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Martin Bode

Kultur und Verbrechen

Erfolg ist die Differenz zwischen dem Geschriebenen und dem Gedachten
Geplantes und ungeplantes Handeln in der Kultur
Die Kulturgeschichte des Klischees

An dieser Stelle Dank an Peter von Matt: Die Lektüre von

DIE Intrige
Theorie und Praxis der Hinterlist

war erkenntnisleitend
Geschichte: Rückblick und Vorwort ............................................................................................. 4

EINLEITUNG UND MODELL........................................................................................... 5

Vorbemerkung ................................................................................................................................................ 6

MODELL ....................................................................................................................................... 16
Die griechische Antike ...................................................................................................................................... 16
Entdeckungen, Aufklärung und Psycho-Analyse: Das Gegenmodell der .......................................................... 16
Background .................................................................................................................................................. 16
Botschaft der Aufklärung ............................................................................................................................. 17
Die altgriechischen Wurzeln der Psychoanalyse .............................................................................................. 19
Erfundene Geschichten und Realität - Psychologie und Gesellschaft .............................................................. 20
Analyse und Therapie im Namen der Aufklärung ............................................................................................. 21
Aufklärung als Herausforderung des Bestehenden .......................................................................................... 21
Machiavelli und die Regeln erfolgreicher Macht ......................................................................................... 23
Hegel und in seiner kritischen Nachfolge Marx und Adorno ....................................................................... 23
Siegmund Freud als Detektiv der Aufklärung und Popstar .......................................................................... 23
Kaufkraft als Beweger der Massenproduktion: Helden und Anti-Helden ........................................................ 26
Vorhersage der Zukunft war im alten Griechenland entweder blind oder blieb ungehört ......................... 28
Wissenschaft und Klischees .............................................................................................................................. 28
Die Wissenschaft vom Menschen etabliert ein anthropologisches Modell ..................................................... 29
Die Inszenierung leichtfüssiger Komödien ....................................................................................................... 30
Resümee des Modells ....................................................................................................................................... 31

Schlusshypothese der Einleitung ................................................................................................................... 33

Resümee ....................................................................................................................................................... 36

Die Kultur der Antike: Das trojanische Pferd als Grundmodell trickreicher Intrige seitens der Kultur-
Industrie ...................................................................................................................................................... 37

Hintergrund .................................................................................................................................................. 37

Der Innovator Homer: Typologie antiker Heldengeschichten ........................................................................ 37

Hintergrund und Plot der Ilias ....................................................................................................................... 38

Kultur und Verbrechen – mythologische Täterpaare in der Antike ................................................................ 39

Das trojanische Pferd als Ursache der Kultur-Industrie .................................................................................. 40

Zur Dialektik des Christentums ..................................................................................................................... 41

Resümee ....................................................................................................................................................... 43
Gegenwartsanekdote Crypto-leaks: Ein trojanisches Pferd mit kryptischem Inhalt ........................................ 45
Erfolg und Fallhöhe von Heldengeschichten .................................................................................................... 45

HELDEN UND ANTI-HELDEN IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 20.


JAHRHUNDERTS ................................................................................................................ 47

Background – was lag in der Luft? ................................................................................................................. 47

Patricia Highsmith und ihr talentierter Mr. Ripley ......................................................................................... 48


Background ....................................................................................................................................................... 48
Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten .............................................................................................. 49

2
Täterprofil Tom Ripley ...................................................................................................................................... 49
Plot ................................................................................................................................................................... 50
Resümee ........................................................................................................................................................... 53

Frederick Forsyths «Schakal» (1971) ............................................................................................................. 56


Background – was lag in der Luft? .................................................................................................................... 56
Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten .............................................................................................. 57
Täterprofil des Schakals .................................................................................................................................... 59
Plot ................................................................................................................................................................... 59
Resümee ........................................................................................................................................................... 61
Exkurs: Militärische Anschläge auf das System in den 70ern ........................................................................... 61
Baader Meinhof, GSG 9 und die Popularisierung von Terror ...................................................................... 61
Pinochet, Videla, CIA .................................................................................................................................... 67

David Chase und «The Sopranos» ................................................................................................................. 69


Background: ...................................................................................................................................................... 69
Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten .............................................................................................. 70
Täterprofil Tony Soprano.................................................................................................................................. 71
Plot ................................................................................................................................................................... 71
Resümee ........................................................................................................................................................... 73

RÜCKBLICK UND FAZIT ................................................................................................ 82

Die Erfindung der Zukunft ............................................................................................................................. 89

Der Kampf um die Zukunft ............................................................................................................................ 93

Rückkehr der griechischen Mythologie ......................................................................................................... 94

Gegenwärtige Vergangenheit – die Wiederkehr der Geschichte – die Angst liebt es nur bei unmittelbarer
Bedrohung, in die Zukunft zu rennen ............................................................................................................ 95

LITERATUR .................................................................................................................................108

3
Geschichte: Rückblick und Vorwort

Im Rückblick hat Geschichte nur eine Richtung und scheint zwangsläufig


auf die Gegenwart zuzustreben. Dabei geht leicht vergessen, wie viele
gestern noch plausibel erscheinende Zukunftsszenarien auf dem Weg der
Zeit von der Gegenwart vergessen und nicht in Vergangenheit verwandelt
wurden; wie viele Ereignisse andererseits plötzlich vom äusseren Rand ins
Zentrum rückten und sich dort als Ausblick auf eine neue Zukunft
breitmachten. Die Gegenwart sieht sich einem Menu von
Zukunftsszenarien gegenüber, von denen sie aber nur einige Wenige
auswählt und in Geschichte verwandelt. Diese gegenwärtige Realität
gewordenen Zukunfts-Geschichten der Vergangenheit stehen auf der
Menu-Karte der Zeit immer schon alternative Zukunftsszenarien
gegenüber; handfeste Realität kann in einer nachfolgenden Gegenwart
mangels Nachfrage aber wieder von der Speisekarte verschwinden –
dieser Prozess des «nicht-mehr-gefressen-Werdens» wird in Anlehnung an
den antiken «Kronos-Mythos» mit «die Zeit frisst ihre Kinder» bezeichnet.

Die historischen Entwicklungen der letzten hundert Jahre waren weder


linear noch verliefen sie ruhig und gleichmässig; immer wieder endeten
eben noch mit dem Schwung der Vergangenheit rasant in die Zukunft
steuernde Fahrten krachend an der Wand einer Zeit, die ihre Kinder frisst.
Weder 1918 noch 1968 war die Zeit vorstellbar, in der wir heute leben;
mehrfach wurden alte Geschichten vorherrschender Denkmuster von der
auto-poietischen Kraft neuer Erzählungen abgelöst.1 Mittels einer Kraft,
gespeist aus den Anziehungskräften der Vakua gegenwärtiger
Vergangenheit, lange unsichtbar und oft erst im Rückblick als kraftvolle,
energetisch aufgeladene Leere erkennbar. So wurde erst im Rückblick
sichtbar, dass die Düsseldorfer Band «Kraftwerk» seit Anfang der 70er
von einer neuen elektronischen Zeit kündete. Der Einfluss dieser digitalen

1
Wir leben in einer Zeit, in der die neue über die alte, die dritte über die erste Welt zu Gericht sitzen kann; zu
Zeiten meiner Grosseltern unvorstellbar.

4
«Robots» auf die Popkultur war mit dem von Roy Lichtenstein
vergleichbar.
Die Geschichte lehrt uns, dass wir nicht hinter die gegenwärtigen Masken
der Zukunft schauen, sondern uns allenfalls als «blinde Seher» von
plausibel in die Zeit passenden Geschichten versuchen können. Der reale
Erfolg «neuer Geschichten» entsteht durch ihre Fähigkeit, auf der Bühne
öffentlicher Erzählungen Zuhörer anzuziehen und sie zum Handeln zu
motivieren. Anfangs können oft nur Wenige die Stimmen aus dem Reich
einer neuen Zukunft hören; bei der Mehrheit lösen sie oft Abwehrreflexe
gegen ein neues und damit unkalkulierbares Unbekanntes aus.

Auf der anderen Seite können Totgesagte wieder die Bühne des Alltags
betreten. Allgemein hatte man geglaubt, die Mafia sei erledigt, nachdem
Rudolph Giuliani in den achtziger Jahren seine vernichtenden Schläge
gegen das organisierte Verbrechen geführt hatte. Dann stürzten die
Türme ein und die Konzentration der Polizei auf die Bekämpfung des
Terrors hat die Mafia gerettet.

Einleitung und Modell

»Im Grunde ist jeder Mensch zu allem fähig« - «einer Kraft, die stets das
Böse will und stets das Gute schafft», Johann Wolfgang von Goethe
«dass fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter Menschen ein ehrlicher
und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte», Friedrich Nietzsche

«Kultur» ist ein schwammiger Begriffe mit vielen Bedeutungen. Im


Folgenden soll die humanistische Meinung, Kultur sei menschenverbindend
und friedfertig mit folgenden vier Thesen kritisiert werden
1. Kultur und Verbrechen sind seit alters her sich gegenseitig
definierende aber eng aufeinander verweisende Geschwister; die
gesellschaftliche Akzeptanz von Verbrecher-Geschichten und -Typen
ist kulturspezifisch.
2. Kultur definiert sich über Gleichheit der Werte wird aber durch deren
Differenzen zum Wohle der Gesellschaft vorangetrieben.

5
3. Inszenierungen der Kulturindustrie und reale Wirklichkeit bewegen
sich trendartig aufeinander zu und sind immer schwerer
auseinanderzuhalten.
4. Aktuell erleben wir ein Wiederaufleben der polytheistischen Kultur
des alten Griechenlands. Eine Kultur, in der Götter nicht
«himmlisch» sondern ausgesprochen menschlich waren.

Vorbemerkung

Anfangshypothese: Die Beziehung zwischen reinem Geist (Philosophie)


und sinnlich vermittelnder Kultur ist notwendigerweise wechselseitig: aus
anfangs unsichtbaren geistigen Kräften entstehen Innovationen, die im
Zuge ihrer kulturellen Ausbreitung zwischenmenschlich sichtbar und
materiell wirksam werden. Sie schiessen den Pfeil der Zeit ab und lassen
Geschichte in ihrer Gegenwart unvorhersehbar springen2 und führen dem
System menschlichen Zusammenlebens seit jeher Energie zu, die Chaos
trendartig in strukturierte, aber unvorhersehbare Ordnung verwandelt hat.
Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sind zwei Seiten der gleichen historischen
Medaille, die seitjeher in einer dynamischen Gegenwart geprägt wird.
Schon das alte lateinische «Cultura» (colere = pflegen, bebauen)
definierte Kultur als die menschliche Pflege eines natürlich von selbst
wachsenden Feldes. Ursprünglich waren Kultur und Lebensweise eng
miteinander verbunden. Kein metaphysischer, sondern ein gleichsam
natürlicher, anschaulich handgreiflicher Zusammenhang, der in Zeiten
geistiger Hochkultur bisweilen vergessen wurde, aber im Krisenmodus
wieder klar zu Tage tritt. Eine Krise trifft die Bevölkerung nicht so, wie sei
sein möchte, sondern so, wie sie ist. Attacken auf zivilisierte Lebens-
weisen, wie wir sie aktuell «in den Zeiten der Cholera» einschneidend
erleben, schwächen den Glauben ans Unsichtbare und spiegeln eine am
Sicht- und konkret Fassbaren orientierte Geisteshaltung wider.

2
«Historia non saltat» (Geschichte springt nicht) ist ein alter Irrtum der Geschichtswissenschaften. Wir haben
viele Sprünge der Geschichte erlebt – «scharfe Abschnitte» liegen seit Chronos und Uranos (Sohn kastriert Vater
für die permanente Penetration der Mutter) im Wesen der Geschichte. Aber auch für fortschrittliche Geschichts-
schreibung galt: die Strahlkraft des Neuen wirkte umso mehr, je finsterer die Vergangenheit dahinter zurücktrat.

6
Als die klassische Kultur zu verschwinden drohte, formte sich das Fach der
«Kultur-Wissenschaften», bzw. der «Cultural Studies» im englisch-
sprachigen Raum. Deren Aufnahme in den Fächerkanon darf als Indikator
für Krise und Ende von «metaphysisch hochgeistiger Kultur» im
klassischen Sinne und für das Aufkommen eines entsprechenden
Problembewusstseins gelten. Ein neues Problembewusstsein, welches das
traditionell menschliche Verständnis von Kultur aber nicht wesentlich
änderte. Kulturwissenschaften und «Cultural Studies» wurden vom
Vakuum traditioneller Kultur, bzw. den Phantomschmerzen ihres
Vergangen-Seins an die Oberfläche der Wissenschaft gesogen.

Die Kultur des Alltags unterwirft dem physischen Ausleben unserer Triebe
seit jeher vielfältigen Hemmungen in Form von Ge- und Verboten und hat
es zunehmend in die Sphäre des Geistes oder zwischenmenschlicher
Unsichtbarkeit verlagert. Welche Botschaften kann Kulturwissenschaft in
Zeiten der Krise mit Blick auf eine neu gewordene Gegenwart anschaulich
vermitteln – ist Kultur ein Grundnahrungsmittel oder nur eine «Sahne-
häubchen»? Die Bühne einer zum Diskurs einladenden Aufführung gesell-
schaftlicher Reflektion und Zukunftsvisionen oder die Plattform der Orga-
nisation von Volksbelustigung mittels «altem Wein in neuen Schläuchen»?
Ist der Unterschied zwischen diesen beiden Sichtweisen eigentlich so
gross, wie es uns ihre Vertreter glauben machen wollen oder erleben wir
die Vermählung von Hoch- und Pop-Kultur und ihren praktischen Vollzug
in der Hochzeitsnacht?

Hohe Werte der Kultur zeigten sich im Lauf der Zeit als höchst veränder-
liche Eigenschaften, deren Entwicklung von Herausforderungen und Unter-
schieden innerhalb und ausserhalb der Kultur vorangetrieben wurden.
Unsichtbare Differenzen, die nur im Vergleich mit dem Bestehenden
sichtbar wurden – ich kann das, was ich nicht habe sehen, wenn es mir
zwischen Buchdeckeln oder auf der Leinwand gezeigt wird, oder wenn Sie
mir davon erzähle – in ihrer Verarbeitung geistiger Impulse macht Kultur
Unsichtbares sichtbar: Kulturelle Differenzen basieren nicht auf

7
Geographie und Hautfarbe, sondern zeigen sich in erfundenen Ordnungen
und Glaubenssystemen. Der heutzutage allseits hochgelobte interkultur-
elle Dialog war aber über Jahrtausende nicht fried- sondern schlagfertig
kombattant, die Synonyme «Gemeinschaft», «Friedfertigkeit» und
«Vertrautheit» waren quantitativ in der Minderheit. Die Belästigung des
Menschen durch den Menschen ist seit jeher Teil seiner Kulturgeschichte.
Erleben wir seit der Popkultur die Annäherung sich ursprünglich schlag-
fertig gegeneinander definiert habender Kulturen und ihrer Heldenepen?
Sehen wir aktuell einen Prozess hin zu einer vielfältig polyzentrischen
Weltkultur oder den eines wachsenden Kulturkampfes?

Die Rolle der Kulturindustrie bei der Inszenierung von Glaubenssystemen


wird ein zentrales Thema dieser Arbeit sein: Die Aufrechterhaltung des
Glaubens an nicht-natürliche, sondern erfundene Ordnungen, erfordert
grosse, der Mehrheit plausibel zu vermittelnde Geschichten und grosse
Anstrengungen.3 Der Apfel fällt mir auf den Kopf, auch wenn ich nicht an
die natürliche Ordnung Schwerkraft glaube, aber Brutus erstach Caesar,
weil er nicht mehr an seine Macht glaubte. Der Künstler Piero Manzoni
verkaufte erfolgreich seine Scheisse in Dosen. Kein Käufer kam auf die
Idee diese Dosen zu öffnen, um ihren natürlichen Inhalt wahrzunehmen –
die Verpackung «Artist’s Shit» machte in der erfundenen Ordnung
Kunstmarkt Geld locker. Damit charakterisierte Manzoni den Kulturbetrieb
als Institution, die Anrüchiges geruchsfrei verpackt und verkaufte 1961
jede seiner 90 Dosen mit 30 Gramm Shit zum Preis von 30 Gramm Gold.4

Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von Glaubenssystemen gegen-


über einer natürlichen Ordnung ist, dass ein einzelnes Ereignis oder
Element das dynamische Ganze individueller Auswahlmöglichkeiten viel
mehr beeinflussen kann als in natürlichen Systemen. Zudem können

3
Der Glaube an die Menschenrechte von Sklaven verursachte den amerikanischen Bürgerkrieg. Die Liste von
Glaubenskriegen ist lang.
4
So gesehen war Manzoni ein «Geldscheisser». Mittlerweile erzielen die Artefakte auf Auktionen sechsstellige
Summen. 2005 stellt Gianni Motti, gefeierter Scherzbold der Kunstszene, eine höchst provokante Seife her. Das
Material seiner Kreativkosmetik ist Fett, das sich Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi angeblich bei einer
Schönheitsoperation absaugen ließ. «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht) wusste schon Kaiser Vespasian bei
der Erhebung einer Latrinensteuer, um die leeren Staatskassen zu füllen

8
Innovationen erfundene Ordnungen nachhaltig in eine völlig neue
Richtung bewegen und ihnen eine vorher unvorstellbare Gestalt geben. In
Glaubenssystemen ist der Durchschnitt nicht repräsentativ: Die durch
Umsatz, Klicks und Auflage vorangetriebene Herrschaft des Geistes über
die Natur führte zu riesigen, «unnatürlichen» Differenzen in der Welt
erfundener Ordnungen, in der wir täglich leben.

Homines Sapientes haben keine natürlichen Instinkte, die ihnen das


Zusammenleben und Zusammenarbeiten mit grossen anonymen Gruppen
ermöglichen. Die wenigen Jahrtausende zwischen landwirtschaftlicher
Revolution und dem Aufstieg von Städten und Weltreichen genügten nicht,
um einen Instinkt der Massenkooperation entstehen zu lassen… aber die
Menschen erfanden emotional bewegende und einleuchtende Geschichten
über Götter, Vaterländer und Aktiengesellschaften und schufen damit den
nötigen gesellschaftlichen Kitt für koordinierte Zusammenarbeit.

Dieses Paper ist am Zwischenraum zwischen Kulturprodukten und ihrem


Publikum, konkret an der Faszination von inszenierten Anti-Helden auf
ihre Konsumenten interessiert. Ein Publikum, das in seiner hautnah
erlebten Begeisterung für ihre Helden neue Sphären gemeinsamen «aus-
sich-selbst-Herausgehens» im Geist einer neuen Zeit erkundet. Es geht
nicht darum, sich empathisch in Täter oder Opfer einzufühlen, sondern
darum, den Mechanismen der systematischen Gestaltung menschlichen
Zwischenraums5 auf die Schliche zu kommen.

Unsere Kultur wurde lange von den Ideen des Christentums und der des
«Homo Sapiens» geprägt. Die Rolle kultureller Anti-Helden wird vom
hinterhältig das Gottesgeschöpf Mensch verführenden Teufel und dem es
schlau für dumm verkaufenden Gangster eingenommen.

Hypothese 0: Differenzen schiessen den Pfeil der Zeit ab, halten ihn in der
Luft und die Kultur in Bewegung. «Differenzen» beziehen sich sowohl auf

5
Gesetze, Regeln, Gewissheiten, Anziehungskräfte, Ansichten, Mythen, Geschichten, Klischees

9
die zwischen geistigen Inhalten verschiedener Geschichten als auch auf
die zwischen deren formeller, sinnlich wahrnehmbarer Verpackung.

In Hinblick auf den eingangs zitierten Mephisto, dem enthemmten und


beseelenden alter Ego von Goethes Faust, kann man vermuten, dass
Teufel und Gangster die Menschheit als Ganzes schon zu Goethes Zeiten
auf dem Pfad subjektiver Expansion vorangebracht hatten. Genauso, wie
die auf der Ent-deckung natürlicher Ordnungen (Naturwissenschaften)
basierende Abwehr der Gefahren der wilden Natur den Menschen als
Ganzes stärker gemacht, seine Lebensqualität und seine Lebenserwartung
trendartig erhöht haben.6 Wettbewerb, m. a. W. der Austritt aus einer
erfundenen Einrichtung mit der Drohung, dass sie mit einer andern
Einrichtung bestritten werden kann, hält sie schlank und reagibel. Gemäss
obigem Zitat hat im Umkehrschluss auch Nietzsche Intrige und eine auf
Täuschung angelegte Verstellung als einen Akt menschlichen Sieges über
sein von Oben vorherbestimmtes Schicksal, als einen Akt der Ent-
Göttlichung und Verweltlichung eines erst in der Lüge wahrhaft zu sich
selbst kommenden Menschen gesehen.

Hypothese 1: «Gott und Teufel», «Gut und Böse» stehen für eine
energiegeladene geistige Differenz, welche die geistige und materielle
Evolution vorantreibt. Wenn man den Forschern glauben darf, stand am
Anfang allen Lebens nicht das Wort, sondern eine Differenz: Der «gute
Mensch» wird in der konkreten und symbolischen Auseinandersetzung mit
dem «Bösen» lebenstüchtiger, im weitesten Sinne «gottähnlicher».

Im Sinne der Aufrechterhaltung der Entwicklungsdynamik des Lebens


bleibt nur zu hoffen, dass das Böse mit der Entwicklung des Guten
mithalten kann, damit die lebensspende Differenz ihres Widerspruchs
nicht verloren geht. Wenn dieser Prozess einer dem Wohlsein der
Menschheit förderlicher, auch durch das Böse vorangetriebenen, negativen

6
Die Entwicklung der Lebensqualität der Menschen in Regionen paradiesischer Natur war diabolisch schlecht.
Dort hatte der «Entwicklungshelfer Verbrecher» relativ wenig einträgliche Möglichkeiten.

10
Dialektik nicht aufhören darf, sollten Teufel und Gangster gleich gut leben
können wie der «gute Mensch». Da die Entscheidung zum diabolischen
Gangsterleben logischerweise das Risiko erwischt und bestraft zu werden
berücksichtigen muss, sollten freie Gangster auf dem Pfad negativer
Dialektik deutlich besser leben als der gesetzestreue Bürger, sonst würde
sich riskantes Verbrechen nicht lohnen.

Unsere Medien sind voll von den Gangstern, die erwischt wurden;
eigentlich sind nur diese sichtbar. Wenn wir davon ausgehen, dass es zu
den Grundbedingungen erfolgreichen Gangstertums gehört, nicht dümmer
als die Polizei zu sein, können wir davon ausgehen, dass die Dunkelziffer
der «Nicht-Erwischten» hoch ist; m. a. W., unsere Wahrnehmung
erfolgreichen Gangstertums unterliegt dem Bias seiner (Un)Sichtbarkeit.
Für schlaue Gangster ist es doch nur logisch, einen der ihren in eine
führende Staatsposition zu schleusen. Auf dem Weg dorthin könnten sie
auf die Macht ihres Geldes vertrauen – korrupte Politiker sind ein
umsatzstarkes Sujet der Kulturindustrie. Dann würde ihr Staat ihre
dumme Konkurrenz ausschalten, ohne dass sie dafür einen Finger krumm
machen müssten. Und sie würden in lukrativen Nischen nahezu unsichtbar
systematisch wachsen. Und ihre Regierung würde im Erfolgsfall lautstark
und für alle sichtbar die Weisheit «Verbrechen lohnt sich nicht»
verkünden. Unter der Hand wird dem Steuer zahlenden Wahlvolk die
plausible Frage gestellt, «warum nicht viele kleine Schlachten gewinnen,
anstelle von immerzu die eine Grosse zu verlieren?» Die wenigen
verbleibenden schlauen Gangster würden sich einer hohen Oligopol-Marge
erfreuen, die sie befähigt, ihre Politik weiterhin zu schmieren.7

Wirtschaft, Politik und Kultur in den USA und Europa: Die relativ häufige
Verbindung von «private business» und «public service» in persönlichen
Biographien unterscheidet die USA von Europa. Die USA, ein Land einer
traditionell anderen Kultur ist auch das Land, dessen Bürger der
Wirtschaft, m. a. W. der Macht des Geldes, mehr vertrauen als ihren

7
Mundartlich meint die «Schmier» die Polizei; abgeleitet vom hebräischen Shmira (Wache)

11
(vergleichsweise guten) Regierungen8: Der pragmatische US-
amerikanische Blick schaut eher auf «creating jobs and paying taxes» als
auf die «Wahrheit der Geschichte». Ist es Zufall, dass dieses Land auch
die Heimat kulturell erfolgreichen Verbrechens9 ist? Verglichen mit Europa,
wo es seit Karl Marx zum guten Ton von Wissenschaft und Kultur gehört,
dass kapitalistische Typen, die schnell das dicke Geld machen, prinzipiell
Verbrecher und dem Untergang geweiht sind. Nichtsdestoweniger wurde
immer wieder lautstark nach Partisanen dieser historischen Notwendigkeit
gerufen. Verwirklicht in Gestalt von romantischen Geistern, die mit
Empörung darauf reagieren, dass Banalität und Freiheit im zwischen-
menschlichen Alltag an der Ladenkasse konvergieren, so hatte man sich
das Ziel menschlichen Strebens nicht vorgestellt. Europa, ein Ort, wo sich
nur an Geld interessierte Gangster-Typen vergleichsweise schwertaten, als
populäre Identifikationsfiguren inszeniert zu werden. In den USA hingegen
war ein nachhaltiges Sinken des Versöhnungsschubs von Dauer-Frieden
und -Versorgung im Rahmen eines raumgewinnenden Sozial- und Wohl-
fahrtsstaates zugunsten der populär spannenden Inszenierung von Diffe-
renzen und Konflikten zu beobachten. Liegt in diesem fundamentalen
Unterschied beim Verkauf von Wahrheit der in Europa relativ weit verbrei-
tete Anti-Amerikanismus begründet? Gegenüber einer neuenglischen
«Yankee-Kultur», deren Anfang und Gerechtigkeit durch ein besitzergreif-
endes und gottgefälliges Nehmen, die historische Chance im neuen Land
beim Schopfe packenden Augenblick gekennzeichnet war: Besetzen-Besitz
Eigentum war die Formel missionarischer Besiedelung eines neuen Landes

Das «Gleichgewicht» zwischen Kultur und Verbrechen ist aber nicht stabil,
sondern dynamisch und bedarf auf beiden Seiten ständiger Innovationen,
sowohl in der Realität als auch in der Kulturindustrie. Im Prinzip der Nach-
haltigkeit von Differenz müssten Risiko nehmende Gangster wie Unter-
nehmer entschädigt werden. Welche Rolle spielen die Kultur und ihre

8
Niemand kann sich in Europa vorstellen, dass ein Präsidentschaftskandidat seine Kampagne unter den Slogan
«it’s the economy, stupid!» stellt, wie Bill Clinton 1992
9
«Don Corleone», «Tony Soprano», «Charles Manson?»

12
Inszenierungen beim Chancenausgleich vom moralisch guten und vom
Gangsterleben? Versieht Kulturindustrie Schurken mit der un-durchschau-
baren «Maske der Zivilisation» oder präsentiert sie Gangster ihrem
Publikum unverhüllt als Repräsentanten wahrer Freiheit?

Leitfrage dieser Arbeit ist: Kann man von einer produktiven Dialektik des
Heldentums sprechen, die ein einmal etabliertes Format von Helden-
geschichten notwendigerweise mit einer Anti-These konfrontiert, deren
Anti-Helden völlig neue Gestalt annehmen können? Das Prinzip der
Differenz «Held vs. Antiheld» wäre dann Wegweiser und Modell der
dynamischen Funktionsweise im Inneren negativer Dialektik.

Hypothese 2: Menschsein heisst Gesehenwerden, der kluge Mensch


handelt, auch wenn er glaubt alleine zu sein, wie unter den Augen der
ganzen Welt: Die soziale Existenz des Homo Sapiens ist seit jeher
Verpackung und Oberfläche, auch wenn «traditionelle Kultur» das
Wirkungszentrum des «Menschen» gerne als Zentrum einer unsichtbaren
Kraft in seinem «tiefsten geistigen Inneren» inszeniert. Eine folgen-
schwere Verlagerung äusserer Anziehungskräfte in die virtuelle Black Box
des Inneren, zugunsten individuell aus sich selbst heraus handelnder,
einer inneren Stimme folgenden subjektiver10 und somit individuell
mitbestimmter Tätertypen, begleitet vom Tugendkanon des Bildungs-
bürgertums (Weisheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Tapferkeit).

Geschichten, die sich der Homo Sapiens erzählt, sind ihrer Natur nach
zwischenmenschlich und wirken seit jeher zuerst auf der Oberfläche des
Publikums mit einem Effekt, der umso grösser ist, je mehr sie als
Projektionsfläche formatiert sind und zur Identifikation einladen. Schon
Marshall McLuhan hatte 1967 die Bedeutung der Form für die Vermittlung

10
Hier sei auf die ursprüngliche Doppeldeutigkeit des Begriffs «Subjekt» als Handelnder und Unterworfener
verwiesen. Wer es mit «gewissen Subjekten» zu tun hat, ist grundsätzlich gut beraten, diese für verdächtig zu
halten, offensiv etwas im Schilde zu führen, das sie nur bedingt selbst unter Kontrolle haben. Bisweilen ist die
innere Stimme lediglich Kadavergehorsam gegenüber einer äusseren Macht, auch wenn sie aus ursprünglich
Leidenden im subjektiven Erlebnis leidenschaftlich Könnende macht. Generell darf der psychologische Gewinn
der Enthemmung vom ewigen Selbstzweifel nicht unterschätzt werden, wie wir später noch in der Diskussion
des als Identifikationsfigur inszenierten Mafiabosses Tony Soprano veranschaulichen werden.

13
des Inhalts mit seinem vielsagend «the medium ist the massage»
betiteltem Weltbestseller unterstrichen. Ist es Zufall, dass «Sichtbarkeit»
wesentliches Element der US-Kultur ist? Eine Kultur, in der die Bewertung
von Verbrechen nicht prinzipiell begründet ist, sondern stark von der Art
der Präsentation seiner wirkungsmächtigen Akteure abhängt.

Diese hypothetische Wirkungsanalyse ist völlig unabhängig davon, ob


Geschichten beim Sender auf diese Effekte abzielen. In diesem Sinne sagt
der Umsatz von Produkten aller Art sehr viel mehr über eine Kultur aus als
die An- und Absichten ihrer Kulturschaffenden. Kauf und Verkauf sind
messbares Phänomen gelebter Zwischenmenschlichkeit, das auf die
Wichtigkeit der oberflächlichen Verpackung von Inhalten hinweist. Umsatz
bilanziert ursprünglich unsichtbare Ideen. Die Spuren des Geldes zeugen
von den Bewegungen lebendiger und lebensfähiger Kultur.

Geschichtenerzähler wussten seit alters her um die Bedeutung der


Oberflächengestaltung für die Wirkung ihrer Geschichten: «Wir dürfen
davon ausgehen, dass die Literatur aller Zeiten darüber nachdenkt und
davon handelt, in welcher Weise der Mensch an dem ungeheuren
Verstellungstreiben alles Lebens auf dem blauen Planeten partizipiert. Sie
handelt davon, wie im Verstellungstreiben des Homo Sapiens dessen
Freiheit erscheint…»11

Die Formatierung von Helden als Grenzen der Normalität überschreitende


Projektionsflächen und Vorbilder löste seit alters her einen Prozess
negativer Dialektik aus, in dem der Versuch der Ausgrenzung des Anderen
durch Verteufelung meist nur kurzfristiger Erfolg beschieden war. Aus dem
Vakuum des Bösen wuchsen nahezu gesetzmässig attraktive und
begehrenswerte Anti-Helden.

Im Zeitalter der Freiheit wurde aus der Freiheit der Kleiderwahl die zur
Verkleidung und in der Folge die Freiheit der Wahl zwischen den dem

11
Peter von Matt: DIE INTRIGE Theorie und Praxis der Hinterlist, München Wien 2006, S. 45

14
Einzelnen wie Kleidungsstücke zugewiesenen Rollen.12 Als reine Nicht-
gebundenheit war Freiheit als lügennahes Spiel mit der Oberfläche und zur
Abweichung von Normen von Anfang an moralisch doppelwertig.13
Erfolgreiche Verbrecher wurden häufig als Verpackungskünstler inszeniert.

Hypothese 3: Freiheit ist ihrer Natur nach ambivalent! Man könnte die
Agenten der Freiheit genauso wie die (Anti)Helden der Kulturindustrie
innerhalb einer Matrix mit den Dimensionen «gut/böse» und
«sympathisch/unsympathisch» positionieren und wäre überrascht, wie
breit die Positionierung je nach Perspektive des Betrachters streut…

In ihrer Gestalt als Projektionsfläche und Identifikationsfigur können die


Agenten der Kulturindustrie eine über die Kultur hinausgehende Einladung
repräsentieren, «selber in Form zu kommen und zu handeln». Aus dieser
Perspektive werden Anti-Helden von der Hochkultur seit jeher als Gefahr
für die geltenden Regeln gesellschaftlichen Miteinanders kritisiert. Nebst
der allgemeinen Schulbildung wurde «in-Form-geraten» als Aufgabe
individuellen Ehrgeizes zur Selbstgestaltung des eigenen Lebens im
Rahmen einer gegebenen Ordnung inszeniert. Stellvertretend sei hier auf
die alte Aufforderung zur umfassenden körperlich-geistigen Selbst-
ertüchtigung «mens sana in copore sano» verwiesen - Talent ist wie ein
Muskel, je öfter man ihn trainiert, umso stärker wird er. Bildung wird zur
Aufforderung zum Depot der Erfahrungsgeschichte seiner Selbst-
verwirklichung zu werden!

12
Der von der Kultur-Industrie androgyn inszenierte Michael Jackson demonstrierte bereits lange vor der
Genderbewegung einem Millionenpublikum hochprofitabel die gesellschaftliche Konstruktion von Sexualität
genauso wie mit seinem «Cross Over» die gesellschaftliche Konstruktion von farblichem Gesang.
13
Gem. 1. Moses 3 waren sich Adam und Eva vor dem Sündenfall ihrer Nacktheit nicht bewusst. Es wäre eine
interessante Untersuchung, dem Zusammenhang zwischen der Bekleidung der Nacktheit und der Sünde auf den
Grund zu gehen. Pornographie – die verkaufsträchtige Heirat der Liebe mit dem Gelde - ist dann die sündige
Ausbeutung prinzipiell ehrlicher Nacktheit durch die Kultur-Industrie oder weiss ein Pornograph nur, clever auf
der Höhe seiner Zeit, den Hebel medialer Vervielfältigung einzusetzen, während eine Prostituierte immer nur
einen Klienten bedienen kann? Was unterscheidet ihn dann von einem Literaten, der den Zeitgeist spürt und mit
hoher Auflage erfolgreich auf seiner Welle reitet? Kultur und Freiheit repräsentieren Wahrheiten, die sich
aufheben, wenn sie gezielt angewendet werden… die Quantentheorie (die Messung an sich führt zur Schöpfung
eines Resultats) der Kultur-Analyse?

15
Hypothese 4: Der Kreislauf des Geldes pfadet die Wege der Kultur und des
Verbrechens.

Im Folgenden will ich dieses Zusammenspiel mit folgendem Modell seiner


Genealogie unter die Lupe nehmen

Modell

Die griechische Antike

Griechische Götterwelt und Mythologie: Eine Zeit in der der Lauf der
Geschichte noch nicht von der Kraft der Wahrheit und ihrer Erkenntnis,
sondern von launenhaften Göttern, dem Schicksal, Kriegen und cleveren
Intrigen bestimmt wurde. Menschliches Zusammenleben wurde schon
damals von erfundenen, in göttlichen Sphären lokalisierten Ordnungen
zusammengehalten. Menschliche Rebellen gegen diese Ordnung wurden
als tragische Figuren oder Helden Inszeniert.

Trotz der Macht des Schicksals ist auch der Beginn der Selbstbestimmung
in antiken Helden-Mythen verankert. Die Heldenmythen des alten
Griechenlandes produzierten als Antithese zum traditionell göttlich
vorherbestimmten Schicksal menschliche Halbgötter oder Tragödien
menschlichen Scheiterns. Dieser Zusammenhang wird im Kapitel «die
Kultur der Antike» noch erläutert.
Entdeckungen, Aufklärung und Psycho-Analyse: Das Gegenmodell der Vernunft

Background

Der Pfeil der Zeit war bis zur französischen Revolution und zur Aufklärung
noch weitgehend unbekannt, «Innovation» war negativ besetzt. Alles
Wesentliche und Relevante war bekannt und in Landesverfassungen,
geerbten Privilegien, der Heiligen Schrift oder traditionellen Mythen,
dokumentiert. Diese formulierten allgemeine Grundsätze des Lebens mit
Gleichnissen: Die Geschichte des «Turmbaus zu Babel», der Mythos von
«Ikarus», das «Märchen vom Fischer und seiner Frau» und zahllose
andere Mythen lehrten, dass jeder Versuch menschliche Grenzen zu

16
sprengen, nur mit Enttäuschung und Tod endet.»14 Seit dem Christentum
besagt ein Grundprinzip dieser Erzählungen, dass die Welt ein Schlachtfeld
im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse sei: Der Mensch sei zwischen
diesen Kräften gefangen und muss sich auf dem fortwährenden Scheide-
weg seines Lebens zwischen dem guten Geist und den materiellen
Verlockungen des Bösen entscheiden. Eine Entscheidung, die schon Adam
und Eva am Anfang der Zeit nicht im Sinne des ewig Guten, sondern
zugunsten der süssen Verlockungen der diabolischen Schlange am
Apfelbaum gefällt hatten. Menschliche Verführbarkeit bringt Johann
Wolfgang von Goethe mit seinem trickreich getarnten Teufel diabolischer
Einflüsterungen, Mephisto, wieder zur Sprache.

Botschaft der Aufklärung

Die Moral «ehrlich währt am längsten» wird mit der Aufklärung zur
wissenschaftlichen Erkenntnis über den vom erkennenden Menschen
selbst- und welt-bewusst zu gestaltenden «wahren Verlauf der
Geschichte», der aber schon früh in Philosophie und Literatur als
dialektisch von Negationen und Widersprüchen angetrieben konzipiert
wurde. Erkenntnis wurde neu mit dem Versprechen effektiv möglicher
Korrektur, die theoretische Beobachtung der Welt mit der Möglichkeit ihrer
praktischen Veränderung, pragmatischer Realismus verbindet sich
aufklärerisch neu mit grenzenloser Respektlosigkeit vor dem Realen.

Die in der Moderne einsetzende, auf Chancen und Risiken ausgerichtete


Futurisierung neuzeitlichen Handelns auf ein zu entdeckendes neues
Aussen einer prinzipiell nutzbaren Welt setzte als Frühform der nach-
folgenden Aufklärung eine Globalisierung in Gang, die von Anfang an vom
Kreislauf des Geldes vorangetrieben wurde, dessen Rendite das Risiko von
Irrtümern bei Investitionen in Neuentdeckungen mit abdecken musste:
August Fugger und Genueser Geldhäuser gaben Kredite für den Schiffsbau
und den Kauf von Waffen für die Entdeckung der neuen Welt. Dies setzte

14
Yuval Noah Haarari: Eine kurze Geschichte der Menschheit; S.323

17
beim Schuldner den Zwang in die Welt, mit seinen Investitionen Gewinne
zu machen, um die Kredite bedienen zu können und dem peinlichen
Offenbarungseid der Zahlungsunfähigkeit zu entgehen: «Kalkuliertes
Risiko vor einem Horizont von Unwissenheit» trieb die Weltgeschichte der
Neuzeit auf einem globalen Spielfeld voran, das von den Regeln der
Rendite bestimmt wird. Profit (lat.: «möge es vorwärts machen») heisst
nunmehr das gewagte Geld, das nach einer grossen Schleife über die
Weltmeere vermehrt zum Ausgangkonto zurückkommt. Unternehmer
werden zu «Abenteuer-Investoren, die einen Globus zur Hand nehmen,
um ihre Konkurrenten beim Fern-Sehen, Fern-Spekulieren und Fern-
Gewinnen zu übertreffen.»15 Fristgerecht zu zahlende Zinsen übersetzen
sich in wirtschaftliches Handeln, das praktische Wagnisse erfordert und
technische Erfindungen fördert – man könnte von der gestalterischen
Poesie des Geldes in einer fernsichtigen Risikokultur sprechen.

Europäische Völker entwickeln sich zu modernen Investitionskollektiven.16


Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, auch wenn man überzeugt
war, dass die Wahrheit am Ende der Geschichte siegen werde. Das legte
seitens der vorherrschenden Macht den Umkehrschluss nahe, in der
besten aller möglichen Welten zu leben (Hegel war auf dem Weg der
Wahrheit eher ein Fan des preussischen Staates als von innovativen
Verbrechern). Der seitens der Kritik mit der Gegenwärtigkeit von
Widerstand und Widerspruch als Wahrheitsfaktor gekontert wurde.

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Periode enormer
Entwicklungen menschlichen Lebens, vorangetrieben von Entdeckungen
auf dem Gebiet der Wissenschaft und ihrer Umsetzung in der industriellen
Technik. Angelehnt an Darwins Entdeckung17 einer langsamen, Gottes
Kreation als Ursache widerlegenden, die Vergangenheit materiell in die

15
Peter Sloterdijk: «Im Weltinnenraum des Kapitals», P. 86
16
«Eroberer» und «Entdecker» wurden als nautischer Messias zu Aposteln, die durch göttlichen Ratschluss
berufen waren, das Heil über das Wasser zu tragen und zu anderen zu bringen – eine Synthese aus
Selbstlosigkeit und Selbstbedienung, die von Selbstbestimmung und Selbstbegeisterung getragen war.
17
Charles Darwin hat Variation und Selektion als Quelle der Entwicklung in den Mittelpunkt seiner Theorie
gestellt und dabei die teleologische Frage nach einem Ziel der biologischen Entwicklung verworfen

18
Zukunft mit-nehmenden Evolution18, formulierte Siegmund Freud mit dem
Unbewussten den geistigen Repräsentant eines physisch-materiell
verankerten animalischen Es, den abgründigen Kontrahenten des Helden
guter Geist, des Überichs, der das öffentliche Zeigen und Formulieren von
kulturell Verbotenem mit den Waffen der Obrigkeit verfolgte, mit ihm
kurzen Prozess machte oder vor Gericht zur Rede stellte und verurteilte.
Die altgriechischen Wurzeln der Psychoanalyse

Schon die vagen Prophezeiungen im Orakel von Delphi liessen die nicht-
wissenden Ratsuchenden nach Interpretation ihrer vielsagenden Texte
suchen: In Delphi sprach Apollon durch das Medium der Pythia, einer als
junges Mädchen verkleideten Priesterin. Der Gott prophezeite ursprünglich
nur einmal pro Jahr, doch war das Orakel bald so gefragt, dass in seiner
Blütezeit täglich Orakel gegeben wurden und bis zu drei Pythien (zwei
aktiv, eine in Reserve) gleichzeitig im Einsatz waren: Zunächst galt es zu
klären, ob Apollon überhaupt befragbar sei: Die Ratsuchenden wurden zur
Kasse gebeten. Nachdem sie ihre Gebühren bezahlt und ihrerseits Opfer
entrichtet hatten, betrat die Pythia den innersten Tempelraum, setzte sich
auf einen Dreifuss (einen Kessel mit Deckel) direkt über einem chasma
(Erdspalt), und liess sich von den Dämpfen, die aus dem Kessel
aufstiegen, in eine Trance versetzen, in der sie zum Sprachrohr Apollons
wurde.19 Ihre Rede, den Ratsuchenden unverständlich, wurden dann von
den anwesenden Priestern in griechische Hexameter übertragen.20

Inwieweit liess sich der humanistische gebildete Freud bei der Etablierung
der Psychoanalyse unbewusst vom Geschäftsmodell des alten Delphis
leiten? Er hat im Rahmen traditioneller Denkgewohnheiten unverständ-
liche Phänomene in die Hexameter eines Modells übersetzt, das Prinzipien
menschlichen Ur-Seins im Geist seiner aufgeklärten Zeit entschlüsselt.
Dem Modell äusserlich für immer vorherrschender Mächte wurde ein

19
hier bietet sich die Analogie zu dem koksenden Freud und der seiner nüchternen Befragung vorausgehenden
Hypnose-Technik an.
20
Zu «Delphi» und «Pythia» siehe Wikipedia

19
innovatives Modell historisch gewachsener aber revidierbarer, vergessener
aber re-inszenierbarer Innerlichkeit gegenübergestellt. In der praktischen
Anwendung hat er seinen Patienten im analytischen Dialog den Weg aus
scheinbar ausweglos unverständlichen Wiederholungsschicksalen aufge-
zeigt, indem er sie auf frühkindliche Erfahrungen traumatisch prägender
Natur zurückführte, die in Projektionen des Analysanden sichtbar wurden.
Letztendlich geht es bei der Psychoanalyse um die uralte Frage der Macht
des Schicksals über die Gegenwart – kann Geschichte in ihrer aufgeklär-
ten Gegenwart innovativ aus sich heraus in eine freie Zukunft springen?

Aufklärende Wissenschaft stellt den Menschen in den Kontext seines


Unterworfenseins unter auf ihn «von aussen» einwirkende Gesetze und
die subjektiven Möglichkeiten, seine Umwelt selbst «von innen» zu
gestalten: So auch der Club of Rome in seinen neun Millionen Mal
verkauften «Grenzen des Wachstums» (1972), wo sich die Wissenschaft
als Ratgeber und realistischer Hoffnungsträger gegen den bei
fortlaufender superexponentieller Wachstumsdynamik zwangsläufig
bevorstehenden Weltuntergang positionierte;21 ein Jahr später sollte sich
die Menschheit in «le grande bouffe» (Marco Ferreri, 1973) auf der
Kinoleinwand zu Tode fressen22. Dem Weltgeist mit Kopf (Hegel) und
Füssen (Marx) wurde der Verkünder einer Endzeit gegenübergestellt: Ein
«wissenschaftlich berechenbares Ende» einer zwar immer besser aber nur
noch auf Kosten ihrer Zukunft lebenden Menschheit. Ein Untergang, dem
diese Menschheit aber entgehen könne, wenn sie den Gesetzen der
Vernunft folgte und von ihren Wiederholungszwängen abliesse…

Erfundene Geschichten und Realität - Psychologie und Gesellschaft

Gesellschaftlich entsprach das «Ich» der Mittelklasse. Eine sowohl


ökonomisch auch als kulturell bestimmte Klasse regelkonformer
Normalität, die in der Nachkriegszeit, trotz eines kulturellen Aufbruchs

21
Von 1972 bis heute hat sich die Zahl der Menschen weit mehr als verdoppelt und seine Lebenserwartung und
Lebensqualität (Realeinkommen, Bildung) sind global trendartig gestiegen.
22
Allein die deutsche Fassung sahen fünf Millionen Zuschauer.

20
beim Wechsel der 60er in die 70er Jahre, trendartig bis Ende des
Jahrhunderts wuchs, aber seitdem trendartig schrumpfte. Nicht zuletzt
aufgrund dieses Verlusts der Mitte und neuen Typen von Aufsteigern war
in der Folge die Oberklasse von einem Prozess zunehmender Hetero-
genität gekennzeichnet. Die wachsende Unterklasse verlor ihre Aufstiegs-
hoffnungen - die Ausdünnung der Mitte war konfliktträchtig. Wir werden
später diskutieren, was das für die Kulturindustrie und den von ihr
inszenierten und organisierten Prozess negativer Dialektik bedeutete.
Analyse und Therapie im Namen der Aufklärung

Freud entwickelte eine «aufklärerische» Analyse und Therapie, welche die


Verpackung des Unbewussten durchschauen und so das kulturell Verbote-
ne als Angst-Faktor nachhaltiger Traumata zur Sprache bringen konnte. Er
gab dem Menschen gegenüber seinem traditionell unabänderlich pessimis-
tischen Schicksal die moderne Waffe Aufklärung zur Hand. Man kann sein
«Unbehagen in der Kultur» dahingehend lesen, dass «Sexualität und
Verbrechen» zur natürlichen Triebausstattung des Homo Sapiens gehören
und eine Kultur scheitern müsse, wenn sie nicht versuchte, diese Triebe
aufgeklärt zu integrieren, sondern sie systematisch «wegzivilisieren» und
«ab ovo» bekämpfen wolle.
Aufklärung als Herausforderung des Bestehenden

Aufklärung ist der Akt der Besiedelung bislang unbekannter Welten. Das
der Aufklärung vorangehende Zeitalter imperialer Kolonisierrung, die
Anfänge der Globalisierung mittels missionarisch begründeten Raubguts –
nur eine schwache Entschädigung für das «unzweifelbar göttlich Gute»,
das im Auftrag des heiligen Stuhls gewissermassen als Erntehelfer
missionarisch in die fremde, heillose und neue Welt gebracht wurde, plus
Sklavenhandel und Piraterie auf rechtsfreien staatenlosen Weltmeeren,
kann als die Geschichte eines Raums gelesen werden, der durch eine
Grenze der Zivilisation getrennt war, jenseits derer, alles, auch das
nahezu Unvorstellbare, zwischenmenschlich möglich war23 und immer

23
Amerikanische Soldaten schickten Indianern pockenverseuchte Wolldecken ins Lager. Leopold II. von
Belgien verwandelte seine Privatkolonie Kongo in ein Zwangsarbeitslager mit zehn Millionen Massakrierten:

21
wieder praktiziert wurde. Schliesslich mussten «ehrbare Kaufleute» ja die
Zinsen für die Kredite zur Finanzierung von Schiffen und Waffen berappen,
wenn sie der öffentlichen Schande des Offenbarungseids persönlicher
Zahlungsunfähigkeit entgehen wollten. Mit dieser Bemerkung soll nicht
zynisch-spöttisch ein Zeitalter denunziert werden, sondern das damals für
Jahrhunderte vorherrschende und einklagbare Rechts- und Unrechts-
bewusstsein charakterisiert werden. In einer Welt, in der die Hölle noch
nicht «die Anderen» (Sartre) sondern «das Aussen» war. Begleitet von der
seit der Antike notorischen Angst der Ordnungshüter vor den Neuerern,
wenn sie nicht im Auftrag, unter dem Schutz und mit Krediten staatlich-
religiöser Ordnungsmacht ins Unbekannte aufbrachen. Jenseits der Gren-
zen menschlicher Zivilisation herrschte schon damals der «Neoliberalis-
mus» einer libertären Gegenwelt als grenzenlose Freiheit vor staatlichem
Zugriff und Verfolgung durch eine Recht-und-Ordnung schaffende
Obrigkeit. Diese neue Freiheit wurde auch von der sich gern bürgerfern
gebenden Bohéme aufgenommen: Stiche aus dem 18. Jahrhundert zeigen
weibliche Korsarinnen mit gezogenem Degen und offener Bluse – die
verträumte Nachtseite der kolonialen Moderne in einer Zeit universaler
Gleichgültigkeit gegenüber dem Aussen, die erst mit der Aufklärung
hinterfragt wurde.

Das Dossier der Neuzeit fordert eine Tribunalisierung und Aburteilung der Helden terrestrischer Globalisierung.
Auch wenn das «neue Land» am Nordatlantik mittlerweile zum reichsten Land der Welt geworden ist. Ein Land,
das die Botschaft «Wir halten die Wahrheit für offenkundig, dass alle Menschen gleich geschaffen sind» 1776 in
seine Verfassung aufgenommen hat. Trotz der späteren Loslösung war erfolgreiche Landnahme im Nie-
Dagewesenen anfangs immer mit der Re-Inszenierung der Herkunft als heimatverbundener Brückenkopf an
einem fremden Ort verbunden; ihr Wirken ist mit dem Verhalten des platonischen Lichtstrahls zu vergleichen,
der aus dem Zentrum hervorgebrochen ist, um sich nach der Ankunft in seinem Reflexionspunkt umzuwenden
und in die Reflexionsquelle zurückzukehren; ein frühes Modell für die weltumspannenden Kommunikations-
netze eines in ferner Zukunft etablierten Weltzusammenhangs auf der kugelrunden Oberfläche eines Netzes, das
niemand mehr in Händen hält. Schon das Schiff der Überfahrt in die neue Welt war ein seegängiges, seinen
Träger auf dem Weg zum Ziel verdrängendes Zuhause. Solange die wechselseitigen Beziehungen des Internets
noch fern waren und «Sehen» noch nicht mit «Gesehen-werden» verbunden war, bedurfte es eines
Theoriefensters, durch welches die Eroberer das Unbekannte beobachten und analysieren konnten, ohne dabei
selbst als tricksender Zauberer durchschaut zu werden. Nicht zu vergessen die Überlegenheit der Waffen als
auch menschliche Mehrheiten wortlos überzeugendes Argument im konkreten Gegenüber, falls die magische
Inszenierung göttlicher Kraft und Allmacht aus der Ferne nicht genügte. Die Versammlungsleistung virtueller
Totalität in actu kann sich bis heute erst durch die projektive Aufmerksamkeit der Beobachtungsmenschheit für
ihre magischen Führungsfiguren in den Übertragungsmedien ergeben.

22
Machiavelli und die Regeln erfolgreicher Macht

Auch Freud war anfangs vom Geist seiner Zeit mit dem kulturellen Gebot
«es gibt Wahrheiten, die nicht ausgesprochen werden dürfen» konfron-
tiert. Ein Gebot, das schon die Rezeption von Machiavellis «Il Principe»
und die aus seiner neutralen Beobachtung von Herrschern und Staat
abgeleiteten Regeln erfolgreicher Macht jahrhundertelang begleitete: In
«Il Principe» wird «Situative Verstellung» als ein wiederkehrendes Erfolgs-
prinzip von Herrschaft abgeleitet: Machiavelli hat den positiven Beitrag
von Verpackung zur Machterhaltung nicht verallgemeinert sondern unter-
schied bei Herrschern zwischen erfolgreichen und nicht erfolgreichen als
Mittel zur Machterhaltung im Kontext ihrer jeweiligen Situation.

Hegel und in seiner kritischen Nachfolge Marx und Adorno

Die Erscheinungsformen des Geistes auf seinem Weg zur Vernunft können
als Stationen einer negativen Dialektik beschrieben werden. Das Prinzip
der negativen Dialektik als eine im Anfang sozialen Miteinanders liegende
dynamische Ursache kann, vereinfacht gesehen, als die gesetzmässig
erfolgende Herausforderung des Bestehenden durch die Inszenierung
seines Gegenteils verstanden werden. Widersprüche sind der Motor der
Geschichte, sie machen sie kreativ. Unvereinbarkeiten, Spannungen und
Konflikte sind die Würze jeder Kultur; auf ihrer innewohnenden Dynamik
basiert ihr – so die Aufklärung - notwendigerweise in «historischer
Wahrheit» resultierender Erfolg.

Siegmund Freud als Detektiv der Aufklärung und Popstar

Ende des 19. Jahrhunderts waren Verrückte wie Vincent van Gogh ein
unverstandenes und verstörendes Phänomen, das rationale Wissenschaft
nicht erklären konnte, das aber die Kultur verschiedentlich als Seismo-
graph beseelte. Bei den ersten Versuchen seine neue Wissenschaft zu
etablieren war Siegmund Freud ein radikaler Aussenseiter, der in der
Gesellschaft erst noch vermittelt werden musste. Wer waren hier seine

23
Vorläufer und Begleiter?24 Es ist es plausibel zu vermuten, dass sich das
gesellschaftliche Bewusstsein Ende des 19. Jahrhunderts nach den
bahnbrechenden Entdeckungen des Biologen Charles Darwins in einem
Stadium geistiger Leere befand, deren Anziehungskräfte Innovatoren wie
Siegmund Freud einluden, es mit innovativen Ideen auch in der Sphäre
des Geistes neu zu besetzen.

Als wissenschaftlich aufklärerischer Kämpfer gegen die Macht des


Unbewussten ist Freud vergleichbar mit Sir Arthur Conan Doyles25
literarischem Super-Held «Sherlock Holmes», der sich mit dem ihm
ebenbürtigen Anti-Held «Professor Moriarty» - ein mit allen Mächten der
Finsternis verbundenes Spitzengehirn Europas - in einem ebenbürtigen
Zweikampf auseinandersetzte und zusammen mit ihm in einem
grandiosen Finale im Berner Oberland in den Tod stürzte.

Wer kollektive Phantasien bedienen konnte, hatte sein Schäfchen im


Trocknen und dank Spitzenauflagen ausgesorgt.26 Es ist schwer, heute im
Rückblick zu sagen, ob der geniale Aufklärer (und Vertreter des «Guten»)
Holmes oder der spannende, ergebnisoffene Kampf mit seinem ihm eben-
bürtigen Anti-Helden, dem verbrecherischen Superhirn (nicht umsonst
«Professor» betitelte) Moriarty für Doyles durchschlagenden Erfolg verant-
wortlich war. In jedem Fall war es für Umsatz und Verkaufserfolg zentral,
dem Lesepublikum geniale Pläne grosser Hirne anschaulich zu vermitteln.

Holmes Absturz zusammen mit Moriarty hinterfragt Hegels und Marxens27


teleologische Geschichtsauffassung eines Sieges der Wahrheit am Ende
der Geschichte und betont «Spannung» als wichtigen Faktor kultur-

24
Der britisch nüchterne Darwin und der romantische Verkünder von Herrschaft, Willen und Macht, der
Pfarrerssohn Friederich Nietzsche?
25
Ein Zeitgenosse Siegmund Freuds und ebenfalls Arzt, genauso wie Holmes’ Weggefährte Dr. Watson. In der
Literaturverfilmung The Seven-Per-Cent Solution kommt es zu einem illustren, spannungsreichen und
unterhaltsamen Treffen der beiden Eigenwilligen. Dr. Watson lockt seinen drogenabhängigen Holmes nach
Wien zu Sigmund Freud. Ein Artikel des Wiener Arztes in der Fachzeitschrift The Lancet – eine Referenz zu
Freuds tatsächlichen thematischen Veröffentlichungen – hat ihn auf Freud und dessen Forschungen zum Kokain
aufmerksam gemacht.
26
Dennoch war Sir Arthur Conan Doyle ab 1893 aus Überzeugung auch wieder als Arzt tätig.
27
Aus heutiger Sicht waren seine Hoffnungen in die «industrielle Revolution» und eine neue und gerechte Form
der Kooperation und Rückkoppelung Mensch-Maschine, sowie von Wissenschaft und Arbeit schlicht naiv

24
industriellen Verkaufserfolges. Der «Master of Suspense» Alfred Hitchcock
wird körperlich spürbare Spannung zwischen Leinwand und Publikum zu
seinem Markenzeichen machen.

Auch Freud und seine Psycho-Analyse wurden erst weithin populär und
Gegenstand öffentlichen, seiner Natur nach oberflächlichen Interesses, wie
er von den Medien als Vater der klischeehaften Wiedergeburt von Ödipus
als auch neuzeitlich schicksalhaftem und potentiell in jeder Seele
schlummerndem Phänomen einer seriellen Wiederholungsgeschichte
inszeniert wurde.28

Die Kulturindustrie vermarktet Psychoanalyse auch als Detective Story29:


Den Analytiker als Detektiv vom Format Sherlock Holmes zu verpacken,
legt verkaufsfördernd die Analogie nahe, dass es sich beim Unbewussten
des Analysanden um einen Verbrecher vom Typ Professor Moriarty
handele, der sich geschickt zu tarnen wisse:30 Der Detektiv, als Psychiater
oder literarische Figur, wird zur Persona, die hinter die Maske von
tiefgründigen, zwanghaften Anti-Helden blickt, ihr Unbewusstes zur
Sprache bringt, sie aber, genauso wenig wie Sherlock Holmes «Professor
Moriarty», nicht endgültig besiegen kann – die zentrale Aussage vom
«Unbehagen in der Kultur». Holmes’ Ermittlungstechniken zeigen sich bei
Freud primär nicht als Erkenntnisprozess, sondern als ein spezifischer Typ
von Kulturtechnik im Zentrum eines offenen Prozesses der prozessualen
Kopplung von Wahrheit (Inhalt)und Darstellung (Form) mit interdiskur-
sivem Charakter. Der Analytiker seziert nicht, sondern verfolgt wachsam
eine lebendige Inszenierung: ein detektivischer Prozess, der auf die
Demaskierung von Simulationen ausgerichtet ist und in dem die Wahrheit
der Geschichte ans Licht kommt: Freud hat das Unbewusste zur Sprache

28
Freud wurde von seinem Kind, dem Aggressionstrieb, zwar nicht ermordet, aber doch nach London
vertrieben. Sir Arthur Conan Doyle (+ 1930) konnte er dort nicht mehr treffen.
29
Der Ödipus-stoff ist der Urstoff des Detektivischen, da er das versteckte Vorher enthält, das ÖDIPUS während
der Handlung als gegenwärtig erfährt. Auch die Detektivliteratur geht konsequent von Prinzipien aus, um zu
ihnen im Zuge der Aufklärung eines Verbrechens zurückzukehren – Ödipus und Detektivromane sind
Schicksalsgeschichten.
30
Michael Rohrwasser: Freuds Lektüre von Arthur Conan Doyle bis zu Arthur Schnitzler. Giessen 2005, S.79

25
gebracht und eine Dechiffrierkunst für bis dahin unverständliche
Äusserungen entwickelt.

Der Detektiv Siegmund Freud und seine innovative Methode überzeugten


als Geschichte eines «spannenden, offenen Kampfes» zwischen Überich
und Unterbewusstsein zunehmend das breite, aufgrund seiner triebhaften
Veranlagung an der Inszenierung von Kämpfen «natürlich» interessierte
Publikum. Auch der hellsichtigen Kassandra war in Troja, aufgrund ihres
göttlichen Fluchs keinen Glauben zu finden, der Sieg der Aufklärung «von
oben» verwehrt, ohne dass dies den Erfolg der Ilias beeinträchtigt hätte.

Hypothese 5: Für die Kulturindustrie ist die «unauflösliche Spannung


widersprüchlicher Positionen ein wichtigerer Erfolgsfaktor als der «Sieg
der Wahrheit und des Guten». Spannung als Element offener und
ungewisser Auseinandersetzungen, bei denen man wissen will, wie es
weitergeht.
Kaufkraft als Beweger der Massenproduktion: Helden und Anti-Helden

Um Werte hervorzubringen, teilten sich seit dem Beginn der Industrialisie-


rung Arbeitende, Leitende, Produzenten und Konsumenten in noch nie
dagewesener Tiefe die Arbeit und machten das Ganze zu einer Kraft, die
sehr viel stärker war, als die Summe ihrer Teile31: Die mit der Aufklärung
einhergehende Demokratisierung, zunehmend effiziente Arbeitsteilung
und die «unsichtbare Hand» des durch flexible Preise gesteuerten Marktes
verwandelten das traditionelle Top-Down Modell der «kulturellen Obrig-
keit» in eine Zeit, in der die zunehmende Kaufkraft der Massen auch
immer mehr Gestaltungskraft auf die Erzeugnisse der Kultur ausübte –
eine kollektive Höchstleistung. Vorangetrieben vom Geld, ein kultureller
Superlativ, dessen Lebensbotschaft «time is money» den Ausgang des
Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unproduktivität in ein Zeitalter
frivol verschwenderischen Massenkonsums verkündet.

31
Ein ähnlicher Entwicklungsschub war schon in der Gotik des 13. Jahrhunderts zu beobachten

26
In der Folge wurden die Botschaften der Hochkultur zunehmend «von
unten» hinterfragt, ein Prozess, den die «kritische Theorie» als die
«Dialektik der Aufklärung» charakterisierte. Ein Prozess, in dem die
Helden der Hochkultur mit industriell produzierten und auf Massenkonsum
angelegten Anti-Helden konfrontiert wurden, die hochfliegende, geistige
Botschaften negierten und stattdessen die von Freud hellsichtig-
prognostisch analysierten, animalischen Triebe der Massen ansprachen.

Im Rahmen der «Dialektik der Aufklärung» entwickelte die Kaufkraft der


Massen im frühen zwanzigsten Jahrhundert ein zuerst noch wortloses
Gefühl von dem, was ihrem modernen Leben fehlte oder welche geheimen
Ängste sie umtrieben. Auch ein mit der wachsenden Organisation des
Alltags zunehmendes Bedürfnis nach Spannung scheint als Hypothese für
die Herausforderungen der Kulturindustrie im Zeitalter der Industriali-
sierung plausibel - wie können wir der Trauer der Vollendung fortlaufender
Wiederholungen des Immergleichen im Alltag entgehen? Aura des
Zeitgeistes lesen und Spannung inszenieren, hiess die Devise! Goldene
Zeiten für kundige Geister mit dem Gespür für die Lücke und mit
pragmatischen Lösungen, das Unbehagen in der Kultur billig, anschaulich
darzustellen und für die Momente kulturellen Konsums zu therapieren.

Die zuerst noch unbestimmte Nachfrage des breiten Publikums führte zu


ersten Antwortversuchen eines sie zu lesen versuchenden Angebots: Aus
anfänglich innovativ gestalteten Darstellungen einer dann zunehmend
industriell billig produzierenden Kultur entstand beim Publikum eine
Sehnsucht nach Wiederholung. Eine zunehmend kaufkräftige Sehnsucht,
die sich als Anziehungskraft kultureller Vakua nahezu gesetzmässig ihr
Angebot suchte. Dabei entstand auch immer wieder verkaufsträchtig ein
neuer Blick aufs Verbrechen, wie z. B. 1931 bei Fritz Langs Film «M – eine
Stadt sucht einen Mörder»: Ein krankhaft pathologischer Kindsmörder
versetzt Berlin in Schrecken.

27
Die Idee einer Systematik, mit der das von der (Hoch)Kultur Verdrängte
der animalischen Abgründe effektiven Mensch-Seins zu Sprache und
Anschauung gebracht werden könnte, eröffnete den Inszenierungen der
Kulturindustrie ein perfektes Business-Modell.32
Vorhersage der Zukunft war im alten Griechenland entweder blind oder blieb ungehört

Teiresias wurde zur Strafe für die Verbreitung anzüglicher Geschichten


über die unsägliche Lust der Frauen von Zeus’ Gattin Hera geblendet und
war fortan als blinder Seher auf die Kraft seines inneren Auges
angewiesen.33 Und der hellsichtige Priester Laokoon konnte die vom
«göttlich grossartigen Holzpferd» begeisterten Massen der Trojaner mit
«timeo Danaos et dona ferentes»34 nicht davon abhalten, ihre Mauern
niederzureissen, das riesige Pferd begeistert in die Stadt zu ziehen und in
ihrem Inneren Opfer der brutalen Kraft seiner gewalttätigen Leere zu
werden.
Wissenschaft und Klischees

Die Kulturindustrie hat das geschützte Therapiezimmer individueller


Psycho-Analyse in die Öffentlichkeit getragen und ihre Botschaft «coram
publico» als «allgemein verständliche Verpackung» refiguriert. Im Zuge
ihres Erfolges sind viele, ursprünglich innovative Begriffe der Psycho-
Analyse wiederkennbare Klischees des allgemeinen Wortschatzes und
Sprachgebrauchs geworden.35

Ist nicht jeder Begriff eine klischeehafte Maske? Sind nicht auch
Tagesroutinen ein selbstinszeniertes Korsett an Klischees? Basiert
Bewusstsein nicht generell auf Wieder-Erkennen (von Mustern) und
verständliche Modelle der Wissenschaft nicht letzten Endes notwendiger-

32
Stellvertretend sei hier das kannibalisch mit riesigem Erfolg inszenierte «Schweigen der Lämmer» erwähnt.
Auf der diesjährigen Berlinade 2020 wurde die Premiere der von Netflix und dem ORF produzierten Mystery-
Serie «Freud» aufgeführt, die «Grauen» anschaulich mit der «Lust an der Schuld» kombiniert: So werden im
Trance-Zustand Mord-Motive untersucht und publikumswirksam zur Sprache gebracht und veranschaulicht.
Dort wurden auch T-Shirts mit «Pink Freud – The Dark Side Of Your Mom» erfolgreich verkauft…
33
Blendung als Strafe für Sexualität kommt auch bei ÖDIPUS wieder zur Sprache.
34
«ich fürchte die Danaer (MB: Griechen), auch wenn sie Geschenke bringen»
35
Heute gehört es in der besseren Gesellschaft zum guten Ton, für die Belanglosigkeiten des Alltags einen
jederzeit abrufbaren, psychoanalytisch fundierten Kommentar auf Lager zu haben

28
weise auf so verstandenen Klischees? Erfundene Systeme von potentiell
unendlicher Grösse (Sprache, Geld) basieren notwendigerweise auf einer
überschaubaren Anzahl von Ordnungselementen (Buchstaben, Zahlen),
die ihre Klischees gegenüber den Bewohnern des Systems natürlicher
Ordnung verständlich definieren und sie so real in Bewegung setzen.
Praktikable Verständlichkeit ist die entscheidende Hürde für den
gestalterischen Erfolg von Innovationen.

Hypothese 6: Wiederholungen aktivieren die biologisch verankerte


Mustersuche und -erkennung36 und führen im dynamischen Wechselspiel
von Produktion und Perzeption zu Klischees. Klischees verpacken
Wahrnehmungsmuster mit einer allgemein bekannten, unmittelbar
einleuchtenden, kurzen37 Geschichte, einem erfahrungssatten «Profiling».

Hier soll nicht der Erfolg von Wissenschaft angezweifelt werden;


unbewusstes Handeln und Wahrnehmen folgt noch sehr viel stärker den
Gesetzen einer «klischeeartigen Mechanik». Freuds wissenschaftliche
Leistung bestand ja auch in der Einsicht, dass sich der Homo Sapiens nicht
auf eine Differenz zum Tier reduzieren lasse, sondern viel, einer im Alltag
klischeeartiger Mechanik folgendes, Animalisches in sich trage. Freud hat
die anthropologischen Axiome der Philosophie vom Menschen in Frage
gestellt und kann so als Nachfolger von Machiavellis nüchterner Sichtweise
auf den Menschen im Allgemeinen unter der Fragestellung der Macht-
erhaltung gelesen werden.
Die Wissenschaft vom Menschen etabliert ein anthropologisches Modell

Jedes (empirisch belegte) Modell «So funktioniert der Mensch» macht im


Prinzip aus der unsystematischen, nicht planbaren, spontanen,
individuellen Innovation ein repetierbares Ereignis industriell

36
«Mustererkennung» steht auch im Zentrum von Artificial Intelligence
37
Unser biologischer Arbeitsspeicher ist sehr viel kleiner als unser Oberstübchen mit über 100 Milliarden
Zellen. Orientierung erfordert rein biologisch die Reduktion von Komplexität! Populäre Geschichten,
Erzählungen, Mythen verleihen dem Chaos menschlicher Erfahrungen Ordnung, indem sie eine unübersichtliche
Gegenwart mit klar strukturierten Vergangenheitserzählungen als Schlüssel fürs Jetzt verbinden: die Verbindung
ist lernfähig und auch biologisch offen - wir können angesichts unbekannter Herausforderungen das Palimpsest
unserer Erfahrungen mit neuen Erlebnissen überschreiben. Verschiedene Gruppen unterscheiden sich durch das,
was für sie sichtbar ist und wie lernfähig sie gegenüber Neuem sind.

29
organisierbarer Massenproduktion. Wenn ihr Baby erst mal im Geburts-
kanal der Produktion ist, kann die mit ihm schwangere Kulturindustrie
getrost auf den von ihrer Werbung gezielt angesprochenen Geschmack
ihres Publikums vertrauen: Der Geschmack und die Möglichkeiten der
Ansprache einer animalischen Masse waren seit Freud kalkulatorisch
auszurechnen – des spätere Siegeszug von «Sex & Crime» in der
Kulturindustrie war vorgezeichnet.38

Die Inszenierung leichtfüssiger Komödien

Die Popkultur brachte aber nicht nur psychologisch aufwühlende Erschüt-


terungen der Normalität auf den Markt. Die poppig aufgemachten,
glitzernd ins Auge springenden, bei ihrer Geburt höchst innovativen
«Abba»39 eroberten im Zeitalter des aufkommenden Farbfernsehens
genauso Herz und Geldbeutel des Publikums wie das erotisch aufgeladene
Aufeinandertreffen des thanatophilen jungen Harold mit der wilden alten
Maude. An ihrem 80sten nimmt diese Maude zum Schock des unreif
inszenierten Harold ihre letzte Good-Bye-schöne-Welt Pille. Woraufhin sich
der seiner Liebesillusion beraubte und einsam zurückgelassen fühlende
Harold mit dem Auto von der Klippe stürzen will, am Abgrund aber im
letzten Moment aus seinem in den Abgrund stürzenden Auto-Sarg heraus-
springt. «Harold and Maude»: Eine das gesellschaftlich konstruierte
Liebes-Klischee ihrer Zeit innovativ, witzig und finanziell höchst erfolgreich

38
Hier sei noch mal auf den Märchencharakter der hochkulturell hoffierten Idee verwiesen, dass der einzelne
Mensch eine moralischen Gesetzen folgende Black Box als Steuerelement seines freien Verhaltens in sich trage.
39
Ein modernes Beispiel für die Entwicklung durchschlagender Innovationen zum Klischee sind «Abba»: Der
Erfolg beim Eurovision Contest 1974 – Waterloo schlug ein wie eine Bombe, das hatte man SO vorher noch
nicht gehört und gesehen. Anfangs rümpften Musikkritiker, der Feuilleton und die linken Medien über dieses mit
pompösen Sound und Glitzerkleidung durchorganisierte Produkt der kapitalistischen Kultur-Industrie die Nase,
aber spätestens seit «Mama Mia» war nichts erfolgreicher als der Erfolg: 19 Hits, damals jenseits vorherr-
schender Trends und des allgemeinen Musikgeschmacks geschrieben, aus heutiger Sicht Klischees zeitloser
Popsongs… «gimme, gimme, gimme a man after midnight»… «money, money, money, always sunny, in a rich
man’s world»… oder emotionale Schnulzen zum Abwinken «tell me that she kissed, like I used to kiss you»
folgten! Es ist wohl kein Zufall, dass Abba auch mit einem innovativen Kleidungskonzept – ein haarstreubender
Bühnenoutfit mit Glamrock-Kostümen im Jeanszeitalter - die weltweite, zunehmend auch visuell vermittelte
Popkultur eroberte. Aus heutiger Sicht, waren ABBA der Vorläufer der DISCO-Music. (MB: Ich war damals im
Geiste «meiner Zeit» ein Fan von Captain Beefheart und fand Abba unsäglich peinlich. Ich hatte keinen Sinn für
einen Song mit fantastischem Gesang, der über zwei Oktaven ging – «Dancing Queen», Abbas grösster Hit aus
dem Album «Arrival» und einzige Nr. 1 in den USA. Auch die zwei nachfolgenden Single-
auskopplungen «Money, Money, Money» und «Knowing Me, Knowing You» wurden internationale Hits.)

30
hinterfragende Hollywood-Komödie: Der Erfolg von Innovationen («Romeo
und Julia» hinterfragten das traditionelle Modell der dauerhaften
Beziehung zwischen Mann und Frau und erklärte, wie wir unser
menschliches Potential jenseits traditioneller Routine ausschöpfen können)
führt zu Klischees («Wahre Liebe ist Herzenssache»), die dann von der
Kultur-Industrie wiederum ironisch innovativ (Harold and Maude)
hinterfragt werden.

Hypothese 7: Man kann den Erfolg der Kulturindustrie als den der
Wechselwirkung zwischen den Innovationen auslösenden Anziehungs-
kräften kultureller Vakua und dem routinierten «Verpackungsmuster
trojanisches Pferd» für die subversive Unterwanderung kultureller Verbote
beschreiben: Sprachlose Sehnsucht kultureller Vakua zieht anfangs
getarnte Innovationen an, die erst als mediale Erfolgsgeschichte zu
wiedererkenn-baren und zitierfähigen Klischees von Wahrnehmungs-
mustern und des allgemeinen Sprachgebrauchs werden.40

Erit sicus Deus41 sagt nicht nur der Teufel zu Adam und Eva unter dem
legendären Apfelbaum, Erit sicut Deus sagen auch die Projektionsflächen
der Kultur-Industrie zu ihrem Publikum. Sei mehr als Du sein kannst...
Das gleiche Modell routinierter Produktion kommt auch zur Anwendung,
wenn ungewisse und sprachlose Ängste massentauglich angesprochen und
Helden zum Schutz vor grosser Gefahr angeboten werden.
Resümee des Modells

Die Kultur des alten Griechenlands erzählt die Geschichte


- von der Schicksalsmacht der Götter, der die Menschen ausgesetzt
sind.

40
Alternativ werden alte, in Vergessenheit geratene Klischees im performativen Zitat von der Kultur-Industrie
mit ihrem Näschen für «good Business» wiederbelebt.
41
Ihr werdet (er wird) sein wie Gott… das Versprechen der teuflischen Schlange an Eva. Der Teufel spricht
Frauen an, damit sie dann sündig die Männer verführen… daher kommt wohl der Ausdruck «Teufelsweib». Es
wäre interessant, die Erfolgsgeschichte Bibel als einen von der Kultur-Industrie organisierten Prozess negativer
Dialektik zu untersuchen, in welcher der animalisch-menschlich inszenierte Teufel ein elementar wichtiger
Akteur ist, der die Wirklichkeit höchst anschaulich durch provokative Negation des Göttlichen zu immer neuen
Höhen vorantreibt. Wie sähe unsere Welt heute ohne die zu Projektionen einladende Figur des Teufels aus?

31
- Den Göttern des Olymps ist aber nichts Menschliches fremd. Sie
bekriegen, hintergehen und bestehlen sich gegenseitig
- von Männern, die sich heldenhaft um schöne Frauen bekriegen. In
Kriegen, die durch hinterlistige Intrigen clever entschieden werden.

Die Aufklärung
- forderte den Menschen zum Denken auf und befreite ihn aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit
- mit Erkenntnissen, die es ihm ermöglichten, sein äusseres Schicksal
im Rahmen seiner Möglichkeiten auch von innen selbst zu gestalten
- Fortschritt und Geschichte werden konzeptionell Eins: Faschismus
und Stalinismus versuchen nahezu zeitgleich das logische Ende
einer dialektisch voranschreitenden Geschichte einzuläuten42. Ein
Prozess, in dem zentrale Steuerung eine essentielle Rolle spielt.

Die Psychoanalyse entwickelt ein innovatives Modell, mit dem Geschichten


aus der unteren Schublade animalischen Menschseins mit einer
routinierten Maske zur Sprache gebracht werden.

Von der Hochkultur zur Massenkultur: «non olet»


- menschlich verpackte animalische Triebe werden zu Anti-Helden der
Hochkultur und ihren geistreichen Geschichten vom Homo Sapiens
- Kultur wird seit alters her «von oben» organisiert. Früher war es
Herrschaft, in Zeiten der Kultur-Industrie ist es Geld. Aber schon
vorher waren Menschen, die nicht an denselben Gott glaubten und
verschieden Königen dienten bereit, die gleichen Münzen
anzunehmen. Und Dollars – ein Produkt kollektiver Phantasie-
überdauerten das Scheitern von Göttern und Königen.43
- Die Kultur-Industrie

42
Stalinismus und Nationalsozialismus unterscheiden sich primär durch die Distanz zwischen Anfang und Ende
ihrer Geschichten. Gemeinsam ist beiden das Vertrauen auf ein logisch verlässliches Ende.
43
Philosophen und Denker haben das berechnende Geld seit Urzeiten als die Wurzel allen Übels bezeichnet. In
Wahrheit ist das Geld der Gipfel menschlicher Toleranz. Und als Besatzungsmacht agiert es vergleichsweise fair
und menschlich. Der Popularität des Klischees «Geld = Teufel» hat das aber keinen Abbruch getan.

32
o spürt innovativ Vakua der Ge- und Verbote der Hochkultur auf
und erzählt neue Geschichten im Format Held vs. Anti-Held
o Entwickelt ursprünglich spontane Innovationen zum wieder-
erkennbaren Klischee (Mythos), das zunehmend industriell
produziert wird. So wird die Kultur-Industrie Teil der
alltäglichen Praxis sozial organisierten Ackerbaus (Cultura)
o ist dialektisch mächtig und könnte auch den Kampf gegen sie
selbst als Kassenschlager inszenieren.

Schlusshypothese der Einleitung

Der durchschnittliche Mensch funktioniert in der Masse wie eine von seiner
Umwelt gesteuerte Maschine nach gesetzmässigen Abläufen. Individuelle
Ausnahmen unterstützen die Regel, welche publikumsnah als Resultat der
persönlichen Freiheit des Einzelnen inszeniert wird. Teil der sozialen
Umwelt ist die Fähigkeit, erfundene Geschichten kunstvoll zu produzieren,
raffiniert zu bewerben und öffentlich zu erzählen. Diese Geschichten
wetteifern seit jeher eher gegen- als miteinander um die Gunst des
Publikums nach den Prinzipien einer Hitparade: Hitparade heisst
überraschender, immer wieder wie aus dem Nichts zuschlagender
Verdrängungswettbewerb! Geschichten können religiös, philosophisch,
wissenschaftlich oder belletristisch verpackt sein.44 Sie steuern von ihnen
überzeugte oder ergriffene Menschen «subjektiv» durch ihre Gesellschaft
und ihr Leben. Mythen haben eine dynamische Funktion, die als
mnemotechnisch-psychologisches Werkzeug im Überlebenskampf der
Kollektive dient.

Hypothese 8: Kulturelle Vakua zwischenmenschlich dichten Lebens haben


Anziehungskräfte, die aus dem kulturellen Nichts innovativ neue
Geschichten kultureller Herausforderung anziehen.

44
Nebst der Hitparade eines organisierten Gegeneinanders kommt auch das Modell der «Symphonie» eines
zivilisierten Miteinanders zur Anwendung. Bei letzterem ist es oft schwer, zwischen Klischee und Wirklichkeit
zu unterscheiden.

33
Die zunehmende Dichte menschlichen Zusammenlebens markiert den
Wendepunkt vom Monolog zum Dialog und den Anfang einer reziproken,
in allgemein verständlichen Klischees münden Trivialisierung von Alltags-
geschichten. Die unabsehbaren Folgen einseitigen Handelns in einer
Atmosphäre zunehmender Dichte bewirkte einen Trend zur komplexen
Gehemmtheit kurzfristig zupackender Gewinnmaximierung45. Die zu-
nehmende Massenarbeitslosigkeit von Tätern ist die Signatur einer Zeit,
die im dialektischen Gegenzug das unilateral ergebnisorientiert handelnde,
im hemmungslosen Augenblick rücksichtslos aufs Maximum zielende
Verbrechen fördert: Nachhaltige Kriminalität ist ein Gespür für die Lücke,
die des Marktes wie des Gesetzes, gepaart mit unentmutigter Tatkraft.
Erfolgreiche Kriminelle sind Kronzeugen der Handlungsfreiheit: Die
kriminellen Usancen im Inneren des Geldkreislaufs und seiner Peripherie
zeigen an, wie und wo sich tätige Enthemmung der systemisch komplexen
Hemmung nicht abgestimmter Aktivitäten zu entziehen weiss. Wir werden
dieses dialektisch aufeinander verweisende Momentum der Antipoden von
Kultur und Verbrechen im Bewegungszentrum aufgeklärter Kultur anhand
von Verbrechensgeschichten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
an konkreten Beispielen veranschaulichen.

Bei dem Begriff «Vakuum» mag man an «Der Schwarze Schwan» von
Nassim Nicholas Taleb denken, der 2007 auf den Markt kam. In seinem
Sinne sind schwarze Schwäne nicht die Art von Ereignissen, über die
bereits Erzählungen existieren oder die irgendwie präsent sind, sondern
Ereignisse, die sich nicht durch Modelle erfassen lassen und solche, über
die man nicht spricht, weil sie schlichtweg niemand kennt.46 Phänomene,
die aus der unsichtbaren Leere eines Nichts auftauchen.47 Erfolgreiche
Verbrecher sind ihre Natur nach schwarze Schwäne.

45
Wenn der Kapitalist seine Arbeiter maximal ausnutzt, wer soll ihm dann seine Produkte abkaufen
(Lohnpolitik)? Allenfalls ein steuerfinanzierter, oder sich bei Wohlhabenden verschuldender Staat
(Fiskalpolitik). Als dritte Lösung kann die Notenbank Geld drucken (Geldpolitik). Erfolgreicher Kapitalismus
zeigt sich als Geschichte wachsenden Massenkonsums.
46
Siehe dazu: Talib Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan, S. 105
47
bei dem Phänomen Erkennbarkeit spielen vorherrschende Wahrnehmungsmuster natürlich eine grosse Rolle.
Genauso, wie gesellschaftlich definierte aber auch innerlich verankerte Vorstellungen von «Wahrscheinlichkeit».

34
Im Vergleich mit der Hoch-Kultur funktioniert die Kultur-Industrie wie ein
klassischer Markt: In Hinblick auf ihre Fähigkeit unsichtbare «schwarze
Schwäne» als Erste zu erkennen und innovativ zur Sprache zu bringen,
kann für den Innovator die Metapher des blinden Sehers verwendet
werden, der traditionell alleine und einzigartig ist und so über eine
Monopolposition verfügt. In der Phase anfänglicher Unsicherheit der
Vermarktungschancen seiner Innovation muss er das Risiko nehmen,
keine Käufer zu finden, dass sein innovatives Angebot ohne Resonanz
bleibt und er kein wieder-erkennbares Klischee etablieren kann.

Wir haben anfangs diskutiert, dass es seit Johann Wolfgang von Goethes
Mephisto gute Gründe gibt anzunehmen, dass Verbrecher auf dem
negativen Pfad gesellschaftlicher Dialektik einen wertvollen Beitrag für ihr
Wohlergehen und die gute Entwicklung ihres Wohlstands leisten und ihr
Klischee deshalb auch besser leben sollten als «Otto Normalo».
Verbrecher fordern die Rituale und Standards des «guten Lebens» heraus,
sind Risiko nehmende Innovatoren. Bei diesem Typ Innovator geht es um
erfolgreiche Tarnung, beim anderen, dem klassischen, um erfolgreiche
Sichtbarmachung... Alle Innovatoren sind vom «Erwischt-Werden» durch
ihre Umwelt betroffen, des einen Chance ist des Anderen Risiko. Das
Risiko entsprechenden Scheiterns sollte in ihr Business Modell eingehen,
unabhängig davon, ob sie es individuell auch so einplanen.

Vielleicht liegt eine Aufgabe der Kulturindustrie ja darin, gesellschaftliche


Resonanz verschiedener Typen von early birds zu spüren und entsprech-
ende Identifikationsfiguren innovativ zu produzieren? Wandel ohne
projektive, sich individuell als Differenz vom Durchschnitt abhebende
Akteure lässt sich schlecht verkaufen. Kulturelle Innovatoren haben ein
Monopol – bekommen sie einen Zuschlag, für ihr unternehmerisches
Risiko «nicht vom Zeitgeist erwischt zu werden», wenn sie anfangs
nahezu unsichtbar aus dem Nichts treten? Oder werden sie verfolgt und

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass wir «unwahrscheinliche» Ereignisse oft übersehen, m. a. w.,
«Unwahrscheinlichkeiten» formatieren unsere «Wahrnehmung», gesellschaftlich wie individuell.

35
bestraft? Die Geschichte der Verfolgung kultureller Innovationen füllt
Bibliotheken, genauso wie die Verfolgung von Verbrechern.
Der Preis vorherrschender Klischees sinkt mit ihrer Verbreitung. Mit
zunehmender Grösse werden Klischees aber praller und anfälliger für
innovative Nadelstiche. Noch wenige Jahre vor seinem Erscheinen 1968
wäre der weltweite Hit «Sympathy for the Devil»48 unvorstellbar gewesen,
obwohl die Kinks49 schon 1964 mit «you really got me» schmutzigen
Sound auf Platz 1 der englischen Charts positioniert hatten.

Wie bei jedem auf Umsatz, Zuspruch und Gewinn ausgerichteten Markt,
ist das moralisch einwandfreie Streben seiner Protagonisten für sein
Funktionieren völlig unerheblich: Das Wirken der Märkte sozialen
Zusammenlebens kann nicht mit den «Gut-Schlecht-Kriterien» für indivi-
duelles Leben bewertet werden; kulturelle Pleiten treten an die Stelle
apodiktischer Verdammnis von oben und sind «Part of the Game».
Resümee

Neue Geschichten, entwickeln sich im Erfolgsfall zu wiedererkennbaren,


reziprok raumgreifenden Klischees
- die in der Verdrängung alter Klischees ihrerseits neue Vakua
erzeugen können und so
- die Möglichkeit ihrer Negation durch Herausforderung, wie die
immer nur momentane Nummer 1 einer Hitparade, in sich tragen.

Der Markt-Prozess kompetitiver Zwischenmenschlichkeit kann als


eine ihrem Wesen nach demokratische Selbstregulierung der
Kultur an der Ladentheke beschrieben werden, die den
«Wohlstand der Nationen» seit jeher fördert. Einige Anzeichen
deuten seit Goethes Mephisto darauf hin, dass das auch für den
dynamischen Wettbewerb zwischen Kultur und Verbrechen gilt.50

48
Von den Rolling Stones auf dem Studioalbum «Beggars Banquet» - beide Titel kündeten vom Beginn einer
neuen Zeit!
49
Kinks: von «kinky» = abartig, pervers
50
Seit Marx und der kritischen Theorie werden Kapitalisten gerne als Verbrecher diagnostiziert. Diese,
zumindest in Europa regelmässig wiederkehrende Anschuldigung hat diesen Typus Verbrecher real sowohl
hinsichtlich Aussendarstellung als auch in Hinblick auf sein Business Modell fitter gemacht: Teure und nur

36
Die Kultur der Antike: Das trojanische Pferd als Grundmodell trickreicher
Intrige seitens der Kultur-Industrie
Hintergrund

Der Olymp und die Charaktere der auf ihm hausenden Götterwelt
repräsentieren einen auf ihre Schreiber zurückverweisenden Prozess der
Vermenschlichung. Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zum
Christentum besteht darin: «die höchste Macht im Universum…
interessiert sich nicht für die Wünsche, Sorgen und Nöte der Menschen».51
Das Verfolgen eigener Wünsche auf Kosten der Menschen und göttlicher
Nebenbuhler*innen52 war für die Götter*innen des Olymps typisch. Ein
ihrer Funktion als Projektionsfläche menschlicher Phantasien in keiner
Weise abträgliches, sondern eher förderliches Charakteristikum. Die
Spiegelung menschlicher Schwächen war für die Heroen der Kultur
traditionell umsatzfördernd.

Der Innovator Homer: Typologie antiker Heldengeschichten

Hypothese 9: Als erfolgreicher und erfahrener Kultur-Produzent hatte


Homer die Resonanz seiner Gesänge beim Publikum im Auge.

Wenn Odysseus sein Publikum innovativ und auch in Hinblick auf das
moralisch polyglotte Charakterportfolio des Olymps als Projektionsfläche
menschlicher Halbgott ansprechen sollte, musste er sich vom Klischee
traditioneller Heldenfiguren abheben – idealtypisch repräsentiert durch
den im ehrenhaften Kampf Mann gegen Mann unbezwingbare Heldentyp
Achill. Die innovative Differenz zu diesem Klischee traditioneller Stärke
(Odysseus war der erste «Geistes-Krieger») wird die Illias elektrisieren
und ihre Handlung vorantreiben. à elektrisierende DIFFERENZ 1

langfristig rentable Investitionen in Infrastruktur wurden seit der Nachkriegszeit zunehmend vom Staat
vollzogen, bzw. durch staatliche Garantien abgesichert und später allenfalls mit dem Staat als Hauptaktionär
privatrechtlich ausgegliedert. Diese Kumpanei zwischen Staat und Verbrechen wird in den 70ern «aus guten
Gründen» bewaffneten Widerstand auf den Plan rufen.
51
Yuval Noah HARIRI: Eine kurze Geschichte der Menschheit. S.259
52
Der Geschlechtlichkeit des Olymps wird mit den Begriffen «männlich» und «weiblich» unzureichend
charakterisiert

37
Hintergrund und Plot der Ilias

Die intrigante Göttin der Zwietracht, Eris, inszenierte mit einem nur der
Schönsten (καλλίστη) gebührenden, in die Götterrunde geworfenen
goldenen Apfel53 einen Streit unter drei Göttinnen, welcher von ihnen
dieser Siegespreis zustünde. Der mit der Bestechung von Paris erkaufte
Sieg von Aphrodite54 führte zur Entführung der Frau des Königs von
Sparta, der schönen Helena, durch Prinz Paris nach Troja und in der Folge
zum Rachefeldzug der zutiefst in ihrer Ehre verletzten Hellenen und zum
zehnjährigen Krieg um Troja. Ein in der «Ilias» von Homer besungener
und von massenhaft Toten unter heroenhaften Kämpfern begleiteter
Krieg, der erst durch den von Odysseus ausgeheckten, raffinerten
Verpackungstrick des griechischen Heeres beendet wurde:

«Unter den Generälen sitzt auch Odysseus. … Er entwirft einen Plan. Er


erfindet die List mit dem hölzernen Pferd. Ein riesiges Ross soll gebaut
werden, höher als die Stadtmauern von Troja. Dieses soll eines Morgens
einsam auf den leeren Feldern vor der Stadt stehen, als Abschiedsgruss
der abgezogenen griechischen Heerhaufen. Die Trojaner sollen es für ein
segenbringendes Weihegeschenk an die Götter halten und in die Stadt
hereinziehen. Der Pferdebauch aber wird hohl sein, und in ihm werden die
besten griechischen Krieger stecken».55

Fazit: War Odysseus das erste menschliche Individuum seiner Zeit? Unter
dem lautstarken Beifall der Kulturelite seiner Zeit und der nachfolgenden
Jahrtausende wird er von Homer als Held, als tatkräftiger Intellektueller
und cleverer Stratege inszeniert, der das Heer der Griechen nach zehn
Jahren aussichtslosem Kampf, auch gegen den Widerstand «ehrlicher

53
Der Apfel als Symbol der Zwietracht ist auch zentrales Element der biblischen Schöpfungsgeschichte: Der
diabolisch verführbare Mensch verstösst gegen das Prinzip der göttlichen Schöpfung und wird folgerichtig aus
dem Paradies vertrieben.
54
Aphrodite: als Göttin der Liebe deutet ihre spektakuläre Entstehungsgeschichte ein Liebesverständnis der
griechischen Mythologie an, das im Abendland vollständig verloren ging. Auch wenn ihr von vielen Künstlern
(u. a. Botticellis Venus) gehuldigt wurde
55
Peter von Matt: DIE INTRIGE Theorie und Praxis der Hinterlist, München Wien 2006, S. 25 f.

38
Kampfethik» in den eigenen Reihen56, mit dem clever geplanten und
umsichtig ausgeführten Verpackungstrick57 «Trojanisches Pferd» in die
Mauern von Troja und zum blutigen Sieg über Troja führt.
Kultur und Verbrechen – mythologische Täterpaare in der Antike

- Klytaimnestra und ihr Liebhaber Aigisth ermorden ihren Gatten,


den Kriegshelden Agamemnon, nach dessen Rückkehr vom dank
Odysseus’ Verpackungskünsten siegreichen Krieg um Troja. Ihre
ehelichen Kinder Orest und Elektra ermorden daraufhin aus Rache
ihre vatermordende Mutter und ihren schlappen Liebhaber.
- Ödipus wird vom Orakel vorhergesagt seinen Vater zu ermorden und
mit seiner Mutter zu schlafen (Prophezeiung 2). Um seinem
Schicksal zu entfliehen, verlässt er seine Eltern, die Herrscher von
Korinth, von denen er nicht weiss, dass sie ihn adoptiert haben und
nur seine Pflegeltern sind. Die hatten ihm, aufgrund seiner
geschwollenen Füsse, den Namen Ödipus (Schwellfuss) gegeben.
Bei der unwissentlichen Heimkehr in seine Heimat Theben ermordet
er, im Streit auf einer Brücke um den Vortritt, seinen Vater Laios,
um in der Folge ahnungslos mit seiner wirklichen, ihm als Dank für
die Vertreibung der Sphinx aus Theben als Frau zugesprochene,
Mutter Iokaste zu schlafen. König Laios hatte seinerzeit selbst den
schönen «Chrisippos», Sohn des Königs von Pelops, aus Liebe
entführen wollen. Daraufhin war ihm vom Orakel von Delphi
vorhergesagt worden, durch die Hand seines Sohnes zu sterben.
(Prophezeiung 1). Daraufhin wurden dem Neugeborenen von Vater
Laios, mit Einverständnis von Mutter Iokaste, die Füsse

56
«Nur zwei besonders ausdauernde Kämpfer, Neoptolemos (MB: der Sohn des Helden Achill) und Philoktet,
finden sie (MB: Odysseus’ List) beschämend, unehrenhaft, unsoldatisch. Sie wollen weiter gegen die Mauern
anrennen» (Peter von Matt: DIE INTRIGE Theorie und Praxis der Hinterlist, München Wien 2006, S. 26) … Die
beiden werden überstimmt, aber ihr Einwand hallt in der Geschichte der moralischen Beurteilung von List,
Verstellung und Intrige über die nächsten Jahrhunderte nach…
57
Für das riesige Holz-Pferd musste nahezu ein ganzer Wald abgeholzt werden und seine Botschaft wurde den
Trojanern von den vermeintlich auf dem Meer heimatssegelnden Griechen durch den seiner Bestimmung als
menschliches Opfertier zur Besänftigung der Meeresgötter nur durch Flucht entronnenen, aber de facto als
«Odysseus’ Regierungssprecher» agierenden Sinon verkündet. Sinon ist Sprache und Stimme einer ihre Opfer
überzeugenden Intrige, die von ihrem Schöpfer Odysseus nicht alleine, sondern nur in Arbeitsteilung mit Sinon
verwirklicht werden konnte.

39
durchstochen und zusammengebunden, bevor man ihn von einem
Diener aussetzen liess.
- Adam und Eva: Urgestalt des irdisch sündigen Paares als diabolisch
verführten Tätern. Mit Adams (triebhaften) Biss in den Apfel werden
Adam und Eva genauso schuldig wie Klytaimnestra und Aigisth.

Wenn Täter als Paare inszeniert werden, wird ihr Verbrechen erotisch
verpackt, seit Jahrtausenden ein Aggressions- und Liebestrieb
gleichermassen ansprechendes Erfolgsrezept. Der Mord als sexueller Akt,
als Höhepunkt fleischlicher Lust, kennt viele Beispiele in der
Kulturproduktion.58 Man könnte anfangen zu spekulieren, ob der
tatsächlichen Motivation der alten Griechen für ihren vor unermüdlicher
Manneskraft strotzenden Rachefeldzug gen Troja als vermeintlich
«gottgewollte» Strafe für den Raub der schönen Helena…

Das trojanische Pferd als Ursache der Kultur-Industrie

Ich weiss nicht, ob es Homer je gegeben hat und ob er vom Erfolg seiner
Werke materiell abhängig war. In jedem Fall war er eine öffentliche Figur
und man kann sich nur schwer vorstellen, dass Erfolg für diesen Typus
Mensch nicht wichtig war. In jedem Fall sagt sein Erfolg viel über die
Kultur des alten Griechenlands, seine klischeeartig vorherrschenden
Wahrnehmungsmuster und Ideen über das Menschsein aus.

Die Mythologie der alten Griechen war durch eine publikumsträchtig ans
Lebendige gehende Mischung von Liebe, Hass, Rache und Eifersucht in
Kombination mit Kriegen um Ehre und schöne Frauen charakterisiert.
Circa 2'500 Jahre vor Adam Smiths Kapitalisten und Johann Wolfgang von
Goethes Mephisto wird das Zusammenspiel egoistischer Götter aber nicht
als Kraft inszeniert, die auf dem Pfad negativer Dialektik «stets das Gute

58
Nebst Shakespeares «Macbeth» sei hier auf «Bonnie & Clyde» verwiesen, deren gemeinsamer Tod im
Kugelhagel Züge des Beischlafs trägt «Some day they’ll go down together, and they will bury them side by
side». James M. Cains «The Postman always rings twice» nimmt das Thema Gattenmord aus der Orestie wieder
auf: Eine schöne junge Frau verfällt an einer abgetakelten Tanke und Imbissstation in Kalifornien dem zufällig
vorbeiziehenden, jungen Herumtreiber und Taugenichts Frank und vollzieht mit ihm ekstatisch den Mord an
ihrem alten Griechen (Ehemann).

40
schafft». Durch die Kultur-Brille von heute war der Krieg um Troja die
Bühne einer unmenschlichen Tragödie, auf der aggressive «Ego-Shooter»
versuchten, sich gegeneinander zu positionieren. Oder ein Gangster-Film
mit intriganten Anti-Held*innen nach US-amerikanischem Muster…

Zur Dialektik des Christentums

Mit dem Christentum kam der «Entweder-Oder-Kampf» zwischen Gut und


Böse und der auf ihm basierende freie Wille in die Welt. Der Mensch im
Reinen mit sich selbst ist aber zentripetal und zentrifugal: jeder Moment
der Geschichte wird zum Scheideweg auf dem Weg selbstbestimmten
Glücks. Entscheidungsinstanz blieb aber der diabolisch verführbare
Mensch. Letzten Endes gelang es dem Christentum nicht, den Menschen
plausibel eine oberste Instanz für die Regeln des Kampfs «Gut gegen
Böse» und ihre tatkräftige Durchsetzung zu vermitteln. Damit zeigt sich
die vermeintlich monotheistische als eine de facto dualistische Religion
des Kampfs zwischen der heiligen Dreifaltigkeit und dem, nach seiner
Rebellion im Himmel, zur Hölle gefahrenen Engel Lucifer.
Bezeichnenderweise heisst «Lucifer» auf lateinisch Lichtträger, schon in
Platons59 Höhlengleichnis war Licht ein Symbol (sinnlich zu vermittelnder)
Aufklärung. Auch Spannung wird sinnlich erfahren - skeptische Agnostiker
könnten vermuten, dass auch für die Kulturindustrie des Christentums
«Spannung» wichtiger war als «der Sieg des Guten». Auch die
Erfolgsgeschichte Fussball etablierte ja ein ergebnisoffenes Regelwerk
einer dualistischen Religion60 «jenseits von Gut und Böse».61

Vor dem Hintergrund dämonischer Frauen vom Typ Medea konnte das
Neue Testament innovativ zur allsonntäglich zitierten Erfolgsgeschichte
der Überwindung des Todes durch die grenzenlose Liebe des Herrn
werden. Aus Sicht der negativen Dialektik der Kultur-Industrie stellt sich

59
In Platons Ideenlehre des Guten und Schönen ist die Sonne der Ort, der für Wahrheit und Sein steht.
Ähnlichkeiten zu Konfuzius (Ideen sind mächtiger als Waffen) können hier nur angesprochen werden
60
Hier sei auf Diego Maradonnas «Hand Gottes» im Halbfinale der Fussball WM 1986 verwiesen. Wenn man
Entwicklung von Qualität und Umsatz des Fussballs der der Hochkultur gegenüberstellt, fristet letztere ein
populäres Schattendasein…

41
die Frage, ob die Erfolgsgeschichte Bibel mit ihrem Helden-Trio «Vater»,
«Sohn» und «heiliger Geist», auch ohne ihren irgendwie bi-geschlechtlich
und sinnlich erfahrbar inszenierten Anti-Helden Teufel vorstellbar ist?

Die kampferprobten und sich hinterlistig hintergehenden Götter*innen des


Olymp und ihr «polymorph talentierter Vater Zeus»62 brauchten keinen
Teufel für die Negation der Macht des Himmels auf Erden; die zutiefst
menschlich-egoistische, oft hinterhältige Verfolgung eigener Interessen
gehörte im alten Griechenland zum Klischee des Göttlichen... Ein
Götterbild, das noch nicht dem christlichen Klischee «zum Wohle der
Menschheit» folgte. Der Attraktivität dieser zutiefst menschlich
menschelnden Götter als Projektionsfläche und Identifikationsfigur
menschlicher Phantasien tat das keinen Abbruch.

Schon im Lateinischen der Bibel bezeichnet «malum» das Schlechte und


den Apfel gleichermassen. Ein süsser Apfel diabolischer, von Gott mit dem
irdischen Tod bestrafter Erkenntnis: Für das Licht menschlicher Erkenntnis
war in der Bibel mit ihren süssen Verführungen kein Platz. Die Apfelaffäre
im durch Sünde verloren gegangenen Paradies mit Adam und Eva war die
Urgestalt des irdisch sündigen Paares als Täter. Genauso wie das Licht der
Erkenntnis war menschliche Liebe als körperlicher Akt diabolisch infiziert:
Auch Maria, die heilige Mutter Gottes, durfte Liebe und Gottes Frucht –
wie schon die altgriechische Urgöttin Gaia - nur geistig «empfangen». Es
ist wohl nicht übertrieben, den verführerischen Apfel als theologisches
Symbol für sündig-schlechten Sex zu interpretieren.

62
Die griechischen Götter waren Personifikationen der Herrschaft über die Welt: Eine Herrschaft, die von
fortwährendem Kampf männlicher und weiblicher Götter um die Macht begleitet war – weltliche Herrscher
beriefen sich folgerichtig auf ihren göttlichen Auftrag. Kampf ist ein Urelement aller Religionen, das von jeher
den Gläubigen die unglaubliche Kraft ihrer Götter veranschaulichen sollte. Für viele Kulturen war der Blitz ein
Hammer, mit dem ein erzürnter Gott die Sünder auf Erden bestraft. Der Blitzschleuderer Zeus war zwar pro
forma mit seiner eifersüchtigen Schwester Hera verheiratet, hatte aber auch Kinder mit vielen seiner zahlreichen
Liebschaften. Auch die Göttin Aphrodite soll nach Homer eine Tochter von Zeus und der Dione gewesen sein.
Geläufiger ist jedoch die Version des Hesiod, nach der sie aus dem Schaum entstand, der sich um die von Zeus’
Vater Kronos seinem, permanent auf seiner Mutter Gaia liegenden Vater Uranos abgeschnittenen Genitalien im
Meer vor Kythera gebildet hatte, wohin Kronos das auch im abgeschnittenen Zustand offenbar immer noch
zeugungsfähige Glied seines Vaters geworfen hatte…

42
Die Ambivalenz des biblischen Apfels steht auch für die eines wesenhaft
verführbaren Menschen63: ein Leitmotiv der Bibel, in der nur «Gottes
Wort» uneingeschränkt «wahr» ist. Aber, der Ort, an dem die letzte
Wahrheit der Heiligen Schrift in Erfüllung geht, ist nicht irdisch, sondern
der Himmel, Sphäre eines überirdisch metaphysischen Geistes. In der Ilias
war der Ort der letzten Entscheidung noch der irdische Schlachtplatz des
heroischen Kampfs «Mann gegen Mann».

Resümee

Erleben wir im 21. Jahrhundert die postmoderne Konterattacke des


Unbewussten auf die Vernunft? Ein unmittelbar wirkendes Unbewusstsein
als Krieger gegen falsche Wahrheiten, denen seinerzeit Sokrates als
kultureller Unruhestifter und «negativer Heiland» des Skeptizismus in
einer Welt unhinterfragten, scholastisch von oben verkündeten, Wissens
mit «ich weiss, dass ich nicht weiss» den Kampf angesagt hatte.

Sind «aufklärerischer Geist» und «Glaube an die Wahrheit» in der


Moderne eine klischeehafte Schicksalsgemeinschaft eingegangen? Ist nicht
der Teufel prinzipiell, von Anfang an als Geschichte eines wagemutigen
Ungläubigen inszeniert, der hochgestellten Autoritäten und ihren amtlich
verkündeten Wahrheiten wie schon vorher Sokrates traditionell misstraut?
Der findig subversiv einen Ausgang sucht, aus seiner selbstverschuldeten
Unmündigkeit? Ein Ungläubiger, der Gebrauch macht von seinem eigenen
Verstand? Repräsentiert die Figura Teufel nicht das aufgeklärte «sapere
aude»?64

Ist auch der Vater aller Lügen, Odysseus, der diabolische Repräsentant
einer wagemutig alle Grenzen überschreienden Vernunft? Der eigentliche

63
Bei aller spöttischen Kritik und trotz aller unmenschlichen Religionskriege im Namen des einzig wahren
Glaubens sollte man nicht vergessen, dass die erfundene Ordnung der Religionen als Stabilitätsfaktor vielfach
am Anfang der Zivilisation standen über Jahrtausende und viele Jahrhunderte hinweg ein wichtiger
Einigungsfaktor von Menschen und Gruppen mit verschiedenen Interessen waren.
64
«Wage zu denken» - das ist eine Kurzfassung von Immanuel Kants Verständnis einer an jeden einzelnen
Menschen gerichteten Botschaft der «Aufklärung». Auch der Teufel der Bibel basiert ja auf einem vom Himmel
in die Hölle gefallenen Engel.

43
Erfinder einer unmittelbar sinnlich überzeugenden Verpackungs-Story mit
überraschend-überwältigendem Inhalt? Der erfolgreich gegen das Bild
vom Leben der Menschheit in gottgewollter Ordnung rebellierte.65 Ein
selbstherrlicher Frevler, der keine Grenzen menschlichen Wissens und
seiner Anwendung akzeptieren will. Der 2'000 Jahre später Dante zwingt,
den findigsten Kopf der antiken Überlieferung in die Hölle zu stecken.

Bietet sich diese Art cleverer Rebell nicht der Kultur-Industrie als
perfektes Klischee für die erfolgreiche Inszenierung von Anti-Helden an?
Sind «fundamentaler Traditionalismus von oben» (Held und Gott) und
«Aufklärung von unten» (Anti-Held und Teufel) die dialektisch
verflochtenen und vielfältig maskierten Agenten ein und desselben
historischen Prozesses negativer Dialektik? Stehen Herausforderung des
Bestehenden und Wettbewerb unter den Herausforderern nicht im
dynamischen Bewegungszentrum jeder erfolgreichen Kultur? Ein nach
Adam Smith systematisch Gutes schaffender Wettbewerb, unabhängig von
der Moral seiner Protagonisten.

Hypothese 11: Kulturen sind weitgehend frei, ob sie ihre Akteure im Geist
der Zeit als Helden oder Anti-Helden verpacken. Bewusstseins-Spaltung
kann kunstvoll, populär und hochprofitabel organisiert und inszeniert
werden.66

Wir haben Odysseus und sein trojanisches Pferd als Klischee des
diabolisch frevelnden und vom erbarmungslosen Willen zum Sieg
beseelten (Anti)Helden der Antike identifiziert, der mit seinen täuschend

65
Odysseus blendete des Meeresgottes Poseidon Sohn, den Kyklopen Polyphem und raubte das Palladium, das
Standbild der Athene, das vom Himmel gefallen war und in Troja aufbewahrt wurde. Wer es besass, das wusste
man, würde siegen. «Also schlichen sich Odysseus und Diomedes verkleidet in die belagerte Stadt, raubten das
Palladium und schlachteten im Vorbeigehen noch ein paar Dutzend Trojaner ab.» (Peter von Matt: Die Intrige, S.
252. München, Wien 2006)
66
«Shining», «Das Schweigen der Lämmer» (Hypnose und Kannibalismus des hoch gebildeten Gourmets
Hannibal Lecter, dessen magische Anziehungskräfte auch auf die professionelle Aufklärerin, die FBI Agentin
Clarice Starling wirken), «The Sopranos» (die Anziehungskräfte des primitiven Gangster-Machos Tony wirken
auf seine intellektuelle Psychiaterin Dr. Jennifer Melfi)

44
echten Erfindungen und «fake news»67 clever die «von oben» gesetzten
Grenzen menschlichen Zusammenlebens überschreitet.
Gegenwartsanekdote Crypto-leaks: Ein trojanisches Pferd mit kryptischem Inhalt

Das Durchschauen der feindlichen Abwehr mittels einer Crypto-Maschine


mit Hintertürchen hätte man im alten Griechenland als cleveren
Heldenmythos der Machart trojanisches Pferd inszeniert. Eine profitabel
verkaufte Verpackung68, die freiwillig die eigenen Mauern niederreissen
und die Feinde selber in die Stadt ziehen lässt. Wären CIA und BND nicht
mithilfe der Weltfirma Siemens selbst auf die Idee gekommen, hätten die
Anziehungskräfte eines kulturellen Vakuums hätten in den Anfängen eines
medial ausgeschlachteten kalten Krieges im Lauf der Zeit ihr Angebot
gesucht und gefunden.

Aber, es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Realität der Phantasie
vorauseilt, bzw. Phantasien nicht zuerst von einer visionären Kultur-
Industrie als Sience Fiction realisiert werden.69 Auch die Herren der Kabel
sind immer wieder auf externe Zulieferer angewiesen.
Erfolg und Fallhöhe von Heldengeschichten

Der Geldkreislauf moderner Kulturen reflektiert produktive Vielfalt und


verbindet systematisch Rebellion und Markt sowie innovativ aus dem
Nichts auftauchende anti-theitsche Lokalität mit allgemeinen und
einträglichen Klischees (in einer Sphäre scheinbar unbegrenzter
Bewegungsmöglichkeiten «we gotta get out of this place»). In einem
dynamisch vitalen Kulturprozess ist der Aufstieg neuer Helden von unten
(Subkultur) mit dem Absturz alter Heroen von oben (Mainstream /
Hochkultur) verknüpft. In einer auf Differenz basierenden, pulsierenden
Kultur muss die normative Forderung nach Homogenität gegenüber
Attacken aus dem kulturellen Nichts schon aus Gründen unübersehbarer

67
Die sein, von den vermeintlich nach Attika zurücksegelnden Hellenen zurückgelassener, Odysseus’
Regierungssprecher Sinon den Trojanern verkündete
68
Jährliche Gewinne für CIA und BND in Millionenhöhe – unbemerkt von jeglicher staatlicher Kontrolle
69
Auch wenn der Anspruch von «Reality TV» natürlicher auszusehen als eine Fernseh-Show inzwischen nur
noch als wirklichkeitsfremd blauäugig charakterisiert werden kann.

45
Kontrollkosten scheitern. Das allgemeine Streben nach traditioneller
Stabilität ist seit dem Rock ‘n’ Roll vom subversiv-exzentrischen Feiern
individueller Alltags-Mängel begleitet. Rebellische Hinterfragung von
Identität wird neue Anti-Identität.

Kann man den Aufstieg von Anti-Helden als Resultat der Fallhöhe von
Helden analysieren, den Fall von Helden als Wirkung eines Vakuums am
Bösen? Wie bewegen wir uns erfolgreich in einer Welt, die zunehmend
dicht von Wesen bewohnt wird, die halb Tier und halb Mensch sind? Führt
der Weg des «Anti-Helden Teufel» in die menschliche Freiheit oder in die
«transzendentale Obdachlosigkeit» (George Lukàcs)?

46
Helden und Anti-Helden in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts

Background – was lag in der Luft?

In der ersten Hälfte des Jahrhunderts war die Annahme verbreitet, jede
Kultur habe ein System natürlicher Regeln, die ohne Einfluss von aussen
nach demselben Muster weiterfunktionieren könnten. Vor diesem
polyzentrischen Weltbild wurde das Feindbild eines militärisch-
industriellen, unilateral zuschlagenden Komplexes als Ausdruck
kapitalistisch geldgierigen Imperialismus inszeniert.

Zweite Hälfte: An Universitäten wird versucht, menschliche Kultur von


ihrem imperialistischen Erbe zu läutern und zu den guten, vermeintlich
ursprünglichen, aber de facto nirgendwo mehr existierenden Kulturen
zurückzukehren. Feuilleton wurde zum Ort kultureller Kämpfe. Kulturen
befinden sich in einer neuen Sichtweise aber andauernd im Fluss;
Veränderungen kommen nicht nur von aussen, sondern auch aus der
inneren Dynamik der Kultur selbst. Unterschiedliche Perspektiven der
Kultur auf die Welt werden reflexiv zum Thema der Kultur gemacht.70

Wissenschaft als Pfeil der Zeit: Moderne Wissenschaft hat kein Dogma,
aber verbindliche Forschungsmethoden; sie basiert auf empirischen
Beobachtungen, die fortwährend widerspruchsfrei verifiziert werden
müssen. Es gibt keine Vorstellung und Theorie mehr, die nicht hinterfragt
werden kann. Immer mehr Menschen glauben trotzdem daran, dass ihnen
die Forschung neue Macht verschaffen könnte.71 Die neue Wissenschaft
versucht deshalb, neues und praktikables Wissen zu erwerben und
technologisch umzusetzen. Wann immer eine neue Beobachtung zum
bestehenden Wissen in Widerspruch steht, gibt die Beobachtung der
Wissenschaft den Auftrag zu neuer Wissenssuche.

70
Siehe N. Luhmann…
71
Francis Bacon veröffentlichte schon 1620 das Manifest «Neues Organon» (Werkzeug), das «Wissen ist
Macht» stipulierte. Der Prüfstein des Wissens sei nicht die Wahrheit, sondern ob es Macht verleihe. Als Bacon
vorschlug Wissenschaft und Technologie zu vereinen, war das ein revolutionärer Gedanke

47
Das Ideal einer zweiwertigen Logik, wonach Aussagen entweder „wahr"
oder „falsch» zu sein hätten und etwas Drittes nicht möglich ist72, wird als
typisches Merkmal traditioneller Zeichensysteme betont und mittels
innovativer Inszenierungen zunehmend hinterfragt. Bestehende Systeme
wurden durch ambivalent inszenierte Anti-Helden der Kulturindustrie
«dekonstruiert", wenn diese in Folge wachsender Resonanz selbst zu
neuen Klischees wurden. Was einmal Gegenstand der Weltphantasie
geworden ist, muss als Produktionsfaktor des Kulturbetriebes fürderhin in
Rechnung gestellt werden...
Der Vater von «Mundharmonika» (später im Film Charles Bronson) steht
auf seinen Schultern unterm Galgen und der herzlose Killer Frank (Henry
Fonda) steckt dem Jungen eine Mundharmonika in den Mund… «komm,
spiel’ mir das Lied vom Tod» und «Mundharmonika» spielt, bis er unter
der Last seines Vaters zusammenbricht und der über ihm am Strick in der
Luft baumelt…73 Natürlich muss Vater-Mord durch das eiskalte
emotionslose Böse nach langer, unerbittlicher Suche im finalen Duell,
inszeniert nach dem Western-Klischee von «High Noon», von Angesicht zu
Angesicht zwischen Mundharmonika und Frank unter den Augen einer
schönen Frau (Claudia Cardinale) – auch ihr Mann und seine Familie
wurden vom als Klischee des Bösen inszenierten Frank kaltblütig
geldgierig ermordet - gesühnt werden. Mundharmonikas melodiös
unterlegter Lebensauftrag Rache ist nach dem Duell erfüllt und er zieht
ziellos weiter…

Das satanisch Böse bringt kein Licht mehr, sondern nur noch den kalten
Tod, bis der einsame Rächer Mundharmonika es erfolgreich stellt. 74

Patricia Highsmith und ihr talentierter Mr. Ripley


Background

Nach dem Sieg im zweiten Weltkrieg und der Glorifizierung des American
Way of Life steht Mitte der 50er Jahre in den USA die Paranoia des kalten
Krieges und McCarthy im Vordergrund. Die Novelle «der talentierte Mr.

72
Aristoteles Satz vom ausgeschlossenen Dritten
73
Sergio Leone, Once Upon a Time in the West (1968) – Die s Italo-Western wurde zu einem der nachhaltigsten
Klischees eines melodiös unterlegtem Lebensprinzips Rache.
74
2014 wird Don Winslow das Thema einsame Rache in «Vergeltung» mit Millionenauflage wieder aufnehmen.
Nach Don Winslow wird der Anti-Held der Zukunft nicht mehr der alttestamentarische Söldner «Dave Collins»
sondern ein Kriegsroboter sein.

48
Ripley» wurde 1954 geschrieben und reflektiert verschiedene Perspektiven
auf die soziale Realität der USA. Der American Way of Life hatte klar
definierte Standards und fokussierte auf die Mittelschicht. Die war weiss,
erlebte anhaltenden Aufstieg mit zunehmend materiellen Wohlstand und
führte ein heterosexuelles Leben fern jeglicher sexueller Perversion. Das
Missachten der Standards eines guten und gesitteten Lebens im Geist des
«American Way of Life» führte unweigerlich zu sozialer Ausgrenzung.

Schon in «zwei Fremde im Zug» (erfolgreich von Alfred Hitchcock verfilmt)


hatte Patricia Highsmith das Handeln des triebgesteuerten Täters «Bruno»
für den Leser nachvollziehbar inszeniert.

Blues, Jazz und der Rock ‘n’ Roll waren dabei der Welt einen neuen Sound
auf den Leib zu schneidern, der ihre jungen Körper vom «Geist der
Vernunft ihrer Väter» rhythmisch löste und sich spontan rebellisch im
Geist einer neuen Zeit bewegen liess… die Kunstpilotin Beate Uhse
eroberte mit praxisorientierter Aufklärung aus dem Nichts vorherrschen-
der Spiessigkeit Nachkriegsdeutschland und wurde mit ihrer lange Zeit
amtlich verfolgten Verbreitung «unzüchtiger Pornographie» durch ihre
«Sexshops für Ehehygiene» zum Medienstar und zur Millionärin.

Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten

Comicfiguren à Patricia Highsmith textete Comics in einer Zeit, in der


sich Captain America und Superman als Projektionsfläche und
Identifikationsfigur eines siegreichen US-Amerikas millionenfach
verkauften.
Täterprofil Tom Ripley

Nach amerikanischen Massstäben und auch nach seinen eignen ist Tom
Ripley eine Null. Nur eine Begabung hat er, halb Hobby, halb Zwang: Er
kann andere Leute nachahmen, in Haltung, Gang und Stimme, selbst in
der Schrift, selbst mimisch im Ausdruck des Gesichts. Das kann er
einfach, das ist ihm gegeben.

49
Tom Ripleys Handeln ist nicht geplant oder von einem kriminellen
Bewusstsein gesteuert. Es «passiert» ihm einfach, unbewusst und
spontan. Ein Satz wie «das Leben ist hart, aber wenn man blöd ist, ist es
noch härter» (Waffendealer Jackie Brown in George V. Higgins’ "Die
Freunde von Eddie Coyle") kann man sich aus Toms weniger talentierten
Mund nur schwer vorstellen.

Plot

Das Nichts Tom Ripley wird vom reichen Mr. Greenleaf in New York
beauftragt, seinen Sohn vom süssen Leben in Süditalien zum Eintritt in
das väterliche Geschäft und Antritt des Erbes heimzuholen. Die kulturelle
Distanz USA-Europa ist im talentierten Mr. Ripley systematisch angelegt.75
Schon beim ersten Aufeinandertreffen in Mongibello bei Neapel fühlt sich
Tom von Dickie und seinem sorglosen Leben stark angezogen76. Er darf
bei Dickie in seinem Haus wohnen: Dennoch verbleibt eine Distanz zu
diesem Dickie, der von einer angenehmen Rente lebt. Diese Distanz
elektrisiert Tom Ripley, das talentierte Nichts.
à elektrisierende DIFFERENZ 2

Sie lädt ihren menschlichen Zwischenraum mit Energie auf, die Toms
Handeln vorantreibt. Tom ist irritiert und weiss nicht, ob er irgendwie
erotisch auf Dickie bezogen ist (Dickies Freundin Marge hält ihn für
schwul). Verliebt ist er jedenfalls nicht, sowie andere Leute unzweideutig
verliebt sind. Es irritiert ihn nur ausserordentlich, dass Dickie eine
Freundin hat, obwohl Marge trotz ihres prallen Hinterns eigentlich keine
richtige Geliebte ist.

Ohne wirklich einen Entschluss zu fassen, verkleidet sich Tom, allein im


Zimmer seines Freundes. Er beginnt sogleich, sich wie Dickie zu verhalten,
so zu handeln und so zu sprechen. Er wird zu Dickie und redet Dickies

75
Fünf Jahre nach der Verfilmung von «Ein Amerikaner in Paris»
76
Trotz des offen homoerotischen Subtextes beschrieb Highsmith Ripleys Sexualität in einem Interview
lediglich als „ein bisschen homosexuell […] sehr gemäßigt“.

50
Freundin Marge an, als wenn sie im Zimmer wäre und gibt ihr den
Laufpass.
«Marge, Du musst wissen, dass ich dich nicht liebe», sagt
Tom zum Spiegel mit Dickies Stimme, mit Dickies höherem Ton bei den
betonten Worten, mit dem kleinen Grollen hinten in der Kehle am Ende
eines Satzes, das freundlich oder unfreundlich, vertraulich oder kühl sein
konnte, je nach Dickies Stimmung.»77

Die fremden Kleider und die perfekte Imitation von Sprache treiben Ripley
förmlich in die Weiterführung der Verstellung, auch in den somatischen
Bereich. Hier und jetzt, wo er es betreibt, ohne es gewollt zu haben,
merkt Tom, dass er es kann. Er kann leibhaftig Dickie werden. Er geht in
der Folge auf Marge zu und packt ihre Kehle, würgt und schüttelt sie und
lässt sie schliesslich erdrosselt zu Boden sinken. Er keucht und wischt sich
die Stirn, so wie Dickie es machte… Der imaginäre Mord scheint ihn
weniger zu interessieren als der Prozess der Dickie-Werdung. Er will
Dickies Identität annehmen und dafür, für den Aufstieg in sein wahres Ich,
ist ihm kein Preis zu hoch...78

In Dickies Kleidern wird Tom vom überraschend in seinem Zimmer


auftauchenden Dickie wütend zur Rede gestellt… in der demaskierenden
Aufklärung von Toms Verkleidung durch Dickie ist das Ende ihrer
Beziehung angelegt, auch in Toms Inneren sind mordbereite Krieger
verborgen und Dickies Einladung, bei ihm zu wohnen, hat ein trojanisches
Pferd mit tödlichen Kriegern im Bauch in seine Mauern gezogen.
In der Folge wandert die Stimme der Verführung beim «talentierten Mr.
Ripley» Schritt für Schritt vom Unbewussten übers Vorbewusste bis zum
überzeugende Wörter findenden Bewusstsein… Ripley sitzt im Zug seinem
schlafenden Freund gegenüber, wie etwas in ihm hochsteigt:
«Er starrte auf Dickies geschlossene Augenlider. Ein wirres Gefühl aus
Hass und Zuneigung. Ungeduld und Verzweiflung schwoll in ihm, machte
ihm das Atmen schwer...«79

77
Der talentierte Mr. Ripley, S.89.
78
Frei zitiert nach Peter von Matt im Ripley-Kapitel seiner «Die Macht der Intrige – Theorie und Praxis der
Hinterlist».
79
Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley, S. 113

51
… und die Stimme der Verführung flüstert in der Folge dem zukunftslosen
Kleinganoven Tom zu, sein Alter Ego Dickie Greenleaf zu töten und als
Maskenträger fortan seine, eigentlich Tom zustehende Stelle in der
besseren Gesellschaft einzunehmen.
«Er wollte Dickie töten. Nicht zum ersten Mal dachte er daran. Schon
früher, einmal, zweimal, dreimal, hatte dieser Gedanke ihn durchzuckt,
wenn er verärgert war oder enttäuscht, ein Gedanke, der sich gleich
darauf wieder verflüchtigt und ihn beschämt zurückliess… er selber könnte
Dickie Greenleaf werden. Er könnte alles das tun, was Dickie tat»80

Dieses intrigante Flüstern aus dem Zwischenraum diametral verschiedener


Lebensverhältnisse steuert Toms Verhalten wie schon vorher in der
Verkleidungsszene und macht die Stimme eines mitfühlenden Gewissens –
wie schon bei Odysseus auch für seine Leser unhörbar. Die grosse Distanz
zwischen dem Leben einer Null und Dickies Leben entwickelt Anziehungs-
kräfte, die Tom elektrisieren und zum Schmied seines eigenen Glücks
machen und zur mörderischen Tat schreiten lassen...

Der Kleinkriminelle Tom Ripley ist ein die Situation intuitiv erfassender
Charakter, der sein Schicksal trotz widriger Umstände selbst in die Hand
nimmt und seine Chance beim Schopf ergreift. Wie unter innerem Zwang
erschlägt Tom Dickie bei einer gemeinsamen Fahrt im Segelboot und wirft
seine Leiche über Bord ins Meer. Schon vorher war Toms Verhältnis zu
Dickie zwiespältig von Liebe und Aggression gekennzeichnet - he could
have hit Dickie, sprung on him, or kissed him, or thrown him over board.81
Wird hier, als Sprachrohr der kulturellen Gebote des American Way of Life
dieser Zeit, eine Gleichung zwischen homosexuellen Bedürfnissen und
Mordgelüsten angesprochen?

Beim Hineinschlüpfen in eine fremde Identität ist es aber nicht mit Mime
und Verkleidung getan. Um diese Rolle wirklich ausfüllen zu können, muss
Tom auch die sozialen Codes erlernen, die in der völlig anderen, besseren
Gesellschaft den Umgang regeln; er muss auch entsprechend leben, reden

80
Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley, S. 113 f.
81
The talented Mr. Ripley, p. …

52
und sich benehmen können. Der Leser hat aber nie den Eindruck, dass der
offenkundig vielfältig talentierte Mr. Ripley daran scheitern könnte.

Resümee

Das nullige Nichts Tom Ripley übt seit 65 Jahren Anziehungskräfte auf
eine grosse Leserschaft aus. Eine Beziehung, welche die Anziehungskräfte
von Gegensätzen miteinschliesst aber nicht auf diese reduziert werden
kann.82 Tom Ripley ist kein bösartig planender, sondern ein impulsiv
unvorhersehbar getriebener Gangster, der vom Versager mittels Mord und
Verkleidung zum Mitglied der besseren Gesellschaft wird.

Patricia Highsmith hat den individuell Zukurzgekommenen des amerika-


nischen Wirtschaftswunders der 50er Jahre mit ihrem talentierten Mr.
Ripley eine neue Stimme gegeben, welche die Selbstverständlichkeit der
Regeln menschlichen Zusammenlebens hinterfragt, wenn sie ihren Tom
die Möglichkeit zur spontanen Selbstverwirklichung mittels Mord an
seinem Alter Ego Dickie Greenleaf höher schätzen lässt als die Einhaltung
des fünften Gebots.

13 Jahre vor Sergio Leones «Spiel mir das Lied vom Tod» war das Böse
nicht kalte Oberfläche, sondern spontan im Nichts einer Null agierender
Beweger. «Bei Tom geht es nicht um eine psychologische Diagnose.
Sobald man auf die gewohnte Weise eine psychologische Diagnose stellt,
verpufft die geheimnisvolle Mitte des Romans. Sie verliert dann ihre alles
durchwirkende Energie. Die geheimnisvolle Mitte des Romans ist nämlich
die Mitte der Null Ripley, die Substanz und das Bewegungszentrum dieses
Nichts.»83 Das, was die Null zu plötzlichen, unvorhersehbaren Handlungen
treibt. Eine Erklärung von Toms getriebenen Handeln nach den Regeln
banaler Alltagspsychologie kann die von Pat Highsmith gekonnt
inszenierte Faszination am Charakter dieses in einer neuen Sphäre
psychologischen Thrillers schwebenden Nichts Tom Ripley nicht fassen.

82
Millionenauflagen schliessen aus, dass nur erfolgreiche Intellektuelle Ripley gelesen haben.
83
Peter von Matt im Ripley-Kapitel seiner «Die Macht der Intrige – Theorie und Praxis der Hinterlist»

53
Patricia Highsmith versieht ihren Tom mit einer Aura vielfältiger Talente,
die der Leser intensiv zu spüren glaubt und ihn bei all seinen Mords-
Geschichten mit ihm fiebern lassen.

Im Lauf seiner Geschichten kann Tom, in eine Aura des nur schwer
fassbaren geheimnisvollen Anderen umhüllt, überzeugend sowohl den
Homosexuellen, als auch den A- oder Heterosexuellen geben – die wahre
sexuelle Orientierung von Tom ist für den Plot und den Leser unerheblich.
Tom kann einfach spontan, ohne gross zu überlegen, für den mitfühlenden
Leser nachvollziehbar, «handeln», er ist ein Akteur der «Apotheose des
Augenblicks», ein Kronzeuge der Handlungsfreiheit. In einem Akt
spontaner Selbstbefreiung wird das Nichts Tom vom von einem
vorherbestimmten Schicksal unterworfenen Opfer (klischeehafter
Subjekttyp 1) zum handelnden Täter (klischeehafter Subjekttyp 2) und
kann seine aufgestaute innere Anspannung in einem Akt aggressiver
Selbstbefriedigung an seinem Alter Ego lustvoll auflösen, wenn Dickie und
der alte Tom schliesslich im Meer versinken und nicht mehr auftauchen.

Tom lebt trotz seines Erfolges aber irgendwie weiter im Bewusstsein eine
Null zu sein. Bisweilen muss sich das Nichts Tom Ripley noch vor sich
selbst verstecken, er ist nicht wirklich frei… Der Inhalt einer Null kann
nicht erschlossen werden, indem man ihr Eigenschaften zuschreibt. Tom
Ripley bleibt für sein Publikum und auch sich selbst ein «Mann ohne
Eigenschaften».84 Vielleicht machte grade die leere Projektionsfläche seine
Attraktivität als Identifikationsfigur aus… vielleicht signalisiert das Gefühl
fehlender Freiheit auch nur den innenpsychologisch gewendeten
Spannungsfaktor «von aussen doch noch erwischt zu werden».

Man kann den «talentierten Mr. Ripley» auch als auch als Geschichte einer
Psycho-Analyse lesen – das (nicht ausgebildete und malerisch vor sich hin
dilettierende) Reichensöhnchen Dickie Greenleaf bringt die psychische
Energie von Liebe und Aggression von Tom Ripley zwar nicht zur Sprache,

84
Peter von Matt im Ripley-Kapitel von «Die Intrige – Theorie und Praxis der Hinterlist»

54
aber dafür konkret zur Tat, wie die zwei im Haus von Toms
Identifikationsfigur Dickie immer wieder wie im Rahmen einer
Entwicklungsgeschichte aufeinadertreffen. Dickie disqualifiziert sich als
Heiler, wie er Toms Projektionen ohne Gespür für die Tiefe seiner
Persönlichkeit gefühllos zurückweist; ohne es zu ahnen führt die
Projektionsfläche Dickie Tom zu einem Ziel, selber Dickie zu werden und
seinen Platz einzunehmen. Talentierte Kostümierung in Kombination mit
talentiertem Morden treten als pragmatisches Erfolgsrezept an die Stelle
von «Heilung durch Bewusstsein». Die hochgebildete Pat Highsmith macht
sich mit ihrem talentierten Tom Ripley über die Psychoanalyse lustig.

Tom Ripley macht Mord und Verkleidung zu einem nachvollziehbaren


Modell der Identitätsübernahe, durch die aus einem «Nichts» ein
«Jemand» werden kann, ein respektables Mitglied der besseren
Gesellschaft. Mit ihrer gekonnten Verbindung von Spott und Ironie trifft
Pat Highsmith den gegenüber «respektablen Mitgliedern der besseren
Gesellschaft» kritischen Geist einer neuen Zeit.

Die Faszination des Lesers beruht auf Tom Ripleys unbändigen Drang nach
Freiheit und neuem Leben, angesiedelt im gleichermassen lebendigen wie
leeren Zentrum einer Null. Der authentisch vermittelte Wunsch sowie
seine spontane Umsetzung machen Tom zur Projektionsfläche von
Millionen Lesern, die alltäglich der vermeintlich ausweglos unentrinnbaren
«Wahr-Falsch-Logik» ihres Systems unterworden sind. Der virtuose
Verbrecher Ripley kann auch als eine Art Künstler gesehen werden, der
mit planlos getriebener Fantasie dem rigiden Moralkorsett der Gesellschaft
und der Logik ihres Systems entschlüpft. Musste der Verbrecher vom
kleinen Gangster in bescheidenen Verhältnissen zum spontan mordend
über sich selbst hinaus- und in eine respektable Rolle hinein-wachsenden
Nichts transformiert werden, um in Europa reüssieren zu können?85 Ein
Nichts, das als Maskenträger beliebig viele Oberflächen annehmen kann…

85
Der Erfolg von Tom Ripley war in Europa deutlich höher als in den USA. Bei «The Sopranos» war es
umgekehrt: Die populäre Inszenierung «unverschämter» Gangster ist in Europa nur schwer vorstellbar…

55
Frederick Forsyths «Schakal» (1971)

Background – was lag in der Luft?

Die Gegenkultur der 60er mir ihrer «Wir-Dekade» war kollektiv


gescheitert; anschaulich versinnbildlicht durch den Übergang vom Hippie-
Paradies der Blumenkinder «Woodstock» zum Rockfestival im
kalifornischen Altamont mit den Hells Angels als Ordnungsmacht. Oder
auch von John Lennons Ego-Trip nach dem Wir-Jahrzehnt der Beatles.
Enttäuschter Idealismus verwandelt sich in den 70ern, dem «Ich-
Jahrzehnt», in arbeitsteiligen Pragmatismus. Wobei «Wir» und «Ich»
repräsentieren keinen Widerspruch, die unterschiedlichen Typen
individueller Lebensgestaltung und die Module ihrer Umsetzung haben in
der Gruppe systematisch zugenommen und dabei ihre Gesamtwerte
trendartig verbessert.86 Adam Smiths (schottischer Moralphilosoph und
Zeitgenosse von Johann von Goethe) Lehre vom kapitalistischen
Konkurrenzprinzip egoistischer Unternehmer als für die Gesellschaft
systematisch Gutes schaffender Kraft hatte auf dem Podium kritischer
Geistes- und Sozialwissenschaften aber trotzdem schlechte Karten.

In den 60ern hatte der Sieg algerischer Guerillerios gegen die haushoch
überlegene französische Armee und der des kleinen Nordvietnams gegen
die grossen USA, sowie der vermeintliche Sieg von Maos Kulturrevolution
revolutionäre Hoffnungen geschürt. Der «grosse Sprung nach vorn» - aus
heutiger Sicht ein irrwitziges Vorhaben87 - schien real möglich. Zum
Kampf entschlossene junge Männer und Frauen zogen mit erhobenen
Fäusten und lautstarken «Ho-Ho-Hochimin»-Rufen durch die Strassen der
Hauptstädte Europas. Hollywood schwelgt in Sex & Crime und präsentiert

86
Lebenserwartung, Realeinkommen und Bildung nahmen in allen Gesellschaftsgruppen global trendartig zu.
87
Wenige Jahre nach der Niederlage in Vietnam wählten die Amerikaner den Falken Ronald Reagan, der die
Rüstungsausgaben zu ungekannten Grössen hochfuhr und letzten Endes den Warschauer Pakt «pleite» rüstete. In
einer staatstragenden Bekanntgabe erklärt Mao in einer der ersten Initiativen den "vier Plagen" den Krieg.
Stechmücken, Fliegen, Ratten - und Spatz. Die Spatzenjagd eskaliert zur Massenbewegung.

Propagandaplakat gegen den Spatz IISH/ Stefan R. Landsberger/ Private Collection

56
1967 und 1968 mit «Bonnie and Clyde» sowie «The Thomas Crown Affair»
zwei erotisch miteinander verbundene Gangsterpärchen –Faye Dunaway
beginnt ihre Weltkarriere zeitgeistig als Gangsterbraut.88 Die «Linke»
schwelgte in Revolutionsphantasien89 und von der Unterwanderung der
Gesellschaft mit subversiv verpackten Subjekten gesellschaftlicher
Revolution. Der Ausbeutung der Vielen durch Wenige sollte von einer
technologisch effizienten und gerechten Ausbeutung einer irdischen Welt
unermesslicher Reichtümer abgelöst werden. Bis der Club of Rome 1972
wissenschaftlich untermauert die «Grenzen des Wachstums» verkündete.
Ein Jahr später frisst sich die Menschheit vor Millionen Kinozuschauern in
le grande bouffe zu Tode.

Die 60er Jahre waren eine Zeit zunehmender kultureller Konflikte, in der
«lange Haare» von der Jugend als Gebärde von Trotz und Ungehorsam
getragen wurde, während traditionelle Konvention «zerrissene Jeans» und
«Underground» als Verbrechen an der Zivilisation deklarierten. Der
gemeinsame Aufbruch in eine neue Zeit gegen das kapitalistische,
militante System, in Verbindung mit der «Love, Peace and Happyness»
Kultur der Hippiebewegung und ihrem Woodstock (1969), wandelt sich in
den 70ern fundamental: Kapitalistische Militärdiktaturen übernahmen die
reale Macht in Lateinamerika; der Verwandlungskünstler David Bowie und
das «Cross Over» begeisterte das Publikum der Popmusik im Westen.

Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten

Der «militärisch-industrielle Komplex» repräsentierte das klischeeartige


Feindbild einer Zeit, die an ihren gesellschaftlichen Rändern weltweit
bewaffnete anarchistische Bewegungen gegen die wieder Gewicht
gewinnende kapitalistische Herrschaft in der Maske regelkonformer
Normalität hervorrief. Randbewegungen, die eine kulturell breit

88
Bert Brecht: Dilettanten rauben eine Bank aus; Profis gründen eine Bank
89
Die Kultur-Industrie war schon vorher mit romantisch-dramatisch inszeniertem Revolutionskitsch erfolgreich,
«gerechten Bauern-Aufständen» a la Elia Kazans «Viva Zapata», 1952, mit Marlon Brando. 20 Jahre später
wurde aus der Identifikationsfigur, dem Helden «Zapata» die vom Anti-Held «Don Corleone», der in den nach-
68ern erfolgreich die Angel im diabolischen Vakuum seiner Zeit auswarf.

57
verankerte Diskussion des Systems und der situativ dehnbaren Grenzen
legitimen Widerstands widerspiegelten. In ihren Anfängen genossen die
Vertreter «bewaffneten Widerstands» in relativ weiten Kreisen der
engagierten Kultur durchaus Heldenstatus.90

In der kulturell offenen Bewegung elektrisierten «Bob Marley and the


Wailers» mit groovigem und authentisch verpacktem Cross-Over-Sound
auf Millionen Plattentellern weltweit engagiertes Leben.91 Auch der im Ali-
Shuffle rhythmisch ohne Deckung mit lauten Schimpftiraden um seine
Gegner tänzelnde «Ex-Neger» und zum Islam konvertierte Kriegsdienst-
Verweigerer, Muhammad Ali (Kampfname «The Greatest») – perfektes
Helden-Klischee für die einen, und, zumindest in seinen Anfängen als
boxender Nigger, perfektes Anti-Helden-Klischee für die anderen. In einer
Zeit, in der das Plattenlabel «Stax» aus Memphis Tennessee erfolgreich
den Sound von «Black Power» unter die Leute brachte, als Gegenposition
zum Cross Over von «Tamla-Mowtown» aus der Autostadt Detroit.

Das Heldenklischee des Siegertyps «der anderen Seite» – und somit Anti-
Held einer kapitalismusfeindlichen Friedensbewegung - wird durch
«Commander James Bond 007», im Dienst ihrer Majestät, als Doppelnull
mit der Lizenz (das Böse in der Welt) zu töten, repräsentiert. Für seinen
durchschlagenden Erfolg als Projektionsfläche und Identifikationsfigur war
auch die Inszenierung als charmanter und erfolgreicher Frauenheld von
nahezu raubtierartiger Sexualität mit schnellen, technologisch hochgerüs-
teten Autos wichtig.92 Ende der 60er soll Mary Quants Minirock (Symbol

90
So hielten laut einer Allensbacher Studie aus dem Jahr 1971 die Mehrheit der Befragten (51%) die RAF-
Mitglieder für politische Kämpfer. Ein Mitschüler der Abschlussklasse meines humanistischen Gymnasiums
1974/1975 war in der «Roten Hilfe», der Unterstützungsorganisation für inhaftierte Mitglieder der Roten Armee
Fraktion «RAF». Vorher hatten «wir Humanisten» die Söhne des Bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef
Strauss (Klischee unseres Feindbildes) vom Schulhof gemobbt. An der Uni verkündete die «Marxistische
Gruppe MG», lautstark Vorlesungen sprengend, das Ende des an seinen inneren Widersprüchen
notwendigerweise zerbrechenden Systems Kapitalismus.
91
1980 trat Bob Marley vor zigtausend Zuschauern begeistert zur Feier des neuen Präsidenten Robert Mugabe in
Zimbabwe auf. Gewählt als «peacefighter», aber kurz nach der Machtübernahme zunehmend brutaler Despot.
92
dem öffentlich angebeteten Automobil kommt als Symbol von Männlichkeit eine besondere Bedeutung zu: der
Traum von Freiheit und Abendteuer, von männlicher Pferde-Stärke, Macht und ewiger Jugend.

58
sexueller Befreiung93) nach dem Minicooper von Austin benannt worden
sein.

Muhammad Ali, Bob Marley oder James Bond wurden als menschliche
Kämpfer für etwas fraglos Gutes inszeniert,
- individueller Lebensstil im freien Westen, im kalten Krieg
konfrontiert mit einem militärisch hochgerüsteten System
aggressiver Gleichmacherei für die Einen,
- oder die Erweiterung engstirniger Kulturen und Befreiung der
Farbigen von jahrhundertelanger Ausbeutung und Unterdrückung
eines lebensfeindlichen Kapitalismus.

Täterprofil des Schakals

- «Schakal» ist ein Synonym für «Kojote», die räudige Variante des
traditionellen Kultur-Themas «raffiniert intriganter Fuchs»94
- Ein im weitesten Sinne mit Conan Doyles Professor Moriarty
vergleichbares Superhirn. Drei Jahre nach «Spiel mir das Lied vom
Tod» auch unter dem Klischee des kalten und geldgierigen, Waffen
kultisch verehrenden Killers «Frank» subsumierbar.
- Menschliche Gestalt des trojanischen Pferdes, der sein mörderisches
Inneres nach aussen immer wieder professionell tarnt und nahezu
unsichtbar macht
- der namenlose Mörder Schakal ist aber keine Identifikationsfigur. Er
ist seelenlos kalt als Protagonist technischer Effizienz des Tötens
formatiert à elektrisierende DIFFERENZ 3
Plot

Am Anfang steht ein detailliert recherchierter Tatsachenbericht über das


Attentat an Charles De Gaulle durch rechtsgerichtete Militärkreise,
herausgefordert durch die wortbrüchige Entlassung Algeriens aus der
Grande Nation von 1962. Das gibt der Inszenierung Der Schakal

93
Erst Emma Peel in «mit Schirm, Charme und Melone» etablierte zur gleichen Zeit wir Sean Connerys erste
Bond Filme eine starke Frau als Heldin einer erfolgreichen TV-Serie
94
Stellvertretend sie hier Goethes «Reinecke Fuchs» erwähnt

59
dokumentarischen Charakter, auch die Hinrichtung des ursprünglichen
Haupttäters wird genau geschildert.

Nach diesem fehlgeschlagenen Versuch planen die verbitterten Militärs


einen zweiten Mordversuch, mitten in Paris auf dem Platz vor dem Gare
Montparnasse: Perfekt so erzählt, als wenn er genauso wahr wäre, wie
das ursprüngliche Attentat:95 Der beste Killer der Welt wird gesucht und
gefunden. Er hat seine Perfektion bei einem Mord an einem mittel-
amerikanischen Diktator unter Beweis gestellt. Doch Qualität hat auch am
Markt des Todes ihren Preis: Die ausserordentliche Geldsumme, die er
fordert, wird organisiert und der Starkiller bewegt sich von England,
langsam Schritt für Schritt nach Frankreich und Paris, den Ort der Tat.
Dieser hired Killer ist der Schakal.

Gleichzeitig kriegt auch die französische Abwehr Wind von der


Verschwörung und dem zweiten Attentatsplan. Damit ist die zweite
Erzählebene als die der Abwehr und Liquidierung des Attentäters parallel
zur ersten installiert. Die erzähltechnisch grossartig umgesetzte Spannung
des Schakals besteht in der zweier nahezu maschinenmässig aufeinander
zulaufenden Erzählstränge mit offenem Ausgang. Ein dynamischer
Prozess, in dem die Spannung für keinen Moment abbricht.

Die professionelle Cleverness des Schakals wird bis zum Schluss als
unzugängliche, bei allem, was er tut total emotionslose, nur von einer
eiskalten Killer-Logik vorangetriebene Person präsentiert: Er wird nie zu
einem einfühlbaren Gegenüber. Selbst nach seiner Exekution in letzter
Sekunde, bleibt seine wahre Identität offen; die Polizei hatte bei ihrer
letztendlich erfolgreichen Gegenattacke die ganze Zeit einen falschen
Namen im Visier. Wir haben es mit keinem Menschen zu tun… Es ist, als
ob sich diese total leblose Person erinnerungslos in Nichts aufgelöst hätte,
wie die Erzählmaschine zum Stillstad kam…

95
Ein vorausschauendes Modell für die trendartig zunehmende Authentizität der Darstellungen der
Kulturindustrie.

60
Resümee

Forsyth konnte mit seinem Welterfolg Schakal die Sorgen der kritischen
Szene vor dem militärisch-industriellen Komplex genauso bedienen wie die
Waffen-Faszination inmitten der staatstragenden Gesellschaft. Erzähl- und
spannungstechnische Perfektion der Meisterklasse: Erst im allerletzten
Augenblick höchster Spannung, den Präsidenten schon im Visier und den
Finger am Abzug, wird der Schakal noch ausgeschaltet. Bis dahin hatte die
raffinierte und effiziente Tarn-Technik des Kriminellen die Kriminalistik
wiederholt hinters Licht geführt.

Tom Ripley repräsentierte als Nichts einen tiefgründigen Charakter mit


einem hochkomplexen Seelenleben, der Schakal hingegen ist nichts als
die Todesfunktion in einem komplexen System hochdifferenzierter
Strukturen. Zudem zeigt er als «Typus emotionsfreie Killermaschine»,
dass «menschlich populäre Gangster» aus den USA kommen.

Exkurs: Militärische Anschläge auf das System in den 70ern

«Der Schakal» erzählt die Geschichte von einem militärischen Anschlag


gegen das herrschende System. Eine Geschichte, die in den frühen 70ern
in der «Luft lag» und der Frederick Forsyth Gestalt gab. Europa und
Lateinamerika zeigten, dass er dem Geist seiner Zeit auf der Spur war…

Baader Meinhof, GSG 9 und die Popularisierung von Terror

In Frankreich, Italien und Deutschland bildeten sich bewaffnete


Widerstandsgruppen gegen das kapitalistische System und den
militärisch-industriellen Komplex. In den siebziger Jahren wurde die
Bundesrepublik Deutschland zum Schauplatz einer Serie terroristischer
Anschläge. Aus der inzwischen abgeklungenen Studenten- und Protest-
bewegung der sechziger Jahre entstanden, teilten alle Gruppierungen die
strikte Ablehnung der Bundesrepublik als ein angeblich faschistisches,
imperialistisches Staatsgebilde, das es im Namen sozial-revolutionärer
Zukunftsvorstellungen zu zerstören galt.

61
Nach der Etablierung des Wohlstands-Konzepts allgemeiner Entlastung in
Theorie und Praxis zwischenmenschlicher Zivilisation, musste es vor dem
Ende der Geschichte zu einer Wiederentdeckung von triebhaft im
Einzelnen und seiner Gesellschaft schlummernden Stressphänomenen
kommen: Terrorgruppen glaubten sich von der kulturell gebotenen
Selbstzurücknahme im Umfeld eines erweiterten Könnens verabschieden
zu können, beim Schritt vom Modell zur revolutionären Tat den
fruchtbaren Boden unilateralen Handelns und die Freiheit und Wonnen
einseitiger Expansion vorzufinden. Als selbsternannte und selbstverliebte
Speersitze der Revolution in einer Atmosphäre omnipräsent zugänglicher
Waren («shoppen und ficken» - Frivolität zeigt sich als lustvolle Kehrseite
im hedonistischen Trubel staatlich garantierter Kaufkraft eines langweilig
konsumfreudigen Optimismus) unterschätzten sie ihr Betriebsrisiko und
missinterpretierten die Logik gesellschaftlichen Nachbebens in Sphären
zunehmender Dichte. Sie wollten die breite gesellschaftliche Akzeptanz
des kulturell vorgegebenen und massenmedial verstärkten Modus der
«Jagd nach Glück und dem Hauptgewinn»96 nicht wahrhaben. Die für
breite Teile der Bevölkerung relevante Bedeutung von Freiheit bezog sich
primär auf den ungeregelten Konsum vielfältig nuancierter und sich
ständig weiterentwickelnder Angebote einer magisch zauberhaften und
zunehmend allgemein zugänglichen Warenwelt.

In gewisser Weise re-inszenierte die in die psychodynamischen


Gesetzmässigkeiten ihrer spiessig-normalen Umwelt ideologisch
uneinsichtige, militante Jugend bei ihrer Attacke auf das «feindliche und
unmenschlich-brutale System» die Euphorie der Generation ihrer Eltern
beim reinen Angriff auf eine notwendigerweise dem Untergang
gewidmeten, für das «wahre Sein» zutiefst befremdlichen Umwelt.

Die Berichterstattung über die «Baader-Meinhof-Bande» stellte stark auf


ihre Einzeltäter ab, die mit einer Personen-Maske versehen wurden

96
Bei einer das soziale Netz finanzierenden Staatsquote von 50% muss man nach dem Hauptgewinner des
Systems Kapitalismus nicht lange fahnden. Auch wenn ein ansehnlicher Teil der Finanzierung eines
«friedensichernden Militärs» dient, das den expliziten Pazifismus des 19. Jhs. konfessionsfähig gemacht hat

62
- Baader und Ensslin97: Boulevard Medien und Kulturindustrie
«vermarkteten» die rebellische Pfarrerstocher Gudrun Ensslin98 und
die gescheiterten Existenz, den Autonarr und Pistolero Andreas
Baader99 als «gemeingefährliche Verrückte» oder in der linken
Szene als «Bonnie & Clyde» der deutschen Revolution100: ein über
Leichen gehendes Täterpaar ungezügelter Mordlust - die knallharten
Agenten der Revolution waren publikumstauglich inszeniert.101
- Ulrike Marie Meinhof war eine bekannte deutsche Journalistin
(«Konkret»102) und radikale Linke. 1970 nahm sie an der Baader-
Befreiung teil, gründete die Rote Armee Fraktion (RAF) mit und
verfasste deren ideologisches Konzept: Sie sei entschlossen,
„endlich dieses verlogene bürgerliche Leben zu beenden und alle
Folgen eines konsequenten Kampfes auf mich zu nehmen.“ Man
müsse den Staat mit bewaffneten Aktionen zwingen, sein wahres
Gesicht zu zeigen. Nur so könne man die Menschen wachrütteln und
eine Revolution vorbereiten.103 Sie nahm 1972 an der Mai-Offensive
der Rote Armee Fraktion teil, wurde im Juni 1972 festgenommen
und verbrachte den Rest ihres Lebens in Untersuchungshaft. Vor
dem Prozessende wurde sie in ihrer Zelle in der Justizvollzugsanstalt
Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden. Zwei Obduktionen
schlossen Fremdeinwirkung aus.

97
hatten Kaufhäuser angezündet, um den Vietnamkrieg nach Deutschland zu holen
98
Im Unterschied dazu zeigte Magarethe von Trotta Gudrun Ensslin in «die bleierne Zeit» als junge Frau, die
ihre verpasste Jugendrebellion im elterlichen Pfarrhaus mit kampfbereiter Revolte nachholen musste.
99
wuchs ohne Vater im Kreis von fünf Witwen auf, war bereits früh gewalttätig und kriminell, versagte in der
Schule. Die Kombination von «Autonarr und Frauenheld liest sich wie ein Lehrbuch erfolgreicher Vermarktung
als linker James Bond.
100
RAF-Mitglieder verstanden sich – anfangs ohne lautstarken Widerspruch der Kultur-Elite - als intellektuelle
Elite des internationalen Antiimperialismus
101
Baaders Posen waren inspiriert von Kinohelden der Einsamkeit wie Jean-Paul Belmondo und Alain Delon.
Man kann die Geschichte der RAF erzählen wie einen Gangsterfilm. Die RAF tat, wovon viele insgeheim
geträumt hatten - das Land war zu RAF-Zeiten der letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte.
102
Linkes Magazin, finanziert von der DDR, die sich als antifaschistisches Gemeinwesen inszenierte
103
Nach der Baader-Befreiung im Mai 1970 tauchte Ulrike Meinhof in den Untergrund ab. Ihre Tochter Bettina
wurde im Alter von sieben Jahren von RAF-Mitgliedern, die mit Meinhof befreundet waren, zusammen mit ihrer
Zwillingsschwester für vier Monate in ein Flüchtlings-lager nach Sizilien entführt, um dem Vater, dem Konkret-
Verleger Röhl, dem das vorläufige Sorgerecht zugesprochen worden war, die Kinder zu entziehen. Im
September sollten die Kinder von einem Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe aus Sizilien abgeholt und in
ein Guerilla-Lager im Nahen Osten gebracht werden – die klischeeschwangere Geschichte einer ihre Kinder
vermissenden Mutter mit Knarre, welche die Kultur-Industrie nicht besser hätte erfinden können.

63
- Der Kampf der RAF gegen Springers Medienimperium und sein
Hochhaus erhöhte seinen Umsatz (an erster Stelle den der BILD-
Zeitung) substantiell104. Die Nervensysteme der Gesellschaft waren
für äussere Aggressoren beliebig okkupierbar. In Zeiten kulturellen
Umbruchs gaben die Reizleitungen bürgerlicher Zivilisation Terror-
impulse automatisch an ihre Schreckensverbrauer weiter. Ihre Pro-
gramme drängten darauf, Beweise für die Existenz eines äusseren
Feindes zu empfangen und zu verstärken; Shocks wurden so zum
einfach zu bedienenden Marketing-Instrument mit Breitenwirkung.

Fortsetzung folgt(e) im Deutschen Herbst 1977: Von den Medien eng


begleitete Morde an Buback, Ponto und Schleyer – allesamt Vertreter des
«Schweine-Systems» - durch die 2. Generation der RAF. Sechs Monate,
welche die deutsche Nachkriegsgeschichte umschreiben sollten. Die erste
Generation, Baader, Ensslin und Meinhof, sass schon seit 1972 im
Sicherheits-Gefängnis Stuttgart-Stammheim. Nach der durch die GSG 9
unter der Führung von Ulrich Wegener auf dem Flughafen von Mogadischu
erfolgreich beendigten Entführung der «Landshut» mit dem Ziel der
Freipressung inhaftierter Genossen, gingen sie in den Freitod. Die Morde
des deutschen Herbsts beherrschten genauso wie die Erstürmung der
«Landshut» die Schlagzeilen und waren absolut medien- und fernseh-
tauglich!105

104
im linken Milieu war gegenüber Axel Springers zupackender Pragmatik eine an Selbstmitleid grenzende –
typisch deutsche? - Melancholie zu beobachten. Die gepflegte linke Melancholie erscheint im Rückblick auch
deshalb so bigott, weil sie gleichzeitig die Begleitmusik des Einstiegs der Szene in die Gesellschaft war… Keine
acht Jahre nach dem deutschen Herbst wurde der Ex-RAF-Sympathisant Joschka Fischer der erste grüne
Minister – «Geld regiert die Welt».
105
Die RAF war schon zu Lebzeiten von Baader-Meinhof eine Art Marke - schon ihr Beginn war eine Metapher:
1970, bei der Befreiung von Andreas Baader, sprang Ulrike Meinhof aus dem Fenster - ein sinnbildlicher Sprung
in die Illegalität. 1971 gab sich die RAF in Ulrike Meinhofs Che Guevara entlehntem Strategiepapier "Das
Konzept Stadtguerilla" ihren Namen. Hier erschien auch das Symbol der Roten Armee Fraktion zum ersten Mal:
der rote Stern mit einer Maschinenpistole und dem Signet RAF im Vordergrund. Die frühere Konkret-
Redakteurin und Idol der Hamburger Medien-Schickeria105 Ulrike Meinhof, deklamierte als intellek-tuelles
Sprachrohr der RAF in handgreiflich-anschaulicher Sprache: «Bullen sind Schweine… und so haben wir uns mit
ihnen auseinanderzusetzen.» Der Fernsehfilm «Mogadischu», genauso wie der Kinofilm «Baader Meinhof
Komplex» von 2008, waren umsatzstark und wurden mehrfachausgezeichnet. Der «Bader Meinhof Komplex»
wurde sogar als bester fremdsprachiger Film für den Oskar vorgeschlagen

64
«Deutschland im Herbst», 1978: der deutsche Autorenfilm106 findet als
Kind einer neuen Zeit seinen Weg von Programmkinos in grosse
Lichtspielhäuser. Um die Jahrtausendwende wurde RAF Pop:107 Es gab
RAF-Retro-Chic, Mode mit Prada-Meinhof-Logo108, hippe Fotos von Baader
und Ensslin in Paris und einen Film mit Baader als coolem Macho, der
schnelle Sportwagen liebte... Ich glaube aber nicht, dass man sich über
diesen «Terror-Kitsch» als potentiellem Auslöser einer neuen Gewalt
Sorgen machen musste. Die radikale Ent-Kontextualisierung von
Symbolen, die beliebige Adaption von Zeichen und deren Neuverwendung
in völlig anderen Zusammenhängen sind ein hervorstechendes Merkmal
der Popkultur. Auch heute gelangt es noch zur Primetime in die
Nachrichten, wenn Europol RAF-Rentner zur Fahndung ausschreibt...

Die Inszenierungen der Kulturindustrie und die Dar-Stellungen der Nach-


richtenmedien sind in eine Beziehung getreten, in der die Unterscheidung
zwischen Verpackung und Inhalt, zwischen Erfindung und Realität
zunehmend schwerfällt. Lag schon bei dem die Wonnen enthemmter
Einseitigkeit entdeckenden Weg in den Untergrund allenfalls ein
psychologischer Motivationsfaktor vor? Das frei im Raum schwebende
Versprechen berühmt und Fernsehstar zu werden, wenn man zu den
Waffen griffe? Wie kann man nachvollziehen, dass eine humanistisch
gebildete Pfarrerstochter und eine kluge, in der «besseren und
intellektuellen Gesellschaft» verankerte Journalistin, Mann und Kind(er)
verliessen, ihr gutes Leben wegwarfen und im aufopferungsvollen Kampf
gegen das «Schweinesystem» in den dreckigen Untergrund zogen?
Zeigten sich die Anziehungskräfte eines diabolischen Nichts nach der

106
Schlöndorff, Herzog, von Trotta, Wenders, Kluge, Fassbinder, Achternbusch
107
Der Philosoph Klaus Theweleit bemerkte dazu 2004: «Wir erleben die Überführung der RAF aus einem
historischen in einen mythologischen oder folkloristischen Raum. Die RAF hat eine Funktion wie Billy the Kid,
Calamity Jane oder Schinderhannes bekommen, losgelöst von jeder konkreten Geschichte. RAF ist zum Zeichen
geworden für Anti-Staat, sein Leben aufs Spiel setzen, Gewalt und sexuelle Libertinage. Deshalb sind RAF-
Zeichen auf T-Shirts, Stickern, in Musikstücken und in Filmen ebenso möglich wie das Che-Guevara-Logo auf
Zigarettenpackungen.» Diesem Erfolg wollte das Hamburger Lifestyle-Magazin Max nicht nachstehen und
schrieb "Die Zeit ist reif für RAF-Popstars". Max ließ sich nicht davon abhalten, die Aufnahme des von in einer
Blutlache auf dem Boden seiner Zelle liegenden Leichnams von Andreas Baaders mit einem Fotomodell
nachzustellten, sowie ein darüber montiertes Bild von einem Paar Hausschuhen mit dem Hinweis zu versehen,
dass "Andreas Baaders Woolworth-Pantoffel Kult" seien.
108
"Prada Meinhof", ein Label der Hamburger Boutique "Maegde und Knechte Elternhaus»

65
Studentenbewegung als unausgesprochen im Geist der Zeit trudelndes
Versprechen auf medialen Ruhm? Vage vorhergeahnte Präsenz in den
Schlagzeilen jedermann zugänglicher Massenmedien als gesellschaftlicher
Attraktionsfaktor einer sie in ihren Grundfesten erschütternden, revolu-
tionären Gewalt? In einem Vorgriff auf die kurz bevorstehende
hyperkommunikative Verfasstheit der westlichen Infosphäre, die mittels
minimaler Invasionen nachhaltig beeinflusst werden konnte? Der Terror
konnte darauf vertrauen, dass die Distanz zwischen Attentat und
Sensationsecho minimal war und ein lückenloses Schweigen der Medien
über neue Anschläge aufgrund ihrer Berichterstattungspflicht nie zur
Diskussion stand. Terror wurde zur Kunstpraxis von sich reden zu
machen, mit den Aufmerksamkeit schaffenden und Erregung gene-
rierenden Reden über die Geheimnisse der Frauen oder dem Verlauf der
Aktienkurse nahezu auf einer Linie: Sex, Money & Crime waren in aller
Munde. Populäre Terroristen wussten sich auch immer mediengerecht als
furchtlose Rächer eines diabolischen Unheils durch ruchlose Täter zu
inszenieren. Für die Konsumenten medial vermittelten Terrors wurden
Anschläge zu Appetitanregern, ihr Ausbleiben schuf ein Vakuum mit
medial geschürten Anziehungskräften.

Zupackende Frauen mit Durchblick waren in der Terror-Führung und ihrer


Darstellung in den Medien prominent vertreten, lange bevor sie sich im
Top-Management der Wirtschaft profilieren konnten. Nichtsdestoweniger
liefen die waffenstrotzenden Baader-Meinhof Kids wirklichkeitsblind den
effektiven Umwälzungen ihrer zunehmend digitalen Zeit hinterher, von
welcher der industriell-androgyne Sound von «Kraftwerk» seit den frühen
70ern kommerziell erfolgreich kündete. Im Gegensatz zur RAF konnte die
rebellische Nicki in «Ku’damm 59»109 mit ihrem feminin gewendeten
Blues-Cover «I’m a Womahaan» ihre spiessige, Negermusik verabscheu-
ende Umwelt rockig in Bewegung setzen.110 Ein gesellschaftlich offenes

109
TV Serie, 2. Staffel, Arte 2018
110
An einer anderen Stelle heisst es in Ku’damm 59 «von einer waffenfreien Friedenszone kann nur jemand
träumen, der mit einem goldenen Löffel im Arsch geboren wurde»… und Nickis Schwester lässt sich von ihrem
sehr viel älteren Herrn Professor scheiden und wird selbstbestimmte Prostituierte

66
Nichts kann wie ein Vakuum anziehend wirken und unvorhersehbar viele,
reale oder erfundene Perspektiven auf die Zukunft eröffnen, heissen sie
nun RAF oder Nicki…

Wachsende Zustimmung von Protest über die Zeit fördert seine


überproportionale Darstellung in den Medien und im öffentlichen
Diskurs, die leicht zu einer Fehleinschätzung der effektiven
Mehrheitsverhältnisse im Raum führen kann. Die RAF war eine
Fraktion wohlstands- und freiheitsverwöhnter Bürgerkinder, die ihre
effektiven Möglichkeiten und Grenzen nicht sehen wollten.

Pinochet, Videla, CIA

Brutal-effiziente Militär-Schläge gegen sozialistische Experimente


bestätigten den Wahrheitsgehalt des Klischees «militärisch-industrieller
Komplex» – exemplarisch bei den «Militär-Juntas» in Chile und
Argentinien; begleitet von zigtausend «industriell organisierten» Morden.

Chile - Pinochet: Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen


«links» und »rechts» seit 1970 kam es im Herbst 1973 zum Putsch des
Militärs unter General Pinochet gegen die demokratisch gewählte,
sozialistische Regierung Allende: Öffentliche Gebäude wie Stadien,
Konferenzhallen und Schulen wurden von den Obristen zu Lagern für
Oppositionelle umgerüstet. Der berühmteste Fall ist das Estadio Nacional
in Santiago de Chile, in dem alleine mehr als 40.000 Gefangene
zusammengetrieben worden sind. Auch das «Stade du 20 Mai» in
Kinshasa: ein Stadion, in dem Mobutu Sese Seko politische Gegner
hinrichten liess; ein blutbefleckter Boden, auf dem das Idol Muhamad
Ali111 1974 vor Millionen Fernsehzuschauern in dem vom Gangster «Don
King» promoteten Jahrhundertkampf «Rumble in the Jungle» gegen den
primitiven Schläger George Foreman antrat. Ein Kampf am Ort vielfacher

111
Ali inszeniert sich als böse und gemein: «Ich habe mit einem Alligator gerungen, mit einem Wal gerauft, dem
Blitz Handschellen angelegt und den Donner eingekerkert»

67
Verbrechen, der in der Oskar-gekrönten «When we were Kings»
Dokumentation von Leon Gast kulturell gefeiert wurde.

Argentinien - Videla: Der Todesflug war eine Form der Ermordung bzw.
des spurlosen „Verschwindenlassens“ von politischen Gefangenen
(«desapericidos»), die während der Argentinischen Militärdiktatur (1976 -
1983) praktiziert wurde: Die Opfer wurden zunächst betäubt, an Bord von
Flugzeugen oder Hubschraubern gebracht, ausgezogen und dann über
dem Río de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen. Die Militärjunta nahm
dabei an, dass sie für dieses Vorgehen die Billigung der USA hätte.
Mehrere Historiker haben der US-Regierung und der CIA in diesem
Zusammenhang vorgeworfen, ihre evidente Unterstützung von politisch
rechtsgerichteten Militärdiktaturen in Lateinamerika bis zur Mithilfe bei der
Verfolgung von Oppositionellen getrieben zu haben.112

Die 70er: Militärisch geplante und ausgeführte Schläge gegen das


herrschende Regime wurden nach David Forsyths Schakal blutige Realität,
die in den Medien vielfach Widerhall fanden. Genauso wie «Ali, boma ye!»
(Ali, töten ihn), das von seinen 100'000 Fans beim «Rumble in the
Djungle» lautstark intoniert und sowohl konkret als auch metaphorisch zu
verstehen war.113

112
Zumindest waren BND und CIA via die Schweizer Krypto AG über argentinische/Chile Militärs informiert
113
Foreman verfiel nach seiner Niederlage in Selbstzweifel und wurde Pfarrer. Er fing erst wieder zu boxen an,
wie ihm das Geld ausging und wurde 1994, mit 45 Jahren, nochmal Box-Weltmeister. Ein noch schrilleres
Beispiel: Das vom Boss der kolumbianischen Drogenmafia, Pablo Escobar, in Absprache mit dem Staat von ihm
selbst für ihn gebaute Luxus-Gefängnis «La Catedral» (ein Vergnügungspark mit Parties, Prostituierten,
Fussballstars) ging nach seinem Tod in den Besitz der kolumbianischen Regierung über. Dort betreiben
Benediktiner-Mönche seit 2007 ein Altersheim mit 50 Senioren...

68
David Chase und «The Sopranos»

Background:

«The Sopranos»114 ist eine US-amerikanische Fernsehserie vom Leben


einer italo-amerikanischen Mafiafamilie in New Jersey, die in den Jahren
1999 bis 2007 über sechs Staffeln in den USA zu sehen war. The
Sopranos sind der erste Repräsentant der Verkaufsstrategie des US-
Bezahl-Kabelsenders HBO, sich mit selbst produzierten Quality-TV Serien
von den Serien der Network-Sender abzuheben und sich am Bildschirm
zuhause als Konkurrent des Kinos zu positionieren.115 Die TV-Industrie
stand vor der systematischen Herausforderung, dass Werbung von neuen
Internetplattformen vom Typ Google effizienter, billiger und kunden-
spezifischer angeboten wurde. Im Geist einer neuen, digitalen Zeit
reformatierten HBO und seine Nachfolger das auf hohen Fixkosten
beruhende traditionelle TV-Oligopol der drei grossen Sender ABC, CBS und
NBC von Grund auf und verwandelten es in einen Markt vielfältiger, mit
dem Modell Hitparade vergleichbarer Konkurrenz. Eine Sphäre intensiven
Wettbewerbs um die Gunst des Publikums, die von der «unsichtbaren
Hand des Marktes»116 gelenkt wurde.

Die «Reunion» der Schauspieler von 2019 bezeichneten die Sopranos als
die Vision ihres Autors David Chase, die er schon am Anfang bis zum Ende
im Kopf gehabt hätte und deren Umsetzung primär nur er bestimmt
hätte.117

114
Der Name der Serie «Die Sopranos» bezieht sich sowohl auf «Familienmitglieder», die gegenüber dem FBI
«singen» als auch auf männliche Opernstars, die, um einer unnatürlich hohen Stimme willen, kastriert wurden.
115
der Besitzer von HBO ist die Filmgesellschaft «Time Warner». HBO war schon 1975 mit dem „Thrilla in
Manila“, dem berühmten Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier, der weltweit erste
Fernsehsender, der sein Sendesignal über eine Satellitenverbindung übertrug. So konnten sie das Sendesignal
flächendeckend auch in voneinander isolierte Kabelnetze einspeisen, was den Absatzmarkt enorm vergrößerte.
116
Siehe dazu theoretisch konzeptionell: Adam Smith (schottischer Aufklärer und Moralphilosoph, mit David
Hume befreundet) – vom Wohlstand der Nationen (London 1776): Ein vom Zusammenwirken vielfältigen
Egoismus’ gesteuertes Modell des Wettbewerbs, das sich bis heute schwer damit tut, als makroökonomisches
Prinzip allgemeinen Wohlstandes, in die Köpfe kritischer – den selbstverständlichen Mythos «Kapitalismus und
Geld sind natürlich böse» pflegende - Geister einzudringen.
117
Auf Steve van Zandts Frage, wie denn Tonys brutale Mutter Livia das Bild einer italienischen Mama
transportieren könnte, antwortete David Chase, das sei seine Mutter gewesen…

69
Typologie und Fallhöhe von Heldengeschichten

Klischee 1: Immer mehr Menschen glauben Ende des Jahrhunderts, dass


alle Macht nicht vom «Volk», sondern von der «Menschheit» ausgehen
sollte, und dass die Wahrung der Rechte und Interessen aller Menschen
oberstes Gebot aller Kultur sein sollte.

Klischee 2: Nationaler Siegestaumel nach dem Ende des kalten Krieges


inszeniert «das Ende der Geschichte»118 - die Ankunft der hegelianischen
Lokomotive an ihrer Endstation - als millionenfach verkauften, «zu guter
Letzt» wahrhaftig gewordenen Mythos.119

In der Musik versetzten Lady Madonna und Michael Jackson ein weltweites
Tanz-Publikum mit Glitzer-Kleidung in riesigen Disco-Hallen in Schwung.
Ab Mitte der 90er Jahre verlor Klischee 2, unterstützt von einer trend-
artigen Ausdünnung der Mittelklasse zunehmend seine Überzeugungs-
kraft. Nach der Geschichte wurde Geschichte wieder von denen gemacht,
die nicht einsehen wollten, dass sie vorüber sei. In einer Zeit, deren
Medien (Konsumenten) nach authentischen Täterprofilen lechzen ohne
dabei ihre konsumfrohe Grundstimmung zu trüben. In einer Gesellschaft,
die ihren Individuen vorspiegelt, sie könnten nicht nur für ihr unmittel-
bares Verhalten, sondern auch für die Nebenwirkungen lokaler Hand-
lungen, und seien sie auch noch so fern, verantwortlich sein. Eine
Gesellschaft, deren Unterhaltungsindustrie gelangweilten Kulturkonsum-
enten zunehmend einseitig zupackende Täterprofile anbietet, für die
Transparenz in Zeiten multilateraler Resonanz schlichtweg «geschäfts-
schädigend» ist. Gangsta wird Grenzen überschreitende Projektionsfläche
«willkürlich» motivierter Subjektivität…

118
Francis Fukuyama: The End of History and the Last Man. NY, 1992
119
So auch das von Endzeitstimmung begleitete Narrativ der Erderwärmung und ökologischer Katastrophe.

70
Täterprofil Tony Soprano

- feister Spiesser mit Schwabbelbauch und Halbglatze


- Triebgesteuerter Gangsta und Frauenheld
- Emotional breit aufgestellter MENSCH, nicht so psychopathisch
seelenlos brutal wie seine Schwester Janice oder seine Capos
«Ralphie» und «Richie»
- Tierliebender Familienvater einer «inniglich verbundenen Familie»:
Scheitert beim Versuch, seine lieblos kaltherzige Mutter in ihrer
Seniorenresidenz mit einem Kopfkissen zu ersticken.120
- Eine ambivalent inszenierte Identifikationsfigur zwischen
«Oberfläche pur» und einem unbewusst komplexen Seelenleben
- Differenz zu Odysseus und Tom Ripley: Tony muss sein
Verbrechersein nicht mehr maskieren: Familie, seine Frauen,
Nachbarschaft und Polizei kennen ihn und seine Legende. Im Auge
der Zuschauer lebt der Boss deswegen aber nicht gefährlich.

Plot

Bei den Sopranos steht die Beziehung zwischen Mafiaboss Tony Soprano
und seiner Analytikerin, der Psychiaterin Dr. Jennifer Melfi, im Zentrum
der Serie. Aus Sicht ihrer Millionen Zuschauer repräsentieren Tony und
Jennifer das eigentliche Täter-Paar, das in einer Art Duell serieller
Wiederholung von Tonys Therapiestunden aufeinandertrifft: Wie wird die
Geschichte eines Anti-Helden in einer Therapie der vernünftigen
Integration animalischer Triebe inszeniert werden? Was passiert, wenn
zwei grundverschiedene Überichs, das der Aufklärung und das der Mafia in
einer Psychoanalyse aufeinandertreffen? Tony und «seine Jennifer» sind
als Antipoden inszeniert, die sich in Geisteshaltung, Habitus, Sprache
und Kleidung voneinander abgrenzen. à elektrisierende DIFFERENZ 4

120
Eine Mutter, die vorher in Kollaboration mit seines Vaters Bruder, Onkel Junior, seinen Tod geplant hatte,
um innerfamiliär die Omerta sicherzustellen. Die Gerüchte hatten sich gemehrt, dass Capo Tony bei einer
Psycho-Analyse aus dem Nähkästchen plaudern könnte.

71
Tony ist ein Analysepatient wie aus dem Bilderbuch: Er hat eine lieb- und
herzlose Mutter und wurde schon früh durch die heimliche Beobachtung
der fingerabhackenden Gewalt seines Vaters traumatisch geprägt. Schon
in der ersten Therapiestunde thematisiert Tony seine Probleme mit einer
Modernität, die im ausgehenden 20. Jahrhundert den langsamen Tod
starker Männer gezeitigt habe und zunehmend nicht-männliche
Verhaltensweisen fetischisiere. Diesen Verlust deutet er an, wenn er von
Gary Coopers Darstellung von Will Kane im Film «high noon»121 spricht:
«Let me tell ya something. Nowadays, everybody’s gotta go to shrinks,
and counselors, and go on “Sally Jessy Raphael” and talk about their
problems. What happened to Gary Cooper? The strong, silent type. That
was an American. He wasn’t in touch with his feelings. He just did what he
had to do. See, what they didn’t know was once they got Gary Cooper in
touch with his feelings that they wouldn’t be able to shut him up! And
then it’s dysfunction this, and dysfunction that, and dysfunction
vaffancul!”122

Therapie wird hier von Tony als wortreiches feminines Geschwafel jenseits
mannhaft zupackender Wirklichkeit deklariert. In Dr. Melfis Therapie-
zimmer prallen seriell wiederkehrend verschiedene Wertesysteme
aufeinander: Die von Immigranten aus süditalienischen Dörfern vs. die
Einwohner des Grossraums New York, die von spiessiger Tradition vs.
aufgeschlossener Moderne, die von Mann vs. Frau und die von Verbrechen
vs. Aufklärung. Impressionen von ungezähmter Natur wechseln mit denen
von optimierten Wohnlandschaften: Tony und Jennifer sind als Unique
Selling Proposition gegenüber dem Anderen inszeniert: Jennifer auch als
Differenz zu den Frauen, mit denen Tony Beziehungen hat; Tony
seinerseits als Differenz zu Jennifers Männern.123

Zwischen diesen beiden Artefakten wird ein Konflikt inszeniert; das macht
es für den Zuschauer nötig, die Story zu seiner zu machen und immer
wieder neu selbst zu entscheiden, auf welcher Seite er stehen will. Im

121
Will Kane ist Marshall und flieht nicht vor einem Gangster, den er ins Gefängnis gebracht hat und der
angekündigt hat, ihn nach seiner Entlassung zu töten. Will Kane verlässt aber nicht die Stadt, sondern stellt sich
dem Kampf und erschiesst die Bande.
122
Pilot, Episode 1 von «The Sopranos»
123
Bei Tony seine elf Frauen, seine Schwester und seine Mutter. Bei Jennifer ihr Ex und ihr Supervisor.

72
Auge des Zuschauers hat die «rationale Wahrheit» der intellektuellen
Heldin Jennifer Melfi schlechte Karten:124 «Adam Tony» will einfach nicht
in den, ihm von «Eva Jennifer» dargereichten Apfel himmlischer
Aufklärung beissen. Er lebt sein Leben weiterhin quicklebendig125 unter
der Herrschaft seiner «unterirdischen Triebe» Geldgier, Sexualität und
Aggression. Völlig unbeeindruckt von den Einsichten in die Abgründe
seiner von frühkindlichen Erfahrungen nachhaltig traumatisierten Existenz.

Tony Soprano, ein Gangster, der nicht nur sein äusseres Publikum
verführen konnte, sondern auch diegetisch innerhalb der Serie seine ihn
von Wiederholungszwängen therapieren wollende Psychoanalytikerin zum
emotionsgeladenen Träumen bringt:126 Schon am Ende der ersten Folge
deuten kleine Zeichen darauf hin, dass Melfi im Begriff ist, den Mafiaboss
ins Herz zu schliessen. Sie möchte ihm gefallen, möchte verhindern, dass
er, wie am Ende der ersten Sitzung, türknallend davonläuft. In der
nächsten Sitzung ist Melfi wie zum Ausgehen angezogen: schwarze Bluse,
schwarzer, kurzer Rock, sexy Beine... Nach der brutalen Vergewaltigung
von Jennifer Melfi in einer Tiefgarage - der Vergewaltiger, der wenig
später verhaftet wird, muss aufgrund eines Verfahrensfehlers bei der
polizeilichen Ermittlung wieder auf freien Fuß gesetzt werden, Jennifer ist
entsetzt - träumt Dotoressa Melfi, wie «ihr Tony» in Gestalt einer zähne-
fletschenden Bulldogge ihrem Vergewaltiger zum finalen Biss an den Hals
springt… Problemlöser Tony muss ran, der als »wahrer Mann» auf dem
Weg zum Ziel weder formale Restriktionen noch Gewissensbisse kennt.

Resümee

«Das Zusammenprallen verschiedener Sphären des sozialen, ökono-


mischen, ästhetischen und emotionalen Amerikas um das Jahr 2000 … ist
aber nur ein Teil des Grundes dafür, dass die Sopranos auch heute, lange

124
So gesehen kann Jennifer Melfi als tragische Hellseherin vom Typ Kassandra des Jahrhundertwechsels
gelesen werden. Und als Kassandra steht Jennifer ihrerseits für die tragische Figur «kritische Theorie» in ihrem
hellsichtig vergeblichen Kampf gegen die diabolisch verführerischen Machenschaften der Kulturindustrie.
125
Authentisch erlebte körperliche und seelische Attacken machen die Projektionsfigur Tony nur umso
menschlicher
126
Hat Tony Jennifer ähnlich angezogen wie der freche Andreas Baader die gescheite Gudrun Ensslin?

73
Jahre nach dem Ende der Serie, immer wieder als die «beste Serie der
Fernsehgeschichte» bezeichnet werden. Denn neben dieser kombina-
torischen Leistung verbindet die Serie über sechs Staffeln hinweg
produktiv verschiedene Strukturen. Zwischen Familiendrama und
Verbrecherromanze, Ermittlungsthriller und Schelmengeschichte, Tragödie
und Farce haben sich die Sopranos zu einer der einflussreichsten
Produktionen des westlichen Fernsehens entwickelt.»127

«The best series on television are those in which two opposite things are
true at the same time, and The Sopranos is a perfect example: it has
exhausted the material and remains amazingly fresh. It’s very funny,
except it is also dead serious. This season is a lot like others, except that
it’s diffrent, and may be the most creative and richly imagined one yet: it
begins by going over old ground and yet something new and totally
suprising happens»:128 Die Sopranos sind die Differenz der Abweichung
von erzählerischen Normvorgaben, eine Abweichung, welche Handlung
und Zuschauer gleichermassen elektrisiert. Eine Art Fortsetzungsroman im
seriellen TV-Format, der narrative Mikro- und Makrostrukturen wieder-
erkennbar immer wieder innovativ überraschend verbindet. Mit
Erzählungs- und Spannungsbögen, welche die Konventionen und
Erwartungen der Zuschauer fortwährend ironisch unterwandern und am
Ende einer Staffel Lust erwecken, auch die nächste Staffel dieses «offenen
Kunstwerks» systematisch gestörter Ordnung vollständiger Unzuver-
lässigkeit zu kaufen. Die Sopranos spiegeln realistisch und verkaufs-
fördernd die Kontingenzerfahrung seiner Zuschauer wider, die jeden
Bereich ihres Lebens zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfasst hat: der
Zwischenraum zum Bildschirm wird zur Brücke, auf welcher der Zuschauer
sich selber begegnet. Tonys Story wird seine Story und das steigert ihren
Wert eminent. Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen zum
«Endowmenteffect» haben gezeigt, dass Probanden bereit waren, für «ihr

127
«Wie die Sopranos gemacht sind. Zur Poetik einer Fernsehserie». Vorwort, p. VIII
128
Alessandra Stanley, «Brutally and Betrayal, Back with a Vengance», in: The New York Times, 10.3.2006

74
eigenes Produkt» deutlich mehr zu zahlen oder zu fordern, als für ein
fremdes.129 Inszenierte (Anti)Helden der Kulturindustrie laden ihre
Konsumenten dazu ein, sie als projektive Identifikationsfiguren, kurzum
als ihr Alter Ego käuflich zu erwerben und sich damit risikolos selbst zu
vergrössern.

Die Spannung der Inszenierung Tony Soprano beruht auch auf der
zwischen einer spiessigen Oberfläche des banalen Alltags und einem
komplexen unbewussten Seelenleben. Tony Soprano repräsentiert den
Sieg der Oberfläche Macho & Gangsterboss über das unsichtbare aber
höchst lebendige und vielfältig zerrissene psychische Innere. Die Differenz
zwischen seinem Inneren und seinem Äusseren treibt Tony in einer Art
und Weise voran, die ihm selber mehr verborgen ist als seinen
Zuschauern.

Dr. Melfis Therapiezimmer inszeniert vor den Augen von Millionen


Zuschauern eine «Refiguration» des sozialen Raumes «psychoanalytische
Therapie». Tony Soprano ist die ganzheitlich inszenierte Leitfigur der TV-
Serie, deren weit jenseits jeglicher Moral ausgelebte Freiheit nicht in das
Schema der Psychoanalyse oder das einer institutionalisierten Vernunft
passt. Bei der Figur Tony Soprano prallt die digitale Logik logischer
Zeichensysteme abendländischer Kultur auf die ambivalente Wirklichkeit
eines prallen, von logischer Wahrheit nicht zu bändigenden Lebens.130
Tonys grenzenlose Freiheit mag zwar von in seiner Analyse plausibel
aufgespürten traumatischen Wiederholungszwängen mitgesteuert sein,
ihre spontane und unvorhersehbare Lebendigkeit kann aber nicht durch
intellektuelle Einsichten in ihre biographischen Ursachen geheilt werden:
Geistlos protziger Schwabbelspiesser gegen attraktive, empathische
Intellektuelle: Im Duell mit Tonys «innerer Freiheit» zieht Jennifers
«äussere Vernunft», die den Eskapaden mafiösen Neokapitalismus’ ihr

129
Richard Thaler (USA) und Daniel Kahneman, (Israel) beide Gewinner des Nobelpreises für Ökonomie.
Kahneman hält «Sex» für den wichtigsten Glücksbringer, insbesondere bei den Gebildeten
130
Einem kaufkräftigen Millionenpublikum von 1999 – 2007 als Beziehungsgeschichte zwischen der attraktiven
und empathisch-einsichtigen Psycho-Analytikerin Dr. Jennifer Melfi und dem spiessigen Mobster und
Schürzenjäger Tony Soprano vor Augen geführt.

75
Modell von «Empathie, Einsicht und Heilen» entgegensetzen will, den
Kürzeren. Der fundamentale Unterschied zwischen diesen beiden so nah
und doch so fern zueinander gehörenden Held(inn)en provoziert die
Wertegefühle und das Selbstwertgefühl der Zuschauer.

Der Typus «egoistischer erfolgreicher Verbrecher Tony Soprano» fand in


Europa deutlich weniger Zuspruch als in den USA. Bei den Sopranos wird,
vor dem Hintergrund einer Mischung von italo-amerikanischem Gangster-
Film und Soap-Opera, dem Klischee des «starken weissen Mannes» (Blick-
fang und barocker Bariton Tony Soprano) das Klischee der Vernunft (die
empathisch attraktive Intellektuelle Dr. Jennifer Melfi) mit seinem thera-
peutischen Ansatz «Heilung durch Bewusstsein» gegenüber gestellt, bei
dem auch das «uralte Thema Mann-Frau» in all seinen Facetten nicht zu
kurz kommt…131

Wie schon beim «talentierten Mr. Ripley» wird auch die Geschichte des
Gangsters Tony Soprano – wie schon Tom ein impulsiv handelnder
«Akteur der Apotheose des Augenblicks» - von innen heraus erzählt - der
Zuschauer sieht mehrmals Tonys Erinnerungen, Halluzinationen und
Träume; damit ist, wie schon beim talentierten Tom Ripley, die Basis für
eine emotional fundierte Identifikation mit den Beweggründen zu
unvorhersehbaren, spontanen Handlungen gelegt, die den Zuschauer
Tonys Sicht auf seine beiden Familien, seine Welt und sich selbst sehen
lässt. Auch der mit Tonys Augen blickende Zuschauer empfindet keine
Unheimlichkeit vor seiner Umwelt – er ist gewiss, sich um seinen Helden
keine Sorgen machen zu müssen…

131
Tonys Attraktivität als Identifikationsfigur basiert nicht zuletzt auf der innovativen Differenz, mit der er sich
von klassischen Helden-Typus Hollywoods, genauso wie von Jennifer Melfis akademisch gebildeten Männern
abhebt – mit ihrem Supervisor Kupferberg spricht sie über «Kant»… Die Beziehung «Mann-Frau» wird in den
ganzen Sopranos im Stil einer Soap Opera als fundmentale Differenz inszeniert. Mit welchen Tricks versucht die
KI ihr einfaches Publikum assoziativ anzusprechen? Ist die animalische Deutung an den Haaren herbeigezogen,
dass die als empathisch aufgeschlossene Intellektuelle gezeichnete Jennifer unter ihrer Oberfläche «rattenscharf»
auf ihren so total anderen Patienten, den «wahrhaften Mann» Tony ist? – auf der Reunion der Schauspieler 2019
erzählt Jennifers Darstellerin Lorraine Bracco, «he was a paine in my ass»…dass James Gandolfini einmal einen
Strip hingelegt und getanzt hätte, wie die Kamera nach einem langen Monolog von Tony auf sie geschwenkt
hätte (ca. min. 26:40 im Video der Reunion)…

76
Vielleicht reflektiert die Kulturindustrie mit Tony Soprano ja das
Zusammenbrechen der Illusion, dass das Ganze und seine Macht mehr
seien als die Summe ihrer Teile und dass sein Machtzentrum auf dem Pfad
von Hegels Weltgeist zwangsläufig «teleo-logisch» von Familien auf
Regionen, auf Nationalstaaten, auf Europa oder gar die Weltgemeinschaft
übergegangen sei – in der historischen Wirklichkeit stieg mit der Weite
des Raums die Komplexität seines Machtgefüges überproportional. Die
Hoffnung, ein System werde nur durch seine überlegene Attraktivität und
gänzlich ohne gewaltbereite Abschreckung und knallharte Verfolgung
seiner Feinde nur durch ein gutes Argument zusammengehalten und
könne sich auch so immer weiter und, den Gesetzen der Netzwerk-
ökonomie folgend, mit zunehmender Grösse auch immer leichter
ausbreiten, erwies sich als trügerisch. Anschaulich zur Identifikation
einladend zeigt Anti-Held Tony Soprano als Anti-These rationaler Vernunft,
dass die Erweiterung individueller Handlungsräume mit der Erweiterung
krimineller Macht einhergeht und dass der Wert der Schattenwirtschaft in
der Unterwelt unschätzbar gross sein kann. Eine Macht, die Tony, clever
die Gunst der Stunde zur Selbstoptimierung nutzend, spontan, ganz im
Sinne seiner empathisch mitfühlenden Betrachter, nur sein persönliches
Wohlergehen oder das seiner Familie im Auge, ein- und umsetzt. In Zeiten
neoliberaler Deregulierung verkörpert Tony die Bereitschaft individueller
Risikonahme.

Schon dem talentierten Mr. Ripley gelang es 1955 durch spontanes


Morden seine Leser für sich einzunehmen und der Strafverfolgung und
seinen Häschern zu entkommen; Mobster und Familienvater Tony Soprano
gelingt es auf der Höhe seiner Zeit ein halbes Jahrhundert später, die ihn
verfolgende Polizei im Auge seiner hämisch grinsenden Betrachter wirklich
alt aussehen zu lassen.132 Das für Verbrechergeschichten seit jeher
zentrale Spannungsmoment erwischt zu werden ist bei Tony Soprano
weitgehend verschwunden. Auch Tonys Frau Carmella weiss von seinen

132
Der Versuch des FBI in Tonys Keller ein Mikrofon zu platzieren (Staffel 3, Ep. 1 (27)) wird in Form einer
Komödie präsentiert, wenn sie sich dabei in tölpelhaft lächerlicher Art an gesetzliche Vorgaben halten

77
unzähligen Seitensprüngen; ihre «Rache» mit einem Priester wirkt aber
konstruiert und kommt aus der Perspektive des Zuschauers emotional
nicht in die Gänge…

Eine auf die Aufarbeitung vergangener Klischees zielende Interpretation


könnte Tony bescheinigen, den um seine Identität am Anfang des 21.
Jahrhunderts besorgten weissen Mann – im Kontext des American Way of
Life noch Inbegriff regelkonformer Normalität - raffiniert auf die Schippe
zu nehmen. Dann repräsentierte Tony das augenzwinkernde Zitieren des
Klischees der Allmachts-Phantasien des zunehmend aus der Mode
kommenden und in der postpolemogenen Kultur unter Wettbewerbsdruck
trendartig schwächelnden sozialen Designs des starken weissen Mannes.
Die Möglichkeit dieser kritischen Perspektive würde die Begeisterung
erklären, mit der die Inszenierung «The Sopranos» von Anfang an bei der
kritischen Kultur-Elite aufgenommen worden ist.

Letztendlich ist Tony eine ambivalente Kippfigur, die Klischees zugleich


bedient wie auch satirisch hinterfragt - eine notwendige Bedingung für
massenhafte Resonanz beim zahlenden Publikum.133 Das kulturelle
Vakuum seiner Zeit lesend, hat Tony als innovativ inszenierte
Projektionsfläche sein Publikum in jedem Fall «abgeholt». Und einmal
mehr bestätigt, dass kultureller Wettbewerb an der Ladenkasse eine
«Erfindungs-Maschine» ist.

Während Patricia Highsmith 1955 mit ihrem «talentierten Mr. Ripley» noch
innovativ die zur Identifikation einladende Innenperspektive eines
mordenden Nichts auf seinem Weg nach oben in die höhere Gesellschaft
skizziert hat, repräsentiert Tony Soprano ein halbes Jahrhundert später

133
Erfolgreiche Texte (im kulturwissenschaftlich breiten Sinne) weisen prinzipiell eine doppelte
Adressatenstruktur auf. Sie wenden sich zunächst an den naiven Leser, der das Werk als rein semantisches
Gebilde wahrnimmt und zum Opfer der Strategien des Autors werden kann – gleichzeitig aber auch an einen
kritischem Leser, der die Serialität der Serie geniesst, und zwar nicht so sehr wegen der Wiederkehr des
Immergleichen (das der naive Leser für immer verschieden hält), sondern wegen der Variationsstrategien
beziehungsweise der Art, wie das Immergleiche behandelt wird, um es jeweils verschieden erscheinen zu lassen.
Siehe dazu: Umberto Eco Die Innovation des Seriellen, in: Ders. Über Spiegel und andere Phänomene,
München 1988, S. 155-180

78
das authentisch inszenierte Anti-Helden Klischee134 eines ganz offen, ohne
sich dabei noch verstecken müssenden, nur noch den Gesetzen freier
Selbstoptimierung folgenden, höchst einfach gestrickten und zur
Projektion einladenden Machos und Gangsters. Rebellisch inszenierte und
erotisch aufgeladene Gangsterpaare der späten 60er sind als Spiegel der
Gesellschaft 30 Jahre später von einem selbstoptimierenden Schwabbel-
spiesser von der projektiven Bühne populären Erfolges gestossen worden.

Mit Dr. Jennifer Melfi wird dem Klischee des starken weissen Mannes Tony
das Klischee Empathie + Heilung durch Bewusstsein konfrontativ zur Seite
gestellt… nicht nur der starke weisse Mann, auch einfühlsame Vernunft ist
zum Klischee geworden, das bei den Sopranos unter Beifallstürmen von
Millionen Zuschauern im Kampf mit der spontan überwältigenden Macht
unbewusster Emotionen des starken weissen Mannes den Kürzeren zieht…

Tony Soprano bediente und hinterfragte das Klischee des starken weissen
Mannes gleichermassen und konnte so den Markt abräumen. Das Format
Gegner und Frauen gleichermassen abschiessender, triebhaft gesteuerter
Schwabbel-Spiesser der Vorort-Unkultur von New Jersey hat dem Klischee
Anti-Held innovativ eine neue, bis zu seinem Auftritt unvorstellbar
hässliche Gestalt135 hinzugefügt. Sätze wie «der Sex war unglaublich, aber
dann wollte er mir ein Gedicht vorlesen», sind aus dem Mund auch von
nur einer von «Tonys vielen Frauen» absolut unvorstellbar.

Der sich selbst authentisch verwirklichende Gangster Tony muss sich nicht
mehr, wie ein halbes Jahrhundert vorher das Nichts Tom Ripley, in der
Gesellschaft maskieren. Das früher zentrale Spannungsmoment vom «Arm
des Gesetzes» erwischt zu werden ist weitgehend verschwunden, ohne
dadurch Spannung und Attraktivität dieser Mafia-Serie zu beeinträchtigen.
Eine Serie, die im weitesten Sinne auch als psychologische Nabelschau
einer poly-morphen Gesellschaft charakterisiert werden kann.

134
Das Zitieren wiedererkennbarer Klischees könnte auch die Bedingung des Erfolges populistischer
Demagogen sein
135
Der «Quasimodo» des beginnenden 21. Jahrhunderts

79
Warum wirkt Tony Soprano auf Millionen Zuschauer verschiedenster
kultureller Gewichtsklassen so attraktiv?
- Eine Generation nach den Rolling Stones repräsentiert Tony den
neuen Sound des «Sympathy for the devil»
- Eine in einnehmender Raumfülle menschlich formatierte, sowie seine
Zuschauer ansprechende Erfolgsgeschichte im knallharten Business
unter wahren Männern und bei Frauen.
- ein komplexes, ihm selbst verschlossenes und im Namen der
Freiheit seiner authentisch ausgelebten Instinkte verdrängtes,
Seelenleben; selbstgewiss und zugriffssicher geschützt vor den
einfühlsamen Einsichten einer intelligenten und attraktiven Frau.
- Seine vielfältigen kleinen und grossen Probleme - auch Tony wird
nichts geschenkt - verbinden ihn mit seinen Zuschauern und
machen ihn mit all seinen Depressionen und Panikattacken, seinen
privaten und beruflichen Katastrophen sowie seinen notgeborenen
Lügen zu einem Helden ihres Alltags.136

M. E. repräsentieren die Sopranos aber mitnichten einen tendenziell


depressiven «Endzeit-Blick» auf die US-amerikanische Gesellschaft der
Jahrhundertwende: Sie zeigen vielmehr die sprachlose Sehnsüchte
zahlungskräftiger Bevölkerungsgruppen spürende und formende
Innovationskraft der Dialektik von industriell organisierten Heldenepen,
die bestehende Helden-Formate mit noch vor kurzem völlig unvorstell-
baren Gestalten von Anti-Helden auf der Bühne der Öffentlichkeit zum
Schaukampf herausfordert. In einem Wettbewerb um das Aufspüren und
Bedienen kollektiver Sehnsüchte, der von der Kulturindustrie als blinder
Seher, bzw. «blinder Hand ihres Marktes» organisiert wird. Ihr ober-
flächlicher Erfolg verweist im Umkehrschluss auf die Schwächen einer
Heilkräfte durch tiefe Einsichten vermitteln wollenden Aufklärung. Bei der
Produktion von Anti-Helden steht «erkenne dich selbst!» nicht im Vorder-
grund. Ein nach wie vor ungebrochener Mechanismus, auch wenn das 20.

136
Inzwischen sind «psychische Probleme» von Stars zur millionenfach «gelikten» Verkaufsstrategie geworden

80
Jahrhundert zur Genüge gezeigt hat, zu welchen realen Grob- und
Grausamkeiten der projektive Geschmack an der Rückkehr zu harten
Tatsachen fähig ist. Mussolini soll den Faschismus als Horror vor dem
bequemen Leben definiert haben - zeigte sich in der praktizierten Realität
zwischenmenschlicher Gewalt die menschenverachtende Gefahr der
Verbannung von populären Gangstergeschichten ins kulturelle Abseits?
Gangstergeschichten, die ihrem zahlenden Publikum die Möglichkeit
sublimer Triebabfuhr offerieren? Inwieweit repräsentiert auch Showman
Donald Trump diese Möglichkeit? Dann wäre er und sein Kampf auch als
ein auf der Grenze zur Realität balancierendes Kultur-Phänomen zu
interpretieren. In einer Kultur vom Typ Hitparade, in der verschiedene
Lebensweisen anschaulich populär und kämpferisch thematisiert werden.
Wenn sich der mächtigste Mann der Welt als Projektionsfläche vor
Millionen Zuschauern mit einer an ein Schwert erinnernden Bibel in der
erhobenen Rechten inszeniert und so auf dem Weg zu «Make America
Great Again» (MAGA) den kampfbereiten Überdruss an unamerikanisch-
bequemer, zivilisierter Zurückhaltung symbolisiert.

81
Rückblick und Fazit

Ein am lateinischen «Cultura» orientierter Kultur-Begriff hat uns Kultur als


Phänomen alltäglichen Lebens verstehen lassen, das auf die Befriedigung
des menschlichen Grundbedürfnisses nach geistiger Auseinandersetzung
mit der Umwelt ausgerichtet ist. Kultur als «erfundenes System», das als
zwischenmenschliches Phänomen nicht ohne Verbreitung und Vermittlung
existieren kann. Ursprünglich war Kultur die «Distributionsmaschine» des
«reinen Geistes» und seinen Vorstellungen von den Bedingungen und
Gesetzen der Welt. Ein Vermittlungsprozess, der seit der Erfindung des
Buchdrucks als technologischer Missionsmethode zunehmend industriell
geprägt war. Seit dem Beginn der Kulturindustrie vor ca. 100 Jahren
kann man eine zunehmende Rückwirkung von der Art der Verbreitung auf
die Inhalte der Kultur beobachten: Massenwirksame Kultur wurde
zunehmend «industriell» produziert, ein Prozess, in dem sich Form und
Inhalt zunehmend wechselseitig beeinflussten. Projektionsflächen und
Identifikationsfiguren, welche die Masse ansprachen und ihr das knappe
Geld aus der Tasche locken konnten, unterschieden sich von denen der
Elite. Die Kulturindustrie hat gewissermassen die Kultur vom Kopf auf die
Füsse gestellt.

Geist und Kultur brauchen Distanzen und Unterschiede. Diese können sich
in Form von Kurzgeschichten als verständliches Klischee zwischen
Menschen ausbreiten. Natürliche Ordnungen sind durch das Gesetz der
grossen Zahl charakterisiert. Im Unterschied dazu sind erfundene
Systeme durch grosse Differenzen charakterisiert137. Deswegen habe ich
«Kultur als Massenphänomen» seit Homer und seinem neuen Helden-
typus, dem «Krieger des Geistes» Odysseus, durch die Brille der «Kultur-
Industrie» analysiert, obwohl dieser Begriff erst seit dem 20. Jahrhundert
existiert.

137
Mathematisch erfassbar mittels des «Gini-Index»

82
Differenz steht am Anfang von Leben und Kultur: Der Kampf und der
Wettbewerb zwischen Gut und Böse sowie der zwischen Lüge und Wahr-
heit haben das Leben auf der Kugeloberfläche «unseres blauen Planeten»
lebenstüchtiger gemacht: Das Gute und die Wahrheit haben nicht gesiegt,
sondern wurden fortwährend immer wieder von einem cleveren Gegen-
spieler wie aus dem Nichts eines Vakuums herausgefordert.138

In einem perfekten Text kann jedes Wort weggelassen und aus dem
Kontext erschlossen werden: Eine zentrale Herausforderung jeglicher
Innovationstheorie ist, dass effektive Neuerungen nicht aus dem Alten
abgeleitet, sondern nur unberechenbar aus dem Nichts seines Vakuums
erfolgen und die Sprache von Mitteilungen dynamisch neu formatieren; so
wie es auch in einem Fussballmatch immer wieder Situationen gibt, in der
nur ganz besondere Spieler mit unvorhersehbaren Aktionen ein festge-
fahrenes Spiel noch wenden können. Natürlich kann in geschlossenen
Räumen der Schutz des Alten das Aufkommen des Neuen verhindern:
Diese tautologisch banale Feststellung in der gesellschaftlichen Praxis
umzusetzen und aufrecht zu erhalten ist freilich etwas völlig anderes.139
Wesentliche Faktoren des Herausführens des Menschen aus seiner selbst-
verschuldeten Unproduktivität war die Öffnung alter Strukturen in Form
von Arbeitsteilung, Geld und Umsatz sowie Bildung. Der nachfolgende
Erfolg war begleitet von grossen Differenzen in Einkommen und Ver-
mögen. Neue Differenzen, die den «Wohlstand der Nationen» auch in der
Masse trendartig gesteigert haben – Lebenserwartung, Realeinkommen
und Bildung stiegen trendartig in allen Bevölkerungsgruppen, auch wenn
die «dummen Armen» zwar immer besser und länger, aber immer noch
deutlich weniger lang und immer noch substantiell schlechter lebten als
die «cleveren Reichen».

138
Ohne die Investitionen mexikanischer und italienischer Drogenbosse hätte die Finanzkrise 2008/2009 viel
härter zugeschlagen. Denn schließlich, machten die Gewinne der Narcoindustrie mehr als ein Drittel der Verluste
des Bankensystems aus, die der Internationale Währungsfonds für 2009 angab. (Roberto Saviano: Zero, Zero,
Zero. Pengoin Books Ltd. 2016)
139
Nordkorea hat den weltweit mit weitem Abstand höchsten Anteil der Militärs am BIP (25%). Alle anderen
sind deutlich < 10%. Eine nur mit Gewalt mögliche Aufrechterhaltung des Bestehenden mit absehbarem Ende

83
Aufstieg in der gesellschaftlichen Pyramide war und ist möglich, aber es
hat sich als unrealistisch erwiesen, erfundene Systeme menschlichen
Zusammenlebens von der Form einer kapitalistischen Pyramide zu einem
sozialistischen Würfel mit gleicher Kantenlänge zu machen.140

Kulturindustrie und Bildung wussten immer wieder Ein-Bildung ideen-


geberisch anzusprechen, die Wirklichkeit visionär zu tunneln und resonant
herauszufordern. Aufstieg war zunehmend systematisch mit Innovationen
verbunden, die alte Mächte im Geist einer neuen Zeit wirksam hinter-
fragten und herausforderten.141 Aber die Ausbeutungsverschiebung vom
Menschen zulasten einer technisch effizient bearbeiteten und recycelten
sowie gerecht verteilten Umwelt hat sich in der Praxis trotz trendartiger
und nahezu unglaublicher Fortschritte als nicht nachhaltiger Wunschtraum
erwiesen.

Rückwirkungen und Herausforderungen der Öffnung: Aktuell, »in den


Zeiten der Cholera», zeigt die Offenheit gegenüber Neuem in einem
vielfältig differenzierten und komplex abgestimmten Alltag auch die
hässliche Fratze grenzenloser Globalisierung. Seit dem «Club of Rome»
prophezeit das Orakel von Delphi, wissenschaftlich und auch von in den
Medien geschürten Panikwellen unterstützt, der ganzen Menschheit sich
durch ihre keine Grenzen mehr kennenden Kinder auf dem Trampelpfad
ungebremsten Wachstums zu Tode zu fressen und zu amüsieren: globaler
Fortschritt fördert(e) und vergrössert(e) die Distanz zwischen den

140
Kommunismus und Sozialismus haben die idealtypische Geometrie eines Würfels. Beide haben sich als
relativ statisch und gegenüber neuen Herausforderungen als wenig reagibel erwiesen. Es ist kein Zufall, dass das
(Pleite)Ende des Warschauer Pakts mit dem innovativen und von Reagan finanziell massiv unterstützten IT-
Boom der 80er zusammengefallen ist. Erfolgreich waren Gesellschaften, die in einer zukunftsoffenen
Gegenwart Bildungsinitiativen, Wissenschaft und Technologie mit der relativ ungehinderten Implementierung
von Innovationen kombinieren konnten. Es ist kein Zufall, dass Microsoft, Apple, Google und Amazon in den
USA von jungen Männern gegründet wurden. Es ist auch völlig ausgeschlossen, dass der chinesische Erfolg a la
Ali Baba (hochprofitabler chinesischer Konkurrent von Amazon) auf staatlichen Dirigismus zurückgeht.
141
Die höchstbewerteten Firmen der Welt – Apple, Google-Alphabet – kommen alle aus der digitalen Internet-
Branche und bieten zigtausend gut bezahlte Arbeitsplätze ständig neuer Herausforderungen. Grosse Ausnahme:
Amazon – Jeff Bazos und sein Supercomputer wurde zu DEM Mittelsmann des Internets mit hunderttausenden
schlecht bezahlten, standardisiert durch-getakteten und leicht austauschbaren Arbeitsplätzen in hunderten von
Lagern und tausenden Lieferwägen. Sein grösster Konkurrent, Jack Ma von ALIBABA aus dem
kommunistischen China, wächst schneller und profitabler, weil er sich auf die digitale Vermittlung zwischen
Produzenten und Kunden beschränkt – kommunistischer Erfolg auf der kapitalistischen Überholspur: ein
Paradebeispiel für negative Dialektik im 21. Jahrhundert.

84
Generationen trendartig: Fortschritt durch ein nicht innehalten könnendes
«immer weiter, immer höher» als moderne Fluchtbewegung vor den
«Altvorderen» erfüllt die uralte Prophezeiung eines schicksalhaften
Vatermordes, nur dass der Vater inzwischen für die Menschheit in toto
steht. Der intra-nationale Distanz-Vergrösserer inter-nationale
Globalisierung durch «global players» ist das ödipale Narrativ der
Postmoderne, welches das hohle Pferd mit Erderwärmung und
Virus im Bauch unaufhaltsam in die Stadtmauern der alten Welt
gezogen hat. Dadurch wurde das traditionelle Gesellschaftsprinzip
«interne Bindung wir» minus «externe Abstossung die Anderen» obsolet
und von einer raumgreifenden Singularisierung abgelöst. Ein Prozess, der
in der «Ich-Dekade» der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts angestossen
wurde. Traditionelle Einbindungskategorien wie Religion, Ethnizität,
Geschlecht oder Regionalität verlieren ihre Funktion einer globalen
Einbindung und werden im Gegenzug dazu zu der Ausgrenzung von und
der Ermächtigung (empowerment) gegenüber anderen benutzt.142

Ich bezweifle aber die nachhaltig läuternde Wirkung der aktuellen


Aufführung «trojanischer Virus» auf Spassgesellschaft und Pop-bunte
Lebenswelt: «respektvoller Konsum» wird ein elitäres Nischenphänomen
bleiben. Auf der anderen Seite scheinen das "Große", das "Absolute", das
"Unbedingte" ihren Reiz auf Vertreter einer jüngeren Generation
keineswegs verloren zu haben. Vielleicht werden ja auch die Fridays-for-
Future-Kids, wie schon ihre gewaltig bewegten Vorfahren, gegen ein
unmenschliches und nicht lernfähiges System im Namen der Menschheit
zu den Waffen greifen. 143 Das schuldbewusste Nachsinnen über die Folgen

142
die von Judith Butler angestossene Gender-Diskussion des Feminismus zeigt sich wie das Profiling von
Wählergruppen als Gesellschafts-Technik der Individualisierung. Der (Rück)Schritt zum « bellum omnium
contra omnes», der gem. Hobbes von der «Kultur» abgelöst wurde, ist nicht mehr weit. Die (westlichen)
„Abstiegsgesellschaften“ unserer Zeit sind von einer zunehmenden „Desintegration“ wachsender
Bevölkerungsgruppen an Teilsystemen wie Politik, Arbeit, Recht oder Bildung und einer „Verwilderung des
sozialen Konflikts“ gekennzeichnet. Traditionelle Milieus und Lebenswelten der industriellen Moderne weisen
zunehmend Phänomene ressentiment-geleiteter „Entzivilisierungen“ auf. Das Erodieren der Wohlfahrtsstaaten
und ihrer Gleichheitsideale und Aufstiegsversprechen, wie sie die westlichen Gesellschaften der Nachkriegszeit
noch bis tief in die zweite Hälfte des 20. Jahr-hunderts prägten, rufen als Reaktionen nicht selten neue
Exklusionen auf den Plan.
143
Werden wir noch eine schwarze Version des Ku-Klux-Klans mit grosser Medienresonanz erleben?

85
vergessener Rebellion, den Zeitpunkt verpasst zu haben, in dem man in
den Widerstand hätte gehen müssen, ist als Hintergrundmusik nicht von
der Bühne gesellschaftskritischer Diskurse in Wissenschaft und Feuilleton
verschwunden. Drehbuch, Versprechen medialer Präsenz sowie system-
kritischer Resonanzkörper stünden für eine Neuauflage bewaffneten
Widerstands abrufbar parat…

Was ist das Gemeinsame der aufgezeigten Differenzen, mit denen die
Geschichten unsere vier (Anti)Helden Odysseus, Tom Ripley, der Schakal,
Baader-Meinhof und Tony Soprano elektrisiert wurden? Alle Stories
vermochten ihr Publikum emotional unmittelbar anzusprechen und zu
positionieren, bevor die Ratio die Macht ergreifen konnte. Alle (Anti)-
Helden haben eine(n) klare(n) Gegenspieler*in und die Differenz zu ihm
treibt eine (erotisch verpackte) Kampfhandlung oder Auseinandersetzung
voran. Nur «der Schakal» konnte, als die Regel bestätigende Ausnahmen,
seinen Kampf nicht gewinnen.

Schon in der Antike waren erfolgreiche Geschichten oftmals mit blutigem


Kampf und Eros verpackt. Das setzt ein dickes Fragezeichen hinter die
Definition «Kultur bedeutet den Verzicht auf Gewalt». Zuallererst basiert
Kultur auf elektrisierenden Differenzen. In unseren vier Beispielen,
wurden Differenzen des menschlichen Zwischenraums nur zwischen Tony
Soprano und Jennifer Melfi verbal-friedfertig ausgetragen. Bei den
Innovatoren Odysseus, Tom Ripley und dem Schakal elektrisierten
Differenzen Mord und Totschlag mit Millionenauflage.

Eine wesentliche, hier aber nicht weiter analysierte Differenz zwischen


Odysseus und dem Schakal auf der einen, sowie Tom Ripley und Tony
Soprano auf der anderen Seite ist, dass das Handeln Letzterer ungeplant,
authentisch-spontan inszeniert wurde, während Erstere sich in die Welt
ihres Gegners hineinversetzten und ihren Plan «empathisch raffiniert»
ausheckten. Als Modell hat der böswillige, raffiniert planende, clevere
Gangster auf dem Weg des Erfolges mit dem spontan handelnden, in

86
seiner Gegenwart nicht von bösen Plänen geleiteten, sondern aus seinem
tiefsten Inneren heraus, triebhaft-impulsiv getriebenen Typen eine
gleichwertige Projektionsfläche und Identifikationsfigur erhalten. Ob das
im Auge des Zuschauers, und damit erfolgsursächlich, als Befreiung der
Gegenwart von ihrer Vergangenheit in Namen einer sich spontan
verwirklichenden Freiheit oder im psychoanalytischen Sinne gerade
umgekehrt, als Weiterwirken einer nicht bewältigten Vergangenheit in der
Gegenwart erschien, will ich hier nicht weiter erörtern. Ich favorisiere aber
heute, ein Jahrhundert nach Dr. Freud, die Verpackung «Freiheit» als das
erfolgversprechendere Modell für den Verkauf von Verbrechergeschichten
als das traditionell-intellektuelle, zur aufklärerischen Therapie Selbst-
erkenntnis einladende Klischee «Widerholungs-Schicksal unbewältigtes
Trauma».

(Odysseus), Tom Ripley, der Schakal und Tony Soprano waren


Innovatoren, die das innovativ-lebendige «Klischee Gangster» bereichert
haben. Bereichert haben sie auch sich selber, für das Nehmen unter-
nehmerischen Risikos wurden sie gut entschädigt und lebten – im Falle
des Schakals «starben» - auf ihrem riskanten Pfad negativer Dialektik
überdurchschnittlich gut.

Schlussfolgerung: «Kampf ums Leben, Eros, Spannung und Erfolg»


scheinen über zweieinhalb Jahrtausende hinweg Bedingungen erfolg-
reicher, als Projektionsfläche funktionierender Heldenepen zu sein.
Mit steigender Reichweite der Medien konnte die Kulturindustrie im 20.
Jahrhundert zunehmend sensitiv auf kulturelle Leere reagieren und diese
bei trendartig fallenden «pro-Kopf-Kosten der Distribution» zunehmend
effizient mit emotional gestrickten Innovationen beliefern, die im
Wettbewerb aber schnell wieder vergessen wurden, wenn es ihnen nicht
gelang im Publikum als Narrativ zu resonieren und in der Folge als
Klischee zum zitierfähigen allgemeinen Wahrnehmungsmuster zu werden.

87
Das Portfolio des Klischees «Held vs. Anti-Held» ist in der Kultur-Industrie
der letzten 130 Jahre breit gefächert und hat viele Gesichter:
- Bei Sir Arthur Conan Doyle der Kampf zweier Superhirne «Holmes»
und «Moriatry», ein Modell das von Fredericks Forsyths Schakal
wieder aufgenommen wird.144
- Ganz anders bei Patricia Highsmith und David Chase’ Sopranos: Bei
beiden wurden ehemalige Spottfiguren der Kultur-Elite vor einem
Millionenpublikum innovativ zu erfolgreichen Anti-Helden, als gegen
eine vermeintlich notwendige Geschichte handelnde Akteure einer
selbstbestimmten Gegenwart inszeniert.

Die Einladung zur Identifikation mit Verbrechern hat Methode: Das


Publikum kann Toms und Tonys Taten aufgrund der Erzählperspektive
«von innen heraus» nachvollziehen; es kennt Tom und Tony besser als sie
selbst und so sind ihm im Lauf der Geschichte ans Herz gewachsen.145
Leser und Zuschauer sind ihren Identifikationsfiguren emotional
verbunden, sie wollen wissen, wie ihre Geschichte weitergeht und
profitieren innerlich von den erfolgreichen Gaunereien und Morden ihres
«Alter Egos», das die Grenzen ihres langweiligen, zivilisiert gesetzestreuen
Lebens zum gelobten Land wahrhaftig gelebter Freiheit überschreitet. Tom
und Tony sind als projektive (Anti)-Helden und nicht als Opfer ihres
Schicksals inszeniert. Sie nehmen in einer Phase kulturellen Umbruchs146
ihr Schicksal selbst in die Hand.

Hypothese: Verbrechen verkauft sich am Markt zunehmend besser als


triebhafte Erfolgsgeschichte des Nicht-erwischt-werdens (Ripley/Soprano).
Verbrechen lohnt sich nicht hat als überzeugende und Kassen klingeln

144
Baader-Meinhof belegen, dass «Superhirn» und «Verblendung» oft zwei Seiten der gleichen Medaille sind
und dass Zulauf nichts mit Durchblick zu tun haben muss. Ihr Ende war «marktgerecht»
145
Die Verbindung mit dem «messenger» kommt vor der mit der «message». Die mit dem messenger ist die
«Massagge». Eine gute und erfolgreiche Geschichte vermittelt nicht Informationen, sondern verbindet Erzähler
und Zuhörer emotional.
146
Mitte der 50er Jahre bekam der Siegestaumel des US-amerikanischen Sieges im zweiten Weltkrieg die ersten
Risse: Der «American Way of Life» wurde nicht mehr als der einzig seligmachende angesehen (offener
Systemkonflikt mit der Sowjet Union, Jugendrebellion). Ein Muster, das sich Ende der 90-er Jahren wiederholte,
als zunehmend klar wurde, dass mit dem Ende des Warschauer Pakts nicht das «Ende der Geschichte»
eingeläutet worden war.

88
lassende Botschaft ausgedient; Spannung muss nicht auf die Angst vor
oder den Wunsch nach dem «Erwischt-werden» beschränkt sein.
Es könnte Sinn machen, die Verkaufserfolge der heutigen Kultur daraufhin
zu untersuchen, welche Vakua sie bebildern und von welch ferner Zukunft
sie künden könnten.147 Können wir eine wissenschaftlich skizzierte ferne
Zukunft wirklich gegenwärtig verhandeln, wenn die Daten eine klare
Sprache sprechen oder zeigt es sich als naive Wissenschaftsgläubigkeit,
dass unbewusst gesteuerte Menschen ihr Verhalten ändern, wenn seine
Konsequenzen wissenschaftlich aufgezeigt werden, aber nicht im Geld-
beutel spürbar sind? In diesem Zusammenhang stellt sich die grundsätz-
liche Frage, inwieweit Sozial- und Human-Wissenschaften mit Zeitphäno-
menen und Zeit-Zusammenhängen zu tun haben, die über eine chrono-
logisch ablaufende physikalische Zeit hinausgehen? Nicht nur analysieren
und reagieren, sondern die Gesellschaft hellseherisch auf ihre Zukunft
vorzubereiten und ihren unsichtbaren Sehnsüchten und Ängsten Gestalt
zu geben. M. a. W., stehen Sozial- und Human-wissenschaften vor der
Aufgabe, das Orakel von Delphi in neuer Form zu revitalisieren und den
Menschen auf eine offene Zukunft vorzubereiten? Gibt es einen Ausweg
aus erfundenen Beziehungen oder führt der mit zunehmender Grösse der
Geschichte nur in ein noch grösseres, noch unentrinnbareres Gefängnis
negativer Dialektik? Auch für Verbrecher gilt, je grösser und erfolgreicher
sie werden, umso weniger können sie nur nach individuell gesetzten
Regeln leben.148

Die Erfindung der Zukunft

Es gibt zwei Arten chaotischer Systeme. Systeme erster (natürlicher)


Ordnung lassen sich nicht von Vorhersagen beeinflussen, die wir über sie
treffen. Systeme zweiter (erfundener) Ordnungen werden hingegen von

147
Oder enteilt die Wirklichkeit der Sience Fiction? Das Königreich Saudi-Arabien verlieh am 25.10.2017 der
humanoiden Roboter-Frau Sophia die Staatsbürgerschaft. Am 11. Oktober 2017 wurde Sophia bei den Vereinten
Nationen vorgestellt und führte eine kurze Konversation mit der UN Vizegeneralsekretärin.
148
Aus der Perspektive «Grösse der Organisation» ist in unserem Täter-Quartett nur Tom Ripley ein Einzeltäter.
Aber kein «freier Vogel», sondern ein trieb- und zwanghaft gesteuertes, wenn auch talentiert maskiertes
Lebewesen. Das Dilemma Freiheit vs. Geltungsbereich gilt für alle Gruppen der Gesellschaft, auch für ihre
Verbrecher… wie es aussieht auch für Gernegross Donald Trump?

89
unseren Vorhersagen beeinflusst149 – das sind u. A. die Systeme der
Kulturindustrie. Auch erfundene Ordnungen sind fest mit der materiellen
Welt verbunden. Obwohl sie nur in unseren Köpfen existieren, sind sie
untrennbar mit der physischen Welt verwoben.

Im Jahr 1873 konnte sich der französische Schriftsteller Jules Verne


vorstellen, dass seine Romanfigur Phileas Fogg, ein reicher englischer
Abenteurer, in 80 Tagen um die Welt fährt. Aus heutiger Sicht hat Jules
Verne offenkundig eine Zukunft erfinderisch vorhergesehen, die mit dem
ersten Atlantikflug durch John Alcock und Arthur Whitten Brown schon 36
Jahre später (1919) wahr wurde. 141 Jahre später schreibt Martin Suter150
im Jahr 2014 einen Krimi, «Germany 2064», der 50 Jahre später in einer
Zeit spielt, in der der Mensch nicht mehr zwischen Roboter und Mensch
unterscheiden kann. Suters aufklärerischer Held und seine schöne, clevere
Robota sind ein unzertrennliches Paar. Wenn man die Dynamik der
technischen und menschlichen Entwicklung von 1919 bis heute bedenkt
und von heute aus um 44 Jahre bis 2064 verlängert, kann man sich nur
wundern, dass derartige Prognosen gern «prinzipiell» als völlig
wirklichkeitsfremd angesehen werden. Vielleicht muss man diese Reaktion
als wissenschaftlich verpackte, aber emotional fundierte, tiefenpsycho-
logische Abwehrhaltung deuten. Zumindest sieht man mal wieder, wie
stark unsere Wahrnehmung durch anthropologische Axiome und einer
Mischung aus Wunschdenken und Angstszenarien geprägt ist. Vor allem
wenn man bedenkt, dass sich dieses 2064 von beiden Seiten her
entwickeln könnte, der Seite eines zunehmend humanoiden Robots und
der des Menschen als technisch und zunehmend digital aufgerüstetem
«Prothesengott in Form eines i-Bodys». Als Endpunkt eines Aufeinander-
Zulaufens zweier verschiedener, sich ursprünglich anti-thetisch verneinend
habenden Startpositionen.

149
Vorhersagen über Aktienkurse werden mit der Vorhersage wahr, eine Revolution, die sich vorhersehen lässt,
bricht hingegen gar nicht erst aus.
150
Martin Suter ist Mitglied eines hochbezahlten Think Tanks aus den USA, der von der deutschen Regierung
2012 den Auftrag erhielt, die Zukunft zu erforschen.

90
«Könnte es sein, dass gerade die Fiktion die Wahrheit enthüllt? Dass
Fabeln und Geschichten der Wahrheit näherkommen als die sorgfältig auf
die Fakten hin überprüften Nachrichtenendungen im Fernsehen… Es gibt
jedoch keinen Grund dafür, sich gerade auf die Journalisten zu stürzen.
Die Akademiker der narrativen Disziplinen machen dasselbe, verbrämen
es aber mit einer formellen Sprache…»151

Die sozialen Räume der Kulturindustrie sind Wartehallen, in denen die


Zukunft verhandelt wird und deren Dynamik die Gegenwart fortlaufend
refiguriert. Internetplattformen wie der «Report» von Matt Drudge –
berühmt geworden durch die Veröffentlichung von Clintons Lewinsky-
Affäre - sind ein anschauliches Beispiel nachhaltigen medialen Erfolges,
der die Geschichten anderer auf knackige Schlagzeilen reduziert und bei
seiner politischen Positionierung, in Hinblick auf Umsatz dem Geist der
Zeit gehorchend, flexibel ist.

Der Prozess einer Stimmung sensibel aufnehmenden und dann in einem


prognostischen Output mündenden Innovation, kann sich leicht über zehn
Jahre hinziehen: Gab es Anfang der 90er eine maskuline Lücke im
Feminismus, die 1999 einen Super-Macho wie Tony anziehen musste?
Kündet Tony Soprano vom Erscheinen einer maskulinen Gegenbewegung
zum Feminismus in Form von Jordan Peterson oder Donald Trump?152 Gibt
es in Zeiten trendartig zunehmender Frauenpower eine feminine Lücke im
kulturell erfolgreichen Gangstertum? Wird die Frauenbewegung mit
wachsendem Erfolg nicht zwangsläufig zur Bühne, auf der Machos
vorherrschende Klischees herausfordern und sich, im Fall von Jennifer
Melfi auch bei hochgebildeten Frauen, erfolgreich als kulturelle Differenz,
die frau nicht von der Bettkante stossen möchte, positionieren können?
Genauso wie die «gesellschaftliche Erwartungshaltung Frau» weiblichen
Popstars seit Tina Turner - von Madonna perfektioniert - die verkaufs-

151
Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan. München, 2008.
152
Ich würde diese beiden Vertreter einer neuen Maskulinität in keiner Weise gleichsetzen. Jordan Peterson ist
ein hochgebildeter und belesener Wissenschaftler, der das Zürcher Volkshaus in zwei Tagen Vorverkauf füllen
konnte und in Hinblick auf rhetorische Schlagkraft auch POTUS Trump alt aussehen lassen könnte.

91
trächtige Möglichkeit offeriert hat, sich als «shocking difference» zu
präsentieren.

Es bedarf keiner detaillierten Untersuchungen, welche Art Bilder, Klänge


und Sprache153 vom mächtigsten Mann der Welt höchst erfolgreich «an
den Mann gebracht»154 werden. Man könnte fragen, ob Donald Trumps
Erfolg durch das clevere Inszenieren von sich selbst als Projektionsfläche
von «MAKE AMERICA GREAT AGAIN» (MAGA) zu erklären ist, oder ob die
Obama-Atmosphäre kultureller Ausgewogenheit pointierte Anti-Helden
von Typus Trump nicht nahezu zwangsläufig anziehen musste?155 M. a.
W., ist Trump ein raffinierter Maskenträger oder einfach ein Kulturprodukt
der Anziehungskräfte diabolischer Leere? Anziehungskräfte, die «wissen»,
dass jede Geschichte nur so gut sein kann wie ihre Resonanz im Publikum.

Trump im Sinne der Aufklärung coram publico als «gefährlichen Lügner»


anzugreifen, kann nur Erfolg haben, wenn die tatsächlich zur Wahl
gehenden Bürger lieber die Geschichte eines gütig alle Menschen
liebenden, gerechten und wahrhaftigen Vaters (Klischee Held) kaufen als
die eines cleveren, mit den Wassern des Lebens gewaschenen Business-
mans mit Macho-Profil (Klischee Anti-Held).156 Ich denke, es steht ausser
Frage, dass Trump gezielt traditionelle Klischees bedient, die das
Unbewusste seiner Wähler*innen ansprechen. Alles, was er tut, dient
dazu, die Position seines assoziativ als John Wayne inszenierten Blattes zu
stärken und seine Gegner zum öffentlichen Duell herauszufordern.
Spielzüge, auf welche die Medien ihrerseits klischeeartig reagieren: Die

153
«pack deinen Schwanz in die Hose und beweg deinen Arsch hierher» - Genfer Banker zu Leonardo DiCaprio
in «The Wolf of Wall Street»
154
Donald Trump wird mehr von Männern als von Frauen gewählt, aber die Differenz ist überschaubar.
155
Es war Obama, der sich, 20 Jahre nach dem Überschwang über den Sieg im kalten Krieg, «Nation Building at
Home» auf die Fahnen seines Erfolges geschrieben hatte! Sie gehen mit mir sicherlich einig, dass Donald Trump
alles Mögliche sein mag, aber bestimmt nicht «er selber». Die vorhergehende Inszenierung von Obama als
hochgebildeter Führer Amerikas in eine neue Zeit mit einer kultivierten, auf dem gesellschaftlichen Parkett
perfekt zu ihm passenden Frau, aber zugleich auch – wie «the Greatest» Muhammad Ali - ein «die Weissen»
rebellisch herausfordernder Farbiger - hat Trumps diabolischen Attacken von Anfang an als grösstmögliche
Differenz hohe Aufmerksamkeit und mediale Präsenz zur Primetime gesichert
156
So würde ich das von Trump dargestellte Täterprofil seiner Regentschaft definieren. Er repräsentiert und
inszeniert das Klischee: Wer an nichts glaubt als an die eigene Attitüde der Schlagfertigkeit und Abgebrühtheit,
der ist vor Weltschmerz gefeit…

92
kulturelle und mediale Begleitung von POTUS Trumps Regentschaft
folgt(e) dem verkaufsträchtigen157 Modell «Held vs. Antiheld» seit dem
Beginn seiner Amtszeit. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass dieser
umsatzträchtige Kommunikations-Typus vor dem nächsten Wahltag endet.

Geisteswissenschaften verwenden heute grosse Energie auf die Erklärung,


wie erfundene Ordnungen mit dem materiellen Stoff unseres Lebens
konkret zusammenwirken. Auch ich habe hier die realen Mobilisierungs-
kräfte von clever und kunstfertig inszenierten Projektionsflächen und
Identifikationsfiguren betont, andererseits verwies ich auf ursächlich
wirksame Anziehungskräfte kaufkräftiger Vakua auf die Produktion von
Kultur: Die Metaphern «blinder Seher» und «unsichtbare Hand des
Marktes» beschreiben effektiv wirksame «Makro-Mächte» kompetitiver
Zwischenmenschlichkeit in einer ihrem Wesen nach demokratischen
Selbstregulierung der Kultur an der Ladentheke ohne Hohenpriester. In
einem Markt, der seine Nischen spürt und sie in diesem Sinne lesen kann.
Kann menschliche Wissenschaft kulturelle Produkte und erfundene
Ordnungen überhaupt nüchtern, unvoreingenommen und nicht
«interessengeleitet» beobachten und analysieren? Geht es seit Urzeiten in
der Kultur nicht primär um die Aufgabe, unseren Wünschen, als Verfechter
oder Rebell des Zeitgeistes, Gestalt zu geben? Mythen und ihre Stories
programmieren die Menschen seit jeher auf eine bestimmte Weise zu
denken und zu handeln, bestimmte Dinge zu wollen und bestimmte
Regeln zu befolgen.
Der Kampf um die Zukunft

Ich vermute, in einem dynamischen Prozess ohne klar fixierbaren


Endpunkt ist der digital geschrumpfte Raum in eine Phase der Gleich-
zeitigkeit des Unvereinbaren eingetreten. Dort kann der Sieg im Kampf
um die Zukunft nur als Wettbewerb um die «Wahrheit der Zukunft»
erfolgen. In einer globalen Medienwelt werden in diesem Streit nur

157
Ich bin sicher, die Umsätze der Medien sind seit Trump gestiegen. Die Heldengeschichte Obama hatte
zunehmend weniger Neuheitswert.

93
Positionen siegen können, die sich im breiten Publikum positionieren, sich
also im weitesten Sinne «kultur-industriell» gebärden.158

Der nüchterne Blick auf das Entstehen und Vergehen von «Wahr-
nehmungsmustern» zeigt sich als zentrales Kriterium einer operativen
Kultur-Analyse: Welche Projektionsflächen und Identifikationsfiguren
werden von einer gesellschaftlich im Alltag am Ladentisch verankerten
Kultur-Industrie als Muster-Macher produziert? Inwieweit wird die
erfahrungssatte Einsicht berücksichtigt, dass «Verteufelungsstrategien» in
freien Gesellschaften nur kurzfristiger Erfolg beschieden ist, dass
luziferische Anti-Helden auch bei gutgläubigen Menschen aus der Mitte der
Gesellschaft auf Resonanz stossen?

Rückkehr der griechischen Mythologie

Popkultur hatte bei Normalsterblichen schlechtes Gewissen weitgehend ins


Reich der Vergangenheit verbannt. Mit ihren vielfältigen und immer tiefer
ins Reich früher verbotener Gedanken und Darstellungen reichenden
Inszenierungen hatte sie der Mehrheit zunehmend Möglichkeiten zur
kulturell akzeptablen sublimen Triebabfuhr geboten. Gedanken und ihre
Darstellung wurden im Vergleich mit der früheren Herrschaft kultureller
Traditionen wieder weitgehend frei:159 Im Rückblick auf die
Argumentationskette dieser Arbeit kann ich heute eine Wiederkehr der
polytheistischen und polymorphen Kultur des alten Griechenlands
erkennen: Schon damals wurden traditionelle Wahrnehmungsmuster
durch antagonistischen Wettbewerb schicksalsträchtiger Götter*innen
eines höchst irdisch inszenierten Olymps herausgefordert. Gottheiten mit
ausgeprägt menschlichen und vielfältig talentierten Profilen, die auch in
der so abgehobenen wie vielfältigen Oberwelt unserer Tage auszumachen
sind. Schon damals agierte Differenz in einem weitgehend regelfreien
Wettbewerb zwischen Göttern und Gotteskindern beiderlei Geschlechts.
Ein Wettbewerb, der nicht auf den «Sieg der Vernunft» oder die

158
Eine pragmatische Perspektive, die prinzipientreuen Kritikern des Systems nur schwer zu vermitteln ist
159
Auch wenn die Kulturelite immer wieder ihr Geschütz «am Anfang war das Wort» auffährt

94
«Beglückung der Menschheit» hinauslief, sondern auf Siegerkranz, Ruhm
und persönliche Vorteilsnahme angelegt war.160 Durch ihre Inszenierung
als «Übermenschen» konnten Gottesbilder im antiken Publikum genauso
wie die Halbgötter von heute als Projektionsfläche und Identifikations-
figuren wirken. Die Kulturindustrie der Postmoderne hat ein
altgriechisches Fundament…
Gegenwärtige Vergangenheit – die Wiederkehr der Geschichte – die Angst liebt es nur
bei unmittelbarer Bedrohung, in die Zukunft zu rennen

Wir haben die Möglichkeit angedeutet, Baader-Meinhof als phänomenales


Resultat medialer Resonanzversprechen im zunehmend dichten Kommuni-
kationsraum der Postmoderne zu verstehen. Auch die unaufhaltsame
Verbreitung des aktuellen Killervirus 50 Jahre später wird medial gern als
logisches Resultat eines global infektiösen Killer-Kapitalismus in Sphären
unausweichlich dichter Zwischenmenschlichkeit gedeutet, verbunden mit
der Prognose seines notwendigen Endes. Die reale Zeit von nach-68 bis
heute war von der erfolgreichen Inszenierung authentischer Verbrecher-
storys durch die Kulturindustrie begleitet. Gewalttätige Wirklichkeit und
Inszenierungen der Kultur: Die Unterscheidung zwischen kriminologisch
inszenierter Unterhaltung und realer Umwelt wurde trendartig schwieriger
– haben wir «geschichtsgebannt» den Moment real möglicher Korrekturen
verpasst und uns «zu Tode amüsiert»?

Die Phänomenologie des Corona Virus zeigt, wie der Mensch reagiert,
wenn er sich unmittelbar bedroht fühlt - in einer Atmosphäre akuten
Nicht-Wissens und öffentlichen Orakelns zur Prime Time im Gewand
publizistisch vermarkteter Wissenschaft.161 Beruht der Erfolg des Narrativs
Corona-Virus auf seiner unter die Haut gehenden Inszenierung als
unheimlicher Angriff auf die Menschheit nach dem Typus von Hitchcocks

160
Zum kulturellen Gebot «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» haben Halbgötter traditionell ein entspanntes
Verhältnis. Ihr Schabernack untereinander setzt die lustvollen Rituale von Schlägereien mit Kameraden auf den
Schulhöfen ihrer Kindheit fort.
161
Aus gutem Grund politischen Überlebens: schon Sokrates’ Verteidigung seines Nichtwissens in Platons
Apologie führte zu seinem Todesurteil wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend. Die Wissens-Hysterie
unserer Tage zeigt, dass wir nach wie vor in einer Kultur leben, die das öffentliche Eingeständnis von Nicht-
Wissen unter Todesstrafe stellt.

95
Vögeln, als völlig unverständlichen Attacke von aussen auf eine
vermeintlich selbstverständliche Sicherheit unseres Alltags? Das aktuelle
Virus ist eine Metapher infektiöser Zwischenmenschlichkeit in Zeiten
global zunehmend unwiderruflicher Grenzenlosigkeit.162 Der postmoderne
Mensch wird mit dem Zusammenbruch seines als sicher erachteten
Schutzsystems mit seiner physiologischen Basis konfrontiert. Der Kampf
mit dem Virus konfrontiert das westliche Konzept individueller bottom-up-
Freiheit mit top-down verordneten Regeln und Kontrollen. Eingriffen mit
massiven sozial-ökonomischen Folgen, welche die Grundsätze und
Prinzipien der freiheitlichen Grundordnung und ihre Nachhaltigkeit in
Frage stellen und einen dialektischen Gegenschlag herausfordern könnten.
Demgegenüber wirkt die Inszenierung des «öko-theologischen Rück-
schlags» auf einen nimmersatten Menschen163 vergleichsweise harmlos
und hat lediglich die Form abstrakter Zukunftszahlen, von denen primär
sowieso nur arme Küstenländer fremder Kulturen in ferner Zukunft
betroffen sein werden. Kassandras Warnung vor einer «apokalyptischen
Umweltkrise» blieb schon 1972 beim Club of Rome und seinen Grenzen
des Wachstums praktisch ungehört. Der massive Anstieg der Ölpreise
durch die neue OPEC hatte eine ungleich höhere und nachhaltigere
Wirkung – mit massiv höheren Benzinpreisen rechneten sich sparsame
Motoren und begründeten den globalen Erfolg Japans in der Autoindustrie.

Wir erleben einen epochalen Wandel der Beziehung zwischen «Form und
Inhalt»: Jahrhundertlang hat der geistige Inhalt – z. B. eine Geschichte
von 100'000 Wörtern - seine materielle Form, die Grösse eines Buches
oder die Länge einer Filmrolle, bestimmt. Mit dem superexponentiellen
Wachstum materieller Verarbeitungseffizienz – ein modernes Mobile kann
heute ein Vielfaches von dem verarbeiten, wie noch vor einer Generation
ein Computer - ist die trendartig immer kleiner werdende materielle Form
zwischenmenschlicher Distribution zum Beschleuniger eines zunehmend

162
Die Zeiten eines humanistisch vernünftigen «δὲν ἄγαν» (nichts zu viel) und «μέτρον άριστον» (alles mit
Mass) sind im Geist der Zeit verflogen
163
Öko-Theologen sprechen angesichts technisch effizienter, massenhafter Nutztierhaltung von einer neuen
Form lebensverneinenden Faschismus («Hühner-KZ» usw. usf)

96
globalen Geistes geworden. Ein Prozess, innerhalb dessen sich die
Grenzen der Kultur in einer zunehmend global-dynamischen Gegenwart
nachhaltig, aber unvorhersehbar laufend verschieben. Ein Trend, der im
dialektischen Gegenzug wiederum den zunehmend hysterischen
Kulturkampf unserer Tage in den sozialen Medien angestossen hat. Erst
die Zukunft wird zeigen, ob dieser mit einer neuen Form der Kultur
einhergeht, in der wieder miteinander geredet und gestritten wird.

Die Kugelgestalt der Erde wurde von der esoterischen Hypothese zum
Glauben (Kredite für Schiffe und Waffen beruhten auf dem Glauben an
Erfolg164), zur Doktrin und schlussendlich zur unausweichlichen Tatsache.
Wenn der mit der kreditfinanzierten Entdeckung Amerikas einsetzende
Prozess der Globalisierung in der Abendröte ihrer dynamischen
Entwicklung zwangsläufig in Globalität mündet, ist der fremde Welten
erobernde Mensch an ihrem Ende ausweglos auf sich selbst zurück-
geworfen - auf der Oberfläche der Kugel einer dynamischen Welt-
geschichte schmilzt der Schnee von gestern zunehmend schnell und jeder
Standpunkt kann zum allseitig weltweit verbundenen Mittelpunkt eines
neuen Netzes werden. Dem Anfang der Entdeckung neuer Welten war ihr
Ende in Form des regelmässig wieder-kehrenden Altbekannten ein halbes
Jahrtausend später eingeschrieben. Wird der Mensch in Zeiten
zunehmender digitaler Dichte eines globalen Netzes auf der Kugelober-
fläche unausweichlich mit dem Menschen an sich konfrontiert? Weltkriege
und globale Finanzkrisen zeigten, dass auf einer vollständig besiedelten
Kugeloberfläche die «Bäume nicht in den Himmel wachsen können». Zeigt
sich im verdichteten menschlichen Zwischenraum unserer Tage der
egoistische «homo oeconomicus», gilt dann «homo homini lupus» und «si

164
Wollen wir uns an dieser Stelle von der Ethymologie des Wortes «Kredit» leiten lassen und die allfälligen
und umgehend verwertbaren Sicherheiten an die Genueser Geldhäuser und das Haus Fugger vergessen und
davon ausgehen, dass der Glaube an den materiellen Erfolg der Entdeckung neuer Welten damals auch die
Kreditgeber beseelte und ihre Börsen öffnete: Missionsgeist und unternehmerischer Wagemut standen am
Anfang der Futurisierung gegenwärtigen Handelns. Und das nahezu Unmöglich geschah: Neue Welten wurden
entdeckt und erobert und die Kreditnehmer kehrten mit fetter Beute zu ihren Gläubigern zurück. Der materiell
ontologische Zusammenhang zwischen den Begriffen «Glauben», «Kredit», «Beglaubigung» und «Gläubiger»
wäre eine eigene Untersuchung wert, welche die Entdeckungsgeschichten der Weltreligionen und des Wissens
neu schreiben könnte

97
vis pacem, para bellum»165? Treffen am Ende kultivierter Expansions-
Geschichte wieder Zivilisation und Barbarei aufeinander? Berühren sich bei
der kultivierten Besiedelung einer Kugeloberfläche Anfang und Ende einer
nach Hegel dynamisch vertikal-himmlischen Aufwärts-Spirale?

Mit zunehmender Globalität war es zunehmend «billiger» arme Länder zu


Standorten der Produktion für reiche Länder zu machen. Wie sich mit dem
nachhaltig überproportionalen Wachstum Chinas ein globales Aufeinander-
Zubewegen zwischen vormaligen «Entwicklungsländern» und «Industrie-
ländern» abzuzeichnen begann, «entdeckte» die ökologische Krise die
Aufteilung des Globus in neue Zonen diametral unterschiedlicher Über-
lebensfähigkeit: es gibt aber nicht nur einen «Kipp-Punkt» der Welt
sondern mehrere, insbesondere in armen Küstenländern. Andere vormals
arme und unwirtliche Regionen könnten neu zum gelobten Land der
Zukunft werden, an erster Stelle auf der riesigen Landmasse Russlands –
hat sich mit dem Aufstieg der Ölländer und Chinas der schon anfangs des
Jahrhunderts von Oswald Spengler vorhergesagte «Untergang des
Abendlandes» während der Blütezeit seiner Zivilisation angedeutet, der
durch die Besiedlung der eisfrei werdenden Nordostpassage nur noch
weiter akzentuiert werden wird? China hat bewiesen, dass erfolgreicher
Kapitalismus von Demokratie getrennt werden kann, dass seine entschei-
dende Kraft, die Kaufkraft, auch ohne politische Freiheit erfolgreich zum
Wohle der Gesellschaft wirken kann. Wird China zum neuen Wohnsitz «of
the American Dream»?

165
Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor… Oder zeigt sich eine potentielle Offenheit Aller für Alles und
Jeden in einem zwischenmenschlichen Kristallpalast? Wie können wir die damit verbundene Informationsflut
verarbeiten? Wird es möglich sein, auf dem Weg zum wahren Ziel der dicht verwobenen Mitwelt den Rücken
zuzuwenden, sich avantgardistisch in sich selbst zurückzuziehen und wie Zarathustra einsam-spirituell den
geistigen Gipfel des «wahrhaftigen Mann von Welt» zu erklimmen165? Gipfel, auf denen die vormalige
Entdeckung des «fernen Fremden im Jenseits der eigenen Zivilisation» zur «jedem innewohnenden Nähe
vermeintlich verlorenen Ur-Seins» wird. Wann werden wir aus der Höhe des gleissenden Lichts der Selbst-
Entfremdung wieder ins schattige Tal alltäglicher Befremdung zurückkehren und seinen lichtscheuen
Bewohnern von unseren luzidenen Einsichten ins allgemeine Ur-Sein erzählen? Werden sie uns zuhören, unsere
selbstverständlichen Botschaften verstehen, lediglich inszenierten Differenzen abschwören und einsichtig ihr
Leben im Sinne eines ökumenischen Miteinanders von Grund auf ändern? Oder werden sie auf den frevelhaften
Botschafter unglaublich befremdlicher Nachrichten aus dem lebensfernen Jenseits nach alt bewährter Methode
einschlagen, bis er verstummt?

98
In der Zukunft werden die Seiten überleben, die langfristige Planung und
kurzfristig flexible Anpassung an die Situation kombinieren können.

Bleibt zu hoffen, dass sich vernünftige Wissenschaftler, Medien und


Politiker, welche die Vielgestaltigkeit einer medizinischen, geistigen,
ökonomischen und sozialen Krise ansprechen, nicht als Kassandra des
frühen 21. Jahrhunderts erweisen werden. Wir leben in einer Situation, in
der die Produktion vernünftiger Projektionsflächen und Identifikations-
figuren gefragt ist, ohne der naiven Illusion anheimzufallen, als gesell-
schaftliche Führungsfigur Ambiguität und Dilemmata komplexer
Situationen erfolgreich einer breiten Öffentlichkeit vermarkten zu
können!166 Wenn das Virus top-down als Verbrecher definiert wird, ist
abzusehen, dass auch seine Verfolgung dort ihre Grenze finden wird, wo
sie individuelle bottom-up-Freiheit zu stark einschränkt. Eine institutionell
verfasste Grenze, die im dynamischen Verlauf infektiöser Virulenz durch-
lässiger werden und/oder eine neue Form medizinisch und kulturell
gebotener immunitärer Apartheit zeitigen könnte.

Die identitäre Stabilität der Verbindung von Ort und Selbst geht verloren,
Kultur und Gesellschaft sind zunehmend weniger ein starkwandiger, terri-
torial fundierter, symbolgestützter und meist einsprachiger Behälter -
umso mehr werden autogener Stress und clever-regelferne Streitlust zum
Erfolgsprinzip der interkulturellen Lebensverhältnisse unserer Zeit,
zumindest im freien Westen. Individualistische Lebensformen werden
neue Formen leb-barer Immunitätsverhältnisse zeitigen – wenn auch, wie
seit jeher, nicht bei allen und nicht für jeden. Immer kleinere Gruppen
werden zu Trägern von Immunkompetenz. Sie werden sich zentrifugal von
vormalig grossen Gruppenkörpern lösen und ihre selbstgesteuerten
Glücksversuche von den allgemeinen Bedingungen ihrer politischen
Kommune abkoppeln.

166
Im politischen Wettbewerb werden hoffentlich die Führungsfiguren siegen, die es schaffen, sich als nicht nur
dem Herdentrieb folgende, reaktive, sondern als hellsichtig präventive, situationsangemessen vorausschauende
Profile zu inszenieren.

99
Der demokratische Westen mit individuell verbriefen Freiheitsrechten auf
der Basis einer «freiheitlich demokratischen Grundordnung» ist neu mit
dem chinesischen Erfolgs-Modell «autoritativer Kapitalismus» konfrontiert,
in dem Freiheit pragmatischen Effizienzkriterien unterworfen ist. Ein
praktisch erprobtes Modell, das gesellschaftliche Entlastung durch stei-
gende «Einkommen», «Lebenserwartung» und «Bildung» auch ohne
individuelle Freiheit sicherstellen konnte. Die Kombination von flexiblen
Preisen und Wettbewerb um die Kaufkraft von Kunden bestraft
Verschwendung auch in China mit Bankrott – die Gesetzte der Mathematik
sind unabhängig vom Gesellschaftssystem. Ein Modell, das bei der Lösung
der aktuell grössten globalen Probleme, Öko-Krise und Killer-Virus, ein
gutes Blatt zu habe scheint, wenn es sie technisch-methodisch und
pragmatisch-ergebnisorientiert managen kann. Sehen wir grade den
nachhaltigen kulturellen Shift vom atlantischen in den pazifischen Raum?

Das Wesen einer breit im Volk verankerten Kultur zeigt sich in ihrem
Krisenmodus: in individuell freien Gesellschaften ist sich traditionell jeder
selbst der Nächste. Wie sehen in «Zeiten der Cholera» die Rahmen-
bedingungen aus, innerhalb derer individuelle Selbstoptimierung dem
Wohlstand der Gesellschaft dient? Sind Hoffnungen auf konsensuale
Experto-Kratie, auf Wissenschaft als objektiv-neutraler Konsultant im
Krieg gegen das Virus realistisch? Oder gewinnt die Differenz als Akteur
der Geschichte gegenüber den Einheitsphantasien konsensualer Vernunft
trendartig an Bedeutung.

Kultur und Verbrechen: Schon die Prohibition förderte, mittels der


Anziehungskräfte eines hoheitlich von oben verkündeten Vakuums an
unchristlichen Genussmitteln, in der dem Licht aufgeklärter Öffentlichkeit
weitgehend entzogenen, ihrer Natur nach schattigen Unterwelt, ein
findiges bottom-up Gangsterwesen bei seiner Suche nach der Lücke. Eine
dunkel-effiziente Atmosphäre spontan-kreativ organisierter, regelferner
Lösungsversuche, in der auch die später staatstragende Familie Kennedy
ihr grosses Vermögen gefunden und gemacht hat. Kann findiges

100
Gangsterwesen einer kompetitiven Schattenwelt mit dem polymorph
polytheistisch angelegten, menschlich-egoistischen Wettbewerbsprinzip
des hohen Olymps verglichen werden?

Wird die apokalyptisch eschatologisch inszenierte Öko-Krise eines


nimmersatten Menschen diese allgemein menschen-rechtlich garantierten
Wachstumstrends brechen? Welche Projektions-flächen und
Identifikationsfiguren werden von der Kulturindustrie in den Zeiten der
Cholera erfolgreich inszeniert werden?

Aktuell sehe ich einerseits Anzeichen der Integration ehedem befremd-


licher Antihelden in die Heldenepen der eigenen Kultur, anderseits aber
auch die eines lautstark aufflammenden Kulturkampfes.167 Widersprüche
oder de facto nur zwei Seiten der gleichen Auseinandersetzung auf dem
inzwischen global gewordenen Pfad negativer Dialektik? Aus der Per-
spektive eines global polytheistischen Modells sind wir mit den Erfahr-
ungswerten eines autoritativen asiatisch-chinesischen und dem des freien
Westens konfrontiert – wird das «selbstbestimmte westliche Ich» in der
globalen Krise zum Standortnachteil? Differenzen, die sich im Westen in
Profilen unterschiedlicher Identifikationsangebote niedergeschlagen
haben. Eine Intensivierung des auflagenstark vermittelten Kulturkampfs
«liberal-demokratische, vielgestaltige Freiheit von unten» vs. «autoritativ
unmissverständliche Führungs-Effizienz von oben» ist zu erwarten.

Wie werden wir auf heute zurückblicken, wenn die «Zeiten der Cholera»
abgeklungen sein werden? Wird das Rationalitäts- und Realitätsprinzip des
Diskurses mit Macht zurückgehrt sein? Werden wir mit Marcel Proust
entdecken, dass die wahren Paradiese nur die sind, die wir verloren
haben? Wird sich die Corona-Krise auch als die unseres Geistes oder als

167
Es gehe ein Riss durch die Wahrnehmung von Kultur, die gemeinhin positiv mit Vertrautheit, Gemeinschafts-
bildung, Ordnung verbunden wird: „Kultur integriert längst nicht mehr, sondern sie produziert ein Spannungs-
feld für Konflikte in der Gegenwart“, schrieb Jörn Knobloch im Editorial zur Debatte, die keine Debatte will.
Als Extreme stehen sich da der Traum von der Integration aller in eine „Weltkultur“ einerseits und die düstere
Prognose vom „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) gegenüber… (Leben wir in Zeiten eines neuen
Kulturkampfes? Lothar W. Pawliczak, 2020)

101
Protagonist zwischenmenschlicher Nähe erweisen? Erleben wir zum
Jahreswechsel 20/21 eine Zunahme häuslicher Gewalt und/oder eine
Geburtenexplosion? Wird sich der gegenwärtige Prozess der Zerstörung im
Sinne Joseph Schumpeters als kreativ-innovativ erweisen? Waren Virus
und Pandemie eine Strafe Gottes gemäss der Ethik von Hieronymus
Bosch? Wie werden sich gemeinsame Werte europäischer Grösse und
Humanität gegenüber Attacken aus Fernost und dem wilden Westen
schlagen?168 Wie werden wir einmal von dieser Krise erzählen? Ich weiss
es nicht, bin aber überzeugt, dass sie anders sein wird. Auch wenn –
These MB - der weltweite Schock den «Übeln der Gegenwart» nicht den
Garaus machen wird: der Mensch wird seinen nimmersatten Appetit aus
Gründen abstrakter Vernunft weiterhin nicht zügeln. Maskierte Einbrüche
auf Lebensmittelgeschäfte in Palermo weisen zudem auf den sozial-
ökonomischen Sprengstoff einer primär medizinisch vermittelten Krise hin,
die mit «Geld oder Leben» zwar kritisch populär169 aber nur unzureichend
und nicht zukunftsträchtig beschrieben wird.

Kultur bewegt sich seit dem alten Griechenland im Zwischenraum der Ver-
und Gebote des gesellschaftlichen Überichs und den Begierden seiner
Subjekte: Die mörderische Duschszene in Hitchcocks «Psycho», durch ein
Loch in der Wand beobachtet von dem sein Publikum repräsentierenden170
Voyeur Norman Bates, ist ein anschauliches Beispiel für Hitch’s professio-
nelle, das innere Auge des Betrachters assoziativ ansprechende und
widerspiegelnde Schnitttechnik.

Ich habe im Rahmen dieser Arbeit versucht, den dynamischen Mecha-


nismus des Auftauchens neuer und des Vergehens alter Verpackungs-

168
Die «griechische» Finanzkrise, die Ukraine-Krise, die «europäische» Flüchtlingskrise und die praktizierte
Umweltpolitik lassen zweifeln, dass die vollmundig verkündeten und mit der Druckerpresse der EZB
finanzierten Grössenphantasien Realität werden
169
Es gehört seit vielen Jahrzehnten zu den Lieblingsklischees der kritischen Bewegung, dass alles, wo jemand
so richtig Kasse macht, von Haus aus prinzipiell nicht gut sein kann. Diese Klischees spiegeln sich dann in
Verschwörungstheorien («Bill Gates und die allgemeine Impfpflicht in den Zeiten der Corona») wider
170
Auch Schockrocker wie Alice Cooper (Guillotinierung eines (Puppen)Kopfes auf der Bühne) oder die Neue-
Deutsche-Härte-Band Rammstein (der Song ‘mein Teil’ und der ‘Kannibale von Rotenburg’) konfrontierten ihr
Publikums mit seinen brutalen Phantasien

102
muster zwischenmenschlicher Wahrheit mit meiner Theorie «Vakuum-
Anziehungskräfte-Innovationen-Klischees-negative Herausforderung»,
kurzum mit der Sensibilität des Marktes für die Schwingungen kauf-
kräftiger kultureller Vakua, zu skizzieren. Ein Modell zur nüchtern-
analytischen Beobachtung der kulturellen Gegenwart.

Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende war das Denken der meisten


Menschen von Begriffen des Mangels dominiert; erst mittels Kapitalismus
und Globalisierung wandelte es sich zu einer realistisch, Kosten und
Nutzen verschiedener Optionen abwägenden Suche nach Glück. In der
vernetzten Globalität unserer Tage hat das Reich der Notwendigkeit
zunehmend dem der Freiheit Platz gemacht, auch wenn diese in den
letzten hundert Jahren immer wieder erbittert von Partisanen der
Notwendigkeit bekämpft wurde. Lange-Weile bezog sich zunehmend
weniger auf die Dauer des Wartens auf das existentiell Notwendige,
sondern immer mehr auf die der freien Abwägung bei der Wahl zwischen
verschiedenen Chancen. Eine im Westen beheimatete individuelle Wahl-
Freiheit, die momentan angesichts globaler Krisen von China strategisch
herausgefordert wird – diffuse Langeweile paart sich hier zunehmend mit
unspezifischem, aber intensiv erlebtem Stress.

«Eine Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft» beschreibt
die Dynamik der Kulturindustrie und ihrer Agenten. In Anlehnung an
Adam Smith handelt es sich um eine Makrotheorie von lebendigen
Körpern in zwischenmenschlich dichten Kultur-Räumen, deren
gesellschaftliches Hirn von der Kraft ihrer zwischenmenschlichen Leere
nach den Gesetzen des «Horror Vacui» refiguriert wird. Mit einer
Aufforderung zu binärer Positionierung, die ihrerseits wieder leere Räume
mit neuen Anziehungskräften schafft, ohne den Abstand der Positionen im
Sinne von Hegels «Weltgeist» trendartig einzumitten. Eine Theorie, die
den kulturellen Wohlstand der Nationen als einen dynamischen Prozess
der Herausforderung spekulativer Blasen kultureller Tradition mit den
Nadelspitzen aus ihren unsichtbaren Nichts analysiert. Spekulationsblasen,

103
die oft dann überraschend aufplatzen, wenn sie durch ihre Klischees
nachhaltig bestätigt zu sein scheinen. Wie Bertrand Russels Huhn171, das
sich, von freundlichen Menschen bis zum Tag vor dem Erntedankfest
täglich gefüttert, erfahrungssatt auf den höchsten Stufen induktiver Logik,
einer paradiesischen Zukunft sicher war.

Zum Abschluss noch ein Gedankenspiel zum Platzen von Klischeeblasen:


MB: Nehmen wir an, dass eine Münze fair ist und die Wahrscheinlichkeit
für Kopf und Zahl also gleich gross ist, wenn man sie wirft. Ich werfe sie
99-mal und bekomme 99-mal Kopf. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit,
dass beim nächsten Wurf Zahl kommt?
Dr. Kli: Natürlich 50%, die Münze ist fair und die Würfe sind voneinander
unabhängig.
Und was sagen Sie, Inno:
Inno: Natürlich nicht höher als 1%.
MB: Wieso das denn. Ich habe doch gesagt, dass die Münze fair ist, die
Wahrscheinlichkeit bei jedem Wurf also 50%.
Inno: Wer die Sache mit den 50% kauft, hat nur Stroh im Kopf. Es ist viel
wahrscheinlicher, dass Ihre Behauptung, die Münze sei fair, falsch ist als
die Wahrscheinlichkeit, dass bei 99 Würfen immer Kopf fällt.172

Können Sie die Spekulationsblase platzen hören? Anstelle der «fairen


Münze» können andere, vermeintlich selbstverständliche Ideen / Klischees
unserer Kultur eingesetzt werden.

Wer kann heute, 250 Jahre nach der Unabhängigkeit Nordamerikas, nach
der französischen Revolution, nach Napoleon, Hegel, Marx, Nietzsche,
Freud, Lenin, amerikanischem Kapitalismus, Hitler, Hiroshima, Stalin, Pol
Pot, Wiederaufbau, Vietnam, Mauerfall, chinesischem Kapitalismus, Apple,
und «9/11» an ein absehbares Ende einer offenen Geschichte glauben?173

171
S. 56, Russell, Bertrand (1967). Probleme der Philosophie. Suhrkamp Verlag
172
Frei nach Nassim Nichols Taleb: Der Schwarze Schwan, S. 158 f.
173
Auch wenn uns das Virologen und Ökologen gerne «wissenschaftlich untermauert» glauben machen wollen:
Natürlich muss der neoliberale, geld- und wachstumsgierige Kapitalismus endlich sein logisch notwendiges

104
Was hat sich in den 30 Jahren seit dem Mauerfall und dem Massaker am
Platz des himmlischen Friedens in der Welt geändert? Der chinesische
Kapitalismus unter Deng hat die materielle Lebensqualität von einer
Milliarde Chinesen verzehnfacht. Steht es nicht auch ausser Frage, dass
China mit dem aktuell wütenden Killer-Virus «kulturell» besser umgehen
kann als der «freie Westen»? «9/11» hat dem Glauben an den Sieg des
US-amerikanischen Modells genauso hinterfragt wie die weltweite, vom
US-Immobilienmarkt ausgehende Finanzkrise 2007/2008. Nach dem
kultivierten Farbigen Obama wurde der starke weisse Mann Donald Trump
mit «America First» US-Präsident, Taktgeber provokativer Heraus-
forderungen und Medienstar. Die Unaufhaltsamkeit weltweiter Erwärmung
mit nachfolgenden Umweltkrisen wurden mehrfach wissenschaftlich
belegt, aber erst die aktuelle Inszenierung Killer-Virus mit massenhaft
Toten in den täglichen Nachrichten konnte menschliche Freiheit effektiv
einschränken und sein Verhalten durch Vorgaben «von oben» kurzfristig
einschneidend ändern.

Mag sein, dass ich mit meinem Verständnis von «Kulturindustrie» der
kritischen Theorie wissenschaftlich unkorrekt einen ihrer Lieblingsbegriffe
gestohlen habe – sei’s drum, für mich war «Kulturindustrie» als
Handwerkszeug jeglicher Kultur bereits in «panem et circenses» angelegt.
Der angebliche Zusammenhang zwischen Kapitalismus als Ursache und
menschenverachtendem Faschismus als notwendiger Folge hat sich seit
dem Ende des zweiten Weltkrieges – trotz der unmenschlichen, brutal-
effizienten Militär-Juntas in Lateinamerika mit Unterstützung der USA -
definitiv als falsch erwiesen. Davon zeugt unmissverständlich die Richtung
von Flüchtlingsströmen, die regelmässig dem Ruf des Geldes und
praktisch nie dem moralisch einwandfreien Ruf staatlich organisierter
Gleichheit folgen. Flüchtlinge kennen die Verwirklichungsgeschichte leerer
Versprechungen und lassen sich auch in höchster Not nicht mit den

Ende haben, wenn der Globus und die Menschheit überleben wollen. So klang das schon 1972 bei den «Grenzen
des Wachstums» beim Club of Rome... «historia non saltat»

105
Schalmeienklängen174 gesellschaftlicher Gerechtigkeit für dumm
verkaufen. Wer für seine Flucht zahlt, will, dass diese rentiert. Werden
Staaten, die «Gendergerechtigkeit» auf ihre Fahnen schreiben, zum
Einwanderungsland von fitten Frauen? Kann man die mit Gleichheit
locken, auch wenn sie dabei draufzahlen? Seit Jahrhunderten treffen
externe Shocks die Welt höchst unterschiedlich und effektive Resilienz
erwies sich als Fähigkeit zur Differenzverarbeitung.

Die Kulturindustrie ist nicht ideell an menschlichen Werten, sondern


materiell am Dollar – dem grössten Gleichmacher der Geschichte -
interessiert und inszeniert seit 100 Jahren eine Hitparade zwischen
moralisch mehrdeutigen und systematisch immer wieder neu
eingekleideten Protagonisten auf den medial vernetzten Bühnen
öffentlicher Performance. Die pekuniär erfolgreiche Organisation von
Seelenwanderungen in einer Performance, die immer wieder den inneren
Schweinehund eines zahlungskräftigen Publikums angesprochen und
sowohl ihren Hauptdarstellern als auch ihren Kritikern ein gutes
Auskommen gesichert hat.

Im Rückblick können moralisch seriöse Kultur-Konzepte nicht für sich in


Anspruch nehmen, den kulturellen Wohlstand der Nationen relativ besser
und nachhaltiger vermehrt zu haben als die für Newcomer offene
Hitparade einer zunehmend globalen, dem Kreislauf des Geldes folgenden
Kulturindustrie. Newcomer, die, oft nahezu unsichtbar aus dem kulturellen
Nichts kommend, im Wettbewerb um den Spitzenplatz vorherrschende
Klischees in Frage stellen, um bei erfolgreicher Rebellion ihrerseits neue
zu etablieren und dann als Titelverteidiger selbst gegen schlagkräftige und
potentiell umsatzträchtige Herausforderer anzutreten.

174
Die kritische Theorie entwickelte eine Ideologiekritik, die den Nachweis erbringen wollte, dass die Ideen der
Aufklärung nur noch leere Versprechungen seien, die unter den gesellschaftlichen, durch Herrschafts-
verhältnisse geprägten Bedingungen nicht realisiert werden könnten. Man könnte meinen, sie hätten hellsichtig
Bedingungen und Wirklichkeit des real herrschenden Sozialismus vorhergesehen…

106
Seit der französischen Revolution blicken wir auf ein Kontrollparadoxon
zurück: Je mehr die Menschheit versuchte ihr Leben und ihre Kultur
präventiv zu kontrollieren, umso unkontrollierbarer kamen ihre Blasen
durch Nadelstiche aus dem Nichts zum Platzen. Die zunehmende
Komplexität unvorhersehbarer Wechselwirkungen einer sündigen
Menschheit auf ihrem Weg zum letzten Gericht war gepflastert mit
nachhaltig steigender Lebenserwartung, Realeinkommen und Bildung. In
nichtlinear dynamischen, deterministischen Systemen „kann der
Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas
auslösen“ (der US-amerikanische Meteorologe Edward N. Lorenz, 1972),
können beliebig kleine Ereignisse einen «Lawineneffekt» auslösen und sich
massiv und unüberschaubar auf das System auswirken. Ist unsere
zunehmend global dicht vernetzte Welt so ein nichtlinear dynamisches,
deterministisches System? Ist der lokale Schmetterlingsschlag nicht auch
das Narrativ des globalen Killervirus?

Angesichts der materiellen Anziehungskräfte (Pinkepinke, Kohle, Money-


Money-Money) kultureller Vakua müssen wir uns keine Sorgen machen,
dass Geist und Kultur mangels Unterschieden Hungers sterben werden.

Das Wesen einer Kultur zeigt sich in der Krise und im Streit: Auch wenn
die Art der Streitkultur, innerhalb derer Unterschiede ausgefochten
werden, keinem höheren Gebot folgt, vorerst offen zu sein scheint und
Kultureliten immer wieder Anlass zu lautstarker Sorge um «das Ende der
Kultur gibt». Aber auch das ist eine alte Geschichte, «historia non saltat», auch
wenn Geschichte sich nicht wiederholt…«Dass ich erkenne, was die Welt, im
Innersten zusammenhält» (Faust Monolog, Johann Wolfgang von Goethe)
wird in Zeiten zunehmender Bedeutung von Zwischenwelten trendartig
unwichtiger. Ich erhebe nicht den Anspruch, Hegel, Marx, Nietzsche und
Freud geistig durchdrungen zu haben und hoffe, in dieser Arbeit mehr
Fragen gestellt als Antworten gegeben zu haben: οἶδα οὐκ εἰδώς (ich
weiss, dass ich nicht weiss), Sokrates in der Apologie des Sokrates,
Platon, 399 v. Chr.
107
Literatur

- Stanislaw Lem: Die Technologie-Falle. ST 3385, 1. Auflage, 2002


- Lothar W. Pawliczak, Leben wir in Zeiten eines neuen
Kulturkampfes? Blaue Narzisse, 2020
- George V. Higgins: "Die Freunde von Eddie Coyle", Kunstmann
Verlag 2014
- Don Winslow: Vergeltung, Suhrkamp 2014
- Roberto Saviano: Zero, Zero, Zero. Pengoin Books Ltd., London
2016
- Steven Pinker: Aufklärung jetzt. Aus dem Englischen von Martina
Wiese; S. Fischer, Frankfurt 2018
- Kenneth Payne. «Tom Ripley's American Way of Life in Patricia
Highsmith's THE TALENTED MR RIPLEY. THE LAMAR JOURNAL OF
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- Dant, Tim. “Morality on Television”. Television and the Moral
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Mitscherlich A, Richards A, Strachey J (Hrsg). Sigmund Freud
Studienausgabe, Bd. 9. S. Fischer, Frankfurt am Main, S 19-270
- “Beyond the Pleasure Principle”. The Standard Edition of the
Complete Psychological Works of Sigmund Freud. Trans. by James
Stratchey. London: The Hograth Press, 1955. 7-54.
- Michael Rohrwasser: Freuds Lektüre von Arthur Conan Doyle bis zu
Arthur Schnitzler. Giessen 2005
- Larke-Walsh, George S. Screening the Mafia: Masculinity, Ethnicity
and Mobsters from The Godfather to The Sopranos. Jefferson:
McFarland & Company, Inc., Publishers, 2010.
- Martin, Brett. Difficult Men. Behind the Scenes of a Creative
Revolution: From The Sopranos and The Wire to Mad Men and
Breaking Bad. New York: The Penguin Press, 2013.
- Nochimson, Martha P. “Whaddya Lookin’ At?: Re-reading the
Gangster Genre Through The Sopranos”. Film Quarterly, Vol. 56,
No. 2. Berkeley: University of California Press, 2002. 2-13.
Polan, Dana. The Sopranos. Durham: Duke UP, 2009.
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- Barth, Deines, Durst, Fröhlich, Maag, Reiss, Rheinwald (Hg): “Wie
die Sopranos gemacht sind... zur Poetik einer Fernsehserie».
Springer Vlg., Wiesbaden 2017
- Michael Rohrwasser, „der Mob auf der Couch“, in: Jochen Vogt
(Hg.), MedienMorde. Krimis international, München 2005

108
- Hand Richard Brittnacher: Glanz und Elend der Mafia. The Sopranos
als Sittengemälde aus New Jersey. In. DIE NEUE AMRIKANISCHE
FERNSEHSERIE: Von Twin Peaks bis Mad Men. Paderborn, 2014
- Thomas Alexander Szlezák (Hrsg.): Platon: Der Staat.
Politeia. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2000
- Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung,
S. Fischer, Frankfurt 1969
- Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1,
Frankfurt am Main 1983.
- Michel Foucault, Politics, Philosophy, Culture (1988),
- Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley, Diogenes, Zürich 1971
- Harvey Sacks: on doing „being ordinary”. Cambridge University
Press
- French, Philip! "In dead man’s Shoes! Anthony Minghella’s
adaptation of Patricia Highsmith’s The Talented Mr Ripley is a
seductive triumph.» Guardian 27 February 2000
- Andrew Wilson: Beautiful Shadow: A Life of Patricia Highsmith,
Bloomsbury, London 2003; deutsch Schöner Schatten. Das Leben
von Patricia Highsmith, Berlin Verlag, Berlin 2003.
- Roland Barthes, Mythen des Alltags, Suhrkamp, FfM 2012.
- Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral, Also sprach
Zarathustra, fröhliche Wissenschaft
- Sigmund Freud: Studienausgabe BAND IX: Fragen der Gesellschaft.
Ursprünge der Religion: Das Unbehagen in der Kultur, p. 191 ff.
Fischer, FfM 1974
- Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung.
Philosophische Fragmente. In: Max Horkheimer: Gesammelte
Schriften. Band 5. Fischer, Frankfurt am Main 1987
- Peter Sloterdijk: „Nicht gerettet, Versuche nach Heidegger», dort:
«Luhmann, Anwalt des Teufels, Von der Erbsünde, dem Egoismus
der Systeme und der neuen Ironie», FfM: Suhrkamp 2001
- Eugen Pfister, “Roland Barthes Mythos-Begriff. In: Spiel-Kultur-
Wissenschaften, <http://spielkult.hypotheses.org/349> 24.10.2015
- Patricia Highsmith: “Der talentierte Mr. Ripley”, 1956
- Peter von Matt: Die INTRIGE, Theorie und Praxis der Hinterlist.
München, Wien 2006
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust
- Friedrich Nietzsche: Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen
Sinn
- Nassim Nicholas Taleb: Der schwarze Schwan. München, 2008
- Yuval Noah HARARI: Eine kurze Geschichte der Menschheit. 23ste
Auflage, München 2015

Online-Texte auf http://www.academia.edu


- Christine Lötscher: The Beast in Me: Dr. Melfi und das Unbehagen in
der Kultur
- Frank P Tomasulo: Old Vino in New Bottles? The Sopranos and
Long-Form Narrative

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