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126 Typen elementarer Sprachzeichen Warum man die Wörter einer Sprache nicht zählen kann 127

Die vorgestellte Methode der Segmentierung und Klassifizierung zeichnen kann (d-Q alre Mann, ein alt-Q Mann), ferner den Plural (Kind­
von Morphemen eignet sich am besten für agglutinierende Sprachen, IT) und den Komparativ (schnell-Q). Ausserdem fungiert es auch noch
da wir hier für jede grammatische Bedeutung eine eigene Form haben als Wonbildungsmorphem, und zwar sowohl als Vor- als auch als
und diese alle aneinanderhängen. Weniger gut geeignet ist sie dagegen Nachsilbe (Er-zähl-rr). Noch ausgeprägter ist die Homonymie bei -en: Es
Formenbildung für flektierende Sprachen, besonders für solche Formen, die durch eine fungiert als Infinitivendung (erzähl-en), als Partizipendung (er hat ihn
durch Abwand­ Abwandlung des lexikalischen Ausgangsmorphems zustande kom­ berat-m er hat ihm ge-rat-en), als Verbendung der 1. und 3. Person Plural
lung des signifianr men, bei denen also Allomorphie vorliegt. Das betrifft im Deutschen (wir und sie erzähl-en) als Akkusativendung bei Artikeln und Adjektiven
Ablaut (wie z.B. auch im Englischen) besonders jene Verben, die man die (d-en alt-ITJ Mann), als Dativendung im Plural (d-en Hund-en) und als
unregelmässigen nennt. Sie weisen einen so genannten Ablaut a�T, das Pluralallomorph (Frau-en).
ist eine Vokalvariation zur Bildung der Wortformen, die ursprünglich Wenn die deutsche Sprache als eine besonders schwierige gilt. so Synonymie
ein sehr geordnetes System war, im Laufe der Sprachgeschichte jedoch liegt das hauptsächlich an der Vielzahl von. teilweise auch noch dis­ grammatischer
undurchsichtig geworden ist: sing, sang, ge-sung-en, engl. sing, sang, kontinuierlichen und homonymen, grammatischen Allomorphen, ins­ Morphe: Das
Beispiel der
sung; lauf, lief, ge-lauf-en; wer!, wirf, warf, ge-worf-en usw. Der Ablaut besondere im Bereich von Substantiv und Adjektiv (die Verbmorpholo­
Pluralbildung
erscheint auch in Ableitungen wie Ge-sang, Wurf, Sprache usw. gie ist dagegen auch in anderen europäischen Sprachen verhäl tnismässig
Umlaut Das Phänomen der Allomorphie tritt im Deutschen auch in der komplex). Das Paradebeispiel für die Vielfalt der Allomorphe bildet die
Gestalt des Umlauts auf. Ursprünglich handelt es sich um die lautliche Pluralbildung des Substantivs, für die nicht weniger als neun verschie­
Assimilation eines dunklen Vokals in der Hauptsilbe an den hellen dene Allomorphe zur Verfügung stehen, die gemeinsam das Morphem
Vokal -i in der Folgesilbe. Die vollen Vokale in Nebensilben wurden (Substantiv-)Plural bilden und im Übrigen fast alle homonym zu Allo­
jedoch im Mittehlhochdeutschen zum so genannten Schwa-Laut, ei­ morphen anderer grammatischer Morpheme sind. Dabei sind übrigens
nem unbetonten -e, abgeschwächt. Lautlich ist der Auslöser. für den die speziellen Pluralendungen bei Fremdwörtern noch nicht einmal
Umlaut also gar nicht mehr vorhanden. Der Umlaut ist aber als eines berücksichtigt. Alle neun Varianten können wir in verschiedenen deut­
der grammatischen Zeichen für den Plural beibehalten worden. So ist schen Personenbezeichnungen finden: Frau-en, Männ-er (Umlaut+ -er),
es von (althochdeutsch) gast oder kraft (Singular) - gesti, krefti (Plural) Mädchen-0, Junge-n, Töchter (Umlaut), Söhn-e (Umlaut + -e), Kind-er,
zu Gast - Gäste, Kraft- Kräfte gekommen. Der Umlaut kommt auch bei Freund-e, Oma-s.
vielen Ableitungen vor, besonders bei Ableitungsmorphemen mit dem
Vokal -/-: männ-lich, hünd-isch. Es können natürlich auch drnch Ablaut
zustandegekommene Ableitungen umgelautet werden: werfen, Wurf,
Würfe.
Diskontinuier­ Im letzten Beispiel, Würfe, ist das Pluralzeichen auch formal kom­ 23 Warum man die Wörter einer Sprache
liche Allomorphe plex: Es besteht einerseits aus dem Umlaut, andererseits aus der En­ nicht zählen kann
dung. Dies ist ein Beispiel für ein diskontinuierliches Allomorph, ein
Morph mit einer einzigen Bedeutung, die formal an unterschiedlichen
Stellen realisiert wird, bei dem also gewissermassen der signifiant aus­ Der Umfang des deutschen Wortschatzes wird im Allgemeinen auf Ocr Umfang des
einandergerissen ist. Ein prototypisches Beispiel für diskontinuierliche 300.000-500.000 Wörter geschätzt. Dabei sind zwar die sehr umfang­ deutschen Wort­
schatzes
Morpheme bildet im Deutschen das Partizip Perfekt, das in der Regel reichen Fachwonschätze noch nicht vollständig, aber doch zum Teil
durch ge-... -t/en gebildet wird. erfasst. Denn die Zahl ist ja relativ hoch: Das Duden Universalwörterbuch
Homonymie Eine wichtige Problemstelle im System der deutschen grammati­ verzeichnet z.B. ,nur, ca. 120.000 Stichwörter, der achtbändige Grosse
grammatischer schen Morpheme ist (zumindest für Fremdsprachlerner) die ausge­ Duden 200.000, Langenscheidts Grosswörterbuch Deutsch als Fremdsprache
Morpheme prägte Homonymie. Homonymie bedeutet hier (entsprechend dem nicht mehr als ca. 66.000. Die Zahl von etwa 500.000 Einträgen findet
Gebrauch des Terminus bei lexikalisd1en Morphemen), dass ein und man nur im grössten deutschen Wörterbuch, dem Grimmschen. Der
dasselbe Morph zu vielen verschiedenen Morphemen, also Zeichen Gesamtbestand des Wortschatzes verteilt sich sehr unterschiedlich auf
mit ganz unterschiedlicher Bedeutung, gehören kann. Wir hatten dies die früher b.,ehandelten Wortarten (vgl. Kapitel 16), in etwa folgender­
schon für -er gesehen, das als gebundenes grammatisches Morphem massen:
sowohl den Nominativ Maskulinum beim Artikel und Adjektiv kenn-