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Dreî l\{onare

ln Sowj et-Rußland
von
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Arthur Holitscher

S.Fisc her i Ver lu e I B erlin

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:.1, ' Inhalt


oDie \üahrheit über Sowjet-Rußlancl"
Das Arbeiter-Yolk . 2L
Subbotnik 48
Das Rote Heer 59
Propagancla lÐt
Von ile¡ Arbeitsschuie õÐ
P¡oletkult 96
{ Chaos der Künste 109
ù
Der Untergang der Intellektuellen
(nebst einem Anhang: Schaljapin) 139

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Das teben der Städte IÐÐ
Bourgeois 180
î, 'I
Der weiße Terror und der role . t94
t¡:.
Religion 270
l\Ielt-Revolution . . 227
Völker hört tlie Signalel 243

1. bis 1á. Auflage

Alle Rechte,
. iasbesonclere das der Übersetzung, vorbehalten.
top¡right 1921 by Unitetl Telegraph Co. Lttl. Zärich.


' Gattaæ aageich eloilr: Lagset
ab ç¿a iliæa .!{ensehetr' En'l ,Die Wahrheit uber Sowjet'Rußland"
Ieme¿ ¡ie b¡re¡r-Ist der Rgt otlar
ile ff.ert âus äEIi ìf,eneohen, .eo T Septemberwoche des vorigen Jah'
n der €rsten
.rirr['e uaùergPhea; I res schickte Kärl Ractek, der damals im Ge'
lgfs sbar ¿Es Goúú' €o kötrnet fängnis Mo¿bit saß, einen Sendboten zu mir mit
*t'" o¡"6¡ ¡mdeo; auf doß ihr
¡iebt ed¡¡ilen wertlet, aJ.e tlie der, Ftage, ob ich mich einer Kommission an'
çi¿ec goüü streiteu wollen. schließen wolle, die zusammen mit ihm nach
ÁpostelgesoLioht€ ó. 8s, 8'Ð'
RußIaniL reisen würde. Diese Kommission be'
stand aus Sachversüiniligen für clie Lanclwirt-
schaJt, ttie Industrie, einem ehemaligen Sta¿ts'
sekretär als Fachkuntligen für clas Verwaltungs-
wesen, einem Vertreter der Berliner radikalen
Arbeiterschaft untl dem Polizeipiäsidenten einer
großen Schweizer Siadt. Ich sollte tlie Ergeb'
nisse dieser Reise in einem Buche niederlegen'
Ich sagte s'ofort zu uncl tra^t ilann im Laufe des
Herbsies wieclerholt mit Mitgliedern tlieser Kom-
mission im Empfangszimmer des Moabiter Ge-
fåingnisses zusammen, wo wir mit Radek unter
Aufsicht eines Inspektors sprechen tlurften. Die
Abreise cler Kommission, die Radek von seiten
der deutschen Regierung gewährleistet zu sein
schien, verzögerte sich von Woche zu Woche.
Radek wurde dann im Januar des laufentlen Jah'
res allein und heimlich über tlie Grenze ge-
bracht.
Je. weiter unsere Abreise hinausgeschoben
wurcle, um so enttäuschter wurde ich in bezug
auf clie Mögtichkeit, den Bolschewismus in sei'
ner ulspitinglichen, wie mir scbien stärksten und
,ilefiniåiren Form. in Wirksamkeit zù sehen. Die eingeführt. Lawinen von Lügen, bewuSten Fäl-
,,È&{itte aach reehts", die in Lenins Broschüro schungen und phantastischen Verzerrungen stürz-
ssn dee ,,3{áchsten Aufgaben der Sowjet-ilIacht" ten vor den Augen der Welt über das lVerk der
aasftihrlich behandeli sind, wurden getan; das Kommunisten in Rußland nieder. Schließlich
Taylorsystem., rlas Prämiensystem in das Pro. kannte sich in dem trVust der Widersprüche, Ge
grårnry des wirtschaftlichen Aufbaus aufgenom- rüchte und Dementis, der Behauptungen und
men; úie Stellung der Bolschewiki zum Bauern' Manifeste niemand mehr aus. Der zweite Kongreß
staa{ zumal zu den Mittelbauern, gab uns der Dritten Internationale, die Delegationen, die \r
zs.-"denken; es kamen Nachrichten über die ihn besuchten, und die über das, was sie ge-
4i
A.¡beitsarmee und den Arbeitszw¿ulg, Naçhrich- sehen hatten, Bericht gaben, halfen nichf den
ten, die uns verstimmten, und ich fragte Rarleh Nebei zu zerstreuen. Auf manchem qualmenden
beiur Abschied, ob es denn überhaupt noch Zweck Scheiterhaufen, der den Männern der Sowjet-
babe, für mich wie für uns alle, nach Rußlanal tl Regierung errichtet wurde, brodelte brenzlich das
zu reisen, da di,'6 vielen Kompromisse und l(on. eigene heimische Parteisüppchen. Ich war ziem-
zessionen das Bild des Bolschewismus cloch lich entmutigt, wankencl und unsicher geworden,
schon, wenn auch nicht unkenntlich gemacht, t
als mich im Sommer dieses Jahres ein Zeitungs.
iloch in verhängnisvoller Weise gefälscht hätten. konzern aufforderte, nach Rußland zu fahren und
Ratlek'beruhigie mich mit seinem hellen, sar- über meine Erfahrungen ein Buch zu schreiben.
kastischen Lächeln uncl sagte, wenn ich nicht lVie sincl die Berichterstatter )eschaffen, die clie
irre: es komrire wenig clarauf an, daß man Kom- ul Welt in das belagerte, vielverleumdete und viel-
promisse schließe, alles darauf, daß man es veÏ- gepriesene Land. entsendet? Untl auf welche Art
stehe, sie im geeigneten Augenblick wiecler rüðk- und Weise kann man in Rußlaud das Wesentliche '1i
gängig zu machen, und daß er cler llberzeugung erfahren? Das l\[itglied der Partei kommt hier 1

sei, dies würde geschehen-' nicht in Frage l:


Meines Wissens bin ich rlas einzige lgitglied
:
- es betritt
natürlich mit gebundener
uncl verläßt Rußlantl
Marschroute. Ich kenne I
'êinige .il
dieser Kommission, das seit Radeks .A.bschiecl von
f
Bücher, eine Reihe von Aufsätzen über I
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Berlin den Boden Rußlantls betreten hat, und Sowjet-Rußland, bin auch mit einem und dern I
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awar auf rlen Tag genau ein Jahr nach dem Er- anderen Berichterstatter persönlich bekannt und j
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scheinen jenes Senrlboten in meiner Wohnung. infolgedessen fähig, den Mann mit seiner Mei. ,ll
ì

In diesem Jahre hatte sich das Bilct rtes Bohchã- I


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nung wie mit rlen tatsächlichen Verhältnissen zu ll
wismus, tl.h. der praktischen Durchführung der konfrontieren. Allerhancl ehrgeizige Gesellen, ,itr
i
Eommunistischen Prinzipien in Rußland fortwäh- heimliche Geschäftemacher, tückische Verräter l
I
rend gewantlelt und verschoben. Die Todesstrafo' al tummeln sich auf dem heißen und bunten Boden ,t

t'
z. B, wurile abgeschafft, dann infolge eines ver- herum. Der Wahrheitsbegierigen, der in gutern
sucbÞE Aascblags der Gegenrevolution wieder Sinne Wissensdurstigen, der Befugton und 8e" It
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rufeeeu, tler Ernsten und Getreuen gibt es nicht' hielt ich untriigliche Bev¡eise für tlas Doppets^qiel,
gar viele- dem wüsten Chaos gröblicher ¿u. Siu getriebãn batten, untl tlessen sie überführt
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¡gakt¡laË.rlr stechen da tlie Bücher einiger Englåin' worden waren.
iter'u-cit eines Ðeutschen, Alfons Paquet, aus ßs kann wohl nur eine Meinung' nur ein Ur-
ites eleteÊ Zeit :der bolschewistischen Revolution teil geben über Mensohen, die sich mit sorg-
erfreuiich ab.) Es läßi sich kaum beschreiben, fãftif verheimlichten Aufträgul il ein blockier-
mit çetreher Verachtung die führenden Männer tes, îon inneren Kråirnpfen und erbarmungslosem
Ra8lands über jene spekulativ Verzückten ur' ,außerett Krieg durchscñütteltes Land, in dem eine
teilea, die in ihn-en herrliche Heroen ohne Makel neue Welt siõh vorbereitet, in tlem 150 Millionen
rileise jahr'
erblicken, auf speichelleckerische Art untl Menschen geistig befreit worden sind von
ih¡ Werk bewedeln und heräuchern. Für jeno bunrlertelañger ãumpfer Unwissenheit, einschlei-
anileren, die aus schlotteriger Angst in RußIancl cherq um ihre kleinen privaten Interessen zu
Begeislerung sinfulieren, um dann, über clie befriãdigen. Zèhnf.acb, aber, hunde{qt! muß man
Greøze zuräck, in ihrer Heimat vor Verleum- ,solches ireiben verurteilen, wenn sich Publizisten
dung uncl Geifer überzufließen, hat man in Ruß- seiner schulctig machen. Die Publizistik tlieser
landselbstverständlich n-ichts weiter als das Vier- Zett hat ctie iufgabe, Klarheit zu verbreiten,
'tellächein iler Geringschåitzung, wie sich's ge- 'schonungslos und-getreu das Sublime wie das
btihrt. Entsetzliihe, aus clem diese Zeit sich zusammen-
'Wahr ist es, daßrjeder, cler im Auftrage bürger'
setzt, darzustellen und zu verkünden' Wer heute
licher Zeiturfuen, Zeitschriften' otler Verbäncle nichi wahr und klar zu reden weiß, mit geheimen
nach Rußlanù kommt, ohne sonclerliche Liebe, Plänen und Instruktionen in der Tasche lächeln'
ilagegen mit unverhohlenem Argwohn empfangen den Mundes sich unter ein geq,uäItes Volk mengt,
wli¿. Bine gewisse, in entscheidenden Situationen begeht clas Verbrechen wider 'den Geist, für tlas
erprobte Gõsinnung gegenüber clem Sozialismus Keiker nur eine getincle Strafe ist' Alt dies muß
kaìn als Gruntlþedingung für ttie Gewährung tler ich voraussender¡ weil ich selbst im Auftrage
Eisreise'gelten. Aber ich habe es selber erfahren, eines bürgerlichen Konze'rns, des ,,Unitetl Teie'
auf welche'Weise sich einer und der andere diese graph", tlõr,der großen amerikanischen Zeitungs'
' Einreiseerlaubnis erschlichen hat, der dann,,kaum ãrgaoisation ,,Uñited Pressi' a-ffiliiert isf nach
Éber elie Grenze geraten, von den Russen erkannt Rüßland kam und die Zweideutigkeit, in die
aad. mii heftigem Griff in Gewahrsam genommen manche Vorgänger uns Nachfolgenden versetzt
warde. Besoúãers einigen mir gut betannten Leu' hatten, tang"Zeltzu spüren bekar,n und zu büßen
bu, ãerrçn und Dar.nen, darunter Amerikanern, hatie.
wä¡ €s sÐ ergaûgen. Ich war entsetzt, als ich bald' Hindernisse anderer Art türmten sich mir noch
eae& des. Bãtreten russischen Bodens voq ihrer in ilen Weg. Ich will eines kurz schildern, weil es
'Featsah@e unterrichtet rvurcle. Ku¡z tlarauf er- cha¡akteriJtisch ist für ctie unvorhergesehenen
1ü 11

)
lerqnickungen unrl Verstrickungen, in die der granten und beherrschen tlie europäischen Spra'
a¡¡slãadische Publizist gerät, dei seinen recbten chen glänzend. Sie sind mit Arbeit überbürdet,
trt1ry geheo möchte. Mancher Schriftsteller gibt und man dringt nur zu kurzen Unterredungen bis
eiae¡a æohlfeilen f eu ille tonis ti schen S piettrieb äll_ zu ihnen vor. Der nächste Kreis um diese Führer
rulwi}}ig aach, würzt seinen Bericht mii kleinen in- ist aus verläßlichen Kommunisten gebildet, die
t@u*. Anekdoten, Witzen oder Seitenhieben, die
zum überwiegenden Teil nur russisch sprechen.
de¡ eiae 4{ann im Kreml über den ande¡en Mann Marr gerät nicht selten, und dies trifft besonders
inl Krem-l dem Journalistenohr in einem Augen- auf Ämter zu, die die sogenannten ,,Spezialisten"
btrick tler guten Laune preisgegeben hat. "Ich beherbergen, an wortkarge, mißtrauische und un'
hõante ein Liecl davon singen] ir welche KaJa- willige Funktionäre, aber auch an solche, die die
aritäten mich noch vor deñ Betreten Rußlanrls Anwesenheit des Fremden gerne dazu benutzen,
acd. dann in den ersten Moskauer Wochen die ihrenr Groll gegen das System, dem sie sich,
scharfgespitzte Zunge Radeks gebracht hat. Rarlek um leben nJ \önnen, zur Verfügung gestellt
hatte qinem meiner entfernteren Vorgänger, einern haben, einmal freien Lauf zu lassen. Viele unter
Engländer gegenüber sich über eio'g.ine, fie" diesen baben im Ausland gelebt und schweifen
im .russischen Auswärtigen Amt níher ausge- gerne vom Thema, das zu erörtern man zu ihnen
-
Ìassen; er hatte dieses fier unter die Langoh"ri- þam, ab, um gierig Nachricht über das ,¡erschlos'
gen eingereiht. Der Vorgänger brachte clie i,uß+ sene Europa zu fordern. Lenkt man sie dann an
rung wortgetreu und mit Nennung aller Namen die
-iar, Stelle zurück, von der rnan ausgegangen
!n ¡9in vielgelesenes Buch, und ¿ä icn als aus- da öffnet sich zuweilen ein Ventil, durch das
ländischer Publizist
Çem Auswärtigen Amt unter-
lange zurückgepreßter Ðampf zischend hervor-
stellt war, hatte ich' als, ,,protégð Ruduks,, ou- springt. Aber dieses Ventil.bleibt nicht lange
tü1fcn die.Folgen qu- trg.Sefl gìcht ich ailein.) offen. Die erschrockene Seele klappt es bald zu,
.ûlanch' einer hat sich eine Woche lanq in peters. und, man erhåilt au-s angstvoll verzerrtgm Gesicht
b_urg oder Moskau aufgehalten, ist dann nach nichtssagende vagä Reáensarten.
Eause gefahren und hai ein Buãh tber Rußtancl Solche Psychose verfehlt nicht ihre \trirkung
gescbrieben. Es muß gesagt werden, daß die we- auf den Fremdling, der sich, wenn auch nur ftir
nigsten un-ter uns, ¿ie güóner über Rußlancl ge_ kurze Zeit, in Rußlancl aufhält. [n diesem von
scfuieben haben, der Sprache des Landes mäeh_ Not, Begeisterung und Verzweiflung geschüttel-
iig sincl. Wie viele waren imstande, ihre E¡fahrun- ten Land erlebt jeder einzelne das Schicksal der
gea ilirekt aus dem Verkehr mif dem Volk zu unsicheren Zukunft, der brennend gefährlichen
s$gpteo f Offizielle Vertreter der StaatsgewaJt Gegenwart. Gleich nach dem Überschreilen der
liniL es zumeist, die den Fremrlling nbe! das Grenze spürt man eine gewissermaßen aimosphä'
Systeno, die Zusammenhänge betehren-'. Oiu Vott*_ rische Last der Unfreiheit und des Mißtratréns sich
ko¡asissåire sincl fast ausn¿åmslos ehemaligs gei- tlrückentl auf clie Seele niedersenken. lVie gerecht'
t2 13
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..... P"{iS ûieses ã{iôtrauen is! welch' guten Grüncle a.n solchem Haken ist sichon m^anch' einer håingen
flie Ksatrq3]e hat, erwähnte ich be-¡eits. Immer- geblieben.
hiû fuË der Zustand, in dem zu leben man ge. -
.::."' Da ailes, was man an Geschriebenem uncl Ge-
sg{ragÐe ist, oft schwer, nJ Zeiten voilkommen tlrucktem bei sich fúhrt, vor dem Verlassen
uaerffignieh- Uncl das liegt nicht aÍr der Kontroll- Landes der Wetscheka zur Kontrolle vorgelegt 'les
i: fueÞö¡ée aål"ein, sondern en de,n Scharen,der zu-m. werden muß, uncl cla man mit diesem Material
i't:,
Teil gane zweifelhaften Elemente, deren sie sich clann tlrei Grenzen zu passieren hat, ehe marl
b*ûient, um die nötige Kontrolle auszuüben. Leute wiecler, tlaheim ist, stellãn ttie Notizbücher, úie
.:.,
de¡ Gchrana befinden sich unter ihnen; aber man bei sich trägt, natürlich hohle Attrappen vor'
aueb ¡oanchem neugebaekenen Sptir- uná- Blut- 'Wesentliche, ob es nun günstig oder un-
Das
hu-ntl hin ich hegegnet. günstig für eines der clrei Länder lautet, ver-
Der Publizist mit ausländischem Auftrag lebt birgt man ängstlich im Geclächtnis, um es vor
in Tläusern unter militärischer Bewachung. fiU- lVlißverstänttnis, Unverstand, Spitzoln und Grenz'
pantofflige Schufte schleichen d.urch die Korri- behörclen zu schützen. Dieser Zustand tler gei
:.. dore, und um das Schlüsselloch sammelt sich stigen Notwehr,ist es, cler allmåihlich jenen see-
der fettige Abtlruck ungewaschener Ohren. Man lisõhen Druck, jene spezifische Moskauer Psy-
ist irgendwelchen Win-keltorquemadas ausgelie. chose erzeugt, clie schwerer zu ertragen ist als
.:'.
fe¡i.-Einmaì hatte ich im Zimmer einer Damã ein álle anderen Nöte, clie man in Rußlancl am eigenen
Lehrbuch für erwachsene Analpbabãten ninter- Leibe erfährt. Der bare Setbsterhaltungstrieb, die
,',.
lassen. Als dÍe Dame verhaftet, ìhr Zimmer.ver- Revolte des guten Gewissens fälscht und ent-
'1.'.,
siegelt wurde, reklamierte ich bei der mir un- stellt tlir das gila der Wahrheit, clas zu enthüllen
t'ttt mittelbar vorgesetzten Behörde, nämlich dem,so- tlu unter tlas große, räiselhaJte Volk cles Oster¡þ
':.
gen¿uinten Hauskommandanten, dieses Buch, rlas gehommen bist.
ich zu meiner Arbeit benötigte. Tags clarauf wurde . 'Was
wir hier
:::
Immet wieder erklärtè man mir:
.a,,: das Zimmer durch rlie Beâmten jener Kontroll. brauchen, sind Leute mit Phantasie; keine kleinen
behörclg der.,,Allrussischen Außerordenflichen klebrigen Matter-of-fact-Gehirne, deren Horizont
:.,., Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolutioar auf dõn Dunstkreis um ihre Nase beschränkt ist.
ugd d-es Wuchers" (nach den Anfangsbuchstaben Ich rnachte den einen und tlen ancleren, der 'so'
'Wetscheka_
genannt), geöffnet, die Hãbseligkeiten zu mir sprach, darauf aufmerksam, daß clie Füh-
::
'i::1,
der Dame durchkramt, und als ich mein Lehrbuch rer clèr Bolschewiki es ja heftig leugneten, ihr
fiIrückforderte, wurde mir mit höhnischer Mieno tlaß tlieser oft wieder'
Ziel sei clie Utopie
- unil
::::.,

erklärt: daß die Dame das ,,Buch für Anaichi- holte Wunscn nacn
holte'Wunsch nach phantasiebegabtern Fremcl-
pnanrasleDegaDterr
'.:..:,

'1,, sten", das ich ihr gegeben hatte, sehr sicher ver- lingen doch die Suggestion einschließe: der Betrach'
,:. w?h¡t habe, denn man könne es nicht finclen. ter möge tlurch das Gegenwärtige, das Gegebene,
:r.: Dies ist nur ein kleines tr{ißve¡stänrtnis, ¿þs¡ cturch dâs Wertlencle hinilurch des leuchtenden
1:::.

14 15
Zieles cler Tltopie gewahr werden, es nie aus den tiefsten unter der Nqtwendigkeit leiden, nun wie-
-å.ugea rerlieren. Und so ist es auch. Aus den derum ihr,erseits aridere unterdrücken zu müssen.
Theeries de¡ Füh¡enden, der Gläubigen, der sich Wie verhält es sich mit dem, der, 'ohne einer
tpfereden, durch all den entsetzlichen ÏVust der Partei anzugehören, aus ilIenschheitsdrang, auq
&alb uad ganz ysrnishteten l{öglicbkeiten, durch innerer Bedrängnis wenn auch mii áusge-
Ëlas uasãgliche Wirrsal der Widersprüche, des
sprochen bürgerlichem Auftrag nach Rußlanct
ProEisorischen wie des überhaupt nie zu Ver- fährt? Mein seelisch gerichteter Kommunismus
wirhliehenden, den Widerstreit von papierner Ver- ist durch die ruBsische Prüfung unversehrL mit
ordcung und blutigem Daseinskampf, durch die mir nachDeutschland zurückgekõmmen. So wenig
Resultate iler erbarmungslosen Kriege, . cler der iÌfensch vor der Revolution beim Bamñ
Bloekade, der Sabotage durch die inne¡en Feinde anfing, sci weñig fängt er heute beim Kommu-
bindurch das schon Verwirklichte und in einei nisten an. Da mein Menschheitsideal das heri- ,
helleren Zukunft zu Verwirklichencle zu e¡füh- schaftlose Beisammenleben in voller Freiheit auf .
len und zu'erblicken
- dies ist und bleibt das
lYesentliche in Sowjet-Rußlancl.
Erden bedeutet, darf ich, aus diesem Gesichts-
winkel gesehen, den Kommunismus wohl als eine'
Was man erfährf sind indes Bruchteile von Stufe zu diesem Ziel, mehr noch seiner Ðurch-,
Bruchteilen führbãrkeit als seiner baren Theorie nach, einer ,"

L
Kritik unterwerfen. Und in diesem Sinne hatte der ,
fch suchte in Rußlancl eine Religion und fand r
I eine Partei. Eine Partei aber, d.ie allerdings
,.
,,Kommand.ant" meines Haus,es in Moskau wohl -
recht, weruì- er cla¡i Lehrbuch für Analphabeten
eine groQe Idee, die größte vielleicht, diè ilIen- mit einem Handbuch für Anarchisten ver-
schen je gedacht haben, mit allen Mitteln der po- wechselte.
litischen Macht und sogar der diplomatischen t
Schlauheit durchzusetzen bestrebt ist. Bin Fran-
: ,,Freiheit ist ein Vorurteil der Intellektuellen.,,
Dies steht irgenclwo bei Lenin zu lesen. Werur
zose sagte mir: ,,Wir leben bier. im Zeitalter i man nun, in einem Zustand der äußersten persön-
der ersten Ch'iistenverfolgungen." Ein Engländer t
i lichen Unfreiheit von einer übergangszeit sprechen
sagte mir: ,,Wir in England, in Amerika, wi¡ mu- T;
hört, einer zeitlich beschränkten Di[tatur des pro-
tigen und energischen Menschen håitten den letariats, die eine zeitlich abgeschl,ossone Diktaiur-
Kampf gegen derartige Hindernisse längst auf- periode der imperialistiscLeo, kapitalistischen
gegeben." Wer aus den Bolschewiki Teu-fel macht, Bourgeoisie ablösen soll und nach der sich alles
isl ein Verbrecher, wer aus ihnen Engel macht, ein in eitel Liebe unrl Gleichheit auflösen wird _-
Narr. Bs sind lebendige Menschen, in Gefäng- wenn man clie abgestandene Sentimentalität von
nissen, im Exil hart geschmieilete Gehirne, ge- den Enkeln, ,,die es einst besser haben werd.en,t.
ståhlt durch Gefahren, gewaltige, für das Leiilen aus dem Munde tler konsequent und konkret clen.
iler lJnterclrückten offene Herzen, die selber am kenden Führer cler Bolschewiki zu hören he_
'16
9 IIolit¡o-her, Dreì. Ifonaúo in Sowjet-Ilußtancl 1n
lt
kcmgt: iila¡a' kann man darauf ruhig erwicle.rn: ilas, auch weür es sich nichi bewahrheitet haben
ihr,getrlraueht, hier die Phrasen von lgt¿. Es'gibt dollte, den Berùeis dafür lielert, daß der Bol-
keilre {3b'ergangszeit, -weil eine Zeit eine andere, schewismus ein lebendes Gebilde ist und seine
kei¡¡e' Ëhergangsaktion, weil eine Aktion eine Führer als kluge und den Notwentligkeiten des
a4dere åktion,gebiert und so forb. Bbensowenig Tages gervachsene Menschen gelten dürfen. Der
gibË es *lakel; denn jeder Enkel ist seinerseits Anarchist Machnow, von den Bolschewiki als
wieder Großvater. Es gibt nur,einen ewigen FIuß wilder Räuberhauptmann und Partisanenanführer
,der Binge, und es gibt jawohl eine verhängnis- zuerst in Acht und Bann erklärt, später freilich
':vslïe Terantwortung für die Gegenwart, den-blut zum Bündnis aufgefordert, hat einen wichtigen,
soll sch.ecklichen Augenblick. Ihr selbst-willt es,. ja, wie es heißt, einen entscheidenden Anteil an
besten, welche S chlagf er ti gkei t des G e wis;
a-------------- tlem Niederringen und der' Ilrledigung Wrangels
sens yonnöten ist, will man die Herrschafl einer in Südrußland gehabt. Als Entgelt für seine llilfe
Idee auÍrichten. Es ist also nich[ am Platze, von forderte er und wurde ihm gewährt: die Belreiung
der allumfasÞenden Wahrheit zu sprechen, die der um ihrer Gesinnung wiúen eingekerkerfen An-
rtnr aus den opalnen Fernen der Utopie herüber. archisten untl die Wiederherstellung tler lìede-
scËimmert,, und'die nur das\phantasiebegabte und Pressefreiheit in näher bezeichnetenGebieben
Âuge zu erkennen vermag. 'Dasselbe Auge, das' Südrußlantls.
ilas Brreichbare betrachtet, muß hart und kühl Ein Gerücht, wie gesagt.
die U¡sache der Widerstände ergründen
suchen. WÞnn sich cler Bolschewismus ^r im l¡Iusse Tìie 'trVa-hrheit
I Wer es sich leicht machen
befindet, so giht es eherne Hindernisse, welche l-,, wollte. könnte Zilï.ern an Ziffern reihen. Aber
stülpe die ganze Statistik um du in
sich,aus seinem éigenen lVesen emporrecken und
seiuen Lauf behindern. dem Haulen auch nur ein Körnchen - finclest
\{ahrheit?
In den letzten Tagen vor meiner Abreise erzählto Die Naphthaproduhtion bildet tlie Grunrllage des
man mir, daß Trotzki eine Artikelreihe cles ln- russischen Verkehrswesens, aller inneren Möglich-
haltes vor'bereite: auf welche Weise. den lokalen keiten für den wirtschaltlichen Aufbau Rußlands.
Sowjets wieder mehr Macht zugewipsen werden Räckte-.Wrangel in den letzten Monaten 100 Werst
könne, tlie ihnen durch die übertriebene Zentra- vorwärts, ,so versiegte tlie Quelle; wurde er
¡]isation zu. entschwinden angefangen hat. \ïçnn 2.00lYerst zurückgeworfen, triumphierte der Sta-
diese Artikelreihe geschrieben worden ist, rvird tistiker. llhnlich ging es mit der Baumwoll-
sie yon ungéheurer Tragweite fûr die Bntwick- proddktion und der Belieferung der Textilzen-
Iun-g des'Kommunismus in Rußlancl wie in der tren durch Turkestan. Wir fuhren, durch die
'Welt Statistik deprimiert, eines Tages aus Moskau nacbi
sein. Unter allem Vorbehalt und mit größ-
ter tr¡orsieåi gebe ich ein Ge¡ücht wieder, das um dem Fabrikort lwanowo-Wosnessensk im Gou-
dieselbe. Zeit in Petersburg aplgetaucbt war, und vernement Wlatlimir. lVir wußten, daß dort die
18 1.9
Fabrikea eben rl'ied.er geöffnet waren, rm vor Be- recht enl.si,nne, der Finger eines nôrmalen Bauern¡
gina des Krieges aufgestapelte Rohstoffe zu ver- aber immelhin noch ein Finger. 1918 schoß plötz-
arbeiten. Á.Is ich eine Woche später nach Mos. lich eine rote Säule bis zur Mitte tler Ta^fel in die
kau s&rü.ckkehrte, berichteten mir Delegierte der Höhe, das war schon nach der Oktoberrevolul.ion.
Turkest¿ner Sowjets, clie in meinem Hause unter- Eine zweite rote Säule vom Jahre 1920 erreichte
gebracht rvaren, daß tags zu\¡or einige hundert aber bereits den höchsten Rand der Ta-fel. Kein
lliaggons nit Baumwolle aus Turkestan nach den Mensch, der sich im Narkomproß auch nur eine
sördlichen Gouvernements abgegangen seien. In Stundc aufgehalten hat, wird das Ungeheure¡
den offiziellen Zeitungen Rußlantls begegnet man das über clie Jahrhunderte hinaus Gültige und
irnmer hãufiger Aufsätzen, die gegen die Lügen- Wirkencle leugnen, das die Bolschewiki Íir die
wissenschaft cler Statistik zu Felcle ziehen, allen Erziehung des russischen Volkes'geleistet haben.
Ernstes die Einstellung statistischer Untersuchun- W,ozu dieser veraltete schwinclelhaJte Behelf
gen beaatragen, nicht etwa, weil man d-ie Not tler graphischen Darstellung von Rubelauslagen?
des Landes verschleiern müsse, sondern im Jeiles Kind weiß ja, tlaß die Kaufhraft einer
Gegenteil, weil die Not den Menschen durch Million Rubel 1920 der Kaufkra^ft von 1000 oder
die A{ittel der Statistik nicht als ein bald gar 500 unter dem letzten Zarcn entspricht. Fort
vorübergehender Zustantl clargestellt werden mit der Staiistik. . . -
dtirfe. Eine merkwürdige Talel wircl mir stets Aus Gegenwärtigem, Künftigem, aus der Ge'
vor Augen stehen, lvenn ich mich jemals sinnung und der Leiclensfähigkeit der Massen, au$
noch an pathetische Zahlen stoßen werde im meinem Gefähl, meinem Verstand, der, Erfahrung
Leben.' Diese Tafel war im Garten des Nar- meines gùîzew Lebens, clie mir Theorie,n, Men-
komproß, il. h. des Volkskommissariats für schen, Ergebnisse durchleuchtet, muß mir die
Volksaufklärung uncl Erziehung aufgestellt. Mit Wahrheit über Sowjet-Rußlanil erstehen. Ich setze
dieser Holztafel würcle ich, ginge es nach tair, so- mich hin, um mein Buch zu schreiben. Gott
fort in dem kalten Empfangszim.mer Lunatschars' mir' l
.-h,1lfe
kis, tles Volkskommissärs, einheizen. Eine gra-
phische Darstellung wies in schwaizen, clann in
roten Strichen und Säulen Rubelmengen, näm-
Iich für Zwecke cler Volkserziehung ausgeworfene Das ,4¡'beiter-Volk
Rubel in den Jahre¡r von 1900 bis 1920 aufo
Das Erziehungsbudget von 1900 war ein kleiner Ës ist oft gesagt worden, claß der Ausspruch
wagelechter Strich von der Dicke eines Fingers. l---t von Marx: das Land mit dem höchst ent-
1904 war's der linger eines kleinenKindes,gewor- 'wickelten Kapitalismus sei berufen, zuerst die pro-
den, so wenig war für den Zweck im Staatsbuclget letarische Revolution siegreich durchzuführen,
vorgesehen. 1910 war der Finger, wenn ich mich sich nicht bewahrheitet habe. Denn serade Ruß-
21
land, d"as
-A.grartanil
mit einem,nur in 'den
ersten ilittigteit dabei nicht 'nur keinen Scharlen er'
Stacliea befinrlüChen Inclustriekapitalismus'hat dio leirte, sondern durch unerhörte Opferwilligkeit,
til proletarische Diktatur zum Siege geführt. Ein angespanntes Pflichtbewußtsein âuf tlem eben zer'
trümmerten Gebäucle der neue Zustand auferstehe.
, anderer Ausspruch aber von Marx hat sich als
wahr und folgerichtig erwiesen: rlaß nämlich das Eù ist also, wie man sieht, ein psychologisches
organisierfe städtische Proletariat vor allem be- Problem. Es ist kein rein ökonomisches, s'onclern
rufen sei, ilas Rückgrat jeder antikapitalistischen ein Gesinnungsproblem. Bs ist ein Probler4, bei
Revolution zu bilclen. (In Deutschlantl haben die ttern tlie Psychologie iler Massen wie cles Indivi'
Kieler Matrosen, cl. h. organisierte Met¿llarbeiter iluums eine große Rolle zu spielen hat, eine ent-
clas Gebäude des Imperialismus zu Falle gebrach.t.) scheidendere Rolle vieÌleicht als die Routine.
Der organisierte Arbeiter, den Marx meint, ist Unter welchen Bedingungen nun hat der rus'
aóer nicht nur der Teil des klassenbewußüen Pro- siÉche Kommunismus dieses verhängnisvolle Ex-
letariats, der den Sinn des Sozialismus erfaßt hat periment begonnen? Er fancl eine durch 16Jahrs
uud das proletarische Wirtschafts- und Verwal- Krieg geschwächte, verwahrloste und demorali'
tungssystem begreifen, stützen unrl ihm zum Siege sierte Menschenmasse vor, einen total verlotter-
verhelfen muß, sondern vor allen Dingen ruht auf ten Protluktionsapparaf, einen erschrecklichen
ihm ilie Pflicht, einen eben zertrümmerten Appai"at Mangel an den notwendigsten Rohstoflen. Fort-
lclurch eisernen Fleiß aufzubauen uirrl alle nicht- wâhrende Bedrohung durqh tlen an clen Grenzen
organisierten, nicht klassenbewußten, alle unwil- tles Landes sich düster zusammenballenclen lVelt'
ligen,Elemente, die die neu aufzubauencle Organi-_ kapitalismus, der, der ungeheuren Gefahr bewußt,
' safion auf clie Dauer nicht entbehren und von sich immer neue Heere vorwärts schob, clen ganzen
,abhalten kann, zu kontrollieren, zu disziplinieren, papierenen Apparat tler Feinclseligkeit, der Ver-
anzufeuern, wenn es sein rhuß zu unterdrücken. leumdung, tler Verrlüchtigungen in ein rasende¡
: Ðas Froblem tles Kommunismus ist: arbeiten; Tempo vèrsetzte, tler durch tausend unterirdische
mit vollster Hingabe, unter Anstrengung aller Kandle Zwietracht, Verrat untl Ãrgeres in das harü
Kräfte auf eine nicht mehr tlem kapitalistischen geschlagene, wie eine Festung blockierte Lantl
Zwang tler Selbsierhaltung, sondern dem freien ãandte. Aber schlimmere Hinclernisse noch als
menscllichen Streben nach Hingabe an die Ge- cliese rein äußerlichen erwuchsen dem Bolsche'
'Weise wismus untl seinen Führern aus dlen seelischen
meinschaft unterworfene arbeiten. Das
Problám des bolschewistischen Aufbaues, cter Dik- Vorbeclingungen der Menschen, tlie sie fanden, ttm
,tatur des Proletariats beruht ilarauf, daß mit einem mit ihnen ihre lileale aufzuricht9n. Ein Volks-
.wuchtigen Griff, einem harten Zupacken, Um- 'kommissar erklärte mir mit traurigem Lächeln:
bieget unrl Abbrecherr zugleich rnit dem Kapitalis. der russische Arbeiter habe in tlen Zeiten vor der
mus der Trieb des Eigennutzes, der Habgier ver- Oktoherrevolution zu iwenig kapitalistische Prügel
ryichtet wercle und die Produktion, clie Arbeits- erbalten, sei also niemals für eine angestrengte
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22
I
systematische Produktion vorgebildet gewesen. nowo-'Wosnessensk, außerdem Fabriken versohie
Þie besten unil ve¡läßlichsten Árbeiier seien die dener Art in Petelsburg, lVerkstätten, Beklei-
Litauer, die Polen und die Juden. clungsindustrien, Brotfabriken usw. In mancher
Es gibt Leute, die den Bolschewiki den Vor- Fabrik fanden wir Rohstolfe vor. die noch aus
wu¡f nachbn, daß sie mit einem ungeeigneten tler Zeii; vor dem l(rieee stammten. In anderen
Yolkskörper ein so radikales Experiment gemacht lag schôn neues lVlateiial aus den unerschöpf-
hätten. Und es sincl nicht zuletzt die aufrìchtigen lichen Vortatskammern des weiten Landes bereit,
Sozialisten, die diesen Vorwurf erheben; denn-sie jedoch wurden da auch Verarbeitungsstoffe ver-
befürchien beim Scheitern dessen. w¿¿s sie das wendet, die clie Blockade nicht herein ließ, z. B.
bolschewistische Experiment o"rrn.o, ein welt- Farben für den iVlusteraufdruck des Kat[uns, die
weites Erstarken ttes Kapitalismus und éine Dis- im Frieden aus Bayern importiert rvurden, undr
kretlitierung des sozialistischen Gedanhens auf un: deren Versiegen die Fabrikation wieder vor ein
absehbare Zeit. schwieriges Problem stellen rvird.
Nach drei Monaten, rlie ich in Rußland ver- Die Fabriken, clie wir sahen, \ryaren bereits
bracht habe, hann ich ein ähnliches, wenn auch in der Zeit vor dem Kriese erbaut und ein-
viel leichteres Bedenken nicht von mir rn¡eison. gerichtet worden' Alles, was- wir zu beobacirten
Das Volk ist müde, der Arbeiter entnerr,,t. der hatten, um das Wirken des neuen Arbeits-
Kapitalismus hat an der Gesinnung der Menschen, systems zu erkennen, war: in welchem Zustancl
¿n dem Trieb zur Gemeinschaft jahrtausenclelang sich die Fabrik befand, auf welche Weise man
gesündigt, und d,er treu ergebenen opferwilligeñ die vorhandenen Maschinen und Sioffe behan-
Genossen sind verhältnismäßig wenige. Ðie Opfer- delte, seit der Arbeiter solber ltre'rr d.e,s Betriebes
willigkeit dieser Treuen und Gerechten führ[ sie geworden war, und. ztietzt das Wichtigste: auf
- an den roten Fronten - zur p¡eisgabe
Lebens und damit zur Vernichtuns
ihres
der wesent-
welche Art man den zugrunde gehenden Apparat,
die abgenutzten Maschinen, die unersetzbaren
lichen uncl wichtigen StÍitze der desinnung bei Maschinenbestanclteile arbeiLsfähig erhielt, durch
elen schwankenden Massen unrl der KontroilJaller sorgfâltige .Behandlung, durch Erfindungsgabe,
der Disziplin Unfähigen, bewu-ßt das Getriebe durch Hingabe und Verständnis für die Not-
Zerstörenden. wendigkeit der -.Froduktion, nicht nur ftir die
äußeren Bedürfnisse des Volkes, sond.ern für die
feh habe einige Fabriken besichtigt, in denen
Å ich die Produktionsweise des heutigen Ruß-
Stärkung und Aufrechterhaltung d,er großen poli-
tischen ldee.
Iands, fragmentarisch zwar, wie es sich von selbst . Ich bedaure es sehr, daß wir keinen I(odak
verstehf aber doch in seinen Konturen zu ver- zur Hand hatten, als wir die große Tuchfabrik in
folgen vermochte. Es waren dies: eine Textiifabrik de.r Nähe von Moslcau besuchten. Sie fabrizierte
in der Nåiåe Moskaus, eine Kattunfábrik in lwa- I'Iilitärtuch, außerdem Tuche für Månnerbeklei-
1).á,

,25
/
dung untt tlas sogenannte ,;technische Fi]ztuch" nicht zu ersetzen waren, von Ilunclerten von
fiir dic Papierfabrikation. Die Herstellung tlieseq' Arbeiterinnen zusammengewebt werden. Da saßen
letzteren eines schweren ryeißen Filzes von sie nun au,f langen Bänken in einer Reihe und
zwei Finger- Ðicke, der eine endlose Rolle dar- fügten r,nühselig Faden um Faden tler beiden
stetl[ erforuert eine bestimmte Mascbine zum Entlen des Tuches zusammen. Eine unendlich
, Aulrauhen - des Stoffes. Diese tfaschine heißt monotone und mühselige Arbeit, bei der es zu ver'
Bolikardenmaschine untl stellt einen' Zylintler aus meiden war, daß lfuotèn in das Tuch gelangten,
ÏIelqü dar, att dem distelförmige biegsame St¿chel- weil dann das Papier, das über cliese Tuche
- spulen befestigt sinct. Das Tuch wird über diese laufen muß, natürlich zerrissen wäre. Mir fiel
Ðisteln gezogen, die die Fasern des Tuchos 4uf- bei clieser Verrichtung ein Wort ein, das ich in
rauhen. Die Maschinen, die aus Bury in Englancl Moskau gehört hatte: ,,Wenig llfaschinen, viel
bezogen worden waren" waren nicht mehr zu"' Mènschen viel l\{aschinen, wenig Menschen.
, gebrauchen. Die Arbeiter in tler Fabrik zim' Unser
-
Problem ist einfach: wir" haben enorme
: merten nun aus Holz ähnliche Zylincler zusammen Mengen l\{enschen, wir brauchen clie Maschinen
, und befestigten an ihnen wirkliche Dis(eln, clie nicht."
aus einem entfernten Gouvernement herbeige' Die Arbeiterinnen tlieser Fabrik hatten pro Tag
.:sehafft und natürlich einer raschen Abnutzung ein ]lfinirn'um von TrlzArschin Gewebe abzulief ern,
ausgesetzt waren. Diese Maschine, primitiv, naiv,
-. ,wie von irgencleinem Robinson Crusoe zusammen- erhielten daJür einen l\{inimallagelohn von 121
Rubeln 20 Kopeken. Um clie Produktion zu heben,
gesetzt, kãm mir . als rührendes_ Symbol der wurde ein Prämiensystem eingeführt, welches diê
Not untl der Tugencl des neuen Rußlands vof- Bezüge bis zu 400 Pùozent tles Lohnes steigern
Ich besuchte diese Fabrik mit dem ehemaligen konnte. Zu Zeiten der erhöhten Procluktionsnot-
Volkskommissar der iungarischeh kommunisti- wentligkeil wurden 40 Überstunden monatlich bei
schen Regierung, dem ausgezeichneten Volkswirt:' 25 monatlichen Achts[undentagen geleistot' Vor
" schaftslehrer Professor. Varga. Wir fuhren un' tter Binführung des Prämiensystems hatte bei tlen
angemeldet tlort hinaus und konnten einen ge- måinnlichen Arbeitern die tägliche Procluktion
"'tnauen Einblick in das Getriebe so der Arbeit wie einen Durchschnitt von 12 Arschin betragen,
' iler Verwaltung gewinnen. Von 6100 Spindeln ar' nach der Binführung des Prämiensysteitrs betrug
.beiteten zutzeit nur 3000. 1600 Arbeiter lebten
rler Du¡chschnitt 15 bis 17 Arschin. Jeder Be-
mit ihren Familien auf clem Gebiet um dieFabrik. amte und Arbêiter hat pro l(opf seiner Familie
Anspruch auf 11 Szazn 'Lancles zur eigenen Be'
zeugen mangelte, tlie fehlentlen Bestandteile zu bauung im nächsten Umkreis tler Fabrikniecler'
ärnêuern. So z. B. mußte der endlose Filz, von lassung. Das hatte seine Vorzüge und Nachteile-
' dem ich sprach, tla die Maschinen zum Zusam' -Da die Lebensmittelbelieferung oft eine' gänzlich
menrveben tles Filzes nicht funktionierten und ungenügencle wàr uncl zumal clie Arbeiterinnen
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s'or ü-n¿erernä.hrung und Müdigkeit kaum mehr ist das nicht unbedingte Regel. Es gibt Fahriken,
zu arheiten vermochibn, ilurfte man nichts ctagegCn in denen kein Kommunist im Betriebsrab sitzt;
haben, daß sich ein Teil'des Betriebspersõnats nur war diese eben eine der wichtigsten in
baibe Tage lang unentschuld.igt auf ¿en petAein tler Nähe Moskaus und stand in clirektem Zu-
nmhs¡{¡igþ, um Rüben, Kartoffeln und andere sammenhang mit d,er Tentralsteile lür Texiilver-
Erdfrächie anzubauen, zu pflegen und- einzu- sorgung des Landes. Uns hatten zwei Genossen
heirrlsen. Gegen cliese notgedrungene Sabotago begleitet, ein åilterer, mit der Kontrolle dieser
der Produktion half nur das mechanisch erhöhte Fabrik im Moskauer Textilkomitee beauftragt, uncl
Prämiensystem. Doch war die Stimmung unter ein jüngerer, der im Zentrotextil, der obersten
der A¡beiterschaft eine vorzügliche. Sie wußten Stelle für clie gesamte Produhtion des Reiches,
ja daß etw'ai sich geändert hatte, cl¿ß sie für die verantwortungsvolle Stelle des Leiters der ge-
sich arbeiteten, und das half ihnen über manche samten Wollabteilwrg innehatte. Beitle Genossen
Entbehrung, Müdigkeit und Kummer hinweg. waren ehemalige Angestellte der großen Fabrik
Eine Schar hübscher, gut gehleicieter und fröh- und stanrlen noch in einem freundschaftlichen uncl
licher Kinder stand um u4ser Auiomobil, als wir von' seiten des alten, expropriierien Besitz,ers
kamen und gingen. Im Klubzimmer, inden Speise- patriarchalischen Verhä.ltnis zu ihrem ehernaligen
sälen, in dem I(inderklub der Arbeiterheime hin- Arbeitgeber.
gen Bilder und Fahnen mit Wahlsprüchen an den Weniger günstige Eindrücke hatten wir, als
lVänden; ein Theater sah man, dessen Dekora- gir im Bureau der Fabrik mit den ftihrenden Be-
tionen von den Arbeitern selbst gemalt worden êmten zu spréchen anfingen. Der Leiter des
waren, Das Programm der leizten Aufführungen Bureaus, ehemaliger Direktor der Fabrik, seit
-
zeigte Stücke von Tschechow und Tolsioi. In zwanzig Jahren in derselben Tåitigkeit, gab ohne
einem kleinen Atelier standen naive Ton- und weiteres zu, daß seine Eücher nicht ordentlich
Holzskulpturen, die begabte Arbeiter in ihren geführt seien; außerdem konnte er über clie Pro'
Mußestunden ausgeführt hatten. Ein Sanatorium duktionsmengen, die Rohstoffe, die Quantitäten
mit vorztglich gehaltenen Räumen für Operatio- der Verarbeiiung nur vollkomrnen vage und ver-
nen, Wöchnerinnenstuben und Apotheke wies er- legene Auskunft erteilen.
s-taunlich gut funktionierende Einrichtungen auf, Nach lwanowo-Wosnessensk fuhr ich als Mit-
der Oberarzt verfügte sogar über chirurgisché gliêcl einer kleinen Gruppe, die unsere wunder-
Geräte;_wie uns im Vertrauen mitgeteilt ùurde, bare Klara Zetkin begleitete. Iwanowo-Wosnes-
waren diese tlurch den Schleichhandel erstandenj sensk ist eine der größten Industriestädte Ruß-
1g9h war, was in B.ußland noch seltener ist, Iancls, das Herz cles revolutionären proletarischen
Cåloroform vorhanden. Rußlands. Hier herrschte unter der Arbeiter-
. In Betriebsrat saßen nur .A.rbeiter; kein Be- schaft Jubel ob des Besuches cler seltenen Frau.
amter. Der Vorsitzencle,'wal Kommunist. Doch Auch Angelika Balabanoff befa¡rd sich in urserer
gB
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Gesellsc;haJå' ,lVir wurden mit mititärischen Ehren Bearbeitung, tlann wieder guer durchs Lancl zum
empfaagea. Ðie l{ote Armee stand auf tlem Bahn- 'Dekatieren usw. herumschicken muljte. Von den
ho{, die &liliüirkapelle spieltç die lnternationale, 210 l-abriken sind es zwanzig grolìe, die gegen-
und wir aahmen eine Art P¿i'¡ade ab. lVeine¡rde wärtig in Betrieb s[ehen. Kleine Betriebe sinci
Frauen begrälJten und kQßten Klara und Ange- natürlich gesperrt, da die Konkurrenz der lîabri-
üka, die vom lrittbrett'des Waggons Ànsprachen kanten und die Privalinitiative mib dem Privat-
an.die Versammeiten' hielten. 'eigentum
aufgehört haben.
Die Fabrik, die wir am nächsten Tage besich. Auch hier sahen wir viel Heroismus der Ar-
tig[en, hatte im Frieden enorme Mengen von beit und viel rüLhrencles Blenrl. Blasse Frauert
Kattunstoffen nàch dern näheren und _weiterer¡ stürzten auf unsere ZeLkin zu, zeigten ihre Bash
Orient geliefert. Die Musterbücher der Fabrik schuhe : draußen hatþn gerade die ersten
wiesen eine schier unglaubliche l.ülie von buntd- Winterfröste eingeÀetzl und baien die Freun-
steu l)rucken auf. Alle UrÍormen indischer, chine tlin und Füt¡rerin, den -Genossen Lenin zu ver-
sischer, persischer Dekoration fanden sich iu anlassen, daß er mehr Brot und mehr Schuhe
diesen Musterbüchern verei4igt. Jetzt wurden nach Iwanowo schicke. (Der: Ort galt von jeher
natürlich Vaiianten von nur ganz geringer Zahll als ein Hungerzentrum.)
ausgefährt. Doch fanden wir schon neue Zeich.- ' Gegen welche Schäden moralischer Art das
nungen in einem sauberen, volkstümlichen Stile, meines Erachtens die tr[oral nicht minder schädi-
cler $em Geschmack des Proletariers angemessen gentle -Prämiensystem anzukämpfen hat, lehrto
scliien. trm Hofe der Fabrik, die seit zwei Wochen uns der Besuch einer großen Mäntelnåiherei in
erst wieder in Gang ,gesetzt worden war; iûr Petersburg. Als wir ankamen, war eine kleine
Frieden-4500, jetzt nur 2000 Arbeiter beschtil- Gruppe von jungen Arbeiterinnen im Zimmer des
tigte, lagen noch Berge von G¡anaten. Die Fabrik Betriebsleiters versammelt. Auf Stüþlen lagen,
,war nämlich im Kriege auf diesen angenehmen sorgfältig hingebreitet, hübsche, aus gutem Tuch
Produktionszweiþ umgestellt worden. Das ganze verfertigte und mit Seirle gefütterte Blusen und
Teufelszeug rostete nun unter cler dreimal wieder- Jacken, Röcke, sogar einige schöne u¡arrne
holten Schneeschicht. Iwanowo'Wo$nessensk be- Mäntel aus Plüsch untl mit Pelzwerk. Alldies
sitzt 210 Fabriken und ist,'wie gesagt, das Zen- wurde an Arbeiterinnen für gutes Verhalten, ern-
trum der Katlunfabrikation Rußlancls. Durcb tlie sige Arbeit uncl pünktl.ich eingehaltene Arbeitszeit
neue Produktionsweise sind jetzt alle ftir die verteilt. Wir erfuhren, daß viele von den Arbeite-
Fabrikation von Textilw¿¡sa þss[immenden'Be- rinnen sich den.hårtesten Strafen für Verletzung
arbeitungsstéIlen vereinigt, während früher der dèr Arbeitspflicht aussetzten, halbe Tage lang
unsinnige Zustand herrschte, daß man einen Stoff, fortblieben, ,um für die Bhegattinnen irgendwo
der an einem. Ort gewebt wurde, 'Iausende von verÈteckter ieicher Schieber M¿intel zu nähen,
Meilen weit an eingn anderen Ort zur weiberen {leicler anzufeitigen, wobei die Löhne für solche
3t 31
heimlich fertiggesiellte Kleirler zwischen 60- und platzt. Ein ekler Bach von Urin ergoß sich gelb
8û0tû Rubei schwankten. Hier hatten wir einen durch tlen Schnee und clas Eis hundert Meter rveil
wtisten Ànsturm von großstädtisch demoralisier- über die Straße. Die Röhren waren nicht zu er-
ten, keifenilen und. fuchtelnden Frauen zu be- setzen. Üilerall auf Schritt uncl Tritt Verwüstung,
stehen. Dieser Ansturm galt clem Abteilungsleiter Unersetzbarkeit, Ruin. Damit zugleich F.esigna-
äer Pete¡sburger zentralen Kommunalbehörde, der tion, Gehenlassen, Verlotterung, Sich-Hinlegenund
'IVerkstätten
uns die zeigte. Der NIann, einer der Sterben.
tüchtigsten, gewissenhaf testen und arbeitsfreudig-
sten Beamten des großen Stabes der Petrokommun
Und doch
- im Frühjahr 1920 gab es zwischen
derErledigungDenikins und. d.em neueinsetzenden
war ehemals selbst Schneider gev/esen. Die Be- Polenkrieg einen Zeitraum von ungefàhr drei Mo-
schwe¡den der Arbeiterinnen v/aren: mangelhaftes, taten, in dern tlie Industrie mit einem Ruck er-
Schuhrverk und ungerechte Bevorzugung irgend- höhte Procluktion aufwies, dadurch rlie Beliefe.
welcher Kolleginnen bei der Verteilung der rung vom Lancle einen Aufschwung nahm, die
Prämien. allgemeine Stimmung sich hob, das System er-
./ starkte uncl an Anhängern gewann. Aber dann
p ußland, das blockierte, vorn Krieg beclrängte, kam Polen, clann kam lVrangel, dann kam tlie Fe-
I\ vor_ innere'n Feinden sich nur ungenügend setzung tles Donjetzbeckens, die Verwüstung und
schützenáe Rußlancl krankt an einer Untõrproäuk- ilie Abschneidung der ukrainischen Felder, die
tion des Notwendigsten, Wegnahme tler Naphthaquellen, Müdigkeii, Ver"
Das traurigste Wort, das icL- in Rußlantl gehört zweiflung. Trotzdem ließ man den Mut nicht
habe, war das Wort: Remont. Remont bedeutet sinken. Die Lebetsmittelration der Kinder wurde
Reparatur, uncl wenn man Remont hört, bedeutet erhöht (tlie bösen Kommunisten erhöhten sogar
es, daß etwas kaput ist, das nicht repariert wer- die Lebensmittelration für clie Kinder der ver-
den kann. Im iäglichen Leben bemerkt man das- haßten Bourgeoisie), uncl rlie wenigen Monate
selbe wie in den großen Dingen der öffentlichen Waffenstillstand. an der Front bewirkten, daß
Einrichtungen'und Notwendigkeiten. Ging in clem rler Winter I920|I92L minder hart und gefährlich
sehönen Hause, in dem ich in'Moskau wohnte, ---
auf tlie leiclentle Bevölkerung tler großen Städte
eine Schraube von der Klinke meiner Zimmertür aiecler{ällt.
v€tloren, so konnte ich meine Tür nicht mehr Als ich Rußlanct verließ, war Wrangei in clie
schließen, d.enn es waren ein-fach keine Schrauben Flucht geschlagen, und wir atmeten auf" Eine
ru beschaffen. Mein Weg in die Stadt führte mich Zeitspanne von mindestens vier Monaíen Ruhe
ilurch eine der belebtesten Verkehrsadern, eine an den Fronten stancl Rußland bevor. Rußland,
abschüssige Straße entlang. Mitte Oktober hatten ilas ein bewunderungswürdig aufgebauies }Ieer
wir 15 Grad Kälte. In einem vierstöckigen Hause ron Arbeþrn und Bauern hesitzt, wird imstan<le
w¿¡ allem Anschein nach ein Leitungsrohr ge- seia, tliefe disziplinierten, zurn leil enthusidsti-
32 I llol.iissher, DreitrlonateiuSowjei-Rußland B$',
scheÊ, rreil für d¿s Recht känpfenden MÈinner zur 50. Jalia fär jeclo Frau bis zun 40. Jahre. Der
fubeit in ilen wichtigen, für Leben und nächstô Maximalarbeitstag d,auert I Stunclen. trn man"
Zukunft entscheiclenclen Protluktionszweigen un" chen Betrieben, die schwere, gefährliche oder ge-
zustellen. l$enn rler Krieg, wie ich später aus- sundheitsschädigende Formen tler Arbeit beclin-
fü.h¡en wercle, hilft: die Iclee tles Kommunismus gen, wie in Züntlholzfabriken, in Bergwerken usw.,
ia der.å¡mee uncl clamit in den breitesten Masseer reduziert sich clie Arbeitszeit um 2 bis 2t/¡ Stun-
des russischen Volkes auf entscheidende Weise zu 'ilen u-ntl um garì.ze Arbeitstage in cler Woche.
verbreiten, so hilJt der'Waffenstillstantl, die Atem- Frauen haben acht Wochen vo¡ rxrcl acht Wochen
pause zwischen zwei Kriegen, die Inclustrie zu nach ihrer Nierlerkunft Anspruch auf v-ollstäntlige
stiirken. So bewirkt der Kampf der Entente genau Ruhe, vollstänclige Bezahlung ihrer Bezüge und,
ilas Entgegengesetzte von dem, was Sie sich von auf eine Belieferung an Leinwantlstoffen und
der Bekåi.mpfung cles Bolschewismus verspricht. allem Nötigen für die erste Versorgung des Kintles.
Die Zukunft wircl es lehren, ob cler Weltkapitalis. Außerdem wircl ctie Milchration, auch wenn die
mus sich nicht in einem nutzlosen Ansturm gegen Frau.ihr Kinil nicht selbst stillt, erhöht. Schwan-
tl^ie lclee tler Befreiung der Massen aufreibt und Hungen bei cler Durchführung all' tlieser VLorschrif-
verausgabt. ten sind. noch zu beobachten. Ich selbst habe in
Diese Befreiung der Massen ist nicht wörtlich .manchen Betrieben jungo Mäclchen gesehen, tlis
zu nehmen. Denn wenn man unterFreiheitSelbst- offenbar das 16. Jahrnoch rricht err.eichthatten.r In-
bestimmung, Leichtigkeii tler Bewegung, ein ge. tles mag das auf einen lrrtum zurückzuführÞn sein ;
mütliches Hinvegetieren versteht so ka¡rn ma¡r verktiLrnmerte, armselige Proletarierkinder sind ja
tliese Freiheit in Rußlantl allerdings nicht finrlen. im Wachstum gehemmt worden von je, und der
An ihrem Mangel leitlet jedermann (nicht allein traurige Zustancl des gequälten Landes vermochte
cler Intellektuellel), a^rn allermeisten aber der daran im Zeitraum von drei Jahren trotz der un-
russische Arbeiter. geheuersten Anstrengung nichts Entscheitlencles
Einige Bemerkungen über clie Art cler Arbeits. zu åintlenr. i
øuteilung uncl die Bedingungen der Arbeit selbst
seierr hier eingef.trochten: Die Freizügigkeit rles T T- d.as, was ich über die geistige Arbeit im
-å.rbeiters besteht nicht mehr. DieYermiftelung der L./ Dienste des Staatswesens zu sagen habe, gleich
Arbeitskräfte geschielrt nicht clurch Arbeitsbörsen, in. clas richtigo Gleichgewicht zu búngen, will ich
¡yie noch vor kurzem, sontlenr rlurch ttas Yolks- 'zwci Sätze aus Lenins Broschüre
,,Staat unrt Re-
lbmmissariat ftir Arbeit (Kommissar Schmirlt), volution" zitieren. Der erste Satz lautet: ,,Be-
itâs in engerFählung uqd bei tlen höherenStellen antentum uncl stÌindiges Heer, das sincl die Para.
auch in persönlicher Union mit clen Gewerk- siten a,m Körper rler bürgerlichen Geseltschaft""
schaften uncl ihren Führern steht. Arbeits- Der zweite Satz lautet: ,,Von einer plötzlicb rest-
pflieht besteht für jetlen Mann vom 16. bis losen Bessitigung tles Bearntenhrms- an a"llen Orten
qr
J= 35
I

ka¡n keine Red.e sein. Dies wÌire [itopie; aber deu rvußtêsten,, beí den Zuku¡Jtsbewußtesteu untar
alten Bæmtenapparat sofort zertrümmern und eucb ein Gegengewicht in tler in¡eren Befreiung.
gleichzeitig lnit ilem Bau eines neuen beginnen, in clem Bewußtsein der inJreren Freiheit find.en
der die ailnãhliche Beseitigung jeglichen Be kannl
amtentu-ms ermöglicht, das ist keine Utopieì" Die Zentralisierung des politischen ur.d wirt-
Tfèiter fäh¡t Lenin aus: Mit der Beseitiguag des schaÍtlichen Verwaltungsapparates gebiert eine so
speziüschen Vorgesetztentums der Staatsbeamten maßlose, aJle Begriffe überschreitende, jeder l(on-
kann uncl muß sofort von heute auf morgen be trolle allmåihlich entschlüpfencle Beamienscha^ft,
goûnen werden, und an deren Stelle mtissen die itaß ihr wiederum für eine Schar mehr oder min-
einlachen Funktionen von Aufsehenr uncl- Buch- der untätigen parasitärqn Inclivid.uen angestrepgt
haltern treten. zu arbeiten habt, maßIos zu arbeiten habt, nur daß
Was ich in Rußlanrl gesehen, erfahren, und ich oiese auf eurem Buckel hockende Schar euch ietzt
tlarf ruhig sagen, erliiten habe, läßt sich auf das nicht mehr ausbeutet, s,ondern das verwal-
System der ungeheuerlichsten Zentra^lisierung des tet, was ihr mit eurer Hände untl Hirne Arbeit'
gaûzen Produktions-, und. Verwaltungsapparates aus dena Drclbotlen herr"orstampft, in den \üerk-
zurúckfiihren, den diese an Schreckni sse gewohnte stätten verarbeitet.
Welt jemals erlebt hat. Die Privatinitiative ist zu-
gunsten der Staatsinitiative ausgeschaJtet, aber die \ tr Jenn unter dem kapitalistischen Systern nur
Menschen sintl clie alten geblieben. Das Beamten- VV die Hälfte cler tsevöIkerung rein produhlive
tum ist eine in allen Formen der Gesellschafts. Arbeit leistet, so weiß ich nicht, welcher Bruchteil
orclnung wiederkehrende Belastuog tles prorluk" tler Bevölkerung unter dem kommunistischen
tiven Arbeiters, des tlie Schätze der Natur, sei es System rein procluktive Arbeit leisten wircl und
dnrch den Pflug, sei es durch den Spaten heben- kann. Die erste Notwencligkeit, die erste Tat nach
ilen Arbeiters, des die Schätze des Landes ver- der Ergreifung der Macht durch clas Froletariat
arbeitenden und. zum Gebrauch ftir tlie Gemein- wav: die kapitalisiischen Führer und Beamten auß
schaft herrichtenclen Arbeiters. ilem Staats- und Wirtscha^ftskörper völlig auszu-
Ein'Wort an Alle, an alle Arbeitêr, an die sich schalten. Sofort tlarauf ergab sich als nächste
vereinigenden Proletarier aller Länder I Im Augèn" ilringendste Notwendigkeit die Aufgabe: unler
blick, in dem ihr die Herren cler Staaisgewalt ge" iliesen A.usgeschalteten vorerst ilie Spezialisten
worden seid, im Augenblick, in dem ihr tlie Klasse in den einzelnen Fächern wieder in den Beamten-
de¡ Ausbeuter unterdrückt und vernichtet habt, körper aufzunehmen. Diese Notwentligkeit birgt
beginnt für euch eine Zeit der ungeheuersten eine maßlose Gefahr in sich, wie ich es gleicb
K¡alta.nstrengung, die Notwendigkeit unerhõrtesüer ausführen will'. Sieht man sich das Diagramm
å¡beitsleistung, die Zeit einer selbstauferlegbn eines großen Verwaltungskörpers, z. B. cles Ober-
äu-&ersten Sklaverei, die nur bei den Klassenbe sten Wirüschaftsr¿tes, im Zusamrnerrha^ng @it
8€ 37
'€
allen den ih¡a untergeordneten Zweigen. der:pr,o- sich von tlem Mittelptrnkt entternen, um so weni-
dukti¡oa r und verteilirng ân, so wii¿ man an, gor können ttie Fu¡ktioniire,
'(lie ihh ausfüllen¿
diese* Schema des Verh¿ingnisvollen rles Systoms kontrolliert
genarl gewa&r werden. Zuerst befinctet sich im
,
- irh ha^be wertlen.
cten Volkskommissa¡ für Auswärtige
fnnern. diæes Diagramms; in cler Mitte ttes Blattes. Angelegenheiten, Tschitscherin; hennengelernt
auf dem das Schema eines Kommissa¡iats odeí nf"Ë" nitgetahr zu sehen bekommen, wie sein
eines ZentraJ¡ats pufgezeichnet ist, ein kleiner Kommissäriat arbeitet. Außerttem habe ich auch
Kreis. In d.iesem Kreise steht der Volkskommissar neben antleren Kommissariaten tlas Kommissa¡iat
fär .A.rbeit, fü¡ Volksauft[ärung, fär Auswärtige für Volkserziehung des Genosse¡r Lunatscharski
Angelegenheiten, für Gesqclheitspflege, ocler w.ãs zv beobachten Gelegenheit gehabt' Ich kann
er sonst ist. Diese Männer, soweit ioh sie kennen nicht sâ€Ð, daß' ein tli¡ekter Zusammen-
.gelemt habe, soweit ich ihre Arbeit beobachten . hang zwilchen der Tüchtigkeit . ,,des . inne'rn
uncl mich über ihre Arbeit informiere¡. konnte. Kreíses und. tler äußersten Kreise" ein untl
sind Persönlichkeiten von absoluter, keiner Ver_ desselben Kommissariats besteht, und ich wilt
leumtlung zugänglichen Integrität, clurch das Leben .nicht sagen, welches von clen erwähnten Kom-
u¡tl rlas Schicksal erprobte, gehärtete, aufopfe- missariaíen mir ctiese Überzeugung beigebracht
ru_ngsvollste, für unsere gemäßigten Zonen der hh,t. Ich weiß trur, daß Tschitscherin, ein
Pftichterfüllung unbegreifliche Arbeiter, Verant- khänklicher, hästelhcter Asket, von den achtzehn
Arbeitsstuntten, die er täglich leistgt, reichlich
I
wortungsträger, zum TeiI rsahie Apoitel und
'He¡olde einer neuen Zeit. : zebn an Organisationsfehlern irunorhal'b seines
Um diesen innersten Kreiq der entwecler einen Kommissarials einbüßen muß. Lunatscb¿rski mag
Namen ,ode,r die Namen eines ganz engen l(omi- ein Mann vòn grarrctiose,n ldeen sein, und matr-
'tees von clrei bis fünJ Menschen umfißt, zieht ches, was in seinem Kommissariat durchgosetzt
sich ein Kreis mit schon etwas breiterem Ra- 'ist, wirtl clie Ti¡elt in stärkere Erschütüerung ver-
d.ius. In diesem Radius sincl. die Leiter der ober. ,"ir"o, als sie clas Kommissariat tl'sr Arbeit otler
sten
.Verw¿ltungsstellen des Kommissariats ge. irgendãines wirtschaltlichen Departements hervor-
¡a¡nt, meist ebenso erprobte, zum großen Tãil ztlofeo verma,g - aber er ist tler typische In"
ebenso opferwillige, mit Arbeit überl-adtete uu.ct . tellektuelle, veischwinilet von Zeit zu Zeit, um
ihrer Vera¡twortung bewußle Kommunisten. Die Koìrratl Fertli:mntl Meyer zu übersetzen oder um
K¡eise weiten sich irqmer mehr. Jedem Leite¡ ein Dra,ma zu scbreiben, in dem Ma¡x mit Faust
eines Verwaltungs- oder procluktions- ocler. Ver- untl Bakunin mit Mephisto uncl anclere upzüch"
teilungszweiges unterstehen Abteilunssleiter. die tige Paarungen statffinclen, und tlie Arbeit cles
ihrerseits wieder einen weiteren Kreis-und imme¡ Kommissariats trägt tlie Folgen"
rveitere Kreise von Untergebenen mit spezialisier- Je stärker sich ãer Kommunism\rs e'inwurzelt,
fen Funktionon besitzen. Je weiùer diäse Kreise im Maße, in denr ilas System in tlem gaFzetl
38 .39
u-ngeheurea La¡d.e erstarkt, im illaße, in dem
Tentralorganisation gehöreuden unser utopischer Trau¡n der freien Gemeinschalt
*:,?ot
üet,t'er¡saitung
Zweige
und der produktion in den Bä-
kleiner Ifueise entwickeln soll" trn Rußlancl habe
¡eich de¡ Zentralisierung einbezogen werd,en, nnacht ich das unerhörteste, ungemessenste Leiden in
sich die l{otwendigkeit der Aritttittung des Be. fast allen Schichten tler BevöIkerung gefunden"
amtenkörpers, der Zaziehung von Masìen neue¡ fröhlich aber und guter Dinge habe ich (außer
¡rad irnmer neuel Mitarbeitei bemerkbar. tlen Ifindern) nur eine Schicht gesehen, näm-
.sicb" Es läßt lich eine im wirklichen Sinne des Wortes para"
aicht vermeiden, daß sich Dlemente i, di;f
sen Scharen ein-finden, die durch Faulheit, I(or- sitäre, bürgerliche Mittelschicht von neuem Be-
ruption, durch bewußt feinclliche amt€ntum, die sich weiß Golt woher zusammen
Gesinnung gefunden hat, sich über den wißbegierigen und
gegenüber dem System den ganzen Tfppaiai
schrvächen unct diskreditieren.' óì-u---,,iooerenl., ernst untl eifrig clen Zusammen-hängen nachfor-
trrorkämpfer der revolutionären klee foí¿ern schenden Fremdling lustig macht, ihn durch
von fgnoranz oder bewußte lrreftihrung bei seiner Ar-
ih'ien Untergebenen mit mehr oder minderer Ener_
beit behinclert. Ich sprach schon vorhin von der
qi. dj,u.uf.g. {.gt9nierqng, denselben ldeatismus, Schwìerigkeit, durch InJormationen clie \üahrhelt
dreselbe Gläubigkeit, die sie in sich hegen, und
ùte letzten Grundes clie Ursachi d¿für tiber clie innere Struktur des Apparates zu erhal-
ist, daß der ¡ussische I(ommunismus sich ten. Diese Schicht einer, man ka.nn es ruhig so
seit drei Jahren siegreich in lRußIand r¡ennen, neuen Bourge.oisie, der sogenannten
behauptet hai und elne uie mehr Sowjet-Bourgeoisie, ehrgeizige, zyrlisch unzuver-
gängliche Umwandlung der Geisterver- in
lässige Menschen, werden durch Maulwurfsarbeit
ùet ganzen Weli be*irkt.. ilen Staatskörper unterminieren und würdeÌl ver'-
Aber diesem seelischen Druck geben nur jene mutlich die ersten sein, die auf d.en Trümmern,
naeh, die die Vorbedlngungea aei .lutopf.räog, wenn es jemals Trümmer geben könnte, clie weiße
des.Ideahsmus, d.er Ctauni[neit in ihren Herzen Fahne oder irgendeine andere hißten.
besitzen. Bei den anderen, ãie, um zu lebenr'sich Die inneren Kreise kennen iliese Zustände, ken-
dem Sowjet-Aþparat freiwillig, aufgefordert oder nen ctiesè Leute ganz gena;rr. Von Zeit zu Zelf,
not_gedrungen ,,kämmen sie sie aus", d. h. sie schüiteln sie
Verfügung [estelli haben, tuiml
-zur ab unter Hinweis auf die Notwendigkeit, daß die
s._c.!r1;tli mächtig oñ¿ i-"*u",macUìiger
11A
Böswilligkeit und Vernichtungssucht an.'
UaS. Front junger Mânner bedarf, claß in einern ,ent-
W.enn es die Dig_enschaft ães Staates isf daß fernten Ort des weiten Landes ein Posten vakant
er ernen enotmen Beamtenapparat nötig haf so geworden ist, auch wird der kommunistische
frägt Samstag oft aJs willkommener An-laß d.azu er-
-der Staat sei¡reñ lfuankheits- o"ã foa.r_
keim in sich; untl es ist fraglich,. wie sich aus dem sehen, die zu geistiger wie zu körperlicher Dienst-
ror}iufig allmächtigen Gebilde ães Staates jemals Ieistung Unwilligen zu entlarven, sich ihrer zu
entlecligen. Aher es fragt sich, oh der Ersaiz, de,r
4A\ 41
ftir diese ,{usgekãmmten geschaffen wirtl, nicht ist ein ebensolches Schimpfwort nrie ,,Spek".
aus noeh fo{iberen Elementen besüeht. Es ist in
,,Spezl' ist tler Spezialis[ ,,Spek'l cler Spekulant.
den Rasland feiacllich gesorurc,nen Låintlero immer Beicle zugleich Spekulanüen uncl Spezialisien tler
'wieder die Rede davon, daß die Rote Armee es
alten, nur unvollkqmmeo vernichteten Wirtschaft
seiû würi, die letzten Enrles die Bolschewjki stä¡- untl Gesinnung. Der Spez ist ehemaliger KauJmann,
z€n wird. Dieser Hoffnung muß sie,h die vereinte Fabrikanl Kapitalist Ausbeuter, aber grtintllicher
kapitatistische \{'elt entschlagen. Die neue Sowjet- Keinrrer seinesr P¡otluktions- oder Verteilungsge-
tsourgeoisie schemkt ihrerseits diæe¡ kapitalisti- biekjs. Er ist nicht leicht durch Måinner tler ge-
schen Welt eine erneute. wenn auch beträchtlich -
ra.den Gesinnung, aber mangelnclen Sachkenntnis
geringeie Hoffnung. Es ist unwahrscheinlich, daß 'zu ersetzen.
itie Sowjet-Fäh¡er diesen Krebsschaden friiher Eine Vereinfachung des Beamtenktirpers
oder später vollkom¡ne,n auszu,F,cbneiden fiihi'g wäre indes wohl durchfä-hrbar, gncl daclurchkön¡rte
sein werden. eine trngeheure Schar überflüssigery herum-
,Die K,ommunistischb Parbi Rußlands ist zaHen- lungelnden, Witze uncl Zoten reißenden Gelichters
mäßig gering. Sie betråigt nach neuesberSchätzung ausìden Ãmtern entferni werden. Sie tun ja iloch
dreiviertel Millionen bei einer gesa.mten Volksza,hìi nichts. Man gerät in gelincle Wut, wenn man au.t
von 150 Millionen, und von dieser clreiviertel Mil- sie angewiese,n ist. I-Insereiner, der nur wenige
lion ist, gering bemessen ein Drittd! und .an'ar Wochen tmcl Monate in den großen Zentren der
ggrade das wertvollste, verläßlichste unrl opfer- Arbeit und Verwaltung verweilen kann, leidet
willigste Drittèt an den Flonten, wo es in clen Höllenqualen. Die Ämter sind in Villen ocler Pa-
vordersten Gräben die Sache tler Sowjets verficht. lästen untergebracht, tlie ehemals reichen Leuten
lVelches Maß von Heroismus: an diesen Fronten gehört haben und so ziemlich an der Peripherie
von den überzeugungstreuen, opferwiltrigen Kom- der Staclt gelegen sind, nur wenige im Zentrum.
muniste-n stäncllich bezeugt wird, kommt nie ans Telephon funktioniert nicht, ocler, wenn es funk-
Tageslicht. Die [etzte Woche des Wrangel- tioniert, nur einseitig. Eine Maschine, il. h. eirr
abenteuers, die ich in Rußlancl verleht lia,bg weist Automobil¡ das einem nebst Sekretär, Übersetzer
auf eine Epopoe hin, Kèimen diese verl?ißlichen, uncl antleren schönen Dingen versprochen wor'
erprobten Menschen zuräck, ttas übel wäre über den ist, tritt nicht in Erscheinung. l\Ian ist alst-r
Nacht ii nichts velg¿ìngen. gez\il'ungen, entweder zu Fuß zwölf lYerst zu
Es ist unzweifelhaÍt, ilaß eine Schwäche, nicht laufen ocler sich in eine Droschke zu setzen,
der Fährer allein, sondera des ganzen Systems rleren Lenker ftir eine Strecke wie vom Branden-
d¿'in liegt, tlaß die konterrevolutionären, die sa^bo- - burger Tor nach clem Anhalter Bahnhof 5000Ru"
tierenclen, faulen und korrupten Elemente nicht bel ve/llangt uncl auch bekommt. Der Monats'
rarlikal beseitigt we¡dên können. Schwierig tlürfte gehalt eines Sowjet-Beamten, Arztes oder anderen
es ja sein, die ,rSpez" hinaus,zuwerfen. ,,Spez"
, lrunktionärs macht selten mehr als diese Summe
,12
*e)
aus; daher k¡nn sich nur ei¡ Spekulant eine iten Baueh halten riber die NaivitäÍ des Fremd-
ÐroschLe leisten; infolgedessen entãieht sich der lings, der wirkliches Wissen vorausgesetzt ltat
Ð:osehkenienker, der früher 10 bis 15 Kopeken fûr
uncl mit wirklichem Wissen abzuziehen verrneint.
die Faårt hekommen hat, der irdischen Gerech" Gogolsche Revisorstimm'ung. All' das sincl wohl
tigkeit.
Geringfùgigkeite¡, ,obzwar sie sich traurig genug
Man hat fest ein Stelklichein verabredet mit an-a-ören. Aber durch solche Unzuverlässigl<eiten
einem Funktionär zweiten, dritten oder fünften geschieht es, was ich einmal in einer mìr inter-
Grades; rast mit dem Iswostschik durch cLie essant untl wertvoll clünkenden Bildungsstä[te in
Stadt. Der Funktionär ist nicht zugegen, ver_ Moskau erlebt habe. Dort war eine Reihe von
reist, noch nicht ins Bu¡eau gekommen" kommt Werkstätten geschlossen, einfach, weil aus Nach-
wah¡scheinlich auch nicht, hat vergessen oder * lässigkeit der vorgesetzten Behörde tlie Grenzfrage
ist nicht aufgelegt. Aber das isi es nicht, wds tler Belieferung mit Nlaterialien durch das eine
einem die heilige Wut gegen das Beamtentum all.
oder das andere Komlrnissariat, das Kommissariat
mählich in den Adern gerinnen låßt. Es sind. nicht fär professionelle Arbeit oder das tr(ommissariat
ryr dig Einzelnen, auch nicht Gruppen, wie jene für Volksaufk'lärung ungefähr fünfviertel Jahr lang
Chemiker im Gouvernement WiatÉ-(?), die sich unentschieden geblieben 'war. Man wundert und
¿n die Zentralstelle in Moskau mit rlem scba.rn_ ärgert sich schließlich nicht rnehr, zieht seine
losen Ersuchdn gewendet haben, keine Kommu- Schlüsse und geht seiner lVege, d. h. man geht,
nisl,en zu schicken, sondern Leute, die Chemie wenn man überhaupt noch zu gehen imsta¡lclo
verstehen; es ist auch nicht einel(reatur wie jene ist. Als ich infolge totaler Brschöpfung und des
Oberärztin in dem Petersburger Geftingnis, die uns erbärmlichen Pflasters von Moskau in einer Nacht
mit sarlistischer Wollust in ihrem Berãich herum_ a'uf der St¡a$e hingellogen war und mir l{nie und
füÌrrte, cla¡n mit unverhohlenem Zynismus ihrs Ellenbogen blutig geschlagen hatte, war ich ge-
Vorgesetzten wegen ihrer kommunistischen Ge.
. zwungen, mich nach einem Stock ocler irgend-
sinnung verhöhnte und uns, als wirih¡ausunseret einer Stütze umzusehen. Der normale TVeg wäre
Gesinnung kein Hehl machten, mit naiver Miene gewesen, ein Gesuch an clie mir übergeordnete
fragte: wie kann man nur? Behörcle, rlas Auswäriige Amt, einzureichen und
Es hann passieren, daß einem, nachdem ma¡ in zu begrtinden, weshalb ich einen Stock benölige,
einem Amt mehr oder weniger sichere und er-
Dieser Instanzenweg hätte, wenn es an den st¿idti"
schöpfende Auskunft bekommen hat uncl hoch schen Verteilungsstellen wirklich so etwas wie
befriedigt das Zimmer verläßt, ein kleines ver- einen Stock gegeben håitte, was man mir aber
ðächtiges Lachen nachgesandl wircl. Man wendet,
soforf vernointe, ungefähr zwei Wochen ge-
sichdan¡i um, sieht eineGruppe vonvollkommenen rlauert . . . . Bbenso ilie Besohlung von Amts
anwissendeñ Leuten, die sich soeben eine Menge
wegen meines zweiten Paares total tlnrchgelau.
Lügen aus den Fingern gesogçn haben und jetlt fener Stiefel. Ich zog es vor" auf d.en l\{arkt su
u 45
I
lt
r1;
'/

gehen" !'8Ê d€nr ich später ausftihrlich sptechen zimmer, in dem ich auJ meinen Paß wart,ete, drei
l::a) )
Ferde, wo aber keine Stöcke, sondenr nur Beseil Stuntlen lang wartete * es gtngen tlerweil junge'
zm ?¡a.hea rva.ren. Ein. Bessr hostete 12000 Rubel.' Bea.mte und Beamtinnen aus und ein, saßen auf
trch bätte deer Besenstiel entzwei såigen müssen, cleu hübschen Empiremöbeln, erhielten von Leu-
und^ er wäre nur eine notdtirftige Stätze gewes€rn. ten, clie Anliegen hatt¡en, Bonbonpakete, Blumen
Infolgedessen brach ich von meinem Regenschi'rrr und ancleres zugesleckt in diesem schönen Vor.
d.a-q Ðûtere Holz ab uncl ging so mit einer etwas zimmer habe ich eine- Quaste von einom den
breiteren Basis wochenfa"rrg in Rußla¡tL spazieren. Empiremöbel abgeclreht. All' die Empiresessel
Kleine Fehler der Organjsation, aber man spärf :
und Fauteuils hatten seidene Borten, clie von ner-
sie am eigenen Leibe. vösen, stuntlenlang warbentlen Vo¡zimmerkreatu-
'lVas
soll nun aus dieser maßlosen Z,enftalí- ren in unzählige Fasern zerpflückt und zerrissen
sation, aus cliesem weiter und immer weiter über- über die Lehnen und Beine herunterhingen. Meine
wuchernclen Bea^urtenkörper, .diesem parasitlireri . Verzweiflungstat vollendete nur das Zerstörungs-
wilclen Fleisch an clen gesund@l Leib eineg'At werk .ungezählter Vorgänger in tlen Empire-
beitervolkes werden? fauteuils. Wenn ich nachher im Laule tler Mo-
Oft fuhr ich nachts ¿us einem Alptraum atrf. nate in limtern zu tun und zu warten hatüe, zupfte
'1,.,:

Ich sah tlie Menschheit cler ZukunJt in zwei Lager- ich in der Tasche an dieser ersten Quastq fühlte,
gespalten" Die eine H?ilfte saß in <len Ämtein¡ tlachte uncl betete. Ich beteie: lieber Gott, man hat i,r
'11
,t
4

tlie anclere wartete in Vorzimûem, Die ganoe tlich abgeschafft; ehe du aber vollkommen von der
Entwicklung der Potitik ka.m mir so vor: die in i:
Erde verschwindest, erlöse uns von tliesem Übel'. ::: :

tlen Vorzimmern strebten danach, selbst tlie Macht Ich kenne keinen anderen Weg. An wen sol} ich
a¡ sich zu reißen, cl. h. tlrin in ilen Amtszimmern mich wenclen? An einen Volkskommissar?
il
zv. sitzen, rlamit jene, die jetzt im Amt saßen, sich' Und dann dachte ich an \4riltiam Morris uncl tl

\,
tlraußen in den Vorzimmern in Reihen stellen mein Lieblingsbuch ,,Márchen von Nirgendwo". 1,
müßten. Am ersten Tage.meiner Anwesenbeit An den wunderbaren Traum, den vorMorris schon i;.
auf ehemals russischem Boclen, in Reval¡ wåihrentl Fourier geträumt hat von dem Schmetterlingstrieb ::.
ich auf. tlas Visum 'meines Passes im Auswär- im Menschen, d€m Trieb, sich nicht in einer ein-
ji,
I'.i
tigen Amt tler Repubik Eesti wart¡ete, habe ich zigen Beschäftigung zu verhöchern, kein Spezia-
mir ein Anrlenken an cliese drei Stunden mit- ' list zu Sein, sondern aus tlem Leben an AbwechS' tl

genorumen. Das Außenministerium der Repuhlik lungsmöglichkeiten all' clas herausz'uschlagen, was 11.
,t'

EÈtlantl ist in einem wunderschönen ehemaligen es enthält unrl freiwillig hergibt, ohne geschlagen
11 .

Herrenhaus, einom großen Haus aus dunketroten zu werden, wenn clie Menschen sich nur ein bißchen
if.
lt.
li'
flolzstämmen mit schwarzen Onnamenten außen, heHen wollen, statt sich zu unterclrücken. Ich dachte ],
weißen Räumen mit enornen Kaehelöfen unrí an tlie,,kléinenHorden", tlieKintler, rlieso gernim i"
i
Enpiremöbeln innen untergebracht. Im Empfangs. Sclmutz wühlen, rlie daher in der Gessllschaft der l

46 47
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.

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:.1 :

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l:,',

:1.:,
Zuknnft die Kloaken reinigen werden. Wel'ch'e Kasan die Frage aufgeworfen, wie rnan solr
b{ensehenkiasse wird. in der Gesellschaft det Zu. Worten zu Taten übergehen könne, um den Sieg
k¡rnfl {is Ämter anfüllen? Gibt es denn Men- äber l(olischak zu ,erringen. Die angenommene
schec, die das Brot des Bureaukraten aus andern Resolution lautete folgendermaßen:
Gränden als aus der absoluten Notwentligkeit, zu
leben, die es aus dern Trieb, dem Mitm=enschen In Anbetracht der schweren inneren und
das Leben so sauer wie möglich au machen, ver- äußeren Lage, die von rler Notwencligkeit ge-
zeh¡en ?
schaffen wird, den KlassenJeind niederzuringen"o
haben die Kommunisten und ihre Freunde eich
von neuern aufzuraffen und ihre Ruhezeit um
Subbotnik noch eine Stunde zu verkürzen, d" h" ihren
il
lglg:
åus der Moskauer,,Prawda" vom 1?. Mai Arbeitstag unn eine Stunde zu verlängern. Die
i.:
ül¡erstunden sind zusammenzulegen, unrl- a¡n '):
,,Das Arbeiten auf revolutionäre Art" Samstag sind hintereinander sechs Stunden kör-
(Kommunistische S a,rnstage) .perlicher Arbeit zu leisten, um unmittelbar 1 ,

Tlas Schreiben des Zentralexekutivkomitees ' einen realen Wert zu schaffen. In der Meinung,
Ll der l(ommunistischen Partei über clas Arbei, claß l(ommunisten wetler ihre Gesundheit noch t:

ten auf revolutionäre Art hat den Kommunisten ihr Leben für die Errungenschaften der trìeyo- ì.
uncl ihre,n Organisationen einen mächtigen A,n- lution schonen dürfen, wollen wir die Arbeit :'
sporn gegeben. 'Die allgemeine Begeisterung hat unentgeltlich tun. Der Kommunistisclio 'I ì

viele Eisenbahner unter den Kommunisten naeh Samstag soll in iler glûzen Untersehtion bis il
d.er Front geführt. Doch die meisten durften ihre zum vollständigen Sieg über l(oltschak dnrch" i.

verantwortlichen Posten nicht verlassen, um neue geführt rverden"


Methoclen der Revolutionsarbeit zu suôhen. Die Nach einigem Hin und Her wurde dieser Vor-
lohalen Berichte über clie Langsarnkeit cler Demo. schlag einstimmíg angenommen. l.
bilisierung und den bureaukratischen Schlendrian Äm Samstag, den L0. Mai, traten um sechb Uhr
t'

veranlaßten tlie Untersektion der Eisenbahn Mos- l

nachmitiags die Kommunisten und ihre Freunde I

kau-I(asan, ihre Aufmerksamkeit dem Mechanis-


wÍe Solclalen zur Arbeit an, stellten sich in Reih
mus des Bisenbahnbetriebs zuzuwenden. Es uncl Glied und bekamen ohne Umståinde von de,n ì.
siellte sich heraus, daß aus Mangel an Arbeits- Meistern ihre Arbeitsplätze angewiesen. (Bs folgü
.kräften unrl infolge geringer Arbeifsintensität drin-
a

ilie Tabelle der hier und anderweitig geleisteten


gende Bestellungen und eilige Lokomotivrepara-
Arbeit.) Die Gesamtkosten der Arbeit hätten beí
turen verzögert wurden. Am 7. Mai wurde in der normalem Tarif fün-f Millionen Rubel betragen" Da
.l

t.

üeneralversammiung der Kommunisten uncl ihrer i


iliese in Überstunden geleistet wurde, hätte sie ein- t'
F¡eunde in der üntersektion d.er Eisenbabn Mosk¿u-
einhalbmal so hoch beiechnet werden mtissen. l

{8 + ãolitsoher, Drei l[onate ia Sowjet-Bo3land 49

a,',

,:jtt
ûie .årbeitsleistung beim Verlacl.en äberstieg die Tat der Kasaner Genossen von oiner blenclen-
die !{orm qm,ü0 PT ozgnt. Ðie übrigen Ar. den, die Jahrhunclerte überglä,nzeuden Schönhoit
beiten weisen ungefä\ ilieselbe Mebrlei, i¡mflosse,n. Wir achteten at'emlos auf d.ie Bran-
stung auf. dung, den Glanz, der aus tlem Norcllicht herüberr
So wurilen Verzögerungen clringender ,AuJ- schwellen sollte zu den Proleta¡iern der andereri
häge von sieben Tagen bis zu cl¡ei tr{onaten Läncler; wir hofften, glaubten uncl warteten.
rermieclen, rlie infolge Arbeitermangel und .Als ein Jahr später Genosse Schtjapnikow, der
sehleppender Arbeit eingefueüen wäretr: Führer der russischen Gewerkschaften vor denl
VorStand der U. S. P. Deutschlanrls in Berlin eineu
, zeuge verrichtet, die zwar leicht ausuubessern Vortrag Ìiber Rußlands ökonomische Lage und.
war€û, dgren Instanclsetzung aber einzelne, Arbeitsproble'pe hiòIt, fragte ich ihn in der Dis.
Gruppen 30 bis 40 Minuten aufhielt."
- kussion, rv¿rum er es ve¡ãbsäumt habe, über di,o
" lommunistischer.r Sarnstage zu sprechen. Ich be-
Ifncler der vorstehonde ,,Prawda"-BBricht wörtlich
seiner B¡oschäre ,,Die gloße Initiative", aus kafn eine Antwort, die mich verwirr.to und ver-
stummen ließ; sie war ungenügencL und vage und
abgetlruckt ist, nennt Lenin cle¡r freiwilligen Arbeits- ' schien mir auf den lü.eserrskern nicht einzugehen.
entschluß der J\{oskau.Kasaner Eisenbahner die Stanct tloch tler kommu¡istische Samsta-g vor
Keimzelle der neuen sozialistischen Geìellschaft, meiqem Gewissen alq etwab Leuchtendes, ileroi-
einen neuen gesellschaftlichen Zusarnmenhang, 'sches, alg einBeispieX von antiker Größg denn ich
eine neue Arbeitstlisziplin, einerr Siq des russi wußte ja, was es ftir arme, hungrÍge und über.
scheer Arbeiters über den kleinbärgerlichen Egois- müdete, 4abei tråige geborene unO ¡-a"nrnunderbe
mus und clie eigeno Träghbit, de¡r erstear Schritt
zu einer wirklich, revolutiolären Tat, zum fakti- þng mißhandelte Menscheu heißt, fieiwiltig nbch
Bärrlen auJ sich zu laclen, clas einzige hinzugeben,
schen Anfang des Kommunismus. ,Ðas Beispiel was sie besitzen, ihre Arbeitskraft, und immei
iler Moskau-Kasaner Eisenbalner fantl begeister. rvierler Arbeit * fm eine lclee, für die Icleet
ten Wiclerhall uncl enthusiastische Nacha.hmung Als ich Anfa^ng September lg20 nach Moskau
in allen Teilen cles weiten Landes, wo der kom. kåu, erkuntligüe ich mich nach dem Subbotnik
munistische.'Grunclgedanke tler Arbeit fä¡ die Ge-
l¡¡rd nahm auch bald darauf an dem.hor,rrrr*unisti-
meinschaft bereits Fuß gefaßt hatte untl in seinep s9h_9n Sa,mstag der Beamten, Arbeiter und Ange-
tiefen'Wesen begriffen iorden wa¡. stellton des Auswärtigen.A.mtes, clem ich zugeteilt
$rfu ie \üesd. horchten auf. Für uns wa¡ der war, téil, NachmittagJum drei llhr.begab icÈmicn
1S. l{ai 1919 ein geschichtliches Datum, d.a.S uns Zum Hotel Metropol; dem zweiten Sowjet-Haus;
mäcbtig erschütúerte, fast so mäsþtig wie der in d,essen das Auswä"rtige Amt enter-
Ss{enks an den 25. Okt'ober 1917, åri dem.clas -Seitenflüge;n
. gebracht ist, UTnterwegs hielt micL ein Sihau.
Proletariat'ilie Macht ergriffen hatte. ]!Vjr s¿hen spiel; eine kleine Episorüe auf. Auf dem p-latze
50 *57
r'or dÐ Oper, vor clem Blumenbeet, in dem aus Es war ein ôtwa halbsti:ndiger lMeg, den wír in
buste¡r Bltibn uncl Gräsern in naiver Zeich- gutem Tempo zuräcklegten. Ich ging neben einem
aung d.er Kopf von l(a¡l Marx zusaûrmengestellt ästemeichischen Genossen, der mich von Berlin
ist, sland ein alter Kerli von riesigem Wuchs, her kannte, wo er mich sprechen gehört haite'
mit einem Bocksgesicht und einer Rohrflöte vor Wenn wir nicht sange,n, unterhielten wir uns über
ilen Lippen. Zu seinen Füßen lag sein Hut, und den Subbotnik. 'Wir sangen nämlich viel und
ia den Hut uncl um ihn'herum hatte man Rubel" herzbaft. Es war ein schöner Herbsttag, sonnig
seheine,' Hunderter únd Tausender, außerdem uncl glasklar. Aus tlen Seitengassen der Mjasnitz'
aoch .Ãpfel, Stücke Brot geworfen, sogar ein Ei, kaja strömten uns ähnliche Züge von Subbot
eine kostbare Seltenleit, eine fast, unerschwing- nikern entgegen. Einer von ihnen hatte seine
liche Kostbarkeit, hatte jemand vorsichtig aut eigeno Musikkapelle mit, uncl balcl marschierten
den Haufen zerknüllter Scheine gelegt. Der Alte wir unter clen Klängen der Kapelle, die unser
Ilötete mit zusammengekniffenen Augen, wie es Gesang überbrauste, vorwärts. Ðie Warscha-
mir schien, wunderbar und mit erstannlicher wianka, der Rotgarclistenmarsch. \ilunilerbare
Leidenschaft tlie wikllieblichen, herzzorreißencl Rhythmen, wie belebtet ihr meine alten Füßel
melancholischen Weisen Rußlancls. In'den 2wischenpausen gab mir der Genosse
Ich hatte mich über Gebühr lang im kleinen Auskunft. Der Subbotnik ist längst keine frei'
Park vor dem Theater aufgehalten und t¡af unten willige Hancllung mehr, sontlern ist Pflicht ge-
vor dern Hotel Metropol schon fast sämtliche Be, worden, so für die Kommuuisten wie für alle
arnte, Arbeiter und Angestellten des Auswärtigen Arbeiter unil Angestellten der Sowjet-Behördeu'r,
Amtes an. Ich stellte mich in Reih uncl Glied; der Regierungsãmter, der Betriebsbelegschaften.
wir waren etwa 80 an der Zahl, Männer u-nd Es werden Listen geführt, und wessen Name das
Frauen, ältere unrl jüngere Leute. Unter uns zweite oder dritte MaJ einen Haken angestrichen
waren l(orresponclenten vieler Nationen, Steno- bekommt, d.er wirtl erst gelintle verwarnto darur
typistinnen¡ ein Staatssekretär (octer von ähn- e,rnÉthaJt zur Recle gestellt unil schließlich ,,aus-
lichem Rang), Delegierte cler Internationale, Diener., gekämmt". \il'as auch in der Form gescheherr
Beamte aller Kategorien und auch unser Freund, kann, tlaß tler Saumselige, Arbeitsunwillige in
iler Qu?iker, war gekommen. Bs ging militä- ilas Konzentrationslager gesperrt wird, das ge-
risch zu, unsere Namen wurden {'on einer.großen 'Wucherer,
fürchtete Lager. für Diebq Gegenrevo'
Liste abgelesen, unrl'hinter die Namen, die sicb lutionäre und anclere ungetreue Mitgliecler dev
nicht meldeten, ein Zeichen gemacht. Wir form- Gesellschaft. Ðer Subbotnik ist 'also gewisser-
ten uns zu Reihen, zu viert, dann auf offene'r maßen ein prtifstein für clie Gesiürrrng gewordon
Straße zu Zweien und. zogen in scharfem Marsch- wie etwa tler Ruf an die Front.
schritt nach dem Petersburger Bahnhof im Norden Auf tlem Bahnhof, so hieß es, sollten wir IIoÌz
tler Statlt. aus Waggons abladen; als wir abel angekonmê¡ì
58 õ3
.uns d€i Betriebsleiter des Bahrr-
w-â¡en, : wies stehen. Ihre Nachba^rin, Sowjet-Bourgeoisq leicht
lofr eiaeq Schuppen, wo wj:r Spaten urrcl geschminkt untt mit Spuren ehemals gewellben
"o aus Eisen
Schaufeln und Hõtz vortànden; wir ÍIaares seufzte: man lebt zum GIück nur einmal.
ktut |tu 1i"" geplaaté Trambahnlinie låings cles Der kleine junge Staatssekretär, dünn untl za¡t'
Eiryq+ngleises eine Strecke,,von ?0 Mete:nL?inge ¡vie ein Knabe, mähte sich mit einem im Schlarqm
psd lûMeternBreite von zä.hem, seit sechs Jahñn festgebackenen'Wurzelstamm ab. Unsero Arbeit
angætautem unaL verH¿irtetem, Schmutz und wai ziemlich schwer, sie', war auf 4 Stunclen be-
Scblanm zu säubern. Wii stelltenluns nun in rechnet, aber in 2t/2 Stunden hatten wir sie getan"
eine_ Reihe auf, entletligten uns unseter O!er- ?0 ÛIetrer weit w¿r cler zätre Schlamm von Jahre,n
_
kleide¡ und begannen zu schaufeln. Frd.und weggeräumt, die Trambahnlinie konnte morgeilt
$u1ker machüe rasch ein paar, Koclakaufnahmen gebaut werclen.
- Ein Signal: wir marschierten zur Stationzurück,
unrl qtand dann in herrlichem grauleinenen Overl
all; dem amerikanischen Arbãitsgewand, Hose, stellten uns in'Reih unct Gliecl auf und bekamen,
Weste und Hosenträger aus einðrn .Stück, de; jetler untl jeclg tten Schwera¡beiterpajok, tl. h'
Zukunftskleiclung cler Kommunisten,,,Internatio_ die Lebensmittelzulage eingehänctigt: ein halbes
nalka" genanht, cla; er arbeitete ftir:'vier. Ich Pfuntl Brot untl eine Tüte mit Körnerzucker.
erkannte viele aus dem Amt, rlie mich in clieser Im rotctunklen Nebe} tles Abencls zogen wir
Ietzten Woche mürrisch und ohne Freundlichkeit an d.en phantastischen Türmen Moskaus vorbei
be.!1ndelf die an mir vorübergeblickt ;i;;- rlurch die Statlt zurück. Aus anderen Straßen
willig Auskunft gegeben haiten. .Ietzt""d nicktern ltrOmten uns Züge entgegen, clie Arbeiter uncl
wir einander .zv, waten freundlich zueinandei. Angestellten cler Bekleiclungszentralstelle, eine
alles Mißtrauen schien geschwunclen; wir standeú
-gemeinschaftiich Abteilung roter Soltlaten, clie Genossen aus dem
i1 da und schaufelten knochel, Kommissariat für Volkswohlfahrt. Hier und. da
tief in clemselben zähen Dreck. scllüpfte ein Pärchen von kùeinen Sowjet-B_our-
per Tag war so heiter uncl glasklar. Hinter urrs geoisen, leicht geschminkt unil kokett bebänilert,
auf'einem Gldse stanal ein langer Zug mit heim-' àus unserem militärisch stramm übur clas holp-
k'ehrentlen öste¡,reichisrchên, tichecniichen untl rige Pflaster clahin stapfentlen Ztg aul clas glat-
ungaris chen Krieg s gef a.ngenen, die uns verwund.ert tere Trottoir hinüber. Mit hurtigemGrifrhatte 'ein hin-
anblickten. Wir arbeiteten, unrl hier und ttor[ zuspringender, Genosse die Ausreißer beim'Wickel
çlrcle auch gesungen. Wenn'auch nicht überalll und zog sie in unsero geordnete Kolonne zurück.
unrl von allen. Neben mir stand eine junge Die \ryarschawianka, clas Lietl .von der Roten
?t,
litauische Arbeiterin, çttie ihre Spatenhiebe in ¿õn Fahne, clie Internationale wir sangen sie alle
Kot æit kleinen AusruÏen begleitõte. Einmal sagte in den braruren
-
Abendnebel, an den Türrne'n
st, *-eT" nur_jeder vor seinä Tür clen Mist wãg- *Ioskaus vorbei. Der alte Faú?i mit cler Pans-
soha¡¡feln wollte, wir brauchten nicht hier z,î flôte hatte sich jetzt vor tlem Denkma.tr Feodorows.
b4 55
des emten.Buchdruckèrs. am Fuße der Cbinesi,
Aus der freien samstägigen ÜberstuncleÈa,rbeit dèr
scben À{auer der geschlossenen Inneren Stadt,
Kasaner ist eine alirussisehe allsonntägliche seehs^
Kitai Gorod, aufgepflanzt. Lockentl und leiden" stüntlige Zwangsarbeit geworclen. UnsAuslândern
scha-ftlich klangen die hellen trockenen Töne des
folgte der Woskressennik in unser Haus nach.
Rohrs durch den Abend. lVir stapften vorbei.
Am, ersten Wintersonnlag waren die Ben'ohner
tssr dem Auswärtigen Arnt schüttelten wir uns die
unseres Hauses verpflichiet, von zehn Uhr mor-
Ëände, urtd jeder trottete naeh Haus. Beine
gens bis vier Uhr nachmittags im Hofe unseres
und Arme taten mir weh, mein Herz aber warfroh.
Hauses Holz zu sä.gen, zu spalfe,n untl ln die
ïeh wünschte . . . ich wünschte, ein Zwang kãme
Kellerråiume zum Zentraiofen zu befördern" Diese
irgendwoher, und jeder von uns alten und jungen
geistigen Arbeitern in Deutschland, Amerika,'der
Arbeit hatte einen leicht humoristischen Beige-
schmack der Parodie an sich. Die im }lause an-
gaÐzeu Weli r4üßte einmal in der Woche mit I(a,'
sässigen Arbeiter nämlich leisteüen in zehn Mi-
meraden nätzliche und harte körperliche Arbeír
leisien. Um cler Arbeit willen, der einen unteil- nuten dieselbe Arbeii, clie wir anderen Ðilet-
tanten in zwei Stunclen zusammenstümperten,
:

baren Arbeit der Hand und des Kopfes willeà, der


guten, lächelnclen, helläugigen Kameradschaft wit-
mit verrenhten Schulterblåi,ttern, blutig geschlage"
nen Daumennägeln und. angesägten llos,enschäf ten"
len, ftir die Idee der Gemeinschaft und der Zu,
Immerhin hatten wir Holzhacken gelernt, auch
kunft verhärtefen Schlamm aus dem Wege râumen
war das Holz in den Kellerraum befördert, und. es
mit harten Spatenhieben.
begab sich jerter in sein Zimmer, um nach dern
Aber wenn es nach mir ginge, es ilürfte kein Mittagessen: Krautsuppe, Grütze rrnd Tee, seine
lJnlustiger, kein Widerstrebender dazu gezwungen
gute Müclìgkeit auszuschlafen.
werden, nicht mit Namenlisten, nicht mit Ver-
warnung, rricht rnit Konzentrationslagern. Um
der Arbeit willen.unrl clie heilise Gemeinschalt.
er Zweck cles Subbotnik-Woskressennik Íst
erhöhte Arbeitsleistung. Wie eingangs er-
Todmüde trottete ich clurch cliJhereinbrechende
wähnt wurclq förde¡t tlas psychische Moment der
Nacht in mein entferntes Quartier heim. Plötz.
freiwilligen, aber auch cler notgedrungenen Arbeit
lich bemerkte ich, ctaß ich meinen ,,pajok.i noch
in der Hand hielt. Ein Arbeiter kam mir entgegen,
in einer guten, freucligen Gemeinschaft die l,ei-
stung in beträchtlichem Maße. Immerhin dart
mit ihnr ein Roter Soldat. Dem Arbeiter gáb-ich
das Brot, dem Solclaten den Zucker.
man Bedenken gegen diese Umwancllung und
Vergewaltigung eines ursprünglich wahrhafj reli-
giösen Triebes in Zwang äußern., Die Heiligkeil
Tì¡u rlritte Phase des Subbotnik heißt Wosktes. tler Arbeit alle äußere Not isi nicht fähig, kann
L-f sennik, das ist die Sonntagsarbeit. Bei - gemacht
nicht geltond werden zur Rechtfertigung
Winlera¡bruch, wenn die Tage kurã werden, ver-
legt man den Subt¡otnik au-t den Sonntagmorgen.
clgr Entheiligung cler Arbeit. Die noue Justiz
Rtrßlancls hat die Gelctstrafe aufsehoben oder
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docl*: ia fasf aJlen Fåillen aufgehòben _. r¡Id
Nebel wuùd€ forigeräumt aus alem Bauerrhirn;
F¡eiheits¡l¡aSen vervandeln sich, imme¡ .me.h¡
unüer dqn Ðrnck der Notwendigheit eine¡ mit 'Dor ,Ileri hatte gearbeitetl rilirklich uncl wahr"
haftig:gearbeitet Die Arbeit war also iloch nichts
all'en Mitteln forcierten Procluktion in Zwâ.r'rgs-
Entehrendes, Ernieclrigeûales . . . . .
a¡beif Die .A¡beit für die Gemeinschaft,'Wesens. Gesa,ng tler Panllöte, berzrætreißentler Gesang
kern uad Sinn des Kommunismus, verlie¡t mehT
cles Volkes der Steppen, cles weiten, weißen,
uail mehr rlie ihr innewohnende ethische Be- russischen Lantles in-rler Winternachtl
rleutuq.
ps niS noch gesagt werd,efir, claß cler Subbot¡ik
im K¡eml genâ,Il so eingehalten wircl wie_ in iler
Staalt, wie im. ganzen Lancle. Lenin¡ Trotzki i
schleppen und sägen Holz uncl ,schaufeln, Dreck, " Das Rote Heer
wenn es sein muß, und vermutlich mit größerer
ñer Geburtstag der Roten Armoe ist der
Lust, als rlie Méhrzahl von u¡s Narkominortel- I-l p¡¡s¿rn von Brest-Litowsk. Der stupitle Götze
teuten es getan hat.' Denn unter wrs wa¡en nicht lmperialismus hieb mit tlem SäbeI auf den fisch.
wenige, die mit wirlerstrebentlem Gefähl untl. un- Betlächtig und stark streckte sich cla eine Faust
überzeugt von dei Einheit der Arbeit im Schla¡m von tler anderen Seite cles Tisches' aus ulcl zog
an den Eisenbahngleisen stande,n. Dôr Kommu- tlen Säbel zu sich hinüber. Der Säbeil wurde
nist aber arbeitet mit Hanrl unrl Gehirn, frei. zlrm -Schwert. Eines Tages wircl es clem Götzen
willig untl opfermutig unrl weiß es nicht, wann tlen Scbätlel spalten. Dann wird d.ie Faust es
und wo die Iïberstunclen in seinenr' Tagewerk in Stücke zerschlagen untl wegwerfen. Uritl tler
beginnen.
Arbeiter wirtl aufhören, Soldat zu sein.
Rarlek eruãhlte mir von seinem Woskressennik. Rußlanrl steht seif 16 Jahren im Krieg. Die
Er, hatte mit ancleren Volkshommissa¡en Holz Kriege der letzterr clrei Jahre waren tlie erba¡-
tlurch das Borowitzkajatnr in den Kreml hinauf- rqungslosesten, die furchtba^rsten dieser ganzen
gdschleppt, trncl seine" alte Köchin, eine simple furchtbaren Epoche. Unil doch kann man sagen:
bäurische Analphabetin, halte ihn bei dieser Ver-
zlrm ersten Male ist tler Krieg in Rußlancl populär.
richìung gesehen., Die Atte war entgeistert: sie Der Kri,eg, clen clie Bolsche'rriki gegen clas W'elt-
vrußte doch, ihr Herr unrl Genosse stellte irgenrl kapitat führen, ist eine russische Angelegenheit.
etwas in der Regierung vor,, jetzt leistete er diese Die-Wurzeln, cles Krieges stecken iliesma.l' tiefer
entehrende körperliche Albeit, wie ein beliebigér im Volke als jea Dies liegt an iler- Beschaffenheit
Bauernbursche bei ihr zu Hause im Dorf. Raclek' cles Heeres, tlas tlas Heer eines Proletariervolkes
hielt ihr daraufhin einen populären Vortrag über ist, ,url¿ tlas liegt auch vor allen Dingen an der
den Kommunismus uncl clas Problem tler A¡beit neuen Gestaltung der Disziplin, die clie Truppen
in der kómmunistischen Gesellschaft. Uralter mit ihren Führeur untl ilie Mannschaften unter-
58 59

.)
r:-1ì.
¿t;;Æffi;"i;;l!,)...
ebaad.Ð rerbhllêt. Diese neue Disziplin ist sinn.
ton, datrn über tlie schwanhende Holzblücke del
{älliger und fär tten primitiven Ma-nn aus de¡
ifasse leichter verständlich, als es die tiefe uncl
Luga. Unct jetzt war es die Internationale, die
brausend durch unsern Wagen hallte"
in dea å{assen noch nicht zurn .entschiecterren
Ðu¡eblruch gelangte klee cles Kampfes isf des I¡r i\{oskau erz?ihlte mir ein Schauspieler von
þsnle¡rnistischen Karnpfes gegen clen Weltfeind dem greulichsten Abend seines Lebens. An diesern
Kapitd. Abend war der Stab uncl waren die Mannschalten
ÂuJ meiner Reise nach Rußlanrl hinein, wir eines Moskauer Regimentes in das Große Theater
hatten hinter Narwa soeben die Grenzs über- befohlen gewesen, wo ein zarentreues patriotisches
schritten, hielt der Zag in einem Dörfchen mitten Stück gegeben wurde. Nach den Aktschlässen
im Wald. In unserem Zage fuhren junge B+. tönte aus den Logen, wo die Offiziere saßeno
a.mte und Beamtinnen der Revaler Sowjet-Expositur Apþlaus. Die Solclaten saßen stochsteif auf ihren
mit, die sargen. Alle die Liecler dei Revolution Plätzen, tlie Augen wie hypnotisiert auf die Logen
Bangen sie; es war ein singerncler Zug. Er g+ gerichtet und rührten sich nicht. Es wäre ihnen
mahnte mich an einen andere,n, in ¿em ich vi¡ wah¡scheinlich übd. bekommen, hätten sie's ge[an.
Der Schauspieler siigte rnir: uns auf cler Btihne
{_ahreq gefahren war, einen Kolonistenzug in schnürten sich tlie l(ehlen zu. Wir spielten wie
I(anada, in dem an einem Sonntagnacnñitøg
Psalmen gesungen wurden. Auch ñien fuhreñ nnter einer kalten Dusche, uncl iiefen nach dem
letzten, Wort betäubt nach Hause.
yir it Neues Land, auch hier war And.acht, die -
den Hörer ergriff. Als der Zug über die Grenie I¡l clem Arbeiterheer, d.ern Bauernheer, hat sích
gefa.hren war und.'in dem rätselhafte,n heiligen bereits eine neue Disziplin, nicht von oben herab,
!11t stillstand, stieg ein junger Mann, hOhõre¡ sondem aus innen sozusagen, aus der Freiheit
Olfizier der Roten Armee, wie úns gesagt wurde, und Freude der Gemeinschaft heraus, entwickeit-
hinunter zu den Grenzsoldaten, die-sich" sogleicú Ja sogar ein neuer Paratleschritt, tler aber mit
um ihn scharten, untt hielt eine Ansprachó. Er tlem zaristischen Drillschritl nichts gernein hat.
stancl da und sprach über clie Armee, über den Icl¡ babe diesen Schritt bei einer Parade auf dem
Krieg- gegen die Folen, über clen gegenwärtigen Roten Platz vor clem Kreml staunend beobach[etl
Stanil der Operationen an clen Fronteir. Er stãnd Er sieht wie das energische Stapfen eines jungen
f3 -und¡prach mit den Solclaten, solange der Zug Riesen,aus, der das Gehen eben erst erlernt hat.
hielt. Einer stellte Fragen, die der dftizier bel Der Russe ist vom 18" bis zum 40. Jahre militär-
antwortete. Von einem wurcle er um Feuer ge_ ilienstpflichtig. Die aktir¡e Ausbiltlungszeit und
beten. Zum Schluß schüttelte er allen die Hañit. Dienstpflicht beträgt ein halbes Jahr. Die Arbeits-
T"d 9"r_ Zltg setzte sich in Bewegung. Wir fuhreú pflicht tler rnännlichen tsevölkerung Sowjet-Ruß^
ür¡rcä den lValtl vor Jamburg, rlen-schrecllicben lantls beginnt mit denn 16. Jahre" Vom 16" bis
Wald, in dem die Verhaue Judenitschs noch star¡- zum 18. Jahre nimmt der Russe an den l(urseul
60 61

-' j:r--
feincl, urterstätzen sie darum mit aller Kraft das
Roto Heer, das Heer des Kommunismusr.. festigen
tlamit tlas Regime der Bolschewiki, clas sie auf ilel
anderen Seite durch boshaftes Zurückhalten ih¡er
Korn- urd Lebensmittelvorräte zu schwiichen und
zu sabolieren s'uchen. Übrigens verhÊilt es sich
mit diesem .Wiclerstantl seit einiger Zeit etwas
besser; Ursache dieser Besserung qintl aber wie-
derum die Siege cler Roten Armee nicht etw¿,
-
tlaß dio Bauern jetzt ttir ihre Lebensmittrel mehr
Industrieproclukte bekommen als fräher es ist
-
vielmehr eine tlurch tlie Erfahrung bestätigte Tat-
sacbe. daß clie Bzuern jede Regie¡¡r'ng untêr-
stützon, die obne ihr Hinzutun untl viell.eicht sogar
gegen ihren- Wi[en erstarkt und sich befestigt. (Es
mag,hier allerdings neben Grünclen der Vernunft
auch die Angst vor den MalSnâhmen der Requisi-
tion mitsprechen) Die neuen ùncl imner neuen
Denikius und. Petljuras sollen daher mit tler Ein-
berufrtng zr''m Dienst in ihre Heere unter den
Bauern wenig ErIotg mehr zu verzeichnen ha.ben.
. ,!Yie bercits erwä,hnt, stehen ungefähr ?5O bis
30000Q Mitgliecler der Kommunistrschen Pa¡te¡
$u3lantts an den Roten Fmnten. Diese haben
nicht nur die Kontrolle über die nicht verlåißlichen,
aus der aJten Armee stammenclen Offiziere, mitri-
tiirische ,rSpez", auszuüben, nicht nur die P¡o-
paga.rrcla [n Wort und Schrüt unte¡ deo breiten
Maesen dþr Soltlaten, die noch nicht erfaßt haben¿
rrm was os geht, wofür und gegen. lren sie kämp.
fpn, zu, orga,nisierren uncl clurchzulühren --- ihr
P-latz ist in tlen vordersten Schützengräben; sie
haben vor allem die Aufgabe,. das große Beispiel
zu; gebepn sich zu opfern. Dies ist ihre hopa,

63
gaßtle darch die Tat, Erziehrurgsarbeit höchster halten wurden. Kursanten sinrl junga militärisch
Gaiiung. schon vorgebilclete, organisierte Arbeiter, die einen
Ðie Kommunisten werclen rlurch die Partei mo. halbjährigen Lehrkurs durchmachen, um darauf
bilisiert. Sie werden nach Bedarf zurArinee kom- zu Offizieren befördert zu werd.en. Auch junge
nand.iert, nicht als Offiziere, sondern als Mann^ intelligente Bauern. Am besten eignen sich zu
,scbaften. Die Mitglieder der Gewerkschaften dieser Ausbildung clie Metallarbeit'er; immerhin
Ferden durch clie Gewerkschaft mobilisiert. Die ist die Anforderung an den Kursanten, der in
Geserkschaften, die viele Millionen Mitglieder kurzem Zeitraum die Elemenúe der Mathematik,
zählen, unter d.enen tlie l(ommunisten nur einen Ballistik, Strategie zu bewältigen hat, ungeheuer.
geringen Prozentsatz ausmachen, stellenr-was. d.ie Die erstaunlichen Resultate sincl nicht anders
Verwendbarkeit ihrer Mitglieder fär clie Zwecke zu erklären als durch die Kralt cler Begabung, die
der Armee anbelangt, tlie nachste Stufe nach deri in diesen Menschen aus dem Volke geschlummert
Kommunisten vor. untl durch dip Schwungkraft, die die soziale Ren
Ich erkundigte mich nach der Art der Strafen. volution diesen aus jahrhundertelanger Dumpfheit
ilie. an der Front üblich sincl. Das zaristische und, unerhörter Bedrückung erwachten Seelen ver-
Heer kannte Strafen grausams[er Art, für Vergehen liehen hat.
a.n der Front und in der Arrnee im allseméinen. 150 Schulen zu 600 Hörern soll es für tlie Aus-
Die Strafen, die in der Roten Armee tibìich sind, bildung von Roten Offizieren geben indes
sind_durchweg moralische Strafen. Demütigung schwankt diese Ziffer ebenso wie die- Monate-
vor.derFront die strengste. Auf plünderung Áteft zahl, die mir für die Ausbildung der Kursanten
der Tocl.
- Der
für_geringere
Kommunist an der Front eileidet
Vergehen gegen die Diszipliir hertere
angegeben wurde; einmal rñ¡aren es sechs, ein-
mal acht Monato.
Strâfen, als sie über den Nichtkommunis[en im In Kursen für den Generalstab wËihri die Aus-
gleichen Falle verhängt würrlen.., Da sein Beruf bitdung tliei Jahre. über jeder Armeeclivision
es ist, rlas Beispiel zu geben, wuchtet die Strafe stehen Kornmiss are, w ie zw Zeit' der f ranzö sischen
mit äußerster Strenge über ihn nieder. Der Tag, Revolution Konventsoffizi,ere ctieArmee befehligten.
an dem T¡otzki zum ersten Male Mìtgtieder der Eines der merkwürcligsten Erlebnisse meiner an
Kommunistischen Paxbei an der Fronf fäsilieren Erlebnissen reichen Moskauer Zeit wa¡ jene Pa-
ließ, war der Tag, an dem dem Roten Heer seine rade auf clem Roten Platz vor der Kremlmauer.
Iïnlesiegbarkeit u'urde. Es war ein furchtbares An einem farbigen Herbstmorgen zogen Truppen-
Experiment, über clas rlie Partei hätte in die teile aller Art vor tler Tribüne der.Volkskomis.
Brüche gehen können. Trotzki wußte das. Das sare vorbei, von dei' herab Trotzki an rli,e 500
Experiment gelang- neuausgebildeten Kursanten-Offiziere eine lr/2stün-
'l{ieclerholt
war ich mit Kursanten beisammen, clige Alsprache hielt. Infanterie, Maschinen-
n*Ërn ¿3 den Vorträgen.teil, die vor ihneor gÈ gewehrabteilungen, Kosa.ken in braun-blaueh Män-
64 á IIoliúsoher, Drei Monate in Sowjet-Rtß'laod 65
teln zogen vorüber, alle mit dem roten Stern,der gar Federtschakos auf clen Kopfen. Man spricht
Sowjets auf Kappen und Hel¡nen. Auch Panzer- von ei¡¡er ga"nz exzentrischen neuen Uniform,
automsbile unrl Tanks in kriegerischer Bemalung. weiß, blau, Silber uncl Gold, unrl ich weiß nicht
Jede .A.bteilung schrie beim Vorbeimarsch ¿n der was noch für tlas nâchste Frühjahr.
?rotzkit¡ibü¡e begeistert Hurra. Trotzki unrl die
Kommissa¡e hoben die Hand zu ihren Mützen ps gint eine Anzahl aus dem Volke hervor-
u¡d Hüte.n und salutierten . . . J--lgegangener und. emporgeworfener militäri-
Die Armee ist gut genåihrt untl gekleiclet scher Genies, d.eren Namen in jedermarurs Munde
- im
Verhältnis zu den Möglichkeiten der allgemeinen sincl. Solche Namen sinct: Buctjonny, Gay, Sohol-
Notlage selbstverständlich. Der Soltlat im Lande nikoff und außerdem das größte strategische
erhält um ein Geringes mehr als der Schwer- Genie, clas die Russ,en je besessen haben
arbeiter der Klas,se A, der höchstbewerteüen Stufs so sagte man mir Tuchatschewsky. Dieser-
in bezug auÍ die Lebensmittelversorgung. An der -
ist ein ehemaliger Offizier der Zarenarmee, noch
Front aber erhält er das Doppelte. sehr jung, Kriegsgefangener in Magdeburg, der
Ich sah während der drei Monate meines.Aufent- sich nach seiner gelungenen Flucht den Bolsche-
haltes wiederholt eben eingekleiclete Truppen in wiki zur Verfügung gestelit hai und bei ihnen
neuen guten Tuchmänteln, Anfang September solche in hohem Ansehen steht. Im letzten Polenfelclzug
in f unkelnagelneuen Regenmänteln. Das Schuhwerk sol er einen schweren Fehler begangen haben,
ist zum TeiI ganz ungenügencl. Es ist ein G.lück zu der mit Schìild an dem verhängnisvotleu Rück-
nennen, daß Wrangel noch vor Anbruch tler härte- zug der Russen getragen þat. Di,e Bolschewiki
sten Winterszeit geschlagen wurde. Ansätze zu indes sagen: ,,Gut, Tuchatsbhewsky hat geternt.
neuen Uniformqn kann man bei der Roten Armee Das nächste Mal wird er es besser mach€n."
auch schon konstatieren. So tlen neu€{n Spitz- Der populäre Heltl der Roten Armee und des
helm. Nimmt man solch einen Helm in d.ie Hand. russischen Volkes ,a.ber ist cler Reiterseneral
so sieht man allerdings, daß es kein Pickelhelm t'$l"uïl;,
mit Stoffüberzug ist, sondern ein Stoffüberzug
ohne Helm, eine Tuchnachahmung des historischeq
isr ein Donkosak. s.io vutl,
Pächter in einem kleinen Dorf am unteren Lauf
**
Kalmückenhelms. Die Kavallerie zeichnet sich des Don: Budjonny hatte den großen Krieg ohne
zun Teil durch Operettenhaftigkeit tler Slaffie- Begeisterung mitgemachi und. dachte daran, nach
rung aus. (Wieweit diese auf das Konto dei dem Kriege heimzukehren, das Pachtgut seineg
zaristischen Bestäntle zu *tzen ist, weiß ich Vaters zu übernehmen und. zu bewirtschaften,
nicht.) Währencl clie Fußtruppen und tlie Artillerie er gedachte zu heiraten und ein friedlich beschau-
in Khaki mit Purpurstreifen (ilie Offiziere tragen liches Leben zu führ,en. Daran, daß er Soldat
ih¡e Distinktion auf den A,rmel genåiht) gékleictet bleiben würde, tlachte er nicht im entferntesten.
sind, spielt clie Reiterei alle Fa,rben, hat zum Teil Bei seiner Rückkehr ins Dörfchen fand er den

oo tlt
Vater wie auc,E alf clie antleien Fächter ein-
stantl unal Getühl ,,gehoreht", kein abgerichte"
gesperrt. AJs er fragte: wer das getan habe? ant-
ter Kadaver, keine Maschine. Es sintl aber nocb
. Ftrfefe man: der General MamontofT. Budjorury
andere Hanclhaben zur Förclerung cles Einvei-
sammelte ein paar Dutzend seiner Reiterbrtider -tlie
tuns Europä,ern, la
nehmens, mir ehe-
maligem Pazifisten eine rrimmer- versiegencle
¡'nd scàlug sich dorthinüber d.urch, wo ftl.amon-
tolf mittlerweile ein Heer gegen die Bolschewiki
aufzustellen suchte. Das sind die Ursprünge der Quelle d.es Erstaunens, der Bewunclerung er-
schließen.
bisher unbesiegten Reiterarmee Budjonnys. Man erzählte mir von d,en Methoden, die die
Bucljonny ist ein-tac-her Bauer geblieben. Sein
Bolschewiki anwenilen, um an Stellen, \Mo ein-
Generalstabschef ist ein alter bewährter kom- Truppenkörper in Ruhe und Erwartung neuer
munistischer Agitator. In seinem Eisenbahnwagen
Befehle zu erlahmen droht, den Geist unil die
haust Budjontry mit seiner Frau und seinãni
Disziplin aufzufrischen uncl anzufeuern. Es hom-
Generalstabschef. Nachts bei einem Glas Schnaps
men zu solchen Abschnitten cler Front AgitatorBn,
entwerfen sie ihre strategischen Plåine. Zuweilen
Gelehrte, Fachleutq Lehrer, Dichter und Rezi-
kommen Kommissare aus Moskau zu Besuch.
tatoren, Schauspieler, Kinokurbler uncl Tànzer-
Zuweilen kommt auch Schaljapin untl singt Bud-
jonny und seiner Frau A¡ien aus Opern rind" Der. Klub,' die Lesehalle, das Theater in der
Scheune wircl neu belebt durch Vorträge über
alte Volkslieder. Zuweilen korhmen auch Ballet
wissenschaftliche Gegenstände, durch alle Mittel
ttànzer und tanzen Budjonny in seinern Wagen
eJwas vor. Budjonny ist dann bes,orgt, daß sie
der Belehrung und Unlerhaltung - plötzlich
ihm mit ihren FuSspitzen seine Truhe kaptit zieht u'ietler Lebensfreude, Zusammengehörig-
keitsgefühl, Disziplin unter tlie Ermatteten und
m¿chen könnten.
llfißmutigen ein.
Jerle Armee besitzt ihre politische Abteiltrng,
fch erwähnte am Anfang tlieses Kapitels rlie ihre Presse, ihren Klub, ihre Schule, ihr Theater.
I neue Disziplin, die sozusagen durch Anschau- Was rlie Bolsôhewihi zur Behebung des Analpha-
ungsunûerricht einer neuen Kameradscha_ft den
betentuns unter der Masse der Bauern uncl Ar-
{+.F beigebrachte Pflicht, dem Einziger¡ beiter an den Fronten leisten, ist staunenswert.
Großen, Gemeinsamen zu gehorchen. Kein ùôr-
Was clie rednerisch begabten, seelisch hochstehen-
gesetzter ¡nehr und kein Untergebener ältero
- ärmere den; des Überz,eugens fähigen Genossen an den
und jüngere, an Kenntniss,en reichere und
Fronten erreicht haben, ist von größter Becleu-
Ka.meraden nur. Und der Ältere, an Kenntnissen
Reiehere macht dem Jü!¡geren und Unerfahrenen
fung für tlie Geschichte der nächsten Jahr-
hunclerte.
begreiflic\ 'was mur z'u geschehen hat, zu weL Je länger der stupicle Götze Hekatomben armer
cbem Zwecke er, wenn's sein muß, sein Lebep
irregeführter Sklaven gegen das Rote Heer vor-
e-iaz¡¡setzen hat. Ein lebender Mensch mit Ver-
w?irtsstoßen wird, um so länger wifcl die Rote
6S
69
Front bestehen, um so intensivsr wird. ùie AuJ_ ites Ackerbaus; der Völherkunde, des Kommu"
kläruagsarbeit und rlie Erziehung zu'rn Kommu_ nismus halten. Ûbermorgen werden Schauspieler
3r*o:- der organisierten und ãusammengehal- ihnen tlie neuesten politischen Nachrichten aus
tenen &fassen des russischen Volkes clurchgãffihrt atler Welt mit verteilten Rollen vorspielen - sie
werd.en können. werclep sich tlen Bauch halten, wenn Mr. Chur-
Maa faselte bei uns 1g14 bis 1g1g von dem so- chill, Herr Ebert oder der Völkerbuntl die Bühno
¿!¿lsn_lus_gleich, von der Annäherung der Klas. betritt untl seineAbsichten gegenSowjet'Rußlantl
sen, die de_r gemeinsame Schützengiabendienst in wütenden 'Worten ins Parkett hinunter brüllt'
:"J9"_ den _heterogensten Individueñ aus allen Die stärkste und wesentlichste Arbeit, clie tlas
¡jchrcbt€n der Bevölkerung bewirkt haben sollte. Kommissariat für Volksaufklärung gegenwärtig
Dre Verschärfung, die cler"Kla.J;;;;i'ilü; ?u leisten' imstancle ist, wircl an clen Fronterl
seit 1918 erfahren hat, beweist das Gegenteil, letan. Berichte besagen, daß in Truppenteilen
wilÌ ich meinen. Die Befreiung durch die soziale áer Analphabet immer mehr zum verachteten Ge'
Revolution des russischisn O"ktoberS hat einen schöpf gew"ortlen ist. Daß tler Ruf nach Bntsen'
ganz arrderen Zusammenhar¡g unte,r den Mil_ dung- geiitdeter uncl reclegwandter Genossen, Leh-
lionen des Volksheeres g"sõhafferr l Wissens- ter.iiñd Künstler immer nachttrücklicher ertönt'
dtgns ist erwacht unter dãn Stumpfsten. Men. Dieses Erlebnis des Roten Solclaten an cler
::h* aus Gegenden, in die nie einä Zeitung ge_ Front sollte tlem Weltimperialismus r"-È9q!Pq
ß.ommen war, lernen an derFront dieZeitung geben.
nur lesen, sondern auch verstehen. Men"schen,
"iõlrt
denen niemals dieschöneHeiterkeit durch denGe_ 'I-/
.T\ie Not tles beclrëingten Lancles wirft clen Roten
nuß eines erhabenen Kunstwerkes ins Leben ge_ solduüen. sobatctìein schweres ll'erk an cler
lacht hat, wohnen jetzt in Schounen Aufführun- Front getan iÁt, in Bezirke, wo man s'einer Kralt
gen bei, die von den besten Künsflern der Mos_ bitter betlarf. Es ist vorgehommen, daß in einem
k^?""1 und Petersburger Theater veranstaltet
sincl. sehr entfemten Gouvernement Arbeitstruppen
ò_re eüahren, was Tolstoj, was Gogol;
waS Tsche_ .tlie Eisenbahnschienen aufreißen untl sie an einen
chow war. Sehen bei áO Grad Kîlí,e und spär_ neuen Frontabschnitt beförttern mußten, weil tlie
lichem Rampenlicht ein elfisches Wesen mit un_ Eisenwerke rricht imstande waren, Schienen zu
begreiflich zarten Bewegungen auf der Scheunen_ protluzieren. Notstanttsarbeiten, die clringentl aus-
bühne einen Augernblich lang schmetterlinghaft zuführen \il'aren, wurclen währencl einer Pause an
an 'füren traumoffenen Augen vorüberflattern. einer Abteilung tler Front erledigi. Alles frißt
Bfo¡gen werden auf derselberi Btinne Kameraden der Krieg, Leben, Wohlstantl uncl Wohlergehen'
'
in Uniform wie sie, Studenten oder durch dio Eines aber frißt er in Rußland nicht, uncl das
P¡oletkult ausgebiklete Arbeiter ihnen Vorträge ist die Seele tles Volkes. Der Arbeitszwang, tler
über Dinge, rlie sie angehen, Fragen der Strategie, für die Solttaten cler kämpfenden Armee im Ruhe-
70 Y1
sþnrl eingefiihrt isf sieht sich, vom W.esten ge.
Propaganda
l*Þ"", härter uncl grausamer an, als man ihn in
RußIanrl selbst erheonen lernt. Die À
¿.¡uit*- Tlet Propagancla für clie ltlee und die P¿rtei
umsùellung geeignet befundenen Truppenteile
haben an cler Front die lclee uncl mit ihr'die
L., ,cles Kommunismus begegnet man in RuB-
kenntuis von der Notwendigkeit d;; A;uii.i"-
Er- lancl auf Schritt uncl Tritt. Sie ist diffus, man
geimpft erhalten. Zudem Ëaben tlie- Organisa- kann sie nirgend.s'fasse,n. Es cla¡f nicht wunder-
nehrnen, daß sie allgegenwåi.rtig ist. Denn clie
toren de¡ Armee ein kluges System der Ver_
Massen müssen allmtihlich lem,en, wofär an den
wendung cler Arbejtersolcla"tenmassen aufgebaut.
,Grenzen gekämpft und im Lancle gelitten wircl;
Za spezialisierten Zweigen ¿er f,a¡¡tarb-eit kann "welche
Ursache d-ie gewaltigste Anstrengung, die
man geschlossene militälische Formationen
natü¡- tlie Geschichte ken:rt, hat uncl welches Ziel. Es
lieh nicht gebrauchen, rta dieso sicn j, uos nr¡ãi:
tenr der vers chiedensten Metiers
darf auch niemand wundernehm,en, daß in Ruß-
Aber zum Bahnbau, zu der tär^*r,,*-*rrsetzen. lancl die ethisch-politische Prupaganda bis ztr
¿ie Ete¡rtrifizie- einer an Virtuosität streifenden Vollendung ge-
.
11lg _llft*d*...s".q.pwärrig überaus wichrigen trieben ist. Die Männer, rlie heute die Macht in
lonarbelt, zu ähnlichen Tåtigkeiten tassen sich
Häncle4 halten, haben ja in de.n Jahrzehnten
lotcfg Truppenkörper gut vefoerten. Áuch sind
oererts, wle Trotzki in einem Bericht ausführte,
ihres Exils, in ,offener unrl illogaler Arbeit An-
hänger für ihre Idee geworben, ihre ldeen mit
qualifizierte Àrbeiter_ zu Reparaturkolonnen
'i!
l:l eint, in Gruppen unrt Komm*¿". ä- verschie-
g* allen Mitteln zu verbreiten und zu festigen ge.
i¡ oen-e werke abgefertigt worden. Eine
sucht. Mit allen Fasern ihres Seins waren sie
i.r!'
becleutenrlé
R.olle splelt bei-dieseñ Arbeitsformationen
Verkünder, Agitatoren, und somit ist ihnen der
¿ie er_ Apparat der Propaganda wohl vertraut.
tillerie. Landwirtschafiliche Wernr*"gl, .Wagen, Auf cler ersten'Station, durch d.ie man, nach
Schlitten und Geräte aller Art *ur-¿*" âorch
sie Rußlancl gekommen, hinclurchfährt, stehen Wagen
re.p?rigú:
_Der organisierte Arbeiter-Èoìdat ent_ mit Aufschriften wie diese:.,,'Wir sinrl stark. Keine
w¡ctelt dabei auf dem Lande eine intensive
Auf- Macht cler Welt wird uns stürzen." Darunter die
klärungstätigkeit.
Initialen der Russischen Sozialistischen Födera-
Rußlancl ist für den
Es artet auf den Frieden. _Krieg wohl gewappnet. tiven Sowjet-Republik. Auf einem anderen lYagen
iU"r, *i" ein^ gii- sieht man ein durch Fenster uncl Schiebetü¡ unten
ßes Land zum Leben und. zum Gedeihen
be, brochenes krasses Gernåilde: einen Roten Solda-
nptigt, ruht in dem Bodon,.ruht in
den-Sáeten. Be.
siegt erst der Frieden díe MrdigÈãit,-ãiu ten, der einen Weißen General mit clem Bajonett
pie eine schwere W.o_ltq u¡e" n""gúã heute einen Hügel hinabstößt. In cler Bahnhofshalle
- in OrtesBahnhofshalle
ùstet, be_ jerler Rußlands, auch des
siegt er die Not, erhellt aen norizont¡ann
ist die- kleinsten ist die Tür eines Holzverschlags
offen, uncl über- diesom Verschlag ist das Wort:
ses Land. in zehn Jahren das mächtiiste-ãe
nr¿e.
B 7Ã
,,Âgit-Punkf" -zu lesen, .hn Verschlag verkauft
untl verteilt ein Mann AgÍtationsbroschúren, Flug- sËtzen laseen. Diese offizielle P¡esse verfügt ûber
blätter unil die offiziellen Zeitungen. Die-Halie einige geniale Mitarbeiter, Sosnosky, Ratlek,
ist, wie die Þfauern allei Stäclte, mit plakaten und Bucharin, Stjeklow
- sie ist schon bunt untl,
unterhaltsam, aber man erfährt aus ihr so gut
Zeituagen beklebt.
Da die Privatkonkurrenz aufgehört hat, sind alls wie nichts. Sie ist zu clrei Vierteln mit Polemik
diese- Plakate, sofern sie niiht Anzeigen von angefüllt einer Polemik geger Gegner, clie sich
-
nicht verteicligen können, weil ihnen das papierne
Meetings und Theater usw. enthalten, natürlich
auf, die einzige Note gestimmt, nämlich auf die Maul gewehrt ist, das letzte Viertel aber ent-
Propagancla fün clie gegenwärtig notwe4digsten hält Neuigkeiten aus dem In- und Auslande, clie
Taten: die Siärkung der. Fronten an clen Gren_ ausschließlich auf Fortschriite der'Weltrevo-
zen und. der Arbeitsfront im Lande. lution Bezug haben und clem Passanten mit äußer-
Á.n den Fronten platzen über den feincllichen stem Nachdruck ins Gehirn gehämmert werden,
'Wut
LinÍen Granaten und schütten Tausende dünner und gegen die man allmählich eine gelintle
Flugblättêr nieclor, in denen kurze Darstel_ untl Revolte in sich aufsteigen fühlt. Denn schließ-
iungen der Ziele, für clie die Rote Armeo lich ist ein l50-Millionen-Reich auf clie Dauer
kåi.rnpft, enthalten sind, aber auch satirische Ge- nicht in solcher Form von cler übrigen Mensch-
rlichte heit abzusperren. Die Bolschewiki beantworten
_Slggn den Pan Schlachzizen und gegen ttie wirtschaftliche Blockacle mit einer Ge-
tlen baltischen Baron.
In den Straßen sieht man Schaufenster, die tlankenblockade sehr zum Schaclen tles Passan-
-
ten. Des Passante'n jetlermann ist diesqr
einzigen, hinter denen noch Leben ist, rlas sind
die Schaufenster des Zentropetschat, 'rler Buch- Passant, clenn tlie Zeitungen haben zu wenig
verteilung unrl der Rosta, des offiziellen Tele_ Papier zur Verfügung, kleben an den Mauenr
graphenbureaus¡ In diesen l'etzteren kannst du und haben infolgedessen einen weiteren Leser-
große amüsant gezeichr¡ete Karikaturen sehen. kreis als welbhes 'Weltblatt immer, das num-
clie mit-Tagesereignissen beschäftigen, poii- merweis verkauft wirtl.
-sich
tische untl militärische Feincle verhöhneñ uncl-clen Züge mit Propagandamaterial werden allmonat-
Schleichhändler, den Kulaken, den Großbauern, lich von den Bahnhöfen Moskaus nach allen
iler mit den Lebensmitteln nicht he¡ausrtickt, Richtungen ins weite Lancl hinausgesandt. Nicht
wie auch den faulen Arbeiter, dem die Son¡ré nur politische Propaganclazüge uncl die bekannten
Trotzkizüge cler Roten Armee Propagandazüge
anJ den Bauch scheint; an den pranger stellen.
für ctie Lantlwirtschaft, für -
den Unterricht, clie
Man könnüe fast sagen, daß auch áie Zeitun-.
Volkshygiene, clie Proletkult. Ich sah das Material
gen der Bolschewiki, die ,,Frawda.,, d.ie
,,fswestia,, für einen Propaganclazug, der na'ch Samara, in die
vor allem, ausschließlich cler propaganda dienen:
Zuw'eilen habe ich mir einzelne Nummern über- Erntegebiete, abgefertigt werden sollte. Auf gro-
ßen TaÍeln war tla tlie Entstehungsgeschichie
71
7í)
eiaer Btirsþ beginnend mit einem Holzklotz und munistischen Partei selbst. Hier ging ailerrlings
einer Borsþ bis zur Vollenclung des kompliziei- tler Kampf nicht ausschließlich um das Prinzip,
ten ûebildes: Besen-, Toþf-, Kläiaer- und Haar_ sondern er hatt¡e einen Beigeschmack des Streites
bä*te ia all' clen zur_H-erÁtellorrg notwendigerr um die Organisation und Kompetenz, wie clas bei
*fate¡ialien.dargestellt. Mit dem Zu"g sólten einem so wenig gefesteten Apparat wie rlie Sowjet-
t ein-
wandweberinnen an einJach gezi"mmerten und Verwaltung entschuldbar und erklärlich ist. Die
Ieicñt herstellbaren Webstühlenl g"r.hi.ttu lokalen politischen Behörrlen s'ollten sich näm-
Vor_
arbeiter für die Herstellung landäirtschafilicher lich in ihre Agitationsarbeit nicht vom Kom-
Geräte und außerdem redegeïandte Cenlssen
mit-
missariat ftir Votksaufklärung dreinreden ocler
fahren, die den Bauern ùorhäge über alle pro_ hineinpfuschen lass,en. Es handelt sich im wesent-
bleme der Bodenkultur rrnd dei Bewirtschaftung lichen um folgendes .Problem: wie r,veit ist die
halten solltdh. Chemische Substanzen unct Aufklärung über clas politische, cI. h. tlas ethische
Geräte
füllten einen Schrank.^Tafeln zeigtén in graphi_ Ziel.tles Kommunismus identisch mit der wissen-
aile Stadien Au.i<oiolrunkheir, schaftlichen Aufklärung der Massen ? Die Physik,
11!e;.Darsteltung
oer [tauenseuche. Außerdem war ein kleines tlie Mathematik kann natürlich niemals zrr
ana-
tomisches Museum vorhanclen, das das Innere Zwecken der politischen Propaganda benutzt wer-
cles_ rnenschlichen Körpers
und pathotoãi*.t u Vär- rlen. Aber wie steht es um solche S/issenszweige
änderungen des Herzens, der efmungsJrga.ne,
detr
IMie clie Weltgeschichte, tlie Geographie, die
Leber und d,er Milz vorfiih¡te. Bin BTrv von ero_ Hygiene ?
schü;e.n aller Art, Anleitung ,oi f'ott.r'¡ereifung, Lunatscharsky formuliert clie Kernfrage: ob rlas
zur Schweinemast ging mit.-.A,ll cties schien wohl Kornmissariat für Volksaufklärung ein Werkzeug
geordnet und erwogen. Auch eine hübsche cler Aufklärungsarbeit für die Ziele der Kommu-
Dar_
sreuung, wie man mit geringer Mühe l(inderspiel_ nistischen Partei sein dürfe oder nicht, in diesen
zeug herstelleri könne,- fiel "mir ,Worten: ,,Wie könnte es in einem proletarischen
auf. Die Freude
a1 tlieler prächti gen Gesamtarbeit wurde Staat einenVolksunterricht ohne kommunistische
-wirklich
mrr natürlich Propagancla geben? Haben wir, die wir kommu-
wieder durch die Sowjet_Bourgeoise
verleidet, die, als sie mir alles gezåigihatte, nistische Propaganrla treiben, uns jemals mit
mit
saue¡süße¡ Miene erklärte: die"RegËrung
sollte etwas anderem beschäftigt als mit der Volks-
den Bauern lieber Schuhe, pet¡oleim -",iA-i"i" aufklärung ? Ist denn clie ¡'evolutionäre Propa-
schicken, ali sie mit Wissen zu füffiern. ganda nicht clie einzig wahre Volksau-tklärung auf
clem Gebiete, das dem Vollce am meisten not-
tn harter,
erbftterrer Kampf wendig ist, das zu seinen dringenclsten iäglichen
F-r_t:1
r-J *oßJyd."in
gegen die Vereinigung .oder die Verschmel_ Bedürfnissen gehört? W,enn wir aus Erwägun-
gen der proletarischen Taktik fordern, claß der
:.Tlg
runrf 1"" I.opg_qTga mii dem Schutwesen se-
worden. Schul- und der Fortbildwrssunterricht vom Geiste
Nicht zuletzt innerhalb der l(om
7E 77
clès wissenschaltlichen Sozialismus beseelt sein tlicbte trnd einem Kalencter Anleitungen für clen
wir mit gutem Gewissen d,ie
mtissen, so könnten Lehrer zum Gebrauch der Fibel selbst.
gleiche Forderung aus Gründen cler höchsten Auf tlem Heff das die Aufschrift ,,Niecler mit
wissenschaftlichen Objektivität süellen." tlem Analphabetentuml" trägt, sieht man ein pri-
Das ersehütterndste Erlebnis, das der nach mitives Bilclchen: ein verwundeter Soldat lehrt
Ru-ßland kommende Fremdling erfährt, ist: bisher einen alten Bauer die ,,Prawda" lesen. Auf dem
in grausamster Weise unterdrückte Schichten des Tisch rler Bauernstube steht ein Tintenfaß. Eine
russischen Volkes sind, man kann sagen über junge Bäuerin lehrt eine and.ere, die ihr IfintI
Nacht,. zu stärkstem Selbstgefühl erwacht. Da- stillt, in einem Buche lesen.
bei sincl Instin-kte entbunden worden, die durch -'Hier sieht man
also Lehrer uncl Schüler beisammen. Die Lehrer
ilie Sklaverei Jahrhunderte hindurch zurück- sind Soldaten,. Arbeiter, Bauern und Btiueriruren,
gedämmt uncl gepreßt gewesen sincl. Wer sonst' die vor'kurzen noch selber nicht schreiben und
als der Lehrer wäre befugt uncl berufen, diese lesen konnte,n. Jetzt lernen sie sozusagen die
wilcl emporschießenden Instinkte nach der Seite zweite Iilasse der Wissenschaft, indem sie andere
hin zu lenken, wo sie für ttie Gemeinschaft nutz- in cler unterstuen ersten unterweisen. [n diesem
bar gemacht werden können? Die Verwilderung Sinne sincl ilie Instruktionen fär den Lehrer in
cles Triebes in baren Egoismus zu verhindern dem Heftcheo verfaßt: für primitive, aus der
ond hintanzuhalten? Zwnal clie Sinnesverfassung Lethargie der Unwissenheit eben erst erwachte
cles Arbeiters und des Bauem beclarf iqfolge der Intelligenzen. Die Freude an dem Lernen ent-
radikal veränd.erten wirtschÈrftlichen Basis dér Pro- facht sich an der Freude,, anderen das mitteilen
duktion einer sicheren und energischen Führung: zu können, was man selber weiß, und zwar seit
Yon all' den vielen Propaganclaheften und kurzem erst weiß. So zieht tlas große, tlurch die
Schriftchen, die ich durchgesehen habe, ist mir Bolschewiki erweckte Volk RußIantls ieLzt in
eines das Bemerkenswerteste geblieben. über tlie- enge aufeinander folgenclen Staffeln in das Ge-
ses Heft will ich ausführlichen Berichi geben, weil fild einer werdenclen Kultur ein.
es mir als vollendetes Werkzeug in den Hänclen Wer wollte es den Måinnern cler Oktoberrevolu-
cler bolschewisti3chen Lfachthaber erscheint, zu- tion verd.enken, daß sie bei dem Buchstaben
gleich aber die vollständige Rechtfertigung cler F statt Fisch, Fliege, Fuhrmann tlie trVorte
uns gewaltsam erscheinend.en Verbindung: propa.-
gancla und Unterricht da¡tut. Dieses Heft ist vom
,,Fabrik, Front, Flagge, Fackel" hinsetzen? Daß
für fortgeschrittene Schäler der Name ,,Friedrich
,,Allrussischen Verband zur Liquiclierung des An- Engels" und das Wort ,,Föderative Republik"
alphabetentums" herausgegeben" stellt eine Fibel genannt ist?..
für cles Lesens uncl Schreibêns unkundige Er- Der Konsonant R und iler Vokal A sollen in
wachsene vor und. enthält, mit einer kleinãn An- einem W:ort zusammengestellt werden. Der Satz,
thologie pop¡Jä"rer klassischer und mode¡ner Ge, rler dieses lVort enthåiJt, Iartet:
78 ] '79
l'
I
,..1

,,Muj nje ra^bi.,' clas Fußvolk ttie Reiterei nicht ftirchten ?" DiE
rl

,,'Tfir siacl keine Sklayen.,. Die Va¡iaúte: Fabrikarbeiterin lernt erken¡en, wofür sie schuftet,
,Muj nje bari." der simple Soldat lernt Strategie" Dies ist Auf-
,,Wir siniL keine Herren.,, klärungsarbeit, Propagancla .und Unterricht ln
l

:
Ein Satz mit den Vokalen I, O, U. einem.
,,Miri swobodu.,. Es wircl den Bolschewiki vorgeworfen, daß sio I

,,19ir bringen cler Welt die Freiheit.,. zu' viel Papier für ihre Propaganclaschriften ver' I

Åndere Sätze heißen: ,,Alle Macht deú Räten.,. wenden, viel zu wenig für den Druck ihrerSchul-
bücher. Uncl wirklich
,,IInsere Armee ist eine Armee dcr Arbeiter und. - die prunkvollen, luxu-
riösen Monatshefte in Großquartformat der ,,I(orn'
l

Bauern." ,,Der Kommunismus ist die-Fackel


unseres Glaubens." Das erste Lesestück ist. munisiischen Internationale" stellen einen Un-
eine Rede Trotzkis. -Die erste übung für Fort_
;
fug vor. Das Analphabetenhelt haben sie in einer I

:.

geschrittene enthält für den Lehrer fõlgende An_ vorlåiufigen Aullage von drei Millionen'auf mitt-
weisung: ,,Das Dekrut über die Liquidiérung des lerem Papier gedruckt. l

Analphabetentums , erschien am 26. Deze¡nb-er


19f9. Gib dieses Datum in kürzester Form , Tlie Kintler Rußlands, die l(inder der llrrnsten 'j

wieder. wieviel Zeit seit jenem Datum I-l sind glticklich und heiter. Für sie sorgt die
vergangen - istSugu,
? Regierung mit ailen l\litteln, rlie das verelendete
Dorf, in der Fabrik- Erzåihlg rras man bei euch im
getan hat, um d,i:ixes Dekret
Land gegenwärtig aufbringen kann. Über das \¡er-
:

zu verwirklichen ? sagen der Schule, über das verhängnisvolle Pro'


.licher S"g*, was dein persön_ ,blem der Volksernährung berichte ich in anderem
Anteil an der Verwirklichune dieses De_ "Zusammenhang. Hier nur so viel: Villen, Schlös-
kretes ist." l

- ser und PàIäste der enteigneten Reichen sind in i


den Städten und auf dem Lairde in Kinderheime;
Tìiu
I-,
Gebilcleten in größeren und kleinerefi Orten Kindersanatorien, Fröbelgärten verwandelt. Die l

aller Gouvernernents werden von Zeit zv .l


notwendige Zahl von l(alorien, die zur vollkom-
Zeit mobilisiert, cl. h. sie werden in die Dör-
fer geschickt, qm ihre unwissenden Brücler unrl menen Brhaltung der Gesundheil erfortlerliche
Sehwestern in der Kunst des Lesens und Schrei-
Zahl ist inRußland bei derVerteilung'der Lebens-
bens zu'unterrichten. In den Fabriken werden
mittel auf den Kopf der Bevölkerung in kei'
Eefte verteilt, in denen zum Beispiel ein Dialog
nem Falle erreicht (vielleicht bei dem Front- .1

zwischen einer Kommunistin und-einer politiscñ, soldaten


- gewiß nicht
viduen innerhalb
bei irgenil anderen [ndi"
und außerhalb des l(reml l), t'
þ{ittelentg in großer leserlicher Schrift gerlruckt
.tù-tt tler höchsterzielbare Prozentsatz aber entfällt auf
der Front, um ein Beispiel zu-neonen,
4" Propagandaheft die Kinder. Viele Güter, darunter Jassnaja-Pol-
wiril ein verteilt-: ,,Warum soli jana, Tolstojs Wohnsitz, beherbergen jetzt Kincler'
i
80 g Eoiitscher, Drei Moaate ia Sowjet-Ru3land 81
:'|
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',i.r
1'l
*uI: €s mir nie'ht vergönnttla'c"b
kolonien. Leitler :", Ï:i:i:î;;i*sariat für
iää;: " * r'b:i Iåh,¿li'i,'T#: H:- ïsi ¿n¿i
- Htr'ffit'î*$r,'*'r-"Ë'gi*¡$1
Volksa¡rlklåirÌo.g
{r¿qgon zur verrugulq
_u11,, Fe' der BolscherviKr, "ru'm g.r"*^l
schea Pubiizisten-t'ä,Jläñi?wect¡
-
einã kleino unrer Kindetn uotI,iïù.iå" +i.
o*.u Botsche-
stellt *9td,P iT äX; angeschl,ossen;ganzo alles
erwachsene" jÎ-1tpiï;;ãu, -*1,în .i.n,
ro verhält
"*
;i"'i y,.''$: das wiki geistig o"t'.'h,åi'îq. a* -::..t,
iËåt^" Jitj:r":'Ë'ui;;
"i'ii"tiuttilt"it geistig $:l
Proiekt clurcb o'" 'tï' ""utttt"t
--,.'lY:"'t. Dies ""*
ät*"tt und
Lö-'^p-:';îî;tJ^ärassen de¡
untero
natürlich onne gntscuîü*g
zum endlost" o"päärîl-'ñotäittn" -i3ter"'Kinder'
ìionen-Volkes' ". re Arbeit wiil ich nocl r{
Àber ich r'un" ooit "i'ö!*'"' +f'*t
heime in Moskau,
t';"ä;t? *tli,^l'"t Provinz
,,.Ìåf '.llä,1'To"'^åi'*"u'i4lïli:,ilu¿i"#J
b*ko*-Jo"î"í g"r.* besichtisen kön'
zu sehen
il*:õ¡;trto*i.;"*fu l"Y¿",',,ï; ri#'ff ï-'å'*å'--få-i:i'-"J-;1-"',H{'ï.:*¡iu
"ff-fuif
eineerichtetes' von xi;*k"-.ruff ä,ï'i:Ë."Ë':"';1;}"';'qf
îåiit-Ï'-;ii'T,lJ;.;;iãi'i"t äîr-änãør':.:'*,Ti:.Tf
üäf,ì äe" .1 "1ïd..î"[]þ,*S"*:'i ";1,1'fi Wassili $f;:?:"åi,ïi"f
K' 3Y: "-î''"vîrur¡eiters, Bt
"i#i.
iàffi,.iä"ff#f; äï sådt: D'-"'-l"l:*t' Arbeit
ong*it-l't'*Petersburg
volution gefallen
rallsinderu""J'inJ'i'eJ"it"'";"1r.^qiJSi¡tä:t;
derVolksautra'u'îgîaltuif tiå
îäo a*, 9*:T:{iiÍ'f3;;k.T'tïof '::-ti'ffi :
s;''.*;i.;xn $JJsä:iåfl*, H:' î'å
geleitet' :", *tïo"*lîã- *tog""al Ausstellungs' ää äthfabrikanten s+ö'tt an
räume, an dte Ð Skulp- 'Tlt^lß wassili
b:lt"'fi:ji
¿"n*"äiî"Juiutn lgichllnren' Krieg fertig geworden '
zimmer, i". der i(inder nett äd;"#;;iî'ñ*""i.3;1îx1å:",^ii*d'"!i:fi å:
turen und

aufführungen und'
*"*o'i#"wffiiö*:l:
ti"'$' BtihnlljÏitTl.iii;
arrangiert'rl'.nä;'für Übungen' oes . Hiff,,ïËi:f ii#ä; *r: iiiåh5'ii,'i$'
-lîï;
rhvthmisch" cvänuiiiil-
i""p"t"tt¡urg wurden
irþ;*i ;* ïriîåü'* f;*î'Ï:'
"r'.î{H.îl'"Ëîîlïî'lff -;ffi :L5;rrr"$'Jrt
"î*ïiþ,ri¡r-+"1**Ïru.#-"rî'f,"*#i;,åll
sahe-n
"t":,K:Îj Fru", lJbung* o""o ã"m Syst-em uttô negann#Tunou, Konser-
trat er artig zu uns
åä:H""ll.'ii ;"I; ;; ã'd-" Pl'l"läTfffi:;
"X*r+*ttl:f"*{:if äo.,ot,ng,'' .å,*bf"i*iti,:ååu "in* oo't
{ilî ser' v! Y*-.
vatorium besteut
ü";*i*=i#l
'*;;-amerikanische unterncnr
83

S2
.

ì
eine Stuclentenstelle verschaffen könne ? Nach. tlings ein ernstes, begabtes und leidcnschaft-
her fragte er unsere Zetki.n: welchen Einclruck sie
liches Kintl seine Ansprache gehalten hat,
klingt sie um- einen Grad noch unterhaltsamer.
von ltußland habe, ob sie den Genossen Lenin
und Trolzki schon begegnet sei, wie es mit dem
Musikunterricht in Deutschlanrl aussehe, ob Z,ct- Indes, sie sollte uns allen, uns und euch, zu den-
kin glaube, er könnte sich an einer der großen ken. geben. Was tlie Bolschewiki für die l(inder
R-ußlancls tun, geistig und materiell, ist nicht auf
ÙIusikakademie,n Deutschlands in seiner l(unsb
,Kinderwohlfahrt, I(örper- und Geistespflege allein
besser vervollkommnen, als das in Rußlancl mög-
lich 'wäre ? Wir erkläiten Wassili clurch eineln beschränkt" Die Stürkung cles Selbstgefühls in
den bisher unterdrückten Schichten vervielfäl-
Dolmetscher den Unterschied zwischen den . tigt sich in den jungen Intelligcnzen der befreiten
Lebensbedingungen für die Kinder der Armen I tlassen. Hier erziehen sich die Bolschewiki mit
in Rußland und in Deutschland, I(onservatoriums-'
unterricht usw. Worauf Wassili mit unerschüt- den reinsten und einfachsten Mitteln eine unge-
terlichem Ernst, klarem Blick uncl einer,ruhigen heure Zukunftskraft, eine Waffe, mit der die
lVürde, die sich in s,einen kleinen gemessenen, lVelt wohl erobert werclen könnte. Der Frohsinn.
IlandLrewegungen wie auch in der ganzen Art'
und Aufschwung, die die l(inder der iirmsten
Sou'jet-Rußlands erleben, wird sie befähigen, die
und \\reise kundgab, wie er zu uns Erwachsenen
völlig gleich einem Erwachsenen und Gleich- Zeit rler furchtbaren Not, unter der die Brwach-
senen seufzen und der sie zu erliegen clrohen, zu
berechtiglen sprach, rlie Notwendigkeit zu er-
überstehen.
örtern begann: Daß die politischen Verhältnisse
N iemals, niemals werden die kleinen befrei-
Deutschlands umzuwälzen seien, wie das in Ruß;
land geschehen wäre. trVenn die' Bildungsmög- ten Intelligenzen, tlie kleinen, zur Freiheit erzo-
t¡ genen Seelen und I(örper der russischen l(inder
lichkeiten für die Kinder der lirmsten in Deutsch-
land, dem kultivierten Land, schwerer seien als lt vergessen, wem sie ihre Freiheit ver-
in Sowjet-Rußlantl * dapn sei es pflicht der , danken! Bs ist nicht Agitation und nicht
deutschen Arbeiterschaft, hier Wandlung zv.
I
'lr.
Propaganda allein, was die Bolschewiki bis zur
schaffen, die Bourgeoisie davonzujagen und von
:tl Virtuosität ausgebildet haben. Es ist etwas mehr,
der Staatsgewalt Besitz,za ergreiten. Er trug der
,; etwas anderes, etwas Unvergüngliches. Hier,
,:a) wenn irgenclwo in dieser heutigen lVelt, ist ein
Genossin ZeLkin auf, diesen Wunsch der ãeut- t,
Sa¡nen gesät.
schen Arbeiterschaf.t za übermifteln untl gab der l.:
Iloffnùng Ausdruck, tlaß er in absehbarer Zeit ein Von der Arbeitsschule
Konservatorium,,in clem befreiten Deutschland,, t: 'r
werde beziehen können... :,
leder Bericht über die Schule, das Unterrichts'
Dies isl bloß eine amüsante Episode und durch J wesen des neuen Rußlands, über die Bestreburu
die kindliche Naivität, mit rler tff_assiti * aller- gen der Bolschewiki, die brcitesten llassen des
: russischen Volkes auf eine höhere geistige Stufe
84 ;.
l!il
¡t
zu bebeo, muß mit einer Anklage begin:ren - Gêbiete deS Unterrichts, cler Pmpagantla, tles Kunst-
einer furchtbaren Anklage gegen tlie imperiali schaffens uncl der Verwaltung, der Fürsorge für
stisch-kapitalistisch regierten Völker, tlie die un- die Kintler (sogar tler Kinclergerichtshof untersteht
erhõrte, in der Geschichte der Menschheit beispiel: merkwürtligerweise dem Narkomproß l), so tst
lose Anstrengung einer Handvoll enthusiastischer, ma¡r förmlich betäubt. Ma¡ weiß ja, tlaß .tlas
vom höchsten Pflichtgefühl gegen clie Kultur clurch- Schema tler heutigen Volkskommissariate bis zu
drungenen Männer, ihr Werk zu schaffen, be- einem gewissòn Grade dem der Ministerien unter
hindern. Die dieses Werk im Keime zu zerstören rtem Zaren nachgebiltlet ist. Mit clem Schema
drohen
- im derselben,
Wahrscheinlich
Namen der Kulturl Welcher? des Narkomproß aber verhält es sich anclers,
die es im Sommer 1914 weil ja clie Volkserziehung im zaristischen Ruß-
zu verteidigen galt. Wollten die Machthaber jener" lantl tlas am verbrecherischsten vernachlässigte
Yölker einen Blick in das Gefüge des Kulturwerks Gebiet tler Fürsorge des Staates fär die Untertanen
der Bolschewiki tun, wollten sich rlie großen war. Die Bolschewiki haben sich in Dingen tler
Massen cler sowjetfeincllichen Welt Rechenschaft
Volksaufklärung uncl Erziehung Aufgaben gestellt,
ablegen über die Motive des Kampfes, der an den
tlie das zar,istische Regime niemals erkannt, nie'
weißen Fronten mit allen Mitteln tiefster mittel-
mals ìn sein Programm aufgenommen hat, untl
alterlicher Barbarei gegen die Armeen der Sowjets
gefochten wircl
tleren Nichtbeachtung vietleicht clie tiefste Ur-
wozu viel Worte verlieren:
- aber
an diesen Frontiln kämpft rtas Kapital gegen ctie
sache des Unterganges der Zarenherrschaft iù
sich schließt.
Kultur, uncl damit genug.
- ein Intellektueller, Um den Umriß cler Gebiete, die das Narkbm-
Diese Anklago erhebe ich,
der es weiß, daß seine Tage gezåihlt sind. Daß
proß zu bewältigen sucht, ungefähr zu. veran-
schaulichen, will ich ein paar Überschriften von
mit clem Aufstieg, dem Empordringen der tiefen
Verwaltungsabteilungen hierhersetzen: Volksuni'
Schichten des Volkes, rlie Oberschicht der Intellek-
tuellen sozusagen an der Decke zerquetscht wer- versität. Ausbildung politischer Agitatoren. Tele-
graphischer Auslantlstlienst tl'er Rosta. Schulevl.
tlen wird; daß dem, was wir als Blüte cler Kultur
anzusprechen gewohnt waren, in Rußland heute für Erwachsene. Unterrichtskurse für Analpha-
schon rlas Zügenglöcklein läutet. UnrI rlaß die beten, an der Fr'ont, in Fabrikbetri'êben. (Hier
Bolschewiki es sind, die an dem Strang des unterrichten spezietl ausgebiltlete Lehre.r zwei
Glöckleins mit äußerster Energie ziehen und zerren. Stunden lang täglich. Der Schül'er-Arbeiter er-
Betrachtet man das Schema des Volkskom- hält für diese zwei Stuntlen seinen Lohn wie für
missariats für Volksaufklärung mit Aufmerksam- orclnungsgemäß geleistete Arbeit ausgezahlt')
keit, liest man nur die Titôlbezeichnungen der Untenicht im Kunsþewerbe. Exk\rrsionsinstitut'
Sektionen, der Betätigungsgebiete, über die sicb' (Pruvinzschuten besuchen die Stätlte, stätltische
tlie Kompetænz rlieses Kommissariatsr erstreckt: Schulen werilen aufs Lancl gesantlt, solche Ex-
8?
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&ursionea, ea denen Gruppen bis zu 400 Schülern 'sogndso viele ,Schulgebäude in Schlafstätten fü¡
teilnehmen, dauern oft Monate. Jede Bisenbahn. tlie Rote Armee umsewandelt haben? Hütten sie
Iiaie süellË. fûr diesen Zweek allwöchen[ich einen ihre Arm'ee nicht, es-säße låingst irgentlein Denikin
tr4¡aggon .zur Yerfügung.) Kurzfristiger Vorschul. oder Koltschak auf rasch wiederhergestelltem
uaüercichil Die Proletkult mit all' ihren Ver- Zarenthron. Immerhin bleibt Lunatscharsky cler
eweigungen. Unterricht der kleinen, über Ruß- Vorwurf mangelnder Widerstandskrafi in diesen
land verstreuten fremdsprachigen Völker, mit zwei Dingen iicht erspart" Not. Es gibt zu wenig
.ïinieral¡beilungen: Völker des Westens und Völker Schulbücher, zu wenig - Die
Papier für Schreibhefte;
des Ostens. Administrati,on der papierindustrie. vier Schulkinder rnüssen sich mit einem uleistift
9olksverlag. Les,estuben auf dem Lãnde." Volks- behelfenì Es mangelt an Heizmaterial. An Schuhen.
bibliotheken. Proletarische Meetings. proletarische . ' VielecHunderttausende armer Kinder haben kein
Bildungsarbeit in I(lubs. Verbinrlung des Stati- Schuhwerk und können nicht zur Schule gehen.
s [i schen Am tes mi t den l(omm issari atsabtei]ungen. Trotz allen $nstrengungen, gerade das Lebcn der
I(onservierung der l(unstschätze aus MuseLi s- Kleinsten heiter und glücklich zu gestalten, ver-
und ehem.,aligem Piivatbesitz. Kinoindustrie. sagt der Apparat a¡ entscheidenden Stellen. *
Bauerntheater usw. Die Lehrer sind, zumal in den entlegenen OrLen,
ungenügend besoldet, unrl ihre Naturalentlohnung
Es ist gesagt worden, claß seit der Oktober. reicht nicht zum Notdürftigsten aus. Viele gehen
revolution der materielle Standard Rußlands se- als Schreiber an die Fronten. l\rme junge be"
,sunken, der kulturelle aber unerhört gestiegen sãi. geisterte Lehrerinnen verkaufen ihr Haar um ein
Und dies,habe ich bestätigt gefunden. IndeJdachte Stück Brot, verdingen sich als Måigde in die
ich, alS ich nach Rußland fuhr, die lntentionen ,. Häuser wohlhabender Bauersleute, Eltern ihrer
der Bolschewiki auf dem Gebiete der Volks- Schriiler, waschen die Dielen in l(ulakenhüusern.
erziehung in klarerer und intensiverer Weise Und doch macht trotz allen Blends und trotz aller
durchgeführt zu sehen, als dies in all clen Ge- Vernachlässigung tler Lehrerschaft die kommuni-
biel,en der Wirtschaft möglich ist, da ja das Erbe stische Idee unter den Lehrern, die sich vor
der zaristischen Mißwirtschaft und deÀ Wett- Jahresfrist noch in heltigem Widerstand zum Bol-
krieges sich in der Zerrüttung der produktion bis schewismus befunden haben, entschiedene Fort"
znr vollständigen Auflösung manifestieren mußte. schritte. Die LehrerschafL Rußlands betreigt eine
Ich kam an pnd sah bald meinen lrrtum ein. Viertelmillion, von dieser sol1, dies wurde mir
Die Not I Die furchtbarg alles verschlingende von verschiedenen Seilen bestätigt, ein Dri[te]
?fo[ des Landes hat sich mit ihrem nte¡g;wichl kommunistisch sein.
aueh auf die Schule nieclgrgesenkt. Solt.man den
Bofschewiki einen Vorwurf daraus machen, daß
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Die .A,¡beit i¡.der Schule nuß miù der Pro- im Einvernehrnen mit ihren Lehrern untersteht,
du-Hion verbud.sn werd.en, clam wiril sie eino
ulgeheure erzieherisché Berieutu¡g h¿bón, Nw
eher eine Kinclerkommune als eine Schule im
die enge Yerbindug rlee Untenichts mit cler Pro- hergebrachten Sinne zu nennen. Der Unterricht
iluktionsa¡bsit tler Gesellschaft baÐn denKlasssn-
chorokte¡ der jetzigen Schule beseitigen,u
wird nach Möglichkeit den Fähigkeiten jedes ein-
zelnen Schülers angepaßt, indivitlualisiert. Das
ñiese Worte Karl Marx' aus alem Kommunisti- gleiche Prinzip gilt ja bei cler Arbeitszuweisung
l-l ssþs¿ Manifest gründen das eherne Gesetz, in späteren Jahren. Die neuen wissenschafblichen
aul dem die Bolschewiki ihr Schulwesen, die I\[ethoclen Amerikas zur Erkenntnis der Arbeits-
Prinzipien des Unterrichts frir clas ganze Volk fähigkeit und Eignung zu körperlicher uncl geisti-
Rußlanrls aufgebaut haben. Die Einhei¡5sc,h,ule ger Arbeit werden somit schon in dèn ersten
k¡nn natürlich nicht genügen. Sie ist ja in Län- untersten Stu-fen des Unterrichts angewantlt.
ilern mit bürgerlich-kapitalisti schem System durch- Eine cler interessantesten Schulen, man könnte
geführL, Die Einheitsarbeitsschule aber bilclet auch sagen, Versuchswerkstätten fúr clie Arbeits-
rlie Errungenscha-ft und bedeutsarne Neuerung, die schule habe ich in Moskau besucht. Es ist clie im
vorerct nur noch in vagen und experime4tierenden ,,Katharineninstitut", einem von herrlichem Park
Vprsuchen vorwärts sich tastend, doch immer umgebenen ehemaligen Erziehungspensionat für
sicherer das alto Schulwesen verdrängt und von adeligo Töchter untergebrachte Schule, die der
ilen Bolschewiki, wenn die Not sie daran, wie an Genosse Livintin uncl die Genossin Balkaschina
so vielem anderen, nicht hinclerl bis zum vollen leiten. Sie hat gegenwärtig ungefåihr 300 SchüIer.
Siege cles Gedankens flu¡c,hgssetzt werden wird. Eine große Anzahl Kursanten nimmt an dem
Rußlancls neue Schule ist kostenfrei untl obli: Unterricht teil, das heißt organisierte Arbeifer, dio
gatorisch. Koedukation. Dio erste Stufe des Unter- hier ihre Ausbildung zu Instruktoren für die
richts umfaßt das 8. bis 13. Lebensjahr. Dis Arbeitsschule erhalten. Die Kursanten unterrich-
zweite tlas 13. bis 17. Das Somme,rsemester wird ten clie Kinder in ihrem eigenen Handwerk, das
vom lanclwirtschaftlichen Unterricht im Freien be- sie vollstänrlig beherrschen. Die Kintler lernen
stimmt im Wintersemester tritt ctie hanrlwerkliihe von ihren proletarischen Lehrern nicht nur Werk-
Erziehung in derWerkstatt in ihreRechte. Lehrer zevge, Moclelle oder bestimmte Gegenstände her-
unil Schüler verkphren kameradschaftlich mit. zustellen, sondern sie lernen auch den gùylzen
einander. Der Lehrer ist der ältere Genosse des Prozeß der Erzeugung, die Gesetze der Physik, clet
Kindes, der etwas mehr weiß als das Kincl, sich Chemie kennen, die derartige Brzeugungsprozesse
aber darauf nichts einbildet. Er ist so wenig der bestimmen. Die Schüler dürfen dabei ihrer eige-
Yorgesetzte des Kindes, wie cler Rote Offizier nen Eingebung folgen untl ziehen aus den Fehl'
ry'grgesetzter des orler Befehlshaber über den schlägen ebensolche Lehren wie aus clem Ge-
Rate¡r Solilaten ist. In diesem Sinne ist rlie lingen. Livintin verwahrt sich energisch dagegen,
Schule, die der Selbstverwaltung der Schüler .daß ma¡n seine Methocle mit Handfertigkeits- oder
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Slöjiluaterricbt verwechsle. Seine Schule gibt Sohlenletlers, die Qualifikation bestimmter T,etler-
Årl¡eiÉsusierricht und Unterweisung in den Gruln¿- sorten usw. Wie clas Kapitel Eisen zu GespråicheÈ
prinzipien des reellen Handwerks. über die Geologie, über die Naturschåitze Ruß-
\Yas an diesen Methoden richtig, was falsch, lands geführt hat, so führt tlas l(apilel Leder zu
sas dilettantisch genannt werden dár! erhelle ein Gesprächen über Gebiete der Zoologie, Viehzucht,
Beispiel: die Kinder sollen in den \{erkståitten Völkerkuncle u. dergl. Daß bei all' diesen Er-
ucfer der Leitung der Lehrer und Kursanten einen örferungen Brfahrungen über rlas Problem der
Schuh herstellen. Da ist zunächst eine Zeichnung körperlichen Arbeit, Drmüdung des Körpcrs und
des Fußes zu machen, der beschuht werden sol[ Mittel zur Bezwingung dieser Brmüdung gesam-
Ðie -q.natomie des Fußes wirrl erörtert, der melt uncl besprochen werden, versteht sich von
Knochenbau aufgezeichnet. Nun soll ein Leisten" sclbst. Auch erweitert sich der Kreis der Beob-
fabr-izier[ werden, über den das Leder geschlagen achtungen durch die Notwendigkeit, die !Verkstati
wircl. Draußen im Park wird ein Ast lon einãm sell¡er einzurichterí" Zaletzt versammeln siclr, am
BloT gesägt, aus d.essen Holz der Leisten ge- Abend Schüler, Kursanten und tehrer in einem
schnitzt werden soll. Der Lehrer erklåirt dõm Saal des großen Gebäudes und referieren in knap-
Schüle¡ die Beschaffenheit des Holzes: ob hartes per, sachlicher Form über ihre Tagesarbeit, ihre
oder weiches Holz sich für den Leisten besser Brfahrungen und die Erfolge ihrer Bernühung. Die
eigne. Das Holz wird unter dem Baumbestanrl Referate werden, falls sie von grundlegender Be-
mit großer Sorgfalt untl Umsicht aqsgesucht und deutung und rilichtigkeit für die Arbeitsschule
der Schüler auf diese Art in cler Bo'Íanik unter- sind, im Druck niedergelegt. Ich habe solche
wiesen. Nun muß eine Feile hersestellt werrlen- gerlrucktc Referate mitbekommen, sie stehen in
damit der Leisten, poliert werrlen ïönrre. ,,Bcsser kleinen Büchlein, die im Institut selbst von den
eine schlechte Fbile, die ich selber hãrsblle, I(indern gesetzt und gedruckt worden sind.
als eine gute, die ich irgendwo kaufe oder mii In einem dieser Referate berichbet ein Kind über
leihe", sagt Livintin und läßt von dem Kinde nun tlie I{crstellung eines Topfes. Bin Abschnitt des
eine Feile herstellen. Was ist einc Feile ? lVarum Refe¡ales hat folgenden lVortlaut:
&ann eine Feile nur dadurch hergestllt wertlen, oA,ufzeichnrrng à"r Wissenschaften. mit rìenen ich
tlaß Eisen von einem bestimmten llelesrad Disen während der He"stcllung eines Topfes in Berùhrung'ge-
komnren bin. (! !)
von geringerer Härte angreift und foñntt Nun L Geomotrie. Was fùr Linien es gibt, und ¡¡yoraus sie
folgt ein Bxkurs über Eisenfabrikation und die best'hen,
Fabrikation von Stahl. Der Stiel der Feile ist von Was für Formen haben'fuiukel unù wie viele Gratlc
Holzo untl auch dieser Stiel verursacht eine Er- mesgon sie.
õrtgrTlg, wenn auch geringfügigerer Art. Ilierauf über den Kreis und seine Teile.
über den Erdgtobus und die Linien, die auI ihn ge-
mu8 das Leder ausgesucht weiden. Der p¡ozeß zeich¡iet sind.
des ûerbens, das Problem des Oberleders, des 2. l{atu¡kunde. 1}ber das Eisen, Lehm, Holø,
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3. Ieh habe , die Metermaße wiederholt. die ich bei sangen uns tlie Internationale, dann tlas schWer'
a¡deren llethoden der Arbeit gelernt habe.u
mütige uralte Liect der Wolgaschiffer, d.as Arbeits-
.å.uch die Berichte der Kursanten über die prin- lied der Schiffzieher über den Wolgastrom, das
zipien "und das Material des Unter¡ichts sincl so etwas wie eine NationaJhymne des russischen
saehtrich, anschaulich uncl rlirekt abgefaßt. Arbeitervolkes geworden ist. Manchen unter uns
Ðie Not wütet auch in diesem Heim cler neuen wollte Rührung beschleichen, wie wir da saßen,
é.rbeit. Instrumente von größter Schlichtheit am Anfang eines harten Winters, der schon durch
müssen zur AusfüLhrung komplizierter Arbeit her- clie bröckelnden \{ände fror, und die zarten Kin-
hâlten. Gerätschaften, die ich in einer und der tler die Lieder cles großen leidenden Volkes singen
anderen Werkstatt gesehen habe, waren so pri- hörten. Hier waren noch Kinder iler ehemaligen
mitiv, daß sie mich an rlie Hanclwerkszeuge ãer. Aristokratie, dio sich mit ihren Kameraden aus
Steinzeit erinnerten, an die Urformen ménsch- cl.ern Proletariat schon vorzüglich vertrugen, die
licher Handwerksbetätigung. Manche Werkstätte si'bh bereits eingelebt hatten in das Neue, dio
war nicht in Gang zu bringen es fehlte an dem gute Kameratlschaft hielten mit ihren Alters'
Notwendigsten. Man fror*in den - riesigen Räumen. genoss€n, ihren Schicksalsgenossen.
Fensterscheiben fehlten und waren durch papp- Über diesen rährenden Abschluß unseres'Be-
stücke ersetzt. suches vergaßen wir und verstummte in uns man-
Aber in dem Saal für clie übungen in rhyth- ches Bedenken. Das Kintl ist, während es den
mischer -Gymnastik, im Speisesaal, im kleinen Mu- Topf auf der Drehscheibe clrehte, mit verschiede'
seu.msaal für clie Ma,l- unrl Schnitzarbeiten der nen Wissenschaften ,,in Berührung gekommen".
Schule hatten die Kinder Girlanden und rote Diese Berührung oder Bekanntschaft konnte natlir-
Fa-hnen aufgehängt, clie sie mit selbsterfundenen lich nur eine äußerst flüchtige untl von dem
Sprüchen geziert hatten. Diese rührenden In- Lehrer, der sie vermittelüe, nur auf höchst ober-
schriften besagten: flächliche, tlilettantische, um nicht zu sagen leicht'
' nKindert Wir wollen nicht 'die \4¡aff'en streckent W-ir fertige \üeise vollzogen worden sein. Denn jedes
__
wollen kãmpfen, und wir werden siegen trotz a,llemlu Gebiet, tlas hie¡ gestreift wurtlq sei es nun die
Und: Geologie, clie Bereitung des Stahls, die Verwend-
nHeil den Kindern, den küuftigen Kã,mpf ern f ür die Fïeiheit !
u barkeit von Holzarlen für bestimmte Zwecke der
Und: Industrie, setzt grünclliches Stutlium voraus, soll
.Kinder, arbeitet, lernt u¡d tiebet einander! Dannwerdet der Produktionsprozeß nicht zur Spielerei ent-
ihr glùcklich sein.u arten. Die rasche, fragmentarische. Aufeinander'
l

ll
lI
folge tler heterogensten Wissensgebiete aber kann l

R/t* singt viel in den kaltenschulenRußlands.


.LYI Auch
tlas junge Gehirn natürlich nur verwirren, nicht I
lt
inLivintinsSchule hörten wir schönen anregen.
I

Gesang.. Wunclerbar abgestimmte Kinderchöre Das Problem cler .A.rbeitsschule ist noch bei wei.
I
1r

Ì
Ii

9{ ,95 I

I
i
tery nicst geTðst, wie man sieht. Die Arbeitsschule
Organisationen ihre Autonomie erhalten müßten,
steckt noch in den Anfüngen des Versuches. Aber
ihr $runclgedanke ist richtig unil für das Schul- was sich aus den recht chaotischen Verltält"
B¡essn der ganzen zivilisierten Welt von Bedeu-
nissen erklärt, in denen die Bildungsorgani-
tung. Ðie Verbindung geistiger und körperlicher sationen Rußlands sich im allgemeinen befrn"
årbeiü lvird eine neue G,esinnung in den Men- den
- aber vor allen Dingen und in erster Reihe
aus dem noch im Zustande des Nebelflecks be-
schea hervorrufen. Der Widersinn der Einseitig-
keit unserer Tåitigkeiten kam uns ja anlôßlich dei findlichen Gebiltl der Proletkult selbst. Denn
Sr¡bbotnik so recht zum Bewußtsein. Bine Ge-
wenn es heute 'in Rußland eine Organisation
gibt, die sich noch im Staclium eines völlig phan-
sundung der in Spezialisierung verästelten- geisti
tastischen utopischen Wollens befintlet, so ist es
gen und physischen Arbeit kann allein tlurch clie
die Proletkult-Organisation.
Arbeil.sschule vorbereitet perden. Sollte sich in'
Grundideen der Proletkult sind: es soll eine
iler Arbeitsschule nicht der l(eim für eine höherq
die Fabrikarbeit allmählich ausschaltend.e, den Kritik rler bürgerlichen Kultur gegeben werden.-
Kunsttrieb nährendê Produktionsweise d.er Zu, Es soll aus dem Schatze desseq was die Kultur
kunft ankündigen? der vergangenen Zeit hervorgebracht hat, das
zur Verwcndung ausgesucht werden, was für
.¡ eine auf vollkommen neuer Basis erstehende pro-
letarische Kultur verwendbar erscheint" Schön-
Prolerkulr heit. soll überall, wie das Bewußtsein der
Menschenwürde und die Genugtuung an den
f\JJnter diesem Wort, einer Abkürzung derlYoÞte Früchtcn der eigenen Betätigung, aus der Arbeit
,,Proletarische Kultur" faßt man alle jcne
Bildungsorganisationen zusammen, welche gegen- und der Gemeinschaft der Arbeitendcn erblühen"
wärtig in Rußland sich das Ziel gesetzt haben, Sie soll nicht dort hineingetragen werden, wo
tlaß das Proletariat' sich selber seine Kultur, gearbeitet wird, sondern aus der Arbeit selber er-
eine neue Kultur schaffe, wie ja das Prol* wachsen,und die Seelen der Arbeitenden erheben
tariat aus sich selber heraus eine neue öko- und beschwingen.
nomie' und Produktionsweise ar schaffen be- Die Schöpfer der Proletkult-Bewegung verneinen
strebt ist. Die Organisationen tler Proletkult nicht rlas Hohe und Gute verflossener Kultur-
sind, wie aus dem Schema des Narkomproß er. epochen. Aber wprum hat tlie erdrückende Mehr-
sichuich, einer Sektion dieses Kornmissariates, heit des Volkes ad cten,,Segnungen" dieser I(ultur-
d.er Sektion ,,Bildung außerhalb der Schule", epochen bisher bolch armseligen Anteil gehabt?
untergeordnet. Diese Unterordnung vollzieht sich Warum war sie, man kann es ruhig sagen,
nieht ohne Spannung und Reibungen. Ja, es war ausgeschlossen von dem Genusse dieser l(ultur?
'Warum
æiederholt ilie Rede davon, daß die Proietkult- durfte sie nur, gleichsam auf der Straße
stehend, die beleuchteten Fenster des Palastes
96 ? lIolitsoher, Drei Monate ia Sowjet-Ra3laad g7
'Wenn
,sehen? Das kommt.daher, sagen die Schöpfer also der Hörer, der.den Knrsus jungfrâu"
der Proietkult, daß der Dichter, I(ünstler, dei lichen Geistes betrat, die Universität, wieder ver-
Selehrte, der die Kultur der vergangenen Zeiten läßt, nimmt er wohl einen unsicheren und ich
schuf, auch wenn er aus dem Proletariat hervor- färchte gar bald sich verflüchtigenden :Begriff
kam, für den Kaiser, den Papst, den Adel, zuletzt von allen Gebieten menschlicher Erkenntnis mit,
für den bürgerlichen Mäzen und [Jnternehmer, aber er geht, und das scheint ja die Hauptsache
für das Publil<um gewirkt und gcschaffen hat. zu sein, als wissender, überzeugter und sattel'
Jetzt soll das anders werden. Der Intellehtuelle fester l(ommunist von dannen.
soll in der Massè, in dem zum Prolet¿ri4t geeinten Die Vorträge an der proletarischen Hochschule
Yolk aufgehen, und die Masse soll, groß, unnenn- stellen sich nicht als das dar, was sonst Vorträge
bar und anonym, Schätze der Kultur fördern und an gewöhnlichen Hochschulen sind. Der Lehrer
hervorbringep, ihr eigener Künstler, Mâzen und pflanzt sich r¡icht auf dcm Katheder auf, um dem'
Publikum werden. Schüler- etwas beizubringen, was d.er Schüler
Die Proletkult umfaßt zwei Arbeitsgebiete: tlie noch nicht ahnt, der Lehrer aber bereits mit
proletarische Hochschule und die lYerkstätten für Iöffeln gefressen hat,'sondern derLehrer ist ganz
proletarische Kunst. Das Vage unrl nur noch im einfachVorsitzender derVersammlung und Leiter
Gedanken Gefügte, clas die gaize Proletkult in ,der Diskussion, die sich an sein Referat an-
ihrem heutigen Starlium kennzeichnet, drückt sich schließt. Es wircl ein beliebiges Wissensgebiet
in den Intentionen aus, die die prolel,arischelloch- clargestellt, erörtert, besprochen" Der Lehrer
schularbeit bestimmen sollen. Die !Vissenschaften unterhält sich mit dem Schüler, lrnd wo es der
sollen auf die Aufnahmefähigkeit einer großen, begabte Schüler kraft seines unverdorbenen und
aus Analphabeten ebenso *le aos. schon fori- urs.prünglich funktionierenden Denkapparates ver-
geschrittenen Schülern sich zusammensetzenden mag, belehrt und unterrichtet er den Lehrer. Ein
Zuhörerschaft eingestellt sein. Es soll eine Dar- Seminar, wie man sieht. Der Leiter der Aus'
stellung der I\[ethoden der Wissenschaft, eine sprache hat lediglich clie Pflicht und den Beruf,
Darstellung des Zusammenhangs aller die Hörer und Mitschaffenden dorthin zu lenken,
\Vissensgebiete, sozusagen das Schema der wo er, im Besitze seines höheren Wissens und
Organisation aller Wissenschaften gegeben wer- seiner tieferen Erfahrung, sie hin haben will"
ilen. Mit anderen Worten: das aus wenig uncl Vielleicht verhilft ihm seine Zuhörerschaft zu
ganz unyorbereiteten Hörern bestehentle Audi- einem neuen Standpunkt, den er am Anfang der
torium soll sozusagen im Schnellzugtempo einen Aussp,rache noch gar nícht ahnen-konnte
A¡lfriß der gesamten Wissenschaft vorgeführt be-
- nurl,
unì so besser für ihn uncl für die lVissenschaft"
hommen. Werden durch die naive und gerade Denkfähig'
Darstellung"utler Theo¡ien untl Erörterung des keit des Arbeitergehirns neue GËsichtspunkte in
Komurunismus bilclen den Kern dieser Vorträge. die aliskutierte Materie gebracht, so haù sich das
98 99
]r_age
nnd gefiihrliche Gebilcle rler proletarischen Marxisten. Ginge es nach ihnen, die Dichtkunst
Hochsehule bewährt und gefestigt. rlürfte nur dem Ausdruck der reinen proletari-
In solehen Kursen werden Instruktoren aus- schen kommunistischen Klassenitleologie dienen"
gebililet, die organisierte Arbeiter'sind und blei- Also wiederholen wir ganz einfach: kommunisti'
ben. Alle nröglichen Betriebe des weiten Landes sches ocler kollektivistisches Fühlen und eben-
schicken besonders befähigte und der großen solche Produktionsweise statt der bisher gelten-
Âufgabe gewachsene junge Arbeiter unâ Ar-
beiterinnen nach Moshau, Petersburg oder in
den indivitlualistischen.
- In cliesem Sinne soll
die Itunst der Zukunft aus dem proletarischen
eincs der vielen Zentren der Proletkult, wo sie Geiste der Gemeinschaft, welcher sich am stärk-
ausgebildet werden, dabei aber ihre Fabriktåltig- sten in ilen großen Fabrikbetrieben ausbildet und
.keit nicht aufgeben, sondern in der neuen Um-. anzutreffen ist, erblühen
- organisïert
werclen,
gebung weiter zu leisten haben. urenn man das so nennen,.darf.
Dics über clie proletarische Hochschule. Sie
Eine Genossin erklärte mir einmal: tlaß dec
z_eigt genau, \¡yas clie Froletkult eigentlich will:
Säemann, der auf dem Felcle einsam unter der
Kultur nicht von oben herab, sondern aus den
Tiefen aufwlirts schaffen unil bilden. Sonne geht uncl sein,Lied im Rhythmus seiner
Nun rrrm zweiteq dem weiten Gebiet der Schritte und der Armbewegungen, mit denen er
Künste. die l(örner auswirft, singi, keinesv/egs iene DicÏr"
tung produzieren kann, auf die es der Gemein'
schaft der Zukunft ankommt. Seine Art, sich zu
flunst soll... hier stocke ich schon. bewegen, zu tlichten uncl zu singen sei eine im
I\ Nein, so kann ich das nicht anfangen. Die
neue I(unst, die neue Kultur der künftigen prole- höchsten Grade indiviclualistische. Die Dich-
tarischen \\relt,soll aus der neuen Gemeinichaft tungsform, tlie das Liecl abzulösen berufen sei,
entstehen. Die Arbeit soll Grundlage und Nähr- sei der Gesa.ng: tler Gesang iler Masse, aus dem
boden und Zicl dieser neuen Kunst ìein, so wie Ma,rschschrift gemeinschaftlich vorgehender SoÏ-
sic ja Grundlage tler Ethik der neuen Zukunfts-. daten geboren 'oder aus tlem rhythmischen
gemeinschaft sein muß. Stampfen untl Schwingen, von dem ietler mit'
Immer wieder betont der Ethiker der prole- gerissen wird, cler längere Zeitin der Maschinen'
tarischen Zukunft diese Notwendiekeit dei Auf- halle einer großen arbeitenden Fabrik verweilt.
Das Zusammenleben untl Arbeitetl im Betrieb, im
lösryg des Individualismus, des Ãufgehens des
Individuums in die Gemeinschaft. Sogai ineineso- Takt der surrenclen Transmissionen und schlagen'
snsagen mystische, dom mitielalterlichen Kirchen- rlen Kolben, mít gleichbeschäftigten und gleich-
konzil gar nicht so unähnliche Körperschaft. Ja gestimmten Kameraden soll also den Rhythmus
sogar in ein Gebild, wie es der antike Chor war ! rler Dichtwerke tler Zukunft bestimmen, wie es
- Ðie Dichter der Proletkult , sincl orthodoxe heute tlen Geist der Organisation -- und mit dem
iUU . t01
Siege der Revolution das Schicksal der'Mensch. schen Leser r'asch durch ein Beispiel zu erlä'utern"
heii bestimmt hat. ei'n þaar Zeilen hersetzen:
Ztur Zeil meines Aufenhaltes in Moskau war nGleich muß ich in die Fabrik"
zwischen den proleüarischen Dichtern' und iden Komm, begleite mich ein Stùck'
aaderea, den ,,Intellektuellen", ein heftiger Streit Seit im Land der Burschui scbweig{'
rWird bei uns nicht mehr gestroilet'"
-rn ein neues Buch Valerian Brjussoffs, desDich.
ters, entbrannt. In diesem Buchô wurden Gesetze
der Metrik wieder verkündet und aufgestellt, ger. Man sïeht, clie Zeiten cler Verse: ,,Die Rose, die
râale als ob nichts geschehen wiire, als hätte rlie Lilie, clie Taube, die Sonne-.." sind vqrüber' -*
- bét
Revolution gar nicht die Gesetze und Grundbed.in- populärsie Dichter, der Volksclichter des
¡otscnewiÉtischen Rußlancls, Demian Bjedny, haL
$rngcn aller menschlichen Betåitigung und jeder áie Tschastuschka zu großer Wirkung erhoben'
ilie Gemeinschaft angehenden Produktion um-
gestoßen. Brjussoff und die hinter ihm vertei- Bjeclnys Geflichte, Agitationsgetlichte, Anfeuerungs-
digten erbittert die Gesetze der Dichtkunst, die nå¿i"ftt* sind an tlen Fronten in Ñlillionen Exem'
ihnen solide genug vorkamen, um etliche Revo- iiut.n verbreitet; sie kleben auch, wenn sie sich
lutionen zu überdauern, sie verteitligten die Dichh äut alttuetle Breignisse der inneren Folitik be'
kunst hartnäbkig und todesmutig gãgen die wild ziehen, an atlen Straßenecken tler Ståiclle'
austürmende Schar tler proletarischen Dichter,
die die Metrik samt allen anderen überlebten T\ie Dichter tlcr proletarischen Ï(unstbewegunþ
Formen einer bürgerlichgn lVeltanschauung in lJ ftiht"o die Linie, die vonWhitman ausgeht und
den Orkus geschleudert haben wollte. überVerhaercn zu denBxpressionisten leitet, eine
Es gibt übrigens, und nicht erst seit Erschaf- große Strecke weiter. Narnentlich Verhaeren ver'
fung der Proletkult, einen Rhyl,hmus der Art, wie ñerrli.cht, 'wenn man der Meinung der jungen
-Rnssen dlauben schenken darf, woi clie Fabrik,
ihn das Gestampfe, der Fabrik hervorzurufen im-
stande isf. Das isi der Rhyl,hmus, den man im ;bJ * so sagen sie * er besingt' in bürgerlicher
RuBsischen ,,Tschastuschka" nennt. ein deni Weise bloß tlãs Proclukt der Arbeit, die der Ar'
Gassenhauer eigener oder ähnlicher Rhythmus, beiter in tler Fabrik hervorbringt, und er meint
der aber doch nicht ordinär wirken muß, sondern. áiut.* Proclukt, wenn er die Arbeit besingt" Br
eher populär, wild und kraftvoll. Bs ist ein ab- besingt nicht die Fabrik selbst, nicht den Arbeiter'
gehackter Rhythmus, der sehr wohl das vorstellen áut iñ der Fabrik steht, nlcht clas l{aterial, das
kann, was die proletarischen Dichter o.der die er handhabt, mit tlem er zu f,un hat, ehe es noch
ïheoretiker der Proletkult, die mit den prole- eine Traverse, ein Automobil, ei'ne Turbine ge'
farischen Dichtern o[.t ganz und gar nicht einig worclen ist. Der proletarische Dichter aber tut
leracle tlieses. Er "¿erherrlicht in
pantheistisch
sind, sich unter der neuen Ausdrucksform vor- das Binswerden der Ma"
sùellen" Ich will, um die Tschastuschka de¡n deui- änmutentlen Hymnen
tfls
r.02
schi¡re mit dem Arbeiter, dem Körper und dern
Die Asche tliegt v'io Silbc¡staub binauf, erlischt
Geisü des -A.rheiters. Br verherrlicl¡t'den prozeß -
Der Hochofen schútte'lt von seinen Flü¡¿eln der Funken
der .4-rbeit, und.außer dem Arbeiter gehört . goldig.roten Flaum.-
seine u¡eingeschråinkte Liebe dem Materia[
Der wertvo.ltste Dichter dieser neuen prole- Zentral-Proletkult, der in Moskau in der
tarischen Dichtergeneration oder -schule ist I{mVilla Morossoff untersebracht ist cliese Vilta
Àfichael Gerassimoff. Bin junges, von Leiilen- -
ist ein Alp, ein Monslrum an geschmackloser;
schait, und Güte durchstrõmtãs Gesicht. eine protzenhafter überladenheit, Kopie eines spa-
wû,rme, überzeugte Stimme. Gerassimoff spricht nischen Schlosses in die nüchterne Wostlwi-
som Fabrikschornstein, der den Himmelsirogen schenka hinein gesetzt, Gotik und Maurisch und
entzweireißen will, vom eisernen Takt d-er 'Ar_ Renaissance durch- und übereinander, nach-
beite¡welle. IIr verherrlicht Lenin, in dem er gemachte Muscheln, Taue und Schneclçen aus
ilen .{rbeiter sieht, dessen Herz irn gleichen
Rhythmus mit der Masse pulst; die Oktober-
Stein
- man soll bei
gegessen haben
Morossoffs einsl sehr gut
q¡o steckt ihr, meine tieben,
revolution, die das große Rußland zur gcmein- ich hoffe, es geht- euch gut, irgendwo in Europa,
schaftlichen Aktion hingerissen hat, und" deren G¡uß von eurer Villa !
Schwingungen clie Welt in Bewefung gesetzt anfángen.
- Aber ich muß von vorn
haben. Âus einem seiner Geclichbl ¿õr
l,nrütr-
lingsfabrik", setze ich ein paar, dém Woi.ilaut, Im Zenftù-Proletkult kann man also zu sehen
nicht_ dem Rhythmus entsprechend übersetzte bekommen, was von den Intentionen der Prolet"
Strophen her: kult momentan nt verwirklichen ist und zum Teil
bereits verwirklicht wurde. Ich sah hier eine Auf-
olm Eisen ist Zartheit, snielorischs Schneeickeit. führungsreihe des Proletkult.Klubs, und ích sah
lm goschliffenen leuchtet Lrebe., .tberrJrot, iìotqr*
des schrars
und hier und. anderswo Ateliers für Malerei und
Skulptur tler Proletkult. Hier läßt sich die Spann-
r¡lr ve*osreten Bruch J:îliili:'it weite zwischen der ldee und der Durchführbar-
Im Ei¡en ist Kraft, dénn mit seinem Fos,tigen SaJt
Hat d¿s Erz Giganten großgozogen.* ! o-- keit genau verfolgen. Die ldee Ìresagt: es sollen
Dann: keine Künstler mehr den zur tr(unstübung be-
fåihigten Arbeiter im Malen, in der Skulptur unter-
,'Weißo Lohe, reifer Flachs, weisen, dcnn es käme dabei ja doch nur eine
Schueeiser Dampf in_Krrgelsehwaden wie Schaum,
wte e.rn brennorrder Haufen Heu schlechi und recht zusammenseschusterte Schul.
.\T'iril
der Hochoten von hehrem Licht beschienenl arbeit, nachgeahmte und uoo-r.lor_ llichtung des
I¡ ihrem Erkalten knetet die Schlacke Lehrers becinflullte Atelierkunst her¿us. Sondern
Traur¡en aus rosigem Korall, der cinfache Arbeitcr soll in seinen Mußestunden
Ðer kleinen Lichilr Mohnkörner zittern tlie Proletkult-Werkstiitte aufsuchen, dort bekommt
In.dem schwarzsteinernen Kristall
er Farbe, Pinsel und teinwand, und dann soll
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105
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er sich züechtstellerL was er malen will, otler schaffen; cle¡ Metallarbeiter aus dem Eisen oder
seinen Freund, tlen Soldaten, oder seine Geliebte, Messing, aus d.em er Nägel und Zahnräder, der
ilie -Àrbeiterin, auffordern, ihm zu sitzen, und Holzarbeiter aus dem Holz, aus dem er Türen
¿lann in Gottes Namen drauflos. Abe¡ da die Aus' otler Stuhlbeine macht; auf diese Weise spll in
'Werken'
stellungen von der modernen, bildenden clem Arbeiter ein neuès Interesse an seinem NIa'
Kunst allen zugângtich sintl, und der unverdorbene terial, das er doch besser kennt als alle anderen,
årbeiter in ihnen alle Kapriolen der Bx' erweckt werden und aus der Kenntnis tles Ma-
pressionisten, Futuristen untl Suprematisten nach terials und der Liebe zum Material eine neue
Herzenslust studieren kann, so wimmelt dietrVerk- Form der Kunstbetätigung und, wenn möglich,
stålte der Proletkult auch ohne rlirekte Unter' Gebikle von künstlerischer Vollkommenheit er-
weisung von seiten tler Künstler- von Bildein, waihsen. Denn das weiß ja jeder Künstler, wie-
ilie schiefe Tischptatten mit einem Teller Ilering ' viel Freude und Anregung zum Schaffen das Ma-
und einer im Dreiviertelprofil dargestelltenFlasche terial selber gibt, sei es nun der Stein, Ton, die
zeigen, r¡on pythagoreisch als Tangenten mit Farbe otler das Wort. Hier. - so denke ich *
tler Spitze in ilie Luft an quer durchschnittene weist clie Proletkult, ohne es zu wissen und'zu
Holztahmen hingewehten, vierfach verknüllten wollen, einen Weg zu den elysåiischen Gefiltlen
Papiertüten in absoluter Farbe. Aber auch Morris'. -
mancher brave, ehrliche akademische Porträt' Die Klubarbeit cler Proletkult ist eines ihrer
kitsçh, mühsam hingepinselt und zu E4tle gebracht- hauptsächlichen und erfolgreichsten Betátigungs',
befindet sich in der Reihe der ausgestelltenl(unst- gebiete. Überall, auch in den kleinsten Orten
:pro-
we¡ke. Rußlancls, in Dörfeln und Flecken, gibt es
D¿bei macht sich der bittere ll{angel an Ma- letarische Klubs, in denen junge Bauern, Arbeiter
terial auch hier spürbar; es gibt keine Farbe, uncl Arbeiterinnen zusammenlcommen, Vorträge
keine Leinwand, wenig Kreide oder l(ohle, keinen anhören, diskutieren, in denen Theater gespielt;
Gips. IIin Gipsmotfell muß gleich wieder zer- improvisiert, gesungen und getanzt wird und cine
schlagen werden, um für ein neues clas Material neue Geselligkeit sich bildet. Der Klubabend in
zu liefern, I(artons sind vo¡n und hinten über untl i der Villa Morossoff bot Darstellungen von un'
übermalt tlieWerkstätten stehen jetlermannfrei* gleichem \üert. Es wurde cla ein kleiner alle-
der Lust und Mut hat, bei 30 Grail Kälte und gorischer Einakter von einem iungen Arbeiter
fehlenden Fensterscheiben Kunst zu produzieren. gespielt, in dem vorgeführt wurde, wie tlie
Eine interessante uncl, wie mir scheint, frucht- Entente den armen, unwissenden polnischen Ar-
bare ldee der Kunstberaüer tler Proletkult-Bewe- beiter gegen tlen Roten Soldaten, der sein Brucler
grng ist: der Arbeiter soll versuchen und an- ist, vorwärts hetzt, und wie zuletzt der Rote und
gehalten werden, aup dem Materïal, das er am cler Pole tlie Entente samt ihrem polnischen
Tage in seiner Fabrik verarbeitet, Kunstwerke zu \ Schlachzizenlakaien über den Haufen rennen. Die
rs6 1"07
rhyihmischenTlbungen nach derA¡t desDalcroze,
Petersburg. Hierüber berichte ich sogleich. Vieles
die an untl fär sich wunderschönen Chorgesänge,
andere noch, eine Unmasse von Anregungen ging
wiecler ttas \Yolgalied, wieder die Internãtionaie,
von diesem l(ongreß der Prolethult aus"
boten eigentlich auch weniges, was mit derProlet-
Ich habe es selber erfahren, wie schwer Orgam"
kult und ausschließlich mit dieser zu tun ge- sationen zur Schaffung proletarischer Kultúr auf'
hâbt hätte. Junge Arbeiter untl Arbeiterinnen zubauen sind, ehe das Proletariat noch die poli-
¡ezitierten Geclichte, clie sie selbst verfaßt hatten. tische Macht erobert hat. Aber auch in Rußland"
.'Tüirklich schön und. neu schien mir bloß eine wo das Proletariat die Machi bereits in Häntlen
übung gesprochener Chöre zu sein, in denen aus hält, bleibt tlie ProletkulL von all' den schönen
Stimmwirkungen, Stimmklang und aus musikali- qnd hohen Dingen, die heute clie Seelen desVolkes
scben, aber den W'ortsinn nie verletzend.en son- bewegen, das Schmerzens- und Sorgenkincl cle¡
dein heraushebenden Motiven Wirkungen erziel| tverdenden neuen \Melt.
wurd.gn, die ein völlig'neues Kunstgebilde aus
eineni neuen ansprêchenden Massengefühl er-
stehen ließen. Das Gedicht, das auf solche Art
rezitiert wurde, war eine Verherrlichung des Chaos der Kunste
populären Instrumentes der Ziehharmonika. Der
Dirigent,'der, wie mir gesagt wurde, diese neue fm Augenblick, in clem du den Fuß auf russische
Kunstgattung bis in ihre letzten Möglichkeiten er- I Brde setzest nehmen wir an, tlies geschieht
- Petersburger
,.]

probt uncl vervollkommnet hat, hieß Sergesnikoff. am Ausgang des Nikolai-Bahnhofes


siehst rlu clich bereits gierig nach der Kunst
- neuen Rußlands um. .Denn, nicht wahr, du
des
Oktober tagte in Moskau der alljährliche
IJm
Kongreß der Proletkult die oberste Behörrle :weißt es: hier hat clas'trVeltratl eine Drehung
der Bewegung selber. Es - wurde da die Not- beschrieben, ein neues Volk bewegt sich tlurch
wendigkeit erörtert, Klubs untl Sektionen der ilie Straßen, da möchtest du doch sehen, wie die
P:oletkult zu aktiverer Beteiligung an den großen KünsUer die veränderten Gezeiten empfuntlen,
offiziellen Festlichkei,ten der Sowjets zu veran- miterlebt, gestaltet haben, und wie das äußere
lassen. Die Kunst soll mit allen Mitteln zur Bilcl Rußlands, das durch clie Revolution so gründ-
Massenkunst und auf diesem Wege zur Monu, lich veränclerte, durch die Begeisterung der Künst"
nentalkunst werden. D. h.: es sollen durch ler verschönt worden ist ?
die ilÍasse Wirkungen auf clie Massen geübt wer- Das erste, was du auf dem Newski-Prospekt
ilen. Ich sah dann eine solche Massenaufführung, erblickst, ist eine riesige Holzbaracke, eine Estrade
und Rednertribüne, die Holzverschalung des mon-
aa der sich die Proletkult mit Sprechchören be-
teiligi hatte, am dritten Revolutionsfeiertage in t strösen Trubetzkoischen Pfertles mit dem Zaren
.*,"Arlgxancler III" clarauf" Dieses Denkmal, so wurde
tog n
109
I

dir gesagt, stellt ein Nonplusultra an Flump- täuscht, scheint ín ihren Bestandteilen gar nicht
heit uad Àbgeschmacktheit dar, und tlu beklagsü rfest gefügt, die oberste Quader hat einen Stoß
es darnm nicht allzusehr, daß die blauweiße abbekommen und ist sicbtlich verschoben. Wenn
EolzÈoasúruktion clen Prinzipien der Ästhetik man annimmt, daß diese Verschobenheit durch
aucl¡ nicht ganz entspricht. In Klammern stehe Inkonsistenz des Maferials oder durch einen
hier die Bemerkung; eine der erfreulichsten Ver- gegenrevolutionären Faustschlag verursacht sei,
änderungen des Moskauer wie des Petersburger geht man fehl
- der¡n man wird an vielen
neuen
Stadtbildes wurde dadurch hervorgerufen, daß Denkmälern dasselbe sich wiederholen sehen: die
die Bolschewilci eine Unzahl schlecht empfun- Postamente, auf denen sich cliese Denkmäler er"
clener und schlecht gestalteter Denkmäler einfach heben, sind verschoben und aus tlem Gleich-
weggeputzt, zertrümmert, von den Piedestalen _ gewicht gerückt, womit ausgedrückt werden soll;
und Postamenten fortgesprengt haben, Zaren, tlaß überhaupt tlie Grundlagen dessen, was wir
Feldherren, Adler usw. Das Ðenkmal Peters des als Ruhm, Ewigkeit, Menschengröße anzusprechen
Großen, Katharinas in Petersburg, Minin uncl gewohnt waren, in den letzten Jahren einen Stoß
Posharskis in l\{oskau ist stehen geblieben. An erhhlten haben wie von einem moralischen Erd*
Stelle des Skobeleff erhebt sich jetzt rler Obelisk beben, unrl daß sich unterdiesem atmosphäri'
der, Oktoberrevolution. schen Druck die Quadern, die den Gedanken
TVeiter oben auf clem Newski gewahrt man, stützten, verschoben haben.
an die winkligeTreppe desehemaligenStadthauses Marx. - Marxclenkn'iü1":-
Unendlich viele
geschmiegt, eine riesige Stele, die von dem über- Büsten, Köpfe, Profilg in Lebensgröße, i r riesi-
Iebensgroßen Kopf Lassalles gekrönt ist. Dieser gen Proportionen I \{as haben sie aus oir ge"
Lassallel:opf, der rnehr an Brutus als an Lassalle macht, armer l\{arx, die Künstler des kommunisti-
gemahnt und aus dunkelgrün getöntem Gips ist, schen Rußlands. Einmal stehst du da, ein eben
ist eigentlich * außer denbeidenMarmortafeln mit vorgerückter Kanzleirai mit von Regenwasser
iler eingravierten Sowjet-Verfassung im Smolnll bis an den Rand gefülltem Zylintler an der Braten'
.- dasSchönste, was ich an neuerKunst in Ruß- rockhüfte. Das andere Mal bist du ein kleiner
lantl übe¡haupt zu sehen bekommen habe. Indes, beleidigter rechthaberischer Bourgeois, der sich
so stark und bedeuiend er aueh erfaßt. so wild- auf die ,Spitzen seiner polierten Stiefelchen reckt,
monumental die Dämonie des Tribunen in ihm um clie Wichtigkeit seiner Person augenfällig zuni
auch zum Ausdruck gebracht ist, als Kunstwerk .Ausdruck zu bringen. Aber auch als assyrischen
sfellt er , nichts Außerordentliches dar; mein Löwenkopf, als Sonnengott mit-zerflatternder
Freund Totila Albert macht rlies weit besser. Mähne und Fächerbart kann man l\{arx dargestellt
Ðer Kopf ist aus Gips und clie Stele aus gips" sehen. Das.Absurdeste, was ich an Darstellungen
bestricheûem [Iolz. Sonderbar: rliese steile Stele, Marxens zu sehen bekam, war ein riesiges Bild,
*lie vier übereinander gettirmte Quadern vor- das auf dem Kongreß der professionellen Schu-
llt -
111
len hinter dem Rerlnerpult an tlie Wand genagelt Thron des Gewissens gehoben woiden íst,
w&r hier war Marx buchstä,blich auf seinen entstanden, sondern auf Bestellung der Kosaken,
-
f,orbaeren ruhentl clargestellt er hatte seinen clie zu ihrem Fest auf dem Platz vor dem Ifueml
spifzen Lorbeerkranz um das- Gesåtß gewunden, ihren Stenka haben wollten senau an der 1:

Stelle, wo Stenka und seine -Heli*ershelfer hin-


i.
der Künstler hatte sein bißchen Grün nicht mehr il
oben anzubringen vermocht, so brachte er es gerichtet worden waren, der ,,Lobnoje h{jesto.,, i

nnten an. einer kreisrunden, von Gitter umgebenen Stein- i.r


'Wo
sincl denn die wirklichen Künstler geblie- estrade vor der Kathedrale Wasliti Blashenni.
ben, die das Stadtbild zu verschönern, die es auf Dje Kosaken gingen zu Konjenkow und sagten:
ilen Grundton des neuen brausenden Lebensstromes ,,1(onjenkow, Ìì.ußlancl ist frei, mache uns den
zu bringen vermöchten? Hat die Revolution die Stenka und die Sechs um ihn herum, und vergiß
Künstler nicht zu brüllender Bkstase angefacht tlie persische Fürstin nicht", sagten áie t(osatén.
unrl aufgepeitscht, so tlaß sie sich in rasendem ,,Wir wollen dann das Ganze auf der Lobnoje
Ungestüm auf die Staclt zu werfen, sie mit den Mjesto aufstellen zu ewigem Ged.enken." ,,Gut,,.
Farben ihres Begeisterungsrausches zu überschüt- sagtc- Konjenkow, ,,bringt mir ein Faß Schnaps
ten, sie in clie t-ormen ihres übe¡schäumenden und rich mache euch den Stenka." Die l{osaken
Dranges zu pressen und neu zu modeln versuch- braihten den Schnaps und warteten auf ihren
ten ? Ich habe Denkmäler gesehen, die, wie das Stenka. Ein paar Tage vor dem KosakenTest gin-
des ermordeten Wolodarsky, von einem Dach- g_en sie zu Konjenkow und fragten nach Stenka.
decker hätten herrühren können. Andere ïvaren Konjenhow hatte noch nichtJ gemacht, wecler
auf Bestellung in zweimal vierundzwanzig Stun- !!enka, noch die Helfershelfer, geschweige denn
den zusammengeschustert. Eines allerdings rührte clie l-ürstin. ,,Ich brauche Schnaps, sonst karur
von einem echten l(tinstler her, aber ich muß ich nicht',,Hundes,ohnt"
arbeiten", sagte l(onjenkow zu den
seinc Entstehungsgeschicbte erwähnen, sie scheint Kosaken. iagtel dìe Kosaken, ,,du
mir charakteristisch. Das Werk war ursprünglich hast das Fäßchen leergesoffen und nichts ge-
auf dem Roten Platz vor dem Kreml aufgestellt macht?" Aber sie brachten cloch wiecler Schnaps,
gewesen und ist jetzt im ,,Brsten'Proletarischen. und nun machte Konjenkow ¡asch aus einem
Museurn" aufbewahrt. Sein Schöpfer ist Konjen" Baumstamm, d€n er ¡ôh zu¡echtzimmerte, den
kow und es stellt clen Volkshelclen und Ataman Stenka und bestrich die Ritzen mit eilicher Farbe,
Stenka Rasin mit seinen sechs Gesellen nebst der nahm dann einen anderen Holzklotz und. setzte
,rpersischen Fürstin" tlar. Auch dieses Denk- sechs kleine viereckige Iilötze, grob zurechtgezim-
mal ist nicht aus der überschäumenden Begeiste' mert und bemalt, auf ihn hinauf : das waren die
rung für das Volk und seine wirklichen Hel- Köpfe der Helfershelfer. Unten aber, zu Füßen
dea, für clie Legende des befreiten Volkes, des Baumes Stenka, des Baumstammes" der
die jetzt statt der Zarengeschichte auf den Stenka, den Ataman, immerhin mit einer geniulett
11? 8 Eolitsch er, Droi Monate ia Sowjet.Rnslancl 118
Erutalitåii und gewaltsannen, Etwas ausdrück+:.r-, Bogenr: Zachen und Kurven von oben bis unten"
clen Koloristik it¿rstellt, untæ.n liegt aus Gips, weiß von rechts nach links untl zurück. Da die Farben
snd rosafarbig, àierlich geformt, die persische leidei schlecht waren, sieht man heuLe nur noch
Fürstin in naturalistischer Brunst hingegossen. der Länge nach über drei Buden weg eine gifh
Ðas. ûanze steht jetzt; wie gesagt, in jenem blaue \Velle sich aùfbäumen, anderswo eîne rote
,,Proletarischen Museum", einer Villa, in der zickzackf.örmig zum Pflaster niedersiürzen.
alle¡hand wunderschöne Bilder, Porzellane, i\Iöbel Die Bolschewiki, Lunatscharsky an tle,r Spitze,
und Kunstgegenstände aus dem Besitz geflohener haben in der Bile des Umsturzes die Fuii;r.tten,
Aristokraten und Bourgeois zusammengetragen Kubisten und all' die anderen Atelierrebellen mit
sind. Wenn man zum Tor hereink'ommt, sieht man richtigen Iì.evolutionären verwechselt, nämlich
in einer magisch panoptikumhaflen Beleuch[ung," mit solchen, in denen der Ðrang, sich gegen
von oben herunter bqschienen, die persische Prin- tiberholte und verknöcherte Gesetze aufzulehnen,
zessin in gipsener Anmut hingestreckt tiefer und bedeutsarner lebt als bloß im iland-
h4t einen Bffekt zu überwinden, so als ob man
- man gelenk, womit sie ihre Pinsel, uncl clen Kinn-
da in das Haus irgendeiner l\Iadame lllelanie backen, mit denen sie ihre F.eden gegen den un-
geraten wäre aber dann bemerkt man den verständigen Ïrürgerlichen l(äufer führen. Erst
hölzernen Stenka -, hinter tter Gipsfigur und sieht, nach ungeführ anderthalb Jahren sahen die Bol.
daß das hier wahrhaftig ein repräsentatives \{erk schewiki ihren lrrturn ein; sie wurden gewahr,
cler neuen revolutionären Volkskunst Rußlanrls claß zwischen den extremen l(unst¡icht,ung'un ooá
genannt darf. dem Empfinden des Volkes gar keine Verbindung
- Etwaswerden
Ä.hnliches, barbarisch gewalttätig groß bestand, und daß das Volk sich sturnpf gaffend_
Geclachtes muß am Anfang der Revolution auf aber gleichgültig, wohl die Purzelhäume an clen
tlem Ochotni Rjad zwischen dem Theaterplatz Straßeneclren gefallen ließ, in seinem revolutio-
und der Universität in Moskau zu sehen gewesen nären Trieb aber durch all' diese Kapriolen nicht
sein. Man entdeckt noch Spuren. Auf diesem im. geringsten bekråiftigt und angefeuert wurde.
langgestreckten Platz steht eine Reihe eben- Da kamen dann die Dachdecker und Maurer-
erdiger und stockhoher Gebëiude, Verkaufsbuclen, poliere an Stelle der Kubisten und Futuristen und
in denen ehemals W'ürste, Tee, Honigkuchen verübten Kunstwerke auf ihre Art. Jetzt sieht man
untl nallerlei Leckerwerk zr kaufen gewesen auf öffenilichen Plätzen und in ölfenilichen Ge-
war. Als zugleich mit dem Privateigeritum all' bäuden eine biedere, nichtssagende Dutzendkunst
ilies mit einem Knall zertritnmert in clie Lufi sich breitmachen und fühlt sãhnærzlich. daß hier
ging, kamen tlie Futuristen mit breiten Pinseln eine Gelegenheit versäumt worden ist. _.
daher, löschten oder strichen den'ganz,en Platz Ausstellungen,sah ich in Moskau, in de,nen Kan-
ans, bemalten einfach all' clieseBuden undHäuser' tlinsky bereits als akademischer Klassiker tiber-
ehes kreuz tnd.quer mit lVellenlinien, farbigen holt war. In soleh' einer Auss-tellung .war ein SaaJ
114 . [15
einem Känstler eingeräumt, dessen Namen ich 'Ifammêr und tlie Sichel der Sówjets in eher áb'
vergesse& habe, der aber Gemälde wie dreses scheulichen als anmutigen Omamenten ange-
m¿rL: eine 'Iafel, schwarz, in der Mitte ein bracht waren * tür die Sowjet'Bourgeoisie er'
schrva¡z lackierter Kreis, glàinzend schwarz, der sonnen unrl angeferïigi * ein Sammelsurium aus
von einem maltschwarz laclcierten durchschniit'en moderner Malerei, Plastik, Schularbeiten, Buch-
rri¡d. Eine andere lafel zeigt aul blauem Grund druckausstellung, Hertrarien, primitivem Ï{aus'
einen.geraden Strich von gelber Farbe.quer von gerät, außerilem ein Saal mit Entwürfen für ilas
-links nach oben rechts. Fünfzig andere geplante Liebknecht Luxemburg-DenkmaJ. All' clies
ürüer
îaleln einer neuen Kunstn die das Primrtive, rvie sozusagen inkrustieri in das Museum der Revo-
mau sieht, mit Erfolg suchl und ?u finden gewußt lutioru zu dem die Prunksiile tles ehemaligen
ha[, beclecken die WAnde' An der lVlitt'elwand', Zarenpaìastes jetzt umgewanrìelt sind.
Aus all' tliesem Tohuv¡abohu habe ich mir zwei
.aber hängt das Manifest des KünstJ.t5;
5lsþen.en$
Dinge gemerkt und herausgefischt: das e¡sto isf
.

beschr:ietierne Schreibmaschinenseiten, lJurch tliesq


;Ausslellung führte an einern Sonntag, als ich sie rtaß Ín tlie Akattemien ieclermann aufgenommen
besuchte, ein junger Volkskommissari¿tsbeamter werden kann untl fnuß, der von der Straße
eine Arbeiterg*ppe, die das mit bewegter Stiuune hereinkommt uncl l(unstübung orlangen ocler er"
vor gelrag ene
-.Vtairite
st ehrlurch ts v o^l auhö I te und Iernen wilt. Es meltlen sich in der Tat ÏIun-
darur ser¡et zusah, wie der oine schwarze Kreis clqrte von junþen untl älteren Leuten, Arbeitern,
clen anderen durchschnitt. Studenten, Angehörigen cler Sowjet-tsehörrlen rrsw" ;
von all' diesen aber erscheinen in der Klasse
I lTan wirft denBolschewiiri überhitzten Drang kaum vier ocler fünf, denn wer hätte nach tler
IVI u"i der Eriüllung ih,r'er Erziehungsbest'rebun' täglichen Arbeitszeit uncl der Last und Qual der
geu vor. Man ruft ihnenzu: ihrübertùltertdas Volk Lebensmitteleinholung noch Lust untl Spannkraft
irit Kunstt Das Volk schatft sich sein Brot selber, zur Kgnstübung ?
Das andere aber war Tatlin. ist ein
ihr aber stopft i,trm Schaumkuchen in den ltachen,
junger Künstler, Professor an der - Tatlin
PetBrsburger
bis es sich übergibtt In Pelersburg leiLete, als ioh
zuleLzL dort war, eine Ausstellung irn ehemeligen Akademie, der clie in wahrer Bedeutung des
tilinterpalais eine für den Winter und die kom- Wortes geniale ltlee gehabt hat: ilaß in einem Zeit'
mèn¿eu Jahreszeiten geplante Ausstellungsreihe alter, in tlem die Maschine den Menschen .über-
ein. ln dieser ersten war alles E¡denklicne zu' flügelt, vernichtet, zertreten untl zllsammen-
sannrengetrage'n: Lheaterkunst, Kinokunst, ein kartätscht hat, eigentliòh die Maschine als Motlell
Propa gauda w ag gon f är erw aç-þsene Anal p habe ten, viel interessanter sei als der Mensch selbst. Tatlin
Ge¡ìauchs- unrl Luxustöpferèien mit deu Sowjet- schafft infolgetlessen Denkriräler für,l{aschinen
Hmblemeo, eine Nlode¡rschau (l) mit neue¡r I(o" t¡ntl nicht mehr Akte. Die Struktur tles mensch-
stiLsaeu und Hüten aus $amb, aut denen der lichen Körpers erleidet, durch clas Temperament
1.X7
r1Ë
eines æooilem.en Kürrstlers .gesehen, gewisse Ver- DgAkmaI ausgeste,llt" Das Denkmal soll an die
darf man es Tatlin nicht ver- 300'Mete¡ hoch v¡erden und an seiner Basis etwa
ä'nderuagen
â#ø, rvearì - somit
seine Maschinendenkmäler auch 100 Quarlratmeter- messen. Man stelle sich vor,
keine l{aschinenkörper, sondern Quintessenzen claß irgenilein Titan tlen Eiffelturm beim Nacken
con &{ascåinen vorstellen. Tatlin konstruiert diese ggpackt uncl ihn mit einer Armwindung zur Spi-
K¡¡sstwe¡ke, die man in Moskauer Schaufenstern rale um- untl umgedreht hat, In den Raum, den
sie is Petersburger Akademiehallen anstaunen tlie Spiralkreise offen lassen, hängt nun Tatlin .mit
tann; natürlich nicht aus dem herkömmlicheur übereínantler vier riesige Gebilde aus Glas
&faterial Ton, l\Iarmor, Bronze, sondern aus Lat- Rippgq aus. Bisen und Beton. Ðas unterste größte
åen; ausgedienten Wasserleifungshähnen, Blech- ist ein Zylinder von etwa 80I\{etern Durchmesser,
büchsen, Gummischnullerrr, Mikroskoplinsen, in dem sich der Kongreßsaal iler Dritien Internatio-
Schürhaken, geborstenen Treppengeländern, Ich nale, außeldem Säle für Schreibmaschinisten,
traf ihn im Winterpalais, wo er vor eirter seiner Leseräume, ein Theater uncl ein Restaurant be'
Kompositionen, -die er,,Konterreliefs" nennt, einer finden sollen" Etliche 30 Meter über tliesem Zylin'
Schar zusammengeströmter Soldaten, Arbeiter cler ist eine Pyramide anggbracht: in ihr finclen
unrl Arbeiterinnefi aus der Sowjet-Eourgeoisie clie Sitzungen der Exekutive statt. Darüber
ginen Vortrag überldas Prinzip der M¿terialkunst wieder ein schon etwas schrnälerer Zylincler, in
hielt. dem die Radiostation, ein Ifinosa¿l und ähn-
Oscar Witde hältte 'sicher den größten Genuß liche Lqkatitäten untergebracht sind.' Iloch oben
beim Betrachten der I(unst Tatlins gehabt, denn aber eine Hathkugel: die Licht' und Kraftst¿tion.
Tal.lin bestätigt ja sein Par¿dox: daß nicht die Diese vier Gebilde aus Glas, Eisen und Beton
Natu¡ die Kunst schafte, sondern die l(unst clie drehen sich unaufhörlich um ihre Achsen. Der
Natur. Mich hat Tatlin von der Stichhaltigkeit Sitzungssaal der Dritien Internationale einmal irn
rlieserMeinung vollständig überzeugt. Denn wo icb Jahr, tlie Exekutive einmal im Monat,'die Radio"
seit dem Tage, an dem ich sein Werk zuerst ver- station einmal am Tase und die oberste Halb-
einigt sah, ein,em Haufen von zerbrochenen Ge- kngel einmal in cler Minute. Alle vier Gebilde
blauchsgegenständen, ausrangierten LokornotÍven, werden nach dem Prinzip der Thermosflasche ge"
vor Müdigkeit umgesunkenen T¡,ambahnrvagen, in heizt. Die Drehbewegung erklåirl sich aus dern
ihre.Bestandteile zerfallenen Bretterbuden begeg= Gedanken, tlaß clie Dritte Internationale ein Orga"
net bin, sagte ich mir sofort: Tatlin. TaUin ist nismus ist, der sich in fortwährender Bewegung
ia'der Tat der repråisentative Künstler .diese¡ befinclet, nichts Stabiles vorstellt, eher einem
Zeitepoche und über dem Tempel seine¡ Kunsf Himmelskörper vergleichbar. Dahei ist auch hocb
*teht das rudsische Wort: Remont. oben die Spitze des Turmes mit den Antennen wie
Er hat.jetzt in Petersburg ein Denkmal für rlie ein Tel,eskop schief nach den Sternen umgedreht
Сifte Internaiionale,. rl.b. den En[wurf zu diesem u¡rl weist ins Unentlliche. Ich fragte einen Aposteül
1_1$
r1E
Tatlins, dg¡ arir das Modell erläutertè, nach der' Såingerinuen hervorlocken. Zum Paroxysmus àber
Krafi, dierdas Monument in Bewegung setzen steigeri sich tli,e Freucle nach den Ballelten.
sollte. tr)er junge Mann kroch sogleich unter das Ich kann es wohl sagen, ilaß ich in meinern
Podium und begann eine l(urbel ar drehen, gùnzen Leben nicht so viel habe Ballett lanzen
.¡rorauË oben die lnternationale in clie eewünschte sehen wie im ersten Monat meines Aufenthaltes
Rotation geriet. in Moskau. Und zwar waren dies gar nicht die
Ballette, tlie wir in Europa als russische Ballette
Tìursoll!-olk
I-l
der Stätlte hai wenig zu essen, also
es wenigstens an Zft zenses keinen Mringel
bestaunt haben, sondern clie guten alten ,,Diver-
tissernents", in denen 50 Damen in Tüllröckchen,
Ieiden In den Opernhäusern entfalteÍ sich all- mit rosa.tarbigerr Trikotfüßchen uncl das çontleu"
abendlich Poinp und Farbenpracht der ehemalig bare Wesen: Ballettåinzer in seidenen Höschenr
kaiserlichen Opernausstattungen. In dem wunder- mit wirbelrrden Beinen Sprünge. vor der Rampe
baren blau und silbernen MarientheaterPeters- beschreiben. Aucb hier kannst clu die Namen der
burgs, in clem nicht minder wunderbaren rot und meistbewunderten Künstler aus tausend enibu"
goltlenen Großen 0pernhaus Moskaus sah ich sia,siischer Kehlen Geschrei erfahren, und w¿s
nnanch' eino meisterhafte Aufführung rler popu- mehr ist Gott, ich muß den Heu-
lärsten Werke von Rimsky-Korsakoff, Borodin, - nein,Bsweiß
gang erzählen: war nach dem ,,Schwanen'
Seroff, Glinka, den ,rPrinzen Igor", ,,Sadko" uncl teieh" Glinkas, da erschie,n auf der Btihne plötz'
,,Die Macht des Feindes", dann auth den ,,Bar- lich ein in der altøn Zaremlivree steckender
bier" von Rossini, ,,Lakmé" von Delibes und Theaterdiener unil schleppie aus den l(ulissen
anderes. Das Orchester ist vorzüglich, zum Teil einen riesigen Korb mit Orchideen und Chry'
spielen die Solisten auf kostbaren, der ehemaligen santhemen heraus. Oben in der linken Bcke war
Bourgeoisie weggenommenen Instrumenten. Der mit einem Seidenmäschchen ein Biiefchen an den
Kapellmeister sitzt im Frack da, seine Schar in Henkel befestigt. Aus der entgegengesetzten Ku"
ilerBuntscheckigkeit ihrer übriggebliebenen Gar- lisse hüpfte Katharina Geltzer zum Korb herbei
ilerobe. SängerundSängerinnen erfüllen ihreAuf. unil bedankte sich mit Kußhändchen. IiVir in
gaben augehscheinlich mit großer Hingabe, von dem unserer Loge, ich saß mit clen Türken, Öster-
inbrünstigen Enthusi¿smus der neuen Zuhörer- ¡eichern und. Amerikanern da, vergaßen den
schaft mitgerissen. Denn clas Publikum der Oper Muncl offen vor dieser voroktoberlichen Ehren"
ist ein ganz neuartiges: Soldaten, Arbeiter, Kinder bezeigung, oder wie man es nennen wil! I
von Kindern, Tausende von Kindern
- ScharenRängel
füllenralle Nach tlen Aktschlüssen hallen
Der Metallarbeiterverband Peterqburgs hat sich
in seiner letzten Jahresversammlung darüber be'
ilie prächtigen Håuser vom Jubel der entzückten schwert, claß die Regierung der Sowjets mehr
Zehörer wider, Kintlerjubel mischt sich in die. Gekl für Ballette ausgebe als für clen Verband
brauseaden Rufe, die-die beliebten Sänger uncl der'Metallarbeiter Rußlands. Unct ich hörte Künst-
u0 1åt
ler Klage fthaen tlarübor, daß tunatscharsky-in Iõh'wa¡ einigemal in Stanisl¿wskis ,,Künst:
unbegreiflicher Ve¡irrung Ballettgesellschaf ten im lerischem Theater" 'an der Kamergerski uncl in
ganzel Lanrle herumhetze, wo tloch die Bauern' seinem ,,Ersten Studio" auf dem Platze an dev
weiber sich vor den nackten Beinen bekreuzigten Twerskaja, wo er seine jungen Künstler spielen
und davonliefen . . ", so veistehe rler Volks- läß1,. An einem Nachmittag setzte ich mich dann
kommissar für Volksaufklärung die Verbreitqng mit ibm selber, dem scharmanten Menschen und
cle¡ Kultur untl die Erweckung tles Bildungs, großen Künstler, diesem wahrhaftigen Erneuerer
triebes in tlem kunsthungrigen Volk I Dies stellt des modernen The¿ters zusammen untl ließ mich
natürlich eine böswillige Verclrehung rler Tat- über die Nöíe und Hoffnungen des russischen
.sachen vor. Wa,hr ist, claß das russiscbe Volk q¡ie Theaters 'belehren.
'kein zweitps der ltVplf den Tanz pflegt, daß bei Stanislawski (der politisch als wenig zuver'
den Russen die' F'reucle an der,Körperbewegung, lässig gilt) hat den Mut verloren. Er erklärte
an wilden und an gernessenen Rhythmen ,der mir lriurig:, das neue proletarische .Pubtikum
Glieclmaßen als ein Element der Volkskunst gel=. komme ebensowenig in sein Theater, wie tlie
ten kann. Daran hat der Ernst der.Zeit unel der proletarischen Dichter brauchbare Stücke ein"
* Hunger nichts geäntlert. Im Gegenteil * æ. reichten. Bei.-des gebe es also nicht. Dio Kunst
ist jetzt vielleicht eine Wildheit und Zügellosig- wate wie das private uncl öffentliche Leben durch
keit wach, clie es einem begreiflich macht, daß einen Sumpf; durch die A,uflösung, und es sei
tlem Volk eine immerhin zur l(unst erhobene Form nicht ab¿usehen, wann es zu einer Konsolidie'
tler Bewegung gebändigter l(örper vorgeführt rung kommen könnte. Ðaß die Konzentrationsl
werden muß, um es'zu entzücken. möglichkeit für die Künstler der nächsten Genera'
Eine andeie Frage ist es, ob die Regierung nicht tionen.verschwunden sei, und daß es nun nur
b,esser daran täte, ihr Augenmerk liebevoller auÍ gälte, zu vegetieren und ano Leben zu bleiben"
das Schauspiel zu richten als auf das Ballett" Ich konnte StaniSlawski den Vorwurf nicht er'
Staunend las ich tlas Repertoire der Moskauer sparen, tlaß er sein Publikum nicht erziehe, es
Bühnen rlurch. In den Monaten meiner An nicht in sein Theater.ziehe dadurch, daß er ihm
wesenheit spielte man folgbnde Stücke: ernste untl ¡vichtige Stücke biete, wie zum Bei-
' ,,Was lhr wollt" von Shakespeâre; ,,Locan- spiel Strintlbergs,,Damaskus"-Drama oder Tol'
diera" von Golcloni'; ,,König Harlekin" von stojs Alterswerke, die wir jetzt in Berlin hätten'
Lothar; ;,Sintflut" von Berger; ,,Cyrano de Ber- Erschütterntl tirach da die Bitterkeit aus Stanis'
.gerac" von Rostand; ,,Adrienne Lecouvreur" von lawski hervor: ich muß ja meirten.,Schauspielern
Scribe; ,,Ein Gtas Waiser" von demselben; ,,Das trnr den Hals fallen, sagte er, wenn sie überhaupt
Heimchen am Herd" von Dickens; ,rDie Hoffnung zu den Vorstellungen kommen; zebn Werst zu
auf ,Segen" von Heyermans und den ,rRevisor'Í. Fuß ins Theater und durch die Nacht zurücky
von Gogol. hungrig und frierend uncl erschöpft. * Byrons
L22 1-2S
,,Kain" wollúen wir jüngst aufführen: der Dar.
steller rles Kain fiel bei den proberr vor Er. eiñen Augenblick gestört worden wäre. Hier sah
schöpfung einfach um _- wir können nur Stücke ich einen Malvolio, der, wenn.er am teben bleibt,
spielen, in denen die Lebensgeister der Schau- der erste Schauspieler ßußlands wer{en könnte,
s_pieler wie der Hörer durch das leichte Spiel ein junger Chargenspieler Tschechow, ein ltirtrrn"
der Phantasie beschwingt, heiter gestimmt wer, lisch erschütterndes Geschöpf votl tiefstermensch-
licher Trágikomik, in einer tr{aske, die allertlitrgs
{qn Darum spielen wir ,,WaJ lhr wollt,,,
Dickens, Goldoni, Man gibt uns ja au.ch gar keinen tlie Natur ihm für diese eine Rolle verliehen zt¡
S_toff zu Kulissen; Kostümen. Die KonËt, .unsere
haben schien.
Kunsi, soll wohl zugrundegehen, von den J(üngt- Es gibt in all den,größeren Stättten ßußlands
leru- nicht zu sprechen. Theater, die ausschließlich clie politische Satire
Im ,,Ersten Studioif sah ich dann, wie Stanis" pflegen. In Petersburg sah ich solch eine poli'
lawskis Erfinrlungsgabe aus dem Erreichbaren, tische Satire in einem l(ellertheater, das den
uncl Möglichen sogleich neue Wege der Bühne. Namen ,,Der räudige Hund" führt. Auch hier
Janel und feststellte. Dieses ,,Erste Étud¡o,, ist ein spielte sich die Fl¿ilfte des Stückes im Zuschauer'
langgestreckter Saal niit aufstcigenden Stuhl" raum ab. Auf tler Bühne sah man eine Art
Börsenhollegium, das mit Menschenfleisch han-
'yeihen. Es hat wohl einen Vorhang, aber keine
Büåne, keine Rampe; der Schauipieler liiuft, clelte. Der Fabrikherr, der General mit pltos'
wenn die Laune ihn treibt, mitten ins parke,ii phoreszierendem Totenkopf erschienen nacltein-
binein. fn ,,Was Ihr wollt,t spielten sich ganze ande¡ und bestellten Arbeiterheere und Kanonen'
Szenen auf der Bühne, irn ZusðtrauerrAuïr¡, futter. Die I'Iäscher der Börsenkönige stürzten
Ja so- sogleich ins Publikum hinunter und holten einen
gar draußen im Vestibül und in dcr Garderobe
ab." In der Zweikampfszene jagten sich clic Schau- Prachtkerl, eiñen jungen Proletarier herauf, der
spieler buchstäblich durchs ganze Haus und das als Muster für die zu liefernden }lel<atotnben
Publikum raste vor Vergntigõn, als von draußen, der Arbeit und der Armee seine Musheln spielcn
weit von der Treppe her der Wortwechsej lassen, seinen Mund aufmachen'trnd die Zähne
zwischen Junker Bleichwang und Sir' Toby in herzeigen mußte, vorn und hinten Lretastet, ge'
den Saal herein scholl. Von einer Drehbúhne wogen und dann nach vielem Feilschen zu einem
konnte hier natürlich keine Rede sein vereinbarten Massenlieferungspreis den llestellern
dieser
Not half Stanislawski durch ein Systcrn - von an
zugeschlagen wurde. Bin revolutionärer Dichter
cler Decke angebrachten halb- und viertelkreis- stürzte indigniert auf die 13ühne, ilie I'Iäscher
förmigen llisenstangen ab, über clie bei Szcnen- faßten ihn, er beging Selbstmortl und rvurdo
wechsel in voller Beleuchtung Rupfenvorhlinge in clen Zuschauerraum zurückgefeuert, wåihrend
an Ringen sich schoben untl dadurcli eirr Segnrcál ein anderer, eine Kreatur in Regenbogenkleidung,
cler Bühne verhüllten der ,,K.'W.D.", d" h. Mantel'nach'clem-Wind.
- ohne daß die lllusiõn für Drehór, siegreich den Piatz behaupteie und Vor"
124 lqF.

il
l':
schì¡6 von ilen Börsenkönigen einstrich., Madame der,sich auch Alexantlra Kcillontai und ihr-Sohn
bfelanie erschien, mit - Federn, Schmuck und' befanden, gegen zehn Uhr in das Gebäude des
Seidenkleial angetan, und unterwarf mit einem ehemaligen Staatsarchivs begeben und salten aus
Opernglas von der Bühne herab die anwesenden- einem Fenster das Drama rror unseren , Augen
Сrnen näherem Augenschein. Bndlich hatte sie abrollen. Ich wilt über dieses Brlebnis ausfülrr-
ilie Richtige erspäht. Die Schergen stürzten auf lich berichten, denn was ich ila zu sehen bekam,
einen Wink der Börsenkönige ins parkett hin- war nicht allein etwas in seiner Ungeheuerlich-
unte¡ und holten ein junges, reizendes, schrill keit, seiner wilden Monstrosi[äi Unvergeßliches,
schreiendes und verzweifelt zappelndes deschöpf zugleich Scha,uder und Bewunderung Brregen"
auJ die Bühne hinauf, das-dann von Madame ein- des, sondern auch darum, weil in dieser "Ari
f¿c-h unter den Arm genommen wurde und hinter des Theaterspielens sich zweifellos etwas Zukünf-
ilen Kulissen verschwand. Am Ende " .unsere
versagte tiges ankündigt, ilas alle Vorstellungen
plötzlich das elektrische Licht, ein Donnerschiag vom Theater umwälzen muß. An diesem lìevo-
schättelte die Kulissen durcheinander und blut_ lutionsabencl wurde ich auch der Ursache inne,
rot, zwischen feuerspeienden Fabrikschlöten stieg warum bisher alle Versuche des Massentheaters
der fünfzackige Stern der Sowjet-Revoiution tiber ' scheitern und, nachdem sie Schaden die Fíille
dem Trümme¡felde der Börse in die Höhe. angestiftet haben und es jetzt noch tu4, ver'
Das Publikum dieses Theaters bestand. zum schwinden müssen.
grö0ten Teil aus Matrosen der lì.oten Flotte. Oben Im Mittelpunkt des Lebens tler Stadt stand im
.abe¡, über diesem l(ellertheater, irn Ertlgeschoß Mittelalter die Religion. Die Schauspiele, die auf
_

des. H¿uses,- spielte man derweilen einã phan-. den'Brettergefügen der Marktplätze Engel, Dä-
tastisch herrlich kostbar ausgestattete Spielàperi monen, Bischöfe, Kaiser, Bürgersloute, Huren und
;,Den goldenen Drachen,, von Âuber, uld zwar Landsknechte in Aktionen mtt- und gegeneinander
vor einem Publikum, das an Bürgerlichkeit des zeigten, waren religiöse Mysterien. Heute steht
Aussehens, Geschmacks und Belneh¡nens gar im l\{ittelpunkte des Lebens der Siadt, des Er-
keinen Zweifù in bezug auf seine versteckten lebens cles Volkes die Politik. Das Schauspiel am
Spekulantenverdienste zutieß. Revolutionsfeiertag ctarf mit Fug ein politisches
'fch Mysterium genannt werden" (Engel und Dämonen
muß hier noch über das Massentheatpr be- waren hier tlas Volk.)
Å richten. EinerAufführung unter freiemHimmel Der nach dem ermordeten Volkskommissar
,nach den neuen Prinzipien
der politischen Àtassen- Uritzky benannte Platz vor dem Winterpalais ist
,knnst wohnte ich am Re volutionsfeierüag peters-
in der ehemals Dwortzowy-Ploschtschatl, d. h.
barg bei. Es war die Aufführung des hiîtorischen Schloßplatz benannte, mit der von Nikolaus I"
Sch.aæpiels :,,Die Erstürmung des Winterpalais... zum Andenken an Alexancler L errichteten, von
Wir hatten uns; eine kleilne Gesellscûaft, in einem Kreuz schwingenclen Engel gekrönten
.ein
126 127

'
Säule. Der Fassade cles Winterpalais gegenüber Iküppel mücle aus rlen Fabriken wanken; ver-
ist cler weite Platz von einem rie-sigen, hall¡kreis. stümrnelte Soiclaten schleppten sich hinüber zur
förmigen Gebäude,' dem Oberkommando, ab. Brücke, weil das Aufgebot erfolgt war und neue
geschlosSen. Das Archir, aus dem wir zusahen, Ileerscharen zqsammengestellt werden sollten.
befindet sich zwischen Palais und, Kommando Auf der weißen Bühne schoben Kapitalisten in-
auf der Millionnaja-Seite. dessen mit ihren Wänsten Geldsäcke vor den
Zwei große Bühnen rvaren vor d.em Oberhom- Thron Kerenskis hin, Minister sprangen von der
mando aufgeschlagen, rechts eine weiße, links Ministerbank unrl scharrten die Herrlichkeiten zu
eine rote, in der Mitte verband sie ein hoch ge- einem Haufen zusammen, währenrl drüben von
schwungener Brückenbogen. 15000 Menschen der dunklen Seite her einzelne wilde Schreie sich
waren Akteure, einige Berufsschauspieler dar-_ über rlas Murren erhoben und der Ruf ,,Lenin !
unter, die anderen Eleven der Theaterschulen, Lenin l" und.eutlich erst, dann aber schon lautes
Mitgliecler derPnoletkult-KlubE der Theater- emporflackerte" Nun sah man Kerenski auf
vereine cler Roten Armee und der Baltischen seinem Th¡òn zu Håiupten tler Ministerbank große
Flotte. Am Schluß des Schauspiels spieiten aber Gebärclen beschreiben, energisch fuchteln und
etwa 100000 Menschen mit, die aus allen Seiten- auf , die Geldsäcke weisen. Die Ulinister aber
straßen, von den Tribünen und aus den Häusern waren in eine sonderbare, pendelnde Unruhe ge-
hervorströmten. raten. Sie schoben sich auf ihrer Bank hin und
Bin leichter Regen beeinträchtigte die\Yirkung; her, denn von der unsichtbaren roten Bühne
man achtete seiner nicht. Als wir nach zehn tönte der Tumult schbn rhythmischer herüber,
unsere Plùtze am Fenster einnahmen, hatie das gesammelt, man konnte sogar Gesang hçiren,
Schauspiel eben begonnen. Der hoch oben an Akkorde, die tlie ,,Internationale" sein mochten
cler Alexandersäule klebenrle Scheinwerfer be- oder auch nicht. Immer noch sprach und ge-
ler''chtete taghell die rechts liegende weiße Bühne, stikulierte Kerenski. Der Ministerbank aber hatte
auf der soeben die provisorische Regierung sich allmählich eine einheitlich schwankende Be-
Kerenskis eine Sitzung abhielt. Von drüben, von wegung bemächtigt. Man s4,h die ganze grau-
iler unsichtbaÌen roten Bühne her, drang ein un- gekleidete Reihe gleichförmig nach rechts, dann
deutliches Gemurmel herüber: es war tlie leise mit einem Ruck nach links sich biegen. Einige-
murrende Menge, die genug vom Kriege hatte, mal wiederholte sich rlies in immer heftigerer
aber sich l(erenskis Machtwo¡t fügen mußte, weil Bewegung. Da kamenmitparodistischemWackeln
der-Ministerrat drüben unter dem Vorsitz des Tri- tlie berühmten Kerenskischen Frauenbataillone
bunen soeben die Fortsetzung des Krieges bis auf tlie Bühne,'schwangèn ihret Flinten ùnd riefen
eum siegreichen Fnde beschlossen hatte. Der Kerenski ihr ,,Moriturae te salutant l" zu.
Seheinwerfer flog auf clie ¡ote Eühne hinüber Wåi^hrenrl rlie weiße Bi.ihne erlosch, "flammte
ela sah man Arbeiter unrl W'eiber, Kinder und - plötzlich die rote auf" Um eine riesige rote Fahne
128 9 Eolitscher, I)rei Monate in Sowjet-Rr3la.nd 1Zg
ilrängten sich dort Arbeiter, Frauen und Kind.er, Maschinengewehrgeknatter unrl wilclem Schießen
Soldaten mit Waffen, Volk aller Art, zusammen entwickelte sich dort: oben um lausend rote
Die Fab¡iken, die Gefängnisse; große rote Ku- F¿hnen ein Gefecht und,Handgemenge uwischen
lissen mit vergitterten, von innen grell beleuch- der Roten Armee uncl den übriggebliebeneu
tetes Fenstern hatten ihre Tore weit aufgetan. Weißen. Tote untl Verwundete kollerten über
rmmer neue Scharen entshömten ihnen, um die Stufen, fielen über die Brüstung tler Brücke
sich um die rote Fahne zu ballen. Aus dem wil- auf das Pflaster des Platzes hinunter. ImlVinter-
ilen Du¡cheinandergewoge hob sich die ,,Inter- palais erloschen daweil die Lichter, flammten
nationale" in mächtigem artikulierten Chor empor. wieder auf, erloschen wieder. Minutenlang tobte
Ðas Wort ,,Lenin" stieg, vom Unisono t¿userider rlie Schlacht auf rlem Brückenbogen, endlich war
Kehlen emporgeschleudert, zum Himmel auf ; da- sie entschieden. Nun war die garze kti"rnpfencle
weil formierten sich um die Fahne die Batailloné Masse der Roten Armee zu einer einzigen geeint
zum Marsch nach jener Brücke hin, die die unrl machtvoll strömte cliese Masse, die ,,Inter-
Bülnen miteinander verband. Hinüber flog der nationale" singend, über clie Treppe hinunter
Scheinwerfef nach der weißen Seite: wie vom rlem \{inte¡palais zu. Aus den Seitenstraßen des
Sturm geschüttelt, schwankte bereits'tlie Minister- Uritzkyplatzes marschierten Regimenter hetvor,
banli hin und her. Eine Salve von drüben ilie schlossen sich jenen von iler Bühne Kommenden
-
teibwache um Ke¡enski stürzt mit geschwun- an, Zehntausende und Zehntausende aber was
genen Gewehren zum Brückenbogen -
war das ? Von tlort hinten, hinter dem Winter"
- den
Ministerbank fällt mit einem Krach unter
clie
palais, von der Newa her erdröhnte plötzlich
Tisch - aus einer Seitengasse tles Uritzkyplatzes furchtbarer Donner !
schießen wilden, Getutes zwei Automobile zur Die ,,Aurora", das historische Kriegsschift
weißen Bühne heran, Kerenski schwingt sich mit rlas im Oktober 1917 das Winterpalais bom-
einem Saltomortale von seinem Thron über die bartliert.hatte, feuerte jetzt, auf demselben lrleck
Ministerbank zu den Stufen, die von der Bühne der Newa verankeit, zur Mitwirkung an diesem
aufs Pflaster hinunterführen, die Automobile Schauspiel bestellt, seine Kanonen ab, um das
schlucken ihn mitsamt seinen Ministern uncl jagen Mysterium zum 'Erlebnrs der Revolution selbst
in rasender Fahrt quer über den Platz an der zn erhöhen. . .
Säule vorbei zum \ryinbrpalais hinüber, dessen Das Winterpalais lag schon seit einer Weile
Tor sich blitzgleich öffnet und tlie Automobile stockfinster da. Eip Torftügel tai sich halb auf,
aufnimmt. und aus ihm flitzten die Automobile mit Kerenski
, Ietzt begann tlas Winterpalais mitzuspielen: untl den Seinen im Hui zur Millionnaja hinunter
im ersten Stockwerk erglommen mit eineur-Êchlag und weg.
sãintliche Fenster in hellstem Licht
ging die Aktion auf der, Brücke weiter. - ttaweii
Unter
Ietzt waren es bereits Hunrlerttausenil, die zum
Winterpalais zogen. Der ganze riesige Platz war
130 .131
erfüIlt vorl schreitenden, laufenilen, singend.en,
brülleaclen :Massen, die alle dem Winterpalais erhtrngert, ausgehungert : das ist ilas lV'ort.
zust¡elrten. Gewehrschüsse, Maschinengewehr- Die biklenclen Künstler, die Dichter, rlie Musi-
geratter, das furchtbare Gedröhn von der kèr,.tlie ich in Rußland'sprach, leiden fast stärker
noch als unter ihrem materiellen Ruin unter der
,,.å.urora" her,. . grauenhaf,t, entsetzener- Unmöglichkeit, mit der Kunst des Auslandes Füh-
regencl.. .
' Wir hinter unserem Fenster Ìilaren ein wenig lirng zu gewinnen - trotz aller Anstrengungen,
tlie das Volkskommissariat für Volksaufklärung
.llejch geworden. Wir wußten es ja genau: solchõ mabht, um die Blockade wenigstens in dieser Hin-
Gelegenheiten pflegte tlie GegenrevoÍution nicht
-
Êtwa eine von Schauspielern gestellte, -sond.ern
sicht aufzuheben oder zu lindern. DieStrömungen
derKunst, die ehemals dieWelt durchflu[et hatten,
tlie wirkliche, in ihren- Schlupfwinkeln auf ihre brechen sich an clem lVall, der um Rußlantl ge-
Stuntle lauernde Gegenrevolution zogen ist, fließen an ihm ab und zurück" Die
- abzuwarten,
um unter der Decke cles Theaterdonners und Künstler, rlie Dichter R.ußlands sitzen auf dem
iler Aufregung Putsche und Aktionen zu insze- Trockenen und verdursten nach der Kultur der
nìeren ünd auch zu vollführen: Es gab hierfür
An- Außenwelt. Vergebliche Mühe, ihnen zv be-
haltspunkte, Präzedenzfåille. weisen, was es mit dieser Kultur auf sich habe
A-ber alsbald stiegen daß mancher Künstler Europas vor Sehnsucht
-
die Raketen des Feuer-
werk1,_. das
_
das Schauspiel beschließen sollte, nach dem in Rußland. springenden Quell neuer
zum Himmel_auf; die ,,Au¡ora., verstummte, die Kultur krank sei - sie verstehen es nicht I -" Als
Massen verteilten sich, verliefen sich in der ñacht ich in Petersburg einem jungen llaler, der noch
und wir kehrten srchweigend in unser Haus am bei,der zweiten Manier Picassos stchen geblieben
JYeyaufer, gegenüber der
peter-pauls-Festung, war; erzählte, daß der Spanier jetzt schon wieder
heim. .- wie'Ingres male und der junge Künstler mir,er-
über den künÉtlerischen \{'erf tlie historische bleichencl: und entgeistert ins A.uge starrte *
.unrl ethische Berechtigung solciien Schauspiels tla hatte ich die Gewißheit gewonnen: claß ich
kann man seine Ansicht fãrmen, wie man mag. der Kunst Rußlanils soeben einen Stoß vorwärts
Packencl und tollkü-hn, aufrütteind. uncl in de-n versetzt hatte. Dasselbe erfuhr ich beiGesprächen
innersten Fibern erschütternd war es. Unver- mit den Dichtern im Moskauer ,,Dom Petschat",
geßlieh durch seine Unmittelbarkeit, Licht, Be- hinter tlen Kulissen von Stanislawskis ,;Erstem
ìregung, durch die Idee der Masse, d.ie es trug. Studio".
Eier sehien tdem Theater der. Zukunft W:ie in einem luftleeren Raum"schießen und
ã{¿ssentheater, das einer politischen ldee, - aeñ
der
rennen clie jungen Dichterschulen Rußlancls
klee gehorcht unrl dientl-- in Wahrheil eine durcheinander und schlagen sich Beulen, wissen
þ¡hn gebrochen. _ keinen Ausgang zu finden. Expressionisten, Fu-
turisten, tnaginisten, Suprematisten, ja Zenfui-
L32-
1"33
fugÍsùen .- jede Schule überbietet die'anclere in der literarischen Abteilung des Narkomproß her-
!9r- Ge¡ingechätzung sämilicher übrigen. Die ausgegebenen ZeitBchriften - nun ja; es war
Bicåþ¡-Astheten verachten die proletariichen als ödester Futurismus.
Stümper und talentlose Horde, die. proletarischen Ich fragte einmal einen Mann im lfueml; der es
e¡&lären sie wiede¡ fär Akaclemiker unct Gegen- wissen mußte: wer (außer Biedny) von den neuen
rerolutionäre. Von einer entzückenden úol- DichternRußlands dasOhr tlerMenge habe? Wie
metscherin begleitet, erschien eines Tages eine clas Publikum, nein, clas Volk sich gegenüber den
der Iloffnungen der jungrussischen íyrik in jungen Dichtern, besonders tlen proletarisclten,
ineiner Behausung, um mir über die Literatur verhalte ? Der Mann im Kreml sah mich groß
des hettigen Rußlanrls Auskunft zu geben. -Der an: die Dichter? das Publikum? das Volk? die
juqge Dichter spielte offenkuntlig voi rler llber"- proletarischen Dichter ? Zehn hysterische Weiber-
setzerin den grimmigen Recken; aber auch sonst clas ist clas Publikum der heutigen russischen
reagierte . er auf meine Erwähnung anderer Dichter. Dies ist gewiß übertrieben, denn ich
Dichterpersönlichkeiten als der seinen -rlurch Zer- weiß es uncl habe es erfahren, wieviel
schlagen meiner Möbel. Von ihm erfuhr ich. ernstes uncl heiliges Wollen in mancher dieser
daß die proletarischen Dichter samt und sonderé vor¡ der Zeit gewaltig mitgerissenen Seelen ein'
verkapptes bürgerliches Gesinrlel seieq das in beschlossen ist, und wie sehr es sich auch ohne
tlem Augenblick, in dem es clen Erfolg von fern Mittun uncl Förtletung von seiten der Sowjet-
gercichen hattg mit dem Ansinnen an rlie Sowjets Leute der großen Menge cles Volkes schon allein
herangetreten sei: es möchte ein Haus in der durch die Arbeit der Proletkult-Klubs mitgeteilt
Krim zur Verfügung gestellt bekommen, nebst ent- hat. Freilich trennen den russischen Dichter noch
sprecbendem Pajok natürlich, um dor! fern von der Mauern rings von seiner natürlichen Familie,
Not des Landes, idyllisch und nach Herzensltrst ilem Volke. Es sintl nicht nur Hindernisse seeli-
seine miserablen Gerlichte produzieren zu können. scher Art, es sincl ganz banale und darum ge'
{fs -ich den jungen Dichteì nach seiner eigenen fährlichste Hintlernisse materieller Natur".. Für
Stellung zum Problem der proletarischen ptUik Schulbücher, geschweige denn für literarische, ist
befragt-e, erklärte er mir, daß er in einigen Wochen zu wenig Papier vorhanden. Die Kunst- uncl
einen Gedichtbanrl anonym herausgebãn werde Literaturzeitschriften des Narkomproß, einseitig
so fasse er den Dienst für die Gemeinschaft auf. - redigierte und kontrollierte Publikaiionen, bleiben
Er unterließ es nicht, mir Titel uncl fnhalt sei.nes nach den ersten Nummern stecken. Und auch
Werkes mitzuteilen rliese sincl schwer erhältlich, so daß wieder nur
- und entwich auf ¡neine
Bemerkung hin, daß rlaínit die Anonvmität rloch Literaten von ihrem Inhalt Kenntnis erlangen.
uarettbar'tlurchbrochen sei, zornig aus meinem Um diesem Notstand abzuhelfen, veranstalten
ãiæme¡. Ich las dann eines seinei Geclichte aus tlie jungen Dichter, aber auch die älteren, be-
dem spãter erschienenen Band, in einer der von rühmten, Vortragsabende, damit der Kontakt mit
134 135
ihrem entschrpindenclen, vielleicht nicht mehr vor- nur gefährlicher,en Schleichwegen der täglichen
handenen Publikum erhalten bleibe.
Ða ist ,,die gesprochene Zeitung.; sie fägt sich
Nahrung nachlaufen oder schleichen
- auch sind
Bücher natürlich, nicht mehr im Ilanclel, der dosh
aus einer fteihe von Rezita[ionen zusammen. aufgehört hat, erhältlich, sondern rnan muß vor
y _d.r .A,rt, wie die typographierte aus einer tlen Autoritäten des Narkomproß und Z'entro'
$eihe von gedruckten Aufsätzeñ, Versen, Dramen- petschat den Nachweis fähren, daß man irgendein
fragmenten und vielleicht noch einem Bssay über bestimmtes Buch zû irgendeinem bestimmten
eine hervorragendere oder interessante Dichter- Zwecke bedötige, und wenn man dann sein Bu'
persönlichkeit zusammengesetzt ist. Zum Schluß maschka, al. h" Papierchen ausgefertigt in der
schießt dann ein junger Kritiker seine pfeile Tasche hat, ist das Buch meistens vergriffen'
gegen rlie eben gehörten Lyriker, Dramatiker
unaL Essayisten ab; auch wircl angekändigt'
u¡as sich in der nächsten Zeit ereignen wird.:
fn Deutschlancl kennt tnan von tten Heutigen
I Remisow, Brjussow, Bjäly, Kusmin. Man weiß
eine Art Büchereinlauf wird vorgelesen. aber wenig von zweien der wertvollsten Dichter
Zuweilen wird ein ,,Literarny Sud,., d. h. lite- cler älteren und der jtingsten Generation: Alexan-
rarisches Volksgericht veranstaltet. Der literari. der, Block und dern tsauerndichter Kljujew aus
sche Gerichtshof ist ganz dem Volksgericht nach- {lem Olonetzgebiet im nördlichen Murmansk.
gebildet, hat einenVorsitzenden, Schöffen, Staats, Block hat unter den Schauern der ersten Zeit
anwalt, Verteirliger, Publikum und natürlich nach jenen Oktobertagen ein Getlicht verfaßt
einen Angeklagten sowie Zeugen. In Moskau das bis heute als der vollendetste Ausdruck jener
wurde solch ein literarisches Gericht über das Epoche Geltung bewahrt hat. Es ist die ,,Ballade
Oberhaupt der Imaginisten abgehalten, das mit cler Zwölf". Ein kleiner Trupp Soldaten, Matrosen,
tlem Fr-eispruch des Angeklagten endetô. Es ge- durch rlie Woge der Revolution plötzlich in ilie
schah ihm nichts. Im parkett Höhe geschäumtes Lumpenproletariat und ver'
geheiztn Saal des Konservatoriums - derwarriesige ùn_
Schau- wilderte Bourgeoissöhnchen, trabt, liebt, schießt,
platz saßen rlie zehn hysterischen Frauens-
personen- und klatschten. Beifall. Es war eino baut um sich, taumelt durch clie aufgelöste lVinter'
stadt Petersburg. Die R-hythmen dieses außer'
klbine Familienangelegenheit; das Volk kümmerü ordentlichen Gedichtes jagen und schlagen sich
sich um solche Affenstreiche natürlich nicht irn gegenseitig tot wie tlie Zwö\|. Nie knallten
geringsten, und das alte bürgerliche publikum, Schüsse durch Strophen wie hier, in diesen
rfas über Zeit uncl Muße veiftigende, aus Un_ 'W,ortfolgen. Ge-
wenigen, oft nur angedeuteten
beschäftigtheit hinter rter Ästhetik unrl noch mehr fährliche Raserei überschlägt sich und zerpufft
&inter den Ästheten herjagende, existiert nicht in wüster Leidenschaft; als es nichts mehr zu
meh¡: es leidet, arbeitet oclei halt sich verborgen; räóhen und zu morden gibt, wankt die Schar
eÍ¡ muß auf offenen oder ebenso mühselilen¡ mit bleichem Gesicht, den Finger auf dem Ge'
136 t3?
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webrhåhp, du¡ch ilen Winternebel tler echim.
zu fioaten sein wird, untt tlaß tlies die Känstler lil
me¡sdes. lffolke nach, in der sie Christos, den ilj
slnd. lil
atrlea çstt eler Menschenliebe aufsteigen sieht unil
Es geschieht'clen Känstlern, den-Dichtern, tlen ìt,i
erhegot wie vor einer Vision letiter \tahrheit
zençüiebt-da der wilde Spuk in Nichts.
Intclte-ktuellen trotz ihrer UnbeËhrbarkeit, deren
Ursache vielleicht in tler Biologie des künst- il
-å.us den ,,Isba-Liedern" Kljujews aber lerischen Schaffens begrünclet ist, Unrecht im
.ist ilas tlörfliche Bauernhaus, die ,,Stuþs., --Içba heutigen Rußlantt cler Sowiets; das ist unleugbar'
strömt wunderbarstes Naturempfinden, eine - I[an ñrüßte Klage führen deswegen, da8 Komitees
sehmerzensreiche Liebe zum Müiterchen Erde, bestimmen, wei als Künstler anzusehen sei und fi
zur kargen, innigen Natur rles nördlichen Ruß- wer nicht.. AII' cliese Dinge aber lösen ja tloch f
lands. Iiljujew findet unnachahmliche lVorte zum" nur eine Bevormundung des Künstlers, Bedrückung liri,
Preis seines armen Dorfes. Untl mit derselben seiner Freiheit ab, clié im kapilalistischen Zeit- .it:

verliebten Inbrunst, mit der er die Natur als ein alter bestanclen hat und weiter besteht, wo der ìl
von Urelementen erbebender, mit ihrem Geheim. Geschmack tles zahlun gsfähi gen Pöbels die Lebens-
nis unbewußt schwingender Mensch betrachtet, beclingungen cles Intellektuellen nach seinem Gut- ri
singt er ,,flote Gesänge", die ,,Rosen der Kom- oünkõ u-nit schlechten Instìnkten regelt und be- ìi

mune" zum Preis der Revolution. sein Natur- stiinmt. Aber es bestehen noch andere Grünile, ii
em_pfinden auf den nicht minrler geheimnisvoll aus denen die Intellektuellen unter tler Herr- ,iÌ
' bedeuternrlen Vorgang der proleta¡ischen Erhe- schaft des Kommunismus zum Untergang ver-
bung übertragencl. urteilt sincl. Andere Grüncle, tiefere; schwere,
leben rlie Künstler, rlie Dichter, wie lebt tlüstere Schicksale.
..lM_ie
die Kunst in Rußland, und. was wird ihr Schick- 1

sal sein? i

Es wäre leicht und billig, zu iagr, rlaß die der In^tellektuellen


Künstler das ewig störrische, hoffnuneslos inrli-
:Der Unter6ang
-Anhang:
viilualistische Element, jenes Blement ães Volkes (nebst eiñem Schaljapin)
vorstellen, clas sich durch die Lehren der Ge- ¡/- orki bin ich in Rußlanct nicht begegnet'
schichte am wenigsten belehren und seine Ge- Lj S.nudt, ewig schade. Ein gemeinsamer
von clem geistigen Gebot des Kommunis- Freuntl hatte in ùoskao bereits eine Zus¿mmen'
"il.oog
qru^s qm weni gsten b eirren läßt. Man könnte meinen, kunft verabreclet, aber tlann wollte Gorki plötz' .ì

,da$,_wenn ein ganzes Volk jn rlen SchmelztiegeÍ


lic.h nicht mehr. Er stantl wieder in einer seiner
,l

des Kommunismus fliegt uncl der große Ltiffel ãie Krisen mitten inne, wár von zwiesþältigen. Ge'
t

.i
Elemeate durcheinander rührt und wirbelt, auf itihl"o, tlem 'Widerstreit von Pfticht unil Über- j

de.re Gruntl noch immer ein unlösbarer Klumpen bitter beclrängt; man erzählte sich, er
L38
"*gong
139
.1

.j

,.]
habe çredet und d,ort ande¡s; es solle ,wir' tlen Kornmandanten 'des Hauses in 'tiefsten¡
-hier._so
ihm und Lenin widder einmal-zu einem
zwisehen Negligé an. Notdtirftig bekleiclet er sich mit Pan-
Zerwû¡fuis gekommen sein; auch h;ffi" ;;i.h üoffeln und Flauschmantel; und wir machen
::1rt-"YtE"i so schien es, zu weit eingelassen, und, uns auf tlen Weg durch tlie Speise', Empfangs-,
lFelXs hatte von dem; was er ztl hriren ¡ékam, Vortrags- r¡nd Klubräume, die vorn im Palais
aTTT ausgiebigen Gebrauch gemacht, Wlaclimir, untl tlie \{ohnräume der Gelehrten,
A,uch war vor kurzem ein. neues satirisches clie hinten im Palais Kyrill sich befinden" Ðer
$me=k von Gqrki in Petêrsburg,aufgeführt worden. Kornmandant, ehemaliger Impresario und Be-
Ia diesem Stück waren eiliche Verkehrtheiten sitzer eines Theaterchens, in dem französische
tles bolscbewistischen Systems und Schwächen C,ochonnerien auf gef ührt wurden untl nach' der Auf-
gewisser führender, aber schlechter Kommunisten führung die goltlene Jugend und' das lasterhafte
verspottet. Zur Drstaufführung war die ganze Alter der Aristokratie und der Kaufmannsgiltlen
übriggebliebene Bourgeoisie aus ihren Hóhlen mit Dämchen,in verschwiegenen Zimmern Cham'
hervorgekrochen und hatte dem Stück durchru.uo- .pagnerpfropfen knallen ließ ein jovialer Fal"
den Applaus einen ganz unerwünschten Erfolg -
bereitet. lilorauf das-konterrevolutionäre Schaul
staff übrigens, clieser Komma¡rdant
in tlen kalten Prunkräumen herum, - fährt uns
die von
spiel sogleich _spurlos in der Versenkung ver- Schmutz und Vernachlässigung starren uncl übel
schwand. Gorki pendelt nun ruhelos zwlschen riechen. Das Provisorische dieser öden, lieblosen
Pgfersburg und Moskau hin und her, will fort, Räume, in denen ein paar alte, stehen gebliebene
lehnt sich nach den entschwundenen'Zeiien von Prachtmöbel ihr zerschlissenes Dasein neben allerr
Capú zuräck und ist für den Ausländer nichü hand weiß Gott, woher zusammengetragenem Ge-
mehr zu sprechen. rümpel fristen es besteht ja die Absicht,
- - denn
4000 Menschen zu speisen " ' '
- luil -Werk -aber, das ,,Haus der'Gelehrten,.¡
habe ich gesehen.
hier so allmählich
' Tags zuvor hatten wir das Gewerkschaftshaus,
Ts ist zwei Iläuser weit vom palais Narischkin, das ,lHaus der Arbeit" besichtigt und tlor't auch
T dg1 ich wohne, im Doppelpalasi derehem*igãi ttie neu eingerichtete Bibliothek zu sehen be-
Großfürsten Wladimir Alexanàrowitsch und fyiiil, kommen. Im ,,Haus der Gelehrten" befand sich
mit.den Fronten zum Newakai und zur Millionnajá auch so etwas wie ein Bibliotheksraum-ineínem
- ichanbindiesem
l{acht
wohl ein dutzendmal bei Tag unil bäi
palast vorbeigewandelt"und
tlüstem Lichtschacht st¿nden staubige Bäncle auf
einer Brüstung; wir sahen s'ie oben stehen, als
habe
ryehlgeahnt, daß das das HauÉ der Geleh¡ten sei, wir tlie Treppe zum Palast des Großfürsten Kyrill
ein Ziel cler Sehnsucht so vieler, die von Hören- hinuntergingen . .
sagen Kenntnis von seiner Existenz besitzen. An Auf der ll{illionnajaseite hausen tlie Gelehrten.
Sonntagnachmittag besuchen wir das,,Haus .'Ich hatte mir unter cliesem Gelehrtenhaus so etwas
?"-T
der Geleh¡ten". Um drei Uhr nachmittags iieffen wie ein weltliches Kloster, ein Refugium vor den
Í4û 141
Nðten und Eattäuschungen des harteu Daseins Wir Eehen vorüber.
vorgæåellf, ein geistiges Asyl etwa von der .[,rt¡ Tür an Tür hausen clíe größten Gelehrten des
wie es Strildberg in den ,,Schwarzen Fahnen.l Landes, Ist ilies ein Heim, ein Gasthof zu kurzem
sc;hitrdert: d.as Landhaus des Grajen Max auf der Verweilen, oder ein Gefängnis? 'Aber clas ist
SikXa-Insel, oder wie Goethe es geträrimt hat unit tlie gleiche Frage, die ich mir währencl dieser
Eqysmans uncl eigentlich in eineioder deranderen Monate so oft scbon gestellt habe, wenn ich
Pe¡iode seines Lebens ein jeder von uns allen. irgencl ier-nantl im Krernl, in der SLatlt, auf dern
Wie wir die Zimmerflucht betreten, erhebt sieh Lantle besucht habe. Hier hausen sie Zimmer an
çon einem kleinen, halbkreisförmigen Seitlen- Zimmer, Biologen, Mediziner, Juristen. Gierig
sofa, das früher in irgendeiner Sdõnnisçhe ge. werden wir nach dem Neuen befragt, tlas sich
.standen haben mochte¡ ein kleiner, blasser Gre-is,
in Deutschland, in tler Welt dort tlraußen abspielt.
iler dort geschlafen hat, stellt sich besche[den voi Was cliese Bewohner des ,,Hauses der Gelehrten"
uns Þin und Führer Falstaff präsentiert mit einer am schwersten betlrückt, ist der Mangel an Büchern,;
Hanäbewegung den 'bertihmien physiker. Wir 'an
Zeitschriften, an Briefen aus dem Auslanrl" -
gehen vorüber.' Bei einem von ihnen, einem noch jungen Manne,
In nächsten Zimmer, das in bemerkenswer[er finden wir die Vorhänge vor den Fenstern eng
Unordnung ist, denn der Besitzer soll nach einern geschlossen. Licht brennt in der Stube und der
be_sser heizbaren gebracht werden, haust der be- Bewohqer geht mit großen Schritten von Ecke zu
t,lTtu Geograph, Mitgliect vieler europåiischer Ecke. Es dauert eine lffeile, ehe er uns, die wir
gelehrter Gesellschaften. Er breitet vor -uns dio bei ihm eingetreten sind," bernerkt" Wir gehen
großen Landkarten aus, die er gezeichnet, und auf- vorüber .. .
clenen er seine Theorie der G:olfströmgngen des Unten im Vestibul tles Palastes kleben Dutzencle
Meeres unrl derluft durch farbige Linierl anschau- mit tler Maschine geschriebener Verordnungen
lich gemacht hat. Ein italienischer Genosse befindet an der'Wantl: Vqrteilungsmaßregeln für die Vier'
sich in unserer Gesellschaft. Der Geograph ergeht tausend; tlie hier gespeist wêr{en, die sich die so'
sich in Lobpreisungen der alten Ze-it ãer Èon- genannte akatlemisehe Lebensmi[lelzulage, dann
gresse, er hat in Rom, in Florenz gesprochen, 'Wäsche,
Schuhe, Kleitlungsstücke abholen sollen.
grah kennt ihn tlort, gewiß, man fragt sich, was Das meiste bleibt wohl auf dem Papier stelten,
ist aus X.,geworclen, lebt er noch? Er veri¡iumü denn es herrscht ja Noi, schreckliche Not im
es nicht, zwei Zitate aus der ,,Götflichen Ko- Lande ...
mödie" mit betontern Nachrlruck vorzutragen: Dies also war das Haus'¿ler Geleþrten, am Kai
,,tasciate ogni speranza, voi ch'e4.tratel.. zwischen unsetern Hause untl dem in ein Revo"
uarl jenes andere, schreckliche: lutionsmuseum verwandelten Winterpalais ge'
,n*æsun maggiol dolore, che ricordarsi dei tempi legen. Kalt und knirschend schieben sich die
' felici nella miseria,,. Schollen tles Latlogaeises übereinander, clas ilie
,tr"42
L43
dt¡rkle Flewa hinunter zum baltischen'' Meere Vorläufer des Soziâlismus in Rußlancl, waren ge"
t¡eibt- biltlet,e; vomehrne Offiziere, die sich an den
Geb Yartlber, es ist nichts . .
Quellen iles europäischen Hrrmanismus gestä.rkt
.
.
hatten, untl ihre Bewegung trägt unverkennbar
Tli" Künstler und Dichter Rußlancls, die zu
IJsprechen ich Gelegenheit fand, rilaren unglück-
tlie Züge der Aufklärungszeit, aus der- die fran-
.lieh. Manchem schrie der Kummer und Zorn aus zösischeRevolutiongewachsenist. Die ungeheure
unterirdischo Arbeit, die im letzten Jahrhundert
tler Kehle heraus, andere würgten ihn hinunter, in Rußlantl selbst wie in ilen großen revolutio-
aber ihre Augen flossen vor Verzweiflung über. nären Zentren der Asyllåinrler England, Schweiz
Daran ¿ber waren nicht die äußeren Lebensum- untl Frankreich geleistet worden ist, war aus'
stäncle allein schuld, nicht der Umstancl allein, schließlich das Werk von Intellektuellen. Zum
daß die Künstler, clie Dichter Rußlands gezwungen großen Teil clas Werk von Intellektuellen jener
siqd, Bureaudienst zu tun, Stunden in den ilmtern Richtung, die heute unter dem Namen Sozialrevo-
d.er Sowjets abzusitzen, untl daß dieschöneLieder-
lutionäre von den Bolschewiki so arg befehdet
lichkeit, der Nährboden so mancber blühenden
Kunst, aus dem Bereiche des Sowjet-Staates fort-
werdþn.
- Im Kreml
tuelle. Wollte
sitzen ausschließlich tntelleki
man boshaft sein, ohne indes von
gefegt is!. Das Unglück cler Intellektuellen Ruß-
tlem Gebote der Wahrhaftigkeit allzusehr abzu.
lands ist in der unüberbrückbaren Kluft begrtindet, wciclren, man müßte sagen : geratle dieser Umstand
tlie rsich zwischen.ihnen und' tlen Führern de¡ sei die Ursache des Unglücks, der Not und derVer-
koinmunistischen Regierung aufgetan hat. folgung der.Intellektuellen außerhalb des Kremls.
Die Bolschewiki sind eine Partei. Eine sozia-
\J[/arum sinrt,die russischen Intellektuellen listische Farüei stellt eine Sekte vor. Es gibt außer
V V Stiefkinder Her Bolschewiki ? Warum hört tler Wolfsfeindschaft des Intellektuellen gegen den
man.im Kreml von den ,rverfluchten", den ,,yet- Intellektuellen keine e¡bitterüere und unauslösch-
tlamhrten Intellektuellen" sprechen ? lichere Feindschaft als jene, mit der eine reli-
Warum höri man dort Ausrufe wie diese: r,Die giöse Sekte clie Nachbarsekte, eine politische die
verdammt,en Intellektuellen mit ihrem Geschrei benachbarte verfolgt. Heute sitzen in russischen
nach Freiheit t" ,,Der verdammte Gerechtigkeits- Gefärignissen Kadetten, Menschewiki und Sozial-
fimmel dieser Intellektuellen l" ievolutionäre; die die russische Revôlution ge-
l{an muß sich vergegenwärtigen, ctaß die Väter schaflen haben, clieselben Nlänner und .Frauen,
iles sozialen Gerlankens so gut, wie tles Kommu- tlie die zaristische Regierung verfolgt, eingesperrt
nismus oder der russischen Revolution Intellek- und verbannt hat; zum Teil sitzen sie, denen die
tuelle waren und sind. Die Wurzel clessen, was Revolution für kurze Zeit clas Tor ihres Gefäng-
heute in Rußlancl aufgeblüht ist untl die Welt nisses geöffnet hat, in denselben Zellen wie
beschattet, heißt Rousseau. Die Dekabristen, ehernals.
1¿4 10 Eolitsoher, Drei Monate h Sowjot-Rußlend 14b
'Bïes wårs eine schier unerklärliche Grausam' maligen,,Alexander-Garten", hãben clie Bolsche"
heit de¡ Regielenclen, ein Hohn auf tlas Wort wiki den geistigen Vätern des kommunistischen
Ksemuûismus, wenn es letzten Endes nicht tiefr GetlankenJ einen marmornen Obelisk errichtet.
begründet und sogar unvermeidlich erscheineu Vor diesem Obelisk und um diesen Obelisk habe
würde. ich manchen erregten Redestreit ausfechten hören.
Ðie Intellektuellen, clie tlie Revolution ersehnt; Denn es fehlen gewichtige Namen in der kurzen
uatl die ihr den Weg gebahnt haben, sind von Nomenklatur. Uncl es kann sie jeder auf seige Artr
der Revolution überraScht, überrumpelt und ent' aus tlem Schatze seines lYissens oder seiner
setzt wordsr. Daß das Zarentum fiel, war ihnen Überzeugung ergänzen. Hier sintl die Namen, die
recht; aber daß zugleich mit dem Zarentum der auf der Säule eingegraben stehen:
Marx
Kapitalismus durch tlie Bolschewiki über clen
Bebel
- Engels - Liebknecht
Campanella
- Lassalle
Melje (?)
-
Winstan'
Haufen gerannt worden war, daß mit dem Offizier - - -
untl dem Tschinownik auch der Bourgeois ent' ley Morus
rier-- Jaurès - St. Simon - Vaillant
Prouclhon - Fou"
Bakunin
thront und vernichtet wertlen sollte, tlas ging - - -
diesen im Grunde ihrer Natur von bärgerlich'' Tschernischewskij Lawrow * Michajlow;
evolutionistischen Ideen erfüllteü, vor den letzten sky Plekhanoff.
-
Konsequ,enzen und Notwendigkeiten der Macht- Die-Intellektuellen, die heute in Rußlancl untl
entfaltung untl des Sichbehauptenmüssens in den kapitalistischen tändern der l{elt leben,
Unterrlräckung und Entrechtung
-
zurück' sind, wenn man den Bolschewiki Glauben schen'
-
schreckenclen und erbleichenclen Getlankenrnen- ken darf, vom Kapitalismus angefressen, korrum'
schen nicht eln. Sie hatten fär clie Menschhei! piert, und ruiniert. Im besten Fall sind sie un'
für ihr Volk gelitten; sic hatten tlie Ilücke untl persönlich uncl passiv. Am liebsten möchten sie
Grausamkeit tles Beclrückerþ geftihlf aber tldr aus Lauheit und Halbheit mit ilem Kapitel ein
Krcis der Betlrückung war bei ihnen nicht so weit Kompromiß schließen, dem Kapitalismus wo;
gezogen wie bei der in ihrem Denken viel schärfe" möglich mit Argumenten der Mcnschlichkeit tlas
ren und in ihrer Energie weit konsequenteren Portemonnaie und clie Maschinengewehre ab-
Gruppe cler Bolschewiki. Daß Kerenski und mit schmeicheln
- sie sincl die typischen Bvolu'
tionisten uncl Schreibtischicleologen. Zum Kampfe
ihm alle, die im Miírz L917, in clem Augenblick,
in tlem der Zarismus gestürzt wa4 einen Pakt für' das untl an iler Seite des P¡oletariats, das
mit clem Kapital und dern Bntente-Imperialismus selber von kleinbürgerlichenldeologien und klein'
zu schließen suchten, so rasch ihre Machü an clie kapitalistischem Ehrgeiz nur zu se.þr angefressen
Bslschewiki abgeben mußten, clarf als historischer und korrumpiert ist, sincl sie nicht zu gebrauchcn;
Berçeis für die Rapidität gelten, mit tler sich sie müssen von ihm energisch weggeschoben
iler Gerlanke des Klassenkampfes entwickelt hat. werden. Die Bolschewiki sehen somit in den
Im kleinen Park am Fuße ttes Kreml, dem ehe- Menschewiki unj den Sozialrevolutionären, die

146 147
d^em Ecolutionismus und der Kompiomißsucht qChïnengewehren untl Munition verschanzt batten,
ergehe sinrl,ärgereFeinde als in den geknebelten haü rter Volkskommissarfür Volksaufklärqng eine
Baargeois und der expropriierten ünd gefltich- Nervenkrise erlitten: er b¡ach in Tränen aus
üeten A-risüokratie. Die Bolschewiki sehen auch in und drohfe, tten Kollágen seine Bestallung vor die
dea programmlosen und des Aufbaus unfähigen Füße zu werfen, weil er sich an dem Untergang
Aharehisþp'wie in 'den sozialistisch gesinnten ver- rler Kathedrale nicht mitschultlig machen' wollte.
wasehenen Parteilosen (unter die sich immer Gorki. Gorki lehnte es zu Beginn iler bol-
meh¡ allerlei konierrevolutionåire und sabotie: schewistischen Zeit, als er von Lenin zum Ein'
¡ende Elemente einschleichen) die ärgsten Schärl- tritt in die Regierung aufgefordert wurde, ab, mit
linge der sozialen Bntwicklung. den Bolschewiki gemeinsame Sache zu machen'
Zum Thema: Evolutionismus untl Kompromiß" Er begründete seine Absage mit clen \üorlen:
könnte man allerdings die Frage wagen: ob denn er wolle nicht ,,Kalif für einen Tag" sein. Durch
tlie Bòlschewiki am- Ende niõht au-ch Evolutio- seine Schwankungen währencl tler letzten Jahre
nisten genannt werden müßtcn, allerdings nicht untl noch in allerletzter Zelt hat er tlen berech'
Evolutionisten von unten aufwärts, sondern sozu- tigten Vorwurf des Opportunismus und der man-
sagen von oben hinab ? Die mannigfaltigen Kom- gelnden politischen Charakterfestigkeit nicht zu
promisse, tlie Konzdssionen, die sie dgm Bauern- entkräften vermocht.
st¿nd und .zuletzt dem ausländischen Kapital,
namentlich dem amerikanischen, zu machen sich
Totstoj
- es ist nicht nur tlas Schicksal seiner
Anhänger, über das ich in anderem Zusammen'
bemüßigt sahen, stellen doch auch eine Art hange berichte, das einem clie Augen öffnet.
Evolutionismus vor
- r¡enn auch, wie gesagt,
êinen von oben nach uirten gerichteten. Wobei
Totstoj gilt tten Bolschewiki als Dichter seiner
Meisterwerke; als ethische Persönlichkeit ist er
zugegeben sei, daß die brennende Notlage des unproiluktiver Schwärmer, als politische aber
Landes die U¡sache der Verminderung ihrer Gegenrevolution?ir. Sie drucken seine Romane in
Maximalforderungen ist untl nicht laue Furcht- kostbaren Bänden, aber seinen Namen, tlen Na-
samkeit der Gesinnung. men des gewaltigsten Revolutionärs der Neuzeit,
Lunatscharsky selbst, Maximalist rles Geistes, suchst tlu gleicbwie jenen anderen erlauchten des
scheint sich einmal, es soll ganz zn Beginn der sterbenden Krapotkin, umsonst auf jener Ahnen'
bolschewistischen Machtergreifung gewesen sein, säule, jenem Totempfahl cler bolschewistischen
ií einer Sitzung der Exekutive ,,bloßgestellt" zu Revolution. Durch seinen Tocl hat Tolstoj den
haben. Als tlie Notwendigkeit erörtert wurde, Bolschewiki einen unschätzbaren Liebesdienst er-
eine historische Kathedrale, das Monumentalwerlc wiesen.
altrussischer Baukunst, za bombardieren und -
Ein charakteristisch'es Prosagetlicht des Poeten
w'ena nõtig, dem Erdbotlen gleich zu macheo, Atexej Remisorv will ich im Auszug hierher
w.eil sich in ihr Gegenrevolutionäre mit Ma- setzen. Es gibt die Sinnesverfassung des russi"
148 L&g
schen Inüelloktuellen, wie micb tlünken wìll, starrer'Wille, tlie Klasse cle¡ Intellektuellen eher
gebeu wietler. Es singt unrl schluchzt die Klage zu,vernichten uncl verenden zu sehen,'als .sicli
des unterdräckten Geistes und der verhallenden, miù inr auseinan¿lerzusetzen' führt den Beweis,
íernicùùeten Hoffnung jener, die clie neue Zeit tlaß in' iler kommunistischen Gesellschaft tlerZu'
in ihre¡ schrecklichen Glorie nicht zu erkennen 'kunft ilas Gebil{e des Intellektualismus über-
vermögen, mit vor clem Erlöschen wikl noch haupt fehlen wirtl. Daß, so wig es fortan keine
einm¿1 aufflackernrler Kraft in tlie Welt hinaus. Grenze mehr zdischen körper'licher uncl geistiger
Es ist ,,Das W'ort vom Untergang der russischen Arbeit, zwischen Hanrli'úerk untl l(unstiihnng
Erde" (tibersetzt von 'Woldemar Hartrnann). geben, auch keine Trennung zwischen Arbeiter,
äuou" untl Intellektuellem mehr bestehen wird"
,

nZerlumpt und stumm stehe ich in der Wüste, wo oinst


' mir Ileimat rrar. Der Intellektuêlle war untl ist Gegenpol desstttmp'
Versiegelt meine Seele. fen, tierischen Analphabeten iler entrechteten
Was ich besaß sie haben êË g€nomñen; die Kleitler Klasse. Letzlen Bndes müssen tlie Tntellektne'llen
haþen sie.mir- vom Leibo gerissen' jetzt mit ihrem Sein tlie Sünclenschultl begleichen,
Was tut mir not? Ich weiß es'uieht.
Nichts tut mir not,-und ohne Ziel ist all' mein Leben. äie sie in den Jahrzehnten uncl Jahrhuntlerten
'Zo¡n kocht in meiner S"elo. kraftloser Zorn: war doch als Klasse oder Kaste ¿uf sich gelatlen haben,
ein Menschènalter aufþelqdert für dies lrand, das sich intlem sie nicht gemeinsame Sache machten mit
in nichts verwandelt bat und alles hätte sein kõnnen. dem großen leidenden unterdrückten Vollc
J__
'Werktag
war, Schaffen und Leiden, doch war auch der
und iñdem sie, als Indivitlnen, ia auch als revo"
Festtag mit langer Messe, Predigten, lautem Reigen; lutionäre Sozialisten nicht tlen Mut untl ttie Logik
' Lã,rm und Schaukeln: iles Herzens uncl Verstaniles besessen haben, das
Eunger war doch auch Fülle.. Übel bis in seine lVurzel zu erkennen, es bei der
Eochgericht -
war doch auch Gnade.
- lVurzel zu packen untl auszureißen' - *
O heimgesuchte Heimaú, du wankst nun, Ifnerschü.tter-
lichrí, und dein Kaiserpurpur sank dir von deu Schul-
tern. ûm welcher Süude willen? (!) Tî\am'+ tliesem tristen Kapitel tlas Satírspiel
Knecbtung will ich -. btatt I'y'nicht fehle. witt ich übei Schaljapin Bericht
- statt Freiheit;'Sklaverei
der Brüd¿rlichkeit, K€tten statt der Gewalt. (! l) eêben, um zu zeigen, wie im kommunistischen
- õbuttto wie im kapitalistischen Staai dler Tenor -
Râsçnder Bruder
. - unselige Stunrle! Die rossische Erde
verdarb. [Ìin Kuckuck, echreie ich durch õden lVald
auch rvenn er ein Barifon ist - tt' h' tler
, u¡d tslåtte¡fãulnis; unterging méine russische Erde.' iuproattriutentle uncl nieht tler schaffenile Ï(iinsþ
Ier verhätschelter Liebling der Götter untl Ge-
Tìie Nöte der Intellektuellen Rúßlands, rlie,kör- bleibt; wie er in dãm Meere tler Not.und
I-fperlichen uncl geistigen Nöte, die Unwillig-. "ort"l
des Hungers auf der letzten, obersten, kleinen
&eit tler Bolschewiki, cliese Nöte abzustellen, ihr Araratspiize ein fröllich pantagruelisches Dasein
150 L61
der FüIIe unil Völlerei weiterführen dart urh zu
zeigen.. " k¡ümmen. * Schaljapin tlarf clrei Wohnungên
haben im rationierten Landé
Ifun, es sei vorweg gesagt, daß.dieser.schat-
achtzehn?
- warum nicht
japin
.allerdings einer der. wunrlerbársten, bã- - Schaljapin in
Ich habe Petersbung zw'eimal
gaadetsten Künstler unter den heute Lebenden
ist, gehört und möchte blutige Tränen weinen, daß es
ein KerI, cler breitbeinig und mitsonnenwärts
gewandtem nicht zwei dutzendmal gewesen ist. Das erste-
_Kopf eines Eddahelden vor einem mal sang er den besoffenen Schmieil, eine Bpi-
schmerzdurchwühlten und freurleUegierigen' tãi[
sodenrolle in der volkstümlichen Oper ,,Die Macht
l$t, das seine Qual vergißt und lãcht -unil den tles Feindes" von Seroff, und ich kann euch
$bg-ott bejubelt. Die im Kreml grollen und sagen, daß, als Schaljapin auf die Bühne kam,
f1-u9h9n daß -rtieser Fresser und S;hür;;"¡_gä
und noch ehe er den IIÍunfl auftat, ein Strom von
¡ic! leden Ton, den er zu singen hat, mit Säck]en f.ebensfreurle untl Herzenstrost tlurch die Logen
Mehl, Zucker und Kaffee bãzahleí läßt; aber
und das Parkett lief ja lief, es war zu spüren I
la11r singt Schatjapin vor den Oetegiertén ãer -
Das andere Mal aber sang er in einem großen
Dritten Internationaie das Lied von Duîinuschka,
und I(onzert im Volkshaus. Wir saßen in der ersten
_nächsten Tag schickt ihm der Krãml Laché Reihe, wejl uns rlie Regierung die Billette ge-
au1 d3r Wolga, Kaviar aus rlem Ladogasee, Ilonig
und Rosinen aus Turkestan, und clär FießsacË schenkt hatte ein Bitlet kostete nämlich
25000 Rubel und die erste Reihe wa¡. da es
!9dan! sich nicht einmal, nimmt,es als schul-
digen Tribut tlahin. gefährlich -isf als ein Mensch zu gelten, der so
viel Gekl airsgeben kann, nicht ganz besetzt"
. S:Ir"f;"pi"
rm Kostüm des --"tt:t daß er ohne passierschein,
Zaren Boris Godunoff aus rler
Ein paar Sitze weit von uns .saßen zwei kleine
Oper.von 1ÌÍoussorgski an dem Troitzkytor rles zefietzte Gassenjungen. Sie waren einfach in
erscheinen, und rlaß ihn der vierfache rote
tlen Saal hereingekommen und hatten sich auf
ltgpl
sold¿tenposten durchlassen zwei. leerstehende Plàlze gesetzt. Niemandem fiel
wird, vergessend, daß bs ein, sie zu verjagen" Sie saßen da untl
ja die Zeit.dæ Zarcn um ist.
iu - Scfruïjupin läufet
de¡__Neujahrsnacht die Zarenglockä im.Turm
bohrten in ihren Nasen, während Schaljapinsang.
Iwan Weliki, der Strick reißL Als er aber geendet, hatte, sptangen sie herum
ïnd Schaljapin
stürzt zehn Meter tief, ohne sióh Scha¿ en ztatr- und brüllten sich heiser vor Entzücken und Be-
geisterung. Schaljapin sang Lieder von Gla-
.frggl. - Siþljapin hat unter Nikotaus U. ¿en zounoff unrl der alte, verhungerte Komponist
be¡ü.hmten Fußfali vor der Zarcnloii-
let¿n und begleitete am Flügel. Nach dem letzten Lied von
Szene,,!oje tzara tr-ari;,'gì.onguo.
l1i_g-flener
rs¡ also ein ausgemachterGegenrevolutionar; aber Glazoûnoff fiel der' Sänger tlem Komponisten
ü¡e wetscheka würde_ morgen in die Luft fliegen, um den Ilals, und es gab einen Schmàtz, den
gestatteüe sie es sich, SChaljapin ein die.anwesenden vier- oder fünftausend Menschen
Haar" zú schallen hörten. Es war eine sþontane Huldi-
t5¡2
1.5$

,¿
gel&.wie jene-anclere vor d.em Zarcnpaare. Dann
ist. Er'bat sich im Palast Narischkin nicht anclers
aaag $ehaljapin Lieclqr von Schumann., Beim:
benommen, als noch fürstliche Gnaden dort
çweîÌlæls mante tlas Publikum, schneuzte sich
wohnten untl nicbt ich uncl Genossen. Bogenlang
*il¡i[ scbarrte mit den Füßen, um seine Gering-
könnte man so von Schaljapin weiter erzählen.
súätznug fü.r die deutsche Musik auszuclrücken, Er ist tler populäre Künstler der Russen. Dqs
Ebr hãttet sehen sollen, mit welcl¡er Tierbündiger-
Sàhicksat der anderen geht an ihm vorbei, auf
geste Schaljapin rtie Menge vor seine Füße hin-
Zehenspitzen, und grüßt ihn'
kuschen ließ. Aber er verschluckte vom ,,Nuß"
\
,ban&'o tloch tlie letzte Strophe untl sang rlafür
.Es blinkt der Tau'r von dem,Rrrssen Rubinstein, Das Leben deÞ Stadte
tler ja nur ein mit Zuckerwaçser vBrdünnter
Schumann ist. E in rasentles SowjeLAuto holt micb vom Baån-
-
, Keiner, der heute über Rußlanrl schreibl tlarf -D not ab; im Aúto sitzt .die Sekretåirin aus
ilas Phänornen. Sch¿ljapin unerwühnt lassen. Smolny, eine kluge, elegante Sowjet-Katze, die mir
Dieser Mensch ist eine Ârznei. Er singt von der im Vórbeifliegeñ ttie Sehenswürdigkeiten tles
Zarenhymne bis zur Internationale alles, was NewsklProspekts erklärt. Dieser heißt jetzt übri-
den Ausdruck der'Begeistenrng großer Volks. gens Straße tles 25. Oktober.untl auch clie anderen
massen'wiedergibt, was Begeisterung bei großen Sehenswtirdigkeiten sind neu benannt, sincl
Volksmassen erregen kann. Dr bleibt .im be- ándere, als die; über die mein Baedeker zu be'
ilrängten Lanrle uncl rlie Bolschewiki sagen stolz: richten weiß. Ich stecke daher das biedere rote
er ist unser ! (Allerdings verweigerten sie ihm Buch'in die Tasche untl" werde es nur wietler
schon einmal rlen Paß ins Audlantl.) Sie lassen hervorziehen, wenn es mich nach einer Stuncle
ihn tun und treiben, was er will, die Gesetze um- ungetrübter Heiterkeii gelüsten sollte. Es tut gut,
stoßen, er soll nur singen. sich zuweilen die Vergängtichkeit alles lrtlischen
Er ist rler populäre Künstler Rußlancls. Er hat aus einem so ernsthaften uncl aus sichersten
d¿s Ohr der Menge, und darum ist ihm nicht,bei- Quellen gespeisten Werk, wie der Baetleker eines
zukommen. Er hält, im Frack, diamantengeknöpf- ist, zu Gemüte zu ftihren.
tem Plastron und Lackschuhen ein zerrissenes Hier, auf dem Platze hinter dem Katbarinen-
Notenblatt mit zwei Fingerspitzen vor sich, zieht rlenkmal ist tlas Alexandratheater: aber die junge
eine Grimasse und drückt damit arrs:,seht her, Sekretärin weiß nur zu berichten, daß in jenem
ilieses Elentl; baltl wircl mein Notenblatt ganz zer'. großen Gebäutle die erste Sitzung unter Kerendki
¡issen sein untl dann,ist es aus uúd vorbei, denn äbgehalten wurde; nun fahren wir.an der Kasan-
' Ieiiler,'leiclèr, es gibt kein Papier fär tlie Kunstt katheclrale vorbei - die erhäit ihre Betleutung
Er zieht sein'Lorgnon aus der Tasche und,minit. erst durch den Umstancl, tlaß vor ihr tlie ersten
Er beniæmt sich wie einer, rler überall zu flatise großen Versàmmlungen unter freiem Himmel. slatt-
154 roo
gefunileln' &aben mit einem Schlag ist die ganten lVett ist nieht viel zu sehen. Arbeiter,
- Solilaten zirkulieren in den Straßen
EatåeilËle im .Nebe} tler Zeit¿n verschwunden
F-alksgewü&tr steht auf, man hört Schreie, man
- es ist eine
Proletarierstadt mit verlassenen Palästen und zu'
seraimmt bereits tlieKlänge des heiligenGesanges, gesperrten Lätlen. Erst wenn man an der Admira'
dar futernationale lität vorbei die Schloßbrücke am Newakai passieft
- ünd weiter, an jener IV[or-
Fk'aiaecke, wo einst clie Stutzer und Dämchen und das Winterpalais cles Zarcn vor sich erblickf
des vornehmen Petersburg zu ihrem Konditor, èrst da merkt man, daß sieh in clieser Staclt
íh¡er Putzmacherin, ihrem Klub und ihren Rendez- etwas Außergewöhnliches zugetraget haben muß:
sous einzubiegen pflegten, tobte einer der ent- hier sieht man nämlich Spuren; Spuren von Ver-
scheitlende¡ Straßenk?impfe zwisc-hen den An- wüstung und auch noch andere Spuren.
h?insern Lenins und der Piovisorischen Regierung. Die letzte Zarin tler Russen, Alix von Flessen,
, .Da ic! Petersburg z,a Zarcnzeiten nicht gekannt hatte es für gut befunden, ein paar hundert Wag'
babe, will ich keine weiteren vergleichenden Ge- gons aus ihrer Heimat nach ihrem neuen Wohnort
schichtsstudien und topographiscbãn Experimente mitzubringen, als sie das Darmstätlter ldyll mit
¡nit dem Baedeker unternehmen, um etwa dem dem Petersburger Pulverfaß vertauschte" In diesen
Leser, der Petersburg aus eigeherAnschauung kennü Waggons kamen rote Sandsteinblöcke, eine hessi-
und zu erfahren wünscht, was aus dieser Stadt sche Gesteinsart, nach dem Newakai,wo siesauber
geworden ist, Seufzer des Abscheus und der Ver- behauen zu einer einige Meter hohen Mauer um
zweiflung zu entpressen. Ich will vielmehr ver- das Gärtchen vor rlerSeitenfront desWinterpalais
suchen,_ darzustellen, welchen Eindruck Petersburg aufgeschichtet wurden, gegen die draußen vor-
auf mich gemacht haf diese allem Anschein nach üherwandelnden Menschen, vor deren Anblick tlie
qgsüéuropäisch zugeschnittene Großstadt auf den heimische Gesteinsart die Zann bewahren sqllte.
Inseln; keine spezifisch russische Starlt wie Mos- Ihr Auge wollte auf rotes Gemäuer fallen, wenn
tau, das einen Tag später in seiner barbarischen sie in ihrem Gärtchen ging otler aus. tlen Fenstem
Herrlichkeit vor mir. aufstehen wird, s,ondern eher schaute untl nicht auf den vorbeiwandelnden
eine nach der Scbablone von Berlin, Paris, Stock- Untertan. An einem der ersten Sonntage nach der
holm zurechtgezimmert,e Metropole mit tiberhitz, siegreichen Oktoberrevoiution haben tlie Peters'
tem Luxus und depravierendstem Elenrl in ihren burger Arbeiter, Solclaten und Matrosen cliese
verschiedenen Vierteln Mauer nietlergerissen. Sehr glimpflicb uncl akkurat
Ðas erste, was einem auffäl[ wenn man, wie scheint sich diese Angelegenheit nicht abgespielt
ieh, auf der Durchreise 24 Stunclen in peüers- zu haben, der hessische Sanclstein liegt in wirren
Þurg verbring! ist dies: es ist Sonntag, tl. h. die Trümmern verstreut vor dem Winterpalais und
Geschäfte sincl samt und sonders geschlossen. am Newakai umher, und das Gras wächst zwi'
Es ist wahrscheinlich Sommer, d. -h.: die so, schen den Steinen. Es ist, rein vom koloristischen
gæaaate ,rtote Jahreszeiti', denn von der ele, Standpunkt, ein erfreulicher Farbenfleck. An der
15ü t57
Sfeb €úebt s-icb jetzt'ein Reclnerpult aus Bret- rische Festlichkþiten stattzufinclen pflegten, ist ietzü
kra xeeå den'Emblemen der Sowjets, indes aucb in einen grandiosen Frieclhof rrmgewandelt: in den
diffi Bretiergerüst,ist sehon verwittert und halb Mitte des Platzes, der riesige Ausrnaße hat, erhebt
¡ærfallra- sich tlüster und schwer ein Viereck von rn:ulns;
Gras wächst in,tlen Straßen Petersburgsl Ja. hohen Mauern. Innerhalb dieser Mauern ruhen
wohI, alter Pet6rsburger, d.er clu in Berliñ, Paris Ílie Kämpfer für tlie Freiheit Rußlands. An den
l¡nil Genf emsig in die gegenrevolutionåiren Klubs vier Ecken liest man die Namen Urilzky, Lichten-
Iãufst um die Rücker,oberung Rußlands vorzu- statlt-Masin, Wolodarsky, Nachimson.
- - zu
bereiten
- in Petersburgs
clen Pflastersteinen
Straßen und. zwischen
del Zarentesidenz wüchst
Als ich zwei Monate später aus Moskau
Iängerem Aufentha.lt nach Petersburg zurück-
Gras; es ist ziemlich hoch und sieht saftig kehrte, hatte ich mich an den neuen Zuslancl
grlin aus. Untl auf den großen Uferzeilen der scbon einigermaßen gewöhnt. Es fiel mir nicht
Newa, die vom Winterpalais links hinunter an mehr so schmerzlich auf, daß ganze Straßen cler
tler Admiralität vorbei zum Hafen, rechts aber Stadt von cler Länge etwa der Leipziger Straße
an den Palästen ehemaliger Großfürsten und wei- vollhommen leer und unbewohnt schienen, daß
terer höchsten Herrschaften vorbei bis zum I![ars. die dhemals vornehmsten Quartiere um die Mojka
feld sich hinziehen, liegen zwei Stockwerke'hoch und ltalianka ebe,nfalls verödet und verlassen
geschichüet Holzblöcke, denn der Winter steht
dalagen, und man sich wundern mußte, wenn aus
vor der Tür. Hübsche junge Mädchen in guten einem Fenster ein Mensch schaute oder hinter
Mänteln unrl Schuhen, fußfreien Knöchelchen und
ganz niecllichen Hütchen auf den frisierten Köpfen
einern anderen Gardinen hingen
- die Volks"
quartiere um das Taurische Palais und Smolny,
bewachen tlie Holzhaufen. Diese Frauen haben wie auch jene auf der ,,Petersburger Insel"
Gewehrti umgeschnallt (stochern zuweilen mit tlem scheinen übrigens auch einen großen Teil ihrer
Bajonett in der Glut), und es ist wahrscheinlich, Bewohner eingebäßt zu haben. Von clen Holz'
ilaß sie schießen werden, wenn jemand einen Holz- haufen waren, da der Winter eingesetzt hatle,
stamm aus dem Haufen davontråigt. Indes, es bereits die obersten Lagen verschvüunden. Der
kommt auch vor, daß sie am rechten Enrle des hessische Stein lag noch immer, wo er gelegen
Haufens ein kleines Stelldichein feiern und derweil hatte, nur stachen die Spitzen des Grases jetzt
am linken Encle jemand ungestraft mit einigen aus einer tlicken Schneeschicht in tlie l{öhe. I

Scheiten clavonläuft. Es nützt kein Leugnen: Petersburg ist eine


Das lÌ{arsfeltl wircl ebenfallS von einer grim. erschlagene Staclt. Dies ist nichi-mehr die von
migen Solclatin mit Gewehr und Gamasehen an raffiniertester Üppigkeit und Verclerbtheit durch'
elen fußfrcien Knöcheln bewacht. Dieses lllars- parfümierte Residenz, an die sich seufzende
feld, ein ehemaliger Bxerzierpla tz, anf. dem einst 'Frauen.uncl knirschentle Männer in allen llaupt'
zaæeilen Spießrutenlaufen uncl ähnliche militåi. städten Europas erinnern. Es ist eine erschlagene
158 159

il
gåadå" eder besser lesagt eine tief eingeschlafeneo
die asf Erwachen kaum noch hofft. In tler J\ foskau liebe ich inniger a;ls Petersburg. Urvar
.LYl in Petersburg laufen noch tlìe Tramþahnen,
Føqåa-cka siad. lroße Holzbarken versenkt; das
klingeln noch dieTelephone ; clas Pfl aster ist ebener
ãelz liegt nqch über dem Eise, aber die Barke und menschlich; auch kanLn ich, wentr ich im
i-sË blsg mehr ein Geripp die HandelÈreihen,
einst znm Bersten voll von - allen Kostbarkeiten
Srnolny bin, Tür an Ttir alles beisammen fintlen,
wonach ich mir in Moskau, in d.en Volkskommis-
Ðkziclents und Orients, verwittern und verfallen...
sariaten an allen vier Ecken tler Staclt clie Füße
-å,i¡er wie sonderbar: hinter den grau verstaubten
wuntl uncl dio Lunge aus dem Halge rennen muß.
,Schaufenstern sieht ¡nan noch alles, wie es vor
Aber diese Marchenlshdt Moskau, clieses unerhörüe
jenem Oktober gewesen sein mag I In dieser
orientalische Märchenclorf mit seinen vierzigmal
Stadt, "in diesem Lande der Not unil des herz- vierzig Kirchen ist ein chimåi¡ischer Zauber, in
zerreißenilen Mangels sieht man hinter Schau-
des sen Bann man tief und schmerzhaf t noch m onate:
fenstem feine Hemdchen, Spitzenhåiubchen aus
lang fiebern möchte. Habt ihr schon einmal Kir-
zartem Stoff, Pyjamas und allerhand kostspie- chen gesehen, die mitten auf der Straße stehenuntl
lige trIotlestücke, tausend andere nützliche Sachen
nicht höher sind als ein Stockwerk hoch vom Fun-
noch außerdem. Die Seheiben sind grau, aber dament bis zur Turmspitze ? Aber es ist nicht
sie sincl heil. \Yie sonderbar : hier scheinen eine Spitze, sondem es sind ihrer fün-f. Wie Pilze
keine Einbrüche stattzufinden, wie in Städten, in
sitzen rlie Türme auf den bunten Dächern. .Da
deneu tler Kapitalismus Waren und Waren auf
seht ihr Helme mit;.goldenen Sternem auf himmel-
tlen Markt schleppt uncl clie Schaufenster, vor blauem Grund und rote mit Stacheln wie der
denen der Arme sich füglich den Mund wischen
Rücken tles Basilisk uncl schneeweiße Pilzköpfo
darf, blitzblank geputzt sincl: mit kleinen silbernen Ornamenten und. schwer-
Arr diesem und anderem, ¿Ln diesen verlassenen,
goltlen gleißencle, deren Licht in der prallen
aber noch von früherem Leben zeugenden Ver-
kaufslärlen, an den langen stockfinsteren Straßen-
Wintersonne die Augen aussticht
diesen Pilzen, Hauben, Helmen stehen - und auf all'
n¿ch Oste,n
zügen, clie doch noch Spuren ehemaligen inten- gerichtet große Kreuze, die'mitt'els zarter golclener
sivsten Verkehrs tragen, kann man erkennen, daß
Filigranketten an die Türme angekettet sind,
dieser um ein Drittel ihrer Bevölkerung redu-
Die Kirchen, tlie Klöster, die Dome Moskaus I
zierten Proletarierstadt mit nur hier und dort Die vierzigmal vierzig Kirchenl UnrL vor allem
versprengten und zurückgebliebenen Nestern
clieses nie erhörte, nie erträumúe, in Scharlach-
scheuen Bürgertums ein Dornröschenschicksal be-
fiebenn ausgebrüteûe, zusammenphantasierte Win-
s€hietlen wurde. Fraglich bleibt es nur: wer der
kelwerk, tlie. göttliche Berserkerei dieser besessen
Mãrchenprinz sein wird, der dieses Dornröschen
ineinantlergewühlten, durcheinandergekneteten,
einst ¿ufweckt. Prinz Kapihalismus etwa? Ach mit einem Krach auf den Platz, vor dern Kremlt
aei4 ein forscher Proletarierprinø. hingeknallten Basiliuskatherlrale I Man fätlt auf
160 11 Eoliúsohsr, Drei Monate in Sowjet-3u6lane1 161
xïær Rüe&en, wenn ma.lt sie an einem farbigen mobilen durchøuckt unri *iclerhallenri vom
ãerbsåabesil zum erstenmal erblickt, wie' sie im. Litrm unrl Kommandorufen der marschbereiten
Seheiae der untergehenden Sonne sprtibt uncl Roten Armee. Zwischen den Türmen, die nach
f,larr¡r-nt uad aufglüht uncl erlischtl Wie soll ich dem Roten, d.h, dem Schönen Platz gegenüber
4iesen asiatischen Götterspuk schilclern? Iluntlert tlen ebenJalls erschlagenen Handelsreihen weisen,
$ehritte führen einen um die ganze Kirchè herum, trägt die Kremknauer Spuren von GeÉehr- und
aber sie hat eine unzählbare Menge Tüffne, kleine, Artilleriefeuer. Das Senatsgebäude hat tausend
große. Sio scheinen aus dem verwinkelten Ge Pockennarben abbekommen, die Mauer be-
baude' hervorzuwachsen, zu schießerq während rieselte Ziegelblut. In Petersburg haben die Ge-
man um es leru¡ngeht. Immer noch ist ein Turm burJswehen nur drei Tage gedauert, in Moskau
da, ein Turmhelm, ein Knauf, den man nicht ge-" tobte der Kampf zehn Tage hindurch, und in
sehen hat uncl eben erst bemerkt e'r muß also dieser Frist entschietl sich tlas Schicksal der Welt.
soeben aus dern Ges¡inkel
-
hervorgowachsen sein I Moskau lebt sein zähes Leben, während. Peters-
Da sind Türme, tlie die Form einer Ananas haben., burg tot ist. Die Zusammenziehung sämtliche¡
rotbraun untl mit golclfarbigen Rhomben auÏ der, Ämter des Landes hat eine Hochflut von Menschen
Oberfläche. Dane6en sieht man eine verdrehfe über Moskau ausgegossen, die zwischen den
Zwiébel, aus gelb uncl grünen Korkzieherwülsten. Mauern branrlet und nicht zur Ruhe kommt. Ein
Ein Turm ist ein Stacb,elschwein mit gemeinen anderur Menschenschlag ist es, der einem in
Wehrvorrichtung,en auf der Hornhaut. g'Da gibt es Moskau begegnet, als der von Petersburg es ist.
Turbane untt Göttermäntel. Man ist schwindlig Plätze, Straß,en, Theater, Versammlunge,n haben
vor Bewunderung, wenn man einigemal um tlieso ein anderes Gesicht. Hier sprenkeln nicht über-
byzantinische Orgie herumgelaufen ist und der , reste der ehemaligen B'ourgeoisie das Arbeiter-
Blick sucht, um für einen Augenblick Zü Yêlr volk, s,ondern es macht sich ein stark bärgerlicher
weilen, einen Ruhepunkt. Er finclet ihn auf cler Einschlag bernerkbar, ein Blement, das sich mit
Senatskuppel im Kreml, jenseits derMauer, drüben sicherem Nachdruck zu regen und geltend zu
hinter je'ner Mauer, die einst weiß war und jetzt machen strebt und dessen Dominieren zuweilen
dem Grundcharakter des sozialistischen Staats-
rot ist
- und auch von dieser Kuppel weht
es
rot seht, dort flattert im Abentlwincl die Purpur- wesens Hohn spricht.
-
fa.hne der Sowjets I Man leidet in Petersburg wie in lVfoskau
Der Kreml. Von Mauern umfrietlete Hochburg - aber
ich glaube, in Moskau voilzieht sich das Leiden ins-
der Zaren, geheiligter Ort unheilvoller Traclitionen, geheim doch in wütenderen Formen, widerspruchs-
Hort'der Tyrannei einsf nun Wiege des neuen voller, erbitterter und gefährlicher. DieKleide,r, die
Glaubens, einer jungen Freiheit, Hirn cler Welt- dieMenschen abtragen, sincl noch gut; sieben Jahro
geschichte; ehemals von Heiligenbiltlern über otler drei haben sie nicht zu Fetzen zerrissen.
jedem Tor behütet, heuüe von rasende,n Auto' Auf clen Promenaden, den Boulevards, die in kon-
162 169
Eæk'åsrhæ.'SreÍsen um tleu. Kremlhügel an,ds: Staatsmonopol für Branntwein, wie rlurch alle
Me.cewa- gei€gt .sintl, sieht man,noch harmlose anderen Monöpole zur Verdummung, Bestialisie-
5g**ziergãnger, ilie weiß Gott auf welche Art,über rüng rler Màssen, ãur Gefügigmachung tles einzel-
Eeiå uad. Muße zu verfügen scheinen;.wenn rnalr nên wie der Gesamtheit zu Zwecken der Staals-
nlcht wúßte, u{n was es in dieser Staclt, diesem infpmie, heute trinkt es Tee, wenn es seinen
Laade geht, m¿n müßte zuweilen ,baß erstaunt armen verhungerten Körper gegen clie Unbilclen
sein. Doch ist. clie Twerskãja," clie berähmte tler :Ïf¡¡¡stong' schützen will.
Straße .der Fla.neure, .jetzt eine Arbeiterstraße Mit eineur--Juristen und einem höheren Beamten
geworden, Arbeitervolk flutet an dem Rèvoltitions- tles Volkskommissariats für Rechtspflege wohnto
obelisken vorbei, der' an Stelle , tles Skobeleff ich einer Sitzung des ,,Narodny Sud", des Volks-
seinen Kunststeinkörper mit der Carpeaur schlecht gerichts, bei. 'Volksge¡ichte gibt es in allen
nachgeahmte,n Freiheitsgöttin schwerfällig über Straßen; iþre Zusammensel,zung ist eine höchst
rlie Häuser hebt. einfache: clen Vorsitz führt ein verläßlicher, ge-
Prostitutiqn gibt es nicht mehr in der Form, rê'cht€r untl ehrlicher Mann mit gesundem Men-
wie sie vor de¡ Rer¡olution bestantlen haben mag, schenverstantl und erprobter sozialistischer Ge-
frech unrl zynisch am hellen T4ge. Indes, sie ist, sinnung, der auch irgenrleine Funktion im Volks-
ist geblieben, unterirdisch, tliffus und unkontrol- hommissariat innehaben mag; Beisitzer sind zwei
Iiert, und es gibt s'ogar, eq ist schaurig zu sageo, 'als arnstänrlig angesehene Arbeiter von einwand.
Kinderprostitution. freier Lebensführung, ein Mann und eine Frau.
Fragt ihr mich nach dem Alkohol;,so s4ge lch Iin'Volksgericht, in dem ich Zeuge einer Verhand-
euch: ich habe in den drei Mogaten.in Rußlantl lung.war, hatte tlie Gewerkschaft tler Postbeamten
keinen betrunkenen Menschen gesehen. Es.gibt ,bieide Beisitzer gestellt. Jedermann ist der Zu"
Betru¡kene, das ist sicher, aber sie sind auf.den t¡itt zr¡'den Verhandlungen frei, auch kann jeder
Straßen uncl in der Öffentlichkeit nicht,,mehr.zu von'tlgr Straßo Heraufgekommene sich von der
sehen. , Darf man Rußlandkennern, cler Literatur, Bank der Zutrörer erheben und den Angeklagten
den . Fachkundigen, Ethnographep, R.eisenden verteidigen.
Giauben schenken, so lagen ehemals die Rinn-
,, Der Fall, den ich mit meinen Freunden zu hören
steine cler Städte voll von betrunkenem Volk, bekam, betraf einen Zahnarut, det unter Alkohol
Männern uÍtl Weibern, ûrâ,n stolperte . über: ekle einem Kutscher ein paar' Zähne eingeschlagen
Tiere von nur entfernt ,an Menschen gemahnendgr hatté. Es hanclelte sich bei diesem Straffall aber
Gestalt. Die Jahre des Krieges'haben dem Alko- nicht allein um die wenig mensclienfreundliche,
balismus Rußlaqds einen, stõß. versetzt, die, Jahre dern innersten Berufe diðses Gerect#n einiger.
seit der Revoltrti'on aber haben den Gott Wodka ma ßen widersprechenrle Betätigung, soñdern haupt
ætthront uncl verjagt, und das Volk'der Ertle, das sächlich um penetranten Fuselgeruch. Der miß-
am tiefsten ernieclrigt w¿rr vor allen, durch das 'hantlelte Iswostschik ein Schuft übrigens, ich
x64
-
1"66
wette, clenn ich k'enne jetzt clie Moskauer Kut- junges Mäclchen aus der entthrrcnten Bourgeoisie,
scher: sie verlangen ,,Pitiorka", d.h. 5000, wenn zurzeit Aufseherin in einer öffentlichen Speise-
tlu sie anrufst, geben sich dann mi[ 3 znfrieden¡ halle, hatte die Bezugskärtchen, clie ihr drei arme
aber wenn du am Ziel angekommen bist, leugnen Dienerinnen-Kolleginnen zum Bezuge von .Kleider-
sie es hartnäckig ab und beharren weiter bei 5l s[offen aus dern Magazin der Verteilungsstelle an-
tlieser wohl rechtens mißhandelte Kutscher also -, vertraut hatüen, angeblich verloren. Sie ver'
rief rlie Miliz herbei, und auch rlie Miliz kon- wickelte sich beim Verhör in Widersprüche. Es
statierüe intensiven Fuselgeruch aus dem Munde wa"r' offenkunclig, daß sie clie Kärtchen otler dio
des schimpfenden Zahnarztes, cler sich dazu nicht Stoffe für sich verwencfet hatte" Sie wurtle ver'
allzu sicher auf s,einen Beinen hielt. Draußen urteilt, innerhalb vier Wochen W'aren oder
im'Wartezimmer erlitt währenrl der Verhandlung" I(ürtchen zurückzuerstatten oder auf 6 Monate in
die schwangere Ehefrau des Arztes einen schauri- dirs Konzentrati'onslager zu wandern.
gen Schrei- und Weinkrampf. Die geringste Strafe
für das Delikt, nach Schnaps zu riechen, beträgt fn i\{oskau sieht man viel Lantlbevölkenrng. Sie
ein Jahr Gefängnis. Mit solchen drakonischen I strömt nicht nur in tlie Stadt, um hi'er Schleich-
Maßnahmen hat clie Sowjet-Regierung die Trunk'- handel mit tlen verhungerten Einwohnern zLl
sucht, clas Urlaster des,Russen irinerhalb dreier treiben, sonclern im Gegenteil: cler Hunger ist
Jahre fast vollkommen ausgerottet. Man zog uns ,es, d,e'r siei'n die Statlt jagt' In clieselbe Statlt,
zur Verhanrllung über das U¡teil zu. Die Genossin die sie, wenn claheim tlie Ernte gut untl üppig
Postbeamtin war fü¡ Verurteilung des Arztes, wio ausgefall,en ist, gern verelentlen iäßt" Dieses
überhaupt die Frauen in solchen Gerichtshöfen, Jahr hat manchem Gouvernement furchtbaren
zumal wenn es sich um Trunkenheit hanclelt, Mißwachs gebracht, tlamit clistriktweise Hungers'
immer di,e unerbittlichsten Richterinnen zu sein niite, wie sie clas' arme Land seit Jahrzehnten
pflegen. Wir erwirkten es nach langer Debatte, nicht erlitten hat. Staatliche Musterfarmen haben
hauptsächlich unter Hinweis auf den Zustancl tler Saatkorn unter tlie Bauern notleiclencler Provinzen
Ehefralr, tlaß der Arzt zu einer befristeten Zwangs- verteilt, aber statt es zu sâen, haben es tlie Bauern,
arbeit verurteilt wurde: er mußte 6 Wochen lang man weiß nicht r,echt, aus Bosheitoder Dummheit,
in ciner zwei Stunden von Moskau entfernten gemahlen und verzehrt. Die Bolschewiki haben
IJVaklstelle täglich 6 Stunclen lang Holz fällen unct einen harten Kampf zu führen : . .
spalten, clurfte übrigens zu Hause wohnen und an¡ Gegen den unsinnigen Ansturm der verelendeten
Abencl Zäl¡nre ziehen er war, als ihm dieses Bauernschaft wehren sich die hungernden Städte,
mikle Urteûl verkündet - wurde, sichttich üher- wie sie können. In einem Moskauer Kintler-
rascht und'erfreut und zog unter Dankbezeigun- gerichtshof wohnte ich einer unvergeßlichen Szene
gen ab. bei: Eine Bäuerin aus Tula, eine schöne' statt-
Der folgende FaJl verlief etwas'bitterer: Ëin liche Frau, war mit ihren zwei kleinen Kindern
' 16?
166
I¿¡rd: efuenÊr K{rb *pfe}, ,ihrem einzig,en BeSitz,
kelüe, konnte rna¿ gutgekleiclete Frauen auf diesen
aa*& Moskau gekommen. Äls tlie Äpf.el verkauft
Trümmerstätten Holz, Tapeten-fetzen und Ziege!'
TFäm und iler Erlös verzehrt, hatto clie Miliz
steine sarnmeln sehen. Ziegelsteine braucht man
*lie amen,Menschen in clen Pa¡ks rles nörcllichen
in den.Zimmern, um das eiserne Öfchen auf sis
Âdoskau umheri¡rentl angetroffen. Das älteío ivon
zu stellen. Ich fragte auf dem Markte nach d€,m
iles beiÌlen Kinclern, ein siebenjåihriger Knabe, Preis eineb solchen Öfchèns, clas nicht größer als
hielt sich mit Mähe aufrecht; das jüngere, ein ein Zylinrlerhut war: ?0000 Rubel. Dies war
zweijäbriger, schien rosig und rund
- v/enn man
näher hinsah, bemerkte man-rlie unnatürlich
noch spottbillig im Vergleich zu der so nötigen
ge. Röhre. Der Preis einer solchen stieg ins Un-
d.unsenen Gelenke, Arme, Being Bauch, _Gesiðht
glaubwürrlige I
æie Kü¡bisse angeschwollen Der Frau
- Oeclem.Sie
stü¡züen dio Trtinen aus clen,Augen. heulte.
Schon konnte man in tlen Straßen Menschen
beobachten, die, vor kleine }lantlschlitten ge'
vor Scbmerz und Angst; man mußte sie heim nach
spannt, tlen Strick um Hüfüen oder Schultern ge-
Tula schicken, ein Exempel.war zu statuieren; wunclen, tlurch tlie Starlt nach den weit tlraußen
mein Leben lang werde ich mich an d.en Ton ,er- Iiegentlen Frieclhöfen trotteten. .A.uf clen Schlitt-
innern, tlen Laut eines armen verendenden Tieres.
' Im selbe,n Gerichtshof waren, zwisçhen Bajo- chen waren Särge festgebunden; tlie Leitltragen'
rlen hatten sich ihrer Mutter ocler ihrer Ehefrau
4etten, einige kleine Spekulanten, er$chienen, vorgespannt, ni,ernand regte sich weiter darüber
Schulkintler, di,e ihre Schule sar nicht zu sehwän-
zen: braucbtnn, denn sie wai ja wegen Maogels
auf. Ehemals waren es festliche weißlackierte
Fourgons, tlie clie Leichen an' ihre Ruhestatt
an Bren¡holz geschlrossen. Einem -von' diesenr brachten. Man sah noch viele von diesen weißen
Kleinen, einem zehnjåihrigen geweckten Knaben, 'Wagen
durch rlie Straßen rollen, intles sie tlienlen
dem das Verh¿lten vor Gericht schon vertraut zu jetzt clen Lebenden: auf ihnen häuften sich Säcke,
sein Bchien, wurden mit einer Schachtel .Z;iga-
reften 80000 Rubel abgenommen.
Kisten, Fåisser.
- Es versteht sich von selbst ilaß
mao über clerartige Dinge nicht viel Tränen ver-
gießen rlarf. Wohin käme man, wollte man an
e¡ Winter war gekommen uurl das Leben Derartiges viel Gefühl uncl Lebensenergien ver-
wurde härter. In den Kommissariaten sah zetteln ? Die unbegreiflicbe Fähigkeit des Russen,
man Hã,nrle, die wie Humnrerscheren aus dünnen
zu dulden, zu ertragen, manifestiert sieh ja auf
Ärmeln hervorstachen. Die verdorbenen Hèizungs-
Schritt untl Tritt. Sie zeigt sich bei diesem gott-
rðhren gestatteten oft keine, wenn auch noch so
gläubigen und nach Göttlichem hungerndgn unrl
g!1ipge Durchwärmung der riesigen Häuser. Viele dürstenden Volke auch in'der namenlosen Gleich-
Ðolzhäuser würden abgebrochen, man passiertê
giiltigkeit gegen fremdes wie gegen eigenesLeiden.
pitte¡r- in d,er Staclt verwüstete Gassdn. Das Ich erzählüe bereits, wie ich in einer Nacht, in
Bauholz wurcle verheizt. Abencls, sobaltt es du¡¡,- der peitschencler, ätzender Frost clie schneebe.
168
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deskåen Stra$en in Eis verwandelü hatte. hinfiel werden wir dem Kapitalismus den Garaus machen
a¡fl Knie uncl Armgelenk verletzte. Bei clieser hätte angehoben,
Êelegeoheit habe ich eine kleine Stuttie für. mein - ein riesenhaftes Hamstern
der kapitalkräftige Teil cler Bevölkerung wä,re im
' Ð*r& gemacht. Mit geringer Energie hätte ich Hantlumtlrehen Herr über alle in Lëtden, Waren-
pich aämlich sofort erheben können, blieb inrles
liegen, und,zwar etwa vier Minuten lang, um zu häusern und Magazinen aufgestapelten Vorråite
sehen, ob jemantl mir zu Hilfe kommeñ würcle.
geworden, der Staat abei hatte zusehen clürfen,
Ich lag mitten auf der Stra3e da, als hätte mich áuf welche Weise er die Arbeiterschaft mit clem
verfügbaren Nötigsten jahrelang beliefern könnte.
tler-Sch]ag gerührt, oder als sei ich gestorben: eine
rechtschaffene Leiche mitten auf - einer der be- So hat man dem Hantlel ohne viel Federlesens
lebte¡en Straßen des nächtlichen Moskau. Aus einfach clen Hals umgedreht, Lebensmittel, Waren,
alles Rohmaterial mit Beschlag belegt.
$em ^A,ugenwinkel vorsichtig in clie Höhe lugencl, Trohz tlieser energisch untl zielbewußt clurch-
bemerkte ich ungefähr clreißig Paar Stiefet, aio
geführten Maßregel ist noch genug verschwunclen,
an_ mir v_orbeistapften, schlurften, stiegen uncl
stelzten. Keinem dieser etwa dreißis l\fenschen versteckt und über die Grenzen gbtragen wortlen.
trl'tangel an dem Nötigsten hat auch hier untl dort
fiel es ein, sich zu mir niederzubäckeñ, mich auf-
zu-heben. Ich sagte: Gu! ihr Schurken, das schon ein gewisses Schwachwertlen des Frinzips
kommt in mein Buchl Als ich mich dann auf- tler Zentralisation gezeitigt; es gibt Straßenmärkte,
rappelte untl beim nächsten Schlitterrstand, zum clie ilie Regierung .tluldet, uncl in verkehrsreichen
ersúenmal ohne zu handeln, in ein Gefährt hinein- Straßen stæhen sogar Läden offen, in denen man
wiede¡ Lebensmittel und auch noch alles mögliche
war aber mein Groll bereits verflogen.
_sc-hleppüe;
Ich konnte es mir ja ausmalen, was d.as bedeutãte: antlere. kaufen kann. Daß clie Behörden gegen
sich mit einem Toten auf der Straße abzuseben. cliese Verletzung einer der fundamentalen Ge-
Da mußte die Miliz gerufen werden; da gañ's Be- bote tler Gemeinwirtschaft nicht mit Feuer und
gegnungen mit den Behörden, am Ende mußte rnan Schwert losziehen, ist wunclerlich untl kann nur
gar noch der Auß,erordentlichen Kommission aufrichtig betlauert werden. Korruption korrum-
Namen und Wohnung angeben piert weiter, ich habe tlas an mir bemerkt'
- da ließ man
besser clie Toten ihre Toten begraben.
' In Moskau habe ich einige von diesen postkom-
munistischen Verkaufslätlen gesehen, in Peters'
burg einen. In cliesem letzteren waren merk-
¡ jm. Nacht wurden in Sowjet-Rußtand die Ge- würdigerweise Kompasse, Ziga.rrenspitzen aus
L,/ schäJtsläden, Magazine, Warenhäuser zuge-
sperrt, Wie man Revolutionen nicht ansagen Meerschaum untl Benzinfeuerzeuge zu kaufen -
währentl in tlen Moskauern zierliche, nach cler
-darf, so darf man auch rlie Torlesstunde áes letzteri Pariser Motle entworfene Damenhütchen,
Priratkapitals nicht vorher umstänrllich bekannt-
- Chrysanthemen zu
rlann frisctre Blumen 10000
geben. Håtten die Sowjets verkündet: am pB.
Rubel * uncl andçre Beclürfnisse tler alten otler
1?8
i,
arrc&'' ile,r Ðenen Bouryeoisie
befúedigt werden
bnaten-* In'rlem, Latún, der mein -Gewissen,
nit lebensmitteln. lffie leben tlie'Ståiltp, da-tler
Bauer deo Kommunismus.gar nicht oder doch nur
ary belastet hat, gab es Kuchen, Speck, Käse uncl gezwuug€n anerkennt, keine.Veranlassnng sieht,
tfoü¡srren zu kaufen. unil ich habe dort meine
Kest züweilen aufgebessert, indem ich,aJle paar
für den Staat mit Begeisterung zu pflügen, zu
säen, zu ernten, Vieh.zu züchten, zu melken und
Tage e_inmal ein gebratenes Huhn für ?500 Rubet
herzugeben -:- zlrmaL er für seine Prod.ukte Sowjot'
e¡stand.. Dieser, gegenrevolutionären Hancllung Geld erhält, daran ihm nichts gelegen ist, .uncl kei4.e
machte ich mich nicht ohne Not schutclig. \Iri;
Schuhe, Kleitlersûoff e, Mützen, lanclwirtscha"f tliche
bekamen in unserem Hause; in dern wir, alärdings
Geräte, ja nicht einmal Heiligenbilcler und Lämp-
fri.enend, aber in sehr sctö¡en Räurien_unter-
e,hen davorzuhängen.. , .
gebracht waren, tagaus, tagein nichts anderes
zu. 'Die BauernJrage ist, soweit man' das aus d.en-
úorfartiges Brot, sehr wenig Butter,:
::::i .ilr Zucke,rstäckchen, d.ie sich schweren uncl fortgesetzten Kämpfen, rdie sich.in
-schmutzige Àeit Aus. tlen'soqjets und der Exekutive rug sie abspielen,
bn¡ch.des Krieges an allen Fronten herumgewälzt
eine der brennendsten, im Zustantl cler tåiglichen
nah€n mochten, uncl die man in die Backesõhiebenr
W,antllung begriffenen Angelegenheiten Rußlantls
rlußte, r¡m den dünnen Tee über sislzu spülen, und, des'ganzen Systems .der bolschewistischen
einmal am Tage gan_z durchsichtige Gemtiseìuppé
Wirtschaft.
unct außerrlem Kãscha, raec¡f '1;."íä. x*.n"
Das Problem klärt sich', wenn man die Ursachen
'ist Grütze. Ich weiß,nicht, uG'*"r:är Ilülsen cler Not des Landes nennt utld wiederholt: zari'
I1-o_IlrúlYjrü.chten die Kascha ne"gesteilt lwu;i stische Mißwirtschaft, Weltkrieg, Blockade uncl
ole wtr rn Moskau monatelang zu essen bekamen. wiecle,rum Krieg. Der Bauer gibt lange nicht genug
Früchte waren es nicht, sondern Hülsen; es
mag her von,dem, was die Regierung ihm notgeilruogen
aber auc,h Baumrinde gewesen sein. Unsere Kaschã
-Färbung, als sqin eigen äberlassen hat, und es ist nicht
latte zuweilen eine deren-U"*p*ng gut möglich, seine Procluktion.zu kontrollieren.
in'rler'Botanik nur schwer ," totil¡rieren sein ('In der ersten Phase der bolschewistischen Wirt-
dtirfte:. Fleisch unct Kartoffet" g"U es ,äußerst schaft. geschah dies clurch clie-.Kontrollbehörtlen
lglt'en, noch seltener eine Konseivenbti.hr;;; tler 'Dorfarrnen.) Gäbe es keÏnen Krieg, keine
Fisch ocler ein Stück Käse. (Ging mauìndes
mit Blockacle, das Übet wäre über Nacht behoben; die
Kommissaren auf B,eisen, uo uinr*
-,iraã- oom Industrie funktionierte, uncl derBauer erhielte statt
Kommandanten auffallend reichlicher mundvonat de6 .unbeliebten uncl wertlosen Sowjet'Gelcles, auf
$Qegglen.) Mein Zimmernachfotger winl ver_ dem in noun,sprachen die Mahnung: ,,Proletarior
steckt im untersten Schiebfach eines
f,rächtige.n Ro- ailerLänder¡ -vereinigteuch l" aufgedruckt steht (der ll
kokoschrankes si eben, sau ber unrl in åiler lteï ml i¿n, Bauer aber hält sich keineswegs für einen Prole-
Eert. a bgen a_gte Hühnergeripp e vorgefu
n den ha ben. tarier;,er,besitzt, er,sitzt auf seinem Sfück Landl),
Eirrge Worüe, über.fue'Beliefeñrng alór St¿idte Sohuhe, Kleicter, Mützen uncl Gerät. Gäbe es keine
t72 .1?3
i

t)
$q$a43, digReglerung könnre tlie Elektrisierung ukrainischer Lebrer auf tlem Moskauer Kongreß
Rr¡SiaÃats du¡chführen, Gasolinmotore impori cler prrrfessionellen Schulen über tlie Arboit uncl
tågæa-cd91bauen, die sie großen Komplexen land- clie Erfolge seiner Sehule vorbrachte: dieser
çirtshafiticher Kooperati vgemeinschaften z ur Ver- Lehrer kam aus einer Gegencl tler Ukraine, die
fñgung stellen wtirde, so ãaß nicht jeiler kleine innerhalb von2lz Jahren die Regierung zweiund-
Bauer sein eigen_es bißch,e¡r Lancl mühselig mit rlreißigmal gewechselt hatte . . .
-Ðompflügen
zu bestellen (oder brach liegä zu ; EbenJalls aus dem statistischen Material der
lassen) brauchte, sondern, wie das z. B. -in Ka- Petrokomrnun stammt eine Notiz über die er-
nada gescbieht, ein riesiges Territorium von Tau-
.reichten Kalorienziffern bei der Belieferung ver-
-Quadratwerst in kürzester Zeit ge-
selden- von
'meinschaftlich sch,ié¿et er Bevölkerungskategorien. Bei tler Be'
umbroihe,n uncl gemeinschafili"ch, lieferuns der Kinder war von dem zur normalen
abgeerntet werden könnte. ErnAhrung des menschlichen Körpers nötigen
So ungern ich mich des Hilfsmittels der Shatistik
Qrfantum das Maximum von unge[ähr 68 Prozent
bediene," bleibt mir doch nichts übrig, .als hierher
erreiçht. Das Minimum bei cler tselieferung
au ,setzen, was mir in der petersburger Kom- [ei Bourgeoisie .betrug etwa 47 Prozent. (Die
munalbehörd'o zu diesem wichtigen undverhäng- mf ,'angegebene sehr niedere Gruntlziffer der
nisvollen Kapitel mitgeteitt wurae, uncl was ici : erforderlichen Gesa,rntkalorien war nicht glau-b-
mir sdrgfältig aufgeschrieben habe. Der Bauer würdig.)
darf monatlich 40 pud Mehl uncl ein gering'es .. .,.d¿gbensmittet- untl sonstige Belieferungskarten
Quantum anderer Produkte behalten. Es-ist iñm we¡Aen durch Hauskomitees auf Grund einer Regi-
vorgeschrieben, welche Mengen Getreide unct stration nach dem indivitluellen Arbeitsbuch ver'
sonstiger Proclukte er abzuliefe.rn habe.. Im ersten teilt. Dem Hauskomitee ist das Rayonbureau,
Ja.hr der Revolution sollen B0 Millionen pud Ge- das Zentralkomitee übergeordnet' Der
tleicle abgeliefert wo¡den sein, im zweiten 150 'diesem
Millionen, im dritten 250 Millionen. Der Voran-
, lSt:hwerarbeiter, nach der Art seiner Beschäftigung

lchlug für tlas Jarþr tgA\l1921 ist 450 Milionen. ' ,- Irebensmittelzulage von seine¡ Gewerkschaft, nicht
Im ersten Jahr clei Revolution mußten g0 prozent '. nlurch das Hauskomitee zugewiesen. Die oberste
der ziffernmäßig eingeforderüen Vorrätemit Anwen-
dung von Gewalt den Bauern abgenommen werden.
/fätqeorie, A, bilden Eisen- (Putil'ow), Ertl' uncl
'7 Transportarbeiter. Von 400000 Petersburger Ar-
Im: dri tten nur mehr Z0 pr oz
ent. úer G¡üncl'e, die den , 'beitern gehören dieser Gruppe etwa 12? 000 an.
Baner'gefügþer nnachten,.tat ich im Kapiiel vom t Als ich mich nach den zur Erbaltung tles Lebens
Roten Heer Erwåihnung. Besonders die^Ukrainer eiaeis Intellektuellen nötigen untl d.en ihm zu-
Bauern, die zu Aufstäñden nur zu geneigt sind, 'gdbittigten Kalorien erkundigte, antwortete man mir
sera¡s¿chen der Sowjet-Regierung héUische Sor- nit dgm ,,akademischen Pajok", einer, wie ich
ts*i dieser Gelegenheit sei eiwähnf wasein
ry. e{'{uhr, recht fragwärdigen Zula4e.
\' .
174 Ll6
\,
rl
\
' W¡n.siçh im.Laufu dieser Darstelluugen übpr
_.
die Þier u¡lil ilort verstreuten exorbitantlen Sun- Hering, einem Stückchen Gurke urrd einer kaffee-
raæ,empört . hat, die ,als preise ftir
Lebens-
artigen Ersatzbrähe. In clen Kinclerspeisehallen
miüÊt gena,nnt sincl, möge bedenken, d"ß di; war die Nahrung reichlicher, es gab cla Gemäse,
reguläre Karten erhåi.luióhen
Quantíøten *o"ài-""f auch schienen die Speisen besser zubereitet. Auch
pg-f insge¡amr erwa 800 bis ¿õO no¡er; àrr"-*r_ diese Anstalten sincl in Petersburg orclentlicher
geführt als in Moskau, wo asiatisehe Nachlässig-
YtFrq$ig äußerst wenig noster,, w¿i,nrend ðie
qþl.hu llenge im Schleichúandel ó,rstanderi etwa keit mit einer fröhliehen Unbekümmertheit um
100000 Rubel kosten würde. ns geschienilãdit das Erdulden in Gestalt cler bertihmten ,,schiro-
lich aus Gründen der Venecnnüng, w_enn. rlio kaja natur¿'i, der ,,breiten Natur" des Russe¡r
rationierten Lebensmittel oder Cegenófünae über_ dich anlacht otler angrinst, wie du wills! sei
noch nach Rubeln bewerËt *"r¿ã".iãit es aus' breitknochigem sarmatischen Gesicht, sei
þgpt
dem l.Januar. LïZL ist ja das Gelcl in nuntan¿ es aus grimmig verzerrtem Totenschärlel.
1b-gesghafft. Auf Grund seines Arbeitsbuches sind
lgd.em Arbeit¿nden s gibt in rlen Stäclten wohl keine Massendua"r-
__Le.bensmittet, W;h;;"€, G;;;
elektris_cher Sfurcm, Heizmaterial;-Telephonjt tiere mehr, aber cler Begriff des Heims existiert
bahnfahrt., Eisenbahnbi[ette usw. kostenlos "ro- zu_
nur noch auf dem Lancle.bei den Bauern. Die
gesichert diese Reform soll durchãen Natio- Wohnungen der Städte¡ sinrl'r¿tioniert; man lebt
nalisator, - der Banken und Finanzinstitute Ruß- in Stuben, willkürlich zusammengepferchte Men-
la1dl, Larin, durchgeführt worden ,.io ._ uio I schen nebbneinander. (Bei der ehemals ,,höheren'.
weitpr auf {e.m Wege zur neinilung ããì Bourgeoisie fañtt ich Ausnahmen von diese¡
lchritt Regell) IJbersiealelt man, so bleiben tlie Möbel, die
Arbeit von dem Odium de-r zahlerunaßigeñ ne-
y_e-rh-rng. Es bleibt zu hoffen, daß günstig"ereV,er_ Gemeingut sintl, in rler alten Wohnung stehen; in
bältnisse die Durchführung Al' ¿iËre, entschi:e. der neue,n muß m4n sich mit den vorhandenen
behelfen, wie es eben geht. Straßenzüge stehen
{enen Reformen zulassen üol au*lïãrrüä-äe-
Systems nicht, ,wie schon so oft, SchleicÉhanileù verödet, bewohnte Häuse¡ ¿ber sintl zumeist über-
un$ Kgrruption fördert. ---i fúllr.
. I,n tlen W'ohnungen werden bei Winteranbruch
.. fn {en städtischen Speisehallen, die seleqent-\r.' die Fenster und Ritzen verkittet. Man schlåift, .
lioh. Schmutz auffallen oo¿ H.?¿ã'aur',
-durch
Infgktion ggy.nnt werden müssen, hrü i.h ;- I atmet, lebt sechs Monate lang in einer Ausdün-
weilen zu Mittag_gegessen oder áugesenee, *ie .: stung, tlie sich nie verzieht. Dio alten Pelze
andere es taten. Es gihl verschiedeni Kategorien kommen aus den Schränken, wie sie'im Frühting
sotcher
-,,S
r,olovaj as, i Io ã;; -g.*öh"ìì;h"î- i-* hineingehängt wurden, tlie alten Läuse haben sich
srând das llssen aus einer dti¡nen Suppe n¡it vermehrt, uncl mit ihnen halten Epitlemien ihren
irgendwelchen gralren Klößche;, ;tne;..'hdtÞ, Einzug, a.m ersten kalten Tage sChießt Tocl und
Verderbe,n wiecler in die Höhe. Es gibt zu wenig
1?6
f2 Eolitschorr Drôi Monato in Sowjot-Rußtanct L77
Seife, viel øu wenigMedikamente. DieÄrzte haÞen trennte, mußte ich mich an dieMauer lehnen. . . Im
wahsianige .A.rbeit zu bewältigen, die Besuchs- Quergebäucle stand ein Scheunentor offen, hinter
aa&n fär den einzelnen Patienten ist daher auf clem einst wohl ein Automobil verwahrt worden
zwei festgesetzt worden. überlebt der l(ranke war. Es war vorn Boclen bis an den oberen Rand
den zweiten Besuch, so hat er die WahI zwischen mit einem riesigen Hauien menschlichen Kotes an-
Gesundwerden oder Sterben. (Natürlich gibt es gefällt. Die Ahtrittröhren des Hauses waren, wie
wie einen Schleichhandel auch gutbezahlte Privat- mir der Hanrlelsagent, ein gebikleter und wol-
praxis.) Die Besorgung von Medikamenten ist erzogener Mann, auf mein Befragen berichtete,
äußerst. umständlich vor zwei.Jahren im harten Winter geborsten und
De¡n: Fremden erscheint das Leben des-Russen die Bewohner des Hinterhauses mußten seither
mitunter als ein grauenhaftes Rätsel; für das er, jeclen Morgen den Inhalt der Abtritte in Käbeln
keine Lösung za finclen vermag. Geht er herum aus ihren Wohnungen entfernen. Die Wohnung,
uncl beobachtet, wie der russische Mensch lebt, in der ich das Säckchen abzugeben hatte, lag im
so wird ihn bald ein Schauder erfassen angesichts tlritten Stockwerk. Die Treppen wiesen die Spuren
der unbegreiflichen Vernachlässigung, in der sich tler Abfälle auf, die Monate, Jahre hindurch über
auch der kultivierte Stäctter zu gefallen scheint. tliese Treppen hinuntergebracht worden waren.
(Ein Charakterzug dbs Russen, der sich nicht Remont I Aber nicht der Industrie allein. will
erqtin der Revoluti,on gezeigt hat, aber sicherlich mich bedü'nken.
duùch das zunehmentle Elencl entwickelt worden -
i*st.) Ich habe in Wohnhäuserrr der ehemals wohl. ie Nacht in Fetersburg is:f; schwarz. In Mos.
Éabenden Klasse, Dinge mitangesehen, Zustände kau ist sie hell. In Moskau brennt nachts viel
aufgecleckt, die jeder Beschreibung spotten. Licht in den Straßen bis zum hellen Morgen. Es
Auf meiner Reise nach Rußlancl gab mìr ein geschehen wenig Verbrechen. Man kann ohne Ge-
Amerikaner, der in Reval ansässig war und mir fahr stundenlang durch das nächtige Moskau
einen Gefallen geleistet hatbe, ein Säckchen gehen. lVir, tlie wir, Tschitscherirrs Arbeitsstunden
mit Reis für einen Verwandben mit. Ich gab die- folgencl, allnächtlich um drei oder um vier Uhr aus
ses Säckchen in Petersburg ab. Der Verwandte dem Auswåirtigen Amt nach Hause gehen mußten,
des Amerikaners. war ein ehemaliger Ìlandels- können es bekunden, d.aß rliesicherheit inMoskau
agent, tler mit seinem Sohne uncl seiner Wirh eine vollendete ist. In vielen Häusern sieht man
schafterin im Hinterhause eines vierstöckigen, in bis spät in die Nâcht- beleuchtete Fenster, dahinter
eine¡. vornehmen Straße cler Stadt gelegenen Ge- tlrängl, sich Kopf an Kopf. Das sind die Klubs der
bäudes wohnte. Er war aus seiner Wohnung nicht jungen Arbeiter, rler Proletkull; ihrer gibt es viele
:rertrieben worden, und auch seine Möbel standen in allen gr'oßen Straßen der Stadt. Riesige Go.
eoch in den Zimmern. Als ich rlen Eof durch- bäude erstrahlen die Nacht hindurch in Lichter-
querte, der das Hinterhaus von der S[raßenfront glanz aus allen Fenstern: Ämter.
1?8 1?9
Kommst du. am Kreml vorbei, so:, siehst du die Herrun über große Güter, W'ald, Gruben, Fa-
Nacht ftir Nacht ilie Fassatle zur, Glinnaja übe¡ briken, Hä,user, sind expropriieri; clie Mitileren
dem Alexandergarten hell beleuchtet., Dort .sitit . leben in,'Angst untl Gefahrvon dem, was sie
al ¡nächtlich das Exekutivkomitee beiSammen. Eine r
:beiseite geschafft,'verborgen haben uncl nun auf
geringe ZahI von MenscËen håilt dort d.iø ZúgeL Schleichwegen veikaufen; das clem Proletariat
der,Macht in eisernen Håinden. Dort vollendet sieh benachbarte Kleinbtirgertum isi vernichtet untl
ilas,Geschick eines großen Volkos. ,schlimmer dran als welche leiclende Klasse
immer. wenn es bei den Voraussetzungen seiner
'' ät.*uiig"n Lebensfübrung bebarrt' Der Arbeiter,
tler Soltlat aber kämpft hart uncl aufopfernd um
Bourgeois den Sieg des Systems.
Wie lebt die Bourgeoisie, wie bringt sie es zu-
s versteht sich von selbst, daß mit tlerMachL rwege,' ihre Existenz, unter den' ihr auferlegten
I-z ergreifung durch das Proletariat clie Auflösung Betlingungen weiterzufristen? Man kann, wenn
cler Klassen nur angefangen hat, nicht vollzogen man sich über tliese Frage von Leuten aus der
ist. Das Proletariat, das das Selbstbewußtsãin ehemaligen Bourgeoisie belehren läßi, das Wort
der herrschenden Klasse erlangt hat, ist"prole- ,;Koschmar" mindestens so oft hören, wie man
tariat geblieben, das entrechtete Bü¡gertum, clas sonst das W'ort ,,Remont" zÐ hören bekommt.
seinem Machttrieb nicht wie ehemals Genäge Koschmar ist ein russisches \{'ort; es beileutet
schaffen k'qnn, ist Bürgertum geblieben so viel'wie tlas französische ,,Cauchemal", d. h.
ihm innewohnenderlVesenszug ist aber nicht - sein
ge- Æ1. Dle Bourgeoisie bezeichnet ihren Blsen-
schwunden, sondern hat sich unler dem Druck s o gär ,wdrtigen Zusta.ntl mit tliesern \{'ort unil jeder
in verhängnisyoller Weise entwickelt, wie ich das Tag, der vergeht und das System des Kommunis'
bei der Erörterung des überraschenden Gebildes mui befestigen hilff stößt sie tiefer in'ihren
der.s ogenannten rrSowjet-Bourgéoisie" darzustellen schauerlichen Traum hinunier, denn sie sieht die
versucht habe. Die ohersten Sçhichten der alten Zeit nahen oder hat qie bereits erreicht, in der
Gesellschaftsform: Dynastie uncl Adel sind, so- nichts mehr in'den Kellern vergraben, in den
weit sie nicht lanclesflüchtig geworden, auf den Schrânken eingesperrt sein wird oder ist.
Standard derr entrechteten Boufgeoisie hinab. Ich habe,'zumelst bei Nacht uncl Nebel, Briefe
geclrückt, teilen das Los de¡ ihnen ehemals unter- untl P¿kete aus Deutschlantl, Õsteueich untl Est-
.worfenen Klassg, sind aber im allgemeinen noch land,an Petersburger und Moskauer Bürger ab'
schlechter daran als diese, nämliðh zurir Vege- gegeben, tlie mir von Verw'anilten tlieser Leute
tieren, und zur Agonie,verurteilt. ãnvertraut worden sincl. Dabei habe icb tlÍe
ehemalige Bourgeoisie 'in ihren Behausungen,
'Was
ich in Rußland erfahren habe. kann ich
¡lahi¿ formulieren: die Mächtigen voá ehemals, Lebensgewohnheiten untl ihrer Gesinnungsprt
18û 18L
kecaeegelenrl Zufâlle kamen hinzu, dis mich mit rl. b. um 1000 Rubel weniger, als ein Pfund
Meosehea a¡rs den höchsten Schichten rles ehe Butter auf der ,,Suchatewka" kostet, hat trVeib
æaãigea Bürgertums zusarnmenführten. Außer. unrl Kinct untl muß aus seinem kargen Besitz clies
de,m habe ich bei hellem Tagesticht Leimruten uncl das verkaufen, Leinwand, Pelzwerk, kleinen
ausgelegt. bescheidenen Hausrat einer kargen Bequemlich-
Diese Leimrufen waren clie in meinen Baeilek'er keit; auch eine Postka¡tensammlung, die er sich
eiagehefteten Starltpläne. Ich legte sie an schönen in óeutschlantl angelegt hat, gilt als Notpfennig'
Septembermorgen auf dem plalze vor dem Mos- Ich fragte den Bleichmeister, wieso s", iler ehe'
kauer Großen Theater aus, und. balil fingen sich malige organisierte Sozialclemokrat der Partei
auf meiner Bank beschäftigungslose Bür[erliche, Deut-schlanäs, sich dem Kommunismus gegenüber
-¿ber auch schwänzende Beañrte und
iapyros_ so âblehnená verhalten könne ? Er antwortete
rauchende,,,pausierende., Arbeiter. Einö Èég.g- mir: ,,Seit ich verheiratet bin, gehe ich-mitmeiner
n¡ng unter freiem Himmel ist gefährlicher -ais Frau'in clie Kirche." Von ihm erfuhr ich die
eine zwischen vier \Iränrlen; ,ñuo darf dem Methoden, die einer beobachten muß, um am
ehrlichen Gesicht nicht ohne weiteres Vertrauen Leben zu bleiben, wenn der ,,Pajoh" nicht aus-
schenken; es kann einem passieren, daß, wenn reicht. Von ihm hörte ich auch zuerst tlas Wort
,,Sucharewka", das mir noch unbekannt
man clen Hut lüftet und siòh in ctie Anonymität war,
-zurückbegeben
will, aus der man einen Áogen- índ clas ich ín den nächsten Monaten häufiger
blick lang aufg-etaucht ist, der ,,Fremdling..ïit zu hören bekommen sollte als die Worte lìemont
dem Baedekerplan sich als Gehéimaeent .zu er_ untl Koschmar zusammen genommen.
ke_nnen gibt unrt die Beichte dem Ëeichtenden Sucharewka heißt der l\Iarkt, auf tlen ich
rffeise
schlecht bekommt. Aber der \ü'unsch, mit jemanrl bisher tles öfteren in geheimnisvoller hin-
zu sprèchen, der von ,,draugèn.. kommt, schlägt, gewiesen habe. Bs ist ein ehemaliger Sonntags-
wie ich mich überzeugen konnte, Êogar d"i; iröclelmarkt uncl befinclet sich auf dem äußere'n
mahnende Stimme cler Vorsicht niede{ die ja Boulevartlgürtel Moskaus in cler Nähe des Roten
besonders in Moskau laut genug ertönt.. . Tores. Hiãr kann man von früh bis späi eine
Der erste, der sich auf dem Thãaterplat z zu mir rlicht geclrängte Menge, Tausende tauschen, feil-
setzte, war ein Kleinbürger. Er hatie vor dem schen, kaufen, verkaufen, sich gegenseitig be-
Krieq dig gutËezahlte St"lluog Enes Bleich- wuchern uncl bestehlen sehen. Es igt tler ge'
meisters in Glogau -inne gehabt, *a, dann als rlulttète Markt der großen Staclt, der, da ja alle
Spezialist in seinem Fach áach Rußlanrl zurück- Läden zugesperrt sintl, die Verteilung vonLebens-
gekehrt und hat in einer Leinwandweberei bis mitteln oîd- Gubtuuchsgegenstähden aber bei
sar Revolution 1000 Rubel monaflich verclient; weitem nicht tlen Betlarf des verarmten Städt'ers
Gegeawärtig gehört er Aer franspã¡üarbeiter_ decken kann; unter den Augen cler Sowjets be-
gewerkschaft an, verclient monaflich Z000Rubel, süeht undl blüht wenn aucb zuweilen grirnmige
-
Læ ,tr83
Razzien uad }-erhafiungen
von Kåiufern und.\¡sr-
HF"T yorgenommen -u¡erden oo¿- ¿i. Außer-.
Stanrluhren, Parfümfläschchen, Ringe, Seirlen-
'schals, Operngläser, Samoware und emaillierte
o¡deniliche Kommissi,on Gefänjnis.i
noster on¿ Löffel, kurzum alles, was zu ëiner erhöhten
Kln"enhationslager mit Sp.t'otãnt.r, neu auf_
füIlenkann. : i;,lj ii,¡l Èffi Lebensführung unerläßlich ist, erstanrlen. Zu
Bauera kommen aus der Umgebung 'beiden Seiten dieser bürgerlichen Doppebeihe
hierher standen und saßen Verkäufer von Eiern, Obst,
u1f ]{ten Lebensmiter atrer Àî;;tÌ,'B;;_i
mit Gebrauchsseeenst?iroden Speck, Weißbrot (von dessen Beschaffenheit sich
"einãï
*irÉ uinigã
Werst.lalg unõinänder; S.nui.nfr'en¿f", Tausende im Vortibergehen durch einen Finger-
stopferr abdruck zu überzeu_gen suchten), Zucke¿, Hefei
sich clie Taschen mit Gegenstenãen-'von,
die die Käse, Fleisch; Buden mit Wurststückän, ge-
Bourgeoisie, an einem geschtitzteo Teil
deriSucha- schmorten Gurken, prasselten unrl zischten in der
*r.k? in Doppelreihen aufgestellt,-an den 'Wintersonne;
zu b_ringen sucht. Als ich ,ü* .rriuo-Male Mann. da gab's Grammophone, Stiefel,
dieses Kinderwagen, Mantlolinen, Lehrbücher der
klägliche Spatier betrat, *"r"n áìã".Tsien,
die ich Chemie, Gounods'Faust", Banrlzeug, Bleistifte,
;ll[:Íj:',9io'...longu, verhärmt. F;;; i" ã"*
Ä.le.toung, ctre, über_den altes Papier,' Fahrräder, Küchengerät, Heiligen-
Arm gelegt, ein altes-Ball-
kleid aus Tüil uncl auf ae, 'Spitä ìf,i"* biltler; auch konnte man bemalte Schüsseln untl
gereckten Zeieefingers einen .mit Schöpfkellen, Siebe, Spielzeug und Bürsten er-
itioo.o' ning"*por_
giogrn kleinen Stein den passanten zum stehen, Zeagen einer heute fast vollståinclig ver-
hinhielt. Neben ihr stancl ¡n, ,nti¡s.lerVerkauf ,schwunclenen Hausindustrie, deren überbleibsel
lockiger l!1abe, der in seinen ;ã-"i". blond- abnorm teuer bezahlt werden. Ich selber besitze
Schale _
als Anrlenken,an die Sucharewka einen primitiven
ausgestreckten Händchen einen
Gummiba[ den hölzernen Hampelmann, der ehemals, wie der
Passanten zum Verkart ninlillt.-'f;,
diesen Verkäufer mich versicherte, clnei Kopeken gekostet
ersten Tag hatte ich damit eigenttich
g"ìog. bat, und tlen ich mit 1000 Rube,ln'nicht ä-ber-
Aber cla die Sucharewha ["ñ;."h,
Minuten rnäßig ,teuer bezahlt habe.
von meiner \ü'ohnung in der M;ry
b#üonjewsky . Panik auf rlerSucharewkall Mit einêm Schlage,
Pereulok entfernt war, besuehte ich
noch cles öfteron. Icii ging gegei den Markt geheimnisvoll aufflackernd, verbreitei sich tlas
iiparti"k. Gerücht irgerllwoher: die Roten'seien'im An-
ybo¡ ziemtich abgesrum[ft"¿oi.i-¿iJ Spatiere
der Bourgeois hin ùn¿ wiËaer, k;;ft";;", marscbl In wilcler Hast beginnen die Verkäufer,
úiçhts, ihre Waren zusammenzuraffen, die Käufer ihre
sontlern sah.zu, wie anderela;- ïã**gten.,Es
w¿ren zumeist Bauern, rlie ihre Taschen zuzuhalten; alles duckt sich, um in der
Lebensmittel Menge möglichst unbemerkt zu verschwinden,
-vorteilhaft losgeworden \Maren ,;J
"il;it h¿nd_
Sgk-"? rauseñdruberbünd;i;;- ãi"* J¡ä"*,
schiebt sich, stolpert äbereinander hinweg. Ich
Stiefeln zogþD, von einem ,oi.-uiJ"rî ¡r,r.¡ stehe neben einem Burschen, der tlrei eiserne
girrgea, Bettstellen in einer Reihe aufgestellt hat unrl auf
1&¿
r85
Kã.uJer warüet. Der Bursche -hat einen Strick zugehen verrlammt w¿ren. Ich habe diesem
*JF çËrtel um die Hüften geschlungen: rasch wje
cler Blita windet er sich rliesen Strick vom Leibe,
Bleichgesicht als Gegenleistung eine Stunde Unter-
zieht iha wie eine Schlange durch die Gitterstäbé richt im Kommunismus erteilt; aber außer ver-
ay Kgnfencle aller d¡ei Betten, spannt sich dann
zweifeltem Kopfschütteln bemerkte ich keine
als Pferd vor dieses sonderbare -Gefährt uncl be- \Uirkung und gab's auf.
glant, in wilder. Hast einer Seitenstraße zuzu- Von ihm erfuhr ich dann noch, tlaß es für Ar-
galoppieren. Hinter ihm hüpfen clie drei Bett- beitswillige nach clen Amtsstuntlen gutbezahlte
stellen über das- Eis. Einige Minuten später stellt Privatarbeit gibt; über die Art clieser Arbeit aber
es sich heraus, tlaß die Furcht, die ãie Sucha- konnte ich wecler von ihm noch von anderen.
¡ewka im Hanclumd¡ehen gesäubert und entvöl- die auch in der Hauptsache von solchem Extra-
kert hatte, unbegründet wãr, rind bald rlarauf verclienst lebten, Aufschluß erlangen. Männeruntl
steht alles wieder auf seinem platz, feilscht, Frauen, gebildete uncl sprachenkundige Leute aus
handelt, bewuchert und bestiehlt siôh gegenl der ehemaligen Bürgerklasse arbeiteten in fremd-
seitig.. . ländischen Missionen oder übernahmen lite-
rarische Arbéiten für Ausläniler; wie aber lebten
_Die blinde Angst vor den Roten, d. h. der tlie Abertausenden, auf welche Weise fristeten sie
Kommissionl Der Bleichmeister sagte mir so:
,,Nun_ ja
ihr Leben ? Vielen verschloß Scham und Angst
- er hat das Hünclcheñ, ich aber
habe keines. Darum darf er mich veihaften unil den Mund. Ich stellte schließlich keine Fragen
darum darf ich nicht spekulieren. Er hat einen mehr, sondern'gab mich mit clem zufrieclen, was
besseren Pajok als sogai der Soldat an der Front. ich sah, ahnte uncl emiet.
Ich aber habe kein Recht zu leben. Wenn ich Mit einem Arzneipäckchen betrat ictr". einmal
meinen letzten Löffel verkauft habe, dann wird ein Bürgerhaus, in dem eine größere Teegesell-
mein Koschmar zu Ende sein, dann wercle ich schaft gerade mit Kuchen und Zuckerwerk be-
mich nieäerlegen unrl nicht móhr auf die Sncha- wirtet wu¡de. Der Flügel stantl im Salon, die
Bikler hingen an den Wänden, die ,,Herrschaft"
lewïa gehen müssen, auch r.neine Frau nicht. hielt Dienstmägcle, die den Herrn cles Hauses mit
Er hat das Hündchen unil wird weiterleben..,
Ich fragte- nach einerWeile, was denn das ,,Baxin" anriefen; ein Kindchen in spitzen-
-chen" ;,Hünd- besetztem Kleiclchen tummelte sich auf .dem per-
sei ? Darauf wies er an seiner HüÍte clie
Stelle, wo clie Leute von iler Wetscheka ih¡en sischen Teppich und lächelte den Besuchsr
Revolver am Gurt tragen. Für den Bleichmeister freundlich und mit rosigen Bäckchen an. Ein paar
bestand die Menschheit aus solchen, denen das Hâuser weiter kam ich eines Abenrlç in ein Haus,
Eündchen verliehen worden *ar, áiesu hatten in dem ehemals wohlhabencle Leute, einlngenieur
¿Ile Rechte, und aus solchen, ctie iein Hünclchen mit Frau und Tochter wohnten,' tler Herd stanil
h,ahen ilu¡fteu und darum im Koschrnar unter- leer uncl kalt, die Frauen sahen verhärmt und ver-
hungert_rlrein. Die bare Not schrie von Tisch
1S
187

\
,uad Wantl, und wenn Mutter oder Tochter rlen
'krarLen,Táter in' der Klinik besuchen wollto4 geführt werden mtissen - Räckkebr zu dem
Wesen mittelalterlicher Hausindustrie, wie man
&snñté es im¡ner,nur eine tun, weil die anderé
,,denperl, . ohne Schuhe; daheim bleiben sieht I
mußte. Einmal ,hatte ich Gelegenheit, einen aus der
Woher kommt es denn,.daß sblche Vermögens_ phemals mächtigsten Oberschicht iler Bourgeoisie
ubterschiede, denn anders kann man es;a ñicht
st¡immenden Patrizier in seinem Heim und bei
nennen, zwischen Individuen der, wie man', an_
nehmen muß, gleichmäßig entréchbten Bour- seinen Beschåiftigungen zu sehen uncl zu beob-
geoisie klaffen? Ich geberzu, daß cliese Frag6 achten. Da steht vor meiner Erinnerung ein
alter, Mann auf, ein Mordskerl, ein, clurçh Er:
einigermaßen naiv klingt uncl vielleicht auch mair_
grbung, Lebensumstänile uncl den bestimmenden
chem ein Lächeln enilocken wird. Es isi aber
eine_ Frage an die Apostel des Systems. Wehn
Zug der Zeit aú die Höhen cler Macht gehobener,
jetzt mit, einem Hieb in die Tiefe geschleuderter
die letzfen noch vorhandenen Habieliekeiten dêr
nierl_eren Bourgeoisie nämlich gegen Lõbensmittel
Herrennrensch, der auf seine Weise im Kampf
an.-die
mit dem Schicksal sich zu behaupten sucht und
abgegeben sein werrlen, wird ein '
-B1u-e1n
Teil, vielleicht es auch zuwege bringt.
gerade dér':s6¡¡yollste der ehe-
Erlempfing uns auf dern Gut,rdas ehemals ihm
'maligen Bourgeoi,siþ wol ;¡proletarisiert,, sdin .- gehört bat, untl als dessen Vervalter er belassen
a.ber,
{þ Spekulaäten, die, Kapitalkräftigeren der
ehemaligen Bouigeoisie wbiden immer noch wurcle:' ein, hochgewachsener, kerzengerader
Greis von etwa siebzig Jahren, so stand er auf
"obenauf schwimmen und ihre alten Lebens- .der.Veranda seines Landhauses, aus dessen Fen-
gewohnheiten wie auch die Fotmen ihrer äuße-fen
Existe_nz keineswegs aufgegeben haben. W;nn
- stern fremde, dort einquartierte Proletarierfami-
w'ird diese Schicht der Bouigeoisie.und mit wel_ lien blickten, und um das'das herrliphe Herbstlantl
cþen Mitteln zur Kapitulation gezwungenwerclen?
des Moskauer Gebietes sich farbig und warm er:
Eit_ utopischer Gedanke besagt, daõ, wenn erst
streckte. Der Alte. stancl in seinem abgeschabten,
_- von Ercle und Baumharz fleckigen Kittel, in, Bast'
{!e Ha}setigkeiten
die gegenwärtig
der ehemaligeni Éourgeoisie, schuhen äbe¡ derben Socken vor uns. E¡ sah mit
_sich bereits zum größeren Teil rasierter Oberlippe aus wie ein Amerikaner. Er er'
in den Händen der Bauernschaft b""fiod"o, ou"-
braucht unil verfallen,soin werden unrl falÍs bis zfülte uns,auch sogleich, wie er dazu gekommen
par, seine Oberlipþe zu rasieren: er war nämlich
dahin clie Arbeit in den Fabriken und dio Be-
bauung des Bodens'nicht nach dem prinzip der
erst vor kurzem aus dem Gefãngnis entlassen
einander in der großen Gemeinschaft stützen- ''
¡vortlen, in das man ihn - wohl wegen irgentl-
weleher Verabredungen untl Zusamripnkünf te mit
elen Menbchen ilurchgeführt sein wiril die
EersteUung tles, Notwénrligsten im Hause-selbst þhemaligen,Illillionärsgenosseû und sonstigen Ge:
unil clu¡ch clie'Bewohner clãs Hauses wird clureh_
genrevolutionärsn derselben Gesellschaf tsschicht
für,vier Monate eingesperrt hatte. Inl' Gefängnis
-

18Ð
gah's aur Sdachorka zu rauchen, davon färbte
sich Prusten uncl Geschnaube zu hören waren. ,,Der
ryia fe\urbart.grän, was seiner Frau im höch-
sÍen ür¿de unerwünscht zu sein schien. Er hatte
Stolz meiner alten Tage l" sagte der Alte uncl
wies init dem Finger auf einen jungen Zuchtstier,
sich darum ,,kurz entschlossen,, die
r**jrtt uncl lief jetzt, wie er sagtg alsOberlifpã èin ganz junges Tier von edler Rasse, das bei I
ein voll- unserem Anblick mit einem Satz aufsprang. Der i
endeter
_Pavian herum. Der Alig' ehemals Be_
I
Alte zog clie wiclersdrebende Bestie beim Schnau-
sitzer der größten Textilfabrik'-im Moskauer zenstrick ins Freie, hielt sie kurz und scharf, r

Gouvernemenl hat eine Woche nach seiner Haft-


Auge in Auge, und nun begann ein Messen der
enJlassung im Zentrotextil einen Vortrag j
über Kräfüe dieser beiclen Rassetiere, des alten, un-
sein_ eigenes Fach, die Fabrikation von,Männer_
gebrochenen Mannes und des jungen gefangenen
rterdungsstoffen gehalten _ eben vor jenen
j

mlssaren, die ihn enteignet und miitelbar ins


Kom- Stiers. Es war etwas Wunderbares in seiner
Grimmigkeit und zugleich in dem versteckten I
ì
Gefängnis gesetzt hatten-. (las macne ihm I

W-esteuropa einer nach!)


¡ i- in Sinn tlieses Kampfes vonNatur undNatur, Urkraft
'gegen
l
l

Urkraft. Kurze zärtliche Flüche warf der :

Samowar untt Gläser, aus denen wir .A,pfel-


Alte'zum ungebärdigen, bockenden Tier hinüber.
schalentee zu trinken bekamen, waren verbeult
Dazwischen, nach unserer Seite, fortwährendwiltl
gld gesprungen. Ingrirnmig tächelnd ."t.ã¡"i. hingeschriene Brocken tler Anklage und Bmpö' lr

digte sich der Alte: ein her¡l-iches Teeservice, das


rung über das ihm widerfahrene Schicksal. Wir
ihp einst vom japanischen Botschafter'und sollten es uns merken, claß wir im Hause eines
I

i
:

sernem Stab verehrt worden war _ er hatte I

die Mannes standen, dem Unrecht geschehen war I


Her¡en seinerzeit eirie Woche lang ãuf seinei
Datsche bewirtet
Auf tlegr Rückweg über die Veranda des Hauses
- war vo¡ kurzem"um ein paar
Graupen und Kartoff.f" au" 'W"t
bemerkte ich auf einem Lesepult im offenen
ljyd,lrdrschen
¿ues Y.h], gegangen;
er hatte es einfach aufi
Fenster .tles Schlafzimmers des Alten' Chamber'
Iains ,,Grundlagen" uncl die ,,Geschichte der fran'
gegessen; der Alte klappte seine gelben
Zähne zösischen Revolution" von Louis'Blanc.
aufeinand.er, um zu, zeifen, *ie rñao Þorzellan
Auch in trwanbwo-Wosnessensk begegnçten wir
kaut. Nach der Teestunáu iüt.t" u, on, in den
solch'eir¡em Verwalter seines eigenen Gutes. Dies-
Park, um uns den letzten Trost seines Daseins
mal war das Gut ein Museum, und sein Verwalter
vorzuführen: den überrest seiner ehemals
weit_ hatte es im Laufe seines Lebens aus allen fünf
be¡tihmten Viehzucht.
Weltteilen an diesen Ort und in seinen Palast
Wir traten in den-_verödeten Viehstall ein, in zusammengeschleppt. Obzwar dieses Museum
de?. eine- bejahrte Kuh und ein eiãnåes falb
eine der reichhaltigsten Sammlungen von Frei-
die. Krippen rieben. Oe, Átu-ging an
:l:!
cuesen1r"vorüber, ohne sie eines Blickes zu wür_ ,maurerparamenter¡ -geheimbüchern, -emblemen
und derartigem mehr enthielt, war es wertlos,
diseq einem besonderen Verschlage ro, ¿u- weil es ein von einem geschmackunsicheren
190
"or
191
llenschen, der offenbar mit Millionen um Besucher. den ûbermut rler. Bèsitzenden uncl die
sich
wedeq honnte, zusammengestoppeltes S;;;1, Entrechtung des Arbeitssklavenvolkes so recht
rysi¡¡æ yon Kunstwerken, ã¡er âücl von Kitsch, greifbar vor Augen führen. Dieser in Rußland be.
e-og^olliscli interessanten, aber auch fü; R;i: sonders zynisch demonstrierte Kontrast von tief-
*:tg" fabrikmäßig hergestellien,,AndenÈen; ;;;- süem Elencl und verbrecherischem überfluß be-
steuæ. Uer ,A,lte, ,rein Närrchen,,, wie ihn die schwichtigt clen berüchtigten,,Gerechtigkeitssinn
' lilosnessensker mitieidig-liebevott oarrnten, der Intellektuellen", einigermaßen denn man
tette - dieser
uns. sein Fremdenbucb vor _ das war ,sein kann sich füglich fragen, wo denn Ge-
Zuchtstierl Im übrigen war er:nicht übel gelaunt¡ rechtigkeitssinn sich verkrocþen hatte, als das
zeigte keine Wut gegen clas Schicksal un¿ alte Regime seine Schandtaten auf solche Art
lobte,
sogar die Behördg dlq ihm gestaùtete, in verüben tlurfte" Auch wo keiàe barbarische über-
seinem Palast zu verbleiben..g, ladenheit, kein sin¡l,oser Prunk von Marmor.
und" darüber zu
wachen, (laß seine Sammlungen nicht verfielen Malachit, vergoldeler Bronze und Rosenholz den
oder weggeschþpt wurden. Besucher ärgert, sondern ein scheinbar an den
besten Mustern geschulter Geschmack besticht,
Bourgeois, rlie an ihren W.ohnorten und in, kann. rnan bei näherem Hinschauen seine ent-
TlqΡh¡en Behausungen
I-¡t verblieben, d. h.
sich im Laufe der Zeiteä mit der Arbeiíerschaft
d.ie scheidenden Beobachtungen anstellen. In Moskau
"wohnte ich in d.em Hause eines ehemaligen Fa-
und
V"lk überhaupt qut zu stellen gu*oOt haben, brikanten. Es war mit erlesenem Geschmack er"
*:,T ureck am
Kernen Stecken hatten uñd daher uo"ú baut und eingerichtet; da war nichts, was das
nicåt zur qgzw.ïnggn waren, ist im großen Auge oder den Kunstsinn stören konnte. Aber im
ltrynl
ganzen kein Unheil wicleifahren. 'Wohnzimrner
Wuoo man aber des Bbsitzers hing ein Bilcl, das
$..iglrt_ in Kindergärtea, Klinik"n,-Àtt.rsneime, einen betrunkenen Fettwanst im Frack darstelltq
Proletkult-Klubs uñ¿ fómmi*ruriãt"--o*gewan- wie er sich mit blöden Augen im Salon eines
delten Villen untl paläste der Geflohenen be- Bortlells unter dem anwesenden Damenflor um-
suclit oder ¿uch nur von außen betrachtet, Iernt, sieht. Man kann clas Sprichwort vom Russen,
man bald die Ursachen aes traurigLn, ãler teines- der, leise geschabt, den Tartaren durchschimmern
wegs unverdienten Sòhicksals äer.Bourgeoisie, läßt, füglich auf den Bourgeois anwend.en, um
zúmal dieser ösflicbsteg verstehen. Iwanolo, clem Plebejer auf den Grund zu kommen und.
ein
Riesengrt, von Holzhütíen un¿- lal¡"Jå¡falenen inne zu.werd.en, welche Schr¡ld gegen das Prole-
Bara'cken, mit entsetzlich ungetflelh; tariat rlie russische Bourgeoisie jetzt sühnen
;;ä;;
losen Straßen, besitzt, seinern- Fabr"itøeotut
¡u- muß..:
nacb.oart, eine Villenstadt' mit Millionärsheimen, ines der wichtigsten
Ç Probleme des neuen Ge-
$e, aus.kostbarstem Material mit fabel- ,
l-..rsellschaftsau-fbaues in Rußland * wie über-
haftm Råumen und rororiosào "rricÀ-tet,
ntñrîil,ü.enîä- haupt jerler hommunistischen Diktatur
192
- ist dieses:
13 Eolit¡cher, Drei Monote iu Sowjoú.Bußtend 193
¿u-f welche W'eise s,ollendie nur unvollHommen man von ilen Wänden herab leqen, was der Zar
unterdrückten, -vielmehr bis zum Bersten zusadn- im Laufe seiner Regierungszeit in Offiziers-
mengepreßten Energien unrl Instinkls cler besiegten messen, bei Liebesmåihlern seiner Regimenter, in
Bourgeoisie im Schach gehalten, benutzt und ge- den Kaiser- uncl Königspalästen zu Berlin, Pots-
lenkt werden ? Der Bourgeoisie und gerade ihier dann, Rom, London und Lissabon verzehrt hat"
klassen bewußten Schicht wurde mit einem Schlage Nikolaus.II. scheint den Tafelfreurlen mit Hingabe
- (I* Badezimmer
genommen, was Machttrieb und Machtentfal- gehuldigt zu haben, håingt
tulS^
ihr ungezählte Generationen hindurch ge.
schafft hat. Aber dieser Verlust hat ihren Macht-
über der lVanne ein sentimentaler Frauenkopf mit
veilchenblauem Augenaufschlag.)
trieb vervielfältigt, nicht gebrochen. Vermuilich Was ich jedoch am bemerkenswertesten fand in
lebt ein revolutionärer (d. h. gegenrevolutip- diesem Arbeitsraum, 'war clie Aussicht aus dem
närer)
_Wille von wesentlich größeieiSprengkraft Eokfenster. Ihm gegenüber liegt, jenseits der
in derBourgeoisie, clie alles verloren hàt, als sio breiten Newa, nicht nur die Börse auf der
tlem positiv gerichteten revolutionären Trieb des Wassili-Insel, s'ondern auch, an die östliche
Proletariats, das zur Macht gelangt ist und alles Spitze der Insel gelagert, die Peter-Pauls-Festung
gewonnen hat, innewohnil Ein Ventil hat sich mit.ihrem vergoldeten Kirchturm, ihren Kasernen,
tler Machthunger der Rourgeoisie bereits durch das ihren ober- und. unterirdischen Kasematten und
Eindringen- der Sp-ezialisten in clen Sowjet-Körper Verließen. Aus der Umfassungsmauer der
gebohrt. Mögen dio Führer cles 'BolscLewismug Festungn nach der Newa zu, und gerade gegen-
zusehen, wie sie die Auflösung der Bourgeoisie über dem Eckfenster des Zaren ist ein Stück
restlos vollenden, und auf welche \4reise Àie aie herausgekerbt sieht man im Bereich der
Eutrechteten für den Gedanken gefägig machen, - ,clort
Fêstung ein kleines braun gestrichenes Haus mit
tler den Massen, durch d.ie sie eñtrecirát worden spitzem Dachgiebel. Dieses Haus ist dadurch be"
sind, wesenttich istt merkenswert, daß in ihm ehemals tlie A.ttentäter
gegen das Leben der Zaren, auf frischer Tat er-
Der weiße Terror und der rote tappte, dann jene, clie an einer Verschwörung
teilgenommen hatten untl nicht zuletz|jene, denen
I]m
Petersburger Winterpalais fährt,e mich ein man es zutrauen konnte, claß sie an êiner Ver-
Freuncl in den Frivatgemächern Nikolaus II. schwörung beteiligi wären, jahr+, jahrzehnte,
herum. Das Eckzimmer im ersten Stockwerk, zumeist lebenslang eingekerkert geseõsen haben.
geg,en die Brücke zur Wassili-Insel gelegen, diento Wöchentlich einmal wurde dem jeweiligen Zaren,
dem Zaren, besser gesagt den Zarðn als Arbeits- so erzåihlte mir mein Freuncl, ein Rapport vor'
.kabinett. NikolausII. hat dieses Gdmach mit einer gelegt, der über ilas Befinden und die Taten jener
A-nzall kostbar gerahmter .speisekarten im voll- Eingeherkerten genauen Bericht erstattete. Es Ï¡ieß
sten Sinne des Wortes austapezierL Hier ka¡rn_ d.a trnter anderem:'X. hat am vergangenen Sonn-
194 195
tag aefuea Sch?trlel ,an,der Mauer, an die .e.r ,ge" liche Dokumente, Reliquien und etliche . Kuriosa
sc&aoiedet isf einzurennen versucht, .hat sich' aËer veranschaulicht; der weiße Terror, den diese Be-
bereits wieder erholt. y. hat einen .Tobsuchts. kämpfer der Kommunisten wie einen eiLerigen
anf,ail erlitten, . diesmal erklärt der Arzt. daß
Schimmel koruentrisch um die Kapitale Moskau
der Anfall nicht simuliert sei, y. habe nunmehr gezogen und. verbreitet haben, zur Erinnerung
als unheilbar wahnsinnig zu gelter¡, Z. hat sich
spåiter Geschlechter festgehalten. Man sieht Photo-
bereit erklärt clie.Teilhabìr anãe" Verschwörung,
graphien aus der Ukraine, Estlancl, Sibirien;
ileren Bestehen er bisher geleugnet hat, zu nen- Photographien zerstückelter, zu Brei zerstampfter
nen, falls ihm 2¿ s,einer blsherigen Geiangenen- zu grauenhafl um Einzel-
kost,eine Zulage von ZuckerwerÈ uncl kandlierten
Menschenkörper
- vielsein
heiten zu erwähnen, Leben Ìang vergißb sie
Früchton bewilligt wirrl.
nicht, wer sich einen Augenblick lang in ihren
Der jeweilige Zar setzte unter diese Dokul Anblick vertieft hat. . .. Man sieht hier unter
mente seinen Namenszug, blickte wohl einerr anderen Raritäten auch den berühmten Tan¡renast
:Augenblick lang
nach clern"Lraunen Häuschen hin- aus dem schrecklichen Waltl bei Jamburg, Jude-
über. uncl ging dann, sich zum Ball umzukleiden,
nitschs Wald, mit tler vom Strick des Henkers
der in den Prunksälen auf der Dworzowy-Seid ausgescheuerten Narbenspur in cler rötlichen
seinen Anfang genommen hatte. Rincle -- darunter d"en Baumstamm, in den der
In anderen Zatenpalästen, dem Revaler Schloß Schreibens untl Zählens unkundige Henker mitsei
B:_- verrichtet gegenwärtig die Spitzhacke
7.
ihr Werk. Dort iif *ein tðil ¿es .schlosses nem Messer eine Rune nach cler antleren ein-
geschnitten hat * nach jeder Gruppe von l(om-
bereits niedergerissen
in,der zerbrochenen Mauer - rliekolleiten
vergitterten Fenstir
gerade den
munisten, die er oben auf jenem Ast vom Leben
zum Tode befördert hai eine. Im Holz sinrl
Bergabhang hinunter, während ich d'ruben auf
siebzehn Einschnitte zu ithlen.
dem Damm stand. uncl zuschaute. Dieser Flügel
Aber ¿uch Seltenheiten harmloserer Art be-
tles Schlosses war nämlich ehemals Gefängnis
[e- wa.hrt jenes erst im Zustancl der Entwicklung
yes1: Im_ gleichen engsten Zusammenhãog ,üit befinclliche Museum, interessantes M-aterial aus
dem l{achtbewußtsein dõr Herrschenden, in é"inem
den Archiven zaristischer Geheimpolizei. So einen
fär uns Westeuropäer schier unbegreifúch engen sorgfältig durchgepausten Briefv/echsel zwischen
zusammeniang stancl überall in diesem Lañde Haase urrl Leclebour aus dem Jahr 1916. Da-
die tiefste Erniedrigung der geknebelten Kreatur. neben eine'Anzahl Seiten aus tlem Aibum der
. ?u.
Pgtersburger Winterpalais hat zurzeit Fetersburger politischen Polizei: Porträts, im
erTuge serner pompösesten Räume dem neu- Profil unrl en face aufgenommen, von Ï,enin,
geschaffenen Museum der Revolution überlassen
seinêr Frau, Kamdew, Sinowjew und anclo-
miissen. Hier sind tlie Taten der Denikin, Jude- ren, nebst genauer Beschreibung. Untl cla¡ru
nitsch und Koltschak durch photographien, schrift_
eine große Anz.ahl bis ins letzte Detail minutiös
196
19?
ac$ezeichaeter Situationsplä,ne r"on revolutio. uncl Maßregeln revolutionãrer Körperschaften und
sãrea Gruppen in großen Städten unil kleinsten Regierungeî. anzuwenden. Diese in tlemagogi-
Frovineflecken Rußlantls. Solch' ein Blatt, das sch"er AbËicht geweckte Vorstellung verträgt eine
mit kleinen blauen unit gelben. Vierecken, sich Revision. Sis ãrscheint clurch d'ie neuerlich ge
kreuzenden Strichen zwischen einem Viereck bräuchliche, nur mit einer ancleren Farbe be'
und, clem anderen einer strategischen übersichts- ,tri"h*ou Bãzeichnung für Vergeltungsmaßregeln
karte gleicht, behanclelt den ehemalisen Revolu- der Gegenseil,e nur unvollkommen
'\T-ort
aufgewogen'
tionår, jetaigen Gegenrevolutionär bai'inkow und Denn das besagt ttas ,,weißer Terrot" im
seinen Kreis. Hier finclet man Sawinkow nebst Gebrauch btirgeilicher ltleologie anderes als: hät'
seiner Familie, dann seine Freunde, Gesinnungs- tet ihr mit item roten nicht begonnen, unser weißer
genossen, niiheren und ferneren Bekannten, ja" Terror wäre nicht in Erscheinung getreten' Der Be
sogar die entferntesten Bekannten iedes ein-' grit aesterrors aber kann, ohne claß d'ielVahrheit
zelnen seiner Familienmitglieder mitiamt den äadurch zu Schaclen käme, füglich verallgemeinert
DatengegenseitigerBesuche, empfangener und ab- und auch zeitlich ausgedehnt werden' Es sintl
gesandter Briefo usw. iir einem kalligraphisch immer kleine Gruppen, die, wenrr sie-die Macht in
UenAen halt'en, clie erctrUckenile Mehrzahl durch
.notierten, mit haarrlünnen Pfeillinien aufgezeich-
nèten Netzwerk. Dieses Btatt kann als Beweis für Zwang untl Géwalt im Zaum zu halten suchen'
die Vollenclung gelten, clie der Spitzeldienst des m Wä"t'erbeitgeber steckt Terror, wie im'Wort
zaristischen Rußlancls bei der Verfolgung aller Kâpitalitsmus üËerhaupt. Die Selbsths¡¡llshkeit
mißliebigen Persönlichkeiten erreicht.hat. Die sel- der Anstifter cles Weltkriegs, um nur erne selner
ben Archive bewahren in sauber seführten Re, letzten geschichtlighen Phasen zu neruren, hat'
gistern auch die Namensverzeichnisõe jener Heka- tten Terõr der Zwangsmaßnahmen gegen Leben,
tomben, die vom 22. Janaa¡ 1905, rlem blutigen Freiheit und Gewissen der Völker in einem bisher
Geburtstag der ersten Revolution bis zur Einberu- ungekannten Maßstab untl Zynismu-s gebraucht'
fung der Reichscluma im Mai des folsentlen Jahres IfJf,tt die Hortybanden Unganns, die. finnischen
dem Zarismus geopfert wurden. -Nach" unpar- \ileißgartlisten sich auf Vergeltunq - .die OÍfiziers-
ùeiischen Schätzungen belief sich die Zahl dei in cliquõn des ebertinischen Deutschlantls; die Hen-
clidbem Zeitabschnitt von tlqr Regierung Hin- ,ker Liebknechts, Luxemburgs und tausend ancle'
gerichteten auf 1000, tler Getöteten auf 14 000, rler ¡er, die Unterctrücker des amerikanischen Sozia'
Verwundeten auf 20000, der Eingekerkerten und" lismus in dem bisher ,,freiesten aller Konti'
Deportierten auf ?0 000. nente" sich auf Vorbeugung berufen, s'o ver-
breitern sie tloch bloß das Strombett ihrer eigenen
hat sich da¡an gewöhn! das aus dem jak'o Schreckensherrschaft, in clem die noch irnperiali-
R fut stisch-kapitalistisch regierte lYelt ihrem Encle
ÅYI bini schen Wortsch atz der französischen Revo-
Iution st¿mmende Wort ,,Terror" auf Handlungeu zutreibt"
rgg
198
-Diese Zeit scheint ftil Vergeburg, Einkehr, und dieses Recht behütet sie mit eifersüchtiger Sorgfalt,
Christlichkeit weniger reif, als welche darúbor wacbend, daß keine privateKorporation ihrMono-
uns'aus der.Geschichte bekanute immer;andere pol antaste. Die ¡taatliche Organisarion kåmpft auf diese
somit Årt um ihre Existenz. Es genügt, sich die moderno Ge-
handetr es sich im Gr-unde ;Ëtr-á;;,
' ã;ß l.* sollsohaft, diese komplizierte, widerspruchsvolle Koope-
Gerneinschaft,' die das Reich ãiî
Menschheitsiclee ration
- sagen zu wir in solch einem ungeheuren Lande
"einsten
*l¡- Aun
errichûen Verder_ wie Ru8land vergegenwãrtigen, um solort zur Er-
b_ern des Menschengeschlechts-
di":-WJtr" r* ã;;
-
kenntnis zu gelangen, da8 bei der jetzigen, von inneren
H1n*
.r.!tuge. Das-abe" u.rÀfr-*iå,'", ist ent- aoziâlen Widersprüchen zerrÍsse¡en Orduung Ropressalion
ganz unvermeidlich eind!"
,setzlic\ dies auszusprechen, *i;il;; nur durch (Aus cler Yerteitliguagsrerle Trotrk¡zs ia rler Sitøuig tler
Anwendung von G.ewalt. 'Es ñ
noch nicht götilich
à;; FJuch der Beeonalersn l)elegeüion tles Peterebuger Obergerichtsholes
ân 1?. OLtoboÌ 1908.) '
gewor¿enen,- Ãìi i.¿ir.nu,
!''esgn altzusãhr tetasþten c-eli;irä;fr, er triffl
den Menschen dieser.Tag" *iñ;;;ñ;rer
Hä,rte, is zum Sommer 1918 haben tlie BolSsbewiki
weil dieser Mensch sich-zu tiet inãËWahnidee
von dern Werte seiner Kultur vãr,strickt von der TodesstraJe keinen Gebrauch ge-
hat. macht. Sie war ja durch die ersten Dekrete rler
Auf tlem Kirchturm der peter-p"rìr-i;i*i6" _- Fötlerativen Republik abgeschafft. Die Bolscbe-
unser Haus Narischkin hatte ..inu -n""rh,
a* wiki haben sogar ihre politischeñ Feincle, ob-
jv.gqatai qegenüber, dieser rlt1ch;;'Hàu uorgem schon ihre Absichten klar zttuge lagen, shatt
blinkte mir ihr hettig vergoldeter Turmspeer sie einzusperren, laufen lassen, weil es mit d.em
$g.Aogqo
_- ist ganz obãn u" ae, Spitze in Grundgerlanken des Kommunisrnus unvereigrbar
eine
Wetterfahne angeb-racht. Sie Jurfi- uiåen,
fogut schiøn, aus Gränden politischer Ge-gnerschaft Men-
y_95 _der ein Schwert schwingt. De¡
unerhOrte schen ihrer Freiheit zu berauben. Dies erwies
Windstoß, der über
ließ diesen Engel eine |_r¡ßfand"
aaiiìgefegt hat, sich als verhängnisvoller lr¡tum. überaJl, wo
lVenrl".s;"'ià0 Graden solche gegenrevolutionär gesinnte Inrlivitluen in
beschreiben -l das Sct weil Teü.t
..gegen jene, die es für ewige
,i.r, genau F¡eiheit gesetzt rrorden warên, bilde,te sich sofort
udverbrüchlichen Besitz #h"il. -'
Zeiten in ihrer^ ein $erd der Verschwörung, und die 'Komrnu-
Die Kaso- nistische Partei hatte gar baltl ihre Toten, wo
qatten, Käfige, Verließe des ¡."o*o Håius. sie selber keine Toten auf dem Gewissen haben
chens; der peter-pauls-Festu"S, S.hürselburgs v'ollte. lï'enn man also rlen Bolschewiki vorwirft
u¡d all' der anderen- Folterkañi*"*'äu, tlaß sie heute, statt tlen Terror in seinen ,,mildeû"
gind,,4erbrochen, geschleift, - Zaren
abet.l.-- Formen auszuüben uncl sich mit der Einkerke-
: ¡Ich- weiß es. . . dlß- das Monopol rler Gewalt- und rung und Verweisung in Konzentrationslager
^
RepressivmaBregeln in ¡edem rnormalu funktioniereudon ihrer politischen Witlersacher, dann noch arm-
Staarswesen, una bhãngþ. lã¡ãr-ãoôäiå"no.^, ar. seliger Spekulanten uncl Saboteure zu begni,igen,
Regieru.og.+gehõrr. DaÁ"ist ihr-;;;";Lkiires" Recht
"o_o
zuweilen Menschen ftisilieren und mitunter sogar
200
901
ingroßer Zahl, so rlarf man d.arauf füglich mit drânsten F{rhrern mit allem Nachdruck vorwerfen
dem französischen Spruch antworten: ;;ß; i.tt daß sie bei der Wahl cter Exekutiv'
,,Qu€ Messieurs les assassins commencentl"
otn*u ihrer Außerordentlichen Kommission nicht
iuisichtig, vorsichtig genug verfahren untl darum
Ich für mein Teil gestehe, claß ich die Arbeit, Wittttit ï"d Uttuuistãncl oft genug waltet' wo
die eine rasche Kugel verrichtet, menschq.nfreund- n"ànUi.ttt.it und Einsicht die Energie in der
licher erachte, als clie -Arbeit, die lebenslåing- ffunAn"¡tng tles Apparates kontrollieren müßLen'
liche Einzelhaft an einern Individuum voltbringt niutu Au-"ßerorctentliche Kommission ist' man
auch wenn nach zehn Jahren Amnestie ihr ein fann ruhig behaupten, heute tlie oberste' nie-
Ende bereitet. Tausentlmal höher als das Leben **¿ ".
ãtuntåortlichô Behörcle Sowjel-Rußlands'
ver'
ist clie Freiheit zu achten, auch die physische F.rei- ü" f*" einen der fübrenden Kommissare
heit cler Bewegung, des Atmens, des Schweifen- n"ft"t, ãhne nahere Begründ'ungn ohne
irgentl-'
clürfens tiber clie weite Ercte . . . navigare necesse I wem áattir Rette stehen zu müssen' Bei Erklä-
Der Terror, tlen die Kommunisten Rußlands nrng des Belagerungszustandes übernimmt der
'Wetscheka
.
ausüben, trennt demokratisch fühlenrle Sozialisten loJfi.to**issai dei clas ober'
von ihnen (wie der von'ihnen eingeführte ver- komnrando tiber Stattt uncl Garnison'
--ilãt
schärfte Arbeitszwang auch jene undogmatischen, V"rtskommissar iler Wetscheka - cler Fou"
die in ihm nicht die vorübergehende durch Not q"lut-fi"ølf" der russischen Revolution - heißt
gerechtfertigte Maßirahme erkennen)
- Terror Ë.S.Ot"tt.hinsky uncl ist ein etwa vierzig Jahre
aber stellt gewiß eines der notwendigsten Mittel altet Mann von sanften, ja schüchternen Umgangs-
erhöhten Selbstschutzes einer belagerten Gemein- formen. Er hat, so su.gi man, längere Zeit im Aus-
schaft vor, die sich gegen den eigenen Feintl be iu*l.g"f"¡t, solt in-lYien, Berlin .u-ntl Zürich
haupten will. Sogar Kautsky, rler Kritiker der Dik- -t-¿iàT haúen und gilt als ein gebitdeter Ñtann
tatur, d.er von denBolschewiki alsRenegat inAcht ó" pttitttischer Úenku4gsart - unil..ihnclurchaus
ich
und Bann getaneTheoretikerKautsky hat, wie ihm ùi"*"ïtAfteiem Charakter. Man hat -
Trotzky das in seinerBroschüre,,Terrorismus und. *éiß nitht meb4, wer, aber ich bin sicher' es
Kommunismus" nachweist, in einer älteren Studie selesen zu haben - mit Franziskus von Assisi
tlenWietlertäufern rlas Recht zur Ausübung terro- iãtlti"n"o. Es ist bekannt, daß er im-.Warschauer
rislischer Maßnahmen zugestanden, weil diese Maß- Glfängnis tlie Unratkübel seiner Mibgefangenen
nahmen unter dem Druck der Belagerung Berechti- tägücË selber aus den Zellen gelolt uncl ent'
gung besaßen. Nun ist ja Rußland, wie Kautsky iãËtt n"t, ,,weil einer ilas Niedrigste für alle
wissen muß, eine aufs furchtbarste belagerte besorgen muß, tlamit diese anderen vom
'Ñi.atiittot
,anderen
Festung und muß sich wohl oder übel vor inne- bõfreit seien"' Ein Sadist tut cler'
ren Feinden der klee zu schützen suchen. Das gl.ì.n,;o sicher nicht. Als oberster Kommissar
aberr was der ethisch gerichtete l(ommunist den be- äor gefürchteten und wilct gehaßten Behörde tut
202 ' 203
Ðeerschinsþ meines Erachüens etwas llhnliehes : mir die entscheitlenclen Erlebnisse, ilber ilie mir
1r bemrgt das Bntset¿liche, aber unumgánglich - ão* ¿.t Lubjanka, Butyrka, tlem Àndronewski"
$õtige íq aler kommunistischen Gemeinschafl der Kloster eûUassene Kollegen mehr oder wemger
Rqierenilen. Nur sind es, hien wie a^nd.erswo, .mit Einzeþ
lf""f*titaige Bericht'e erstatteten, Ilecktyph-us'
ç'iederum die
_,,Spez'., noch dazu Spezialisten ñaft, Hungóstreik, Verlausung
-uncl
eigener Art in diesem Falle, rlie ttas oh-nehin ver. -
ffiehiteä, Zellengenossen untl se'e. lenfolternden
ru{ene Kommissariat noch tiefer in Verruf b¡in-, [intersuchungsrichi-ern, erspart geblieben sind" " '
Ben, die das ethische Momen! rlas der Terror_ Wenn die Feinde der Bolschewiki behaupten'
behörde__ebensogut wie der Roten Armeq wie rler lerror, clen tlie Kommunistei ausüben, habe
dem Volkskommissariat Rykoffs, das die lixpro- auch d.arii seine Ursache: daß das jahrhunderte'
priation durchgeführt hat, wie'dem Kommissa. Proletariat ¡eilem }lachttrieb
riat Lunatscharskys,, das die Kirche vom St¿at " ffi ""t"tArückte nunmehr itie
-
Züget schießen
ond nucnegefüht
getrennl, hat, innewohnt, sabotieren und. be, lasse so-ist ilas bare Verleumtlung !
flecken. Diese Spezialisten der W'etscheka _ es sol- -
Es sincl keineswegs Pmletarier, clie--im N.anten
Ien sich darunier attbewährte Mitglieclbr der zari. tles Prcletariats ttie Funktionen der Kommtssron
stischen Geheimpolizei oder der Schwarzen Hun- ausüben, sonclern eine bestimmte nichtproleta'
der tschalúenbefinden haben sich rler Kommission rische Éeamtenschicht, der eine starke Beimen'
- aus Not, sondern aus
wohl nicht ausschließlich o** von raffinierten, abenteuerlustigen, kalt'
algeborener Neigrrng zur Unterdrückung des Ë"UËt t"* und. sich an der Perversion tles Gen
Ìracnsren angeschlossen, und clie Kommunisten i'tints ergotzenden Intellektuellen eigen ist' Der
belohnen ihre Fähigkeiten, die sie bei der Ver- ¡lierzutañde aos Gefangenerùagern sattsam be-
folgulg der Revolutionåre unter dem alten Regime ["""t" ,,Unteroffizierstypus" spielt in diesem Zu-
entwjckelt haben, mit doppeltem pajok. Ott iin¿ ***unhung gar keine hoile' Die Besetzung tl-er
_e¡
abgr ganz junge Burschen " die von der so rnotwenAígõt B.hotd" mit geeignet'en Funktio'
-auch untl ge'
Wetscheka z.B. zar Beaufsichtigung von Bahn- ¡et* ist ge;iß eines der schwierigstenPraktiker
höfen verwendet werden; diese häbeä zumeist in¡ fahrvollsteln Probleme; daß alte zynische
Krieg ihrenBeruf entdeck! sind indes noch nicht
-it ¿* Amtshancllungen betraut sind, bleibt ge'
sattelfest denn manhö¡t von Mitteln der Betäubung, nau so betlauerlich wie clie Verwendung v9n un'
Kokain untl åihnlichem, die rlieseFunktionäre zur fti.higen, gegen tlie Regeiir der Psychologie ver'
Beschwichtigung etwa auf steigencler Gewissensnöto
zu gebrauchen pflegen. Meine Erfahrungen mit -
stoßenden Neulingen.
In iler zweiteñ Nacht nach meiner Ankun-ft
untergeordneten Agenten der Wetscheka hãben die in Moskau wurde ich von der 'Auß¡irorclentlichen
e¡süen Wochen meines Aufenthaltes in Moskau, tf"to*i**ion Dies geschah auf folgoncle
gesucht.
wie ich rlas im Anfangskapitel andeutete, genug, W"itãt Zwei Leute traten in einem ganz anderen
sam vergiftet. Ich bedaurè es keineswegJ; aoi im H'otel cler Delegierten der Inter-
"gr4 "¿iml"n
e84 20õ
-aa*íoaale
{ich wohnte rlamals am anderen Ende Scherz gemacht. Der Sitz cler Wetdchoka ist in
der St¿dt in einem kleinen Gasthof, in dem ,i".igen Bureauhaus an der Lubjanka' in
"itã* -ehemals eine Lebensversicherungs'
asslåndische Gefangenenaustausch-Kommissionen dem sich
tãseilschaft befunden hat. Hier
uatergebracht waren), in das Zimmer einos mir verschw^inden
bekannten Genossen ein, weckten ihn aus seinem îjele Personen, von tlenen man kaum weiß' aus
wohlverdienten Schlummer und fragten ihn, ob er *ãi.n.- Gruntle sie in Haft genommen wurden"
der Ilerr von der ,,United Press'1 wäre. Nun war nr t*" geschehen, daß man veihaftet wirtl' weil
dieser Genosse erstens nicht ich; zweitens bin tnan zur'Zeit einer Haussuchung bei Bekannben
ich nicht der Herr von der Unitecl press, son- ãã"t f,"tt"*, mit denen man gerade zu tun hatteo
dern vom Unitecl Telegraph; als der Genosse ver- ãit4.tt"t"" íst. Ich sagte: verschwinden; clas be'
cleu"tet keineswegs Auigeltrschtsein auf
neinte, fragten die Besucher, ob er im Zusammen- Nimrner'
*ìã¿utt.¡urr, *o,id"ro hãge uncl langwierige, Haft;
þng mit den deutschen Unabhängigen stände - so wurde mir
clies beruhte drittens wieder auf einer Verwechs- die Dekrete der ersten Zõit haben,
lung meiner Person mit der Person eines dritten ¡.tiãftt"t, für clie Erlectigung cler Fälle eine Frist
Genossen, der gleichzeitig mit mir in Moskau ein- von 24 dtunden festgesetzt doch geschieht es
-
"Verhancllungen
gegen Inhaf-
getroffen war. Als diese Frage abermals verneint ietzt, zuweilen, daß
wurde, gingen die Beamten fort und nahmen d.ann, ii.,t.-*."atelang hinausgeschleppt werclen, oft
um nicht vergeblich mitten in cler Nacht gekommenr aber gar nicht Átattfinclen, unrl- der Gefangeno
zu sein, viertens aus einem and.eren Zimmer die A*r, îintuch 'entlassen wird, ohne Entschuldi'
Notizenbücher eines vollkommen einwandfreien g."g natürlich auch ohne Entschädigung' .l

Kommunisten zur näheren Durchsicht mit. Dieses "¿


Ë. Ë*o auch passieren, claß man verhaJtet uncl ¡
ãis Spekulant behandelt' wirtl, weil man dem
l
Beinahe, diese Unzuverlässigkeit muß ebensoheftig l

getadelt werden wie die allzugroße SchJauheiÍ tiãtno^"g".o nahe, im Schleichhanclel ein Stück- l

älterer erfahrener Inquisitoren, von der andere aus cheo Käse otter Speck erstanclen hat, ocler weil
ihrer Erfahrung zu berichten wissen. Denn, wie ein Proletarier, tlessen Pajok auf sich warte'n ließ'
immer wieder betont werden muß: ist die Außer- .*f¡tt irgenawelchen a¡men Hausrat verkauft hat'
ordentliche Kommission auch von allergrößter wodotch" er das Prinzip des geltllosen Verkehrs
Notwendigkeil so ist sie als kommuniÉtlsche ilurchbnochen hat untl unter die Spekulanten ge'
Behörrlo doch nur bis ins Letzte erst gerechtfer- raten ist' Bei besonders eklatanten Fällen von
clurch einwandfreies humanstes Vorgehen und
-
Wucher untl natürlich auch, wenn es sich um un'
{gt
tlurch genauestes Fun-ktionieren des ganzen Justiz. setreue Beamte hantlelt, die von'ihren Befgg"
apparates. ;iÑ; verbrecherischen Gebrauch gemacht, Ge'
Bei derWahl desHauses; in dem daßKommissa- *"iog"t zlr eigennätzigen-Zwecken. verwendel
riat Dzerschinskys untergebracht ist, hat der Zu- habeñ, wircl kurzer Prozeß gemacht'
fall (oder war es Absicht?) einen grimmigen iViá umsichtige, a'usgedehnte l(on'
"otwendig
206 ' 207
. bøÅÍe Ëber alle ver¡tilchtigen, gegenrerolutionilren
seinem Gefolge hat. Am sc-hwersten gewöhnt sich
Elemente ist, haben wir- während. des Oktobers
die Bourgooiõie an diese Ereignisse, weil sie sich
þ þ_skau erlebt, als an oinem der letzten Ta€e durch tlðn Terror am nächslen betlroht fühlt'
dçs Manats- ein von ehemaligen Oifizieren där
Die Bourgeoisie, die unter den Za¡en clie ltakta
Zarenarmee
_ausgehecktes Koäplott aufgedeckt
" Schlússelburg usw. ohne besondere
wurde. Das Gebäucte rles Generâlsüabs soilte um Sibiri.t ,
Aufregung hinnahm, flucht jetzt aus gekränktem
die Stqncle, zu der eine wichtige Sitzuns fast aller r de r B olschewiki,
ethi scien"Bewußtsein dem Terro
l¡olkskommissare einberaumt ryar, ii ¿ie t uft nicht den hunclert"
fliege¡. Die Kontrolle über alle im Zénhum des der in seinen Ergebnissen
geplanten Attentates vereinigten rurcl auf wich. sten Teil von dem ausmacht, was der 'Ierror
cler Weißen an den Grenzen untl in tlen besetzten
tige Punkte der Staclt verteilten Gruppen der stark
Gebieten unter dem gesinnungstreuen Proletariat
orgarrjsierten und verzwêigten Verschwörung"
unct nicht l,atletzt' untér der Bourgeoisie anrichtet'
funktionierte vollkommen: am Abenrl hatte mai
Indes, wie ich sagte, man stumpft ab' Gegen den
plle,.einige Hundert, in der Hantl. W'as wäre ge-
An¡Hôk der Gefañgenentrupps, die man zuweilen
schehen, hätte die Kommission diese Verscnwo-
rung nicht rechtzeitig und resilos aufgecleckt unttt anlfrühen Morgeñ in der Nähe tler Bahnhöfe,
unterdrückt? Ich will es nieht âusmalen. was an der großen rotei. Gefängnisse, von wenigen-Be'
jenem Abentt allen Kommunisten ún¿ Nicht- waffñeten bewacht, tristen Zuges tlurch clie Stra'
kommunisten, jedem Bewohner Moskaus, ja Ruß-
ßen marschieren sieht. Gegen die Kunde von
Verhaftungen uncl Exekutionen von Personen aug
lands, was uns Ausländern in unseren bewachten
tlem weitõren uncl näheren Bekanntenkreis' Dag
Häusern widerfahren wäre. In der Nacht des
Fatalistische, das tlem halborientalischen Russen
ilenkwürdigen Tages ward der Belagerungszustand
über Moskau erklärt, Dzerschinsky tiberñatrm das
im Blut liegi, teitt sich,.auf tlem Wege tlurch die
Oberkommant[o über Stadt und Gärnison, und.um
Vernunft, ãie Aie Notwendigkeit eiserner Maß'
regeln erkannt untl einsehen gelemt- hat, gar
lwei Uhr nach Mitternacht wurde in der ganzen baÏcl unct in wuchtiger Schwere auch dem West:
Staclt eine große Zahl vorgemerkter personen ver.
haftet, darunter mir gut bekannte Mitbewohner europäermit...'
utrseres Hauses.
Tlesteht ein Unterschiecl zwischen einem Volks"
man_ in Rußl¿nd gegen die Folgen der
lJ h""t uncl einer terroristischen Regierungs'
fn¡t_.-
Y Y Not, des wirtschafilichen Niederganges,
behörcle ? Beicle vernichten Menschenleben, besei-
gegen das. eigene. und fremde Leiden-,¿uich tigen Feintle, clie sich an -der -Itlee-vergreifen;
einen Akt tler Notwehr der Natur abstumpft, so
rõholdig.tt Schädlinge im Lande selbst, als an
den Grénzen, das ist gewiß. Man l¿sse clie Bol'
*t¡-qft man auch gegen ctie Ereignisse uï,-die
schewiki in Ruhe ihre großenKulturaufgaben, dio
den Teno¡ hervorrufen, und. die ãer Terror in
ei,no sittliche Umwälzung cler Welt bedeuten,
208 14 golitsober, DrelMonateinsowJei'ßnßl*nê 209
1

t.

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i

.----:..'ffi :.. ..
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rnellenrtm. Die Mörcler tler ltlee an cleir Grenzen der heute als eîner tler Fûhrer d.es Bolsohewis-
mail die Heuchelmörder im Hinterland, tlie rlrau-
gæ mit Armeen uncl Blockatle auffahrenden und
mus grlt, welchen Einfluß clie Lehren, die
Persönlichkeit¡ das religiöse Genie Tolstojs auf
die ñeimliche Anschlåige schmiedenclen claheim das Werden des neuen Rußlantls geübt haben.
mõgen doch selber mit cler Humanilåit beginnen t Ich bat den Genossen, uns über das religiöse
,,Q.ue Messieurs les ¿ssassins oommencentt.. Problem zu belehren, das der Bolschewismus zll
_ loJange
Rußtand. einer belagerten Festung lösen hat, soll er aus einem politischen und öko-
gleicht, kann die Außer.o¡dentlicñe Kommissioñ nomischen System d.as werden, wofür wir den
nicht entbehrt werden. Solange der Kommunis- Kommunismus doch immer gehalten haben, näm-
mus politischer \{erkzeuge bedarf, um sich zu.be- lich ein Bekenntnis zur seelischen Gemeinschaft
üaupten, ist die Diktatur in jeglicher Form vonnöten. der Menschen, im wahren Sinne Religion. Der
Aber der Terror
- sei-ei auch
Notwendigkeit des Kampfes
unabwendbare'
rächt sich früher
Genosse schien über dieses Ansinnen nicht sehr
erbaut; er bemerkte kurz, die Passivität Tolstojs,
oder später und zwar nicht- an dem System ,,der ja preclige, daß man tlie linke Backe hin-
-
allein. Der Terror ist es, der den Kommunis- hglten soll, wenn man auf die rechte einen
mus der Bolschewiki daran behindert. aus einer Streich bekommen hat", die Lehre, tlem übel
politischen Richtung Religion zu werdent nicht mit Gewalt zu widerstreben, hâtte nichts
Heilig ist rlas Menschenleben, heiliger die Frei- mit dem Bolschewismus zu schaffen im Gegen-
heit tles Menschengeschlechts t In der furchtbaren tei!, sie entspränge ja geratle der- russischen
Zeit, die tlurch unser Verschulden über uns Passivität ilie der Bolschewismus auszurotten
hereingebrochen ist, kehrt jetzt clas Schicksals- uqternommen hat uncl was das religiöse
w9rt, dal Kam_pfwort: pein uncl Sichbehaupten zu Problem anbelangt, so hätten clie Bolschewiki
seiner schreckhaft priftiitiven Berleutung iur den sogar yor kurzem noch eine kirchliche P¡ozession
Menschen und den Menschheitsgettanken zurück. in Kasan (?) gecluldet; sie seien überhaupt tole-
rant in bezug auf solche kirchliche Schaustellun-
gen und Umzüge, vorausgesetzt, daß sich mit
diesen keine antibqlschewistische Agitation ver-
Religion bincle. Diese Erklåirungen befriedigten . wecler
'mich
noch rlen größeren T"it der Hörer; beson-
Frühjahr und Sommer Lg18 hörten rp"ir in
IfmBerlin in geschlossenem Kreise wiederholtVor. ders die Verwechslung voû Religion und Ritus
hat uns ziemlich vcrwirrt. Erst als"ich in Moskau
träge russischer Genossen, die uns über die angelangt war, merkte ich, wie leicht es in Ruß-
wichtigsten.Fragen der Verwaltung und politik land wird, Religion und Prozession miteinander
Sowjet-Rußlands .å,ufschluß gaben.- Nach solch' zu Yenflechseln.
einem Vortrag
l*gt* ich einmal einen Genossen, Die vierzigmal. r'ierzig Kirchen Moskaus und
210 21t

4
die yielen Tausende von Heiligenbilttem und ohne ünte¡brechung herunterhaspelt. Hier ist tlie
-åtrtärchen, die an allen ÏIäuserfassaden und. Religion wahrbaftig zur Maschine degradiert, der
ËtraBenecken angebracht sincl, halten die Bevölke- Menicb zur Gebettrommel, der Sinn tler Hand-
meg ín einer fortwährenden religiösen Erregung, lung verschwinclet vollkommen unter tler körper-
welche sich sichtbar darin manifestierl. daß die hchãn Übung; ttie Heiligkeit der mystischen [Iani['
rechte, das Kreuz beschreibende Hantl niemals weicht einem theatraliechen Pomp, der um-
lung-ye"woncterlicher
in die Tasche komm! sondern auf einer fort- so erscheint, als ja das sicht'
währenden Wanderung zwischen Stirn und Brust, bare Oberhaupt der Kirche, der Zar, ilie welt'
rechter und linker Schulter begriffen ist. Ich bin triche Obrigkeii der Kirche, cler Synoil, längst öe-
einmal von meinem Hause bis zurn Auswärtigen seitigt sind, und zwar ohne clen geringstenlVider'
Amt einem Muschik nachgegangen und habe ge- stand uncl ttas Volk bei clen sozialen Voraus'
zählt, wie oft er auf diesem Wege das Ifteuz ge-" setzungen seiner Existenz gepackt worden ist,
schlagen hat. Vor einzelnen Kirchtürmen und .was seine Ânschauungen gewandelt untl in tlen
Ikonen zählte ich fünf bis neun Bekreuzigungen; tiefsten Wurzeln seiner Glåiubigkeit erschúttert
ilie Gesamtzahl anzugeben, bin ich heute nicht haben müßte.
mehr imstande. 'Es wurde mir øwar versicbert,'besser gesagt,
Man kann in den Kirchen uncl Kapellen Ruß. es wurde mir ilie sfünclige Redensart wiederholt,
lands Menschen sehen, rlie einhalbhundertmal clio man in Rußland von offizieller Seite immer
nacheinander mit derselben Geste vollendeter wietler hört, wenn man nach tlen religiösen Ee-
Hingabe die kotberleckten Fließen, ein paar tlürfnissen cles heutigen Russen fragt: daß es
dutzendmal rlie flechigen Scheiben an den Stellen, nun ganz ande¡e Menschen seien, ganz andere
wo unter dem Glas tlie Hand, die'Füße Stirn** SchicLten der Bevölkerung, tlie sich vor den
uncl'Muncl der Madonna und cles Kindleins sich Türmen, den Ïleitigenbilclern cler Kapellen be-
befinden, mit inbrünstigen Küssen bedecken. Dio kreuzigten, als ehemals - nicht mehr Froletarier,
Kirchen sind heilige Honigwaben, jetle Wabe ist sondern tler verelentlete und verschüchterte Bour-
ein in Gold gefaßtes und mit Edelsteinen kostbar geois (tleu jetzù wol seinen Herrgott' kennen'
geschmücktes Ikon eines der unzähligen Hei- gelenrt hat t) '; allein diese Auskunft ist un-
ligen der byzantinischen Kirche. Und inmitten [enügentt uncl hält bei näherer Prüfung nicht
dieser goldenen lffaben bewegen sich, agieren Sticn. In den Kirchen sieht man Bauern in
und zelebrieren goldgewandete Fakire, ertönt das größter Zahl, und wenn hier auch kein Soldat
monotone Geleiel tles Vorbeters, der die sakra- untl wenig Arbeiter angetroffen werden könne,n,
mentaien lilortez so schleicht draußen vor tlen Kirchen und Klä
l" stern doch mancher mit einem schiefen Blick
,rGospodí pomiluj
vorbei, in tlem sich so etwas wie schlechtes Ge'
"ëem, erbaflme dicb unser!" zehnclutzendrhal wissen verrät. . " Tritt man in ein Bauernhaus ein,
2t2 2L8
ieú .der einzige Flech, der sauber eeha.ltelr u.nal slaube. diesem \rolk ist kein religiöser Cant, koine
den. hgbea Ðhrengast eingeräumt zu-sein schein! íIeuchólei, kein Lippenbekennlnis zu Gott nach'
.die Ecke mit den Heiligenbildern. In elenden zusagen. Ân den"pforten der Kirchen, Kapellon,
Eüttea h¿be ich zuweilen neün trkone gezählt: Klösi'er stehen clie wunde¡lichen, wunrlerbaren
'alle waren in verhåiltnismäfiig kostbarõ Gold- Gestalten tler Pilger, reglose, langbaarige,- lolg'
blecbrab_men gefaßt und vor jedem hing ein sil" bärtige, sanfte úenschenstatuen, rastend fül
bernes Lämpchen mit farbigem Glas" -Die Be- kurzð Stunden auJ ih¡em ¡astlosen Wanderweg
wohner einzelner. dieser Hütten hatten sich mit durch tlas immense Land, dwch das sie eine
rlem System des'Kommunisrqus und den Behör- rätselhafte Stimme des B]utes lockt untl treibt'
clen der Bolschewiki aufs beste zu stellen.gewgßt, Wissen sie vom Schicksal, das das- Land erlebt
denn wir wurden freundlich und ohne Scheu hat ? Vernehmen sie clen vibrierentlen Laut der
empfangen. Aber die,Gepflegtheit jener Heiligen.' Not uncl Spannung in clen Lüften? In ihnen lebt
ecken bewies, daß die Grundveste des alten GIau- Gott, tler lJnaustilgbare, laut und brausencl weiter,
'bens, uncl sie iolgen altein den Schicksalswegen,- die
aus dem alles, was die Bolschewiki:ver-
nichten wollen, emporgewachsen ist,r¡esþ {elsen- eine unerreichbare Macht ihnen vorgezeichnet
st¿rk in tlen Seelen der Bewohner begründet unrl hat. An ihnen zerschellt die Wirklichkeit"'
unerschtittert geblieben ist trotz der drei Jahre" Noch rufen dir die Bettleq itie Krüppel uqd
Es sollte.ja doch auch mit dem Teufel ,zugehen, die Kranken vom Straßenpflaster mit brechen-
wåire der'alte Gott des RuBsen, des ,,Kristíanin,i rler Stimme das lVort Christos hinauf, rrenn du
* clas ist bezeichnenderweise rlas russischeWort an ihnen vorübergehst - einen jungen Blinclen
.für Bauer über Nacht Marx und. seiner LehrS allein habe ich, só oft ich an ihrll vorüberging;
-
geopfert worden. lYierìrals könnte diese Lehrq tlas'Wort '
niemals dêr Bolschewismus sich im Wesen des ,,Towarischtschi l"
Rrissen verwurzeln, nie hätte er sich in ihm be-
haupten können inmitten aller Gefahren und Nöte rufen höqen I Er rief sie unzãhlige Mple den Vor-
der Arme¡ cliese Zauberformel
ohne die Weichheit unrt fatalistische passivität, -Neuen zu,
übergehentlen
die dem Slawentum,innewohnt der Gemeinschaft: ,,Genossqn!" Und
aber auch ohné
den diesem mystischen Wesen -rlesJ Slawen merk- beimste weniger Almosen ein als seine Nach-
würdigerweise beigemengten wildésten und ståirk- barn, die ctie Menge im Namen des alten Gottes
sten Fanatismus, der gerade im Dulden seine beschg'oren.
innigste Befriedigung sucht und erreichtt Bei
allem Maschinellen seines Ritus ist der Russe, Tmmer wiecter steht mir ein Biicl vor Augen,
çrir ahnen das aus jerler Zeile Dostojewskis, in I *.rr. ich an tlen religiösen Russen und sein
seilgm religiösen grleben tiefer veranlagt -als heutiges uncl zukünftiges Schicksal clenke: clie bei-
welches Kulturvolk des lVestens i-mer. Ich den eäporgereckten, tibel die Flarnrne des lodern'
?L4 zlb
{up Schelterhaufens in die flöhe stechenden
Schwurfinge¡ des Proüoppen Ava.kkrrm, d;.- ñl- fisziert hatten) nicht recht herangetraut haben,
¡ers der Raskolniken, die sich zum alten Ritus miü brachen unter vielen anderen Heiligenbitdern auch
tlen beiden Schwurfingern bekannten, während tlieses aus der Dumamauer. An seiner Stells
die Neuerer sich mit drei Fingern beÉreuzigten. haben sie eine Tafel angebracht mit dem Zitat
Dieser Protopp, der unter petei dem Großen-ver- aus Marx: ,,Iìeligion ist d.as Opium der Völker.'.
Der brave Muschik, der zur lberischen Mufter
l"uolt wurde - seine beiclen wilden Finger äber Gottes wallfaårtet und von Hörensagen oder frühe.
den Flammen ¡ecken sich auch über dem Ëeufigen
Russen in die Höhe. Es ist ein Fanatikervolk, äas ren Besuchen her weiß, daß es der Kapelle gegen"
ilie grõßte Umwälzung, die die Geschichte kãnn[ über, dort oben, ebenfalis etwas Heiliges anzu-
allen Völkern \¡oran vollbracht hat, und das iler beten gibt bekreuzigt sich jetzt zwölfmal vo¡
wirkliche Erlöser der Erdenvolker'genanil-*; cler Kapelle und zwölfmal vor clem Ausspruch
Marxens. Dies ist schon fast ein Svmbol zu nen-
len darf. Weil dieser Fanatisrnus íeine Wurzel nen. Nicht mintler tler Verkaufsstand unter der
im Glauben besitzt, müssen die Bolschewiki zu-
wie sie der wunderbegierigen Seele des blasphemischen Ta.fel: man,kann dort neben Ziga-
:,49",
Volkes auf clie Dauer oåne Berücksiähtigung ihres retten, Äpfeln und Heften einer schmutzig porno-
Dranges zur übersinnlichen Welt gereeËt werden. graphischen Schundlileratur in voller Öffentlich-
Entfernt sich der Bolschewis*o* í**èi:,entschie_ keit uncl kaum zehn Schritte weit vom Kreml Hei-
clenei vom mystischen Urgesetz des Kommunis, ligenbilder und Lämpchen in größter Auswahl
zurn Ve¡kauf gestellt sehen
mus, so stirbt er ab, und die Welt cler Erclen-
gekauft. - und sie werden
menbchenr geht Erschütterungen entgegen,
di" ;i" Die Bolschewiki haben retlliche Anstrengungen
zerschmettern werden.
An dem Tore, das zwischen der ehemaligen gernacht, um dem Volke clen alten Wunderglauben
*Duma und dem Historisehen Museum, am Ein_ auszutreiben unrl damit einen der Grunãpfeiler
gang rles Moskauer Rbten platzes erbaut seiner Verdummung uncl Lethargie zu zerbrechen.
ist, klebt Sie haben kurz nach Ergreifung cler Macht die
zwischen bóiden Torbogen die kleine Kapelie cler
wundertätigen lberischõn Mutter Gottes. Sie Särge cler Heiligen im Lancle geöffnet, diesen Vor-
bil- gang kinemalographisch festhalten lassen und
rlet das Ziel allæ pilger, aber auch der meisten
profanen Besucher Moskaus aus dem weiten dann clie Filme in den Kirchen gezeigt. Außerdem
All. haben sie in einem Propaganclazug diese Särge
rußland. Djeser Kapelle gegenüber war unter
den durch ganz uRußland gejagt. Jawohl; rlie Särge
-trenstern des zweiten Sl,ockwercksjn die Mauer
iler ehemaligen Duma bis zur OÉíoÈ"rreuolution waren offen uncl enthielten zerfallene Mumien,
ein anderes wunclertätiges Madsnnenbild ein- Knochenüberreste, Gewandfetzen, Schmutz. Aus
gelassen. Die Bolschewitri, die sich an die den Dörfem und Weilern strömten die Bauern zu
Klöster tlen Stationen herbei, um iliese Sárge zu be-
und Kirchen (deren Eigentum sie sofort kon-
staunen. Was aber sa4te der Muschik? Daß die
2t8
2L7
Seãfig@ schlauer g€rvesen seion als clie Bolschè-
ç,iH, da& sie sich-nåimlich im Oktober samt untl"
mich durch ma,uc,heu unvergeßiichen Ohren-
'schmaus w?ihrend all' der tlrei Monate dankbar
senders aus dem Staub gemacht hätten, cl. h. rüberzepgt.' Unerfiucllich bleibt es, wie tlie Re
jetzt im Himmel säßen untl in ihren Särgen Mist
gierung es nicht zuwege bringt, wenigstens die
øurückgelassên hätten. Ebensowenig hat cler Ar-
beitszwang, der im Oktober 191? der Geistlich- feistliche Sucharewka, a]s die sich so .Fiele
'klrchliche Institutioaear erweisen, diese contra'
keit auferlegt wurcle, unrl der das große, uferlose 'ilictio in acljecto zu den Gruntlprinzipien tles
Popengesinclel, die parasitären Mönche uncl die
Bolschewismus ilureb einen zwingentlen logi-
Legionen der niederen untl höchsten Geistlich-
schen Willensakt aufzuheben' 'Ì¡¡en[ sie d-ies auf
keit plötzlich zu produktiver Tätigkeìt a¡rhalten
metaphysischem Wege tloch nicht erreichen kann"
sollte, die gewünschte Wirkung gehabt. Als näm-
Die Liturgie entlete unter dem Zaren mit tlem
lich die Bevölkerung clie bis dahin ziemlich ver-' Gebet für die Dynastie, den Synod und tlas
achteten Popen, die von größerer Ehrerbietung
'umgebenen Mönche und all' clie Geistlichen der christliche Heer; unter Kerenski mii clen lVor'
ten: ,rNoch beten wir für tlie russische Großmacht,
verschietlensten Kategorien in bäurischer .oder
stäcltischer Tracht die schwersten Arbeiten,
über tlie Gott seine schützende Hand strecken
mögq"; jetzt aber, unter tlen Bolschewiki, lautet
Wasserschleppen, Holzhauen, Düngerfahrêo vêr.
richten sah, bernächtigte sich ihrer ein großer
'rlie For:nel: ,,Noch beten wir für:tlie leidencle
russische Großmacht, für Vat¿rlantl uncl Heer."
Schreck. Die Bauern untl clie Stätlter fütterten
Ich möch e wissen, was Generalissimus Trotzky
und kleicleten clie Bedauernswerten, die nun mit
einem Male arbeiten mußten, wie sie, die Bauern;
zu diesom Flehen um Hilfe von oben sagtl
Das letzte Jahr hat übrigens ein merkwärcliges
clie Städter, es ihr Leben lang gotan hatten untl
Schisma gezeitigt, Erzbischof Wlaclimir von Pensa
clie Popen, dio Mönche, die Geistlichkeit sahen
hat den Kommunismus und seine weltliche Be-
hörile, tlio Bolschewiki, öffenilich anerkannt, *
nun in tlem allgemeinen Elend ringsurn ihre gol-
denen Tage I Aus Faulpelzen und Fakiren waren
über Nacht Märtyrer geworden. . .
Icb fragte herum, welche Betleutung diesem
Schisma beizumess,en sei, ob clamit oin Anfang
Heuto rverden in den Kirchen Messgqimit clem.
zur Vertiefung ctes Gedankens in clem Bewußtsein
selben Pomp zelebriert, der yor der Oktober-
tlevVolkes gemacht wäre? Der geistliche Herr,
revolution gang und gäbo gewesen sein soll.
an den icb diese Frage richtête, ging über den
Zwar wertlen Wasserweihen, Fahneneicte, Uni- Erzbischof uncl seine Wancllung mit einer be-
versitätseröffnungen usw. nicht rnehr unter kirch-
zeichnenden Hanclbewegung zur Tagesorclnung
licher Assistenz ocler überhaupt nicht gefeiert über. *
- clas ist klar, Aber tlaß die vorn Staat getrennte -
nncl boykottierte Kirche noch immer die wunder-
ì¡ollsten,Chöre bezahlen kann, rlavon habe ich
2L8 2LÐ .j

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1
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I Tn Tolstoj rreben l,egendou. Er soll nicht ge' Auch Duschan Makowitzky, tiolstojs Arzf, trai
l.J storben sein. Sein riesiger Schatten scbwebo ich in Moskau; er hat Jassnaja-Poljana verlassen,
weinenil und ruhelos über clem leidenden Votk, um in seino alte Heimat in der Slowakei zuräck-
eia tlankler Vogel flügelschlagentl ob den Hütten. zukehren.
Seine Jiingsr kommen nicht zur Ruhe. Viele von
- setzte unter den deutschen Kolo'
Entle 1920
ihqen sind tot: jene, die den Dienst in cler Roüen nisten in den südlichen Gouvernements an der
-å,¡mee ,verweigärt haben. In Sama¡a hausen \{otga eine panikartige Flucht ein' Dieser alte,
andere verschüchtert in Kolonien; sie sind Vege von Katharinas Zeiben her ansässige treue Men-
nonitenstamm verließ seine schönen, reinen, wohl'
tarier
- ihr Abstinenzlertu.m ist ihnen durch die
SIaßregeln der Bolschewihi, tlie den Alkohol ab- górdnoten Dörfer, clie reichen Felder verkommen
geschafft haben, leicht gemacht wsrden. Sie sind nun, das Vieh verdirbt. In unbegreiflicher Yer"
rler Politik abholcl, aber sie könneri sich anderer- wirrung fliehen die treuen Sietller aus ihrem
seits mit den Methoclen und dem System des Bol- alten Lancle
- tlie Bolschewiki haben nichts
schewissrus .nicht befreunden wie jegliche getan, um ihnen ihren Irrwahn zu nehmen, daß sie
Macht, so lehnen sie auch den Zwang ab, der bei, der Ausübung ihrer B.eligionsbräuche behin-
durch tlie Regierung der Bolschewiki ausgeübt dert würden. Wohl haben da auch Aushebungs'
wird der heutigen Gemeinschaft wohnt nach kommissionen ihr unverständiges \ilerk verrichtet.
ihrem- Empfinden nicht jenes ethische Element,
iener sittliche Kern inne, der sie zu freucligen ott wurde in Rußlantl durch Lunatscharsky
Bejahern machen könnte. entthront. .A.uf unvollkommene Weise, wie es
Viele wertvollsüe Menscben aus der näheren sich zeigt. Zuweilen gah es, in der elsten Zeit,
Umgebung, aus dem nãchsten l(reise u1n Tolstoj wie man mir erz¿ihlte, große öffentliche Dispu'
sind geflohen, gestorbe.n oder halten sich scheu tationen im Großen Theater, im Dom Sojusow,
abseits. Einer. von ihnen jetlem, dem Haus der Gewerkschaften. Anwälte der Bol'
- sein Nâme isb
cler sich mit dem Leben Tolstojs befaßt hat, wo} schewiki untl Anwälte Gottes, tl. h. tler in Mos'
vertraut * kehrte vor einem Jahr mii seiner kau vertretenen Glaubensbekenntnisse aller Völ-
Familie nach Rußland zurück, stellte sich mit- ker Groß-Rußlands, lieferten auf den Bühnst
samt sein'en Söhnen den Bolschewiki zur Ver- Redeschlachten vor tlicht gedrängten S?ilen. Jedes
fügung; heute arbeitet nur noch ein Sohn für Bekenntnis kam zu \lrorte. tunatscha¡sky schlug
ilie Regierung, die anderen haben sich zurücþ auf das Pult untl zieh tlen alten Gott, den vor'
gezoge.n. Tschertkow begegnete icb im Vorzimmer oktoberlichen, der Ungerechtigkeit: er sei ein Goit
Lunatscharskys; er bereitet eine Gesamtausgabe der Klass€n zu nennen, ein Schurkengoftl
dem auch sei * der Bolschewismus dürfte
'Wie
der 'Werke, Briefe, Tagebücher und mündlichen
Àufzeichnungen von Gesprächen s'owie tler Bio- sicb nicht tlamit beg'nügen, eins politische Sekte
graphie Tolstojs vor, hundert Bäncle im ganzen. zu bleiben, eiae weltlich vorkräppelte Sekte der
220
gel
&scãer oéer verspä,tete Schwester einer anderen Ziegeln des alten lï¿uerwerks und in der weißen
tz{cpischen Gemeinschaft ihm tilte not, tlaß er Fasiade des Senatspalastes klaffen, hat man auch
-
m seinem Wesenskern, tler Religion ist, zurück- jene Blptzeugen des Gedankens, die im Dienste
fünde. der Weltrevolution ihr Leben gelassen haben, zur,
åuf der Fahrt von Reval nach Moskau hatte Rirhe gebettet. Zur Zeit meines Aufenthaltes in
ich,mit Angelica Balabanoff eine Aussprache äber Moskau wurd.en dort an cler Kremlmauer clie junge
diese Frage: Sie einer der tiefst religiösen Norwegerin Ines Armand und der amerikanische
-
tr{enschen dieser Zeit sagte niir: all' diese Be' Apostet des Kommunismus John Reecl begraben;
strebungen, den -
Kommunismus zur religiösen beid,e waren totlkrank von cler Konferenz der
Angelegenheit zu stempeln, seien in den führen- Orieritvolker in Baku nach dem Mekka ihres
den.Köpfen der Bolschewiki schon um das acht' Glaubens zurückgekehrt.
zehnte otler zwanzigste Lebensjahr überwunden In jenen Marmorobelisk im 'Alexanclergarten
gewesen; die wesentlichen Frageu des Bolsche- stehen die Namen tler Kirchenväter des Kommu^
wismus seien wirtschaltliche uncl politische Fra' nismus.. eingemeißelt: sie 'entstammen zum Teil
gen; auf cliese allein müsse'man sich konzen' iten, Akten cler Märtyrer des Sozialismus.
trieren. Ich erwitlerte:.dies sei schlimm genug; Der: Subbotnik hatt,e, ehe ihn, wie so viele
wenn das Religiöse mit dem jugencllichen Über" anclere Funktionen der Bolschewiki, tlie brermende
schwang aus tlen Köpfen der Bolschewiki ver- l{ot cles Lantles seiner tiefen Becleutung entklei'
schwunden sei, müßten sie in d.ieç,er Beziehung dete, sicherlich etwas von religiösem Kult auf'
Feiern, Ver-
wieder werden wie clie Kintllein, zuweisen.
- Vor und nach den
sammlungen und. Sowjet-Sitzungen wircl' clie
Gibt es im Bolschewismus dieser Tage Ansätze
zu einer Binilung mit der Metaphysik, Hinweiso ,,Intèrnational'e" gesungen, ertönt oft tler wunder'
auf tlie Möglichkeii, claß tler Kommunismus der voll ergreifende" ,,Klagegesang auf die Ïoten der
Leùin, Trotzky, Lunatscharsky clurch clen alten Revolution". Das sind Vorläuf,er eines werdenden
verhä¡teten, eingefleischten Aberglauben tles I(ultes, eines Rituals tler weltlichen Kirche, und
phantastisch hingegebenen Volkes in tlie Tiefe sie ström€n aus gläubigen Herzen, sincl noch
dringe, wo clie Quellen sprucleln, aus denen clie keineswegs zu leeren GBbräuchen erstarrt.
Seelen Nahrung schöpfen? In der Verfassung der Sowjet-Ropublik, clort, wo
Der Konimunismus hat seine Heiligen: tlio tlie Wort'e stehen: die Ausbeutung iles Menschen
Iläupter der Pariser Kommune von 18?1, De durch den Menschen habe aufgehört, in,einzelnen
RosaI¡uxem' Dékreten aus der ersten Zeit der .bolschewisti'
lescuse, Ferré, Dombrowsky
burg, Karl Liebknecht" Auf - tlann
ilem Marsfeld in sphen Herrschaft klingen tlie Glocken der Berg"
Peiersburg, an der Kremlmauer in Moskau ruhen prerligt über die Menschen cler heutigen zerfallen"
die Kämpfer der kommunistischen Revolution : den Gesellschaft hinweg"
hier, wo tlie Spuren der Schiisse noch in' den ¡\ut Bräuche stößt man, die an Zeiten und
n2 223^

**-:*-;-¡¡l:
E*i€&;ea der frühen Katakomben-Christenheit ge- Menschlen über das Feltl zu uns héraus. MÊtnnei
mahnen: bei Begegnungen in Rußland, beim r¡nd Frauen trugen in ihren Armen große Holu-
W'iedersehen im Ausland umarmen und küssen schüsseln, auf dem.en alles, w¿s' die Gegenil an
sich Genossen auf Muntl untl Wangen. Das ist Nahrungsmitteln hervorbringt, Brot, Fleisch, go-
nicht rlie alte russische Sitte der übrigens auch råucherte Fischg Honig untl Eier, lagen. Wie ehe
-
bereits ein religiöses Element innewohnte nicht mals. mit Brct und Salz, k¡men sie jetzt mit clie-
clie Geste der Freude über Freunclschaft
-
und Ver' sen Leckerbissen heran, Tun lurs Eingeschneite
bundensein und Begegnung allein: in diesen Um- vor dein Hungertocl zu retten. . . Die schönen
armungen gibt sich eine höhere Verbindung kund, ernsüem unil ehrfurchtsvollen Mienen dieser Män'
im Angesicht des gemeinsamen Ideals und der àer u¡rtl Frauen, tlie Geste cles Bringens, des vor
gemeinsamen Gefahr, in der das Leben jecles uus Hinbreitens der Schüsseln, tlas stille Auf'
Einzelnen sich stündlich befinclet, iler sich zum blicken dieser Menschen, ihr Reclen untl ihr
Glauben an tlie welterlösende Lehre uncl zrr Schweigen. . .
ihrem Dienste bekennt. Und so bedeutet jecler
Kuß, der auf solche Weise gegeben und ernp- fn vièlen Seel'en des neuen Rußla¡tls ist hÞuti-
fangen wird, einen .A,bschiedskuß fürs Leben. I gentags ein Glaube w¿ch; cler in Zeiten, wie
Auf der Heimreise von lwanowo nach Moskau '" wir sie durchmachen, mit starkem Zauber auf
blieb unser Zug in cler Nåihe eines kleinen Ortes tlie Gemüter zu rrirken pflegt: tler Glaube an d.as
Jurjew Polski infolge einer Schneeverwehung bevorstehende Erscheinen des Erlösers. knWitler'
stecken. Trotz großer Mühe konnten wir aus dem strebentlsten ist eine Ahnung des gewaltigen Ge-
Schnee nicht herausgeschaufelt werden. Da wir schebens, tlas sich kundgibt untl für das poli-
im Zuge fast keine Lebensrnittel hatten, litten wir tische uncl wirtscbaJtliche Gräncle unzuläng-
schon am ersten Tage Not. Jurjew Polski ist ein lichsûe, unbefriecligenclsüe Lösungen zulassen. Die
kleines, in einer Talrnultle der russischen Ebene Angst vor dem noch tieferen Eindringen des ver-
gelegenes kreisrundes Stäcltchen, aus tlem in tlie tlerblichen Opiats in den Volkskörper läßt die
'Winterbläue Fährer des Bolschewismus ihre religiöse Mission
eine Unrnenge bunter Türme empor-
,ragt. O, die russische :Winterlandschaft, das leugnen. -- âII die sie inbrtinstig glauben. DaJär
wunderliche runde Städtchen, umgeben von wei- spricht die Hingaþ itie sie bei der p¡fü|lung
tem Weiß _. in unermeßlicher Ferne zwei kleing ihres Werkes an den Tag legen. Dafür spricht
langsam tlahinziehentle Gefährte näher schon auch das sonst unbegreifliche Feuer, das sich
ein Reiter mit etwas Blitzendem- am Gurt, im von Moskau aus über den galzen Erdbaltr ver.
gtrahlenden Schnee lantleinwärts galoppierendl breitet hat.
Aus dem Städtchen, in dem sich tlie Kunde ver- Wem die Adyar-Bewegung , die Theosophie,
breitet hatte, tiaß Klara Zetkin sich in unserem die neue aus Deutschlanil stammende Lehre der
Zuge befinde, bewegte sích eine kleine Gruppo von Anthroposophie unter den verzagüen Intelleki
224 1á llolilsoher, Drei.ü{onote in Sowjet-R,ußland }gb
tüdle irnmer mehr aix Becleutung gewinnt so
Welt-Revolution
serbreitet sich clafür unter dem niederen, dem
T
emporgehobenen Volke der Glaube, daß ein Er-
I etle Seite dieses Buches trägt mit unsichtbarer,
1õse¡ der Menschheit in de.r Person Lenins, J auweilen aber awh mit sichibarer Schrift die
den de¡ Volksmund. mit seinem Vaüersnarnen Il. Worte,,Zarenregime, lYeltlrieg Blockade, Krieg
jitsch liebkosend nennt bereits unter den Men- des Weltkapitals gegen Rußland." aufgerlruckt.
schen weile. Ein Schicksalslicht aus Märtyrer- Dies sincl die hauptsäehlichen U¡sachen der
tum uncl Menschengläubigkeit webt um Iljilsch, furchtbaren Nöte der. Soirjet-Macht, gegen die
der Hunger, Exil, Verfolgungen aller Art kennt Erfi nrlungsgabe, Opferwilligkeit uncl Begeisterung
der verwundet worde,n ist von Kugeln und, Flü- bei dem Aufbau des Systems ihren harten, v€r-
chen. Die Gestalt Lenins, in dessen Natur der zweifelten, zuwèileu ¿ussichtslos scheinenden
Fanatismus des russischen Bauern mit der Welt- Kampf durchzukämpfen haben. Die Tragik des
klugheit eines Führers der Massen sich auf selt- russischen Proletariais fügte es, claß die Sow-
samste lVeise paart lenkt in Wahrheit zugleich jets in einem Augenblick zur Macht gela.ngt, sind,
tlie Schicksale tles Volkes, dem er entstamrirt und in'clem'die Wirtschaft des Landes in ihren G¡untl-
tlie WeIt zu einer neuen, erst in den nebligen An- yest€n unterminiert unrl zugleich rlie Wurzeln tler
fängen erkennbaren Gläubigkeit hin. Gesinnung der Menschen durch Müdigkeit, Hab-
gier, Blutlust angefault waren, das tanrl zu einem
u den vier Kelchen, aus denen die Mensch- sozialen Umschwung wenig geeignet erschien.
heil, bisher lsss€lung, überirdisches Labsalr Verhängnis des proletarischen Schicksals: claß
getrunken hat: den Feigensaft Buddhas, den Wein die Dikt¿tur automatisch und aus naturnotwen-
Roms, den Honig tles Davids,ohnes Christus, die digen Ursachen mit der Zerrüttung des kapitalisti-
Milch Mohamineds, fügt sich der fänfte bis schetr Wirtschaftssystems zusammenfallen muß,
an den Rand gefüllt vom heilenden Wasser - des was danq Weitgehende Unwilligkeit zur Arbeits-
Kommunismus. In diesem von Seufzern und leistung unrl damit vollstänclige Desorganisation
Schreien widerhallenden Tränental, dieser von des gesamten Protluktionsapparates zur Folge
Not, Begeisterung und Verzweiflung geschüttel' hat. Gegen diese moralischen Faktoren füìrt clie
ten Welt lebt ein starker Glaube an die. Zukunft, Sowjet'Macht einen nicht minder heroischen
ohne den kein Wesen auf die Dauer zu bestehon Kampf, als es jener, ist, den sie gegen viele
vermag; ein Jenseitsglaube, wie ibn kein Be- andere von d.iesen unabhåingige Hindernisse m¿-
kenntnis bisher den Menschen zu schenken ver- terieller Natur durchficht.
mocht hat. Dieser Glaube, cler mit metaphysi- Seit drei Jahren leistet Ru8lanrl einem von vier-
scher Gewalt von immer größeren Kreisen der zehn Staaten genährten konzentrischen Waffen-
Menschheit Besitz ergreift, ist: angriff erfolgreichen Widerstanrl. Es beantwortet
der Glaube an die Weltrevolution. ihn mit einer Offensive der ldee, die in Mosk¿u
226 'ÐÐ7
Éþæn Ëort gefunden hat. Ä.therwellen der ini- betont mechanischem Wege herbeigefährt werclen
tiatise zucken von , dieser Metropole der Welt kann. Diese Sinnesverfassung zwingt zu einem
bis'in d.ie entferntesten Teile der von Menschen Verweilen bei d,en materiellen Faktoren tler trVelt'
Þewohnten Gebiete. Heute schon kanq man er- revolution.
kennen; wie diese Ströme. von KraIt die indivictu- Tatsachen, daß
"Es gehöri pu den oft erörterten
ellen nationalen Sonderheiten der Ländor zu irri-. sich ein sozialer Umsturz der Art, wie or sich in
tieren, beeinllussen, stellenweis u¡nzuwandeln be- Rußlantl ereignet hat, in selbstversorgenden Län-
ginnen; wie.sich äberall, je nach denäußeren und dern leichtei befestigen kann, als in Länd'ern,
in neren Leben-sbedingungen und Anlageq. der VöI. die aùf Einfuhr der nötigsien T'ebensmittel an-
ker und ihrer proletarischen Majoritäten eine Un- gewiesen sincl. Die Bolschewiki häiüen ohne Zu-
wälzung ankündigt, hier erst, durch leises Krachen ãti-*ottg uncl tätige Unterstützung von sèìten cler
imGebälk, ilort bçreits durch unheimlich grollen- 'Båuernschaft nie zur Herrschaft gelangen können,
cles Erdbeben. Positive Faktoren dieser Umwäl- sie befestigen sich trotz cles Verfalls der Industrie,
zung sind in den im Weltkrieg besiegten Lëin1 ãeren,Errãognisse erst in zweiter Linie für tlie Er-
dern: die zusammengebrochene Finanzwirtschaft, haltung tlesüerkehrs uncl derExistenz wichtig sìntl
damit die offenkundige Krise der Produktion, die ja¡ Irotz cler eigenwilligen Sabotage theser s'elben
Unhaltbarkeit rler Lebensführung der Arbeiter- -BaüernschaJt, 4uî cleren"Gründe hier des ö[téren
schat! des Mittelstandes und. das bis in die'Tiefen hingewiesen worden ist. Uiopische Gebilcle sozia-
geclemütigie Nationalbewußtsein. Mit, diesem zu- ier Neuschöpfung können sich, wenn sie in selbst-
letzt genannten Faktor muß eine Politik rechnen, versorgencleñ lan¿etn entstehen, innerhalb einèr
tlie sich des Mittels der Katastrophen zur Er- feinctliõhen kapitalistischen Umwelt trot'z politi
reichung ihres Endziels bedienen will. Die Irre- scherlsolietottg behuupten, sie können sich sogar,
tlenta lleutschlands, Österreichs, clie Zerrüttung falls geeignete-'W'ehrkräfte an tlen Grenzen uncl
des Balkans, in den sich Rumänien und Serbien im Inland sie verteicligen' s'o lange untl siegreich
zu teilen haben, die vernichtete Türkei, um die behauplen, bis die kapiialistische Umwelt gezwux:
sich- die Entente streitet, sie müßüen einer Politik gen is! tlurch eine ìmprovisierte äberstaatliche
diesel Art, ebenso sichere Handhaben bieten, wie örganisation mit dem blockierten uncl boykottier-
ilie GÈirung in den vom britischen Imperia]rsmus teri Lantle in Verbindung zlr treten. Dies ist heute
mißbraucþten Ltindern lrland, Ägypten, Kanada, schon genau zu beobachten, da untpr der Ober-
Indien. Ich sage: ,,rútißte", weil ich weiß, daß ftäche iereits clie Fätten des Verkehrs zwischen
sich die Weltrevolution in clen Köpfen jener Rußlantt und ihm politisch diametral entgegen-
aktiven Politiker des Bolschewismus, die sich gesetztør Staaten geknüPft sind-
der Sprengkraft cler kommunisiischen Idee auch - Pflicht des' klassenbewußten Proletariats der
ohue Kat¿strophengläubigkeit bewußt sind, als 'untl tlie Tendenzen
Völker wäre es, Rußlantl
ein Ereignis darstellt das auf mehr oder minder seines prnleta,rischen Systems aktiv, otler wo dies
228 229
'l
*ic.ht möglich sein sollte, durch passive Resistenz Änclerungen seiues Programms gg-lötigi war und
zn ver[eid.igen. Die Verbinclung Rußlands mit den zu Komiromissen aller Art ge-griffen..hat'
in_perialistisch-kapitaJistische,n Ländern aber ge- Zur Weltrevolution, cleren-Herbeiführung Ge-
"schieht sozusagen hinter tlem Rücken des prole- setzesctiktate, Parteiverordnungen'-usw' ermög-
t¿riats, d. h. diese Verbinclung gehen tlie lichen sollen, wäre eine in ihrer äußeren wirt-
Ru8lanrl belfenclen L?incler zur Stärkung ihres r"nJtfi.n* Sttott* wie ihrer inneren geistigen
heimischen Kapiiatisrnus ein und benützìn die Verfassung homogene'Welt notwenclige Voraus'
Noflage des fsincllÍchen Pmletarierlandes, uûr setzung. Ãb"t *un muß gar-nicht weit gehen' um
sein innerstes Wesen zu diskierlitieren. Das \{'erk. ,o tuËt", wie gefährlich tlas Systeq tliktierter
Ànscilußtedingulngen ist' Rußlancl selbst, tlas
ge"
zeug, dessen sich Rußland zur Herbeiführung der
*ãfUgu, ist ia itittlg unhomogen'- In Sibirien z'B'
-zögernrlen
Aktion tles'\{'eltproletariates bedient,
isf die Parüei: tlie Partei mit allem, was in cliesem *iir.ñ1"'d* So¡t*jes neben Menschewikis' So-
ìü'o¡t an Zweideutigkeit uncl Unzulålnglichkeit ent- ,i"ftutof"t¡""ären, Anarchisten sogar tlie Konsti-
halten ist. Die Kommunistische parfei Rußlanrls tutionellen Dernokraten, die ,,Katletten" der wei'
a^ls mechanisches 'll¡erkzeug operiert sogar auf lancl Dur4a. Dort sind auch Recle- s'owie Presse-
gefåihrlichere und unzulänglichere Art, als ãas aus freiheit ood Fot*"n tles Privateigentums wieder
pra;htischen, taktischen Gründen zulässig cr- íeteetteUt. (Japan ist beclrohtich nah l) Wie sollie
;trf;;;""ìnür ein Beispiel zu nennen, clas volk
scheinen sollte. Es hat den Anschein, als wolle
diese Partei, die zahlenrnäßig gering, in Rußland ããt V"ói"igten Staaten, in denen tlqr Arbeiter
gehobenen Mittelsbantl repräse-n'
einen bürgeilich
!*lb!t sich- einer feintllichen- Umweit im eigenen ä*L i" ."i.er gro"ßenMehrheit ganz-u-nrl gar ni-ch!
Lantle zum Tmtz, vermöge ganz besonderer, aus
den Verhältnissen Rußlantls lerklä¡lichen Konstel- soziälistisch ,ù dutkuo uncl zu fühten gewohnt
ist, zu einem Umsturz im Sinne Moskaus ver'
þlo_nen behaupten unrl entwickeln konnte, jetzt J.U*r Wo ja sogar Moskau selbst clen Fehler
all tlen proletarischen Parteien der Welt ein- Re-
vqlutionsschema vorschrêiben, Beclingungen dik- ¡*uo*." hat (ttenselben, den es sich gegenüber
tieren, tlie ilen inneren Verhältnissen jenei prole- ããi Shop-Stewartls hat zuschulden
tariate kaum genügentl Rechnung tragen untl to**"ti "iosri..n"à
lassen), die syndikalistischen I'W'W''
'die sie selbst, die Kommunistische Þartei - Ruß. Intlustriearbeiter der'WeIt, tatkräftige Reserven
lands, gar nicht mehr beobachtet. Man erlebt an- ¿ut n"oot"tion, nicht in geeigneter Weise {ür clie
2u benutzen'
gesicbts der Moskauer Forderung,das sonderbare - ManInternationale
Dritte
clarf clen Bolschewiki tten Vorwurf nicht
Schauspiel, daß itie kommunistischen parteien der
fremclen Läncler viet päpstlicher sincl als derpapst, ersnaren, tlaß sie, inclem sie tlie Psychologie frem-
iÌ. h. bei weitem schroffere prinzipien - zu á[r'VtiiLlt uncl ihrer Proletariate nicht genüg-end
ve{reten baben, als Moskau selbst, tlasf wie ge. ¡ãtti.t.i.ntigten, über ihr eigeres-Land untl ihre
r¿de die.letztn Zelt e's wieder bewiesen hat ãu ãig;" A't¡eiterschafi übergroße Not untl Leitlen
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gÊbr¿eht haben. Daß sie aue demselben Grunde fliegen. Das ist kein Zufatl, daß es zqm -qroß,e¡
iÞr eigenes Sys-tem d.em Zwang funrla,ment"alei feii Intettektuelle jüclischer Rasse sincl, tlie tlie
ïfirlersprüche untl Veränderungen unterwerfen Sache tler Untertlrückten führen, untl ileren Führer-
æußten, die es in mancher Hinsicht bis an rlen scbaft von clem'klassenbewußten Proletariat aller
Ranil tles Wiilerrufs gefü-hrt haben. Inrles wirtl Rassen unit Konfessionen solidarisch anerkannt
ðieser Vorwurf sofort gemildert werden müssên, wircl.
ìrenn man sich von rler Betrachtung der rein maüe- Nach- dem Versagen der Weltrevolution im
riellen Handhaben für rlie Weltievotution ent- Westen,antwortete dem fast schon triumphieren-
fernt: die Fehler rlor Bolschewiki ruhen in ihreni" rten Imperialismusr dÊr fuættichen Regierungen clie
grenzenlosen ldealismus, cler Gläubigkeit ihrer enorme Aktion der unisrtlrtickten Völker -A.siens. Als
Fübrer, rlie clas treibentle Element dìr ganzen. ich nachMoskau kam, war d.ieKonferenz in Baku,
Weltbowegung ist, und als rle¡eur Ausrlruck clie ,oines der gnoßen weltbewegentlen Ercignisse der
fL:
überschätzung der Mens'chen im allge- Neuzeit, gerade beelrclet; Fährer uncl Delegierte
m,pinen zu gelten hat. Unrl es tlarf sich claher strömten luräck nach der Kapitrale. Sinowiew
i|,,, jeder, tler tlen Bolschewiki rlen Vorwurf macht, sio hatte tlen Vorsitz in Baku gehabt, und als er den
hätten tlas Pmletariat f¡emtter Läntler (unrl ihres Ileiligen Krieg gegen clen Weltimperialismus ver-
'1,
eigenenl) für clie,Iclæ des Kommunismus bereits 'künclãte, tla hatten :sicb achtzehnhundertneunzig
reif untl berufen gehalten, angesichts cles Ver- Dêlegierte fast sä¡ntlicher asiatischen Völker,
sagens cler Bewegunþ in ihrer ersten: Phase fügtich Stänime untl Nomadengrupþen wie ein Mann er'
eÍgne Brust schlagen und,,Mea culpa 1,, ruf€n. hoben, ihre Revolver, Säbel und Dolche aus den
"Litig
fndes setzt die Partei es fort, tDogmen aus Gürtela gerissen untl in einem einzigen Aufschrei
¡ Moskau in tlie Pncletariaüe cler westlichen Völker ih¡ Einvãrstäntlnis zum gemeinsa,mén llleltbefrei'
zt¡ schleuclern, worlurch cliese in verhåingnisvoller ungsharnpf mit Moskau verküntlet.
IVeÍse gospalten uncl zu clirekten Àktionén immer lm Ostln gibt es kein Proletariat i¡u* Sinrre des
unfähíger werden. Wann wircl es rler lilee ge- \4restens. Die Betlingungen der Erhebung und cler
llqgto, das Proletariat, rtie große heilige Masse Durchfübrung d.er Revolution sintl clort andere, als
tler Errlq rliese iin W'eltkriec allein unt! aus- ìn ilen Staaten der westlichen Zivilisation. In
sctlisfilish, auch in den siõsreichen Länclern Asien soll; -wie Raclek das in Baku ausgeftihrt
rler Entenüe- -:- geschlagene Másse des proleta. hat, tlie Revoluticn nach der Befreiung tler Ost-
riates zu sammeln'uncl geeint vorwärtszufäLhren? f4
völker hauptsächlich vom britischenWeltimperia-
lismus untt der Zerbrechung seiner Kolonial-
flurch die W-eltrevotution
I-f¿¡¡s¡¿en
sollen alle unter-' gewaft'den Kampf gegetr ttie inl¿indischen Aus-
Klass,en, Rassen uncl Völker der beuter .durchführen, ilen Feutlalismus beseitigen
Ertle befreit werrlen, rlas Joch des Kapitalismus .unt[ tl-as Werk dlurch eine Agrarrevolution, wie
zerschmetüert ins Dunkel rler Vergangenheit zurücþ sie in Rußlanct stattgefunclen hai, vollentlen. In
2æ '238
diesem kolossalen Projekt
'Wortes -
wie auch in der lich, sich mit russischen untl nichtrussischen
'Weltrevolution âus-
Wieilerholung des vom Heiligen Krieg, füÍt.; über ttas Thema
äas wir 1914 untl in clen folgentlen Jahren des àitt*ã.t Doch bleibt es eine der wich-
"tetzen. zu beobachten, wie sich tlieses
ån.î* Aufgaben,
õfþ¡en zu hören bekommen haben
- verrät sich
eine Gruniltendenz, d.eren die kommunistische tler Bolsche-
dä1;t""áu"-roptt" der obersten clgn
Bewegung Rußlancls nicht entraten kann uncl mag, ffiil;il rli"t, ø" auch in all' antleren
Partei'
und tlie mit der Bezeichnung Panslavismus, Frasen der inneren Politik, Wirtscha^fts-'
uncl Temperament' uni-
wie mir scheint, nur angetleutet, nicht aber umzir- iåtlïk Läpit gtfthtong
kelt ist. Wie im Geclanken tles Roten Heeres dor iãi.äfit"t Russemturi, Gtaobigk"it__unrl Skepsis
Panslavismus mit der Bekä^mpfung tler weltkapita- "".
io Ued"otsa¡r,rster untl verhängnisvollster \{'eise
listisch gerichtelen Feincle des neuen Rußlantls um Methode untl Aktion'
eine Vereinigung erfahren hat, verbintlet sich in ich verbrachte an manchem Nachmittag Stun-
der Revolutionierung Asiens cler religiöse Natio- d;;"ino¿"t im Kreml' Kuriere mit Ratlionach'
tlie Klinke
lismus des Russen mit clem tler geknebelten und ';;úte.n u"*ì"t tun"*tt Welt gaben.sich
delunentwickelten Völker des Ostens. ;;ì;"; Zimmertãr in clie uair¿' Auf tlem Borlen
das Gehen noch
lËl; F-;ill.i" Sonja vera, clie
Vieren umher' Unter
Tlie Führer der Bolschewiki, die Emigranten, die nicht ertemt hatte, åuf alten
'Wege'
L) in Genf, Zürich, Berlin, Stuttgart, Paris, ä""""iãi.u- aet m¿anarischen .clie seine
ging Ratlek
Lonclon clie russische Revolution in glühentlen iããlî"t ítt dem Teppich beschrieb'
Nachttlebatten und angestrengter Tagesarbeit ;ìld; Depeschen i" ¿u" Hancl, sprechentl und
vorbereitet haben, setzen ihre Tätigkeit jetzt im zwischen Tür untl Schreibtisch
Ifteml in großartigstem Maßstabe fort. Sie sintl "lìtimii#d,
ãä'îiñãuà ¿"' Weltpolitik nach' Es war im
emi-
Fanatiker der Weltrevolution, wie sie ehemals tlie hõchsten Gracle te*.tnaåtnswert, wie-clieses
Gehirn etle
j uns ch ein-
Fanatiker der russischen Revolution gewesensind. ;"tt
-¡"*t";hirgfttfi ge politi
^die sctre Per-
Pathetische Anlässe, wie cliB Beertligung im naõn¡cnt, Äußer"ung irgencleiner
Dienste cler Itlee gefallener Führer (Leichenfeier rãJiî¡t-ü tler ltreltdiplomatis einen irgentlwo
für John Reecl), entflammen religiöse Inbrunst auf ;ffñ;entlen Streik, tlievaluta, geringste Schwankung
bebenden Lippen. In Gesprächen aber, die man ilW;t*ärlfe, Stanct der einen fingierten
mit rlen Leitern cler Weltbewegung zu führen Ge' gegen Rußlantl
ãus ireeod*elcher fremtler Mächte
legenheit findet, kommt zumeist nüchternes Ab- ;d;t-;ã;- ft"en b efreuntlete Muiht, sofortAktions- Yerar-
wägen tler Möglichkeiten uncl Notwentligkeiten frãü"ø o"A zur Beurteilung der nächsten
des Klassenkampfes in seinem augenblicklichen ñltwendigkeit benutzte' Die stabile'
sozusagen
Stactium zum Ausclruck. Es ist für den keiner von der lÏ'issenschaft hergeleitete Kraft Tschi-
fantg1jgn
Partei'angehörenclen ausl?inclischen Publizisüeu iú-ñ ¡esit i in Ratlek, ein Korrelat
cler einer $er
von höch-
natürlich nicht leicbt, auf alle Fälle unerquick- ;;;;;ütt." diesei zeit isi,
234 å96
îl

ster Bedeutung. Sicherlich ist Racteki'einer der . Eéia Kun. Ich lbrnte ihn in Mosklu ihnr
kenaen
zu'
øããerholt Gelegeuheif mit.
ersten Faktoren der unablässig vorwåirtstrciben "*îîuitu
sprechen. Dieser von den Ve-rleumdern
allerNatio-
ilen :Weltbewegung, wichtigster ,Gärstoff cler 'Welt- Tyrann Verschriene ist unter
iìl

ravolution. lVie sein jüngerer Freund, tler ilheô- ri* äTtîr"t.*t-tger die mir be-
ìl

retiker tles Bolschewismus Bucharin, steht Raclek ã; K";*unisteã g.oOeo Kaliberq der Weltrevolutiory
llr
:l,

r(mit'Trotzky, Os'sinski-Obolenski u. a.) auf 'dem änJ-;t"d, den Èionieten g ste n, z arte s t f ühlenden
Ëi¿ti"îir.¡-"itt"t cle r gläubi -bereit,
äuße¡st lin-ken Flügel tler Führerschar. das Leiden der
In Zeiten, da die-Bewegung an einer gewissen r"¿-ãtiüg.t"n Mensãhen,
Raststelle angeldngt ist, verliert rnan elnen und ;ùfdlt*" zu Schaden dekommenen, zu inmitbn lindern'

tlen.anderen der bewährteri Führer für eine Weile


¿"t"-lU*t.nlichkeit Gehör zu scbaffen
ããt U¡itt"tt"o Not'wendigkeiten' Im Gruntle
ver-
aus den Augen. In solchen Periotlen ist tler diese Eigen'
Schmiegsame ,wichtiger als cler Ungestüme, tler äitt i.Oõt- *ittti"U" Rãvolutionilr Kreatur und
Aufbauenrle, der Organisator wichüiger als tler ,"n"fi."t Mitleict mit ¿er leidentlen Mit-
Propagairrlist. Da scheint tlann tlie notwendige ia*-Ji..n"" \{illen, cler Unerträgtichkeit des 2u
;;ili,*ü-s*, di"r.' Leiden Lin Ende be-
Oppositi,on gegen rlie zu Konzessionen uncl Kom- Glaube an das
promissen geneigten Rechtsstehentleir für eine Zeit -C"t" Der;ewig unerschütterliche
reiten.,
werden'
paralisiert ott¿ u¿sgeschaltet zu sein. Mit.elnem i* MenscËen kann so bezwingend übertönt' aber
Ansprung aber stehen plötalich clie.Linken tlann
üil;-ã"t. Gebot tler Gerechtigkeit
wieder auf tlern Plan, vor aller Au$en auf ihrem ä"ãn-ã"i *rhängnisvolle Weiie sich kunclgeben'
äoìän rl".nei.bifx.it ooo' zage Weichheit
im ge' lfr
Aktion' in
ftihrlichsten Rugenblick, wodurch die
Posten.
Die lil'eltrevoltrtion stellt einen steilen'und an
,Kebren trnrl Windungen reichen 'Weg tlar. Man- ai" ìãn*utste 'Ñot gttu'tutt kann uncl zuweilen
auch"geraten ist.
cher, der lricht Schritt,¡u11un uncl rlio Notwenclig- --U"tãi
diesem Gesichtspunkt betrachtet' sintl
be-
keit tles Richtungswechsels nicht einsehen kann,
fällt uncl erhebt sich nicht mehr. Es geschieht oft, to"Lt* die weiblichen Fiihrer tler Weltbewegu[g
;;tk*ftdtg. Za¡tlichst'e Mätter uncl zugleich
claß irgencleiner, d.er von Moskau Abschletl nirirmt,
.um heimzrireiæn untl ih seinem Lancle rlie Be ãrl-ut*""gi"seste Kämpfe1ry9: uT ttie Au-f-
tter Familie'
wegung zu führen, ttaheim plötzlich als ein Ab- 'nf* des heute gältigË" Gebildes
Iösung
aus dem
trünniger otler vom Tempor- der Bewegung Über-
Ï.""t die Briãfe Èosa Luxemburgs
^d"ffgttt";
.rannter sich erweist. Der Zauber Moskaus ist cler
es sind rü-hrende Dokumente einer
Atrnosphäre des gewohnten Mitieus gewiehen, úntl
ft-*ilft"ischen Ám.¡* - und dochall'war der
diese
Not-
Moskau kann eine seiner Hoffnungen aus tler Liste
iü;. ;ilüsequentesæ Verf echterin' armen
*äailriuiten dér an Härten wa^hrlich¡icht
Étreichen. Zluletzt geschâh'clies mit 'Serrati, clem die un-
I(ampíbewegung cles Proletariats' A-uf
Italiener, der in Moskau noch'als starke' Säule Moskauer Ftibrer wies
tler'lV'eltrevoluti,on'gefeiert'wordei war.
;rhdüt lr¡Ëit.ieistoog aut
2'&7
?,¡t6

1,
l
ich schon ôfters hin. Zur maßlosenBewunrlerung Problem Rußl'antls nicht bewährt, nicht zurecht-
steigerte sich mein Gefühl fùr die sich Opfernden gefunden. Wenn es in Amerika hier und dort so
eles Kommunismus, wenn ich zuweilen Frauen be- Ët*", wie einen revolutionären Soaialismus gibt
obachten konnle, in Moskau, in Petersburg, dig ãaut gegelen hat, so hat ihn cliese außerorclent-
angesichts der Not an geeigneùen Exekutivorga- Ucle îräu in jalrzehntelangem Ringen und an'
nen ihre schwierige Arbeit taten, ihren Platz ausi gestrengtester Å'rbeit vorbereitet' Ats Anarchistin
zufüllen bestrebt \Maren. Klara Zetkin, eine Frau i¡e. isi sie clem Bolschewismus gegenüber die'
nahe an die Siebzig, fast erblindet hat die b+ rãf¡" t¡ti.che Utopikerin gebliebèn, wie sie es
scìwerliche Reise nach Moskau um die ungün- ãàr amerikanischen Ðemoklatie gegenüber sein
stigste Jahreszeit unternommen; ihr Tag,. von mußte tlie Bolschewiki wissen mit ihr nichts
dessen 24 Stu¡rden der Schlaj nur vier in An-
-
anzufangen, Emma Golclmann reist mit Alexancler
spruch nahm, war ganz ausgefüllt von Arbeit an Berkmañ, dlm Anarchisten, jetzt von ih¡emPeters-
Broschüren über dio Erziehungsprobleme Iìuß, t;t* tt"telzimmer aus-nach Charkow, nach
lands, Berichten über die russische Bewegung an O*Ëf, nach Archangelsk, urn für tlas Revolutions-
Mat'erial zu sammein
tlie deutscben Frauen, über clie cleutsche Be- -or.ú* im Winteipalais
wegung an die russischen Organisationen. Ein tlie, weltbewegende Kraft liegt brach, verzehrt
einziger Nachmittag erforderte zuweilen zwei län-
-sich ., .
gere Ansprachen an Versammlungen in rlen Sow- Es gibt unter den Fäbrern cler Bewegung In-
-r^-^-^ *-:-
- denen wlr
wir l--..^-l'qRfo
das verhaßte
verrraDte
iets, in Kongressen von Lehrern, vor Frauen- transigente der lclee,
lclee. von
jecler
vereinigungon; der Abend meist ausführliche Re- Wort iMenschenmaterial, tlas im Wettkrieg
ferate vor den verschiedensten Körperschalten. imperialistisòhe Scharlatan und Massenmörtler i¡n-
Ich hörte Klara Zetkin einige lage nach ihrer An. Mrind gewälzt hat, wieder und wieder zu hören
kunlt in Moskau vor dem deutschen Soldatenrat über bekomñten. Damit sintl tlie Menschenscharen ge-
rlie wirtschaftlichen Verhäiltnisse Deutschlands meint, tlie ctie Itlee tles Kommunismus zur sieg-
sprechen. Wie fast jeclerFremde, der nachMoskau ihres Kampfes benötigt, die
reichén Durchführung-wertlen
kommt, litt sie in den ersten Tagen an der Ruhr. diur.t Idee geopfert müssen' Aber auch
Sie sprach über zwei Stunden und fiihrte ihre bei clerlei Zletoien cler Menschenliebe - ich bin
Recle durcb, obzwa.r sie zweimal ohnmächtig aus in Rußlantl einem untl dem anderen begegnet -
clem .SaaI gebracht werden mußí,e. ist tler Gruntl tler Härte in einem grenzenlosen,
Die staunenswerte Energie d,er revolutionären die lÍatur iles Menschen vollsl¿indig beherrschen-
Frauenl. Sie verursacht auch manches tragische den Entschluß' zu suchen: daß dieUngerechtigkeit,
die allzu la'ng angedauert ha! jetzt eidlich radikal
Schicksal
- ein solches lernte ioh in Petersbu¡g
kennen, als ich dort Em'na CroldmaJxn aufsuchte, aus der Weit gõschafft werden muß' Zuweilen
tlie ich von Amerika her gut kannüe. Viele ge- erzittert solch ãine weithin tragentle metalliscbe
borene Fübrer haben sich in dem trngeheurer Stimrne, 'trnil dann ist tlem Lauschenden eine
s39
238
Sch\uingung vqrn-ehmlich, eine lrnvergeBliche sönlichkeiten Einblick in ihre Htiuslichkeit, ilie
Vibration ertönt clem Ohre, die den verboigenen äußeren Umstände ihrer Lebensbedingungclr ge'
'Wesenskern
einer hisüorischen Persönlichkeit ent- winnen können. Über cliese Frage kreise¡r die
hüllt .. .
phantastischsten Vermutungen,. Lügen-urrtl llirn-
In Augenblicken schlägt tlie.Wucht der ldee, gespinsçe in der Welt, ich weiß es" - Im l(apilel
iler Verantwortung, der Not der Gesamtheit das õ¡"i ¿i'e Intellektuellen erwühnte ich, daß rnaa
kühnste Herz gleichsam in Stücke. Der Gläu- sich, tritt man im Krenìl bei einem der l"ülrrer,
bigste, seines Zieles arn sichersten Bewußtg der cler clie höchsten 1\IachtbefLrgnisse in seiner ll¡tnd
sta¡ke Führer der geistigen unrl der praktischen ein, fragen muß: ob dieser l\lensch in
vereint,-Gefängniq
Bewegung wircl plötzlich mutlos, weich zuTränen, einem einem Absteigequaltier oder
sehnt und wünscht sich wie ein Schiffskapitän einer wirklichin Wohnstube hause? Gewiß: hier
yon qeiner Karawelle auf hoher See im Angesicht und tla ißt man sich im l(rernl sat[; es gitrt dort
fast schon cler begehrten Küste nach dem Land, zu$'eilen sogar Lachs, wenn es in tler Stoloivaja
nach clem Debattierklub in der Züricher Mansardg unten in ctei Statlt l{ering gibt, und hier urrd da
nach der Zeit cles Elentls, der Verfolgung, nach der kann man auch eine Blechdose mit Preßkaviar und
alten Zeit. im Exil zurück. Es ist rlie ewige ein paar Stücke Würfelzucker auf einer l(omtnotle
Tragötlie der Macht, und sie spielt, sich in den erblìcken im großen gûnzen aber würde-sich
Seelen der Verneiner der Macht in erschütterntler
der Heru
-
Groscheñrentier in der Schönhauser A llee
Weiso ab. Wer rlen Führern der Bolschewiki, den bestens,bedanken, ìilenn man ihm zumuten wollte,
Trägern der Weltrevolution nachsagt, rlaß sie aug ctasl\{enü Lenins oderRadeks einigeWochen laag
clem Trieb zur Machtentfaltung, zur Befrietligung- zum }luster zu nehmen' Die Bolschewiki lieben es
irgendeines Rachegelüstes oder zur Bereicherun$ nicht, wenn man sie mit den Pul'itanernvergleiclat,
gehantlelt haben uncl hantleln, der kennt rlas ich weiß es aus den ironischen Rantlbemerkungen
Grun{prinzip des revolutionären Charakters nicht : der ,,lsruest ja" ztt tlen Berichten Berirand ftussela;
Verachtung des eigenen Vorteils, tler Sicherr- tlarúnr nur-die Bemerkung, daß in dem Topf, in
heit cler äußeren Existeqz; des eigenen Lebens den man die Bolseherviki ztlsatnrnen s¡'¡å des
und Sterbens. Höher als all' tlies gilt ihm ilas Puritanern werfen könnte, oft nieht mehr schmort,
Fortbestehen der'Bewegúng, die Fortfährung cles als ein wenig Kascha mit KohlsupBe.
Kampfes, rlie Propaganrla . ..
Einige'Wochen nach meiner Ankirnlt in Moskau; T T Tenn man uns zum Gehea zwingen wird,
um die Zeit, d,a rlie Kontrulle über mein Kommen , VV werden wir die Tür hinter ua$ mil einem
und Gehen, über meine Ansch,auungen uncl Ãqße. Krach zuschlagen,"der den Erdbail erschüttern
rungen nicht mehr so übereifrig geführt wurd.e wird." Dieser pittoreske Ausspruch stammt von
als zu Anfang, habe ich in zwangloserem Verkehr Trotzky.,Er wuide in einerZeit getan, als es noeh
r,nit. einer iurd der anderen der führpnden P.er"
nicht só felsengleich feststand, daß der Bolscbewis^
240 16 Eolitseher, Ðrei ìÍonate ia Sowjei'Rußiand 241 l

.ii

i
ì
1t

:"1
mus sich behaupten können werde, inmitten tles Volker hort die Signale!
konzentriscben Angrif f s der vierzehn Nationen, wie
ilies heute tler Fali ist. Die Tür steht immer lroch Am 18. Januar 1919 verbreitete sich in Ruß-
offen. Untl tlu¡ch sie ziehen sogar,wiemandasbe- lì Un¿ rlie Nachriehi, daß Ka¡l Liebknecht in
obachten kann, kleihere untl größere Gruppen--von Berlin ermordet worden sei. Um die Mittags'
'Westen r¡ntl -Osten in eine lVelt stunde des selben Tages begaben sich in einer
Meoschen aus
ein, die jenseits der Dünste, Betrübnisse-und Ver- kleinen Starlt eines entlegenen östlichen Gouverne
worten¡äiten des Augenblicks schon in Zukunfts' ments tlrei bewafÏnete Â.rbeiter in das Haus eines
fernen sichtbar zu w-erden beginnt' Dine furcht' Bürgers. Der Bürger, ein ältlicher Mann, saß mit
bare Zeit cler Kämpfe, geistiger untl materieller seinen Angehörigen im \Tohnzimmer beim Mit-
Kämpfe, steht clen Vökérn cler Ertle bevor' In tagstisch. Die "A.rbeiter blieben im Zimmer stehen
iliesen Kampfen geht es nur scheinbar um clie und sagten: ,,Karl ist tot. Komm mit." De¡
Macht einer-Klasle; im Grunde hanclelt es sich Bürger verstand nicht, was die Arbeiter mit diesen
iun den Triumph 'einer religiösen Vorstellung' Worte,n meinten. ,,Wer ist Karl ? Was rneint ihr
Die Kämpfe um^ die Weltrevolutio-n werden Reli mit Karl? Wohin soll ich mitkommen?" Die
gionsfehdin sein, ähnlich jenen, clie sich um das Arbeiier sagten: ,,Karl Liebknecht ist tot" Die
íIeiligo Grab enisponnen haben und' jenen, die Bourgeois haben ihn ermordet. Komm hinaus."
clas Zeitatter der Reformation gezeitigt hat' Dem Der Bürger fragte noch, was die Mortltat denn mit
Bolschew.ismus wohnt vieles inne, was an tlie ihm zu schaffen habe, warum er, gerade er
Reformation erinnern könnte: auch er zertrümmert hinaus kommen solle ? Aber er erkannte balcl, tlaß
Dogmen, ohzwat er vorerst an ihre Stelle wbithin es für ihh kein Entrinnen gab, er erhob sich in-
sicËtUarô uncl der Anfechtung nur zu zugängliche mitten seiner. wehklagenden Angehörigen und
neue Dogmen und. Gesetzestafeln ste'llt, Doch be- folgte clen Arbeitern auf den Hof seines l{auses.
reitet sich ctie Wantllung in tlen Seelen áuch tler Baltl darauf fielen rlrei Schüsse.
Dogmenungläubigen vor. Sie vollzieht slch sogar Einige Tage nach meiner Rückkehr aus Ruß-
vieÏteicnt ín enlscheidenclerer \üeise außerhalb lancl wohnte ich in Berlin einer politischen Ver'
jener Vereinigungen, Pa¡teien untt-Btincle, tlie clen sammlung bei, in der der Retlner vor einem
iVlecha¡rismuJ det Weltb ewe gung tliri gieren' von Bürgern und. Kleinbürgern dicht besetzten
Es unterliegt keinem Zwelfel, claß ttie St¡l{" Saal es mochten zweitausencl Menschen zu'
ctes Materialismus als treibender Macht cles \üelt- gegen- sein den Namen Rosa Luxemburg err
seschehens geschlagen hat. Der Historiker der
-
wåihnte. Er sprach ihn zweimal aus: das erste'
Z*ooft wird'Aie Efoche, an deren Schwelle wir mal in einem Zusammenhang, der Lacheu auci
stehen, uncl deren Eingang Moskau bezeichnet, löste, das zweitemal erwåi.hnte er ihren Tod,
nicht mehr mit clem Maßstab cles geschichtlichen worauf'aus der Sehar der Anwesenden lautes
'
Materialismus messe¡ itri¡fen. Bravo! ertönte'
242 g4B
ungarn eíne Liste nrit siebzig Namen vÔn ungatl"
Ehe ich Moskau ver\ieß, erfuhr ich von Be' scb"en kriegsgefangenen OÎfizieren vorgelegt, die
kanntenn clie in verschicdenen Kriegsgefangenen-
im selben iugenliict füsiliert werden solllen, in
Austauschmissionen der ehemaligen österrei' dem von den zehn \¡olksbeauftragten auch nur an
chisch ungarischen Nation beschäftigt waren, daß einem das Urteil vollstreckt würde.
(größtente-ils ungarische) Genossen an den Grenz' In tlen ersten Tagen des Novembers empfing
Àiationen Rußlaãds aus den Transporten zurück' mich Tschitscherin nachts in seinem Arbeits"
beförderter österreichisch-ungarischer Kriegsge' kabineit im Auswärtigen Amt zu einer Abschiecls'
fangenen ctie Offiziere ungarischer Nationalitüt unterredung. Mit seinem blassen Gelehrtengesicht
herãusheben und entweder an Ort uncl Stelle saß er, einãn dicken Schal um den lIais und eine
internieren oder sie nach Moskau oder Petersburg Tasse Tee vor sich, inmitten bis zur Decke ge-
zurückschicken während tlie Mannschaften stapelter Zeitungen, Dossiers und. Br'oschüren in
ordnungsgemäß in die Heimat, die sie seit sechs ilern ungenügenã geheizten Raum. Er sah'mich
Jahren liõht mehr gesehen hatten, zurückbefördert
mit einõm Ãoge an, das zwischel cl-en gabeÌ-
wurden. Dieser Akt der Willkür der russischen förmig gespreizten Fingern seiner Hand röntgen-
und ungarischen Genossen erschien mir un- scharf den Besucher auf Herz und Nierep zu
menschtiih und unbegreiflich. Ich nahm rnir vor, prüfen schien. (Diese Attitüde, eine von den un-
nach Kräften Abhilfe zu schaffen. Leimlichen Gepflogenheiten der führentlen ['Jol-
. Ich war erst einige Tage wieder in Berlin, da schewiki, sie mögen sie in der Schule der ameri-
zirkulierte ein Aufruf, der von den besfen Namen kanischen Energieprofessoren oiler bei lgnaz von
des þeistigen Europa, den bewußþn ,,besten Loy,ola gelemt haben, habe ich des öfteren bei
Narne-n" uñterfertigt werden sollte" Bs l¡anrlelte Voikshommissaren beobachtet, denen ich gegen'
sich in diesem Schriftstück um einen Appell an über saß.) Was Tschitscherin mir sagle, klang,
d,is Menschlichkeit und Binsicht der l{orty- von dieseí heiseren und gemessenen Theoretiker'
regierung Ungarns, ttie soeben . z.ehn 3he- stimme gesprochen, tloppelt wunderlich. Er sprach
rnãtigo Volksbõauftiagte der ungarischen Kom' mit offðnkuntligem Nâchilruck, in der Absicht,
müné, darunter die Mehrzahl Sozialtlemokraten claß ich von seinen Worten in lrreitesber Öffeni"
und nicht Kommunisten, teils zum Tode durch lichkeit clen ausgiebigsten Gebrauch machen
den Strang, teils âu lebenslänglichem Kerkèr ver- sollte. ,,Bs bleibt uns keine Wa¡l. In Buropa,
urteil[ hatle. Bald darauf stand in den Ìrürger' in Anrerika mordet man unsere Freunde und
lichen Blättern des In- und Auslandes der Appcll ,Genossen zu Tausenden, sperrl rnan sie- zu Zehn'
de¡ besten Namcn - diese waren gesperrt-ge' tausentlen ein. ìrVir haben gegeû diese Àkte
rlrue.kt ztr lesen. Zur selben Zeit aber saß in unsererseits nur das lfittel, Yergeltungsmaßregeln
-
Reval eine ungarische Regierungskommission mit walten zu Iassen. Es ist sehr traurig und bedauer-
ilem Beauftrag-ten Sowjet-Rußlands Litwinow bei' lich, daß rvlr auße¡ den in Rußland befindlicüen
sarnmen uncÌ unterhandelte. titwinow hatte dEn
a4ß
2+4
Ängehörigen der Bürgerklasse ,fremder Ländet .¿ie anderk sprachen, blickte ich zum Liis'ler
gerade noch tlie Ärmsten untl Bernitleidenswerte' Ui""ot, aul den Tisch vor mir nieiler' Leb wohl'
sten, die Kriegsgefangenen als Geiseln zurück' Venezíanerlüster, leb wohl, herrlich intarsie'rter
behalten müssen. Es ist sehr bedauerlich, claß für Tisch, mit clem Yerschwinden tles Me'hrwerts ver-
Schuldlose abermals Schuldlose ha-ftbar gemacht schwíndet ihr aucb, Unwierlerbúngliche einer ver-
rrerden untl leiden so[en. Aber wir müssen zu sinteo¿uo Welt. In dieser WeIt cles Scheins seitl
diesem mittelalte¡lichen System zurückkehren. EE ihr ia überhaupt nur noch Mumien der Erinne'
bleibt uns keine Wa^hl." toni mn"r wóidend, abbröckelncl mit jetlem Tag'
Ich kenne einzelne unter tlen zehn ungarischen In ãíeser lilelt der úerwantllung - was bin ich
Volhsbeauftragten, habe ihr Leben in Entbehrun-. cla, was sintt tliese hier mit mir, liebenswerte'
gen, treuestem Dienst für d.ie größte Sache cler reine untl hóne Geister und tloch fremrl, wie
Menschheit, in Treue und Aufopferung abrollen it-ãÃì, unbegreiflich unsere Beziehungen z"u gin¡
sehen. Litwinows Liste hat sie gerettet. Uncl den ;d;t; unbe gieifl ich die Zusa,mmenhän ge zwi ggng
Siebzig in Rußlantl,ist kein Haar gekrümmt wor- tlit mii, dit uncl ctir. Wir alle, Seschöpfe
den. . Der literarische Erguß der besten Intellek- einer"it¿
den 2ukünftigen unbegreiflicheur unber-
tuellen hätte, bei der Mentalitlit tler Hortyleute, segangenen prähistorischen Epoche' ' ' "
"-öi""Bolschewiki haben es unternomrnpn, diese
sicherlich nicht den Erfolg erzielt den das mittel-
alterliche System gehabt hat. Die ,,besten Intellek- alte, inkoherente, aus'Widersprüthen, Grausam-
tuêllen" haben das tiefe, in seiner Abgrün[igkeit keib untt Gedankenträgheit müh-sam- zusarrlmen-
scbauererregende Wesen der Blutsgemein- g"iuimte TVelt ¿u zertr:üml4ern, die-der Vernunft
schaf t allor heute'Lebentlen nocb nicht Ï" ¿ããn nicht'stantthalten kann' Sie sind noch
erfaßt I äiftig mit Zerträmmern beschäftigt ---: clem gut;en
' WiUã" uncl geschärften Blick intles zeiohnen sich
bereits tlefin-itive Umrisse cler auf Sinn und Ver'
\tr fas wir bis zum Kriege unter der Kulturunse-
nu¡ft besrüntleten besselt'en Welt der Zukunft'
V V rer Welt verstanden haben, ist zum Unter-
gang venrrteilt. Diesen Untergang habe ich ein-
,i* -õie B"olschewiki wantleln die Gesellschalt in
mal, in einer Vision, blitzgleich mein llerz uncl ihren Formen vÐn unten auf grtincllich um'
"Ien
.* Begriff: Heiligkeit des keimendeq Lebens
Hirn tlurchzucken gefühlt. lVir 'saßen in einem Heiliger ist der nYille
Petersburger Palast beisammen, einige führende nu¡u" siã ein Entie bereitet'
der Schwangeren; sie a.ilein muß es b€stimmen'
' Genossen und Genossinnen uncl ich. Es war Nacht,
und über unseren Köpfen brannte ein wunder' ob sie Muitei werden will otler nicht' Ben Staaf
voller venezianischer Lüster. Papiere uncl Druck- der mit clem Menschen als Steuerzahìer, Katronen'
schriften lagen auf einem kostbar intarsierten futter, überzåihliger Ä.¡beitsk¡alt bisher tloeh nu¡
Tisch vor uns. Die Unterhaltung ging um gei- S.Uii¿to¿"t getr"ieben hat, sind seine Befugnisso
stige Dinge des kommenden Europas. W¿ihren,tl auf dae ricbúge Maß ztrückgeschratbt' In den
Ð47
24ß
_rs Proleiariats und fär
Klisikên Ru6lantls liegen geclruckte Bogen-auf, in kärnnfen ietzt im Namen ctes

itentin,sich werdende Mütter in den ersten Wochen äffiääåilutiut, *it dem sie ursprü-nglicheigenen gewiß
' ihqer Schrvangerschaft einverstanden erklären da' ;ñF; Fählung batten, als ry-lt ihrer
e g e n cliese Klasse unrl
lbst'e
mit, ¿an der zu diesem Behuf angestellte Arzt ihro frtu..ä untl Kaste, g
î.ïï"*u" kîttür ihrer Ktasse und Kaste'
Leibesfrucht vernichte. Es soll keine ü-rau mehr - W;ff die ¿ie Bolschewiki aber Proletariat sagen'
.ltutter werden müssen, ttie tlen Instinkt der
Mütterlichkei! nicht in sich tqägt. *o'*uitt.o
--Sì" sie damit;'die Menschheii' -
Die Ehe ist im bolschewistischen Rußlantl zur ti"A es, die an der Spitze tler.zivilisierten In'
Farce,,ein Scherz geworden '- ich -möchte fasi n¡.n..¡ftàit marschierenden kommunistischen
iãir"r-t"uilun Moskaus, ctie die Formel der Gesell'
sagen: wie das Geld" Wer Zeit und Lusb dazu-
ää, ãi; Kuttun der'atten und Welt zertritnmero 9:'t
hat, Männlein und Weiblein, kann sich in einer
Wocne viermal 'trauen' uni dreimal scheiàen ;il;;; -- Gemeinschaft Kultur erschaffen
lassen. (Die Woche hat sieben Tage.) Die Amíer, *ãiu* auf einer Gruncllage von Aisher uner'
tlie tliese Ptozedur vornehmen, verlangen'an Legi' üoîi.t gt"iie, das kaum vorstãltbare Ge-bilde einet
sich die l(lassen an'
-;;;;b;. in cleraufgelöst'
Menschheit,
timation ein Minclestmaß: das Arbeitsbuch undl ""åi"t"t sind' in de-r
die Unterfertigung eines Formulars. Im rötlichen :ffiä; iaben,
orients und Abentl'
Scheine einer an der Wand befestiglen,Irahne der üiã-- no.r.n, alle Farben
aller Kulturschichten untl
Sowjet-Republik vollzieht sich diese l{andlung luf h"d.;-il;- Índividuen
qleichberechti;t' sein sollen'
rapide und rnechanische Art. Es bleibt den Be- Zanen
teiiigten unbenornmen, nachher zum Popen oder Inteiléktuelle sind ês, clie es lfiIteÌrlommen
zu
Rali-biner zu wandeln. Viele sollen dies tun, noiluo, ã.o Individualismus dieses Zeitalters
wirtt gesagt" Selbs[verständlich hindert keine Ver: ãåttttitn*.tn, ein weites, unabsehbares."frümmer'
ordnu-ng lùenschen, die sich lieb haben, in einenr ã.r,i-ããt- Anonymität' zwischen dieses
"ìtgé*oinen Zeitalter
ilurch das Gefütrl geheiligten Bündnis beisamrnen i""tigo ooí ¡"n., ersehnte und geahnte
, zu bleiben. Es ist nur ein llaufen von Lligen, ã,ìîtËitu*, Intellektuelle sind's, itiè ilie Menschheit
tlamit sich
rnateriellem Zw ang, veralteten Vorurteilen, gesell- auf dieses- Trämmerfeld vorwärtsiagen'
voll=
schaftlichen Konventionen und sonstigem Keb' ;;i th* áiu eono*ong des BinzótJchicksals Schieksal
, richt aus dem Leben der Gemeinschalt
hinaus" ,iehe und aus dem gt"oß"o àllgemeinen
gefegt. ãtì llutt.n clort' drüÈ'en ein neuer tndividualismus
-Ftir tlie Kintler sorgt der Staat, der auf solcbê oôt o.uu.¿enhbaret Herrìichkeit ersbele'
Weise die Familie aufgelöst hat. '-."u. Die Pole dieses Trümmerfelde¡ sind Egoismus
Ñ nft*i.mus. An seinem Bingang steht Bluts=
tlie Bol," semeinschaft von Geiseln, an seinem Ausgang
Ds tlarf nicht vergessen werden, ilaß geringen Þiliö;;i;schaf t von Brüclern' Dazwisc!'t" I:qs
-L schewiki Intellektuelle sind, die mit
á" iËi¿.otrveg, wie iln ttie Gesehichie rJi*'Zívi"
Àusnabmen auÀ dem Bürge¡{'rrm sþ!o{ren. Sie
249
248

.. ..,,.".;,,;.;,àä;;,,"-,,,
äsation. ntcht kennt Etappen der Ve¡wüstung, menten dieset Gesinnung mit äußerster Ent'
Schlachffelde¡ mii Leichenbergen von Genera- schlossenheit zu Leibe, um sie wegzuräumen aus
tignen, Krater von Besessenheiien. ãã* W.g zur Utopie. Ihr Versagen-bei mancheno
In Moskau lernt man es verstehen, warum dem Beeinneñ schichtet tL¿s Trümmerfeld nur zu ge.
Schicksal des einzelnen heute so geringe Be- der Bol'
;;Ïdt;*t Höhe auf. Wo clie Methoden Giftgesiu-
deutung beigemessen wirrl. scheõiti aber versagen, da wuchert tlie
nung sofort maßlos in Breite uncl Tiefe'
polschewismus ist clas System zur Verwirk- fã itt unbestreitbar, claß ttie Komprornisse'
I-f lichung des kommunistischen kleals. lVas rlie Lenin, mit tlen eigentumsfa¡atischen Bauern
jetzt in Rußlanrl wirkt, ist noch nicht Kommu- zu schließen ger*,togãn war' urr{
--¿i" 'er
durch
nismus; sondern eine Anstrengung, die erste ent- lúaniastiscne itittet oiie ¿ie Etektrifizierung Ru.ß"

scheirlenrle Stufe zum kornmunistischen Gemein- i*¿t zu beheben gedenkt, aus der Verzweif-
wesen zu erklimmen.,In Rußlantl reißt eine revo- tong ," erklären sìnd" Und tlie Erweckung der
lutionäre P¿rtei ein Volk zu dieser Stufe in die lVfuJ."o Asiens stellt eine dn Raserei grenzentle
Höhe. Kampfmethode dar, tlie die Welt in ilen nächst'eu
Ver allem besteht rlie Aufgabe tler Kommtrnisten Jahråehnten in unausclenkbares Chaös stlfurzen
ilarin: gut zu machen, was êine kapitalisfische könnte. i
Entwicklung an dqr Gruntlidee des Christentnm5 Die Bauernschafi' Schon erwähnte ich Sy:np-
und den Endzielen dieser christlichen Iclee ge- tome einer beginnenden Periode iler Völker-
-sich
gefälscht und vernichtet hat. Der Bolschewis- **a.*og,"ttie vorerst in tle-r- Wolgagegend
mus der Moskauer Führer stellt im Grunde eine *i.t cterivon Panik ergriffenen Mennoniten be'
Empörung des europäischen Gewissens gegen die rrr"t[¡ut gemacht habeñ. Aber auch unter den
ungeheure Entwürdigung und Unterdrückung des Bauern tlðv mit Mißernte geschlaggten Souyeq.g-
Menschengeschlechts dar tritt in einem
- inerrlem tàoiu h¿t sich rlgr Wandertrieb eingestellL'
Augenblick in Erscheinung diese Ent- S.iut*."iso ziehen und irren diese Ungläck'
qürcligung eine Phase des an Paroxysmus strei- IicLen zumeist planlos, tlurch tlie weiten Gebiete
feqtlen Verbrechens erreicht hat: ir4 Weltkrieg. des Landes, in- die Stätlte, kreuz und- quer son
'!Vesüen,
Säclen nacb- Norden, von Osten nach und
Seine ungeheuro und verhängnisvolle AuJgabe
Truppenkrcrðone ser-
erwäcùst dem jungen Willen zum Kommunismus die ibnen entgegengesandí'en
in der Bekämpfung all' jener durch rlen Weltkrieg mögen diesei Auftosoog keinen Ri.eseì YÔrzu-
maßlos verhärteten Tendenzen der Gesinnung, die schieben. An soichen, Elemealarkatastrophea ver-
latent und niedergehalten schon immer auf dem giéi.nfnt"tt Ereignissen zersehellt das vcn den
Urgruntl dieser Zivilisation gelauert haben unrl Éolschewiki sorgfättig erwogene System des
sich in diesen letzten Jahren breit entfalten konn- Aufbaus.
ten. Die Bolscìewiki gehen den vergifteten Ele, Die.Ostvölker. Die ExplosiÛn von Baåu reißt
2ö1
250
he
die jungen Rassen weitester, :unerforschter Gebieto mißbrauchte untl nieclergehentle Menscbheit
des Kampfes'
xrit einem Anhieb aus dem Urschlaf der Zeiten schworen hat. Bs gibt ÀIempausen die
hinauf auf die höchste Spitze einer Bntwicklung, in ilenen man wieän unierirdisches Grollen dessen'
die. nur durch die Mühle der Weltgeschichte ge ïi.fã-tã"n.fnde Wut verninmt' Vorboten
gangene Vtllker erreichen, untl auf der sich nur was sich' ereignen kön:rte' st'ürzlen- ilemnächst
die Klassen mit Ãneuter iYucht und
ausgeruht
diese behaupten können. .Zwischen dem Kommu- der
nismus eines kirgisischen NomatlensLammes und tos' Wtnrr schon die-Loslösung-
tlem Kommunismus marxistischer Sozialisten "ùi"i.o.¿.t
Kirche vomstaate clurchDekreie dem
altenGlau-
Garaus macht'
liegt doch noch ein gewaltiger Weg" Alte Rassen l-" ãa Aberglauben nicht den
'Kapitalismu*. uol der Pro-
aber, die Chinesen, Inder, deren Urgeschichte ãi. iãtrotung des aus den
untl sogar noch tlie der neueren Zeiten Auf' d;h$t; wird"tfen Trieb der Habsucht Grõße der Auf-
hommen uncl Verfall cles Kommunismus kennt, Menschen nicht exsîirpitt"o' Die
wird' erst evi-
erleben jetzt den Anbruch der zweiten Bpoche õ;-ãt; ãer golschewiki harrt' seeli'
ihrer entschwundenen und tlurch die ÙIächte des äffi; ;;;. ãi."Ñ"t*""tligk-eit der inneren'
in Frage steht'
Westens vollends unterdräckten Kultur.' Indcm ;;hen'RËvolutioni"t"ng auî Massen
die Bolschewiki bewußt gegen die Nutznießer: Úna Au muß aber unä abermals gesagt Y9t'qto'
desVolkes'
tler Lethargie dieser alten l(ulturnationen Asiens': ãåßr il-aieBolschewiki zur Eildung
des Analphabetentums getan haben'
ilas imperiaJistische Großbritannien und das west'
liche Methoden nachahmende Japan sich wenden, "tt'gànu¡tng
bewunderungswürdig wäre, auch ohne Berüek-
der alles
beschwören sie eine Erschütterung herauf, die ;i;it;Ñt cl"er elemintaren' Hindernisse'diese Beo
kaum in Jahrhunderten verebbt sein wird, uncl b"*;ì"tg;auo nãl-ã"s Landes
ins
- {i" steigern
Grenzenlose
tlie das \{erden einer neuen Kultur auf der Basis *"ì¿åt,tpg allerttings
muß. Aber auch- iitt" geistige - Befreiung
der'
allgenreiner Völkervereinigung fraglich macht.
So wird, wer ldee untl Methode der Bolsche' Massen kann ungeahnte Gefahr in-
sich bergen'
wiki zugleich betrachtet, vom Himmel zur Hölle il;;it 'särttir
ìh" ¿ãì- inot" Aufbau der Mensehen
d'es ökoao'
geschleudert, ein Spielball von Verzweiflung untl ;iäil n¿rt. Die Schwächen
hier Resullate der Er-
Begeisterung. \iliederholt habe ich es aus dern mischen Systems konnen
Munde der Führer Moskaus vernommen, daß
tler Kampf um den Kommunismus - in seiner teil
-- verkebren.
heutigen akuten Gestalt ist es' ein Kampf der nu, Ergebnis, das man aus Ëußtrand miË nsch
Bolschewiki um ihre Existenz
-die Welt in II"ts; briîgt, ist:ìús tter Polilik des Bolschewis-
Jahrzeh te andauernde Bürgerkriege stü rzen n¡i rd. ;;;-;uß îíe Religion des Komryiuaismus er'
n
Dieser Kampf um die Kultur der Zukunft wird ' stehen' Solange de'r Bolschern-ismus sich uné
noL
sicherlich mit all'. der Erbitterung durchge- ;;äilgen- tnii- oronomisehen Problemen
fochten werden, d.ie iler \{eltkrieg über eino Grundsätzen ptagen muß, kaln er an Sielie der
?53
252
hapitalistisch'en Verkehrsmethocle' zwischen Meûr- TTs ist Sch\reres, was man im Rußlantl der
schen und Gütern-nur eine ähnlichg'wenn auch
l-. So*¡ets erlebt. Nicht jeder geht heil aus
bessere Methocle des Verkehrs zwischen Arbeits- dieser Piüfung hervor. Schaurig tönen-itie Sig"
leistun$ untl Güteraustausch setzen. ,Erst wenn nale tler Befrõiung tlem Gläubigen ins Ohr' Zu'
der Bolschewismus dieses erste Starlium über- weilen mit dem Þosauneaton tles Jüngsten Ge-
wunden haben wird, hönnen die Beziehungen richts. Oft wollen sie fast tlie Hoffo'ung auf tlie
zwischen Menschen und Menschen aufgeriehtet Zukunft übergellen. Ofi isi es einem, als sollte
werden. man sich wünichen, rasch von einer der düsteren
Vorderhand sincl die Menschen aber, und. das Epiclemien, clie wie Wirbelstürme über die rus'
lernt man in Rußlantl in entscheiclendster Weise sische Erúe fegen, ergriffen und hinweggel€t
verstehen, zu dem notwendigen Fortschreiten auf zu werclen. Abei clann ãrhebt sich vor dem schier
clemWeg tlesBolschewismus nurdurch einSystem .Verzweifelnclen der blutencle, tler mystische hei'
cles eiseiaen Zwanges zu bewegen. Dieses System, lige Mensch Rußlancls, Tolstoj, ttgr -vor tlem Totlq
das zu sCinem Endziel den Triumph tles be efientlich schon nach seinem irtlischen Tode, von
freiten Inrlivitluums gesetzt hat, arbeitet mitäußer- Võrklärung uncl Unsterblichkeit beschienen sich
ster E'ntrechtung, mit einer zeitlich unabsehbaren auf dem wlnterlichen Weg ins Ungewisse vorwärts
Unterdrückung der Freiheit cles Individuums,. tastet. .. .
'Eines ist aber doch zu beachten: Es ist cler Weg tler Menschheit, den de'r rus-
Ein neuer Militarismus ist in Rußl'ancl entstan- sische Mensch geht, tibet den er tlie Menschheit
tlen, eine Armee ohne Kadavergehòrsam. Ein vorwärtsführt, tler 'V[eg geht über Trümmer und
neuer Arbeitszwang, aber nicht vom Ausbeuter Not untl Alptraum zui \ryiedergeburt und zur
diktiert, so,ndern von d.er Staatsgemeinschaft. Eine Gemeinschaft der beseelten Vernunft
neue innere Polizei, clie aber jetzt im großen gan- Ist es Begeisterung, ist es Ve-rzweiflung, w€
zen doch clie Schätllinge faßt, wo sie ehemals von in cler SeelJ dessen tberwiegt, cler aus Rußlantl
den Schädlingen gehanclhabt worden ist. Die zum iibertünchten Abgrunct tler westlichen Zivt'
Erben rler Despoten sind Lenin, Trotzky, Luna- lisaiion zurückkehrt? Ist es clie Heimat, in die
tscharsky. Diese Momente sind wohl zu beachten. er zurückkehrt? Oiler ist ctie Heimat niclrt etwa
Sie beweisen, tlas sich an den Zielen der d.ort, wo gelitten, gekämpft wird, unter dem hun-
Macht cloch einiges geändert hat gernden, frierentlen, ringentlen Volk?
- man sollte
clies nicht außer acht lassen in Augenblicken, in Wo um clas Menscheniecht gekämpft wird' ist
clenen die Erkenntnis nieclerdrtickt: claß die Me¡ ctie Heimat. Von dort her ertönen d-ie Signale'
thoden tler Macht rlie gleichen geblieben sincl, ja
stellenweise sieh noch verschärft haben.

2út
264
Ðie'Vferke A {,hur Holi
'Weiße Liebe
Romût¡

An die Schcinheit
,l,i",i'.'''.,...:;.;::.|.:,i.,',Tr9qø¡tió|....'',';'
Von der \ilollusç ünd deT Tode
Der vergiftete Brunnen
. Ronl¡n

Das sentimentale Abenteuer


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.' ' ,:r.r, ,]. .i.. i,, ,' '' t I Der Golém ,
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, ' ,''t ' -\ry'ir"',rf'


wartest Du.¡i

1. , I ¡¡ I4 gland-O tpreußen-Sudostçrreiph
Das amerikanische Gesicht
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Bruder \Murm

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Schlafwandler
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' ' ,i Adela Bourkes Be8egnung

Dtuqk von Jsuqs Rl;;t1'6¡clt ia Leþzig

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