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Erlkönig

Johann Wolfgang Goethe

Übersicht

Der Text….2

Der Titel ….3

Der Inhalt….3

Ein kurzer Einschub: „Naturmagische“ Ballade….3

Der Aufbau….4

Die Redesituation….5

Momente der Steigerung….5

Darstellungsmittel…..6

Äußere Gestalt (Versbau, Strophenbau)…..6

Ansätze zu einer Interpretation…..7

Vergleich mit der Vorlage…..9

Mögliche Aufgaben …..12

Anhang zu einzelnen Begriffen…..13

1
Der Text
I
1 Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Einleitender
2 Es ist der Vater mit seinem Kind; Erzählstil
3 Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
4 Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
II  
5 "Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?" Wechselgespräch
6 "Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Vater – Sohn
7 Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?"
8 "Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."
III
9 "Du liebes Kind, komm', geh' mit mir! Erlkönig
10 Gar schöne Spiele spiel ich mit dir; (an den Sohn)
11 Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
12 Meine Mutter hat manch gülden Gewand."
IV
13 "Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Wechselgespräch
14 Was Erlenkönig mir leise verspricht?" Vater – Sohn
15 "Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind!
16 In dürren Blättern säuselt der Wind."
V
17 "Willst, feiner Knabe, du mit mir geh'n? Erlkönig
18 Meine Töchter sollen dich warten schön; (an den Sohn)
19 Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
20 Und wiegen und tanzen und singen dich ein."
VI  
21 "Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Wechselgespräch
22 Erlkönigs Töchter am düstern Ort?" Vater – Sohn
23 "Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau:
24 Es scheinen die alten Weiden so grau."
VII
25 "Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Erlkönig
26 Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." (an den Sohn)
27 "Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! Sohn
28 Erlkönig hat mir ein Leids getan!" (an den Sohn)
 
VIII
29 Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Abschließender
30 Er hält in Armen das ächzende Kind, Erzählstil
31 Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
32 In seinen Armen das Kind war tot.

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Der Titel

Erlkönig ist der Herrscher eines Geisterreiches; er ist der König der Elfen.
Den ursprünglichen Namen (Elverkonge oder Ellerkonge), der aus dem
Dänischen stammt, hatte Johann Gottfried Herder, ein Freund Goethes,
irrtümlich mit Erlkönig übersetzt. Und Goethe hat ihn nach der Lektüre von
Herders Ballade Erlkönigs Tochter in dieser Form übernommen.
Die Elfen, auch Elben oder Alben (noch zu finden in dem Namen von Zwerg
Alberich in den Nibelungen), waren in der nordischen Sage verführerische
Zaubergeister: „ Bald scheinen sie Totenseelen, bald Schutz- und Hausgeister,
bald Fruchtbarkeitsmächte darzustellen. Später haftet ihnen etwas Dämonisches
an: Sie bringen Unheil und Krankheit, ihr verführerischer Gesang wird erwähnt.
Erst im 18. Jahrhundert wird der Begriff Elfen in der Bedeutung anmutiger
weiblicher Geister aus dem Englischen in die deutsche Literatur übernommen.“
(nach Brockhaus VI, S. 304, 1988)
Goethe hat für seine Ballade den ursprünglichen dämonisch-verführerischen
Charakter dieser Zaubergeister übernommen.

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Der Inhalt

Ein Vater reitet mit seinem Sohn nachts durch den Wald. Der Knabe hat
Angst; er spricht in Fieberfantasien vom Erlkönig, der ihn verlockt, bedrängt
und dann bedroht. Der Vater versucht, den Sohn zu beruhigen: Er bilde sich das
alles nur ein; es seien nur Nebelstreifen und Geräusche im Wind. Aber auch ihn
erfasst wachsende Unruhe. Als sie im Hofe ankommen, ist der Knabe tot.
Eine „natürliche“ Erklärung wäre, dass der Sohn hohes Fieber hatte und den
anstrengenden nächtlichen Ritt nicht überlebte.
Eine „übernatürliche“, eine „naturmagische“ Erklärung wäre, wie es in der
Ballade steht, dass der Erlkönig dem Knaben „ein Leids getan“ hat.

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Ein kurzer Einschub: „Naturmagische“ Ballade

Ursprünglich war die Ballade ein Lied mit Kehrreim, das im Wechsel
zwischen Vorsänger und Chor beim Tanze gesungen wurde. Heute versteht man
unter Ballade ein strophisch gegliedertes Erzählgedicht. Das Geschehen wird
nicht breit ausladend beschrieben, sondern nur knapp skizziert; die Darstellung
bezieht sich auf das Wesentliche. Die Darstellungsform ist nicht selten die
wörtliche Rede oder das Wechselgespräch. Die Spannung zielt auf eine
Schlusspointe. Der Erzählstoff kann aus der Sage, Legende oder Geschichte
stammen.
3
Handlungsbestimmend sind einzelne Menschen (Schiller: Der Handschuh)
oder auch anonyme Kräfte wie Schicksal oder Naturgewalten (Goethe:
Erlkönig). An diesen beiden Kunstballaden (denn im Unterschied zu den
Volksballaden, die anonym weitergegeben wurden, haben sie einen namentlich
bekannten Autor) lässt sich sehr gut der Unterschied zwischen einer historischen
Erzählballade, deren Inhalt eine gewisse natürlich erklärbare Wahrscheinlichkeit
hat, und einer naturmagischen Ballade beobachten. Goethe hatte während seiner
Studienzeit in Straßburg (1770 - 1771) auf Empfehlung Herders, der eine
Volksliedersammlung plante, im Elsass Volkslieder und Volksballaden
gesammelt und dabei auch viele Texte gefunden, die von dämonischen und
mythischen Mächten handeln und erzählen. Sie wurden Vorbild für viele seiner
naturmagischen Sagen: Der Fischer, Der Schatzgräber, Der Zauberlehrling,
Der Rattenfänger, Der getreue Eckart, Die wandelnde Glocke.
Die Ballade Der Erlkönig entstand 1782. Man erzählt sich, Goethe habe
während eines Aufenthaltes in Jena von einem Bauern erfahren, der nachts mit
seinem kranken Jungen von Kunitz nach Jena zum Arzt geritten sei. Dies sei der
Anstoß gewesen, diese Ballade zu schreiben. Mag sein. Aber der
„naturmagische“ Kern geht auf Herders Ballade Erlkönigs Tochter zurück.

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Der Aufbau

Die Ballade hat je einen kurzen einleitenden und abschließenden Erzählteil


(Strophen I und VIII); der Hauptteil besteht ausschließlich aus wörtlicher Rede
auf zwei parallel laufenden Ebenen. Die beiden Wechselgespräche haben einen
dramatischen Aufbau in steigender Linie (Man nennt das eine Klimax).
Der Vater merkt, dass der Sohn unruhig und verängstigt ist. Er fragt ihn nach
dem Grund. Der Sohn sagt ihm, dass er den Erlkönig sehe. Der Vater will ihn
beruhigen; was er für den Erlkönig halte, sei nur ein Nebelstreif. (Strophe II)
Der Erlkönig spricht auf den Knaben ein, er solle mit ihm kommen: „Gar
schöne Spiele spiel ich mit dir“. Nur der Knabe hört die verlockende Rede des
Erlkönigs (oder bildet sie sich in seinen Fieberfantasien ein?). Die Rede des
Erlkönigs ist durch Anführungszeichen besonders markiert. (Strophe III)
Ängstlich wendet sich der Sohn an den Vater: „hörst du nicht, / Was
Erlenkönig mir leise verspricht?“ Wiederum versucht der Vater, ihn zu
beruhigen. Er bilde sich alles nur ein: „In dürren Blättern säuselt der Wind.“
(Strophe IV)
Erlkönigs Rede wird zudringlicher und verlockender. Er verspricht dem
Knaben, dass die Elfentöchter mit ihm spielen werden. (Strophe V)
In panischer Angst wendet sich der Knabe an den Vater. Doch der tröstet ihn
zum dritten Mal mit einer „natürlichen“ Erklärung: „Es scheinen die alten
Weiden so grau.“ (Strophe VI)

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Nun verwandelt sich Erlkönigs verlockende Rede in Gewalt: „Und bist du
nicht willig, so brauch ich Gewalt.“ Verzweifelt fleht der Sohn den Vater an:
„Erlkönig hat mir ein Leids getan!“ (Strophe VII)
Jetzt wird es auch dem Vater unheimlich, - vielleicht nicht, weil er den
Worten seines Sohnes glaubt, sondern weil er sich um den Zustand des Sohnes
Sorgen macht. Er reitet schneller, aber zuhause kann er nur noch den Tod des
Knaben feststellen. (Strophe VIII)

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Die Redesituation

Im Hauptteil sprechen drei Personen – und zwar auf getrennten Ebenen. Die
erste Ebene ist das Wechselgespräch zwischen Vater und Sohn. Die zweite
Ebene ist Erlkönigs Anrede an den Sohn. Der Vater nimmt nur wahr, was in der
ersten Ebene gesprochen wird; die Rede des Erlkönigs erfährt er nur durch den
Sohn. Der Sohn nimmt am Gespräch auf beiden Ebenen teil. Allerdings redet er
nicht mit dem Erlkönig, sondern hört ihn nur.
Der Aufbau der Redesituation ist durch die Dreizahl der dramatischen
Steigerung bestimmt:
Erste Stufe Wechselgespräch zwischen Vater und Sohn (Strophe II)
Erlkönigs Anrede an den Sohn (Strophe III)
Zweite Stufe Wechselgespräch zwischen Vater und Sohn (Strophe IV)
Erlkönigs Anrede an den Sohn (Strophe V)
Dritte Stufe Wechselgespräch zwischen Vater und Sohn (Strophe VI)
Erlkönigs Anrede an den Sohn und die Folgen (Der Vater
erfährt dies aus dem Mund des Sohnes) (Strophe VII)

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Momente der Steigerung (Klimax)

Dreimal versucht der Vater, den Sohn zu beschwichtigen. Er versucht es jedes


Mal mit einer „natürlichen“ Erklärung.
Strophe II „Mein Sohn, es ist eine Nebelstreif.“
Strophe IV „In dürren Blättern säuselt der Wind.“
Strophe VI „Es scheinen die alten Weiden so grau.“

Dreimal redet der Erlkönig auf den Knaben ein. Nur der Knabe hört ihn.
Strophe III Er lädt das Kind zu schönen Spielen ein: „gar schöne Spiele
spiel ich mit dir.“
Strophe V Erlkönig erzählt von seinen schönen Töchtern; er erweitert
das Angebot.

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Strophe VII Erlkönig geht zur Tat über, da seine Verlockungen nicht
wirken.

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Darstellungsmittel

Goethe beschränkt sich auf einen kurzen Erzählteil je zu Anfang und zu Ende.
Mit knappen Worten beschreibt er die Ausgangssituation, den nächtlichen Ritt,
noch ohne irgendeinen Einbruch dämonischer Gewalten.
Ebenso kurz ist der Schluss, die Ankunft nach dem unheimlichen Ritt im
Gehöft: „ In seinen Armen das Kind war tot.“ Nichts wird durch die Erzählung
breit ausgewälzt.
Das dramatische Kernstück, der nächtliche Ritt, ist nur in Wechselreden auf
zwei getrennten Ebenen wiedergegeben, wie in einem sich zuspitzenden Dialog.
Der Erlkönig ist eine Kunstballade mit vorwiegend dramatischen
Darstellungsmitteln.

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Äußere Gestalt (Versbau, Strophenbau)

Die Ballade besteht aus acht Strophen. Jede Strophe hat vier Zeilen, die
paarweise reimen: a a b b. Die Verse enden jeweils betont (männlich). Der
Versfuß ist der Jambus. Jeder Vers hat vier Hebungen. Die Senkungen sind
unterschiedlich gefüllt:
Mein Sóhn, es íst ein Nébelstréif. gleichmäßige Füllung
Meine Mútter hát manch g´ülden Gewánd freie Füllung
Das Strophenende ist jeweils auch ein Satzende; der Satz springt nicht in den
nächsten Vers über. Auch das Versende fällt meistens mit einem Satzende oder
mit einem Sinneinschnitt, einer Pause, zusammen:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Versende und Satzende
Es ist der Vater mit seinem Kind; fallen zusammen.

Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Das Versende fällt mit
Und singen und wiegen und tanzen dich ein. einer Pause zusammen.

Dies alles sind strukturelle Merkmale der Volksballade und des Volksliedes.
Goethe hat diese Bauelemente bewusst benutzt.
Trotzdem ist der Erlkönig keine schlicht erzählte Ballade; dies zeigt schon der
kunstvolle, dramatisch gegliederte Aufbau, der auf eine Schlusspointe zielt.
Was dem Text Bewegung und Spannung gibt, ist der Rhythmus. Ruhig und
gleichmäßig sind das Sprechtempo und der Satzrhythmus im einleitenden

6
Erzählteil und in den beschwichtigenden Worten des Vaters. Unruhig, hastig
und von Pausen unterbrochen ist die ängstliche Rede des Sohnes:
Siehst, / Vater /, du den Erlkönig nicht? /
Den Erlernkönig / mit Kron und Schweif?/

Einschmiegsam, fast tänzelnd, ist die verführerische Redeweise des


Erlkönigs. Der Inhalt wird durch die Melodie des Satzes (Reihung von Verben)
verdeutlicht:
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und singen und tanzen dich ein.

Diese leicht schwingende Melodie wird erst abrupt unterbrochen, als der
Erlkönig zum letzten Mittel, zur Gewalt greift:
Und bist du nicht willig, // so brauch ich Gewalt.

Dazu kommt noch die unterschiedliche Redegeschwindigkeit, bald ruhig


erzählend, bald hektisch voranstürmend. Schon die Dialogform zeigt, dass diese
Ballade vorgetragen werden muss, am besten mit verteilten Rollen.

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Ansätze zu einer Interpretation


Die Ballade lässt sich in ihrem Ablauf als dramatische Szene beschreiben.
Das ist der erste Eindruck. Wenn man aber auf das Signalwort der
verführerischen Werbung oder tödlichen Zudringlichkeit aufmerksam wird,
dann öffnen sich noch weitere Perspektiven. Deshalb wäre es falsch, diese
Ballade nur in den Lesestoff der Primarstufe aufzunehmen. Ihre innere
Differenziertheit bietet viel aktuellen Diskussionsstoff, auch für die
Sekundarstufe.
Zunächst:
Der Vater lebt in einer Welt, deren Wirklichkeit vom Verstand bestimmt
wird. Er sucht für alles eine „natürliche“ Erklärung. Trotzdem überfällt ihn am
Schluss das Grausen; das Verhalten des Sohnes, die Fieberschübe beunruhigen
ihn. Nicht alles ist durch den Verstand zu erklären.
Mag die Begegnung des Sohnes mit dem Erlkönig auch einer Fieberfantasie
entspringen und das Ergebnis von Erzählungen sein, von Geistersagen, die der
Sohn gehört hat, - der Tod des (kranken) Kindes ist keine Ausgeburt der
Fantasie.
Im Text selbst bleibt die Deutung des Inhalts in der Schwebe. Die Ballade
beschränkt sich auf das Wesentliche, auf das eigentliche Geschehen zwischen
Wirklichkeit und Fantasie, das in einer dramatischen Steigerung erzählt wird.
Auch dies ist schon ein meisterhafter Kunstgriff.
Aber der Leser oder Hörer ist auch zu einem vielleicht weiterführenden
möglichen Interpretationsaspekt aufgefordert.
7
Und weiter:
In Herders Ballade mischt sich die Sage von den Elfen als dämonische
Zaubergeister mit dem Motiv der erotischen Verführung: Erlkönigs Tochter
möchte Ritter Oluf für sich gewinnen. Und weil er sich, in Treue zu seiner
Braut, den Verlockungen standhaft widersetzt, trifft ihn die eifersüchtige Rache
der Elfentochter.
In Goethes Ballade ist die erotische Konstellation eine ganz andere: Erlkönig
selbst, ein Mann in den Jahren (er hat Töchter), wirbt um den Knaben, er
versucht ihn durch Geschenke und Versprechungen an sich zu binden: „Gar
schöne Spiele spiel ich mit dir;“ Der Knabe ist verängstigt; er versteht diese
Verlockungen nicht. Er weiß nicht, was sie bedeuten. Die Angst vor dem
stürmischen Bedrängtwerden - „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;“
- unterdrückt die vielleicht pubertäre Neugier (wie manche Psychologen den
Text interpretieren). Und der Schluss: Verzweifelt (in der Ballade in tödlicher
Verzweiflung) ist der Knabe dem verführerischen Aufdringling hilflos
ausgeliefert.
Ob dies in Goethes kompositorischem Gedankengang schon explizit präsent
war, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist es ein Aspekt, dem der Text nicht
widerspricht; er drängt sich eher auf: Ein Knabe leidet unter der Erfahrung einer
gewaltsamen sexuellen Berührung („jetzt fasst er mich an!“), eines pädophilen
Missbrauchserlebnisses, das sich in seinem Unterbewusstsein bedrückend
festgesetzt hat, und von seiner Umwelt (hier dem Vater) nicht erkannt, nicht
ernst genommen wird, sondern wie ein Tabu - aus Respekt vor dem öffentlichen
Ansehen der heutigen „Erlkönige“ - verdrängt und verschwiegen wird, zu
Lasten der Opfer.

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Vergleich mit der Vorlage

Johann Gottfried Herder veröffentlichte 1778/79 unter dem Titel Volkslieder


eine Sammlung von Volksliedern und Volksballaden aus verschiedenen
Ländern. In dieser Anthologie steht auch die Ballade Erlkönigs Tochter, die auf
eine dänische Quelle zurückgeht.

Erlkönigs Tochter

Herr Oluf reitet spät und weit,


Zu bieten auf seine Hochzeitleut;

Da tanzen die Elfen auf grünem Land,


Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.

„Willkommen, Herr Oluf! Was eilst von hier?


Tritt her in den Reihen und tanz mit mir.“

„Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,


Frühmorgen ist mein Hochzeittag.“

„Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,


Zwei güldne Sporne schenk ich dir!

Ein Hemd von Seide so weiß und fein,


Meine Mutter bleicht's mit Mondenschein.“

„Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,


Frühmorgen ist mein Hochzeittag.“

„Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,


Einen Haufen Goldes schenk ich dir.“

„Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;


Doch tanzen ich nicht darf noch soll.“

„Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,


Soll Seuch und Krankheit folgen dir.“

Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,


Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.

Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd:


„Reit heim nun zu dein'm Fräulein wert.“

Und als er kam vor Hauses Tür,


Seine Mutter zitternd stand dafür.

„Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,

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Wie ist dein' Farbe blass und bleich?“

„Und sollt sie nicht sein blass und bleich,


Ich traf in Erlenkönigs Reich.“

„Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,


Was soll ich nun sagen deiner Braut?“

„Sagt ihr, ich sei im Wald zur Stund,


Zu proben da mein Pferd und Hund.“

Frühmorgen und als es Tag kaum war,


Da kam die Braut mit der Hochzeitschar.

Sie schenkten Met, sie schenkten Wein;


„Wo ist Herr Oluf, der Bräutigam mein?“

„Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund,


Er probt allda sein Pferd und Hund.“

Die Braut hob auf den Scharlach rot,


Da lag Herr Oluf, und er war tot.

Es gibt einige Vergleichspunkte, bei denen man annehmen kann, dass Goethe
sie in Erinnerung an Herders Ballade übernommen hat, zum Teil fast wörtlich.
Am auffallendsten sind die Abfolge der verführerischen Verlockung und das
Ende, aber in einer verschiedenen Personenkonstellation. Bei Herder ist es die
Elfentochter, die den jungen Mann kurz vor seiner Hochzeit bezirzt; bei Goethe
der Elfenkönig selbst, der einen Knaben bedrängt:

Goethe Herder

Der Erlkönig nähert sich dem Knaben Hier ist es Erlkönigs Tochter im
dreimal; er spricht mit dem Knaben, Reigen der Elfen, die mit dem Ritter
ohne dass der Vater es hört. spricht. Erlkönigs Tochter reicht ihm
die Hand.

I. I.
"Willst, feiner Knabe, du mit mir „Willkommen, Herr Oluf! Was eilst
geh'n? / Meine Töchter sollen dich von hier?
warten schön; / Meine Töchter führen Tritt her in den Reihen und tanz mit
den nächtlichen Reihn / Und wiegen mir.“
und tanzen und singen dich ein."
 
II. II.
„Manch bunte Blumen sind an dem „Zwei güldne Sporne schenk ich dir!

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Strand; Ein Hemd von Seide so weiß und fein,
Meine Mutter hat manch gülden Meine Mutter bleicht's mit
Gewand." Mondenschein.“

„Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit


mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.“

III. III.
"Ich liebe dich, mich reizt deine „Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit
schöne Gestalt; mir,
Und bist du nicht willig, so brauch' ich Soll Seuch und Krankheit folgen dir.“
Gewalt."

"Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er Sie tät einen Schlag ihm auf sein Herz,
mich an! Noch nimmer fühlt er solchen
Erlkönig hat mir ein Leids getan!" Schmerz.
 
Das Ende Das Ende
In seinen Armen das Kind war tot. Da lag Herr Oluf, und er war tot.

Goethe hat die Gesprächsebene verdoppelt. Die Rede des Erlkönigs hört nur
der Sohn. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn ist im Bereich der
„Wirklichkeit“, also real. Erlkönigs Werbung um den Sohn geschieht in der
Vorstellung des Sohnes, vielleicht in einer Fieberfantasie. Der Sohn spricht den
Erlkönig allerdings nicht an, sondern erzählt dem Vater nur davon.
Dies ist ein wichtiges Detail für die Interpretation. Herder bleibt mit seiner
Ballade ganz im Bereich der Sage; alles geschieht auf einer Ebene. Wirklichkeit
und Erzählung gehen ineinander. Goethe differenziert zwischen der
Erfahrungsebene des Vaters, der alles auf natürliche, d. h. logische Weise
erklären möchte, und der „sagenhaften“ oder fieberbedingten Erlebniswelt des
Sohnes. Herder erzählt in diesem Sinne einsträngig; Kernstück ist das Gespräch
zwischen der Elfentochter und Herrn Oluf. Goethe gibt der Situation mehrere
Perspektiven. Darin zeigt sich schon ein entscheidender Unterschied zwischen
der anonymen Volksballade, die Herder in seine Anthologie aufgenommen hat,
und der von einem Autor bewusst gestalteten Kunstballade.

Vergleichbar ist auch noch die Situation, der eilige Ritt, z. T. bis in die
Wortwahl:
Goethe Herder
Wer reitet so spät durch Nacht und Herr Oluf reitet spät und weit, …
Wind?

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Mögliche Aufgaben

Ich halte nicht viel von Lückentestformularen oder Ähnlichem. Es geht mir
um Textverständnis, sich anschließende Diskussion und eigenständige Meinung.
Was ich bisher geschrieben habe, sind Ansätze, mit denen die Lehrerin oder der
Lehrer ein Gespräch beginnen kann: von der ersten Aufforderung, die Abfolge
des Geschehens von Strophe zu Strophe zu beschreiben, bis zu der Frage: „Was
hat denn der Elfenkönig mit dem Knaben vor?“
Das ist ein langer Weg. Dazwischen liegen, fakultativ je nach Altersstufe,
Fragen zum rein technischen Aufbau der Ballade (Vers, Strophe, Bedeutung der
Dreizahl usw.) oder eine genaue Analyse der einfachen Satzstruktur
(Koordination statt Subordination) und der Wortwahl. Aber ich weiß, das ist gar
nicht so einfach bei den realen Grammatik-Kenntnissen.
Vielleicht auch etwas über die Zeit, in der Goethe lebte und diese Ballade
entstand. Und im Vergleich die eine oder andere Ballade von Schiller, in der
nichts von „naturmagischen“ Ansätzen zu finden ist, sondern von Revolution
gegen Standesdünkel die Rede ist (Der Handschuh).
Eine hilfreiche Auflockerung zur Annährung an den Text können auch die
vielen Parodien (sie finden sich im Überfluss im Internet) sein. Der Erlkönig
gehört zu den meist parodierten Texten der deutschen Literatur. Mir persönlich
hat eine Schlussversion am besten gefallen (Ich weiß aber nicht mehr, von wem
sie stammt: „War ja auch reichlich blöd von dem Alten, / das Kind des Nachts in
den Wind zu halten.“ Auch dies ist eine Annäherung an das Original.

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Anhang zu einzelnen Begriffen

Anapäst (griech. umgekehrt)


Der Anapäst ist ein antiker Versfuß. Wie der Name es schon andeutet, ist er ein
umgekehrter Daktylus. Er besteht aus zwei Kürzen bzw. Senkungen und einer Länge
bzw. Hebung. In der deutschen Literatur ist er nur selten zu finden: Und es wallet
und siedet und brauset und zischt, ... (Schiller: Der Taucher).

Daktylus (griech. Finger)


Der Daktylus ist ein antiker Versfuß; er ist mit den Gliedern eines Fingers zu
vergleichen. Er besteht aus einer Länge und zwei Kürzen; im Deutschen wird er mit
einer Hebung und zwei Senkungen dargestellt. Er war vor allem im Hexameter das
Versmaß der griechischen Epen (Homer: Ilias und Odyssee).
Goethe hat ihn in seinem Epos „Hermann und Dorothea“ nachzuahmen versucht:
Hab ich den Markt und die Straßen doch nie so einsam gesehen!
´x x x / ´x x x / ´x x x / ´x x / ´x x x /´x x

Enjambement (franz. Überschreitung)


Man spricht von einem Enjambement (auch: Zeilensprung), wenn ein Satz nicht mit
der Verszeile endet, sondern in die nächste Zeile „hinüberspringt“. Es entsteht eine
Spannung zwischen Satzbau und Versbau, zwischen inhaltlicher und metrischer
Gliederung; das starre metrische Gerüst wird aufgelockert.

Hebung
Im Deutschen wird das Versmaß nach der Anzahl der betonten Silben, nach den
Hebungen bestimmt. Man spricht von Dreihebern, Vierhebern usw. Jeder Versfuß
besteht aus einer Hebung und mindestens einer Senkung:

Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt, vier
Noch träumen Wald und Wiesen: drei
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt, vier Hebungen
Den blauen Himmel unverstellt, vier
Herbstkräftig die gedämpfte Welt vier
In warmem Golde fließen. drei
(Eduard Mörike)

Jambus (griech. Substantiv aus dem Verbum „schleudern). Der Jambus ist ein
antiker Versfuß; er besteht aus einer kurzen und einer langen Silbe; im Deutschen
aus einer unbetonten und einer betonten Silbe. Der Jambenvers wird nach den
Hebungen gezählt; in den Senkungen können auch zwei Silben stehen:

Es steht ein Baum im Odenwald, Jambischer Vierheber


Der hat viel grüne Äst; Jambischer Dreiheber
Da bin ich schon viel tausendmal Jambischer Vierheber
Bei meinem Schatz gewest. Jambischer Dreiheber
(aus: Des Knaben Wunderhorn)

Es war ein König in Thule Doppelte Füllung der dritten Senkung


Gar treu bis an das Grab, Jambische Dreiheber
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab. Doppelte Füllung der ersten Senkung
(Goethe: Der König in Thule)

13
Kadenz (lat. Substantiv aus dem Verbum „fallen“)
Mit Kadenz ist die metrische (Metrum) Form des Versendes gemeint. Ein Vers kann
mit einer betonten Silbe (Hebung) oder mit einer unbetonten Silbe (Senkung) enden,
manchmal auch mit Doppelfüllung in der Senkung. Endet der Vers mit einer
Betonung, z. B. bei jambischen Versen, dann spricht man von einem stumpfen oder
männlichen Versende. Endet der Vers mit einer unbetonten Silbe, z. B. bei
trochäischen Versen, dann spricht man von einem klingenden oder weiblichen
Versende. Die Bezeichnungen „männlich“ und „weiblich“ gehen auf die
französische Adjektivbildung zurück: petit und petite. Die Kadenz ist nicht an den
Reim gebunden; denn es gibt auch reimlose Gedichte. Beide Formen des Versendes
können unterschiedlich kombiniert werden:

Ich hab es getragen sieben Jahr durchgehend


Und ich kann es nicht tragen mehr! männliche
Wo immer die Welt am schönsten war, Kadenz
Da war sie öd’ und leer.
(Fontane: Archibald Douglas)

Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder, durchgehend


Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es weibliche
wider! Kadenz
Und den Fluss hinauf, hinunter, ziehn die Schatten tapfrer
Goten,
Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.
(August von Platen: Das Grab am Busento)

Ich wollt ein Sträußlein binden, weibliche und


Da kam die dunkle Nacht, männliche
Kein Blümlein war zu finden, Kadenz
Sonst hätt ich dir’s gebracht. alternierend
(Clemens Brentano)

Hexameter (griech. sechs Metren)


Der Hexameter ist durch die homerischen Epen das klassische Versmaß des antiken
Versepos geworden. Er besteht aus sechs Daktylen; im letzten Daktylus wird nur
eine Kürze besetzt. Bei den anderen Daktylen kann statt der zwei Kürzen auch eine
Länge stehen. Im deutschen Hexameter entsprechen die Längen und Kürzen
Hebungen und Senkungen:

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten


´x x x / ´x x x / ´x x x / ´x x x / ´x x x / ´x x
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
(Goethe: Reineke Fuchs)

Kreuzreim
Der Kreuzreim ist ein Endreim. In der vierzeiligen Volksliedstrophe hat er die
Reimfolge a b a b; die Reime kreuzen sich. Das Volkslied kennt ihn auch in der
Form des „halben“ Kreuzreims, bei dem nur die zweite und die vierte Zeile reimen:

Normaler Kreuzreim: „Halber“ Kreuzreim:

Füllest wieder Busch und Tal Dort oben auf dem Berge,
Still im Nebelglanz Das steht ein hohes Haus,
Lösest endlich auch einmal Da fliehen alle Morgen

14
Meine Seele ganz; (...) Zwei Turteltäublein raus. (...)
(Goethe: An den Mond) (Aus: Des Knaben Wunderhorn)

Metrum (griech. und lat. Maß)


Das Metrum ist die kleinste messbare und sich wiederholende Einheit im Vers;
mehrere Metren ergeben das Versmaß einer Verszeile oder einer Strophe. Eine
Verszeile kann einen gleichförmigen Aufbau mit nur einem Metrum haben; es
können in einer Verszeile aber auch verschiedene Metren miteinander verbunden
werden. Dies gilt auch für die Gestaltung einer Strophe.
In der antiken Verslehre bildeten zwei Jamben oder Trochäen, d. h. zwei Versfüße,
ein Metrum; der Daktylus und der Anapäst waren gleichzeitig ein Versfuß und auch
ein Metrum. Im Lauf der Geschichte und in den einzelnen Sprachen wurde und wird
das Metrum nach unterschiedlichen Kriterien „gemessen“ oder „gezählt“. In der
Antike wurde nach der Länge und Kürze der Silben gemessen, ähnlich wie in der
Musik. In den romanischen Sprachen entwickelte sich das System der reinen
Silbenzählung; die Anzahl der Silben bestimmte das Versmaß. In der deutschen
Sprache wird der Vers nach betonten (Hebung) und unbetonten (Senkung) Silben
gegliedert, trotzdem verwenden wir weiterhin die antiken Bezeichnungen.

Paarreim
Der Paarreim ist ein Endreim. Es reimen jeweils zwei Verse miteinander. Als
einfachste Reimform wird er häufig im Volkslied oder in der Balladendichtung
verwendet.

Hinunter ist der Sonne Schein a


Die finstre Nacht bricht stark herein. a
Leucht uns, Herr Christ, du wahres Licht, b
Lass uns im Finstern tappen nicht. b
(Nikolaus Hermann)

Trochäus (griech. laufend)


Der Trochäus ist ein antiker Versfuß. Er besteht aus einer langen und einer kurzen
Silbe. Nach antiker Zählung ergaben zwei Trochäen ein Metrum:

Meeres Stille In der deutschen Nachahmung besteht


er aus einer betonten (Hebung) und
Tiefe Stille herrscht im Wasser, einer unbetonten (Senkung) Silbe; in
Ohne Regung ruht das Meer, der Senkung können bisweilen auch
Und bekümmert sieht der Schiffer zwei Silben stehen. In der deutschen
Glatte Fläche rings umher. (...) Literatur kommt er vor allem als
(Goethe) trochäischer Vierheber vor.

Rhythmus (griech: Zeitfluss, sinnvolle Gliederung des Redeflusses)


Das Versmaß ist ein festes Gerüst, das den Strophenbau und die Gesamtkomposition
eines Gedichtes in sich wiederholenden Einheiten zusammenhält. Aber trotzdem
hören sich Gedichte mit gleichem Vers- und Strophenbau unterschiedlich an; das
liegt am Rhythmus. Er hält sich zwar an die „Baukonzeption“, aber er gestaltet sie
jeweils dem Inhalt entsprechend aus. Dies kann man sehr gut an zwei Gedichten
erläutern, die das gleiche Versmaß haben: jambischer Vierheber:

Der frohe Wandersmann Willkommen und Abschied

Wem Gott will rechte Gunst Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!
erweisen, Es war getan fast eh’ gedacht.
Den schickt er in die weite Welt; Der Abend wiegte schon die Erde,
Dem will er seine Wunder weisen Und an den Bergen hing die Nacht;

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In Berg und Wald und Strom und Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Feld. Ein aufgetürmter Riese, da,
(...) (Eichendorff) Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
(...) (Goethe)

Eichendorff, den Volksliedton Wenn man sich die Hebungen an den


nachahmend, ordnet den Redefluss Fingern abzählt, kommt man bei Goethes
seines Gedichtes in das metrische Gedicht auf die gleiche Zahl wie bei
Grundgerüst ein. Sätze oder Eichendorffs Gedicht. Auch das
sinnvolle Satzabschnitte fügen sich Reimschema hat den gleichen Aufbau.
in den Versbau; die Sinnpause Trotzdem hören sich beide Gedichte sehr
deckt sich mit dem Zeilenende. verschieden an. Bei Goethe ist das Tempo
Trotzdem ist das Gedicht nicht ein anderes – bald stürmende Unruhe, bald
eintönig. Der natürliche beobachtendes Verweilen. Die Verse laufen
Sprechrhythmus des Wanderers nicht gleichmäßig durch; sie haben Pausen,
fügt sich unauffällig in das Unterbrechungen. Der Redefluss greift von
vorgegebene Vers- und einem Vers in den nächsten (Enjambement).
Reimschema. Das gibt dem Doch diese temperamentvolle
volksliedhaften Text seine Ausgestaltung zerstört nicht das metrische
Leichtigkeit, seine Grundgerüst. Der Rhythmus widerspricht
„Leichtfüßigkeit“. nicht dem Versmaß, er lockert das Versmaß
nur auf, er gibt ihm eine eigene
„Interpretation“, die mit dem Inhalt
übereinstimmt.

Senkung
Im Deutschen wird der Umfang eines Verses zwar durch die Anzahl der Hebungen
bestimmt, aber die unbetonten Silben in den Senkungen sind notwendige
Ergänzungen im Versmaß; denn zum Sprechen gehört der Wechsel von Hebungen
und Senkungen. Im Gedicht hat dieser Wechsel eine gewisse Regelmäßigkeit; man
unterscheidet zwischen jambischem und trochäischem Wechsel:

Jambischer Wechsel: (x ´x) Trochäischer Wechsel: (´x x)

Die Mitternacht zog näher schon: Füllest wieder Busch und Tal
In stummer Ruh lag Babylon. Still mit Nebelglanz,
(Heinrich Hein: Belsatzar) Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;
(Goethe: An den Mond)

Die Senkungen können auch doppelt oder frei gefüllt werden.

Teilweise Doppelfüllung: Freie Füllung:

Es waren zwei Königskinder, Es kommen härtere Tage.


die hatten einander so lieb. Die aus Widerruf gestundete Zeit
(Volkslied) wird sichtbar am Horizont.
(Ingeborg Bachmann: Die gestundete
Zeit)

Sonett (ital. kleiner Tonsatz)


Das Sonett ist eine strophisch gegliederte, vierzehnzeilige Gedichtform, die im 13.
Jahrhundert in Italien entstand. Das Sonett hat einen festen Aufbau. In seiner
Grundform besteht es aus vier Strophen; es gliedert sich in zwei Vierzeiler
(Quartette) und zwei Dreizeiler (Terzette). Die Anordnung des Reims kann über

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mehrere Strophen gehen. Neben der Grundkombination (abba / abba / cdc / dcd) gibt
es weitere Varianten. Dem strengen Aufbau entspricht ein kunstvoll gegliederter
Inhalt unterschiedlicher Thematik. Hervorgehoben ist oft die Schlusszeile; sie ist das
pointierte Ergebnis der vorausgehenden Bilder. Viele Gedichte von Gryphius sind
Sonette: Es ist alles eitel – Tränen des Vaterlandes.

Strophe (griech. Wendung)


Der Begriff stammt aus der griechischen Antike; er meinte die Hinwendung des
Chors – beim Vortrag eines Liedes – zum Altar der Gottheit, der dieses Festgedicht
gewidmet war. Diese „Choreographie“ hatte eine gewisse, sich wiederholende
Regelmäßigkeit. Darauf greift die heutige Bedeutung des Begriffs „Strophe“ zurück.
Die Strophe ist eine Anordnung von Versen, die sich in einem Gedicht nach einer
bestimmten, erkennbaren Gliederung regelmäßig wiederholt. Der Strophenbau kann
innerhalb eines Gedichtes gleich sein und sich wiederholen. Die regelmäßige
Wiederholung des Strophenbaus ist vor allem beim gesungenen Lied wichtig; denn
ein veränderter Strophenbau würde sich nicht in die Melodie des Liedes fügen. In
einem Gedicht können aber auch verschiedene Strophenformen nach einem
Gesamtplan angeordnet sein, z. B. im Sonett oder bei den freien Rhythmen.

Vers (lat. Furche, Zeile)


Nach der Herkunft des Wortes wird der Vers mit einer Ackerfurche verglichen. Wie
eine einzelne Ackerfurche noch keinen Sinn hat, sondern erst mehrere gezogene
Furchen, so wird auch der Vers erst in Verbindung mit anderen Versen ein sinnvolles
Gebilde. Dieser Vergleich ist für die Erklärung sehr hilfreich. Zum einen: Die
Furchen können nicht willkürlich über den Acker gezogen werden. Um Reihen für
die Saat zu bilden, müssen sie sinnvoll zueinander angeordnet sein. Zum anderen:
Die Furchen können nicht einmal breit und einmal eng gezogen sein. Ähnliches lässt
sich auch über den Vers sagen. Wie der gepflügte Acker noch nicht das erntereife
Feld ist, so kann auch der Vers nur die vorbereitende, die formale Bedingung für ein
Gedicht sein.
► Verse haben eine bestimmte Länge, die sich entweder wiederholt oder innerhalb
einer Strophe nach einem bestimmten Plan abwechselt.
► Der Vers ist gekennzeichnet durch die Anzahl seiner Hebungen, die regelmäßig
wiederkehren. Die Senkungen können einfach oder mehrfach gefüllt sein.
► Verse können mit einer betonten oder einer unbetonten Silbe beginnen (Auftakt).
Dies hat Einfluss auf den Versfuß, das Metrum und das Vermaß.
► Verse enden mit einer betonten oder unbetonten Silbe (Kadenz). Für die Abfolge
innerhalb einer Strophe gibt es verschiedene Kombinationsmöglichkeiten, die bei
gereimten Gedichten vom Reim abhängen.
► Der metrische Ablauf des Verses ist nicht nur durch regelmäßig wiederkehrende
Hebungen und Senkungen strukturiert, sondern auch durch Pausen (Zäsur) und
Sprechblöcke, die nach einem erkennbaren System auftreten.
► Der reine Zeilenstil, d. h. die Übereinstimmung von Verslänge und Satzlänge
kann sehr eintönig wirken oder einfach wie im Volkslied. In kunstvollen Versformen
„springt“ der Satz über das Versende in die nächste Zeile (Enjambement); dies
erzeugt Spannung zwischen Versbau und Satzmelodie.
► Wenn man von Versen und Gedichten spricht, denkt man sofort an den Reim,
besonders an den Endreim. Der Reim ist aber kein notwendiger Bestandteil eines
Gedichtes; es gibt auch reimlose Gedichte (freie Rhythmen).

Versfuß
Der Versfuß ist der kleinste Baustein für das Metrum und das Versmaß. Die
häufigsten Versfüße sind der Jambus, der Trochäus und der Daktylus; seltener ist im
Deutschen der Anapäst.

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Versmaß
Das Versmaß ist eine geordnete Kombination von Versfüßen, die den Charakter des
Verses bestimmt und sich in geregelter Weise in mehreren Versen wiederholt. Die
Verse können entweder durchgehend gleich gebaut sein oder innerhalb einer Strophe
unterschiedlich strukturiert sein:

Kleine Blumen, kleine Blätter Die Strophe besteht aus vier Zeilen mit
Streuen mir mit leichter Hand jeweils vier Hebungen. Alle Verse
Gute junge Frühlings-Götter beginnen mit einer betonten Silbe. Das
Tändelnd auf ein luftig Band. Versmaß besteht aus Trochäen. Zwei
(Goethe: Mit einem gemalten Zeilen enden betont, die vom Versmaß
Band) gedachte letzte Senkung fällt aus:
trochäischer Vierheber.

In einem kühlen Grunde Die Strophe besteht aus vier Zeilen mit
Da geht ein Mühlenrad, jeweils drei Hebungen. Alle Verse
Mein’ Liebste ist verschwunden, beginnen mit einer unbetonten Silbe.
Die dort gewohnet hat. Das Versmaß besteht aus Jamben.
(Eichendorff: Das zerbrochene Zwei Zeilen enden über die letzte
Ringlein) Hebung hinaus mit einer zusätzlichen
unbetonten Silbe: jambischer
Dreiheber.

Volkslied
Volkslieder sind Texte, die man gemeinsam sang; sie wurden von Generation zu
Generation mündlich weitergegeben und auch verändert oder um neue →Strophen
erweitert. Meist haben sie einen einfachen Aufbau. Goethe und die Romantiker
haben den einfachen Ton des Volksliedes vielfach nachgeahmt. Achim von Arnim
und Clemens Brentano gaben 1805 die bekannteste Volksliedersammlung heraus:
Des Knaben Wunderhorn. In ihr sind anonyme Volkslieder und Gedichte im
Volksliedton von namentlich bekannten Autoren versammelt:

Mündliche Überlieferung: Friedrich Spee

Wassernot Frühlingsbeklemmung

Zu Koblenz auf der Brücken Der trübe Winter ist vorbei,


Da lag ein tiefer Schnee, Die Kranich wiederkehren,
Der Schnee, der ist verschmolzen, Nun reget sich der Vogelschrei,
Das Wasser fließt in See. (...) Die Nester sich vermehren; (...)

Volksliedstrophe
Die Volksliedstrophe ist in ihrer häufigsten Form eine vierzeilige Strophe. Die Verse
sind jambische Dreiheber (Jambus) mit Kreuzreim; sie enden abwechselnd weiblich
und männlich. Wortwahl und Satzbau sind einfach; mit dem Versende fällt meist
auch eine Pause im Satz zusammen. Seit Herders und Goethes Begeisterung für die
Volksdichtung haben Dichter immer wieder im „Volksliedton“ gedichtet.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, a weiblich


Dass ich so traurig bin; b männlich Kreuzreim
Ein Märchen aus uralten Zeiten, a weiblich Drei Jamben
Das kommt mir nicht aus dem Sinn. b männlich
(Heinrich Heine)

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