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Wolfgang Pauser

An meine erste Begegnung mit Thomas Bernhard kann ich mich nicht mehr erinnern, da ich noch ein
kleines Kind war. Die Spur verliert sich in der Dunkelheit. Ich weiß nur, dass diese Begegnung in
Traunkirchen am Traunsee im Haus meiner Eltern stattgefunden hat. Als ich so zwischen vier und fünf
Jahre alt war, wurde Thomas Bernhard fixer Bestandteil unseres Familienlebens, da er sehr eng mit
meinen Eltern befreundet und daher oft zu Gast bei uns war. Wir waren auch oft in seinen Häusern zu
Besuch und ich habe ihn auch mehrmals die Woche im Cafehaus in Gmunden angetroffen. Meine
Mutter nahm mich vormittags zum Einkaufen in die Stadt mit und daher erinnere ich mich gut daran,
dass Thomas Bernhard jeden Tag bereits um neun Uhr in der Früh im Cafehaus anzutreffen war, weil
er seine Arbeit schon zeitig in der Früh hinter sich gebracht hatte und sich als Frühaufsteher und
Früharbeiter, wenn alle anderen mit der Arbeit eigentlich erst beginnen, einem das Gefühl gab, er habe
seinen Arbeitstag bereits hinter sich. Ich erinnere mich, dass wir einmal spazieren gegangen sind und
er das tat, was er stets tat, nämlich Worte die ihm aus den Gesprächen zugeflogen sind, aufzunehmen,
um daraus Sprachwitze zu gestalten.

Er griff oftmals normale Wörter auf, um sich diese befremdlich zu machen. Er mokierte sich über das
Selbstverständliche und gestaltete daraus Serien von Witzen, die immer sehr unterhaltsam waren. Die
Beziehung zwischen uns war stets von Sympathie getragen, aber sicherlich keine persönliche, weil das
mit ihm einfach prinzipiell nicht möglich war. Er konnte Gespräche von Mensch zu Mensch einfach
nicht führen, was ich aus meiner Beobachtung schließen konnte. Ich erinnere mich zwar an ein klares
Bild von Thomas Bernhard, aber er war einfach immer gleich und daher die Schwierigkeit im
Erinnern, denn es bestand ein stetiger Fluss von Lacheffekten. Er hat sich nur in einem unernsten
Sprachgestus mit Mitmenschen aufhalten können: stetiges Monologisieren und ständige Sprachwitze.
Die Lacheffekte hatten keine schwerwiegende Bedeutung, sondern bestanden aus banalsten Dingen,
die einfach auftauchten und aufgegriffen wurden. Den einfachsten Dingen wurde Situationskomik in
brillanter Technik abgerungen und daher konnte er ganze Runden von Menschen unterhalten.
Er war ein brillanter Alleinunterhalter und in gewisser Weise auch ein Clown. Kinder lieben Clowns
und daher habe ich ihn als kleines Kind gern gemocht, da er eine gute Stimmung verbreitete.
Rückblickend ist es seltsam, dass gerade dieser Mensch, der die düstersten und tristesten Romane
geschrieben hat und sozusagen ein geschlossen düsteres Bild der Welt in seinen Schriften verbreitet
hat, dass genau dieser Mensch im Alltag eigentlich das extreme Gegenteil lebte, nämlich als reiner
Blödler auftrat und die Menschen zum Lachen brachte.
Ich freute mich sehr, wenn er gekommen ist und er war ja auch verlässlich in seiner Harmlosigkeit,
jedenfalls für Kinder, aber ich erinnere mich auch, dass es mit Erwachsenen nicht so einfach war.
Wenn wir Gäste gemeinsam mit Thomas Bernhard einluden, wurden diese zu Beginn schon instruiert,
keine ernsten Themen zu diskutieren, denn dies hätte sofort zu Fluchtreaktionen geführt.
Rückblickend war er für mich, für ein heranreifendes Kind sozusagen, eine, so negativ wie nur
möglich, Vorbildfigur bzw. ein role model, also ein verquerer, lebensunfähiger, mit sich selbst und mit
der Welt im Unreinen bzw. im Bruch lebender Mensch, denn einen problematischeren Menschen kann
man sich gar nicht vorstellen. Als männliche Identitätsfigur war er natürlich schauerlich gewählt,
obwohl er als sympathischer, clownesker, scheinbar immer fröhlicher und lachender und durch die
Sprache purzelnder Begleiter, der nie eingreift und auch in kein Verhältnis tritt, eine positive Wirkung
auf das eigene Gemüt ausübte.
Er war nicht nur beziehungsunfähig, sondern nicht einmal zu einem Dialog fähig.
Die Situation ist schwierig zu verstehen: Thomas Bernhard duldete zwar eine Reihe von
Cafehausdamen an seinem Tisch, doch das waren keine Freundschaften, sondern eher eine
Duldsamkeit der Anhimmelung. Er wahrte immer seine Distanz, denn ein Einlassen gab es bei ihm
sicherlich nicht. Er verfügte über eine Art universale Distanziertheit, also der gesamten Menschheit
und als Erstes sich selbst gegenüber.
Als Kind waren mir zum Beispiel diese großen Häuser sehr unheimlich, die auch von Jahr zu Jahr
zahlenmäßig zunahmen und in einem immer mehr sich ausprägenden Stil selbstständig eingerichtet
wurden. Die große Anzahl von Gästezimmern stand in einem großen Kontrast zur völligen sozialen
Abgeschiedenheit dieses Menschen. Er breitete diese Häuser zum Einzug von vielen Gästen vor oder
zur Gründung einer großen Familie, doch dies hatte er nicht vor. Auch die Ställe renovierte er, als ob
er die Idee hätte, sich Tiere für einen Bauernhof anzuschaffen. Diese Vorgangsweise bedeutete eine
räumliche Kompensation seiner sozialen Vereinsamung. Für abwesende und imaginäre Menschen hat
er Zimmer eingerichtet. Alle Möbel waren vorhanden, aber keine Menschen, die diese nutzen konnten.
Dies spiegelte sich bereits im Einrichtungsstil wider, denn er entwarf gewaltige Stühle und Fauteuils,
um diese bauen zu lassen. Die Möbel waren finster und die Zimmer trotz dieser aufwendigen
Möblierung kalt und leer. Daher spürte man auch diese Leere. Ich spürte als Kind die Schauerlichkeit
dieser Unbehaustheit, Leere und Schwere, die im Kontrast zur konventionellen Wohnart von
Menschenbehausungen steht. Diese Sitzgelegenheiten in seinem Haus bedeuteten für mich eine
Verdichtung, ein Symptom einer Schwere und Unlebbarkeit, die vom Design her nicht für Menschen
gestaltet worden waren, sie waren ein Symptom eines unlebbaren Lebens. In diesen unbewohnten
Wohnräumen entstand eine düstere Atmosphäre, die auch für ein Kleinkind spürbar war.

Ich wollte nie Schriftsteller werden, denn in diese Laufbahn kam ich ohne Ambition durch einen
Studentennebenjob. Ich bin da hineingeschlittert (hineingescheitert ?), aber es hat sich bewährt.
Thomas Bernhard hat in der Kälte des Blickes auf die Welt, also in der schonungslosen Haltung meine
schriftstellerische Arbeit auf der Textebene beeinflusst. Er lehrte mich das Hinsehen, das
Nichtwegsehen und die schonungslose Beobachtung der Welt. Vielleicht ist es eher keine
Beeinflussung, sondern eher eine Haltung, denn man könnte auch de Sade als stärkeren und früheren
Protagonisten sehen, der unerschrocken auf das Fürchterlichste blickt.

Ich erinnere mich an eine merkwürdige Allianz von zutiefst asexuellen Menschen, die sich darin auch
irgendwie angenehm waren und in dieser solidarischen Sublimationsanstrengung nicht gestört haben.
Die Düsternis dieser Gemächer war auch eine sehr keusche und die Menschen im Umkreis von
Thomas Bernhard habe ich auch als durch und durch keusch empfunden. Das fiel mir aber im
Vergleich zu anderen Menschen erst sehr spät auf. Auch die unterschiedliche Atmosphäre zwischen
Menschen bemerkte ich erst später, also wie verschiedenen sich diese gestalten kann. Im Werk meines
Vaters gibt es einige wenige Aktdarstellungen und das sind die keuschesten Bilddarstellungen von
Frauen, die ich mein ganzes Leben lang gesehen habe. Das ist eine existentielle Gestimmtheit bzw. ein
leibseelischer Habitus, der die Menschen im Salzkammergut miteinander verbunden hat.
Es gab schon eine kontinuierliche Entwicklung der Persönlichkeit von Thomas Bernhard, denn er
wurde offener, milder, umgänglicher, ist langsam aufgeblüht und sein Radius hat sich erweitert. Am
Anfang wollte niemand glauben, dass er einmal ein warmes Land wie Mallorca aufsuchen wird, denn
das passte früher einfach nicht zu ihm. Das war eben eine der Möglichkeiten, die selbst gewählte Enge
zu überschreiten und um sich einen Außenort zu einem guten Ort zu machen. In der Frühzeit war eine
Freundschaft mit meinen Eltern bereits ein großer Schritt, da dieser Schritt eine Eingliederung in eine
Gesellschaft bedeutete. Er begann mit einem totalen Rückzug in einen Bunker, nämlich in den
Vierkanthof und das Tor war zu, denn es gab keine Zugbrücke, die an dieses Haus anschloss. Ich
erinnere mich, dass die Idee eines Kommunikationsabbruchs nach außen bei ihm einen großen
Stellenwert hatte. Er zeigte uns im Wohnzimmer eine Kommode mit einer großen Lade, in der
sämtliche ungeöffneten Briefe lagen, denn er öffne prinzipiell keine Briefe. Er war offenbar stolz
darauf.
Diese Häuser haben dieses Unkommunikative soweit architektonisch inszeniert, sodass sie zu einer
mitteilsamen Architektur wurden, denn eine Burg ist ja auch eine sprechende Architektur, weil ihre
Aussage der Feindesabwehr nach außen dringt. Wer sich in eine Art Burgarchitektur verschanzt, teilt
gleichzeitig mit, dass er nichts mitteilen will, also im Sinne von Watzlawick: man kann eigentlich
nicht Nichtkommunizieren. Das ist ein Aspekt, der für die Arbeit Thomas Bernhards auch
charakteristisch ist, nämlich dass die Kommunikationslosigkeit wortreich kommuniziert werden
konnte und die Einsamkeit zu Multiplikation eines Sprechens wurde. Das ist zugespitzt formuliert ein
Aspekt des Schriftstellertums, nämlich dass jemand redet ohne dass geantwortet wird. Dies ist die
Tragik des Schriftstellerberufs an sich: Reden ohne Dialogpartner. Dieser Aspekt des
Schriftstellertums, dass nur auf einer Seite Worte fließen und keine zurückkommen, war bei ihm
besonders stark ausgeprägt und die hat sich auch in der Architektur bis hin zur Möbelgestaltung
durchgesetzt. Er eröffnet eine Welt, in der jegliche Kommunikation abgebrochen wird, eine Welt, die
von Autisten bevölkert ist. Er präparierte wie kein anderer heraus, dass auch unmenschlich zwischen
Menschen in der Sprache kommuniziert werden kann. Um diesen Aspekt in seinem Werk
interpretieren zu können, ist es auch gut, seine Häuser und auch seine Gestaltungen mit seinen Texten
in eine Beziehung zu setzen, da beide Seiten dann besser verstanden werden, denn es geht um
unmenschliche Verhältnisse. Es handelt sich um eine verbale Neutronenbombe, denn das ist diese
seltsame Bombengeneration, die nur die Menschen beseitigt und die Gebäude stehen lässt. Das ist für
mich auch ein Bild, das Sprache, Werk, Bauten und Einrichtungen von Thomas Bernhard
zusammenfasst: Welt ohne Mensch.