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titelthema ı begabungsforschung

HOCHBEGABUNG
Fakten und Fiktionen
Detlef H. Rost analysiert seit 20 Jahren die Lebens- und Berufswege von Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen mit überdurch­schnittlich hoher Intelligenz. In G&G erklärt der Pädagogische
Psychologe und Entwicklungspsychologe, wie eine außergewöhnliche Begabung erkannt wird, wie es
sich mit ihr lebt und welche »Wahrheiten« darüber wir besser im Land der Märchen begraben.

Definition eines xologischen« Modelle bei genauerer Be- 130 hat und damit zu den klügsten zwei
schillernden Begriffs trachtung jedoch selten. Prozent der Bezugsgruppe gehört. Diese
Was Hochbegabung ist, lässt sich nicht In der mit naturwissenschaftlichen Definition ist also sehr intelligenznah.
leicht beantworten. Das liegt unter ande- Methoden arbeitenden Psychologie führt Man könnte demnach an Stelle von
rem daran, dass der Begabungsbegriff der bei Laien und Pädagogen so beliebte »hochbegabt« auch von »hochintelli-
uneinheitlich gebraucht wird – auch von Begabungsbegriff deshalb ein randstän- gent« sprechen. Für Hochleistungen in
Experten. Es gibt vermutlich fast so viele diges Dasein, ebenso wie der Hochbega- nicht intellektuellen Bereichen wie Sport
unterschiedliche Auffassungen von »Be- bungsbegriff. Meine Definition von ko- oder Musik benutzen Psychologen hinge-
gabung«, wie es Begabungsforscher gibt. gnitiver Hochbegabung ist diese: Eine gen den Begriff »Talent«.
Viele wollen sich profilieren: Sie brin- hochbegabte Person hat das Potenzial,
gen einen »neuen« Begabungsbegriff ein sich schnell inhaltliches und prozedurales Hochbegabte denken nicht anders als
oder schlagen ein weiteres, möglichst Wissen anzueignen. Sie kann dieses Wis- andere Menschen, nur schneller
kompliziertes Begabungsmodell vor. Da sen in vielen unterschiedlichen Situatio- Laien stellen sich oft vor, dass hochbe-
werden Kästchen und Kreise gemalt und nen wie Schule, Familie, Freizeit, Ausbil- gabte Menschen anders denken als
so ziemlich alle Variablen aufgeführt, die dung und Beruf effektiv nutzen, um neue Durchschnittsbürger. Doch psychologi-
in der Pädagogischen Psychologie jemals Probleme, die sich ihr stellen, zu lösen. Sie schen Untersuchungen, die angetreten
thematisiert worden sind. Einen wissen- ist fähig, rasch aus den dabei gemachten waren, qualitativ andere Denkstrukturen
schaftlichen Anspruch haben solche »bo- Erfahrungen zu lernen. Und sie erkennt bei überdurchschnittlich intelligenten
auch, auf welche neuen Situationen und Personen aufzuzeigen, war bis heute kein
Problemstellungen sie ihre gewonnenen besonderer Erfolg beschieden. Es scheint
Mehr zum titelthema Erkenntnisse übertragen kann und wann lediglich ein quantitativer Unterschied
>C
 lever, kreativ – erfolgreich? Hoch- solch eine Übertragung nicht statthaft ist. vorzuliegen, kein qualitativer: Hochbe-
begabte Kinder optimal fördern (S. 40) All dies kann sie weit besser als ein Groß- gabte denken einfach schneller und ef-
>D
 ahinter steckt ein kluger Kopf teil ihrer Vergleichsgruppe, also zum Bei- fektiver als Normalbegabte.
Hirnforscher lüften die neurobiolo- spiel die Gleichaltrigen. Dafür sprechen auch die wenigen ein-
gischen Schleier der Hochbegabung Die Definition von »weit besser« ist schlägigen Resultate der modernen Hin-
(S. 52) dabei eine reine Konvention. In der Regel forschung, insbesondere durch bildge-
gilt als hochbegabt, wer einen IQ von über bende Verfahren.

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Nelly Nguyen
26 Jahre alt

studierte Sport und macht gerade einen zweiten


Abschluss in Physik. Ihr beruflicher Traum: eine
Universitätsprofessur. Obwohl sich die Hamburgerin
schon mit vier Jahren selbst das Lesen beibrachte,
immer Klassenbeste war und auch im Schwimmen
nur Bestzeiten erzielte, litt sie unter Versagensängs-
ten. Der Grund: Sie glaubte, ihr Wert definiere sich
nur über ihre Leistungen. Heute betrachtet Nelly es
als ihren größten Erfolg, sich vom Streben nach
Perfektion ein Stück weit gelöst zu haben.

»Heute weiß ich, dass ich auch liebenswert bin,


wenn ich einfach nur ich selbst bin. Das lässt
mich aufatmen«

Bei überdurchschnittlich intelligenten Zeigen sich bei Personen ab diesem Al- Die Aussagekraft von Intelligenztests
Menschen werden bestimmte Bereiche ter dennoch größere Verschlechterungen Weltweit sind sich Begabungsforscher ei-
des Gehirns beim Problemlösen weniger im IQ, liegt das meist an folgenden Grün- nig, dass unsere kognitiven Fähigkeiten
stark aktiviert als bei Personen mit gerin- den: Entweder ist die Diagnostik nicht hierarchisch strukturiert sind. Ganz oben
gerer kognitiver Leistungsfähigkeit. Ihre fachgerecht durchgeführt worden oder es steht die allgemeine Intelligenz »g«, das
Gehirne scheinen dieselben Ressourcen liegen krankheitsbedingte Beeinträch­ heißt die Fähigkeit zum abstrakt-lo-
einzusetzen, diese aber effektiver zu nut- tigungen der intellektuellen Leistungs­ gischen Denken – die zentrale Vorausset-
zen. Zur Erklärung sind unterschiedliche fähigkeit vor. Manchmal ist die Ursache zung für Erfolg in unserer informations-
Hypothesen formuliert worden, die bis- auch eine stärkere, zum Zeitpunkt der Di- bestimmten Gesellschaft. Eine Ebene
lang aber alle noch nicht befriedigen (sie- agnose noch nicht bewältigte emotionale ­darunter finden sich breite mentale
he auch »Dahinter steckt ein kluger Kopf«, Belastung – etwa der Tod eines geliebten Gruppenfaktoren (verbal-schulischer ge-
ab S. 52). Menschen oder die Entlassung in die Ar- genüber praktisch-mechanischer Art). Es
beitslosigkeit. folgen engere mentale Gruppenfaktoren
Die Diagnose Von manchen Elternvereinen und Be- wie beispielsweise Sprachverständnis,
Schon ab einem Alter von fünf oder sechs ratungsstellen – und leider auch von der Merkfähigkeit oder visuelle Vorstellungs-
Jahren lassen sich mit Hilfe von Intelli- einen oder anderen staatlichen Dienst- kraft und darunter wiederum sehr spezi-
genztests für anwendungsbezogene Zwe- stelle – werden immer noch so genannte fische Fähigkeiten. Manchmal ist es nütz-
cke einigermaßen zutreffende Prognosen Checklisten zum Erkennen überdurch- lich, diese Subfähigkeiten getrennt von
über die Intelligenzhöhe treffen – aller- schnittlich begabter Kinder angeboten. der allgemeinen Intelligenz zu bestim-
dings nur für eine begrenzte Zeitspanne. Darin finden sich sehr allgemein ge­ men; das leisten viele Intelligenztests zu-
Deutlich besser wird die Vorhersage bei haltene, nicht operationalisierte Merk- frieden stellend. In den meisten Fällen ist
Neun- bis Zehnjährigen. Doch erst etwa male, die angeblich »besonders typisch« man aber mit einer allgemeinen IQ-Mes-
ab dem 14. bis 15. Lebensjahr ist die Pro- für hochbegabte Kinder sein sollen. Et- sung sehr gut bedient.
gnose über einen Zeitraum von mehreren wa: »hat Humor«, »kann gut denken«, Die Anwendung solcher Tests gehört
Jahrzehnten hinweg wirklich verlässlich, »braucht wenig Schlaf« oder »ist für schö- ausschließlich in die Hand eines diagnos-
der Rang einer Person hinsichtlich ihrer ne Dinge empfänglich«. Nichts davon ist tisch gut ausgebildeten Diplompsycholo-
kognitiven Leistungsfähigkeit – das drückt empirisch belegt, es ist mehr oder weni- gen. Ärzte, Lehrkräfte, Sonderpädagogen
der IQ aus – bleibt stabil. ger Kaffeesatzleserei. und andere psychologische Laien sollten


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Meilensteine der Begabungsforschung
400 v. Chr. 1250 um 1800 1869
Der griechische Philosoph In islamischen Adelsgeschlech- Der Göttinger Mathematiker Francis Galton (1822 – 1911)
Platon beschreibt in seiner tern in Spanien gibt es ge- und Astronom Carl Friedrich veröffentlicht in London sein
Utopie vom Staat (griechisch heime Anweisungen zur Gauß (1777 – 1855) entdeckt (noch recht spekulatives) Werk
politeia) Prüfungen für die Identifizierung und Förderung die nach ihm benannte »Hereditary Genius«. Dieses
Auswahl von geeigneten von besonders intelligenten »Gauß’sche Glockenkurve« Datum kann als Beginn der
Wächtern. Sie sollen für den und begabten Kindern der der statistischen Normalver- wissenschaft-
Bestand und das Wohlergehen Familie. Diese »maurische teilung von Elementen eines lichen Hochbe-
des Gemeinwesens sorgen. Menschenlehre« wird 1575 ins bestimmten Phänomens – gabtenfor-
Neben Selbstdisziplin, Mut Spanische übersetzt. etwa der Intelligenzhöhe. schung gelten.
und Unbestechlichkeit wird
auch die Intelligenz getestet.

die Finger davon lassen, da sie meist we- tungsnahen Test einzusetzen. Bei der Un- In welchen Bereichen eine hervorra-
der das erforderliche diagnostisch-diffe- tersuchung von Migrantenkindern, die gend ausgeprägte Intelligenz tatsächlich
renzialpsychologische noch das statis- sich mit der deutschen Sprache schwer- zum Erfolg führt, hängt von der Umwelt
tisch-psychometrische Wissen besitzen. tun, sind Verfahren sinnvoll, die mini­ ab. Wenn ein Lehrer eine hochintelligente
Wird ein Intelligenztest fachkundig durch­ male sprachliche Anforderungen haben. Schülerin frühzeitig für Latein begeistern
geführt, ausgewertet und interpretiert, Auch für Seh- und Hörgeschädigte gibt es kann und sie entsprechend unterstützt
kann man sich auf das Ergebnis verlas- entsprechende Tests. Es gibt solche, die und fördert, wird das Mädchen vermut-
sen. Wer sich bei der Erfassung der kogni- sich besonders gut für schwach Begabte lich eine exzellente Lateinerin werden.
tiven Leistungsfähigkeit auf andere Ver- eignen – andere, die man bevorzugt bei Gerät sie hingegen zuerst unter die Fit-
fahren als den Intelligenztest, eines der einem Verdacht auf eine höhere Bega- tiche einer engagierten Mathematikleh-
besten diagnostischen Instrumente der bung einsetzt. rerin, die die Faszination im Umgang mit
Psychologie, verlässt – der ist im wahren »IQ-Tests« im Internet sind bestenfalls Zahlen und formalisierten Denkaufga-
Sinn des Wortes verlassen. ein netter Zeitvertreib. Dass auch eine ben vermittelt, dann wird die Schülerin
»Landesweite Beratungs- und For- vermutlich ein besonderes Interesse auf
Welche Tests wann zu empfehlen sind schungsstelle für Hochbegabung« (Ulm) diesem Gebiet entwickeln und hier zur
Es gibt verschiedene bewährte und an­ eine Checkliste im Internet als »Online- Höchstform auflaufen.
erkannte Intelligenztests. Wir benötigen Diagnostik« anbietet, macht es nicht bes-
auch nicht nur einen guten, sondern viele ser; mit seriöser Diagnostik hat das nichts »Emotionale Intelligenz« und
gute Tests. Wenn etwa eine Nachtestung zu tun. Expertiseforschung
erforderlich ist, um das Ergebnis einer ers- Immer wieder kursieren Hypothesen
ten Messung abzusichern, muss man zu Hochbegabte – Fachidioten über verschiedene Formen von »Intelli-
einem anderen Test greifen. Dieser sollte oder Universalgenies? genzen« – allen voran die so genannte
dem ersten jedoch konzeptionell ähneln. Die allgemeine Intelligenz ist gewisser- emotionale Intelligenz nach Daniel Gole-
Empirische Studien zeigen darüber maßen omnipotent. Einseitige Spitzen­ man. Ein populäres Konzept mit gerin-
hinaus, dass die allgemeine Intelligenz begabungen sind ausgesprochen selten – gem Gehalt. Golemans Behauptung, emo-
»g« von Test zu Test die gleiche ist. Sie wenn es sie überhaupt gibt. Alle intellek- tionale Intelligenz sei für die Vorhersage
hängt also kaum davon ab, welcher Test tuellen Leistungen korrelieren nämlich von Berufserfolg mindestens doppelt so
gewählt wurde. Intelligenzforscher be- positiv untereinander. Wer in einem Be- bedeutsam wie die klassische Intelligenz,
zeichnen dies als »Indifferenz der Indika- reich überdurchschnittlich befähigt ist, ist nicht empirisch gestützt.
toren«. schneidet wahrscheinlich auch in ande- Der Zweig der Psychologie, der sich
Welcher Test wann verwendet wird, ren Bereichen besser ab als der Durch- mit Hochleistungen auf einem engen In-
hängt vom Alter der Testperson sowie schnitt. Diese »positive Mannigfaltigkeit« haltsgebiet beschäftigt, heißt Expertise-
vom jeweiligen Untersuchungsanlass ab. ist das wohl am besten gesicherte Ergeb- forschung. Expertise hat per definitionem
Ohne konkrete Fragestellung gibt es ­keine nis 100-jähriger Intelligenzforschung. weniger mit Intelligenz oder Begabung als
vernünftige Diagnostik. Bei der Vorher­ Die Vorstellung vom vertrottelten Genie, vielmehr mit intensivem Training zu tun.
sage des Schulerfolgs tut man beispiels- das außerhalb seines Spezialgebiets le- Wissenschaftliche Spitzenleistungen sind
weise gut daran, auch einen schulleis- bensuntüchtig ist, ist ein Klischee. in der Regel das Ergebnis einer langen Aus-

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1879 1888 1901 1904
Wilhelm Der deutsche Psychologe Der seinerzeit sehr angese- Der englische Psychologe
Wundt (1832 – Konrad Rieger entwirft ein hene deutsche Psychiater Charles Spearman (1863 – 1945)
1920) gründet erstes Verfahren zur Messung Paul Möbius (1853 – 1907) beobachtet, dass in der Regel
in Leipzig das von Intelligenzdefekten. veröffentlicht in Halle die alle intellektuellen Fähigkeiten
Institut für Geprüft werden: Wahrneh- Studie »Über den physiolo- positiv miteinander korrelie-
experimentelle Psychologie, mung, Auffassungsgabe, gischen Schwachsinn des ren. Er schließt daraus: Intelli-
auf dessen Konzept auch die Gedächtnis und wie der Weibes«. Darin behauptet er, genz ist das Zusammenspiel
bald darauf entstehende Getestete Sinneseindrücke dass die Frau körperlich und zweier Faktoren: eines General­
naturwissenschaftliche Intelli- benennt. geistig zwischen Kind und faktors »g« und eines indivi­
genzforschung mit ihren Mann stehe – alle modernen duellen Spezialfaktors »s«, der
Messungen und Tests basiert. Intelligenzstudien haben das bestimmte Einzelleistungen
als Unsinn widerlegt. im Test gewichtet.
>>

bildung und harter Forschungsarbeit über wachsenenalter erreicht die Intelligenz tallisierter Intelligenz bezeichnen Psy-
viele Jahre hinweg, das Ergebnis von – frei ein Plateau, das über viele Jahre stabil chologen die geistigen Fähigkeiten, die
nach Edison – vielleicht 95 Prozent Trans- bleibt. Erst im Alter, wenn die physiologi- sich auf der Grundlage der flüssigen In-
piration und fünf Prozent Inspiration. schen Abbauprozesse einsetzen, baut sich telligenz durch die ständige Auseinan-
auch die kognitive Leistungsfähigkeit wie- dersetzung mit unseren Kulturgütern
Wie sich Intelligenz entwickelt der ab (siehe auch G&G 7-8/2007, S. 30). herausbildet und schärft, also das Ergeb-
Anfangs, im Säuglings- und Kindesalter, Der Abfall fängt bei der nicht bildungs- nis von kumulierten Lernerfahrungen.
beobachten wir bei allen gesunden Men- abhängigen Grundintelligenz – der flüs- Wer am Ball bleibt, kann bis ins Alter
schen einen steilen Anstieg der intellek- sigen Intelligenz – früher an als bei der hinein einen Abbau der kristallisierten
tuellen Leistungsfähigkeit. Mit der Zeit kristallisierten Intelligenz, nämlich be- Intelligenz verhindern, ja manchmal so-
verlangsamt er sich, und im frühen Er- reits mit etwa 25 bis 30 Jahren. Mit kris- gar noch etwas zulegen. Damit sind nicht
die vielen kaum evaluierten und, wenn
überhaupt, nur kurzfristig wirksamen
Trainingsprogramme gemeint, die kom-
»Die Musik ist meine Leiden- merziell vertrieben werden. Sie nützen
schaft, weil sich hier vor allem den Verkäufern. Was man über
solche Trainings allenfalls sagen kann:
Logik und Kreativität einzig-
Sie schaden vermutlich nicht.
artig verbinden« Dem Erhalt der mentalen Fähigkeiten
dient die stete geistige Betätigung im all-
täglichen Lebensvollzug, auch und gera-
de in der Feizeit: Zeitungen, Krimis, Ro-
Jörg Bruckner mane lesen, politische Debatten verfol-
35 Jahre alt gen, sich in einem Verein engagieren,
soziale Kontakte pflegen, sich weiterbil-
studierte und promovierte in Wirt- den (Volkshochschule), Schach spielen,
schaftswissenschaften, absolvierte andere Regionen und Länder erkunden,
eine Musicalausbildung und heimst sich um die Enkel kümmern, dosiert Fern-
seit seinem zehnten Lebensjahr Preise sehen und sich über das Gesehene mit
ein als Klarinettist, Jazz-Pianist und Freunden, Nachbarn, dem Partner aus-
Sänger. Heute arbeitet er als Projekt- tauschen und vieles, vieles mehr. Das
manager in einer Großbank und ist und nur das hat nachhaltige Effekte.
Dozent an verschiedenen Hochschulen.
So fördern Eltern Begabungen richtig
In Zeiten der schnellen Entwicklung, also
im Vor- und Grundschulalter, können –
so eine plausible Hypothese – intellektu-


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>> 1912 1921 1939 1946
Basierend auf Beobachtungen Lewis Terman (1877 – 1956) Der amerikanische Psychologe Im britischen
von Alfred Binet (1857 – 1911) startet eine Studie, für die er David Wechsler (1896 – 1981) Cambridge wird
ermittelt der deutsch-amerika- insgesamt 1528 Schüler mit entwickelt einen Intelligenz- der erste Klub für
nische Psychologe William einem IQ über 135 zwischen test, der auch für Erwachsene Hochbegabte
Stern (1877 – 1956) die Bezie- acht und zwölf Jahren aus- geeignet ist. 1956 wird der Test gegründet – mit dem Ziel,
hung zwischen Intelligenz und wählt. Die Ergebnisse wider­ auf deutsche Verhältnisse intelligente Menschen an
Lebensalter und bezeichnet sie legen Vorurteile, wonach übertragen und neu standar­ einen Tisch (lateinisch mensa)
als Intelligenzquotienten (IQ). Hochbegabte meist isolierte, disiert; unter den Namen zu bringen. Mitglied kann
unglückliche und neurotische HAWIE (Hamburg-Wechsler werden, wer einen IQ von
Menschen seien. Die Terman- Intelligenztest für Erwachsene) über 130 hat. Der deutsche
Kinder waren später eher und HAWIK (für Kinder) gehört Ableger heißt Mensa in
überdurchschnittlich gesund, er bis heute zu den meistge- Deutschland e. V.
beliebt und erfolgreich. nutzten Tests in Deutschland.
Binet

elle Anregungen besonders gut verwertet tige Dosis und Auswahl an, bei der Förde- sind unter Hochbegabten genauso ver-
werden. Eltern sollten also ihrem Kind rung, beim Fernsehen, beim Faulenzen ... schieden wie unter anderen Kindern.
frühzeitig und kontinuierlich gut dosier- Und: Eltern sollten sich sorgfältig um Schon nach wenigen Unterrichtsmona-
te – ich betone: gut dosierte, nicht über- die Schulwahl kümmern. Eine gute Schule ten zeigt sich in solchen Spezialklassen
dosierte – Entwicklungsanreize bieten. ist der zentrale Faktor für die Zuteilung zudem auch leistungsmäßig eine enorme
Ein Überschütten mit Förderprogram- von Lebenschancen. Damit wir uns richtig Variabilität. Darauf weisen immer wieder
men, wie es von manchen selbst ernann- verstehen: Gute Schulen sind nicht unbe- Lehrer hin, die in »Hochbegabtenklas-
ten Experten und Elternvereinen propa- dingt deckungsgleich mit Privatschulen. sen« unterrichten.
giert wird, schadet häufig mehr, als es Die Schule ist neben der Familie die
nützt. Spezielle Schulen für Begabte? wichtigste Sozialisationsinstanz unserer
Schulähnliche Programme sind für Die Separierung von Schülern in speziel- Gesellschaft. Hier erfahren Kinder, dass
Drei- und Vierjährige unangemessen, le Klassen oder Schulen für Hochbegab- jeder »anders« ist, dass Heterogenität
auch wenn es Geschäftemacher, die etwa te sollte ein Ausnahmefall sein, nie die eine Bereicherung des Alltags darstellen
Englisch-Frühkurse für Zweijährige an- Regel. Die Homogenisierungshypothese, kann. Auch Hochbegabte werden es im
bieten, anders darstellen. die dahinter steht, ist falsch: Durch se­gre- Leben hauptsächlich mit nicht Hochbe-
Kinder brauchen für eine gesunde Ent- gierende Fördermaßnahmen entstehen gabten zu tun haben. Eine frühe Separie-
wicklung viel Zeit für sich selbst, zum keine homogenen Klassen, denn Persön- rung stiehlt hoch- wie durchschnittlich
Spielen, für die Pflege der sozialen Bezie- lichkeitsmerkmale wie Motivation, Be- Begabten wichtige Erfahrungen im Um-
hungen zu ihren Freunden und für Ge- lastbarkeit oder Konzentrationsfähigkeit gang miteinander.
spräche mit den Eltern und anderen Be-
zugspersonen. Auch Jugendliche müssen
Zeit haben, einfach mal »rumzuhängen«.
Statt in Förderhysterie zu verfallen,
sollten sich die Eltern mehr um ihre
Schützlinge kümmern: Gespräche am
Tisch und in der Freizeit, gemeinsame
Unternehmungen oder Besuche in Mu-
seen, Zoos oder bei Freunden nutzen al-
len. Wenn Kinder zum Beispiel mit der
­Erfahrung aufwachsen, dass Bücher zum
Familienleben einfach dazugehören,
wenn sie täglich sehen, wie ihre Eltern
selbst lesen, ist schon viel gewonnen.
Hängen Kinder und Eltern hingegen
stundenlang vorm Fernseher, ist eine
schleichende Verblödung vorprogram-
miert. Es kommt eben auf die vernünf-

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1957 1975 ab 1980 1997
Der Schock über den Start des In New York erscheint das Buch In den 1980er Jahren beginnen Robert Lehrke stellt in seinem
ersten sowjetrussischen »The Gifted Child« des briti- in Deutschland zwei große Buch »Sex Linkage of Intelli-
Erdsatelliten Sputnik löst in schen Psychologen Cyril Burt Hochbegabtenstudien: Kurt gence: The X-Factor« neue
den westlichen Nationen eine (1883 – 1971). Für seine Studien Heller in München veröffent­ Ergebnisse zur Vererbung von
intensive Suche nach intelli- über die Erbgrundlagen der licht seine Ergebnisse erstmals Intelligenz vor: Danach be-
genten und kreativen Ressour- Intelligenz erntet er zu Lebzei- 1991. Kurz danach erscheinen stimmt vor allem die Mutter,
cen in der Bevölkerung aus. ten Ruhm. Erst Jahre nach sei- auch die Resultate der um­ ob höhere Intelligenz vererbt
Man kann von der Geburts- nem Tod kommt heraus, dass fassenden Marburger Längs- wird. Ein weiteres Ergebnis:
stunde der Hochbegabten­ er viele Statistiken gefälscht schnittstudie von Detlef H. Sowohl Minder- als auch Hoch-
förderung sprechen. hatte: Seine massive Betonung Rost. Sie wurden seitdem kon- begabung kommen häufiger
der genetischen Ursachen von tinuierlich aktualisiert; im bei Männern vor.
Intelligenz wurde daraufhin Sommer 2008 erscheint eine
wieder relativiert. erweiterte Ausgabe der Studie.

Bei einem differenzierenden Unter- Intelligente Schulversager Schule und dem Unterricht innerlich
richt, der Individualisierung nicht zur Begabung ist nicht gleich Leistung, ob- kündigt, kann es passieren, dass er zum
Ausnahme, sondern zur Regel macht, wohl es eine deutliche positive Bezie- schlechten Schüler, ja zum Schulversager
sind solche Sonderinstitutionen meist hung zwischen diesen beiden Faktoren wird. Woran das liegt, muss von Fall zu
überflüssig. Es ist geradezu grotesk: Im gibt. Damit sich höhere Begabung in bes- Fall sorgfältig ermittelt werden. Hier gibt
Zuge der allgemeinen Pisa-Hysterie hin- seren Leistungen niederschlägt, müssen es keine pauschalen Ursachen. Und des-
terfragen viele Pädagogen und Bildungs- viele Faktoren zusammenkommen, un- halb müssen die erforderlichen pädago-
politiker den Sinn des dreigliedrigen ter anderem ein anregungsreiches Eltern- gischen, psychologischen und mitunter
Schulsystems. Fast parallel dazu wollen haus und eine interessanter, fordernder auch psychotherapeutischen Maßnah-
viele Kultusministerien aus dem drei­ und fördernder Unterricht. men sehr genau auf den Einzelfall (und
gliedrigen Schulsystem ein viergliedriges Allerdings wird bei hochbegabten Kin- auf die Bezugspersonen des Schülers) ab-
machen, indem sie zusätzliche Hochbe- dern die Leistung in der Regel stets etwas gestimmt werden.
gabtenschulen und Hochbegabtenklas- unter der zu erwartenden liegen. Diese
sen einrichten! In Finnland – immerhin Diskrepanz zwischen Begabung und Leis- Hochbegabung –
Pisa-Sieger – sind Sonderklassen oder tung wird umso größer, je extremer die Segen oder Fluch im Alltag?
-schulen für Hochbegabte kein Thema. intellektuellen Fähigkeiten ausgeprägt Nationale und internationale Längs-
Die langfristig beste Begabungsför­ sind. Das hat rein statistische Gründe: schnittstudien, die über viele Jahre den
derung ist eine gute (praxisbezogenere) Zum einen wird ein extremer Messwert Lebensweg von Hochbegabten begleiten
Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehr- meist durch eine weitere Kontrollmes- und ihn mit dem von nicht Hochbegab­
kräften. Hier gilt eine einfache Formel: sung wieder etwas relativiert. Zum an- ten vergleichen, zeigen: Im Durchschnitt
Gute Lehrer halten guten Unterricht. Da- dern korrelieren das gemessene Poten­ haben es Hochbegabte im Leben nicht
von profitieren alle: unterdurchschnitt- zial und die erwartbare Leistung, die sich schwerer als andere. Ganz im Gegenteil,
lich Begabte, durchschnittlich Begabte ebenfalls berechnen lässt, nicht 1 : 1. Je- sie kommen sogar etwas besser zurecht.
und Hochbegabte. mand mit einem IQ von 140 gehört zwar Eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit
Bei manchen hochbegabten Problem- zu den begabtesten zwei Prozent der ist daher vermutlich eher ein protektiver
fällen kann eine Herausnahme aus der Menschen; seine statistisch zu erwarten- denn ein Risikofaktor.
Regelschule und Beschulung in einer de Leistung nähert sich aber dem Popula- Kein Zweifel: Es gibt Hochbegabte, die
Sonderinstitution, etwa einem Internat, tionmittel an, liegt also deutlich darun- im Leben kläglich scheitern. Aber es gibt
angezeigt sein. Das trifft vor allem dann ter. Man nennt dieses Phänomen auch prozentual mindestens genauso viele
zu, wenn Eltern und Lehrkräfte dauerhaft »Regression zur Mitte«. normal Begabte, die das gleiche Schicksal
überfordert sind oder es zu einer dra­ Besorgnis erregend wird es, wenn die erleiden. Versagen zu können ist kein ex-
matischen Störung der Schüler-Lehrer- gezeigte Leistung weit hinter dem zu- klusives Merkmal von Hochbegabten. Bei
Beziehung und/oder zu einer massiven rückbleibt, was man auf Grund der Bega- ihnen fällt es nur mehr ins Auge.
Konfrontation zwischen Schule und El- bung erwarten könnte. Psychologen be- In der Literatur wird manchmal da­
ternhaus gekommen ist. Die Reintegra­ zeichnen dies als »Underachievement«. rauf hingewiesen, extrem Hochbegabte
tion in das »normale« Schulwesen sollte Wenn ein Hochbegabter sich langfris- (mit einem IQ von 180 oder höher) hätten
dabei stets das Ziel sein. tig vom Lernen verabschiedet und der besondere Schwierigkeiten mit sich und


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Jaroslav Blaha
44 Jahre alt

studierte während der Offiziersausbildung bei der Deutschen Luftwaffe


Informatik, wurde Dozent an der technischen Militärakademie in
Augsburg und arbeitete dann als Zivilist für die Nato in Brüssel. Heute
leitet er zwei eigene Unternehmen für internationales Projektmanage-
ment. Das Fliegen ist nach wie vor eine Leidenschaft des gebürtigen
Tschechen.

»Wenn man erstmal die Diplomatie entwickelt hat, seine


Hochbegabung im echten Leben einzusetzen, kann sie zu
wunderbaren Erfolgen führen. Das ist harte Arbeit …«

der Umwelt. Das ist aber wissenschaftlich den Berufserfolg ausschlaggebend: Mo­ chen ungewollten Nebenwirkungen man
und praktisch uninteressant, denn man tivation, Arbeitshaltung, Ausdauer, Ge- bei den wirksamen zu rechnen hat, wel-
kann eine so hohe Begabung nicht mehr wissenhaftigkeit, soziales Geschick und che lediglich eine Scheinbehandlung dar-
messen. Und: Von diesen Höchstbe- vieles mehr. Man wird Erfolg haben, wenn stellen und welche man lieber gar nicht
gabten gibt es so wenige, dass diesbezüg- der Beruf in etwa den eigenen Talenten, erst einsetzen sollte, ist beim überwie-
liche Aussagen auf sehr wackeligen Bei- Neigungen und Fähigkeiten entspricht, genden Teil der Maßnahmen nicht be-
nen stehen. wenn also weder eine deutliche Unterfor- kannt.
derung noch eine deutliche Überforde- Die Bildungspolitiker täten gut daran,
Worauf es im Berufsleben ankommt rung vorliegt. sich die richtigen Ratgeber zu suchen.
Ob ich als Chef eher einen Kandidaten mit Das müssen aus meiner Sicht nicht im-
einem IQ über 130 oder eine durchschnitt- Hochbegabtenförderung in Politik mer diejenigen sein, die ständig im Fern-
lich intelligente, dafür überdurchschnitt- und Gesellschaft sehen über die Bedeutung der Hinfor-
lich motivierte Bewerberin einstellen wür- Unsere hochkomplexe Informationsge- schung für Schule und Unterricht reden
de, hängt von der Anforderungsstruktur sellschaft stellt immer stärkere Anforde- und dann Banalitäten als neue For-
der Tätigkeit ab. Ist hervorragendes lo- rungen an die intellektuelle Leistungsfä- schungsergebnisse verkaufen. Gestande-
gisch-abstraktes Denkvermögen – etwa higkeit. Das erkennen zunehmend auch ne Pädagogische Psychologen wären häu-
bei einem Wissenschaftler – eine zentrale Bildungspolitiker. Doch anstatt in Ruhe fig eine besser Wahl. Ÿ
Voraussetzung, würde ich auf eine hohe zu analysieren und behutsam Reformen
Intelligenz viel Wert legen. Es muss jedoch zu implementieren, ist eine Reform- und Detlef H. Rost lehrt Pädagogische Psychologie
keine Hochbegabung sein. Ab einem IQ Förderhysterie ausgebrochen. Das be- und Entwicklungspsychologie an der Univer­
von 120 kann eigentlich fast jeder alles ler- trifft ebenso die häufig übers Knie gebro- sität Marburg und forscht seit über 20 Jahren
nen und auch anspruchsvolle Aufgaben chene Hochbegabungsförderung. über Hochbegabung.
erfolgreich bewältigen. Von den mannigfaltigen Förderanset-
Ein Beispiel: Vor geraumer Zeit wur- zen ist kaum etwas evaluiert. Für Sonder-
den die Professoren einer weltberühmten schulen und Sonderklassen für Hochbe- Literaturtipps
englischen Eliteuniversität, alles gestan- gabte wird viel Geld ausgegeben, an einer Alvarez, C.: Hochbegabung: Tipps für den
dene Forscher und Hochschullehrer, hin- vernünftigen Effektkontrolle wird aber Umgang mit fast normalen Kindern. Mün-
sichtlich ihrer Intelligenz untersucht. Ihr gespart. Niemand würde Tabletten schlu- chen: dtv 2006.
Mittelwert lag etwa bei einem IQ von 125, cken, ohne dass mehrfach belegt worden Eysenck, H. J.: Die IQ-Bibel. Intelligenz ver-
die Spanne reichte von etwa 110 bis 150. ist, dass sie erstens nicht schaden und stehen und messen. Stuttgart: Klett-Cotta
Viele waren zwar deutlich überdurch- zweitens wirksamer sind als ein Placebo. 2004.
schnittlich begabt, aber nicht hochbe- Wenn ein Arzt ungeprüfte Methoden an Jensen, A.: The G Factor. The Science of
gabt. Gute wissenschaftliche Leistungen seinen Patienten ausprobieren würde, Mental Ability. Westport (Kanada): Prager
erfordern nämlich vor allem harte Klein- käme er ins Gefängnis. Wenn Bildungs­ 1998.
arbeit. politiker in hektischer »Reformitis« unge- Rost, D. H.: Hochbegabte und hochleisten-
Wenn die Berufstätigkeit wenig abs- prüfte Maßnahmen zur Begabungs- und de Jugendliche. Neue Ergebnisse aus dem
trakt-logisches Denken verlangt, ist die Hochbegabtenförderung verordnen, kom- Marburger Hochbegabtenprojekt. Müns-
Intelligenz nicht mehr so wichtig. Dann men sie ins Fernsehen. Welche Förder- ter: Waxmann 2000.
sind hauptsächlich andere Faktoren für maßnahmen wie effektiv sind, mit wel-

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