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Fridays for Future. Vom Phänomen Greta Thunberg, medialer Verkürzung und
geschickter Mobilisierung: Zwischenbilanz eines Höhenflugs

Article  in  Internationale Politik · July 2019

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Dieter Rucht Moritz Sommer


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Fridays for Future

Fridays for Future


Vom Phänomen Greta Thunberg, medialer Verkürzung und geschickter
­Mobilisierung: Zwischenbilanz eines Höhenflugs

Von Dieter Rucht und Moritz Sommer

F ridays for Future (im Weiteren


F4F) muss man nicht mehr vor-
stellen. Diese politische Kampagne ist
ment in jungen Jahren das generelle
Interesse an gesellschaftlichen und
politischen Fragestellungen und wirkt
in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. sich auf das spätere Engagement aus.
Wie kann es sein, dass eine Gruppie- Ob F4F auch greifbare Resultate in
rung, die überwiegend von politisch der Klimaschutzpolitik erzielt, bleibt
wenig erfahrenen Schülerinnen und abzuwarten. Für die Protest- und Be-
Schülern getragen wird und in der wegungsforschung bietet die Kampag-
schon länger bestehende Organisatio- ne insofern eine Herausforderung, als
nen nur eine randständige Rolle ein- sich an diesem Fall Tauglichkeit und
nehmen, binnen kurzer Zeit einen Grenzen gängiger Erklärungskonzep-
derart phänomenalen Aufstieg erlebt? te überprüfen lassen.
Immerhin ist die Kampagne in vielen
Ländern präsent und ihre Vertrete- Erklärungsversuche
rinnen – allen voran Greta Thunberg Einzelne Politiker und Journalistin-
– sprechen auf nationalen und inter- nen haben meist ad hoc diverse Er-
nationalen Konferenzen; sie kann bei klärungen für den kometenhaften
herausgehobenen Anlässen allein in Aufstieg der Kampagne angeboten. In
Deutschland mehrere Hunderttau- diesem Zusammenhang werden vor
send Teilnehmer auf die Straße brin- allem fünf Faktoren genannt: (1) Gre-
gen; sie hat eine außerordentliche Me- ta Thunberg als ein Rollenmodell,
dienpräsenz erlangt, ein sehr erfolg- (2) die Attraktivität des Protests als
reiches Agenda-Setting betrieben und eine Sache von „Schulschwänzern“,
wird von einer breiten Welle der Sym- (3) die Anziehungskraft schlichter
pathie getragen. F4F politisiert vor al- Forderungen an einen in seiner Kom-
lem Teile der Jüngeren. Wahrschein- plexität schwer zu durchschauenden
lich steigert ein derartiges Engage- ­Politikbetrieb, (4) die Mobilisierungs-

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Klima

effekte von auf digitaler Kommunika- vollziehenden Ausstieg aus der Atom-
tion beruhenden sozialen Netzwerken kraft eines ihrer zentralen Ziele er-
und (5) die Rolle von externen „Strip- reicht hat und damit frei gewordene
penzieherinnen“, welche die jungen Energien im Sinne eines „movement
und unbedarft erscheinenden Protes- spillover“ auf ein anderes Terrain len-
tierenden vermeintlich manipulieren. ken konnte.
Für jede dieser Deutungen ließen Verstärkt wurde die Aufmerk-
sich vereinzelte Belege beibringen. Al- samkeit für die Klimafrage durch den
lerdings, so unsere These, handelt es Streit um den Abbau von Braunkohle
sich um Erklärungen, die monokausal in den verbleibenden Tagebaustätten
wenig erhellen und wichtige Faktoren Deutschlands. Insbesondere der Kon-
außer Acht lassen. Wir betonen dage- flikt um das Hambacher Kohlerevier
gen das Zusammenwirken von Fakto- entwickelte sich zum Brennpunkt mit
renbündeln. Dabei blicken wir in ers- bundesweiter Aufmerksamkeit. Aus-
ter Linie auf den deutschen Fall. gehend von diesem lokalen Konflikt
ließ sich unschwer ein Bogen span-
Der (Resonanz-)Boden nen zu Fragen der nationalen Ener-
Die Klimapolitik als drängendes, aber gie- und schließlich der globalen Kli-
politisch umstrittenes Feld wurde maschutzpolitik. Es war dieser Kon-
über die engeren wissenschaftlichen fliktherd, der vermutlich zur Einset-
wie politischen Fachkreise hinaus im- zung der Kohlekommission durch
mer mehr auch in der breiten Öffent- die Bundesregierung und zu dem Be-
lichkeit diskutiert. Dazu beigetragen schluss beigetragen hat, bis 2038 auf
haben Befunde und Warnungen des den Energieträger Braunkohle zu
Weltklimarats und nationaler For- ­verzichten.
schungseinrichtungen, enttäuschte Zeitgleich entwickelte sich ausge-
Erwartungen an frühere Klimakon- hend vom sogenannten Dieselskan-
ferenzen (insbesondere Kopenhagen dal eine grundsätzliche Debatte um
2009), der globale Durchbruch auf die Verkehrspolitik, die Besteuerung
der Pariser Klimakonferenz von 2015, unterschiedlicher Energieträger und
aber auch die Leugnung des Klima- die Förderung energietechnischer In-
wandels durch US-Präsident Trump novationen, die ebenfalls Brücken-
und seine Entscheidung, aus dem Pa- schläge zur Klimaschutzpolitik und
riser Abkommen auszusteigen – eine Klimabewegung erlaubte. Mit diesen
Position, die von mehreren rechts- Entwicklungen war insbesondere in
populistischen Parteien, so auch der Deutschland der Boden für eine Kam-
AfD, geteilt wird. Damit wurden die pagne wie F4F bereitet.
öffentliche Aufmerksamkeit und der
Streit um die Klimaproblematik zum Der Zünder Greta Thunberg
Dauerbrenner. Der zunächst durchgängige, dann wö-
Die Resonanz des Klimathemas in chentliche „Schulstreik“ der Schwe-
Deutschland verdankt sich auch dem din Greta Thunberg war für Massen-
Sachverhalt, dass hierzulande eine re- medien auch wegen der Konstellati-
lativ starke, gut organisierte Ökologie- on David gegen Goliath von großem
bewegung besteht, die mit dem poli- ­Interesse. Zum Zweiten agierte Thun-
tisch beschlossenen und bis 2022 zu berg zunächst im Alleingang. Zum

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Fridays for Future

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Dritten erstaunte sie durch die pa- Unterschied zu vielen anderen Be-
radoxe Verbindung eines kindlichen wegungen widerstand sie der Gefahr,
Erscheinungsbilds mit einem selbst- sich thematisch zu verzetteln und
bewussten, aber nicht selbstverlieb- letztlich zu lähmen.
ten Auftreten. Ein weiterer Vorteil: F4F wird
Ihre eigene Generation sprach nicht als Koalition der Neinsager
Thunberg in dreifacher Rolle an: als wahrgenommen, sondern beharrt
verletzlich wirkende junge Person, als auf der Einhaltung von Zielen, auf
Schülerin, die sich der Schulpflicht im die sich die internationale Staaten-
Namen eines höheren Zieles verwei- gemeinschaft vertraglich verpflich-
gert, und als kompromisslose Mah- tet hat. Damit offenbart sie die man-
nerin, die allen Erwachsenen ins Ge- gelnde Handlungsbereitschaft der
wissen redet. Ihre medienwirksamen Entscheidungsträger in der Klimapo-
Auftritte verdeutlichten die Bedeu- litik. Der unbescheidene Gestus der
tung jugendlichen Engagements auch „Rettung der Zukunft“ ist verbunden
für bisher wenig politisch interessier- mit der systemimmanent und pragma-
te Schülerinnen. tisch erscheinenden Forderung, den
Anstieg der Erderwärmung bis zu ei-
Die konkrete Zielsetzung nem absehbaren Datum auf möglichst
Für die verbal bekundete wie hand- 1,5 Grad zu begrenzen. Wie das zu
lungspraktische Unterstützung von erfolgen hat, bleibt der Politik über-
F4F war es hilfreich, dass die Kam- lassen. Es handelt sich somit um ein
pagne von ihren Anfängen bis heu- weitgehend konsensträchtiges An-
te an ihrer relativ engen Zielsetzung liegen, das in seiner Konkretion des
festhielt, der Einhaltung des Pariser Allgemeinen wenig Raum für bitte-
Abkommens zum Klimaschutz. Im ren Streit bietet.

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Klima

Effektive Organisationsstruktur ferenziertes Bild hinsichtlich der


In organisatorischer Hinsicht ent- Altersstruktur. Das Verhältnis von
stand F4F gleichsam aus dem Nichts. Schülern und Erwachsenen war un-
Es gab keine bestehende Organisati- gefähr ausgeglichen (aus forschungs-
on, kein Bündnis. Darin ähnelt F4F ethischen Gründen wurden nur über
den Occupy-Bewegungen in westli- 13-Jährige befragt): Die Gruppe der
chen Ländern und auch Pulse of Eu- 14- bis 19-Jährigen entspricht 52 Pro-
rope. Anders als Occupy entwickel- zent, die der 20- bis 25-Jährigen
te F4F aber eine lockere und infor- 19 Prozent, immerhin ein weiteres
melle Struktur und entsprach dem Fünftel ist mindestens 36 Jahre alt.
Verlangen der Medien nach „Vertre- Das Bild einer vollständig selbstor-
terinnen“, „Sprechern“ oder zumin- ganisierten Kampagne ist teilweise
dest „Gesichtern“ der Be- auch insofern zu relativieren, als F4F
F4F kann sich auf wegung. Neben der klei- in Deutschland von Anfang an logis-
nen Kerngruppe, die mit tische Unterstützung durch Organi-
bewährte Strukturen
Luisa Neubauer immer- sationen wie Greenpeace, Bund für
der Schulen stützen hin eine organisationser- Umwelt und Naturschutz Deutsch-
fahrene Person aufweist, land und Campact fand. Diese exter-
entstanden im deutschen Netzwerk ne Hilfestellung hat zum Höhenflug
schon früh sich selbst rekrutierende der Kampagne beigetragen, im Gegen-
und arbeitsteilig vorgehende Organi- satz zur breiten und insgesamt wohl-
sationsteams auf nationaler und teil- wollenden Berichterstattung aber kei-
weise auch auf lokaler Ebene. nen entscheidenden Anteil.
Auf Landes- und stärker noch auf
Ortsebene spielen Organe und Struk- Mobilisierung via Medien
turen der Schülermitverwaltung eine Eine Teilerklärung für die mediale
wichtige Rolle. F4F stützt sich auf Sichtbarkeit und die F4F entgegenge-
zwar thematisch nicht einschlägige, brachte mediale Sympathie liegt nicht
aber eben auf an allen Schulen be- nur in objektiv gegebenen Nachrich-
stehende Strukturen mit formal le- tenwerten, sondern auch in einer ins-
gitimierten und auch wortgewand- gesamt geschickten Mobilisierungs-
ten Vertretern. Ähnlich wie Fabri- und Medienarbeit. Ohne entsprechen-
ken und Universitäten sind Schulen de logistische Vorleistungen und eine
„soziale Relais“, die sich hervorra- effektive Überzeugungskommunika-
gend auch für Zwecke der Protestmo- tion wäre es nicht möglich, Woche
bilisierung eignen. Die Charakterisie- für Woche an vielen Orten viele Men-
rung von F4F als einer sich selbst ge- schen auf die Beine zu bringen und
nerierenden Bewegung von Schüle- zu Aktionstagen wie dem 15. März
rinnen hat also einen wahren Kern. 2019 allein in Deutschland Hundert-
Sie kommt auch medialen Präsenta- tausende zu versammeln. F4F profi-
tionswünschen entgegen, die dieses tiert dabei von seinem jugendlichen
Bild (über-)zeichnen, indem etwa auf Gepräge, aber auch von seiner prag-
Fotostrecken vorzugsweise sehr junge matischen Herangehensweise, bei der
Schülerinnen gezeigt werden. Improvisation gegenüber Perfektion
Allerdings ergeben unsere Befra- den Vorrang hat. Diese unabdingba-
gungen und Beobachtungen ein dif- re Organisationsarbeit hätte jedoch

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Fridays for Future

nur b ­escheidene Mobilisierungsef- kreuzzugs“, so Stefan Aust) auch Al-


fekte, würde sie nicht von wirkmäch- lianzpartner auf den Plan ruft.
tigen Deutungsstrategien (framing)
begleitet, die wiederum positiv auf Perspektiven
die Motivation der Organisatorinnen Zentrale Herausforderung für F4F ist
und sonstigen freiwilligen Helfer zu- die Schwierigkeit, das Momentum auf
rückwirken. Dauer zu stellen. Wie kann es gelin-
Die Kampagne bietet einfache und gen, den Druck aufrechtzuerhalten
resonanzfähige Elemente eines kom- oder gar zu verstärken, um
pletten Framing-Pakets. Das „progno- am Ende auch die gefor- Eine dauerhaft sicht-
stic framing“ beschwört die dramati- derten politischen Maß-
bare Präsenz könnte
schen Folgen eines irreversiblen Kli- nahmen zu erzwingen?
mawandels, der den Verlust einer ge- Abgesehen von ihren Mo- schwierig werden
sicherten Zukunft mit sich bringen bilisierungshöhepunkten
würde. Nichts weniger als das lang- hat sich der auf den Straßen sichtba-
fristige Überleben der Menschheit re Zulauf bereits abgeschwächt. Die
steht also auf dem Spiel. Wiederholung des immer Gleichen
Das „diagnostic framing“ richtet wird diesen Trend verstärken. Die
sich auf das Versagen gesellschaftli- Steigerung des Konfliktniveaus durch
cher und insbesondere politischer Eli- Aktionen zivilen Ungehorsams wäre
ten, die – vor allem unter dem Druck riskant.
mächtiger Wirtschaftsinteressen – Ein baldiges Verschwinden von
das nötige Umsteuern vermissen las- F4F ist unwahrscheinlich. Aber wie
sen und nicht einmal bereit oder fä- will eine Kampagne ihrer drohenden
hig sind, ihre eigenen, ohnehin nicht Auszehrung, Veralltäglichung und
sehr weitreichenden Versprechen ein- Konventionalisierung entgehen, die
zuhalten. bisher vor allem vom Kapital ihrer
Das „motivational framing“ be- Außeralltäglichkeit lebt?
tont die eigene Rolle und Verantwor-
tung, insbesondere die Rolle der jun- Dieter Rucht
gen Generation, Druck auf die poli- ist Vorstandsmitglied
tischen Entscheidungsträger auszu- beim Institut für Pro-
test- und Bewegungs-
üben, sich aber auch im alltäglichen forschung und Senior
Lebensstil und Konsumverhalten den Fellow am Wissen-
Notwendigkeiten anzupassen. Die schaftszentrum Berlin
für Sozialforschung.
Protestierenden von F4F sind weder
resigniert noch politikverdrossen:
60 Prozent der Befragten glauben,
dass politische Entscheidungen den Moritz Sommer
Klimawandel eindämmen können. leitet die Geschäfts-
Es ist vor allem diese Mischung stelle am Institut für
Protest- und Bewe-
von Katastrophenszenario und Ret- gungsforschung in
tungsmission, die in den Aussagen Berlin.
der Kampagne im Mittelpunkt steht
und angesichts manch kritischer Vor-
haltungen (Ideologie eines „Kinder-

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