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Erfahrungen über die Fortpflanzung der


Arzneikraft der homöopathiſchen Heil
mittel, nebſt einigen Ideen über die Weiſe
dieſer Fortpflanzung.
, Bon
S . von Sorſakoff *).
(Aus dem Franzoſiſchen des Originals.) ,
There are more things in heaven and earth, Horatio ,
Than are dreamt of in your philosophy !
Shakespeare, Hamlet I. 4 .

In einer dem Stifter der Homéopathik jüngſt


überſandten Note habe ich ein ſchnelles und leichtes Verfah
ren beſchrieben , die homöopathiſchen Mittel bis zu einem ·

* ) Der Verfaſſer dieſer merkwürdigen Abhandlung iſt der in der


Gegend von Moskau begåterte Edelmann , Herr von Korſa :
koff, der mit wahrem Feuereifer (ohne Arzt von Profeſſion
zu ſein ) ſich in das Feld der Homdopathik einarbeitend , auf
dem Lande, wo er wohnt , bereits unendlich viel Gutes geſtiftet
hat ; aus der ganzen umgegend ſtromen die Franken zu ihm ,
und er führt genaue Journale über ſeine Kuren . 0, Ø .
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unglaublich hohen Grade zu verbünnen , und zugleich der
Wirkungen erwähnt, welche ich namentlich von der 1000
Centeſimalverdúnnung des Schwefels und der 150 Centefis
malverdúnnung des Queckſilbers erhalten habe.
2) Seitdem habe ich den Schwefel bis zur 1500 Cens
teſimalverdünnung gebracht, und ſtets gefunden , daß ſeine
Arzneikraft, anſtatt durch dieſe unerhörte Zertheilung zu erld
ſchen , vielmehr die wohlthåtigen Wirkungen um ſo deutli
cher hervortreten ließ.
3) Bis zur 1000 Verdünnung hatte ich mich des Schneea .
waſſers bedient; zu den übrigen 500 dagegen nahm ich nur;
gewöhnliches Quellwaſſer , ohne Nachtheil für den Erfolg
meiner Operation .
4 ) Ob nun gleich die Verfahrungsart, deren ich mich
zur Erreichung dieſes außerordentlichen Grades von Ver
dünnung bedient hatte , über das wirkliche Vorhandenſein
der Arzneikraft in der Auflöſung durchaus keinen Zweifel
ließ , ſo überſteigt doch die Annahme ſo unendlich vieler
Bruchtheilchen , als in dieſen åußerſten , noch immer wirk
ſamen Verdünnungen angenommen werden müßten , in Wahr
heit alle Faſſungskraft , und veranlaßte mich , um vor jeder
etwanigen Täuſchung ſicheč zu ſein , die Sache einer neuen
Reihe von Prüfungen zu unterwerfen . .
5) Schon oft ſind von den Gegnern der Homöopathik :
ſehr triftige Einwendungen gegen das Daſein ſolcher Brucha.
theilchen gemadt worden , indem ſie durch arithmetiſche Bes' .
rechnungen bewieſen , daß eine dezilionfache wirkliche Zer :
theilung, wo der Nenner des Bruchs doch nur 60 Nullen
hat, in das Reich der Unmöglichkeit gehöre. Was müßten
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ſie vollends von einem Bruche ſagen , wo 3000 ſolcher
Nullen dazu gehören , um jene 1500 Verdünnung auszus
drůden ?
6 ) und dennoch lagen die Beweiſe der faſt noch volls
kommneren Wirkſamkeit eines bis zur dieſer unglaublichen
Verdúnnung gebrachten Mittels aïzu unbeſtreitbar vor Au
gen . Worin konnte alſo der Srrthum liegen ? Vielleicht
in der Erklärungsweiſe jener wirkenden Qualitäten ſelbſt ?
Wenn dieſe Mittheilung keine materielle ware – wie ich
bisher geglaubt - beruhte ſie etwa auf einer Fortpflanzung
durch Anſteckung (infection ) oder vielleicht ſelbſt auf einer
Art von Moleculenerzeugung ? – So geſtellt, gewann die
Frage allerdings ein ganz anderes Unſehen. Erſchien ſie,
bei einer Annahme rein materieller ertheilung der Arzneis
theilchen unſtatthaft, ja vielleicht wirklich abſurd ; ſo tritt
ſie dagegen , ro („ dynamiſch “) erfaßt, unterſtůkt von einer
Menge von tåglichen Faktis in der Natur, die kein Phyſi
ker und Mathematiker zu beſeitigen wagt, als ganz ver:
' nünftig auf. . .
7) Um mich von der Wahrheit der einen oder der an
dern dieſer lektgenannten Anſichten zu überzeugen , habe ich
die hier folgenden Verſuche angeſtellt, und bin auf dieſe
Weiſe zu , in der That ganz unerwarteten Reſultaten gelangt.
8) Ich nahm ein einziges trodnes Streukügelchen der
1500ften Verdünnung des Schwefels , that es in ein Glås:
chen , das mit etwa 1000 gewöhnlichen Zuckerſtreukügelchen
gefüllt war, verkorkte es , undi ſchüttelte die Kügelchen eine
Minute lang ſtark durcheinander. In dieſes Glas ließ ich
pſoriſche Kranke riechen ; und alle empfanden ſehr bald
Symptome, wie ſie der Wirkung des Schwefels eigen ſind.
9) Andre dafür geeignete Stranke ließ ich aus demſel
ben Glåschen ein einziges Streukügelchen innerlich nehmen ,
und alle haben die wohlthätigent Wirkungen des Schwefels
erfahren , die er in hoher Verdünnung auszuüben pflegt.
10) Ich miſchte unter die einfachen Zuckerſtreuků gel
chen , womit ich ein andres Flaſchen angefüllt, ein einziges
mit der dezillionfachen Verdúnnung des Schwefels befeuchte:
tes , und ſtellte das Fläſchchen , nachdem ich es eine Minute
lang durchgeſchüttelt , auf 24 Stunden ruhig hin . Hierauf
nahm ich das mit der Arzneiſubſtanz imprågnirte Kügelchen
wieder heraus (das leicht zu erkennen war, weil einmal mit
Weingeiſt befeuchtete und wieder trođen gewordene Streu = '
kügelchen ihren Glanz verlieren , und eine dunklere Fårbung
erhalten ), und ließ dann Kranke entweder nur in das
Fläſchchen riechen , das jegt bloße Zuckerkügelchen - wiewohl
binnen 24 Stunden mit dem arzneilichen Kügelchen in Bes .
rührung geſtanden – enthielt, oder ließ auch eines jener
Kügelchen innerlich nehmen ; und ich machte in beiden Fåls '
len jedesmal die ſichere Erfahrung, daß alle einzelnen Streu :
kügelchen des Glåschens vollkommen ſo wirkten , als ein mit
der dezillionfachen Schwefelverdúnnung befeuchtetes ſelbſt ges
wirkt haben würde.
. 11) Dieſelben Verſuche ſtellte ich mit Streukügelchen
an , die mit den dezillionfachen Verdünnungen von Rhus,
Ignatia , Mercur. u . a . m . befeuchtet waren , und jedesmal
erhielt ich die reſpektiven , jedem dieſer Arzneiſtoffe eigenthảm
lichen Effekte.
12) Ich nahm ein einziges , trodnes , mit Schwefel î
imprågnirtes Streukügelchen , und that es in ein Glas, das
bis zur Hälfte angefült, 123 Gran an Zuckerſtreukúgelchen
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is buvo enthielt, die, wenn man 110 — 111 Streukügelchen auf einen
Gran rechnet, eine Summe von mehr als 13,500 Stück
choenen ausmachten . Ich ſchüttelte das Glas fünf Minuten lang
durch ; und alle Streukúgelchen dieſer Menge erhielten ſo,
wie durch Anſteckung (contagio ), die Eigenſchaft, auf den
Drganismus die Wirkung des Schwefels auszuüben .
. 13) Ich ließ mir ein Taſchen - Etui mit 30 Glaschen
verfertigen . Dieſe füllte ich zur Hälfte mit Zuckerſtreuků:
gelchen an , und that in jedes ein einziges mit der dezillions
fachen Verdünnung der gewöhnlichſten Medikamente befeuch - ,
tes Streufügelchen . Darauf ſchüttelte ich das ganze Etui
eine Minute lang ; und alle Arzneien dieſer kleinen Apotheke
ſind vollkommen kräftig , und bringen jede ihre reſpektiven
Wirkungen auf die Kranken hervor. Ich habe mich ihrer
jekt ſchon in mehr als 300 Fållen bedient, und überzeuge
mich immer mehr von ihrer Wirkſamkeit.
: 14 ) Auf dieſe Weiſe håtte der Homöopathiker eine neue
Methode, ſeine Heilmittel zu vervielfältigen und zu erneuern ;
und da dieſe eben ſo bequem als zweckdienlich iſt, ſo wünſche
ich mir Glück dazu , ſie hier bekannt machen zu können .
15) Sollten indeſſen die Medikamente, auf dieſe
Weiſe bereitet , durch das håufige Aneinanderreiben der Ků- -
gelchen in den portativen Apotheken mit der Zeit ſich nicht
zu einem zu hohen Grade von Kraft potenziren ? Wird.
nämlich durch fortgeſetztes Schütteln die Kraft der homoo:
pathiſchen Arzneien im trocknen Zuſtand wirklich ebenſo im
mer ſtårker entwickelt, wie im flüſſigen , ſo wåre jene Pos
tenzirung allerdings unvermeidlich , und in dem Falle , die
in meinem Briefe an Herrn Hofrath Hahnemann (Ur- ,
chio VIII. Hft. 2.) erivähnte Methode vorzuziehen , indem
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mit 1 ober 2 Zropfen direkt befandtete Streufúgelden in


kleinen Klümpchen zuſammenkleben , und auf dieſe Weiſe in
dem Glaschen unbeweglich bleiben . Die Erfahrung wird
übrigens auch hierüber am besten entideiben.
16 ) Die Möglichkeit der Uebertragung von Arzneieigen
ſchaften auf einen tragen (indifferenten ) Körper, obne plus:
ſiges Medium , ohne Reibung, ohne einige Mengung oder
materielle Bertheilung, iſt ein neues Faktum im Heide der
Homöopathik; und für die Zheorie der Wiſſenſdaft gewig
von großer Beachtung.
17 ) Durch die oben mitgetheilten Erfahrungen iſt
erwieſen , daß die, durch eine nur kurz dauernde Bewegung
und Reibung unterſtükte Berührung eines arzneilichen Atoms
hinreicht, um alle ſeine Eigenſchaften einer verhältniſmäßig
ungeheuren Menge von tråger (indifferenter) und trodner
Materie mitzutheilen . Ein ſo merkwürdiges Faktum läßt
ſich durchaus nicht anders erkläreni, als durch eine Art von
arzneilicher Contagion oder Anſtedung, eine (dynamiſche)
Uebertragung von Kräften und Eigenſchaften : denn hier
fållt jeder Schein einer materiellen Zertheilung, der bei den
flüſſigen Verdünnungen noch möglich wår, durchaus weg .
18 ) Es ſcheint ſogar, daß die Uebertragung oder Forts
pflanzung der Arzneikraft von Schicht zu Schicht (de proche
en proche) — ( wie durch Leiter ?" ) - wirkt, d . h. daß
die 14 oder 15 Streukugelchen , die ſich in unmittelbarer
Berührung des arzneilichen befinden , deſſen Eigenſchaften
nicht nur ſehr ſchnell in ſich aufnehmen , ſondern auch die
Fähigkeit erhalten , dieſe auf alle andern um ſie her zu
übertragen ; denn ſonſt ware es in der That ſchwer zu er
klåren , wie jene fåmmtlichen 13,500 Streukugelchen , deren
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ich oben (S. 12.) erwähnte, in Zeit von wenigen Minuten
mit der arzneilichen Kraft des Einen ſo hatten imprägnirt
werden können , daß fie vollkommen wie dieſes ſelbſt wirkten .
19) Da nun die Erfahrung beweiſet, daß arzneiliche
Eigenſchaften auf tråge (indifferente) Materie durch Berüh
rung übertragen werden können , ohne alle wirkliche Zertheis
lung ; ſo laſſen ſich gerechte Zweifel dagegen erheben , daß
jene hohen (ſogenannten) Verdünnungen der homöopas
thiſchen Mittel wirkliche Theilungen ſeien , die in der That
allen mathematiſchen und phyſiſchen Gefeßen geradezu widers
ſprechen .
20) Dürfte man nåmlich nicht vielmehr annehmen ,
daß die materielle Centeſimalverdúnnung nur bis zu dem
Momente wirklich ſtatt findet, wo der Arzneiſtoff auf ſeine
ſpezifiſche Atome reduzirt iſt ? Vielleicht iſt dieſe Reduktion
ſchon bei der million - oder billionfachen materiellen Zertheia
lung des Grans, welcher zur Verdünnung genommen wird,
zu Stande gebracht - ein Zerkleinerungsgrad , der freilich
durch chemiſche Reagentien ſchon nicht mehr wahrnehmbar,
aber doch nicht abſolut unbegreiflich iſt.
21) Es ließe ſich alſo denken , daß die arzneilichen Atome,
von allen heterogenen Theilen befreit, hierdurch eine Kraft
gewonnen , die ſie vorher nicht beſeſſen ; denn es gilt wohl
als eine von allen großen Geiſtern anerkannte Wahrheit,
daß die Kraft und die Eigenſchaften der Agentien der Na
tur in dem Maße fich entwickeln und hervortreten , als ſie
von der ſie bindenden Materie frei werden . Hahnemann
felbſt hat die Erfahrung gemacht, daß ſogenannte unauflos
liche Subſtanzen durch Zertheilung bis zum Milliontel fich :
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ohne allen Rücftand in Flüſſigkeit auflöſen laſſen . Eben ſo
ausgemacht iſt es ferner, daß faſt ganz indifferente oder
wenigſtens nur ſehr ſchwach auf den Drganismus wirkende
Körper durch einen gewiſſen Grad von Zertheilung ſo ſtarke
arzneiliche Kräfte gewinnen , daß man bei der homóopathi:
ſchen Anwendung derſelben vorſichtig ſein muß. 218 Bei
ſpiele dieſer Art brauche ich nur die Kieſelerde , den Bår:
Jappſtaub oder ſelbſt das Küchenſalz zu erwähnen , die zu
einem hohen Grad von Verdünnung gebracht, ganz unvers
håltnißmåßig kräftigere und ganz andre Wirkungen ents
wickeln , als ſie in ihrem gewdhnlichen Zuſtande beſiken . .
22) Reicht nun eine mluion - oder billionfache Zertheiz
lung eines Grans hin , um Medikamente auf ihre ſpezifi
ſchen Atome zu reduziren ; wie wäre dann die Fortſegung
der Uebertragung ihrer Eigenſchaften auf die weiteren Ver
dünnungen anders zu erklären , als durch die Fåhigkeit, die
ſie erlangen , dieſe ihre Qualitäten anderen indifferenten
Moleculen durch bloße Anſteckung, durch Contagion mitzua
theilen ? – denn ein Atom låßt ſich nicht weiter theilbar
denken ! Zum augenſcheinlichen Beweiſe hievon dienen jene
trocknen , mit der ganzen arzneilichen Kraft imprägnirten
Streukügelchen, bei denen an eine wirkliche ſtu:bſtanzielle Vera
theilung des Arzneiſtoffes gar nicht zu denken iſt. u !
23) Geſchieht die Fortpflanzung ſo vieler kontagiøſer
Krankheiten übrigens nicht auf dieſelbe Weiſe? Der Uns
ſteckungsſtoff der Peft, der Pocken , der Luſtſeuche, der Pſora ,
an und für ſich unwahrnehmbar für unſere Sinne, pflanzt
ſich durch Gegenſtände fort, die in Berührung mit Perſonen
waren , welche an jenen Krankheiten litten . Sehen wir
hier nicht den Anſteckungsſtoff ſich von Individuen auf In.
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dividuen übertragen , und ſo fich von Stelle zu Stelle mehr
oder weniger ſchnell über ganze Nationen verbreiten ?
. 24 ) Eriſtirt alſo in der Natur ein Prozeß zur Vers
vielfältigung von Krankheiten ; låßt ſich dann die Wirkſams
keit der homöopathiſchen Verdünnungen nicht als auf dem
ſelben Prinzip beruhend anſehen , nur als eine für die leis
dende Menſchheit wohlthåtige Anwendung deſſelben Geſekes ?
25 ) Es ließen ſich noch andere Fakta anführen , um
zu beweiſen , daß Bewegung und Reibung ſo oft die Mit:
tel in der Hand der Natur ſind , um Veränderungen und
ganz neue Eigenſchaften in den Körpern hervorzurufen :
fe B . die Art der Entwicelung und Fortpflanzung des
Warmeſtoffs , der Elektrizitát , des mineraliſchen und des
animaliſchen Magnetismus.
. .. 26 ) Auch die Gåhrung iſt ein "Fortpflanzungs - und
Entwickelungsmittel ſpezifiſcher Qualitåten . Die geringſte
Menge eines Ferments reicht bekanntlich unter günſtigen
Umſtånden hin , um eine allgemeine Bewegung der Molecule
einer flüſſigen Maſſe hervorzubringen , und endlich die Eigena
ſchaften dieſer Maſſe völlig umzuảndern. .
: 27) Selbſt die Befruchtung, das Reimentwickeln , und
die oft ſo außerordentliche Vermehrung von Individuen des
Pflanzen - und Thierreichs haben vielleicht etwas analoges
mit dem Verfahren , deſſen die Homöopathen ſich zur Fort:
pflanzung der Kraft ihrer Arzneien bedienen ; doch keine Er
klärungsweiſe ſcheint mir der Wahrheit ſo nahe zu kommen ,
als die Vergleichung mit der Fortpflanzungsart kontagioſer
Krankheiten , nåmlich durch Unſteđung.
: 28 ) Dieſe Unſicht, auf obige leicht nachzuprüfende Er
fahrungen und auf überall bekannte Fakta geſtúkt, deren
Realitåt keinem Zweifel unterliegt, würde eine vernünftige
Erklärungsweiſe des homéopathiſchen Verfahrens gewahren ,
deſſen Nulitåt alle diejenigen zu behaupten das Recht haben ,
welche durch arithmetiſche Rechnungen die Unmöglichkeit bes
weiſen können , Verdúnnungen einer Subſtanz bis auf einen
Grad zu treiben , wie ihn die Homöopathen poſtuliren , und
deſſen Unſtatthaftigkeit ſelbſt dieſe lekten Verſuche von mir
zu beſtåtigen ſcheinen .
29) Laßt man aber die Hypotheſe gelten , daß die
arzneiligen Atome indifferenten Körpern ihre Eigenſchaften ,
ebenſo wie Contagien die ihrigen , mittheilen ; ſo wird man
ſich auch erklären können , wie es zugeht, daß beide nach
und nach an Intenſitåt ſchwacher werden . In dem Maße
nåmlich , als die homöopathiſchen Verdúnnungen immer
höher getrieben , oder, was daſſelbe iſt, wiederholt werden ,
vermindert ſich die Stärke ihrer Primärwirkungen , und die
homöopathiſchen Verſchlimmerungen verſchwinden zuleßt, wih
rend die Reaktion des Organizmus oder die Heilwirkung
fortwährend zunimmt. - Beim Auftritt kontagioſer Krank
heiten, wo die Keime derſelben noch in ihrer vollen urſprüng
lichen Kraft ſind , wüthen dieſe Krankheiten beſonders heftig,
und durchlaufen ihre Stadien in dem befallenen Individuo
in der kürzeſten Zeit. Sobald ſie ſich aber ausgebreitet
und ſchneller oder langſamer tauſende von Menſchen nach
und nach angeſteckt haben , fångt die Heftigkeit der Sym
ptomen an nachzulaſſen , und die Seuche nimmt vor ihrem
gånzlichen Aufhören gemeinlich einen milderen , minder tódt
lichen Charakter an . - Vielleicht gelånge es aufmerkſamen
Beobachtern , in den Individuen , die von ſolchen heftigen
Kontagien befallen , aber geheilt worden waren , bleibende
Nach
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Nachwirkungen derſelben in ihrer Organiſation zu entdecken,
ähnlich den Nachwirkungen der homöopathiſchen Mittel.
· Es war mein Wunſch , durch Mittheilung der obigen
Beobachtungen und meiner darauf gegründeten Anſichten
über die Fortpflanzungsweiſe der Arzneikraft der homöopathis
fchen Mittel, die Aufmerkſamkeit der Homöopathiker und
aller denkenden Aerzte auf genauere Unterſuchungen aller der
Umſtånde hinzuleiten , durch welche die Agentien der Natur,
die auf den menſchlichen Organismus einwirken , in dieſer
ihrer Wirkſamkeit weſentlich begünſtigt oder zurück gehalten
werden . Eine ernſthafte und genaue Beſchäftigung mit dies
ſem Gegenſtande kann von den wichtigſten Folgen für die
ganze Menſchheit ſein . Nicht nur kann ſie zu einer immer
größern Vervollkommnung des homöopathiſchen Heilverfahrens
führen , ſondern möglicherweiſe ſelbſt auf Mittel leiten , jede
Art von Anſteckung ſchnell und kräftig zu verhüten , und ſo
der Verbreitung jener ſchrecklichen Seuchen , die das Men
ſchengeſchlecht verheeren , einmal ein ſicheres Ziel zu ſeßen .
Taruffovo, den 7. (19.) Juni 1831.

N a ch ſchrift
des
Herrn Hofrath Dr. S . Hahnemann .
Dieſer Auffak des ſo unterrichteten und ſo unermüdeten
und redlichen Forſchers und Beförderers unſrer Kunſt beſtå
tigt unwiderleglich die ſchon durch einige bisherige Erfahrun
gen ſich kund gegebnen Wahrheiten : 1) daß die Entwickelung
der Kräfte der Arznei - Subſtanzen nach dem der Homöopa
thif eigenthümlichen Verfahren faſt grånzenlos angenoms
Archiv XI. Bd. II. $ ft.
- SR -

men Deten finn ; 2) daj, je bober die Potenzitungen


( Earts Fingen ) derelben fizigen , desto encringlicher und
idueller diretam ſie werden ; 3 ) ihre Wirkungen aber auch
un certs its teller vcrüber gehend.
"Lleš ciet limmt völlig mit meinen , obihon weniga
weit getriebenen Berruchen überein , von denen ich nur des
einzigen gebente , caz , als ich einšmals eine potenzitte Ber:
Dúnnung von Schideref bis zu XIX (bunterface Bercún
nung in der Creiñigſten Potenz) Berfertigt und einen Tropfen
davon auf etwas Zudu einem bejahrten ledigen Frauenzim
mer eingegeben hatte, welche ſehr ſelten (alle 9, 12, 14 Mo
nate einmal einen epileptiſchen Unfalle unterworfen war,
dieſelbe ihren Hafall noch in derſelben Stunde erhielt und
feitdem Feci davon blieb .
Die in ihrer alten Form erſtarrten Gegner der Homöo
pathit, die ſichs vorgenommen zu haben ſicheinen , von diefer
roundecíamen Entwicklung der Kräfte der rohen Arzneiſub
ſtanjea fich nicht überzeugen laſſen zu wollen , die doch in
jeder reblichen Nachörútung fich jedem Unbefangenen offenbart,
und welche der Ausübung der Homéopathit jene beruhigende
Sicherheit und Zuverläsſigkeit bei Unwendung hoch potenzirter
Berbúnnungen der Urzneien in kleinſter Gabe bei Krankheiten
berleiht, roodurch ſie jedes ältere Kur- Berfahren unendlich
úberriegt, – können bei dieſen ſo weit getriebenen Berſu
chen und Erfahrungen des um unſre Kunſt hoch verdienten
Berfaſſers dieſer Übhandlung doch nichts weiter thun , als,
roie bisher, unter den Stufen des Vorhofs zum Heiligthume
dieſer heilbringenden Wahrheiten überraſcht ſtehen zu bleiben ,
und durch ein unglaubiges Lächeln ihre Unfähigkeit beurkuns
den , ſich dieſe heilbringenden Aufſchlüſſe der Natur der
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Dinge zum Wohle der Kranken zu Nuke zu machen . Sie
lächelten ſchon eben ſo ungläubig , als ich vor etlichen und
dreißig Jahren die Vorzüge einer millionfachen Verdúnnung
der Belladonna gegen Scharlachfieber anprieß ; jekt können
ſie auch nichts Schlimmeres thun , wenn ſie hier die bis zur
tauſenden Potenz erhöheten , hundertfachen Entkörperung des
Schwefels leſen , wie kräftig -arzneilich er dann noch auf den
menſchlichen Körper einwirkt. Ihr biotiſches Lächeln hålt den
Udler - Flug der neuen , wohlthåtigen Heilkunſt nicht auf und
ſie bleiben , nach Gebühr, der Segnungen derſelben beraubt * ).
Indeß mußman ſich erinnern , daß dieſe Veranſtaltungmehr
zur Erforſchung diente, wie hoch man mit potenzirter Verdún:
nung der Arzneien ſteigen könne, ohne daß die Wirkung derſela
ben auf das menſchliche Befinden zu Nul werde, wozu jene
Verſuche unſchågbar ſind ; zum homöopathiſchen Gebrauche bei
Kranken aber iſt es zweckmäßig , bei Bereitung der Arzneien
aller Art, bei der Dezillionfachen Verdünnung und Potenzirung
( x ) ſtehen zu bleiben , damit die homöopathiſchen Herzte ſich
gleichförmige Reſultate bei ihren Heilungen verſprechen können .
Samuel Hahnemann .

*) Dieſen Herrn möchte man die Worte Göthes zurufen :


„ Daran erkenn ich die gelehrten Herrn !
„ Was ihr nicht taſtet, ſteht euch Meilen fern ;
„Was ihr nicht faßt, das fehlt euch ganz und gar;
„ Was ihr nicht rechnet , glaubt ihr, ſei nicht wahr ;
„ Was ihr nicht wågt, hat für euch kein Gewicht ;
„ Was ihr nicht můnzt , das , meint ihr , gelte nicht."
Fauſt , 2r Theil.