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Thema 1: Erwachsenwerden

Aufgabe 1

Nesthocker überfüllen Hotel Mama


Verfassen Sie einen Kommentar.

Situation: Nachdem Sie maturiert haben, stellt sich die Frage, ob Sie weiterhin bei
Ihren Eltern wohnen sollen oder nicht. Deshalb interessiert Sie der Bericht Nesthocker
überfüllen Hotel Mama aus der Wiener Zeitung. Er bietet die Textgrundlage für einen
Kommentar, den Sie für die Maturazeitung schreiben.

Lesen Sie Petra Tempfers Bericht Nesthocker überfüllen Hotel Mama aus der Tagezeitung Wiener
Zeitung vom 14. September 2010 (Textbeilage 1).

Verfassen Sie nun den Kommentar und bearbeiten Sie dabei die folgenden Arbeitsaufträge:

n Benennen Sie die in der Textbeilage dargestellte Thematik.


n Analysieren Sie die Gründe, die junge Erwachsene dazu bewegen, das Elternhaus nicht zu
verlassen.
n Bewerten Sie diese gesellschaftliche Entwicklung aus persönlicher Sicht.

Schreiben Sie zwischen 405 und 495 Wörter. Markieren Sie Absätze mittels Leerzeilen.

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Aufgabe 1/Textbeilage 1

Nesthocker überfüllen Hotel Mama


Immer mehr Nachwuchs zieht einfach nicht von zu Hause aus – unsicherer Arbeitsmarkt trägt Hauptschuld

Von Petra Tempfer Papa“, meint die Entwicklungs- Bundes- und nicht wie bisher auf
psychologin Christiane Papaste- Landesebene. Erst im Vorjahr ist
n 
Gut zwei Drittel der 20- bis fanou dazu. Bereits mit Beginn das Österreichische Institut für
24-Jährigen leben bei den El- der 80er stieg das Auszugsalter Jugendforschung in Wien-Leo-
tern. der Kinder in den USA deutlich poldstadt nach 50-jährigem Be-
n 
Forderung nach mehr Geld an. Derzeitiger Spitzenreiter ist stehen geschlossen worden. Biffl
für die Jugendforschung. Italien, wo noch 30 Prozent der beklagt, dass nun zu wenig Gelder
n 
Vorprogrammierter Genera- 30-Jährigen den Komfort im Ho- in die Jugendforschung fließen.
tionenkonflikt. tel Mama genießen. „Die Jugendforschung ist gut auf-
Als Ursache führt Papastefanou gestellt. Es gibt keinen Mangel
Wien. „Die Wäsche liegt gebügelt neben der Verdrängung autori- an Expertise, weil sich ein brei-
im Schrank, der Kühlschrank ist tärer Erziehungsstile die voran- tes Spektrum an Anbietern von
immer voll“, zählt Florian P. die schreitende Bildungsexpansion grundlagen- und anwendungs-
Vorzüge auf, die sein Leben zu an. Immer längere Ausbildungs- orientierter Forschung entwickelt
Hause bei den Eltern mit sich zeiten und oft anfänglich befris- hat“, kontert Volker Hollenstein,
bringt. Kinder wissen diesen tete Arbeitsverhältnisse würden ein Sprecher des Büros von Wirt-
Komfort oft nicht zu schätzen – die ökonomische Abhängigkeit schafts- und Familienminister
Florian P. schon. Ist er doch seit von den Eltern verlängern. „Nicht Reinhold Mitterlehner. Überdies
nunmehr 24 Jahren noch nicht aus die Bequemlichkeit, sondern könne jeder Jugendforscher Pro-
seinem Kinderzimmer ausgezogen die Unsicherheit am Arbeits- jektförderungen beantragen.
und geht jeden Tag nach dem ge- markt trägt die Hauptschuld In den Zeiten der allgemeinen
meinsamen Frühstück in die nahe am steigenden Nesthocker- Desorientierung und wirtschaft-
Schule, um hier zu unterrichten. Trend“, pflichtet ihr Wirtschafts- lichen Rezession bietet jedenfalls
Florian P. ist bei weitem kein forscherin Gudrun Biffl bei. häufig die Familie einen wichti-
Einzelfall mehr. Vielmehr ist ein „Durch diese unstabilen Arbeits- gen emotionalen Rückhalt – das
klarer Trend zum Nesthocker zu markt-Perspektiven fürchten vie- Dasein als Nesthocker bringt
erkennen, wie aus der Statistik le Junge, sich eine Wohnung auf aber auch Nachteile mit sich. Der
Austria hervorgeht. Demnach Dauer nicht leisten zu können“, Wunsch nach Selbständigkeit ist
lebten im Vorjahr 67,5 Prozent fährt sie fort. Laut Papastefanou bei Spätausziehenden laut Papas-
der männlichen und 50,9 Prozent war jeder fünfte Nesthocker be- tefanou weniger stark ausgeprägt,
der weiblichen 20- bis 24-Jährigen reits ausgezogen und kehrte nach sie gelten als „unvollständig abge-
bei den Eltern, was 61,3 Prozent plötzlicher Arbeitslosigkeit ins löst“. Die Fragen „Wo gehst Du
dieser Altersgruppe entspricht. Elternhaus zurück. hin?“ oder „Mit wem triffst Du
1971 waren es noch 41,7 Prozent. Dich?“ rutschen Müttern ganz
„Während es junge Menschen in Lösungswege finden von alleine über die Lippen. „Bei-
den 70er-Jahren früh in die Un- Um dieses wachsende Dilem- de Seiten laufen Gefahr, typischen
abhängigkeit zog, froh, endlich ma der heutigen Jugend besser Eltern-Kind-Mustern verhaftet
der häuslichen Kontrolle zu ent- beleuchten zu können und Lö- zu bleiben, die nicht altersange-
fliehen, lebt heute ein beträchtli- sungswege zu finden, muss laut messen sind.“
cher Teil junger Menschen glück- Biffl verstärkt Jugendforschung
lich und zufrieden bei Mama und betrieben werden – und zwar auf
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Ohne Eltern ganz allein bracht. Erst wenn diese alt und teres Problem. „Falls meine Eltern
Obwohl die Nesthocker dabei vielleicht zum Pflegefall werden, sterben, stehe ich völlig alleine
nicht generalisiert werden dürften wendet sich das Blatt. Wenn dann da“, ist sich etwa Florian P. be-
und sich nicht alle stets bedienen ein Kind noch immer zu Hause wusst. Sein Kinderzimmer will er
ließen, würden von den Eltern wohnt und keine Familie gegrün- daher so bald wie möglich gegen
immense Arbeitsleistungen er- det hat, erwächst daraus ein wei- ein eigenes Zuhause tauschen. n

Quelle: http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/panorama/chronik/225093_Nesthocker-ueberfuellen-
Hotel-Mama.html [05.02.2014]

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Thema 2: Großeltern
Aufgabe 1

Familiengeschichte: „Tor in eine fremde Welt“

Verfassen Sie eine Zusammenfassung.

Situation: Sie arbeiten ehrenamtlich für den Verein FAMILY, der neben anderen Dienst-
leistungen für Familien auch sogenannte Leihomas und Leih­opas für die Kinderbe-
treuung zur Verfügung stellt. Da die Nachfrage nach dieser Art der Betreuung wächst,
möchten Sie das Thema ‚Großeltern‘ genauer beleuchten und schreiben dazu eine
Zusammenfassung für den aktuellen Newsletter des Vereins. Sie stützen sich bei Ihren
Ausführungen auf ein Interview mit dem Historiker Erhard Chvojka.

Lesen Sie das Interview Familiengeschichte: „Tor in eine fremde Welt“ mit Erhard Chvojka aus der
Online-Ausgabe der deutschen Wochenzeitung Die Zeit vom 26. Dezember 2011 (Textbeilage 1).

Verfassen Sie nun die Zusammenfassung und bearbeiten Sie dabei die folgenden Arbeitsaufträge:

n Geben Sie einleitend die Kernaussagen des Interviews wieder.


n Beschreiben Sie die geschichtliche Entwicklung der Bedeutung der Großelterngeneration.
n Erläutern Sie die Gründe, die Erhard Chvojka für den Wandel der Großelterngeneration ver­
antwortlich macht.

Schreiben Sie zwischen 270 und 330 Wörter. Markieren Sie Absätze mittels Leerzeilen.

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Aufgabe 1/Textbeilage 1

Familiengeschichte

„Tor in eine fremde Welt“


Die Großelternrolle ist eine Erfindung der Neuzeit, sagt der Wiener Historiker Erhard Chvojka.

Von Alina Schadwinkel versteht Familie erstmals als emo- gangenheit. Diese Prägung ist bis
tional intensiv verbundene Grup- heute zu spüren.
DIE ZEIT: Großeltern als selbst- pe. Dass die Großeltern sich in ZEIT: Was hat sich noch gewandelt?
verständliche Familienmitglieder, diese Ideologie der Kleinfamilie Chvojka: Die Distanz ist ge-
war das schon immer so? einfügten, davon zeugen Lebens- schwunden. Die Alphabetisie-
Erhard Chvojka: Nein, im Gegen- berichte der damaligen Zeit – rung ermöglichte Briefwechsel,
teil! Einen Großvater oder eine etwa von Großvätern, die für ihre später kam das Telefon hinzu,
Großmutter zu erleben, war lange Enkel Spielzeug anfertigen lassen. und heute hilft das Internet,
Zeit eine exotische Sache. Zwar Stück für Stück drang dieses Bild den Kontakt aufrechtzuerhalten.
gab es durchaus Menschen, die in alle Milieus. Was früher fast undenkbar war
recht alt wurden. Aber die Zahl ZEIT: ... und wurde zum Klischee? – kurz einmal die Großeltern in
der 70- oder 80-Jährigen war sehr Chvojka: In gewisser Weise schon. der Nachbarstadt zu besuchen –,
klein. Und anders als wir heute Es war eine herausfordernde ist heute selbstverständlich. Ich
glauben, lebten die Generatio- Aufgabe. Man musste den Rah- vermute einmal, dass sich dieser
nen keineswegs alle unter einem menbedingungen des Leitbilds Trend noch fortsetzt.
Dach. Bei Bauernfamilien war das entsprechen und dennoch etwas ZEIT: Inwiefern?
so, bei Handwerkern mussten die Eigenes daraus machen. Chvojka: Dadurch, dass ältere
Enkelkinder hingegen als Gesel- ZEIT: Haben sich die Großeltern Menschen heute körperlich ge-
len in die Ferne gehen – oft sahen auf dem Land und in der Stadt sünder und mobiler sind, können
sie ihre Großeltern nie wieder. damals unterschieden? sie bei der Erziehung helfen oder
ZEIT: Und bei Kindern, die zu Chvojka: Durch die Verstädte- diese sogar übernehmen. Zudem
Hause blieben? rung lebten die Generationen oft verschwimmen die Grenzen zwi-
Chvojka: Enkel und Großeltern getrennt voneinander. Die Kinder schen den Generationen. 70-Jäh-
kannten sich, schrieben der Be- der Industriearbeiterschaft wohn- rige sehen heute wesentlich jünger
ziehung aber keine besondere ten in der Stadt, ihre Großeltern aus als früher und unterscheiden
Bedeutung zu. Niemand zu dieser noch auf dem Land. Diese wur- sich in ihren Interessen nicht
Zeit hat von „Oma“ und „Opa“ den so zu einem Tor in eine an- mehr grundsätzlich von jüngeren
gesprochen, auch nicht von En- sonsten fremde Welt. Erst Mitte Altersgruppen. Enkel und Groß-
keln. Diese emotional starken Be- des 20. Jahrhunderts war die Be- eltern kommen sich so näher
griffe setzten sich erst Mitte des wegung abgeschlossen. und können entspannte, gerade-
18. Jahrhunderts durch. Das klas- ZEIT: Wie hat das Trauma zweier zu freundschaftliche Bindungen
sische Rollenbild der Großeltern Weltkriege die Generationenbe- aufbauen. Auch dass Enkel ihre
entstand erst vor rund 250 Jahren. ziehungen geprägt? Großeltern über eine lange Zeit-
ZEIT: Woran machen Sie das fest? Chvojka: Die Großeltern wur- spanne erleben, wird die Bindung
Chvojka: An den zahlreichen Dar- den plötzlich als Repräsentanten zwischen den Familienmitglie-
stellungen von Großeltern und der Geschichte wahrgenommen. dern weiter stärken.
Enkelkindern, die sich besonders Während Oma und Opa im 19. ZEIT: Aber das gilt doch nicht für
innig zugetan sind – in der Kunst, J­ ahrhundert Märchenerzähler alle Großeltern! Erleben wir, wie
in Schulbüchern und Ratgebern. waren, fragten die Enkel nun be- ein altes Klischee von einem neu-
Das aufkommende Bürgertum wusst nach der tatsächlichen Ver- en verdrängt wird?
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Chvojka: Die Erfahrungen, die ferenziert sich extrem. Einige wer- Beziehungen zu beginnen und ih-
Enkelkinder mit ihren Großeltern den schnell zum Versorgungsfall ren Hobbys nachzugehen. Mitun-
machen können, haben heute eine für ihre Kinder, also die Eltern ih- ter bleibt da gar nicht unbegrenzt
große Bandbreite. Denn der Le- rer Enkel. Andere nutzen die Zeit Zeit für die Enkelkinder.  n
bensstil der über 60-Jährigen dif- der Rente zum Reisen, dazu, neue

Quelle: http://www.zeit.de/2011/52/Grosseltern-Entwicklung [05.02.2014]

Infobox
Erhard Chvojka ist Historiker. Er war zwischen 2003 und 2013 Direktor der Wiener Urania und ist
unter anderem Verfasser der Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert
(Wien: Böhlau Verlag, 2003).