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SAN MARCO ODER DER SCHEINHEILIGE

KOMÖDIE IN FÜNF AKTEN

NACH MOLIERE

VON TORSTEN SCHWANKE

ERSTER AKT

ERSTE SZENE

(Mutter Doris. Anna. Valea. Klaus. Milan. Kolumbine. Martin.)

Mutter Doris.
Wir gehen, Martin! Ich mag mich nicht mehr streiten.

Anna.
Kaum halt ich Schritt mit dir.

Mutter Doris.
Liebes Kind, erspare dir diese Förmlichkeiten, die doch nur leere Worte sind.

Anna.
Man tut, was sich gehört. Doch darf ich fragen, was dich, Mutter, so verstimmt?

Mutter Doris.
Wie soll man denn dieses Treiben hier ertragen, wo keiner die auch nur die allergeringste Rücksicht
nimmt? Ich muss mich ausgetrieben fühlen, stoße ich auf Widerspruch überall, denn jeder will
seinen Mut an mir kühlen: das schnattert alles wie in einem Gänsestall!

Kolumbine.
Aber...

Mutter Doris.
Du, mein Herzilein, bist dreist und unverschämt - und bist doch hier nur Zofe! Du steckst deine
Nase in jeden Dreck...

Milan.
Ich...

Mutter Doris.
Du? Du bist ein Dummkopf, kurz gesagt. Als Großmutter darf ich das wohl sagen. Immer hab ich
deinem Vater prophezeit, du würdest ganz aus der Art schlagen und ihm nur Schande bringen,
Beschimpfung und Kummer!

Valea.
Ich glaube...

Mutter Doris.
Sieh mal an: das Schwesterchen! Vor Schüchternheit wird sie täglich blasser… Aber man kennt sie
ja, die stillen Wasser:
ich falle auf dies Getue nicht herein.

Anna.
Ich muss dich bitten, Mutter.

Mutter Doris.
Sprich dich ruhig aus, Schwiegertochter! Leider muss ich sagen, nichts hat mich je so geärgert hier
im Haus wie dein Skandal-erregendes Betragen! Du solltest Vorbild sein in Tugend und
Schamhaftigkeit, wie es deine selige Mutter Maria Theresia war. Stattdessen wirfst du das Geld raus
für Mode und kleidest dich verschwenderisch wie eine Prinzessin! Will eine Frau nur Einem Mann
gefallen, braucht sie nicht so viele Röckchen, Hemdchen, Gürtel.

Klaus.
Nach alledem...

Mutter Doris.
Der Schwager meldet sich auch! Du weißt, Klaus, wie sehr ich dich verehre. Doch wenn ich meines
Sohnes Weib wäre, bäte ich dich himmelhoch und flehentlich, dich möglichst selten bei uns sehen
zu lassen, denn was du oft als Weisheit verkündest, ist Gift für Menschen mit redlichem Sinn.
Verwundert es dich, dass ich so offen bin? Ich mach nun mal aus meinem Herzen keine
Mördergrube!

Milan.
Dein Herr San Marco ist wirklich zu beneiden!

Mutter Doris.
Ein prima Mensch! Jawohl, den kann ich gut leiden! Darum werde ich wütend und bin verletzt,
wenn ein Narr wie du ihm widerspricht.

Milan.
Zum Teufel mit ihm! Soll ich es diesem Pietisten gönnen, dass er uns alle auf den Arm nimmt und
wir nicht mehr lustig leben können, wenn es dieser Kerl nicht gnädig absegnet?

Kolumbine.
Wenn man ihm glaubte, wenn er tobend eifert, käme man sich wie ein Schwerverbrecher vor, denn
es gibt nichts, was dieser Spötter nicht anspuckt!

Mutter Doris.
Er tadelt euch mit Recht. Denn hoch empor zu himmlischer Gottesfurcht weist er euch die Pfade
aus niederen Sphären. Und deshalb wird mein Sohn es euch schon lehren, dass ihr ihn achtet und
ihm dankbar seid!

Milan.
Nie wird das so sein! Nichts in der Welt kann mich - und auch meinen Papa nicht - ihm
näherbringen! Ich gäbe mich selber auf, wenn ich versuchen würde, mich zu bezwingen und seinen
Lobpreis zu singen. Darum sehe ich schwarz, denn früher oder später kommt es zum Krach mit
diesem Schleicher!

Kolumbine.
Das ist es ja, was am meisten uns aufregt, dass sich ein fremder Kerl hier eingenistet hat! Als Bettler
kam er an, die Schuhe zerrissen, in Fetzen hing vom Leib seine schäbiger Mantel: und der will nun
von alldem nichts mehr wissen und Meister sein im Haus!

Mutter Doris.
Weiß Gott, es wäre besser mit der Welt, wenn sich jeder seinen frommen Wünschen fügte!

Kolumbine.
Du bist es allein, die ihn für heilig hält: der ganze Kerl besteht ja nur aus lauter Lügen!

Mutter Doris.
Schweig, Lästermaul!

Kolumbine.
Er und der Dieb von Diener sind mir nicht angenehm.

Mutter Doris.
Wer dieser Diener ist, das geht mich nichts an, aber für ihn lege ich meine Hand ins Feuer. Kein
Wunder, dass er euch nicht sehr gefällt, weil er euch schonungslos die Wahrheit sagt! Als Gottes
heiliger Krieger und Prediger sieht er in euch mit Recht nur verstockte Sünder.

Kolumbine.
Nun gut. Doch warum dürfen wir in letzter Zeit nicht mal den harmlosesten Gast empfangen? Muss
er so um unser Seelenheil besorgt sein, dass er sofort die Posaune bläst, tobt und wütet? Warum
wohl, was meinst du, nimmt er sich so wichtig? Mit scheint, der Mann ist -
(auf Anna deutend)
eifersüchtig!

Mutter Doris.
Halts Maul! Erst denken und dann reden! Der wilde Lärm hier verärgert jeden frommen Menschen.
So viel Besuche bringen nichts als Ärger, die Wagen stehen dicht an dicht vor der Tür, Treppe
hinauf Treppe hinab das Lärmen der Mägde - das kommt den Nachbarn sehr verdächtig vor. Und
wenn auch keiner was Böses tut: die Nachbarn schwatzen darüber - und das ist nicht gut.

Klaus.
Du willst, gnädige Dame, die bösen Zungen der lieben Nachbarn zum Schweigen bringen? Das ist
noch keinem auf der Welt gelungen und wird auch dir nicht gelingen. Sonst müsste man, um keine
Gerüchte zu nähren, dem besten Freund kalt den Rücken kehren. Nichts gibt es, was gegen Neid
und Missgunst schützt, und blöder Klatsch blüht auf in allen Gassen, doch wenn man selbst ein
reines Herz besitzt, kann man die Leute ruhig plappern lassen.

Kolumbine.
Die erste, die uns ins Gerede der Leute brachte, war Eske, unsere schöne Nachbarin. Weil jeder sie
und ihren Mann auslachte, wurde sie aus Rachsucht zur Verleumderin. Und so was lauert nun mit
neidischen Augen auf jeden Ausdruck einer Zärtlichkeit und jeden verliebten Blick, um daraus
sprungbereit das Gift für einen Skandal zu saugen! Denn durch dieses unendliche Spotten, Sticheln
und Lästern glaubt man nur, sich selbst in besseres Licht zu setzen; und kann man sich auch keine
Verehrung erschleichen, indem man die Ehre anderer befleckt, so kann man dadurch wenigstens
erreichen, dass man den schlechten Ruf mit anderen teilt.

Mutter Doris.
Sprach ich etwa von Eske? Also gut, dann lasst Sabines stilles, von Gott erfülltes Leben euch ein
Vorbild sein! Und dieser sind tief verhasst die Dinge, die sich hier im Haus ereignen.

Kolumbine.
Ein wirklich gutes Beispiel! Diese Frau ist in der Tat ein Fleisch-gewordener Psalter! Nur senkte
leider erst das Alter auf ihre Seele diesen himmlischen Tau. Man weiß, dass sie mit ihrer Gunst
nicht gegeizt hat, solang sie jung war und die Männer aufreizte: doch als ihr Mund nicht mehr
weich und rot war und auch die Augen ihren Glanz verloren, entsagte sie - der Ewigen Weisheit tief
vereinigt - einer Welt, für die sie längst schon tot war... Das ist liebender Frauen Schicksal auf
Erden, dass die Verehrer eines Tags verschwinden… und sind sie dann allein mit ihren Sünden,
bleibt ja den Ärmsten nichts, als fromm zu werden... Nun paukt man die biblische Moral nach
Kommentaren der Väter - nichts ist erlaubt, und alles ist verboten! Man lästert, spioniert und spinnt
Intrigen und sieht nur Schlechtigkeit bei Weibern und Männern, denn ungern gönnt man anderen die
Lust, die man sich selber nicht mehr leisten kann...

Mutter Doris.
(zu Anna)
Nur dir zuliebe schwatzt sie das Blaue vom Himmel herab, Kindchen! Und ich muss dazu
schweigen. Doch wenn auch das schlaue zungenfertige Weibchen noch so meisterlich sich aufs
Reden versteht, will ich zum Schluss auch einmal sagen, was gesagt werden muss: Das Klügste,
was mein Sohn je tat, war, dass er diesen frommen Mann bat, bei uns zu bleiben: ihn, den Gott uns
geschickt, um euch verirrte Schäfchen zu bekehren! Und wenn er euch tadelnd in den Staub
drückte, sollt ihr nur um so williger auf ihn hören, denn eure Essen, Feste, Plauderstündchen hat
sicher der Satan erfunden! Wann hörte man von euch je ein frommes Wort? Nur Geschwätz, Flirts
und Schlüpfrigkeiten! Und ein vernünftiger Mann schleicht sich still weg, denn sonst wird ihm die
Vernunft entgleiten, sieht man man das Große als klein an und nimmt das Kleine wichtig. Erst
gestern sagte mir ein Gelehrter sehr wahr:
„Hier geht es ja zu wie einst beim Turm zu Babel, denn jeder wetzt nach Herzenslust die scharfe
Zunge!“ Und die Bemerkung hat er nur gemacht, weil...
(auf Klaus deutend)
seht mir doch den Mann an: er lacht! Wenn ihr einen Hanswurst braucht, lasst einen anderen
kommen!
(Zu Anna.)
Ich schweige jetzt und gehe. Schluss jetzt! Das sag ich euch aber: mich bringen nicht zehn Pferde
mehr hier in dieses Haus!
(Gibt Martin eine Ohrfeige.)
Was stehst du da und glotzt? Beim allmächtigen Gott, du kriegst heute auch noch dein Teil! Marsch,
alte Schlampen, raus!

(Alle ab außer Klaus und Kolumbine.)

ZWEITE SZENE

(Klaus. Kolumbine.)

Klaus.
Ich halte mich zurück, sonst fängt sie draußen nochmal damit an, das alte Weib -

Kolumbine.
Du hast Glück, dass sie die Worte nicht mehr hören kann, sonst würde sie sich wild zur Wehr setzen
und schreien: Wie? Ich - ein altes Weib?! Viel eher bist du alt!
Klaus.
Wie schade, dass sie gegen uns so bitter und so hart ist, nur weil sie in San Marco blind vernarrt ist!

Kolumbine.
Und doch ist alles nur ein dummer Spaß, an ihrem Sohn gemessen! Wenn du den erst sehen
würdest, du könntest diese Welt nicht mehr verstehen. Ein Mann, der früher Mut und Stolz besaß,
ist plötzlich wie vom Wahnsinn besessen, seit er dem Schweinehund ins Netz gegangen. Er nennt
ihn Bruder, möchte ihn am liebsten küssen und tanzt vor ihm wie ein Pfau - und über seinen
Ergüssen vergisst er die Mutter, die Tochter, den Sohn und die Frau! Nur San Marco vertraut er alle
Geheimnisse und lässt sich wie ein Schulbube von ihm führen. Am Tisch gehören San Marco die
besten Bissen, und frisst er dann für sechs, freut er sich, schiebt in den fetten Rücken ihm ein
Kissen, und wenn er rülpst, sagt er: Gott segne dich! Er ist total verrückt nach ihm, er betet ihn an
und nimmt als höchste Seelennahrung, was der an Albernheiten ausposaunt, und was er tut, gilt ihm
als Privat-Offenbarung. San Marco weiß die Karten schlau zu mischen und ihm sein Süppchen
einzuschenken. Und während er ihm das Geld stiehlt, ergeht er sich gegen uns als Moral-Apostel!
Sogar der Freche, der seinen Diener spielt, belästigt uns mit seiner Weisheit und will, indessen er
lüstern nach uns glotzt, uns Schminke, Parfüm und Schmuck verwehren. Erst gestern hat der Lump
ein neues Höschen von mir in Stücke gerissen, als er es in meiner Bibel als Lesezeichen fand: ich
müsste doch wissen, schrie er, man darf derlei Satans-Zeug nicht mit dem Heiligen in Berührung
bringen!

DRITTE SZENE

(Anna. Valea. Milan. Klaus. Kolumbine.)

Anna.
(mit Valea und Milan zurückkommend zu Klaus).
Sei froh, dass du nicht mitgegangen bist, denn sie fing kurz vor der Tür nochmal von vorne an.
Dann aber sah ich meinen Mann zum Haus kommen, als sie endlich ging. Und da er mich
anscheinend nicht gesehen hatte, will ich, bis er mich ruft, nach oben gehen.

Klaus.
Dann muss ich also alldeine Sünden büßen und ihn erwarten, um ihn zu begrüßen?

(Anna mit Valea ab.)

Milan.
(zu Klaus).
Benutze die günstige Minute, um ihm mal kräftig auf den Zahn zu fühlen, wie es mit Valeas
Hochzeit steht - der fromme San Marco scheint mir auch da tüchtig zu hetzen und meinem Vater
unentwegt im Ohr zu liegen, um diese Heirat wieder abzusagen! Du weißt ja, ich spreche auch für
mich, denn wie Valea und Tom sich lieben, so fühle ich mich zu der Schwester des Freundes mit
aller Gewalt getrieben.

Kolumbine.
Er kommt!

(Alle ab außer Klaus und Kolumbine.)


VIERTE SZENE

(Thorstein. Klaus. Kolumbine.)

Thorstein.
(eintretend).
Schwager, welches Glück, dich hier zu treffen!

Klaus.
Ja, ich wollte gerade gehn - Es freut mich, dich wohl und munter wieder hier zu sehen. War es
draußen nicht ganz schön kalt?

Thorstein.
(zu Kolumbine).
Kolumbine!
(Zu Klaus.)
Schwager, verzeih, dass ich als Hausherr erst mal frage, was hier geschehen ist in den zwei Tagen,
als verreist war.
(Zu Kolumbine.)
Also sprich: wie gehts wie stehts? Gehts allen gut im Haus?

Kolumbine.
Die Dame war leider krank, sie hatte hohes Fieber und...

Thorstein.
(sie unterbrechend).
Und San Marco?

Kolumbine.
Na, dem gehts sehr gut. Dick und fett und kerngesund!

Thorstein.
Der Heilige!

Kolumbine.
Abends war es deiner Frau unmöglich, etwas zu essen, weil sie schrecklich litt. Ihre Kopfschmerzen
wurden schließlich unerträglich.

Thorstein.
Und San Marco?

Kolumbine.
Der aß mit bestem Appetit zwei halbe Hähnchen mit Krautsalat und darauf in frommem Eifer noch
eine Schweinehaxe.

Thorstein.
Der Heilige!

Kolumbine.
Deine Frau hat in der ganzen Nacht vor Schmerzen kein Auge zugemacht. Das Fieber stieg - wir
waren in Sorge und wachten bei ihr bis zum Morgen.
Thorstein.
Und San Marco?

Kolumbine.
Der fühlte sich nach dem Essen schön müde, kroch ins warme Bett und schlief schnarchend und
ohne zu träumen bis zum Mittag wie ein Murmeltier.

Thorstein.
Der Heilige!

Kolumbine.
Ganz zum Schluss hat deine Frau doch noch unserem Wunsch nach einem Aderlass nachgegeben,
und da ist dann des Fiebers runtergegangen.

Thorstein.
Und San Marco?

Kolumbine.
Der süße Schlummer hat ihn gestärkt. Aber um sich noch mehr zu stählen zum Kampf um unsere
verlorenen Seelen und um das Blut, das deine Frau verloren, aufzufüllen, trank er ganz allein zum
Frühstück schon zwei Flaschen Wein Bordaux!

Thorstein.
Der Heilige!

Kolumbine.
Beide fühlen sich wie neugeboren. Nun aber will ich dich nicht länger stören, denn deine Frau wird
es sicher gerne hören, welchen tiefen Eindruck es auf dich gemacht hat, dass sie die Nacht so
qualvoll zugebracht hat.

(Kolumbine rasch ab.)

FÜNFTE SZENE

(Thorstein. Klaus.)

Klaus.
Das Mädchen macht sich über dich lustig, sie lacht dir einfach ins Gesicht! Doch nichts für ungut,
Schwager - hat sie nicht im Grunde recht mit ihrer Ironie? Du treibst dieses Spiel wirklich zu weit.
Wie kann man so blind sein und das Leben anderer so in die Hände eines Fremden geben? Soll
dieser Mann, den du aus tiefster Not befreit hat, nun auch noch...

Thorstein.
Vorsicht, Schwager, verbrenn dir nicht das Maul! Du redest über einen, den du gar nicht kennst.

Klaus.
Persönlich kenne ich ihn nicht. Aber nach allem, was ich hörte, nehm ich an...

Thorstein.
Schwager, würdest du den Mann kennen, du würdest auch die ganze Welt um dich herum
vergessen! Das ist ein Mensch! Ein wahrer Mensch! Ein Mensch an-und-für-sich! Wer an ihn
glaubt, der hat das ewige Leben und findet schon auf Erden seinen Frieden, denn keinen Pfifferling
gilt ihm die Welt! Ich bin, seit er in mein Leben getreten, ein anderer Mensch geworden - er hat
mich gelehrt, die weltlichen Ansichten abzutöten und alles, was den inneren Frieden stört. Heute
könnte ich meine Frau sterben sehen und dazu lächeln, als sei nichts geschehen!..

Klaus.
Das ist ja der Gipfel wahrer Menschlichkeit!

Thorstein.
Du hättest auch wie ich den Augenblick gesegnet, in dem du diesem Gottesmann zum ersten Mal
begegnet! Täglich kam er, immer zur gleichen Zeit, zum Gottesdienst und ließ sich still und brav
neben mir auf die Knie nieder. Fast allen fiel es auf, mit welcher inbrünstiger Wollust er die Gnade
und Barmherzigkeit für sich erflehte - er seufzte, er schlug sich dreimal an die Brust und warf sich
zu Boden im Gebet! Und wenn ich ging, stand er schon an der Tür und reichte mit Weihwasser. Von
seinem Diener, der ihn in allem zum Vorbild nimmt, erfuhr ich dann, dass sich sein Herr in großer
Not befindet, und steckte ihm gelegentlich einen Schein zu. Er aber wies mit demütigem Blick
bescheiden einen Teil des Gelds zurück: Das ist zu viel, rief er, die Hälfte wäre schon zu viel!
Womit verdiene ich denn dein Mitgefühl? Und dann gab er vor meinen Augen, was ich nicht
annahm, an die Armen weiter. Doch seit ich ihn in mein Haus aufgenommen habe, belohnt mich der
Vater imHimmel vielfach für jede gute Gabe, denn alles tadelt San Marco und interessiert sich für
meine Frau...
wenn einer ihr schöne Augen macht, weiß er es und ist beinahe so eifersüchtig wie ich! Du glaubst
nicht, wie feinfühlig er ist! Welche Kleinigkeiten dem frommen Mann Gewissensbisse bereiten!
Erst gestern klagte er, er sei ein schlechter Christ, weil er im Jähzorn einen Floh zerdrückt, der
während des Gebets ihn gebissen!

Klaus.
Geh zum Teufel, Schwager, hast du den Verstand verloren? Das kann doch nicht dein Ernst sein!
Aber sei es, wie es sei: wir müssen endlich damit beginnen...

Thorstein.
Du bist ein Freigeist, Schwager! Ja, ich weiß, dass da bei dir nicht alles stimmt im Oberstübchen.
Und weil das meistens ein böses Ende nimmt, hab ich dich schon oft gebeten, dir nicht das Maul zu
verbrennen.

Klaus.
Wie traurig ist das, dass Menschen deiner Art nie ruhig-sachlich debattieren können!.. Blind muss
man sein. Wer den Verstand sich bewahrt und nicht auf jeden faulen Zauber reinfällt, ist ein
Freigeist oder der Antichrist! Dein Drohen macht mir die Hölle nicht heiß. Ich weiß schon, was ich
sage. Und Gott weiß, wie ich es meine. Und so sage ich: Es gibt viel bigotte Frömmelei und
Pseudo-Heldentum, und wie die echten Helden ihren Ruhm nicht ausposaunen, scheuen wahre
Christen sich, mit ihrer Frömmigkeit zu protzen und sie wie Clowns vorzuführen. Sind denn
Gottesglauben und Frömmelei für einen Mann wie dich nicht zwei verschiedene Schuhe? Gilt dir
die Maske mehr als eines ehrlichen Angesichts Deutlichkeit? Lockt dich ein Spiel so sehr, dass dir
die Lüge lieber ist als die Wahrheit? Ob nicht bei dem eher was nicht stimmt, der Falschgeld für
bare Münze nimmt? O Gott, sind die Menschen dumm! Keiner wagt sich so zu geben, wie er
wirklich ist, und jeder wird als Irrlehrer angeklagt, der diese Welt mit nüchternem Verstand
beurteilt! Nichts darf in den gegebenen Grenzen bleiben, selbst wenn das bessere Ich aus einem
spricht, muss man es ins Unermessliche übertreiben, denn sonst genügt es dem inneren Hochmut
nicht! - Verzeih diese kleine Randbemerkung...

Thorstein.
Sie war mir eine wahre Herzensstärkung, Schwager! Ja, du bist ein Mann, von dem man tausend
Dinge lernen kann! Du bist ein Cato unserer Zeit! Du lässt die heiligsten Offenbarungen verblassen!
Und dir gegenüber müssen ja wir kleinen, einfachen Menschen mehr als dumm erscheinen...

Klaus.
Ich bin nicht weise, Schwager, ich bin auch nicht stolz auf meinen Doktortitel: nur streng zu
unterscheiden bemühe ich mich, was echt ist und was falsch, was schlecht ist und was gut. Kein
Held alter oder neuer Zeit gilt mir mehr als ein wahrhaft frommer Mensch, und höchster Ruhm
reicht mir nicht heran an glühende Frömmigkeit. Das sind für mich nicht leere Worte, und darum ist
mir nichts verhasster als die bigotten Schwätzer, die auf offener Gasse mit verlogenen Grimasse
ihren Spott mit Dingen treiben, die uns anderen das Heiligste bedeuten, denn es ist der höchste
Triumph für sie, den wahren Glauben zu pervertieren. Sie würdigen die Frömmigkeit herab zur
Handelsware, mit der man Amt und Würden sich erschleicht: mit triefenden Reden öffnet man sich
leicht den Weg zum Wohlstand, der für dieses Gesindel ja der Weg zum Himmel ist - er heißt:
verdienen! Da fällt es nicht schwer, mit verkniffenen Mienen Gott anzuflehen und sich zu geißeln,
wenn man bei den Weltmenschen damit Gunst gewinnen kann! Falsch sind diese Frömmler,
käuflich und allen bissigen Hunden gleich - und leider auch gefährlich. Denn widersetzt sich ihnen
einer ehrlich, ist ein Mittel schnell gefunden, um diesen Widersacher mit biblischen Waffen, die
keine Gegenwehr erlauben, aus dem Weg zu schaffen. Kaltblütig mordet man den bösen Feind,
indem man „Gott“ sagt und sein eigenes Ich meint. Dies Pack macht überall sich breit, doch Gott
sei Dank gibt es auch in unserer Zeit noch Menschen, die als Vorbild wahrhaft geistlichen Lebens
uns durch ihr Tun und Lassen dienen können. Ich brauche ihre Namen nicht zu nennen… du kennst
sie. Da wartet man vergebens auf Selbstverherrlichung und aufgeblasene Reden! Denn diese
wahrhaft frommen Menschen sind und waren sich immer selbst genug und lassen jeden nach seiner
Art sein eigenes Leben führen, ohne zu meckern und sich einzumischen, weil sie es als
Überheblichkeit empfinden, dem Nebenmenschen alle kleinen Schwächen hochmütig vorzuwerfen.
Einzig durch ihr eigenes Leben versuchen sie, uns ein Beispiel zu geben. Nie halten einen andren
sie für schlecht, von dem man Schlechtes redet, denn ihr Denken ist rein. Und weil sie geduldig sind
und gerecht, verschmähen sie es, bösem Altweiber-Klatsch Gehör zu schenken. Selbst tugendhaft
zu leben ist ihr höchstes Ziel. Sie sehen in allen Menschen Gottes Kinder. Die Sünden hassen sie,
aber nicht die Sünder. Und sie sind erfüllt von tiefem Mitgefühl. Darum fordern sie Gehorsam
gegenüber Gottes Wort nur insoweit, als sie ihn selbst erfüllen. Das sind die Menschen, die ich
liebe! Die uns Vorbild sind auch ohne große Worte. Doch dein San Marco ist nicht von dieser Sorte.
Blindes Vertrauen verleitet dich, dem Mann zu glauben. Wie von Wahnsinn vernebelt stehst du da!

Thorstein.
Bist du nun endlich fertig, Schwager?

Klaus.
Ja.

Thorstein
(sich zum Gehen wendend)
Auf Wiedersehen.

Klaus.
Halt! Lauf nicht weg! Wir wollen die Diskussion unterbrechen und lieber von anderen Dingen
sprechen: Tom erhielt dein väterliches Wort als Bräutigam und künftiger Schwiegersohn?

Thorstein.
So ist es.
Klaus.
Du hast auch schon den Tag des Hochzeitsfestes festgesetzt?

Thorstein.
Gewiss.

Klaus.
Warum verschiebt man diese Hochzeit jetzt?

Thorstein.
Ich weiß es nicht.

Klaus.
Sollten es etwa neue Pläne sein?

Thorstein.
May be.

Klaus.
Du brächtest es über dich, dein Wort zu brechen?

Thorstein.
Das sag ich nicht.

Klaus.
Dann löse doch dein Versprechen ein, das du Tom gegeben hast!

Thorstein.
Wenn es sich machen lässt...

Klaus.
Warum dieses Hin und Her? Ein einziges deutliches Wort genügt mir, denn Tom bat mich als
Freund, dich deshalb zu befragen.

Thorstein.
Gottes Wille geschehe!

Klaus.
Und was soll ich ihm sagen?

Thorstein.
Was dir gut scheint.

Klaus.
Nein, wir müssen nun eindeutig wissen, was du willst!

Thorstein.
Immer nur das zu tun, was Gottes Wille ist.

(Will gehen.)

Klaus.
Halt! Sag mir ehrlich ins Gesicht: Du gabst ihm dein Jawort - gilt es oder gilt es nicht?

Thorstein.
Auf Wiedersehen!

(Geht rasch ab.)

Klaus.
(allein)
Verteufelte Geschichte! Mir scheint es um Toms Glück nicht gut zu stehen. Aber was hilft es? Ich
muss zu ihm gehen, dass ich ihm alles schonungslos berichte.

ZWEITER AKT

ERSTE SZENE

(Thorstein. Valea.)

Thorstein.
Valea!

Valea.
Vater?

Thorstein.
Komm zu mir, mein schönes Kind. Ich möchte mit dir reden, aber im Vertrauen...

(Er öffnet vorsichtig die Tür zu einem kleinen Nebenzimmer im Hintergrund, schaut hinein und
schließt sie wieder.)

Valea.
Was suchst du?

Thorstein.
Ich wollte nur mal schauen, ob wir hier ohne unliebsame Zeugen sind, denn diese Kammer ist für
Spione wie gemacht.

(Auf Valea zugebend.)

Wir sind allein, Valea. Gib gut acht, was ich dir sage. Immer hab ich dich bis jetzt als liebes, braves
Kind geschätzt.

Valea.
Für deine Liebe, Vater, schulde ich dir Dank.

Thorstein.
Das ist sehr schön gesagt. Doch um die Liebe wirklich zu verdienen, musst du auch alles tun, was
mir gefällt.

Valea.
Das scheint mir meine Pflicht zu sein.
Thorstein.
Brav, mein Kind! Was sagst du zu San Marco?

Valea.
Wer? Ich?

Thorstein.
Ja, du. Doch überlege es dir genau.

Valea.
Ach Gott, ich sage, was du hören möchtest.

ZWEITE SZENE

(Thorstein. Valea. Kolumbine.)

(Kolumbine tritt unbemerkt ein und verbirgt sich hinter Thorstein.)

Thorstein
Ein weises Wort, mein liebes Kind. Dann sag mir, dass er ein Mann ist, den man verehren und
lieben muss. Gestehe mir ruhig, dass du dich in ihn verliebt hast und dir nichts brennender wünschst
auf Erden, als eines solchen Mannes Frau zu werden.

Valea.
(erschrocken zurückweichend).
Ich?

Thorstein.
Sprich dich aus!

Valea.
Wie bitte?

Thorstein.
Sprich!

Valea.
Hab ich mich verhört?

Thorstein.
Wieso?

Valea.
Von wem soll ich gestehen, dass ich mir nichts so wünsche auf Erden, als eines solchen Mannes
Frau zu werden?

Thorstein.
Von San Marco!

Valea.
Nie! nie wird das geschehen! Weiß Gott, die Lüge wäre zu abscheulich!

Thorstein.
Und trotzdem wird sie bald schon Wahrheit sein: ich will es, und mein Wille sei dir heilig.

Valea.
Du willst es wirklich, Vater?

Thorstein.
Diese Ehe ist mir ein willkommenes Mittel, um San Marco an uns zu binden. Punktum. Das Weitere
wird sich finden. Und da du einverstanden bist...
(Er bemerkt Kolumbine.)
Wo kommst du her? Dich kitzelt wohl die Neugier, dass du hier spionieren musst, mein Schatz?

Kolumbine.
Wahrlich, Neugier scheint mir hier am Platz, denn ganz durch Zufall ist mir eben was von einem
Heiratsplan zu Ohren gekommen. Doch selbstverständlich hab ich den dummen Spaß auch nicht für
eine Sekunde ernst genommen.

Thorstein.
Warum nicht? Was ist daran so unwahrscheinlich?

Kolumbine.
Der Spaß ist doch allzu albern und allzu peinlich. Und sagtest du es mir selbst ins Gesicht, ich
lachte nur und glaubte dir nicht!

Thorstein.
Verlass dich darauf, dass du es glauben lernen wirst!

Kolumbine.
Du willst uns mit kleinen Scherzen necken.

Thorstein.
Du wirst den tieferen Sinn bald verstehen.

Kolumbine.
Unsinn!

Thorstein.
(zu Valea).
Kindchen, es ist mein voller Ernst!

Kolumbine.
Dein Vater will mit uns sein Späßchen treiben!

Thorstein.
Ich sage dir...

Kolumbine.
Und wenn du noch so ernsthaft bleibst, ich glaube dir nichts.

Thorstein.
(wütend).
Du dreistes Weib!

Kolumbine.
Nun gut, dann glauben wirs, für dich nur um so schlimmer! Ist es denn möglich, dass ein kluger
Mann mit grauem Bart im Gesicht so kindische Ideen haben kann?

Thorstein.
Nimm dich in acht! Denn länger dulde ich das nicht, dass du dir Frechheiten erlaubst, die mir und
allen seit längerer Zeit schon auf die Nerven gehen.

Kolumbine.
Nur ruhig, Thorstein, warum so böse Worte? Du schlägst gern den Menschen ins Gesicht. Doch
deine schöne Tochter passt nun einmal nicht zu einem bigotten Frömmler dieser Sorte! Sie hat an
andre Pflichten zu denken. Und was bezweckst du mit dieser Ehe? Du bist doch reich, warum deine
Tochter verschenken an einen Bettler?

Thorstein
Hältst du endlich dein Maul? Nennt er auch heute nichts mehr sein eigen, ist er gerade deshalb
doppelt zu verehren. Vor seiner Armut muss man sich verneigen, sie macht ihm den Weg frei zu
höheren Sphären! Er hat sein Hab und Gut nur verloren, weil er, des Erdendrecks satt und ganz der
Ewigkeit geweiht, sich darum gar nicht mehr gekümmert hat. Nun soll es ihm mit meiner Hilfe
gelingen, die Güter, die er fordern kann, den unberechtigten Besitzern wieder abzunehmen. Er ist,
damit ihr es wisst, ein Gentleman!

Kolumbine.
Das sagt er dir so. Nur, ich verstehe nicht, wie dieser Hochmut zu der Demut passt, die er öffentlich
zur Schau trägt! Wer im Himmelslicht sich selig sonnen möchte, hasst die Eitelkeiten dieser Welt.
Und unbekannt ist ihm der Stolz auf die Ahnen und den Stand. Was soll auf einmal dieser
Hochmut? Schön, ich weiß, du magst das nicht hören. Ob Gentleman oder nicht, soll uns nicht
stören, wir wollen lieber auf sein Herz sehen. Bedenke doch, ob zu diesem Mann ein so hübsches
Mädchen passt wie deine Valea? Ein Vater darf nicht einzig an seinen Vorteil denken, er muss auch
die Möglichkeiten von Gefahren voraussehen. Und mir ist um deine Tochter bang, zwingt man ihr
einen Gatten auf, den sie nicht liebt. Denn ob eine Ehefrau ehrbar bleibt ihr Leben lang, hängt von
dem Mann ab, den man ihr gibt! Macht man bei manchen Ehemännern die gewisse Geste
(sie deutet das Gehörntwerden an)
so ist der Mann meist selber schuld daran, denn es gibt Männer, denen auch die beste, reinste
Ehefrau nicht treu sein kann! Wer seine Tochter einem Mann gibt, den sie hasst, ist vor Gott
verantwortlich für ihre Sünden. Graut dir nicht vor den Gewissensbissen?

Thorstein.
(zu Valea).
Die Kleine will mir Lebensweisheiten verkünden!

Kolumbine.
Gut wär es, du schlügst sie nicht in den Wind!

Thorstein.
(zu Valea).
Was kümmert uns der Unsinn, liebes Kind? Ich als dein Vater kann allein ermessen, was gut für
dich ist. Freilich hat Tom mein Jawort. Doch ich hörte jetzt, er war vom Glücksspiel besessen. Und
davon abgesehen hab ich gefunden, dass er im Grunde doch ein Freigeist ist, den man beim
Gottesdienst vermisst.

Kolumbine.
Er soll sich wohl zu ganz bestimmten Stunden dort wie gewisse andre Leute zeigen, die einzig
hingehen, um im Pelz gesehen zu werden?

Thorstein.
Ich rede nicht mehr mit dir. Du wirst nun schweigen!
(Zu Valea.)
Er aber ist der beste Mensch auf Erden mit all dem Reichtum einer reinen Seele! Und wenn ich
dich, mein Kind, mit ihm vermähle, weiß ich, er wird an nichts anderes mehr denken, als dich zu
lieben und dir das Glück zu schenken. Keinen Streit wird es geben, weil du ihm alles bist! So
werdet ihr, dem Glück ergeben, still und zärtlich wie zwei Turteltauben leben. Und du kannst aus
ihm machen, was du willst...

Kolumbine.
Dann wird sie einen Hahnrei aus ihm machen!

Thorstein.
Pfui, was für schmutzige Worte!

Kolumbine.
Mir sieht es ganz so aus, als hätte er als Ehemann im Haus trotz Valeas Tugend nichts zu lachen.

Thorstein.
(zu Kolumbine).
Hör endlich auf, mich ständig hier zu stören und dich in Dinge einzumischen, die dich nichts
angehen!

Kolumbine.
Ja, wenn du es nicht wärst, Thorstein! Alles tu ich nur für dich!

Thorstein.
Zu freundlich. Doch jetzt rate ich dir, sei still!

Kolumbine.
Ich liebe dich!

Thorstein.
Und wenn ich das gar nicht will?

Kolumbine.
Dann muss ich dich gegen deinen Willen lieben.

Thorstein.
Das ist denn doch...

Kolumbine.
Ich gebe acht, dass nicht ein Schuft dich gefügig macht, des Hauses makellosen Ruhm zu trüben.

Thorstein.
Wirst du nun schweigen?

Kolumbine.
Unverantwortlich wär es, ließe ich dich blind ins Unglück rennen.

Thorstein.
Du kalte Schlange! Kein Wort mehr, oder ich...

Kolumbine.
Ein guter Christ muss sich selbst beherrschen können.

Thorstein.
Jetzt läuft mir doch die Galle über! Darum zum letzten Mal: halt dein Maul!

Kolumbine.
Gut. Ich schweige. Und ich denk mir mein Teil.

Thorstein.
Denk, was du willst. Doch noch ein Wort, und...
(Wendet sich wieder zu Valea.)
Als Mann von Erfahrung, Valea, überblicke ich alle Dinge klarer.

Kolumbine.
(für sich).
Ich ersticke, wenn ich nicht reden kann...

(Sie verstummt rasch, als Thorstein sich ihr zuwendet.)

Thorstein.
(zu Valea).
San Marco ist doch als Mann, wenn auch kein Don Juan, so doch...

Kolumbine.
(für sich).
Ein Narr!

Thorstein.
Er ist so wertvoll, dass man ihn auch ohne heiße Liebesschwüre allein des inneren Reichtums
wegen...

(Er wendet sich Kolumbine zu und betrachtet sie herausfordernd mit über die Brust gekreuzten
Armen.)

Kolumbine.
Na, ich gratuliere schön! Doch machte man mir die Hölle heiß und gäbe mich einem ungeliebten
Mann zu eigen, wollte ich es dem gleich nach der Hochzeit zeigen, dass eine Frau sich zu rächen
weiß!

Thorstein.
(zu Kolumbine).
Dir kann, scheint es, mein Verbot nicht imponieren.
Kolumbine.
Wieso? Ich rede nicht mit dir.

Thorstein.
Mit wem dann?

Kolumbine.
Kann ich nicht Selbstgespräche führen?

Thorstein.
Jetzt hat es zwölf geschlagen! Solcher Frechheit kann man nur noch handgreiflich begegnen!

(Er will ihr eine Ohrfeige geben, aber jedes Mal, wenn er ihr während des folgenden Dialogs einen
lauernden Blick zuwirft, macht Kolumbine ein völlig unbeteiligtes Gesicht und schweigt.)

Valea, mein liebes Kind, du wirst den Tag noch segnen... an dem ich dir... den Mann erwählt... den
du...
(Zu Kolumbine.)
Du sagst ja nichts?

Kolumbine.
Ich hab mir nichts zu sagen.

Thorstein.
Ein Wort nur!

Kolumbine.
Ich wüsste nicht, wozu.

Thorstein.
Ich pass auf!

Kolumbine.
Der Teufel müsste mich plagen.

Thorstein.
(zu Valea).
Nun, mein Kind, du wirst gehorsam sein und meine Wünsche demütig erfüllen?

Kolumbine.
(fortlaufend).
Wenn ich es wäre, sagte ich nein und zehnmal nein!

(Ab.)

Thorstein.
(hat Kolumbine eine Ohrfeige geben wollen, aber sein Ziel verfehlt).
Was für einen Sie-Teufel hast du da um dich, Valea? Ich versündigte mich noch an ihr, träfe ich sie
wieder. Wir reden später weiter, Kindchen. Zu sehr hat mich ihr Widerspruch aufgeregt, mir zittern
alle Glieder! Ich muss mich erst in frischer Luft beruhigen. Auf Wiedersehen!

(Ab.)
DRITTE SZENE

(Valea. Kolumbine.)

Kolumbine.
(wieder hereinkommend).
Hat es dir die Sprache verschlagen, dass ich hier deine Rolle spielen muss? Du hörst dir den
verrückten Redefluss geduldig an, und weißt nichts zu sagen?

Valea.
Was soll ich tun, wenn mich mein Vater zwingt?

Kolumbine.
Alles, um der Gewalt zu entgehen.

Valea.
Das wäre?

Kolumbine.
Gib ihm zu verstehen, dass man zwar gern für seine Liebe Opfer bringt, doch nicht um die Wünsche
anderer zu erfüllen. Dass du nur einen Mann um deinetwillen heiraten willst und nicht seinetwegen,
und dass du darum den größten Wert drauf legst, dass dir und nicht nur ihm dieser Mann gefällt.
Und dass, ist er auf seinen San Marco so versessen, dass er ihn für die Krone der Schöpfung hält, er
ihn gefälligst selbst heiraten soll!

Valea.
Mich hindern Respekt und Mädchenscham, mit meinem Vater derart umzuspringen.

Kolumbine.
Jetzt aber ruhig Blut vor allen Dingen! Tom ist schließlich doch dein Bräutigam. Es fragt sich also,
liebst du ihn oder nicht?

Valea.
Wie ungerecht bist du zu mir, dass du mit zweifelndem Gesicht
so fragen kannst, Kolumbine! Hab ich dir nicht hundertmal im Vertrauen gezeigt, wie tief mein
Herz in Not ist?

Kolumbine.
Auf bloße Worte kann man keine Häuser bauen. Was weiß ich, ob die Glut nicht längst erloschen
ist...

Valea.
Kolumbine, du kannst zweifeln? Nein, wie gemein! Wie oft hab ich bei dir um ihn geweint...

Kolumbine.
Dann liebst du ihn also?

Valea.
Grenzenlos!
Kolumbine.
Und er liebt dich doch auch, wie mir scheint?

Valea.
Ich glaube, ja.

Kolumbine.
Und alle beide brennt ihr nur darauf, euch Mann und Frau zu nennen?

Valea.
Ach ja, Kolumbine.

Kolumbine.
Doch wie stehst du dann, frag ich dich, zu deines Vaters neuem Heiratsplan?

Valea.
Will er mich dazu zwingen, bring ich mich um!

Kolumbine.
An diesen Ausweg hab ich nicht gedacht. Sieh an, dieses Mittel finde ich prima: man stirbt ein
bisschen und ist alle Sorgen los! Weiß Gott, ich könnte vor Wut platzen bei diesem Geschwätz!

Valea.
Warum so ärgerlich, Kolumbine? Lieber solltest du dich doch erbarmen und tiefes Mitleid mit mir
haben.

Kolumbine.
Nicht Einen Funken Mitleid habe ich mit Leuten, die so leicht schwach werden und dann mit
Albernheiten kommen!

Valea.
Sag mir, was soll ich tun? Ich habe Angst.

Kolumbine.
Wer wahrhaft liebt, hält stand in allen Nöten.

Valea.
Halte ich nicht treu zu Tom, wie du es verlangst? Muss er nicht meines Vaters Einverständnis
erzwingen?

Kolumbine.
Aha! Jetzt trägt dein Bräutigam die Schuld daran, dass dein Herr Vater ein vernagelter Dickschädel
ist, den sein San Marco so um den Finger wickeln kann, dass er sein gegebenes Wort vergisst.

Valea.
Versteh mich doch: wenn ich mich zu heftig wehre, sieht jeder, wie verliebt ich in Tom bin. Soll ich
für ihn denn meine Mädchenehre - wenn ich auch meiner Sinne kaum noch Herr bin - aufopfern
und - von meiner Kindespflicht zu schweigen - mein nacktes Herz den Leuten schamlos zeigen?...

Kolumbine.
Du hast recht: das geht nicht. Offenbar lockt es dich doch ein wenig, Frau San Marco zu werden.
Wie unverantwortlich wäre es von mir, das sehe ich klar, wollte ich durch Widerspruch den schönen
Plan gefährden. Mit welchem Recht behindere ich dich?
Du machst eine glänzende Partie! Der Herr San Marco - oho! - das ist doch wer! Ja, Herr San
Marco ist, wenn man es recht betrachtet, kein Mann, von dem man nicht recht weiß, woher er
kommt, nein, er ist überall beliebt und geachtet! Und seine Frau zu werden, ist kein kleines Glück.
In seiner Heimatstadt kennt ihn jeder persönlich. Auch äußerlich ist er nicht unansehnlich: die Haut
ist rosig, die Ohren rot und dick! Mit einem Mann von solchen Qualitäten wird jede Frau gern in die
Ehe treten.

Valea.
O Gott!

Kolumbine.
Wie wirst du dich zärtlich zeigen, ist dieser hübsche Mann erst ganz dein eigen!

Valea.
Hör bitte auf mit deinen bösen Witzen und hilf mir lieber, mich zu schützen! Ich tue alles, was du
willst und was ich kann.

Kolumbine.
O nein, ein braves Kind muss sich folgsam bescheiden, und gäbe der Vater ihm einen Affen zum
Mann. Was willst du? Du bist doch zu beneiden! Mit einem Wagen geht es rasch in seine
Heimatstadt, wo er viel liebe Tanten, Onkel und Vettern hat, die sich schon lange auf deine Ankunft
freuen, denn alle wollen gern von dir unterhalten werden. Nun geht es in die große Welt: im
Sonntagsstaat machst du artig deine Pflichtvisiten, dann bist du überall auch gern gesehen bei Frau
Finanzinspektor und Frau Rechnungsrat, die dir gnädig einen Stuhl anbieten! Und schließlich treibt
der Karneval die tollsten Blüten: da gibt es eine Feier mit Dudelsack-Musik und manchmal ein
Marionetten-Stück! Und wenn dann auch dein Mann...

Valea.
Hör auf! du tötest mich! So hilf mir doch, dem Unglück zu entkommen.

Kolumbine.
Auf Wiedersehen!

Valea.
Kolumbine! Ich bitte dich!

Kolumbine.
Du hast es so gewollt, und darum wird es so geschehen.

Valea.
Mein liebes Mädchen...

Kolumbine.
Nein!

Valea.
Du weißt doch, mein Ideal...

Kolumbine.
Nichts da! Du wirst in den sauren Apfel beißen müssen.

Valea.
Ich ließ dich immer alle meine Schmerzen wissen.

Kolumbine.
Das hilft alles nichts: Du wirst Frau San Marco.

Valea.
Nun gut. Lässt dich mein Schicksal völlig kalt, lass mich auch hoffnungslos verzweifelt sein, denn
die Verzweiflung gibt mir schon ein Mittel ein, wie ich mich retten kann aus aller Gewalt!

(Sie will gehen.)

Kolumbine.
Halt! Nicht so rasch! Ich bin dir schon wieder gut. Mit dir muss man einfach Mitleid haben.

Valea.
Du weißt es nun: quält man mich bis aufs Blut, könnt ihr mich vor der Hochzeit schon begraben!

Kolumbine.
Du nimmst immer alles gleich so schwer. Kommt Zeit, kommt Rat! Doch siehe: da kommt Tom!

VIERTE SZENE

(Tom. Valea. Kolumbine.)

Tom.
Es wird da eine Neuigkeit geschwätzt, die mich, mein liebes Mädchen, staunen lässt...

Valea.
Was ist es?

Tom.
Dass du San Marco heiratest...

Valea.
Eins steht fest: mein Vater hat es sich in den Kopf gesetzt.

Tom.
Dein Vater?

Valea.
Er hat es sich anders überlegt und schlug mir eben diese Heirat vor.

Tom.
Doch nicht im Ernst?

Valea.
In vollem Ernst. Und er beschwor mich, mich den Plänen, die er hegt, nicht zu widersetzen.
Tom.
Darf ich wissen, ob du bereits eine Entscheidung getroffen hast?

Valea.
Ich weiß nicht recht...

Tom.
Du sprichst wirklich offen! Du weißt nicht...

Valea.
Nein.

Tom.
Nein?

Valea.
Du musst mir raten!

Tom.
Gut. Heirate den Mann.

Valea.
Das rätst du mir?

Tom.
Ja.

Valea.
Und ehrlich?

Tom.
Ehrlich. Denn etwas Besseres findest du kaum...

Valea.
Nun gut: ich nehme deinen Ratschlag an.

Tom.
Und offenbar fällt dir das nicht schwer.

Valea.
Nicht schwerer, als es dir fiel, mir diesen Rat zu geben.

Tom.
Ich glaubte, dass er dir willkommen wäre.

Valea.
Und ich befolge ihn nur, um dir nicht zu widerstreben.

Kolumbine.
(für sich, indem sie sich in den Hintergrund zurückzieht)
Ich bin gespannt, wie weit die das noch treiben!
Tom.
So soll von all den heißen Liebesschwüren nur diese kleine Lüge übrigbleiben?

Valea.
Wir wollen das Gespräch nicht weiterführen. Du sagtest, ich solle den Mann nehmen, den mir mein
Vater zugedacht hat. Und ich, ich muss mich wohl fügen, da mir dein Rat die Wahl so leicht
gemacht hat.

Tom.
Verdreh mir das Wort doch nicht im Munde! Du wusstest längst schon, was ich jetzt erst weiß, und
suchst nun frivol nach einem Grund, den Treuebruch nicht eingestehen zu müssen!

Valea.
Du hast recht: so ist es.

Tom.
Du hast mich nie aus tiefstem Herzen geliebt! nie!

Valea.
Ich kann es dir nicht verbieten, so zu denken.

Tom.
Das kannst du nichtm weiß Gott! Ja, das stimmt. Darum will auch ich mein armes Herz
verschenken: ich weiß schon eine, die mich freudig nimmt.

Valea.
Das glaub ich gern. Ein so guter Mann weiß, wie viel Liebe er verlangen darf!

Tom.
Was heißt Verdienst? Ich bilde mir nicht ein, ein viel begehrter Mann zu sein. Doch kenne ich eine
stille schöne Seele, die mich mit ihrer Güte trösten wird, wenn sie erfährt, wie böse ich mich geirrt
hab und ich ihr mein ganzes Herzeleid erzähle...

Valea.
Dein Herzeleid ist wohl nicht allzu schwer... Du wirst dich rasch zu trösten wissen...

Tom.
Versuchen will ich es. Fühlt man, vom Verrat zerrissen, im tiefsten Herzen sich so trostlos, erwacht
der Stolz, die Wunden nicht zu zeigen und die zu vergessen, die man so heiß geliebt hat! Bringt man
den Schmerz auch dadurch nicht zum Schweigen, genügt es, dass man sich kühl den Anschein gibt.
Nur eines lässt sich mit der Würde eines Mannes nicht vereinigen: der treulosen Geliebten
nachzuweinen!

Valea.
Das ist edel und groß gedacht.

Tom.
Ich glaube, jeder Mann wird mich verstehen. Du würdest es wahrscheinlich lieber sehen, wenn ich
die Glut, die du in mir entfachtest, in meinem Leben nicht mehr löschen könnte, bis ich in
namenloser Qual verbrennen würde, sähe ich dich, krank vor Sehnsucht nach Zärtlichkeit, in eines
anderen Mannes Arm vorübergehen!
Valea.
Im Gegenteil. Nichts wäre für mich so schön, als dich in deinem neuen Glück zu sehen.

Tom.
Das freute dich?

Valea.
Gewiss.

Tom.
Genug der Quälerei! Mein sehr verehrtes Mädchen, du verzeihst, wenn ich nun eile, deine Wünsche
zu erfüllen.

(Er wendet sich zum Gehen.)

Valea.
Oh, bitte sehr!

Tom.
(wieder auf sie zu gehend).
Nur um der Wahrheit willen sei festgestellt, dass du mich zu diesem Schritt letzter Verzweiflung
getrieben hast.

Valea.
May be.

Tom.
(geht einen Schritt zur Tür und bleibt stehen).
Wenn ich den Schritt tue, sind wir quitt, weil du zu dem Entschluss mir das Beispiel gabst.

Valea.
Ich gab dir das Beispiel? Gut.

Tom.
(kehrt noch einmal zurück).
Du wirst sehen, wie rasch all deine Wünsche in Erfüllung gehen!

(Geht zur Tür.)

Valea.
Wie du willst.

Tom.
(macht halt und wendet sich um).
Auf Nimmerwiedersehen!

Valea.
Gott sei mit dir!

Tom.
(ist zur Tür gegangen und dreht sich um).
Wie bitte?
Valea.
Nun?

Tom.
Hast du mich gerufen?

Valea.
Ich? Träumst du?

Tom.
Dann ist es Zeit für mich zu gehen. Auf Wiedersehen, Süße!

Valea.
Auf Wiedersehen.

(Tom geht langsam zur Tür.)

Kolumbine.
(zu Valea).
Ihr habt wohl den letzten Rest Verstand verloren? Ich habe mich gezwungen, still zu bleiben, um
mal zu sehen, wie weit es zwei Verrückte treiben! Halt, Tom!

(Sie packt ihn am Arm und hält ihn fest.)

Tom.
(tut so, als ob er sich freimachen wollte)
Lass mich ungeschoren!

Kolumbine.
Hierher, sag ich!

Tom.
Lass mich! Ich platze vor Wut! Nie wird es dir gelingen, mich von dem Plan, den sie mir
eingegeben, abzubringen.

Kolumbine.
Bleib!

Tom.
Was du sagst, ist für die Katz.

Kolumbine.
Sieh an!

Valea.
(für sich)
Er leidet unter meiner Gegenwart und fühlt sich von mir fortgetrieben… Nun gut. Das Letzte bleibe
mir und ihm erspart...

(Sie will gehen.)


Kolumbine.
(läßt Tom los und läuft Valea nach)
Nun die! Wohin willst du?

Valea.
Lass mich!

Kolumbine.
Hiergeblieben!

Valea.
Bemühe dich nicht, es hat ja doch keinen Sinn.

Tom.
(für sich)
Es quält sie, dass ich nicht gegangen bin… Darum ist es das beste, wenn ich still und heimlich...

(Will sich davonschleichen.)

Kolumbine.
(läßt Valea los und läuft Tom nach)
Jetzt wieder der! Soll euch der Teufel holen! Schluss mit den Späßen! Beide seid ihr jetzt mal still!

(Sie nimmt Tom und Valea bei der Hand und führt sie zusammen.)

Tom.
(zu Kolumbine)
Was soll das?

Valea.
(zu Kolumbine)
Was willst du?

Kolumbine.
Ich will, dass ihr euch versöhnt und nur daran denkt, wie man die Sache noch zum Guten lenken
kann.
(Zu Tom)
Bist du denn wahnsinnig, dich derart aufzuführen?

Tom.
Du hast ja selbst gehört, was sie mir gesagt.

Kolumbine.
(zu Valea)
Und du - so ganz die Fassung zu verlieren!

Valea.
Du weißt doch, was er mir zu raten gewagt!

Kolumbine.
Wie dumm seid ihr alle beide!
(Zu Tom.)
Sie hat doch nichts anderes im Sinn, als dir zu gehören!
(Zu Valea.)
Und er liebt dich allein und möchte noch heute Nacht dein Gatte sein... das kann ich beschwören.

Valea.
(zu Tom)
Und trotzdem hast du mir diesen Rat gegeben?

Tom.
(zu Valea)
Und trotzdem wünschtest du mir Gottes Segen zur neuen Liebe?

Kolumbine.
Närrische Liebende! Gebt die Hände her!
(Zu Tom.)
Rasch her mit der Hand!

Tom.
(gibt Kolumbine die Hand)
Wozu?

Kolumbine.
(zu Valea)
Deine Hand bitte!

Valea.
(gibt ihr zögernd die Hand).
Was soll das?
Kolumbine.
(führt sie zusammen).
Hierher! Ab in die Mitte!

(Sie fügt beider Hände zusammen. Tom und Valea stehen eine Weile Hand in Hand, ohne sich
anzusehen.)

Ihr liebt euch ja beide, viel mehr, als ihr selbst es wisst.

Tom.
(sich Valea zuwendend)
Wollen wir die Dinge nicht mal ohne Vorurteil betrachten, die uns beinahe auseinandergebracht?

(Valea wendet den Kopf und lächelt Tom zu.)

Kolumbine.
Die Liebe macht verrückt, das sieht man hier.

Tom.
(zu Valea)
Hab ich nicht Grund, mich bitter zu beklagen, dass du imstande warst, ja, das sag ich klipp und klar,
mir so hässliche und böse Worte zu sagen?

Valea.
Und du? Du warst lieblos und undankbar!

Kolumbine.
Es eilt nicht, das genau abzuschätzen. Jetzt gilt es, die Heirat mit San Marco zu verhindern!

Valea.
So sag uns, was sollen wir tun?

Kolumbine.
Wir müssen alle Hebel in Bewegung setzen.
(Zu Valea.)
Dein Vater ist ein Dickschädel.
(Zu Tom.)
Aber was will das schon heißen?
(Zu Valea.)
Du aber musst gegenüber seinen Plänen ganz gehorsam scheinen, damit er, wenn mal alle Stricke
reißen, nicht unerbittlich auf die Trauung dringt, denn Zeit gewinnen ist hier alles. Plötzlich quält
eine rätselhafte Krankheit dich entsetzlich und fordert Aufschub. Oder es gelingt der alte Schwindel
mit der üblen Vorbedeutung:
Du stößt unterwegs auf ein Begräbnis... ein Spiegel löst sich von der Wand und zerbricht... ein
Traumerlebnis erschreckt dich mitten in der Hochzeitsvorbereitung... Und schließlich, es kann das
Schlimmste nicht geschehen, verweigerst du dein Jawort vorm Altar! Doch wenn das glücken soll,
darf man euch nie mehr beieinander sehen!
(Zu Tom.)
Du machst unterdessen Ihre Freunde mobil, die dir ihre Hilfe zugesagt haben.
(Zu Valea.)
Dein Bruder ist ja auch dabei, er wird seinem Feind San Marco die Braut wieder abjagen. Nun gilt
es noch, deine Mutter zu gewinnen.
(Zu Tom.)
Auf Wiedersehen!

Tom.
(zu Valea)
Was wir auch erfinden an Plänen: meine Hoffnung bist du allein!

Valea.
(zu Tom)
Die väterliche Autorität bedrückt mich schwer, aber mein ganzes Herz gehört Tom allein!

Tom.
Du machst mich glücklich! Ich werde nie...

Kolumbine.
Dass doch Verliebte endlos schwatzen müssen!
(Zu Tom.)
Geh jetzt endlich deiner Wege! Schluss jetzt!

Tom.
(hat sich zum Gehen gewendet und kommt zurück)
Für dich riskiere ich...

Kolumbine.
Schluss jetzt mit den Ergüssen!

(Sie packt sie an der Schulter und treibt sie auseinander.)

Du gehst dahin, und du, mein Mädchen, dorthin!

DRITTER AKT

ERSTE SZENE

(Milan. Kolumbine.)

Milan.
Der Teufel breche gleich mir das Genick! Ihr dürft mich alle ein Großmaul nennen, hält der Respekt
vor meinem Vater mich länger zurück, dem Lumpenhund nach meiner Art einen rüberzuziehen!

Kolumbine.
Nur ruhig Blut! Warum echauffierst du dich so? Dein Vater sprach davon, man spricht so viel, nicht
alles, was man plant, wird auch ausgeführt: mit vielen Wünschen kommt man nicht zum Ziel.

Milan.
Dem dummen Buben lege ich sein Handwerk; ich fordere ihn einfach zum Zweikampf!

Kolumbine.
Das ist ja Wahnsinn! Überlass deiner Mutter alles Weitere. Nur sie weiß deinen Vater richtig
anzupacken und wird auch von San Marco sehr geschätzt. Vielleicht ist er sogar in sie verliebt, denn
was sie sagt, erweckt ihm Lust... das wäre Wasser auf unsere Mühle! Und nur in unserem Interesse
gibt sie ihm ein Rendezvous, um ihm der Heirat wegen, die dich quält, auf den Zahn zu fühlen und
gewiss zu sein, was ihm zu seinem vollen Glück noch fehlt. Gleichzeitig will sie ihm offen erklären,
welcher böse Aufruhr gegen ihn entsteht, wenn er nur die geringste Hoffnung nährt, dass ihm dieser
Wunsch in Erfüllung geht. Zwar habe ich ihm den Auftrag deiner Mutter nicht persönlich sagen
können, denn der Schweinehund von Diener ließ mich nicht zu ihm, da sein Herr gerade sein Gebet
verrichtete, er meinte nur, er werde gleich da sein. Und all das machst du nun zunichte, wenn du
nicht gehst!

Milan.
Warum soll ich nicht hören, was man spricht? Ich werde niemanden stören.

Kolumbine.
Die beiden müssen sich ganz allein und ohne Zeugen unterhalten können.

Milan.
Ich verspreche dir zu schweigen.

Kolumbine.
Du gerade, der du immer aus dem Häuschen gerätst, wärst gerade der Rechte, dem es gelingt, dass
er alles durcheinanderbringt! Du gehst jetzt besser!

Milan.
Ich spiele das Mäuschen und höre nur zu.
Kolumbine.
Gott, bist du unausstehlich! Er kommt! Raus mit dir! Wirds wohl?

(Milan schlüpft in das kleine Nebenzimmer im Hintergrund der Bühne.)

ZWEITE SZENE

(San Marco. Kolumbine.)

San Marco.
(erscheint in der Tür und sagt, sobald er Kolumbine bemerkt, zu seinem hinter ihm stehenden
Diener, der jedoch unsichtbar bleiben kann)
Verschließe mein Büßerhemd und meine Geißel gut, mein lieber Diakon Laurentius, und erflehe
alle Tage, dass Gott an dir ein Gnadenwunder tut! Kommt jemand, der mich sprechen will, so sage,
ich wäre im Gefängnis, um den armen Sündern durch Almosen ihr hartes Los zu lindern.

Kolumbine.
(für sich)
Der ganze Kerl nur Bigotterie und Prüderie!

San Marco.
Was wünschst du?

Kolumbine.
Ich soll...

San Marco.
(zieht ein Taschentuch hervor und reicht es Kolumbine mit abgewandtem Gesicht)
O Herr Gott! Ich bitte dich, dir dieses Taschentuch erst vorzustecken, wenn du mir etwas
auszurichten hast!

Kolumbine.
Wozu?

San Marco.
Um deines Busens Blöße zu bedecken, denn solche Teufelsdinge untergraben die Sittlichkeit und
wecken sündige Gedanken...

Kolumbine.
Du bist wohl vor Versuchung schlecht geschützt, bringt dich das bisschen Fleisch schon innerlich
ins Wanken? Wahrlich, ich begreife nicht, dass dich das so erhitzt, denn ich gerate nicht so leicht in
Brand. Ich könnte dich, das darf ich ruhig bekennen, hier splitternackt vor mir sehen und würde
nicht von Wollust überwältigt!

San Marco.
Wenn du dich nicht gebührend auszudrücken weißt, werde ich mich augenblicklich zurückziehen
müssen!

Kolumbine.
Nicht doch! Ich wollte dich gewiss nicht kränken. Die Herrin, sie wird gleich erscheinen, befahl
mir, dich zu bitten, ihr doch einen ganz kleinen Augenblick Gehör zu schenken.

San Marco.
Gewiss. Sehr gern!

Kolumbine.
(für sich)
Was er für Augen macht! Die Sache ist schon so, wie ich es mir dachte.

San Marco.
Kommt sie jetzt gleich?

Kolumbine.
Ich glaube, sie schon zu hören. Entschuldige mich, ich will nicht länger stören.

(Ab.)

DRITTE SZENE

(San Marco. Anna.)

San Marco.
(ihr entgegen gehend)
Möge der gnadenreiche Himmel dir der Seele und des Leibes Gesundheit schenken und alles, was
du tust, zum Guten führen:
das wünscht der Ärmste aller Armen, der im Staub dem Höchsten dient!

Anna.
Dein frommer Wunsch verpflichtet mich zu Dank. Aber warum stehen? Setzen wir uns lieber.

San Marco.
Wie geht es dir, Schwester in Christo? Du warst krank?

Anna.
Ein bisschen Fieber, das ging schnell wieder weg.

San Marco.
Ich bilde mir nicht ein, dass meine Fürbitte, die ich Sünder zum Höchsten sandte, dazu mitgeholfen
hätte, hab ich auch im Gebet tief für dich gelitten, um dich aus deiner Not zu retten.

Anna.
Wie rührend und wie hilfsbereit!

San Marco.
Um dich zu retten, würde ich alles geben, und wenn es darauf ankäme auch mein eigenes Leben!

Anna.
Du treibst es mit der Nächstenliebe zu weit. Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll.

San Marco.
Es ist an mir, meinen Dank...

Anna.
Ich bat dich hierher, um mich im Vertrauen mit dir auszusprechen, und bin froh, dass hier nicht
hundert Augen auf uns schauen.

San Marco.
O, Liebste, mir geht es ebenso! Ich bin entzückt, dass wir allein sind: Nur du und ich!… Um diese
Stunde habe ich Gott oft gebeten, doch leider blieb der Herr taub für meine Herzensnot.

Anna.
Bei dieser Unterredung handelt es sich für mich darum, dass du offen redest und mich wirklich
einmal in dein Herz sehen lässt.

(Man sieht, dass die Tür zum Nebenzimmer, in dem Milan


sich versteckt hat, einen Spalt geöffnet wird.)

San Marco.
Auch ich will die Gelegenheit beim Schopfe fassen und dir wie einem Beichtvater beichten, wie es
in meines Herzens Grund in Wahrheit aussieht. Lass mich eingestehen, dass mich nicht das böse
Schwätzen trieb, wenn ich empört war, dass so viel Besucher sich hier einfanden, nur um dich, die
schönste aller Frauen, zu sehen! Ich weiß, mein frommer Eifer wurde zur Sucht... Doch wollte ich
nur...

Anna.
So habe ich es mir auch gedeutet: Du hast mich als Beschützer umsorgt…

San Marco.
(fasst Annas Hand und presst sie inbrünstig)
So ist es, meine Liebe! Hat man seine Sinne nicht mehr in Zucht...

Anna.
(entzieht ihm ihre Hand)
Du tust mir weh!

San Marco.
Im Überschwang! Denn nichts liegt mir ferner... Und es wird sich zeigen, dass ich lieber...

(Er legt seine Hand auf Annas Oberschenkel.)

Anna.
Deine Hand verirrt sich!

San Marco.
(tut so, als habe er nur den Stoff ihres Kleides befühlen wollen)
Ein wundervoller Stoff : weich wie dein Gang!

Anna.
Ich bin kitzlig, lass das bitte!

(Sie rückt mit ihrem Sessel von ihm weg, er rückt ihr nach.)
San Marco.
(betastet ihren Büstenhalter)
Auch das ein Meisterwerk der Mode! Ja, heutzutage macht man solcherlei Büstenhalter wirklich
kunstvoll!

Anna.
Ein Tor, wer das bestreiten wollte. Aber zur Sache. Mein Mann, so heißt es, will Tom gegenüber
sein Jawort brechen und seine Tochter dir geben: kann das wahr sein? Aber bitte sprich offen!

San Marco.
Nun, er sprach davon gelegentlich. Aber, Verehrte, ich muss gestehen, die Tochter wäre nicht das
höchste Glück für mich, nach dem ich fiebere in geheimem Flehen: ich sehe doch begehrenswertere
Seligkeiten, die meiner Sehnsucht höchstes Ziel bedeuten...

Anna.
Ich weiß, wie fern du aller irdischen Lust...

San Marco.
Hab ich ein Herz von Stein in meinem Brustkorb?

Anna.
Und trotzdem bin ich überzeugt, dass dich nur himmlische Freuden verlocken können...

San Marco.
Wenn auch die heiligen Feuer der göttlichen Liebe in uns brennen nach der Keuschheit des
Himmels, löschen sie doch nie die Glut der Liebe, die uns an die Erde fesselt, und unsre Sinne sind
so leicht entflammt, erschuf doch der Höchste die Frau vollkommen schön! Dich aber hat er dazu
auserwählt, sooft er sich auch spiegelte in deinesgleichen, sein Ideal der Makellosen Schönheit zu
erreichen! An dein Anztlitz hat Gott sich so verschwendet, dass es das Herz entzückt, das Auge
blendet, und wenn es leuchtend mir strahlt, muss ich in dir den Schöpfer verehren und mich in tiefer
Liebesglut verzehren, denn hier hat Gott sein eigenes Bild gemalt! Als ich zuerst diese süßen
Qualen verspürte, dachte ich, dass mich Satan in Versuchung führte, und ich versuchte, deinen
Anblick zu meiden, um nicht an meinem Seelenheil Schaden zu nehmen. Aber dann, o du schönste
aller Frauen, sah ich ein: so tiefe Leidenschaft kann keine Sünde sein und hebt die irdische Moral
auf - - darum ließ ich meiner Liebe freien Lauf. Ich weiß, es ist ein dreistes Unterfangen, bekenne
ich offen meine Leidenschaft, und ich vertraue nicht auf meine schwachen Kräfte:
nur deine Gnade kann mich beschämen. All meine Hoffnungen, mein ganzes Heil lege ich mit
diesem Wort in deine Hände:
Göttin! Lust oder Leid - - und beides ewig - - entscheide du, Verehrte, du allein! Ich warte auf
deinen Urteilsspruch, ob ich glückselig oder ob ich verdammt sein soll!

Anna.
Oh, du verstehst es, einer Frau den Hof zu machen! Ich aber, ich bin wie vor den Kopf geschlagen,
gerade von dir solch ein Wort zu hören! Ich meine, du müsstest Sorge tragen, dass deine Begierde
nicht so mit dir durchgeht, und dass du besser überlegen müsstest, was du so redest! Ein frommer
Mann wie du, der jede...

San Marco.
Bin ich auch heilig, so bin ich doch ein Mann! Wenn du in deiner Schönheit dich zeigst, spricht nur
mein Herz, und der nüchterne Verstand muss schweigen. In meinem Mund zwar, das weiß ich selbst
wohl, mag das seltsam klingen, was ich dir sagte, doch, verzeih, ich bin kein Engel, o Frau, und
stehe ich nun vor dir als der Angeklagte, den du verdammst, so musst du dich selbst verdammen,
denn ein Liebreiz setzte mein Herz so lichterloh in Flammen und ist der Grund meiner
Herzschmerzen! Vergeblich die Gebete, das Fasten, das Beichten… Dein Anblick entzündete
meines Herzens Qualen! Mit Blicken und Seufzern sagte ich es tausendmal, darum musste ich
einmal meine innere Sehnsicht in Worte fassen. Wenn du nun mit gütigem Herzen Verständnis für
die Leiden deines niedrigsten Sklaven zeigst, wenn du es nicht verschmähst, gerührt von meinen
Schmerzen, zu mir, dem Unwürdigen, dich herabzuneigen: dann will ich dir, schönste aller Frauen,
dein in alle Ewigkeit ergebener Diener sein! Ich werde deine Ehre nie gefährden, bei mir bist du vor
Überraschungen sicher. Ich sehe aber, wie sich die Herren gebärden, nach denen jede Frau die
Lippen spitzt… die müssen sich überall prahlerisch mit den Erfolgen ihrer Liebesabenteuer brüsten,
und wenn sie eine ihrer Liebsten geküsst, erzählen sie es gleich danach bei Tisch! Mit diesem eitlen
Geschwätz entehren sie alle Frauen, die ihnen je ihre schönste Gunst gewährt. Aber ein heiliger
Mann wie ich nimmt sich in acht und weiß heimlich sein stilles Glück zu bewahren: er ist auf seinen
eigenen Ruhm bedacht und schützt darum auch die Liebste vor übler Nachrede. Darum wird, wenn
du mein heißes Flehen erhörst, nie jemand von den Freuden unserer Liebesspiele etwas erfahren!

Anna.
Ich weiß um deine Wünsche nun Bescheid, Du sprachst ja in aller Deutlichkeit. Doch meinst du
nicht auch, dass, wenn ich meinem Mann berichte, was dein Herz für mich empfindet, die tiefe
Freundschaft, die ihn an dich bindet, darunter recht erheblich leiden kann?...

San Marco.
Ich baue fest auf deine Güte, liebe Frau, und weiß, du lässt mich die Kühnheit nicht bereuen. Du
kennst aller Menschen Schwächen zu genau, um sie nicht zu verstehen und zu verzeihen. Befrage
nur deinen Spiegel: dann verstehst du gut, warum auch ich nicht blind sein kann als Mann von
Fleisch und Blut.

Anna.
Die meisten Frauen wüssten, was sie täten. Doch ich will diesmal noch verschwiegen sein, um den
Skandal nicht unnütz auszubreiten: vorausgesetzt, du willigst in die Bedingung ein, dass du dich
nun mit aller Kraft bemühst, die Heirat Valeas mit Tom zustande zu bringen und jeden bösen Trieb
in dir zu bezwingen, die Macht, die dir meines Mannes Leichtgläubigkeit verliehen, noch weiter zu
missbrauchen, um im Stillen mit fremdem Gut dir die Taschen zu füllen! Und außerdem...

VIERTE SZENE

(Anna. Milan. San Marco.)

Milan.
(tritt rasch aus dem Nebenzimmer)
Nein, liebe Mutter, nein! Was hier geschah, soll kein Geheimnis bleiben. Dem Vater im Himmel
danke ich es, der mich hergeführt:
da drinnen habe ich gelauscht und jedes Wort verstanden. Nun mach ich dieses Schurken Übermut
zunichte, der mich und alle schon zu lange plagt! Die Stunde will ich willkommen heißen, wo ich
mich rächen kann für seine Bosheiten, um ihm die Maske der Heiligkeit vom Gesicht zu reißen,
damit mein Vater erkennt, wer er wirklich ist: ein Schurke, der ihm seine Frau verführen will!

Anna.
Nein, nein, Milan, ich bitte dich, schweige still! Viel besser ist es, er sieht sein Unrecht ein und
bemüht sich, die Verzeihung zu verdienen, die ich ihm zugesagt: darum rede mir nicht drein! Ich
mache immer gerne gute Mienen zum bösen Spiel und lächle über solche Torheit, statt meinem
Mann die Ohren voll zu schreien.
Milan.
Du magst deine guten Gründe haben, dies alles in Schweigen zu begraben, doch ich habe ebenfalls
Gründe, welche mich zu rücksichtslosem Handeln zwingen. Ihn jetzt noch zu schonen, wäre
lächerlich! Zu lange musste ich die Wut hinunterwürgen über des unverschämten Kerles
Dreistigkeit, der alles hier im Hause durcheinanderbrachte. Nun dauerte es, Gott sei Lob und Preis,
die längste Zeit, dass er auch meinen Vater zum Narren machte. Und dass er meine Liebe, wie auch
Toms Liebe, zu hintertreiben versuchte. Dumm und feige wäre es, den Vater diesen Lump nicht
offen sehen zu lassen, wie er in Wahrheit ist, jetzt, wo der Himmel mir die Möglichkeit gibt, ihn
endlich zu packen. Auf meinen Knien danke ich Gott dafür! Und wenn ich die Gelegenheit nicht
nützte, die er in seiner Gnade mir beschert wird, wäre ich es wahrhaftig nicht mehr wert, dass Gott
uns weiterhin beschützte!

Anna.
Milan!

Milan.
Nein, Mama, hindere mich nicht daran. Wie lange, ohne Hoffnung, quälten wir uns beide! Mir tobt
das Herz in wilder Freude, dass ich mich endlich rächen kann! Und darum nutze ich die
Gelegenheit. Siehe: da kommt der rechte Mann zur rechten Zeit!

FÜNFTE SZENE

(Thorstein. Anna. Milan. San Marco.)

Milan.
Papa, zur Begrüßung muss ich dir einen kleinen Zwischenfall erzählen, der dich wahrscheinlich in
Erstaunen versetzt. Verschwenderisch belohnt man dir deine Freundlichkeiten, mit Zinsen zahlt
dieser Herr zurück den Preis für deinen opferbereiten Glauben: sein Eifer geht so weit, dass er dein
Eheglück antasten will und dir deine Ehre als Ehemann rauben. Ich überraschte ihn, wie er meiner
Mutter ganz offen seine sündige Leidenschaft erklärte! Sie freilich nahm in ihrer Güte alles nicht so
schwer:
sie wollte schweigen und verzeihen. Und verwehrte auch mir, davon zu sprechen. Aber ich kann
diese dreiste Schandtat nicht dulden und glaube, dass wir dir die reine Wahrheit schuldig sind.

Anna.
Verirrungen so primitiver Art berühren mich nicht so, dass ich meines Gatten Ruhe stören möchte.
Und wenn sich eine Frau dem Drängen eines Liebhabers keusch widersetzt, wird auch des Gatten
Ehre nicht verletzt. So denke ich. So scheint es mir auch das Rechte.
(Zu Milan.)
Und könntest du dich je meinem Wunsch Mügen, Milan, so hättest du geschwiegen!

(Anna ab.)

SECHSTE SZENE

(Thorstein. Milan. San Marco.)

Thorstein.
Ach Gott! Kann es wahr sein, was ich da hörte?
San Marco.
Ja, Bruder im Herrn, ich bin ein Bösewicht, ein armer gottloser Sünder ohne Scham, ein Lump, auf
Diebstahl, Raub und Mord aus! Es gibt nicht Einen Tag in meinem Leben, den keine böse Missetat
befleckt. Nie wieder wird es einen Menschen geben, der so wie ich in Schimpf und Schande lebt!
Und nun hat Gott mir diesen Tag bestimmt, dass er mich hart in Zucht nimmt. Darum mag man
mich verdammen und verfluchen, ich verneige mich und will mich nicht verteidigen. Oh, glaube
nur alles, was man sagt, und bewaffne dich mit dem heiligen Zorn des Gerechten: selbst wenn man
mich nun aus dem Haus jagt wie einen Dieb, wage ich es nicht. Mich dagegen zu wehren. Die
strengste Strafe, die all meine Sünden sühnen könnte, wäre noch viel milder, als ich sie verdient!

Thorstein.
(zu Milan).
Törichter Bube, wagst du es, mit frechen Lügen die Reinheit seiner Seele anzuzweifeln?

Milan.
Soll sein verlogenes Winseln denn, zum Teufel mit ihm, über die klar bewiesene Wahrheit siegen?

Thorstein.
Schweig!

San Marco.
Verbiete ihm nicht den Mund. Du tust ihm Unrecht, Bruder im Herrn, wenn du mit ihm schimpfst:
bei mir ist es notwendig, Böses mit Bösem zu vergelten. Ich bin ja, wie du hörst, ein Verbrecher.
Und du darfst dich nicht durch mein Äußeres täuschen lassen, geliebter Herzens-Bruder! Immer
trügt der Schein. Warum soll ich denn besser sein als die anderen? Man muss die Dinge klar ins
Auge fassen: Ich bin nur der, für den man mich hier hält. Und gelte ich auch sonst bei allen als
wahrhaft tugendhafter Gotteskrieger: Ich bin ein Schwein in Wahrheit, und nichts weiter.
(Zu Milan.)
Sprich dich aus, mein Sohn, behandle mich nur getrost als Frevler! Nenne mich Schuft, Mörder,
Dieb, Verräter, ich nehme es schweigend hin als meiner Sünden Lohn. Wenn du mit wüsten
Schimpfworten mich überschüttest, will ich in Demut still vor dir knien, denn hab ich hier für meine
Sünden schwer gelitten, so wird mir im Himmel gnädig vergeben.

(Er kniet vor Milan nieder.)

Thorstein.
(zu San Marco)
Das ist zu viel, verehrter Bruder im Herrn!
(zu Milan)
Kann dich gar nichts rühren, Bube?

Milan.
Du lässt dich verführen durch dies leere Geschwätz?

Thorstein.
Halt den Mund, du Hurensohn!
(Er will San Marco helfen, sich zu erheben.)
Erhebe dich bitte, lieber Seelenbruder.
(zu Milan.)
Hurensohn!
Milan.
Wäre es möglich, dass...

Thorstein.
Schweig!

Milan.
Ich kenne mich nicht mehr, so wütend bin ich! Ich will...

Thorstein.
Ein Wort noch von dir und ich breche dir das Genick!

San Marco.
Um Gottes willen, Bruder, mäßige dich! Viel eher treffe mich das schlimmste Übel, als dass Milan
wegen mir Unrecht leiden sollte.

Thorstein.
(zu Milan.)
Du undankbarer Sohn!

San Marco.
Lass ihn in Ruhe! Ich flehe dich kniend um Gnade an für Milan!
(er kniet nieder)

Thorstein.
(wirft sich vor San Marco nieder und umarmt ihn)
Das ist ein Mann! O Gott, das ist ein Mann!
(zu Milan.)
Siehe seine Güte!

Milan.
Güte?

Thorstein.
Schweig!

Milan.
Dieses alberne Getue...

Thorstein.
Schweig! Ich weiß, warum du mich so gegen ihn aufhetzt: ihr alle hasst ihn! und ich sehe jetzt Frau,
Kinder und Gesinde gegen ihn verbündet, und dass ihr jedes Mittel recht findet, dass ihr mir diesen
frommen Mann entfremdet. Aber, je mehr ihr euch darum bemüht, bin ich bestrebt, ihn noch fester
an mich zu binden. Und ärgert sich das ganze Haus auch grün: Ich gebe meine Tochter ihm zur
Frau! Und damit wird der Streit sein Ende nehmen.

Milan.
Du willst meine Schwester zwingen...

Thorstein.
Gewiss. Und um euch alle recht wütend zu machen, findet die Hochzeit noch heute Abend statt!
Euch allen biete ich Trotz. Ihr sollt begreifen, dass ich der Herr im Hause bin. Ich hab es satt, zu
tanzen, wie die andren flöten! Schnell, wirf dich ihm zu Füßen! Auf den Knien wird dir vielleicht
vergeben, du Schelm.

Milan.
Wie? Ich? Vor diesem Hundesohnt, diesem aufgeblasenen...

Thorstein.
Du weigerst dich? Du willst ihn wieder verlästern?
(zu San Marco.)
Rasch eine Rute her! Keine Milde!
(zu Milan.)
Hinaus! Zeige dich nie mehr hier in meinem Haus! Ich rate es dir im Guten: Trau dich niemals mehr
hierher!

Milan.
Ich gehe. Aber...

Thorstein.
Mit uns ist es endgültig aus! Du bist enterbt! Jetzt geht es um Tod und Leben: deines Vaters Fluch
begleitet dich!

(Milan ab.)

SIEBENTE SZENE

(Thorstein. San Marco.)

Thorstein.
Dass ich auch diese Blasphemie noch erleben muss!

San Marco.
Vergebe Gott ihm, wie ich ihm vergebe.
(Zu Thorstein.)
Verstehst du es, Bruder, wie es mich schmerzt, dass man mich gerade bei euch verklagt?

Thorstein.
Ach, Herr!

San Marco.
Schon der Gedanke quält mich sehr, vor dir als ein undankbarer Mensch dazustehen. Mich
schauderts! Der Verdacht ist mir so unerträglich, dass ich daran sterben werde und vor Schmerz
vergehen!

Thorstein.
(läuft, in Tränen ausbrechend, zu der Tür, durch die Milan gegangen ist).
Du Schelm! Warum hab ich dich nicht getötet und dadurch deine Schande wieder gutgemacht?
(zu San Marco.)
Entspanne dich, Bruder, gräme dich nicht!

San Marco.
Wozu länger über diesen Fall reden? Ich sehe, wie viel Unangenehmes durch mich entsteht: darum
ist es meine Pflicht, euch zu verlassen, Bruder.

Thorstein.
Spottest du auch noch?

San Marco.
Man hasst mich hier im Haus. Du siehst doch, wie alle sich bemühen, das Vertrauen zu untergraben,
das du mir in so reichem Maß erwiesen hast.

Thorstein.
Was solls? Schenke ich denn irgendeinem Gehör?

San Marco.
Man wird nicht ruhen, mich anzuklagen! Wird dir morgen wieder etwas zugeflüstert, wirkt die
Verdächtigung vielleicht schon mehr.

Thorstein.
Nein, nie, mein Freund!

San Marco.
O Bruder, eine Frau kennt jeden Weg zum Herzen ihres Mannes!

Thorstein.
Ich schwöre dir...

San Marco.
Bitte, lass mich gehen! Ich möchte keinen Anlass zu Verdächtigungen geben.

Thorstein.
Bleib, Freund! Es geht um mein ewiges Leben.

San Marco.
Nun denn: so opfere ich mich auf für Gott! Doch wenn du willst...

Thorstein.
Gott sei Dank!

San Marco.
Kein Wort mehr darüber. Dann aber wollen wir von jetzt an lieber auf wachsam sein, denn des
Gatten Ehre ist verletzlich. Und die Freundespflicht gebietet mir, dass ich mit deiner Frau nicht Ein
Wort mehr rede: so, als ob sie nicht vorhanden wäre; damit wir auch nur den bösen Schein
vermeiden, um jeden Argwohn an der Wurzel zu beschneiden.

Thorstein.
Im Gegenteil! Um allen Leuten Trotz zu bieten, sollst du immer um sie sein! Nichts wird mich
inniger freuen, als wenn sie alle toben, schreien und wüten! Und mehr noch: um sie alle tödlich zu
verwunden, bin ich entschlossen, dich als meinem Erben einzusetzen. Darum gehe ich jetzt auf der
Stelle zum Notar, um dir all mein Hab und Gut zu übereignen! Gern will ich alles, was mir früher
das Liebste war, Sohn und Frau, verleugnen, um einen wahren Herzensfreund, der obendrein mein
Schwiegersohn wird, ganz an mich zu fesseln! Nun, lieber Bruder? Willigst du ein?
San Marco.
Gott wird mich stets bereit zu allem Guten finden.

Thorstein.
Du Guter! Warum also Zeit verlieren? So sei es: mögen alle auch vor Neid vergehen!

VIERTER AKT

ERSTE SZENE

(Klaus. San Marco.)

Klaus.
Man spricht schon in der ganzen Stadt darüber, und der Skandal, der jeden aufregt, wird nicht zu
deinen Gunsten ausgelegt. Und darum war es mir um so lieber, dass ich dich hier noch traf und dir
Mann zu Mann ganz offen meine Meinung sagen kann. Ich will mich nicht mit all dem
auseinandersetzen, was man sich überall erzählt: Ich höre kaum hin und lasse die Leute schwatzen.
Doch hätte sich Milan auch schwer versündigt und dir diese Schandtat fälschlich zugeschoben, wäre
es dann nicht Christenpflicht, ihm zu verzeihen, statt sich in böser Rache auszutoben? Kann es denn
ernsthaft deine Absicht sein, dass hier ein Sohn, mag er auch deinen Groll verdienen, seines Vaters
Haus verlassen muss? Ich sage es dir ungeschminkt und frei heraus: Es ergreifen alle gegen dich
Partei! Und könnten meine Worte dich bewegen, so rate ich dir, treib es nicht zu toll und sei
bemüht, den Streitfall zu schlichten. Leg alle Rache und allen Hass auf den Altar der Caritas Divina
nieder, und gib den Sohn dem Vater zurück!

San Marco.
Mein Gott, wie herzlich gerne täte ich das! Ich hege gegen ihn nicht den geringsten Groll: Ihm ist
vergeben, mein Herz ist frei von Hass. Gern machte ich das Maß der Gnade übervoll, dann aber
würde Gottes Wille nicht geschehen, denn wenn er wiederkommt, ist es an mir zu gehen. Nach
seinem unerhörten Angriff gegen mich kann ich unmöglich noch mit ihm zusammenleben. Das
würde dem Geschwätz nur neue Nahrung geben, denn alle Leute würden sicherlich denken, ich
triebe ein hinterlistiges Gaukelspiel! Natürlich fühlt sich der Kerl schuldig, würde man sagen, und
nur darum heuchelt er nun Mitgefühl mit seinem Widersacher, denn im tiefsten Grunde hat er Angst
vor ihm: er lässt ihn jetzt nur gehen, um dadurch sich sein Schweigen zu erkaufen.

Klaus.
Nein, diese Gründe leuchten mir nicht ein, die sind an den Haaren herbeigezogen. Und was,
verehrter Herr, hat dich bewogen, in dieser Sache Gottes Staatsanwalt zu sein? Hat Gott dich um
deinen Beistand gebeten, um einen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen? Du solltest dich um
Besseres bemühen, als hier des Himmels Interessen zu vertreten, stattdessen aber immer daran
denken, dass Gott uns nur vorschreibt, unseren Schuldigern zu verzeihen, denn wenn du nur nach
Gottes Willen lebst, kann ein Menschenurteil dich nicht treffen oder kränken. Du willst also eine
gute Tat nicht wagen, aus Angst, was andere Leute dazu sagen? Nein, keine Sorge, mein Herr! Tun
wir, was Gott gefällt, sind wir erhaben über jedes Urteil der Leute!

San Marco.
Ich sagte dir doch, dass ich ihm gern vergebe, und das ist es, was der Himmel mir befiehlt. Jedoch
er fordert nicht, dass ich mit dem zusammenlebe, der mir, wie er es tat, die Ehre kränkt.
Klaus.
Das nimm seelenruhig als Gottes unanzweifelbaren Ratschluss hin, dass dir sein Vater in
verbohrtem Eigensinn sein ganzes Hab und Gut verschreiben möchte, obwohl es Recht und Anstand
verbieten würden, dieses unverdiente Erbe anzutreten.

San Marco.
Nie käme einer, der mich wirklich kennt, auf den Gedanken, ich wollte mich selbst bereichern! Mir
liegt es fern, Güter dieser Erde zu sammeln, nie brachte mich ihr trügerischer Glanz zum Stolpern!
Und wenn ich mich trotzdem entschlossen habe, die Schenkung seines Vaters anzunehmen, so
brauche ich mich meiner Gründe nicht zu schämen. Denn es geschah aus Angst, dass diese
Gottesgabe sonst in die Hände unwürdiger Menschen fiele, die damit in gotteslästerlichem
Glücksspiel den bösesten Missbrauch trieben, statt sie, wie es mir vom Himmel vorgeschrieben ist,
zu Almosen und wohltätigen Spenden nach Gottes gütigen Geboten zu verwenden.

Klaus.
Ich glaube, diese Angst, mein Herr, ist unbegründet, zumal sie darin ihren Ausdruck findet, dass
man den rechtmäßigen Erben um sein Gut betrügt! Wenn dir selbst an Geld nichts liegt, wäre es
besser, diese Sorgen dem zu überlassen, der das Vermögen seines Vaters erben sollte. Und triebe er
es später noch so toll, ja, sollte er es unwürdig verschwenden, wäre das noch immer besser, glaube
ich, als dass man glaubt, du hättest es ihm mit Lug und Trug gestohlen! Ich glaube, dein Gewissen
müsste dich schon daran hindern, den Vorschlag seines Vaters auch nur zu erwägen: Wie kann ein
heiliger Mann nur den Gedanken hegen, den vom Gesetz bestimmten Erben auszuplündern? Und
kannst du nun mit Milan nicht mehr zusammenleben, weil du ihn in tiefster Seele hasst, kann es für
dich doch nur den Einen Ausweg geben, selbst dieses Haus hier schnell zu verlassen. Du wirst doch
nicht wollen, dass zum Ende der Sohn des Hauses dir weichen muss? Nur so, mein Herr, beweist du
es mir, dass du ein edler Mensch bist!

San Marco.
Schon halb vier! Da muss ich leider, denn mich rufen heilige Aufgaben, auf die Weiterführung
unseres Gesprächs verzichten.

(San Marco ab.)

Klaus.
(allein)
Hol dich der Teufel!

ZWEITE SZENE

(Anna. Valea. Klaus. Kolumbine.)

Kolumbine.
(zu Klaus)
Ach, hilf uns!
(Auf Valea deutend.)
Diese Ärmste will vor Todesangst vergehen und ist sehr verzweifelt, denn ihr Vater will heute
Abend noch den Ehebund mit diesem Schuft besiegeln. Kommt er nicht schon? Wir müssen nun
unbedingt alle Willenskraft zusammenfassen und dürfen, was auch geschieht, nicht lockerlassen, bis
es uns, sei es mit List, sei es mit Gewalt gelingt, die Wahnsinnstat an Mutter, Frau und Kindern in
letzter Stunde zu verhindern!
DRITTE SZENE

(Thorstein. Anna. Valea. Klaus. Kolumbine.)

Thorstein.
Ich freue mich, dass ihr Schönen so schön beisammen seid.
(zu Valea.)
Für dich, meine Tochter, hab ich hier ein Schriftstück, das dir erwünscht sein wird, du weißt, was es
enthält.

Valea.
(wirft sieh ihm zu Füßen)
Im Namen Jesu flehe ich dich an, der sieht, welch ein wilder Schmerz mein Innerstes zerreißt, bei
allem, was dein Herz bewegen kann, Papa: Bestehe dies eine Mal nicht mitleidlos auf deine Rechte
als Vater! Erlöse mich von der bitteren Qual der Tochter, dier so gern gehorchen möchte. Oh, lass
nicht zu, dass ich inf meines Lebens Blüte die schönste Kindespflicht wie einen Fluch erdulden
muss, und mach mir dieses Leben, das ich dir und Mama verdanke, nicht durch deine Herzenshärte
zur Hölle! Darf ich die süße Hoffnung nicht mehr nähren, die ich so lange treu im Herzen trug, dem
einzigen, den ich liebe, vereinigt zu werden, so sei es damit der Leiden genug. Auf meinen Knien
appelliere ich an deine Güte, Papa: zwinge mir diesen Mann nicht auf, den ich im innersten Herzen
hassen muss und niemals lieben werde! Und wenn du taub und unerbittlich bleibst, wird die Gewalt
mich zur Verzweiflung treiben!

Thorstein.
(der sich weich werden fühlt, für sich)
Bleib hart, mein Herz, nur keine menschlich-törichte Schwäche!

Valea.
Ich weiß, du schätzt ihn sehr. Dem widersprech ich nicht und achte deine Ansichten. Verschwende
an ihn nur alle Liebe, alle Zuneigung, ja, schenke ihm ruhig dein Vermögen und meins noch dazu,
wenn es sonst nicht genügt. All das verstehe ich, das kann mich nicht aufregen, solange man nicht
herrisch über mich verfügt. Darum lass mich lieber im Kloster in strenger Klausur den Rest des
Daseins, das mir noch gegönnt ist, vertrauern...

Thorstein.
Da sieht man ja, wie du dich gehen lässt! Sagt mal der Vater Nein zum ersten besten Freier, spricht
gleich so ein dummes Mädchen vom Kloster. Steh auf! Willst du dein Leben ganz dem Himmel
weihen, gibt diese Ehe dir die schönste Möglichkeit dazu: Je weniger du ihn liebst, desto mehr
kannst du das Fleisch kasteien.
Nun aber lass mich in Ruhe!

Kolumbine.
Das wäre...

Thorstein.
Schweig und quatsch nicht dazwischen. Du hast kein Recht, dich hier einzumischen.

Klaus.
Ob denn in dieser Angelegenheit mein Ratschlag offenere Ohren findet?

Thorstein.
Dein Rat ist mir lieb zu jeder Zeit, Schwager, er ist immer wohl begründet. Ich gebe viel darauf.
Aber, wenn du erlaubst, ich möchte heute nur mir selber glauben.

Anna.
Ich steh wie vor den Kopf geschlagen da und kann nur über deine Blindheit staunen. Wie kannst du
nur, trotz all deiner Launen, verleugnen wollen, was tatsächlich hier geschah?

Thorstein.
Ich weiß, was man will, dass ich es glaubel, doch weiß ich auch, wie blind du diesem missratenen
Sohn in Affenmutterliebe zugetan bist! Darum schwiegst du und gingst, aus Angst, dass der
gerechte Lohn dem schlimmen Verrat folgt, den er an diesem heiligen Mann begehen wollte. Nur
deshalb warst du auch so ruhig, als ich kam, denn hätte San Marco in Wahrheit das gewagt,
weswegen dieser Bube ihn verklagt, so hättest du dich selbst nicht mehr gekannt vor Scham!

Anna.
Muss man denn immer, wenn ein dumm-verliebter Bube in seiner Leidenschaft den Mund nicht
halten kann, gleich eine große Szene daraus machen mit Tränen und Tiraden? Ich ziehe es vor,
darüber still zu lächeln, statt alle Welt zum Zuschauen einzuladen. Man kann seine Ehre ohne
Wutausbrüche verteidigen: Ich liebe jene wilden Weiber nicht, die, wenn sie nur ein frisches Wort
hören, gleich bereit sind, jedem ins Gesicht zu springen, um mit Zähnen und mit Krallen ihm die
Augen auszukratzen! Behüte mich Gott vor dem verlogenen Getue, das eine Frau zum Drachen
ihrer Tugend macht! Gibt man nur sorgsam auf sich selber acht, kann man mit kühler Ruhe und
ohne häusliche Skandale sich jeden Frechdachs vom Hals halten.

Thorstein.
Ich weiß Bescheid! Mir macht man hier nichts vor!

Anna.
Das ist ein Starrsinn, den ich nicht mehr fassen kann! Sag mir, mein Lieber, gäbst du San Marco
auch dann nicht auf, wenn ich seine Annäherungsversuche dich mit eigenen Augen sehen ließe?

Thorstein.
Mit eigenen Augen?

Anna.
Ja.

Thorstein.
Halluzinationen!

Anna.
Nehmen wir mal an, ich zeigte dir alles in klarem Licht?

Thorstein.
Blablabla!

Anna.
Was ist das für ein Mann! Antworte mir doch wenigstens. Ich rede nicht, um dich von meiner
Ehrlichkeit zu überzeugen. Doch nehmen wir an, du könntest am gegebenen Ort den ganzen Vorfall
selbst mit ansehen und ihn Wort für Wort verfolgen: würdest du dann auch noch der Ansicht sein,
dein Schützling sei ein reiner Gotteskrieger?
Thorstein.
Dann sage ich... Ach was! Geschwätz! nichts weiter! Denn das ist einfach nicht möglich.

Anna.
Nun wird es Zeit, dass man dich von deinem Wahnsinn befreit! Und außerdem ist es mir
unerträglich, dass man mich hier vor aller Welt der Lüge bezichtigt. Darum muß ich jetzt ein
Schauspiel inszenieren, um ihn im wahren Licht vorzuführen.

Thorstein.
Ich nehme dich beim Wort. Tu, was du willst. Man wird ja sehen, ob du dein Versprechen erfüllen
kannst!

Anna.
(zu Kolumbine)
Ruf ihn her.

Kolumbine.
Der Kerl ist schlau und wird sich nicht leicht ertappen lassen.

Anna.
(zu Kolumbine)
Nur keine Angst! Denn wenn ein Mann verliebt ist, nützt ihm keine Klugheit, weiß man ihn nur
richtig anzufassen. Und dem da dreht seine Eigenliebe einen Strick! Geh, hol ihn her.
(zu Klaus und Valea)
Und ihr, zieht euch zurück.

(Kolumbine, Klaus und Valea ab.)

VIERTE SZENE

(Anna. Thorstein.)

Anna.
Rück diesen Tisch her und versteck dich unter ihm.

Thorstein.
Ich sollte...

Anna.
Selbstverständlich musst du dich verstecken.

Thorstein.
Warum denn gerade unterm Tisch?

Anna.
Nur munter! Wie das gemeint ist, wirst du bald merken. Das eine merk dir: alles kommt darauf an,
dass er dich weder sieht noch hört!

Thorstein.
Das geht mir eigentlich zu weit. Trotzdem, ich will wissen, was du vorhast.
Anna.
Du wirst dich besser amüsieren, als du ahnst.
(Nachdem Thorstein sich unterm Tisch versteckt hat.)
Ich werde im Gespräch manchen heiklen Punkt berühren, du wirst auch sehr gewagte Worte von
mir hören, doch all das darf dich nicht empören. Um ihm die Maske vom Gesicht zu reißen und dir
den Kerl im wahren Licht zu zeigen, muss ich ihn verführerisch willkommen heißen und tun, als
wäre ich ganz sein. Doch da ich die Komödie nur deinetwegen in Szene setze und mich seinem
Wunsch nur scheinbar füge, kann ich dieses kleine Spiel der Llüge beenden, sobald dir klar ist, wie
sehr du dich in ihm getäuscht hast und dass wahr ist, was dir Milan erzählte. Du sollst selbstz
entscheiden, wann es Zeit ist, zuzupacken, um mich nicht allzu lange der verliebten Begierde des
schamlosen Lüstlings auszusetzen, die ich für dich erdulde, um dir das Phantom deines Wahnsinns
zu zerreißen. Du führst dieses Spiel, du hältst Gericht. Und wenn… Er kommt! Sei still und rühr
dich nicht.

FÜNFTE SZENE

(San Marco. Anna. Thorstein unter dem Tisch.)

San Marco.
Du hasst mich gerufen, sagte man mir?

Anna.
So ist es: ich möchte dir etwas anvertrauen. Doch möchte ich dich bitten, erst die Tür fest zu
verriegeln und sorgfältig nachzuscehen, ob diesmal niemand da ist, der uns stört.

(San Marco geht zur Tür, schließt sie ab und kehrt zurück.)

Anna.
Wir beide haben schließlich andere Sorgen, als Szenen zu erleben wie heute morgen, denn dieser
Auftritt war ja unerhört! Vor Angst um dich war ich am Anfang wie gelähmt. Und wenn ich mich
auch mühte, wie du gesehen, Milan im Zaum zu halten und die Sache gütig beizulegen, war ich
doch zu tief beschämt, um alles zu leugnen. Gott sei Dank, schließlich ist doch noch alles
gutgegangen, und wir sind sicherer, als wir es je verlangen und träumen konnten! Weil mein Mann
blind und krank vor Ehrfurcht dir gegenüber ist, ging das Gewitter an uns vorüber, und kein Blitz
schlug ein, im Gegenteil, um diese Tugendritter zu ärgern, sollst du jetzt immer um mich sein! So
guckt uns keiner mehr in unsere Karten, wir können jetzt ruhig die Tür verriegeln, und ich darf dir
auch mein Herz aufschließen, wenn du das auch vielleicht nicht mehr erwartest.

San Marco.
Ja, ich gestehe, Liebe Frau, ich bin verwundert, denn heute morgen warst du nicht halb so gut
gelaunt.

Anna.
Wie wenig kennst du die Weiber, wenn ein schwaches Nein dich schon beleidigt! Du ahnst, worauf
wir Weiber vor Verlangen brennen, wenn eine Frau so schwächlich sich wehrt. Die Scham hindert
uns in solchen Augenblicken, uns dem Geliebten ganz zu offenbaren, und lodert unser Herz auch
vor Wonne, wollen wir doch wenigstens die Haltung bewahren. Wir sagen entrüstet: Nein! Aber am
Ton, in dem wir es sagen, erkennt der Mann, dass es ein Ja bedeutet, dem nur unsere Lippen sich
eine Weile verschließen. Und dieser Widerstand, den der Mann heimlich genießt, verspricht schon
alles! Ich weiß: nun müsste ich mich selber hassen, dass ich dich ins Herz der Frauen blicken
gelassen habe! Zu spät, nun habe ich das Wort schon gesprochen. Glaubst du, ich hätte, um Milan
zu zügeln, mir die Zunge gebrochen, ich hätte, ohne wütend zu werden, dir geduldig zugehört, als
du mit glühenden Worten mir deine Liebe erklärtest, kurz: ich hätte dir nicht sofort das Wort
verboten, hätte ich all dies nicht gern gehört? Was trieb mich denn dazu, dich mit aller Kraft von der
Heirat mit Valea abzubringen, wenn nicht die eigene, nur geheim gehaltene Leidenschaft? Und
darum will es mir auch nicht gelingen, gleichmütig zuzugucken, wie durch diese Ehe, die nun
beschlossen ist, mir meine älteren Rechte auf Liebe geraubt werden und ich aus eines Mannes Nähe
vertrieben werde, den ich allein ganz für mich haben will!

San Marco.

O Liebe Frau, welche himmlische Seligkeit birgt diese Beichte aus deinen geliebten Lippen! Alle
meine Sinne segnen diese Stunde in nie gekannter, nüchterner Trunkenheit! Mein ganzes Herz in
dein Herz zu legen, bedeutet mir das höchste Glück auf Erden. Doch plötzlich taumle ich in
wahnsinniger Angst zurück, weil sich, verzeih mir, Zweifel regen: Es könnte sein, dass du mich nur
mit kleinen Lügen blendest, um Valeas Heirat abzuwenden? Ich kann, darf ich diese Angst in Worte
fassen, die kaum erhoffte Wirklichkeit nicht begreifen, ehe du mich nicht die süßen Freuden der
begehrten Liebe kosten lässt und mich durch diese Gnaden verpflichtest, auf die Ehe mit Valea zu
verzichten!

Anna.
(hustet, um Thorstein zum Eingreifen zu veranlassen)
Mein Gott! Verlangst du, dass auf den ersten Angriff die Burg sich bedingungslos ergibt? Man ringt
sich die Beichte ab, dass man dich liebt, und das ist noch nicht genug? Muss ich denn sofort, um
dein Vertrauen zu verdienen, das Liebesopfer der Ganzhingabe bringen?

San Marco.
Wenn man sich einer Gnade so wenig würdig fühlt, wagt man auch kaum, sie wirklich zu erhoffen,
und kann es nicht glauben, das bekenne ich, ehe man nicht mit den Engeln Harfe spielt! So wenig
glaube ich, deine Gnade zu verdienen und das angestrebte Ziel der Vereinigung je zu erreichen, dass
nur ein handfestes Zeichen, o Liebe Frau, von dirn mich von der Wahrheit überzeugen kann.

Anna.
Du bist ein Tyrann in deiner Liebe! Und mein Herz ergreift Verwirrung und Drangsal, wenn du so
gewaltsam in einem Siegeszug erobern willst, was sonst nur langsam reift. Gibt es denn keinen
Schutz vor deinem Drängen, dass man nicht einmal Atem holen kann? Ich fühl mich wie in eines
Tigers Klauen! Du legst es ja mit Gewalt darauf an, die Schwachheit meines Fleisches auszunutzen,
um mich zur heiligsten Hinghabe zu verführen!

San Marco.
Ist dir wirklich auch ums Herz so heiß, warum verweigerst du mir die Bestätigung?

Anna.
Und wie verantworte ich das vor Gott dem Herrn, dessen Gebot der Keuschheit du uns ständig
lehrst?

San Marco.
Ist das der einzige Grund, weshalb du dich noch wehrst, erlöse ich dich von diesen Skrupeln, sie
sollen unsere Wonne nicht länger aufhalten!

Anna.
Droht Gottes Strafe nicht auch Liebessündern?
San Marco.
Von diesen skrupulösen Ängsten, Schönste, kann ich dich spielend-leicht befreien. Der liebe Gott
verbietet, nimmt man es sehr genau, uns zwar gewisse Dinge, die das Herz erfreuen, doch lässt er
selbstverständlich auch in besonderen Fällen mit sich handeln: man kann, und das ist eine
Theologie für sich, die Sünde selbst in eine gute Tat verwandeln, indem man sie reinen Herzens
begeht und beim Sündigen Gottes Gnade erfleht. Du wirst diese höhere Weisheit bald begreifen,
wenn du dich gläubig von mir führen lässt. Vergiss die törichte Angst! Sündige tapfer, aber glaube
noch tapferer! Bist du erst mein, soll alles andere meine Sorge allein sein.
(Anna hustet heftig.)
Bist du erkältet, Gnadenvolle?

Anna.
Ich leide unsäglich!

San Marco.
Wie wäre es mit einem Stück Lakritz?

Anna.
Für diesen bösen Husten, daran ich kranke, ist eine Heilung kaum möglich.

San Marco.
Wie traurig!

Anna.
Trauriger, als du dir vorstellen kannst.

San Marco.
Um dir einen Weg aus deinen Hemmungen zu bahnen, darf ich beteuern, dass ich verschwiegen bin.
Und schließlich sündigt man im tiefsten Sinne nur dann, wenn es die böse Welt erfährt:
geheime Sünde ist nicht zu tadeln.

Anna.
(nachdem sie nochmal laut gehustet und heftig auf den Tisch geschlagen hat)
Ich sehe ein, ich kann nicht länger widerstehen und will mich deinen Wünschen ergeben, denn
anders wirst du dich nicht zufriedengeben und vom Verdacht frei werden, ich wollte dich belügen.
Zwar wird mir das, weiß Gott, sehr bitter, denn so war es wirklich nicht gemeint. Doch da du es
forderst, da ich, wie es scheint, dich mit Worten nicht überzeugen kann und du auf meinem
Beischlaf bestehst: nun gut, so soll es geschehen. Wenn ich mich dadurch einer Sünde schuldig
mache, fällt sie auf den zurück, der sie erzwang, und alles andere ist nun deine Sache!

San Marco.
Ja, Gnadenreiche, so soll es mein Leben lang sein.

Anna.
Schnell, öffne die Tür und sieh dich um, ob nicht draußen auf dem Flur mein Mann schleicht.

San Marco.
Nicht nötig, denn er ist so dumm, dass man ihm sorglos auf der Nase herumtanzen kann! Ich habe
ihn so weit gebracht, dass er nichts glaubt, mag er es auch selbst sehen. Und dass man ihn zum
Narren macht, wird unsren heimlichen Genuss erhöhen.

Anna.
Ich bitte dich trotzdem, geh schnell und guck, ob wir hier sicher sind!

(San Marco ab.)

SECHSTE SZENE

(Thorstein. Anna.)

Thorstein.
(unterm Tisch hervorkommend)
Ist das ein furchtbarer Kerl! Ein Schwein! Das überlebe ich nicht, das bricht mir das Herz.

Anna.
Du zeigst dich schon? Du scherzt? Rasch wieder ins Versteck, es ist noch viel zu früh! Solche
harmlosen Gespräche bringen dich schon aus der Ruhe? Nein, warte noch: dann hast du die
Beweise.

Thorstein.
Der Kerl ist eine Ausgeburt der Hölle!

Anna.
Wie leicht bereut man später schnell. Urteile gerecht! Übereile nichts und lerne still sein, bis dich
die Tatsachen endgültig überzeugen.

(Sie hört San Marco kommen und verbirgt Thorstein hinter sich.)

SIEBENTE SZENE

(San Marco. Anna. Thorstein.)

San Marco.
(ohne Thorstein zu bemerken)
Ich gratuliere uns, Gnadenreiche, die Sache glückt! Ich habe überall mich umgesehen: kein Mensch
weit und breit. Ich bin entzückt!

(Während er mit ausgebreiteten Armen auf Anna zugeht, um sie an sich zu ziehen, tritt Anna rasch
beiseite, so dass er sich Thorstein gegenübersieht.)

Thorstein.
(tritt ihm entgegen)
Sachte, sachte! Nicht so wild aufs Ganze mit deinen leidenschaftlichen Begierden! O Gott! das also
ist der fromme Mann, der sich nicht schämt, sich damit zu brüsten, dass er mir auf der Nase
herumtanzen kann! Wie leicht du doch dein Gleichgewicht verlierst: meine Tochter will er zur Frau
und meine Frau verführen! Ich Dummkopf trottete da blind umher und ließ die Warnenden seine
Sünden büßen. Doch nach dem Schauspiel, das du mich hier hören ließest, verzichte ich auf weitere
Beweise.

Anna.
(zu San Marco)
Was hier geschah, geschah nicht nach meinem Willen: Du zwangst mich, dein Treiben zu
offenbaren.

San Marco.
(zu Thorstein)
Du könntest glauben...?

Thorstein.
Schluss damit! Das Spiel ist aus! Kein Wort mehr, Mann. Verlass mein Haus!

San Marco.
Ich wollte doch nur...

Thorstein.
Reden hat hier keinen Zweck mehr. Marsch, sag ich, scher dich zum Teufel!

San Marco.
Wenn einer von uns beiden dieses Haus verlässt, so wirst du es sein, Kerl, das steht fest. Dies Haus
ist mein Eigentum. Vergebliches Bemühen, einen Streit vom Zaun zu brechen und meine Ehre in
den Schmutz zu ziehen! Ich habe Mittel, mich für diese Beschimpfung zu rächen, die man mir mit
diesem frivolen Streich, und damit auch Gott zugleich, hier angetan hat! Du wirst es noch bereuen,
dass du wagst, mich wie einen Dieb aus dem Haus zu jagen!

(San Marco ab.)

ACHTE SZENE

(Anna. Thorstein.)

Anna.
Was redet dieser Kerl? Was sagt er da?

Thorstein.
Verfluchter! Da gibt es nichts zu lachen!

Anna.
Warum?

Thorstein.
Ich war ein Tor, wie mein Name sagt! O Gott! Was soll ich machen? Das Erbe quält mich und was
noch geschah.

Anna.
Das Erbe?

Thorstein.
Das ist ein für allemal geschehen. Und doch ist das das Schlimmste nicht, was an mir nagt.

Anna.
Was dann?
Thorstein.
Ich sag es dir später. Lass mich erst mal sehen, ob die Kassette meines Freundes nicht
verschwunden ist.

FÜNFTER AKT

ERSTE SZENE

(Thorstein. Klaus.)

Klaus.
Wo willst du hin?

Thorstein.
Weiß ich es?

Klaus.
Mir scheint, es wäre an der Zeit, dass wir vereint beraten, was man jetzt noch machen kann.

Thorstein.
Ich bin verzweifelt! Alles ist verloren! Hätte ich wenigstens noch die Kassette!

Klaus.
Und was für ein Geheimnis liegt darin?

Thorstein.
Mein armer Freund gab sie mir in Verwahrung, als er aus unsrem Land flüchten musste: mich
wählte er aus seinen Freunden als den Verlässlichsten, weil er wusste, von diesen Dokumenten, die
er mir gegeben, hängt alles für ihn ab, sogar sein Leben!

Klaus.
Und dies Vertrauen hast du verraten?

Thorstein.
Weil ich Gewissensbisse hatte, hab ich den Scheißkerl ins Vertrauen gezogen, der mich mit
schlauen Reden dazu verführte, seinen Händen die Kassette zu übergeben, um selber nicht mehr in
Gefahr zu sein. Er meinte, käme die Sache vor Gericht, könnte ich ruhig den Besitz leugnen, und es
belaste auch mein Gewissen nicht, mit einem Eid der Strafe zu entgehen.

Klaus.
Ah weh, das sind böse Dinge: jetzt hast du den Kopf fest in der Schlinge! Wer so viele Trümpfe in
den Händen hat, kann schon ein riskantes Spielchen wagen. Von dir aber war es doppelt dumm, ihn
wegzujagen, da du doch wusstest, dass das Blatt für dich verteufelt schlecht stand. Und du hättest
versuchen müssen, alles zu schlichten, um wenigstens den letzten Rest zu retten!

Thorstein.
Mit diesem Schwein, der nur des Geldes wegen vor mir den gottergebenen Büßer spielte, auch noch
verhandeln? Bettelarm hab ich ihn aufgenommen! Jetzt soll mir nochmal so ein frommer Bruder in
Christo nahetreten: ich will verdammt sein, wenn ich Freundschaft fühle! Ich werde grausam wie
der Teufel zu ihm sein.
Klaus.
Warum nur immer alles übertreiben? Nein, du musst endlich lernen, Maß zu halten, statt von der
einen Torheit in die andere zu fallen. Nur die Vernunft kann die Welt schön gestalten. Du musstest
einsehen, dass du in die Krallen eines verfluchten Scharlatans geraten warst. Muss man darum das
Kind gleich mit dem Bade ausschütten, um nun mit jedem wahren Gottesmann zu verfahren, als
wäre er schuld dran, dass du Schaden gelitten hast? Nur weil ein Schalk dich mit seinen Torheiten
hinters Licht geführt hat, willst du echten Gottesglauben verneinen und den verdammen, dem dein
ewiger Dank gebührt? Nein, derart dumme Konsequenzen mag irgendein vernagelter Freigeist
ziehen:
Du aber solltest dich fortan anstrengen, Scheinheiligkeit von wahrer Heiligkeit zu unterscheiden.
Nie darf man sein Vertrauen wahllos und blind verschenken, wer von der geraden Straße abweicht,
hat sich bald verirrt. Man muss auf der Hut sein, wenn ein Heuchler uns beschwatzt, und doch an
den wahren Gläubigen gerne denken. Statt einen Unschuldigen zu verwunden, sollte man eher mal
auf eine falsche Karte setzen.

ZWEITE SZENE

(Thorstein. Klaus. Milan.)

Milan.
Papa, ist es wirklich wahr, dass dieses Arschloch es wagt, dich zu bedrohen? Will er wirklich ohne
Anstand in frechem Übermut mit roher Gewalt deine Wohltaten belohnen?

Thorstein.
Ja, mein lieber Sohn! Ich muss mich selbst anklagen.

Milan.
Ich werde ihn verprügeln! Ihm gegenüber weich zu werden, wäre töricht. Aber um dich von dieser
Hundeseele zu befreien, gibt es noch ein besseres Mittel: Ich bring ihn um!

Klaus.
So tobt sich die Jugend immer maßlos aus! Nein, junger Freund, mäßige dich, denn über die
Blutrache sind wir hinaus. So was ist heutzutage nicht mehr Sitte, und es ist auch gefährlich, selbst
zu richten!

DRITTE SZENE

(Frau Doris. Thorstein. Anna. Klaus. Valea. Milan. Kolumbine.)

Mutter Doris.
Was hör ich da für schreckliche Geschichten?

Thorstein.
Ich muss es diesmal leider selbst bezeugen, was mir der Kerl als Dank für meine Güte tat. Voller
Mitleid half ich ihm aus seiner Not, ich nahm ihn auf, und was ich hatte, war seins. Er durfte wie
mein Bruder mit mir leben, ich tat, was man für seinen besten Freund tut, ich wollte ihm meine
Tochter zur Ehefrau geben und übertrug ihm all mein Hab und Gut: und nun sah ich den
Schalksknecht begehren, meine Frau heimlich zu verführen! Aber damit nicht genug: frech nutzt er
mein Vertrauen und meine hirnverbrannte Bruderliebe aus, um darauf seine dunklen Pläne
aufzubauen. Vertreiben will er mich aus meinem eigenen Haus. Ich soll so arm sein, wie er selbst
gewesen, als ich ihn von der Straße auflas.

Kolumbine.
Der Gute!

Mutter Doris.
Nein, ich kann es nicht glauben, mein Lieber, dass er solch eines Verbrechens fähig wäre.

Thorstein.
Oho!

Mutter Doris.
Auf den Gerechten lauern Hohn und Spott!

Thorstein.
Was soll das heißen? Kommst du mir auch noch in die Quere, Mama?

Mutter Doris.
Das soll heißen, dass man hier im Haus kein gottgefälliges Leben führt und ihn deshalb verfolgt mit
neidischem Hass.

Thorstein.
Und wenn es so wäre, löscht das etwa aus, was hier geschehen?

Mutter Doris.
In deiner Kindheit war meine Lehre stets: Nichts in der Welt ist so verhasst wie wahrer Glauben, die
Neidischen sterben, aber der Neid stirbt nie!

Thorstein.
Was soll das? Geschehen ist geschehen.

Mutter Doris.
Man ließ doch wirklich alle bösen Zungen auf dich los!

Thorstein.
Ich sagte doch: Ich hab es selbst geschaut!

Mutter Doris.
Die Bosheit der Lästermäuler groß!

Thorstein.
Du quälst mich, Mama. Lass dir sagen, das ich, ich, Zeuge dieser Schande gewesen!

Mutter Doris.
Das Gift, das die Lästerzungen zu uns tragen, bringt auch den Stärksten in Lebensgefahr.

Thorstein.
Das ist doch purer Wahnsinn! Nein, ich hab es gesehen! Mit eigenen Augen hab ich es gesehen.
Muss ich dir das denn noch und noch in die Ohren schreien, dass du es verstehst?

Mutter Doris.
Lieber Gott! Wer nur danach urteilt, was er sehen kann, der täuscht sich immer: Das ist ein altes
Lied.

Thorstein.
Ich platze vor Wut!

Mutter Doris.
Misstrauen ist dem Menschen angeboren, und Gottes Wille ist oft geheimnisvoll.

Thorstein.
So hat ihn Gott vielleicht dazu erwählt, dass er mir meine Ehefrau verführt?

Mutter Doris.
Wer seinen Nächsten wegen einer Sünde anklagen will, muss dafür triftige Gründe haben. Und
darum hättest du gottergeben abwarten müssen, bis die Gründe sich klar ergaben.

Thorstein.
Verdammt! Verlangst du noch bessere Beweise? Abwarten sollte ich wohl, bis er vor meinen Augen
meine Frau vögle? Was rede ich! Du bringst mich noch völlig um den Verstand!

Mutter Doris.
Ach was, er ist ein frommer Mann, einer der Stillen im Lande. Darum will ich es nicht glauben und
nicht hören, dass man ihm etwas vorwirft, was einfach nicht wahr ist.

Thorstein.
O Gott! Wenn du nicht meine Mutter wärst, ich wüsste nicht, was ich in meiner Wut jetzt täte...

Kolumbine.
(zu Thorstein)
Ja, so rächt sich alles, was man tut. Heute morgen wolltest du uns nicht glauben, und jetzt, jetzt
glaubt man dir nicht.

Klaus.
Mit diesem unsinnigen Wortgefecht rauben wir uns die letzte Möglichkeit, dem Bösen die
finmsteren Pläne zu durchkreuzen.

Milan.
Wie? Du nimmst an, dass er in seiner Perfidie es wirklich wagen könnte...

Anna.
Nein, das kann nicht sein. Sein Undank wäre allzu offensichtlich.

Klaus.
(zu Thorstein)
Verlass dich nicht darauf, denn er wird kein noch so gemeines Mittel scheuen, um gerichtlich mit
tausend heimtückischen Winkelzügen zu seinem Raub zu kommen und uns kleinzukriegen. Vor
kurzem schon sagte ich es dir ehrlich: Da du ihm die Waffen geliefert hast, war es sehr dumm und
leider auch gefährlich, dass du den Lumpenhund hast gehen lassen.

Thorstein.
Das seh ich ein. Was sollen wir nun machen? Als mir der Schuft so frech entgegentrat, konnte ich
die Empörung über den Verrat beim besten Willen nicht beherrschen.
Klaus.
Am besten wäre es, wenn es uns gelingt, zur Not euch beide wieder halbwegs auszusöhnen.

Anna.
Ich hätte wissen sollen, was uns droht, dann hätte ich es nie zu diesen Szenen kommen lassen und
wäre nicht so weit gegangen.

Thorstein.
(zu Kolumbine, als er Herrn Bartholdy eintreten sieht)
Was will der Herr? Geh und frag ihn, was er will. Ich bin nicht in der Laune, Besuche zu
empfangen.

VIERTE SZENE

(Thorstein. Frau Doris. Anna. Valea. Klaus. Milan. Kolumbine. Herr Bartholdy.)

Herr Bartholdy.
(im Hintergrund der Bühne zu Kolumbine).
Gott grüße dich, mein süßes Fräulein! Bitte führe mich zum Hausherrn.

Kolumbine.
Leider hat er gerade Besuch. Ich kann nicht garantieren, ob er zu sprechen ist.

Herr Bartholdy.
Es wär mir in der Tat peinlich, wenn ich ungelegen käme! Aber ich werde ihn nicht lange stören und
hoffe, sein Wohlgefallen zu finden.

Kolumbine.
Dein Name bitte?

Herr Bartholdy.
Es genügt dem Herrn zu hören, dass Herr San Marco mich schickt in seiner Angelegenheit.

Kolumbine.
(zu Thorstein)
Da ist ein Mann, der höflich und nett im Auftrag von Herrn San Marco um eine Unterredung bittet,
von der er annimmt, dass sie dich erfreuen wird.

Klaus.
(zu Thorstein)
Du musst unbedingt mit ihm verhandeln, um zu erfahren, wer er ist und was er sagen will.

Thorstein.
(zu Klaus)
Er kommt vielleicht, um wieder anzubandeln? Wie soll ich mich verhalten, dass uns das gelingt?

Klaus.
Bezähme vor allem deine Wut, und heiße das Versöhnungsangebot gut.

Herr Bartholdy.
(zu Thorstein).
Ich grüße dich, verehrter Herr! Der gütige Gott vernichte alle deine Feinde und sei dir stets so
zugeneigt, wie ich es dir erflehe.

Thorstein.
(leise zu Klaus)
Dies Süßholzraspeln zeigt, dass er zu Kreuze kriecht und die Geschichte in Ordnung bringen will.

Herr Bartholdy.
Mein Herr, dein Haus war mir von jeher ganz besonders lieb: schon dein Vater schickte mich mit
manchem Auftrag in die Welt.

Thorstein.
Verzeihung, Herr, es tut mir leid, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wer du...

Herr Bartholdy.
Ich heiße Bartholdy und stamme aus dem Norden. Ich bin, wenn mich auch törichte Menschen
darum hassen, hier als Gerichtsvollzieher angestellt und muss seit vierzig Jahren mich damit
befassen, mit Gottes Hilfe und als Mann von Welt, Gerechtigkeit zu üben. Und so komm ich auch
zu dir, Herr, um hier nach Recht und Sitte in Anbetracht vorausgegangener Streitigkeiten
auftragsgemäß zur Exekution zu schreiten.

Thorstein.
Du kommst...?

Herr Bartholdy.
Nicht erschrecken! Ich komme, um ein Urteil zu vollstrecken:
Du musst dieses Haus hier ohne Zögern mit allem Hausrat nebst den Anverwandten räumen.

Thorstein.
Ich soll dies Haus...?

Herr Bartholdy.
Ja, ich muss darum bitten. Du weißt doch, dieses Haus gehört nun unbestritten Herrn San Marco.
Und außerdem ist auch dein ganzes Hab und Gut sein Eigentum. Ich hin bereit, soweit es dir
angenehm ist, den rechtlich gültigen Vertrag der Schenkung vorzuzeigen, an dem jedweder
Widerspruch zerbricht.

Milan.
(zu Bartholdy)
Diese Frechheit ist ja einfach beispiellos!

Bartholdy.
(zu Milan)
Mit dir, Jüngling, verhandle ich hier nicht.
(auf Thorstein deutend)
Mit diesem Herrn rede ich. Er denkt zu groß und gütig, und er ist als frommer Christ der Letzte, der
sich den Anordnungen des Gerichts widersetzt!

Thorstein.
Erlaube mal...
Herr Bartholdy.
Und wenn man dir Millionen böte, du wagtest es nicht, den Gang des Rechts aufzuhalten. Als
Ehrenmann erträgst du ergeben alle Not und lässt mich hier meines Amtes walten.

Milan.
Von mir kann dieser Kerl sich gern eine gute Tracht Prügel abholen!

Herr Bartholdy.
(zu Thorstein)
Es sei dem Jüngling empfohlen, zu schweigen oder wegzugehen, denn sonst wäre ich gezwungen,
der Ordnung wegen protokollarisch seine Drohung aufzuschreiben. Das merke er sich ein für
allemal.

Kolumbine.
(für sich)
Herr Bartholdy benimmt sich wenig Bartholdy.

Herr Bartholdy.
Ich liebe alle guten Menschen und habe diesen Auftrag, Herr, nur übernommen, weil ich mir dachte,
es wäre dir willkommen und du empfändest es vielleicht besonders schmerzlich, hätte man an
meiner Stelle einen Mann gewählt, dem Takt und Höflichkeit des Herzens mangelt.

Thorstein.
Was kann man einem Menschen Schlimmeres antun, als Hals über Kopf ihn aus dem eigenen Haus
zu jagen?

Herr Bartholdy.
Wir lassen dir gerne Zeit, Herr. Jedenfalls kann ich die Exekution bis morgen früh vertagen. Damit
die Sache auch formell in Ordnung geht, erscheine ich heute Abend mit zehn Männern bei dir,
völlig unauffällig und diskret! Und du vertraust mir die Schlüssel deines Hauses an, ehe du ins Bett
gehst. Niemand wird dich stören, und was geschehen muss, geschieht in aller Ehre. Am nächsten
Morgen hältst du dich bitte früh bereit, das Haus bis auf das kleinste Möbelstück zu räumen, und
meine Leute werden dir behilflich sein, damit du die Frist nicht versäumst. Ich werde alles
vermeiden, was den Akt erschwert, doch dafür darf ich auch verlangen, dass du morgen nach besten
Kräften dafür sorgst, dass niemand mich bei meiner Arbeit stört!

Thorstein.
(für sich)
Die letzten hundert Taler, die mir verbleiben, gäbe ich mit innigem Vergnügen hin, könnte ich dem
Kerl dafür so recht nach meinem Sinn eins kräftig unter seine freche Nase reiben!

Klaus.
(leise zu Thorstein)
Jetzt kommt es drauf an, Ruhe zu bewahren.

Milan.
Ich halte es kaum aus, ich fühl die Hand jucken, dem Burschen für sein unverfrorenes Verhalten...

Kolumbine.
Ich finde auch, Herr Bartholdy, dein fetter Rücken böte reichlich Platz für einen harten Knüppel!

Herr Bartholdy.
Ich könnte deine Reden bitter bestrafen, mein süßes Kind, so wie du es verdienst: vor Strafe schützt
bekanntlich auch kein Weiberrock.

Klaus.
(zu Herrn Bartholdy)
Es ist wohl Zeit, den Zungenkrieg zu beenden. Ich bitte dich, uns deinen Auftrag auszuhändigen
und dann geh gefälligst deines Weges.

Herr Bartholdy.
(überreicht ihm den Räumungsbefehl)
Sehr gern, mein Herr. Auf Wiedersehen! Gott segne euch, so wie er euch bisher erfreut hat!

(Ab.)

Thorstein.
Der Teufel hole dich! Der Teufel hole San Marco, der dich geschickt hat!

FÜNFTE SZENE

(Thorstein. Frau Doris. Anna. Klaus. Valea. Milan. Kolumbine.)

Thorstein.
Und nun, Mama? Hatte ich nicht recht? Lässt auch dieses Schriftstück dich noch nicht erkennen,
obwohl du alles selbst mit angesehen hast, dass San Marco ein Lumpenhund ist und von Grund auf
böse?

Mutter Doris.
Ich bin wie vor den Kopf geschlagen! Ich falle aus allen Wolken!

Kolumbine.
Ich weiß nicht, warum du dich beklagst? Der fromme Plan des Gottesmanns verwirklicht sich, den
er aus purer Nächstenliebe sich erdachte: Er weiß, wie leicht das Heil der Menschen, die zu viel
besitzen an Hab und Gut und Geld, gefährdet ist, und um uns davor zu beschützen, hat er uns, aus
reiner Barmherzigkeit, von diesem goldenen Überfluss befreit.

Thorstein.
Halt den Mund! Wie oft muss ich das noch sagen?

Klaus.
(zu Thorstein)
Untersuichen wir doch lieber alle Möglichkeiten, die uns noch bleiben.

Anna.
Allen Leuten muss man sein undankbares, dreistes Verhalten in die Ohren posaunen: das macht den
Vertrag zunichte. Erscheint der Kerl mit seiner hinterlistigen Intrige vor aller Welt im rechten Licht,
erreicht er sicher nicht sein Ziel!

SECHSTE SZENE

(Tom. Thorstein. Frau Doris. Anna. Klaus. Valea. Milan. Kolumbine.)


Tom.
Verzeih, Herr, dass ich dich unangemeldet überfalle! Doch es eilt, denn jeder Augenblick des
Zögerns bringt Gefahr. Ein Freund, der Freuden und Leiden treu mit mir teilt und weiß, wie sehr
dein Schicksal mich berührt, hat mir zuliebe seine Schweigepflicht verletzt, die er dem Staat
schuldet, und mir eben jetzt Nachrichten übermittelt, die dich zwingen, sofort aus unsrem Land zu
fliehen! Der Lumpenhund, der dich am Narrenseil geführt hat, hat dich aus Rache beim Kaiser
denunziert. Er hat, so wusste man mir zu berichten, ihm die Kassette eines Staatsverbrechers
ausgehändigt mit höchst verräterischen Protokollen, die du, obwohl vom Inhalt ganz genau
unterrichtet, entgegen deiner Bürgerpflicht verborgen haben solltest. Noch kenne ich nicht die
näheren Einzelheiten, doch ist bereits ein Haftbefehl ergangen: und er, das Schwein, soll den
Beamten selbst begleiten, um dich so sicherer gefangen zu nehmen!

Klaus.
Der Plan ist klar: nur so kann es ihm gelingen, die Beute ungestraft in Sicherheit zu bringen.

Thorstein.
Ein böses Raubtier ist dieser Mensch!

Tom.
Auch das geringste Zögern bringt dich in Gefahr! Mein Wagen steht schon vor der Tür, zur Flucht
bereit, und hier sind tausend Taler für deinen Unterhalt. Verliere um Gottes willen keine Zeit, denn
dieser Intrige tödlicher Gewalt kann man sich nur durch rasche Flucht entziehen. Ich führe dich und
werde dich begleiten, bis du vor der Gefahr und allen Widrigkeiten geschützt bist.

Thorstein.
Es ist rührend, Tom, wie du dich bemühst! So bleibt mir nur der fromme Wunsch: Gott gebe, dass
ich den ersehnten Tag erlebe, an dem ich dir alles belohnen kann, was du als treuer Freund an mir
getan hast! Lebt wohl, ihr alle!

Klaus.
Los! Was hier zu tun ist, geschieht.

(Er drängt Thorstein hinaus.)

SIEBENTE SZENE

(San Marco. Ein Polizeibeamter. Frau Doris. Thorstein. Anna.


Klaus. Valea. Tom. Milan. Kolumbine.)

San Marco.
(tritt Thorstein entgegen und hält ihn auf)
Sachte, sachte, Herr, warum so eilig? Es ist nicht weit zu dem Quartier, das für dich offensteht. Im
Namen Seiner Gnädigen Majestät: Du bist verhaftet!

Thorstein.
Ist dir gar nichts heilig, du Judas? Dieser Schlag, mit dem du mich zugrunde richtest, mag für dich
die Krone deiner Schweinereien sein.

San Marco.
Ich bin erhaben über solche Beschimpfungen, die mich im Innersten gar nicht berühren: Ich bin es
gewohnt, für Gott das Schwerste zu ertragen.

Klaus.
Du hältst dich im Zaum!

Milan.
Und so ein Hund wagt es, Gott im Munde zu führen!

San Marco.
Euer wütendes Bellen regt mich nicht auf: Ich stehe hier und tu nur meine Pflicht.

Valea.
Du hast allen Grund, dich hier im Haus mit diesem Auftrag auch noch aufzuspielen!

San Marco.
Geht solch ein Auftrag von so hoher Stelle aus, hat man das Recht, sich hochgeehrt zu wissen.

Thorstein.
Dass ich dir half aus tiefer Not, das hast du Undankbarer vergessen?

San Marco.
Oh nein. Ich weiß, dass man mir manches angeboten. Aber meines Kaisers und des deutschen
Reichs Interessen stehen mir höher als private Dankbarkeit, sie sind mir heilig! Darum bin ich stets
bereit, für sie das Allerletzte zu opfern: Freund, Frau und Verwandte, ja, selbst das eigene Leben!

Anna.
Verlogener Lumpenhund!

Milan.
Wie das dem Scheißkerl immer glückt, dass er aus allem, was wir verehren, sich ein Märchen
zusammenbastelt!

Klaus.
Wenn es so ist, wie du es uns erklärst, dass du hier nur im Staatsinteresse handelst, warum hat dein
Gewissen sich erst dann geregt, als es ans Licht kam, dass du es darauf angelegt hast, heimlich mit
der Frau des Hausherrn anzubandeln? Und warum hast du ihn jetzt erst denunziert, als er
gezwungen war, dich aus dem Haus zu jagen? Stand dein Entschluss schon fest, ihn anzuklagen,
wie konntest du dir trotzdem ungeniert von ihm sein Haus und sein Vermögen übereignen lassen?

San Marco.
(zum Polizeibeamten)
Mein Herr, ich bitte Sie, jetzt zuzugreifen, um mich von diesem Schwätzer zu befreien!

Polizeibeamter.
Sie haben recht. Auch mir scheint es an der Zeit zu sein. Und da Sie mich darum bitten, greife ich
nun endlich ein: Sie sind verhaftet! Und folgen Sie mir ins Gefängnis, wo schon ein Quartier für Sie
bereitsteht.

San Marco.
Wie? Sie meinen mich?
Polizeibeamter.
Ja.

San Marco.
Ins Gefängnis, ich? Wer wagt es...

Polizeibeamter.
Nicht Ihnen hab ich dies Geheimnis zu offenbaren.
(Zu Thorstein.)
Erholen Sie sich nun von Ihrem Schrecken, Herr, das Spiel ist nun zu Ende! Denn uns regiert ein
Kaiser, der ein Feind der Lüge ist, ein Herrscher, der ins Herz der Menschen schaut und sich nicht
täuschen lässt durch Lug und Trug, betreibt man auch das Spiel noch so geschickt! Er lässt nicht das
Geringste sich entgehen, er übereilt nichts, und mit unbeirrbarer Vernunft prüft er die kleinsten
Kleinigkeiten und hält die Zügel fest in seiner Hand. Die wahrhaft Frommen stehen bei ihm hoch in
Ehren, und doch macht ihn diese Liebe nicht blind: gerade weil ihm wahre Christen lieb und teuer
sind, weiß er sich aller Heuchler zu entledigen. Auch dieser da vermochte nicht, ihn einzufangen,
viel feineren Netzen ist er schon entronnen! Sofort hat Seine Majestät erkannt, dass hier ein
Verbrecher vor ihm stand. Doch als er Sie verriet, hat er sich selbst verraten. Gottes Mühlen mahlen
langsam, aber fein! So hat er sich vor dem höchsten Herrn entpuppt als ein Verbrecher, der unzählig
viele Missetaten, getarnt mit falschen Namen, schon begangen hat! Und wollte man sein
Schuldregister ganz offenlegen, so könnte man damit leicht Blatt für Blatt ein paar dicke Bände
füllen. Kurz, als Seine Majestät erkannte, welchen Missbrauch er mit Ihrer Güte trieb, schrieb er es
zu den anderen Sünden hinzu. Und wenn ich so ruhig blieb, geschah es nur, um zu sehen, wie weit
er sich verrennen würde in seiner bodenlosen Frechheit, um ihn dann der Strafe zuzuführen, der er
nicht entrinnen kann. Der Kaiser gab mir den Befehl, ich soll ihm jedes Schriftstück abnehmen, das
Sie ihm je gegeben, auch den Vertrag, mit dem Sie ihm vertrauensvoll Ihr Haus und all Ihr Hab und
Gut verschrieben haben. Das ist der Dank dafür, dass Sie sich in vorbildlicher Treue einst schützend
um ihn scharten, als er um seine Rechte als Kaiser kämpfen musste. Aufs Neue will er beweisen,
dass er keine gute Tat vergisst und treuen Untertanen immer dankbar ist. Wo er nur kann, vergibt er
seinen Feinden, die guten Menschen aber macht er sich zu Freunden.

Kolumbine.
Jesus sei gelobt!

Mutter Doris.
Ich atme auf!

Anna.
Wir sind gerettet!

Thorstein.
(zu San Marco, der von dem Beamten abgeführt wird)
Du Schwein, jetzt kriegst du deinen Lohn!

(Polizeibeamter mit San Marco ab.)

ACHTE SZENE

(Frau Doris. Thorstein. Anna. Valea. Klaus. Tom. Milan. Kolumbine.)

Klaus.
Halt, Schwager, nicht in diesem Ton! Da uns der Kaiser von aller Qual befreit, ist es doppelt unsre
Pflicht, die Würde zu bewahren. Der Elende geht der verdienten Strafe nun entgegen, und sollte
sein Gewissen sich noch regen, wäre es hässlich, ihn mit harten Worten anzugehen. Wir wollen
lieber hoffen, dass er seine Taten bereut und sich bekehrt zu Gott und Maria, so dass vielleicht nach
seiner Strafe Prüfungszeit der Kaiser sich entscheidet, ihm seine Schuld zu vergeben. Du aber eile
jetzt, um ihm auf Knien zu danken, dass er dir gnädig seine Huld verliehen!

Thorstein.
Das ist das rechte Wort zur rechten Zeit. Mit Freuden werfe ich mich ihm zu Füßen, um Seiner
Majestät in tiefer Dankbarkeit zu huldigen. Dann will ich den in die Arme nehmen und durch die
Tat ihm meinen Dank beweisen, der treu für seine Liebe gelitten. Und wir beschließen diesen Tag
damit, dass wir Toms und Valeas Hochzeit feiern!