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Niemand zeugt für

den Zeugen«
Erinnerungskultur und historische
Verantwortung nach der Shoah
Herausgegeben von
Ulrich Baer

Suhrkamp
Geoffrey Hartman
Intellektuelle Zeugenschaft und die Shoah

Die Erinnerungskultur hat im Moment Hochkonjunktur; wie


lange sie anhalten und was sich als haltbar erweisen wird, ist bis-
her nicht abzusehen. Drei Generationen sind zur Zeit mit dem
Gedenken des Holocaust beschättigt: die Augenzeugen; deren
Kinder, die zweite Generation, welche nun, nachdem sie ihre am-
bivalenten Gefühle zum Teil überwunden hat, dringend ihre El-
tern besser kennenlernen möchte; und die dritte Generation der

Enkel, welche die Lebensgeschichten ihrer nach und nach dahin-


scheidenden Verwandten zu bewahren sucht. Bande der Liebe
verstärken die goldene Kette mündlicher Uberlieterung, welche
aufgrund schrecklicher und belastender die sich
Erfahrungen,
nicht in Familien integrieren lassen, beinahe unterbrochen wor-
den wäre. Zur ersten Generation gehören auch Personen, die den
Holocaust als Kind überlebt haben; sie sind die letzten unmittel-
baren Zeugen, deren Erinnerungen für uns im Zusammenhang
mit Fragen hinsichtlich der psychischen Entwicklung und Päd-
agogik mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
In dem Mafße, wie die Erinnerungsflut nun abebbt und immer
mehr Augenzeugen sterben, wird die für das heutige Denken so
entscheidende öffentliche Erinnerung an die Shoah zunehmend
von neuen Ereignissen überlagert. Einem alten Sprichwort zu-
folge ist die Wahrheit die Tochter der Zeit; man könnte auch
sagen: Ihre Enthüllung wird von der Gemeinschaft, die diesem
Geschehen nahesteht, stets anders aufgenommen als von der Of-
fentlichkeit.
oder 40 Jahren wird diese für die Shoah betretfenden Be-
In 20

lange empfängliche und sensibilisierte Gemeinschaft selber undzur

Oftentlichkeit geworden sein, d. h., sie wird ditterenzierter


Verfasser autorisierte Uber-
I Der vorliegende Text ist die gekürzte und vom

setzung eines Aufsatzes, der unter dem Titel »Shoah and Intellectual Wit-
erschien. Einige die-
ness in der Partisan Review (New York, Herbst 1998)
Ser Gedanken wurden bereits in Menora: Jahrbuch Der für deutsch-jidische
und in Geoffrey Hartman, längste Schatten:
eschicbte (Herbst 1998) Berlin 1999, veröftentlicht.
Cnnern und Vergessen nach dem Holocaust,
des vorliegenden
Alle Fubnoten dieses Artikels wurden vom Herausgeber
Bandes und der Übersetzerin erstellt.

35
überlegter reagieren. mochte mit dem Begriff der
lch

ellen Zeugenschaft« (ntellectual


wtness) eine aktiIve kt ntel ektu schrieb Wyndham Lewis in den dreifßiger

bezeichnen,die fur uns heute


ebenso wie für die

bestimmte Gemeinschaft
Z1ul..Zepti
und die Öf
Rezept ion
relevant
Krieg ist cin Magnct«,
lahren, »die Nachkriegszeit
sein magnetisches Feld.«)* 1985, a m

und der Betreiung der Lager, er-


ist und eine al 40. Jahres tag des Kriegsendes bleiben
anzusprechen vermag. Ich
Kraft Habermas: »Die vergangenen Gegenwarten
Ganzes mit gleicher klärte Jürgen
Zeugenschaft sowohl
intellektueller untersuche auf unheimliche
Weise aktuell und halten die Diskussionen heute
die Möglichkeit
welche die NS-Zeit
nicht direkt miterlebt haben, als
auch renigen,der stärker besetzt als
in den füntziger und den frühen sechziger
Die Geschichte der Nazizeit, so schrieb Amos
Elon
Uberlebenden, deren Schriften bemerkenswert und bcisn lahren.« Jahren. We-
Sind.
lhaft T997, >scheint heute »lebendigere als vor 30 oder 40
dals sie in der deut-
hatten damals vorausgesagt,
Die Begriff »intellektueller Zeuge« 1st mehrdeutig. Fallk n nige Menschen
Bedeutung
schen Öffentlichkeit und wird im Laufe der grofßer
Kultur noch von so
nicht
im streng juristischen oder relhgiósen Sinn gebraucht, wirdddas
das sein würde. [...] Ihr Schatten
Zeit nicht n u r län-
Wort Zeuge« gewöhnlch auf den Bericht des Auen
nur
hnsterer.«
sondern auch
wir nicht unbedino
In diesem fall aber wurden ger, besonders geheimnisvoll. Die Deutschen
wa-
angewandt. Daran ist nichts
tellektuell beifügen, da hier die Unmittelbarkeit, also dasrein Der Unwille,
reine, ren den Mitscherlichs
zufolge untah1g zu trauern.
verletzende In ciner in der Ottent-
Gewicht der Ertahrung zahlt. früheren das Geschehene überhaupt
zu thematisieren, sei es
oder
Veröffentlichung sprach ich von dem »Zeugen zweiter Genera
lichkeit (zumal viele Nazis in tührenden Positionen blieben)
tion, ein dort sinnvoller Begriff, da die Söhne und Töchter Über schob die Auseinandersetzung
in der Vertrautheit der Familie,
lebender unter sogrofsem Druck standen, dais das Wort»Zeuge sie um so peinigender, als sich das
nicht nur aut, sondern machte
gerechtfertigt schien. Doch geradezu unbemerkt erweiterte sich öffentliche Erinnern in den sechziger und siebziger Jahren noch-
der Ausdruck und umfafßte auch den Begriff »sekundärer Zeuge« Auseinandersetzung
mals auf die Täter richtete. Diese verspätete
Gnade der späten Geburt
von
lerrence des
Pres und Lawrence Langer, der nicht auf eine ließ Helmut Kohls Bemerkung über die
bestimmte Generation beschränkt ist.3 Dieser Terminus bezeich- erscheinen. In Frankreich wurde die
als besonders unangemessen
von Ju-
net all
diejenigen als Zeugen, die mit der ersten Generation noch aktive Rolle der Polizei bei Razzien und Deportationen
und Polen, wo
in Kontakt stehen oder die Shoah nicht als in der den bis in die achtziger Jahre hinein vertuscht,
in
Vergangenheit
eingeschlossen betrachten, sondern als eine aktuelle Angelegen- die Shoah eine sichtbare und alltägliche Angelegenheit gewesen
noch aus. Bis zum heu-
eit, deren
Darstellung einer Intensität bedarf, die der Aussage war, steht eine volle Anerkennung bislang
dieser Nation an, denn
des Augenzeugen so nahe wie möglich kommt. Aber kann man tigen Tag hält der Kampf um das Gewissen
das Wort Zeuge« auch noch drei Generationen spåter und menr viele Polen waren sowohl Opter als auch Zuschauer (onlookers).
alsso Jahre nach dem Ereignis anwenden? Und warum sollte »in- Trauma ist für sie der Krieg selbst, der zweitache
Das historische
Uberfall durch Hitler und Stalin. Obgleich manche Polen wäh
tellektuelle nun »sekundär« ablösen, um diejenigen zu
ben, welche die Shoah mit einem besonderen Gefühl bescnra der ver rend des Holocaust kollaborierten, vielesieaber
machtlos oder nicht
ptlichtung darstellen? willens waren, einzuschreiten, wurden (bis
Lanzmanns Shoah
Die erste Frage ist leichter zu beantworten als die und ein mutiger Artikel von Jan Blonski erschienen) mit dem m0
Holocaust verschwindet nicht einfach im zweite. Det
ralischen Aspekt nicht konfrontiert.
Abgrunde der Zeit. Er
schuf ein
»dunklen Zuruck u
herum, das stårker als
das des Ersten magnetisches Feld um s 4 Wyndham Lewis, Blasting and Bombardiering,London 1937, S. 17.
Vgl. Geoffrey Weltkriegs war. (»Der Gro Jürgen Habermas, »Keine Normalisierung der Vergangenheit«, in: Haber-
3
Terrence des Hartman, Der längste
Pres, The Survivor: Schatten, Berlin mas, Eine Art Schadensabwicklung. Kleine Politische Schriften VI,
Frank-
New York 1976; Lawrence The
Anatomy of Life 1999:
in the amps,
furt/M. 1987, S. II.
Memory, New York L.
Langer, HolocaHSt De1 De Rns of
6 Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern.
36
1991. Testimonies: Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.

37
SchliefSlich schwoll
überall die »Erinnerungswell,c« an, und der Intellektuelle eine ähnliche
an Bedeutung. Die Übel (»impartial spectator«) spielt
Zeugenberichte gewannen
dem Eichmann-Prozeß, w
enden
en be Rolle wie der unbeteil 1gte
uschauer (obystander«) nach dem Er-
Einer-
gannen, nach
besonders
arüber es a u s e i n e r mehrdeutigen Position beobachtet.
zu sprechen
und zu schrc1ben. Der Anspruch der 7 eignis, der
nicht verptlichtet, der Shoah Beachtung
z u schenken,

deren sie durch dic E.. Gene seits ist er


Geschehen authält oder v o n ihm erst
ration auf Familiener1nnerungen, v o n diesem
von Familienmitglicdern und durch die Zerstörung ihrer dung da e r sich fern
Andererseits verhalt e r sich, sobald e r den
Kul nachträglich ertährt.
die Zahl derjenigen, die sich.mit
waren, liefs und nicht handelt, wie ein Beobachter
tur beraubt worden Vorgang
v e r n o m m e n hat

dem Geschehen beschäftigen, explosis


sionsartig ansteigen. Nicl der reagieren
versaumte.

involviert sind, kann mit


zu
muisten ersetzt werden. e derer, die solcherart
vorhandene Erinnerungen 2orges Der Standpunkt
andere haben zu diesem Zweck neue Methoden Zuschauers im heater verglichen werden. Die Analo-
Perec und des dem eines
Erzählens entwickelt, wen1ger um ein Vakuum zu füllen, als dia Kontext anstolsig erscheinen; sie weist jedoch
gie mag in diesem
ses vielmehr sichtbar zu machen, um »Erinnerung als leer darzu- der Kunst für e i n e moralische Wahrnehmung
auf die Bedeutung der Zuschauer einer Tragödie bleibt
er-

stellen«. hin. Das Urteilsvermogen emotionale Teil-


ihre Einbildungskratt durch die
Troz der Versuche zu vergessen und ungeachtet eindringlicher halten, obwohl Die Distanz
Warnungen, data sich die Beschättigung mit dem Holocaust zuei aut der Bühne angeregt wird.
nahme a m Geschehen wird,
Zuschauer und der trag1schen Handlung
ner Obsession auswachsen könne, hat das Interesse am Holocaust zwischen dem über-
einen neuen Höchststand erreicht. Der Tod der Uberlebenden be w e n n überhaupt,
ohne jegliche psychologische Verstellung
nicht n u r erlaubt, sondern sogar n o t -
deutet nicht, data es keine Zeugen mehr g1bt; viele avancierten zu brückt (die für Schauspieler kei-
Zuschauer, die womöglich überhaupt
*Adopuvzeugen« und untersuchen das Geschehen mit religiö- wendig ist). Die meisten einem Leid
würden indes abstreiten, an
sem Eifer. Was man eher als Rezeption oder Resonanz statt eines n e n Schmerz emphnden,
hat und nicht der
Verstehens der Shoah bezeichnen sollte, besteht, gemessen an der Gefallen z u f1nden, das tatsächlich stattgefunden
schmerzhaften Ereignissen im ge-
Zeitspanne, aus einer unterbrochenen Reihe von Enthüllungen, Vorstellung entspringt. Sich der Mimesis a u s z u s e t z e n
danklichen Nachvollzug oder mittels
die auf eine Latenzphase von kurz nach dem Krieg bis zum Eich- oder der schein-
mann-Prozes 1961 folgen. In diesem Jahrhundert des Demozidse schafft ein Gefühl von ästhetischer Befriedigung
als wertvoll bezeich-
baren Bewältigung, das wir nur mit Zögern
wird die Erinnerung an die Shoah mit jedem weiteren Genozid
n e n . Daher rechtfertigen wir
diese Form der treiwilligen Zeugen-
nicht geschwächt, sondern als ein Ereignis wiederbelebt, welches schaft als eine Art Arbeit. Dominick LaCapra
etwa beschreibt sie
die Beispielhaftigkeit von Akten des Bezeugens begründete. Aufmerksamkeit, welche
als eine »Arbeit des Zuhörens und der
Doch wie angemessen ist der diffuse Ausdruck »intellektuei und dadurch zumin-
das Selbst einem mitfühlenden Verständnis
Zur
Bezeichnung dieses nachhaltigen und anhaltenden Interesses dest einer abgeschwächten Form von Trauma aussetzt«.
am Holocaust? Bislang ist die Erinnerung jedenfalls nicht aurch eine aktivere (Geistes-)Haltung
sie
hervorrutt, raumt
die zunehmende zeitliche Distanz zur Katastrophe gefährdet. v ndem Genusses nicht
die Metapher der Arbeit den Verdacht illegitimen
benötigen jedoch eine beständigere Distanz. Sie ist für eine it Zuschauertheorie des Wissens. La-
ektuelle Untersuchung unabdingbar, bereitet uns aber e nur aus, sondern verändert die zu sein scheint,
selbst
chwierigkeiten, wenn es sich um existentiell einschnele nde apra weist darauf hin, dafß es unmöglich
Traumatisches wie die Shoah zu
Ereignisse handelt. Ohne eine dieser aus einger Entfernung etwas so
Distanz verarmt unsere Fähigkeit,Auseinandersetzung. mit hauf-
das Geschehene wirklicn auf-
Traumatisierung zu er-
ertahren, ohne eine sekundäre Form von »radikalisierten« Perso-
zunehmen. leben. In der Politik sprechen wir oft von
Als Nachtahre 8 Adam Smith, Theorie der ethischen Gefiühle, Hamburg 1994, Teil 2.
von Adam Smiths
»unparteiischem Betrachter« 9 Dominick LaCapra, Representing the Holocaust: History, 1Theory,
Irauma,
7 Henri
Raczymow, La mémoire Tthaca/N. Y. 1994, S. 198.
trouée, Pardès 3 (1986), S. 18
38 39
nen. Eine vergleichbare Radikalisierung der
auch der Nachkommenden läfßt sich in ihren
erleberenden
um einer Kunst kommen, die die
strengungen »zu sehen* erkennen, in ihren Versuc
und sich selbst zu erzählen,
gehcuren
ung
An
chen, anderen
Welche Befriedigung konnte
shoah darstellt?
aus

Vielleicht g1bt es gar kein einheitliches Gefühl


-
-

was
geschehen ist. und daher kein
einzelnes Wort wie Betriedigung', das solch ein
Der künstlerische Verstand, Kombiniert mit den beschreiben konnte. Ganz gleich wie wir
Gehe Gefühl angemessen
Zeugenschaft, erweist sich dann kann sich doch niemals auf das
besonders ertragreich wender
als
diese Reaktion
n e n n e n mogen, sie

und n u r u n t e r erheblichen Ein


eine schwere traumatische Ertahrung testgehalten und enn »Vergnugen« a n Nachahmung Kathars1s beziehen. Sie erfordert
werden soll. InSchreiben oder Leben (der
ursprüngliche geteilt schränkungen auf
emotionale

Schreiben
te oder Tod) sieht Titel
sich Jorge Semprun mit »tödliche zum Teil eine
Unterscheidung zwischen
Gedächtnis und Vorstel

die sich aufgrund eines massiven


Traumas
Schätzen« der Erinnerung kontrontiert, die plötzlich zutaso lungskraft. Diejenigen, Orte und Menschen verloren
können oder da sie
ten, als er wenige Monate nach seiner nicht erinnern
Betreung aus Buchenwola Namen und Fotos sie
noch i m m e r vertolgen, müs-
zufällig einen Film über die Lager zu Gesicht bekommt. »Als ich haben, deren Lebensdichte (oder der Besonder
sen einen
Teil der verlorenen
auf der Leinwand des Kinos unter einer so nahen und so dadurch zurückgewinnen, dais sie
diese in ihrer
fernen heit des Todes)
Aprilsonne denAppellplatz von Buchenwald
auttauchen sah, auf Imagination
wiederherstellen. arbeiten v o n
Sie einem »Nach-«
dem Scharen von Deportierten in der Bestürzung der wicderge aus, um die Ode derErinnerung einzu-
fundenen Freiheit umher1rrten, sah ich mich in die Wirklichkeit
oder »Post-Gedächtnis« wird
grenzen;
ebendiese unmögliche oder groteske Anstrengung
zurückversetzt, wieder eingebettet in die einer Wahrhaftigkeit Gegenstand.
darzustellenden

unantechtbaren Tatsache. Alles war also wahr gewesen, alles blieb oft selbst zum

der Vorstellungskraft kann einiger


Aus diesen Anstrengungen
wahr: nichts ein Traum gewesen. « 10 aus. Aber auch die-
war Um der dem Trauma ei Trost erwachsen, und fällt e r noch so dürttig
genen Verflüchtigung und Dissoziation und der daraus resulie- brauchen Linderung von dem
jenigen, die sich erinnern können, das die Uberle-
enden Brüchigkeit der Uberlieferung etwas entgegenzusetzen, peinigenden Gefühl der Zusammenhanglosigkeit,
bedart es eines Mediums, das dauerhafter ist als das Gedächtnis benden wie ein Gespenst vertolgt.
des einzelnen. Die Kunst und das kollektive Gedächtnis wirken In seinem Buch erzeugt Semprun durch den Rhythmus des Er-
auteinander ein, um dieses Ziel zu erreichen. zählens eine Spannung zwischen tödlichen Er1nnerungen (mor
Das in den Nachkriegsjahren einsetzende Bestreben, die Kunst tifères) und seinem Nachkriegsleben als Aktivist. Mit dem Hin-
zu weis auf den Unterschied zwischen dokumentarischem Realismus
entasthetisieren, unterband die Frage, ob ästhetische Betried und gelebter Wirklichkeit erhebt er Einspruch gegen den doku-
gung einen ethischen Wert haben kann, wenn sie aus einem Kunst-
werk mentarischen Nachkriegsfilm über die Lager. »Es ware nötig ge-
bezogen wird, welches die gewaltigen, staatlich geroracr
urausamkeiten der Shoah zum Gegenstand hat. Adornos De wesen, so schreibt er, »den Film im Ganzen, in seinem hlmischen
Material selbst zu bearbeiten, in seinem Ablauf mitunter anzuhal-
ruhmtes D1ktum verdrängte das Problem. Er betonte ausscnc ten: das Bild zu fixieren, um bestimmte Einzelheiten zu vergro-
ich die moralische Schwierigkeit, eine Katastrophe solchen Aus
mafses darzustellen oder Sern [...] die Bilder [hätte man] kommentieren müssen, um sie zu
dieses Ereignis ins Denken einzulass
Adorno hegte entschlüsseln, sie nicht nur in einen historischen Kontext, sondern
ten
keinen Zweifel unseren technischen Moglicns
an
zur M1mesis, wohl aber in eine Kontinuitää von Gefühlen und Erregungen einzutügen.
ruellen Ausdauer. Die Grauen unserer moralischen und intele
an

oder dem
der Shoah dürfen niemals stilisiet Man hätte die dokumentarische Wirklichkeit letztlich wie
einen fiktiven Stoff behandeln müssen.«
Unterhaltungstrieb Frafß vorgeworfen werden
zum
Moglhcherweise wurde Semprun durch Alain Resnais' Film
1o
Jorge Semprun, Schreiben oder Leben,
II
Vgl. Theodor W. Adorno, Was bedeutet: Frankfurt/M. 1997, S. 238. 12
Vgl. Marianne Hirsch, Family Frames: Photography, Narrative and Post-
heit, in: Gesammelte Aufarbeitung der Vergbgen
Schriften 10:2, hg. Rolf memory, Cambridge 1998.
1977, S. 570. Tiedemann, Frank fur
v.
3 Semprun, Schreiben oder Leben, a. a. O., S. 239.
40
4
Nacht und Nebel angeregt, welcher erst ein Jahrzehu
wurde. Resnais filtert die nach a.demnach
Krieg gezeigt Wirklichkeit. Iede Identifikation kommt einer Uberidentifikation nahe und
Verfahrens weisenololo-
es
angewandte filmische
caust durch bewulst führt zu einer Personiizierung und schliefalich zur Aneignung
einen poetischen Sprecherkommentar. Vom und Die Distanz zwischen dem Ich und dem

Semprun keineswegs Adornos Furcht vor


Kinobeinfluß,
Mace
ssenmedie
tei der Identitäten anderer.
Anderen wird verletzt und die Moglichkeit der intellektuellen
der ästhetischen Ausbeutung des Holocaust. oder Zeugenschatt zunichte gemacht. Dementsprechend müfßte auch
Das Problematische an
Darstellungen des Holocaust rühm Lanzmanns Identifikation mit den Zeugen in seinem Film Shoah
nes Erachtens nicht primär aus der
Versuchung, diese Realitätmel anti-intellektuell sein. Seine erbosten quasireligiösen Bemerkun-
sthetisieren, sondern vielmehr aus den beschädigten Bedinn oen über die »Obszönität« des Versuches, den Holocaust verste-

hen zu wollen, verraten das.


Gleichzeitig bleibt Lanzmann als iro-
gen des modernen Lebens so ernsthatt daß es in se beschädigt,
-

nem mitteilbaren Kern


nischer und häufig dominanter Fragesteller im Film sehr präsent.
angegr1tten wurde. Moderne Erfahruno Unerbittlich übt er Druck aut die Opter aus, so als interessiere er
erklärt Adorno in Minima Moralia, lälst sich immer
teilen und ist vielleicht gänzlich undenkbar weniger mit sich nicht für ihre menschlichen Bedürtnisse oder ihr Leben jen-
Habermas schlägt vor, diese
geworden." Jürgen seits des traumatischen Ereignisses. Alle möglichen Bedenken
Beschäd1gung sowie die
rückgäng1g zu machen, zu bedenken. Der HolocaustHoffnung
werden von Lanzmann dem Liel untergeordnet, das Ereignis in
sie
hat an die seinem vollen Schrecken zu ottenbaren.
tiete Schicht der Solidarität zwischen
allem, was Menschenantlitz Kunstschaffende wie Semprun, Fink und Lanzmann machen
tragt, gerührt." Diese Solidarität, die entente wiederherzustellen, deutlich, dasß der intellektuelle Teil des Bewufatseins uns stets in
ist die Motivation für öffentliches
Gedenken als eine
Zeugenstimmen und einem Zuhörerkollektiv. UndSammlung
die Position eines Betrachters oder Dabeistehenden (spectator
von
sie ist die oder bystander) versetzt. Dies ist eine ufserst unbehagliche Posi-
Triebteder für unsere besten Schriftsteller nach dem
Krieg. tion, denn sie liefert uns nicht nur dem Trauma aus, sondern auch
Die
ner
Anstrengungen dieser Schriftsteller werden jedoch von ei- der Besorgnis, nicht genügend Empathie zu emphnden. In dieser
wenig diskutierten Versuchung
Nahe als mit überschattet, die mehr mit Situation gibt es nur wenige Orientierungshilfen. Wir empfehlen
ästhetischer oder
intellektueller Distanz zu tun hat.
chnttsteller überschreiten häufig eine Grenze. Ihre Vorstel- beispielsweise Historikern und Künstlern eine partielle Identi-
fhikation oder eine Art emotionaler Beziehung: ein rationales
ngskratt kann sie über die Schwelle bis
mit den Opfern oder mit einer zum
zur
Uberidentiikation oder
therapeutisches Einfühlungsvermögen, das weder in einer

drangen. Diese Uberidentifikation Opfer gemachten Generato


kann soweit gehen, dad d
zwanghaften Bindung noch in ekstatischem Selbstverlust endet.
Wie LaCapra sind wir
chrttsteller eine mystische versucht, im Sinne von Freuds Trauer und
caem Falle Verbindung mit den Toten suchen. Melancholie, zwischen»Durcharbeiten« und (Aus-)Agieren« zu
die
können
dokumentarische oder verdinglichte D i
trauernde Vorstellungskraft unterscheiden.
nach einer breiteren und nicht befriedigen. Aus allem, was wir über das Einfühlungsvermögen wissen, läßt
umfassender Diese ve ng
Eane Person, die vorgestellten Sich jedoch auf seine destabilisierende Wirkung schliessen. Die Er-
sich nicht starker mitmitfühlend denkt, sollte /jedochSolidarita nnerung an Greueltaten wird in vielen Fällen von den Bildern ge-
er den Opfern zu versuc
einer Geschichte identifizieren als der rzäh folterter menschlicher Körper oder, wie wir von Jean Améry wis-
Schreiben dürfen«, gibtmit eine
seinen Figuren. »lch hatte nio wir Sen, der willkürlichen und brutalen Verstümmelung
inks eschichten zu, der
erzählenden Persone in da heimgesucht.
Was kann Einfühlungsvermögen in diesem Zusammenhang
dendie in -denn ich habe be-
14
Adorno,
Deportation und den Tod nicht in der16 Kene deuten? Es ist bestenfalls eine Möglichkeit, dem erinnerten oder
15 Minima
Habermas,
16 lda Eine Moralia, a. a. O., S. 43.
führe]...« maginären Bild der Zerstückelung zu entkommen. Vielleicht
n n das
Fink, Eine Arn
SpanneSchadensabwi
Zeit, cklung, Eintühlungsvermögen durch mutiges Erzählen den be-
Z.ürich 198 3, S. 95. O., S. 163
a.
a.
42 17
LaCapra, Representing the Holocanst, a. a. O., S. 198.
troffenen Körper wiecder zusammcnsctzen, indem d.die Worte hat bei
gewesene
Person als vollständig beschworcn
wind. cnst gan Das Menschheit. Die Angst vor der Vertuhrung durch
Stil z u r Folge,
lungsvermögen vermag auch zu uberraschen und sio
h auf
die
Finfüh.
die Derrida jedoch
einen weniger
kommunikativen

Indem er weniger
maligen Täter richten, auf eben jene, die das Prinzi eh der den Begritt
der Freundschatt rertet,

einen,
Solidarität preisgaben. Die Lehre, die Robert Antelu
in Dachau und Buchenwal
Antelme aus seicherr
seiner
lesefreundlich wird.

Durch den
Flolocaust wurde
also der Status des Intellektuellen

Grund hierfür ist im


eigenen Getangenschatt war die, Der otfensichtliche

daß auch die Täter Personen, Subjekte mit Rechte ar die noch problematischer.
vieler gebildeter Europaer
und besonders derer,
die

der menschlichen Gesellschat bleiben. »Von nun


in Ge
Verhalten
»Hitlers
Protessoren«
zu inden.2
genannt hat,
e Weinreich Howe, dürfen
fangener ein Mensch, uber den wir nachdenken« müssen: Max
und Stal1n, s o
schrieb einmal Irving
oder
Nach Hitler
in der Lage, mit ihm
uns zu identifizieren
|nous sommes dans nd Intellektuelle niemals,
u n t e r gar
keinen Umständen
ideolo-
intimite).« 18 Son Sich Unterdrückung
v o n Freiheit
erlauben, die
Vorwänden, einen weiteren, weniger of-
Brüderlichkeit aber, wenn sie von direkter Blutsverwia Es g1bt aber
vandt gisch z u
rechttertigen«,
am
B e r u t s d e n k e r : Während

schaft auf Nationen (oder die Menschheit) übertragen wird, hat fensichtlichen Grundfür die Zweitel
Akadem1ker im
nationalsoziali-

sich als korrumpierbares ldeal entpuppt. Anstatt das Prinzipei und


Schriftsteller, Journal1sten aktive Mittäter waren, gab es au-
oftmals
ner zusammengehör1gen menschlichen Gemeinschaft zu stärken, stischbesetzten Europa
abwartend verhaltender Zu-
wurde Brüderlichkeit autgezwungen und untermauerte die poli Berdem eine grolse
Gruppe sich »Zuschauer« mit einem
der
scheint Begritt
tischen Religionen des Faschismus und Stal1nismus. Selbst in ih- schauer. Deshalb der Passivität s o vieler, die Be-
es angesichts
rer christlichen Gestalt ist Brüderlichkeit nicht so universel, wie Makel behaftet. Istt Wissen können, heutzutage
mogl1ch,
sie vorgib, und häuhg werden in ihrem Namen humanitäre Ge scheid wufßten oder hätten
»dazustehen und abzuwarten«?
sichtspunkte eifernden nationalen Ansprüchen untergeordnet. mit der Mentalität
deutliches Zeichen u n s e r e r Ungeduld
Als ausgebeutetes Ideal förderte sie damals die deutsche Volksge- Ein
Kontroverse über die (relative)
Tatenlosig-
Zuschauern ist die
meinschaft*19 und deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. von

USA und des Jishuws


wahrend des Krieges gegen
die
Ju-
Holocaust nicht ein- keit der Deutschen
Dennoch konnte man dieses Ideal nach dem den. Uberdies ist die fragwürdige
These, die meisten
dem
tach autgeben. Zuschauer gewesen,
welche entweder v o n
seien unwissende
Die Qualität intellektueller Arbeit nach dem Krieg wird da- w a r e n oder
abgeschottet
nur zutll1g
morderischen Geschehen und
durch jedoch stark beeinflufat. In der Hoffnung, weniger zersetz-
mit ihm in Berührung kamen, häufig
angefochten worden
bare Formen von Solidarität zu finden, haben zeitgenössische dem Erscheinen v o n Daniel Goldhagens
wurde vielleicht mit
Schriftsteller die Sprache sozialen und ethischen Denkens eine Vollstrecker gänzlich unhaltbar. Ebenso wichtig
ist der o Hitlers willige Interesse daran, Taterschatt
und
peinlich genauen Prüfung unterzogen. Infolgedessen Wird ein erneutes
und kritisches
entiiche Diskurs zuweilen gerade durch die Mittel getahrdet,e Schuld zu überdenken und zu verstehen.
ihn Falls er der For-
retten solten, nämlich durch die Dekonstruktion vo" Die Situation des Intellektuellen
ist paradox.
die eine
gemeinplätzen und durch die Überlistung von Wörtern,die vo
derung nach aktivem Handeln diese nachgibt und Partei tür tühlt er
totalitaren Regimen mifsbraucht wurden. Sobald Derrida De oder andere Seite ergreift und
Seite dann verliert,
spieisweise das Ideal der Freundschaft, u. a. in Blanchots lexte
Sich blofsgestellt. Falls er nicht handelt
und zu einem Zuschauen-
analysiert und ihm Trost und Sentimentalität hat, Intel-
entzogen " wächst Antiintellekrualismus.
csde zu einer bedeutenden Herausforderung für die
hen den wird, der sich Zeit läíßt, unter höchstem gesellschattlichen
Massenanziehungskraft berdaft. ektuelle sind zumeist eine Zuschauer bedeutendste
von Brüderlichkeit, Gemelns Druck stehende Gruppe. Der für alle
18 Robert Antelme, Das
19 Menschengeschlecht, München 1987, 76. deutsch
KursivIerte und mit Sternchen 20 Max Weinreich, Hitler's Professors, New York 1946.
(A.d.U.). versehene Wörter sind
imng
44 45
die Tatsache, dafs die 'T
Faktor seit 1945 ist jedoch chik der Denker und Künstler, müssen sich dagegen
unsere Aufmerksans Spät kommende
Live-Berichterstattung heutzutage it auf Dilemma Wie v o n Grabin-
auseinandersetzen.
dieser Welt lenkt und ds mit einem anderen
Katastrophe und alles Böse eine Stimme a u s der
iede
liche Entschuld1gung
zunichte macht. Da uns die Medicn jeg schriften, die an
Reisende appellieren,
mufS
tönt
für sich entscheiden, ob e r
und weltwetem Elend konfronticren Vergangenheit heraut, und jeder
taglicher Gewalt sie anhört oder weitergeht.
quas1-untreiwillige Weise zu
Zuschau
wiraut die gleiche Wie Dieser Moment des Innehaltens und Grübelns ist wesentlich.
unverhüllten Überorifl"
auch die Deutschen nach 1933 und Während sich die Katastrophe ereignet, g1bt wenig Zeit; es zu alles
bösartiger ausgesetzt waren. Diese Dabeistehend.
Propaganda der Situation, mit der Not fertig
Denken wird dazu benötigt,
mit
Sahen zu, und doch sahen sie nicht, was vor ihren Augen Das.
zu werden.
Nach der Krise jedoch wird man sich bewußt, dafß es,
Sierte.
wenn schon
keinen Endpunkt, dann zumindest eine datierbare
Das wir in diesem Mafse pausenlos den Medien ausgesetzt sind zu einem wiederholten Akt des Erin-
Struktur gab. Das führt
könnte das Verhältnis von Wissen und Nichtwissen, von einem
nerns, der sich erst
allmählich in Retlexion zu wandeln scheint.
schlechten Gewissen und vorsatzlicher Beschön1gung oder Ver- oder einer schweren Krankheit erleben
Wie nach einem Alptraum
gessen noch weiter anspannen. Der ständ1ge Anblick des Elends der Dankbarkeit, weil
wir ein Gefühl der Erleichterung, ja sogar
führt bereits zu einer unterschwell1gen, anhaltenden Bedrückung, Getahr vorüber ist. Selbst wenn wir das Uner-
die unmittelbare
Uns schmerzt gerade die Abwesenheit des Fühlens - und nicht weicht einem Getühl der
trägliche nicht direkt erlebt haben, es

konnte man es
der Schmerz, den wir meinen, eigentlich fühlen zu müssen. Wir Verwunderung: Wie konnte es dazu kommen, wie
leiden daher unter einer Spaltung: Ein Teil von uns kann die Ge- zulassen? Und da alltägliche und nicht nur katastrophale Vortälle
diese Art von reflexiver Zeit verkürzen, muiS man sie irgendwie
fühllosigkeit nicht akzeptieren, die der andere Teil im stillen ver- erhalten und erneuern - dem Vorwurt, ein Schaulustiger zu sein,
geben möchte. Nach dem gemeinsamen Besuch von Ronald Rea
gan und Helmut Kohl in Bitburg, wo auch Mitglieder der Waffen oder der Verbitterung des Opfers zum Trotz.
SS begraben liegen, gerät zudem das Problem eines verfrühten Die Katastrophe reduziert die Zeit. Während die Bedrohung
Abschlusses oder, wie es Adorno genannt hat, das Problem der wächst, schwindet der notwendige Raum zum Nachdenken, umn
erpreisten Versöhnung« ins Blickfeld. Anstatt das Vergehen von Entscheidungen zu treffen. Jegliche Möglichkeit, Zeit zu gewin-
Zeit tür eine
Hafrungsbegrenzung zu benutzen, macht die volige nen, wird zunichte gemacht. Ida Fink beschreibt, wie sich wäh-
Aufdeckung von Trauma und Schuld eine Verzögerung - wie es rend der Nazirazzien sowohl Hast wie auch Zögern als gleichsam
haung in hktionalen Erzählungen geschieht - notwendig. DIe tödlich herausstellten. Selbst in solchen Augenblicken gibt es je-
nschuld der Dabeistehenden wurde im Laufe der Zeit immer
weniger eindeutig.
dochmoralisches Handeln,ob es erfolgreich istsein nicht. Einem
oderKind
Vater in Ein Früblingsmorgen gelingt es nicht,
retten: zu

s liegt nahe, sich jetzt dern Zuschauenden zu widmen, da deren Aut sein Drängen läuft seine Tochter aus der Gruppe derer, die
Kolle in den letzten so Jahren häufig unbeachtet geblieben is autihren Abtransport warten, heraus zu einigen selbst nicht be-
wahrend sich das wissenschaftliche und kritische InteresSC n
aen
rotenen Zuschauern und wird dabei niedergeschossen.2 Da
latern aut die Uberlebenden (oder deren Retter) una wiieder Fink zuvor die Familie als eng zusammengehörig beschrieben hat,
zuruck
verlagert hat. Die Kategorie des Zuschauenden recht KOnnen wir seineEntscheidung dennoch als taptere Handlung
Vage und kontrontiert uns mit den Doppeldeutigkeiten n betrachten. Wir leiten den moralischen Mut des Vaters aus seiner
was Primo Levi »die Grauzoneu des lrennung von seiner Tochter ab.
genannt hat, wo die Unters
dung von Opter und Kollaborateur oder von Zuschauer unu Kol Schlielßlich gewährt uns eine unbestimmte Atempause Zet, um
laborateur unklar bleibt21 Let
Zuschauende post factum, wie etw*
der zu
schaffen; diese Wiederinbesitznahme wirkt huma
21
Vgl. Primo Levi, Ist das ein 22
Mensch, München Fink, Eine Spanne Zeit, a. a. O., S. I45.
1993, S. 103-
46
47
rend. Die in
der Shoah Ermordeten haben, so Habermas den Schöpfer.
Doch
mas, Cinen Schöpfung durch
der
Anspruch auf die schwache anamnetische Kraft einer Solida logischen Würdigung
in sein Gegenteil
verkehrt wird,
die Nachgeborene [er meint v. a. junge Deutsche] nu der Akt der Schöptung ereignet sich
wenn nichts gemacht werden,
Medium der immer wieder erneuerten, oft verzweifelh. noch im zerstort oder z u Seins ist
als der stabile Grund des
wenn
wir
falls umtreibenden Er1nnerung üben können«,23 Re jeden ganz
anderes. Die Zeit traumati-
etwas
wie sprechen wir dann mit dem
Aber
schwache messianische Kratt«*" und Habermas' darau verschwunden.
Art Dialog, welche
oder anderen? Welche
von

sierten Teil in
uns
lende >schwache anamnetische Aratt« bieten eine
lösung an, wenn historisches wissen in Ennnerung umge
potentielle r Bestätigung ist möglich?
verschwinden niemals
der Katastrophe
rmt Die Toten und Opter lebhaft in der Erinne-
wird oder durch Kunst das Ris1ko einer Anabase, eines Absti verinnerlichte Anwesenheit,
zu den Toten, eingegangen wird. stiegs gänzlich. Ihre
belebt von der Phantasie, kann u n s e r e eigene
Stimme
rung oder z u m Verstummen bringen.
Ge-
uns vollkommen
gefährden und einen
Aber gibt es eine ästhetische Wahrheit 1st Kunst eine Form des und doch nicht stumm, mögen
schriebene Worte, so still
-

Wissens, die ebenso zuverläss1g wie historische oder wissen- Literatur oder rhythmische und rituelle
Kompromiß darstellen; versuchen etwas von der
schaftliche Untersuchungen ist Der langanhaltende Streit dar Formen der künstlerischen Darstellung
über wird hier ein weiteres Mal enttacht. Bevor »ästhetisch« zum trotz Schmerz undTrauma.
verlorenen Welt wiederherzustellen,
Schimpfwort wurde, kam dem Gebot der »ästhetischen Distanz und Getühl in der Kunst oder eine
Die Kombination aus Form
wichtiger Platz in der Analyse und Beurteilung von Kunst hermeneutischer Ge-
ein
andere, diskursivere Wiederherstellung von
werken zu. Obgleich der Begriff häufig oberflächlich verstanden duld ist besonders wirkungsvoll, um einen zeitlichen Modus der
wurde, machte er uns aut die Verantwortung des Künstlers
gegen- Enthüllung zu erreichen. Die Schwierigkeit, ein Ereignis von
über seinem Gegenstand und seinem Publikum aufmerksam. Die solch menschlicher Grausamkeit »zu sehen« oder es untrauma-
Griechen belegten Theaterschriftsteller, die einfach den Schmerz tisch darzustellen, sollte Bedenken gegenüber einem Axiom unse-
oder die Angst des Publikums dem gemäls das »Sonnenlicht das beste Des-
intensivierten, mit einer Geld- rer Kultur auslösen,
strate; Pr1mo Levi zeigt in Die infektionsmittel« sei.
schlechte Nachrichten
Atempause, wie schwierig es ist,
Welche Chancen bestehen also für die Kunst oder den
zu
überbringen und sei es an einen
Essay,
sclbst. Ich vermute, daf' ästhetische Distanz eine ursprünglicn ein gegen das
Schweigen und den Solipsismus vorbeugendes Ge-
traumatische Dissoziation zu spräch zwischen den Generationen zu fördern? Obwohl »Ge-
bewältigen oder vermitteln und ein
Gieichgewcht zwischen zu geringer und übermälsiger 1dentin spräch in diesem Zusammenhang eine unzulängliche Bezeich
Zierungherzustellen sucht. Der wichtigste Faktor besteht in aer nung ist, finde ich doch kein besseres Wort. Wenn man
Fakten
Fahigkeit der Kunst, auf sensible und behutsame Art zu enthu über die Shoah beiläufig in eine zwanglose
len, und ihrem genauen Gefühl für timing
in
selbst
in die weniger ungezwungene Atmosphäre Unterhaltung oder
Anen feierlichen des Seminar
Eindruck solch zeitlicher raums einbringt, bewirkt dies eine peinliche Stille. Und doch
ommen wir von einem Text, der das GegenteilAbstimmung De
der Holocaust kann diese Art des
Vernichtung darstellt: die ritualisierte Schoptungsseq 5am Schweigens propädeutisch sein, ein Schritt
Antang Richtung auf einen nachdenklichen in

keit , durch die Kant den aufgeklärtenDialog,


der Bibel. Got hält inne, um zu sehen oder was auf jene »Mündig-
ER
geschaffen hat. Reine Macht segne Menschen und den kollek-
modifiziert sich in dieser rädia iven Auszug der Menschheit aus ihrer
mündigkeite definierte. selbstverschuldeten »Un-
2 Habermas, Eine Art Das
Schadensabwicklung, O., S. 141
24Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische
a. a. Gespräch, das ich als wesentlich für den
Franktur/M. 1951,S. soo. Thesen, in: SCh 26
intellektuellen
2 Levi, Atempause. Ene Immanuel Kant, »Beantwortung der
Nachkriegsodyssee, Frankfurt/M. 1982,>. .
Werkausgabe 11, Frankfurt/M. 1977. Frage: Was ist Autklärung?«, in:

49
Zeugen erachte, beinhaltet folgende Fragen: Ist dasIeLeiden. dazn als einen Wert z u betrachten
einem Buch oder Film zu enden? Ist die Ea .ananut hat.27 Das Schweigen
bestimmt, in Mund z u halten; vielmehr beschwört es eine
die Verbrechen und Katastrophe vom »Herz der Zinatuon, ge
hedeutet nicht, den Die Art u n s e r e s Schrei-
von
die Voraussetzung für jede spannende e inster- innere Warnstute,
c i n e n Sch wellengeist.

nis« ausgeht,
Können wir das Unheil des Holocaust Erzählu
betrachten, ohne denung? bens über die
Shoah hat Auswirkungen auf die Lebensfähigkeit
nach der Shoah.
ringsten Trost aus der diskursiven oder künstlerischen Darstel. ge einer Kultur

sich die Kultur geändert, in der das I Konzept


dals das der »intellektu-
lung zu bezichen? Hat Ciden Abschliefßend kann m a n sagen,
der Shoah den Verdachr für sich selbst Partei ergreift: Es bringt
geschah? Ruft die Betonung
so-

ellen Zeugenschaft« die Mensch-


jüdische Gemeinschatt monopolisiere Leiden, oder kann iese der Vernunft hervor, z u r

wohl diejenigen Aspekte die sich weigern, der


Katastrophe in e i n e m vergleichenden Kontext von Völke lichkeit beitragen,
als auch jene Schritsteller,
modernen Ertahrung z u m Trotz ihren
den betrachtet werden? Kann man aus dem Holocaust moralische Ungeheuerlichkeit der
Lehren ziehen, die mehr sind als ein vager Appell an humanitäre ich hier nicht auf Gadamers Ideal
Verstand zu opfern. Auch wenn

»kommunikatives Handeln«
oder demokratische Werte? des»Gesprächs« oder Habermas
Da die Zeit vergeht, wird der Schrecken, der die (inneren) Bild. beide Rationalität und Demokratie in ei-
cingehen kann, bringen oder realpo-
flächen der Erinnerung fast zum Erlöschen brachte, durch Ge und tahren fort, eine skeptische
n e n Zusammenhang
Uberlebens in Frage zu stellen. In
schichten und Bilder vermindert, die sich als teilweiser Schutz vor litische Doktrin des sozialen
ntellekt mehr z u m Zeugen seines ei-
der Leere angehäuft haben. Wir müssen über die Probleme nach- solchen Debatten wird der
als dafa er zu Schuldgefühlen, Selbstgeifselung
denken, die sich aus der Vermittlung des Holocaust als lebendige genen Uberlebens,
Erinnerung ergeben. Was, wenn ein solches Erbe, wie man es jetzt oder Verzicht verleitet wird.
nicht ohne eine gewisse
nennt, eine hoffnungslose und traumatisierende Wirkung hat und Der Akt des Bezeugens kann zudem
Hottnung
ohne aut eine ge-
die Aufrufe»Vergiß niemals!« und »Erinnere dich!« zur Unmög- Zukunftshoffnung stattfinden, nicht
s e t z t alles
lichkeit machen? Gibt es eine Grenze der bitteren Anklagelog1k, nerationenübergreitende Weitergabe.
Vielleicht Schrer
das in der Flasche ebenso
ben diese Hoffnung v o r a u s : Manuskript
oder hängt sie immer von den Prioritäten bestimmter ldeologien
ab? wie die vergrabenenMilchkannen von Emmanuel Ringelblums
Ver-
Oneg Shabbat. Die vom Nationalsozialismus verbrannte
Wenn der Holocaust zum Thema der Diskussion wird, unter ständlichkeit und neuere Anstrengungen, in einer Zeit der immer
scheidet sich die in intellekruellen Essays waltende Vorsicht zu-
schnelleren Veränderungen etwas von dieser Verständlichkeit zu

eien deutlich von dem Druck, der auf künstlerischen odernk Unsi-
retten, haben jedoch eine Unsicherheit hervorgeruten:
eine
onalen Vorhaben lastet. In der Kunst überwiegen Zweitel an der cherheit darüber, wer übermitteln oder wer sich lange genug
mit
Darstellbarkeit: Kann und sollte die Shoah anschaulich und rea und
einem Selbst identifizieren könnte, um ein Subjekt werden
zu
Stisch
dargestellt werden? Für den intellektuellen Zeugen dage
ein beständiges Gefühl für Standpunkt und Zugehörigkeit
zu eta-
gen ergibt sich die Befangenheit eher aus einem Aquivalent zu
dritten und nicht zum zweiten Gebot: nicht »Du sollst adir kein blieren.
so gründlich dureh
Dild machen«, sondern Du sollst den Namen Holocaust h Gerade weil die Identität der Überlebenden
mißbrauchen«. nicht als einen wichti-
dies
ihre Ertahrung geformt ist, mag man
uns zur
Wir stehen natürlich
stets unter der ing, nicht mehr gen Gedanken betrachten. Aber die Literatur ermahnt
Worte als nötig zu
doch das verwenden. Bezüglich Verpflichtung, ni
der Shoah nimmt Je-
Wachsamkeit. Der durch das NS-Regime verursachte Holocaust
sprach den Opfern jegliche Form von ldentitat ab - - mit A u s
»Schweigen einen hen
befinden sich inbesonderen
und Schreiben Wert an, und Sprec ununenschlichsten
a ahme einer Identität der schändlichsten und
Modi, die oft mit
Schock gröfßerer Gefahr als in
fiktionalen

erschaffen, was experimentieren oder mittels d Mage


der Kunst Magie
Nicolas Boileau-Despréaux, Art poétique, Paris 1952, -Chant Ill«, S. 96.
Boileau einst geheuer«
»angenehme E SI
unüberbrückbarer Abgrund tat sich 7 n
Art. Ein schen MeMens
auf. Ist das ein Mensch? (»Falls das cin
und Judesein
lastet Primo Levis Titel für seine Ertahrungen in An M.
ensch enseh
schreibt Auschw vitz,
wiz
istch
»l
hatte einen anderen Schöpter«, Dan Pagis und
den Schatten (zel), dem
zu er
ist, mit
geworden
den,unitormierten Wachen, die sich des zelem
den Sticf ergltrageneicht
elohin des
Gottes, ermächtigt haben.28 Die Identität des
Nichtidentität. Esist zu eintach zu behaupten, 1945 hah Opters Bilde
wurdrde zur
kehrung und Wiedergutmachung geführt. Wer sprichtUn
Zeugnis ab falls Paul Celan mit dem Wort recht hat: eg
spricht, wer Schatten spricht«?29 Wahr
Hier ergibt sich die Notwendigkeit des intellektuellen.
dären Zeugens ein weiteres Mal: Er zeugt für den
Zeugen, er e
fängtaktiv Wörter, welche die Dunkelheit des Ereignisses wide
spiegeln. Für »blackbird« Celan, für Ancel/Amsel, ist das Ziel derde:
Zeugens nicht Verständlichkeit. Seine
der Dunkelheit, um sie zu Dichtung leuchtet nichtn
tilgen.
Wort wie »Dunkelheit für eine
Vielmehr ist das dichterische
sterbende Flamme«. Celans
lettiertes »Ich« legt Zeugnis ab ske
wie auch vom
verschwundenen
vom
verschwundenen Anderen
was
Maurice Halbwachs die Selbst, vom »Du« oder »Wir<«,
»affektive Gemeinschatt«
Grundlage jeglicher Erinnerung) genannt hat und
(als
die Notwendigkeit Michael Pola
elle gesellschaftlicher
Zeuge springt ein für dieses Identität.30 Der intellekru
antwortung für die Worte der »Du« oder »Wir«, indem ver er
übernimmt. Wie die
digten Raum Literatur Uberlebenden oder Augenzeuge
selbst, so
wei und die der Sprache, die um den bewegt er sich
sich im
im bescha-
Dc>
zwischen Verrat in der Vergangen
der der Distanzierung undden zwei
der der Kapazitäten
täten der Vergangeni
Zeit,
Zet, nämnlich
a
Aus dem
Enthüllung,8 getange
getangen ist.

Amerikanischen von
on Andrea
Andrea Dortma
Dor
Pagis,
9
Paul Celan, Zeugenaussage«, in:
yo
Vgl. Stefan Sprich
mann, Ch auch du-, Erdichteter Mensch,
Reichert du«, in:
Maurice 1996.
FrankfurvM. und Rudolf Gesammelte Frankfurt/M. 197
b, Frankfurt/M. 1993
Halbwachs, Das Bücher, Werke 1,1, ng
Gedächtnis Frankfurt/M.
wnd seine
hg. *

1953 s15
Alle
soziale" 4ge
Hngen,