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Peter Ablinger

SCHWARZ UND WEISS


Peter Ablinger SCHWARZ UND WEISS

SCHWARZ UND WEISS

Eigentlich überwiegen auf meiner Werkliste eindeutig die "weissen" Titel. Und natürlich steht das
Weiss auch für das Reine, Klare, Ursprüngliche, also gewissermassen das Gegenteil von Schmutz. Oft
hab ich darüber nachgedacht, meiner recht umfangreichen "Weiss/weisslich"-Serie eine "Schwarze" Serie
gegenüberzustellen. Aber irgendetwas hat mich zum Glück davor bewahrt. - Nicht bewahrt vor "Schwarz"
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oder "Schmutz", aber bewahrt vor der Gegenüberstellung. Und dieses "Irgendetwas" lässt sich vielleicht
definieren mit der Absicht, das "Weiss" nicht einfach zu negieren, sondern es gewissermassen
ausfliessen zu lassen. Es nicht mehr in einem Rahmen gefangenzuhalten sondern überall hin eindringen
zu lassen: Ins Schwarze auch, aber vor allem ins Vermischte, ins Vermittelte und Abgeleitete, ins
Unreine und Trübe, in den Alltag, ins Leben, und auch das: in den Schmutz.

Das Folgende sind (teilweise unveröffentlichte) Notizbucheintragungen, Bilder und Texte zu Stücken, schliesslich
ein Lese- oder Hörstück, und ein Epilog, insgesamt heterogene Materialien, collagiert für diesen Zweck.

NATUR UND WIRKLICHKEIT

Die Natur hat mich zur Wirklichkeit geführt. So wie das Abstrakte zum Konkreten.

Die Natur hat mir den Horizont geöffnet, von einem Blick auf die Kunst zu einem Blick auf das, was
nicht Kunst ist, und damit zu einem Blick von Aussen auf die Musik, den Kunstbetrieb etc.

Die (unerfüllbare?) Sehnsucht nach dem Klaren und Reinen und Unmittelbaren wurde von der Natur
angestachelt, und fand ihre Schutzheiligen in den abstrakten und monochromen Malern. Aber das
(gefundene?) Reine, Klare, Leere war im gleichen Moment (des Findens) der Ort an dem die Gegenwart
hereinbrach: das Vermischte, das Unklare, das Wirre und Alltägliche. Und letztlich war das Alltäg-
liche - in seiner Unbemerktheit, in seiner Unwichtigkeit – die einzig mögliche Steigerung des Leeren
und "Absoluten". Noch mehr "Nichts" als die maximale Abstraktion war nur mehr das Leben, das Banale,
der Alltag!

WEISS UND SCHWARZ


Weiss und Schwarz
Das Reine und der Schmutz
Maximale Abstraktion und Wirklichkeit (Alltäglichkeit)
Anwesenheit und Verlust
Präsenz und Nichtigkeit, Zerstreutheit, Auflösung
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Annäherung und Scheitern (und Wiedergewinnen im Scheitern!)

Wie sich alles bedingt, alles zusammengehört, das eine das andere hervorbringt

Wer meine Arbeit verfolgt hat, dürfte meinen, das Abstrakte sei zuerst gewesen, und erst danach die
Hinwendung zum Konkreten erfolgt. Aber das ist ein Irrtum.

KONKRETER WERDEN
figurationen No 2/08

Schon die Abstraktion der Verdichtungs- und Rauschenstücke war keine Distanzierung, kein Abkühlen,
kein Auf-Distanz-Halten des Objekts, sondern immer eine Annäherung, ein Zoom auf die Klänge zu,
ein Konkreterwerden der Klänge – im Gegensatz zu "Musik" (: gibt es etwas von den Klängen selbst
Distanzierteres als eine dreistimmige Invention von Bach?). Abstraktion ist ein Durchgangsstadium hin
zum Konkreten. Das Rauschen ist selbst das Konkrete: die unmittelbare Gegenüberstellung von Klang und
Wahrnehmung; das Verschmelzen der beiden Ingredenzien, auch das Bewusstwerden der Bestandteile dieses
Prozesses; Ich und Aussen; Ich und Etwas; Ich und Klang. Das Verschmelzen von Ich und Klang ist so
etwas wie eine Kadenz, Auflösung, ein neuer Zustand - ein Zustand der ein Vorgang ist.
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Peter Ablinger SCHWARZ UND WEISS

Wenn man das so begreift, ist die Hinwendung zu "konkreten" Klängen, zur akustischen Realität, zu
"Wirklichkeit", nur der nächste Schritt.

Tatsächlich ist diese Chronologie gelogen, tatsächlich war alles ganz anders, alles immer gleichzeitig,
die "abstrakten" Rauschen-Stücke, gleichzeitig mit den "konkreten" Quadraturen etc. Aber in der
falschen Chronologie lässt es sich richtiger erzählen. Der Schritt lautet also: Vom statischen Rauschen
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(Wasserfall) zum kontinuierlichen Rauschen (Wirklichkeit). Es ist ein weiterer (genüsslicher!) Schritt
raus aus den Begrenzungen des Komponierens von Neuer Musik, eine Befreiung. Es ist aber auch ein
Schritt aufs Glatteis Leben/Politik/Klangökologie/Mensch/Hier-Sein. Ich verliere mich. Aber ich nehme –
wie bisher – Verlust als Zeichen für Annäherung, für Gewinn an Herausforderung, für Leben.

NEWMAN UND KLEIN

Newman und Klein haben mich angeregt, zu etwas, das mit Newman und Klein nichts zu tun hat, zu etwas,
das, aus der Perspektive von Newman und Klein, das Gegenteil von Newman und Klein ist. Die maximale
Abstraktion ist für mich (nur) die Voraussetzung für die maximale Konkretheit. Das ist so, wie man
einen Gedanken nur klar denken kann vor dem Hintergrund der Gedankenleere. Das ist wie richterliche
Unbefangenheit, die Indifferenz eines Ignatius von Loyola. Abstraktion, Monochromie, das weisse Quadrat
sind Voraussetzungen für eine klare Haltung gegenüber dem Unklaren, dem Vielfältigen, der Wirklichkeit.

ZEN

Der Zen ist kein Ziel. Das Nichts ist kein Ziel. Sie sind Voraussetzungen für das was ist, das Leben.
KEINE KUNST

Verallgemeinerungen darüber, was Kunst ist oder sein kann haben für mich den Reiz, dass sie mich zu
der Überlegung herausfordern, wie ich ihnen gerade nicht entsprechen könnte. Es ist vielleicht mein
grösster Ehrgeiz, dass mir einmal eine Kunst gelänge, die keine Kunst mehr ist, rausfällt aus dem
Rahmen, frei ist vom Kennerblick, von der Kunstbetrachtung und ihrem mitgeführten Diskurs. Niklas
Luhmann, den ich durchaus zu meinen Lehrern zähle, stellt zwei Kriterien für die Kunst auf: Kontingenz
(ausgeschlossen seien Notwendigkeit und Unmöglichkeit), und Komplexität (Einfachheit sei nur ein
evolutionär früheres Stadium). Danach aber wäre es mir etwa mit Weiss/weisslich 7 gelungen keine
Kunst zu machen. Das Stück besteht, als nur Vorgestelltes, als Konzert oder als Installation, aus
weissem Rauschen, unbegrenzt (alles, immer). Weisses Rauschen, die Summe aller Klänge, enthält keine
Alternative, keine Kontingenz. Und ob dieses Alles nun etwas höchst Komplexes oder etwas ganz Einfaches
ist, ist so eine Frage ... Tatsächlich habe ich keinen Klang gefunden, der einen so ratlos zurücklässt
wie konturlos weisses Rauschen im Konzert gespielt. Es lässt sich nicht leicht etwas damit anfangen.
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Das einzige, was es dann doch wieder zur Kunst macht (gerinnen lässt), ist gewissermassen das Bild,
das wir uns von ihm machen, das Bild von der weissen Fläche, die berechtigte oder zu kurz geschlossene
Referenz zur abstrakten Malerei.

Gewissermassen um dem Bild zu entgehen, begann ich, mich von dieser Idee des Abstrakten, der reinen
weissen Fläche, des Absoluten loszulösen, und mich dem Kontingenten, dem Unklaren, den gegenständlichen
und alltäglichen Klängen anzunähern. Das bis dahin statische Rauschen wurde kontinuierlich, die Klänge
konkret. "Das Buch der Gesänge" (1997/99) besteht aus sechs Büchern und insgesamt 100 Gesängen: Die
sechs Bücher sind sechs CDs, und die einzelnen Gesänge sind Mikrofonaufnahmen aus unserer alltäglichen
Umgebung: Stadtlärm, Kneipengemurmel, Kaufhäuser, Strassen, etc., akustische Photografie bzw.
Phonografie. (Und zumindest die GEMA akzeptiert "Das Buch der Gesänge" nicht als Musik – das ist schon
figurationen No 2/08

mal ein gutes Zeichen.)

"Die wahre Herausforderung bestand nicht darin, es aus dem Rauschen des Waldes herauszuhören. Dort war
es fast zu einfach – eine Art Handwerk. Nicht aber, mitten im Waffenlärm, im Augenblick des reinen
Grauens, in der Zerstörung des Geistes wiederzuerkennen, dass hier eine noch dichtere Stille, eine
betäubende Stille eintrat." (Roberto Calasso)
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WEISS / WEISSLICH 36, Kopfhörer (1999)


geschlossener Kopfhörer, aufmontierte Mikrophone
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Zeichnung: Peter Ablinger, Text: Kopfhörer WEISS / WEISSLICH 36 in: "Hängende Gärten",
(geschlossen)/ aufmontierte Mikrofone// Walkman- Wienerberg, Wien Modern, Juli/August 2004,
Kassettengerät mit Aufnahmefunktion// Der Produktion: Cie Willi Dorner, Produktionsleitung:
Walkman nimmt gleichzeitig auf und gibt wieder: Karin Widhalm
Wenn man die Kopfhörer aufsetzt hört man genau ˇ
Realisation: Martin Dientl, Fotos: Maria Trzan,
das gleiche wie ohne: man hört das, was jetzt Martin Dientl
gerade ist http://ablinger.mur.at/docu1515.html
WEISS/WEISSLICH 11B2, 7.3.95, 14:05 BIS 14:45, WEDDING HINTERHOF,
GESCHLOSSENES FENSTER
Seit 1994 entstehen Texte, für die ich mich jeweils 40 Minuten lang hinsetze, und schreibe,
was ich höre: Die Klänge meiner unmittelbaren Umgebung, aufgeschrieben mit Tinte und in
Grossbuchstaben, in einem kontinuierlichen Schreibfluss, und unabhängig von der tatsächlichen
Ereignisdichte. Das heisst, wenn mehr passiert, als die konstante Schreibgeschwindigkeit
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erfassen kann, wird diese zum Filter, sie zwingt zur Auswahl. Wenn weniger passiert, kommt es
zu Wiederholungen oder zur Beschreibung des Schreibgeräusches. Ich möchte gern, dass diese Texte
wie Musik wahrgenommen werden: man stellt sich den Klang vor, der gerade gelesen wird. Die Musik
entsteht also im Kopf eines jeden Zuhörers. - Ich glaube, bei "richtiger" Musik ist das auch
nicht anders.

Es gibt andere Geräuschprotokolle, die während Zugreisen, im geparkten Auto, an städtischen


oder ausserstädtischen Orten geschrieben wurden. Der hier ausgewählte Text ist am Schreibtisch
in meiner Berliner Arbeitswohnung geschrieben, protokolliert also all das, was während des
Komponierens eines (anderen) Stückes hätte um mich herum passieren können, inklusive der Klänge
(Schreibgeräusche) die durch das Komponieren selbst entstehen. Also all das - der Schmutz -
figurationen No 2/08

was einerseits zum Komponieren gehört, aber in der Komposition selbst – der Reinschrift -
üblicherweise keinen Niederschlag findet.
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DIE ZENTRALHEIZUNG EIN RAUSCHEN EIN TON DIE FÜLLFEDER DIE GUMMISOHLE AUF
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DEM HOLZFUSSBODEN JEMAND ÖFFNET EIN FENSTER EIN VOGEL TS-TRRRRRR PAUSE
TS-TI-TI TS-TI-TI TI-TI DAS GERÄUSCH DER FEDER MEIST GLEICHMÄSSIGE STRICHE
VIELLEICHT 3 PRO SEKUNDE EINE STIMME IM HOF DIE TÜRKISCHE MUTTER KURZE
ANTWORT DES KLEINEN SOHNES HÖLZERN KNACKT DAS FENSTER VON VORHER DIE
ZENTRALHEIZUNG IHR VÖLLIG GLEICHMÄSSIGES RAUSCHEN NUR DURCH DAS LEICHTE
BEBEN DES KOPFES IM TEMPO DER FEDERSTRICHE ENTSTEHT UNREGELMÄSSIGKEIT IM
RAUSCHEN EIN KURZES ELEKTRISCHES KRÄCHZEN VON UNTERHALB VIELLEICHT EINE
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TÜRGLOCKE DER RHYTHMUS DER FEDER DAS LEICHTE SCHLEIFEN DES SCHREIBENDEN
UNTERARMS AUF DEM PAPIER EIN ZARTES RASCHELN WENN DER UNTERARM EINMAL
DAS PAPIER LEISE KNITTERT DAS GLATTSTREICHEN DER HAND AUF DEM PAPIER IST
EIN HELLERES GERÄUSCH ALS DAS DES BEKLEIDETEN UNTERARMS EIN SCHWACHES
KLINGELNDES VIBRIEREN VIELLEICHT EINE PORZELLANTASSE ODER ZWEI BLUMENTÖPFE
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DIE SICH BERÜHRT HABEN EIN KAUM HÖRBARES KNISTERN IN DEN HEIZUNGSROHREN WIE
WENN JEMAND IN EINEM ANDEREN STOCKWERK SIE GESTREIFT HÄTTE DAS VERRÜCKEN DES
PAPIERBLOCKS AUF DEM TISCH KURZES MEHRMALIGES RUTSCHEN DES PAPIERBLATTES
AUF DEM BLOCK IMMER DER RHYTHMUS DER FEDER GLEICHMÄSSIGE SEQUENZEN MIT
KURZEN UNTERBRECHUNGEN EIN RASCHES DURCHSTREICHEN EINES WORTES DAS RAUSCHEN
DER HEIZUNG DABEI IST IMMER AUCH ETWAS GANZ ENTFERNTES HÖRBAR EIN TIEFERER
UNREGELMÄSSIG SICH VERBREITENDER KLANG ODER MEHRERE KLÄNGE VERSCHIEDENE
TÖNE VIELLEICHT MUSIK HINTER EINEM FENSTER MÜLLKÜBEL WERDEN GEFÜLLT EINE
STIMME EINES KINDES NUR EIN ZWEI WORTE DIE HEIZUNG DIE FEDER DAS RUTSCHEN
DER HAND AUF DEM PAPIER EIN DUMPFES SCHLIESSEN VIELLEICHT EINER TÜR IM
VORDERHAUS DIE HEIZUNG RHYTHMISIERT DURCH DIE FEDER DURCH DAS SCHREIBEN
DURCH DIE VOM SCHREIBEN AUSGELÖSTE BEWEGUNG DES OHRES DIE DAS RAUSCHEN
UNGLEICHMÄSSIG ERSCHEINEN LÄSST SOGAR DIE TONHÖHE SCHWANKEND ERSCHEINEN
LÄSST WIE EINE ART MELODIE DIE STIMMEN VON TÜRKISCHEN JUNGS JETZT NÄHER
BEI MEINEM FENSTER EINE ANTWORT EINES ANDEREN JUNGEN DANN WIEDER NUR DIE
FEDER DIE HEIZUNG WIEDER DAS PLASTIKGERÄUSCH VON MÜLLTONNEN DIE GEÖFFNET
WERDEN RASCHELNDES HINEINKIPPEN IRGENDEIN ANDERES SEHR VERDECKTES DUMPFES
GERÄUSCH VON UNTERHALB DIE HEIZUNG MIT EINEM LAUTEREN HAUPTTON UND EINEM
FEINEREN EINE TERZ HÖHEREN DIE BEWEGUNG DES OHRES LÄSST DIE TÖNE HIN
UND HER PENDELND ERSCHEINEN LEICHTES KNIRSCHEN ZWISCHEN KLEINEM FINGER
DER SCHREIBENDEN HAND UND DEM TISCHHOLZ DAS KNISTERNDE RASCHELN DES
PAPIERBLATTES DAS BEISEITE GELEGT WIRD EIN KLEINERES MOTORFLUGZEUG
LANGSAMES DECRESCENDO BEI GLEICHZEITIGEM ABSINKEN DES MOTORENTONES ICH
GLAUBE ES NOCH ZU HÖREN BIN ABER NICHT SICHER EIN HÖLZERNES QUIETSCHEN
VON UNTERHALB VIELLEICHT EIN STUHL DER GERÜCKT WURDE EIN VOGEL
LANGGEZOGENES FLATTERNDES TRILLERN DAS IN EINE DREI BIS VIERTONREPETITION
JEWEILS FAST GLEICHER LÄNGE MÜNDET EINE DÜSENMASCHINE GERÄUSCHGLISSANDO
DARIN MEHRERE MEHR ODER WENIGER DEUTLICHE HÖHERE PARALLELE TÖNE
DIE MITGLISSANDIEREN ES VERSCHWINDET RELATIV RASCH IM VERGLEICH ZUM
FLUGZEUGMOTOR VORHIN EIN LEICHTES ENTFERNTES ANSCHLAGEN EINER TÜR METALL
AUF GEDÄMPFTEM METALL EINE HOHE FOLGE VON 3 NAH BEIEINANDER LIEGENDEN
QUIETSCHGERÄUSCHEN EINER UNGEÖLTEN TÜRANGEL DANN WIEDER DAS GLEICHE
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ANSCHLAGEN VON EBEN EIN LEISES POLTERN VON UNTERHALB EINE SEKUNDE LANG
WIEDER NUR SCHREIBGERÄUSCH UND ZENTRALHEIZUNG GELEGENTLICH KLÄNGE DIE
SO GEDÄMPFT AN MEIN OHR KOMMEN DASS ICH MIR NICHT SICHER BIN OB ICH
SIE MIR EINBILDE WIE WENN MAN JEMANDEM ZWEI DREI WORTE ZURUFT DAS
RÜCKEN DES STUHLS VON UNTEN EIN KURZER WIE U KLINGENDER TON WIEDER
SOLCHE FAST EINGEBILDETEN STIMMEN HINTER MEHREREN FENSTERN ODER TÜREN
JETZT GLEICHZEITIG DER TRILLERND REPETIERENDE VOGEL VON VORHIN UND EIN
DÜSENFLUGZEUG WEITER ENTFERNT ALS DAS FRÜHERE EINIGE SEKUNDEN DAUERND
DANN HÖRT AUCH DER VOGEL AUF GERADE IN DEM MOMENT WO DAS DECRESCENDO DES
figurationen No 2/08

DÜSENRAUSCHENS VEREBBT DIE ZENTRALHEIZUNG UND DIE FEDER DAS VERRUTSCHEN


DES BLOCKS AUF DER TISCHFLÄCHE EIN TIEFER ATEMZUG UND NUR IN KÜRZESTEN
PAUSEN DER SCHREIBFEDER NEHME ICH PLÖTZLICH MEIN BLUT IM OHR WAHR EIN
HOHES FEINES RAUSCHEN JETZT ABER BLEIBT ES GEGENWÄRTIG UND VERMISCHT
SICH MIT DEM RAUSCHEN DER ZENTRALHEIZUNG IM GEGLIEDERTEN RHYTHMUS DER
FEDERBEWEGUNGEN EINMAL KRATZT DIE FEDER EIN WENIG ABWÄRTSSTRICHE KLINGEN
WEICHER DUNKLER ALS HORIZONTALE STRICHE SCHREIE DER JUNGS IM HOF UND
KURZES GETRAMPEL JETZT DAS GANZ FEINE ZIRPEN EINES ANDEREN VOGELS TS-TS-
TS-TS EIN PAAR SOLCHER REPETITIONSFOLGEN DANN WIEDER NICHTS DANN NOCH
EINIGE FOLGEN ENTFERNTE STIMMEN DER KINDER DIE ENTFERNTESTEN SCHWÄCHSTEN
DABEI VERMISCHEN SICH FAST MIT DER ZENTRALHEIZUNG DAS RUTSCHEN DER AUF
HOLZ AUFLIEGENDEN HAND BEIM BESCHREIBEN DES UNTEREN SEITENENDES
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WEISSE WÄSCHE (2003-08), das Wäschelabyrinth in der


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Ausstellung im Haus am Waldsee Berlin 2008,


links: kurz nach der Hängung; rechts: 2 Details, 3 Monate später; Fotos: Maria Trzan.
http://ablinger.mur.at/weissewaesche.html ˇ
... vielleicht ist es ja doch der Anfang einer schwarzen Serie, wenn Stücke neuerdings eher mit
der Absorbtion von Klang zu tun haben, anstatt der Welt noch weitere Klänge hinzuzufügen. Eine
dieser Arbeiten - "für Ad Reinhardt" den grossen Malerasketen des Schwarz und der Abwesenheit –
ist für eine Galeriesituation, und scheint im ersten Eindruck aus grossen schwarzen Tafeln zu
bestehen, die an der Wand hängen wie monochrome Bilder, besteht aber tatsächlich aus akustischem
Schaumstoff, und verändert also den Raum in akustischer Hinsicht, absorbiert und schluckt
tendenziell die Klänge im Raum, und nebenbei auch noch unsere Gespräche und gelehrten Ansichten
über die Kunst ...
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figurationen No 2/08

WEISS / WEISSLICH 32b: "für Ad Reinhardt", Galeriesituation, akustischer Schaumgummi


(2002), Tintenskizze
http://ablinger.mur.at/ww32_schalldaemmung.html
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