalten wir die
Zu beachten ist dabei, dass die Anführungs-
modifizierte Ausdrucksseite, an der die Ka-
zeichen wie Operatoren verstanden werden
susinformation (inklusive Präposition) oder
sollen, die eventuell auch zu Modifikationen
Positionsinformation abgelesen werden kann.
führen, die also mehr leisten können als nur
(Wir schreiben abkürzend dafür „a-mark1“):
dasjenige was zwischen den Anführungszei-
chen steht, als Ausdrucksseite zu erwähnen (KR5) mark1 („a“) ⇒ „a-mark1“
(cf. 2.4.2).
Die anwendbare Grundform des Satzes (cf. Als Beispiel: mark2 („Hans“) ⇒ „Hansens“
GF2) enthält jetzt die Ausdrucksseite und (wenn mark2 als Genitiv verstanden wird).
lautet dann: Wir erhalten dann für die bilaterale
Grundform des Satzes spezialisiert auf R1
(GF6) *rR *„R“, *za (vlz (R))+, (cf. GF8):
*R, vlz (R)+++.
(GF9) **„R1“, *mark1, mark2, mark3++,
Hier soll die Konvention (KONV3) benutzt *R1, *r1, r2, r3++.
werden:
(KONV3) rR steht für den bilateralen r- 2.4.3. Bilaterale Rollen-Konversionsregel
Ausdruck r‘R’ (= r *„R“, R+). Für die Anwendung auf rollenbesetzende Ar-
gumente erhalten wir so die bilaterale r-Kon-
Wenn diese Konvention eingeführt ist, kann versionsregel zur bilateralen Grundform
man die einfachere Schreibweise nicht miss-
verstehen. ‘*R1, *r1, r2, r3++’
48 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

(cf. GF8); hier exemplarisch für die Argu- für die Satzbildung extrahierte Folge von be-
mente (r2: b) (r1: a): setzten Rollen ‘(r2: b), (r1: a)’ in bilateraler
Schreibweise.
(KR6) *rr1 rr2 *GF8++ (r2: b) (r1: a) ⇒
*rr1 rr2 **mark0 („R1“), *mark1, 2.4.5. Bilaterale Valenz-Verwendung
mark2, mark3++, in Hörersicht
*R1, *r1, r2, r3+++ (r2: b) (r1: a) ⇒
In der Hörersicht ergeben sich die folgenden
(GF10) **mark0(„R1“), *mark1(„a“), mark2 Phasen des Verstehens einer Satzkette:
(„b“), mark3++, *R1, *r1: a, r2: b, (HB1) Gegeben sei die Satzkette
r3+++ „*b-mark2, R1-mark0, a-mark1+“
mit (KR5) (mit der Notation von oben) (z. B.:
⇒ **„R1-mark0“, *„a-mark1“, „b- „das Buch (rG) schenkte der Vater
mark2“, mark3++, *R1, *r1: a, (rS)“).
r2: b, r3++. (HB2) Extraktion der Markierungen ergibt:
Hier gibt „mark0“ die Markierung des Rela- *mark0 („R1“), mark2 („b“),
tors (d. h. des Verbs) an, z. B. die Positions- *mark1 („a“)+.
Zuweisung zwischen erster und zweiter Rol- (HB3) Da der Hörer die bilaterale Grund-
lenangabe, sowie evtl. morphologische Modi- form des Satzes (GF9) im Sprach-
fikationen. wissen schon zur Verfügung hat,
2.4.4. Bilaterale Rollen-Extraktionsregel kann er sie auf diese Folge anwenden
(cf. r-Konversionsregel 2.4.3)) und
Entsprechend (KR4) können wir als Umkeh- erhält als Resultat nach der Konver-
rung dazu eine Extraktionsregel definieren. sion:
Sie dient dazu, aus einer besetzten Gedan-
kenstruktur durch einen Wahloperator die (GF13) *rr3 *mark0 („R1“), *mark1 („a“),
für die Bildung der Satzkette vorzusehenden mark2 („b“), mark3++, *R1, *r1: a,
Argumente in der gewünschten Reihenfolge r2: b, r3+++
zu extrahieren. So wählt z. B. der Wahlopera- also die einzelnen besetzten Rollen in der
tor WAHL (r2, r1), angewandt auf die (bila- kognitiv invarianten Form (GF9). – Hieran
teral konzipierte) Gedankenstruktur (GF10) sieht man, dass die Rolle r3 noch besetzt wer-
die Reihenfolge *r2, r1+ für die Argumente den kann. D. h. der Hörer erwartet aufgrund
aus. Damit ist es z. B. möglich, in der Gedan- seiner VLZ-Kenntnis evtl. auch die Beset-
kenstruktur vorhandene Informationen aus zung der dritten Stelle (dazu siehe 2.3.2).
bestimmten Gründen wegzulassen (z. B. um
Argumentstellen zu verschweigen). 2.4.6. Bilaterale Valenz-Verwendung
Wenn aus dem Gedanken, in dem im Fol- in Sprechersicht
genden alle drei Rollen besetzt seien, zwei da- Für die Sprechersicht ergeben sich die Phasen
von in einer bestimmten Reihenfolge ausge- für das Erzeugen einer Satzkette: Da Spre-
wählt werden sollen, so geschieht dies mit der cher und Hörer nach demselben Prinzip
folgenden Regel: kommunizieren sollen, muss der Gedanke
(KR7) Bilaterale Rollen-Extraktionsregel: beim Sprecher so modelliert werden, dass die
„Staffelübergabe“ d. h. die Satzkette, die der
Auf den Gedanken (GF11) (cf. GF10): Hörer als Input erhält, vom Sprecher genau
(GF11) **za (R1), za (*r1: a, r2: b, r3: c+)+, so vorbereitet wird. Der Sprecher will von ei-
*R1, *r1: a, r2: b, r3: c+++ nem konkreten Gedanken zu einem Satzaus-
druck übergehen (1:8,9). Dies geschieht in
wird der Wahloperator WAHL (r2, r1) ange- den folgenden Phasen:
wandt:
(SB1) Beim Sprecher liege der Gedanke vor
*WAHL (r2, r1)+ (GF11) ⇒ (cf. 2.3.3 (SR1)):
(BES1) *R1, *r1: a, r2: b, r3: c++
(GF12) *rr1 rr2 **za (R1), za (*r1, r2,
Dies ist die Besetzung der für den
r3: c+)+, *R1 *r1, r2, r3: c+++
Sprecher relevanten Teile der kogni-
‘(r2: b) (r1: a)’
tiven Struktur der Inhaltsseite der bi-
Als Resultat ergibt sich der r-Operator für lateralen Grundform des Satzes
die beiden extrahierten Stellen r1, r2 und die (GF6).
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 49

Für das Folgende wird angenommen, dass Der Stern markiert die Position des Y unter
der Sprecher die Rolle r3 unbesetzt lassen den anderen Kategorien in der terminalen
will – aus Gründen, die hier nicht diskutiert Kette (Hays 1964, 513; dazu auch Heringer
werden müssen (cf. oben). 1993b, 318 ff.). In RF wird kein Unterschied
(SB2) Die Zuordnung der Ausdrucksseite zu zwischen Ausdrucks- und Inhaltsseite ge-
BES1 (also za (BES1) ergibt: macht. Das mag für eine computernutzbare
*mark0 („R1“), *mark1(„a“), mark2 Syntax vielleicht ausreichen, es ist aber for-
(„b“), mark3++, mal in sich inkompatibel.
*R, *r1: a, r2: b, r3+++. Denn zum einen wird Y als Relator mit 3
Valenzstellen (X1, X2, X3) angesehen, zum
(SB3) Durch die Extraktionsregel erhält der andern steht die terminale Besetzung von Y
Sprecher dann: (mit KONV2: „Y“) aber in der Satzkette
*WAHL (r2, r1)+ *„X1“, „Y“, „X2“, „X3“+ (statt des Sterns ist
(**mark0 („R1“), *mark1(„a“), mark2 „Y“ eingesetzt). Nun ist aber Y entweder als
(„b“), mark3++, dreistelliger Relator mit Argumenten (bzw.
*R1, *r1: a, r2: b, r3+++) mit Valenzstellen) zu verstehen, dann müss-
⇒ *rr1 rr2 **mark0 („R1“), *mark1, ten in der Klammer die Argumentstellen dazu
mark2, mark3++, stehen, also insgesamt: Y3 (X1, X2, X3) ⫺
*R1, *r1, r2, r3++++ oder in der Klammer stehen nur die Aus-
(mark2 („b“)) (mark0 („R1“)) drucksseiten (d. h. besetzte Kategorien-Aus-
(mark1(„a“)) drucksseiten vom Typ *„C: c“+), also
Hier ist die letzte Zeile die gewünschte Ab- *„X1: x1“, „Y: y“, „X2: x2“, „X3: x3“+.
folge der ausdrucksseitig präparierten Rol-
len-Argumente (die Wahl der Extraktion). Dann sind dies Wörter, die selbst keine Rela-
torfunktion mehr übernehmen können, wie
(SB4) Was der Sprecher dann versprach- Hays das fordert. Die Regel-Iteration (z. B.:
licht, ist die extrahierte Folge der be- X1 (Z1, *, Z2)) ist nicht möglich; denn ein
setzten Rollen und die Ausdrucksseite Ausdruck wie „X1“(„Z1“, „X1“, „Z2“) ist
des Relators, nachdem er mittels sinnlos.
(KR5) die markierten Ausdruckssei- Im Vergleich mit der Grundform (GF9)
ten erstellt hat: zeigt sich das Problem: wenn man in (GF9)
(mark2 („b“)) (mark0 („R1“)) die zu besetzenden Kategorien mit aufnimmt
(mark1(„a“)) ⇒ *„b-mark2“,
und an die Hays’sche Notation angleicht, er-
„R1-mark0“, „a-mark1“+
hält man die bilaterale Struktur (zunächst
Zusammenfassend ergibt sich ein neues Bild ohne Besetzung):
der Informationsverteilung in einer Satzkette:
Die nebeneinander stehenden Wörter stehen **„X1“, „Y“, „X2“, „X3“+, *Y (X1,
nicht in direkter Beziehung zueinander (im X2, X3)++
Gegensatz z. B. zur Grundhypothese der Diese wird bei Hays „zusammengeschoben“
Konstituentengrammatik), sondern sie sind zu dem unilateralen Hybrid-Gebilde:
Rolleninformationen, die, jede für sich, auf
eine dahinterstehende holistische Struktur Y (*„X1“, „Y“, „X2“, „X3“+).
bezogen ist. Nur durch die strukturierende Hier soll zugunsten von Hays angenommen
„Kraft“ des Relators, d. h. des Verbs (als Re- werden, dass der Ausdruck „X“ die besetzte
präsentant der holistischen Struktur) stehen Kategorie meint (d. h. die Terminal-Elemente
die Rolleninformationen indirekt miteinander seien miteinbezogen, also *„X: x“+). Den-
in Beziehung. Dieser Gesichtspunkt wird noch ist der Status von Argumenten einer Re-
umso tragender, je freier die Wortstellung der lation (*X: x+) ein anderer als der von Kom-
dargestellten Sprache ist. Das wird im nächs- ponenten in einer Kette von verknüpften Aus-
ten Kapitel als Verb-Holon-Modell ausge- drucksseiten (*„X: x“+).
führt werden (cf. „kantifizieren“ und „dekan- RF lässt sich aber auf eine korrekte bilate-
tieren“ in 3.1.2). rale Form (in der hier dargestellten „Spra-
2.4.7. Anmerkung zur Regelform RF che“) bringen, wenn man z. B. Y (X1, *, X2,
bei Hays (1964) und Gaifman (1965): X3) bilateral aufteilt in:
RF lautet für den dreistelligen Fall: Y (X1, *, **X1: „x1“, Y: „y“, X2: „x2“,
X2, X3) mit der Anweisung, dass die Katego- X3: „x3“+, *Y: y (X1: x1, X2: x2,
rie Y die Kategorien in der Klammer regiert. X3: x3)++,
50 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

wobei Y bzw. X jeweils die Kategorie des bi- (THG1) *thg (r2)+ (rr1 rr2 r3 *R1, *r1, r2,
lateralen Zeichens bedeutet und im ersten r3++) ⇒
Glied die Besetzung der Kategorien mit Aus- *rr1 rr2 rr3 **THG: r2+, *RHI:
drucksseiten, und im zweiten Glied die in- tr2 *R1, *r1, r2, r3+++++
haltsseitige Abhängigkeitsstruktur angegeben
Der resultierende Ausdruck ist ein r-Opera-
ist. Fügt man noch die eigentlich relevanten
tor, der (hier z. B. alle drei) Rollen zur Beset-
Rollen hinzu, erhält man einen Ausdruck von
zung zulässt, aber die Rolle r2 soll nur im
der Art (GF10). Hier sieht man also auch,
Thema-Gegenstand besetzbar sein. Dazu
wie die extensionale Mathematik das Wesent-
wird der τ-Operator eingeführt: er ist eine
liche der Valenz übersieht, da sie blind ist für
rückwärtsgewandter Lambda-Operator, der
Rollen. – Auf Details kann hier nicht einge-
nur auf ein (besetztes) Argument, das links
gangen werden.
von ihm steht, angewandt werden kann. Eine
Besetzung von rechts bleibt ohne Effekt.
2.5. Thema-Exportation und
Also in einfachster Notation ausgedrückt:
Thema-Rhema-Gliederung
Für die Betrachtung der Verb-Valenz unter (KR8) (r1: a) *τr1 *R1, *r1+++ ⇒
pragmatisch-kognitiven Aspekten benötigen *R1, *r1: a++
wir noch die Berücksichtigung der Thema- Dieser Operator dient dazu, nach Verarbei-
Rhema-Gliederung. Diese Möglichkeit ist bei tung der thematisch bezogenen Information
Tesnière nicht vorgesehen, muss aber aus ver- aus der Thema-Rhema-Gliederung wieder zu
schiedenen Gründen aufgenommen werden, der ursprünglichen Relationsstruktur in der
u. a. um die Subjekt-Prädikat Diskussion bei kognitiven Repräsentation zurückzukehren,
Tesnière beurteilen zu können (cf. 3.6.1). – in der die Thema-Rhema-Gliederung keine
Eine bestimmte Rolle kann vom Sprecher Rolle mehr spielt. D. h., zunächst werden die
ausgewählt werden, den thematischen An- r-Operatoren rr1, rr2, rr3 auf Ausdrücke
fang seiner Mitteilung anzuzeigen. Dazu soll wie z. B. (r3: c) (r2: b) (r1: a) (in dieser ge-
eine Zweiteilung in der Grundform des Satzes danklichen Reihenfolge) angewandt. Diese
bzw. des Gedankens vorgenommen werden. werden durch Konversion an die „richtigen“
Um diese Operation transparent zu machen, Stellen gebracht; also erhalten wir:
soll sie zunächst nur für den monolateralen
Fall vorgeführt werden. D. h. wir knüpfen (THG2) *rr1 rr2 rr3 **THG: r2+,
nicht an 2.4, sondern an 2.3 an. *RHI: τr2 *R1, *r1, r2, r3++++
In der Relations-Form *R1, *r1, r2, r3++ (r3: c) (r2: b) (r1: a) ⇒
(cf. (GF4)) werde eine Rolle vom Sprecher **THG: r2: b+, *RHI: τr2 *R1,*r1: a,
kognitiv als Thema-Rolle ausgezeichnet. Da- r2, r3: c++++
mit soll modelliert werden, dass der Sprecher Hier ist also „b“ der herausgehobene Thema-
eine bestimmte Rolle und deren Besetzung Gegenstand in der Rolle r2 (auch wenn er im
zum Thema-Gegenstand seiner Äußerung Gedanken an zweiter Stelle steht). Die
macht („THG“) und den Rest als Rhema-In- Rhema-Information enthält die weiteren Be-
formation („RHI“) darauf bezieht. Dazu wird setzungen zu r1 und r3 wie bisher. Die
ein Operator thg(r) definiert, der den Rela- Rhema-Information bleibt aber deswegen
tionsausdruck auf einen zweigliedrigen noch unvollständig, weil sie noch einen Ope-
Ausdruck der Form *Thema-Gegenstand, rator enthält, der die Information zu r2 be-
Rhema-Information+ abbildet (abgekürzt: trifft. Dieser kann nun laut (KR8) nur die In-
*THG, RHI+), in dem eine Rolle r als The- formation aus THG aufnehmen. Bei Anwen-
marolle ausgewählt und vorangestellt wird dung des τ-Operators auf THG (in THG3)
(im folgenden Beispiel die Rolle r2). – Da wird THG als Argument in Klammern ge-
dies zunächst einmal die Repräsentation des setzt, und als Resultat erhält man wieder die
Gedankens in einem kognitiven Raum be- vollständige Relations-Struktur ohne Thema-
trifft, besagt diese Voranstellung noch nichts Rhema-Gliederung:
über die Position des Themas im zu bilden-
(THG3) (*THG: r2: b+) *RHI: τr2 *R1,
den Satz. Die genaue Bedeutung dieser Aus-
*r1: a, r2, r3: c+++ ⇒
drücke kann erst im pragmatischen Teil (3.6
*R1, *r1: a, r2: b, r3: c++.
bzw. 4.3.2) gegeben werden. Hier kommt es
nur auf die Bildung des thema-rhema-geglie- Man sieht nun, dass die thg(r)-Funktion, die
derten Ausdrucks an: zur Thema-Exportation führt, sozusagen als
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 51

τ-Extraktionsregel aufgefasst werden kann. Schluss. Da es meines Wissens weder eine te-
D. h. der Sprecher wählt aus einer kognitiv leologische bzw. holistische Mathematik noch
vorgegebenen Relation (aus dem „Gedan- eine so geartete zielgerichtete Logik gibt und
ken“ bei Tesnière) zunächst einen Thema-Ge- da die Desiderate der Valenzstrukturierung
genstand aus und erzeugt mit thg(r) dann die im Rahmen einer extensionalen atomistischen
Thema-Rhema-Gliederung. Dies wird im Mathematik, für das die Mathematiker-
nächsten Kapitel angewandt werden. gruppe Bourbaki seit über 50 Jahren tonan-
Wenn die Thema-Rhema-Gliederung und gebend ist, nicht zu verwirklichen sind (cf.
τ-Operation bilateral beschrieben wird, erge- 3.1.1.1), wird im Folgenden (wie auch schon
ben sich aus der Zeichen-Ausdrucksseite des in Kap. 2) versucht, ein geeignetes mathema-
THG-Ausdrucks die einzelsprachspezifischen tisches Werkzeug zu entwickeln, dass den
Bedingungen für die Thema-Markierung, sei Tesnièreschen Ideen angemessen ist. Für den
es durch die Positionierung im Satze, sei es Versuch, von einer gegebenen einzelwissen-
durch Thema-Bezeichner (wie z. B. im Japa- schaftlichen Beschreibungsweise (der Depen-
nischen). Dies kann hier nicht ausgeführt denz- und Valenz-Grammatik) her nach einer
werden. mathematischen Form zu suchen, statt umge-
Damit sind alle „Werkzeuge“ zur Darstel- kehrt, wie der Mathematiker, alles Konkrete
lung des sogenannten Verb-Holon-Modells nur als Anwendung vorhandener mathemati-
eingeführt. Es soll dazu dienen, die Tesnière- scher Formen zu interpretieren oder notfalls
sche Syntax als pragmatisch-kognitive „Gram- unter Verlust der guten Intuitionen in solche
matik“ zu erweisen und sie dadurch mit dem Formen hineinzubetten (cf. Einleitung), soll-
ihr zustehenden Sinn zu füllen. ten besonders diejenigen aufgeschlossen sein,
die lange genug mit immer wiederkehrenden
Problemen auf alten Geleisen beschäftigt wa-
3. Die pragmatisch-kognitive ren. Dass dies ein erster Vorschlag ist, der
Modellierung der Verbvalenz sich erst in der Anwendung bewähren kann,
als holistische Struktur: sollte die Neugier darauf nicht schmälern,
sondern eher das Interesse an einer mögli-
das Verb-Holon-Modell chen Weiterentwicklung wecken.
3.1. Holistische Grundlagen 3.1.1.1. Zur mengenbasierten Struktur-
3.1.1. Reflexion über die mathematischen mathematik
Modellierungsmöglichkeiten Im Folgenden (wie auch im letzten Kapitel)
Wenn man die schöpferischen Intuitionen werden ungewohnte mathematische Mittel
Tesnières formal darzustellen versucht, stellt benutzt. Dies soll kurz motiviert werden: die
man fest, dass sie verlorengehen im Rahmen gängige extensionale Mathematik geht von
einer Mathematik, die von Mengen von Ob- Mengen aus. Das Bourbaki-Programm der
jekten ausgeht und Relationen nur als Men- Mathematik besteht darin, alles mathema-
gen von Paaren, Tripeln usw. über solchen tisch Ausdrückbare auf Mengen und daraus
Mengen konstruiert, da das holistische Kon- konstruierten Strukturen aufzubauen. (cf.
zept, wie es sich z. B. in der Organisation des Bourbaki 1982, 293; Thiel 1995, 266; 270 f.).
Satzes durch ein Verb ausdrückt, nicht auf Mengen bestehen aus unterscheidbaren Einzel-
Mengen von Wortketten reduzieren lässt. objekten. Dies ist das Cantorsche Mengen-
Wenn ein Sprecher einen Satz organisiert konzept, wobei an ein solches Einzelobjekt
oder ein Hörer einen solchen zu verstehen darüber hinaus keine Bedingungen gestellt
versucht, dann greift er nicht in eine Kiste sein sollen (cf. Thiel 1995, 152). Eine zweistel-
von schon vorhandenen Ketten-Konstrukten, lige Relation besteht aus einer bestimmten
um die gerade gehörte oder zu konstruie- Teilmenge aus der Menge aller Paare von
rende darin als Element zu identifizieren; Einzelobjekten. Eine solche extensional ver-
vielmehr zeigt sich die gestalterische Kreativi- standene Relation kann im endlichen Fall in
tät des Sprechers gerade darin, dass er das, einer Liste von Paaren aufgestellt werden.
was er mitteilen möchte, über einem holisti- Wenn die Mathematik nach dem Bourbaki-
schen Rahmen aufgrund seiner kognitiven programm auf dieser Art von Mengen und
und sprachlichen Fähigkeiten zielgerichtet Strukturen aufgebaut ist, dann lassen sich die
zusammenstellen kann (cf. 4.3.2). Bei dieser Valenzrollen darin nicht modellieren. Denn
teleologische Planung stehen die syntakti- die Rollen sind keine Einzelobjekte, die sich
schen Details der Links-Rechts-Kette erst am in Mengen zusammenfassen lassen. Sie sind
52 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

keine selbständigen „Gegenstände“, sondern Diese Wissensgestalten betreffen sowohl


immer nur in Verbindung mit einem Verb an- Muster in der Wirklichkeit (3.2, 3.5) als auch
zutreffen (cf. 2.2). Rollen können von Gegen- Muster in den sprachlichen Mitteln (3.3, 3.4,
ständen „besetzt“ werden und ihnen, wie ei- 3.6), die zur Darstellung der Wirklichkeits-
nen Mantel, eine Rolle bzgl. des Verbs (ver)- muster dienen.
leihen, aber die Rollen selbst bleiben von den Zwei Sprachbenutzer gehen in der Kom-
Gegenständen verschieden. Im Bild von Le- munikation davon aus, dass sie beide sowohl
wis Carroll kann man sagen: die Rollen sind die Wirklichkeits- als auch die Kommunikati-
wie das Grinsen der Katze, das auch ohne ons-Muster schon zur Verfügung haben und
Katze noch „Grinsen“ bleibt. Wenn die darauf aufbauen können. Ein Sprecher
Bourbaki-Mathematik zwar „Katzen ohne braucht daher nach dem Finger-Hand-Prinzip
Grinsen“ darstellen kann, nicht aber das (SP1) nur noch Details zum „Finger“ anzuge-
„Grinsen ohne Katze“, dann kann man Rol- ben, um den Hörer dazu zu bringen, diese als
len in dieser Mathematik nicht darstellen. Details eines „Fingers“ zu erkennen, sich
Daher muss man sich um eine neue Mathe- dazu die „Hand“ zu denken und die Details
matik kümmern, in der Relationen und deren zu den weiteren „Fingern“ der „Hand“ zu er-
Rollen der Ausgangspunkt sind, während warten (Hand-Finger-Prinzip). Eine mögli-
Gegenstände und Mengen erst bei der An- che Anwendung dieses Prinzips ist diese: die
wendung ins Spiel kommen (cf. 3.1 (H3)). – „Hand“ ist das Verb (als „Holon“) und die
Dies kann hier nicht vertieft werden, wird „Finger“ sind die Valenzrollen (als „Ho-
aber in der folgenden Darstellung noch ver- leme“). Es gibt insgesamt 5 solche Anwen-
ständlicher werden. Im Übrigen ist dies auch dungen.
eine der Stellen, wo eine einzelwissenschaftli- Der Vorteil dieses gemeinsamen holisti-
che Erkenntnis nach einer geeigneten Mathe- schen Wissenshintergrundes ist der: dass ein
matik sucht, statt von einer vorhandenen Satz nur noch solche Hinweise auf die Holons
Mathematik als Anwendungsbereich verein- und Holeme enthalten muss, die nötig sind,
nahmt zu werden. damit der Hörer das Übrige aus seinem Wis-
Im Folgenden soll die im letzten Kapitel sen (nach der holistischen Logik) erschließen
begonnene Modellierung eines kognitiven kann. Ein Sprecher verpackt daher in einem
Valenzbegriffs in diesem Sinne weitergeführt Satz nur die Informationen, die der Hörer zu
werden. Der auf den Sprachbenutzer bezo- seinem holistischen Muster momentan ergän-
gene Ansatz Tesnières wird in einem holisti- zen soll (cf. 3.1.3). Alles, was schon gemein-
schen Ansatz, dem Verb-Holon-Modell, re- same Grundlage ist, „subtrahiert“ er. – Der
konstruiert, aber auch modifiziert werden. Hörer fügt umgekehrt von sich aus beim Re-
Die grundlegende Idee der Modellierung lässt zipieren eines Satzes das dafür nötige holisti-
sich in den folgenden drei Thesen (3.1.2⫺4) sche Wissen hinzu. Dieses eigenständige Hin-
formulieren: zufügen der Gestalt (nach SP1) sei zu Ehren
Immanuel Kants (1724⫺1804), dem ersten
3.1.2. These zum holistischen Charakter des Kognitivisten in metaphysischer Zeit, im Fol-
gemeinsamen Wissenshintergrunds genden kantifizieren genannt. Die oben ge-
und zur holistischen Logik nannte umgekehrte Aktivität beim Sprecher,
dem „Subtrahieren“ der holistischen Struktu-
Ein Sprachbenutzer SB hat „Wissensgestal- rierung vor der Kommunikation: dekantieren.
ten“ zur Verfügung. Das sind Muster, die SB Das Kriterium dafür, was ein Sprecher dann
an einem Wirklichkeitsausschnitt erkennen zur Sprache bringen muss, wenn er einem
kann. Das spezifisch Holistische besteht in Hörer seinen Gedanken mitteilen will, lässt
der holistischen Logik, d. h. sich mit dem folgenden Prinzip der ökonomi-
(SP1) dass SB von einem erkannten charakte- schen Mitteilung ausdrücken:
ristischen Detail (einem Holem) auf die 3.1.3. Das Prinzip der ökonomischen
ganze Gestalt (Holon) schließen kann Mitteilung lautet:
(im Bild: von einem gereichten Finger
auf die ganze Hand) bzw. (PR.ÖKO) Wenn ein Sprecher einem Hörer
in einer Situation, in der schon Informatio-
(SP2) dass SB von der erkannten Gestalt auf nen zwischen beiden zu einem Thema ausge-
alle Teile schließen kann (von der tauscht worden sind, eine weitere Informa-
Hand auf die Finger, die dazu ge- tion (einen „Gedanken“) mitteilen will, so
hören). muss er prinzipiell nur das verbalisieren, was
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 53

für den Hörer neu ist und was zur Einbettung vanten) Informationen aus seiner Wirklich-
des Neuen in den bisherigen Informations- keit besetzt. Der Sprecher realisiert neben
stand unbedingt notwendig ist (z. B. Bezug- dem Verbmuster im selben Satz noch andere
nahme auf das „Thema“). Alles dem Hörer Muster, die weitere Aspekte des Geschehens
in der Situation schon Bekannte oder für ihn und der Mitteilung betreffen (cf. 3.2⫺3.6). Er
momentan Irrelevante sowie alles holistisch bildet daraus eine Abfolge von Satzteilen, die
Vorausgesetzte bzw. Erschließbare kann der nicht untereinander zusammenhängen, son-
Sprecher weglassen. dern jeweils nur über ihre Muster miteinan-
Dieses Prinzip scheint trivial zu sein (cf. der vermittelt sind. Solche Muster sind Spezi-
auch Grice 1975, 47), es wird aber weitrei- alfälle des holistischen Konzepts „Holon“,
chende Konsequenzen für die Valenz-Be- das jetzt eingeführt werden soll.
trachtung haben (cf. 3.3, 3.5, 3.6 und Storrer
1992, 271; 274). 3.1.5. Die Grundform des Holon-Konzepts
Die Grundform aller solcher Muster wird Zunächst soll die Gestalt von Informationen,
im Folgenden zunächst allgemein (unter dem wie sie einem Sprachbenutzer in bestimmten
Begriff „Holon“) charakterisiert (3.1) und Bereichen vorliegen, ohne Bezug auf die
dann auf die Organisation des Gedankens Sprache definiert werden, dann jedoch auf
und seine Verbalisierung im Satz angewandt die Sprachorganisation, wie sie Tesnière kon-
(3.2 ff.). zipiert hat, angewandt werden.
Anm. 1: Wenn im Folgenden von einem (H1) Ein Holon ist ein Gestaltschema mit
„Sprachbenutzer SB“ die Rede ist, dem be- funktional-bestimmten Teilen (im
stimmte Fähigkeiten und Tätigkeiten zuge- Folgenden Holeme genannt). Jedes
schrieben werden, so ist dieser immer als ein Holon erfüllt für den Sprachbenutzer
theoretisches Konstrukt zu verstehen, das innerhalb eines Wirklichkeitsbereichs
dazu dient, die Tesnièreschen Intuitionen zu einen bestimmten Zweck.
modellieren. Aussagen über SB dürfen nicht
Formal wird ein Holon HL so dargestellt:
als empirische Aussagen über das Verhalten
von konkreten Sprachbenutzern missverstan- (H1a) HL (NAM, ZWE, ANZ: n): *HM1,
den werden. Das Konstrukt kann sich, wie HM2, … HMn+.
gesagt, erst bei der Anwendung auf Angemes- D. h. das Holon HL mit dem Namen
senheit prüfen lassen. NAM dient dem Zweck ZWE. Es ent-
hält n funktionale Teile („Holeme“ ge-
Anm. 2: Der im Folgenden eingeführte Be-
nannt): *HM1, ...HMn+.
griff des Holons sollte nicht mit Begriffen wie
„frame“ "script“ etc. (cf. Konerding 1993, (H2) Jedes Holem HM erhält seine Rolle in
42 ff.) verwechselt werden, da diese die Inten- HL dadurch, dass es einen bestimm-
tion des holistischen Denkens nicht modellie- ten Teilzweck TZW im Zweck ZWE
ren, sondern wieder ins Atomistische rück- erfüllt. Sein Aufbau ist:
transformieren. Darauf kann hier jedoch
(H2a) HM (HNM,TZW): *Valeur, Substanz,
nicht eingegangen werden.
Variationsfeld+.
3.1.4. Die Holistische Grundthese des D. h. das bestimmte Holem HM mit
Verb-Holon-Modells ist: dem Namen HNM dient dem Teil-
zweck TZW im (Gesamt-)Zweck
Jedes Verb stellt mit seinen Valenzrollen eine
ZWE. Es enthält 3 funktionale Teile:
holistische Gestalt (Holon) und dessen Teile
(Holeme) dar. Diese Gestalt repräsentiert ein ⫺ Der Valeur charakterisiert die un-
Wirklichkeits-Muster (im festen Wissenshin- verwechselbare Funktion des Holems
tergrund) jeden Sprachbenutzers, mit dem im Holon (d. h. seinen Teilzweck);
er Wirklichkeitsausschnitte (wieder)erkennen ⫺ die Substanz enthält Parameter
kann. und Randbedingungen, die die mate-
Damit ist gemeint: der Sprecher kann Ge- rielle Konkretisierung betreffen;
schehnisse und Handlungen in seiner Wirk- ⫺ das Variationsfeld enthält das Feld
lichkeit auf „Geschehens- bzw. Verarbei- an Möglichkeiten, innerhalb dessen
tungs-Muster“ abbilden und kann dies im die Realisierung des Holems variieren
Satz dadurch zum Ausdruck bringen, dass er darf, ohne mit der Realisierung eines
dazu einen entsprechenden Verbausdruck konkurrierenden Holems in Konflikt
wählt und dessen Valenzrollen mit den (rele- zu geraten.
54 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

(H3) Konkretisierung des Holons: Ein SB ordnet die in der Wirklichkeit involvierten
Sprachbenutzer wendet ein Holon da- Gegenstände (oder Personen) A, B und C
durch auf einen Wirklichkeitsaus- den Holemen zu (Konkretisierung der Ho-
schnitt an, dass er die Holeme mit ge- leme, cf. 3.1.5 (H3)). Insgesamt bildet SB
eigneten Informationen aus seiner dann z. B. das konkretisierte dreistellige
Wirklichkeit besetzt (d. h. die Holeme Holon:
und damit auch das Holon werden (HL2) *HL1: *HM1: A, HM2: B, HM3:
„konkretisiert“). C++.
(H4) Holeme können selbst wieder als Ho- (Die dem HL1 eindeutig zugeordneten Be-
lon fungieren und Sub-Holeme anneh- stimmungsstücke „(NAM1, ZWE1, 3)“ in
men, die im Holem eine ähnliche (HL1) werden im Folgenden weggelassen.)
Funktion ausüben wie die Holeme im Das Besetzen der Holeme ist formal darzu-
Holon (Zum Holon-Konzept siehe stellen, wie es in 2.3 beim Rollen-Relator ein-
auch Mudersbach 1999, 4.3.1.2). geführt worden ist. (HL2) ist die formale Re-
3.1.6. Die fünf holistischen Gestalten präsentation der holistischen Information,
des Kommunizierens die den „organisierten Gedanken“ bei Tes-
nière vor dem Sprachbezug modellieren soll.
Der Holon-Gedanke lässt sich aus Saussures Als Beispiel stelle man sich die Szene vor, in
Langue-Auffassung gewinnen und verallge- der SB gesehen hat, wie die Person A der Per-
meinern, er soll im Folgenden aber nur auf son B einen Gegenstand C gibt, und hat dies
die Versprachlichung und das Verstehen, wie als Beispiel des Handlungs-Musters des
es bei Tesnière modelliert wird, bezogen wer- Schenkens (= HL1) erkannt.
den. Es wird sich nun zeigen, dass sowohl das
Valenz- als auch das Dependenz-Grammatik- 3.3. Redeplanung zum konkreten Sach-
Konzept mit der holistischen Grundform mo- Holon (Valenz-Konzept)
dellierbar sind. Darüber hinaus ergeben sich SB will einem Hörer HR die Information
noch weitere Anwendungen im Rahmen der (HL2) mitteilen. Dazu muss SB wissen, wie
Satzbeschreibung. Insgesamt wird das Ho- man in einer Situation, in der ein bestimmter
lon-Konzept im Verb-Holon-Modell bei der Gegenstand bzw. Interesse (Thema) gerade
Versprachlichung der folgenden fünf holisti- im Zentrum des Aufmerksamkeitsbereichs
schen Teilmodellierungen eingesetzt: (AMB) von SB bzw. von HR steht, die Mit-
– beim Erkennen eines Geschehens- bzw. teilung auf ein solches Thema bezieht und an-
Handlungs-Holon (Sach-Holon, cf. 3.2), gibt, welchen Teilen des Holons man Neuig-
– bei der Redeplanung zum konkreten Sach- keitswert für den Hörer zuschreibt. Dieses
Holon (Valenz-Konzept, cf. 3.3), holistische Wissen zur Thema-Rhema-Glie-
– beim Referenz-Erstellungs-Muster (Depen- derung steht zwar bei der Redeplanung am
denz-Konzept, cf. 3.4), Anfang, soll hier aber erst am Schluss behan-
– beim holistischen Raum-Zeit-Wissen (Cir- delt werden (cf. 3.6).
constanten-Konzept, cf. 3.5), Zu der holistischen Information (HL2)
– beim Mitteilungs-Muster (Redeplanung muss SB außerdem eine geeignete Versprach-
nach Thema-Rhema-Gliederung bzw. Sub- lichung finden. Dies geschieht in vier
jekt-Prädikat-Struktur des Satzes, cf. 3.6). Schritten:

Diese Holonstrukturen sollen im Folgenden (s1) SB wählt zunächst in der natürlichen


einzeln besprochen werden. Dabei wird das Sprache L1 einen Verbausdruck aus, der
mathematische Werkzeug der Rollen-Rela- das Holon (HL1) und die zur Verbalisie-
tion (aus 2.) zum Tragen kommen. rung vorgesehenen Rollen (ohne Beset-
zung) darstellen kann. Dies sei zu *HL1,
3.2. Geschehens- bzw. Handlungs-Muster *HM1, HM2, HM3+) z. B. vrb1(r1, r2,
(Sachholon) r3). (cf. 3.1.4). Zu einem Sach-Holon
Wir gehen davon aus, dass der Sprachbenut- HL1 gibt es evtl. verschiedene alterna-
tive Verbausdrücke mit unterschiedli-
zer SB in seiner Wirklichkeit ein Geschehen
cher Gewichtung und Perspektivierung
bzw. eine Handlung als zu dem Muster HL1
der Holeme. Die Wahl wird von thema-
(Sach-Holon) gehörig erkennt:
tischen und Interessenvorgaben be-
(HL1) *HL1 (NAM1, ZWE1, 3): *HM1, stimmt, kann hier aber nicht diskutiert
HM2, HM3++. werden (cf. Storrer 1992, 281 ff.).
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 55

(s2) Nach der Wahl des Verbs (zunächst auffinden kann (Zweck des Referenzterms
seine Inhaltsseite) wählt der Sprecher die ZWR). Dieses Wissen wird wieder als Ho-
Valenzrollen aus, die er realisieren will lon modelliert.
(wie in 2.2 dargestellt). Die Grundlage Das Referenz-Holon HRT dient dem oben
dazu gibt 3.1.3 (PR.ÖKO). Alles Übrige angegebenen Zweck ZWR und habe drei
wird „dekantiert“. Teile. (Einen besonderen Namen braucht es
(s3) Der Sprecher bildet sprachliche Ausdrü- nicht, weil es nur ein Referenz-Holon gibt).
cke (Referenzterme), die geeignet sind,
für den Hörer die Gegenstände, die die (RH1) *HRT(⫺, ZWR, ANZ: 3):
Valenzstellen besetzen, zu bezeichnen. *RHM1, RHM2, RHM3++.
Dies geschieht mit dem nachfolgend be- Hierbei haben die Referenz-Holeme folgende
schriebenen Referenz-Holon. Teilfunktionen:
(s4) Zur Verwendung der Junktion:
Eine Valenzrolle kann nur mit einem Re- – RHM1 enthält die Angabe der Referenz-
ferenzterm besetzt werden. Wenn diese Gegenstände
Konvention durchbrochen werden soll, – RHM2 enthält die Angabe der Anzahl der
weil z. B. mehrere gleichartige Terme Gegenstände (und eventuell die Angabe
nach (PR.ÖKO) zusammengezogen wer- der Art der Kennzeichnung (z. B. ob indefi-
den sollen, muss der Sprecher dies durch nit oder definit),
einen Erweiterungs-Indikator anzeigen – RHM3 enthält die Spezifikation, mit der
(dazu dienen die Junktive, cf. 1.5.1). Das die Gegenstände herausgegriffen werden
Prinzip der Junktion betrifft aber nicht können (ein Substantiv, 48: 6). Zu der Spe-
nur die Referenzterme, sondern alle zifikation kann eine oder mehrere Subspe-
anderen Holeme, nicht jedoch die zifikationen hinzutreten (Ausdrücke der
Subspezifikationsmöglichkeiten (cf. 3.4 Kategorie ADJ). Diese können ihrerseits
RHM3). Statt hier die Probleme bei der durch eine Sub-Subspezifikation spezifiziert
Einbindung der Junktion ins Stemma werden (z. B. Ad-Adjektive wie „sehr“,
aufzurollen, sei die Darstellungsidee als „ziemlich“ etc.). Die Spezifikationstiefe
Bild angegeben: Man behandelt das muss offen bleiben, weil sie nur davon be-
Junktiv wie einen Zeitungsständer. Da stimmt sein darf, dass die intendierten Re-
wo eine Zeitung liegt, stellt man einen ferenzgegenstände (in RHM1) hinreichend
Zeitungsständer (das Junktiv) dazu und genau eingegrenzt werden. Eine offene
kann dann beliebig viele Zeitungen (des- Spezifikationstiefe wird dadurch erreicht,
selben Typs) hineingeben. D. h. konkret: dass dieses Holem in sich einen iterierbaren
Bei der Besetzung des Holems wird z. B. Aufbau enthält, der aber nicht aus dem
‘und’ als ein solcher Erweiterungs-Indi- Holem herausführt. (Wie die Sprache bzw.
kator angegeben, der dann beliebig Tesnière dies ermöglichen, wird in 4.3.3
lange Aufzählungen zulässt, ohne dass dargestellt). Zur Erleichterung des Spezifi-
die Holem-Holon-Beziehung dadurch zierens dient die Vorgabe eines Aufmerk-
belastet wird. Allerdings kann damit samkeitsbereiche, da dadurch der Bereich
keine Distribution erzeugt werden. Dies der Alternativobjekte, gegen die abzugren-
ist aber ohnehin bei Tesnière ein naives zen ist, eingeschränkt werden kann (cf.
und fragwürdiges Unterfangen, beim 3.6).
Übersetzen in das Stemma zugleich die
Logik der Distribution mitbehandeln zu Der Sprecher SB bildet z. B. für den Gegen-
wollen (136:5, 144) (cf. 1.5.1). stand A im ersten Holem (HM1:A in HL2)
einen Referenzterm (als Konkretisierung des
3.4. Referenz-Erstellung mit dem Referenz- Referenzholons HRT) z. B.:
Holon (Dependenz-Konzept)
(RH2) *HRT: *RHM1: A, RHM2: 1-def,
Nach der Festlegungt des Verbs und der zu RHM3: spez1 (subsp1))++.
realisierenden Verbrollen, sind für die Gegen-
stände, die die Holeme besetzen, geeignete Der Referenzterm, der sich auf A beziehen
sprachliche Ausdrücke zu finden. Dazu ver- soll enthält die Anzahl „1-def“ (singular, defi-
fügt der Sprachbenutzer über das Wissen, wie nit) und enthält eine Spezifikation („spez1“)
man einen Referenzterm zu einem intendier- und eine Subspezifikation („subsp1“). D. h.
ten Gegenstand so gestaltet, dass der Hörer SB bereitet einen bilateralen Referenzterm
den Gegenstand in seinem Informationsstand vor (cf. 2.4) mit
56 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

(RH3) *Rf1: **za (1-def), za (spez1 Menge verwiesen werden muss, bevor die
(subsp1))+, *1-def, spez1 (subsp1)++, Subspezifikation greifen kann. Dasselbe gilt
jedoch nicht für die Subsubspezifikation, weil
z. B. die Modifikation eines Adjektivs keine exten-
(RH4) *Rf1: **„das*“, za (Buch (dick)++, sionale, sondern eine intensionale Operation
*1-def, Buch (dick)++. ist: die Eigenschaft „dick“ wird in „sehr dick“
(Bezeichnungen: siehe 2.2 ff.) modifiziert, bevor diese (modifizierte) Sub-
spezifikation auf die Menge der Bücher ange-
„das*“ sei ein definiter Artikel, dessen Kasus wandt werden kann. Denn man kann nicht
noch offen ist (denn die Kasusbestimmung die Teilmenge „sehr“ aus der Menge der di-
erfolgt erst durch die Rolleninformation cken Bücher herausgreifen.
(mark1) in (MT1) weiter unten. Das subspezi-
fizierende) Adjektiv (‘dick’) setzt ein spezifi- 3.4.2. Wenn SB für die übrigen Holembeset-
zierendes Substantiv (‘Buch’) voraus. Das zungen in (HL2) ebenfalls Referenz-Terme
Adjektiv kann aber nicht die Eigenschaft zu nach diesem Muster gebildet hat, dann erhal-
„Buch“ spezifizieren, weil Buch als Eigen- ten wir insgesamt aus dem zu versprachli-
schaft nicht die Eigenschaft dick haben kann chenden Sach-Holon
(wohl aber kann ein Objekt zu „Buch“ dick
sein! cf. die falsche extensionale Argumenta- (HL2) *HL1: *HM1: A, HM2: B, HM3: C++
tion in 21: 4 zur Rechtfertigung, dass „Buch“ die Inhaltsseite für die Mitteilung:
semantisch von „dick“ regiert würde (cf.
3.4.1 und 4.1.1). Das Adjektiv dient dem Hö- (MT1) vrb1, *r1: Rf1, r2: Rf2, r3: Rf3++
rer HR vielmehr dazu, aus der Menge der in und mit eingesetzten Referenztermen (z. B.):
Frage kommenden Bücher im Informations-
stand des HR die dicken Bücher herauszu- (MT2) *vrb1 (r1: Rf1: *1-def, nom1(ad1)+,
greifen. Über dieser Menge ist dann mit dem r2: Rf2: *1-def, nom2+, r3: Rf3: *1-
Quantor zu prüfen, ob sie eine Einermenge def, nom3 (adj3 (mod3))+)+.
ist. Ausdrucksseitig ergibt sich dann z. B. für die
Konkretisierung des Handlungsmusters in
3.4.1. Was nun den Dependenz-Aspekt an- 3.2:
geht, so ist dies (nämlich (RHM3) bzw.
(MT3) za (schenken
„spez1(subsp1)“ in RH3) die einzige Stelle in
(r1: Rf1 *1-def, Hans-heißend
der ganzen Dependenztheorie, an der es sinn-
(klein)+,
voll ist, den Begriff der Abhängigkeit zu ver-
r2: Rf2 *1-def, Geburtstagskind+,
wenden, aber nicht als Abhängigkeit zwi-
r3: Rf3 *1-def, Buch (dick
schen den Kategorien ADJ und NOM, son-
(sehr))+))
dern als eine daraus resultierende Abhängig-
keit zwischen den Besetzungen der Katego- (für: „der kleine Hans schenkt dem Geburts-
rien bzw. deren extensionalen Interpretation. tagkind das sehr dicke Buch“).
Die subspezifizierte Menge der dicken Bücher Wenn man nun in diesem Ansatz die De-
ist abhängig von der vorher spezifizierten pendenz-Analyse Tesnières betrachtet, dann
Menge der Bücher. „x ist abhängig von y“ ergibt sich: Wenn seine Satzanalyse dahin
heißt dann soviel wie „x setzt y voraus“. Erst führen soll, dass der Hörer einen Gedanken
muss die Menge der Bücher dem Hörer zu- formen kann, in dem ein Gegenstand aus
gänglich gemacht werden, bevor er daraus die dem (gedanklichen) Informationsstand he-
Teilmenge der dicken Bücher (Subspezifika- rausgegriffen wird, dann müssen die Wörter
tion durch ein Adjektiv) herausgreifen kann. im Satz diese Aufgabe bewerkstelligen kön-
D. h. für HR kommt es nicht allein auf die nen, d. h. im Falle der Besetzung einer Rolle
Setzung eines Nomens an, sondern auch da- zu einem Verb: dass der Hörer aus den Infor-
rauf, dass er eine Menge von Büchern in sei- mationen im Satz die für das Referenzholon
nem Informationsstand zuordnen kann. D. h. nötigen Teile (Holeme) gewinnen kann, also
nicht das Nomen ist nicht weglassbar, son- den Quantor und die Spezifikation. Die Spe-
dern die damit bezeichnete Menge muss vor- zifikation ist bei Tesnière durch das Nomen
handen sein (sie ist „nicht weglassbar“). Das und die Adjektive repräsentiert. Der Artikel
Abhängigkeitskonzept besagt also pragma- wird aber auch als Adjektiv aufgefasst. Dies
tisch gesehen: dass mit dem Spezifikations- wird der quantifizierenden Funktion (im Ge-
ausdruck erst einmal erfolgreich auf eine gensatz zur subspezifizierenden des Adjektivs
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 57

nicht gerecht). Das Nomen „regiert“ (i. S. v. RZM2: Lokalisierung im Raum


„ist Voraussetzung für“) demnach nicht die RZM3: Lokalisierung in der Zeit
andern Teile des Referenzterms, sondern al- RZM4: Intervall im Raum (z. B. „von-nach“)
lenfalls die Subspezifikation ADJ. Der Quan- RZM5: Intervall in der Zeit (z. B. „von-bis“)
tor ist dem Nomen gleichgeordnet. Damit RZM6: Qualitäten der Raum- und Zeit-As-
löst sich die Kontroverse um das Verhältnis pekte (wie „schnell“ oder „intensiv“)
beider. Durch die holistische Sicht wird die RZM7: Status eines Geschehens (z. B. kon-
parallele Holem-Funktion beider Teile beim tingent, habituell, gesetzesartig)
Referieren deutlich.
und weitere Holeme, die hier nicht von Be-
3.5. Das holistische Raum-Zeit-Wissen lang sind.
(Circonstanten-Konzept) Zur „Schachtelung“ in RZM1: aufgrund
Zu klären ist im Rahmen des Verb-Holon- von 3.1 (H4) kann RZM1. selbst wieder Ho-
Modells noch die Modellierung der Circon- lon-Charakter haben (hier: das Sachholon
stanten (48: 7 ff.). Da sie (nicht-obligatori- enthalten).
sche) Komplemente („Angaben“) sind, also Auf dieser Basis ergibt sich die folgende
zur Satzinformation nicht „notwendiger-
weise“ dazu gehören und da oft unklar ist, 3.5.1. These zur holistischen Behandlung
ob ein Satzglied ein Aktant oder ein Circon- der Circonstanten
stant ist, soll hier ein Vorschlag zur Klärung Jedes Sach-Holon ist eine spezielle Besetzung
der Funktion der Circonstanten gemacht des Holems der Raum-Zeit-Gestaltung
werden, der sich folgerichtig aus dem holisti- (RZM1) im Raum-Zeit-Holon RZH. Die wei-
schen Denkansatz ergibt. teren Raum-Zeit-Holeme enthalten raum-
Die meisten Sach-Holons dienen dazu, zeitlich relevante Informationen zum Sach-
Wirklichkeitsausschnitte zu erfassen. Die holon und seiner Konkretisierung. Die Cir-
Wirklichkeit hat eine Raum-Zeit-Struktur. constanten (Angaben) enthalten die Ver-
Da nun sicherlich diese Struktur zum gemein- sprachlichung derjenigen Raum-Zeit-Ho-
samen Wissensbestand zwischen Sprecher leme, die für die Informationsübermittlung
und Hörer gehört (cf. 3.1.2) und da der Hö- relevant sind.
rer viele Details von (z. B. in einer Erzählung D. h. die Besetzung der übrigen Holeme
geschilderten) raum-zeitlichen Informationen von RZH liegt zwar im Informationsstand
leicht selbst erschließen kann, kann der Spre- des Sprachbenutzers, der ein Geschehen be-
cher nach (PR.ÖKO) (in 3.1.3) in vielen Fäl- schreiben will, vor (jedenfalls soweit es ihn
len auf die explizite Erwähnung im Satz ver- interessiert), aber aufgrund des (PR.ÖKO)
zichten (cf. das Dekantieren in 3.1.2). Nur im wird davon nur das in die mitzuteilende In-
Falle von kontingenten und nicht erwartba- formation aufgenommen, was die entspre-
ren Änderungen müssen diese angegeben chenden Bedingungen erfüllt. Die Satzteile
werden. der adverbialen Bestimmungen verschiedener
Wenn wir die Raum-Zeit-Struktur eben- Art (Circonstanten) dienen daher dazu, das
falls als Holon im Wissen des Sprachbenut- vom Hörer nicht erschließbare Wissen über die
zers modellieren (= RZH), ergibt sich die jeweilige momentane Wirklichkeitsstruktur
Möglichkeit, RZH als übergeordnetes „Raum- anzugeben (cf. 3.1.2). Pointiert gesagt: die
Zeit-Holon“ einzuführen, in dem ein Sachho- Circonstanten sind die Valenzrollen des Raum-
lon eine bestimmte Holemstelle (!) besetzt. Zeit-Holons, und die Valenzrolle RZM1 (das
RZH dient dem Zweck, die raum-zeitliche Sachholon) übernimmt darin die „Subjektpo-
Orientierung des Hörers zu unterstützen, sition“. Auch für die Besetzung gilt dasselbe
wenn er sich die Entwicklung des Gehörten wie für das Referenzholon: der Sprecher hat
vorstellen will und dies nicht mit seiner holis- die Möglichkeit, die Spezifikation der Zeit-
tischen Logik erreichen kann. Wir erhalten oder Ortsangabe so tief zu schachteln wie es
insgesamt für RZH eine Struktur von der für die Eingrenzung des Ortes oder der Zeit
Art: beim Hörer nötig ist. Dies verursacht keine
*RZH, *RZM1, RZM2, RZM3, Mehrfachbesetzung des jeweiligen Holems.
RZM4, RZM5, RZM6, RZM7, ...++ Wird eine Mehrfachbesetzung gewünscht,
dann muss wieder ein „Zeitungsständer“ hin-
wobei gilt: zutreten (cf. 1.5.1 und 3.3 (s4)).
RZM1: Das Holem der Raum-Zeit-Gestal- Die Tatsache, dass üblicherweise mehr
tung enthält das Sach-Holon (3.2) Rollen des Sachholons im Satz auftreten als
58 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Rollen des Raum-Zeit-Holons liegt daran, stand). Zugleich grenzt er die hinzuzufügen-
dass wir nicht über Raum-Zeit-Strukturen den neuen (Rhema-)Informationen (RHI) ab.
per se kommunizieren wollen, sondern ein Nur beim Wechsel von Themagegenstand
Interesse an der momentanen, kontingenten oder Aufmerksamkeitsbereich müssen (wie-
Sachlage, d. h. der Auffüllung des Sachholons derum nach 3.1.3 PR.ÖKO) die entsprechen-
(RZM1.) haben. den Ausdrücke mit einem „Wechsel“-Indika-
Mit diesem Erklärungsansatz wird deut- tor angezeigt werden (z. B. „was nun die …
lich, dass die Circonstanten vom Sprecher betrifft: …“). – Der Sprachbenutzer hat dazu
durchaus in systematischer, d. h. an Kriterien Gestaltungsmuster zur Verfügung und kann
gebundenen Weise eingesetzt werden. Ihre sie als Sprecher in die Äußerung einbringen
vermeintliche „Weglassbarkeit“ entpuppt sich bzw. sie als Hörer an der Äußerung erkennen.
als situative Notwendigkeit. Erst wenn man Insbesondere die Thema-Rhema-Gliederung
von der Pragmatik zur Semantik bzw. Syntax dient dem Zweck (ZWE.TR), dem Hörer die
übergeht, fallen die für die Setzung der Cir- Anbindung des Geäußerten an das Bisherige
constanten relevanten Gesichtspunkte (die im bzw. die Aufnahme der neuen Information zu
Ablauf der geschilderten Situation bzw. im erleichtern (cf. 2.6). D. h. die Thema-Rhema-
Hörer-Wissen) liegen, weg. D. h. die „Blind- Struktur zeigt dem Hörer den Mitteilungs-
heit“ für die Relevanz der Circonstanten er- wert des jeweiligen Satzteils an und erleich-
gibt sich aus dem freiwilligen Verzicht auf tert ihm dadurch den kohärenten Anschluss
pragmatische Information. Logisch gesehen des Gesagten.
ist dies ein Fehlschluss von der Art einer ne- Dieses Wissen lässt sich ebenfalls als Ho-
gativen petitio principii (cf. 3.6.1). lon formulieren. Das Thema-Rhema-Holon
Die Frage, ob ein Satzglied Aktant oder ist folgendermaßen aufgebaut:
Circonstant ist, kann sich mit diesem Ansatz
(HTR1) *HTR(⫺, ZWE.TR, ANZ: 4):
auch leicht beantworten lassen: eine Raum-
*EPM, AMB, THG, RHI++.
Zeit-Information gehört dann essentiell zu ei-
nem Verb dazu, wenn das Sach-Holon ohne EPM: ist das epistemische Holem, in dem
dieses Holem als Gestalt nicht vollständig ist. angegeben wird, auf wessen Infor-
Z. B.: während in „er hat das Buch von ges- mationsstand (und auf welche Ein-
tern bis heute durchgelesen“ die Angabe des stellung) sich die folgende Informa-
Zeitintervalles als Circonstant (Holem des tion bezieht (z. B. Hans hofft, dass
Raum-Zeit-Holons RZHM5) zu verstehen …),
ist, da das Holon „lesen“ nicht essentiell auf AMB: ist der Aufmerksamkeitsbereich.
die Zeitangabe angewiesen ist, sind in „das THG: gibt den Themagegenstand an.
Unglück geschah gestern auf der Fahrt von RHI: gibt die Rhema-Information an und
A nach B“ die Angaben zu „WANN“ und
weitere Holeme, die hier nicht ausgeführt
„WO“ Valenzen des Verbs „geschehen“, da
werden sollen.
„geschehen“ essentiell eine Raum-Zeit-Ge-
stalt ist (Zur Problematik: siehe Storrer 1992, Die Anwendung dieser Thema-Rhema-Glie-
70 ff.). Dies ist unabhängig davon, ob wegen derung ist in 2.5 formal schon vorbereitet
des PR.ÖKO eine von beiden Angaben weg- worden. – Die Angabe des Aufmerksamkeits-
fällt. bereichs AMB führt dazu, dass man den zu
bildenden Referenzterm einfach halten kann,
3.6. Hörer-bezogene Mitteilungs-Gliederung weil durch AMB die Alternativobjekte, die
(Thema-Rhema-Holon) fälschlicherweise beim Hörer in Frage kom-
Wenn ein Sprachbenutzer in einem Gespräch men könnten, reduziert werden (cf. 3.4
den nächsten Satz formuliert, so ist dieser RHM3.). Zu allen Holemen gehören neben
eingebunden in den momentanen Aufmerk- der inhaltlichen Besetzbarkeit auch Indika-
samkeitsbereich (AMB bzw. „Text-Thema“) tor-Ausdrücke, die dazu dienen, die Holem-
und betrifft das momentane Interesse der Ge- Funktion im Zweifelsfall deutlich zu machen
sprächspartner an einem bestimmten Gegen- (insbes. beim Wechsel oder Vergleich).
stand (dem Themagegenstand THG). Der Hier kommt es darauf an zu zeigen, dass
Sprecher zeigt seinen Willen zur kohärenten der Tesnièresche Grundgedanke nicht nur
Fortführung der Informationen zu dem The- verträglich ist mit der Thema-Rhema-Gliede-
magegenstand, indem er dies in bestimmter rung der Information, sondern dass es im
Weise in jedem Satz zum Ausdruck bringt Sinne der Anschließbarkeit der Sprecher-Hö-
(Thema-Stellung, traditionell: Satzgegen- rer-Dynamik an die Strukturale Syntax auch
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 59

notwendig ist, diese Gliederung mitzuberück- re, cf. Frege 1973, 3) den Boden entziehen.
sichtigen. Angenommen: SB wählt als The- Es handelt sich also einfach um eine Fallacy,
magegenstand (THG) für die Mitteilung den bei der die einschränkende Voraussetzung im
Gegenstand A aus 3.4 (HL2) bzw. (MT1) jeweiligen Programm schon blind macht für
aus. SB ordnet diesem THG als Rhema-In- die Relevanz des Phänomens bzw. der Recht-
formation (RHI) zu und bildet so aus *HL1: fertigung von dessen Beschreibung. Das
*HM1: A, HM2: B, HM3: C+++ (unter Ver- wurde in 3.5 „negative petitio principii“ ge-
wendung des Operators thg (HM1)-Opera- nannt. – Die Sensibilität Freges für natürlich-
tors und der Einführung des t-Operators aus sprachliche Phänomene veranlasst ihn zwar,
2.5) den Redeplan: darauf hin zu weisen, dass die Subjektstelle
im Satz (nicht in der Äußerung!) dazu diene,
(RPL) **THG: HM1: A+, *RHI: tHM1
die Aufmerksamkeit des Hörers (!) auf etwas
HL1: *HM1, HM2: B, HM3: C+++.
hinzulenken (Frege 1973, 3; 18), aber gleich-
Dies ist so zu lesen: zum Thema-Gegenstand zeitig kann er dies zu Recht für seine Zwecke
A wird durch trg(HM1) die konkretisierte als nicht relevant ansehen. Wenn man aber
Holon-Information (ähnlich wie in 2.5 Sprache nicht nur als Betätigungsfeld für
(THG2)) gebildet, bei der nur an der Stelle Syntaktiker, Semantiker und Logiker an-
HM1 der Gegenstand A herausgenommen ist sieht, sondern sich an ihren Zweck erinnert,
und in die Themaposition gerückt ist. Dabei nämlich der Kommunikation zu dienen, dann
bleibt in RH1 stattdessen der linksanwend- ist das Desiderat, zu allen Abhängigkeitsbe-
bare rollenspezifizierte t-Operator (cf. 2.5) trachtungen auch noch den kommunikativen
tHM1 stehen. Bei Anwendung des t-Opera- Sinn der Anordnung (in der Äußerung) zu be-
tors auf die THG-Besetzung geht (RPL) wie- rücksichtigen, sicher gerechtfertigt (cf. Welke
der in (MT1) (siehe weiter unten) über. D. h. 1995, 170; 172 f.). Diesem Rechnung zu tra-
der Hörer behält letztlich nur die Struktur gen und dies zugleich mit den Einsichten Tes-
des Gedankens im kognitiven Raum, nicht nières zu verbinden, ist hier das Anliegen.
aber die Abfolge der Übermittlung, die ihm
ja nur zur Kohärenzherstellung gedient hat. 3.7. Das Verb-Holon-Modell im zeitlichen
Bzgl. Tesnière besagt dies: die Rolle des Ablauf: vom Gedanken zur Äußerung
Holons bzw. des Verbs als zentraler Organi- (Abschließende Zusammenfassung)
sator des Gedankens bzw. des Satzes bleibt (a) Das Verb-Holon-Modell beruht auf den
bestehen. Da die Links-Rechts-Gliederung Intuitionen, die Tesnière besonders in
der Satzkette nach Tesnière noch offen sein den ersten Kapiteln dargelegt hat und
kann für Nuancierungen (58: 2), kann man versucht den Übergang zwischen dem
eine bestimmte Stelle dazu benutzen, ein zu äußernden Satz und der Gedanken-
Satzglied „hervorzuheben“, indem man ihm struktur zu modellieren. Besonders
die Funktion des Thema-Gegenstandes zu- wichtig ist dabei die Aussage, dass der
kommen lässt (Tesnière hat allerdings diese Hörer seine Strukturierungsprinzipien
Möglichkeit nicht in Betracht gezogen, cf. schon mitbringen muss (1: 4). Diese
58: 2⫺8). kognitive Kompetenz wurde „kantifizie-
ren“ genannt (cf. 3.1.2) bzw. dass umge-
3.6.1. Anmerkung zur Frage der Subjekt- kehrt der Sprecher auf die Explizitie-
Prädikat-Strukturierung des Satzes rung der schon vorhandenen Struktur
Wenn man mit einer Darstellung nur ein syn- verzichten kann (dort „dekantieren“ ge-
taktisches, semantisches oder logisches Ziel nannt), um den Satz möglichst ökono-
verfolgt, dann ist in der Tat eine Gliederung misch zu gestalten (cf. (PR.ÖKO) in
der Aussage in Relator und Argumente (bzw. 3.1.3).
Verb und Rollen) vorzuziehen. Dafür plädie- (a1) Die Grundidee der Modellierung ist:
ren Tesnière und Frege, aber aus unterschied- das Verb und seine Valenz ist holistisch
lichen Gründen und mit unterschiedlichen zu modellieren (cf. 3.1.4). D. h. ein Verb
Argumenten. Beide Argumentationen sind bezieht sich auf ein Sachholon im Wis-
nicht stichhaltig, weil sie ja einer möglichen sen des Sprechers bzw. des Hörers. Das
Rechtfertigung für eine Subjekt-Prädikat- hat den Vorteil, dass der Sprecher mit
bzw. Thema-Rhema-Gliederung schon durch einem Ausdruck auf eine vollständige
die Einschränkung des jeweiligen Programms Gestalt im (hypothetisch angenomme-
(bei Tesnière auf Syntax bzw. Semantik nen) Wissen des Hörers Bezug nehmen
(49: 5 ff.), bei Frege auf das logisch Folgerba- kann und aufgrund der damit erzeugten
60 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

Erwartungen nur noch das in die Satz- (b6) Alle Informationen werden in eine inva-
kette einbringen muss, was die spezifi- riante bilaterale Zeichenform des Satzes
sche, kontingente Besetzung des Holons als Relation bzw. Verb-Valenz bzw. als
betrifft (cf. 3.1.2 (SP1)). besetztes Sachholon eingegeben (cf. 2.4
(b) Der Weg vom Gedanken zur Äußerung und der Redeplan in 3.6).
eines Satzes wird als ein Zusammenspiel (c1) Aufgrund der Kooperation zwischen
von fünf holistischen Strukturen (Ho- den verschiedenen Holons beim Aufbau
lons) modelliert, mit denen der Sprecher einer Äußerung ist das Resultat eine
mehrere Zwecken verbindet, die er mit Links-Rechts-Abfolge von Informatio-
der Mitteilung gleichzeitig aber kognitiv nen (eine Satzkette), die jetzt nicht als
geordnet verfolgt (cf. 3.1.5): eine in sich linear strukturierte Abfolge
(b1) Der Sprecher geht von einem Wirklich- von syntaktisch verknüpften Satzglie-
keitsausschnitt als Aufmerksamkeitsbe- dern zu verstehen ist, sondern die aus
reich aus (cf. 3.6 AMB). Darin hat er relativ unverbunden nebeneinandersteh-
einen Teil als THG fixiert und eine (für enden Einzelinformationen besteht, die
ihn interessante) Beobachtung gemacht, der Hörer beim Hören der linearen
die er als Konkretisierung einer Hand- Kette „aufpickt“ und in seinem kogniti-
lungs- oder Geschehensgestalt (Sachho- ven Raum in die entsprechenden Ho-
lon) erkennen und strukturieren kann lons einsortiert.
(cf. 3.2). (c2) Dies lässt sich bei der Wort-für-Wort-
(b2) Das Sachholon schließt üblicherweise Abarbeitung durch die folgende holisti-
an den Vortext und dessen Mitteilungs- sche Schrittabfolge im Detail erfassen:
vorgaben (z. B. Aufmerksamkeitsbereich
und Thema-Gegenstand) an, d. h. der Der Hörer HR erkennt einen Referenzterm
Sprecher muss seinen Redebeitrag auf- nach dem „Finger-Hand-Prinzip“ (3.1.2
teilen in Thema-Gegenstand und Rhema- (SP1)). D. h. wenn ein Artikelwort im Satz
Information. D. h. er wendet das Holon auftritt, dann erkennt der Hörer, dass dies
der Thema-Rhema-Gliederung auf die die Besetzung des Quantorholems RHM2
Information an (cf. 2.5, 3.6). (3.4) ist. Nach der holistischen Logik schließt
(b3) Das Sachholon wird je nach Interessen- HR von diesem Holem auf das Referenzho-
lage des Sprechers oder des Hörers lon als Ganzes (SP1) und von da auf die übri-
durch ein geeignetes Verb versprach- gen Holeme (nach dem Hand-Finger-Prinzip,
licht. Die Holeme im Sachholon werden 3.1.2 (SP2)). Hier ist dies nur ein weiteres
auf die zum Verb gehörenden Valenz- Holem, der Spezifikationsteil, dessen Beset-
stellen abgebildet (cf. 3.3). zung im Satz HR dann erwartet. Aus dem
(b4) Das Sachholon ist selbst schon einge- Vorhandensein und der Markierung des Re-
bettet in ein Raum-Zeit-Holon, dessen ferenzterms RFT als Ganzem schließt HR
Aufbau und „Logik“ zum gemeinsamen darauf, dass RFT ein Holem besetzt, das eine
Wissenstand von Sprecher und Hörer passende Valenzrolle entweder zu einem Verb
gehört. Die Holeme des Raum-Zeit-Ho- oder zum Raum-Zeit-Holon ist. Also erwar-
lons werden durch die Circonstanten tet er ein solches (raum-zeitlich-orientiertes)
verbalisiert. d. h. die Circonstanten sind Verb und mit ihm die Besetzung der anderen
pointiert gesagt die Valenzstellen des Valenzrollen, sofern er sie nicht schon aus
Raum-Zeit-Holons (cf. 3.5). dem Kontext erschließen kann.
Beide „Valenzarten“ (d. h. die Verbva- Die zugrundeliegende holistische Logik
lenz und die Circonstanten) müssen nur kann hier nicht dargestellt werden (siehe Mu-
dann explizit gemacht werden im Satz, dersbach 1997, 673 ff., Mudersbach 2001,
wenn sie kontingent relevante Informa- 76 ff.), ebensowenig der entsprechende Ab-
tionen enthalten. Das regelt das lauf der Rede-Planung beim Sprecher, der
PR.ÖKO (3.1.3). diese Folgerungsfähigkeit des Hörers schon
(b5) Um die in den Holemen des Sach-Ho- mit einkalkuliert.
lons intendierten Gegenstände zu be-
zeichnen, wendet der Sprecher das Refe- 3.7.1. Das Verb-Holon-Modell bildlich
renz-Holon an (3.4) und zwar auf alle veranschaulicht
Holem-Gegenstände im Sachholon und Die Idee des Verb-Holon-Modells soll zum
wenn geeignet auch auf die Holeme im Abschluss noch in einem Bild veranschaulicht
Raum-Zeit-Holon. werden: wenn jemand ein Paket erhält, in
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 61

dem alles, was er gebrauchen kann, dicht zu- Paket an, in dem die Holem-Informationen
sammengepackt nebeneinander liegt (sozusa- zu fünf verschiedenen Holon-Arten verpackt
gen nach einem „Ökonomie-Prinzip“ ge- sind. Das Verb-Holon-Modell rekonstruiert
packt, cf. 3.1.3 PR.ÖKO), dann liegen da hauptsächlich das Valenz-Konzept. Dabei
Dinge eng zusammen, die nicht direkt etwas kam das Dependenz-Konzept nur innerhalb
miteinander zu tun haben, wie Socken und des Referenzterms bei der (nicht-holistischen)
Lebensmittel und Lektüre und Werkzeug Subspezifikation zur Sprache (cf. 3.4.1). Dies
(Dies entspricht dem dicht mit Informationen entspricht nun sicher nicht der Bedeutung,
verschiedenster Art bepackten Satz). Der die der Dependenz in der „Strukturalen Syn-
Empfänger fängt nun nicht an herumzurät- tax“ allein vom Umfang her zukommt: der
seln, was es zu bedeuten hat, dass die Socken erste Teil „La connexion“ macht fast die
neben dem Hammer liegen usw. (um benach- Hälfte des Buches aus (320 von 670 Seiten!),
barte Paket-„Konstituenten“ zusammenzu- während die Valenz innerhalb dieses Teils nur
setzen!), sondern er erkennt am Aussehen der ein kleines Kapitel von 50 Seiten ist. Den-
Dinge (Markanten!), von welcher Art sie noch ergibt sich bei der mathematischen Re-
sind, und „entpackt“ sie, ohne sich um deren konstruktion des pragmatischen-kognitiven
Lage sonderlich zu kümmern, unter dem Ge- Gehalts des Tesnièreschen Programms, so
sichtspunkt, zu welchen Funktionen des Haus- wie sie hier vorgeschlagen wird, dass das Va-
halts sie gehören (Holeme zu verschiedenen lenz-Konzept das tragfähigere ist. Beim Ver-
Holons!): er erkennt (kantifiziert!), dass die such, auf ähnliche Weise den Dependenzbe-
Lebensmittel in die Küche und die Socken in griff zu rekonstruieren, stellte sich heraus,
den Kleiderschrank gehören usw. Und oben- dass die Dependenz ein nicht theoriefähiges
auf liegt ein Brief (das Verb mit seiner Va- Konzept ist. Das soll in diesem Kapitel be-
lenz), in dem die Organisation des Ganzen gründet werden (cf. 4.1 und 4.2). Wenn man
(Satzes) zusammengefasst wird. jedoch das Abhängigkeitskonzept zu einem
Wenn die Abfolge der Teile in einem Satz dynamisierten kognitiven Begriff verallgemei-
so verstanden wird wie die Packung der Sa- nert, kann es schließlich doch noch nutzbrin-
chen im geschilderten Paket, dann merkt gend auf die Tesnièreschen Ideen angewandt
man, wie ungünstig es ist, aus der Links- werden (cf. 4.3).
Rechts-Kette die direkte Zusammengehörig-
keit erschließen zu wollen und daraus die re- 4.1. Theorie(un)fähigkeit des
levanten Informationen durch „Zusammen- Abhängigkeitskonzepts
kleben“ (Konstituenten) aufbauen zu wollen!
4.1.1. Befund 1: es fehlen Kriterien
Tesnière hat in fast revolutionärer Weise
für die Anwendbarkeit
die kognitive Fragwürdigkeit der linearen
des Abhängigkeitskonzepts
Abfolge thematisiert (Kap. 4⫺8) und im Ge-
gensatz zur Konstitutengrammatik, die skla- Tesnière gibt kein Kriterium an, nach dem
visch eine solche Linkns-Rechts-Abarbeitung entscheidbar wäre, welche Wörter bzw. Kate-
durchhalten will (was aus dem Gedanken der gorien von welchen anderen „abhängen“.
Turingmaschine stammt!), eine Semiotik des Stattdessen werden von vornherein nur Bei-
kognitiven Raums entwickelt und diese dem spiele vorgeführt und dazu postulativ Depen-
Diktat der Projektivität auf die lineare Satz- denzen festgelegt, zuerst zwischen Wörtern
kette entgegenstellt. Dies wurde allerdings in (2: 7, 3: 1 ff.), dann zwischen den Kategorien
der Weiterentwicklung, die innerhalb des syn- (33: 8 ff.). Wenn Tesnière dann endlich für
taktischen Paradigmas des Konstituenten- eine Dependenzentscheidung argumentiert,
Denkens verlief, ignoriert (Zur Problematik: dann gerade nicht für die strukturale, son-
siehe Heringer et. al. 1980, S. 182 ff.). dern für eine semantische, die an dieser Stelle
erst eingeführt wird und der strukturalen so-
gar entgegengesetzt ist (21: 6). Eine genaue
4. Das Abhängigkeitskonzept in der Textanalyse kann zeigen, dass hier „semanti-
mathematischen Rekonstruktion sches Gewicht“ und „Voraussetzung für die
Subspezifikation“ in einer unnötigen Weise in
Die Tesnièresche Grammatik wurde hier Konkurrenz treten. – Dies kann hier nicht
nicht syntaktisch aufgefasst, sondern mit ma- ausgeführt werden, lässt sich aber mit den in
thematischen Mitteln pragmatisch-kognitiv 3.4. eingeführten Aspekten des Spezifikati-
rekonstruiert. Das Ergebnis war: Der Sprach- onsholems leicht klären. – Festzuhalten ist je-
benutzer sieht einen Satz als Informations- denfalls, dass die Unsicherheit und begriffli-
62 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

che Unklarheit Tesnières in der Sekundärlite- (cf. Fraser 1996, 74: „The relationship be-
ratur zu Diskussionen geführt haben, die tween valency and dependency is rather opa-
meines Erachtens nicht durch begriffliche que“) stellt sich nach dieser Betrachtung als
Verfeinerungen und Kriterienvorschläge be- nicht nur semiotische, sondern auch formale
seitigt werden können, sondern nur durch ein Inkompatibilität der beiden Betrachtungswei-
rigoroses Hinterfragen des Basiskonzepts. sen heraus.
4.1.2. Befund 2: Inkompatibilität 4.1.3. Fazit: Fehlende Kriterien, Unsicherhei-
mit dem Valenzkonzept ten und Unklarheiten in den vorgeführten
Die Abhängigkeitsbeziehung verbindet alle Beispielen, unkontrollierbare Mehrfachinter-
Kategorien paarweise miteinander (cf. oben pretationen der Konnexionslinie (bei Junk-
1.2.1). Die Abhängigkeit der Kategorie „No- tion und Verbvalenz), schwankende Knoten-
men“ von der Kategorie „Verb“ (oben mit Inhalte d. h. Argumentbesetzungen (Nomen,
CNX (NOM, VRB) bezeichnet) gerät aber Eigennamen, vollständige Referenzterm) ma-
mit der Verbvalenz in Konflikt, weil bei der chen die Konnexion bzw. Dependenz bzw.
Valenz-Betrachtung das Verb als ein Relator Abhängigkeit zu einem nicht-theoriefähigen
mit Valenzrollen aufgefasst wird, in die ein Begriff.
Nomen eingesetzt werden kann (z. B. vrb (r1:
nom1)). Ein so aufgefasstes Verb kann aber 4.2. Diagnose und Abhilfe:
nicht zugleich ein („stellenloses“) Argument 4.2.1. Diagnose: Wurzel der Nicht-Fundiert-
neben dem Nomen in der Relation CNX heit des Abhängigkeitskonzepts ist die
(NOM, VRB) sein, wie es die Dependenzana- semiotische Fehlinterpretation
lyse will (cf. 1.3). Wenn man aus einem Rela- Im Folgenden soll anhand des Textes nachge-
tor, z. B. „geben“, einen Gegenstand („das wiesen werden, dass das Abhängigkeitskon-
Geben“) macht, dann nennt man das Hypos- zept aus einer semiotischen Fehlinterpreta-
tasierung. Dies mag in bestimmten Kontexten tion entstanden ist. Dazu soll in (q1)–(q8) un-
sinnvoll sein, führt aber in dieser Grammatik tersucht werden, wie Tesnière die Abhängig-
zu zwei miteinander nicht verträglichen Be- keit in seinem Kap. 2 einführt. Statt der dafür
schreibungen: Entweder ist ein Verb der zent- zu leistenden Textanalyse werden hier nur die
rale „stellenvergebende“ Relator (mit No- relevanten Ergebnisse dargestellt:
mina als Argumenten) oder das Verb ist
selbst eine Stelle beim Relator CNX. Man (q1) Tesnière spricht zunächst von „Konne-
kann daher ein valenzhaltiges Verb im xion“ zwischen Wörtern (1: 3).
Stemma auch nicht einfach an die Argument- (q2) Er wählt dann statt einer linearen Dar-
stelle der CNX-Relation CNX (NOM, VRB) stellung der Konnexion (z. B. CNX
setzen und die Abhängigkeitslinie zwischen („Alfred“, „parle“) eine (nicht-notwen-
dem Nomen und dem Verb (als Knoten!) zu- dige) graphische Darstellung und ist da-
gleich als Linie für das erste Argument eines mit gezwungen, genau den „linearen“
Relators interpretieren. Wenn Linien (Kan- (semiotischen) Gesetzen Folge zu leis-
ten) für Relatoren reserviert sind und Knoten ten, von denen er sich mit der Miss-
für Argumente, dann müsste das Verb gleich- achtung der linearen Abfolge befreien
zeitig eine Linie etikettieren und als Knoten wollte: Er zeichnet in Stemma 1 eine Li-
an einer andern Linie CNX fungieren. Ein nie zwischen zwei Wörtern
graphisches Paradox! „Alfred“ - - - - „parle“ (für die Argumen-
Dies ist nur ein Beispiel, wo die Anfangs- tation hier absichtlich waagerecht ge-
plausibilität der Freiheiten, die sich Tesnière zeichnet) und setzt für die graphische
bei seiner graphischen Darstellung gestattet, Darstellung zwei zunächst willkürliche
im Formalen nicht umgesetzt werden kann. semiotische Konventionen an:
Statt nun aber die Berechtigung der graphi- (q3) erstens die Konvention, die Konnexi-
schen Mittel (bei der vorschnellen Einfüh- ons-Linien senkrecht zu zeichnen, und
rung der semiotischen Darstellung) kritisch (q4) zweitens die „Konvention“, „parle“
zu hinterfragen, nehmen die Nachfolger Tes- nach oben zu setzen („obenstehend“)
nières die „Stemma-Sprache“ als gegeben hin und „Alfred“ nach unten (2: 7). Dies ist
und versuchen die Folgeprobleme in dieser natürlich keine Konventionsformulie-
Sprache zu lösen. rung. Erst 50 Seiten später (!) wird dies
Die „undurchsichtige“ Beziehung zwi- als Konvention „erschließbar“, wenn
schen Dependenztheorie und Valenz-Theorie das Verb im virtuellen Stemma offen-
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 63

sichtlich immer nach oben und das No- im Kognitiven Raum des Sprachbenutzers ir-
men immer darunter gesetzt werden relevant ist, da dort (auszufüllende) Gestal-
soll. ten bereitstehen, postuliert Tesnière unnöti-
gerweise eine gerichtete Relation und begibt
Aus (q3) ergibt sich: sich dadurch wieder in den Zwang, den er mit
(q5) Jede Konnexion vereint einen „oben- dem Absehen von der Links-Rechts-Ordnung
stehenden“ (supérieur) mit einem unten- hat überwinden wollen (cf. q2). So wird aus
stehenden (inférieur) Ausdruck (2: 1). einer willkürlichen Wahl in der semiotischen
(q6) Schon in (2: 1) wird jedoch ohne Be- Darstellung (die Vertikalität) und einer raum-
gründung aus der symmetrischen Kon- bezogenen Relation (unten-oben) durch me-
nexion eine asymmetrische Dependenz. taphorische Übertragung („untergeordnet
(q7) „Der obenstehende Ausdruck soll Re- sein“) eine intentionale Redeweise („abhängig
gens („régissant“) heißen, der unten- sein“), die dann aber in einer ohne Kriterien
stehende Dependens („subordonné)“ nicht nachvollziehzbaren Weise auf nicht-in-
(2: 2). Hier kommt zu der rein lokalen tentionale Objekte (Wörter) angewandt wird
Bezeichnung eine inhaltliche Interpreta- („dependent sein“). Durch die unmerkliche
tion dazu: was oben steht, „regiert“, Metaphorisierung wird indirekt an den Leser
was unten steht, ist „untergeordnet“. appelliert, sich eine Bedeutung zurechtzule-
Dies ist aber eine „anthropomorphe“ gen, die passt. Diese (beim Leser zunächst
intentionalisierende Überinterpretation wohlwollend vermutete) Bedeutung von „ab-
einer semiotischen Anordung. Oder an- hängig“ wird dann durch verschiedene Bei-
ders ausgedrückt: der in (q3) willkürlich spiele eingeübt und verfestigt, von denen aber
gewählten Vertikalen wird eine semio- keines mit einer linguistisch argumentierenden
tisch willkürliche Interpretation einfach Begründung der Abhängigkeitsbeziehung ver-
untergeschoben. (Man denke als Kon- bunden wird. Mit einer solchen Begründung
trast an die untenliegenden Wurzeln ei- steht oder fällt aber das ganze Dependenz-
nes Baumes, die den Zweigen sicher programm. Der Text in 2 und 3 hat postulati-
nicht „untergeordnet“ sind). ven Charakter. Und wird auch nicht solider
(q8) „das Untergeordnete ist abhängig vom durch eine „suggestive“ Plausibilität wie z. B.
Regens („le subordonné dépend du régis- „Jedes Dependens teilt das Schicksal seines
sant, le régissant commande ou régit le Regens“ (3: 4). Und wir als Leser sind für den
subordonné“) (2: 3). Hier wird der Ab- Rest des Buches im Verständnis abhängig von
hängigkeitsbegriff eingeführt. Und dabei dieser vagen Grundvorstellung. –
wird eine weitere intentionale Bedeu- 4.2.2. Abhilfe: Lässt sich die Dependenz
tungsverschärfung vorgenommen, denn: retten?
„von jemandem (etwas) abhängig sein“
ist etwas anderes als nur „untergeordnet Dennoch kann man sagen, dass Tesnière ei-
sein“. „Regieren“ und „Unterordnung“ gentlich etwas Richtiges erfassen und darstel-
beziehen sich auf intentionale Wesen. len wollte, nämlich: Nach der Wahl eines spe-
Da es sich hier um nicht-intentionale ziellen Verbs und dessen Valenz kann der zur
Wörter handelt, kann man „Regieren“ Rolle gehörende Teilbaum noch nach einer
und „Kommandieren“ bzw. „abhängig bestimmten Systematik besetzt werden. Leit-
sein“ nur als Metapher lesen, wobei aber gedanke Tesnières dabei war: dass der Hörer
unklar bleibt, wofür diese im nicht-in- ja aus der Wortkette in seinem Bewusstsein
tentionalen Bereich überhaupt stehen ein organisiertes Ganzes machen kann (1: 4;
sollen. Dieses Reden in solchen höchst 8; 10). Dies ist mit den beiden sprachbezoge-
„anthropomorphen“ Metaphern wirkt nen Teilen des Referenzholons (Quantor und
suggestiv, wird hier aber zur Grundlage Spezifikation, cf. 3.4) auch in regelhafter
einer ganzen Grammatik-Richtung! Weise möglich, wobei das Bewusstsein des
Hörers im konkreten Referenzterm die bei-
Fazit: Tesnière wollte die semiotische „Falle“ den Holemfunktionen erkennt und einord-
der Überinterpretation der Links-Rechts-An- net. Das ist Teil der Hörer-Aktivität des
ordnung vermeiden, musste sich aber auch in „Kantifizieren“ (cf. 3.1.2). – Die Inkompati-
der Vertikalen für eine Möglichkeit entschei- bilität mit dem Valenzkonzept lässt sich dann
den. Aber statt dies (wie bei der Horizontalen vermeiden, wenn man die beiden Bereiche
cf. 4⫺8) als semiotisch-physikalische Rand- getrennt hält: Das Verb bestimmt die Rol-
bedingung anzusehen, die für die Darstellung len. Die Besetzung der Rollen regelt die ho-
64 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

listisch reformulierte „Dependenzgramma- gigkeit – dynamisch gesehen – für die kogni-


tik“. Um den Anschluss zwischen beiden tive Tätigkeit des Sprechers und des Hörers
Betrachtungen herzustellen, muss die Bezie- bedeutet. Wenn wir die statische Abhängig-
hung CNX (NOM, VRB) ersetzt werden keit zwischen Einheiten (A1)–(A5) dadurch
durch die „Besetzungsrelation“ zwischen spe- dynamisieren, dass wir dem Sprachbenutzer
zifizierter Verbrolle und besetzter Kategorie Handlungen zur Gestaltung seiner Rede zu-
(z. B. bei Tesnière vrb (r1: nom1), im Verb- schreiben, die jeweils von einer übergeordne-
Holon-Modell vrb (r1: Referenzterm). ten Einheit zu einer untergeordneten führen
4.3. Dynamische Betrachtung der (also die Umkehr zur Abhängigkeitsbezie-
Abhängigkeit der Satzglieder hung), dann erhalten wir (in Analogie zu
in der Kognition (A1)–(A5)) die folgenden fünf kognitiven bzw.
redegestaltenden Grundhandlungen (in der
4.3.1. Die statisch-holistischen
Abhängigkeiten Reihenfolge ihrer Durchführung beim Spre-
cher):
Der Begriff der Abhängigkeit lässt sich im
Rahmen einer kognitiven Rekonstruktion der (G1) das Thematisieren eines Holem-Gegen-
Dependenz-Grammatik noch als Entfaltung standes zum Zweck der kohärenten In-
der Holem-Holon-Beziehung unter verschie- formationsübertragung ermöglicht die
denen Aspekten nutzbar machen. Dabei wird Zuordnung einer Rhema-Information
„X ist abhängig von Y“ verstanden als „X (cf. A1);
hat Y zur Voraussetzung“ (cf. 3.4). – Der Zu- (G2) das Holonisieren einer Information d. h.
sammenhang mit der funktionalen Sicht der die Wahl eines Wirklichkeitsausschnitts
Tesnièreschen Kategorien (25, 26) wird in als Holon (Verb), um die Information
4.3.3 angesprochen. insgesamt holistisch zu gestalten, er-
Das statische Konzept der kognitiven Ab- möglicht die Zuordnung der Holeme
hängigkeit gliedert sich in fünf verschiedene
(Valenz bzw. Circonstanten) (cf. A2);
Arten von Abhängigkeiten, die hier in der
(G3) das Holemisieren einer Information
Reihenfolge aufgeführt werden, wie sie ein
Sprecher (aus logischen Gründen cf. 4.2.3.) d. h. die Wahl eines Wirklichkeitsaus-
beim Planen seine Rede berücksichtigen schnitts als Holem-Gegenstand (im
muss: Rahmen eines gewählten Holons) er-
möglicht die Zuordnung eines Refe-
(A1) die Abhängigkeit des Rhemas vom renzterms (cf. A3);
Thema (traditionell: Prädikat-Subjekt- (G4) das Quantifizieren und Spezifizieren im
Beziehung): sie wird von Tesnière ver- Rahmen des Referierens ermöglicht das
worfen (49: 4 ff.), ergibt sich hier aber
Herausgreifen eines Holem-Gegenstan-
ebenfalls aus dem Gesamtmodell, ohne
mit der Dominanz des Verbs in Kon- des beim Hörer (cf. A4);
flikt zu geraten; (G5) das (Sub-)Subspezifizieren im Rahmen
(A2) die Holem-Holon-Beziehung (in Form des Spezifikationsteils ermöglicht die
von Verb-Valenz zu Verb und der angemessene Wahl einer Information,
Raum-Zeit-Holeme (die Circonstanten) mit der der Hörer den Referenzgegen-
zum Raum-Zeit-Holon; stand herausgreifen kann (cf. A5). Da
(A3) die Besetzungsbeziehung des Referenz- diese Wahl wieder zurückführen kann
term zur Verb-Rolle; zur Thematisierung und Holonisierung
(A4) die Holem-Holon-Beziehung zwischen (bei der Relativsatzbildung), ist ein be-
Quantorteil (bzw. Spezifikationsteil) liebig oft wiederholbarer Kreislauf von
und Referenz-Holon; (G1) bis (G5) möglich (cf. dazu 4.3.3).
(A5) die Beziehung der iterierbaren (Sub-)
Subspezifikation innerhalb des Spezifi- Man kann daher sagen, dass das Gestalten
kationsteils im Referenz-Holon (d. h. des Redeplans im Anwenden dieser fünf kog-
MOD zu ADJ bzw. ADJ zu NOM). nitiven Grundhandlungen besteht. Dies könnte
der tiefere Grund dafür sein, dass Tesnière
4.3.2. Dynamische Betrachtung der glaubte, mit vier Grundkategorien, zusam-
Abhängigkeiten: fünf Handlungen
men mit deren funktionaler Sicht (25: 4 f.),
in der Redeplanung
auskommen zu können:
Eine kognitive Rekonstruktion darf sich er-
lauben, danach zu fragen, was diese Differen- VRB ist der Vertreter des Holonisierens
zierung des statischen Konzepts der Abhän- (G2);
7. Mathematische und logische Rekonstruktion des Abhängigkeits- und Valenz-Konzepts 65

ADV (Circonstanten) ist der Vertreter des Wenn die Subspezifikation durch Adjek-
Holemisierens (im Rahmen des tive nicht ausreicht, kann der Sprecher einen
Raum-Zeit-Holons) (G3); Relativsatz zur Subspezifikation wählen.
NOM ist dann Vertreter des Holemisierens, D. h., dass er mit dem Relativpronomen den
wenn z. B. Eigennamen oder voll- Bezugsgegenstand thematisiert und dem wie-
ständige Referenzterme eingesetzt derum ein Holon zuordnet, das er durch das
werden (d. h. eigentlich müsste hier Verb im Relativsatz bezeichnet (also holoni-
die Kategorie des Referenzterms ste- siert). Im Gefolge davon müssen eventuell
hen) (G4); wieder Holem-Gegenstände (Objekte in der
ADJ (neben NOM) als Vertreter des Rhema-Information des Relativsatzes) zuge-
(Sub-)Spezifizierens (G5). So lässt ordnet werden (Holemisieren), zu denen Re-
sich die enigmatische Äußerung Tes- ferenzterme zu bilden sind (die also wieder
nières in (32: 13) vielleicht erklären: zu spezifizieren sind). D. h. Das Spezifizieren
„Un nom peut être ou substantif ou eines Referenzterms führt bei Wahl der Rela-
adjectif“. (Zu beachten ist die Rege- tivsatzstruktur über das Thematisieren wieder
lung in 1.3 Anm. 1) (cf. G3); zum Holonisieren usw. und ermöglicht da-
ART ist bei Tesnière nicht vorgesehen (cf. durch eine beliebige Iterationstiefe. – (Bei
1.3 Anm. 1) bzw. mit ADJ zusam- Tesnière leistet dies eine Translation 2.
mengefasst. ART ist der Vertreter Grades, ADJ++ VERB 252: 1 f.). Nach Baum
des Quantifizierens (hier: (G4) und (1976, 112) besteht interessanterweise die Ori-
nicht (G5); ginalität Tesnières gerade in der Translations-
VERB ++ ADJ (eine Translation 2. Grades, theorie. Er sagt dazu: „Durch sie gelingt es
252: 1 f.) als Vertreter des iterierba- Tesnière, im Bereich der Syntax zu erklären,
ren Subspezifierens (cf. 4.3.3). in welcher Weise die Sprache ‘von endlichen
Mitteln einen unendlichen Gebrauch macht’“.
Nur die Thematisierung (G1) fehlt bei Tes-
nière völlig. Dieses Herausstreichen eines eigentlich nach-
Damit zeigt sich, dass die vier Grundkate- geordneten Mittels der Dependenz-Gramma-
gorien nicht so sehr Wortarten charakterisie- tik mag überraschen, wird aber noch besser
ren sollen, sondern vielmehr (wie eingangs in verständlich, wenn diese Originalität auf die
1.1 gesagt) als kognitive (funktionale) Kate- kognitiven Handlungen hinter der Syntax be-
gorien bzw. Repräsentanten kognitiver zogen wird. Dann entpuppt sich Tesnière als
„Handlungen“ verstanden werden können. erster kognitiver Denker in generativ-dürftiger
Dies bestätigt Tesnière indirekt dadurch, dass Zeit. Denn aus der holistischen Rekonstruk-
er selbst diese Kategorien nicht sklavisch nur tion ergibt sich, dass ein Sprecher mit diesen
für lexikalische Grundausdrücke benutzt, fünf kognitiven Grundhandlungen einem
sondern ihnen durch die Translative und Hörer (der ja über dieselben Grundmuster
Junktive gerade die Flexibilität gibt, die hier und -handlungen verfügt) beliebig komplexe
mit den wortübergreifenden Tätigkeiten des Informationsstrukturen übermitteln kann,
Gestaltens bzw. Umgestaltens angegeben ohne ein kompliziertes (angeborenes?) syn-
wurden. Somit zeigen diese Kategorien ihren taktisches Regelwerk benutzen zu müssen –
Reichtum erst bei der dynamischen Interpre- eigentlich ein genialer Gedanke, für den wir
tation als Tätigkeiten des Sprachbenutzers Tesnière dankbar sein sollten.
bei der kognitiven Gestaltung (cf. 25: 4 f.).

4.3.3. Ausdrucks-Komplexität durch wieder- 8. Literatur in Auswahl


holbare Anwendung der Grundhand-
lungen: Thematisieren – Holonisie- Baum, Richard (1976): Dependenzgrammatik. Tü-
bingen.
ren – Holemisieren – Spezifizieren –
Subspezifizieren Baumgärtner, Klaus (1997): Konstituenz und De-
pendenz. Zur Integration der beiden Prinzipien. In:
Die Flexibilität dieses Tätigkeitsrahmens Steger, Hugo (Hg.) (1997): Vorschläge zu einer
wird noch dadurch erhöht, dass die Abfolge strukturellen Grammatik des Deutschen. Darm-
Thematisieren – Holonisieren – Holemisieren – stadt, 53⫺77.
Spezifizieren nicht hier ihr Ende finden muss, Bourbaki, Nicolas (1982): Die Architektur der Ma-
sondern zyklisch wiederholt durchlaufen wer- thematik. In: Thiel, Christian (Hg.) (1982): Er-
den kann, wie hier abschließend noch gezeigt kenntnistheoretische Grundlagen der Mathematik.
werden soll. Hildesheim, 288⫺301.
66 I. Das Dependenz- und Valenzparadigma in Natur- und Geisteswissenschaften

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Grice, H. Paul (1975): Logic and Conversation. In: Mudersbach, Klaus (1999): Wissenschaftstheorie
Cole, Peter/Morgan, Jerry L. (eds.) (1975): Speech der Wissenschaftssprache oder: Wie beeinflußt die
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Logic. Klaus Mudersbach, Heidelberg (Deutschland)
II. Lucien Tesnière und seine Zeit
Lucien Tesnière and his Times

8. Lucien Tesnière. Ein Zeugnis 1933⫺1993

1. Wesen der Dependenz chen angeeignet. Als Sprachdidaktiker hatte


2. Konnexion er mit Franzosen den Ausdruck im Deut-
3. Schlussbetrachtung schen, mit Slowenen den Ausdruck in franzö-
4. Literatur in Auswahl sischer Sprache geübt.
Der Germanist, der das Glück hatte, vor
Im posthum erschienenen großen Werk: 65 Jahren Tesnière persönlich kennen zu ler-
„Éléments de syntaxe structurale“ (1959) er- nen, versucht, Stellung zu nehmen zum In-
wähnt Lucien Tesnière als einen Wendepunkt halt des großen Buches (670 Seiten), das uns
von hoher Bedeutung in seiner Laufbahn als vorliegt: „Éléments de syntaxe structurale“
Sprachforscher und Sprachdidaktiker den (1959).
Einfall, der darin bestand, das Stemma (ur- Dieses Buch, das Tesnière im Manuskript
sprünglich Ahnentafel) als graphische Dar- hinterließ, war die letzte Auseinandersetzung
stellung der Abhängigkeitsverhältnisse im des großen Linguisten mit einer traditionellen
Satz zu verwenden. Dieser Einfall lässt sich Grammatik, deren Alleinherrschaft ihm eine
genau datieren: Juni 1932. Das Struktur- Mauer entgegensetzte, an die er sein Leben
schema in der Form eines Stammbaums ver- lang anstieß: eine Mauer des Schweigens, die
anschaulicht die Analyse des Satzes im Sinne nun gefallen ist, wie die Feiern zum hunderts-
der Tesnièreschen Auffassung der dreiteiligen ten Geburtstag in Rouen, Straßburg und
Konnexion und hat universellen Wert. Schon Ljubljana glänzend beweisen.
1933 machte sich der Sprachforscher und
Sprachdidaktiker an die Abfassung seines
Aufsatzes für das Bulletin der Philosophi- 1. Wesen der Dependenz
schen Fakultät, der 1934 erschien. Er arbei-
tete mit großer Begeisterung und Hingabe an Wir sollten uns nicht dadurch beirren lassen,
diesem Abriss mit dem Titel: ‘Comment dass das Wort „dépendance“ im Buch nur
construire une syntaxe’, als ich als Dozent für einmal belegt ist (Kap. 2, Abschnitt 1), dann
‘Philologie allemande’ (Philologie im Sinne bis zum Ende nicht mehr auftaucht. Der
von „Sprachgeschichte und älterer Litera- Schlüssel zu diesem rätselhaften Verzicht auf
tur“) in Straßburg ankam“ (November 1933). die Bezeichnung des Prinzips findet sich bei
Wes das Herz voll ist, des geht der Mund Littré unter dépendance: „Terme de gram-
über: bei der ersten Begegnung mit Tesnière maire. Syntaxe de dépendance, la partie de la
wurde ich in den Inhalt des Aufsatzes, an syntaxe relative aux régimes ou compléments
dem er arbeitete, eingeweiht; darauf folgten des différentes expèces de mots.“
lange Gespräche, die sich nach dem Verlas- Eine eingehende Untersuchung der Defini-
sen des Universitätsgebäudes noch auf der tionen grammatischer Termini zeigt: der Po-
Straße fortsetzten. sitivist Littré ist noch im Bann jener traditio-
Bei diesem freien Austausch der Ansichten nellen Grammatik, welche dem Verständnis
wunderte ich mich über die Erfahrung des von Tesnières Werk jeden Weg versperrte. Ich
um sechs Jahre älteren Linguisten. Er erwarb möchte hier das Beispiel der Definition des
immer weiter neue Sprachen mit einer Gabe Wortes „sujet“, wiederum bei Littré nennen:
für die Beobachtung des konkreten, prakti- Sujet 7¡: „En logique et en grammaire, le
schen Gebrauchs und für den Vergleich der terme essentiel de toute proposition, celui
Ausdrucksmittel. Nach Russisch hatte er sich dont on nie ou affirme quelque chose.“ Das
Slowenisch, Tschechisch und andere Spra- ist die Aristotelische Definition der „Proposi-
68 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

tion“: „Eine Rede, die von etwas (1) etwas (2) ne Schwierigkeit: ami ist oben, mon ist unten,
bejaht oder verneint.“ In der Terminologie ein senkrechter Konnexionsstrich verbindet
des Prager Kreises ist (1) das Thema und (2) beide.
das Rhema. Diese Definition wurde auf jeden
„nœud verbal“ angewandt, auf jede Proposi-
tion, ob abhängig oder unabhängig (Neben- Stemma 1 Stemma 2 Stemma 6
satz). Dies unterstand der „analyse logique“ parle parle frappe
und schloss die Beförderung des Verbs zum
„régissant“ aus.
Alfred ami Alfred Bernard
Für eine Dependenzgrammatik blieb nur
die Abhängigkeit von anderen „Wörtern“
(nœud nominal, adjectival, adverbial) übrig; mon
und zwar unter der Bezeichnung „complé-
ment“, z. B. „complément du nom“ in maı̂tre Ein Problem, das ein Stemma nicht lösen
d’école. Tesnière musste volens nolens auf kann, veranschaulicht der Satz: Alfred frappe
den – zutreffenden – Titel „Grammaire de dé- Bernard.: Denn das zweigliedrige Stemma 6
pendance“ verzichten. Er wählte „Syntaxe gäbe zu verstehen, dass zwischen frappe und
structurale“ und er bereitet den Leser schon Bernard dasselbe Verhältnis besteht wie zwi-
von Kapitel 4 an auf das richtige Verständnis schen frappe und Alfred; das bedeutet, dass
des Gegensatzes zwischen „ordre structural“ auch Bernard schlägt. Jeder Frankophone
und „ordre linéaire“ vor. wird verstehen: was dieser Satz zum Aus-
druck bringt, ist Alfreds Verhältnis zu seiner
Tat, die darin besteht, Bernard zu schlagen.
2. Konnexion Dem konkreten Verhältnis zwischen Täter
Tesnière führt den Angriff auf dem Gebiet, und Tat entspricht eine syntaktische Verbin-
zu dem die „analyse logique“ den Weg ver- dung (lien syntaxique). Man könnte diese
sperrte: dem Fall des unabhängigen Verbal- Struktur mit folgendem Schema wieder-
satzes (Proposition genannt). Er wählt den geben:
Beispielsatz: Alfred parle. Er hat es leicht, die-
sen Satz als Ergebnis einer syntaktischen Ver- Alfred frappe Bernard
bindung (lien syntaxique) zu definieren. Dies
ergibt eine Verbalgruppe (nœud verbal), dies-
mal in der Eigenschaft eines unabhängigen
Aussagesatzes. Tesnières Syntax ist also eine Dependenz-
Grammatische Beispiele mit Minimalbe- grammatik, insofern der Regens die Zahl der
stand führen gelegentlich zur Prägung eines Glieder (nœuds) in der Gruppe bestimmt, zu
Terminus mit fraglichem Inhalt. Dies könnte deren Bildung der Regens Anlass gibt. Sie
der Fall sein für das Tertium in der Konne- kann aber die innere Anordnung, Zusam-
xion, dessen besondere Bedeutung Tesnière menstellung dieser Teile, die innere Struktur
hervorhebt. Ein „Konnexionsstrich“ soll die- nicht kenntlich machen, wenn der Regens
ses Element symbolisieren. nicht monovalent ist: frapper ist divalent
In Kapitel 1 definiert Tesnière die Konne- (zweiwertig), donner ist trivalent (dreiwertig)
xion, ohne dass von einem hierarchischen (s. z. B. Stemma 77: Alfred donne le livre à
Unterschied die Rede wäre. Erst in Kapitel 2 Charles.) Das Modell der von einem Regens
trifft Tesnière eine Wahl zugunsten des Verbs zusammengehaltenen Wortgruppe gilt auch
im Beispielsatz: Alfred parle. Natürlich be- für die Gruppe, die ein Verb als Regens auf-
kommt das Verb als Regens die oberste Stel- weist. Aber die waagerechten Konnexions-
lung; das schließt bei der Zeichnung auf einen striche auf der unteren Linie veranschauli-
zweidimensionalen Träger (Blatt Papier) die chen eine Hierarchie in der Bildung der Kon-
Vertikale ein. So im Stemma 1. nexionen: Alfreds Tat ist mit (den) Bernard
Stemma 2 stellt das Problem der Abhän- schlagen in Verbindung zu setzen.
gigkeit von einem anderen Konnexionssys- Die Valenz eines Verbs bestimmt nur die
tem, das nicht zur Klasse Verb gehört. Das Zahl der „Dependentien“, die mit dem Re-
Possessiv mon in Mon ami parle gehört einer gens einen verbalen Nexus (nœud) bilden,
anderen Klasse (einem anderen „nœud“) an, nicht die Abstufung der Konnexionsstriche
und mon ist vom Regens ami abhängig. Kei- aufgrund der Tiefe (depth) der Analyse.
8. Lucien Tesnière. Ein Zeugnis 1933⫺1993 69

Bernard Charles das Buch gibt tant“, neben den Objekten an zweiter und
dritter Stelle.
In einem Nexus bestimmter Art (catégorie)
können Lexeme enthalten sein, die wiederum
G3 G2 G1 V
der Anlass zur Bildung eines untergeordneten
Alfred das Buch Bernard gibt
Nexus sein können, z. B. Alfred donne à Ber-
K1
K3
K2 nard / le livre de la Jungle de Kipling / (nomi-
naler Nexus). Dieses Spiel kann vom ober-
sten Nexus („nœud des nœuds“) zum unterge-
ordneten der nächsten Stufe (bis zu einer n-
Waagerechte Konnexionsstriche veranschau- ten) gehen. Die Abstufung kann mehrere Stu-
lichen denselben Bildungsprozess in der fen in der Tiefe (depth) betragen, wie oft be-
strukturalen Ordnung im Gegensatz zur li- merkt wurde.
nearen; zum Regens tritt links ein erstes Satz- Die Analyse des verbalen Satzes, von dem
glied (G1) und bildet einen ersten Komplex wir mit A frappe B ein Beispiel gegeben ha-
(K1), zu diesem Komplex tritt links ein ande- ben, ergibt folgendes Strukturschema:
res Glied (G2), und so fort.
Horizontale Konnexionsstriche zeigen das Mit dem Verb verbindet sich ein erstes Satz-
Anwachsen des Komplexes: glied G1, und das ergibt einen ersten Kom-
plex K1, mit diesem Komplex verbindet sich
ein Glied G2 und das ergibt den Komplex K2
G3 G2 G1 V usw. Ist das Verb trivalent, so ergibt der in-
nere Aufbau folgendes Bild:
K1
K2
K3
Pater filio librum dat

Man beachte: im „Valenzprogramm“ des K1


K2
Verbs geben ist eine Konnexion mit einem K3
Subjekt vorgegeben; Alfred ist nun pragma-
tisch Subjekt eines längeren Prädikats, das
aus *G2 ⫹ G1 ⫹ Verb+ besteht. Es ist absichtlich ein Beispiel gewählt wor-
Der Regens – eine Verbform (einfach oder den, wo die lineare und die strukturale Ord-
zusammengesetzt (Nukleus)) – befindet sich nung isomorph sind, die gleiche innere Form
allein auf der oberen Linie; auf der unteren aufweisen. Man sieht, wie das nominale
Linie die je durch einen Konnexionsstrich Glied (im Nominativ) pater mit einem „prä-
verbundenen Glieder des verbalen Nexus dikativen“ Komplex eine syntaktische Ver-
(nœud). bindung eingeht, welche die Tat des Vaters
Das genügt Tesnière, um die Virtualitäten, beschreibt; die Relation zwischen Subjekt
die ein Regens auf Grund seiner Angehörig- und Prädikat ist hier eine ergative. Sie ist ak-
keit zu einem der vier Typen 0, A, I, E in sich tual (in ergo). Der Satz Alfred donne le livre à
birgt, als geübter Sprachdidaktiker zu benen- Charles weist die lineare Ordnung auf. Die
nen und aufzuzählen. strukturale Ordnung wäre:
In Kapitel 3 gesteht Tesnière offen seine
Freude: Er hat sein Ziel erreicht; die letzte Alfred le livre à Charles donne
Festung der traditionellen Grammatik, näm-
lich die Anwendung der aristotelischen Defi- K1
nition der Proposition auf jeden von einem K2
K3
Verb als Regens zusammengehaltenen Nexus
(nœud), ist nun gefallen.
Die Spaltung der Grammatik zwischen Die lineare Ordnung wäre im Englischen Al-
„Analyse logique“ und „Syntaxe de dépen- fred gives the book to Charles nicht: Alfred gi-
dance“, der nun drei „espèces de mots“ zufal- ves Charles the book.
len (A, E, I), ist behoben; eine einheitliche
Dependenzgrammatik ist gegründet. Sie um- Alfred the book to Charles gives
fasst alle vier sogenannten „Espèces de
mots“. Das Subjekt ist im verbalen Satz ein K1
K2
Dependens, unter dem Namen „prime ac- K3
70 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Die Logik, die bei der syntaktischen Konne- (hier: Präsens) und des Modus (Indikativ)
xion waltet, ist die der Determination, die be- hin. Dies setzt voraus, dass die betroffene
wirkt, dass der begriffliche Inhalt des Regens Einheit eine abgeschlossene, abgrenzbare
in dem gebildeten Komplex eine geringere Einheit ist. Diese Morpheme haben eine ho-
Extension und eine gesteigerte Intension auf- rematische Auswirkung (sind Horeme, nach
weist. Was das Diagramm mit den waage- einem begrifflichen Vorschlag von Colette
rechten Konnexionsstrichen darstellt, ist voll- Cortès). Sie tragen dazu bei, den Beispielsatz
kommen berechtigt: es ist eine willkommene in die verbale Kategorie einzugliedern.
Vervollkommnung des schon mit dem Semantische Oppositionen wie die des
Stemma geschaffenen Gerüsts; eine Füllung Tempus und Modus, Genus und Numerus
der leer gebliebenen kleineren Segmente ist sind charakteristisch für eine kategorielle
schon im Gange. Grammatik. Sie sind in meinen „Prolego-
mena“ Kategorien genannt.
Tesnière ist es gelungen, die disjecta mem-
3. Schlussbetrachtung bra des kategoriellen Systems (Morphologie,
Eine Dependenzgrammatik ist eine kategori- sogenannte Wortbildung, Strukturmodelle)
elle Syntax und soll von der bekanntlich in zu einem kohärenten, zusammenhängenden
Kapitel 1 der Präambel definierten konnexio- System zusammenzufassen und die Aufmerk-
nellen Syntax genau unterschieden werden. samkeit auf das Zusammenspiel der einzelnen
Die Zugehörigkeit des Regens zu einer be- Teile zu lenken. Wir können nun die Kontu-
stimmten Kategorie (unter den vier von Tes- ren dieses Systems besser erkennen, wo sie
nière erkannten) erstreckt sich auf die aus die Konturen eines anderen Systems berüh-
dem Regens und den von ihm abhängigen ren: Wir denken an die Grenze zwischen kon-
Gliedern gebildete „spezifische Einheit“: sie nexionellem und kategorialem System.
ist ein nœud verbal im Beispiel: Alfred parle.
Im Regens sind mit dem Träger des lexika- 4. Literatur in Auswahl
lischen Inhalts, dem Lexem, andere Mor-
pheme verquickt (amalgamiert): ihr Bezugs- Littré, Emile (1863): Auguste Comte et le philoso-
bereich (Skopus, base d’incidence) ist nicht phie positive. Paris.
das Lexem allein, sondern der gesamte Inhalt Lucien Tesnière (1959): Éléments de syntaxe struc-
des Nexus (nœud), im obigen Beispiel: Alf- turale. Paris.
reds Redeakt. Die im Wort Verb enthaltenen
Morpheme weisen auf Oppositionen der Zeit Jean Fourquet †, Fresnes (Frankreich)

9. Lucien Tesnière. Sein Leben

1. Vita und Wissenschaft Hand. Desgleichen ein Bericht über seine wis-
2. Sprachen senschaftlichen Tätigkeiten (Tesnière 1995).
3. Rezeption Beides reicht nur bis 1938. Weiter werden
4. Literatur in Auswahl
hier verwendet Daumas 1952, Arnavielle
1995.
1. Vita und Wissenschaft Lebendiges Zeugnis von Tesnières wissen-
Tesnières Leben ist kaum erforscht. Eine wis- schaftlichem Leben legt auch Jean Fourquet
senschaftliche Biographie gibt es nicht. Auch ab. Zuerst im Vorwort zu den Éléments de
die möglichen Quellen sind nicht erschlossen syntaxe structurale und später an verschiede-
und kaum ausgewertet. So liegt Tesnières nen Orten (auch in diesem Band).
Korrespondenz von über 2000 Briefen noch Lucien Tesnière wurde am 13. Mai 1893 in
in fünf Schachteln bei der Bibliothèque Nati- Mont-Saint-Aignan bei Rouen in der Nor-
onale in Paris „Fond Lucien Tesnière“, einer mandie geboren. Er besuchte als Sekundar-
Stiftung, die im Jahre 1987 von der Familie schüler das Lyzeum von Rouen. Sein Abitur
ins Leben gerufen wurde. (baccalauréat) machte er im Jahr 1909/1910
Eine eher spärliche Quelle für die Vita liegt im altsprachlichen Zweig (Griechisch, Latei-
uns vor in Ich-Form und von Tesnières nisch). Schon damals faszinierten ihn Spra-
9. Lucien Tesnière. Sein Leben 71

um Gotisch und die ersten Schritte zu den


slawischen Sprachen. Dies pflegte er beson-
ders auch in Wien, wo er – ganz in seinem
Sinn des Sprachenlernens – im direkten Kon-
takt mit jugoslawischen Kommilitonen Kroa-
tisch lernte. Während dieser Zeit bereitete er
auch sein Diplom in Deutsch vor, das er 1914
an der Sorbonne erhielt, und zwar mit Aus-
zeichnung (mention très honorable).
In der Folgezeit trug Tesnière sich mit dem
Gedanken, die agrégation zu machen. Aber
da brach der Erste Weltkrieg aus und Tes-
nière wurde gezogen (oder freiwillig?) an die
Front geschickt und alsbald gefangen genom-
men. Er blieb 40 Monate (zeitweise in Merse-
burg) in deutscher Gefangenschaft. Dabei
wird er natürlich auch sein Deutsch gepflegt
haben, aber er nutzte die Zeit auch zum Stu-
dium der Bibel und des Hebräischen. Dazu
Russisch, Lettisch, Holländisch, Finnisch
und etwas Ungarisch gar. Einige seiner
Sprachkenntnisse konnte er als Dolmetscher
nutzen und sich so die Zeit der Gefangen-
schaft etwas angenehmer gestalten. Es ist
überliefert, dass ihn schon damals die Syntax
bewegte und dass er seine Ideen offenbar ei-
nem Freund darlegte, der sie in zwei Kladden
Abb. 9.1. von insgesamt 450 Seiten aufschrieb. Vermut-
lich die Manuskripte mit dem Titel „Syn-
taxe“, die sich im Nachlass befinden und be-
reits den Gedanken der Translation enthalten
chen, er ging ein Jahr nach England und (Baum 1976, 26 A50).
sechs Monate nach Italien. Deutsch hatte er Wieder frei widmete sich Tesnière in Paris
schon früher ganz gut gelernt bei Ferienauf- der Pressearbeit, die wohl noch als Kriegs-
enthalten in Deutschland. folge zu sehen ist. Im Oktober 1919 erhielt er
Trotz gewisser Widerstände der Eltern die agrégation für Deutsch. Es war zu der
schrieb er sich im November 1912 an der Sor- Zeit, als er noch verschiedene Dolmetschtä-
bonne ein und studierte Linguistik, insbeson- tigkeiten in Kärnten ausübte, da ihn das An-
dere bei den Professoren Ferdinand Brunot, gebot erreichte, ein Lektorat in Ljubljana
der später die monumentale Darstellung des wahrzunehmen. Dies sollte einer der produk-
Französischen verfasste, Joseph Vendryès, tivsten Abschnitte seines Lebens werden.
von dem Tesnière die Unterscheidung von Während der vier Jahre gründete und leitete
mots pleins und mots vides übernahm, und er das Institut Français daselbst. Er studierte
Antoine Meillet, dem berühmten soziologisch das Slowenische und seine Dialekte und vor
orientierten Linguisten, der sein Doktorvater allem fertigte er seine Doktorarbeit über den
wurde und mit dem Tesnière später den sla- Dual im Slowenischen, zusätzlich noch einen
wischen Sprachatlas konzipieren sollte. 1913 kleinen Sprachatlas zum Dual.
erwarb er dann die „licence“ des Deutschen Mit diesen Arbeiten promovierte Tesnière
mit Englisch und Altnorwegisch als Nebenfä- dann 1925 in Paris, hatte aber schon vorher
chern. die Stelle eines maı̂tre de conférence an der
Im Anschluss hieran setzte Tesnière sein Universität Straßburg bekommen. Dort ar-
Studium fort in Leipzig und Wien. Da lernte beitete er in der philosophischen Fakultät am
er die junggrammatischen Größen Eduard Institut für slawische Sprachen und Literatu-
Sievers, Karl Brugmann und August Leskien ren. Er widmete sich intensiv der Verwal-
kennen und ebenso den jungen Stipendiaten tungsarbeit. Zugleich scheint die Straßburger
Nicolaj Trubetzkoj. Damals ging es vor allem Zeit außerordentlich anregend in Bezug auf
um die älteren Sprachstufen des Deutschen, wissenschaftliche Kommunikation und intel-
72 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

lektuellen Austausch gewesen zu sein. Die de syntaxe structurale. Sie spiegeln die päda-
Universität Straßburg hatte zu der Zeit noch gogische Tätigkeit dieser Zeit wider. Unter
ungewöhnliche Strukturen aus dem wilhelmi- anderem unterrichtete Tesnière immer wieder
nischen, deutschen Interregnum nach 1871 am Institut des Étudiants Étrangers und der
und sie wurde von der französischen Zentral- Grundschule, die der École Normale d’Insti-
regierung besonders gefördert, um einen Aus- tutrices angeschlossen war.
tausch der Kulturen in Gang zu setzen. Be- Als akademischer Lehrer scheint Tesnière
sonders anregend scheinen hier die wissen- eher frei gesprochen zu haben, oft freundlich
schaftlichen Kolloquien gewesen zu sein, die lächelnd und stets den Eindruck vermittelnd,
alle vier Wochen stattfanden (Muller 1993). dass er seine neuesten Erkenntnisse vorträgt.
Im Jahre 1934 erschien in Paris die Petite Besonders gut soll seine einfache und klare
grammaire russe. Es ist ein Werk für den An- Rede angekommen sein. Auf Kleidung
fänger, das nur Wesentliches bringen möchte: scheint er weniger Wert gelegt zu haben und
wegen seines langen Bartes wurde er sogar in
Le débutant n’a pas besoin d’une grammaire
Moskau als Muschik angesehen.
complète. Il lui faut un livre élémentaire, qui évite
toute inutilité, qui dégage de la langue des multi- In den folgenden Jahren konzentriert sich
ples particularités de détail les traits essentiels du Tesnière auf die Éléments de syntaxe structu-
système, bref qui se borne à fournir, sous une rale. Es scheint, dass die Grundversion in den
forme claire et succincte, les grandes lignes de la frühen 40er Jahren stand und dass er in den
théorie (Préface 5, nach Baum 1976, 13). vielen noch folgenden Jahren nur wenige Än-
derungen vorgenommen hat.
Hier realisiert der Verfasser in einem ersten Im Jahre 1946 erkrankt Tesnière und er-
Wurf die Grundzüge seiner syntaktischen holt sich bis zum Tod nicht mehr. Diese
Theorie und verleiht schon seiner Grund- Krankheit, „les graves accidents de santé“,
überzeugung Ausdruck, dass zur guten Päda- von denen Fourquet spricht, hat ihn bei der
gogik auch gute Theorie gehört. Mit stemma- weiteren Arbeit behindert und eine Schlussre-
tischen Darstellungen hatte er schon seit 1932 daktion der Éléments de syntaxe structurale
experimentiert. Die Grundideen für weitere unmöglich gemacht. Statt dessen lässt er im
Grammatiken, mit deren Realisierung er sich Jahr 1953 auf Zureden von Freunden den
trug, sind zusammengefasst in dem Artikel Cours de syntaxe structurale von 1943 er-
Comment construire une syntaxe? von 1934. scheinen unter dem Titel Esquisse d’une syn-
Im Jahre 1937 wurde Tesnière dann nach taxe structurale.
Montpellier berufen auf den Lehrstuhl für Tesnière starb am 6. 12. 1954.
vergleichende Grammatik (Nachfolge Mau- Lucien war verheiratet mit Jeanne, sie be-
rice Grammont; im Jahr 1951 umgewandelt kamen in den Jahren 1924⫺1928 drei Kinder:
in einen Lehrstuhl für Linguistik). Das wis- Michel, Bernard und Yveline, die wir in der
senschaftliche Leben war hier weniger inten- stemmatischen Widmung der Éléments de
siv als in Straßburg und Tesnière führte ein syntaxe structurale wiederfinden. Seine Frau
eher zurückgezogenes Leben (Arnavielle 1995, hat über die Jahre an Luciens Arbeit partizi-
83), in das nur gelegentliche Reisen nach Paris piert und sie hat sich um die posthume Veröf-
intellektuelle Abwechslung brachten. fentlichung des Hauptwerks verdient ge-
Aus dieser Zeit stammt der Cours élémen- macht.
taire de syntaxe structurale (1938), ein Vorle- Hier ein kurzer Überblick über wichtige
sungsmanuskript in Stichworten und die Publikationen. Ausführlicher sind sie zusam-
Nachschrift der Vorlesung des Studienjahrs mengestellt in Daumas 1952 und Culioli/
1937/1938, wahrscheinlich von Frau Tes- Fuchs/Pêcheux 1970.
nières Hand (Baum 1976, 16 A9). Es handelt Den relativ wenigen Publikationen zu Leb-
sich hierbei um das Konzept einer Veranstal- zeiten steht ein beachtenswerter Nachlass ge-
tung, zu der einige Jahre später der für Stu- genüber. Einmal sind natürlich die Éléments
denten und Lehrer bestimmte Cours de syn- de syntaxe structurale selbst erst posthum
taxe structurale (1943) erscheint. Das letzte und aus dem Nachlass publiziert worden. An-
Kapitel dieses Résumé trägt die Überschrift dererseits enthält der Nachlass, wie er 1987
„Indications pédagogiques“ und schließt mit der Bibliothèque nationale als Stiftung
einer Auflistung von Lernzielen für die „Fond Lucien Tesnière“ übergeben wurde,
Grundschule und die höheren Schulen. Diese noch weitere vollständige Werke, wie die
Indications entsprechen im Wesentlichen den französische Grammatik für Ausländer, die
Kapiteln 654⫺660 der publizierten Éléments bisher noch nicht publiziert wurden. Im Gan-
9. Lucien Tesnière. Sein Leben 73

⫺ Sur quelques développements de nasales en slovène, Bulletin de la Société de Linguistique de Paris,


24 (1923), 152⫺182.
⫺ Sur le système casuel du slovène. Mélanges linguistiques offerts à M. J. Vendryès par ses amis et ses
élèves, Paris, Champion, 1925, 357⫺361.
⫺ Les formes du duel en slovène, Paris, Champion, 1925, 23 S. (Couronné par l’Institut, Prix Volney).
⫺ Atlas linguistique pour servir à l’étude du duel en slovène, Paris, Champion, 1925, 42 S. ⫹ 70 Karten.
⫺ Statistique des langues de l’Europe, en appendice de A. Meillet, Les langues de l’Europe nouvelle, 2e
éd., Paris, Payot, 1928, 291⫺494.
⫺ Meillet, P./ L. Tesnière, Projet d’un atlas linguistique slave, Premier congrès des philologues Slaves à
Prague, 1929.
⫺ Les noms slaves et russes de la frontière, Bulletin de la Société de linguistique de Paris, 30 (1930),
174⫺195.
⫺ Synthétisme et analytisme, Charisteria Gvilelmo Mathesio quinquagenario a discipulis et circuli lin-
guistici Pragensis sodalibus oblata, Pragae, sumptibus „Prazsky linguistický“, Cercle linguistique de
Prague (1932), 62⫺64.
⫺ Comment construire une syntaxe, Bulletin de la Faculté des Lettres de Strasbourg, 12, no 7 (1934),
219⫺229.
⫺ Petite grammaire russe, Paris, Didier, 1934, 176 S.
⫺ A propos des temps surcomposés, Bulletin de la Faculté des Lettres de Strasbourg, 14, no 2 (1935),
56⫺60.
⫺ Théorie structurale des temps composés, Mélanges de linguistique offerts à Charles Bally sous les
auspices de la Faculté des Lettres de l’Université de Genève par des collègues, des confrères, des
disciples reconnaissants, Genève, Librairie de l’Université 1939, 153⫺183.
⫺ Une survivance pédagogique: l’inversion et le rejet dans la construction de la phrase allemande, Les
Langues modernes, 41, no 2 (1947), A-21 à A-25.
⫺ Esquisse d’une syntaxe structurale. Paris 1953.
⫺ Petit vocabulaire russe: Table sémantique, tome I, Didier, 1957, 192 S.
⫺ Table étymologique: les mots russes classés d’après leur racine, 1970, 156 S.
⫺ Eléments de syntaxe structurale, Paris, Klincksieck, 670 S., 1959, 2e éd. revue et corrigée, 1966.

Abb. 9.2.

zen umfasst dieser Nachlass nicht weniger als schen Wortarten und deren Ersatz durch die
69 Kartons mit Manuskripten, Notizblättern vier Grundwortarten der späteren Éléments.
und Briefen, die der Sichtung und Auswer- Die funktionale Betrachtung wird schon an-
tung, vielleicht gar der Publikation harren. gestrebt. So gibt es auch die Translation in
Ein grobes Verzeichnis findet sich in Madray- Grundzügen.
Lesigne/Richard-Zappella 1995, 413⫺415 Die Esquisse von 1953 hingegen war ein
und M. Tesnière 1996 (7⫺13). recht kurzer Abriss des eigentlichen komplet-
Mit seinem Hauptwerk ist Tesnière in die ten Werks. Sie ist eine Art Vorabdruck der
Geschichte der Linguistik eingegangen. Erste fertigen Éléments de syntaxe structurale, de-
Ideen für eine Syntax publizierte er in dem ren Erscheinen er selbst nicht erlebte. Aber:
Artikel Comment construire une syntaxe? von
1934. Dies war mehr ein Plan, „un plan dont C’est à la démonstration de l’application de cette
méthode sur un grand nombre de langues et d’a-
je n’ai commencé à entrevoir la conception bord sur le français, qu’il a consacré les vingt der-
que vers la quarantaine et qui n’a commencé nières années de sa vie. Il a mis dans cette entre-
à être au point que vers ma cinquantaine, ap- prise toute sa personnalité (Fourquet 1959, 3).
rès trente années d’expérience linguistique“,
heißt es im Entwurf eines Vorworts (Baum Die Grundidee der Éléments de syntaxe struc-
1976, IX). Die hier präsentierten Stemmas turale ist, dass die Syntax sich nicht auf die
stellen allerdings noch nicht so klar die de- Abfolge in der linearen Kette beschränkt,
pendenzielle Struktur aus. Das metaphori- sondern dass es vielmehr eine zugrunde lie-
sche Modell ist eher das Verb als Sonne, um gende zweidimensionale Struktur gebe. Die
die herum sich die Satelliten mit Pfeilen ver- Struktur ist konstituiert durch die Konne-
bunden lagern. Somit steht schon das Verb xion, die Abhängigkeit der Elemente vonei-
im Mittelpunkt, aber von seiner Valenz ist nander. Das realisiert in gewissem Sinn die
noch nicht die Rede, allerdings hat das Sub- Idee de Saussures, die langue sei une forme
jekt seine Sonderstellung verloren. Ein et non une substance. Allerdings ist Tesnière
Schwerpunkt liegt auf der Kritik der klassi- nicht ganz saussurianisch, da er annimmt,
74 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

der Konnexion entspreche nichts auf der beklagen, der Autor „has neglected all the re-
Ausdrucksseite. Er verfällt damit dem mysti- sults of modern linguistics and based his
cisme zéro, den de Saussure jedenfalls ab- work entirely on his own speculations“ (Mi-
lehnte: „Ce serait une erreur de croire qu’il y kuš 1962, 660).
a une syntaxe incorporelle en dehors de ces Beeinflusst war Tesnière aber durch die
unités matérielles distribuées dans l’espace“ grammatischen Forschungen von Damou-
(de Saussure 1984, 191). rette und Pichon. Nicht nur seine rege wis-
Die Struktur der Sätze stellt Tesnière gra- senschaftliche Korrespondenz und Diskus-
fisch dar im sog. Stemma, das er spontan er- sion mit Pichon belegen das; wir finden auch
funden hat. (Erst später bemerkte er, dass es einige mehr oder weniger direkte Übernah-
bereits eine Tradition solcher Darstellungen men. So folgt etwa die Behandlung der fran-
gab.) Im ersten Teil des Buchs wird die Kon- zösischen Negation in Terminologie und in
nexionstheorie entworfen. Hierbei geht es vor den Grundzügen der von Damourette/Pichon
allem um ein System der Wortarten, um ihre (Arrivé 1995). Auch die Abhängigkeit war bei
syntaktischen Eigenschaften und Funktio- ihnen ein organisierendes Prinzip.
nen. Die Valenz des Verbs und die Variatio- In den letzten Jahren wurde extensiv er-
nen der Valenz machen einen wichtigen und forscht, ob es Vorläufer Tesnières gibt und
bestrezipierten Aspekt aus. Der zweite Teil was er von ihnen übernommen hat. So gab es
behandelt die Junktion, der dritte die Trans- ja eine alte, auch schulische Tradition, Satz-
lation. Am Schluss stehen Anwendungen. strukturen grafisch darzustellen (hierzu He-
Tesnières Idee war vor allem didaktisch ge- ringer 1973, 11⫺19; Engel 1980, 19), und
prägt. Das zeigt sich an seinem Bemühen um Garvin meint, man könne die Methode als
eine klare Terminologie wie auch an der Dar- „streamlined version of old-fashioned sen-
stellungsweise. Oft sind Paragraphen analog tence-diagramming“ ansehen (Garvin 1955,
aufgebaut und die Einführungen neuer Phä- 271). Ein direkter Einfluss wurde nicht fest-
nomene beginnen fast immer mit Beispielen. gestellt. Man vermutet eher, dass Tesnière
Tesnière ist zweifellos in der Tradition des weniger bewusst übernommen hat, als parti-
europäischen Strukturalismus zu sehen. Ab- ell wiedererfunden: inventer c’est se souvenir.
sorbiert hat er de Saussure, wenngleich er ihn
wenig zitiert. Die allgemeine Sprachauffas-
sung stammt wesentlich hierher. Auch seine 2. Sprachen
treue Mitgliedschaft im Cercle Linguistique
de Prague und seine Mitarbeit an program- Sprachen waren ein Zentrum im Leben Tes-
matischen Texten und langjährige Korres- nières. Manche sagen, seine Leidenschaft gar
pondenz mit den Kollegen belegen das. Für (Cortès/Sainte-Martine 1995). Er befasste sich
die Syntax konnte er allerdings da keine di- mit Sprachen in dreifacher Weise: lernen, leh-
rekten Anregungen bekommen. Hier war er ren, analysieren.
allein. Und auch die Kollegen des Prager Gelernt hat Tesnière Sprachen in seinem
Kreises waren kaum Diskussionspartner, Leben am laufenden Meter. Wenn man so zu-
heißt es doch von Trubetzkoj, er habe gestan- sammenzählt, kommt man auf die stattliche
den, dass die Syntax ihn erschrecke: „La syn- Zahl von vielleicht 20 Sprachen, die Tesnière
taxe me terrifie“, kolportiert Jakobson (1972, mehr oder weniger gut gesprochen hat, mit
43). Aber Tesnière habe hier Pionierarbeit ge- Betonung auf sprechen. Denn er war im Ler-
leistet. nen wie im Lehren ein überzeugter Vertreter
Außerdem wird man sagen können, dass der méthode directe, die damals in Frank-
Tesnière an den theoretischen Entwicklungen reich durchaus nicht selbstverständlich prak-
des Strukturalismus nicht immer aktiv und tiziert wurde. So muss man den Ratschlag
intensiv partizipierte, wenngleich er sie zur verstehen: „Parlez les langues étrangères“
Kenntnis nahm. So konnte sogar mit einem (Tesnière 1959: 278.17). Zu den Sprachen, die
gewissen Recht gefragt werden, ob seine The- Tesnière beherrschte, dürfen wir zählen: Grie-
orie das Adjektiv „struktural“ verdiene (Ar- chisch, Latein, Deutsch, Englisch, Italienisch,
rivé 1969, 36). Man hat eher den Eindruck, Kroatisch, Slowenisch, Russisch, Slowakisch
als sei es Tesnière mehr darum gegangen, ei- und eine Reihe weiterer. Darüber hinaus hat
genständig seine Ideen weiterzuverfolgen und er noch einige autodidaktisch gelernt wie
zu perfektionieren, vor allem in der Montpel- wohl Hebräisch, Tschechisch. So konnte er
lier-Zeit. So konnte Mikuš zu Recht – wenn offenbar eine einfache Unterhaltung in Zulu
man denn das Schluss-Prinzip akzeptiert – führen, wie es heißt.
9. Lucien Tesnière. Sein Leben 75

Nicht nur auf diese Kenntnisse bezieht sich nen Stemmas Sprachproduktionsprozesse
sein Ausspruch: „Timeo hominem unius lin- und Sprachrezeptionsprozesse so einfach ab-
guae“ (Tesnière 1959: 278.19). bilden zu können. Man stößt auch in den Élé-
Gelehrt hat Tesnière verschiedene Spra- ments de syntaxe structurale öfter auf den si-
chen. Dazu zählt vor allem das Französische, cherlich originellen Gedanken, dass die Stem-
das er immer wieder unterrichtet hat. Daraus mas die wahre innere Struktur des Satzes ab-
ist wohl auch die kleine (immerhin 1000 Ma- bilden und sozusagen psychische Realität ha-
nuskriptseiten) französische Grammatik für ben (Tesnière 1959: 19).
FaF-Lerner entstanden, und sicherlich ist der Ebenso verwundert etwas, mit welcher
Abriss der deutschen Grammatik von 1953 Selbstverständlichkeit er Grundschüler in die
als Lernergrammatik gedacht, so wie er auch Kunst des Stemmazeichnens einführen ließ,
die russische Grammatik konzipiert hatte: wenngleich es die Kinder spielerisch und gern
„Bref, j’ai cherché à faire œuvre pédagogique taten, wie berichtet wird (Cortès/ Sainte-Mar-
plutôt qu’œuvre scientifique“ (Fourquet tine 1995, 51). Auch die Verwendung der
1959, 5). neuen Terminologie erscheint kühn für die
Jedenfalls fühlte Tesnière sich nicht als schulische Praxis, was schon ein Rezensent
Theoretiker, der zwar pädagogische Anwen- der Grammaire russe vermerkt hatte, was
dungen erhoffte, sie aber anderen überließ. auch der schulischen Generalinspektion auf-
Die Anwendung in der Praxis und das Ler- fiel. In späteren Jahren spielte Tesnières An-
nen aus der Praxis gehörten für ihn selbst satz tatsächlich eine Rolle für die Grammaire
dazu. Und seine Empfehlungen und Vor- nouvelle à l’école (Court 1971). Es scheint
schläge gehen auf wirkliche Erfahrungen zu- aber bei Vorschlägen geblieben zu sein. All
rück (Tesnière 1959: 276, 277). das erinnert an die sog. Linguistisierung der
Hierzu hat er über die Jahre verschiedene deutschen Schulgrammatik in den 70er Jah-
Projekte initiiert, mit denen er die Ideen ren, die leider so kläglich gescheitert ist.
seiner Syntax an Schulen implementieren
wollte. Dazu gehören die Projekte Paravisol Analysiert hat Tesnière alles, was ihm über
1937/38, Tourret et Vidal 1942, Fontvieille den Weg kam:
1942 und Baconnier 1943, die über die École
Normale d’Institutrices de Montpellier – sein ⫺ Er behandelt mehr als 5000 sprachliche
Versuchsfeld, wie Fourquet es nannte – lan- Beispiele. Seien es kurze Syntagmen oder
ciert wurden. Sätze oder Textpassagen.
Bei diesen Versuchen stieß er natürlich im- ⫺ Er hat 366 Stemmas im Buch wiedergege-
mer wieder auf Widerstände der Schulauf- ben, von einfachen, einführenden bis zu
sicht, die er auch darstellt im Kapitel 277 der hochkomplexen, das letzte geht über zwei
Éléments de syntaxe structurale. Bemerkens- Seiten. Er hat damit sicherlich gezeigt,
wert ist dabei die Vorsicht und die Umsicht, dass seine stemmatische Analyse zur syn-
mit der er die Modernisierung des Gramma- taktischen Beschreibung vorliegender
tikunterrichts empfiehlt. Allerdings wird Sätze taugt.
auch der Frust spürbar, den er bei diesen Ver- ⫺ Die behandelten Beispiele entstammen
suchen erlitten hat. etwa 60 Sprachen. Er sagt dazu selbst:
Das wirklich Moderne an Tesnière war, „Tout d’abord, aucune langue n’a été ex-
dass er Sprachlehre und Sprachanalyse so clue en principe de cet exposé“ (Tesnière
eng verwoben sah. Die enge Verbindung von 1959: 661).
Theorie und Praxis ist auch in den Éléments
de syntaxe structurale mit Händen greifbar. Tesnières Sprachen sind bei uns gängigere wie
Nicht umsonst endet Fourquet sein Vorwort Französisch ⫺ Deutsch ⫺ Lateinisch ⫺
mit dem emphatischen Wunsch: Italienisch ⫺ Spanisch ⫺ Rumänisch ⫺
Provenzalisch ⫺ Englisch ⫺ Holländisch
Ce n’est pas sans une certaine amertume que l’on
pense aux 25 ans d’avance qu’aurait pu avoir la
⫺ Flämisch ⫺ Bretonisch ⫺ Baskisch ⫺
France, si elle avait donné à Tesnière en 1934 la Griechisch ⫺ Hebräisch ⫺ Slowenisch ⫺
direction d’un Institut de linguistique appliquée Russisch ⫺ Weißrussisch ⫺ Lettisch ⫺
comme celui d’Edimbourg (Fourquet 1959, 7). Polnisch ⫺ Litauisch ⫺ Serbo-Kroatisch
Vielleicht hat Tesnière diese Verbindung ein Dazu dann auch Dialekte und ältere Sprach-
bisschen zu eng gesehen. So mutet heute viel- stufen wie Altfranzösisch natürlich, Alt- und
leicht etwas naiv an, dass er glaubte mit sei- Mittelhochdeutsch, Altgriechisch, Gotisch.
76 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Und weiter: Man muss dieses Vorgehen auch historisch


Finnisch ⫺ Türkisch ⫺ Kaukasisch ⫺ Uk- als Neuerung sehen, dass nämlich Linguisten
rainisch ⫺ Armenisch ⫺ Georgisch ⫺ die Sprachen auch beherrschen sollten, die sie
Tscheremessisch ⫺ Arabisch ⫺ Berberisch analysieren, eine Fähigkeit, die Tesnière be-
⫺ Ägyptisch ⫺ Eskimo ⫺ Zigeunerisch ⫺ sonders an seinen Kollegen des Prager Krei-
Tatarisch ⫺ Mongolisch ⫺ Chinesisch ⫺ ses schätzte. Zu diesem Impetus gehört der
Japanisch ⫺ Tonga ⫺ Bantu fortwährende implizite Sprachvergleich, den
Tesnière in der Metataxe systematisierte,
Auch ganz exotische wie Zyrienisch, Votiak, ebenso wie die Grundüberzeugung, der Syn-
Samoa, Tchouvache oder Soubiya, Chinook. taktiker gewinne seine Einsichten durch Int-
Man sagt, er habe sich alle Beispiele von rospektion.
Fachleuten bestätigen lassen, wenn er die Weil die Syntax keine „marquants“ hat,
Sprachen nicht selbst konnte. muss sie sich stützen auf Intuition und Intro-
Fourquet vermutet im Vorwort, dass Tes- spektion:
nière eine „analyse universellement appli-
cable à toutes les langues“ (Fourquet 1959, 3) Les conditions mêmes dans lesquelles se présentent
wollte. Es ging ihm letztlich um die virtuelle, les faits de syntaxe nous imposent donc l’usage au
universale Struktur des langage und nicht um moins partiel de la méthode introspective. En effet,
einzelne Sprachen, sodass seine Methode spä- l’activité du sujet parlant sur le plan structural ne
peut s’analyser que par un retour introspectif sur
ter auch auf viele Sprachen angewendet wer- elle-même.
den konnte (Heringer 1993, 311⫺314). C’est pourquoi l’introspection est destinée à de-
Allerdings hat man bei den exotischsten venir une des pièces maı̂tresses de la méthode d’in-
Beispielen nicht das Gefühl, dass sie die Me- vestigation des faits de syntaxe. (Tesnière 1959: 37)
thode verbessern könnten. Die Methode steht
eher fix und fertig da. Das Werk erscheint Aus Tesnières Thesen zur „méthode intro-
mehr „data-centered rather than method- spective“ (Tesnière 1959: 38) kann man Fol-
centered“ (Garvin 1955, 272). Möglicher- gendes destillieren (s. Abb. 9.3).
weise verdankt sich dieser Eindruck seiner So hat Tesnière es verabsäumt, der Syntax
Darstellungsart. Die Art von Besessenheit – eine operationale Basis zu schaffen, was im-
aus andrer Perspektive die „überwältigende mer wieder moniert wird (Garey 1954, 513;
Beispielfülle“ (Engel 1980, 21) – wirkt sich in Benveniste 1960, 22). Nichtsdestotrotz hat
der Grundstruktur seines Darstellungsformu- Tesnières Vorgehensweise auch eine empiri-
lar so aus: Darlegung plus Beispiel plus Dar- sche Basis. So waren es nicht nur seine eige-
stellung plus Beispiel etc. Nach einleitender nen Sprachkenntnisse und Hörbelege und li-
Definition geht es oft so: terarische Belege, er entwickelte Questionnai-

• Dies nennt man/nennen wir so und so (C’est que B a très heureusement appelé…).
• Man muss unterscheiden …, nach den Charakteristika _ _ _.
• Dies stellt sich im Stemma so dar …
• In den X-Sprachen ist es so und so. (Dans les langues du …)
• In den Y-Sprachen ist es so und so. (Dans les langues du type ___ )
• Genauso in den …-Sprachen. (De même en …)
• Das X-ische kennt diese Erscheinung nicht. (A la différence de Y…/ le X au contraire …)
• Das Z-ische kennt sogar …

Abb. 9.3.

1. Die introspektive Methode basiert auf Intuition.


2. Die introspektive Methode rekurriert auf innerer Erfahrung.
3. Die introspektive Methode ist experimentell und insoweit objektiv.
5. Die introspektive Methode ist nicht angeboren.
6. Man muss die introspektive Methode lernen.
7. Die Anwendung der introspektiven Methode ist schwierig.
8. Die introspektive Methode kann nur der kompetente Sprecher anwenden.
9. Sie muss methodisch gezügelt werden, weil der Durchschnittssprecher falsche Intuitionen haben kann.

Abb. 9.4.
9. Lucien Tesnière. Sein Leben 77

res für seine sprachgeographischen Arbeiten recht versagen will, konnte in seiner Überset-
und er arbeitete mit statistischen Methoden zung nicht umhin, die „überwältigende Bei-
über die Sprachen Europas (mehr als 200 Sei- spielfülle“ zu reduzieren und „gelegentliche
ten), was ihm nach eigenem Bekunden den Abschweifungen, auch diachronische Ex-
Ruf eines Sprachstatistikers einbrachte. kurse“ zu eliminieren und „allzu ausführliche
Passagen“ zu straffen (Engel 1980, 21). Und
so hieß es schon 1967 in einer Rezension, sein
3. Rezeption Werk sei für heutige Linguisten nur noch von
historischem Interesse (Arrivé 1969, 40). An-
Die Tesnière-Rezeption wird allgemein als dere aber denken, es sei „too early and in the
wissenschaftliches Trauerspiel gesehen. Er sei wrong place when his ideas could have no ap-
ignoriert worden oder gar marginalisiert peal against the current trends of the time“
(Madray-Lesigne/Richard-Zappella 1995, 6). (Guiraud 1971, 1). Tragisch: Zu früh und zu
Sogar von einer Art Verschwörung wird ge- spät! So dürfte Worthington nicht ganz schief
sprochen (Cortès/Sainte-Martine 1995, 51). gelegen haben, als sie meinte, dieses Buch
Dieser Art Verschwörung hat es aber sicher- „invites unfair treatment“ (Worthington
lich nicht bedurft. Denn einmal war Tesnière 1968, 303).
in seiner Zeit in Montpellier eben in der Pro- Wissenschafthistoriker scheinen öfter im
vinz und er lebte entsprechend zurückgezo- Geiste von Heldendichtung zu schreiben und
gen „en solitude“ und „isolé“. Und dann war sie identifizieren sich schon mal mit ihren
sein Lebenswerk ja gar nicht erschienen. Die Helden. Wenn sie mangelnde Rezeption be-
Publikationen zu den slawischen Sprachen klagen, sprechen sie vielleicht auch auf dem
scheinen durchaus anerkannt worden zu sein. leidvollen Hintergrund mangelnder oder als
Die Rezensionen zur Grammaire russe sind mangelhaft empfundener eigener Rezeption.
durchweg positiv (Baum 1976, 14 A4; Werner Was ist denn der Maßstab für die Angemes-
1993, 9). Hervorgehoben wird wiederholt die senheit einer Rezeption? Es sollte wohl der
Originalität des Syntaxteils und der pädago- Wert der Theorie sein. Und der erweist sich
gische Impetus. Auch von der glücklichen Al- eben in der Rezeption und nur in der Rezep-
lianz von Theorie und pädagogischer Praxis tion. Sonst wird es sich um Wunschdenken
ist die Rede. („Voici, pour la première fois, und Idealisierung, vielleicht auch Heroisie-
un grammairien, doublé d’un linguiste, qui a rung handeln.
le courage de ne pas sacrifier au culte des ido- Eine andere Frage ist: Wie soll die Rezep-
les: notre pédagogie linguistique progressera tion aussehen? Soll es um Übernahme und
dans la mesure où il trouvera des imita- Nachfolge gehen? Oder um Adaptation?
teurs.“) Außerdem erlebte diese kleine Gram- Oder um Diskussion und Argumentation?
matik mehrere Auflagen. Tesnière wurden Nach meiner Auffassung sollte man die
zahlreiche Ehrungen zuteil (1993, 406 Be- Rezeption zuerst einmal nehmen, wie sie ist.
richt), unter anderem erhielt er für seine thèse So stellt man fest: Tesnière wurde durchaus
1926 den Prix Volney der Académie fran- rezipiert. Schon die Esquisse wurde mehrfach
çaise. an prominenter Stelle, nämlich in Language,
Im übrigen sind die Publikationen darüber in Word, in den Cahiers Saussure und an-
hinaus nicht gerade umfangreich oder an derswo rezensiert. Und von prominenten Au-
prominenter Stelle erschienen. Dies gilt selbst toren wie Garvin, Godel, Gougenheim
für die Esquisse, in der Tesnière seine Syntax (Baum 1976, 17 A17; Werner 1993, 10). Und
verkürzt und durch die Kürze und schlechtes weitgehend positiv.
Layout nicht immer so gut verständlich dar- Nicht viel anders verhält es sich mit den
stellt. Auch die Probleme bei der Publikation Éléments de syntaxe structurale. Auch hier
der Éléments zeigen, dass das Opus weder als gab es bald prominente Rezensionen (Baum
leseradäquat noch als zeitgemäß gesehen 1976, 18⫺22) und positive („un ouvrage cou-
wurde. Solche Schwierigkeiten sind ja durch- rageux, destiné à faire époque“, Richer 1960,
aus nicht einzigartig, insbesondere wenn man 67). Auch sie wurden immerhin schon recht
Umfang und Struktur des Werks bedenkt. So bald nach ihrem Erscheinen im Jahr 1959 re-
bleibt bis heute die Frage, ob man die Élé- zipiert und weiterentwickelt, wenn auch nicht
ments de syntaxe structurale in allen Details zur Gänze, so doch in ihren bis heute frucht-
rezipieren muss. Selbst einer wie Engel, der baren Teilen. Nur – wie französische Linguis-
beklagt, dass kaum jemand sie vollständig ten immer wieder betonen – „outre Rhin“,
lese und diesen gar streng das Mitsprache- nämlich vor allem in der DDR und der BRD.
78 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Hier gingen erst einmal Ideen ein in die pisch sind. Die verschiedenen Ansätze mögen
Grammatiken von Brinkmann, Erben und durchaus koexistieren und ihre verschiedenen
die Duden-Grammatik. Und schon sehr früh Anwendungsfelder finden. So scheint die Tes-
erschien dann das erste Valenzwörterbuch nièresche Valenztheorie in der praktischen
von Helbig und Schenkel. Eine erste formal Sprachlehre ihren Weg gemacht zu haben,
orientierte Anwendung war ganz im Zuge der während der dependenzielle Ansatz in der
Zeit Heringers Theorie der deutschen Syntax, Computerlinguistik sich fruchtbar mit ande-
die alle Komponenten der Éléments de syn- ren verbunden hat.
taxe structurale aufnahm und auf das Deut- Sicherlich steckt hinter dem Chomsky-Ver-
sche in einem Regelsystem applizierte. Eine gleich ein enttäuschter Anspruch und auch
streng formalisierte Abhängigkeitsgramma- ein Körnchen Wahrheit. Die Éléments de syn-
tik, allerdings ohne nennenswerten Wider- taxe structurale sind mit großer Verspätung
hall, bot Kunze 1976. (Zur Darstellung der erschienen und dem europäischen Struktura-
frühen Rezeption: Baum 1976, Happ 1976, lismus verpflichtet. Bei ihrer Konzeption war
313⫺346, Korhonen 1977, Engel 1980, 19⫺ eine derartige Syntax in dieser Ausführlich-
21.) Als Weiterentwicklungen sind auch die keit und Reife eine linguistische Sensation.
hybriden Grammatikmodelle von Hudson Aber Tesnière konnte sie nicht promovieren.
(Hudson 1976) und Mel’čuk (Mel’čuk 1988) Bei ihrem Erscheinen war die Entwicklung
zu erwähnen. weitergegangen und vor allem war ein forma-
Diese Situation hat sich quantitativ nicht ler und generativer Anspruch entstanden, der
verändert, soll es doch bis zum Jahr 1995 den Zeitgeist bestimmte. Dieser Anspruch
etwa 2400 Publikationen im deutschen wäre durchaus dependenzgrammatisch einzu-
Sprachraum gegeben haben, die Tesnière- lösen, wie wir heute wissen. Allein Tesnière
schen Gedanken verpflichtet sind. Außerdem konnte ihn nicht erfüllen, nicht mehr erfüllen.
gibt es seit 1980 eine verkürzte Übersetzung
der Éléments (Engel 1980).
In Frankreich war die Situation anders. 4. Literatur in Auswahl
Das pädagogische Engagement eines akade-
mischen Wissenschaftlers war – und natürlich Arnavielle, Teddy (1995): Lucien Tesnière à Mont-
pellier. Montpellier.
nicht nur in Frankreich – so ungewöhnlich,
dass es kaum auf Gegenliebe, sondern eher Arrivé, Michel (1970): Lucien Tesnière. La gram-
auf Widerstand stieß. So konnte Fourquet maire, ed. by J. Cl. Chevalier. Paris, 183⫺98.
Tesnière auch hier als den Befreier sehen, wie Arrivé, Michel (1969): Les Eléments de syntaxe
er ihn als Erlöser von der logisch orientierten, structurale de Lucien Tesnière. In: Langue Fran-
räsonnierenden Subjekt-Prädikat-Gramma- çaise 1, 36⫺40.
tik der Aristotelischen Tradition sah (Four- Arrivé, Michel (1995): Tesnière lecteur de Damou-
quet 1993). Tesnière selbst empfand, dass er rette et Pichon et de Beneviste. In: Madray-Lesigne
seine Innovationen nicht so leicht durchset- Françoise, Richard-Zapella, Jeanine (Hgg.): Lucien
zen konnte. In einem Brief schrieb er: Tesnière aujourd’hui. Louvin/Paris, 53⫺60.
Baum, Richard (1976): Dependenzgrammatik. Tes-
L’université est une dame respectable et c’est pour- nières Modell der Sprachbeschreibung in wissen-
quoi je la respecte, mais elle est très conservatrice schaftsgeschichtlicher und kritischer Sicht (⫽Bei-
et les idées neuves lui font toujours un peu peur. hefte zur Zeitschrift für romanische Philologie
Elle craint évidemment de se compromettre et n’en 151). Tübingen.
est que plus à l’aise pour magnifier ensuite ceux qui
ont réussi malgré elle. Elle en récolte toute la gloire Benveniste, Emile (1960): comple-rendu de Tes-
et ce n’est que justice (Brief vom 24. 12. 1936). nière, Eléments de syntaxe structurale. In: Bulletin
de la Société de Linguistique de Paris 56, 20⫺23.
Die Tesnière-Rezeption versucht öfter, ihn zu Bourciez, Edouard (1951): Tesnière, Esquisse d’une
einem ganz Großen zu stilisieren. Insbeson- syntaxe structurale. In: Revue des Langues Roma-
dere wird der historisch wohl etwas schräge nes 71, 390.
Vergleich mit Chomsky bemüht. Meist noch Court, Georges (1971): La grammaire nouvelle à l’é-
versehen mit Bemerkungen der Art, dass des- cole. Paris.
sen Theorien sich in einer Krise befänden, die Culioli, Antoine/Fuchs, Catherine/Pêcheux, Michel
dem Tesnièreschen Ansatz eine neue Chance (1970): Considérations théoriques à propos du traite-
böten. Diese Art sportliche Betrachtung ver- ment formel du langage. Tentative d’application au
kennt, dass für die Linguistik derartige di- problème des déterminants (⫽ Documents de Lin-
rekte Konkurrenzsituationen wohl kaum ty- guistique Quantititive 7). Paris.
9. Lucien Tesnière. Sein Leben 79

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80 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière

1. Einleitung „Livre B: Structure de la phrase simple“ und


2. Dependenz in „Livre D: Valence“ des ersten Teils („pre-
3. Aktanten, Zirkumstanten und Valenz mière partie“) zur Sprache. Zum anderen
4. Diathesen und quantitativer Valenzwechsel sind sowohl das Dependenz- wie auch das
5. Schlusswort
6. Literatur in Auswahl
Valenzkonzept bei Tesnière in den Eléments
in eine syntaxtheoretische Gesamtkonzeption
eingebettet, die die gesonderten Aspekte in
1. Einleitung (1) umfasst:
(1) I. Lexikalisch-kategorieller Aspekt: vier
Lucien Tesnière gilt als der hauptsächliche
hauptsächliche Lexemklassen, die zu-
Initiator moderner syntaktischer Dependenz-
gleich syntaktische Basiskategorien sind:
und lexikalischer Valenzkonzeptionen, auch
Verb, Nomen, Adjektiv, Adverb (bei Tes-
wenn die Forschungsgeschichte etwas weni-
nière nach den entsprechenden Wortart-
ger einsträngig verlaufen sein mag als manch-
morphemen des Esperanto durch jeweils
mal angenommen wird (vgl. Engelen 1975,
I, O, A und E gekennzeichnet), und ge-
27⫺42, Baum 1976, 27⫺42, Askedal 1991,
wisse zusätzliche Klassen von Auxiliar-
1996). Tesnières Hauptwerk in diesen Berei-
wörtern (Eléments, 53 ff.; 63 ff.; 80 ff.);
chen wie überhaupt sind die erst postum he-
II. lexikalisch-syntaktischer Aspekt: Ak-
rausgegebenen Eléments de syntaxe structu-
tanten, Valenz und damit verbunden Di-
rale (1959, 21966, fortan: Eléments), die eine
athesenoppositionen (Eléments, 102 ff.;
groß angelegte Gesamtschau mit Beispielma-
238 ff.);
terial aus vielen (etwa 60) Sprachen bietet.
III. relationssyntaktischer Aspekt: phra-
Grundlegende Dependenz- und Valenzge-
senkonstituierende Dependenzbeziehun-
sichtspunkte sind aber schon bei Tesnière
gen (Konnexion) (Eléments, 11 ff.);
(1934a, 1934b) vorhanden (zu Tesnière 1934b
IV. Aspekt der kategoriell-syntagmati-
vgl. Swiggers 1994, insbesondere 218), und
schen Abwandelbarkeit: Translation
die Hauptzüge der Theorie werden anhand
(Überführung) einer lexikalischen Basis-
französischer Beispiele in straffer Form in
kategorie in eine andere (Eléments,
Tesnière (1953) dargelegt. Die folgende Dar-
361 ff.);
stellung basiert vorrangig auf den Eléments
V. Aspekt der Koordinationsbeziehungen
(21966).
(Junktion) (Eléments, 323 ff.);
In der frühen Tesnière-Rezeption vor allem
VI. Aspekt der Koreferentialität: intra-
durch die deutsche Linguistik wurden Depen-
und intersententiale anaphorische Bezie-
denz und Valenz in enger Verknüpfung gese-
hungen innerhalb von (Abfolgen von)
hen und vielfach zur grammatischen Gesamt-
Dependenzstrukturen (Eléments, 85 ff.).
konzeption verschmolzen (vgl. z. B. die Dis-
kussion der derzeitigen Forschung bei Hel- Davon gelten Konnexion (III), Translation
big/Schenkel 1969, 9⫺11; 20⫺25). In der (IV) und Junktion (VI) als die drei „Säulen“,
jüngsten Tesnière-Rezeption begegnet ab und auf denen das Dependenzsystem Tesnières
zu auch der umgekehrte Gesichtspunkt, dass hauptsächlich ruht (Koch/Krefeld 1991, 5).
die Dependenzkonzeption bei Tesnière aus Die größte Resonanz haben in der späteren
dem Valenz-Begriff entstanden sei (Feuillet Forschung Valenz (II) und Dependenz/Kon-
1995, 175). Die Darbietung und Diskussion nexion (III) gefunden, während Tesnières
von Dependenz und Valenz im Werk von Tes- Junktionsbegriff insgesamt weniger For-
nière lässt aber eine theoretische Unabhän- schung angeregt hat (vgl. aber Raible 1992).
gigkeit der beiden Konzepte voneinander er- (Zusammenfassend zur Tesnière-Rezeption
kennen (Garde 1994). Zum einen werden bei vgl. Helbig 1996.)
Tesnière das syntaktische Dependenzprinzip Die von Tesnière vorausgesetzte theoreti-
und das lexikalische Valenzprinzip nicht in sche Trennung von Dependenz (III) und Va-
direkter Verbindung miteinander, sondern in lenz (II) wird im übrigen auch durch solche
getrennten Teilen der Eléments erörtert. Die jüngeren grammatiktheoretischen Konzeptio-
syntaktisch grundlegende Dependenzproble- nen bestätigt, die auf Dependenz ohne Be-
matik kommt in „Livre A: Préambule“, die zugnahme auf Valenz basieren (Hays 1964,
Valenz- und Aktantenproblematik aber in Robinson 1970) oder das Valenzkonzept mit
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 81

einer nichtdependenziellen Syntax verbinden aus dem Bereich der Chemie veranschaulicht,
(z. B. Konstituentenstrukturgrammatik in derzufolge gerade die (i) Verbindung zwi-
Duden 1999, 676⫺706, Kategorialgrammatik schen (ii) Natrium und (iii) Chlor einen ganz
bei Zifonun et al. 1997, 1298⫺1326). Im Rah- neuen Stoff (Kochsalz) ergibt, der nicht ein-
men der Tesnièreschen Gesamtkonzeption fach die Addition der Eigenschaften von Nat-
gilt, dass die Dependenzsyntax eher ein Mo- rium und Chlor darstellt (Eléments, 12).
dell für die Erfassung lexikalischer Valenzge- Die Konnexionsbeziehung ist rekursiv in
gebenheiten abgibt als umgekehrt. dem Sinne, dass von einem Dependens ein
weiteres Dependens abhängig sein kann. Da-
raus ergibt sich die Möglichkeit einer Hierar-
2. Dependenz chie der Konnexionen mit Dependentien un-
terschiedlichen Grades (Eléments, 13 f.). Vgl.
Aus forschungsgeschichtlicher Sicht ist zu-
z. B. (2):
nächst darauf hinzuweisen, dass Tesnière sich
schon früh von der für die deutsche jung-
grammatische Tradition kennzeichnende Ein- (2) chante
bindung der Syntax in die Morphologie los-
gesagt und das Konzept einer autonomen
Syntax entwickelt hatte: „[…] il est parfaite- ami chanson
ment possible de constituer une syntaxe sur
des données purement syntaxiques et en de-
hors de toute morphologie.“ (Tesnière 1934b, mon viel cette jolie
229, vgl. dazu Swiggers 1994). Vgl. auch: „La Stemma 3
syntaxe est bien distincte de la morphologie.
Elle en est indépendante. Elle a sa loi propre:
Dementsprechend kann es zu einem Regens
elle est autonome.“ (Eléments, 34). (Zur Auto-
sowohl direkte als auch indirekte Dependen-
nomie der Syntax bei Tesnière vgl. Helbig
tien geben. Auf andere formale Eigenschaften
1996, 43; 45 f.)
der Konnexionsbeziehung kommen wir in
2.1. Konnexionen 2.2. zurück.
Der axiomatische Grundbegriff der Depen- 2.2. Diagrammatische Struktur-
denzsyntax Tesnières ist die als unidirektio- repräsentation
nale Rektionsbeziehung zu verstehende Die Dependenzkonzeption von Tesnière ist in
„Konnexion“: dem Sinne eine semiotisch reflektierte, dass
„[Kap. 2] 1. ⫺ Les connexions structurales établis- zwischen abstrakten, „strukturalen“ Konne-
sent entre les mots des rapports de dépendance. xionen (Eléments, 16 f.), ihrer diagramma-
Chaque connexion unit en principe un terme supér- tischen, „visuellen“ Repräsentation durch
ieur à un terme inférieur. Strukturstemmata (Eléments, 15 f.) und ihrer
2. ⫺ Le terme supérieur reçoit le nom de régissant. gesprochenen oder geschriebenen Manifesta-
Le terme inférieur reçoit le nom de subordonné.“
(Eléments, 13)
tion (Eléments, 15 f.) bewusst und deutlich
unterschieden wird. Die Überlegungen zum
Zur Terminologie „régissant“ und „subor- Verhältnis von Struktur, Notation und Mani-
donné“ sei bemerkt, dass dabei ein „syntak- festation im Kommunikationsakt geben An-
tifizierter“ Rektions-Begriff vorausgesetzt lass zu Reflexionen über Dimensionalität in
wird, der über die traditionelle morphologi- der Sprache und in Sprachbeschreibungen,
sche Domäne der Kasusrektion hinausgeht denen zufolge die strukturale Ordnung ⫺ als
und grundsätzlich nicht daran gebunden ist; kognitives Datum ⫺ „multidimensional“,
den traditionellen Rektionsbegriff reflektiert ihre graphische Wiedergabe in der Gestalt ei-
dafür noch Tesnières Valenz-Konzeption nes Stemmas zweidimensional, und ihre Rea-
(siehe Kap. 3). Hervorzuheben ist vor allem lisierung in der „parole“ als gesprochene oder
die grundlegende Bedeutung der Konnexion geschriebene Kette eindimensional, d. h. li-
als eigenständiges drittes Element (neben Re- near, sind (Eléments, 19⫺22). Die stemmati-
gens und Dependens) bei der Konstituierung sche Zweidimensionalität wird konkret auf
syntaktischer Strukturen (Eléments, 11 f.). materielle Beschränkungen des Mediums be-
Die hier angenommene basale Dreielementig- drucktes Blatt (o. ä.) zurückgeführt. Der Ter-
keit syntaktischer Dependenzbeziehungen minus „Vertikalität“ (Eléments, 14) ist aus-
wird durch Tesnières erste „Atom-Metapher“ schließlich auf die diagrammatische Reprä-
82 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

sentation als Stemma zu beziehen. Die visu- tionen dieser Art festzustellen: (c) Verbot ge-
elle Gerichtetheit von oben nach unten in der gen Schleifenbildungen (d. h. gegen doppelte
stemmatischen Konnexionsrepräsentation Rektionsbeziehung zwischen einem unterge-
(sowie als typographisches Normalgestal- ordneten Knoten und zwei übergeordneten
tungsprinzip überhaupt) lässt sich freilich mit Knoten), (d) Forderung nach einem einzigen
der entsprechenden Asymmetrie der mensch- maximal übergeordneten „Zentralknoten“,
lichen Apperzeption in Verbindung bringen (e) Kontiguität der Knotenbildung (d. h. Ver-
(Lyons 1977, 690 f., Askedal 1996, 88 f.). Zwi- bot gegen isolierte Knoten). Mit Konstituen-
schen den stemmatischen Strukturrepräsen- tenstrukturdiagrammen haben Tesnières De-
tationen Tesnières und den zugrunde liegen- pendenzstemmata gemeinsam, dass sie „roo-
den kognitiv-sprachlichen Strukturen wird ted acyclic non-converging graphs“ (Fillmore
man Ikonizitätsbeziehungen annehmen dür- 1995, 94) sind. Bei Tesnière fehlt indessen die
fen (Madray-Lesigne/Richard-Zapella 1995, in Verbindung mit Konstituentenstrukturdia-
10, Samain 1995). grammen übliche Restriktion, dass Kanten
Das Verhältnis zwischen dem regierenden sich nicht kreuzen dürfen (ohne Rekurs auf
Term und dem regierten Term bzw. den re- eine abstraktere Stufe mit sich nicht kreuzen-
gierten Termen in Konnexionsbeziehungen den Kanten). Stemmata mit sich kreuzenden
ist grundsätzlich asymmetrisch. Zu einem Kanten ergeben sich bei Tesnière in Verbin-
Dependens kann es immer nur ein Regens, zu dung mit der Junktion (Koordination). Vgl.
einem Regens aber zwei oder mehr Depen- z. B. (3):
dentien geben (Eléments, 14; 16), was Eindeu-
tigkeit der Rektions-, d. h. strukturalen sowie
auch notationell-stemmatischen Überord- (3) tirent et croquent
nungs-/Unterordnungsbeziehung sichert (wie
übrigens in den meisten modernen Konstitu-
entenstrukturkonzeptionen auch). Durch das
Raton et Bertrand les marrons
Vorkommen von zwei oder mehr Dependen-
tien zu einem Regens kommt die „multiple Stemma 268
Konnexion“ zustande (Eléments, 14; vgl. z. B.
(2)). Die Multidimensionalität der struktura-
len Ordnung gegenüber der Zweidimensiona- Die Repräsentation lexikalischer bzw. kate-
lität ihrer graphischen Repräsentation durch gorieller Abhängigkeiten erfolgt in jeweils
Stemmata wird durch einen Hinweis auf das „reellen“ Strukturstemmata mit lexikalischen
Vorhandensein multipler Konnexionen be- Elementen und „virtuellen“ Stemmata mit
gründet (Eléments, 16). Dabei stellt sich frei- Kategoriensymbolen für die vier von Tesnière
lich die terminologische Frage, ob in Verbin- angenommenen hauptsächlichen Wortklas-
dung mit der zugrunde liegenden struktura- sen (Eléments, 64; vgl. auch Heringer 1970b,
len Ordnung überhaupt von Dimensionalität 47). Vgl. z. B. (4a, b):
gesprochen werden sollte; auf dieser Ebene
erscheint es angemessener, „Adimensionali- (4a) chante
tät“ anzunehmen.
Anders als in modernen Konstituenten-
(sowie auch einigen Dependenz-) struktur-
konzeptionen liegen Tesnières Stemmata cousine délicieusement
keine Formationsregeln zugrunde; solche Re-
geln fanden erst mit Chomsky (1957) in die
Linguistik Eingang, und Tesnière waren die votre jeune
Stemmata wohl vor allem als Mittel der syn-
taktischen Analyse wichtig (Baum 1976, 52). Stemma 43
Jedoch weisen die Stemmata eine ganze
Reihe formaler Eigenschaften auf, die bei He- Durch den Verzicht auf die notationelle Ver-
ringer (1970b, 44⫺46, siehe auch Happ 1976, einigung des lexikalischen und des kategoriel-
122 f.) explizit ausformuliert sind und von de- len Aspekts von Dependenzstrukturen im sel-
nen (a) vertikale Gerichtetheit von oben nach ben Stemma unterscheidet sich Tesnière von
unten und (b) Asymmetrie der Rektionsbezie- einer Reihe späterer Dependenzsyntaktiker,
hung schon genannt wurden. Es sind noch die ⫺ vermutlich unter dem Einfluss gene-
folgende allgemeine Prinzipien bzw. Restrik- rativer Konstituentenstrukturdiagramme ⫺
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 83

(4b) I 2.3. Lexikalische Kategorien und


Konnexionshierarchisierung
Die Unterscheidung reeller (a) und virtueller
(b) Stemmata, insbesondere die diagrammati-
sche Möglichkeit reeller Stemmata ohne An-
O E gabe kategorieller Information, sollte nicht
darüber hinwegtäuschen, dass Tesnières De-
pendenztheorie „primär kategorial angelegt“
(Koch/Krefeld 1991, 9) ist und auf seman-
tisch-lexikalischer Grundlage steht. Wie in
A A (1) schon erwähnt, legt Tesnière seiner Syn-
Stemma 44 taxbeschreibung einen Bestand an vier
Hauptwortarten zugrunde, die darüber hin-
aus in einem bestimmten semantischen Ver-
hältnis zueinander stehen: dies sind Verb (I),
grundsätzlich bestrebt sind, beide Aspekte im Nomen (O), Adjektiv (A), Adverb (E) (Elé-
Stemma zum Ausdruck kommen zu lassen ments, 64). Die vier Hauptwortarten verteilen
(vgl. ⫺ in ansonsten direkter Anlehnung an sich auf zwei semantische Paarigkeitsbezie-
Tesnière ⫺ Lambertz 1982, 48 f. et passim hungen: Substantive bezeichnen konkrete
und des weiteren z. B. Heringer 1970a, Engel Substanzen, Adjektive darauf beziehbare ab-
1994: 90; 157⫺159, Matthews 1981: 79⫺90). strakte Eigenschaften, Verben konkrete Pro-
(Vgl. jedoch 2.4. zur Kategorienkennzeich- zesse und die Adverbien schließlich auf Ver-
nung in Translationsstemmata.) ben beziehbare abstrakte Eigenschaften (Elé-
In der frühen Darstellung von Tesnière ments, 63, vgl. dazu schon Tesnière 1934a,
(1934b, 224) wird zur diagrammatischen Ver- 147, und des weiteren Baum 1976, 75⫺81,
anschaulichung von Dependenzbeziehungen Gréciano 1977). Vgl. etwa (5):
ein Stemma anderer Art verwendet, das sich
an eine im späteren Werk Tesnières nicht
(5) konkret: abstrakt:
mehr bemühte „Sonnen-Metapher“ (Tesnière
Sub- (O) ⫽ Substanz I Adjektiv (A)
1934b, 223; siehe dazu 3.1.) anlehnt. Hier
stantiv
steht das (großgeschriebene) finite Verb mit-
Verb (I) ⫽ Prozess I Adverb (E)
ten im Stemma, und Dependentien befinden
sich teils unterhalb, teils aber auch oberhalb
des jeweiligen Regens, was den Gebrauch von Der adjektiv- und der adverbbezogene Ge-
nach oben bzw. nach unten gerichteten verti- brauch von Adverbien, der in diese Gegen-
kalen (bzw. schräggestellten) sowie nach links überstellung „konkreter“ und „abstrakter“
bzw. nach rechts gerichteten horizontalen lexikalischer Kategorien nicht so gut hinein-
Pfeilen (A B I J) zur Angabe der Abhängig- passt, kommen später noch hinzu (Eléments,
keitsbeziehung erforderlich macht. Die der 181; 186 f.). Die Charakterisierungen in (5)
Mittelstellung der Sonne im Sonnensystem basieren offensichtlich auf traditionellen Ge-
analoge diagrammatische Mittelstellung des samtbedeutungsvorstellungen, sind aber auch
Verbs im Stemma von 1934 entspricht der im Rahmen semantischer Prototypizitäts-
Vorstellung von der strukturalen (letzten En- annahmen interpretierbar (vgl. Langacker
des auch metaphorisch zu verstehenden) 1995, 19).
„Zentralität“ des Verbs. Während in den Elé- Die Beschränkung auf vier Hauptwortar-
ments noch vom Verb als „Zentralknoten“ ten hat wichtige Konsequenzen für die ge-
die Rede ist (vgl. 2.4.), wird das entspre- samte Strukturanalyse.
chende Zentralstellungs-Stemma von 1934 Aus lexikalisch-semantischer Perspektive
nicht wiederholt, sondern es werden nur die gelten die vier Hauptwortarten als „mots
bekannten, auch zur Konnexionshierarchie in pleins“, d. h. „volle“ bzw. „vollsemantische“
(7) (2.3.) in ikonischem Abbildverhältnis ste- Wörter, während die restlichen, nicht zu den
henden Stemmata verwendet. Damit verbun- Substantiven, Verben, Adjektiven und Adver-
den ist die weitere graphische Vereinfachung bien gehörenden Wörter „mots vides“, d. h.
der vertikalen und horizontalen Pfeile von „leere“ (bzw. „nicht vollsemantische“) Wör-
1934 zu einfachen (bzw. schräggestellten) ver- ter genannt werden (Eléments, 53⫺55, vgl.
tikalen Kanten in den Stemmata der Elé- auch Tesnière 1939, 160). Sog. „leere“ Wörter
ments. (Vgl. dazu auch Swiggers 1994, 218.) sind u. a. Präpositionen, (nebenordnende)
84 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Konjunktionen und (unterordnende) Sub- mente aus den Klassen I, O, A, E sind konsti-
junktionen, d. h. Wörter, die u. U. durchaus tutiv in dem Sinne, dass sie als regierendes
eine voll erkennbare Eigenbedeutung besit- bzw. regiertes Element an Konnexionsbezie-
zen, die aber vielfach auch rein grammatische hungen in Dependenzstrukturen direkt teil-
Verknüpfungswörter bzw. ⫺ wegen weitge- nehmen können (und demnach „knoten-“
hender Grammatikalisierung ⫺ im Verhältnis bzw. „nukleus“bildend sind; vgl. schon Tes-
zur Ausgangsbedeutung semantisch verblasst nière 1934b, 226 und weiter unten). Die se-
oder neutralisert sind (vgl. Baum 1976, 86⫺ mantischen Hauptkategorien sind somit im
92, Langacker 1995, 20). Eine Mittelstellung System von Tesnière zugleich auch struktu-
zwischen „vollen“ und „leeren“ Wörtern neh- relle, dependenzielle Basiskategorien; Tes-
men die Anaphern ein, die erst durch die text- nière gebraucht selbst den Ausdruck „phéno-
liche Umgebung ihre Bedeutung erhalten mène de base“ mit Bezug auf „le simple agen-
(Eléments, 85⫺89). Für die Anaphern ist da- cement [ohne Junktion oder Translation]
rüber hinaus kennzeichnend, dass sie in zwei- d’un ou plusieurs nœuds […] dans la struc-
erlei Konnexionsbeziehungen stehen: neben ture de la phrase“ (Eléments, 101; vgl. Baum
der dependenziell-syntaktischen auch in einer 1976, 100).
semantischen, die nicht mit der syntaktischen Das Dependenzsystem ist durch zwei Cha-
Konnexion einhergeht. Vgl. (6): rakteristika gekennzeichnet, die eine be-
stimmte Konnexionshierarchisierung impli-
(6) zieren. Zum einen ist mit den Hauptwortar-
aime
ten bzw. Basiskategorien in (5) insofern eine
strukturelle Hierarchisierung verbunden, als
die „abstrakten“ Kategorien A und E norma-
lerweise „subordonnés“ sind, die als „régis-
sant“ ein O bzw. I voraussetzen. Die Position
Alfred père
von I als maximal übergeordneter bzw. regie-
render Kategorie, derzufolge eine normale,
ein Verb enthaltende Satzstruktur insgesamt
als ein von einem (lexikalischen) Verb maxi-
mal regiertes Gebilde (Eléments, 15, Tesnière
son
1953, 4) erscheint, ist dadurch zu begründen,
dass ein I sich mit (mehreren) O verbinden
lässt, während I im Rahmen der Konnexions-
hierarchisierung nicht von O regiert werden
Stemma 66 kann. Daraus ergibt sich das in (7) vorge-
stellte lexikalisch-kategorielle Gesamtprinzip
Aus syntaktisch-struktureller Perspektive für konnexionelle Dependenzstrukturgestal-
entspricht der semantischen Unterscheidung tung (leicht geändert nach Baum 1976, 69
zwischen „vollen“ und „leeren“ Wörtern die und Gréciano 1977, 70, vgl. auch Baum 1976,
zwischen „konstitutiven“ und „subsidiären“ 63 und Lambertz 1991, 53 f., 1995, 221):
Wörtern (Eléments, 55⫺58). Die „subsidiä-
ren“, „leeren“ Wörter haben in den Depen- (7) I
denzstrukturen lediglich „Hilfs“funktionen
O E
unterschiedlicher Art, und ihr Vorhandensein
setzt ein „volles“ konstitutives Wort voraus. A E
Von ihrer strukturellen bzw. kategorialen
E
Funktion her verteilen sich die subsidiären
Wörter auf die drei Haupttypen der „Junk- E
tive“ (Konjunktionen), der „Translative“
(verschiedene Kategorienüberführungsmor- Die in 2.1. und 2.2. schon angeführten Stem-
pheme: Subjunktionen, Präpositionen, Flexi- mata stehen mit ihrer Spitzenstellung des ma-
ons- und Ableitungsmorpheme) und der „In- ximal regierenden Verbknotens in einem iko-
dizes“ (Artikel, Personalendungen und ent- nischen Abbildungsverhältnis zu der in (7)
sprechende agglutinierende Personalprono- zusammengefassten hierarchischen Konnexi-
mina) (Eléments, 80⫺85, 395⫺397; davon onsordnung. Mit Mayerthaler (1994, 137)
sind Junktive und Translative schon bei Tes- kann man in diesem Zusammenhang vom
nière 1934a, 156⫺166 vorhanden). Nur Ele- „Satz als Verbentfaltung“ sprechen. (In Ana-
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 85

logie zur Begriffsbildung der generativen potential bei, gewinnt aber ein nach oben ge-
Syntax könnte auch vom Satz als „maxima- richtetes […]-Potential hinzu“ (Weber 1996,
ler Verbprojektion“ gesprochen werden; vgl. 250 f.). Demnach beinhaltet Translation kei-
Haegeman 1991, 81 f. et passim.) nen bloßen Kategorien-Wechsel, sondern
Aus der axiomatischen Beschränkung auf vielmehr auch eine dependenzielle Kompa-
vier Hauptwortarten bzw. syntaktische Basis- tibilitäts-Anreicherung (Weber 1996, 250 f.;
kategorien und der weiteren Beschränkung 260).
der Konnexionsbeziehungen auf diese vier Die Translationen sind zweierlei Art: zum
Kategorien mit zusätzlicher Festlegung der einen solche ersten und zum anderen solche
jeweils möglichen Rektionsrichtung ergibt zweiten Grades (vgl. Eléments, 411 ff. bzw.
sich angesichts der in natürlichen Sprachen 618 ff. sowie schon Tesnière 1934a, 158⫺166,
tatsächlich vorkommenden Dependenzbezie- 1934b, 228 und z. B. Baum 1976, 114 ff. bzw.
hungen ein systematischer Bedarf nach einem 127 ff.). Durch die Translationen zweiten
Mechanismus des Wortarten- bzw. Katego- Grades wird die in der Konnexionshierarchie
rienwechsels (der Pfeil zeigt im folgenden von maximal übergeordnete Kategorie Verb (I) in
dependenter auf regierende Kategorie): Wie eine hierarchisch niedrigere Kategorie über-
sind beispielsweise Attributsätze angesichts geführt. In die weit umfassendere Gruppe der
der I I O-Konnexion, wie attributive Sub- Translationen ersten Grades gehören die rest-
stantivglieder angesichts der O I A-Konne- lichen Fälle, bei denen eine in der Konnexi-
xion, wie adjektivabhängige Substantivglie- onshierarchie niedrigere Kategorie den Aus-
der und Komplementsätze angesichts der gangspunkt bildet.
O I A- und I I O I A-Konnexionen zu be- Auf diese Weise werden u. a. Präpositio-
schreiben? nalattribute (8), Partizipialattribute (9), der
Solchen syntaktischen Zuordnungsproble- adverbiale Zirkumstantengebrauch von Sub-
men kommt Tesnières Translations-, d. h. Ka- stantiven (10), Attributsätze (11) sowie auch
tegorienüberführungstheorie entgegen (gene- Komplementsätze und Adverbialsätze allge-
rell dazu Baum 1976, 106⫺114, Werner mein als auf Translation, d. h. systematischem
1993); vgl. Gréciano (1977, 72) sowie Weber Kategorienwechsel beruhend beschrieben
(1996, 260) über Translation als Mittel zur (Beispiele nach Eléments, 371; 379; 461; 561;
„Kompatibilisierung von Wörtern als Ele- vgl. auch z. B. Weber 1996, 251⫺255):
menten der Satzstrukturbeschreibung“ und
Corblin (1995, 231 f.): „[…] le recours à la (8) le livre
translation peut s’interpréter comme une ten-
tative d’écrire une syntaxe purement lexicale,
c’est-à-dire exprimée entièrement dans le lan-
gage des catégories lexicales.“ A
Die Translation bewirkenden Translative
sind „leere“ bzw. „subsidiäre“ Wörter oder d’ Alfred
Elemente, die selbst nicht regieren (Corblin
1995, 229) und auch nicht unmittelbar regiert Stemma 290
werden können. Sie sind lediglich Fügemittel,
um eine unterzuordnende, aber der Konnexi-
onshierarchie in (7) nicht genügende Katego-
rie in eine konnexionshierarchiekonforme (9) un exemple
Kategorie (bzw. einen entsprechenden Nuk-
leus; vgl. 2.4.) umzuwandeln. Vgl. auch Lam-
bertz (1995, 225): „[…] la translation est une
opération nécessaire pour établir des rap- A
ports de dépendance là où les „mots pleins“
ne sont pas connectables à cause du statut
syntaxique inhérent à leur signification lexi- frapp ant
cale.“ Auf diese Weise stellen die Translatio-
nen im System Tesnières ein grundlegend Stemma 283
wichtiges Mittel der Kategorienrekursivität
dar: „[ein durch Translation zustande gekom- Mit Lemaréchal (1996, 93) ist zusammenfas-
mener komplexer Knoten] behält sein altes send festzustellen: „La syntaxe tesniérienne
nach unten gerichtetes […]-Strukturierungs- est d’abord une syntaxe des parties du dis-
86 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(10) habite nière trotz der theoretischen Dominanz de-


pendenzbezogener Fragestellungen auf die
Konstituentenproblematik durchaus auf-
merksam war, zeigen u. a. seine Ausführun-
gen über „Einschnitte“ („coupures“) in der
Alfred E gesprochenen Kette (Eléments, 25⫺27; vgl.
Fillmore 1995, 93 f.): „[…] à la hiérarchie des
à Montpellier connexions […] et des nœuds […] correspond
une hiérarchie des coupures.“ Die in diesem
Stemma 316 Zitat angedeutete „Knoten“- bzw. „Nuk-
leus“-Theorie Tesnières kann als ein Vor-
schlag zur Erfassung der syntaktischen Kon-
(11) l’homme stituentenbildung aufgefasst werden. Formal
hängt diese Komponente seiner Gesamttheo-
rie mit der schon erwähnten Konnexionsre-
kursivität, d. h. der Möglichkeit sowohl di-
rekter als auch indirekter Abhängigkeitsbe-
A ziehungen, wie auch mit der Beschränkung
der Konnexionsbildung auf die vier Haupt-
qu- écrit wortarten I, O, A, E zusammen.
Der Begriff des Knotens („nœud“, von En-
gel [Tesnière 1980] durch „Nexus“ übersetzt
und von Lambertz 1982, 40 auch „Nodus“ ge-
-i
nannt) scheint von Tesnière mit zweierlei Be-
deutung verwendet zu werden (vgl. Engel 1996,
Stemma 346 59). „Nœud“ wird zum einen zunächst als
mehrelementiges Hypotagma definiert. Vgl.:
„[Kap. 3] 2. ⫺ Tout régissant qui commande un ou
cours: La fonction des différents mots est at- plusieurs subordonnés forme ce que nous appelle-
tachée à leur catégorie.“ (Dabei sollte freilich rons un nœud.
nicht verschwiegen werden, dass die Gewich- 3. ⫺ Nous définirons donc le nœud comme l’en-
tung von morphologischer Basiertheit gegen- semble constitué par le régissant et par tous les sub-
über syntaktischem Funktionieren der Trans- ordonnés qui, à un degré quelconque, directement
lationen für Tesnière selbst etwas problema- ou indirectement, dépendent de lui, et qu’il noue
tisch gewesen sein mag, vgl. Weber 1996, ainsi en quelque sorte en un seul faisceau.“ (Elé-
ments, 14)
256 f.)
Insbesondere aufgrund von § 3 dieses Zitats
2.4. Knoten und Nukleus ergibt sich ein Verständnis von „nœud“ im
Es ist üblich, Konstituenz und Dependenz als Sinne von „Phrase“ der Konstituentenstruk-
komplementäre bzw. alternative syntaktische turgrammatik. Aufgrund der Grundwortar-
Strukturbeschreibungsprinzipien anzusehen ten in (5) sind je nach dem regierenden Ele-
(vgl. z. B. ⫺ in teilweiser Auseinandersetzung ment die vier lexikalischen Knoten- bzw.
mit Tesnières Eléments ⫺ Baumgärtner 1970, Phrasentypen Verb-, Substantiv-, Adjektiv-
Lambertz 1982, 9⫺12, 1995, 94). Als kenn- und Adverbknoten bzw. Verb-, Substantiv-,
zeichnender Unterschied zwischen Konstitu- Adjektiv- und Adverbphrasen zu unterschei-
enten- und Dependenzstrukturdiagrammen den (Tesnière 1934a, 147; 155, 1934b, 226,
gilt, dass die ersteren die syntaktische Kon- Eléments, 15; 100 f.; 102⫺190). Dem ent-
struktionsbildung im Sinne von Teil-von-Be- spricht des weiteren z. B. die Definition von
ziehungen auf unterschiedlichen satzinternen „nœud substantival“ als „celui qui a pour
Ebenen (d. h. mit „Zwischenkategorien“), centre un substantif“ (Eléments, 100).
nicht aber die Abhängigkeitsbeziehungen ab- Zum anderen tritt aber auch „nœud“ mit
zubilden vermögen, während umgekehrt De- der Bedeutung ‘Kern(glied) einer Phrase’ in
pendenzstrukturdiagramme die Abhängig- dem Ausdruck „nœud central“ auf. Vgl.:
keitsbeziehungen, nicht aber die Konstrukti- „[Kap. 47] 6. ⫺ Nous avons vu que toute phrase
onsbildung wiedergeben (unter der Voraus- est l’agencement d’un ou de plusieurs nœuds, et
setzung, dass keine zusätzlichen Markie- nous avons donné le nom nœud central à celui qui
rungsmittel eingeführt werden). Dass Tes- commande tous les autres […] .“ (Eléments, 100)
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 87

Diese terminologische Präzisierung ermög- Der Nukleus-Begriff ist weitgehend eine wei-
licht eine genauere Definition von beispiels- tere Konsequenz der Beschränkung auf vier
weise dem oben genannten „nœud substanti- konnexionsstiftende lexikalische Basiskate-
val“ als „phrase substantival“, die wie folgt gorien. Praktisch handelt es sich beim „nuc-
lautet: „La phrase substantivale est celle qui a léus“ entweder um ein einwortiges Regens
pour nœud central un nœud substantival (parle, livre) oder eine Fügung aus einem voll-
[…]“ (Eléments, 100). Die letztere Bedeutung semantischen Lexem und einem grammati-
von „nœud“ als regierendem Knoten reflek- schen Auxiliarwort oder eine Fügung aus
tiert insbesondere auch die folgende Defini- zwei grammatischen Wörtern, von denen we-
tion vom Verb als Zentralknoten einer Satz- nigstens das eine einer der Basiskategorien
konstruktion: „Le verbe est le nœud des zugeführt werden kann (vgl. die Beispiele est
nœuds. C’est lui qui, directement ou indirecte- arrivé, est grand, a vu, habite-t-il, le livre,
ment, est le régissant de toute la phrase.“ d’Alfred, quelque chose, ne rien). In Tesnière
(Tesnière 1953, 4). (Jedoch wird auch mit der (1953, 3) wird die semantische Funktion des
gelegentlichen Möglichkeit eines substantivi- Nukleus besonders hervorgehoben: „Le nuc-
schen, adjektivischen oder adverbialen Zent- léus est l’atome constitutif de la phrase. C’est
ralknotens gerechnet, vgl. die Diskussion von lui qui contient l‘idée. Il assume la fonction
„phrase substantivale“, „phrase adjectivale“, sémantique.“ In den Eléments findet sich eine
„phrase adverbiale“ in Eléments, 177⫺181; Reihe z. T. metaphorischer Charakteristiken
184⫺186; 188⫺190.) des Nukleus: „le siège d’un certain nombre de
Die auf diese Weise beschriebene Konstitu- fonctions“, „l’entité syntaxique élémentaire,
entenbildung wird aber in den Stemmata von le matériau fondamental de la charpente
Tesnière nicht (oder keinesfalls nicht durch- structurale de la phrase“, „centre de concré-
gehend) eigens notationell gekennzeichnet tion“ (Eléments, 45 f.), die alle eine Bedeu-
(wie dies gewisse andere spätere Dependenz- tung im Sinne von semantisch bzw. auch
grammatiker anstreben, vgl. z. B. Heringer morphosyntaktisch integriertem einfachem
1970a, 125). Jedoch wird in Verbindung mit oder komplexem Glied erkennen lassen. Die
der Translation insofern von einer zusätzli- im Dienste der Integration stehenden Hilfs-
chen, „sekundären“ Knotenkategorisierung wörter oder -elemente, die zu den nicht kno-
Gebrauch gemacht (vgl. Engel 1996, 54), als tenstiftenden sog. „leeren Wörtern“ gehören,
hier die Wortartenzugehörigheit der aus der sind intranuklear und erscheinen dabei als
Translation resultierenden Kategorie ober- Zusatz zur nukleusstiftenden Basiskategorie
halb des Translationssymbols (bei vorange- und darüber hinaus zum dependenziellen und
stelltem Translativ bzw. bei nachgestell- semantischen Grundgerüst des Satzes. Folg-
tem Translativ ) angegeben wird, vgl. lich gibt es keine nukleusinternen Konnexio-
z. B. (8)⫺(11). nen (vgl. auch Eléments, 57); Dependenzbe-
Aufgrund der Konnexionsrekursivität, der ziehungen sind im Prinzip internuklear und
damit verbundenen Konnexionshierarchisie- bestehen zwischen einfachen oder komplexen
rung (7) und der auf den Basiskategorien ba- Nuklei. Aus der strukturell verbindenden
sierenden Knotenbildung erscheint eine de- Funktion der Konnexion folgt, dass die Zahl
pendenzielle Satzstruktur insgesamt als ein der Nuklei die Zahl der Konnexionen immer
„nœud de nœuds“ (Eléments, 14), d. h. als um eine übersteigt (Tesnière 1953, 3).
eine Knotenhierarchie, deren (maximal über- Zur expliziten Markierung der Nukleusbil-
geordneter) „nœud central“ im allgemeinen dung führt Tesnière einen ovalen Kreis ins
ein „nœud verbal“, d. h. ein von einem (lexi- Stemma ein. Vgl. (12)⫺(15):
kalischen) Verb gebildeter Knoten ist (Elé-
ments, 15).
Ein besonderer Aspekt der syntaktischen
Strukturproblematik ist mit dem Terminus (12)
„nucléus“ verbunden; vgl. folgende Defini- parle
tion:
„[Kap. 22] 5. ⫺ Nous définirons le nucléus comme
l’ensemble dans lequel viennent s’intégrer, outre le
nœud structural proprement dit, tous les autres élé-
Alfred
ments dont le nœud est comme le support matériel,
à commencer par les éléments sémantiques.“ (Elé-
ments, 45) Stemma 26
88 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(13) eine Hauptwortart bzw. Basiskategorie bezo-


il regarde gen’ zu verstehen.) Vgl.:
„[Kap. 23] 1. ⫺ Parmi les diverses fonctions du nuc-
léus, il en est deux qui sont fondamentales, la fonc-
tion nodale et la fonction sémantique.
2. ⫺ Il ne peut y avoir de nucléus sans fonction
le livre nodale, puisque […] la notion même de nucléus
n’est qu’un élargissement de celle de nœud qu’elle
comporte.
3. ⫺ Il ne peut y avoir de nucléus sans fonction
sémantique, puisque le structural n’a de raison
d’Alfred d’être que dans le sémantique […], et que par con-
séquent un nucléus purement structural n’aurait
pas de raison d’être […].“ (Eléments, 46)
Stemma 33
Aus diesen Festlegungen erhellt zum einen,
dass Nukleus im Sinne von Tesnière im allge-
meinen nicht mit Konstruktion bzw. Phrase
(14) im konstituentenstrukturgrammatischen Sinne
est arrivé gleichgestellt werden sollte; dem entspricht
eher Knoten („nœud“). Zum anderen wird
vor diesem Hintergrund Tesnières Aussage
verständlich, dass erst der ⫺ einfache oder
komplexe ⫺ Nukleus, nicht das Wort, die
Alfred wirkliche „unité structurale“ der gesproche-
nen Kette sei (Eléments, 47).
Stemma 27 Die beiden Stemmata 27 (14) und 28 (15)
sind Beispiele für sog. „dissoziierte Nuklei“,
wo die strukturale und die semantische Funk-
tion nicht im selben Wort lokalisiert sind. Als
(15) das Beispiel par excellence für diesen Tatbe-
est grand stand werden die traditionellen sog. „zusam-
mengesetzten Zeiten“ herangezogen (vgl.
Stemma 27 (14)), denen Kopulakonstruktio-
nen wie die in Stemma 28 (15) anzuschließen
seien (vgl. Lambertz 1982, 206⫺221). Die se-
Alfred mantische Basis der Beschreibung traditio-
neller Auxiliarkonstruktionen durch Tesnière
Stemma 28 wird besonders deutlich beim Vergleich mit
der Analyse von Verbketten bei Gunnar Bech
(1955, 12⫺16, 25 f.), der Dependenzbeziehun-
gen zwischen Verbformen auf der Grundlage
Am häufigsten wird aber auf die Setzung des morphologischer Gegebenheiten ermittelt
ovalen Kreises in den Stemmata verzichtet, (vgl. Askedal 1994). (Die oberflächlich be-
da der Nukleusstatus sowieso an der Neben- trachtet stemmaähnliche Analyse von Auxili-
einanderstellung zweier Elemente (ohne da- arkonstruktionen in Tesnière 1939, 170 f.;
rüber stehende getrennte Konnexionskanten) 173⫺177, ist eine Art Expansions- und Se-
erkennbar ist. quentialisierungsanalyse, vgl. z. B. (16)).
Wie aus (5) und (7) und den daran ange- Sie ist mit einer Konnexionsanalyse nicht
schlossenen Ausführungen zu den „vollen“ zu verwechseln. (Vgl. dazu vor allem Gré-
und „leeren“ Wörtern hervorgeht, haben die ciano 1996.)
Dependenzstrukturen eine lexikalisch-seman-
tische Basis, wobei sich in der Knotenbildung 2.5. Dependenz und Linearisierung
der lexikalisch-semantische und syntaktische Die in 2.2. angesprochene Dimensionalitäts-
Aspekt gegenseitig bedingen. (Hier und im problematik führt logischerweise zur Frage
folgenden ist ‘lexikalisch’ nicht im Sinne von der Linearisierung von Regentien und ihren
‘einzellexembezogen’, was Tesnières Konzep- Dependentien als theoretisch eigenständigem
tion widersprechen würde, sondern als ‘auf Aspekt der Knoten- bzw. Satzstruktur über.
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 89

(16) schlägt

Genus: Passiv wird geschlagen

Zeit: vorzeitig ist worden geschlagen

Modalität: können kann sein worden geschlagen

Zeit: vorzeitig hat können sein worden geschlagen

Mit seiner Unterscheidung zwischen zentrifu- tataxe“ als interlingualer grammatischer


galer (auch „montant“ genannt) (linksdirek- Strukturwechsel bei gleichbleibendem Inhalt;
tionaler, z. B. weißes Pferd) und zentripetaler vgl. insbesondere: „La métataxe n’est qu’une
(rechtsdirektionaler, z. B. cheval blanc) Linea- application du principe de l’indépendance du
risierung nimmt Tesnière die von Greenberg structural et du sémantique […], puisqu’il s’a-
(1966) initiierte, in der späteren sprachtypo- git d’exprimer une idée sémantiquement iden-
logischen Forschung grundlegend wichtige tique par une phrase structuralement diffé-
Wortfolgetypologie in Ansätzen vorweg (Elé- rente“. (Eléments, 284). Und in auf die über-
ments, 23⫺25). Durch die zusätzliche termi- setzerische Praxis bezogener Formulierung:
nologische Unterscheidung von „ordre ac- „La métataxe comporte par définition une
cusé“ und „ordre mitigé“ wird das (In)kon- différence entre le stemma de la phrase à tra-
sistenz-Problem (vgl. Oesterreicher 1989) an- duire et celui de la phrase traduite dans une
gedeutet. Die areale Verbreitung der vier sich autre langue.“ (Eléments, 283). (Vgl. des wei-
daraus ergebenden Typen „langue centrifuge teren Koch 1996.)
accusée“, „langue centrifuge mitigée“, Andererseits dürfte aber aus den Ausfüh-
„langue centripète mitigée“ und „langue rungen in 2.3. hinreichend deutlich hervorge-
centripète accusée“ in den Sprachen der Welt hen, dass die die strukturale Ordnung be-
wird auf einer Faltkarte am Ende des Buches gründenden Konnexionen eine kategoriale
vorgestellt. Die Diskussion von Wortfolge- semantische Basis haben. Auch in anderen
möglichkeiten auf Satzebene bezeugt, dass Zusammenhängen betont Tesnière stark die
Tesnière auch auf die drei universell haupt- Interrelationen zwischen Syntax und Seman-
sächlichen Abfolgemöglichkeiten SVO, VSO
tik: „[…] il n’existe jamais de connexion struc-
und SOV (Comrie 1983, 81 f.) durchaus auf-
turale sans connexion sémantique […]“ (Elé-
merksam ist.
ments, 44). In concreto wird eine modifizierte
2.6. Dependenz und semantische Isomorphie-These vertreten, die besagt, dass
Beziehungen syntaktische und semantische Konnexionsbe-
Im Hinblick auf das Verhältnis von syntakti- ziehungen nicht identisch seien, wohl aber
scher Dependenz (Konnexionsbeziehung) parallel verliefen: „Entre les deux, il n’y a
und Bedeutung wird grundsätzlich die syste- identité, mais il y a parallélisme.“ (Eléments,
matische Autonomie der strukturalen Ebene 42; vgl. auch Langacker 1995, 23; 30; 37).
im Verhältnis zur Semantik hervorgehoben, Dabei sind die syntaktische und die semanti-
was durch den Hinweis auf im Hinblick auf sche Determinationsrichtung einander entge-
syntaktische Beziehungen interpretierbare gengesetzt: „Le sens du subordonné porte sur
Nonsense-Sätze begründet wird (Eléments, celui du régissant dont il dépend.“ In diesem
41 f.). Auf der grundsätzlichen Annahme Sinne ist das Regens dem Dependens (bzw.
einer Autonomie der Syntax gegenüber der den Dependentien) syntaktisch übergeordnet,
Semantik basiert auch Tesnières vor al- während das syntaktische Dependens (bzw.
lem in übersetzungswissenschaftlichem Zu- die Dependentien) das Regens semantisch de-
sammenhang einschlägiges Prinzip der „Me- terminiert (determinieren). Vgl. (17):
90 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(17) ruisseaux ruisseaux porte obligatoirement un procès, et le plus souvent


B A des acteurs et des circonstances.
petits petits 2. ⫺ Transposés du plan de la réalité dramatique
sur celui de la syntaxe structurale, le procès, les ac-
INCIDENCE INCIDENCE teurs et les circonstances deviennent respective-
STRUCTURALE SÉMANTIQUE ment le verbe, les actants et les circonstants.“ (Elé-
ments, 102)
Stemma 22 Stemma 23
Die in diesem Zitat zum Ausdruck gebrachte
Als systematisch eigenständiger referentiell- binäre Aktant/Zirkumstant-Unterscheidung
semantischer Bereich kommen die anaphori- ist schon bei Tesnière (1934a, 151⫺155,
schen Beziehungen hinzu, die mit keiner syn- 1934b, 226) vorhanden. Die genauere Bestim-
taktischen oder semantischen Konnexionsbe- mung der durch die Dramen-Metapher einge-
ziehung überlappen (Eléments, 85⫺91, vgl. führten Aktanten steht unter dem Einfluss
Stemma 66 in (6)). Es gibt m. a. W. keine der in früheren Kapiteln ausgeführten De-
strukturalen Konnexionen ohne begleitende pendenztheorie sowie auch bestimmter Seh-
semantische Konnexion, wohl aber semanti- weisen der traditionellen Grammatik. Im
sche, d. h. in diesem Zusammenhang anapho- Hinblick auf den oftmals hervorgehobenen
rische Konnexionen ohne begleitende struk- Zusammenhang zwischen Valenz und Depen-
turale Konnexion. denz bei Tesnière (vgl. z. B. Weber 1996, 255)
Auch wenn das Verhältnis zwischen Syn- ist grundsätzlich darauf hinzuweisen, dass
tax und Semantik bei Tesnière im einzelnen nur eine Untermenge der vom regierenden
etwas ungeklärt und sogar widersprüchlich verbalen Zentralknoten potentiell ausgehen-
erscheinen mag, ist ihm die Verbindung von den Konnexionen durch die Valenz festgelegt
beidem so wichtig, dass er sie unter Hinweis ist, da Aktanten und Zirkumstanten gleicher-
auf Wilhelm von Humboldts „innere Sprach- maßen „subordonnés immédiats du verbe“
form“ zur „forme intérieure [de la phrase]“ sind (Eléments, 103 sowie diagrammatisch
erklärt (Eléments, 34). schon Tesnière 1934a, 150). Hinzu kommt
noch, dass Valenz bei Tesnière auf Verben be-
schränkt ist (Lambertz 1982, 4), weswegen
3. Aktanten, Zirkumstanten die Konnexionen sich nicht generell auf Va-
und Valenz lenz zurückführen lassen. Es wäre somit eine
unzulässige Vereinfachung, die Dependenz-
3.1. Aktant/Zirkumstant-Unterscheidung
grammatik Tesnières als Verbgrammatik ein-
und Aktantenklassifikation
zustufen (vgl. Engel 1996, 55). Auf diesem
Der Konzeptualisierung der Aktanten- und Hintergrund ist Valenz eher als „verbbezoge-
Valenzproblematik dienen bei Tesnière zwei ner Teilbereich“ (Koch/Krefeld 1991, 6) der
Metaphern aus nichtgrammatischen Berei- konnexionellen Dependenz aufzufassen. (Vgl.
chen. Es sind dies zum einen die „Dramen- auch Happ 1976, 314: „Valenz-Theorie
Metapher“ (vgl. schon Tesnière 1934b, 223) (ein[…] Teilbereich der Dependenz-Gramma-
und zum anderen die ⫺ zweite (zur ersten tik)“; Lambertz 1982, 30: „Valenz als Sonder-
siehe 2.1.) ⫺ „Atom-Metapher“. (Zu der in fall der Dependenz“; 34 f.)
späteren Schriften nicht wiederholten „Son- Die konnexionelle Gleichstellung von Ak-
nen-Metapher“ von Tesnière 1934b, 223 vgl. tanten und Zirkumstanten im Verhältnis zum
2.3.) Die Dramen- und die (zweite) Atom- verbalen Zentralknoten (vgl. 2.2.) ergibt sich
Metapher werden getrennt präsentiert und folgerichtig aus Tesnières Auffassung einfa-
diskutiert und geben zu jeweils unterschiedli- cher Satzstrukturen als „nœuds verbaux“ und
chen Perspektivierungen des Valenzbegriffs drückt sich auch in der Aufgabe des traditio-
Anlass. Der Begriff Valenz als solcher tritt nellen Sonderstatus des sog. Subjekts aus:
nur in Verbindung mit der Atom-Metapher „[…] le sujet est un complément comme les
auf, jedoch sind beide Metaphern für das autres“ (Eléments, 109, gleiche Formulierung
Verständnis der Valenzkonzeption Tesnières schon bei Tesnière 1934b, 217).
gleichermaßen einschlägig. Aktanten und Zirkumstanten werden bei
Die „Dramen-Metapher“ schließt an den Tesnière sowohl morphologisch als auch se-
dependenziellen Begriff „nœud verbal“ (im mantisch beschrieben bzw. definiert.
Sinne eines Hypotagmas) an: Etwa in Übereinstimmung mit der traditi-
„[Kap. 48] 1. ⫺ Le nœud verbal […] exprime tout onellen Grammatik (einschließlich der klassi-
un petit drame. Comme un drame en effet, il com- schen Kasussyntax) werden auf formal-mor-
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 91

phologischer Grundlage solche Glieder als Patiensbeziehung zum Verb steht und der
Aktanten bestimmt, die Substantive oder Agens der Verbalhandlung fehlt bzw. ⫺ Tes-
Äquivalente von Substantiven sind, während nière zufolge ⫺ (fakultativer) Zweitaktant ist
Zirkumstanten Adverbien oder Äquivalente (vgl. 4.1.).
von Adverbien sind (vgl. auch Stötzel 1970, Es ist anzunehmen, dass die Beschränkung
84 f.). Vgl.: der quantitativen Aktantenbestimmung bei
„[Kap. 48] 6. ⫺ Les actants sont toujours des sub- Verben auf Null- bis Dreiwertigkeit (Elé-
stantifs ou des équivalents de substantifs. Inverse- ments, 106 f.) den Vorgaben traditioneller
ment les substantifs assument en principe toujours Rektionsmuster folgt. (Zu den Unterschieden
dans la phrase la fonction d’actants. […] zwischen dem Rektionsbegriff der grammati-
8. ⫺ Les circonstants sont toujours des adverbes (de schen Tradition und dem sich nicht zuletzt
temps, de lieu, de manière etc. …) ou des équiva- aus der Beschäftigung mit Tesnière ergeben-
lents d’adverbes. Inversement les adverbes assu- den allgemeineren Verständnis von Valenz als
ment en principe toujours dans la phrase la fonc- spezifischer Kombinierfähigkeit vgl. zusam-
tion de circonstants.“ (Eléments, 102 f.)
menfassend Happ 1976, 127 f.)
Dadurch kommt es zu einer empirisch nicht In den Konnexionsstemmata Tesnières
zu rechtfertigenden Identifikation von Form wird der Unterschied zwischen valenzbeding-
und Funktion (Feuillet 1996, 130 f.). Insbe- ten Aktanten einerseits und nichtvalenzbe-
sondere hat dies zur Folge, dass Präpositio- dingten Zirkumstanten andererseits nicht de-
nalglieder auch dann als Zirkumstanten ein- pendenziell ausgezeichnet. Eine Kennzeich-
gestuft werden, wenn sie obligatorisch sind nung erfolgt nur auf kategorieller Ebene ⫺
bzw. eine vom Verb determinierte Präposi- und nicht durchgehend ⫺ durch die Setzung
tion enthalten (vgl. kritisch Lambertz 1982, des Adverb-Symbols „E“ am Kantenende zur
197⫺206, Feuillet 1995, 177⫺179). So ist Tes- Markierung von Zirkumstantenstatus (Elé-
nière gezwungen zuzugeben, dass gewisse PPs ments, 125⫺127):
wie de veste im Satz Alfred change de veste
sich den Aktanten nähern „par l’étroitesse de (18) passera
leur connection avec le verbe dont le sens ap-
paraı̂t incomplet sans eux.“ (Eléments, 128).
Dabei stellen freilich PPs als Realisierung von
Drittaktanten, wie à Charles im Satz Alfred
donne le livre à Charles, eine von Tesnière zu- E E E
gelassene Ausnahme dar (Eléments, 110, Alfred rapidement là-bas demain
114 f.). Dazu macht er freilich geltend, dass Stemma 123
die Drittaktanten sich den Zirkumstanten nä-
hern „dans les langues où ils sont signalés par
des prépositions“ (Eléments, 128). Diese eher behelfsmäßige Kennzeichnung
Bei Aktanten wie auch bei Zirkumstanten hängt damit zusammen, dass in den „fla-
wird eine Art semantischer Gesamtbedeu- chen“ Dependenzstrukturen bzw. -diagram-
tungs- bzw. Prototypizitätsbestimmung gel- men Tesnières Aktanten und Zirkumstanten
tend gemacht: in ihrem Verhältnis zum verbalen Zentral-
„Les actants sont les êtres ou les choses qui […] knoten des Satzes auf der gleichen Abhängig-
participent au procès. […] Les circonstants expri- keitsstufe stehen. Diese Gleichstellung ist im
ment les circonstances de temps, lieu, manière, etc. Hinblick auf sowohl Aktanten wie auch Zir-
… dans lesquelles se déroule le procès.“ (Eléments, kumstanten in empirischer Hinsicht zu prob-
102) „[…] le prime actant est celui qui fait l’action. lematiseren. Zum einen lässt sich nachweisen,
[…] le second actant est celui qui supporte l’action.“ dass Subjekte, direkte und indirekte Objekte
(Eléments, 108) „[…] le tiers actant est celui au bé- z. T. unterschiedliche syntaktische Regelei-
néfice ou au détriment duquel se fait l’action.“ (Elé- genschaften haben (vgl. die in dieser Hinsicht
ments, 109)
weiterführende Diskussion von Subjekten
(Vgl. auch Koch/Krefeld 1991, 14⫺22.) Ins- und Objekten schon bei Engelen 1975, 105⫺
besondere die semantische Definition des 108 sowie generell Johnson 1977). Zum ande-
Erst- und Zweitaktanten (in nicht wenigen ren vermögen „flache“ Stemmata wie (18)
Sprachen auch des Drittaktanten) muss not- kein intuitiv befriedigendes (Ab-)Bild der viel-
wendig mit der Aktantenbestimmung in der fältigen Bezugsmöglichkeiten der in der Zir-
reflexiven und passiven Diathese in Wider- kumstanten-Klasse zusammengefassten un-
spruch geraten, wo der Erstaktant in einer terschiedlichen Typen traditioneller Adverbi-
92 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

albestimmungen zu geben (vgl. Melis 1983, kumstanten keine Rangordnung eingeführt,


Kotschi 1991, Feuillet 1996, 130). sondern an einer weitgehend traditionellen
Gewisse Züge der Aktant/Zirkumstant- semantischen Adverbklassifikation festgehal-
Unterscheidung, die unter natürlich-sprachli- ten (Eléments, 74⫺79, 125) (durch die man
chem Aspekt nicht selbstverständlich oder je- den unterschiedlichen strukturellen Bezugs-
denfalls problematisierbar sind, können in möglichkeiten adverbialer Zirkumstanten
Zusammenhang mit der Dramen-Metapher nicht gerecht wird, vgl. oben). Es deutet sich
gesehen werden: 1. Etwa so wie im Drama hier ein metaphorisch-konzeptueller Zusam-
zwischen menschlichen Akteuren und nicht- menhang damit an, dass in einem Drama die
menschlichen Kulissen klar unterschieden Akteure dynamisch und nach Handlungssa-
wird, wird bei Tesnière ⫺ und zumeist auch lienz abstufbar, die Kulissen aber statisch und
in der späteren auf Tesnière basierenden Va- nach Handlungssalienz nicht abstufbar
lenzlehre ⫺ eine strikte Dichotomisierung der sind. ⫺ 4. Mit der Dramen-Metapher hängt
Dependentien in Aktanten und Zirkumstan- es möglicherweise auch noch zusammen, dass
ten angenommen. Die empirisch gleich nahe- Tesnière nur bei lexikalischen Vollverben Ak-
liegende Vorstellung einer Übergänglichkeit tanten, d. h. Valenz annimmt und eine beson-
oder Gradienz (vgl. Engelen 1975, 161⫺176, dere Adjektivvalenz überhaupt in Abrede
Vater 1978, Heger 1996) ist der Tesnière-Re- stellt: „[…] le verbe peut régir des actants et
zeption überwiegend fern geblieben. ⫺ 2. des circonstants, l’adjectif des circonstants
Etwa so, wie man im Drama vielfach zwi- seulement“ (Eléments, 182). Im Rahmen der
schen einer Hauptperson und weniger wichti- Konnexionshierarchie in (7) bleibt somit die
gen Personen unterscheiden kann, nimmt Aktant/Zirkumstant-Unterscheidung auf das
Tesnière eine Hierarchisierung der Aktanten Verhältnis zwischen regierendem I-Knoten
als jeweils Erst-, Zweit- und Drittaktant an bzw. -Nukleus und davon regiertem originä-
(Eléments, 108). Auf etwa die gleiche Weise, rem oder transferiertem O bzw. E beschränkt
wie im Drama ⫺ und im Leben ⫺ eine Per- (prädikative Adjektive werden in den verba-
son trotz allen Wandels der äußeren Um- len Nukleus einbezogen).
stände seine Identität wahrt, kommt den Ak- Auch wenn man in der Dramen-Metapher
tanten Kategorienkonstanz in Form einer Tesnières eine Vorwegnahme der modernen
konstanten Zuordnung von morphologischer kognitiven „script“- und „frames“-Konzep-
Erscheinungsform und der Zuweisung eines tion sehen mag (Heringer 1984, 47), basiert
bestimmten Stellenwerts in der Aktantenhie- die Aktantendarstellung in den Eléments im
rarchie zu: das traditionelle Subjekt ist immer großen ganzen auf Vorgaben der traditionel-
Erstaktant, das traditionelle (zumeist sog. len Kasussyntax, die erst in der ⫺ vor allem
„direkte“) Akkusativobjekt Zweitaktant und deutschen ⫺ Tesnière-Rezeption überwunden
das traditionelle (zumeist sog. „indirekte“) werden konnten (vgl. zusammenfassend
Dativobjekt Drittaktant. (Darin mag man Happ 1976, 325⫺332).
freilich einen gewissen Widerspruch zur
grundsätzlichen dependenziellen Gleichset- 3.2. Valenzklassifikation
zung der drei Aktantenkategorien sehen.) Für
das Vorkommen der Aktanten in Aktanten- In der Darstellung der Aktanten (Eléments,
konfigurationen („Satzmuster“) wird folgen- 105 ff.) findet der Valenz-Begriff nur einmal
des logische Transitivitätsprinzip postuliert: Erwähnung, und zwar eher nebenbei in Ver-
bindung mit der Polemik gegen den traditio-
„[Kap. 51] […] le prime actant se rencontre en prin- nell angenommenen Sonderstatus des Sub-
cipe dans toutes les phrases à un, à deux ou à trois jekts (Eléments, 105). Die Quelle der gram-
actants; […] le second actant se rencontre en prin- matischen Verwendung des Valenz-Begriffs
cipe dans toutes les phrases à deux ou à trois ac- ist die der Fachsprache der Chemie entnom-
tants; […] le tiers actant ne se rencontre que dans
les phrases à trois actants.“ (Eléments, 108)
mene Atom-Metapher. Vgl.:
„[Kap. 97] On peut ainsi comparer le verbe à une
Die hier vorausgesetzte einfache Kategorien- sorte d’atome crochu susceptible d’exercer son at-
transitivität gerät freilich mit der auf mor- traction sur un nombre plus ou moins élevé d’ac-
phosyntaktischer Kasuszuordnung basieren- tants, selon qu’il comporte un nombre plus ou
den Kategorienkonstanz in Widerspruch (vgl. moins élevé de crochets pour les maintenir dans sa
Eléments, 242; 246; 256 sowie 3.2.). ⫺ 3. An- dépendance. Le nombre de crochets que présente
ders als bei den Aktanten wird bei den Zir- un verbe et par conséquent le nombre d’actants
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 93

qu’il est susceptible de régir, constitue ce que nous (20) frappe


appellerons la valence du verbe.“ (Eléments, 238)
Die aus der Chemie stammende Atom- und
Valenz-Metapher steht deutlich unter dem Alfred Bernard
Einfluss des Tesnièreschen Dependenz-Kon-
Stemma 6
zepts (vgl. den Gebrauch des Verbs régir in
beiden Fällen). Zwischen dem grammati-
schen Valenz-Konzept Tesnières und dem Va-
lenzverständnis der Chemie besteht indessen (21) donne
der konzeptuelle Unterschied, dass in der
Chemie die Beziehungen zwischen den Mole-
külen in Atomen nicht als einseitig gerichtete,
sondern vielmehr als gegenseitige Abhängig-
keiten zu verstehen sind (vgl. Stötzel 1970, Alfred le livre à Charles
79). Zu bemerken ist, dass „valence“ im obi-
gen Zitat als singularisches Kollektivum die
Stemma 77
Gesamtheit der Aktanten bzw. Valenzbezie-
hungen bezeichnet. Daneben findet sich
auch ⫺ zur individualisierenden Bezeichnung
von Valenzbeziehungen ⫺ der Plural „valen- Die Erörterung der di- und trivalenten Ver-
ces“, der die zugrunde liegende, auf Gegeben- ben erfolgt unter der gemeinsamen traditio-
heiten der Chemie basierende Metapher un- nellen Überschrift „Transitive Verben“ (Elé-
mittelbarer reflektieren dürfte. ments, 242), wobei Tesnière auf das Fehlen
Besonders zu beachten ist, dass der sprach- eines besonderen Terminus für trivalente Ver-
liche Valenz-Begriff Tesnières die Möglichkeit ben ausdrücklich aufmerksam macht.
ungesättigter Valenz, d. h. Fehlen bzw. ⫺ un- Lexikalische Impersonalia (lat. pluit, dt. es
ter systematischem Aspekt gesehen ⫺ Fakul- regnet usw.) werden als vierter, besonderer
tativität von Aktanten durchaus vorsieht: Typ der avalenten, nullwertigen Verben ange-
„[…] il n’est jamais nécessaire que les valen- setzt. Die Definition der avalenten Verben ist
ces d’un verbe soient toutes pourvues de leur eine referentiell-semantische; formalen Sub-
actant et que le verbe soit, pour ainsi dire, jekten wird kein Aktantenstatus, sondern nur
saturé. Certaines valences peuvent rester die grammatische Funktion eines Markierers
inemployées ou libres.“ (Eléments, 238 f.). der 3. Person Sg. eingeräumt (Eléments, 239).
Mit dem Wort jamais greift aber Tesnière an- In diesem Zusammenhang ist auf Stötzels
gesichts des tatsächlichen Vorhandenseins (1970, 86 f. et passim) in Auseinandersetzung
nicht zu behebender Obligatheit (vgl. z. B. mit Tesnière begründete Unterscheidung zwi-
Welke 1988, 22⫺32) aus empirischer Sicht je- schen Ausdrucks- und Inhaltsvalenz hinzu-
doch zu kurz. (Vgl. auch Storrer 1996.) weisen, zumal Tesnière sich schon in Zusam-
Im Rahmen der Atom-Metapher in Tesniè- menhang mit sog. „inneren Objekten“ („ac-
rescher Auslegung wird Valenz als aktanten- cusatif de l’objet interne“, z. B. französisch
determinierende Wertigkeit des Verbs ver- vivre sa vie, deutsch seinen Weg gehen) auf
standen, und die Verben ⫺ gemäß der im eine derartige Unterscheidung bezieht: „Il y
Rahmen der Dramen-Metapher etablierten a lieu de noter que les verbes monovalents
Beschränkung der Aktanten auf die drei Ty- ainsi traités ne cessent pas, malgré leur diva-
pen des Erst- bis Drittaktanten ⫺ hauptsäch- lence apparente, d’ètre des verbes sémanti-
lich als mono- bis trivalent bestimmt (Elé- quement monovalents“. (Eléments, 272). In
ments, 239⫺258; vgl. dazu auch Stötzel 1970, Zusammenhang mit diachronischen Überle-
83 f.). Vgl. die entsprechenden Dependenz- gungen zur Herausbildung von Aktanten
stemmata in (19)⫺(21): (was als ein historischer Prozess der Gram-
matikalisierung von Zirkumstanten zu Ak-
tanten aufgefasst werden kann, vgl. z. B. See-
(19) parle franz-Montag 1984, 521 f.) wird auch die et-
waige Möglichkeit vierwertiger Verben anvi-
siert (Eléments, 258). In Tesnière (1954, 9)
wird die Möglichkeit der Tetravalenz direkt
Alfred
in Abrede gestellt: „Il n’existe pas […] de ver-
Stemma 1 bes tétravalents (à quatre valences).“ (Jedoch
94 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

nimmt Tesnière Tetravalenz als Ergebnis dia- ments keine Diagramme, die sich als auf
thetischer Valenzerhöhung an, vgl. 4.3.) sprachliche Valenz speziell bezogene Nachbil-
Für valenzbedingte Aktanten gilt die schon dungen von in der Chemie üblichen Valenzdi-
in Verbindung mit der Dramen-Metapher an- agrammen auffassen lassen. (Damit wäre am
gesprochene Kategorienkonstanz. Jedoch ehesten das auf der „Sonnen-Metapher“ ba-
wird hier die in Zusammenhang mit der Ak- sierende Diagramm in Tesnière 1934b ver-
tantenbestimmung formulierte Transitivitäts- gleichbar, vgl. 2.2.)
these für das Vorkommen von Aktanten ⫺
ein Zweitaktant setzt einen Erstaktanten, und 3.3. Aktanten als Indizes
ein Drittaktant einen Zweitaktanten vo- Die unbetonten Subjektformen französischer
raus ⫺ dahin modifiziert, dass ein monova- Personalpronomina werden von Tesnière an-
lentes Verb zwar normalerweise einen Erstak- ders als betonte Formen ⫺ und anders als die
tanten, aber auch u. U. einen Zweitaktanten etymologischen Äquivalente der unbetonten
(il pleut des hellebardes) oder einen Drittak- Formen im Lateinischen und modernen Alt-
tanten (es ist mir warm) haben kann (Elé- französischen ⫺ als sogenannter „persönli-
ments, 242) und dass es nicht nur bivalente cher Index“ mit der Funktion, Person und
Verben mit Erst- und Zweitaktanten, sondern Numerus des Verbs anzuzeigen, aufgefasst
auch solche mit Erst- und Drittaktanten (die- (Eléments, 57 f.; 85) und dementsprechend
ses Buch gefällt mir) gibt (Eléments, 246) (vgl. wie in (22) in den verbalen Nukleus einbezo-
kritisch dazu Feuillet 1995, 178, 1996: 130 f.; gen (vgl. auch Tesnière 1953, 19):
133). Ähnlich werden im Satz Wer hat dich
solche Streiche gelehrt? aufgrund der Kasus- (22)
morphologie zwei Zweitaktanten angenom- aime
men (Eléments, 256). An solchen Fällen wird
das Fehlen einer grundsätzlichen Unterschei-
dung zwischen Kasusmarkierung einerseits
und syntaktischer Funktion eines kasusmar-
kierten Elements andererseits bei Tesnière be- il les roses
sonders deutlich (vgl. Lazard 1995, 156; 158,
zur typologischen Vielfalt im Bereich der Ak- Stemma 34
tantenkodierung und Aktantenfunktionen
siehe vor allem Lazard 1994). So hat der nukleusinterne Konnexionsstrich
In den Bereich der „Metataxe“, genauer in Stemma 34 (Eléments, 58) nur einen „ety-
der „interversion des actants“ gehört der in- mologischen Wert“.
terlinguale Aktantenwechsel in Fällen wie Zur Veranschaulichung des Status unbe-
z. B. deutsch Sein Knecht half ihm (Drittak- tonter Objektformen und der Adverbialpro-
tant) vs. französisch Son valet l (Zweitak- nomina en und y werden Stemmata der glei-
tant)’aida bzw. Ihm (Drittaktant) wurde von chen Art wie (22) verwendet. Vgl. (23)⫺(24):
seinem Knecht geholfen vs. Il (Erstaktant) fut
aidé par son valet (Eléments, 287, vgl. auch
Koch 1996 mit Hinweisen). (23)
Die Valenzkonzeption der Eléments ist bei remercie
Tesnière (1934a, 151⫺155) vorgebildet, wo
die Dramen-Metapher zwar nicht ausformu-
liert vorliegt, wohl aber die Termini „acteur“
und „circonstance“ (als der Bühnentermino-
j’ en
logie noch näher stehende Vorläufer für „ac- la Providence
tant“ und „circonstant“ in den Eléments) ver-
wendet werden. Die Verben werden hier ent- Stemma 131
sprechend eingeteilt als „action sans acteur, à
un acteur, à deux acteurs, à trois acteurs“. Die Überlegungen Tesnières zur Indexikali-
Insgesamt erfolgt die Darstellung der lexi- sierung bestimmter Pronominalformen als di-
kalischen Valenz bei Tesnière im Rahmen der achronischem Prozess entsprechen einschlä-
allgemeinen dependenziellen Syntaxtheorie ⫺ gigen Vorstellungen von der Entwicklung
nicht etwa als ihre Grundlage. Anders als neuer morphologischer Strukturen im Fran-
z. B. bei Peirce (1960, 296) und Helbig/Bu- zösischen (Harris 1988, 231 f.; 236, vgl. auch
scha (1984, 625⫺629) finden sich in den Elé- Creissels 1994). Unter einem Valenzaspekt
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 95

(24)
remercie

Alfred vous en beaucoup

Stemma 130

wird freilich von Tesnière hervorgehoben, 4.2. Quantitativer Valenzwechsel


dass die auf diese Weise in den verbalen Nuk- Es sind drei Arten des quantitativen Valenz-
leus einbezogenen pronominalen Formen ih- wechsels vorgesehen: 1. Wechsel, die auf se-
ren Aktanten- bzw. Zirkumstantenstatus bei- mantischen Beziehungen zwischen Lexemen
behalten (Eléments, 133; vgl. auch Allerton beruhen: mourir/sterben (1 Aktant) vs. tuer/
1995, 250 f.). töten (2 Aktanten) ‘faire mourir/sterben ma-
chen, lassen’, voir/sehen (2 Aktanten) vs.
4. Diathesen und quantitativer montrer/zeigen (3 Aktanten) ‘faire voir/sehen
machen, lassen’ (Eléments, 259 f.), 2. kausa-
Valenzwechsel tive Diathese und 3. „rezessive“ Diathese.
4.1. Diathesen (Ansätze zu diesem Diathesenverständnis fin-
den sich schon in Tesnière 1934a, 154, wo
Der Begriff Diathese kommt in zwei verschie-
„causatif“ und „pseudo-réfléchi“ als Mittel
denen Zusammenhängen zum Tragen: zum
zur „variation du nombre des acteurs“ Er-
einen unter referentiellem Aspekt bei der
wähnung finden.) Tesnière hebt die semanti-
Darstellung der Valenz der transitiven, d. h.
sche Ähnlichkeit zwischen den beiden ers-
zwei- und dreiwertigen Verben und zum an-
teren Typen hervor und betont des weiteren,
deren zur Charakterisierung unterschied- dass beim zweiten Typ im Unterschied zum
licher Typen des Aktantenzahlwechsels (Elé- ersten die semantische Beziehung zwischen
ments, 242⫺254; 256 f. bzw. 259⫺282). Im niedrigerer und höherer Aktantenzahl als ge-
ersteren Fall geht es um intrasententielle Re- nerelles „grammatikalisiertes System“ ⫺ ge-
ferenz- und Korrespondenzbeziehungen der nauer: „kausative Diathese“ ⫺ zum Zweck
in (25) vorgestellten Art (vgl. Eléments, 243; der Valenzerhöhung erscheint (Eléments,
Tesnière 1953, 9; siehe auch Stötzel 1970, 265 f.). Demgegenüber stellt der dritte Typ ⫺
Kap. 6; zu Reflexivverben und -konstruktio- die „rezessive Diathese“ ⫺ ein Mittel zur Va-
nen 177⫺192): lenzreduktion dar (Eléments, 278⫺280).
(25) Aktives O J O : Alfred frappe Ber- 4.3. Valenzerhöhung
Verb: nard. Die Darstellung der kausativen Diathese er-
Passives O I O : Bernard est frappé folgt im Rahmen der morphologisch basier-
Verb: par Alfred. ten konstanten Aktantennummerierung. Bei-
Reflexives O m O : Alfred se frappe. spielsweise wird behauptet, dass der Erstak-
Verb: tant des Satzes Alfred apprend la grammaire
Reziprokes O O O : Alfred et Bernard im Satz Charles fait apprendre la grammaire
Verb: se frappent (l’un à Alfred als Drittaktant erscheine (Eléments,
l’autre). 261). Mit Bezug auf die kausative Version
von Sätzen mit dreiwertigem Verb wie Daniel
Anders als die im folgenden zu behandelnden fait donner le livre à Alfred par Charles ist ⫺
Diathesen (als Arten des quantitativen Va- anders als in der Darstellung der lexikali-
lenzwechsels) setzt die Analyse in (25) volle schen Primärvalenz (Eléments, 258) beim
quantitative Valenz voraus. (Vgl. auch Melis Glied par Charles von einem vierten Aktan-
1991.) ten („quatrième actant“), d. h. durch die „pe-
96 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

riphrastische“ Konstruktion induzierter Tet- semantisierung der Referenz des Reflexivpro-


ravalenz die Rede (Eléments, 261 f.). Dabei nomens („le substantif personnel dit réflé-
gilt die fragliche PP ohne Vorbehalte als Ak- chi“) bei divalenten Verben, aus der inhaltli-
tant und nicht als Zirkumstant. Im Unter- che Monovalenz resultiert, z. B. in Fällen wie
schied zu den späteren Ausführungen zur re- la porte s’ouvre, die Tür öffnet sich, cet objet
zessiven Diathese wird hier angenommen, se vend bien, diese Sache verkauft sich gut
dass der ehemalige Erstaktant des nichtkau- (Eléments, 272 f.). Dem entspricht seine Emp-
sativen Verbs hinter alle übrigen Aktanten fehlung einer Umkehrung der herkömmli-
„zurückgeworfen“ wird (was in etwa der chen terminologischen Unterscheidung von
Darstellung vom Agensglied im Passiv als de- „akzidentiellen“ („unechten“) und „essentiel-
moviertem Aktivsubjekt nach der Hierarchie- len“ („echten“) reflexiven Verben (z. B. ca-
konzeption der „Relational Grammar“ von cher quelque chose/se cacher, sich/jmdn. wa-
Johnson 1977 u. a. entspricht). schen vs. se tromper/*tromper quelqu’un, sich/
Auch im Valenzunterschied zwischen dt. *jemanden entsinnen), die höchstens morpho-
wohnen in (usw.) und bewohnen bzw. zwischen logisch, nicht aber referentiell und syntak-
warten auf und erwarten sieht Tesnière Bei- tisch zu rechtfertigen sei (Eléments, 274 f.). Es
spiele für die kausative Diathese (Eléments, hat indessen den Anschein, dass beide Typen
269). Dies mag damit zusammenhängen, dass von Reflexivkonstruktionen ⫺ sowohl der
PPs laut der Aktantendefinition Tesnières im erstere, nichtlexikalisierte als auch der letz-
allgemeinen kein Aktantenstatus zugestanden tere, lexikalisierte ⫺ bei Tesnière als Ausprä-
wird. Aus semantischer Sicht erscheint frei- gungen der „reflexiven Diathese“ gelten, was
lich die Charakterisierung als Kausativierung mit seiner Betonung der zwischen ihnen be-
in diesen Fällen etwas fragwürdig; Tesnière stehenden vielfältigen Übergänglichkeitsbe-
hebt selbst vor allem die transitivierende ziehungen zusammenhängen mag (Eléments,
Funktion der Vorsilben be- und er- der Ver- 273).
ben bewohnen und erwarten mit angeblicher Bei der Darstellung der rezessiven Dia-
Valenzerhöhung als wesentlich hervor. Si- these „à marquant passif“ wird potentielle
cherlich nicht in den Bereich der Kausativie- Valenzreduktion angenommen, durch die das
rung gehören die von Tesnière als Beispiele Verb in die Nähe der monovalenten Verben
für augenscheinliche („apparente“) Divalenz
rücke (Eléments, 275): „[…] le changement de
und Valenzerhöhung auch noch erwähnten
sens du transit entre les deux actants et la
sog. „inneren Akkusativobjekte“ bei fort-
transformation du second actant en prime ac-
währender semantischer Monovalenz in Fäl-
tant et du prime actant en complément du
len wie seinen Weg gehen (Eléments, 272).
passif ne modifient en rien le nombre globale
Ein methodologischer Vorzug der Darstel-
lung ist die saubere Trennung von Valenzer- des actants“. Diese Darstellung fällt deswe-
höhung einerseits und der Markierung dersel- gen etwas auf, weil ⫺ zum einen ⫺ das „com-
ben beim Verb etwa als Begleiterscheinung plément du passif“ (das Agensglied) im allge-
(durch analytischen, synthetischen oder Ø- meinen fakultativ ist oder in vielen Sprachen
Markanten) andererseits (Eléments, 267⫺ einfach nicht gesetzt wird. Zum anderen hat
272). ein vorhandenes Agensglied in vielen Spra-
chen, beispielsweise im Germanischen und
4.4. Valenzreduktion Romanischen, eine präpositionale, d. h. im
Auch die rezessive Diathese erscheint in drei Sinne von Tesnière „adverbiale“ Form, die
Ausprägungen mit jeweils reflexivem, pas- Zirkumstanten zukommt (vgl. Eléments, 278;
sivem oder Ø-Markanten. Zum dritten, lexi- vgl. jedoch auch die par-PP der Kausativ-
kalischen Typ, dessen Darstellung bei Tes- konstruktionen). Bei Tesnière erscheint das
nière eher etwas zufällig anmutet (Eléments, sog. „Passivkomplement“ grundsätzlich als
277 f.), gehören u. a. Fälle mit durch Phraseo- ein dem Aktivobjekt (O’’ ⫺ O seconde)
logisierung zustande gekommener Aktanten- systematisch gleichgestelltes „Gegensubjekt“
weglassung (die Henne legt u. ä.). (auch ’’O ⫺ O contre-seconde genannt), d. h.
Die sog. rezessive Diathese mit Reflexiv- als ein Zweitaktant eines anderen Typs (Elé-
markanten beruht laut Tesnière auf einer De- ments, 110 f.). Vgl. (26):

(26) 1. Aktant: O’ 2. Aktant (Aktivobjekt): O’’ 3. Aktant: O’’’


2. Aktant („Gegensubjekt“) ’’O
10. Das Valenz- und Dependenzkonzept bei Lucien Tesnière 97

Die in diesem Zusammenhang vorgenom- 6. Literatur in Auswahl


mene Einstufung und Indizierung der Aktan-
ten im Passiv dürfte nur semantisch zu be- Allerton, D.-J. (1995): „Régissants“ et „subordon-
gründen sein. Anders als bei der Darstellung nés“. La délimitation des „régissants“ et „subor-
der kausativen Verbausdrücke (und der Hie- donnés“ chez Tesnière. In: Madray-Lesigne, Fran-
rarchie-Analyse der Relationsgrammatik) çoise/Richard-Zappella, Jeannine (Hgg.) (1995),
249⫺255.
wird hier kein „Zurückwerfen“ des Agens-
gliedes in eine hierarchische Marginalposition Askedal, John Ole (1991): Charles S. Peirce’s Work
angenommen. Der diesbezügliche Status ei- on Relatives and Modern Valency Grammar. In:
Cruzeiro Semiotico 15 (Julho 1991), 69⫺82.
nes etwaigen Passivkomplements im sog.
„unpersönlichen“ Passiv intransitiver bzw. Askedal, John Ole (1994): Auxiliarverben in Lucien
monovalenter Verben (als ’’O oder ’O?) wird Tesnières Eléments de syntaxe structurale. In: Čop,
Bojan/Orešnik, Janez/Skubic, Mitja/Tekavčić, Pa-
nicht problematisiert, vermutlich weil vor-
vao (Hgg.) (1994), 15⫺28.
rangig aus semantisch-pragmatischer Per-
spektive auf die agensneutralisierende Funk- Askedal, John Ole (1996): Valenz- und Dependenz-
diagramme bei Charles S. Peirce und Lucien Tes-
tion dieser Art der rezessiven Diathese Wert
nière. In: Gréciano, Gertrud/Schumacher, Helmut
gelegt und die angebliche Nähe zur Avalenz (Hgg.) (1996), 75⫺90.
betont wird (Eléments, 276; 279 f.).
Baum, Richard (1976): „Dependenzgrammatik“.
Tesnières Modell der Sprachbeschreibung in wissen-
schaftsgeschichtlicher und kritischer Sicht (⫽ Bei-
5. Schlusswort hefte zur Zeitschrift für romanische Philologie
151). Tübingen.
Durch die vorangehende Darstellung dürfte
Baumgärtner, Klaus (1970): Konstituenz und De-
deutlich geworden sein, dass Tesnières De-
pendenz. Zur Integration der beiden grammati-
pendenzsyntax grundsätzlich auf einer se- schen Prinzipien. In: Steger, Hugo (Hg.) (1970):
mantisch-lexikalischen Kategorienbasis steht; Vorschläge für eine strukturale Grammatik des
die jeweils möglichen Konnexions-, d. h. De- Deutschen (⫽ Wege der Forschung CXLVI). Darm-
pendenzbeziehungen ergeben sich aus seman- stadt, 52⫺77.
tischen Beziehungen zwischen den vier Bech, Gunnar (1955): Studien über das deutsche
Hauptwortarten Verb (I), Substantiv (O), verbum infinitum. Band 1. Kopenhagen.
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Die durch Konnexionen konstituierten Janua Linguarum, Series minor 4). The Hague etc.
Dependenzbeziehungen kommen in den vie-
Comrie, Bernard (1983): Language Universals and
len anschaulichen stemmatischen Strukturre-
Linguistic Typology. Syntax and Morphology. Ox-
präsentationen unmittelbar zum Ausdruck. ford.
Die dem System inhärente Knoten-, d. h.
Čop, Bojan/Orešnik, Janez/Skubic, Mitja/Tekavčić,
Konstituentenbildung aber wird am häufig-
Pavao (Hgg.) (1994): Mélanges Lucien Tesnière. Ac-
sten nicht auf die gleiche Weise explizit dia- tes du colloque international ‘Lucien Tesnière. Lin-
grammatisch oder notationell markiert. Zum guiste européen et slovène’ (⫽ Linguistica XXXIV,
einen wird der von Tesnière zum Zweck der 1). Ljubljana.
diagrammatischen Knoten-Markierung ein- Corblin, Francis (1995): Catégories et translations
geführte Kreis am häufigsten weggelassen. en syntaxe structurale. In: Madray-Lesigne, Fran-
Zum anderen bleibt wegen Tesnières Bevor- çoise/Richard-Zappella, Jeannine (Hgg.) (1995),
zugung der „reellen“ Stemmata ohne Katego- 229⫺238.
rienkennzeichnung (außer bei Translations- Creissels, Denis (1994): L’intégration d’indices pro-
produkten) die Kategorienzugehörigkeit von nominaux au mot verbal: un essai de typologie. In:
Knoten zumeist unmarkiert. Čop, Bojan/Orešnik, Janez/Skubic, Mitja/Tekavčić,
Der linguistische Valenzbegriff ist von der Pavao (Hgg.) (1994), 65⫺70.
syntaktischen Dependenzkonzeption zwar Duden. Grammatik der deutschen Gegenwartsspra-
theoretisch unabhängig (vgl. 1.), steht aber che (1999). Bearb. von Peter Eisenberg et al. Mann-
wegen der lexikalischen Basis der Dependenz heim/Leipzig/Wien/Zürich. (6. Aufl.).
bei Tesnière damit in enger Verbindung. Die Engel, Ulrich (1994): Syntax der deutschen Gegen-
Darstellung von Valenz als Aktantenkonfigu- wartssprache (⫽ Grundlagen der Germanistik 22).
ration ist bei Tesnière noch Sehweisen der Berlin (3. Aufl.).
traditionellen, morphologisch basierten Ka- Engel, Ulrich (1996): Tesnière missverstanden. In:
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98 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

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100 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

11. Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière

1. Einleitung Allerdings könnten die meisten Wörter durch


2. Die Vollwortarten die Prozedur der Translation von ihrer „ur-
3. Die mots vides sprünglichen“ in eine andere Wortart über-
4. Rekurs auf andere Autoren und Arbeiten führt werden, genauer formuliert: Fast jedes
5. Literatur in Auswahl
Wort bzw. fast jede Wortgruppe könne in ein
Wort oder eine Wortgruppe überführt wer-
1. Einleitung den, die syntaktisch die Funktion einer ande-
ren Wortart hat. So könne z. B. das Substan-
1.1. Vorbemerkung tiv Alfred durch das Element d(e) in die
Das Problem Wortarten wird von Tesnière Gruppe d’Alfred transferiert werden, also in
schon in seinem Aufsatz „Comment con- das Äquivalent eines Adjektivs (z. B. Kap. 41,
struire une syntaxe?“ aus dem Jahre 1933 zur § 9). ⫺ Die Ermittlung der Wortartzugehörig-
Sprache gebracht, und schon hier sind seine keit eines Wortes erfolgt bei Tesnière prinzi-
diesbezüglichen Vorstellungen in Kurzform piell vor jeder Translation.
voll vorhanden. Hier spricht er noch ganz Tesnière verfolgt in seinen linguistischen
traditionell von den parties du discours (par- Arbeiten von Anfang an einen möglichst über-
tes orationis). Seit seiner Arbeit von 1953 einzelsprachlichen Ansatz, was schon dadurch
spricht er dann von espèces de mots. In den bedingt ist, dass er mit ihnen auch rein prakti-
Éléments behandelt er die hier gegebenen sche Zwecke verfolgt, z. B. fremdsprachendi-
Probleme vor allem in Kap. V von Buch A. daktische. Dieser Ansatz hat einige wichtige
Er unterzieht ⫺ wie viele andere auch ⫺ die Konsequenzen, bei seiner Wortartenlehre vor
auf die Antike zurückgehende Wortarten- allem die, dass er bei Unterwortarten, für die
lehre mit ihren acht bis zehn Wortarten we- es im Französischen keine oder nur sehr we-
gen der Heterogenität der ihr zugrundeliegen- nige Beispiele gibt, auf andere Sprachen zu-
den Kriterien einer rigorosen Kritik und for- rückgreift, meistens auf das Deutsche oder
dert das Ausgehen von einem einzigen, kohä- Russische. Zumeist geht er allerdings vom
renten Kriterium. Französischen aus, und auch die anderen von
Die linguistische Einheit Wort spielt in der ihm hinzugezogenen Sprachen sind fast alle
Syntax Tesnières eine zentrale Rolle. Bei der aus dem indoeuropäischen Bereich.
Ermittlung der einzelnen Wörter geht er vom
Satz aus und definiert das Wort als Segment 1.2. Die Grundvorstellungen Tesnières
der gesprochenen Kette, das sich zwischen Tesnière geht bei seiner Wortartenlehre vor
zwei potentiellen Einschnitten befindet. Er allem von den folgenden Vorstellungen aus:
kennt auch die Möglichkeit mehrteiliger und
(1) Jedes Wort hat eine lexikalische und eine
diskontinuierlicher Wörter, z. B. bei den mehr-
kategoriale Bedeutung (contenu sémantique,
teiligen Verben im Deutschen. Er gibt unum-
contenu catégorique). Die lexikalische Bedeu-
wunden zu, dass der Begriff Wort nur sehr
tung bezieht sich auf außersprachliche Gege-
schwer greifbar ist (Kap. 10, § 11), was ihn
benheiten (auf la pensée, wie Tesnière etwas
aber nicht davon abhält, ihn allenthalben zu
lapidar sagt). Die kategoriale Bedeutung (an-
verwenden. Bisweilen kann man sich nicht
dere Termini: grammatische Bedeutung, struk-
des Eindrucks erwehren, dass er an manchen
turelle Bedeutung) regelt die Beziehungen der
Stellen unbewusst die orthographischen Ein-
lexikalischen Elementen zueinander. Für die
heiten als die linguistische Grundeinheit
Wortartzugehörigkeit ist nur die kategoriale
Wort betrachtet. Bei den flektierbaren Wör-
Bedeutung von Relevanz, nicht die lexikali-
tern geht er zunächst von ihrer morpholo-
sche. ⫺ Diesen Gedanken finden wir ⫺ z. T.
gisch nicht markierten Form aus, also von
unter anderen Termini ⫺ auch bei vielen an-
der sog. Grundform. Morphologisch mar-
deren Autoren.
kierte Formen führt er unter dem Terminus
(mots) composites. (2) Tesnière unterscheidet zwischen der In-
Tesnière geht offensichtlich von der Vor- halts- und Ausdrucksseite der Sprache (plan
stellung aus, jedes Wort gehöre „von Hause sémantique und plan structural). Auf der In-
aus“ zu einer bestimmten Wortart oder ⫺ haltsseite unterscheidet er zwischen Vollwör-
was auf dasselbe hinausläuft ⫺ jedes Wort tern (mots pleins, auch: mots autonomes) und
habe eine bestimmte kategoriale Bedeutung. „leeren Wörtern“ (mots vides), auf der Aus-
11. Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière 101

drucksseite zwischen konstitutiven Wörtern (4) Auf der strukturellen Ebene definiert Tes-
(mots constitutifs) und „Hilfswörtern“ (mots nière diejenigen Wörter als Mitglieder einer
subsidiaires). Die Vollwörter haben prinzipiell Vollwortart, die das Zentrum eines Nexus ⫺
lexikalische und kategoriale Bedeutung. Die um die Engelsche Übersetzung von Tesnières
mots vides haben nur kategoriale Bedeutung. Begriff noeud zu verwenden ⫺ bilden können.
Sie bilden zusammen mit den flexionellen Das heißt, es handelt sich um die Wörter, die
Elementen die grammatischen Mittel, mittels die Funktion eines Regens haben können.
derer Wörter ⫺ vor allem Vollwörter ⫺ von Dabei spielt die Stellung eines solchen Wortes
einer Kategorie in eine andere transferiert innerhalb eines Stemmas keine Rolle. Es
werden und mittels derer das grammatische kann gleichzeitig Regens von ihm unterge-
Verhältnis der Vollwörter zueinander gekenn- ordneten Wörtern und Dependens eines ihm
zeichnet wird. An manchen Stellen benutzt übergeordneten Wortes sein. Im Gegensatz
Tesnière für die grammatischen Mittel den zu den Vollwörtern können die mots vides nur
Terminus marquant (z. B. in Kap. 112⫺117). in einem Nexus auftreten, aber nicht sein
Der marquant kann auch den Wert null ha- strukturelles Zentrum bilden. ⫺ Die Bestim-
ben. ⫺ Die Unterscheidung von Vollwörtern mung der Wortarten auf der semantischen
und mots vides finden wir in dieser oder in Ebene führt bei Tesnière zu denselben Ergeb-
ähnlicher Form auch bei zahlreichen anderen nissen wie die auf der strukturellen Ebene.
Autoren, zumeist unter anderen Termini (für Diese beiden Möglichkeiten fundieren sich
Vollwort: Autosemantikum, Inhaltswort, Be- wechselseitig, zumindest bei der Ermittlung
griffswort; für mot vide: Synsemantikum, der Wortart eines konkreten Einzelwortes.
Strukturwort, Funktionswort, mot outil).
1.3. Strukturelle Merkmale
(3) Auf der Inhaltsebene kommt Tesnière bei Bei der Bestimmung der Wortarten gibt es
der Bestimmung der kategorialen Bedeutung bekanntlich weiterhin die Möglichkeit, die
der Vollwörter mit den vier inhaltlichen Wörter von den strukturellen Merkmalen aus
Merkmalen substance, procès, concret und ab- zu definieren, mittels derer ihre kategoriale
strait aus und definiert mittels ihrer die von Bedeutung realisiert ist, z. B. das Substantiv
ihm als Substantiv, Adjektiv, Verb und Ad- als die Wortart mit den Merkmalen Genus,
verb bezeichneten Wortarten. So schreibt er Kasus und Numerus. Tesnière macht von die-
z. B. in dem Satz Alfred chante dem Wort Al- sem zwar nicht bei allen, aber bei vielen, vor
fred die kategoriale Bedeutung substance und allem bei den Vollwortarten leicht anzuwen-
concret zu und dem Wort chante die kategori- denden und leicht überprüfbaren Verfahren
ale Bedeutung action und concret und klassi- keinen Gebrauch. Der Grund dafür dürfte
fiziert sie dementsprechend als Substantiv der sein, dass dieser Ansatz nur in begrenz-
und als Verb. Da die kategoriale Bedeutung tem Maß übereinzelsprachlich angewendet
ohne Rückgriff z. B. auf morphologische werden kann, da die besagten strukturellen
und/oder funktionale Kriterien schwer greif- Merkmale von Sprache zu Sprache sehr un-
bar ist, ergeben sich bei dieser Art des Zu- terschiedlich sein können. Die eben genannte
gangs oft erhebliche Zuordnungsprobleme, Definition des Substantivs gilt z. B. für das
z. B. bei Verben, die keine action im eigentli- Deutsche, Lateinische und Russische, aber
chen Sinn des Wortes beinhalten wie z. B. in z. B. nicht für das Französische, denn hier
dem Satz Ci gı̂t Biron. gibt es bei dieser Wortart nicht das Merkmal
Tesnière betrachtet die von ihm mit diesem Kasus, und nicht für das Türkische, da es hier
Ansatz ermittelten Vollwortarten offensicht- das Merkmal Genus nicht gibt. ⫺ Wenn Tes-
lich als übereinzelsprachlich. Er bezeichnet nière von dieser Möglichkeit der Wortart-
sie zwar mit den traditionellen Wortartbe- bestimmung auch nicht explizit Gebrauch
zeichnungen, definiert sie allerdings neu (vgl. macht, muss man doch davon ausgehen, dass
11.2). Sie ⫺ und nur sie ⫺ haben nach seiner sie bei seiner Wortartenlehre zumindest als
Auffassung neben der kategorialen auch eine Hintergrundwissen eine Rolle gespielt hat.
lexikalische Bedeutung. Bei ihnen ⫺ vor al-
lem bei den Substantiven und Adjektiven ⫺ 1.4. Terminologische Probleme
versucht er mit den Begriffen Extension und Ein großes technisches Problem besteht bei
Intension (compréhension) bzw. ⫺ mit ande- Tesnière darin, daß er Wortgruppen (auch
ren Termini ⫺ mit Begriffsumfang und Be- satzförmige), die dieselbe syntaktische Funk-
griffsinhalt unterzuklassifizieren. Näheres in tion haben wie ein Vollwort, mit demselben
11.2. Terminus bezeichnet wie dieses, und zwar mit
102 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

dem, der im allgemein üblichen Sprachge- Die speziellen Wörter haben sowohl eine lexi-
brauch als Wortartbezeichnung ⫺ und nur kalische wie eine kategoriale Bedeutung, die
als Wortartbezeichnung ⫺ verwendet wird. allgemeinen Wörter hingegen haben nach
In seinem Sinn müssen z. B. die folgenden Tesnière keine lexikalische Bedeutung im ei-
Einheiten, die alle die syntaktische Funktion gentlichen Sinn, sondern nur kategoriale Be-
eines Aktanten haben, mit dem Terminus deutung (Kap. 31, § 5).
Substantiv bezeichnet und mit der Sigle O Tesnière grenzt die von ihm ermittelten
versehen werden. Wortarten ⫺ vor allem die Vollwortarten ⫺
zum Teil erheblich anders ein als die traditio-
er; einer; Alfred; der junge Mann von ne-
nelle Grammatik, bezeichnet sie aber trotz-
benan; der Junge, von dem wir gestern ge-
dem mit denselben Termini, was leicht zu
sprochen haben; dass er nach Hause
Missverständnissen führen kann. Um das zu
kommt; nach Hause zu kommen
vermeiden, verwende ich im folgenden die
Es versteht sich von selbst, dass hierdurch französische Schreibweise, wenn ich die Tes-
leicht Konfusionen entstehen können. Es nièreschen Begriffe meine, sonst die deutsche.
wäre günstiger gewesen, die einzelnen Ebenen
sorgfältig zu trennen und unterschiedlich zu 2.2. Die Wortart substantif
benennen, z. B. mit Termini wie Wort, Nomi- Auf der semantischen Ebene betrachtet Tes-
nalgruppe, Satzglied oder Komplement und nière die Wörter als Substantive, die die kate-
Gliedsatz oder Satzkomplement. In der Tes- gorialen Merkmale substance und concret ha-
nière-Nachfolge wird dies in der Regel getan. ben, auf der Ebene der Funktionen die, die
Funktion eines Aktanten haben können
(Kap. 48, § 6). Diesen Gedanken verfolgt er
2. Die Vollwortarten konsequent und rechnet nicht nur die traditi-
2.1. Einleitung onellen Substantive zu der von ihm als sub-
stantif bezeichneten Wortart, sondern da-
Auf der semantischen Ebene gliedert Tesnière rüber hinaus einen großen Teil der traditio-
bei den Vollwortarten zunächst mit der Di- nellen substantivischen Pronomen. Erstere
chotomie substance vs procès. Dabei erhält er
bezeichnet er als substantifs particuliers, letz-
auf der einen Seite die Wortarten Substantiv
tere als substantifs généraux.
und Adjektiv, auf der anderen die Wortarten
Bei den substantifs particuliers unterschei-
Verb und Adverb. In einer zweiten Subdivi-
det er ganz traditionell zwischen Eigennamen
sion wendet er dann die Dichotomie concret
und Gattungsbezeichnungen und sagt dazu,
vs abstrait an. Dabei schreibt er den Substan-
bei den Eigennamen sei die Extension denk-
tiven und Verben das Merkmal concret und
bar klein, die Intension hingegen sehr groß,
den Adjektiven und Adverbien das Merkmal
bei den Gattungsbezeichnungen könne die
abstrait zu. Die Definition dieser Merkmale
Extension sehr unterschiedlichen Umfang ha-
ist bekanntlich nicht unproblematisch. Letz-
ben, von sehr klein bis sehr groß. Ihre Inten-
ten Endes bringt dieser Ansatz bei den Voll-
wortarten keine wirklich neuen Erkenntnisse, sion sei dementsprechend bei denen mit gro-
ja er klärt nicht einmal in nennenswertem ßer Extension klein bis sehr klein, bei denen
Umfang Detailfragen, vor allem nicht bei der mit kleiner Extension groß bis sehr groß.
kritischsten Vollwortart, dem Adverb. Dieser Gedanke ist weitgehend korrekt, führt
Auf der strukturellen Ebene betrachtet aber bei der Wortartbestimmung nicht wirk-
Tesnière ⫺ wie bereits gesagt ⫺ die Wörter lich weiter. ⫺ Eine weitere Differenzierung ⫺
als Vollwörter, die einen Nexus bilden kön- z. B. in Konkreta, Abstrakta, Stoffbezeich-
nen (z. B. Kap. 29, § 2). Dieser Ansatz ist von nungen, Kollektiva usw. ⫺ erfolgt nicht.
heute her gesehen interessanter und progres- Bei den substantifs généraux (im Folgen-
siver als der semantisch orientierte. Er spielt den: s. g.) führt Tesnière ⫺ mehr oder weni-
allerdings bei Tesnière eine eher sekundäre ger exemplarisch ⫺ folgendes an:
Rolle, zumindest bei seinen Ausführungen zu ⫺ s. g. interrogatifs: qui, quoi
den Wortarten. ⫺ s. g. négatifs: rien, personne
Bei den beiden nominalen Wortarten un- ⫺ s. g. personnels: moi, toi, lui, elle usw.
terscheidet er dann jeweils zwischen speziel-
len Wörtern (mots particuliers, z. B. substan- Die Elemente je, tu, il usw. rechnet er nicht
tifs particuliers) und allgemeinen Wörtern hierher, weil sie als verbundene Pronomen
(mots généraux, z. B. substantifs généraux). nicht als selbständige Wörter auftreten kön-
11. Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière 103

nen. Näheres bei den Ausführungen zu dem reiche Wörter ohne Translation sowohl als
Mot-vide-Typ indice unter 11.3.4. Substantive wie als Adjektive verwendet wer-
den können, z. B. felix, pauper, rusticus.
⫺ s. g. indétérminés (oder indéfinis):
Die von Tesnière vorgeschlagene Klassifi-
Diesen Begriff fasst Tesnière enger als die tra- zierung der substantifs ist weitgehend an der
ditionelle Grammatik und zwar im Sinne von traditionellen Grammatik orientiert und geht
„unbestimmt“. Als Beispiel führt er nur quel- kaum über sie hinaus. Auch die Tatsache,
qu’un an. Unklar ist, ob er auch Elemente wie dass er die traditionellen substantivischen
on und tout/tous dazu rechnet. Das Element Pronomen als eine Untergruppe der substan-
chacun gehört bei ihm in eine andere Gruppe. tifs führt, ist dort im Prinzip schon angelegt
(nomen vs pro nomine).
⫺ s. g. démonstratifs: ceci, cela
⫺ s. g. individuels: chacun 2.3. Die Wortart adjectif
⫺ das Element même,
Vorbemerkung zur französischen Terminolo-
bei dem nicht so recht einsichtig ist, warum gie: Was im deutschen Sprachraum als attri-
es nicht nur bei den adjectifs généraux unter- butives Adjektiv bezeichnet wird, ist im Fran-
gebracht ist, sondern auch bei den substan- zösischen ein adjectif épithète oder einfach
tifs généraux. ein épithète. Der französische Terminus ad-
Alle diese Unterarten der substantifs géné- jectif attribut entspricht im Deutschen der
raux sind nur vom Semantischen her gewon- Artergänzung (Die Wiese ist grün) und dem
nen. Ein Teil von ihnen kann anaphorisch prädikativ verwendeten Adjektiv (Er kam ge-
verwendet werden (z. B. ceci), worauf Tes- sund nach Hause). Tesnière spricht in dem
nière in einem anderen Zusammenhang ein- dem Adjektiv gewidmeten Kapitel (35) von
geht (Kap. 42 und 43). Dort führt er aus, dass adjectif attribut, obwohl er adjectif épithète
diese Elemente bei dieser Verwendungsweise meint.
dieselbe Intension und Extension haben wie Der Wortart Adjektiv schreibt Tesnière ⫺
das Wort oder die Wortfolge bzw. der Sach- wie gesagt ⫺ die kategoriale Bedeutung sub-
verhalt, die mit ihnen wiederaufgenommen stance abstraite zu. Auch hier beschäftigt er
werden. sich mit der Intension und der Extension ih-
Einige der substantifs généraux haben deik- rer einzelnen Mitglieder. Die Intension der ei-
tische Funktion (moi, toi, aber auch je und tu) gentlichen Adjektive ⫺ so sagt er ⫺ gehe von
oder können auch deiktische Funktion haben relativ klein (z. B. rouge) bis relativ groß (z. B.
(z. B. die Demonstrativa). Explizit geht Tes- mièvre). Im Gegensatz zu den substantifs aber
nière nur auf die personaldeiktischen Ele- hätten die adjectifs keinerlei Extension. Das
mente näher ein, und zwar in Kap. 53, wo er sei ihr wichtigster Unterschied zu den sub-
zwischen ontif (der Sprechende und der An- stantifs. In Kombination mit einem substantif
gesprochene) und anontif (der oder das weder vergrößerten sie dessen Intension und ver-
Sprechende noch Angesprochene) unterschei- kleinerten seine Extension.
det, und dann bei ontif noch einmal zwischen Während Tesnière bei den substantifs das
autoontif (der Sprechende) und antiontif (der Merkmal général vs particulier als oberstes
Angesprochene). Andere Formen der Deixis Subdivisionsprinzip verwendet, verwendet er
(z. B. Lokal- und Temporaldeixis) themati- es bei den adjectifs als unterstes. Bei ihnen
siert er nicht. Auch verwendet er nicht die unterscheidet er bei der ersten Subdivision
Termini „Deixis“ und „deiktisch“. zwischen den adjectifs attributifs (z. B. blanc)
Tesnière geht nicht darauf ein, dass sich und den adjectifs de rapport (z. B. tel, mon).
die substantifs généraux von ihren Wortstel- Die adjectifs attributifs umfassen ⫺ wie Tes-
lungsmöglichkeiten her anders verhalten als nière an anderer Stelle genauer formuliert ⫺
die substantifs particuliers. Überhaupt gehört die adjectifs attributs und die adjectifs épithè-
das Problem der Wortfolge zu den großen tes. Sie fügen dem Substantiv ein qualitatives
Desiderata in seinem Werk. (le livre rouge) oder ein quantitatives Merk-
Die substantivierten Adjektive (z. B. le mal (deux livres) hinzu, während die adjectifs
rouge) führt Tesnière mittels der Translation de rapport das substantif zu einer Person oder
mit dem Translativ le ein. Diese Translation zu einer circonstance in Beziehung setzen, wo-
setzt natürlich voraus, dass auf der semanti- bei er die lokale und temporale Relation ex-
schen Ebene zwischen Substantiv und Adjek- plizit nennt.
tiv unterschieden werden kann. Problema- Bei den adjectifs attributifs unterscheidet
tisch ist dies z. B. im Lateinischen, wo zahl- Tesnière dann zwischen adjectifs de qualité
104 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

und solchen de quantité und bei diesen beiden 2.4. Die Wortart verbe
Gruppen wiederum zwischen généraux und Tesnière bestimmt das Verb auf der semanti-
particuliers. Zu den adjectifs de qualité géné- schen Ebene als die Wortart mit dem katego-
raux gehören z. B. quel, tel, chaque, quelque rialen Merkmal procès concret und auf der
und même. Die adjectifs de qualité particuliers strukturellen Ebene als eine Einheit, die einen
(z. B. bon, grand, rouge) bezeichnet er als die zentralen Nexus (le noeud des noeuds) bilden
eigentlichen Adjektive und gliedert sie in kann. Er unterscheidet zwischen verbes d’état
mehrere rein semantisch orientierte Unter- und verbes d’action. Die verbes d’état bezeich-
gruppen. nen eine qualité oder eine position. Für ers-
Bei den adjectifs de quantité führt er im teres führt Tesnière die Beispiele frz. être vert,
Französischen bei den généraux nur das völ- lat. virere und dt. grünen an, für letzteres frz.
lig veraltete Element maint sowie lat. paucus
ci-gı̂t, être debout, lat. stare und dt. stehen.
und multus und dt. viel an. Vom Inhaltlichen
Auch das Verb avoir ⫺ sowie lat. esse ⫹ Da-
her ebenfalls hierher gehörende Elemente wie
tiv ⫺ rechnet er zu den verbes d’état. Diese
beaucoup de, peu de usw. betrachtet er als
Untergruppe entspricht in der im Deutschen
korrespondierende tournure adverbiales, die
er aus den Adverbien beaucoup und peu und üblichen Terminologie sowohl den Zustands-
dem Translativ d(e) in Einheiten mit der wie den Vorgangsverben. Die verbes d’action,
Funktion eines adjectif de quantité transfe- die in der deutschen terminologischen Tradi-
riert. Bei den adjectifs de quantité particuliers tion im großen ganzen den Handlungsverben
führt er nur die Kardinalzahlen an. Die Ordi- entsprechen, implizieren nach Tesnière acti-
nalzahlen scheint er vergessen zu haben. vité, wobei er diesen Begriff ziemlich stark
Bei den adjectifs de rapport unterscheidet strapaziert, denn er führt als Beispielverben
Tesnière zwischen personnels und circonstan- tomber und frapper an. Insgesamt sind die
tiels. Bei den personnels führt er bei den géné- von ihm verwendeten Begriffe wenig trenn-
raux nur die traditionell als Possessivprono- scharf, noch weniger als die drei angeführten
men bezeichneten Elemente mon, ton usw. so- deutschen. Auf der semantischen Ebene allein
wie russ. tschei („wessen“) an, bei den parti- lässt sich die Wortart Verb nicht bestimmen,
culiers Elemente wie cornélien, cartésien so- denn auf dieser Ebene müssten auch die Wör-
wie die russischen Possessivadjektive. Bei den ter la chute und le coup als Verben betrach-
cironstantiels bringt er als particuliers Ele- tet werden.
mente wie dt. gestrig, hiesig und die entspre- Tesnière weist explizit darauf hin, dass die
chenden russischen Adjektive. Dichotomie verbes d’état vs verbes d’action
Man hat den Eindruck, dass Tesnière ei- nur partiell mit der Dichotomie intransitiv vs
nige seiner adjectif-Unterarten aus reinem transitiv korrespondiert. Interessant ist, dass
Systemzwang eingeführt hat, vor allem im er die prädikativ gebrauchten Adjektive und
Bereich der adjectifs de rapport. Bei diesen ebenso die prädikativ gebrauchten Substan-
können einige Unterarten ohne weiteres über tive als Teile des Verbs betrachtet, also einem
die Prozedur der Translation eingeführt wer- sehr traditionellen Prädikatsbegriff das Wort
den. Es ist schwierig nachzuvollziehen, wa- redet.
rum Tesnière das Attribut de Corneille über
eine Translation einführt, aber das Element 2.5. Die Wortart adverbe
cornélien als adjectif führt. Zudem dürfte es
schwierig sein, diesem Element (und den rus- Schon in der antiken Grammatik ist das Ad-
sischen Possessivadjektiven) die Extension verb die am schwierigsten zu bestimmende
null zuzuschreiben. Vollwortart. Donatus z. B. unterscheidet hier
Bei den Adjektiven hat Tesnière also u. a. 24 Untergruppen, die sowohl formal wie in-
einen Teil der traditionellen adjektivischen haltlich sehr Heterogenes enthalten und zum
Pronomen und die Numeralia untergebracht, Teil noch einmal untergliedert sind. Man
auch hier ohne Einbeziehung der Wortfolge- kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass
regularitäten innerhalb der Nominalgruppe. hier die Wortart Adverb eine Art Sammelbe-
Tesnière verwendet auch den Terminus cken für alle die Elemente ist, die man sonst
pronom, beschränkt ihn aber im Gegensatz nirgendwo unterzubringen wusste. Ob Tes-
zur traditionellen Grammatik rigoros auf die nière hier wirkliche Fortschritte erzielt hat, ist
adjectifs généraux, die mittels einer Transla- fraglich. Auf der semantischen Ebene defi-
tion in ein substantif général transferiert wor- niert er die Adverbien als Attribute zum pro-
den sind, z. B. quelque vs quelqu’un, chaque vs cès, wobei nicht ganz klar ist, ob er mit dem
chacun, mon vs le mien (Kap 178). Begriff procès nur das Verb meint oder aber
11. Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière 105

das Verb mit seinem Aktanten (also den zessiv- (kein Beispiel) und Konditionaladver-
Satz). Im ersten Fall stünde er genau in der bien (frz. sinon). Und mit qua setzt er die Ad-
Tradition der antiken Grammatik (Donatus: verbien der „Art und Weise“ (z. B. frz. genti-
Adverbium quid est? Pars orationis quae ment) in Beziehung, weiterhin die adverbes de
adiecta verbo significationem eius explanat comparaison und de quantité.
atque implet), im zweiten Fall wäre er etwas Tesnières Subklassifikation der Wortart
moderner. Da er die Adverbien (als Wortart adverbe weist einige Ungereimtheiten auf und
und als Satzglied) inhaltlich als die Umstände hat ⫺ vielleicht abgesehen von einigen klei-
(circonstances) definiert, innerhalb derer sich nen Details ⫺ kaum wirklich Weiterführen-
der Prozess abspielt, kann man davon aus- des gebracht. Er weist im übrigen ausdrück-
gehen, dass er eher die zweite Möglichkeit lich darauf hin, dass die meisten von ihm an-
meint. geführen Möglichkeiten zumeist nicht durch
Tesnière untergliedert die Adverbien zu- Einzelwörter, sondern durch Wortgruppen
nächst allgemein in adverbes de localisation (tournures adverbiales) realisiert werden, also
und adverbes de relation. Bei ersteren unter- über Translationen.
scheidet er dann ⫺ ebenfalls ganz traditionell
⫺ zwischen Lokal- und Temporaladverbien. 2.6. Die Satzwörter
Bei den lokalen geht er von der Unterschei- Elemente wie aı̈e, oui, non, hélas, parbleu,
dung von aber auch Wendungen wie voici und s’il vous
ubi „wo“, quo „wohin“, unde „woher“, plaı̂t sind nach Tesnière syntaktisch nicht
qua „wo hindurch, auf welchem Weg“ analysierbar (zumindest nicht synchronisch),
wohl aber semantisch. Er betrachtet sie als
aus, die wir schon bei Donatus und Priscian Äquivalente von Sätzen und ordnet sie des-
finden und in fast allen Grammatiken, die in halb nicht bei den Wort-, sondern bei den
dieser Tradition stehen. Dieses Raster wendet Satzarten ein. Sie werden von ihm unter der
er auch auf die temporalen Adverbien an und Bezeichnung Satzwörter (mots-phrases) oder
erhält dabei die folgenden Korrespondenzen: phrasillons geführt. Von der Form her unter-
ubi: wann, quo: bis wann, scheidet er hier Satzwörter, die allein eine Äu-
unde: seit wann, qua: wie lange ßerung bilden können (phrasillons complets,
z. B. aı̈e, solche die einer Erweiterung bedür-
Für den lokalen und temporalen Bereich ist fen (phrasillons incomplets, z. B. voici) und
dieses Raster unproblematisch. solche, die funktional das Äquivalent ganzer
Tesnière versucht bei seiner Behandlung Sätze und semantisch Anaphern sind (mots-
der Wortart adverbe auch die Phänomene As- phrases anaphoriques, z. B. oui, non, si). In-
pekt und Aktionsart miteinzubeziehen, in- haltlich unterscheidet er „logische“ und af-
dem er sagt, ubi entspreche dem perfektiven fektive Satzwörter (phrasillons logiques und
und qua dem imperfektiven Aspekt und quo affectifs). Die logischen ⫺ z. B. voici, oui, non
entspreche der terminativen und unde der in- ⫺ sind nach seiner Auffassung keine Adver-
choativen Sichtweise. Es ist fraglich, ob die bien ⫺ wie häufig in den traditionellen Gram-
hier hypostasierten Beziehungen wirklich ge- matiken behauptet ⫺, da sie sich auf Prozesse
geben und ob sie wirklich so relativ einfach beziehen. Die affektiven ⫺ z. B. oh!, chut, s’il
sind. vous plaı̂t ⫺ entsprächen genau den Interjek-
Bei den adverbes de relation geht Tesnière tionen der klassischen Grammatik. Die Diffe-
ebenfalls von dem angeführten Raster der renzierungen, die Tesnière in diesem Teilbe-
Lokaladverbien aus und ordnet dem Element reich vornimmt, erinnern schon stark an Ver-
ubi die Adverbien des Wesens (quiddité) zu, fahren der funktionalen Diskursanalyse.
worunter er z. B. das gekennzeichnete Ele-
ment in Wendungen wie faire dodo, Wunder
wirken versteht, eine Vorstellung, bei der ihm 3. Die mots vides
kaum jemand folgen dürfte. Mit quo paral-
lelisiert er die Adverbien, die das Ziel oder 3.1. Einleitung
die Folge einer Handlung beinhalten und Mit den mots vides beschäftigt sich Tesnière
führt als Beispiele freilassen, totschlagen, sich in den Kap. 38⫺41 et passim. Er unterschei-
kranklachen an, bei denen es zweifellos güns- det bei diesem Wortarttyp drei Gruppen: 1.
tiger ist, die gekennzeichneten Elemente als Junktoren (Kap. 39 et passim), 2. Translative
Adjektive zu betrachten. Mit unde paralle- (Kap. 40 et passim), 3. indices (Kap. 41 et
lisiert er Kausal- (dt. deshalb, lat. ideo), Kon- passim). Weiterhin beschäftigt er sich in die-
106 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

sem Zusammenhang mit dem Phänomen der aber gleichzeitig als Aktanten, z. B. die Re-
Anaphorik (Kap. 42⫺43). Während seine lativpronomen: Sie transferieren einen
Ausführungen zu den Junktoren weitgehend Satz (bei Tesnière: einen verbalen Nexus)
unproblematisch sind, gibt es bei denen zu in eine Wortgruppe mit der Funktion ei-
den Translativen und zu den indices einige nes Adjektivs und bilden gleichzeitig einen
Probleme und Inkonsistenzen. Dessen war Aktanten dieses verbalen Nexus (Kap.
sich Tesnière offensichtlich bewusst und hat 246).
das auch zur Sprache gebracht.
Unter dem Begriff Translativ werden von Tes-
3.2. Die Junktoren nière vor allem die folgenden traditionellen
Bei den Junktoren handelt es sich um die tra- Wortarten subsumiert:
ditionelle Klasse der koordinierenden Kon- ⫺ subordinierende Konjunktionen
junktionen, eine sowohl von ihrem Bestand ⫺ Relativpronomen
wie von ihrer Funktion her unproblematische ⫺ Präpositionen
Wortart. Tesnière setzt auch die Möglichkeit ⫺ Artikel, vgl. die Ausführungen zu den indi-
einer jonction ohne jonctif an (z. B. Männer, ces in 11.3.4
Frauen und Kinder), wobei er nicht darauf ⫺ Auxiliarverben
eingeht, dass hier die Junktion mit dem syn-
taktischen Mittel der Intonation erfolgt. Weiterhin können flexionelle Elemente als
Translative fungieren.
3.3. Die Translative In diesem Zusammenhang führt Tesnière
Die Translative werden von Tesnière als die auch die von ihm als préverbes bezeichneten
Wörter definiert, mittels derer die Prozedur Elemente an. Unter diesem Terminus versteht
der Translation erfolgt, also als die Wörter, er die perfektivierenden Verbpräfixe in den
mit deren Hilfe ein Wort oder eine größere slawischen Sprachen. Auch sie haben nach
Einheit von einer grammatischen Kategorie seiner Auffassung die Funktion eines Trans-
in eine andere überführt wird. So ist z. B. in lativs. So sei bei dem russischen Verb perepi-
der Wortgruppe le livre d’Alfred das Substan- sat’ das Element pere auf der strukturellen
tiv Alfred durch das Translativ d(e) in eine Ebene ein Translativ, da es vom Präsens ins
Wortgruppe mit der Funktion eines Adjektivs Futur transferiere (pišu „ich schreibe“ vs pe-
transferiert. Zu dieser Definition gibt Tes- repišu „ich werde abschreiben/úmschreiben“).
nière in dem sehr umfangreichen Translati- Auf der semantischen Ebene hingegen sei das
ons-Teil seines Hauptwerkes einige Spezifizie- Element pere ein Vollwort, da es neben der
rungen, vor allem die folgenden: strukturellen auch eine lexikalische Bedeu-
⫺ Ein Translativ ⫺ so sagt er ⫺ muss das tung habe (Kap. 171).
Transferendum nicht unbedingt in eine Tesnière weist explizit darauf hin, dass es
andere Kategorie transferieren, sondern auch Translationen ohne explizites Translativ
kann es auch in eine Unterkategorie seiner (also mit einem Null-Element) gibt, z. B. in la
Ausgangskategorie überführen. So werde tour Eiffel (Kap. 45) und bei dem satzförmi-
z. B. durch das Hilfsverb avoir ein Verb gen Attribut in der Sequenz the man I saw
von einer Zeitform in eine andere versetzt, yesterday (Kap. 246). Die hierbei gegebenen
jedoch nicht in eine andere Wortart trans- grammatischen Mittel Wortfolge und Intona-
feriert (Kap. 170, § 1). tion erwähnt er nicht.
⫺ Es gibt einen Typ von Translation, bei der Des weiteren weist Tesnière darauf hin,
das Transferendum nicht seine Kategorie dass mittels des Verfahrens der Translation
wechselt, wohl aber seine Funktion inner- auch viele Bereiche der Wortbildung be-
halb seiner Kategorie. Als Beispiel führt schrieben werden können (Kap. 174 f.). Seine
Tesnière frz. à in dem Satz Alfred donne le diesbezüglichen Äußerungen sind zum gro-
livre à Bernard an, in dem das Wort Ber- ßen Teil diachronisch orientiert. Das geht
nard durchaus in der Kategorie substan- schon daraus hervor, dass er nicht nur bei
tif verbleibt, aber durch das Translativ à den nicht mehr durchschaubaren Derivata
zum dritten Aktanten wird. Diesen Typ und Komposita von erstarrten Translatio-
der Translation nennt Tesnière translation nen (translations figées) spricht, sondern auch
fonctionnelle (Kap. 172). bei semantisch so gut durchschaubaren Sub-
⫺ Weiterhin gibt es Elemente, die einerseits stantivarten wie den Nomina actionis und
als Translative fungieren, andererseits agentis.
11. Die Wortartenlehre bei Lucien Tesnière 107

3.4. Die indices neswegs absprechen muss. Bei der von ihm
Unter dem Terminus indice fasst Tesnière die favorisierten Sichtweise ergibt sich bei sei-
mots vides zusammen, die weder Junktoren nen Satzstemmata die darstellungstechnische
noch Translative sind. Funktionell charakte- Schwierigkeit, dass ein Element wie je oder tu
risiert er diese Wörter als Begleiter eines Voll- einerseits erster Aktant ist, andererseits aber
wortes, die dessen Kategorie im Gegensatz zu als indice zum Verb geführt werden muss. Es
den Translativen nicht verändern, sondern sie wäre zweifellos günstiger gewesen, die ver-
lediglich anzeigen (indiquer). Als wichtigste bundenen Pronomen ohne Rücksicht auf ih-
Arten der indices betrachtet er neben flexio- ren Klitikumcharakter ebenso wie moi, toi
nellen Elementen den Artikel, den er als in- usw. als substantifs généraux personnels zu
dice substantival bezeichnet, und die indices führen. Wahrscheinlich ist es möglich und
personnels, also die sog. verbundenen Prono- sinnvoll, auf den Begriff indice ganz zu ver-
men (z. B. il aime; je le lui donnerai). Die ex- zichten.
akte Abgrenzung zu den Tanslativen hält er
für schwierig. Beide seien im Grunde nur Va-
rianten derselben Wortart und ob ein Wort 4. Rekurs auf andere Autoren
dieses Typs als Translativ oder als indice zu und Arbeiten
betrachten sei, hänge stärker von seiner kon-
kreten Verwendung als von seiner „eigentli- Wie in seinem gesamten Werk geht Tesnière
chen Natur“ (Kap. 41, § 13) ab. Als Beispiel auch in seinen Ausführungen zu den Wortar-
führt er den bestimmten Artikel an. In le bleu ten nur sporadisch auf die einschlägige Lite-
sei mittels seiner ein Adjektiv in ein Substan- ratur ein. Aus dem französischen Sprach-
tiv transferiert, in le livre jedoch habe er auf raum führt er fast nur Damourette und Pi-
der syntaktischen Ebene lediglich indikatori- chon an, und das eher beiläufig und ohne die
sche Funktion (auf der semantischen Ebene Fundstelle zu nennen. Weiterhin nennt er hier
allerdings gebe er die Extension des Substan- den Sprachpsychologen G. Galichet (1947)
tivs an, bei dem er steht). und einen Aufsatz von Benvéniste. Für seine
Weiterhin argumentiert Tesnière, bei For- Beispiele aus dem Deutschen rekurriert er
men wie (nous) aim-ons könne man die En- zumeist auf A. Malblanc (1944). Von den
dung -ons je nach Ausgangspunkt sowohl als
Sprachwissenschaftlern, die vor ihm das tra-
Translativ wie als indice betrachten. Nehme
ditionelle Wortartensystem kritisiert haben,
man (j’)aim-e als Ausgangspunkt, so habe
führt er nur Joseph Vendryes (1921) an, und
die Endung -ons translative Funktion, denn
dann transferiere sie vom Singular in den auch das nur beiläufig. Die deutschen Arbei-
Plural. Gehe man jedoch von der Form aim- ten zur Wortartenproblematik vom Ende der
aus, die wir auch in aimais, aimai, aimer usw. 20er Jahre (Eduard Hermann (1928), Ernst
finden, so hätte diese Endung lediglich indi- Otto (1928), Friedrich Slotty (1929)) werden
katorische Funktion. von ihm nicht angeführt, ebensowenig wie
Bei der Einordnung des bestimmten Arti- die entsprechenden Arbeiten aus dem Um-
kels als indice ist Tesnière offensichtlich von kreis des taxonomischen Strukturalismus,
der Tatsache ausgegangen, dass dieser im z. B. Fries (1952).
Französischen ein Klitikum ist, und hat ihm
deshalb lediglich die Funktion eines indice
zugeschrieben. Wäre er z. B. vom Deutschen 5. Literatur in Auswahl
ausgegangen, wo der bestimmte Artikel von
seiner Lautsubstanz her mit den meisten For- 5.1. von Tesnière angeführte Literatur:
men des Demonstrativpronomens der iden-
Damourette, Jacques/Pichon, Éduard (1911⫺
tisch ist, so hätte er ihn zweifellos zu dersel- 1940): Des mots à la pensée. Essai de grammaire de
ben Wortart gerechnet wie dieser, jener, ce, la langue française. 8 Bände. Paris.
quel usw., also zu den adjectifs généraux.
Ähnliches gilt für die von Tesnière disku- Galichet, George (1947): Essai de grammaire psy-
tierte Auffassung, die verbundenen Prono- chologique du français moderne. Paris.
men seien indices. Auch hier ist er offensicht- Malblanc, A. (1944): Pour une stilistique comparée
lich von den speziellen Verhältnissen im du français et de l’allemand. Essai de représentation
Französischen ausgegangen, wo man diesen linguistique comparée. Paris.
Klitika den Status von Wörtern durchaus Vendryes, Joseph (1921): Le langage. Introduction
absprechen kann (Kap. 59, § 11), aber kei- linguistique à l’histoire. Paris.
108 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

5.2. Weitere Literatur zur Slotty, Friedrich (1929): Wortart und Wortsinn, In:
Wortartenproblematik (nur zu Travaux du Cercle Linguistique de Prague 1, 93⫺
106.
Lebzeiten Tesnières erschienene)
Die drei zuletzt genannten Titel sind wieder-
Fries, Charles Ch. (1952): The Structure of Eng- abgedruckt in:
lish. London
Schaeder, Burkhard/Knobloch, Clemens (Hgg.)
Hermann, Eduard (1928): Die Wortarten. Berlin. (1992): Wortarten. Beiträge zur Geschichte eines
grammatischen Problems. Tübingen.
Otto, Ernst (1928): Die Wortarten, In: Germanisch-
Romanische Monatsschrift 16, 417⫺424. Bernhard Engelen, Dortmund (Deutschland)

12. Zu Tesnières Semantikkonzept

1. Zur wissenschaftsgeschichtlichen Stellung 2. Tesnières Modernität


Tesnières
2. Tesnières Modernität Liest man sein posthumes Hauptwerk ge-
3. Die semantische Ebene und nauer aus heutiger Sicht, so entdeckt man
das Valenzkonzept
eine ganze Reihe von aufschlussreichen De-
4. Zusammenfassung
5. Literatur in Auswahl tails, die Tesnière nicht nur als Vorläufer der
Valenztheorie und Dependenzgrammatik er-
weisen, sondern auch als einen scharfsichti-
1. Zur wissenschaftsgeschichtlichen gen, theoretisch breit belesenen, eine Vielzahl
Stellung Tesnières von Sprachen auch außerhalb der indoeuro-
päischen als Belege heranziehenden Linguis-
Lucien Tesnière ist faktisch erst nach seinem ten, der durchaus auch gewisse Grundannah-
Tod mit dem posthumen Werk „Éléments de men der semantischen Valenztheorie Helbigs,
syntaxe structurale“, Paris 1959, im deutsch- d. h. letztlich der Kasusrollenbestimmung der
sprachigen Raum vor allem durch dessen Aktanten (und letztlich auch der Angaben)
Übersetzung als „Grundzüge der struktura- sowie selbst der Szenen- und Skript-/Frame-
len Syntax“ durch U. Engel, mit zahlreichen Semantik und damit letztlich einer Spielart
Kommentaren und Adaptationen, internatio- der kognitiven Semantik, vorwegnimmt.
nal bekannt geworden. Dabei dürfte er ⫺ so
er überhaupt seitens der Linguistik zur 2.1. Die semantische Ebene
Kenntnis genommen wurde ⫺ vor allem als Bei Tesnière finden sich keine längeren zu-
ein Erneuerer der Syntax mit seiner Akzentu- sammenhängenden Ausführungen zur Se-
ierung einer vom Verb als nœud des nœuds mantik ⫺ weder zu dem, was man als Satzbe-
dominierten Abhängigkeitsgrammatik mit deutung und noch weniger zu dem, was man
drei Aktanten und einer Vielzahl von Zir- als Wortbedeutung bzw. lexikalische Bedeu-
kumstanten/Angaben sowie zahlreichen Me- tung bezeichnen könnte ⫺ von den näheren
chanismen, darunter der Translation und Bestimmungsversuchen der von Tesnière eti-
Metataxe, angesehen werden, also als der kettierten Funktionen der Aktanten des
geistige Vater einer syntaxzentrierten Valenz- Verbs einmal abgesehen.
theorie. Allerdings wird selbst diese Urheber- Der alles in allem sporadische Bezug auf
schaft durchaus nicht von allen Valenztheore- solche semantischen Aspekte, die für ihn
tikern und Abhängigkeitsgrammatikern ex- (S. 50 ⫺ alle Zitate und Verweise nehmen auf
plizit anerkannt, steht u. W. auch eine ent- die deutsche Übersetzung Bezug) die letzte
sprechende umfassende und allseitige Wür- raison d’être für die Syntax darstellen und
digung des Gesamtwerkes von Tesnière für der im Unterschied zu seinem sonstigen de-
eine Geschichte der sprachwissenschaftlichen taillierten Bemühen um eine klare inhaltliche
Theorienbildung noch aus, fand er zudem ge- Bestimmung der syntaktischen Operatoren,
rade in der französischen Sprachwissenschaft Stemmata und Mechanismen eher zufällige
bis auf den heutigen Tag nur eine alles in al- und undifferenzierte Rekurs auf nicht näher
lem vergleichsweise bescheidene, periphere spezifizierte Bezeichnungen wie Begriff, Vor-
Beachtung. stellung, Gedanke, Bedeutung, semantisch, er-
12. Zu Tesnières Semantikkonzept 109

scheint indes durchaus erklärlich, betrachtet men, das ⫺ so könnte man geneigt sein hin-
man das nuancierte Interesse an syntakti- zuzufügen ⫺ einzelsprachspezifisch (wie z. T.
schen Fragestellungen sowie insbesondere die kulturspezifisch) geprägt erscheint, während
von Tesnière nirgends hinterfragte Überzeu- die geistige Tätigkeit auf der semantischen/le-
gung, dass die Beschreibung semantischer xikalischen Ebene objektiv und bewusst ist.
Aspekte im weitesten Sinne als Inhaltsform „Sie (die geistige Tätigkeit allgemein ⫺
der Sprache bzw. innere Sprachform in der G. W.) ist ein oberflächliches und nur zufälli-
Nachfolge von Humboldt letztendlich eine ges Phänomen. Der Sprecher sucht sich die
Angelegenheit der Psychologie und Logik Vorstellungen aus, die er zum Ausdruck brin-
und ⫺ demzufolge ⫺ nicht der Linguistik/ gen will. Und wenn er nur ein bisschen Bil-
Grammatik sei. So lesen wir S. 50: „Auf der dung hat, kann er seine Ausdrucksweise kon-
semantischen Ebene hingegen existiert der trollieren und ein Wort statt des anderen
Gedanke unabhängig von jedem sprachlichen wählen.“ (S. 51) Tesnière erteilt jedoch einer
Ausdruck. Die semantische Ebene steht au- sprachlichen Weltsicht eine Abfuhr, wenn er
ßerhalb der Grammatik; sie gehört allein in sagt (S. 58): „Die Verstandeskategorien lie-
die Psychologie und Logik.“
gen auf der psychologisch-logischen Ebene.
S. 43 heißt es, strukturelles und semanti-
Da die psychologisch-logischen Vorgänge die
sches Schema (letzteres erscheint überra-
Grundlage allen Denkens sind, sind diese Ka-
schend und unspezifiziert neben den kurz er-
wähnten abstrakten strukturellen und linea- tegorien allen Menschen ⫺ ungeachtet ihrer
ren Schemata) „konstituieren im Gegensatz jeweiligen Muttersprache ⫺ gemeinsam“.
zur äußeren Form des Satzes seine eigentliche Wiewohl Tesnière darauf Wert legt, dass
innere Form.“ Dabei geht es Tesnière mit die Syntax als Form des Ausdrucks der Ge-
ausdrücklichem Bezug auf Ballys „Précis de danken nicht mit dem Gedanken selbst als
stylistique“ (Genève 1909, Bd. 1, 83 f.) als deren Inhalt verknüpft, also völlig unabhän-
Aufgabe der Linguistik um „die Beobachtung gig von Logik und Psychologie, ist (S. 51,
dessen, was im Bewusstsein des Sprechers 52), so wie nach seiner Vorstellung struktu-
vorgeht in dem Augenblick, in dem er aus- rale und semantische Ebene voneinander un-
spricht, was er meint“ (S. 44). Im Verständnis abhängig sind (S. 51), so relativiert er diese
von Tesnière umfasst die Inhaltsform neben extreme Behauptung doch selbst, wenn er
dem Gedanken das strukturale und lineare S. 52 feststellt, dass die angenommene Unab-
Schema, die ihm auf der sprachlichen Ebene hängigkeit der Struktur von der Bedeutung
entsprechen (S. 44) und wird die Funktion in der Praxis als Parallelität betrachtet wer-
für die einzelnen Wörter als die Rolle be- den muss, „weil die strukturale Ebene die
stimmt, „die den Wörtern in dem Mechanis- Aufgabe hat, den Ausdruck des Gedankens
mus, der dem Ausdruck des Gedankens zu ermöglichen“. Diese Parallelität (wir wür-
(dient), zugewiesen ist.“ (S. 48) Kurz danach den etwa von Isomorphismus/Homomorphie
finden wir zwei wichtige, wenn auch im wei- sprechen) käme beispielsweise in Konnexio-
teren Werk nicht konsequent weiter ausge- nen zum Ausdruck, insofern als strukturale
baute Überlegungen. „Die Struktur des Sat- Konnexionen beispielsweise von semanti-
zes ist eines, die Vorstellung, die er ausdrückt, schen überlagert würden. Das Strukturale be-
die seine Bedeutung (sic! G. W.) ausmacht, zeichne das Semantische; der Inhalt des De-
ein anderes. Man muss deshalb unterscheiden pendens träfe zu auf den Inhalt des Regens,
zwischen der strukturalen und semantischen wobei (am Beispiel von kleiner Bach = Eigen-
Ebene“ (S. 49), wobei letztere im Folgenden schaft der Bäche) die semantische Beziehung
ziemlich aus dem Blickfeld gerät. Immerhin von unten nach oben verlaufe/zeige (Depen-
finden wir S. 50 das Eingeständnis: „Aber wir denz ⇒ Regens), die strukturale Beziehung
dürfen die semantische Ebene nicht völlig
dagegen umgekehrt verlaufe (S. 53). Wie be-
übergehen, denn die Bedeutung ist letztlich
deutsam in diesem Kontext die Bedeutung
der Daseinsgrund der Struktur und bildet so-
mit einen indirekten Gegenstand der Syntax ist, macht Tesnière S. 54 mit dem Hinweis
… Auf der strukturalen Ebene bildet sich der deutlich, dass es keine strukturale Konnexion
sprachliche Ausdruck des Gedankens. Sie ge- ohne eine semantische, wohl aber durchaus
hört ihrem Wesen nach zur Grammatik“. eine semantische Konnexion ohne eine struk-
turale geben könne. „Je tiefer ein Wort im
2.2. Die strukturale Ebene strukturalen Gefüge steht, desto wahrschein-
Nach Tesnière ist die geistige Tätigkeit auf licher ist es, dass es wichtig für die Satzbe-
struktureller Ebene subjektiv und unbewusst deutung ist. Es scheint fast, als ob die Funk-
als ein elementares und notwendiges Phäno- tion des Regens nur darin bestünde, die se-
110 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

mantische Zuordnung des Dependens zu er- Welterfahrung und mithin auch die Sicht auf
möglichen.“ (S. 53) die Verstandeskategorien bestimme, wiewohl
beide grundlegend verschiedenen Ebenen an-
2.2.1. Nach Tesnière enthalte das Wort, im gehören (S. 58), wobei allerdings Tesnière
Wortstamm (S. 56), neben einem strukturalen selbst eine solche Bezugnahme ⫺ etwa auf
auch einen semantischen Nexus (S. 57), aber Weisgerber ⫺ an keiner Stelle vornimmt.
nicht notwendig beide im gleichen Wort, son-
dern auch dissoziiert, wobei das eine Wort 2.3. Sachverhalte und ihre sprachliche
Träger der strukturalen, das andere Träger Abbildung
der semantischen Funktion sei und das Wort Aus dem bisher Gesagten und nachfolgenden
als Segment der gesprochenen Kette und li- knappen Ausführungen zur lexikalischen
neare Einheit des Satzes im Unterschied zum bzw. Wortbedeutung könnte geschlussfolgert
Nukleus als syntaktischer Einheit des Satzes werden, dass Tesnière auf der für ihn durch-
keine syntaktische Realität besitze, sondern aus bedeutsamen und aufs engste mit der
nur über den Umweg des Nukleus (S. 57), der strukturalen Ebene verwobenen semantischen
als Konstrukt neben strukturaler Funktion Ebene im Wesentlichen zwischen Gedanken
vor allem semantische Funktionen in sich und Vorstellungen unterscheidet, ohne aller-
vereine (S. 55). dings eine hinreichende Festlegung zuzulas-
sen, welche den Satz- und welche den Wort-
2.2.2. „Mit Hilfe der Verstandeskategorien“ bedeutungen entsprechen, d. h. den Worten
(und offenbar unabhängig von Sprache ⫺ oder Nuklei über die von der Syntax/Gram-
G. W.) „formt der menschliche Geist die Welt matik unabhängige Kategorisierung als Ver-
nach seinem Maße um. Ebenso kann auf standeskategorien und Denkinhalte so ge-
sprachlicher Ebene der Inhalt des Denkens nannter „voller Wörter“ als deren lexikali-
nur erfasst werden, wenn ihm ebenso der sche Verwendungsbedeutungen zuzuordnen
Raster eines Systems allgemeiner Begriffe sind. Semanteme als Träger semantischer
auferlegt wird, die man grammatische Kate- Funktionen (S. 68) und abstrakte Größen der
gorien nennt. Mit Hilfe der grammatischen Sprache/Langue drücken nach Tesnière (S. 68)
Kategorien formt die Sprache die Denkin- Vorstellungen unmittelbarer aus, wobei die
halte nach ihrem eigenen Maße um … Die so genannten speziellen vollen Wörter (Ap-
grammatischen Kategorien entsprechen häu- pellative vor allem) die reale Welt wiederge-
fig den Verstandeskategorien.“ Es wäre je- ben würden (die generellen Wörter ⫺ z. B. je-
doch unangebracht, aus der Entsprechung mand, man ⫺ dagegen nur deren virtuelle
zwischen grammatischen und Verstandeska- Entsprechung ⫺ S. 72).
tegorien und dem für letztere ausdrücklich
postulierten universellen Charakter auch die 2.3.1. In einem Satz mit vollen Wörtern wie
grammatischen Kategorien als vom Verstand Alfred hat gestern seinen Hut vergessen werde
geprägt und somit virtuell universell ansehen ein wirklicher Sachverhalt evoziert ⫺ wir
zu wollen. Immerhin macht Tesnière selbst könnten auch von „ein Ereignis wird instanti-
sehr deutlich, dass die grammatischen Kate- iert“ sprechen ⫺, wobei nur dieser Satz einen
gorien ungeachtet ihrer engen Beziehungen semantischen Gehalt, aufteilbar in Substanz
zur semantischen Ebene erheblich von Spra- und Geschehen, aufweist, ein Satz wie Man
che zu Sprache variieren können (S. 60). Da- vergisst immer etwas dagegen einen solchen
bei seien die grammatischen Kategorien als konkreten Sachverhaltsbezug vermissen lasse
Vorgesetzte und allgemeine Begriffe und (S. 72). Dabei sind nach Tesnière „Substan-
Klassifikatoren (z. B. Gegenstand = Katego- zen … die Dinge, die durch die Sinne wahrge-
rien der Sprache als System/langue) der nommen und vom Verstand her als unter-
Denkinhalte ⫺ als Untergebene ⫺ zu be- scheidbar existierend aufgefasst werden, z. B.
trachten, wogegen die Funktionen als dyna- Pferd, Tisch, jemand. Die vollen Wörter, die
misch zu betrachten wären (z. B. Substantiv Substanzen bezeichnen, werden Substantive
als Subjekt, Objekt) und in der Parole erst genannt.
dem Satz Sinn verleihen (S. 60). Geschehen ist Zustand oder Vorgang,
Aus dem kategorialen Zugriff der Gram- durch das eine wie das andere manifestiert
matik auf die Denkinhalte könnte allerdings die Substanz ihre Existenz, z. B. ist, schläft,
u. U. doch abgeleitet werden, dass die ⫺ zu- isst, macht usw. Die vollen Wörter, die Ge-
dem muttersprachige ⫺ jeweilige Weltsicht, schehen bezeichnen, werden Verben ge-
d. h. die syntaktische Kategorisierung der nannt.“ (S. 72).
12. Zu Tesnières Semantikkonzept 111

2.3.2. Nach Tesnière würden die meisten als indirektes (Dativ)Objekt bestimmt, wobei
Sprachen Wortartunterschiede zwischen Sub- er deren Abgrenzung zu den Zirkumstanten/
stanz und Geschehen nicht grammatikalisie- Angaben ansatzweise später zwar problemati-
ren, Substanz als Geschehen auffassen und siert (S. 116 besonders für O⵮-Aktanten), im
folglich das Verb als Substantiv, wobei es den Übrigen aber formal durch das Fehlen von
Verbbegriff im strengen Sinne nur in europä- Präpositionen begründet, was z. B. bei dem 3.
ischen Sprachen gäbe (S. 73). Aktanten, aber etwa im Spanischen und Ru-
mänischen auch beim direkten personalen
Objekt, zu Problemen führen muss. Hinzu
3. Die semantische Ebene und kommt, dass z. B. in Er lief zwei Stunden, bis
das Valenzkonzept er zu Hause eintraf das direkte Objekt sich
nicht mit der für den 2. Aktanten üblichen
Im Folgenden finden sich indirekte wie auch semantisch-funktionalen Bestimmung deckt.
spezifizierende Hinweise zu den Vorstellun- Mehr Aktanten scheinen ihm ausgeschlos-
gen Tesnières hinsichtlich Bedeutung/seman- sen, wohl aber können die gleichen Aktanten-
tische Ebene (nunmehr vor allem auf Verben, arten mehrfach bei dem betreffenden Verb
aber z. B. auch auf Substantive bezogen) im vorkommen (so 2 direkte Aktanten oder 2
Umfeld seiner Ausführungen zur Valenz, aber Subjekte mit Junktor). Kotschi 1979 hat da-
auch zur Metataxe und vor allem zur Trans- gegen für maximal 4 Aktanten plädiert; wäh-
lation. rend wir selbst aufgrund einer semantikba-
Als besonders bekannt und ausdeutbar sierten Auffassung sogar 6 Aktanten ⫺ etwa
dürfte in diesem Zusammenhang Tesnières bei Transportverben ⫺ zugelassen haben ⫺
Bild vom „petit drame“ (S. 93) sein, bei dem u. a. B. Wotjak/G. Wotjak 1995.
an der Durchführung einer bestimmten
Handlung oder auch als Beteiligte an einem 3.1.1. Für Tesnière erscheint der 1. Aktant als
Vorgang bestimmte Handelnde/Vorgangsbe- Subjekt semantisch-funktional i. d. R. als Ur-
teiligte herausgestellt werden können. „Wie heber, Verursacher/Bewirkender/Ausführen-
das Drama umfasst er (der verbale Nexus ⫺ der der durch das Verb bezeichneten Hand-
G. W.) notwendig ein Geschehen und meist lung/Tätigkeit (des petit drame); wir würden
noch Akteure und Umstände.“ (S. 93) Dieser von einer prototypischen AGENS-Zuwei-
von Tesnière nicht systematisch ⫺ z. B. im sung sprechen (vgl. Welke 1988), wobei Tes-
Hinblick auf seine eigenen Vorstellungen von nière selbst verdeutlicht, dass der Subjektak-
Ereignis/Geschehen (vgl. die mögliche Bezie- tant bei einigen Verben wie miss oder man-
hung zur Ereignissemantik) ⫺ verfolgte An- quer (vgl. S. 207 seine Ausführungen zur Me-
satz sollte indes nicht überinterpretiert wer- tataxe und multiplen Aktantenvertauschung)
den, erscheint er doch in seinem Gesamtwerk anders spezifiziert werden müsste bzw. z. B.
eher sporadisch und zufällig. Andererseits bei gefallen nur ein 2. und 3. Aktant feststell-
liegt die Herstellung einer direkten Bezie- bar wären. Für den 2. Aktanten sieht Tesnière
hung ⫺ etwa zu den Partizipanten eines Ge- folgende Rollenbestimmung vor (S. 100):
schehenstyps als intranotionale Komponen- „Der zweite Aktant (= direktes Objekt ⫺
ten im Sinne von Klix 1987 ⫺ oder aber auch G. W.) ist in semantischer Hinsicht der, wel-
zu den semantischen Netzen oder Frames, chem eine Tätigkeit/Handlung widerfährt.“
Skripts oder Szenen im Gefolge von Fillmore Und für den dritten Aktanten (S. 101): „Se-
1976, 1985/86; Schank 1981; Raskin 1985, mantisch gesehen ist der 3. Aktant der, zu
1986 oder aber auch zur Bestimmung der dessen Nutzen oder Schaden etwas ge-
Rollen/Funktionen der Aktanten in Tesnières schieht.“ Bzw. semantisch noch breiter: „Er
Konzeption auf der Hand. meint häufig ganz allgemein eine Person, die
mit dem betreffenden Geschehen irgendwie
3.1. Die Aktantenkonzeption zu tun hat.“ (S. 101).
Für die Semantikkonzeption Tesnières beson-
ders bedeutsam sind in diesem Zusammen- 3.1.2. Von den 3 Aktantenarten und damit
hang die Bestimmungsversuche, die er S. 100/ der maximalen Aktantenzahl pro Verb nach
101 im Hinblick auf die Funktionen unter- Tesnière unterschieden durch Markanten wie
nimmt, die er seinen zunächst syntaktisch be- Präpositionen sind die Angaben oder Zir-
stimmten drei Aktanten zuweist. kumstanten, deren Vorkommen zusammen
Dabei wird der 1. Aktant als Subjekt, der mit dem Verb i. d. R. nicht konstitutiv/rele-
2. als direktes Objekt und der dritte Aktant vant ist für die Aktualisierung der Vorstel-
112 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

lung, des petit drame, das Geschehen, im Un- ihm als bivalent charakterisierten Lesart von
terschied zu den Aktanten, von denen zumin- changer in changer le ressort de la montre
dest einer, oft auch mehrere bei bi- oder tri- (S. 164) in seiner Bedeutung unterscheidet,
valenten Verben unmittelbar der Saturierung um zwei unterschiedliche Varianten anzu-
des Dramas dienen, während die Zirkum- nehmen.
stanten dessen Umfeldbedingungen ⫺ Raum,
Zeit und Art und Weise vor allem ⫺ näher zu 3.2.2. Uns will scheinen, dass es an der Zeit
umreißen erlauben. wäre, sowohl für die Bestimmung der Aktan-
ten wie auch für die der Zirkumstanten auf
3.2. Die Metataxe von der Syntax deutlich abgehobene primär
Dass für Tesnière das Vorhandensein einer semantische Erscheinungen zu rekurrieren,
Metataxe, d. h. des Wechsels von einer Ak- was naturgemäß zu spezifischen Abweichun-
tantenart in eine andere und damit Verände- gen gegenüber der von Tesnière eingeführten
rungen im Stemma, nicht die Wiedergabe der Abgrenzung und Bestimmung von Aktanten
Bedeutung gefährden und bei der Überset- und Zirkumstanten führen würde (vgl. dazu
zung eher die Regel sind, lässt darauf schlie- Wotjak 1991, 1994, 1996).
ßen, dass für ihn die Bedeutung, wie immer
er sie auffasst, von der syntaktischen (und 3.3. Die Beziehungen zwischen Syntax
morphologischen) Repräsentation als einzel- und Semantik
sprachspezifisch geprägter Realisierung deut- Nach Tesnière sind die Wechselbeziehungen
lich abgehoben erscheint. So stellt es für ihn zwischen Aktanten und Semantik so zu sehen
auch kein Problem dar, dass einem Aktanten (sinngemäß zitiert nach S. 161): So wie es
in einer Sprache in einer anderen gar kein Verben mit verschiedenen Arten von Aktan-
Aktant, sondern etwa ein Zirkumstant, eine ten gäbe, so ändere sich die Art des Verbs je
Angabe, entspricht. nachdem, ob es einen, zwei oder drei Aktan-
Allerdings finden sich zu letzteren weniger ten regiere und wörtlich: „Denn es ist unbe-
semantische Aussagen, wiewohl Tesnière be- streitbar, dass der Verstand des Sprechers ein
kanntlich auf Abgrenzungsprobleme insbe- Verb psychologisch unterschiedlich auffasst,
sondere zum 3. Aktanten hingewiesen hat je nachdem ob es einen, zwei oder drei oder
(S. 116) und z. B. S. 180 in historischer Sicht überhaupt keinen Aktanten regieren kann.“
festhält, dass „Aktanten im Grunde nur wei- Kann man aus einer solchen Feststellung und
terentwickelte einstige Angaben“ sind und in der nachstehend zitierten ein Junktim bilden
sprachvergleichender Sicht Aktanten durch- zwischen Semantik der Verben und deren Ak-
aus in der anderen Sprache Angaben als tantenzahl und Art? So wenn Tesnière S. 163
Äquivalente haben können bzw. umgekehrt. feststellt: „Man kann in der Tat sagen Alfred
schläft oder Alfred fällt, aber man kann nicht
3.2.1. Dabei vermag uns seine Argumentation ausdrücken, ja sich nicht einmal vorstellen
hinsichtlich changer de veste, bei dem es sich (Unterstreichung ⫺ G. W.), dass dieses Ge-
um keinen Aktanten, sondern eine Angabe schehen einen anderen Aktanten als Alfred
handeln würde, nicht voll zu überzeugen; hier betreffe. Man kann nicht jemanden oder et-
wäre changer monovalent, weil es sich eben was schlafen, wandern, sprudeln“ bzw. mit
nicht um ein „reines“ Substantiv, sondern um noch etwas breiterem Interpretationsspiel-
ein Adverb der Quiddität handele. Nach ihm raum S. 180: „Es kommt häufig vor, dass die
(S. 116) wären Aktanten formal „reine“ Sub- Bedeutungen zweier Verben sich nur durch
stantive und semantisch ein unverzichtbares die Zahl der regierten Aktanten unter-
Komplement, damit die Sachverhaltsvorstel- scheiden.“
lung vollständig aktualisiert werden kann,
während die Angaben dagegen formal als 3.3.1. Kann man eine zwingende Überein-
Nominalgruppen mit Präposition (oder reine stimmung annehmen zwischen der Bedeu-
Adverbien) und semantisch insofern fakulta- tung bzw. dem im Drama implizierten Ge-
tiv wären, als der bezeichnete Sachverhalt als schehen mit Aktanten und Zirkumstanten
solcher auch ohne die Angaben verständlich und der Zahl (und Art) der Aktanten, bzw.
wäre. Uns schiene im konkreten Beispielfall kann man umgekehrt aus der Aktantenzahl
durchaus bezweifelbar, ob changer in der mo- gültige Schlüsse ziehen auf die Bedeutung der
novalenten Lesart ohne de veste als so ge- Verben, d. h. z. B. aus übereinstimmender
nannte Angabe eine verständliche Aussage Aktantenzahl auf Gemeinsamkeiten der Be-
wäre und sich so deutlich gegenüber der von deutung (z. B. trivalente Verben des Sagens
12. Zu Tesnières Semantikkonzept 113

und Gebens und deren Gegenteil ⫺ S. 176) 3.3.3. In die Richtung einer möglichen Dis-
bzw. aus Unterschieden in der Aktantenzahl krepanz von Semantik und Aktantenstruk-
Rückschlüsse ableiten auf Bedeutungsunter- tur/Syntax scheint Tesnière allerdings auf
schiede der Verben? So modern und im Ein- S. 206 nochmals abzuzielen, wenn er darauf
klang mit Auffassungen von der Isomorphie hinweist, dass die Lexikographen immer die
zwischen Semantik und Syntax eine solche Aktantenstruktur bei Verben angeben sollten.
Interpretation auch klingen mag, so wenig „Denn ein Verb, von dem man nur die Be-
wird man damit wohl Tesnières spezifischer deutung, aber nicht die Aktantenstruktur
Auffassung von Bedeutung gerecht. Immer- kennt, ist überhaupt nicht verwendbar.“ Al-
hin sieht Tesnière bei dem Wechsel von einem lerdings wäre selbst bei vorausgesetzter Iso-
kausativen Verb zu seinem nichtkausativen morphie wohl in interlingualer Perspektive
Bezugsverb bzw. umgekehrt bei dessen Kau- und wohl auch intralingual kaum automa-
sativierung die Bedeutung beider Verben als tisch von der Bedeutung auf die Art und An-
unverändert gleich an, sodass sich nur die zahl der das Verb begleitenden Aktanten,
Aktantenzahl unterscheidet. „Alfreds Haben dessen Aktantenpotential, zu schließen.
in dem Satz Alfred hat ein Buch bleibt unver- Immerhin betont Tesnière an anderer
ändert erhalten in dem Satz Bernhard gibt Stelle (S. 161) zurecht, dass es nie erforderlich
Alfred ein Buch. Nur die Zahl der Aktanten wäre, „dass alle Valenzen eines Verbs durch
wechselt. Haben hat nur zwei (Alfred, ein ihren jeweiligen Aktanten belegt sind und da-
Buch), geben aber drei (Bernhard, Alfred, ein mit das Verb sozusagen saturiert ist“, was im-
Buch).“ (S. 180). (Allerdings handelt es sich pliziert, dass wir uns bei der Beurteilung des
hier um einen umgeformten Text seitens des Vorhandenseins von Isomorphie bzw. deren
Übersetzers U. Engel, wiewohl Tesnière selbst Ablehnung stets von der systemhaft potenti-
S. 181 diese Aussage geringfügig zu nuancie- ell möglichen Anzahl von Aktanten, dem für
ren scheint, wenn er feststellt: „… die Vorstel- das Verb bzw. die Verbvariante charakteristi-
lungen, die sie [die Verben des Sagens/Ge- schen Aktantenpotential und nicht von kon-
bens ⫺ G. W.] bezeichnen, entsprechen, abge- kreten Verwendungsbeispielen des betreffen-
sehen von einem weiteren Aktanten, den ele- den Verbs allein leiten lassen dürfen.
mentaren Vorstellungen des Wissens und Ha-
bens“, so scheint uns dennoch keine Fehldeu- 3.3.4. Tesnière scheint selbst eine Ausdiffe-
tung vorzuliegen). Unter Bezug auf morpho- renzierung seiner Bedeutungskonzeption im
logische und weitere Markanten für die Sinn zu haben, wenn er S. 177 in Anlehnung
Parallelität von kausativierten Verben und an Bally 1909, Bd. 1, S. 104 ff. für die triva-
deren Grundform stellt Tesnière immerhin lenten Verben des Sagens und Gebens fest-
S. 181 heraus: „Dieser einheitliche Markant stellt: „Diese ungeordneten Listen zeigen, wie
gilt für eine große Anzahl von Verben; er nützlich es für die Klassifikation von Wort-
weist auf ein kohärentes grammatikalisiertes schatzeinheiten ist, wenn man ein wenig Ord-
System von Relationen zwischen Verben mit nung in diese Varianten einer Grundidee
gleicher Bedeutung, aber unterschiedlicher bringt, indem man die Kernbedeutung und
Valenz hin“. die zusätzlichen Bedeutungsnuancen unter-
sucht.“ Außerdem verweist Tesnière S. 213
3.3.2. Skepsis scheint uns allerdings gegen- unter Bezug auf die Translation und Unter-
über einer durchgehenden Isomorphismusbe- schiede im sprachlichen Ausdruck zwischen
ziehung zwischen Semantik und Syntax bis Französisch und Deutsch (und anderen Spra-
zum endgültigen Nachweis des Gegenteils an- chen) darauf, dass „identische Inhalte in der
gebracht. Allerdings erbrächte uns die hier einen Sprache verbal, in der anderen nicht
aufgenommene Argumentation von Tesnière verbal (bspw. u. a. adverbial) ausgedrückt
nur eine trügerische Bestätigung einer mögli- werden“ und gibt das interessante Beispiel:
chen Diskrepanz, denn für uns besitzen kau- Er bimmelte die Straße hinauf. ⇒ Il montait
sativierte Verben und deren nicht-kausative la rue au son des grelots.
Grundformen eben im Gegensatz zu Tesnière
nicht die gleiche Bedeutung, sodass die fest- 3.4. Die Translation
gestellte abweichende Valenz eher als Argu- S. 253 bestimmt Tesnière die Translation als
ment für das Vorhandensein einer abweichen- einen der wichtigsten Mechanismen, durch
den Bedeutung und damit auch für die Exis- den die Unabhängigkeit des strukturalen
tenz einer Isomorphiebeziehung gewertet vom semantischen Bereich gewährleistet
werden könnte. wird. Bei Detailstudien hat er dann selbst auf
114 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

die Berücksichtigung feiner semantischer Un- 3.5.2. So sehr man Tesnière beipflichten
terschiede (bspw. zwischen de Paris und pari- kann, wenn er betont, dass es wichtig ist, wie
sien ⫺ S. 288) ebenso hingewiesen wie da- Menschen (d. h. wohl letztlich auch Sprecher
rauf, dass bei deverbativen Substantivbildun- verschiedener Sprachen übereinstimmend
gen der semantische Bezug zum Basisverb ⫺ oder u. U. auch abweichend ⫺ hier bleibt uns
ganz im Sinne der modernen „Vererbungs- Tesnière eine eindeutige Antwort schuldig)
theorie“ ⫺ unbedingt beachtet werden muss eine bestimmte Funktion sehen (S. 164), wo-
(S. 289/290). bei sich in der Diachronie Veränderungen er-
geben können, so sehr scheint es uns wichtig,
3.5. Probleme der Aktantenkonzeption nicht allzu kurzschlüssig und direkt von
Aus entsprechenden Ausführungen Tesnières, strukturellen Aspekten (Zahl der Aktanten
z. B. zu avalenten Verben, können abschlie- bzw. deren Nichtvorhandensein) auf die se-
ßend nochmals Rückschlüsse auf seine Be- mantische Ebene schließen zu wollen. So
deutungskonzeption abgeleitet werden, so könnten eben für solche Verben in dem einen
wenn er feststellt, „dass es sich hier um ein Fall eine Argumentkonstante als intralexe-
‘Drama’ handelt, das unabhängig von irgend- matische Aktantifizierung/Grammatikalisie-
einem Aktanten abläuft. Es schneit bezeich- rung, im anderen Fall ⫺ so im Russischen ⫺
net einfach ein in der Natur sich abspielendes dagegen ein Aktant als intralexematischer
Geschehen; wir können uns keinen Aktanten Bestandteil einer Mehrwortkollokation ange-
als Urheber dieses Geschehens vorstellen nommen werden, die in toto die gleiche Be-
(S. 162)“. zeichnungsfunktion realisiert wie Verb und
expletives es im Deutschen.
3.5.1. Tesnières Argumentation, bei der er
zum zweiten Mal ausdrücklich auf das
Drama Bezug nimmt, scheint uns indessen 4. Zusammenfassung
hinterfragbar, wenn man doch einen mögli-
chen ⫺ in diesen Fällen im Verbstamm reprä- Zusammenfassend lässt sich festhalten: Un-
sentierten Aktanten ⫺ annehmen würde, dem geachtet der sich in seiner strukturalen Syn-
zwar keine Funktionszuweisung als AGENS/ tax findenden Ausführungen zu semantischen
Verursacher, wohl aber als AFFIZIERTES, Aspekten sowie zur Relation zwischen Se-
etwas womit etwas geschieht, zuerkannt wer- mantik und Syntax, wäre es sicher unange-
den könnte. Gewiss lassen Sprachen wie messen, Tesnière als einen Wegbereiter der
Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch bei modernen Semantiktheorien oder etwa auch
solchen Witterungsverben keinen tatsächli- nur einer semantisch-funktionale Aspekte
chen Verbmitspieler/Aktanten außer z. B. ei- umfassend mit einbeziehenden Valenztheorie
nem Quasi-Subjektstatthalter zu; anders je- betrachten zu wollen. Dessen ungeachtet sind
doch in slawischen Sprachen, wie etwa auch
die von Tesnière zu solchen semantischen
dem Tesnière als Slawisten und Autor einer
(und kognitiven) Phänomenen sporadisch an
russischen Grammatik bestens vertrauten
mehreren Stellen gemachten Äußerungen in
Russischen, wo es heißt dozd idjot = es regnet
(der Regen geht); sneg padajet (Schnee fällt); Anbetracht des Zeitpunktes der Fertigstel-
hier erscheint sehr wohl ein Geschehensbetei- lung und des damaligen Entwicklungsstandes
ligter als Subjekt-Aktant, der zwar keinen der linguistischen Theoriebildung als geniale
Urheber des Geschehens bezeichnet, was ja Vorahnungen zu betrachten, wobei es aus
auch nach Tesnière durchaus nicht immer der heutiger Sicht leicht fallen mag zu bedauern,
Fall für den dominant so ausgezeichneten 1. dass Tesnière nicht sich an einigen Stellen
Aktanten = Subjektaktanten der Fall sein aufdrängende weiterführenden Schlussfolge-
muss. rungen selbst gezogen hat. Auf einige Bezugs-
Damit allerdings ist nichts dagegen gesagt, punkte zu neueren Ansätzen sowie konse-
dass es sich bei den deutschen, französischen quent semantische Interpretationsmöglich-
Witterungsverben um syntaktisch avalente keiten ist von uns von Fall zu Fall ohne An-
Verben, d. h. Verben ohne Mitspieler handelt, spruch auf Vollständigkeit und Explizitheit
weil zumindest die Angehörigen dieser aufmerksam gemacht worden, wobei wir hof-
Sprachgemeinschaften (nach Tesnière gene- fen, dass die eigenen, in sich nicht immer voll
rell jeder Mensch) in Witterungserscheinun- schlüssigen Auffassungen Tesnières dadurch
gen Vorgänge ohne Aktanten sieht (S. 162). weder verstellt noch gar verfälscht wurden.
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 115

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13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières

1. Die Translation in Tesnières Syntaxmodel erstmals einem breiteren Publikum vor. Im


2. Wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der gleichen Jahr erscheint der 1933 im Manu-
Translationstheorie Tesnières skript abgeschlossene Aufsatz Comment
3. Kritische Systematik der Translation construire une syntaxe, in dem die in der Pe-
4. Die Rezeption der Translationskomponente
tite grammaire russe enthaltenen theoreti-
5. Die Translation im Spannungsfeld von
Valenz und Dependenz und Forschungs- schen Ausführungen komprimiert präsentiert
perspektiven werden. Obwohl Tesnière sich zeit seines Le-
6. Literatur in Auswahl bens kontinuierlich mit der Translation be-
schäftigt hat, erfolgen umfassendere Darle-
gungen zur Translation erst wieder 1953 in
1. Die Translation in Tesnières einer Knappversion der 1959 postum publi-
Syntaxmodell zierten Eléments de syntaxe stucturale mit
dem Titel Esquisse d’une syntaxe structurale.
Für Tesnière ist der Translationsteil das Der der Translation gewidmete Raum in den
innovative Moment seines Syntaxmodells Eléments schließlich nimmt fast die Hälfte
schlechthin. Seine Beschäftigung mit der des Bandes ein, d. s. mehr als 300 Seiten, was
Translation lässt sich in ersten Anfängen be- die Bedeutung dieser Komponente für die Be-
reits 1918 dokumentieren (vgl. Baum 1976, schreibung von Sprachen eindrücklich unter-
25 f.). Das komplette Modell stellt er in der streicht. Die Translation lässt sich dabei im
1934 erschienenen Petite grammaire russe wesentlichen durch das Schlagwort „Katego-
116 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

rienwechsel“ umschreiben, der bei Tesnière welches auf einer höheren Abstraktionsstufe
sowohl den Wortklassenwechsel als auch den die Satzstruktur wiedergibt. Dafür werden
Funktionswechsel umfasst bzw. umfassen entsprechend der wortfundierten Satzdefini-
kann. tion kategorial definierte Wortklassensym-
bole herangezogen: I für Verb, O für Sub-
1.1. Das Rahmenmodell stantiv, A für Adjektiv und E für Adverb. Bei
Bevor auf die Translationskomponente einge- diesen vier Wortklassen handele es sich um
gangen wird, sei knapp das Rahmenmodell, (satz- bzw. syntagmen)konstituierende Wör-
welches als Dependenzmodell ⫺ und im Hin- ter (mots constitutifs), die allein in der Lage
blick auf die Kategorie des Verbs als Valenz- seien, Konnexionen zu etablieren. Alle ande-
modell konzpiert ist (zu den Grundlagen des ren traditionellen Wortarten (Präpositio-
Rahmenmodells vgl. auch Kap. 12), vorge- nen, Konjunktionen, Artikel usw.) spielen als
führt. grammatische „Hilfswörter“ (mots subsidiai-
Gegenstand der strukturellen Syntax ist res) keine Rolle beim Aufbau des Konnexi-
für Tesnière der Satz als „organisiertes Gan- onsgefüges. Ihre Aufgaben liegen in anderen
zes, dessen konstituierende Teile die Wörter Bereichen. ⫺ Das stemma virtuel ist Reprä-
sind“ (Tesnière 1959/1966, 11). Tesnière geht sentant für eine offene Reihe konkreter Sätze.
von einem zweiseitigen Zeichenmodell aus, Im Zentrum eines solchen Stemmas, soweit
in dem in Erweiterung der Saussureschen es sich um einen segmental kompletten Satz,
Zeichentheorie einem ordre linéaire, das ist um einen Satz mit finitem Verb, handelt,
die unidirektionale Ausdrucksseite, ein ordre steht immer das Verb. Entsprechend den vier
structural, das ist die hierarchisch konzipierte Grundwortklassen lässt sich ein Vier-Ebenen-
Inhaltsseite, zugeordnet ist. Dabei ist Tes- Modell herauslösen, das nach unten prinzipi-
nière aufgrund seines syntaktischen Anlie- ell erweiterbar ist. Allerdings sind ab der vier-
gens an dem interessiert, was den Satz aus- ten Ebene nur noch Adverbien, also die Kate-
macht, und das ist seine Struktur. Diese gorie E möglich:
Struktur wird als Netz von relationalen Be-
ziehungen, die er Konnexionen nennt, gese- 1. Ebene I
hen. Diese Konnexionen sind an das „Wort“
in seiner Eigenschaft als Knoten, nœud (syn-
taktischer Funktionsträger) bzw. als Nukleus
(syntaktisch-semantischer Funktionsträger,
der die nodale Funktion mitumfasst) gebun- 2. Ebene O1 O2 O3 E
den. Der Nukleus ist im ordre structural Rela-
tionspol für die Konnexionen. So besteht der
Satz Alfred parle nicht aus zwei, sondern aus
drei Komponenten: den beiden Knoten bzw. 3. Ebene A A A E
Nuklei Alfred und parle und der Beziehung,
die zwischen beiden besteht, eben der Konne-
xion. Die Darstellung erfolgt in Gestalt ei-
nes Stemmas:
4. Ebene E E E E
parle I
| | ⫽ Konnexion |
Alfred O
n.te Ebene … … … …
Konnexionen errichten zwischen den „Wör-
tern“ eines Satzes Dependenz-, d. h. Abhän-
gigkeitsbeziehungen, die eine hierarchische Die Abfolge der Kategorien auf den diversen
Anordnung der beteiligten Einheiten bewir- Ebenen ist eine obligatorische: von O abhän-
ken. Die Struktur des Satzes ist gleichbedeu- gig ist immer ein A (le grand livre), von A
tend mit der Hierarchie seiner Konnexionen. abhängig ist immer ein E (très grand) und von
Um nicht für jeden konkreten Satz ein eige- E abhängig kann nur ein weiteres E sein (très
nes Stemma aufstellen zu müssen, ersetzt Tes- bien). Die Indizes 1, 2 und 3 bei O zeigen an,
nière das ‘konkrete’ Stemma (stemma réel), ob O die Rolle eines 1. Aktanten (Subjekt),
oben linke Seite, häufig durch ein ‘abstraktes’ eines 2. Aktanten (direktes Objekt) oder eines
Stemma (stemma virtuel), oben rechte Seite, 3. Aktanten (indirektes Objekt) spielt. Das E
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 117

der 2. Ebene nennt Tesnière Zirkumstant (ad- gen vermuten lassen könnten. Die Wahl des
verbiale Umstandsbestimmung). Damit ist Französischen zur Dokumentation bisher
definitiv eine Abkehr vom bis dahin üblichen und im folgenden ist lediglich praktisch moti-
Binarismus in der Satzanalyse vollzogen. viert, da Tesnière in den Eléments selbst im-
Zwischen aufeinanderfolgenden Ebenen be- mer auch das Französische vorrangig im
stehen Dependenzbeziehungen. Der Begriff Auge hat. Tatsächlich belegt er seine struktu-
der Dependenz umfasst bei Tesnière sowohl rellen Aussagen anhand von Beispielen aus
die Verbdependenz, grosso modo also die Va- einer großen Anzahl von Sprachen ⫺ ja, er
lenz (Beziehungen zwischen Ebene 1 und 2, erhebt für sein Modell generell einen An-
sofern O-Positionen betroffen sind), als auch spruch auf Universalität: So dient etwa der
rein determinative Relationen im Sinne ordre structural als Maßstab für eine allge-
Hjelmslevs (1963, 35⫺41) als Funktion zwi- meine Sprachtypologie. Konnexion, Junktion
schen einer Konstanten (oberer Konnexions- und Translation sind diejenigen Folien, die
pol) und einer Variablen (unterer Konnexi- auf die jeweils betrachteten Sprachen aufge-
onspol) (Beziehungen zwischen den Ebenen 2 legt werden und deren Beschreibung konditi-
bis n, sowie zwischen den Ebenen 1 und 2, onieren. Das Modell ist zudem als Analyse-
sofern die E-Position in Gestalt einer freien und nicht als Synthesemodell entwickelt. ⫺
Angabe tangiert ist). Soweit zum Rahmenmodell und seinen Auf-
Die einzelnen durch Buchstaben gekenn- bau-, Funktions- und Beschreibungsprinzi-
zeichneten Positionen sind die Nuklei, in de- pien, deren Kenntnis für den Zugang zur
nen drei Funktionen vereint sind: die syntak- Translation unerläßlich ist.
tische Funktion (fonction nodale), die seman-
tische Funktion (fonction sémantique) und die 1.2. Die Translationskomponente
translative Funktion (fonction translative). Die Translation als sprachliche Operation
Während die beiden ersten Funktionen inter- umfasst im wesentlichen drei Komponenten:
dependent sind, ist die dritte optional. Die
(1) das Translativ (t) als Translationsopera-
Nuklei brauchen dabei nicht unbedingt origi-
tor (fakultativ)
näre Einheiten aus den zugeordneten Wort-
(2) das Transferendum als Operandum (obli-
klassen zu repräsentieren. Es gibt in jeder
gatorisch) und
Sprache vielmehr zwei Operationen, die
(3) das Translat als Resultat.
das statisch-kategoriale Funktionsmodell
auch für die Darstellung komplexerer sprach- Die graphische Darstellung geschieht in der
licher Strukturen brauchbar machen: die folgenden Weise:
Junktion und die Translation. Während durch
die Junktion (koordinative Erscheinungen)
Translat
eine quantitative Modifizierung des Bauplans
möglich wird ⫺ gleichartige Nuklei werden Translativ Transferendum
durch ein Junktiv verbunden vgl. Alfred et
Bernard chantent:
Zeichen für die Translation ist ein symboli-
sches T (für ‘Translation’), welches die Kom-
chantent I ponenten der für die Translation maßgebli-
chen Basen umgreift. Für die konkreten
Sprachbeispiele wird die folgende Form ge-
wählt:
Alfred j Bernard O j O
stemma réel: stemma virtuel:
A A
bietet die Translation die Möglichkeit einer
qualitativen Modifizierung im Bauplan, d. h. de Pierre t O
sprachliche Zeichen werden entgegen ihrer
primären Qualität innerphrastisch genutzt.
Junktion und Translation stellen die dynami- etwa für (le livre) de Pierre. D. h. statt eines
schen Komponenten an dem statisch (katego- primären Adjektivs (z. B. rouge) wird ein
rial) konzipierten Grundmodell dar. Dieses Komplex sprachlicher Einheiten verwendet
ist nun keineswegs nur aus einer Einzelspra- (de Pierre). Das Kategorialsymbol über dem
che abgeleitet, wie die bisherigen Darlegun- Querbalken des symbolischen T gibt die Ziel-
118 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

kategorie der Translation an (im Beispiel A). nung ist, zeigen Beispiele wie le train de Paris
Das untere abgeknickte Ende des T-Schaftes oder l’amour de Dieu:
weist auf die Stellung des Translativs vor
bzw. nach dem Transferendum hin. ⫺ Das
le train l’amour
gleiche abstrakte Stemma läge auch dt. Peters
Buch, das Buch Peters, das Buch von Peter,
engl. Peter’s book oder lat. liber Petri zu-
grunde, vgl.
A A
de Paris de Dieu
A A A A
Peter s von Peter Peter ’s Petr i Bei ihnen ist es unerheblich, welchen semanti-
schen Wert das adjektivische Element als Teil
des Konnexionsgefüges annimmt (‘der Zug
Dt. Peters Buch und das Buch Peters unter- von Paris’ oder ‘der Zug nach Paris’; ‘die
scheiden sich auf struktureller Ebene nicht. Liebe zu Gott’ oder ‘die Liebe Gottes’). Es
Die unterschiedliche Linearisierung von De- gibt nur eine syntaktische Struktur.
terminatum und Determinans spielt im ordre Im Normalfall verändert das Transferen-
structural keine Rolle. Damit erweist sich die dum seine Konnexionen nach oben, wohinge-
Translationskomponente von großem Inte- gen im Transferendum die Konnexionen nach
resse etwa für den Sprachvergleich sowie für unten entsprechend derjenigen Kategorie be-
eine Bewusstmachung u. a. von Linearisie- stehen bleiben, die den Ausgangspunkt für
rungs- und morphologischen Unterschieden die Translation bildet. So sind im obigen Bei-
im Fremdsprachenunterricht. ⫺ Für die ein- spiel die Substantive Paris und Dieu als pri-
dimensionale Darstellung der Translation ist märes O in ihrer Eigenschaft als Transferen-
die folgende Formulierung vorgesehen: dum auf der einen Seite nicht mehr von ei-
nem Verb (I) abhängig, sondern von einem
O (Ausgangskategorie) ⬎ A (Zielkategorie) Substantiv (O), auf der anderen Seite können
Innerhalb des Stemmas werden die Translate sie in ihrer Eigenschaft als originäres Sub-
folgendermaßen dargestellt, vgl. écrivez dans stantiv eine A-Position dominieren, und nicht
le livre de votre ami: etwa, wie es sich für eine Einheit der Wort-
klasse A gehört, ein Adverb: vgl. le très grand
amour, aber *l’amour très du Dieu, vgl.
écrivez
l’amour O O

dans le livre nicht:


A A A
du Dieu t O t O

A
de ami
invisible A E

votre
1.3. Realisierungsformen der Translation
Tesnière unterscheidet drei Haupttypen von
Auf eine Zuordnung des ordre linéaire ver-
Translationen, wenn auch in der Rezeption
zichtet Tesnière meist. Sie ist aufgrund der
nur von den beiden ersten die Rede ist:
prinzipiellen Annahme einer Interdependenz
von ordre structural und ordre linéaire auch (1) Translationen 1. Grades
nicht unbedingt notwendig. ⫺ Dass die (2) Translationen 2. Grades
Translation eine rein syntaktische Erschei- (3) formale Translationen
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 119

Die graphische Darstellung der Translatio- den kategorialen Rahmen nicht verlassen. ⫺
nen 2. Grades erfolgt analog derjenigen 1. Während Präpositionen und Konjunktionen
Grades, nur das Translationszeichen wird für Tesnière immer Translative sind, muss für
verdoppelt: im Stemma durch eine Doppel- den Artikel und für einen Teil der Suffixe ein
lung des Querbalkens des T, also , in der doppelter Status angesetzt werden: Zum ei-
Linearisierung durch eine Verdoppelung von nen sind sie Translative, zum anderen können
⬎, also ⬎⬎. sie aber auch reine, d. h. nicht-translative
Translationen 1. und 2. Grades unterschei- Indikatorfunktionen wahrnehmen, d. h. sie
den sich durch die Natur ihres Transferen- können Indikator (indice) für eine bestimmte
dums. Bei den Translationen 2. Grades ent- Kategorie, Wortklasse, sein, etwa der Artikel
hält dieses immer ein finites Verb mit besetz- als substantivischer Indikator in Fällen wie la
ten O- und/oder E-Positionen (also das In- maison, le chat usw., die nicht Ergebnis einer
ventar der traditionellen Nebensätze), wäh- Translation sind.
rend bei den Translationen 1. Grades das Bei den Translationen 1. und 2. Grades
Transferendum kein finites Verb enthält. unterscheidet Tesnière zwei Untertypen:
Durch dieses Abgrenzungskriterium wird das
(1) Einfachtranslationen (translations simples)
Inventar der möglichen Transferenda bei den
(2) Mehrfachtranslationen (translations mul-
Translationen 1. Grades sehr vielgestaltig. Es
tiples)
reicht von Einheiten der Wortebene bis hin
zu mehr oder weniger komplexen Syntag- Bei den Einfachtranslationen erfolgt die
men, die entsprechend den virtuellen, katego- Überführung von der Ausgangs- in die Ziel-
rial festgelegten Konnexionsvorgaben (vgl. kategorie direkt, bei den Mehrfachtranslatio-
oben das Vier-Ebenen-Schema) strukturiert nen über diverse kategoriale Zwischenstufen.
sein können. Jeder der beiden Translationsty- Beispiele für Einfachtranslationen 1. Gra-
pen ist durch besondere Translative gekenn- des (das Transferendum erscheint kursiviert):
zeichnet: Präpositionen, Artikel, Kopulaver-
A ⬎ O: le bleu
ben, Auxiliarverben, Suffixe und sonstige En-
E ⬎ O: peu d’eau
dungen bei der Translation 1. Grades,
I ⬎ O: mentir est une honte
soweit sie ein Markierungselement hat, und
O ⬎ A: un poète de genie
subordinierende Konjunktionen und Rela-
E ⬎ A: un homme bien
tivpronomina bei der Translation 2. Gra-
I ⬎ A: une femme aimée/aimante
des. So wären Infinitive Substantivtrans-
O ⬎ E: Alfred habite à Montpellier
late 1. Grades, Partizipien Adjektivtranslate
A ⬎ E: courageusement
1. Grades, der französische gérondif Adverbi-
E ⬎ E: en chantant, il …
altranslat 1. Grades mit der Präposition en
A/O/E ⬎ I: il est malade/roi/bien
als Translativ, desgleichen deadjektivale Ad-
verbien mit dem Suffix -ment als Translativ. Sondertypen der Einfachtranslation 1. Grades
Fälle wie le bleu, le pour et le contre usw. wä- sind die interversive Translation (translation
ren Substantivtranslate mit dem Artikel als inversée), die subkategorielle Translation
Translativ, orange in la robe orange wäre Ad- (translation subcatégorielle), die funktionelle
jektivtranslat mit einem Nullmorphem als Translation (translation fonctionelle), die
Translativ, desgleichen de mon frère in le livre Transvaluierung/Umwertung (transvaluation)
de mon frère, allerdings diesmal mit einer Prä- sowie die zweiteilige Translation (translation
position als Translativ. Bleiben als letzte die attenuée). ⫺ Bei der interversiven Translation
Verbtranslate 1. Grades, die mit Hilfe eines vollzieht sich lediglich ein Kategorientausch
Auxiliarverbs, zu denen auch die Kopulaver- der an einem Syntagma beteiligten Elemente,
ben gezählt werden (im einfachsten Fall sein, z. B. un imbécile de marmiton, mit den Trans-
être), zustande kommen, mit dem auxilié lationen A ⬎ O (imbécile ⬎ un imbécile) und
bzw. dem Prädikationsnomen als Transferen- gleichzeitig O ⬎ A (le marmiton ⬎ de marmi-
dum. Zu den Translaten 2. Grades zählen Er- ton), d. h. die Translation des zweiten Be-
gänzungssätze, Relativsätze und adverbiale standteils des Syntagmas ist die Umkehrung
Nebensätze. Grundvoraussetzung für das Er- derjenigen des ersten. ⫺ Bei der subkatego-
kennen von Translaten ist also das Wissen riellen Translation sind Ausgangs- und Ziel-
um die kategoriale Zugehörigkeit eines als kategorie identisch, m. a. W.: sie vollzieht sich
Translationsbasis genutzten Elements, was innerhalb ein und der selben Kategorie und
Tesnière auch den Vorwurf eingebracht hat, führt von einer Subkategorie in die andere,
er habe mit seinem Syntaxmodell im Prinzip z. B. einfache Verbformen ⬎ zusammenge-
120 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

setzte Verbformen (I ⬎ I), ferner der Typ de- Der Umfang der Mehrfachtranslationen ist
puis hier, avant demain (E ⬎ E) und der Typ nicht auf synchronische Erscheinungen be-
cinquième (A ⬎ A). In diese Gruppe, wenn schränkt.
auch mit einer nicht unwesentlichen Schwer- Beispiele für Mehrfachtranslationen 1. Gra-
punktverlagerung, gehört ferner die funktio- des:
nelle Translation, die durch das Einbringen ⫺ doppelte Translation, z. B. A ⬎ O ⬎ E:
von O’s in andere Positionen als die des 1. dans le vif (A ⬎ O: vif ⬎ le vif; O ⬎ E: le
Aktanten bewirkt wird. Damit steht die funk- vif ⬎ dans le vif ). ⫺ Ein Sonderfall der
tionelle Translation an der Scheidelinie zu Zweifachtranslation ist die translation ré-
den Translationen 2. Grades, denn auch aus versive, bei der die Ausgangskategorie wie-
diesem Translationstyp resultierende Trans- der erreicht wird, vgl.: O ⬎ E ⬎ O bei
late können virtuell Funktionen wahrneh- l’après-midi mit O ⬎ E: midi ⬎ après midi
men, die nicht O1 sind (Objekts- und Adver- und E ⬎ O: apres midi ⬎ l’après-midi
bialsätze). Von Bedeutung ist bei diesem ⫺ Dreifachtranslation, z. B. A ⬎ O ⬎ A ⬎
Translationstyp nicht mehr der interkategori- O: la mort de Socrate est celle d’un sage
ale Wechsel, sondern die Funktionsänderung (A ⬎ O: sage ⬎ un sage; O ⬎ A: un sage
bei gleichbleibender Kategorie. ⫺ Die trans- ⬎ d’un sage; A ⬎ O: d’un sage ⬎ celle d’un
valuation meint die Translation eines mot sage; eigentlich sogar Vierfachtranslation
constitutif in ein mot subsidiaire und umge- O ⬎ I mit Hilfe des Kopulaverbs être:
kehrt, z. B. les enfants exceptés ⬎ excepté les celle d’un sage ⬎ est celle d’un sage)
enfants bzw. dans ⬎ dedans, usw. mit den ⫺ Vierfachtranslation (siehe Dreifachtrans-
Translationen A ⬎ t bzw. t ⬎ E. ⫺ Die trans- lation)
lation attenuée schließlich ist eine doppelt ⫺ Fünffachtranslation, z. B. I ⬎ A ⬎ O ⬎ E
markierte Translation, wobei sich die Mar- ⬎ A ⬎ O: l’embonpoint (I ⬎ A: lat. v.
kierungselemente in der translativen Funk- pungo ⬎ lat. adj. punctus [erstarrte
tion gegenseitig ergänzen ohne eine Mehr- Translation (translation figée)]; A ⬎ O:
fachtranslation zu bewirken, etwa lat. cum lat. adj. punctus ⬎ lat. subst. punctum
(amic)o; weder cum noch -o sind für sich al- [nicht-markierte Translation]; O ⬎ E: lat.
lein Translativ, sie nehmen diese Aufgabe nur punctum, nun bereits in Form von frz.
gemeinsam wahr; ebenso frz. en (chant)ant, point ⬎ en point; E ⬎ A: en point ⬎ en
wo weder en noch -ant allein als Translativ point [nicht-markierte Translation]; A ⬎
für eine Translation I ⬎ E genügen. Man O: en (bon) point ⬎ l’embonpoint
könnte sozusagen von einem „diskontinuier- ⫺ Sechs- und Siebenfachtranslationen be-
lichen Translativ“ sprechen. rücksichtigen desgleichen in der Regel die
Einfachtranslationen 2. Grades haben im- Etymologie des analysierten Komplexes
mer die Kategorie I mit allen von dieser ab-
Beispiele für Mehrfachtranslationen 2. Gra-
hängigen Elementen zum Ausgangspunkt.
des:
Beispiele für Einfachtranslationen 2. Gra-
des: ⫺ doppelte Translation, z. B. I ⬎⬎ A ⬎ O:
je regarde ce que je perds (I ⬎⬎ A: je perds
I ⬎⬎ O: Subjekts- und Objektskompletiven, ⬎⬎ que je perds; A ⬎ O: que je perds ⬎
einschließlich der indirekten Frage- ce que je perds) oder I ⬎⬎ E ⬎ A: des
sätze souvenirs de quand j’étais enfant (I ⬎⬎ E:
I ⬎⬎ A: Relativsätze j’étais enfant ⬎⬎ quand j’étais enfant; E ⬎
I ⬎⬎ E: Adverbialsätze (diverse semantische A: quand j’étais enfant ⬎ de quand j’étais
Werte) enfant)
Sondertypen wie bei den Translationen ⫺ Dreifachtranslation, z. B. I ⬎⬎ A ⬎ O ⬎
1. Grades gibt es hier keine. Auf die Zwi- E: voir par ce que je suis ce qu’autrefois je
schenstellung der funktionellen Translation fus (I ⬎⬎A: je suis ⬎⬎ que je suis; A ⬎
zwischen den Translationen 1. und 2. Grades O: que je suis ⬎ ce que je suis; O ⬎ E: ce
wurde bereits hingewiesen. que je suis ⬎ par ce que je suis)
Mehrfachtranslationen sind Translationen, ⫺ Belege werden bis zu Sechsfachtranslatio-
die über verschiedene kategoriale Zwischen- nen gegeben, z. B. I ⬎⬎ E ⬎ A ⬎ O ⬎A
stufen zustande kommen. Der betroffene ⬎I ⬎ I: elle va être d’un comme il faut.
Nukleus umfasst dabei mehrere Transla- Mehrfachtranslationen 2. Grades enthalten
tionen, wobei jeweils ein Translat Trans- neben einer Einfachtranslation 2. Grades nur
ferendum für eine weitere Translation ist. noch Translationen 1. Grades.
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 121

Bleibt noch der dritte Translationstyp, die espèce de mot en une autre espèce de mot“
sog. formale Translation. Diese gehört weder (Tesnière 1959/1966, 364) („In ihrem Wesen
zu den Translationen 1. noch zu denen 2. besteht die Translation also darin, ein Voll-
Grades. Sie kann jede beliebige Ausgangsba- wort aus einer grammatikalischen Kategorie
sis haben und hat als Zielkategorie immer O: in eine andere grammatikalische Kategorie
„C’est la translation elle-même qui donne un zu überführen, d. h. eine Wortart in eine an-
statut syntaxique au transférende, car elle le dere Wortart zu verwandeln“). Dieser Kate-
verse dans une catégorie et le fait ipso facto gorienwechsel hat seinerseits einen Funkti-
entrer dans un nucléus. De ce point de vue onswechsel zur Folge, da Kategorie und
on pourrait dire qu’elle est novonucléaire“ Funktion aneinander gebunden seien: „Il y a
(Tesnière 1959/1966, 389) („Die Translation donc lieu de distinguer soigneusement les
selbst verleiht dem Transferendum einen syn- deux opérations. La première est le change-
taktischen Status, denn sie weist ihn einer ment de catégorie qui constitue la translation.
Kategorie zu und integriert ihn so in einen Elle commande la seconde. La seconde est le
Nukleus. Deshalb könnte man sagen, sie changement de fonction qui en résulte, et qui
sei nukleuszuweisend“). Durch die formale commande à son tour toutes les possibilités
Translation wird eine Art metasprachliche stucturales“ (loc. cit.) („Man muss folglich
Nutzung sprachlicher Segmente unterschied- zwei Operationen sorgfältig unterscheiden:
licher Komplexität ermöglicht, und sie ist für Die erste ist der Kategorienwechsel, der die
Tesnière immer ohne Markierungselement: Translation ausmacht. Dieser bewirkt die
J’aime superbement et magnifiquement :/ zweite. Die zweite Operation ist der Funkti-
Ces deux adverbes joints font admirablement. onswechsel, der daraus resultiert und der sei-
Oder: ⫺ Peut-être serais-tu général./ ⫺ Ce nerseits alle strukturellen Möglichkeiten steu-
„peut-être “ est une insulte. Hierher gehören ert“). Die Konnexion etabliert sich sozusagen
aber auch fremdsprachliche Zitate wie le no automatisch zwischen bestimmten Wortkate-
man’s land ; je pratique assez énergiquement gorien und ist ⫺ wie auch sonst ⫺ durch
le nihil admirari, usw. Die Ausgangskatego- nichts markiert. Damit ist die Translation ein
rie ist nicht festgelegt. Wichtig ist nur, dass eng umgrenztes Phänomen, das mit dem Auf-
dieser Komplex als Art kategoriales Neutrum bau des phrastischen Konnexionsgefüges nur
in der jeweiligen Sprache ausnahmslos in der mittelbar zu tun hat. Für die Struktur des
Zielkategorie O möglich ist bzw. als Nicht-O Satzes leistet sie nichts. Dafür ist die Katego-
Resultat einer Mehrfachtranslation über O rie verantwortlich, die durch die Translation
ist. ⫺ Das generelle Postulat des fehlenden angesteuert wird. Die Translation ist dem-
Markierungselements bei diesem Translati- nach ein kategoriales Phänomen mit syntak-
onstyp ist allerdings nicht unproblematisch, tischen Konsequenzen.
da an anderer Stelle der Artikel zu den Trans-
lativen gezählt wird. (2) Die Translation als Funktionswechsel. ⫺
„Pour bien comprendre la nature de la trans-
1.4. Die Natur der Translation lation, il importe de ne pas perdre de vue que
So einleuchtend die Einführung der Transla- c’est un phénomène syntaxique et qui, par
tionskomponente ins Syntaxmodell auf der conséquent dépasse les données morphologi-
einen Seite auch sein mag, so ist sie auf der ques avec lesquelles nous avons la mauvaise
anderen Seite jedoch nur schwer in den Griff habitude de raisonner en syntaxe“ (op. cit.,
zu bekommen, da Tesnière zwischen zwei In- 365). („Um die Natur der Translation richtig
terpretationen schwankt. Zum einen definiert zu verstehen, darf man nicht aus dem Blick
er die Translation als vom ordre structural verlieren, dass sie ein syntaktisches Phäno-
prinzipiell unabhängigen reinen Kategorien- men ist, das folglich die morphologischen
wechsel, also als Wortklassenwechsel, zum Gegebenheiten transzendiert, mit denen auf
anderen sucht er ihre Fundierung im ordre syntaktischer Ebene zu argumentieren wir die
structural und definiert sie vorrangig als schlechte Angewohnheit haben“). Und das
Funktionswechsel. ganze wird anhand des Beispiels le livre de
Pierre noch einmal deutlich gemacht: „Si,
(1) Die Translation als Kategorienwechsel. ⫺ Pierre étant substantif, le groupe de Pierre
„Dans son essence, la translation consiste prend syntaxiquement la valeur d’adjectif,
donc à transférer un mot plein d’une catégo- c’est que la préposition de en a changé la na-
rie grammaticale dans une autre catégorie ture syntaxique. D’un substantif, elle a fait
grammaticale, c’est-à-dire à transformer une syntaxiquement, un adjectif. ⫺ C’est à ce
122 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

changement de nature syntaxique que nous der Durchführung nicht sauber gegeneinan-
donnons le nom de translation“ (op. cit., 363) der abgegrenzt. Funktionelles wird vielmehr
(„Wenn, davon ausgehend, dass Pierre ein in kategorialer Terminologie behandelt, was
Substantiv ist, die Gruppe de Pierre syntak- letztendlich bei der Darstellung der Transla-
tisch gesehen den Wert eines Adjektivs an- tion zu den widersprüchlichen Definitionen
nimmt, so deshalb, weil die Präposition de geführt hat. Statt mit Funktionsbegriffen zu
dessen syntaktische Natur verändert hat. Aus hantieren, argumentiert Tesnière ausschließ-
einem Substantiv hat sie syntaktisch gesehen lich über Kategorialsymbole, die mit be-
ein Adjektiv gemacht. Und diesen Wechsel in stimmten Funktionen gleichgesetzt werden,
der syntaktischen Natur nennen wir Transla- ohne dass eine terminologische Anpassung
tion“). Dass Tesnière ganz offensichtlich stattfindet: O für Substantiv und Aktant, E
Probleme bei der definitorischen Fassung der für Adverb und Zirkumstant, A für Adjektiv
Translation hat, macht das folgende Zitat zur und Attribut und I für Verb und Prädikat
Translation 2. Grades noch einmal deutlich: bzw. Satz.
„La translation du second degré […] com-
porte obligatoirement un changement d’étage
syntaxique, puisqu’un nœud régissant est 2. Wissenschaftsgeschichtliche
transféré en une espèce de mot jouant un rôle Einordnung der Translationstheorie
de subordonné dans un autre nœud régissant Tesnières
hiérarchiquement supérieur“ (op. cit., 386)
(„Die Translation 2. Grades umfasst notwen- Tesnière hat, wie Baum (1976, 13 ff., 127)
digerweise einen Wechsel der syntaktischen meint, zwar im Detail nichts grundlegend
Ebene, da ein dominierender Knoten in eine Neues in die deskriptive Sprachbetrachtung
Wortart transferiert wird, die eine unterge- eingebracht, was nicht in der einen oder an-
ordnete Rolle in Bezug auf einen anderen deren Form bereits vor ihm behandelt wor-
Knoten spielt, der hierarchisch höher steht“). den wäre; dennoch trägt Tesnières Leistung
Belege, die diese Problematik beleuchten, durchaus innovatorische Züge. Tesnière ist
gibt es an zahlreichen Stellen im Verlauf der der erste, der im syntaktischen Bereich (aus-
Eléments, vgl. etwa noch „La proposition ac- gehend vom Satzganzen und nicht von einer
tancielle est ainsi un nœud verbal transféré Kombination einzelner Redeteile) konse-
en actant par une translation secondaire, la quent eine systematische Zusammenschau
proposition circonstancielle un nœud verbal der strukturellen, und nicht nur der linearen
transféré en circonstant par une translation Aspekte von Sprache liefert. Sowohl einfache
secondaire“ (op. cit., 547) („Die aktantielle als auch umfassendere sprachliche Phäno-
Proposition ist so ein Verbalknoten, der mene werden in einen einheitlichen systemati-
durch eine Translation 2. Grades in einen Ak- schen Zusammenhang gestellt und über ein
tanten; die zirkumstantielle Proposition ist endliches Inventar von Beschreibungskatego-
ein Verbalknoten, der durch eine Translation rien im Rahmen eines einheitlichen Grund-
2. Grades in einen Zirkumstanten transferiert modells dargestellt. Der dadurch vollzogene
ist“). Hier wird v. a. deutlich, dass im Zusam- Übergang von einer reinen Kategoriensyntax
menhang mit der Translation nicht mehr mit zu einer Funktionssyntax im Sinne einer rela-
espèces de mot argumentiert wird: Aktant tionalen, dependentiellen Beschreibung des
und Zirkumstant sind keine espèces de mot, Untersuchungsgegenstandes ist ⫺ trotz am-
sondern Funktionen, Rollen im Satz, denen biger Terminologie ⫺ forschungshistorisch
zwar bestimmte espèces de mot zugeordnet gesehen eine relativ junge Erscheinung. Em-
werden können (O oder E), die aber definiti- pirische Sprachbeschreibung ⫺ Tesnière be-
onsgemäß aus dem Satz abgeleitet sind und tont immer wieder, dass für ihn die sprachli-
nur dort greifbar werden. Unter diese Be- chen Fakten Ausgangs- und Zielpunkt seien
schreibung der Translation fallen auch die ⫺ vollzog sich bis dahin fast ausschließlich
Kasusformen in Kasussprachen, bei denen im Rahmen der im 2. Jh. v. Chr. durch Dio-
ebenfalls der Funktionswechsel tragendes nysios Thrax in der Tradition der Stoiker auf-
Definitionsmoment ist. Die Kategorie bleibt gestellten Redeteile, die wesensmäßig Wort-
in diesen Fällen unverändert. arten waren. Die Gewichtsverlagerung von
In der Translation offenbart sich das den Redeteilen weg hin zu einer primären Be-
Grundproblem des Tesnièreschen Syntaxmo- schreibung der Proposition durch die ratio-
dells schlechthin: Kategorie und Funktion nalistische Grammatik im Gefolge der Gram-
werden trotz postulierter Verschiedenheit bei maire générale et raisonnée von Arnauld und
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 123

Lancelot (1660) erweist sich als nicht unprob- mutabler Strukturen unterschiedlicher Kom-
lematisch, da damit gleichzeitig eine Verschie- plexitätsklassen im Rahmen eines Valenzkon-
bung von der sprachlichen zu einer logischen zepts (Ipsi-, Äqui-, Konvalenz). Ebenfalls auf
Beschreibungsebene vorgenommen wird, in diesen Phänomenbereich hebt die Rangtheo-
deren Rahmen sämtliche Wortartenunter- rie von Otto Jespersen 1924, 1925, 1937 ab.
schiede faktisch transzendiert werden, da da- Und last but not least sei auch der von Tes-
von ausgegangen wird, dass sich jeder Satz nière in den Eléments selbst genannte Charles
auf der logischen Ebene in eine propositio- Bally 1932 und seine Transpositionstheorie
nale Struktur auflösen lässt, die durch das genannt (zu all diesen Modellen sowie ihrer
Zusammenspiel von Subjekt und Prädikats- Inbezugsetzung zu Tesnières Modell und der
nomen (attribut), verbunden durch eine Ko- Translationstheorie vgl. Werner 1993, 62⫺
pula (im Normalfall être), gekennzeichnet ist 74).
(so lässt sich etwa der Satz Paul court zurück- Soweit zum Forschungsstand in Europa
führen auf die Proposition Paul est courant). bis zum Tod Tesnières. Außereuropäische
Allerdings gestattet diese Perspektive die Versuche, ähnlich umfangreiche Sprachbe-
Aufdeckung von Analogien zwischen einzel- schreibungen zu liefern, fehlen. Die Model-
nen Redeteilen, Wortarten, und funktionell le, die im Zusammenhang mit dem amerika-
äquivalenten Größen: so werden z. B. Adjek- nischen Strukturalismus entwickelt wurden,
tive auf Relativsätze zurückgeführt, u.ä. Eine Substitutionsmodell und IC-Analyse, be-
erste konsequente Umsetzung von der logi- schränken sich überwiegend auf die Beschrei-
schen auf die sprachliche Ebene findet sich bung einfacher Sätze. Bis Anfang/Mitte der
erst ca. 100 Jahre später bei Gabriel Girard 50er Jahre gibt es außerhalb Europas nichts
in seinen Vrais principes de la langue francoise mit den angeführten Modellen und ihrem
(1747), in denen funktionelle Analogien zwi- Geltungsbereich Vergleichbares.
schen einfacher und komplexer Füllung
sprachlich greifbarer syntaktischer Funktio- 3. Kritische Systematik
nen herausgearbeitet, benannt und systemati-
siert werden und in denen Tesnières Anliegen, der Translation
das er mit der Translation dokumentiert, vor- Angesichts der zentralen Rolle der Konnexio-
weggenommen scheint (vgl. Werner 1997). nen im Syntaxmodell von Tesnière gerade aus
Seit dem ausgehenden 19. Jh. finden sich der Perspektive von Valenz und Dependenz
dann vermehrt Versuche einer kategoriell- soll im Folgenden das konnexionelle Verhal-
funktionell integrativen Beschreibung von ten der Translate als Maßstab für eine kriti-
Sprache (vgl. etwa Paul 1880, 296; Kalepky sche Bewertung der Translationskompo-
1928, 14⫺28; Cejador 1905, 299; Lenz 1920; nente, so wie sie von Tesnière konzipiert wor-
usw.). Tesnière selbst weist hin auf erste An- den ist, dienen. Dies ist durchaus legitim, da
sätze einer Translationstheorie bei Bally, Ju- die Translationskomponente als Teilkompo-
ret, Guillaume, Gougenheim, Benveniste, nente eines allgemeinen Syntaxmodells einge-
Porzig und Kuryłowicz (vgl. Tesnière 1959/ führt wird und dementsprechend auch mit
1966, 381 ff.), die einzelne Aspekte aus dem den Grundpostulaten dieses Modells harmo-
durch seinen Translationsbegriff abgedeckten nieren sollte. Als Beispielsprache wird auch
Spektrum angesprochen haben, und zwar hier das Französische gewählt, denn wenn ein
überwiegend solche aus dem Bereich der Modell universal sein soll, muss es in jeder
Morphologie und der Wortbildung, zum Teil beliebigen Einzelsprache auffindbar sein. ⫺
auf der Basis des Sprachvergleichs. ⫺ Was Die Translation wird von Tesnière als intra-
dem Tesnièreschen Modell zeitgenössische in- nukleare Operation beschrieben, d. h. sie
tegrative Beschreibungsmodelle angeht, so vollzieht sich innerhalb des Nukleus. Wenn
wäre hier das monumentale Des mots à la die Translation nun als ein rein intranuklea-
pensée. Essai de grammaire de la langue fran- res Phänomen ausgewiesen wird und die Da-
çaise von Jacques Damourette und Edouard seinsberechtigung des Nukleus aus dem ordre
Pichon aus den Jahren 1911⫺1940 anzufüh- structural abgeleitet wird, dürften sich aus
ren, das Tesnière sehr wohl gekannt hat. dem translathaltigen Nukleus keinerlei Kon-
Auch in diesem Werk werden weite Teile der- sequenzen für die anderen Nuklei der glei-
jenigen sprachlichen Phänomene, die Tes- chen Struktur ergeben ⫺ doch dies ist keines-
nière unter dem Begriff der Translation ab- wegs immer der Fall. Ein Tesnièresches
handelt, als modellintegrierter Bestandteil ge- Translat kann durchaus von nukleusüber-
führt, allerdings unter dem Vorzeichen kom- greifender Bedeutung sein.
124 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Oberer Relationspol für eine Konnexion O O


ist immer ein I, O, A oder E, und zwar in
Form eines mot constitutif. Je nach dessen le bleu t A O
Wortklassenzugehörigkeit ermöglicht dieses
die Anbindung einer Einheit aus einer be- also:
stimmten anderen Wortklasse. Mit Hilfe der
Translation nun können Einheiten angebun- A A A
den werden, die von der Kategorialhierarchie du ciel t O
nicht vorgesehen sind. Das können wortklas-
senindizierte Einheiten einer nicht-komple-
mentären Wortklasse sein, aber auch syntag-
matische und syntaktische Komplexe. Im Substantivtranslate mit dem Translativ ‘Arti-
Normalfall verändert sich dabei der obere kel’ verhalten sich im Französischen wie pri-
Relationspol der Konnexion für das Transfe- märe Substantive, d. h. sie dominieren wie
rendum, während der/die untere/n Relations- diese virtuell A- und nicht E-Positionen
pol/e des ranghöchsten Nukleus im Transfe- (*l’extrêmement bleu). In diesem Zusammen-
rendum erhalten bleiben, d. h. ein durch ein hang muss auch die formale Translation und
Verb (I) dominiertes Transferendum kann deren postulierter Sonderstatus als dritter
durchaus Aktanten- und/oder Zirkumstan- Translationstyp gesehen werden, da es sich
tenpositionen besetzt haben, selbst wenn es hier ausnahmslos um Einheiten handelt, die
durch die Translation in eine A-Position ge- (zunächst) in die Kategorie O eingebracht
langt ist, vgl. la maison qu’il a vendue: werden (vgl. 1.3).
Sieht man vom Typ der artikelindizierten
Substantivtranslate ab, so ist der Normalfall
la maison O der, dass Konnexionen von O, A und E und
mit Einschränkungen auch von I nach unten
blockiert sind, sobald ein Translat und nicht
eine Einheit der primär zugeordneten Wort-
A A klassen diese Position einnimmt: vgl. qu’il soit
que a vendue t I arrivé m’étonne:

étonne I
il ..... O1 (O2)
also:

Das durch I dominierte Syntagma ist durch O me O


die Translation zu A geworden und kann in- que soit arrivé
folgedessen ein O determinieren, d. h. ihm in
diesem Fall subordiniert werden.
Doch lassen sich nicht alle Translationsty- il A
pen Tesnières in diesen explizit definierten
Rahmen einpassen. Zunächst wären diejeni-
gen Translationen zu nennen, die im Franzö- Das Translat ist hier terminaler Nukleus, d. h.
sischen über den Artikel als Translativ ausge- ein Nukleus, von dem aus als ganzem ein be-
führt werden. Hier verändert sich zwar auch stimmter Konnexionstyp, nämlich eine deter-
die Zielkategorie und damit der obere Relati- minative Konnexion nach unten, nicht mehr
onspol der Konnexion, d. h. das Transferen- möglich ist. ⫺ Doch damit ist die Sachlage
dum kann einem Verb direkt untergeordnet bei Tesnière noch keineswegs vollständig er-
werden, aber gleichzeitig verliert das Transfe- fasst. Auch bei den Verbtranslaten mit einem
rendum die Möglichkeit, sein altes Kon- Kopulaverb als Translativ ⫺ sieht man ein-
nexionssystem zu nutzen. Es gewinnt viel- mal von der ambigen Behandlung der Kopu-
mehr die Fähigkeit, Konnexionen entspre- lakonstruktion ab ⫺ gibt der konnexionelle
chend der Zielkategorie aufzubauen. Die Faktor zu Überlegungen Anlass. Bei diesem
Translation wäre hier also tatsächlich intra- Translationstyp stellen zwar die untere(n)
nuklear, ohne Konsequenzen für das restliche Konnexion(en) des Transferendums keine
Strukturgefüge, vgl. le bleu du ciel: weiteren Probleme dar. Diese entsprechen de-
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 125

nen des ranghöchsten Nukleus im Transfe- mals waren, sei dahingestellt. Solche Transla-
rendum (vgl. il est malade ⫺ il est très ma- tionen lägen sowohl im Falle der Derivation
lade wie une femme très malade). Neu ist bei (z. B. acclamation, lenteur) vor (mit dem De-
diesem Typ jedoch, dass durch das Translat rivationssuffix als Translativ) als auch im
est malade entsprechend der Definition der Falle der Komposition (z. B. abat-jour, orang-
Zielkateogire I als natura ranghöchstem Nuk- outang ⬍ malays. orang outang ‘homme des
leus im Satz keine neue Konnexion nach bois’), bei denen zwischen den Bestandteilen
oben aufgebaut zu werden braucht. Und im jeweils eine Determinationsrelation bestünde.
Falle eines finiten Kopulaverbs kommt es im Problematisch erweist sich in beiden Fällen
Französischen zur Errichtung einer diesmal die Tatsache, dass beide Translationstypen
obligatorischen Konnexion nach unten (O1), bei wortklassenindizierten Einheiten enden.
die jedoch nicht determinativer, sondern de- Derivate und Komposita sind gleichermaßen
pendentieller Natur ist: immer auch O, A, E oder I und eröffnen
dementsprechend Leerstellen für determina-
I I tive Nuklei. Zudem ist der Determinationsbe-
est malade t A griff bei Tesnière hinsichtlich der Beschrei-
bungsebene (Objektsprache, nicht-ausgangs-
sprachliche Paraphrase usw.) nicht eindeutig
festgelegt.
Der Maßstab der Konnexionen hat für die
il très O1 E Translate ein höchst komplexes Bild geliefert.
Die Translation führt teils in den Bereich der
I und O1 sind im entsprechenden Kontext in- Wortbildung (Derivation, Komposition) so-
terdependent. Das Translat als ganzes ist je- wie der Flexionsformen (Deklinations- und
doch essentiell terminaler Nukleus im obigen Teile der Konjugationsformen), teils in den
Sinne: eine determinative Konnexion nach der Sytagmatik und Syntax (restliche Trans-
unten, die I als ganzes betrifft, ist nicht mög- late 1. Grades und Translate 2. Grades). Die
lich. ⫺ Ein weiterer Typ, was die Art der konnexionellen Konsequenzen der Transla-
Konnexion(en) von Translat und Transferen- tion für Translate und/oder Transferenda
dum angeht, sind die sog. subkategoriellen sind vielfältig. Ein allen gemeinsamer Nenner
Translationen. Diese Translationen zeichnen ist kaum zu finden. Insgesamt gesehen trägt
sich nach Tesnière dadurch aus, dass sich die Translationskomponente den Konstrukti-
konnexionell überhaupt nichts verändert, we- onsmodalitäten des Rahmenmodells in man-
der an den oberen noch an den unteren Kon- cherlei Hinsicht nicht Rechnung. Die aus der
nexionsmöglichkeiten, vgl. il vend sa voiture Translation resultierenden Translate bilden
⬎ il a vendu sa voiture: ein recht heterogenes Inventar. Gemeinsam
ist allen Translaten eigentlich nur, dass ihr
Auftretenskontext ihnen offenbar nicht pri-
I I
mär zugeordnet ist (zu weiteren Problemen,
a vendu die im Zusammenhang mit der Translation
vend auftreten vgl. Werner 1993, 119⫺144; Koch/
Krefeld 1993, 144⫺166).

il sa voiture il sa voiture O1 O2
4. Die Rezeption der
Translationskomponente
Zudem ist eine Determination von I jeder- Obwohl die Bedeutung der Translationskom-
zeit möglich. ponente in Tesnières Syntaxmodell immer
Als letztes muss unter konnexionellem As- wieder betont worden ist ⫺ auch für den Be-
pekt auf die Zuordnung von Wortbildungen reich der Sprach- und Fremdsprachendidak-
zu den Translationen eingegangen werden. tik ⫺ hat bis in die jüngste Zeit kaum eine
Tesnière räumt allerdings ein, dass es sich autonome Beschäftigung mit diesem Phäno-
hierbei um erstarrte Translationen (translati- men stattgefunden. Während der von Tes-
ons figées) handle, um Translationen also, nière propagierte Verbzentrismus in Form
die, anders als die bisher behandelten Typen, der Valenz- und Dependenzgrammatik schon
nicht mehr frei anwendbar seien; ob sie es je- bald Nachahmer und Exegeten in den ver-
126 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

schiedensten Lagern gefunden hat, fand der lation, ohne jedoch auf Tesnière zu verwei-
Translationsteil kaum Beachtung, obwohl sen, zu einem integrativen Bestandteil seines
ihm gerade auch für eine Valenz- und Depen- eigenen psychomechanischen Sprachmodells
denzanalyse grundsätzliche Bedeutung nicht macht. Und seit Anfang der 90er Jahre setzt
abgesprochen wurde (vgl. Gréciano 1972, sogar eine, wenn auch noch begrenzte syste-
152, 192; Baum 1976, 114). So erfolgt die matische Diskussion um die Translationen
frühe Anwendung des Tesnièreschen Modells Tesnières ein. So verwendet Lemaréchal 1989
auf die Lateingrammatik durch Dönnges/ die Translation als Beschreibungskategorie
Happ 1972 ohne Rückgriff auf die Transla- für eine Reihe nicht-indogermanischer Spra-
tion ⫺ ein Manko, das für das Lateinische chen Afrikas und anderer Regionen, indem
erst Ende der 80er Jahre durch Lambertz er eine sog. generalisierte Translationstheorie
(1987, 1993) für Teilbereiche reduziert wird. entwickelt, die lediglich syntaktische Struk-
Das erste Valenzwörterbuch des Deutschen turen erfasst: formal markierte Satzfunktio-
im Aufgriff des Tesnièreschen Konzepts (Hel- nen (Subjekt, Objekte, Umstandsbestimmun-
big/Schenkel 1969) bezieht die Translation gen) werden als Translate behandelt, gleich-
genauso wenig in Betracht wie das Valenzle- gültig ob diese Markierung nun translative
xikon zum Französischen von Busse/Dubost oder rein indizierende Funktion im Sinne
(1977). Wenn die Translation doch rezipiert Tesnières hat. Koch/Krefeld 1993 reduzieren
wurde, so geschah dies in höchst selektiver die Heterogenität der Translate bei Tesnière
Weise immer dann, wenn man meinte, dieses auf eine einheitliche Basis, indem sie in ei-
Konzept böte sich für einen Sachverhalt als nem minimalistischen Modell lediglich dever-
bequemes Beschreibungsinstrument an. Der bale Translationen 1. und 2. Grades zulas-
Translationskomponente blieb sowohl eine sen. Lambertz 1982, 1991, 1991b fügt dem
autonome als auch eine modellimmanente kompletten Inventar der Tesnièreschen Trans-
Rezeption bis in die neueste Zeit weitgehend late im Dienste einer maximalistischen Lö-
versagt, sei es, dass sie unzulässigerweise mit sung transformationell zustandegekommene
der Ballyschen Transposition verschmolzen „Translate“ hinzu (vgl. die Diskussion bei
wurde, sei es, dass sie in den Bereich der Werner 1996, 116⫺21). Werner 1993 bietet in
Transformationen der Generativisten verla- einer kritischen Zusammenschau von Trans-
gert wurde oder sei es letztendlich, dass sie lationskomponente und Rahmenmodell eine
unreflektiert, so wie sie bei Tesnière anzutref- Reinterpretations des Tesnièreschen Ansat-
fen ist, zum bequemen Beschreibungsmittel zes, indem sie über eine Präzisierung der
umfunktioniert wurde, weil sie für die Dar- Translation als rein syntaktisches Phänomen
stellung von Ausschnitten aus dem Inventar (unter Ausblendung aller sich in eine lexikali-
sprachlicher Ausdrucksmittel besonders ge- sche Klasse integrierender „Translate“) ein
eignet schien und scheint (zum Problem der (verbzentriertes) Dependenzmodell auf Pro-
unzulässigen Vermischung dieser drei Kon- positionsebene entwickelt, welches in ein all-
zepte mit dem Präfix Trans- vgl. Werner gemeines Satzmodell eingebettet wird, in dem
1993, 9⫺55, bes. 51⫺55). Angesichts der An- die Determination zur konstituierenden Rela-
wendung des Translationsbegriffs sowohl auf tion wird. In einem solchen Modell weist sie
Erscheinungen der Wortbildung als auch auf der neu, d. h. präziser gefassten Translation
solche des wortübergreifenden Bereichs ⫺insbesondere im Hinblick auf den konnexi-
durch Tesnière eröffneten sich für die Rezep- onellen Faktor ⫺ einen systematischen Platz
tion verschiedene Möglichkeiten: (1) die Ver- zu. Auch Lambertz 1995 rückt Dependenz
wendung für alle von Tesnière vorgesehenen und Translation in enge Beziehung, aller-
Bereiche, (2) die Verwendung nur für Er- dings in einer Zusammenschau der von Wer-
scheinungen der Wortbildung, und (3) die ner 1993 getrennten funktionellen Bereiche
Verwendung nur für Erscheinungen im wort- von Dependenz und Determination. Letzt-
übergreifenden Bereich. Für alle Möglichkei- endlich kommt er zu dem Schluss, die Trans-
ten gibt es hinreichend Arbeiten. Dass die lation als grammatikalische Operation zu de-
Translation Bestandteil eines wohldefinierten finieren, die einem Term denjenigen syntakti-
Rahmenmodells ist, wird ignoriert. schen Status verleiht, den er benötigt, um die
Zumindest teilweise verändert stellt sich primäre syntaktische Funktion eines Terms
die Situation zur Rezeption der Translations- einer anderen syntaktischen Kategorie wahr-
komponente seit dem Ende der 80er Jahre nehmen zu können. Weber 1996, 261 verzich-
dar, sieht man einmal von Gustave Guil- tet ganz auf eine Scheidung zwischen Trans-
laume ab, der seit den 40er Jahren die Trans- lationen 1. und 2. Grades bei den Verben. Als
13. Das Translationskonzept Lucien Tesnières 127

letztes sei Twahirwa 1995 genannt, der die Die einzelsprachliche Organisation gerade
Translation auf den von Tesnière nirgends der Translationskomponente als Basis für
vorgesehenen Bereich der Suprasegmentalia den Sprachvergleich und auch für typologi-
in Tonsprachen überträgt. sche Zielsetzungen ist für noch kaum eine
Die relativ begrenzte Wirkung Tesnières Sprache systematisch untersucht. Gerade hier
und v. a. auch seiner Translationstheorie scheinen noch große Ressourcen für die For-
dürfte einem nicht geringen Teil der seit dem schung zu liegen. Auch eine Überprüfung der
Ende der 50er Jahren prosperierenden (gene- Relevanz im (nicht nur kontrastiv konzipier-
rativen) Transformationsgrammatik zuzu- ten) Sprachunterricht steht noch aus, obwohl
schreiben sein. In einer Zeit zunehmender für Tesnière gerade dieser Aspekt eines der
Orientierung hin auf eine logisch-mathemati- Hauptmotive für die Entwicklung auch der
schen Strukturformeln verpflichteten Lingu- Translationskomponente war.
istik musste Tesnières Ansatz, wenn er nicht
weitergedacht wurde, ins Abseits geraten.
Doch haben die Forschungen der letzten 6. Literatur in Auswahl
Jahre durchaus gezeigt, dass dem Tesnière- Bally, Charles (1932): Linguistique générale et lin-
schen Ansatz noch systematischer und nicht guistique française. Berne.
nur wissenschaftshistorischer Stellenwert zu- Barié, Paul (1973): Phrasenstruktur oder Depen-
kommen kann. denzrelation. Überlegungen im Vorfeld einer latei-
nischen Syntaxtheorie. In: Der Altsprachliche Un-
terricht 16/5, 65⫺119.
5. Die Translation im Spannungsfeld Baum, Richard (1976): Dependenzgrammatik. Tes-
von Valenz und Dependenz und nières Modell der Sprachbeschreibung in wissen-
Forschungsperspektiven schaftsgeschichtlicher und kritischer Sicht. Tübin-
gen.
Für Tesnière sind Translation (und Junktion) BLAG 7 (1980) ⫽ Gentilhomme (1980).
diejenigen Komponenten, die es gestatten, Bossong, Georg (1979): Probleme der Übersetzung
das universal konzipierte Dependenzgefüge, wissenschaftlicher Werke aus dem Arabischen in das
so wie es unter 1.1 als Maximalstemma vor- Altspanische zur Zeit Alfons des Weisen. Tübingen.
geführt wurde, auf den wortübergreifenden Corblin, Francis (1995): Catégories et translations
syntagmatischen und syntaktischen Bereich en syntaxe structurale. In: Madray-Lesigne/Ri-
auszudehnen. Die dependentiellen Beziehun- chard-Zappella (1995), 229⫺238.
gen, die anhand der Wortkategorien heraus- Dahmen, Wolfgang/Holtus, Günter/Kramer, Jo-
gelöst wurden, erweisen sich als konstitutiv hannes/Metzeltin, Michael/Schweickard, Wolf-
auch für die Beschreibung umfassenderer gang/Winkelmann, Otto (Hgg.) (1998): Neuere Be-
Strukturen, die die Wortklassenzugehörig- schreibungsmethoden der Syntax romanischer Spra-
keit transzendieren. Abhängigkeitsbeziehun- chen. Tübingen.
gen, Dependenzbeziehungen, bestehen dabei Dönnges, Ulrich/Happ, Heinz (1972): Dependenz-
zwischen jeweils zwei aufeinanderfolgenden Grammatik und Latein-Unterricht. Göttingen.
Ebenen, gleichgültig, ob sie nun kategorial Duc Goninaz, Michel (1994): OAIE: „Espèces de
oder durch Translate (und Junkte) besetzt mots“ et translations en Espéranto. In: Linguistica
sind. (Verbbedingte) Valenzbeziehungen und XXXIV. 1. Mélanges Lucien Tesnière. Ljubljana,
sonstige Dependenzien realisieren sich so- 81⫺86.
wohl kategorial indiziert als auch über Trans- Eichinger, Ludwig M. (1982): Syntaktische Trans-
laten. Die Translation wird damit zur condi- position und semantische Derivation. Die Adjektive
tio sine qua non für die Valiabilität des gesam- auf -isch im heutigen Deutsch. Tübingen.
ten Modells in der Erfassung all dessen, was Engelen, Bernhard (1975): Untersuchungen zu Satz-
⫺ unbesehen bestimmter Einzelsprachen ⫺ bauplan und Wortfeld in der geschriebenen deutschen
sprachlich möglich ist. Dies wird in der heuti- Sprache der Gegenwart. München.
gen Forschung auch vermehrt erkannt (vgl. Gaatone, David (1980): Conjonctions et locutions
Lambertz 1995; Weber 1996; Werner 1993) conjonctives en français. In: Le Français Moderne
und für eine systematische Auseinanderset- 14, 195⫺211.
zung mit der Translationskomponente pro- Gaatone, David (1994): Lucien Tesnière et la sub-
duktiv genutzt. Kaum ausgeschöpft sind al- ordination. In: Linguistica XXXIV.1. Mélanges
lerdings bislang die Möglichkeiten des ge- Lucien Tesnière. Ljubljana, 87⫺94.
samten Modells einschließlich der Translatio- Galichet, Georges (21950): Essai de grammaire psy-
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14. Die Junktionstheorie Lucien Tesnières

1. Tesnières Theorie den, erscheint die Junktion hier nur mit zwei
2. Offene Fragen und Rezeption Zeilen. In der Esquisse hat sie aber schon ih-
3. Weiterentwicklungen ren Platz und in den Éléments wird sie weiter
4. Literatur in Auswahl ausgeführt, wenngleich sie mit 30 Seiten bei
weitem nicht Umfang und Detailliertheit der
anderen beiden Komponenten erreicht. Auch
1. Tesnières Theorie in der Rezeption hat sie nicht die große
Konnexion, Junktion und Translation sind Rolle gespielt.
die tragenden Säulen der strukturalen Syn- Die Junktion steht außerhalb der für die
tax. Mit der Konnexion wird die Grund- dependenzielle Syntax grundlegenden Kon-
struktur von Sätzen erfasst, ihr Aufbau. nexion. Sie verbindet ⫺ sozusagen nebenord-
Junktion und Translation dienen der Erwei- nend ⫺ zwei Nuklei der gleichen Art. So ist in
terung und der Anreicherung der Struktur, folgendem Satz der erste Aktant ausgebaut:
dem Ausbau. Dabei ist die Translation eher (1) Alfred et Bernard tombent.
für den funktionalen Ausbau gedacht, die
Junktion für den strukturellen Ausbau. Wäh- Es gibt hier also nur einen Aktanten, der aus
rend Konnexion und Translation schon in zwei jungierten Nuklei besteht. Die Junktion
der frühen Veröffentlichung Comment con- wird bezeichnet durch sog. Junktive, die zwi-
struire une syntaxe von 1934 eingeführt wer- schen die Nuklei treten, hier das fr. et. Junk-
130 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

tive sind bloße grammatische Werkzeuge, Die Kante verbindet die beiden Nuklei über
mots vides also, „qui ne sont pas chargés das Junktiv. Diese Darstellung trifft ganz gut
d’une fonction sémantique“ (Tesnière 1959, unsere Intuition, wie sie durch die traditio-
28.2). Tesnière kennzeichnet sie im virtuellen nelle Sichtweise und Redeweise von unter-
Stemma mit j, im Unterschied zu den Kate- ordnend und nebenordnend geprägt ist.
gorien A, E, I, O für volle Wörter. Tesnière erarbeitet eine erste Typologie der
Der Ausbau eines Nexus ist einer Addition Junktionen, die wesentlich den Typen von
oder Multiplikation vergleichbar. Auf diese Junktiven nach ihrer Stellung entspricht:
Weise ist in (2) der erste Aktant verdoppelt:
Junktive zwischen den Nuklei wie dt. und,
(2) Alfred tombe. e. or, fr. ou,
Bernard tombe. Junktive vor den Nuklei wie lt. nec, dt.
⫺⫺⫺⫺⫺⫺⫺⫺⫺⫺⫺ entweder,
Alfred et Bernard tombent. Junktive nach den Nuklei wie lt. que.
Dem liegt natürlich irgendwie auch eine Art Eine zweite Typologie der Junktionen klassi-
Transformation zugrunde, die den Satz auf fiziert Junktive nach ihrem Bau:
diese Weise entstanden zeigt. (Allerdings wird
monolexematische Junktive wie et, and,
die Kongruenzveränderung ignoriert.) Die
und, oder, sondern,
Darstellung scheint jedenfalls nicht rein se-
Satzzeichen, also Zero-Junktive,
mantisch gedacht.
mehrgliedrige Junktive wie lateinisch que
Der Erzeugungsmechanismus ist nicht auf
et,
zwei Durchläufe beschränkt, er kann mehr-
diskontinuierliche Junktive wie sowohl ⫺
fach wiederholt werden (Tesnière 1959,
als auch, entweder ⫺ oder.
135.6):
Bei den diskontinuierlichen kann noch unter-
(3) Alfred, Bernard et Charles tombent.
schieden werden zwischen repetitiven wie ni
Jungiert werden können alle möglichen Nuk- ⫺ ni, aut ⫺ aut und korrelativen wie either ⫺
lei, Bedingung ist aber, dass sie von der glei- or. Geläufige Junktive wie und, oder zeigen
chen Art sind, zum Beispiel zwei N-Knoten eine syntaktische Symmetrie, insofern die bei-
oder zwei V-Knoten: den jungierten Nuklei regelmäßig vertausch-
bar sind. Hingegen ist bei sondern der erste
(4) Die Menschen fürchten Hunger und Tod.
Nukleus formal verschieden vom zweiten, in-
(5) Sie leben und sterben. sofern er ein nicht, eine Negation oder etwas
Negationsartiges enthalten muss. In anderen
Regulär könnte man sich diese Bedingung
Fällen, etwa bei denn, gibt es semantische
etwa so vorstellen:
Restriktionen.
(6) [X]n j [X]n Eine dritte Typologie der Junktive hebt da-
rauf ab, welche Kategorien von Nuklei sie
Zwei gleichartige Nuklei X der gleichen Stufe
jungieren können. So kann im Deutschen das
im Stemma n werden jungiert durch das
Junktiv denn etwa keine Phrasen verbinden,
Junktiv j. Auf die innere Struktur der Nuklei
das Junktiv sowie keine Sätze und lt. que
X geht man hierbei nicht ein.
kann nur Nominalphrasen verbinden.
In der graphischen Darstellung verlässt
Eine vierte Typologie klassifiziert die
Tesnière die Hierarchie der Konnexionen und
Junktive semantisch: les variétés sémanti-
zeigt, dass die jungierten Nuklei auf der glei-
ques. Das ist korrekt, aber einigermaßen ver-
chen Ebene n liegen. Sie werden verbunden
blüffend, da sie doch „mots vides“ sein sol-
durch eine waagrechte Kante im Gegensatz
len. Hier unterscheidet Tesnière insbesondere
zu den vertikalen Dependenzkanten, so dass
adjunktive Junktive, die nur reihend verbin-
Dreiecke entstehen:
den wie und, disjunktive, die eine Alternative
bezeichnen wie oder, adversative, die die zwei
Nuklei entgegensetzen wie aber, kausale wie
(7) tombent denn. Mit weiteren Arten von Junktiven er-
weitert Tesnière dies zu einer semantisch text-
linguistischen Theorie der Satzverbindungen
im Text. Er gibt dabei allerdings den engeren
Syntaxbegriff auf und integriert auch Lexeme
Alfred et Bernard anderer syntaktischer Kategorien wie einer-
14. Die Junktionstheorie Lucien Tesnières 131

seits ⫺ andererseits bis hin zu Vergleichsparti- 2. Es gibt einen Nukleus, der von allen jun-
keln wie fr. que (das sonst als subordinierend gierten Knoten abhängt ⫽ jonction chaussée:
par excellence angesehen wird) und den
Komparativsätzen (Tesnière 1959, 141, 147)
sowie der Anaphorik gar. Damit stellt sich (11) rient et chantent
natürlich auch die Frage, wie Junktion und
besonders Junktiv genau zu definieren sind,
eine Frage, die schon Pottier in seiner Rezen-
sion der Esquisse aufwarf (Pottier 1956, 3).
Wenn man davon ausgeht, dass in einem Text les enfants
alle selbstständigen Sätze jungiert sind,
braucht man ein Kriterium dafür, was denn
dabei ein Junktiv sei. Im Deutschen ist ver- 3. Die Kombination von jonction chopée und
hältnismäßig gut feststellbar, dass es sich bei jonction chaussée ⫽ jonction vêtue:
also im folgenden Satz nicht um ein Junktiv
handelt, weil Junktive außerhalb der gram- (12) aiment et honorent
matischen Struktur bleiben und deshalb im
Gegensatz zu Adverbien etwa nicht die Erst-
stelle besetzen:
(8) Ich denke, also bin ich. les enfants parents
Nach diesem Kriterium ist also kein Junktiv,
sondern satzverbindendes Adverb. Es liegt
leurs
aber Junktion mit Zero-Junktiv zwischen den
beiden Sätzen vor. Für das Deutsche bietet
dieses Kriterium keine eindeutige Lösung,
weil Partikeln ebenfalls nicht als Vorfeldfül-
lung zählen, weshalb zum Beispiel aber am Eine weitere Komplizierung der Junktions-
Satzanfang nicht mit Sicherheit als Junktiv form entsteht, wenn Konnexionskanten und
auszuweisen ist. Ein anderes und universales Junktionskanten sich schneiden. Dann ent-
Kriterium für Junktive wird von Dik vorge- steht der sog. Plexus, dem Tesnière einige
schlagen. Danach handelt es sich bei einem Aufmerksamkeit zukommen lässt:
Junktivkandidaten nur dann um ein Junktiv,
wenn an dieser Stelle kein weiteres Junktiv
hinzugefügt werden kann (Dik 1968, 34; (13) achètent et donnent
Brettschneider 1978, 40). Letztlich liefert
auch dieses Kriterium nicht immer die ge-
wünschten Ergebnisse:
les parents des livres aux enfants
(9) Wir bekamen eine Unterkunft und so-
wohl Essen wie auch Trinken.
Weiter unterscheidet Tesnière komplexere Insgesamt liefert Tesnière hiermit eine frühe
Formen der Junktion, die im Zusammenspiel und ausführliche Behandlung der Koordina-
von Konnexion und Junktion entstehen. tion in der Syntax, eine Behandlung, die sich
Nach der grafischen Darstellung und den De- allerdings nicht ganz nahtlos einfügt in die
pendenzverhältnissen gibt es verschiedene Gesamtsyntax, wie es im Grunde auch für
Bilder (Tesnière 1959, 143.3): andere und spätere syntaktische Theorien mit
formaler Orientierung gilt.
1. Alle Glieder der Junktion sind vom glei-
chen Knoten abhängig ⫽ jonction chopée:
2. Offene Fragen und Rezeption
Die Integration der Junktion ins Stemma
(10) un chat ist problematisch (Heringer/Strecker/Wim-
mer 1980, 141⫺151). Zwar betont Tesnière,
dass etwa die Verdoppelung der Erstaktanten
nicht die Valenz tangiert, dennoch gehen aber
gras et dodu vom entsprechenden Verbalnukleus in der
132 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Junktion zwei Dependenzkanten nach unten, (20) Sie liebte [Kuchen] und [Kaffee oder
genau wie bei einem bivalenten Verb: Wein].
Die analysierende Grundorientierung der
(14) bilden Éléments de syntaxe structurale lässt eine ge-
nerativ, regulär gedachte Fragestellung nicht
in den Blick. Der Analysierer findet wohlge-
Syntax und Semantik Grundlage formte Sätze vor, die es zu analysieren und
die darzustellen gilt. Er ist sozusagen an die re-
zeptive Perspektive gebunden, wenngleich
Tesnière selbst ja auch sagt, dass die Spre-
(15) V chenden zuerst den ordre structural erzeugen,
um ihn dann in den ordre linéaire zu über-
führen. (Wie das geht, beschreibt er aller-
N j N N dings nicht.) Wenn Tesnière sich besonders
zugute hält, dass die wahre Struktur des Sat-
AD zes eben diese zweidimensionale sei ⫺ wie
dies die allermeisten Syntaxtheorien jetzt an-
nehmen ⫺, so ist doch fraglich, ob er damit
Ein anderes Problem besteht darin, dass jun-
nicht einem Beschreibungsartefakt aufgeses-
gierte Nuklei in einem Sinn zu wenig Struktur
sen ist. Warum sollte die Struktur nicht drei-
zu bringen scheinen. Zum einen müssten ja dimensional sein? Weil man das auf Papier
auch Dependenzen vom jeweiligen Junktiv zu schlecht zeichnen kann? Ja, vielleicht könnte
den jungierten Nuklei bestehen; so wäre etwa sie noch mehr Dimensionen haben.
die Zweistelligkeit der Junktive zu erklären Die Grundideen einer solchen Beschrei-
und wohl auch im Stemma zu repräsentieren. bung von Koordinationen, mit denen wir
(16) Wir achteten [auf Disziplin] und [auf Tesnières Junktionen getrost identifizieren
Sauberkeit] [zuhause]. können, sind zusammengefasst:
Dies ergäbe allerdings ein ganz inakzeptables (i) Junktive verbinden kohärente Teilstem-
Stemma, in dem die gesamte hierarchische mas, also regierende Knoten.
Stufung verrückt ist; für mehrfache, rekur- (ii) Jungierte Knoten sind von der gleichen
sive Durchläufe würde sich das Problem Art („de même nature“).
verschärfen: (iii) Die Junktion hat die Kategorie der ko-
ordinierten Knoten.
(iv) Identische Teile der Teilstemmas einer
(17) V multiplikativ entstandenen Junktion
achteten werden getilgt.
Die letzte Bedingung wurde von Tesnière
nicht so formuliert, aber sie ergibt sich aus
N_pro KON P* der quasi-transformationellen Betrachtung,
Wir und zuhause nach der Satzjunktionen als jungierte V-Kno-
ten gelten. Bei dieser Betrachtung wird es nö-
tig, überflüssige Elemente zu tilgen (sog. Pru-
ning in transformationellen Theorien):
P* P*
(21) Wir [achteten [auf Disziplin] [zuhau-
se]]V und [achteten [auf Sauberkeit]
Zum andern entstehen in Junktionen Mehr- [zuhause]]V
deutigkeiten, die eventuell in einer anderen
Darstellung zu erfassen wären: Eine Reihe von generellen Fragen für eine
Theorie der Koordination sind erst in der
(18) Sie liebte Kuchen und Kaffee oder Wein. späteren Entwicklung präzis gefasst und be-
Die entsprechende Mehrdeutigkeit kann man handelt worden. Diesen Fragen wollen wir im
durch Klammerung veranschaulichen, aber einzelnen nachgehen.
in der Tesnièreschen Junktionstheorie nicht 2.1. Was ist koordinierbar?
darstellen.
Die Frage scheint nicht so leicht zu beant-
(19) Sie liebte [Kuchen und Kaffee] oder worten. Bei Tesnière heißt es, Nuklei seien
[Wein]. koordinierbar. Alle und nur Nuklei? Grob ge-
14. Die Junktionstheorie Lucien Tesnières 133

sprochen können Koordinationen an Lexem- (29) Nach Meinung [dieses] und [einer An-
grenzen einsetzen, ihre öffnende Klammer zahl anderer] Experten …
kann also mit niedrigen ⫺ etwa syntaktischen
⫺ Kategorien besetzt sein. Das sind erst ein- Hier wären also formal ganz unterschiedliche
mal alle Hauptkategorien mit ihren Phrasen Knoten koordiniert, die allgemeine reguläre
in beliebiger Expansionsstufe, also V, N, P, Form also etwa:
A, D, ADV. Koordinationseinsätze sind im (30) [X]n j [Y]n
Deutschen aber nicht auf Knoten beschränkt,
sie gehen auch tiefer hinab zu den Wortteilen. Das legt für die Gleichheit eine eher externe
So können Wortbildungselemente, Präfixe Bestimmung nahe, nämlich dass eine irgend-
und Stämme koordiniert sein: wie gleichartige Umgebung oder gleiche
Funktion im Satz gefordert sei, was auch der
(22) Krämpfe, die ihn [drei-] oder [vier]mal Intention Tesnières entspricht, fügt er doch
im Monat packen. als zweiten Teil der Bedingung hinzu „la
(23) Es entstehen [Spät-] und [Dauer]- même fonction dans la phrase“. Was aber
schäden. Funktion hier heißt, ist notorisch unklar. Die
grammatische Funktion „Erstaktant“ ist im
(24) [Goldan]- und [-verkauf] Stemma nicht repräsentiert. Sie kann also
Die Grenze scheint in zweierlei zu liegen: Ers- schwerlich verwendet werden.
tens sind Wörter und Wortteile kaum koordi- Darüber hinaus gibt es auch schrägere Bei-
nierbar, ohne dass die Flexive kopiert wer- spiele, die nahelegen, das die Sprechenden ei-
den. Ausnahmen hiervon sind Zwillingsfor- nem eher semantischen Prinzip folgen und
meln wie ihres [Grund und Boden]s. Und dass damit der stehende Konflikt zwischen
zweitens sollten die nicht kopierten Teile je- semantisch orientierten Sprechern und theo-
weils in der gleichen Bedeutungsvariante ver- retisch, normativ, grammatisch orientierten
wendet sein. Dann entstehen sozusagen zeug- Grammatikern aufkommt.
matische Strukturen: Die Identität von Segmenten ist nicht rein
formal geregelt. Wir Sprecher drücken bei
(25) [Holz-] und [Haustüren] der Identität gemeinsamer Elemente schon
Es spielen hier also phonologische, morpho- mal ein Auge zu. So wären in folgenden bei-
logische, syntaktische und semantische Fak- den Beispielen die beiden Restsätze struktu-
toren zusammen (Smith 2000). rell nicht identisch: Quelle einmal Singular,
einmal Plural, Betriebsräte einmal Dativ, ein-
2.2. De même nature? mal Akkusativ.
In der Definition ist gefordert, dass die jun- (31) [Eine] oder [zwei] Quellen aus dem
gierten Nexus von der gleichen Art, „de Ausland …
même nature“ sein müssen. Das könnte man
erst einmal so verstehen, als müssten die syn- (32) [Mit] oder [ohne] Betriebsräte …
taktischen Kategorien, also die Benennungen
(33) Ist es möglich Fehler [zu erklären] und
der Knoten, identisch sein. Tesnière selbst
[vorzubeugen]?
gibt schon Hinweise, dass hier normative
Probleme entstehen (Tesnière 1959, 146.13). (34) [Helft] und [unterstützt euch gegen-
Man kann die Gleichheit sehen in der gram- seitig].
matischen Struktur und nukleusintern be-
stimmen. Damit hat man einen sicheren inne- Die kasuelle Rektion wird öfter durch
ren Bereich erfasst, aber nicht alles. Zum Bei- den hinteren Nukleus bestimmt. Ähnliches
spiel können ja ohne weiteres zwei Erstaktan- kommt im Deutschen bei der Subjekt-Prädi-
ten verschiedener innerer Struktur jungiert kat-Kongruenz vor (Findreng 1976):
werden: (35) [Eine Tradition wurde in Frage gestellt]
(26) [Der Verlust] und [dass er wohl nichts und [Überzeugungen].
wiederfinden würde], bedrückte ihn.
Im tatsächlichen Sprachgebrauch wird aber
(27) Ich mache das [abends] oder [wenn kei- Nicht-Identität noch weitgehender akzep-
ner da ist]. tiert:
(28) Diese Produktion ist [schwierig] und (36) Klagen, die [viele kannten], [aber nur
[kaum durchzuführen]. wenig öffentlich wurden] …
134 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(37) [Wenn ich da bin] und [ich lese ein Da er aber mehr auf die Darstellung fixiert
Buch] … ist, sieht er nicht das damit verbundene Prob-
lem der Weglassung identischer Glieder. Wa-
(38) Das [haben wir nicht] und [werden es
rum werden manche Glieder sozusagen weg-
nicht] vergessen.
gekürzt, andere nicht? So führt Tesnière sol-
(39) Die Beziehung zur [Arbeitswelt] und che Glieder manchmal im Stemma zum Teil
[den Problemen der Menschen] … einfach in Klammern weiter auf, um keine
Löcher entstehen zu lassen (Tesnière 1959,
Das zeigt, dass wir es nicht mit rein formal
145.16):
orientierten Verfahren zu tun haben. Vieles
spricht eher für eine semantische Fundierung
der Koordination (vgl. auch Johannessen (43) tirent et croquent
1998). Dies gilt nicht nur für die Ausweitung
der Gleichheitsbedingung, sondern auch für
ihre Beschränkung. So wurde schon früh be-
merkt, dass in regulärer Koordination zeug-
matische Ausdrücke oder semantisch eher in- Raton et Bertrand les marrons
kohärente Konstruktionen entstehen können
(Heringer 1973, 277):
(40) Wer lässt den Kuchen und die Sonne auf- Etwas komplizierter sind die folgenden Bei-
gehen? spiele, die über Weglassungen zu erklären
sind.
(41) Sie war sehr traurig und zwei mal zwei
ist vier. (44) [Du glaubst es], [ich glaube es nicht].
Dies sollte etwa (nach Schachter 1977) mit (45) [[Keiner] [will] eigentlich [das Chlor
verschiedenen constraints erfasst werden, die und Benzol zusammenmixen]], aber
auch die gleiche semantische Funktion ins [[alle] [müssen] [das Chlor und Benzol
Spiel bringen. zusammenmixen]]
2.3. Reguläre Ellipsen (46) Wir achteten auf Disziplin und Sauber-
keit zuhause.
Der Ansatz, der Junktionen sozusagen als
Addition erklärt, stößt auf ein Problem, das In solch komplexen Fällen versagt Tesnières
schon Tesnière behandelt unter dem Stich- stemmatische Darstellung und er muss zu
wort bifide Sätze. Bifide Sätze ergeben sich Hilfskonstruktionen Zuflucht nehmen (vgl.
bei sogenannter partieller Junktion, in der (47)).
jungierte Nuklei einen gemeinsamen Nuk- Hierzu hat Klein ausführliche Regeln für
leus regieren: das Deutsche erarbeitet (Klein 1981, Klein
1993; Kunze 1972, Wilder 1995). Sie sind
(42) tire et croque Sonderfälle allgemeiner Regeln. Allgemeine
Ellipsenregeln formulieren, welche Segmente
in Sätzen oder Texten überhaupt getilgt wer-
den können oder müssen. Sie beruhen da-
rauf, dass getilgte Segmente kontextuell er-
schließbar sind.
Raton Bertrand les marrons
Eine Grundregel für Ellipsen besagt, dass
identische Segmente in einem Nukleus er-
spart werden können. Der Hörerleser könne
Auch hier wählt Tesnière wieder die Addi- sie rekonstruieren. Dabei sind zu unterschei-
tion, um solche Strukturen zu erklären: den Vorwärtstilgungen wie (48) und Rück-

Raton tirait les marrons.


Raton croquait les marrons.
Bernard tirait les marrons.
Bernard croquait les marrons.
Raton et Bernard tiraient et croquaient les marrons.
14. Die Junktionstheorie Lucien Tesnières 135

(47) V und V

N_pro P* P* N_pro P*
Wir achteten auf Disziplin zuhause Wir achteten auf Sauberkeit

wärtstilgungen wie (49), die kommunikativ 2.4. Psychische Realität


unterschiedlich fundiert sind: Tesnière geht prinzipiell davon aus, dass
(48) Dies würde [jeder christlichen Ethik wi- Stemmas die eigentliche Struktur des Satzes
dersprechen] und [allen bekannten Re- darstellen, „la vraie phrase“ (Tesnière 1959,
geln des Krieges widersprechen] 6.10). Das Verfahren des Sprechers bestünde
darin, zum jeweiligen mental konzipierten
(49) Dies würde [jeder christlichen Ethik wi- Stemma den ordre linéaire zu konstruieren,
dersprechen] und [allen bekannten Re- der Hörer hingegen müsse aus dem ordre li-
geln des Krieges widersprechen] néaire den ordre structural erschließen. Darin
Bei der Formulierung von Regeln für kontex- sah er wohl auch den Sinn seiner Methode
tuelle Ellipsen geht man aus von Phrasenko- für den Sprachunterricht, sowohl in der
ordination und von Koordinaten mit drei Fremdsprache wie in der Muttersprache. Wer
Segmenten; man kann sie ohne weiteres auf die Struktur sieht, erkennt den Sinn.
zwei beschränken. Segmente können Phrasen Die komplizierten Strukturen managen
sein, können aber auch länger oder kürzer wir unbewusst, sogar instinktiv.
sein. Als grundlegend gelten die folgenden Le stemma a l’avantage de permettre de se rendre
beiden Regeln für rechts- und linksperiphere compte explicitement des caractéristiques de style
Tilgungen. Sie tilgen nur Elemente die dem contenues implicitement dans un passage donné et
Junktiv adjazent sind: que les gens ayant le sentiment correct et délicat
des finesses de leur langue maternelle sentent in-
(50) [A,B,C] j [D,E,C] stinctivement. (Tesnière 1959, 273.1)
(51) [A,B,C] j [A,D,E] Bei der Junktion wie bei den Translationen
Mit diesen Regeln erfasst man die meisten scheint bemerkenswert, dass Tesnière keine
Fälle, für die traditionell Tilgungen nötig Zweifel an diesem Postulat gekommen sind.
sind. Es wäre doch recht erstaunlich, wenn Hörer
Natürlich gibt es auch Tilgungsverbote. zu dem strukturell recht simplen Satz „Les
Tilgungen, die die Struktur zerstören oder maı̂tres, les pédagogues et les éducateurs
Ambivalenzen hervorbringen, werden gemie- donnent, répètent et ressassent des avis, des
den. Auch Obligatorisches kann nicht getilgt conseils et des avertissements aux écoliers,
werden. aux collégiers et aux lycéens“ das folgende
Für die Koordination besteht die Gefahr, Stemma konstruieren müssten (s. Abb. 1)
dass zu hohe Knoten als koordiniert ange- Hier keimt der Verdacht, dass übermäßig
setzt werden, die anschließend wieder durch viel Struktur erzeugt wurde. Tesnière meint
exzessive Anwendung von Tilgungsregeln zu- wirklich, man vermerke das Pathos:
rechtgestutzt werden. Darum sollte man als Le stemma n’étant ici que l’image des connexions
Güteprinzip einführen: So wenig Ellipsen qui s’établissent dans notre esprit, le sujet parlant
wie möglich. qui prononce la phrase ci-dessus exprime donc en
Ein weiteres Prinzip ist das der minimalen une seule phrase le contenu de 81 phrases différen-
Koordination, das auch der Vermeidung von tes. On reste confondu devant la complexité, la dé-
Ellipsen dient. Es besagt, dass man jeweils licatesse et la puissance de l’instrument que le don
du langage met ainsi à notre disposition.
den niedrigst möglichen Knoten (oder den
(Tesnière 1959, 346)
kürzesten) als koordiniert ansetzen sollte,
also möglichst spät die Koordinationsklam- Vermutlich wurde das Postulat nicht hinter-
mer öffnen und möglichst früh schließen. So fragt, weil die reguläre Denke Tesnière und
vermeidet man Probleme, die sich aus einer seiner Zeit fernlag. Denn natürlich haben
Rückführung auf längere Nuklei ergeben. Sprachteilhaber es einfacher, die Regeln für
136 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

donnent répètent et ressassent

les maîtres les pedagogues et les educateurs des avis des conseils des avertissements aux écoliers aux collégiers et aux lycéens

Abb. 14.1: Junktionstheorie ⫺ Stemma I

die Konstruktion und Rekonstruktion sol- Namen „Nektion“, um nicht eine vorder-
cher Strukturen beherrschen. Gerade das ist gründige Nähe zu logischen Junktionen zu
ja der tiefere Sinn der Syntax: unendlicher suggerieren. Hierfür wird eine eigene Art von
Gebrauch von endlichen Mitteln. Regeln entwickelt. Es handelt sich dabei um
Wenn schon die Translation nicht im Mit- ein abstraktes Regelschema, das über variable
telpunkt der Tesnière-Rezeption stand, so die Nuklei formuliert ist. Nach diesem Schema
Junktion noch weniger. Sie teilte sozusagen kann jeder Nukleus ersetzt werden durch
das allgemeine Schicksal der Koordination, zwei Nuklei der selben Art, die allerdings
für die Brettschneider mit Recht fragt: „Wa- nach unten unterschiedlich ausgeführt wer-
rum nimmt die Behandlung dieser Phäno- den können. Das Regelschema ist rekursiv,
mene in linguistischen Arbeiten so wenig da jeder ersetzte Nukleus wieder ersetzt wer-
Raum ein? Warum erweist sich … die Be- den kann. So erfasst es multiple Koordinatio-
schäftigung mit diesem Phänomen als ein na- nen. Allerdings wird so nur die Grundstruk-
hezu endloses Unternehmen“ (Brettschneider tur der Koordination erfasst. Die weiteren
1978, 282). Sollte beides zusammenhängen? empirischen Probleme werden nur verbal ab-
In den meisten Dependenzgrammatiken gehandelt. An vielen Beispielen wird gezeigt,
wird der Junktion keine große Aufmerk- dass die Grundregel stark normativ ist und
samkeit geschenkt. In Rall/Engel/Rall 1977 Vieles nicht erfasst. Hierfür werden semanti-
kommt sie nicht vor, ebensowenig in der for- sche Regularitäten angeführt. (Zur Bedeu-
malisierten Theorie von Hays 1964 oder in tung koordinativer Konjunktionen s. Lang
der Anwendung auf das Lateinische von 1991, 614⫺621).
Happ 1976. Auch in Klein 1971 werden Tesnières Junk-
In Engel 1977 finden wir ein kurzes Kapi- tionen aufgenommen und in eine formale
tel zur „Häufung“. Es ist allerdings eher da- Theorie integriert. Klein entwickelt eine
ten-orientiert. Das Fazit etwas kryptischer Schreibweise der folgenden Art:
formaler Überlegungen ist ein Darstellungs-
X1rJ X2rJ X3rJ … Xkr ⫽ X1rJ* Xkr
format, das Junktionen genau so wie Konne-
xionen behandelt. Hierbei steht X für einen beliebigen Nukleus
Nikula widmet der Junktion etwas mehr der Kategorie X, die tief gestellten Buchsta-
als eine Seite (Nikula 1986, 93). Auch er ver- ben stellen das Niveau der Dependenz dar,
wendet im Zusammenhang der Konjunktio- ihre Identität besagt also, dass gleichstufige
nen die normale konnexionale Struktur. Da- Nuklei jungiert werden, die Hochzahlen dif-
mit wird die Besonderheit der Junktion nicht ferenzieren die Okkurrenzen und bezeichnen
deutlich. In Satzjunktionen ist die Konjunk- zugleich die Position in der Kette, J steht für
tion oberster Nukleus. Außerdem ergeben ein Junktiv. Die obige Regel deutet zugleich
sich die Probleme mit der Valenz und der an, dass sie rekursiv angewendet werden
Stufung, wie sie oben dargestellt sind. kann, dass es also im Prinzip unendlich lange
Eine frühe Adaptation der Junktion finden Junktionsnuklei geben kann. Es gelingt Klein
wir in Heringer 1971, allerdings unter dem so, einige Eigenschaften der Junktion und
14. Die Junktionstheorie Lucien Tesnières 137

den Zusammenhang von Konnexion und dination ist ein lineares Nacheinander oder
Junktion präziser zu fassen. Allerdings lag es Nebeneinander, das durch Konjunktionen
nicht in seiner Absicht empirische Regeln für ausgedrückt sein kann oder nicht. Dafür sind
die ein oder andere Sprache zu formulieren. Dependenz-Regeln nicht geeignet (Lobin
Lobin 1993 entwickelt eine prozedurale 1993). Erforderlich wäre eine strukturarme,
Theorie der Koordination für das Deutsche, lineare Superregel. Diese Regel wäre natür-
die aber universal anwendbar sein soll. Die lich rekursiv und ließe auch n-fache, gleich-
Theorie erzeugt nicht serialisierte Stemmas stufige Koordinationen zu. Sie betont, dass
und lässt als Knoten nicht nur lexikalische nur das Serielle relevant, keine tiefere
Kategorien zu, sondern sog. komplexe Ele- Schachtelung vorgesehen ist. Jede zusätzliche
mente, die man als formale Rekonstruktion schachtelnde Struktur eines Texts ist darum
des Tesnièreschen Nukleus ansehen kann; sie semantisch.
sind wesentlich konstitutionell bestimmt. Die Eine in neuerer Zeit hierfür entwickelte
Koordination wird nicht als dependenzielles Theorie ist die sog. Stringkoordination (He-
Verfahren angesehen. Vielmehr sind Koordi- ringer 1996). Diese Auffassung sieht Ko-
nationen Erweiterungen der dependenziellen ordination mehr seriell oder stringorientiert.
Struktur. Sie fügen zu komplexen Elementen, Die syntaktische Kategorie der koordinierten
im Prinzip oft Phrasen, schrittweise und zyk- Strings ist weniger relevant als die Tatsache,
lisch neue komplexe Elemente hinzu und dass die koordinierten Teile in dem String
werden so rekursiv. Elliptische Elemente wer- aufeinander folgen. Dies wird exemplifiziert
den dabei erst gar nicht erzeugt, sondern im mit einer Art Partiturschreibweise:
Fall der linken Konjunkte durch Abbruch (52) G. sitzt still auf der Couch und wartet.
der Koordinationsprozedur erklärt. Auch die G. [sitzt still auf der Couch]V und
Vorwärtstilgung ist zwanglos erklärt: „Nicht [wartet]V.
koordinierte Elemente werden übergangen,
anaphorisiert (Phrasen) oder wiederholt Die syntaktische Struktur des Stringsegments
(Nuklei)“ (Lobin 1993, 280). spielt eine viel geringere Rolle. Zum Beispiel
Koordinationen gehören zu einer Art Me- entfielen damit alle Probleme, die zusammen-
tasyntax, ihre Regeln operieren auf der de- hängen mit der Forderung, dass jeweils nur
pendenziellen Syntax erster Stufe. einzelne Nuklei koordiniert würden. Man
Eine Schwäche scheint hierbei, dass eben kann sich das Ganze so vorstellen, dass der
die Koordination nicht im Rahmen der De- Sprecher den String an einer Stelle unter-
pendenz erfasst wird und dass unklar bleibt, bricht und einen Parallelweg geht, der natür-
von welcher Kategorie ein Nukleus ist und lich on-line nicht parallel, sondern nur nach
wie er gewonnen wird. Hingegen ist das Ellip- dem ersten Teilweg begangen werden kann
senproblem elegant gelöst. (vgl. a. Hesse/Küstner 1985, 40). An seinem
Weitere Behandlungen des Koordinations- Ende kehrt er zur Abzweigstelle zurück. Auf
problems in dependentieller Sicht bei Kunze diese Weise müssen gemeinsame Teile nicht
(1972) und Eroms (2000, 462⫺478). koordiniert werden, eine Idee, die man auch
Tesnière schon bei der Behandlung der Bifidi-
tät unterstellen könnte.
3. Weiterentwicklungen Die Stringkoordination basiert auf der
Idee des Dubbing: Sie geht davon aus, dass
Da die Junktion im Prinzip nicht dependenzi- inkrementell eine Kopie eines Stringsegments
ell orientiert ist, könnte man auch andere angefertigt wird. Die Kopie hat einen mar-
Theorien der Koordination hier einbeziehen. kierten Anfang und ein Ende; sie hat auf der
Valenzverwandte Ansätze finden wir im Rah- obersten Ebene die Struktur des Originals,
men der Word Grammar in Hudson 1988 enthält nur kategoriale Geschwister. Alles,
und im Rahmen der Kategorialgrammatik in was vor der Koordination liegt, ist von ihr
Steedman 1985. Aus Platzgründen beschrän- nicht betroffen, ist darum auch im zweiten
ken wir die Darstellung auf Weiterentwick- Teil nicht elliptisch ausgelassen.
lungen im dependenziellen Rahmen, gehen Die Stringauffassung ist wie folgt charak-
aber ein auf die Lösungsvorschläge für die of- terisiert:
fenen Fragen im Zusammenhang des Deut- (i) Eine Koordination ist ein String aus
schen. zwei Segmenten, sie besteht also aus
In Koordinationen kollidieren die Prinzi- zwei zusammenhängenden Strings als
pien der Linearität und der Hierarchie. Koor- koordinierten Teilen.
138 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(ii) Der zweite String ist eine strukturelle Heringer, Hans Jürgen (1973): Theorie der deut-
Kopie des ersten. schen Syntax. München (2. Aufl.).
(iii) Die Konjunktion markiert (im Deut- Heringer, Hans Jürgen (1996): Deutsche Syntax de-
schen) die Verdoppelung, den Anfang pendentiell. Tübingen.
der Kopie. Heringer, Hans Jürgen/Strecker, Bruno/Wimmer,
(iv) Bei zweiteiligen Konjunktionen mar- Rainer (1980): Syntax. Fragen ⫺ Lösungen ⫺ Al-
kiert zunächst der erste Teil der Kon- ternativen. München.
junktion den Anfang des Originals. Hier Hesse, Harald/Küstner, Andreas (1985): Syntax der
sind also der Anfang des Originals und koordinativen Verknüpfung. Berlin.
der Anfang der Kopie markiert. Hudson, Richard A. (1988): Coordination and
(v) Der Anfang des Originals wird struktu- grammatical relations. In: Journal of Linguistics 24,
rell ermittelt, er liegt bei einer kategorial 303⫺342.
öffnenden Klammer. Die eröffnenden Johannessen, Janne Bondi (1998): Coordination.
Indizes von Original und Kopie sind Oxford.
normalerweise identisch.
Klein, Wolfgang (1971): Parsing. Frankfurt.
(vi) Das Ende der Kopie liegt vor dem ers-
ten gemeinsamen Element. Nicht immer Klein, Wolfgang (1981): Some Rules of Regular El-
ist eindeutig, ob ein Element gemeinsam lipsis in German Crossing the Boundaries in Lin-
guistics. In: Klein, Wolfgang/Levelt, Willem J. M.
ist oder nicht. (Hgg.): Crossing the Boundaries in Linguistics. A
(vii) Stringsegmente am Rande, die beiden Festschrift for Manfred Bierwisch. Dordrecht.
Koordinaten gemeinsam sind, liegen au-
Klein, Wolfgang (1993): Ellipse. In: Jacobs, Joa-
ßerhalb der Koordination. chim/von Stechow, Arnim/Sternefeld, Wolfgang/
Stringkoordination scheint die Zahl postu- Vennemann, Theo (Hgg.): Syntax. Ein internatio-
lierter Rückwärtstilgungen erheblich zu redu- nales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Berlin/
zieren, weil die Koordination an adäquateren New York, 763⫺799.
Stellen einsetzen kann. Die Vorwärtstilgung Kunze, Jürgen (1972): Die Auslassbarkeit von Satz-
ist eher on line, weil sie nur Ergänzungen er- teilen bei koordinativen Verbindungen im Deut-
wartet, die tatsächlich schon da waren. schen. Berlin.
Koordination ist ein syntaktisches Phäno- Kunze, Jürgen (1975): Abhängigkeitsgrammatik.
men, das sich als umso komplexer erweist, je Berlin.
näher man es betrachtet. Möglicherweise hat Lang, Ewald (1991): Koordinierende Konjunktio-
es nicht die gebührende Beachtung gefunden, nen. In: von Stechow, Arnim/Wunderlich, Dieter
vielleicht auch weil es gewissen Grundüber- (Hgg.): Semantik/Semantics. Berlin, 597⫺623.
zeugungen moderner syntaktischer Theorien Lobin, Henning (1993): Koordinationssyntax als
widerspricht und mit den üblichen Regeln prozedurales Phänomen. Tübingen.
kaum regulär zu fassen scheint. Mel’čuk, Igor A. (1988): Dependency Syntax:
Theory and Praxis. New York.
4. Literatur in Auswahl Nikula, Henrik (1986): Dependensgrammatik.
Stockholm.
Brettschneider, Gunter (1978): Koordination und Oirsouw, Robert van (1993): Coordination. In:
syntaktische Komplexität. Zur Explikation eines lin- Jacobs, Joachim/von Stechow, Arnim/Sternefeld,
guistischen Begriffs. München. Wolfgang/Vennemann, Theo (Hgg.): Syntax: Ein
Dik, Simon C. (1968): Coordination. Its Implicati- internationales Handbuch zeitgenössischer For-
ons for the Theory of General Linguistics. Ams- schung. Berlin/New York, 748⫺763.
terdam. Pottier, Bernard (1956): Tesnière, Esquisse d’une
Engel, Ulrich (1977): Syntax der deutschen Gegen- syntaxe structurale. In: Revista Portuguesa de Filo-
wartssprache. Berlin. logia 7, 441⫺444.
Eroms, Hans-Werner (2000): Syntax der deutschen Rall, Marlene/Engel, Ulrich/Rall, Dietrich (1977):
Sprache. Berlin/New York. Dependenz-Verb-Grammatik für Deutsch als Fremd-
Gleitman, Lila R. (1965): Coordinating Conjuncti- sprache. Heidelberg.
ons in English. In: Language 41, 260⫺293. Schachter, Paul (1977): Constraints on coordina-
Happ, Heinz (1976): Grundfragen einer Dependenz- tion. In: Language 53, 86⫺102.
grammatik des Lateinischen. Göttingen. Smith, Garry (2000): Word remnants and coordi-
Hays, David G. (1964): Dependency Theory: A nation. In: Thieroff, Rolf/Tamrat, Matthias/Fur-
Formalism and Some Observations. In: Language hop, Nanna/Teuber, Oliver (Hgg.): Deutsche Gram-
40, 511⫺525. matik in Theorie und Praxis. Tübingen, 55⫺67.
15. Negation und Frage bei Lucien Tesnière 139

Steedman, Mark (1985): Dependency and coordi- (Hgg.): Geneva Generative Working Papers. Studies
nation in the grammar of Dutch and English. In: on Universal Grammar and Typological Variation.
Language 61, 523⫺568. Amsterdam, 23⫺61.
Wilder, Chris (1995): Some properties of ellipsis in Hans Jürgen Heringer,
coordination. In: Alexiadou, Artemis/Hall, T.Alan Augsburg (Deutschland)

15. Negation und Frage bei Lucien Tesnière

1. Die Einheit von Frage, Exklamation und nen in einer verneinenden Antwort bestätigt
Negation in den Eléments de syntaxe werden (Tesnière 1988, 191 f.). Diese dialogi-
structurale sche Abfolge stifte die Beziehung von Frage
2. Frage zu Negation. Die Frage wiederum sei jedoch
3. Exklamation
4. Negation
nur ein sekundärer, reflektierter Ausdruck
5. Rezeption und Anschlussmöglichkeiten des Zweifels; seine erste, affektive Entäuße-
6. Literatur in Auswahl rung erfahre er in der Exklamation (Tesnière
1988, 216). Diese Überlegungen mögen heute
etwas befremdlich wirken; wichtig ist jedoch,
1. Die Einheit von Frage, Exklamation dass die so konstruierte syntagmatische Ab-
und Negation in den folge von Exklamation, Frage und Negation
Eléments de syntaxe structurale Tesnière die explizite Legitimation liefert, die
drei Phänomene integriert zu behandeln. Ihre
In Lucien Tesnières Hauptwerk Eléments de grammatischen Parallelen (vgl. 1.2) wirken in
syntaxe structurale wird Frage, Exklamation seiner Darstellung gegenüber der dialogi-
und Negation ein eigenes Buch gewidmet, das schen Fundierung ihrer Einheit eher akziden-
in der internen Struktur des Werkes auf glei- tell. Somit nimmt Tesnière hier ⫺ im Gegen-
chem Rang steht wie z. B. das Buch über Va- satz zu den anderen Teilen seines Werkes ⫺
lenz oder dasjenige über die Struktur des ein- eine dezidiert onomasiologische Perspektive
fachen Satzes. Im Gegensatz zu letzteren sind ein: primär sind nicht die sprachlichen For-
Tesnières Vorschläge zu Frage, Exklamation men, sondern die ihnen zugrunde liegenden
und Negation von der Forschung jedoch Sprechereinstellungen (vgl. auch Mettouchi
kaum beachtet worden. Bevor die Theorie im 1995, die den starken Bezug auf die Subjekti-
Einzelnen vorgestellt wird, möchte ich auf die vität des Sprechers in diesem Abschnitt her-
Umstände eingehen, die aus Tesnières Sicht vorhebt).
die Einheit des Gegenstandsbereiches ausma- Bei der Diskussion der Sprechereinstellung
chen. In traditioneller Perspektive sind Frage, zum dargestellten Sachverhalt hält Tesnière
Exklamation und Negation Modifikationen übrigens ganz selbstverständlich proposition
der Affirmation als unmarkierter Erschei- und phrase auseinander und trennt damit die
nungsform des Satzes (vgl. 5). Tesnière be- beiden Begriffe in einer Weise, die der heute
gründet die Einheit der drei syntaktischen üblichen Trennung von Proposition und Satz
Phänomene jedoch anders. Er hebt dabei auf (d. h. Proposition plus Modalität) nahe-
paradigmatische und auf syntagmatische Re- kommt (vgl. Arnavielle 1994).
lationen zwischen ihnen ab.
1.2. Paradigmatische Beziehungen von
1.1. Syntagmatische Beziehungen von Frage, Exklamation und Negation
Frage, Exklamation und Negation Zwischen Frage und Negation besteht zu-
Tesnière geht von einer typischen syntagmati- nächst eine einfache paradigmatische Bezie-
schen Reihung Exklamation ⫺ Frage ⫺ Ne- hung dergestalt, dass beide unterschiedliche
gation aus. Diese Reihung speise sich aus Grade der Unsicherheit des Sprechers über
Zweifeln des Sprechers an der Wahrheit des den dargestellten Sachverhalt ausdrücken
jeweiligen Sachverhalts. In einer Frage drückt (Tesnière 1988, 191). Darüber hinaus werden
der Sprecher einen Zweifel an der Wahrheit Frage, Exklamation und Negation insofern
des Sachverhalts aus; dieser Zweifel kann systematisch parallelisiert, als alle diese drei
vom Sprecher selbst oder vom Angesproche- Operationen entweder den Nukleus eines Sat-
140 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

zes oder seine Konnexion (d. h. den ganzen pronomen wie wer oder was, sondern ledig-
Satz) betreffen können. Dies soll anhand des lich ein sehr inhaltsarmes transitives Verb
direkten Objekts des Beispielsatzes Alfred isst und als solches ein „Vollwort“ ⫺ also gerade
einen Kuchen durchgespielt werden: kein Pronomen! ⫺, das in Verbindung mit ei-
nem Objekt-Fragepronomen den verbalen
(1) a. Nukleusfrage: Was isst Alfred?
Prozess textuell aufzugreifen erlaubt und da-
b. Konnexionsfrage: Isst Alfred einen
mit den Eindruck der grammatischen Erfrag-
Kuchen?
barkeit erweckt. Hinzu kommt, dass machen
(2) a. Nukleusexklamation: Was für einen nicht für alle Verben als verbum vicarium ge-
Kuchen Alfred isst! eignet ist, z. B. nicht für Impersonalia (vgl. zu
b. Konnexionelle Exklamation: Alfred diesem Problemkomplex und damit zusam-
isst einen Kuchen! menhängenden Aspekten der Verbklassifika-
tion Koch 1981, 170⫺206).
(3) a. Nukleusnegation: Alfred isst nichts. Die Nukleusfrage berührt die strukturelle
b. Konnexionelle Negation: Alfred isst Ordnung eines Satzes nicht, die Dependenz-
nicht einen Kuchen. verhältnisse sind die gleichen wie beim ent-
sprechenden Deklarativsatz (während sich
2. Frage die lineare Ordnung natürlich ändern kann,
z. B. durch Voranstellung eines Frageprono-
Die Unterscheidung von Nukleusfrage und mens). Die dependenzielle Beschreibung er-
Konnexionsfrage entspricht der traditionel- laubt es also, die strukturellen Gemeinsam-
len Unterscheidung von Wortfrage und Satz- keiten von Deklarativ- und Fragesatz auf ein-
frage. fache Weise zu erfassen.
2.1. Nukleusfrage 2.2. Konnexionsfrage
Nach Tesnière lässt sich jeder Nukleus eines Tesnières Syntaxtheorie ermöglicht ihm eine
Deklarativsatzes durch Umformung in eine originelle Interpretation der Satzfrage. Diese
entsprechende Nukleusfrage erfragen, d. h. erfrage, ob die jeweiligen Knoten bzw. Nuklei
nicht nur das direkte Objekt wie in (1a), son- in Konnexion, also in syntaktischer Abhän-
dern z. B. auch das Subjekt: Wer isst einen gigkeit, miteinander seien (1988, 203). Sche-
Kuchen? Die Sprachen bedienen sich hierfür matisch wird dies folgendermaßen dargestellt
spezieller Fragepronomina, in Tesnières Ter- (vgl. Tesnière 1988, 206):
minologie: interrogativer genereller Wörter
(Tesnière 1988, 193). Tesnière bemerkt aller-
dings, dass die Fragebildung desto „schwieri- chante
ger“ wird, je weiter der zu erfragende Nuk-
leus vom strukturalen Zentrum des Satzes ?
(dem Verb) entfernt ist (1988, 195). Er macht
hiermit auf ein Problem aufmerksam, das in
der generativen Syntax ausgiebig unter dem Alfred
Stichwort der Extraktionsbeschränkungen
diskutiert wurde. Denn manche Satzglieder
sind überhaupt nicht erfragbar, besonders in Diese Analyse ist allerdings theorieintern in-
eingebetteten Sätzen (in Anna erwartet, dass sofern problematisch, als eine Satzfrage ja si-
Hans Brötchen kauft ist Hans nicht mittels ei- cherlich selbst eine syntaktische und semanti-
nes vorangestellten Subjekt-Fragepronomens sche Struktur hat, die wiederum nur als Kon-
erfragbar). nexion gedacht werden kann. Der Mechanis-
Auch das Verb als Nukleus sei durch ein mus der Frage muss daher die Konnexions-
verbum vicarium, also faire bzw. machen, er- beziehung, die er erst erfragen will, schon vo-
fragbar: Was macht Alfred? Schon dieses Bei- raussetzen. Die Analyse ist also insgesamt
spiel (das Tesnières eigenem entspricht) deu- mit der Gesamttheorie nicht konsistent. Tes-
tet allerdings auf ein Problem dieser These. nières Interpretation der Satzfrage erweckt
Denn hier wird, wie Ruwet (1967, 230) richtig aber insofern Interesse, als sie nicht nur die
kritisiert, nicht nur nach dem Verb, sondern Intution wiedergibt, dass Fragesätze von De-
nach dem ganzen Komplex Verb ⫹ direktes klarativsätzen abgeleitet sind, sondern ein
Objekt, also mehreren Nuklei, gefragt. Das Verständnis der Satzfrage voraussetzt, dem-
verbum vicarium ist nämlich nicht ein Frage- zufolge diese eine entsprechende Affirmation
15. Negation und Frage bei Lucien Tesnière 141

„enthält“, die erst sekundär in Frage gestellt 4. Negation


wird.
Es gibt einen Berührungspunkt von Nukle- In der systematischen Parallelisierung von
us- und konnexioneller Frage: Konnexionelle Frage und Negation liegt sicherlich eine der
Fragen können einen Nukleus kontrastiv fo- interessantesten Einsichten dieses Buches der
kussieren, z. B. in est-ce lui qui viendra? bzw. Eléments de syntaxe structurale. Analog zur
kommt ER? (1988, 209). Die Frage betrifft Frage kann jeweils ein Nukleus oder die Kon-
hier „l’extrémité de la connexion qui touche nexion negiert werden.
au nucléus“ (1988, 209) und wird am lat. Bei-
spiel Aulusne veniet? folgendermaßen grafisch 4.1. Nukleusnegation
veranschaulicht: Ein Nukleus wird negiert, indem er durch
spezialisierte Indefinitpronomina oder Nega-
tionsadverbien (negative generelle Wörter)
veniet
wie nirgends, nichts, keiner ersetzt wird (Tes-
nière 1988, 217 f.). Mit dieser Definition wird
die Analogie der Nukleusnegation zur Nukle-
usfrage gesichert, die ja auch mittels eines
ne ? spezialisierten Fragepronomens markiert
Aulus wird. In vielen Sprachen (so dem Französi-
schen, Deutschen und Englischen) sind die
Formen des Negationsparadigmas „undurch-
Tesnières Formulierung suggeriert, dass die lässig“, d. h. die Negation hat Skopus nur
Satzfrage nicht unbedingt das ganze Konne- über einen Nukleus (Tesnière 1988, 232 ff.).
xionsgefüge eines Satzes in Frage stellen Treffen zwei negierte Nuklei aufeinander, wie
muss, sondern auch die Konnexion nur zwi- in Niemand hat nichts gesagt, so wird der Satz
schen zwei Nuklei treffen kann. Eine explizite insgesamt zu einer Affirmation. In denjenigen
Aussage hierzu macht er allerdings nicht. Sprachen, deren Negationsausdrücke un-
Dieses Problem wird in der Diskussion zur durchlässig sind, gibt es noch ein zweites Pa-
Negation noch einmal aufgegriffen werden. radigma „durchlässiger“ Negationsausdrücke
(d. h. Indefinitpronomina), die in Kombina-
3. Exklamation tion mit einem undurchlässigen Negations-
ausdruck eine Negation mehrerer Nuklei er-
Auch die Exklamation kann nach Tesnière lauben. Im Deutschen gehören hierzu je-
sowohl einen Nukleus als auch die Konne- mand, etwas, je usw. Dabei können durchläs-
xion, also den ganzen Satz, treffen (vgl. 1.2). siger und undurchlässiger Negator getauscht
Hier geht Tesnière aber nicht so weit zu be- werden, so dass man im Deutschen das hat
haupten (wie bei der Frage), dass jeder ein- keiner je gesagt neben das hat niemals einer
zelne Nukleus eines Satzes separat im Skopus gesagt sagen kann (1988, 234 ff.). Genau
einer Exklamation stehen könne. Als Beispiel wie die Nukleusfrage berührt die Nukleus-
für eine Nukleus-Exklamation führt er an: negation die Dependenzbeziehungen im Satz
Welch ein artiges Kind! (1988, 216) und be- nicht.
merkt die ausdrucksseitige Ähnlichkeit der
Exklamationsmarkierung mit den Fragepro- 4.2. Konnexionelle Negation
nomina. Die Exklamation scheint hier das Die konnexionelle, d. h. den ganzen Satz be-
ganze Syntagma zu treffen, doch es enthält treffende Negation wird analog zur Satzfrage
nicht nur einen Nukleus. Insofern bleibt un- interpretiert. So wie die Satzfrage die Konne-
klar, wie der Mechanismus der Nukleus-Ex- xion eines Satzes in Frage stelle, negiere die
klamation genau zu denken ist, zumal Tes- Satznegation, dass zwischen den Satzgliedern
nière auch keine Stemmaanalyse liefert. Man eine Konnexion bestehe (Tesnière 1988, 218).
gewinnt den Eindruck, dass die Nukleusex- Diese Analyse trifft der gleiche Einwand wie
klamation sich im Grunde nicht von der kon- die Analyse der Satzfrage: Sie scheint proble-
nexionellen Exklamation (z. B. Ce qu’elle est matisch, denn auch ein negierter Satz muss
gourmande!) unterscheidet, und dass lediglich eine syntaktische und semantische Struktur
die Abwesenheit eines verbalen Knotens in haben, die nur als Konnexion konzipiert sein
Syntagmen wie welch ein artiges Kind! die kann; insofern muss die Verneinung von
Existenz eines eigenen Typs der Nukleusex- Konnexion selbst schon Konnexion voraus-
klamation zu suggerieren vermag. setzen. Andererseits wird damit eine abgelei-
142 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

tete, der Affirmation sekundäre Konzeption sich im komplexen Satz ich hoffe nicht, dass
von Negation ausgedrückt: „Toute négation Sie krank sind die Negation nicht auf das
procède d’une affirmation“ (1988, 217). Die Matrixverb, sondern auf den Inhalt des Ne-
Auffassung, dass Negation gegenüber Affir- bensatzes. Ebenso bezieht sich die Negation in
mation sekundär sei, scheint plausibel und ist der kohärenten Konstruktion you mustn’t
weit verbreitet, ist aber nicht unkontrovers smoke semantisch nicht auf das regierende,
(cf. Horn 1989, 45⫺79 für einen Überblick sondern auf das regierte Verb. Die Antizipa-
über die Argumente für und gegen eine asym- tion der Negation ist auf bestimmte Verbklas-
metrische Konzeption von Negation und Af- sen (des regierenden Verbs) beschränkt. Tes-
firmation). nière nennt die Verben des Wollens, des Be-
In der Analyse der zweigliedrigen französi- fehlens, der Notwendigkeit, der Hoffnung,
schen Negation (ne … pas, ne … personne des Scheinens und des Deklarierens (1988,
usw.) folgt Tesnière der Grammatik von Da- 221 f.). Barnicaud et al. (1967, 65⫺69) greifen
mourette und Pichon (1911⫺40), die ne als ⫺ anscheinend in Unkenntnis des Umstan-
„Discordantiel“ und das zweite Negationsele- des, dass dieses Thema ein allgemeines, schon
ment als „Forclusif“ bezeichnen. Tesnière lange vor Tesnière bekanntes Problem der
wendet diese Analyse sowohl auf die Nukle- Negationsforschung ist ⫺ seine Ausführun-
us- als auch auf die konnexionelle Negation gen auf. Sie entgegnen ihm, dass die Antizi-
an. Der Ausdruck der französischen Nega- pation der Negation nicht für alle Modalver-
tion sei nicht nur formal diskontinuierlich, ben (als regierende Verben einer kohärenten
sondern korrespondiere einer auch inhaltli- Infinitivkonstruktion) möglich sei ⫺ was er
chen Zweigliedrigkeit. Diese hängt funda- allerdings nie behauptet hat. Die stemmati-
mental mit dem zeitlichen Abstand in der schen Darstellungen von Barnicaud et al.
Rede zwischen Discordantiel und Forclusif (1967, 67) deuten darauf hin, dass sie die
zusammen: „[L]e français procède en deux konnexionelle Negation als Verneinung nur
temps. Il décroche d’abord sa pensée de la einer einzigen Dependenzrelation und nicht
notion affirmative, puis il la raccroche à la eines ganzen Konnexionsgefüges analysieren.
notion négative“ (Tesnière 1988, 225). Aus Dies nun erscheint als eine plausible Präzisie-
dieser Formulierung spricht der psychologi- rung Tesnières eigener Darstellung der kon-
sierende Ton dieses Buches der Eléments de nexionellen Negation bzw. Frage (vgl. 2.2):
syntaxe structurale. Ganz gegen den Geist Konnexionelle Negation bzw. konnexionelle
seines Werkes hebt Tesnière hier in der syn- Frage treffen nicht die ganze Konnexion ei-
taktischen Beschreibung auf Merkmale der li- nes Satzes, sondern nur eine bestimmte De-
nearen Ordnung der Satzglieder, der chaı̂ne pendenzrelation.
parlée, ab. Tesnière erwähnt Varianten der Negation,
Die Markierung der konnexionellen Nega- den „Restriktiv“ (ne … guère) und den „Li-
tion (ne … pas usw.) wird als Indiz, d. h. als mitativ“ (ne … que). Er legt sich aber nicht
morphologische Markierung einer Wortart, auf eine Kategorisierung dieser Elemente als
bezeichnet (Tesnière 1988, 226). Sie markiere Nukleus- oder konnexionelle Negatoren fest
die negative Spezifizierung des Verbinhalts und gibt auch keine Stemmaanalyse von Sät-
(1988, 226) (vgl. auch Mettouchi 1995, 346). zen, in denen sie vorkommen. Dies würde ihn
Diese (eigentlich sehr plausible) Aussage auch in Schwierigkeiten bringen, denn Limi-
steht wiederum im Widerspruch zur An- tativ und Restriktiv lassen sich nicht in para-
nahme, dass die konnexionelle Negation digmatische Opposition zu Frageausdrücken
Nicht-Konnexion ausdrücke. Denn wenn die bringen und gefährden so die durchgängige
Satznegation struktural am Verb lokalisiert Parallelisierung von Frage und Negation.
ist, so kann sie kaum gleichzeitig als nichtlo-
kale „Abwesenheit von Konnexion“ analy- 5. Rezeption und
siert werden. Anschlussmöglichkeiten
Tesnière geht auch auf ein klassisches und
zu seiner Zeit schon bekanntes (vgl. Horn Tesnières Vorschläge zu Frage, Negation und
1989, 308 ff.) Problem der Negationsfor- Exklamation sind von der Forschung kaum
schung ein, die anticipation de la négation aufgegriffen worden. Von vereinzelten Bemer-
(„NEG-Raising“): Die Negation eines Ne- kungen bei verschiedenen Autoren abgese-
bensatzes (oder eines eingebetteten Infinitivs) hen, ist Mettouchi (1995) der einzige mir be-
kann manchmal auch am Verb des überge- kannte explizite Versuch, Tesnières Gedan-
ordneten Satzes markiert werden. So bezieht ken aufzunehmen und weiterzuentwickeln.
15. Negation und Frage bei Lucien Tesnière 143

Mettouchi sieht in seiner Analyse der Nega- „Questions, réponses, énonciations positives
tion als Indiz am Verb (vgl. 4.2) eine sachlich et négatives“ des Buchteils „Les faits par rap-
adäquate Möglichkeit angelegt, Negation als port à nos jugements, à nos sentiments, à nos
eigenständige semantische Kategorie (und volontés“. Insbesondere definiert er den affir-
nicht als von der Affirmation abgeleitet) zu mativen Deklarativsatz negativ aus der Ab-
konzipieren. Dies wird am Kabylischen (Ber- wesenheit von Frage und Negation (1922,
berisch, Algerien) veranschaulicht. Im Kaby- 493). Doch erreichen diese Ausführungen bei
lischen (wie in sehr vielen anderen Sprachen weitem nicht die Kohärenz und die Systema-
auch, vgl. Givón 1978, 97) sind bestimmte tizität Tesnières. Die neuere Forschung hat
temporal-aspektuelle Kategorien nicht mit Tesnière der Sache nach in mancher Hinsicht
der Negation verträglich. Mettouchi (1995) bekräftigt, in anderer Hinsicht relativiert. Die
sieht diesen Umstand als Beleg für die These systematischen Beziehungen zwischen Nega-
an, dass die Negation nicht von der Affirma- tion und Frage sind z. B. auch an dem Um-
tion abgeleitet sei. Wenn nun, wie bei Tes- stand bestätigt worden, dass Indefinitprono-
nière ausgeführt, die Negation ein Indiz am mina, zu denen ja auch Nukleusnegatoren ge-
Verb ist, sei sie eine Verbalkategorie eigenen hören, in der Mehrzahl der menschlichen
Rechts und nicht der Affirmation sekundär. Sprachen morphologisch von Frageprono-
Somit sei es theoretisch unproblematisch, mina abgeleitet sind (Haspelmath 1997, 26 f.),
wenn, wie im Kabylischen, die Verbalkatego- z. B. polnisch kto ‘wer?’ ⬎ nikt ‘niemand’.
rie Negation nicht mit allen anderen Verbal- Hentschel (1998, 205⫺234) belegt, dass in
kategorien, im speziellen Fall bestimmten As- sehr vielen Sprachen der Welt die Negation
pekten, kombinierbar sei. Mettouchi versucht spezifisch mit Frage und Exklamation inter-
also, Tesnières technische Analyse der Nega- agiert: Negation kann Vergewisserungsfragen
tion gegen seine eigene semantische Defini- kennzeichnen wie in Hast du nicht Lust, ins
tion der Negation (vgl. 4.2) zu wenden. Hier- Kino zu gehen? Hentschel argumentiert, dass
gegen ist einzuwenden, dass die Nichtnegier- hier nicht die Proposition negiert werde, son-
barkeit einer bestimmten morphologischen, dern die Interrogation als Satzmodus. Auch
d. h. Ausdruckskategorie noch nicht den kann die Negation, ebenfalls übereinzel-
weitreichenden Schluss zu ziehen gestattet, sprachlich, Exklamationen markieren wie in
dass Negation als wesensmäßig inhaltliche Was du nicht alles weißt! Eine Weiterentwick-
Größe prinzipiell von Affirmation unabhän- lung von Tesnières Theorie könnte anhand
gig sei. Die Nichtnegierbarkeit bestimmter dieser Befunde eine dritte Form von Nega-
verbaler Kategorien scheint ein Reflex davon tion (neben Nukleus- und konnexioneller Ne-
zu sein, dass viele grammatische Innovatio- gation) postulieren. Andererseits hat die neu-
nen im Bereich von Tempus, Aspekt und Mo- ere Negationsforschung auf Grenzen der Pa-
dus typischerweise im affirmativen Satz ent- rallelisierbarkeit von Negation und Frage
stehen und erst später auf die negative Vari- hingewiesen (Horn 1989, 472 f.). Diese Gren-
ante ausstrahlen (vgl. Givón 1978, 97). So be- zen sind zum einen ausdrucksseitiger Natur:
stätigt der Umstand, dass negierbare Verbal- Die intonatorische Modifikation eines Dekla-
kategorien diachron sekundär sind, sogar die rativsatzes ist ein weit verbreitetes Muster der
These vom abgeleiteten, markierten Charak- (konnexionellen) Fragesatzbildung. Intona-
ter der Negation. Auch ist es durchaus mög- tion ist jedoch nicht als typisches Negations-
verfahren zu betrachten. Weiterhin ist für die
lich, Sätze zu negieren, die eine nicht-
Nukleusfrage die Erststellung des Fragepro-
negierbare Verbalkategorie enthalten. Die
nomens im Satz sehr typisch; entsprechendes
nichtnegierbare Verbalkategorie muss dann
gilt für die Nukleusnegation nicht. Zum an-
paraphrasiert werden.
deren gibt es einen wichtigen kategorialen
Rückblickend kann man Tesnière das Ver- Unterschied zwischen Frage und Negation,
dienst zurechnen, als erster die Parallelen von der ihre Parallelisierbarkeit einschränkt:
Frage und Negation in syntagmatischer und Während die Frage typischerweise den Illo-
paradigmatischer Sicht systematisiert zu ha- kutionstyp des deklarativen Pendants ändert,
ben. Sicherlich waren diese Parallelen auch tut die Negation dies typischerweise nicht.
vor ihm nicht unbekannt: Viele traditionelle
Grammatiken behandeln Frage und Nega-
tion als gleichrangige Verfahren der Modifi- 6. Literatur in Auswahl
kation eines Aussagesatzes. Brunot (1922) Arnavielle, Teddy (1994): Le statut de la proposi-
untersucht die Frage und die Negation in auf- tion chez Tesnière. In: Linguistica 34,1 (Mélanges
einanderfolgenden Kapiteln einer Sektion Lucien Tesnière), 9⫺13.
144 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Barnicaud, G. et al. (1967): Le problème de la né- Horn, Laurence R. (1989): A natural history of ne-
gation dans diverses grammaires françaises. In: gation. Chicago/London.
Langages 7, 58⫺73.
Koch, Peter (1981): Verb, Valenz, Verfügung. Zur
Baum, Richard (1976): „Dependenzgrammatik“.
Satzsemantik und Valenz französischer Verben am
Tesnières Modell der Sprachbeschreibung in wissen-
schaftsgeschichtlicher und kritischer Sicht (⫽ Bei- Beispiel der Verfügungs-Verben (⫽ Reihe Siegen
hefte zur Zeitschrift für Romanische Philologie 32). Heidelberg.
151). Tübingen. Mettouchi, Amina (1995): La négation dans les
Brunot, Ferdinand (1922): La pensée et la langue. Eléments de syntaxe structurale de Lucien Tes-
Méthode, principe et plan d’une théorie nouvelle du nière: syntaxe et énonciation. In: Madray-Lesigne,
langage appliquée au français. Paris. Françoise/Richard-Zappella, Jeannine (Hgg.): Lu-
Damourette, Jacques/Pichon, Edouard (1911⫺40): cien Tesnière aujourd’hui. Actes du colloque interna-
Des mots à la pensée. Essai de grammaire de la tional C.N.R.S. URA 1164 ⫺ Université de Rouen,
langue française. Paris. 16⫺17⫺18 novembre 1992 (⫽ Bibliothèque de l’In-
Givón, Talmy (1978): Negation in language: prag- formation grammaticale 30). Paris, 341⫺347.
matics, function, ontology. In: Cole, Peter (Hg):
Syntax and semantics. Vol. 9: Pragmatics. New Ruwet, Nicolas (1967): Introduction à la grammaire
York, 69⫺112. générative. Paris.
Haspelmath, Martin (1997): Indefinite pronouns. Tesnière, Lucien (1988): Eléments de syntaxe struc-
Oxford. turale. Paris (2. Aufl.).
Hentschel, Elke (1998): Negation und Interrogation.
Studien zur Universalität ihrer Funktionen (⫽ Reihe
Germanistische Linguistik 195). Tübingen. Richard Waltereit, Tübingen (Deutschland)

16. Metataxe bei Lucien Tesnière

1. Hintergründe und Kern des structure actantielle des verbes, tant dans la
Metataxe-Konzepts langue à traduire que dans celle dans laquelle
2. Grammatische Kategorien on traduit. […] Un verbe dont on connaı̂t le
3. Knoten und Konnexionen sens, mais dont on ignore la structure actan-
4. Valenz, Aktanten und Zirkumstanten
5. Junktion und Translation
tielle, est inutilisable“ (1959, Kap. 122, §§ 8,
6. Probleme 9; vgl. unten 4.1.). ‘Metataxe’ ist, wie ersicht-
7. Konklusion lich, per definitionem ein Konzept für den
8. Literatur in Auswahl Sprachvergleich, für die kontrastive Linguis-
tik: „[Dans certains cas,] la traduction d’une
langue à l’autre oblige à faire appel à une
1. Hintergründe und Kern des structure différente. Nous donnerons à ce
Metataxe-Konzepts changement structural le nom de métataxe. Il
va de soi que la métataxe n’intervient en prin-
1.1. Stellenwert des Metataxe-Konzepts cipe que lors du passage d’une langue à une
bei Tesnière autre, c’est-à-dire au cours de la traduction“
Von den zentralen Beschreibungskonzepten, (1959, Kap. 120, §§ 2⫺3).
die Lucien Tesnière in seinem Hauptwerk
Eléments de syntaxe structurale (1959) ein- 1.2. Metataxe und Dependenzstemma
führt, sind nur einige wenige (‘Dependenz’, Es liegt auf der Hand, dass Tesnière das Phä-
‘Valenz’, ‘Aktant’ u. a.) breit rezipiert wor- nomen der Metataxe vom spezifischen Be-
den, während zahlreiche andere in der Folge- schreibungsinstrumentarium seiner syntaxe
zeit kaum zur Kenntnis genommen wurden structurale her definiert. Maßstab der syntak-
(‘Konnexion’, ‘Junktion’, ‘Translation’ u. a.). tischen Verschiedenheit zweier Sätze, die ei-
Zu letzteren gehört auch das Konzept der nander in zwei verglichenen Sprachen ent-
‘Metataxe’. Dies ist um so überraschender, sprechen, sind die betreffenden Dependenz-
als ein besonders vielzitiertes Dictum Tes- stemmata: „La métataxe comporte par défini-
nières gerade im Kontext der Metataxe er- tion une différence entre le stemma de la
scheint (es ist der zweite Teil des folgenden phrase à traduire et celui de la phrase tra-
Zitats): „[…] il y a lieu de connaı̂tre à fond la duite dans une autre langue“ (1959, Kap.
16. Metataxe bei Lucien Tesnière 145

entging eut

er Feinden mit Not il bien de la peine

seinen knapper
à échapper

à ennemis

ses
Abb. 16.1

120, § 4). So lassen sich die Unterschiede zwi- nicht. Nun hatte Tesnière die Eléments im
schen dem deutschen Satz (1a) und der fran- Manuskript schon Anfang der 40er Jahre fer-
zösischen Entsprechung (1b) aus dem Ver- tig (vgl. Oesterreicher 1981, 224). Getreu sei-
gleich der Stemmata Abb. 1a und Abb. 1b nem Interesse an der Vielfalt der menschli-
ablesen (sich entsprechende, aber syntaktisch chen Sprachen und an ihren Unterschieden,
unterschiedlich gestaltete Elemente in den muss ihn auch das Problem der Metataxe im-
beiden Sätzen werden, nach einer von Tes- mer mehr beschäftigt haben, so dass er ihm
nière bisweilen verwendeten Notation, quer im Endeffekt immerhin das ganze Buch E des
zu den beiden Stemmata durch gestrichelte ersten Teils der Eléments widmete. Einen
Linien miteinander verbunden): wichtigen Einfluss dürfte hier – neben einer
immer wieder zitierten lateinischen (Schul?)-
(1) a. dt. Mit knapper Not entging er sei-
Grammatik – Alfred Malblanc ausgeübt ha-
nen Feinden.
ben, dessen stylistique comparée in einer ers-
b. fr. Il eut bien de la peine à échapper à
ten frühen Version bereits in den 40er Jahren
ses ennemis.
erschienen war (1944) und auf den Tesnière
Die Aspekte, unter denen sich Stemmata me- an zahlreichen Stellen ausdrücklich verweist.
tataktisch unterscheiden können, ergeben Malblanc seinerseits ist in bestimmten Punk-
sich im Wesentlichen aus den übrigen zentra- ten eindeutig von Strohmeyer (1924) und
len Konzepten der syntaxe structurale (wobei Bally (1932) inspiriert worden. Diese Filia-
zwischen den einzelnen Aspekten durchaus tion der kontrastiven Linguistik findet also,
Überschneidungen auftreten): grammatische soweit die Syntax betroffen ist, in Tesnières
Kategorien (s. u. 2.); Knoten und Konnexio- Metataxe-Lehre ihren bis dahin strengsten
nen (s. u. 3.); Valenz, Aktanten und Zirkum- Beschreibungsapparat.
stanten (s. u. 4.); Junktion und Translation Um so bedauerlicher ist es, dass Tesnières
(s. u. 5.). Metataxe-Konzept später nur vereinzelt von
anderen Linguisten aufgegriffen wurde, selbst
1.3. Vorgeschichte und Rezeption wenn sie de facto Phänomene behandelten,
Bekanntlich hat Tesnière am Konzept seiner die genau in den Bereich fielen, den dieses
syntaxe structurale über etwa zwei Jahrzehnte Konzept abdeckt. So lässt Wandruszka
hin bis zu seinem Tod (1954) gearbeitet. Das (1969), der seinerseits von Bally und Mal-
Phänomen der Metataxe scheint ihn aller- blanc beeinflusst ist, Tesnière unbeachtet.
dings zunächst noch nicht vorrangig beschäf- Aber selbst Publikationen, deren ausdrückli-
tigt zu haben. In dem ersten Denkanstoß von cher Gegenstand Tesnières syntaxe structu-
1934 spielt es jedenfalls noch keine Rolle. In rale ist, erwähnen das Problem der Metataxe
der kurzen Syntax-Skizze von 1953, 5, taucht weithin nicht (vgl. etwa Baum 1976; Tarvai-
immerhin schon ein einziges Beispiel für eine nen 1981; Welke 1988; Fuchs/Le Goffic 1992,
‘interversion des actants’ auf (es ist das unten 31⫺39; Helbig 1992; Weber 1992; vgl. demge-
in Abb. 16.7 wiedergegebene Beispiel), aber genüber Oesterreicher 1981, 230; Werner
der Oberbegriff ‘Metataxe’ erscheint hier 1993, 111, 278). Überraschend ist auch die
146 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

Tatsache, dass die neuere Sprachtypologie […] Mais, toutes les langues ne faisant pas
von Tesnières Metataxe-Begriff keine Notiz forcément appel à la même catégorie gram-
genommen hat, obwohl sie sich zum Teil maticale pour exprimer la même catégorie de
durchaus mit Problemen konfrontiert sieht, la pensée, il en résulte que la traduction d’une
die unter diesen Begriff fallen würden (vgl. langue dans une autre nécessite quelquefois
etwa 2.2.; 3.3.; 4.3.2.). Ebenso überraschend l’appel à une catégorie grammaticale diffé-
ist es, dass die sprachdidaktische Relevanz rente“ (op. cit., Kap. 121, §§ 1, 2). Tesnière
des Konzepts (vgl. Pietri 1995) bisher nicht sieht hierin die einfachste Form der Metataxe
ausreichend gewürdigt wurde. (‘métataxe simple’). Im Kern geht es dabei
Relativ nahtlos wird das Metataxe-Kon- um das, was in der Tradition der stylistique
zept hingegen bei Schubert und anderen für comparée als ‘Transposition’ bezeichnet
Zwecke der maschinellen Übersetzung über- wurde: „Procédé par lequel un signifié change
nommen (vgl. Schubert 1987; 1989). Im Rah- de catégorie grammaticale“ (Malblanc 1968,
men einer dependenziellen Syntax (die im De- 13, und gleichlautend Vinay/Darbelnet 1958,
tail freilich nicht mehr mit Tesnières Modell 16). Wie Tesnières Beispiele zeigen, ist diese
identisch ist) werden als ‘Metataxe’ alle Pro- Art von Kategorienwechsel allerdings in der
zesse bezeichnet, die auf der Grundlage de- Regel mit anderen metataktischen Aspekten
pendenzieller Einträge in einem zweisprachi- verquickt. So impliziert die Äquivalenz von
gen Wörterbuch und allgemeiner Redundanz- dt. Fort! und fr. Va-t-en! natürlich auch eine
regeln Baumstrukturen der Ausgangssprache Veränderung bezüglich des Knotens und sei-
in Baumstrukturen der Zielsprache transfor- ner Konnexionen (3.). Die Übersetzung von
mieren. dt. jemandem das Versprechen abnehmen
Nur in lockerer Anlehnung an Tesnière durch fr. faire promettre à quelqu’un invol-
und mit Bezug auf verschiedene Ebenen der viert auch Probleme der Valenz und der Ak-
Sprache bis hinunter zur Morphologie ver- tantenverteilung (4.). In dem stemmatisch wie
wendet Bossong (1979, 52 f.) den Terminus in Abb. 16.2 dargestellten Beispiel (2) findet
‘Metataxe’ als Maßstab für Übersetzungsent- vordergründig eine parallele Verschiebung
sprechungen im Rahmen eines Akkulturati- der Verb-Adverb-Relation zu einer Substan-
onsprozesses. tiv-Adjektiv-Relation statt (ein Punkt, auf
dem Tesnière 1959, Kap. 121, §§ 8, 9, aus-
2. Grammatische Kategorien drücklich insistiert), aber bei dem Verb lat.
fecisset ist natürlich auch die Translation
2.1. Grundlagen bei Tesnière und zweiten Grades, bei fr. de cruauté die Transla-
seinen Zeitgenossen tion ersten Grades tangiert (5.):
Die grammatischen Kategorien, um die sich (2) a. lat. cum multa crudeliter fecisset
alle Beziehungen in Tesnières Stemmata dre- b. fr. après de nombreux actes de cruauté
hen, sind die vier autosemantischen Haupt-
wortarten (‘espèces de mots pleins’) Substan- Wie übrigens Tesnières Beispiel dt. Gehen Sie
tiv, Verb, Adjektiv und Adverb (Tesnière um das Haus!/fr. Faites le tour de la maison!
1959, Kap. 32⫺37). Schon bei der Wortart- implizit zeigt (und wie Malblanc 1968, 27
verteilung zeigen sich im Sprachvergleich in- prinzipiell annimmt), beschränkt sich die
teressante Unterschiede: „Toute langue éta- Möglichkeit des Wortartwechsels keineswegs
blit entre les catégories de la pensée et les ca- auf die vier Hauptwortarten, sondern
tégories grammaticales qui les expriment, cer- schließt Präpositionen und Konjunktionen
taines correspondances qui lui sont propres. mit ein. Hier noch ein Beispiel für eine Meta-

(cum) fecisset (après) de(s) actes

multa crudeliter nombreux de cruauté

Abb. 16.2
16. Metataxe bei Lucien Tesnière 147

taxe Konjunktion J Substantiv, Hand in (wobei dt. ist niederträchtig einen zweigeteil-
Hand mit einer Metataxe Verb J Substantiv ten Nukleus darstellt; vgl. zu dieser Darstel-
(bei Vinay/Darbelnet 1958, 113, als Beispiel lungsform Tesnière 1959, Kap. 67 und 74, § 3;
einer ‘Transposition’ zitiert): kritisch dazu: Weber 1992, 30⫺32) (s.
Abb. 16.3).
(3) a. engl. It depends on when you have to
Um in einer Sprache wie dem Turkana ein
go.
Eigenschaftskonzept attributiv zu versprach-
b. fr. Cela dépend de la date de votre dé-
lichen, bedarf es dann – wiederum ganz pa-
part.
rallel zu (5b2) – eines Relativsatzes wie in
2.2. Typologischer Ausblick (5b1):
Metataxe-Probleme, wie sie in 2.1. angespro- (5) b1. Turkana
chen wurden, spielen mittlerweile eine inte- e-kı̀le
ressante Rolle in der Sprachtypologie. Nach m sg-Mann (nom)
Lehmann (1990, 165⫺171) unterscheiden lc-a-mcn-a-n
sich Sprachen unter anderem in typischer rel m sg-3 sg-niederträchtig-stat-sg
Weise dadurch, in welcher Wortart sie Eigen- ‘niederträchtiger Mann’
schaftskonzepte versprachlichen. In Spra-
b2. Turkana
chen wie dem Deutschen dienen hierzu Ad-
e-kı̀le
jektive, wobei (4a) der prädikativen und (4b)
m sg-Mann (nom)
der attributiven Verwendung entspricht:
lc-ì-bun-ı̀
(4) a. dt. Der Mann ist niederträchtig. rel m sg-3 sg-kommen-imperf-sg
(vgl. Abb. 16.3). ‘Mann, der kommt’
b. dt. der niederträchtige Mann.
In Tesnières Dependenzsystem müsste man
In einer Sprache wie dem Turkana (nilotisch, zur Beschreibung dieser Zusammenhänge auf
Kenia) enthält demgegenüber (5a1) als Ent- den Mechanismus der Translation zurück-
sprechung von (4a) eine Verbform, wie aus greifen (vgl. 5.). Auch wenn bei Beispielen
der perfekten Parallelität zu (5a2) hervorgeht: wie in (4), (5) und Abb. 16.3 die kritische Dis-
kussion über Tesnières Beschreibungsoptio-
(5) a1. Turkana nen natürlich nicht mehr ausgeblendet wer-
ì-mc̀n e-kı̀le (Abb. 16.3) den kann, so ist doch unbestrittenen, dass
3 sg-niederträchtig m sg-Mann (nom) sein Metataxe-Konzept geradewegs in die
‘Der Mann ist niederträchtig.’ Sprachtypologie hineinführt.
a2. Turkana
ì-bùn-ı̀ e-kı̀le
3 sg-kommen-imperf m sg-Mann
3. Knoten und Konnexionen
‘Der Mann kommt.’ (nom) 3.1. Grundlagen bei Tesnière
In Tesnières Stemmadarstellung (auf die Leh- Ein markanter Typ von Metataxe besteht da-
mann jedoch nicht zurückgreift), ließe sich rin, dass die Konnexionsrelation zwischen
dies folgendermaßen als Metataxe erfassen zwei Knoten beim Übergang von einer Spra-

ist -m n

der Mann niederträchtig e-kìle

der
Abb. 16.3
148 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

entmutigte nicht ne décourageait pas

die Gefahr ihn la grandeur le

große du danger
Abb. 16.4

ist fortgegangen vient

Anton eben Antoine de partir


Abb. 16.5

che zur anderen umgedreht wird: „[…] de (vgl. etwa Strohmeyer 1924, 192; Bally 1965,
telle sorte que l’idée exprimée dans une 349 f.; Malblanc 1968, 66⫺70, 92⫺94, 161⫺
langue par le nœud régissant le soit par le 165; Vinay/Darbelnet 1964, 58, 105⫺107;
nœud subordonné dans l’autre et inverse- Wandruszka 1969, 460⫺469; Blumenthal
ment“ (1959, Kap. 128, § 1). Um dieses 1997, 11, 70 f.).
‘chassé-croisé’ (‘Überkreuz’) genannte Phä- Als typische semantische Bereiche, in de-
nomen zu veranschaulichen, greift Tesnière nen sich ‘chassé-croisé’-Phänomene beobach-
u. a. ein altes, letztlich auf Strohmeyer (1924, ten lassen, erscheinen in der einschlägigen Li-
151) zurückgehendes, von Malblanc (1968, teratur und ebenso bei Tesnière (1959, Kap.
167) präsentiertes Beispiel auf: 129⫺131): aspektuelle Präzisierungen eines
Verbkonzepts (s. o. (7a/b) mit Abb. 16.5);
(6) a. dt. Die große Gefahr entmutigte ihn
epistemische oder attitudinale Präzisierungen
nicht.
eines Verbkonzepts (8a/b); Zustandsänderun-
b. fr. La grandeur du danger ne le décou-
gen mit Präzisierung der Art und Weise (9a/
rageait pas.
b); schließlich – als wohl bekanntester Typ –
Getreu seinem verbozentrischen Ansatz hebt Verbkonzepte der Bewegung ((10a/b/c/d);
Tesnière (1959, Kap. 129) als Sonderfall des dazu die Darstellung nach Tesnière in
‘chassé-croisé’ den Fall heraus, in dem das Abb. 16.6).
Verb als strukturelles Zentrum des Satzes in-
volviert ist wie etwa in: (8) a. dt. Ich lese gern.
b. fr. J’aime lire.
(7) a. dt. Anton ist eben fortgegangen.
b. fr. Antoine vient de partir. (9) a. dt. Er schaltete um.
. b. fr. Il changea de circuit.
3.2. Das ‘chassé-croisé’ als gängiges
Problem der kontrastiven Linguistik (10) a. dt. Anton schwimmt über den Fluss.
b. engl. Anthony is swimming across
Schon traditionell sind ‘chassé-croisé’-Phä- the river.
nomene ein Interessenschwerpunkt von c. fr. Antoine traverse la rivière à la
Sprachcharakteristik und Sprachvergleich, nage.
und sie bleiben es, großenteils auch unabhän- d. sp. Antonio atravesa el rı́o a nado.
gig von Tesnière, insbesondere dort, wo ger-
manische Sprachen (speziell Deutsch und Tesnière gelingt es durch seine Stemma-Dar-
Englisch) und romanische Sprachen (speziell stellung, verschiedenen Problemtypen wie
Französisch) miteinander verglichen werden (7)–(10) ein einheitliches Grundprinzip zu
16. Metataxe bei Lucien Tesnière 149

dt. schwimmt fr. traverse


engl. is swimming sp. atravesa

dt. Anton über den Fluss fr. Antoine la rivière à la nage


engl. Anthony across the river sp. Antonio el río a nado
Abb. 16.6

unterlegen (wobei in allen Fällen natürlich Japanisch u. a.). Vom Prinzip her lässt sich
auch Wechsel der grammatischen Kategorien dieser Beschreibungsansatz nach Talmy
entsprechend 2.1. vorliegen). Die betreffen- (1991) auch auf weitere der hier in (7)–(10)
den Phänomene werden von Tesnière also de- exemplifizierten Falltypen anwenden. Anders
zidiert als syntaktisches Problem aufbereitet, als bei Tesnière wird das einheitliche Grund-
während einige der oben zitierten Autoren prinzip nicht auf syntaktischer Ebene, son-
teilweise den lexikalischen Aspekt stärker be- dern in der Struktur konzeptuell-perzeptuel-
tonen: angesichts der Tatsache, dass in Fällen ler Frames gesehen.
wie (10c/d) die knappere Ausdrucksweise fr.
Antoine traverse la rivière/sp. Antonio atra-
vesa el rı́o durchaus genügen würde, stellt 4. Valenz, Aktanten und
sich hier also das Problem der größeren Zirkumstanten
„Abstraktheit“/des geringeren Informations-
gehalts der französischen und spanischen 4.1. Grundlagen bei Tesnière
Verblexeme im Vergleich zu den deutschen/ Eine der häufigsten Formen der Metataxe be-
englischen (vgl. auch Hilty 1965; Albrecht trifft nach Tesnière das Verb und seine Ak-
1970, 41⫺43, 180 ff., 282 ff.; Blumenthal tanten: „La métataxe intervient chaque fois
1997, 71). que la structure actantielle d’un verbe diffère
d’une langue à une autre. En pareil cas, à un
3.3. Lexikalisch-typologischer Ausblick actant d’une langue correspond sèmantique-
Die ‘chassé-croisé’-Problematik ragt also in ment un autre actant dans une autre langue,
die lexikalische Semantik hinein, ist dabei et la traduction de l’une à l’autre n’est pos-
aber zugleich typologisch bedeutsam. Inso- sible qu’en changeant la nature de l’actant“
fern leistet das Metataxe-Konzept hier einen (1959, Kap. 122, § 1; vgl. auch oben in 1.1.
genuinen Beitrag zu einer lexikalischen Typo- das Zitat aus §§ 8 und 9). Tesnière bezeichnet
logie (vgl. Koch, P., 2001, 1169⫺1171). diesen Prozess als ‘interversion des actants’.
Talmy (1985) hat im Rahmen der Kogniti- Charakteristische Beispielpaare sind: lat. tela
ven Semantik – allerdings ohne jeden Bezug milites2 deficiunt / fr. les traits font défaut aux
auf Tesnière oder die europäische Tradition soldats3; lat. aegre necem2 effugit / fr. il
des Sprachvergleichs – die Struktur des event échappa à grand’peine à la mort3; dt. sein
frame von Bewegungs-Konzepten mit Hilfe Knecht half ihm3 / fr. son valet l’2aida.; dt.
einer bestimmten Anzahl von Komponenten mir3 ist kalt / fr. j’1ai froid (sich entsprechende
beschrieben, darunter bewegung, pfad und Aktanten in einzelsprachlich unterschiedli-
art und weise. Deutsch und Englisch (10a/ cher formaler Realisierung sind gemäß Tes-
b) wären danach „satellite-framed“, da sie die nières triadischer Aktantensystematik indi-
Komponente pfad, vereinfacht gesagt, außer- ziert: 1 = 1. Aktant; 2 = 2. Aktant; 3 = 3. Ak-
halb des Verbs ausdrücken, das bewegung tant).
und art und weise beinhaltet (so die meisten Während in den zitierten Beispielen jeweils
indoeuropäischen – außer den romanischen – nur ein Aktant von der Metataxe betroffen
und die finno-ugrischen Sprachen, Chine- ist, kann diese in bestimmten Fällen auch
sisch u. a.). Französisch und Spanisch (10c/d) zwei oder mehr Aktanten involvieren, was
wären demgegenüber „verb-framed“, da sie Tesnière als ‘interversion double/multiple des
die Komponente pfad zusammen mit bewe- actants’ bezeichnet. Emblematisch sind Bei-
gung im Verb ausdrücken (so allgemein die spiele wie (11a/b), stemmatisch dargestellt in
romanischen und die semitischen Sprachen, Abb. 16.7 (im Blick auf das in 4.3.2. zu Erör-
150 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

misses manquent

1 2 1 3

he his children ses enfants lui

Abb. 16.7

ternde fülle ich die Sätze gegenüber Tesnières 76, 2 usw.; Klein/Strohmeyer 1968, §§ 114 ff.).
Originalbeispiel in 1959, Kap. 123, § 2, mit le- Tesnière kann diese traditionellen Probleme
xikalischem Material auf): mit Hilfe seines dependenziell-valenziellen In-
strumentariums expliziter und systematischer
(11) a. engl. He misses his children.
auf den Begriff bringen und dabei zusätzlich
b. fr. Ses enfant lui manquent.
das Subjekt als Aktanten in die Analyse ein-
Ein eindrückliches Beispiel aus dem trilatera- beziehen (was sich in Fällen wie (11a/b) be-
len Sprachvergleich stellen die Verben für zahlt macht; vgl. noch unten 4.3.2.). Das
‘lehren’ im Lateinischen, Französischen und Konzept der Metataxe ist somit ein hervorra-
Russischen dar (hier mit gleichartiger Schrift- gendes Instrument zur Vermeidung eines weit
art der sich entsprechenden Aktanten und verbreiteten Typs von syntaktischen Interfe-
mit Indizierung nach Tesnières Systematik): renzen wie *Je lui aide bei deutschen Franzö-
sischlernern oder *Darf ich Ihnen etwas fra-
(12) a. lat. Doceo pueros 2 grammaticam2.
gen? aus dem Munde romanischer Mutter-
(mit zwei 2. Aktanten!)
sprachler (vgl. auch Heringer u. a. 1980, 162).
b. fr. J’enseigne la grammaire2 aux en-
fants 3. 4.2.2. Metataxe und Inventare von
c. russ. Uчu дт 2 гра атик3. Aktantenklassen
Zu erwähnen ist hier noch ein Typ von Meta- Bekanntlich hat das Tesnièresche Valenzmo-
taxe, der – eigentlich unpassend – an einer dell seit den 60er Jahren insbesondere in der
ganz anderen Stelle (Kap. 133, § 20) aufge- germanistischen Diskussion erhebliche Modi-
führt wird: dt. jemandem etwas zur Unter- fikationen und Präzisierungen erfahren (vgl.
schrift vorlegen vs. fr. soumettre quelque etwa Welke 1988, 21⫺52; Helbig 1992, 72⫺
chose à la signature de quelqu’un. Es han- 85). Für den vorliegenden Zusammenhang
delt sich hier um ein „hybrides“ Verfahren, entscheidend ist hier, dass Tesnières Gleich-
das vom Ausgangspunkt her in diesen Ab- setzung von (valenzgebundenen) Aktanten
schnitt 4. gehört (zwei Aktanten in ihrem und Subjekten/Objekten einerseits und von
Verhältnis zueinander), aber vom Zielpunkt Zirkumstanten und Adverbialen Bestimmun-
her eher zu Abschnitt 3. passt (Herstellung gen andererseits revidiert wird, wobei Aktan-
einer direkten Konnexion und damit Depen- ten obligatorisch oder fakultativ sein können.
denz zwischen den beiden Knoten). Dies ist In der Beschreibung der einzelsprachlichen
im Übrigen ein durchaus wichtiger Metataxe- Valenzverhältnisse führt dies zur Aufgabe der
Typ (vgl. Koch, P., 1996, 219 f.). einfachen Tesnièreschen Aktantentrias (1./2./
3. Aktant) zugunsten umfangreicherer Inven-
4.2. Traditionalität und Aktualität
tare von Aktantenklassen (vgl. etwa: zum
der Problemstellung
Deutschen Engel 1991, 187⫺198; zum Latei-
4.2.1. Metataxe zwischen Aktanten als nischen Happ 1976, 224 f., 236⫺238, 461 f.;
altes sprachdidaktisches Problem zum Französischen Kotschi 1981, 94; zum
Schon in ganz traditionellen fremdsprachli- Englischen Emons 1978, 26⫺33; zum Italie-
chen Grammatiken wird üblicherweise auf nischen einerseits Schwarze 1995, 117 f., an-
„Unterschiede in der Rektion von Verben“ dererseits Bianco 1996, 22⫺69, 110⫺159;
zwischen der vermittelten Sprache und der zum Portugiesischen Busse/Vilela 1986, 35⫺
Muttersprache des Benutzers hingewiesen 41). Das Problem der Metataxe stellt sich
(vgl. z. B. Kühner/Stegmann 1976, §§ 70, 1; aber auf dem neuen Forschungsstand mit un-
16. Metataxe bei Lucien Tesnière 151

verminderter Dringlichkeit und kann anhand u. a. m. (vgl. auch Schwarze 1995, 125 f.). Ge-
der jetzt feinkörnigeren Systematiken sogar löst werden müsste das Problem der Kom-
noch genauer beschrieben werden (vgl. etwa mensurabilität von Aktantenklassen in ver-
verschiedene kontrastive Beobachtungen schiedenen Sprachen zweifellos in einem
zum Italienischen gegenüber dem Deutschen übergreifenden typologischen Rahmen, etwa
und anderen Sprachen in Schwarze 1995, auf der Basis eines abstrakteren – aber durch-
120⫺170, wo der Metataxe-Begriff allerdings aus noch oberflächenbezogenen – ‘Kasus’-
nicht explizit auftaucht). Hier ein markantes Begriffs (vgl. Blake 1994).
kontrastives Beispiel zum Französischen und Die Probleme verschärfen sich, wenn man
Deutschen: Sprachen vergleicht, die typologisch völlig
verschiedene Aktantensystematiken aufwei-
(13) a. fr. Les crapaudsS la DO dégoûtent.
sen (z. B. Akkusativ- vs. Ergativsprachen). In
b. dt. Vor KrötenPOvor ekelt sie S sich.
diesem Zusammenhang ist es etwas überra-
Durch die veränderte Grenzziehung zwischen schend, mit welcher Selbstverständlichkeit
Aktanten und Zirkumstanten erweist sich der an sich sehr typologiebewusste Tesnière
übrigens ein Fall wie (13a/b), bei dem Tes- im Falle der Ergativsprache Baskisch sowohl
nière noch Metataxe zwischen einem Aktan- den Absolutiv-Aktanten in (15a) als auch den
ten (fr. les crapauds) und einem Zirkumstan- Ergativ-Aktanten in (15b) als 1. Aktanten,
ten (dt. vor Kröten) diagnostizieren müsste also als Subjekt, beschreibt (1959, Kap. 52,
(vgl. 1959, Kap. 124, §§ 4⫺5) in Wahrheit als § 7):
Metataxe zwischen Aktanten (vgl. jedoch
4.3.1., (24)). (15) a. bask. gizona ona da.
Zum Zwecke der besseren interlingualen ‘Der Mann ist gut.’
Vergleichbarkeit wurden in (13) die betreffen- b. bask. gizonak erraiten du.
den Aktantenklassen als S (= Subjekt), DO ‘Der Mann spricht.’
(= Direktes Objekt) und PO (= Präpositio- Um hier auch nur annähernde Kommensura-
nalobjekt, mit nicht kommutierender Präpo- bilität zu garantieren, bedürfte es typologisch
sition) indiziert. An dieser Vorgehensweise abgesicherter Tertia (etwa im Sinne von Croft
wird jedoch zugleich ein Problem deutlich: 1990, 101⫺105).
mit welcher Berechtigung kann man über-
haupt bestimmte – je einzelsprachlich zu defi- 4.2.3. Zweisprachige Valenzlexika
nierende – Aktantenklassen gleichsetzen – Das didaktische Interesse an Valenzproble-
und somit ein Nichtvorliegen von Metataxe men (4.2.1.) und die Verfeinerung der Inven-
unterstellen (vgl. Koch, P., 1994, 42 f.; 1995b, tare von Aktantenklassen (4.2.2.) bilden ent-
117⫺119)? Nach Bianco (1996, 28⫺30/117⫺ scheidende Grundlagen für die modernen
119) wird beispielsweise ein deutscher Geni- Verbvalenzwörterbücher, die inzwischen für
tiv-Aktant als normales Äquivalent eines ita- eine Reihe von Sprachen erstellt worden sind.
lienischen di-Aktanten angesehen. Sicherlich Sofern diese Wörterbücher von der Anlage
entsprechen sich diese beiden Aktantentypen her zweisprachig sind, ergibt sich unter Um-
in bestimmten Fällen: ständen auch die Notwendigkeit, Meta-
(14) a. dt. Wir haben uns eines Kassettenre- taxen zu vermerken. Erstaunlicherweise greift
cordersGEN bedient. kaum einer der Wörterbuchautoren den Tes-
b. it. Ci siamo serviti di un registratore nièreschen Metataxe-Begriff explizit auf. Im-
a cassettaPOdi. plizit werden nichtsdestoweniger in den zwei-
sprachigen Wörterbuchartikeln auf Schritt
Mit der gleichen Berechtigung könnte man und Tritt Metataxen sichtbar, so etwa für das
aber als Äquivalent eines deutschen Genitiv- Sprachenpaar Deutsch-Spanisch in (16) oder
Aktanten auch einen italienischen da-Aktan- für das Sprachenpaar Italienisch-Deutsch in
ten ansehen (vgl. dt. sich einer Sache enthal- (17):
ten – it. astenersi da q. c.). Vor allem aber ist
der deutsche Genitiv-Aktant äußerst selten, (16) BITTEN 0(14 Er bittet Le pide
während die italienischen di-Aktanten im um-Akk (seinen Vater) ayuda a
Deutschen eine Vielzahl von anderen mögli- pedir um Hilfe. su padre.
chen Entsprechungen haben: it. trattarsi di […]
q. c. – dt. sich um etw. handeln; it. acconten- (Rall u. a. 1980, s. v. bitten)
tarsi di q. c. – dt. sich mit etw. begnügen; it. (Zur Erläuterung der Symbole für Ak-
aver paura di q. c. – dt. Angst vor etw. haben tantenklassen s. u. (18) und (19))
152 II. Lucien Tesnière und seine Zeit

(17) ricordare (20) Mentir (1/2)


[…] […] […]
2. N–V–N1–(N2) N – V – à Nqn jn belügen, jn anlügen
erinnern an