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Ich und meine Chaos-Brüder.


Alarmstufe Umzug - Teil 2
Eine Geschichte von Sarah Welk, mit Illustrationen von Alexander von Knorre,
erschienen bei arsEdition.
Hier kommt der zweite Teil der Geschichte.
Wie wir im Möbelhaus ein Superspiel erfinden und danach 20 Hotdogs essen
„Ich will auch mal am Fenster sitzen“, ruft Ben und schiebt die Unterlippe

nach vorne. „Immer muss ich in die Mitte.“

„Das ist aber der Platz für Zwerge“, antwortet Henry und schnallt sich an.

Ich springe auch schnell ins Auto und schiebe den Klickser in das

Gurtschloss, weil, ich weiß nämlich schon, was jetzt kommt.

„Ben“, sagt Mama. „Bitte klettere einfach auf deinen Platz. Wir wollen doch

zum Möbelhaus, und da kriegst du endlich auch einen eigenen Schreibtisch!

Das ist doch toll!“

„Nö!“, schreit Ben und verschränkt die Arme. „Ich will am Fenster sitzen!“

„Bela, würdest du ausnahmsweise mal mit Ben tauschen?“, fragt Mama.

Aber da sage ich Nein, und Henry schüttelt auch sofort den Kopf, obwohl er ja

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gar nicht gemeint war.

Und da holt Ben Luft und Henry und ich stecken uns schnell die Finger in die

Ohren.

Jetzt stampft er nämlich mal wieder mit den Beinen auf den Bürgersteig wie

ein wild gewordenes Rumpelstilzchen und seine roten Haare sehen fast so

aus wie Flammen.

Und dann fängt er an zu brüllen, aber nicht nur ein bisschen, sondern

ungefähr so wie Monstrator, wenn er kämpft.

Als Ben endlich Luft holt, ruft Papa schnell: „Hotdog!“

Ben klappt den Mund zu, und seine Backen sind ganz aufgepustet, sodass er

im Notfall sofort weiterbrüllen kann.

„Hotdog!“, ruft Papa noch mal und seine Stimme klingt ziemlich hektisch.

„Wenn du dich in die Mitte setzt, kriegst du im Möbelhaus einen Hotdog.“

Ben lässt die Luft ganz langsam aus seinen Backen.

„Aber Bela und Henry kriegen keinen“, sagt er dann, und das finde ich jetzt

ziemlich ungerecht.

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„Du kriegst zwei und Henry und Bela nur einen“, ruft Papa wieder, und dabei

zwinkert er uns zu, und da klettert Ben über mich drüber und schnallt sich

endlich an.

Mamas Stirn ist ganz faltig, irgendwie findet sie Papas Lösung, glaube ich,

nicht so gut.

„Wenn du eine bessere Idee hast: Bitte gerne!“, sagt Papa in ihre Richtung.

Und dann steigt er einfach ein und macht den Motor an, und da sagt Mama

doch nichts mehr und klettert auch ins Auto.

Leider ist richtig viel Verkehr und alle Ampeln sind rot und Papas Kopf auch

und überall ist Stau und vor uns und hinter uns und neben uns sind Autos. Wir

kriechen ungefähr so langsam vorwärts wie eine Schnecke.

„Pipi“, kräht Ben plötzlich. „Ich muss mal Pipi!“ !

Papa stöhnt und lässt den Kopf auf das Lenkrad sinken.

„Papa kann hier nicht rausfahren, Ben“, sagt Mama. „Kannst du noch ein

bisschen aushalten?“

„Nö!„, ruft Ben. „Kann ich nicht.“

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„Ich weiß nicht, ob wir es überhaupt noch bis zum Möbelhaus schaffen, wenn

wir jetzt auch noch rausfahren müssen“, sagt Papa. „Vielleicht hat das dann

schon zu.“

Das finden Henry und ich jetzt richtig blöd, und das sagen wir auch, weil, wir

können ja nichts dafür, dass Ben so ein Baby ist. Und dann kriege ich heute ja

gar kein neues Bett und Henry auch kein eigenes Sofa!

Ben kratzt sich am Kopf, das macht er

immer, wenn er nachdenkt.

Plötzlich beißt er sich auf die

Unterlippe, und dann fängt er an zu

grinsen und kräht: „Ich muss übrigens

doch nicht mehr!“

Und da sagt Papa: „Na, siehst du“, und dreht richtig laut die Musik auf.

Deshalb können er und Mama auch nicht hören, was Ben jetzt macht.

Doch Henry und ich sehen das, aber wir sagen keinen Piep, weil, sonst fahren

wir hundertprozentig direkt wieder nach Hause. !

Ben lehnt sich nämlich einfach nach vorne und greift in die Sitztasche und

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zieht seine Trinkflasche heraus. Und dann macht er den Deckel ab. Und dann

‒ also darauf kommt ihr nie!

Manchmal glaube ich echt, der hat irgendwie eine Meise, oder besser gesagt,

eine ganze Meisenfamilie.

Ben wurstelt sich nämlich so leise wie eine Maus aus seinem Gurt und dann

MACHT ER PIPI IN DIE FLASCHE!!

In echt jetzt. Das stimmt wirklich!

Am liebsten würde ich es nun doch Mama und Papa sagen, weil, das darf

man ja nicht, und wenn jetzt die Polizei kommt, werden wir vielleicht alle

verhaftet.

Henry macht sich aber anscheinend überhaupt keine Sorgen, stattdessen

lacht er die ganze Zeit wie verrückt, nur ohne Ton, so wie ein stummer

Gackerfisch, und dann beugt er sich nach vorne und zieht mich am Ärmel und

schüttelt den Kopf, und dazu presst er sich den Finger auf den Mund.

Und Ben ist jetzt sowieso schon fertig. Eigentlich hat er das ziemlich gut

hingekriegt und nichts ist danebengegangen, und er strahlt und klickst die

Flasche wieder zu und steckt sie einfach zurück in die Sitztasche.

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Und damit ist ja eigentlich alles erledigt.

„Nehmt bitte eure Flaschen mit rein“, sagt Mama, als wir endlich beim

Möbelhaus ankommen. „Wir kaufen da drinnen nichts zum Trinken.“

Henry und ich stecken unsere Flaschen direkt in Mamas Handtasche, nur Ben

will seine lieber selber tragen, wahrscheinlich hat er Angst, dass Mama

vielleicht mal einen Schluck nehmen will oder so.

Deshalb kann er auch nicht so richtig mitmachen, als Henry und ich

Verstecken spielen. Es gibt im Möbelhaus nämlich ein Kinderparadies, da ist

auch ein Bällebad, und wenn man sich da platt wie eine Flunder reinlegt, ist

man total verschwunden.

Den Schreibtisch und das Bett und das Sofa haben wir uns schon gestern im

Katalog ausgesucht, und deshalb bestellen Mama und Papa die Möbel jetzt

einfach nur schnell im Laden, und danach holen sie uns wieder ab und wir

gehen Hotdog essen.

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Aber irgendwie dauert das richtig

lange, bis die endlich zurückkommen!

Mein Magen knurrt schon ganz laut,

und Verstecken im Bällebad finde ich

jetzt doch nicht mehr so toll, weil

Henry da nämlich immer nur durchpflügt wie eine Rakete, so lange, bis er über

mich stolpert, und das ist blöd.

„Mir ist langweilig“, kräht Ben und winkt uns von der Treppe aus mit seiner

Trinkflasche zu. „Ich geh zu Mama und Papa!“

Und die Idee finden Henry und ich auch gut. Und weil die Aufpasserin im

Kinderland gerade nicht guckt, schleichen wir einfach schnell durch die Tür

und düsen los.

Das Möbelhaus ist riesig, und deshalb finden wir Mama und Papa nicht

sofort. Das macht aber nichts, weil es da nämlich RICHTIG COOL ist.

Überall sind echte Zimmer aufgebaut, damit die Leute sich die angucken

können. Aber die Schränke sind alle leer, denn in Wirklichkeit wohnt da ja gar

niemand. Und in den Kommoden ist auch nichts drin.

„Ey, Bela!“, ruft Henry. „Hier spielen wir Verstecken! Das ist viel besser als in

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diesem spackigen Bällebad!“

Und das ist eine Superidee, finde ich. Ich habe nämlich schon einen Sessel

zum Aufklappen gesehen und in die Kiste unten passe ich bestimmt rein.

Das ist wirklich das beste Versteck aller Zeiten, da findet Henry mich nie!

Ich kann hören, wie er gerade „48, 49, 50, ich komme!“ ruft, und hüpfe in den

Sessel.

Durch einen kleinen Schlitz sehe ich ihn sogar, er geht als Erstes in so eine

Küche und guckt unten in die Spüle.

Ben kann ich nicht entdecken, vielleicht sitzt er noch mit seiner Trinkflasche

in der Hand auf dem Sofa in dem aufgebauten Wohnzimmer, da ist nämlich

ein echter Fernseher und man kann Comicfilme gucken.

Dann höre ich aber leider noch etwas. Nämlich eine Lautsprecherdurchsage:

„Die Eltern von Ben, Bela und Henry bitte sofort zum Kinderparadies. Die

Eltern von Ben, Bela und Henry bitte!!“

Und kurz darauf sehe ich Mama und Papa an meinem Sehschlitz vorbeiflitzen

und irgendwie gucken die so ein bisschen hektisch.

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Mich entdecken sie natürlich nicht, und Henry bemerken sie auch nicht, der ist

nämlich ganz schnell unten in die Spüle gekrabbelt.

Und dann kriege ich einen Riesenschreck, weil, plötzlich wird es strahlend hell

in meinem Sessel, das kommt, weil jemand ihn aufgeklappt hat.

„Ich will auch mit Verstecken spielen!“, kräht Ben und guckt zu mir nach

unten.

„Mann, Ben!“, schreie ich und bin echt sauer. „Klapp sofort den Sessel wieder

zu, sonst sieht Henry mich gleich! Und außerdem: Du kannst nicht mitspielen.

Du hast ja die Hände überhaupt nicht frei mit deiner blöden Pipiflasche!!“

Da knallt Ben den Sesseldeckel wieder zu und dampft ab. Er ist richtig

wütend, das kann ich sogar von hinten sehen. Aber das ist mir jetzt auch egal.

Leider geht der Sessel da schon wieder auf. Und nun steht dort nicht mehr

Ben, sondern Papa.

So ein Mist, der hat uns bestimmt gerade gesehen! Und leider sieht Papa

RICHTIG sauer aus.

„Sag mal, spinnt ihr??“, ruft er. „Ihr könnt doch nicht einfach aus dem

Kinderparadies abhauen! Mama und ich haben einen Riesenschreck gekriegt!

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Und was zum Teufel machst du da unten in dem Sessel? Und wo verflucht

noch mal ist Henry? Und wohin ist Ben gerade gerannt?“

Da sage ich, dass Henry unten in der Spüle sitzt und Ben abgehauen ist, weil

er sauer war. Das ist kein Petzen, weil, wenn Papa so guckt, ist das ein

Notfall.

„Jolanda!“, ruft Papa und dreht sich um. „Henry sitzt in der Spüle da drüben!“

Und da sehe ich schon, wie Mama in die Küche flitzt, die Tür unter dem

Waschbecken aufreißt und Henry am Schlafittchen herauszieht.

Na ja, und dann wird es leider richtig unangenehm, weil Henry und ich jetzt

mitten im Gang stehen und Mama und Papa alles erklären müssen, und hinter

ihnen sind noch ganz viele andere Leute und alle gucken uns an, und einige

lachen und ein Mann ruft: „Also wenn das meine Kinder wären, würde ich

denen den Hintern versohlen!“

Jetzt flippt Mama richtig aus, sie dreht sich auf dem Absatz um und zischt:

„Das sind aber nicht Ihre Kinder, verdammt noch mal! Gewalt ist ja wohl keine

Lösung, und wenn Sie uns noch einen schlauen Tipp geben, dann stopfe ich

Sie mit dem Kopf zuerst in diesen bescheuerten Klappsessel!!“

Ihre Stimme wird dabei immer lauter, und ihre Augen sehen richtig gefährlich

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aus, finde ich.

„Psst, Mama“, flüstere ich schnell. „Das ist voll peinlich.“

Mama schnappt nach Luft und dreht sich wieder mit Karacho zu mir um, aber

bevor sie etwas sagen kann, fängt zum Glück Ben an zu heulen.

Wir können ihn nicht sehen, aber das Weinen ist richtig laut, und irgendwie

klingt es so verzweifelt, dass sich mein Bauch sofort schrecklich anfühlt.

Mama und Papa gucken sich auch ganz erschrocken an und Henry greift

meine Hand und ruft: „Schnell, komm!“

Das Weinen kommt aus dem Gästeklo. Also nicht aus einem echten Gästeklo,

sondern aus einem, das auch nur so aufgebaut ist, damit die Leute sich das

angucken können.

Und da hockt Ben, ganz in der Ecke, und er weint. Und das Weinen klingt so

schlimm, dass mein Hals ganz eng wird und Henry und ich uns sofort zu ihm

quetschen und ihn beide umarmen. .

„Was ist denn los, Kleiner?“, ruft Henry und streichelt Ben über die Haare.

„Jetzt sag schon, was ist passiert?“

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Und da stehen auch Mama und Papa in der Klotür, und beide sehen

überhaupt nicht mehr wütend aus, sondern nur besorgt.

Mama geht in die Knie und Ben springt auf und stürzt sich in ihre Arme. Und

dann schluchzt er die ganze Geschichte an ihren Hals: dass er im Auto

heimlich Pipi in die Flasche gemacht hat und dass er deshalb nicht mit uns

Verstecken spielen konnte und dass er das Pipi deshalb ins Klo kippen wollte

und dass dann alles wieder unter der Toilette rausgelaufen ist und dass die

Spülung auch nicht richtig funktioniert.

„Ben, mein Kleiner“, murmelt Mama in seine Haare. „Natürlich läuft das unten

wieder raus und natürlich funktioniert die Spülung nicht, die Toilette ist ja

auch gar nicht echt!“

O Mann, Ben ist manchmal wirklich noch sehr klein. Aber das sage ich ihm

nicht, weil er mir immer noch leidtut.

Und dann zieht Mama Ben hoch und Papa sagt einem Möbelhausmitarbeiter

Bescheid und kriegt einen Lappen und einen Eimer und putzt alles rucki, zucki

wieder sauber, und die Trinkflasche schmeißt er einfach in den Müll.

Und danach wäscht er sich ganz lange die Hände und dann gehen wir alle

zusammen ins Möbelhausrestaurant und essen vier Hotdogs. Also jeder vier

Hotdogs, sogar Mama.

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Das Möbelhaus ist wirklich richtig cool. Vielleicht können wir nächste Woche

ja noch einmal hierherfahren. Oder vielleicht kann ich sogar meinen

Kindergeburtstag hier feiern!

Das bespreche ich auf der Rückfahrt gleich direkt mit Mama und Papa, die

finden die Idee bestimmt auch gut, weil, dann ist zu Hause nicht immer so ein

Chaos.

Also ich freue mich auf jeden Fall jetzt schon und muss so grinsen, dass mir

sogar die Ohren ein Stück nach hinten rutschen.

Wie wir endlich umziehen und dann das beste Picknick aller Zeiten machen
„Hast du meine Hose gesehen, Jo?“, ruft Papa.

„Welche Hose?“, sagt Mama in den Schrank, aber nicht weil sie Verstecken

spielt, sondern weil sie gerade noch Geschirrhandtücher und Lappen

herausholt und in einen Umzugskarton stopft.

„Na, meine Lieblingshose von früher!“, erklärt Papa. „Die karierte mit dem

kleinen Loch am Knie. Die ziehe ich heute zum Umzug an.“

„Keine Ahnung“, sagt Mama in den Schrank hinein.

„Komisch“, murmelt Papa. Und dann dreht er sich um, weil es nämlich klingelt

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und er deshalb ganz schnell in eine Jeans springt und dann die Tür aufreißt.

„Moin!“, ruft Björn.

Das ist ein Freund von Mama und Papa, und den mag ich gerne, der ist

nämlich richtig stark, und deshalb ist es natürlich gut, dass er uns beim

Umzug hilft.

Und direkt danach kommen noch Rudi und Kerstin und Lothar, die sind auch

stark, aber nicht so stark wie Björn.

Und danach biegt auch noch Jan um die Ecke, der will aber erst mal Kaffee

trinken.

Leider ist die Maschine schon eingepackt, aber Mama sagt, er kann ein

Wasser haben oder einen grünen Tee aus der Thermoskanne.

Und da antwortet Jan, dann kommt er gleich wieder, er geht nur eben in die

Espressobar unten und direkt danach arbeitet er dafür aber doppelt so

schnell.

„Wir können auch mithelfen!“, rufe ich.

„Genau!“, schreit Ben, und dabei schwenkt er seine Hände durch die Luft, und

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die sind irgendwie grün und klebrig, und ein bisschen von der Matsche landet

auf dem Küchenfußboden.

„Ben!“, ruft Mama. „Was ist das denn

schon wieder für ein Zeug?“

„Mama, das ist Schleim“, sagt Ben.

„Das kannst du doch sehen.“

Leider kriegt Mama jetzt zu viel, dabei

haben sie und Papa Ben den Schleim

zum Selbermachen ja sogar geschenkt!

Aber sie hört überhaupt nicht mehr zu, sondern sie sagt, wir sollen bitte in

Henrys Zimmer gehen und da warten, bis alles eingepackt ist, und wir helfen

am meisten, wenn wir nicht im Weg rumstehen und alles mit grüner Matsche

einschmieren.

Das ist natürlich wieder total ungerecht, weil, ich habe ja überhaupt gar keinen

Schleim, doch Mama schiebt Ben und mich einfach vor sich her zu Henry und

dann macht sie hinter uns die Tür zu.

Eigentlich wollte ich ihr sofort wieder nachrennen, aber dann sehe ich Henry.

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Und der sitzt hinter den Umzugskartons und kratzt sich an der Nase, und vor

ihm steht unser Snackautomat.

Mann, den hatte ich ja ganz vergessen!

„Wow“, rufe ich. „Der ist ja super geworden!“

„Japp“, antwortet Henry ganz kurz, und ich kann sehen, dass er nachdenkt.

„Was ist das?“, ruft Ben und dreht volle Kanone an der Radkappe, die Henry

oben in die Pappe geschraubt hat.

„Nicht so doll!“, zischt Henry. „Da muss man vorsichtig drehen und dann

kommen unten Snacks aus der Röhre.“

„Aber da kommt ja gar nichts!“, ruft Ben.

„Wir brauchen noch Hamburger“, sagt Henry und guckt mich an. „Und ich

denke die ganze Zeit darüber nach, wo wir die hernehmen sollen.“

Tja, das ist jetzt echt ein Problem. Weil, wir können ja nicht einfach zu

McDonald’s rasen und welche kaufen.

Und Mama hat wahrscheinlich keine Fleischpatties in der Küche und auch

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keine Brötchen und keine Gurken und keine Hamburgersoße.

„Aber wir könnten doch einfach Frikadellen nehmen!“, ruft Ben. „Mama hat

nämlich welche im Schrank versteckt, und zwar mindestens 50 Stück!“

„Schon klar“, sagt Henry und klingt mal wieder ganz oberschlau. „Mama hat

50 Frikadellen im Schrank versteckt. Und dazu wahrscheinlich noch eine

lebende Kuh mit Kalb oder was?“

„Aber das stimmt wirklich!“, ruft Ben.

„Mama hat echt Frikadellen in den Schrank getan! Weil Papa nämlich gesagt

hat, der Kühlschrank muss jetzt sofort ausgeräumt werden, damit Lothar und

Björn ihn in die neue Wohnung bringen können, und da hat Mama die in den

Schrank gestellt, weil sonst nirgendwo Platz war!“

Und dann macht er ganz leise die Tür auf und wir schleichen alle drei in

Mamas und Papas Schlafzimmer.

Zum Glück sind die Erwachsenen in der Küche, nur Lothar und Rudi drängeln

sich im Flur an uns vorbei, aber sie beachten uns gar nicht, weil sie gerade

den Tisch tragen, und wir drücken uns einfach so platt wie Flundern an die

Wand.

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„Tadaa!“, sagt Ben und reißt die Tür vom Einbauschrank auf.

Und tatsächlich. Unten im Regal, da wo eigentlich immer Papas Unterhosen

lagen, steht eine riesige Box mit Frikadellen.

„Perfekt“, murmelt Henry, und dann schnappt er sich die Box, läuft zur Tür und

guckt vorsichtig in den Flur.

„Alles klar“, flüstert er. „Die Luft ist rein. Ben, du musst vor der Küchentür

Schmiere stehen, okay? Und wenn jemand kommt, dann pfeifst du. Und Bela

und ich füllen die Frikadellen schnell in den Automaten, und wenn wir fertig

sind, holen wir dich.“

Und so machen wir es und es klappt alles richtig super.

Aber leider haben wir jetzt schon wieder ein neues Problem.

Weil, wie sollen wir den Snackautomaten bitte schön in die neue Wohnung

kriegen und da heimlich im Flur aufstellen, ohne dass irgendjemand was

merkt?

Denn das soll ja eine Überraschung werden!

Und als wir gerade darüber nachdenken, geht die Tür auf und Jan guckt um

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die Ecke.

„Hi, Jungs!", sagt er und lässt sich lässig auf Henrys Sessel fallen. „Na, was

geht ab bei euch?“

Also Jan ist schon ganz nett, aber manchmal will er so jugendlich reden,

dabei ist er in echt schon ziemlich alt.

Und da kommt mir eine Idee. Weil, die anderen Erwachsenen wissen

wahrscheinlich gar nicht, dass Jan schon wieder aus der Espressobar zurück

ist, und vielleicht kann er uns ja helfen!

„Du, Jan“, sage ich. „Wenn ich dir jetzt was sage, versprichst du mir, dass du

es niemandem verrätst?“

Jan beugt sich im Sessel nach vorne und stützt die Hände auf die Knie. „Aber

hallo!“, antwortet er.

„Schwöre“, sage ich.

„Ich schwöre“, antwortet Jan.

Ich kann an Henrys Gesicht sehen, dass er es erst nicht so gut findet, dass ich

einen Erwachsenen einweihe. Aber dann doch, weil, als ich Jan alles erzähle,

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findet der meine Idee nämlich richtig super.

Und dann lässt er sich von Henry genau erklären, wie der Snackautomat

funktioniert, und dann sagt er, dass er uns natürlich hilft und dass das ja wohl

die wichtigste Aufgabe des ganzen Umzugs ist.

Und dann läuft alles wie geschmiert. Ich gebe Jan meinen neuen

Haustürschlüssel und Jan schnappt sich unseren Snackautomaten, und aus

dem Fenster können wir sehen, wie er ihn auf dem Gepäckträger von seinem

Fahrrad festbindet und abzischt, und niemand hat gemerkt, dass er überhaupt

da war.

Tja, und dann wird uns leider langweilig und die Zeit vergeht überhaupt nicht.

„Wollen wir mal nachgucken, was alle machen?“, fragt Ben.

Aber die Tür von unserem Zimmer geht überhaupt nicht auf, wahrscheinlich

weil Papa und Björn gerade im Flur einen Kleiderschrank vorbeischleppen.

Durchs Fenster können wir aber sehen, dass Kerstin einen Umzugskarton in

den Laster hievt, und der ist jetzt, glaube ich, ziemlich voll, und das bedeutet

ja wohl, dass es bald losgeht.

Und genau in der Sekunde reißt Mama unsere Zimmertür auf und stemmt die

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Hände in die Hüften und zischt: „Ich zähle bis drei, dann sind die Frikadellen

wieder da!“

„Häää?“, sagt Ben und guckt ganz unschuldig.

„Eins!“, ruft Mama.

„Welche Frikadellen denn?“, fragt Ben.

„Zwei!“, ruft Mama.

„Ach, jetzt weiß ich!“, sagt Ben.

„Drr...!“, ruft Mama, aber dann stoppt sie mitten im Wort und guckt Ben streng

an und zischt mit so einer Kommandostimme: „Ich höre!“

„Jan ist mit den Buletten weggefahren“, sagt Ben. „Auf dem Gepäckträger.“

Und das stimmt ja auch.

„Jan ist mit den Buletten weggefahren?“, wiederholt Mama, und dabei guckt

sie ungefähr so schlau wie ein Kaninchen und ihre Nase zuckt auch. „AUF

DEM GEPÄCKTRÄGER???“

Und da nicken wir alle drei, weil das ja auch wirklich so war. .

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„Dass dein Kumpel Jan ein fauler Sack ist, wusste ich ja schon vorher!“, ruft

Mama über die Schulter in Richtung Decke. „Aber jetzt hat er auch noch die

Frikadellen geklaut!“

„Ma", stöhnt Papa. „Egichab.“

Ich glaube, das sollte „Mann, reg dich

ab“ heißen. Aber so ganz genau kann

ich Papa nicht verstehen, weil er

nämlich gerade auf einem Bein auf der

Leiter im Flur balanciert und einen

Schraubenzieher im Mund hat.

Mama schnaubt und dreht sich auf dem Absatz um, aber leider stößt sie

dabei ein winziges bisschen an die Leiter und auf einmal passiert alles

gleichzeitig.

Papa kreischt und es scheppert und er klammert sich mit beiden Händen an

die Deckenlampe, aber nur eine winzige Sekunde, und dann kippen Papa und

der Schraubenzieher und die Leiter durch den Flur, und die Lampe kommt

auch mit, an der hält Papa sich nämlich immer noch fest, und deshalb reißt

sie jetzt aus der Decke und es rieselt ganz viel Putz und Staub runter.

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Mamas Haare sind ganz weiß, und dann knallt es richtig, weil, Papa ist in

einem Stapel mit Umzugskartons landet, und der fällt um und zwei Kisten

reißen sogar auf, und jetzt liegen überall im Flur Reis und Nudeln und

mittendrin sitzt Papa und umklammert seine Lampe, und es ist richtiges

Superchaos.

Zum Glück hat er sich nicht doll wehgetan.

Und zum Glück streiten Mama und Papa nur ganz kurz, und dann räumen sie

schnell alles wieder auf und Lothar und Kerstin und Björn helfen auch mit.

„Mann, was freu ich mich auf ’ne Limo“, sagt Björn und wischt sich den

Schweiß von der Stirn.

„Jetzt ist es doch fast geschafft“, antwortet Mama. „Und die neue Wohnung

ist ja zum Glück im Erdgeschoss und wir müssen nicht immer fünf

Stockwerke rauf- und runterrennen.“

Und als ich es kaum mehr glauben kann, ist dann plötzlich wirklich alles fertig

und wir fahren zusammen mit den ganzen Möbeln zum neuen Haus.

Also Jan hat das echt super gemacht. Der Snackautomat steht einfach so im

Flur und fällt überhaupt nicht auf, weil, darüber hängt nämlich ein Laken, keine

Ahnung, wo er das so schnell besorgt hat.

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Papa staunt ziemlich, dass Jan schon da ist, aber Mama nicht, die tut einfach

so, als wäre Jan Luft.

Aber nur so lange, bis Jan fragt, ob es eigentlich auch mal was zu essen gibt.

Da atmet Mama tief ein, und ich weiß genau, dass sie jetzt ausflippt, und zwar

ungefähr so wie Skeleton, wenn er richtig wild wird.

Irgendwie kriege ich ein schlechtes Gewissen, weil, eigentlich kann Jan ja gar

nichts dafür, und deshalb springe ich, so schnell ich kann, nach vorne, und

zwar direkt neben den Snackautomaten.

Henry stellt sich neben mich und hebt beide Hände hoch.

„Hä, hä!“, ruft Ben. „Nun guckt aber mal! Jetzt werdet ihr aber gleich

staunen!!“

Und dann sagt Henry: „Eins, zwei, drei!“, und bei drei heben wir zusammen das

Laken in die Luft, und da lässt Mama die ganze Luft wieder aus ihrem Mund

und sie und Papa staunen, aber wie. Und die anderen natürlich auch.

„Das“, sage ich, „ist ein echter Snackautomat. Den haben wir ganz alleine

gebaut. Und der funktioniert wirklich. Man muss nur Geld einwerfen, dann

kommen ECHTE Frikadellen raus.“

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Mama runzelt die Stirn.

„Entschuldigung, Mama“, sage ich. „Aber wir konnten das vorhin nicht so

richtig sagen. Weil, sonst wäre es doch gar keine Überraschung mehr

gewesen! Jan hat uns übrigens geholfen.“

Jan grinst und zeigt mit beiden Daumen auf seine Brust.

Mama verdreht die Augen, aber nur ganz kurz, und dann lächelt sie Jan an.

Also wenigstens ein bisschen.

„Äähh, sagt mal, Jungs?“, fragt Papa und zeigt auf unsere Ausgaberöhre. „Das

ist nicht zufällig das Bein von meiner karierten Hose?“

„Aber die lag im Müll!“, ruft Henry, und da dreht Papa sich auf dem Absatz zu

Mama um.

Mama guckt jetzt ganz schön lustig und tut so, als würde sie pfeifen, und

wackelt ein bisschen mit dem Kopf und zuckt gleichzeitig mit den Schultern.

Papa schnaubt und runzelt die Stirn. Und dann stellt er sich neben Mama und

legt einen Arm um ihre Schulter, und dann küsst er sie auf den Mund und

beide lachen und alle anderen lachen auch.

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Na ja, und danach werfen alle

Erwachsenen Geld in unsere

Maschine, und Henry und ich müssen

sie hinten nur ein bisschen hochheben,

und schon kullern die Buletten in den

Flur und alle finden unsere Maschine

richtig super und strubbeln uns durch

die Haare.

„Wisst ihr was?„, ruft Papa

irgendwann. „Ich flitze jetzt noch schnell zur Bäckerei und hole Törtchen und

Getränke für alle und dann veranstalten wir das beste Picknick aller Zeiten.“

Und so machen wir es. Wir setzen uns einfach überall hin, auf die Kartons und

auf die Fensterbretter und auf den Fußboden, und alle schmatzen und lachen

durcheinander und die Sonne scheint durch die Fenster, und es wirbeln so

kleine Staubkörner durch die Luft und sie sehen aus wie winzige

Glückssterne.

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„Wollen wir das nicht einfach alles für

immer so lassen?“, fragt Henry.

Doch da sagen Mama und Papa Nein.

„Aber heute Abend machen wir ein

riesiges Matratzenlager und schlafen

alle zusammen im neuen Wohnzimmer, und die Betten bauen wir erst morgen

auf“, schlägt Papa vor, und das ist ja fast genauso gut.

Also ich freue mich jetzt richtig und muss so grinsen, dass mir sogar die

Ohren ein Stück nach hinten rutschen.

Auf heute Abend und auf mein eigenes Zimmer und sowieso auf alle tollen

Sachen, die in unserer neuen Wohnung noch passieren.

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Geschichte aus: Ich und meine Chaos-Brüder: Alarmstufe
Umzug
Autor: Sarah Welk
Illustration: Alexander von Knorre
Verlag: arsEdition
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-8458-3348-4

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