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Kapitel 1 Dorf der Nachhaltigkeit Zwei Welten, die sich sonst sehr schwer näherkommen
könnten.“
In den 90er-Jahren standen hier ein paar Bauwagen. Der erste Auftrag für Uwe Schönfeld heute: für einen
Die Anfänge des Ökodorfs Sieben Linden. Mittlerweile gehörlosen Klienten beim Arztbesuch dolmetschen.
leben 70 Erwachsene und 37 Kinder im Dorf der Schönfeld: (übersetzt) „Ich bin Diabetiker und mein
Nachhaltigkeit. Und wie es scheint, leben sie gut hier. Hausarzt hat gesagt: Bitte lass dich checken.“
Julia Kommerell: „Das Ökodorf ist ein Gemeinschafts­­- Damit Arzt und Patient sich richtig verstehen, muss Uwe
projekt, das auf eine soziale, ökonomische, ökologisch Schönfeld auf kleinste Details achten.
nachhaltige Lebensweise realisiert und am besten auch Schönfeld: „Die deutsche Gebärdensprache ist sehr, sehr,
weitergeben möchte an andere.“ sehr komplex. Wenn ich einen Satz jetzt gebärde, dann
Das sieht aus wie das Gegenteil von Nachhaltigkeit, muss ich dabei nicht nur einfach darauf achten, die
denn auch im Ökodorf wird gebaut. Aber so einfach ist Gebärde richtig zu – äh – benutzen, sondern in welcher
die Sache nicht. Dies ist keine normale Baustelle, denn Geschwindigkeit ich sie einsetze, in welchem Raum ich
hier baut man zum Beispiel Wände nicht aus Stein, sie einsetze, also in welch – wie groß ich gebärde, wie ich
sondern aus Strohballen. die Mimik einsetze dabei, und wie ich meinen gesamten
Dirk Scharmer: „Also, was man über den Strohballenbau Körper dabei auch einsetze. Das spielt alles zusammen in
wissen muss, ist, dass wir das Stroh vom Acker nebenan einem Kontext eine ganz wesentliche Rolle.“
ernten können und zusammen mit dem Holz, was auch Arzt: „Da ist in voller Schönheit das Herz mit allen vier
hier im Wald wachsen kann, was man aber auch im Holz- Herzkammern. Jetzt guckt man in Farbe. Gut, alles
handel ganz normal bekommt, zu einem sehr modernen, normal, alles okay, Herzklappen, Herzfunktion, also
sehr energieeffizienten Haus verbauen kann, was also Herzkraft …“
vom Dämmstandard das höchste Niveau erreicht.“ Schönfeld: „Es gibt auch kleine Unterschiede in der
Die Wände werden dann mit Lehm verputzt. Im besten Gebärdensprache, die für den normalen Zuschauer jetzt
Fall kommt der Lehm aus der eigenen Grube, die man ja nicht so leicht erkennbar sind. Das sind in der Gebärde
eh fürs Haus ausheben muss. Hinterher hat man keine z. B. „nein“ und „anders“. Das ist zum Beispiel „nein“. Und
Chemie im Haus, sondern Wände, die atmen und das wenn ich jetzt diese Ausführung, die Hand jetzt etwas
Klima regeln, Gerüche fressen und die Luft reinigen. drehe um 90 Grad und dann so mache, ist sie – heißt sie
Das bestimmende Wort fürs Zusammenleben heißt „anders“. Und das ist jetzt mal schon, wenn ich’s jetzt
„Gemeinschaft“. Jeder zahlt täglich 9 Euro für wirklich schnell mache, ist es für einen andern kaum
Verpflegung und die laufenden Unkosten. Hinzu kommt erkennbar.“
ein Arbeitsbeitrag für die Allgemeinheit, das kann zum Uwe Schönfeld lernte die Gebärdensprache nicht in der
Beispiel ein Küchendienst sein. Alle festen Bewohner Schule, sondern zu Hause. Er wuchs als Kind gehörloser
sind Mitglieder der Siedlungsgenossenschaft. Eltern auf.
Entscheidungen werden immer gemeinsam gefällt. Schönfeld: „Ich kann gar nicht sagen, ab wann mir das
Einen Bürgermeister oder einen Chef gibt es nicht. eigentlich bewusst war, dass ich höre und meine Eltern
Einfach einchecken geht aber auch nicht. Wer im gehörlos sind. Für mich ist entscheidend gewesen, dass
Ökodorf wohnen will, muss sich für eine einjährige ich erst viel, viel später mitbekommen habe, wie ich im
Probezeit bewerben. Und dann entscheidet wieder die täglichen Prozess dort eingebunden war, dass ich ja
Gemeinschaft, wer dauerhaft ins Ökodorf einziehen eigentlich permanent für meine Mutter oder für meinen
darf. Mittlerweile kommen Besucher aus ganz Europa Vater vorm Fernseher übersetzen musste oder (bei)
ins Ökodorf. Es hat sich herumgesprochen, dass die Arztbesuchen oder bei Behördengängen, selbst bei
Nachhaltigkeit hier funktioniert. Elternversammlungen, wo Lehrer sauer auf mich waren
und ich das meinen Eltern beibringen sollte. Natürlich
habe ich denen was anderes erzählt. Aber diese – diese
Kapitel 2 Mit den Händen sprechen Zeit, in der ich permanent übersetzt habe für meine
Eltern, ist eigentlich auch so ’n Prozess gewesen, der
Schönfeld: (gebärdend) „Gebärdensprache ist, mit den mich geformt hat.“
Augen zu hören und mit den Händen zu sprechen.“ Später verliebte sich Uwe Schönfeld in die gehörlose
(gesprochen) „Meine Arbeit ist es, für die Gehörlosen zu Künstlerin Christina Apelt. Eine ungewöhnliche Liebes-
dolmetschen in die Gebärdensprache und für die geschichte, denn selten gibt es Beziehungen zwischen
Hörenden umgekehrt in die Lautsprache zu übersetzen. Hörenden und Gehörlosen.
Das ist aber nicht nur einfaches Dolmetschen, sondern Schönfeld: „Diese Angst, die wir beide hatten, ob ich als
’ne Verbindung zwischen zwei Welten herzustellen. akustisch Orientierter eventuell dann in die hörende

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Welt wieder abdrifte oder sie als visuell Orientierte in Dottenfelderhof bei Frankfurt. Seit 1968 wird in dem
die Gehörlosenwelt, die war bei uns beiden da und die Großbetrieb unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit,
haben auch andere mit genährt. Aber anscheinend ist Brüderlichkeit“ biologisch gewirtschaftet, geforscht,
die Liebe dann doch immer wieder stärker als das, was gelebt und ausgebildet. Jeden Morgen treffen sich die
andere Menschen dann denken, also – wir sind jetzt Dottenfelder zur Arbeitsbesprechung. Einer von ihnen:
26 Jahre zusammen.“ Valentin Lauinger. Der 19-jährige Südafrikaner kam für
Der nächste Auftrag steht an. In einem Unternehmen seine Ausbildung nach Deutschland. Landwirt ist sein
sollen vier gehörlose Mitarbeiter eine Weiterbildung Traumberuf.
zum Gabelstaplerfahrer erhalten. Die theoretische Valentin Lauinger: „Also, was mir gefällt an der Landwirt-
Schulung muss natürlich übersetzt werden. schaft, ist die große Abwechslung, die Vielfältigkeit des
Schönfeld: „Wenn zwischen uns die Chemie stimmt, Auf-dem-Feld-arbeiten, das Mit-den-Tieren-arbeiten und
dann funktioniert auch dieser Übersetzungsprozess. Das auch das Technische in der Werkstatt und da wirklich
setzt natürlich voraus, dass auch Einfühlungsvermögen was zu lernen und auch dann zu machen.“
von beiden Seiten da ist, dass die Gebärdenkompetenz Weil er Fachabitur hat, kann Valentin seine Ausbildung
von beiden Seiten da ist, und dass wir uns miteinander auf zwei Jahre verkürzen. Vier Tage die Woche arbeitet
richtig auch verstehen, uns in die Augen schauen er auf dem Hof und einen Tag geht er in die Berufs-
können usw. – das ist ein ganz wichtiger Aspekt.“ schule. 592 Euro verdient Valentin im zweiten Lehrjahr.
Am Nachmittag steht ein offizieller Termin an. Im Bode- Abzüglich Kost und Logis sowie Versicherung bleiben
museum prüft der Landesbehindertenausschuss Berlins, ihm gut 200 Euro. Derzeit liegt sein Arbeitsschwerpunkt
ob das Museum behindertengerecht ist. Schönfeld im Kuhstall. Da sind auch Wochenenddienste angesagt,
übersetzt für die Vertreter des Gehörlosenverbandes denn Kühe müssen auch sonntags versorgt werden. Auf
die Führung durch das Museum. dem Hof lernt der Auszubildende die Praxis, bekommt
Schönfeld: (gebärdend) „Für mich ist ein Gebärden- Einblicke in Ackerbau, Viehzucht und Landtechnik. In
sprachdolmetscher ganz wichtig … er ist für mich ein der Berufsschule gibt es die Theorie: Pflanzenkunde,
Sprachrohr. Er übersetzt für mich in jeder Situation … Tierzucht, Marketing und Buchhaltung. Und dann?
und ich wünsche mir von einem Gebärdensprach- Valentin Lauinger: „Mein Plan: Ich mach’ die Lehre,
dolmetscher, … dass er schnell und simultan übersetzt.“ danach möchte ich eigentlich noch die Gesellenjahre
Bei der anschließenden Sitzung wird besonders viel nutzen, um Erfahrung zu sammeln und dann einen
geredet. Ein harter Job für einen Gebärdensprachdol- eigenen Hof anzufangen. Und dies wird wahrscheinlich
metscher. in Südafrika sein, bei meinen Eltern zu Hause.“
Schönfeld: „Es geht bei uns nicht nur um das Übersetzen Bis dahin verbringt der angehende Landwirt aber noch
von einer Lautsprache in die andere, wobei ich das jetzt einige Tage auf dem deutschen Bauernhof.
nicht herabwürdigen will, das ist ein genauso anstren- Foodstylist
gender Prozess. Wir arbeiten aber nicht nur eben mit Der Bauer Verlag in Hamburg. In Versuchsküche, Kon-
der Lautsprache, sondern auch mit der Gestik, mit der ferenzraum und Fotostudio entstehen vier verschiedene
Gebärdensprache. Das heißt, wir haben auch einen Kochzeitschriften. Rund 1.600 neue Rezepte werden
unheimlich hohen Anspruch an körperlicher Belastung. jedes Jahr in der Food-Redaktion entwickelt und das
Zu sehen, wie eine Kommunikation zwischen beiden immer mit Vorlauf. Im Sommer wird bereits über
Seiten von null auf hundert hochschnellt und auch Weihnachten nachgedacht. Da muss man ein gutes
funktioniert, und das erfüllt mich persönlich wirklich Gespür für die richtigen Trends haben. In der Versuchs-
immer wieder auch mit Stolz, dass ich es geschafft habe, küche kocht Katharina Dahl das, was sich die Food-
aber dass auch dann beide Seiten zufrieden sind. Redakteure ausdenken. Der Tag beginnt für die Food-
(gebärdend) Ich liebe meinen Beruf. Die Arbeit mit den Stylistin mit der Lieferung der Lebensmittel.
Gehörlosen macht mich glücklich.“ Katharina Dahl: „Mein Tag ist extrem strukturiert. Also,
wir kriegen morgens, wir fangen um 9:00 an, um 10:00
Kapitel 3 Wie wird man … und was kommt spätestens die Ware, sprich das Gemüse. Wir
haben 6, 7 Gerichte, Fotos also. Das Erste sollte relativ
macht eigentlich …? zügig auch stehen, das heißt also um 11:00 spätestens.
Mittagspause ist dann noch mal und 18:00 Uhr Schluss.
Wie wird man Landwirt? Also, man muss das einfach strukturiert durchziehen.“
Weil die Nachfrage nach gesunden Lebensmitteln Dabei greift Katharina auf ganz herkömmliche Küchen-
steigt, eröffnen sich neue Jobchancen in der biolo- geräte zurück. Der Leser soll die Gerichte auch zu Hause
gischen Landwirtschaft. Das spürt man auch auf dem problemlos nachkochen können. Auf ihrem Weg zur

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Food-Stylistin musste die Profiköchin allerdings einiges Benno: „Nicht?“
dazulernen. Alex: „Ne. Schlimm?“
Katharina Dahl: „Eine Köchin kocht alles gerade in dem Benno: „Nö.“
Augenblick mit ein bisschen Vorbereitung. Ich koche Alex: „Gut. Normalerweise geht eben viel Geld raus und
fürs Foto, das heißt, wir richten das Essen hier in der es kommt kein Geld rein. Auch wenn alle Beteiligten
Küche an, kriegen das Geschirr, stellen es ins Studio und ohne Gage arbeiten und ein Teil der Technik kostenlos
durch die Kameraperspektive ist das doch oft noch mal ausgeliehen werden kann. Man kriegt halt leider nicht
ganz was anderes. Und dann geht’s manchmal darum, alles umsonst. Es müssen Studiomieten gezahlt werden,
kleine Blättchen zu rücken oder Kartoffeln zu rücken. Strom, Requisiten, Kostüme, Kamera-Equipment,
Das geht vom Hundertsten, manchmal ins Tausendste.“ Reisekosten, Unterkünfte, Essen, Getränke …“
Aber kann man das, was hier so lecker aussieht, auch Benno: „Wo hast du denn das ganze Geld her?“
essen? Alex: „Selber gedruckt. Ja, als Requisite.“
Katharina Dahl: „Ja. Bei uns sind alle Gerichte essbar. Es Benno: „Können wir nicht damit den Film finanzieren?“
kann sein, dass da mal ein Zahnstocher drin ist. Das ist Alex: „Ist das dein Ernst? Benno, das geht nicht. Das sind
sehr fettig, weil wir natürlich frischen mit ganz viel Öl – D-Mark.“
ob das nun rotes Paprikaöl ist oder so ein Wasser-Öl- Fivo: „Hallo, ich bin der Fivo und ich spiel’ den Theo in
gemisch. Für den schlanken Fuß ist das nicht gedacht. Perfektes Timing.“
Aber es ist alles essbar. Und das wird definitiv mit großer Alex: „Wenn der Titel so bleibt.“
Begeisterung gegessen, ja.“ Fivo: „Der bleibt so.“
Im Fotostudio nebenan entstehen die Bilder zu den Alex: „Ja?“
Rezepten. Florian ist Food-Fotograf. Er inszeniert den Fivo: „Ja. Und das wird voll der coole Film, weil da
Look im Foto. schwänz’ ich die Schule und dann bin ich im Wald und
Florian: „Das Licht – ein Foodstylist würde mich dann ist da auf einmal alles ganz spannend und wir
wahrscheinlich abstrafen – ist für mich in der letzten drehen auf einer Red.“
Konsequenz eigentlich das Wichtigste. Wenn das nicht Alex: „Was?“
vernünftig gemacht ist, kommt das Essen einfach nicht Fivo: „Ja. Red Scarlet mit Dragon-Sensor, 4K, voll
rüber. Ich muss in einem lichtleeren, in einem lichtlosen kinomäßig.“
Raum ein Licht setzen, was den Betrachter vielleicht an Alex: „Ich hab’ aber nur ’ne 60D.“
eine schöne Landhausküche erinnert, wie es dort Fivo: „Dann musst’ dir halt eine ausleihen.“
vielleicht in der Nähe des Fensters steht und das Licht Alex: „Weißt du, was des [das] kostet?“
flutet rüber. Da sollen Emotionen geweckt werden und Fivo: „Woher soll ich das wissen? Ich bin doch erst 10
letztendlich bin ich da, um dem Bild Leben einzu- Jahre alt.“
hauchen.“ Andreas: „Hallo, ich bin Andreas Bittl und ich spiele den
Neue Genussfotos entstehen immer im Team. Fünf Tage Hehler … in dem Film …“
die Woche wird hier gekocht und fotografiert. Wirklicher Alex: „Cut!“
Genuss entsteht dann aber erst zu Hause: beim Nach- Andreas: „Was denn?“
kochen und genüsslich Verspeisen. Alex: „Mach’ a mal [ein mal] Bairisch – so wie die Rolle.“
Andreas: „Echt?“
Kapitel 4 Perfektes Timing Alex: „Ja.“
Andreas: „Aber meinst du nicht, der Schauspieler stellt
sich vor und das ist dann …“
Alex: „Hallo und herzlich willkommen zum Crowd-
Alex: „Aber du bist ja jetzt auch im Charakter. Des ist
funding-Video zu unserer Kriminial-Kurzfilm-Komödie …“
lustig. Mach’ a mal.“
Benno: „Perfektes Timing.“
Andreas: „Servus. I bin da Andreas Bittl, i spui den Hehla
Alex: „Das ist aber erst mal nur der Arbeitstitel. Ja, der
in dem Film Perfektes Timing. Wir …“ [Hallo, ich bin
ändert sich vielleicht noch. Okay. Ich bin der Alex. Ich
Andreas Bittl und ich spiele den Hehler in dem Film
bin der Produzent und Regisseur von dem Film …
Perfektes Timing.]
Benno: „Perfektes Timing.“
Alex: „Ja, wenn der Titel so bleibt.“
Alex: „Ich hab das Drehbuch geschrieben, ich mach’ die
Andreas: „Was?“
Kamera, ich mach’ den Schnitt und ich mach’ die Musik.“
Alex: „Äh, ja nix. Mach.“
Benno: „Und ich bin der Benno. Ich mach’ die
Andreas: „Okay, also: Mia drahn jetzt die Szene, wo i mit
Produktion, die Organisation und den Set-Ton.“
so am 70er-Jahre-Pontiak daherfahr und dann verkauf i
Alex: „Mit so einem Kurzfilm lässt sich ja in der Regel
da dem schwindligen Kunstsammler des gestohlne
kein Geld verdienen.“
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Buidl. Des drahn jetzt mia da.“ [Wir drehen jetzt die Das Gemälde soll aber in echt in einer geheimen
Szene, in der ich mit so einem 70er-Jahre-Pontiak her- Übergabe im Wald den Besitzer wechseln. Davon weiß
fahre und dann verkaufe ich dem zwielichtigen Kunst- ich aber nix, weil das ist ja geheim. Okay, auf jeden Fall
sammler das gestohlene Bild. Das drehen wir jetzt da. geht einiges schief bei dieser geheimen Übergabe und
Alex: „Also, pass auf. Du gehst jetzt vorne erst a mal da dann taucht da noch diese Joggerin auf, die sich mit
ums Auto rum.“ diesem Naturfotografen in die Wolle kriegt. Das macht
Andreas: „Ums Auto rum?“ die ganze Sache ja auch nicht grade einfacher – vor
Alex: „Genau! Dann pinkelst du da an den Baum hin, allem, weil ich von dem ja auch nix weiß. Naja, auf jeden
kommst wieder zurück und steigst da wieder ins Auto Fall gibt es trotz allem noch ein HappyEnd, von dem ich
nei [rein].“ aber auch nix weiß, weil das mit dem Perfekten Timing
Andreas: „Ins Auto rein?“ halt doch mehr für den Theo und weniger für den
Alex: „Genau.“ Polizei-Hauptkommissar gilt. Stimmt das so?“
Andreas: „Da ist aber kein Auto.“ Alex: „Ja, im Prinzip. Bis auf die Reihenfolge. Doch, ja.“
Alex: „Ja, des stimmt.“ Vroni: „Hallo, ich bin Vroni Kiefer und spiele Theos
Andreas: „Wo ist mein Pontiak?“ Lehrerin in Perfektes Timing. Sag mal, Alex, der Titel, der
Alex: „Den mach’ ich dir dann nachher mit dem bleibt jetzt schon so, oder?“
Computer irgendwie nei. Du musst halt jetzt a bissl [ein Alex: „Ja, sieht so aus.“
bisschen] improvisieren. Du bist doch ein super Vroni: „Ach, cool. Hast du dich jetzt eigentlich um meine
Schauspieler.“ Anfahrt gekümmert aus Hannover und Hotel und so?“
Andreas: „Pass a mal auf: Du organisierst jetzt ein Alex: „Ja, äh, ich hab’ mir überlegt, du könntest einfach
gescheites [richtiges] Auto. Ansonsten suchst du dir per Anhalter anreisen und ich hab’ dann noch so’n Ding,
einen anderen super Schauspieler. Okay?“ so’n Zelt, weil es ist ja Sommer …“
Alex: „Benno, ham [haben] wir im Budget noch Puffer Vroni: „Per Anhalter und Zelt? Und das Catering ist Pizza,
für …“ oder was?“
Benno: „Negativ!“ Alex: „Ja, Pizza ist ja jetzt auch nicht grad [gerade] billig,
Veronika: „Hallo, ich bin Veronika Wanninger und ich also …“
spiel’ die Reporterin am Tatort in Perfektes Timing.“ Vroni: „Alex, dann lass es uns doch lieber gleich anders
Alex: „Ja, wenn der Titel so bleibt.“ machen. Dann komm’ ich gar nicht angereist, sondern
Veronika: „Ja, also der ist schon in Ordnung, aber …“ dann dreh’ ich’s hier in Hannover – in ’ner Greenbox.“
Alex: „Aber?“ Alex: „Ach so, hast du ein Studio da, wo du reinkannst,
Veronika: „Ja, schau dir mal mein Outfit an.“ oder?“
Alex: „Ich kenn’ dein Outfit, ich hab’s ja ausgesucht.“ Vroni: „Ne, ich mein jetzt so hier – über Skype, mit ’ner
Veronika: „Das schaut aus wie aus den 80ern, ganz im Greenbox. Ruhe im Klassenraum, jetzt!“
Ernst.“ Andreas: „Ja, Günni? Günni, pass mal auf. Keine No-
Alex: „Ja, der Film spielt ja auch in den 80ern.“ Budget, Low-Budget … äh … Dreiviertel-Budget, nichts.
Veronika: „Mhm, warum?“ Nichts mehr, okay? Nichts dergleichen. Nur noch
Alex: „Wegen den coolen Klamotten?“ Budget! Hallo?“
Veronika: „Ah, wart’ mal! Ja? Der Daniele will wissen, Stimme: „Pass halt auf, du Depp!“
wann er dran ist.“
Alex: „Jetzt.“
Veronika: „Jetzt.“
Kapitel 5 Lügendetektor der Zukunft
Daniele: „Hallo, ich bin der Daniele Zucal und ich spiel’
Neurowissenschaftler versuchen überall auf der Welt,
den Polizei-Hauptkommissar in … Perfektes Timing!
die Geheimnisse unseres Gehirns zu lüften. Erfolgreich
Alex, wolltest du den Titel nicht noch ändern?“
tasten sie sich immer weiter vor. In Berlin, am Bernstein
Alex: „Ne, wahrscheinlich nicht.“
Center of Computational Neuroscience, setzen die
Daniele: „Dann erzähl’ ich jetzt die Geschichte?“
Wissenschaftler auf ein neues Gebiet der Hirnforschung,
Alex: „Ja.“
die computergestützte Neurowissenschaft. Sie verbindet
Daniele: „Der kleine Theo schwänzt die Schule und geht
Experiment, Datenanalyse, Computersimulation und
in den Wald. Dem Polizei-Hauptkommissar, also mir, ist
Theoriebildung miteinander. Physiker, Biologen und
bald klar, dass der Junge wohl entführt wurde. Und zwar
Informatiker arbeiten hier eng zusammen. Das Ziel des
von dem Typen, dem dieses Gemälde gestohlen wurde,
Neurophysikers John-Dylan Haynes und seiner Kollegen:
und zwar damit der Dieb, der ja wohl der Vater des
Gedanken lesen. Dazu entwickeln sie immer komplizier-
entführten Jungen ist, das Gemälde wieder rausgibt.
tere Versuche. Die Frage: Kann man an der Hirnaktivität
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erkennen, ob ein Mensch bestimmte Räume schon Kinder: „Ja.“
einmal gesehen hat? Gemüse kommt nicht aus der Dose – überraschend für
Eine Person besucht vier virtuelle Häuser, anschließend viele Kinder.
werden ihr im Scanner die vier bekannten und dazu vier Pädagogin: „Schön auf die Finger aufpassen … und jetzt
fremde Häuser gezeigt. Ein neu entwickeltes Software- drehst du es … schau mal, genau, drehst es um und jetzt
programm kann die Muster im Gehirn nicht nur einzeln kannst du’s dann abschneiden, dann sind die Finger nicht
erkennen, sondern sie auch in Verbindung zueinander in Gefahr, okay?“
setzen. In rund 30.000 Arealen im Gehirn wird gleich- Hier werden wehrlose Paprika erstochen und unschul-
zeitig der Informationsaustausch gemessen. Die Wissen- dige Möhren zersägt – Schnippeln und Schneiden für
schaftler waren selbst verblüfft vom Ergebnis. Bei 9 von sie: ein exotisches Abenteuer. Die Frühstücksaktion soll
10 Personen konnten sie genau sagen, welches Haus die Kinder dazu bringen, von ihren Eltern gesundes Essen
die Testpersonen gesehen hatten und welches nicht. So zu verlangen. Der Trick: Erziehung der Erwachsenen über
könnten zum Beispiel die Lügendetektoren der Zukunft ihre Kinder.
aussehen. Tatorte würden virtualisiert und im Scanner Ursula Pfeifer: „Wenn ich in solche Familien reinkomme …
würde man genau erkennen, ob die Verdächtigen hier ich denke mir immer wieder: ‚Das kann ja wohl net (=
schon einmal waren. nicht) wahr sein.’ Es ist alles da: Ist der Videorekorder da,
Die Wissenschaftler wissen, dass ihre Arbeit sehr DVD-Player, Flachbildschirm … all so was, alles da … aber
unterschiedlich genutzt werden kann. die Kinder, die werden vernachlässigt, die kriegen das
John-Dylan Haynes: „Es gibt so ein ethisches Kontinuum irgendwie nicht gebacken.“
bei dem Problem. Es gibt auf der einen Seite … können Familienhelferin Ursula Pfeifer zu Besuch beim
wir die Absichten einer Person auslesen, die zum neunjährigen Marko.
Beispiel ein künstliches Gliedmaß steuern möchte mit Ursula Pfeifer: „Was frühstückst du, bevor du in die
ihrer Gedankenkraft. Das heißt, ich stelle mir jetzt Schule gehst?
jemanden vor, der sich nicht mehr bewegen kann und Marko: „A (= ein) Brot.“
kommunizieren möchte oder einen künstlichen Arm Auch Marko bekommt in der Schule zusätzlich etwas zu
zum Beispiel steuern möchte, so einer Person wollen wir essen wie alle seine Klassenkameraden. Er ist eines von
natürlich helfen. Wir wollen dieser Person die Hilfe, die vier Geschwistern, seine Mutter lebt von staatlicher
wir ihr mit unserer Forschung geben können, nicht Unterstützung.
verwehren. Auf der anderen Seite haben wir auch Monatsende – entsprechend sieht der Kühlschrank aus.
Anwendungen, die eher umstritten sind, wir haben zum Ursula Pfeifer: „Ja, es ist gut leer, möchte ich sagen.“
Beispiel die Lügendetektion.“ Mutter: „Ja, es ist halt im Moment nur das drinnen, was
Auch wenn das menschliche Gehirn noch lange nicht benötigt wird.“
entschlüsselt ist, so gibt es doch viele neue Erkenntnisse. Ursula Pfeifer: „ Das ist der Rest vom Benötigten, möchte
Daraus entstehen Chancen, aber auch Gefahren. Die ich sagen.“
Forschung fördert das Verstehen, aber sie macht den Markos Mutter muss beim Essen sparen. Obst und
Menschen auch gläsern. Gemüse – für sie Luxus.
Mutter: „… dass sie satt werden, ganz klar, … dass es
Kapitel 6 Lernen, richtig zu essen ihnen schmeckt vor allem … ne … ja, und dass sie halt
einfach zufrieden sind.“
Essen, damit sie satt und zufrieden sind – für Kinder wie
Großeinkauf mit Ursula Pfeifer. Sie und ihr Verein „Lobby
Marko und seinen kleinen Bruder ist das schon viel.
für Kinder“ sorgen für gesundes Frühstück in vielen
Maximal 80 Euro pro Woche für Lebensmittel – mehr sei
Nürnberger Schulen – bitter notwendig angesichts
nicht drin, erzählt uns Markos Mutter. Sie hat Schulden,
zunehmender Armut.
die muss sie abstottern.
Ursula Pfeifer: „Viele Kinder kommen ohne Frühstück.
Marko soll heute eine andere Welt kennenlernen. Noch
Das hat verschiedene Ursachen. Meistens, also, dass die
weiß er nicht genau, was die „Lobby für Kinder“ da für
Eltern sich nicht genügend um die Kinder kümmern
ihn und die anderen organisiert hat. Im Nobelrestaurant
können, aus – auch aus finanziellen Gründen. Das ist
ein Benimm-Kurs für kleine Rabauken wie Marko.
ganz schwierig, ne.“
Hotelangestellte: „Das ist ein Brotteller.“
Seit Ursula Pfeifer sich für hungrige Schulkinder enga-
Scheinbar eine verrückte Idee, doch Ursula Pfeifer weiß
giert, hat die Rentnerin kaum noch eine freie Minute –
genau, was sie will.
so groß ist der Bedarf. 160.000 Euro pro Jahr muss sie
Ursula Pfeifer: „Die Kinder sollen auch lernen, Essen zu
dafür zusammenbetteln.
genießen … äh … das Essen auch – äh – zu schätzen,
Ursula Pfeifer: „Kennt ihr denn Ananas?“
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die Wertschätzung des Essens, auch zu wissen, was sie Ursula Pfeifer: „Das ist also nicht selbstverständlich.“
essen.“ Mutter: „Macht mir ja Spaß.“
Vorspeise: Weißbrot mit Kräuterbutter. Essen mit Stil – Ursula Pfeifer: „Das ist … die meisten Frauen können ja
Neuland für Marko. also auch gar nicht kochen … sind sehr, sehr … Was
Ursula Pfeifer: „Fein, ne?“ heißt – die meisten? Das ist … man muss da vorsichtig
Frau Pfeifer will, dass die Kinder neue Ideen mit nach sein – äh – … Sagen wir mal so: Es gibt sehr viele Frauen,
Hause nehmen – ein Drei-Gang-Menü als Investition in die gar nicht kochen können, die also nur Fastfood, alles
Träume. vorbereitet kaufen.“
Ursula Pfeifer: „Ich möchte eigentlich Sehnsüchte Eine gemeinsame Mahlzeit ohne laufenden Fernseher –
wecken. Ich meine, die Kinder … denen gefällt’s hier das gibt es in vielen Familien schon längst nicht mehr.
allen gut und ich kann mir ganz gut vorstellen, dass die Und jetzt endlich kann Marko seiner Mutter und seinen
irgendwann mal sagen: ‚Ah, das war schön, das möchte Geschwistern zeigen, was er heute gelernt hat.
ich wieder haben.’ Oder: ‚Ich mach’s zu Hause.’“ Mutter: „Was ist das jetzt, Marko? Von dir das?“
Einkaufstour mit Markos Mutter und Ursula Pfeifer. Marko: „Ja. Da muss man halt …“
Preiswert und trotzdem gesund einkaufen – gar nicht so Eine Vorspeise wie aus dem Nobelrestaurant.
einfach angesichts steigender Preise. Frau Pfeifer will Reporter: „Marko, was ist das da, was du jetzt da gelernt
gesundes Essen für Marko und seine Geschwister. hast?“
Qualität oder Schnäppchen, Rinderhack oder gemischt – Marko: „Eine Vorspeis(e).“
immer wieder dieselbe Frage. Reporter: „Und wie geht das?“
Mutter: „Wenn’s jetzt nicht gemischt gibt, dann muss ich Marko: „Da braucht man halt Baguette, halt dann so
einen …“ kleine Scheiben schneiden, dann halt noch Frischkäse
Ursula Pfeifer: „Es gibt, es gibt gemischt, aber … äh … auf den Teller … dann halt kleine Messer und kleine
dann ist’s halt recht fett, ne, dann haben Sie die Hälfte Teller, kannst du mit dazulegen.“
Fett davon, ne.“ Zum Träumen anregen – Sehnsüchte wecken. Ursula
Vom Hackfleischwürzmittel aus der Tüte lässt sich Pfeifers Hintergedanken vom Etikette-Seminar sind bei
Markos Mutter nicht abbringen, die Kinder mögen halt Marko gut angekommen.
den Geschmack, sagt sie.
Mutter: „Es geht halt dann auch schneller, wenn’s dann
abends mal pressiert oder irgendwas, ne, dann muss das
Kapitel 7 Computer vor Gericht
halt mal schnell funktionieren.“
Die Zukunft gehört den autonomen Maschinen, heißt es
Manchmal aber scheint der Preis keine Rolle zu spielen.
zumindest, zum Beispiel autonom fahrende Pkw.
Mutter: „Also, die kosten woanders auch viel mehr,
Autonome Systeme treffen autonom Entscheidungen.
teilweise.“
Es können aber auch Fehlentscheidungen sein und
Kartoffeln aus dem Glas.
dann gibt es ein juristisches Problem. Automatische
Mutter: „Und da nehm’ ich jetzt … äh … zwei … also,
Einparkhilfen, Spurhalte- und Stauassistenten sind keine
zwei Gläser …“
Zukunftsvisionen mehr. Dank der Technik können die
Familienberaterin Ursula Pfeifer würde ihr gerne sagen,
Unfallzahlen drastisch verringert werden. Aber wer ist
dass frische Kartoffeln deutlich billiger sind, doch sie will
schuld, wenn so eine Einparkautomatik einen Unfall
Markos Mutter nicht verärgern.
verursacht?
Ursula Pfeifer: „Wenn die Frau Beyer sagt: ‚Ich will das so
Eric Hilgendorf: „Autonome Einparksysteme befinden
kaufen … äh … ich möchte das so haben’, akzeptiere ich
sich in einer rechtlichen Grauzone, weil nicht ganz klar
das, weil es eigentlich wichtig ist, dass sie ihre Kinder ja
ist, inwieweit die Haftung des Fahrers reicht mit Blick auf
gut versorgt, und dann gibt’s halt Kartoffeln aus dem
die Kontrolle des Einpark-Vorgangs.“
Glas. Vielleicht gibt’s dann auch irgendwann einmal
Solche Fragestellungen beschäftigen den Würzburger
andere Kartoffeln, normale Kartoffeln.“
Juristen und Rechtsphilosophen Erik Hilgendorf. Er leitet
Es ist nicht nur das Geld, das vielen, die auf staatliche
die Forschungsstelle „Robotrecht“. Klingt ein bisschen
Hilfe angewiesen sind, fehlt, oft ist es auch das Wissen
nach Science-Fiction, ist aber plötzlich topaktuell
um den Wert von Frische und Qualität.
geworden.
Und während seine Mutter zu Hause die Hackfleisch-
Eric Hilgendorf: „Man kann sagen, das Rechtssystem hält
würze fürs Abendessen anrührt, hat Marko noch eine
schon Regeln vor, die diese neuen Entwicklungen
kleine Überraschung in Arbeit. Familienhelferin Ursula
erfassen. Die Grundrechte gelten, das Strafrecht gilt
Pfeifer ist zufrieden damit, was sie heute hier gesehen
auch für diese neuen Techniken, aber natürlich gibt es
hat. Kein Vergleich zu manch anderen Klienten.
Detailentwicklungen, die problematisch sind, und hier
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wird man wahrscheinlich rechtlich nachjustieren Kurve, der ist zu schnell, dann könnten wir den runter-
müssen.“ bremsen.’ Das ist heute schon machbar. Das wäre dann
Das Problem, das die Würzbuger Juristen auf den Plan auch für einen Hacker durchaus möglich.“
rief, war der Testlauf eines Elektro-Rollstuhls, der
selbstständig ein programmiertes Ziel erreichen konnte.
Der Versuch, diesen für den Straßenverkehr zuzulassen
Kapitel 8 Intuition – das schlaue
und zu versichern, führte zu bizarren Rechtsproblemen. Gefühl
Eric Hilgendorf: „Wir haben dann eine Lösung ausgear-
beitet: Das Gerät fährt jetzt als Moped. Das Problem zeigt, Von Kindheit an lernt der Mensch, Schlüsse zu ziehen, zu
dass die Zulassung von autonomen Fahrzeugen generell urteilen, ein „animale rationale“ zu sein. Die Fähigkeit,
schwierig ist. Es gibt eine Wiener Übereinkunft aus dem die Welt mittels der Vernunft zu begreifen, ist die
Jahr 68, die besagt, dass Fahrzeuge im Straßenverkehr Qualität, die ihn vom Tier unterscheidet und erst zum
jederzeit von einem Fahrer, einem menschlichen Fahrer, Menschen macht.
kontrolliert werden müssen und dass der Fahrer auch die Als Erwachsene müssen wir in unserem Alltag vernünf-
Kontrolle faktisch ausüben muss.“ tige Entscheidungen treffen: Welche Produkte wir
Die Würzburger Juristen sind Teil eines europäischen kaufen, wo wir unser Geld investieren. Doch wie ver-
Forschungsprojektes, das solche Fragen klären soll, zum nünftig sind diese Entscheidungen wirklich? Ist der
Beispiel: Wem gehören die Daten eines solchen Systems, Mensch nur von seiner Rationalität geprägt? Welche
die permanent erhoben werden? Oder: Wer muss die Rolle spielen unbewusste Gefühle, Eingebungen,
Rechnung zahlen, wenn ein internetfähiger Kühlschrank Intuition?
von sich aus plötzlich 3.000 Tiefkühlpizzen bestellt? Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungs-
Eric Hilgendorf: „Gut, der Kühlschrank hat kein forschung in Berlin versuchen die Kraft des Unbewussten
Vermögen, den können wir schlecht zur Verantwortung zu enträtseln. Bei diesem Experiment wird die soge-
ziehen. Man würde hier prüfen, ob derjenige, der ihn nannte Wiedererkennungsintuition getestet. Mit dieser
aufgestellt hat und vielleicht nicht hinreichend Methode können Vorhersagen gemacht werden,
überwacht hat, in Haftung genommen werden kann, ob Wahlausgänge, Turniererfolge oder Börsenentwicklungen
der Programmierer der Software in Haftung genommen können prognostiziert werden, selbst wenn man
werden kann, ob der Hersteller des Kühlschranks in nur wenig von der Sache versteht. Der Psychologe Dr.
Haftung genommen werden kann.“ Wolfgang Gaissmaier leitet die Untersuchung.
Autonome Fahrzeuge, das smarte Haus, die Industrie 4.0, Dr. Wolfgang Gaissmaier: „Und zwar würde ich gerne
das Internet der Dinge. Systeme, die nicht allein mit dem von euch wissen wollen, was ihr denkt, welches von
Menschen, sondern untereinander kommunizieren – ein zwei Unternehmen die höhere Marktkapitalisierung an
Paradies für Hacker. Und der Gesetzgeber hinkt hinter- der deutschen Börse hat. Das eine Unternehmen ist die
her. Schon alles längst keine Science-Fiction mehr. Das Deutsche Post AG und das andere Unternehmen die
weiß man beim internationalen IT-Sicherheitsunter- Linde AG. Was denkt ihr? … Fangen wir doch hier mal
nehmen Proofpoint. Dort hatte man unlängst ein völlig an.“
neues Spotnet dokumentiert, das Spam-Mails in alle Junge Frau: „Hmm, ich würd’ fast denken, dass Linde
Welt verschickte. größer ist, weil die so viele verschiedene Sachen
Jürgen Venhorst: „Es waren Smart-TVs dabei, es waren machen. Die Post ist zwar auch groß, aber die machen ja
Home-Security-Systeme, also, die man benutzt, um eigentlich nur … ihr Gebiet eben.“
Rollläden und Lichtanlagen zu steuern von außen, und Junger Mann 1: „Ich weiß auch nicht. Ich würd’ sagen,
interessanterweise ein Kühlschrank, der mit dem Linde ist irgendwas mit Industrie oder so.“
Internet verbunden war.“ Junge Frau: „Na ja, was glaubst du denn?“
Also wäre es auch möglich, dass Cyberkriminelle Junger Mann 2: „Linde sagt mir erst mal nicht viel. Und
autonome Autos manipulieren und so Unfälle ich glaube dann eigentlich, die Post sollte vielleicht
verursachen. Ein Software-Entwickler hatte dem doch größer sein, sonst würde ich vielleicht Linde
Sicherheitsexperten erst kürzlich erklärt, was bereits bei kennen!?“
herkömmlichen Autos so alles geht. Junge Frau: „Na, wenn er das noch nie gehört hat – ist
Jürgen Venhorst: „… hat mir erzählt, sagt er: ‚Jürgen, wir vielleicht dann doch die Post größer?“
können heute schon von außen, also auf die neueren Junger Mann 1: „Ja, vielleicht … würde ich dann auch
Modelle, können wir schon zugreifen. Wir können den einfach sagen, dass wir die Post nehmen.“
bremsen. Wenn wir sehen anhand der Daten, der fährt Junge Frau: „Dann einigen wir uns auf die Post. – Ja,
auf der Straße und da vorne kommt gleich ’ne scharfe o. k.“

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Dr. Wolfgang Gaissmaier: „Ja, es ist tatsächlich so, dass Dr. Wolfgang Gaissmaier: „Es kann durchaus sein, dass
die Deutsche Post die größere Marktkapitalisierung hat. sozusagen eine Intuition sich auch irgendwie körperlich
Dahinter verbirgt sich, dass Menschen in vielen Situatio- äußert, dass der Körper auch Signale sendet, dass man
nen einfach auf das setzen, was sie wiedererkennen, auf das körperlich spürt, dass man anfängt zu schwitzen,
das, was sie kennen, was ihnen bekannt vorkommt, dass man ’n Grummeln im Bauch verspürt oder Ähn-
wovon sie schon mal gehört haben. Das ist ein sehr … liches, dass man dann auch nutzen kann. Aber die Ent-
äh … mächtiger Mechanismus, würde ich sagen, der scheidung fällt letztlich im Kopf.“
evolutionär auch sehr alt ist … also, sie finden ähnliche Intuition hat jeder. Wer sie jedoch beleben möchte,
Mechanismen auch bei Tieren. Und das besteht einfach braucht Distanz von der Alltagshektik. Die Antwort auf
darin, dass Menschen, wenn sie z. B. vorhersagen sollen, die Frage „Wie geht es mir mit meiner Entscheidung?“
welches von zwei – äh – Produkten sich häufiger ver- erfordert Stille und Entspannung. Spontane Eingebungen
kauft, welche von zwei Universitäten – äh – die bessere stellen sich meist ein, wenn der Verstand ruht und das
ist usw., dann können sie einfach auf das setzen, was sie Gehirn mit etwas anderem beschäftigt ist. Um Intuition
kennen.“ zu wecken, braucht es Rückzug. Um sie zu beleben,
Alles, was wir lernen, was wir an Informationen auf- braucht es Kontakt. Alles, was wir an Mimik, Gestik
nehmen, bleibt im Gedächtnis haften und kann intuitiv wahrnehmen, was wir fühlen, kann unsere innere
abgerufen werden. Zur gleichen Zeit können viele Stimme trainieren.
Eindrücke aus der Umwelt und viele Gedächtnisinhalte Dr. Wolfgang Gaissmaier: „… Wobei wir sozusagen auch
miteinander verglichen werden. im Gegensatz zu vielen anderen Intuitionsforschern
Gerd Hecheltjen ist Geschäftsführer einer Firma in Köln. glauben, dass das … dass der Kernpunkt der Intuition
Sein Unternehmen beschäftigt 100 Mitarbeiter in der darin besteht, dass er es auf wesentliche … dass er aufs
Medienbranche. Das Tagesgeschäft erfordert täglich Wesentliche reduziert, … dass die … dass der Trick der
viele Entscheidungen. Die weltweite Vernetzung Intuition sozusagen darin besteht, dass sie aus all den
diktiert schnelles Handeln. Die Flut der Informationen Informationen, die uns überfluten, die wichtigen heraus-
ist allein mit dem Verstand nicht mehr zu bewältigen. greifen … herausgreift und auf diese Informationen
Wie entscheidet Gerd Hecheltjen – mit Kopf oder dann letztendlich setzt und alles andere ignoriert wird.“
Bauch? Intuitionen mögen uns oft rätselhaft erscheinen. Sie
Gerd Hecheltjen: „Also, ich denke, das ist bei mir so ’ne beziehen ihre Informationen jedoch aus der realen Welt
Art Dialog zwischen Bauch und Kopf. Ähm – erst mal um uns herum. Wir lernen ständig, ohne dass wir uns
kommt so … sofort und spontan ein Gefühl: Fühlt sich des Lernprozesses bewusst sind – so beiläufig und
das gut an oder nicht? Ist mir der sympathisch, wenn’s unterschwellig läuft das ab. Und das Gelernte steht uns
um Mitarbeiter geht, oder nicht? Was bei einer Ein- dann plötzlich und unerklärlich zur Verfügung – ein
stellung mal vorkommen kann. Ähm – dann … gibt es Grund dafür, dass wir diesem Wissen so oft misstrauen.
sicherlich ’n paar Fakten, die man so abfragen kann, die Wir wissen gar nicht, was wir alles wissen, bis es eines
man auch festmachen kann, also: Stimmt die Basisquali- Tages wie von selbst zum Vorschein kommt und uns von
fikation des Betreffenden? Nehmen wir mal das Beispiel Nutzen ist.
einer – äh – Einstellung oder … ähm … hat der den …
das richtige Alter, beispielsweise, für eine Aufgabe …“
Wenn man Menschen fragt, wo sie ihre Intuition
Kapitel 9 Der Schimmelreiter
vermuten, dann sagen sie – im Bauch. Sie erleben ihre
Der Schimmelreiter, eine der bekanntesten Novellen des
Intuition, ihre innere Stimme im Magen und im Darm.
deutschen Schriftstellers Theodor Storm. Die Novelle
Der Darm ist viel mehr als ein Verdauungsorgan – er ist
spielt in Norddeutschland. Ein Reisender begegnet auf
das Organ mit den meisten Nervenzellen außerhalb des
dem Deich dem Schimmelreiter. Dieser zieht wie ein
Gehirns. Das „Bauchhirn“ in der Mitte unseres Körpers –
unheimlicher Schatten an ihm vorüber, um sich in die
ein Geflecht aus 100 Millionen Nervenzellen – schickt
stürmischen Fluten der Nordsee zu stürzen. Der
ständig Informationen an unser Gehirn. Das limbische
Reisende sieht die Lichter einer Gastwirtschaft, kehrt ein
System im Gehirn, auf der linken Gehirnseite, nimmt die
und berichtet von seinem Erlebnis.
emotionalen Signale wahr und ist der Entstehungsort
Noch heute gibt es diese Orte zum „Klönen“ in Nord-
für unsere Gefühle. 80 Prozent der Verarbeitungs-
deutschland. Damals wie heute ist der Schimmelreiter
prozesse im Gehirn nehmen wir nicht wahr, haben
hier ein Thema. Literaturwissenschaftler Karl Ernst Laage
Wissenschaftler herausgefunden. Dennoch beeinflussen
weiß warum.
sie als Intuition unser Handeln. Wer die innere Stimme
Karl Ernst Laage: „Storms Schimmelreiter-Novelle ist
respektiert, kann sie spüren.
mehr als nur ein Nationalepos, es ist eigentlich die
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Symbolisierung einer ewigen Menschheitsgeschichte, Märchenerzählerinnen waren für sie eine große Hilfe.
eben des ewigen Kampfes der Menschen mit der Bernhard Lauer: „Die Märchen stehen in einer Jahr-
Natur.“ hunderte alten Überlieferungstradition, und Jacob und
Husum in Nordfriesland. Der Geburtsort von Theodor Wilhelm Grimm haben ihre Märchen aus zahlreichen
Storm. Storm liebt die provinzielle Beschaulichkeit mündlichen und schriftlichen Quellen geschöpft, die
Husums, die Motive seiner Geschichten. Das ehemalige weit zurückreichen bis etwa zum indischen Pancha-
Wohnhaus Theodor Storms ist heute ein Museum. Er tantra, zu den orientalischen Märchen der 1001 Nacht,
wohnte hier mit seiner zweiten Ehefrau Dorothea aber auch zu vielen europäischen, vor allem romanischen
Jensen. Gedichte schrieb er hier, aber auch Novellen wie Überlieferungen.“
„Draußen im Heidedorf“, „Die Söhne des Senators“ oder Die Poesie, die Seele des Volkes sollten die Märchen für
„Renate“. Immer wieder greift er auf norddeutsche die Brüder Grimm ausdrücken. Die Geschichten wurden
Erzählungen zurück. Es sind die Gruselgeschichten und von ihnen daher im Stile der Romantik bearbeitet. Hier
Schauermärchen, die ihn reizen. Das Dämonische und zwei Kopien der Erstausgabe mit handschriftlichen
Unheimliche. Und das ist auch der Stoff, aus dem der Vermerken. Das Original liegt im Tresor. Seit zwei Jahren
Schimmelreiter ist, eines seiner Spätwerke – ein Stück ist es Weltdokumentenerbe der UNESCO – für Besucher
Weltliteratur. hochspannend.
Der Schimmelreiter ist die Geschichte vom Kampf eines Besucherin: „Ich bin überrascht, wie eindrucksvoll und
Einzelnen gegen den Starrsinn vieler. Im Zentrum der wie umfassend über die Brüder Grimm die Informa-
Novelle steht der Deichgraf Hauke Haien. Er entwickelt tionen sind, äh – und, ja, es ist einfach spannend, wenn
neuartige Deiche, die zur See hin flacher angelegt sind. man sich selbst sehr für diese Grimm-Märchen
Den Dorfbewohnern gefällt diese Neuerung gar nicht. interessiert – sie leben wieder neu auf.“
Überhaupt halten sie Hauke Haien für eine Spukgestalt. Nicht nur Märchenfans, auch Gelehrte kommen hier auf
Tagein, tagaus soll er mit einem verhexten Pferd über ihre Kosten. Die Brüder Grimm zählten nämlich einst zu
die Deiche reiten. Den Schimmel, krank und verwahr- den führenden Sprachwissenschaftlern in Europa. Sie
lost, hat er einst einem Durchreisenden abgekauft. erforschten die germanische Sprache, die Literatur des
Die Dorfbewohner sind sich sicher: Solch eine Verwand- Mittelalters und begründeten die Germanistik. Auch ein
lung ist einfach unmöglich. Sie vermuten, der schöne Wörterbuch gehört zu ihren Werken. Jacob Grimm
Schimmel sei die Wiederbelebung eines Pferdeskeletts, verfasste zusätzlich eine Grammatik.
das auf einer Hallig gefunden worden war. Das anmutige Doch nur die Märchen sind weltweit bekannt. Ob Hänsel
Pferd sei demnach mehr Teufel als Tier. Ihr Groll wächst. und Gretel in Japan, Hans im Glück in China oder
Als eine Sturmflut ansteht, wollen sie Haukes neuen Dornröschen in Äthiopien – die Kinder lieben die klare
Deich zerstören. Dies kann er verhindern, aber er verliert Struktur.
Frau und Tochter in den Fluten. Mädchen: „Mir gefällt eigentlich am besten, dass die
meistens ein Happy End haben und nicht wie manche
Kapitel 10 Es war einmal Krimis dann schlecht enden.“
Seit fast 200 Jahren begleiten uns die Grimmschen
Märchen. Ein Gang durch das Museum ist auch ein Gang
Märchenstunden gibt es heute fast keine mehr, doch die
in die eigene Kindheit. Überall werden Erinnerungen
Geschichten der Brüder Grimm – ob Froschkönig, Rumpel-
wach. Und hier, in alten Gemäuern, lässt es sich
stilzchen oder Aschenbrödel – bringen trotzdem bei
besonders gut träumen.
jedem etwas zum Klingen. Sie beflügeln die Phantasie
und besonders Kinder wünschen sich, ab und an einfach
mal in diese Welt voll Zauber einzutauchen: einen Prinz
zu heiraten, eine Heldin zu spielen, ein Abenteuer zu
erleben oder einfach so zu sein wie …
Mädchen: „… Dornröschen.“
Junge: „Ich wäre am liebsten der gestiefelte Kater, weil
er immer listig und schlau ist.“
Und schlau waren auch sie: Jacob Grimm, Jahrgang
1785, und sein ein Jahr jüngerer Bruder Wilhelm. Sie
wurden in Hanau geboren. Nach dem Tod des Vaters
zogen beide zur Tante nach Kassel, wo sie das
Gymnasium besuchten. Mit dem Sammeln von Märchen
begannen sie nach ihrem Jurastudium.
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