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Zur Entstehung des Goetheschen Motivs der „Entsagung“

Author(s): Mauro Ponzi


Source: Zeitschrift für Germanistik , Mai 1986, Vol. 7, No. 2 (Mai 1986), pp. 150-159
Published by: Peter Lang AG

Stable URL: http://www.jstor.com/stable/23974455

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Mauro Ponzi

Zur Entstehung des Goetheschen Motivs der „Entsagung'

Der Begriff der Entsagung, der in Wilhelm Meisters Wander jahren — wie selbst
titel des Romans unterstreicht — zum Leitmotiv der Goetheschen Poetik erhobe
ist als ursprüngliches Element bereits im letzten Kapitel von Wilhelm Meisters
spürbar. Der lange „Reinigungsprozeß" Wilhelm Meisters, der mit seinem Eintri
Turm-Gesellschaft zunächst abgeschlossen ist, wird dabei von der Voraussetzung
jenen (künstlerischen und sentimentalischen) Leidenschaften, die seine frühere Le
bestimmten, zu entsagen. Obwohl Giuliano Baioni in diesem Zusammenhang beha
daß Goethes Werke nach der Französischen Revolution im Grunde genommen nu
such gewesen sind, sich mit den Ideen der Französischen Revolution — wenn auch
— auseinanderzusetzen1, soll hier der Versuch unternommen werden, den künst
;produktiven Stufen, die Goethes Auseinandersetzung begleiteten, nachzugehen. D
der poetischen Mittel, die Goethe direkt aus den historischen Erfahrungen der
schen Revolution für eine künstlerische Alternative abgeleitet hat, hegen folgend
logische Prämissen zugrunde :
Auch wenn die literaturwissensehaftliche soziologische Methode in der Lage
„Widerspiegelungen" eines Kunstwerkes hinsichtlich der historischen Entwicklu
bestimmten Epoche zu erklären, vermag sie gleichwohl nicht auszuweisen, wie s
„Homologien" in der künstlerischen Struktur, verwirklichen.2 Methodologisch ist
Rückgriff auf die Vermittlungsfunktion notwendig, die jedes Kunstwerk durch se
Autonomie in bezug zur sozialen Wirklichkeit besitzt. Zwischen dem Kunstwerk
historischen Realität existiert — wie dies der Vulgärmaterialismus immer noch be
kein Kausalnexus. „Jeder Versuch, die Literatur als unvermittelten Bestandt
gesellschaftlichen Verkehrs- oder Bewußtseinsformen zu begreifen oder von ihr
Wiederholung ihr nicht eigener, ihrem Vermögen fremder Aussagen zu gewärti
scheitern."3 Die Differenz, die zwischen Kunst und Wirklichkeit liegt, verlie
künstlerischer Vermittlung einen „asymmetrischen" Charakter, da seine eth
schläge einerseits zu geschichtlich unausführbaren wurden, andererseits aber eine
sche Alternative antizipierten.
Die geschichtlichen Erfahrungen seiner Epoche — vor allem zunächst der Per
Sturm und Drang — verarbeitend, sah sich Goethe zunehmend in der seit Aristo

1 Vgl. Giuliano Baioni: Classicismo e Rivoluzione, Napoli 1969.


2 Vgl. Claus Träger: Zur Methodologie der Literaturgeschichtsechreibung. In: St
Erbetheorie und Erbeaneignung, Leipzig 1981, S. 201. „Die marxistische Litera
schaft hat sich, von einigen noch umlaufenden Euphorien über geistiges Schöpf
gesehen, dazu entschlossen, die .verständige Abstraktion', welche in dem Begriff Pro
das Gemeinsame allen Hervorbringens fixiert, auch für das literarische Produzie
brauch zu nehmen."
3 Ebenda, S. 202. Vgl. auch S. 222. Träger spricht hier von „Asynchronie".
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führten Debatte über die Nicht-Kongruenz von Kunst und Wirklichkeit bestätigt. Jene
Lage, in der sich die deutsche Literatur bezüglich der sozialwirtschaftlichen und politischen
Zustände am Ende des 18. Jahrhunderts befand, bedingten Goethes Suche nach adäquaten
künstlerischen Gesetzmäßigkeiten. Durch die französischen Erfahrungen wesentlich ge
prägt, gilt Goethes Kritik daher sowohl der untergehenden Feudalklasse als auch den sich
konsolidierenden bürgerlichen Verhältnissen, deren prägende Grundwidersprüche er bereits
mitreflektiert. Die ideelle Kraft der deutschen Klassik lag darin, daß sie diese Widersprüche
aufspürte und bestrebt war, gerade wegen der historisch unumkehrbaren Epochenent
scheidung den „guten Willen" (Marx) zu theoretisieren, während die französische Bourgeoisie
„sich durch die kolossalste Revolution, die die Geschichte kennt, zur Herrschaft aufschwang
und den europäischen Kontinent eroberte, während die bereits politisch emanzipierte
englische Bourgeoisie die Industrie revolutionierte und sich Indien politisch und die ganze
andere Welt kommerziell unterwarf".4 Diese Theoriebildung entsprach den realen Bedürf
nissen des sich emanzipierenden Bürgertums als Klasse, denn gerade jene „tätige Seite",
die der Idealismus „abstrakt entwickelte"5, betonte auch Marx in seiner 1. These über
Feuerbach als entscheidendes produktives Moment der klassischen bürgerlichen Kunst
und Philosophie. Wenn die Bedeutung der deutschen Klassik — indem sie ihre eigenen
historischen Erfahrungen machte — nicht darin bestand, zu den ästhetischen Idealen der
griechischen und römischen Antike nur zurückzukehren, als vielmehr darin, auf einer neuen
historischen Stufe eine Harmonie zwischen Geist und Natur zu antizipieren, dann sollen für
unser Interesse besonders diejenigen Mittel herausgearbeitet werden, die Goethe im poeti
schen Interesse umfunktionierte. Gerade in dieser veränderten poetischen Funktion be
stehen Besonderheit und Relevanz der künstlerischen Produktionen.
Jede Analyse der Erzählstruktur der Lehrjahre (1795/96) kann nur von einem Vergleich
mit der 1. Fassung des Romans - Wilhelm Meisters theatralische Sendung (1777—86) — aus
gehen. Zwischen beiden Fassungen fanden zwei Ereignisse statt, die entscheidend wirkten
und die im Leben und in der Weltanschauung des Dichters fast eine Wende hervorriefen: die
italienische Reise (1786—88) und die Französische Revolution. Goethe, der vom Herzog
Karl August gerade in dem Moment nach Weimar berufen wurde, als er die Unzulänglichkeit
der Sturm-und-Drang-Poetik bezüglich wirklicher Veränderungsmöglichkeiten spürte, er
lebte eine relativ lange, aber schöpferische Krisenperiode. Er konnte sich weder mit seiner
Rolle als Geheimrat identifizieren, noch fand er befriedigende Bedingungen für die eigene
künstlerische Produktion. Die Theatralische Sendung spielt sich in einer für ihn noch nicht
entschiedenen Konfrontation zwischen der Poetik des Sturm und Drang und dem unvoll
endeten Versuch ab, die Leiden und Sorgen eines Werther auf einen Künstlerroman zu
übertragen. Das Grundelement, das die ganze Architektur des Fragments trägt — ist der
Wunsch nach künstlerischer Wirkung; das Handeln und die Seele der Hauptfigur werden
daher von einer starken Neigung zum Theater und von einer Langenweile, von Gleich
gültigkeit und Überdruß vor dem Alltagsleben bestimmt. Obwohl beide Ereignisse — und
zwar die italienische Reise und die Französische Revolution — tief miteinander korrelieren,
da sie einen nachhaltigen Einfluß auf die Entstehung der Goetheschen Utopie ausübten,
muß man sie zunächst unabhängig voneinander analysieren.

4 MEW, Bd. 3, S. 176f. 5 Ebenda, S. 5.


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In zahlreichen Untersuchungen wurde die Frage gestellt, warum Goet


Weimar abfuhr. Ladislao Mittner ζ. B. nennt Goethes „Flucht nach Italien
der Poesie, die zu lange dem Hofleben, der politischen und Verwaltungstä
worden war", sowie „die Verwirklichungeines Kindheitstraumes und über
samen Ausbruch seiner Vitalität, die bis dahin von einer ermüdenden Leide
innerlich kalte Frau unterdrückt worden war". Er unterstreicht ferner die
dieser Abreise von Karlsbad (3. September 1786, 3 Uhr) mit einem falsche
dem „Tag, wo man den Herzog feiern mußte".6 Baioni hingegen behaupte
Gründen, die Goethe dazu brachten abzureisen, die Verbindung mit Ch
vielleicht die geringste Rolle spielte, auch wenn dieser Grund am wenigsten
Und weiter: „Was den Dichter wirklich nach Italien drängte", war „sei
jedem Regierungsamt".8 Baioni sieht also die Ursache für Goethes Abreise
Enttäuschungen seiner politischen Tätigkeit bzw. in der Verminderung se
auf den Herzog, der immer weniger seinem Ideal eines aufgeklärten reform
entsprach und der seit 1785 seine preußenfreundliche Politik forcierte. N
zunächst die Ohnmacht der Sturm-und-Drang-Poetik empfunden hatte, s
Ohnmacht seiner fast zehnjährigen politischen Tätigkeit in Ökonomie
bewußt werden. Prinzipien wie Neutralität und Unabhängigkeit erwiesen
mit der Realpolitik des Herzogs - als illusionär. Neben der mehr politi
als sentimentalen „Flucht" nach Italien bleibt die Frage, wie nun dies
Erlebnis die Entwicklung der Goetheschen Weltanschauung beeinflußte. S
Italien die verlorene Totalität des Sturm-und-Drang-Humanismus bzw.
schen Leben und Dichtung in einer südlichen Empfindungsfülle und in eine
Fruchtbarkeit sah (Baioni), oder sei es, daß er jene „klassische", auf die
Identität zwischen Traum und Wirklichkeit gegründete Seelenruhe su
Die italienische Reise war auf jeden Fall ein Erlebnis, das Goethes Leben n
flußte; sie war ein Versuch, die künstlerische Tätigkeit wieder aufzunehm
„Rückkehr" zu den „poetischen Quellen", und sie prägte seine Weltanschau
die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Studien in Italien auf zunehm
Fundamenten ruhte. Nicht zuletzt reiste Goethe nach Italien, um etwas zu
Unentschlossenheit überwinden und als Kunst- und Lebensalternativ
blassen unproduktiven Lebensweise des letzten Jahrzehnts in Weimar
Goethe sei sich selbst wiedergegeben, er werfe „täglich ... eine neue Schal
als ein Mensch wiederzukehren", dies schrieb er an Charlotte von Stein (6
Goethe fand»schließlich in Italien jene heidnische Empfindungsfülle, d

6 Ladislao Mittner: Storia della letteratura tedesca. Dal Pietismo al Roman


1964, S. 499.
7 Giuliano Baioni, S. 112.
8 Ebenda, S. 115. Vgl. auch S. 112. „Wir sind jedoch der Meinung, daß ein
die entscheidendste Ursache dieses Rückschritts Goethes besondere Art, d
Revolution zu interpretieren, gewesen ist; und wir glauben auch, daß es
Beziehung zwischen der italienischen Erfahrung und der europäischen vo
Lage gibt."
9 Tagebücher und Briefe Goethes aus Italien an Frau von Stein und Herder, Weimar 1886,
S. 247.

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seiner Beziehung mit Frau von Stein verloren hatte ; er fand den inneren Schwung und den
Antrieb in einer an Geschichtlichem und „Zauberhaftem" so reichen Welt. Vor allem aber
fand er seine Berufung in der Gesellschaft und in der Geschichte wieder: seine Berufung
als Künstler, als Vermittler zwischen dem ästhetischen Ideal und der historisch-sozialen
Wirklichkeit.

Das zweite Ereignis, das die 1. von der 2. Fassung trennt, ist historisch ein Erlebnis,
mit dem sich Goethe sein ganzes Lehen auseinandersetzte. Die Französische Revolution
übte — mit einiger Verspätung — auch ihre Wirkung auf die deutschen Zustände aus.10
Goethes Verhältnis zur Französischen Revolution war, wie bekannt, von Anfang an zwie
spältig und widersprüchlich - sowohl politisch als auch ideologisch. Er sah in ihr vor allem
die radikale Umwälzung menschlicher Zustände und Werte. Da Kunst aber - auf seiner
zunehmend naturwissenschaftlich geprägten evolutionären Weltanschauung beruhend —
den Menschen vorwiegend über die eigene schöpferische Natur im Geschichtsprozeß auf
klären sollte, mußten ihn die radikalen (alle tradierten Vorstellungen abbrechenden) Maß
nahmen in Frankreich geradezu irritieren. Zugleich lehnte er viele Bedürfnisse und Werte,
die die bürgerliche Klasse in Frankreich auch hervorbrachte, weitgehend ab. Die geistige
Bewältigung der revolutionären Ereignisse jedoch erforderte neue künstlerische Konse
quenzen, machte ihm dieses historische Ereignis doch endgültig bewußt, daß die Epochen
entscheidung irreversibel ist.
Goethe konnte also — zehn Jahre nach der 1. Fassung — die Theatralische Sendung
nicht einfach fortsetzen, unterlagen doch seine Kunstkonzeption und seine Weltanschauung
einer nicht geringen Entwicklung. Selbst Mittner, der immerhin zwischen beiden Fassungen
eine gewisse Kontinuität konstatiert, behauptet : „Goethe schrieb eigentlich kein neues
Werk, sondern verarbeitete die Theatralische Sendung."11 Baioni hingegen betrachtet beide
Fassungen als „zwei sehr verschiedene Kunstoperationen" : „... nur der Vergleich zwischen
diesen zwei verschiedenen Situationen kann zum Verständnis der Mittel und Zwecke einer
Neufassung führen, die gewiß weder leicht noch ohne Bußfertigkeit war, wo die strenge
Entsagung des klassischen Goethe sich besonders wirkungsvoll zeigte."12 Goethes literari
sche Operation der Lehrjahre kann dennoch nicht auf die bloße Vereinigung beider Romane
und auf die Erfindung des VI. Buches reduziert werden, wird doch das poetische Material
der Sendung in der endgültigen Fassung umgestaltet.13 Es wird vor allem eine tragende
Struktur eingefügt — die Mitglieder der Turm-Gesellschaft, die das Handeln Wilhelm Mei
sters lenken und leiten. Diese Struktur, von einigen Literaturwissenschaftlern nur als
„äußerlich" beurteilt, enthält zahlreiche ästhetische Mittel, die das Werk kompositorisch
stützen.

So trifft z.B. Wilhelm Meister in den entscheidendsten Momenten — scheinbar


— einen Unbekannten, der mit ihm spricht und der dadurch seine Reaktion bedi

10 Engels hat 1851 ausführlich die Ursachen der wirtschaftlichen und politischen Rü
keit aufgeführt. Vgl. MEW, Bd. 8, S. 8ff.
11 Ladislao Mittner, S. 530.
12 Giuliano Baioni, S. 189.
13 Vgl. Ladislao Mittner, S. 531. „Fast um das Gegengewicht zu den vielen offen didaktischen
Kapiteln zu bilden, verstärkte und vermehrte Goethe die romanhaften Elemente der ersten
Fassung. "

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bedeutendsten Gespräche aber sind die über das Schicksal, die als ein enth
der veränderten Poetik bezeichnet werden können. Noch in der Sendun
diese Gespräche als auch die Schicksalsproblematik. Dies bedeutet ganz o
der 2. Fassung hinzugefügt wurden, um die häufig losen Episoden zu koor
hält die erste Begegnung, die im 17. Kapitel des I. Buches der Lehrjahre er
spräch über Kunst und Schicksal mit einem „Unbekannten" (der sich am E
als der Abt erweist). Noch entscheidender aber ist die Tatsache, daß das Ge
Gemälde des Großvaters, das dann eine paradigmatische Funktion in der B
neuen Rolle der Kunst am Ende des Romans übernehmen wird, gera
ausgeht. Schicksal und Kunst sind also zwei miteinander sehr eng verb
Auf diesen zwei Fundamenten der Goetheschen Poetik werden die Mittel der
Operation errichtet. Während häufig in der Sendung das Schicksal als „Äu
wirklichung des einzelnen daimon" (Baioni)14 begriffen wurde, ist es in der
hingegen das Produkt des organisierenden Willens des Menschen, der n
durch seinen bloßen inneren Trieb gedrängt, sondern von höheren Zwecken
Gemeinschaft „schöner Seelen" geleitet wird. So charakterisiert der Abt die
Turm-Gesellschaft wie folgt : „Jeder hat sein eigen Glück unter den Hände
ler seine rohe Materie, die er zu seiner Gestalt umbilden will. Aber es ist
wie mit allen; nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt u
geübt sein."15 Daraus ergibt sich eine programmatische Feststellung: W
seines eigenen Schicksals sein, muß man zunächst ein gesellschaftliches Ve
erlernen, das dann auch dem Individuum ermöglicht, eine Wirkung auf an
Wirklichkeit (d. h. auf die Gesellschaft und auf die Geschichte) auszuüben
befreit ihn von jener Ohnmacht der Sturm-und-Drang-Weltanschauung. Vo
„Unbekannten" werden ähnliche Begriffe über Schicksal und Kunst in ein
Gespräch während einer Schiffahrt bestätigt.16
Das Innovatorische der 2. Fassung — das gleichzeitig als poetische Motiv
Unterschied zwischen der Kunstauffassung vor und nach der italienisc
und als Sozialisierung, die den Werther-Solipsismus zerbricht, güt — besteh
Prinzip der Entsagung, das u. a. den Verzicht auf eine „prometheische" Ku
enthält. Da Baioni behauptet, daß die Sendung die Krise der Sturm-und
deutete, gelangt er nicht zu der Schlußfolgerung, daß diese Krise nicht im
dern in den Lehrjahren ihre poetische (und auch ideologische) Lösung d
der Entsagung findet. Daher meint Baioni weiter, daß „die Lehrjahre ei
wunderschönen Erzählwirklichkeit im Sendungsfragment sind".17 Das
der Krise und Unentschiedenheit wird positiv, die Poetik der Entsagu
„Goethes Rückkehr zu den erzählerischen Positionen des 18. Jahrhunderts

14 Giuliano Baioni, S. 194.


15 Goethe: Poetische Werke. Berliner Ausgabe, Bd. 10, Berlin u. Weimar 1971, S. 73f. Zitate
aus den Lehrjahren fortan nach dieser Ausgabe mit Seitenangabe im Text.
16 Vgl. ebenda, S. 125. ,„Das Schicksal', versetzte lächelnd der andere, ,ist ein vornehmer,
aber teurer Hofmeister. Ich würde mich immer lieber an die Vernunft eines menschlichen
Meisters halten
17 Giuliano Baioni, S. 189.
18 Ebenda, S. 90.

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Zu Goethea Motiv der >Entaogung<

der Restauration", negativ bewertet. Die italienische Erfahrung stimulierte besonders die
Wiederbelebung des Schriftstellerbewußtseins — dessen Problematik im Tusso (1790)
dramatisch behandelt wird — und so sind auch die Lehrjahre (und nicht nur die Sendung)
ein Künstlerroman. Die Tatsache, daß Goethe in seinem Romanfragment und während der
italienischen Reise Materialien verarbeitete, die er dann auch in der 2. Fassung verwendete,19
genügt nicht, die Sendung aus der Krisensituation zu isolieren, weil diese Materialien unter
veränderter Funktion verarbeitet werden. Goethes Krise findet ihre Lösung somit in dem
poetischen Motiv der Entsagung; dieses war sowohl im Romanfragment als auch in den
italienischen Materialien noch abwesend.

Es ging Goethe auch nicht um die „Restauration" der Poetik des Pietismus de
Jahrhunderts (Baioni). Es ging im Gegenteil vielmehr um den Versuch der Überwind
des Pietismus und der geistigen Bewältigung der Revolution. Unterschiede in der lite
wissenschaftlichen Methode führen daher zwangsweise zu differierenden Einschätzun
Gibt man zu (Paul Rilla, Baioni), daß die Sendung als einer „der authentisch realistisc
Romane des 18. Jahrhunderts" bezeichnet werden kann, weil dort die „erzählerische"
die „organische"20 Zeit übereinstimmen, so genügt dies nicht, zugleich ihre künstler
Überlegenheit gegenüber den Lehrjahren zu erklären. So entwertet auch die sogenann
„Künstlichkeit" der Lehrjahre keineswegs die Bedeutung dieser 2. Fassung. Betont we
muß vielmehr Goethes Bemühen, unter gewandelten historischen Umständen ein „tä
Projekt zu entwerfen. Baioni fixiert zwar den Widerspruch zwischen dem „mimetisc
Erzählen und der kritischen Analyse der Wirklichkeit in der Sendung, jedoch findet d
Widerspruch nur in den Lehrjahren eine künstlerische Lösung durch eine poetische A
native, die über die historisch-soziale Wirklichkeit hinausweist. Und so entstand die Ut
der „pädagogischen Provinz".
Die literarische „Überlegenheit" der Sendung gegenüber den Lehrjahren verfechten
literaturwissenschaftliche Richtungen, die zwar von verschiedenen (wenn nicht sogar
gensätzlichen) kritischen Voraussetzungen ausgehen, aber zu gleichen Schlußfolgerun
kommen: Die eine, auf idealistischen und romantischen Grundlagen — in Italien zählt
unter den bedeutendsten Vertretern Benedetto Croce und Vittorio Santoli —, hält ein
„spontanes" und „sentimentalisches" Schreiben für produktiv und betrachtet dagegen die
Erfindung der koordinierenden Turm-Gesellschaft in der 2. Fassung als „künstlich"21; für
die andere, die sogenannte „soziologische Richtung" mit deren Hauptvertreter Lukäcs,
ist die Sendung „realistischer", und sie bezeichnet die Lehrjahre als „reaktionär". Beide Rich
tungen interpretieren u. a. die Hochzeiten, mit denen der Roman abschließt, als bloße Ver
einigung von Bourgeoisie und Aristokratie. Weniger sehen sie darin die ideale Begründung
einer Alternative vor der Vergangenheit und vor der Gegenwart, weniger den Entwurf einer
künftigen Welt und eines neuen Menschen. Die künstlerisch interessantesten Veränderungen

19 Vgl. Liselotte Blumenthal: Ein Notizheft Goethes von 1788, Weimar 1965; Hans Matthias
Wolff: Goethes Weg zur Humanität, Bern 1951.
20 Giuliano Baioni, S. 192.
21 Vgl. auch Vittorio Santoli: Storia della letteratura tedesca, Firenze 1955; Nello Saito:
Due saggi, Roma 1967; Paul Rilla: Wilhelm Meisters Theatralische Sendung. In: Goethe
im 20. Jahrhundert, hrsg. v. Hans Mayer, Hamburg 1967; Benedetto Croce: Goethe, Bari
1939.

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Matxro Ponzi

Goethes bestehen gerade in dem Versuch, über das Alltägliche hinaus das Bild ei
schaft zu entwerfen, eine humanistische Alternative, die trotz ihrer historisc
Nichtrealisierbarkeit, trotz ihrer Beziehung zur pietistischen Tradition hervorge
Es ist dies ein Versuch, der sich literarisch als erfolgreich und sehr fruchtbar erwies
Meister geht zu Beginn seiner Lehrzeit zunächst von einer Weltanschauung
konzeption aus (vgl. die Gespräche über das Schicksal), die noch in der Traditio
und Drang steht. Die Entscheidung über die individuelle Selbstverwirklichung
Goethes Erfahrungen der 90er Jahre — nunmehr nicht nur von der Veränder
Umstände, sondern von der Fähigkeit des Individuums abhängig gemacht,
keiten zu erkennen, die die Handlungsräume erst ermöglichen.
Der Sinn der Lehrzeit besteht u. a. darin, die innere Wirkungslosigkeit der
Auffassung zu verstehen, denn die Kunst kann erst dann gesellschaftlich wirksa
wenn sich Wilhelm von den mittelmäßigen alltäglichen Sorgen eines Werner ab
gegenbürgerliche Valenz behält und sich in der Wirklichkeit bewährt. Somit mu
figur des Romans diejenigen Eigenschaften erwerben, die nur dem Stand d
Seelen" beigemessen werden. Die Differenzen zwischen künstlerischem Schaffen
lichem Handeln werden im I. Buch der Lehrjahre im Gespräch zwischen Wilhel
ner aufgezeigt. Beschrieben werden sowohl Wilhelms tiefe (jedoch ökonomisch u
Neigung zur Kunst als auch die Verachtung Werners für diese Unproduktivität
beiseite, wirf es ins Feuer!" (S. 37). Ein weiteres Gespräch zwischen Wilhelm un
bestimmt noch genauer den Ausgangspunkt der Poetik (der zunächst noch der
ist) und die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. Demnach wird der Schrifts
einer „göttlichen" Mission eingesetzt, die auf seiner besonderen Beziehung zur
auf einer starken Empfindsamkeit gegründet ist; die ihn drängt, seine innere
künstlerisch zu äußern - oft bereits im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft.
ist demnach gleichsam „wie ein Gott" in der Lage, jene Beziehung zwischen den
äußern, die andere Menschen nicht empfinden können, denn das „Schicksal" ha
dieses alles hinübergesetzt"(S. 84).
Der Übergang vom prometheischen Aufstand zum utopisch-antizipierenden
ist im Grunde genommen der Übergang von einer individualistischen Kunst- u
konzeption — die primär auf die Leidenschaften des Künstlers gegründet ist, d
wicklungsgesetze nur begrenzt durchschaut - zu einer gemeinschaftlichen Ethik
persönlichen Eigenschaften des Individuums und demzufolge auch seine kü
Sensibilität nur dann einen Wert haben, wenn sie mit dem gemeinschaftlichen
„pädagogischen Provinz" korrelieren. Die Rede über die Kunst (Buch VIII,
stellt gewissermaßen die Wahrnehmung des Todes der Sturm-und-Drang-Ku
bilden sich Liebhaber und Künstler wechselweise ; der Liebhaber sucht einen al
unbestimmten Genuß; das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk be
die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genießen, bildeten sich eb
selbst aus wie die Zunge und der Gaurn, man urteile über ein Kunstwerk wie über
Sie begreifen nicht, was für einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren
zu erheben." Mit anderen Worten: Damit das Individuum wahre Kunst gen
muß es zunächst höhere Empfindungsqualitäten ausbilden; es muß sich „bilden"
„Organe" entwickeln, denn die Menschen sind „formlos", wie Werner (S. 601 f.

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Zu Goethes Motiv der >Entsagung<

Die nur individualistische Negation der bürgerlichen Gesellschaft, die ein Glaubens
bekenntnis an die „göttliche Mission" des Künstlers voraussetzt, enthält eine innere Schwä
che, die die Hauptfiguren des Werther und der Sendung letztlich zu einer wirkungslosen
und ohnmächtigen Schwärmerei verdammt. Goethe will diese individuelle Wirkungslosigkeit
überwinden und der Kunst ihre soziale Rolle wiedergeben. Daher stellt er eine neue Gemein
schaft vor — und darin liegt die „tätige Seite" seiner Operation —, eine, die zunächst ethische
und ästhetische Werte ausbildet und die sich vom Individualismus des Sturm und Drang
bereits abgrenzt. Dies muß als radikale künstlerische Alternative sowohl gegenüber dem
Ancien régime als auch gegenüber der rein individualistischen Ablehnung der bürgerlichen
Gesellschaft interpretiert werden. Gegen den bürgerlichen „Dingeshandel" und gegen das
maßlose Auswuchern der Leidenschaften, die dem revolutionären Terror des anderen Rhein
ufers als komplementäre Seite gleichgestellt wird, stellt Goethe die utopische Begründung
einer neuen Vereinigung Gleichgesinnter, deren höchste Werte der Adel des Geistes, die Stille,
die Ausgeglichenheit sind. Wilhelm Meister kann die „prometheische" Weltanschauung erst
dann aufgeben, wenn er stufenweise das Bewußtsein dieser Gemeinschaft erworben hat und
auf seine egozentrische Vorstellung der Kunst verzichtet ; d. h., er muß seinen Leidenschaften
entsagen, indem er ihre Unfruchtbarkeit und Wirkungslosigkeit wahrnimmt.
Innerhalb.dieses kathartischen Prozesses spielt die pädagogische Komponente eine sehr
große Rolle ; nicht nur als Haupttätigkeit der schönen Seelen, sondern auch für die Kunst,
indem sie, mit ihrem erhebenden Wert, nur durch eine Sensibilisierung, einen Lehrprozeß,
genossen werden kann. Die mäeutische und prometheische Rolle, die in der Sendung nur dem
einzelnen Künstler zugeschrieben wurde, wird hier sozialisiert, d. h. den Zwecken der Ge
meinschaft - hier den Mitgliedern der Turm-Gesellschaft — wieder nutzbar gemacht. Be
sonders in dieser Betonung des pädagogischen Elements dokumentiert sich Goethes ver
änderte Weltanschauung. Nicht mehr die Geburt, sondern der Adel des Geistes erhält die
Priorität.22 In einem Brief an Werner — und die Wahl des Adressaten ist von einiger Bedeu
tung — schrieb Wilhelm über seine Erziehung: „Wäre ich ein Edelmann, so wäre unser
Streit abgetan; da ich aber nur ein Bürger bin, so muß ich einen eigenen Weg nehmen, und

22 Baioni unterstreicht wiederholt die restaurative Bedeutung der 2. Fassung: Die Turm
Gesellschaft „offenbart nicht mehr oder nicht weniger denn als eine utopische Projektion
oder, wenn man so will, als die humanistische Sublimierung der Struktur der absolutistischen
Gesellschaft, die auf dem aristokratisch-feudalen Werten des Grundeigentums gegründet ist".
(S. 223) Und später heißt es: „Die echte restaurative Synthese offenbart sich unseres Er
achtens vor allem darin, daß die Grundlage für jene Ehe (zwischen Wilhelm und Natalie —
M. P.) sozusagen die Veredelung des bürgerlichen Eigentums, mithin die Austreibung des
Dämonischen des bürgerlichen Kapitals darstellt, das dadurch gereinigt und in die unbewegli
che Stille des aristokratischen Grundeigentums sublimiert wurde." (S. 226) Die „ökonomi
sche" Deutung der Lehrjahre betreffend vgl. auch: Stefan Blessin: Die radikalliberale Kon
zeption von „Wilhelm Meisters Lehrjahre". In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literatur
wissenschaft und Geistesgeschichte 10/1975 (Sonderheft), S. 190—225. Andererseits liegt der
Schatten eines Verdachts über der positiven und „fortschrittlichen" Bewertung der Goethe
schen Utopie, vgl. Nicoiao Merker: Die Aufklärung in Deutschland, München 1982, S. 173.
„Die Auserwählten aber, zufrieden mit dem individuellen Ideal der Vollkommenheit, das
sich als direkte Kommunion der .schönen Seele' mit der Göttlichkeit darstellte, könnten die
Welt leicht so lassen, wie sie war, gaben doch die Laster und Verderbtheiten der Welt
einen Hintergrund ab, vor dem sich ihre eigene Vollkommenheit vorteilhaft abhob. Und
dieser selbstgenügsame und selbstgefällige Sinn für individuelle Vollkommenheit eignete sich
dann auch vortrefflich zur Kodifizierung einer neuen pietistischen Orthodoxie."

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ich wünsche, daß du mich verstehen mögest. Ich weiß nicht, wie es in fremden
aber in Deutschland ist nur dem Edelmann eine gewisse allgemeine, wenn ich
personelle Ausbildung möglich. Ein Bürger kann sich Verdienst erwerben und
Not seinen Geist ausbilden; seine Persönlichkeit geht aber verloren, er mag s
wie er will." (S. 302f.)
Wilhelm Meisters Lehrzeit ist also die Suche nach der Selbstbildung; das p
Motiv ergänzt die Entsagung als Leitmotiv des berühmtesten deutschen Bildu
Goethes Utopie kann daher nicht soziologisch reduziert werden auf die einfac
der positiven Eigenschaften von Bürgertum und Aristokratie, weil aus dieser s
Reduktion die künstlerischen Mittel, die Goethe für seine literarische Operatio
ausgespart bleiben. Die Kunst — sowohl die „prometheische" als auch die „
wird als Antagonist zur bürgerlichen Gesellschaft dargestellt. Die Personen d
wählen weder die Kunst als Lebenszweck23 (der Traum von der nationbil
des Theaters war weitgehend zerronnen), noch wollten sie (wie Werner) „d
Feuer werfen", um Handelsgeschäften nachgehen zu können. Da in der bürger
schaft — so Goethe — Mensch, Kunst und Natur unvermeidlich getrennt
substantiell inhuman. Soll die „Totalität" des Menschen durch seine harmonisc
zur Natur erneut erreicht werden, dann muß sich das Individuum in einem
prozeß über die kleinlichen, alltäglichen und nur persönlichen Interessen „
Gemeinschaft der schönen Seelen unterscheidet sich somit strukturell wie ökono
der feudalen Gesellschaft, denn sie gründet auch auf dem Empfindungsvermö
begegnet einer poetisch objektivierten Welt, und obwohl diese Welt mit der ges
Welt verbunden war, mußte ein solcher Entwurf eine utopisch-antizipierende
nehmen, bedingt durch die objektiv unrevolutionäre soziale Lage in Deutschlan
Die Analyse der zahlreichen Wertungen der Goetheschen Utopie ist ein sehr
interpretatorisches Problem und führte zu verschiedenen Ansätzen, von denen
ist, will man zunächst die schematischen, einseitigen Interpretationen überwin
sind besonders jene Thesen interessant, die der Darstellung der Utopie eine
produktive Bedeutung unterlegen, weil Goethe das Bedürfnis und die küns
pflichtung zu einer radikalen Alternative gegenüber der bürgerlichen Gesellsc
hat. Wenn Hans Jürgen Geerdts schreibt : „Entsagung ist für Goethe nicht einf
klugheit und schon gar nicht ein opportunistisches Anpassen, vielmehr das m
aktive Verhalten gegenüber der Gesellschaft und ihren geschichtlichen Pr
unterstreicht er die schon genannte „tätige Seite" dieser Operation. Muß Wilh
Leidenschaften, indem er sie unterdrückt oder begrenzt, entsagen, so darf er s
wegen nicht — wie die Verfasserin der Bekenntnisse einer schönen Seele — in sei
keit verschließen. In der Beschränkung seiner Individualität eröffnen sich ihm
Wirkungsmöglichkeiten. Der Anschluß Wilhelms an die tätige Gemeinscha
Gesellschaft stellt gleichsam die Voraussetzung für das individuelle Wirken da

Mignon und der Harfner, Figuren, die die Kunstkonzeption des Sturm und Drang v
sterben in dem Moment, da Wilhelm Meisters Lehrzeit fast beendet ist, als ob
gültige Absage an die frühere Weltanschauung bestätigen sollte.
Hans Jürgen Geerdts: Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften", Berlin u. W
S. 22.

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Zu Goethes Motiv der >Entsagung<

„tätige" Seite der Entsagung ist mit der sozialen Alternative in Goethes Künstlerroman eng
verknüpft.
Man muß daher den Doppelsinn, den der Entwurf der Idylle schöner Seelen als künstle
rische Lösung in sich birgt, als einen Versuch bewerten, die Möglichkeiten des Strebens
nach einer allseitigen harmonischen Vervollkommnung des Individuums abzustecken.
Dies geschieht in einer Gemeinschaft, die sich vom Feudaladel entfernt und die sich gleich
zeitig bereits gegen die bürgerliche „Gewinn-Ethik" stellt. Diese antizipierte Turm-Gesell
schaft war von den realen historischen Realitäten weit entfernt. Aber die Kraft der Utopie,
die gleichzeitig ihre Schwäche einschließt, besteht gerade darin, daß sie als totale und radi
kale Alternative der existierenden Werte erscheint. Die utopische Darstellung sublimiert die
ethischen Werte, denn Goethe entdeckte zugleich die inhumanen Merkmale der bürgerlichen
Gesellschaft: die ethische Austrocknung durch die „Gewinn-Moral" und den Geld-Feti
schismus. An ihre Stelle setzt er die „pädagogische Provinz", den Adel des Geistes, ja den
ganzen Humanismus der schönen Seelen. Werturteile wie „reaktionär" oder „fortschrittlich"
müssen daher in einer „Alchemie der Extreme", wo sie ihre Gültigkeit verlieren und wo uns
die Eskamotage der Unterscheidung nicht mehr weiterhilft, zerfließen.

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