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STRUKTUR-LEGE-VERFAHREN

ALS DIALOG-KONSENS-METHODIK

EIN ZWISCHENFAZIT

ZUR FORSCHUNGSENTWICKLUNG
BEI DER REKONSTRUKTIVEN ERHEBUNG
SUBJEKTIVER THEORIEN

Herausgegeben von
BRIGITTE SCHEELE

m
ASCHENDORFF MÜNSTER
Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 43

Norbert Groeben der Psychologie mit dieser Modellperspektive vereinbar, z.T. darun-
ter subsumierbar: wie z.B. die Personal Construct-Theorie, der An-
Impliziten Persönlichkeitstheorie', die Attributionstheorie,
'

Die Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes satz der


Dialog-Kons ens -Prinzip? ! der Mctakognitions-Ansatz etc. (vgl. zu diesem Integrationspotential
des FST Groeben (a) in Groeben et al. 1988, 19ff.). Allerdings ist
'

Zusammenfassung: Die im vorigen Kapitel dargestellten Dialog-Konsens-Verfahren auch die weite Konzeption des Konstrukts Subjektive Theorien' (und
realisieren praktisch durchwegs die zwei Teilschritte der Inhaltserhebung und Struk- dementsprechend des Forschungsprogramms) mit jenen metatheoreti-
turrekonstruktion, wie sie von der historisch ersten Struktur-Lege-Methode (der Hei- schen Voraussetzungen verbunden, aus denen sich bei pointierterer
delberger SLT) eingeführt worden sind. Der methodologische Sinn dieser Teilschritte Elaboration der zentralen Kemannahmen Sinnhaftigkeit und Notwen-
und die Möglichkeiten sowie Grenzen ihrer Modifikation sind das Thema dieses Ka-
pitels. Dazu werden zunächst die anthropologischen und wissenschaftstheoretischen digkeit von Dialog-Konsens-Methoden ergeben. Zu diesen Vorausset-
Voraussetzungen skizziert aus denen sich die Zielidee des Dialog-Konsens-Prinzips
,
zungen zählen vor allem das mit dem FST verbundene Menschenbild
ergibt. Die methodischen Realisierungsmöglichkeiten und -Varianten betreffen so- sowie das von diesem Subjcktmodell (mit) abhängige Gegenstands-
wohl Erweiterungen als auch Komprimierungsversuche der beiden genannten Teil- verständnis.
schritte. Eine Zwischendiskussion setzt sich dann vor allem mit der Bewertung Ich werde im folgenden kurz das Menschenbild und Gegenstands-
der Dialog-Konsens-Struktur in bezug auf die hermeneutische wie empiri(sti)sche
Methodentradition in der Psychologie bzw den Sozialwissenschaften generell aus-
.
verständnis des FST und die sich daraus ableitenden methodologi-
einander. Abschließend werden die Ergebnisse der bisher vorliegenden methoden -
schen Zielkriterien der Rekonstruktionsadäquanz, des dialogischen
kritischen Überprüfungen berichtet und diskutiert die Aufschluß darüber geben ob
, ,
Wahrheitskritcriums und damit der Annäherung an die ideale Sprech-
die eingangs explizierten Zielsetzungen der Dialog-Konsens-Methodik (approxima- situation skizzieren, damit transparent wird, welchen metatheore-
tiv) erreicht werden oder nicht; dabei ergeben sich - als Ausblick - nicht zuletzt auch
tischen Anforderungen die in den folgenden Punkten (2. bis 4.)
deutliche Desiderate für eine zukünftige umfassende methodologische Evaluations-
,

forschung. dargestellte und diskutierte Methodik-Struktur von Dialog-Konsens-


Verfahren genügen soll. Für Leser/innen, die bereits mit dem FST
vertraut sind, stellt diese Skizze eine Rekapitulation von schon Be-
1.
Metatheoretische Voraussetzungen und Zielideen kanntem dar; sie sind deshalb gebeten, die Ausführungen des Punkt
1 zu überspringen oder allenfalls kursorisch zu lesen.
.

Die im vorhergehenden Kapitel dargestellten Struktur-Lege-Verfahren In der Entwicklung des Forschungsprogramms ist die Kemannahme
als Varianten einer Dialog-Konsens-Methodik sind - wie erwähnt - des Menschenhildes als eine Erweiterung des von Kelly (1955) ein-
im Rahmen des 'Forschungsprogramms Subjektive Theorien' (FST: '

geführten Subjektmodclls man the scientist anzusehen; in dessen


'

vgl. zum Überblick Groeben et al 1988) entwickelt worden. Für


.

Mittelpunkt steht die Parallelität des Menschenbildes, das das wis-


dieses Forschungsprogramm läßt sich als weite Begriffsexplikation senschaftliche Erkenntnis-Subjekt von sich selbst besitzt, und jenem,
des zentralen Konslrukts 'Subjektive Theorie' das Bedeutungspostu- das es für sein Erkenntnis-Objekt ansetzt. Diese Parallelität führt zu
lat ansetzen: "Kognitionen der Selbst- und Weitsicht als komple- einer dem behavioristischen Forschungsprogramm polar entgegenge-
xes Aggregat mit (zumindest impliziter) Argumentationsstruktur das ,
setzten Subjcktmodellierung. Während im Behaviorismus als zentrale
die zu objektiven (wissenschaftlichen) Theorien parallelen Funktio- Kemannahmen Reizkontrolliertheit und Reaktivität des Erkenntnis-
nen der Erklärung Prognose und Technologie erfüllt" (vgl. schon
,

Objekts und damit Umweltkontrolle als Kontrolle durch die Um-


Groeben & Scheele 1982 16; Groeben (a) in Groeben et al. 1988,
welt angesetzt wurden, postuliert das FST für Erkenntnis-Subjekt und
,

19). Für diese weite Fassung des Verständnisses von 'Subjektiven -

Objekt Umweltkontrolle im Sinne der Kontrolle über Umwelt - die-


Theorien' sind (noch) keine Dialog-Koasens-Verfahren zur Erhebung ses nun allerdings nicht mit der Behauptung, daß der (subjektiv wie
bzw. Rekonstruktion der Kognitions-Aggregate notwendig; vielmehr objektiv) theoretisierende Mensch immer und überall Kontrolle über
sind diverse Theorieansätze der neueren Forschungsentwicklung in die Umwelt besitzt, sondern daß er nach einer solchen Kontrolle strebt
44 45
N . Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

und prinzipiell auch über die dazu notwendigen Voraussetzungen als tun kann, weil (in den Worten von Lenk 1978, 344f.) nur die selbst-
'
-

potentielle - Kompetenzen verfügt. Als derartige Voraussetzun- interpretative Handlungsbeschreibung der agierenden Person operativ
gen sind im FST vor allem Sprach- und Kommunikationskompetenz wirksam werden kann. Daraus läßt sich die Konsequenz herleiten,
'

Reflexivität, potentielle Rationalität sowie Handlungsfähigkeit heraus- daß man bei der Erforschung von menschlichem Handeln an der in-
gearbeitet worden (vgl. Groeben 1986b, 63ff.; Groeben et al 1988). .
terpretativen Selbstbeschreibung der agierenden Person(en) und damit
Damit ist, wie das letzte Merkmal dieses Menschenbildes schon an der Innensicht der Ersten Person-Perspektive ansetzen sollte (vgl.
-

signalisiert, das 'Handeln' als zentrale Gegenstandseinheit ange- Groeben 1986b, 176fr.).
zielt. Im Gegensatz zum (reaktiven umweltkontrollierten etc.) Ver-
, Diese selbstinterpretative Innensicht der handelnden Person bezieht
halten wird mit Handeln sowohl in der Psychologie als auch in sich nun direkt zunächst auf die mit der jeweiligen Handlungsabsicht
der (Handlungs-)Philosophie jene menschliche Aktivität gemeint, angestrebten Handlungsergebnisse. Mit einer solchen unmittelbaren
für die Merkmale wie Intentionalität ,
Willkürlichkeit, Sinnhaftigkeit ,
Absichtlichkeit sind aber in der Regel weiter ausgreifende Kognitio-
Situations- bzw. Kontextabhängigkeit Ziel-, Normen-Orientiertheit ,
,
nen verbunden, die sich zum einen darauf beziehen, warum das thema-
Planung, Ablaufkontrolle etc charakteristisch sind (vgl Groeben
.
. tische Handlungsergebnis als Ziel angesetzt wird; dieser Aspekt stellt
1986b, 71 ff.). Diese Merkmale werden gewöhnlich so miteinander einen Teil des Motivsystems der handelnden Person dar. Zum ande-
verbunden und hierarchisiert daß die Intentionalität bzw Absichtlich-
, .
ren ist die jeweilige Handlungsabsicht in der Regel eingebettet in ein
keit als Oberbegriff die übrigen mitabdeckt insofern die Absicht eine , Wissen über die von dem konkreten Handlungsergebnis abhängigen
willkürliche Wahl von Handlungsmöglichkeiten als Mittel zur Errei- weiteren Handlungsfolgen und -folgeketten, die die aus dem Ergeb-
chung bestimmler Ziele Normen etc. mit enthält Dementsprechend
, . nis resultierenden Wirkungen bezeichnen; diese Kognitionen über die
erfordert die Erforschung der Gegenstandseinheit 'Handeln' immer weiteren (kontingenten) Handlungsfolgen bzw. -Wirkungen lassen sich
eine intentionale Beschreibung; und diese intentionale Beschreibung als das Überzeugungssystem der handelnden Person zusammenfas-
stellt notwendigerweise auch immer eine Interpretation (in bezug auf sen. Selbstinterpretative Handlungsbcschreibungen implizieren also
die darin enthaltenen Zielaspekte willkürlichen Entscheidungen Pla-
,
,
in der Regel Kognitionen der handelnden Person über ihre Motive und
nungen etc ).
dar. Handlungen sind folglich nicht als existierende Überzeugungen hinsichtlich weiterer Handlungsfolgen (vgl. Groeben
Ereignisse zu verstehen sondern nur als deutend-interprelative Be-
,
(b) in Groeben et al. 1988, 78ff.). Subjektive Theorien sind dann
schreibungen d.h. als Interpretationskonstrukte (sensu Lenk 1978)
,
.
als besonders komplexe, argumentativ vernetzte Aggregate solcher
Hinsichtlich dieser 'Existenzweise' als interpretative Beschreibungen Kognitionen anzusehen. Ein Rückgriff auf derartig hochkomplexe,
ist es zunächst einmal unerheblich von wem aus eine solche Be-
, selbstinterpretative Handlungsbeschreibungen (qua Subjektive Theo-
schreibung erfolgt: ob aus der Außenperspektive einer dritten, beob- rien) ist nun in erster Linie dadurch möglich und sinnvoll, daß man auf
achtenden Person oder aus der Innenperspektive der ersten, handeln- die Sprach- und Kommunikationskompetenz des menschlichen Sub-
den Person. In jedem Fall handelt es sich um Deutungen, Interpre- jekts zurückgreift und sich die jeweiligen (Selbst-)Interpretationen der
tationen - auch wenn die handelnde Person selbst ihre Aktivität als (potentiell) handelnden Person von dieser mitteilen läßt. Je komple-
eine solche intentionale beschreibt Allerdings gibt es in bezug auf
.
xer, differenzierter, vemetzter etc. derartige Kognitionen und demzu-
die Relation zwischen Beschreibung und beobachtbarem 'äußerem' folge auch die Mitteilungen darüber sind, umso mehr aber entsteht das
Aspekt solcher (intentionalen) Aktivitäten durchaus einen entschei- Problem, ob das Erkenntnis-Subjekt die selbstinterpretative, intentio-
denden Unterschied zwischen der Beschreibung aus der Perspektive nale Beschreibung des Gegenüber auch adäquat versteht. Damit führt
von Beobachter versus Handelndem selbst Dieser Unterschied be- .
die Gegenstandseinheit 'Handeln' in Verbindung mit dem epistemolo-
steht darin, daß eine Außensicht-Beschreibung immer nur nach Vorlie- gisehen Menschenbild, das auch für Erkenntnis- Objekte' hochkom-
'

gen der entsprechenden Handlung gegeben werden kann (vgl . Wright plexe Kognitionsaggregate in Form Subjektiver Theorien ansetzt, zur
1974, llOff )
.
,
während die handelnde Person selbst dies auch vorher hermeneutischen Tradition der Psychologie zurück, die in der Phase
46 N Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 47
.

der Behaviorismus-Dominanz durch die ausschließliche Konzentra- freien Verbalisierung der interpretativen Selbstbeschreibung von sei-
tion auf die Beschreibung als Beobachtung von außen (zeitweise) len der agierenden Person. Diese (potentiell hochkomplexe) Selbst-
abgebrochen war. auskunft soll vom Erkenntnis-Subjekt adäquat verstanden und in
einer Form festgehalten werden, die als Beschreibungssprache für
An dieser Stelle gilt es, sich gegen zwei komplementäre aber nicht sel- ,

tene Mißverständnisvarianten abzugrenzen. Zum einen ist mit der skizzierten weitere wissenschaftliche Erklärungsbemühungen und Theoriemodel-
Zurückgewinnung der Gegenstandseinheit 'Handeln' und davon abhängig auch der lierungen brauchbar ist (vgl. Groeben 1986b, 114ff.). Das im-
hermeneutischen Tradition in der Psychologie keineswegs behauptet daß immer und ,
pliziert zunächst einmal (mindestens) zwei Rekonstruktionsperspek-
überall in der psychologischen Forschung von dieser Gegenstandseinheit und der her- tiven: Zum einen unterstellt die Konstruktexplikation von
'
Sub-
meneutischen Methodik auszugehen sei; vielmehr impliziert das FST durchaus daß
es menschliche Aktivitäten gibt die nicht intentional beschrieben werden können
,
,

für
jektiver Theorie' ja, daß die Alltagstheorien unter anderem des-
wegen subjektiv zu nennen sind, weil sie nicht in vergleichba-
, ' '

die also auch keine handlungsleitenden Kognitionen (schon gar nicht in der Kom -

plexität von Subjektiven Theorien) anzusetzen sind und die deshalb sowohl anders rem Ausmaße explizit, stringent, vollständig, kohärent etc. sind wie
objektive (wissenschaftliche) Theorien. Das dialogische Verste-
'
benannt (z.B. als Verhalten oder Tun: vgl Groeben 1986b) wie auch durch andere
.
'

Theorieansätze (z.B. behavioristischer oder psychoanalytischer Provenienz) erklärt hen von interpretativen Selbstbeschreibungen handelnder Erkenntnis-
werden sollten (vgl. Scheele & Groeben (b) in Groeben et al 1988). Dies ist es .
,
Objekte wird daher immer auch eine (zumindest partielle) Explizie-
was gegenüber der nicht seltenen Überinterpretation aus empiristischer Perspektive
festgehalten werden muß. Zugleich zieht eine derartige Einschränkung aber die kom -
rung, Vernetzung etc. der thematischen Kognitionen bzw. Kognitions-
plementäre Kritik aus der hermeneutischen Forschungstradition auf sich, z.B. von der aggregate darstellen. Diese Form der explizierenden Rekonstruktion '

Psychoanalyse aus: So unterstellt z B Niemeyer (1987, 83) daß diese Einschränkung


. .
,
wird im FST nicht als negative (artifizielle) Veränderung des ( ei-
(der Einsatzbreite hermeneutischer Methoden) ein reiner Opportunismus gegenüber gentlichen ) Gegenstandes angesehen; vielmehr wird (s.o.) auf der
'

der empiristischen 'scientific Community' sei der dazu führt, daß 'Gegenstandsberei-
,
Grundlage der unvermeidbaren Interaktion zwischen 'Wirklichkeit'
che als Beute aufgeteilt werden' während es vor allem auf Sinntraditionen ankommt
, .

und Methodik davon ausgegangen, daß jede wissenschaftliche Erhe-


Auch dieser Kritik ist entgegenzutreten insofern hier ein (wissenschaftstheoretisch)
,

naives Konzept von 'Gegenstand' impliziert ist das vom Forschungsprogramm Sub-
,
bung (zumindest in Aspekten) den Gegenstand erst konstituiert und
jektive Theorien explizit kritisiert und Uberwunden worden ist. Psychologische 'Ge- daß bei dieser Ausgangssituation eine 'Bewegung' in Richtung auf
die positiven Merkmale des zugrunde gelegten Menschenbildes bes-
'

genstände werden nicht 'vorgefunden', sondern in Interaktion mit den eingesetzten


Methoden 'konstituiert'; dies gilt , wie oben kurz skizziert , auch und gerade für 'Han- ser ist als eine Veränderung in Richtung auf potentiell reduktioni-
deln' als Gegenstandseinheit der Psychologie (vgl ausführlich Groeben 1986b 49ff.).
.
,
stische Beschränkungen des menschlichen Erkenntnis-Objekts (vgl.
Insofern wird durch die hier als Voraussetzung für Dialog-Konsens-Verfahren kurz Scheele & Groeben 1988a, 28ff.). Die zweite Rekonstruktions-
umrissene Trias von Menschenbild Gegenstandseinheit und Bedeutungsexplikation
,

des zentralen Konzepts 'Subjektive Theorie' gerade auch die hermeneutische Sinn -
perspektive besteht darin, daß diese Explizierung, Präzisierung etc.
tradition aufgenommen und konstruktiv-kritisch umgesetzt (auf die kritischen Aspekte darauf ausgerichtet sein soll, daß die entsprechende (interpretative
komme ich unten im Punkt 3 noch zurück).
.
Selbst-)Beschreibung als potentielle (Basis-)Beschreibung innerhalb
Aus dieser Voraussetzungstrias (Menschenbild Gegenstandseinheit ,
von wissenschaftlichen Erklärungsbemühungen brauchbar ist. An
'

Handeln', Konzepiexplikation 'Subjektive Theorie') ergeben sich nun dieser Stelle nun wird - noch einmal - ganz anschaulich, warum
konsequent die metatheoretischen Zielkriterien durch die Dialog- ,
man das wissenschaftliche Erkenntnis-Subjekt beim Verstehen sol-
Konsens-Verfahren konstituiert werden .
Die generelle Zielsetzung cher hochkomplexen Selbst-Beschreibungen des Erkenntnis-Objekts
nicht unkontrolliert lassen kann; denn der/die Forscher/in könnte
besteht darin, daß das wissenschaftliche Erkenntnis-Subjekt eine
hochkomplexe interpretative Selbstbeschreibung des (potentiell) han- ja die Rekonstruktionsdynamik in Richtung auf eine wissenschaft-
delnden Erkenntnis-Objekts erfahren und adäquat festhalten will .
liche Beschreibungssprache im eigenen Interesse so weit vorantrei-
Der paradigmatische (aber nicht einzige , s. dazu unten Punkt 2 /4.) .
ben, daß sich das Erkenntnis-Objekt in der in dieser Form 'ver-
standenen (rekonstruierten) Beschreibung nicht mehr wiedererken-
'

kommunikative Zugang dürfte hier im Rückgriff auf die Sprach-


kompetenz des Erkenntnis-Objekts bestehen d.h. in der möglichst ,
nen kann. Es gibt also forschungspragmatisch und metatheoretisch
48 49
N
.
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

auf jeden Fall zwei Ansatzpunkte dafür daß bei hochkomplexen in-
,
sichern oder überprüfen; denn die Außensicht kann eo ipso nicht als
tentionalen Selbst-Beschreibungen der handelnden Person eine Kon- valides Kriterium für die Innensicht angesetzt werden (wenn mein Tun
trolle dessen stattfinden sollte, ja muß was das Erkenntnis-Subjekt als
,
nicht meinen Gedanken entspricht, heißt das noch nicht, daß ich sie
Verstehen dieser Beschreibung festhält: zum einen die Komplexität nicht gehabt habe). Und dort, wo die Außensicht-Beobachtung vali-
selbst, die wie überall im mitmenschlichen Bereich Kommunikati -

der zu sein scheint als eine bestimmte Selbstauskunft, ist sie das nur,
onsmißverständnisse bewirken kann; zum anderen die Rekonstruk -

weil und insofern sie sich auf andere Selbstberichtsaspekte der glei-
tionsdynamik, die in der Sprachform eine zu weite Entfernung von chen Person stützt (vgl. Scheele 1981, 66fT.). Dieses grundsätzliche
dem in der intentionalen Selbstbeschreibung des Erkenntnis Objekts -

Problem hat dazu geführt, daß in der Psychologie (vor allem in der
Gemeinten bewirken könnte .
Beide Dynamiken zusammen machen fortdauernden behavioristischen Tradition) die Fähigkeit des Men-
es unverzichtbar, daß das Erkenntnis-Objekt die Möglichkeit erhält, schen zu einer adäquaten Auskunft über die eigenen Reflexionen
zu überprüfen ob dasjenige, was das Erkenntnis-Subjekt verstan-
,
ganz grundsätzlich abgestritten worden ist (insbesondere von Nisbett
den hat und als (verstandene) intentionale Selbst-Beschreibung des & Wilson 1977). Die entsprechende Kontroverse über diese Frage
Erkenntnis-Objekts festhalten will adäquat ist, d.h. demjenigen ent-
,
(vgl. Smith & Miller 1978; Rieh 1979; Ericsson & Simon 1980;
spricht, was es selbst (das Erkenntnis-Objekt) in seiner intentionalen Cotton 1980; Kraut & Lewis 1982; White 1980; Adair & Spinner
Selbst-Beschreibung ausdrücken wollte gemeint hat. Es geht also, 1981; zusammenfassend Groeben 1986b, 134ff.; Scheele in Groeben
bei der Aääquanzfrage darum (wie es schon Laucken 1974 für 'naive et al. 1988, 131 ff.) hat allerdings gezeigt, daß diese These unsin-
Theorien" formuliert hat) daß das Verstehen des Erkenntnis-Subjekts
,
nig überzogen ist. Das reflexive Subjekt Mensch' kann durchaus
'

nur bis zu jener Präzisierung Explikation etc. vorangetrieben wird,


"
,
über seine Kognitionen Auskunft geben, allerdings nicht immer er-
bis zu welcher der Alltagsmensch noch zustimmend folgen kann" schöpfend; und außerdem müssen diese Kognitionen natürlich nicht
(1974, 57). Dementsprechend enthält der Begriff der Rekonstrukli- unbedingt der Realität entsprechen (s. dazu unten Punkt 3.). Die kon -

onsadäquanz, der für die methodologische Etablierung von Dialog- struktive Frage in bezug auf die Selbstauskunft des reflexiven Subjekts
Konsens-Verfahren zentral ist also auch die beiden Zielaspekte: Re-
,
lautet daher, unter welchen Bedingungen eine möglichst vollständige
konstruktionsdynamik als Explizierung Präzisierung etc. der intentio-
,
und zuverlässige Selbstauskunft des Menschen möglich ist. Dies gilt
nalen Selbst-Beschreibungen von handelnden Personen in Richtung auch und nicht zuletzt für die hier thematischen Auskünfte sowohl
auf Subjektive Theorie-Strukturen einerseits so daß dadurch eine ,
in bezug auf die intentionale Selbst-Beschreibung von Handelnden
Ebene wissenschaftlicher Beschreibungssprache erreicht wird; und als auch hinsichtlich der Adäquanzfrage, d.h. ob das Verstehen eines
zum anderen die kommunikative Überprüfung durch das Erkenntnis- Gegenübers (hier des wissenschaftlichen Erkenntnis-Subjekts) dem
Objekt, so daß sich das Verstehen des Erkenntnis-Subjekts mit dieser in der intentionalen Selbst-Beschreibung Gemeinten entspricht oder
Rekonstruktionsdynamik nicht zu weit von dem durch das Erkenntnis- nicht. Die Rekonstruktionsadäquanz der vom Erkenntnis-Subjekt ver-
Objekt Gemeinten entfernt .

standenen Selbst-Beschreibung des Erkenntnis-Objekts ist also nicht


Damit ist auch bereits das hinter dieser Zielidee der Rekonstrukti- anders als durch einen Konsens mit letzterem zu überprüfen.
onsadäquanz stehende Wahrheitskriterium angesprochen: der Dialog- Dabei kommt es darauf an, optimale Dialog-Bedingungen zu schaffen,
Konsens. Dieses Wahrheitskriterium ist die bisher überzeugendste durch die diese Adäquanzfrage möglichst wahrheitsgemäß entschie-
Antwort auf das grundsätzliche Problem das unvermeidbar mit der ,
den wird. Dem unterliegt das dialog-konsenstheoretische Wahrheits-
Frage des adäquaten Verstehens verbunden ist Es handelt sich um .
kriterium, wie es von der Frankfurter Schule (vor allem durch Apel,
das Problem, wie man feststellen kann ob eine Person korrekt über
,
Habermas, Lorenzer, ausgehend von der psychoanalytischen Metho-
'

intemale' Ereignisse (Gedanken Gefühle, Erlebnisse und deren refle-


,
dik) rekonstruiert worden ist. Danach hängt die Wahrheit von Aussa-
xive Repräsentation) Auskunft gibt oder nicht . Dies läßt sich sicher- gen (über Innensicht-Phänomene) von der Vemünftigkeit und Wahr-
lich nicht durch eine Beobachtung aus der Außensicht Perspektive -

haftigkeit derjenigen Person ab, die sie äußert. Vemünftigkeit und


N Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens Prinzip -
51
50 .

Wahrhaftigkeit von Personen sind in der Regel über Handlungen fest- Auch hier gilt es einem Mißverständnis vorzubeugen, indem explizit festzuhalten ist,
stellbar, für deren Bewertung aber wiederum ein Konsens zwischen daß mit dieser methodologischen Wendung natürlich eine spezifizierende Präzisierung
und Eingrenzung der eingangs genannten hermeneutischen Tradition vorliegt. Durch
Handelndem und Beobachter notwendig ist. Der drohende circulus
das dialog-konsenstheoretische Wahrheitskriterium wird der Ansatzpunkt für die Me-
vitiosus (bzw. regress ad infinitum) ist nur zu vermeiden, wenn man thodologie einer dialogischen Hermeneutik gelegt, die die Verstehensprozesse bei
die Bedingungen der Dialogsituation so (präskriptiv) spezifiziert, daß der realen Kommunikation zwischen Erkenntnis-Subjekt und -Objekt optimiert. Das
dadurch mit größtmöglicher (menschlicher) Sicherheit Wahrhaftigkeit schließt ein Verstehen ohne solche realen Kommunikationsprozesse (was im FST
und Vemünftigkeit der Auskunft gebenden Person ermöglicht wer- einer monologischen Hermeneutik zugeordnet wird: vgl. Groeben 1986b, 196ff.)
nicht aus, erfordert aber für deren Einsatz andere Voraussetzungsexplikationen und
den. Als dieses präskriptive Bedingungsgefüge hat Habermas (1968;
Rechtfertigungsansätze (I.e.). Und auch in bezug auf den genannten heuristischen
1973) die 'ideale Sprechsituation des Diskurses' eingeführt in der ,
Einsatzpunkt der Frankfurter' Rekonstruktion der Psychoanalyse liegt mit dem Ver-
'

Systemzwänge jeglicher Art möglichst weitgehend aufgehoben bzw .


such, das dialog-konsenstheoretische Wahrheitskriterium in konkrete Methodenver-
ausgeschlossen werden sollen Dadurch ist - im Optimal fall - eine
. fahren umzusetzen, sicherlich ein weiterer Spezifizierungsschritt vor, der sich bewußt
von systematischen Verzerrungen der Kommunikation befreite Eini- und intendiert von der üblichen psychoanalytischen Metatheorie und partiell sogar
von der dazu schon distanzierten Frankfurter Rekonstruktion entfernt; diese von Nie-
gung (Konsens) erreichbar, die die größtmögliche Sicherheit für eine
' '
wahre (d.h. 'wahrhaftige') Beantwortung der Adäquanzfrage bietet meyer (1987, 97) beklagte Entfernung stellt aus unserer Sicht daher kein Negativum,
sondern eine unvermeidliche Notwendigkeit bei der methodischen Elaboration einer
.

Der Dialog-Konsens mit seiner Voraussetzung der kontrafaktischen Dialog-Hermeneutik dar.


idealen Sprechsituation stellt daher eine regulative Zielidee dar de- ,

ren Verwirklichung in der Realität (auch der Forschungspraxis) nie Damit sind auf höchstem Abstraktioasniveau die Voraussetzungen
vollständig gelingen wird dennoch aber approximativ angestrebt wer-
,
und Zielkriterien umrissen, denen die methodische Grundstruk-
den kann und sollte (Skirbekk 1982 57f.). Dialog-Konsens-Verfahren
, tur von Dialog-Konsens-Verfahren (zur Rekonstruktion Subjekti-
zur Rekonstruktion Subjektiver Theorien müssen also versuchen , ver Theorien) entsprechen sollte. Bevor wir diese Grundstruk-
diese Bedingungen der idealen Sprechsituation für die Entscheidung tur näher analysieren, muß aber noch die Einbettung des hier the-
über die Rekonstruktionsadäquanz methodisch-systematisch soweit
'

matischen Dialog-Konsens in das mehrphasige Forschungsmodell


als möglich zu realisieren Das bedeutet für diese Phase einer dia-
.
des FST kurz angesprochen werden, schon damit der Geltungs-
logischen Hermeneutik die Spezifizierung und Implementierung ei- anspruch des dialog-konsenstheoretischen Wahrheitskriteriums nicht
ner mit komplementären Gewichtungen aufeinander eingestellten in- überschätzt wird. Denn die Sicherung der Rekonstruktionsadäquanz
einandergreifenden Subjekt-Subjekt-Relation In bezug auf die Re-
. von hochkomplexen intentionalen Handlungsbeschreibungen bedeu-
konstruktionsdynamik wird das wissenschaftliche Erkenntnis-Subjekt tet noch nicht, daß diese Beschreibungen und die darin enthal-
sicherlich ein größeres Gewicht haben wie es auch in der Model-
, tenen Erklärungsperspektiven für das Handeln der jeweiligen Per-
lierung der Frankfurter Schule für die Psychoanalyse unterstellt ist son auch realitätsadäquat sind. Um es an einem Beispiel aus der
(insofern als der Analytiker seine interpretative Rekonstruktion dem analytischen Handlungsphilosophie zu verdeutlichen: Das wissen-
Analysanden zur Zustimmung vorlegt); in bezug auf die Entschei- schaftliche Erkenntnis-Subjekt mag durchaus adäquat verstehen und
dung der Adäquanzfrage allerdings hat das Erkenntnis-Objekt das dialog-konsensual beschreiben, warum ein bestimmtes Gegenüber
ausschlaggebende und entscheidende Gewicht insofern erst seine Zu-
, (Erkenntnis-Objekt: z.B. Hans) ein kupfernes Amulett trägt; nämlich
stimmung festlegt was als adäquate intentional-intcrprelative Hand-
, weil ein solches Amulett auf eine komplizierte (näher ausführbare)
lungsbeschreibung in den wissenschaftlichen Erkenntnisprozeß ein- Art und Weise die der Gesundheit abträglichen Ströme des Erdma-
geht. Dialog-Konsens-Methoden müssen systematische Verfahrens- gnetismus abblockt und nur (gesundheits-)fördemde Ströme durchläßt
schritte vorsehen um das Erkenntnis-Objekt gemäß dem Konzept der
, ('Überzeugungssystem'), so daß auf diese Art und Weise durch das
idealen Sprechsituation in die Lage einer vernünftigen und wahrhaf- Tragen des Amuletts das Ziel der Gesundheitsbewahrung ('Motiv-
tigen Entscheidung über die Adäquanzfrage zu versetzen .
'

system ) erreicht werden kann. Mit der adäquaten Rekonstruktion


53
52 N .
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

dieser intentionalen Handlungsbeschreibung (und der in ihr angege- terium in erster Linie um die Approximierung der idealen Sprechsi-
benen Motive und Wirkungsüberzeugung) ist auch bei solchen Sub- tuation für den Dialog zwischen Erkenntnis-Subjekt und -Objekt.
jektiven Theorien - mindestens genauso wie bei wissenschaftlichen - Für den gesamten Dialog hat Scheele (in Groeben et al. 1988, 136ff.)
die Möglichkeit verbunden, daß sich der (Subjektive) Theoretiker irrt; das generelle Ziel der idealen Sprechsituation' in eine Hierarchie
'

und zwar gilt diese Möglichkeit sowohl für den Bereich des Motiv-
von Unterzielen ausdifferenziert (vgl. Abb. 1), die sechs aufeinan-
ais auch des Übereeugungssystems. Für das angeführte Beispiel: Es der aufbauende sprechakttheoretische Ziele einschließlich der zu ih-
mag durchaus sein, daß kupferne Amulette die in dieser Subjekti- rer Erreichung notwendigen motivationalen und kognitiven Vorausset-
ven Theorie postulierte Wirkung nicht besitzen (realitätsinadäquates zungen spezifiziert. Dieses Modell erlaubt es, aus der vorhandenen
Überzeugungssystem); ebenso ist es möglich , daß Hans dieses Amu-
psychologischen Forschung und Praxis (von der Gründlagenforschung
lett gar nicht aus dem angeführten Grund (Erhaltung der Gesundheit) zu Gedächtnismodellen bis zu therapeutischen Technologien wie ge-
trägt, sondern weil es ein Geschenk seiner Freundin ist (was er sich sprächstherapeutischen Techniken etc.: vgl Scheele I.e.) jene Tech-
.

selbst nicht eingestehen möchte: realitätsinadäquate Aussage über niken herauszufiltem und heranzuziehen, die zur Realisierung eines
das Motivsystem). Diese Frage der Realitätsadäqmnz läßt sich also möglichst symmetrischen Interaktionsprozesses zwischen Erkenntnis-
nicht mehr zureichend durch einen Dialog-Konsens feststellen son- ,
Subjekt und -Objekt brauchbar sind.
dern erfordert eine Beobachtung aus der Perspektive der dritten Person
und damit eine Methodik die dem klassischen falsifikationstheoreti-
,

schen Wahrheitskritcrium zuzuordnen ist Erst durch eine solche (sy- Abb. 1: Ziel-Hierarchie zur Generierung von Technologien für die dialog-
konsensuale Erhebung und Rekonstruklion Subjektiver Theorien (n. Scheele
.

stematische) Geltungsprüfung (in bezug auf die Realitätsadäquanz) in Groeben et al. 1988, 144)
läßt sich die Aktivität des je thematischen Erkenntnis-Objekts zurei -

chend erklären. Dementsprechend wird die Geltungsprüfung anhand Sprechakttheoretische Motivationale und kognitive
der Beobachtung aus der Dritten-Person-Perspektive im Zwei-Phasen- Ziele Voraussetzungen
Modell der Forschungsstruktur des FST 'explanative Validierung'
genannt; komplementär dazu heißt die dialog-konsensuale Prüfung VI Einsichtsvolles Übernehmen Sinnmotivation,
der Rekonstruktionsadäquanz des Verstehens von intentionalen Hand- von Argumenten Explikationsvertrauen
lungsbeschreibungen 'kommunikative Validierung' Aus den oben .
V Auseinandersetzen (Selbst-)Erkenntnis-Motivation
genannten Gründen (operative Wirksamkeit der Handlungsbeschrci- IV Argumentatives Verständigen Argumentationsfähigkeit
bungen von agierenden Personen etc ) wird die kommunikative Vali- Verbalisierungs-Motivation
III Gleichberechügt-Sein
.

dierung in dem skizzierten Zwei-Phasen-Modell als vorgeordnet die ,


II Kommunizieren Verbalisierungsfähigkeit
explanative Validierung als nachgeordnet angesetzt; zugleich gilt in I Aktualisieren Explizierungs-Motivation,
bezug auf die Geltungsperspektive allerdings die explanative Validie -

Aktualisierbarkeit der Kognitio-


rung als übergeordnet die kommunikative als untergeordnet (s Abb. 1
, .
nen
bei Stössel & Scheele in diesem Band; vgl zu weiteren Bewertungen
.

und Begründungen unten Punkt 3 ) . .

2. Methodische Realisierungsmöglichkeiten und -Varianten Es ist (schon aus Raumgründen) nicht sinnvoll, diese Techniken hier
noch einmal im einzelnen aufzuführen und zu diskutieren (vgl. dazu
Dialog-Konsens-Methoden stellen also eine systematische Methodik eben Scheele, o.e.; zusammenfassend auch Mutzeck 1988, 141-153).
zur Realisierung der kommunikativen Validierungsphase dar Dabei .
Einen intuitiv-anschaulichen Eindruck von dem Gemeinten können
geht es entsprechend dem dialog-konsenstheoretischen Wahrheitskri- aber u.U. die Beispicl-Verbalisierungen geben, die Dann (1990b, 5)
54
N Groeben 55
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

für die Realisierung einer solchen möglichst symmetrischen Interak-


die für den menschlichen Bereich konstitutiv ist, auch aktuell reali-
tion (zwischen Erkenntnis-Subjekt und -Objekt) anführt:
siert wird. Es handelt sich darum, daß im Gegensatz zu naturwissen-
"
Wie sehen Sie das?
schaftlichen Gegenstandsbereichen in der Psychologie jede Erkenntnis
-

-
Wie ist es bei Ihnen? '

des 'Gegenstandes auch eine potentielle Selbst-Erkenntnis darstellt.


-

Wie läuft das normalerweise bei Ihnen ab?


Dies gilt es, durch die ideale Sprechsituation innerhalb der Dialog-
-

Könnte es auch so sein? (Vorschlag anbieten) Konsens-Phase auch aktuell zu realisieren: nämlich daß das befragte
'
-

Ist es so oder ist es so? (Alternative anbieten) Erkenntnis- Objekt' in dieser Phase auch einen Akt der Selbsterkennt-
-

Ihre Sichtweise ist ausschlaggebend! nis vollzieht, an dem es existentiell interessiert ist. Diese Bereit-
-

Es gibt keinen richtigen oder falschen Ablauf; es kommt mir darauf an ,


wie sich schaft, ja Motivation zur Selbsterkenntnis stellt die größtmögliche
das für Sie darstellt!
-

Wie geht es weiter? (menschliche) Sicherheit gegen jene Verzerrungstendenzen dar, die
-

Gibt es noch andere Möglichkeiten?" am stärksten die Validität dieser kommunikativen Rekonstruktions-
phase gefährden können (wie soziale Erwünschtheit etc.). Unter der
Es sollen allerdings zumindest zwei hinter diesen Technolo -
Voraussetzung, daß eine solche Motivation zur Selbsterkenntnis bei ei-
gien/Techniken stehende und durch sie realisierbare Prinzipien be- nem jeweiligen Erkenntnis-Objekt - approximativ - aktualisiert wor-
nannt werden die für eine Dialog-Hermeneutik unverzichtbar erschei
,
-

den ist, besteht dann die zentrale Aufgabe der konkreteren Metho-
nen. Zum einen handelt es sich darum, daß eine solche dialo
Hermeneutik in bezug auf die Versteh gische dikstruktur von Dialog-Konsens-Verfahren darin, systematisch solche
enssystematik als Kombination Verfahrensschritte vorzusehen, die den Dialog-Gegenüber in dieser
von sogenannter 'harter' und 'weicher' Methodik zu konzipieren ist
' . Motivation nicht behindern, sondern unterstützen. Entsprechend dem
Hart' müssen Dialog-Konsens Verfahren im Hinblick auf die oben
-

Brückenprinzip 'Sollen impliziert Können' (vgl. Albert 1971; Groe-


(1.) begründete Explizierungsdynamik sein indem sowohl in bezug
,
ben 1986b, 421 f.) geht es hier in erster Linie darum, daß die Metho-
auf die Inhalte als auch auf die Struktur der zu verstehenden K dik zum einen das nicht-wissenschaftliche Erkenntnis-Objekt nicht
ogni-
tionsaggregate (des Subjektiven Theoretikers) präzise Fragen gestellt überfordert, zum anderen aber zugleich auch so mit Kenntnissen
werden z.T. sogar in konfrontierender Art und Weise ('Störfragen' und Kompetenzen ausstattet, daß für den angestrebten Rekonstruk-
,

nach Wahl 1979) um die Sicherheit und Stabilität der mitgeteilten


,
tionsprozeß eine - möglichst - symmetrische Kompetenz zwischen
Denkinhalte und -Strukturen zu gewährleisten. Dieses 'harte' Fun- Erkenntnis-Subjekt und -Objekt resultiert. Diesem Optimierungsprin-
dament kann aber nur dann zu einem möglichst unverzerrten Verste -
zip zweier gegenläufiger Dynamiken sind alle im folgenden zu bespre-
hensprozeß führen wenn dadurch das Vertrauen und die Kommuni-
,
chenden konkreteren Methodikstrukturen verpflichtet. Als ersten und
kationsbereitschaft des Erkenntnis-Objekts nicht beschädigt' werden '

wichtigsten Ansatzpunkt zur Vermeidung einer Überforderung ist da-


,

was durch 'weiche' Techniken der Kommunikation und Metakommu-


bei bereits durch den ersten Entwurf einer expliziten Dialog-Konsens-
nikation zu sichern ist: z B dadurch, daß das Erkenntnis-Subjekt dem
. .

Methode (nämlich die Heidelberger Struktur-Lege-Technik: Scheele


Gegenüber die inhaltlichen Fragestellungen und Zielsetzungen des je-
& Groeben 1979; 1984) die Trennung von Erhebung der Reflexions-
weiligen Projekts vorab maximal transparent macht genauso wie das , Inhalte und der Rekonstruktion der subjektiv-theoretischen Strukturen
konkrete Vorgehen innerhalb der Dialog-Konsens-Phase wozu auch , eingeführt worden. Dahinter steht die Vorstellung daß eine Gleich-
,

gegebenenfalls ein öfter wiederholtes metakommunikatives Anspre- zeitigkeit dieser beiden Aufgaben in einem Dialog-Konsens-Prozeß
chen von aktuellen Belastungen durch die Methodik gehört bevor für beide beteiligten Personen (Erkenntnis-Subjekt wie -Objekt) eine
,

sich diese zu Verzerrungen der Kommunikationssituation auswachsen Überforderung bedeuten würde die eine adäquate Rekonstruktion
,

können. Bei einer optimalen Realisierung dieses Kombinations der Subjektiven Theorien des Erkenntnis-Objekts weitgehend verhin-
zips wird dann auch das zweite Ziel erreichbar prin-
nämlich daß die prin-
, dern würde. Diese Überlegungen und die resultierende Zwei-Schritt-
zipielle Erkenntnisrelation zwischen Erkenntnis-Subjekt und Struktur ist ersichtlich theoretisch so überzeugend und praktisch er-
Objekt, -
56 57
N .
Groeben Inhalts-Struktur Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip
-

folgreich gewesen, daß alle in der Nachfolge zur SLT entwickelten freie, spontane Verbalisierung der Erkenntnis-Objekte in bezug auf
Dialog-Konsens-Verfahren (nicht nur die von Scheele & Groeben; ihre Reflexionen anzuregen und zu unterstützen.
vgl. 1988a) diese zwei getrennten Schritte der Kognitionserhebung Das ist auch der Grund, warum in den bisher entwickelten Dialog-
und Rekonstruktion der Theoriestruktur übernommen haben und vor- Konsens-Verfahren für den Erhebungsschritt fast durchweg solche
sehen (s. Dann in diesem Band) .

eher qualitativen Methoden verwendet werden als etwa standardisierte


Verfahren wie Fragebogen, Test etc.; es wird dabei unterstellt, daß die
Dabei sind als Erhebungsmethoden prinzipiell alle sogenannten 'qua- offene, freie, spontane Verbalisierung - vor allem auch idiographisch
litativen' Verfahren zur Mitteilung von Kognitionen/Reflexionen etc . -
ergiebiger ist als standardisierte, nicht zuletzt auch auf quantifizie-
einsetz- bzw. adaptierbar (vgl Huber & Mandl 1982; Mutzeck 1988
.

,
renden Vergleich ausgerichtete Methoden. Daß dies nicht in jedem
lOlff.): von Assoziationsverfahren über das Laute Denken bis zum In -
Fall (d.h. jedem Problembereich, für jede Fragestellung etc.) so sein
terview bzw. spezifischen Verfahrenskombinationen wie dem 'Struk- muß, haben Fall er et al. (1991) in einer Untersuchung zur Subjektiven
turierten Dialog' (nach Wahl et al 1983, 41 ff ; vgl. auch Hanke .
.
Krankheitsverarbeitung von Krebskranken in bezug auf die von diesen
1991, 1171T.) Das Entscheidende dabei ist daß die gewählte Er-
.
, entwickelten Ursachenvorstellungen gezeigt, in der Interview und Fra-
hebungsmethode dem thematischen Gegenstand und den Fähigkeiten gebogen als Erhebungsverfahren miteinander verglichen wurden. Es
bzw. Möglichkeiten der Untersuchungspartner/innen möglichst ange- wurden außerdem (per Fragebogen, Ratingskala etc.) als Merkmale
messen ist. Daß die meisten Dialog-Konsens-Verfahren bisher mit der Krankheitsverarbeitung noch der emotionale Zustand, Belastungen
der einen oder anderen Art eines Interviews arbeiten liegt vermut- , durch Untersuchungen, Erleben der Therapie, Kontrollüberzeugungen
lich daran ,
daß bisher zum einen vor allem Subjektive Berufstheorien sowie Copingstrategien erfaßt. Dabei zeigte sich, daß z.B. 'Rau-
von Lehrern/innen erforscht worden sind; zum anderen gibt es (aus chen als Krankheitsursache bei Lungenkarzinom-Patienten im Fra-
'

Ökonomiegründen) eine Konzentration auf Subjektive Theorien mitt -


gebogen deutlich häufiger als im Interview angegeben wurde; da sich
lerer Reichweite , die relativ übergreifende Konstrukte bzw .
Hand- die Interview-Personen, die spontan Rauchen als Krankheilsursache
lungsklassen zum Gegenstand haben (vgl z.B. Brückerhoff 1982:
'
. thematisieren, auch als emotional trauriger, nervöser etc. bezeichnen,
Vertrauen'; Paetsch 1985: 'Verantwortlichkeit') Wenn auch das . interpretieren Faller et al. dieses Ergebnis so, daß die Fragebogenme-
'
Interview zu den klassischen eingeführten Formen sogenannter 'qua-
, thode es den untersuchten Personen leichter ermöglicht, ihre Abwehr'
litativer' Forschungsmethoden zählt so sind dennoch die besonde- ,
aufrechtzuerhalten und in distanzierter Form über (mögliche) Krank-
ren Anforderungen bzw Adaptationen zum Einsatz innerhalb einer
. heitsursachen zu reflektieren und Auskunft zu geben. Die Autoren un-
dialog-konsenstheoretischen Hermeneutik nicht zu unterschätzen (vgl. terscheiden daher eine eher dynamische (man könnte vielleicht auch
dazu Scheele & Groeben 1988a 46ff.; Scheele in Groeben et al, .
sagen existentielle) von einer eher statischen Dimension der Subjek-
1988, 135ff ) Neben den erhöhten Anforderungen an die Flexibi-
. .
tiven Krankheitstheorien; die dynamische Dimension kann vor allem
lität, Gesprächsführung und emotionale Offenheit der Interviewer- im Hinblick auf die Symptomwahmehmung, die Krankheitsdefinition
Person gehört zu diesen Adaptationen nicht zuletzt eine möglichst und Krankheitsverarbeitung bedingt durch ihre Vielgestaltigkeit und
"

anregende, konkrete Beispielgebung die soweit möglich vom eige- , Widersprüchlichkeit, ihre Wandelbarkeit und Emotionsabhängigkeit "

nen Erfahrungsraum bzw den eigenen Handlungen der interviewten


.
nur im qualitativen Interview angemessen abgebildet werden (o.e.,
Person ausgehen sollte Paradigmatische Beispiele bieten hier beson-
.
41). Die statische Dimension bezieht sich akzentuierend auf die we-
ders die auf konkretes Unterrichtsgeschehen zurückgreifenden Unter- niger komplexen Perspektiven der Krankheitsursachen, für die Fra-
suchungen zu den Subjektiven Berufstheorien von Lehrern/innen (vgl. gebogenverfahren u.U. aussagekräftiger sind (I.e.). Dieses Ergebnis
Wahl et al. 1983; Krause & Dann 1986; Mutzeck 1988; Hanke 1991) .
bestätigt, spezifiziert und konkretisiert zugleich die These von der
Entsprechend den oben (1 ) explizierten metatheoretischen Zielper-
. größeren existentiell-idiographisehen Ergiebigkeit offener, auf freie
spektiven kommt es dabei in erster Linie darauf an die möglichst ,
Verbalisierung ausgerichteter Erhebungsverfahren und macht ande-
58 N Groeben 59
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

rerseits auch deutlich, daß für bestimmte (eingeschränktere) Frage- terzieht, mit den im Regelleitfaden explizierten Formalrelationen ein
perspektiven standardisierte(re) Erhebungsverfahren durchaus sinn- eigenes Strukturbild zu legen, dann ist zum einen die Beherrschung
voll und nützlich sein können. dieses Regelsystems im Rahmen des in einer solchen kommunika-
In bezug auf den zweiten Schritt der Dialog-Konsens-Verfahren, tiven Validicrungsphase Möglichen optimal; der Grund dafür liegt
nämlich die Struktur-Rekonstruktion der Subjektiven Theorien, hat darin, daß aktives Durchführen eben zu stabileren Kompetenzen führt
das vorhergehende Kapitel bereits verschiedene Varianten von Struk- als bloßes Rezipieren (eine Gesetzmäßigkeit, die sich in der Lem-
turierungssystemen vorgestellt. Das in bezug auf die ideale Sprechsi- theorie und Pädagogischen Psychologie immer wieder bewährt hat:
tuation allen gemeinsame Grundproblem ist dabei, wie das jeweilige vgl. Lefrancois 1986; Weidenmann et al. 1986). Zum anderen stellt
Erkenntnis-Objekt in der konkreten kommunikativen Validierungs- der eigene Legeversuch des/der Untersuchungspartners/in natürlich
phase so kompetent gemacht werden kann, daß es in der Tat eine auch die beste Imprägnierung gegen voreilige Zustimmung zu Vor-
(approximativ) gleichberechtigte Sicherheit, zumindest in bezug auf schlägen des jeweiligen Erkenntnis-Subjekts dar, weil selbstgewählte
die argumentative Auseinandersetzung über das von ihm Gemeinte, Strukturmöglichkeiten sicher nur bei wirklich überzeugender Gegen-
entwickeln kann. Der erste Teilschritt zur Erreichung dieses Ziels argumentation aufgegeben werden. Insofern dürfte der Rekonstruk-
besteht darin, die formalen Regeln zur Visualisierung der (Subjek- tionsschritt der Theoriestruktur mit Hilfe von drei Strukturbildcm -
tiven) Theoriestruktur explizit in einem Leitfaden zusammenzustel- Legeversuch des Erkenntnis-Objekts, Rekonstruktionsvorschlag des
len und den jeweiligen Untersuchungspartnem/innen transparent zu Erkenntnis-Subjekts, dialog-konsensuales Strukturbild - sicher den
machen. Diese Übung eines für die jeweilige Struktur rekonstruk- Opümalfall für eine möglichst argumentative, gleichberechtigte Si-
tionsspezifischen Regel-Leitfadens, die ebenfalls bereits in der SLT cherung der Rekonstruktionsadäquanz bieten. Allerdings verkehrt
von Scheele & Groeben (1979; 1984) eingeführt worden ist, hat sich '
sich auch dieses Optimum' in sein Gegenteil, wenn es für die
so bewährt, daß praktisch alle bisher entwickelten Dialog-Konsens- spezifische Situation oder Personenstichprobe von Untersuchungs-
Verfahren daran festhalten (wie die Beispiele im vorherigen Kapitel teilnehmem Überforderungsaspekte enthält. Dies ist nun nach den
zeigen). Schwieriger verhält es sich mit dem nächsten Teilschritt: bisherigen Erfahrungen vor allem an zwei Punkten möglich bzw.
Scheele & Groeben nämlich haben vorgeschlagen und in ihrem Ver- wahrscheinlich: Zum einen kann das Regelsystem (z.B. das relativ
fahren (vgl. 1988a) auch immer als zweiten Teilschritt eingeführt , komplizierte, umfassende System der SLT) für die spezifische Un-
daß das jeweilige Erkenntnis-Objekt mit Hilfe des zur Verfügung ge- tersuchungsstichprobe zu anspruchsvoll sein; zum anderen können
stellten Regel-Leitfadens selbst ein Strukturbild seiner Subjektiven sich zeitliche Überforderungen ergeben, wenn die entsprechende For-
Theorie legen soll, das dann mit dem vom Erkenntnis-Subjekt rekon- schungssequenz unvermeidbar in Zusammenhang mit (partiell konkur-
struierten Bild verglichen wird, um im argumentativen Dialog über r erenden) Berufsaufgaben ablaufen muß; deshalb haben nach meiner
i
die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Bilder festzu- Kenntnis fast alle Erhebungen Subjektiver Berufstheorien von Leh-
legen, was als endgültige Rekonstruktion der vom Erkenntnis-Objekt rern/innen bisher den eigenständigen Legeversuch des Erkenntnis-
gemeinten Subjektiven Theorie gelten soll. Diese ursprüngliche Ver- Objekts nicht durchhalten können. Soweit sich an diesen beiden Punk-
sion der Struktur-Rekonstruktion mit einem eigenständigen Legever- ten also Überforderungen der jeweiligen Untersuchungspartner/innen
such des/der Untersuchungspartners/in ist nicht nur von Scheele & ergeben, ist eine Veränderung der bisher skizzierten Tdealstruktur'
Groeben, sondern auch in anderen Untersuchungen mit Erfolg ein- unvermeidlich, und zwar auch in Richtung auf eine Komprimierung
gesetzt worden (vgl. Bartheis 1991; Buchholtz 1991; Burgert et al. einzelner Teilschritte, auf die ich weiter unten im einzelnen eingehen
1987; Paetsch 1985; Schwab 1989; Sohns 1991; Stössel 1989) Die . werde.
Approximation der idealen Sprechsituation und damit der möglichst Zuvor soll jedoch noch auf ein Charakteristikum der Struktur-Lege-
symmetrischen Subjckt-Subjekt-Relation ist dabei unmittelbar ein- Verfahren eingegangen werden das ebenfalls zur Realisierung der
,

leuchtend: Wenn sich ein/e Untersuchungspartner/in der Mühe un- idealen Sprechsituation und einer möglichst symmetrischen For-
60 N .
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 61

schungsrelation beiträgt und als solches auch von methodologischer Gedächtnis-)Modelle der Wissensrepräsentation gebunden sind, wie
Seite beim Vergleich der Dialog-Konsens-Verfahren mit anderen (ein- es etwa Tergan (1986, 94) postuliert. Entsprechend dem oben skiz-
'

geführten) Strukturierungsmethoden herausgestellt wird. Es handelt zierten theoretischen Forschungsaasatz ( Subjektive Theorien') wird
sich darum, daß durch die Strukturierungsregeln und die damit er- vielmehr die wissenschaftliche Theoriestruktur als Rahmenmodell
reichbaren Strukturbilder eine Visualisierung von Wissensstrukturen angesetzt, innerhalb derer sich verschiedenste Ansätze der (älteren
des reflexiven Subjekts erreicht wird (vgl. Bonato 1990, 33ff.; Tergan wie neueren) Kognitions- und Gedächtnisforschung integrieren las-
1986, 88ff.). Diese Form der 'Extemalisierung von Wissensstruk- sen. Diese integrative Offenheit gegenüber einzelnen Modellen zur
turen' (Bonato, I.e.) stellt im Prozeß des Durchlaufens der Dialog- Wissensrepräsentation kommt z.B. (pragmatisch) schon dadurch zum
Konsens-Phase besonders für die erforschten Personen eine wichtige Ausdruck, daß mittlerweile auch ein Struktur-Lege-Verfahren in Form
kognitive wie motivationale Erleichterung dar. So kommen Heider & der Flußdiagramm-Darstellung vorgelegt worden ist (vgl. Scheele &
Waschkowski (1982) am Schluß ihrer auch methodenkritischen Un- Groeben 1988a, 122ff.), wobei die Flußdiagramm-Darstellung von
tersuchung zu Subjektiven Theorien über 'Partnerschaft' zu dem Fa- Tergan z.B. dem theoretischen Ansatz der mentalen Modelle zuge-
"
zit: Die visuelle Darstellung von Begriffen/Deskriptionen und ih- ordnet wird (zur expliziten - integrativen - Verbindung zwischen
rer Zusammenhänge ermöglichte es den Versuchspartnem, ständig dem Subjektiven Theorie-Konstrukt und kognitionspsychologischen
den Überblick über die Wiedergabe des Partnerschaftskonzepts zu Modellen vgl. im übrigen Alisch 1982; 1990).
behalten, so daß in Verbindung mit der einfachen Veränderbarkeit Die pragmatische Hilfe der möglichst direkten Visualisierung soll, wie
des Legespiels ihre Vorstellungen angemessen rekonstruiert werden alle anderen bereits besprochenen Verfahrensaspekte, dazu dienen, ein
konnten" (o.e., 167). Der zentrale Unterschied zu bisherigen Metho- maximal eindeutiges und zugleich rekonstruktives Verstehen und (be-
den der (kognitiven) Psychologie besteht dabei nicht in der visuel- schreibungssprachliches) Festhalten der Reflexionen des Erkenntnis-
len Extemalisierung (der Wissensstruktur) als solcher, sondern darin, Objekts zu ermöglichen. Dabei gibt es allerdings zwischen den beiden
daß diese Visualisierung im Dienste der Transparenz und autonomen bisher behandelten Schritten der Kognitionserhebung und der Struk-
Entscheidung des Erkenntnis-Objekts steht. Denn übliche Verfahren turrekonstruktion einen Teilschritt, der in der ursprünglichen Metho-
wie die Konstruktgittermethode nach Kelly oder Wortassoziations- denkonzeption von Scheele & Groeben (SLT: 1979; 1984) als rela-
und Graph-Konstruktionsmethoden (vgl. Bonato 1990) enthalten zwar tiv unproblematisch angesehen und daher sehr komprimiert gehand-
auch (vergleichbare) Visualisierungen, die allerdings lediglich vom habt wurde. Es handelt sich um die Extraktion der wichtigsten Kon-
Erkenntnis-Subjekt mit Hilfe komplexer Rechenverfahren wie Clu- zepte z.B. aus dem Interviewtranskript die nach dieser ersten Kon-
,

steranalyse, multidimensionaler Skalierung etc. ausgearbeitet wer- zeption von Dialog-Konsens-Verfahren dadurch geschieht daß das ,

den. Deshalb stellt auch Bonato besonders heraus: "Im Unterschied


Erkenntnis-Subjekt diese Konzeptextraktion allein vornimmt (durch
zur Errechnung der Strukturierung wird die Strukturierung bei den Notieren der wichtigsten Begriffe auf Konzeptkärtchen) und diese
Struktur-Lege-Techniken durch die Versuchsperson selbst vorgenom- Kärtchen dem Erkenntnis-Objekt am Beginn der (zweiten) Rekon-
men. Damit bieten die Struktur-Lege-Techniken eine wesentlich di- struktionssitzung lediglich zur Zustimmung vorlegt. Allerdings zeigen
"

rektere Art der Wissensstruktur-Erfassung und zwar sowohl in be-


,
die Erfahrungen mit diesem Vorgehen, daß dabei einige praktische und
zug darauf, ob zwischen den einzelnen Konzepten überhaupt eine auch (meta-)theoretische Probleme auftreten können. Zunächst einmal
Beziehung anzusetzen ist als auch welcher Art diese Beziehung sei wird hier die Auswahl der relevanten Aussagen ohne eine weitere me-
(1990, 33). Daher ist der zusammenfassenden Charakterisierung thodische Systematik dem Erkenntnis-Subjekt überlassen wie Buch-
,
"
von Ballstaedt & Mandl (1985, 28) zuzustimmen: ...
the SLT is
holtz zu Recht kritisch anmerkt (1991 143; vgl. auch Brückerhoff
,
"

coneeived as a pragmatic aid for extemalizing knowledge. Diese 1982, 183). Zum anderen ist in bezug auf den Dialog-Konsens
pragmatische Perspektive impliziert im übrigen auch, daß die ein- über die Auswahl solcher relevanten Konzepte sicherlich die Kri-
zelnen Struktur-Lege-Verfahren nicht theoretisch an bestimmte (z.B. tik von Eckert (1981 54) nicht unberechtigt: "Die Tatsache, daß
,
62 N .
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 63

Groeben/Schcclc die Legeversuche des Interviewers bereits vor der problem bei der Darstellung von Wissensstrukturen, nämlich die
inhaltlichen Auseinandersetzung vornehmen, deutet darauf hin, wie Größe der Wissenseinheiten (vgl. Bonato 1990, 3ff.), dem Erkenntnis-
wenig in diesem Bereich mit Veränderung gerechnet wird.
"
Für beide Objekt im Dialog-Konsens überantwortet wird. Soweit es zeitlich und
Probleme sind in der Zwischenzeit Ausdifferenziermgen als Erweite- von der Motivation der Untersuchungsteilnehmer/innen möglich ist,
rung der Dialog-Konsens-Methodik (vor allem am Beispiel der SLT) sollte man sicherlich in Zukunft diese methodischen Ausdifferenzie-
erarbeitet worden. In bezug auf die Systematik der Informationsver- rungen einsetzen, am besten in Kombination der inhaltsanalytisch-
dichtung zu den relevantesten Konzepten eines Interviews haben z.B. propositionstheoretischen Textkomprimierung und einer darauf auf-
Obliers & Vogel (in diesem Band) die innerhalb des propositions- bauenden (eigenständigen) Dialog-Konsens-Findung. Darunter fällt
theoretischen Modells der Textverabeitung entwickelten Regeln zur auch die von Schwab (1989) eingesetzte Möglichkeit, eine zusätzliche
Generierung von Makropropositionen angewendet. Schmid-Furstoss (zweite) Interview-Sitzung vorzusehen, in der die Untersuchungsteil-
hat (in seiner Untersuchung über Subjektive Theorien von (Un-)Selb- nehmer/innen auf etwaige Inkohärenzen, Lücken etc. ihrer Aussagen
ständigkeit bei Seniorinnen) eine Inhaltsanalyse eingeführt, mit der hingewiesen werden und diese beheben können (was sie nach den
die wichtigsten Aussagen pro Interview gesichert wurden, und zwar Erfahrungen von Schwab auch durchaus tun: vgl. o.e., 116f., 285f.).
einschließlich einer Übereinstimmungsprüfung zwischen dem jewei- Das gilt allerdings natürlich nur, wenn sich daraus keine kogniti-
ligen Interviewer und dem Leiter der Gesamtuntersuchung (die zu- ven oder motivationalen Überforderungen der Untersuchungsteilneh-
friedenstellend ausfiel: 1990, 94f.). Schmid-Furstoss hält diesen mer/innen ergeben. In diesem Fall sind vielmehr, wie oben bereits an-
Teilschritt einer systematisch-inhaltsanalytischen Auswahl der zen- gesprochen, eher Komprimierungen einzelner Verfahrens(teil)schritte
tralen Aussagen/Konzepte insbesondere wegen der damit verbunde- notwendig. In bezug auf die kognitive Überforderung wird es sich
nen Steigerung der Objektivität/Reliabilität für so wichtig, daß er ihn dabei in erster Linie um eine Reduktion der formalen Relationen des
als festen Bestandteil der SLT einzuführen vorschlägt (o.e., 193). entsprechenden Regelwerks handeln. Insbesondere im Hinblick auf
Da es sich hierbei allerdings um eine Übereinstimmung zwischen das sehr differenzierte Regelwerk der SLT, das ganz explizit zur Erfor-
Erkenntnis-Subjekten handelt, ist damit das Problem der suboptima- schung Subjektiver Berufstheorien von Lehrern/innen, d.h. von wis-
len Berücksichtigung des Erkenntnis-Objekts noch nicht gelöst. Dies- senschaftlich Vorgebildeten, entworfen worden ist (Scheele & Groe-
bezüglich haben Brückerhoff (1982) und in ihrer Nachfolge Bruhn ben 1988a, 64f.), sind in der bisherigen Forschung Komprimierungen
& Höngen (1983) als Erleichterung für die erforschte Person ver- vorgenommen worden (z.B. Barth 1986; Bartheis 1991; Brückerhoff
schiedene (zusätzliche) Farben für die Konzeptkärtchen eingeführt, 1982; Bruhn & Höngen 1983; Rössler & Rosenkranz 1981; Schmid-
die dem/der Untersuchungspartner/in den Überblick über die einbe- Furstoss 1990; Schwab 1989). Der Umfang dieser Reduzierungen
zogenen Konzepte der verschiedenen (natürlich untersuchungsspezi- hängt sicherlich von den Kompetenzen der jeweiligen Untersuchungs-
fischcn) Konzeptkategorien ermöglicht. Die unter dieser Problem- stichprobe ab. So hat z.B. Schmid-Furstoss die Formal-Relationen
perspektive maximale Erweiterung ist von Eckert (1981) vorgenom- der SLT um die kurvilinearen Beziehungen und Interaktionsrelatio-
men worden, die für die Auswahl der relevanten Konzepte und deren nen (auf insgesamt 14) gekürzt die sich nach der Untersuchung noch
,

Übertragung auf Kärtchen eine eigene (dritte) Sitzung eingeführt hat; einmal auf insgesamt 7 Relationen haben verringern lassen. Anderer-
dabei wurde den Untersuchungsteilnehmem/innen ihr vollständiges seits haben Bruhn & Höngen, die bei der Untersuchung des Sub-
Interviewtranskript sowie eine Kurzfassung mit einer Interpretation jektiven Konstrukts 'Überbehülung' die Relationen-Reduktion von
der Untersuchungsleiterin vorgelegt, aus der im Dialog-Konsens ge- Brückerhoff (1982) übernommen haben nach 8 Interviews wiederum
,

meinsam die relevantesten Konzepte extrahiert wurden (o.e. 50-55). , einige Relationen ergänzen müssen da nur so die Auskünfte der Un-
,

Dies stellt natürlich unter der Perspektive der idealen Sprechsitua- tersuchungspartner/innen abbildbar waren (Bruhn & Höngen 1983 ,

tion und der möglichst symmetrischen Forschungsrelation das Opti- 62). Von einer ähnlichen Erfahrung berichtet Schwab (1989 123ff.):,

mum dar, zumal durch dieses Vorgehen auch ein weiteres Grund- Sie hatte für die Erhebung von Subjektiven Krankheitstheorien bei
64 N Groeben 65
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

Krebskranken zum einen zwar eine zusätzliche Relation zur Abbil-


schung nicht selten eine Komprimierung derart vorgenommen wor-
dung zeitlicher Sequenzen (in Nachfolge von Fader 1985) eingeführt, den, daß nicht drei Rekonstruktionsbilder (von Erkenntnis-Subjekt,
dafür aber auch mehrere der komplexeren SLT-Relationen eliminiert -
Objekt und Dialog-Konsens-Bild) erstellt wurden, sondern sofort in
(in dem völlig legitimen Bestreben, die Kranken nicht unnötig zu be- einem gemeinsamen Legeversuch die Dialog-Konsens-Rekonstruktion.
lasten). In der Untersuchungsdurchführung mußten dann allerdings Dies gilt bei Heranziehung der SLT z.B. für die Untersuchungen von
zumindest in zwei Fällen diese komplexeren Relationskärtchen z T . .
Barth (1986), Brückerhoff (1982), Bruhn & Höngen (1983) sowie
wieder eingeführt werden (weil die Untersuchungsteilnehmer/innen Heider & Waschkowski (1982). Bei den für die Untersuchung von
in ihrem Interview eben solche Konzeptbeziehungen vorgebracht hat- Lehrerkognitionen im Unterricht entwickelten Verfahren wie ILKHA
ten: o.e., 288). Insgesamt stellt die Strategie einer Komprimierung und WAL ist eine solche Komprimierung von vornherein vorgesehen
des Relationen-Regelwerks auf die in einer Untersuchungsstichprobe und durchgeführt worden (Krause & Dann 1986; Wahl et al. 1983;
wirklich vorkommenden Beziehungen sicherlich eine legitime Adap- vgl. auch das Verfahren bei Mutzeck 1988). Mit diesem Kompri-
tation an die Kompetenzen der jeweiligen Teilnehmer/innen dar (zu mierungsschritt ist natürlich immer die Gefahr verbunden, daß die
Stellenwert und Beispielen dieser Adaptation s Bürgert in diesem
.
aktuelle Fertigkeit des jeweiligen Erkenntnis-Objekts in der konkre-
Band). Wenn eine solche Passung von Regelwerk und Kompeten- ten Untersuchungssituation nicht so weit gestärkt wird, daß es sich
zen der Untersuchungsgruppe vorliegt können zumeist auch Unter-
, in der Tat möglichst gleichberechtigt argumentativ in die dialog-
suchungsteilnehmer/innen, denen das Regelwerk am Anfang unge- konsensuale Entscheidungsfindung 'einbringen' kann (und dadurch
wohnt ist, durch die Übung am eigenen Reflexionsmaterial damit zu- auch eventuell unbeabsichtigter Suggestionsdynamik von seilen des
friedenstellend umgehen; so berichtet z B Paetsch (1985, 34) nach
. .
Erkenntnis-Subjekts nicht erliegt). Es sollten daher, wenn eine solche
einer Untersuchung des Subjektiven Konstrukts 'Verantwortung' in Komprimierung der Struktur-Lege-Versuche unumgänglich scheint,
der Therapeut-Patient-Beziehung bei Therapeuten und Patienten: "Je- möglichst Ausdifferenzierungen an anderen Stellen zur Kompensation
denfalls gingen am Ende der Rekonstruktion und im Diskurs die eingeführt werden, durch die die angestrebte approximativ symmetri-
meisten Vpn sehr souverän mit der Technik um was wir nicht er- , sche Forschungsrclation ebenfalls erreicht werden kann. Dazu bie-
"
wartet hatten. Das optimale Verfahren besteht hier natürlich darin, ten die bisherigen Untersuchungen durchaus genügend Anregungen.
daß man eine entsprechende Passung von Untersuchungsstichprobe Im Fall der kognitiven Überforderung ist sicherlich das Vorgehen
und Regelwerk durch Vorversuche empirisch feststellt Da Dialog- .
von Paetsch (1985) optimal, der zunächst den Rekonstruktionsversuch
Konscns-Rekonstruktionen außerordentlich aufwendig sind dürfte das , des/der Untersuchungsteilnehmers/in gemeinsatn mit diesem/r gelegt
allerdings nur selten möglich sein; in diesem Fall empfiehlt sich eine hat. Das Erkenntnis-Subjekt versucht dabei, in einer Modellfunktion
Systematisierung des Vorgehens von Bruhn & Höngen das bei die- ,
'

die gelegten Verbindungen sofort zu verbalisieren, so daß die Teil-


sen durch den Untersuchungsablauf erzwungen wurde: nämlich einen nehmer/innen die Beziehung eventuell gleich (entsprechend dem von
Kembereich von Relationen vorzugeben die mit größter Wahrschein-
, ihnen eigentlich Gemeinten) korrigieren können' (1985, 34). Dadurch
lichkeit verwendet werden und zugleich einen Ergänzungspool von
,
erlernen die Untersuchungsteilnehmer/innen praktisch die für sie re-
Relations-Erläuterungen vorzusehen die bei Bedarf nachgeschoben
, levanten Formalrelationen im spielerischen Umgang und in der per-
werden können (vgl. zur Umsetzung in eine Flexibilisierungsversion manent unterstützenden Kommunikation mit dem Erkenntnis-Subjekt.
Scheele et al. in diesem Band) .
Auf diese Art und Weise resultieren dann doch noch die vorgese-
Für die Realisierung des Dialog-Konsenses und der möglichst symme- henen drei Struktur-Bilder, wobei der Rekonstruktionsversuch des
trischen Forschungsrelation problematischer ist allerdings die Kom- Erkenntnis-Objekts auch ein quasi 'gemeinsamer' ist, bei dem sich
primierung der Struktur-Lege-Versuche selbst. Hier ist zur Vermei- das Erkenntnis-Subjekt allerdings primär auf eine explizierende Ver-
dung von Überforderungen der Erkenntnis-Objekte bzw .
auch aus balisierung der Formal-Relationen konzentriert. Die Brauchbarkeit
den schon angesprochenen Zeitdruck-Gründen in der bisherigen For- und Durchführbarkeit dieses Vorgehens hat sich auch bei problema-
66 N.
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 67

tischen Untersuchungsstichproben nachweisen lassen (Schwab 1989: von seilen des/der jeweiligen Untersuchungsleiters/in) zu wachen, als
Krebserkrankte; Schmid-Furstoss 1990: Seniorinnen; Bartheis 1991; kompensierende Sicherung gegen eventuelle negative Wirkungen der
Sohns 1991: Alkoholiker). Komprimierung in der Dialog-Konsens-Phase einsetzen (vgl. Wahl
1987, 26011; Wahl 1991, 149f.). Die gleiche Zielsetzung wird mit
Für motivationale (besonders durch Zeitdruck zustande kommende) der Version verfolgt, daß ein Tandem von Untersuchungsleitem/innen
Überforderungen zeigen die einschlägigen Untersuchungen von Dann sich auch in der jeweiligen konkreten Erhebungs- bzw. Rekonstrukti-
et al. sowie Wahl et al. plausible Kompensationsmöglichkeiten auf. onssituation gegenseitig entlastet und kontrolliert: so z.B. schon bei
Die einfachste Möglichkeit dürfte darin bestehen, daß eine auf Scheele (1980) vorgeschlagen und z.T. durchgeführt (vgl. auch Heider
konkretes Unterrichtshandeln bezogene Erhebung und Rekonstruk- & Waschkowski 1982, 50ff. und die Konsequenz, die Schwab 1989,
tion von subjektiven Reflexionen mehrfach durchlaufen wird, wie 295 aus ihrer Untersuchung zu Subjektiven Krankheitstheorien von
es z.B. für die ILKHA von Dann und Mitarbeitern vorgesehen Krebskranken zieht). Insgesamt zeigen diese Beispiele praktikable
Ansätze auf, wie dann, wenn aus motivaüonalen Gründen eine Kom-
ist (vgl. Krause & Dann 1986, 11 f.; Dann 1990b, 3ff.; Diegritz
et al. 1991, 14). Dies empfiehlt sich auf jeden Fall, wenn zur primierung der Dialog-Konsens-Phase auf nur einen gemeinsamen Le-
Rekonstruktion einer 'gesamten' Subjektiven Theorie sowieso der geversuch unumgänglich ist, kompensierende Teilschritte eingeführt
Rückbezug auf verschiedene, wiederholte Erhebungs- und Rekon- werden können, die dennoch eine möglichst gleichberechtigte Rela-
straktionsvorgänge notwendig ist. Eine vergleichbare Kompensati- tion Erkenntnis-Subjekt und -Objekt wahrscheinlich machen können;
onsfunktion (auch bei einer pro Untersuchungsteilnehmer/in nur ein- allerdings sollte entsprechend den eingangs (s.o. 1.) skizzierten meta-
maligen Erhebung/Rekonstruktion) kann die von Wahl et al. (1983, theoretischen Zielkriterien auf eine solche kompensierende Ausdiffe-
67-75) eingeführte Verfahrensweise bieten, daß an mehreren Stel- renzierung der idealen Sprechsituation auch nicht verzichtet werden.
len des Erhebungs-IRekonstruktionsvorgangs ein Dialog-Konsens ein-
geführt wird: z.B. zur Auswahl der Erhebungssituation, zur ungelenk- 3.
Zwischendiskussion: wissenschaftstheoretische
ten sowie gelenkten Introspektion etc. (vgl. Wahl et al. 1983, 67IT.; Bewertungsfragen
ebenso Hanke 1991, 119ff.); diese Möglichkeit hat auch Mutzeck
in seiner Untersuchung über Subjektive Theorien von Lehrern/innen Um Sinn und Funktion, Möglichkeiten und Grenzen der skizzierten
'

zum Transfer von Fortbildungsinhalten in den Berufsalltag ange-


'
Dialog-Konsens-Methodik weiter zu verdeutlichen, soll noch einmal
wandt (indem er sowohl für die Überführung der Interviewaussagen kurz auf wissenschaftstheoretische Bewertungsperspektiven eingegan-
in Subjektive Hypothesen - Wenn-dann-Formulierungen - als auch gen werden; allerdings nicht, wie eingangs akzentuierend im Kontrast
für die Rekonstruktion von Strukturbildem anhand eines Regelleitfa- zu der klassischen empiriewissenschaftlichen auf experimentelle Fal-
,

dens eine solche komprimierte Dialog-Konsens-Phase realisiert hat: sifikation ausgerichteten Forschungskonzeption sondern in Auseinan-
,

1988, 164ff.). In ähnlicher Weise hat auch Schwab (1989) in ih- dersetzung mit verstehensorientierten Methodologiekonzeptionen die,

rer Untersuchung zu Subjektiven Theorien von Krebskranken prak- in dem oben skizzierten Mehrphasen-Modell der Forschungsstruktur
tisch zwei Dialog-Konsens-Sitzungen durchgeführt, wobei die zweite (von kommunikativer und explanativer Validierung) eine - unnötige -
Sitzung vor allem die Präzisierung bzw. Elaboration von Konzept- Beschränkung des verstehensorientierten Ansatzes ja zum Teil sogar
,

relationen zum Ziel hatte, die wegen der Komplexität der Subjek- eine Art Verrat an den Zielen einer sogenannten 'qualitativen' Me-
tiven Theorie-Struktur in der ersten Sitzung nicht optimal bearbei- thodik sehen. In dieser Kritik aus der Perspektive einer 'qualitativ'-
tet werden konnten (o.e., 118f.). Schlußendlich läßt sich auch die verstehensorientierten Methodenkonzeption (in) der Psychologie hat
von Wahl gewählte Möglichkeit, daß eine dritte (unabhängige) Per- sich vor allem Flick engagiert (vgl 1987b; 1991a; b; i.D.), auf dessen
.

son sozusagen in Schiedsrichterfunktion mit hinzugezogen wird, um Argumente sich folglich die Diskussion hier in erster Linie konzen-
über die Realisierung der idealen Sprechsituation (sicherlich vor allem trieren wird.
69
68 N .
Grocbcn Inhalts-Struktur Trennung -

als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

Ein erster, wahrlich nicht selten geäußerter Vorwurf gegen das For- tungen ein Bezug zu bedürfnisrelevanten Wertmaßstäben impliziert "

schungsprogramm Subjektive Theorien insgesamt, nicht nur in bezug ist. Emotionen sind daher als Zustände der Bewertung von Selbst- "

auf die dabei eingesetzte Methodik und Zwei -Phasen- S truktur der For- Welt-Relationen unter Bezug auf bedürfnisrelevante Wertmaßstäbe
schung, besteht in der These, daß durch ein Konstrukt wie das der zu konzeptualisieren (Scheele 1990, 41). Die Brauchbarkeit dieser
Subjektiven Theorie Verkürzungen des Gegenstands bzw. zumindest das Kognitions- und Emotions-Konzept verbindenden Konzeptuali-
Gegenstandsverständnisses in Richtung auf einen Kognitivismus bzw. sierung konnte von Scheele anhand deskriptiver und explanativer Va-
Rationalismus implementiert werden (Flick 1987a, 126ff.). In Men- lidierungen im Rahmen des Szenario-Ansatzes überzeugend nachge-
schenbild wie Methodik wird eine Konzentration auf die Aspekte
"
wiesen werden; so zum Beispiel, daß die (kognitiven) Bewertungen
'

Wissen, Kognition, Rationalität und Bewußtheit des Handelns" ge- bei sogenannten Innen-Emotionen' (Freude, Liebe, Verachtung) im
Verhältnis zu Verhaltensaspekten eine größere Rolle spielen als bei
"
sehen, die zu einer Vernachlässigung der Aspekte Emotion, Irra-
Außen-Emotionen (wie Ärger, Angst, Ekel), bei denen gleichwohl
'

tionalität, Unbewußtheit von Handeln" führt (Flick 1987a, 127; vgl .


'

auch 130f.). In bezug auf Merkmale wie Irrationalität und Unbe- Bewertungsaspekte ebenfalls zum unverzichtbaren Kern des Emoti-
wußtheit handelt es sich in der Tat darum daß vom Forschungspro-
, onserlebens gehören. Damit erweist sich die These als gerechtfertigt,
gramm Subjektive Theorien explizit und intendiert für solche als Ge- daß gerade für ein differenziertes ('reifes') Gefühlserleben nicht von
genstand der Psychologie keineswegs ausgeschlossenen Phänomene einer Dichotomie zwischen, sondern Verschmelzung von Reflexivität
kein Erklärungsanspruch erhoben wird; hier greift die oben (1 ) be- . und Emotionalität auszugehen ist.
reits diskutierte Zuordnung verschiedener Gegenstandseinheiten zu Vom Methodischen her ist außerdem nicht einzusehen, wieso 'quali-
unterschiedlichen Forschungsstrukturen und -konzeptionell (vgl im .
'
tative Forschung außerhalb der Rekonstruktion Subjektiver Theorien
einzelnen Grocben 1986b, 341 ff.; Scheele & Groeben (b) in Groeben die Emotionalität des menschlichen Subjekts mehr berücksichtigen
et al. 1988, 35ff.). In bezug auf die Berücksichtigung von Emotio- können sollte, als dies durch die skizzierte Zwei-Schritt-Struktur der
nalität des menschlichen Subjekts aber muß aus der Sicht des For- Dialog-Konsens-Methodik geschieht. Denn für die Erhebungsphase
schungsprogramms Subjektive Theorien engagiert Einspruch ange- von Dialog-Konseas-Verfahren werden ja eben jene (sogenannten
meldet werden. Die anthropologischen Kemannahmen der Sprach- ' '

qualitativen ) Verstchensmethoden eingesetzt, die auch in der von


und Kommunikationsfähigkeit, der Reflexivität und potentieUen Ra- Flick dagegengehaltenen 'nein qualitativen' Forschung zur Anwen-
tionalität sowie Handlungsfähigkeit des Menschen schließen u.E. kei- dung kommen (Assoziation, Interview, Lautes Denken etc.; s.o.).
neswegs die Berücksichtigung von Emotionalität aus; vielmehr ma- Und eine Emotionalität, die in der Erhebungsphase zum Ausdruck
nifestiert sich in dieser (unnötigen) Entgegensetzung aus der Sicht gekommen ist, muß nach den explizierten methodischen Standards
des FST eine Dichotomisierung von Emotion und Kognition die als ,
natürlich in der Rekonstruktion der Subjektiven Theorien .ebenfalls
alltagstheoretisches Vorurteil (z.B. in Form von abgesunkenem Kul- ' '

ab-gebildet werden. So sehen z.B. auch die Methodik-Entwürfe


turgut aus Biedermeier und Neoromantik) gelten muß und von der von Dann (vgl. 1990b 10) und Wahl (z.B. Wahl et al. 1983) explizit
,

wissenschaftlichen Psychologie gerade zu überwinden ist Dement-


.
die Berücksichtigung von Emotionen (der erforschten Lehrer/innen
sprechend hat vom Theoretischen her zwischenzeitlich auch Scheele im Unterricht) vor Und Wahl kommt auf der Grundlage seiner For-
.

(1990) den 'Grundriß einer epistemologischen Emotionstheorie' vor- schungen zu dem 'Handeln unter Druck' von pädagogischen Experten
gelegt, in dem diese unbegründete Dichotomisierung von Emotion und (im Unterricht) wie Scheele zu der Konsequenz: "Die emotionalen
Kognition überwunden wird. Und zwar indem konzeptuell wie empi- Prozesse scheinen untrennbar mit den kognitiven Prozeßabläufen
...

isch nachgewiesen wird, daß Emotionen notwendigerweise kognitive verflochten zu sein "

(Wahl 1991, 145) Nicht zuletzt spricht auch


.
r

Prozesse und Aspekte beinhalten, nämlich solche der Bewertung (von die oben bereits angeführte Untersuchung von Faller et al (1991) .

Selbst und Welt). Das emotional 'Warme' liegt in Abgrenzung zu dafür daß die anhand von offenen Interviewverfahren rekonstruierten
,
'

rein kognitiven kalten' Bewertungen darin, daß in Emotionsbewer- Subjektiven Theorien (in diesem Fall Krankheitstheorien) die Emo-
70 N Groeben 71
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

tionalität der betroffenen Personen keineswegs ausschließen, sondern wendig eine im Wortsinn 'objektivierende', d.h. ihren Gegenstand
eben intensiver einbeziehen als z.B. standardisierte Verfahren (wie zum Objekt machende Form der Validierung ursprünglich interpre-
Fragebogen etc.). "

tativ gewonnener Aussagen. Was die generelle Erkenntnisrelation


Dementsprechend haben auch Scheele et al. (1991) in einer Arbeit angeht, so muß man hier auch unter Rückgriff auf die Menschenbild-
über 'Phänomenologische Aspekte von Dialog-Konsens-Methoden' annahmen des FST vehementen Widerspruch anmelden. Die ein-
verdeutlicht, daß die dialogische Erhebungsmethodik bei optima- gangs erläuterte Parallelität zwischen dem Selbstbild des Erkenntnis-
ler Anwendung gerade auch das 'Sosein' des rekonstruierten Er- Subjekts und seinem Fremdbild über das -Objekt impliziert ja ganz
lebens (für das Emotionen als paradigmatische Beispiele gelten prinzipiell, daß jede Ericenntnis auch (potentielle) Selbsterkenntnis ist;
können) 'abzubilden' gestattet. Sie geben Beispiele für die Einbezie- und die Dialog-Konsens-Methodik setzt diese prinzipielle Möglichkeit
hung solcher 'Erlebens-Qualia' anhand der Untersuchung von Stössel in aktuelle Realität um. Auch die Verbindung von kommunikativer
'

(1989) über Subjektive Krankheitstheorien (zu entzündlichen Darm- und explanativer Validierung impliziert nicht mehr an Objektivie-
rung als in dem Bemühen jedes reflexiven (menschlichen) Subjekts
'

Krankheiten), in der sich diese in der Dialog-Konsens-Methodik ent- ,

haltene phänomenologisehe Ausrichtung des idiographischen Aus- enthalten ist, das sich selbst erkennen will und sich daher in seiner
gangspunkts durchaus auch für die in Richtung auf die nomo- Reflexion selbst zum Gegenstand seines Erkenntnisstrebens macht.
thetische Perspektive zusammengefaßten Typen von Subjektiven Diese jeder Selbst-Reflexion inhärente 'Objektivierung' wird von der
(Krankheits-)Theorien nachweisen ließ (o.e., 115ff.; s. Stössel & um Selbsterkenntnis bemühten Person nicht als Reduktion oder Re-
Scheele in diesem Band). Auf der Grundlage ihrer Explikationen duktionismus empfunden; deshalb ist es u.E. auch unsinnig, diesen
und Beispiele argumentieren sie sogar dafür, daß durch die vorgeord- Vorwurf gegenüber einer Methodenkombination vorzubringen, in der
nichts anderes als eine solche Erkenntnis angestrebt wird, die auch
'

nete Phase der kommunikativen Validierung auch das existentielle


Wissen' ('experiental knowledge' nach Heron 1981a; b) in die nomo- Selbst-Erkenntnis ist oder zu dieser beitragen kann.
thetische, cxplanative Perspektive implementiert wird und so das no- Wenn die Überordnung der explanativen über die kommunikative
torische Dilemma der empi ri sch-experim enteilen Forschung zwischen Validierung in bezug auf das Kriterium der Realitätsadäquanz als
interner und externer Validität einer Lösung näher gebracht werden ein solcher objektivierender Reduktionismus (miß-)verstandcn wird,
kann (o.e., 125flf.). spricht das aus unserer Sicht eher dafür, daß hier die Relation
In ähnlicher Weise muß auch der Reduktionismus-Vorwurf zurück- der 'Überordnung des falsifikationsorientierten Wahrheitskriteriums'
gewiesen werden, daß mit der Rekonstruktion Subjektiver Theo- überinterpretiert und damit falsch dargestellt wird. Ein Reduktio-
rien und vor allem der anschließenden explanativen Validierung eine nismus läge nämlich nur dann vor, wenn durch die Überordnung
'

unzulässige Objektivierung' des menschlichen Subjekts als 'Gegen- eine Ersetzung des einen durch das andere Kriterium stattfände (z.B.
'
stand der Psychologie verbunden sei. Hier geht es also insbeson- des Kriteriums der Rekonstruktionsadäquanz durch das der Rea-
dere um die Relation zwischen den beiden oben (1.) beschriebenen litätsadäquanz). Und in der Tat sprechen bestimmte Formulierun-
Phasen der Forschungsstruktur und die dabei postulierte Überordnung gen bei Flick dafür, daß er das Zwei-Phasen-Modell der Forschungs-
der explanativen Validierung gegenüber der kommunikativen hinsicht- struktur von kommunikativer und explanativer Validierung in die-
lich der Realitätsadäquanz der Subjektiven Theorien Aus der Sicht
. sem Sirme als reduktive Kriterienersetzung versteht - z.B. wenn er
"
' '
einer rein qualitativ interpretativ vorgehenden Forschungskonzep-
-
generell kritisiert: Vielmehr wird damit die Eigenständigkeit einer
tion wird durch die nach- und übergeordnete Überprüfung der Rea- qualitativen Methodologie aufgegeben und zur Beurteilung ihrer Re-
litätsadäquanz die Eigenständigkeit und Relevanz des vorhergehenden sultate auf herkömmliche Kriterien quantifizierender Sozialforschung
"

Verstehensprozesses und -produktes weitgehend wieder aufgegeben ,


zurückgegriffen (Flick 1987b, 257); oder auch: "Ergeben sich Dis-
.

ja letztlich sogar zerstört. Flick (1987b, 256) zitiert diesbezüglich krepanzen so werden diese einseitig ausgelegt - die vorangegangene
,

"

zustimmend Terhart (1981, 778):


"

Die Konsequenz hieraus ist not- Rekonstruktion der Subjektiven Theorie ist damit falsifiziert (Flick
.
72 N .
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 73

iD
. ., 5) Dies ist nun ganz dezidiert durch die Überordnung von ex- Verstehensmethoden einher. Das kommt z.B. in folgenden kritischen
planativer Validierung nicht gemeint (und auch nirgends so darge- Äußerungen von Flick (1987a, 132f.) gegenüber dem Zwei-Phasen-
stellt). Nicht die Rekonstruktion der Subjektiven Theorie als Resultat Modell der kommunikativen und explanativen Validierung zum Aus-
der kommunikativen Validierung wird potentiell durch eine explana- druck:
tive Validierung falsifiziert, sondern einzig und allein die (vom Sub- "
Daß sich die psychologische Forschung mit dem Forschungsprogramm Subjektive
jektiven Theoretiker mitgemeinte) Realgeltung dieses Kognitionsag- Theorien keineswegs auf dem Weg zu den neuen Ufern einer alternativen Metho-
gregats. Es handelt sich eben um zwei eigenständige, nicht aufein- dologie befindet, sondern eher nach einem kleinen Ausflug in die Gefilde der Sub-
ander reduzierbare Wahrheitskriterien, die allerdings auch zwei un- jektivität schnell wieder zurückkehrt an die vermeintlich rettenden Ufer gewohnter
"

experimentell-statistischer Methodologie, ...


terschiedliche metatheoretische Zielsetzungen implizieren: Bei der
Rekonstruktionsadäquanz geht es um das adäquate Verstehen des-
"
Damit will man dann aber Forschung betreiben, die entsprechend der Kriterien einer
" "
als einig und geschlossen mißverstandenen scientific Community durchgeführt,
sen, was ein jeweiliges Erkenntnis-Objekt (selbst-)mterpretativ als "

ausgewertet und beurteilt wird.


Gründe, Intentionen und Wirkungen seines Handelns beschreibt; bei "
Hier zeigt sich .... welche Schwierigkeiten die Psychologie noch damit hat, etwa
der Realitätsadäquanz handelt es sich um die Frage, ob damit auch ähnlich wie in der Pädagogik oder der Soziologie, qualitative bzw. interpretative
Ursachen im Sinne der Real gründe und in der Empirie wirklich ein- Verfahren als gleichberechtigt und eigenständig neben dem traditionellen Methoden-
tretende Wirkungen bezeichnet sind. Der Nachweis, daß diese Re- kanon stehen zu lassen, ohne sie gleich soweit darin zu integrieren, daß ihr originärer
algeltung nicht gegeben ist, hebt die Rekonstruktionsadäquanz der Charakter verlorengeht."
vorhergehenden Phase einer kommunikativen Validierung natürlich Auf das ad-personam-Argument, in dem als Motivation für das
mitnichten auf. Sie macht allerdings deutlich, daß mit der darin ein- thematische Zwei-Phasen-Modell das Anpassungsstreben gegenüber
gesetzten Dialog-Konsens-Methodik nur das rekonstruktive Verstehen der herrschenden 'scientific Community' unterstellt wird (desgleichen
der selbst-interpretativen Beschreibung von Handelnden erreichbar ist, auch etwa Niemeyer 1987), will ich hier nicht weiter eingehen (vgl.
nicht aber auch schon die explanative Validität im Sinne der Hand- aber zur Bewertung von ad-personam-Argumentcn unter dem Aspekt
lungsleitung dieser Subjektiven Theorien gesichert wird. der Argumentationsintegrität: Groeben et al. 1990; Schreier & Groe-
Daß das skizzierte Zwei-Phasen-Modell der Forschungsstruktur als ben 1990). Bezeichnend scheint mir, daß hier die sogenannten 'qua-
Kombination von kommunikativer und explanativer Validierung aus litativen' Methoden anscheinend als Wert an sich gesehen werden ,

' '

einer Perspektive, die auf rein qualitative Forschungsmethoden aus- der nicht durch Verbindung mit traditionellen falsifikationsorientierten
gerichtet ist, notorisch als eine Ersetzungsrelation mißverstanden wird, Methoden relativiert werden darf - weswegen jegliche derartige 'Rela-
in der das dialog-konsenstheoretische letztendlich dem falsifikations- tivierung' gleich als 'Aufhebung' empfunden wird Demgegenüber ist.

theoretischen WahrheiUskritcrium geopfert sei, spricht u.E. eher dafür, allerdings m.E. mit Nachdruck festzuhalten daß Methoden einen Wert
,

daß von dieser 'qualitativen' Richtung her die Aussagekraft von sinn- immer nur in bezug auf bestimmte Erkenntnisziele (und damit Wahr-
rekonstruierenden Verstehensmethoden unrealistisch (und zum großen heitskriterien) besitzen können; und hinsichtlich dieser Perspektive(n)
Teil auch unbegründet) überschätzt wird. Dabei wird in Form einer gibt das FST für die Dialog-Konsens-Methodik innerhalb der Phase
' '

plakativ dichotomisierenden Trennung den qualitativen (eben sinn- der kommunikativen Validierung von Subjektiven Theorien ganz ex-
rekonstruierenden Verstehens-)Methoden die klassische unter dem plizit und damit auch konstruktiv sowohl Sinn und Funktion als auch
Falsifikationskriterium entwickelte Experimental- und Beobachtungs- Möglichkeiten und Grenzen der Methode an Dementsprechend be- .

' '
methodik als quantitative Methodik gegenübergestellt. Abgesehen sitzt die kommunikativ validierte Rekonstruktion Subjektiver Theorien
davon, daß diese zwar historisch gewachsene, aber lediglich auf Sym- entgegen der Behauptung von Flick (z B i.D., 9) auch durchaus mehr
. .

ptomebene zurückgreifende Benennung der Analysetiefe der Argu- an Erkenntniswert als nur eine heuristische Funktion für die 'ob-
mentation u.E. nicht förderlich ist, geht damit auch - zumindest im- jektive' (wissenschaftliche) Thcoriemodellierung. Diese heuristische
plizit - eine überzogen positive Bewertung der sinn-rekonstruierenden Funktion weisen Subjektive Theorien natürlich durchaus (auch) auf ,
74 N
.
Groeben Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 75

aber darüber hinaus enthält die kommunikative Validierung ja unbe- unreduzierte idiographische Ausrichtung der dialog-hermeneutischen
dingt auch eine Beschreibung der subjektiven Reflexionen, Interpreta- Forschungsphase führt dann zu dem Folgeproblem der nomothetik-
tionen, Bedeutungszuschreibungen und Sinnkonzepte der erforschten orientierten Zusammenfassung von Subjektiven Theorien, für das von
Person. Insofern leistet sie dasjenige, was mit 'rein qualitativen' Ver- Obliers & Vogel sowie Stössel & Scheele (in diesem Band) erste
fahrensweisen zu erreichen ist - nämlich die Beschreibung subjektiver Lösungsperspektiven entwickelt werden. Damit wird aber lediglich
Interpretationsperspektiven, Sinnsysteme etc. - auf jeden Fall eben- ein generell für die psychologische Forschung existierendes Problem
falls. Außerdem kann sie in Verbindung mit der explanativen Validie- (vgl. oben die Diskussion der - z.B. emotionalen - Erlebnis-Qualia
rung aber auch noch zur Erklärung dafür beitragen, ob und gegebenen- und ihre Beziehung zur Idiographik/Nomothetik) schärfer und expli-
falls welche - u.U. auch realitätsinadäquate - Reflexionen, Interpreta- ziter deutlich - und damit auch konstruktiver angehbar. Insofern sind
tionen etc. zur Erklärung bestimmter Handlungen unverzichtbar sind: aus Sicht des FST die durch das Zwei-Phasen-Modell der Forschung
wie etwa beim eingangs angeführten Beispiel des Amulett-Tragens, aufgeworfenen Probleme als konstruktive, weiterführende Fragestel-
wo u.U. gerade die irrige Überzeugung hinsichtlich der schützenden lungen anzusehen, für deren Lösung es zumindest bisher keine ein-
Wirkungen eines Kupferamuletts die entscheidende Antezedensbe- deutig besseren Alternativen gibt.
dingung bei der Erklärung des thematischen Handelns darstellt (zur
ausführlicheren Diskussion von weiteren möglichen Erkenntnisfunk- Das soll abschließend noch einmal an der Gegenüberstellung zu jener
tionen der Verstehensmethodik innerhalb des Zwei-Phasen-Modells Konzeption verdeutlicht werden, die aus der Perspektive der 'rein'
von kommunikativer und explanativer Validierung s. Groeben 1986b , qualitativen Forschung als Alternative zur Geltungsprüfung der ex-
381ff.). Auch unter dieser Perspektive ist also darauf zu beharren, daß planativen Validierung vorgeschlagen wird. Denn Flick akzeptiert
das dialog-konsenstheoretische Wahrheitskriterium durch das Zwei- durchaus, daß die Geltungsbegründung qualitativer Interpretationen
Phasen-Modell der Forschungsstruktur keineswegs aufgegeben bzw . ein wichtiges Problem darstellt, gerade auch als ein in-Beziehung-
auf das klassische falsi fikationstheorctisehe Wahrheitskriterium redu- Setzen von Verstehens- und Beobachtungsmethoden, in seiner Termi-
ziert wird; es wird lediglich nicht mit Ansprüchen (z B der Sicherung
' '
. .
nologie (s.o.): von qualitativen und 'quantitativen' Verfahren (vgl.
von Realitätsadäquanz) befrachtet, die es nicht zu erfüllen vermag. Flick 1991a; b; i.D.). Dafür schlägt er in Nachfolge von Denzin
(1978) und Köckeis-Stangl (1980) das Prinzip der "methodologi-
"

Damit ist allerdings keineswegs unterstellt daß dieses Zwei-Phasen-


,
schen Triangulation vor. Darunter ist die Anwendung verschiedener
Modell der Forschungsstruktur mit der Vor-/Unterordnung des dialog- Methoden in ein und demselben Gegenstandsbereich gemeint (Flick
konsenstheoretischen Wahrheitskriteriums keine offenen Fragen mehr 1991b), die als Alternative zu einer wie auch immer gearteten Va-
enthält. Ein schwieriges Problem ergibt sich z.B. bei der Verbin- lidierungsstrategie aufzufassen sei (i.D., 7). Dabei geht es darum,
dung der kommunikativen und explanativen Validierung insofern als ,
ob sich die entsprechenden Ergebnisse der verschiedenen Methoden-
"

die kommunikative Forschungsphase vom Ansatz her idiographisch zugänge ineinander fügen, sich ergänzen", ohne aber daß sie mit-
"

ausgerichtet ist, während die explanative in der Regel (zumindest einander kongruent sein müssen" (I.e.). Dieses Konzept allerdings
akzentuierend) nomothetische Perspektiven realisieren soll. Auch kann, zumindest in der bisher ausgearbeiteten Form, m.E. nicht in
hier kann jedoch von einer 'rückwirkenden' Zerstörung oder Be- bezug auf die ursprüngliche Zielsetzung der "Verbindung von qua-
einträchtigung der idiographischen Ausrichtung der Dialog-Konsens- litativer und quantitativer Forschung" (Flick o.e., 9), d.h. die Ver-
Methodik durch die anschließende explanative Phase keine Rede sein; bindung von interpretativen Verstehens- und falsifikationsorienticrten
bei adäquater Durchführung (wie im vorigen Punkt dargestellt) impli- Beobachtungsverfahren, überzeugen. Denn es gibt dabei im Prin-
ziert die Methodik-Struktur notwendigerweise das intensive Ausgehen zip zwei Realisierungsmöglichkeiten: Entweder können die sich (in
vom Einzelfall, d.h. der individuellen Subjektiven Theorie des jewei- Form der Triangulation) ergänzenden Verfahren alle von qualitativ-
ligen konkreten Erkenntnis-Objekts. Gerade diese unreduzierbare und interpretativer Art sein, oder es handelt sich um eine Kombination
76 N Groeben 77
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

'

von sogenannten qualitativen und 'quantitativen' Verfahren. Im er-


'

schung die Brauchbarkeit der abgeleiteten Methodikkonzepte nach-


sten Fall besteht überhaupt kein Unterschied zu der Phase der kom- weisbar ist.
munikativen Validierung, insofern innerhalb dieser Phase ja durchaus
die Kombination von verschiedenen interprelativen Verfahrensweisen Methodologische Überprüfung/Sicherung und
4
angesetzt wird (schon durch die zwei Schritte der Inhaltserhebung und <

Forschungsdesiderata
Strukturrekonstruktion, aber auch innerhalb der Inhaltserhebung und
deren methodischen Ausdifferenzierung vgl. die Beispiele oben unter
,
Da die Entwicklung und Erprobung von Dialog-Konsens-Verfahren
Punkt 2.). Allerdings bleibt das Problem bestehen und - wenn man
' erst ein gutes Jahrzehnt Forschungshistorie umfaßt, ist die methodo-
Triangulation' auf die gegenseitige Ergänzung solcher 'qualitativer' logische Überprüfung daraufhin, ob die damit postulierten Ziele auch
Verfahren beschränkt - eben ungelöst wie durch eine Kombination
,
erreicht werden, notgedrungen noch recht unvollständig. Das liegt
von Verstehensverfahren die Geltungsfrage der Realitätsadäquanz des zunächst einmal natürlich daran, daß die berichteten Untersuchungen
Verstandenen beantwortet werden soll; so gibt auch Flick (i D 9ff.) . .,

(vgl. oben Punkt 2. und Dann in diesem Bande, außerdem vor allem
zwar ein Beispiel für die Triangulation 'qualitativer' Verfahren geht ,
auch Groeben et al. 1988) in erster Linie mit der Ausarbeitung und
dabei aber trotz der anfänglichen Problemstellung (der Verbindung zu
' '
dem Einsatz dieser Methodik für konkrete theoretische Fragestellun-
quantitativen Methoden) auf die Frage der Realitätsadäquanz gar
gen des Forschungsprogramms Subjektive Theorien beschäftigt wa-
nicht ein. Wenn es also wirklich um das 'Geltungsproblem' (im ren, weswegen methodologische Überprüfungsaspekte bisher notge-
Sinne der Realitätsadäquanz) geht kann es sich eigentlich nur um
,
drungen nur am Rande 'mitgelaufen' sind. Außerdem gibt es für sol-
die Triangulation von interpretativen und Beobachtungsmethoden han- che metatheoretischen Untersuchungsziele auch noch systematische
deln. In diesem Fall aber ist durch das Konzept der Triangulation die Probleme. Dazu gehört sicherlich das oben erwähnte Zielmerkmal
zentrale methodologische Frage völlig unbeantwortet nämlich was ,
der Idiographik; Dialog-Konsens-Methoden setzen notwendigerweise
im Falle einer Nicht-Übereinstimmung zwischen den verschiedenen an der subjektiven Welt- und Selbstsicht eines einzelnen Individuums
Methodikansätzen geschehen soll; das heißt welcher Datenart (je- ,
an und rekonstruieren diese subjektive Sicht in maximal kommuni-
ner aus der Perspektive der ersten oder der aus der Perspektive der kativer Verbindung mit einem ebenfalls je individuellen Erkenntnis-
dritten Person) der Vorrang zu geben ist Im Gegenteil, diese Frage
.

Subjekt. Es kann daher im strengen Sinne auf individuellem Niveau


wird nicht nur nicht beantwortet sondern auch nicht gestellt, ja sie
,
keine 'Paralleltestungen' geben, was zum einen ein Indikator für die
wird sogar als unsinnig abgelehnt weil "als Ergebnis kein einheitli-
,
beschränkte Übertragbarkeit der klassischen methodologischen Be-
ches, sondern eher ein kaleidoskopartiges Bild" (Köckeis-Stangl 1980 ,
wertungskriterien Objektivität, Reliabilität und Validität auf das FST
363; bekräftigend aufgenommen bei Flick i D 8) zu erwarten sei.. .,

darstellt (vgl. ausführlich dazu unten Birkhan in diesem Bande), zum


Dies allerdings stellt m E keine methodische Systematik mehr dar
. .

, anderen aber auch die konkrete Durchführung methodologischer Un-


sondern öffnet möglicher Interpretationswillkür Tür und Tor Des- .

tersuchungsschritte kompliziert. Dadurch redupliziert sich für me-


halb ist beim gegenwärtigen Diskussionsstand daran festzuhalten daß ,
thodologische Forschung zu Dialog-Konsens-Verfahren noch einmal
das Zwei-Phasen-Modell der kommunikativen und explanativen Va- die im vorherigen Punkt angesprochene Spannung zwischen soge-
lidierung die konstruktive Erkenntnisfunktion der Verstehensmetho- nannten
'

qualitativen und 'quantitativen' Methoden: Ist es angemes-


'

dik maximal präzise anzugeben vermag ohne die mit dem impli-
,
'

sen und rechtfertigbar, das Gelingen eines auf die ideale Sprechsi-
zierten dialog-konsenstheoretischen Wahrheitskriterium verbundenen tuation' ausgerichteten Dialog-Konsenses mit harten', standardisier-
'

Grenzen zu verleugnen Diese konzeptuelle Explizitheit und Präzision


.

ten Erhebungs- oder Beobachtungsmethoden zu überprüfen? Bezie-


kann auf lange Sicht allerdings erst dann als zufriedenstellende Grund- hungsweise: Sind Untersuchungsteilnehmer/innen, die einmal diese
lage der darauf aufbauenden (Dialog-Konsens-)Methodik angesehen möglichst kommunikative Forschungsstruktur kennengelernt haben,
werden, wenn durch entsprechende empirisch-methodologische For- noch bereit, sich weniger individualisierenden Erhebungsverfahren zu
78 79
N. Groeben .
-
Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

unterwerfen? Für dieses Problem gilt sicherlich das oben zur Objek-
Untersuchungsteilnehmerlinnen zum Ablauf der Dialog-Konsens
' -

tivierungsfrage' Gesagte so daß man an dieser Stelle in der Tat auf


,
ktion durchgeführt: nämlich Eckert 1981; Heider & Wasch-
Rekonstru
das methodologische Konzept der Triangulation von Verfahrensweisen
zurückgreifen kann - allerdings mit der Ergänzung, daß die Ergeb-
kowski 1982; Bruhn & Höngen 1983. Dabei wurden überwiegend
offene Fragen eingesetzt, wobei die freien Antworten in einem Fall
nisse der eher verstehensorientierten Überprüfungsverfahren nicht de-
nen standardisierterer Beobachtungsmethoden widersprechen dürfen (nämlich Eckert 1981) noch durch ein Expertenrating ausgewertet
.
wurden. Es ergab sich durchwegs, daß die mit der Methodik ver-
Unter Berücksichtigung dieser Schwierigkeiten wie Möglichkeiten bundene Visualisierung von den Untersuchungstcilnehmem/inncn als
methodologischer Untersuchungsbemühungen zur Überprüfung des
' hilfreich empfunden wurde (vgl. Heider & Waschkowski 1982,165ff.;
Funktionierens' einer Dialog-Konsens Methodik sind in den bishe
-

Bruhn & Höngen 1983, 169). Die Rating-Auswertung von Eckert be-
rigen Untersuchungen dann allerdings durchaus bereits einige dies- zog sich auf folgende zusammenfassenden 4 Kategorien:
bezügliche Ergebnisse erarbeitet worden die zumindest erste Hin-
,

weise in bezug auf die Erfüllung der (selbst )gesetzten Methodikziele


-
(l)Im Gespräch konnte eine gleiche, argumentative
" Kommunikati-
onsebene verwirklicht werden.
geben - einschließlich weiterer Anregungen für zu erfüllende For -

(2) Das Beratungsgeschehen war dem zu Beratenden transparen t .

schungsdesiderata ffen.
(3) Die Gesprächsatmosphäre war partnerschaftlich und o
.

Entsprechend der metatheoretischen Konzeption und Begründung (4) Die Untersuchung war sinnvoll für den pädagogischen Alltag."
der Dialog-Konsens-Verfahren muß für eine methodologische (Eckert 1981, 223)
Überprüfung natürlich an erster Stelle die Frage interessant und zen- Es resultierten - auf einer Skala von 0 bis 4 - für die genannten
tral sein, ob mit Hilfe dieser Methodik die Approximation an die (kon-
Kategorien folgende Mittelwerte: 3.2, 3.6, 3.3, 3.4, woraus Eckert
trafaktische) ideale Sprechsituation gelingt. Als einen Indikator dafür den Schluß zieht, daß die angestrebten Ziele mit der Methode (hier
führt bereits Scheele 1980 an daß die Untersuchungsteilnehmer/innen
,
der Heidelberger SLT) verwirklicht werden konnten (1981, 226).
in der Regel am Abschluß der kommunikativen Validierungsphase
deutlich Stolz und Zufriedenheit über das Ergebnis - nämlich die Ein ähnliches Rating haben Obliers & Vogel (s.u., in diesem Band) in
in visualisierter Form vorliegende eigene Subjektive Theorie - zei- bezug auf Adäquanz der Rekonstruktion durch die drei Teilschritte:
Legevorschlag des Interviewers, eigener Legeversuch und konsensva-
gen. Diese Erfahrung wird praktisch in allen mit Dialog-Konsens- lidiertes Strukturbild erhoben. Die Strukturbilder bezogen sich auf das
Methoden arbeitenden Untersuchungen berichtet (von Scheele 1980 autobiographische Selbstkonzept (wie unten von Obliers & Vogel dar-
bis Diegritz et al 1991, 21). Wenn es sich dabei auch um einen ver-
und Super-
.

gleichsweise indirekten Indikator handelt so ist er aus der Sicht von gestellt); dabei wurden die Strukturen der Mikro-, Makro -

Untersuchungslcitem/innen die über Erfahrungen in weniger kom- Ebene zusammengefaßt, gern Stielt und nonparametrisch ausgewertet
(Friedman-Rangvarianzanalyse bzw. Dunn-Rankin-Test für multiple
,

munikativ ausgerichteten Erhebungsmethoden verfügen, doch erleb-


nismäßig außerordentlich überzeugend wie es z.B. in dem Fazit von Vergleiche). Die resultierenden Daten, die Abb. 2 (s.u.) zeigt, ver-
,

Mutzeck (1988 355) zum Ausdruck kommt: "Wenn man erlebt daß
,
deutlichen, daß durch den Dialog-Konsens in der Tat ein signifikanter
diese 'beforschten' Menschen sprachlich und mimisch zum Ausdruck
,
Zuwachs an empfundener Rekonstruktioasadäquanz zustande kommt
bringen, daß sie sich nicht nur ernst genommen fühlten, sondern noch (0 = 'gar nicht'; 7 = 'völlig'); und dies wiederum spricht zumindest
obendrein bekunden indirekt dafür, daß die Approximation an die ideale Sprechsituation
,
daß die Forschungsarbeit ihnen etwas gebracht gelungen ist und die beabsichtigten Konsequenzen für die (wahrge-
hat, so ist das für einen Forscher ein beglückendes Gefühl. Dieses
war für mich eine Kraftquelle die langwierige und sehr aufwendige nommene) Explizierung und Elaboration der subjektiven Kognitions-
,

strukturen bewirken kann.


Erkundungsstudie bis zum Abschluß konsequent durchzuführen."
Zur Objektivierung solcher sehr eindrilcklichen Erfahrungen ha- In die gleiche Richtung weist das Ergebnis von Heider & Wasch-
ben dann einige Untersucher/innen auch eine Befragung der
kowski (1982, 158f.), die in ihrer Nachbefragung zur Rekonstruk-
tion von Subjektiven Theorien über Partnerschaft feststellen konnten,
80 N.
Grocbcn Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 81

Abb. 2: Einschätzung der Rekonstruktionsadäquanz (RK) (nach Obliers & Vogel) Tab. 1: Vergleich der Mittelwerte und Streuung von Konzepten und Relationen zwi-
schen den rekonstruierten Theorien der Interviewer und den konsensvalidier-
ten Subjektiven Theorien (n. Schmid-Furstoss 1990 96) ,

1 Ich fühle mich in der


.

erstellten Rekonstruktion 0 - 1 - 2 - -
7
Gruppe I Gruppe 2 Gruppe 3
adäquat abgebildet. Anzahl
52 (19.1) 52.6 (12.2) 49.8 (14.8)
2
gleicher Konzepte
.
Ich kann sagen, das bin ich. 0 - 1 2 -
7
Anzahl
3 (1.5) 34 . (1.3) 25 . (1.4)
ungleicher Konzepte
3 Ich halte die Rekonstruktion
.

0 - 1 2 -
7 mehr Konzepte
für abgeschlossen. .
4.5 (4.1) 64 . (8.4) 1 . 6 (1.2)
des Interviewers

4 Ich fühle mich in der mehr Konzepte


. 46 . (4.7) 4 . 3 (3.7) 32 . (3.2)
in der Konsensfassung
subjektiven Einschätzung 0 - 1 - 2 - -
7
prozentuale 90% (7.1)
der Rekonstruktion sicher. 87% (8.3) 93% (5.1)
Konzeptübereinstimmung
xx = .01
Anzahl
x = .05 34 (12.6) 38 (9.4) 36.3 (9.5)
Selbstkonstruiertes SLT-Modell: gleicher Relationen
Fremdkonstruiertes SLT-Modell: Anzahl
4 (1.1) 3 . 5 (1.5) 24 (1.2)
ungleicher Relationen
.

Konsensvalidiertes SLT-Modell:
mehr Relationen
4. 1 (2.3) 4 . 1 (3) 17 . (2)
des Interviewers

mehr Relationen
daß 10 von 16 Vptn sich entweder mit dem Konzept noch weiter 52 . (4) 35
. (3.2) 22. (2.3)
in der Konsensfassung
(kognitiv) beschäftigten oder aber im Gespräch mit dem jeweiligen
(Lebens-)Partner auseinandersetzen wollten. prozentuale
84.5% (7.1) 87.1% (6.5) 91.2% (7.8)
Rclationsübereinstimmung
Einen stärker quantitativen Indikator für das Gelingen der idealen
Sprechsituation kann man darin sehen, daß die Rekonstruktionsvor-
schläge des jeweiligen Erkenntnis-Subjekts im Dialog-Konsens noch Suggestibilität gegenüber Vorschlägen von wissenschaftlichen Unter-
abgeändert werden; bei jenen Untersuchungen, in denen getrennte suchungsleitem/innen anzusetzen ist als bei den in den beiden anderen
Legeversuche von Erkenntnis-Subjekt und -Objekt durchgeführt wur- Studien untersuchten Teilnehmergruppen (Lehrcr/innen bei Mutzeck
den, wird dieses Phänomen auch durchwegs berichtet (ebenfalls seit und Erzieher/innen bei Eckert). Die Ergebnisse von Schmid-Furstoss
der ersten Untersuchung von Scheele 1980, 22ff. bis zu Buchholtz zeigt Tabelle 1.
1991, 143). Eine auch quantitative Erhebung und Darstellung der vor-
genommenen Veränderungen teilen Eckert (1981, 188-212), Mutzeck Daraus läßt sich mit Schmid-Furstoss ableiten daß 'überwiegend in ,

(1988, 207ff.) und Schmid-Furstoss (1990, 75ff.) mit. Die Ergeb- der Interviewerfassung und in der Konsensfassung die gleichen Kon-
nisse sind weitgehend übereinstimmend und entsprechen denjenigen, zepte verwendet werden .
Sich widersprechende (ungleiche) Aussa-
die Schmid-Furstoss ermittelt hat, wobei sie in dieser Untersuchung gen sind selten. Zwischen durchschnittlich 1.6 und 6.4 Aussagen
in bezug auf die Realisierung der idealen Sprechsituation besonders des Interviewers werden pro Gruppe nicht in die Konsensfassung
aussagekräftig sein dürften, weil es sich bei den Untersuchungspart- übernommen; zwischen 3 2 und 4.6 nicht zuvor genannte Aussagen
.

nerinnen um Seniorinnen gehandelt hat, für die sicher eine höhere pro Gruppe werden ergänzt. Die hohen Standardabweichungen wei-
82 N Groeben
.

Inhalts-Struktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 83

'

scn auf große interindividuelle Unterschiede hin. Schmid-Furstoss Dazu zählt sicher nicht zuletzt die schon mehrfach angesprochene Re-
wertet diese Ergebnisse als einen Hinweis für eine emsthafte Aus-
"

konstruktionsdynamik, die in der oben explizierten Methodik-Struktur


einandersetzung des Interviewten mit der Thematik .... in der nicht die enthalten und bewußt eingebaut ist. Diese Dynamik dürfte am besten
perzipierte Sicht des Interviewers unhinterfragt übernommen wurde. durch den Vergleich mit anderen relativ freien als auch eher standardi-
Diese Interpretation wird durch die Unterschiede in den verwendeten sierten (wissensorientierten) Erhebungsverfahren aufzuklären sein; ein
Relationen zusätzlich gestützt. Im Durchschnitt unterscheiden sich Beispiel für solche vergleichenden Verfahrensuntersuchungen stellt
12.4 Prozent der verwendeten Relationen über alle Gruppen; bei kei- die schon berichtete (vgl. oben Punkt 2.) Studie von Faller et al.
ner Person stimmen die verwendeten Relationen mit der Interviewer- (1991) dar, in der sich besonders die umfassendere Erlebensrekon-
fassung völlig überein." (1990, 97) struktion bei Interview-Erhebung im Vergleich zum Fragebogenver-
Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen kann daher die Kon- fahren herausgestellt hat. In bezug auf die Struktur-Rekonstruktion
sequenz gezogen werden, daß die entwickelten Dialog-Konsens- besteht, wie ebenfalls schon angesprochen, der prinzipielle (und daher
'

Methoden mit der oben (Punkt 1. und 2.) skizzierten Forschungs- auch empirisch nicht zu überprüfende') Vorteil der Dialog-Konsens-
struktur die Approximation an die ideale Sprechsituation erstaunlich Methodik darin, daß hier das Erkenntnis-Objekt selbst die Art der Re-
gut realisieren können; allerdings bleibt es eine Aufgabe für weiter- lationen mit festlegt, indem es die für sein Kognitionsaggregat geeig-
gehende methodologische Forschung, die konkreten kognitiven, mo- netsten aus einem Pool vorgelegter Relationsmöglichkeiten auswählt .

tivationalen und vor allem auch emotionalen Vorgänge, die bei den Hier ergibt sich natürlich die Frage, inwiefern diese Darstellungs-
Teilnehmern/innen einer solchen kommunikativen Validierungsphase und Relationsregeln, die in dem jeweiligen Struktur-Lege-Leitfaden
ablaufen und die für die bisher schon gesicherten positiven Effekte einer Dialog-Konsens-Methodik vorgegeben werden, auch den "Vor-
'

verantwortlich sind, konkreter aufzuklären. stellungen von Alltagstheoretikem' entsprechen" (Tergan 1986 85; ,

Ballstaedt & Mandl 1985). Pragmatisch gesprochen wird diese Ent-


Einen ersten diesbezüglichen Ansatzpunkt haben z.B. Scheele & sprechung zumindest insofern ex negativo erreicht als das jeweilige
,

Groeben (1986) in bezug auf potentielle kognitive Überforderungen Erkenntnis-Objekt jene Relationen die es als nicht adäquat bzw. nicht
,

der Untersuchungsteilnehmer/innen durch den quantitativen Umfang brauchbar ansieht, vernachlässigen kann (was auf jeden Fall eine sehr
der in eine Theorie-Rekonstruktion einbezogenen Konzepte gegeben. viel weitergehende Berücksichtigung dieses Problems bedeutet als ,

Bei ihrer (allerdings 'monologisch', d.h. ohne Dialog-Konsens-Schritt das für klassische Strukturmodellierungen durch rein forscherseitige
verfahrenden) Untersuchung (über Subjektive Utopie-Theorien und Auswertung über multidimensionale Skalierung Grid- oder Graphen-
,

deren Beeinflussung durch Belletristik) ergab sich, daß die Fehler systeme etc. gilt; s.o. Punkt 2 ) Allerdings ist damit das Problem ver-
. .

der Erkenntnis-Objekte bei ihrem eigenen Legeversuch in bezug auf bunden, ob die z.B. im wissenschaftlichen Denken weniger geübten
die korrekte Befolgung des Regel-Leitfadens (der Formalrelationen Untersuchungsteilnehmer/innen durch ein entsprechendes Regelwerk
der SLT) ab einer Anzahl von 50 Konzeptkärtchen (pro individueller und dessen Studium auch "zu einem hinreichenden Verständnis der
Subjektiver Theorie) deutlich zunahm. Es ist also darauf zu achten,
dort beschriebenen Relationsarten und deren kompetente Anwendung
daß man mit einem komplexen Regelsystem nicht eine zu differen-
im Strukturlege-Versuch befähigt werden" (Tergan 1986 98). Die ,

zierte Subjektive Theorie zu rekonstruieren verbucht (z.B. eine solche


naheliegendste Möglichkeit zur Sicherung dieser 'Befähigung' wäre ,

großer Reichweite mit einem Verfahren, das nur auf Aggregationen sie direkt (z B innerhalb des jeweiligen Struktur-Legc-Leitfadens)
. .

mittlerer oder kurzer Reichweite ausgelegt ist).


durch Vorgabe entsprechender Aufgaben zu überprüfen Allerdings
.

In einer umfassenden methodologischen Forschung zu Dialog- beeinträchtigt eine solche Überprüfungsversion sicherlich die Ziclvor -

Konsens-Verfahren gilt es natürlich auch, die einzelnen methodischen stcllung einer möglichst symmetrischen Subjekt-Objekt Relation, weil
-

Schritte bzw. Aspekte zu überprüfen, die zu diesen positiven Erffek- hier das Erkenntnis-Subjekt doch relativ stark als mit größerer Kompe-
ten der approximativen Realisierung idealer Kommunikation führen. tenz ausgestattet erscheint und vor allem auch das Erkenntnis Objekt -
84 N . Groeben [-Stru ktur-Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip 85

(hinsichtlich dessen Kompetenz) bewertet. Wenn man eine solche Abb 3: Kontrollaufgaben zu Kap. 1 aus Sohns 1991, A 34
Kompetenzüberprüfung in den Struktur-Lege-Lcitfaden einbaut, sollte
also andererseits wieder etwas zur Kompensierung der motivational-
j itfröllaufgaben zu Kapitel 1 Kontrolle unter
""

interaktionalen Belastung getan werden. Für mein Gefühl optimal


gelöst hat diesen Konflikt Sohns (1991), der bisher auch der ein- 1 Bitte zeichnen Sie die
bildhafte Darstellung für:
zige ist, der eine direkte Überprüfung der Befähigung zur kompe-
'

a) Verhalten mit Ziel Punkt 1.4./Seite 4


tenten Anwendung der Struktur-Relationen' vorgenommen hat - und
zwar im Rahmen einer modifizierten ILKHA-Version. Dabei sind
an zwei Stellen Aufgaben zur (aktiven) Reproduktion von Struktur-
Relationen vorgegeben, deren Korrektheit die Untersuchungsteilneh-
mer (männliche Alkoholiker) selbst überprüfen konnten (s.u. Abb. 3.) .

b) Verhalten ohne Ziel Punkt 1.4./Seite 4


Die eventuell entstehenden motivationalen Belastungen wurden in
diesem Fall durch kleine Cartoons aufgefangen, von denen Abb. 4
(s.u.) das letzte zeigt, das zumindest bei der thematischen Untersu-
chungsstichprobe gut gewirkt haben muß (da Sohns berichtet, daß
die meisten Teilnehmer sich nicht überfordert fühlten und auch ei- c) Entscheidungsbedingung Punkt 1.2./Seite 2 u. 3
nen selbständigen Legeversuch ihrer Subjektiven Theorie-Struktur
durchführten: 1991, 91).

In dieser Frage ist sicherlich noch einiges an methodologischen For-


schungsbemühungen zu leisten, wobei man allerdings vorab bereits d) Ausgangssituation Punkt 1.1./Seite 2
darauf hinweisen kann, daß vom FST von Anfang an eine Adap-
tation existierender Dialog-Konsens-Verfahren an bestimmte Perso-
nengruppen einschließlich der Neuentwicklung weiterer Rekonstruk-
tionsverfahren in Richtung auf spezifische Personenvoraussetzungen
vorgesehen und gefordert worden ist (von spezifischen, auf die Un- 2 . Wohin werden die Ergebniskärtchen Punkt 1.5./Seite 5 u. 6
tersuchungsstichprobe bzw. -fragestcllung ausgerichteten Beispielge- gelegt?
bungen bis zu den oben (Punkt 2.) angesprochenen Komprimierungen
des Regelwerks; vgl. im einzelnen Burgert in diesem Bande). Die- 3 . Wohin werden die Folgekärtchen Punkt 1.6./Seite 7
ser Anspruch, Dialog-Konsens-Verfahren für Untersuchungspopula- gelegt?
tionen mit sehr unterschiedlichen Kompetenzvoraussetzungen zu ent-
wickeln, ist einer der Gründe für die im vorherigen Punkt festgehal- 4 .
Was bedeutet das Symbol Punkt 1.6./Seite 7
tene Offenheit gegenüber existierenden Gedächtnismodellen etc.; eine vor den Folgekärtchen?
Manifestation derartiger Offenheit stellt auch die alltagssprachlichc ,

flexible Adaptationsversion dar, die Scheele et al (in diesem Band)


. 5 .
Welche Bedeutung haben die Symbole Punkt 1.1./Seite 2 und
vorlegen. Darüber hinaus ist allerdings (mit Groeben 1986b 199ff., AundA? Punkt 1.4 ./Seite 4
und Mutzeck 1988, 353; vgl. auch Kroath 1987, 75) auf jeden Fall
auch zu fordern, daß sich die Dialog-Konsens-Methodik nicht auf ver-
bale Repräsentations- und Rekonstruktionsformen beschränken darf,
87
86 N . Groeben Inhalts-Struktur-Trennung ajs konstantes Dialog-Konsens-Prinzip

Paetsch & Birkhan 1987, 81). Bonato hat in Anlehnung an White


Abb. 4: Teil 'Allgemeine Richtlinien zum Legen des Bildes' nach Sohns 1991 ,
A 40 für eine solche Beschreibung folgende Dimensionen zusammenge-
stellt (und in seiner Untersuchung zur 'Wissensstrukturierung mittels
'
4 .
Allgemeine Richtlinien zum Legen des Bildes Struktur-Lcge-Techniken abzubilden versucht; vgl. 1990, 50f.): Um-
i
fang; Präzision; interne Konsistenz; Realitätstreue; Verschiedenheit
der Typen der Wissenselemente; Verschiedenheit von Themen; Ge-
stalt; Verhältnis interner vs. externer Assoziationen etc.. Dabei hat
er die resultierenden Wissensstrukturen graphentheoretisch modelliert
und vor allem in Richtung auf die Ericundungs-Frage ausgewertet,
Wenn jetzt nicht bald Schluß ist '

ob es bestimmte Wi ssensnetztypen' gibt, die von bestimmten Per-


mit der Lernerei, passiert was!!!
sonenvariablen aus bevorzugt werden; als zentrale Variable wurde
dabei der kognitive Stil hinsichtlich Verbalisierungs- vs. Visualisie-
rungspräferenz überprüft, um unter Rückgriff auf diese Dimension
die Frage zu beantworten: "Für welche Personen sind die Struktur-
Lege-Techniken am ehesten geeignet, ihr Wissen mitzuteilen?" (o.e.,
4 1
. . Richtung 75). Als Ergebnis ist festzuhalten, daß sich zwar 4 verschiedene Wis-
Das Bild wird von links nach rechts gelegt und folgt dabei dem zeitlichen sensnetztypen herausarbeiten ließen, in bczug auf die Rückbindung
Verlauf des Geschehens. an die Verbalizer-/Visualizer-Dimension ergaben sich aber keine ein-
deutigen (überzufälligen) Zusammenhänge. Wenn auch die Unter-
42 Eindeutigkeit
. .

suchung für Dialog-Konsens-Verfahren nicht optimal aussagekräftig


Von einer Verhaltensweise und von einer Bedingungsausprägung dürfen nicht ist, weil sie im Unterschied zu diesen nur mit unbenannten (graphen-
mehrere Pfade ausgehen. theoretischen) Kanten (Relationen) gearbeitet hat, sprechen die vor-
liegenden Ergebnisse bisher doch dafür, daß zumindestens hinsicht-
Beispiel für eine falsche Anordnung
lich der kognitiven Stildimension Visualisierung vs. Verbalisierung
r
das Prinzip der Struktur-Lege-Technik vergleichsweise breit einsetz-
+
bar ist, vermutlich weil es sowohl ein eigenes Sprachsystem als auch
frisch!
Entscheidungs- Veriialten eine Visualisierungsaufgabe darstellt und daher für beide Präferenzen
bedingung konstruktive Ansatzpunkte bietet (vgl. Bonato 1990, 146). Aller-
dings müssen vergleichbare Untersuchungen natürlich auch noch den
potentiellen Einfluß anderer kognitiver, motivationaler und emotio-
naler Kompetenzen bzw. Voraussetzungen auf seilen der Untcrsu-
chungsteilnehmer/innen überprüfen. Das gleiche gilt für die Unter-
sondern auch sprachunabhängige Rekonstruktionsmöglichkeiten ein- suchung von Konstanz bzw. Veränderung Subjektiver Theorien und
beziehen sollte. den Einfluß der unter Punkt 2. besprochenen Differenzierungen bzw .

Für alle eingesetzten (und auch noch zu entwickelnden) Rekonstruk- Komprimierungen der Erhebungsmethodik für die bisher noch keine
,

tionssysteme wird es unter methodologischer Perspektive dann aller- methodologischen Überprüfungen vorliegen .
Neben den inhaltlich-

dings auch darauf ankommen daß man die resultierende Formalstruk-


,
empirischen Forschungsdesiderata ist mit diesen Frageperspektiven
tur in bezug auf bestimmte formal-strukturelle Merkmale beschreibt auch das grundlegende Problem der für Dialog-Konsens-Methoden
,

bzw. das FST generell adäquaten Gütekriterien verbunden (das unten


um damit vergleichende Untersuchungen durchführen zu können (vgl .
88 N Grocbcn 89
.

Inhalts-Struktur Trennung als konstantes Dialog-Konsens-Prinzip


-

in einer speziellen Diskussion abgehandelt wird: Birkhan in diesem variiertem kommunikativem Handeln der Erkenntnis-Subjekte) ein-
Bande). setzt. Entsprechend den Kemannahmen des FST allerdings wird die
Verbindung mit der eingangs thematisierten Perspektive der Realisie-
Eine wichtige Forschungsperspektive für die methodologische Ana- rung von idealen Sprechsituationen sehr viel wichtiger sein, d.h. die
lyse der Dialog-Konsens-Verfahren wird sicherlich auch der Einfluß Frage, ob durch eine entsprechende Schulung von Untersuchungs-
des Erkenntnis-Subjekts auf die jeweiligen Rekonstruktionen darstel- leitem/mnen der Einfluß der unterschiedlichen Kompetenzen von
len; und zwar schon deshalb, weil die .Zielperspektive der 'idea- Erkenntnis-Subjekten zugunsten einer möglichst optimalen Approxi-
len Sprechsituation' noch mehr als alle anderen verstehensorienticr- mation an die ideale Sprechsituation verringert werden kann. Dabei
ten Verfahren (vgl. Bergold & Breuer 1987, 40f.) den 'reflektierten stellt dies nur eine der Frageperspektiven im Bereich der Wechselwir-
Einsatz personaler (kommunikativer) Kompetenzen' des Erkenntnis- kung zwischen den besprochenen Durchführungs- und Zielaspekten der
Subjekts postuliert. Damit schließt sich der Kreis zu den eingangs Pialog-Konsens-Methodik dar, die für eine umfassende methodologi-
thematisierten Aspekten einer möglichst optimalen Kommunikation, sche Analyse ausdifferenziert und überprüft werden muß.
zugleich aber auch in bezug auf die angesprochenen Schwierigkeiten,
daß an den endgültig 'beschlossenen' Konsens-Bildern der jeweiligen
Rekonstruktionen der Einfluß des Erkenntnis-Subjekts nicht mehr ein-
deutig separierbar ist, weil diese Konsens-Strukturen ja eben eine un-
auflösbar gemeinsame Leistung von Erkenntnis-Objekt und -Subjekt
darstellen. Allerdings ist Schmid-Furstoss (1990, 53) zuzustimmen,
daß eine Intersubjektivitätsprüfung auf jeden Fall möglich ist, wenn
man verschiedene z.B. Interviewer-Rekonstruktionsvorschläge für ein
und dasselbe Interview legen läßt. Bei einem auf diese Weise vorge-
henden Vergleich von Bruhn & Höngen (1983, 170f.) zeigte sich
in der Tat, daß es systematische Unterschiede zwischen verschie-
denen 'Versuchsleitem' sowohl in bezug auf die Formulierung der
Konzeptkärtchen als auch hinsichtlich des Legens von Teilstruktu-
ren gab. Damit ist allerdings noch nicht geklärt, ob und gegebe-
nenfalls wie sich solche Unterschiede der Rekonstruktionsvorsehl äge
(des Erkenntnis-Subjekts) auf die resultierenden Konsens-Bilder aus-
wirken. Zwar haben Bielen & Kamph (1987) auch die Unterschiede
zwischen den Konsens-Strukturen bei zwei verschiedenen Erkenntnis-
Subjekten überprüft und relevante Unterschiede festgestellt, doch war
hier die Personenvariable auch mit deutlich unterschiedlichen Vorge-
hensweisen konfundiert (z.B. im einen Fall mit eigenständigen Le-
geversuch des Erkenntnis-Objekts, im anderen Fall ohne); außerdem
berichten Paetsch & Birkhan (1987, 81) über einen ähnlichen Ver-
"

gleich, daß die Ergebnisse der SLT ... invariant gegenüber der Person
des Versuchsleiters" sind. Eine endgültige Klärung wird hier sicher-
lich nur möglich sein, wenn man auch komplexere Versuchsanlagen
(z.B. mit gematchten Paaren von Erkenntnis-Objekten und bewußt