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Bemerkungen über ein völlig ſicheres und


leichtes Verfahren, die homdopathiſchen .
Arzneien zu jedem beliebigen Grade zu po
tenziren , ſo wie über einige Reſultate der
Anwendung bis auf eine bis jept noch *
unbekannte Höhe potenzirter
Urzneien *).
von
S . von Korſakoff. . .
(Aus dem Franzöſiſchen des Originals .)

Dei Gelegenheit einer Reihe von Verſuchen , welche ich zu


näherer Beſtimmung des Grades der ſogenannten Verdúns
nung der Arzneiſtoffe , auf welchem die Wirkung derſelben
auf den menſchlichen Organismus aufhört , anzuſtellen bes
ichloß, überzeugte ich mich bald , daß ich , um hundertfache
Verdünnungen (divisions centiemes) darzuſtellen, eine unger
heuere Menge Gläſer, Korkfe und dergleichen nöthig haben
*) Man Tehe die im vorigen Sefte des Archivs enthaltenen wichtis
gen Mittheilungen des Herrn von Korſakoff.
Der era u 6 g,
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vurde, und wurde dadurch veranlaßt, ein leichteres und
Ponomiſcheres Verfahren zu ſuchen . Ich bin dabei auf den
Sedanken gekommen , ein und daſſelbe Glas vielmal zu
remſelben Zwecke zu benutzen , und zwar ſo , daß der In
salt des Glaſes (erſte Verdünnung %100) weggeſchüttet, das
Slas ſo ausgeſchwenkt werde, daß nur Ein Tropfen darin
bleibe, wozu dann neue Verdúnnungsflüſſigkeit (99 Tropfen )
geſchüttet, und ſo fort , bis zum beliebigen Verdünnungsa
grade verfahren werde. Die Erfahrung lehrt, daß, trok
Eralles Ausſchwenkens eines, mit einer Arzneiflüſſigkeit gefüllten
... Glaſes, an den Wänden deſſelben davon ſo viel hängen
bleibt , daß es vollkommen hinreichend iſt, der hinzukom
...menden Verdünnungsflüſſigkeit die arzneilichen Eigenſchaften
*** mitzutheilen .
? Mein Verfahren dabei iſt folgendes :
1) Mittels einer kleinen , ſehr genauen Wage, welche auf
100 Gran anſchlågt, verſicherte ich mich , daß in einem
Glaſe von der angegebenen Große und Geſtalt * ), welches,
3.) nachdem man es mit reinem Waſſer gefüllt, ganz einfach
ieri
ausgeſchüttet wurde , doch immer 3 /2 Gran Waſſer im
posledy Innern zurück bleiben .
miem! 2) Wenn aber das Glas , nachdem man es ſo ganz ein
Anna de fach ausgeleert , durch einen heftigen, abwärts geführten
strelite * ) Der Herr Verf. legte eine Zeichnung dieſes Glaſes bei , welche
ich leider nicht im Stande bin , hier wiederzugeben , weshalb ich
mich mit der wörtlichen Beſchreibung derſelben begnügen muß.
Das Glas faßt eine halbe unge Waſſer , hat ganz die Geſtalt
eines gewöhnlichen zylindriſchen Glaſes mit eingeriebenem Stops
fel , wird jedoch ſtatt deſſen mit einem gut paſſenden Korks ver
ſchloſſen . Von Bedeutung dürfte auch die Geſtaltung der Mün
dung reyn , worüber jedoch auf der Ubbildung nichts angedeutet
wird . anmerk. d. Vera usg.
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Schlag, nochmals ſtark geſchüttelt wird , um den Inhalt
deſſelben auszuleeren , fo bleibt, nach dieſer Operation , doch
noch ein voller Gran Waſſer in dem Glaſe zurück *). -
3) Ich goß hierauf zur Probe 100 Gran reines Waſſer
in ein Glas, machte ein Zeichen in der dadurch gegebenen
Waſſerhöhe, und dieſes Glas dient dann für immer als
Maaß der beſtimmten Waſſermenge , welche zu weitern
Verdünnungen nöthig * *).
Mein Verfahren , die ſogenannten Verdünnungen ſelbſt
zu bewerkſtelligen iſt nun folgendes.
1) Man nimmt ein , dem erſteren ähnliches Glas, und
gießt, mittels des angegebenen Maaßes, 100 Tropfen reinen

* ) Gewiß wird es den Leſern dieſes intereſſanten Auffakes anges


nehm ſein , die Anſicht unſres verehrten Herrn Sofrath Sah
nemann über dieſe Verdünnungsmethode kennen zu lernen ; ich
freue mich , in nachfolgendem mittheilen zu können , , wie
ſich derſelbe in einem Briefe an mich über dieſen hochwichtigen
Gegenſtand ausgeſprochen hat. Stapf.
Zur Bereitung ſo ungeheuer hodh potenzirter Verdünnun:
1 . ogen der Arznei-Subſtanzen iſt das Verfahren des edeln Kor:
ofakoff ſo ſinnreich als zweckmåßig ; man wird beim Nachver
„ ſuchen mittels ſehr empfindlicher Wagen finden , daß ein Flåſch
„ chen von angegebener Form beim kråftigen Ausſprigen von
,,100 Gran darin enthaltenen Waſſers faſt ziemlich genau nur
„ einen Gran Waſſer an ſeinen Wånden zurückbehålt, was die
ferneren Verdünnungen ſehr ſicher und zuverlåflig macht , ſo
„ daß man nichts dagegen einwenden kann und ſo die Operation
„ unglaublich vereinfacht und erleichtert wird ."
* *) Gern theilte ich bei dieſer Gelegenheit das ſehr ſinnreiche Ber :
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fahren des Herrn Dr. 2 . Schmit, die Verdünnungsflüſſigkeiten


-

zu meſſen , mit, wenn es mir möglich geweſen wäre, eben jeßt


die zur Erläuterung nothigen Abbildungen beifügen -zu können ,
was jedoch hoffentlich nåchſtens wird geſchehen können .
Der Heraus g.
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Waſſers hinein ; ' auch in dieſem Glaſe bezeichnet man die
Waſſerhöhe und läßt hierauf den Einen Tropfen der zu
" verdünnenden Flüſſigkeit hineinfallen . . .
2) Man ſtemmt hierauf den Boden des Glaſes gegen
den Daumen der rechten Hand, und indem man mit dem
Mittelfinger derſelben Hand die Deffnung des Glaſes ver
ſchließt *), ſchüttelt man das Glas ſtark 2 mal , um ſo den
Inhalt deſſelben innigſt zu vermiſchen .
3 ) Man ſchüttet hierauf den etwas ſchäumenden Inhalt
des Glaſes in ein leeres Gefäß und ſchüttelt dann das
Glas mittels eines kräftigen , abwärts geführten Armſchlags,
um ſo viel als möglich von dem Rückſtande zu entleeren .
In dem Glaſe bleibt dann als Rúdſtand Ein Tropfen der
erſten Berdünnung (V100).
4 ) Man gießt hierauf von neuem Waſſer in daſſelbe
Glas bis zu dem 100 Gran andeutenden Zeichen , verſchließt
es wieder mit dem Finger , ſchüttelt es ſtark 2 mal, gießt
den Inhalt aus und behålt Einen Tropfen der zweiten Vers
dünnung ( %10,000 ) darin .
. 5 ) Auf dieſe Weiſe fährt man fort, das Glas mit Waſ
ſer zu füllen , mit dem Finger zu verſchließen , es zweimal
ſtark zu ſchütteln , es zu entleeren , einen Theil des Reſtes
des Inhalts auf die angegebene Weiſe zur Erde fallen zu

* ) Nicht vorſichtig genug kann man bei dieſer Operation ſein , um


nicht durch irgend an dem Finger befindliches Fremdartiges, die
Urznei zu verunreinigen , weswegen es höchſt nöthig iſt , jedes
mal vor der Operation ſich mit reinem , am beſten deſtilirtem
Waſſer – nicht Seifenwaſſer — ſorgfältig zu waſchen .
Unmerk. d. Vera usg.
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laſſen und die Zahl der vollendeten "Operationen zu bemer :


ken , bis Nr. 29.* ) .
Statt nun das Glas weiter mit Waſſer zu füllen ,
ſchüttet man 100 Tropfen Alcohol hinein , ſchüttelt es mit
zwei Armſchlagen und nachdem es mit einem neuen , guts
paſſenden Korks wohl verſtopft worden , bezeichnet man dars
auf, wie auf der Etiquette , den Namen des Arzneiſtoffes ,
den Grad der Verdünnung ( X ) und den Datum der Operation .
... Dieſes ganze, höchſt einfache Verfahren dauert höchſtens
10 Minuten und koſtet, wie man ſieht, nur Ein Glas und
100 Tropfen Alcohol , um die dreißigſte Potenzirung dar
zuſtellen .
.: So ſicher nun auch dieſe Methode iſt , die höchſten Ver
dünnungen der Arzneikörper auf die leichteſte und am wes
nigſten koſtſpielige Weiſe darzuſtellen ; ſo könnte man doch
vielleicht einige Bedenklichkeiten dabei erheben , beſonders
hinſichtlich der dabei zu erreidyenden höchſten Genauigkeit der
quantitativen Verhältniſſe.
Dieß würde allerdings nicht ganz ohne Grund feyn ;
doch möge man wohl bedenken , daß dieſe ſtrengſte Genauig
keit bei der gewöhnlichen Verdúnnungsweiſe ebenfalls nicht
ſtatt findet, indem man , bei der Verſchiedenheit der Tropfen ,
nie gewiß ſein kann , daß eine Verdünnung mathematiſch
genau die feptillionſte , oder oktilionſte, oder dezillionſte ſei.
* ) Will man niedrigere Verdünnungen zum Gebranche aufbewah:
ren , ſo kann man bequem ſchon bei der 6 ten oder 9 ten , der
12 ten oder 18 ten oder 24 ten Verdünnung Alcohol ſtatt Waſſer,
und bei den folgenden wieder Waſſer nehmen , wo man dann
das Produkt in ein beſonderes Glas ſchüttet,und ſo aufbewahrt.
Inmerk : d . øera us g .
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Ich kann verſichern , daß einige Tropfen * ) weniger als 54/100
Gran wiegen , während andere 59/100 wiegen , was eine Dif
ferenz von 100 zu 150 auf 100 macht. Endlich darf man
hieraus auch keine Folgerungen auf die ärztliche Praxis
ziehen , denn es iſt ſchwer, wohl gar unmöglich , die Vers
fchiedenheit der Wirkung eines Arzneiſtoffes in der 29 . odeč
30. Verdünnung wahrzunehmen .
Da ich nicht mit deſtillirtem Waſſer verſehen war, bes
diente ich mich zu dieſen Verſuchen des aus geſchmolzenem
Eis gewonnenen Waſſers , und habe damit die glånzendſten
Reſultate erhalten . Ich nehme an , daß auch reines Regen
waſſer mit demſelben Erfolg angewendet werden könnte , ſo
wie jedes andere reine Waſſer * * ). . .
c . Zu Erlangung eines glüdlichen Erfolgs, iſt es nöthig,
daß die Glåſer , welche zu der Operation verwendet werden ,
möglichſt genau die oben angegebene Beſchaffenheit haben .
In einem kleinern Glaſe hångt das Waſſer fid ) zu ſtark an
den Wänden an , und die Menge des Rückſtandes nach dem
Ausgießen iſt zu groß, und überdem bleibt nicht ein hinlånga
licher Raum übrig , das Waſſer durch die Armſchläge geho:
rig zu ſchütteln und ſo die. innigſte Vermiſchung zu bewerk
ſtelligen , und iſt das Glas- zu groß , ſo führt dieß andere i
bedeutende Nachtheile mit ſich.
* ) Es iſt hier die Rede von höchſtrektifizirtem Weingeiſt : die Waſ
ſertropfen wiegen ungefähr das doppelte.
* *) Regenwaſſer, auf zweckdienliche Weiſe geſammelt, ziehe ich jedem
deſtilirten Waſſer bei weitem vor, da lekteres ſo leicht, wenn
auch nicht gerade chemiſch nachweißbaren Verunreinigungen aus
geregt ift. Qües Waſſer , welches zu Verdünnungen verwendet
wird , muß chemiſch rein ſein ; gewöhnliches , wenn auch im
gemeinen Sinne reines Waſſer , iſt gånzlich unzuläffig.
d . Será u $ geb.
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' Streukügelchen , mit auf obige Weiſe erlangten Ber:
dúnnungen befeuchtet, zeigen ſich bei Kranken gleich wirkſam ,
als ſolche, welche mit auf gewöhnliche Weiſe verdúnnten
Arzneiſtoffen geſchwängert worden ſind ; eine Behauptung,
wozu mich die vielfachſten und ſicherſten Erfahrungen bes
rechtigen .
Nachdem ich nun in dem angegebenen Verfahren ein
ficheres und teichtes Mittel gefunden , die höchſten Arzneiver:
dünnungen zu bereiten , nahm ich mir vor , Verſuche anzu:
ſtellen , auf welchem Grade der Verdünnung die Arzneien auf:
hören , auf den menſchlichen Körper zu wirken . Ich wählte
hierzu vorerſt den Schwefel, als denjenigen Heilſtoff, welcher
bei Heilung chroniſcher Krankheiten am öfterſten in Anwen
dung kommt, und begann einen , bereits bis zur bezillion
fachen Verdünnung potenzirten Tropfen Tinctura sulphuris
immer weiter zu potenziren , und gelangte dadurch zu einer
Höhe, welche , nach Art der Homöopathie, mit CCCXXXIII
bezeichnet werden müßte *). . i
Wenn man nun fragt, bei welchem Grade der Bers
dünnung die homoopathiſche Heilwirkung eines Heilſtoffes
aufhöre , ſo kann ich getroft antworten , daß die 1000ſte
Zenteſimalverdünnung des Schwefels noch fehr ſtark auf den

*) Ich kann nicht umhin , dieſe ganze, Tchwer zu verdeutſchende


Stelle des Originals hier wörtlich mitzutheilen : „ De centiemes
en centiemes , de millions en millions , de decillions en decil
lions , de centillions en centillions , je suis parvenu enfin a la
millieme division centesimale du soufre , c'est a dire, a une
fraction, qu'on devrait nommer la centieme partie d 'un Trillion
de Trigesillion de Tricentillion. Exprimée arithmetiquement
elle aurait pour numerateur l' unité et pour denominateur aussi
l'unité suivi de deux mille zeros.“
d . Herausgeb.
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menſchlichen Organismus einwirkt. Unter meinen Augen


hat ſie bei vielen Kranken eine große Anzahl Symptome
entwickelt, welche ſich mit ſo großer Schnelligkeit folgten,
daß mir kaum Zeit blieb , ſie aufzuzeichnen . Auch die mit
dieſer Verdünnung befeuchteten Streukügelchen haben auf viele
Perſonen mit entſchiedenem Erfolg gewirkt.
Auch der Merkur bis zur Verdünnung L (a la 150e
division centesimale) gebracht, hat unter meinen Augen bei
Kranken bedeutende Erſcheinungen hervor gebracht. Ich kann
für jeßt nichts Beſtimmtes über die beſondern Eigenſchaften
dieſer höchſten Verdúnnungen hinzufügen , außer, daß ihre
Wirkung äußerſt ſchnell (rapide) und weit kürzer dauernd,
als der der X (Dezillion ) erſchienen . Uebrigens haben ſie
bei Kranken , bei welchen die 30ſte Verdünnung des Schwes
fels keine Wirkung hervorbrachte , bedeutende Arzneiſymptome
entwickelt.
Gern geſtehe ich , daß alles dieß fehr unglaublich ſcheis
nen mag, und ich ſelbſt habe mich noch nicht ganz von dem
Erſtaunen erholt, welches ich bei dieſen Wahrnehmungen
empfunden habe. Jeder aber , dem es daran liegt, fich
durch eigne Erfahrung von der innern Wahrheit dieſer Mita
theilungen zu überzeugen , kann dieß ja auf dem angegebenen
Wege ſehr leicht, und ich bin verſichert, daß die Unglåubig
ſten ſelbſt dabei zur Erkenntniß der Wahrheit der homöopaa
thiſchen Heillehre gelangen werden .