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Lee Smolin

IM UNIVERSUM
DER ZEIT
Auf dem Weg
zu einem neuen Verständnis
des Kosmos

Aus dem Englischen von


Jürgen Schröder
Deutsche Verlags-Anstalt
Die Originalausgabe ist 2013 unter dem Titel
Time Reborn. From the Crisis in Phy sics to the Future of the Universe
bei Houghton Mifflin Harcourt, New York, erschienen.

Die Rechte für die Abbildungen im Innenteil liegen bei Henry Reich, mit Ausnahme von:
Alamy /World History Archive (Abb. 2),
Carol Rovelli (Abb. 14, mit freundlicher Genehmigung),
R. Loll/J. Amjørn /K. N. Anagnostopolous (Abb. 21, mit freundlicher Genehmigung)
und Lee Smolin (Abb. 13, 15, 16, 20).

1. Auflage
Copy right © 2013 by Lee Smolin
Copy right © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe
Deutsche Verlags-Anstalt, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Redaktion: Manuela Knetsch, München
Ty pographie und Satz: Brigitte Müller/DVA
Gesetzt aus der Minion
ISBN 978-3-641-10492-4

www.dva.de
Für meine Eltern Pauline und Michael

Ein großes Dankeschön


an Roberto Mangabeira Unger
für eine gemeinsame Reise
Inhaltsverzeichnis

Prolog
Einleitung

TEIL I GEWICHT:
Die Austreibung der Zeit
1 Fallen
2 Das Verschwinden der Zeit
3 Ein Wurfspiel
4 Physik in künstlicher Isolation praktizieren
5 Die Austreibung von Neuheit und Überraschung
6 Relativitätstheorie und Zeitlosigkeit
7 Quantenkosmologie und das Ende der Zeit

TEIL II LICHT:
Die Wiedergeburt der Zeit
Zwischenspiel: Einsteins Unbehagen

8 Der kosmologische Fehlschluss


9 Die kosmologische Herausforderung
10 Prinzipien für eine neue Kosmologie
11 Die Evolution von Gesetzen
12 Quantenmechanik und die Befreiung des Atoms
13 Die Schlacht zwischen Relativitäts- und Quantentheorie
14 Die Wiedergeburt der Zeit aus der Relativitätstheorie
15 Die Entstehung des Raumes
16 Leben und Tod des Universums
17 Die Wiedergeburt der Zeit aus Wärme und Licht
18 Unendlicher Raum oder unendliche Zeit?
19 Die Zukunft der Zeit
Epilog: Denken in der Zeit

Dank
Bibliographie
Register
Woraus aber das Werden ist den seienden Dingen,
in das hinein geschieht auch ihr Vergehen
nach der Schuldigkeit …
nach der Zeit Anordnung.
ANAXIMANDER, Über die Natur
Prolog

Was ist Zeit? Diese täuschend einfache Frage ist das wichtigste Einzelproblem,
das sich der Naturwissenschaft stellt, während wir immer tiefer in die
Grundlagen des Universums eindringen. Alle Rätsel, mit denen Physiker und
Kosmologen ringen – vom Urknall bis zur Zukunft des Universums, von den
Rätseln der Quantenphysik bis zur Vereinheitlichung von Kräften und Teilchen
–, laufen auf das Wesen der Zeit hinaus.
Der Fortschritt der Naturwissenschaft ist seit jeher durch das Abstreifen von
Illusionen gekennzeichnet. Materie scheint kontinuierlich, also glatt zu sein,
erweist sich aber als aus Atomen bestehend. Atome scheinen unteilbar zu sein;
es stellt sich jedoch heraus, dass sie aus Protonen, Neutronen und Elektronen
bestehen, wobei sich die ersten beiden aus noch elementareren Teilchen, den
sogenannten Quarks, zusammensetzen. Die Sonne scheint sich um die Erde zu
drehen, aber es ist umgekehrt – und wenn man es genau betrachtet, zeigt sich,
dass alles sich relativ zu allem anderen bewegt.
Zeit ist der allgegenwärtigste Aspekt unserer Alltagserfahrung. Alles, was wir
denken, empfinden oder tun, erinnert uns an ihre Existenz. Wir nehmen die
Welt als einen Fluss von Augenblicken wahr, aus denen sich unser Leben
zusammensetzt. Aber sowohl Physiker als auch Philosophen sagen uns schon
seit Langem, dass die Zeit die ultimative Illusion ist (und viele andere Leute
meinen das auch).
Wenn ich die Nicht-Wissenschaftler unter meinen Freunden nach ihrer
Meinung über das Wesen der Zeit frage, antworten sie häufig, dass ihr Vergehen
trügerisch ist und dass alles, was eigentlich wirklich ist – Wahrheit,
Gerechtigkeit, das Göttliche, wissenschaftliche Gesetze –, außerhalb von ihr
liegt. Die Vorstellung, dass Zeit eine Illusion ist, hat den Status eines
philosophischen und religiösen Gemeinplatzes. Jahrtausendelang haben sich
Menschen mit der Mühsal des Lebens und ihrer Sterblichkeit versöhnt, indem
sie an die Möglichkeit eines letztendlichen Entrinnens in eine zeitlose und
wirklichere Welt glaubten.
Einige unserer berühmtesten Denker behaupten die Unwirklichkeit der Zeit.
Sowohl Platon, der größte Philosoph der antiken Welt, als auch Einstein, der
größte Physiker der modernen Welt, lehrten uns eine Sicht der Natur, in der das
Wirkliche zeitlos ist. Sie betrachteten unsere Zeiterfahrung als eine zufällige
Eigenschaft unserer Verfasstheit als Menschen – eine zufällige Eigenschaft, die
die Wahrheit vor uns verbirgt. Beide glaubten, dass die Illusion der Zeit
überwunden werden muss, um das Wirkliche und Wahre wahrzunehmen.
Früher glaubte ich an die wesentliche Unwirklichkeit der Zeit. Tatsächlich
kam ich zur Physik, weil ich mich als Jugendlicher danach sehnte, die an die
Zeit gebundene menschliche Welt, die ich als hässlich und unwirtlich
betrachtete, gegen eine Welt der reinen, zeitlosen Wahrheit einzutauschen.
Später im Leben stellte ich fest, dass es ganz schön war, Mensch zu sein, und
das Bedürfnis nach einem transzendenten Ausweg verblasste.
Genauer gesagt, ich glaube nicht mehr daran, dass die Zeit unwirklich ist.
Tatsächlich habe ich mich der entgegengesetzten Ansicht angeschlossen: Die
Zeit ist nicht nur wirklich, sondern nichts, was wir kennen oder erleben, kommt
dem Herzen der Natur näher als die Wirklichkeit der Zeit.
Meine Gründe für diese Kehrtwende liegen in der Naturwissenschaft –
insbesondere in den zeitgenössischen Entwicklungen in der Physik und der
Kosmologie. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Zeit der Schlüssel zur
Bedeutung der Quantentheorie und ihrer letztlichen Vereinheitlichung mit dem
Raum, der Zeit, der Gravitation und der Kosmologie ist. Das Wichtigste ist,
glaube ich, dass wir die Wirklichkeit der Zeit auf neue Weise annehmen
müssen, um dem Bild des Universums, das uns von kosmologischen
Beobachtungen nahegelegt wird, einen Sinn abzugewinnen. Das ist es, was ich
unter der Wiedergeburt der Zeit verstehe.
Ein Großteil dieses Buches legt das naturwissenschaftliche Argument für den
Glauben an die Wirklichkeit der Zeit dar. Wenn Sie einer der vielen Menschen
sind, die glauben, dass die Zeit eine Illusion ist, beabsichtige ich, Ihre Meinung
zu ändern. Wenn Sie bereits glauben, dass die Zeit wirklich ist, hoffe ich, Ihnen
triftige Gründe für Ihre Ansicht zu liefern.
Dies ist ein Buch für jedermann, weil es niemanden gibt, dessen Vorstellung
der Welt nicht dadurch geformt wird, wie er die Zeit versteht. Auch wenn Sie
nie über ihre Bedeutung nachgedacht haben, ist doch Ihr Denken – allein schon
die Sprache, mit der Sie Ihre Gedanken ausdrücken – von alten metaphysischen
Vorstellungen der Zeit geprägt.
Wenn wir die revolutionäre Auffassung annehmen, dass die Zeit wirklich ist,
werden sich unsere Vorstellungen von allem anderen ändern. Insbesondere
werden wir tendenziell die Zukunft auf eine neue Weise verstehen, nämlich so,
dass dadurch sowohl die Chancen als auch die Gefahren deutlich hervorgehoben
werden, denen die menschliche Spezies gegenübersteht.
Ein kleiner Teil der Geschichte dieses Buches ist die persönliche Reise, die
mich zur Wiederentdeckung der Zeit führte. Meine ursprüngliche Motivation
lässt sich vielleicht am besten in der Sprache der Vaterschaft und nicht in der der
Naturwissenschaft ausdrücken, nämlich durch die Gespräche, die ich mit
meinem kleinen Sohn hatte – besonders wenn ich ihn abends zu Bett brachte.
» Papi« , fragte er einmal, als ich ihm vorlas, » hattest du meinen Namen, als du
so alt warst wie ich?« Da war ein Kind, dessen Verständnis erwachte, dass es
eine Zeit vor ihm gab, und das die bisherige kurze Geschichte seines Lebens mit
einem längeren Epos verknüpfen wollte.
Jede Reise hält eine bestimmte Lektion bereit, und meine war es zu begreifen,
was für eine unglaublich radikale Vorstellung die einfache Aussage enthält, dass
die Zeit wirklich ist. Nachdem ich mein Leben in der Naturwissenschaft damit
begonnen habe, nach der Gleichung jenseits der Zeit zu suchen, glaube ich jetzt,
dass das tiefste Geheimnis des Wesens des Universums darin besteht, wie es
sich Augenblick um Augenblick in der Zeit entfaltet.

Unserem Denken über die Zeit wohnt etwas Paradoxes inne. Wir nehmen uns
selbst als in der Zeit lebend wahr, doch wir stellen uns oft vor, dass die besseren
Aspekte unserer Welt und unserer selbst über die Zeit hinausgehen. Was etwas
wirklich wahr macht, so meinen wir, ist nicht, dass es jetzt wahr ist, sondern
dass es immer wahr gewesen ist und immer wahr sein wird. Was ein
moralisches Prinzip zu etwas Absolutem macht, ist, dass es zu jeder Zeit und
unter allen Umständen gilt. Wir scheinen die tief verwurzelte Vorstellung zu
haben, dass etwas, das Wert besitzt, außerhalb der Zeit existiert. Wir sehnen
uns nach » ewiger Liebe« . Wir sprechen von » Wahrheit« und » Gerechtigkeit«
als etwas Zeitlosem. Was wir am meisten bewundern und verehren – Gott, die
Wahrheiten der Mathematik, die Naturgesetze –, ist mit einer Existenz
ausgestattet, die die Zeit übersteigt. Wir handeln zwar in der Zeit, aber
beurteilen unsere Handlungen nach zeitlosen Maßstäben.
Infolge dieser Paradoxie leben wir in einem Zustand der Entfremdung von
dem, was wir am meisten schätzen. Diese Entfremdung betrifft jede unserer
Bestrebungen. In der Naturwissenschaft sind Experimente und ihre Analyse zwar
zeitgebunden wie alle unsere Naturbeobachtungen, doch wir stellen uns vor,
dass wir Belege für zeitlose Naturgesetze aufdecken. Die Paradoxie betrifft auch
unsere Handlungen als Individuen, Familienmitglieder und Staatsbürger, weil
unsere Auffassung von der Zeit bestimmt, wie wir uns die Zukunft vorstellen.
In diesem Buch hoffe ich, die Paradoxie des Lebens in der Zeit und des
Glaubens an das Zeitlose auf neue Weise aufzulösen. Ich werde vorschlagen,
dass die Zeit und ihr Vergehen grundlegend und wirklich sind, und die
Hoffnungen und Überzeugungen hinsichtlich zeitloser Wahrheiten und zeitloser
Reiche in die Welt der Mythologie gehören.
Wenn man die Zeit annimmt, bedeutet das, dass die Wirklichkeit nur aus
dem besteht, was zu jedem Zeitpunkt wirklich ist. Das ist eine radikale
Vorstellung, denn dadurch wird jede Art von zeitloser Existenz oder Wahrheit
geleugnet – sei es im Bereich der Wissenschaft, der Moral, der Mathematik oder
der Politik. All diese Dinge müssen begrifflich neu gefasst werden, um ihre
Wahrheiten innerhalb der Zeit zu formulieren.
Wenn man die Zeit annimmt, bedeutet das auch, dass unsere Grundannahmen
darüber, wie das Universum auf der fundamentalsten Ebene funktioniert,
unvollständig sind. Wenn ich auf den folgenden Seiten behaupte, dass die Zeit
wirklich ist, meine ich Folgendes:

• Alles, was in unserem Universum wirklich ist, ist zu einem bestimmten


Zeitpunkt wirklich, der zu einer Abfolge von Zeitpunkten gehört.
• Die Vergangenheit war wirklich, ist es aber nicht mehr. Wir können die
Vergangenheit jedoch interpretieren und analysieren, weil wir in der
Gegenwart Belege von vergangenen Prozessen finden.
• Die Zukunft existiert noch nicht und ist deshalb offen. Manche Vorhersagen
können wir zwar vernünftigerweise treffen, aber wir können die Zukunft nicht
vollständig vorhersagen. Tatsächlich kann die Zukunft Phänomene
generieren, die in dem Sinne genuin neu sind, dass kein Wissen über die
Vergangenheit sie hätte vorhersehen können.
• Nichts geht über die Zeit hinaus, nicht einmal Naturgesetze. Gesetze sind nicht
zeitlos. Wie alles andere sind sie Eigenschaften der Gegenwart und können
sich über die Zeit hinweg entwickeln.
Im Laufe dieses Buches werden wir sehen, dass diese Hypothesen in eine neue
Richtung in der Grundlagenphysik weisen – eine Richtung, von der ich
behaupte, dass sie der einzige Ausweg aus den gegenwärtigen Rätseln der
theoretischen Physik und der Kosmologie ist. Ebenso haben sie Auswirkungen
darauf, wie wir unser eigenes Leben verstehen und mit den Herausforderungen
umgehen sollten, vor denen die Menschheit steht.
Um zu erläutern, warum die Wirklichkeit der Zeit sowohl für die
Naturwissenschaft als auch für Dinge, die über die Wissenschaft hinausgehen, so
folgenreich ist, stelle ich gerne das Denken in der Zeit dem Denken außerhalb
der Zeit gegenüber. Die Vorstellung, dass die Wahrheit zeitlos ist und sich
außerhalb des Universums befindet, ist so weit verbreitet, dass Roberto
Mangabeira Unger sie als » Philosophia perennis« (» immerwährende
Philosophie« ) bezeichnet. Sie bildete den Kern von Platons Denken, das im
Menon in der Parabel des Sklavenjungen und der Geometrie des Quadrats
veranschaulicht wird. In dieser Parabel behauptet Sokrates, dass jede
Entdeckung bloß eine Wiedererinnerung ist.
Wir denken außerhalb der Zeit, wenn wir uns vorstellen, dass die Antwort auf
jede beliebige Frage, über die wir nachdenken, da draußen in einem ewigen
Reich zeitloser Wahrheit liegt. Ob es darum geht, sich als Eltern, Ehepartner
oder Bürger besser zu verhalten, oder darum, welche Organisation der
Gesellschaft die optimale ist, wir glauben, dass da draußen etwas unveränderlich
Wahres für uns zu entdecken sei.
Wir Wissenschaftler denken in der Zeit, wenn wir unsere Aufgabe in der
Entwicklung neuer Ideen begreifen, um neu entdeckte Phänomene zu
beschreiben, und in der Ausarbeitung neuer mathematischer Strukturen, um
diese Phänomene auszudrücken. Wenn wir außerhalb der Zeit denken, glauben
wir, dass diese Ideen bereits irgendwie existieren, bevor wir sie erdacht haben.
Wenn wir in der Zeit denken, sehen wir keinen Grund zu dieser Annahme.
Der Gegensatz zwischen dem Denken innerhalb und außerhalb der Zeit ist in
vielen Bereichen menschlichen Denkens und Handelns augenfällig. Wir denken
außerhalb der Zeit, wenn wir angesichts eines technologischen oder
gesellschaftlichen Problems annehmen, dass die möglichen Ansätze als eine
Menge von absoluten, präexistierenden Kategorien bereits determiniert sind.
Jeder, der meint, dass die richtige Theorie der Ökonomie oder Politik im
vorletzten Jahrhundert niedergeschrieben wurde, denkt außerhalb der Zeit. Wenn
wir stattdessen das Ziel der Politik in der Erfindung neuer Lösungen für neue
Probleme sehen, die mit der Entwicklung der Gesellschaft entstehen, denken wir
in der Zeit. Wir denken auch in der Zeit, wenn wir verstehen, dass der
Fortschritt in der Technik, Gesellschaft und Wissenschaft in der Erfindung
wirklich neuer Ideen, Strategien und Formen gesellschaftlicher Organisation
besteht – und auf unsere Fähigkeit zu dieser Erfindung vertrauen.
Wenn wir die Einschränkungen, Gewohnheiten und Bürokratien unserer
verschiedenen Gemeinschaften und Organisationen fraglos akzeptieren, als ob sie
eine absolute Existenzberechtigung hätten, sitzen wir außerhalb der Zeit in der
Falle. Wir kehren in die Zeit zurück, wenn wir uns darüber klar werden, dass
jedes Merkmal einer menschlichen Organisation ein Resultat der Geschichte ist,
sodass alle ihre Eigenschaften verhandelbar sind und durch die Erfindung neuer
Möglichkeiten des Handelns verbessert werden können.
Wenn wir glauben, dass die Aufgabe der Physik die Entdeckung einer
zeitlosen mathematischen Gleichung ist, die identisch ist mit der Geschichte der
Welt, dann glauben wir, dass die Wahrheit über das Universum außerhalb des
Universums liegt. Das ist eine so vertraute Denkgewohnheit, dass wir ihre
Absurdität schon gar nicht mehr sehen: Wenn das Universum alles ist, was es
gibt, wie kann dann etwas außerhalb davon existieren, mit dem es identisch sein
könnte? Wenn wir jedoch die Wirklichkeit der Zeit für offensichtlich halten,
dann kann es keine mathematische Gleichung geben, die jeden Aspekt der Welt
vollkommen erfasst, weil eine Eigenschaft der wirklichen Welt, die keine
mathematische Gleichung teilt, darin besteht, dass immer ein bestimmter
Zeitpunkt herrscht.
Die Darwin’sche Evolutionsbiologie ist der Prototyp des Denkens in der
Zeit, da in ihrem Zentrum die Erkenntnis steht, dass natürliche Prozesse, die
sich in der Zeit entwickeln, zur Schaffung genuin neuer Strukturen führen
können. Es können sogar neue Gesetze auftauchen, wenn die Strukturen, für die
sie gelten, entstehen. Die Prinzipien der geschlechtlichen Auslese konnten
beispielsweise nicht entstehen, solange es keine Geschlechter gab. Die Dynamik
der Evolution braucht keine riesigen abstrakten Räume wie zum Beispiel alle
möglichen lebensfähigen Tiere, DNS-Sequenzen, Mengen von Proteinen oder
biologische Gesetze. Einem Vorschlag des theoretischen Biologen Stuart A.
Kauffman zufolge ist es besser, sich die Dynamik der Evolution so vorzustellen,
dass von der Biosphäre das, was als Nächstes geschehen kann, in der Zeit
erkundet wird: das » angrenzende Mögliche« . Dasselbe gilt für die Evolution
von Technologien, Wirtschaften und Gesellschaften.
Das Denken in der Zeit ist kein Relativismus, sondern eine Form des
» Relationalismus« – eine Philosophie, die behauptet, dass die angemessenste
Beschreibung von etwas darin besteht, seine Beziehungen zu den anderen Teilen
des Systems anzugeben, zu dem es gehört. Die Wahrheit kann sowohl
zeitgebunden als auch objektiv sein, wenn sie sich auf Gegenstände bezieht, die
existieren, nachdem sie einmal entweder von der Evolution oder vom
menschlichen Denken erfunden wurden.
Auf der persönlichen Ebene bedeutet das Denken in der Zeit, die
Ungewissheit des Lebens als den notwendigen Preis dafür zu betrachten,
lebendig zu sein. Wenn man sich gegen die Unsicherheit des Lebens auflehnt,
Ungewissheit ablehnt, keinerlei Risiken in Kauf nimmt und sich vorstellt, dass
das Leben so eingerichtet werden kann, dass Gefahren völlig ausgeschlossen
werden, dann denkt man außerhalb der Zeit. Menschsein bedeutet, ein Leben zu
führen, das zwischen Gefahr und Chancen schwebt.
Wir versuchen unser Bestes, um in einer ungewissen Welt Erfolg zu haben,
um uns um die Personen und Dinge zu kümmern, die wir lieben, und ab und zu
haben wir dabei auch Spaß. Wir schmieden zwar Pläne, aber wir können
niemals vollständig die vor uns liegenden Gefahren oder Chancen vorhersehen.
Die Buddhisten sagen, dass wir in einem Haus leben und noch nicht gemerkt
haben, dass es brennt. Gefahren können sich jederzeit einstellen. In Jäger-und-
Sammler-Gesellschaften waren sie ständig gegenwärtig, aber im modernen Leben
haben wir die Dinge so eingerichtet, dass Gefahr vergleichsweise selten droht.
Die Herausforderung des Lebens besteht darin, aus der gewaltigen Zahl
möglicher Gefahren eine kluge Auswahl im Hinblick darauf zu treffen, welche
davon es wert sind, sich Sorgen zu machen. Außerdem geht es darum, aus allen
Chancen, die jeder Augenblick mit sich bringt, das auszuwählen, was man als
Nächstes tun soll. Wir treffen eine Auswahl im Hinblick darauf, wofür wir
unsere Energie und Aufmerksamkeit einsetzen – und zwar immer angesichts
eines unvollständigen Wissens um die Folgen.
Könnten wir diese Situation nicht verbessern? Könnten wir die
Unberechenbarkeit des Lebens nicht überwinden und einen Zustand erlangen, in
dem wir, wenn schon nicht alles, so doch genug wissen, um alle Konsequenzen
unserer Entscheidungen zu erkennen – die Gefahren ebenso wie die Chancen?
Das heißt, könnten wir nicht ein wahrhaft rationales Leben ohne Überraschungen
führen? Wenn die Zeit eine Illusion wäre, könnten wir uns das als Möglichkeit
vorstellen, denn in einer Welt, in der die Zeit unwesentlich wäre, gäbe es keinen
grundlegenden Unterschied zwischen dem Wissen um die Gegenwart und dem
Wissen um die Zukunft. Man bräuchte nur ein paar Berechnungen mehr, um es
auszubuchstabieren. Eine bestimmte Zahl, eine bestimmte Formel könnte
berechnet und entschlüsselt werden, um uns alles zu sagen, was wir wissen
müssten.
Wenn die Zeit jedoch wirklich ist, ist die Zukunft nicht anhand des Wissens
von der Gegenwart her bestimmbar. Es gibt kein Entrinnen aus unserer Lage,
keine Erlösung von den Überraschungen, die sich daraus ergeben, dass wir in
Unwissenheit über die meisten Folgen unserer Handlungen leben.
Überraschungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Struktur der Welt. Die
Natur kann uns mit Überraschungen konfrontieren, auf die uns keine mögliche
Menge von Wissen vorbereitet hätte. Das Neue ist wirklich. Mit unserer
Einbildungskraft können wir Ergebnisse erzeugen, die anhand des Wissens von
der Gegenwart nicht berechnet werden können. Daher ist es für jeden von uns
von Bedeutung, ob die Zeit wirklich ist oder nicht: Die Antwort darauf kann das
Verständnis unserer Situation als Suchende ändern, die in einem riesigen und
weitgehend unbekannten Universum nach Glück und Sinn streben. Ich werde auf
diese Themen im Nachwort zurückkommen, wo ich darauf hinweise, dass die
Wirklichkeit der Zeit uns dabei helfen kann, über Herausforderungen wie den
Klimawandel und die Wirtschaftskrise nachzudenken.
Bevor wir uns dem Hauptargument des Buches zuwenden, möchte ich dem
Leser ein paar Ratschläge geben.
Ich habe versucht, die Argumente dieses Buchs dem Durchschnittsleser ohne
spezielles Hintergrundwissen in der Physik oder der Mathematik zugänglich zu
machen. Es gibt keine Gleichungen, und alles, was er wissen muss, um meinen
Argumenten zu folgen, wird erklärt. Die wesentlichen Fragen werden mit den
allereinfachsten Beispielen illustriert. Wenn wir uns zu raffinierteren Themen
hochschrauben, rate ich dem Leser, falls er verwirrt ist, das zu tun, was
Naturwissenschaftler zu tun lernen, nämlich einfach zu einer Stelle weiter vorne
zu springen, an der der Text für ihn wieder klarer wird. Der Leser, der an mehr
Hintergrundinformationen interessiert ist, kann sich auch die verschiedenen
Anhänge anschauen, die auf www.timereborn.com online verfügbar sind.
Vielleicht ist es auch hilfreich, in den Anmerkungen nachzusehen, die Zitate,
nützliche Bemerkungen – entweder für Laien oder für Experten – und weitere
Ausführungen enthalten, die für einige Leser von Interesse sein könnten.
Meine eigene Reise zurück zur Zeit hat mehr als 20 Jahre gedauert, vom
Aufkeimen der Idee, dass Gesetze durch ihre Evolution erklärt werden müssen,
über Auseinandersetzungen mit der Relativitätstheorie, Quantengrundlagen und
Quantengravitation, die mich schließlich zu der hier beschriebenen Sichtweise
führten. Die Zusammenarbeit und die Gespräche mit mehreren Freunden und
Kollegen waren entscheidend für meine Fortschritte auf diesem Weg; sie werden
im Einzelnen in der Danksagung und in den Anmerkungen aufgeführt, wo ich
auch auf die Ergebnisse und Ideen anderer hinweise, die nützlich für mich waren.
Keine dieser Wechselwirkungen war wichtiger als die fruchtbare und provokative
Zusammenarbeit mit Roberto Mangabeira Unger, in deren Verlauf wir das
Hauptargument sowie viele der hier vorgestellten Schlüsselideen und Argumente
formulierten. 1
Die Leser sollten sich darüber im Klaren sein, dass es viele Positionen zur
Zeit, Quantentheorie, Kosmologie und zu ähnlichen Themen gibt, die hier nicht
erörtert werden. Mit den Problemen, die ich berühre, beschäftigen sich sehr viele
Veröffentlichungen von Physikern, Kosmologen und Philosophen. Dieses Buch
erhebt nicht den Anspruch darauf, akademisch zu sein. Ich habe mich dafür
entschieden, Lesern, die diesem Sachgebiet zum ersten Mal begegnen, einen
Pfad durch das komplexe Gelände zu bieten, indem ich besondere Argumente
hervorhebe, die seinen Fokus bilden. 2 Es gibt (um nur ein Beispiel zu nennen)
Bücherregale voller Schriften, die Kants Ansichten über Raum und Zeit
analysieren, hier aber nicht erwähnt werden. Auf manche Ansichten
zeitgenössischer Philosophen gehe ich ebenfalls nicht ein. Meine gelehrten
Freunde bitte ich um Vergebung für diese Auslassungen und verweise den
interessierten Leser auf die Bibliographie, die Vorschläge für eine weitere
Lektüre zum Thema Zeit enthält.

Lee Smolin
1 Dieses Buch kann als Einleitung oder Popularisierung einer mit strengen Argumenten gestützten
Arbeit in der Naturphilosophie gelesen werden, an der ich zusammen mit Roberto
Mangabeira Unger arbeite – sie wird in einem Buch veröffentlicht werden und trägt den
vorläufigen Titel The Singular Universe and the Reality of Time. Darin werden wir die
Wirklichkeit der Zeit und der Evolution von Gesetzen vertreten und mögliche Lösungen des
von uns so genannten » Dilemmas der Metagesetze« untersuchen (siehe Kapitel 19).
2 Frühere Versionen der hier vorgestellten Argumente sind in den folgenden Aufsätzen zu finden
sowie in Forschungspublikationen, die in den nachstehenden Anmerkungen aufgelistet sind:
» A Perspective on the Landscape Problem« , arXiv: 1202.3373v1 [phy sics.hist-ph] (2012);
» The Unique Universe« , Phys. World, Juni 2, S. 21–26 (2009); » The Case for Background
Independence« , in: The Structural Foundations of Quantum Gravity, hg. v. Dean Rickles et al.,
New York 2007; » The Present Moment in Quantum Cosmology : Challenges for the
Argument for the Elimination of Time« , in: Time and the Instant, hg. v. Robin Durie,
Manchester 2000; » Thinking in Time Versus Thinking Outside of Time« , in: This Will Make
You Smarter, hg. v. John Brockman, New York 2012 (dt.: Was macht uns schlauer?, Frankfurt
a. M. 2012); Stuart Kauffman & Lee Smolin, » A Possible Solution to the Problem of Time in
Quantum Cosmology « , arXiv: gr-qc/9703026v1 (1997).
Einleitung

Die naturwissenschaftliche Argumentation dafür, dass die Zeit eine Illusion ist,
ist beeindruckend. Deshalb sind die Konsequenzen, die sich aus der Annahme
ergeben, die Zeit sei real, so revolutionär.
Der Kern des Arguments der Physiker gegen die Zeit beruht auf unserem
Verständnis dessen, was ein physikalisches Gesetz ist. Der herrschenden Ansicht
zufolge ist alles, was im Universum geschieht, von einem Gesetz determiniert,
das genau diktiert, wie sich die Zukunft aus der Gegenwart entwickelt. Das
Gesetz ist absolut, und sobald die gegenwärtigen Bedingungen angegeben sind,
gibt es keine Freiheit oder Ungewissheit darüber, wie sich die Zukunft
entwickelt.
Thomasina, die frühreife Heldin aus Tom Stoppards Theaterstück Arcadia,
erklärt es ihrem Lehrer folgendermaßen: » Wenn Sie jedes Atom an seinem Ort
und in seinem Bewegungsimpuls anhalten könnten und wenn Ihr Gehirn alle
Vorgänge, die somit in der Schwebe sind, erfassen könnte und wenn Sie dann
auch noch wirklich sehr gut in Algebra wären, dann könnten Sie die Weltformel
für alle Ewigkeit schreiben; und obwohl keiner klug genug dafür ist, muss
trotzdem diese Formel so existieren, als ob man sie schreiben könnte.«
Früher glaubte ich, dass meine Aufgabe als theoretischer Physiker darin
bestünde, diese Formel zu finden; jetzt betrachte ich meinen Glauben an ihre
Existenz jedoch eher als Mystizismus denn als Wissenschaft.
Wenn er den Text für eine moderne Figur geschrieben hätte, hätte Stoppard
Thomasina sagen lassen, dass das Universum einem Computer ähnelt. Die
Gesetze der Physik sind das Programm. Wenn man ihn mit Input füttert – mit
den gegenwärtigen Positionen aller Elementarteilchen des Universums –, läuft
der Computer eine entsprechende Zeit und liefert Ihnen den Output, nämlich alle
Positionen der Elementarteilchen zu einem zukünftigen Zeitpunkt. Nach dieser
Naturauffassung geschieht nichts außer der Neuanordnung von Elementarteilchen
nach zeitlosen Gesetzen. Diesen Gesetzen zufolge ist also die Zukunft schon
genauso vollständig durch die Gegenwart determiniert, wie die Gegenwart durch
die Vergangenheit determiniert ist.
Diese Ansicht setzt die Zeit in verschiedenen Hinsichten herab. 3 Es kann
keine Überraschungen geben, keine wirklich neuen Phänomene, da alles, was
geschieht, in der Neuanordnung von Atomen besteht. Die Eigenschaften der
Atome selbst sind zeitlos, ebenso wie die Gesetze, die sie steuern; nichts davon
ändert sich je. Jede beliebige Eigenschaft der Welt zu einem zukünftigen
Zeitpunkt kann anhand der gegenwärtigen Konfiguration berechnet werden. Das
heißt, dass das Vergehen der Zeit durch eine Berechnung ersetzt werden kann,
was wiederum bedeutet, dass die Zukunft eine logische Folge der Gegenwart ist.
Einsteins Relativitätstheorien beinhalten sogar noch stärkere Argumente
dafür, dass die Zeit für eine fundamentale Beschreibung der Welt unwesentlich
ist, wie ich in Kapitel 6 darlegen werde. Die Relativitätstheorie legt
nachdrücklich nahe, dass die gesamte Geschichte der Welt eine zeitlose Einheit
bildet; Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft haben unabhängig von der
menschlichen Subjektivität keine Bedeutung. Die Zeit ist einfach nur eine
weitere Dimension des Raumes, und der Eindruck, den wir haben, wenn wir
empfinden, wie Augenblicke vergehen, ist eine Illusion, hinter der sich eine
zeitlose Wirklichkeit verbirgt.
Diese Behauptungen werden wahrscheinlich jedem entsetzlich erscheinen,
dessen Weltanschauung auch Raum für Willensfreiheit oder menschliches
Handeln umfasst. Auf dieses Argument werde ich hier nicht eingehen; mein
Argument für die Wirklichkeit der Zeit beruht ausschließlich auf der
Naturwissenschaft. Meine Aufgabe wird es sein, zu erklären, warum die üblichen
Argumente für eine vorbestimmte Zukunft naturwissenschaftlich falsch sind.
In Teil I werde ich die Argumente aus der Naturwissenschaft für die Ansicht
präsentieren, dass die Zeit eine Illusion ist. In Teil II werde ich diese
Argumente auseinandernehmen und zeigen, warum die Zeit als wirklich
betrachtet werden muss, wenn die Grundlagenphysik und die Kosmologie die
Krisen überwinden sollen, in denen sie gegenwärtig stecken.
Um der Argumentation des ersten Teils einen Rahmen zu geben, verfolge ich
die Entwicklung der Zeitbegriffe, die in der Physik verwendet werden, von
Aristoteles und Ptolemäus über Galilei, Newton und Einstein bis zu unseren
zeitgenössischen Quanten-Kosmologen. Dabei zeige ich, wie unser Begriff von
Zeit mit dem Fortschritt der Physik Schritt für Schritt herabgesetzt wurde. Eine
solche Darstellung der Geschichte gestattet mir auch, behutsam das Material
einzuführen, das der Laie für das Verständnis der Argumentation braucht.
Wichtige Punkte können tatsächlich anhand von einfachen Beispielen wie
fallenden Kugeln und Planeten auf Umlaufbahnen erläutert werden. Teil II erzählt
eine zeitgemäßere Geschichte, da das Argument dafür, dass die Zeit wieder in
den Kern der Naturwissenschaft eingeführt werden muss, als Resultat aus
Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit hervorging.
Meine Argumente beginnen mit einer einfachen Beobachtung: Der Erfolg
naturwissenschaftlicher Theorien von Newton bis zum heutigen Tag basiert auf
ihrer Verwendung eines bestimmten Begriffsrahmens für Erklärungen, der von
Newton erfunden wurde. Dieser Begriffsrahmen betrachtet die Natur in dem
Sinn, dass sie aus nichts als Teilchen mit zeitlosen Eigenschaften besteht, deren
Bewegungen und Wechselwirkungen durch zeitlose Gesetze determiniert sind.
Die Eigenschaften der Teilchen, wie zum Beispiel ihre Massen und elektrische
Ladungen, ändern sich nie. Und dasselbe gilt für die Gesetze, die auf sie
einwirken. Dieser Begriffsrahmen eignet sich ideal zur Beschreibung kleiner
Ausschnitte des Universums, aber er bricht zusammen, wenn wir versuchen, ihn
auf das Universum als Ganzes anzuwenden.
Alle bedeutenden Theorien der Physik beziehen sich auf Teile des
Universums – ein Radio, ein fliegender Ball, eine biologische Zelle, die Erde,
eine Galaxie. Wenn wir einen Teil des Universums beschreiben, lassen wir uns
selbst und unsere Messwerkzeuge außerhalb des Systems. Wir lassen unsere
Rolle bei der Auswahl oder Präparation des Systems aus, das wir untersuchen.
Wir lassen die Bezugspunkte aus, die dazu dienen, festzustellen, wo sich das
System befindet. Am entscheidendsten für unser Anliegen im Hinblick auf das
Wesen der Zeit ist jedoch die Tatsache, dass wir die Uhren auslassen, mit denen
wir Veränderungen im System messen.
Der Versuch, die Physik auf die Kosmologie auszudehnen, bringt neue
Herausforderungen mit sich, die ein unverbrauchtes Denken erfordern. Eine
kosmologische Theorie kann nichts auslassen. Um vollständig zu sein, muss
sie alles im Universum in Betracht ziehen, einschließlich unserer selbst als
Beobachter. Sie muss unsere Messinstrumente und Uhren berücksichtigen.
Wenn wir Kosmologie betreiben, haben wir es mit einem neuen Umstand zu
tun: Es ist unmöglich, aus dem System herauszutreten, wenn das System das
gesamte Universum ist.
Darüber hinaus muss eine kosmologische Theorie ohne zwei wichtige
Aspekte der Methodologie der Wissenschaften auskommen. Eine Grundregel der
Wissenschaft lautet, dass ein Experiment viele Male wiederholt werden muss,
damit man sich des Ergebnisses sicher sein kann. Aber das können wir mit dem
Universum als Ganzem nicht tun – das Universum gibt es nur einmal. Wir
können das System auch nicht unterschiedlich präparieren und dann die Folgen
davon untersuchen. Das sind sehr reale Hindernisse, die es viel schwieriger
machen, Wissenschaft auf der Ebene des Universums als Ganzes zu betreiben.
Dennoch wollen wir die Physik zu einer Wissenschaft der Kosmologie
erweitern. Unsere erste instinktive Reaktion besteht darin, Theorien zu nehmen,
die sehr gut funktionierten, als sie auf kleine Ausschnitte des Universums
angewendet wurden, und sie hochzufahren, um das Universum als Ganzes zu
beschreiben. Wie ich in den Kapiteln 8 und 9 zeigen werde, kann das nicht
funktionieren. Der Newton’sche Begriffsrahmen zeitloser Gesetze, die auf
Teilchen mit zeitlosen Eigenschaften einwirken, ist für die Aufgabe der
Beschreibung des gesamten Universums ungeeignet.
Wie ich im Einzelnen zeigen werde, führen genau dieselben Eigenschaften,
aufgrund deren diese Theorien für kleine Ausschnitte des Universums korrekt
sind, zu ihrem Zusammenbruch, wenn sie auf das Ganze angewendet werden.
Ich bin mir bewusst, dass diese Behauptung der Praxis und den Hoffnungen
vieler Kollegen zuwiderläuft, aber ich bitte nur darum, dass der Leser das
Argument aufmerksam betrachtet, das ich für diese Behauptung in Teil II
entwickeln werde. Dort werde ich allgemein zeigen und durch besondere
Beispiele verdeutlichen, dass wir bei dem Versuch, unsere Standardtheorien zu
einer kosmologischen Theorie hochzufahren, mit Dilemmata, Paradoxien und
unbeantwortbaren Fragen belohnt werden. Diese umfassen das Scheitern jeder
Standardtheorie bei der Erklärung der Auswahl, die im frühen Universum
getroffen wurde – die Auswahl der Anfangsbedingungen und die Auswahl der
Naturgesetze selbst.
Ein Teil der Literatur der zeitgenössischen Kosmologie besteht in den
Anstrengungen sehr intelligenter Leute, mit diesen Dilemmata, Paradoxien und
unbeantwortbaren Fragen zu ringen. Es gibt die populäre Vorstellung, dass
unser Universum Teil eines riesigen oder unendlichen Multiversums ist – und
das ist auch ganz verständlich, weil diese Vorstellung auf einem
methodologischen Fehler beruht, dem man leicht zum Opfer fallen kann. Unsere
gegenwärtigen Theorien können auf der Ebene des Universums nur dann
funktionieren, wenn unser Universum ein Subsystem eines größeren Systems
ist. Also erfinden wir eine fiktive Umgebung und füllen sie mit anderen
Universen. Das kann nicht zu wirklichem wissenschaftlichen Fortschritt führen,
weil wir keinerlei Hypothese über Universen bestätigen oder falsifizieren können,
die von unserem eigenen kausal entkoppelt sind. 4
Der Zweck dieses Buches ist es, die Existenz einer anderen Möglichkeit
nahezulegen. Wir müssen einen Schnitt machen und mit der Suche nach einer
neuen Art von Theorie beginnen, die auf das gesamte Universum angewendet
werden kann – einer Theorie, die die Verwirrungen und Paradoxien vermeidet,
die unbeantwortbaren Fragen beantwortet und ernst gemeinte physikalische
Vorhersagen für kosmologische Beobachtungen generiert.
Ich habe zwar keine solche Theorie, aber ich kann eine Menge von Prinzipien
anbieten, die die Suche nach ihr anleiten sollen. Diese Prinzipien werden in
Kapitel 10 vorgestellt. In den darauffolgenden Kapiteln werde ich verdeutlichen,
wie diese Prinzipien neue Hypothesen und Modelle des Universums anregen
können, die den Weg zu einer wahren kosmologischen Theorie weisen. Das
zentrale Prinzip ist, dass die Zeit wirklich sein muss und dass die
physikalischen Gesetze sich in dieser wirklichen Zeit entwickeln müssen.
Die Idee von sich kontinuierlich entwickelnden, also evoluierenden Gesetzen
ist nicht neu und ebenso wenig die Idee, dass eine Wissenschaft der Kosmologie
solche Gesetze erfordern wird. 5 Der amerikanische Philosoph Charles Sanders
Peirce schrieb 1891:

Die Annahme universaler Naturgesetze, die zwar vom Geist erfasst


werden können, aber keinen Grund für ihre besondere Form besitzen,
sondern unerklärbar und irrational sind, ist kaum zu rechtfertigen.
Gleichförmigkeiten sind genau die Art von Tatsachen, die erklärt werden
müssen … Ein Gesetz ist schlechthin das, was einen Grund benötigt.
Die einzige Möglichkeit, die Naturgesetze und Gleichförmigkeiten im
Allgemeinen zu erklären, besteht darin, sie als Ergebnisse der Evolution
aufzufassen. 6

Der zeitgenössische brasilianische Philosoph Roberto Mangabeira Unger


verkündete in jüngerer Vergangenheit:

Man kann die Eigenschaften des gegenwärtigen Universums auf


Eigenschaften zurückführen, die es an seinem Beginn gehabt haben muss.
Man kann aber nicht zeigen, dass das die einzigen Eigenschaften sind, die
irgendein Universum gehabt haben könnte … Frühere oder spätere
Universen könnten völlig andere Gesetze gehabt haben … Die
Naturgesetze anzugeben bedeutet nicht, alle möglichen Geschichten aller
möglichen Universen zu erklären. Es gibt nur eine relative
Unterscheidung zwischen einer gesetzesartigen Erklärung und der
Erzählung einer einmaligen historischen Abfolge. 7

Paul Dirac, der neben Einstein und Bohr als einer der konsequentesten Physiker
des 20. Jahrhunderts gilt, mutmaßte: » Zu Beginn der Zeit waren die
Naturgesetze wahrscheinlich sehr verschieden von dem, was sie jetzt sind. Wir
sollten daher in Betracht ziehen, dass die Naturgesetze sich mit der Zeit
kontinuierlich ändern, statt dass sie gleichförmig über die ganze Raumzeit
hinweg gelten.« 8
John Archibald Wheeler, einer der großen amerikanischen Physiker, stellt
sich ebenfalls vor, dass Gesetze evoluierten. Er schlug vor, dass der Urknall
eines einer Reihe von Ereignissen war, bei denen die Gesetze der Physik
wiederaufbereitet wurden. Außerdem schrieb er: » Es gibt kein Gesetz außer dem
Gesetz, dass es kein Gesetz gibt.« 9 Selbst Richard Feynman, ein anderer großer
amerikanischer Physiker und Schüler von Wheeler, stellte einmal in einem
Interview folgende Vermutung an: » Die einzige Wissenschaft, die keinerlei
evolutionäre Frage zugelassen hat, ist die Physik. Hier sind die Gesetze, sagen
wir […], aber wie wurden sie zu dem, was sie sind, in der Zeit? […] Es könnte
sich also zeigen, dass sie nicht immer dieselben [Gesetze] sind und dass sich
eine historische, evolutionäre Frage stellt.« 10
In meinem Buch von 1997, Warum gibt es die Welt? , schlug ich einen
Mechanismus für die Entwicklung von Gesetzen vor, den ich nach der
biologischen Evolution modellierte. 11 Ich stellte mir vor, dass Universen sich
reproduzieren können, indem sie Baby-Universen in schwarzen Löchern bilden,
und ich postulierte, dass sich immer dann, wenn das geschieht, die Gesetze der
Physik leicht verändern. In dieser Theorie spielten die Gesetze die Rolle von
Genen in der Biologie; ein Universum wurde als Ausdruck der Auswahl von
Gesetzen angesehen, die bei seiner Bildung getroffen wurde, genauso wie ein
Organismus ein Ausdruck seiner Gene ist. Wie die Gene könnten die Gesetze
zufällig von einer Generation zur nächsten mutieren. Angeregt durch die damals
noch ganz jungen Resultate der Stringtheorie, stellte ich mir vor, dass die Suche
nach einer fundamentalen vereinheitlichten Theorie nicht zu einer einzigen
Theorie von allem, sondern zu einem riesigen Raum möglicher Gesetze führen
würde. Ich nannte ihn die » Landschaft der Theorien« und übernahm dabei die
Sprache der Populationsgenetik, deren Fachleute mit dem Begriff der
» Fitnesslandschaften« arbeiten. An dieser Stelle werde ich nicht mehr verraten,
da es das Thema von Kapitel 11 sein wird, außer dass diese Theorie, die
kosmologische natürliche Auslese, verschiedene Vorhersagen macht, die sich
trotz mehrerer Gelegenheiten zu ihrer Falsifikation in den darauffolgenden Jahren
bewährt haben.
Während des letzten Jahrzehnts haben viele Stringtheoretiker den Begriff einer
Theorienlandschaft übernommen. Infolgedessen wurde die Frage, wie das
Universum auswählt, welchen Gesetzen es folgt, besonders dringlich. Das, so
werde ich geltend machen, ist eine der Fragen, die nur innerhalb eines neuen
kosmologischen Begriffsrahmens beantwortet werden können, in dem die Zeit
wirklich ist und Gesetze sich entwickeln.
Gesetze werden dem Universum also nicht von außen auferlegt. Keine äußere
Instanz, weder eine göttliche noch eine mathematische, legt im Voraus fest, was
die Naturgesetze sein sollen. Auch warten die Naturgesetze nicht stumm
außerhalb der Zeit auf den Anfang des Universums. Vielmehr entstehen die
Naturgesetze aus dem Inneren des Universums heraus und entwickeln sich in der
Zeit mit dem Universum, das sie beschreiben. Es ist sogar möglich, dass
genauso wie in der Biologie neue Gesetze der Physik entstehen können – als
Regularitäten neuer Phänomene, die während der Geschichte des Universums
auftauchen.
Einige mögen die Verwerfung ewiger Gesetze als Rückzug von den Zielen der
Wissenschaft auffassen. Aber ich verstehe sie als das Abwerfen von
überflüssigem metaphysischem Gepäck, das auf unserer Suche nach der Wahrheit
lastet. In den kommenden Kapiteln werde ich Beispiele liefern, die
veranschaulichen, wie die Idee von Gesetzen, die sich in der Zeit entwickeln, zu
einer wissenschaftlicheren Kosmologie führt – worunter ich eine solche verstehe,
die mehr Vorhersagen generiert, die einer experimentellen Prüfung unterzogen
werden können.

Meines Wissens war Gottfried Wilhelm Leibniz der erste Wissenschaftler seit
dem Beginn der wissenschaftlichen Revolution, der wirklich angestrengt darüber
nachdachte, wie eine Theorie des ganzen Universums zu entwerfen sei. Leibniz
war unter anderem Newtons Rivale, bekanntlich im Hinblick auf die Frage,
welcher von beiden als Erster die Infinitesimalrechung erfunden hatte. Er nahm
auch die moderne Logik vorweg, entwickelte ein System von Binärzahlen und
vieles mehr. Er wurde als klügster Mensch bezeichnet, der je gelebt hatte.
Leibniz formulierte ein Rahmenprinzip für kosmologische Theorien, das
» Prinzip des zureichenden Grundes« genannt wird und besagt, dass es für jede
scheinbare Wahl beim Aufbau des Universums einen rationalen Grund geben
muss. Auf jede Frage der Art » Warum ist das Universum X anstatt Y?« muss
es eine Antwort geben. Wenn also ein Gott die Welt erschuf, konnte er im
Hinblick auf den Bauplan keinerlei Wahl gehabt haben. Leibniz’ Prinzip wirkte
sich tief greifend auf die Entwicklung der Physik aus und ist, wie wir sehen
werden, auch weiterhin ein zuverlässiger Leitfaden für unsere Bemühungen, eine
kosmologische Theorie zu entwerfen.
Leibniz hatte die Vision einer Welt, in der nichts im Raum existiert, sondern
alles in ein Netzwerk von Beziehungen eingetaucht ist. Diese Beziehungen
definieren den Raum, und nicht umgekehrt. Heute durchdringt die Idee eines
Universums aus miteinander in einem Netzwerk verbundenen Entitäten sowohl
die moderne Physik als auch die Biologie und die Informatik.
In einer relationalen Welt (so nennen wir eine Welt, in der Beziehungen dem
Raum vorausgehen) gibt es keine Räume ohne Dinge. Newtons Begriff des
Raumes war das Gegenteil, denn er verstand den Raum als absolut. Das
bedeutet, dass Atome dadurch definiert sind, wo sie sich im Raum befinden,
dass aber der Raum in keiner Weise von der Bewegung der Atome beeinflusst
wird. In einer relationalen Welt gibt es keine solchen Asymmetrien. Die Dinge
sind durch ihre Beziehungen definiert. Es gibt zwar Individuen und diese
können auch zum Teil autonom sein, aber ihre Möglichkeiten werden durch das
Netzwerk von Beziehungen bestimmt. Individuen begegnen einander und
nehmen einander durch die Verbindungen wahr, die sie innerhalb des Netzwerks
miteinander verknüpfen; und die Netzwerke sind dynamisch und entwickeln sich
ständig.
Wie ich in Kapitel 3 erklären werde, folgt aus Leibniz’ großem Prinzip, dass
es keine absolute Zeit geben kann, die blind weitertickt, ungeachtet dessen, was
auch immer in der Welt geschieht. Die Zeit muss eine Folge von Veränderung
sein; ohne Veränderung in der Welt kann es keine Zeit geben. Philosophen
sagen, dass die Zeit relational ist – sie ist ein Aspekt von Relationen wie etwa
Kausalität, die Veränderungen steuern. Ebenso muss der Raum relational sein;
tatsächlich muss jede Eigenschaft eines Gegenstands in der Natur eine
Widerspiegelung dynamischer12 Beziehungen zwischen ihm und anderen
Dingen in der Welt sein.
Leibniz’ Prinzipien widersprachen den Grundideen der Newton’schen Physik,
weshalb es einige Zeit dauerte, bis sie von praktizierenden Wissenschaftlern voll
gewürdigt wurden. Es war Einstein, der Leibniz’ Vermächtnis ernst nahm und
seine Prinzipien als Hauptmotiv für seine Umwälzung der Newton’schen Physik
und deren Ersetzung durch die allgemeine Relativitätstheorie nutzte – eine
Theorie des Raums, der Zeit und der Gravitation, die Leibniz’ relationale
Auffassung von Raum und Zeit weitgehend realisierte. Leibniz’ Prinzipien
werden auch noch auf eine andere Weise in der parallel stattfindenden
Quantenrevolution verwirklicht. Ich bezeichne die Revolution des 20.
Jahrhunderts in der Physik als » relationale Revolution« .
Das Problem der Vereinheitlichung der Physik und insbesondere die
Zusammenführung von Quantentheorie und allgemeiner Relativitätstheorie in
einem begrifflichen Rahmen ist die Hauptaufgabe bei der Vervollständigung der
relationalen Revolution in der Physik. Die Hauptbotschaft dieses Buchs ist,
dass diese Vereinheitlichung die Annahme erfordert, dass die Zeit wirklich ist
und Gesetze sich entwickeln.
Die relationale Revolution ist in den übrigen Wissenschaften bereits in
vollem Gang. Darwins Revolution in der Biologie ist eine Front, die sich
sowohl in der Vorstellung manifestiert, dass eine biologische Art durch ihre
Beziehung zu allen anderen Organismen in ihrer Umgebung definiert ist, als
auch in dem Gedanken, dass die Wirkung eines Gens nur im Kontext des
Netzwerks von Genen definiert ist, die seine Wirkung regulieren. Uns wird rasch
klar, dass es in der Biologie um Information geht und dass es keinen
relationaleren Begriff als den der Information gibt, da sie auf einer Beziehung
zwischen Sender und Empfänger an jedem Ende eines Kommunikationskanals
beruht.
In der Sphäre der Gesellschaft wird die liberale Vorstellung einer Welt
autonomer Individuen (die von dem Philosophen John Locke in Analogie zur
Physik seines Freundes Isaac Newton entworfen wurde) von einer Sichtweise der
Gesellschaft infrage gestellt, der zufolge sie aus wechselseitig voneinander
abhängigen Individuen besteht, die nur zum Teil autonom sind und deren Leben
nur in einer Schar von Beziehungen sinnvoll ist. Das neue Umfeld aus
Informationen, in das wir in jüngster Zeit verstrickt sind, bringt die relationale
Idee durch die Metapher des Netzwerks zum Ausdruck. Als soziale Wesen
verstehen wir uns selbst als Knoten in einem Netzwerk, dessen Verbindungen
uns bestimmen. Heute erscheint die Idee eines sozialen Systems, das aus
miteinander verbundenen, vernetzten Entitäten besteht, zunehmend in
Gesellschaftstheorien, die von allen möglichen Leuten, von feministischen
politischen Philosophen bis zu Management-Gurus, formuliert werden. Wie
viele Facebook-Benutzer sind sich dessen bewusst, dass ihr Sozialleben jetzt
von einer mächtigen wissenschaftlichen Idee organisiert wird?
Die relationale Revolution ist schon weit fortgeschritten. Gleichzeitig befindet
sie sich eindeutig in einer Krise. An einigen Fronten ist sie stecken geblieben.
Wo immer sie sich in einer Krise befindet, begegnen wir drei Arten von Fragen,
die heiß debattiert werden. Was ist ein Individuum? Wie entstehen neue Arten
von Systemen und Entitäten? Wie können wir das Universum als Ganzes am
besten verstehen?
Der Schlüssel zu diesem Rätsel liegt darin, dass weder Individuen noch
Systeme oder das Universum als Ganzes sich als Dinge vorstellen lassen, die
einfach existieren. Sie alle sind aus Prozessen zusammengesetzt, die in der Zeit
stattfinden. Das fehlende Element, ohne das wir diese Fragen nicht beantworten
können, besteht darin, sie als Prozesse zu verstehen, die sich in der Zeit
entwickeln. Ich werde argumentieren, dass die relationale Revolution, um
erfolgreich zu sein, die Vorstellung der Zeit und des gegenwärtigen Augenblicks
als fundamentalen Aspekt der Wirklichkeit ernst nehmen muss.
Der alten Denkweise zufolge waren Individuen einfach nur die kleinsten
Einheiten in einem System, und wenn man verstehen wollte, wie ein System
funktioniert, nahm man es auseinander und untersuchte, wie sich seine Teile
verhielten. Aber wie sollen wir die Eigenschaften der fundamentalsten Entitäten
verstehen? Sie haben keine Teile, weshalb uns der Reduktionismus nicht
weiterbringt. Die atomare Perspektive findet hier keine Entfaltungsmöglichkeit;
auch mit ihr kommen wir nicht weiter. Dies ist eine große Chance für das im
Entstehen begriffene relationale Programm, denn es kann – und muss in der Tat
auch – die Erklärung der Eigenschaften von Elementarteilchen im Netzwerk ihrer
Relationen finden.
Das geschieht bereits in den vereinheitlichten Theorien, die uns zur
Verfügung stehen. Im Standardmodell der Elementarteilchenphysik – die beste
Theorie, die wir bislang für Elementarteilchen haben – sind die Eigenschaften
eines Elektrons, wie etwa seine Masse, dynamisch durch die Wechselwirkungen
bestimmt, an denen es teilhat. Die elementarste Eigenschaft, die ein Teilchen
haben kann, ist seine Masse; sie bestimmt, wie viel Kraft benötigt wird, um
seinen Bewegungszustand zu ändern. Im Standardmodell entstehen alle
Teilchenmassen aus ihren Wechselwirkungen mit anderen Teilchen und werden
in erster Linie von einem bestimmt – dem Higgs-Teilchen. Es gibt keine
absolut » elementaren« Teilchen mehr; alles, was sich wie ein Teilchen verhält,
ist bis zu einem gewissen Grad eine emergente Konsequenz eines Netzwerks von
Wechselwirkungen.
Emergenz ist in einer relationalen Welt ein wichtiger Begriff. Eine
Eigenschaft von etwas, das aus Teilen besteht, ist emergent, wenn es keinen
Sinn machen würde, sie einem der Teile zuzuschreiben. Steine sind hart und
Wasser fließt, aber die Atome, aus denen sie bestehen, sind weder fest noch
nass. Eine emergente Eigenschaft wird häufig nur annähernd gelten, weil sie eine
durchschnittliche oder höherstufige Beschreibung bezeichnet, die viele
Einzelheiten auslässt.
Mit dem Fortschritt der Wissenschaft erweisen sich Aspekte der Natur, die
einst als fundamental galten, als emergent und angenähert. Wir glaubten einmal,
dass Festkörper, Flüssigkeiten und Gase fundamentale Zustände seien; jetzt
wissen wir aber, dass es emergente Eigenschaften sind, die als verschiedene
Möglichkeiten der Anordnung von Atomen verstanden werden können, aus
denen alles besteht. Die meisten Naturgesetze, die einst als fundamental galten,
werden jetzt als emergent und angenähert verstanden. Die Temperatur ist einfach
nur die mittlere Energie von Atomen, die sich in chaotischer Bewegung
befinden. Deshalb sind die Gesetze der Thermodynamik, die sich auf die
Temperatur beziehen, emergent und angenähert.
Ich neige dazu, zu glauben, dass sich so gut wie alles, was wir im Moment
für fundamental halten, am Ende als angenähert und emergent erweisen wird: die
Gravitation und die Gesetze von Newton und Einstein, die sie regieren, die
Gesetze der Quantenmechanik, sogar der Raum selbst.
Die fundamentale physikalische Theorie, nach der wir suchen, wird sich nicht
auf Dinge beziehen, die sich im Raum bewegen. Sie wird nicht die Gravitation
oder Elektrizität als Grundkräfte ausweisen. Es wird auch nicht die
Quantenmechanik sein. Alle diese Theorien werden sich als angenäherte
Vorstellungen erweisen, wenn unser Universum groß genug wird.
Wenn der Raum emergent ist, bedeutet das, dass auch die Zeit emergent ist?
Wenn wir tief genug in die Grundlagen der Natur eindringen, verschwindet dann
die Zeit? Im letzten Jahrhundert sind wir bis zu dem Punkt fortgeschritten, an
dem viele meiner Kollegen die Zeit für emergent relativ zu einer fundamentaleren
Beschreibung der Natur halten, in der keine Zeit erscheint.
Ich glaube – so stark wie man nur irgendetwas in der Wissenschaft glauben
kann –, dass sie sich irren. Die Zeit wird sich als der einzige Aspekt unserer
Alltagserfahrung erweisen, der wirklich fundamental ist. Die Tatsache, dass in
unserer Wahrnehmung immer ein bestimmter Zeitpunkt herrscht und dass wir
diesen Zeitpunkt als zu einem Fluss von Zeitpunkten zugehörig erleben, ist
keine Illusion. Sie ist der beste Anhaltspunkt, den wir für die fundamentale
Wirklichkeit haben.

3 Diese Ansicht setzt mehr als nur die Zeit herab, denn sie reduziert alle Aspekte unserer
Welterfahrung – Farben, den Tastsinn, Musik, Gefühle, komplexe Gedanken – auf die
Neuanordnung von Atomen. Dies ist der Kern der Weltauffassung der Atomisten, die von
Demokrit und Lukrez vorgeschlagen, in John Lockes » primären und sekundären Qualitäten«
formalisiert und seitdem anscheinend in jeder Hinsicht durch den Fortschritt der
Wissenschaft bestätigt wurde. Nach dieser Auffassung ist das, was wirklich ist, Bewegung – in
der modernen Version handelt es sich um Übergänge zwischen Quantenzuständen. Alles
andere ist in gewissem Maße eine Illusion. Mir geht es nicht darum, irgendeine dieser
Weisheiten infrage zu stellen, wovon ein Großteil als wahr gelten muss, weil sie von der
Wissenschaft so gut gestützt werden. Mein Ziel ist nur, den letzten Schritt in Zweifel zu ziehen,
der in der Behauptung besteht, dass auch die Zeit eine Illusion ist.
4 Die einzige Ausnahme, wie ich in Kapitel 11 ausführlich darlegen werde, liegt dann vor, wenn
es Argumente dafür gibt, dass unser Universum ein ty pischer Vertreter der Menge von
Universen ist.
5 Einige Leser werden sofort die Frage stellen, ob es Gesetze geben muss, die die Evolution von
Gesetzen regieren. Das führt zum Problem der Metagesetze, das in Kapitel 19 ausführlich
besprochen wird.
6 Charles Sanders Peirce, » The Architecture of Theories« , The Monist, 1:2, 1891, S. 161–176.
7 Roberto Mangabeira Unger, Social Theory: Its Situation and Its Task, Bd. 2 von Politics, New
York 2004, S. 179f.
8 Paul A. M. Dirac, » The Relation Between Mathematics and Phy sics« , Proc. Roy. Soc., 59,
1939, S. 122–129.
9 Zitiert in James Gleick, Genius: the Life and Science of Richard Feynman, New York 1992, S. 93
(dt.: Richard Feynman. Leben und Werk des genialen Physikers, München 1993).
10 » Richard Fey nman – Take the World from another Point of View« , NOVA (PBS, 1973).
Abschrift auf http:// calteches.library .caltech.edu/35/2/PointofView.htm.
11 Diese Idee wurde erstmals veröffentlicht in: Lee Smolin, » Did the Universe Evolve?« , Class.
Quantum Grav., 9, 1992, S. 173–191.
12 Das Wort » dy namisch« verwende ich häufig in diesem Buch. Es bedeutet » veränderlich« ,
» Gesetzen unterliegend« .
TEIL I GEWICHT
Die Austreibung der Zeit
1 Fallen

Bevor wir uns auf diese oder irgendeine andere Entdeckungsreise begeben,
sollten wir den Rat Heraklits befolgen, der, obwohl er kaum ein paar Schritte in
der heroischen Geschichte namens Wissenschaft gemacht hatte, so weise war,
uns zu warnen, dass die » Natur sich zu verbergen liebt« . Das tut sie in der Tat,
wenn man bedenkt, dass die meisten der Kräfte und Teilchen, die die
Naturwissenschaft mittlerweile für fundamental hält, bis zum letzten Jahrhundert
im Atom verborgen lagen. Einige von Heraklits Zeitgenossen sprachen zwar von
Atomen, aber ohne wirklich zu wissen, ob sie existierten oder nicht. Und ihre
Vorstellung von ihnen war verkehrt, da sie sich die Atome als unteilbar dachten.
Es dauerte bis zu Einsteins Aufsätzen von 1905, dass die Naturwissenschaft
aufholte und darin übereinkam, dass Materie aus Atomen besteht. Aber sechs
Jahre später wurde das Atom in Stücke auseinandergebrochen. So begann die
Enträtselung des Atominneren und die Entdeckung der Welten, die darin
verborgen sind.
Die größte Ausnahme von der Bescheidenheit der Natur ist die Gravitation.
Sie ist die einzige der Grundkräfte, deren Wirkungen jeder beobachtet, ohne
dafür spezielle Instrumente zu benötigen. Unsere allerersten Erfahrungen von
Versuch und Irrtum machen wir mit der Gravitation. Folglich musste die
Gravitation auch eines der ersten Naturphänomene gewesen sein, das von unserer
Spezies benannt werden sollte.
Dennoch blieben Schlüsselaspekte der alltäglichen Erfahrung des Fallens trotz
ihrer Offensichtlichkeit bis zur Morgenröte der Wissenschaft verborgen, und
vieles liegt immer noch im Verborgenen. Wie wir in späteren Kapiteln sehen
werden, ist einer dieser weiterhin verborgenen Aspekte der Gravitation ihre
Beziehung zur Zeit. Deshalb beginnen wir unsere Reise zur Entdeckung der Zeit
mit dem Fallen.

» Warum kann ich nicht fliegen, Papa?«


Wir waren auf der Dachterrasse und schauten drei Stockwerke hinunter in den
Garten hinterm Haus.
» Ich springe einfach und fliege zu Mami in den Garten hinunter, wie die
Vögel da.«
» Vogel« war sein erstes Wort gewesen. Er hatte es beim Anblick der Spatzen
gesagt, die im Baum vor seinem Kinderzimmerfenster flatterten. Hier haben wir
den elementaren Konflikt der Elternschaft: Wir wollen, dass unsere Kinder die
Möglichkeit haben, über uns hinauszuwachsen, aber wir fürchten auch um ihre
Sicherheit in einer unsicheren Welt.
Ich sagte ihm ernst, dass Menschen nicht fliegen können und dass er es unter
keinen Umständen jemals versuchen dürfe, und er brach in Tränen aus. Um ihn
abzulenken, nutzte ich die Gelegenheit, um ihm von der Gravitation zu erzählen.
Die Gravitation hält uns unten auf der Erde. Ihretwegen fallen wir und alles
andere auch.
Das nächste Wort, das aus seinem Mund kam, war erwartungsgemäß:
» Warum?« Sogar ein Dreijähriger weiß, dass man mit der Benennung eines
Phänomens das Phänomen selbst noch nicht erklärt hat.
Aber wir konnten ein Spiel spielen, um zu sehen, wie Dinge fallen. Bald
ließen wir alle möglichen Spielsachen in den Garten hinunterfallen und machten
» Sperimente« , um zu sehen, ob sie alle auf die gleiche Weise fielen oder nicht.
Ich dachte jedoch bald über eine Frage nach, die die Kraft eines dreijährigen
Geistes übersteigt. Wenn wir einen Gegenstand werfen und er fällt, während er
sich von uns wegbewegt, dann beschreibt er eine Kurve im Raum. Welche Art
von Kurve ist das?
Es überrascht nicht, dass einem Dreijährigen diese Frage nicht einfällt. Sie
scheint Tausende von Jahren, auch nachdem wir uns bereits als hoch zivilisiert
einschätzten, überhaupt niemandem eingefallen zu sein. Es sieht so aus, dass
Platon, Aristoteles und die anderen großen Philosophen der antiken Welt damit
zufrieden waren, die Dinge um sich herum fallen zu sehen, ohne sich die Frage
zu stellen, ob fallende Körper sich auf einer besonderen Art von Kurve
fortbewegen.
Der erste Mensch, der die Pfade untersuchte, die von fallenden Körpern
beschrieben werden, war der Italiener Galileo Galilei im frühen 17. Jahrhundert.
Er präsentierte seine Ergebnisse im Dialog über die beiden hauptsächlichsten
Weltsysteme, den er in seinem achten Lebensjahrzehnt schrieb, als er von der
Inquisition unter Hausarrest gestellt worden war. In diesem Buch berichtete er,
dass fallende Körper sich immer auf derselben Art von Kurve entlangbewegen,
nämlich auf einer Parabel.
Galilei entdeckte nicht nur, wie Körper fallen, sondern erklärte seine
Entdeckung auch. Die Tatsache, dass fallende Körper Parabeln beschreiben, ist
die direkte Konsequenz einer anderen Tatsache, die er als Erster beobachtete: der
Tatsache, dass alle Objekte, egal ob sie geworfen oder fallen gelassen werden,
mit einer konstanten Beschleunigung fallen.
Galileis Beobachtung, dass alle fallenden Gegenstände eine Parabel
beschreiben, ist eine der wunderbarsten Entdeckungen in der gesamten
Naturwissenschaft. Fallen ist etwas Universales und daher auch die Art von
Kurve, die fallende Körper beschreiben. Es kommt nicht darauf an, woraus der
Gegenstand besteht, wie er zusammengesetzt ist oder welche Funktion er hat. Es
kommt auch nicht darauf an, wie oft, von welcher Höhe oder mit welcher
vorwärts gerichteten Geschwindigkeit wir den Gegenstand fallen lassen oder
werfen. Wir können das Experiment immer wiederholen, und jedes Mal ist es
eine Parabel. Die Parabel ist eine der einfachsten Kurven, die man beschreiben
kann. Sie ist die Menge von Punkten, die gleich weit von einem Punkt und
einer Linie entfernt sind. Daher ist eines der universalsten Phänomene auch eines
der einfachsten.
Eine Parabel ist ein Begriff aus der Mathematik – ein Beispiel für das, was
wir einen mathematischen Gegenstand nennen –, den die Mathematiker schon
lange vor Galileis Zeit kannten. Galileis Beobachtung, dass Körper entlang von
Parabeln fallen, ist eines der ersten Beispiele für ein Naturgesetz – das heißt eine
Regularität im Verhalten eines kleinen Subsystems des Universums. In diesem
Fall ist das Subsystem ein Gegenstand, der in der Nähe der Oberfläche eines
Planeten fällt. Das ist seit Beginn des Universums unzählige Male und an
unzähligen Orten geschehen; daher gibt es viele Einzelfälle, für die das Gesetz
gilt.
Abb. 1: Definition einer Parabel: diejenigen Punkte, die denselben Abstand von
einem Punkt und einer Geraden haben

Folgende Frage könnten Kinder stellen, wenn sie schon älter sind: Was sagt
es über die Welt aus, dass fallende Gegenstände eine solch einfache Kurve
beschreiben? Warum sollte ein mathematischer Begriff wie die Parabel, eine rein
gedankliche Erfindung, irgendetwas mit der Natur zu tun haben? Und warum
sollte ein so universales Phänomen wie das Fallen ein mathematisches
Gegenstück besitzen, das eine der einfachsten und schönsten Kurven in der
gesamten Geometrie ist?

Seit Galileis Entdeckung haben die Physiker die Mathematik auf


gewinnbringende Weise bei der Beschreibung physikalischer Phänomene
genutzt. Uns mag es zwar jetzt offensichtlich erscheinen, dass ein Gesetz
mathematisch sein muss, aber fast 2000 Jahre lang, nachdem Euklid seine
Axiome der Geometrie kodifizierte, schlug niemand ein mathematisches Gesetz
vor, das für die Bewegung von Gegenständen auf der Erde galt. Von der Zeit der
alten Griechen bis zum 17. Jahrhundert wussten gebildete Menschen, was eine
Parabel ist. Aber kein einziger von ihnen scheint sich gefragt zu haben, ob die
Kugeln, Pfeile und andere Gegenstände, die sie fallen ließen, schleuderten oder
schossen, entlang einer besonderen Art von Kurve fielen. 13 Jeder von ihnen
hätte Galileis Entdeckung machen können; die Werkzeuge, die er benutzte, gab
es in Platons Athen und in Hypatias Alexandria. Aber niemand tat es. Was
änderte sich, damit Galilei auf den Gedanken kommen konnte, dass der
Mathematik eine Rolle bei der Beschreibung von etwas so Einfachem wie dem
Fallen von Dingen zukam?
Diese Frage bringt uns ins Zentrum einiger anderer Fragen, die zwar leicht zu
formulieren sind, die zu beantworten sich aber als schwierig erwiesen hat:
Worauf bezieht sich die Mathematik? Warum fließt sie in die Naturwissenschaft
ein?
Mathematische Gegenstände werden durch reines Denken konstituiert. Wir
entdecken keine Parabeln in der Welt, wir erfinden sie. Eine Parabel oder auch
ein Kreis oder eine Gerade ist eine Idee. Sie muss formuliert und dann in einer
Definition gefasst werden: » Ein Kreis ist eine Menge von Punkten, die den
gleichen Abstand von einem einzelnen Punkt haben … Eine Parabel ist eine
Menge von Punkten, die den gleichen Abstand von einem Punkt und einer
Linie haben.« Sobald wir den Begriff haben, können wir unmittelbar von der
Definition einer Kurve auf ihre Eigenschaften schließen. Wie wir im
Geometrieunterricht auf dem Gymnasium gelernt haben, kann dieser Schluss in
einem Beweis formalisiert werden, bei dem jedes Argument durch einfache
Schlussregeln aus früheren Argumenten folgt. In keiner Phase dieses formalen
Schlussfolgerungsprozesses spielen Beobachtungen oder Messungen eine
Rolle. 14
Unsere Kurvenzeichnungen können die Eigenschaften approximieren, die von
einem Beweis demonstriert wurden, aber immer nur unvollkommen. Dasselbe
gilt für Kurven, die wir in der Welt finden: die Kurve des Rückens einer Katze,
wenn sie sich streckt, oder die Krümmung der Stahlseile einer Hängebrücke. Sie
werden nur näherungsweise eine mathematische Kurve beschreiben; wenn wir
genauer hinsehen, gibt es immer eine gewisse Unvollkommenheit in der
Realisierung. Daher rührt das Grundparadoxon der Mathematik: Die Dinge, die
sie untersucht, sind unwirklich, doch irgendwie erhellen sie die Wirklichkeit.
Aber wie? Die Beziehung zwischen der Wirklichkeit und der Mathematik ist
weit davon entfernt, offensichtlich zu sein, selbst im einfachsten Fall.
Sie mögen sich fragen, was die Erforschung der Mathematik mit der
Erforschung der Gravitation zu tun hat. Aber dies ist eine notwendige
Abschweifung, weil die Mathematik sich genauso im Zentrum des Rätsels der
Zeit befindet wie die Gravitation und wir uns darüber klar werden müssen, wie
sich die Mathematik in einem einfachen Fall zur Natur verhält, zum Beispiel bei
Körpern, die entlang simpler Kurven fallen. Andernfalls werden wir ohne
Steuerruder sein, wenn wir in die Gegenwart kommen und Aussagen begegnen
wie » Das Universum ist eine vierdimensionale, raumzeitliche
Mannigfaltigkeit« . Ohne Gewässer befahren zu haben, die flach genug sind, dass
wir den Boden sehen können, werden wir leichte Beute sein für Leute, die uns
in die Irre führen und uns radikale metaphysische Fantasien unter dem
Deckmantel der Naturwissenschaft verkaufen wollen.
Auch wenn vollkommene Kreise und Parabeln in der Natur nicht zu finden
sind, so teilen sie sich mit natürlichen Gegenständen dennoch ein Merkmal: den
Widerstand gegenüber der Manipulation durch unsere Einbildungskraft und
unseren Willen. Die Zahl Pi – das Verhältnis des Kreisumfangs zu seinem
Durchmesser – ist eine Idee. Aber sobald der Begriff erfunden war, wurde sein
Wert zu einer objektiven Eigenschaft, die durch weitere Schlussfolgerungen
entdeckt werden musste. Es hat Versuche gegeben, den Wert von Pi per Erlass
festzulegen, und sie enthüllten ein tiefes Missverständnis. Auch wenn man es
noch so sehr wünscht, wird der Wert von Pi doch nicht zu etwas anderem, als er
eben ist. Dasselbe gilt für alle anderen Eigenschaften von Kurven und anderen
Gegenständen in der Mathematik. Diese Gegenstände sind, was sie sind, und im
Hinblick auf ihre Eigenschaften können wir richtig- oder falschliegen, aber wir
können sie nicht ändern.
Die meisten von uns kommen über unsere Unfähigkeit zu fliegen hinweg.
Wir alle räumen letztlich ein, dass wir auf viele Aspekte der Natur keinen
Einfluss haben. Aber ist es nicht etwas beunruhigend, dass es Begriffe gibt, die
nur in unserem Geist existieren und deren Eigenschaften trotzdem so objektiv
und immun gegenüber unserem Willen sind wie die Dinge in der Natur? Wir
erfinden zwar die Kurven und Zahlen der Mathematik, aber wenn wir sie einmal
erfunden haben, können wir sie nicht ändern.
Aber selbst wenn Kurven und Zahlen Gegenständen in der natürlichen Welt
im Hinblick auf die Stabilität ihrer Eigenschaften und ihrer Widerständigkeit
gegenüber unserem Willen gleichen, sind sie doch nicht dasselbe wie natürliche
Gegenstände. Ihnen fehlt eine grundlegende Eigenschaft, die jedem einzelnen
Ding in der Natur zukommt. Hier in der wirklichen Welt existiert immer ein
bestimmter zeitlicher Moment. Alles, was wir von der Welt wissen, hat am
Fluss der Zeit teil. Jede Beobachtung, die wir über die Welt machen, kann
datiert werden. Jeder von uns und alles, was wir in der Natur kennen, existiert
für die Dauer eines Zeitintervalls; vor und nach diesem Intervall existieren weder
wir noch diese Dinge.
Aber Kurven und andere mathematische Gegenstände leben nicht in der Zeit.
Der Wert von Pi ist nicht mit einem Datum versehen, vor dem er anders oder
nicht definiert war und nach dem er sich ändern wird. Wenn es wahr ist, dass
zwei Parallelen sich in der von Euklid definierten Ebene nie schneiden, war es
immer wahr und wird immer wahr sein. Aussagen über mathematische
Gegenstände wie Kurven und Zahlen sind auf eine solche Weise wahr, dass sie
keiner Einschränkung durch die Zeit unterliegen. Aber wie kann irgendetwas
existieren, ohne in der Zeit zu existieren? 15
Über diese Fragen wurde jahrtausendelang gestritten, und die Philosophen
müssen erst noch zu einer Einigung über sie kommen. Aber ein Vorschlag war
bereits auf dem Tisch, als diese Fragen zum ersten Mal debattiert wurden. Er
besagt, dass Kurven, Zahlen und andere mathematische Gegenstände ebenso
robust existieren wie das, was wir in der Natur sehen – außer dass sie sich nicht
in unserer Welt befinden, sondern in einem anderen Reich, einem Reich ohne
Zeit. Es gibt also nicht zwei Arten von Dingen in unserer Welt: Dinge, die an
die Zeit gebunden sind, und zeitlose Dinge. Vielmehr gibt es zwei Welten: eine
zeitgebundene und eine zeitlose Welt.
Die Vorstellung, dass mathematische Gegenstände in einer gesonderten,
zeitlosen Welt existieren, wird häufig mit Platon assoziiert. Wenn die
Mathematik von einem Dreieck spricht, handelt es sich seiner Lehre zufolge
nicht um irgendein Dreieck in der Welt, sondern um ein ideales Dreieck, das
ebenso wirklich ist (und sogar noch wirklicher), aber in einem anderen Reich
außerhalb der Zeit existiert. Das Theorem, dass die Winkel eines Dreiecks sich
zu 180 Grad addieren, gilt zwar nicht vollkommen für irgendein wirkliches
Dreieck in unserer physikalischen Welt, aber es gilt absolut und vollkommen
für jenes ideale mathematische Dreieck, das in der mathematischen Welt
existiert. Wenn wir also ein Theorem beweisen, gewinnen wir Wissen über
etwas, das außerhalb der Zeit existiert, und demonstrieren eine Wahrheit, die
ebenfalls nicht von der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft begrenzt wird.
Wenn Platon recht hat, dann können wir einfach durch schlussfolgerndes
Denken die Zeit übersteigen und zeitlose Wahrheiten über ein zeitlos
existierendes Reich in Erfahrung bringen. Manche Mathematiker behaupten,
sicheres Wissen über das platonische Reich abgeleitet zu haben. Wenn diese
Behauptung wahr ist, verleiht ihnen das einen Hauch von Göttlichkeit. Wie
sollten sie das geschafft haben? Ist ihre Behauptung glaubhaft?
Wenn ich eine Dosis Platonismus möchte, lade ich meinen Freund Jim
Brown zum Mittagessen ein. Wir beide wissen eine gute Mahlzeit zu schätzen,
während der er geduldig, und nicht zum ersten Mal, die Gründe für den Glauben
an die zeitlose Wirklichkeit der mathematischen Welt erläutert. Jim ist unter
den Philosophen eine ungewöhnliche Figur, da er einen rasiermesserscharfen
Geist mit einem sonnigen Gemüt verbindet. Man spürt, dass er glücklich ist im
Leben, und es macht einen glücklich, ihn zu kennen. Er ist ein guter Philosoph;
er kennt alle Argumente jeder Seite und er hat keine Schwierigkeiten, über
diejenigen zu diskutieren, die er nicht widerlegen kann. Ich habe jedoch keine
Möglichkeit gefunden, seinen zuversichtlichen Glauben an die Existenz eines
zeitlosen Reiches mathematischer Objekte infrage zu stellen. Manchmal frage ich
mich, ob sein Glaube an Wahrheiten, die jenseits des Gesichtskreises von
Menschen liegen, zu seinem Glücksgefühl beiträgt, ein Mensch zu sein.
Ein Argument, von dem Jim und andere Platoniker zugeben, dass es für sie
schwierig zu widerlegen ist, bezieht sich darauf, wie wir Menschen, die
zeitgebunden leben und nur mit anderen Dingen in Kontakt stehen, die
ähnlichen Beschränkungen unterliegen, ein klar umrissenes Wissen vom
zeitlosen Reich der Mathematik haben können. Zwar gelangen wir zu
mathematischen Wahrheiten durch schlussfolgerndes Denken, aber können wir
auch wirklich sicher sein, dass unsere Schlussfolgerungen richtig sind?
Tatsächlich können wir das eben nicht. Gelegentlich werden Fehler in den
Beweisen entdeckt, die in Lehrbüchern veröffentlicht wurden, daher ist es
wahrscheinlich, dass es weitere Fehler gibt. Man kann versuchen, aus dieser
Schwierigkeit herauszukommen, indem man behauptet, dass mathematische
Gegenstände überhaupt nicht existieren, nicht einmal außerhalb der Zeit. Aber
welchen Sinn hat die Behauptung, dass wir zuverlässiges Wissen über einen
Bereich nicht existierender Gegenstände besitzen?
Der englische mathematische Physiker Roger Penrose gehört ebenfalls zu den
Freunden, mit denen ich über den Platonismus diskutiere. Er behauptet, dass
die Wahrheiten der mathematischen Welt eine Wirklichkeit besitzen, die von
keinem Axiomensystem erfasst wird. Er folgt dem großen Logiker Kurt Gödel
mit dem Argument, dass wir mit unserem Verstand unmittelbar Wahrheiten
über das Reich der Mathematik erfassen können – Wahrheiten, die über formale
axiomatische Beweise hinausgehen. Mehr als einmal hat er etwas wie das
Folgende zu mir gesagt: » Du bist gewiss sicher, dass eins und eins gleich zwei
ist. Das ist eine Tatsache über die mathematische Welt, die du mit deiner
Intuition erfassen kannst und deren du sicher sein kannst. Also ist der Gedanke,
dass eins plus eins gleich zwei ist, an sich ein ausreichender Beleg dafür, dass
die Vernunft über die Zeit hinausgehen kann. Wie steht es mit zwei plus zwei
gleich vier? Dessen bist du dir ebenfalls sicher! Und wie ist es nun mit fünf plus
fünf gleich zehn? Daran hast du doch keine Zweifel, oder? Es gibt also eine sehr
große Anzahl von Tatsachen über das zeitlose Reich der Mathematik, über die
du dir sicher bist.« Penrose glaubt, dass unser Geist über den ständig sich
wandelnden Fluss der Erfahrung hinausgehen und eine zeitlose, ewige
Wirklichkeit dahinter erreichen kann. 16
Wir entdeckten das Phänomen der Gravitation, als uns klar wurde, dass
unsere Erfahrung des Fallens eine Begegnung mit einem universalen
Naturphänomen ist. Bei unseren Versuchen, dieses Phänomen zu verstehen,
erkannten wir eine verblüffende Gesetzmäßigkeit: Alle Gegenstände fallen
entlang einer einfachen Kurve, die unsere Vorfahren erfanden und die Parabel
genannt wird. Wir können also ein universales Phänomen, das mit
zeitgebundenen Dingen in der Welt zu tun hat, mit einem erfundenen Begriff
verknüpfen, der in seiner Vollkommenheit die Möglichkeit von Wahrheiten –
und der Existenz – außerhalb der Zeit andeutet. Wenn Sie ein Platoniker wie
Brown und Penrose sind, ist die Entdeckung, dass Körper entlang von Parabeln
fallen, nichts weniger als die Erkenntnis einer Beziehung zwischen unserer
irdischen, zeitgebunden Welt und einer anderen, zeitlosen Welt ewiger Wahrheit
und Schönheit. Galileis einfache Entdeckung nimmt dann eine transzendentale
oder religiöse Bedeutung an: Sie ist die Entdeckung einer Widerspiegelung
zeitloser Göttlichkeit, die universal in unserer Welt wirkt. Das Fallen eines
Körpers in der Zeit in unserer unvollkommenen Welt enthüllt ein zeitloses
Wesen der Vollkommenheit im Innern der Natur.
Diese Vision der Transzendenz zum Zeitlosen über den Weg der
Naturwissenschaft hat viele, einschließlich meiner eigenen Person, in die
Naturwissenschaft hineingezogen, aber jetzt bin ich sicher, dass sie falsch ist.
Der Traum der Transzendenz hat in seinem Kern einen verhängnisvollen Makel,
der mit seinem Anspruch verbunden ist, das Zeitgebundene durch das Zeitlose
zu erklären. Da wir keinen physikalischen Zugang zu der vorgestellten zeitlosen
Welt haben, erfinden wir früher oder später einfach nur eine Geschichte (in
späteren Kapiteln werde ich Ihnen Beispiele für dieses Scheitern vorstellen). Es
liegt etwas Billiges im Kern jeder Behauptung, dass unser Universum
letztendlich von einer anderen, vollkommeneren Welt erklärt wird, die von
allem, was wir wahrnehmen, getrennt ist. Wenn wir dieser Behauptung erliegen,
weichen wir die Grenze zwischen Naturwissenschaft und Mystizismus auf.
Unser Wunsch nach Transzendenz ist im Grunde eine religiöse Bestrebung.
Die Sehnsucht, vom Tod und den Mühen und Begrenzungen unseres Lebens
befreit zu sein, ist der Nährstoff der Religionen und des Mystizismus. Macht die
Suche nach mathematischer Erkenntnis einen zu einer Art von Priester, der einen
besonderen Zugang zu einer außergewöhnlichen Form der Erkenntnis besitzt?
Sollten wir die Mathematik einfach als die religiöse Tätigkeit anerkennen, die
sie ist? Oder sollten wir besorgt sein, wenn die rationalsten unserer Denker, die
Mathematiker, von ihrer Tätigkeit so sprechen, als wäre sie der Weg von den
Grenzen des menschlichen Lebens hin zur Transzendenz?
Es ist eine viel größere Herausforderung, die Disziplin zu akzeptieren, das
Universum, das wir wahrnehmen und erleben, nur in Begriffen seiner selbst zu
erklären – das Wirkliche nur durch das Wirkliche zu erklären und das
Zeitgebundene durch das Zeitgebundene. Aber obwohl das eine größere
Herausforderung ist, wird dieser eingeschränkte, weniger romantische Weg
letztlich erfolgreicher sein. Der Preis, der auf uns wartet, besteht darin, die
Bedeutung der Zeit schließlich aus sich selbst heraus verstehen zu können.

13 Und das trotz vieler ernsthafter Versuche von islamischen und mittelalterlichen Philosophen,
die Ursachen der Bewegung zu verstehen.
14 Mathematiker sprechen gerne von Kurven, Zahlen und dergleichen als mathematischen
» Objekten« , was eine Art von Existenz impliziert. Wenn Ihnen nicht wohl dabei ist, eine
radikale philosophische Position aufgrund einer Sprachgewohnheit anzunehmen, könnten Sie
sie stattdessen vielleicht » Begriffe« nennen. Bei der Erörterung der Mathematik werde ich
beide Wörter austauschbar verwenden, damit die Frage, welche Art von Existenz sie besitzen,
nicht schon vorentschieden wird.
15 Es ist auch nicht ganz richtig zu sagen, dass die Wahrheiten der Mathematik sich außerhalb der
Zeit befinden, da unsere menschlichen Wahrnehmungen und Gedanken zu bestimmten
Augenblicken in der Zeit stattfinden – und unter den Dingen, über die wir in der Zeit
nachdenken, sind mathematische Objekte. Es ist nur so, dass diese mathematischen Objekte
selbst keinerlei Existenz in der Zeit zu haben scheinen. Sie werden nicht geboren, sie
verändern sich nicht, sie sind einfach.
16 Viele andere große Mathematiker glauben dasselbe, etwa Alain Connes. Siehe Jean-Pierre
Changeux & Alain Connes, Conversations on Mind, Matter, and Mathematics, hg. und übers.
v. M. B. DeBevoise, Princeton, NJ, 1998.
2 Das Verschwinden der Zeit

Galilei war nicht der Erste, der Bewegung mit Kurven in Verbindung brachte.
Er war bloß der Erste, der dies für Bewegungen auf der Erde tat. Ein Grund
dafür, dass es niemandem vor Galilei eingefallen war, dass Körper entlang von
Parabeln fallen, besteht darin, dass niemand diese Parabeln direkt
wahrgenommen hatte. Die Pfade fallender Körper waren einfach zu schnell, um
gesehen werden zu können. 17 Aber lange vor Galilei kannten die Menschen
Beispiele für Bewegungen, die langsam genug waren, um leicht aufgezeichnet
werden zu können. Das waren die Bewegungen der Sonne, des Mondes und der
Planeten am Himmel. Platon und seine Schüler besaßen Aufzeichnungen ihrer
Positionen, die die Ägypter und Babylonier Tausende von Jahren aufbewahrt
hatten.
Solche Aufzeichnungen faszinierten und entzückten jene, die sie untersuchten,
weil sie Muster enthielten. Manche davon waren offensichtlich, wie die jährliche
Bewegung der Sonne, und andere waren überhaupt nicht offensichtlich, wie der
Zyklus von 18 Jahren und 11 Tagen, den man in Aufzeichnungen zu
Sonnenfinsternissen fand. Diese Muster waren Hinweise auf die wahre
Beschaffenheit des Universums, in dem unsere Vorfahren lebten. Über viele
Jahrhunderte hinweg arbeiteten Gelehrte an der Entzifferung dieser Muster, und
durch diese Anstrengungen gelangte die Mathematik erstmals in die
Naturwissenschaft.
Aber das ist nur die halbe Antwort. Galilei verwendete kein Instrument, das
nicht schon den Griechen zur Verfügung gestanden hätte. Also muss es einen
begrifflichen Grund für den mangelnden Fortschritt bei den Bewegungen auf der
Erde gegeben haben. Gab es bei Galileis Vorgängern in diesem Punkt einen
blinden Fleck? Was glaubten sie, das er nicht glaubte?
Betrachten wir die Entdeckung eines der einfachsten und tiefgründigsten
Muster, das die antiken Astronomen fanden. Das Wort » Planet« kommt von
dem griechischen Wort für Wanderer, aber die Planeten wandern nicht über den
gesamten Himmel. Sie bewegen sich alle auf einem Großkreis, der Ekliptik
genannt wird und der mit Bezug auf die Sterne fixiert ist. Die Entdeckung der
Ekliptik muss der erste Schritt zur Entschlüsselung der Aufzeichnungen von
Planetenpositionen gewesen sein.
Ein Kreis ist ein mathematischer Gegenstand, der durch eine einfache Regel
definiert ist. Was bedeutet es, wenn man in den Himmelsbewegungen einen
Kreis sieht? Ist das die Heimsuchung der flüchtigen, zeitgebundenen Welt von
einem zeitlosen Phänomen? So könnten wir es vielleicht betrachten, aber so
haben es unsere Vorfahren nicht verstanden. Das Universum wurde von ihnen in
zwei Reiche aufgeteilt: das irdische Reich, das der Schauplatz von Geburt und
Tod, von Veränderung und Verfall war, und das himmlische Reich darüber, ein
Ort der zeitlosen Vollkommenheit. Für sie war der Himmel bereits ein
transzendentes Reich; er wurde von göttlichen Gegenständen bevölkert, die
weder wuchsen noch verfielen. Schließlich war es das, was sie beobachteten.
Aristoteles selbst bemerkte, dass » [in] der ganzen vergangenen Zeit […] sich,
soweit die Erinnerung reicht, der oberste Himmel weder im Ganzen noch in
irgendeinem seiner ihm eigentümlichen Teile verändert [hat].« 18
Wenn die Gegenstände dieses göttlichen Reiches sich dennoch bewegen
sollten, konnten diese Bewegungen nur vollkommen und somit ewig sein. Für
unsere Vorfahren war es offensichtlich, dass sich die Planeten auf einer Kreisbahn
bewegen, weil sie sich aufgrund ihrer Eigenschaft, göttlich und vollkommen zu
sein, nur auf derjenigen Kurve bewegen konnten, die die vollkommenste war.
Aber das irdische Reich ist nicht vollkommen, weshalb es ihnen wahrscheinlich
sonderbar erschienen wäre, die Bewegungen auf der Erde anhand vollkommener
mathematischer Kurven zu beschreiben.
Die Aufteilung der Welt in ein irdisches Reich und himmlische Sphären
wurde in der aristotelischen Physik kodifiziert. Alles im irdischen Reich war aus
Mischungen der vier Elemente zusammengesetzt: Erde, Luft, Feuer und Wasser.
Jedes Element hatte eine natürliche Bewegung: Die natürliche Bewegung der
Erde beispielsweise strebte dem Zentrum des Universums zu. Veränderungen
folgten aus der Mischung dieser vier Essenzen. Der Äther war das fünfte
Element, die Quintessenz, die das himmlische Reich bildete und die
Gegenstände, die sich durch es hindurchbewegten.
Diese Aufteilung war der Ursprung der Verbindung zwischen dem Aufsteigen
und der Transzendenz. Gott, Himmel, Vollkommenheit – sie sind über uns,
während wir hier unten in der Falle sitzen. Aus dieser Perspektive ergibt die
Entdeckung, dass mathematische Formen durch Bewegungen am Himmel
beschrieben werden, einen Sinn, weil sowohl das Mathematische als auch das
Himmlische Reiche sind, die Zeit und Veränderung übersteigen. Die Erkenntnis
beider bedeutet, das irdische Reich zu transzendieren.
Die Mathematik fand dann Eingang in die Naturwissenschaft als ein Ausdruck
des Glaubens an die zeitlose Vollkommenheit des Himmels. So nützlich sich
die Mathematik auch erwiesen hat, ist das Postulat zeitloser mathematischer
Gesetze doch niemals völlig unschuldig, denn es trägt immer eine Spur der
metaphysischen Fantasie von einer Transzendenz mit sich, einer Transzendenz
von unserer irdischen Welt zu einer Welt vollkommener Formen.
Auch wenn sich die Naturwissenschaft schon lange vom Kosmos unserer
Vorfahren weiterbewegt hat, werden die Alltagssprache und Metaphern noch von
ihrer Grundform beeinflusst. Wir sprechen davon, sich einer Lage gewachsen zu
zeigen (englisch: rising to the occasion). Wir blicken um der Inspiration willen
nach oben. Wohingegen fallen (wie zum Beispiel im englischen falling in love
– sich verlieben) bedeutet, sich einem Kontrollverlust auszuliefern. Noch
deutlicher symbolisiert der Gegensatz von » Aufsteigen« und » Fallen« den
Konflikt zwischen dem Körperlichen und dem Spirituellen. Der Himmel ist über
uns und die Hölle ist unten. Wenn wir uns selbst erniedrigen, versinken wir im
Erdboden. Gott und alles, wonach wir letztendlich suchen, ist über uns.
Die Musik war für unsere Vorfahren eine andere Möglichkeit, Transzendenz
zu erleben. Hören wir uns Musik an, erleben wir oft eine tiefe Schönheit, die uns
» aus dem gegenwärtigen Augenblick« herauslöst. Es überrascht nicht, dass sie
hinter der Schönheit der Musik mathematische Geheimnisse witterten, die nur
auf ihre Entschlüsselung warteten. Unter den großen Entdeckungen der Schule
des Pythagoras war die Verbindung musikalischer Harmonien mit einfachen
Zahlenverhältnissen. Für unsere Vorfahren war das der zweite Hinweis darauf,
dass die Mathematik die Muster des Göttlichen erfasst. Wir kennen zwar nur
wenige persönliche Einzelheiten von Pythagoras und seinen Anhängern, aber wir
können uns vorstellen, dass ihnen auffiel, dass eine Affinität zur Mathematik
häufig von einem musikalischen Talent begleitet wird. Wir würden sagen, dass
Mathematiker und Musiker die Fähigkeit zum Erkennen, Erzeugen und
Manipulieren abstrakter Muster teilen. Unsere Vorfahren hätten stattdessen
vielleicht von einer gemeinsamen Fähigkeit der Wahrnehmung des Göttlichen
gesprochen.
Galilei war mit Musik aufgewachsen, bevor er Naturwissenschaftler wurde. 19
Sein Vater, Vincenzo Galilei, war Komponist und ein einflussreicher
Musiktheoretiker gewesen, von dem es heißt, dass er auf dem Dachboden ihres
Hauses in Pisa Geigensaiten gespannt hatte, damit sein junger Sohn die
Beziehung zwischen Harmonie und Zahlenverhältnissen erfahren konnte. Als er
sich während eines Gottesdienstes in der Kathedrale von Pisa langweilte,
bemerkte Galilei, dass die Zeit, die eine aufgehängte Lampe brauchte, um von
einer Seite auf die andere zu schwingen, unabhängig von der Weite ihrer
Pendelbewegung war. Diese Unabhängigkeit der Periode (der Zeit, die vergeht,
um eine Pendelbewegung oder Bahn zu durchlaufen) von der Amplitude eines
Pendels war eine seiner ersten Entdeckungen. Wie hat er es herausfinden
können? Wir würden eine Stoppuhr oder eine Uhr benutzen, aber Galilei stand
so etwas nicht zur Verfügung. Man könnte sich vorstellen, dass er einfach vor
sich hin sang, als er die Lampen über seinem Kopf schwingen sah, da er später
behauptete, er könne die Zeit bis auf ein Sechzehntel eines Pulsschlags messen.
Galilei bewies auch das Selbstdarstellungstalent eines Musikers, als er dem
Volk die Argumente für den Kopernikanismus nahebrachte. Er schrieb seine
Ideen in Italienisch auf anstatt in Latein, der Sprache der Gelehrten, und
vermittelte sie auf lebhafte Weise durch Dialoge, in denen fiktive Figuren
Gespräche über die Naturwissenschaft führen, während sie gemeinsam essen oder
spazieren gehen. Aus diesem Grund wird er als Demokrat gelobt, der die
Hierarchie der Kirche und der Universität verachtete, um unmittelbar die
Erkenntnisfähigkeit gewöhnlicher Menschen anzusprechen.
Aber so brillant er als Polemiker und Experimentator auch zweifellos war,
verblüffend an Galileis Arbeiten sind vor allem die neuen Fragen, die er stellte –
was zum Teil der Befreiung von alten Dogmen zu verdanken war, die das Erbe
der italienischen Renaissance mit sich brachte. Die antike Unterscheidung
zwischen dem irdischen und göttlichen Reich, die die Menschen lange vom
Denken abgehalten hatte, scheint keinen Eindruck auf Galilei gemacht zu haben.
Leonardo da Vinci hatte in der statischen Form Proportion und Harmonie
entdeckt, aber Galilei suchte nach mathematischer Harmonie in alltäglichen
Bewegungen, zum Beispiel in solchen von Pendeln und Kugeln, die schiefe
Ebenen hinabrollen. Bevor er sich bei seiner Kommunikationsstrategie
demokratisch zeigte, war er schon ein Demokrat in puncto Universum.
Galilei zerstörte die Göttlichkeit des Himmels, als er entdeckte, dass die
Vollkommenheit des Himmels eine Lüge war. Er erfand das Fernrohr zwar nicht
und er war vielleicht auch nicht der Einzige, der die neue Erfindung benutzte,
um den Himmel zu betrachten. Aber seine einzigartige Perspektive und sein
einzigartiges Talent ließen ihn einen großen Wirbel um das machen, was er dort
sah, nämlich Unvollkommenheit. Die Sonne hat Flecken. Der Mond ist keine
vollkommene Kugel aus Quintessenz; er hat Berge, genau wie die Erde. Saturn
hat eine sonderbare dreifache Form. Jupiter hat Monde, und es gibt weitaus
mehr Sterne, als man mit dem bloßen Auge sehen kann.
Dieser Niedergang der Göttlichkeit wurde einige Jahre früher, nämlich 1577,
vorweggenommen, als der dänische Astronom Tycho Brahe beobachtete, wie
ein Komet die vollkommenen Himmelssphären durchschlug. Tycho war der
letzte und größte der Astronomen, die mit bloßem Auge arbeiteten, und er und
seine Assistenten sammelten die besten Messdaten der Planetenbewegungen am
Himmel, die je gemacht wurden. Sie steckten unentschlüsselt in seinen
Notizbüchern, bis Tycho im Jahre 1600 einen jähzornigen, jungen Assistenten
einstellte – Johannes Kepler.
Die Planeten bewegen sich zwar entlang der Ekliptik, aber sie bewegen sich
nicht immer gleichmäßig. Sie bewegen sich alle in dieselbe Richtung, aber
gelegentlich kommen sie zum Stillstand, kehren um und bewegen sich eine
Weile zurück. Diese Rückwärtsbewegung war für unsere Vorfahren ein großes
Rätsel. Ihre wahre Bedeutung liegt darin, dass auch die Erde ein Planet ist, der
sich wie die anderen Planeten um die Sonne bewegt. Nur von der
Erdperspektive aus scheinen die Planeten anzuhalten und ihre Bewegung dann
wieder aufzunehmen. Mars scheint sich an unserem Himmel nach Westen zu
bewegen, wenn er sich vor uns befindet, und die Richtung zu wechseln, wenn
die Erde aufholt. Seine Rückwärtsbewegung ist nichts weiter als ein Effekt der
Erdbewegung, aber unsere Vorfahren erkannten das nicht, weil sie an der falschen
Vorstellung festhielten, dass die Erde im Zentrum des Universums ruht. Da die
Erde für sie unbewegt war, musste die wahrgenommene Bewegung der Planeten
am Himmel ihren wirklichen Bewegungen entsprechen. Daher erklärten die
antiken Astronomen die Rückwärtsbewegung so, als ob sie von der
Eigenbewegung jedes Planeten verursacht würde. Zu diesem Zweck stellten sie
sich eine umständliche Anordnung mit zwei Arten von Kreisen vor, bei der
jeder Planet an einen kleinen Kreis geheftet war, der sich um einen Punkt drehte,
welcher sich selbst wieder auf einem größeren Kreis um die Erde bewegte.
Die Epizyklen, wie diese Minikreise genannt wurden, drehten sich mit einer
Periode von einem Erdjahr, weil sie nichts anderes als der Schatten der
Erdbewegung waren. Andere Anpassungen erforderten noch mehr Kreise; 55
Kreise waren nötig, damit alles richtig funktionierte. Der alexandrinische
Astronom Ptolemäus brachte das Modell auf ein Maß von bemerkenswerter
Genauigkeit, indem er jedem der großen Kreise die richtigen Perioden zuwies.
Einige Jahrhunderte später verfeinerten islamische Astronomen das ptolemäische
Modell, und in Tychos Zeit sagte es die Positionen der Planeten, der Sonne
und des Mondes mit einer Genauigkeit von einem Tausendstel voraus – gut
genug, um mit den meisten von Tychos Beobachtungen übereinzustimmen.
Ptolemäus’ Modell war von mathematischer Schönheit und sein Erfolg
überzeugte Astronomen und Theologen länger als ein Jahrtausend davon, dass
seine Prämissen korrekt waren. Wie hätten sie auch falsch sein können?
Schließlich war das Modell durch Beobachtung bestätigt worden.
Wir erhalten hier eine Lektion, die uns sagt, dass weder die mathematische
Schönheit noch die Übereinstimmung mit Experimenten garantieren kann, dass
die Vorstellungen, auf denen eine Theorie beruht, auch nur die geringste
Beziehung zur Wirklichkeit haben. Manchmal führt uns die Deutung der Muster
in der Natur in die falsche Richtung. Manchmal machen wir uns selbst etwas
vor, und zwar sowohl als Individuen wie auch als Gesellschaft. Ptolemäus und
Aristoteles waren nicht weniger wissenschaftlich als die Wissenschaftler von
heute. Sie hatten einfach nur Pech in dem Sinne, dass mehrere falsche
Hypothesen zusammen gut funktionierten. Es gibt kein Gegenmittel für unsere
Fähigkeit, uns etwas vorzumachen, außer dem, den Prozess der Wissenschaft in
Gang zu halten, sodass Irrtümer letztlich ans Tageslicht kommen müssen.
Abb. 2: Schematische Darstellung des Universums nach Ptolemäus20

Es fiel Kopernikus zu, die Bedeutung der Tatsache zu entschlüsseln, dass alle
Epizyklen dieselbe Periode haben und sich in Übereinstimmung mit der
Umlaufbahn der Sonne bewegen. Er setzte die Erde als Planet an ihre
rechtmäßige Stelle und die Sonne ins Zentrum des Universums. Das
vereinfachte zwar das Modell, führte aber eine Spannung ein, die die antike
Kosmologie nicht überleben konnte. Warum sollte die Sphäre der Erde
irgendwie anders sein als die des Himmels, wenn die Erde nichts anderes als ein
weiterer Planet ist, der sich durch den Himmel bewegt?
Kopernikus war jedoch ein Revolutionär wider Willen, dem andere Hinweise
entgingen. Ein wichtiger Hinweis war, dass die Umlaufbahnen der Planeten
nicht genau kreisförmig waren, selbst als die Bewegung der Erde
mitberücksichtigt wurde. Da er sich von der Vorstellung, dass
Himmelsbewegungen aus Kreisen zusammengesetzt sein müssen, nicht trennen
konnte, löste er dieses Problem genauso wie Ptolemäus es 14 Jahrhunderte
früher gelöst hatte. Er führte Epizyklen als notwendig ein, um die Theorie an die
Daten anzupassen.
Die Umlaufbahn von Mars ist die am wenigsten kreisförmige. Es war Keplers
großes Glück – und ebenso das der Naturwissenschaft –, dass Tycho ihm das
Problem übertrug, die Umlaufbahn von Mars zu entziffern. Nachdem er viele
Jahre nach seinem Ausscheiden aus Tychos Diensten daran gearbeitet hatte,
stellte Kepler fest, dass Mars eine Ellipse im Raum beschreibt.
Diese Feststellung war auf eine Weise revolutionär, die für einen modernen
Leser nicht gleich einsichtig ist. In einer erdzentrierten Kosmologie beschreiben
die Planeten keine geschlossene Umlaufbahn irgendeiner Art, weil ihre Pfade
relativ zur Erde jeweils zwei Kreisbewegungen mit unterschiedlichen Perioden
miteinander kombinieren. Erst wenn die Umlaufbahnen in Beziehung zur Sonne
abgetragen werden, bilden sie geschlossene Kurven. Erst dann wird es möglich,
zu fragen, wie die Form einer Umlaufbahn aussieht. Die Harmonie der Welt
wird also vertieft, wenn man die Sonne ins Zentrum setzt.
Sobald die Umlaufbahnen der Planeten einmal als Ellipsen aufgefasst worden
waren, war die Erklärungskraft von Ptolemäus’ Theorie zerstört. Eine Menge
neuer Fragen kam auf: Warum bewegen sich die Planeten auf elliptischen
Umlaufbahnen? Was hält sie davon ab, von ihrem Weg abzuweichen? Was
zwingt sie überhaupt dazu, sich zu bewegen – weshalb stehen sie nicht still?
Keplers Antwort war reine Spekulation, die sich später als halb richtig erwies:
Was die Planeten auf ihren Umlaufbahnen bewegt, ist eine Kraft, die von der
Sonne ausgeht. Man stelle sich die Sonne als einen rotierenden Kraken vor,
dessen Arme die Planeten herumwirbeln, wenn er sich dreht. Das war das erste
Mal, dass jemand die Sonne als Quelle einer Kraft vorgeschlagen hatte, die die
Planeten beeinflusst. Nur hatte Kepler eine falsche Vorstellung von der Richtung
der Kraft.
Tycho und Kepler zertrümmerten die himmlischen Sphären und
vereinheitlichten dadurch die Welt. Diese Vereinheitlichung hatte gravierende
Konsequenzen für das Verständnis der Zeit. In Aristoteles’ und Ptolemäus’
Kosmologie ist das irdische Reich von einem zeitlosen Reich ewiger
Vollkommenheit umgeben. Wachstum, Verfall, Veränderung, alle Belege für
eine zeitgebundene Welt beschränken sich auf den kleinen Bereich unterhalb der
Sphäre des Mondes. Darüber herrscht vollkommene, unveränderliche und ewige,
kreisförmige Bewegung. Da nun die Sphäre, die das Zeitgebundene und das
Zeitlose trennte, zertrümmert war, konnte es nur eine Zeitvorstellung geben.
Würde diese neue Welt durch und durch zeitgebunden sein und das ganze
Universum dem Wachstum und dem Verfall unterliegen? Oder würde sich die
zeitlose Vollkommenheit auf die gesamte Schöpfung erstrecken, sodass man
Veränderung, Geburt und Tod als bloße Illusionen betrachten würde? Mit dieser
Frage kämpfen wir immer noch.
Kepler und Galileo lösten nicht das Rätsel der Beziehung zwischen dem
göttlichen, zeitlosen Reich der Mathematik und der realen Welt, in der wir
leben. Sie vertieften es nur. Sie durchbrachen zwar die Barriere zwischen
Himmel und Erde und versetzten die Erde als einen der göttlichen Planeten
buchstäblich in den Himmel. Sie fanden mathematische Kurven in den
Bewegungen von Körpern auf der Erde und der Planeten um die Sonne. Aber sie
konnten den grundlegenden Riss zwischen der zeitgebundenen Wirklichkeit und
der zeitlosen Mathematik nicht kitten.
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts standen Naturwissenschaftler und
Philosophen also vor einer radikalen Entscheidung: Entweder ist die Welt in
ihrem Wesen mathematisch oder sie existiert in der Zeit. Zwei Anhaltspunkte
zum Wesen der Wirklichkeit schwebten in der Luft, abwartend und ungelöst.
Kepler hatte entdeckt, dass die Planeten sich auf Ellipsen bewegen. Galilei hatte
entdeckt, dass fallende Gegenstände sich auf Parabeln bewegen. Beides wurde
durch eine einfache mathematische Kurve ausgedrückt und beides war eine
teilweise Entschlüsselung des Geheimnisses der Bewegung. Jede für sich war
eine tief greifende Entdeckung; gemeinsam waren sie die Samen der
wissenschaftlichen Revolution, die im Begriff waren, aufzugehen.
Diese Situation ist dem gegenwärtigen Augenblick in der theoretischen
Physik nicht unähnlich. Wir haben zwei große Entdeckungen, die
Quantentheorie und die allgemeine Relativitätstheorie, und suchen nach deren
Vereinheitlichung. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens an diesem Problem
gearbeitet und bin beeindruckt vom Fortschritt, den wir erzielt haben. Zugleich
bin ich sicher, dass eine einfache, ganz offensichtliche Idee noch unentdeckt vor
uns liegt, die der Schlüssel zu seiner Lösung sein wird. Sich einzugestehen,
dass der Fortschritt ins Stocken gerät, während wir die Erfindung von nichts
Substanziellerem als einer Idee erwarten, ist zwar verdrießlich, aber so etwas ist
auch schon früher geschehen. Die wissenschaftliche Revolution, die von den
einfachen Entdeckungen Galileis und Keplers in Gang gesetzt wurde, war lange
Zeit durch die Vorstellung aufgehalten worden, dass das Universum in ein
irdisches und ein himmlisches Reich aufgeteilt ist. Diese Idee verhinderte die
durchgängige Anwendung der Mathematik auf die untere Welt, während unser
Verständnis der oberen Welt durch die Überzeugung vereitelt wurde, dass man
nicht nach den Ursachen vollkommener Himmelsbewegungen zu suchen
bräuchte.
Es ist aufregend, sich vorzustellen, was hätte geschehen können, wenn
intelligente Leute – die die Daten und die Mathematik in Händen hielten, um
dieselben Schritte wie Galilei zu machen – nicht mehr als tausend Jahre von
diesem elementaren begrifflichen Fehler geblendet gewesen wären. Ein
hellenischer oder islamischer Astronom hätte durchaus einige oder alle
Entdeckungen Keplers anhand von Daten machen können, die bereits tausend
Jahre vor Tycho zur Verfügung gestanden hatten. Die Idee, dass die Erde um die
Sonne kreist, musste nicht auf Kopernikus warten; sie stand schon zur
Diskussion, seit sie von Aristarch im 3. Jahrhundert v. Chr. vorgeschlagen
worden war. Seine heliozentrische Kosmologie wurde von Ptolemäus und
anderen erörtert und war wahrscheinlich so großen Gelehrten wie Hypatia
bekannt, einer brillanten Mathematikerin und Philosophin, die von 360 bis 415
n. Chr. in Alexandria lebte. Angenommen, sie oder einer ihrer intelligenteren
Studenten hätte Galileis Fallgesetz oder Keplers elliptische Umlaufbahnen
entdeckt. 21 Schon im 6. Jahrhundert hätte es einen Newton geben und die
wissenschaftliche Revolution hätte volle tausend Jahre früher beginnen können.
Historiker mögen einwenden, dass Kopernikus, Galilei und Kepler ihre
Entdeckungen nicht hätten machen können, wenn nicht die Renaissance den
Weg geebnet hätte, indem sie die Denker vom Dogmatismus des finsteren
Mittelalters befreite. Aber in Hypatias Zeit war das finstere Mittelalter noch
nicht angebrochen, und der Kampf zwischen den Vertretern von griechischer
Bildung und religiösem Fundamentalismus hatte noch nicht den Geist rationaler
Forschung getötet. Die Geschichte wäre vielleicht ganz anders verlaufen, wenn
jemand im römischen Alexandria oder auch in den großen Zentren der
Gelehrsamkeit, die ein paar Jahrhunderte später in der islamischen Welt
erblühten, mit dem geozentrischen Universum Schluss gemacht hätte. Die
intelligentesten Naturwissenschaftler konnten jedoch auch unter den besten
Bedingungen nicht den begrifflichen Sprung machen, sich mathematische
Gesetze vorzustellen, die die Bewegung in der irdischen Sphäre regieren, oder
dynamische Kräfte, die im Himmel eine Rolle spielen. Die Zertrümmerung der
Sphären, die die beiden Reiche trennten, war notwendig, damit Galileo und
Kepler ihre Entdeckungen machen konnten.
Aber selbst sie konnten den nächsten Schritt nicht tun, nämlich die Einheit
zu sehen, die in der irdischen Parabel und der planetarischen Ellipse lag. Dazu
brauchte es Isaac Newton.
Da sie in der Zeit nach der Zertrümmerung der Sphären lebten, hätten Galilei
und Kepler die Frage stellen können, ob ein entsprechend starker Wurf zu einer
Bewegung auf einer Umlaufbahn führt und eine Verlangsamung der
Umlaufgeschwindigkeit ein Fallen zur Folge hat. Für uns ist es offensichtlich,
dass es sich hier nicht um zwei Phänomene handelt, sondern nur um eines. Aber
Galilei und Kepler war das nicht klar. Manchmal dauert es eine Generation oder
zwei, bevor die einfachsten Implikationen neuer Entdeckungen ins Zentrum der
Aufmerksamkeit treten. Ein halbes Jahrhundert später hatte Newton verstanden,
dass die Bewegung auf einer Umlaufbahn eine Form des Fallens ist, und
vollendete damit die Vereinheitlichung von Himmel und Erde.

Abb. 3: Kegelschnitte, illustriert durch den Lichtkegel einer Taschenlampe auf


einer Wand

Ein Anhaltspunkt war die mathematische Einheit, die die beiden Kurven
gemein haben, welche die Bewegung kodieren. Ellipsen beschreiben die
Umlaufbahnen der Planeten, und Parabeln beschreiben die Pfade fallender Körper
auf der Erde. Diese beiden Kurven sind eng miteinander verwandt: Sie können
beide erzeugt werden, wenn man einen Kegel mit einer Ebene schneidet.
Kurven, die auf diese Weise konstruiert werden können, heißen Kegelschnitte;
die anderen Beispiele sind Kreise und Hyperbeln.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ging es darum, die physikalische
Einheit zu entdecken, die diese mathematische Einheit erklärt. Die Erkenntnis,
die Newton dazu trieb, sich der wissenschaftlichen Revolution anzuschließen,
bezog sich auf die Natur, nicht auf die Mathematik, und er war nicht der
Einzige, der zu dieser Erkenntnis gelangte. Mehrere seiner Zeitgenossen hatten
das große Geheimnis entdeckt: Die Kraft, die alles auf der Erde zum Fallen
treibt, ist universal und zieht auch die Planeten zur Sonne und den Mond zur
Erde hin. Die Gravitation.
Der Legende zufolge hatte Newton diese Erleuchtung, als er in seinem Garten
saß, über die Bewegung des Mondes nachdachte und sah, wie Äpfel von einem
Baum fielen. Um diesen Gedankengang zu vervollständigen, stellte er eine
weitere entscheidende Frage: Wie nimmt diese Kraft mit der Entfernung
zwischen den Dingen ab? Denn abnehmen muss sie, andernfalls würden wir ja
zur Sonne hoch- anstatt nach unten zur Erde hingezogen werden. Und wie bringt
eine Kraft Bewegung hervor?
Andere, wie etwa Newtons Zeitgenosse Robert Hooke, stellten zwar dieselben
Fragen, aber die wahre Leistung Newtons lag in seinen Antworten darauf. Für
diese Anstrengung brauchte er zwei Jahrzehnte. Das Resultat war die Theorie der
Bewegung und der Kräfte, die wir Newton’sche Physik nennen.
Für unsere Zwecke ist das wichtigste Merkmal dieser Fragen, dass sie
mathematisch sind. Wie eine Kraft mit der Entfernung abnimmt, kann durch die
Angabe einer simplen Gleichung spezifiziert werden. Wie jeder Physikstudent
bereits im ersten Studienjahr weiß, lautet die richtige Antwort, dass die Kraft
mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Die erstaunliche Konsequenz für
unsere Auffassung der Natur ist, dass eine solche einfache mathematische
Beziehung ein universales Phänomen in der Natur erfasst. Die Natur hätte nicht
so verblüffend einfach sein müssen – und tatsächlich hatten unsere Vorfahren eine
so einfache und universale Anwendung der Mathematik auf die Ursachen der
Bewegung nie in Betracht gezogen.
Um die Frage zu stellen, wie eine Kraft Bewegung verursacht, muss man sich
einen bewegten Gegenstand vorstellen, der eine Kurve im Raum beschreibt. Die
Frage lautet dann, wie die Kurve in Abhängigkeit davon ausfällt, ob eine Kraft
vorhanden ist oder ob keine Kraft einwirkt. Die Antwort wird in den ersten
beiden Newton’schen Gesetzen formuliert. Wenn keine Kraft vorhanden ist, ist
die Kurve, entlang der er sich ein Körper bewegt, eine Gerade. Wenn eine Kraft
vorhanden ist, wirkt die Kraft so, dass sie eine Beschleunigung des Körpers
verursacht.
Es ist unmöglich, diese Gesetze ohne Mathematik zu formulieren. Eine
Gerade ist ein idealer mathematischer Begriff; sie wohnt nicht in unserer Welt,
sondern in der platonischen Welt der idealen Kurven. Und was ist
Beschleunigung? Sie ist die Änderungsrate der Geschwindigkeit, die selbst die
Änderungsrate der Position ist. Um das angemessen zu beschreiben, musste
Newton einen ganz neuen Zweig der Mathematik erfinden: die
Infinitesimalrechnung.
Sobald man über die notwendige Mathematik verfügt, ist die Ausarbeitung
der Konsequenzen unkompliziert. Eine der ersten Fragen, die Newton mit seinen
neuen Werkzeugen22 beantwortet haben muss, bezog sich darauf, welchen Pfad
ein Planet unter dem Einfluss einer von der Sonne ausgehenden Kraft
einschlagen würde, die proportional zum Quadrat der Entfernung abnimmt. Die
Antwort: Dieser Pfad kann eine Ellipse, eine Parabel oder eine Hyperbel sein, je
nachdem, ob die Planeten sich auf einer geschlossenen Umlaufbahn bewegen
oder nur einmal an der Sonne vorbeiziehen. Newton war auch in der Lage,
Galileis Fallgesetze unter sein Gravitationsgesetz zu subsumieren. 23 Galilei und
Kepler hatten also verschiedene Aspekte eines einzigen Phänomens gesehen,
nämlich der Gravitation.
Es gibt wenig in der Geschichte des menschlichen Denkens, das tiefgründiger
ist als die Entdeckung dieser verborgenen Gemeinsamkeit zwischen der
Fallbewegung und der Bewegung auf einer Umlaufbahn. Aber die enorme
Leistung Newtons brachte eine unbeabsichtigte Konsequenz mit sich, nämlich
dass sein Werk unsere Auffassung der Natur weit mathematischer machte, als es
zuvor der Fall gewesen war. Aristoteles und seine Zeitgenossen hatten
Bewegung im Sinne von Neigungen beschrieben: Irdische Gegenstände haben
die Neigung, dem Zentrum der Erde zuzustreben, Luft hat die Neigung, sich
vom Zentrum wegzubewegen und so weiter. Ihre Naturwissenschaft war
wesentlich beschreibend. Es gibt keine Andeutung in dem Sinne, dass die
Pfade, entlang deren Gegenstände sich fortbewegen, irgendwelche besonderen
Eigenschaften haben, und daher hatten sie auch kein Interesse daran, die
Mathematik auf die Beschreibung der Bewegung auf der Erde anzuwenden. Da
sie zeitlos ist, galt die Mathematik als göttlich und konnte nur auf jene
göttlichen und zeitlosen Phänomene angewendet werden, die man sehen konnte
und die sich ausschließlich am Himmel befanden.
Als Galileo entdeckte, dass fallende Körper durch eine einfache mathematische
Kurve beschrieben werden, erfasste er einen Aspekt des Göttlichen, brachte es
vom Himmel auf die Erde und zeigte, dass es in der Bewegung alltäglicher
irdischer Dinge entdeckt werden konnte. Newton zeigte, dass die unglaubliche
Vielfalt von Bewegungen auf der Erde und im Himmel, ob sie nun von der
Gravitation oder von anderen Kräften angetrieben wird, eine Manifestation einer
verborgenen Einheit ist. Die unterschiedlichen Bewegungen folgen alle aus
einem einzigen Bewegungsgesetz.
Als Newton die Verbindung von Bewegungen am Himmel und auf der Erde
einmal hergestellt hatte, lebten wir in einer einzigen, vereinheitlichten Welt. Es
war eine Welt, die von Göttlichem durchdrungen war, weil die zeitlose
Mathematik sich im Kern von jedem einzelnen sich bewegenden Gegenstand
befand, auf der Erde und im Himmel. Wenn Zeitlosigkeit und Ewigkeit Aspekte
des Göttlichen sind, dann kann unsere Welt – das heißt die ganze Geschichte
unserer Welt – so ewig und göttlich wie eine mathematische Kurve sein.

17 Man fragt sich, ob irgendjemand in der Antike bemerkte, dass das Wasser aus einem Brunnen
einen parabolischen Pfad beschreibt. Es gibt griechische Vasen, die den Bewegungsverlauf
von Wasser aus einem Brunnen zeigen, der wie eine Parabel aussieht. Es wäre also für einen
Mathematiker nicht unmöglich gewesen, diese Tatsache zu beobachten und sich die Frage zu
stellen, ob fallende Körper im Allgemeinen Parabeln beschreiben.
18 Aristoteles, Vom Himmel, Buch 1, Kapitel 3, eingeleitet und neu übertragen von Olof Gigon,
Zürich 1950, S. 62.
19 Ich kenne mehrere Mathematiker und Phy siker, die sich zwischen einer musikalischen und
einer naturwissenschaftlichen Karriere entscheiden mussten. Einer davon ist João Magueijo,
der als Komponist zeitgenössischer klassischer Musik ausgebildet wurde, bevor er sich
entschied, zur Phy sik zu wechseln. Da er ein Mensch der Extreme ist, hat er seither kein
Klavier mehr angerührt, wie er sagt. Meine Bekanntschaft mit ihm hilft mir dabei, mir den
Charakter Galileis vorzustellen.
20 Das Bild wurde entnommen aus: Peter Apian, Cosmographia (1539). Wiederabgedruckt in:
Alexandre Koy ré, Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum, Frankfurt a. M.
1969.
21 Wie in dem 2009 von dem spanisch-chilenischen Regisseur Alejandro Amenábar gedrehten
Film Agora angedeutet wird.
22 Als Newton die Konsequenzen seiner Bewegungsgesetze in seinen Principia Mathematica
präsentierte, benutzte er eine elementarere Mathematik als die Infinitesimalrechnung, die er
schon lange zuvor erfunden hatte. Das scheint rätselhaft, bis man merkt, dass er die
Infinitesimalrechnung zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht hatte. Er musste seine
Entdeckungen daher mittels einer Mathematik erklären, die seine Leser bereits kannten.
23 Betrachten wir einen Ball, der in der Nähe der Erdoberfläche fällt. Er wird von der
Schwerkraft jedes Atoms angezogen, aus dem die Erde besteht. Eine entscheidende
Erkenntnis Newtons war, dass all diese Kräfte addiert werden können und das Ergebnis so
ausfällt, als ob ein einzelner Gegenstand den Ball vom Zentrum der Erde aus anziehen würde.
Wenn ich den Ball in die Höhe werfe, nimmt die Entfernung um ein paar Meter zu, was
tatsächlich eine sehr geringe Veränderung ist, sodass sich die Kraft kaum verändert. Die
Kraft, die auf ein geworfenes oder fallen gelassenes Objekt ausgeübt wird, kann als konstant
angenommen werden. Daraus folgt, dass die Beschleunigung konstant ist, und das war
Galileis große Entdeckung.
3 Ein Wurfspiel

Um die in den ersten beiden Kapiteln gestellten Fragen beantworten zu können,


müssen wir mehr darüber wissen, wie Bewegung definiert wird. Nichts scheint
einfacher zu sein: Bewegung ist die Veränderung der Position über die Zeit
hinweg. Aber was bedeutet Position und was ist Zeit?
Auf die scheinbar harmlose Frage nach der Position haben die Physiker zwei
Antworten gegeben. Die erste entspricht der Vorstellung des gesunden
Menschenverstandes: Die Position eines Gegenstands ist relativ zu einer
Landmarke einer bestimmten Art definiert. Die zweite: Es gibt etwas Absolutes
an der Position im Raum, das über die Beziehung zu etwas anderem hinausgeht.
Man nennt diese beiden Antworten den relativen und den absoluten Begriff des
Raumes.
Der relative Begriff der Position ist uns allen vertraut. Das Flugzeug nähert
sich dem Flughafen von Westen und ist jetzt 2 Kilometer vom Ende der
Landebahn 1 entfernt, in einer Höhe von 300 Metern. Das sind alles
Beschreibungen der relativen Position.
Aber die relative Position scheint etwas auszulassen. Wo ist der letztendliche
Bezugspunkt? Sie geben Ihre Koordinaten auf der Erde an, aber wo ist die Erde?
Soundsoviele Kilometer von der Sonne entfernt, in Richtung des Sternbilds
Wassermann. Aber wo ist die Sonne? Soundsoviele Tausende von Lichtjahren
vom Zentrum der Milchstraße entfernt. Und so weiter.
Wenn man so vorgeht, kann man die Position von allem im Universum
relativ zu allem anderen angeben. Das ist zwar eine Menge Information, aber ist
sie ausreichend? Gibt es hinter all diesen relativen Positionen nicht einen
absoluten Begriff der Position – wo etwas wirklich ist?
Diese Debatte zwischen relationalen und absoluten Begriffen des Raumes
zieht sich durch die gesamte Geschichte der Physik hindurch. Vereinfacht
ausgedrückt, war Newtons Physik ein Triumph der absoluten Vorstellung, die
von Einsteins Relativitätstheorie gestürzt wurde, welche die relationale
Auffassung etablierte. Ich glaube, dass die relationale Auffassung richtig ist, und
ich hoffe, dass ich den Leser davon überzeugen kann. Aber ich möchte dem
Leser auch ein lebhaftes Gefühl dafür vermitteln, warum Gelehrte wie Newton
sich für die absolute Seite der Debatte entschieden und was man aufgibt, wenn
man deren Auffassung zugunsten der relationalen Sichtweise ablehnt.
Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Newton über das Problem dachte,
müssen wir nicht nur nach der Position, sondern auch nach der Bewegung
fragen. Lassen wir die Zeit für einen Augenblick beiseite und wenden wir das an,
was wir gerade erörtert haben. Wenn die Position relativ ist, dann ist Bewegung
die Veränderung der relativen Position – das heißt die Veränderung der Position
relativ zu einem Bezugskörper.
Jede alltägliche Rede von Bewegung spricht von relativer Bewegung. Galilei
studierte fallende Körper, relativ zur Erdoberfläche. Ich werfe einen Ball und
sehe, wie er sich von mir wegbewegt. Die Erde bewegt sich um die Sonne. Das
sind alles Beispiele für relative Bewegungen.
Eine Konsequenz der relativen Bewegung ist, dass die Frage, wer oder was
sich bewegt, immer vom Standpunkt abhängt. Die Erde und die Sonne bewegen
sich zwar umeinander herum, aber welcher der beiden Himmelskörper bewegt
sich wirklich? Ist die wahre Geschichte, dass die Sonne sich um eine Erde
herumbewegt, die im Zentrum des Universums stillsteht? Oder steht stattdessen
die Sonne still und die Erde bewegt sich um sie herum? Wenn Bewegung nur
relativ ist, kann es keine richtige Antwort auf diese Frage geben.
Die Tatsache, dass alles Beliebige sich bewegen oder still stehen kann, macht
es schwierig, die Ursachen der Bewegung zu erklären. Wie könnte etwas die
Ursache der Bewegung der Erde um die Sonne sein, wenn es einen anderen und
ebenso gültigen Gesichtspunkt gibt, dem zufolge sich die Erde überhaupt nicht
bewegt? Wenn die Bewegung einfach nur relativ ist, dann kann jeder Beobachter
den Standpunkt vertreten, dass jegliche Bewegung relativ zu ihm definiert ist.
Um aus dieser Sackgasse herauszukommen und um in der Lage zu sein, von
Ursachen der Bewegung zu sprechen, schlug Newton vor, dass es eine absolute
Bedeutung von Position geben muss. Für ihn war das die Position im Hinblick
auf das, was er den » absoluten Raum« nannte. Relativ zu diesem absoluten
Raum bewegen sich Körper oder ruhen in einem absoluten Sinne. Newton
machte geltend, dass es die Erde sei – und nicht die Sonne –, die sich absolut
bewege.
Das Postulat eines absoluten Raums bringt den unendlichen Regress zum
Stehen und verleiht dem Ort jedes einzelnen Dinges im Universum Bedeutung,
ohne dass es nötig wäre, sich noch auf etwas anderes zu beziehen. Das mag zwar
eine tröstliche Vorstellung sein, aber es gibt ein Problem damit. Wo ist dieser
absolute Raum und wie würde man die Position eines Körpers mit Bezug auf
ihn messen?
Niemand hat je den absoluten Raum gesehen oder festgestellt. Niemand hat je
eine Position gemessen, die keine relative Position war. Insofern sich die
Gleichungen der Physik also auf Positionen im absoluten Raum beziehen,
können sie nicht mit Experimenten verknüpft werden.
Das wusste Newton, und es störte ihn nicht. Er war ein tief religiöser Denker,
und der absolute Raum hatte für ihn eine theologische Bedeutung. Gott sah die
Welt im Sinne des absoluten Raumes, und für Newton genügte das. Er hätte es
sogar noch stärker formuliert: Der Raum war einer von Gottes Sinnen. Dinge
existieren im Raum, weil sie im Geiste Gottes existieren.
Das ist gar nicht so merkwürdig, wie es klingt, wenn man ein so
meisterhafter Entschlüssler wie Newton ist. Jahrelang widmete er seine Arbeit
der Suche nach einer verborgenen Bedeutung in den Schriften und als Alchemist
suchte er nach dem verborgenen Code für Tugendhaftigkeit und vielleicht auch
Unsterblichkeit. Als Physiker entdeckte er universale Gesetze, die jede
Bewegung im Universum regierten, zuvor aber verborgen gewesen waren. Es
entsprach seinem Charakter, zu glauben, dass das Wesen des Raumes zwar
unseren Sinnen verborgen blieb, aber von Gott gesehen wurde.
Außerdem hatte er ein physikalisches Argument für den absoluten Raum.
Auch wenn die Position im absoluten Raum vom Menschen nicht
wahrgenommen werden konnte, so war das doch bei einigen Bewegungen mit
Bezug auf den absoluten Raum möglich.
Kinder können zwar nicht fliegen, aber sie können sich drehen. Und das tun
sie auch. Nichts gleicht dem Entzücken auf dem Gesicht eines Kindes, das
gerade entdeckt hat, dass es sich selbst in einen Schwindel versetzen kann. So
oft es will, immer wieder. Und noch mal! Newton hatte zwar keine Kinder, aber
ich stelle mir gerne vor, wie er sprachlos war angesichts des Entzückens seiner
kleinen Nichte Catherine, die selbstvergessen in seinem Studierzimmer
herumwirbelte. Newton setzt das wackelige, lachende Kind auf sein Knie und
erzählt ihm, dass sein Schwindel eine direkte Wahrnehmung des absoluten
Raumes ist. Und der absolute Raum ist Gott. » Was du spürst, wenn dir
schwindlig ist, ist Gottes Hand auf dir« , unterbreitet er seiner Nichte. Sie
kichert und quiekt, während er zu erklären beginnt, dass sie sich nicht deshalb
schwindlig fühlt, weil sie sich im Verhältnis zu den Möbeln oder dem Haus
oder der Katze dreht, sondern weil sie sich im Verhältnis zum Raum selbst
dreht. Und wenn der Raum ihr ein Schwindelgefühl verursachen kann, dann
muss er etwas Wirkliches sein. » Warum?« , fragt sie, wobei sie von seinem
Schoß herunterspringt, um die Katze aus dem Zimmer zu scheuchen. Lassen wir
Newton dort über die Gravitation und Sterblichkeit nachdenken und kehren wir
zur Frage zurück, wie Bewegung definiert wird.
Wenn wir sagen, dass sich etwas bewegt, meinen wir, dass es seine Position
über die Zeit hinweg ändert. Das gehört zwar zum gesunden Menschenverstand,
aber um hier genau zu sein, müssen wir sicher sein, dass wir wissen, was wir
mit » Zeit« meinen. Hier sind wir mit demselben Dilemma des Relationalen
gegenüber dem Absoluten konfrontiert.
Menschen nehmen die Zeit als Veränderung wahr. Die Zeit, zu der ein
Ereignis stattfindet, wird relativ zu anderen Ereignissen gemessen – zum
Beispiel anhand der Zeigerstellung einer Uhr. Alle Uhr- und Kalenderangaben
sind relative Zeiten, genauso wie Adressen relative Positionen sind. Aber
Newton glaubte, dass sich hinter Veränderungen eine absolute Zeit verbirgt, die
von Gott wahrgenommen wird.
Folgendes gibt einen Geschmack von der Debatte, die seither über die
Streitfrage nach der absoluten Zeit entbrannt ist. Newtons Rivale Gottfried
Leibniz glaubte ebenfalls an Gott, aber sein Gott war nicht wie Newtons Gott
frei, zu tun, was er wollte. Leibniz verehrte einen höchst rationalen Gott. Aber
wenn Gott vollkommen rational war, dann musste alles in der Natur einen
Grund haben. Das ist Leibniz’ Prinzip des zureichenden Grundes. Eine
Möglichkeit, dieses Prinzip zu formulieren, besteht darin, dass jede Frage der
Form » Warum ist das Universum so und nicht anders?« eine rationale Antwort
haben muss. Es gibt natürlich Fragen, auf die es unmöglich irgendeine rationale
Antwort geben kann. Eine Frage zu stellen, auf die es keine rational begründete
Antwort geben kann, war für Leibniz ein Zeichen dafür, dass man einen
Denkfehler begangen hatte.
Leibniz illustrierte sein Prinzip folgendermaßen: Er fragte: » Warum begann
das Universum zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht zehn Minuten
später?« Seine Antwort war, dass es keinerlei rationalen Grund dafür geben
kann, die Geschichte des Universums gegenüber einer anderen zu bevorzugen, in
der alles zehn Minuten später geschieht. Alle relativen Zeiten werden in beiden
Universen dieselben sein; nur die absoluten Zeiten unterscheiden sich. Aber die
Naturgesetze sprechen nur über relative Zeiten. Folglich, so argumentierte
Leibniz, wenn es keinen Grund dafür gibt, es vorzuziehen, dass das Universum
zu einem absoluten Zeitpunkt beginnt und nicht zu einem anderen, kann die
absolute Zeit auch keine Bedeutung haben.
Ich akzeptiere diese Argumentation von Leibniz, wonach ich immer, wenn
ich mich auf eine bestimmte Zeit beziehe, eine relative Zeit meinen werde.
Obwohl wir darüber streiten können, ob es möglicherweise einen transzendenten
Sinn gibt, in dem die absolute Zeit existiert, so ist doch eines gewiss, nämlich
dass wir Menschen, die in der wirklichen Welt leben, nur zu relativen Zeiten
Zugang haben. Zum Zwecke der Beschreibung von Bewegungen werden wir
also davon ausgehen, dass die Zeit mit Uhren gemessen wird. Für unseren
Bedarf ist eine Uhr jedes Gerät, das eine Folge zunehmender Zahlen ausliest.
Jetzt haben wir sowohl Zeit als auch Position definiert und können zur
Messung von Bewegung übergehen: Bewegung ist die Änderung der Position,
relativ zu einem Referenzobjekt gemessen, in einer bestimmten Zeitspanne,
relativ zur Angabe einer Uhr gemessen.
Das bringt uns zum nächsten entscheidenden Schritt in unserer
Argumentation. Um Wissenschaft zu betreiben, genügt es nicht, einfach nur
Definitionen aufzustellen und sich über Begriffe auseinanderzusetzen. Man muss
die Bewegungen messen. Das bedeutet, dass man Werkzeuge wie Uhren und
Lineale verwendet, um Positionen und Zeiten mit Zahlen zu verknüpfen.
Im Unterschied zur absoluten Position, die unsichtbar ist, können relative
Entfernungen und relative Zeiten gemessen werden. Das Ergebnis dieser
Messungen sind Zahlen. Diese Zahlen können aufgezeichnet und auf einem
Stück Papier oder in einem digitalen Speicher festgehalten werden. Auf diese
Weise werden Beobachtungen von Bewegungen in Tabellen mit Zahlen
verwandelt. Diese Zahlentabellen können mit den Methoden der Mathematik
studiert werden. Eine solche Methode besteht darin, aus den Aufzeichnungen
einen Graphen zu machen und dadurch die Zahlentabellen in Bilder zu
verwandeln, die unseren Verstand und unsere Einbildungskraft wecken können.
Abb. 4: Graph der Umlaufbahn des Mondes um die Erde

Dieses leistungsfähige Werkzeug wurde von René Descartes entwickelt und


wird jedem Schulkind beigebracht. Zweifellos hätte Kepler dasselbe getan, als er
mit Tychos Daten zur Marsumlaufbahn rang. In Abbildung 4 sehen wir einen
Graphen der Umlaufbahn des Mondes relativ zur Erde.
In der Schule lernten wir ein zweites Verfahren, eine Bewegung zu zeichnen,
nämlich eine Achse für die Zeit einzufügen und die Position gegen die Zeit
aufzutragen. Dadurch wird eine Umlaufbahn als Kurve in Raum und Zeit
repräsentiert, so wie in Abbildung 5. Wir sehen die Umlaufbahn des Mondes
jetzt durch eine Spirale repräsentiert; sobald er zu seinem Ausgangspunkt
zurückkehrt, ist ein Monat vergangen.
Abb. 5: Graph der Umlaufbahn des Mondes als eine Kurve in Raum und Zeit

Man beachte, dass bei der graphischen Darstellung von


Beobachtungsaufzeichnungen etwas Wundersames geschah. Die Kurve in
Abbildung 5 repräsentiert Messungen, die gemacht wurden, als sich etwas in der
Zeit entwickelte, aber die Messungen selbst sind zeitlos – das heißt, wenn sie
einmal gemacht wurden, verändern sie sich nicht mehr. Die Kurve, die sie
repräsentiert, ist ebenfalls zeitlos. Durch dieses Mittel haben wir die Bewegung
– das heißt eine Veränderung in der Welt – zu einem Gegenstand der
Untersuchung durch die Mathematik gemacht, in der Gegenstände erforscht
werden, die sich nicht verändern.
Die Fähigkeit, die Zeit auf diese Weise einzufrieren, war für die
Naturwissenschaft eine große Hilfe, weil wir nicht beobachten müssen, wie sich
die Bewegung in der wirklichen Zeit entfaltet; wir können die Aufzeichnungen
der vergangenen Bewegung studieren, wann immer wir wollen. Aber über ihre
Nützlichkeit hinaus hat diese Erfindung tief greifende philosophische
Konsequenzen, weil sie das Argument stützt, dass die Zeit eine Illusion ist. Die
Methode des Einfrierens von Zeit hat so gut funktioniert, dass die meisten
Physiker sich nicht einmal dessen bewusst sind, dass bei ihrem Verständnis der
Natur ein Trick angewendet wurde. Tatsächlich war dieser Trick ein großer
Schritt beim Austreiben der Zeit aus der Beschreibung der Natur, weil er uns
auffordert, uns Fragen zur Korrelation zwischen dem Wirklichen und dem
Mathematischen, dem Zeitgebundenen und dem Zeitlosen zu stellen.
Diese Korrelation ist so entscheidend, dass ich sie anhand eines alltäglichen
Beispiels beschreiben möchte. All diese gewichtigen Fragen betreffen nicht mehr
als das, was wir auch über ein Wurfspiel wissen können.

Am 4. Oktober 2010 gegen 13:15 Uhr warf auf der Ostseite des High Park in
Toronto ein Romanschriftsteller namens Danny einen Tennisball, den er am
selben Morgen in seiner Sockenschublade gefunden hatte, einer Dichterin
namens Janet zu, die er gerade getroffen hatte.
Um Dannys Wurf mit den Augen der Physik zu betrachten, tun wir dasselbe,
was Tycho und Kepler mit dem Planeten Mars taten. Wir beobachten die
Bewegung und zeichnen die Positionen des Balls zu verschiedenen Zeitpunkten
auf; dann stellen wir die Ergebnisse graphisch dar. Um das zu erreichen, müssen
wir die Position des Balles relativ zu einem bestimmten Gegenstand angeben,
wofür wir Danny selbst nehmen können. Außerdem brauchen wir eine Uhr.
Abb. 6: Die Messung von Danny s Wurf

Der Ball bewegt sich schnell, was eine Herausforderung für Galilei war, aber
wir können einfach einen Film von Dannys Wurf aufnehmen und die Position
des Balles in jedem Bildausschnitt zusammen mit der Zeit des Bildausschnitts
messen. Über die Position des Balles in einem Bildausschnitt erhalten wir zwei
Zahlen: die Höhe des Balles über dem Boden und die horizontale Distanz, über
die der Ball sich von Danny wegbewegt hat. (Der Raum ist natürlich
dreidimensional, wir müssen also auch die Richtung von Dannys Wurf
beschreiben. Ich werde nur sagen, dass er den Ball nach Süden wirft, und diese
Komplikation im Übrigen ignorieren.) Wenn wir die Zeit jedes Bildausschnitts
hinzufügen, besteht die Aufzeichnung der Flugbahn des Balles in einer Reihe
von Zahlentripeln, wobei jedem Bildausschnitt ein Tripel entspricht.

Diese Listen von Zahlen sind zwar entscheidende Werkzeuge, wenn wir
Bewegung wissenschaftlich studieren wollen. Aber sie sind nicht die Bewegung
selbst. Sie sind einfach nur Zahlen, denen durch die Messungen, die wir in
einem bestimmten Fall von einem Ball im Flug gemacht haben, eine
Bedeutung verliehen wird. Das wirkliche Phänomen unterscheidet sich in
mehrfacher Hinsicht von der Zahlenliste, die seine Aufzeichnung ist.
Beispielsweise wurden viele Eigenschaften des Balles vernachlässigt. Wir haben
nur seine Positionen aufgezeichnet, aber der Ball hat auch eine Farbe, ein
Gewicht, eine Form, eine Größe und eine bestimmte Zusammensetzung.
Wichtiger ist jedoch, dass sich das Phänomen in der Zeit entfaltete: Es geschah
nur einmal und verschwand in der Vergangenheit. Was übrig bleibt, ist die
Aufzeichnung, und die ist eingefroren, unveränderlich.
Als nächsten Schritt transformieren wir die Information in der Aufzeichnung
in einen Graphen. In Abbildung 7 ist ein Bild von dem Pfad gezeichnet, den der
Ball im Raum beschrieben hat. Wir sehen, dass der Ball auf einer Parabel flog,
genau wie Galilei vorhersagte.

Abb. 7: Danny s Wurf, aufgezeichnet und graphisch dargestellt


Wieder sehen wir, dass der Prozess der Aufzeichnung einer Bewegung, die in
der Zeit stattfindet, in eine Aufzeichnung mündet, die in der Zeit eingefroren ist
– eine Aufzeichnung, die durch eine Kurve in einem Graphen repräsentiert
werden kann, der ebenfalls in der Zeit eingefroren ist.
Manche Philosophen und Physiker verstehen das als eine tiefe Einsicht in das
Wesen der Wirklichkeit. Andere behaupten das Gegenteil – dass die
Mathematik nur ein Werkzeug ist, dessen Nützlichkeit nicht von uns verlangt,
dass wir die Welt als wesentlich mathematisch verstehen. Wir können diese
konkurrierenden Stimmen als » mystische« und als » pragmatische« Stimme
bezeichnen.
Der Pragmatiker wird geltend machen, dass nichts auszusetzen ist an der
Überprüfung von Hypothesen über Bewegungsgesetze durch die Umwandlung
der Bewegung in Zahlentabellen und die Suche nach Mustern in diesen
Tabellen. Aber der Pragmatiker wird darauf bestehen, dass die mathematische
Darstellung einer Bewegung als Kurve nicht impliziert, dass die Bewegung in
irgendeiner Weise identisch mit ihrer Darstellung ist. Die Tatsache, dass die
Bewegung in der Zeit stattfindet, wohingegen ihre mathematische Darstellung
zeitlos ist, bedeutet ja gerade, dass sie nicht dasselbe sind.
Seit Newton haben manche Physiker die Ansicht des Mystikers
übernommen, dass die mathematische Kurve » wirklicher« ist als die Bewegung
selbst. Die große Anziehungskraft dieser Vorstellung einer tieferen
mathematischen Wirklichkeit liegt darin, dass sie im Gegensatz zur ständig
dahineilenden Abfolge von Erlebnissen zeitlos ist. Dadurch dass sie der
Versuchung nachgaben, die Darstellung mit der Wirklichkeit zu verwechseln
und den Graphen der Aufzeichnungen der Bewegung mit der Bewegung selbst
zu identifizieren, machten diese Wissenschaftler einen großen Schritt hin zur
Austreibung der Zeit aus unserem Naturverständnis.
Die Verwirrung wird noch größer, wenn wir die Zeit wie in Abbildung 5 als
eine Achse in einem Graphen darstellen. In Abbildung 8 sehen wir die
Informationen über die Flugbahn von Dannys Ball zusammen mit Anzeigen der
Uhr, die so dargestellt sind, als wenn sie Messungen mit dem Lineal wären.
Das kann als » verräumlichte Zeit« bezeichnet werden.
Abb. 8: Danny s Wurf, graphisch als Kurve in Raum und Zeit dargestellt

Die mathematische Verbindung der Darstellungen von Raum und Zeit, wobei
beide ihre eigene Achse haben, kann » Raumzeit« genannt werden. Der
Pragmatiker würde darauf bestehen, dass diese Raumzeit nicht die wirkliche
Welt ist. Sie ist ganz und gar eine menschliche Erfindung, einfach nur eine
weitere Darstellung der Aufzeichnung, die wir von dem Vorgang haben, dass
Danny Janet den Ball zuwirft. Wenn wir die Raumzeit mit der Wirklichkeit
verwechseln, begehen wir einen Fehlschluss, den man » Fehlschluss der
Verräumlichung der Zeit« nennen könnte. Er ist eine Folge davon, dass
vergessen wurde, zwischen dem Aufzeichnen einer Bewegung in der Zeit und der
Zeit selbst zu unterscheiden.
Sobald man diesen Fehlschluss begeht, kann man über die Zeitlosigkeit des
Universums und sogar darüber fantasieren, dass es nichts als Mathematik ist.
Aber, so würde der Pragmatiker sagen, Zeitlosigkeit und Mathematik sind
Eigenschaften von Darstellungen der Aufzeichnung von Bewegung – und nur
das. Sie sind keine Eigenschaften wirklicher Bewegungen und können es auch
nicht sein. Tatsächlich ist es absurd, eine Bewegung » zeitlos« zu nennen, weil
Bewegung nichts anderes als ein Ausdruck von Zeit ist.
Es gibt einen einfachen Grund dafür, dass kein mathematischer Gegenstand je
eine vollständige Darstellung der Geschichte des Universums liefern wird,
nämlich den, dass das Universum eine Eigenschaft besitzt, die keine
mathematische Darstellung von ihm haben kann. Hier in der wirklichen Welt ist
immer eine bestimmte Zeit, ein bestimmter gegenwärtiger Augenblick. Das ist
eine Eigenschaft, die kein mathematischer Gegenstand haben kann, weil
mathematische Gegenstände zeitlos sind, sobald sie einmal konstruiert
wurden. 24
Wer hat recht, der Pragmatiker oder der Mystiker? Das ist die Frage, um die
sich die Zukunft der Physik und der Kosmologie dreht.

24 Manche Leute würden einwenden, dass die Mathematik die Zeit kodieren kann – d. h., f(t) ist
eine Funktion der Zeit. Das geht völlig an dem eigentlichen Punkt vorbei, der darin besteht,
dass die Funktion f(t) zeitlos ist.
4 Physik in künstlicher Isolation praktizieren

An der Highschool hatte ich eine Rolle in Jean-Paul Sartres Geschlossene


Gesellschaft. Ich spielte Joseph Garcin, einen Mann, der zusammen mit zwei
Frauen in einem kleinen Zimmer eingeschlossen ist. Wir waren alle bereits
gestorben. Dieses Stück ist die Extremversion einer Gesellschaft in künstlicher
Isolation, in der der Dramatiker die Folgen moralischer Entscheidungen
untersucht. In der Kernszene des Stücks sollte ich gegen die Tür trommeln und
den berühmten Satz » Die Hölle, das sind die anderen!« schreien, aber die Tür
des Klassenzimmers zerbrach, Glassplitter prasselten auf mich herab und
beendeten meine Karriere als Schauspieler.
Die Darbietung von Musik gestattet ebenso wie das Theater eine
eindringliche Untersuchung menschlicher Gefühle, indem sie uns in einer
kontrollierten Umgebung isoliert. Als Teenager lauschte ich im Kellergeschoss
des Mercer Arts Center in Greenwich Village einer Furcht einflößenden
Darbietung von Suicide, der Band meines Cousins. Der Sänger verschloss die
Türen und hypnotisierte das Publikum mit einer langen Lustmordarie, die von
der betäubenden Wiederholung von Akkorden des Garagenrock-Klassikers 96
Tears begleitet wurde. Die Atmosphäre nahm immer klaustrophobischere Züge
an, je bedrohlicher der Sänger wurde, aber wie die Figuren in Geschlossene
Gesellschaft saßen wir in der Klemme. Vor Kurzem wurde die Methode
» Erkenntnis durch Klaustrophobie« von Konzeptkünstlern aufgegriffen, die
ungleiche Paare – zum Beispiel einen Künstler und einen Wissenschaftler – 24
Stunden lang in ein Zimmer einschließen und alles, was geschieht, auf Video
aufnehmen. 25
Sowohl im Theater als auch im Konzert ist die Isolation nur gespielt. Jeder
könnte jederzeit einfach den Raum verlassen. Das tun wir aber nicht, weil es viel
zu lernen gibt, wenn wir uns der Strenge einer reduzierten sozialen Umgebung
unterwerfen. Weniger ist in diesem Sinne wirklich mehr. Die Kunst sucht nach
Universalien durch das detaillierte Studium von Einzeldingen, 26 was häufig
eine künstlich reduzierte Umgebung erfordert, um erfolgreich zu sein.
Dasselbe gilt für die Physik. Der größte Teil unserer Naturerkenntnis ist aus
Experimenten hervorgegangen, in denen wir ein Phänomen vom
kontinuierlichen Wirbel des Universums künstlich abgrenzen und isolieren. Wir
suchen nach Einsichten in die Universalien der Physik, indem wir unsere
Aufmerksamkeit auf die allereinfachsten Phänomene eingrenzen. Die Methode
der Beschränkung unserer Aufmerksamkeit auf einen ganz kleinen Teil des
Universums hat den Erfolg der Physik seit Galileis Zeiten ermöglicht. Ich nenne
es » Physik in künstlicher Isolation praktizieren« . Wie ich darlegen werde,
besitzt diese Methode große Stärken, aber auch ein paar Schwächen, und beides
wird für unsere Geschichte der Vertreibung der Zeit aus der Physik und ihre
Wiedergeburt entscheidend sein.
Wir leben in einem Universum, das sich ständig verändert und voller Materie
ist, die sich ständig bewegt. Was Descartes, Galilei, Kepler und Newton zu tun
lernten, war, kleine Weltausschnitte zu isolieren, sie zu untersuchen und die
Veränderungen aufzuzeichnen, die in ihnen stattfanden. Sie zeigten uns, wie man
die Aufzeichnungen dieser Bewegungen in einfachen Diagrammen darstellen
kann, deren Achsen die Messungen von Positionen und Zeitpunkten in einem
eingefrorenen Zustand darstellen und die wir daher nach Belieben untersuchen
können.
Man beachte, dass wir ein physikalisches System zuerst isolieren und es in
unserem Denken von der Komplexität der Bewegungen des wirklichen
Universums trennen müssen, um die Mathematik darauf anzuwenden. Wir
würden mit dem Studium der Bewegung nicht sehr weit kommen, wenn wir
uns darum kümmerten, wie alles im Universum sich gegenseitig beeinflusst.
Die Pioniere der Physik – von Galilei über Einstein bis zum heutigen Tag –
konnten nur deshalb Fortschritte machen, weil sie ein einfaches Subsystem wie
den Wurf eines Balles isolieren und untersuchen konnten, wie sich der Ball
bewegt. In Wirklichkeit jedoch wird ein Ball auf unzählige Weisen von Dingen
außerhalb des Subsystems beeinflusst, das wir definiert haben. Die einfache
Beschreibung eines Ballwurfs als isoliertes System ist eine äußerst grobe
Annäherung an die wirkliche Welt, eine Annäherung, die sich bei der
Entdeckung von Grundprinzipien, die alle Bewegungen in unserem Universum
zu regieren scheinen, als enorm fruchtbar erwiesen hat. 27
Diese Art von Annäherung, bei der wir unsere Aufmerksamkeit auf wenige
Variablen oder wenige Objekte oder Teilchen beschränken, ist charakteristisch
für Physikexperimente in künstlicher Isolation. Der entscheidende Schritt ist die
Auswahl eines zu erforschenden Subsystems aus dem gesamten Universum. Der
entscheidende Punkt ist, dass das immer nur eine Annäherung an eine
reichhaltigere Wirklichkeit ist.
Unsere Behandlung des Ballwurfes lässt sich leicht auf eine große Anzahl von
Systemen verallgemeinern, die wir in der Physik untersuchen. Um ein System
zu studieren, müssen wir definieren, was zu ihm gehört und was von ihm
ausgeschlossen ist. Wir behandeln das System so, als ob es vom übrigen
Universum isoliert wäre, und diese Isolation ist selbst eine drastische
Annäherung. Wir können ein System nicht aus dem Universum entfernen. Daher
können wir in jedem Experiment die äußeren Einflüsse auf unser System nur
vermindern, aber nie völlig ausschalten. In vielen Fällen können wir das präzise
genug tun, um aus der Idealisierung eines isolierten Systems ein nützliches
begriffliches Konstrukt zu machen.
Ein Teil der Definition eines Subsystems ist eine Liste all der Variablen, die
wir messen müssen, um alles, was wir darüber zu einem bestimmten Zeitpunkt
wissen wollen, zu bestimmen. Die Liste dieser Variablen bildet eine
Abstraktion, die wir die » Konfiguration des Systems« nennen. Um die Menge
aller möglichen Anordnungen darzustellen, definieren wir einen abstrakten
Raum, der Konfigurationsraum genannt wird. Jeder Punkt des
Konfigurationsraums stellt eine mögliche Konfiguration des Systems dar.
Der Prozess, durch den der Konfigurationsraum definiert wird, beginnt mit
der Extraktion des Subsystems aus dem größeren Universum. Daher ist der
Konfigurationsraum immer eine Annäherung an eine tiefere und vollständigere
Beschreibung. Sowohl die Konfiguration als auch ihre Darstellung in einem
Konfigurationsraum sind Abstraktionen – menschliche Erfindungen, die für die
Methode von Physikexperimenten in künstlicher Isolation hilfreich sind.
Um ein Poolbillardspiel zu beschreiben, können wir uns dafür entscheiden,
die Lage der 16 Kugeln auf einem zweidimensionalen Tisch aufzuzeichnen. Man
braucht zwei Zahlen, um eine einzelne Kugel auf dem Tisch zu lokalisieren (ihre
Position relativ zur Länge und Breite des Tisches). Die vollständige
Konfiguration wird also eine Liste von 32 Zahlen erfordern. Der
Konfigurationsraum hat eine Dimension für jede Zahl, die gemessen werden
muss. Im Falle des Poolbillardspiels handelt es sich also um einen 32-
dimensionalen Raum.
Eine wirkliche Billardkugel ist natürlich ein enorm kompliziertes System,
weshalb ihre Darstellung als einzelner Gegenstand mit einer einzelnen Position
eine drastische Annäherung ist. Wenn Sie eine präzisere und detailliertere
Beschreibung des Poolbillardspiels haben wollen, sollten Sie nicht nur die
Positionen der Kugeln aufzeichnen, sondern die Position jedes Atoms in jeder
Kugel. Das würde mindestens 1024 Zahlen erfordern und somit auch einen
Konfigurationsraum mit einer ebenso hohen Dimensionalität. Aber warum sollte
man hier stehen bleiben? Wenn Sie eine Beschreibung auf der Ebene der Atome
haben wollen, sollten Sie die Positionen aller Atome des Tisches, aller Atome
in der Luft, die auf die Kugeln aufschlagen, aller Photonen, die das Zimmer
erhellen, einschließen – und warum nicht alle Atome der Erde, der Sonne und
des Mondes, die eine Gravitationsanziehung auf die Kugeln ausüben? Alles, was
weniger als eine kosmologische Beschreibung ist, wird also eine Annäherung
sein.
Eines der anderen Dinge, die außerhalb des Subsystems gelassen wurden, ist
eine Uhr, die wir zur Angabe des Zeitpunkts verwenden, zu dem die
Beobachtung gemacht wurde. Die Uhr wird nicht als Teil des Subsystems
betrachtet, weil man annimmt, dass sie gleichförmig tickt, was auch immer in
dem Subsystem vor sich geht. Die Uhr liefert uns einen Maßstab, relativ zu dem
die Bewegung des Subsystems aufgezeichnet wird.
Die Verwendung einer externen Uhr verletzt die Vorstellung, dass die Zeit
relational ist. Änderungen im System werden zwar mit Bezug auf die externe
Uhr gemessen, aber nichts, was in dem System geschieht, soll die externe Uhr
beeinflussen. Das ist zwar bequem, aber es ist nur deshalb erlaubt, weil wir eine
grobe Annäherung machen, bei der wir alle Interaktionen zwischen dem System
und allem außerhalb davon vernachlässigen, einschließlich der Uhr.
Wenn wir diese Methode zu ernst nehmen, könnten wir versucht sein, uns
eine Uhr vorzustellen, die sich außerhalb des gesamten Universums befindet und
mit der wir die Veränderungen im Universum messen könnten. Das ist der Weg
zu einem großen begrifflichen Fehler, der darin besteht, zu glauben, dass das
Universum als Ganzes sich mit Rücksicht auf einen absoluten Zeitbegriff
entwickelt, der von außen kommt. Newton machte diesen Fehler, weil er in der
Vorstellung gefangen war, dass die Physik, die er erfand, Gottes Sicht des
Universums als Ganzes erfasste. Der Fehler blieb bestehen, bis Einstein ihn
korrigierte – indem er innerhalb der Relativitätstheorie eine Möglichkeit fand,
die Uhr ins Universum zu versetzen –, und wir sollten ihn nicht noch einmal
machen.
Solange wir es jedoch nicht allzu ernst nehmen, ist das Bild eines kleinen
Subsystems des Universums, das sich gemessen an den Angaben einer äußeren
Uhr entwickelt, eine nützliche Annäherung. Zu jedem Zeitpunkt, an dem wir
eine Messung vornehmen, erhalten wir eine Liste von Zahlen, die die
Konfiguration zu diesem Zeitpunkt charakterisieren, welche dann einen Punkt
im Konfigurationsraum festlegt. Wenn wir uns die Zeitmessungen als
Schnellfeuer vorstellen, können wir diese Menge von Punkten zu einer Kurve
durch den Konfigurationsraum idealisieren (siehe Abbildung 9). Diese Kurve
repräsentiert die Geschichte des Subsystems, wie sie durch eine Abfolge von
Messungen seiner Konfigurationen erfasst wird.

Abb. 9: Konfigurationsraum und ein Verlauf durch denselben. Das X markiert


einen Zeitpunkt.

Genauso wie bei Dannys Ballwurf ist die Zeit aus dem Bild verschwunden.
Was übrig bleibt, ist eine Trajektorie durch den Raum möglicher
Konfigurationen. Diese Trajektorie ist eine Kurve, die Informationen in einer
Menge von Aufzeichnungen von etwas zusammenfasst, das in der Vergangenheit
geschah. Wenn wir fertig sind, haben wir eine Darstellung der Bewegung des
Subsystems – eine Bewegung, die sich genau einmal in der Zeit entfaltet hat –
durch ein zeitloses mathematisches Objekt, nämlich eine Kurve im Raum der
möglichen Konfigurationen des Subsystems.
Der Konfigurationsraum ist zeitlos; wir nehmen an, dass er einfach nur ewig
da ist. Wenn ich ihn als » Raum möglicher Konfigurationen« bezeichne, meine
ich, dass ich das Subsystem jederzeit in eine beliebige dieser Konfigurationen
versetzen könnte, wenn ich nur wollte. Die Geschichte des Systems wird dann
durch eine Kurve dargestellt, die bei dieser Anfangskonfiguration beginnt.
Wenn sie einmal gezeichnet ist, ist diese Kurve zeitlos. Das bringt uns zu
unseren Schlüsselfragen zurück: Ist das Verschwinden der Zeit in der Darstellung
eine tiefe Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit? Oder ist es eine irreführende
und unbeabsichtigte Folge einer Methode zur näherungsweisen Beschreibung
kleiner Teile des Universums?

Newton erfand nicht bloß ein Verfahren zur Beschreibung von Bewegungen; er
fand eine Möglichkeit, sie vorherzusagen. Galilei entdeckte, dass im Falle eines
geworfenen Balles die Kurve eine Parabel ist. Newton gab uns eine Methode zur
Bestimmung dessen, wie die Kurve in einer gewaltigen Vielfalt von Fällen
aussehen würde. Das ist der Inhalt seiner drei Bewegungsgesetze. Seine Gesetze
können wie folgt zusammengefasst werden.
Um vorherzusagen, wie ein Ball sich bewegen wird, braucht man drei
Informationen:

• die Anfangsposition des Balles


• die Anfangsgeschwindigkeit des Balles (das heißt, wie schnell und in welche
Richtung er sich bewegt)
• die Kräfte, die den Ball bei seiner Bewegung beeinflussen

Anhand dieser drei Inputs können Newtons Bewegungsgesetze benutzt werden,


um den zukünftigen Pfad des Balles vorherzusagen. Wir können einen Computer
so programmieren, dass er das für uns tut. Man gebe ihm die drei Inputs, und er
wird den Pfad ausgeben, den der Ball verfolgen wird. Das ist es, was wir
meinen, wenn wir von einer » Lösung« der Newton’schen Gesetze sprechen.
Eine Lösung ist eine Kurve im Konfigurationsraum. Sie repräsentiert eine
Geschichte des Systems von dem Augenblick an, da das System präpariert ist
oder zum ersten Mal in seiner Entwicklung beobachtet wurde. Dieser erste
Augenblick wird Anfangsbedingung genannt. Man beschreibt die
Anfangsbedingung, wenn man die Anfangsposition und -geschwindigkeit
angibt. Dann kommt das Gesetz ins Spiel und bestimmt den Rest der
Geschichte.
Ein Gesetz hat eine unendliche Zahl von Lösungen, von denen jede eine
mögliche Geschichte des Systems beschreibt, in der das Gesetz erfüllt ist. Man
gibt an, welche Geschichte ein bestimmtes Experiment beschreibt, wenn man
die Anfangsbedingungen angibt. Um also die Zukunft vorherzusagen oder etwas
zu erklären, genügt es nicht, das Gesetz zu kennen; man muss auch die
Anfangsbedingungen kennen. Bei Laborexperimenten ist das leicht, weil der
Experimentator das System so präpariert, dass es in einer bestimmten
Anfangsbedingung startet.
Galileis Fallgesetz besagt, dass der Ball, den Danny warf, eine Parabel
beschreiben wird. Aber was für eine Parabel? Die Antwort wird dadurch
bestimmt, wie schnell, in welchem Winkel und von welcher Position aus er den
Ball warf – das heißt durch die Anfangsbedingungen.
Es zeigt sich, dass diese Methode allgemein ist. Sie lässt sich auf jedes
beliebige System anwenden, das anhand eines Konfigurationsraums beschrieben
werden kann. Sobald das System spezifiziert ist, werden dieselben drei Inputs
benötigt:

• Die Anfangskonfiguration des Systems. Sie entspricht einem Punkt im


Konfigurationsraum.
• Die Anfangsrichtung und -geschwindigkeit der Veränderungen des Systems
• Die Kräfte, denen das System bei seiner Veränderung in der Zeit unterliegt

Newtons Gesetze sagen dann die genaue Kurve im Konfigurationsraum voraus,


der das System folgen wird.
Die Allgemeinheit und die Leistungsfähigkeit der Newton’schen Methode
kann nicht unterschätzt werden. Sie wurde auf Sterne, Planeten, Monde,
Galaxien, Sternencluster, Galaxiencluster, dunkle Materie, Atome, Elektronen,
Photonen, Gase, Festkörper, Flüssigkeiten, Brücken, Wolkenkratzer, Autos,
Flugzeuge, Satelliten und Raketen angewendet. Sie wurde erfolgreich auf
Systeme mit einem, zwei oder drei Körpern und auf Systeme mit 1023 oder
1060 Teilchen angewendet. Sie wurde auf Felder – wie zum Beispiel das
elektromagnetische Feld – angewendet, deren Definition die Messung einer
unendlichen Zahl von Variablen erfordert (zum Beispiel das elektrische und das
Magnetfeld an jedem Punkt im Raum). Sie hat eine gewaltige Zahl möglicher
Kräfte oder Wechselwirkungen zwischen den Variablen beschrieben, die das
System definieren.
Die Grundmethode lässt sich auch in der Informatik anwenden, beim
Studium zellulärer Automaten. Und mit nur wenigen Modifikationen ist sie
auch die Grundlage der Quantenmechanik.
Aufgrund der Leistungsfähigkeit dieser Methode kann man sie als ein
Paradigma bezeichnen. Wir werden es nach seinem Erfinder das » Newton’sche
Paradigma« nennen. Es ist eine förmlichere Redeweise, um über die Methode zu
sprechen, Physik in künstlicher Isolation zu praktizieren.
In seinen Grundzügen wurde das Newton’sche Paradigma anhand der
Antworten auf zwei Grundfragen konstruiert:

• Welches sind die möglichen Konfigurationen des Systems?


• Welches sind die Kräfte, denen das System in jeder Konfiguration unterliegt?

Die möglichen Konfigurationen werden auch deshalb Anfangsbedingungen


genannt, weil wir sie beim Start des Systems angeben. Die Regeln, durch die
die Kräfte und ihre Wirkungen beschrieben werden, heißen Bewegungsgesetze.
Diese Gesetze werden durch Gleichungen dargestellt. Wenn man die
Anfangsbedingungen in die Gleichungen einsetzt, liefern die Gleichungen die
zukünftige Entwicklung des Systems. Dies nennt man Lösen der Gleichungen.
Es gibt eine unendliche Zahl solcher Lösungen, weil es eine unendliche Zahl
möglicher Anfangsbedingungen gibt.
Das ist zwar eine starke Methode, aber wir sollten uns auch dessen bewusst
sein, dass sie auf starken Annahmen beruht. Die erste ist, dass der
Konfigurationsraum zeitlos ist. Es wird angenommen, dass irgendeine Methode
die gesamte Menge möglicher Konfigurationen im Voraus angeben kann – das
heißt, bevor wir die tatsächliche Evolution des Systems beobachten. Die
möglichen Konfigurationen entwickeln sich nicht, sondern sind einfach. Eine
zweite Annahme ist, dass die Kräfte und damit auch die Gesetze, denen das
System unterliegt, zeitlos sind. Sie ändern sich nicht in der Zeit und sie können
vermutlich auch vor der tatsächlichen Untersuchung des Systems angegeben
werden.
Die Lektion ist hier ebenso einfach wie erschreckend. Insoweit die
Annahmen, die dem Newton’schen Paradigma zugrunde liegen, in der Natur
verwirklicht sind, ist die Zeit unwesentlich und kann aus der Beschreibung der
Welt entfernt werden. Wenn der Raum möglicher Konfigurationen zeitlos
angegeben werden kann und dasselbe für die Gesetze gilt, dann braucht man die
Geschichte jedes beliebigen Systems auch nicht so zu betrachten, dass sie sich
in der Zeit entwickelt. Zur Beantwortung jeder beliebigen Frage, die die Physik
stellen kann, reicht es aus, die gesamte Geschichte irgendeines Systems als eine
einzelne eingefrorene Kurve im Konfigurationsraum zu betrachten. Der scheinbar
wesentlichste Aspekt unserer Welterfahrung – nämlich dass die Welt sich als
eine Abfolge gegenwärtiger Augenblicke darstellt – fehlt in unserem
erfolgreichsten Paradigma der Naturbeschreibung.
Wir begannen mit der Beobachtung eines Tennisballs, auf dessen Seite eine
Telefonnummer in purpurfarbener Tinte stand und der am Nachmittag des 4.
Oktober 2010 im High Park zwischen zwei Schriftstellern namens Danny und
Janet hin- und hergeworfen wurde. Unser tiefstes Verständnis seiner Bewegung
läuft auf die Betrachtung eines zeitlosen Bildes hinaus, das eine farblose Kurve
in einem abstrakten Raum beinhaltet.

25 Sara Diamond et al., CodeZebra Habituation Cage Performances, Rotterdam 2003.


26 Mein Dank geht an Clair Cemin für die Gespräche über diesen Punkt.
27 Betrachten wir ein Sy stem von Sternen, die sich unter ihrem gegenseitigen gravitationellen
Einfluss bewegen. Die Wechselwirkung zweier Sterne kann genau beschrieben werden;
Newton hat dieses Problem gelöst. Aber es gibt keine exakte Lösung für das Problem der
Beschreibung der Gravitationswechselwirkung dreier Sterne. Jedes Sy stem, das aus drei oder
mehr Körpern besteht, muss anhand von Annäherungen behandelt werden. Solche Sy steme
zeigen ein breites Spektrum von Verhaltensweisen, u. a. Chaos und eine extreme
Empfindlichkeit für Anfangsbedingungen. Obwohl es das nächsteinfachste Sy stem im
Verhältnis zum Zwei-Sterne-Problem ist, das Newton im 17. Jahrhundert löste, wurden diese
Phänomene erst im frühen 20. Jahrhundert von dem französischen Mathematiker Henri
Poincaré entdeckt. Das Verständnis des sogenannten Drei-Körper-Problems erforderte die
Erfindung eines ganz neuen Zweigs der Mathematik: der Chaostheorie. In jüngerer Zeit
können Sy steme, die aus Tausenden oder Millionen von Körpern bestehen, in Simulationen
behandelt werden, die auf Supercomputern laufen. Diese Simulationen haben uns Einsichten
in das Verhalten von Sternen in Galaxien und sogar von Galaxien in Clustern geliefert. Aber
die gewonnenen Ergebnisse beruhen trotz ihrer Nützlichkeit auf äußerst groben
Annäherungen. Sterne, die aus riesigen Zahlen von Atomen bestehen, werden so behandelt,
als ob sie Punkte seien, und der Einfluss von etwas außerhalb des Sy stems wird üblicherweise
ignoriert.
5 Die Austreibung von Neuheit und Überraschung

Die Erfindung des Newton’schen Paradigmas als allgemeine Methode zum


Praktizieren von Physik in künstlicher Isolation war ein entscheidender Schritt
bei der Austreibung der Zeit. Eine Folge davon war das Argument für den
Determinismus, das durch Pierre-Simon Laplace berühmt wurde. Laplace
behauptete, dass er die Zukunft des Universums mit völliger Präzision
vorhersagen könnte, wenn man ihm die genauen Positionen und Bewegungen
aller Atome des Universums angäbe, zusammen mit einer genauen Beschreibung
der Kräfte, denen sie unterliegen. Diese Aussage hat seither viele davon
überzeugt, dass die Zukunft völlig von der Gegenwart determiniert ist.
In diesem Argument gibt es jedoch eine wichtige Annahme, die man infrage
stellen sollte, nämlich die, dass man die Newton’sche Methode auf das
Universum als Ganzes ausdehnen kann, indem man alles in das physikalische
Experiment miteinschließt. Die Physik in der experimentellen Situation beginnt
aber mit der Isolation eines kleinen Subsystems des Universums. Kann Laplace
diesen Schritt wirklich ungestraft ignorieren?
Kehren wir zum Wurfspiel im Park zurück.
Wir haben nun den 14. August 2062. Es ist 15:15 Uhr. Laura, die Enkelin
von Danny und Janet, wird Francesca, der Tochter von Billy und Roxanne, die
ebenfalls in der Nähe des Parks aufwuchs, einen Frisbee zuwerfen. Als Laura den
Frisbee schleudert, wird Francesca von einer Nachricht abgelenkt, die gerade auf
ihrem Mikrohandy aufblitzt, das in ihrer Netzhaut implantiert ist. Verfehlt sie
den Frisbee?
Wenn Sie glauben, dass das Newton’sche Paradigma sich völlig exakt auf die
Welt bezieht, dann glauben Sie auch, dass es 2010 schon determiniert war, wen
Danny und Janet heiraten werden (einander, wie sich herausstellte, aber keiner
von beiden hatte das zu jener Zeit geahnt), wann ihr Sohn gezeugt werden und
wen dieser Sohn heiraten wird, wann dessen Tochter gezeugt werden wird und
ob sie eine Vorliebe fürs Frisbeewerfen haben wird oder nicht. Sie müssen
glauben, dass jede einzelne Bewegung, jeder einzelne Gedanke, jede Idee und
jedes Gefühl, dass all das, was diese Menschen je machen oder haben werden,
schon in der Gegenwart determiniert ist. Sie müssen glauben, dass die gesamte
Liste all derer, die je leben werden, bereits feststeht, auch wenn es unmöglich
ist, sich die Technologie vorzustellen, die zu ihrer Entschlüsselung notwendig
ist.
Sie müssen nicht nur glauben, dass es schon feststeht – und tatsächlich schon
seit Milliarden von Jahren feststand –, dass es an jenem Nachmittag ein
Frisbeespiel zwischen Laura und Francesca geben wird, obwohl sie auf der
jeweils anderen Seite des Parks aufwuchsen und sich erst fünf Minuten zuvor
begegnet waren. Sie müssen ebenso glauben, dass man jetzt nichts tun könnte,
um die Entwicklung von in die Netzhaut implantierbaren Mikrohandys zu
verhindern, und dass man nichts tun könnte, um das Absenden jener
verhängnisvollen Botschaft zu verhindern, die Francesca in genau jenem
Moment ablenkt. Fängt sie den Frisbee trotzdem? Bevor ihr Mikrohandy
aufblitzt, könnte das niemand, der die Szene beobachtet, wissen. Aber wenn die
Zukunft determiniert ist, gibt es im Prinzip bereits irgendeine Größe, die man in
diesem Augenblick messen könnte und die uns darüber informieren würde.
Die Behauptung, dass die Gesetze der Physik plus Anfangsbedingungen die
Zukunft bis in die kleinste Einzelheit hinein determinieren, ist eine verblüffende
Behauptung, weil langfristig auch die kleinsten Einzelheiten eine Rolle spielen.
Bei jeder erfolgreichen Zeugung befruchtet eines von ungefähr hundert Millionen
Spermien das Ei. Das ist etwa hundert Milliarden Mal geschehen, seitdem es
Menschen gibt, und Billionen Male davor im Laufe der Evolution unserer
Vorfahren. Billionen von Entscheidungen von eins zu hundert Millionen ist eine
Menge Information, aber wir müssen glauben, dass all das und noch sehr viel
mehr schon in die Anfangsbedingungen des Universums zu einer viel früheren
Zeit eingeschrieben war. Und das ist nur ein kleines Detail des Lebens auf einem
kleinen Planeten.
Das ist ein Teil der Bedeutung der Aussage, dass im Newton’schen
Paradigma die Zeit verschwindet. Alles, was je geschah, was jetzt geschieht und
was je geschehen wird, ist nur eine Menge von Punkten auf einer Trajektorie im
Konfigurationsraum des Universums, eine Kurve, die schon determiniert ist.
Das Vergehen der Zeit bringt keinerlei Neuheit oder Überraschung, denn eine
Veränderung ist einfach nur die Umordnung derselben Tatsachen.
Wenn es einen Raum für Neuheit und Überraschung geben soll, muss mit
dem Newton’schen Paradigma irgendetwas nicht stimmen oder zumindest mit
seiner Ausweitung von einer Methode zur Untersuchung kleiner Subsysteme des
Universums auf eine exakte Beschreibung des gesamten Universums. Wenn die
Zukunft durch die gegebenen Anfangsbedingungen determiniert ist, dann liegt
eine Beschränkung darin, dass man wissen muss, was die Anfangsbedingungen
determiniert. Wenn Sie also die Gründe dafür suchen, dass die Dinge so und
nicht anders sind, werden Sie immer tiefer in die Vergangenheit hineingeführt.
Wenn man weiter in die Vergangenheit zurückgeht, muss man eine immer
größere Region des Raumes betrachten, die Ereignisse beinhaltet, welche einen
Einfluss auf irgendeinen Vorfahren von Danny oder Janet gehabt haben könnten.
Wenn man 1 Million Jahre bis zur zufälligen Begegnung von zweien ihrer
Homo-erectus-Vorfahren aus verschiedenen Nomadengruppen zurückgeht, muss
man eine Region mit einem Durchmesser von 2 Millionen Lichtjahren
überblicken, um sicherzugehen, dass es keine Supernova gibt, die nahe genug
ist, um der Erde Schaden zuzufügen. Wenn wir den ganzen Weg zurück bis zum
Ursprung des Lebens auf der Erde gehen, dann müssen wir einen Großteil des
beobachtbaren Universums überblicken.
Wenn wir also nicht nur nach notwendigen, sondern nach hinreichenden
Ursachen suchen, können wir die Schlussfolgerung nicht vermeiden, dass die
vollständige Menge von hinreichenden Ursachen dafür, dass Danny Janet
begegnet, Bedingungen einschließt, die sich in kosmologischen Entfernungen
und Zeiten relativ zu diesem glücklichen Ereignis befinden. Wenn wir die
Ursachenkette weiter zurückverfolgen, ist früher oder später das gesamte
Universum beteiligt. Und bevor wir das Ende der Ursachen erreichen, haben wir
es schon mit dem Augenblick des Urknalls zu tun. Die letztendlichen
hinreichenden Bedingungen für Danny und Janets Begegnung stecken also in
den Anfangsbedingungen des Universums während des Urknalls. Die
letztendliche Anwendbarkeit des Arguments für den Determinismus ist somit
eine Frage der Kosmologie. Wenn wir verstehen wollen, ob und wie ihre
Begegnung determiniert war, brauchen wir eine Theorie des Universums als
Ganzes.
Das Problem des Determinismus stößt mit der Tatsache zusammen, dass sich
die Methode des Praktizierens von Physik in künstlicher Isolation auf kleine
Subsysteme des Universums bezieht. Bevor wir die Frage beantworten können,
ob scheinbar zufällige Ereignisse in unserem Leben völlig von Bedingungen in
der Vergangenheit determiniert werden, müssen wir wissen, ob unsere Theorien
zu Theorien des gesamten Universums ausgebaut werden können.
Wir leben in einer Welt, in der der Flügelschlag eines Schmetterlings das
Wetter beeinflussen kann, das Ozeane entfernt und Monate später aktuell ist.
Allgemein gesprochen, werden kleine Änderungen der Anfangsbedingungen
exponentiell zu großen Veränderungen der Ergebnisse verstärkt. Deshalb
beinhaltet das Praktizieren von Physik in künstlicher Isolation
notwendigerweise Annäherungen. Diese umfassen unsere Auswahl von
beobachtbaren Größen, die im Konfigurationsraum modelliert werden sollen,
und die Vernachlässigung des Einflusses, den alles andere in der Welt auf sie
hat.
Aber man kann sich leicht vorstellen, dass man diese Details hinzufügt.
Wenn man die Gesetze der Physik kennt, die für die kleinsten Teilchen gelten,
aus denen das Subsystem besteht, dann kann man sich vorstellen, dass man eine
genaue Beschreibung aller Variablen gibt, die man braucht, um das Subsystem
zu beschreiben, und aller Kräfte, durch die diese Variablen miteinander
wechselwirken. Die genauste Beschreibung, die wir gegenwärtig von den
Naturgesetzen und den Elementarteilchen haben, ist das Standardmodell der
Elementarteilchenphysik, das sich leicht in das Newton’sche Paradigma
einordnen lässt. Dieses Modell umfasst außer der Gravitation alles, was wir von
der Natur wissen, und es hat wiederholt verschiedene experimentelle Tests
bestanden.
Wie steht es mit der Berücksichtigung des übrigen Universums? Wir können
uns vorstellen, dass wir ein größeres Subsystem betrachten, das unser System
enthält – nicht nur Dannys Tennisball, sondern alles und jeden im Park an
jenem Nachmittag. Man erweitere das noch einmal, um alles und jeden in
Toronto einzuschließen; und noch einmal, um alles auf und in der Erde und in
einem Umkreis von 1 Million Kilometern mit einzubeziehen. Jedes Mal, wenn
man das Subsystem erweitert, kann man dieselben Gesetze der Physik benutzen
– das heißt, man kann das Newton’sche Paradigma verwenden. In jedem Fall
wird die Annäherung immer besser und damit auch die Stärke des Arguments
für den Determinismus.
Aber es wird immer etwas ausgelassen. Direkt hinter dem Sonnensystem
könnte es eine große schwarze Wolke geben, die die Sonne in einem Jahr
verschlingen, oder einen Kometen, der die Erde in zehn Jahren streifen wird.
Diese Ereignisse könnten die bevorstehende Hochzeit von Danny und Janet
zunichtemachen. Die Störung muss nicht groß sein oder die Erde direkt
betreffen. Dannys Aufmerksamkeit hätte von einer Nachrichtenmeldung über
einen Kometen gefesselt werden können, der in die Nähe von Jupiter gelangte;
so wäre er eine Minute später in den Park gegangen und hätte Janet nie getroffen.
Millionen von Menschen, die ihre Nachkommen gewesen wären, werden nie
leben. In unserer Welt ist es der Normalzustand, dass kleine Ereignisse große
Folgen haben.
Eine deterministische physikalische Theorie lässt sich in Analogie zu einem
Computer betrachten. Der Konfigurationsraum ist der Speicher, in den die Daten
geschrieben werden. Das Gesetz ist analog zum Programm. Man lässt das
Programm laufen und es operiert auf den Inputdaten, die dann mit den
Outputdaten überschrieben werden. Wenn der Input und das Programm gegeben
sind, ist der Output vollkommen determiniert. Jedes Mal, wenn man es mit
demselben Input laufen lässt, erhält man denselben Output. Aber hier gibt es
noch etwas anderes, über das man nachdenken sollte: Der Output wird durch den
Input und das Programm auf zwei ziemlich unterschiedliche Weisen
determiniert.
Wenn wir den Computer als physikalisches Gerät betrachten, dann verhält er
sich entsprechend den Gesetzen der Physik. Von diesem Standpunkt aus
gesehen, wird der Output vom Input kausal determiniert. Er ist das Ergebnis
davon, dass die Gesetze der Physik auf den Anfangsbedingungen operieren.
Dieser Prozess erfordert Zeit, weil der kausale Prozess, der von den Gesetzen der
Physik gesteuert wird, sich in der Zeit vollzieht.
Aber der Output ist auch noch auf eine andere Weise determiniert. Der Output
wird vom Input und dem Programm logisch impliziert. Input und Output sind
Stellvertreter mathematischer Gegenstände. Das Programm ist ebenfalls ein
mathematischer Gegenstand. Man könnte logisch beweisen, dass der Output
eine mathematische Konsequenz der Kombination des Inputs und des
Programms ist. Diese logische Determination erfordert keine Zeit, weil kein
physikalischer Prozess daran beteiligt ist. Der Beweis, dass der Output vom
Input und dem Programm impliziert wird, ist eine mathematische Tatsache, die
in der zeitlosen Welt wahrer Tatsachen über mathematische Gegenstände wohnt.
In diesem Sinne wird die Zeit aus der Beschreibung der Physik innerhalb des
Newton’schen Paradigmas entfernt. Es ist unnötig, den Computer wirklich
laufen zu lassen, um zu erfahren, was der Output ist, weil der Output durch eine
Folge logischer Argumente abgeleitet werden kann. Wie die Deduktion
ausgeführt wird, ist irrelevant; der Computer ist einfach nur ein Werkzeug, das
die Gesetze der Physik ausnutzt, um eine logische Implikation durch einen
kausalen Prozess zu modellieren. Aber es gibt unendlich viele mögliche
Weisen, wie der Computer gebaut und programmiert werden könnte, die zu
genau demselben Ergebnis führen würden.
Entscheidend ist, dass es keine Information im Output gibt, die nicht schon
vom Input logisch impliziert wird. Der Output ist einfach nur eine
Neuanordnung des Inputs nach einer bestimmten logischen Regel. So kann
niemals etwas Neues oder Überraschendes hervorgebracht werden. Und es gibt
auch keinen wirklichen Bedarf an einer kausalen Evolution, die sich in der Zeit
vollziehen würde, um einfach nur den Effekt einer logischen und damit zeitlosen
Implikation zu reproduzieren.
Dasselbe gilt für jedes System, das im Rahmen des Newton’schen
Paradigmas beschrieben wird. In allen diesen Fällen ist die Endkonfiguration
einfach nur das Ergebnis der Gesetze der Physik, die auf den
Anfangsbedingungen operieren. Der Konfigurationsraum, in dem die
Anfangskonfiguration und die Endkonfiguration existieren, ist ebenso wie diese
Konfigurationen ein mathematisches Objekt. Sobald die Gesetze als
mathematische Gleichungen ausgedrückt sind, ist die Tatsache, dass die
Evolution der Anfangsbedingungen sich nach einiger Zeit in die Endbedingung
verwandelt, eine mathematische Tatsache. Sie lässt sich mathematisch ableiten;
tatsächlich kann sie als mathematisches Theorem bewiesen werden. Das
Newton’sche Paradigma ersetzt also kausale Prozesse – Prozesse, die sich im
Laufe der Zeit vollziehen – durch eine logische Implikation, die zeitlos ist.
Auch auf diese Weise wird die Zeit vom Newton’schen Paradigma eliminiert.

Ziehen wir in Betracht, dass ein physikalisches Gesetz häufig rückwärts


angewendet werden kann, bietet sich uns eine Möglichkeit, zu erkennen, dass
Überraschung und Neuheit keine Rolle spielen können. Man stelle sich ein
physikalisches Gesetz als einen Computer oder eine Maschine vor, die
Anfangsbedingungen in Endbedingungen verwandelt, und dass dieses Gesetz
einen Kippschalter hat, mit dem man die Richtung der Zeit umkehren kann. Sie
legen also den Schalter um und geben die Endbedingung als Input ein. Sie
lassen das Gesetz genauso lange wie zuvor laufen, nur wird es dieses Mal
rückwärts laufen, um die Endbedingung in die Anfangsbedingung
zurückzuverwandeln. Wir nennen ein Gesetz, das rückwärts laufen kann, um jede
Endkonfiguration in ihre Anfangskonfiguration zu verwandeln, ein
» zeitreversibles Gesetz« .
Betrachten wir ein einfaches Beispiel: die Bewegung der Erde, während sie
sich um ihre Achse dreht und um die Sonne wandert. Die Umkehrung der
Zeitrichtung kehrt die Richtung der Umlaufbahn und der Drehbewegung der
Erde zwar um, aber eine solche Umlaufbahn wird von Newtons Gesetzen
ebenfalls erlaubt. Wenn man einen Film von der Erdbewegung machen und ihn
Außerirdischen zeigen würde, würden sie sagen (falls sie überhaupt eine
Vorstellung von Gesetzen hätten), dass Newtons Gesetze die Bewegung
regieren. Aber dasselbe wäre auch der Fall, wenn man den Außerirdischen einen
Filmstreifen zeigen würde, der rückwärts läuft; sie würden sagen, dass dies eine
Umlaufbahn ist, die von Newtons Gesetzen erlaubt wird. Wenn man ihnen beide
Filme gäbe und sie bitten würde, zu sagen, welcher das Original und welcher
die umgekehrte Version ist, könnten sie tatsächlich keine Entscheidung darüber
treffen. Dasselbe wäre der Fall, wenn man die Bewegungen des gesamten
Sonnensystems mit den acht Planeten und unzähligen anderen Körpern filmen
würde.
Selbstverständlich haben viele von uns Filme rückwärts laufen sehen und die
meisten davon sehen sonderbar oder spaßig aus. In sehr vielen Fällen ist das
aber nicht deshalb so, weil die umgekehrte Bewegung nach den Gesetzen der
Physik unmöglich wäre; vielmehr ist die Bewegung zwar möglich, aber äußerst
unwahrscheinlich. Das ist häufig dann der Fall, wenn ein sehr komplexes
System beteiligt ist, das aus einer große Zahl von Teilen wie zum Beispiel
Atomen besteht. Hier müssen wir uns mit den Gesetzen der Thermodynamik
befassen, die nicht zeitreversibel sind und die ich in den Kapiteln 16 und 17
erörtern werde. 28
Viele Gesetze der Physik sind zeitreversibel. Eine Menge von zeitreversiblen
Gesetzen ist die Newton’sche Mechanik, eine andere ist die allgemeine
Relativitätstheorie, noch eine andere die Quantenmechanik. Das Standardmodell
der Elementarteilchenphysik ist nahezu zeitreversibel, aber nicht ganz. (Es gibt
einen relativ unbedeutenden Aspekt der schwachen Kernwechselwirkung, der
sich nicht umkehren lässt.) Wenn man eine Geschichte nimmt, die sich in
Übereinstimmung mit dem Standardmodell entwickelt hat, die Richtung der
Zeit umkehrt und gleichzeitig noch zwei weitere Änderungen vornimmt, erhält
man eine weitere Geschichte, die das Modell erlaubt. Diese beiden Änderungen
bestehen in der Ersetzung aller Teilchen durch ihre Antiteilchen und darin, dass
man rechts mit links vertauscht. Eine solche Operation wird CPT genannt (die
Umkehrung von Ladung [Charge], Parität [Parity] und Zeit [Time]) und man
kann sie sich als eine andere Form eines rückwärts laufenden Films vorstellen.
Jede Theorie, die mit der Quantenmechanik und der speziellen
Relativitätstheorie kompatibel ist, erlaubt, dass die Richtung der Zeit auf diese
Weise umgekehrt wird.
Diese Umkehrungen liefern ein weiteres Argument für die Unwirklichkeit der
Zeit. Wenn die Richtung der Naturgesetze umgekehrt werden kann, dann kann
es im Prinzip keinen Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft
geben – und die Tatsache, dass wir ganz unterschiedliche Beziehungen zur
Vergangenheit und Zukunft haben, kann keine fundamentale Eigenschaft der
Welt sein. Die scheinbaren Unterschiede zwischen der Zukunft und der
Vergangenheit müssen entweder Illusionen oder Konsequenzen sehr besonderer
Anfangsbedingungen sein.
Ludwig Boltzmann, der mit seinen Einsichten in das Wesen der Entropie
mehr als irgendjemand sonst für die Verknüpfung der atomaren Welt mit der
Makrowelt unserer Erfahrung verantwortlich war, sagte einmal: » Für das
Universum sind also beide Richtungen der Zeit ununterscheidbar, wie es im
Raume kein Oben oder Unten gibt.« 29 Wenn es zwischen Vergangenheit und
Zukunft keinen wirklichen Unterschied gibt – wenn sie genau denselben Inhalt
haben, der bloß logisch umgeordnet ist –, dann brauchen wir auch nicht an die
Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks oder an die Wirklichkeit des
Vergehens der Zeit zu glauben. Die zeitliche Reversibilität der physikalischen
Gesetze wird häufig als ein weiterer Schritt bei der Entfernung der Zeit aus der
Naturauffassung des Physikers betrachtet.
Wir müssen nur noch ein paar Schritte machen, bevor die Zeit völlig aus der
Physik verschwunden ist. Der nächste Schritt stammt aus Einsteins
Relativitätstheorie, die uns das stärkste Argument für die Unwirklichkeit der
Zeit liefert.
28 Dort werden wir die scheinbare Paradoxie anführen und erläutern, dass die Gesetze der
Thermody namik, wie z. B. das Gesetz, dass die Entropie nur zunehmen kann, nicht
zeitreversibel sind, während die fundamentaleren Gesetze reversibel sind.
29 Ludwig Boltzmann, Vorlesungen über Gastheorie, Leipzig 1896.
6 Relativitätstheorie und Zeitlosigkeit

Als ich neun Jahre alt war, brachte mein Vater ein Exemplar von Lincoln
Barnetts The Universe and Doctor Einstein mit in unsere Wohnung auf der
Upper Eastside in Manhattan und wir rätselten zusammen über dessen
Erläuterungen der Relativitätstheorie. Auch jetzt noch kann ich mich an die
Diagramme von beschleunigten Zügen und gekrümmtem Sternenlicht erinnern.
Das war meine erste Begegnung mit der Physik.
Dann las ich mit etwa 16 Jahren, während ich mit der U-Bahn in die
Innenstadt fuhr, um meinen in einer Rockband spielenden Cousin zu besuchen,
Einsteins ersten Aufsatz über die allgemeine Relativitätstheorie. Einsteins frühe
Aufsätze waren damals, genau wie heute, in einer billigen Taschenbuchausgabe
erhältlich. 30 Da ich von seinen Schriften, die mir glücklicherweise in die Hände
fielen, bevor sich mir die Gelegenheit bot, ein Lehrbuch aufzuschlagen, in die
Physik gelockt worden war, hatte ich keine Ahnung, dass ich auf das beste
Beispiel dafür gestoßen war, wie man das Wesen der Natur in klaren Ideen
ausdrückt. Es war in etwa so, wie in einem französischen Fünf-Sterne-Restaurant
von Säuglingsnahrung entwöhnt zu werden, sodass man sich später mit Händen
und Füßen dagegen wehrt, seine Cornflakes und Erdnussbutter mit Marmelade
zu essen.
Später entdeckte ich, dass es in der Physik nur sehr wenig gibt, was der
begrifflichen Klarheit und Eleganz von Einsteins Theorien gleichkommt. Nicht
die Quantenmechanik, nicht die zeitgenössische Quantenfeldtheorie, nicht
einmal die Newton’sche Mechanik, deren Lehrbuchdarstellungen häufig ein
logisches Durcheinander sind und von verworrenen und zirkulären Definitionen
elementarer Begriffe wie Masse und Kraft untergraben werden. Weil ich mit
Einstein anfing, wurde sein Werk zu meinem wissenschaftlichen Maßstab und
seine Relativitätstheorien wurden für mich zu Prüfsteinen; ihre Prinzipien
erschienen so heilig, wie es irgendein Text nur in den Augen von jemandem
sein konnte, der im Skeptizismus der Wissenschaft geschult wurde.
Tatsächlich sind Einsteins Relativitätstheorien die stärksten Argumente, die
wir dafür haben, dass die Zeit eine Illusion ist, die ein wahreres, zeitloses
Universum verdeckt. Früher, als ich glaubte, dass die Zeit eine Illusion sei,
hatten meine Hauptgründe dafür mit der Relativitätstheorie zu tun.
Einstein erfand zwei Relativitätstheorien. Die erste, die spezielle
Relativitätstheorie, ist eine Theorie über eine Welt, in der es keine Gravitation
gibt. Sie wurde in zwei Aufsätzen präsentiert, die Einstein 1905 in seinem
» annus mirabilis« veröffentlichte. 31 Die allgemeine Relativitätstheorie, die im
Laufe des nächsten Jahrzehnts entwickelt wurde, schließt die Gravitation ein.
Einsteins zwei Relativitätstheorien sind im tiefsten Grunde Theorien der Zeit
– oder besser: der Zeitlosigkeit. Sie haben den unverdienten Ruf, schwierig zu
sein; ich finde, sie sind von einfacher Schönheit und leicht zu erklären. Es
stimmt zwar, dass die Relativitätstheorie auf Anhieb kontraintuitiv erscheint,
weil sie eine falsche Intuition durch eine tiefere Intuition ersetzt, von der uns die
Experimente sagen, dass sie näher an der Wahrheit liegt. Die Aneignung der
Relativitätstheorie ist die Erfahrung des Übergangs von einer geistigen
Organisation der Welt zu einer anderen. Man muss bestimmte unbewusste
Annahmen über die Zeit aufgeben, aber danach folgen die Hauptideen logisch
daraus.
In diesem Kapitel werde ich nur über diejenigen Ideen und Ergebnisse der
Relativitätstheorie sprechen, die für das Wesen der Zeit relevant sind. Ich werde
Behauptungen aufstellen, von denen ich hoffe, dass sie klar sind, aber ich werde
nicht das tun, was man gewöhnlich in populärwissenschaftlichen Physikbüchern
tut, nämlich die Argumente anzugeben, die Einsteins einfache Postulate mit
ihren kontraintuitiven Konsequenzen verknüpfen. 32
Wir werden uns mit zwei Begriffen aus der speziellen Relativitätstheorie
beschäftigen. Der erste ist die » Relativität der Gleichzeitigkeit« . Der zweite, der
daraus folgt, ist der des » Blockuniversums« . Beide waren jeweils ein wichtiger
Schritt bei der Austreibung der Zeit aus der Physik.
Bei der Konstruktion der speziellen Relativitätstheorie machte Einstein bei
der Frage nach dem Wesen der Zeit zwei Strategien geltend. Erstens vertrat er
die relationale Seite der Debatte darüber, ob die Zeit relational oder absolut ist:
Bei der Zeit geht es um Veränderung, was bedeutet, dass sie mit
wahrgenommenen Beziehungen zu tun hat. So etwas wie eine absolute oder
universale Zeit gibt es nicht.
In seinen frühen Arbeiten verfolgte Einstein auch eine Strategie des
sogenannten Operationalismus. Diesem Ansatz zufolge ist die einzig sinnvolle
Möglichkeit, eine Quantität wie die Zeit zu definieren, eine Festsetzung darüber,
wie sie gemessen werden soll. Wenn man über Zeit sprechen will, muss man
beschreiben, was nach der eigenen Theorie eine Uhr sein soll und wie diese Uhr
funktioniert. Wenn man einen operationalen Ansatz in der Wissenschaft verfolgt,
stellt man sich nicht die Frage, was wirklich ist, sondern was ein Beobachter
beobachten könnte. Die Situierung des Beobachters im Universum muss
berücksichtigt werden, einschließlich seines Standpunkts und der Art seiner
Bewegung. Dadurch lässt sich die Frage stellen, ob verschiedene Beobachter
über das, was sie sehen, übereinstimmen werden. Einige der interessantesten
Entdeckungen Einsteins beziehen sich darauf, in welchen Punkten Beobachter
nicht übereinstimmen.
Aber wie steht es mit der Wirklichkeit? Haben die Physiker kein Interesse an
dem, was wirklich ist, sondern nur daran, was man beobachtet? Doch, sie haben
auch Interesse an Ersterem, aber obwohl die meisten Operationalisten an die
Wirklichkeit glauben, sind sie auch der Meinung, dass die einzige Möglichkeit,
zur Wirklichkeit vorzustoßen, über die Beobachtung verläuft. Der Test, ob
etwas wirklich – objektiv wahr – ist, besteht darin, dass alle Beobachter darin
übereinstimmen.
Die große Entdeckung über die Zeit in Einsteins spezieller Relativitätstheorie
ist die » Relativität der Gleichzeitigkeit« . Dabei geht es darum, ob zwei
voneinander entfernt stattfindende Ereignisse so betrachtet werden können, dass
sie zur selben Zeit stattfinden. Einstein stellte fest, dass es bei jeder Definition
der Gleichzeitigkeit von Ereignissen, die voneinander entfernt stattfinden, eine
Mehrdeutigkeit gibt. Beobachter, die sich relativ zueinander bewegen, werden zu
verschiedenen Schlussfolgerungen darüber gelangen, ob zwei Ereignisse
gleichzeitig stattfinden oder nicht, wenn diese beiden Ereignisse voneinander
entfernt stattfinden.
Es ist völlig normal, dass eine Frau, die in Toronto aufwacht, sich fragt, was
ihr Geliebter in Singapur im selben Augenblick wohl macht. Wenn diese Frage
sinnvoll ist, dann muss es auch sinnvoll sein, zu fragen, was in diesem
Augenblick auf Pluto, auf einem Planeten in der Andromeda-Galaxie oder eben
im gesamten Universum passiert. Einstein zeigte, dass unsere natürliche
Intuition, es für sinnvoll zu halten, über etwas zu sprechen, das gerade jetzt weit
weg von uns passiert, falsch ist. Zwei Beobachter, die sich relativ zueinander
bewegen, werden verschiedener Meinung darüber sein, ob zwei entfernte
Ereignisse gleichzeitig stattfinden.
Die Relativität der Gleichzeitigkeit hängt von einigen Annahmen ab. Eine
davon ist, dass die Lichtgeschwindigkeit universal ist – was bedeutet, dass zwei
beliebige Beobachter, die die Geschwindigkeit eines Photons messen, in ihren
Messungen übereinstimmen werden, egal wie sie sich relativ zueinander oder zu
dem Photon bewegen. Wir können außerdem annehmen, dass nichts sich
schneller als mit dieser universalen Geschwindigkeit bewegt. 33 Unter diesen
Voraussetzungen kann ein Ereignis ein anderes Ereignis nur dann beeinflussen,
wenn ein Signal, das sich mit Lichtgeschwindigkeit oder langsamer bewegt, das
erste verlässt und das zweite erreicht. Wenn das geschieht, sagen wir, dass die
beiden Ereignisse » kausal verknüpft« sind in dem Sinne, dass das erste eine
Ursache des zweiten sein könnte.
Es kann jedoch sein, dass zwei Ereignisse räumlich so weit voneinander
entfernt stattfinden und zeitlich so nahe beieinanderliegen, dass kein Signal vom
einen zum anderen gelangen kann. In solchen Fällen könnte keines der beiden
Ereignisse die Ursache des anderen sein. Wir sagen, dass zwei solche Ereignisse
nicht kausal miteinander verknüpft sind. Einstein zeigte, dass man in diesen
Fällen nicht entscheiden kann, ob sie gleichzeitig stattfinden oder ob das eine
vor oder nach dem anderen geschah. Beide Antworten sind möglich in
Abhängigkeit von der Bewegung der Beobachter, die Uhren mit sich führen, mit
denen die Zeit gemessen wird.
Damit die Physik einen Sinn ergibt, müssen Beobachter bei der Reihenfolge
kausal verknüpfter Ereignisse übereinstimmen, damit keine Verwirrung bei der
Zuschreibung von Ursachen entsteht. Aber es gibt keinen Grund dafür, dass
Beobachter bei der Reihenfolge von Ereignissen übereinstimmen, die keine
Möglichkeit haben, einander zu beeinflussen. In Einsteins spezieller
Relativitätstheorie stimmen sie nicht überein.
Es hat also für unsere Freundin in Toronto buchstäblich keinen Sinn, sich zu
fragen, was ihr Geliebter gerade jetzt in Singapur macht. 34 Aber es ist völlig
sinnvoll, dass sie darüber nachdenkt, was er vor ein paar Sekunden getan hat.
Denn diese Sekunden sind für ihn mehr als genug Zeit, um den Text verschickt
zu haben, den sie jetzt liest, wobei sein Abschicken des Textes und ihr Lesen
kausal verknüpfte Ereignisse sind. Und alle Beobachter werden darin
übereinstimmen, dass der Text, den sie jetzt abschickt, den Rest seines Lebens
ändern wird, der damit beginnt, dass er ihre Nachricht eine Minute später liest.
Neben der Existenz einer universalen Grenze für die Geschwindigkeit,
worüber sich alle Beobachter einig sind, hängt die spezielle Relativitätstheorie
noch von einer anderen Hypothese ab, nämlich vom Relativitätsprinzip selbst.
Es besagt, dass die Geschwindigkeit, außer der Lichtgeschwindigkeit, eine rein
relative Größe ist – es gibt keine Möglichkeit, zu entscheiden, welcher
Beobachter sich bewegt und welcher ruht. Angenommen, zwei Beobachter
nähern sich einander, wobei jeder sich mit konstanter Geschwindigkeit bewegt.
Dem Relativitätsprinzip zufolge kann jeder auf plausible Weise erklären, dass er
selbst ruht, und die Annäherung gänzlich der Bewegung des anderen
zuschreiben.
Es gibt also keine richtige Antwort auf bestimmte Fragen, über die
Beobachter verschiedener Meinung sind, wie etwa, ob zwei voneinander
entfernte Ereignisse gleichzeitig stattfinden. Somit kann es auch nichts objektiv
Wirkliches im Hinblick auf die Gleichzeitigkeit geben, nichts Wirkliches im
Hinblick auf das » Jetzt« . Die Relativität der Gleichzeitigkeit war ein schwerer
Schlag für die Vorstellung, dass die Zeit wirklich ist.
Worin die Beobachter übereinstimmen, kann » kausale Struktur« genannt
werden. Man greife zwei beliebige Ereignisse in der Geschichte des Universums
heraus und nenne sie X und Y. Dann wird eine von drei Möglichkeiten der Fall
sein. Entweder könnte X eine Ursache von Y sein oder Y könnte eine Ursache
von X sein oder keines von beiden könnte eine Ursache des anderen sein. Über
diese kausalen Beziehungen stimmen alle Beobachter überein. Die kausale
Struktur ist die Liste all dieser Beziehungen für alle Ereignisse im Universum.
Man könnte also sagen, dass das, was in der Geschichte des Universums
physikalisch wirklich ist, die kausale Struktur einschließt.
Das ist ein zeitloses Bild, weil es sich auf die ganze Geschichte des
Universums auf einmal bezieht. Es gibt keinen bevorzugten Zeitpunkt, keinen
Bezug darauf, welche Zeit jetzt ist, keinerlei Bezug auf irgendetwas, das unserer
Erfahrung des gegenwärtigen Augenblicks entspricht. Keine Bedeutung von
» Zukunft« oder » Vergangenheit« oder » Gegenwart« .
Wenn man alles, was den Beobachtungen einzelner Beobachter entspricht,
anhand der speziellen Relativitätstheorie aus der Beschreibung der Natur
entfernt, bleibt die kausale Struktur übrig. Da sie das Einzige ist, was
beobachterunabhängig ist, muss sie – wenn die Theorie wahr ist – der
physikalischen Wirklichkeit entsprechen. Insofern die spezielle
Relativitätstheorie auf wahren Prinzipien beruht, ist das Universum also zeitlos.
Es ist in zweierlei Hinsicht zeitlos: Es gibt nichts, was der Erfahrung des
gegenwärtigen Augenblicks entspricht, und die tiefste Beschreibung betrifft die
gesamte Geschichte kausaler Beziehungen auf einmal.
Dieses Bild der Geschichte des Universums, das durch kausale Beziehungen
gegeben wird, realisiert Leibniz’ Traum eines Universums, in dem die Zeit
vollständig durch die Beziehungen zwischen Ereignissen definiert wird.
Beziehungen sind die einzige Wirklichkeit, die der Zeit entspricht –
Beziehungen kausaler Art.
Neben der kausalen Struktur gibt es tatsächlich auch noch eine weitere
Information, über die Beobachter übereinstimmen. Betrachten wir eine
physikalische Uhr, die im Sekundentakt tickt und frei im Raum schwebt. Sie
schlägt Mittag, dann, eine Minute später, schlägt sie eine Minute nach Mittag.
Das erste Ereignis kann als Ursache des zweiten betrachtet werden. Dazwischen
tickte sie 60 Mal. Die Anzahl von Malen, die sie zwischen den beiden
Ereignissen tickte, ist noch etwas, über das alle Beobachter unabhängig von
ihrer relativen Bewegung übereinstimmen können. Dies wird » Eigenzeit«
genannt. 35
Das Bild der Geschichte des Universums als Ganzheit betrachtet, als ein
System von Ereignissen, die durch kausale Beziehungen miteinander verknüpft
sind, wird » Blockuniversum« genannt. Der Grund für diesen vielleicht
sonderbar anmutenden Namen liegt darin, dass er die Vorstellung betont, dass
das Wirkliche die gesamte Geschichte auf einmal ist – die Metapher ist die eines
Steinblocks, aus dem etwas Festes und Unveränderliches herausgemeißelt
werden kann.
Das Blockuniversum ist der letzte Schritt der Bewegung, die von Galilei und
Descartes begonnen wurde, nämlich die Zeit so zu behandeln, als ob sie eine
weitere Dimension des Raumes sei. Es stellt eine Beschreibung der gesamten
Geschichte des Universums als mathematisches Objekt dar, das, wie wir in
Kapitel 1 bemerkten, zeitlos ist. Wenn man glaubt, dass es dem entspricht, was
in der Natur objektiv real ist, dann behauptet man, dass das Universum im
Grunde zeitlos ist. Dieses Bild des Blockuniversums ist der zweite große
Schritt bei der Austreibung der Zeit durch Einsteins spezielle
Relativitätstheorie.
Das Blockuniversum vereint Raum und Zeit. Es kann als eine Art von
Raumzeit dargestellt werden, mit drei Dimensionen für den Raum und einer
vierten Dimension für die Zeit (siehe Abbildung 10). Ein Ereignis, das zu einem
bestimmten Zeitpunkt stattfindet, wird als ein Punkt in der Raumzeit
dargestellt, und die Geschichte eines Teilchens wird durch eine Kurve in der
Raumzeit beschrieben, die seine Weltlinie genannt wird. Damit ist die Zeit
völlig unter die Geometrie subsumiert worden; wir sagen, dass die Zeit
verräumlicht oder geometrisiert wurde. Die physikalischen Gesetze werden
geometrisch dargestellt, zum Beispiel sind die Weltlinien freier Teilchen
Geraden in der Raumzeit. Wenn es sich um ein Photon handelt, stellen wir es
so dar, dass es sich in einem Winkel von 45 Grad bewegt (was der Messung des
Raumes in Zeiteinheiten entspricht, wie zum Beispiel dann, wenn wir von
Lichtjahren sprechen). Ein gewöhnliches Teilchen muss sich langsamer als das
Photon der Träger des Lichts bewegen, folglich wird seine Weltlinie einen
spitzeren Winkel mit der Vertikalen bilden.
Abb. 10: Das Bild des Blockuniversums der Raumzeit. Eine Raumzeit mit einer
Raumdimension und einer Zeitdimension. Wir wählen die Einheiten von Zeit und
Raum so, dass Lichtstrahlen sich in 45-Grad-Winkeln bewegen. Die kausale
Struktur hat dann eine geometrische Entsprechung. Zwei Ereignisse können
kausal miteinander verknüpft sein, wenn sie durch eine Linie in einem Winkel
von 45 Grad oder weniger verbunden werden können. Außerdem sehen wir die
Weltlinie eines Teilchens, die von der Vergangenheit in die Zukunft hinein durch
das Ereignis hindurchläuft. Weiterhin sind zwei Lichtstrahlen eingezeichnet, die
durch A hindurchgehen. Die schraffierten Gebiete enthalten Ereignisse, die
keine kausale Beziehung zu A haben.

Diese elegante geometrische Repräsentation der speziellen Relativitätstheorie


wurde 1909 von Hermann Minkowski erfunden, der einer von Einsteins
Mathematiklehrern war. Mit dieser Methode wird jede physikalische
Bewegungstatsache, die von der speziellen Relativitätstheorie impliziert wird,
als Theorem über die Geometrie der Raumzeit dargestellt. Minkowskis
Erfindung dessen, was wir heute » Minkowski’sche Raumzeit« nennen, war ein
entscheidender Schritt hin zur Eliminierung der Zeit, weil sie so überzeugend
zeigte, dass jegliche Rede von Bewegung in der Zeit in mathematische
Theoreme über eine zeitlose Geometrie übersetzt werden konnte. Wie Hermann
Weyl, einer der großen Mathematiker des 20. Jahrhunderts, es formulierte: » Die
objektive Welt ist schlechthin, sie geschieht nicht. Nur vor dem Blick des auf
der Weltlinie meines Leibes emporkletternden Bewusstseins ›lebt‹ ein
Ausschnitt aus dieser Welt auf und zieht an ihm vorüber als räumliches, in
zeitlicher Wandlung begriffenes Bild.« 36
Um die Leistungsfähigkeit dieser Vorstellung des Blockuniversums zu
illustrieren, mag folgendes kleines Argument dienen, das manche Philosophen
dafür geltend gemacht haben. Das Argument hängt nur von der Relativität der
Gleichzeitigkeit ab. Nehmen wir in einem ersten Schritt an, dass die Gegenwart
wirklich ist. Wir mögen nicht so sicher sein, dass die Zukunft oder die
Vergangenheit wirklich sind – tatsächlich geht es bei diesem Argument darum,
herauszufinden, wie wirklich Vergangenheit und Zukunft sind – aber wir haben
keinen Zweifel daran, dass die Gegenwart wirklich ist. Die Gegenwart besteht
aus vielen Ereignissen, von denen keines wirklicher als ein anderes ist. Wir
wissen nicht, ob zwei Ereignisse in der Zukunft wirklich sind, aber wir kommen
darin überein, dass, wenn zwei Ereignisse gleichzeitig stattfinden, sie gleich
wirklich sind, ob diese Zeit nun in der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft
liegt.
Wenn wir Operationalisten sind, müssen wir darüber sprechen, was
Beobachter sehen. Also behaupten wir, dass zwei Ereignisse gleich wirklich
sind, wenn sie von einem Beobachter als gleichzeitig gesehen werden. Wir
werden außerdem annehmen, dass gleich wirklich zu sein eine sogenannte
transitive Eigenschaft ist; das heißt, wenn A und B gleich wirklich sind und B
und C gleich wirklich sind, dann sind auch A und C gleich wirklich. Das
Argument nutzt dann die Tatsache aus, dass die Gegenwart in der speziellen
Relativitätstheorie beobachterabhängig ist. Man wähle zwei beliebige Ereignisse
in der Geschichte des Universums, von denen das eine die Ursache des anderen
ist. Nennen wir sie A und B. Nun wird es immer ein anderes Ereignis X mit
folgender Eigenschaft geben: Es gibt eine Beobachterin, Maria, die A als
gleichzeitig mit X sieht. Und es gibt einen anderen Beobachter, Freddie, der X
als gleichzeitig mit B sieht. Das wird in Abbildung 11 illustriert.
Abb. 11: Das Argument für das Blockuniversum, das aus der Gleichzeitigkeit
folgt. Für zwei beliebige, kausal miteinander verbundene Ereignisse A und B, gibt
es immer ein Ereignis X, sodass es einen Beobachter gibt, der X und A als
gleichzeitig sieht, und einen Beobachter, der X und B als gleichzeitig sieht.

Um zu verstehen, warum es X geben muss, muss man nicht nur wissen, dass
die Gleichzeitigkeit relativ ist, sondern auch, dass sie so relativ wie nur möglich
ist. Eine Konsequenz aus Einsteins Postulaten ist: Wenn zwei Ereignisse für
einen bestimmten Beobachter gleichzeitig stattfinden, werden alle anderen
Beobachter zu dem Urteil gelangen, dass sie nicht kausal miteinander verbunden
sind. Ebenso gilt: Wenn zwei Ereignisse nicht kausal miteinander verbunden
sind, wird es einen Beobachter geben, der sie als gleichzeitig sieht. Die
Gleichzeitigkeit ist somit so relativ, wie sie nur sein kann, während andererseits
die Kausalität respektiert wird.
Wenn B weit in As Zukunft liegt, dann muss X sehr weit von beiden entfernt
sein, sodass kein Lichtsignal von A zu X und keines von X zu B wandern
könnte. Aber das Universum, das Minkowski beschreibt, ist unendlich, sodass
dies kein Problem darstellt. 37
Jetzt können wir folgendermaßen schlussfolgern: Nach dem angegebenen
Kriterium ist A genauso wirklich wie X. Aber auch B ist genauso wirklich wie
X. Also sind A und B gleich wirklich. Aber A und B sind zwei beliebige,
kausal verbundene Ereignisse in der Geschichte des Universums. Wenn es also
irgendeinen Sinn gibt, in dem ein Ereignis im Universum wirklich ist, dann
wird diese Wirklichkeit von jedem anderen Ereignis geteilt. Also gibt es keinen
Unterschied zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Was wirklich ist,
das sind alle Ereignisse des Universums zusammengenommen. Wir kommen
also zu dem Schluss, dass die Wirklichkeit der Welt in ihrer Geschichte liegt,
verstanden als Gesamtmenge von Ereignissen. Augenblicke oder deren Fluss
sind nicht wirklich.
Was dieses Blockuniversum-Argument so stark macht, ist die Tatsache, dass
man, um es nachvollziehen zu können, nur glauben muss, dass die Gegenwart
wirklich ist. Das Argument zwingt einen dann zu glauben, dass die Zukunft und
die Vergangenheit ebenso wirklich wie die Gegenwart sind. Aber wenn es
keinen Unterschied zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gibt –
wenn die Bildung der Erde oder die Geburt meiner Ur-Ur-Ur-Enkelin genauso
wirklich sind wie der Augenblick, in dem ich diese Wörter schreibe –, dann hat
die Gegenwart keinen besonderen Anspruch auf Wirklichkeit, und alles, was
wirklich ist, ist die gesamte Geschichte des Universums.
Hilary Putnam, ein führender zeitgenössischer Philosoph, hat über dieses
Argument nachgedacht:

Ich komme zu dem Schluss, dass das Problem der Wirklichkeit und
Bestimmtheit zukünftiger Ereignisse jetzt gelöst ist. Darüber hinaus wird
es von der Physik und nicht von der Philosophie gelöst. […] In der Tat
glaube ich nicht, dass es noch irgendwelche philosophischen Probleme
mit Bezug auf die Zeit gibt; es gibt nur das physikalische Problem der
Bestimmung der genauen physikalischen Geometrie des
vierdimensionalen Kontinuums, in dem wir leben. 38

Ein anderer Name für die Vorstellung des Blockuniversums lautet Äternalismus.
Zeitgenössische Philosophen haben beträchtliche Literatur zu seinen Tricks und
Kniffen angehäuft. Eine Frage, die von ihnen erörtert wird, bezieht sich darauf,
ob das Blockuniversum mit der Art und Weise, wie wir über die Zeit sprechen,
konsistent ist. Gewöhnliche Leute verwenden ebenso wie Philosophen solche
Wörter wie » jetzt« , » Zukunft« und » Vergangenheit« . Können diese Wörter
einen Sinn haben, wenn die Wirklichkeit aus der gesamten Geschichte der Welt
als Einheit betrachtet besteht? Was meinen wir, wenn wir sagen » Jetzt sitze ich
in einem Zug, der unter dem Ärmelkanal durchfährt« , wenn das Jetzt nicht
wirklicher ist als irgendein anderer Zeitpunkt?
Eine Position namens Kompatibilismus behauptet, dass es mit der
Alltagssprache kein Problem gibt, solange man einsieht, dass sich Wörter wie
» jetzt« und » morgen« auf einen Standpunkt beziehen, der uns einen besonders
direkten Zugang zu bestimmten Tatsachen über die zeitlose Wirklichkeit gibt,
während uns dadurch zu anderen Tatsachen der Zugang erschwert wird. Wir
sprechen ohne Weiteres von » hier« und » dort« , obwohl wir glauben, dass nahe
und ferne Gegenstände gleich wirklich sind. Manche Philosophen argumentieren
daher, dass » jetzt« und » die Zukunft« sich in Wirklichkeit nicht besonders von
» hier« und » dort« unterscheiden; sie bezeichnen alle eine bestimmte
Perspektive, die zwar einen Einfluss darauf hat, was man um sich herum sieht,
aber nichts daran ändert, was wirklich ist. Wenn ich das Wort » jetzt«
verwende, muss ich nicht unterstellen, dass das Jetzt besonders ist; ich
beschreibe nur meine Perspektive. Es gibt immer einen impliziten Bezug darauf,
welches Jetzt ich meine, von dem ich annehme, dass die Person, mit der ich
spreche, es mit mir teilt.
Das ist zwar gut und schön, aber nur dann relevant, wenn das
Blockuniversum eine richtige Beschreibung der Natur ist. Andere Philosophen
hegen Zweifel daran. John Randolph Lucas schreibt: » Das Blockuniversum gibt
ein zutiefst unangemessenes Bild von der Zeit wieder. Es berücksichtigt das
Vergehen der Zeit nicht, die Vorrangstellung der Gegenwart, die Richtung der
Zeit und den Unterschied zwischen der Zukunft und der Vergangenheit.« 39
Das ist die Debatte, auf die sich die Argumente in diesem Buch beziehen. Ich
beziehe mich nicht auf sie in den Begriffen, die von den Philosophen bevorzugt
werden und die häufig mit einer Sprachanalyse verbunden sind. Vielmehr geht
es mir um die physikalischen Voraussetzungen – unter anderem darum, dass die
spezielle Relativitätstheorie auf die gesamte Geschichte des Universums
angewendet werden kann. Aber die spezielle Relativitätstheorie kann nicht auf
das gesamte Universum angewendet werden, weil sie nicht die gesamte Physik
enthält. Insbesondere enthält sie keine Gravitation. Sie kann also bestenfalls nur
eine Annäherung an eine andere Theorie sein, die die Gravitation umfasst. Das
Problem der Erweiterung der Relativitätstheorie auf die Gravitation wurde durch
die Erfindung einer noch tieferen Theorie gelöst, nämlich der allgemeinen
Relativitätstheorie. Dafür brauchte Einstein ein weiteres Jahrzehnt mühevoller
Arbeit.
Die philosophisch interessanten Merkmale der speziellen Relativitätstheorie
gelten aber auch für Einsteins allgemeine Relativitätstheorie. Die Relativität der
Gleichzeitigkeit gilt weiterhin – und wird tatsächlich erweitert. Deshalb kann
das philosophische Argument, das ich gerade skizziert habe, immer noch
vorgebracht werden und führt zur selben Schlussfolgerung, dass die einzige
Wirklichkeit die gesamte Geschichte des Universums ist, und zwar als Ganzheit
verstanden.
In der allgemeinen Relativitätstheorie gilt auch weiterhin, dass alle
Informationen, die beobachterunabhängig sind, in der kausalen Struktur und
Eigenzeit erfasst werden. Wenn die Geschichte des ganzen Universums in der
allgemeinen Relativitätstheorie dargestellt wird, bleibt das Ergebnis das Bild
des Blockuniversums.

Die allgemeine Relativitätstheorie bewahrt nicht nur die Merkmale der


speziellen Relativitätstheorie mit dem Argument, dass die Zeit unwirklich ist,
sondern führt darüber hinaus auch neue Aspekte ein, die zum selben Ergebnis
führen. Erstens gibt es viel mehr Möglichkeiten, die Raumzeit in Raum und
Zeit aufzuteilen (siehe Abbildung 12). Man kann die Zeit zwar anhand eines
Netzwerks von Uhren definieren, die über das Universum verteilt sind, aber die
Uhren können unzuverlässig sein – das heißt, sie können an verschiedenen Orten
verschieden schnell laufen und jede kann schneller gehen und langsamer werden.
Wir beschreiben das, indem wir sagen, dass die Zeit in der allgemeinen
Relativitätstheorie » vielfingrig« sein kann. Zweitens ist die Geometrie des
Raumes und der Raumzeit nicht mehr einfach oder regelmäßig. Sie wird
allgemein: Man denke an irgendeine gekrümmte Oberfläche im Gegensatz zu
einer einfachen Ebene oder einer Kugel. Außerdem wird die Geometrie
dynamisch. Wellen, die wir Gravitationswellen nennen, wandern durch die
Geometrie der Raumzeit. Schwarze Löcher können sich bilden, sich bewegen
und umeinander kreisen. Eine Konfiguration der Welt ist nicht mehr durch
Teilchen gegeben, die im Raum angeordnet sind; die Konfiguration betrifft nun
die Geometrie des Raumes selbst.
Aber was hat die Geometrie des Raumes und der Raumzeit mit der
Gravitation zu tun? Die allgemeine Relativitätstheorie beruht auf der einfachsten
aller wissenschaftlichen Ideen, nämlich dass Fallen ein natürlicher Zustand ist.
Die großen Revolutionen in der Physik lassen sich durch Änderungen dessen
markieren, was als natürliche Bewegung betrachtet wird, wobei wir mit
» natürlich« eine Bewegung meinen, die keiner Erklärung bedarf. Für Aristoteles
war die natürliche Bewegung ein Zustand des Nichtbewegtseins relativ zum
Zentrum der Erde. Jede andere Bewegung war unnatürlich und erforderte eine
Erklärung, wie zum Beispiel eine Kraft, die auf einen Körper wirkte, um ihn zu
bewegen und diese Bewegung aufrechtzuerhalten. Für Galilei und Newton
vollzog sich die natürliche Bewegung auf einer Geraden bei konstanter
Geschwindigkeit, eine Kraft wurde nur dann als Erklärung bemüht, wenn sich
die Geschwindigkeit oder Bewegungsrichtung änderte – was wir
Beschleunigung nennen. Daher empfindet man keine Bewegung in einem
Flugzeug oder Zug, solange diese sich bewegen, ohne zu beschleunigen.
Abb. 12: Wir kontrastieren die übliche Vorstellung von Zeit mit der freier
wählbaren Vorstellung in der allgemeinen Relativitätstheorie. Normalerweise
meinen wir, dass die Zeit überall gleich schnell vergeht, sodass Oberflächen
gleicher Zeit gleiche Abstände voneinander haben, wie in der oberen Zeichnung
gezeigt wird. In der allgemeinen Relativitätstheorie kann die Zeit an jedem Punkt
mit einer anderen Uhr gemessen werden, wobei jede im Vergleich mit den
anderen beliebig schnell laufen kann, solange die Oberflächen gleicher Zeit nicht
kausal miteinander verbunden sind. Wir nennen das die Freiheit der Zeit,
» vielfingrig« zu sein, wie in der unteren Zeichnung illustriert wird.

Man könnte sich Folgendes fragen: Wenn alle Bewegung relativ ist, ist es
dann nicht relevant, relativ wozu das Flugzeug oder der Zug beschleunigt? Die
Antwort lautet: Es ist relevant, und zwar für andere Beobachter, die ebenfalls
nicht beschleunigt werden. Ist das nicht zirkulär? Es ist nicht zirkulär, wenn wir
hinzufügen, dass es eine große Klasse von Beobachtern gibt, die keine Wirkung
auf ihre Bewegung empfinden, und diese bewegen sich alle mit einer konstanten
Geschwindigkeit und mit einer konstanten Richtung relativ zueinander. Diese
besonderen Beobachter werden Inertialbeobachter genannt, und Newtons Gesetze
werden mit Bezug auf sie definiert. Newtons erstes Gesetz behauptet dann, dass
Teilchen, die frei sind (in dem Sinne, dass es keine Kräfte gibt, die auf sie
wirken), sich mit konstanter Geschwindigkeit und in konstanter Richtung
bewegen.
Deshalb kommt es auch darauf an, ob die Sonne oder die Erde sich bewegt.
Die Bewegungsrichtung der Erde ändert sich kontinuierlich – mit Bezug auf
jeden beliebigen Inertialbeobachter –, wenn sie um die Sonne läuft. Das ist eine
Beschleunigung; sie erfordert eine Erklärung, die durch die Gravitationswirkung
der Sonne geliefert wird.
Für Newton war die Gravitation eine Kraft wie andere Kräfte. Aber Einstein
bemerkte, dass die durch Gravitation angetriebene Bewegung eine besondere
Eigenschaft hat, nämlich dass alle Körper mit derselben Beschleunigung fallen,
und zwar unabhängig von ihrer Masse oder irgendwelchen anderen
Eigenschaften. Das ist eine Folge von Newtons Gesetzen. Die Beschleunigung
eines Körpers ist zwar umgekehrt proportional zu seiner Masse, aber Newton
postuliert, dass die Gravitation mit einer Kraft, die seiner Masse proportional
ist, einen Zug auf einen Körper ausübt. Die Wirkungen der Massen heben sich
gegenseitig auf, weshalb die Beschleunigungen, die von der Gravitation
verursacht werden, nicht von der Masse eines Körpers abhängen und alle Körper
mit derselben Beschleunigung fallen.
Einstein erfasste die Natürlichkeit des Fallens mit dem schönsten Prinzip
seines gesamten Werks – und der ganzen Physik –, das er das
» Äquivalenzprinzip« nannte. Es besagt, dass man die eigene Bewegung nicht
spüren kann, wenn man fällt. Das Erleben einer Person in einem nach unten
fahrenden, also fallenden Fahrstuhl ist dasselbe wie das einer Person, die im
Raum frei umherschwebt. Was wir erleben, wenn wir es mit der Gravitation zu
tun haben, ist die Tatsache, dass wir nicht fallen. Die Kraft, die wir empfinden,
wenn wir sitzen oder stehen, ist nicht die Gravitation, die uns nach unten zieht,
sondern es ist der Boden oder der Stuhl, der uns nach oben drückt und uns am
Fallen hindert. Während ich an meinem Schreibtisch sitze, bewege ich mich
eigentlich unnatürlich.
Daher war Einstein ein Genie ersten Ranges. Nicht wegen der
mathematischen Komplexitäten der endgültigen Form der allgemeinen
Relativitätstheorie – das sind triviale Details, die die meisten Mathematik- und
Physikstudenten leicht zu beherrschen lernen –, sondern wegen der Art und
Weise, wie es ihm gelang, unsere Sichtweise eines der einfachsten Aspekte
unserer Erfahrung zu verändern. Vor Einstein dachten wir, dass das, was wir
täglich, ja den ganzen Tag über spüren, die Gravitation sei, die uns nach unten
zieht. Einstein bemerkte, dass wir uns irrten. Was wir spüren, ist, dass der
Boden uns nach oben drückt.
Einstein nahm diese äußerst einfache und äußerst physikalische Idee und
verwandelte sie mithilfe eines befreundeten Mathematikers namens Marcel
Grossmann in eine Hypothese über die Geometrie der Welt. Diese Hypothese
beruhte auf einem Spiel mit dem einfachsten Begriff der Geometrie, dem der
Geraden.
Eine Gerade wird in der Gymnasialgeometrie als die kürzeste Strecke
zwischen zwei Punkten definiert. Diese Definition lässt sich auf die Ebene
anwenden, gilt aber auch für gekrümmte Oberflächen. Man stelle sich eine Kugel
wie die Oberfläche der Erde vor. Man könnte meinen, dass es hier keine Geraden
mehr gibt, weil die Oberfläche ja gekrümmt ist, aber das ist nicht der Fall, wenn
das, was wir unter einer Geraden verstehen, die kürzeste Strecke zwischen zwei
Punkten ist. Kurven, die diese Definition erfüllen, nennen wir Geodäten. Wenn
der Raum eine Ebene ist, sind die Geodäten Geraden; wenn der Raum eine
Kugel ist, sind Geodäten Segmente von Großkreisen und sie sind die Routen,
die Flugzeuge als kürzeste Entfernungen zwischen Städten nehmen. 40
Wenn die Pfade von Objekten, die in einem Gravitationsfeld fallen, die
natürlichen Bewegungen sind, sollten sie die Geraden verallgemeinern, entlang
deren sich nach Newton Gegenstände auf natürliche Weise bewegen, ohne dass
Kräfte auf sie einwirken. Aber jetzt haben wir eine Wahl, denn: Ebenso wie freie
Teilchen sich entlang von Geraden im Raum bewegen, bewegen sie sich entlang
von Geraden in Minkowskis Raumzeit. Wollen wir die Gravitation nun durch
die Krümmung des Raums oder durch die Krümmung der Raumzeit
repräsentieren?
Aus der Perspektive des Blockuniversums ist die Antwort klar: Die Raumzeit
muss gekrümmt sein. Aufgrund der Relativität der Gleichzeitigkeit sind sich
verschiedene Beobachter nicht darin einig, welche Ereignisse gleichzeitig
stattfinden. Es gibt also keine einfache, objektive, beobachterunabhängige
Methode, um die Krümmung des Raums zu beschreiben.
Deshalb entschied sich Einstein dafür, das Äquivalenzprinzip durch die
Krümmung der Raumzeit zu realisieren. Seine Idee war, dass die Krümmung
den Einfluss der Gravitation auf eine solche Weise übertragen würde, dass
Gegenstände, die in einem Gravitationsfeld fallen, sich entlang von Geodäten
bewegen. Frei fallende Körper würden nicht deshalb auf die Erde fallen, weil sie
einer Kraft unterliegen, sondern weil die Raumzeit auf eine solche Weise
gekrümmt ist, dass die Geodäten auf das Zentrum der Erde gerichtet sind.
Planeten würden nicht deshalb um die Sonne kreisen, weil die Sonne eine Kraft
auf sie ausübt, sondern weil ihre gewaltige Masse die Geometrie der Raumzeit
auf eine solche Weise krümmt, dass die Geodäten um sie herumführen.
So erklärte Einstein die Gravitation als einen Aspekt der Geometrie der
Raumzeit. Die Geometrie wirkt auf die Materie, indem sie die Teilchen entlang
den Geodäten leitet. Aber das wirklich Wunderbare an Einsteins allgemeiner
Relativitätstheorie ist die Tatsache, dass diese Wirkung wechselseitig ist.
Einstein postulierte, dass die Masse die Geometrie zur Krümmung veranlasst,
sodass die Geodäten sich zu massereichen Körpern beschleunigen. Um diese
Idee anzuwenden, schlug er Gleichungen vor, die die Raumzeit gerade auf die
richtige Weise zur Krümmung bringen, damit die Wirkungen der Gravitation
imitiert werden.
Diese Gleichungen enthalten viele Konsequenzen, die mit hoher Genauigkeit
durch die Beobachtung bestätigt wurden. Sie veranlassen das Universum als
Ganzes, sich auszudehnen. Sie sagen voraus, dass die Umlaufbahnen der
Planeten um die Sonne und des Mondes um die Erde ganz geringfügig von
denen abweichen, die von der Newton’schen Physik vorhergesagt werden, und
diese Effekte wurden beobachtet. Sie führen dazu, dass die Raumzeit um extrem
kompakte Körper sich so stark krümmt, dass kein Licht entweichen kann; dies
sind schwarze Löcher, und im Zentrum der meisten Galaxien gibt es äußerst
massereiche – so massereich wie viele Millionen Sterne.
Die vielleicht bemerkenswerteste Konsequenz der Gleichungen der
allgemeinen Relativitätstheorie ist, dass die Geometrie der Raumzeit durch den
Durchgang von Wellen durch sie verzerrt wird. Diese Verzerrungen sind analog
zu den Verzerrungen der Oberfläche eines Teiches; es ist die Geometrie des
Raumes selbst, die oszilliert, wenn die Wellen durch ihn hindurchwandern.
Diese Gravitationswellen werden durch schnelle Veränderungen in den
Bewegungen sehr massiver Körper verursacht, wie zum Beispiel dann, wenn
zwei Neutronensterne umeinanderkreisen. Diese Wellen tragen Bilder dieser
heftigen Ereignisse durch das Universum. Große Anstrengungen werden
gegenwärtig zum Aufspüren und Benutzen dieser Bilder unternommen, die ein
neues Fenster zur Astronomie öffnen werden, das uns Einblicke in kollabierende
Supernovae und ganz zurück zu den ersten Augenblicken des Urknalls geben
wird – und möglicherweise auch in die Zeit davor.
Die Wirkungen von Gravitationswellen wurden indirekt beobachtet. Wenn
zwei Neutronensterne sich schnell umeinanderbewegen, nehmen die
Gravitationswellen, die sie generieren, Energie weg, was dazu führt, dass sie
sich in einer Spirale aufeinander zubewegen. Diese Spiralbewegung wurde
beobachtet und stimmte mit großer Genauigkeit mit den Vorhersagen der
allgemeinen Relativitätstheorie überein.

Mit seiner Erfindung der allgemeinen Relativitätstheorie initiierte Einstein einen


radikalen Wandel des Verständnisses von Raum und Zeit.
In der Newton’schen Physik ist die Geometrie des Raumes ein für alle Mal
festgeschrieben. Man stellt sich vor, dass der Raum die Geometrie des
dreidimensionalen euklidischen Raumes besitzt. In der Newton’schen Physik
gibt es auch eine beunruhigende Asymmetrie in der Beziehung zwischen Raum
und Materie. Der Raum scheint der Materie zu sagen, wie sie sich zu bewegen
hat, aber der Raum selbst ändert sich nie. Es gibt keine Gegenseitigkeit. Der
Raum wird nie von der Bewegung der Materie oder gar ihres Vorhandenseins
beeinflusst. Der Raum, so scheint es, wäre genau derselbe, auch wenn es
überhaupt keine Materie in ihm gäbe.
Diese Asymmetrie wird in der allgemeinen Relativitätstheorie, in der der
Raum dynamisch wird, korrigiert. Die Materie beeinflusst die Änderungen in
der Geometrie genauso wie die Geometrie die Bewegung der Materie beeinflusst.
Die Geometrie wird zu einem vollständigen Aspekt der Physik, genauso wie das
elektromagnetische Feld. Die Einstein’schen Gleichungen, die die Dynamik der
Raumzeit ausbuchstabieren, sind dann wie andere Hypothesen: Sie sondieren die
Eigenschaften physikalischer Phänomene und ihre Beziehungen zueinander.
Wenn die Geometrie der Raumzeit für alle Zeiten festgeschrieben wäre,
würden wir sagen, dass Raum und Zeit absolut sind: Nur die Einzelheiten
unterscheiden sich von Newtons Auffassung der Eigenschaften von Raum und
Zeit als zeitlos und unveränderlich. Die Tatsache, dass die Geometrie
dynamisch ist und unter dem Einfluss der Materieverteilung steht, realisiert
Leibniz’ Idee, dass Raum und Zeit rein relational sind.
In seiner Formulierung einer relationalen Theorie von Raum und Zeit ließ
sich Einstein von Ernst Mach leiten, der ein Prinzip einführte, das als
Mach’sches Prinzip bezeichnet wird. Es besagt, dass nur relative Bewegung
ausschlaggebend sein sollte, sodass der Schwindel, wenn wir uns drehen, daher
rühren muss, dass wir uns relativ zu entfernten Galaxien drehen. Die
Behauptung, der Effekt betreffe ausschließlich die relative Bewegung, impliziert,
dass wir dasselbe Schwindelgefühl hätten, wenn wir stillständen und sich das
ganze Universum um uns herumdrehte.
Obwohl die allgemeine Relativitätstheorie in diesen Hinsichten radikal ist,
ist sie doch in einer anderen Hinsicht auch konservativ, insofern sie sich
nämlich nahtlos in das Newton’sche Paradigma einfügt. Es gibt einen Raum
möglicher gemeinsamer Konfigurationen von Geometrie und Materie. Wenn die
Anfangsbedingungen gegeben sind, bestimmen Einsteins Gleichungen die ganze
zukünftige Geometrie einer bestimmten Raumzeit und alles, was sie enthält,
einschließlich Materie und Strahlung.
Und die gesamte Geschichte der Welt wird in der allgemeinen
Relativitätstheorie immer noch von einem mathematischen Objekt repräsentiert.
Die Raumzeit der allgemeinen Relativitätstheorie entspricht einem
mathematischen Objekt, das sehr viel komplexer ist als der dreidimensionale
euklidische Raum der Newton’schen Theorie. Als Blockuniversum betrachtet,
ist sie jedoch zeit- und makellos, ohne Unterscheidung der Zukunft von der
Vergangenheit und ohne Rolle für unser Bewusstsein der Gegenwart oder einen
Hinweis darauf.


Die allgemeine Relativitätstheorie erteilte der fundamentalen Rolle der Zeit in
der Physik einen weiteren Schlag. Implizit ist in der Vorstellung, dass die Zeit
wirklich und fundamental ist, die Idee enthalten, dass die Zeit keinen Anfang
haben kann. Denn wenn die Zeit einen Anfang hat, muss dieser Ursprung der
Zeit durch etwas erklärbar sein, das keine Zeit ist. Und wenn sich die Zeit durch
etwas Zeitloses erklären lässt, dann ist sie nicht fundamental und dasjenige, aus
dem die Zeit entsteht, was auch immer es sei, ist fundamentaler. Aber in jedem
plausiblen Modell eines Universums, das von den Gleichungen der allgemeinen
Relativitätstheorie beschrieben wird, hat die Zeit immer einen Anfang,
Innerhalb eines Jahres nach der Veröffentlichung seiner allgemeinen
Relativitätstheorie im Jahre 1916 wendete Einstein sie auf das ganze Universum
an. Er tat das, indem er sich vorstellte, dass das Universum in seiner
Ausdehnung endlich ist, aber keine Grenze hat – wie eine Kugel. Das war ein
folgenschwerer Schritt; zum ersten Mal konnte das Universum als in sich
geschlossen und endlich betrachtet werden. Es geht zwar nur soundso weit, aber
es gibt keine Möglichkeit, aus ihm herauszugelangen. » Außerhalb des
Universums« hat überhaupt keine Bedeutung.
Bei der Vorstellung eines geschlossenen Universums musste Einstein
annehmen, dass alle Uhren, mit denen die Zeit gemessen wurde, sich innerhalb
des Systems befanden. Das war deshalb möglich, weil die Gleichungen seiner
Theorie eine neue Eigenschaft hatten, nämlich die, dass sie unabhängig davon
einen Sinn ergaben, welche Uhren zur Zeitmessung und welche Geräte zur
Raummessung benutzt wurden. Raum und Zeit konnten so wahnwitzig und
chaotisch wie nur möglich gemessen werden und die Gleichungen funktionierten
immer noch. Die Theorie war also nicht mehr an Messungen durch besondere
Uhren außerhalb des Systems gebunden. 41 Indem sie die Notwendigkeit einer
Uhr außerhalb des Systems beseitigt, kommt die allgemeine Relativitätstheorie
einer relationalen Theorie der Physik zwar um einiges näher. Aber sie beruht
immer noch auf dem Newton’schen Paradigma, da sie anhand zeitloser Gesetze
formuliert werden kann, die auf einem zeitlosen Konfigurationsraum operieren.
Zuerst versuchte Einstein, ein Universum zu modellieren, das nicht nur
endlich im Raum, sondern auch ewig und unveränderlich in der Zeit war. So
originell er im Vergleich mit anderen uns bekannten Wissenschaftlern auch war,
versagte Einsteins Vorstellungskraft doch an dieser Stelle, denn es scheint ihm
nicht in den Sinn gekommen zu sein, das Universum anders denn als statisch
und ewig aufzufassen. Es gab jedoch eine Schwierigkeit, nämlich dass die
Gravitationskraft universell anziehend ist und immer so wirkt, dass sie Dinge
zusammenbringt. Das bedeutet, dass die Gravitation eine kontrahierende
Wirkung auf das ganze Universum hat. Wenn sich das Universum ausdehnt,
wird die Gravitation die Ausdehnung verlangsamen. Wenn es sich weder
ausdehnt noch zusammenzieht, wird die Gravitation die Wirkung haben, dass
eine Kontraktion beginnt. Einstein hätte also vorhersagen können, dass sich das
Universum in der Zeit ändern und sich entweder ausdehnen oder
zusammenziehen muss. Stattdessen änderte er seine Theorie bei dem Versuch,
das Universum statisch bleiben zu lassen, und machte auf diese Weise eine
andere und unbeabsichtigte Entdeckung – die erst vor Kurzem durch
Experimente gewürdigt wurde.
Einstein modifizierte seine Gleichungen, indem er einen Term hinzufügte, der
der Gravitation entgegenwirkt, indem er das Universum zur Ausdehnung
veranlasste. Diese Modifikation ging einher mit einer neuen Naturkonstante, die
eine Energiedichte des leeren Raumes darstellt. Einstein nannte sie die
» kosmologische Konstante« . In der kürzlich beobachteten Beschleunigung des
expandierenden Universums haben wir einen guten Beleg für diese Konstante.
Ein allgemeinerer Name für die Ursache der beschleunigten Ausdehnung ist
» dunkle Energie« , aber wenn ihre Dichte im Raum und in der Zeit konstant ist,
kann sie durch Einsteins kosmologische Konstante beschrieben werden. Bislang
stimmen die Beobachtungen zwar damit überein, aber mehrere kosmologische
Szenarien verlangen, dass die dunkle Energie schließlich doch in der Zeit
variiert.
Ich glaube nicht, dass Einstein sich vorgestellt hat, dass diese Konstante
eines Tages gemessen werden würde, aber eine solche Messung gab es. Sie hat
einen unglaublich winzigen Wert – und entsprechend gewaltige Konsequenzen.
Auch wenn dieser Wert winzig ist, so addieren sich doch seine Wirkungen über
das gesamte Universum hinweg. Es gibt also zwei gegensätzliche Kräfte, die auf
das Universum einwirken. Die Gravitation, die von der gesamten Materie
ausgeht, führt zur Kontraktion, während die kosmologische Konstante die
Ausdehnung beschleunigt.
Einstein schlug ein statisches Universum vor, in dem diese Kräfte genau
ausgeglichen waren. Aber dabei gab es ebenfalls eine Schwierigkeit – das
Gleichgewicht war instabil. Wenn man das Universum nur leicht störte, so
würde eine Tendenz die Oberhand gewinnen und das Universum würde sich
entweder für immer ausdehnen oder für immer zusammenziehen. Das Universum
ist voller Sterne, schwarzer Löcher und Gravitationswellen, die sich bewegen,
und diese würden genügend Störeinflüsse bieten, sodass es nicht lange im
Gleichgewicht bliebe.
Die verblüffende Schlussfolgerung ist, dass das Universum eine Geschichte
haben muss. Es kann sich ausdehnen und es kann sich zusammenziehen, aber es
kann nicht statisch sein. In den 1920er-Jahren entdeckten mehrere Astronomen
und Physiker Lösungen der Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie –
Lösungen, die ein expandierendes Universum beschreiben. Das war ein Glück,
weil der Astronom Edwin Hubble 1927 Belege dafür gefunden hatte, dass sich
das Universum ausdehnt – was impliziert, dass es irgendwo einen Anfang
gehabt haben muss. Und in der Tat hatte jede dieser neuen Lösungen, die nicht
instabil waren, einen ersten zeitlichen Augenblick.
Diese Lösungen sind mit den Namen Alexander Friedmann, H. P.
Robertson, Arthur Walker und Georges Lemaître verbunden und werden
FRWL-Universen genannt. Sie sind sehr einfache Modelle, insofern sie
annehmen, dass das Universum im Raum überall gleich ist – das heißt, es
besteht überall dieselbe Materie- und Strahlungsdichte. Zu Beginn der Zeit in
einem FRWL-Universum werden die Materie- und Strahlungsdichte und die
Stärke des Gravitationsfelds unendlich und bilden eine ursprüngliche
Singularität. An diesem Punkt gilt die allgemeine Relativitätstheorie nicht, weil
die Gleichungen die Entwicklung der Zukunft aus der Gegenwart heraus nicht
mehr beschreiben. Die unendlichen Größen führen dazu, dass sie versagen.
Die meisten Physiker vermuteten, dass die Gleichungen versagten, weil die
untersuchten Modelle zu einfach waren. Sie behaupteten, dass die Singularität
eliminiert werden würde, wenn man mehr Einzelheiten hinzufügt – sodass das
Universum lokale Eigenschaften wie Sterne, Galaxien und Gravitationswellen
haben könnte – und man die Zeit auch weiter hinter diesen Punkt zurück
extrapolieren könnte. Diese Hypothese war schwer zu bestätigen, weil es in der
Zeit vor den Supercomputern unmöglich war, allgemeine Lösungen der
Gleichungen von Einsteins Theorie vollständig zu untersuchen. Mehrere
Jahrzehnte lang überlebte daher die Hypothese einfach aus dem Grund, weil sie
schwer zu überprüfen war. Aber sie erwies sich als falsch. In den 1960er-Jahren
bewiesen Stephen Hawking und Roger Penrose ein Theorem mit dem Inhalt,
dass es in allen Lösungen der Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie,
die unser Universum beschreiben könnten, Singularitäten gibt.
Wenn die allgemeine Relativitätstheorie eine wahre Beschreibung unseres
Universums ist, lässt sich die Schlussfolgerung, dass die Zeit nicht fundamental
sein kann, nur schwer umgehen. Andernfalls müssen wir einige unangenehme
Fragen beantworten – wie etwa » Was geschah, bevor die Zeit begann?« und
» Was setzte das Universum in Bewegung?« . Noch rätselhafter sind Fragen zu
zeitlosen Gesetzen: » Wenn Gesetze zeitlos sind, was haben sie dann getan,
bevor es ein Universum gab, das sie regieren konnten?« Die Antwort ist
offensichtlich, dass es keine Zeit vor dem Universum gab, was bedeutet, dass
die Gesetze ein tieferer Aspekt der Welt sein müssen als die Zeit.
Bei einigen dieser Lösungen geht die Zeit, sobald sie einmal begonnen hat,
immer weiter, da das Universum sich immer weiter ausdehnt und verdünnt.
Aber bei anderen Lösungen erreicht das Universum eine maximale Ausdehnung
und fällt dann in einem » Big Crunch« in sich zusammen. Dabei werden viele
beobachtbare Größen wieder unendlich; diese letzteren Lösungen beschreiben
Universen, in denen auch die Zeit endet. Der Anfang und das Ende der Zeit sind
für das Bild des Blockuniversums kein Problem. In diesem Bild ist das
Wirkliche die Geschichte des Universums, verstanden als ein zeitloses Ganzes.
Diese Wirklichkeit wird nicht gefährdet, wenn sie sich auf eine Welt bezieht, in
der die Zeit beginnt oder endet. Stattdessen stärkt die Entdeckung, dass die Zeit
auch in Lösungen der allgemeinen Relativitätstheorie beginnt, die ein ganzes
Universum beschreiben, das Bild des Blockuniversums, da sie jede Behauptung
schwächt, dass die Zeit fundamentaler als Gesetze ist.
In der Geschichte der Austreibung der Zeit aus der Naturauffassung des
Physikers haben wir einen weiten Weg zurückgelegt. Wir begannen so, wie
Galilei und Descartes begannen, nämlich mit der Erfassung der Bewegung und
dem Einfrieren der Zeit durch ihre Methode der Erstellung von Graphen. Dort
wird die Zeit so dargestellt, als ob sie eine weitere Dimension des Raumes sei.
In der Relativitätstheorie werden diese Bilder der in der Zeit ausgebreiteten
Bewegung zur Raumzeit zu einem zeitlosen Bild der Geschichte des
Universums, in dem der gegenwärtige Augenblick nichts besonders Wirkliches
ist. Die Relativität der Gleichzeitigkeit sagt uns, dass wir nicht zurückgehen
können, um die Zeit vom Raum zu trennen. Wir können uns nur vorwärts zum
Bild des Blockuniversums bewegen, in dem die Geschichte des Universums als
zeitloses Ganzes präsentiert wird. Da die spezielle und allgemeine
Relativitätstheorie durch Experimente gut bestätigt sind, haben wir Physiker
tatsächlich gewichtige Gründe, ein zeitloses Bild der Wirklichkeit anzunehmen.

30 The Principle of Relativity, Mineola 1952 (dt. Das Relativitätsprinzip, Berlin und Leipzig 1922).
In diesem Band sind sieben Aufsätze von Einstein, zwei von Hendrik Antoon Lorentz und je
einer von Hermann Wey l und Hermann Minkowski enthalten.
31 » Zur Elektrody namik bewegter Körper« , Ann. der Phys. 17(10), S. 891–921; » Ist die Trägheit
eines Körpers von seinem Energieinhalt abhängig?« , Ann. der Phys. 18, S. 639–641 (1905).
32 Diejenigen Leser, die wissen wollen, wie die entsprechenden Argumente erklärt werden,
können sich die Online-Anhänge auf www.timereborn.com ansehen.
33 Streng genommen ist es nicht notwendig, anzunehmen, dass die Lichtgeschwindigkeit eine
Geschwindigkeitsgrenze darstellt, aber es vereinfacht die Darstellung sehr.
34 Das ist nicht dasselbe wie die Behauptung, dass es eine Tatsache mit Bezug darauf gibt, ob
zwei Ereignisse gleichzeitig sind, sie aber unmöglich herausgefunden werden kann. Da
verschiedene Beobachter verschiedener Ansicht darüber sein werden, ob zwei Ereignisse
gleichzeitig sind, hat die Behauptung, dass sie es sind oder nicht sind, keine objektive
Bedeutung.
35 Das bedeutet nicht, dass alle Uhren zwischen zwei Ereignissen gleich häufig ticken werden.
Betrachten wir zwei laufende Uhren, die sich aneinander vorbeibewegen, wenn sie beide
Mittag anzeigen, und sich dann voneinander entfernen. Eine von ihnen beschleunigt, wechselt
die Richtung und bewegt sich wieder an der anderen Uhr vorbei, als diese 12:01 Uhr anzeigt.
Die beschleunigte Uhr wird eine andere Zeit anzeigen. Der entscheidende Punkt ist jedoch,
dass alle Beobachter darin übereinstimmen werden, wie oft eine bestimmte Uhr zwischen
zwei Ereignissen tickt. Die Uhr, die am häufigsten zwischen zwei Ereignissen tickt, befindet
sich im freien Fall – und weil die Zeit, die eine frei fallende Uhr misst, sich auf diese Weise
auszeichnet, nennen wir sie die Eigenzeit.
36 Hermann Wey l, Philosophie der Mathematik und der Naturwissenschaften, Darmstadt 1966, S.
150.
37 Wenn das Raumzeitgebiet räumlich begrenzt ist, kann man auch durch eine Reihe von
Schritten unter Verwendung von mehreren zwischengeschalteten X von jedem beliebigen A
zu jedem beliebigen B gelangen. Die unendliche Ausdehnung der Minkowski’schen Raumzeit
ermöglicht es also, das Argument in einem einzigen Schritt zu vollziehen, aber darauf kommt
es nicht an.
38 Hilary Putnam, » Time and Phy sical Geometry « , Jour. Phil. 64, S. 240–247 (1967).
39 John Randolph Lucas, The Future, Oxford 1990, S. 8.
40 Die Geodäten der Raumzeit sind im Unterschied zu denen des Raums diejenigen Pfade, die
die größte Eigenzeit brauchen anstatt die kürzeste Entfernung. Das ist eine Eigenart der
Formulierung der Raumzeitgeometrie; eine frei fallende Uhr tickt schneller und daher
häufiger als irgendeine andere Uhr, die sich zwischen zwei Ereignissen bewegt. Das führt zu
einem guten Rat: Wenn Sie jung bleiben wollen, beschleunigen Sie.
41 Der technische Begriff für diese Eigenschaft ist » allgemeine Koordinaten-Invarianz« ; sie ist
eng mit einer anderen Eigenschaft verbunden, die als » Diffeomorphismus-Invarianz«
bezeichnet wird. Die Newton’sche Mechanik kann auch so formuliert werden, dass die Uhr
ein Teil des Sy stems sein kann und völlige Freiheit bei seiner Spezifikation besteht. Diese
Formulierung wurde von Julian Barbour in Zusammenarbeit mit Bruno Bertotti entwickelt.
Dadurch wird das Newton’sche Paradigma bis zu einem gewissen Maß relational, beruht
aber immer noch auf zeitlosen Gesetzen, die auf einen zeitlosen Konfigurationsraum wirken.
7 Quantenkosmologie und das Ende der Zeit

Am Ende meines ersten Semesters am Hampshire College fuhr ich über die
Weihnachtsferien nach New York City hinunter, wo ich in der Wohnung meines
Cousins in Greenwich Village übernachtete. Am Morgen nahm ich die U-Bahn
in den oberen Stadtteil zu meiner ersten Physiktagung, die den großartigen Titel
» 6. Texas-Symposium über relativistische Astrophysik« trug und in einem
eleganten Hotel mitten in Manhattan stattfand. Ich war nicht eingeladen und
glaube auch nicht, dass ich mich registrieren ließ, aber mein Physikprofessor,
Herb Bernstein, hatte vorgeschlagen, mal vorbeizuschauen. Ich kannte dort keine
Menschenseele, aber irgendwie begegnete ich Kip Thorne vom Caltech, der mir
sagte, dass ich mit dem Ziel, die allgemeine Relativitätstheorie gründlich zu
lernen, das Lehrbuch studieren sollte, das er gerade mit Charles Misner und
John Archibald Wheeler geschrieben hatte. 42 Ich begegnete Lane Hughston,
einem jungen amerikanischen Mathematiker, der in Oxford studierte und sich
eine Stunde Zeit nahm, um mir die revolutionäre neue Twistor-Theorie zu
erklären, und mich dann ihrem Erfinder, Roger Penrose, vorstellte.
Während einer Sitzung – ich hatte mich auf einen Platz im Gang gesetzt –
fuhr in meiner Nähe ein Mann in einem Rollstuhl herein. Stephen Hawking war
bereits berühmt für seine Arbeiten zur allgemeinen Relativitätstheorie, und die
Tagung fand ein Jahr vor seiner verblüffenden Entdeckung statt, dass schwarze
Löcher heiß sind. Ein großer bärtiger Mann mit eleganten Manieren unterhielt
sich mit ihm, wurde dann aber auf die Bühne gerufen. Das war Bryce DeWitt.
Ich erinnere mich nicht mehr, worüber er sprach, aber ich hatte von ihm und
seinen Gleichungen gehört, die Quantenuniversen beschreiben. Ich hatte nicht
den Mut, mit einem von beiden zu sprechen, und ich stellte mir gewiss nicht
vor, dass diese beiden Giganten der modernen Physik mich sieben Jahre später,
als ich mein Doktorat abschloss, einladen würden, mit ihnen
zusammenzuarbeiten.
Bryce DeWitt, John Wheeler, Charles Misner und Stephen Hawking waren
Pioniere, die damals im Begriff waren, eine neue Disziplin zu schaffen: die
Quantenkosmologie. Die Vermählung der allgemeinen Relativitätstheorie mit
der Quantentheorie, die sie erfanden, ist der Gipfel unserer Klettertour zur
zeitlosen Welt der zeitgenössischen Physik. In dem Quantenuniversum, das sie
beschrieben, ist die Zeit nicht nur redundant, sondern verschwindet ganz. Der
Quantenkosmos entwickelt oder verändert sich nicht, er expandiert oder
kontrahiert nicht, er ist einfach nur.
Diese Disziplin, das muss betont werden, ist ein hoch spekulativer und
poetischer Bereich der theoretischen Physik, der noch keine solide Verbindung
mit der Beobachtung hat. Den Schlussfolgerungen, die man aus ihm ziehen
kann, fehlt es an der Autorität des Bildes der Natur, das die Relativitätstheorie
bereitstellt, die experimentell immer wieder triumphiert hat und uns auch
weiterhin mit der Genauigkeit ihrer Vorhersagen überrascht.
Wir beginnen mit der Quantenmechanik, die ein Triumph der Methode ist,
Physik in künstlicher Isolation zu praktizieren. Ich werde ein paar grundlegende
Dinge dazu erklären müssen, wie die Subsysteme des Universums in der
Quantenmechanik modelliert werden, um den Weg für eine zweistufige
Extrapolation unserer gegenwärtigen Physik zu bereiten. Zuerst müssen wir die
Quantenmechanik mit der allgemeinen Relativitätstheorie vereinheitlichen, um
eine Quantentheorie der Gravitation zu erhalten. Es gibt verschiedene Ansätze zu
dieser Vereinheitlichung und noch kein Experiment, um zwischen ihnen zu
entscheiden; aber wir wissen genug darüber, wie eine solche Theorie formuliert
werden könnte, um zum zweiten Schritt überzugehen, nämlich zur Aufnahme
des ganzen Universums in die Quantentheorie.
Wir werden sehen, dass das Ergebnis ein zeitloses Bild der Natur ist.
Die Quantenmechanik bietet eine sehr erfolgreiche Beschreibung
mikroskopischer Systeme wie Atome oder Moleküle. Aber sie ist sehr rätselhaft.
Als Folge der Versuche, ihr einen Sinn abzugewinnen, wurden mehrere radikal
verschiedene Konzeptualisierungen der Quantenphysik erfunden. Sie
unterscheiden sich in ihrer Einstellung zu Zeit versus Zeitlosigkeit sowie in
ihrer Ansicht darüber, ob die Quantentheorie auf das gesamte Universum
angewendet werden kann – beides sind Schlüsselthemen für unsere vorliegende
Erörterung. 43
Meiner Ansicht nach ist die beste Methode, die Quantenmechanik zu
erklären, mit Überlegungen darüber zu beginnen, welches der Zweck der
Naturwissenschaft ist. Viele von uns meinen, dass der Zweck der
Naturwissenschaft darin besteht, zu beschreiben, wie die Natur wirklich ist – um
ein Bild von der Welt zu geben, das wir für wahr halten können, auch wenn wir
nicht da wären, um es anzuschauen. Wenn Sie sich die Naturwissenschaft so
vorstellen, werden Sie von der Quantenmechanik sehr enttäuscht sein, weil die
Quantenmechanik kein Bild davon gibt, was in einem einzelnen Experiment
geschieht.
Niels Bohr, einer der Begründer der Quantentheorie, behauptete, dass
diejenigen, die in diesem Sinne enttäuscht waren, eine falsche Vorstellung über
den Zweck der Naturwissenschaft hatten. Das Problem, so Bohr, hat nichts mit
der Theorie zu tun, sondern damit, was wir von einer Theorie erwarten. Bohr
verkündete, dass der Zweck einer wissenschaftlichen Theorie nicht in der
Beschreibung der Natur bestehe, sondern darin, uns Regeln an die Hand zu
geben, um Dinge in der Welt zu manipulieren, und eine Sprache, mit der wir
miteinander über die Ergebnisse solcher Manipulationen sprechen können.
Die Sprache der Quantentheorie nimmt ein aktives Eingreifen in die Natur an,
denn sie spricht darüber, wie ein Experimentator Fragen an ein mikroskopisches
System stellt. Er kann das System präparieren, sodass es isoliert und zur
Untersuchung bereit ist. Er kann es transformieren, indem er es verschiedenen
äußeren Einflüssen aussetzt. Und dann kann er es messen, indem er Geräte
einsetzt, die Antworten auf Fragen auslesen, welche man möglicherweise an das
System stellen möchte. Die mathematische Sprache der Quantenmechanik
repräsentiert jeden der Schritte im Verlauf der Präparation, Transformation und
Messung. Aufgrund der Betonung dessen, was wir mit einem
quantenmechanischen System tun, können wir diesen Ansatz den operationalen
Zugang zur Quantenmechanik nennen.
Das zentrale mathematische Objekt in der Quantenbeschreibung eines
Systems wird Quantenzustand genannt. Er enthält alle Informationen, die ein
Beobachter von einem Quantensystem infolge seiner Präparation und Messung
wissen kann. Diese Informationen sind begrenzt und in den meisten Fällen
reichen sie nicht aus, um genau vorherzusagen, wo die Teilchen eines Systems
sind. Stattdessen gibt uns ein Quantenzustand Wahrscheinlichkeiten dafür an,
wo wir die Teilchen finden könnten, wenn wir ihre Positionen messen wollten.
Betrachten wir ein Atom, das aus einem Kern besteht, um den sich einige
Elektronen bewegen. Die genaueste Beschreibung, die man von dem Atom
geben könnte, würde darin bestehen, dass man sagt, wo jedes Elektron sich
befindet. Jede Anordnung der Elektronen ist eine Konfiguration. Die beste
Beschreibung der Quantenmechanik besteht darin, für jede mögliche
Konfiguration, in der die Elektronen sein könnten, eine Wahrscheinlichkeit
anzugeben. 44
Wie überprüft man die Vorhersagen einer Theorie, wenn diese Vorhersagen
nur probabilistisch sind? Man denke etwa an die Vorhersage, dass eine
geworfene Münze in 50 Prozent der Fälle mit dem Kopf nach oben landet. Um
das zu überprüfen, kann man eine Münze nicht einfach nur einmal werfen; dieser
eine Wurf wird entweder Kopf oder Zahl sein und beide Möglichkeiten stimmen
mit der Vorhersage überein, dass das eine oder das andere in der Hälfte der Fälle
geschieht. Man muss eine Münze viele Male werfen und registrieren, wie groß
der Anteil der Kopfwürfe ist. Je öfter man wirft, umso mehr wird der Anteil der
Kopfwürfe zu 50 Prozent hin tendieren. Dasselbe gilt für die probabilistischen
Vorhersagen der Quantenmechanik: Um sie zu bestätigen, muss man ein
Experiment viele Male durchführen. 45 Die Messung eines einzigen
Quantensystems ist so, als ob man eine Münze nur einmal werfen würde:
Welches zufällige Ergebnis man auch immer erhalten würde, es wäre konsistent
mit nahezu jeder Vorhersage der Theorie.
Diese Methode ist nur dann sinnvoll, wenn man sie auf ein kleines, isoliertes
System anwendet, zum Beispiel auf ein Wasserstoffatom. Wir brauchen eine
große Zahl identischer Exemplare des Systems, um die Vorhersagen zu
überprüfen; wenn wir nur ein Exemplar haben, können wir die Vorhersagen nicht
überprüfen – weil sie probabilistisch sind! Wir müssen auch in der Lage sein,
diese Menge von Systemen zu manipulieren, um sie ursprünglich in dem
Quantenzustand zu präparieren, an dem wir interessiert sind, und dann etwas an
ihnen zu messen. Aber wenn wir viele Exemplare eines Systems in der Welt
haben, dann muss jedes Exemplar nur ein kleiner Teil dessen sein, was
existiert. Unter den Dingen, die nicht zu dem modellierten System gehören,
sind die Instrumente und Koordinatenachsen, die wir verwenden, um die
Konfigurationen des Systems zu messen.
Die Anwendung der Quantenmechanik scheint also auf isolierte Systeme
beschränkt zu sein. Sie ist eine Erweiterung des Newton’schen Paradigmas –
Physik in künstlicher Isolation zu praktizieren. Um zu sehen, wie stark die
Methode der Quantenmechanik auf der Untersuchung isolierter Systeme beruht,
wollen wir uns ansehen, wie Veränderungen in der Zeit beschrieben werden.
Die Gesetze der Newton’schen Physik sind deterministisch, was bedeutet,
dass die Theorie exakte Vorhersagen dafür liefert, wie sich das System in der
Zeit entwickelt. Ebenso sagt uns ein Gesetz der Quantenmechanik, wie sich der
Quantenzustand eines Systems in der Zeit entwickelt. Dieses Gesetz ist ebenfalls
deterministisch in dem Sinne, dass man bei einem gegebenen anfänglichen
Quantenzustand exakt vorhersagen kann, wie der Quantenzustand zu einer
späteren Zeit aussehen wird.
Das Gesetz der Entwicklung von Quantenzuständen wird
Schrödingergleichung genannt. Sie funktioniert genauso wie Newtons Gesetze,
gibt aber Auskunft darüber, wie sich Zustände – und nicht die Positionen der
Teilchen – in der Zeit verändern. Wenn man einen Anfangsquantenzustand
eingibt, wird die Schrödingergleichung einem sagen, welches der
Quantenzustand zu einer beliebigen späteren Zeit sein wird.
Wie bei der Newton’schen Physik muss die Uhr zusammen mit den
Beobachtern und ihren Messinstrumenten außerhalb des Systems sein.
Obwohl die Evolution des Quantenzustands deterministisch ist, sind die
Implikationen für die genauen Konfigurationen der Atome nur probabilistisch –
weil die Verbindung zwischen dem Quantenzustand und den Konfigurationen
selbst probabilistisch ist.
Die Voraussetzung, dass die Uhr, die die Zeit in der Quantenmechanik misst,
außerhalb des Systems sein muss, hat deutliche Konsequenzen, wenn wir
versuchen, die Quantentheorie auf das Universum als Ganzes anzuwenden.
Definitionsgemäß kann sich nichts außerhalb des Universums befinden, nicht
einmal eine Uhr. Wie verändert sich also der Quantenzustand des Universums
im Hinblick auf eine Uhr außerhalb des Universums? Da es keine solche Uhr
gibt, ist die einzig mögliche Antwort, dass er sich im Hinblick auf eine externe
Uhr nicht verändert. Infolgedessen erscheint der Quantenzustand des
Universums, von einem sagenhaften Standpunkt außerhalb des Universums
betrachtet, in der Zeit eingefroren zu sein.
Das ist zugegebenermaßen ein fades verbales Argument, das den Eindruck
erweckt, es könnte leicht zu irreführenden Schlüssen führen. Aber in diesem Fall
stimmt die Mathematik und liefert uns dasselbe Ergebnis wie in dem Fall, in
dem wir die Schrödingergleichung auf den Quantenzustand des Universums
anwenden: Der Zustand ändert sich nicht in der Zeit.
In der Quantentheorie ist eine Veränderung in der Zeit mit Energie
verbunden. Das ist die Folge einer Grundeigenschaft der Quantenphysik, die als
Welle-Teilchen-Dualität bezeichnet wird.
Newton fasste das Licht so auf, dass es aus Teilchen zusammengesetzt ist.
Später wurden Phänomene der Strahlenbeugung und Interferenz untersucht, und
um diese zu erklären, wurde angenommen, dass Licht eine Welle ist. Im Jahre
1905 löste Einstein das Dilemma mit Bezug auf das Wesen des Lichts, indem
er vorschlug, dass Licht Wellen- und Teilchenaspekte besitzt. Fast zwei
Jahrzehnte später schlug Louis de Broglie vor, dass diese Dualität von Welle
und Teilchen universal ist: Alles, was sich bewegt, hat einige Aspekte einer
Welle und einige Aspekte eines Teilchens.
Das mag mysteriös erscheinen: Es ist gewiss unmöglich, sich etwas visuell
vorzustellen, das sowohl eine Welle als auch ein Teilchen ist. Genau! Wie ich
schon bemerkt habe, beschreibt die Quantenmechanik Phänomene, die nicht
visualisiert werden können. Wir können Quantenteilchen in Experimenten zwar
manipulieren und darüber sprechen, wie sie auf Messungen reagieren, aber wir
können das, was vor sich geht, ohne unsere Manipulation der Natur nicht
visualisieren.
Ein Wellenaspekt des Lichts ist seine Frequenz, das heißt die Häufigkeit, in
der es pro Sekunde oszilliert. Ein Teilchenaspekt des Lichts ist seine Energie;
jedes Lichtteilchen ist Träger einer bestimmten Energiemenge. In der
Quantenmechanik ist die Energie im Teilchenbild immer proportional zur
Frequenz im Wellenbild. 46
Mit diesem Verständnis der Welle-Teilchen-Dualität ausgestattet, kehren wir
zum Quantenzustand des Universums zurück. Da es keine Uhr außerhalb des
Universums gibt, kann sich der Quantenzustand des Universums nicht in der
Zeit ändern. Deshalb muss seine Oszillationsfrequenz null sein – wenn es
eingefroren ist, kann es nicht oszillieren. Da jedoch die Frequenz proportional
zur Energie ist, bedeutet das, dass die Energie des Universums null sein muss.
Es gibt einen negativen Energiebetrag, der in jedem System gefangen ist, das
durch Gravitation zusammengehalten wird. Betrachten wir das Sonnensystem.
Wenn man Venus aus ihrer Umlaufbahn um die Sonne herausdrücken und sie
aus dem Sonnensystem entfernen wollte, würde das Energie erfordern. Da man
Energie hinzufügen muss, um Venus in einen Zustand zu bringen, in dem sie
keine Energie hat, während sie auf ihrer Umlaufbahn bleibt, hat Venus negative
Energie. Diese negative Energie wird gravitative potenzielle Energie genannt.
Das Universum kann eine Gesamtenergie von null haben, da die gesamte
gravitative potenzielle Energie, die alle seine Teile zusammenhält, exakt alle
positive Energie im Universum ausgleicht, die sich in den Massen und
Bewegungen all seiner Materie ausdrückt.
Da er eine Energie und Frequenz von null besitzt, ist der Quantenzustand des
Universums eingefroren. Das Quantenuniversum dehnt sich weder aus noch zieht
es sich zusammen. Es gibt keine Gravitationswellen, die durch es
hindurchgehen. Es gibt keine Galaxiebildung, keine Planeten, die Sterne
umkreisen. Das Quantenuniversum existiert einfach nur. 47
Diese Konsequenzen der Anwendung der Quantenmechanik auf das
Universum als Ganzes wurden Mitte der 1960er-Jahre von den Pionieren auf
dem Gebiet der Quantengravitation entdeckt: DeWitt, Wheeler und Peter
Bergmann. Die Gleichung, auf die wir anspielten – die Schrödingergleichung
mit der Bedingung, dass alle Frequenzen verschwinden –, ist nach zweien dieser
Pioniere benannt und heißt Wheeler-DeWitt-Gleichung. Sehr bald bemerkten sie
das Verschwinden der Zeit und man begann, über die Implikationen zu streiten.
Der Streit hält immer noch an. Alle paar Jahre veranstaltet jemand eine Tagung
zum Problem der Zeit in der Quantenkosmologie. Da die menschliche
Erfindungsgabe grenzenlos ist, wurde ein breites Spektrum von Antworten und
Vorschlägen angeboten.
Der eingefrorene Zustand ist nicht das Einzige, was schiefgeht, wenn wir
versuchen, die Quantentheorie auf die Kosmologie anzuwenden. 48
Es gibt nur ein Universum, weshalb man keine Population von Systemen in
identischen Quantenzuständen konstruieren und die an ihnen vorgenommenen
Messungen mit den Wahrscheinlichkeiten vergleichen kann, die von der
Quantenmechanik vorhergesagt werden. Der Spielraum für den Vergleich
zwischen Theorie und Experiment oder Beobachtung schrumpft dadurch sofort
dramatisch zusammen.
Es ist sogar noch schlimmer als das, weil wir das Universum nicht in einem
Anfangsquantenzustand präparieren, geschweige denn die Konsequenzen
verschiedener Wahlmöglichkeiten eines Anfangszustands untersuchen können.
Das Universum hat sich nur einmal ereignet und hatte einen ganz bestimmten
Anfangszustand. Wir waren nicht anwesend, um seinen Anfangszustand
auszuwählen, und selbst wenn wir anwesend gewesen wären, hätten wir das
Universum nicht manipulieren können, weil wir ein Teil von ihm gewesen
wären. Gerade die Idee, das Universum in einem bestimmten Anfangszustand zu
präparieren, unterstellt uns einen gottähnlichen Status der Existenz außerhalb
des Universums.
Die Tragödien der Quantenkosmologie sind recht zahlreich: Wir können den
Anfangszustand des Quantenuniversums nicht präparieren und wir können nicht
von außerhalb des Universums einwirken, um ihn zu transformieren. Wir haben
keinen Zugang zu einer Menge von Universen, um den Wahrscheinlichkeiten
einen Sinn abzugewinnen, die der Quantenformalismus ausgibt. Darüber hinaus
gibt es keinen Platz außerhalb des Universums, wohin wir unsere
Messinstrumente stellen könnten. Und deshalb macht es auch keinen Sinn,
Veränderungen anhand einer Uhr zu messen, die sich außerhalb des untersuchten
Quantensystems befindet.
Von einem operationalen Standpunkt aus gesehen, war es verrückt, die
Quantenmechanik überhaupt auf das ganze Universum anzuwenden. Es ist so
vieles schiefgelaufen, weil wir die Quantenmechanik auf einen Kontext
angewendet haben, in dem keine der operationalen Definitionen, die zur
Definition der Theorie verwendet wurden, einen Sinn ergibt. All das ist die
Vergeltung für den Fehler, eine Methode, die an kleine Teile des Universums
gut angepasst ist, auf das gesamte Universum auszudehnen.
Das Problem ist sogar noch ein bisschen größer, als es hier dargestellt wurde,
weil die Wahl einer Zeitkoordinate in der allgemeinen Relativitätstheorie völlig
beliebig ist, wie wir gesehen haben. Also muss man fragen: » Wenn es eine Uhr
außerhalb des Universums gäbe, welchem Zeitbegriff innerhalb des Universums
würde sie entsprechen?« Und: » Wenn es einen oszillierenden Quantenzustand
gäbe, welche Uhren im Universum würden diesen als eine regelmäßige
Oszillation erfassen?« Die Antwort ist: » Jeder mögliche Zeitbegriff und jede
mögliche Uhr.« Infolgedessen gibt es nicht eine Wheeler-DeWitt-Gleichung,
sondern unendlich viele. Sie behaupten, dass die Frequenz, mit der der
Quantenzustand oszilliert, für jeden möglichen Zeitbegriff und jede mögliche
Uhr innerhalb des Universums null ist. Für jede mögliche Uhr, die von jedem
möglichen Beobachter mitgeführt wird, geschieht im Quantenuniversum nichts.
All das blieb zwei Jahrzehnte lang ein akademisches Problem, weil niemand
die Wheeler-DeWitt-Gleichungen wirklich lösen konnte. Es dauerte bis zur
Erfindung des Loop-Quantengravitation (oder Schleifenquantengravitation)
genannten Ansatzes, bis es einen Kontext gab, in dem diese Gleichungen präzise
genug formuliert werden konnten, um gelöst zu werden. Diese Revolution
wurde von Abhay Ashtekars Entdeckung einer neuen Formulierung der
allgemeinen Relativitätstheorie im Jahre 1985 in Gang gesetzt. 49 Einige
Monate später hatte ich das Glück, am Institut für theoretische Physik (das jetzt
Kavli-Institut für theoretische Physik heißt) an der University of California in
Santa Barbara mit Ted Jacobson (der jetzt an der University of Maryland ist) zu
arbeiten, und wir fanden die ersten exakten Lösungen der Wheeler-DeWitt-
Gleichungen – tatsächlich unendlich viele. 50 Andere Gleichungen mussten
gelöst werden, um einen vollständigen Quantenzustand des Gravitationsfelds zu
schreiben, und das wurde zwei Jahre später durch Carlo Rovelli erreicht, der
damals am Istituto Nazionale di Fisica Nucleare an der Universität Rom
arbeitete. 51 Man kam schnell voran, und eine viel größere Menge von Lösungen
wurde von Thomas Thiemann in den frühen 1990er-Jahren in Harvard
entdeckt. 52 Seit jener Zeit wurden noch leistungsfähigere Techniken zur
Generierung von Lösungen entwickelt, die auf etwas beruhen, das wir jetzt
Spinschaummodelle nennen. 53 Diese Ergebnisse erhöhen die Dringlichkeit, das
Problem der Zeit in einem zeitlosen Universum zu lösen, um all diesen
mathematischen Lösungen einer Theorie der Quantengravitation eine
physikalische Bedeutung zu verleihen.
Der entscheidende Punkt des Problems ist, ob man sagen kann, dass die Zeit
aus einem zeitlosen Universum » emergiert« , sodass die Theorie nicht in
eklatantem Widerspruch mit den Aspekten der Zeit steht, die wir in der Welt
am Werke sehen. Manche meiner Kollegen schlagen vor, dass die Zeit Teil
einer näherungsweisen Beschreibung des Universums ist – eine Beschreibung,
die in großen Maßstäben nützlich ist, sich aber auflöst, wenn wir zu nahe
herangehen. Die Temperatur verhält sich auf diese Weise: Makroskopische
Körper haben Temperaturen, aber einzelne Teilchen haben keine, weil die
Temperatur eines Körpers sich als Durchschnitt der Energien der Atome erweist,
aus denen er besteht. Manche Physiker haben vorgeschlagen, dass die Zeit – wie
die Temperatur – nur sinnvoll für große Körper ist, auf der Planckskala aber
irrelevant. Andere Ansätze zielen darauf ab, die Zeit in Korrelationen zwischen
verschiedenen Subsystemen des Universums zu entdecken.
Ich habe unzählige Stunden damit verbracht, diese verschiedenen Ansätze im
Hinblick darauf zu erwägen, wie die Zeit aus einem zeitlosen Universum
entstehen könnte, und bin auch weiterhin nicht davon überzeugt, dass
irgendeiner davon funktioniert. In manchen Fällen sind die Gründe technischer
Art, und es wäre nicht hilfreich, sie hier zu erläutern. Die tieferen Gründe für
meinen Skeptizismus gegenüber der Quantenkosmologie werden unser
Hauptaugenmerk in Teil II dieses Buches sein.
Meine Freunde, die auf der anderen Seite dieser Debatte stehen, machen
geltend, dass die Annahmen, die zu den Wheeler-DeWitt-Gleichungen führen,
nur die Prinzipien der Quantenmechanik und der allgemeinen Relativitätstheorie
zusammengenommen beinhalten. Da diese Prinzipien jeweils in ihrem eigenen
Bereich experimentell gut bestätigt sind, ist es vernünftig, all ihre Implikationen
zunächst ernst zu nehmen und zu versuchen, sie zu verstehen und
weiterzuentwickeln.
Als ich einer seiner Postdoktoranden war, pflegte Bryce DeWitt uns zu
ermahnen, nicht zu versuchen, einer Theorie unsere metaphysischen Vorurteile
aufzuzwängen, sondern die Theorie ihre eigene Interpretation diktieren zu lassen.
Ich kann immer noch hören, wie er uns mit seiner sanften Stimme riet: » Lasst
die Theorie sprechen.«
Der bestdurchdachte Ansatz, wie man der Quantenkosmologie, die auf den
Wheeler-DeWitt-Gleichungen beruht, einen Sinn abgewinnen kann, wurde von
dem britischen Physiker, Philosophen und Wissenschaftshistoriker Julian
Barbour vorgeschlagen. Er beschrieb diesen Ansatz in seinem 1999 erschienenen
Buch The End of Time. Barbours Idee ist radikal, aber in Worten nicht schwer
zu erklären. Er behauptet, dass im Grunde alles, was existiert, eine riesige
Ansammlung eingefrorener Augenblicke ist. Jeder Moment hat die Form einer
Konfiguration des Universums. Jede Konfiguration existiert als ein Zeitpunkt –
und wird von allen Wesen erlebt, die in dieser Konfiguration eingeschlossen
sind. Barbour nennt die Menge all dieser Momente » den Momenthaufen« . Die
Momente im Haufen folgen nicht aufeinander. Sie haben keine Ordnung. Sie
sind einfach. In Barbours metaphysischem Bild existiert nichts außer diesen
reinen Zeitmomenten.
Man könnte einwenden: » Aber ich erlebe, wie die Zeit vergeht.« Barbour
sagt, dass das nicht der Fall sei. Alles, was jeder von uns erlebt, so betont er,
sind Momente – Schnappschüsse von Erlebnissen. Schnippen Sie mit den
Fingern – das war ein Schnappschuss, ein Moment im Haufen. Schnippen Sie
noch einmal mit den Fingern – das ist ein anderer Moment. Sie haben den
Eindruck, dass der zweite auf den ersten folgte, aber das ist eine Illusion. Sie
meinen das, weil Sie im zweiten Moment eine Erinnerung an den ersten
Moment haben. Aber diese Erinnerung ist kein Erlebnis der vergehenden Zeit
(von dem Barbour behauptet, dass es nie stattfindet); es ist nur so, dass die
Erinnerung an den ersten Moment Teil des Erlebnisses des zweiten Moments
ist. Alles, was wir erleben – und alles, was Barbour zufolge wirklich ist –, sind
die einzelnen Momente im Haufen.
Der Haufen hat jedoch auch eine gewisse Struktur. Momente können mehr als
einmal vertreten sein. Man kann dann von der relativen Häufigkeit der Momente
sprechen; ein Moment kann eine Milliarde Mal häufiger vertreten sein als ein
anderer Moment.
Diese relativen Häufigkeiten von Momenten sind das, worauf sich die von
einem Quantenzustand gegebenen Wahrscheinlichkeiten beziehen. Zwei
Konfigurationen haben eine relative Wahrscheinlichkeit, in dem Haufen zu
erscheinen. Diese wird durch ihre relative Wahrscheinlichkeit im
Quantenzustand angegeben.
Das ist alles, was es gibt. Es gibt ein Quantenuniversum, das von einem
Quantenzustand beschrieben wird. Dieses Universum besteht aus einer sehr
großen Menge von Momenten. Manche kommen häufiger vor als andere.
Manche kommen in der Tat sehr viel häufiger vor als andere.
Manche der weitverbreiteten Konfigurationen im Haufen sind langweilig. Sie
beschreiben einen Zeitpunkt in einem Universum, das mit einem Gas aus
Photonen oder einem Gas aus Wasserstoffatomen ausgefüllt ist. Barbour
behauptet, dass im tatsächlichen Quantenzustand des Universums die meisten
dieser langweiligen Konfigurationen ein geringes Volumen einnehmen. Daher
lautet seine Vorhersage, dass es eine Korrelation zwischen Kleinheit und
Langweiligkeit gibt. Wenn es die Zeit gäbe, würden wir sagen, dass das
Universum langweilig war, als es klein war. Barbour meint, es würde
ausreichen, einfach zu sagen, dass klein zu sein und langweilig zu sein
Eigenschaften von Momenten in dem Haufen sind, die hoch miteinander
korrelieren.
Andere Konfigurationen im Haufen sind sehr interessant – voller
Komplexität, mit Lebewesen wie uns, die auf Planeten leben, die Sterne in
Galaxien umkreisen, welche wiederum in Streifen und Haufen angeordnet sind.
Barbour behauptet, dass im richtigen Quantenzustand die Eigenschaft, voller
Komplexität und Leben zu sein, mit einem großen Volumen korreliert. Somit
wird es in vielen und vielleicht sogar den meisten der Konfigurationen im
Haufen mit großen Volumina Lebewesen geben.
Darüber hinaus behauptet Barbour, dass im richtigen Quantenzustand die
meisten gewöhnlichen Konfigurationen Strukturen aufweisen, die sich implizit
auf andere Zeitpunkte beziehen. Diese Bezüge nennt Barbour » Zeitkapseln« . Es
handelt sich dabei um Gedächtnisinhalte, Bücher, Artefakte, Fossilien, DNS und
so weiter. Die Zeitkapseln erzählen eine Geschichte, die sich als Abfolge von
Zeitpunkten interpretieren lässt, in denen sich Dinge ereigneten, die aufeinander
aufbauten, was zu Komplexität führte. Das heißt, die Zeitkapseln führen zu der
Illusion, dass die Zeit vergeht.
Barbours Theorie zufolge ist die Kausalität ebenfalls eine Illusion. Nichts
kann Ursache von etwas anderem sein, weil in Wirklichkeit im Universum
nichts geschieht: Es gibt einfach nur einen riesigen Haufen von Zeitpunkten, von
denen einige von Wesen wie uns selbst erlebt werden. In Wirklichkeit ist jedes
Erlebnis jedes Zeitpunkts einfach nur das: unverbunden mit allen übrigen. Es
gibt zwar Zeitpunkte, aber keine Ordnung dieser Zeitpunkte, kein Vergehen der
Zeit.
Aber die Wheeler-DeWitt-Gleichungen gestatten die Emergenz von
Annäherungen an Ordnung und Kausalität, sodass es Korrelationen zwischen
den häufigsten Momenten gibt – Korrelationen, die es so aussehen lassen, als ob
es eine Abfolge von Zeitpunkten gäbe, zwischen denen kausale Prozesse
stattfinden könnten. Bei einem hohen Approximationsgrad kann die Geschichte
der Aufeinanderfolge von Zeitpunkten nützlich sein für die Erklärung von
Strukturen, die in den Zeitpunkten vorkommen. Aber das ist keine fundamentale
Geschichte, und wenn man nur genau genug hinsieht, gibt es keine Ordnung
und keine Kausalität, sondern nur einen Haufen von Zeitpunkten.
Barbours Theorie hat gewisse elegante Eigenschaften. Sie löst geschickt das
Problem, worauf sich die Wahrscheinlichkeiten in der Quantenkosmologie
beziehen können. Es gibt zwar nur ein Universum, aber es enthält viele
Momente. Die Quantenwahrscheinlichkeiten sind wirkliche
Wahrscheinlichkeiten im Sinne relativer Häufigkeiten von Momenten, die als
Teil der Wirklichkeit existieren. Insofern Barbours Schema im Einzelnen
funktioniert, erklärt es auch, wie der Eindruck entsteht, dass die Welt eine
Geschichte hat, in der kausale Prozesse zum Aufbau komplexer Strukturen
beitragen. Dieser Vorschlag erklärt auch die scheinbare Gerichtetheit der Zeit: Es
gibt eine bevorzugte Richtung im Konfigurationsraum, nämlich weg von den
Konfigurationen mit kleinem Volumen und hin zu größeren Volumina. Bei der
Emergenz der Zeit korreliert ein zunehmendes Volumen gut mit der
zunehmenden Zeit, wodurch erklärt wird, warum das Universum einen Zeitpfeil
aufzuweisen scheint.
Barbours Version einer zeitlosen Quantenkosmologie bietet konkreten Trost
angesichts unserer Sterblichkeit. Das kann ich spüren. Ich wünschte, ich könnte
es auch glauben. Sie erleben sich selbst in einer Menge von Momenten. Barbour
zufolge ist das alles, was es gibt. Diese Momente existieren immer und ewig.
Die Vergangenheit geht nicht verloren. Die Vergangenheit, die Gegenwart und
die Zukunft sind immer bei uns. Ihr Erleben mag sich zwar in einer endlichen
Menge von Momenten darstellen, aber diese Momente verschwinden niemals
noch hören sie je auf. Es gibt also nichts, was zu Ende geht, wenn Sie den
letzten Tag Ihres Lebens erreichen. Es ist nur so, dass Sie jetzt einen Moment
erleben, der alle Gedächtnisinhalte aufweist, die Sie je haben werden. Aber
nichts endet, weil nichts jemals begann. Die Angst vor dem Tod beruht auf
einer Täuschung, die ihrerseits auf einem Fehler des Verstandes beruht. Es gibt
keinen Fluss der Zeit, der zu Ende geht, weil es keinen Fluss der Zeit gibt. Es
gibt immer nur und wird immer nur die Momente Ihres Lebens geben.
Ich werde nicht darüber spekulieren, was Einstein von Julian Barbours
zeitloser Quantenkosmologie gehalten hätte. Aber es gibt Belege dafür, dass er
große Befriedigung und Trost im Verschwinden der Zeit innerhalb der
Vorstellung eines Blockuniversums fand. Seit seinen Jugendjahren hatte er
versucht, die chaotische menschliche Welt durch die Betrachtung der zeitlosen
Naturgesetze zu transzendieren. In einem Kondolenzbrief an die Witwe seines
Freundes Michele Besso schrieb er: » Nun ist er mir auch mit dem Abschied
von dieser sonderbaren Welt ein wenig vorausgegangen. Das bedeutet nichts.
Für uns gläubige Physiker hat die Scheidung zwischen Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft nur die Bedeutung einer, wenn auch hartnäckigen,
Illusion.«

42 Charles W. Misner, Kip S. Thorne & John Archibald Wheeler, Gravitation, San Francisco 1973
43 Weiteres Material zu den verschiedenen Interpretationen der Quantentheorie und ihre
Implikationen für die Argumente dieses Buches finden Sie auf www.timereborn.com.
44 Der Quantenzustand liefert diese Wahrscheinlichkeiten über einen Prozess in zwei Schritten.
Im ersten Schritt lässt sich der Quantenzustand dadurch repräsentieren, dass man für jede
mögliche Konfiguration eine Zahl angibt, die als Quantenamplitude dieser Konfiguration
bezeichnet wird. Im zweiten Schritt nimmt man das Quadrat der Amplitude jeder
Konfiguration, um die Wahrscheinlichkeit dafür zu erhalten, dass das Sy stem sich in dieser
Konfiguration befindet. Warum diese beiden Schritte? Die Amplitude ist eine komplexe Zahl
– eine Kombination aus zwei gewöhnlichen reellen Zahlen. Diese Kodierung gestattet es, dass
Wahrscheinlichkeitsverteilungen für andere Größen, z. B. den Impuls, im selben
Quantenzustand kodiert werden.
45 Wenn man also die Vorhersagen überprüfen will, die aus dem Quantenzustand für die
Wahrscheinlichkeit hervorgehen, dass sich die Elektronen des Atoms an verschiedenen Orten
befinden, präpariert man viele Atome in diesem Zustand und misst die Positionen der
Elektronen in jedem Atom. Wenn man diese Positionen summiert, erhält man eine
experimentelle Wahrscheinlichkeitsverteilung. Man kann die experimentelle
Wahrscheinlichkeit mit der theoretischen vergleichen, die man anhand des Quantenzustands
berechnet hat. Wenn sie bis auf einen vernünftigen Fehlerbereich übereinstimmen, hat man
einen Beleg dafür, dass die ursprüngliche Behauptung, dass das Sy stem sich in einem
bestimmten Quantenzustand befunden hat, richtig ist.
46 Die Proportionalitätskonstante ist h, die berühmte Planckkonstante, die den Wert eines
Energiequantums angibt und nach Max Planck, ihrem Entdecker, benannt wurde.
47 Es gibt zwar angenäherte Beschreibungen von quantenkosmologischen Zuständen, die
expandierenden Universen entsprechen, aber diese beruhen auf einer äußerst heiklen
Auswahl von Anfangsbedingungen. Der generische Zustand ist eine Überlagerung von
expandierenden und kontrahierenden Universen. Außerdem möchte ich erwähnen, dass das
nicht das einzige Argument für die Elimination der Zeit in der Quantenkosmologie ist, aber
für unsere Zwecke genügt es. Andere Argumente werden im Kontext von Pfadintegral-
Ansätzen zur Quantengravitation entwickelt; außerdem schlagen Connes und Rovelli vor, dass
die Zeit sich als Konsequenz daraus ergibt, dass das Universum eine endliche Temperatur
hat.
48 Ein anderes Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass in der Quantenmechanik nicht alle
Eigenschaften, die man beobachten kann, zu allen Zeitpunkten eindeutige Werte haben. Nicht
alle Quantenzustände eines Sy stems haben also eindeutige Energiewerte des Sy stems, aber
manche haben sie. Es zeigt sich, dass diese Zustände eindeutiger Energie auch mit einer
bestimmten Frequenz vibrieren. In der Tat tun sie nichts weiter – sie vibrieren an Ort und
Stelle mit einer Frequenz, die der Energie des Sy stems proportional ist.
Bei vielen Sy stemen gibt es eine unstetige Menge von Zuständen mit einer eindeutigen
Energie. Wir sagen, dass die Energie dieser Sy steme quantisiert ist. Aber die meisten
Quantenzustände haben keine eindeutigen Energiewerte. Sy steme, die in diesen Zuständen
sind, haben auch keine eindeutigen Frequenzwerte.
Um ein Quantensy stem dazu zu bringen, dass es mehr tut, als einfach nur an Ort und Stelle
zu oszillieren, muss man es in einen Zustand versetzen, in dem es keinen eindeutigen
Energiewert hat. Das ist leicht, und zwar aufgrund eines Prinzips, das als Superpositionsprinzip
bezeichnet wird und das besagt, dass Quantenzustände addiert werden können. Das ist ein
Aspekt der Welleneigenschaften eines Quantensy stems: Eine Gitarren- oder Klaviersaite
vibriert auf mehreren Frequenzen gleichzeitig, und die Bewegung der Saite ist die Summe
von Oszillationen bei jeder einzelnen Frequenz. Man werfe zwei Steine in einen
Wassereimer: Jeder erzeugt eine Welle und das Muster auf dem Wasser bei ihrer Begegnung
ist die Summe der Muster, die jeder einzelne Spritzer macht. Auf diese Weise funktioniert das
Superpositionsprinzip; wenn zwei beliebige Quantenzustände gegeben sind, kann man einen
dritten dadurch herstellen, dass man sie addiert.
Diese Möglichkeit, Quantenzustände zu addieren, ist für unser Argument entscheidend,
dass die Newton’sche Phy sik die Quantenmechanik approximiert. Sie soll die einfache
Tatsache reproduzieren, dass sich in der Newton’schen Phy sik Konfigurationen verändern,
wenn Teilchen sich im Raum umherbewegen. Das lässt sich nicht von Zuständen ableiten, die
einfach nur in der Zeit oszillieren, wie es bei Zuständen mit eindeutiger Energie der Fall ist.
Um die Bewegung zu reproduzieren, brauchen wir Zustände, deren Verhalten komplexer ist,
und das erfordert Zustände mit unbestimmten Energiewerten. Diese werden erzeugt, indem
man Zustände mit unterschiedlichen Energien addiert bzw. einander überlagert.
In der Quantenkosmologie haben alle Zustände jedoch dieselbe Energie, sodass die
übliche Methode der Gewinnung von gewöhnlicher Bewegung aus der Quantenphy sik
fehlschlägt. Wir können die Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie nicht aus dem
Quantenzustand des Universums ableiten.
49 Abhay Ashtekar, » New Variables for Classical and Quantum Gravity « , Phys. Rev. Lett.
57:18, S. 2244–2247 (1986).
50 Ted Jacobson & Lee Smolin, » Nonperturbative Quantum Geometries« , Nucl. Phys. B., 299:2,
S. 295–345 (1988).
51 Carlo Rovelli & Lee Smolin, » Knot Theory and Quantum Gravity « , Phys. Rev. Lett. 61 : 10,
S. 1155–1158 (1988).
52 Thomas Thiemann, » Quantum Spin Dy namics (QSD): II. The Kernel of the Wheeler-DeWitt
Constraint Operator« , Class. Quantum Grav. 15, S. 875–905 (1998).
53 Vor Kurzem entwickelte quantenkosmologische Modelle untersuchen die Quantenversionen
vereinfachter kosmologischer Modelle wie diejenigen, die wir in Kapitel 6 besprochen haben.
Diese werden als Loop-Quantenkosmologie-Modelle bezeichnet. Frühere
quantenkosmologische Modelle wurden mit kruden Annäherungen untersucht, die
grundlegende Fragen verschleierten; die jüngeren Modelle sind einfach und hinreichend
präzise definiert, um genaue Lösungen dieser Gleichungen zu ergeben. So beeindruckend das
auch ist, so muss doch betont werden, dass es sich dabei um äußerst vereinfachte Modelle
handelt. Insbesondere wird das Problem der Zeit umgangen, indem man nicht von der Zeit,
sondern von Korrelationen zwischen den Werten verschiedener Observablen spricht. Ein Feld
wird als Uhr betrachtet, relativ zu der die Veränderungen in den anderen Feldern gemessen
werden. Das liefert einen angenäherten und relationalen Ansatz, um die Zeit aus einer
zeitlosen Beschreibung der Welt zu extrahieren. Darüber hinaus beschränken sich die
Schwierigkeiten nicht auf die Loop-Quantengravitation oder Loop-Quantenkosmologie, auch
wenn sie in diesen Kontexten am dringlichsten sind. Insoweit sie auf einen geschlossenen
kosmologischen Kontext angewendet werden kann, hat die Stringtheorie ein Analogon zur
Wheeler-DeWitt-Gleichung. Und ein Teil der Spekulationen über unendliche Universen,
ewige Inflation und dergleichen findet im Kontext der Wheeler-DeWitt-Gleichungen statt.
Die Probleme bei der Interpretation des resultierenden zeitlosen Universums sind eine
Herausforderung für alle Theoretiker, die über Vereinheitlichung oder das ganz frühe
Universum nachdenken.
TEIL II LICHT
Die Wiedergeburt der Zeit
Zwischenspiel Einsteins Unbehagen

Das Blockuniversum von Einsteins Relativitätstheorien war der entscheidende


Schritt bei der Austreibung der Zeit aus der Physik. Aber Einstein selbst hatte
eine ambivalente Einstellung gegenüber dem Verschwinden der Zeit aus der
Naturauffassung, für deren Aufbau er so viel geleistet hatte. Wir haben gesehen,
dass er im Bild des Blockuniversums eines zeitlosen Kosmos zwar Trost fand –
doch es scheint, dass Einstein mit seinen Implikationen nicht zufrieden war.
Wir wissen das aus der Intellectual Autobiography des Wiener Philosophen
Rudolf Carnap, der von einem Gespräch mit Einstein über die Zeit berichtet.

Einstein sagte einmal, dass das Problem des Jetzt ihn ernsthaft
beunruhige. Er erklärte, dass das Erleben des Jetzt für den Menschen
etwas Besonderes bedeute, etwas, das sich wesentlich von der
Vergangenheit und der Zukunft unterscheidet, aber dass dieser
bedeutsame Unterschied in der Physik nicht vorkommt und auch nicht
vorkommen kann. Dass diese Erfahrung von der Naturwissenschaft nicht
erfasst werden kann, schien ihm eine Sache der schmerzlichen, aber
unvermeidbaren Resignation zu sein.

Auch wenn Einstein Bedenken hatte, so gab es bei Carnap keine Zweifel an
seiner eigenen Position:

Ich bemerkte, dass alles, was objektiv vorkommt, auch in der


Naturwissenschaft beschrieben werden kann; einerseits wird die zeitliche
Abfolge von Ereignissen in der Physik beschrieben; andererseits können
die Besonderheiten der Erlebnisse des Menschen im Hinblick auf die
Zeit, einschließlich seiner unterschiedlichen Einstellungen zur
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von der Psychologie beschrieben
und (im Prinzip) auch erklärt werden.

Ich kann mir nicht vorstellen, was Carnap meinte. Mir ist keine Möglichkeit
bekannt, wie die Wissenschaften der Psychologie oder Biologie unser
Zeiterleben in einer zeitlosen Welt erklären könnten. 54 Auch Einstein war
Carnap zufolge mit dessen Antwort nicht zufrieden: » Aber Einstein meinte, dass
diese naturwissenschaftlichen Beschreibungen nicht in der Lage sind, unsere
menschlichen Bedürfnisse zu erfüllen; dass es etwas Wesentliches am Jetzt gibt,
das einfach außerhalb des Reichs der Naturwissenschaft liegt.« 55
Einsteins Unbehagen läuft auf eine einfache Erkenntnis hinaus. Um erfolgreich
zu sein, muss eine naturwissenschaftliche Theorie uns die Beobachtungen
erklären, die wir in der Natur machen. Doch unsere grundlegendste Beobachtung
ist die, dass die Natur zeitlich organisiert ist. Wenn die Naturwissenschaft eine
Geschichte erzählen muss, die alles, was wir in der Natur beobachten, umfasst
und erklärt, sollte das nicht auch unser Erleben der Welt als einen Fluss von
Augenblicken einschließen? Ist nicht die elementarste Tatsache der Struktur
unserer Erfahrung auch ein Teil der Natur, den unsere fundamentale Theorie der
Physik widerspiegeln sollte?
Alles, was wir erleben, jeder Gedanke, jeder Eindruck, jede Handlung, jede
Absicht ist Teil eines Augenblicks. Die Welt stellt sich uns als eine Reihe von
Augenblicken dar. Wir haben dabei keine Wahl. Keine Wahl, welchen
Augenblick wir jetzt erleben, keine Wahl, ob wir uns in der Zeit vorwärts- oder
rückwärtsbewegen. Keine Wahl, in der Zeit vorzuspringen. Keine Wahl bei der
Flussgeschwindigkeit der Augenblicke. In dieser Hinsicht ist die Zeit völlig
anders als der Raum. Man könnte einwenden, dass alle Ereignisse auch in einem
besonderen Raum stattfinden. Aber wir können wählen, wohin wir uns im
Raum bewegen. Das ist kein geringer Unterschied; er prägt unsere gesamte
Erfahrung.
Einstein und Carnap stimmen in dem einen Punkt überein, dass das Erleben
der Natur als eine Reihe gegenwärtiger Augenblicke nicht zur Naturauffassung
des Physikers gehört. Die Zukunft der Physik – und, so könnte man hinzufügen,
die Physik der Zukunft – läuft auf eine einfache Entscheidung hinaus. Stimmen
wir mit Carnap überein, dass der gegenwärtige Augenblick keinen Platz in der
Naturwissenschaft hat, oder folgen wir dem Instinkt der größten
naturwissenschaftlichen Intuition des 20. Jahrhunderts und versuchen, einen
Weg zu einer neuen Naturwissenschaft zu finden, in der Einsteins » schmerzliche
Resignation« nicht nötig sein wird?
Für Einstein ist der gegenwärtige Augenblick wirklich und sollte irgendwie
Teil einer objektiven Beschreibung der Wirklichkeit sein. Er glaubte (wie
Carnap es formuliert), dass » es etwas Wesentliches am Jetzt gibt, das einfach
außerhalb des Reichs der Naturwissenschaft liegt« .
Mindestens 60 Jahre sind vergangen, seit dieses Gespräch stattfand. Seither
haben wir eine Menge über Physik und Kosmologie gelernt. Genug, um das
Jetzt endlich in die Naturbeschreibung des Physikers zu integrieren. In diesem
zweiten Teil des Buches werde ich erklären, warum unser gegenwärtiges Wissen
verlangt, dass die Zeit als zentraler Begriff wieder in die Physik eingeführt wird.
In Teil I beschrieben wir neun Schritte bei der Austreibung der Zeit aus der
Naturauffassung des Physikers, beginnend mit Galileis Entdeckungen an
fallenden Körpern bis zu Julian Barbours zeitloser Quantenkosmologie. Bald
werden wir die Wiedergeburt der Zeit erleben, aber zunächst müssen wir die
scheinbar starken Argumente dekonstruieren, die ich in Teil I beschrieben habe.
Die neun Argumente fallen in drei Klassen.
Newton’sche Argumente (das heißt Argumente, die aus der Newton’schen
Physik oder aus Newtons Paradigma zum Praktizieren von Physik stammen):

• Das Einfrieren der Bewegung durch die graphische Darstellung von


Aufzeichnungen vergangener Beobachtungen
• Die Erfindung des zeitlosen Konfigurationsraums
• Das Newton’sche Paradigma
• Das Argument für den Determinismus
• Die Reversibilität der Zeit

Einstein’sche Argumente, die aus den Theorien der speziellen und allgemeinen
Relativitätstheorie stammen:

• Die Relativität der Gleichzeitigkeit


• Das Bild des Blockuniversums der Raumzeit
• Der Beginn der Zeit mit dem Urknall

Kosmologische Argumente, die sich aus der Anwendung der Physik auf das
Universum als Ganzes ergeben:

• Die Quantenkosmologie und das Ende der Zeit


Diese neun Argumente führen zu einer Naturauffassung, die die Wirklichkeit des
gegenwärtigen Augenblicks leugnet und von der Natur stattdessen im Sinne des
Blockuniversum-Bildes spricht, in dem die gesamte Geschichte der Welt nur als
Einheit verstanden wirklich ist. In diesem Bild wird die Zeit als eine
Dimension des Raumes behandelt, sodass die Kausalität innerhalb der Zeit
durch zeitlose logische Folgerungsbeziehungen ersetzt werden kann. Die
allgemeine Relativitätstheorie und die Newton’sche Mechanik mögen zwar von
Verläufen sprechen, die sich über die Zeit hinweg entwickeln, aber das ist bloß
Zeit in einem schwachen Sinne mathematischer Ordnung, verkürzt um das
Werden gegenwärtiger Augenblicke. In diesen Theorien ist die Zeit nicht
wirklich in dem Sinne, den ich im Vorwort definierte, als ich behauptete, dass
alles, was wirklich ist, ein solcher Augenblick der Zeit ist. Um diesen Kontrast
deutlich herauszustellen, werde ich solche Theorien als zeitlose bezeichnen.
Ist diese Austreibung der Zeit der Preis, den man für den Fortschritt der
Naturwissenschaft bezahlen muss? Der nächste Schritt auf unserer Reise besteht
darin, die Mängel in diesen Argumenten aufzudecken.
Alle neun Argumente leiden an einem gemeinsamen Irrtum: dass das
Newton’sche Paradigma – das annimmt, dass wir den zukünftigen Zustand eines
beliebigen Systems aufgrund seiner Anfangsbedingungen und der Gesetze, die es
regieren, vorhersagen können – zu einer Theorie des gesamten Universums
erweitert werden kann. Wie ich jedoch gleich zeigen werde, kann keine
Erweiterung des Newton’schen Paradigmas zu einer annehmbaren Theorie des
gesamten Universums führen. Es ist eine leistungsfähige Methode, wenn es auf
die Physik in künstlicher Isolation angewendet wird, aber ein machtloses
Instrument, wenn es mit kosmologischen Fragen konfrontiert wird.
Die stärksten Argumente für die Eliminierung der Zeit kamen von der
Relativitätstheorie. In Kapitel 14 werden wir sie zerlegen. Wenn es uns einmal
gelungen ist, die Argumente für die Eliminierung der Zeit aufzulösen, werden
wir zu der Frage übergehen, was die Physik und die Kosmologie durch die
Hypothese, dass die Zeit wirklich ist, gewinnen können.

54 Jim Brown hat mir gesagt, dass Carnap so etwas wie die Unterscheidung zwischen primären
und sekundären Qualitäten im Auge hatte. Wir erleben zwar Rot, tatsächlich aber vibrieren
Atome und geben Licht mit einer bestimmten Frequenz ab. Wir erleben das Vergehen der
Zeit, tatsächlich aber sind wir ein Bündel von Weltlinien in einem Blockuniversum mit der
Fähigkeit zur Wahrnehmung und zur Speicherung von Gedächtnisinhalten. Für mich wird
dadurch das Problem nur formuliert, aber nicht gelöst.
55 The Philosophy of Rudolf Carnap: Intellectual Autobiography, hg. von Paul Arthur Schillp, La
Salle, IL, 1963, S. 37f.
8 Der kosmologische Fehlschluss

In Teil I folgten wir dem Pfad des Mystikers, der versuchte, unsere an die Zeit
gebundenen Erlebnisse zu transzendieren und ewige Wahrheiten zu entdecken.
Insbesondere schrieben wir den großen Erfolg der Physik der Verwendung einer
bestimmten Methode zu, dem Newton’schen Paradigma. Wir sahen, dass dieser
Erfolg einen Preis hatte: die Vertreibung der Zeit aus der Naturauffassung des
Physikers.
In Teil II werden wir sehen, warum wir diesen Preis nicht bezahlen müssen,
weil der Versuch, das Newton’sche Paradigma auf das Universum als Ganzes
auszudehnen, eine unmögliche Aufgabe ist. Um die Naturwissenschaft auf ein
Verständnis des ganzen Universums auszuweiten, brauchen wir eine neue Art
von Theorie, die die Wirklichkeit der Zeit als zentrales Element enthält.
Gehen wir zu den Anfängen der Naturwissenschaft zurück, zu dem Menschen,
der als erster Naturwissenschaftler bezeichnet wurde, dem vorsokratischen
Philosophen Anaximander (610–546 v. Chr.). Wie Carlo Rovelli in einem vor
Kurzem erschienenen Buch darlegte, war Anaximander der Erste, der die
Ursachen von Naturphänomenen in der Natur selbst – und nicht im launenhaften
Willen der Götter – suchte. 56
In jenen Tagen stellten sich sogar die sachkundigsten Menschen vor, dass sie
Bewohner eines Universums seien, das von zwei flachen Medien eingerahmt
wurde. Unter ihren Füßen war die Erde, die sich in jeder Richtung um sie
herum ausdehnte. Über ihren Köpfen war der Himmel. Das gesamte Universum
war ihrer Auffassung nach durch das Vorhandensein einer ausgezeichneten
Richtung organisiert – nach unten, in die Richtung, in der die Dinge fallen. Das
grundlegende Naturgesetz, das durch ihre gesamte Erfahrung bestätigt wurde,
war, dass Dinge nach unten fallen. Die einzige Ausnahme war der Himmel
selbst und die Himmelskörper, die an ihm befestigt waren.
Als sie dieses sehr erfolgreiche Gesetz auf das Universum (Erde und Himmel)
anzuwenden versuchten, stießen sie auf eine Paradoxie: Wenn alles, was nicht
am Himmel befestigt ist, nach unten fällt, warum fällt dann die Erde selbst
nicht? Da die Tendenz, nach unten zu fallen, universal ist, muss es etwas unter
der Erde geben, das sie oben hält – so entstand etwa die Vorstellung, dass die
Erde auf dem Rücken einer Riesenschildkröte ruhte. Was hielt dann aber diese
Schildkröte oben? Könnte es eine unendliche Folge von » Schildkröten bis ganz
unten« geben?
Anaximander erkannte, dass eine begriffliche Revolution notwendig war, um
eine erfolgreiche Theorie des Universums zu konstruieren, die die Reductio ad
absurdum eines unendlichen Turms von Schildkröten vermied. Er brachte eine
Idee vor, die für uns heute offensichtlich ist, aber zu seiner Zeit schockierend war
– nämlich die, dass » unten« nicht eine universelle Richtung sei, sondern
einfach nur die Richtung zur Erde hin. Das richtige Gesetz ist dann nicht, dass
die Dinge nach unten fallen, sondern dass sie zur Erde hin fallen. Das
ermöglichte eine weitere Revolution – die Entdeckung, dass die Erde nicht
flach, sondern rund ist. Anaximander konnte diesen atemberaubenden Schritt
zwar nicht tun, aber seine neue Definition von » unten« gab ihm die Freiheit,
die Erde als Himmelskörper zu sehen, der im Raum schwebte. Daher konnte er
den verblüffenden Vorschlag machen, dass sich der Himmel ganz um die Erde
herum erstreckte – unter unseren Füßen genauso wie über unseren Köpfen.
Diese Einsicht vereinfachte die damalige Kosmologie sehr, da die Tatsache,
dass die Sonne, der Mond und die Sterne im Osten auf- und im Westen
untergehen, aufgrund der täglichen Drehung des Himmels verstanden werden
konnte. Es war nicht mehr nötig, die Sonne jeden Morgen im Osten neu zu
schaffen und sie jeden Abend aufzulösen, nachdem sie im Westen untergegangen
war; nach dem Sonnenuntergang kehrte die Sonne zu ihrem Ausgangspunkt
zurück, indem sie unter den Füßen der Menschen ihres Weges zog. Stellen Sie
sich das Hochgefühl in Anbetracht dieser Erkenntnis vor! Durch sie wurde die
Quelle einer großen, uralten Angst beseitigt – der Angst davor, dass der Geist,
der jeden Morgen für die Herstellung einer neuen Sonne verantwortlich war,
verschlafen oder ausreißen könnte. Anaximanders Revolution war zweifellos
radikaler als die von Kopernikus, weil seine neue Definition von » unten« die
Notwendigkeit infrage stellte, zu erklären, was die Erde oben hielt.
Die Philosophen, die zu verstehen suchten, was die Erde oben hielt, machten
einen simplen Fehler – sie nahmen ein Gesetz, das im Universum lokale
Geltung besaß, und wendeten es auf das ganze Universum an. Ihr Universum
war die Erde und der Himmel, und unseres ist ein riesiger Kosmos, der mit
Galaxien angefüllt ist, aber trotzdem handelt es sich um denselben Fehler, der
einem Großteil der Verworrenheit der gegenwärtigen kosmologischen
Spekulation zugrunde liegt. Nichts scheint jedoch natürlicher zu sein, denn
wenn ein Gesetz universal ist, warum sollte es dann nicht für das Universum
gelten? Es bleibt also eine große Versuchung, ein Gesetz oder Prinzip, das wir
auf alle Subsysteme der Welt anwenden können, auf das gesamte Universum
anzuwenden. Wenn man das tut, dann begeht man einen Fehlschluss, den ich
den » kosmologischen Fehlschluss« nennen werde.
Das Universum ist eine andere Art von Entität als irgendeines seiner Teile.
Auch ist es nicht einfach die Summe seiner Teile. In der Physik werden alle
Eigenschaften von Objekten des Universums im Sinne von Beziehungen oder
Interaktionen mit anderen Objekten verstanden. Aber das Universum ist die
Summe all dieser Beziehungen und kann als solche keine Eigenschaften haben,
die durch Beziehungen zu einer anderen ähnlichen Entität definiert werden.
Die Erde ist also in Anaximanders Universum das eine Ding, das nicht fällt,
weil es das Ding ist, auf das Gegenstände fallen. Ebenso ist unser Universum
das eine Ding, das nicht von etwas Äußerem verursacht oder erklärt werden
kann, weil es die Summe aller Ursachen ist.
Wenn die Analogie der gegenwärtigen Epoche und der Naturwissenschaft der
Griechen angemessen ist, wird es Paradoxien und unbeantwortbare Fragen
geben, die daraus folgen, dass man Gesetze, die im kleinen Maßstab gelten, auf
das Universum als Ganzes ausdehnt. Beides gibt es. In unserer Zeit werden wir
von unserem Glauben an das Newton’sche Paradigma zu zwei simplen Fragen
geführt, die keine auf diesem Paradigma beruhende Theorie je beantworten
können wird:

• » Warum diese Gesetze?« Warum wird die Welt von einer besonderen Menge
von Gesetzen regiert? Wodurch wurden die tatsächlichen Gesetze aus anderen
Gesetzen ausgewählt, die die Welt ebenfalls regiert haben könnten?
• Das Universum beginnt beim Urknall mit einer besonderen Menge von
Anfangsbedingungen. » Warum diese Anfangsbedingungen?« Wenn wir die
Gesetze einmal festgelegt haben, gibt es immer noch eine unendliche Anzahl
von Anfangsbedingungen, mit denen das Universum angefangen haben
könnte. Welcher Mechanismus wählte die tatsächlichen Anfangsbedingungen
aus der unendlichen Menge möglicher Anfangsbedingungen aus?

Das Newton’sche Paradigma kann nicht einmal den Ansatz einer Antwort auf
diese beiden gewaltigen Fragen geben, weil die Gesetze und
Anfangsbedingungen seine Inputs sind. Wenn die Physik letztendlich innerhalb
des Newton’schen Paradigmas formuliert wird, werden diese großen Fragen für
immer unbeantwortet bleiben.
Früher meinten wir, dass wir wüssten, wie die Frage » Warum diese
Gesetze?« beantwortet werden würde. Viele Theoretiker glaubten, dass nur eine
mathematisch konsistente Theorie die vier Grundkräfte der Natur in die
Quantentheorie integrieren könnte – der Elektromagnetismus, die starke und die
schwache Kernkraft und die Gravitation. Wäre das der Fall gewesen, hätte die
Antwort auf die Frage » Warum diese Gesetze?« gelautet, dass nur ein
mögliches Gesetz der Physik eine Welt wie die unsere hervorbringen könnte.
Aber diese Hoffnung wurde herb enttäuscht. Mittlerweile haben wir gute
Belege dafür, dass es keine einzigartige Theorie gibt, die alles, was wir über die
Natur wissen, integriert – das heißt im Grunde eine Theorie, die die allgemeine
Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik versöhnen würde. In den letzten 30
Jahren gab es eine Menge Fortschritte bei mehreren unterschiedlichen Ansätzen
der Quantengravitation, und diese führten zu der Schlussfolgerung, dass keine
der Herangehensweisen, soweit sie erfolgreich sind, einen Anspruch auf
Einzigartigkeit erheben kann. Der am besten untersuchte Ansatz der
Quantengravitation ist die Loop-Quantengravitation, und diese scheint ein
breites Spektrum von Wahlmöglichkeiten im Hinblick auf Elementarteilchen
und Kräfte zu gestatten.
Dasselbe gilt für die Stringtheorie, die ebenfalls eine Vereinigung der
Gravitations- und der Quantentheorie verspricht. Es gibt Belege für die Existenz
einer unendlichen Anzahl von Stringtheorien, von denen viele auf einer großen
Menge von Parametern beruhen – Zahlen, die von Hand auf alle beliebigen
Werte unserer Wahl eingestellt werden können. Alle diese Theorien scheinen
mathematisch gleich konsistent zu sein. Eine riesige Anzahl davon beschreibt
Welten anhand eines Spektrums von Elementarteilchen und Kräften, die in etwa
wie unsere eigenen aussehen – obwohl bislang keine Stringtheorie konstruiert
wurde, die genau das Standardmodell der Elementarteilchenphysik beinhaltet.
Die ursprüngliche Hoffnung der Stringtheorie war, dass es eine einzige
fundamentale Theorie gäbe, die das Standardmodell genau reproduzieren und
spezifische Vorhersagen für Beobachtungen machen würde, die über es
hinausgehen. Andrew Stromingers Entdeckung im Jahre 1986, dass die
Stringtheorie eine riesige Anzahl von Versionen besitzt, machte diese Hoffnung
zunichte. 57 Das gab für mich den Anstoß zu der Frage, wie das Universum
seine Gesetze ausgewählt haben könnte – und führte schließlich zu meiner
Annahme der Wirklichkeit der Zeit.
So viel zu unbeantwortbaren Fragen. Wie steht es mit Dilemmata? 58
Tatsächlich gibt es ein Dilemma im Kern der üblichen Vorstellung eines
physikalischen Gesetzes, wie sie vom Newton’schen Paradigma ausgedrückt
wird. Wenn wir von einem » Gesetz« sprechen, meinen wir damit, dass es auf
viele Fälle anwendbar ist; würde es nur für einen einzigen Fall gelten, wäre es
einfach nur eine Beobachtung. Aber jede Anwendung eines Gesetzes auf einen
Teil des Universums beinhaltet eine Annäherung, wie wir in Kapitel 4 sahen,
weil wir alle Interaktionen zwischen diesem Teil und dem übrigen Universum
vernachlässigen müssen. Die vielen Anwendungen eines Naturgesetzes, die
nachprüfbar sind, sind also alle Annäherungen.
Um ein Gesetz ohne Annäherung anzuwenden, müssen wir es auf das ganze
Universum anwenden. Aber es gibt nur ein Universum – und ein Fall liefert
nicht genügend Belege, um die Behauptung zu rechtfertigen, dass ein
bestimmtes allgemeines Naturgesetz gilt. Diesen Sachverhalt nennen wir das
kosmologische Dilemma.
Das kosmologische Dilemma muss uns nicht daran hindern, Naturgesetze wie
die allgemeine Relativitätstheorie oder Newtons Bewegungsgesetze auf
Subsysteme des Universums anzuwenden. Sie funktionieren in fast allen Fällen
und deshalb nennen wir sie Gesetze. Aber jede dieser Anwendungen ist eine
Annäherung, die auf der Fiktion beruht, ein Subsystem des Universums so zu
behandeln, als ob es alles wäre, was es gibt. 59 Zudem hindert das
kosmologische Dilemma uns auch nicht daran, uns vorzustellen, dass die
Geschichte unseres Universums eine Lösung eines Gesetzes wie zum Beispiel
der allgemeinen Relativitätstheorie ist, wobei die Materie durch das
Standardmodell beschrieben wird. Es erklärt aber nicht, warum diese Lösung als
einzige ausgewählt wurde, um in der Natur verwirklicht zu werden. Außerdem
beweist eine Lösung auch nicht, dass die bestehenden Naturgesetze eine
Kombination aus der allgemeinen Relativitätstheorie und dem Standardmodell
sind, weil diese eine Lösung eine Annäherung an Lösungen vieler verschiedener
Gesetze sein könnte. 60
Folgendes Beispiel soll illustrieren, warum ein Gesetz an mehr als einem
Fall nachprüfbar sein muss, um es von einer bloßen Beobachtung unterscheiden
zu können. Eine Familie hat ein Kind namens Mira, das Eiscreme mag. Miras
Lieblingssorte ist Schokoladeneis – tatsächlich war das erste Eis, das sie je
probierte, Schokoladeneis und seither hat sie es immer bevorzugt.
Miras Eltern glauben, dass es ein allgemeines Gesetz ist, dass alle Kinder
Eiscreme mögen. Aber ohne die Beobachtung anderer Kinder haben sie keine
Möglichkeit, das nachzuprüfen, keine Möglichkeit, es von ihrer Beobachtung,
nämlich dass Mira Eiscreme mag, zu unterscheiden. Miras Vater glaubt noch an
ein anderes Gesetz, nämlich daran, dass alle Kinder Schokoladeneis bevorzugen.
Als die Eltern sich bei einem Drink entspannen, nachdem Mira zu Bett
gegangen ist, kontert ihre Mutter mit einer anderen Hypothese: Alle Kinder
bevorzugen die Sorte Eiscreme, die sie als erste probieren.
Beide Möglichkeiten sind konsistent mit den Belegen, über die sie verfügen.
Sie machen unterschiedliche Vorhersagen, die dadurch überprüft werden
könnten, dass man Eltern auf dem Spielplatz befragt – somit sind beide
mögliche Gesetze. Nehmen wir aber an, dass Mira das einzige Kind ist, das es
gibt. Dann gäbe es keine Möglichkeit, zu prüfen, ob eine der Hypothesen der
Eltern ein allgemeines Gesetz wäre oder lediglich eine Beobachtung.
Miras Eltern könnten auf der Grundlage der menschlichen Biologie dafür
argumentieren, dass Kinder alles mögen werden, das aus Zucker und Milch
besteht, und das bestätigt schließlich eine ihrer Vorhersagen. Sie hätten zwar
recht, aber ihre Überlegung würde Erkenntnisse verwenden, die aus der
Untersuchung vieler Menschen gewonnen wurden. An diesem Punkt bricht die
Analogie zusammen, weil es in der Kosmologie nur einen echten Fall gibt. In
einem naturwissenschaftlichen Argument kann das Universum nicht als
Einzelfall einer allgemeineren Klasse angenommen werden, weil keine
Behauptung, die sich auf die charakteristischen Merkmale dieser Klasse bezieht,
überprüfbar ist.
Der Punkt, dass Gesetze, die für Subsysteme gelten, Näherungscharakter
haben müssen, ist ein wesentlicher Bestandteil des kosmologischen Dilemmas,
weshalb ich mich von der Eiscreme abwenden und ein einfaches Beispiel aus der
Physik geben möchte. Newtons erstes Bewegungsgesetz behauptet, dass alle
freien Teilchen sich entlang von Geraden bewegen. Es wurde in zahlreichen
Fällen geprüft und bestätigt. Aber jede Überprüfung beinhaltet eine Annäherung,
weil kein Teilchen wirklich frei ist. Jedes Teilchen in unserem Universum
unterliegt einer Gravitationskraft von jedem anderen Teilchen. Wenn wir das
Gesetz exakt überprüfen wollten, gäbe es keine Fälle, auf die es anwendbar wäre.
Newtons erstes Gesetz kann daher bestenfalls eine Annäherung an ein
exakteres anderes Gesetz sein. Tatsächlich ist es eine Annäherung an Newtons
zweites Gesetz, das beschreibt, wie die Bewegung eines Teilchens von den
Kräften beeinflusst wird, denen es unterliegt. Nun gibt es hier einen sehr
interessanten Punkt! Jedes Teilchen im Universum zieht jedes andere durch
Gravitation an. Es gibt auch Kräfte zwischen jedem Paar geladener Teilchen.
Das sind eine ganze Menge Kräfte, mit denen man fertigwerden muss. Um zu
überprüfen, ob Newtons zweites Gesetz exakt gilt, müsste man mehr als 1080
Kräfte addieren, um die Bewegung von nur einem Teilchen im Universum
vorherzusagen.
In der Praxis machen wir so etwas natürlich nicht. Wir berücksichtigen nur
eine oder ein paar Kräfte von Körpern, die sich in der Nähe befinden, und
ignorieren alle übrigen. Im Falle der Gravitation können wir beispielsweise die
Kräfte weit entfernter Körper vernachlässigen, weil deren Einflüsse schwächer
sind. (Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt, weil es viel mehr weit
entfernte Teilchen als in der Nähe gelegene gibt, auch wenn die Kräfte dieser
weit entfernten Teilchen schwächer sind.) Jedenfalls versucht niemand zu
überprüfen, ob das zweite Gesetz exakt wahr ist. Wir überprüfen nur extreme
Annäherungen an dieses Gesetz.
Ein anderes großes Problem mit der Extrapolation der Newton’schen
Vorstellung von » Gesetzen« auf das ganze Universum besteht darin, dass es
zwar nur ein Universum, aber eine unendliche Auswahl von
Anfangsbedingungen gibt. Diese entsprechen einer unendlichen Anzahl von
Lösungen der Gleichungen eines vermeintlichen kosmologischen Gesetzes –
Lösungen, die eine unendliche Menge möglicher Universen beschreiben. Es gibt
aber nur ein wirkliches Universum.
Die ganz simple Tatsache, dass ein Gesetz eine unendliche Anzahl möglicher
Lösungen hat, die eine unendliche Anzahl möglicher Geschichten beschreiben,
zwingt uns zu der Schlussfolgerung, dass es auf Subsysteme des Universums
angewendet werden soll, die in der Natur in einer großen Anzahl von Versionen
vorkommen. Der Fülle der Natur entspricht dann die Fülle der Lösungen. Wenn
wir also ein Gesetz auf ein kleines Subsystem des Universums anwenden, ist die
Freiheit bei der Wahl der Anfangsbedingungen ein notwendiger Bestandteil des
Erfolgs dieses Gesetzes.
Ebenso lassen wir einen Großteil unerklärt, wenn wir ein Gesetz, das eine
unendliche Anzahl von Lösungen hat, auf ein einzigartiges System wie das
Universum anwenden. Die Freiheit, die Anfangsbedingungen zu wählen,
wandelt sich von einem großen Plus zu einer großen Bürde, weil sie bedeutet,
dass es wesentliche Fragen über dieses eine Universum gibt, auf die die Theorie
(die dieses Gesetz ausdrückt) keine Antworten hat. Diese Fragen betreffen jede
Eigenschaft des Universums, die von den Anfangsbedingungen des Universums
abhängt.
Was sollen wir von all den anderen Geschichten halten, die ebenfalls
Lösungen des vermeintlichen kosmologischen Gesetzes sind, denen das
Universum aber nicht folgt? Warum gibt es die enorme Extravaganz einer
unendlichen Anzahl von Lösungen, von denen höchstens eine irgendetwas mit
der Natur zu tun haben könnte?
Diese Überlegungen deuten auf eine bestimmte Schlussfolgerung hin: Wir
täuschen uns im Hinblick darauf, was ein Naturgesetz im kosmologischen
Maßstab sein könnte. Dafür gibt es drei Gründe:

1. Die Behauptung, dass ein Gesetz im kosmologischen Maßstab gilt,


impliziert eine gewaltige Menge an Informationen über Vorhersagen
bezüglich nicht existenter Fälle – das heißt anderer Universen. Dies deutet
darauf hin, dass etwas viel Schwächeres als ein Gesetz ausreichen könnte, um
das Universum zu erklären. Wir brauchen keine Erklärung, die so
extravagant ist, dass sie Vorhersagen über eine unendliche Anzahl von Fällen
macht, die sich nie ereignen. Eine Erklärung, die nur das erklärt, was
tatsächlich in unserem einzelnen Universum geschieht, würde ausreichen.
2. Die übliche Art von Gesetz kann nicht erklären, warum die Lösung, die unser
Universum beschreibt, diejenige ist, die wir erleben.
3. Das Gesetz kann sich nicht selbst erklären. Es liefert keinen Grund dafür,
warum es gilt und nicht ein anderes Gesetz.

Ein gewöhnliches Naturgesetz, das auf das Universum angewendet wird, erklärt
gleichzeitig also viel zu viel und doch nicht genug.
Die einzige Möglichkeit, den Dilemmata und Paradoxien zu entkommen,
besteht in der Suche nach einer Methodologie, die über das Newton’sche
Paradigma hinausgeht – ein neues Paradigma, das auf die Physik im Maßstab
des Universums anwendbar ist. Wenn wir uns nicht damit begnügen wollen, die
Physik in Irrationalität und Mystizismus enden zu lassen, muss die Methode,
die die Grundlage ihres bisherigen Erfolges ist, abgelöst werden.
Aber alle Argumente, die ich in Teil I für die Austreibung der Zeit aus der
Physik beschrieb, beruhten auf der Annahme, dass das Newton’sche Paradigma
auf das Universum als Ganzes ausgedehnt werden kann. Wenn das nicht
möglich ist, dann brechen diese Argumente für die Austreibung der Zeit
zusammen. Wenn wir das Newton’sche Paradigma aufgeben, müssen wir diese
Argumente aufgeben, und dann wird es möglich, an die Wirklichkeit der Zeit zu
glauben.
Können wir bei der Konstruktion einer wahren kosmologischen Theorie mehr
Erfolg haben, wenn wir die Wirklichkeit der Zeit annehmen? In den folgenden
Kapiteln werde ich erklären, warum die Antwort auf diese Frage positiv ist.

56 Carlo Rovelli, The First Scientist: Anaximander and His Legacy, Yardley , PA, 2011.
57 Andrew Strominger, » Superstrings with Torsion« , Nucl. Phys. B 274:2, S. 253–284 (1986).
58 Ein Dilemma ist ein Argument, das zur Entscheidung zwischen zwei Schlussfolgerungen führt,
von denen keine akzeptabel ist.
59 Jemand könnte einwenden, dass wir doch Einsteins Gleichungen auf das ganze Universum
anwenden, wenn wir kosmologische Modelle in der allgemeinen Relativitätstheorie
konstruieren. Aber das tun wir nicht. Was wir anwenden, ist eine Verkürzung von Einsteins
Gleichungen auf ein Subsy stem, das aus dem Krümmungsradius des Universums besteht.
Alles, was klein ist – einschließlich unserer selbst, der Beobachter –, wird aus dem
modellierten Sy stem ausgeschnitten.
60 Das Standardmodell könnte z. B. erweitert werden, indem man extrem massive Teilchen
hinzufügt, was für den größten Teil seiner Geschichte keinen Einfluss auf das Universum
hätte.
9 Die kosmologische Herausforderung

Die großen Theorien der Physik des 20. Jahrhunderts – die Relativitätstheorie,
die Quantentheorie und das Standardmodell – stellen die höchsten Leistungen
der Naturwissenschaft dar. Sie haben eine schöne mathematische Gestalt, die in
präzisen Vorhersagen für Experimente resultiert, welche in manchen Fällen mit
unglaublicher Genauigkeit bestätigt wurden. Und doch habe ich gerade geltend
gemacht, dass nichts, was diesen Theorien ähnlich ist, als fundamentale Theorie
dienen kann. Im Lichte ihres Erfolgs ist das eine kühne Behauptung.
Um diese Behauptung zu stützen, kann ich auf eine Eigenschaft hinweisen,
die alle Standardtheorien der Physik teilen und die es erschwert, sie auf das
gesamte Universum auszudehnen: Jede dieser Theorien teilt die Welt in zwei
Teile auf, einen Teil, der sich in der Zeit ändert, und einen zweiten, von dem
angenommen wird, dass er fixiert und unveränderlich ist. Der erste Teil ist das
System, das untersucht wird und dessen Freiheitsgrade sich in der Zeit
verändern. Der zweite Teil ist das übrige Universum; wir können ihn als
Hintergrund bezeichnen.
Der zweite Teil muss zwar nicht explizit beschrieben werden, aber implizit
ist er in den Begriffen vorhanden, die der Bewegung, die im ersten Teil
beschrieben wird, Bedeutung verleihen. Eine Entfernungsmessung bezieht sich
implizit auf feste Punkte und Lineale, die man braucht, um die Entfernung zu
messen; eine Zeitangabe impliziert das Vorhandensein einer Uhr außerhalb des
Systems, die zur Zeitmessung verwendet wird.
Wie wir bei dem Wurfspiel in Kapitel 3 sahen, erhält die Position des Balles
durch die Bezugnahme auf Dannys Standpunkt einen Sinn. Die Bewegung wird
durch die Verwendung einer Uhr definiert, von der man annimmt, dass sie mit
konstanter Geschwindigkeit tickt. Sowohl Danny als auch die Uhr befinden sich
außerhalb des Systems, das durch den Konfigurationsraum beschrieben wird,
und werden als statisch angenommen. Ohne diese festen Bezugspunkte würden
wir nicht wissen, wie wir die Vorhersagen der Theorie mit den Aufzeichnungen
von Experimenten verknüpfen sollten.
Diese Aufteilung der Welt in einen dynamischen und einen statischen Teil ist
zwar eine Fiktion, aber trotzdem äußerst nützlich, wenn es um die Beschreibung
kleiner Teile des Universums geht. Der zweite Teil wird zwar als statisch
angenommen, aber in Wirklichkeit besteht er aus anderen dynamischen
Entitäten, die außerhalb des analysierten Systems liegen. Indem wir ihre
Dynamik und Entwicklung ignorieren, schaffen wir einen Begriffsrahmen,
innerhalb dessen wir einfache Gesetze entdecken.
Bei den meisten Theorien außer der allgemeinen Relativitätstheorie schließt
der fixierte Hintergrund die Geometrie von Raum und Zeit ein. Er beinhaltet
auch die Auswahl der Gesetze, da diese als unveränderlich angenommen werden.
Selbst die allgemeine Relativitätstheorie, die eine dynamische Geometrie
beschreibt, nimmt andere unveränderliche Strukturen wie zum Beispiel die
Topologie und Dimension des Raumes an. 61
Diese Aufteilung der Welt – in einen dynamischen Teil und einen
Hintergrund, der ihn umgibt und die Begriffe definiert, mit denen wir ihn
beschreiben – trägt zur Genialität des Newton’schen Paradigmas bei. Aber sie
ist es auch, die das Newton’sche Paradigma versagen lässt bei der Anwendung
auf das gesamte Universum.
Die Herausforderung, der wir gegenüberstehen, wenn wir die
Naturwissenschaft auf eine Theorie des ganzen Universums erweitern, besteht
darin, dass es keinen statischen Teil geben kann, weil sich alles im Universum
verändert und es nichts außerhalb gibt – nichts, was als Hintergrund dienen
könnte, gegen den man die Bewegung alles Übrigen messen könnte. Die
Entdeckung einer Möglichkeit zur Überwindung dieser Schranke kann als
» kosmologische Herausforderung« bezeichnet werden.
Die kosmologische Herausforderung verlangt von uns, dass wir eine Theorie
formulieren, die sinnvoll auf das ganze Universum angewendet werden kann. Es
muss eine Theorie sein, in der jeder dynamische Akteur ausschließlich anhand
anderer dynamischer Akteure definiert wird. Eine solche Theorie braucht keinen
festen Hintergrund und hat auch keinen Platz für einen solchen; wir nennen
solche Theorien hintergrundunabhängig. 62
Wir können jetzt sehen, dass dieses Dilemma in der Struktur des
Newton’schen Paradigmas verkörpert ist, weil genau dieselben Merkmale, die
für einen so großen Erfolg in kleineren Maßstäben verantwortlich sind –
einschließlich der Abhängigkeit von einem festen Hintergrund und der Tatsache,
dass ein Gesetz eine unendliche Anzahl von Lösungen hat –, sich als Grund für
das Versagen des Paradigmas als Basis einer Theorie der Kosmologie erweisen.
Wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in der der Erfolg der Physik zu
den ersten Versuchen geführt hat, die Kosmologie naturwissenschaftlich zu
erforschen. Es überrascht nicht, dass eine Antwort auf das kosmologische
Dilemma in dem Postulat besteht, dass das Universum lediglich eines aus einer
riesigen Menge ist, weil alle unsere Theorien nur auf etwas angewendet werden
können, das ein Teil eines viel größeren Systems ist. So erkläre ich mir
jedenfalls die Anziehungskraft der verschiedenen Multiversumszenarien.

Wenn wir ein Laborexperiment machen, kontrollieren wir die


Anfangsbedingungen. Wir variieren sie, um Hypothesen über Gesetze zu
überprüfen. Aber wenn es um kosmologische Beobachtungen geht, waren die
Anfangsbedingungen schon im frühen Universum festgelegt. Daher müssen wir
Vermutungen darüber anstellen, welches diese Anfangsbedingungen waren. Um
also das Ergebnis einer kosmologischen Beobachtung anhand des Newton’schen
Paradigmas zu erklären, stellen wir zwei Hypothesen auf: Wir machen eine
Annahme über die Anfangsbedingungen und darüber, welche Gesetze auf ihnen
operierten. Das versetzt uns in eine viel schwierigere Situation als der
gewöhnliche Kontext der in künstlicher Isolation praktizierten Physik, bei der
wir die Kontrolle, die wir über die Anfangsbedingungen haben, dazu nutzen,
Hypothesen über die Gesetze zu prüfen.
Die Tatsache, dass wir gleichzeitig Hypothesen über die Gesetze und die
Anfangsbedingungen prüfen müssen, schwächt die Möglichkeit einer guten
Überprüfung beider Hypothesen. Wenn wir eine Vorhersage machen und die
Beobachtung nicht mit ihr übereinstimmt, gibt es zwei Möglichkeiten, die
Theorie zu korrigieren: Wir können unsere Hypothese über die Gesetze
modifizieren, oder wir können unsere Hypothese über die Anfangsbedingungen
ändern. Beide Faktoren können die Ergebnisse des Experiments beeinflussen.
Dadurch entsteht ein neues Problem, denn wie entscheiden wir, welche der
beiden Hypothesen korrigiert werden muss? Wenn die Beobachtung sich auf
einen kleinen Teil des Universums bezieht, zum Beispiel einen Stern oder eine
Galaxie, stützen wir unsere Prüfung des Gesetzes auf eine Analyse vieler Fälle.
Da sie alle demselben Gesetz unterliegen, müssen alle Unterschiede zwischen
ihnen den Unterschieden in ihren Anfangsbedingungen zugeschrieben werden.
Wenn es jedoch um das Universum geht, sind wir nicht in der Lage, die
Auswirkungen der Änderungen von Hypothesen über die Gesetze von den
Auswirkungen der Änderung von Hypothesen über die Anfangsbedingungen zu
unterscheiden.
Dieses Problem zeigt sich gelegentlich in kosmologischen Forschungen. Eine
wichtige Prüfung von Theorien des frühen Universums besteht darin, die Muster
zu erklären, die man in der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung
(cosmic microwave background, CMB) sieht. Dabei handelt es sich um
Strahlung, die aus dem frühen Universum übrig geblieben ist und uns einen
Schnappschuss der Bedingungen liefert, die etwa 400000 Jahre nach dem
Urknall herrschten. Ein intensiv erforschter Vorschlag macht eine kosmische
Inflation geltend, die postuliert, dass das Universum in seiner ganz frühen
Geschichte eine gewaltige und schnelle Ausdehnung durchlief. Diese
Ausdehnung wurde größer, reduzierte seine wie auch immer gearteten
ursprünglichen Eigenschaften und führte zu dem großen, relativ eigenschaftslosen
Universum, das wir beobachten. Die Inflation sagt auch CMB-Muster voraus, die
eine große Ähnlichkeit mit dem haben, was bisher beobachtet wurde.
Vor einigen Jahren berichteten Beobachter von Belegen für eine neue
Eigenschaft der Mikrowellen-Hintergrundstrahlung – der sogenannten Nicht-
Gaußheit –, die von der gewöhnlichen Inflationstheorie nicht vorhergesagt
wird. 63 (Es kommt nicht darauf an, was Nicht-Gaußheit ist; alles, was wir für
diese Geschichte wissen müssen, ist, dass sie ein Muster darstellt, das
möglicherweise in der Hintergrundstrahlung beobachtet wurde und das gemäß
der Standardtheorie der Inflation nicht vorkommen sollte.) Wir haben zwei
Möglichkeiten, die neue Beobachtung zu erklären: Wir können die Theorie
modifizieren oder die Anfangsbedingungen.
Die Theorie der Inflation gehört zum Newton’schen Paradigma, weshalb ihre
Vorhersagen von den Anfangsbedingungen abhängen, auf die die Gesetze wirken.
Nachdem der erste Aufsatz, der Belege für Nicht-Gaußheit präsentierte,
erschienen war, erschienen innerhalb von wenigen Tagen weitere Aufsätze, die
versuchten, die Beobachtung zu erklären. Manche modifizierten die Gesetze,
andere modifizierten die Anfangsbedingungen. Beide Strategien waren erfolgreich
bei der Retrodiktion der behaupteten Beobachtungen – dass jede Strategie
funktionieren würde, war eigentlich schon bekannt. 64 Wie es an der
Forschungsfront der empirischen Naturwissenschaft typischerweise geschieht,
konnten weitere Beobachtungen die ursprüngliche Behauptung nicht bestätigen.
Zur Zeit der Niederschrift dieses Textes wissen wir immer noch nicht, ob es in
der Hintergrundstrahlung wirklich eine Nicht-Gaußheit gibt. 65
Dies ist ein Beispiel für einen Fall, in dem es zwei verschiedene
Möglichkeiten gibt, eine Theorie den Daten anzupassen. Wenn wir in Betracht
ziehen, dass die Gesetze und Anfangsbedingungen von bestimmten Parametern
beschrieben werden, gibt es zwei unterschiedliche Möglichkeiten, wie die
Parameter an die Daten angepasst werden können. Beobachter nennen solch eine
Situation Entartung. Wenn es einen Fall von Entartung gibt, stellen wir
gewöhnlich zusätzliche Beobachtungen an, um zu entscheiden, welche
Anpassung die richtige ist. Aber in einem Fall wie der Hintergrundstrahlung,
die ein Überbleibsel eines Ereignisses ist, das nur einmal geschah, werden wir
wohl nie in der Lage sein, die Entartung aufzulösen. Vor allem im Hinblick auf
unsere begrenzte Messgenauigkeit wird es uns möglicherweise nicht gelingen,
eine Erklärung, die auf der Modifikation der Gesetze beruht, von einer Erklärung
zu entflechten, die unsere Hypothesen über die Anfangsbedingungen
modifiziert. 66 Aber ohne die Fähigkeit, die Rolle von Gesetzen und
Anfangsbedingungen zu entwirren, verliert das Newton’sche Paradigma seine
Kraft, die Ursachen physikalischer Phänomene zu erklären.

Es ist nun an der Zeit, die Erwartungen umzukehren, die die Physik von
Newtons Zeit an bis vor Kurzem geleitet haben. Früher haben wir uns Theorien
wie die Newton’sche Mechanik oder die Quantenmechanik als Kandidaten für
fundamentale Theorien vorgestellt, die – wenn sie erfolgreich wären – die
natürliche Welt in dem Sinne auf vollkommene Weise widerspiegeln würden,
dass jede Wahrheit über die Natur ein Echo in einer mathematischen Tatsache
finden würde, die zur Theorie gehört. Die wesentliche Struktur des
Newton’schen Paradigmas, das auf zeitlosen Gesetzen beruht, die auf einem
zeitlosen Konfigurationsraum operieren, wurde zum Zweck dieser
Widerspiegelung für wesentlich gehalten. Ich schlage vor, dass diese Bestrebung
eine metaphysische Fantasie war, die zwangsläufig zu den besprochenen
Dilemmata und Verwirrungen führte, sobald Versuche unternommen wurden, sie
auf das gesamte Universum anzuwenden. Dieser Standpunkt erfordert eine
Neubewertung des Status von Theorien innerhalb des Newton’schen Paradigmas
– von Kandidaten für fundamentale Theorien bis zu näherungsweisen
Beschreibungen kleiner Subsysteme des Universums. Diese Neubewertung hat
unter Physikern tatsächlich schon stattgefunden und besteht aus zwei aufeinander
bezogenen Perspektivenwechseln:

1. Alle Theorien, mit denen wir arbeiten, einschließlich des Standardmodells


der Elementarteilchenphysik und der allgemeinen Relativitätstheorie, sind
näherungsweise Theorien, die sich auf Verkürzungen der Natur beziehen,
welche nur eine Teilmenge der Freiheitsgrade des Universums beinhalten.
Wir bezeichnen eine solche näherungsweise Theorie als » effektive Theorie« .
2. In allen Experimenten und Beobachtungen, die Verkürzungen der Natur
beinhalten, zeichnen wir die Werte einer Teilmenge von Freiheitsgraden auf
und ignorieren den Rest. Die resultierenden Aufzeichnungen werden mit den
Vorhersagen effektiver Theorien verglichen.

Der Erfolg der Physik bis zum heutigen Tag beruht daher völlig auf dem
Studium von Verkürzungen der Natur, die von effektiven Theorien modelliert
werden. Bei der Kunst, Physik auf der experimentellen Ebene zu betreiben, geht
es immer um das Design von Experimenten, die ein paar Freiheitsgrade
isolieren und untersuchen sollen, während das übrige Universum ignoriert wird.
Die Methodologien von Theoretikern zielen darauf ab, effektive Theorien zu
erfinden, um die Verkürzungen der Natur zu modellieren, die die
Experimentalphysiker erforschen. Niemals in der Geschichte der Physik waren
wir dazu in der Lage, die Vorhersagen eines Kandidaten für eine wirklich
fundamentale Theorie – womit ich eine solche meine, die nicht als effektive
Theorie verstanden werden kann – mit Experimenten zu vergleichen.
Ich möchte diese Punkte etwas näher erläutern.

Die Ex perimentalphysik ist das Studium von Verkürzungen der Natur

Ein Subsystem des Universums, das so modelliert wird, als ob es das einzige
Objekt im Universum wäre und das alles außerhalb von ihm vernachlässigt,
wird » isoliertes System« genannt. Aber wir sollten nie vergessen, dass eine
solche Isolation vom Ganzen nie vollständig ist. Wie gesagt gibt es in der
wirklichen Welt immer Interaktionen zwischen jedem beliebigen Subsystem,
das wir definieren mögen, und Dingen außerhalb dieses Subsystems. Bis zu
einem gewissen Grad sind Subsysteme des Universums immer das, was
Physiker » offene Systeme« nennen. Das sind begrenzte Systeme, die mit
Dingen jenseits dieser Grenzen interagieren. Wenn wir also Physik in
künstlicher Isolation praktizieren, vollziehen wir eine Annäherung an ein offenes
System durch ein isoliertes System.
Ein Großteil der Kunstfertigkeit der Experimentalphysik besteht darin, offene
Systeme in (näherungsweise) isolierte Systeme zu verwandeln. Das erreichen wir
nie vollkommen. Denn zum einen haben die Messungen, die wir an dem
System vornehmen, einen Einfluss auf das System selbst. (Das ist ein großes
Problem bei der Interpretation der Quantenmechanik; im Augenblick wollen wir
jedoch bei der Makrowelt bleiben.) Jedes Experiment ist ein Kampf darum, die
Daten, die man haben will, aus dem unvermeidlichen Vorhandensein von
Störeinflüssen zu extrahieren, die von außerhalb unseres unvollständig isolierten
Systems kommen. Experimentatoren verwenden große Mühe darauf, sich selbst
und ihresgleichen davon zu überzeugen, dass sie ein wirkliches Signal sehen,
das sich gegenüber dem Hintergrund absetzt, und wir tun alles in unserer Macht
Stehende, um die Wirkung des Rauschens einzuschränken.
Wir schirmen unsere Experimente vor der Verunreinigung von außen – durch
Vibrationen, Felder und Strahlung – ab. Für viele Experimente genügt das, aber
manche sind so empfindlich, dass sie durch Störeinflüsse aufgrund von
kosmischen Strahlen beeinflusst werden, die auf die Detektoren treffen. Um das
Labor von der kosmischen Strahlung wirksam zu isolieren, kann man es in eine
Mine verpflanzen, die sich mehrere Kilometer unter der Erde befindet; diese
Methode wird angewandt, um Neutrinos, die von der Sonne kommen, zu
entdecken. Dabei wird der zufällige Hintergrund aus anderer Strahlung auf eine
praktikable Menge eingeschränkt, während die Neutrinos immer noch
durchkommen. Aber es gibt keine praktische Methode, um ein Labor gegenüber
Neutrinos zu isolieren. Neutrinodetektoren, die am Südpol tief im Eis vergraben
sind, stellen Neutrinos fest, die am Nordpol eingetreten und den ganzen Weg
durch die Erde gereist sind.
Selbst wenn man astronomisch dicke Wände aus dichtem Blei bauen würde,
um die Neutrinos abzuschirmen, würde immer noch etwas durchkommen,
nämlich die Gravitation. Im Prinzip kann nichts die Gravitationskraft
abschirmen oder die Ausbreitung von Gravitationswellen aufhalten. Daher kann
nichts vollkommen isoliert werden. Ich entdeckte diese bedeutsame Tatsache
während meines Promotionsstudiums. Ich wollte einen Behälter modellieren,
der Gravitationswellen enthält, die darin hin- und herspringen, aber meine
Modelle funktionierten nicht, weil die Gravitationswellen geradewegs durch die
Wände hindurchgingen. Ich überlegte mir, dass ich die Dichte der Wände
immer mehr steigern könnte, bis zu einem Punkt, an dem sie die
Gravitationsstrahlung reflektieren würden, aber bevor ich diesen Punkt erreichte,
zeigte das Modell, dass das Material der Wände zu schwarzen Löchern
kollabierte. Nachdem ich mich eine Zeit lang damit abgemüht und versucht
hatte, dieses Ergebnis auf die eine oder andere Weise zu vermeiden, wurde mir
schließlich klar, dass das Hindernis, das ich nicht überwinden konnte, selbst
eine viel interessantere Entdeckung war als diejenige, die ich eigentlich in Gang
zu setzen versuchte. Nach ein paar weiteren Überlegungen war ich in der Lage,
zu zeigen, dass, wenn man nur einige wenige Annahmen zugrunde legt, keine
Mauer Gravitationswellen abschirmen kann. 67 Unabhängig davon, woraus die
Mauer besteht oder wie dick oder dicht sie ist. Um zu dieser Schlussfolgerung
zu kommen, musste ich nur die Gesetze der allgemeinen Relativitätstheorie
annehmen: dass die in der Materie enthaltene Energie positiv ist und dass der
Schall sich nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen kann.
Das bedeutet – und zwar nicht nur in der Praxis, sondern auch im Prinzip –,
dass es so etwas wie ein System in der Natur, das vom Einfluss des übrigen
Universums isoliert ist, nicht gibt. Diese Schlussfolgerung verdient es, zu
einem Prinzip erhoben zu werden, das ich das » Prinzip der Nichtexistenz
isolierter Systeme« nennen werde.
Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, dass ein Modell eines offenen
Systems als isoliertes System immer nur eine Annäherung ist, nämlich den,
dass wir zufällige Störeinflüsse nicht vorhersehen können. Wir können zwar das
Hintergrundrauschen messen, vorhersehen und mit ihm umgehen. Aber die
Außenwelt kann weit Schlimmeres bewirken bei unseren Versuchen, unser
System zu isolieren. Ein Flugzeug kann in das Gebäude stürzen, das unser
Labor beherbergt, oder ein Erdbeben kann es zerstören. Ein Asteroid kann mit
der Erde zusammenstoßen. Eine Wolke dunkler Materie kann sich durch das
Sonnensystem bewegen, die Umlaufbahn der Erde stören und uns in die Sonne
stürzen lassen. 68 Vielleicht wird auch jemand den Strom im Labor abdrehen,
indem er im Keller einen Schalter umlegt. Die Liste von Dingen, die in
unserem großen Universum geschehen könnten, um ein laufendes Experiment zu
stören, ist nahezu endlos. Wenn wir ein Experiment so modellieren, als ob es
ein isoliertes System wäre, schließen wir alle diese Möglichkeiten aus unserem
Modell aus.
Um alles einzuschließen, was von der Außenwelt in unser Labor eindringen
könnte, bräuchten wir ein Modell des gesamten Universums. Wir können keine
Physik betreiben, ohne all diese Möglichkeiten aus unseren Modellen und
Berechnungen auszuschließen. Doch wenn wir sie ausschließen, dann gründen
wir unsere Physik im Prinzip auf Annäherungen.

Effektive, aber angenäherte Theorien

Alle bedeutenden Theorien der Physik sind Modelle von Verkürzungen der
Natur, die von Experimentatoren erzeugt werden. Bei ihrer Erfindung mag man
sie sich zwar als fundamentale Theorien vorgestellt haben, aber mit der Zeit sind
die Theoretiker dahin gelangt, sie als effektive Beschreibungen einer begrenzten
Anzahl von Freiheitsgraden zu verstehen.
Die Elementarteilchenphysik liefert ein gutes Beispiel für die Rolle effektiver
Theorien. Bislang haben Experimente die Grundlagenphysik nur bis zu einer
bestimmten Längenskala erforscht. Gegenwärtig liegt diese bei 10-17 Zentimeter
und wird vom Large Hadron Collider am CERN untersucht. Das bedeutet, dass
das Standardmodell der Elementarteilchenphysik, das mit allen bisher bekannten
Experimenten übereinstimmt, als eine Annäherung betrachtet werden muss
(abgesehen von der Tatsache, dass es keine Auskunft über die Gravitation gibt).
Es ignoriert gegenwärtig unbekannte Phänomene, die erscheinen könnten, wenn
wir in der Lage wären, kürzere Entfernungen zu untersuchen.
In der Quantenphysik gibt es eine umgekehrte Beziehung zwischen der
Längenskala und der Energie, die auf das Unbestimmtheitsprinzip zurückgeht.
Um eine bestimmte Längenskala zu untersuchen, brauchen wir Teilchen oder
Strahlung, die eine bestimmte Mindestenergie besitzen. Um auf kürzere
Entfernungen zu gehen, brauchen wir Teilchen mit höherer Energie. Die untere
Grenze auf der Längenskala, die wir untersucht haben, impliziert also eine obere
Grenze für die Energien von untersuchten Prozessen. Da jedoch Energie und
Masse (der speziellen Relativitätstheorie zufolge) dasselbe sind, bedeutet das
Folgendes: Wenn wir unsere Untersuchungen nur bis zu einer bestimmten
Energieskala getrieben haben, haben wir möglicherweise Teilchen ignoriert, die
zu massiv sind, als dass sie von unseren bisherigen Beschleunigerexperimenten
hätten erzeugt werden können. Die fehlenden Phänomene könnten nicht nur neue
Arten von Elementarteilchen beinhalten, sondern auch bislang unbekannte
Kräfte. Oder es könnte sich herausstellen, dass die Grundprinzipien der
Quantenmechanik falsch sind und modifiziert werden müssen, um auf korrekte
Weise Phänomene zu beschreiben, die auf kürzeren Distanzen und bei höheren
Energien vorhanden sind.
Aufgrund dieser Bedenken sprechen wir vom Standardmodell als einer
effektiven Theorie, die zwar mit Experimenten kompatibel ist, aber nur
innerhalb eines bestimmten Bereichs zuverlässige Vorhersagen macht.
Der Begriff einer effektiven Theorie räumt mit manch abgedroschenen
Vorstellungen auf, wie etwa der Plattitüde, dass Einfachheit und Schönheit die
Kennzeichen der Wahrheit sind. Da wir nicht wissen, was bei höheren Energien
geschehen könnte, sind viele physikalische Hypothesen, die über ihren eigenen
Bereich hinausgehen, konsistent mit der einen oder anderen effektiven Theorie.
Diese effektiven Theorien haben also eine intrinsische Einfachheit, weil sie mit
der einfachsten und elegantesten Art und Weise ihrer Erweiterung auf unbekannte
Bereiche konsistent sein müssen. Ein großer Teil der Eleganz der allgemeinen
Relativitätstheorie und des Standardmodells wird dadurch erklärt, dass man sie
als effektive Theorien versteht. Ihre Schönheit ist eine Folge davon, dass sie
effektiv und angenähert sind. Einfachheit und Schönheit sind also nicht die
Kennzeichen der Wahrheit, sondern die eines erfolgreich konstruierten,
angenäherten Modells eines begrenzten Phänomenbereichs. 69
Der Begriff einer effektiven Theorie stellt eine Reifung des Zweigs der
Elementarteilchentheorie dar. Unser junges, romantisches Selbst träumte davon,
dass wir die Grundgesetze der Natur in Händen hielten. Nachdem wir mehrere
Jahrzehnte mit dem Standardmodell gearbeitet haben, sind wir nun gleichzeitig
mehr davon überzeugt, dass es innerhalb des begrenzten Bereichs, in dem es
überprüft wurde, korrekt ist, und weniger überzeugt, dass es über diesen Bereich
hinaus ausgedehnt werden kann. Ist das nicht genauso wie im wirklichen
Leben? Wenn wir älter werden, gewinnen wir an Zutrauen zu dem, was wir
wirklich wissen, gleichzeitig finden wir es aber auch leichter, unsere
Unwissenheit über das zuzugeben, was wir nicht wissen.
Das mag enttäuschend erscheinen. Das Ziel der Physik soll doch sein, die
fundamentalen Naturgesetze zu entdecken. Eine effektive Theorie leistet das per
definitionem nicht. Wenn man eine allzu naive Auffassung von
Naturwissenschaft hat, könnte man sich vorstellen, dass eine Theorie nicht
gleichzeitig mit allen bisher durchgeführten Experimenten übereinstimmen und
doch im besten Fall nur eine Annäherung an die Wahrheit sein kann. Der Begriff
einer effektiven Theorie ist wichtig, weil er diesen feinen Unterschied zum
Ausdruck bringt.
Er veranschaulicht auch, auf welche Weise wir Fortschritt in der
Elementarteilchenphysik verstehen. Er sagt uns, dass die Physik ein Prozess der
Konstruktion immer besser angenäherter Theorien ist. Wenn wir unsere
Experimente auf kürzere Entfernungen und größere Energien auslegen, können
wir möglicherweise neue Phänomene entdecken, und wenn wir das tun, werden
wir ein neues Modell brauchen, um ihnen Rechnung zu tragen. Genau wie das
Standardmodell wird es eine effektive Theorie sein, wenn auch eine, die auf
einen weiteren Bereich anwendbar ist.
Der Begriff einer effektiven Theorie impliziert, dass der Fortschritt in der
Physik Revolutionen umfasst, die die begriffliche Grundlage unseres
Naturverständnisses völlig verändern und zugleich die Erfolge früherer Theorien
bewahren. Die Newton’sche Physik kann als eine effektive Theorie betrachtet
werden, die für einen Bereich gilt, in dem die Geschwindigkeiten viel niedriger
sind als die Lichtgeschwindigkeit und in dem Quanteneffekte ignoriert werden
können. Innerhalb dieses Bereichs bleibt sie so erfolgreich wie eh und je.
Die allgemeine Relativitätstheorie ist ein anderes Beispiel für eine Theorie,
die einst als Kandidat für eine fundamentale Beschreibung der Natur galt, aber
heute als effektive Theorie betrachtet wird. Denn sie lässt, um nur eine Sache zu
nennen, den Bereich der Quantenphänomene aus. Die allgemeine
Relativitätstheorie ist bestenfalls eine Annäherung an eine vereinheitlichte
Quantentheorie der Natur, zu der man gelangen kann, indem man jene
fundamentalere Theorie verkürzt.
Die Quantenmechanik ist wahrscheinlich ebenfalls eine Annäherung an eine
fundamentalere Theorie. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass ihre
Gleichungen linear sind – das heißt, dass die Wirkungen den Ursachen immer
direkt proportional sind. Bei jedem anderen Beispiel, in dem eine lineare
Gleichung in der Physik verwendet wird, weiß man, dass sie eine Annäherung
an eine fundamentalere (aber immer noch effektive), nicht lineare Theorie ist (in
dem Sinne, dass die Wirkungen zu einer höheren Potenz der Ursache
proportional sind), und es ist sehr wahrscheinlich, dass das für die
Quantenmechanik ebenso gilt.
Tatsache ist, dass jede Theorie, die wir bisher in der Physik verwendet
haben, eine effektive Theorie war. Es ist ernüchternd, wenn man sich darüber
klar wird, dass ein Teil des Preises für den Erfolg all dieser Theorien die
Erkenntnis war, dass es sich um Annäherungen handelt.
Wir könnten immer noch den Ehrgeiz haben, eine fundamentale Theorie zu
entwickeln, die die Natur ohne Annäherung beschreibt. Sowohl die Logik als
auch die Geschichte sagen uns, dass das unmöglich ist, solange wir innerhalb
des Newton’schen Paradigmas bleiben. So bewundernswert die Newton’sche
Physik, die allgemeine Relativitätstheorie, die Quantenmechanik und das
Standardmodell auch sein mögen, so sind sie doch keine Vorlage für eine
fundamentale kosmologische Theorie. Der einzig mögliche Weg zu einer
solchen Theorie besteht darin, die kosmologische Herausforderung anzunehmen
und eine Theorie zu entwerfen, die nicht am Newton’schen Paradigma
ausgerichtet ist, sondern ohne Annäherung auf das ganze Universum angewendet
werden könnte.

61 Andere fixierte Hintergrundstrukturen umfassen die Geometrie der Räume, in denen sich die
Quantenzustände befinden; die Vorstellung von Abständen auf diesen Räumen, mit denen
man Wahrscheinlichkeiten definiert; und die Geometrie der Räume, in denen die
Freiheitsgrade des Standardmodells vorkommen. Hintergrundstrukturen, die in der
allgemeinen Relativitätstheorie verwendet werden, schließen die differentielle Struktur der
Raumzeit und oft auch die Geometrie asy mptotischer Schranken ein.
62 Die Begriffe » hintergrundunabhängig« und » hintergrundabhängig« werden in Erörterungen
von Quantengravitationstheorien enger definiert verwendet; in diesem Kontext nimmt eine
hintergrundabhängige Theorie einen fixierten Hintergrund klassischer Raumzeit an.
Störungstheorien, wie z. B. die störungstheoretische Quantengravitation und die
störungstheoretische Stringtheorie, sind hintergrundabhängig. Hintergrundunabhängige
Ansätze zur Quantengravitation umfassen die Loop-Quantengravitation, kausale Mengen,
kausal-dy namische Triangulationen und Quantum Graphity .
63 Amit P. S. Yadav & Benjamin Wandelt, » Detection of Primordial Non-Gaussianity (fNL) in
the WMAP 3-Year Data at Above 99,5 % Confidence« , arXiv: 0712.1148 [astro-ph],
PRL100, 181301 (2008).
64 Xingang Chen et al., » Observational Signatures and Non-Gaussianities of General Single Field
Inflation« , arXiv:hep-th/0605045v4 (2008); Clifford Cheung et al., » The Effective Field
Theory of Inflation« , arXiv.org/abs/0709.0293v2 [hep-th] (2008); R. Holman & Andrew J.
Tolley , » Enhanced Non-Gaussianity from Excited Initial States« , arXiv:0710.1302v2
(2008).
65 Das bedeutet nicht, dass Effekte der Anfangsbedingungen auf CMB niemals von
Veränderungen innerhalb der Inflationstheorie unterschieden werden können, zumindest
innerhalb fester Modellklassen. Siehe Ivan Agullo, José Navarro-Salas, Leonard Parker,
arXiv: 1112.1581v2. Ich danke Matthew Johnson für die Gespräche über diesen Punkt.
66 Die Einzigkeit des Universums plagt auch andere Versuche, Theorien des frühen Universums
zu überprüfen. In der gewöhnlichen Laborphy sik haben wir es immer mit einem Rauschen zu
tun, das aus statistischen Unsicherheiten in den Daten entsteht. Häufig kann das reduziert
werden, indem man viele Messungen macht, weil der Effekt zufälligen Rauschens abnimmt,
über je mehr Versuche gemittelt wird. Da das Universum nur einmal vorkommt, ist so etwas
bei kosmologischen Beobachtungen jedoch unmöglich. Diese statistischen Unsicherheiten
werden als » kosmische Varianz« bezeichnet.
67 Lee Smolin, » The Thermody namics of Gravitational Radiation« , Gen. Rel. & Grav. 16:3, S.
205–210 (1984); » On the Intrinsic Entropy of the Gravitational Field« , Gen. Rel. & Grav.
17:5, S. 417–437 (1985).
68 Vielleicht erwischt uns auch ein Phasenübergang, da das falsche Vakuum, in dem wir
möglicherweise leben, zerfällt. Siehe z. B. Sidney Coleman & Frank de Luccia,
» Gravitational Effects on and of Vacuum Decay « , Phys. Rev. D 21:12, S. 3305–3315
(1980).
69 Das erklärt übrigens auch, warum fallende Körper sich entlang von Parabeln bewegen – diese
Kurven erfüllen Gleichungen, die einfach sind, weil sie nur zwei Datenbestandteile zu ihrer
Definition erfordern, nämlich die Beschleunigung aufgrund der Gravitation und die
Anfangsgeschwindigkeit und die Anfangsrichtung der Bewegung.
10 Prinzipien für eine neue Kosmologie

Wir beginnen jetzt unsere Suche nach einer Theorie, die wahrhaft eine Theorie
des ganzen Universums sein kann. Eine solche Theorie muss das
kosmologische Dilemma vermeiden und sie muss auch hintergrundunabhängig
sein – sie darf keine Spaltung der Welt in zwei Teile voraussetzen: einen Teil,
der dynamische Variablen enthält, die sich entwickeln, und einen anderen Teil,
der feste Strukturen enthält, die den Hintergrund bilden, der den sich
entwickelnden Teilen Bedeutung verleiht. Alles, von dem die Theorie
behauptet, dass es ein Teil der Wirklichkeit sei, muss durch seine Beziehungen
zu der übrigen Wirklichkeit definiert werden, und zwar auf eine Weise, die es
der Veränderung unterwirft.
Was müssen wir von einer wahren kosmologischen Theorie fordern?

• Jede neue Theorie muss das enthalten, was wir bereits über die Natur wissen.
Die gegenwärtigen Theorien – das Standardmodell der
Elementarteilchenphysik, die allgemeine Relativitätstheorie und die
Quantenmechanik – müssen sich als Annäherungen an die unbekannte
kosmologische Theorie herausstellen, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf
Entfernungs- und Zeitskalen beschränken, die kleiner sind als der Kosmos.
• Die neue Theorie muss wissenschaftlich sein. Echte Erklärungen zeigen ihre
Gültigkeit dadurch, dass sie unzählige unerwartete Konsequenzen haben. Die
Dinge dürfen nicht einfach erfunden werden, weil eine schöne Geschichte
dabei herauskommt. Eine wirkliche Theorie muss spezifische, überprüfbare
Vorhersagen machen.
• Die neue Theorie sollte die Frage » Warum diese Gesetze?« beantworten. Sie
muss uns eine wesentliche Einsicht im Hinblick auf die Frage geben, wie
und warum die besonderen Elementarteilchen und Kräfte, die im
Standardmodell beschrieben werden, ausgewählt wurden. Vor allem muss sie
die besonderen und unwahrscheinlichen fundamentalen Konstanten erklären,
die in unserem Universum gelten – die Parameter wie zum Beispiel die
Massen der Elementarteilchen und die Stärken der verschiedenen Kräfte, die
durch das Standardmodell definiert sind.
• Die neue Theorie sollte die Frage » Warum diese Anfangsbedingungen?«
beantworten und dadurch erklären, warum unser Universum anscheinend
ganz ungewöhnliche Eigenschaften hat, wenn man es mit allen möglichen
Universen vergleicht, die durch dieselben Gesetze beschrieben werden
könnten.

Das sind Minimalanforderungen. Da wir von einer Theorie des ganzen


Universums sprechen, diktiert die kollektive Weisheit der Physik – die in den
Schriften der großen Geister enthalten ist, die um die Erfindung von Theorien
der Natur gerungen haben, unter ihnen Kepler, Galilei, Newton, Leibniz, Ernst
Mach und Einstein –, dass wir etwas genauere Angaben machen können. 70
Folgendes ist meine Interpretation davon, was uns diese großen Denker gelehrt
haben:
Die Erklärungen, die solch eine Theorie von Eigenschaften unseres
Universums gibt, dürfen nur von Dingen abhängen, die innerhalb des
Universums existieren oder vorkommen. Keine Erklärungsketten können aus
dem Universum hinausdeuten, daher müssen wir ein Prinzip der
Geschlossenheit der Erklärung fordern.
Um wissenschaftlich zu sein, muss eine Theorie keine präzise Antwort auf
jede Frage geben, die man sich ausdenken kann. Aber es sollte eine große Zahl
von Fragen geben, die wir glauben beantworten zu können, wenn wir mehr
Einzelheiten über das Universum wüssten. Leibniz’ Prinzip des zureichenden
Grundes postuliert, dass es eine Antwort auf jede vernünftige Frage geben sollte,
die wir mit Bezug darauf stellen könnten, warum das Universum eine bestimmte
Eigenschaft hat. Ein wichtiger Test einer neuen wissenschaftlichen Theorie
besteht darin, zu überprüfen, ob sie die Zahl der Fragen, die wir beantworten
können, erhöht. Fortschritt findet statt, wenn wir Gründe für Aspekte des
Universums finden, die von früheren Theorien nicht erklärt wurden.
Leibniz’ Prinzip hat einige Konsequenzen, die einer kosmologischen Theorie
Beschränkungen auferlegen sollten. Eine davon ist, dass es nichts im Universum
geben sollte, das auf andere Dinge wirkt, ohne dass es selbst Gegenstand von
Einwirkungen ist. Alle Einflüsse oder Kräfte sollten wechselseitig sein. Wir
können dies das » Prinzip keiner unerwiderten Einwirkungen« nennen. Einstein
berief sich auf dieses Prinzip, um seine Ersetzung von Newtons
Gravitationstheorie durch die allgemeine Relativitätstheorie zu rechtfertigen. Er
argumentierte, dass Newtons absoluter Raum den Körpern zwar sagt, wie sie
sich bewegen sollen, dass es aber keine Wechselseitigkeit gibt; die Körper des
Universums beeinflussen den absoluten Raum nicht. Der absolute Raum
existiert einfach. In Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie ist die Beziehung
zwischen Materie und Geometrie wechselseitig: Die Geometrie sagt der Materie,
wie sie sich bewegen soll, und die Materie beeinflusst ihrerseits die Krümmung
der Raumzeit. Auch kann kein Ereignis den Fluss von Newtons absoluter Zeit
beeinflussen. Newton unterstellt, dass sie auf dieselbe Weise fließt, ob das
Universum leer oder voller Materie ist. In der allgemeinen Relativitätstheorie
beeinflusst das Vorhandensein von Materie das Verhalten von Uhren.
Dieses Prinzip verbietet also jeden Bezug auf unveränderliche
Hintergrundstrukturen – das heißt Entitäten, deren Eigenschaften für alle Zeit
unabhängig von der Bewegung der Materie festgelegt sind.
Diese Hintergrundstrukturen sind das Unbewusste der Physik, das unser
Denken stillschweigend formt, um den Grundbegriffen, die wir zur Vorstellung
der Welt verwenden, einen Sinn zu verleihen. Wir glauben, dass wir wissen,
was » Position« bedeutet, weil wir unbewusste Annahmen über die Existenz
eines absoluten Bezugspunkts machen. Mehrere der entscheidenden
grundlegenden Schritte in der Evolution der Physik bestanden darin, die
Existenz einer unveränderlichen Hintergrundstruktur anzuerkennen, sie
aufzuheben und durch eine dynamische Ursache innerhalb des Universums zu
ersetzen. Das tat Ernst Mach, als er Newton mit dem Hinweis widerlegte, dass
uns schwindlig wird, wenn wir uns drehen, weil wir uns relativ zur Materie im
Universum – und nicht zum absoluten Raum – bewegen.
Wenn wir auf wechselseitiger Einwirkung bestehen und unveränderliche
Hintergrundstrukturen ausschließen, sagen wir, dass jede Entität im Universum
sich dynamisch entwickelt, in Wechselwirkung mit allem anderen. Das ist die
Essenz der Philosophie des Relationalismus, die gewöhnlich Leibniz
zugeschrieben wird (erinnern Sie sich an unsere Erörterung der Bedeutung von
» Position« in Kapitel 3). Wir können diese Idee zu der Behauptung erweitern,
dass alle Eigenschaften, die in einer kosmologischen Theorie vorkommen, sich
entwickelnde Beziehungen zwischen dynamischen Entitäten widerspiegeln
sollten.
Aber wenn die Eigenschaften eines Körpers – die Eigenschaften, durch die wir
ihn identifizieren und ihn von anderen Körpern unterscheiden – Beziehungen zu
anderen Körpern sind, dann kann es nicht zwei verschiedene Körper geben, die
dieselbe Menge von Beziehungen zum Rest des Universums haben. Zwei
Dinge, die dieselben Beziehungen zu allem anderen im Universum haben,
müssen tatsächlich dasselbe Ding sein. Das ist ein weiteres der Leibniz’schen
Prinzipien, das » Identität des Ununterscheidbaren« genannt wird. Es ist
ebenfalls eine Konsequenz des Prinzips des zureichenden Grundes, denn wenn es
zwei verschiedene Entitäten mit denselben Beziehungen zum Rest der Welt
gibt, dann gibt es keinen Grund dafür, warum sie so sein sollten, wie sie sind,
und nicht vertauscht. Das würde auf eine innerweltliche Tatsache hinauslaufen,
die keine rationale Erklärung hätte.
Es kann also keine fundamentalen Symmetrien in der Natur geben. Eine
Symmetrie ist eine Transformation eines physikalischen Systems, das seine
Teile austauscht, während alle seine physikalisch beobachtbaren Größen gleich
bleiben. 71 Ein Beispiel für eine Symmetrie in der Newton’schen Physik ist die
Translationsbewegung eines Subsystems von einem Ort im Raum zu einem
anderen. Da die Gesetze der Physik nicht davon abhängen, wo im Raum sich
ein System befindet, bleiben die Vorhersagen unverändert, wenn das Labor –
und alles, was das Ergebnis eines Experiments beeinflussen kann – sechs Meter
nach links verschoben wird. Diese Unabhängigkeit experimenteller Ergebnisse
von der Lokalisierung im Raum wird dadurch beschrieben, dass man sagt, die
Physik sei invariant bei Systemen mit Translationsbewegungen im Raum.
Symmetrien sind in allen bekannten physikalischen Theorien verbreitet.
Mehrere der nützlichsten Werkzeuge im Werkzeugkasten des Physikers nutzen
das Vorhandensein von Symmetrien aus. Doch wenn Leibniz’ Prinzipien richtig
sind, dürfen sie nicht fundamental sein.
Symmetrien entstehen aus der Tatsache, dass man ein Subsystem des
Universums so behandelt, als wäre es das einzige System, das existiert. Nur
weil wir die Wechselwirkungen zwischen dem übrigen Universum und den
Atomen in unserem Labor ignorieren, spielt es keine Rolle, wenn wir das Labor
im Raum umherbewegen. Das erklärt auch, warum es irrelevant ist, wenn wir
das untersuchte System drehen. Es ist deshalb irrelevant, weil wir die
Wechselwirkungen zwischen diesem Subsystem und dem übrigen Universum
ignorieren. Wenn wir diese Wechselwirkungen in Betracht zögen, würde es
gewiss eine Rolle spielen, wenn sich das Subsystem drehte.
Aber wie steht es damit, wenn das Universum selbst eine Translations- oder
Rotationsbewegung macht? Ist das keine Symmetrie? Es ist keine, weil keine
relative Position innerhalb des Universums verändert wird. Wenn man einen
relationalen Standpunkt einnimmt, ist eine Translations- oder
Rotationsbewegung des Universums ohne Bedeutung. Symmetrien, wie zum
Beispiel Translations- und Rotationsbewegungen, sind daher nicht fundamental;
sie ergeben sich aus der Aufspaltung der Welt in zwei Teile, wie im
vorangehenden Kapitel dargelegt wurde. Diese und andere Symmetrien sind nur
Eigenschaften angenäherter Gesetze, die sich auf Subsysteme des Universums
beziehen.
Das hat eine verblüffende Konsequenz: Wenn diese Symmetrien nur
angenähert gelten, dann ist dies auch bei den Gesetzen der Energie-, Impuls- und
Drehimpulserhaltung der Fall. Diese fundamentalen Erhaltungsgesetze hängen
von der Annahme ab, dass Raum und Zeit unter Translationsbewegungen in der
Zeit, Translationsbewegungen im Raum und Rotationsbewegungen
symmetrisch sind. Die Verbindung zwischen Symmetrien und
Erhaltungsgesetzen ist der Inhalt eines grundlegenden Theorems, das im frühen
20. Jahrhundert von der Mathematikerin Emmy Noether bewiesen wurde. 72 Ich
werde hier nicht versuchen, ihre Überlegung zu erklären, aber ihr Theorem ist
eine der Säulen der Physik und verdient es, bekannter zu sein.
Die unbekannte kosmologische Theorie wird also weder Symmetrien noch
Erhaltungsgesetze beinhalten. 73 Manche Elementarteilchenphysiker, die vom
Erfolg des Standardmodells beeindruckt sind, sagen gern, dass eine Theorie
umso mehr Symmetrien aufweisen sollte, je fundamentaler sie ist. Das ist gerade
der falsche Schluss, den man daraus ziehen kann. 74

Wir kommen nun zur wichtigsten Frage im Hinblick auf die unbekannte
kosmologische Theorie: Was wird sie über das Wesen der Zeit zu sagen haben?
Wird die Zeit aufgelöst werden wie in Einsteins Relativitätstheorie? Wird sie
verschwinden und nur dann auftauchen, wenn sie gebraucht wird, wie in
Barbours Quantenkosmologie? Oder wird die Zeit im Unterschied zu allen
Theorien seit Newton eine wesentliche Rolle spielen?
Ich glaube, dass man die Zeit für jede Theorie braucht, die die Frage
» Warum diese Gesetze?« beantwortet. Wenn Gesetze erklärt werden sollen,
müssen sie sich entwickeln. Dafür argumentierte Charles Sanders Peirce, den ich
in der Einleitung zitierte. Sehen wir uns das Zitat noch einmal an, um sein
Argument deutlich zu erfassen. Er beginnt folgendermaßen: » Die Annahme
universaler Naturgesetze, die zwar vom Geist erfasst werden können, aber keinen
Grund für ihre besondere Form besitzen, sondern unerklärbar und irrational sind,
ist kaum zu rechtfertigen.«
Dies können wir als eine Formulierung von Leibniz’ Prinzip des
zureichenden Grundes auffassen: Wir sollten in der Lage sein, zu sagen, warum
gerade die Naturgesetze gelten, die wir entdeckt haben, und keine anderen.
Peirce betont das noch einmal in den folgenden beiden Sätzen:
» Gleichförmigkeiten sind genau die Art von Tatsachen, die erklärt werden
müssen […] Ein Gesetz ist schlechthin das, was einen Grund benötigt.«
Dies ist eine Formulierung der Frage: » Warum diese Gesetze?« Tatsachen
mit Bezug auf die Welt müssen erklärt werden, und eine Tatsache, die am
meisten der Erklärung bedarf, ist die, warum in unserem Universum bestimmte
Gesetze gelten.
Dann behauptet Peirce, dass » die einzige Möglichkeit, die Naturgesetze und
Gleichförmigkeiten im Allgemeinen zu erklären, [darin besteht], sie als
Ergebnisse der Evolution aufzufassen.« Das ist eine starke Aussage. Peirce gibt
kein Argument für seine Schlussfolgerung an, dass Gesetze sich entwickeln
müssen; er behauptet einfach, dass das die » einzig mögliche« Antwort auf die
Frage » Warum diese Gesetze?« ist. Ich weiß nicht, ob Peirce an irgendeiner
Stelle in seinen umfangreichen Schriften und Notizheften überhaupt je ein
Argument für diese Schlussfolgerung lieferte. Aber das folgende ist eines, das er
hätte anführen können.
Unsere Aufgabe ist es, zu erklären, warum ein Objekt – in diesem Fall das
Universum – eine bestimmte Eigenschaft hat: nämlich die, dass die
Elementarteilchen und Kräfte durch Prozesse wechselwirken, die vom
Standardmodell der Elementarteilchenphysik beschrieben werden. Das Problem
ist eine Herausforderung, weil wir wissen, dass das Standardmodell mit seinen
besonderen Parametern nur eine aus einer sehr großen Anzahl von
Wahlmöglichkeiten für die Naturgesetze darstellt. Wie erklären wir also, warum
eine Entität eine bestimmte Eigenschaft aus einer riesigen Menge von möglichen
Alternativen hat?
Da es viele Alternativen gibt, existiert kein Prinzip, das genau die Gesetze
angibt, die wir feststellen. Wenn es keinen notwendigen Grund für die Wahl
gibt, dann muss es einen Grund für die Wahl geben, der schwächer ist als
logische Notwendigkeit. Es könnte Fälle geben oder gegeben haben, in denen
die Wahl auf andere Weise getroffen wurde. Wie erklären wir, wie die Wahl im
Falle unseres Universums ausfiel?
Wenn es wirklich nur den einen Fall gibt, wird es nie eine hinreichende
Erklärung geben, weil es eben kein logisches Prinzip gibt, das die Wahl
bestimmt. Eine hinreichende Erklärung verlangt, dass es andere Universen
gegeben haben muss, die ursprünglich mit Gesetzen ausgestattet waren. Das
heißt, es muss mehr als ein Ereignis wie unseren Urknall gegeben haben, bei
dem Naturgesetze ausgewählt wurden. (Der Einfachheit halber nehmen wir an,
dass Gesetze bei dramatischen Ereignissen wie unserem Urknall ausgewählt
werden; wir haben gewiss keine Belege dafür, dass die Naturgesetze sich seitdem
verändert haben.)
Die Frage ist dann, wie die Urknallereignisse – die Ereignisse, die die
Gesetze auswählen – angeordnet sind. Jetzt können wir das Prinzip in Anspruch
nehmen, dass das Universum explanatorisch und kausal geschlossen sein muss.
Wir nehmen also an, dass das Universum alle Ursachenketten enthält, die
notwendig dafür sind, irgendetwas innerhalb des Universums zu erklären. Wenn
wir erklären wollen, wie die effektiven Gesetze bei unserem Urknall ausgewählt
wurden, können wir uns nur auf Ereignisse in der Vergangenheit des Urknalls
berufen. Und wir können dieselbe Logik auch auf die Ursachen der Auswahl von
Gesetzen anwenden, die bei früheren Urknallereignissen als unserem getroffen
wurde. Es muss also eine Reihe von Urknallereignissen geben, die sich endlos
in die Vergangenheit erstreckt. Nehmen wir einen willkürlichen Startpunkt, der
vor einer Reihe von Urknallereignissen liegt, und folgen wir der Auswahl von
Gesetzen in die Zukunft. Wir werden sehen, wie sich die Gesetze entwickeln,
wenn wir uns unserem gegenwärtigen Universum nähern. Auf diese Weise
gelangen wir zu Peirce’ Schlussfolgerung, dass sich die Gesetze entwickelt
haben müssen, wenn wir die Hoffnung haben, sie zu erklären. 75
Die Urknallereignisse können rein sequentiell sein oder sich verzweigen – in
die Zukunft, in die Vergangenheit oder sowohl als auch. Wir können
unterschiedliche Hypothesen im Hinblick auf die Frage konstruieren, ob es eine
Verzweigung gibt und was bei diesen Ereignissen genau stattfindet, damit die
Naturgesetze modifiziert werden. In all diesen Fällen werden wir die Wahl der
Gesetze, die beim jüngsten Urknall stattfand, ausschließlich in Form von
Ereignissen erklären, die in seiner kausalen Vergangenheit liegen. Ein Szenario
dieser Art könnte durchaus experimentell überprüft werden; die Ereignisse vor
unserem Urknall könnten sich anhand von Informationen beobachten lassen, die
in Überbleibseln (falls es solche gibt) zu finden wären, die die Geburt unseres
Universums überlebt haben. In den Kapiteln 11 und 18 werden wir Beispiele für
Vorhersagen von Theorien sehen, die den Naturgesetzen vor unserem Urknall
gestatten, sich zu entwickeln.
Wenn der Urknall jedoch keine Vergangenheit hat, ist die Wahl der Gesetze
und Anfangsbedingungen willkürlich und es wird keine solchen Tests geben. Es
wird auch keine Tests von Szenarien geben, in denen eine riesige oder
unendliche Population von Universen existiert, deren Urknallereignisse keine
kausale Verbindung mit unserem Universum haben. In einer wissenschaftlichen
Kosmologie kann uns das Postulat solcher paralleler Universen keine einzige
Eigenschaft unseres eigenen Universums erklären helfen. Wir gelangen zu dem
Schluss, dass die einzige Möglichkeit, eine wissenschaftliche kosmologische
Theorie zu haben, die falsifizierbare Vorhersagen machen kann, darin besteht,
dass die Gesetze sich in der Zeit entwickelt haben. (Eine Vorhersage einer
Theorie ist falsifizierbar, wenn sie von einem durchführbaren Experiment
widerlegt werden kann.)
Roberto Mangabeira Unger drückt das eleganter aus. 76 Entweder ist die Zeit
wirklich oder sie ist es nicht. Wenn die Zeit nicht wirklich ist, dann sind
Gesetze zwar zeitlos – aber dann ist die Wahl der Gesetze aus Gründen, die wir
bereits erörtert haben, unerklärbar. Wenn andererseits die Zeit tatsächlich
wirklich ist, dann kann nichts, nicht einmal die Gesetze, ewig bestehen. Wenn
Naturgesetze ewig gelten würden, befänden wir uns im Newton’schen Paradigma
und man könnte die Gesetze dazu verwenden, jede Eigenschaft der Welt zu
einem späteren Zeitpunkt auf eine Eigenschaft zu einem früheren Zeitpunkt zu
reduzieren. Im selben Sinne könnte man jede physikalische Verursachung durch
logische Implikation ersetzen. Die Wirklichkeit der Zeit bedeutet also, dass
Gesetze nicht ewig gelten. Sie müssen sich entwickeln.
Diese Vorstellung von zeitlosen Gesetzen verletzt auch das relationale
Prinzip, dass nichts im Universum wirkt, ohne dass es selbst Wirkungen
empfängt. Wenn man sich dafür entscheidet, die Naturgesetze von diesem
Prinzip auszunehmen und sie als etwas außerhalb des Universums zu betrachten,
dann stellt man sie außerhalb des Bereichs rationaler Erklärung. Um Gesetze
erklärbar zu machen, müssen wir sie genauso als Teil der Welt verstehen wie
die Teilchen, auf die sie wirken. Das bringt sie in den Geltungsbereich von
Veränderung und Kausalität. Sie werden erst dann erklärbar, wenn sie an dem
Tanz von Veränderungen und wechselseitigen Einflüssen teilnehmen, die die
Welt zu einem Ganzen machen.
Wenn die Prinzipien, die ich vorgeschlagen habe, korrekt sind, wissen wir
schon etwas über die kosmologische Theorie, obwohl wir sie noch nicht haben.

• Sie sollte das enthalten, was wir schon über die Natur wissen, aber eben als
Annäherungen.
• Sie sollte wissenschaftlich sein, das heißt, sie muss überprüfbare Vorhersagen
für durchführbare Experimente machen.
• Sie sollte das Problem » Warum diese Gesetze?« lösen.
• Sie sollte das Problem der Anfangsbedingungen lösen.
• Sie wird weder Symmetrien noch Erhaltungsgesetze postulieren.
• Sie sollte kausal und explanatorisch geschlossen sein. Nichts außerhalb des
Universums sollte erforderlich sein, um irgendetwas innerhalb des
Universums zu erklären.
• Sie sollte das Prinzip des zureichenden Grundes erfüllen, das Prinzip, dass es
keine einseitigen Wirkungen gibt, und das Prinzip der Identität des
Ununterscheidbaren.
• Die physikalischen Variablen sollten entwickelnde Beziehungen zwischen
dynamischen Entitäten beschreiben. Es sollte keine unveränderlichen
Hintergrundstrukturen geben, auch keine unveränderlichen Naturgesetze.
Folglich entwickeln sich die Naturgesetze, was impliziert, dass die Zeit
wirklich ist.

Prinzipien sind gut und schön. Was wir aber wirklich brauchen, sind
Hypothesen, die zu Theorien führen, welche prüfbare Vorhersagen machen. In
den nächsten Kapiteln werde ich mehrere Beispiele für Hypothesen und Theorien
beschreiben, die diese Prinzipien verwirklichen, und wir werden sehen, dass sie
tatsächlich prüfbare Hypothesen aufstellen.
70 Hier folge ich dem Rat David Finkelsteins – emeritierter Professor am Georgia Tech und einer
der Weisen der zeitgenössischen Phy sik –, der mir einst sagte, dass der fliegende Start, den
wir in der Phy sik für den großen konzeptionellen Sprung brauchen, durch eingehende
Betrachtung ihrer Geschichte über die letzten vier Jahrhunderte hinweg gewährleistet wird.
71 Man achte auf die Unterscheidung zwischen einer Sy mmetrie und einer Eichsy mmetrie.
Erstere impliziert phy sikalische Transformationen, die die Gesetze unverändert lassen. Die
zweite ist eine mathematische Neubeschreibung der Konfiguration eines Sy stems. Das
Argument, das ich hier anführe, schließt zwar die erste, aber nicht die zweite aus.
72 E. Noether, » Invariante Variationsprobleme« , Nachr. v. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, S. 235–
257 (1918).
73 Diese allgemeine Überlegung wird innerhalb der allgemeinen Relativitätstheorie bestätigt, die,
wenn sie auf ein geschlossenes Universum angewendet wird, weder Sy mmetrien noch
Erhaltungssätze enthält.
74 Roger Penrose argumentierte schon vor langer Zeit dafür. Am Beispiel der Stringtheorie
erkennen wir in der Tat, dass die Erklärungskraft einer Theorie umso geringer ist, je mehr
Sy mmetrien sie aufweist.
75 Der einzige unklare Punkt in Peirce’ Schlussfolgerung ist, was er mit Evolution meinte.
Gelehrte haben dafür argumentiert, dass er sich auf so etwas wie die Darwin’sche natürliche
Selektion bezog. Es ist bekannt, dass er von Darwin sehr stark beeinflusst war. Aber auf der
Basis des Textes allein können wir nur annehmen, dass er unter Evolution im allgemeineren
Sinne eine Veränderung in der Zeit entsprechend einem dy namischen Prozess verstand. Dies
genügt für unser vorliegendes Argument, das begründen soll, dass die Frage » Warum diese
Gesetze?« nur beantwortet werden kann, wenn die Zeit wirklich ist.
76 Roberto Mangabeira Unger, Manuskriptentwurf.
11 Die Evolution von Gesetzen

Die zentrale Aussage von Teil II war bisher, dass die Physik, wenn die
Kosmologie Fortschritte machen soll, die Idee zeitloser und ewiger Gesetze
aufgeben und stattdessen die Vorstellung akzeptieren muss, dass diese sich in
der wirklichen Zeit entwickeln. Dieser Übergang ist notwendig, damit wir zu
einer kosmologischen Theorie gelangen können – einer, die die Auswahl der
Gesetze und Anfangsbedingungen erklärt –, die prüfbar und anhand von
durchführbaren Experimenten für Falsifikationen zugänglich ist. Da ich diesen
Sachverhalt im Wesentlichen (wie ich hoffe) dargestellt habe, werde ich ihn im
folgenden Kapitel durch den Vergleich der Leistungsfähigkeit von zwei Theorien
zur Erklärung und Vorhersage von Beobachtungsergebnissen veranschaulichen.
Eine dieser Theorien nimmt zeitlose, die andere nimmt sich entwickelnde
Gesetze an.
Die Theorie, nach der Gesetze sich entwickeln, heißt » kosmologische
natürliche Selektion« . Sie wurde von mir in den späten 1980er-Jahren
entwickelt und 1992 veröffentlicht. 77 In jenem Aufsatz habe ich ein paar
Vorhersagen gemacht, die in den beiden folgenden Jahrzehnten hätten falsifiziert
werden können, was aber nicht geschah. Das beweist natürlich nicht, dass die
Theorie richtig ist, zumindest aber habe ich gezeigt, dass eine Theorie sich
entwickelnder Gesetze wirkliche Eigenschaften unserer Welt erklären und
vorhersagen kann.
Als Beispiel für eine zeitlose Theorie werde ich eine Version der
Multiversumszenarien nehmen, die als » ewige Inflation« bezeichnet wird und in
den 1980er-Jahren von Alexander Vilenkin und Andreij Linde vorgeschlagen
und seither intensiv studiert wurde. 78 Die ewige Inflation erscheint in
verschiedenen Formen, die die Tatsache widerspiegeln, dass einige ihrer
Hypothesen angepasst werden können. Um mein Anliegen zu verdeutlichen,
habe ich eine einfache Form gewählt, die dem » Ewigen« am nächsten kommt,
weil sie ein zeitloses Bild des Multiversums gibt. Es gibt andere Versionen
inflationärer Multiversen, in denen die Zeit eine wesentlichere Rolle spielt, und
insofern sie eine echte Vorstellung von sich entwickelnden Gesetzen beinhalten,
teilen sie einige Aspekte der kosmologischen natürlichen Selektion.
Ein Grund dafür, dass die kosmologischen Szenarien mit sich entwickelnden
Gesetzen erfolgreich wirkliche Vorhersagen machen, liegt darin, dass sie nicht
auf dem anthropischen Prinzip beruhen – welches besagt, dass wir nur in einem
Universum leben können, dessen Gesetze und Anfangsbedingungen ein
lebensfreundliches Universum schaffen –, um das Multiversum mit dem
Universum zu verbinden, das wir beobachten. Eine der Aufgaben dieses Kapitels
besteht in der Widerlegung der Behauptung, dass das anthropische Prinzip eine
Rolle dabei spielen kann, Vorhersagen aus einer Theorie zu generieren.
Die kosmologische natürliche Selektion war das Thema meines ersten
Buches The Life of the Cosmos (dt.: Warum gibt es die Welt?), daher werde ich
es gerade detailliert genug beschreiben, um zu verdeutlichen, warum die
Evolution der Gesetze in der Zeit zu einer falsifizierbaren Erklärung dieser
Gesetze führt. 79
Die Grundannahme der kosmologischen natürlichen Selektion besteht darin,
dass Universen sich durch die Erzeugung neuer Universen innerhalb von
schwarzen Löchern fortpflanzen. Unser Universum ist somit ein Nachkomme
eines anderen Universums, das in einem seiner schwarzen Löcher geboren
wurde, und jedes schwarze Loch in unserem Universum ist der Same für ein
neues Universum. Das ist ein Szenario, innerhalb dessen wir das Prinzip der
natürlichen Selektion anwenden können.
Der Mechanismus der natürlichen Selektion, den ich verwende, beruht auf den
Methoden der Populationsbiologie, die zur Erklärung der Tatsache dienen, wie
bestimmte Parameter, die ein System beherrschen, selektiert werden können,
sodass es komplexer wird, als es ansonsten wäre. Die Anwendung der
natürlichen Selektion auf ein System zur Erklärung seiner Komplexität erfordert
Folgendes:

• Einen Raum für die Parameter, die innerhalb einer Population variieren. In der
Biologie sind diese Parameter die Gene; in der Physik sind es die
Konstanten des Standardmodells, die die Massen der verschiedenen
Elementarteilchen und die Stärken der Grundkräfte enthalten. Diese
Parameter bilden eine Art von Konfigurationsraum für die Naturgesetze –
einen Raum, der Theorienlandschaft genannt wird (ein Begriff, der aus der
Populationsbiologie entlehnt ist, in der der Raum der Gene Fitnesslandschaft
genannt wird).
• Einen Reproduktionsmechanismus. Ich übernehme hier eine alte Idee, die mir
von meinem Postdoc-Mentor, Bryce DeWitt, vorgeschlagen wurde, nämlich
dass schwarze Löcher zur Geburt neuer Universen führen. Dies ist eine
Konsequenz der Hypothese, dass die Quantengravitation mit den
Singularitäten aufräumt, an denen die Zeit beginnt und endet – eine
Hypothese, die theoretisch gut gestützt ist. Unser Universum hat eine Menge
schwarzer Löcher, mindestens 1 Milliarde mal 1 Milliarde, was auf eine sehr
große Population von Nachkommen hindeutet. Man kann vermuten, dass
unser Universum selbst ein Teil einer Abstammungslinie ist, die sich weit
in die Vergangenheit erstreckt.
• Variation. Die natürliche Selektion funktioniert zum Teil deshalb, weil Gene
mutieren oder sich während der Fortpflanzung zufällig rekombinieren, sodass
die Genome der Nachkommen sich von denen ihrer Eltern unterscheiden.
Um eine Analogie hierzu herzustellen, kann man vermuten, dass es jedes
Mal, wenn ein neues Universum entsteht, zu einer kleinen zufälligen
Veränderung in den Parametern der Gesetze kommt. Daher können wir auf
der Landschaft den Punkt markieren, der den Werten der Parameter für dieses
Universum entspricht. Das Ergebnis ist eine riesige und ständig wachsende
Sammlung von Punkten auf der Landschaft, die repräsentiert, wie die
Parameter der Gesetze über die Universen hinweg variieren.
• Fitnessunterschiede. In der Populationsbiologie ist die Fitness eines
Individuums ein Maß für seinen Reproduktionserfolg – das heißt dafür, wie
viele Nachkommen es hat, die lange genug überleben, um selbst wieder
Kinder zu bekommen. Die Fitness eines Universums wird dann ein Maß
dafür sein, wie viele schwarze Löcher es hervorbringt. Die Anzahl hängt
anscheinend empfindlich von den Parametern ab. Es ist nicht leicht, ein
schwarzes Loch zu erzeugen; daher führen viele Parameter zu Universen, die
überhaupt keine schwarzen Löcher aufweisen. Ein paar Parameter führen zu
Universen mit vielen schwarzen Löchern. Diese Universen besetzen ein sehr
kleines Gebiet des Parameterraums. Wir werden annehmen, dass diese
äußerst fruchtbaren Gebiete im Parameterraum Inseln darstellen, die von
Regionen viel geringerer Fruchtbarkeit umgeben sind.
• Typikalität. Außerdem nehmen wir an, dass unser eigenes Universum ein
typisches Mitglied derjenigen Population von Universen ist, die sich nach
vielen Generationen einstellt. Somit können wir vorhersagen, dass alle
Eigenschaften, die die meisten Universen teilen, auch Eigenschaften unseres
eigenen sind. 80

Die Leistungsfähigkeit der natürlichen Selektion als Methodologie ist derart,


dass aufgrund dieser minimalen Annahmen starke Schlussfolgerungen gezogen
werden können. Die grundlegende Konsequenz ist, dass die meisten Universen
nach vielen Generationen Parameter haben werden, die sich innerhalb der äußerst
fruchtbaren Regionen befinden. Daraus folgt, dass, wenn wir die Parameter eines
typischen Universums ändern, das Ergebnis höchstwahrscheinlich ein
Universum sein wird, das viel weniger schwarze Löcher bildet. Da unser
Universum typisch ist, muss dies auch für unser Universum gelten.
Das ist eine Vorhersage, die indirekt überprüft werden kann. Wir wissen
schon, dass viele verschiedene Änderungen der Parameter des Standardmodells
Universen hervorbringen, denen es an den langlebigen Sternen mangelt, die
notwendig sind, um Kohlenstoff und Sauerstoff zu produzieren. Und
bemerkenswerterweise sind Kohlenstoff und Sauerstoff notwendig, um die
Gaswolken abzukühlen, in denen die massiven Sterne, die schwarze Löcher
hervorbringen, gebildet werden. Andere Möglichkeiten der Veränderung der
Parameter schwächen die Supernovae, die nicht nur zu schwarzen Löchern
führen, sondern auch Energie an das interstellare Medium abgeben – Energie, die
den Kollaps der Wolken antreibt und dadurch zur Bildung neuer massiver
Sterne beiträgt. Wir kennen schon mindestens acht Möglichkeiten, wie die
Parameter des Standardmodells durch kleine Veränderungen modifiziert werden
können, die zu Universen mit weniger schwarzen Löchern führen würden. 81
Die kosmologische natürliche Selektion bietet somit eine echte Erklärung
dafür, warum die Parameter des Standardmodells auf ein Universum eingestellt
zu sein scheinen, das mit langlebigen Sternen angefüllt ist, die es im Lauf der
Zeit mit Kohlenstoff, Sauerstoff und anderen Elementen angereichert haben.
Diese Elemente werden für die chemische Komplexität benötigt, mit der unser
Universum gesegnet ist. Die Parameter, deren Werte somit bis zu einem
größeren oder geringeren Ausmaß erklärt werden, umfassen die Massen des
Protons, Neutrons, Elektrons und Elektron-Neutrinos und die Stärken der vier
Kräfte. Es gibt auch eine Zugabe: Während die Erklärung die Maximierung der
Produktion von schwarzen Löchern einschließt, ist eine Konsequenz, dass das
Universum lebensfreundlich wird.
Darüber hinaus macht die Hypothese der kosmologischen natürlichen
Selektion mehrere echte Vorhersagen, die durch gegenwärtig durchführbare
Beobachtungen falsifiziert werden können. Eine davon ist, dass die meisten
massiven Neutronensterne nicht schwerer als ein bestimmter Grenzwert sein
können. Die Idee ist hierbei, dass eine Supernova die Zentralregion des
explodierten Sterns hinterlässt. Dieser Kern wird entweder zu einem
Neutronenstern oder zu einem schwarzen Loch kollabieren. Was von beiden
entsteht, hängt davon ab, wie viel Masse der Kern hat; ein Neutronenstern kann
nur dann existieren, wenn seine Masse unter einem bestimmten kritischen Wert
liegt. Wenn die kosmologische natürliche Selektion richtig ist, sollte dieser
kritische Wert so niedrig wie möglich eingestellt sein, weil umso mehr
schwarze Löcher gebildet werden, je niedriger er ist.
Es zeigt sich, dass es mehrere Möglichkeiten dafür gibt, woraus
Neutronensterne bestehen. Es ist möglich, dass es einfach nur Neutronen sind,
bei denen die kritische Masse ziemlich hoch wäre, nämlich 2,5- und 2,9-mal die
Masse der Sonne. Aber eine andere Möglichkeit besteht darin, dass das Zentrum
eines Neutronensterns exotische Teilchen namens Kaonen enthält. Dadurch
würde die kritische Masse im Vergleich zum reinen Neutronenmodell geringer
werden. Das Ausmaß dieser Verringerung hängt jedoch von den Einzelheiten der
theoretischen Modellierung ab; verschiedene Modelle ergeben eine kritische
Masse zwischen dem 1,6- und 2-Fachen der Sonnenmasse.
Wenn die kosmologische natürliche Selektion richtig ist, würden wir
erwarten, dass die Natur von der Möglichkeit, Kaonen im Zentrum von
Neutronensternen zu produzieren, Gebrauch gemacht hat, um die kritische Masse
zu verringern. Das könnte dadurch erreicht worden sein, dass die Masse des
Kaons gerade so eingestellt wurde, dass sie leicht genug war; dies lässt sich
durch die Feineinstellung der Masse des Strange-Quark erreichen, ohne dass die
Sternbildungsraten beeinflusst werden. Als die kosmologische natürliche
Selektion erstmals vorgeschlagen wurde, hatten die schwersten bekannten
Neutronensterne Massen von weniger als dem 1,5-Fachen der Sonnenmasse.
Aber vor Kurzem wurde ein Neutronenstern mit einer Masse beobachtet, die
gerade unter dem Doppelten der Sonnenmasse liegt. Das würde die
kosmologische natürliche Selektion widerlegen, wenn die Kaonen-Neutronen-
Sterne eine Masse hätten, die sich am unteren Ende des theoretischen Spektrums
befindet. Aber die Theorie macht gerade noch korrekte Vorhersagen, wenn die
richtige Antwort die obere theoretische Schätzung ist, was dem Doppelten der
Sonnenmasse entspricht.
Es gibt jedoch einen weniger genau gemessenen Neutronenstern, dessen
Masse auf das 2,5-Fache der Sonnenmasse geschätzt wird. 82 Wenn dieser
Befund sich mit präziseren Messungen aufrechterhalten lässt, wird die
kosmologische natürliche Selektion falsifiziert sein. 83
Eine andere Vorhersage ergibt sich aus Überlegungen zu einer sehr
überraschenden Eigenschaft des frühen Universums, nämlich seiner extremen
Regelmäßigkeit. Aufgrund von Beobachtungen der kosmischen
Hintergrundstrahlung weiß man, dass die Verteilung von Materie im frühen
Universum von einem Ort zum anderen nur leicht variierte. Warum war das so?
Warum begann das Universum nicht mit großen Dichtevariationen? Wenn es
große Dichtevariationen gegeben hätte, wären die ganz dichten Regionen sofort
zu schwarzen Löchern kollabiert. Wenn die Dichtevariationen groß genug
gewesen wären, würden diese sogenannten primordialen schwarzen Löcher das
ganze frühe Universum ausgefüllt und zu einer Welt geführt haben, die viel mehr
schwarze Löcher enthält als unsere eigene. Das scheint die Vorhersage der
kosmologischen natürlichen Selektion zu falsifizieren, dass es keine Möglichkeit
gibt, eine geringe Veränderung in den Parametern der physikalischen Gesetze
vorzunehmen, um ein Universum mit mehr schwarzen Löchern als in unserem
eigenen zu schaffen.
Kosmologen beschreiben die Variationen der Materiedichte durch einen
Parameter, der als Maßstab der Dichtefluktuationen bezeichnet wird. Das ist
zwar kein Parameter des Standardmodells der Elementarteilchenphysik, aber es
gibt Modelle des frühen Universums, die regulierbare Parameter haben, welche
die Dichtefluktuationen erhöhen können, und es ist angebracht, zu fragen, ob
diese mit der kosmologischen natürlichen Selektion unvereinbar sind. In den
meisten Versionen der Inflationstheorie gibt es einen Parameter, der erhöht
werden könnte, um das Niveau der Dichtefluktuationen anzuheben und so das
Universum mit primordialen schwarzen Löchern zu überfluten. In einigen der
einfachsten Modelle der Inflation hat jedoch die Erhöhung dieses Parameters
auch die Konsequenz, dass das Universum schrumpft, weil die Zeitspanne, über
die hinweg das Universum sich aufblähen kann, stark begrenzt wird. Das
Ergebnis ist ein viel kleineres Universum, das, obwohl es mit primordialen
schwarzen Löchern ausgefüllt ist, insgesamt viel weniger schwarze Löcher als
unsere eigene Welt hat. 84 Das bedeutet, dass die kosmologische natürliche
Selektion nur mit einer einfachen Inflationstheorie vereinbar ist, der zufolge es
keine Überproduktion von primordialen schwarzen Löchern geben kann. Würde
man Belege dafür finden, dass die Inflation sich auf eine Weise ereignete, die
eine komplexere Theorie verlangt, wäre die kosmologische natürliche Selektion
ausgeschlossen. 85 Dass es keine solchen Belege gibt, ist daher eine Vorhersage
der kosmologischen natürlichen Selektion.
Natürlich könnte es auch sein, dass die richtige Theorie des ganz frühen
Universums nicht die der Inflation ist, aber dieses Beispiel zeigt, dass die
kosmologische natürliche Selektion sehr empfänglich für Widerlegungen durch
jede Entdeckung eines Mechanismus ist, der im frühen Universum aktiv war
und viele primordiale schwarze Löcher erzeugt haben könnte. 86
Die kosmologische natürliche Selektion ist unvorstellbar außerhalb eines
Kontexts, in dem die Zeit wirklich ist. Ein Grund dafür ist, dass man lediglich
zu behaupten braucht, dass unser Universum nur einen relativen Fitnessvorteil
gegenüber Universen besitzt, die sich durch geringe Änderungen der Parameter
unterscheiden. Das ist eine sehr schwache Bedingung. Wir müssen nicht
annehmen, dass die Parameter unseres Universums die größtmöglichen sind; es
könnte sehr wohl auch andere Wahlmöglichkeiten von Parametern geben, die zu
einem noch fruchtbareren Universum führen. Das Szenario sagt nur voraus, dass
sie nicht durch eine kleine Änderung der gegenwärtigen Werte erreicht werden
können.
Die Population der Universen kann also verschiedenartig sein und aus einer
Vielfalt von Arten bestehen, von denen jede im Vergleich zu denen, die sich nur
leicht unterscheiden, relativ fruchtbar ist. Die Mischung von unterschiedlichen
Universen wird sich über die Zeit hinweg kontinuierlich ändern, da durch
Versuch und Irrtum neue Möglichkeiten der Fruchtbarkeit entdeckt werden. Auf
diese Weise funktioniert die Biologie. Es gibt keine maximal tüchtigen Arten,
die ewig existieren; vielmehr ist jede Epoche in der Geschichte des Lebens
durch eine andere Mischung von Arten charakterisiert, die alle relativ tüchtig
sind. Das Leben erreicht niemals ein Gleichgewicht oder einen Idealzustand; es
entwickelt sich ständig. Ebenso werden sich alle Gesetze, die in der Population
von Universen typisch sind, während der Entwicklung der Population mit der
Zeit verändern. Wenn es einen Endzustand gäbe – in dem, sobald er erreicht ist,
die Mischung der Universen gleich bleiben würde –, würde die Zeit keine Rolle
mehr spielen und wir könnten sagen, dass ein zeitloses Gleichgewicht erreicht
worden sei. Aber das Szenario der natürlichen Selektion nimmt das weder an
noch impliziert es diesen Sachverhalt. Im Szenario der kosmologischen
natürlichen Selektion ist die Zeit immer gegenwärtig.
Darüber hinaus erfordert das Szenario, dass die Zeit sowohl universal als auch
wirklich ist. Die Population der Universen entwickelt sich schnell und wächst
mit jedem schwarzen Loch eines Universums an. Wenn wir Vorhersagen von
der Theorie ableiten sollen, muss sie bestimmen, wie viele Universen zu jedem
Zeitpunkt ganz konkrete Eigenschaften haben. Dieser Zeitpunkt muss nicht nur
in jedem Universum, sondern auch in der ganzen Population einen Sinn haben.
Wir brauchen also einen Begriff der Zeit, der uns eine Vorstellung von
Gleichzeitigkeit innerhalb eines jeden Universums und über diese Population
hinweg vermittelt. 87

Kontrastieren wir das mit dem Fall der ewigen Inflation. Man nimmt an, dass
das frühe Universum sich aufblähte, weil die Quantenfelder, die für seine
Teilchen und Kräfte verantwortlich sind, sich in einem Stadium befinden, das
sehr viel dunkle Energie produziert. Dadurch expandiert das Universum mit
exponentieller Geschwindigkeit. Die Inflation kommt typischerweise zum
Stillstand, wenn sich eine Blase als Ergebnis eines Phasenübergangs bildet. Das
ist analog zum Erscheinen einer Blase aus Wasserdampf in einem erhitzten Topf
mit Wasser; die Blase enthält Wasser im gasförmigen Zustand, das sich aus
dem flüssigen Zustand bildet. Im kosmologischen Szenario enthält die Blase
eine Phase der Quantenfelder, denen die große dunkle Energie fehlt, sodass sich
ihre Ausdehnung verlangsamt und sie zu unserem Universum wird.
Vilenkin und Linde bemerkten nun, dass das umgebende Medium, das
immer noch die große dunkle Energie enthält, sich auch weiterhin schnell
aufbläht. Es bilden sich mehr Blasen, die dann zu mehr Universen werden, wie
es auch mit unserem eigenen geschah. Sie stellten fest, dass der Prozess unter
bestimmten Bedingungen ewig weitergehen kann, weil das sich aufblähende
Medium nie verschwindet, selbst wenn es eine unendliche Anzahl von
Blasenuniversen hervorbringt. Wenn dieses Szenario richtig ist, dann ist unser
Universum ein Exemplar aus einer unendlichen Menge von Universen, die sich
in dem ewig aufblähenden Medium als Blasen bildeten.
In der einfachsten Version, die ich für den Zweck unserer Erörterung zugrunde
legen möchte, werden die Gesetze, die für jede Blase gelten, aus einer Landschaft
möglicher Gesetze zufällig ausgewählt. 88 In vielen Darstellungen wird
angenommen, dass diese Landschaft durch verschiedene Stringtheorien festgelegt
wird, aber jede Theorie mit variablen Parametern, einschließlich des
Standardmodells selbst, genügt.
Im einfachsten Fall sind die Größenverhältnisse von Blasen, die jedes Gesetz
auswählen, konstant, sodass während der Entstehung von immer mehr
Blasenuniversen die Wahrscheinlichkeiten, dass verschiedene Gesetze in der
gesamten Population gelten, dieselben bleiben. In einem solchen einfachen
Szenario spielen die Zeit und die Dynamik keine Rolle dafür, wie die Gesetze
unseres Universums unter allen anderen (möglicherweise unendlichen)
Möglichkeiten bestimmt werden. Die Verteilung von Universen (das heißt die
Wahrscheinlichkeit, dass Universen verschiedene Gesetze oder Eigenschaften
haben) erreicht somit eine Art von Gleichgewichtszustand, der für immer
bestehen bleibt. In diesem Sinne ist das Szenario zeitlos, weshalb es ein guter
Kandidat für einen Kontrast zur kosmologischen natürlichen Selektion ist.
Da die Gesetze in jeder Blase zufällig ausgewählt werden, sind Universen mit
den fein abgestimmten Gesetzen, die für das Leben notwendig sind, extrem
selten. Unser Universum ist daher in der Population der Blasenuniversen
atypisch.
Um dieses Szenario mit Beobachtungen in unserem Universum zu
verknüpfen, müssen Kosmologen auf das anthropische Prinzip zurückgreifen, das
besagt, dass wir nur in einem Universum leben können, dessen Gesetze und
Anfangsbedingungen eine Welt hervorbringen, die günstig für die Entstehung
von Leben ist. Das anthropische Prinzip weist uns an, den winzigen Bruchteil
lebensfreundlicher Universen aus der um vieles größeren Menge von Welten
ohne Leben auszuwählen, weil wir nur in einem der Ersteren existieren können.
Bemerkenswerterweise gibt es viele Gemeinsamkeiten in der Liste von
Merkmalen, die eine Welt zu einer lebensfreundlichen machen und zu einer
solchen, die viele schwarze Löcher hervorbringt. Die beiden Theorien – die
kosmologische natürliche Selektion und das anthropische Prinzip – scheinen
also einen Teil derselben Feineinstellung von Parametern des Standardmodells
zu erklären. Aber man beachte, wie unterschiedlich die Erklärungen sind. Bei
der kosmologischen natürlichen Selektion ist unsere Welt ein typisches
Universum, und der größte Teil der Population wird die Merkmale aufweisen,
die einem Universum hohe Fitness verleihen, während im Multiversum ewiger
Inflation Welten wie unsere äußerst selten sind. Im ersten Fall haben wir eine
echte Erklärung; im zweiten nur ein Auswahlprinzip.
Diese verschiedenen Arten von Erklärungen unterscheiden sich in ihrer
Fähigkeit, echte Vorhersagen über Eigenschaften des Universums zu machen, die
noch nicht beobachtet wurden. Wie wir gesehen haben, hat die kosmologische
natürliche Selektion bereits einige echte Vorhersagen impliziert. Aber die
Szenarien, die das anthropische Prinzip als Erklärung für die Gesetze und
Anfangsbedingungen unseres Universums geltend machen, müssen erst noch
eine einzige falsifizierbare Vorhersage für ein gegenwärtig durchführbares
Experiment liefern. Ich zweifle daran, dass sie je dazu in der Lage sein werden.
Und zwar aus folgendem Grund: Betrachten Sie irgendeine beliebige
Eigenschaft unseres Universums, die Sie erklären wollen. Entweder ist diese
Eigenschaft für intelligentes Leben notwendig oder nicht. Wenn sie notwendig
ist, wird diese Eigenschaft schon durch unsere Existenz erklärt, da sie in jedem
der ganz wenigen Universen mit intelligentem Leben gelten muss. Betrachten
Sie jetzt eine zweite Klasse von Eigenschaften, die für intelligentes Leben nicht
notwendig sind. Da die Gesetze in jeder Blase zufällig ausgewählt werden, sind
diese Eigenschaften in der Population von Universen zufällig verteilt. Aber da
diese Eigenschaften nichts mit dem Leben zu tun haben, sind auch sie in der
Menge von Universen, die Leben enthalten, zufällig verteilt. Daher macht die
Theorie keine Vorhersage darüber, was wir in unserem Universum im Hinblick
auf diese Eigenschaften beobachten sollten.
Die Masse des Elektrons ist ein gutes Beispiel für die erste Art von
Eigenschaft; es gibt gute Belege dafür, dass die Bedingungen für das Leben sich
verschlechtern würden, wenn die Elektronenmasse sich stark von ihrem
beobachteten Wert unterscheiden würde. 89 Ein gutes Beispiel für die zweite Art
von Eigenschaft ist die Masse des Top-Quarks; soweit wir wissen, könnte sie
innerhalb eines großen Bereichs variieren, ohne die Lebensfreundlichkeit unseres
Universums zu beeinflussen. Daher kann das anthropische Prinzip uns den
beobachteten Wert seiner Masse nicht erklären helfen.
Die Theorie der ewigen Inflation macht eine potenziell prüfbare Vorhersage,
nämlich dass die Krümmung des Raumes in jedem Universum, das als Blase
erzeugt wird, leicht negativ ist. (Ein negativ gekrümmter Raum ist verzerrt wie
ein Sattel – im Gegensatz zu einem positiv gekrümmten Raum wie eine Kugel.)
Wenn unser Universum in einem sich aufblähenden Multiversum in einer Blase
erzeugt wurde, muss dies auch für unser Universum gelten. Das ist zwar eine
echte Vorhersage, es gibt jedoch mehrere Probleme mit ihrer Überprüfung.
Erstens liegt die negative Krümmung sehr nahe bei null, und die Null ist
schwer von einer sehr kleinen positiven oder negativen Zahl zu unterscheiden.
Tatsächlich verschwindet die Krümmung innerhalb des Bereichs von
Messfehlern. Selbst mit den besseren Daten, die aus laufenden Experimenten
erwartet werden, wird es sehr schwierig sein, zu entscheiden, ob die Krümmung
genau null, leicht negativ oder leicht positiv ist. Wie bei jedem
wissenschaftlichen Experiment wird es immer eine gewisse Unsicherheit bei den
Messungen geben. Aufgrund dieser Unsicherheit ist es unwahrscheinlich, dass
irgendeine Beobachtung die Vorhersage falsifizieren könnte.
Selbst wenn uns der Nachweis gelänge, dass die räumliche Krümmung
unseres Universums leicht negativ ist, liefert das keinerlei Belege dafür, dass
unser Universum Teil eines riesigen Multiversums ist. Es gibt eine Menge
kosmologischer Modelle und Szenarien, die damit konsistent sind, dass die
Krümmung leicht negativ ist. Eines davon besteht darin, dass unser Universum
das einzige ist und einfach nur eine Lösung von Einsteins Gleichungen mit
negativer Krümmung. Solche Lösungen gibt es und sie erfordern keine Inflation
zu ihrer Begründung. Ein anderes Modell ist, dass die Inflation nur ein einziges
Universum erzeugte. Und keine Beobachtung kann eine Hypothese über die
Eigenschaften einer angeblichen Menge anderer Universen bestätigen, die unser
eigenes in keiner Weise beeinflussen.

Das Szenario der ewigen Inflation erfordert eine Menge möglicher Theorien, und
diese kann durch die riesige Anzahl möglicher Stringtheorien bereitgestellt
werden. Dass es eine riesige Landschaft möglicher Stringtheorien gibt, ging
zwar schon deutlich aus Stromingers Aufsatz von 1986 hervor, aber als 2003
Belege für die Existenz einer astronomischen Zahl von Stringtheorien mit
kleinen positiven Werten der kosmologischen Konstante entdeckt wurden,
wurde aus der Situation eine Krise, die man unmöglich ignorieren konnte. 90
Die Zahl wurde grob auf 10500 geschätzt. Doch bislang ist die Zahl, wenn sie
auch enorm groß ist, immer noch endlich. Im Jahr 2005 konnten der am MIT
arbeitende Physiker Washington Taylor und seine Mitarbeiter Belege für eine
unendliche Anzahl von Stringtheorien mit kleinen negativen kosmologischen
Konstanten konstruieren. 91
Das hat eine interessante Konsequenz, auf die der südafrikanische Physiker
George F. R. Ellis hinwies. 92 Wenn es wirklich eine unendliche Anzahl von
Stringtheorien mit kleinen negativen Werten der kosmologischen Konstante
gibt, aber nur eine endliche Anzahl mit einer kleinen positiven kosmologischen
Konstanten, dann sollten wir vorhersagen, dass die kosmologische Konstante
klein und negativ ist. Wenn der tatsächliche Wert zufällig über die Universen
im Multiversum verteilt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit unendlich größer,
dass wir in einem Universum mit einem negativen Wert leben als in einem mit
einem positiven Wert, weil es unendlich viel mehr von Ersteren als von
Letzteren gibt. Das wäre eine echte Vorhersage der Stringtheorie, und solche
Dinge sind selten. Wenn wir das für bare Münze nehmen, deutet es darauf hin,
dass die Theorie falsch ist, da der gemessene Wert der kosmologischen
Konstante positiv ist.
Manche Stringtheoretiker haben davor gewarnt, dass es bei der Konstruktion
von Stringtheorien immer noch viel zu entdecken gibt. Daher könnten Belege
für eine unendliche Anzahl von Stringtheorien mit positiven Werten der
kosmologischen Konstante entdeckt werden. Eine andere Reaktion bestand
darin, das anthropische Prinzip zu bemühen, um dafür zu argumentieren, dass
die Universen mit negativen Werten, die von Taylor und seinen Kollegen
beschrieben wurden, für die kosmologische Konstante ausgeschlossen werden
sollten, weil sie für das Leben ungünstig sind. 93 Alles, was wir jedoch dafür
brauchen, dass die Unendlichkeit von Universen mit negativer kosmologischer
Konstante über die endliche Anzahl von Universen mit positiver
kosmologischer Konstante dominiert, ist, dass ein endlicher Bruchteil der
ersteren Leben enthält.
Das Problem mit der anthropischen Kosmologie ist, dass man die Annahmen
immer manipulieren kann, wenn man es mit theoretischen Entitäten wie etwa
anderen Universen zu tun hat, die im Prinzip nicht beobachtbar sind. 94 Wir
können die Hypothese, dass es eine riesige oder unendliche Anzahl anderer
Universen gibt, weder bestätigen noch können wir berechnen, wie verschiedene
Eigenschaften über sie verteilt sind. Wir können zwar darüber streiten, ob
Universen, die sich von unserem unterscheiden, Leben enthalten oder nicht, aber
wir können unsere Argumente nicht durch Beobachtungen prüfen.
Ein aufschlussreicher Unterschied zwischen anthropischen Theorien und der
kosmologischen natürlichen Selektion besteht darin, wie die beiden das
rätselhafte Problem der kosmologischen Konstanten angehen. Diese bedeutende
physikalische Konstante wurde gemessen und hat einen winzigen, aber positiven
Wert: In Einheiten der Planckskala liegt er bei 10-120. Das Rätsel besteht darin,
warum er so klein ist. Eine relevante Tatsache besteht darin, dass wir, wenn wir
die kosmologische Konstante, ausgehend von ihrem beobachteten Wert, erhöhen
und alle anderen Konstanten der Physik und Kosmologie beibehalten, schon
bald einen Wert erreichen, ab dem das Universum sich so schnell ausdehnt, dass
sich nie Galaxien bilden. Nennen wir diesen Wert den » kritischen Wert« . Er ist
etwa 20-mal so groß wie der beobachtete Wert.
Warum ist das relevant? Ich werde mit einem fehlerhaften Argument
beginnen, das folgendermaßen aussieht:

1. Galaxien sind für das Leben notwendig. Andernfalls würden sich keine Sterne
bilden, und ohne Sterne gibt es keinen Kohlenstoff und keine Energie, um
das Entstehen komplexer Strukturen, einschließlich des Lebens, auf der
Oberfläche von Planeten zu fördern.
2. Das Universum ist voller Galaxien.
3. Aber die kosmologische Konstante muss kleiner als der kritische Wert sein,
wenn sich Galaxien bilden sollen.
4. Das anthropische Prinzip sagt also voraus, dass die kosmologische Konstante
kleiner als der kritische Wert sein muss.

Entdecken Sie den Fehler? Der erste Satz ist wahr, spielt für die Logik des
Arguments jedoch keine Rolle. Das wirkliche Argument beginnt mit dem
zweiten Satz. Die Tatsache, dass das Universum voller Galaxien ist, geht aus
Beobachtungen hervor; es ist irrelevant, ob das Leben ohne sie möglich wäre
oder nicht. Der erste Satz kann also weggelassen werden, ohne die Konklusion
des Arguments zu schwächen. Aber der erste Satz ist der einzige, in dem vom
Leben die Rede ist. Sobald man ihn weglässt, spielt das anthropische Prinzip
keine Rolle mehr. Die richtige Konklusion ist:

4. Die beobachtete Tatsache, dass das Universum voller Galaxien ist, impliziert
also, dass die kosmologische Konstante kleiner als der kritische Wert sein
muss.

Eine Möglichkeit festzustellen, dass das Argument fehlerhaft ist, besteht in der
Frage, wie wir reagieren würden, wenn die kosmologische Konstante sich
oberhalb des kritischen Werts befände. Wir würden die erste Behauptung nicht
infrage stellen, die ohnehin irrelevant ist. Wir würden auch die zweite nicht
infrage stellen, da sie eine Tatsachenaussage ist. Wir könnten nur die dritte
infrage stellen, die eine theoretische Aussage ist. Vielleicht ist unsere
Berechnung des kritischen Werts falsch.
1987 schlug Steven Weinberg eine raffinierte Erklärung für den kleinen Wert
der kosmologischen Konstante vor, die diesen Fehler nicht begeht, aber
trotzdem das anthropische Prinzip benutzt. 95 Sie lautet folgendermaßen:
Angenommen, unser Universum ist ein Teil eines riesigen Multiversums, in
dem die Werte der kosmologischen Konstante zufällig zwischen null und eins
verteilt sind. 96 Da wir für unser Leben Galaxien brauchen, müssen wir also in
einem der Universen leben, in denen die kosmologische Konstante unter dem
kritischen Wert liegt. Aber wir könnten in irgendeinem von ihnen leben. Daher
ist unsere Situation so, als ob die kosmologische Konstante plötzlich aus dem
Hut gezogen worden wäre und zufällig eine Zahl zwischen null und dem
kritischen Wert ist. Das impliziert, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass der
Wert unserer kosmologischen Konstanten viel kleiner als der kritische Wert ist,
weil nur ein ganz kleiner Bruchteil der Zahlen in dem sprichwörtlichen Hut so
klein sein wird. Wir sollten erwarten, dass die kosmologische Konstante in
unserem Universum von derselben Größenordnung ist wie der kritische Wert,
weil es viel mehr Zahlen gibt, die in etwa dieser Größe entsprechen, als Zahlen,
die viel kleiner sind.
Auf dieser Grundlage machte Weinberg die Vorhersage, dass die
kosmologische Konstante unter dem kritischen Wert, aber innerhalb einer
Größenordnung des kritischen Werts liegen sollte. Und als die kosmologische
Konstante zehn Jahre später gemessen wurde, 97 stellte man
bemerkenswerterweise fest, dass sie in etwa 5 Prozent des kritischen Werts
ausmacht. Nach der gerade vorgestellten Überlegung würde das etwa in einem
von 20 Fällen passieren, wenn wir eine Zahl aus einem Hut ziehen. Das ist gar
nicht so unwahrscheinlich. Viele Dinge geschehen in der Welt, die eine
Wahrscheinlichkeit von 1 zu 20 haben. Daher behaupten manche Kosmologen,
dass der Erfolg von Weinbergs Vorhersage als Beleg zugunsten der Hypothese
genommen werden kann, auf der sie beruht – dass wir in einem Multiversum
leben.
Bei dieser Schlussfolgerung hat man die Schwierigkeit, dass der kritische
Wert derjenige ist, über dem sich Galaxien nicht bilden würden, falls die
kosmologische Konstante der einzige variierende Parameter wäre. Aber Theorien
des frühen Universums besitzen noch andere Parameter, die variieren können.
Wenn wir einige davon variieren, während wir zugleich die kosmologische
Konstante variieren, verliert das Argument seine Kraft. 98
Betrachten wir einen Fall, bei dem wir die Größe der Dichtefluktuationen
variieren, die, wie wir an früherer Stelle in diesem Kapitel besprochen haben,
bestimmen, wie gleich oder ungleich die Materie im frühen Universum verteilt
war. Diese Fluktuationen sind deshalb relevant, weil bei einer Erhöhung ihrer
Größe die kosmologische Konstante weit über dem kritischen Wert liegen
könnte und Galaxien sich immer noch in den sehr dichten Regionen, die von
den Fluktuationen erzeugt werden, bilden könnten. Es gibt zwar immer noch
einen kritischen Wert für die kosmologische Konstante, aber dieser steigt, wenn
die Größe der Dichtefluktuationen steigt.
Daher kann man das Argument noch einmal führen, wobei man sowohl die
kosmologische Konstante als auch die Fluktuationsgröße über die Population
von Universen variieren lässt. Jetzt ziehen wir für jedes Universum zwei Zahlen
aus dem Hut, eine für die kosmologische Konstante, die zweite für die
Dichtefluktuationen. Wir wählen die Zahlen zufällig innerhalb des Bereichs, in
dem sie Galaxien bilden. 99 Es zeigt sich, dass jetzt die Wahrscheinlichkeit
dafür, dass beide Zahlen zufällig so klein ausfallen, wie sie der Beobachtung
zufolge sind, viel kleiner ist. Sie verringert sich von 1 zu 20 auf wenige zu
hunderttausend. 100
Das Problem dabei ist, dass wir unmöglich wissen können, welche
Konstanten über dem hypothetischen Multiversum variieren, weil wir keine
anderen Universen beobachten. Wenn wir annehmen, dass die Wahrheit darin
besteht, dass nur die kosmologische Konstante über das Multiversum variieren
kann, dann ist Weinbergs Argument in Ordnung. Wenn wir stattdessen
annehmen, dass in Wirklichkeit die kosmologische Konstante und die
Fluktuationsgröße variieren, funktioniert das Argument nicht so gut. Mangels
unabhängiger Belege dafür, welche – falls überhaupt eine – dieser Hypothesen
zutrifft, führt das Argument zu keiner Konklusion.
Die Behauptung, dass Weinbergs Argument den ungefähren Wert der
kosmologischen Konstante richtig vorhersagte, lässt sich aufgrund eines
subtileren Fehlschlusses als des oben besprochenen nicht halten. Dieser
Fehlschluss, mit dem Experten für Wahrscheinlichkeitstheorie vertraut sind,
entsteht immer dann, wenn man eine Wahrscheinlichkeitsverteilung willkürlich
wählt, um eine theoretisch postulierte Menge zu beschreiben, die nicht
unabhängig überprüft werden kann. Weinbergs ursprüngliches Argument hat
deshalb keine logische Kraft, weil man zu einer anderen Schlussfolgerung
gelangen könnte, indem man eine andere Annahme über unbeobachtbare
Entitäten macht. 101
Die kosmologische natürliche Selektion erklärt dieselben Belege besser, weil
sie einen Grund dafür liefert, sowohl die Fluktuationsgröße als auch die
kosmologische Konstante festzulegen. Man erinnere sich daran, dass bei
manchen einfachen Inflationsmodellen die Fluktuationsgröße mit der Größe des
Universums stark negativ korreliert; das heißt, je kleiner die Fluktuationsgröße,
umso größer ist das Universum und umso mehr schwarze Löcher gibt es folglich
auch (wenn alles Übrige gleich bleibt). Die Fluktuationsgröße sollte also nahe
an der unteren Grenze des Bereichs sein, der für die Bildung von Galaxien
erforderlich ist. Das impliziert wiederum einen kleinen kritischen Wert für die
kosmologische Konstante, der mit der Galaxiebildung vereinbar ist. Gemeinsam
mit dem einfachen Inflationsmodell sagt die kosmologische natürliche Selektion
vorher, dass sowohl die Fluktuationsgröße als auch die kosmologische
Konstante klein sein sollten. Diese Vorhersage ist nicht willkürlich und stimmt
gut mit den Belegen überein.
Andererseits ist das anthropische Prinzip auch mit einem viel kleineren
Universum vereinbar, weil eine einzelne Galaxie für intelligentes Leben
wahrscheinlich ausreicht. Beobachtungen deuten darauf hin, dass ein großer
Anteil von Sternen Planeten hat. Eine Galaxie mit Planeten würde also
genügen, um sicherzustellen, dass zumindest einer davon Leben beherbergt. Die
Hinzufügung weiterer Galaxien wird die Wahrscheinlichkeit nicht viel größer
werden lassen, dass Leben entstehen wird.
Ein begeisterter Vertreter des anthropischen Prinzips könnte entgegnen, dass
das anthropische Prinzip durch eine Modifikation gerettet werden kann, wenn es
besagte, dass es wahrscheinlicher ist, in einem Universum mit einer großen
Anzahl von Planeten zu leben, auf denen es Leben gibt. Damit haben wir einen
Grund, möglichst große Universen zu bevorzugen, und das impliziert einen
niedrigen Wert sowohl für die Dichtefluktuationen als auch für die
kosmologische Konstante.
Etwas Merkwürdiges muss hier vor sich gehen, weil wir offenbar die
Vorhersage einer Theorie verändern, ohne irgendeine Tatsache wirklich zu
verändern. Die beiden Versionen des anthropischen Prinzips unterscheiden sich
in keiner Behauptung über das wirkliche Multiversum, sondern nur darin, wie
wir die Universen, von denen wir meinen, dass wir sie berücksichtigen sollten,
aus einer viel größeren Population von unbewohnbaren Universen auswählen.
» Augenblick mal« , könnte der begeisterte Vertreter des anthropischen
Prinzips antworten. » Eine Zivilisation in einem Multiversum ist mit höherer
Wahrscheinlichkeit in einem Universum mit vielen Zivilisationen und somit
auch vielen Galaxien anzutreffen als in einem Universum mit nur einer Galaxie.«
Das scheint zunächst ein plausibles Argument zu sein, aber wir müssen
entgegnen: » Woher wissen Sie das?« Im Multiversum könnte es viel mehr
kleine Universen als große geben, sodass eine zufällig ausgewählte Zivilisation
sich wahrscheinlicher in einem kleinen Universum finden lässt. Welches
Szenario richtig ist, hängt von der relativen Verteilung großer und kleiner
Universen im Multiversum ab, aber diese Eigenschaft kann nicht unabhängig
festgestellt werden. Theoretiker könnten zwar wahrscheinlich verschiedene
Modelle konstruieren, die verschiedene Verteilungen der Universumsgrößen
bevorzugen, aber die Tatsache, dass man unbeobachtbare Merkmale eines
Szenarios anpassen kann, um die Auswahl eines Universums zu ermöglichen,
das besser zur eigenen Hypothese passt, ist kein Beleg für dieses Szenario.
Der kosmologischen natürlichen Selektion zufolge ist unser Universum
jedoch ein typisches Mitglied der Population von Universen, und es gibt keinen
Raum für das Einfügen eines flexiblen Prinzips, um atypische Fälle
auszusondern.
Man beachte, dass es bei dem Argument nicht darum geht, ob Universen in
schwarzen Löchern oder aber als Blasen während der Inflation erzeugt werden. Es
geht um die Rolle der Zeit und Dynamik in der Logik, mit der die Szenarien
bekannte Eigenschaften des Universums erklären und neue vorhersagen. Ein
Inflationsmodell könnte Zeit und lange Abstammungsketten – Blasen innerhalb
von Blasen innerhalb von Blasen – auf solche Weise annehmen, dass dadurch
die Abhängigkeit vom anthropischen Prinzip vermieden wird, und die Vorteile
der kosmologischen natürlichen Selektion genießen.
Entscheidend ist nicht nur, dass die Theorie, die eine Evolution über die Zeit
hinweg annimmt, bei der Anpassung an die Beobachtungsbelege besser
abschneidet als die zeitlose Theorie. Entscheidend ist auch, dass die Theorie,
die eine Evolution annimmt, eine eindeutige Vorhersage macht, während die
Vorhersagen des anthropischen Arguments angepasst werden können, je
nachdem, wie wir das Argument führen wollen. Im Gegensatz zu unserem ersten
Eindruck sind Hypothesen, die auf der Idee beruhen, dass Naturgesetze sich in
der Zeit entwickeln, anfälliger für Falsifikationen als zeitlose kosmologische
Szenarien. Und wenn eine Idee nicht anfällig für Falsifikationen ist, ist sie keine
Wissenschaft.

77 Lee Smolin, » Did the Universe Evolve?« , Class. Quant. Grav. 9, S. 173–191 (1992).
78 Alex Vilenkin, » Birth of Inflationary Universes« , Phys. Rev. D, 27:12, S. 2848–2855 (1983);
Andreij Linde, » Eternally Existing Self-Reproducing Chaotic Inflationary Universe« , Phys.
Lett. B, 175:4, S. 395–400 (1986).
79 Es wurden mehrere Kritiken der kosmologischen natürlichen Selektion veröffentlicht und
meines Wissens wurden sie alle im Anhang zu Warum gibt es die Welt? und in nachfolgenden
Aufsätzen beantwortet. Zu den Kritiken siehe T. Rothman und G.F.R. Ellis, » Smolin’s Natural
Selection Hy pothesis« , Q. Jour. Roy. Astr. Soc. 34, S. 201–212 (1993); Alex Vilenkin, » On
Cosmic Natural Selection« , arXiv:hep-th/0610051v2 (2006); Edward R. Harrison, » The
Natural Selection of Universes Containing Intelligent Life« , Q. Jour. Roy. Astr. Soc. 36, S.
193–203 (1995); Joseph Silk, » Holistic Cosmology « , Science, 277:5326, S. 644 (1997); und
John D. Barrow, » Vary ing G and Other Constants« , arXiv: gr-qc/9711084v1 (1997).
Insbesondere ist die Behauptung falsch, dass es ein einfaches Argument mit dem Inhalt gibt,
dass die Änderung von Newtons Konstante (während alle anderen Parameter unverändert
bleiben) die Anzahl von schwarzen Löchern erhöht, weil die komplizierten Effekte auf die
Bildung von Galaxien und Sternen und auf die Sternentwicklung nicht berücksichtigt werden.
80 In der biologischen Evolution gibt es tatsächlich zwei Landschaften: die Genlandschaft, die die
möglichen Genoty pen (DNS-Sequenzen) beschreibt, und die Landschaft der Phänoty pen, die
der phy sikalische Ausdruck der Gene sind. Bei der Anwendung der natürlichen Selektion auf
die Phy sik hat man ebenfalls zwei Ebenen der Beschreibung. Die Wahrscheinlichkeit eines
sich fortpflanzenden Universums hängt von den Werten der Parameter des Standardmodells
ab – diese sind analog zu den Phänoty pen. Aber in einer fundamentalen Theorie wie der
Stringtheorie ist das Standardmodell eine näherungsweise Beschreibung; ihr zugrunde liegt
eine Auswahl an Theorien – diese sind analog zu den Genoty pen. Bei der biologischen
Evolution kann die Beziehung zwischen Genoty p und Phänoty p komplex und indirekt sein und
dasselbe gilt für die Phy sik. Man sollte also sorgfältig unterscheiden zwischen der Landschaft
eines Vorschlags für eine fundamentale Theorie, z. B. die Stringtheorie, und der
Parameterlandschaft des Standardmodells.
81 Andere sind: 1. die Umkehrung des Vorzeichens des Proton/Neutron-Massenunterschieds; 2.
eine Zunahme oder Abnahme der Fermi-Konstanten, die groß genug ist, um die Energie und
Materie zu beeinflussen, die von Supernovae ausgestoßen werden; 3. eine Zunahme des
Neutron/Proton-Massenunterschieds, der Elektronenmasse, der Elektronen/Neutrino-Masse
und der Feinstrukturkonstanten oder eine Abnahme der starken Wechselwirkungsbindung, die
groß genug wäre, um Kohlenstoff zu destabilisieren (oder irgendeine gleichzeitige Änderung,
die dieselbe Wirkung hat); und 4. eine Zunahme der Masse des Strange-Quark.
82 James M. Lattimer & M. Prakash, » What a Two Solar Mass Neutron Star Really Means« ,
arXiv: 1012.3208v1 [astro-ph.SR] (2010).
83 In dem ursprünglichen Aufsatz über kosmologische natürliche Selektion sowie in Warum gibt es
die Welt? verwendete ich die untere Schätzung für die kritische Masse – d. h. 1,6
Sonnenmassen. Als ich von der Beobachtung eines Neutronensterns mit dem Doppelten der
Sonnenmasse erfuhr, begann ich einen Aufsatz zu schreiben und wies darauf hin, dass die
kosmologische natürliche Selektion falsifiziert worden war. Ich freute mich darüber, da das
Zweitbeste, was einem auf dem Gebiet der Quantengravitation passieren kann, darin besteht,
eine Vorhersage zu machen, die von einem Experiment widerlegt wird. Ich sah mir die
theoretischen Schätzungen der kritischen Masse jedoch von Neuem an und stellte fest, dass
die Experten warnten, dass diese Schätzungen immer noch einen Kaonen-Neutronen-Stern
mit einer zweifachen Sonnenmasse erlauben würden.
84 Siehe A. D. Linde, Particle Physics and Inflationary Cosmology (Chur 1990), S. 162–168;
insbesondere das Argument, das zu Gleichung 8.3.17 führt. (Das Buch ist auch auf arXiv:hep-
th/0503203v1 erhältlich.) Der Parameter, der die Dichtefluktuationen erhöhen kann, ist die
Stärke, durch die die Inflation (das Teilchen, das die Inflationskraft trägt) wechselwirkt. Wie
Linde zeigt, führt die Erhöhung dieses Parameters in einigen einfachen Modellen dazu, dass
die Größe des Universums um das Exponential der umgekehrten Quadratwurzel dieses
Wechselwirkungsparameters abnimmt. Ich danke Paul Steinhardt für ein Gespräch, in dem
diese Frage geklärt wurde.
85 Zu mehr Einzelheiten über die kosmologische natürliche Selektion siehe Warum gibt es die
Welt? oder meine folgenden Aufsätze: » The Fate of Black Hole Singularities and the
Parameters of the Standard Models of Particle Phy sics and Cosmology « , arXiv:gr-
qc/9404011v1 (1994); » Using Neutron Stars and Primordial Black Holes to Test Theories of
Quantum Gravity « , arXiv:astro-ph/9712189v2 (1998); » Cosmological Natural Selection as
the Explanation for the Complexity of the Universe« , Physica A: Statistical Mechanics and its
Applications 340:4, S. 705–713 (2004); » Scientific Alternatives to the Anthropic Principle« ,
arXiv:hep-th/0407213v3 (2004); » The Status of Cosmological Natural Selection« , arXiv:hep-
th/0612185v1 (2006); und » A Perspective on the Landscape Problem« , Gastbeitrag für eine
Sonderausgabe von Foundations of Physics mit dem Titel » Forty Years of String Theory :
Reflecting On the Foundations« , DOI: 10.1007/s10701-012-9652-x arXiv:1202.3373.
86 Roger Penrose hat mir gegenüber eingewendet, dass die Singularitäten schwarzer Löcher eine
Geometrie besitzen, die sich sehr stark von der ursprünglichen kosmologischen Singularität
unterscheiden, wodurch es unwahrscheinlich wird, dass ein schwarzes Loch die Quelle
unseres Universums oder irgendeines anderen sein könnte. Das sind ernst zu nehmende
Bedenken, aber das Problem könnte gelöst werden, wenn Quanteneffekte bei der Elimination
der Singularität eine große Rolle spielten.
87 Man beachte, dass die Idee von sich entwickelnden Gesetzen an sich keine globale
Gleichzeitigkeit erfordert. Eine Änderung der Gesetze könnte bei einem Ereignis geschehen,
das nur Ereignisse in seiner kausalen Zukunft beeinflusst. Wie ich in Kapitel 6 erklärt habe, ist
eine kausale Reihenfolge mit der Relativität der Gleichzeitigkeit kompatibel. Aber die
kosmologische natürliche Selektion erfordert eine globale Zeit, um einen Sinn zu ergeben –
und das steht tatsächlich im Konflikt mit der Relativität der Gleichzeitigkeit.
88 Der Grund dafür liegt darin, dass als Skala der Phy sik, die die Blasen produziert, üblicherweise
die große vereinheitlichte Skala genommen wird, welche mindestens 15 Größenordnungen
größer als die Massen der Quarks und Leptonen des Standardmodells ist. Daher ist es
wahrscheinlich, dass diese leichten Fermionenmassen bei der Bildung von Blasenuniversen
am Ende eigentlich zufällig ausgewählt werden.
89 B. J. Carr & M. J. Rees, » The Anthropic Principle and the Structure of the Phy sical World« ,
Nature 278, S. 605–612 (1979); John D. Barrow & Frank J. Tipler, The Anthropic
Cosmological Principle, New York 1986.
90 Shamit Kachru et al., » De Sitter Vacua in String Theory « , arXiv:hep-th/0301240v2 (2003).
91 Oliver DeWolfe et al., » Ty pe IIA Moduli Stabilization« , arXiv:hep-th/0505160v3 (2005);
Jessie Shelton, Washington Tay lor & Brian Wecht, » General Flux Vacua« , arXiv:hep-
th/0607015 (2006).
92 George F. R. Ellis & Lee Smolin, » The Weak Anthropic Principle and the Landscape of String
Theory « , arXiv:0901.2414v1 [hep-th] (2009).
93 Die Universen mit einer negativen kosmologischen Konstante, die von Washington Tay lor und
Kollegen beschrieben wurden, unterscheiden sich von unseren in zweierlei Hinsicht. Erstens
werden wie in allen Stringtheorien Extra-Dimensionen angenommen. Sie sind nicht
beobachtbar, weil sie winzig und eingerollt sind, aber in Tay lors Universen können sie groß
werden. Das widerspricht den Beobachtungen noch offensichtlicher, als wenn man nur das
falsche Vorzeichen der kosmologischen Konstante hat, und kann als eine weitere falsche
Vorhersage der Stringtheorie gelten. Man könnte jedoch auch argumentieren, dass das Leben
in diesen Welten nicht existieren könnte. Warum das so ist, ist mir nicht völlig klar, weil es
Stringtheorie-Szenarien gibt, in denen sich die Teilchen und Kräfte auf dreidimensionalen
Oberflächen namens Branen befinden, die in Extra-Dimensionen schweben. In dieser Art
von Konfiguration könnte das Leben damit kompatibel sein, dass die Extra-Dimensionen groß
sind.
Die hy pothetischen Welten mit einer negativen kosmologischen Konstante haben auch
eine Sy mmetrie, die unsere Welt nicht hat, nämlich eine Supersy mmetrie. Diese kann die
Bildung komplexer Strukturen verhindern; es ist jedoch möglich, dass ein gewisser Bruchteil
davon eine spontane Brechung der Supersy mmetrie gestattet. In diesem Fall könnte sich dort
Leben entwickeln. Solange es unendlich mehr Stringtheorien mit einer negativen
kosmologischen Konstante gibt als mit einer positiven, werden Erstere, auch wenn nur ein
kleiner Bruchteil von ihnen Leben unterstützen kann, Letztere dominieren. Ich danke Ben
Freivogel für die Gespräche zu diesem Punkt.
94 Bestenfalls könnten wir den Einfluss von vergangenen Kollisionen anderer Universen mit
unserem Universum entdecken. Diese Möglichkeit wurde untersucht und führt zu einseitigen
Vorhersagen – d. h., man könnte etwas Interessantes sehen, das als Kollision anderer
Universen mit unserem eigenen interpretiert werden könnte. Aber wenn man nichts sieht,
was bisher der Fall zu sein scheint, dann wird auch keine Hy pothese falsifiziert. Stephen M.
Feeney et al., » First Observational Tests of Eternal Inflation: Analy sis Methods and WMAP
7-Year Results« , arXiv:1012.3667v2 [astro-ph.CO] (2011); und Anthony Aguirre & Matthew
C. Johnson, » A Status Report on the Observability of Cosmic Bubble Collisions« ,
arXiv:0908.4105v2 [hep-th] (2009) und Rept. Prog. Phys. 74:074901 (2011).
95 Steven Weinberg, » Anthropic Bound on the Cosmological Constant« , Phys. Rev. Lett. 59:22, S.
2607–2610 (1987).
96 In Einheiten der Planckskala.
97 Adam G. Riess et al., » Observational Evidence from Supernovae for an Accelerating
Universe and a Cosmological Constant« , Astron. Jour. 116, S. 1009–1038 (1998).
98 Bei der Bewertung der Behauptung, dass Weinbergs Argument Belege für die Hy pothese
liefert, dass es andere Universen gibt, sollte man sich vor folgender falscher Schlussfolgerung
hüten: dass die Tatsache, dass die kosmologische Konstante einen unwahrscheinlich kleinen
Wert annimmt, selbst ein Beleg für die Behauptung ist, unser Universum sei ein Exemplar
aus einer riesigen Menge von Universen, wobei in jedem der Wert der kosmologischen
Konstanten zufällig gewählt wird. Diese Schlussfolgerung hat Ähnlichkeit mit dem
» umgekehrten Spielerfehlschluss« , der von dem Philosophen Ian Hacking erörtert wurde.
Angenommen, jemand beträte ein Zimmer und sähe jemanden eine Doppelsechs würfeln.
Man wäre versucht, daraus zu schließen, dass die Würfel bereits viele Male oder gleichzeitig
an vielen Orten gefallen sind, aber das wären falsche Schlüsse, weil die Wahrscheinlichkeit
einer Doppelsechs jedes Mal dieselbe ist. Hacking nennt das den umgekehrten
Spielerfehlschluss; Ian Hacking, » The Inverse Gambler’s Fallacy : The Argument from
Design. The Anthropic Principle Applied to Wheeler Universes« , Mind 96:383, S. 331–340
(Juli 1987). doi:10.1093/mind/XCVI.383.331. John Leslie erhob in Mind 97:386, S. 269–272
(April 1988), doi:10.1093/mind/XCVII.386.269, den Einwand, dass der Fehlschluss sich nicht
auf das anthropische Argument bezieht, weil wir in einem Universum leben müssen, das
lebensfreundlich ist. Aber Weinbergs Argument bezieht sich korrekterweise nicht auf
Lebensfreundlichkeit, sondern nur darauf, ob das Universum voller Galaxien ist. Wir könnten
in einem Universum leben, in dem sich nur eine Galaxie gebildet hätte, und dennoch am
Leben sein – die Tatsache, dass das Universum voller Galaxien ist, ist für das Leben also
nicht notwendig.
99 Jaume Garigga und Alex Vilenkin haben in » Anthropic Prediction for Lambda and the Q
Catastrophe« , arXiv:hep-th/0508005v1 (2005), darauf hingewiesen, dass eine bestimmte
Kombination der beiden Konstanten ein besseres Ergebnis liefert, wenn sie auf Weinbergs
Argument angewendet wird: Es handelt sich um die kosmologische Konstante geteilt durch
die Fluktuationsgröße hoch drei. Aber das lässt zwei Fragen offen: Erstens, was bestimmt die
Größe der Fluktuationen? Zweitens wissen wir schon, dass das Argument das richtige
Ergebnis lieferte, wenn nur die kosmologische Konstante in Betracht gezogen wurde. Es gibt
viele Kombinationen der beiden Konstanten, die ausprobiert werden könnten. Die Tatsache,
dass eine Kombination bessere Ergebnisse liefert als eine andere, ist nicht überraschend, und
selbst wenn es ein Argument dafür gibt, stellt es keinen Beleg für die Hy pothese dar, dass
unser Universum nur eine Welt in einem riesigen Multiversum ist.
100 Michael L. Graesser, Stephen D. h. Hsu, Alejandro Jenkins & Mark B. Wise, » Anthropic
Distribution for Cosmological Constant and Primordial Density Perturbations« , hep-
th/0407174, Phys. Lett. B 600, S. 15–21 (2004).
101 Eine Erklärung für den Wert der kosmologischen Konstante, die sich von Weinbergs
Erklärung stark unterscheidet, wurde von Rafael Sorkin und Mitarbeitern auf der Grundlage
der Theorie kausaler Mengen gegeben: Maqbool Ahmed et al., » Everpresent Lambda« ,
arXiv:astro-ph/0209274v1 (2002).
12 Quantenmechanik und die Befreiung des Atoms

Wir haben gesehen, dass die Wirklichkeit der Zeit der Schlüssel ist, wenn man
sich dem Rätsel zuwendet, wie die Gesetze der Physik ausgewählt werden. Das
hat seinen Grund darin, dass sie die Hypothese unterstützt, dass solche Gesetze
sich entwickeln. Die Zeit als etwas Fundamentales anzunehmen, kann auch
dabei helfen, ein anderes großes Rätsel der Physik zu lösen – nämlich dadurch,
dass man der Quantenmechanik einen Sinn abgewinnt. Die Wirklichkeit der
Zeit ermöglicht eine neue Formulierung der Quantentheorie, die ebenfalls
erhellen kann, wie Gesetze sich in der Zeit entwickeln.
Die Quantenmechanik ist die erfolgreichste physikalische Theorie, die je
ersonnen wurde. Nahezu keine der digitalen, chemischen und medizinischen
Technologien, auf die wir uns immer mehr verlassen, würde existieren, gäbe es
die Quantenmechanik nicht. Doch es gibt gute Gründe für die Ansicht, dass die
Theorie unvollständig ist.
Im Hinblick auf unseren Wunsch, die Welt zu verstehen, stellt die
Quantenmechanik gewiss eine Herausforderung dar. Seit ihrer Erfindung in den
1920er-Jahren haben die Physiker sonderbare Szenarien ausgeheckt, um den
Rätseln der Quantentheorie einen Sinn abzugewinnen. Katzen, die zugleich tot
und lebendig sind, eine unendliche Zahl gleichzeitig existierender Universen,
eine Wirklichkeit, die davon abhängt, was gemessen wird oder wer beobachtet,
Teilchen, die über riesige Entfernungen mit Überlichtgeschwindigkeit Signale
miteinander austauschen – das sind einige der einfallsreichen Ideen, die als
Lösungen der Rätsel der subatomaren Welt vorgeschlagen wurden.
Alle diese Strategien entstehen als Reaktion auf die Tatsache, dass die
Quantenmechanik kein physikalisches Bild von dem liefert, was bei einem
einzelnen Experiment vor sich geht. Das wird nicht bestritten. Die Axiome der
Quantenmechanik beinhalten die Aussage, dass sie nur statistische Vorhersagen
der Ergebnisse von Experimenten macht.
Einstein machte schon vor langer Zeit geltend, dass die Quantenmechanik
unvollständig ist, weil sie keine präzise Beschreibung davon gibt, was in einem
einzelnen Experiment geschieht. Was genau tut das Elektron, wenn es von
einem Energiezustand in einen anderen springt? Wie kommunizieren Teilchen
miteinander, die für eine augenblickliche Kommunikation zu weit voneinander
entfernt sind? Wie erscheinen sie zugleich an zwei verschiedenen Orten? Die
Quantenmechanik gibt darauf keine Antwort. Dennoch ist sie außergewöhnlich
nützlich, und zwar zum Teil deshalb, weil sie der Physik eine Sprache und
einen begrifflichen Rahmen für die systematische Ordnung gewaltiger Mengen
empirischer Daten liefert. Auch wenn sie uns nicht zeigt, was auf der
subatomaren Ebene wirklich geschieht, gibt sie uns doch einen Algorithmus an
die Hand, mit dem wir die Wahrscheinlichkeiten unterschiedlicher Ergebnisse
unserer Experimente vorhersagen können. Und bislang funktioniert dieser
Algorithmus.
Kann eine Theorie als Generator von Vorhersagen erfolgreich und trotzdem in
dem Sinne fehlerhaft sein, dass zukünftige Theorien ihre Annahmen über die
Welt umstürzen? In der Geschichte der Naturwissenschaft ist das mehrmals
geschehen. Die Annahmen, die Newtons Bewegungsgesetzen zugrunde liegen,
wurden von der Relativitätstheorie und der Quantentheorie umgestoßen.
Ptolemäus’ Modell des Sonnensystems diente uns länger als ein Jahrtausend
vorzüglich, doch es beruhte auf Ideen, die grundverkehrt waren. Es scheint, dass
Effektivität keine Garantie für Wahrheit ist.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Quantenmechanik dasselbe
Schicksal erleiden wird wie die großen Theorien von Ptolemäus und Newton.
Vielleicht können wir ihr einfach deshalb keinen Sinn abgewinnen, weil sie
nicht wahr ist. Wahrscheinlich ist sie eine Annäherung an eine tiefere Theorie,
der wir leichter einen Sinn abgewinnen können. Diese tiefere Theorie ist die
unbekannte kosmologische Theorie, auf die alle Argumente dieses Buches
hindeuten. Der entscheidende Punkt ist abermals die Wirklichkeit der Zeit.
Die Quantenmechanik ist eine problematische Theorie – aus drei eng
miteinander verbundenen Gründen. Der erste ist ihr Mangel, ein physikalisches
Bild davon zu geben, was bei einem einzelnen Prozess oder Experiment vor sich
geht; im Unterschied zu früheren physikalischen Theorien kann der
Formalismus, den wir in der Quantenmechanik verwenden, nicht so interpretiert
werden, dass er uns zeigt, was Augenblick um Augenblick in der Zeit geschieht.
Zweitens kann sie in den meisten Fällen nicht das genaue Ergebnis eines
Experiments vorhersagen; anstatt uns zu sagen, was geschehen wird, gibt sie
uns nur Wahrscheinlichkeiten für die verschiedenen Ereignisse, die geschehen
könnten.
Die dritte und problematischste Eigenschaft der Quantenmechanik besteht
darin, dass Begriffe der Messung, Beobachtung oder Information zur
Formulierung der Theorie notwendig sind. Diese Begriffe müssen als
grundständig betrachtet werden; sie lassen sich nicht im Sinne von
fundamentalen Quantenprozessen erklären. Die Quantenmechanik ist nicht so
sehr eine Theorie als vielmehr eine Methode zur Kodierung der Art und Weise,
wie Experimentatoren Fragen an mikroskopische Systeme stellen. Weder die
Messinstrumente, die wir verwenden, um mit einem Quantensystem zu
interagieren, noch die Uhr, die wir zur Zeitmessung benutzen, können in der
Sprache der Quantenmechanik beschrieben werden – auch wir als Beobachter
können so nicht beschrieben werden. Das deutet darauf hin, dass wir zur
Konstruktion einer gültigen kosmologischen Theorie die Quantenmechanik
aufgeben und sie durch eine Theorie ersetzen müssen, die auf das ganze
Universum ausgedehnt werden kann, darunter auch auf uns selbst als Beobachter
und unsere Messinstrumente und Uhren. 102
Bei der Suche nach dieser Theorie müssen wir uns drei Anhaltspunkte über
die Natur vor Augen halten, von denen Experimente gezeigt haben, dass sie ein
wesentlicher Bestandteil der Quantenphysik sind: inkompatible Fragen,
Verschränkung und Nicht-Lokalität.
Jedes System hat eine Liste von Eigenschaften, etwa Position und Impuls103
im Falle von Elementarteilchen oder die Farbe und Absatzhöhe im Falle von
Schuhen. Mit jeder Eigenschaft ist eine mögliche Frage verbunden: Wo ist das
Teilchen jetzt? Welche Farbe hat der Schuh der Frau? Es ist Aufgabe des
Experiments, das System zu befragen, um Antworten auf diese Fragen zu
erhalten. Wenn man ein System in der klassischen Physik vollständig
beschreiben will, beantwortet man alle Fragen, und damit hat man alle
Eigenschaften abgedeckt. Aber in der Quantenphysik kann die
Versuchsanordnung, die man braucht, um eine Frage zu stellen, andere Fragen
unbeantwortbar machen.
Man kann beispielsweise fragen, welches die Position eines Teilchens ist,
oder man kann fragen, welches sein Impuls ist, aber man kann nicht beides auf
einmal fragen. Diesen Umstand nannte Niels Bohr Komplementarität, und das
ist es auch, was wir Physiker meinen, wenn wir von » nicht-kommutierenden
Variablen« sprechen. Wenn es eine Quantenmode gäbe, dann könnten die
Schuhfarbe und die Absatzhöhe inkompatible Eigenschaften sein. Das
unterscheidet sich sehr von der klassischen Physik, wo man sich nicht
entscheiden muss, welche Eigenschaft gemessen und welche ausgelassen werden
soll. Die entscheidende Frage ist, ob die Wahl, die der Experimentator treffen
muss, die Wirklichkeit des Systems beeinflusst, das er untersucht.
Verschränkung ist ein reines Quantenphänomen, dem zufolge Paare von
Quantensystemen Eigenschaften teilen können, während jedes System als
Einzelnes unbestimmt bleibt. Man kann also eine Frage zu einer Beziehung
zwischen dem Paar stellen, die eine eindeutige Antwort hat, während die
Antwort auf irgendeine entsprechende Frage zu den einzelnen Elementen nicht
eindeutig ist. Betrachten wir ein Paar Quantenschuhe. Sie können eine
Eigenschaft namens » Gegenteil« haben, der zufolge jede Frage, die man zu den
beiden Schuhen stellt, gegenteilige Antworten ergibt. Wenn man beide nach
ihrer Farbe fragt und der linke Schuh » weiß« antwortet, dann wird der rechte
Schuh » schwarz« antworten, und umgekehrt. Wenn man eine Frage zur
Absatzhöhe stellt, dann wird der rechte Schuh niedrig sein, während der linke
hoch ist, und umgekehrt. Wenn man nur nach der Höhe des linken
Schuhabsatzes fragt, wird die Antwort entweder » hoch« oder » niedrig« sein,
und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent. Im Hinblick auf die
Schuhfarbe wird die Antwort auf ähnliche Weise mit einer Wahrscheinlichkeit
von 50 Prozent » schwarz« oder » weiß« sein. Wenn das Paar Quantenschuhe
die Eigenschaft » Gegenteil« hat, dann wird überhaupt jede Frage, die man an
einen Schuh stellt, zufällige Antworten hervorrufen und jede Frage, die man an
beide stellt, zu gegenteiligen Antworten führen.
In der klassischen Physik ist jede Eigenschaft eines Paars von Teilchen auf
eine Beschreibung der Eigenschaften jedes einzelnen Teilchens reduzierbar. Die
Verschränkung zeigt, dass das für Quantensysteme nicht gilt. Für unsere
Erörterung bedeutet diese Tatsache, dass man durch Verschränkung neue
Eigenschaften in der Natur erzeugen kann. Wenn man zwei Quantensysteme
miteinander verschränkt, die zuvor nie mit dem anderen in Wechselwirkung
standen, erzeugt man eine Eigenschaft, die nie zuvor in der Natur existierte,
wenn man sie mit einer Eigenschaft wie » Gegenteil« präpariert.
Miteinander verschränkte Paare werden dadurch erzeugt, dass man zwei
subatomare Teilchen zusammenbringt und sie miteinander wechselwirken lässt.
Sobald sie einmal verschränkt sind, bleiben sie verschränkt, auch wenn sie sich
trennen und sich weit voneinander entfernen. Solange keines von beiden mit
einem anderen System wechselwirkt, behalten sie gemeinsam verschränkte
Eigenschaften, wie zum Beispiel » Gegenteil« . Das führt zum dritten und
verblüffendsten Anhaltspunkt über die Natur auf der Quantenebene, nämlich zur
Nicht-Lokalität.
Verschränken wir ein Paar Schuhe mit der Eigenschaft » Gegenteil« in
Montreal und schicken den linken Schuh nach Barcelona und den rechten Schuh
nach Tokio. Experimentatoren in Barcelona entscheiden sich dafür, die Farbe
des linken Schuhs zu messen. Diese Entscheidung wird augenblicklich die
Farbe des rechten Schuhs in Tokio beeinflussen. Das ist deshalb so, weil das
Labor in Barcelona, sobald es die Farbe des einen Schuhs beobachtet hat, mit
Sicherheit vorhersagen kann, dass der Schuh in Tokio die gegenteilige Farbe
hat.
Im 20. Jahrhundert haben wir uns an physikalische Wechselwirkungen mit
einer Eigenschaft gewöhnt, die » Lokalität« genannt wird. Diese Eigenschaft
bedeutet, dass Information sich mittels eines Teilchens oder einer Welle
bewegen muss, wenn sie von einem Ort an einen anderen übertragen werden
soll. Wegen der speziellen Relativitätstheorie stellte man sich jeden Einfluss so
vor, dass er sich mit Lichtgeschwindigkeit oder langsamer fortpflanzt. Die
Quantenphysik scheint diesen zentralen Grundsatz der speziellen
Relativitätstheorie zu verletzen.
Die nicht-lokalen Effekte in der Quantentheorie sind zwar wirklich, aber
subtil, und können nicht dazu verwendet werden, Informationen zwischen
Barcelona und Tokio zu verschicken. Der Grund dafür ist, dass den
Experimentatoren, gleichgültig welche Eigenschaft sie in Tokio zur Messung
auswählen, das Ergebnis zufällig erscheinen wird. Sie werden ihren Schuh gleich
häufig schwarz wie weiß sehen. Erst wenn sie erfahren, welche Farbe in
Barcelona beobachtet wurde, werden sie erkennen, dass die Paare gegenteilige
Eigenschaften haben. Aber um das zu verstehen, ist es nötig, dass eine
Information zwischen Barcelona und Tokio übertragen wird – das heißt mit
Lichtgeschwindigkeit oder langsamer.
Was zu fragen bleibt, ist jedoch, wie die Korrelationen zwischen den Schuhen
in Tokio und Barcelona so hergestellt werden, dass die Farben immer
gegenteilig sind, wenn die jeweiligen Experimentatoren ihre Schachteln öffnen
und ihren Schuh herausnehmen. Man könnte meinen, dass die Person, die die
Schachteln in Montreal verpackte, dafür sorgte, dass der Schuh mit der einen
Farbe in die für Tokio bestimmte Schachtel gelegt wurde und der Schuh mit der
anderen Farbe in die Schachtel, die für Barcelona bestimmt war. Man kann
jedoch durch eine Kombination aus theoretischen Argumenten und
experimentellen Ergebnissen beweisen, dass dies gerade nicht geschieht.
Stattdessen werden die Korrelationen irgendwie in dem Moment hergestellt, in
dem die Schachteln in Tokio und Barcelona geöffnet werden.
Nehmen wir an, wir hätten eine große Kiste voller Schuhpaare und wir hätten
jedes Paar durch die Eigenschaft » Gegenteil« miteinander verschränkt. Wir
schicken alle linken Schuhe nach Barcelona und alle rechten Schuhe nach
Tokio. Die Experimentatoren in jeder Stadt sollen zufällig auswählen, welche
Eigenschaft jedes einzelnen Schuhs sie messen, und die Ergebnisse festhalten.
Sie schicken ihre Entscheidungen und die Ergebnisse an die Fabrik in Montreal
zurück, wo sie miteinander verglichen werden. Dabei stellt sich heraus, dass die
einzige Möglichkeit, wie man den gemeinsamen Ergebnissen einen Sinn
abgewinnen kann, in der Annahme besteht, dass es nicht-lokale Effekte gibt,
durch die die Eigenschaften eines Schuhs von jedem Paar durch die
Entscheidungen beeinflusst werden, was am anderen Schuh gemessen wird. Das
ist der Inhalt eines Theorems, das 1964 von dem irischen Physiker John
Stewart Bell bewiesen und durch eine entsprechende Reihe sehr raffinierter
Experimente illustriert wurde.
In den neun Jahrzehnten seit der Formulierung der Quantenmechanik ist
diesen Eigenschaften und Problemen große Aufmerksamkeit zuteil geworden. Es
wurden viele Ansätze zu einem besseren Verständnis dieser Theorie
vorgeschlagen. Ich glaube jetzt, dass sie alle danebenliegen und dass die
rätselhaften Eigenschaften der Quantentheorie deshalb entstehen, weil sie eine
Verkürzung einer kosmologischen Theorie ist – eine Verkürzung, die sich auf
kleine Subsysteme des Universums anwenden lässt. Wenn wir die Wirklichkeit
der Zeit annehmen, eröffnen wir einen Weg zum Verständnis der Quantentheorie,
der ihre Geheimnisse erhellt und sie auch auflösen kann.

Außerdem glaube ich, dass die Wirklichkeit der Zeit eine neue Formulierung
der Quantenmechanik ermöglicht. 104 Diese Formulierung ist neu und
spekulativ. Sie hat zwar noch zu keinen genauen experimentellen Vorhersagen
geführt, geschweige denn zu experimentellen Tests, weshalb ich nicht behaupten
kann, dass sie richtig ist. Sie bietet jedoch eine radikal andere Perspektive auf
das Wesen physikalischer Gesetze, da sie auf eine neue und überraschende Weise
die Idee von Gesetzen realisiert, die sich in der Zeit entwickeln. Und sie wird
wahrscheinlich prüfbar sein, wie wir gleich sehen werden.
Aber können wir die Vorstellung zeitloser Naturgesetze wirklich aufgeben,
ohne die Leistungsfähigkeit der Physik zu verlieren, so viele Dinge in der Welt
um uns herum zu erklären? Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, dass die
Gesetze deterministisch sind. Eine Konsequenz des Determinismus ist unter
anderen, dass es nichts wirklich Neues im Universum geben kann – dass alles,
was geschieht, in der Neuanordnung von unveränderlichen Elementarteilchen
mit unveränderlichen Eigenschaften nach unveränderlichen Gesetzen besteht.
Gewiss gibt es zahllose Situationen, in denen man getrost erwarten kann,
dass die Zukunft die Vergangenheit widerspiegelt. Wenn wir ein Experiment
machen, das wir zuvor schon viele Male durchgeführt haben und bei dem wir
immer dasselbe Ergebnis erhalten haben, können wir dieses Ergebnis voller
Vertrauen auch in der Zukunft erwarten. (Selbst wenn die Ergebnisse manchmal
unterschiedlich ausfallen, so werden doch die Verhältnisse jedes Ergebnisses bei
zukünftigen Messungen gelten.) Das nächste Mal, wenn wir einen Ball werfen,
können wir erwarten, dass er sich entlang einer Parabel bewegen wird, was auch
jedes Mal geschehen ist, wenn wir das in der Vergangenheit getan haben.
Gewöhnlich sagen wir, dass dies seinen Grund darin hat, dass die Bewegung
durch ein zeitloses Naturgesetz determiniert ist, welches aufgrund seiner
Zeitlosigkeit in der Zukunft genauso wirkt, wie es in der Vergangenheit gewirkt
hat. Ein zeitloses Gesetz schließt also echte Neuheit aus.
Aber ist die Annahme, dass ein zeitloses Gesetz wirkt, wirklich notwendig,
um zu erklären, dass die Gegenwart die Vergangenheit widerspiegelt? Wir
brauchen den Begriff eines Gesetzes nur in Fällen, in denen ein Prozess oder ein
Experiment viele Male wiederholt wurde. Aber um diese Fälle zu erklären,
brauchen wir tatsächlich viel weniger als ein zeitloses Gesetz. Wir könnten mit
etwas viel Schwächerem auskommen – etwa mit einem Prinzip, das besagt, dass
wiederholte Messungen zu denselben Ergebnissen führen. Nicht weil sie einem
Gesetz folgen, sondern weil das einzige Gesetz ein » Prinzip der Präzedenz« ist.
Ein solches Prinzip würde all die Fälle erklären, in denen der Determinismus
anhand von Gesetzen funktioniert, aber ohne neue Messungen zu verbieten, die
neue Ergebnisse liefern, welche aufgrund unserer Kenntnis der Vergangenheit
nicht vorhersagbar sind. Es könnte zumindest einen kleinen Grad von Freiheit
in der Evolution neuer Zustände geben, ohne der Anwendung von Gesetzen auf
Gegebenheiten zu widersprechen, die in der Vergangenheit wiederholt hergestellt
wurden. In der angelsächsischen Tradition beruht das Gewohnheitsrecht auf
einem Präzedenzprinzip, durch das Richter gehalten sind, so zu urteilen, wie
Richter das in der Vergangenheit bei ähnlichen Fällen taten. Was ich
vorschlagen möchte, ist, dass etwas Ähnliches auch in der Natur am Werk sein
könnte.
Nachdem ich diesen Gedanken formuliert hatte, war ich erstaunt, zu erfahren,
dass mir auch hier Charles Sanders Peirce voraus war, der von Naturgesetzen als
Gewohnheiten sprach, die sich über die Zeit hinweg entwickelten:

[A]lle Dinge neigen dazu, Gewohnheiten anzunehmen. Für Atome und


ihre Teile, Moleküle und Molekülgruppen, kurz, für jeden denkbaren
wirklichen Gegenstand gibt es eine größere Wahrscheinlichkeit, dass er
sich so verhält wie bei einer früheren ähnlichen Gelegenheit als anders.
Diese Tendenz selbst stellt eine Regelmäßigkeit dar und nimmt
kontinuierlich zu. Wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken, sehen
wir auf Zeiten, in denen die Tendenz immer weniger ausgeprägt war. 105

Dieses Prinzip würde bei echten neuen Fällen entscheidend werden. Denn wenn
sich die Natur wirklich nach einem Präzedenzprinzip und nicht nach zeitlosen
Gesetzen verhält, gäbe es in einer Situation, in der es keine Präzedenzfälle gibt,
auch keine Vorhersage darüber, wie sich ein System verhalten könnte. Wenn wir
ein wirklich neues System herstellen, wird seine Reaktion auf eine Messung
aufgrund beliebiger Informationen, die wir schon besitzen, nicht vorhersagbar
sein. Aber sobald wir viele Exemplare dieses Systems hergestellt haben, würde
das Präzedenzprinzip zu wirken beginnen. Von da an ist das Verhalten des
Systems vorhersagbar.
Wenn die Natur sich so verhält, dann ist die Zukunft wirklich offen. Wir
hätten immer noch den Vorteil zuverlässiger Gesetze in Fällen mit zahlreichen
Präzedenzen, aber ohne den Würgegriff des Determinismus.
Man kann wohl sagen, dass die klassische Mechanik die Existenz wirklicher
Neuheit ausschließt, weil alles, was geschieht, die Bewegung von Teilchen nach
unveränderlichen Gesetzen ist. Aber die Quantenphysik ist anders, und zwar in
zweierlei Hinsicht, was uns ermöglicht, zeitlose Gesetze durch ein
Präzedenzprinzip zu ersetzen.
Erstens kann, wie wir gesehen haben, die Verschränkung wirklich neue
Eigenschaften erzeugen. Man kann ein Teilchenpaar auf eine verschränkte
Eigenschaft wie » Gegenteil« überprüfen, die eine Eigenschaft ist, welche keinem
Teilchen gesondert zukommt. Zweitens scheint es ein Element von echter
Zufälligkeit in der Reaktion von Quantensystemen auf ihre Umgebung zu geben.
Selbst wenn man alles über die Vergangenheit eines Quantensystems weiß, kann
man nicht zuverlässig vorhersagen, was es tun wird, wenn eine seiner
Eigenschaften gemessen wird.
Diese beiden Eigenschaften von Quantensystemen ermöglichen uns, die
Vorstellung zeitloser Gesetze durch die Hypothese zu ersetzen, dass ein
Präzedenzprinzip in der Natur wirksam ist. Dieses Prinzip reicht aus, um den
Determinismus aufrechtzuerhalten, wo man ihn braucht, impliziert aber, dass die
Natur, wenn sie es mit neuen Eigenschaften zu tun hat, neue Gesetze entwickeln
kann, die für sie gelten.
Folgendes ist eine einfache Illustration, wie das Präzedenzprinzip in der
Quantenphysik wirkt: Man betrachte einen Quantenprozess, in dem ein System
präpariert und dann gemessen wird. Wir wollen annehmen, dass dieser Prozess
in der Vergangenheit viele Male aufgetreten ist. Dadurch erhalten wir eine Reihe
von vergangenen Messergebnissen: das System sagte x-mal Ja auf eine Frage
und y-mal sagte es Nein. Der Ausgang jeder zukünftigen Instanz dieses
Prozesses wird dann zufällig aus der Menge der Ergebnisse vergangener Fälle
ausgewählt. Nehmen wir nun an, dass es keinen Präzedenzfall gibt, weil dieses
System mit einem bestimmten Wert einer wirklich neuen Eigenschaft präpariert
wurde. Dann wird das Messergebnis in dem Sinne frei sein, dass es durch nichts
in der Vergangenheit determiniert ist.
Bedeutet diese Vorstellung, dass die Natur wirklich frei ist, das Ergebnis
eines Experiments zu wählen? In einem gewissen Sinne besitzen
Quantensysteme bekanntlich schon ein Element von Freiheit – was durch ein
Theorem aus jüngerer Zeit erhellt wird, das von John Conway und Simon
Kochen, zwei Mathematikern aus Princeton, erfunden und bewiesen wurde. Ich
mag den Namen, den sie ihrem Resultat gegeben haben, zwar nicht besonders,
aber er ist eingängig und hat sich gebührend durchgesetzt: Theorem der
Willensfreiheit. 106 Das Theorem bezieht sich auf den Fall zweier Atome (oder
anderer Quantensysteme), die miteinander verschränkt und dann getrennt
werden, wonach bei jedem System eine Eigenschaft gemessen wird. Das
Theorem besagt Folgendes: Angenommen, es gibt eine Hinsicht, in der die
Experimentatoren frei sind, zu wählen, welche Messung sie mit ihren Atomen
vornehmen, dann ist die Antwort der Atome auf die Messung in derselben
Hinsicht frei.
Das muss nichts mit dem schwer fassbaren Begriff der Willensfreiheit zu tun
haben. Wenn wir behaupten, dass die Experimentatoren frei sind, zu wählen,
welche Messung sie vornehmen, meinen wir, dass ihre Wahl nicht von ihrer
vergangenen Geschichte bestimmt wird. Kein noch so großes Wissen über die
Vergangenheit der Experimentatoren und ihre Welt wird uns die Vorhersage
ihrer Wahl ermöglichen. Dann sind die Atome ebenfalls frei in dem Sinne, dass
keine Menge von Informationen über die Vergangenheit uns eine Vorhersage des
Ergebnisses einer Messung von einer ihrer Eigenschaften erlaubt. 107
Ich finde die Vorstellung großartig, dass ein Elementarteilchen wirklich frei
ist, wenn auch nur in diesem engen Sinne. Es impliziert, dass es keinen Grund
dafür gibt, wie ein Elektron sich entscheidet, wenn wir es messen – und somit
gibt es bei der Entfaltung jedes beliebigen kleinen Systems mehr, als in
irgendeinem deterministischen oder algorithmischen Begriffsrahmen erfasst
werden könnte. Das ist sowohl aufregend als auch beunruhigend, weil die
Vorstellung, dass Atome Entscheidungen treffen, die wirklich frei (das heißt
nicht verursacht) sind, die Forderung des Prinzips des zureichenden Grundes
nicht erfüllen kann – bei allen Fragen, die wir über die Natur stellen könnten.
Können wir eine quantitative Aussage darüber machen, wie viel Freiheit die
Natur besitzt, wenn die Quantenmechanik richtig ist? Wir wissen, dass die
klassische Mechanik keine solche Freiheit aufweist, weil sie eine
deterministische Welt beschreibt, deren Zukunft anhand des Wissens über die
Vergangenheit vollständig vorhergesagt werden kann. Statistiken und
Wahrscheinlichkeiten können in der Beschreibung der klassischen Welt zwar
eine Rolle spielen, aber sie spiegeln nur unsere Unwissenheit wider. Es wird
keine Freiheit eingeräumt, weil wir immer genug in Erfahrung bringen können,
um eindeutige Vorhersagen zu machen.
Conways und Kochens Theorem deutet zwar darauf hin, dass Quantensysteme
einen bestimmten Grad wirklicher Freiheit besitzen, aber könnte es auch eine
Art von Physik geben, der zufolge die Natur eine noch größere Freiheit besitzt?
Diese Frage stellte ich mir selbst, und es war nicht sehr schwer, sie zu
beantworten. Zu diesem Zweck stützte ich mich auf jüngere Arbeiten über die
Grundlagen der Quantenphysik, die mir eine präzise Bestimmung dessen
erlaubten, wie viel Freiheit ein Quantensystem aufweisen kann.
Um das Jahr 2000 herum dachte sich Lucien Hardy, der damals an der
Universität Oxford arbeitete, aber kurz danach an das Perimeter-Institut für
theoretische Physik wechselte, eine allgemeine Klasse von Theorien aus, die
Wahrscheinlichkeiten für die Ergebnisse von Messungen vorhersagen. Diese
umfassten nicht nur die klassische und die Quantenmechanik, sondern auch viele
andere Theorien. Hardy verlangte nur, dass die Theorien den Begriff der
Wahrscheinlichkeit widerspruchsfrei verwendeten und vernünftige Ergebnisse
lieferten, wenn man sie entweder auf ein isoliertes System oder auf zwei oder
mehr Systeme gemeinsam anwendete. Diese Anforderungen kommen in einer
knappen Liste von Annahmen oder Axiomen zum Ausdruck, die Hardy
» vernünftige Axiome« nennt. 108 Sie wurden von nachfolgenden Theoretikern
weiterentwickelt und modifiziert. Ich konnte eine Weiterentwicklung von
Hardys Axiomen verwenden, die von Lluís Masanes und Markus Müller 109
erarbeitet wurde, um eine genaue Aussage darüber zu machen, wie viel Freiheit
eine Theorie besitzt.
Der Grad von Freiheit wird dadurch ausgedrückt, wie viel Informationen man
über ein System benötigt, um Vorhersagen über seine Zukunft machen zu
können. Diese Informationen können dadurch gewonnen werden, dass man viele
identische Kopien des Systems herstellt und verschiedene Fragen an jedes stellt.
Die Vorhersagen, die uns diese Befragung ermöglicht, können zwar immer noch
probabilistisch sein, aber sie sind die bestmöglichen Vorhersagen in dem Sinne,
dass keine weiteren Beobachtungen des Systems ihre Genauigkeit verbessern
würden. Für jedes System, das Hardy untersuchte, gibt es eine endliche
Informationsmenge, die man braucht, um bestmöglich einzuschätzen, was das
System tun wird, wenn es mit einer beliebigen Messung konfrontiert wird. Je
mehr Dinge man an einem System messen muss, bevor man die bestmöglichen
Vorhersagen machen kann, umso mehr Freiheit besitzt es.
Um zu sehen, wie viel Freiheit dadurch impliziert wird, sollten wir die
Informationsmenge, die benötigt wird, um Vorhersagen zu machen, mit einem
Maß der Größe des Systems vergleichen. Ein nützliches Maß ist die Anzahl von
Antworten, die das System auf eine Frage geben kann, die in einem Experiment
gestellt wird. Im einfachsten Fall gibt es nur zwei Wahlmöglichkeiten: Wenn
man nach der Farbe eines Quantenschuhs fragt, kann sie entweder weiß oder
schwarz sein. Wenn man nach der Absatzhöhe fragt, kann sie nur entweder hoch
oder niedrig sein.
Ich zeigte nun, dass die Quantenmechanik die Informationsmenge maximiert,
die man pro Wahlmöglichkeit benötigt. Das heißt, die Quantenmechanik
beschreibt ein Universum, in dem man probabilistische Vorhersagen darüber
machen kann, wie Systeme sich verhalten, in dem diese Systeme aber so viel
Freiheit vom Determinismus haben, wie ein beliebiges physikalisches System,
das durch Wahrscheinlichkeiten beschrieben wird, nur haben kann. In dem
Sinne, dass Quantensysteme frei sind, sind sie also maximal frei. Wenn wir das
Präzedenzprinzip mit diesem Prinzip maximaler Freiheit kombinieren, erhalten
wir eine neue Formulierung der Quantenphysik. Diese Formulierung lässt sich
nicht außerhalb eines Begriffsrahmens ausdrücken, in dem die Zeit wirklich ist,
weil sie wesentlichen Gebrauch von der Unterscheidung zwischen Vergangenheit
und Zukunft macht. Wir können also die Vorstellung aufgeben, dass es zeitlose
und deterministische Naturgesetze gibt, ohne irgendetwas von der
Erklärungskraft der Physik einzubüßen.
Das Ergebnis, dass Quantensysteme ihre Freiheit maximieren, war nach den
Vorarbeiten von Hardy, Müller und Masanes ein nahezu trivialer Schritt. Die
neue Perspektive, die ich an das Problem heranbrachte, war die Wirklichkeit der
Zeit.
Als ich diese Idee erklärte, war die erste Reaktion mancher Freunde und
Kollegen Gelächter. Gewiss müssen noch manche Einzelheiten ergänzt werden,
etwa wie sich die Präzedenz im Ausgang von der Freiheit des ersten Auftretens
über die nächsten Vorkommen bis zu etablierten Fällen mit vielen Präzedenzen
aufbaut. 110 Aber unabhängig von den Einzelheiten weist der Vorschlag eines
Präzedenzgesetzes ein unplausibles Element auf. Wie erkennt ein System alle
seine Präzedenzfälle? Durch welchen Mechanismus greift ein System ein
zufälliges Element aus der Menge seiner Präzedenzfälle heraus? Das würde eine
neue Art von Wechselwirkung zu erfordern scheinen, wodurch ein
physikalisches System mit Kopien seiner selbst in der Vergangenheit
wechselwirken kann.
Das Prinzip sagt nicht, wie sich das vollzieht; in dieser Hinsicht ist es nicht
besser als die übliche Formulierung der Quantenmechanik. In der älteren
Formulierung ist Messung ein primitiver Begriff; in der gegenwärtigen
Formulierung ist die Eigenschaft, ein Quantensystem derselben Art zu sein (das
heißt, auf dieselbe Art und Weise präpariert und transformiert zu werden), ein
primitiver Begriff. Ähnliche Fragen hätte man aber auch zu der Idee eines
zeitlosen Naturgesetzes stellen können, das so wirkt, dass Bewegung und
Veränderung entstehen. Wie » weiß« ein Elektron, dass es ein Elektron ist,
sodass die Dirac-Gleichung und nicht eine andere Gleichung für es gilt? Wie
» weiß« ein Quark, welche Art von Quark es ist und was seine Masse sein
sollte? Wie greift eine zeitlose Entität wie ein Naturgesetz in die Zeit ein, um
auf jedes einzelne Elektron zu wirken?
Wir haben uns an die Idee zeitloser Naturgesetze gewöhnt, die in der Zeit
wirksam sind, und wir finden das nicht mehr sonderbar. Aber wenn wir weit
genug zurücktreten, können wir sehen, dass sie auf einigen großen
metaphysischen Annahmen beruht, die alles andere als offensichtlich sind. Das
Präzedenzprinzip beruht ebenfalls auf metaphysischen Annahmen, aber diese sind
uns weniger vertraut als jene, die uns gestatten, an zeitlose Naturgesetze zu
glauben.
Auch wenn die Metaphysik, die vom Präzedenzprinzip impliziert wird, neu
ist, so ist sie doch viel sparsamer als einige der gegenwärtigen fantastischen
Ansätze in der Quantentheorie – wie etwa der, dass unsere Wirklichkeit ein
Exemplar aus einer unendlichen Menge gleichzeitig existierender Welten ist.
Wenn es um die Quantentheorie geht, muss man ein paar sehr merkwürdige
Vorstellungen akzeptieren. Aber wir haben die Freiheit, unsere eigenen
merkwürdigen Vorstellungen zu wählen – zumindest bis uns die Experimente
sagen, dass ein bestimmter Ansatz in der Quantentheorie dem Rest überlegen
ist. Ich würde wetten, dass das Präzedenzprinzip neue Ideen für Experimente
generieren wird, deren Ergebnisse uns den Weg zu einer Physik jenseits der
Quantenmechanik weisen.
Sie könnten einwenden, dass die Quantenmechanik bereits Vorhersagen dafür
liefert, wie sich eine neue Eigenschaft verhalten wird. Steht diese neue Idee dazu
im Widerspruch? Das tut sie, und dies ist der wahrscheinlichste Grund für ihr
mögliches Scheitern. Angenommen, wir stellen in einem Quantencomputer eine
neue Art von verschränktem Zustand her, den es zuvor in der Natur noch nie
gegeben hat. In der herkömmlichen Quantentheorie könnte man berechnen, wie
dieses verschränkte System sich bei seiner Messung verhalten wird. Das
Präzedenzprinzip, das ich vorschlage, deutet darauf hin, dass diese Vorhersagen
durch Experimente nicht bestätigt werden. Das ist gleichbedeutend mit dem
Vorschlag, dass neue Arten verschränkter Zustände neue Wechselwirkungen in
der Natur oder kontextabhängige Veränderungen bereits bestehender
Wechselwirkungen hervorbringen. Weder solche neuen Wechselwirkungen noch
eine Kontextabhängigkeit der Wechselwirkungen wurden je beobachtet, Skepsis
ist also angebracht.
Aber nur selten in unserer Geschichte hat der menschliche Einfallsreichtum
zur Erzeugung neuer Arten verschränkter Zustände geführt. Wir lernen gerade,
wie man das tut, und wenn diese neue Hypothese richtig ist, könnten die
Ergebnisse von Experimenten mit Quantencomputern überraschend sein.
Zumindest ist die Idee zugänglich für die Falsifikation durch Experimente mit
Quantenvorrichtungen, die neue verschränkte Zustände hervorbringen. Sie
widerspricht auch einem Grundsatz des Reduktionismus, dem zufolge die
Zukunft zusammengesetzter Systeme, unabhängig von ihrer Komplexität, bloß
auf der Grundlage der Kenntnis der Kräfte vorhergesagt werden kann, die
zwischen Paaren von Elementarteilchen existieren. Aber die Verletzungen des
beteiligten Reduktionismus sind selten und nicht besonders stark, weshalb ich
darauf drängen würde, vernünftigerweise das Experiment entscheiden zu lassen.
Dieses neue Verständnis der Quantenphysik realisiert zwei der Kriterien für
eine kosmologische Theorie. Es erfüllt die Forderung nach explanatorischer
Geschlossenheit (wenngleich in eingeschränkter Form, die echte Freiheit in
neuen Fällen zugesteht). Das Präzedenzprinzip sagt, dass das, was die
Ergebnisse zukünftiger Messungen bestimmt, die Menge der vergangenen Fälle
ist. Diese Fälle waren wirklich. Daher haben wir nur eine Wirkung von Dingen,
die in der Vergangenheit wirklich waren, auf Dinge, die in der Zukunft wirklich
sein werden. Offensichtlich erfüllt es auch das Kriterium, dass sich Gesetze
entwickeln, und zwar durch den provokativen Vorschlag, dass Messungen,
denen nichts vorhergeht, nicht durch irgendein vorrangiges Gesetz regiert
werden. In dem Maße, in dem sich die Ergebnisse anhäufen, wird eine Präzedenz
begründet; erst wenn eine hinreichende Präzedenz hergestellt wurde, sind
zukünftige Ergebnisse gesetzesartig.
In dem Maße, in dem neue Zustände in der Natur entstanden, haben sich auch
neue Gesetze entwickelt, um sie zu leiten. Dies deutet darauf hin, dass die
fundamentalen Wechselwirkungen, die wir beobachten und mit dem
Standardmodell der Elementarteilchenphysik beschreiben, aus dem » Einrasten«
neuer Gesetze entstanden sein könnten, als die Zustände, die Elektronen, Quarks
und ihren Verwandten entsprachen, bei der Abkühlung des Universums kurz
nach dem Urknall erstmals auftauchten.
Was dieser neue Vorschlag nicht tut, ist, das Prinzip des zureichenden
Grundes zu erfüllen. Insoweit Quantensysteme wirklich frei sind – in dem
Sinne, dass individuelle Ergebnisse von nichts determiniert sind –, wird das
Prinzip des zureichenden Grundes ausgebremst, denn es gibt keinen vernünftigen
Grund für das Ergebnis eines einzelnen Experiments. Es gibt einfach keinen
Grund dafür, wann ein radioaktiver Kern zerfällt, oder für die genauen Ergebnisse
der anderen Fälle, für die die Quantenmechanik nur probabilistische Vorhersagen
macht.
Was auch immer das Schicksal dieser neuen Idee sein mag – und genau wie
bei jeder anderen spekulativen neuen Vermutung müssen wir darauf gefasst sein,
dass sie sich als falsch erweist –, so können wir doch die Fruchtbarkeit der
Hypothese erkennen, dass die Zeit wirklich ist. Die Wirklichkeit der Zeit ist
nicht bloß eine metaphysische Spekulation; sie ist eine Hypothese, die in der
Lage ist, neue Ideen anzuregen und ein solides Forschungsprogramm
anzutreiben.

102 Es gibt alternative Sichtweisen der Quantentheorie, denen zufolge sie auf das Universum
angewendet werden kann. Zu den Gründen, warum ich glaube, dass diese zum Scheitern
verurteilt sind, siehe www.timereborn.com.
103 Impuls ist für gewöhnliche Teilchen ihre Masse mal ihre Geschwindigkeit. Ein anderer
Ausdruck inkompatibler Messungen ist das Unbestimmtheitsprinzip, das besagt: Je genauer die
Position gemessen wird, umso ungenauer kann man den Impuls messen, und umgekehrt.
104 Zu einer technischeren Darstellung siehe Lee Smolin, » Precedence and Freedom in
Quantum Phy sics« , arXiv:1205.3707v1 [quant-ph] (2012).
105 Charles Sanders Peirce, » A Guess at the Riddle« , in: The Essential Peirce, Selected
Philosophical Writings, hg. v. Nathan Houser & Christian Kloesel (Bloomington, IN, 1992), S.
277. Peirce’ Schriften sind selten klar, daher führe ich hier eine Zusammenfassung aus der
Stanford Encyclopedia of Philosophy an (http://plato.stanford.edu/entries/peirce/#anti): Ein
möglicher Pfad, auf dem sich die Natur entwickelt und ihre Gewohnheiten annimmt, wird
von Peirce durch statistische Analy se in Situationen experimenteller Versuche erforscht, bei
denen die Ergebniswahrscheinlichkeiten späterer Versuche nicht unabhängig von den
tatsächlichen Ergebnissen bei früheren Versuchen sind, Situationen sogenannter » nicht-
Bernoulli’scher Versuche« . Peirce zeigte, dass, wenn wir eine bestimmte ursprüngliche
Gewohnheit in der Natur postulieren, nämlich die Tendenz, so klein sie auch sein mag,
Gewohnheiten anzunehmen, so klein sie auch sein mögen, das langfristige Ergebnis häufig ein
hoher Grad an Regularität und großer makroskopischer Genauigkeit ist. Aus diesem Grund
schlug Peirce vor, dass die Natur in der fernen Vergangenheit beträchtlich spontaner war als
jetzt und dass im Allgemeinen und insgesamt alle Gewohnheiten, die die Natur angenommen
hat, sich entwickelt haben. Genau wie sich Ideen, geologische Formationen und biologische
Arten entwickelt haben, hat sich auch die Gewohnheit der Natur entwickelt.
106 John Conway & Simon Kochen, » The Free Will Theorem« , Found. Phys., 36:10, S. 1441
(2006).
107 Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass manche Phy siker auf dieses Argument
mit der Befürwortung einer starken Form von Determinismus reagieren, der zufolge die
Beobachter als unfrei in ihrer Entscheidung, was gemessen werden soll, betrachtet werden
können. Von diesem » superdeterministischen« Standpunkt aus können wir uns vorstellen,
dass es Korrelationen zwischen den Entscheidungen von Beobachtern und den
Entscheidungen von Atomen gibt, die weit in der Vergangenheit des Experiments liegen. Auf
der Grundlage dieser Annahme können wir die Schlussfolgerungen des Theorems von
Conway und Kochen ebenso wie Bells Theorem leugnen.
108 Lucien Hardy , » Quantum Theory from Five Reasonable Axioms« , arXiv:quant-
ph/0101012v4 (2001).
109 Lluís Masanes & Markus P. Mueller, » A Derivation of Quantum Theory from Phy sical
Requirements« , arXiv:1004.1483v4 [quant-ph] (2011). Eine ähnliche Arbeit wurde von
Borivoje Dakic & Caslav Brukner geleistet, » Quantum Theory and Bey ond: Is Entanglement
Special?« , arXiv:0911.0695v1 [quant-ph] (2009).
110 Markus Müller ist mit interessanten laufenden Arbeiten zu dieser Frage beschäftigt.
13 Die Schlacht zwischen Relativitäts- und Quantentheorie

Das Prinzip des zureichenden Grundes ist zentral für das Programm der
Ausdehnung der Physik auf den Maßstab des gesamten Universums, weil es das
Ziel setzt, für jede Entscheidung, die die Natur trifft, einen rationalen Grund zu
entdecken. Das anscheinend freie, ursachenlose Verhalten individueller
Quantensysteme stellt eine radikale Herausforderung für dieses Prinzip dar.
Kann die Forderung nach hinreichenden Gründen auch in der Quantenphysik
erfüllt werden? Das hängt davon ab, ob die Quantenmechanik auf das gesamte
Universum ausgedehnt werden kann und eine möglichst fundamentale
Beschreibung der Natur liefert oder ob sie nur eine Annäherung an eine ganz
andere kosmologische Theorie ist. Wenn wir die Quantenmechanik auf das
Universum als Ganzes ausdehnen können, dann gilt das Theorem der
Willensfreiheit auch für den kosmologischen Maßstab. Da wir angenommen
haben, dass es keine fundamentalere Theorie gibt, impliziert das, dass die Natur
wirklich frei ist. Die Freiheit von Quantensystemen im kosmologischen
Maßstab würde eine Grenze für das Prinzip des zureichenden Grundes
implizieren, weil kein rationaler oder hinreichender Grund für die unzähligen
freien Entscheidungen, die Quantensysteme treffen können, angegeben werden
kann.
Aber wenn wir diese Erweiterung der Quantenmechanik vorschlagen, begehen
wir den kosmologischen Fehlschluss, eine Theorie über den begrenzten Bereich
hinaus auszudehnen, in dem sie mit Experimenten verglichen werden kann. Eine
vorsichtigere Reaktion bestünde darin, die Hypothese zu erforschen, dass die
Quantenmechanik eine Annäherung ist und nur für kleine Subsysteme gilt. Die
fehlende Information, die man braucht, um zu bestimmen, was ein
Quantensystem tun wird, könnte dennoch irgendwo da draußen im Universum
existieren, sodass sie ins Spiel kommt, wenn wir eine Quantenbeschreibung
eines kleinen Subsystems in eine Theorie des Universums als Ganzes einbetten.
Könnte es eine deterministische kosmologische Theorie geben, aus der die
Quantenmechanik entsteht, wann immer wir ein Subsystem isolieren und den
Rest ignorieren? Die Antwort ist Ja. Sie ist aber, wie wir gleich sehen werden,
mit hohen Kosten verbunden.
Einer solchen Theorie zufolge sind die Wahrscheinlichkeiten der
Quantentheorie nur eine Folge unserer mangelnden Kenntnis des ganzen
Universums, und diese Wahrscheinlichkeiten werden ersetzt durch eindeutige
Ergebnisse auf der Ebene des Universums als Ganzes. Die
Quantenunbestimmtheiten würden entstehen, wenn die kosmologische Theorie
verkürzt wird, um einen kleinen Teil des Universums zu beschreiben.
Eine solche Theorie wurde » Theorie der verborgenen Variablen« genannt,
weil die Quantenunbestimmtheiten durch Informationen über das Universum
aufgelöst werden, die dem Experimentator verborgen sind, der über ein isoliertes
Quantensystem arbeitet. Theorien dieser Art wurden vorgeschlagen und machen
Vorhersagen für Quantenphänomene, die mit denen der Quantenphysik
übereinstimmen. So wissen wir zumindest im Prinzip, dass diese Art von
Lösung der Probleme der Quantenmechanik möglich ist. Wenn der
Determinismus durch die Ausdehnung der Quantentheorie auf eine Theorie des
gesamten Universums wiederhergestellt wird, dann haben darüber hinaus die
verborgenen Variablen nicht mit einer präziseren Beschreibung des individuellen
Quantensystems zu tun, sondern mit der Beziehung dieses Systems zum Rest
des Universums. Wir können sie » relationale verborgene Variablen« nennen.
Dem Prinzip der maximalen Freiheit zufolge, das ich im letzten Kapitel
beschrieben habe, ist die Quantentheorie die probabilistische Theorie, bei der
intrinsische Unbestimmtheiten so groß wie möglich sind. Man kann es auch so
ausdrücken, dass die Informationen, die wir über ein Atom bräuchten, um den
Determinismus wiederherzustellen, und die in Beziehungen dieses Atoms zum
Universum als Ganzem kodiert sind, maximal sind. Das bedeutet, dass die
Eigenschaften jedes Teilchens im Universum maximal mit verborgenen
Beziehungen zum Universum als Ganzem verflochten sind. Somit ist das
Problem, der Quantentheorie einen Sinn abzugewinnen, zentral für die Suche
nach der neuen kosmologischen Theorie, auf die die anderen Argumente dieses
Buches hindeuten.
Folgendes ist der Eintrittspreis: Wir müssen die Relativität der
Gleichzeitigkeit aufgeben und zu einem Weltbild zurückkehren, in dem eine
absolute Definition der Gleichzeitigkeit im ganzen Universum gilt.
Hier müssen wir vorsichtig vorgehen – wir wollen den Erfolgen der
Relativitätstheorie nicht widersprechen. Unter diesen befindet sich die
Quantenfeldtheorie – eine äußerst erfolgreiche Vermählung der speziellen
Relativitätstheorie mit der Quantentheorie. Sie ist die Grundlage des
Standardmodells der Elementarteilchenphysik und macht enorm viele präzise
Vorhersagen, die von den Ergebnissen zahlreicher Experimente bestätigt werden.
Die Quantenfeldtheorie ist jedoch nicht frei von Problemen; eines davon
besteht darin, dass ein heikles Spiel mit den unendlichen Größen gespielt
werden muss, bevor irgendwelche Vorhersagen extrahiert werden können.
Darüber hinaus erbt die Quantenfeldtheorie alle begrifflichen Probleme der
Quantentheorie und bietet nichts Neues zu ihrer Lösung an. Diese alten
Probleme der Quantentheorie zusammen mit der neuen Schwierigkeit der
Unendlichkeiten deuten darauf hin, dass auch die Quantenfeldtheorie eine
Annäherung an eine tiefere, stärker vereinheitlichte Theorie ist.
Trotz der Erfolge der Quantenfeldtheorie wollten daher viele Physiker, allen
voran Einstein, über die Quantenfeldtheorie hinaus zu einer tieferen Theorie
gelangen, die eine vollständige Beschreibung jedes einzelnen Experiments gibt
– was, wie wir gesehen haben, keine Quantentheorie tut. Auf der Suche nach
einer solchen Theorie sind sie auf einen unversöhnlichen Konflikt zwischen der
Quantenphysik und der speziellen Relativitätstheorie gestoßen. Diesen Konflikt
müssen wir verstehen, wenn wir über die Wiedergeburt der Zeit in der Physik
nachdenken.

Es gibt eine Tradition – beginnend mit Niels Bohr – zu behaupten, dass die
Unfähigkeit der Quantentheorie, ein Bild davon zu geben, was bei einem
einzelnen Experiment vor sich geht, eine ihrer Tugenden ist, und keinen Mangel
darstellt. Wie in Kapitel 7 erwähnt, argumentierte Bohr geschickt, dass es nicht
das Ziel der Physik sei, ein solches Bild zu geben, sondern stattdessen eine
Sprache zu schaffen, in der wir miteinander darüber reden können, wie wir
Experimente an atomaren Systemen einrichten und wie die Ergebnisse ausfallen.
Ich finde Bohrs Schriften zwar faszinierend, aber nicht überzeugend.
Denselben Eindruck habe ich bei einigen zeitgenössischen Theoretikern, die
argumentieren, dass die Quantenmechanik sich nicht auf die physikalische Welt
selbst bezieht, sondern auf die Informationen, die wir über die physikalische
Welt haben. Diese Theoretiker machen geltend, dass der Quantenzustand
keinerlei physikalischer Wirklichkeit entspricht, sondern vielmehr einfach nur
die Informationen kodiert, die wir Beobachter über ein System haben können.
Es handelt sich um kluge Leute, und ich genieße es, mit ihnen zu streiten, aber
ich fürchte, dass sie die Wissenschaft leerverkaufen. Wenn die Quantenmechanik
nur ein Algorithmus zur Vorhersage von Wahrscheinlichkeiten ist, können wir
da nichts Besseres erreichen? Denn schließlich geschieht ja etwas in einem
einzelnen Experiment. Etwas und nur dieses Etwas ist die Wirklichkeit, die wir
Elektron oder Photon nennen. Sollten wir nicht in der Lage sein, das Wesen des
einzelnen Elektrons in einer Begriffssprache und einem mathematischen Rahmen
zu erfassen? Vielleicht gibt es kein Prinzip, das garantiert, dass die Wirklichkeit
jedes subatomaren Prozesses in der Natur für menschliche Wesen verständlich
sein und von uns sprachlich oder mathematisch ausdrückbar sein sollte. Aber
sollten wir nicht zumindest den Versuch wagen? Daher ergreife ich Einsteins
Partei. Ich glaube, dass es eine objektive, physikalische Wirklichkeit gibt und
dass etwas Beschreibbares geschieht, wenn ein Elektron von einer Energieebene
eines Atoms auf eine andere springt. Folglich suche ich nach einer Theorie, um
diese Beschreibung zu geben.
Die erste Theorie verborgener Variablen wurde 1927 von Herzog Louis de
Broglie präsentiert. Es geschah auf einer Versammlung von Quantenphysikern,
die Symbolcharakter erlangt hat, nämlich auf der Fünften Solvay-Konferenz, kurz
nachdem die Quantenmechanik in ihre endgültige Form gebracht worden
war. 111 Sie wurde von der Dualität zwischen Welle und Teilchen inspiriert, auf
die Einstein hingewiesen hatte und die wir in Kapitel 7 besprochen haben. De
Broglies Theorie löste das Rätsel von Welle und Teilchen auf höchst einfache
Weise. Er postulierte, dass es ein wirkliches Teilchen und eine wirkliche Welle
gibt. Beide haben materielle Existenz. In seiner Dissertation von 1924 hatte er
zuvor postuliert, dass die Welle/Teilchen-Dualität universal ist, sodass Teilchen
wie Elektronen auch Wellen sind. In de Broglies Aufsatz von 1927 pflanzen sich
diese Wellen wie Wasserwellen fort, überlagern sich gegenseitig und werden
gebeugt. Das Teilchen folgt der Welle. Zusätzlich zu den üblichen Kräften –
Elektrizität, Magnetismus und Gravitation – wird das Teilchen von einer
sogenannten Quantenkraft angezogen. Diese Kraft zieht das Teilchen zum
Wellenhügel; daher ist das Teilchen im Durchschnitt also häufiger dort zu
finden, aber die Verbindung ist probabilistisch. Warum? Weil wir den
Ausgangspunkt des Teilchens nicht kennen. Da wir die Anfangsposition des
Teilchens nicht kennen, können wir auch nicht genau sagen, wo es sein wird.
Die verborgene Variable, von der wir nichts wissen, ist die genaue Position des
Teilchens.
John Bell schlug später vor, de Broglies Theorie eine Theorie von » seienden
Größen« (beables) zu nennen, im Gegensatz zur Quantentheorie, die eine
Theorie von beobachtbaren Größen (Observablen) ist. 112 Eine seiende Größe ist
etwas, das zu allen Zeiten existiert, im Gegensatz zu einer Observablen, die eine
Größe ist, welche durch ein Experiment ins Dasein gerufen wird. In de Broglies
Theorie sind sowohl das Teilchen als auch die Welle seiende Größen.
Insbesondere hat ein Teilchen immer eine Position, auch wenn die
Quantentheorie deren Wert nicht genau vorhersagen kann.
Dennoch setzte sich de Broglies Bild von einer Quantenwelt, in der sowohl
Teilchen als auch Wellen wirklich sind, nicht durch. 1932 veröffentlichte der
große Mathematiker John von Neumann ein Buch, in dem er bewies, dass
verborgene Variablen unmöglich sind. 113 Einige Jahre später wies eine junge
deutsche Mathematikerin namens Grete Hermann darauf hin, dass von
Neumanns Beweis eine große Lücke enthielt. 114 Offenbar hatte er den Fehler
begangen, dass er schon vorausgesetzt hatte, was er beweisen wollte, und hatte
sich und andere dadurch getäuscht, dass er diese Voraussetzung in einem
technischen Axiom verhüllte. Aber Hermanns Aufsatz wurde ignoriert.
Es dauerte zwei Jahrzehnte bis zur Wiederentdeckung des Irrtums. Der
amerikanische Quantenphysiker David Bohm schrieb in den frühen 1950er-
Jahren ein Lehrbuch über Quantenmechanik. 115 Als er über die Rätsel der
Quantentheorie nachdachte, erfand er de Broglies Theorie verborgener Variablen
– von der er nichts wusste – noch einmal. Er schrieb einen Aufsatz, in dem er
die neue Quantentheorie darlegte. Aber als er ihn an eine Zeitschrift schickte,
erhielt er ein Gutachten, das den Aufsatz ablehnte, weil er mit von Neumanns
bekanntem Beweis der Unmöglichkeit verborgener Variablen im Widerspruch
stand. Bohm fand rasch den Fehler im Beweis und schrieb einen Aufsatz, in
dem er ihn offenlegte. 116 Seit jener Zeit wurde der De-Broglie-Bohm-Ansatz in
der Quantenmechanik – wie er jetzt genannt wird – von einer kleinen Schar von
Experten weiterverfolgt; er ist einer der Ansätze für die Grundlagen der
Quantentheorie, der heute immer noch aktiv verfolgt wird.
Mit der De-Broglie-Bohm-Theorie verstehen wir, dass Theorien mit
verborgenen Variablen eine mögliche Option für die Lösung der Rätsel der
Quantentheorie sind. Ihre Untersuchung hat sich als nützlich erwiesen, weil
gezeigt werden konnte, dass viele ihrer Eigenschaften für jede mögliche Theorie
verborgener Variablen gelten.
Die De-Broglie-Bohm-Theorie hat eine ambivalente Beziehung zur
Relativitätstheorie. Die statistischen Vorhersagen, die sie macht, stimmen mit
der Quantenmechanik überein und können in Übereinstimmung mit der
speziellen Relativitätstheorie gebracht werden – und insbesondere mit der
Relativität der Gleichzeitigkeit. Im Unterschied zur Quantenmechanik macht die
Theorie jedoch mehr als nur statistische Vorhersagen; sie gibt ein detailliertes
physikalisches Bild dessen, was bei einem einzelnen Experiment vor sich geht.
Die Welle, die sich in der Zeit entwickelt, beeinflusst die Bahn des Teilchens;
dabei verletzt sie die Relativität der Gleichzeitigkeit, weil das Gesetz, durch das
die Welle die Bewegung des Teilchens beeinflusst, nur im Bezugssystem eines
Beobachters wahr sein kann. Insofern wir also die De-Broglie-Bohm-Theorie der
verborgenen Variablen als Erklärung für Quantenphänomene nehmen, müssen
wir der Ansicht sein, dass es einen bevorzugten Beobachter gibt, dessen Uhren
einen bevorzugten Begriff physikalischer Zeit messen.
Es zeigt sich nun, dass diese zweideutige Beziehung zur Relativitätstheorie
für jede mögliche Theorie verborgener Variablen gilt. 117 Ihre statistischen
Vorhersagen, die mit der Quantenmechanik übereinstimmen, werden auch mit
der Relativitätstheorie übereinstimmen. Aber jedes detaillierte Bild individueller
Ereignisse wird das Relativitätsprinzip verletzen und nur vom Standpunkt eines
einzigen Beobachters interpretierbar sein.
Die De-Broglie-Bohm-Theorie hat einen großen Mangel, nämlich dass sie
eines unserer Kriterien für eine kosmologische Theorie nicht erfüllt – die
Forderung, dass alle Wirkungen reziprok sind. Die Welle beeinflusst die Bahn
des Teilchens, aber das Teilchen hat keinen Einfluss auf die Welle. Daher ist die
De-Broglie-Bohm-Theorie als kosmologische Theorie unbefriedigend. Es gibt
jedoch eine alternative Theorie verborgener Variablen, die dieses Problem
beseitigt.

Als jemand, der von Einsteins Ansicht überzeugt ist, dass es hinter der
Quantentheorie eine tiefere Theorie geben muss, habe ich seit meiner
Studentenzeit versucht, Theorien verborgener Variablen zu erfinden. Alle paar
Jahre lege ich meine übrigen Forschungsarbeiten beiseite und versuche, dieses
entscheidende Problem zu lösen. Viele Jahre lang arbeitete ich an einem Ansatz,
der auf einer Theorie verborgener Variablen basiert, die von dem Princeton-
Mathematiker Edward Nelson niedergeschrieben wurde. Diese Versuche
funktionierten zwar, wiesen jedoch alle ein künstliches Element auf, insofern
bestimmte Kräfte äußerst sorgfältig ausgeglichen werden mussten, um die
Vorhersagen der Quantenmechanik zu reproduzieren. Im Jahr 2006 schrieb ich
einen Aufsatz, der die technischen Gründe für diese Künstlichkeit erklärte, 118
und gab den Ansatz dann auf.
Eines Nachmittags im Frühherbst 2010 ging ich in ein Café, öffnete eine leere
Seite auf meinem Notebook und dachte über meine vielen gescheiterten
Versuche nach, über die Quantenmechanik hinauszugehen. Ich begann, über eine
Version der Quantenmechanik nachzudenken, die » Ensemble-Interpretation«
genannt wird. Diese Interpretation ignoriert die vergebliche Hoffnung, das zu
beschreiben, was in einem einzelnen Experiment vor sich geht, und beschreibt
stattdessen eine imaginäre Sammlung aller Ereignisse, die bei einem
Experiment vor sich gehen könnten. Einstein formulierte es treffend: » Der
Versuch, die quantentheoretische Beschreibung als vollständige Beschreibung
der individuellen Systeme aufzufassen, führt zu unnatürlichen theoretischen
Interpretationen, die sofort unnötig werden, wenn man die Auffassung akzeptiert,
dass die Beschreibung sich auf Systemgesamtheiten und nicht auf Einzelsysteme
bezieht.« 119
Betrachten wir das einsame Elektron, das in einem Wasserstoffatom um ein
Proton kreist. Den Vertretern der Ensemble-Interpretation zufolge ist die Welle
nicht mit dem einzelnen Atom verknüpft, sondern mit der imaginären
Sammlung von Kopien des Atoms. Bei verschiedenen Atomen dieser
Sammlung haben die Elektronen verschiedene Positionen. Wenn man also das
Wasserstoffatom beobachten würde, wäre das Ergebnis so, als ob man zufällig
ein Atom aus dieser imaginären Sammlung herausgegriffen hätte. Die Welle gibt
die Wahrscheinlichkeiten an, mit denen man das Elektron an all diesen
verschiedenen Orten findet.
Ich hatte lange Zeit Gefallen an dieser Idee gefunden, aber urplötzlich schien
sie völlig verrückt zu sein. Wie könnte eine imaginäre Sammlung von Atomen
eine Messung beeinflussen, die an einem wirklichen Atom vorgenommen
wurde? Das würde dem Prinzip widersprechen, dass nichts außerhalb des
Universums auf etwas innerhalb des Universums einwirken kann. Ich stellte mir
also die Frage, ob ich diese imaginäre Sammlung nicht durch eine Sammlung
wirklicher Atome ersetzen könnte. Als wirkliche müssten sie irgendwo im
Universum existieren. Nun, tatsächlich gibt es ja äußerst viele Wasserstoffatome
im Universum. Könnten sie die » Sammlung« sein, auf die sich die Ensemble-
Interpretation der Quantenmechanik bezieht?
Stellen Sie sich vor, dass alle Wasserstoffatome im Universum zusammen ein
Spiel spielen. In diesem Spiel erkennt jedes Atom, welche anderen Atome sich
in einer ähnlichen Situation mit einer ähnlichen Geschichte befinden. Mit
» ähnlich« meine ich hier, dass sie durch denselben Quantenzustand
probabilistisch beschrieben werden würden. Zwei Teilchen in der Quantenwelt
können identische Geschichten haben und daher durch denselben
Quantenzustand beschrieben werden, sich aber in den genauen Werten ihrer
seienden Größen, zum Beispiel der Position, unterscheiden. Wenn ein Atom ein
anderes Atom als eines mit einer ähnlichen Geschichte erkennt, kopiert es seine
Eigenschaften, einschließlich der genauen Werte seiner seienden Größen. Zwei
Atome müssen sich nicht in der Nähe voneinander befinden, damit das eine die
Eigenschaften des anderen kopieren kann; sie müssen nur beide irgendwo im
Universum existieren.
Es handelt sich hier zwar um ein äußerst nicht-lokales Spiel, aber wir wissen,
dass jede Theorie verborgener Variablen die Tatsache ausdrücken muss, dass die
Quantenphysik nicht-lokal ist. Obwohl die Idee verrückt klingen mag, könnte
sie doch weniger verrückt sein, als imaginäre Sammlungen von Atomen
anzunehmen, die wirkliche Atome in der Welt beeinflussen. Also beschloss ich,
den Gedanken weiterzuspinnen und zu sehen, wohin er führt.
Eine der Eigenschaften, die kopiert wird, ist die Position des Elektrons
relativ zum Proton. Die Position eines Elektrons in einem bestimmten Atom
wird also herumspringen, wenn es die Positionen von Elektronen in anderen
Atomen im Universum kopiert. Wenn ich nun als Ergebnis all dieser Sprünge
messe, wo sich das Elektron in einem bestimmten Atom befindet, wird das so
sein, als hätte ich ein Atom zufällig aus der Sammlung aller ähnlichen Atome
gezogen. Der Quantenzustand wird also durch die Sammlung ähnlicher Atome
ersetzt. Damit das funktioniert, erfand ich Regeln für das Kopierspiel, die zu den
Wahrscheinlichkeiten dafür führen, dass das Atom genauso auf Messungen
reagiert, wie es das der Quantenmechanik zufolge tun würde. 120
Und mir wurde etwas klar, das mich gewaltig freute: Was geschieht, wenn
ein System keine Kopien im Universum hat? Dann kann das Kopierspiel nicht
weitergehen und die Quantenmechanik wird nicht reproduziert werden. Das
würde erklären, warum sich die Quantenmechanik nicht auf große komplexe
Systeme anwenden lässt wie zum Beispiel auf Katzen, auf Sie oder mich: Wir
sind einzigartig. Damit werden die langjährigen Paradoxien gelöst, die sich
ergeben, wenn man die Quantenmechanik auf große Dinge wie Katzen und
Beobachter anwendet. Die sonderbaren Eigenschaften von Quantensystemen
beschränken sich auf atomare Systeme, weil diese in einer Vielzahl von Kopien
im Universum vorkommen. Die Quantenunbestimmtheiten entstehen deshalb,
weil diese Systeme untereinander ständig ihre Eigenschaften kopieren.
Ich nenne dies die » Wirkliche-Ensemble-Interpretation« der
Quantenmechanik, aber in meinen Aufzeichnungen ist es die » Weißes-
Eichhörnchen-Interpretation« , benannt nach einem einsamen Albino-
Eichhörnchen, das in einem Park in Toronto gesichtet wurde. Sie können sich
vorstellen, dass alle grauen Eichhörnchen identisch genug sind, dass die
Quantenmechanik für sie gilt – versuchen Sie, eines zu entdecken, und sie sehen
vielleicht noch ein anderes und noch ein weiteres. Aber das weiße Eichhörnchen,
das für einen Augenblick auf einem Ast sitzt, scheint keine Kopien zu haben und
ist deshalb nicht quantenmechanisch. Wie Sie oder ich kann es so betrachtet
werden, dass es einzigartige Eigenschaften besitzt, die es weder mit etwas
anderem teilt noch von etwas anderem im Universum kopiert hat.
Das Spiel springender Elektronen verletzt die spezielle Relativitätstheorie.
Die Sprünge finden augenblicklich über beliebig große Entfernungen statt, daher
erfordern sie eine Vorstellung von gleichzeitigen Ereignissen, die durch große
Entfernungen voneinander getrennt sind. Das wiederum erfordert eine
Informationsübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit. Dennoch reproduzieren
die statistischen Vorhersagen die der Quantentheorie und können daher mit der
Relativitätstheorie in Einklang gebracht werden. Wenn wir jedoch hinter die
Kulissen schauen, gibt es eine bevorzugte Gleichzeitigkeit und folglich auch
eine bevorzugte Zeit, genau wie in der De-Broglie-Bohm-Theorie.
In beiden Theorien verborgener Variablen, die ich beschrieben habe, ist das
Prinzip des zureichenden Grundes erfüllt. Es gibt ein detailliertes Bild von dem,
was bei einzelnen Ereignissen geschieht, das erklärt, was die Quantenmechanik
als unbestimmt betrachtet. Aber der Preis ist hoch – er besteht in der Verletzung
der Prinzipien der Relativitätstheorie.

Könnte es eine Theorie verborgener Variablen geben, die mit den Prinzipien der
Relativitätstheorie kompatibel ist? Wir wissen, dass die Antwort Nein lautet.
Wenn es eine solche Theorie gäbe, würde sie das Theorem der Willensfreiheit
verletzen – ein Theorem, das impliziert, dass es keine Möglichkeit gibt, zu
bestimmen, was ein Quantensystem tun wird (also auch nicht durch eine
Theorie verborgener Variablen), solange die Annahmen des Theorems erfüllt
sind. Eine dieser Annahmen ist die Relativität der Gleichzeitigkeit.
John Bells Theorem, das ich oben erwähnt habe, schließt ebenfalls lokale
Theorien verborgener Variablen aus – lokal in dem Sinne, dass sie
Kommunikation nur unterhalb der Lichtgeschwindigkeit zulassen.
Aber eine Theorie verborgener Variablen i s t möglich, wenn sie die
Relativitätstheorie verletzt.
Solange wir nur die Vorhersagen der Quantenmechanik auf der Ebene der
Statistik überprüfen, müssen wir auch nicht fragen, wie die Korrelationen
tatsächlich begründet werden. Erst wenn wir zu beschreiben versuchen, wie die
Information innerhalb jedes verschränkten Paares übertragen wird, benötigen wir
einen Begriff der augenblicklichen Mitteilung. Wir geraten also erst dann in
Konflikt mit der Relativität der Gleichzeitigkeit, wenn wir versuchen, über die
statistischen Vorhersagen der Quantentheorie zu einer Theorie verborgener
Variablen hinauszugehen.
Um zu beschreiben, wie die Korrelationen begründet werden, muss eine
Theorie verborgener Variablen die Definition der Gleichzeitigkeit eines
bestimmten Beobachters annehmen. Das bedeutet wiederum, dass es einen
bevorzugten Begriff der Ruhe gibt. Und das impliziert seinerseits, dass
Bewegung absolut ist. Bewegung ist absolut sinnvoll, weil man absolut darüber
sprechen kann, wer sich relativ zu diesem einen Beobachter – nennen wir ihn
Aristoteles – bewegt. Aristoteles ruht. Alles, was er als bewegt wahrnimmt,
bewegt sich wirklich. Ende der Geschichte.
Mit anderen Worten: Einstein irrte sich. Newton irrte sich. Galilei irrte sich.
Es gibt keine Relativität der Bewegung.
Das ist unsere Wahl. Entweder ist die Quantenmechanik die endgültige
Theorie und es ist unmöglich, ihren statistischen Schleier zu durchdringen, um
eine tiefere Beschreibungsebene zu erreichen. Oder Aristoteles hatte recht und es
gibt eine bevorzugte Interpretation von Bewegung und Ruhe.

111 Zu einer eingehenden Diskussion von de Broglies Werk und einer englischen Übersetzung
seines Aufsatzes von 1927 siehe Guido Bacciagaluppi & Antony Valentini, Quantum Theory
at the Crossroads: Reconsidering the 1927 Solvay Conference, New York 2009, verfügbar auf
arXiv:quant-ph/0609184v2.
112 Siehe John S. Bell, Speakable and Unspeakable in Quantum Mechanics: Collected Papers on
Quantum Philosophy, New York 2004.
113 John von Neumann, Mathematische Grundlagen der Quantenmechanik, Berlin 1932, S. 167ff.
114 Grete Hermann, » Die Naturphilosophischen Grundlagen der Quantenmechanik« ,
Abhandlungen der Fries’schen Schule (1935).
115 David Bohm, Quantum Theory, New York 1951.
116 David Bohm, » A Suggested Interpretation of the Quantum Theory in Terms of ›Hidden‹
Variables. II« , Phys. Rev., 85:2, S. 180–193 (1952).
117 Antony Valentini, » Hidden Variables and the Large-scale Structures of Space=Time« , in:
Einstein, Relativity and Absolute Simultaneity, hg. v. W. L. Craig & Q. Smith, London 2008, S.
125–155.
118 Lee Smolin, » Could Quantum Mechanics Be an Approximation to Another Theory ?« ,
arXiv:quant-ph/0609109v1 (2006).
119 Albert Einstein, » Remarks to the Essay s Appearing in This Collective Volume« , in: Albert
Einstein: Philosopher – Scientist, hg. v. P. A. Schilpp, New York 1951, S. 671.
120 Zu einer technischeren Darstellung siehe Lee Smolin, » A Real Ensemble Interpretation of
Quantum Mechanics« , arXiv:1104.2822v1 [quant-ph] (2011).
14 Die Wiedergeburt der Zeit aus der Relativitätstheorie

Wir haben gesehen, dass die Wirklichkeit der Zeit neue Ansätze zu einem
Verständnis eröffnet, wie das Universum seine Gesetze auswählt, während sie
zugleich eine neue Lösung der Rätsel der Quantenmechanik ermöglicht. Aber
wir müssen noch ein großes Hindernis überwinden, nämlich das eindrucksvolle
Argument aus der speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie zugunsten des
Bildes vom Blockuniversum. Dieses Argument endet mit der Schlussfolgerung,
dass das Wirkliche nur die Geschichte des Universums als eines zeitlosen
Ganzen ist. 121
Das Argument für das Blockuniversum beruht auf der Relativität der
Gleichzeitigkeit, die ein Aspekt der speziellen Relativitätstheorie ist (siehe
Kapitel 6). Aber wenn die Zeit wirklich ist im Sinne des wirklichen
gegenwärtigen Augenblicks, gibt es eine Grenze zwischen der wirklichen
Gegenwart und der noch nicht wirklichen Zukunft, über die sich alle Beobachter
einigen können. Das impliziert einen universalen physikalischen Begriff von
Gleichzeitigkeit, der entfernte Ereignisse und in der Tat auch das ganze
Universum einschließt. Man könnte dies eine » bevorzugte globale Zeit« nennen
(wobei » global« hier bedeutet, dass die Definition der Zeit sich über das
gesamte Universum erstreckt). Wir haben nun eine direkte Konfrontation
zwischen einem Argument, das besagt, dass es eine bevorzugte globale Zeit
geben sollte, und einem anderen Argument, das besagt, dass die Prinzipien der
Relativitätstheorie dies ausschließen. Wie wir außerdem im letzten Kapitel
sahen, ist eine bevorzugte globale Zeit auch ein notwendiger Bestandteil jeder
Theorie verborgener Variablen, die die Entscheidungen einzelner
Quantensysteme erklären würde. Wie wir ebenfalls im letzten Kapitel gesehen
haben, gibt es somit einen Konflikt zwischen der Relativität der Gleichzeitigkeit
und dem Prinzip des zureichenden Grundes.
Der Zweck dieses Kapitels ist es, diesen Konflikt zugunsten des Prinzips des
zureichenden Grundes aufzulösen. Das bedeutet, dass man die Relativität der
Gleichzeitigkeit aufgibt und das Gegenteil vertritt: dass es einen bevorzugten
globalen Begriff der Zeit gibt. Bemerkenswerterweise erfordert das nicht, dass
die Relativitätstheorie gestürzt werden muss; es zeigt sich, dass ihre
Reformulierung genügt. Das Herzstück der Lösung ist ein neues und tieferes
Verständnis der allgemeinen Relativitätstheorie, das eine neue Auffassung
wirklicher Zeit enthüllt.
Ein bevorzugter Begriff globaler Zeit greift eine Familie von Beobachtern
heraus, die über das Universum verteilt sind und deren Uhren die bevorzugte
Zeit messen. Das impliziert einen bevorzugten Zustand der Ruhe, der an den
aristotelischen Begriff der Ruhe erinnert oder an den Äther der Physik des 19.
Jahrhunderts. Beide Vorstellungen wurden von Einstein mit seiner Erfindung
der speziellen Relativitätstheorie zu Fall gebracht. Für die Physiker vor Einstein
war dieser Äther notwendig, weil Lichtwellen ein Medium brauchten, in dem
sie sich ausbreiten konnten. Einstein zerstörte diese Vorstellung, weil sein
Prinzip der Relativität der Gleichzeitigkeit impliziert, dass es keinen Äther und
keinen Zustand der Ruhe gibt. 122
Hier gibt es nicht nur einen Widerspruch, sondern auch einen Grund zur
Verzweiflung. Die Zerstörung des Äthers war ein großer Triumph des
konzentrierten Nachdenkens über faule Denkgewohnheiten. Es war so leicht, sich
die Welt in Aristoteles’ Begriffen vorzustellen. Galilei und Newton begründeten
die Relativität von Inertialsystemen, die es unmöglich machte, einen
bevorzugten Zustand der Ruhe bei der Beobachtung bewegter Körper
festzustellen. Aber die Idee von Ruhe als etwas Natürlichem lauerte immer noch
im Geist der Physiker und gab dem Äther eine Ruhestätte, als die Theoretiker
ein Medium brauchten, in dem sich das Licht ausbreiten konnte. Erst Einstein
kam zu der Erkenntnis, die notwendig war, um alles zusammen zu zerstören.
Und doch scheint es, dass wir Gründe dafür haben, zur Vorstellung einer
bevorzugten globalen Zeit zurückzukehren. Die Tatsache, dass dies dem
Triumph Einsteins über den Äther widerspricht, ist ein psychologisches
Hindernis, die Argumente für die Wirklichkeit der Zeit ernst zu nehmen –
zumindest war es das für mich.
Bevor ich darlege, wie die Theorie diesen Widerspruch auflösen könnte,
wollen wir uns ansehen, was die Experimente zu sagen haben. Ein bevorzugter
globaler Zeitbegriff impliziert einen bevorzugten Beobachter, dessen Uhr diese
bevorzugte Zeit misst. Das widerspricht der Relativität von Inertialsystemen,
der zufolge es keine experimentelle oder der Beobachtung zugängliche
Möglichkeit gibt, einen Beobachter, der als ruhend betrachtet werden könnte,
von denen zu unterscheiden, die sich mit konstanter, aber beliebiger
Geschwindigkeit bewegen.
Zuerst muss bemerkt werden, dass das Universum so angeordnet ist, dass es
tatsächlich einen bevorzugten Ruhezustand herausgreift. Das wissen wir, weil
wir beim Umherblicken mit unseren Teleskopen sehen, dass sich die große
Mehrheit der Galaxien in jeder Richtung mit etwa derselben Geschwindigkeit
von uns wegbewegt. Aber das kann nur für einen Beobachter gelten, weil
jemand, der sich schnell von uns weg- und in den Raum hineinbewegt, sehen
würde, dass die Galaxien, die vor ihm sind und relativ zu denen er aufholt, sich
langsamer bewegen als jene, die er hinter sich zurücklässt. Darüber hinaus haben
wir auch gute Belege dafür, dass die Galaxien gleichförmig im Raum verteilt
sind, zumindest wenn man einen Durchschnitt ihrer Positionen über einen
hinreichend großen Maßstab bildet – das heißt, das Universum scheint gleich
auszusehen, egal in welcher Richtung man es betrachtet. Aus diesen Tatsachen
können wir ableiten, dass es an jedem Punkt im Raum einen besonderen
Beobachter geben wird, der sieht, wie sich die Galaxien in jeder Richtung mit
gleicher Geschwindigkeit von ihm wegbewegen. 123 Die Bewegungen der
Galaxien greifen also an jedem Punkt des Raumes einen bevorzugten Beobachter
und damit auch einen bevorzugten Ruhezustand heraus.
Eine andere Möglichkeit, eine bevorzugte Familie von Beobachtern
festzulegen, besteht in der Nutzung der kosmischen Mikrowellen-
Hintergrundstrahlung. Diese bevorzugten Beobachter sehen, dass die
Hintergrundstrahlung aus allen Himmelsrichtungen mit derselben Temperatur
auf sie zukommt. 124
Glücklicherweise stimmen die beiden Familien von bevorzugten Beobachtern
überein. Die Galaxien scheinen sich im Durchschnitt im selben Bezugssystem
in Ruhe zu befinden, in dem die Hintergrundstrahlung aus allen Richtungen mit
derselben Temperatur auf uns zukommt. Das Universum ist also auf eine Weise
aufgebaut, die einen bevorzugten Ruhezustand herausgreift. Diese Tatsache muss
jedoch nicht im Widerspruch zu der Relativität der Bewegung stehen. Eine
Theorie kann eine Symmetrie aufweisen, die von ihren Lösungen nicht befolgt
wird. Im Gegenteil: Die Lösungen von Theorien brechen häufig die Symmetrien
dieser Theorien. Die Tatsache, dass es im Raum im Grunde keine bevorzugte
Richtung gibt, verhindert nicht, dass der Wind heute von Norden weht. Unser
Universum stellt nur eine mögliche Lösung der Gleichungen der allgemeinen
Relativitätstheorie dar. Diese eine Lösung kann asymmetrisch sein – indem sie
einen bevorzugten Ruhezustand aufweist –, ohne dem Prinzip zu widersprechen,
dass die Theorie eine Symmetrie beinhaltet. Das Universum könnte so
angefangen haben, dass diese Symmetrie gebrochen wurde.
Andererseits wollen wir die Frage stellen, warum das Universum in einem
besonderen Zustand ist, insofern, dass es eine bevorzugte Familie von
Beobachtern herausgreift. Dies ist eine weitere Frage, bei der es darum geht,
warum die Anfangsbedingungen des Universums so besonders waren. Es ist eine
Frage, die die allgemeine Relativitätstheorie nicht beantworten kann – ein
weiterer Hinweis darauf, dass es eine Eigenschaft des Universums gibt, die von
der allgemeinen Relativitätstheorie nicht erfasst wird. Es lohnt sich also, die
Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der bevorzugte Ruhezustand im
Universum etwas Tieferes repräsentiert. Vielleicht sagt er uns etwas über eine
physikalische Ebene unterhalb derjenigen aus, mit der sich die allgemeine
Relativitätstheorie befasst.
Wenn die Existenz eines bevorzugten Ruhezustands im Universum etwas
Tieferes repräsentiert, dann sollte sich dieser Zustand auch in anderen Arten von
Experimenten zeigen. Aber auf kleineren Skalen als der kosmologischen ist das
Prinzip der Relativität von Inertialsystemen sehr gut überprüft. Es gibt eine
gewaltige Menge von experimentellen Belegen, die die Vorhersagen von
Einsteins spezieller Relativitätstheorie bestätigen, und ein Großteil davon kann
so interpretiert werden, dass geprüft wird, ob es einen bevorzugten Ruhezustand
in der Natur gibt oder nicht. 125
Aus den Beobachtungen geht daher eine gemischte Botschaft hervor. Auf der
größten Skala gibt es Belege für einen bevorzugten Ruhezustand, der durch
etwas Besonderes in den Anfangsbedingungen des Universums erklärt werden
muss. Aber auf jeder kleineren Skala sieht es so aus, dass das Relativitätsprinzip
regiert. Erst vor Kurzem wurde eine elegante Lösung dieses Rätsels entworfen.
Es zeigt sich, dass die allgemeine Relativitätstheorie auf sehr schöne Weise als
Theorie mit einem bevorzugten Begriff der Zeit reformuliert werden kann. Diese
Reformulierung ist zwar nur eine andere Möglichkeit, die allgemeine
Relativitätstheorie zu verstehen, aber sie zeigt eine physikalisch bevorzugte
Synchronisierung von Uhren im ganzen Universum. Darüber hinaus hängt die
Wahl dieser bevorzugten Synchronisierung von der Materieverteilung und
Gravitationsstrahlung im Universum ab, sodass es sich nicht um eine Rückkehr
zur absoluten Zeit Newtons handelt. Sie kann auch nicht durch lokale
Messungen festgestellt werden und ist deshalb völlig mit dem
Relativitätsprinzip für kleine Subsysteme des Universums vereinbar.
Die Theorie, die diesen Perspektivenwechsel ermöglicht, wird als
Formdynamik (shape dynamics) bezeichnet. 126 Ihr Hauptprinzip ist, dass alles,
was in der Physik wirklich ist, mit den Formen von Objekten verknüpft ist, und
dass alle wirklichen Veränderungen Veränderungen dieser Formen sind. Die
Größe bedeutet im Grunde nichts, und die Tatsache, dass Objekte für uns eine
intrinsische Größe zu haben scheinen, ist eine Illusion.
Die Formdynamik wurde in den letzten Jahren entwickelt, wobei man einer
Gedankenkette folgte, die von Julian Barbour vorgeschlagen wurde – seine
zeitlose Quantenkosmologie haben wir in Kapitel 7 erörtert. Barbour ist ein
großer Verfechter der relationalen Philosophie, und der Weg zur Formdynamik
begann mit seinem Beharren darauf, die Physik so relational wie möglich zu
gestalten. Viele der entscheidenden Schritte wurden im letzten Jahrzehnt von
ihm gemeinsam mit Niall Ó Murchadha und mehreren jungen Mitarbeitern
gemacht, aber die letzten Teile wurden im Sommer und Herbst 2010 von drei
jungen Leuten eingefügt, die am Perimeter Institute arbeiteten: den Studenten
im Aufbaustudium Sean Gryb und Henrique Gomes und dem Postdoktoranden
Tim Koslowski. 127
Wenn man einmal die Grundideen der Relativitätstheorie kennt, ist es leicht,
die Formdynamik zu verstehen, weil diese Theorie ein natürlicher nächster
Schritt ist. Erinnern wir uns an einige Aspekte der Gleichzeitigkeit: Es hat einen
Sinn, davon zu sprechen, dass zwei Ereignisse zur selben Zeit geschehen, wenn
diese Ereignisse am selben Ort geschehen. Außerdem können wir sie zeitlich
einordnen, was auch sinnvoll ist, weil das eine Ereignis die Ursache des anderen
sein könnte. Aber wenn wir versuchen, Ereignisse zu ordnen, die weit
voneinander entfernt stattfinden, stellen wir fest, dass es keine absolute
Reihenfolge gibt, mit der alle Beobachter übereinstimmen können. Für manche
Beobachter können die beiden Ereignisse gleichzeitig stattfinden; für andere
Beobachter kann es so erscheinen, dass ein Ereignis in der Vergangenheit des
anderen liegt.
Barbour sagt uns, dass die Größe sich genauso verhält. Wenn sich zwei
Gegenstände am selben Ort befinden, ist es sinnvoll, sie nach der Größe zu
ordnen: Wenn man eine Maus in eine Schachtel setzen kann, ist es sinnvoll zu
sagen, dass die Maus kleiner ist als die Schachtel. Wenn man zwei Fußbälle
hat, ist es sinnvoll, zu sagen, dass sie denselben Durchmesser haben. Diese
Vergleiche sind physikalisch sinnvoll und alle Beobachter werden mit ihnen
übereinstimmen.
Aber stellen wir nun die Frage, ob die Maus hier kleiner ist als eine
Schachtel, die sich in der nächsten Galaxie befindet. Ist diese Frage immer noch
sinnvoll? Gibt es eine Antwort, mit der alle Beobachter übereinstimmen
werden? Das Problem ist, dass man aufgrund der Entfernung die Maus nicht in
die Schachtel setzen kann, um zu sehen, ob sie hineinpasst.
Um die Frage zu beantworten, kann man die Schachtel dorthin bewegen, wo
die Maus ist, und dann probieren, ob sie hineinpasst. Aber das beantwortet
nicht dieselbe Frage, weil sich die Schachtel und die Maus jetzt am selben Ort
befinden. Wie können wir wissen, dass es keinen physikalischen Effekt gibt, der
alles, was wir in unserer Galaxie bewegen, vergrößert, sodass eine Schachtel, die
so groß ist wie das Auge einer Maus, unterwegs eine Größe erreicht, mit der sie
die Maus umschließen kann? Wir könnten die Schachtel dort lassen, wo sie ist,
und stattdessen ein Lineal hinschicken. Aber wie können wir wissen, dass das
Lineal nicht durch den umgekehrten Effekt zusammenschrumpft, wenn es von
der Maus zu der weit entfernten Schachtel reist?
Das ist eine der Gedankenketten, die Barbour und seine Freunde zu dem
Vorschlag führten, dass es einfach nicht sinnvoll ist, die Größe von
Gegenständen zu vergleichen, die weit voneinander entfernt sind. Was man
vergleichen kann, sind die Formen, weil Formen nicht denselben willkürlichen
Veränderungen unterliegen. Die einzige Ausnahme bei der Relativität von
Größen ist das festgelegte Volumen des ganzen Universums. Es ist nicht
einfach, das in nicht technischer Sprache zu erklären, aber es bedeutet Folgendes:
Wenn man alles an einem bestimmten Ort schrumpft, dann muss es einen
anderen Ort geben, an dem man einen Ausgleich schafft, indem man dort alles
im selben Maß vergrößert, sodass das Gesamtvolumen des Universums gleich
bleibt.
Obwohl die Formdynamik im Hinblick auf Größen radikal ist, so ist sie doch
konservativ, wenn es um die Zeit geht. Es gibt eine einzige Geschwindigkeit,
mit der die Zeit fließt. Sie ist im gesamten Universum gleich und man darf sie
nicht ändern.
Die allgemeine Relativitätstheorie sagt mehr oder weniger das Gegenteil. Die
Größe von Gegenständen ist festgelegt und bleibt festgelegt, wenn man sie
umherbewegt, weshalb es sinnvoll ist, die Größe von entfernten Gegenständen
miteinander zu vergleichen. Es gibt also zwei Möglichkeiten, die Geschichte des
Universums zu beschreiben, entweder in der Sprache der allgemeinen
Relativitätstheorie oder in der Sprache der Formdynamik. Es ist nicht sinnvoll,
zu fragen, ob eine Uhr, die weit von uns entfernt ist, im Vergleich zu einer Uhr
in unserer Nähe schnell oder langsam läuft, weil das Beschleunigen oder
Verlangsamen entfernter Uhren zu den die Sinne täuschenden Veränderungen
gehören, bei denen verschiedene Beobachter nicht übereinstimmen werden.
Selbst wenn man die eigene Uhr mit einer entfernten Uhr synchronisiert, kann
diese Synchronisation leicht verloren gehen, weil es keine physikalische
Bedeutung hat, dass ihre Geschwindigkeiten gleich bleiben.
Kurz, in der allgemeinen Relativitätstheorie ist die Größe universal und die
Zeit relativ, während in der Formdynamik die Zeit universal und die Größe
relativ ist. Bemerkenswert ist dann allerdings, dass diese beiden Theorien
äquivalent zueinander sind, weil man – durch einen cleveren mathematischen
Trick, der hier nicht erklärt zu werden braucht – die Relativität der Zeit gegen
die Relativität der Größe eintauschen kann. Man kann die Geschichte des
Universums also auf zwei Weisen beschreiben, in der Sprache der allgemeinen
Relativitätstheorie oder in der Sprache der Formdynamik. Der physikalische
Gehalt der beiden Beschreibungen ist derselbe und jede Frage zu einer
beobachtbaren Größe erhält dieselbe Antwort.
Wenn diese Geschichte in der Sprache der Relativitätstheorie beschrieben
wird, ist die Definition der Zeit willkürlich. Die Zeit ist relativ, und die Frage
ist sinnlos, wie spät es an voneinander entfernten Orten ist. Aber wenn die
Geschichte in der Sprache der Formdynamik beschrieben wird, zeigt sich ein
universaler Begriff von Zeit. Man zahlt dafür den Preis, dass die Größe relativ
wird und dass es sinnlos wird, die Größe von weit voneinander entfernten
Gegenständen zu vergleichen.
Wie das Welle/Teilchen-Bild der Quantentheorie ist dies ein Beispiel für das,
was die Physiker Dualität nennen – zwei Beschreibungen eines einzigen
Phänomens, von denen jede vollständig ist, die jedoch miteinander unvereinbar
sind. Diese besondere Dualität ist eine der grundlegendsten Entdeckungen der
zeitgenössischen theoretischen Physik. In anderer Form128 wurde sie 1995 von
Juan Maldacena im Kontext der Stringtheorie vorgeschlagen und sie ist zur
einflussreichsten Idee auf diesem Gebiet geworden. Zum gegenwärtigen
Zeitpunkt ist die genaue Beziehung zwischen der Formdynamik und Maldacenas
Dualität unklar, es ist jedoch wahrscheinlich, dass es eine Entsprechung
gibt. 129
Während es in der allgemeinen Relativitätstheorie keine bevorzugte Zeit gibt,
gibt es eine solche in der dualen Theorie. Wir können die Tatsache, dass die
beiden Theorien austauschbar sind, dazu benutzen, die Zeit in der Welt der
Formdynamik in die Welt der allgemeinen Relativitätstheorie zu übersetzen.
Dort zeigt sie sich als bevorzugte Zeit, die in den Gleichungen verborgen
ist. 130
Dieser globale Begriff der Zeit impliziert, dass es bei jedem Ereignis in Raum
und Zeit einen bevorzugten Beobachter gibt, dessen Uhr ihr Vergehen misst.
Aber es gibt keine Möglichkeit, diesen besonderen Beobachter durch irgendeine
Messung herauszugreifen, die in einem kleinen Gebiet gemacht wird. Die Wahl
der besonderen globalen Zeit wird dadurch bestimmt, wie die Materie im
Universum verteilt ist. Das passt schön zu der Tatsache, dass Experimente mit
dem Relativitätsprinzip auf Skalen übereinstimmen, die kleiner sind als die des
Universums. Die Formdynamik bringt also eine Übereinstimmung zwischen
dem experimentellen Erfolg des Relativitätsprinzips und der Notwendigkeit
einer globalen Zeit zustande, die von Theorien sich entwickelnder Gesetze und
Erklärungen von Quantenphänomenen durch verborgene Variablen gefordert
werden.
Wie schon erwähnt, ist eine Größe, bei der keine Veränderung erlaubt ist,
wenn man die Skalen vergrößert oder verkleinert, das Gesamtvolumen des
Universums zu jedem Zeitpunkt. Dadurch gewinnt die Gesamtgröße des
Universums einen Sinn, und das kann als universale physikalische Uhr gelten.
Die Zeit wurde wiederentdeckt.

121 Das Bild des Blockuniversums könnte zwar die Idee integrieren, dass Gesetze sich in der Zeit
verändern, aber meine These ist, dass es nicht erklären kann, wie und warum sie sich
verändern.
122 Man könnte meinen, dass der Äther durch das Michelson-Morley -Experiment erledigt wurde,
aber vor Einstein im Jahre 1905 hatte niemand die Einsicht, um das zu erkennen.
123 Das Argument dafür bezieht sich auf einfache Geometrie, aber ich will den Leser nicht
damit belasten. Man findet es in jedem Lehrbuch zur allgemeinen Relativitätstheorie.
124 Angenommen, Sie bewegen sich relativ zu diesem besonderen Beobachter nach Norden. Sie
werden die CMB-Strahlung, die von Norden auf Sie zukommt, aufgrund des Dopplereffekts
als blauverschoben wahrnehmen. Dieser Effekt erhöht die Energie jedes Photons und steigert
die Temperatur der Photonen, die von Norden auf Sie zukommen. CMB-Photonen, die von
Süden kommen, erfahren den entgegengesetzten Effekt; ihre Frequenzen sind rotverschoben
und ihre Temperaturen niedriger. Sie können also daraus schließen, dass Sie sich relativ zur
kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung bewegen. Umgekehrt kann der Beobachter,
der in allen Richtungen die gleiche Temperatur sieht, zu dem Schluss kommen, dass er relativ
zur CMB-Strahlung ruht.
125 In den letzten Jahren wurde die Gültigkeit des Relativitätsprinzips unter extremen
Bedingungen experimentell geprüft, wobei Protonen beobachtet wurden, die sich mit dem
0,99999-Fachen der Lichtgeschwindigkeit bewegten. Bei dieser unglaublichen
Geschwindigkeit sind die Effekte der Relativität so bedeutend, dass die Energie, die sie tragen,
10 Milliarden Mal die Energie ist, die ihrer Masse innewohnt. Ich wäre überhaupt nicht
überrascht gewesen, wenn diese Beobachtungen ein Zusammenbrechen des
Relativitätsprinzips enthüllt hätten, denn ein solches Zusammenbrechen wurde von manchen
Ansätzen der Quantengravitation bei ungefähr diesen Energien vorhergesagt. Andere vor
Kurzem gemachte Beobachtungen prüften – und bestätigten – das Prinzip, dass alle Photonen
dieselbe Geschwindigkeit haben, mit einer solchen Genauigkeit, dass sie hätten zeigen können,
wenn ein Photon gegenüber einem anderen einen Vorsprung von einer Sekunde gehabt hätte,
nachdem die beiden 10 Milliarden Jahre zusammen gewandert waren. Diese Resultate
enttäuschten jene Theoretiker, die erwartet hatten, dass Effekte der Quantengravitation die
Lichtgeschwindigkeit um einen Faktor verändern würden, der von der Energie des Photons
abhängt. Eine andere Reihe von Beobachtungen bestätigte mit hoher Genauigkeit, dass
Neutrinos dieselbe Geschwindigkeitsgrenze aufweisen wie das Licht (auch wenn die
verfrühten Berichte über Neutrinos mit Überlichtgeschwindigkeit im Jahre 2011 auf der
ganzen Welt Schlagzeilen hervorriefen).
126 Andere Definitionen eines bevorzugten Zeitbegriffs in der allgemeinen Relativitätstheorie
wurden vorgeschlagen. Welche davon richtig ist, ist letztendlich eine wissenschaftliche Frage,
die durch weitere Entwicklungen entschieden werden muss, vielleicht sogar durch
Experimente. Wir können also annehmen, dass es einen bevorzugten Begriff der Zeit gibt,
und zugleich die Frage offenlassen, um welchen es sich dabei handelt. Die Vorschläge
umfassen unter anderem: Chopin Soo & Hoi-Lai Yu, » General Relativity Without Paradigm
of Space-Time Covariance: Sensible Quantum Gravity and Resolution of the Problem of
Time« , arXiv:1201.3164v2 [gr-qc] (2012); Niall Ó Murchadha, Chopin Soo & Hoi-Lai Yu,
» Intrinsic Time Gravity and the Lichnerowicz-York Equation« , arXiv:1208.2525vi [gr-qc]
(2012); und George F. R. Ellis & Rituparno Goswami, » Space Time and the Passage of
Time« , arXiv:1208.2611v3 (2012).
127 Henrique Gomes, Sean Gry b & Tim Koslowski, » Einstein Gravity as a 3D Conformally
Invariant Theory « , arXiv:1010.2481v2 [gr-qc] (2011).
128 Aus technischen Gründen wird das AdS/CFT-Korrespondenz genannt.
129 Zu weiteren Einzelheiten über die Formdy namik siehe www.timereborn.com.
130 An früherer Stelle in diesem Kapitel erwähnte ich, dass manche sy mmetrischen Lösungen
der allgemeinen Relativitätstheorie einen bevorzugten Ruhezustand und damit auch eine
bevorzugte Zeit haben. Das ist zweierlei. Der erste Fall beschränkt sich auf spezielle
Lösungen, während die bevorzugte Zeit, die von der Formdy namik identifiziert wird,
allgemein ist und sogar in Raumzeiten existiert, die keine Sy mmetrien haben. Es gibt eine
schwache Einschränkung für die Raumzeit, nämlich dass sie etwas aufweisen sollte, das
» konstanter mittlerer Krümmungsschnitt« genannt wird; es wird angenommen, dass dies die
Anwendung der Theorie auf kosmologische Raumzeiten nicht behindert. Dieser Zeitbegriff ist
global und wird dy namisch bestimmt durch das Gravitationsfeld und die Materie. Es handelt
sich also nicht um die Rückkehr zu Newtons absoluter Zeit. Grob gesprochen, sind die
ausgewählten Schnitte der Raumzeit minimal gekrümmt. Im selben Sinne, wie Seifenblasen
Formen annehmen, die ihre Krümmung minimieren, können die Schnitte, durch die die
Raumzeit aufgeteilt wird, ihre Krümmung minimieren.
15 Die Entstehung des Raumes

Der rätselhafteste Aspekt der Welt liegt direkt vor uns. Nichts ist alltäglicher als
der Raum, doch wenn wir ihn näher untersuchen, gibt es nichts Mysteriöseres.
Ich glaube, dass die Zeit wirklich ist und wesentlich für eine grundlegende
Naturbeschreibung. Aber ich halte es für wahrscheinlich, dass der Raum sich als
eine ebensolche Illusion wie Temperatur und Druck erweisen wird – eine
nützliche Methode, unsere großmaßstäblichen Eindrücke von den Dingen zu
organisieren, aber bloß grob und emergent, wenn es darum geht, die Welt als
Ganzes zu sehen.
Die Relativitätstheorie verschmolz den Raum mit der Zeit und führte zum
Bild des Blockuniversums, in dem sowohl der Raum als auch die Zeit als
subjektive Möglichkeiten des Aufteilens unserer vierdimensionalen Wirklichkeit
verstanden wurden. Die Hypothese der Wirklichkeit der Zeit befreit die Zeit von
den falschen Einschränkungen dieser Vereinheitlichung. Wir können unsere
Vorstellungen von der Zeit unter der Voraussetzung entwickeln, dass die Zeit
sich sehr vom Raum unterscheidet. Diese Trennung der Zeit vom Raum befreit
auch den Raum und eröffnet ein tieferes Verständnis seines Wesens. Wie wir in
diesem Kapitel sehen werden, führt das zu der revolutionären Erkenntnis, dass
der Raum auf der Ebene der Quantenmechanik überhaupt nicht fundamental ist,
sondern aus einer tieferen Ordnung hervorgeht.
Die einfache Tatsache, dass die Welt der Alltagsgegenstände in Begriffen von
» nah« und » fern« organisiert ist, ist eine Folge von zwei Grundeigenschaften
der Wirklichkeit: der Existenz des Raumes und der Tatsache, dass Dinge in
unserer Umgebung sein müssen, um einen Einfluss auf uns zu haben (die
Eigenschaft, die Physiker Lokalität nennen). Die Welt ist voller Dinge, die
entweder Gefahr oder Chancen darstellen, doch die meiste Zeit über kümmert
man sich nicht um sie. Warum? Weil sie weit weg sind. Die Tiger in Ländern
jenseits des Ozeans würden Sie innerhalb einer Minute auffressen, wenn sie
könnten, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, weil sie nicht in Ihrer
Nähe sind. Das ist das Geschenk des Raumes; nahezu alles ist weit von uns
entfernt und kann für den Augenblick ignoriert werden.
Stellen Sie sich eine Welt vor, die eine große Vielfalt von Gegenständen
ohne die Organisation des Raumes enthält. Alles könnte sich zu jedem
Zeitpunkt auf alles andere auswirken. Es gäbe keine Distanz, um die Dinge
voneinander getrennt zu halten.
Durch unsere Sinne sind wir uns dessen sehr wohl bewusst, was sich in
unserer Nähe befindet. Aber das ist nicht viel. Es ist eine Eigenschaft des
Raumes, dass nicht viele Dinge einen Platz in dem uns nächstgelegenen Raum
einnehmen können. Es ist eine Folge der niedrigen Dimensionalität des
Raumes. Überlegen Sie, wie viele Nachbarn unmittelbar neben Ihnen wohnen
können. Nur zwei Familien, eine auf jeder Seite. Wie viele Nachbarn könnten
nun direkt an Ihr Haus angrenzen? Vier – die beiden Familien links und rechts,
eine auf der anderen Straßenseite und eine hinter Ihnen. Wenn Sie in einem
Mehrfamilienhaus wohnen, wächst die Zahl der nächstgelegenen Nachbarn auf
sechs, weil es auch die Leute unter Ihnen gibt und die Studenten, die über Ihnen
bis drei Uhr morgens fernsehen. Die Zahl der nächstgelegenen Nachbarn wächst
proportional mit der Anzahl von Dimensionen – zwei in einer Dimension, vier
in zwei Dimensionen, sechs in drei Dimensionen. Die Beziehung ist einfach:
Die Anzahl der Nachbarn ist das Doppelte der Dimensionen.
Wenn wir also in einem 50-dimensionalen Raum lebten, könnten wir 100
unmittelbare Nachbarn haben. Da wir eben mit drei Dimensionen vorliebnehmen
müssen, muss es sich um ein großes Mehrfamilienhaus handeln, wenn wir in
einem Gebäude mit 100 anderen Familien wohnen wollen, und die meisten
davon werden keine engen Nachbarn sein. In drei Dimensionen haben wir
Nachbarn, denen wir nie begegnen.
Das ist übrigens auch ein Problem bei der Planung eines wissenschaftlichen
Instituts, in dem wir die Chancen für glückliche Interaktionen zwischen Leuten
mit unterschiedlichen Ideen und Interessen maximieren wollen. Als das
Perimeter Institute mit zunächst sieben Wissenschaftlern eröffnet wurde, war das
kein Problem; jetzt, wo wir über 100 haben, ist es eine Herausforderung. Als
theoretische Physiker überlegten wir, die Anzahl der Dimensionen im Gebäude
in dem Maße zu erhöhen, wie wir uns vergrößerten, aber wir konnten die
Architekten für diese Idee nicht begeistern. 131
Tatsache ist, dass wir mit einer niedrigdimensionalen Welt vorliebnehmen
müssen. Diese Tatsache lässt uns zwar mehr als alles andere in Sicherheit vor
Tigern, schlaflosen Nachbarn mit Fernsehern und anderen Bestien leben, sie ist
aber auch das hauptsächliche Hindernis, mit dem wir bei dem Versuch
konfrontiert sind, unsere Chancen zu erhöhen.
Vor der Entwicklung der Technik sorgte die Tatsache, dass die Erdoberfläche
zweidimensional ist, dafür, dass die Menschen relativ isoliert waren. Die
meisten Menschen begegneten in ihrem Leben nur ein paar Hundert anderen –
nämlich jenen, die man zu Fuß erreichen konnte. Sie taten alles Mögliche,
veranstalteten Festessen und Festspiele, um die Interaktion zu steigern (genauso
wie Wissenschaftler das machen), und ein paar unerschrockene Händler wagten
sich ins Ausland. Aber der Raum machte uns fast alle zu Fremden.
Jetzt leben wir in einer Welt, in der die Technik die Begrenzungen
übertrumpft hat, die mit dem Leben in einem niedrigdimensionalen Raum
verbunden sind. Man betrachte bloß die Auswirkungen von Mobiltelefonen. Ich
kann mein eigenes in die Hand nehmen und augenblicklich mit nahezu allen
anderen sprechen, weil 5 Milliarden von 7 Milliarden Menschen auf dem
Planeten ein Mobiltelefon haben. Diese Technik hat den Raum effektiv
aufgelöst. Aus der Perspektive des Mobiltelefons leben wir in einem 2,5-
Milliarden-dimensionalen Raum, in dem so ziemlich alle unsere Mitmenschen
unsere nächsten Nachbarn sind.
Das Internet hat natürlich denselben Effekt. Der Raum, der uns trennt, wurde
durch ein Netzwerk von Verbindungen aufgelöst, die im Wesentlichen alle
einander näher bringen. Tatsächlich leben wir in einem höherdimensionalen
Raum zusammen. Unsere Welt entwickelt sich rasch zu einer solchen, in der
viele Menschen sich dafür entscheiden können, nahezu ausschließlich in diesem
höherdimensionalen Raum zu leben. Alles, was wir brauchen, ist etwas mehr
virtuelle Realität – sodass ein Mobiltelefonanruf etwa ein Hologramm der
Person hochladen wird, die Sie anrufen, und Ihr Hologramm dorthin projiziert,
wo sich Ihre Gesprächspartner befinden.
In einer hochdimensionalen Welt mit unbegrenztem Potenzial für
Verbindungen ist man mit viel mehr Wahlmöglichkeiten konfrontiert als in der
physikalischen dreidimensionalen Welt. Viele der Herausforderungen unserer
vernetzten Welt haben mit diesem enorm vergrößerten Ozean von Möglichkeiten
zu tun und viele der sozialen Medien, die sich stark vermehrt haben, sind zu
deren Bewältigung entworfen worden.
Stellen Sie sich ein Kind vor, das in dieser hochdimensionalen Welt
aufwächst, in der der Raum keine Rolle spielt. Es wird sich seine Welt als ein
riesiges Netzwerk vorstellen, in dem ein flüssiges und dynamisches System von
Verbindungen jeden nur einen Schritt von allen anderen entfernt hält. Stellen Sie
sich nun vor, dass jemand den Stecker zieht. Der Strom ist weg und die Bürger
des Netzwerks fallen in eine stärker beschränkte und weniger stimulierende Welt
zurück. Sie entdecken, dass sie wirklich in drei Dimensionen leben und dass der
Raum die meisten Menschen voneinander trennt. Die Anzahl der Nachbarn
schrumpft von 5 Milliarden auf eine Handvoll und fast jeder andere ist plötzlich
sehr weit weg.
Dieses Bild ist eine Metapher dafür, wie manche Physiker sich jetzt den
Raum vorstellen. Wir (ja, ich gehöre dazu) glauben, dass der Raum eine
Illusion ist und dass die wirklichen Beziehungen, die die Welt ausmachen, ein
dynamisches Netzwerk sind, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Internet oder
mit Mobiltelefon-Netzwerken hat. Wir erleben die Illusion des Raumes, weil die
meisten der möglichen Verbindungen ausgeschaltet sind und dadurch alles weit
wegrückt.
Dieses Bild geht aus einer Klasse von Ansätzen zur Quantengravitation
hervor, in denen nicht der Raum als fundamental angenommen wird, sondern
die Zeit. Diese Ansätze postulieren eine fundamentale Quantenstruktur – eine,
die keinen Raum zu ihrer Definition benötigt. Die Idee ist, dass der Raum
entsteht, ebenso wie die Thermodynamik aus der Physik der Atome entsteht.
Solche Ansätze sind hintergrundunabhängig, weil sie nicht die Existenz einer
unveränderlichen Hintergrundgeometrie annehmen. Der primitive Begriff ist der
eines Graphen oder eines Netzwerks, das intrinsisch, ohne Bezug auf den Raum,
definiert wird.
Der erste dieser zu entwickelnden Ansätze wird » kausale dynamische
Triangulation« genannt. Sie wurde von Jan Ambjorn und Renate Loll erfunden
und von deren Mitarbeitern verfeinert. 132 Diesem Ansatz folgte jener der
Quantum Graphity (so genannt, weil hier vorgeschlagen wird, dass die
fundamentalen Entitäten in der Natur Graphen sind), der von Fotini
Markopoulou133 erfunden und gemeinsam mit ihren Mitarbeitern erforscht
wurde. 134 Das intuitive Bild des Raumes, der aus dem Abschalten von
Verbindungen in einem Netzwerk entsteht, wie ich es eben skizziert habe, passt
am besten dazu. Ein dritter Ansatz – in dem es eine globale Zeit gibt, die als
fundamental betrachtet wird, in welcher der Raum jedoch nicht emergent ist –
wurde von Petr Horava eingeführt. 135 Bestimmte Ansätze in der Stringtheorie,
die als Matrixmodell-Ansätze bezeichnet werden, lassen sich ebenfalls so
beschreiben. 136
Indem sie die Zeit als fundamental betrachten, unterscheiden sich diese
Ansätze von älteren hintergrundunabhängigen Ansätzen, die postulieren, dass
die Raumzeit – und zwar in ihrer Gänze wie im Blockuniversum – aus einer
fundamentaleren Beschreibung hervorgehen muss, in der weder der Raum noch
die Zeit primitiv ist. Diese Ansätze umfassen die Loop-Quantengravitation,
Kausalmengen und einige andere Ansätze der Stringtheorie.
Aus den Erfolgen und Misserfolgen einer jeden Gruppe von Ansätzen lassen
sich Lehren ziehen. Sie machen die Geschichte aus, die in diesem Kapitel
erzählt wird.
Eine nützliche Metapher, die sich aus mehreren Ansätzen der
Quantengravitation ergibt, liefert die Vorstellung, dass der Raum nicht
kontinuierlich, sondern ein Gitter aus diskreten Punkten ist (siehe Abbildung
13). Teilchen befinden sich an den Punkten des Gitters und bewegen sich,
indem sie zu ihren nächsten Nachbarn springen. Zwei Teilchen können nur dann
eine Kraft oder einen Einfluss aufeinander ausüben, wenn sie Nachbarn sind.
Wenn das Gitter niedrigdimensional ist, ist die Anzahl von Teilchen, die für die
Interaktion zur Verfügung steht, klein; sie wächst mit der Dimensionalität wie
in unserer Erörterung über menschliche Nachbarn.
Das Licht können wir uns als Photonen vorstellen, die sich durch Sprünge
von einem Nachbarn zum anderen entlang des Gitters bewegen. Um ein Photon
zu einem Teilchen zu schicken, das weit entfernt ist, sind viele Sprünge und
folglich auch Zeit nötig.
Stellen wir uns nun eine Welt auf einem Netzwerk mit viel mehr
Verbindungen vor. Die Dinge sind jetzt einander in dem Sinne näher, dass
weniger Schritte nötig sind, um eine Verbindung durch das ganze Netzwerk
hindurch herzustellen. Daher ist weniger Zeit nötig, um ein Signal zwischen
zwei beliebigen Knoten des Netzwerks zu übertragen.
Abb. 13: Der Raum als ein Gitter von Punkten. Ein Teilchen kann sich nur an
einem der Knoten befinden und Bewegung besteht im Springen von einem
Knoten zum anderen.

Eines unserer Prinzipien für eine neue Kosmologie postuliert, dass nichts
wirken sollte, ohne selbst Einwirkungen zu erfahren. Wenn das Netzwerk also
den Teilchen sagt, wie sie sich bewegen sollen, sollte sich dann nicht auch das
Netzwerk aufgrund der Ortsveränderung seiner Teilchen ändern? Das wäre ein
Bild einer physikalischen Welt, die sich nicht so sehr von unserer wechselseitig
miteinander verbundenen menschlichen Welt unterscheidet. Die Welt ist ein
dynamisches Netzwerk von Beziehungen; was auch immer sich in dem
Netzwerk befindet und auch die Struktur des Netzwerks selbst – beide
unterliegen der Evolution. Auf diese Weise stellt man sich die Welt in
hintergrundunabhängigen Ansätzen der Quantengravitation vor.
Die Theorie der Loop-Quantengravitation ist der älteste und am besten
entwickelte der hintergrundunabhängigen Ansätze zur Quantengravitation.
Beginnen wir unsere Geschichte also mit diesem Ansatz. Die Loop-
Quantengravitation beschreibt den Raum als ein dynamisches Netzwerk von
Beziehungen. Ein typischer Quantenzustand der Geometrie des Raumes kann als
Graph dargestellt werden – das heißt eine Figur, die viele Kanten aufweist, die
Knoten oder Ecken miteinander verbinden (siehe Abbildung 14). Die Kanten,
die gewisse primitive Beziehungen zwischen den Knotenpunkten anzeigen,
haben alle Bezeichnungen, die ihre Beziehungen zwischen den Knotenpunkten,
die sie verbinden, spezifizieren. Diese Beziehungen können wir uns als
gewöhnliche ganze Zahlen vorstellen; eine ganze Zahl bezeichnet jede Kante.
(Auch die Knoten haben Bezeichnungen, aber deren Beschreibung ist
komplizierter und ich werde den Leser hier nicht damit belästigen.)
Erinnern wir uns daran, dass in der Quantenphysik die Energie eines Atoms
quantisiert ist und nur bestimmte Zustände mit bestimmten diskreten Energien
eindeutige Energiewerte besitzen. Der Loop-Quantengravitation zufolge sind die
Volumina von Raumgebieten ebenfalls quantisiert; sie können nur bestimmte
diskrete Volumenwerte besitzen. Die Inhalte von Oberflächen sind ebenfalls
quantisiert. 137 Die Loop-Quantengravitation gibt genaue Vorhersagen für die
Spektren von Volumina und Flächen an. Diese haben potenziell beobachtbare
Konsequenzen – beispielsweise implizieren sie genaue Vorhersagen für die
Strahlungsspektren, die man als Ausflüsse aus kleinen schwarzen Löchern
beobachten könnte. 138
Abb. 14: Ty pischer Quantenzustand der Geometrie des Raumes, als Graph
dargestellt

Betrachten wir ein Stück Stahl – zum Beispiel eine Nähnadel. Sie sieht zwar
ganz glatt aus, aber wir wissen, dass sie aus Atomen in einer regelmäßigen
Anordnung besteht. Wenn wir auf die Skala von Atomen herabblicken, wird die
Glätte des Metalls von einem Bild diskreter Einheiten abgelöst, die miteinander
auf regelmäßige Weise verbunden sind. Der Raum erscheint ebenfalls als » glatt«
oder kontinuierlich, aber wenn die Loop-Quantengravitation richtig ist, dann
besteht auch er aus diskreten Einheiten, die man sich als » Atome« des Raumes
vorstellen kann. Wenn wir Beobachtungen auf der Planckskala machen könnten,
würden wir sehen, dass sich die Glätte des Raumes in dieses diskrete Bild
auflöst.
Wie wir gesehen haben, erweist sich die Geometrie des Raumes in der
allgemeinen Relativitätstheorie als dynamisch. Sie entwickelt sich in der Zeit
als Reaktion darauf, dass sich Materie bewegt oder Gravitationswellen sich
fortpflanzen. Aber wenn die Geometrie auf der Planckskala wirklich quantenartig
ist, müssen die Änderungen in der Geometrie des Raumes von Veränderungen
herrühren, die auf dieser Skala stattfinden. Beispielsweise muss es Oszillationen
in der Quantengeometrie des Raumes geben, die dem Vorüberziehen einer
Gravitationswelle entsprechen. Ein Triumph der Loop-Quantengravitation
besteht darin, dass die Dynamik der Raumzeit, die in der allgemeinen
Relativitätstheorie durch Einsteins Gleichungen gegeben ist, tatsächlich in
einfachen Regeln für die Entwicklung der Graphen in der Zeit kodiert werden
kann. 139 Diese Regeln werden in Abbildung 15 illustriert.
Diese Kodierung von Einsteins Gleichungen in Regeln für die Veränderung
von Graphen lässt sich in beiden Richtungen durchführen. Man kann mit
Einsteins Theorie beginnen und ein Verfahren verfolgen, das eine klassische
Theorie in eine Quantentheorie verwandelt. Dieses Verfahren wurde an vielen
verschiedenen Theorien entwickelt und überprüft. Seine Anwendung auf die
allgemeine Relativitätstheorie ist zwar eine technisch anspruchsvolle Übung,
aber wenn sie korrekt durchgeführt wird, führt sie zu dem Bild, das wir hier
beschrieben haben, mit präzisen Regeln dafür, wie sich die Graphen in der Zeit
verändern. In diesem Sinne bezeichnen wir die Loop-Quantengravitation als die
» Quantisierung« der allgemeinen Relativitätstheorie. 140

Abb. 15: Regeln für die zeitliche Entwicklung von Graphen in der Loop-
Quantengravitation. Jede Bewegung kann sich, wie dargestellt, auf einen kleinen
Teil des Graphen auswirken.

Alternativ dazu kann man mit den Quantenregeln der zu verändernden


Graphen anfangen und fragen, ob die Regeln der klassischen allgemeinen
Relativitätstheorie als Annäherung an sie abgeleitet werden können. Das ist
analog zur Ableitung der Gleichungen, die das Fließen von Wasser beschreiben,
von den fundamentalen Gesetzen, die die Atome befolgen, aus denen das Wasser
besteht. Diese Übung wird Ableitung der klassischen Theorie aus dem
klassischen Grenzfall der Quantentheorie genannt. Sie ist zwar eine
Herausforderung, aber in jüngster Zeit gibt es in der Loop-Quantengravitation
positive Ergebnisse. 141 Sie legen einen Raumzeitansatz zur Quanten-Raumzeit
zugrunde, das sogenannte Spinschaummodell, in dem das Netzwerk, das der
Raumgeometrie zugrunde liegt, als Teil eines größeren Netzwerks betrachtet
wird, das Raum und Zeit umfasst. Daher stellt der Spinschaum eine
Quantenversion des Blockuniversum-Bildes dar, in dem Raum und Zeit in einer
einzigen Struktur vereinheitlicht sind. Besonders eindrucksvoll ist die Tatsache,
dass es mehrere voneinander unabhängige Ergebnisse gibt, die zeigen, dass die
allgemeine Relativitätstheorie aus Spinschaummodellen hervorgeht.
Es ist sogar leicht, diesem quantengeometrischen Bild Materie hinzuzufügen.
Die Geschichte ist dieselbe wie bei dem Gittermodell, das ich weiter oben
beschrieben habe, nur dass das Gitter sich jetzt verändern kann. Wir können
Teilchen an die Knoten oder Ecken setzen. Sie bewegen sich, indem sie entlang
der Kanten von einem Knoten zum anderen springen, genauso wie im
Gittermodell. Wenn man die Sache aus hinreichender Entfernung betrachtet,
sieht man keine Knoten oder Graphen, sondern nur die glatte Geometrie, die sie
approximieren. Das Teilchen sieht dann so aus, als würde es sich durch den
Raum bewegen. Wenn wir also einen Ball werfen, springen vielleicht in
Wirklichkeit die Atome des Balles von einem Raumatom zu einem anderen.
Die Ergebnisse, die zeigen, dass die allgemeine Relativitätstheorie sich aus
der Loop-Quantengravitation ergibt, haben jedoch, so wichtig sie auch sind,
einige Beschränkungen. In einigen Fällen ist die Beschreibung auf ein kleines
Raumzeitgebiet beschränkt, das von einer Grenze umgeben ist. Das
Vorhandensein der Grenze sagt uns, dass man sich die Loop-Quantengravitation
am besten als Beschreibung eines kleinen Raumzeitgebiets vorstellt und dass sie
daher in das Newton’sche Paradigma passt.
Es gibt auch Resultate der Stringtheorie, die nahelegen, dass die Raumzeit in
einem begrenzten Gebiet emergieren kann – zumindest wenn die kosmologische
Konstante einen negativen Wert annimmt. Sie ergeben sich im Kontext der
Dualität zwischen der allgemeinen Relativitätstheorie und der skaleninvarianten
Theorie, über die Juan Maldacena spekulierte, was ich in Kapitel 14 erwähnte.
Wenn seine Vermutung korrekt ist – und viele Ergebnisse stützen sie –, dann
könnte die klassische Raumzeit im Inneren einer Region emergieren, deren
Grenze eine festgelegte klassische Geometrie hat.
Sowohl die Loop-Quantengravitation als auch die Stringtheorie legen nahe,
dass die Quantengravitation so verstanden werden kann, dass sie begrenzte
Raumzeitgebiete beschreibt und daher in das Newton’sche Paradigma passt. Ihre
stärksten Ergebnisse werden im Rahmen physikalischer Experimente in
künstlicher Isolation erreicht, ohne die Frage zu beantworten, ob die
Beschreibung zu einer Theorie des ganzen geschlossenen Universums erweitert
werden kann.
Eine andere Annahme der Ergebnisse der Loop-Quantengravitation zur
Emergenz der Raumzeit besteht darin, dass die Graphen, die die
Quantengeometrie des Raumes beschreiben, auf solche beschränkt sind, die
schon wie ein diskretes Bild eines niedrigdimensionalen Raumes aussehen. 142
In diesen Fällen wird die Lokalität des Raumes dadurch erfasst, dass man jede
Ecke oder jeden Knoten des Graphs nur mit einer kleinen Zahl anderer Ecken
verbunden sein lässt. Genau wie in einem Vorortviertel hat jeder Knoten nur ein
paar unmittelbare Nachbarn. Um sich zwischen zwei weit voneinander entfernten
Knoten zu bewegen, muss ein Teilchen viele Sprünge machen. Ein Teilchen
oder ein informationstragendes Quant braucht Zeit, um eine große Entfernung
zurückzulegen. Es emergiert also eine Beschreibung der Welt mit einer
endlichen Lichtgeschwindigkeit. Es gibt jedoch viele Zustände der
Quantengeometrie, in denen es keine ordentliche Version der Lokalität gibt. Es
gibt Graphen, bei denen jeder Knoten mit jedem anderen Knoten in nur wenigen
Schritten verbunden werden kann. Bislang erhellen die Methoden der Loop-
Quantengravitation nicht, wie sich diese Quantengeometrien entwickeln.
Betrachten wir ein Beispiel in zwei Raumdimensionen – etwa einfach nur ein
großes Gebiet einer Ebene, wie in Abbildung 13 dargestellt. Dieser Ebene kann
eine quantengeometrische Beschreibung entsprechen, die in der Abbildung durch
einen Graphen ausgedrückt wird. Betrachten wir zwei Knoten, die in dem
Graphen viele Schritte voneinander entfernt sind; wir können sie Ted und Mary
nennen. Jetzt erzeugen wir einen neuen Graphen aus dem alten, indem wir eine
weitere Kante hinzufügen, die Ted direkt mit Mary verbindet (siehe Abbildung
16). Das stellt eine Quantengeometrie dar, in der Mary und Ted Nachbarn sind.
Es ist so, als ob beide sich gerade ein Mobiltelefon gekauft hätten; der Raum,
der sie voneinander trennte, hat sich aufgelöst.
Abb. 16: Die Hinzufügung einer nichtlokalen Verbindung stört die Lokalität,
indem zwei weit entfernte Punkte zueinandergebracht werden.

Wenn die Geometrie wirklich quantenartig ist, dann gibt es vielleicht 10 180
Knoten in unserem beobachtbaren Universum – das heißt einen Knoten pro
dritte Potenz der Plancklänge. Wenn jeder nur mit ein paar näheren Nachbarn
verbunden ist, kann die Quantengeometrie in großen Maßstäben genau wie die
klassische Geometrie aussehen. Die Lokalität des Raumes entsteht dann aus der
besonderen Gestalt der Quantengeometrie, die ihn reproduziert. In diesem Fall
gibt es ungefähr dieselbe Anzahl von Kanten wie von Knoten, weil jeder Knoten
nur mit ein paar Nachbarn verbunden ist. Indem wir jedoch nur eine weitere
Kante zu der gewaltigen Zahl von Kanten hinzufügen, die die Quantengeometrie
ausmachen, verletzen wir die Lokalität des Raumes auf drastische Weise und
ermöglichen es, dass weit voneinander entfernte Knoten wie Ted und Mary
tatsächlich augenblicklich miteinander kommunizieren. Wir bezeichnen das als
» Störung der Lokalität« , und wir nennen die hinzugefügte Kante eine
» nichtlokale Verknüpfung« . 143
Es ist bemerkenswert leicht, die Lokalität zu stören, indem man nur eine
einzige nichtlokale Verknüpfung hinzufügt. Eine einzige nichtlokale
Verknüpfung wäre eine von 10 180 Kanten innerhalb des beobachtbaren
Universums; aber es gibt 10360 mögliche Stellen, an die man sie setzen kann.
Wenn man sie zufällig einem Graphen mit 10180 Knoten hinzufügt, dann ist die
Wahrscheinlichkeit viel größer, dass man eine nichtlokale Verknüpfung
hinzufügt als eine lokale Verknüpfung, weil die Anzahl von Möglichkeiten der
Hinzufügung einer nichtlokalen Verknüpfung enorm viel größer ist als die
Anzahl von Möglichkeiten, wie man sie lokal hinzufügen könnte. Der Knoten
an dem einen Ende kann mit einer kleinen Anzahl von anderen Knoten
verbunden werden, wenn man eine lokale Verbindung herstellen möchte. Aber
wenn einem die Lokalität nicht wichtig ist, könnte das andere Ende sich in
einen beliebigen Knoten im gesamten Universum einhaken. Wieder sehen wir,
was für eine gewaltige Einschränkung die Lokalität ist.
Sie könnten sich fragen, wie viele nichtlokale Verknüpfungen zur
Quantengeometrie des Raumes hinzugefügt werden könnten, bevor wir in der
Makrowelt etwas davon merken. Da gewöhnliche Teilchen Quantenwellenlängen
besitzen, die um viele Größenordnungen über der Planckskala liegen, ist die
Wahrscheinlichkeit sehr klein, dass ein Photon des sichtbaren Lichts sich am
Ende einer nichtlokalen Verknüpfung befindet, sodass es direkt von Ted zu
Mary hüpfen könnte. Grobe Schätzungen deuten darauf hin, dass 10100 solcher
nichtlokalen Verknüpfungen hinzugefügt werden könnten, bevor man in
Experimenten eine Kommunikation mit Überlichtgeschwindigkeit feststellen
würde. Das ist eine gewaltige Zahl (aber immer noch viel kleiner als 10180).
Dennoch würden Knoten, die nichtlokal mit irgendwelchen Orten im ganzen
Universum verbunden sind, recht verbreitet sein; im Durchschnitt würde es pro
Kubiknanometer Raum mehr als eine solche Verknüpfung geben.
Sobald wir nichtlokale Verknüpfungen zulassen, gibt es eine riesige Anzahl
von Möglichkeiten, wie die Nicht-Lokalität gestört werden kann. Es könnte
etwa ein paar Knoten geben, die mit vielen anderen Knoten verbunden sind.
Diese betont sozialen Knoten würden sich so verhalten wie Klatschtanten in
einem sozialen Netzwerk und würden eine Menge Informationen durch das
gesamte Universum kanalisieren, indem sie als Abkürzungen fungieren.
Könnte das Universum voll von solchen nichtlokalen Verknüpfungen sein?
Und wie ließe sich ihr Vorhandensein feststellen?
Es liegt nahe, die Verschränkung und andere Manifestationen von Nicht-
Lokalität in der Quantentheorie als Beispiele gestörter Lokalität zu verstehen.
Die fundamentale Beschreibungsebene – auf der es keinen Raum gibt, sondern
nur ein Netzwerk von Wechselwirkungen, wobei potenziell alles mit allem
anderen in Verbindung steht – ist die Theorie verborgener Variablen, für deren
Existenz ich in Kapitel 14 argumentierte. Wenn das so ist, würden die
Quantentheorie und der Raum gemeinsam emergieren. 144

Abb. 17: Eine Fernverbindung als Wurmloch, das eine elektrische Feldlinie
einfängt. Um die eine Öffnung des Wurmlochs herum gibt es ein elektrisches
Feld, das den Anschein hat, als würde es in einem Punkt entspringen, der wie ein
geladenes Teilchen aussieht.

Eine andere (und nur leicht verrückte) Hypothese ist, dass die nichtlokalen
Verknüpfungen die rätselhafte dunkle Energie erklären, die die Expansionsrate
unseres Universums erhöht. 145 Einer noch gewagteren und weniger
wahrscheinlichen Hypothese zufolge könnten diese Verknüpfungen auch die
dunkle Materie erklären. 146 Und eine noch verwegenere Hypothese besagt, dass
die geladenen Teilchen nichts anderes als die Enden nichtlokaler Verknüpfungen
sind. 147 Dies erinnert an die alte Idee von John Wheeler, dass geladene
Teilchen durchaus die Mündungen von Wurmlöchern im Raum sein könnten,
da Wurmlöcher kleine (hypothetische) Tunnel sind, die weit voneinander
entfernte Orte im Raum verbinden. Die Feldlinien eines elektrischen Feldes
enden auf geladenen Teilchen, aber sie scheinen auch an Wurmlöchern zu enden,
wo sie (vermutlich) durch den Tunnel springen und am anderen Ende
herauskommen. Das eine Ende würde sich dann wie ein Teilchen mit positiver
Ladung verhalten, das andere wie ein Teilchen mit negativer Ladung. 148 Eine
nichtlokale Verknüpfung könnte dasselbe bewirken. Sie würde eine elektrische
Feldlinie einfangen und wie ein Teilchen und ein weit entferntes Antiteilchen
aussehen (siehe Abbildung 17).

Eine kleine Anzahl nichtlokaler Verbindungen könnte toleriert werden und sogar
von Vorteil sein, wenn eine der eben erwähnten Ideen sich als tragfähig erweist.
Aber wenn es zu viele davon gibt, stößt man auf Schwierigkeiten mit der
Emergenz des Raumes. Wir bezeichnen diese Schwierigkeiten als
» Umkehrproblem« .
Eine bestimmte glatte zweidimensionale Oberfläche – zum Beispiel die
Oberfläche einer Kugel – lässt sich leicht durch ein Netzwerk aus Dreiecken
approximieren (siehe Abbildung 18). Ein solcher Graph wird Triangulation
einer Oberfläche genannt. Genau das tat Buckminster Fuller, als er die
geodätische Kuppel erfand – wonach es eine kurze Periode gab, in der die
Landschaft mit diesen Kuppeln übersät war, bis die Menschen sich an die
Vorzüge quadratischer Zimmer erinnerten. Betrachten wir nun aber das
Umkehrproblem. Angenommen, ich gebe Ihnen eine große Menge Dreiecke und
sage Ihnen, dass Sie eine Struktur aufbauen sollen, indem Sie sie Kante an
Kante miteinander verleimen. Ich gebe Ihnen keine weiteren Erläuterungen,
sondern sage Ihnen nur, dass Sie die Oberfläche zufällig aus den Dreiecken
zusammensetzen sollen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Sie eine Kugel
herstellen werden. Wahrscheinlich werden Sie eine bizarre Form erhalten,
ähnlich denen, die in Abbildung 19 illustriert sind – eine Form mit Zacken oder
ein anderes kompliziertes Durcheinander.
Das Problem besteht darin, dass es viel mehr Möglichkeiten der
Zusammensetzung von Dreiecken gibt, bei denen bizarre Formen
herauskommen, als solche, bei denen eine schöne zweidimensionale
Kugeloberfläche entsteht. Bei allen diesen bizarren Formen ragt die
Atomstruktur hervor, weil es auf der Skala der einzelnen Dreiecke eine Menge
Komplexität gibt. Daher entsteht auch nicht so etwas wie ein ordentlicher
Raum.

Abb. 18: Triangulation von glatten zweidimensionalen Oberflächen


Die Ergebnisse, die zeigen, dass die allgemeine Relativitätstheorie aus der
Loop-Quantengravitation hervorgeht, umgehen das Umkehrproblem, weil sie auf
einer bestimmten Auswahl von Graphen beruhen, die durch die Triangulation
des Raumes konstruiert werden kann. Innerhalb ihres Kontextes sind die
Ergebnisse beeindruckend, aber sie sagen uns nicht, wie wir die Evolution
allgemeinerer Graphen beschreiben sollen, die eine Menge nicht-lokaler
Verknüpfungen aufweisen.
Auch dies verdeutlicht wiederum, wie einschränkend und speziell die
Lokalität des Raumes ist. Und wir lernen auch eine wichtige Lektion. Wenn der
Raum aus einer Quantenstruktur entsteht, dann muss es ein Prinzip oder eine
Kraft geben, die die » Atome« des Raumes dazu drängt, sich so anzuordnen,
dass die möglichen Anordnungen auf solche beschränkt werden, die wie Raum
» aussehen« . Insbesondere muss die Tatsache, dass jedes Raumatom nur ein
paar andere Raumatome in seiner Nachbarschaft hat, erzwungen werden – weil
das bei einer zufälligen Anordnung von Raumatomen nicht geschieht.

Abb. 19: Bizarre Geometrien, die durch das zufällige Aneinanderkleben von
Dreiecken an ihren Kanten entstehen
Ich habe über die Verbindung aus Quantentheorie und allgemeiner
Relativitätstheorie gesprochen, die über die Loop-Quantengravitation konstruiert
wurde, aber die Frage des Umkehrproblems betrifft auch andere Ansätze der
Quantengravitation, die die Idee beinhalten, dass der Raum oder die Raumzeit
so etwas wie eine atomare Struktur besitzt. Darunter befinden sich die Ansätze
der sogenannten Kausalmengentheorie, Matrixmodelle der Stringtheorie und
dynamische Triangulationen. Jeder weist attraktive Merkmale auf, die
Wissenschaftler zu ihrer Untersuchung motiviert haben, und jeder stieß auf das
Umkehrproblem.
Die Hauptfrage, die diese Ansätze stellen, lautet: Warum sieht die wirkliche
Welt wie ein dreidimensionaler Raum aus und nicht wie ein miteinander hoch
verbundenes Netzwerk?
Um ein Gefühl für die Schwierigkeit zu bekommen, stellen Sie sich vor, dass
wir uns im Netzwerk der Mobiltelefonbenutzer befinden. Es gibt keinen Raum,
und die einzige Vorstellung von Entfernung oder davon, wer Nachbar ist und
wer nicht, wird dadurch bestimmt, wer wen anruft. Wenn Sie mit jemandem
mindestens einmal am Tag sprechen, betrachten wir Sie beide als unmittelbare
Nachbarn. Je seltener Sie jemanden anrufen, umso weiter entfernt werden Sie
von dieser Person sein. Achten Sie jetzt darauf, wie verschieden und viel
flexibler dieser Begriff von Distanz ist als jener der Distanz im Raum. Im Raum
hat, wie wir sahen, jeder dieselbe Anzahl von potenziellen unmittelbaren
Nachbarn; im dreidimensionalen Raum kann im Unterschied zu einem
Mobiltelefonnetzwerk niemand mehr als sechs haben.
In einem Mobiltelefonnetzwerk steht es Ihnen ebenfalls frei, so weit weg von
oder so nahe bei irgendeinem anderen Benutzer des Netzwerks zu sein, wie Sie
nur wollen. Wenn ich weiß, wie weit Sie zum Beispiel von 50000 anderen
Benutzern entfernt sind, sagt mir das nichts darüber aus, wie weit Sie vom 50
001. entfernt sein mögen. Der nächste Benutzer, der hinzukommt, könnte ein
Fremder sein oder Ihre Mutter. Aber im Raum sind die
Nachbarschaftsverhältnisse starr. Sobald Sie mir sagen, wer Ihre unmittelbaren
Nachbarn sind, weiß ich, wo Sie wohnen. Ich kann sagen, wie weit Sie von
allen anderen entfernt sind.
Folglich ist viel mehr Information dazu nötig, anzugeben, wie ein Netzwerk
verknüpft ist, als dazu, anzugeben, wie Gegenstände in einem zwei- oder
dreidimensionalen Raum angeordnet sind. Um anzugeben, wie die 5 Milliarden
Mobiltelefonbenutzer miteinander verknüpft sind, muss ich ein gesondertes
Informationsbit für jedes potenzielle Paar von Benutzern veranschlagen. Das
entspricht ungefähr dem Quadrat von 5 Milliarden, was als 2,5 x 1019
geschrieben wird. Aber um anzugeben, wo sich jeder Benutzer auf der
Erdoberfläche befindet, brauche ich nur zwei Zahlen für jeden: die seines
Längengrads und die seines Breitengrads – das sind nur läppische 12 Milliarden
Zahlen. Wenn der Raum also aus der Abschaltung von Verbindungen in einem
Netzwerk entsteht, dann gibt es eine riesige Zahl potenzieller Verbindungen, die
abgeschaltet werden müssen.
Wie sollen diese Verbindungen abgeschaltet werden?
Der Quantum-Graphity-Ansatz zur Quantengravitation geht an diese Frage
mit der Annahme heran, dass die Herstellung und Unterhaltung von
Verbindungen in einem Netzwerk Energie erfordert. Es ist viel weniger Energie
dafür erforderlich, ein zwei- oder dreidimensionales Gitter zu bilden (wie in
Abbildung 13) als ein höherdimensionales Gitter. Das deutet auf ein einfaches
Bild des ganz frühen Universums hin: Am Anfang war es sehr heiß, sodass
genügend Energie da war, um die meisten Verbindungen einzuschalten. Das
frühe Universum war daher eine Welt, in der alles mit allem durch höchstens ein
paar Schritte verbunden war. Als sich das Universum abkühlte, begannen die
Verbindungen, ihren Dienst zu versagen, bis nur noch die wenigen übrig
blieben, die für ein dreidimensionales Gitter notwendig waren. Das ist ein
Szenario für die Emergenz des Raumes (manche meiner Kollegen sprechen vom
Urfrost anstatt vom Urknall). Der Prozess wurde auch » Geometrogenese«
genannt. 149
Die Geometrogenese kann einige rätselhafte Eigenschaften der
Anfangsbedingungen des Universums erklären, zum Beispiel, warum die CMB-
Strahlung aus allen Richtungen mit derselben Temperatur und mit demselben
Spektrum von Fluktuationen auf uns zukommt: Das ist deshalb so, weil das
Universum zu Beginn ein stark verbundenes System war. Die Geometrogenese
liefert somit eine Alternative zur Hypothese, dass das Universum in seinem
frühen Leben eine gewaltige Inflation erlebte.
Natürlich sitzt der Teufel in den Details, und wie genau und warum der
Urfrost in eine dreidimensionale Struktur münden sollte, die so regelmäßig
aussieht wie das zweidimensionale Gitter, das in Abbildung 13 dargestellt ist,
anstatt in eine chaotischere Struktur, ist eine Frage, die gegenwärtig erforscht
wird. 150

Die Lösung des Umkehrproblems lehrt uns zwei wichtige Dinge über das
Wesen der Zeit. Das erste ist, dass der Raum eher in Modellen von
Quantenuniversen entsteht, die die Existenz einer globalen Zeitvariablen
annehmen. Das wird durch die dynamischen Triangulationsmodelle illustriert.
Eine Triangulation ist, wie ich schon erwähnte, eine Oberfläche, die durch die
Verbindung einer Menge verschiedener Dreiecke entsteht, wie bei einer
geodätischen Kuppel (siehe Abbildung 18). Ein dreidimensionaler gekrümmter
Raum kann auf analoge Weise konstruiert werden, indem man Tetraeder
miteinander verbindet, die die dreidimensionalen Analoga zu Dreiecken
darstellen. Ein Modell der dynamischen Triangulation fasst diese Tetraeder als
Raumatome auf. Eine Quantengeometrie wird nicht durch einen Graphen
beschrieben, sondern durch eine Anordnung von Tetraedern, die
aneinanderkleben. 151 Solch eine Raumkonfiguration entwickelt sich in der Zeit
anhand einer Menge von Regeln, die eine diskrete und triangulierte Version
einer vierdimensionalen Raumzeit aufbauen (siehe Abbildung 20).
Abb. 20: Evolutionsregeln für die Triangulation von Oberflächen

Es gibt zwei Arten von Ansätzen der dynamischen Triangulation: Diejenigen,


in denen die Raumzeit atomisiert ist und emergent sein soll, wie im Bild des
Blockuniversums, und diejenigen, in denen ein universaler Zeitbegriff
angenommen und nur verlangt wird, dass der Raum emergent ist. Ansonsten
sind die Konstruktionen sehr ähnlich. Das Ergebnis ist, dass eine kohärente
Raumzeit nur in den Modellen entsteht, in denen die Zeit als etwas Wirkliches
angenommen wird. Die anderen Modelle – jene ohne globale Zeit – sind Opfer
des Umkehrproblems, das heißt, sie werden von einer Flut von seltsamen
Geometrien überwältigt, die keine Ähnlichkeit mit dem Raum haben (siehe
Abbildung 19).
Die Modelle, die das Umkehrproblem lösen, werden kausale dynamische
Triangulationen genannt. Sie wurden von Ambjorn und Loll erfunden. Diese
emergenten Raumzeiten sind zum Teil realistisch, insofern sie drei
Raumdimensionen und eine Zeitdimension aufweisen; manche von ihnen
werden in Abbildung 21 gezeigt. Sie sind die ersten Beispiele von
Quantenuniversen, die auf großen Skalen wie Lösungen von Einsteins
allgemeiner Relativitätstheorie aussehen. Sie zeigen sogar, dass das Volumen
des Raumes mit der Zeit so wächst, wie die Einstein-Gleichungen es
vorschreiben.
Einige Probleme müssen noch gelöst werden – beispielsweise, ob diese
emergenten Raumzeiten den Lösungen der allgemeinen Relativitätstheorie im
Detail hinreichend ähnlich sind, um solche Phänomene wie Gravitationswellen
und schwarze Löcher zu reproduzieren. Eine weitere Herausforderung liegt darin,
das Schicksal des globalen Zeitbegriffes zu verstehen, der Bestandteil dieser
Modelle ist. Eine alte Frage lautet, ob das Vorhandensein der globalen Zeit die
vielgliedrige Zeitsymmetrie der allgemeinen Relativitätstheorie verletzt (siehe
Kapitel 6). Eine neuere Variante dieser Frage lautet, ob die allgemeine
Relativitätstheorie in Gestalt der Formdynamik – einer Theorie mit einer
globalen Zeit und äquivalent zur allgemeinen Relativitätstheorie, wie wir in
Kapitel 14 gesehen haben – reformuliert wird oder sich durch bestimmte
Anpassungen des Modells reformulieren lässt.
Abb. 21: Eine ty pische Raumzeitgeometrie, die aus einem kausalen
dy namischen Triangulationsmodell entsteht152

Das zweite, was wir aus der Lösung des Umkehrproblems lernen, ist, dass es
keine Relativität der Gleichzeitigkeit auf der fundamentalsten Ebene geben kann,
wenn der Raum emergent ist, weil alles mit allem verbunden ist. Da man
zwischen zwei beliebigen Knoten ein Signal in einem oder wenigen Schritten
senden kann, gibt es auch kein Problem mit der Synchronisierung der Uhren.
Auf dieser Ebene muss folglich die Zeit global sein.
Diese Lektion wird durch die Ergebnisse von Modellen der Quantum
Graphity illustriert. Hier ist der Kontext ein Graph mit einer großen Anzahl von
Knoten, von denen immer je zwei entweder miteinander verbunden sind oder
nicht. Die Quantengeometrien umfassen dann jeden Graphen, der sich durch die
Verbindung aller Knoten zeichnen lässt. Ein dynamisches Gesetz schaltet die
Verbindungen ein oder aus. Mehrere Modelle wurden untersucht, in denen
angenommen wird, dass verschiedene Gesetze die Kanten ein- oder ausschalten.
Diese Modelle scheinen zwei Phasen aufzuweisen, die zwei verschiedenen
Aggregatzuständen von Wasser analog sind. Es gibt eine Hochtemperaturphase,
in der fast alle Kanten eingeschaltet sind, sodass jeder Knoten mit jedem
anderen Knoten in einem oder wenigen Schritten verbunden ist. Es gibt keine
Lokalität, weil Informationen schnell und ungehindert zwischen zwei beliebigen
Knoten hin und her springen können. In dieser Phase des Modells gibt es so
etwas wie den Raum nicht. Wenn man das Modell jedoch abkühlt, scheint es
einen Phasenübergang zu einem gefrorenen Aggregatzustand zu geben, in dem
fast alle Kanten ausgeschaltet sind. Genau wie bei einem niedrigdimensionalen
Raum hat jeder Knoten nur wenige unmittelbare Nachbarn, und zwischen den
meisten Knotenpaaren sind viele Sprünge nötig.
In ein Modell der Quantum Graphity kann man auch Materie einführen.
Teilchen befinden sich an den Knoten und können nur dann von einem Knoten
zum anderen springen, wenn die Kante, die sie miteinander verbindet,
eingeschaltet ist. Man kann dann eine Dynamik annehmen, die das Prinzip der
wechselseitigen Wirkung erfasst, das in der allgemeinen Relativitätstheorie
ebenfalls verwirklicht ist – das Prinzip, dass die Geometrie der Materie sagt,
wohin sie sich bewegen kann, während die Materie der Geometrie sagt, wie sie
sich entwickeln kann. Diese Modelle weisen einige Merkmale der Emergenz des
Raumes auf und beinhalten auch Phänomene vom Typ der Gravitation, wie zum
Beispiel Analoga zu schwarzen Quantenlöchern, in denen Teilchen für lange
Zeiträume eingefangen werden können. Diese Gebiete mit schwarzen Löchern
sind nicht dauerhaft; sie verdampfen langsam auf eine Weise, die an Stephen
Hawkings Prozess der Verdampfung schwarzer Löcher erinnert.
An diesen Modellen muss noch viel gearbeitet werden, bevor wir zu dem
Schluss kommen können, dass sie realistisch sind – aber auch so, als
Spielzeugmodelle, war ihr heuristischer Nutzen bereits enorm. Sie zeigen, dass
es eine globale Zeit geben muss, wenn alles potenziell mit allem anderen
verbunden ist. Die Relativität der Gleichzeitigkeit in der speziellen
Relativitätstheorie ist eine Konsequenz der Lokalität. Die Bestimmung, ob
entfernte Ereignisse gleichzeitig stattfinden, ist unmöglich, weil die
Lichtgeschwindigkeit der Übertragung von Signalen eine Obergrenze auferlegt.
In der speziellen Relativitätstheorie kann man die Gleichzeitigkeit nur dann
bestimmen, wenn zwei Ereignisse am selben Ort stattfinden. Aber in einem
Quantenuniversum, in dem jedes Teilchen potenziell nur einen Schritt von
jedem anderen Teilchen entfernt ist, ist alles im Wesentlichen » am selben Ort« .
In einem solchen Modell gibt es keine Schwierigkeit mit der Synchronisierung
von Uhren und daher gibt es eine universelle Zeit.
Wenn in einem solchen Modell der Raum als etwas Emergentes entsteht,
dann auch die Lokalität. Und folglich existiert auch eine
Geschwindigkeitsgrenze für die Übertragung von Signalen. (Das wurde im
Einzelnen in Modellen der Quantum Graphity gezeigt). 153 Solange man nur auf
Erscheinungen in der emergenten Raumzeit schaut und nicht zur Skala der
Raumzeitatome hinabstößt, wird die spezielle Relativitätstheorie annähernd
richtig sein – was die wichtige Lektion bekräftigt, die die in diesem Kapitel
beschriebenen Modelle und Theorien für uns bereithalten: Beim Raum mag es
sich zwar um eine Illusion handeln, aber die Zeit muss wirklich sein.
Die Entwicklung unseres Verständnisses der Quantengravitation hält an. In
all den hier besprochenen Ansätzen gibt es viel Wertvolles. Jeder von ihnen
lehrt uns etwas Wichtiges über potenzielle Phänomene der Quantengravitation,
die in der Natur beobachtet werden könnten; sie lehren uns auch etwas über die
Konsequenzen verschiedener Hypothesen, über die Herausforderungen, mit denen
jede zu kämpfen hat, und mögliche Strategien zu ihrer Überwindung. Die
erfolgreicheren Ansätze passen entweder in das Newton’sche Paradigma und
lehren uns etwas über Quantenraumzeiten in künstlicher Isolation oder sie
weisen uns, wenn sie die kosmologische Herausforderung annehmen, auf die
Wirklichkeit der Zeit hin.

131 Als wir ihnen sagten, wie viel Raum wir für Tafeln bräuchten, schlugen die Architekten
Saucier + Perrotte vor, das Gebäude völlig mit Schiefer und Glas zu bedecken, damit wir
über das ganze Gebäude schreiben könnten.
132 Zu einer jüngeren Rezension siehe J. Ambjorn et al., » Nonperturbative Quantum Gravity « ,
arXiv:1203.3591v1 [hep-ph] (2012); » Emergence of a 4-D world from Causal Quantum
Gravity « , Phys. Rev. Lett. 93, 131301 [hep-th/0404156] (2004).
133 Fotini Markopoulou, » Space Does Not Exist, So Time Can« , arXiv:0909.1861v1 [gr-qc]
(2009).
134 Tomasz Konopka, Fotini Markopoulou & Lee Smolin, » Quantum Graphity « , arXiv:hep-
th/0611197v1 (2006); Tomasz Konopka, Fotini Markopoulou & Simone Severini, » Quantum
Graphity : A Model of Emergent Locality « , arXiv:0801.0861v2 (2008); Alioscia Hamma et
al., » A Quantum Bose-Hubbard Model with Evolving Graph as Toy Model for Emergent
Spacetime« , arXiv:0911.5075v3 [gr-qc] (2010).
135 Petr Horava, » Quantum Gravity at a Lifshitz Point« , arXiv:0901.3775v2 [hep-th] (2009).
136 T. Banks et al., » M Theory as a Matrix Model: A Conjecture« , arXiv:hep-th/9610043v3
(1997).
137 Experten könnten darauf hinweisen, dass Volumen und Fläche keine phy sikalischen
Observablen sind, weil sie unter Raumzeit-Diffeomorphismen nicht invariant sind. Aber es
gibt Fälle, in denen sie phy sikalisch sind, und zwar entweder weil sie Eigenschaften einer
Grenze sind, an der die Diffeomorphismen fixiert sind, oder weil eine Zeitmessung fixiert
wurde, die zu einer phy sikalischen Beschreibung einer Entwicklung führt, die von einem
Hamilton-Operator erzeugt wird.
138 Siehe z. B. Aurelien Barrau et al., » Probing Loop Quantum Gravity with Evaporating Black
Holes« , arXiv:1109.4239v2 (2011).
139 In welcher Zeit? Jede beliebige Definition der Zeit! In der Loop-Quantengravitation ist die
Zeit willkürlich, da sie eine Quantisierung der allgemeinen Relativitätstheorie ist, in der die
Zeit willkürlich gewählt werden kann – was ihr vielgliedriges Wesen widerspiegelt.
140 Im ursprünglichen Ansatz der Loop-Quantengravitation wird der Graph so betrachtet, dass er
sich in einem dreidimensionalen Raum befindet, der nur die einfachsten Eigenschaften hat.
Nichts, das gemessen werden kann – wie Länge, Fläche oder Volumen –, ist unveränderlich.
Aber die Anzahl räumlicher Dimensionen ist festgelegt, ebenso wie die Konnektivität oder
Topologie des Raumes. (Mit » Topologie« meinen wir die grundsätzliche Art und Weise, wie
der Raum zusammenhängt; sie bleibt unverändert, wenn die Form nahtlos verzerrt wird.)
Topologie lässt sich am besten an Beispielen erklären und am leichtesten in zwei
Dimensionen veranschaulichen. Betrachten wir eine geschlossene zweidimensionale
Oberfläche. Sie könnte wie eine Kugel oder ein Torus (die Form eines Donuts) sein. Eine
Kugel kann man glatt in eine Vielfalt von Formen verformen, aber man kann eine Kugel
nicht glatt in einen Torus verformen. Andere Topologien zweidimensionaler Oberflächen
können wie Donuts mit vielen Löchern aussehen.
Sobald wir die Topologie des Raumes festlegen, können wir die verschiedenen
Möglichkeiten betrachten, wie ein Graph in sie eingebettet werden kann. Beispielsweise
können die Kanten des Graphen miteinander verknotet oder verflochten oder sonst irgendwie
miteinander verbunden sein. Jede Art und Weise, den Graphen in den Raum einzubetten,
ergibt einen gesonderten Quantenzustand der Geometrie (obwohl die Graphen in den meisten
zeitgenössischen Arbeiten zur Quantengravitation ohne Bezug zu einer Einbettung definiert
werden).
141 Siehe beispielsweise Muxin Han & Mingy i Zhang, » Asy mptotics of Spinfoam Amplitude on
Simplicial Manifold: Lorentzian Theory « , arXiv:1109.0499v2 (2011); Elena Magliaro &
Claudio Perini, » Emergence of Gravity from Spinfoams« , arXiv:1108.2258v1 (2011);
Eugenio Bianchi & You Ding, » Lorentzian Spinfoam Propagator« , arXiv:1109.6538v2 [gr-
qc] (2011); John W. Barrett, Richard J. Dowdall, Winston J. Fairbairn, Frank Hellmann,
Roberto Pereira, » Lorentzian Spin Foam Amplitudes: Graphical Calculus and Asy mptotics« ,
arXiv:0907.2440; Florian Conrady & Laurent Freidel, » On the Semi-classical limit of 4d Spin
Foam Models« , arXiv:0809.2280v1 [gr-qc] (2008); Lee Smolin, » General Relativity as the
Equation of State of Spin Foam« , arXiv:1205.5529v1 [gr-qc] (2012).
142 Technisch gesprochen, der Dual der Triangulation einer 3-Mannigfaltigkeit.
143 Siehe Fotini Markopoulou & Lee Smolin, » Disordered Locality in Loop Quantum Gravity
States« , arXiv:gr-qc/0702044v2 (2007).
144 Diese Idee bestimmt ein Forschungsprogramm, in dem ich mit Unterbrechungen jahrelang
gearbeitet habe. Siehe Markopoulou & Smolin, » Quantum Theory from Quantum Gravity « ,
arXiv:gr-qc/0311059v2 (2004). Siehe auch: Julian Barbour & Lee Smolin, » Extremal
Variety as the Foundation of a Cosmological Quantum Theory « , arXiv:hep-th/9203041v1
(1992); Lee Smolin, » Matrix Models as Nonlocal Hidden Variables Theories« , arXiv:hep-
th/0201031v1 (2002); » Quantum Fluctuations and Inertia« , Phys. Lett. A, 113:8, S. 408–412
(1986); » On the Nature of Quantum Fluctuations and Their Relation to Gravitation and the
Principle of Inertia« , Class. Quant. Grav. 3, S. 347–359 (1986); » Stochastic Mechanics,
Hidden Variables, and Gravity « , in: Quantum Concepts in Space and Time, hg. v. R. Penrose
& C. J. Isham, New York 1986; » Derivation of Quantum Mechanics from a Deterministic
Nonlocal Hidden Variable Theory . 1. The Two-Dimensional Theory « , IAS preprint, Juli
1983, http://inspirehep.net/record/191936.
145 Chanda Prescod-Weinstein & Lee Smolin, » Disordered Locality as an Explanation for the
Dark Energy « , arXiv:0903.5303v3 [hep-th] (2009).
146 Dunkle Materie ist eine hy pothetische Art von Materie, die kein Licht abgibt, aber notwendig
ist, wenn die Rotationsbewegungen der Galaxien anhand von Newtons Gesetzen erklärt
werden sollen.
147 Lee Smolin, » Fermions and Topology « , arXiv:gr-qc/9404010v1 (1994).
148 C. W. Misner & J. A. Wheeler, Ann. Phys. (U.S.A.) 2, S. 525–603 (1957), wiederabgedruckt
in: Wheeler Geometrodynamics, New York 1962.
149 Fotini Markopoulou, » Conserved Quantities in Background Independent Theories« , arXiv:gr-
qc/0703027v1 (2007).
150 Francesco Caravelli & Fotini Markopoulou, » Disordered Locality and Lorentz Dispersion
Relations: An Explicit Model of Quantum Foam« , arXiv:1201.3206v3 (2012); Caravelli &
Markopoulou, » Properties of Quantum Graphity at Low Temperature« , arXiv:1008.1340v3
(2011); Caravelli et al., » Trapped Surfaces and Emergent Curved Space in the Bose-
Hubbard Model« , arXiv:1108.2013v3 (2011); Florian Conrady , » Space as a Low-
temperature Regime of Graphs« , arXiv:1009.3195v3 [gr-qc] (2011). Ein anderer Ansatz zur
Geometrogenese findet sich bei João Magueijo, Lee Smolin & Carlo R. Contaldi,
» Holography and the Scale-Invariance of Density Fluctuations« , arXiv:astro-ph/0611695v3
(2006).
151 Graphen und Triangulationen sind eng miteinander verwandt. Anhand einer Triangulation
kann man einen Graphen machen, in dem die Knoten die Tetraeder darstellen und zwei
Knoten durch eine Kante miteinander verbunden sind, wenn die entsprechenden Tetraeder
auf einer Seitenfläche miteinander verbunden werden.
152 Die Abbildung zeigt ein Quantenuniversum mit einer Raum- und einer Zeitdimension, aus: R.
Loll, J. Ambjorn, K. N. Anagnostopoulos, » Making the Gravitational Path Integral More
Lorentzian, or: Life Bey ond Liouville Gravity « , arXiv:hep-th/9910232, Nucl. Phys. Proc.
Suppl. 88, S. 241–244 (2000). Mit Genehmigung abgedruckt.
153 Alioscia Hamma et al., » Lieb-Robinson Bounds and the Speed of Light from Topological
Order« , arXiv:0808.2495v2 (2008).
16 Leben und Tod des Universums

Wir wenden uns nun der wichtigsten und verwirrendsten Frage zu, die wir über
das Universum stellen können: Warum ist es lebensfreundlich? Wir werden
sehen, dass ein Großteil der Antwort damit zu tun hat, dass die Zeit wirklich
ist.
Wenn die Zeit in der Tat wirklich ist, sollte es Eigenschaften des
Universums geben, die sich nur dann erklären lassen, wenn wir annehmen, dass
die Zeit fundamental ist. Unter der gegenteiligen Annahme – dass die Zeit
emergent ist – sollten diese Eigenschaften rätselhaft und zufällig erscheinen.
Solche Eigenschaften gibt es tatsächlich; sie werden in der einfachen
Beobachtung erfasst, dass unser Universum eine Entwicklungsgeschichte vom
Einfachen zum Komplexen aufweist. Dadurch gewinnt die Zeit eine starke
Gerichtetheit – wir sagen, dass das Universum einen Zeitpfeil besitzt. In einer
Welt, in der die Zeit unwesentlich und emergent ist, ist Gerichtetheit äußerst
unwahrscheinlich.
Sehen Sie sich um. Mit bloßem Auge oder durch das stärkste Teleskop sehen
wir ein Universum, das hochstrukturiert und komplex ist.
Komplexität ist unwahrscheinlich. Sie verlangt nach einer Erklärung. Nichts
kann unmittelbar von einer einfachen zu einer komplexen Organisation springen.
Eine große Komplexität erfordert eine Reihe kleiner Schritte. Diese finden in
einer Reihenfolge statt, was eine starke zeitliche Ordnung von Ereignissen
impliziert.
Alle wissenschaftlichen Erklärungen von Komplexität erfordern eine
Geschichte, in deren Verlauf die Grade der Komplexität langsam und
schrittweise ansteigen. Das Universum muss also eine Geschichte haben, die
sich in der Zeit abspielte. Das ist die Besteigung von Richard Dawkins’ Gipfel
des Unwahrscheinlichen. 154 Eine kausale Reihenfolge ist erforderlich, um zu
erklären, wie das Universum in seinen gegenwärtigen Zustand gelangte.
Den Physikern des 19. Jahrhunderts und einigen unserer zeitgenössischen
spekulativen Kosmologen zufolge, die das Bild der Zeitlosigkeit verfechten, ist
die Komplexität, die wir um uns herum sehen, zufällig und notwendig
vorübergehend. Ihrer Ansicht nach ist es das Schicksal des Universums, in
einem Gleichgewichtszustand zu enden. Das ist ein Zustand, » Wärmetod des
Universums« genannt, in dem Materie und Energie gleichförmig im gesamten
Universum verteilt sind und niemals mehr etwas geschieht außer seltenen
zufälligen Fluktuationen. 155 Meistens lösen sich diese zufälligen Fluktuationen
so schnell wieder auf, wie sie erschienen sind, sodass nichts aufgebaut wird.
Wie ich jedoch in diesem und den nächsten Kapiteln darlegen werde, liefern die
Prinzipien, die ich in Kapitel 10 für eine neue kosmologische Theorie
formulierte, eine Grundlage, um zu verstehen, warum ein Universum mit
zunehmender Komplexität natürlich und notwendig ist.
Es liegen also zwei ganz verschiedene Wege vor uns, die zu überaus
verschiedenen Versionen der Zukunft des Universums führen. In der ersten
Version gibt es keine Zukunft, weil es keine Zeit gibt. Die Zeit ist eine Illusion,
welche bestenfalls ein Maß für Veränderung ist, eine Illusion, die enden wird,
wenn alle Veränderung aufhört.
In der zeitgebundenen Version, die ich vorschlage, ist das Universum ein
Prozess zur Ausbrütung neuer Phänomene und Organisationszustände, der sich
ständig erneuert, wobei er sich zu Zuständen immer höherer Komplexität und
Organisation entwickelt.
Die Beobachtungsdaten sagen uns eindeutig, dass das Universum mit dem
Fortschreiten der Zeit interessanter wird. In der Frühzeit war es mit einem
Plasma im Gleichgewichtszustand angefüllt; von diesem überaus einfachen
Anfang hat es über ein weites Spektrum von Skalen – von Galaxieclustern bis
hin zu biologischen Molekülen – eine enorme Komplexität entwickelt. 156
Die Fortdauer und das Wachstum dieser Struktur und Komplexität ist
verblüffend, weil dadurch die einfachste Erklärung der Struktur, die wir sehen,
ausgeschlossen wird – nämlich dass sie eine zufällige Anordnung ist. Ein Zufall
hätte keine Strukturen hervorgebracht, die Milliarden von Jahren fortdauerten
und deren Komplexität in der Zeit kontinuierlich zunahm. Wie ich gleich
darlegen werde, würde die Komplexität, die wir um uns herum sehen, mit der
Zeit höchstwahrscheinlich abnehmen, anstatt zuzunehmen, wenn sie ein Werk
des Zufalls wäre.
Die Vorhersage, dass das Universum in einem Wärmetod enden wird, ist ein
weiterer Schritt bei der Austreibung der Zeit aus der Physik und Kosmologie
und mit der antiken Idee verwandt, dass der natürliche Zustand des Universums
ein solcher ist, in dem es keine Veränderung gibt. Der älteste Impuls
kosmologischen Denkens gibt vor, dass der natürliche Zustand der Welt ein
Gleichgewichtszustand ist – das heißt ein Zustand, in dem es keinen Anstoß zur
Organisation gibt, da sich ja alles an seinem natürlichen Ort befindet. Das war
die Essenz der aristotelischen Kosmologie, die, wie ich in Kapitel 2 beschrieb,
auf einer Physik gründete, in der jede Essenz eine natürliche Bewegung besaß:
Beispielsweise strebt die Erde dem Zentrum zu, während die natürliche
Bewegung der Luft nach oben gerichtet ist.
Der einzige Grund dafür, dass es Aristoteles zufolge im irdischen Bereich
trotzdem noch zu Veränderungen kommt, liegt darin, dass es andere
Bewegungsursachen gibt, die als aufgezwungene Bewegungen klassifiziert
werden und etwas aus seinem natürlichen Zustand herausbewegen können.
Menschen und Tiere sind Quellen aufgezwungener Bewegungen, aber es gibt
auch noch andere. Heißes Wasser lässt Luft in sich eintreten, übernimmt daher
teilweise die natürliche Aufwärtsbewegung der Luft und steigt, bis es sich
abkühlt. An diesem Punkt verdrängt es die Luft und fällt als Regen. Die
letztendliche Quelle dieser aufgezwungenen Bewegung ist die Sonnenwärme, die
Teil des himmlischen Bereichs ist. Auf die eine oder andere Weise ist die
Quelle sämtlicher aufgezwungenen Bewegungen die Sonne. Wenn die irdische
Sphäre keine Verbindung zum Himmel hätte und sich selbst überlassen wäre,
würde alles in einen Gleichgewichtszustand übergehen, an seinem natürlichen
Ort zur Ruhe kommen und es gäbe keine Veränderung mehr.
Die moderne Physik hat ihren eigenen Begriff eines Gleichgewichtszustands,
der durch die Gesetze der Thermodynamik gekennzeichnet ist. Diese beziehen
sich auf die Physik in künstlicher Isolation. Der Kontext für die Gesetze der
Thermodynamik ist ein isoliertes System, das weder Energie noch Material mit
seiner Umgebung austauscht.
Wir müssen jedoch vorsichtig sein, damit wir die Begriffe von
Gleichgewichtszuständen bei Aristoteles und Newton nicht mit dem modernen
Begriff eines thermodynamischen Gleichgewichts verwechseln. Bei Aristoteles
und Newton ergibt sich das Gleichgewicht aus der Ausgewogenheit von Kräften.
Eine Brücke steht aufrecht, weil die Kräfte an jedem Träger und Niet
ausgeglichen sind. Der Gleichgewichtsbegriff in der modernen Thermodynamik
ist ganz anders. Er bezieht sich auf Systeme mit einer sehr großen Anzahl von
Teilchen und hat wesentlich mit Wahrscheinlichkeitsbegriffen zu tun.
Bevor wir über den Wärmetod des Universums sprechen, sollten wir uns
vergewissern, dass wir uns über unsere Begriffe im Klaren sind. Das bedeutet in
erster Linie, die Bedeutung der Entropie und den zweiten Hauptsatz der
Thermodynamik zu verstehen.

Der Schlüssel zum Verständnis der modernen Thermodynamik liegt darin, dass
sie zwei Beschreibungsebenen umfasst. Das ist zum einen die mikroskopische
Ebene, die eine präzise Beschreibung der Positionen und Bewegungen aller
Atome in einem bestimmten System beinhaltet. Dies wird als Mikrozustand
bezeichnet. Zum anderen gibt es die makroskopische Ebene oder den
Makrozustand des Systems, dem eine grobe, angenäherte Beschreibung anhand
weniger Variablen wie etwa Temperatur und Druck eines Gases entspricht. Die
Untersuchung der Thermodynamik eines Systems umfasst die Feststellung des
Verhältnisses zwischen diesen beiden Beschreibungsebenen.
Ein einfaches Beispiel ist ein gewöhnliches Ziegelsteingebäude. Der
Makrozustand ist in diesem Fall die Bauzeichnung; der Mikrozustand wird
dadurch angegeben, wo sich jeder einzelne Ziegelstein befindet. Der Architekt
muss nur festlegen, dass Ziegelsteinwände bestimmter Ausmaße gebaut werden,
mit Öffnungen für Fenster und Türen. Er muss nicht sagen, welcher Ziegelstein
wohin gehört. Die meisten Ziegelsteine sind identisch, deshalb hat es keine
Auswirkungen auf die Struktur, wenn zwei identische Ziegelsteine miteinander
vertauscht werden. Folglich gibt es eine riesige Anzahl verschiedener
Mikrozustände, die demselben Makrozustand entsprechen.
Kontrastieren wir das mit einem Gebäude von Frank Gehry, etwa mit dem
Guggenheim-Museum in Bilbao, dessen Außenfläche aus einzeln angefertigten
Metallplatten besteht. Um die gekrümmten Oberflächen von Gehrys Entwürfen
zu erzielen, muss jede Platte anders sein und es kommt darauf an, an welchem
Ort sie eingefügt wird. Das Gebäude wird nur dann die vom Architekten
beabsichtigte Form annehmen, wenn jede einzelne Metallplatte an ihren genauen
Ort kommt. Auch in diesem Fall gibt die Bauzeichnung den Makrozustand an,
und die Lage jeder einzelnen Platte ist Teil des Mikrozustands. Aber im
Unterschied zum herkömmlichen Ziegelsteingebäude hat man nicht die Freiheit,
Änderungen am Mikrozustand vorzunehmen. Es gibt nur einen Mikrozustand,
der dem beabsichtigten Makrozustand entspricht.
Die Vorstellung, wie viele Mikrozustände denselben Makrozustand realisieren
könnten, ermöglicht uns, zu erklären, warum Gehrys Gebäude so revolutionär
sind. Diese Vorstellung hat einen Namen: Entropie. Die Entropie eines
Gebäudes ist ein Maß für die Anzahl der verschiedenen Möglichkeiten, die Teile
zusammenzusetzen, um die Zeichnung des Architekten zu realisieren. Ein
gewöhnliches Ziegelsteingebäude hat eine sehr hohe Entropie. Ein Gebäude von
Frank Gehry kann eine Entropie von null haben, die seinem einzigartigen
Mikrozustand entspricht. 157
An diesem Beispiel können wir sehen, dass die Entropie sich invers zum
Informationsgehalt verhält. Man braucht viel mehr Informationen, um das
Design eines Gehry-Gebäudes zu spezifizieren, weil man genau angeben muss,
wie jedes Teil hergestellt werden soll und wo es hinkommt. Viel weniger
Informationen braucht man, um das Design eines gewöhnlichen
Ziegelsteingebäudes zu spezifizieren, weil alles, was man wissen muss, die
Maße seiner Wände sind.
Lassen Sie uns nun schauen, wie diese Methode bei einem typischeren
Beispiel aus der Physik funktioniert. Nehmen wir einen Behälter, der mit Gas
gefüllt ist, das aus einer sehr großen Anzahl von Molekülen besteht. Die
fundamentale Beschreibung ist mikroskopisch: Sie sagt uns, wo jedes Molekül
ist und wie es sich bewegt. Das ist eine gewaltige Menge an Information. Zum
anderen gibt es die makroskopische Beschreibung, bei der das Gas anhand seiner
Dichte, Temperatur und seines Drucks beschrieben wird.
Die Angabe der Dichte und Temperatur erfordert jedoch viel weniger
Informationen, als wenn man sagen sollte, wo sich jedes Atom befindet.
Infolgedessen gibt es einen einfachen Weg, um von der mikroskopischen
Beschreibung zur makroskopischen überzugehen, aber nicht umgekehrt. Wenn
man weiß, wo jedes Molekül ist, kennt man auch die Dichte und Temperatur,
die die mittlere Bewegungsenergie ist. Aber der umgekehrte Weg ist
unmöglich, weil es eine riesige Zahl verschiedener Möglichkeiten gibt, wie die
einzelnen Atome mikroskopisch angeordnet werden können, damit sich dieselbe
Dichte und Temperatur ergibt.
Um vom Mikrozustand zum Makrozustand überzugehen, ist es hilfreich, zu
zählen, wie viele Mikrozustände mit einem gegebenen Makrozustand konsistent
sind. Wie bei den Gebäudebeispielen wird diese Zahl von der Entropie der
makroskopischen Konfiguration festgelegt. Man beachte, dass die so definierte
Entropie nur eine Eigenschaft der Makrobeschreibung ist. Folglich ist die
Entropie eine emergente Eigenschaft; es ist nicht sinnvoll, dem genauen
Mikrozustand eines Systems eine Entropie zuzuschreiben.
Der nächste Schritt besteht darin, die Entropie mit Wahrscheinlichkeiten zu
verknüpfen. Das geschieht aufgrund der Annahme, dass alle Mikrozustände
gleich wahrscheinlich sind. Dies ist ein physikalisches Postulat, das durch die
Tatsache gerechtfertigt ist, dass die Atome eines Gases sich in chaotischer
Bewegung befinden, die dazu neigt, ihre Bewegungen zu mischen und damit zu
randomisieren. Je mehr Möglichkeiten es gibt, einen Makrozustand aus
Mikrozuständen herzustellen – das heißt, je höher die Entropie eines
Makrozustands ist –, umso wahrscheinlicher ist er auch realisiert. Unter der
Voraussetzung, dass der Mikrozustand zufällig ist, wird der wahrscheinlichste
Makrozustand als Gleichgewichtszustand bezeichnet. Der Gleichgewichtszustand
ist auch der Zustand mit der höchsten Entropie.
Zerlegen Sie eine Katze in ihre atomaren Bestandteile und vermischen Sie
diese Atome willkürlich mit der Luft eines Zimmers. Es gibt viel mehr
Mikrozustände, bei denen die Atome der Katze zufällig mit der Luft vermischt
sind, als es Mikrozustände gibt, bei denen die Katze wieder zusammengesetzt
ist und auf der Couch sitzt, sich ihr Fell leckt und schnurrt. Die Katze ist eine
äußerst unwahrscheinliche Möglichkeit der Anordnung der Atome, daher besitzt
sie eine geringe Entropie und einen hohen Informationsgehalt im Vergleich zu
einer chaotischen Mischung derselben Atome in der Luft.
Atome in einem Gas bewegen sich chaotisch und kollidieren häufig
miteinander. Bei ihrer Kollision prallen sie voneinander ab und bewegen sich in
mehr oder weniger zufällige Richtungen. Die Zeit neigt also dazu, den
Mikrozustand durcheinanderzumischen. Wenn der Mikrozustand nicht schon zu
Beginn chaotisch ist, dann wird er es nach kurzer Zeit sein. Das deutet auf
Folgendes hin: Wenn wir von einem Zustand mit niedriger Entropie ausgehen,
der vom Gleichgewichtszustand verschieden ist, dann besteht das
wahrscheinlichste Ereignis im Lauf der Zeit darin, dass der Mikrozustand
chaotischer wird und die Entropie zunimmt. Das ist die Aussage des zweiten
Hauptsatzes der Thermodynamik.
Um zu sehen, wie das funktioniert, betrachten wir als Nächstes ein einfaches
Experiment. Wir brauchen ein Kartenspiel und ein Kartenmischgerät. Nehmen
wir an, dass die Karten zu Beginn des Experiments in geordneter Reihenfolge
im Stapel liegen. Danach werden die Karten einmal pro Sekunde von dem
Mischgerät gemischt. Der Zweck des Experiments ist es, zu beobachten, was
mit der Ordnung der Karten geschieht, wenn sie wiederholt gemischt werden.
Die Karten sind am Anfang zwar geordnet, aber jeder Mischvorgang macht
die Ordnung immer chaotischer. Die Entropie hat die Tendenz zu steigen. Nach
hinreichend vielen Mischvorgängen ist es unmöglich, die Reihenfolge von einer
rein zufälligen Reihenfolge zu unterscheiden; infolgedessen ist auch jede
Erinnerung an die anfängliche Reihenfolge im Wesentlichen verloren gegangen.
Diese Tendenz der Ordnung, sich in Unordnung aufzulösen, wird von dem
zweiten Hauptsatz der Thermodynamik erfasst. In diesem Zusammenhang sagt
das Gesetz, dass das Mischen eines Kartenspiels die Tendenz hat, jede
besondere Reihenfolge zu zerstören, die die Karten zu Beginn gehabt haben
mögen, und sie durch eine zufällige Reihenfolge zu ersetzen.
Die Entropie nimmt nicht immer zu. Manchmal wird ein Mischvorgang die
Entropie verringern – beispielsweise indem die Karten in die ursprüngliche
Ordnung zurückversetzt werden. Es ist einfach nur viel wahrscheinlicher, dass
ein Mischvorgang die Entropie erhöht, als dass er sie verringert. Je mehr Karten
in einem Spiel sind, umso unwahrscheinlicher wird es sein, dass ein
Mischvorgang eine vollständige Wiederherstellung der Ordnung hervorbringt.
Umso länger werden folglich auch die Intervalle zwischen Mischvorgängen sein,
die wieder eine vollständige Ordnung des Kartenspiels herstellen. Solange es
jedoch eine endliche Anzahl von Karten im Spiel gibt, gibt es auch einen
Zeitraum, in dem die Mischvorgänge, die einmal pro Sekunde durchgeführt
werden, wahrscheinlich eine vollständige Wiederherstellung der Ordnung
hervorgebracht haben werden. Dieser Zeitraum wird » Poincaré’sche
Rekurrenzzeit« genannt. Wenn man ein System über viel kürzere Zeiträume
beobachtet, wird man die Entropie wahrscheinlich nur steigen sehen. Aber
beobachten Sie das System länger als die Poincaré’sche Rekurrenzzeit, werden
Sie wahrscheinlich sehen, dass die Entropie auch geringer wird.
Die Rolle der Chaotizität bei der Ordnung der Karten kann auf das Gas
übertragen werden. Es gibt zwar geordnete Konfigurationen der Atome des
Gases, wie zum Beispiel Konfigurationen, bei denen sich alle Atome auf einer
Seite des Behälters befinden und sich alle in dieselbe Richtung bewegen. Diese
Konfigurationen sind analog zu der geordneten Reihenfolge aller Karten. Aber
obwohl es diese geordneten Konfigurationen der Atome gibt, sind sie viel
seltener als Konfigurationen, bei denen die Atome zufällig über den gesamten
Behälter verteilt sind und sich in zufällige Richtungen bewegen.
Wenn wir mit den Atomen beginnen, die sich alle in einer Ecke des
Behälters befinden und sich alle in dieselbe Richtung bewegen, werden wir
sehen, dass sie sich im gesamten Behälter ausbreiten und ihn völlig ausfüllen,
sobald sie sich bewegen und voneinander abprallen. Nach einiger Zeit werden
die Positionen der Atome völlig durchmischt sein, sodass die Atomdichte im
Behälter gleichförmig wird.
Bei ihrem Aufeinanderprallen werden die Richtungen, in die die Atome sich
bewegen, mit ungefähr derselben Geschwindigkeit randomisiert werden.
Schließlich werden die meisten Atome eine Energie aufweisen, die nahe an der
mittleren Energie liegt, welche mit der Temperatur identisch ist.
Unabhängig davon, wie geordnet und ungewöhnlich die
Ausgangskonfiguration ist, wird nach einer Weile die Dichte und Temperatur
der Atome im Behälter gleichförmig und randomisiert sein. Das ist der
Gleichgewichtszustand. Sobald das Gas den Gleichgewichtszustand erreicht,
wird es mit größter Wahrscheinlichkeit dort verharren.
Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt in diesem Zusammenhang,
dass über kurze Zeitintervalle hinweg die wahrscheinlichste Entropieänderung
eine positive Zahl oder zumindest null ist. Wenn man mit einer Konfiguration
beginnt, die sich außerhalb des Gleichgewichts befindet, dann startet man mit
einer Konfiguration niedrigerer Wahrscheinlichkeit und damit auch niedrigerer
Entropie. Am wahrscheinlichsten ist dann, dass die Konfiguration durch die
Kollisionen der Atome weiter randomisiert und damit die Wahrscheinlichkeit
der Konfiguration erhöht wird. Die Entropie wächst also. Wenn man im
Gleichgewichtszustand startet, wo die Entropie maximal ist, weil die
Konfiguration bereits randomisiert ist, ist es am wahrscheinlichsten, dass die
Konfiguration randomisiert bleibt. Aber wenn man die Atome über einen sehr
langen Zeitraum beobachtet, wird es, wie gesagt, unwahrscheinliche
Fluktuationen geben, die das Gas zu einem geordneteren Zustand führen. Die
wahrscheinlichsten dieser Fluktuationen sind unscheinbar: ein bisschen mehr
Dichte an einer Stelle und ein bisschen weniger an einer anderen. Viel weniger
wahrscheinlich werden Fluktuationen sein, die alle Atome wieder in eine Ecke
des Behälters zurückbringen. Aber wenn genug Zeit vergeht, werden auch sie
auftreten. Solange die Anzahl von Atomen endlich ist, wird es Fluktuationen
geben, die zu jeder beliebigen Konfiguration führen, gleichgültig, wie selten sie
ist.
Aber man muss nicht warten, um physikalische Wirkungen der
Fluktuationen zu sehen. Bekanntlich verwendete Einstein eine Studie der
Fluktuationen von Molekülen in einer Flüssigkeit, um die Existenz von
Atomen zu demonstrieren. Er nahm an, dass eine Flüssigkeit wie zum Beispiel
Wasser aus Molekülen besteht, die sich chaotisch bewegen, und er erwog die
Wirkung dieser Bewegungen auf ein winziges Teilchen wie zum Beispiel auf ein
in Wasser suspendiertes Pollenkorn. Die Wassermoleküle sind zu klein, um
gesehen werden zu können, aber ihr Einfluss lässt sich an der Bewegung des
Korns erkennen, das gerade groß genug ist, dass man es mit einem Mikroskop
sehen kann. Das Korn wird durch die Kollisionen mit den Molekülen
umhergestoßen, die es dazu veranlassen, eine Art chaotischen Tanz aufzuführen.
Wenn man misst, wie energisch das Pollenkorn tanzt, kann man ableiten,
wie viele Moleküle pro Sekunde auf das Pollenkorn stoßen und mit welcher
Kraft dies geschieht. In einem seiner Aufsätze aus dem Jahr 1905 machte
Einstein prüfbare Vorhersagen über die Eigenschaften von Atomen, die später
bestätigt wurden, einschließlich der Anzahl der Atome in einem Gramm
Wasser. 158 Aus diesem und vielen ähnlichen Experimenten wissen wir, dass
die Fluktuationen wirklich und Teil der Geschichte der Thermodynamik sind.
Mit den Fluktuationen lässt sich ein bedeutendes Paradoxon lösen, das frühe
Untersuchungen der Thermodynamik plagte. Ursprünglich wurden die Gesetze
der Thermodynamik ohne die Begriffe von Atomen oder Wahrscheinlichkeit
eingeführt. Gase und Flüssigkeiten wurden als kontinuierliche Substanzen
behandelt, und Entropie und Temperatur wurden ohne den Begriff der
Wahrscheinlichkeit definiert, als ob sie eine fundamentale Bedeutung hätten. In
dieser ursprünglichen Formulierung besagte der zweite Hauptsatz einfach, dass
die Entropie bei jedem Prozess entweder ansteigt oder gleich bleibt. Ein anderes
Gesetz besagte, dass ein System überall dieselbe Temperatur hat, wenn die
Entropie maximiert wird.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten James Clerk Maxwell und
Ludwig Boltzmann die Hypothese, dass die Materie aus Atomen besteht, die
sich chaotisch bewegen, und versuchten, die Gesetze der Thermodynamik aus
der Anwendung von Statistik auf die Bewegungen einer sehr großen Anzahl von
Atomen abzuleiten. Beispielsweise schlugen sie vor, dass die Temperatur
einfach nur die Durchschnittsenergie von chaotischer Atombewegung sei. Sie
führten die Entropie und den zweiten Hauptsatz in mehr oder weniger derselben
Weise ein, wie ich es hier getan habe.
Aber die meisten Physiker glaubten damals nicht an Atome. Infolgedessen
lehnten sie diese Bemühungen ab, die Gesetze der Thermodynamik auf die
Bewegung von Atomen zu gründen, und fanden gewichtige Argumente, um zu
zeigen, dass die Gesetze der Thermodynamik von dieser Bewegung nicht
abgeleitet werden können. Ein solches Argument lautete folgendermaßen: Die
Bewegungsgesetze, denen Atome (wenn es sie gibt) gehorchen müssen, sind
zeitreversibel (wie ich in Kapitel 5 erläutert habe). Wenn man einen Film von
einer Gruppe von Atomen, die sich nach Newtons Gesetzen bewegen,
rückwärtslaufen lässt, erhält man ebenfalls einen möglichen Ablauf, der mit
Newtons Gesetzen übereinstimmt. Aber der zweite Hauptsatz der
Thermodynamik ist nicht reversibel, weil er besagt, dass die Entropie immer
zunimmt oder gleich bleibt, aber niemals abnimmt. Es ist unmöglich,
argumentierten die Skeptiker, dass ein Gesetz, das nicht zeitreversibel ist, von
zeitreversiblen Gesetzen – das heißt von denen, die die Bewegungen der
angeblichen Atome regieren – abgeleitet werden kann.
Die richtige Antwort darauf gaben Paul und Tatjana Ehrenfest, ein junges
Ehepaar, das von Boltzmann protegiert wurde und später mit Einstein befreundet
war. 159 Sie zeigten, dass der zweite Hauptsatz in der Formulierung der
voratomaren Physik falsch war. Die Entropie nimmt tatsächlich manchmal ab,
nur ist es nicht wahrscheinlich, dass dies geschieht. Wenn man lange genug
wartet, werden Fluktuationen die Entropie eines Systems reduzieren. Daher sind
Fluktuationen ein unverzichtbarer Bestandteil der Geschichte, wie die
Thermodynamik mit der Existenz von Atomen versöhnt wurde, die
fundamentalen zeitreversiblen Gesetzen gehorchen.
Dennoch scheint auch das richtige Bild keine Hoffnung für die Zukunft
zuzulassen, weil jedes isolierte System diesen Prinzipien zufolge schließlich
einen Gleichgewichtszustand erreichen wird – wonach es keine bedeutende
kumulative Veränderung mehr gibt, kein Wachstum von Strukturen oder
Komplexität, sondern nur ein unendliches Gleichgewicht, in dem nichts anderes
geschieht als zufällige Fluktuationen.
Ein Universum im Gleichgewichtszustand kann nicht komplex sein, weil die
zufälligen Prozesse, die es in diesen Gleichgewichtszustand bringen, die
Organisation zerstören. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Komplexität selbst
anhand der Abwesenheit von Entropie gemessen werden kann. Um Komplexität
vollständig zu charakterisieren, brauchen wir Vorstellungen, die über die
Thermodynamik von Systemen im Gleichgewichtszustand hinausgehen; sie
sind Gegenstand des nächsten Kapitels.

Wenn wir die Kosmologie aus der Perspektive der Thermodynamik betrachten,
wird die Frage, warum das Universum interessant ist, noch verwirrender. Vom
Standpunkt des Newton’schen Paradigmas wird das Universum von einer
Lösung der Gleichungen eines Gesetzes regiert. Dieses Gesetz kann durch eine
Kombination aus der allgemeinen Relativitätstheorie und dem Standardmodell
der Elementarteilchenphysik approximiert werden, aber die Einzelheiten spielen
hier keine Rolle. Die Lösung, die das Universum regiert, wird aus einer
unendlichen Menge möglicher Lösungen ausgewählt und kann durch die
Auswahl von Anfangsbedingungen beim oder in zeitlicher Nähe zum Urknall
angegeben werden.
Die Thermodynamik sagt uns, dass nahezu jede Lösung der Gesetze der
Physik ein Universum im Gleichgewichtszustand beschreibt, weil die Definition
des Gleichgewichtszustands lautet, dass er aus den wahrscheinlichsten
Konfigurationen zusammengesetzt ist. Eine weitere Implikation des
Gleichgewichtszustands ist, dass die typische Lösung der Gesetze im
Durchschnitt zeitsymmetrisch ist – in dem Sinne, dass Fluktuationen zu einem
geordneteren Zustand genauso wahrscheinlich sind wie Fluktuationen zu einem
weniger geordneten Zustand. Lässt man den Film rückwärtslaufen, erhält man
eine Geschichte, die genauso wahrscheinlich und im Mittel genauso
zeitsymmetrisch ist. Wir können sagen, dass es keinen allgemeinen, globalen
Zeitpfeil gibt.
Unser Universum sieht überhaupt nicht nach diesen typischen Lösungen der
Gesetze aus. Selbst jetzt, mehr als 13 Milliarden Jahre nach dem Urknall,
befindet sich unser Universum nicht im Gleichgewichtszustand. Und die
Lösung, die unser Universum beschreibt, ist zeitasymmetrisch. Diese
Eigenschaften sind außerordentlich unwahrscheinlich, wenn die Lösung, die
unser Universum beschreibt, zufällig ausgewählt werden würde.
Die Frage, warum das Universum interessant ist und eher noch interessanter
zu werden scheint, gleicht der Frage, warum der zweite Hauptsatz der
Thermodynamik das Universum erst noch in ein Wärmegleichgewicht
randomisieren muss, obwohl er offenbar bereits seit Milliarden Jahren die
Gelegenheit dazu hatte.

Das schlichteste Zeichen dafür, dass unser Universum sich nicht im thermischen
Gleichgewicht befindet, ist die Existenz eines Zeitpfeils. Das Fließen der Zeit ist
durch eine deutliche Asymmetrie gekennzeichnet: Wir fühlen und beobachten,
dass wir uns von der Vergangenheit in die Zukunft bewegen.
Zahllose Phänomene bezeugen die Gerichtetheit der Zeit. Viele Dinge sind
irreversibel (ein Autounfall, eine schlecht gewählte Formulierung gegenüber
einem verunsicherten Freund, ein verschüttetes Glas Milch). Heiße Kaffeetassen
kühlen ab, statt sich zu erwärmen; Zucker vermischt sich mit dem Kaffee, statt
sich zu entmischen; und fallen gelassene Tassen gehen in Stücke, die sich, wenn
sie sich selbst überlassen bleiben, nie mehr zusammenfügen. Wir werden alle in
derselben Richtung älter; Bücher und Filme, in denen ein Mensch vom Greis
zum Kleinkind wird, sind Fantasievorstellungen, die im Leben nie verwirklicht
werden. 160
Im Gleichgewichtszustand gibt es keinen solchen Zeitpfeil. Im
Gleichgewichtszustand kann die Ordnung nur zeitweilig durch eine zufällige
Fluktuation zunehmen. Diese Abweichungen vom Gleichgewicht sehen im
Mittel gleich aus, wenn man sie vorwärts- oder rückwärtslaufen lässt. Wenn Sie
einen Film von den Bewegungen der Atome eines Gases im
Gleichgewichtszustand machen würden und ihn rückwärtslaufen ließen, könnten
Sie nicht entscheiden, welches die Originalversion und welches die Umkehrung
ist. Unser Universum ist anders.
Der ausgeprägte Zeitpfeil, den wir in unserem Universum sehen, erfordert eine
Erklärung, weil die fundamentalen Gesetze der Physik zeitsymmetrisch sind.
Jede Lösung ihrer Gleichungen hat eine geisterhafte Spiegelbildlösung, die sich
genauso verhält wie die erste, wobei der Film allerdings rückwärtsläuft (mit der
zusätzlichen Raffinesse, dass rechts und links vertauscht und die Teilchen durch
ihre Antiteilchen ersetzt sind). Die fundamentalen Gesetze der Physik würden
also nicht verletzt werden, wenn manche Menschen jünger würden oder der
Kaffee in auf dem Tisch stehen gelassenen Tassen heißer würde, oder wenn
zerbrochene Tassen sich spontan wieder zusammenfügten.
Warum geschieht so etwas nie? Und warum deuten alle diese verschiedenen
Asymmetrien der Zeit in dieselbe Richtung – nämlich auf zunehmende
Unordnung? Dies wird manchmal das » Problem des Zeitpfeils« genannt.
Tatsächlich gibt es in unserem Universum mehrere Zeitpfeile.
Das Universum dehnt sich aus und zieht sich nicht zusammen. Das
bezeichnen wir als kosmologischen Zeitpfeil.
Wenn man kleine Teile des Universums sich selbst überlässt, neigen sie
dazu, mit der Zeit ungeordneter zu werden (die vergossene Milch, die sich
gleich verteilende Luft und so weiter). Das wird thermodynamischer Zeitpfeil
genannt.
Menschen, Tiere und Pflanzen werden als Babys geboren, wachsen auf, altern
und sterben dann. Dies können wir als biologischen Zeitpfeil bezeichnen.
Wir erleben den Fluss der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Wir
erinnern uns an die Vergangenheit, aber nicht an die Zukunft. Das ist der
Zeitpfeil des Erlebens.
Es gibt noch einen weiteren Hinweis – der ist zwar weniger offensichtlich als
die anderen, aber dennoch bedeutend. Das Licht bewegt sich von der
Vergangenheit in die Zukunft. Daher vermittelt uns das Licht, das unsere Augen
erreicht, eine Ansicht von der Welt in der Vergangenheit – und nicht der
Zukunft. Wir sprechen vom elektromagnetischen Zeitpfeil.
Lichtwellen werden von der Bewegung elektrischer Ladungen erzeugt. Wenn
man eine Ladung hin- und herbewegt, breitet sich Licht aus, das sich immer in
die Zukunft und nie in die Vergangenheit bewegt. Das scheint auch für
Gravitationswellen zu gelten. Es gibt also einen Gravitationswellen-Zeitpfeil.
Unser Universum enthält offenbar viele schwarze Löcher. Ein einzelnes
schwarzes Loch ist im Hinblick auf die Zeit äußerst asymmetrisch. Alles
Mögliche kann zwar hineinfallen, aber alles, was herauskommt, ist
Hawking’sche Wärmestrahlung. Ein schwarzes Loch ist eine Vorrichtung, die
etwas Beliebiges aufnimmt und es in ein Photonengas im
Gleichgewichtszustand verwandelt. Dieser irreversible Prozess produziert eine
Menge Entropie.
Wie steht es aber mit weißen Löchern? Diese hypothetischen Objekte sind
Lösungen der allgemeinen Relativitätstheorie, die man erhält, indem man die
Richtung der Zeit in schwarzen Löchern umkehrt. Weiße Löcher verhalten sich
umgekehrt zu schwarzen Löchern. Nichts kann in ein weißes Loch fallen, aber
alles Mögliche kann aus ihm hervorgehen. Ein weißes Loch könnte wie die
spontane Erscheinung eines Sterns aussehen, etwas, das man erhält, wenn man
einen Film vom Kollabieren eines Sterns zu einem schwarzen Loch aufnimmt
und ihn rückwärtslaufen lässt. Die Astronomen haben bislang noch nichts
beobachtet, das sich als weißes Loch interpretieren ließe.
Selbst wenn man nur schwarze Löcher in Betracht zieht, ist etwas
merkwürdig an unserem Universum. Den Gleichungen der allgemeinen
Relativitätstheorie zufolge könnte unser Universum in seinen Anfängen auch
voller schwarzer Löcher gewesen sein. Wie ich jedoch in Kapitel 11 dargelegt
habe, scheint es, dass es im frühen Universum überhaupt keine gegeben hat.
Alle schwarzen Löcher, von denen wir wissen, scheinen sich lange danach
gebildet zu haben, nämlich beim Zusammenbruch massiver Sterne.
Warum gibt es nur schwarze Löcher und keine weißen? Und warum begann
das Universum nicht voller schwarzer Löcher? Es scheint einen Zeitpfeil
schwarzer Löcher zu geben, der durch das Fehlen schwarzer Löcher in der
Frühgeschichte des Universums nahegelegt wird.
Könnte es eine Galaxie auf der anderen Seite des Universums geben, wo
einige dieser Zeitpfeile rückwärtslaufen? Dafür gibt es keine Belege. Wir
könnten in einem Universum leben, in dem einige der Zeitpfeile von Ort zu Ort
umgekehrt sind, aber anscheinend ist das nicht der Fall. Warum nicht?
Diese unterschiedlichen Zeitpfeile sind Tatsachen unseres Universums, die
nach einer Erklärung verlangen. Jede angebotene Erklärung beruht auf Annahmen
über das Wesen der Zeit. Die Erklärung, die jemand anbietet, der glaubt, dass
die Zeit aus einer zeitlosen Welt hervorgeht, wird sich unterscheiden von der
Erklärung einer Person, die glaubt, dass die Zeit fundamental und wirklich ist.
Im Zusammenhang damit steht die Frage, ob die Gesetze der Physik
reversibel sind oder nicht. Wie in Kapitel 5 angemerkt wurde, kann die
Tatsache, dass die Naturgesetze zeitreversibel sind, als Beleg zugunsten der
Ansicht interpretiert werden, dass die Zeit nicht fundamental ist. Wie sollen wir
die Zeitpfeile erklären, wenn die Naturgesetze zeitreversibel sind? Die Zeitpfeile
stellen jeweils eine zeitliche Asymmetrie dar; wie könnten sie aus
zeitsymmetrischen Gesetzen entstehen?
Die Antwort lautet, dass die Gesetze auf Anfangsbedingungen operieren. Die
Gesetze können zwar im Hinblick auf die Umkehrung der Zeitrichtung
symmetrisch sein, aber dasselbe muss nicht für die Anfangsbedingungen gelten.
Die Anfangsbedingungen können sich zu Endbedingungen entwickeln, die sich
leicht von ihnen unterscheiden lassen. Tatsächlich ist das auch der Fall: Die
Anfangsbedingungen unseres Universums scheinen äußerst genau eingestellt
worden zu sein, um ein Universum hervorzubringen, das zeitasymmetrisch ist.
Ein Beispiel mag das illustrieren. Die anfängliche Expansionsrate des
Universums, die von den Anfangsbedingungen festgelegt wird, scheint die
Erzeugung von Galaxien und Sternen maximiert zu haben. Wäre sie viel
schneller gewesen, hätte sich das Universum zu schnell verdünnt, als dass sich
Galaxien und Sterne hätten bilden können. Wäre sie zu langsam gewesen, hätte
das Universum direkt zu einer letzten Singularität kollabieren können, bevor die
Sterne überhaupt eine Chance gehabt hätten, sich zu bilden. Die Expansionsrate
war für die Produktion einer Vielzahl von Sternen ideal, und es sind die Sterne,
die durch das Milliarden Jahre währende Ausströmen heißer Photonen in den
kalten Raum das Universum vom Gleichgewicht fernhalten und auf diese Weise
den thermodynamischen Zeitpfeil erklären.
Der elektromagnetische Zeitpfeil kann ebenfalls durch zeitasymmetrische
Anfangsbedingungen erklärt werden. 161 Am Anfang des Universums gab es
noch keine elektromagnetischen Wellen. Das Licht entstand erst später durch die
Bewegung von Materie. Das erklärt, warum die Bilder, die das Licht
transportiert, uns Informationen über die Materie im Universum vermitteln,
wenn wir uns umsehen. Wenn wir uns nur auf die Gesetze des
Elektromagnetismus stützen würden, könnte es auch anders sein. Die
Gleichungen des Elektromagnetismus lassen einen Beginn des Universums mit
Licht zu, das sich ungehindert bewegt. Das bedeutet, das Licht wäre unmittelbar
beim Urknall gebildet worden, anstatt später von Materie ausgesendet worden zu
sein. In einem solchen Universum würden alle Bilder von Gegenständen, die
das Licht von der Materie weggetragen hätte, von dem Licht überschwemmt
werden, das direkt vom Urknall herrührt.
In einer solchen Welt würden wir keine Sterne und Galaxien sehen, wenn wir
mit unseren Teleskopen zurückblickten, sondern bloß ein chaotisches
Durcheinander. Oder das beim Urknall gebildete Licht könnte auch Bilder von
Dingen transportieren, die es nie gegeben hat, wie zum Beispiel Bilder von
einem Garten mit Elefanten, die Riesenspargel mampfen.
So würde das Universum aussehen, wenn wir weit in der Zukunft einen Film
von ihm machen würden und ihn rückwärtslaufen ließen. In der fernen Zukunft
gibt es Unmengen von Bildern, die sich umherbewegen – Bilder von Dingen,
die einst existierten. Aber wenn wir den Film in der Zeit rückwärtslaufen lassen,
sehen wir ein Universum voller Bilder von Dingen, die erst noch geschehen
müssen. Tatsächlich würde Licht, das ein Bild transportiert, in das Ereignis
fließen, das das Bild repräsentiert, und dort enden. Das Licht, das wir sähen,
würde uns nur etwas über Dinge sagen, die erst noch geschehen.
Wir leben zwar nicht in einem solchen Universum, aber wenn mögliche
Universen den Lösungen der physikalischen Gesetze entsprechen, wäre das
möglich. Um zu erklären, warum wir nur Dinge sehen, die geschehen oder
schon geschehen sind, und nie etwas, das erst noch geschieht oder das nie
geschehen wird, müssen wir strenge Anfangsbedingungen auferlegen. Diese
verbieten dem Universum einen Anfang mit Bilder transportierendem Licht, das
ungehindert umherfliegt. Das bedeutet zwar, dass man eine streng
asymmetrische Bedingung auferlegt, aber eine solche ist notwendig, um den
elektromagnetischen Zeitpfeil zu erklären.
Ähnliches gilt für die Zeitpfeile der Gravitationswellen und der schwarzen
Löcher. Wenn die fundamentalen Gesetze zeitsymmetrisch sind, ruht die
gesamte Last der Erklärung, warum unser Universum zeitasymmetrisch ist, auf
der Wahl der Anfangsbedingungen. Man muss also die Bedingung auferlegen,
dass es im Universum zu Beginn keine Gravitationswellen gab, die sich frei
bewegten, keine ursprünglichen oder frühen schwarzen Löcher und auch keine
weißen Löcher.
Dieser Punkt wurde von Roger Penrose betont, und er hat ein Prinzip zu
seiner Erklärung vorgeschlagen, das er die Weylkrümmungshypothese
nennt. 162 Die Weylkrümmung ist eine mathematische Größe, die immer dann
von null verschieden ist, wenn es Gravitationsstrahlung oder schwarze
beziehungsweise weiße Löcher gibt. Das Prinzip von Penrose besagt, dass diese
Größe bei der ursprünglichen Singularität verschwindet. Er bemerkt, dass das
mit dem übereinstimmt, was wir über das frühe Universum wissen. Das ist eine
zeitasymmetrische Bedingung, weil sie sicher nicht für späte Zeiten des
Universums gilt. In späten Zeiten besitzt das Universum viele
Gravitationswellen und viele schwarze Löcher. Um unser sichtbares Universum
erklären zu können, muss daher, so Penrose, diese zeitasymmetrische
Bedingung der Wahl der Lösung der (zeitsymmetrischen) Gesetze der
allgemeinen Relativitätstheorie auferlegt werden.
Die Tatsache, dass die Erklärung unseres Universums zeitasymmetrische
Anfangsbedingungen erfordert, schwächt das Argument beträchtlich, dass die
Zeit unwirklich ist, weil die Naturgesetze zeitsymmetrisch sind. Man kann die
Rolle der Anfangsbedingungen nicht ignorieren und erklären, dass die
Vergangenheit wie die Zukunft ist, wenn Anfangsbedingungen gewählt werden
müssen, die ganz anders sind als die Bedingungen, die sich entwickelt haben,
um auch nur zu einer annähernden Übereinstimmung mit unserem Universum zu
gelangen. 163
Die Last der Erklärung liegt dann in der Antwort auf die Frage, wie die
Anfangsbedingungen ausgewählt wurden. Aber wir kennen keine rationale
Erklärung für ihre Wahl, also stecken wir in einer Sackgasse und lassen eine
entscheidende Frage zu unserem Universum unbeantwortet.
Es gibt jedoch auch eine andere und viel einfachere Option. Wir glauben,
dass unsere Gesetze Annäherungen an ein tieferes Gesetz sind. Was wäre, wenn
dieses tiefere Gesetz zeitasymmetrisch wäre?
Wenn das fundamentale Gesetz zeitasymmetrisch ist, dann sind es auch die
meisten seiner Lösungen. 164 Dann muss es kein Problem mit der Erklärung
geben, warum wir nie verrückte Dinge beobachten, die sich daraus ergäben, dass
natürliche Prozesse rückwärts ablaufen, weil die zeitliche Umkehrung einer
Lösung des Gesetzes keine Lösung mehr sein wird. Das Rätsel, warum wir nur
Bilder von der Vergangenheit und nicht von der Zukunft sehen, ist gelöst. Die
Tatsache, dass das Universum hochgradig zeitasymmetrisch ist, würde also
direkt durch die Zeitasymmetrie des fundamentalen Gesetzes erklärt werden. Ein
zeitasymmetrisches Universum würde dann nicht länger unwahrscheinlich,
sondern notwendig sein.
Das hatte meines Erachtens Penrose im Sinn, als er seine
Weylkrümmungshypothese vorschlug. Der Unterschied zwischen einer Physik
nahe der ursprünglichen Singularität und einer Physik im späten Universum
würde uns durch eine Quantentheorie der Gravitation aufgezwungen werden, die
nach der Ansicht von Penrose eine stark zeitasymmetrische Theorie sein sollte.
Aber eine zeitasymmetrische Theorie ist unnatürlich, wenn die Zeit emergent
ist. Wenn die fundamentale Theorie keinen Zeitbegriff enthält, haben wir keine
Möglichkeit, die Vergangenheit von der Zukunft zu unterscheiden. Die extreme
Unwahrscheinlichkeit unseres Universums würde immer noch eine Erklärung
erfordern.
Eine zeitasymmetrische Theorie ist weitaus natürlicher, wenn die Zeit
fundamental ist. Tatsächlich wäre nichts natürlicher als eine fundamentale
Theorie, die die Vergangenheit von der Zukunft unterscheidet, weil
Vergangenheit und Zukunft sehr verschieden sind. Innerhalb eines
metaphysischen Rahmens, in dem die Zeit und das Fließen der Augenblicke
von der Vergangenheit in die Zukunft wirklich sind, ist es vollkommen
natürlich, zeitasymmetrische Gesetze zu haben, die ein zeitasymmetrisches
Universum regieren. Die Wirklichkeit der Zeit gewinnt durch diese Erwägungen
folglich an Glaubwürdigkeit, weil wir so nicht dazu gezwungen sind, eine
immense Unwahrscheinlichkeit unerklärt zu lassen – nämlich die starke
Zeitasymmetrie unseres Universums. Betrachten wir das als einen weiteren
Schritt bei der Entdeckung der Zeit.

Können wir davon sprechen, dass das Universum unwahrscheinlich ist?


Mehrmals in diesem Kapitel habe ich unser Universum oder seine
Anfangsbedingungen als unwahrscheinlich bezeichnet – zum Beispiel als ich
geltend machte, wie unwahrscheinlich es ist, dass ein Universum, das von
zeitsymmetrischen Gesetzen regiert wird, einen Zeitpfeil aufweist. Aber was
bedeutet es denn zu behaupten, dass das Universum unwahrscheinlich ist? Das
Universum ist einzigartig und ereignet sich nur einmal. Es ist das einzige seiner
Art. Muss dann nicht jede seiner Eigenschaften wahrscheinlich sein?
Um diese Verwirrung ins Reine zu bringen, müssen wir wissen, was wir
meinen, wenn wir von einem System in einer unwahrscheinlichen Konfiguration
sprechen. Innerhalb des Newton’schen Paradigmas ist das durchaus sinnvoll,
weil die Beschreibung sich auf ein Subsystem des Universums bezieht, das
eines von vielen seiner Art sein kann. Aber es gilt gewiss nicht für das
Universum als Ganzes.
Man könnte versuchen, die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Eigenschaft
unseres Universums dadurch zu definieren, dass die Anfangsbedingungen zufällig
aus dem Konfigurationsraum ausgewählt wurden. Aber wir wissen, dass diese
Annahme falsch ist: Wir wissen, dass unser Universum nicht durch eine
zufällige Wahl entstand, weil es so viele Eigenschaften hat, die sich bei einer
solchen Wahl äußerst unwahrscheinlich ergeben würden.
Eine Möglichkeit, dieses Rätsel zu vermeiden, liegt in der Vorstellung, dass
es wirklich eine große Anzahl von Universen gibt. Wie wir in Kapitel 11
gesehen haben, gibt es aber zwei Arten von Multiversumstheorien: diejenigen,
nach denen unser Universum atypisch und damit unwahrscheinlich ist, wie jene,
die durch ewige Inflation erzeugt werden; und diejenigen, die von der
kosmologischen natürlichen Selektion exemplifiziert werden, die eine
Gesamtheit von Universen generiert, in der Universen wie das unsere
wahrscheinlich sind. Wie ich in Kapitel 11 erklärte, sind nur in den
letztgenannten falsifizierbare Vorhersagen für durchführbare Experimente
möglich; in der ersten Klasse muss das anthropische Prinzip benutzt werden,
um unsere Arten von unwahrscheinlichen Universen auszuwählen, und es sind
keine Vorhersagen möglich, durch die die Hypothesen, die dem Szenario
zugrunde liegen, unabhängig überprüft werden könnten. Wir müssen also zu
dem Schluss gelangen, dass die Aussage, das Universum sei sehr
unwahrscheinlich, keinen empirischen Gehalt hat, ob es nun viele Universen
oder nur eines gibt.
Aber die gesamte Wissenschaft der Thermodynamik beruht auf der
Anwendung von Wahrscheinlichkeitsbegriffen auf den Mikrozustand eines
Systems. Folglich begehen wir den kosmologischen Fehlschluss jedes Mal,
wenn wir die Thermodynamik anwenden, um eine Eigenschaft des gesamten
Universums zu erörtern. 165 Die einzige Möglichkeit, den Fehlschluss und die
Paradoxie eines unwahrscheinlichen Universums zu vermeiden, besteht darin,
unsere Erklärung, warum das Universum komplex und interessant ist, auf eine
zeitasymmetrische Physik zu gründen – eine Physik, die ein Universum wie das
unsere unvermeidlich anstatt unwahrscheinlich macht.
Nicht zum ersten Mal gelangen die Physiker zu paradoxen
Schlussfolgerungen, weil sie dem Trugschluss erliegen, die Thermodynamik auf
das Universum als Ganzes anzuwenden. Ludwig Boltzmann, der Erfinder der
statistischen Erklärung der Entropie sowie des zweiten Hauptsatzes der
Thermodynamik, scheint der Erste gewesen zu sein, der eine Antwort auf die
Frage vorgeschlagen hat, warum das Universum sich nicht im
Gleichgewichtszustand befindet. Er wusste nichts von einem expandierenden
Universum oder vom Urknall; seine Vorstellung der Kosmologie war die eines
ewigen und statischen Universums. Die Ewigkeit des Universums war für ihn
ein großes Rätsel, weil es bedeutete, dass das Universum, da es ja bereits
unendlich viel Zeit dafür gehabt hatte, bereits einen Gleichgewichtszustand
erreicht haben sollte.
Eine mögliche Erklärung dafür, dass das Universum sich nicht im
Gleichgewichtszustand befindet, sah er darin, dass unser Sonnensystem und die
Region, die es umgibt, vor relativ kurzer Zeit Schauplatz einer sehr großen
Fluktuation gewesen waren, bei der die Sonne, die Planeten und die
benachbarten Sterne sich spontan aus einem Gas im Gleichgewichtszustand
gebildet hatten. Die Entropie in unserer Region nahm nun zu, da sie ihren Weg
zum Gleichgewichtszustand zurückgefunden hatte. Das war wahrscheinlich die
Antwort, die am besten mit dem kosmologischen Bild übereinstimmte, das
Boltzmann gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte. Aber sie ist falsch. Wir
wissen das jetzt, weil wir fast bis zum Urknall zurück und entsprechend 13
Milliarden Jahre in die Vergangenheit blicken können und dabei keine Belege
dafür finden, dass unsere Region des Universums eine Fluktuation mit niedriger
Entropie in einer statischen Welt ist, die sich im Gleichgewichtszustand
befindet. Stattdessen sehen wir ein Universum, das sich in der Zeit entfaltet,
wobei sich während der Expansion des Universums Strukturen auf jeder Skala
entwickeln.
Das konnte Boltzmann zwar nicht wissen, aber es gibt ein Argument, das er
oder seine Zeitgenossen hätten benutzen können, um seine Erklärung in Zweifel
zu ziehen – es folgt aus der Beobachtung, dass eine Fluktuation umso häufiger
in einem Gleichgewichtszustand auftritt, je kleiner sie ist. Je kleiner also die
räumliche Region ist, die vom Gleichgewichtszustand abweicht, umso
wahrscheinlicher ist eine Abweichung.
Die Astronomen zur Zeit Boltzmanns wussten, dass das Universum einen
Durchmesser von mindestens Zehntausenden von Lichtjahren hatte und viele
Millionen Sterne enthielt. Wenn also unsere Raumregion das Ergebnis einer
Fluktuation war, dann muss sie extrem selten gewesen sein – viel seltener als
andere Fluktuationen, die zu uns hätten führen können. Betrachten wir eine
Fluktuation, die nur aus unserem Sonnensystem besteht. Wir wissen, dass wir
uns nicht in einer solchen befinden, weil wir sonst nachts nur Infrarotstrahlung
sehen würden, die von dem uns umgebenden Gas im Gleichgewichtszustand
ausginge. Aber Boltzmanns Annahmen zufolge sollten solche Fluktuationen viel
häufiger in einem Gleichgewichtsuniversum vorkommen, als es uns durch das
nahegelegt wird, was wir sehen – nämlich Milliarden von Sternen, von denen
jeder genauso weit vom Gleichgewichtszustand entfernt ist wie unser eigenes
Sonnensystem. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass wir uns in einer
Fluktuation von der Größe eines Sonnensystems befinden als in einer
Fluktuation von der Größe einer Galaxie. 166
Wir können noch einen Schritt weiter gehen. Der größte Teil des
Sonnensystems ist für unsere Existenz belanglos. Daher ist es sogar viel
wahrscheinlicher, dass wir auf der Erde mit einem heißen Fleck am Himmel
leben anstatt in einem Sonnensystem mit der Sonne, sieben anderen Planeten,
Kometen und allem Drum und Dran. Aber das ist erst der Anfang. Alles, was
wir wirklich wissen, ist, dass wir denkende Wesen sind, die sich in einer Welt
wahrnehmen. Um jedoch ein Gehirn mit Erinnerungen und Bildern
hervorzubringen, wäre eine viel kleinere Fluktuation erforderlich als für die
Erzeugung eines ganzen Planeten mit Lebewesen, der um einen riesigen Stern
kreist. Wir können eine Fluktuation, die genau ein Gehirn mit Erinnerungen
und Erlebnissen einer imaginären Welt hervorbringt, ein » Boltzmann-Gehirn«
nennen.
Es gibt also ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten, um unsere
unwahrscheinliche Existenz zu einer Fluktuation in Boltzmanns ewigem
Gleichgewichtsuniversum zu erklären. Wir könnten uns in einer Fluktuation
von der Größe eines Sonnensystems oder einer Galaxie befinden, eines von
Billionen von Lebewesen auf einem Planeten sein oder einfach nur die
Fluktuation von der Größe eines Gehirns mit vollständigen Bildern und
Erinnerungen. Letzteres braucht viel weniger Information – das heißt weniger
negative Entropie –, weshalb Fluktuationen einzelner Gehirne in einem ewigen
Universum viel häufiger stattfinden als Fluktuationen von der Größe eines
Sonnensystems oder einer Galaxie, die ganze Populationen von Gehirnen
enthalten.
Das wird als » Boltzmann-Gehirn-Paradoxie« bezeichnet: Es impliziert, dass
es über eine zeitliche Ewigkeit enorm viel mehr Gehirne im Universum gibt, die
durch kleine Fluktuationen gebildet werden, als Gehirne, die durch den
langsamen Prozess der Evolution entstehen und die eine Fluktuation erfordern,
die Milliarden von Jahren anhält. Da wir bewusste Wesen sind, ist es also
überwältigend wahrscheinlich, dass wir Boltzmann-Gehirne sind. Aber wir
wissen, dass wir keine solchen spontanen Gehirne sind – weil es in diesem
Falle wahrscheinlicher wäre, dass unsere Erlebnisse und Erinnerungen
inkohärent anstatt kohärent wären. Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass unser
Gehirn Bilder eines riesigen Universums mit Galaxien und Sternen um uns
herum enthalten würde. Boltzmanns Szenario erweist sich also als eine
klassische Reductio ad absurdum.
Das sollte uns nicht überraschen, denn wir haben den kosmologischen
Fehlschluss begangen und dieser hat uns zu einer paradoxen Schlussfolgerung
geführt. Die zeitlose Auffassung der Physik, die auf dem Newton’schen
Paradigma beruht, hat ihre Unfähigkeit angesichts der grundlegendsten Fragen
über das Universum bewiesen: Warum ist es interessant? Und warum ist es
tatsächlich so interessant, dass Wesen wie wir existieren können, die darüber
staunen?
Wenn wir die Wirklichkeit der Zeit annehmen, schaffen wir die Möglichkeit
für eine zeitasymmetrische Physik, in der das Universum auf natürliche Weise
Komplexität und Strukturen entwickeln kann. So vermeiden wir die Paradoxie
eines unwahrscheinlichen Universums.

154 Richard Dawkins, Climbing Mount Improbable, New York 1996 (dt.: Gipfel des
Unwahrscheinlichen, Reinbek 1999).
155 Eine Fluktuation ist eines der von Phy sikern verwendeten Wörter, die für den Laien
verwirrend sein können. Eine Fluktuation ist eine kleine zufällige Veränderung in einem
kleinen Teil eines Sy stems. Eine Fluktuation kann ein Sy stem stören, genau wie ein Tropfen
Farbe, der von einem Pinsel herabtropft, ein sorgfältig gemaltes Porträt ruiniert. Aber eine
Fluktuation kann auch spontan zu einem höheren Grad an Organisation führen, genau wie eine
Mutation, die aus einer zufälligen Veränderung eines DNS-Moleküls entsteht, ein tüchtigeres
Lebewesen hervorbringt.
156 Es ist hier von Interesse, festzuhalten, dass organische (oder präbiotische) Moleküle nicht nur
auf der Erde, sondern auch in Meteoriten, Kometen und interstellaren Staub- und Gaswolken
gefunden wurden.
157 Da der Logarithmus von 1 null ist. Aus technischen Gründen betrachten wir die Entropie
üblicherweise als Logarithmus der Anzahl äquivalenter Mikrozustände.
158 » Über die von der molekularkinetischen Theorie der Wärme geforderte Bewegung von in
ruhenden Flüssigkeiten suspendierten Teilchen« , Ann. der Phys. 17 : 8, S. 549–560 (1905).
159 Martin J. Klein, Paul Ehrenfest: The Making of a Theoretical Physicist, New York 1970.
160 Siehe z. B. Time’s Arrow von Martin Amis (dt.: Pfeil der Zeit, Reinbek 1995) oder The Curious
Case of Benjamin Button, ein Film, der auf der Kurzgeschichte von F. Scott Fitzgerald beruht.
161 Ich danke Steven Weinstein von der University of Waterloo für die Gespräche, in denen er
mich von der Wichtigkeit des elektromagnetischen Zeitpfeils überzeugte. Sein Aufsatz von
2011 » Electromagnetism and Time-Asy mmetry « , arXiv:1004.1346v2, hatte einen starken
Einfluss auf den folgenden Abschnitt.
162 Roger Penrose, » Singularities and Time-Asy mmetry « , in: S. W. Hawking & W. Israel
(Hg.), General Relativity: An Einstein Centenary Survey, Cambridge 1979, S. 581–638.
163 Viele Phy siker und Philosophen haben sich die Frage gestellt, ob es wirklich mehrere
verschiedene Zeitpfeile gibt. Könnten nicht einer oder mehr Pfeile durch die anderen erklärt
werden? Der kosmologische Zeitpfeil ist wahrscheinlich nicht mit den anderen verbunden.
Man kann sich leicht ein expandierendes Universum vorstellen, das sich so schnell
ausdehnt, dass keine an die Gravitation gebundenen Strukturen Zeit hätten, sich zu bilden. Ein
solches Universum würde auf ewig im Gleichgewichtszustand bleiben und hätte daher keinen
thermody namischen Zeitpfeil. Die Tatsache, dass sich das Universum ausdehnt, ist also nicht
an sich hinreichend, um den thermody namischen Zeitpfeil zu erklären.
Man kann sich auch ein Universum vorstellen, das sich bis zu seiner maximalen Größe
ausdehnt und dann zusammenfällt. Soweit wir wissen, ist das nicht das Universum, in dem wir
leben, aber es gibt Lösungen für die Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie, die sich
so verhalten. Das wäre eine Welt, in der sich der kosmologische Zeitpfeil nach der Hälfte
umkehren würde. Würde sich der thermody namische Zeitpfeil ebenfalls umkehren, sodass
verschüttete Milch sich plötzlich selbst entfernen und Humpty Dumpty wieder ganz würde?
Science-Fiction-Schriftsteller stellen sich so etwas zwar gern vor, aber es ist enorm
unplausibel.
Allerdings könnte der biologische Zeitpfeil durchaus eine Folge des thermody namischen
Zeitpfeils sein. Wir altern, so wird behauptet, weil sich in unseren Zellen Unordnung
ansammelt. Der thermody namische Zeitpfeil wird auch zur Erklärung von zumindest einem
Teil des Erlebnis-Zeitpfeils bemüht. Wir erinnern uns an die Vergangenheit und nicht an die
Zukunft, weil das Gedächtnis eine Form der Organisation ist und Organisation in der Zukunft
abnimmt – zumindest wird das häufig behauptet.
Kann schließlich der thermody namische Zeitpfeil auf die Wahl der Anfangsbedingungen
zurückgeführt werden? Das wurde von Penrose vorgeschlagen, der argumentierte, dass seine
Wey lkrümmungshy pothese den thermody namischen Zeitpfeil erklären könnte, weil ein
Universum, das anfänglich keine schwarzen Löcher enthält, viel weniger Entropie aufweist
als in einem Fall, in dem es auf unsy stematische Weise mit schwarzen und weißen Löchern
angefüllt wäre. Penrose beruft sich hier auf die Idee, dass schwarze Löcher eine Entropie
besitzen, eine verblüffende Tatsache, die 1972 von Jacob Bekenstein entdeckt und von
Stephen Hawking bald darauf weiterentwickelt wurde. Schwarze Löcher weisen große
Mengen von Entropie auf, da das Irreversibelste, was man tun kann, darin besteht, etwas in
ein schwarzes Loch zu schicken. Wenn man die gewaltige Entropiemenge in Betracht zieht,
die in allen schwarzen Löchern existieren könnte, mit denen das Universum hätte beginnen
können (was aber nicht der Fall war), dann begann das wirkliche Universum, das ursprünglich
keine schwarzen Löcher enthielt, in einem Zustand von nahezu minimaler Entropie.
Der Vorschlag von Penrose ist so lange erfolgreich, wie wir an der Bedingung festhalten,
dass das Universum sich langsam und gleichförmig genug ausdehnt, damit an die Gravitation
gebundene Strukturen entstehen können. Aus dieser Perspektive ist ein komplexes Universum
äußerst unwahrscheinlich, da die meisten Anfangsbedingungen zu einem Universum führen
würden, das im Gleichgewichtszustand beginnen und dort bleiben würde. Es wäre mit Licht
und Gravitationswellen angefüllt, die von Beginn an vorhanden wären, und würde keine
Bilder der Vergangenheit oder der Zukunft enthalten. Schwarze Löcher und weiße Löcher
würden von Beginn an dominieren. Innerhalb einer Welt, die von zeitsy mmetrischen
Gesetzen beherrscht wird, beruht die Erklärung dafür, warum wir in einem komplexen
Universum leben, weitgehend auf der extrem unwahrscheinlichen Wahl der
zeitasy mmetrischen Anfangsbedingungen.
164 Das fundamentale zeitasy mmetrische Gesetz würde zu zeitsy mmetrischen Gesetzen geführt
haben, wenn es von einer effektiven Theorie bei niedriger Energie und fern von Gebieten mit
starker Raumzeitkrümmung approximiert wird. Die Zeitasy mmetrie würde im frühen
Universum sehr ausgeprägt sein, was die Notwendigkeit äußerst zeitasy mmetrischer
kosmologischer Anfangsbedingungen erklären würde.
165 Man beachte, dass wir über Eigenschaften des ganzen Universums sprechen, die keine
Eigenschaften von kleinen Subsy stemen desselben sind. Wir können kleinen Subsy stemen
oder Gebieten des Universums immer Wahrscheinlichkeiten zuordnen, aber diese schöpfen
nicht alles aus, was wir über das Universum wissen wollen.
166 Natürlich geschieht jede beliebig große Fluktuation unendlich oft, wenn man unendlich viel
Zeit annimmt. Dadurch wird es etwas heikel, zu sagen, dass seltenere Fluktuationen weniger
häufig vorkommen, weil das Verhältnis zweier unendlicher Zahlen nicht definiert ist.
17 Die Wiedergeburt der Zeit aus Wärme und Licht

Im letzten Kapitel haben wir eines der größten kosmologischen Rätsel überhaupt
beschrieben: warum das Universum interessant ist und immer interessanter zu
werden scheint, je weiter die Zeit fortschreitet. Wir haben gesehen, dass
Versuche, diese Tatsache auf der Grundlage des zeitlosen Bildes in den Griff zu
bekommen, das vom Newton’schen Paradigma impliziert wird, zu zwei
Paradoxien führen: zur Behauptung, dass das einzigartige Universum
unwahrscheinlich ist, und zur Boltzmann-Gehirn-Paradoxie. In diesem Kapitel
möchte ich erläutern, wie die Prinzipien einer neuen kosmologischen Theorie,
die ich in Kapitel 10 formuliert habe, zu einem Verständnis dessen führen
können, warum das Universum interessant ist, ohne auf die Paradoxien zu
stoßen, denen wir im letzten Kapitel begegneten.
Wir werden mit einer einfachen Frage beginnen: Kann das Universum zwei
identische Zeitpunkte enthalten?
Die Tatsache, dass es einen Zeitpfeil gibt, bedeutet, dass jeder Moment
einzigartig ist. Zumindest bisher ist das Universum zu verschiedenen
Zeitpunkten verschieden; diese Unterschiede zeigen sich etwa in den
Eigenschaften von Galaxien oder im relativen Überfluss der Elemente. Die Frage
ist, ob die Abfolge von Zeitpunkten zufällig ist oder ein tieferes Prinzip
widerspiegelt. Theorien zufolge, die sich innerhalb des Newton’schen
Paradigmas befinden, erscheint die Existenz eines Zeitpfeils als zufällig. In
einem ewigen Universum, das sich im Gleichgewichtszustand befindet, erwarten
wir, dass es viele Paare identischer oder sehr ähnlicher Zeitpunkte gibt.
Es gibt jedoch ein tieferes Prinzip, das garantiert, dass keine zwei Zeitpunkte
identisch sein können. Das ist das Leibniz’sche Prinzip der » Identität des
Ununterscheidbaren« , von dem ich in Kapitel 10 sagte, dass es eine Konsequenz
seines Prinzips des zureichenden Grundes ist. Das Prinzip besagt, dass es keine
zwei Gegenstände im Universum geben kann, die ununterscheidbar, aber
verschieden sind. Das ist einfach nur gesunder Menschenverstand. Wenn
Gegenstände nur anhand ihrer beobachtbaren Eigenschaften unterschieden
werden, kann es nicht zwei unterscheidbare Gegenstände mit genau denselben
Eigenschaften geben.
Leibniz’ Prinzip folgt aus der grundlegenden Vorstellung, dass physikalische
Eigenschaften von Körpern relational sind. Wie steht es mit zwei Elektronen,
von denen sich eines in einem Atom einer Bettdecke und das andere auf dem
Gipfel eines Berges auf der dunklen Seite des Mondes befindet? Das sind keine
identischen Teilchen, weil ihr Ort zu ihren Eigenschaften gehört. Von einem
relationalen Standpunkt aus gesehen können wir sagen, dass sie unterscheidbar
sind, weil sie unterscheidbare Umgebungen haben. 167
Es gibt keinen absoluten Raum, und daher gibt es keine Möglichkeit, zu
fragen, was an einem bestimmten Punkt geschieht, ohne dass man Anweisungen
zum Erkennen dieses Punktes gibt. Wir können also einen Gegenstand nicht an
einem bestimmten Punkt lokalisieren, wenn wir keine Möglichkeit haben,
diesen Ort irgendwie zu spezifizieren. Um herauszufinden, wo man sich befindet,
besteht unter anderem die Möglichkeit, dass man festhält, was an der Aussicht
dort einzigartig ist. Nehmen wir an, jemand behauptet, dass zwei Gegenstände
im Raum genau dieselben Eigenschaften und genau dieselben Umgebungen
haben. Das bedeutet, dass man dieselbe Anordnung von allem anderen im Raum
feststellen würde, gleichgültig wie weit von den beiden Gegenständen entfernt
man Erkundigungen anstellte. Wenn diese bizarre Situation tatsächlich der Fall
wäre, gäbe es keine Möglichkeit, einem Beobachter zu sagen, wie er einen
Gegenstand von einem anderen unterscheiden soll.
Wir sehen also, dass man etwas Unmögliches verlangt, wenn man von der
Welt fordert, zwei identische Gegenstände zu enthalten. Es bedeutet, dass es
zwei identische Orte im Universum geben muss – Orte, von denen die Ansicht
des Universums genau gleich ist. Das Universum als Ganzes wird dann durch
die scheinbar simple Forderung, dass es keine zwei identischen Gegenstände
enthalten soll, stark geformt. 168
Dasselbe Argument gilt auch für Ereignisse in der Raumzeit. Das Prinzip der
Identität des Ununterscheidbaren erfordert, dass es keine zwei Ereignisse in der
Raumzeit geben kann, die genau dieselben beobachtbaren Eigenschaften haben.
Es kann auch keine zwei identischen Zeitpunkte geben.
Wenn wir in den Nachthimmel hinausblicken, sehen wir das Universum aus
der Perspektive eines bestimmten Ortes zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese
Ansicht umfasst alle Photonen, die uns aus nah und fern erreichen. Wenn die
Physik relational ist, machen diese Photonen die intrinsische Wirklichkeit
dieses besonderen Ereignisses aus – das heißt, dass Sie an diesem besonderen
Ort und zu dieser besonderen Zeit zum Nachthimmel emporblicken. Das Prinzip
der Identität des Ununterscheidbaren besagt dann, dass die Ansicht des
Universums, die ein Beobachter von jedem Ereignis in der Geschichte des
Universums aus haben könnte, einzigartig ist. Stellen Sie sich vor, dass
Außerirdische Sie entführt hätten, während Sie schliefen, und Sie auf eine Reise
in ihrer Zeitmaschine mitnähmen. Wenn Sie aufwachten und sich in einer
entfernten Galaxie weit weg von zu Hause befänden, könnten Sie im Prinzip
genau sagen, an welcher Stelle im Universum Sie sich befinden, indem Sie eine
Karte von dem anfertigten, was Sie sehen, wenn Sie sich umschauen. Außerdem
könnten Sie den genauen Zeitpunkt angeben, zu dem Sie an diese Stelle des
Universums transportiert wurden.
Daraus folgt, dass unser Universum keine genauen Symmetrien aufweisen
kann. Tatsächlich ist das auch nicht der Fall, wie wir in Kapitel 10 dargelegt
haben. Während Symmetrien für die Analyse von Modellen kleiner Ausschnitte
des Universums nützlich sind, erwiesen sich alle Symmetrien, die bisher von
Physikern postuliert wurden, als angenähert oder gebrochen.
Dem Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren zufolge ist unser
Universum so, dass jeder Zeitpunkt und jeder Ort zu jedem Zeitpunkt sich von
jedem anderen eindeutig unterscheiden lässt. Kein Zeitpunkt wiederholt sich
jemals. Wenn man genau genug hinschaut, ist jedes Ereignis im Universum
einzigartig. In einem solchen Universum sind die Bedingungen, die nötig sind,
um dem Newton’schen Paradigma einen Sinn abzugewinnen, niemals
vollständig verwirklicht. Wie gesagt erfordert diese Methode, dass wir
Experimente viele Male wiederholen können, um ihre Replizierbarkeit zu
überprüfen sowie die Wirkung eines allgemeinen Gesetzes von Effekten zu
unterscheiden, die auf die Änderung der Anfangsbedingungen zurückgehen. Das
kann zwar näherungsweise erreicht werden, aber nie ganz exakt, weil es umso
deutlicher wird, dass kein Ereignis oder Experiment je eine genaue Kopie eines
anderen sein kann, je mehr Einzelheiten wir festhalten.
Es wird nützlich sein, einen Namen zur Bezeichnung von hypothetischen
Universen zu haben, in denen jeder Zeitpunkt und jedes einzelne Ereignis
einzigartig sind. Wir werden ein solches Universum, das das Prinzip der
Identität des Ununterscheidbaren erfüllt, ein » Leibniz-Universum« nennen.
Ein solches Universum steht in krassem Gegensatz zu jenem, das Boltzmann
sich vorstellte. In dieser Sicht der Kosmologie wird der größte Teil der
Geschichte des Universums von Zeitspannen des thermischen Gleichgewichts
dominiert, in denen die Entropie maximal ist und es keine Struktur oder
Organisation gibt. Diese langen todesähnlichen Zeitspannen werden
unterbrochen von relativ kurzen Perioden, in denen Struktur und Organisation
aufgrund statistischer Fluktuationen entstehen – die sich dann wieder aufgrund
der Tendenz zur Entropiezunahme auflösen. Wir können eine solche Welt ein
» Boltzmann-Universum« nennen.
Die Frage, von der die Zukunft abhängt, lautet: Leben wir in einem
Boltzmann-Universum oder in einem Leibniz-Universum? In einem Leibniz-
Universum ist die Zeit in dem Sinne wirklich, dass kein Zeitpunkt irgendeinem
anderen gleicht. In einem Boltzmann-Universum gibt es viele Zeitpunkte, die
wiederkehren – wenn nicht haargenau, so doch bis zu jedem beliebigen
Präzisionsgrad, den man sich vorstellen kann. In einem angenäherten Sinne sind
die meisten Zeitpunkte eines Boltzmann-Universums wie die anderen, weil alle
Zeitpunkte, die sich im Gleichgewichtszustand befinden, in etwa dieselben sind.
Die Massengrößen wie Temperatur und Dichte, die Mittelwerte messen, sind
gleichförmig. Es stimmt zwar, dass die Atome um diese Mittelwerte herum
fluktuieren, aber fast nie so stark, dass dabei auf der makroskopischen Ebene
Struktur und Organisation entstehen. Wenn man in einem Boltzmann-
Universum lange genug wartet, wird das Universum sich so weit, wie man nur
will, der Wiederholung jeder beliebigen Konfiguration nähern. Im Mittel werden
diese Beinahe-Wiederholungen durch die Poincaré’sche Rekurrenzzeit
voneinander getrennt. Aber wenn die Zeit ewig ist, dann wird sich jeder
Moment unendlich oft wiederholen.
Ein Leibniz-Universum ist das genaue Gegenteil: Per definitionem kehrt in
einem Leibniz-Universum kein Zeitpunkt je wieder. Ein Universum kann nicht
zugleich ein Boltzmann’sches und ein Leibniz’sches sein. Welches ist also
unseres?
Wenn die Zeit wirklich ist, sollte es unmöglich sein, dass es zwei
verschiedene, aber identische Zeitpunkte gibt. Die Zeit ist nur in einem Leibniz-
Universum ganz wirklich. Ein Leibniz-Universum wird voller Komplexität sein,
die ein reichhaltiges Spektrum einzigartiger Muster und Strukturen erzeugt. Und
es wird sich ständig ändern, um sicherzustellen, dass jeder Zeitpunkt von jedem
anderen durch Strukturen und Muster unterschieden werden kann, der zu diesem
Zeitpunkt gegenwärtig ist. Wie es bei unserem Universum tatsächlich der Fall
ist.

Es ist gut zu wissen, dass unser Universum ein großes Prinzip zu erfüllen
scheint, wie zum Beispiel das Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren, aber
dadurch werden nicht alle Rätsel gelöst. Denn nicht Prinzipien wirken auf die
Materie ein, sondern Gesetze. Wir müssen also wissen, wie das Prinzip durch
die Gesetze hindurch wirkt, damit seine Erfüllung garantiert wird. In einem
gewissen Maße kennen wir die Antwort darauf. Sie hat mit der verdrehten
Beziehung der Gravitation zur Thermodynamik zu tun.
Ein Bestandteil unseres gegenwärtigen Leibniz-Universums befindet sich
nahezu im thermischen Gleichgewicht – es ist die kosmische Mikrowellen-
Hintergrundstrahlung. Aber wie wir wissen, ist diese ein Relikt aus dem frühen
Universum, das etwa 400000 Jahre nach dem Urknall auftrat. Gewiss herrscht
der Gleichgewichtszustand in den unermesslichen Regionen des interstellaren
und intergalaktischen Raums. Ein Großteil des Universums ist jedoch weit vom
Gleichgewicht entfernt. Die häufigsten Gegenstände unseres Universums sind
Sterne, und diese bilden keinen Gleichgewichtszustand mit ihrer Umgebung.
Ein Stern befindet sich immer in einem dynamischen Gleichgewicht zwischen
der Energie, die in seinem Zentrum durch Kernreaktionen gebildet wird, welche
ihn zur Explosion bringen würden, und der Gravitation, die ihn zusammenfallen
ließe. Erst wenn sein Kernbrennstoff zur Neige geht und er zu einem weißen
Zwerg, einem Neutronenstern oder schwarzen Loch wird, erreicht er das, was
Boltzmann einen Gleichgewichtszustand nennen würde (außer in dem Fall, in
dem er als schwarzes Loch zum Motor eines Systems werden kann, das Materie
anhäuft und sie dann nach außen beschleunigt). Solche Systeme befinden sich
nicht im Gleichgewichtszustand, sondern in einem dynamischen
Fließgleichgewicht.
Ein Stern kann als System charakterisiert werden, das durch einen ständigen
Energiefluss fern vom Gleichgewichtszustand angetrieben wird. Die Energie
stammt sowohl aus der Kernenergie als auch aus der potenziellen Energie der
Gravitation, die innerhalb eines bestimmten Frequenzspektrums langsam in
Sternenlicht umgewandelt wird. Das Sternenlicht beleuchtet dann die Oberfläche
von Planeten wie unserem eigenen und treibt sie ihrerseits in Zustände, die sich
fernab des Gleichgewichts befinden.
Das ist ein Beispiel für ein allgemeines Prinzip169: Energieflüsse, die durch
offene Systeme hindurchgehen, neigen dazu, sie zu Zuständen höherer
Organisation anzutreiben. (Wir erinnern uns, dass » offene Systeme« alle
begrenzten Systeme sind, die mit ihrer Umgebung Energie austauschen können.)
Wir können dies das Prinzip der angetriebenen Selbstorganisation nennen.
Wenn das Prinzip des zureichenden Grundes das höchste Erklärungsprinzip in
der Natur ist und die Identität des Ununterscheidbaren ihr Prinz, dann ist das
Prinzip der angetriebenen Selbstorganisation der gute Engel, der in unzähligen
Sternen und Galaxien die Detailarbeit verrichtet, um ein facettenreiches,
komplexes Universum zu gewährleisten.
Füllen Sie einen Topf mit Wasser und stellen Sie ihn auf den Herd. Das
System (der Topf und das Wasser darin) ist offen, weil auf der Unterseite des
Topfes langsam Energie zugeführt wird, die das Wasser erwärmt, bevor sie
durch die Oberfläche und in die Luft hinausströmt. Um die Sache zu
vereinfachen, setzen wir einen Deckel auf den Topf, damit das Wasser am
Entweichen gehindert wird, wenn es sich in Dampf verwandelt. Nach einer
Weile erreicht das Wasser einen Zustand des Fließgleichgewichts, in dem weder
seine Temperatur noch seine Dichte gleichförmig ist. Die Temperatur des
Wassers ist am Boden am höchsten und nimmt zur Oberfläche hin ab; die
Dichte verhält sich umgekehrt. Die Energie, die durch das Wasser
hindurchströmt, hat es aus dem Gleichgewichtszustand verdrängt. Schon bald
baut sich eine Struktur auf: Konvektionszyklen, in denen sich das Wasser
geordnet in Säulen bewegt. Die Zyklen werden von der Wärmezufuhr vom
Boden her angetrieben. Das Wasser ist erwärmt, dehnt sich aus und bewegt sich
dann als eine aufsteigende Säule nach oben. An der Oberfläche gibt es einen Teil
seiner Wärme ab, wird dichter als seine Umgebung und sinkt nach unten, wobei
es eine Säule aus fallendem Wasser bildet. Da das Wasser nicht im selben
Raum steigen und fallen kann, entsteht eine Struktur, weil sich die steigenden
und fallenden Säulen voneinander trennen.
Der konstante Energiefluss durch ein System kann zu komplexen Mustern
und Strukturen führen, die Belege dafür sind, dass diese Systeme weit vom
thermodynamischen Gleichgewicht entfernt sind – ein anderes Beispiel sind die
vom Wind erzeugten Wellen auf Sanddünen. Am anderen Ende des Spektrums
der Komplexität steht das Leben. Beides, und noch vieles dazwischen, ist das
Ergebnis des konstanten Energieflusses durch ein System. Das bedeutet unter
anderem, dass komplexe selbstorganisierte Systeme nie isoliert sind.
Diese Flüsse bringen Systeme mit ausgeprägtem Leibniz’schen Charakter
hervor. Lebewesen haben zwar die Tendenz, in vielen Exemplaren
vorzukommen, aber jedes ist von den anderen unterscheidbar. Und je weiter man
auf der Komplexitätsleiter emporsteigt, umso unterscheidbarer sind die
Individuen voneinander.
In dieser Richtung gibt es eine Menge schöner wissenschaftlicher
Erkenntnisse. Der entscheidende Punkt ist, wie im vorangehenden Kapitel
dargelegt wurde, dass man den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nur auf
ein isoliertes System anwenden kann, das in einem Behälter eingeschlossen ist,
welcher Materie und Energie am Austausch mit der Außenwelt hindert. Kein
lebendes System ist ein isoliertes System. Wir surfen alle auf Flüssen von
Materie und Energie – Flüsse, die letztlich von der Sonnenenergie angetrieben
werden. Sobald wir in einen Behälter eingeschlossen werden (als Präfiguration
unserer letztendlichen Beerdigung), sterben wir.
Aristoteles hatte also recht, als er erkannte, dass das irdische Reich durch den
Durchfluss von Energie vom Gleichgewicht ferngehalten wird. Die ungenügende
Beachtung dieser Idee hat manche Wissenschaftler und Philosophen einen
Konflikt zwischen dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und der Tatsache
erkennen lassen, dass die natürliche Selektion immer unwahrscheinlichere
Strukturen erzeugt. Hier gibt es keinen Widerspruch, da das Gesetz der
Entropiezunahme nicht für die Biosphäre gilt, die kein isoliertes System ist.
Tatsächlich ist die natürliche Selektion ein Mechanismus der
Selbstorganisation, die sich als Folge der Tendenz extern angetriebener
Systeme, sich selbst zu organisieren, spontan einstellen kann.
Innerhalb des Kontextes selbstorganisierter Systeme können wir besser
verstehen, welche Eigenschaften ein System zu einem komplexen machen. Hoch
komplexe Systeme können nicht im Gleichgewichtszustand sein, weil Ordnung
nicht zufällig ist, weshalb eine hohe Entropie und eine hohe Komplexität nicht
koexistieren können. Wenn man ein System als komplex beschreibt, bedeutet
das nicht nur, dass es eine geringe Entropie hat. Eine Reihe von Atomen, die
auf einer Geraden angeordnet sind, hat zwar eine niedrige Entropie, ist aber
kaum komplex. Eine bessere Charakterisierung von Komplexität, die von Julian
Barbour und mir entwickelt wurde, ist das, was wir Vielfalt (variety) nennen:
Ein System besitzt eine hohe Vielfalt, wenn jedes Paar seiner Subsysteme
voneinander dadurch unterschieden werden kann, dass man minimale
Informationen darüber angibt, wie sie miteinander oder mit dem Ganzen
verbunden sind. 170 Eine Stadt besitzt eine große Vielfalt, weil man durch
bloßes Umsehen leicht feststellen kann, an welcher Ecke man sich befindet.
Solche Bedingungen entstehen in der Natur in Systemen, die sich weit entfernt
vom Gleichgewichtszustand befinden, als Ergebnis von
Selbstorganisationsprozessen.
Ein allgegenwärtiges Merkmal solcher selbstorganisierten Systeme ist, dass
sie durch Rückkoppelungsmechanismen stabilisiert werden. Jedes Lebewesen ist
ein kompliziertes Netzwerk aus Rückkoppelungsprozessen, die Durchflüsse von
Energie und Material regulieren, kanalisieren und stabilisieren. Die
Rückkoppelung kann positiv sein, was bedeutet, dass sie die Produktion von
etwas Bestimmtem beschleunigt (wie das Kreischen eines Mikrofons, wenn es
zu nahe an einen Sprecher gerät). Die negative Rückkoppelung wirkt dämpfend
auf ein Signal, wie bei dem Thermostat, der Ihre Heizung einschaltet, wenn es
im Haus zu kalt ist, und der sie abschaltet, wenn es zu warm ist.
Räumliche und zeitliche Muster bilden sich, wenn verschiedene
Rückkoppelungsmechanismen miteinander um die Steuerung eines Systems
konkurrieren. Wenn ein positiver Rückkoppelungsmechanismus mit einem
negativen Rückkoppelungsmechanismus konkurriert, sie sich aber auf
verschiedenen Skalen auswirken, dann erhält man möglicherweise räumliche
Muster. Dieses grundlegende Prinzip biologischer Selbstorganisation, das von
Alan Turing entdeckt wurde, 171 ist in den frühen Stadien des Lebens am Werk,
um diejenigen Muster in einem Embryo hervorzubringen, die die Teile des
Körpers bestimmen, zu dem er werden wird. Später kann es sich noch einmal
auswirken, um beispielsweise Muster im Fell einer Katze oder auf den Flügeln
eines Schmetterlings hervorzubringen.
Was sehen wir, wenn wir über die Skala von Sternen und Sonnensystemen
hinausblicken? Sterne sind in Galaxien angeordnet, weil das der Ort ist, wo sie
entstehen. Die Galaxien selbst sind weit entfernt vom thermodynamischen
Gleichgewichtszustand. Unsere eigene Milchstraße ist eine typische
Spiralgalaxie. Sie enthält nicht nur Sterne, sondern auch riesige interstellare
Gas- und Staubwolken, aus denen sich Sterne bilden. Das Gas häuft sich
langsam von außen auf der Galaxiescheibe an; dabei handelt es sich um einen
der Antriebsmechanismen für Veränderungen in einer Galaxie. Der Staub wird
von Sternen produziert und in die galaktische Scheibe eingespritzt, wenn Sterne
am Ende ihres Lebens als Supernovae explodieren. Gas und Staub existieren in
verschiedenen Phasen; ein Teil ist sehr heiß und ein Teil ist in sehr kalten
Wolken kondensiert. Die Prozesse der Selbstorganisation in einer Galaxie
werden vom Sternenlicht angetrieben – von Energieflüssen, die von den Sternen
ausgehen. Von Zeit zu Zeit explodiert ein massiver Stern in einer Supernova
und dadurch strömt ebenfalls viel Energie und Materie in die Galaxie. Oberhalb
der Skala von Galaxien sehen wir ebenfalls Strukturen, in Clustern und
Scheiben angeordnet, welche durch Leerräume voneinander getrennt sind. Man
glaubt, dass diese Muster durch dunkle Materie gebildet wurden und durch ihre
Wechselwirkungen zusammengehalten werden.
Unser gegenwärtiges Universum zeichnet sich also durch Struktur und
Komplexität auf einem breiten Spektrum von Skalen aus, von der Anordnung
der Moleküle in lebenden Zellen bis zur Anordnung von Galaxien in Clustern.
Es gibt eine Hierarchie selbstorganisierender Systeme, die von Energieflüssen
angetrieben und von Rückkoppelungsprozessen stabilisiert und geformt werden.
Dieses Universum hat einen viel stärkeren Leibniz’schen als Boltzmann’schen
Charakter.
Was sehen wir, wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken? Wir sehen ein
Universum, das sich von einem weniger strukturierten Zustand zu einem mehr
strukturierten entwickelt, vom Gleichgewicht zur Komplexität.
Es gibt gute Gründe für die Überzeugung, dass das frühe Universum sich
nahezu in einem thermischen Gleichgewichtszustand befand. Materie und
Strahlung waren heiß und wiesen eine bemerkenswert gleichförmige Temperatur
auf, die zunimmt, wenn wir uns in der Zeit weiter zurückbewegen. Vor der
Epoche der Entkopplung (der Trennung von Photonen und Materie 400000
Jahre nach dem Urknall) befand sich die Materie mit der Strahlung im
Gleichgewicht – ein Gleichgewicht, das, soweit wir wissen, nur durch zufällige
Dichtefluktuationen gestört wurde. Sämtliche Struktur und Komplexität, die wir
heute sehen, hat sich nach der Entkopplung von Materie und Strahlung gebildet.
Die anfänglichen Strukturen wurden von kleinen zufälligen Dichtefluktuationen
gesät, und diese Strukturen wuchsen, als das Universum sich ausdehnte. Es
bildeten sich Galaxien, dann Sterne und dann das Leben.
Das ist gewiss kein Bild, das eine naive Anwendung des zweiten Hauptsatzes
der Thermodynamik nahelegen würde. Der zweite Hauptsatz besagt, dass die
Chaotizität isolierter Systeme mit der Zeit zunimmt, sie ungeordneter und
weniger komplex und strukturiert werden. Das ist genau das Gegenteil von dem,
was wir in der Geschichte unseres Universums sehen, in dem die Komplexität
zunimmt, da sich Strukturen auf einem breiten Spektrum von Skalen bilden,
wobei die kompliziertesten Strukturen sich erst in der jüngsten Zeit gebildet
haben.
Sich entwickelnde Komplexität bedeutet Zeit. Nie gab es ein statisches
komplexes System. Die große Lektion besteht darin, dass unser Universum eine
Geschichte hat, und es ist eine Geschichte von mit der Zeit zunehmender
Komplexität. Das Universum ist nicht nur kein Boltzmann’sches, sondern es
wird mit fortschreitender Zeit einem Boltzmann-Universum auch immer
unähnlicher.
Dadurch wird der zweite Hauptsatz der Thermodynamik nicht aufgehoben.
Der zweite Hauptsatz bezieht sich auf isolierte Systeme, und diese erreichen mit
der Zeit einen Gleichgewichtszustand. Darüber hinaus ist die Bildung von
Komplexität auch wirklich kompatibel mit einer Zunahme der Entropie, solange
die Entropiezunahme und die wachsende Komplexität an verschiedenen Orten
vorkommen. Die Biosphäre der Erde hat sich seit dem Ursprung des Lebens auf
unserem Planeten fast 4 Milliarden Jahre lang selbst organisiert. Diese
zunehmende Organisation wird durch den Energiefluss von der Sonne
angetrieben, der in Form von Photonen des größtenteils sichtbaren Lichts
ankommt, welches bei der Photosynthese von Pflanzen aufgenommen wird. Bei
der Photosynthese wird die Photonenenergie in chemischen Verbindungen
aufgenommen. In dieser Form kann die Energie chemische Reaktionen
katalysieren, die beispielsweise ein Proteinmolekül bilden können. Die Energie
strömt letztlich durch die Biosphäre hindurch, entweicht als Wärme und wird
schließlich als Infrarot-Photonen in den Himmel und darüber hinaus abgestrahlt.
Die nächste Station eines Photons könnte dann darin bestehen, ein
Staubkörnchen in der Umlaufbahn um die Sonne aufzuheizen.
Ein einziges Energiequantum könnte die Bildung eines komplexen Moleküls
katalysiert und damit die Entropie der Biosphäre verringert haben, aber wenn es
als Infrarot-Licht in den Raum abgestrahlt wird, erhöht das die Entropie des
Sonnensystems als Ganzes. Solange die Entropiezunahme, die durch die
Erwärmung eines Staubkorns irgendwo im Raum verursacht wird, größer ist als
die Entropieabnahme, die durch die Bildung einer Molekülbindung entsteht,
stimmt das langfristige Ergebnis mit dem zweiten Hauptsatz überein.
Wenn wir also das Sonnensystem als isoliertes System betrachten, ist die
Tatsache, dass Teile davon einen Prozess der Selbstorganisation durchlaufen,
mit einer insgesamt zunehmenden Entropie kompatibel. Das System als Ganzes
versucht, einen Gleichgewichtszustand zu erreichen, und wird seine Entropie
steigern, wo es nur kann. Der zweite Hauptsatz gibt sich zwar die größte Mühe,
das Sonnensystem in einen Gleichgewichtszustand zu treiben, aber solange es
einen großen Stern gibt, der heiße Photonen in den kalten Raum abstrahlt, wird
dieser Gleichgewichtszustand aufgeschoben. Solange er aufgeschoben ist, können
Moleküle auf dem Energiefluss zu immer größeren Zuständen von
Organisiertheit und Komplexität surfen. Und Sterne brennen Milliarden Jahre
lang, weshalb viel Zeit zur Verfügung steht, in der sich die Komplexität steigern
kann. Die Existenz von Sternen spielt eine große Rolle dabei, dass das
Universum fast 14 Milliarden Jahre nach seiner Bildung weit vom
Gleichgewichtszustand entfernt ist.

Aber warum gibt es Sterne? Wenn das Universum eine Tendenz zu Entropie
und Unordnung haben muss, wie kommt es dann, dass Sterne, die das
Universum vom Gleichgewichtszustand wegtreiben, allgegenwärtig sind? Um
diese Frage anders zu formulieren: Wenn das Universum einen Leibniz’schen
Charakter haben soll, muss es so etwas wie Sterne geben. Welche Eigenschaften
der Naturgesetze garantieren deren Existenz?
Die Physik von Sternen beruht auf zwei ungewöhnlichen Eigenschaften der
Naturgesetze. Die erste ist eine unglaubliche Feineinstellung der Parameter, die
die Physik beherrschen. Diese Feineinstellungen umfassen die Massen von
Elementarteilchen und die Stärken der vier Kräfte. Sie ermöglichen eine
Kernfusion, sodass das Wasserstoffgas, aus dem ein Stern besteht, sich nicht so
verhält, wie es sich beim Fehlen der Kernkräfte verhalten würde. Anstatt sich
einfach nur chaotisch zu bewegen, können die Wasserstoffatome, die im Zentrum
eines Sterns zusammengedrängt sind, auf neue Weise miteinander
wechselwirken. Sie verschmelzen, um Helium und ein paar andere leichte
Elemente zu bilden. Es ist so, als ob Sie in einer Zelle gefangen wären und sich
Tag für Tag in demselben langweiligen Gleichgewichtszustand befänden. Eine
Stunde ist wie die andere. Plötzlich öffnet sich eine Tür, wo zuvor keine war,
und Sie entkommen in eine ganz neue Welt. Die Gesetze der Thermodynamik,
angewandt auf gewöhnliche Atome, würden nie eine Kernfusion und die
Möglichkeiten vorhersagen, die mit ihr verbunden sind.
Die zweite ungewöhnliche Eigenschaft hat mit dem Verhalten von Systemen
zu tun, die von der Schwerkraft zusammengehalten werden. Ganz einfach
ausgedrückt, untergräbt die Gravitation die Thermodynamik.
Eine alltägliche Beobachtung, die ebenfalls eine Konsequenz des zweiten
Hauptsatzes der Thermodynamik ist, besteht darin, dass Wärme von heißeren zu
kälteren Körpern fließt. Eis schmilzt. Wasser kocht auf dem Herd. Die Wärme
hört auf zu fließen, wenn die Temperatur der beiden Körper gleich ist; dann
haben sie den Gleichgewichtszustand erreicht. Wenn wir Energie aus einem
Körper entnehmen, sinkt seine Temperatur normalerweise, und wenn wir einem
Körper Energie zuführen, wird er wärmer. Wenn Wärme also von einem
heißeren zu einem kälteren Körper fließt, wird Letzterer erwärmt und Ersterer
kühlt ab. Das geht so lange, bis beide dieselbe Temperatur haben. Deshalb hat
die Luft in einem Zimmer eine einzige Temperatur. Wenn das nicht der Fall
wäre, würde von der wärmeren Seite Energie zur kälteren fließen, bis sie eine
gemeinsame Temperatur erreicht haben.
Dieses Verhalten stabilisiert das System im Gleichgewichtszustand gegen die
Effekte kleiner Fluktuationen. Angenommen, eine Seite des Zimmers würde
durch eine kleine Fluktuation etwas wärmer als die andere werden. Energie
würde von der warmen Seite zur kälteren Seite fließen, die wärmere Seite
abkühlen und die kältere aufwärmen, sodass die Temperatur bald wieder
gleichförmig wäre. Die meisten Systeme funktionieren auf diese intuitive Weise.
Aber nicht alle.
Stellen wir uns ein Gas vor, das sich andersherum verhält und sich abkühlt,
wenn man ihm Energie zuführt, und wärmer wird, wenn man ihm Energie
entzieht. Das mag zwar kontraintuitiv erscheinen, aber solche Gase gibt es. Sie
müssen instabil sein. Angenommen, der Ausgangspunkt wäre ein Zimmer, in
dem sich ausschließlich diese Art von Gas befindet und überall die gleiche
Temperatur herrscht. Eine kleine Fluktuation befördert ein wenig Energie von
links nach rechts. Dann wird die linke Seite wärmer, während die rechte Seite
kälter wird. Dadurch fließt noch mehr Energie von links, der heißen Seite, zur
kalten Seite. Dabei kühlt sich die linke Seite nicht ab; vielmehr wird sie noch
heißer. Und je mehr Energie zur kalten rechten Seite fließt, umso kälter wird sie.
Bald hat man eine Instabilität, die außer Kontrolle geraten ist und bei der die
beiden Seiten des Zimmers dazu getrieben werden, ihren Temperaturunterschied
ständig zu erhöhen.
Betrachten wir jetzt nur die heiße Seite und wiederholen wir das Szenario.
Angenommen, es findet eine weitere Fluktuation statt, die das Zentrum der
heißen Seite ein wenig abkühlt. Dasselbe Phänomen wirkt als positive
Rückkoppelung, um das Zentrum weiter abzukühlen und die umgebende Region
weiter zu erwärmen. Mit fortschreitender Zeit entwickelt sich die kleine
Fluktuation zu einer Eigenschaft. Das kann immer wieder geschehen. Und bald
haben wir ein komplexes Muster aus kalten und heißen Regionen.
Ein System, das sich so verhält, treibt sich selbst auf natürliche Weise zur
Bildung komplexer Muster an. Es ist schwer vorherzusagen, wo solche Systeme
enden werden, weil es eine riesige Zahl heterogener, musterartiger
Konfigurationen gibt, zu denen es sich hinentwickeln kann. Solche Systeme
nennen wir anti-thermodynamische Systeme. Der zweite Hauptsatz ist in ihnen
zwar immer noch am Werk, aber weil die Zufuhr von Energie in eine Region
diese abkühlt, ist der Zustand, in dem das Gas gleichförmig verteilt ist, äußerst
instabil.
Systeme, die durch die Gravitation zusammengehalten werden, verhalten sich
auf diese verrückte Weise. Sterne, Sonnensysteme, Galaxien und schwarze
Löcher, sie alle sind anti-thermodynamisch. Sie kühlen sich ab, wenn man
ihnen Energie zuführt. Das bedeutet, dass all diese Systeme instabil sind. Die
Instabilitäten treiben sie von der Gleichförmigkeit weg und regen zur Bildung
von räumlichen und zeitlichen Mustern an.
Das hat eine Menge damit zu tun, warum sich das Universum 13,7
Milliarden Jahre nach seinem Ursprung nicht im Gleichgewichtszustand
befindet. Die zunehmende Struktur und Komplexität, die die Geschichte des
Universums charakterisieren, lassen sich weitgehend durch die Tatsache
erklären, dass die der Gravitation unterliegenden Systeme, die es anfüllen, von
Galaxieclustern bis zu Sternen, anti-thermodynamisch sind.
Es ist leicht zu verstehen, warum solche Systeme anti-thermodynamisch
sind. Zwei Grundeigenschaften unterscheiden die Gravitation von anderen
Kräften: Die Gravitationskraft ist erstens weitreichend und zweitens universell
anziehend. Betrachten wir einen Planeten, der sich in einer Umlaufbahn um
einen Stern bewegt. Wenn man Energie zuführt, wird er sich in einer
Umlaufbahn bewegen, die weiter von dem Stern entfernt ist und wo er sich
langsamer bewegt. Die Zuführung von Energie verringert also die
Geschwindigkeit des Planeten und dadurch wird die Temperatur des Systems
verringert – weil die Temperatur einfach nur die mittlere Geschwindigkeit der
Dinge innerhalb des Systems ist. Wenn man umgekehrt dem Sonnensystem
Energie entzieht, muss der Planet damit reagieren, dass er näher an den Stern
heranfällt, wo er sich schneller bewegt. Somit heizt die Entnahme von Energie
das System auf.
Wir können das mit dem Verhalten eines Atoms vergleichen, das von der
elektrischen Kraft zwischen den Ladungen zusammengehalten wird. Ebenso wie
die Gravitation wirkt auch die elektrische Kraft über weite Entfernungen,
unterscheidet sich von ihr jedoch dadurch, dass sie nur zwischen
entgegengesetzten Ladungen anziehend wirkt. Ein positiv geladenes Proton wird
zwar ein negativ geladenes Elektron anziehen, aber sobald das Elektron an das
Proton gebunden ist, hat das resultierende Atom keine Netto-Ladung. Man sagt,
dass die Kraft gesättigt wird, und das Atom zieht keine anderen Teilchen mehr
an. Ein Sonnensystem verhält sich umgekehrt: Wenn ein Stern Planeten
anzieht, dann wird das resultierende System vorbeikommende Körper noch
stärker anziehen, als es der Stern alleine getan hätte. Hier gibt es also noch eine
weitere Instabilität – ein der Gravitation unterliegendes System wird noch mehr
Körper anziehen.
Dieses anti-thermodynamische Verhalten zeigt sich in der Entwicklung von
Sternenclustern. Wenn ein Sternencluster sich thermodynamisch verhielte,
würde es einen Gleichgewichtszustand erreichen – in diesem Fall einen Zustand,
in dem alle seine Sterne dieselbe mittlere Geschwindigkeit hätten und für immer
in einem Cluster zusammenblieben. Stattdessen löst sich jedoch ein
Sternencluster langsam auf. Das geschieht auf interessante Weise. Hin und
wieder kommt ein Stern in die Nähe eines Doppelsterns – das heißt in die Nähe
von zwei Sternen, die einander umkreisen. Eine starke Annäherung kann zu
einer engeren Umlaufbahn des Doppelsterns führen. Diese Schrumpfung der
Umlaufbahn setzt Energie frei, die dem dritten Stern mitgeteilt wird. Der dritte
Stern hat jetzt genügend Energie, um dem Cluster zu entkommen, und beginnt
seine Reise in den Raum hinaus. Nach langer Zeit ist von dem Sternencluster
nur noch wenig übrig, mit Ausnahme einiger Doppelsterne mit engen
Umlaufbahnen und einer Wolke von sich schnell bewegenden Sternen, die von
dem Cluster wegströmen.
Das steht nicht im Widerspruch zum zweiten Hauptsatz, sondern nur zu einer
naiven Interpretation davon. Das Gesetz, dass die Entropie gewöhnlich
zunehmen sollte, bringt nur die Binsenwahrheit zum Ausdruck, dass etwas
umso wahrscheinlicher geschehen wird, je mehr Möglichkeiten es dafür gibt.
Normale thermodynamische Systeme enden in dem einen, langweiligen Zustand
eines gleichförmigen Gleichgewichts; anti-thermodynamische Systeme, die der
Gravitation unterliegen, enden in einem von vielen äußerst heterogenen
Zuständen.
Die Tatsache, dass unser Universum interessant ist, lässt sich also auf
dreierlei Weise erklären: Das Prinzip angetriebener Selbstorganisation wirkt über
unzählige Untersysteme und Skalen hinweg, von Molekülen bis hin zu
Galaxien, und bringt diese dazu, sich zu Zuständen stets zunehmender
Komplexität zu entwickeln. Die Motoren, die die Prozesse der
Selbstorganisation antreiben, sind die Sterne, die aufgrund einer Kombination
der Feineinstellungen der fundamentalen Gesetze und der anti-
thermodynamischen Eigenart der Gravitationskraft existieren. Aber diese Kräfte
können nur dann ein Universum hervorbringen, das mit Sternen und Galaxien
angefüllt ist, wenn die Anfangsbedingungen des Universums stark
zeitasymmetrisch sind.
Das alles lässt sich in das Newton’sche Paradigma einordnen und bis zu
einem gewissen Grad auch verstehen. Aber wenn wir weiterhin innerhalb dieses
Paradigmas denken, scheint die Struktur der Welt auf enormen
Unwahrscheinlichkeiten zu beruhen – der extremen Besonderheit der Auswahl
von Gesetzen und Anfangsbedingungen. Die traurige Schlussfolgerung ist, dass
die einzige Art von Universum, die aus der zeitlosen Perspektive des
Newton’schen Paradigmas natürlich erscheinen würde, ein totes Universum im
Gleichgewichtszustand ist, was offensichtlich nicht die Art von Universum ist,
in der wir leben. Aber aus der Perspektive der Wirklichkeit der Zeit ist es völlig
natürlich, dass das Universum und seine fundamentalen Gesetze
zeitasymmetrisch sind und einen starken Zeitpfeil aufweisen, der eine
Entropiezunahme bei isolierten Systemen sowie ein kontinuierliches Wachstum
von Struktur und Komplexität umfasst.
167 Der Leser mag die Frage stellen, ob Leibniz’ Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren im
Widerspruch zur Bose-Statistik steht, die Bosonen gestattet und es auch wahrscheinlicher
macht, dass sie denselben Quantenzustand teilen. Eine kurze Antwort, die auf
www.timereborn.com weiter ausgeführt wird: Leibniz’ Prinzip verbietet, dass zwei Ereignisse
dieselben Erwartungswerte von Quantenfeldern haben.
168 Wie in Kapitel 10 bereits angemerkt, wird dadurch ausgeschlossen, dass das Universum
vollkommen sy mmetrisch ist.
169 Mehr über Selbstorganisation findet man in den Büchern von Bak, Kauffman und Morowitz,
die in der Bibliographie genannt sind. Eine Version des Prinzips der angetriebenen
Selbstorganisation ist das Zy klus-Theorem, das in Morowitz’ Buch beschrieben wird, eine
andere ist das Phänomen der selbstorganisierten Kritikalität, die in Baks Buch beschrieben
wird.
170 Julian Barbour und Lee Smolin, » Variety , Complexity , and Cosmology « , hep-th/9203041.
171 Alan Turing, » The Chemical Basis of Morphogenesis« , Phil. Trans. Roy. Soc. Lond. 237:641,
S. 37–72 (1952).
18 Unendlicher Raum oder unendliche Zeit?

Wir haben gesehen, dass wir verstehen können, warum das Universum voller
Strukturen und Komplexität ist, wenn wir die Wirklichkeit der Zeit akzeptieren.
Aber wie lange kann das Universum komplex und strukturiert bleiben? Lässt
sich das Gleichgewicht ewig fernhalten? Vielleicht befinden wir uns bloß in
einer Komplexitätsblase, die in einem viel größeren Gleichgewichtsuniversum
existiert.
Das führt uns zu den spekulativsten Themen der modernen Kosmologie: zum
sehr weit Entfernten und zur fernen Zukunft.
Es gibt keinen romantischeren Begriff als den der Unendlichkeit, aber in der
Wissenschaft kann der Begriff leicht zu Verwirrung führen. Stellen Sie sich vor,
dass das Universum in seiner räumlichen Ausdehnung unendlich ist. Stellen Sie
sich ebenfalls vor, dass dieselben Gesetze zwar im gesamten Universum gelten,
dass jedoch die Anfangsbedingungen zufällig gewählt wurden. Das ist ein Bild
des ultimativen Boltzmann-Universums. Nahezu das gesamte unendliche
Universum befindet sich im thermodynamischen Gleichgewicht; wenn
irgendetwas Interessantes geschieht, so ist das die Folge einer Fluktuation. Aber
alles, was bei einer Fluktuation geschehen kann, wird sich irgendwo ereignen,
und wenn eine Unendlichkeit von » Irgendwos« zur Verfügung steht, wird jede
Fluktuation, egal wie unwahrscheinlich sie ist, sich unendlich oft ereignen. 172
Unser beobachtbares Universum könnte also einfach nur eine große
statistische Fluktuation sein. Wenn das Universum wirklich unendlich ist, dann
wird unser beobachtbares Universum, das einen Durchmesser von etwa 93
Milliarden Lichtjahren hat, unendlich oft durch die Unendlichkeit des Raumes
hindurch wiederholt werden. Wenn das Universum also unendlich ist und einen
Boltzmann’schen Charakter hat, existieren wir und handeln wir unendlich oft
genauso wie jetzt.
Dadurch wird sicherlich das Leibniz’sche Prinzip verletzt, dass es im
Universum keine zwei identischen Orte geben kann.
Aber nicht nur das. Stellen Sie sich vor, dass die Gegenwart auf irgendeine
Weise anders wäre. Ich wäre vielleicht nicht geboren worden. Oder Sie hätten
Ihren ersten Freund geheiratet. Jemand hätte sich vor einem Jahr betrunken,
nicht auf den Rat seiner Freunde gehört, wäre nach Hause gefahren und hätte
unterwegs ein Kind erfasst und getötet. Ihr Cousin wäre bei der Geburt
versehentlich vertauscht worden, bei einer Familie aufgewachsen, die ihn
misshandelt hätte, und zum Massenmörder geworden. Eine Art intelligenter
Dinosaurier hätte sich entwickelt, das Klimawandelproblem gelöst und würde
den Planeten immer noch beherrschen, sodass die Säugetiere nie die Führung
hätten übernehmen können. All das hätte geschehen können und uns zu einer
anderen gegenwärtigen Konfiguration des Universums geführt. Jede solche
gegenwärtige Konfiguration ist eine mögliche Anordnung der Atome in unserer
Umgebung. Deshalb findet jede in der Unendlichkeit des Raumes unendlich oft
statt.
Für mich ist das eine entsetzliche Aussicht. Sie wirft ethische Probleme auf,
denn warum sollte ich mich für die Folgen meiner Entscheidungen interessieren,
wenn alle anderen Entscheidungen von anderen Versionen meiner selbst in
anderen Regionen des unendlichen Universums getroffen werden? Ich kann mich
dafür entscheiden, in dieser Welt für mein Kind zu sorgen, aber sollte ich mich
nicht auch um die Kinder in anderen Welten kümmern, die unter den schlechten
Entscheidungen leiden, die meine anderen Verkörperungen getroffen haben?
Über diese ethischen Probleme hinaus gibt es Fragen, die den Nutzen der
Wissenschaft betreffen. Wenn das wahre Sein der Welt darin besteht, dass alles,
was geschehen könnte, auch tatsächlich geschieht, dann ist der
Anwendungsbereich von Erklärungen sehr eingeschränkt. Leibniz’ Prinzip des
zureichenden Grundes verlangt, dass es einen rationalen Grund für jeden Fall
gibt, in dem das Universum eine bestimmte Eigenschaft hat, aber eine andere
hätte haben können. Aber wenn das Universum alle möglichen Eigenschaften
hat, dann gibt es nichts zu erklären. Die Wissenschaft mag uns zwar Einsichten
in lokale Bedingungen vermitteln, aber letztendlich ist das eine fruchtlose
Übung, weil das wahre Gesetz einfach lauten wird, dass alles, was geschehen
könnte, auch tatsächlich geschieht. Unendlich oft. In diesem Augenblick. Das
ist eine Art Reductio ad absurdum des auf die Kosmologie erweiterten
Newton’schen Paradigmas – und ein weiteres Beispiel für den kosmologischen
Fehlschluss. Ich nenne sie die » unendliche Boltzmann’sche Tragödie« .
Ein Grund dafür, dass es sich um eine Tragödie handelt, ist, dass die
Vorhersagekraft der Physik stark reduziert wird, weil Wahrscheinlichkeiten nicht
das bedeuten, was Sie meinen. Angenommen, Sie führen ein Experiment durch,
für das die Quantenmechanik vorhersagt, dass das Ergebnis A eine
Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent hat und das Ergebnis B eine
Wahrscheinlichkeit von 1 Prozent. Angenommen, Sie führen das Experiment
1000-mal durch. Dann können Sie erwarten, dass in ungefähr 990 Fällen das
Ergebnis A sein wird. Sie würden sich sicher fühlen, wenn Sie auf A wetteten,
weil Sie vernünftigerweise ungefähr 99 A-Ergebnisse für jedes B-Ergebnis
erwarten können. Sie hätten eine gute Chance, die Vorhersage der
Quantenmechanik zu bestätigen. Aber in einem unendlichen Universum gibt es
unendlich viele Kopien von Ihnen, die das Experiment durchführen. Bei einer
unendlichen Anzahl dieser Kopien beobachten Sie Ergebnis A. Es gibt aber auch
unendlich viele Kopien von Ihnen, die das Ergebnis B beobachten. Die
Vorhersage der Quantenmechanik, dass ein Ergebnis 99-mal häufiger ist als das
andere, ist in einem unendlichen Universum nicht verifizierbar.
Das wird das » Maßproblem« in der Quantenkosmologie genannt. Nachdem
ich die Arbeiten der klugen Leute, die sich damit beschäftigen, gelesen und den
Leuten zugehört habe, bin ich zu der Ansicht gelangt, dass es unlösbar ist. Ich
ziehe es vor, die Tatsache, dass die Quantenmechanik funktioniert, als Beleg
dafür zu deuten, dass wir in einem endlichen Universum leben, das nur ein
einzelnes Exemplar von mir enthält.
Wir können die Implikationen der Tragödie eines unendlichen Universums
vermeiden, wenn wir leugnen, dass das Universum räumlich unendlich ist.
Obwohl wir natürlich nicht über eine gewisse Entfernung hinausblicken können,
scheint mir die Annahme plausibel und sinnvoll zu sein, dass das Universum
eine endliche räumliche Ausdehnung hat – wie bei Einsteins Vorschlag, dass es
endlich, aber unbegrenzt ist. Das bedeutet, dass das Universum insgesamt die
Topologie einer geschlossenen Oberfläche aufweist, wie eine Kugel oder ein
Donut (das heißt ein Torus).
Dieser Vorschlag widerspricht nicht unseren Beobachtungen. Welche
Topologie die richtige ist, hängt von der durchschnittlichen Krümmung des
Raumes ab. Wenn die Krümmung positiv ist wie eine Kugel, dann gibt es nur
eine Möglichkeit, nämlich das dreidimensionale Analogon der
zweidimensionalen Topologie einer Kugel. Wenn die durchschnittliche
Krümmung des Raumes flach ist wie bei einer Ebene, dann gibt es ebenfalls die
Möglichkeit eines endlichen Universums, nämlich das dreidimensionale
Analogon der zweidimensionalen Topologie eines Donuts. Wenn die
Krümmung negativ ist wie bei einem Sattel, dann gibt es eine unendliche
Anzahl von Möglichkeiten für seine Topologie. Diese sind zu komplex, um hier
beschrieben werden zu können; ihre Katalogisierung war ein Triumph der
Mathematik des späten 20. Jahrhunderts.
Einsteins Vorschlag ist eine Hypothese, die sich bestätigen könnte. Wenn
das Universum geschlossen und klein genug ist, dann sollte das Licht den
ganzen Weg rundherum zurücklegen können und wir sollten weit entfernte
Galaxien in mehrfachen Bildern sehen. Danach wurde gesucht, aber bislang
konnte nichts gefunden werden.
Es gibt jedoch einen gewichtigen Grund dafür, die Hypothese vorzuziehen,
dass eine kosmologische Theorie von einer Raumzeit modelliert wird, die
räumlich geschlossen ist. Wenn das Universum räumlich nicht geschlossen ist,
muss seine räumliche Ausdehnung unendlich sein. Das bedeutet
kontraintuitiverweise, dass der Raum eine Grenze hat. Diese Grenze ist
unendlich weit weg, aber sie ist dennoch eine Grenze, durch die Informationen
hindurchgelangen könnten. 173 Folglich kann ein räumlich unendliches
Universum nicht als in sich geschlossenes System verstanden werden. Es muss
als Teil eines größeren Systems betrachtet werden, das alle Informationen
umfasst, die von der Grenze hereinkommen.
Wenn die Grenze endlich weit entfernt wäre, könnte man sich vorstellen, dass
es noch mehr Raum außerhalb gäbe. Die Informationen über die Grenze könnten
anhand dessen erklärt werden, was von der Welt jenseits der Grenze
hereinkommt. 174
Aber die Grenze im Unendlichen gestattet uns nicht, uns eine Welt darüber
hinaus vorzustellen. Wir müssen einfach nur Informationen darüber angeben,
was dort hereinkommt und was hinausgeht, die Wahl jedoch ist völlig
willkürlich. Es kann keine weitere Erklärung für die Informationen geben, die
von der unendlichen Grenze in das Universum gelangen: Man muss eine
Entscheidung treffen, und die Entscheidung ist willkürlich. Daher müssen wir
uns eingestehen, dass in einem Modell, das eine unendliche Grenze hat, nichts
erklärt werden kann. Das Prinzip der explanatorischen Geschlossenheit ist
verletzt und mit ihm das Prinzip des zureichenden Grundes.
In diesem Argument gibt es technische Feinheiten, auf die ich hier nicht
eingehen werde. Aber das Argument selbst ist entscheidend, was, soweit ich
sehe, von Kosmologen ignoriert wird, die darüber spekulieren, ob das
Universum räumlich unendlich ist. Ich sehe keine Möglichkeit, der
Schlussfolgerung zu entgehen, dass jedes beliebige Modell eines Universums
räumlich geschlossen sein muss, ohne Grenze.
Es gibt also nichts, was unendlich weit weg ist, und keine unendlichen
Räume, mit denen wir fertigwerden müssten. Wenden wir uns jetzt von den
unendlichen Entfernungen ab und der unendlichen Zukunft zu.

Die kosmologische Literatur steckt voller Besorgnis über die Zukunft. Wenn
das Universum bislang eher einen Leibniz’schen als Boltzmann’schen Charakter
hat, könnte das vielleicht nur vorübergehend so sein? Vielleicht werden nicht
nur wir alle sterben, sondern langfristig auch das Universum.
Die Einschränkung auf räumlich endliche Universen lässt uns aus vielen der
Tragödien und Paradoxien eines unendlichen Boltzmann-Universums
entkommen. Aber nicht aus allen. Das räumlich endliche und geschlossene
Universum kann trotzdem unendlich lange existieren, und wenn es sich nie
zusammenzieht, wird es sich ewig ausdehnen. Es hat also unendlich lange Zeit,
um den thermischen Gleichgewichtszustand zu erreichen. Wenn es das tut, und
unabhängig davon, wie lange es dazu braucht, wird eine unendliche Zeitspanne
sowie ein kontinuierlich wachsender Raum für Fluktuationen übrig bleiben, um
unwahrscheinliche Strukturen zu erzeugen. Deshalb können wir auch hier
argumentieren, dass alles, was geschehen kann, schließlich auch unendlich oft
geschehen wird. Das führt abermals zur Paradoxie der Boltzmann-Gehirne.
Wenn die Prinzipien des zureichenden Grundes und der Identität des
Ununterscheidbaren erfüllt werden sollen, muss das Universum es irgendwie
vermeiden, dass es in einem solchen paradoxen Zustand endet. Diese Prinzipien
begrenzen die Optionen für das mögliche zukünftige Schicksal des Universums.
Es gibt wenig wissenschaftliche Literatur, die versucht, die Zukunft des
Universums zu kartografieren. Das ist alles spekulativ, weil man einige
weitreichende Annahmen machen muss, um über die ferne Zukunft
nachzudenken. Eine wichtige Annahme ist, dass sich die Naturgesetze nie
ändern dürfen, denn wenn sie das täten, wäre unsere Fähigkeit zur Vorhersage
matt gesetzt. Und es darf keine unentdeckten Phänomene geben, die den Verlauf
der Geschichte des Universums ändern könnten. Es könnte beispielsweise eine
Kraft geben, die so schwach ist, dass sie erst noch entdeckt werden muss, aber
dennoch über riesige Entfernungen hinweg Auswirkungen hat und über
Zeitspannen hinweg eingreift, die viel größer sind als das derzeitige Alter des
Universums. Das ist möglich und wurde erwogen. Aber es behindert jegliche
Vorhersage, die auf dem gegenwärtigen Wissen beruht. Es darf auch keine
Überraschungen geben, wie zum Beispiel Wände aus kosmischen Blasen, die
von jenseits unseres gegenwärtigen Horizonts mit Lichtgeschwindigkeit auf uns
zukommen.
Unter der Annahme, dass die gut begründeten Gesetze und Phänomene alles
sind, was es gibt, können wir zuverlässig Folgendes ableiten:
Irgendwann werden die Galaxien aufhören, Sterne zu erzeugen. Galaxien sind
riesige Systeme zur Umwandlung von Wasserstoff in Sterne. Sie sind nicht sehr
effizient; eine typische Spiralgalaxie produziert ungefähr einen Stern im Jahr.
Nach fast 14 Milliarden Jahren besteht der größte Teil des Universums immer
noch aus ursprünglichem Wasserstoff und Helium. Doch es gibt nur diese
Menge Wasserstoff, sodass es zumindest nur eine endliche Menge von Sternen
geben kann. Selbst wenn sämtlicher Wasserstoff schließlich zu Sternen
verarbeitet ist, wird es einen letzten Stern geben, der aus der Produktion
entsteht. Und das ist nur eine Obergrenze; höchstwahrscheinlich werden die
Nicht-Gleichgewichtsprozesse, die die Sternbildung antreiben, schon lange
erschöpft sein, bevor der gesamte Wasserstoff zu Sternen verarbeitet wurde.
Die letzten Sterne werden ausbrennen. Sterne haben eine endliche
Lebensdauer. Die massiven leben ein paar Millionen Jahre und gehen dann
dramatisch als Supernovae zugrunde. Die meisten leben viele Milliarden Jahre
und enden mit einem Zischen als Weiße Zwerge. Es wird eine Zeit geben,
nachdem der letzte Stern gestorben ist.
Was geschieht dann?
Sobald die letzten Sterne gestorben sind, ist das Universum mit Materie,
dunkler Materie, Strahlung und dunkler Energie angefüllt. Was langfristig mit
dem Universum geschieht, hängt zum größten Teil von dem Bestandteil ab,
über den wir am wenigsten wissen: die dunkle Energie.
Die dunkle Energie ist mit dem leeren Raum verbunden. Beobachtungen
zufolge macht sie etwa 73 Prozent der Masse-Energie des Universums aus. Ihre
Natur ist zwar bislang unbekannt, aber ihre Wirkung auf die Bewegung ferner
Galaxien wurde beobachtet. Insbesondere beruft man sich auf die dunkle Energie,
um die jüngst entdeckte Beschleunigung der universalen Expansion zu erklären.
Abgesehen davon wissen wir nichts über die dunkle Energie. Sie könnte
einfach eine kosmologische Konstante sein oder eine exotische Form von
Energie mit einer konstanten Dichte. Obwohl die Dichte der dunklen Energie in
etwa konstant zu sein scheint, wissen wir nicht, ob das wirklich so ist oder ob
sie sich nur langsamer ändert, als man bisher durch Beobachtungen feststellen
konnte. Die Zukunft des Universums wird sehr verschieden sein, je nachdem, ob
die Dichte der dunklen Materie konstant bleibt oder nicht.
Betrachten wir zunächst das Szenario, dem zufolge die dunkle Energie
während der Expansion des Universums dieselbe Dichte beibehält. Wenn die
dunkle Energie eine konstante Dichte hat, dann verhält sie sich gerade so wie
Einsteins kosmologische Konstante. Sie nimmt nicht ab, wenn das Universum
expandiert. Alles andere – sämtliche Materie und Strahlung – verdünnt sich bei
dieser Expansion, sodass die gesamte Energiedichte aus diesen Quellen stetig
abnimmt. Nach mehreren zig Milliarden Jahren kann man alles vernachlässigen
außer der Energiedichte, die mit der kosmologischen Konstante verknüpft ist.
Da dieser Fall so einfach ist, haben wir auch eine ganz gute Vorstellung von
dem Geschehen. Eine Folge der exponentiellen Expansion besteht darin, dass
Galaxiecluster sich so schnell voneinander trennen, dass sie einander schon bald
nicht mehr sehen können. Photonen, die ein Cluster verlassen und sich mit
Lichtgeschwindigkeit bewegen, sind nicht schnell genug, um die anderen
Cluster einzuholen. Beobachter in jedem Cluster sehen sich von einem Horizont
umgeben, hinter dem alle ihre Nachbarn verschwunden sind. Jedes Cluster ist
dann ein isoliertes System. Das Innere eines jeden Horizonts ist somit eine Art
von Behälter, der ein Subsystem vom übrigen Universum abgrenzt. Die
Methoden der Physik in künstlicher Isolation lassen sich also auf jedes davon
anwenden – was insbesondere bedeutet, dass wir die Methoden der
Thermodynamik verwenden können, um Schlussfolgerungen über diese Cluster
zu ziehen.
An diesem Punkt der Geschichte betritt ein neuer quantenmechanischer Effekt
die Bühne. Dieser Effekt führt dazu, dass sich das Innere jedes Horizonts mit
einem Photonengas im thermischen Gleichgewicht füllt – eine Art Nebel, der
durch Prozesse erzeugt wird, die denen analog sind, welche die Hawking-
Strahlung schwarzer Löcher erzeugen. Dieser » Nebel« wird als
Horizontstrahlung bezeichnet. Ihre Temperatur ist zwar äußerst gering und
ebenso ihre Dichte, aber sie bleiben während der Expansion des Universums
konstant. Unterdessen verdünnt sich alles andere immer mehr, einschließlich der
Materie und der CMB-Strahlung. Daher füllt diese Horizontstrahlung das
Universum aus, sobald genügend Zeit verstrichen ist. Das Universum hat einen
Gleichgewichtszustand erreicht.
Dieser Gleichgewichtszustand dauert ewig fort. In diesem Szenario gibt es
keine Möglichkeit, zu verhindern, dass das Universum als ewiges Boltzmann-
Universum » endet« . Es wird natürlich Fluktuationen und Rekurrenzen geben
und gelegentlich wird die eine oder andere Konfiguration des Universums exakt
wiederkehren – inklusive der Boltzmann-Gehirn-Paradoxie, die ich in Kapitel 16
als endgültige Reductio ad absurdum des Newton’schen Paradigmas
beschrieben habe. Diesem Szenario zufolge ist die offenbare Komplexität unseres
Universums bis heute nur ein äußerst kurzes Aufflackern, bevor das Universum
sich im ewigen Gleichgewichtszustand einpendelt.
Wir wissen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass wir keine
Boltzmann-Gehirne sind, weil (wie in Kapitel 16 dargelegt) wir andernfalls
höchstwahrscheinlich kein riesiges und geordnetes Universum um uns herum
sehen würden. Die Tatsache, dass wir keine Boltzmann-Gehirne sind, bedeutet,
dass dieses Szenario für die Zukunft unseres Universums falsch ist. Das Prinzip
des zureichenden Grundes, das über sein Surrogat wirkt, nämlich das Prinzip der
Identität des Ununterscheidbaren, verlangt ebenfalls, dass das Szenario falsch ist.
Die Frage ist dann: Wie lässt es sich vermeiden?
Die einfachste Möglichkeit, das ewig tote Universum zu umgehen, bestünde
darin, dass das Universum eine ausreichend hohe Materiedichte besäße, die die
Expansion stoppen und es in sich zusammenstürzen lassen würde. Materie zieht
andere Materie durch Gravitation an und das bremst die Expansion. Wenn es
also genügend Materie gibt, wird das Universum in eine finale Singularität
kollabieren. Oder vielleicht werden Quanteneffekte den Kollaps stoppen und das
Universum zu einem » Sprung« veranlassen, indem sie seine Kontraktion in
eine Expansion umwandeln, die zu einem neuen Universum führt. Es scheint
jedoch nicht genügend Materie zu geben, um die Expansion umzukehren,
geschweige denn, der Tendenz der dunklen Energie entgegenzuwirken, die
Expansion zu beschleunigen.
Die zweiteinfachste Möglichkeit, eine unendliche tote Zukunft zu vermeiden,
bietet die Annahme, dass die kosmologische Konstante in Wirklichkeit gar
keine Konstante ist. Während wir Belege dafür haben, dass die dunkle Energie –
die praktisch die kosmologische Konstante ist – sich auf Skalen des
gegenwärtigen Alters des Universums nicht verändert, haben wir keine Belege
dafür, dass sie sich langfristig nicht doch ändern wird. Diese Veränderung
könnte auf ein tieferes Gesetz zurückgehen, das so langsam wirkt, dass seine
Effekte nur auf langfristigen Zeitskalen wahrnehmbar sind. Oder es könnte
einfach nur ein Effekt einer allgemeinen Tendenz von Gesetzen sein, sich zu
entwickeln. Tatsächlich legt das Prinzip keiner unerwiderten Wirkungen nahe,
dass die kosmologische Konstante durch das Universum beeinflusst werden
sollte, auf das sie einen so entscheidenden Einfluss hat.
Die kosmologische Konstante könnte auf null zurückgehen. In diesem Fall
verlangsamt sich die Expansion zwar, kehrt sich höchstwahrscheinlich aber nicht
um. Das Universum könnte zwar ewig sein, aber statisch, damit wird zumindest
die Paradoxie der Boltzmann-Gehirne vermieden.
Ob das Universum ohne kosmologische Konstante sich bis in alle Ewigkeit
ausdehnt oder wieder in sich zusammenstürzt, hängt letztlich von den
Anfangsbedingungen ab. Wenn die Energie in der Expansionsphase letztendlich
ausreicht, um die wechselseitigen Gravitationsanziehungen aller Dinge im
Universum zu überwinden, wird es nie in sich zusammenstürzen. Aber selbst
wenn das Universum ewig ist, gibt es doch reichlich Gelegenheit zur
Wiedergeburt, da jedes schwarze Loch infolge der Beseitigung seiner
Singularität zur Geburt eines Baby-Universums führen kann. Wie ich in Kapitel
11 darlegte, gibt es gute theoretische Anhaltspunkte dafür, dass dies geschehen
muss.
Wenn dem so ist, dann hat unser Universum, das immer noch weit von
seinem Tod entfernt ist, bereits mindestens 1 Milliarde Milliarden
Nachkommen gehabt. Diese neuen Universen werden jeweils weitere
Nachkommen hervorbringen. Die Tatsache, dass jedes Universum an einem
bestimmten Punkt sterben mag, nachdem es so viele andere hervorgebracht hat,
scheint somit belanglos zu sein.
Es gibt auch Möglichkeiten zur Wiedergeburt, die das gesamte Universum
umfassen, und nicht nur seine schwarzen Löcher. Das ist die Hypothese, die für
eine bestimmte Klasse kosmologischer Modelle untersucht wurde. Sie werden
» zyklische Modelle« genannt. Eine Art von zyklischen Modellen, die von Paul
Steinhardt von der Princeton University und Neil Turok vom Perimeter
Institute erfunden wurde, erreicht das durch die Annahme, dass die
kosmologische Konstante auf null abfällt und sich dann zu stark negativen
Werten fortbewegt. 175 Aus Gründen, die ich hier nicht erklären werde, führt das
zu einem dramatischen Kollaps des gesamten Universums. Steinhardt und
Turok machen jedoch geltend, dass auf diesen Kollaps ein Sprung und eine
erneute Expansion folgen. Das könnte auf Quantengravitationseffekte
zurückgehen oder die letztendliche Singularität könnte durch den extremen Wert
der dunklen Energie umgangen werden.
Die theoretischen Anhaltspunkte, dass kosmologische finale Singularitäten
aufgrund von Quanteneffekten Sprünge machen und zu einer Neuexpansion des
Universums führen, sind sogar noch stärker als im Falle von Singularitäten
schwarzer Löcher. 176 Innerhalb der Loop-Quantengravitation wurden mehrere
Modelle von Quanteneffekten in der Nähe kosmologischer Singularitäten
untersucht, mit dem Ergebnis, dass der Sprung ein universelles Phänomen ist.
Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es sich hier nur um Modelle
handelt, und bislang machen diese Modelle drastische Annahmen. Die
entscheidende Annahme ist, dass das Universum räumlich homogen ist.
Worüber wir die größte Gewissheit haben, ist die Tatsache, dass äußerst
gleichförmige Gebiete des Universums – Gebiete ohne Gravitationswellen oder
schwarze Löcher – Sprünge machen, um neue Universen zu erzeugen.
Im schlimmsten Fall werden stark inhomogene Gebiete keine Sprünge
machen. Sie stürzen bloß in Singularitäten zusammen, in denen die Zeit zum
Stehen kommt. Doch auch dieser ungünstige Fall besitzt einen Silberstreif, denn
er würde ein Auswahlprinzip liefern, um zu bestimmen, welche Gebiete des
Universums Sprünge machen und sich selbst reproduzieren. Wenn nur die
homogeneren Gebiete Sprünge machen, dann werden die Anfänge neuer
Universen unmittelbar nach dem Sprung ebenfalls sehr homogen sein. 177
Daraus lässt sich eine Vorhersage ableiten: Zu ganz frühen Zeiten, unmittelbar
nach dem Sprung, ist das Universum äußerst homogen – es gibt keine
schwarzen oder weißen Löcher und keine Gravitationswellen, genauso wie wir es
in unserem Universum beobachten.
Damit ein solches Szenario eines Sprünge machenden Universums jedoch
wissenschaftlich sein kann, muss es zumindest eine weitere Vorhersage geben,
anhand deren die Hypothese überprüft werden könnte. Es gibt wenigstens zwei
solche Vorhersagen, die mit dem Spektrum der Fluktuationen in der
kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung zu tun haben. Das zyklische
Szenario gibt eine Erklärung für diese Fluktuationen, die nicht die kurze Phase
extremer Inflation verlangt, welche häufig als ihre Ursache betrachtet wurde. Das
Spektrum von Fluktuationen, das bisher beobachtet wurde, wird zwar
reproduziert, aber es gibt zwei Unterschiede zwischen den Vorhersagen der
zyklischen und der Inflationsmodelle, und diese Vorhersagen können durch
gegenwärtige und in der nahen Zukunft stattfindende Experimente überprüft
werden. Ein Test untersucht, ob man in der Hintergrundstrahlung
Gravitationswellen beobachten kann; die Inflationshypothese sagt Ja und die
zyklischen Modelle sagen Nein. Die zyklischen Modelle sagen außerdem vorher,
dass die kosmische Mikrowellen-Hintergrundstrahlung nicht völlig chaotisch ist
– technisch gesprochen sagen sie Nicht-Gaußheit voraus.
Die zyklischen Modelle sind Beispiele dafür, wie die Auffassung der Zeit als
fundamental – in dem Sinne, dass die Zeit nicht mit dem Urknall begann,
sondern schon davor existierte – zu einer Kosmologie führt, die bessere
Vorhersagen macht. Ein weiteres Beispiel sind Theorien, in denen angenommen
wird, dass die Lichtgeschwindigkeit im frühen Universum anders – und
tatsächlich viel höher – war. Diese sogenannten » Theorien variabler
Lichtgeschwindigkeit« wählen einen bevorzugten Zeitbegriff so aus, dass die
Prinzipien der Relativitätstheorie verletzt werden. Infolgedessen sind diese
Theorien nicht besonders beliebt; aber sie versprechen, die Fluktuationen der
kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung ohne Inflation zu erklären.
Roger Penrose hat ein anderes Szenario vorgeschlagen, wie man das
Universum dazu bringen könnte, ein neues Universum zu erzeugen. 178 Grob
gesagt, akzeptiert er das Szenario eines ewigen Boltzmann-Universums mit einer
unveränderlichen kosmologischen Konstanten und stellt dann die Frage, was
geschieht, nachdem eine unendliche Zeit verstrichen ist. (Nur Penrose könnte
eine solche Frage stellen.) Er spekuliert, dass nach einem bestimmten Punkt alle
massiven Elementarteilchen, einschließlich Protonen, Quarks und Elektronen,
zerfallen würden und nur noch Photonen und masselose Teilchen übrig blieben.
Wenn das so wäre, dann gäbe es nichts, um das unendliche Vergehen der
Ewigkeit festzustellen, weil Photonen, da sie sich mit Lichtgeschwindigkeit
bewegen, überhaupt keine Zeit erfahren. Für ein Photon wäre die Ewigkeit des
ganz späten Universums ununterscheidbar vom ganz frühen Universum. Der
einzige Unterschied bestünde in der Temperatur. Zugegeben, der
Temperaturunterschied ist groß, aber es handelt sich nur um eine einzige Skala.
Penrose behauptet, dass eine einzige Skala nicht ausschlaggebend ist. In einem
Photonengas, das relational beschrieben wird, sind nur die Vergleiche oder
Verhältnisse zwischen den Dingen ausschlaggebend, die zu diesem Zeitpunkt
existieren; die übergreifende Skala kann nicht festgestellt werden. Daher wird das
späte Universum, das mit einem Gas kalter Photonen und anderer masseloser
Teilchen gefüllt ist, ununterscheidbar von dem heißen Gas derselben Teilchen,
die das frühe Universum anfüllen. Dem Prinzip der Identität des
Ununterscheidbaren zufolge ist das späte Universum zugleich die Geburt eines
anderen Universums.
Dieses Szenario von Penrose entfaltet sich erst nach unendlicher Zeit und löst
daher nicht die Paradoxie der Boltzmann-Gehirne. Aber es sagt voraus, dass es
Fossilien des vergangenen Universums in Überresten des Urknalls gäbe, aus
denen man Informationen über dieses Universum gewinnen könnte. Obwohl ein
Großteil der Information durch die im Gleichgewichtszustand verbrachte
Ewigkeit ausgelöscht wäre, ist die Gravitationsstrahlung ein Informationsträger,
der nie unzuverlässig wird. Die Information, die mit den Gravitationswellen
verknüpft ist, geht ebenfalls quer über den Sprung der zyklischen Modelle auf
die andere Seite des Sprungs und in das neue Universum über.
Die lautesten von Gravitationswellen übertragenen Signale sind Bilder von
Kollisionen zwischen den großen schwarzen Löchern, die einst im Zentrum der
lange verblichenen Galaxien lauerten. Diese bewegen sich langsam nach außen
und bilden Großkreise am Himmel. Sie wandern immerzu und überstehen den
Übergang zum neuen Universum. Daher sagt Penrose voraus, dass diese
Großkreise in der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung sichtbar sein
sollten, deren Struktur schon früh in unser Universum eingeschleust wurde. Sie
sind Schatten von Ereignissen im früheren Universum.
Außerdem sagt Penrose voraus, dass es eine Menge konzentrischer Kreise
geben sollte. Diese stammen aus Galaxieclustern, in denen im Lauf der Zeit
mehr als ein Paar galaktische schwarze Löcher miteinander kollidiert sind. Das
ist eine verblüffende Vorhersage, die sich stark von der Art von Mustern
unterscheidet, die von den meisten kosmologischen Szenarien für die kosmische
Mikrowellen-Hintergrundstrahlung vorhergesagt wird. Wenn etwas so
Unwahrscheinliches bestätigt wird, würde es als starker Beleg für das Szenario
gelten müssen, das zu dieser Vorhersage geführt hat.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es eine Kontroverse darüber, ob die
konzentrischen Kreise von Penrose in der kosmischen Mikrowellen-Strahlung
sichtbar sind. 179 Wie auch immer sie ausgehen wird, so sehen wir wieder
einmal, dass kosmologische Szenarien, in denen unser Universum sich aus
einem Universum vor dem Urknall entwickelt hat, Vorhersagen machen, die
durch die Beobachtung verifiziert oder falsifiziert werden können. Das steht im
Gegensatz zu Szenarien, in denen das Universum eines in einer gleichzeitigen
Pluralität von Welten ist – Szenarien, die keine wirklichen Vorhersagen machen
und höchstwahrscheinlich dazu auch nicht in der Lage sind.
In Kapitel 10 argumentierte ich, dass eine rationale Erklärung dafür, warum in
unserem Universum ganz bestimmte Gesetze und Anfangsbedingungen gelten,
erfordert, dass die Auswahl mehr als einmal stattfand, weil wir andernfalls nicht
wissen können, warum die Auswahl so und nicht anders getroffen wurde –
wohingegen es Gründe dafür geben könnte, wenn dieselben Anfangsbedingungen
und Gesetze viele Male vorkommen. Ich betrachtete dann zwei Möglichkeiten,
wie die vielen Urknallereignisse angeordnet werden könnten – simultan oder
sequenziell –, und ich machte geltend, dass wir nur im letzteren Fall die
Entwicklung einer Kosmologie erwarten könnten, die eine Antwort auf die Frage
geben könnte » Warum diese Gesetze?« und die zugleich wissenschaftlich in
dem Sinne bleibt, dass sie zu falsifizierbaren Vorhersagen führt. In diesem
Kapitel bin ich zur Kontrastierung der beiden Alternativen zurückgekehrt, und
wir haben im Einzelnen gesehen, dass nur im Falle sequenzieller Universen
wirkliche Vorhersagen für durchführbare Experimente möglich sind.
Wir sehen also, dass die Kosmologie wissenschaftlicher wird und unsere
Ideen für Überprüfungen empfindlicher werden, wenn wir in einem begrifflichen
Rahmen arbeiten, in dem die Zeit wirklich und fundamental und die Geschichte
des Universums ein notwendiger Bestandteil für das Verständnis seines
gegenwärtigen Zustands ist. Diejenigen, die die Last der metaphysischen
Voraussetzung tragen, dass der Zweck der Wissenschaft darin besteht, zeitlose
Wahrheiten zu entdecken, die von zeitlosen mathematischen Objekten
repräsentiert werden, könnten die Ansicht vertreten, dass die Elimination der
Zeit, wodurch das Universum zum Ebenbild eines mathematischen Objekts
gemacht wird, ein Weg zu einer wissenschaftlichen Kosmologie ist. Offenbar ist
aber das Gegenteil der Fall. Wie Charles Sanders Peirce schon vor über 100
Jahren erkannte: Gesetze müssen sich entwickeln, um erklärt werden zu können.
172 Das ist zwar verblüffend, aber es gibt ein einfaches Argument dafür. Zu Einzelheiten siehe
Brian Greenes letztes Buch The Hidden Reality: Parallel Universes and the Deep Laws of the
Cosmos, New York 2011 (dt.: Die verborgene Wirklichkeit. Paralleluniversen und die Gesetze
des Kosmos, München 2012), oder die Erörterung auf www.timereborn.com.
173 Stellen Sie sich eine zweidimensionale Ebene vor. Wählen Sie einen Punkt aus und dann eine
Richtung von diesem Punkt aus. Dadurch wird eine Gerade in der Ebene definiert. Folgen Sie
der Linie so weit, wie sie geht. Sie geht zwar unendlich weit, aber vor dem geistigen Auge
eines Mathematikers geht sie doch irgendwohin. Der Punkt, an den sie geht, wird » ein Punkt
im Unendlichen« genannt. Wählen Sie eine andere Richtung vom ursprünglichen Punkt aus.
Sie erhalten eine weitere Linie. Folgen Sie ihr, so weit sie geht; sie bringt uns zu einem
anderen Punkt im Unendlichen. Die Punkte im Unendlichen bilden einen Kreis. Die
Richtungen, die Sie von einem Punkt aus in der Ebene gehen können, definieren einen Kreis.
Wenn Sie diesen Richtungen so weit wie möglich folgen, erreichen Sie die Grenze der Punkte
im Unendlichen. Dasselbe gilt im ebenen dreidimensionalen Raum, nur dass die Punkte im
Unendlichen eine Kugel bilden. Es gilt auch, wenn der Raum unendlich, aber negativ
gekrümmt ist wie ein Sattel.
Wenn Sie damit beginnen, die Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie zu lösen,
müssen Sie Angaben dazu machen, was an dieser Grenze geschieht. Sie müssen angeben,
was über diese Grenze hereinkommt und was hinausgeht. Die Notwendigkeit, Angaben
darüber zu machen, was an der unendlichen Grenze geschieht, ist nicht fakultativ – es wird
von der Theorie verlangt. (Für die Experten: Die Einstein-Gleichungen für ein räumlich
unendliches Universum können nicht von einem Variationsprinzip abgeleitet werden, falls es
keine Grenzterme gibt, die hinzugefügt werden, und Grenzbedingungen, die im räumlich
Unendlichen angegeben werden.) Sie können nicht beschreiben, was es im Universum gibt,
ohne zu sagen, was in das Universum über eine Grenze hereinkommt und hinausgeht. Selbst
wenn die Grenze unen