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Giorgio Agamben

Was von Auschwitz bleibt


Das Archiv und der Zeuge
(Homo sacer I11)

Aus dem Italienischen


von Stefan Monhardt

Suhrkamp
. Der Zeuge

Zu der Zeit
werden die Ubriggebliebenen von Israel und, 1.IDer Wille, Zeuge zu werden, kann für den
was entkommen ist vom Hause Jakob, Lager ein Grund zum Uberleben sein: Deportierten im
sich nicht mehr verlassen aut den, der sie schlägt,
sondern sie werden sich verlassen auf den Herrn, »Ich hatte den festen Entschluís gefaat, nicht freiwillig in den Tod zu ge-
den Heiligen Israels, in Treue. hen, was auch immer geschehen möge. Ich wollte alles sehen, alles
Ein Rest wird sich bekehren, durchmachen, alles ertahren, alles in mir aufnehmen. Zu welchem
Zweck, wenn ich doch niemals Gelegenheit finden sollte, der Welt das
ja, der Rest Jakobs, zu Gott, dem Starken.
Denn wäre auch dein Volk, oh Israel, Ergebnis meiner Entdeckungen entgegenzuschreien? Einfach deshalb,
wie Sand am Meer, weil ich mich nicht ausschalten wollte, nicht den Zeugen ausschalten, der
so soll doch nur ein Rest gerettet werden. ich sein konnte.« (Langbein 1, S. 186)

Jes. 10, 20-22 Gewiß beruft sich nicht die Gesamtheit, sondern nur ein klei-
So geht es auch jetzt zu dieser Zeit, dals ein Rest entstanden ist ner Teil der Häftlinge auf dieses Motiv. Möglich zudem, daß es
nach der Wahl der Gnade [...] und so wird sich um einen Scheingrund handelt (»Der Mensch [...] möchte
ganz Israel geretter aus einem oder dem anderen Grund überleben, aus einer oder
werden.
der anderen Hinsicht,und zu diesem Zweck erfindet er Hun-
Röm. 11, 5-26
derte von Ausflüchten. Und die Wahrheit ist die, daiß man um
jeden Preis leben möchte«: Lewental, S. I147). Oder das es dabei
nur um Rache geht (>Natürlich hätte ich in die Drähte laufen
können, denn das kann man immer. Aber ich möchte leben.
Und wenn das Wunder geschieht, auf das wir alle warten? Viel-
leicht werden wir heute oder morgen befreit. Dann werde ich
mich rächen, dann werde ich der Welt berichten, was hier -dort
drinnenvorgegangen ist.« Sofsky, S.374). Es ist nicht leicht,
das eigene Uberleben zu rechtfertigen, am
wenigsten im Lager.
Einige der Uberlebenden ziehen das Schweigen vor. »Einige
meiner Freunde, mir sehr liebe Freunde, reden nie von Ausch-
witz« (Levi 1b, S. 237). Und dennoch besteht für andere der
einzige Grund zu leben darin, den Zeugen nicht sterben las-
»Andere Menschen
zu
sen. wiederum reden unentwegt davon,
und zu ihnen gehöre ich« (ebd.).
I.2 Primo Levi ist ein perfektes Beispiel des Zeugen. Nach
Hause, unter die Menschen zurückgekehrt, erzählt er unauf-
hörlich allen davon, was ihm widerfahren ist. Er benimmt sich
wie der alte Seefahrer in Coleridges Ballade:

13
Szene erinnern, der alte Seetahrer
Wenn Sie sich an die halt die Ioch
hil,
zeitsgäste auf, die ihn nicht beachten- sie sind mit der hzen h
nis davon ablegen kann. Offenkundig ist Levi kein Dritter:
er
seiner Erzahlung lauschen. Nun. ale
2u .chaf
tigt-,undzwingtsie, dem ist, in jedem S1nn des Wortes, super stes, Uber stehender: Uber
war, habe ich mich gen
Konzentrationslager zuruckgckehrt
Bedürfnis, jederman. hal lebender und, als solcher, /euge. Das bedeutet aber auch, dais
ten. Ich empfand
ein unbezähmbares
mir recht, sein Zeugnis nicht der Feststellung der Tats.ichen im Hinblick
lebnisse zu erzählen! |..JJede Gelegenheit
war
Ist kein
meine Geschichte zu erzählen, dem Werkdirektor ebenso wie Ar auf einen Prozels dient (dazu ist er nicht neutral genug,
testis). Ihm ist letztl1ch nicht das Urteil wichtig - und (Levi we
noch
tun hatten
beiter, auch wenn sie etwas ganz anderes zu genaus tb,
-

der »Ich nie als Richter auf


ich nachts aut der Maschine zu schr niger die Vergebung. trete
alte Seefahrer. Dann fing
an,
eiben S. 66); »Ich fühle mich nicht betugt, Verzeihung
zu gewihren.
l e d e Nacht schrieb ich, und das wurde als etwas noch Verrücktere
nicht.« (Ebd., S. 25ot.) Ihn i n t e r -
angesehen!« (ebd., S. 237f.) ..] Ich besitzediese Betugnis macht:
essiert anscheinend allein das, w a s ein Urteil unmoglich
werden und die Henker
die Grauzone, in der die Opter Henker
Aber er fühlt sich nicht als Schriftsteller, er wird es nur, um sind die Uberlebenden sich einig:
Sinn wurde er nie Schrift
Opfer. Besonders darüber menschlicher als die andere«
Zeugnis abzulegen. Und in gewissem »Keine von beiden Gruppen war

veracht-
steller. Noch 1963, als er schon zwei Romane und einige Erzäh- (ebd., S. 246); »Opfer und Henker
sind
gleichermalaen
er aut die Frage, ob er ist die Brüderlichkeit in der Verwor
lungen veröffentlicht hatte, antwortet lich, die Lehre der Lager
sich als Chemiker oder als Schrittsteller betrachte, ohne das ge- fenheit.« (Rousset' bei Levi t b, S. 227)
werden könnte oder
klar daß wir uns da Das heißt nicht, dafa kein Urteil getällt
ringste Zögern: »Na, als Chemiker, ganz
-

hätte ich ihn


dürfte. »Hätte ich Eichmann vor mir gehabt,
so

nicht miverstehen« (Levi 1a, S. 102). Daís er dann mit derZit ein Verbrechen
doch zu einem zum Tode verurteilt« (ebd., S. 33). »Wenn sie
I
und gleichsam wider seinen Willen schliefßlich datür zahlen« (ebd., S. 25 1).
Schriftsteller wird und Bücher schreibt, die mit seiner Zeugen begangen haben, dann müssen sie
mit Unbehagen: Entscheidend ist nur, beides nicht miteinander z u vermengen.
schatt nichts zu tun haben, erfüllt ihn zutiefst Das Recht darf nicht den Anspruch erheben, die Frage zu er
Dann habe ich geschrieben... ich nahm die schlechte Ge der Wahrheit,
schöpfen. Es gibt einen nicht-juristischen Gehalt
wohnheit an zu schreiben« (ebd., S. 258). »[..in meinem bei dem die quaestio facti niemals auf die quaestto uris redu

Jungsten Buch, Der Ringschlüssel, [trete


ich] gar nicht in der E ziert werden kann. Genau er ist Sache des superstes: all das,
was

nichts; ich habe


Eenschatt als Zeuge |...] auf. Damit negiere ich ein Zeuge zu eine menschliche Handlung jenseits des Rechts tührt, was sie

und dem ProzefS radikal entzieht. »Jedem von uns kann der Prozes
nicht autgehört, ein ehemaliger KZ-Häftling er kann verurteilt und hingerichtet
werden,
sein (Levi 1b, S. 139). gemacht werden,
Er trug dieses Unbehagen mit sich herum bei
den Versamn ohne auch nur zu wissen, warum« (Levi ra, S. 75).
bin.
Schula
ungen im Verlag Einaudi, wo ich ihm begegnet Milaverstàndnisse
I.4 Eines der am weitesten verbreiteten
weil er Zeug
Konnte er sich fühlen, weil er überlebt, nicht,
weil ich Zeugnid
ab-
nicht nur in bezug auf das Lager ist die stillschweigende
-
Ver-
abgelegt hatte. »Ich bin mit mir im reinen,
(oder, schlim-
gelegt habe (ebd., S. mengung ethischer und juristischer Kategorien
231). mer noch, juristischer und theologischer Kategorien: in ihr be-
steht die neue Theodizee). So gut wie alle Kategorien, die
wir
den Zeuge
.3 Das Lateinische verfügt über zwei Wörter,
um
test sind in
auf dem Gebiet der Moral oder der Religion anwenden,
testi-

Zu bezeichnen. Das
erste, testis, von dem das itale auf die
zurückführen gewissem Mals mit dem Recht vermischt: Schuld,
Verantwor-
mone abstammt, läfßt sich
etymologisch treit als
er tung, Unschuld, Urteil, Freispruch...
Das machtes problema-
Bedeutung »derjenige, der sich in einem Prozels
stellt«. Das zweil tisch, sie ohne besondere Vorsicht zu benutzen. Denn dem
Dritter (*terstis) zwischen zwei der geht es letztlich nicht
Recht das wissen die Juristen genau
-

rlebt hat,
Wort, sperstes, bezeichnet denjenigen,hat und
ein Ereignis bis zuletzt durchgema
der etwas eri Zeug
deswege

14
nicht um Wahrheit. Dens
m
schon
gar
Gerechtigkeit. Und
um
ausschliefßlich u m das Urteil, unablhängie VOn Getängnis, der Flenker - nur insofern von Belang ist, als er so-
Recht geht es
Das beweist ohne jcden Zweifel 7usagen die Fortsetzung des Urteils darstellt
Wahrheit oder Gerechtigkeit. Ausdruck richten)« (Satt.a, (man denke an den
cinem ungerechten Urteilsspruch zu S. 16). Doch das bedeutet auch, dals
dieRechtskraft, die auch »der
kommt. Die Herstellung
der res tudcata, mit der das Urteil an
Freispruch das Fingeständnis etnes Justizirrtums ist«, dals
als walhr
tritt,die gilt, auch war jeder innerl1ch unschuldig ist aber der
die Stelle des Wahren
und Gerechten ,

einzig wahrhatt
Unschuldige »nicht derjenige ist, der treigesprochen
und ungerecht st, bildet den Endzweck des wird, son-
e n n sie falsch dern derjenige, der ohne Urteil durch das
unentscheidbar, ob Fak Leben geht« (ebd.
Rechts. In diescm hybriden -
Gebilde
S. 27)
hndet das Recht Fricden; weiter kann es nicht
tum oder Norm-

gehen I.5 Wenn das wahr ist - und der


1983 trat der Verleger
Einaudi mit der Bitte an Primo Levi Uberlebende weiß, dais es
wahr ist -, dann sind möglicherweise gerade die Prozesse
heran. Kafkas Proceß zu übersetzen.
Zahllose Interpretationen
zwölf Nürnberger Prozesse und die anderen in und auiserhalb
(die
dieses Werkes heben seinen prophetisch-politischen Charakter Deutschlands bis zu dem 1961 in Jerusalem, der mit der Hin-
hervor (die moderne Bürokratie als das absolute Böse), betonen richtung Eichmanns durch den Strang endete und eine weitere
die theologische Dimension (das Gericht ist der unbekannte Reihe von Prozessen in der Bundesrepublik auslöste) für jene
Gott) oder das biographische Moment (die Verurteilung ist die Verwirrung der Intellektuellen verantwortlich, die es jahrzehn-
Krankheit, die Kafka in sich spürte). Selten wurde bemerkt, dafß telang verhindert hat, Auschwitz zu denken. So notwendig
dieses Buch, in dem das Gesetz sich einzig in der Form des Pro- diese Prozesse waren und obwohl sie ottensichtlich nicht aus-
zesses manifestiert, eine tiefe Einsicht in die Natur des Rechts reichten (sie betraten insgesamt nur wenige Hiundert Perso-
Das Recht ist hier nicht so sehr - wie nach der gewöhn- nen), trugen sie doch zur Verbreitung der Vorstellung bei, das
lichen Auffassung -

Norm, als vielmehr Urteil -


und also Pro- Problem sei bereits bewältigt: Die Urteile waren rechtskrattig
zeß. Doch wenn das Wesen des Gesetzes-jeden Gesetzes- der geworden, die Schuldbeweise definitiv erbracht. Abgeschen
Prozei ist, wenn alles Recht (und die mit ihm vermengte Mo- von einigen wenigen und hàufig vereinzelt dastehenden tHell-
ral) nur im Prozeísverfahren hergestelltes Recht (und Moral) sichtigen, bedurtte es tast eines haiben Jahrhunderts, um zu
be
ISt, dann vermischen sich Gesetzesanwendung und -übertre-
greifen: Das Recht hatte das Problem nicht erschöptt; dieses
tung, Unschuld und Schuld, Gehorsam und Ungehorsam
und Problem war so enorm, daia es das Recht selbst in Frage stellte
und mit sich in den Abgrund rils.
erlieren ihre Bedeutung. »Das Gericht will nichts von Dir. Es Es gibt prominente Opter der Verwechslung von Recht und
nimmt Dich auf wenn Du kommst und es entläfßt Dich wenn
Moral und von Theologie und Recht. Eines von ihnen ist der
Du gehst. (Kafka, S. 235) Endzweck der Norm ist die Herstel
lung des Urteils. Das Urteil aber will weder strafen noch beloh- Philosoph und Heideggerschüler Hans Jonas, der sich aut Pro-
bleme der Ethik spezialisiert hat. Anläslich der Verleihung des
nen, es will weder Gerechtigkeit widerfahren lassen noch die
Wahrheit feststellen. Das Urteil hat sich selbst zum Zweck, und Lucas-Preises 1984 beschäftigte er sich mit Auschwitz.
Er
tat
darin so hat man gesagt besteht sein Mysterium, das Myste
-
dies, indem er eine neue Theodizee lehrte und die Frage auf-
rium des Prozesses. wart, wie Gott Auschwitz zulassen konnte. Die Theodizee ist
ein Prozes, bei dem es nicht um die Verantwortung der Men-
Aus dieser autoreferentiellen Natur des Urteils läfßt sich un-
Gottes. Wie alle Theodizeen endet
ter anderem der Schluß ziehen- und ein groser italienischer Ju- Schen geht, sondern um die
rist hat ihn tatsächlich gezogen -, dafs nicht die Strafe aus dem auch diese mit einem Freispruch. Die Urteilsbegründung lautet
Urteil folgt, sondern dafs dieses selbst die Strafe ist (nullum ungefähr folgendermatsen: Das Unendliche (Gott) hat sich in
udicium sine poena). »Man könnte der Endlichkeit vollkommen seiner Allmacht begeben. Indem
sogar sagen, dals die ge- er die Welt hat ihr Gott sozusagen sein Schicksal über-
schuf,
samte Strafe im Urteil
besteht, dafs der Vollzug der Strafe das -

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Und nachdem er sich voll
antwortet, ist machtlos geworden.
er uns nichts mchr zu sehen an dem wir sie zu
in die Welt hineingab, hat denken gewohnt waren. Und ohne dais wir
kommen
Mensch kann dies sagen könnten, warum, spüren wir, dafs dieses Diesseits
ken: jetzt ist es am Menschen, 7u geben. Der wichti-
ger ist als jegliches Jenseits, dafs der Untermensch uns viel
nicht oder nicht zu häut1g dazukommen läk mehr
tun, indem er es
interessieren muls als der
Meschen bedauern mufs, die Welt zuu Ubermensch. Diese intame Zone der
daß Gott es wegen des
gelassen zu haben.
Nicht-Verantwortlichkeit ist unser erster Kreis. Aus ihm kann
uns kein Bekenntnis zur
Der versöhnlerische Fehler jeder
Theodizee ist hier beson- Verantwortung befreien, hier buchsta-
biert man, Minute für Minute, die ILektion der turchtbaren
nur nichts über Auschwitz.
ders offenkundig. Sie sagt uns nicht Banalität des Bösen, vor der das Wort versagt und an der das
es gelingt ihr nicht ein-
weder über die Opfer noch die Henker; Denken scheitert« (Arendt 1,S. 371).
vermeiden. Hinter der Machtlosigkeit
mal, das lieto fine zu
die ihr plusjamais ça! noch
Gottes taucht die der Menschen aut, 1.7 Das lateinische Verb spondeo, von dem das italienische
dafa ça überall ist.
dann rufen, wenn längst klar wurde, Wort responsabilita herkommt, bedeutet tür jemanden (oder
für sich selbst) einem anderen gegenüber tür etwas hatten«. So
1.6 Auch der Begriff der Verantwortung ist hoffnungslos mit geht beim Heiratsversprechen der Vater mit dem Aussprechen
dem Recht vermischt. Das weiis jeder, der versucht hat, ihn au- der Formel spondeo die Verptlichtung ein, seine (deswegen
erhalb des juristischen Bereichs zu verwenden. Dennoch sponsa genannte) Tochter dem Bewerber zur Frau zu geben und
konnten sich Ethik, Politik und Religion nur dehnieren, indem andernfalls Entschädigung zu garantieren. Tatsächlich konnte
sie der juristischen Art von Verantwortung Boden entrissen. Sie sich nach einem Brauch ältesten römischen Rechts ein freier
dies aber nicht, um Verantwortung anderer Art zu über- Mann als Geisel stellen sich also in Getangenschatt begeben,
-

taten
Nicht-Verantwortlich- woher sich der Ausdruck obligatio herleitet - , um die Wieder
nehmen, sondern grenzten Zonen der
gutmachung eines Unrechts oder die Erfüllung einer Verpflich-
keit ab. Das bedeutet freilich nicht Straflosigkeit. Es bedeutet
vielmehr - zumindest für die Ethik -, auf eine Verantwortung tung sicherzustellen. (Als sponsor wird derjenige bezeichnet
wir je über- der an die Stelle des reus tritt, indem er verspricht, im Fall der
zu stofsen, die unendlich viel gröfßer ist als jede, die
Nichterfüllung die geschuldete Leistung zu erbringen.)
nehmen könnten. Wir können ihr höchstens treu sein, d.h. aut
ihrer Unübernehmbarkeit bestehen. Die Ubernahme von Verantwortung ist also eine genuin ju-
ristische und nicht ethische Geste. Sie ist nicht Ausdruck von
In Auschwitz machte Levi die unerhörte Entdeckung einer etwas Edlem oder Grofßartigem, sondern bedeutet - in einer

Materie, die unemphndlich ist gegenüber jeglicher Zuschre in der die Rechtsverbindlichkeit noch mit
bung von Verantwortung. Es ist ihm gelungen, so etwas wie
ein Rechtsauffassung,
dem Körper des Verantwortlichen verknüpft ist - schlicht das
neues ethisches Element zu isolieren. Levi nennt es die »Grau-
Sich-Verpfänden, die ob-ligatio, das Sich-in-Getangenschat
zone: die Zone, durch die sich die »lange Verbindungskette
zwischen Opfern und Henkern zieht; wo der Unterdrückte Begeben, um Erfüllung einer Schuld sicherzustellen. Des-
die
der im
zum Unterdrücker wird und der Henker seinerseits als
wegen ist der Begriff eng mit dem der culpa verbunden,
Opter weitesten Sinn die Zurechenbarkeit eines Schadens bezeichnet
erscheint. Eine graue, unaufhörliche Alchemie, in der Gut und Schuld sich
Böse und mit ihnen sämtliche Metalle der überkommenen (aus diesem Grund war im römischen Recht eine
sua dam-
Ethik ihren Schmelzpunkt erreichen. gegenüber ausgeschlossen: quod quis ex culpa
selbst
damnum sentire, der Schaden, den
Es handelt sich also um eine Zone der Nicht-Verantwortlich- num sentit, non intelligitur ist juristisch
jemand sich selbst aus eigener Schuld verursacht,
keit und derGut
»impotentia judicandi« (Levi S. 60), die nicht
2,
nicht von Belang).
jenseits von und Böse liegt, sondern sozusagen diesseits von bezeichnen zunächst also einfach
ihnen. In einer Geste, die der Nietzsches symmetrisch entge- Verantwortung und Schuld
Zurechenbarkeit. Erst später wurden
Zwei Aspekte juristischer
gengesetzt ist, hat Levi die Ethik diesseits des Ortes angesiedelt,
19
18
und auf Bereiche aufaerhalb des Rechts i
sie verinnerlicht diese beiden Begritfe L tragen. Dic Verfasser der Erklä-
jede Ethik, die juristischen Konsequenzen zu
tragen. Deswegen bleibt und opak. (Dies rung scheinen das in gewisser Weise zu ahnen, denn in einer be-
nimmt, unzulängl1ch
Grundlage in Anspruch zeichnenden Passage übernehmen sie eine Verantwortung, die
ein regelrechtes »Prinzip Verantwortunps
gilt für Jonas, der vielleicht auch tür Lévinas, der, wen
sich unverkennbar juristisch anhort. Sie schreiben, sie hätten
aufstellen möchte, und dazu beigetragen, rein Klima zu schaffen, das zum Mord
Weise, den Gestus des sponsor
auch in wesentlich komplexerer Wie unzu-
führte« (doch die fragliche Straftat, die Anstiftung zum Verbre-
Gestus schlechthin verwandelt.)
in den ethischen die Grenzlinie chen, wird natürlich unterschlagen). Stets hat man es als eine
sich immer dann, w e n n
edle Handlung betrachtet, wenn jemand für etwas, an dem er
länglich und opak, zeigt werden soll. Dazu zwei
zwischen Ethik und
Recht gezogen
Gewichts der in Frage ste- unschuldig ist, die juristische Schuld auf sich nimmt (Salvo
Beispiele, die z w a r
hinsichtlich des
d'Acquisto!'), während die Ubernahme einer politischen oder
voneinander entternt sind, sich aber in moralischen Verantwortung ohne juristische Konsequenzen
henden Fakten sehr weit treffen.
anscheinend implizierten distinguo
(Mussolini
die Arroganz der Mächtigen kennzeichnete
dem v o n beiden während des Pro-
stets
Italien sind diese
Eichmanns konstante
Verteidigungslinie beim Mordfall Matteotti). Doch im heutigen
Robert Servatius klar for- wird
hat sein Anwalt Modelle auf den Kopf gestellt, und bei jeder Gelegenheit
in Jerusalem
zesses
sich schuldig v o r Gott, nicht vor dem die zerknirschte Ubernahme moralischer Verantwortung in
muliert: Eichmann fühlt Eichmann (dessen Beteili- der juristischen z u dispen-
Tatsächlich verstieg sich Anspruch genommen, um sich von
Gesetz. umfänglich erwiesen war, sieren.
der Vernichtung der Juden (und
gung an auch eine andere war, als Die Vermengung ethischer und juristischer Kategorien
w e n n seine
Rolle dabei wahrscheinlich ist hier vollkommen.
bis zu dem Angebot, sich »öffentlich auch die in ihr enthaltene Logik der Reue)
die Anklage behauptete) Sie ist der Grund der zahlreichen Selbstmorde,
mit denen sich
»Schulddruck der deutschen Ju-
selbst aufzuhängen, um den er weiterhin nicht nur Verbrecher des Nationalsozialismus
einem Prozets
wegzunehmen«"; und dennoch behauptete Ubernahme einer morali-
gend vor Gott (der für
ihn n u r ein »Hö- entzogen haben: Die schweigende
bis zuletzt, dais seine Schuld sei an dieser
sei. Der schen Schuld soll von der juristischen loskaufen. Es
nicht juristisch verfolgbar die
herer Sinnesträger«10 war) wiederholten distin- Stelle daran erinnert, dafs diese Verwirrung nicht primär auf
dieses so hartnäckig die ja ein
einzige mögliche Sinn otfen- Lehre der katholischen Kirche zurückzuführen ist,
kann n u r darin liegen,
dafs dem Angeklagten ganz Sakrament kennt, das den Sünder von der Schuld betreien soll,
guo moralischen Schuld als
etwas
sichtlich die Ubernahme einer sondern auf die säkulare Ethik (in der betulichen und selbstge-
nicht bereit war, eine juristi- sie ju-
sittlich Edles erschien, während er der rechten Form, wie sie vorherrscht). Diese will, nachdem
aus der Perspektive erhoben
sche Schuld auf sich zu nehmen (die, ristische Kategorien zu höchsten ethischen Kategorien
müssen als die moralische hat,
Ethik betrachtet, hätte geringer sein und so die Karten hoffnungslos durcheinandergebracht
Ethik ist aber die
Schuld). noch immer ihr distinguo ausspielen. Die
einer links- kennt: sie ist,
Jüngst hat eine Gruppe ehemaliger Angehöriger eine Erklärung
Sphäre, die weder Schuld noch Verantwortung Leben. Schuld
extremistischen Organisation in einer Zeitung wußte es, die Lehre vom glücklichen
moralische Verant- Spinoza manchmal
veröffentlicht, in dem sie die politische und
notwen-
und Verantwortung zu übernehmen
-
was

wortung für die Ermordung eines


Polizeikommissars über den Bereich der Ethik zu verlassen,
dig sein kann bedeutet,
-

nahm, die sich zwanzig Jahre zuvor ereignet hatte. »Dennoch um den des Rechts zu
betreten. Wer diesen schwierigen Schritt
kann diese Verantwortung« - heifßt es in der Erklärung - »nicht
durch die Tür, die sich gerade
tun mußte, kann nicht verlangen,
in eine Verantwortung strafrechtlicher Art [...] verwandelt hinter ihm schlofß, wieder einzutreten.
werden. An dieser Stelle ist daran zu erinnern, dafß die Uber-
nahme einer moralischen Verantwortung nur dann irgendwel-
chen Wert hat, wenn sie mit der Bereitschaft einhergeht, die
21
das »Sonderkons
»Grauzone< 1st
der Bei diesem
1.8 Die Extremfigur bezcichnete die SS ien Spiel sind auch
noch andere $$
Angehorige und das ganze
mando«. Mit diesem Euphemismusdem Betrieb der Gaskans übrige Sonderkommando anwesend, sic ergreifen Partei, schliesen Wet-
die mit
ten ab, klatschen, feuern die Spieler an gerade s0, als
Gruppe vonDeportierten, würde das
mern und der Krematorien betraut
war. Sie mutsten die nackien nicht vor den Toren der
Flölle, sondern auf dem Fußballplatz Spiel
und die Ord eines Dorfes ausgetragen.« (Ebd., 5. s4) irgend-
in den Gaskammern fuhren
Gefangenen zum Tod
aufrechterhalten; die durch die Einwirkun
nung unter
ihnen
Leichen herauszichen
Manchem wird dieses Spiel vielleicht als kurze Pause der
der Blausäure rosa grün getleckten
und Menschlichkeit inmitten des unendlichen Grauens erscheinen.
kontrollieren, ob in den
und mit dem Wasserstrahl rein1gen; In meinen Augen wie in denen der
Zeugen ist dieses Spiel dage-
verborgen waren; die gen das eigentliche Grauen des Lagers. Denn wir können
Körperöffnungen \Wertgegenstände viel-
brechen; die Haare der Frauen ab- leicht denken, dafs die Massaker zu Ende sind -auch wenn sie
Goldzähne aus den Kietern
die Leichen dann in
schneiden und mit Salmiaklösung waschen; sich hier und dort, nicht allzuweit von uns entternt, wiederho-
1hre Verbrennnung uberwachen; len. Doch dieses Spiel hat niemals geendet, es ist, als daure es
die Krematorien bringen und
Asche aus den Ofen räu-
und schliefslich die übriggebliebene noch immer an, ununterbrochen. Es ist die vollkommene und
men.
ewige Chiffre der »Grauzone«, die Zeit nicht kennt und an je-
dem Ort ist. Ihr entstammt die Angst und die Scham der Über
Uber diese Kommandos zirkulierten schon während unserer Gefan- lebenden, »die in jedem eingeschriebene Angst vor dem tòhu
die spåter von den bereits er-
genschatt vage, verstümmelte Gerüchte, wawohu, vor dem wüsten und leeren Universum, das unter
wurden; aber das mit diesen Lebensbedin-
wähnten Quellen bestätigt dem Geist Gottes zerdrückt wurde und in dem der Geist des
verbundene Grauen hat allen Zeugnissen eine Art Zurückhal- Menschen abwesend ist: weil er noch nicht geboren oder bereits
gungen
es auch heute noch schwer, sich eine
tung autgezwungen. Deshalb 1st
Vorstellung davon zu machen, »was es heifken wollte<, gezwungen
zu erloschen ist.« (Ebd., S. 87)
die wir die
Aber
auch unsere Scham hat hier ih-
sein. über Monate hin diese Tätigkeit auszuüben. [...] Einer von ihnen ren Ursprung, Lager
nicht haben und
kennengelernt
hat erklärt: Wenn man diese Arbeit verrichtet, dreht man entweder am die wir doch, ohne zu wissen wie, bei jenem Spiel anwesend
ersten Tag durch, oder man gewöhnt sich daran. Ein anderer sagte: Na- sind, das sich jedem Spiel
in in unseren Fufballstadien wieder-
türlich, ich hätte mich umbringen oder mich umbringen lassen können. holt, in jeder Fernsehübertragung, in jeder alltaglichen Norma-
lität. Wenn es uns nicht gelingt, dieses Spiel zu begreiten, es zum
Aber ich wollte überleben, weil ich mich rächen und Zeugnis ablegen
wolte. Sie dürfen uns nicht für Monster halten: Wir sind wie Sie, nur viel Aufhören zu
bringen, wird es niemals Hottnung geben.
unglücklicher. [...] Von Menschen, die diese äufßerste Erniedr1gung
kennengelernt haben, ist keine Zeugenaussage im juristischen Sinn zu 1.9 Zeuge heißt auf Griechisch mártys, Märtyrer. Die ersten
erwarten, sondern etwas, das zwischen Klage, Fluch, Sühne und dem Be- Kirchenväter leiteten davon das Wört martyrium ab, um den
mühen um Rechtiertigung und Wiedererlangung der eigenen Würde Tod verfolgter Christen zu bezeichnen, die auf diese Weise für
liegt....)Die Erfindung und Aufstellung der Sonderkommandos ist das ihren Glauben Zeugnis ablegten. Was in den Lagern geschah,
dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen.« (Levi 2,
S. 5if.)
hat mit Martyrium ziemlich wenig zu tun. Darin sind die Uber
lebenden sich einig. Wenn Opter Nazis als »NMärty-
wir die der
Nun berichtet Levi, dafßs ein Zeuge, Miklos rer bezeichnen, verfälschen wir ihr Schicksal.« (Bettelheim I,
Nyiszli, einer der
ganz wenigen Uberlebenden des letzten Sonderkommandos S. 1o5) Dennoch gibt es anscheinend zwei Berührungspunkte.
von Auschwitz, davon Der erste betrifft den griechischen Terminus selbst, der von ei-
erzählte, dafß er während einer »ArbeitS nem Verb abstammt, das verinnern- bedeutet. Der Uberle-
pause bei einem Fuisballspiel zwischen einer Mannschaft der bende, der superstes, ist zur Erinnerung beruten, er ist gezwun-
SS und einer aus
Mitgliedern des Sonderkommandos anwesena gen zu erinnern.
War

22 23
meine Hattzeit [sind] viel lelbendiger und de
...] die Erinnerungen an und nachher war« (Levi ih sinnlos machten. Auch darin sind die
taillierter[...] als alles andere, was vorher Uberlebenden sich einig.
»Was wir zu sagen hatten, begann uns nun
selber unvorstellbar
S.238). bewahre ich cine visuclle undakusti. zu werden« (Antelme, S.
7). »Alle [..] Klärungsversuche ver-
Noch jetzt, nach vielen Jahren,
Erlebnisse, die ich nicht erklären kann sagten auts Lächerlichste« (Améry, S. 8).
sche Erinnerung an die damaligen »[Mich] ärgern [...]
bewahre ich im Kopf Wendun die Versuche mancher religiÖser
...]: Wie auf einem Tonband registriert, P'olnisch und Ungarisch. Ich Extremisten,
die
die ich nicht beherrsche, nach Art der Propheten zu deuten: eine Strafe für Vernichtung
gen aus Sprachen, und sie haben mir erklärt,
unsere Sün-
habe sie Polen und Ungarn vorgesprochen, den. Nein, das akzeptiere ich nicht! Die Tatsache, dafs sie sinn-
einem mir unbekannten Grund ist mit los war, macht sie nur noch entsetzlicher.« (Levi i b, S.
dafs sie einen Sinn ergeben. Aus 23 1)
würde beinahe sagen, eine unbewußte Die unglückliche Bezeichnung »Holocaust«
mir etwas Anomales passiert, ich
(Ebd., S. 232) entspringt die-
Vorbereitung auf die Zeugenschaft.« sem unbewulaten Bedürtn1s, einen Tod sine causa zu rechtter-
tigen, dem Sinn zu verleihen, was keinen haben zu können
Der zweite Berührungspunkt liegt tieter und ist aufschluß- scheint: »[...] Verzeihung, aber ich verwende diesen Begriff
zum Marty-
reicher. Die Lektüre der ersten christlichen Texte Holocaust ungern, weil er mir nicht gefällt. Doch ich verwende
rium-etwa der Scorpiace Tertullians hält überraschende
-
Ein- ihn, damit wir uns verständ1gen können. Ph1lologisch ist er
blicke bereit. Die Kirchenväter mutsten sich mit häretischen falsch (Levi 1a, S. 243f.); »Als der Begriffautkam, hat er mich
Gruppen auseinandersetzen, die das Martyrium ablehnten,
weil sehr gestört; dann habe ich erfahren, daíß ausgerechnet Elie
es in ihren Augen einen gänzlich sinnlosen Tod darstellte (perire Wiesel ihn geprägt hat, es aber dann bereute und ihn am liebsten
sine causa). Welchen Sinn konnte es haben, seinen Glauben vor zurückgenommen hätte« (Levi ib, S. 23of.).
Menschen zu bekennen den Verfolgern und Henkern - , die
-

von diesem Bekenntnis nichts begreifen würden?


Gott konnte I.1o Auch die Geschichte eines falschen Begriffs kann lehrreich
das Sinnlose nicht wollen. »Sollen Unschuldige dies erdulden? sein. Im Italienischen ist »olocausto« die gelehrte Transkription
des lateinischen Substantivs holocaustum, das seinerseits als
.]Christus ist ein für allemal für uns gestorben, wurde getö-
tet, damit wir nicht getötet würden. Wenn er datür aber Gegen- Ubersetzung des griechischen holókau(s)tos eintritt (dieses ist
leistung verlangt, erwartet er dann etwa auch sein Heil von mei- allerdings ein Adjektiv und bedeutet wörtlich »ganz ver
nem Menschen, weil er das
Tod? Fordert Gott etwa das Blut der brannt«; das entsprechende griechische Substantiv ist bolo
der Stiere und Böcke verschmäht? [...] Wie könnte er je den Tod kanls/töma). Die Bedeutungsgeschichte des Wortes ist im we-
sentlichen christlich, denn die Kirchenväter benutzen es in
derer verlangen, die keine Sünder sind?12 Die Lehre vom Mar
Wahrheit freilich nicht allzu streng und konsequent , um die
tyrium entsteht also, um das Skandalon eines sinnlosen Todes
zu rechtfertigen, eines Blutbades, das nur als absurd erscheinen komplexe Opferlehre der Bibel (besonders der Bücher Leviticus
und Numern) zu übersetzen. Im Leviticus werden alle Opter aut
konnte. Dem Probiem eines anscheinend sinnlosen Todes liels
sich mit dem Verweis auf Lk. 12,8-9 und Mt. vier Grundtypen zurückgeführt: olah, hattat, shelamin, minba.
10, 32-33 begeg
nen (Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich
»Ihre Namen sind bezeichnend. Hattat war das Opter, das speziell zur

auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber für die der Le-
Sühnung der hattat oder hataa genannten Sünde diente,
verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor vlicus leider nur eine ziemlich vage Definition gibt. Shelamin ist
ein ge-
meinem himmischen Vater). Dadurch wurde es möglich, zur Schlielaung eines Bundes,
meinschaftliches Opfer zur Danksagung,
das
Martyrium als göttliches Gebot zu interpretieren, einen Grund minbu dagegen sind rein deskrip-
zum Gelöbnis. Die Termini olah und
beim Optern: der
für das Grundlose zu finden. tiv. Beide beziehen sich auf besondere Verriehtungen
falls ptlanzlicher Natur ist, der
weite auf das Vorzeigen des Opters,
es
Dies hat nun sehr vicl mit den Lagern zu tun. Denn in den Gottheit.« (Mauss und
die
erste auf die Darbringung der Opfergabe
an
Lagern nahm eine Vernichtung, zu der es möglicherweise
durchaus historische Vorganger gab, Formen an, die sie absolut Hubert, S. 44)

24
Vulgata übersetzt allgemeinen
im mit hol
olah
Die
(holocausti oblatio), battat
mit oblatio, shelamin st
on shalom,
olocaustum Delfico"(viele, die sich in vollkommenem Flolocaust dem
Va-
mit bostia pro
Frieden) mit bostia pacijicorum, minba terland darbrachten«) und Pascoli (-im notwendigen und sü-
übernehmen die lateinischen peccato.
Kirch Ren Opfer bis hin zum Flolocaust besteht für mich das Wesen
Aus der Vulgata und verwenden 1hn vor allcm den
Terminus holocaustum den des Christentums«).
zahlreichen Kommentaren zum heil1gen Text die On Aber auch die polemisch gegen die Juden gerichtete Verwen-
B. Hilarius, In 23 hJu
Psalm. 6s. dung des Begriffs hatte ihre weitere Geschichte, obwohl es sich
den zu bezeichnen (so
z.

bostiarum cOrpora, u1a tota ad ignem Sa dabei um eine geheimere Geschichte handelt, die nicht in die
sta sunt integra "hoi
holocausta sunt nuncupata). Dabei
Wörterbücher eingegangen ist. Während meiner Untersuchun-
deferebantur, AsCnen
Autmerksamkeit.
Erstens wird der gen zum Begritt der Souveränität stiels ich zufällig bei einem
zwei Tatsachen
Bedeutung von den Vätern früh als w mittelalterlichen Chronisten aut eine Passage, die den ersten
seiner eigentlichen mir bekannten Beleg für den Ausdruck »Holocaust« in bezug
die Juden eingesetzt, um die Nutzlosiob
der Polemik gegen v e r u r t e i l e n (ein Beleg dafür ist et a
it auf ein Massaker an Juden darstellt, und hier nun mit einer hef-
zu Ter-
der blutigen Opter
Marcion gerichtete emerkung: qudstultius|. tig antisemitischen Färbung. Richard of Devizes berichtet, daß
tullians gegen die Einwohner von London sich am Tag der Krönung Ri-
c r u e n t o r u m et bolocaustomatum nidore Osum chards I. (1189) einem besonders blutigen Pogrom hingaben:
quam sacr1ficorum törichter als die Vorstellung, daß Go
a deo
exactio? »Was ist »Am Tag der Krönung des Königs, ungefähr zu der Stunde, da der Sohn
und verbrannt riechende
Holocausta forder? dem Vater geopfert worden war, begann man in der Stadt London die Ju-
blutige Opter August1nus, C. Faustum 19,4). Zwej- den ihrem Vater, dem Teufel, zu opfern [incoeptum est in
Adu. Marc., 5,5; vgl.
auch
aut die christlichen
civitate Londo
niae immolare judacos patri suo diabolo]; und so lange dauerte die Feier
Ausdruck metaphorisch
tens wird der
Foltertod mit einem Opfer dieses Mysteriums, das der Holocaust erst am
folgenden Tag vollendet
u m deren
Märtyrer ausgeweitet, werden konnte. Und die anderen Städte und Dörter der Gegend eiterten
In Psalm. 65, 23: martyres infdei te den Londonern in ihrem Glauben nach und schickten mit ebensolcher
gleichzusetzen (Hilarius, holocausta
und schliefßlich
voverunt 5) frommer Hingabe ihre Blutsauger blutig zur Hölle [ pari devotione suas
stimonum corpora sua zu bezeichnen
selbst als Holocaust sanguisugas cum sanguine transmiserunt ad inferos].« (Bertelli, S. 131)
Christi Tod am Kreuz bolocaustum obtulerit in cruce
Toan. 41, 5:se in Euphemismus bedeutet die Ersetzung des eigentlichen Aus-
(Aug., in Evang. holocaustum |..J carnis drucks für etwas, über das nicht wirklich gesprochen werden
in Lev. I, 4:
lesus"; Ruhn, Orig. soll, durch einen abgemilderten oder abgewandelten Ausdruck,
crucis oblatum"). semantische
per lignum Holocaust seine und insofern bringt er stets Zweideutigkeit mit sich. In diesem
Ausdruck
Von hier aus tritt der
aie

in den Volkssprachen
immer mehrver- Fall aber geht die Zweideutigkeit zu weit. Auch die Juden be-
bis sich Wörterbücher
nutzen zur Bezeichnung der Vernichtung einen Euphemismus.
Wanderung an,
wie sie die heutigen vollkom-

Es handelt sich um das Wort so'ah, der »Zerstörung, Katastro-


Bedeutung verfestigt,
einer
Zusammenhang
»Höchstes Opfer im
Bedeutun-

zeichnen:
höhere Ziele«.
Beide bei phe« bedeutet und in der Bibel häufig die Vorstellung einer
menen Hingabe an heilige und erscheinen vereim der göttlichen Strafe einschliefst (wie 10, 3: »Was wollt
inJes. tun
ihr
metaphorische,
Tageder Heimsuchung und der so'ah, die von terne
eigentliche und
Holocausta
am
und
gen,
»Aufgehoben sind die Opferd e r e n Stelle
jetzt
sich kommt?«). Auch wenn Levis Kritik wahrscheinlich auf diesen
Bandellol6:
Böcke und anderer Tiere,
an
Leibes unu
Leibes Ausdruck zielt, wenn er von dem Versuch spricht, die Vernich-
Kälber und Jesu
wirklichen

tung als »Strafe für unsere Sünden« zu interpretieren, so ist im


des Jesu
kostbare Lamm Herrn

das unbefleckte und ist bei


ist be
u n s e r e s

Euphemismus so'ah doch keinerlei Spott enthalten. Wenn da-


Blutes des Welterlösers
und Heilands, Bedeutung auch nur entfernte
gegen mit dem Begriff »Holocaust« eine
wsto,

olocausto
darbringt.« Die metaphorische feci biblischem olah, zwi-
Verbindung zwischen Auschwitz und
Gebet

»...] a Dio ist das


Christus,
Dante belegt (Paradiso 14, 89: gemeint
ort bis zu

Holocaust dar«
brachte ich Gott als
Savonarola und
immer wel
des Herzens), bei
und der >vollkommenen
schendem Tod in den Gaskammern Lobpreis und Anbetung darbringen. Den Scharen der
Hingabe an heilige und höhere Ziele« hergestellt Wird, dann stellt Johannes diejenigen gegenüber, die vergeblich zu Engel
Dieser Ausdruck schlickt fen versuchen: »Jene |die Engel| lobpreisen, diese begrei
kann das nur wie Hohn klingen.
Vergleich Krematorien
von strengen
an, zu erkennen; Jene beten schweigend an, diese mühen
sich
nicht nur einen unannehmbaren sich;
Antang an antijüdisch
und Altären ein, sondern auch eine von jene wenden die Augen ab, diese scheuen sich
werde ihn deswegen nie- nicht, den Blick
Ich fest auf die unaussprechliche Herrlichkeit
gefärbte Bedeutungsgeschichte. verwendet, beweist Unwis- heften« (Chry-
zu

mals benutzen. Wer ihn weiterhin sostomos, S. 129). Der Wendung »schweigend anbeten« ent-
oder beides. spricht im griechischen Original das Verb euphemein. Von die-
sen oder Mangel an Sensibilität
sem Wort, das ursprünglich »das religiöse
Schweigen einhalten«
in einer französischen Tageszei- bedeutet, ist das moderne Substantiv »Euphemismus« abgelei-
I.II Als ich voreinigen Jahren
über die Konzentrationslager veröffent- tet, mit dem wir Ausdrücke bezeichnen, die anstelle anderer
tung einen Artikel ge-
einem Leserbriet vor, ich hätte ver- braucht werden, die aus Gründen der Scham und der Sitte nicht
lichte, warf mir jemand in und unsagbaren ausgesprochen werden können. Zu sagen, Auschwitz sei un-
sucht, mit meiner Analyse »den einzigart1genhabe mich oft
Charakter von Auschwitz zu
zerstören«. Ich ge- sagbar« oder »unbegreiflich«, heißt also soviel wie euphermein,
damit gemeint haben mag heitst, es schweigend anzubeten, wie man es einem Gott gegen-
fragt, w a s der Verfasser des BrietesPhänomen darstellt (zumin- über tut; heifkt also, was auch immer die Absichten jedes einzel-
Daß Auschwitz ein einzigartiges
nen sein mögen, zu seinem Ruhm beizutragen. Wir
dest für die Vergangenheit,für die Zukunft bleibt es nur zu hof- hingegen
bleibt bis zum Mo- scheuen uns nicht, den Blick fest auf das Unaussprechliche zu
fen), ist sehr wahrscheinlich (»Aulßerdem heften«. Auch auf die Gefahr hin, entdecken zu müssen, dafs wir
schreibe- trotz des Grauens von Hiroshima
ment, da ich dieses
sinnlosen und blu- das, was das Böse von sich weiß, leicht auch in uns finden.
und Nagasaki, der Schande des Gulags, der
trotz des Völkerselbstmords
tigen Unternehmung in Vietnam, vie- I.I2 Das Zeugnis enthält jedoch eine Lücke. Darüber sind die
in Kambodscha, der Desaparecidos in Argentinien und der Uberlebenden sich einig.
Fol-
len grausamen und sinnentleerten Kriege, die sich in
der

gezeit ereignet haben - , das nationalsozialistische System der »Und es gibt in jedem 2Zeugnis noch eine weitere Lücke: Die Zeugen sind
Konzentrationslager ein Unikum, sowohl von seinem Umtang per Definition Uberlebende, und ihnen allen ist somit in gewissem Matae
her als auch von seiner Beschaffenheit.« Levi 2, S. I7f.). Doch ein Privileg zuteil geworden. [...] Das Schicksal des gewöhnlichen Häft-
dem Ansehen lings hat niemand erzählt, weil es für ihn nicht möglich war, körperlich
w a r u m unsagbar? Warum die Vernichtung mit
zu überleben. Der gewöhnliche Häftling ist auch von mir beschrieben
der Mystik schmücken?
worden, wenn ich von den Muselmännern« berichte; die »Muselmänner
Im Jahr 386 unserer Zeitrechnung verfafßte Johannes Chryso- selbstjedoch haben sich nicht geäußert.« (Levi tb, S. 226)
stomos in Antiochien seine Abhandlung Uber die Unbegreif- »Diejenigen, die diese Erfahrung nicht durchgemacht haben, haben
lichkeit Gottes. Er setzte sich mit Gegnern auseinander, die be keine Ahnung; und diejenigen, die sie durchgemacht haben, werden
haupteten, daf' das Wesen Gottes begriffen werden könne, weil nichts verlauten lassen, nichts oder fast nichts oder nichts, was vollstän-
wir »alles, was Er von sich weif, leicht auch in uns finden«. In- dig wäre. Die Vergangenheit gehört den Toten.« (Wiesel, S. 3 t48)
dem Johannes ihnen gegenüber energisch die Unbegreiflichkeit Über diese Lücke, die den Sinn des Zeugnisses selbst in Frage
Gottes vertritt, der »unsagbar« (árrhëtos), »unaussprechlich« stellt und damit Identität und Glaubwürdigkeit der Zeugen,
(anekdiégëtos) und »unaufschreiblich« (anepigraptós) ist, weis
müssen wir nachdenken.
er genau,
dals eben dies die beste Weise ist, ihn zu verherrlichen
(dóxan didónai ) und anzubeten (proskynein). Auch für die En- »Ich wiederhole: Nicht wir, die Uberlebenden, sind die wirklichen Zeu-
eine versehwindend kleine,
gel ist Gott übrigens unbegreiflich; doch um so besser können gen. [...] Wir Uberlebenden sind nicht nur
sondern auch eine anomale Minderheit: Wir sind die, die aufgrund von
sie ihm deswegen in ihrem
unaufhörlichen mystischen Gesang
28 29
Geschicklichkeit oder ihres
den tiefsten Punkt des Abgrunds
aufgrund
ihrernicht berührt haben. Wer ihs 1ck
um zu
L.I3 Dafs es im Zeugnis so etwas gibt wie eine Unmöglichkeit,
. rührn,
Pflichtverletzung,

konnte nicht
mehr zurückkehren Zeugnis abzulegen, ist bereits bemerkt worden. J.-E. Lyotard
erblickt hat", sind sie, die
wer die Gorgo
ist stumm geworden.
Vielmehr
Ausel. nimmt zu Beginn seines 1983 erschienenen Buchs Der Wider-
berichten, oder
er
die vollständigen
,
Zeugen20 jene, leren streit ironisch die neuesten Thesen der Leugner aut und konsta-
hätte. Sie sind die R.
männer, die
Untergegangenen,

Bedeutung gehabt Regcl, Wir tiert ein logisches P'aradoxon:


allgemeine verschont hat, haben mit
Aussage eine die das Los in
Wir, Schicksal. s Man gibt Ihnen zu verstehen, dals sprachbegabte menschliche Wesen
die Ausnahme. [...] nur
von unseremdie
Weisheit versucht, nicht untergec eine Situation verstrickt wurden, die so beschaffen war, daf' Ihnen jetzt
oder geringerer berichten, eben derer, kamen damals ums
dem der anderen zu
sfir fe niemand mehr davon berichten kann. Die meisten
dern auch von
dabei um ein
Unternehmen
darüber. Wenn sie sprechen, so
sind. Aber es
handelte sich
der Nähe beobachr Leben, die Uberlebenden sprechen selten
gen
einen Bericht
über Dinge, die aus bezieht sich ihr Augenzeugenbericht nur aut einen winzigen Bruchteil
Rechnung, um Uber die z u Ende geführ dafß diese
dieser Situation. Wie lälßt sich also in Erfahrung bringen,
wurden.
Leib ertahren
-

doch nicht am eigenen Werk, hat niemand jemals berich. Sind sie nicht eine Ausgeburt der
das abgeschlossene Umstände wirklich geherrscht haben?
Vernichtung, über u m über seinen Tod z Entweder hat die Situation als solche
zurückgekommen ist, Phantasie Ihres Gewährsmannes?
wie noch nie jemand w e n n sie P'apier und Blej. dann aber ist das Zeugnis Ih-
tet, so
hätten, auch existiert. Oder es gab sie wirklich,
berichten. Die Untergegangenen
gar nicht mülSte entweder ums Leben gekomn
weil ihr Tod schon v o r der Gewährsmannes falsch, denn er
niemals Zeugnis abgelegt, res
Tatsächlich und mit eigenen Augen
eine
stift gehabt hätten, Wochen und Monate v o rih men sein oder schweigen [...].
ihres Körpers begonnen hatte. wäre die Bedingung für die Autorität,
Vernichtung der Beobachtung, der Erin- Gaskammer gesehen« zu haben
rem Ableben
hatten sie bereits die Fähigkeit und den Ungläubigen zu belehren.
Zudem
verloren. Jetzt sprechen wir, ihre Existenz zu behaupten als
und des Ausdrucks todbringend war, man
nerung, des Abwägens muls man beweisen, dafß sie in dem Augenblick tödliche
ihrer Stelle.« (Levi 2, S. 85 f.) Beweis für ihre Wirkung besteht
als Bevollmächtigte, an sie sah. Der einzig annehmbare dais man
ist. Als Toter aber kann man nicht bezeugen,
darin, dalß man tot
im Namen von Wahrheit und
der Zeuge einer Gaskammer umgekommen
ist.« (Lyotard, S. 17t.)
Normalerweise legt in
ihnen erwächst seinem Wort wäh-
Gerechtigkeit Zeugnis ab, und aus des Zeugnis- Einige Jahre später
S. Felman und D. Laub
erarbeiteten
Dichte und Fülle. Doch hier beruht die Gültigkeit
den Be-
an der Yale University
Zentrum ent- rend eines Forschungsprojekts
ses wesentlich auf dem,
was ihm fehlt; in seinem ohne Zeugen«. 1989 hat
der so'ah als eines »Ereignisses
werden kann, en griff in Form eines Kommen-
hält es etwas, von dem nicht Zeugnis abgelegt Shoshana Felman diese Konzeption
ihrer Autorität beraubt Lanzmann weiter
entfaltet. Die so 'ah
Unbezeugbares, das die Uberlebenden Film v o n Claude
Die-wirklichen«Zeugen, die »vollständigen Zeugen« sind die tars zum
Es ist ebenso
ein Ereignis ohne Zeugen:
ist in doppeltem Sinn denn es
und kein Zeugnis davon Zeugnis abzulegen
-

jenigen, die kein Zeugnis abgelegt haben unmöglich, von i n n e n her abzule
hätten ablegen können. Es sind die, die »den tiefsten Punkt des dem Inneren des Todes Zeugnis
ist nicht möglich, a u s Verschwinden der
Stimme -

Abgrunds berührt haben«, die Muselmänner, die Untergega Stimme für das
es gibt keine vom
gen, ist per definitionem
genen. Die Uberlebenden-Pseudo-Zeugen-sprechen an ihrer
wie v o n aufßen
her - , denn der owtsider
Stelle, als Bevollmächtigte: sie bezeugen ein Zeugnis, das T Ereignis ausgeschlossen:
aufßen her die Wahrheit
z u sagen,

Dennoch hat es keinerlei Sinn, hier von einer Vollmacnt »Es ist nicht
wirklich möglich, von ebensowenig
sprechen. Die Untergegangenen haben nichts zu sagen un Aber es ist, wie wir gesehen haben,
Zeugnis abzulegen. scheint, daß die unmög-
keine Anweisungen oder Erinnerungen weiterzugeben. Sie na abzulegen. Mir
von innen her Zeugnis um Zeugen-
möglich, und seine Bemühung
ben »Geschichte« noch Antlitze und erst recht
weder keine liche Position dieses Films insgesamt
innerhalb noch einfach aufber-
Gedanken- (Leví 3, S. 1c8). Wer es übernimmt,für sie Zeugns besteht, weder einfach und
schaft genau darin
innerhalb
Weise zugleich
sondern in paradoxer wäh-
zulegen, weils, dafs er Zeugnis muß von der
ablegen Unmo halb zu stehen, Verbindung zu
schaffen, die es

lichkeit, Zeugnis Film versucht, eine gibt die zwi-


abzulegen.
Das aber verändert entscheiden Der nicht
-

außerhalb. heute
und die es auch
den Wert des Zeugnisses und rend des Krieges
nicht gab
zwingt dazu, seinen Sinn in eine 3I
Zone zu suchen, in der wir ihn nicht vermutet hätten.

3
in Bewegung zu setzen und
Innerhalb und Aufßerhalb, um beide »Dieses von Seite zu Seite zunehmende Dunkel, bis zum letzten zusam-
schen und Laub, S. 232)
miteinander zu bringen.« (Felman menhanglosen Stottern, macht bestürzt wie das Röcheln eines Sterben-
zum Dialog den, und tatsächlich ist es auch nichts anderes. Es packt uns, wie uns ein
U n u n t e r s c h e i d b a r k e i t von
Innen und Au-
Diese Schwelle der Strudel packt, aber zugleich enthält es uns etwas vor, das gesagt werden
anderes ist als eine
werden, etwas ganz sollte und nicht gesagt wurde, und deswegen frustriert es uns und stötßt
Ben (die, wie wir sehen hätte zu einem Verständnis uns von sich fort. Ich meine, über den Lyriker Celan sollte man nachden-
Verbindung« oder ein »Dialog«)
führen konnen; doch gerade sie ken und ihn betrauern, nicht aber ihn nachahmen. Wenn seine Lyrik eine
der Struktur des Zeugnisses einer Analyse er- Botschaft ist, so geht sie im Hintergrundrauschene unter: sie ist keine
nicht untersucht. Statt
wird v o n der Autorin Mitteilung, ist keine Sprache, ist allenfalls eine dunkle, verstümmelte
einer logischen Unmöglichkeit zu
leben wir das Abdritten von Sprache, wie eben die eines Sterbenden, der allein ist, wie wir es alle im
unter Berufung aut die Meta-
einer ästhetischen Möglichkeit Augenblick des Todes sein werden.« (Ebd., S. 637)
pher des Gesangs:
Schon einmal, in Auschwitz, hatte Levi versucht, aut ein
in diesem Film und überhaupt seine
Was die Macht des Zeugnisses
das ist vielmehr die zweideu-
zusammenhangloses Stottern, eine Art Nicht-Sprache oder
Kraft ausmacht, das sind nicht die Worte, dunkle, verstümmelte Sprache zu hören und sie zu deuten. Es
zwischen Worten und Stimme, also die
tige und irritierende Beziehung Bildern, Schrift
war in den Tagen nach der Betreiung gewesen, als die Russen
Interaktion von Worten, Stimme, Rhythmus, Melodie,
seiner Worte, jen- die Uberlebenden von Buna in das Grosse Lager« Auschwitz
und Schweigen. Jedes Zeugnis spricht zu uns jenseits
seits seiner Melodie, wie die einzigartige Realisation eines Gesangs.« verlegten. Dort wurde Levis Aufmerksamkeit sofort von einem
Kind angezogen, das die Deportierten Hurbinek nannten.
(Ebd., S. 277i.)
des »Hurbinek war ein Nichts, ein Kind des Todes, ein Kind von Auschwitz.
Das Paradoxon des Zeugnisses durch den deus ex machina Ungefähr drei Jahre alt, niemand wufßte etwas von ihm, es konnte nicht
Gesangs zu erklären heifkt das Zeugnis ästhetisieren
etwas, -

sprechen und hatte keinen Namen: Den merkwürdigen Namen Hurbi-


sehr in acht hat. Weder Ge-
vor dem Lanzmann sich genommen nek hatten wir ihm gegeben; eine der Frauen hatte mit diesen Silben viel-
dicht noch Gesang können eingreiten, um das unmogliche leicht die unartikulierten Laute, die der Kleine manchmal von sich gab,
Zeugnis Aber das Zeugnis
zu retten. kann, vielleicht, die Mög- gedeutet. Er war von den Hüften abwärts gelähmt, und seine Beine,
lichkeit des Gedichts begründen. dünn wie Stöckchen, waren verkümmert; aber seine Augen, eingesun-
ken in dem ausgezehrten dreieckigen Gesicht, funkelten erschreckend
lebendig, fordernd und voller Lebensanspruch, erfüllt von dem Willen,
1.14 Das Unverständnis eines rechtschaffenen Geistesist hau- sich zu befreien, das Gefängnis der Stummheit aufzubrechen. Die Sehn-
fig lehrreich. Primo Levi, der die dunklen Autoren nicht lhebte,
sucht nach dem Wort, das ihm fehlte, das ihn zu lehren niemand sich die
fühlte sich von Celans Dichtung angezogen, auch wenn es ihm Mühe gemacht hatte, das Bedürfnis nach dem Wort sprach mit explosi-
nicht wirklich gelang, sie zu verstehen. In einem kurzen Essay ver Dringlichkeit aus seinem Blick...« (Levi 4, S. 20)
dem -Uber dunkle Schreibweisen«2 unterscheidet er
mit Titel Hurbinek stndig
Celan von Autoren, die aus
Verachtung gegenüber dem Leser Von einem bestimmten Moment an beginnt
oder aus Mangel an im
ein Wort zu wiederholen, das niemand Lager verstehen kann
Ausdrucksvermögen dunkel schreiben. Die und das Levi versuchsweise mass-klo oder matisklo tran-
Dunkelheit von Celans Poetik läfßt ihn eher an eine
»Todesbe
reitschaft denken, an »ein Nicht-sein-Wollen, an eine Flucht skribiert:
vor der Welt, die dann im der Ecke, wo
gewollten Tod gipfelten« (Levi 5, In der Nacht lauschten wir angestrengt: Tatsächlich, aus
S.637). Die auferordentliche Operation, die Celan in der deut- Hurbinek lag, kam von Zeit zu Zeit ein Laut, ein Wort. Nicht immer das
schen Sprache vollzieht und die seine Leser so bestimmt ein artikuliertes Wort, oder
sehr fasziniert 8leiche, um genau zu sein, aber
hat, vergleicht Levi aus Gründen, über die sich
-

besser, artikulierte Worte, die sich leicht voneinander unterschieden,


nachzudenken Variationen über ein Thema, eine Wurzel, vielleicht
lohnt mit einem unzusammenhängenden Stottern oder dem experimentierende
Röcheln eines Sterbenden. über einen Namen.« (Ebd., S. 2 1)

32 33
Alle hören zu und versuchen, diesen
Laut zu dechiffrieren, di
Doch obwohl alle m-a-t-i-s-k-l-o); dieser sinnlose Laut mufß vielmehr wiederum
ses in der Entstehung begriffene Vokabular. Stimme von etwas oder von jemandem
vertreten sind, bleibt Hurbineks werden, die aus ganz an-
Sprachen Europas im Lager deren Gründen nicht Zeugnis
Wort hartnäckig geheim: lichkeit, 2Zeugnis abzulegen, dieablegen können. Die Unmög-
»Lücke«, die die menschliche
keine Otfenbarung: vielleicht sein Sprache konstituiert, muls also in sich
»Nein, es war sicher keine Botschaft, vielleicht wollte er (nach zusammenbrechen, da-
hatte; einer mit eine andere
Name, wenn er je einen besessen
»Brot, oder auch Fleische auf
Unmóglichkeit der Bezeugung an ihre Stelle
unserer Hypothesen) »essen« sagen oder treten kann- die desjenigen, das keine
Die Spur des Unbezeugten, die die Sprachezu
einer von uns behauptete, der diese
hat.
böhmisch, wie mit gutem Grund dessen winziges Ärm- Sprache transkribieren
Sprache verstand. [...] Hurbinek, der Namenlose,
Auschwitz gezeichnet war Hur-
-
glaubt, ist nicht sein Wort. Sie ist das Wort der Sprache, das ent-
chen doch mit der Tätowierung von steht, wo die Sprache nicht mehr im Antang ist, sondern ihn
binek starb in den ersten Tagen des März 1945,trei, aber unerlöst. Nichts
diese meine Worte.« (Ebd.) verläßt, um- nur noch -Zeugnis abzulegen: Sie »war nicht das
bleibt von ihm: Er legt Zeugnis ab durch Licht, sondern sollte zeugen von dem Licht«.
Vielleicht war es dieses geheime Wort, das Levi im »Hinter-
von Celans Dichtung verklingen hörte. In
grundrauschen«
Auschwitz hatte er trotzdem versucht, dem Unbezeugten zu-

zuhören, sein geheimes Wort zu ertassen: mass-klo, matisklo.


Vielleicht entsteht jedes Wort, jede Schritt in diesem Sinn als
Zeugnis. Deswegen kann das, von dem sie Zeugnis ablegt, noch
nicht Sprache, noch nicht Schritt sein: es kann nur ein Unbe-
zeugtes sein. Das ist der Laut, der aus der Lücke hervorgeht.
Die Nicht-Sprache, die man mit sich selbst spricht, auf die die
Sprache antwortet, in der die Sprache entsteht. Nach der Natur
dieses Unbezeugten, nach seiner Nicht-Sprache ist zu tragen.

1.15 Hurbinek kann nicht Zeugnis ablegen, weil er keineSpra


che hat (das Wort, das er hervorbringt, ist ein unbestimmter
Laut ohne Sinn: mass-klo oder matisklo). Und trotzdem - er
legt Zeugnis ab durch diese meine Worte«. Doch nicht einmal
der Uberlebende kann vollständig Zeugnis ablegen und seine
eigene Lücke sagen. Das bedeutet, dafß sich im Zeugnis zwei
Unmoglichkeiten, Zeugnis abzulegen, begegnen, dais die Spra-
che, um Zeugnis abzulegen, einer Nicht-Sprache weichen und
die Unmöglichkeit, Zeugnis
abzulegen, zeigen muf. Die Spra-
che des Zeugnisses ist eine Sprache, die nicht mehr
bedeutet, die
aber in ihrem Nicht-Bedeuten
eindringt das, ohne Spra-
che ist bis sie ein anderes Nicht-Bedeuten
in was

aufnimmt, das des


vollständigen Zeugen: desjenigen, der per definitionem
Zeugnis ablegen kann. Um eugnis abzulegen, nicht
nicht, die Sprache bis zu ihrem NIcht-Sinn zu genügt es also
bloßen Unentscheidbarkeit der Buchstaben treiben, bis zur
(m-a-s-s-k-l-o,
34