Sie sind auf Seite 1von 33

5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 1

5 Messung hoher Spannungen...............................................................................................2


5.1 Anforderungen............................................................................................................2
5.2 Messung mit Funkenstrecken .....................................................................................3
5.2.1 Kugelfunkenstrecken ..........................................................................................3
5.2.2 Stabfunkenstrecken...........................................................................................11
5.3 Elektrostatische Spannungsmesser und Feldsensoren..............................................12
5.3.1 Starke-Schröder-Voltmeter...............................................................................12
5.3.2 Generatorische Sensoren (Feldmühle, Schwingvoltmeter) ..............................14
5.3.3 Feldsonden........................................................................................................16
5.4 Messung über Vorwiderstand...................................................................................18
5.4.1 Ohmscher Vorwiderstand .................................................................................18
5.4.2 Kapazitiver Vorwiderstand...............................................................................19
5.4.2.1 Scheitelwertmessung nach Chubb-Fortescue ...............................................21
5.5 Spannungsteiler ........................................................................................................22
5.5.1 Übertragungsverhalten von Spannungsteilern..................................................22
5.5.2 Arten von Spannungsteilern .............................................................................25
5.5.2.1 Ohmsche Spannungsteiler ............................................................................25
5.5.2.2 Ohmsch-kapazitive Spannungsteiler ............................................................27
5.5.2.3 Kapazitive Spannungsteiler ..........................................................................28
5.5.2.4 Gedämpft kapazitive Spannungsteiler ..........................................................29
5.5.3 Anschluss des Messkabels bei Stoßspannungsmessungen...............................30
5.6 Spannungswandler....................................................................................................32

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 2

5 Messung hoher Spannungen1

5.1 Anforderungen
Die zulässigen Messunsicherheiten bei der Messung hoher Spannungen sind in der Vor-
schrift IEC 60060-2 festgelegt. Danach gelten für die verschiedenen Spannungsarten:

Messunsicherheit
Gleichspannung
Mittelwert ±3 %
Welligkeit ±10 %
Wechselspannung
Scheitelwert ±3 %
Blitzstoßspannung
Scheitelwert ±3 %
Zeiten ±10 %
abgeschnittene Blitzstoßspannung
Scheitelwert (in der Stirn abgeschnitten) ±5 %
Scheitelwert (im Rücken abgeschnitten) ±3 %
Schaltstoßspannung
Scheitelwert ±3 %
Zeiten ±10 %

Von einer Ausnahme abgesehen werden also bei der Ermittlung der Spannungshöhe, bei-
spielsweise in einem Hochspannungsprüffeld, Messunsicherheiten von maximal ±3 % zuge-
lassen. Die Überprüfung und Kalibrierung von Messeinrichtungen darf grundsätzlich jeweils
nur mit Systemen erfolgen, die höchstens ein Drittel der Messunsicherheit des zu überprüfen-
den Messkreises aufweisen. Die Kalibrierung von Messmitteln bis zur Rückführung auf inter-
nationale Normale erfolgt in verschiedenen Hierarchiestufen, wie die folgende Abbildung
zeigt:

Hierarchie für die Rückführung von Messsystemen auf internationale Normale

1
Es kann im Rahmen der Vorlesung "Hochspannungstechnik I" nur eine grobe Übersicht über die Messverfah-
ren in der Hochspannungstechnik gegeben werden. Für eine Vertiefung wird auf die Vorlesung "Messverfahren
der Hochspannungstechnik" von Dr. Breilmann verwiesen.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 3

Die Forderung nach einer Messunsicherheit von maximal ±3 % auf der untersten Ebene
(den Prüffeldern) resultiert damit in maximalen Messunsicherheiten von 0,1 % bis 0,3 % für
die in jedem Land vorzuhaltenden nationalen Normale (in Deutschland ist dafür die Physika-
lische Technische Bundesanstalt PTB in Braunschweig zuständig):

Anforderungen an die Messunsicherheit in den verschiedenen


Hierarchiestufen des Kalibrierwesens

5.2 Messung mit Funkenstrecken


Funkenstrecken stellen eine sehr einfache und sichere Möglichkeit dar, auch komplexe
Messkreise zu überprüfen, da die Spannung mit ihnen direkt, d.h. ohne den Umweg über
Übersetzungs- oder Teilerverhältnisse, gemessen werden kann. Funkenstrecken findet man
daher auch heute noch in jedem Hochspannungslabor vor, auch wenn ihre Bedeutung durch
die Entwicklungen in der Hochspannungsmesstechnik in den letzten Jahren wesentlich zu-
rückgegangen ist. Von den vielen denkbaren Konfigurationen (Elektrodenformen) kommen
allerdings nur Kugelfunkenstrecken und Stabfunkenstrecken in Frage, deren Einsatz in den
Vorschriften IEC 60052 (DIN EN 60052 / VDE 0433 Teil 9) und IEC 60060-2 (DIN EN
60060-2) geregelt ist.

5.2.1 Kugelfunkenstrecken
Bei einer Kugelfunkenstrecke (KFS) in atmosphärischer Luft entwickelt sich der Durch-
schlag innerhalb einer bis nur wenigen Mikrosekunden nach Erreichen der "statischen Durch-
schlagspannung". Für Frequenzen bis etwa 500 kHz wird daher der Durchschlag bei langsa-
mer Spannungssteigerung immer exakt im Spannungsscheitel erfolgen. Bei genau definierten
Versuchsbedingungen (Luftdruck, Temperatur, geometrische Abmessungen und Anordnung)
ist die statische Durchschlagspannung gut reproduzierbar. Daher lässt sich nach diesem Ver-
fahren der Scheitelwert einer Wechselspannung mit einer Messunsicherheit von ±3 % direkt

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 4

ermitteln1. Der in 5.1 gezeigten Tabelle kann entnommen werden, dass daher Wechselspan-
nungen im Labor mit einer KFS gemessen werden dürfen, jedoch darf die KFS nicht zu Ka-
librierzwecken, sondern bestenfalls zur Überprüfung von Messkreisen herangezogen werden.

Kugelfunkenstrecken werden entweder horizontal (bei Kugeldurchmessern D < 50 cm)


oder vertikal angeordnet (letztere Anordnung erlaubt eine Spannungsmessung nur gegen
Erde):

Messkugelfunkenstrecken in a) horizontaler und b) vertikaler Anordnung

Zur Reproduzierbarkeit der Durchschlagspannung müssen bestimmte Anforderungen an


die Geometrie und räumliche Anordnung erfüllt sein, die in der Vorschrift IEC 60052/VDE
0433 Teil 2 genau definiert sind und am Beispiel der vertikalen Anordnung mit Hilfe des fol-
genden Bildes kurz angedeutet werden:

Zur Erläuterung der geometrischen Anordnung einer KFS

1. Die Kugeloberflächen müssen gleichmäßig gekrümmt sein.


2. Die Kugeloberflächen müssen glatt und staubfrei sein.

1
Für Gleichspannungsmessungen "liegen nur ungenügende Informationen" zur Abschätzung der Messunsicher-
heit vor (DIN EN 60052 / VDE 0432 Teil 9 vom Juni 2003).

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 5

3. Die Höhe A des Durchschlagpunktes der spannungführenden Kugel über einer


geerdeten waagerechten Fläche (Fußboden) soll in festgelegten Grenzen liegen.
4. Der Abstand B des Durchschlagpunktes der spannungführenden Kugel von irgend-
welchen Gegenständen (Wände, Decken, ...) soll einen Mindestwert überschreiten.
5. Bei Messung von Spannungen < 50 kV Scheitelwert und D ≤ 12,5 cm ist eine Vor-
ionisierung der Luftstrecke erforderlich (UV-Bestrahlung, radioaktives Präparat).

Zu den Forderungen gehört weiterhin, dass die Schlagweite s klein gegenüber dem Kugel-
durchmesser D bleiben muss, da die Reproduzierbarkeit der Durchschlagspannung nur für ein
homogenes oder schwach inhomogenes elektrisches Feld gegeben ist. Das hat zur Folge, dass
mit einem gegebenen Kugeldurchmesser nicht beliebig hohe Spannungen genau gemessen
werden können. Mit der folgenden Faustformel lässt sich der zur Messung einer bestimmten
Spannungshöhe erforderliche Kugeldurchmesser ermitteln:

D≥ û mit D in mm, û in kV

Die genaue Abhängigkeit ist in der folgenden Kurve wiedergeben:

Durchschlagspannung ûd0 von Kugelfunkenstrecken


in Abhängigkeit von der Schlagweite s und dem
Kugeldurchmesser D (für atmosphärische
Normalbedingungen)

Die Tabellen auf den nächsten beiden Seiten sind Kopien aus der Vorschrift DIN EN
60052. Sie stellen die Abhängigkeit von Durchschlagspannung und Schlagweite für verschie-
dene Kugeldurchmesser dar. Es ist zu beachten, dass für positive Stoßspannungen andere
Verhältnisse gelten als für Wechsel-, Gleich- und negative Stoßspannung! Weiterhin gelten
die Tabellen nur für atmosphärische Normalbedingungen, d.h. einen Luftdruck von 1013 hPa
und eine Umgebungstemperatur von 20° C, entsprechend einer relativen Luftdichte δ = 1. Die
relative Luftdichte ist definiert als
b 273 + 20 b
δ= ⋅ = 0,289 ⋅
1013 273 + ϑ 273 + ϑ
mit b ... Luftdruck in hPa
ϑ... Temperatur in °C

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 6

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 7

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 8

Grundsätzlich nimmt in Gasen die Durchschlagspannung mit steigender Luftdichte, d.h. mit
zunehmendem Druck oder abnehmender Temperatur, zu. Daher ist die Durchschlagspannung
mit den aktuellen atmosphärischen Bedingungen zu korrigieren. Es gilt:

ûd = δ·ûd0.

Nach neuesten Erkenntnissen hat auch die absolute Luftfeuchte einen Einfluss auf die
Durchschlagspannung. Die Durchschlagspannung steigt mit der absoluten Luftfeuchte mit
einer Rate von 0,2% je g·m-3. Da die Tabellenwerte für eine mittlere absolute Luftfeuchte von
8,5 g·m-3 ermittelt wurden, sind sie – außer mit der Luftdichte – zusätzlich mit einem
Luftfeuchtekorrekturfaktor k zu korrigieren:

k = 1 + 0,002 · (h/δ – 8,5) mit h = aktuelle Luftfeuchte in g·m-3

Kugelfunkenstrecken müssen mit Vorwiderständen betrieben werden, die den Strom und
hochfrequente Ausgleichsvorgänge im Durchschlagsfall begrenzen. Der Vorwiderstand bildet
mit der Kapazität der KFS, die mehrere 10 pF betragen kann, einen frequenzabhängigen
Spannungsteiler und ist so zu bemessen, dass die Spannung an der KFS nicht wesentlich
vermindert wird. Bei Wechselspannungen werden Widerstände im Bereich zwischen 10 kΩ
und 100 kΩ verwendet. Für Stoßspannungen müssen kleinere Werte (Schaltstoß: 1 kΩ bis 10
kΩ; Blitzstoß: 10 Ω bis 100 Ω) eingesetzt werden.

Ein wesentlicher Nachteil von Funkenstrecken ist, dass mit ihnen keine kontinuierlichen
Spannungsmessungen möglich sind und dass die Spannung in dem Augenblick, in dem sie
gemessen wird, zusammenbricht. Daher ist ihr Einsatz als Messgerät zumeist auf die Überprü-
fung von anderen Messkreisen beschränkt. Um die Messunsicherheit von ±3 % (bei Wechsel-
spannung) zu erzielen, muss aus mehreren Einzelmessungen der Mittelwert gebildet werden.

Für Blitzstoßspannungen lassen sich Messunsicherheiten von ±3 % und für Schaltstoß-


spannungen solche von ±5 % erzielen1. Bei der Messung von Stoßspannungen stellt sich je-
doch das Problem, dass bei einem Durchschlag der Funkenstrecke nicht bekannt ist, um wel-
chen Betrag der Scheitelwert der Stoßspannung höher ist als ûd0. Umgekehrt ist keine Aussage
darüber möglich, um wie viel die Stoßspannung unterhalb von ûd0 liegt, wenn es nicht zu ei-
nem Durchschlag kommt. Auch gibt es keinen scharfen Übergang zwischen der Stehspannung
Ud-0 (d. i. die höchste Spannung, bei der sicher noch kein Durchschlag erfolgt) und der gesi-
cherten Durchschlagspannung Ud-100 (d. i. die niedrigste Spannung, bei der sicher ein Durch-
schlag erfolgt). Vielmehr liegt zwischen diesen beiden ein Bereich, in dem Durchschläge mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit auftreten. Dieser lässt sich durch eine Verteilungsfunk-

1
In genaueren Untersuchungen ist festgestellt worden, dass bei ungünstigen Ionisierungsbedingungen die Mess-
unsicherheit für Blitzstoßspannungsmessungen wesentlich größer als ±5 % sein kann. Diese Erkenntnisse sind
allerdings bisher nicht in die Vorschriften eingeflossen.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 9

Verteilungsfunktion der Durchschlagspannung einer Kugelfunkenstrecke bei Stoßspannung

tion beschreiben, die – zumindest im Bereich von 5 % bis 95 % Durchschlagswahrscheinlich-


keit – in guter Näherung einer Gauss- oder Normalverteilung entspricht. Wie der obigen
Kurve entnommen werden kann, stellen die Werte Ud-0 und Ud-100 keine scharfen Grenzen dar
und sind daher als Kriterium für die Spannungsmessung ungeeignet. Deswegen wird im Falle
von Stoßspannungen die Spannung Ud-50 ermittelt, d.h. diejenige Spannung, zu der eine
Durchschlagwahrscheinlichkeit von 50 % gehört1. Dies kann auf unterschiedliche Arten erfol-
gen:

a) Bestimmung der Durchschlagwahrscheinlichkeit durch Folgenbeanspruchung

Es werden bei mindestens drei verschiedenen Stoßspannungshöhen in der Nähe der ver-
muteten Spannung Ud-50 mindestens jeweils 10 Spannungsbeanspruchungen auf die Fun-
kenstrecke gegeben. Für jede der drei Spannungshöhen ergibt sich aus der Zahl der
aufgetretenen Durchschläge unmittelbar eine Durchschlagwahrscheinlichkeit. Die Ergebnisse
werden in ein Wahrscheinlichkeitsnetz für Normalverteilung eingetragen. Der 50 %-Durch-
schlagswert lässt sich dann unmittelbar grafisch ermitteln (Voraussetzungen: es sollten nur
99
%
95
84%
3. Folge 80
û P(D) = 90% P (D)
2. Folge 50
P(D) = 70%
1. Folge
P(D) = 30% 20
16%
Durchschlag
5
kein Durchschlag
s s
1
n û
Ud-50
Direkte Bestimmung der Durchschlagwahrscheinlichkeit durch Folgenbeanspruchung

1
Auch für den Wert Ud-50 muss eine Luftdichtekorrektur vorgenommen werden!

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 10

Stoßspannungen mit Durchschlagwahrscheinlichkeiten 5 % ≤ û ≤ 95 % gewertet werden, und


die gemessenen Punkte müssen im Wahrscheinlichkeitsnetz angenähert auf einer Geraden
liegen)1.

b) Bestimmung der Verteilungsfunktion durch Steigerungsbeanspruchung

Bei diesem Verfahren werden nacheinander Stoßspannungsbeanspruchungen mit zuneh-


mendem Scheitelwert, beginnend bei einem Wert unterhalb Ud-0, an die Funkenstrecke gelegt,
bis es zum Durchschlag kommt. Der Spannungswert ûd, bei dem es zum Durchschlag kommt,
wird notiert. Diese Prozedur wird möglichst häufig wiederholt, wobei sich jeweils leicht von-
einander abweichende Durchschlagspannungswerte ergeben werden. Die 50 %-Durchschlag-
spannung entspricht dem Mittelwert der gefundenen Durchschlagspannungswerte und errech-
net sich zu
1 n
U d−50 = uˆd = ∑ uˆdi ,
n i=1

und die Standardabweichung beträgt:

1 n
(uˆdi − uˆd ) .
2
s= ∑
n −1 i=1

c) Auf-und-Ab-("Up and Down")-Methode zur Ermittlung von Ud-50

Dieses Verfahren liefert sehr schnell eine gute Abschätzung der 50 %-Durchschlagspan-
nung, jedoch keine zusätzlichen Aussagen (etwa zur Standardabweichung). An die Fun-
kenstrecke wird als erste Spannungsbeanspruchung eine Stoßspannung der Höhe gelegt, die
etwa der erwarteten Durchschlagspannung entspricht. Für alle folgenden Spannungsbeanspru-

û5
û4
û3
û û2
û1

Durchschlag
kein Durchschlag

n
Ermittlung der 50 %-Durchschlagspannung nach der Auf-und-Ab-Methode

1
Aus der Kurve lässt sich auch die Standardabweichung s ablesen (Differenz Ud-50-Ud-16 bzw. Ud-84-Ud-50). Die
Stehspannung ist dann Ud-0 ≈ Ud-50 – 3s, und die gesicherte Durchschlagspannung Ud-100 ≈ Ud-50 + 3s.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 11

chungen wird die Spannung um einen festen Betrag ∆U, der etwa 3 % des ersten Spannungs-
wertes betragen soll, gesenkt, falls es zu einem Durchschlag kam, oder erhöht, falls es nicht
zu einem Durchschlag kam (siehe Bild). Nach n Beanspruchungen errechnet sich die 50 %-
Durchschlagspannung mit den Häufigkeiten ni, mit denen mit der jeweiligen Spannungshöhe
ûi geprüft wurde, zu
1
U d−50 =
n
∑ ni ⋅ uˆi .
Als erster gültiger Spannungswert wird dabei derjenige gezählt, bei dem sich das Durch-
schlagverhalten das erste Mal geändert hat.

5.2.2 Stabfunkenstrecken
Wie bereits erwähnt, weist die Kugelfunkenstrecke bei Gleichspannungsbeanspruchung
eine undefinierte Messunsicherheit auf und ist deshalb für eine normgerechte Messung in
diesem Fall nicht einsetzbar. Die Durchschlagspannung kann bei Gleichspannung weiterhin
durch Staubpartikel auf den Kugeloberflächen drastisch vermindert werden. Diese Probleme
treten nicht bei Verwendung einer Stabfunkenstrecke auf, mit der sich Gleichspannungen mit
einer Messunsicherheit von nur ±3 % ermitteln lassen. Die Stabfunkenstrecke wird daher in
der Vorschrift IEC 60060-1 zur Messung hoher Gleichspannungen angegeben. Wie bei der
KFS ist eine vertikale oder horizontale Anordnung möglich, wobei die Vorschrift
Anforderungen an die Geometrie und räumliche Anordnung stellt, s. Bild:

Stabfunkenstrecken in horizontaler und vertikaler Anordnung mit Anforderungen an die Abmessungen

Als Material kommen Messing, Kupfer oder Aluminium in Frage. Der Stabquerschnitt
kann rund sein, dann sollten die Enden halbkugelig verrundet sein, oder es kann ein quadrati-
scher Querschnitt mit stumpfen Enden verwendet werden. Die Durchschlagspannung besitzt

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 12

Durchschlagspannung einer Stabfunkenstrecke als Funktion der Schlagweite


(für atmosphärische Normalbedingungen)

im Bereich von 150 kV bis 1300 kV die folgende empirisch gefundene, polaritätsunabhängige
Abhängigkeit von der Schlagweite, die zusätzlich auch grafisch wiedergegeben ist:

U d0 = 2 + 5,34 ⋅ s
mit U d0 in kV, s in cm

Außer mit der relativen Luftdichte δ ist die Durchschlagspannung bei der Stabfunkenstre-
cke allerdings auch noch mit dem Luftfeuchtefaktor k zu korrigieren, wobei die absolute Luft-
feuchte ha auf jeden Fall kleiner als 13 g/m3 sein sollte:

U d = d ⋅ k ⋅ U d0

mit k ≈ 1 + 0,014 ⋅ ( ha0 − ha )


und ha ... absolute Luftfeuchte
ha0 = 11 g/m3.

5.3 Elektrostatische Spannungsmesser und Feldsensoren

5.3.1 Starke-Schröder-Voltmeter (veraltet)


Das Starke-Schröder-Voltmeter (SSV) stellt die bekannteste Form eines elektrostatischen
Spannungsmessers dar, wird heute jedoch wegen seiner Größe, der unhandlichen Bedienung
und seiner mechanischen Empfindlichkeit nur noch äußerst selten eingesetzt. Gelegentlich

Zur Erläuterung der Kraftwirkung auf eine Elektrode im elektrischen Feld

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 13

kann man jedoch im Laborbetrieb den sehr hohen Innenwiderstand und die kleine Eigenkapa-
zität – und daraus resultierend die fast vernachlässigbare Rückwirkung auf den Messkreis –
für Effektivwertmessungen von Gleich- und Wechselspannungen bis zu Frequenzen in den
MHz-Bereich immer noch nutzen, so dass ein SSV heute praktisch immer noch zur Grund-
ausstattung eines jeden Hochspannungslabors gehört.

Elektrostatische Voltmeter nutzen die Kraftwirkung auf eine Elektrode im elektrostati-


schen Feld. Wird, wie in dem Bild auf der vorigen Seite dargestellt, an eine Elektrodenanord-
nung, z.B. einen idealen Plattenkondensator mit Elektroden im Abstand s eine Spannung U
gelegt, so bewirkt das elektrische Feld E eine Kraft F, die den Abstand zwischen den Elektro-
den zu verringern sucht. Diese berechnet sich zu
1
F= ε0ε r E 2 A .
2
Wegen der Annahme eines homogenen Feldes ist
U
E=
s
und damit
1 U2
F= ε0ε r 2 A = k ⋅ U 2 .
2 s
Auf die Messfläche wirkt also eine Kraft, die dem Quadrat der anliegenden Spannung pro-
portional ist. Im SSV ist die Messfläche als ein über einen Hebel mit Rückholfeder drehbar
gelagertes Plättchen ausgeführt (nächstes Bild). Es ergibt sich bei anliegender Spannung da-

Prinzip des Starke-Schröder-Voltmeters


1 ... Messplättchen (bewegliche Elektrode)
2 ... als Spannband ausgeführte Achse
3 ... Spiegel
4 ... Lichtquelle
5 ... Skala

mit eine ihrem Quadrat proportionale (verschwindend kleine) Auslenkung. Über einen mit
dem Plättchen verbundenen Spiegel wird ein Lichtstrahl entsprechend abgelenkt und auf eine
Skala projiziert. Ist die anliegende Spannung eine Wechselspannung, kann das Plättchen auf-
grund seiner mechanischen Trägheit der schnell veränderlichen Kraft nicht folgen, und die

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 14

Auslenkung ist dem arithmetischen Mittelwert der Kraft und damit dem Quadrat des Effek-
tivwertes der Spannung proportional:
T T
1 k
F= ∫ F( t )dt = ∫ u( t )2 dt = k ⋅ U eff
2
.
T0 T0

Das SSV misst also unmittelbar den Effektivwert der Spannung. Wegen der quadratischen
Abhängigkeit der Kraft von der Spannung ist die Skala jedoch nur im oberen Bereich genü-
gend genau. Dort ist allerdings auch eine Messunsicherheit von ±0,1 % erzielbar! Die jeweils
optimale Einstellung des Messbereiches kann jedoch über die Veränderung der Schlagweite s
erfolgen, da die Kraft F auf das Messplättchen auch umgekehrt proportional dem Quadrat der

Ausführungsformen von Starke-Schröder-Voltmetern

Schlagweite s ist (F ~ 1/s2). Es ist jedoch jedes Mal anschließend eine Kalibrierung erforder-
lich. Üblich sind Messbereiche bis ca. 100 kV. Die folgende Abbildung zeigt praktisch ausge-
führte SSV und lässt ahnen, dass der Platzbedarf für ein solches Gerät groß und die Bedie-
nung recht umständlich ist.

5.3.2 Generatorische Sensoren (Feldmühle, Schwingvoltmeter)


Mit generatorischen Sensoren lassen sich direkt Feldstärken von elektrostatischen Gleich-
feldern (mit gewissen Einschränkungen auch Wechselfeldern) und so auch Gleichspannungen
mit hoher Empfindlichkeit und praktisch rückwirkungsfrei messen. Sie finden ihren Einsatz
heute überwiegend in der Elektrostatik. Die Wirkungsweise wird mit Hilfe des folgenden
Bildes erläutert: die sich auf Erdpotential befindliche Messelektrode der Fläche A besitzt in
einem elektrischen Gleichfeld E die Flächenladungsdichte ε0·E. Ihre Ladung beträgt somit
q= ∫ε
( A)
0 ⋅ E dA = ε 0 ⋅ E ⋅ A .

Nach der anfänglichen einmaligen Aufladung der Messelektrode ist der im Erdpfad gemes-
sene Strom i(t) = 0. Wird nun durch eine geerdete Blende dafür gesorgt, dass die Mess-
elektrode periodisch so abgedeckt und wieder freigegeben wird, dass die Fläche proportional

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 15

Zur Wirkungsweise generatorischer Sensoren

zur Zeit zu- und wieder abnimmt, verändert auch die Ladung periodisch ihren Wert zwischen
qmin und qmax, wie im rechten Teil des Bildes dargestellt. Es wird dann der Strom
dq
i( t ) =
dt
gemessen, dessen arithmetischer Gleichrichtmittelwert
T 2
1 dq 2
I= =
T 2 ∫
0
dt
dt = ( qmax − qmin )
T

beträgt. Ist die Abdeckblende so konstruiert, dass sie zur Zeit t = 0 die Messelektrode voll-
ständig abdeckt, so ist qmin = 0, und der arithmetische Gleichrichtmittelwert wird

2 2
I= = ⋅ qmax = ⋅ ε 0 ⋅ E ⋅ A ,
T T
ist also direkt der Feldstärke des elektrostatischen Gleichfeldes proportional. Die Mess-
empfindlichkeit kann bei Wahl einer hohen Geschwindigkeit, mit der die Abdeckung der
Messelektrode erfolgt, sehr hoch eingestellt werden, so dass sich nach diesem Prinzip auch

Funktionsweise und praktische Ausführung einer Feldmühle

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 16

Handelsübliche Ausführung einer Hand-Feldmühle in Pistolenform,


vornehmlich für Messungen in der Elektrostatik

sehr kleine Feldstärken messen lassen. Die folgenden Bilder zeigen schematisch und als Foto
die übliche praktische Ausführung mit der Messelektrode (oder auch der geerdeten Blende) in
Form eines Flügelrades, die diesem Gerät den Namen "Feldmühle" eingebracht hat.

Wird ein generatorischer Sensor in einer festen geometrischen Anordnung mit definiertem
Feldverlauf betrieben, z.B. in Verbindung mit einer Kugelelektrode wie in dem folgenden
Bild (links) gezeigt, lassen sich damit auch unmittelbar Spannungen messen.

Prinzip des Schwingvoltmeters

Anordnung eines generatorischen Sensors


zur Spannungsmessung

Außer durch periodisches Abdecken der Messelektrode kann deren Ladungsänderung auch
durch periodisches Verändern des Elektrodenabstandes erfolgen. Dies ist in der Darstellung
(oben rechts) der prinzipiellen Wirkungsweise eines "Schwingvoltmeters" gezeigt.

5.3.3 Feldsonden
Im Falle zeitlich veränderlicher Felder kann die zeitliche Änderung der auf eine Mess-
elektrode aufgebrachten Ladung q(t) = ε0·A·E(t) direkt als Strom gemessen werden. Dies wird

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 17

insbesondere durch heute zur Verfügung stehende, hochempfindliche und driftarme elektroni-
sche Ladungsverstärker ermöglicht. Die Feldsonde selbst besitzt dabei einen sehr einfachen
Aufbau, wie das folgende Bild zeigt:

Feldsonde zur Messung zeitlich veränderlicher E-Felder

Wird eine solche Sonde beispielsweise in eine gasisolierte Schaltanlage fest eingebaut, so
lassen sich mit ihr unmittelbar zeitlich veränderliche Spannungen mit hoher Bandbreite mes-
sen. Man kann in diesem Fall die Sonde als einen kapazitiven Spannungsteiler auffassen, des-
sen Hochspannungskapazität durch die Streukapazität zwischen Innenleiter und Mess-
elektrode und dessen Niederspannungskapazität durch die Streukapazität des Spaltes zwi-
schen Messelektrode und geerdetem Kessel gebildet wird:

Feldsonden lassen sich auch potentialfrei ausführen, so dass die Feldstärke an einem belie-
bigen Ort im Raum gemessen werden kann. Zu diesem Zweck muss die Ladungsdifferenz
zwischen zwei benachbarten Elektroden gemessen und potentialfrei über Lichtwellenleiter auf

CH CN

Breitbandige Spannungsmessung mit einer Feldsonde in einer GIS

Erdpotential übertragen werden. Die Sonde muss in ihren Abmessungen klein genug sein,
dass sie das zu messende Feld nicht verzerrt. Soll das elektrische Feld dreidimensional ver-
messen werden, ist für jede Richtungskomponente im Raum ein Elektrodenpaar erforderlich.
Eine praktisch ausgeführte Sonde ist kugelförmig und trägt auf ihrer Oberfläche sechs Mess-
flächen (siehe nächste Bilder). Feldsonden dürfen nach der IEC-Vorschrift 60060-2 auch für
die Aufzeichnung der Impulsform bei Blitzstoßspannungen verwendet werden. Zur Span-
nungsmessung an einem bestimmten Ort muss die Sonde kalibriert werden. Die Sonde sollte

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 18

Prinzipdarstellung einer kugelförmigen potentialfreien Feldsonde mit je einem


Messelektrodenpaar zur Erfassung der x-, y- und z-Komponente des elektrischen Feldes

Praktische Ausführung einer potentialfrei messenden 3D-E-Feldsonde

mit der zu messenden Spannung räumlich eng verkoppelt sein, und es muss sichergestellt
sein, dass sie selber keine Entladungen hervorruft. Der Vorteil der Feldsonde gegenüber ande-
ren Messsystemen (Spannungsteiler) ist die damit realisierbare Bandbreite von einigen
10 MHz, so dass der Stoßspannung überlagerte Schwingungen sehr genau erfasst werden kön-
nen.

5.4 Messung über Vorwiderstand

5.4.1 Ohmscher Vorwiderstand


Gleichspannungsmessungen lassen sich über ohmsche Vorwiderstände auf Gleichstrom-
messungen zurückführen. Als Strommesser kommt im einfachsten Fall ein Drehspulinstru-
ment in Frage, da es aufgrund seines Messprinzips normgerecht den arithmetischen Mittel-
wert des Stromes anzeigt. Es kann jedoch mit genügender Genauigkeit auch ein Effektiv-
wertmessgerät eingesetzt werden, wenn der Überlagerungsfaktor der Gleichspannung wie
vorgeschrieben nicht größer ist als 3 % (s. Kapitel 2). Eine Messbereichsanpassung kann über
einen Shunt parallel zum Messgerät vorgenommen werden, wodurch letztlich ein Span-
nungsteiler entsteht. Problematisch ist bei der Strommessung, dass der Strom auf eine Größe
von etwa 1 mA beschränkt werden muss, um nicht unzulässig hohe Verluste (Erwärmung;
Temperaturabhängigkeit des Widerstandswertes!) im Vorwiderstand zu erzeugen und den
Prüfkreis nicht übermäßig zu belasten. Damit stellen sich jedoch sehr leicht undefinierte Ver-

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 19

hältnisse ein, da Ströme in der gleichen Größenordnung über das Gehäuse abfließen oder
durch Vorentladungen verursacht werden können.

Gleichspannungsmessung als Strommessung


über ohmschen Vorwiderstand

Das Messgerät muss durch eine Schutzbeschaltung vor Überspannungen geschützt werden.
Für Spannungen von mehr als etwa 500 kV ist eine parallele, kapazitive Beschaltung des
Vorwiderstandes nötig, um bei steilen Spannungszusammenbrüchen durch Überschläge oder
Durchschläge im Prüfkreis eine gleichmäßige Spannungsaufteilung am Widerstand sicherzu-
stellen.

5.4.2 Kapazitiver Vorwiderstand


Soll eine Wechselspannung über eine Strommessung mit Vorwiderstand gemessen werden,
ist ein kapazitiver einem ohmschen Vorwiderstand vorzuziehen, weil sich damit trotz angrei-
fender Erdkapazitäten ein frequenzunabhängiges Verhalten erzielen lässt. Der Kapazitätswert
sollte einerseits möglichst klein sein, um den Prüfkreis geringstmöglich zu belasten, anderer-
seits sollte er wenigstens doppelt so groß sein wie die angreifenden Erdkapazitäten, um Mess-
fehler klein zu halten. Die gesamte Erdkapazität Ce lässt sich mit 12 pF bis 20 pF je Meter
Bauhöhe für einen zylindrischen, vertikal aufgestellten Hochspannungskondensator abschät-
zen. Die Erdkapazitäten führen einen Teil des Stromes am angeschlossenen Messgerät vorbei,

Ce

Zur Abschätzung des Einflusses der Erdkapazitäten

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 20

was faktisch einer Verringerung der Primärkapazität C1 gleich kommt. Dieser Einfluss lässt
sich in einem angepassten Ersatzschaltbild (vorige Seite) darstellen. Der Primärkondensator
C1, der sich aus einer Vielzahl von in Reihe geschalteten Einzelkondensatoren
zusammensetzt, und die daran angreifenden Erdkapazitäten mit einer Gesamtheit Ce lassen
sich zusammenfassen zu einem Ersatzschaltbild bestehend aus zwei in Reihe geschalteten
Primärkapazitäten jeweils der Größe 2·C1 und einer dazwischen angreifenden konzentrierten
Erdkapazität CE. Aus diesem lässt sich ein weiter vereinfachtes Ersatzschaltbild ableiten, dass
nur noch aus einer Ersatzkapazität C besteht, in der der Einfluss der Erdkapazitäten bereits
berücksichtigt ist. Für die Ersatzkapazität gilt:

1 ⎛ C ⎞
C = C1 ≈ C1 ⎜ 1 − E ⎟ .
C ⎝ 4 ⋅ C1 ⎠
1+ E
4 ⋅ C1

Für den meist gegebenen Fall einer homogenen Verteilung der einzelnen Teil-Erdkapazi-
täten lässt sich nachweisen, dass gilt:
2
CE = Ce mit Ce = 12 pF/m...20 pF/m (s. oben).
3
Für hohe Anforderungen an die Konstanz des Kapazitätswertes und an den Verlustfaktor
(tan δ) werden Pressgas- oder Druckgaskondensatoren eingesetzt, deren Dielektrikum durch
Isoliergas, beispielsweise SF6, unter hohem Druck (0,3 MPa ... 0,4 MPa) gebildet wird. Die
Abbildung zeigt einen Schnitt durch einen 100-kV-Druckgaskondensator im Baukasten-
system.

Schnittbild eines 100-kV-Pressgaskondensators

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 21

5.4.2.1 Scheitelwertmessung nach Chubb-Fortescue (veraltet)


Von Chubb und Fortescue wurde eine Schaltung angegeben, mit der sich über einen kapa-
zitiven Vorwiderstand unmittelbar der Scheitelwert einer Wechselspannung mit sehr hoher
Genauigkeit (als Betriebsmessgerät Messunsicherheit ±2 %; grundsätzlich bis zu ±0,4 % er-
reichbar) messen lässt. Über die Hochspannungskapazität C (für die die unter 5.4.2 getroffe-

i
C

i1 i2
V1
u(t) V2
I

Scheitelwertmessung nach Chubb und Fortescue

nen Aussagen gelten!) fließt ein kapazitiver Ladestrom i, der sich auf die beiden antiparallel
geschalteten Ventile V1 und V2 aufteilt. Es wird der arithmetische Mittelwert des unipolaren
Stromes i1 gemessen (z.B. unmittelbar mit einem Drehspulinstrument, aber auch mit Hilfe
digitaler Messverfahren). Für den Strom und dessen arithmetischen Mittelwert gilt:
du
i1 = i = C für t = 0 ... T/2
dt

T u (T / 2 )
1 1 C
I1 =
T0∫ i1 (t )dt =
T ∫ Cdu = T [u(t = T / 2) − u(t = 0)]
u (0)
Setzt man eine symmetrische
Spannung voraus, so wird

u(t = T/2) – u(t = 0) = 2·û

und damit

I1 = 2⋅ f ⋅C ⋅û .
Der arithmetische Mittelwert des Stromes i1 ist also dem Scheitelwert der Spannung direkt
proportional, mit der Frequenz und der Hochspannungskapazität als Proportionalitätsfaktoren.
Dabei muss die Spannung nicht sinusförmig sein (s. Bild). Es bestehen an sie nur folgende
Anforderungen:
1. Die Spannung muss symmetrisch sein.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 22

2. Die Steigung der Spannung (du/dt) darf in der betrachteten Halbperiode ihr Vorzeichen
nicht ändern, da sonst der Strom zusätzliche Nulldurchgänge aufweist und die obige
Ableitung nicht mehr gilt (das folgende Bild zeigt ein Beispiel für die Verhältnisse bei
einer Spannung mit Zwischenmaxima). Der Stromverlauf muss bei diesem Verfahren
also zwingend oszillografiert und auf zusätzliche Nulldurchgänge kontrolliert werden.

Verhältnisse bei einer Spannung mit Zwischenmaxima

Die gesamte Messunsicherheit des Verfahrens setzt sich zusammen aus dem Kapazitäts-
fehler, dem Strommessfehler, dem Frequenzmessfehler sowie dem Verhältnis von Durchlass-
zu Sperrwiderstand der Dioden (bei der Herleitung wurden ideale Ventile angenommen!).

5.5 Spannungsteiler
Die heute weitaus üblichste Art der Spannungsmessung im Hochspannungslabor ist die
über Spannungsteiler. Das gewachsene Verständnis für die Wirkungsweise und die erzielten
Fortschritte beim Aufbau der Teiler selbst sowie die vielfältigen Möglichkeiten extrem hoch-
ohmiger Messungen und digitaler Signalverarbeitung, die problemlos die Ermittlung von
Mittelwerten, Scheitelwerten, Effektivwerten und auch schnellsten Zeitverläufen ermögli-
chen, haben viele der klassischen Messverfahren in der Hochspannungstechnik weitestgehend
verdrängt. Die zuvor beschriebenen Messeinrichtungen wie Funkenstrecken, Starke-Schröder-
Voltmeter oder Scheitelwertmessung nach Chubb-Fortescue sind daher zwar noch in prak-
tisch jedem Hochspannungslabor zu finden, werden aber immer seltener wirklich eingesetzt.

Die große räumliche Ausdehnung von Hochspannungsteilern bzw. der kompletten Mess-
kreise erfordert allerdings eine intensive Auseinandersetzung mit parasitären Größen wie
Streukapazitäten und Kreisinduktivitäten sowie dem Übertragungsverhalten bei schnellen
Vorgängen (Stoßspannungen, Spannungszusammenbrüche). Auch die exakte Ermittlung des
Teilerverhältnisses – meistens mit Niederspannung durchgeführt – ist häufig problematisch.

5.5.1 Übertragungsverhalten von Spannungsteilern


Während für Gleich- und Wechselspannungsmessungen die Kenntnis des Übersetzungs-
verhältnisses ausreicht, muss für Stoßspannungsmessungen das genaue Übertragungsverhal-
ten des Messsystems, das hierzu als Vierpol angenommen wird, bekannt sein. Zur Ermittlung

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 23

des Übertagungsverhaltens wird an den Eingang des Vierpols eine Sprungfunktion (Einheits-
sprung der Amplitude U1∞)
u1(t) = U1∞ · s(t)
gelegt und am Ausgang die Sprungantwort
u2(t) = U2∞ · g(t)
gemessen. Darin ist g(t) die normierte Sprungantwort auf die Sprungfunktion s(t). Im
Idealfall ist sie ebenfalls ein Einheitssprung. Das Verhältnis U1∞/U2∞ ist das Übersetzungsver-
hältnis. Eine nur in der Hochspannungsmesstechnik gebräuchliche Kenngröße für das Über-
tragungsverhalten ist die Antwortzeit (response time) T, definiert durch die Fläche

T = ∫ [1 − g( t )] dt .
0

Das folgende Bild zeigt zwei typische Übertragungsverhalten, das RC-Verhalten mit einem
rein exponentiellen Anstieg, und das RLC-Verhalten mit Überschwingen:

Ersatzschaltbilder und Übertragungsverhalten von Messsystemen


a) RC-Verhalten b) RLC-Verhalten

Im Falle des RC-Verhaltens liefert die Antwortzeit (Fläche T) eine sinnvolle Aussage über
das Übertragungsverhaltens. Im Falle des RLC-Verhaltens ist die Antwortzeit
T = Tα – Tβ + Tγ - ....
alleine nicht aussagekräftig, da sich trotz merklicher Ausgleichsvorgänge ein Wert von
Null oder sogar ein negativer Wert ergeben kann. Es werden daher weitere Kenngrößen be-
nötigt. Allgemein üblich (nicht nur in der Hochspannungsmesstechnik) ist die Verwendung
der Anstiegszeit (rise time) (von der Sprungantwort benötigte Zeit zwischen 10% und 90%
ihres Scheitelwertes), die sich beispielsweise bei einem exponentiellen Anstieg der Form
g (t ) = 1 − e −t τ

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 24

zu
Ta = 2,2·τ
ergibt. Damit erhält man unmittelbar die Grenzfrequenz (für ωτ = 1):
1 2,2 0,35
fg = = = .
2πτ 2πTa Ta

Im Falle des RC-Verhaltens entspricht die Antwortzeit T der Zeitkonstanten τ, wie man
durch Einsetzen des oben angegebenen Verlaufs von g(t) in die Gleichung zur Berechnung
der Antwortzeit leicht feststellen kann.
Häufig ist das Übertragungsverhalten jedoch wesentlich komplexer, so dass insbesondere
die Ermittlung des Nullpunktes der Sprungantwort schwer fällt. In diesem Fall wird nach IEC
60060-2 eine Hilfsgerade als geradlinige Verlängerung der Stirn gezogen, deren Schnittpunkt
mit der Zeitachse den Beginn 01 der Sprungantwort markiert:

Kenngrößen einer Sprungantwort nach IEC 60060-2

Die vor dem Beginn der Sprungantwortzeit liegende Zeit T0 ist die Anfangsstörzeit (initial
distortion time). Die Amplitude des Überschwingens (overshoot) über den Wert 1 hinaus wird
in der IEC-Vorschrift mit β bezeichnet. Schließlich ist noch eine Beruhigungszeit (settling
time) ts definiert als diejenige Zeit, ab der die Restantwortzeit Tr(t) der Sprungantwort weniger
als 2 % der Beruhigungszeit beträgt. Zur Messung von vollen und abgeschnittenen
Blitzstoßspannungen werden an diese Größen in der IEC-Vorschrift 60060-2 bestimmte
Mindestanforderungen gestellt, die hier jedoch nicht weiter ausgeführt werden sollen.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 25

5.5.2 Arten von Spannungsteilern


Spannungsteiler für Hochspannungsmessungen werden grundsätzlich aus Widerständen
oder Kapazitäten oder einer Kombination von beiden aufgebaut. Jeder so entstehende Span-
nungsteilertyp lässt sich optimal für die Messung bestimmter Spannungsarten einsetzen. Das
folgende Bild zeigt eine Übersicht über die verschiedenen Bauformen, deren Merkmale und
Einsatzgebiete im Weiteren näher beschrieben werden.

Bauarten von Hochspannungsteilern und ihre Eignung für verschiedene Spannungsarten

5.5.2.1 Ohmsche Spannungsteiler


Ohmsche Spannungsteiler werden zur Messung von Gleichspannungen und bis zu Span-
nungshöhen von etwa 1 MV auch für Stoßspannungsmessungen eingesetzt. Für Gleichspan-
nungsmessungen ist zu beachten, dass der Hochspannungswiderstand R1 ausreichend groß
sein muss, um den Messkreis nicht zu stark zu belasten und die Eigenerwärmung möglichst
gering zu halten. Andererseits darf der Widerstandswert nicht beliebig groß gewählt werden,
da der Messstrom groß gegenüber Streuströmen (Isolationsströme, Vorentladungsströme)
bleiben soll. Die folgende Tabelle nennt Richtwerte für den Messstrom und den Hochspan-
nungswiderstand im Dauerbetrieb (d.h. beispielsweise für Gleichspannungsmessungen), je
nachdem ob die Widerstände in SF6, Öl oder Luft als Isoliermedium betrieben werden:

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 26

I R1/U

in SF6 ≤ 100 µA ≈ 10 MΩ/kV

in Öl ≤ 500 µA ≈ 2 MΩ/kV

in Luft ≤ 1000 µA ≈ 1 MΩ/kV

Das Übersetzungsverhältnis ist


u1 (t ) R1 + R2
ü= = .
u2 ( t ) R2
Es ist jedoch, insbesondere bei der Messung von Stoßspannungen, zu beachten, dass auch
ein ohmscher Teiler Erdkapazitäten aufweist und dadurch frequenzabhängige Eigenschaften
hat. Zur Abschätzung lässt sich vereinfacht das folgende Ersatzschaltbild angeben, in dem die
verteilten Erdkapazitäten Ce durch eine in der Mitte des Teilers angreifende konzentrierte Er-
satzkapazität CE berücksichtigt werden (s. auch Kapitel 5.4.2):

Ersatzschaltbild eines ohmschen Spannungsteilers mit


Ersatzkapazität zur Berücksichtigung der Erdkapazitäten

Die gezeigte Anordnung zeigt reines RC-Verhalten, die Sprungantwort ist eine Expo-
nentialfunktion mit der Zeitkonstanten
1
τ ≈ ⋅ R ⋅ CE (R = R1 + R2)
4
Da die Zeitkonstante in diesem Fall identisch ist mit der Antwortzeit (s. Kapitel 5.5.1), und
da gilt
2
CE = Ce ,
3
ergibt sich für die Antwortzeit des realen ohmschen Spannungsteilers:
T ≈ 1/6 · R · Ce
Eine realistische Abschätzung für Ce ist ein Wert von 12 pF/m bis 20 pF/m Bauhöhe. Die
folgende repräsentative Betrachtung zeigt, dass daher für Gleichspannungsmessungen ausge-
legte ohmsche Spannungsteiler für Wechselspannungsmessungen bereits nicht mehr geeignet
sind:

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 27

Umess = 300 kV, R1 = 600 MΩ, Höhe = 2 m


Æ Ce ≈ 30 pF, T = τ = 3 ms, fg = 53 Hz.
Für Stoßspannungsmessungen muss ein ohmscher Spannungsteiler also wesentlich kleinere
Widerstandswerte (ca. 20 kΩ) aufweisen, die aber wegen des hohen damit verbundenen Ener-
gieumsatzes gleichzeitig die Anwendbarkeit auf eine maximale Spannungshöhe von etwa
1 MV begrenzen. In die Zuleitung des Spannungsteilers muss bei Stoßspannungsmessungen
zur Vermeidung von Schwingungen im Messkreis ein Dämpfungswiderstand, dessen Wert
dem Kennwiderstand L C des Messkreises (etwa 300 Ω) entspricht, eingefügt werden.

5.5.2.2 Ohmsch-kapazitive Spannungsteiler


Die Frequenzabhängigkeit des Übertragungsverhaltens eines ohmschen Spannungsteilers
lässt sich kompensieren, wenn den Widerständen Kapazitäten derart parallel geschaltet, wer-
den, dass die Eigenkapazität des Teilers groß gegenüber den angreifenden Erdkapazitäten
wird. Dabei muss das kapazitive gleich dem ohmschen Übersetzungsverhältnis sein ("Kom-
pensationsbedingung"; daher auch die gelegentlich verwendete Bezeichnung "kompensierter
ohmscher Spannungsteiler"), das heißt es muss die Bedingung R1'·C1' = R1·C1 = R2·C2 erfüllt
sein. Ist das nicht der Fall, so ist der Spannungsteiler unter- oder überkompensiert, wie das
folgende Bild zeigt:

Sprungantworten eines ohmsch-kapazitiven Spannungsteilers im Falle der


Unterkompensation (1), der Kompensation (2) und der Überkompensation (3)

Auch bei richtiger Kompensation lässt sich diese Spannungsteilerart trotzdem nicht gut für
Stoßspannungsmessungen einsetzen, da die ungedämpften Teilerkapazitäten in Verbindung
mit der Messkreisinduktivität Resonanzschwingungen hervorrufen. Der Spannungsteiler ist in
diesem Fall über einen äußeren Dämpfungswiderstand RD anzuschließen, was ihm aber
wiederum ein frequenzabhängiges (RC-)Übertragungsverhalten mit der Zeitkonstanten
τ ≈ RD · C1 verleiht1.

1
Anmerkung: Hochspannungstastköpfe von Oszillografen sind in der Regel als ohmsch-kapazitive Spannungs-
teiler ausgeführt.

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 28

5.5.2.3 Kapazitive Spannungsteiler


Auch kapazitive Spannungsteiler werden durch Erdkapazitäten beeinflusst, wobei diese le-
diglich eine Veränderung des Übersetzungsverhältnisses, nicht jedoch eine Frequenzabhän-
gigkeit des Übertragungsverhaltens bewirken. Die Erdkapazitäten lassen sich, wie auch schon
für den ohmschen Spannungsteiler gezeigt, durch eine in der Teilermitte angreifende Ersatz-
kapazität zusammenfassen. Genau wie beim ohmsch-kapazitiven Spannungsteiler wird das
Übertragungsverhalten jedoch maßgeblich durch die Induktivität des Messkreises beeinflusst.
Im folgenden Bild ist dargestellt, wie man schrittweise ein vereinfachtes Ersatzschaltbild er-
hält, das dieses Verhalten beschreibt. Die Kreisinduktivität ist darin durch eine konzentrierte
Zuleitungsinduktivität nachgebildet:

Ersatzschaltbild des kapazitiven Spannungsteilers zur Herleitung des Übertragungsverhaltens

Darin ist (s. Kapitel 5.4.2):

1 ⎛ C ⎞
C = C1 ≈ C1 ⎜ 1 − E ⎟ und
C ⎝ 4 ⋅ C1 ⎠
1+ E
4 ⋅ C1
2
CE = Ce mit Ce = 12 pF/m...20 pF/m.
3
Die Sprungantwort dieses Systems ist
1 C + C2
g(t) = 1 – cos ωt mit ω2 = ⋅ .
L C ⋅ C2
1
Da C2 >> C ist, ergibt sich: ω= .
L⋅C
u1 (t ) C + C2
Das Übersetzungsverhältnis ist: ü= = .
u2 ( t ) C

Bei der Messung von Blitzstoßspannungen können sich innerhalb des Spannungsteilers
Schwingungen durch Wanderwellenvorgänge ausbilden1. Zusätzlich kommt es insbesondere

1
Siehe Kapitel 12: Wanderwellen (Grundlagen)

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 29

in ausgedehnten Messkreisen, d.h. bei Messung sehr hoher Spannungen, zu Resonanzschwin-


gungen, die nur durch die Verluste der Kondensatoren und der Verbindungsleitungen ge-
dämpft werden: der Messkreis zeigt RLC-Verhalten mit Überschwingen β bis zu 80 %. Um
den Einfluss sich verändernder Erdkapazitäten Ce möglichst gering zu halten, wird für C ein
Wert von mindestens 40 pF/m gewählt. Es ist dabei allerdings zu beachten, dass ein kapaziti-
ver Spannungsteiler in die Belastungskapazität des Stoßspannungskreises mit eingerechnet
werden muss.

5.5.2.4 Gedämpft kapazitive Spannungsteiler


Gedämpft kapazitive Spannungsteiler sind die heute am häufigsten eingesetzten Span-
nungsteiler für die Messung von Wechsel- und Stoßspannungen. Durch innerhalb des Span-
nungsteilers verteilte Reihenwiderstände werden sowohl innere Wanderwellenschwingungen
als auch Resonanzschwingungen wirkungsvoll unterdrückt. Wie auch beim ohmsch-kapaziti-
ven Teiler werden die Zeitkonstanten des Hochspannungsteils gleich denen des Niederspan-
nungsteiles gewählt, so dass sich ein frequenzunabhängiges Verhalten ergibt. Erdkapazitäten
üben einen Einfluss sowohl auf das Übersetzungsverhältnis als auch auf das Übertragungs-
verhalten aus, und ebenfalls spielt die Induktivität des Messkreises für das Übertragungsver-
halten eine Rolle. Es ergibt sich wiederum folgendes, in mehreren Schritten vereinfachtes Er-
satzschaltbild:

Ersatzschaltbild des gedämpft kapazitiven Spannungsteilers zur Herleitung des Übertragungsverhaltens

Der Wert des Widerstandes R1 wird etwa gleich dem Kennwiderstand des Messkreises
gewählt (Einstellung des aperiodischen Grenzfalles):

L
R1 ≈ (1...2) ⋅
C
Es ergeben sich damit Widerstandswerte von 200 Ω bis 400 Ω. Ein konzentrierter Dämp-
fungswiderstand RD des gleichen Wertes ist am Anfang der Zuleitung zum Spannungsteiler
vorzusehen. Für hohe Frequenzen wirkt der gedämpft kapazitive Spannungsteiler wie ein
ohmscher, für niedrige Frequenzen wie ein kapazitiver Spannungsteiler. Das Übertragungs-
verhalten weist RLC-Verhalten auf, wobei es hier aber möglich ist, das Überschwingen β auf

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 30

Werte von etwa 6% zu begrenzen. Die Antwortzeit ist daher kleiner als die eines ohmschen
Teilers (s. Kapitel 5.5.2.1):
T < 1/6 · R · Ce.
Der Hochspannungsteil (R1·C1) wird aus möglichst vielen (mindestens zehn) Stufen auf-
gebaut. Der Niederspannungsteil, der so abzugleichen ist, dass die Bedingung R2·C2 = R1·C
erfüllt ist, wird aus einer einzelnen Stufe gebildet. Diese wird zur Erzielung eines induktivi-
tätsarmen Aufbaus aus einer Vielzahl von parallelgeschalteten R2C2-Reihenschaltungen mit
einem koaxialen Spannungsabgriff aufgebaut (nächstes Bild).

Gedämpft kapazitiver Teiler (Labor-Eigenbau): Gesamtansicht (links), Niederspannungsteil (rechts)

Gelegentlich wird ein gedämpft kapazitiver Spannungsteiler auch noch zusätzlich mit pa-
rallelen, hochohmigen Widerständen beschaltet. So erhält man einen Spannungsteiler, der zur
Messung aller im Laborbetrieb vorkommenden Spannungsarten eingesetzt werden kann.

5.5.3 Anschluss des Messkabels bei Stoßspannungsmessungen


Bei langsam veränderlichen Spannungen (Gleichspannung, Wechselspannung) beeinflus-
sen die Kabelkapazität des am Niederspannungsteil angeschlossenen Messkabels (Abschät-
zung mit 100 pF/m) und der Eingangswiderstand das angeschlossenen Messgerätes in der
bekannten Weise das Übersetzungsverhältnis und ggf. auch die Bandbreite. Man wird dafür
sorgen, dass die Kabelkapazität klein gegenüber der Kapazität des Niederspannungsteils und
der Eingangswiderstand des Messgerätes groß gegenüber dem Widerstand des Niederspan-
nungsteils bleiben. Gegebenenfalls ist das Übersetzungsverhältnis zu korrigieren. Eine geson-
derte Betrachtung ist bei der Messung von Stoßspannungen erforderlich, weil das Kabel für

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 31

solch schnelle Vorgänge nicht mehr mit seiner Kapazität, sondern mit seinem
Wellenwiderstand wirkt. Dieser beträgt bei den üblichen im Labor verwendeten
Koaxialkabeln mit BNC-Verbindungen ZKabel = 50 Ω. Gelegentlich kommen auch 75-Ω-Kabel
zum Einsatz. Abhängig vom Typ des Spannungsteilers kommen unterschiedliche
Ankopplungsschaltungen zur Anwendung:

a) Ohmscher Spannungsteiler

Ankopplungsschaltung für ohmschen Spannungsteiler

Das Messkabel wird direkt am Niederspannungsteil angeschlossen und an seinem Ende mit
einem Abschlusswiderstand der Größe des Kabel-Wellenwiderstandes (in der Regel also
50 Ω) reflexionsfrei abgeschlossen. Der Eingangswiderstand des Messgerätes muss
hochohmig sein1.

b) Kapazitiver Spannungsteiler

Ankopplungsschaltung für kapazitiven Spannungsteiler

Beim kapazitiven Spannungsteiler darf das Ende des Messkabels nicht mit einem Wider-
stand in Höhe des Wellenwiderstandes abgeschlossen werden, weil das zu einem frequenz-
1
Oszilloskope hoher Bandbreite erlauben normalerweise die Umschaltung des Eingangswiderstandes auf einen
Wert von 50 Ω. Wird davon Gebrauch gemacht, darf das Kabel natürlich nicht noch zusätzlich mit einem 50-
Ω-Widerstand abgeschlossen werden!

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 32

abhängigen Übertragungsverhalten mit einer starken Verminderung der Bandbreite führen


würde. In diesem Fall wird durch einen Vorwiderstand der Größe Z dafür gesorgt, dass in das
Messkabel nur eine in der Höhe halbierte Spannungswelle einläuft (Spannungsteiler, gebildet
aus Vorwiderstand Z und Wellenwiderstand Z des Kabels). Das Kabelende wird hochohmig
abgeschlossen, so dass die Spannungswelle dort in voller Höhe reflektiert wird und sich die
Spannung am Eingang des Messgerätes verdoppelt. Die reflektierte Welle findet am Span-
nungsteiler einen Abschluss in Höhe des Wellenwiderstandes vor, und es kommt daher zu
keinen weiteren Reflexionen.

c) Gedämpft kapazitiver Teiler

Ankopplungsschaltung für gedämpft kapazitiven Spannungsteiler

Da der Niederspannungsteil dieses Teilertyps neben der Kapazität auch einen Widerstand
R2 enthält, wird in diesem Fall ein Vorwiderstand der Größe (Z – R2) verwendet. In das
Messkabel läuft eine Spannungswelle ein, deren Amplitude näherungsweise halbiert ist (Tei-
lerverhältnis Z/(2·Z – R2). Der dadurch bedingte Messfehler ist meist vernachlässigbar, z.B.
beträgt er bei R2 = 1 Ω etwa 1 %. Die Spannungswelle wird am hochohmig abgeschlossenen
Kabelende reflektiert und verdoppelt, und die reflektierte Welle findet am Spannungsteiler
einen reflexionsfreien Abschluss (Z – R2 + R2) vor.

5.6 Spannungswandler
Wechselspannungen können mit Spannungswandlern sehr genau gemessen werden (Mess-
unsicherheit von ±0,1 % möglich). Spannungswandler sind jedoch für den Einsatz in elektri-
schen Energieversorgungsnetzen optimiert (Freiluftbeständigkeit, hohe Ausgangsleistungen)
und werden daher, zumindest bei Spannungen oberhalb 100 kV, im Laborbetrieb höchstens
für Kalibrier- und Referenzmessungen eingesetzt. Induktive Spannungswandler arbeiten wie
ein Transformator im Leerlaufbetrieb. Für hohe Spannungen wird ihre Konstruktion recht
aufwendig, da wegen der niedrigen Frequenz von 50 Hz das Produkt aus magnetischem Fluss
und Windungszahl der Hochspannungswicklung sehr große Werte annehmen muss. Im
Höchstspannungsbereich bieten daher kapazitive Wandler Vorteile, die durch einen kapaziti-

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08
5 MESSUNG HOHER SPANNUNGEN Seite 33

ven Spannungsteiler zunächst einen Unterspannungswert in der Größenordnung von 10 kV


bis 30 kV bereitstellen, der dann über einen induktiven Zwischenwandler auf die gewünschte
Höhe herabtransformiert wird. Die Kapazität dieser Wandler ist in der Regel für den Labor-
einsatz deutlich zu groß. Neuerdings sind auch kapazitive Wandler im Einsatz, deren Nieder-
spannungssignal direkt – ohne Verwendung eines induktiven Zwischenwandlers – durch
elektronische Schaltungen weiterverarbeitet wird.

Schaltbilder von Spannungswandlern: a) induktiver Spannungswandler, b) kapazitiver


Spannungswandler mit induktivem Zwischenwandler
1...Primärwicklung, 2...Sekundärwicklung, 3...Eisenkern, C1 und C2...Kondensatoren
des Spannungsteilers, L...Resonanzinduktivität, W...induktiver Zwischenwandler

Fachgebiet Hochspannungstechnik Hochspannungstechnik


Prof. Dr.-Ing. Volker Hinrichsen WS 07/08 + SS 08