Sie sind auf Seite 1von 6

Grammatik und.

Motivation
ein Widerspruch?
Motivierungschancen und -strategien im Grammatikunterricht
VON WILFRIED KRENN

Sehr vielen Lernern 'fällt es schwer, sich für die gängigen Aufgabenstellungen im Fremdsprachenunterricht zu motivieren.
Jüngeren Lernern fällt dies vor allem dann schwer, wenn Aktivitäten und Aufgabenstellungen unter dem Stichwort Grammatik"
präsentiert werden . Andererseits besteht unter Lernern und Lehrern ein weitgehender Konsens darüber, dass Grammatik und
Grammatikübungen für das Erlernen einer Fremdsprache wichtig sind . Auch begegnen wir immer wieder hochmotivierten"
Lernern; die mit Hilfe von Grammatik und Grammatikübungen gern und gut Fremdsprachen gelernt haben .

Die Beschäftigung mit Grammatik im Fremdspra- rend zu erleben. Dies istvör allem oft dann nicht der
chenunterricht weist durchaus Aspekte auf, die von Fall, wenn das Üben formaler Teilaspekte der Spra-
Beschäftigung mit vielen Lehrern und Lernern als motivierend erlebt cheim Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens steht
Grammatik wird von vielen werden. Im Fremdsprachenunterricht sind viele und nicht mitteilungsbezogene Kommunikation.
Lehrern und Lernern als Lehr- und Lernziele schwer operationalisierbar" . Um zu erreichen, dass Lerner sichtrotzdem inten-
motivierend erlebt : Die Wenn wir Fertigkeiten imUnterrichttrainieren, ist es siv und motiviert mit den zu übenden sprachlichen
Grammatik bringt Ordnung oft schwierig, genau zu definieren, welche Teillern- Phänomenen auseinander setzen, ist es notwendig,
in das ;;Chaos" des ziele nun mit Hilfe einer bestimmten Aufgabenstel- Aufgabenstellungen im Grammatikunterricht für
Fremdsprachenunterrichts. lung erreicht'Werden können. Die Grammatik kann den Lerner signifikanter" erscheinen zu lassen.
Ordnung in das Chaos" des Fremdsprachenunter- Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten.
richts bringen und suggeriert, dass esmöglichist, das
Erlernen der Fremdsprache in übersichtliche Teil- Spielformate
lernschritte aufzugliedern . Wichtige Elemente des Die Aufmerksamkeit und Konzentration vieler Ler-
Grammatikunterrichts, wie die systematische Dar- ner beim wiederholten Üben einer Struktur ist oft
stellung des Lehrstoffes, klar definierte Teillernziele, größer, wenn dies im Rahmen eines Spiels" (= es
die damit verbundene Komplexitätsreduktion und gibt klare Regeln und Sieger) geschieht. Mit Hilfe des
das intensiveWiederholen und Einüben ausgewähl- folgenden Spielformats ließe sich z. B. die Adjektiv-
ter sprachlicher Strukturen, scheinen auf manche deklination üben.
Lerner durchaus motivierende Wirkung zu haben. L = Lehrer/Lehrerin
Wir sollten diese bewährten" Motivationsfakto- Adjektivübung
ren nicht aus den Augen lassen, wenn wir im Fol- L schreibt der Reihe nach Nomen mit Adjektivattri-
genden versuchen, zusätzliche potentielle Motivati- buten an die Tafel ; die er zu einem bestimmten The-
onsfaktoren für den Grammatikunterricht nutzbar ma assoziiert . (z.B.: harte Arbeit, schwer verdientes
zu machen. Da Motivation, wie auch im einleiten- Geld, gefährliche Medikamente, ein begeistertes
den Artikel von Gudula List ausgeführt, ein sehr Publikum, eine kurze Karriere, ein sadistischer Trai-
komplexes und individuelles Phänomen darstellt, ner, usw .) Die Lerner versuchen, das Thema zu erra-
sollen diese Faktoren hier bescheiden als Motivie- ten . (Lösung : Spitzensport) . Danach sammeln die
Lerner in Dreiergruppen möglichst viele Nomen mit
rungschancen" bezeichnet werden.
Adjektivattributen zu einem vorgegebenen Thema
(mögliche Themen: Kino, Fliegen, Wasser, Sehen,
Die Aufmerksamkeit und
Die Attraktivität der Aufgabenstellung 'Familie, usw.). Die Gruppen präsentieren ihre Asso-
Konzentration beim
erhöhen ziationen und ihre Kollegen versuchen, das Thema
wiederholten Üben einer zu erraten, das der Gruppe vorgegeben wurde.'Die
Struktur ist größer, wenn Die grundsätzliche Entscheidung, eine Fremdspra- Gruppe, die am meisten Wörter präsentieren kann,
dies im Rahmen eines che.lemen zu wollen, istoftschnell getroffen. Für vie- ohne dass ihr Thema erraten wird, hat gewonnen .
Spiels" geschieht . le Lerner stellt diese Entscheidung aber noch keine
ausreichende Motivationsbasis dar, um konkrete
Aufgabenstellungen in konkreten Unterrichtssitua- Neben Ratespielen gibt es eine Vielzahl weiterer
tionen als signifikant und in der Folge als motivie- Spielformate, die das Üben grammatikalischer Struk-
. ... .. .. .. . .. .. .. . .. .. . .. .. .. ..... .. .. ... .. ... .. .. ... .. .lk.._ Motivation
turen ermöglichen. (FREMDSPRACHE, DEUTSCH ben einzeln . Lerner A schreibt die Superlativform auf
Heft 25  Spielen - Denken - Handeln" zeigt dazu ein Blatt Papier. Nach fünf Adjektiven werden die
vielfältige Beispiele). Resultate verglichen . Die Lerner tauschen die Rollen,
Beim Einsatz von Spielformaten" im Unterricht es werden noch einmal fünf Adjektive präsentiert .
sollten wir allerdings darauf achten, (1) dass dabei
die für die Lerner relevanten Strukturen auch wirk- Aktivität 2: Partizipien
lich wiederholt verwendet, das heißt geübt werden, Auf einer Folie werden Infinitive von Verben, die vor
(2) dass der Schwierigkeitsgrad der Aufgabenstel- kurzem gelernt wurden und geübt werden sollen,
lung angemessen ist und (3) dass sinnvolles indivi- gesammelt . Der Lehrer formt das Partizip II der Ver-
duelles Feedback gegeben werden kann. Vielen, vor ben nur mit dem Mund, ohne Stimme . Die Lerner
allem erwachsenen Lernern hilft es darüber hinaus, schreiben das Partizip II auf. Nach fünf Verben wer-
wenn (4) auch die Ziele der Aktivität in sprachlicher den die Resultate verglichen .
Hinsicht explizit gemacht werden . Übertreiben wir
als Lehrer Interventionen in diesem Bereich, kann ungschance : Aufgabenstellungen,
der motivierende Spielcharakter der Aktivitäten ie persönliche Relevanz für die Lerner haben
allerdings verloren gehen. Erfahrungsgemäß reagieren Lerner auf Aufgaben-
Andererseits können Spielformate auf Lerner, die stellungen im Unterricht sehr oft dann besonders
den wettbewerbsorientierten Vergleich mit anderen motiviert, wenn dabei persönliche Information, per-
als Bedrohung erleben, einschüchternd und demo- sönliche Meinungen, Erfahrungen und Erlebnisse
tivierend wirken.Wettbewerbsspiele zwischen Grup- ausgetauscht werden. Die meisten Übungen und
pen austragen zu lassen, kann diesen Effekt oft nur Aufgaben in den Lehrwerken und Übungsbüchern
teilweise kompensieren . nehmen auf diesen Aspekt wenig Rücksicht . Die
Beschäftigung mit Lehrbuchcharakteren und ihren
Motivierungschance . ~Neugier wecken durch wenig originellen Alltagsaktivitäten (Robert, der sei-
ungewohnte Formen der Wahrnehmung ne Freundin anruft, Ulla, die ihre Kinder zur Schule
Gerade im Bereich der Grammatik ergibt sich für die bringt, usw.), nimmt meist soviel Unterrichtszeit in
Lerner die Notwendigkeit, auf sprachliche Details Anspruch, dass den Lernern kaum Zeit bleibt, über
aufmerksam zu werden und diese Details wahrzu- eigene Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten .
nehmen . Eine stabilisierte Wahrnehmung dieser Auch in einem kommunikativ orientierten Unter- Kommunikationssituationen,
sprachlichen Details führt in der Folge zu Sprach- richt besteht dadurch die Gefahr der  Entfremdung" in denen authentische,
aufmerksamkeit", einer der Schlüsselbegriffe in der des Lerners vom Lehrer, von den Unterrichtsmate- persönliche Information
Grammatikdiskussion der letzten Jahre (vgl. z.B. rialien und von sich selbst als Lerner (Stevick, 1996) . ausgetauscht wird, können
Doughty und Williams, 1998) . Um relevante sprach- Der-Versuch, im Unterricht Kommunikationssitua- der  Entfremdung" des
liche Phänomene intensiv wahrnehmen zu können, tionen zu schaffen, in denen authentische, persön- Lerners vom Lehrer, von
brauchen die Lerner (1) den entsprechenden nicht zu liche Information ausgetauscht wird, kann dem ent- den Unterrichtsmaterialien
umfangreichen sprachlichen Input, (2) Zeit, um den gegenwirken . Die folgenden drei Beispiele sollen die und von sich selbst
Input zu verarbeiten und (3) Motivation, sich inten- vielen Möglichkeiten andeuten, Unterrichtsaktivitä- entgegenwirken.
siv mit sprachlichen Details auseinander zu setzen. ten für den Lerner persönlich relevanter zu machen,
Mit Hilfe von Präsentationstechniken, die die Lerner wodurch auch die dabei verwendete Sprache (Rede-
dazu führen, Sprache auf für sie manchmal unge- mittel, Wortschatz, Strukturen, usw.) für den Lerner
wohnte Weise wahrzunehmen, gelingt es oft, diese signifikanter wird.
Motivation zu wecken.
Die folgenden beiden Aktivitäten erfüllen diese Kri- Der interessanteste Beispielsatz Wenn ... einen Wunsch frei hätte
terien und eignen sich erfahrungsgemäß gut, um Ler- Die Lerner lösen eine Grammatik- Die Lerner notieren die Namen von
ner auf bestimmte Grammatikstrukturen aufmerk- übung in einem Lehrbuch . Danach fünf Personen, die sie sehr gut ken-
sam zu machen . Sie können auf unterschiedlichste entscheiden sie, welcher Beispiels- nen . L schreibt einen Beispielsatz
grammatikalische Phänomene angewandt werden. satz für sie persönlich am interes- an die Tafel, in dem die zu übende
santesten, langweiligsten, skurril- Grammatikstruktur vorkommt .
Aktivität 1 : Komparation von Adjektiven sten, schönsten . . . war. Diesen Satz z. B. :  Wenn .. . einen Wunsch frei
L schreibt die Grundstufe verschiedener Adjektive auf lernen sie auswendig . Bei geschlos- hätte, . . ." . Die Lerner schreiben für
Papierstreifen . Die Lerner arbeiten in Partnerarbeit . senen Büchern wiederholt jeder jede Person einen Satz auf, der für
Lerner A dreht sich zur Wand, Lerner B blickt zum Lerner seinen Satz aus dem Ge- diese Person zutrifft . In Dreiergruppen
Lehrer. Der Lehrer zeigt das erste Adjektiv, Lerner B dächtnis . lesen die Lerner ihre Sätze vor und
schreibt die Komparativform des Adjektivs mit dem erzählen ihren Kollegen etwas über
Finger auf den Rücken von Lerner A, jeden Buchsta- diese Personen .
modellhaft vorzugeben, sie aber selbst den vorgege-
Lügendiktat benen Rahmen mit Bedeutung füllen zu lassen. Die
L diktiert den Lernern mehrere sind. Nachdem L die richtige Infinitivgeschichten (links' unten) demonstrieren
Sätze mit Informationen über sich Lösung verraten und eventuell mit mögliche Vorgangsweisen imUnterricht.
selbst .,Die Sätze beinhalten Gram- den Lernern diskutiert hat, schrei-
matikstrukturen, die geübt werden ben die Lerner richtige und falsche
Sätze über sich selbst auf. In Dreier- Die Lerner finden Titel für die Texte. In Gruppen-
sollen . Einige der Sätze' sind inhalt-
lich richtig; einige sind falsch . In gruppen werden die Sätze vorgele- arbeit schreiben die Lerner eigene Infinitivtexte,
Partnerarbeit spekulieren die Lerner sen und die anderen spekulieren wobei sie eigene Alltagserfahrungen verarbeiten. Die
darüber, welche Sätze die Wahrheit darüber, welche .Sätze gelogen sind;. Textekönnen ausgetauscht undin Prosatexte umge-
wandelt werden. Dabei kann das Präsens, Perfekt
oder Futur geübt werden. Die'-Erfahrungen und `'
Wahlmöglichkeiten Ideen der Lerner bilden bei dieser Aktivität denAus-
e"Een, Struktur anbieten, mit Bedeutung gangspunkt für grammatikorientierte Aufgaben im
füllen lassen Unterricht.
Unterricht, der sich an denVorgaben von Lehr- und
Übungsbüchern orientiert, lässt dem Lerner oft Arbeit mit Texten
wenig Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu
treffen, den eigenen Lemprozess zu steuern und zu Texte werden im Grammatikunterricht meist einge-
beeinflussen. Gerade im Bereich der Grammatik setzt, um die Funktion bestimmter grammatikali-
gebenAufgabenstellungen bis ins Detail vor, wasvon scher Strukturen in bestimmten Situationen bei-
den Lernern wie zu tun", ist. Manche Lerner fühlen spielhaft zu verdeutlichen. Die sprachlichen Struk-
sich in der Geborgenheit des durchorganisierten turen, die bewusst gemacht werden sollen, werden
Unterrichts wohl. Sehr viele Lerner würden es aller- im Text hervorgehoben, sie werden gesammelt;
dings als motivierendeHerausforderung sehen, die geordnet und systematisiert . In der Übungsphase
manchmal allzu perfekt o~ganisierte Reisegruppe" spielt der präsentierte Text meist eine untergeord-
verlassen zu können. nete Rolle. Geübt wird die erarbeitete Gramma-
Lehrer müssen die richtige Wiederum geht es für den Lehrer darum, die rich- tikstruktur in der Folge meist an Hand von Einzel-
Balance finden zwischen tige Balance zu finden zwischen klarenVorgaben, die sätzen mit Hilfe von Einsatz-, Ergänzungs- oder
klaren Vorgaben, die den den Lernern Sicherheit geben und Aktivitäten, bei Umformungsübungen.
Lernern Sicherheit geben denenLerner selbstständig Entscheidungen treffen. Texte die für das Üben von Grammatik eingesetzt
und Aktivitäten, bei denen Die Möglichkeit, selbst Entscheidungen treffen zu werden, müssen allerdings zwei wichtige Eigen-
die Lerner selbstständig können, wird wahrscheinlich umso motivierender schaften aufweisen: Sie müssen kurz sein und sie
Entscheidungen treffen . erlebt,jebesser Lerner darauf vorbereitetwerden. Die müssen die zu übende Struktur in möglichst großer
Vorbereitung sollte in sprachlicher Hinsicht (Bereit- Häufigkeit enthalten. Darüber hinaus sollte der
stellung nötiger Redemittel, klare Anweisungen in Wortschatz imWesentlichen bekannt sein.
Form von Beispielen oder eines Modells) aber auch Solche Texte sind darüber hinaus für Lerner dann
und vor allem in lernstrategischer Hinsicht erfolgen. besonders motivierend, wenn sie ein interessantes
Wie schon die oben beschriebenen Beispiele zei- Kommunikationsangebot an den Lerner darstellen,
gen, gibt es viele Möglichkeiten, den Lernem im Rah- wenn sie zu Reaktionen herausfordern, indem sie
men bestimmter Aufgabenstellungen Wahlmöglich- thematisch an wichtige Alltagserfahrungen der Ler-
keiten einzuräumen. Gerade Grammatikübungen ner anknüpfen, wenn sie für die Lerner signifikante
bieten denVorteil, Lernern die zu übende Struktur Themen transportieren, mysteriöse, groteske Situa-
tionen beschreiben, interessante Meinungen wie-
infinitivgeschichten dergeben, provozieren oder unterhalten.
'L präsentiert einen der folgenden  Infinitivtexte" Im Idealfall ist der Text Ausgangspunkt für eigene
an der Tafel: Schreibversuche der Lerner. Der Text wird zu einem
Modell, das von den Lernern variiert und verändert
Heimkommen Eine Nummer wählen
wird, indem sie eigene Ideen umsetzen, dabei aber
Ausziehen Warten
die zu übende Struktur verwenden (siehe Abschnitt
Einschalten Verbunden werden
;,Kreatives Schreiben") . Da es relativ schwierig ist,
Hinsetzen Warten
authentische Texte zu finden, die alle diese Kriterien
Einschlafen Verbunden werden
erfüllen, ist es oftnotwendig, kurze authentische Tex-
Aufwachen Warten
Schimpfen te (Anekdoten, Witze, Fabeln, Gedichte, Zeitungs-
Ausschalten
notizen usw.) für den Einsatz im Unterricht zu bear-
Ins Bett gehen Auflegen
beiten oder auch Texte ganz neu zu schreiben.
::. .......... .. . .... .. .. .. .. .. . .. .. .. . .. .. ... .. ... .. .. . .. ... . ..~ Motivation
Aus:
Grammatik
kreativ, 5.73

Motivieru:ngschance : Üben mit Hilfe ge- Bilderrätsel


eigneter Techniken zur Textrekonstruktion Der Text wird als  Bilderrätsel" präsentiert, das
heißt von einigen Wörtern werden nur die
Üben im Grammatikunterricht bedeutet, ein be- Anfangsbuchstaben vorgegeben, einige Wörter
stimmtes grammatikalisches Phänomen immer wie- sind als Bild dargestellt .
der aufmerksam und konzentriert sowohl hörend
und lesend wahrnehmen, als auch schreibend und
Blitzpräsentation" von Textzeilen
sprechend verwenden.
L präsentiert die Zeilen des Textes einzeln auf dem
Auch die Präsentation eines Textes im Unterricht
Tageslichtprojektor, die Lerner sollen die Zeilen aus
kann Üben bedeuten. Wenn die Lerner Texte erar- dem Gedächtnis aufschreiben ., Die Präsentation ge-
beiten, indem sie diese rekonstruieren, machen sie schieht so rasch, dass es den Lernern nicht immer
sich mit der zu übenden Struktur vertraut . Das wie- gelingt, die Textzeile vollständig im Gedächtnis zu
derholte Rekonstruieren eines Textes mit Hilfe unter- behalten . Nach der Textpräsentation versuchen die
schiedlicher Rekonstruktionsübungen kann Üben Lerner in Partnerarbeit mit Hilfe ihrer Notizen den
bedeutungsvoller, abwechslungsreicher und moti- präsentierten Text zu rekonstruieren .
vierender machen.
Es gibt viele Möglichkeiten, Texte im Unterricht
von den Lernern rekonstruieren zu lassen. Einige Die beschriebenen Aufgabenstellungen können
davon werden im Folgenden beschrieben : sich mehrfach positiv auf die Motivation der Lerner
auswirken : Zum einen wird durch die unvollständi-
ge Präsentation des Textes bei vielen Lernern die
Neugier auf den Textinhalt geweckt . Darüber hinaus
Gedächtnisdiktat erlauben die Aktivitäten eine differenzierte Vor-
L liest den Text mehrmals laut vor, die Lerner gangsweise im Unterricht. So kann der Text Lernern,
schreiben den Text Wort für Wort aus dem die bei der Rekonstruktion Probleme haben, als
Gedächtnis auf. Unterstützung öfter vorgelesen oder kurz zum
Durchlesen zur Verfügung gestellt werden. Dadurch
Texte verschwinden lassen kann eher gewährleistet werden, dass die Aufgaben-
L schreibt den Text an die Tafel . Die Lerner lesen stellungen den für die Lerner optimalen Schwierig-
den Text abwechselnd laut vor. L löscht nach keitsgrad aufweisen. Die Aufgaben haben klar defi-
jedem Vorlesen einige Wörter des Textes, bis
nierte Ziele und erlauben klares aussagekräftiges
der Text ganz von der Tafel gelöscht ist und die
Feedback. Die wiederholte Verwendung der zu üben-
Lerner den kompletten Text aus dem Gedächtnis
den Struktur gibt den Lernern Selbstvertrauen und
rekonstruieren .
bereitet auf freiere Aktivitäten vor.
Da die Aufmerksamkeit der Lerner bei der Rekon-
Skelett-Text struktion der Texte sehr stark auf die Wort- und Satz-
L schreibt den Text in Form eines Skelett-Textes
ebene gerichtet ist, ist es wichtig, nach der Text-
an die Tafel, das heißt, dass nur die Anfangsbuch-
staben Jedes Wortes aufgeschrieben werden . rekonstruktion die Aufmerksamkeit wieder auf die
Die Lerner erraten oder rekonstruieren den Text. Textebene zu lenken. Dies kann in Form von einfa-
chen Fragestellungen zum Text (z.B. W-Fragen: Wer?
Wo?Wann?Wie?Warum? usw).geschehen. Nur dann fügen die Lerner über ein Produkt, das Aufschluss
können die oben beschriebenen potentiell motiva- über den eigenen Lernerfolg und Selbstvertrauen für
tionsfördernden Effekte des Texteinsatzes während den weiteren Lernprozess geben kann.
des Übens von Grammatik zum Tragen kommen. Schreiben ist aber auch anstrengend und kann
quälend und demotivierend für die Lerner sein.
Wenn das BlattPapier auchnach zehn Minuten noch
Kreatives Schreiben
leer ist .oder die Rückmeldung durch den Lehrer vor
Grammatik üben allem Aufschluss darüber gibt, was falsch gelaufen
reativen "Schreiben ist, löst Schreiben wohl eher Frustrationserlebnisse
AuchimRahmen traditioneller Grammatikübungen aus. Dem kann im Unterricht vorgebeugt werden,
wird geschrieben. Wörter werden in Lücken einge- indem das Schreiben intensiv vorbereitet wird. Das
setzt, Sätze werden ergänzt oder umgeformt . Es gemeinsame Sammeln von Ideen und die Präsenta-
kommt aber nur sehr selten zur Produktion von Tex- tion von Modelltexten können helfen, in dieser
ten, in denen Lerner eigene Ideen kreativ zum Aus- Beziehung Blockaden abzubauen . Durch bewusste
druck bringen können . Mitteilungsbezogenes oder Phasen der Stille oder durch das Spielen von Medita-
kreatives Schreiben findet meist außerhalb des tionsmusik während der Schreibphase kann die
eigentlichen" Grammatikunterrichts statt. Lernumgebung positivbeeinflusst werden. Sensible,
Wenn allerdings Grammatik, wie im vorangegan- ermunternde Rückmeldungen des Lehrers können
genen Abschnitt, dargestellt, an Hand von Texten einWeiteres dazu beitragen, dass Schreiben als mo-
geübt wird, können diese Texte Ausgangspunkt für tivierende Lernerfahrung erlebt wird.
eigene, mitteilungsbezogene Textproduktionen der Zu dem unten abgedruckten Ausgangstext hat
Lerner sein. Wenn die verwendeten Texte darüber eine Studentin vom Vorstudienlehrgang Graz einen
hinaus ein Modell darstellen, das die Lerner in Form neuenText geschrieben.
eigener Schreibversuche imitieren können, lässt sich
das Üben von Grammatik mit kreativem Schreiben _ Lerner produzieren
im Unterricht verknüpfen. igenes Übungsmaterial
Die Vorteile des Schreibens für den Fremdspra- Alle bisher beschriebenen Aktivitäten sehen den
chenlernprozess wurden in den letzten Jahren aus- Lerner im Zentrum des Unterrichtsgeschehens . Es
führlich diskutiert (vgl. zum Beispiel Portmann 1991 sind seine Erfahrungen, seine Ideen, seine Äuße-
und Kast 1999) . In Hinblick auf die Motivation der rungen; die wichtig und ernst genommen werden.
Lernenden . hat das Schreiben von Texten mehrere Dies alles allerdings im Rahmen von Grammatik-
Schreiben wird dann zu Vorteile: Die Lerner stehen nicht unter so starkem übungen. Die Äußerungen der Lerner enthalten
einer motivierenden Produktionsdruck wie beim Sprechen. Sie haben nicht nur relevante Information, sondern auch rele-
Lernerfahrung, wenn es Zeit, zu planen, Ideen zu sammeln, verschiedene vante sprachliche Strukturen, die von den Mit-
gut vorbereitet wird : Ressourcen fut die Textproduktion heranzuziehen schüler(inne)n gelesen, gehört, gesprochen und
Gemeinsames Sammeln von und ihre Texte zu überarbeiten. Der Lehrer kann geschrieben werden. Die Äußerungen der Lerner
Ideen, die Präsentation von sinnvolles Feedback geben, indem er Fragen stellt, werden somit zum sprachlichen Rohmaterial" für
Modelltexten können Vorschläge zur Überarbeitung macht, Hinweise auf weitere Unterrichtsaktivitäten .
Blockaden abbauen . Fehler gibt (z.B. durch Unterstreichen der fehlerhaf- Produzieren Lerner, wie im vorangegangenen
ten Textstellen) : Am Ende des Schreibprozesses ver- Abschnitt beschrieben, eigene. Texte, die wichtige
grammatikalische Strukturen enthalten, so können
" 000000 diese Texte Ausgangspunkt für weitere Gramma-
" Ausgangstext
! " tikübungen werden. Die Möglichkeiten dafür sind
(Grammatikschwerpunkt Adjektivdeklination) vielfältig: Die Texte können in einer schön geschrie-
!
! benen Version gesammelt und publiziert" werden,
!
24 ;. +- ,., indem sie z. B. als Kursportfolio" zusammengefasst
Es gibt _
" oder einfach im Klasse nzimmer an einerWand auf-
eine ausgeraubte Postkutsche;
eine kleine Stadt, i gehängt werden . Dort können die Lerner die Texte
i ! ihrer Mitschüler(innen) lesen und positives Feed-
! eine staubige Straße, !
! einen tollkühnen Sheriff " back geben . Die Texte können aber auch Ausgangs-
! und zwei tote Gangster ~. : au... _ la .; " punkt für weitere Textrekonstruktionsübungen irn
" in dem Film, w Unterricht sein. Bei allen diesen Aktivitäten werden
! den ich drehen möchte . ! die Lerner wieder mit wichtigen grammatikalischen
! !
i ! Strukturen konfrontiert, die Beispielsätze oder
Texte stammen aber von eigenen Beiträgen oder

Motivation
Beiträgen der Mitschüler(innen), und haben da- Zum Schluss,
durch potentiell mehr Relevanz für die,Lerner.
Motivierte
efrerinnen und Lehrer
r
er' chtssequenzen modellieren Als Lehrerinnen und Lehrerkönnen wir nicht auf alle
1VIit Hilfe der hier beschriebenen Ideen lassen sich Faktoren, die die Motivationder Lerner beeinflussen,
rund um ein zu übendes grammatikalisches Phäno- einwirken. Motivation ist ein zu umfassendes, kom-
tuen Unterrichtssequenzen entwickeln, die sehr plexes Phänomen als dass einfache Lösungsvor-
viele der hier als potentiell motivationsfördernd schläge zu sicheren Resultaten führen können.
beschriebenen Elemente beinhalten : Mit Hilfe ein- Andererseits ist Motivation eine so grundlegende
leitender kommunikativer Aufgabenstellungen kön- Voraussetzung dafür, dassLernen überhaupt stattfin-
nen Lerner sich an die Verwendung der zu übenden det, dass die Beschäftigung mit diesem Phänomen
Struktur gewöhnen, bei der Rekonstruktion eines nicht Nebensache sein darf. AlleVorschläge zur För-
kurzen Textes wird diese Struktur weiter geübt, der derung der Motivation indiesem Beitrag gehendavon
Text dient in der Folge als Modell eigener Schreib- aus, dass Motivationein sehr individuelles Phänomen'
versuche und die so entstandenen Texte sind die darstellt. Diese Tatsache erfordert, den einzelnen
Basis weiterer grammatikorientierter Aktivitäten im Lerner, die einzelne Lernerin, mit den je eigenen
Unterricht. Der Zusammenhang zwischen diesen Erfahrungen, Kenntnissen und Bedürfnissen in den
Unterrichtsphasen und--das Ineinandergreifen der Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen. Ein Grund-
unterschiedlichen Aktivitäten werden von manchen prinzip eines humanistisch orientierten Fremdspra-
Lernern zusätzlich als motivierendes Element erlebt chenunterrichts wird dabei deutlich: Wir unterrich-
(siehe dazu Gemgroß, Krenn & Puchta,1999) . ten Menschen, nicht die Sprache.

Was häufig zu wenig beachtet wird, ist die Moti-


vation des Lehrers/der Lehrerin, die im interaktiven
Bewusstmachung, System Unterricht direkte Auswirkung auf die Moti-
mm nlogie und Regeln vation der Lerner hat. Wenn die Erwartungshaltung
Für viele Lernervermittelneine gute Systematik, eine an den motivierenden Effekt der beschriebenen
klareTerminologie und einfache, anwendbare Regeln Aktivitäten nicht zu hoch ist, wenn man als Lehrer
das Gefühl von Sicherheit. Die Sprache wird durch- seinen Lernern gegenüber neugierig und interessiert
schaubar, erklärbar und zumindest in Teilaspekten bleiben kann, können die oben beschriebenen
beherrschbar. Die Möglichkeit, schon erworbenes Motivierungschancen" Chancen für Lehrer und
Wissen aus der Muttersprache oder einer anderen Lerner werden .
Fremdsprache anwendenzu können, die`Chance auf
schon Bekanntes zu stoßen und vergleichen zu kön- Lösung zum Bilderrätsel auf S. 37:
nen, hat für viele Lerner motivierende Effekte. Mein Biologielehrer wurdevon einerKatze gebissen.
Mein Bruder wurdevon einemVampir geküsst.
Obwohl noch immer umstritten ist, ob und in wel- Mein Hund wurdevon einemAdlerentführt.
chem Ausmaß das Wissen um Terminologie und Mein Freund wurdevon einemDreirad überfahren.
Mein Hamsterwurde voneinerSchlange gefressen
Grammatikregeln den Sprachlernprozess unterstützt und ichwürdevon meiner Mutter beobachtet,
und beschleunigt, ist es aus motivationstheore- als ich meine Suppeaus demKüchenfenster schüttete.
Was für einTag.
tischen Gründen zumindest für manche Lerner sinn- (Das Bilderrätsel stammt aus:Gerngroß/Krenn/Puchta : Grammatikkreativ)
voll, diese Aspekte im Unterricht zu thematisieren.
Literaturverzeichnis:
Terminologie und Regeln sollten dabei allerdings
nicht Selbstzweck werden, sondern den Sprachlern- Doughty, C., Williams J. (Hrsg.) : Focus an Form in Classroom Second
Language Acquisition. Cambridge: CUP 1998.
Prozess unterstützen. Im Rahmen der oben be- FREMDSPRACHE DEUTSCH, H. 25: Spielen - Denken - Handeln". Hrsg.
von Ronald Grätz. KlettEdition Deutsch: Stuttgart 2001.
schriebenen Aufgabenstellungen kann z.B. durch Gemgroß, Günter & Krenn, Wilfried &Puchta, Herbert. Grammatikkreativ.
Unterstreichungen oder Hervorhebungen immer Berlin undMünchen: Langenscheidt 1999.
Kast, Bernd unter Mitarbeit von E-M. Jenkins: Fertigkeit Schreiben. Fern-
wieder auf relevante sprachliche Erscheinungen hin- studieneinheit 12. München/Berlin : Langenscheidt 1999.
gewiesen werden, einfache, anwendbare Regeln Portmann-Tselikas, Paul: Schreiben und Lernen. Grundlagen der fremd-
sprachlichen Schreibdidaktik Tübingen: MaxNiemeyer 1991 (Reihe
können präsentiert oder mit den Lernern gemein- Germanistische I.inguistük 122) .
sam erarbeitet, und hilfreiche Terminologie kann Portmann-Tselikas, Paul: DieMissachtungdes Sprachwissens. In: R. Freu-
denberg-Findeisen (Hrsg.) :Ausdrucksgrammatik vs .Inhaltsgrammatük
bewusst gemacht werden. Dies alles muss allerdings München iudicium 1999 .
vorsichtig in die Unterrichtsaktivitäten integriert wer- Portmann-Tselikas, Paul &Schmölzen-Eibinger, Sabine (Hrsg) : Grammatik
und Sprachaufinerksamkeit. Innsbruck u.a. : Studienverlag 2001.
den, um den mitteilungsbezogenen Charakter der Stevick, Earl W: Memory,Meaning&Method. AViewof LanguageTeaching .
Interaktion, den Fluss der Aktivität" nicht zu stören. (2nd edition) NewYorku.a. : Heimle &Heinle Publishers 1996.