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Der Wilsberg-Drehbuchautor und der AfD-Hausjude

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Marcus Ermler / 10.02.2021 / 16:00 / Foto: Pixabay / 29 /


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Die Deutschen lieben „tote Juden, je toter sie sind, umso mehr werden sie geliebt“, indes
mit „den lebenden Juden ist es eine andere Sache, die werden ermahnt, nicht zu unfairen
Mitteln zu greifen und sich nicht allzu heftig zu wehren, wenn sie angegriffen werden“, so
hat Henryk M. Broder einst eine spezifische Ausformung des deutschen Blicks auf das
Judentum beschrieben.

Ob der Twitter-Prominente Mario Sixtus, ein Drehbuchautor der ZDF-Krimireihe


„Wilsberg“, sich darin wiedererkennt, ist nicht überliefert. Offenkundig jedoch ist
folgender Text eines Tweets, den der reichweitenstarke Sixtus vor wenigen Tagen an seine
fast 140.000 Twitter-Gefolgsleute verbreitete, nachdem ich einen Artikel bei
Achgut.com, „Wider die Verharmlosung des Nationalsozialismus“, veröffentlichte, in dem
auch Sixtus vorkam.

„DrErmler[:] AfD-naher Jude. Sowas nennt man auch Token, ja? Oder lebensmüde?
Oder wie kommt man als Jude auf die Idee, sich einer Nazi-Partei anzudienen?“

Evident an der Akzentuierung „AfD-naher Jude“ ist nicht die Wahrnehmung des Kritikers
als bloßen Rezensenten, vielmehr ist es seine Rezeption als Jude. Im Mittelpunkt steht
demnach also nicht die verstandesmäßige Reflexion der eigentlichen Kritik, sondern die
schlichte Bloßstellung der in ihr gelesenen „jüdischen“ Herkunft. Es ist dabei nicht die
tatsächliche jüdische Abstammung, die bereits zählt, sondern ihre ledigliche
Scheinbarkeit, die der Denunziant zum Fakt erklärt hat.

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Die Menschenverachtung, die der Relativierung des NS-Terrors innewohnt, wird überdies
mit dem Brandmal „AfD-nah“ ins Gegenteil verkehrt und der als „jüdisch“ markierten
Kritik zugeschrieben. In dieser Schuldumkehr schält sich der als jüdisch gelesene Ketzer
dabei zu einem besonderen Juden, der in seiner attestierten „AfD-Nähe“ zum „Token“
deklariert wird, was sich sinngemäß zunächst als eine Variation des „Hausjuden“, hier der
AfD, übersetzen lässt. Ein jüdisches „Aushängeschild“ der AfD, mit der diese sich gegen
das Etikett des Antisemitismus zu immunisieren versuche, so die wohlfeile
Legendenbildung „antifaschistischer“ Judenempathie.

Der Hausjude, der „sich einer Nazi-Partei anzudienen“ gedenkt


Dieser unterstellten Konspiration folgend, wird der AfD-Hausjude zu jenem
eigentümlichen Juden, der „anders war als die anderen“ und den der Antisemit „schätzte
und, wenn es darauf ankam, auch beschützte“, um Henryk M. Broders überspitzte
historische Deutung zu zitieren. Doch ist es auch die Figur des „Hofjuden“, die sich in der
Behauptung eines jüdischen „Feigenblatts“ der AfD zu erkennen gibt. Eines Juden, der
sich seine Privilegien im Ausgleich für erwiesene Dienstleistungen an seine AfD-Herren
sichert.

Konkretisiert sich die Vorstellung eines Haus- und Hofjuden darin, dass gefragt wird, wie
er „als Jude auf die Idee“ komme könne, „sich einer Nazi-Partei anzudienen (sic!)“, wird
er in dieser Tonalität indes nicht nur zum „Dienenden“ des Nazis abkommandiert,
sondern darüber hinaus in einer Dualität auf seinen rechtmäßigen Platz verwiesen: hier
die wahren volksdeutschen Juden in der sie wohlwollend umarmenden Gemeinschaft der
Guten, dort die judenhassenden Nazis, auf deren Seite sich nun der Hausjude als „Diener“
arrangiert.

Es ist nicht nur der so diagnostizierte Verrat des Hausjuden an seiner ihm
zugeschriebenen originären Sippe, der ihn in den Augen des antifaschistischen Zwitscher-
Mobs kompromittiert erscheinen lässt. Es desavouiert ihn sein „Dasein und Erscheinung“
durch seine „mangelnde Anpassung“ an die Ordnung und „Harmonie der Gesellschaft“,
zu der er sich zu bekennen hat, wie es Horkheimer und Adorno in ihren „Elementen des
Antisemitismus“ umfassten. Koscher ist er erst dann, wenn ihn die deutsche Twitter-
Volksgemeinschaft dazu erklärt.

Der deutsche Jude als „moralischer Pausenclown für das wohlige


Gruseln“
Welche Intention der Hausjude mit diesem doppelten Vertrauensbruch verbinden soll,
offenbart ein anderer Tweet, der dem oben referenzierten anhängt: „Es ist zum Teil die
Hoffnung, man werde nach der Machtübernahme verschont, weil man gute Dienste
geleistet hat. Die Geschichte zeigt aber, dass das nicht passiert...“. Den Pakt mit dem
nazistischen Teufel ist der „AfD-Hausjude“ demnach für sein Überleben bereit
einzugehen, so die Anklage.

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Dennoch würde auch das ihn nicht retten, wie es „die Geschichte zeigt“. So sei er nämlich
„lebensmüde“, in einem „Phänomen der Autoaggression“, wie es ein weiterer
anhängender Tweet ergänzt. Eine „antifaschistische“ Diagnostik, die einen Zustand
jüdischen Selbsthasses feststellen will, in der der jüdische Patient sich in
selbstverletzender Absicht seinem Schlächter „andient“. Dies ist die altbekannte
antisemitische Leier, ob Juden nicht doch selbst schuld an ihrem Unglück sind.

Doch in dieser Begrifflichkeit spielt nicht nur die Herabwürdigung des im Kritiker
identifizierten Juden zum Hausjuden eine Rolle, der sich bei den Nazis verdingt, um nach
der „Machtübernahme verschont“ zu werden, weil er „gute Dienste geleistet hat“. Sondern
mehr noch wird mit der Frage danach, ob dieser denn nicht schlicht „lebensmüde“ sei
oder wie er überhaupt solch eine „Idee“ habe entwickeln können, die das deutsche
Judentum in seiner Funktion als „moralischer Pausenclown für das wohlige Gruseln“
(Eike Geisel) postuliert.

Juden dürfen in Deutschland keine selbstständig handelnden politischen Akteure sein,


sondern müssen das deutsche Bedürfnis nach jüdischer Selbstviktimisierung befriedigen,
sich also „auf die Funktion des anerkannten Opfers […] reduzieren, das für die Abteilung
Mahnen und Warnen ebenso zuständig ist wie für die versöhnliche Botschaft, dass man
den neuen Deutschen wunderbar über den Weg trauen kann“, wie es David Schneider
einst in der Bahamas schrieb.

„Juden müssten aus ihrer Geschichte gelernt haben und wissen, was es
heißt, Opfer zu sein“

Es ist allerdings dieser Rahmen vermeintlich jüdischer Existenz, so das Urteil der „neuen
Deutschen“, den der Hausjude als „Diener“ einer „Nazi-Partei“ in seiner ihm
zugeschriebenen geschichtsvergessenen Lebensmüdigkeit bereitwillig verlässt. Sein
Verrat an der für ihn vorgesehenen Rolle als lebendiges Monument des Holocausts ist es,
die das Gute sanktionieren muss.

Das Opfer, das sich den Tätern „andient“ und so zu deren willigem Helfer transformiert,
es muss bestraft werden. So schwingt, mit David Schneiders Worten, in dieser
„deutschen“ Empörung über die selbstgewählte jüdische Autonomie letztlich die
unerfüllte und damit enttäuschte „Erwartung mit, Juden müssten aus ihrer Geschichte
gelernt haben und wissen, was es heißt, Opfer zu sein. Kritisiert und beschimpft werden
sie nicht als politisch Irrende, sondern als Verräter an der deutschen Gutmenschlichkeit.“

Da passt es nur zu akkurat ins Bild, dass niemand von Sixtus‘ Anhängern der „Antifa ist
Handarbeit“-Fraktion auch nur den kleinen Finger im sonst kollektiv berauschenden
„Kampf gegen Antisemitismus“ rührte, um sich diesem Schauerstück der „deutschen
Gutmenschlichkeit“ entgegenzustellen. Es ist vielmehr die Lust daran, den Abweichler ob
seiner gelesenen jüdischen Existenz der geifernden Twitter-Meute zum Fraße
vorzuwerfen, die so in ihrem zuschreibenden Tokenismus eines imaginierten AfD-
Hausjuden „doch in Wahrheit ohne Entstellung der Menschen nicht leben kann“
(Horkheimer und Adorno, „Elemente des Antisemitismus“).

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Denn „im Rausch vereinter Ekstase, ja als Gemeinde überhaupt, wird Blindheit zur
Beziehung und der paranoische Mechanismus beherrschbar gemacht, ohne die
Möglichkeit des Schreckens zu verlieren“, wie es Horkheimer und Adorno erklärten. So
kristallisiert sich das als „sozial“ definierende Netz mittels seiner volksgemeinschaftlich
wirkenden Kraft zum vertrauten Judenpranger, der jedermann und jederfrau in der
freien Denunziation der Namen von Juden und deren Sympathisanten zur Verfügung
steht.

Foto: Pixabay

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