Sie sind auf Seite 1von 8

Nanotechnologie und Lebensmittel

In dem französischen Kinofilm „Brust oder Keule“ wurde vor 30 Jahren gezeigt, wie Lebensmittel in Ma-
schinen aus der immer gleichen undefinierbaren Substanz hergestellt werden. Inzwischen ist diese Utopie
5 wahr geworden. Immer mehr Bestandteile von Lebensmitteln werden synthetisch hergestellt. Am Schluss
dieser Entwicklung steht das völlig synthetische Lebensmittel, das gänzlich von Robotern zusammenge-
setzt wird. Darauf weist die Schweizer Zeitschrift Excellence in Food hin. Ihre Ausgabe von Januar 2007
ist einer Technik gewidmet, die diese Utopie eines Tages ermöglichen könnte: die Nanotechnologie, also
die Manipulation von Materie im molekularen Maßstab.
10
Denn nicht nur Computeringenieure oder Biologen sind von deren Möglichkeiten begeistert, auch die Le-
bensmittelindustrie. Inzwischen sind die großen Lebensmittelhersteller bereits dabei, die Möglichkeiten von
Nanotechnologie für Lebensmittel zu erforschen. Dabei gibt es Anwendungen, die durchaus im Interesse
der Verbraucher sind. Das wird klar, wenn man sie grob in zwei Kategorien einteilt: "Nano outside" und
15 "Nano inside".

Die erste Variante könnte helfen, die Produkte in unseren Supermarktregalen - von denen die meisten in-
dustriell hergestellt werden - zu verbessern. Obwohl seit langem strenge Qualitätskontrollen für Lebensmit-
tel gelten, kommt es immer wieder vor, dass die Zutaten mit Krankheitserregern verseucht sind. Bakterien
20 in Nahrungsmitteln gelten als eine häufige Krankheitsursache. Die Tatsache, dass die Bezugsquellen für
Lebensmittel längst globalisiert sind, stellt dabei das Hauptproblem dar. Denn auf konventionellem Wege
Gemüse aus Südafrika oder Fleisch aus Argentinien im Labor auf bekannte Bakterien zu testen, dauert
Tage und die Produkte sind oft vor Bekanntwerden der Ergebnisse verkauft.

25 Eine schnellere Lösung sehen Lebensmittelexperten in DNS-Sensoren1 auf Biochips. Dank der fortschrei-
tenden Entschlüsselung des Genoms (Erbguts) von Bakterien sind Wissenschaftler heute in der Lage, ein-
zelne kurze DNS-Stränge aus dem jeweiligen Genom herzustellen. Auf dem Biochip wird ein Strang instal-
liert, der mit den entsprechenden Strängen des Bakteriums chemisch reagiert. Bei Bestrahlung mit Licht
beginnt er zu leuchten und zeigt so nach kurzer Zeit an, dass etwa in einer Fischprobe Salmonellen ent-
30 deckt wurden.

Forscher der University of Florida haben kürzlich eine weitere Möglichkeit vorgestellt, einzelne Bakterien in
nur 20 Minuten nachzuweisen. Hierzu versehen sie 60 Nanometer große Silizium-Nanopartikel2 mit Tau-
senden von fluoreszierenden Farbstoffmolekülen. An den Hüllen der Nanopartikel befestigen sie Antikör-
35 per für so genannte Antigene, die auf der Hülle eines Bakteriums sitzen. Treffen die Antikörper auf Antige-
ne, passen die beiden Teile ineinander und der Nanopartikel beginnt zu leuchten. Im Laborversuch ent-
deckten die Forscher so Escherichia-coli-Bakterien in fein gemahlenem Rindfleisch.

1
Abkürzung für Desoxyribonukleinsäure: eine Nukleinsäure in Form einer Doppelhelix, die die genetische
Information für die biologische Entwicklung in Zellen enthält. Engl.: DNÁ (deoxyribonucleic acid)
2
Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter.
Einmal im Ladenregal angekommen, soll das verpackte Produkt auch nach etlichen Tagen noch appetit-
40 lich aussehen. Dies ist besonders schwierig, wenn die Hülle durchsichtig ist, denn UV-Licht löst chemische
Prozesse aus, die das Aussehen des Produktes verändern. Ein Gegenmittel könnten Plastikfolien sein, in
die wenige Nanometer große Teilchen aus Titandioxid eingearbeitet sind, wie sie schon seit langem in
Sonnencremes zur Blockade von UV-Strahlung eingesetzt werden. Mit diesen Nanoteilchen aus Titandi-
oxid bearbeitete Folien bleiben transparent, werden aber undurchlässig für UV-Strahlen.
45
Neben diesen äußerlichen Anwendungsmöglichkeiten interessiert sich die Lebensmittelindustrie aber be-
sonders für die Möglichkeit, nanotechnisch Geschmack und Nährwert zu verbessern. Die Aufwertung von
Lebensmitteln durch Manipulation ist nicht ganz neu. Seit einigen Jahren werden Joghurte mit rechtsdre-
henden Milchsäuren oder mit Vitaminen angereicherte Produkte angeboten. Neu ist hingegen die Idee der
50 „Nanotransporter“. Diese zwischen 10 und 100 Nanometern kleinen Kapseln werden mit Geschmack- und
Farbstoffen oder Vitaminzugaben gefüllt, die nur unter bestimmten Umständen freigesetzt werden können.
So kann man das Kaffeearoma mit Hilfe von Zucker und Aminosäuren verstärken. Beide werden in Nano-
transporter eingeschlossen, die auf die Kaffeebohnen gesprüht werden. Erst wenn heißes Wasser hinzu-
gefügt wird, platzen die Kapseln, und beide Stoffe reagieren mit dem Kaffee. Die mit Nanokapseln behan-
55 delte Milch im Kühlschrank verfärbt sich zum Beispiel rot, sobald sie sauer ist. Die Pizza im Tiefkühlfach
ändert z.B. je nach Erhitzungsgrad oder -dauer ihren Geschmack, z.B. von Tomaten in Tomaten-Schinken
oder sogar Tomaten-Schinken-Pilze. Und der Süßwarenhersteller Mars hat eine Technologie entwickelt,
die Schokoriegel mit einer wenige Nanometer dicken Titandioxidschicht überzieht. Sie soll geschmacks-
neutral sein und zugleich das Aussehen der Schokolade unverändert lassen, auch wenn sie einige Zeit
60 offen herumliegt.

Nicht jeder aber ist mit der Entwicklung von Nanofood einverstanden. Die kanadische ETC Group warnt
davor, dass viele Nano-Inhaltsstoffe bislang nicht auf mögliche Gefahren untersucht worden sind. So ist
Titandioxid in Form von Mikrokörnchen bereits seit den sechziger Jahren als Lebensmittelfarbstoff zuge-
65 lassen und ungefährlich. Toxikologische Studien haben aber gezeigt, dass Nano-Titandioxid Entzündun-
gen im Körpergewebe – z.B. den Lungen – auslösen kann. Je kleiner die Partikel waren, desto schlimmer
waren die Entzündungen. Lebensmittelzusätze, die bereits in größerem Maßstab zugelassen sind, haben
möglicherweise im Nano-Format andere Eigenschaften und unbekannte Wirkungen. Eine Londoner Studie
hat sich derweil mit den Auswirkungen von Nanoteilchen in Nahrungsmitteln befasst. Während eine Test-
70 gruppe von Magen-Darm-Patienten einige Monate lang auf Essen mit Nanopartikeln verzichtete, aß die
andere Nahrungsmittel wie mit Nanopartikeln behandeltes Ketchup oder Tütensuppen ohne Einschrän-
kung. Das Ergebnis: Durch die partikelarme Ernährung verringerten sich die Krankheitssymptome in star-
kem Maße.

75 Quellen:
Freitag, Die Ost-West-Wochenzeitung, 02.12.2005, leicht verändert und dem DSH-Niveau angepasst
http://www2.onleben.t-online.de/dyn/c/95/22/18/9522182.html (Zusätzliche Informationen)
Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang ausländischer
Studienbewerber (DSH)
TU Kaiserslautern – Akademisches Auslandsamt – 28. März 2007

Prüfungsteil: Leseverstehen
Zeit: 90 Minuten

Geburtsdatum: _ _ . _ _ . 19 _ _ Platznummer:
Tag Monat Jahr

Punkte: / 45

Beantworten Sie die folgenden Fragen zu dem Artikel „Nanotechnologie und Lebensmittel“
schließlich nach den Informationen aus dem Text.

Schreiben Sie – wo es nicht ausdrücklich verlangt wird – nach Möglichkeit mit eigenen
Worten. Direktes Zitieren - vor allem die Übernahme ganzer Sätze oder Textpassagen -
kann zu Punktabzug führen. Fachbegriffe können aber natürlich übernommen werden.

1 Nennen Sie kurz den Unterschied zwischen „Nano inside“ und „Nano outside“. 3 P

Erklären Sie den Begriff „Globalisierung der Bezugsquellen für Lebensmittel“


2 3P
und seine Folge.
3 Formen Sie den folgenden Satz um, ohne die Bedeutung zu verändern. 3P
Ersetzen Sie den unterstrichenen Textteil durch eine andere Struktur.

Obwohl seit langem strenge Qualitätskontrollen für Lebensmittel gelten, kommt es immer wieder
vor, dass die Zutaten mit Krankheitserregern verseucht sind.

___________________________________________________________________________

kommt es immer wieder vor, dass die Zutaten mit Krankheitserregern verseucht sind.

4 Formen Sie den folgenden Satz um, ohne die Bedeutung zu verändern. 3P
Ersetzen Sie den unterstrichenen Textteil durch eine andere Struktur.

Dank der Entschlüsselung des Genoms von Bakterien sind Wissenschaftler heute in der Lage, einzelne
kurze DNS-Stränge aus dem jeweiligen Genom herzustellen.

___________________________________________________________________________________

___________________________________________________________________________________

___________________________________________________________________________________

sind Wissenschaftler heute in der Lage, einzelne kurze DNS-Stränge aus dem jeweiligen Genom
herzustellen.

5 Formen Sie den folgenden Satz um, ohne die Bedeutung zu verändern. 2P
Ersetzen Sie den unterstrichenen Textteil durch eine andere Struktur.

Mit diesen Nanoteilchen aus Titandioxid bearbeitete Folien bleiben transparent.

Folien, ______________________________________________________________________

____________________________________________________________________________

____________________________________________________________________________ ,

bleiben transparent.
6 Sie haben 5 t Hackfleisch und wollen analysieren, ob dieses Fleisch die Magen- 5P
Darm-Bakterien „Campylobacter jejuni“ enthält.
Diskutieren Sie, unter welcher Bedingung das Biochip-Verfahren zur Analyse
geeignet ist und wie dieses Verfahren funktioniert.

7 An welcher Stelle im Text werden „Nanotransporter“ definiert? (Zeilenangabe!) 1P

8 Erklären Sie anhand der folgenden Beispiele möglichst genau die Wirkungs- 8P
weise von Nanotransportern mit eigenen Worten.
Beachten Sie dabei die jeweiligen Umstände, unter denen Nanopartikel wirken.

Dieselbe Pizza kann nach Tomaten oder nach


Tomaten-Muscheln oder nach Tomaten- Milch verfärbt sich rot.
Muscheln-Kapern schmecken
9 Lebensmittel können vor optischer Veränderung geschützt werden.

a Welche beiden Möglichkeiten des Schutzes bietet die Nanotechnologie laut


4P
Text?

b Welche dieser Möglichkeiten empfehlen Sie für Lebensmittel? 3P


Begründen Sie Ihre Empfehlung.
10 In England wurde eine Studie zum Konsum von Lebensmitteln mit 4P
Nanopartikeln durchgeführt. Ergänzen Sie die Daten in der Tabelle
stichwortartig.

Testgruppe:

Aufteilung in zwei Gruppen

 

 Ergebnis 

Weniger Krankheitssymptome

11 Nennen Sie einen Literaturhinweis zum Thema „Nanotechnologie und 2P


Lebensmittel“ aus dem Text.

12 Vergleichen Sie die folgenden Aussagen mit den Informationen im Text und 4P
entscheiden Sie, ob diese richtig oder falsch sind.
Beachten Sie als Muster das angegebene Beispiel.
nicht
korrekt
korrekt

Der Film „Brust oder Keule“ wurde in Frankreich in den 1950er Jahren gedreht. X

Lebensmittelfarbstoffe können Entzündungen im Körpergewebe auslösen.

Sehr viele Lebensmittel in Supermärkten stammen aus industrieller Produktion.

Mehr als 50 % der Lebensmittel bei großen Lebensmittelhändlern werden in kleinen


Landwirtschaftsbetrieben hergestellt.
Bei einer neuen Technologie von Mars werden Schokoriegel mit einer Plastikfolie aus
Nanopartikeln überzogen.