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Dossier

Kaiser Augustus im Urteil des antiken Christentums


Ein Beitrag zur Gesåiåte der politisåen Theologie
Erik Peterson

Die naåfolgenden Ausführungen gehören einem Gebiet an, das ein deutsåer Staatsreåitler der
Gegenwart, Carl Såmitt, als politisåe Theologie bezeiånet hat. Politisåe Theologie ist niåt etwa
ihrem Wesen nadl ein Bestandteil der Theologie, sondern vielmehr des politisåen Denkens. In
dem Maße, als das politisåe Handeln der Polis sid von den Göttern der Polis entsteht das
Bedürfnis, mit dem politisåen Handeln der Polis eine Theorie, sei es philosophisåer, sei es
theologisåer Art in Einklang zu bringen. Die politisåe Theologie ist, wie die politisåe Utopie, ein
ansåeinend mit innerer Notwendigkeit sid wieder einstellendes Faktum, von dem Theologen
freilidl stets mit Mißtrauen betraåtet und in seiner meist häretisåen Artung erkannt, von den
Politikern aber immer wieder mit neuer Zuversiåt vorgetragen. Politisåe Theologie ist niåt erst
ein Erzeugnis der Neuzeit. Nidt de Maistre oder Donoso Cortes, niåt Bossuet oder Rousseau sind
die Sdöpfer einer politisåen Theologie gewesen, nein, sdon die åristliåe Antike, d. h. das im
Imperium Romanum lebende Christentum hat das Bedürfnis nadl einer politisåen Theologie
empfunden. Da diese politisåe neologie des aristliåen Altertums so gut wie unbekannt ist —
haben dod die Theologen der Dogmengesåiåte und der Exegese zugewiesen, was in Wahrheit
nur politisåe Theorie ist —, so såien es uns an der Zeit, die politisåe Theologie der åristliåen
Antike an dem Punkt zur Darstellung zu bringen, wo sie gleiåsam ihr Zentrum hat: an der
Beurteilung des Augustus und seiner historisåen Såöpfung durå das antike Christentum.
Ausgangspunkt aller Reflexion über Augustus ist die Geburtsgesåiåte Christi im Lukas-
Evangelium (2, 1) gewesen: „Es gesåah aber in jenen Tagen, daß ein Dekret vom Cäsar
Augustus ausging, die ganze Oikumene solle Sidi såätzen lassen." Im Zusammenhang mit
dieser von Augustus veranlaßten Såätzung wird der Heiland der Welt geboren. Das ist bei
Lukas zunäåst wohl niåts weiter als ein Syndronismos. Die Geburt Christi soll dronologiså
fixiert, mit einem Datum aus der Gesåiåte des Reiåes in Zusammenhang gebraåt werden. Daß
Lukas aber grade ein Ereignis aus der Gesåiåte des Augusteisåen Reiåes herausgreift, ist nun
bedeutungsvoll. Lukas hat, wie die Einleitung zu seinem Gesåiåtswerk zeigt, den Ehrgeiz als
ein hellenistisåer Historiker zu såreiben. Durdi die Eigenart seines Synåronismos bringt er nun
zum Ausdru&, daß sein Werk dem Imperium Romanum zugewandt ist. Aber Lukas ist ja niåt
der einzige Zeuge der apostolisåen Überlieferung gewesen. Neben der Geburtsgesåiåte Christi
im Lukas-Evangelium steht die Geburtsgesåiåte im Matthäus-Evangelium (2, 1). Hier haben
wir im Synåronismos niåt den Augustus, sondern den Herodes, und niåt den römisåen Zensus,
sondern die Erzählung von den Magiern, die aus dem Osten kommen, um den neugeborenen
König der Juden anzubeten. In diesem Nebeneinander der Geburtsgesåiåten der beiden
Evangelien ist die Mögliåkeit zu einer Entwiddung zweier vers&iedener Formen der politisåen
Theologie gegeben. An das Lukas-Evangelium kann Sidi eine politisåe Theologie ansåließen,
der es wesentlidl auf das Imperium Romanum und auf das römisåe Kaisertum ankommt; auf
das Matthäus-Evangelium, das wohl ursprüngliå aramäis± gesårieben war, kann sid eine
Opposition seitens der aramäiså, d. h. syrisch redenden Christenheit berufen, die, in
waåsendem politisåen Gegensatz zum Imperium Romanum stehend, diesen ihren politisåen
Gegensatz zugleiå in der Form einer am Matthäus-Evangelium entwi&elten politischen
Theologie zum Ausdru& zu bringen sudlt. Da das Zentrum des politisåen Gegensatzes zum
Imperium Romanum im Osten aber in Persien lag, so war es von
* Aus: Hodland 30. Jg. April 1933 — September 1933, Bd. 2, S. 289—299.