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Röntgenschürzen:
Vorsicht bei bleifrei
Aus Gründen des Umweltschutzes und weil sie vermeintlich leichter
sind, werden zunehmend bleifreie Röntgenschürzen im Handel
angeboten. Aber: Messungen zeigen eine höhere Strahlenbelastung
beim Tragen von bleifreien Schürzen; sie sollten deswegen bei lang
dauernden Durchleuchtungen wie etwa Interventionen nicht mehr
verwendet werden. Von Heinrich Eder*

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öntgenschutzkleidung wurde sächliche Schutzwirkung irreführend nung bestrahlt wird, bei einer Energie
noch vor einigen Jahren über- sein. Der Bleigleichwert wird nach der von rd. 26 keV „leuchtet“.
wiegend aus Blei oder Bleiver- internationalen Norm IEC 61331-1
bindungen hergestellt. Aus Gründen im schmalen Strahlenbündel be- Die Fluoreszenz entsteht quasi un-
der Umweltproblematik werden zu- stimmt. Diese Messmethodik erfasst mittelbar auf der Haut und hat eine
nehmend bleifreie Schürzen entwickelt lediglich die Primärstrahlung und Eindringtiefe von mehreren Zentime-
und in den Handel gebracht. Hierbei nicht die im Material entstehende tern. Oberflächennahe Organe wie zum
spielt auch der Gewichtsfaktor eine Sekundärstrahlung. Blei entwickelt Beispiel Haut, Brustdrüsen, Schilddrü-
Rolle: Bleifreie Schürzen sollen ver- im Energiebereich des diagnostischen se, Testes aber auch Knochenmark im
meintlich leichter sein als Schürzen aus Röntgens praktisch keine Sekundär- Bereich des Sternums werden hierdurch
Blei. Hinsichtlich der Schutzwirkung strahlung, deshalb ist die Methodik zusätzlich belastet. Auch ist die nie-
wurden bislang alle Schürzen nach dem dort sachlich richtig. Nicht so bei derenergetische Fluoreszenzstrahlung
so genannten Bleigleichwert (PBGW) bleifreien Stoffen: Zinn, Barium und zumindest im Zellversuch biologisch
beurteilt. Sie sind in 0,25-, 0,35- und Antimon - diese Stoffe sind in Bleifrei- schädigender als die Primärstrahlung,
0,50 mm- Blei-Äquivalent erhältlich. Schürzen häufig vertreten - werden so dass hierfür ein Strahlungs-Wich-
bei äußerer Röntgen-Bestrahlung zur tungsfaktor von 1,5 bis 3 eingeführt
Die Frage ist nun, ob das Schutzkri- Fluoreszenz angeregt. Die Röntgen- werden müsste. Dies ist derzeit Gegen-
terium „Bleigleichwert“ auf bleifreie Fluoreszenzstrahlung ist wie im sicht- stand der Diskussion in den verschie-
Schürzen beziehungsweise Blei-Com- baren Bereich (Beispiel Polarlicht) denen Strahlenschutzgremien.
posite-Schürzen (Mischmaterial aus niederenergetisch, das heißt sie besitzt
Blei und bleifreien Stoffen) übertragen eine geringere Energie als die primä- Neue Beurteilung
werden kann. Die Antwort: Nein! Die re Strahlung. Konkret bedeutet dies, für „bleifrei“
Bleigleichwertkennzeichnung einer dass eine Schürze mit einem überwie-
derzeit benutzten bleifreien Schürze genden Anteil an Zinn oder Antimon, Der beschriebene Mangel führte
kann deshalb in Bezug auf die tat- die mit 80 kV-Röntgenröhrenspan- dazu, dass unter der Federführung des

42 › österreichische ärztezeitung ‹ 5 › 10. März 2009


medizin

materials“ Blei von 0,35 mm Stärke. (Abb. 1b). Auch unter Realitätsbedin-
Der Anwender kann also beim Tragen gungen erfüllen die bleifreien Schür-
einer nach der neuen Norm geprüften zen den Standard nicht. Lediglich die
Schürze sicher sein, dass er mindestens Blei-Compositeschürze liegt innerhalb
den Schutz genießt, den ihm bisher der Normbedingung. Im Mittel kann
eine Bleischürze mit entsprechender man - gegenüber Blei oder Blei-Com-
Dicke geboten hat. posite - von einer anderthalbfachen bis
doppelten Belastung ausgehen. Hier
Messungen in der Praxis kommt auch wieder das Gewicht ins
Spiel: Würde man die de facto leichtere
Wir haben handelsübliche Schutz- Bleifreischürze auf die gleiche Schutz-
schürzen einer Messung nach der wirkung bringen, hätte sie etwa wieder
neuen DIN 6857-1 unterzogen. Es das Gewicht einer Bleischürze. Die
wurden drei bleifreie Schürzen, eine Physik lässt sich nicht betrügen!
Blei-Compositeschürze und eine Blei-
schürze verglichen. In Abb. 1a ist die Test mit Personendosimetern
Transmission dargestellt, das heißt
deutschen Normenausschuss Radio- der Anteil der primären Strahlung, Die dargestellten Messwerte wurden
logie (NAR) eine einheitliche Mess- der hinter der Schürze auf der Haut auch mit amtlichen Personendosime-
vorschrift entstand, die sowohl Blei- des Trägers ankommt - einschließlich tern - Glas- sowie Filmdosimetern -
schutzkleidung wie auch bleifreie oder Fluoreszenzstrahlung. Alle Schürzen überprüft. Die Glasdosimeter erfassen
teilweise bleifreie Schutzkleidung so sind vom Hersteller mit dem Blei- die neue Messgröße Hp(10). Dazu
beurteilt, dass die Materialien hin- gleichwert 0,35 mm Pb gekennzeich- wurden die Dosimeter jeweils hinter
sichtlich Schutzwirkung vergleichbar net, so dass der Anwender eigentlich einer Bleischürze und einer Bleifrei-
werden. Die Norm 6857-1 beschreibt von der gleichen Schutzwirkung aus- schürze angebracht und bei 70 und 100
eine Messung im breiten Strahlenbün- gehen kann. Ergebnis: Alle bleifreien kV simultan mit Streustrahlung aus
del, die auch die Sekundärstrahlung Schürzen hielten die Mindestan- dem Phantom belichtet. Ergebnis: Die
erfasst (Anmerkung: genau genommen forderungen nicht ein. Nur die Blei- Glasdosimeter zeigen hinter der Blei-
wird die inverse Geometrie verwendet, Compositeschürze erfüllte die Norm. freischürze gegenüber der Bleischür-
die der Messung im breiten Bündel ze eine 60 Prozent höhere Dosis, die
entspricht). Die Schutzkleidung wird Das Bild wird im Vergleich zu Blei Filmdosimeter eine Dosiserhöhung um
dabei in vier Klassen eingeteilt: Schutz- noch ungünstiger, wenn man statt der 90 Prozent .
klasse II wird beispielsweise zugeteilt, Primärstrahlung Streustrahlung ver-
wenn die Schutzwirkung im großen wendet und damit patienten-äqui- Zunahme der Organdosen
Strahlenfeld in einem Spannungsbe- valente Verhältnisse schafft. Hierfür
reich von 50 bis 120 kV mindestens so wurde ein anthropomorphes Phantom Da die Organe für eine Messung
groß ist wie diejenige des „Traditions- (Alderson-Rando-Phantom) benutzt kaum zugänglich sind, wurden die Or- :

Abb. 1: Durchlässigkeit (Transmission) von Röntgenschürzen bei 80 kV Röhrenspannung in % der Dosis auf der Strahlen-Eintrittsseite.
PB: Bleischürze, PBC: Blei-Compositeschürze, NLG, NLX, NLH: bleifreie Schürzen.

a: Messung bei Primärstrahlung nach DIN 6857-1. b: Messung unter Streustrahlung am


Gestrichelte Linien, oben: Toleranzgrenze nach DIN 6857-1, Alderson-Rando-Phantom unter
unten: Durchlässigkeit von 0,35 mm Blei patienten-ähnlichen Bedingungen

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besitzen, also zum Beispiel 0,35 mm Fazit


Pb. Für die Messung wird ein in der
Röntgenabteilung meist vorhandenes Die Messungen zeigen die zweifels-
eichfähiges Stabdosimeter benötigt. frei höhere Belastung beim Tragen von
Die Bleischürze beziehungsweise die bleifreien Schürzen. Bleifrei-Schürzen
zu vergleichende bleifreie Schürze wird ohne Nachweis der Schutzwirkung
flach auf dem Röntgentisch ausgebrei- nach DIN 6857-1 sollten bei lang dau-
tet und mit dem Lichtvisier ein Feld ernden Durchleuchtungen (Interventi-
von circa 20 x 20 cm eingeblendet. Das onen, Herzkatheter, Angio usw.) nicht
: gandosen beim Tragen von Blei- und Dosimeter liegt im Zentralstrahl unter mehr verwendet werden. Neuere Mate-
Bleifreischürzen mit der Monte-Carlo- der Schürze. Es wird eine Belichtung rialien, die sich zum Teil noch in Ent-
Methode an den Voxel-Modell-Phan- von 75 kV, rund 300 mAs empfoh- wicklung befinden, lassen hoffen, dass
tomen Rex und Regina berechnet. Die len. Zur Sicherheit sollte die Messung künftig eine dem Traditionsmaterial
Erhöhungen gegenüber einer Bleischür- einige Male wiederholt werden. Auf Blei gleiche Schutzwirkung bei de facto
ze sind in Tabelle 1 angegeben. diese Weise kann man die Transmis- geringerem Gewicht erreicht wird. 9
sion, also denjenigen Strahlenanteil,
Eigentest schafft Klarheit der unter der Schürze ankommt, di- Literatur bei den Verfassern
rekt vergleichen. Im Idealfall sollte die *) Dr. Heinrich Eder, Bayerisches Landesamt
Wie weiß ein Anwender nun, wie gut Transmission beider Schürzen etwa für Umwelt, Augsburg; MTR Waldemar Zapf,
seine Schürzen abschirmen? Ein selbst gleich sein - auf jeden Fall bei Schür- Kreiskrankenhaus Zwiesel; E-Mail: heinrich.
durchgeführter Test kann hier schnell zen, die DIN 6857-1 entsprechen. eder@lgl.bayern.de
Klarheit schaffen. Dabei geht es nicht
um eine Messung nach Norm, sondern
einen qualitativen Vergleich zwischen
einer Bleischürze und einer bleifreien
Schürze. Die meisten Anwender besit- Erhöhung der Organdosen von Röntgenstrahlung
zen beides oder können sich eine Blei-
Organ Erhöhung der Organdosis gegenüber einer Bleischürze
schürze als Referenzmuster ausleihen
bei 75 kV bei 120 kV
(bitte sicherstellen, dass es sich um eine
reine Bleischürze handelt!). Mamma 36,6 % 44,5%
Ovarien/Testes (Mittelwert) 7,2 % 48,4 %
Zunächst ist wichtig, dass die zu Schilddrüse 30,6% 39,7 %
vergleichenden Schürzen laut Firmen- Haut 45,6% 52,5 %
aufdruck den gleichen Bleigleichwert Ganzkörper (effektive Dosis) 8,8% 39 %

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