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Warum wir Kollegen oft falsch einschätzen

wissens.blitz (12)

Wir tendieren oft dazu das Verhalten anderer Personen mit ihren überdauernden Persönlichkeitseigenschaften zu erklären und die Situation dabei
zu vernachlässigen. Diese Einschätzung kann effektives Wissensmanagement behindern und die Zusammenarbeit mit Kollegen unnötig belasten.

Beim Wissensmanagement geht es vor allem um Men-


schen – es sind oft die Kollegen die Wissen besitzen. Wie wir Kollegen genauer einschätzen können:
Was aber, wenn der Kollege selbst zum Problem wird – • Rahmenbedingung schaffen: Habe ich die notwen-
wenn man ihm nichts zutraut? digen Zeit, Konzentration und Informationen um
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Besprechung. Ein ein akkurates Urteil zu fällen?
Ihnen unbekannter Kollege präsentiert etwas, aber beim • Bewusst auf die Situation achten: Was können situa-
sprechen stockt er häufig, er verwechselt Wörter, ver- tionale Einflussfaktoren sein? Unterschätze ich sie
schüttet Wasser über sein Notebook und stolpert beim vielleicht? Interpretiere ich das Verhalten richtig?
Gehen. Sie sind froh, dass die Präsentation vorbei ist, da • Situationen vergleichen: Verhält sich die Person in
erfahren Sie, dass Sie mit dem Vortragenden zusammen diesen Situationen immer so? Würden sich andere
eine neue Produktlinie entwickeln und vorstellen sollen. Personen in der gleichen Situation ebenso verhal-
Sie wären vermutlich entsetzt, mit dem Kollegen zu- ten? Verhält sich die Person in anderen Situationen
sammenzuarbeiten und hätten keine positiven Erwar- genau so?
tungen. Begründen würden Sie es vielleicht mit seiner • Eigenen Einfluss bedenken: Was ist mein eigener
Schusseligkeit, Ungeschicktheit, und Inkompetenz. Aber Beitrag zu ihrem Verhalten? Was müsste sie konkret
in vielen Fällen wäre diese Unterstellung falsch. machen um mein Urteil zu ändern? Sind die Anfor-
derungen realistisch und der Person bekannt?
Verhalten vs. Persönlichkeitseigenschaften
Das Problem hierbei ist die direkte Gleichsetzung von
Situation unangenehm. Schließlich wird Verhalten nicht
Verhalten mit überdauernden Persönlichkeitseigen-
wahrgenommen, sondern interpretiert. Zum Beispiel
schaften (Dispositionen). Der Kollege mag Verhaltens-
sieht man in der oft gequälten Mimik des Vortragen
weisen gezeigt haben, die eine solche Interpretation
eher Unsicherheit und Abneigung, während dieses Ver-
nahelegen, aber eine Zuschreibung auf überdauernde
halten vielleicht nur an den drückenden Schuhen lag.
Eigenschaften vernachlässigt einen zweiten, gleich
wichtigen Einflussfaktor: Die Situation. Warum ein zweiter Blick oft wichtig ist
Um auf die Disposition zu schließen, muss man von dem Gerade wenn man mit Kollegen wiederholt zusammen
Verhalten die situationalen Einflussfaktoren „abziehen“. arbeiten muss und auf ihr Wissen angewiesen ist, lohnt
Hieraus folgt, dass man nicht vom Verhalten auf die sich oft ein zweiter, kritischer Blick auf die Person um
Disposition schließen darf, wenn das Verhalten genau vielleicht vernachlässigte situationale Einflüsse zu iden-
das ist, was die Situation erfordert. Oft machen wir aber tifizieren (siehe Kasten). Dies muss bewusst gemacht
genau das – wir erklären Verhalten mit einer Disposition, werden, denn leider verschwinden solche Fehleinschät-
obwohl es genau so gut durch die Situation bedingt zung nur selten von alleine: Es gibt viele Prozesse, wel-
sein kann. che die erste Einschätzung – unabhängig von ihrer Rich-
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum Menschen die- tigkeit – aufrecht erhalten. Zum Beispiel rufen wir durch
ses Verhalten zeigen: Zum Beispiel erscheint die Interak- unsere eigenen Verhaltensweisen passende Verhal-
tion mit anderen einfacher, weil wir auf weniger achten tensweisen bei unserem Gegenüber hervor: Wenn ich
müssen. Auch glauben wir, ihr Verhalten gut vorhersa- dem Kollegen nichts zutraue, gebe ich ihm auch keine
gen zu können, was uns ein Gefühl der Kontrolle und Aufgaben, an denen er sein Können beweisen kann.
Vorausberechenbarkeit gibt. Problematisch ist dies je- Auch haben wir die Angewohnheit, eher nach bestäti-
doch dann, wenn wir fälschlicherweise den Einfluss der genden Informationen zu suchen und Abweichungen
Situation vernachlässigen, unterschätzen oder falsch davon zu ignorieren.
interpretieren. Man wird nicht in allen Fällen ein negatives Bild korrigie-
Der Einfluss der Situation ren können, aber wenn dies möglich ist, wird die Inter-
aktion wesentlich angenehmer und der Wissensaus-
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Die Situation ist oft nicht sichtbar, es ist der Hinter- tausch extrem erleichtert.
grund, vor dem die Person auftritt. Der Vortragende
kann zum Beispiel bereits seit 24 Stunden auf den Bei- Dr. Daniel Wessel
nen sein, er kann neue Schuhe tragen, die ihm Schmer-
zen bereiten und sein Vater kann im Sterben liegen. Das Schreibt auf wissensblitze.de zu den Themen: mobile
alles sind starke Einflussfaktoren, die wir als Außenste- Medien, mobiles Lernen & EPSS, Arbeitstechniken &
hende weder direkt wahrnehmen noch im beruflichen Kreativität, Reflektion & kritisches Denken, sowie
Kontext erfahren würden. Der Einfluss der Situation wird Evaluation & Forschungsmethoden.
oft unterschätzt, nicht nur in der Stärke, sondern auch in Unter anderem basierend auf: Gilbert, D. T. (1995). Attribution and
der Bewertung. Für jemanden mit viel Präsentationser- interpersonal perception. In A. Tesser (Ed.) Advanced Social Psychology.
fahrung kann ein Vortrag Spaß machen, anderen ist die New York: McGraw Hill.

© wissensdialoge.de | Bitte zitieren als: Wessel, D. (2011). Warum wir Kollegen oft falsch einschätzen. wissens.block (12).
http://www.wissensdialoge.de/kollegen_falsch_einschaetzen