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der Regel wurden die Amtsinhaber mit

Bestätigungswahlen - einer Zustimmung von 85 bis 95 Prozent


der abgegebenen Stimmen bestätigt.6
Warum eigentlich nicht? Genau das macht dieses Verfahren für
Pfarrerinnen und Pfarrer geistlich wich-
tig: Wir haben in unserer Amtsführung
die überwältigende Zustimmung unse-
Wie lange kann eigentlich eine Pfar- kein Pfarrer vor einer Außer-Dienst- rer Gemeindeglieder. Sie vertrauen uns
rerin in einer Gemeinde amtieren? Im Stellung gefeit. Eine Abstimmung mit diesen Dienst aufs Neue an. Jede Pfarre-
evangelischen Sinne kann es auf diese Füßen kann nicht das letzte Wort sein; rin und jeder Pfarrer kann durch die Be-
Frage rechtstheologisch nur eine rich- also sollte immer wieder neu in aller stätigungswahl für sich beanspruchen,
tige Antwort geben: Solange die be- Offenheit in der jeweiligen Gemeinde kein von »oben« her ein- bzw. vorgesetz-
treffende Gemeinde ihren Wort- und nachgefragt werden: Seid ihr bereit, ter »Amtmann« zu sein, sondern in der
Sakramentsdienst an Christi Statt an- den Wort- und Sakramentsdienst eu- jeweiligen Gemeinde mit ihrer Amts-
zunehmen weiß, ist sie dort am richti- rer Pfarrerin weiterhin anzunehmen führung angenommen zu sein.
gen Ort. Damit sind Bestimmungen im – ja oder vielleicht auch nein? Hierzu
Pfarrergesetz, die von einer zeitlichen existiert in den reformierten Landeskir- Der Einwand muss kommen:
Befristung in einer Gemeinde ausgehen chen der Schweiz ein ordentliches Ver-
(so § 35 PfDAG in Verbindung mit § 81 fahren, das meiner Ansicht nach auch Das reformierte Gemeindeprinzip ver-
PfDG.EKD sowie § 7 PfDGErgG.VELKD), für unsere evangelische Landeskirche trage sich nicht mit einem evange-
grundsätzlich in Frage zu stellen. Zwei- sachgemäß ist, nämlich gemeindliche lisch-lutherischen Amtsverständnis.
stellige Dienstjahre in einer Gemeinde Bestätigungswahlen für amtierende Die evangeliumsgemäße Wort- und
können die Pfarrerin weder »dienstunfä- Pfarrerinnen und Pfarrern. In der refor- Sakramentsverwaltung dürfe nicht
hig« oder »dienstunwillig« machen. mierten Kirche im Kanton Zürich sind in plebiszitäre Abhängigkeit geraten.
»Zeitlich unbefristet« heißt jedoch nicht, diese für eine vierjährige Amtsdauer Eine Bestätigungswahl widerspreche
dass ein Pfarrer die Fortdauer seines vorgesehen und werden generell an der der Unabhängigkeit des Amtes von der
Dienstes in einer Gemeinde eigenstän- Urne abgehalten4. Gemeinde.
dig bestimmen kann. Schließlich ist ein Im Unterschied zur Neubesetzung ei- Die Stichhaltigkeit derartiger Einwände
evangelischer Pfarrer kein Heilswerker, ner Pfarrstelle stehen bei einer Be- vermag ich nicht zu erkennen. Sollte es
der in einem korrekten rituellen Vollzug stätigungswahl keine Kandidaten zur tatsächlich Lehrkonsens sein, dass das
für sich ein objektives Heilswerk voll- Auswahl. Vielmehr teilt die örtliche göttlich gestiftete Predigtamt einem
bringen kann. Sein Wirken im »Dienst Kirchenpflege (vergleichbar mit dem gemeindlichen Votum zur Amtswahr-
der Versöhnung«1 kommt eben nur dort Kirchenvorstand) der Pfarrerin oder nehmung widerspreche, müsste sich
zum Ziel, wo er von der Gemeinde an- dem Pfarrer nach Anhörung mindestens unsere Kirche konsequenterweise der
genommen wird – ein rezeptionsbe- sechs Monate vor Ablauf der Amtsdauer parlamentarischen Demokratie versa-
dürftiger Dienst also, wie er ja für alle mit, ob sie eine Bestätigung oder Nicht- gen. Nach Schrift und Bekenntnis ist
Dienstleistungen selbstverständlich ist. bestätigung im Amt vorschlägt. Die nicht nur das Predigtamt, sondern auch
Mit gutem Grund spricht der Apostel Namen aller im Amt stehenden Pfar- die Obrigkeit (magistratus politicus) von
Paulus von seinesgleichen als Diener2 rerinnen und Pfarrer, die sich der ge- Gott eingesetzt.7 Wenn in Bayern für die
und Knechte3. Wortverkündigung und meindlichen Bestätigungswahl stellen, Wahrnehmung eines Bürgermeister-
Sakramentsverwaltung sind dienende werden auf den Wahlzettel gedruckt amtes die Zustimmung der politischen
Kommunikation des Evangeliums Jesu und mit dem Antrag der Kirchenpflege Gemeinde unabdingbar ist, kann eine
Christi, auf dass Menschen im geistge- auf Bestätigung oder Nichtbestätigung erforderliche Zustimmung der Kirchen-
wirkten Glauben an die einmalige Ver- ergänzt. Somit entscheiden die Gemein- gemeinde für die Wahrnehmung eines
söhnungstat Jesu Christi vor dem drei- deglieder mit ihrer Ja- oder Nein-Stim- Predigtamtes nicht „stiftungstheore-
einigen Gott gerechtfertigt und in sein me (bzw. mit einer Enthaltung), ob sie tisch“ ausgeschlossen werden.
Reich aufgenommen werden. Was eine die Pfarrerin oder den Pfarrer im Amt Unbestritten geht nach Artikel 5 des
Pfarrerin im »Dienst der Versöhnung« zu bestätigen wollen. Augsburger Bekenntnisses das Amt in
sagen oder darzureichen hat, muss ihr Für Pfarrerinnen und Pfarrer unserer der Kirche (ministerium ecclesiasti-
persönlich von Angesicht zu Angesicht Landeskirche mag dies zunächst ein be- cum) auf eine besondere göttliche Ein-
abgenommen werden, andernfalls hat fremdliches, wenn nicht gar ein beun- setzung zurück. Seine Funktion ist die
der Dienst nicht stattgefunden. ruhigendes Verfahren zu sein. Daher die Verkündigung des Evangeliums und die
Aber wie ist festzustellen, ob der jeweili- ermutigende Nachricht: Bei der ersten Verwaltung der Sakramente, durch die
ge pastorale Evangeliumsdienst in einer allgemein abgehaltenen Wahl am 11. der Heilige Geist den rechtfertigenden
Kirchengemeinde tatsächlich angenom- März 2012 ist nur einem von über 300 Glauben bewirkt. Ohne diesen heils-
men wird? Gälte als Kriterium hierfür Zürcher Pfarrerinnen und Pfarrer die Be- wirksamen Wortdienst kann sich Kirche
der Prozentsatz der Gemeindeglieder, stätigung im Amt versagt worden.5 In 471 Nein-Stimmen gegen 335 Ja-Stimmen
die am sonntäglichen Gottesdienst 4 § 125 Abs. 1 Kirchenordnung der Evange– nicht bestätigt wurde.
teilnehmen, wären keine Pfarrerin und lisch-reformierten Landeskirche des Kantons 6 Siehe Thomas Illi, Promistatus bescherte
Zürich vom 17. März 2009 in Verbindung mit § nicht ein besseres Wahlresultat, Artikel vom
1 2Kor 5,18. 118 Gesetz über die politischen Rechte vom 1. 30.03.2012 (http://www.reformiert.info/
2 1Kor 3,5; 2Kor 3,6; 6,4; 11,23; vgl. Kol 1,23.5; September 2003. artikel_11063.html).
Eph 3,7. 5 Es handelte sich dabei um den bisherigen 7 Vgl. Römer 13 bzw. Artikel 16 Augsburger
3 2Kor 4,5; 1Kor 7,22; Röm 1,1; vgl. Kol 4,7.12. Pfarrer in Rafz, Christian Zurschmiede, der mit Bekenntnis.

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Nr. 12 Dez. 2013
bzw. Gemeinde nicht sammeln. Diese de nicht einer Pfarrerin vorschreiben, Aus der Wendung »ubicunque est eccle-
konstitutive Wirkung des Predigtamtes was sie im Einzelnen zu predigen hat. sia« wird deutlich, dass das Recht der
beschreibt Luther im Großen Katechis- Der Gemeinde obliegt jedoch die Un- Evangeliumsausrichtung jeweils den
mus mit den Worten: »Denn wo man terscheidung, ob das gepredigte Wort einzelnen Gemeinden gegeben ist und
nicht von Christus predigt, da ist kein göttliches und damit gehorsamspflich- nicht etwa einem territorialrechtlich
Heiliger Geist, der die christliche Kirche tiges »Fremdwort« (verbum alienum) verfassten Kirchentum. Kirche gilt dem
macht, beruft und sammelt, außerhalb oder aber »Eigenwort« (verbum prop- Augsburger Bekenntnis zufolge als »Ver-
derer niemand zu dem Herrn Christus rium) des jeweiligen Amtsträgers ist, sammlung aller Gläubigen, bei denen
kommen kann.«8 das keine Geltung beanspruchen darf.11 das Evangelium rein gepredigt und die
Das Amt in der Kirche kann jedoch nicht Dazu hat die Gemeinde die ihr eigene heiligen Sakramente laut dem Evangeli-
auf ein statusrechtlich organisiertes »Fähigkeit, auf Grund des Wortes Got- um gereicht werden (congregatio sanc-
Pfarramt reduziert werden. Im Großen tes zu beurteilen und zu entscheiden«12. torum, in qua evangelium recte docetur
Katechismus wird festgehalten, dass Wird hingegen das Amt als persönlicher et recte administrantur sacramenta)«.14
das Predigtamt (ministerium verbi) der Habitus missverstanden (»Unabhängig- Wo sich Kirche als gottesdienstliches
Kirche und nicht etwa einem gesonder- keit des Amtes«) und damit ohne das Versammlungsgeschehen ereignet,
ten Pfarrerstand gegeben ist. Obwohl Korrektiv einer »kritischen« Gemeinde also in einer örtlichen Gemeinde, dort
Luther dort die heilsnotwendige Bedeu- gesehen, kann nicht mehr zwischen befindet sich den Bekenntnisschrif-
tung des Predigtamtes in der Auslegung verbum alienum und verbum proprium ten zufolge auch das Berufungs- und
zum dritten Glaubensartikel ausführlich des Amtsträgers unterschieden werden. Auswahlrecht für die Amtsträger. Der
entfaltet, lässt er Personen, die mit die- In diesem Falle müsste der Pfarrer eo Ermächtigungsgrund zur Berufung und
sem Predigtamt gesondert betraut sind, ipso als Stellvertreter Christi erscheinen. Ordination von Amtsträgern ist den
unerwähnt. Stattdessen heißt es: »So Bekenntnisschriften zufolge kein ande-
bleibt der Heilige Geist bei der heiligen Ein zweiter Einwand rer als das allgemeine Priestertum der
Gemeinde oder Christenheit bis auf den Gläubigen.15 Zustimmend wird daher in
Jüngste Tag; durch sie holt er uns heran gegen eine Bestätigungswahl für Pfarre- den Bekenntnisschriften die Berufungs-
und sie gebraucht er dazu, das Wort zu rinnen und Pfarrern mag das rechtliche und Ordinationspraxis der alten Kirche
führen und zu treiben.«9 Verhältnis von Kirchengemeinden und angeführt: »Einst wählte das Volk die
In den Bekenntnisschriften wird zu- Landeskirche betreffen. Eine gemeind- Pastoren und Bischöfe. Alsdann kam
dem klargestellt, dass der Dienst der liche Bestätigungswahl hat zumindest der Bischof hinzu, sei es seiner eigenen
Verkündigung nicht an »Personen ge- indirekte Auswirkung auf das landes- Kirche[ngemeinde] oder der benachbar-
bunden ist, wie der Dienst der Leviten, kirchliche Pfarrstellenbesetzungsrecht. te, der die Wahl durch Handauflegung
sondern er ist über den ganzen Erd- Nun ist jedoch in den Bekenntnis- bestätigte; die Ordination war nichts
kreis verbreitet und er ist dort, wo Gott schriften herausgestellt, dass die got- anderes als eine solche Bestätigung.«16
seine Gaben gibt, Apostel, Propheten, tesdienstlich versammelten Gemeinden Dass in der gegenwärtigen Rechtsord-
Hirten und Lehrer. Jener Dienst erhält über das Recht der »Evangeliumsaus- nung unserer Landeskirche das Recht
seinen Wert nicht auf Grund der Au- richtung (ius administrandi evangelii)« zur Pfarrstellenbesetzung dem Landes-
torität irgendeiner Person, sondern auf verfügen: kirchenrat und nicht den Gemeinden
Grund des von Christus überlieferten »Wo auch immer Kirche ist (ubicunque zugeschrieben wird, ist Ausfluss des
Wortes.«10 Das Predigtamt erfährt also est ecclesia), dort ist das Recht, das landesherrlichen Kirchenregimentes.
die Bevollmächtigung nicht aus dem Evangelium auszurichten. Deshalb muss Wo hingegen die evangelische Kirche
ordinierten Habitus einer Amtsperson, die Kirche das Recht behalten, Diener Augsburger Bekenntnisses außerhalb
sondern aus dem Wort Christi. Damit [der Kirche] zu berufen, zu wählen und eines staatskirchlichen Erbes organisiert
ist eine grundlegende Differenz zum zu ordinieren. Und dieses Recht ist ein ist, wie in den USA oder in Australien,
römisch-katholischen Amtsverständnis der Kirche vorzugsweise gegebenes Ge- wird das Recht der Berufung von ört-
angezeigt, das die Amtsautorität durch schenk, das keine menschliche Autorität lichen Amtsträgern bekenntnisgemäß
eine sakramentale Ordination an die der Kirche entreißen kann, wie das auch von den jeweiligen Gemeinden als
Amtsperson selbst bindet und damit die Paulus im Epheserbrief bezeugt, wenn Träger des ius administrandi evangelii
Amtsperson in Gestalt des Priesters bzw. er [dort] sagt: ›Er ist aufgestiegen und wahrgenommen (»letter of call« durch
des Bischofs über die Gemeinde stellt. hat den Menschen Gaben geschenkt‹. das »congregation meeting«).
Das Supremat des göttlich eingesetz- Und er zählt unter den Gaben, die der Gegenwärtig wird die Diskussion um
ten Predigtamtes über deren Amtsträger Kirche eigentümlich sind, die Pastoren den »regelmäßigen Stellenwechsel«
verbietet eine Habitualisierung des Am- und Lehrer auf und fügt hinzu, dass von Pfarrerinnen und Pfarrern berufs-
tes in der Person der Pfarrerin. Das Ins- solche zum Dienst am Bau des Leibes ständisch gegenüber der Landeskirche
titut des ministerium ecclesiasticum hat Christi geschenkt werden. Wo also wah- geführt.17 Obwohl den örtlichen Ge-
sich immer neu als Kommunikationsge- re Kirche ist, dort muss das Recht sein,
14 Artikel 7 Augsburger Bekenntnis; BSLK 61.
schehen innerhalb der gottesdienstlich Diener (der Kirche) zu wählen und zu 15 So Traktat über die Gewalt und den Primat
versammelten Gemeinde zu aktualisie- ordinieren«.13 des Papstes 69, BSLK 491.
ren. Dabei kann und darf die Gemein- 11 Vgl. Apologie des Augsburger Bekenntnisses 16 Traktat über die Gewalt und den Primat des
8 Die Bekenntnisschriften der evangelisch- 28,18; BSLK 401f. Papstes 70, BSLK 491f.
lutherischen Kirche (= BSLK), Göttingen 12 Traktat über die Gewalt und den Primat des 17 So beispielsweise Karl Eberlein, Kirche
198610, 655. Papstes 56; BSLK 488. der Freiheit – Kirche der Pflichten,
9 BSLK 657f. 13 Traktat über die Gewalt und den Primat Korrespondenzblatt Nr. 11, November 2012,
10 Traktat über die Gewalt und den Primat des des Papstes 67, BSLK 491; vgl. Apologie des 153-156; bzw. Klaus Weber, Wertschöpfung
Papstes 26, BSLK 479. Augsburger Bekenntnisses 13,12; BSLK 294. durch Wertschätzung, Korrespondenzblatt Nr. 6,
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meinden das göttlich gestiftete Recht Menschenfreundlichkeit. Was haben ebenso wie Personen und Familien, die
der Evangeliumsverwaltung zusteht, wir Pfarrerinnen und Pfarrer schon von selbst in großer Armut leben und täglich
bleiben diese außen vor. Wäre es also unseren Gemeinden zu befürchten, sind gegen sie kämpfen.« »Da, wo 1948 die
nicht angebracht, wenn wir uns als wir doch nicht »Herren des Glaubens« Allgemeine Erklärung der Menschen-
Pfarrerinnen und Pfarrer für gemeindli- sondern »Gehilfen der Freude«18? In un- rechte unterzeichnet worden ist, wird
che Bestätigungswahlen stark machen serem Dienst suchen wir immer wieder eine Steinplatte zu Ehren der Opfer von
würden? Solche Bestätigungswahlen nach Bestätigung. Warum nicht diese Hunger, Unwissenheit und Gewalt ent-
würden ja zum Ausdruck bringen, wel- alle vier Jahre neu von der Gemeinde hüllt. Sie ist ein bleibendes Zeichen für
chen Rückhalt in den Gemeinden wir erhalten? Das wär doch was. die Anerkennung all der Personen und
für unseren Evangeliumsdienst haben. Jochen Teuffel, Familien, die aus dem politischen, sozi-
Wir predigen das Evangelium schrift- Pfarrer in Vöhringen/Iller alen und kulturellen Leben ihres Landes
gemäß und verwalten die Sakramente ausgeschlossen sind und oft nicht ein-
stiftungsgemäß – mit aller gebotenen mal wahrgenommen werden.« (…)
Juni 2013, 82f. 18 Vgl. 2Kor 1,24.
»Seit diesem Tag versammeln sich jähr-
lich am 17. Oktober auf allen Kontinen-
ten Menschen, die Armut aus eigener
Erfahrung kennen, mit anderen, die
Elend und Ausgrenzung ebenfalls ab-
Nur Gerechtigkeitsliebe? lehnen.« »Aus einer Initiative, deren Mo-
tor die Ärmsten sind, wird ein Welttag…
Kirchliche Projekt-Chance nachhaltig nutzen! (…) Am 22. Dezember 1992 erklärt die
Generalversammlung der Vereinten Na-
tionen den 17. Oktober zum ›Internatio-
Im Frühsommer 2011 wurde das f.i.t.- und Ausgrenzung –auf Initiative von nalen Tag zur Überwindung der Armut.‹
Förderprogramm von evangelischer »ATD Vierte Welt« vor allem in München (…)Im deutschen Sprachraum sagen
Landeskirche und Diakonie in Bayern und Berlin begangen. Die Geschich- wir heute: »Welttag zur Überwindung
gestartet (www.fit-projekte.de) »... weil te dieses UNO-Welttages ist eng mit von Armut und Ausgrenzung‹, denn der
Armut nicht ausgrenzen darf«. Da habe der Geschichte dieser internationalen Begriff ›Ausgrenzung‹ trifft – gerade in
ich die Initiative ergriffen... Seit Novem- Bewegung bzw. NGO verknüpft. Dazu unserer ›reichen‹ Hemisphäre – die Mi-
ber 2011 läuft ein f.i.t.-Projekt in Nai- zitiere ich aus dem Dokument »Die Ge- sere im Kern.«
la und Umgebung – unter dem Motto schichte des 17. Oktober«1: Dieser Welttag ist eine m. E. noch zu
»Sichtbar, aber auch nicht stumm …«. »Joseph Wresinski kommt 1956 als wenig genutzte Gelegenheit, zu einer
Kooperationspartner sind die Kirchen- Priester in einem Obdachlosenlager in gemeinsamen emotionalen Grundlage
gemeinde, die »Mehrgenerationen- der Nähe von Paris an. Selbst in großer zwischen Armutsbetroffenen, sozial
Projektschmiede« im Seniorenbüro Armut aufgewachsen, kann er sich in die Engagierten und Politikern zu kom-
Naila und die Nailaer »Tafel«. Die bei- Situation der Familien, die dort leben, men2. »Wo immer Menschen dazu ver-
den Fixpunkte unseres Projektes: Ein einfühlen. Mit ihnen gründet er einen urteilt sind, im Elend zu leben, werden
Buch wird erscheinen und Ergebnissen Verein, aus dem später die Internationa- die Menschenrechte verletzt. Sich mit
von Schreibwerkstatt und Erzähl-Inter- le Bewegung ATD Vierte Welt entsteht. vereinten Kräften für ihre Achtung ein-
views Dauer verleihen; und wir wollen Diese Familien sind isoliert und von der zusetzen ist heilige Pflicht.«3 So lautet
anfangen, den »UNO-Welttag zur Über- Gesellschaft ausgeschlossen. Um die der dazu gehörige Aufruf, der in Paris
windung von Armut und Ausgrenzung« Ausgrenzung zu überwinden, sind sie auf der erwähnten Steinplatte zu lesen
zu begehen. auf Mitglieder anderer sozialer Schich- ist. Er wird erfüllt, wenn Menschen un-
Die intensivsten Erfahrungen mit die- ten angewiesen. terschiedlich geprägter Gruppierungen,
sem 17. Oktober habe ich in Frankreich ›Père Joseph‹ verspricht, ihnen Zugang verschiedener Konfessionen o.Ä. zu-
und der Schweiz gesammelt, wo ich zu verschaffen zu den Orten, wo sich sammenkommen, um von den Ärmsten
1994 bis 1999 als Volontärin der »In- die Zukunft der Menschen entscheidet: zu lernen und ihren Menschenrechten
ternationalen Bewegung ATD Vierte zum Vatikan, den Parlamenten und den Achtung zu verschaffen. Im Mittelpunkt
Welt« engagiert war. Danach bin ich in Vereinten Nationen. Er will ihnen Aner- der Veranstaltungen zum 17. Oktober
meinen erlernten Beruf (Pfarrerin) wie- kennung sichern und ihre Existenz im sollte daher stehen, was Menschen mit
der eingestiegen. Seit November 2005 Bewusstsein der Menschen verankern. Armutserfahrung selber zu sagen haben.
arbeite ich auf einer 50%-Pfarrstelle in So beginnt die Geschichte der Partner- Im Rahmen unseres f.i.t.-Projekts ist das
Naila bei Hof/Saale. Als ich 2010 einer schaft zwischen ausgegrenzten Famili- Zu-Wort-Kommen der Armutsbetroffe-
Volontärin in der Schweiz von meinen en, die seit langer Zeit im Elend leben, nen der rote Faden. Am 7. 10. 12 konnten
zwiespältigen Gefühlen beim Besuch und Menschen, die in der Gesellschaft
2 »Wenn ich keine gemeinsame emotionale
der Nailaer »Tafel« erzählte, mein- etabliert sind. (…)Diese Partnerschaft Grundlage mit meinem Gegenüber habe,
te sie: »Versuch doch zusammen mit führt zur ›Versammlung der Verteidiger kann ich nur schwer über Armut reden.« Dies
der Tafel eine Veranstaltung zum 17. der Menschenrechte‹ am 17. Oktober betonte Dr. Ulrich Schneider, Geschäftsführer
Oktober.«Mir war klar, dass das nicht 1987 in Paris.« »Unter ihnen (…) hohe des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, in
aus dem Stand gehen würde – dass so Amtsträger des öffentlichen Lebens einem ZEIT-Interview am 9. 9. 10 (S.24).
3 «Là où des hommes sont condamnés à vivre
etwas Zwischenetappen braucht. - international, national oder lokal –
dans la misère, les droits de l’homme sont
In Deutschland wird der 17. Oktober – 1 (veröffentlicht auf der früheren website violés. S’unir pour les faire respecter est un
Welttag zur Überwindung von Armut www.oct17.org) devoir sacré.»

S. 190 KorreSpondenzblatt
Nr. 12 Dez. 2013