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03 – TURMBAU ZU BABEL IN SÜDTIROL

Zur Entstehung des Vallo Alpino del Littorio

Ende der 1920er Jahre begann unter italienischen Militärstrategen eine Diskussion darüber, wie die
Landesverteidigung an Italiens Alpengrenze aussehen sollte. Die traumatischen Erfahrungen aus
dem ersten Weltkrieg saßen noch tief und beeinflussten das Bedrohungsszenario, nach dem sich die
Vorstellung über die Befestigung der Alpen orientierte. Allerdings war man sich über die
Ausformung und den Umfang des Verteidigungssystems so uneinig, dass keine eindeutige Linie
sichtbar wurde und der VAL schon zur Zeit seiner Errichtung weder klar definiert noch auf der
Höhe der Zeit war. Der epische Umfang seiner Planungen spiegelte jedenfalls die von
heroisierender Übertreibung geprägte Rhetorik der Zeit.

Da die Spannungen zu den Nachbarländern Frankreich und Jugoslawien Italien besorgten, wurde
bereits anfangs der 1930er Jahre mit dem Bau erster Verteidigungsanlagen an den Grenzen
begonnen. Ein Grenzschutz zur Schweiz und zu Österreich schien hingegen nie notwendig. Mit dem
österreichischen Machtwechsel von 1934 änderte sich das jedoch schlagartig, sodass auch hier erste
Maßnahmen zur Grenzsicherungswurden getroffen wurden. Der Anschluss Österreichs ans
Deutsche Reich 1938 war der Startschuss dafür, an der sog. Nordgrenze ein
Verteidigungssystem im großen Stil zu planen, dessen Umsetzung Ende 1939 beginnen sollte.
Ein Verteidigungsapparat gegen einen Verbündeten sollte ein europäischer Einzelfall bleiben und
dem Misstrauen des faschistischen Italien geschuldet sein, das die Planung des im Volksmund mit
Linea non mi fido bezeichneten Verteidigungswalls vorantrieb. Im politischen und
ideologischen Sinn wurde er Vallo Alpino del Littorio (VAL) genannt.
[ABB. CARTA D'ITALIA]

Schneller als es den Generälen lieb war, holte die Realität den VAL ein. Der Bündnispartner hatte
die Arbeiten genau im Blick und protestierte, was zu mehreren Unterbrechungen und heimlichen
Wiederaufnahmen der Arbeiten führte. Zudem machten aktuelle Kriegserfahrungen deutlich, wie
veraltet der VAL war: Das als zentrale Waffe angesehene Maschinengewehr war gegen die schwer
gepanzerten Fahrzeuge der neuen Kriegsführung völlig ineffizient. Eilig versuchte man noch
während des Baus Anpassungen vorzunehmen, doch auch die Umsetzung stockte massiv: Das
Bauvorhaben war weder in materieller noch finanzieller Hinsicht realisierbar und der Bedarf an
Arbeitskräften konnte zu Kriegszeiten nicht gedeckt werden.
Auf Druck des Duce stellte das Heer 1942 interne Untersuchungen zum VAL an und kam zum
Schluss, dass der Verteidigungsapparat in keiner Weise den Aufgaben der Grenzsicherung
standhalten konnte.
Hinzu kam die unkoordinierte Vorgehensweise beim Bau, die flächendeckend zu unterschiedlichen
Ausbaustadien führte; so kam es auch vor, dass unwichtige Seitentäler besser befestigt waren als die
Hauptverkehrsachsen.
[TABELLEN Stato lavori & VAL]

Von den ursprünglich ca. 44-46 Sperren, die für Südtirol geplant waren, wurden bis zum
endgültigen Abbruch der Arbeiten im Herbst 1942 nur 26 Sperren teilweise umgesetzt. Von 733
oder 806 geplanten Bunkeranlagen wurden nur 306 im Rohbau fertiggestellt, weitere 135
Baustellen blieben unvollendet.

Die Entstehungsgeschichte des VAL ist die Geschichte eines kolossalen Scheiterns und einer
unvergleichlichen Verschwendung von Ressourcen. Für seinen ursprünglichen Zweck tat das
Bauwerk nicht einen Tag lang Dienst und wurde schon vor seiner Fertigstellung überflüssig: bei der
Besetzung Norditaliens durch das Deutsche Reich wurde kein einziger Befehl gegen die
einfallenden deutschen Truppen erteilt, und alle Anlagen gingen bis auf minimale Ausnahmen
kampflos an den Besatzer über  zum Glück im Unglück für die Bevölkerung, der auf diese Weise
zusätzliche Leiden und Traumata sowie Zerstörungen durch Kampf und Krieg erspart blieben.