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Makroökonomie

Prof. Dr. Jens Perret, Prof. Dr. Kai Rommel,


Prof. Dr. Hermann Schubert, Dr. Jan Hanusch,
Dr. Matthias Huth, Dr Sonja Jovicic, Dr. Jakob Neitzel,
Rainer Gehnen, Nico Goldschmidt, Peter Michallek
Wintersemester 2019/2020 BA BSc / BeBa

ID 390
Bachelor of Arts / Science
Makroökonomie

Vorlesungsunterlagen
Version ab Wintersemester 2019: Dr. Jan Hanusch
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 1

Impressum
Eine Nutzung des Skriptes, auch in Teilen, ist ohne vorherige Freigabe durch die Hochschule außerhalb
der ISM und der von ihr durchgeführten Veranstaltungen untersagt.
Verantwortlich für den Inhalt des vorliegenden Skriptes ist der Autor (bzw. die Autoren).

Skripten sind in wissenschaftlichen Arbeiten nicht zitierfähig.

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44227 Dortmund
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VWL 1: Makroökonomie
Modulbeschreibung und Prüfungsmodalitäten

Das Modul VWL 1 vermittelt eine Einführung in die Prinzipien volkswirtschaftlichen Denkens.
Die Studierenden erforschen mikro- und makroökonomische (= einzel- und gesamtwirtschaftliche)
Zusammenhänge. Dabei wird stets großer Wert auf das Wechselspiel zwischen ökonomischer Theorie
und empirischer Wirklichkeit gelegt.

Prüfungsleistung: Modulklausur (Mikro- und Makroökonomie), 120 Minuten

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VWL 1: Makroökonomie
Fachbeschreibung

Der makroökonomische Einstieg thematisiert auf das monetäre System, BIP-Berechnungen und die
Bedeutung von Wachstum. Der Kurs behandelt darüber hinaus die langfristige Perspektive mit der
zutreffenden Annahme flexibler Preise. Das erleichtert bei der Aggregation das Verständnis für die
Zusammenhänge auf allen makroökonomischen Teilmärkten.

Daran schließt sich die kurzfristige Analyse wirtschaftlicher Zusammenhänge bei konstanten Preisen
an. Hier hat zunächst der keynesianische Erklärungsansatz nach wie vor große Bedeutung, dessen
Verständnis für weiterentwickelte Theorieansätze (wie z.B. für die Wirkung von Geld-und Fiskalpolitik)
fundamental ist.

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VWL 1: Makroökonomie
Inhaltsübersicht
00 Einführung
01 Makroökonomische Grundlagen
1.1 Das monetäre System
1.2 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und Bruttoinlandsprodukt
1.3 Produktion und Wachstum

02 Makroökonomie in langfristiger Sicht: Die monetäre Ebene


2.1 Ersparnis, Investitionen und das Finanzsystem
2.2 Bankensystem und Geldmengensteuerung
2.3 Messung der Lebenshaltungskosten
2.4 Geldmengenwachstum und Inflation

03 Makroökonomie in kurzfristiger Sicht: Die realwirtschaftliche Ebene


3.1 Gesamtwirtschaftliches Angebot und Nachfrage
3.2 Die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik
3.3 Verbindung von realer und monetärer Ebene: die Phillips-Kurve

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VWL 1: Makroökonomie
Pflicht- und Wahlliteratur

Die Kapitel des Skriptes sind angelehnt an:

Mankiw/Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 7. Auflage


Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2018.

Eine sehr gute tiefer gehende Einführung bietet:

Perret/Welfens: Arbeitsbuch Makroökonomik und Wirtschaftspolitik, 2. Auflage


SpringerGabler, Berlin 2019.

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VWL 1: Makroökonomie

00
Einführung

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Makro: Einführung

Inhalt

• Kurze Erklärung: Was ist VWL?

• Unterschied Mikro- und Makroökonomik

• Die zentrale Frage der Volkswirtschaftslehre

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Makro: Einführung

Was ist VWL?


• alt: Nationalökonomie

• engl.: Economics

• VWL ist die Lehre der optimalen Verteilung knapper Güter

• Eigenständige Wissenschaft seit Quesnay (1758: Tableau économique)


und Smith (1776: Wealth of Nations)

• Bekannte Volkswirte:
Keynes, Marx, Weber, Rürup, Köhler, Steinbrück…

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Makro: Einführung

Unterschied Mikro- und Makroökonomik

Mikroökonomie Makroökonomie
- kleine Einheiten - - große Einheiten -

• Individuen • Gruppen

• Haushalte • Staaten

• Unternehmen • Geld, Steuern etc.

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Makro: Einführung

Die zentrale Frage der VWL


Wie können knappe Güter optimal verteilt werden?

¾ Was bedeutet „Knappheit“?

¾ Was ist ein „Gut“?

¾ Was ist eine „optimale Verteilung“?

¾ Wie können wir das messen?

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Makro: Einführung

Knappheit
• Alles, was nicht ausreichend verfügbar ist, ist knapp.

• So lange es ein Individuum gibt, das von einem Gut noch etwas (kostenlos) haben möchte,
ist dieses Gut knapp.

• Jedes Gut, das einen Preis hat, ist knapp.

• Knappheit ist auch eine Frage des Ortes und der Zeit:
 Sand ist in München knapp, in der Sahara nicht.
 Land ist heute in den USA knapp, zu Zeiten der Kolonialisierung war es das nicht.

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Makro: Einführung

Gut
• Ein Gut kann prinzipiell alles sein: Ding, Dienstleistung, Gedanke, Musik, Stille…

• Ein Gut ist nicht schlecht – d.h. eine Einheit eines Gutes bringt dem Besitzer einen Vorteil
(Freude, Geld, Nutzen…).

• Das Gegenteil eines Gutes ist ein „Übel“ (→ engl. „good“ / „bad“).

• Ob etwas ein Gut ist, hängt auch vom Betrachter ab:


 Für einen Durstigen ist Wasser ein Gut, im gerade überschwemmten Keller ist es das nicht.
 Müll ist ein Gut für denjenigen, der diesen als Einsatz in einen Produktionsprozess
(z.B. Recycling) nutzt.

• Die Anwendung einer weiteren Kategorie „Neutral“ hat sich in der Ökonomie nicht durchgesetzt.

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Makro: Einführung

Optimale Verteilung
• Eine Verteilung in einer Gruppe bewegt sich immer zwischen „alle bekommen den gleichen Anteil“
und „einer bekommt alles, der Rest bekommt nichts“.

• Die Wertung einer Verteilung ist daher immer subjektiv.

• Volkswirte werten aber nicht:


Eine Allokation (Situation) weist eine optimale Verteilung auf, wenn kein Individuum mehr etwas
aus seinem Besitz gegen etwas anderes aus dem Besitz eines anderen tauschen möchte (oder
kann).

• „Optimal“ hat also nichts mit „gerecht“ zu tun.

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Makro: Einführung

Die zentrale Frage der VWL


Wie können knappe Güter optimal verteilt werden?

→ Knappe Güter sollen so verteilt werden, dass die Summe aller


individuellen Nutzen maximiert ist!

max

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Makro: Einführung

Wie können wir das messen?


• „Nutzen“ ist ein schlecht greifbarer Begriff.

• Selbst wenn ich eine Vorstellung über den Nutzen habe, den mir ein bestimmtes Gut bringt, kann
jemand anders den Nutzen dieses Gutes für sich vollkommen anders beurteilen.

• Nutzen lässt sich nicht in einer Einheit messen.

→ Anstelle von „Nutzen“ müssen wir eine messbare Größe finden,


die möglichst universell verwendbar ist.

→ Diese Größe findet sich im monetären System.

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01
Makroökonomische Grundlagen
1.1 Das monetäre System (→ Mankiw Kap. 27)
1.2 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und Bruttoinlandsprodukt
1.3 Produktion und Wachstum

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Makro: Das monetäre System

Inhalt

• Modell: eine richtige Marktwirtschaft

• Das Tauschproblem

• Vom Naturalgeld zum modernen Geld

• Funktionen von Geld

• Optimaler Währungsraum und der Euro

• Die Kriterien des Vertrages von Maastricht

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Makro: Das monetäre System
Eine richtige Marktwirtschaft I
Stellen Sie sich eine ganz grundlegende Situation vor:

 Wir befinden uns im Mittelalter:


¾ kaum Technologie
¾ keine Kommunikationsmöglichkeiten
¾ wenige handelbare Güter
¾ jeder kann nur eine gewisse Menge Güter herstellen

 Sie haben ein Huhn, das Eier legt.

 Ihr Nachbar hat ein Schaf, mit dem er Wolle produziert.

 Ihnen ist kalt.

 Ihr Nachbar hat Hunger.

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Makro: Das monetäre System


Was wird passieren?

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Makro: Das monetäre System
Eine richtige Marktwirtschaft II
Jetzt ändern wir die Situation:

 Sie haben ein Huhn, das Eier legt.

 Ihr 1. Nachbar hat ein Schaf, mit dem er Wolle produziert.

 Ihr 2. Nachbar hat einen Apfelbaum.

 Ihnen ist kalt.

 Ihr Nachbar mit dem Schaf hat Hunger – aber auf Äpfel.

 Ihr Nachbar mit Apfelbaum braucht Eier für einen Kuchen.

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Makro: Das monetäre System


Was wird passieren?

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Makro: Das monetäre System
Eine richtige Marktwirtschaft III
Jetzt ändern wir die Situation nochmals:

 Sie haben ein Huhn, das Eier legt.

 Ihr Nachbar hat ein Schaf, mit dem er Wolle produziert.

 Sie wohnen beide in der Nähe eines Dorfes mit Markt (auch dort nur Tauschhandel).

 Ihnen ist kalt.

 Ihr Nachbar mit dem Schaf hat selbst Hühner (und Äpfel).

 Sie haben sonst nichts, was ihr Nachbar brauchen könnte.

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Makro: Dasmonetäre
Makro: Das monetäre System
System
Was wird passieren?

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Makro: Das monetäre System
Lösung des Tauschproblems
• Wir brauchen ein universelles Tauschgut, das gegen jedes andere Gut zu einem mehr oder weniger
festen Kurs tauschbar ist.

• Wir nennen dieses Tauschgut „Geld“ oder „Währung“.

• Geld ist somit ein „Tauschintermediär“.

• Geld ist nur Mittel zum Zweck, es erleichtert uns den Tausch der Dinge, die wir produzieren können
gegen die Dinge, die andere produzieren können, insbesondere auch

 Tausch mit der Zukunft


 Tausch mit Unbekannten
 Tausch über weite Entfernungen

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Makro: Das monetäre System


Münzringe (Bronze, Silber etc.)
Evtl. Kelten ca. 100 v. Chr – 100 n.Chr.
Wikinger ca. 750 – 1050 n. Chr.

Muschelgeld, Kaurigeld
Asien, Afrika, Südsee
Ca. 2000 v. Chr. – 1900 n. Chr.
Quellen: CC / Wikimedia ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 26
Makro: Das monetäre System
Tee(ziegel)geld
Südchina, Tibet, Birma, Mongolei, Südsibirien
Zu Platten gepresster Tee-Feinschnitt
Gängige Größe ca. 1 – 2 kg
Ca. ??? – 1949

Quelle: nbbmuseum.be ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 27

Makro: Das monetäre System

Rai (oder Kä)


Insel Yap (Mikronesien)
Bis zu 2 Meter Durchmesser
Und 4 Tonnen schwer

Ca. ??? – heute!

So sieht Reichtum auf Yap aus…


Quellen: Guinther, McVey / Wikipedia ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 28
Makro: Das monetäre System
Probleme bei Naturalgeld
• Naturalgeld kann unter Umständen auf andere Weise als durch Tausch (herstellen, sammeln)
erlangt werden, insbesondere wenn der intrinsische Wert kleiner dem extrinsischen ist.

• Folge: Gefahr der Inflation.

• Abhilfe: Prägungshoheit durch ausgebende Stelle (z.B. König, Zentralbank), Erschwerung der
Herstellung, Strafandrohung:

„Wer Banknoten nachmacht oder verfälscht, oder nachgemachte oder verfälschte sich verschafft
und in Verkehr bringt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.“
(50 / 100 DM Scheine Serie II, alle DM-Scheine Serie III)

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Makro: Das monetäre System

Papiergeld

Fiat Money:
„Es werde Geld“

14. Jhdt.: China

17. Jhdt.: Europa

China, um 1340

Schweden, 1663

Sachsen, 1855

Quellen: CC / Wikimedia ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 30


Makro: Das monetäre System

Quelle: Dt. Bundesbank / Geld und Geldpolitik ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 31

Makro: Das monetäre System

• Was ist auf den Abbildungen erkennbar?

• Der 500.- Euro Schein wurde Ende April 2019 abgeschafft. Warum?

Quelle: Dt. Bundesbank ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 32


Makro: Das monetäre System
Die Funktionen von Geld
• Tauschmittel: Geld wird als universelles Zahlungsmittel von allen als Alternative
zum Naturaltausch akzeptiert.

• Recheneinheit: Geld macht ökonomische Werte mess- und vergleichbar.

• Wertaufbewahrung: Geld kann Kaufkraft von der Gegenwart auf die Zukunft übertragen.

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Makro: Das monetäre System


Was ist Geld und wozu brauchen wir es?
• Wir erinnern uns: alle Dinge, die ich besitzen möchte, sind für mich ein Gut.

• Jedes Gut bringt mir einen bestimmten Nutzen.

• Dieses Gut ist gegen eine bestimmte Menge Geld tauschbar.

• Wenn das Gut auf dem Markt mehr Geld bringt, als es mir wert ist (Nutzen bringt), werde ich das
Gut verkaufen.

• Wenn das Gut auf dem Markt weniger kostet, als es mir wert ist (Nutzen bringt), werde ich das Gut
kaufen.

→ Meinen Nutzen drücke ich -unbewusst- in Geld aus.

→ Wir machen diese Einschätzung jeden Tag vielfach.

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Makro: Das monetäre System
Ist Geld gut oder schlecht?
• Geld an sich stiftet keinen Mehrwert

• Geld ist in einem gewissen Sinne nur die Recheneinheit für Nutzen bzw. Tauschmöglichkeiten…

… wie Stunden und Minuten für die Zeit

… wie Meter und Zentimeter für die Länge

… wie Kilo und Gramm für das Gewicht

→ Geld ist neutral und somit weder gut noch schlecht!

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Makro: Das monetäre System


Geldmengen im Euroraum
Werte 12/2007, 03/2019

• Geldbasis: Bargeldumlauf (Münzen & Scheine)


629 Mrd. €
1.181 Mrd. €

• M 0: Einlagen der Banken bei der EZB


3.212 Mrd. €
7.281 Mrd. €

• M 1: M 0 + Geldbasis
3.841 Mrd. €
8.426 Mrd. €

• M 2: M 1 + Einlagen mit Laufzeit bis 2 Jahre bzw.


7.360 Mrd. €
11.888 Mrd. € Kündigungsfrist bis zu 3 Monate (→ „Sparbuch“)

• M 3: M 2 + Repogeschäfte („Rückkaufvereinbarungen“), Geldmarktfonds,


8.655 Mrd. €
12.507 Mrd. € Geldmarktpapiere, Schuldverschreibungen

Achtung: 10.000 Mrd. = 10 Billionen = 10.000.000.000.000 Euro

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Makro: Das monetäre System

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Makro: Das monetäre System


Theorie der optimalen Währungsräume
(nach Mundell 1961 -> Nobelpreis 1999)

Wer sollte das gleiche Geld benutzen?

Ein optimaler Währungsraum zeichnet sich aus durch…

• Hohe Kapitalmobilität

• Hohe Handelsintegration

• Flexible Reallöhne

• Hohe Arbeitskräftemobilität

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Makro: Das monetäre System
Ist der Euro eine optimale Währung?
• Schwierig.

• Der Euro war (oder ist) die Idee, die Menschen für Europa als eine Einheit zu begeistern und bringt
uns wirkliche Vorteile, beispielsweise wenn wir Reisen.

• Der Euro-Raum verletzt grundlegende Voraussetzungen für eine optimale Währung


(z.B. Arbeitnehmermobilität).

• Im Vertrag von Maastricht haben die Gründer der Währungsunion versucht, die Probleme durch
Regeln und Gesetze zu lösen.

• Leider hat sich niemand an diese Regeln und Gesetze gehalten, so dass aus einer guten Idee ein
Problem wurde.

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Makro: Das monetäre System


Kriterien des Vertrages von Maastricht
• Haushaltsdefizit nicht mehr als 3% des Bruttoinlandsprodukts.

• Staatsverschuldung maximal 60 % des Bruttoinlandsprodukts.

• Inflationsrate nicht mehr als 1,5 %punkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder.

• Langfristige Zinsen nicht mehr als 2%punkte über dem Durchschnitt der drei EU-Länder mit den
niedrigsten Zinsen.

• Mindestens zwei Jahre ohne Spannungen und in den normalen Bandbreiten des Europäischen
Währungssystems und keine Abwertung.

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Makro: Das monetäre System
Haushaltsdefizite
und Staatsschulden
in der Eurozone

Grenze laut
Maastricht-Vertrag:

3% des BiP Defizit


60% des BiP Schulden

Quelle: Statista für Q4/2018 ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 41

Makro: Das monetäre System


Europas Haushalt:
Wo kommt das Geld her
und wo geht es hin?

Quelle: Statista für Q4/2018 ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 42


01
Makroökonomische Grundlagen
1.1 Das monetäre System
1.2 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und Bruttoinlandsprodukt (→ Mankiw Kap. 20)
1.3 Produktion und Wachstum

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Makro: VGR & BIP

Inhalt

• Übersicht: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

• Das (Brutto-) Inlandsprodukt

• Konzepte: Marktpreise/Faktorkosten, Brutto/Netto, Real/Nominal, Inland/Inländer

• Anwendungen: BIP-Deflator, Lohn- und Gewinnquote

• Kritik am BIP

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Makro: VGR & BIP

Definition VGR
• Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen (VGR) ist ein Oberbegriff für mehrere Strom- und
Bestandsrechnungen.

• Sie betrachten das wirtschaftliche Geschehen ex post.

• Revision der Daten und Methoden ca. alle fünf Jahre.

• Teilbereiche der VGR:

 Inlandsproduktberechnung
 Input-Output-Rechnung
 Finanzierungsrechnung
 Arbeitsvolumenrechnung
 Vermögensrechnung
 Spezielle Sachverhalte: „Satellitensysteme“

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Makro: VGR & BIP

Inlandsproduktberechnung
• Das Inlandsprodukt ist eine zahlenmäßige Darstellung der Wirtschafts-leistung eines abgelaufenen
Zeitraumes.

• Die Wirtschaftsleistung kann einerseits als der Wert der Produktion angesehen werden,
andererseits als das (Volks-) Einkommen, das als Arbeitnehmer-, Unternehmer- und
Vermögensentgelt ausbezahlt worden ist.

• Daher sind die Begriffe „Einkommen“ und „Produktion“ in der VGR synonym zu verwenden.

• Für die Ermittlung der Ergebnisse werden alle geeigneten laufenden wirtschaftsstatistischen
Erhebungen verwendet.

• Wichtigster Indikator: das Bruttoinlandsprodukt (BIP)


(Wichtig für die Beurteilung & Gestaltung der Wirtschaftspolitik)

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Makro: VGR & BIP

Inlandsproduktberechnung

Entstehungsrechnung Verwendungsrechnung

Produktionswert Konsum

BIP

Einkommen

Verteilungsrechnung

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Makro: VGR & BIP

BIP-Berechnung
Entstehungsrechnung Verwendungsrechnung Verteilungsrechnung
Bruttoproduktionswert Privater Konsum Arbeitnehmerentgelt
- Vorleistungen + Konsum des Staates + Unternehmens- und
= Bruttowertschöpfung + Bruttoinvestitionen Vermögenseinkommen

+ Gütersteuern (inkl. Vorratsänderung) = Volkseinkommen

- Gütersubventionen + Exporte + Produktions- & Import-


- Importe steuern (Inland, „indirekt“)
- Subventionen
= Nettonationaleinkommen
+ Abschreibungen
= Bruttonationaleinkommen
- Einkommen aus übr. Welt
+ Einkommen an übr. Welt

= Bruttoinlandsprodukt
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Makro: VGR & BIP

Beispiel: BIP 2018 (in Mrd. €)

Quelle: Destatis.de ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 49

Makro: VGR & BIP

Entwicklung des BIP 1950 - 2018

Quelle: Destatis, VGR, Lange Reihen 2018 ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 50
Makro: VGR & BIP

Unterschiedliche Betrachtungsweisen der Daten


Güter können auf zwei Arten mit Preisen bewertet werden:
• Mit dem Preis, den die Produktion gekostet hat: Faktorkosten
• Mit dem Preis, der am Markt erzielt werden kann: Marktpreis
→ Saldierung mit Produktions-/Importabgaben und Subventionen

Die Abschreibungen (AfA) können berücksichtigt werden:


• Bruttoinlandsprodukt – Abschreibungen = Nettoinlandsprodukt

Der Wohnsitz der Menschen kann berücksichtigt werden:


• Bruttoinlandsprodukt: Produktion/Einkommen im Inland → Inlandskonzept
• Bruttonationalprodukt: Produktion/Einkommen der Inländer → Inländerkonzept
→ Der steuerliche Hauptwohnsitz ist entscheidend, nicht die Nationalität.

Dabei ist ein Konzept nicht besser oder schlechter als das andere, es beantwortet jeweils nur
unterschiedliche Fragestellungen.

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Makro: VGR & BIP

Lohn- und Gewinnquote


• Die Lohnquote zeigt an, welcher Teil des Volkseinkommens durch den Produktionsfaktor Arbeit
erwirtschaftet wurde.

Arbeitnehmerentgelt
Lohnquote =
Volkseinkommen

• Die Gewinnquote zeigt an, welcher Teil des Volkseinkommens durch den Produktionsfaktor Kapital
erwirtschaftet wurde.

Unternehmens-/Vermögens-EK
Gewinnquote =
Volkseinkommen

Lohnquote + Gewinnquote ergibt immer 1.

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Makro: VGR & BIP

Reales und nominales BIP

Nominales BIP Reales BIP

• Bewertung der Produktion • Bewertung der Produktion


von Gütern & DL von Gütern & DL

• Bewertung zu • Bewertung zu Preisen des


laufenden Marktpreisen Vorjahres

Wenn die Produktion gleich Da der Basispreis gleich bleibt


bleibt und die Preise steigen, ändert sich das BIP nur, wenn
dann steigt auch das BIP! die Produktion sich ändert!

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Makro: VGR & BIP

Der BIP-Deflator
• Der BIP-Deflator misst das Preisniveau einer Volkswirtschaft.

• Der BIP-Deflator gibt einen Wert (%) für den Einfluss von Preisänderungen auf das nominale BIP an.

• Die Veränderungsrate des BIP-Deflators ist eine Preisveränderungsrate, entspricht aber nicht der
Inflation (die meist größer ist).

nominales BIP
BIP-Deflator = ( x 100)
reales BIP

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Makro: VGR & BIP

Wozu wird das BIP verwendet?


• Das BIP ist eine der wenigen ökonomischen Kennzahlen, die einem breiten Nicht-Fachpublikum
präsentiert werden, beispielsweise in Nachrichtensendungen oder –Magazinen.

• Das Pro-Kopf-BIP ist das beste verfügbare Einzelmaß für den ökonomischen Wohlstand der
Bevölkerung eines Landes.

• Es gibt das durchschnittliche Einkommen


der Bevölkerung an und misst deshalb
den Lebensstandard der Bevölkerung.

• Achtung: der generelle Durchschnitt sagt


nichts über die Verteilung aus. Dafür sind
andere Maße wie z.B. der Gini-Koeffizient
besser geeignet.

Quelle: Zifan / Commons Wikimedia ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 55

Makro: VGR & BIP

Beispiele: Anwendung von Lohn- & Gewinnquote

Start
Agenda
2010

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Makro: VGR & BIP

Kritik am BIP
• Keine Aussage über
 die Verteilung der Wohlfahrt
 Die Art der Produktion
 den Wert von Freizeit
 die Qualität der Umwelt

• Fehlende Werte der Wirtschaftsleistung


 des informellen Sektors (z.B. Schwarzmarkt)
 der Eigenleistungen der Haushalte

• Ungenauigkeiten
 Güter ohne Marktpreis (öffentliche Verwaltung) gehen zu Produktionskosten in das BIP ein.

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Makro: VGR & BIP

Umfang der Schattenwirtschaft

• Als Schattenwirtschaft bezeichnet


man alle Produktionstätigkeiten, die
illegal ausgeübt werden oder den
Steuer-, Sozialversicherungs-,
Statistik- oder anderen Behörden
verborgen bleiben.

• Mittels Zuschlägen und


Sonderrechnungen, zum Beispiel
für Eigenleistungen am Hausbau
und Trinkgelder, werden diese in
die Berechnung des Bruttoinlands-
produkt einbezogen.

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Makro: VGR & BIP

Schattenwirtschaft in Deutschland

Das ist natürlich nur eine Schätzung – bedeutet aber auch ca. 10% „Schätzanteil“ im BiP.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 59

01
Makroökonomische Grundlagen
1.1 Das monetäre System
1.2 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen und Bruttoinlandsprodukt
1.3 Produktion und Wachstum (→ Mankiw Kap. 22)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 60


Makro: Produktion & Wachstum

Inhalt

• Produktionsfaktoren und Produktionsfunktion

• Beeinflussung der Produktionsfaktoren

• Wirtschaftswachstum in Zahlen

• Warum soll eine Volkswirtschaft wachsen?

• Wirtschaftswachstum und Lebensstandard

• Grenzen des Wirtschaftswachstums: der Catch-Up-Effekt

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 61

Makro: Produktion & Wachstum

Produktionsfaktoren
• Ein Produktionsfaktor ist ein Gut, das in der Produktion eingesetzt wird, um einen bestimmten
Output zu erzielen.

• Menge der eingesetzten Produktionsfaktoren bestimmt den Output.

• Es gibt drei Hauptgruppen, zu denen Produktionsfaktoren zusammen gefasst werden:

Adam Smith 1775 modern

Arbeit Arbeitslohn Arbeit & Humankapital

Kapital Zins Sach- und Realkapital

Boden Grundrente Natürliche Ressourcen

Quellen: Schiffer / LVR (li) und pramos.at (re) ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 62
Makro: Produktion & Wachstum

Die Produktionsfunktion
• Eine Produktionsfunktion gibt den Zusammenhang zwischen dem Input und dem Output einer
Produktion wieder.

• Makroökonomisch betrachten wir die Produktion aller Güter in einer Volkswirtschaft (vergleiche
Aussage des BIP).
Technologie Funktionsvorschrift

Y = A × F(L, K, H, N)
Natürliche Ressourcen
Outputmenge,
Güterberg, Humankapital
Produktionswert
Kapital
Arbeit (Labour)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 63

Makro: Produktion & Wachstum

Eigenschaften der Produktionsfunktion


• (Konstante) Skalenerträge: die Verdoppelung der Inputs führt zu einer Verdoppelung des Outputs
(nY = A × F(nL, nK, nH, nN); n ≥ 0)

• U.d.A. konstanter Skalenerträge ergibt sich mit n = 1/L die Aussage

Y/L = A × F(1, K/L, H/L, N/L)


Nat. Ressourcen
pro Arbeitskraft
Output pro
Arbeitskraft Humankapital
pro Arbeitskraft
Technologie
Kapital
pro Arbeitskraft

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 64


Makro: Produktion & Wachstum

(Sach- & Real-) Kapital pro Arbeitskraft


• Kapital ist zum einen eine Finanzgröße i.S.v. Geld (Realkapital).

• Das für die Produktion eingesetzte Kapital äußert sich meist eher in Sachinvestitionen, die für die
Produktion notwendig sind:

 Maschinen
 Fahrzeuge
 Gebäude
 …
 Schreibtisch
 …
 Druckerpapier
 etc.

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Makro: Produktion & Wachstum

Humankapital pro Arbeitskraft


• Humankapital bezeichnet das Wissen und die Fähigkeiten, die ein Arbeiter in den
Produktionsprozess mit einbringt.

• Humankapital steigt durch Ausbildung und (Berufs-)Erfahrung.

• Je höher das Humankapital, umso vielfältiger sind im Allgemeinen die Produktionsmöglichkeiten


innerhalb einer Volkswirtschaft.

• „Humankapital“ war 2004 das „Unwort des Jahres“ mit der Begründung, dass Menschen dadurch
„zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“ degradiert werden – ist das wirklich der
Hintergedanke der Wirtschaftswissenschaften oder ist der Begriff nicht eher positiv besetzt?

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 66


Makro: Produktion & Wachstum

Natürliche Ressourcen pro Arbeitskraft


• Ressourcen sind in der Natur vorhanden, z.B. Bodenschätze, Holz, Wasser, Luft…

• Ressourcen sind regenerierbar oder nicht regenerierbar. Damit ist meist die Regeneration in einer
relativ kurzen Zeitspanne gemeint.

• Natürliche Ressourcen können, müssen aber nicht unbedingt in den (direkten) Produktionsprozess
eingehen (z.B. Dienstleistung).

• Güter können durch neue Technologien oder steigende Marktpreise zur Ressource werden.

• „Nachhaltigkeit“ („Sustainability“) ist eigentlich ein Begriff aus der Forstwirtschaft des 16. Jahr-
hunderts und bezeichnet einen Einschlag in einen Forst, der maximal der natürlich nachwachsenden
Holzmenge entspricht.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 67

Makro: Produktion & Wachstum

Technologie
• Die variable „Technologisches Wissen“ ist abstrakt und kann in den meisten Fällen nicht diskret
gemessen werden.

• Das technologische Wissen stellt den effizienten Produktionsprozess einer Volkswirtschaft dar.
Dieser kann sich im Laufe der Zeit ändern, z.B. durch Erfindungen oder auch Wegfall von Wissen.

• Humankapital bezeichnet u.a. die Anwendung und Vermittlung dieses Wissens.

• „Humankapital“ wurde zum „Unwort des Jahres 2004“ gekürt.


Die Begründung war, dass der Begriff Menschen zu nur noch ökonomisch interessanten Größen
degradiert. Ist das aus ökonomischer Sicht korrekt?

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 68


Makro: Produktion & Wachstum

Produktivität und Wachstum


• Die Produktivität ist die Menge der pro Arbeitsstunde hergestellten Waren und Dienstleistungen.

• Somit bestimmt die Produktivität einer Volkswirtschaft das reale BIP und den Lebensstandard.

• Unterschiede im Lebensstandard erklären sich daher durch eine unterschiedliche Pro-Kopf-


Produktivität von Volkswirtschaften.

• Wachstum bedeutet also eine Steigerung des Lebensstandards.

• Achtung „Zinseszinseffekt“: Auch kleine Unterschiede in Wachstumsraten haben langfristig eine


große Auswirkung:

Wachstum 2% → Verdoppelung des Lebensstandards in 36 Jahren


Wachstum 3% → Verdreifachung des Lebensstandards in 36 Jahren

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 69

Makro: Produktion & Wachstum

Weltwirtschaftswachstum 1820 - 1998

Quelle: Maddison / SP-Verlag ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 70


Makro: Produktion & Wachstum

Quelle: Frosch / marx-forum.de ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 71

Makro: Produktion & Wachstum

Wirtschaftswachstum und Politik


• Regierungen können Produktivität und Wirtschaftswachstum anregen durch die Förderung von z.B.:

 Ersparnisbildung und Investitionen


 Investitionen aus dem Ausland
 (Aus-)Bildung
 sicheren Eigentumsrechten und politischer Stabilität
 Freihandel
 Forschung
 Entwicklung

Y = A × F(L, K, H, N)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 72


Makro: Produktion & Wachstum

Ersparnisbildung und Investitionen


• Die Höhe der Ersparnisse bestimmt die Höhe der Investitionen: Nur das Geld, das gespart wird,
kann von den Banken an Unternehmen für Investitionen verliehen werden.

• Die Politik kann günstige Rahmenbedingungen für Ersparnisbildung (z.B. Abschaffung der
Kapitalertragssteuer) und Investitionen ( z.B. Sonderabschreibungsregeln) schaffen.

• Wenn die Sparquote in Jahr 1 steigt, erhöht dies den Kapitalstock in Jahr 2, dadurch steht im
Produktionsprozess mehr Kapital zur Verfügung.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 73

Makro: Produktion & Wachstum

Investitionen aus dem Ausland


• Das Kapital für Investitionen muss nicht durch höhere Ersparnis im Inland aufgestockt werden.
Das Ausland kann auch investieren:
– Direktinvestitionen (z.B. Bau einer Fabrik im Inland)
– Portfolioinvestitionen (Investition in inländische Wertpapiere)

(Aus-) Bildung
• Ausbildung ist auch eine Investition, da sie mit Real- und Opportunitätskosten verbunden ist,
aber auch einen zukünftigen Ertrag abwirft.

• Die Steigerung der (Aus-) Bildung in einem Land kann positive Externalitäten verursachen.
Es steigt nicht nur das Humankapital, durch Erfindungen und Prozessoptimierung kann auch der
Technologieparameter günstig beeinflusst werden.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 74


Makro: Produktion & Wachstum

Eigentumsrechte & politische Stabilität


• Wenn die Eigentumsrechte nicht sicher sind, ist die Investitionsneigung insbesondere von
Ausländern in der betreffenden Volkswirtschaft eher gering (oder sie haben eine hohe
Renditeerwartung um das Risiko zu kompensieren).

• Im Inland führen mangelhafte Eigentumsrechte zu Kapitalflucht.

• Insbesondere politische Instabilität stellt meist eine Bedrohung der Eigentumsrechte dar.

Freihandel
• Eine Integration in den Welthandel bietet nach momentaner Datenlage und Stand der Forschung
mehr Vorteile als Nachteile (unter der Bedingung, dass alle Handelspartner freiwillig handeln
können).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 75

Makro: Produktion & Wachstum

Forschung
• Forschungsförderung führt zu schnelleren und besseren Ergebnissen, die den Technologiefaktor
erhöhen.

• Forschungsergebnisse können direkte Verbesserungen im Produktionsprozess oder Hilfstechno-


logien (z.B. Effizienzsteigerungen in der Energiegewinnung) sein.

Entwicklung
• Eine höher entwickelte Volkswirtschaft weist im allgemeinen eine längere Lebensdauer und einen
geringeren Krankenstand aus.

• Durch die längere Lebensdauer steigt die Ressourcenverfügbarkeit von Humankapital, durch den
geringeren Krankenstand steigt der Arbeitseinsatz pro Kopf und Jahr.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 76


Makro: Produktion & Wachstum

Abnehmender Grenzertrag des Kapitals

Output je
Produktionsfunktion
Arbeitskraft
2. Wenn die Volkswirtschaft einen
1
hohen Realkapitalbestand aufweist,
dann führt ein zusätzlicher Kapital-
einsatz nur zu einem geringen
Produktionsanstieg.

1. Wenn die Volkswirtschaft einen geringen


Realkapitalbestand aufweist, dann führt ein
1 zusätzlicher Kapitaleinsatz zu einem starken
Produktionsanstieg.

Realkapital je
Arbeitskraft

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 77

Makro: Produktion & Wachstum

Der Catch-Up-Effekt
Der Catch-Up-Effekt (auch Aufholeffekt) ist eine logische Folge der abnehmenden Grenzerträge:

 Eine Volkswirtschaft mit geringem Output (BIP, Y) hat eine geringere Anfangsausstattung mit
Kapital als eine Volkswirtschaft mit hohem Output.

 Im ärmeren Land kann die gleiche Menge Geld dadurch mehr bewegen als in dem
wohlhabenderen Land (Beispiel: Mikrokredite in Entwicklungsländern).

 Der Effekt ist nicht nur für Kapital beobachtbar.

 Wohlhabende Länder weisen i.A. geringere Wachstumsraten auf als ärmere Länder.

 Grundlegende Voraussetzung: garantierte Eigentumsrechte und politische Stabilität.


Negativbeispiel: Venezuela 2007 hat die ausländische Ölindustrie faktisch enteignet.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 78


Makro: Produktion & Wachstum

Quelle: Economist / welt.de und IWF ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 79

02
Makroökonomie in langfristiger Sicht: Die monetäre Ebene
2.1 Ersparnis, Investitionen und das Finanzsystem (→ Mankiw Kap. 24)
2.2 Bankensystem und Geldmengensteuerung
2.3 Messung der Lebenshaltungskosten
2.4 Geldmengenwachstum und Inflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 80


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Inhalt

• Übersicht über die Finanzinstitutionen

• Die Identität von Ersparnis und Investitionen

• Staatlicher Einfluss auf die Finanzmärkte

• Das deutsche und weitere europäische Budgetdefizite

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 81

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Das Finanzsystem
• Als Finanzsystem werden alle Institutionen bezeichnet, die Geld zwischen Personen, Unternehmen
und dem Staat vermitteln.

• Das Finanzsystem wird unterteilt in:

Finanzmärkte Finanzintermediäre

Auf den Finanzmärkten treffen Sparer Finanzintermediäre sind Vermittler, die


und Kreditnehmer direkt aufeinander: zwischen Marktteilnehmern stehen:

• Aktienmarkt • Banken (auch Zentralbank)


•Anleihe-/ Rentenmarkt • Versicherungen
• Kreditmarkt • Investmentgesellschaften
• etc. • Investment- / Pensionsfonds

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 82


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Der Aktienmarkt
• Eine Aktie ist ein Eigentumsanteil an einem Unternehmen.

• Die Ausgabe von Aktien ist eine Eigenkapitalfinanzierung.

• Der Preis der Aktie wird anfangs festgelegt, danach entscheiden die Marktmechanismen über den
weiteren Preis (vgl. Börsenkurse).

Quelle: Berliner Sparkasse / Spiegel Online ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 83

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Der Anleihe-/Rentenmarkt
• Eine Anleihe ist ein Kredit einer Privatperson an ein Unternehmen oder Staat, wobei eine feste
Verzinsung garantiert ist und die Kreditsumme zu einem vereinbarten Zeitpunkt zurück gezahlt wird.

• Die Ausgabe von Anliehen ist eine Fremdkapitalfinanzierung.

• Anleihen werden während ihrer Laufzeit am Anleihenmarkt gehandelt.


Die Preise richten sich u.a. nach der Ausfallwahrscheinlichkeit.

Quellen: zeitzeugengw.de / Spiegel Online ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 84


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Der Geld- bzw. Kreditmarkt

Angebot S • Der Markt für Kredite ist ein Markt wie jeder
andere Gütermarkt.
Zins-
satz • Die gesamten Ersparnisse bilden das Angebot
in % an Kreditmitteln, die gesamte Investitions-
güternachfrage bestimmt die Nachfrage.
Beides zusammen bestimmt die gehandelte
Nachfrage D Menge und den Preis.
Kreditvolumen in €

• Statt von einem Preis sprechen wir auf dem Kreditmarkt vom Zins, der für den Bezug eines Kredites
in einem Zeitraum zu zahlen ist.

• Zur Vereinfachung nehmen wir an, dass es nur einen Markt für alle Anlagen gibt – dort legen alle
Sparer ihr Geld an und alle Kreditnehmer (Personen, Unternehmen, Staaten) fragen Geld nach.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 85

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Finanzintermediäre
• Die wichtigsten Finanzintermediäre sind Banken. Sie nehmen die Einlagen von Sparern an und
geben den Sparern hierfür den Zins i, so lange die Sparer das Geld bei der Bank belassen.

• Auf der anderen Seite verleihen die Banken das Geld der Sparer an Kreditnachfrager zu einem Zins
i + x weiter.

• Der Differenzzins x ist die Einnahmequelle der Bank, daraus werden die Kosten bestritten und
Gewinne erzielt.

• Beispielswerte August 2019: Risikoschwache Anlagen mit geringer Laufzeit haben einen durch-
schnittlichen Zins von ca. 0,3%; (für die Bank) risikoarme Kredite für z.B. Immobilien haben einen
durchschnittlichen Zins von ca. 1,5%. Aktuell sind ca. 2,5 Billionen Euro als Sparguthaben vorhanden
(im Vergleich zu 2015 ist das nur noch die Hälfte).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 86


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Die Identität von Investition und Ersparnis


• Aus der Berechnung des BIP wissen wir:

• Unter der Annahme einer geschlossenen


Volkswirtschaft ist EX = IM = 0

• Es bleibt: C+I+G=Y

• Auflösen nach I: I = Y – C – G

• Überlegung: was bleibt übrig, wenn wir vom BIP (als Maß des Einkommens einer Volkswirtschaft)
den privaten und den staatlichen Konsum abziehen? → Private und staatliche Ersparnis (S)

• Daraus folgt: I = S (Identität von Investition und Ersparnis)

• Investitionen werden aus den Ersparnissen einer VWS finanziert. Diese Überlegung ist seit der
Finanzkrise und ihren geldpolitischen Folgen (vgl. Quantitative Lockerung der Geldpolitik,
Negativzinsen) allerdings nur noch mit Vorbehalt anzuwenden.
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 87

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Staatliche Einflussnahme auf S und I


• Der Staat kann einerseits gezielt die Spar- und Investitionstätigkeit steuern, um bestimmte Effekte
zu erreichen. Das ist ein wirkungsvolles Instrument der Wirtschaftspolitik.

• Andererseits tritt der Staat als Nachfrager auf dem Kreditmarkt auf und beeinflusst durch sein
Verhalten implizit die anderen Akteure.

• Die Einflussinstrumente des Staates sind:

 Fiskalpolitik: Steuern beeinflussen Ersparnis und Investitionen


 Haushaltspolitik: Budgetdefizite und -überschüsse

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 88


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Steuern und Ersparnis

Zins • Steueranreize zur Ersparnisbildung (z.B.


Angebot
höhere Steuerfreibeträge) erhöhen die
S1 S2
zukünftigen Erträge von Ersparnissen und
damit den Anreiz zum Sparen.
1. Steueranreize
erhöhen das • Wenn mehr Angebot an Kreditgeld vorhanden
Kreditangebot ist sinkt der Preis für Kreditgeld, also der Zins.
2. Zins fällt
D
Nachfrage • Zu einem geringerem Finanzierungszins sind
auch ertragsschwächere Investitionen
rentabel, die Menge an Investitionen steigt.

3. Kreditvolumen steigt • Dies wiederum hat Rückwirkungen auf
Produktivität und Lebensstandard.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 89

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Steuern und Investitionen

• Steueranreize für Investitionen


Zins
(z.B. Sonderabschreibungen oder
S 1. Steueranreiz erhöht Steuerfreibeträge) erhöhen die
die Kreditnachfrage Kreditnachfrage.

• Wenn die Nachfrage nach Kredit-


D2 geld steigt, steigt der Preis für
2. Zins steigt Kreditgeld, also der Zins.
D1
• Durch den gestiegenen Zins
steigt auch die Ersparnis, da
Sparen für die Haushalte
€ lukrativer wird.
3. Kreditvolumen steigt

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 90


Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Staatsbudgetüberschüsse und -defizite

Zins
S2 S1
• Staatsüberschüsse sind in der Realität
eher unüblich.
1. Budgetdefizit
vermindert das • Regierungen finanzieren ein Haushalts-
Kreditangebot d.h. Ausgabendefizit über Kredite und
2. Zins steigt D bekommen diese bevorzugt, da Staaten
normalerweise gute Schuldner sind.

• Dadurch stehen weniger Kredite für


Investitionen der Unternehmen zur
€ Verfügung.
3. Kreditvolumen sinkt
• Zinsen für Investitionskredite steigen,
die Investitionstätigkeit geht zurück.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 91

Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Staatliche Einflussnahme auf S und I

Staatl. Aktion… …bei Kreditmenge Kreditzins


Anreiz zum Sparen HH steigt fällt
Anreiz für Investitionen U steigt steigt
Steigende Staatsausgaben G fällt steigt

• In allen drei Fällen gibt der Staat Geld aus, entweder als entgangene Steuereinnahmen bei den
Haushalten / den Unternehmen oder durch eigene Ausgabenerhöhung.

• Der Effekt auf den Staatshaushalt ist also in allen drei Fällen gleich. Der gegenteilige Fall (Anreiz-
verringerung, sinkende Staatsausgaben) hat die entsprechend umgekehrten Implikationen.

• Wirtschaftspolitische Handlungen haben eine Auswirkung auf den Kreditmarkt.

→ Der Staat muss seine Wirtschaftspolitik immer auch als geldpolitische Implikation betrachten und
sich mit der Zentralbank möglichst abstimmen.
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 92
Makro: Ersparnis, Investitionen & Finanzsystem

Der aktuelle deutsche Staatshaushalt

Zum Vergleich mit Europa siehe Seite 41f. ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 93

02
Makroökonomie in langfristiger Sicht: Die monetäre Ebene
2.1 Ersparnis, Investitionen und das Finanzsystem
2.2 Bankensystem und Geldmengensteuerung (→ Mankiw Kap. 27)
2.3 Messung der Lebenshaltungskosten
2.4 Geldmengenwachstum und Inflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 94


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Inhalt

• Die EZB und die Länder-Zentralbanken

• Das Mindestreservesystem und die Geldschöpfung

• Der Geldschöpfungsmultiplikator

• Instrumente zur Steuerung der Geldmenge

• Politische Unabhängigkeit der EZB

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 95

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Die EZB und die Länder-Zentralbanken


• Normalerweise hat ein Land eine Zentralbank. In Europa wurde im Europäischen System der
Zentralbanken (ESZB) mit der Europäischen Zentral-bank (EZB) eine den Länderzentralbanken
übergeordnete Instanz geschaffen, um eine gemeinsame Geldpolitik zu gewährleisten.

 1962: Erstmalige Diskussion einer Währungsunion in der EU (Marjolin Memorandum)


 1970: Werner-Plan (Forderung nach zentraler Währungspolitik,
Kapitalfreizügigkeit und festen Wechselkursen)
 1972: Europäischer Wechselkursverbund (max. Schwankung von 2,25%)
 1979: EU-Währungssystem (EWS) & Wechselkursmechanismus
 1989: Planungsentwurf einer Währungsunion
 1992: Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages
 1994: zu Jahresbeginn startet das Europäische Währungsinstitut

 01.06.98: aus EWI geht die EZB hervor


 01.01.99: Länder-ZB geben ihre Kompetenzen an die EZB ab, die von nun an
die Geldpolitik in der EU steuert, Euro wird offizielles Buchgeld.
 01.01.02: Bargeldeinführung des Euro

Bildquelle: Wikimedia (CC) ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 96


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Struktur des ESZB

ESZB
Europäische Zentralbank Nat. Zentralbanken

EZB-Direktorium EZB-Rat
- Präsident EZB-Direktorium Momentan
- Vizepräsident Präsidenten der Nat. ZB 19 Euro-Mitgliedsländer
- max. 4 weitere 8 Nicht-Euroländer
Mitglieder Geld- und zinspolitische
- auf 8 Jahre vom Entscheidungen
EU-Rat gewählt Geldversorgung und
Erweiterter Rat Bankenaufsicht in den
Exekutive der Geldpolitik jeweiligen Ländern
der Euro-Staaten EZB-Rat + Präsidenten restl.
ZB in Europa
(Nicht-Eurozone)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 97

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Aufgaben der EZB


• Hauptziel: Sicherung der Preisstabilität
(originäre Absicht: 0% Inflationsrate, dann als Interpretation „unter 2 Prozent“,
seit 2019 „symmetrisches“ Ziel – d.h. Freigabe der Inflationsrate)

• Nebenziel: Unterstützung der allgemeinen Wirtschaftspolitik der EU,


soweit mit dem Hauptziel vereinbar.

• Sonstiges: Durchführung von Devisengeschäften


Verwaltung der Währungsreserven
Sicherung der Zahlungssysteme
Teilnahme an der Bankenaufsicht

• Die EZB legt nicht die Wechselkurse zu Fremdwährungen fest.


Durch das Handeln der EZB werden diese aber beeinflusst.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 98


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Das Mindestreservesystem
• Reserven sind Einlagen bei Geschäftsbanken, die nicht als Kredit weiter gegeben worden sind.

• Reservesatz = Reserven / gesamte Einlagen

• Die EZB gibt einen Mindestreservesatz vor, den die Banken von ihren Einlagen halten müssen.

• Die Mindestreserve wird bei der EZB verzinst (allerdings z.Zt. 0%) hinterlegt.

• Mehr als die Mindestreserve ( sog. „Überschussreserve“) wird meist nicht bei der EZB hinterlegt.

• Mindestreservesätze: EU 1% (bis 2012: 2%), China 13,5%, FED 10%

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 99

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Geldschöpfung der Banken (Theorie)


A Bank A P A Bank A P
Reserven 100 € Einlagen 100 € Reserven 1 € Einlagen 100 €
Kredite 99 €

- Mindestreserve 1%

A Bank B P A Bank C P
Reserven 0,99 € Einlagen 99 € Reserven 0,98 € Einlagen 98,01 €
Kredite 98,01 € Kredite 97,03 €

- Mindestreserve 1% - Mindestreserve 1%
usw.

• Bis hier her wurden aus 100 € ZB-Geld bereits 297,01 €.


f
1 1
• GS max ¦ (1 - r)
i 0
i
˜a
1 - (1 - r)
˜a
r
˜a mit: r = Reservesatz, a = Anfangsbestand

• Der Mindestreservesatz bestimmt die Geldschöpfung der Banken.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 100


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Geldschöpfung der Banken


• (Geschäfts-)Bank A leiht sich Geld von der EZB.

• Dieses Geld verleiht sie als Kredit an Kunden weiter.

• Die Kunden zahlen das Geld bei Bank B ein – entweder selbst oder derjenige, bei dem sie mit dem
geliehenen Geld bezahlen.

• Bank B erhält dadurch Reserven, die sie wiederum als Kredit weiter verleihen kann.

• Wenn Bank B einen Kredit vergibt, wird (Giral-)Geld geschaffen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 101

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Der Geldschöpfungsmultiplikator
• Der Geldschöpfungsmultiplikator gibt an, um welchen Faktor das ausgegebene Zentralbankgeld
durch die Geschäftsbanken vervielfacht wird.

• Dies beeinflusst direkt die Geldmenge.

• Der Geldschöpfungsmultiplikator ist der Kehrwert des Reservesatzes (r):


Geldschöpfungsmultiplikator = 1/r

• Daneben hängt der Geldschöpfungsmultiplikator von der Bargeldhaltung der Öffentlichkeit ab.
Wenn z.B. nicht alle Kredite wieder an die Banken zurückfließen, verringert sich der Effekt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 102


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Geldschöpfung der Banken (Praxis)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 103

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Geldpolitische Instrumente der EZB


• Die EZB hat eine Monopolstellung in der Schaffung von Geld und legt die Mindestreserve der
Geschäftsbanken fest. Dadurch kann sie die Geldmenge mithilfe von drei Instrumenten steuern:

• Änderung der Mindestreserveanforderungen

• Offenmarktgeschäfte

• Änderung der Zinsen und Mengen der ständigen Fazilitäten

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 104


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Offenmarktgeschäfte
• Das Hauptinstrument der Geldpolitik sind Offenmarktgeschäfte.

• Dienen der Zinssatzsteuerung, Signalisierung des geldpolitischen Kurses und Liquiditätssteuerung.

• Ein Ankauf von Wertpapieren


Geld durch die Zentralbank
vergrößert die Geldmenge.
Geschäfts-
EZB • Geld fließt von Zentralbank zur
bank
Geschäftsbank (und somit in die
Wertpapiere Wirtschaft), die zirkulierende
Geldmenge steigt.

• Eine Vermögensveränderung bei den Anlegern hat nicht stattgefunden:


Im Portfolio der Anleger: Wertpapiere p Geld n
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 105

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Offenmarktgeschäfte
• Hauptrefinanzierungsgeschäfte
 wichtigste Offenmarktgeschäfte
 Kredite für Finanzinstitute gegen Sicherheiten
 Wöchentliche befristete Transaktionen (Laufzeit 7 o. 14 Tage)
 i.d.R. mit Rückkaufvereinbarung (Repo - Repositionierungsgeschäft)

• Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte
 Laufzeit meist 3 Monate
 Längerfristige Breitstellung von Liquidität für Geschäftsbanken

• Feinsteuerungsoperationen (kurzfristig)

• Strukturelle Operationen (langfristig)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 106


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Ständige Fazilitäten
• Ständige Fazilitäten dienen der kurzfristigen Steuerung der Zinssätze am Markt und sind
mengenmäßig nicht begrenzt. Fazilitäten lassen sich (bedingt) mit einem Girokonto vergleichen.

• Spitzenrefinanzierungsfazilität (Dispozins)
 Übernachtkredite gegen Sicherheiten
 Spitzenrefinanzierungssatz deutlicher höher als Marktzins
 daher: Verwendung nur im Notfall

• Einlagenfazilität (Guthabenzins)
 Über-Nacht-Anlagemöglichkeit zu gegebenem Zinssatz
 Einlagenzins ist deutlich niedriger als Marktzins
 daher: nur genutzt, wenn Gelder nicht verwendet werden können

→ Es entsteht ein Zinskorridor, den die EZB vorgibt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 107

Makro: Bankensystem & Geldmenge

EONIA:
Euro OverNight Index Average
(durchschnittlicher über Nacht Zinssatz)

Quellen: bpb.de / bundesbank.de ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 108


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Mindestreservepolitik
• Der Mindestreservesatz in der EU beträgt 1%.

• Bei einem Mindestreservesatz von 1% kann jeder durch die EZB ausgegebene Euro die Geldmenge
um 100 Euro erhöhen.

• Wird der Mindestreservesatz gesenkt, können die Geschäftsbanken mehr Kredite vergeben; wird er
erhöht, sinkt das Kreditvolumen.
• Eine Änderung des Mindestreservesatzes ist ein starker Hebel der Geldmenge und wird nur selten
und meist unter längerer Vorankündigung angewandt.

• Bei M3 = 12,5 Bio. Euro muss M0 lediglich 125 Mrd. Euro betragen.

• Beispiele:
Euroraum: am 18.01.2012 von 2% auf 1%
China: letztmalig am 25.01.2019 auf 14,5% (oft 0,5%-Schritte seit 20% in 2015)
Deutschland: 1952: 30% der Sichteinlagen, 20% Termingeld etc., 10% Spareinlagen
New York: 1838: 100% (in Form von Hypotheken oder Staatsanleihen)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 109

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Zuteilungsverfahren
• Mengentender (=Festzinstender):
Die EZB nennt einen Zinssatz, zu dem sie Geld verleihen möchte. Die Geschäftsbanken nennen
einen Betrag, den sie zu diesem Zins leihen möchten. Da die EZB nur eine bestimmte Menge an
Geld verleihen möchte, erhalten alle Bieter prozentual in Höhe Ihres Gebotes einen Kredit.

• Zinstender (=Mindestzinstender):
Die EZB nennt ein Kreditvolumen, das sie verleihen möchte. Die Geschäftsbanken nennen einen
Zins und einen Betrag, zu dem sie einen Kredit aufnehmen möchten. Die Bieter mit dem höchsten
Zins bekommen den gewünschten Kredit, bis das Kreditvolumen ausgeschöpft ist (amerikanisches
Verfahren) oder den Grenzzinssatz, der gerade noch eine Zuteilung erhalten hat (holländisches
Verfahren).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 110


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Mengentender

Wer will einen Kredit zu


einem Zinssatz von 3%?

Wir vergeben 5 Mio.

2,5 Mio. 1 Mio. 1 Mio. 0,5 Mio.

5 Mio. 2 Mio. 2 Mio. 1 Mio.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 111

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Zinstender

Wer will einen Kredit?

zu 4% (amerik. V.) Wir vergeben 2 Mio.


zu 3,5% (holl. V.) zu 3,5 %
1 Mio. 1 Mio.

1 Mio. zu 4% 1,5 Mio. zu 3,5% 2 Mio. zu 3,25 % 1 Mio. zu 3 %

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 112


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Probleme der Geldmengensteuerung


• Entscheidend für die Preisniveauentwicklung sind die erweiterten Geldmengen, welche alle
Geldmittel enthalten, mit denen Zahlungen geleistet werden können.

• Die Zentralbank kann nur das Zentralbankgeld (Geldbasis M0) und nicht erweiterte Geldmengen
wie M3 direkt steuern.

• Das Problem entsteht wegen der fraktionellen Reservehaltung:

 Der Geldschöpfungsmultiplikator und damit die Geldmenge hängen vom Verhalten von
Öffentlichkeit und Banken ab – von der Überschussreserve der Banken und der Bargeld-
haltung der Öffentlichkeit.

 Somit kann die Zentralbank die Geldmenge nicht vollständig kontrollieren.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 113

Makro: Bankensystem & Geldmenge

Unabhängigkeit - Theorie
Artikel 107 EU-Vertrag: Weder „EZB (…) noch eine nationale Zentralbank noch ein Mitglied ihrer
Beschlussorgane [darf] Weisungen von Organen oder Einrichtungen der Gemeinschaft, Regierungen
und Mitgliedsstaaten oder anderen Stellen einholen oder entgegennehmen.“

Artikel 21 ESZB-Satzung: An staatliche Einrichtungen darf kein Kredit durch EZB oder nationale
Zentralbanken gewährt werden.

Unabhängigkeit von politischen Weisungen bedeutet:

 Die Zentralbank kann die Geldpolitik ohne politische Weisungen selbstständig durchführen und

 sie kann sich weigern, die Haushaltsdefizite der Regierungen zu finanzieren.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 114


Makro: Bankensystem & Geldmenge

Unabhängigkeit - Praxis
• Direktoren der deutschen Zentralbank werden von Bundestag und Bundesrat vorgeschlagen.

• Die EZB hat keine Wechselkurskompetenz gegenüber Drittwährungen. Die Festlegung ist beim Rat
der Europäischen Union angesiedelt (lt. Artikel 109 EG-Vertrag). Hiermit wird dem Ministerrat
grundsätzlich die Möglichkeit eingeräumt, durch eine internationale Festlegung der Wechselkurse
die Unabhängigkeit der Notenbank zu unterlaufen.
• Artikel 123 AEUV verbietet die Staatsfinanzierung durch die Zentralbank. Die EZB hat für bisher
(08/2019) 2,6 Billionen(!) Euro Staatsanleihen von EU-Staaten gekauft, um eine Zahlungsunfähigkeit
der schwachen Staaten abzuwenden. Größte Posten:
Deutsche Staatsanleihen: 515 Mrd.
Französische Staatsanleihen: 420 Mrd.
Italienische Staatsanleihen: 360 Mrd.
Spanische Staatsanleihen: 259 Mrd.

• Aufgabe des Maastricht-Inflationsziels mit der Sitzung des EZB-Rats am 22.07.2019:


Draghi: Inflationsziel „symmetrisch“ erreichen – d.h. auch Inflationsraten deutlich über 2% zulassen.
In Verbindung mit Nullzinspolitik führt das zu einer schnelleren Entschuldung der Euro-Staaten,
aber auch Vernichtung der Kaufkraft von Ersparnissen und steigenden Lebenshaltungskosten.
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 115

02
Makroökonomie in langfristiger Sicht: Die monetäre Ebene
2.1 Ersparnis, Investitionen und das Finanzsystem
2.2 Bankensystem und Geldmengensteuerung
2.3 Messung der Lebenshaltungskosten (→ Mankiw Kap. 21)
2.4 Geldmengenwachstum und Inflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 116


Makro: Lebenshaltungskosten

Inhalt

• Inflation und Lebenshaltungskosten

• Verbraucherpreisindex & Warenkorb

• Berechnung der Inflationsrate

• Inflationsbereinigung

• Indexierung von Verträgen

• Reale und nominale Zinsen

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 117

Makro: Lebenshaltungskosten

Inflation und Lebenshaltungskosten


• Inflation (lat. „anschwellen“) steht für den Anstieg des allgemeinen Preisniveaus.

• Dieser Anstieg entsteht, wenn die Geldmenge schneller als die Produktion wächst.
(Erinnerung: Y EK = Y Output im Gleichgewicht).

• Die Inflationsrate ist die prozentuale Veränderung des Preisniveaus gegenüber der Vorperiode:

Preisniveau Jahr n + 1
π = → bzw. (π - 1) * 100 ergibt die Inflationsrate in %
Preisniveau Basisjahr n

• Das Preisniveau für ein Jahr muss dafür exakt bestimmbar sein.

• Die Messung erfolgt über den Verbraucherpreisindex (auf internationaler Ebene über den
Harmonisierten Verbraucherpreisindex).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 118


Makro: Lebenshaltungskosten

Der Verbraucherpreisindex
• Der Verbraucherpreisindex (VPI) misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und
Dienstleistungen, die von privaten Haushalten für Konsumzwecke gekauft werden.

• Messgröße für z.B.:


 Geldwertentwicklung und Inflation
 Forderungen bei Lohnverhandlungen
 Höhe von wiederkehrenden Zahlungen (Wertsicherungsklauseln)
 Deflationierungsberechnung in den VGR

• Berechnung erfolgt unter Zuhilfenahme eines Warenkorbes.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 119

Makro: Lebenshaltungskosten

Der Warenkorb des VPI


• Der Warenkorb enthält sämtliche Waren und Dienstleistungen, die für die Konsumwelt in
Deutschland relevant sind.

• In Deutschland werden momentan 650 Güter(arten) und Dienstleistungen erfasst.

• Der Warenkorb wird laufend aktualisiert, damit immer diejenigen Gütervarianten in die
Preisbeobachtung eingehen, welche von den Konsumenten aktuell häufig gekauft werden.

• Die Auswahl von konkreten Produkten für die Preisbeobachtung erfolgt in Form von repräsentativen
Stichproben.

• In der Regel werden zunächst repräsentative Städte, dort dann repräsentative Geschäfte und darin
die am häufigsten verkauften Produkte ausgewählt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 120


Makro: Lebenshaltungskosten

Der Warenkorb des VPI - Änderungsbeispiele

Warenkorb Warenkorb Warenkorb Warenkorb Warenkorb Warenkorb


1980 1985 1991 2000 2013 2019
• Heimcomputer • bleifreies • CDs & Player • Digitalkamera • Privatschulen • Musik-
Benzin Streaming
• Sofortbild- • Disketten • DSL-Tarife • Nachhilfe
kamera • Walk-Man 3,5“; 1,44 MB • E-Books &
• Laminat- • Studiengeb. Reader
• Video-Band • Leihgebühr für • alkoholfreies /Fertigboden-
Videos Bier Paneele • Immatrikula-
• Video-Recorder tionsgebühren
• Videokamera • Kiwi • Pizza zum
Mitnehmen • Lehrgangs-
• Mikrowellen- gebühren
herd • Blutdruck- (VHS)
messsgerät für
Handgelenk

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 121

Makro: Lebenshaltungskosten

Berechnung des VPI


• 600 Preiserheber in 188 Gemeinden beobachten
monatlich die Preise der gleichen Produkte in
denselben Geschäften.

• monatliche Erfassung: ca. 300.000 Einzelpreisen

• Mengen- und Qualitätsänderungen werden


berücksichtigt.

• Gewertet werden Anschaffungspreise einschließlich


Umsatzsteuer und Verbrauchssteuern.

• Preis des Warenkorbes =


Summe aller (mengengewichteten) Preise

• Mengengewichtung aus Haushaltsstichprobe


(60.000 Teilnehmer in Deutschland)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 122


Makro: Lebenshaltungskosten

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 123

Makro: Lebenshaltungskosten

Berechnung des VPI


• Für einen Index muss eine Indexbasis festgelegt werden.

• Da wir die Verbraucherpreisentwicklung pro Jahr beobachten, wird ein Jahr als Basis angenommen:

gew. Preis Warenkorb 2019


gew. Preis Warenkorb 2015 * 100 = VPI 2019 (zu Preisen des Jahres 2015)

• Das Basisjahr wird in der Regel alle fünf Jahre angepasst.


2019 wurde auf das Basisjahr 2015 umgestellt.

• Ergebnis ist die Antwort auf die Frage:


„Um welchen Faktor sind die Ausgaben eines durchschnittlichen Haushaltes für seine
durchschnittlichen Einkäufe zwischen 2005 und 2010 gestiegen?“

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 124


Makro: Lebenshaltungskosten

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 125

Makro: Lebenshaltungskosten

Berechnung der Inflationsrate


• Aus dem VPI lässt sich die Inflationsrate für das Jahr n + 1 berechnen:

VPI Jahr (n + 1) – VPI Jahr n


π VPI = → bzw. (π VPI - 1) * 100 ergibt die Inflationsrate in %
VPI Jahr n

• Die Inflationsrate ist somit ein aus dem VPI abgeleiteter Indikator.

• Daher gelten die Schwächen des VPI auch für die Inflationsrate:

 Substitutionsverzerrungen (kurzfristig verteuerte Güter werden durch billigere Güter ersetzt)


 Träge Reaktion auf die Einführung neuer Güter (insbesondere „Game Changer“)
 Hedonistische Schätzung von Qualitätsänderungen (gr.: „Lustgewinn“ → Nutzenunterstellung)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 126


Makro: Lebenshaltungskosten

BIP-Deflator vs. VPI

BIP-Deflator VPI

nominales BiP Preisniveau Jahr 2


reales BiP Preisniveau Jahr 1

• Enthält auch staatlichen Konsum • Betrachtet nur den Konsum


und Investitionen der privaten Haushalte
• Enthält nur im Inland • Enthält auch im Ausland
hergestellte Güter hergestellte Güter
• Vergleicht die Produktion in • Vergleicht einen Warenkorb
verschiedenen Jahren in verschiedenen Jahren

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 127

Makro: Lebenshaltungskosten

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 128


Makro: Lebenshaltungskosten

Inflationsbereinigung
• Preisindizes erlauben den Vergleich der Kaufkraft von Geldbeträgen zu unterschiedlichen
Zeitpunkten. Beispiel: Opa und Enkel unterhalten sich. Beide haben eine Schreinerlehre gemacht,
der Opa hat als Einstiegsgehalt direkt nach der Lehre 1.000.- DM (= 500 €) bekommen, der Enkel
bekam 2018 ein Einstiegsgehalt von 1.500.- €. Wem ging es also besser?

 (umgerechnetes) Gehalt 1970: 500.- €


 Verbraucherpreisindex 1970: 40
 Verbraucherpreisindex 2012: 104

VPI 2018 104


Kaufkraft (2018) = 500.- * = 500.- * = 1.300.-
VPI 1970 40

→ Ein Gehalt von 500.- € im Jahr 1970 entspricht einer Kaufkraft von 1.300.- € im Jahr 2018.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 129

Makro: Lebenshaltungskosten

Indexierung in Verträgen
• Geldentwertung betrifft alle längerfristigen Verträge, in denen ein konkreter Geldbetrag genannt ist
(z.B. Lohn- oder Mietverträge, langfristige oder wiederkehrende Lieferverträge).

• Wenn sich nicht alle Preise (Löhne, Zinsen) an die gestiegene Inflationsrate anpassen, kommt es zu
weiteren Umverteilungen; z.B.
 Nominallohnerhöhungen < Inflationsrate:
Umverteilung von Arbeit zu Kapital (fallende Reallöhne)
 Nominalzinsen < Inflationsrate:
Umverteilung von Gläubiger zu Schuldner (negative Realzinsen)

• Durch Indexierung kann der Geldwertverlust durch Inflation in Verträgen umgangen werden.
Mögliche Formulierung:

„…beträgt die Monatsmiete 750.- Euro und wird zum 01.04. eines jeden Jahres der Veränderung des
VPI (laut Destatis.de) angepasst.“

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 130


Makro: Lebenshaltungskosten

Reale und nominale Zinsen


Der nominale Zinssatz ist der üblicherweise ausgewiesene Zins.
Der reale Zinssatz ist der um die Inflation bereinigte Zinssatz.

Beispiel:
Festgeld mit 1 % Nominalzinssatz

Bestand am 01.01.2018 € 100,-


Bestand am 31.12.2018 € 101,-

Da die Inflationsrate im Jahr 2018 ebenfalls 1% betrug, ist die Kaufkraft der Geldsumme am Anfang
und am Ende gleich groß.

Somit ist der reale Zinssatz: 1 % – 1 % = 0 %.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 131

Makro: Lebenshaltungskosten

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 132


02
Makroökonomie in langfristiger Sicht: Die monetäre Ebene
2.1 Ersparnis, Investitionen und das Finanzsystem
2.2 Bankensystem und Geldmengensteuerung
2.3 Messung der Lebenshaltungskosten
2.4 Geldmengenwachstum und Inflation (→ Mankiw Kap. 28)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 133

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Inhalt

• Geldmenge & Inflation

• Quantitätstheorie, klassische Dichotomie

• Inflationsrate und Nominalzinsen: Der Fisher-Effekt

• Die Kosten von Inflation

• Hyperinflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 134


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Geldmenge und Inflation


• Inflation ist einerseits eine Preissteigerung von Gütern und Dienstleistungen und andererseits eine
Geldentwertung. Wenn sich das Preisniveau erhöht, dann fällt der Wert des Geldes.

• Die Geldmenge wird kurzfristig von der EZB festgesetzt.

• Da Geld ein Gut ist, hängt die Gleichgewichtsmenge langfristig von Angebot und Nachfrage nach
Geld ab.

• Ein Bestimmungsfaktor für die Nachfrage ist das Preisniveau:

 Wenn alle Güter teurer werden (also das Preisniveau steigt), brauchen wir mehr Geld, um
alle vorhandenen Güter bezahlen zu können. Die Geldnachfrage steigt.

 Das Preisniveau ergibt sich langfristig als Gleichgewicht auf dem Geldmarkt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 135

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 136


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Geldangebot, -Nachfrage und Preisniveau


Geldwert (1/P) Preisniveau P
hoch 1 Geldangebot 1 niedrig
MS
¾ 1,33

Gleichgewichtsgeldwert ½ 2 Gleichgewichtspreisniveau
Geldnach-
¼ frage MD 4
niedrig hoch
M Geldmenge
Geldangebot durch EZB

• Das Geldangebot wird durch die Zentralbank vorgegeben.


Daher bestimmt die Zentralbank meist den Gleichgewichtspunkt.

• Geldnachfrage von mehreren Größen beeinflusst.

• Preisniveau und Geldwert verhalten sich gegensätzlich.


ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 137

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Änderung des Geldangebotes


Was passiert, wenn die Zentralbank die Geldmenge ausweitet?

Geldwert (1/P) Preisniveau P


MS1 MS2
1 1

¾ 1,33
Geldwert sinkt Preisniveau steigt
½ 2
MD
¼ 4
M1 M2 Geldmenge
Geldmenge steigt

• Ein Anstieg des Geldangebotes verringert den Geldwert und steigert das Preisniveau.

• Aus dem allgemeinen Gleichgewicht (YOutput = YEK) folgt, dass bei steigender Geldmenge (= steigen-
dem Einkommen) und gleichbleibender Gütermenge die Preise im gleichen Maß steigen müssen.
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 138
Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Die Quantitätstheorie
• Die Quantitätsgleichung gibt einen Zusammenhang von P und M:

Geldmenge Preisniveau

M·V=P·Y
Umlaufgeschwindigkeit reales BIP

• Die verfügbare Geldmenge bestimmt das Preisniveau.


Die Wachstumsrate der Geldmenge bestimmt die Inflationsrate.

• Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist langfristig relativ stabil.

• Somit gilt: Wenn die EZB die Geldmenge schneller erhöht als Y zunimmt, erhöht sich das Preisniveau.

• Reale Variablen werden durch nominale nicht beeinflusst: wenn M steigt und P gleich steigt, bleibt Y
konstant (klassische Dichotomie).
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 139

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Quellen: EZB & Thomson Financial / WiWo 48/14 ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 140
Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Der Fisher-Effekt
(Irving Fisher, USA 1867 – 1947)

• Nach dem Fisher-Effekt passt sich der Nominalzins im gleichen Maß den Änderungen der
Inflationsrate an:
Realzins
i≈π+r
Nominalzins Inflationsrate

• Da die Inflationsrate aber erst im Nachhinein bekannt ist, muss die Gleichung erweitert werden -
nicht die Inflationsrate sondern die erwartete Inflationsrate bestimmt den Nominalzins:

Realzins
i t ≈ π et+1 + r t
Nominalzins erwartete Inflationsrate

→ Wenn eine hohe Inflation erwartet wird, ist die Inflation hoch!

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 141

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Der Fisher-Effekt
• Der Realzinssatz bleibt unberührt.

• Eine Erhöhung der Inflationsrate um 1 Prozentpunkt hat nach dem Fisher-Effekt eine Erhöhung des
Nominalzinssatzes um 1 Prozentpunkt zur Folge.

• Wenn die Zentralbank das Geldmengenwachstum erhöht und die Inflationsrate steigt, hat das keine
Konsequenzen für den Realzinssatz.

• Geld ist somit neutral: Geld beeinflusst die relativen Preise und den realen Sektor nicht.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 142


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Die Kosten von Inflation


• Wenn die Preise aller Güter und die Löhne gleichmäßig steigen, bleibt die Kaufkraft der
Nominaleinkommen unberührt.

• Warum entstehen aber für verschiedene Gruppen Kosten?

 Schuhsohlen- und Speisekarten-Kosten


 Variabilität der Preise und Fehlallokationen
 Inflationsbedingte Steuerverzerrungen
 Anpassungskosten
 willkürliche Vermögensumverteilung

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 143

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Schuhsohlen- und Speisekartenkosten


• Schuhsohlen-Kosten (→ Nachfrageseite) sind Ressourcen, die verschwendet werden, wenn
Menschen aufgrund der Inflation ihre Kassenhaltung verringern:

 Bei hoher Inflation verliert Bargeld schnell an Kaufkraft.


 Verzinstes Geld hingegen behält seine Kaufkraft.
 Die Menschen werden so wenig Bargeld wie möglich halten und müssen daher öfter zur Bank,
um ihre Anlagen umzuschichten.

• Speisekarten-Kosten (→ Angebotsseite) sind die Kosten der Preisänderungen, die bei Unternehmen
anfallen:

 Preise werden in Prospekten, Preislisten oder auch Speisekarten ausgewiesen.


 Eine Änderung der Preise bedeutet Druckkosten etc.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 144


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Variabilität der relativen Preise


• Mit zunehmender Inflation steigt die Variabilität der relativen Preise (=Arbeit, Kapital, Zeit usw.).

• Wenn die relativen Preise verzerrt werden, dann werden Konsumentenentscheidungen suboptimal.
Eine effiziente Allokation der Ressourcen über Märkte ist nicht möglich.

• Gesamtwirtschaftlich wird dadurch ein geringerer Warenkorb gewählt als eigentlich möglich wäre.
Dies ist mit einem gesamtwirtschaftlichen Nutzenverlust gleichzusetzen.

Steuerverzerrungen
• Inflation erhöht die Steuerbelastung von Ersparnissen, da der inflationsausgleichende Teil des
Ertrags auch besteuert wird (vgl. Fisher-Relation).

• Eine höhere Inflationsrate verringert daher eher die Sparanreize.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 145

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Volkswirtschaft 1 Volkswirtschaft 2
(Preisstabilität) (Inflation)

Realzinssatz 4 4

Inflationsrate 0 8

Nominalzinssatz 4 12

Steuersatz (25 %) 1 3

Nominalzinssatz nach Steuern 3 9

Realzinssatz nach Steuern 3 1

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 146


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Anpassungskosten
• Preisvergleiche werden schwieriger, vor allem bei hoher Variabilität der Preise.

• Die Berechnung von Kosten und Erträgen und damit der Realeinkommen wird erschwert.

Willkürliche Vermögensumverteilung
• Wenn sich nicht alle Preise (Löhne, Zinsen) zeitnah an die gestiegene Inflationsrate anpassen,
kommt es zu Umverteilungen.

• Wenn sich Nominalzinsen nicht an die gestiegene Inflationsrate anpassen, kommt es zu einer
Umverteilung von Sparern (Gläubigern) zu Schuldnern.

• Da sich Löhne meist ex post und nur einmal jährlich an die Inflation der vergangenen Periode
anpassen, verringert die unterjährige Inflation die Kaufkraft der Einkommen. Gleichzeitig steigen die
Gewinne der Unternehmen, da die Verkaufspreise inflationsbedingt steigen, die Herstellungskosten
zumindest im Bereich der Personalkosten stagnieren. Es kommt zu einer Umverteilung von
Arbeitern zu Unternehmen („von unten nach oben“).
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 147

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Gefühlte Inflation
• Im Vergleich zu den Kosten der Inflation ist die „Gefühlte Inflation“ ein Trugschluss: die Menschen
denken, dass die Inflation hoch ist, obwohl eigentlich nur eine geringe Steigerung vorliegt.

• Diese Täuschung wird zu einem Großteil durch den Speisekarteneffekt genährt: Wenn wie bei der
Umstellung zum Euro sowieso alle Preisauszeichnungen neu erstellt werden müssen, sind die
Anpassungskosten gleich Null.

• Bei der Euroeinführung wurden tatsächlich viele Preise angepasst, insbesondere bei den nieder-
preisigen „Gütern des täglichen Bedarfs“ – das sind alle Güter, die überwiegend bar bezahlt und
relativ häufig gekauft werden.

• Die Preise der Güter des täglichen Bedarfs sind oft genau bekannt, so dass eine Veränderung den
Konsumenten auffällt.

• Durch die gestiegenen Barausgaben haben die Konsumenten einen falschen Rückschluss auf den
Warenkorb gezogen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 148


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 149

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation

1 Mark (1881) = 6,40 Euro


1 Mark (1900) = 6,00 Euro
1 Mark (1913/14) = 4,70 Euro
1 Mark (1915) = 3,50 Euro
1 Mark (1918) = 1,15 Euro
(Kaufkraft in Preisen von 2008)

• Kriegswirtschaft: Loslösung vom Goldstandard am 04.08.1914

• Münzmaterial änderte sich von Edelmetall zu unedlen Metallen

• Qualitätsverluste der Waren, Mangelwirtschaft, Schwarzmarkt

• Ausgabe von papiernem Notgeld durch Gebietskörperschaften und Großbetriebe

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 150


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation
Österreich Deutschland
Index Index
(01/1921 = 100) (01/1921 = 100)

100.000 100.000.000.000.000
1.000.000.000.000 Preisniveau
Preisniveau Geld-
10.000 10.000.000.000
Geldmenge 100.000.000 menge
1.000.000
1.000 10.000
100
100 1
1921 1922 1923 1924 1925 1921 1922 1923 1924 1925

Ungarn Polen
Index Index
(07/1921 = 100) 01/1921 = 100)

100.000 10.000.000
Preisniveau Preisniveau
1.000.000
10.000
100.000 Geldmenge
Geldmenge 10.000
1.000
1.000
100 100
1921 1922 1923 1924 1925 1921 1922 1923 1924 1925

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 151

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation: Notgeld

Quelle: Wikimedia (CCL) ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 152


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation: Notgeld

Quelle: Wikimedia (CCL) ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 153

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Bocholt Bielefeld

• 50 Pfennig • 100 Mrd. Mark


• 1. Januar 1918 • 23. Oktober 1923
• Ausgabestelle: • Ausgabestelle:
Stadt Bocholt Kreissparkasse
Bielefeld

Quelle: Google Maps ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 154


Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation: Naturalgeld
An unsere ländlichen Leser

In diesen Tagen kommt der Postbote und nimmt die Neubestellungen auf das
Erlanger Tagblatt

entgegen. Der Bezugspreis für den Monat November beträgt 1320 Millionen (freibleibend). Durch die
katastrophale Geldentwertung sind die Herstellungskosten einer Zeitung derart gestiegen, dass wir
unbedingt zur Erhebung obigen Abonnementspreises gezwungen sind.

Wir stellen es unseren Landwirtschaft treibenden Lesern anheim, uns statt dieses Betrages
Naturalien im Tausch für die Lieferung unseres Blattes zu geben und zwar liefern wir das Erlanger
Tagblatt gegen – in unserer Geschäftstelle Bruckerstraße 8/10 erfolgende – Abgabe von
entweder 1 Pfund Butter
oder 10 Stück Eiern
oder 10 Pfund Weizen
oder ½ Zentner Kartoffeln
im Monate frei ins Haus.

Ausdrücklich machen wir darauf aufmerksam, dass bei Lieferung von Naturalien eine
Nachforderung während des ganzen Monats November unterbleibt.
„Verlag Erlanger Tagblatt“ 24.10.1923

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 155

Makro: Geldmengenwachstum & Inflation

Hyperinflation: Naturalgeld
• Bei einer Hyperinflation steigen die Preise teilweise im Stundentakt.

• Hauptgrund hierfür ist der schleichende Vertrauensverlust in die Währung bzw. deren Funktionen.

• Hyperinflation findet sich oft gegen Ende eines Krieges im unterlegenen Land. Ebenso in Ländern,
bei denen der Staat Zugriff auf die Notenpresse hat und damit versucht, Schulden abzubauen.

• Wenn der Vertrauensverlust in die Währung einen kritischen Punkt über-schritten hat, kehren die
Menschen wieder zum Naturaltausch zurück (Nahrungsmittel, Zigaretten, Schmuck, Gold etc.).

• Eine Währungsreform ist dann unumgänglich.

Quellen: Deutsches Historisches Museum Berlin / Arte TV / thestockyfox ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 156
03
Makroökonomie in kurzfristiger Sicht: Die realwirtschaftliche Ebene
3.1 Gesamtwirtschaftliches Angebot und Nachfrage (→ Mankiw Kap. 33)
3.2 Die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik
3.3 Verbindung von realer und monetärer Ebene: die Phillips-Kurve

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 157

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Inhalt

• Anatomie kurzfristiger Schwankungen (Konjunkturzyklen)

• Das Basismodell zur Erklärung von Wirtschaftsschwankungen

• Aggregierte Nachfrage und aggregiertes Angebot

• Kurz- und langfristige Gleichgewichte

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 158


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Konjunkturzyklen
Output Y
Output bei Voll-
beschäftigung

Hochkonjunktur
aktueller
Output

Rezession
Konjunkturzyklen in Deutschland ab 1990

Zeit t
Quelle: Weltbank & Tagesgeld.info ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 159

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Konjunkturzyklen
• Eine Rezession ist eine Periode fallenden Realeinkommens und steigender Arbeitslosigkeit.
Eine Depression ist eine sehr ausgeprägte Rezession.

• Wirtschaftliche Schwankungen um einen langfristigen Trend sind unregelmäßig und nicht


prognostizierbar.

• Die meisten ökonomischen Variablen schwanken gemeinsam (BIP, Konsumausgaben,


Investitionsausgaben, Industrieproduktion).

• Der Rückgang der Produktion (reales BIP) ist mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit verknüpft.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 160


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Konjunkturzyklen
• Die meisten Ökonomen sind der Ansicht, dass die klassische Dichotomie die Wirtschaft langfristig,
aber nicht kurzfristig beschreibt:

• Veränderungen der Geldmenge beeinflussen langfristig nur nominale Variablen. Die Annahme der
Neutralität des Geldes ist kurzfristig jedoch nicht haltbar.

• Kurzfristige wirtschaftliche Schwankungen erklären sich durch:

 Das Produktionsniveau

 Das Preisniveau

 Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage

 Veränderungen der Kostenstrukturen der Unternehmen

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 161

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Ein grundlegendes Modell


- Das ist noch nicht das AS-AD-Modell! -
Preis niveau P
AS • Das grundlegende Modell zur Erklärung wirtschaftlicher
Schwankungen basiert auf Veränderungen des
aggregierten Angebots und der aggregierten Nachfrage.
P*
• Damit werden kurzfristige Schwankungen um den
langfristigen Trend erklärt.
AD

Y* Output Y

• Die aggregierte Angebotskurve (AS-Kurve, von „aggregated supply“) zeigt die Gütermenge, welche
alle Unternehmen der Volkswirtschaft zu unterschiedlichen Preisniveaus anbieten.

• Die aggregierte Nachfragekurve (AD-Kurve, von „aggregated demand“) zeigt die Menge an Gütern
und Dienstleistungen, welche alle Haushalte und Unternehmen der Volkswirtschaft zu unter-
schiedlichen Preisniveaus kaufen wollen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 162


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Die aggregierte Nachfrage (AD)


• Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist die Gütermenge, die in der betrachteten Zeitperiode
nachgefragt (also gekauft) wird.

• Dieser Ansatz ist aus der Verwendungsrechnung des BIPs bekannt:

Priv. Konsum Investitionen Netto-Exporte


(Consumption)

Y = C + I + G + NX
Outputmenge,
Güterberg, Staatl. Nachfrage (Government)
Produktionswert

• „Netto-Exporte“: Exporte – Importe, in D meist größer Null.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 163

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Die aggregierte Nachfrage (AD)

P
• Die aggregierte Nachfragekurve hat einen
fallenden Verlauf.

• Gründe hierfür sind unter anderem:


Pfix - Vermögenseffekt
AD3 - Zinssatzeffekt
AD1 - Wechselkurseffekt
AD2
Y
Yneu Yalt Yneu

Wenn bei gegebenem Preisniveau mehr (oder weniger) konsumiert, investiert, vom Staat ausgegeben,
exportiert oder importiert wird, steigt (fällt) die aggregierte Nachfrage – und somit verschiebt sich die
Nachfragekurve mittelfristig vom Ursprung weg (zum Ursprung hin).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 164


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Vermögenseffekt (nach Pigou)


• Ein gefallenes Preisniveau erhöht den realen Wert nominaler Vermögenswerte.
Beispiele: Bargeld, Bankkonten, Anleihen

• Als Folge steigt der Konsum, die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen steigt.

Zinssatzeffekt (nach Keynes)


• Ein gefallenes Preisniveau senkt den Zinssatz, da weniger Geld für Transaktionen nachgefragt wird.

• Ein verringerter Zinssatz erhöht die Investitionstätigkeit und so die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 165

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Der Zinssatzeffekt (nach Keynes)


r MS P

r0 P0 1. P fällt
2. MD fällt

r1 MD (P0) P1
3. Zins fällt MD (P1) 4. Nachfrage steigt AD

M* M Y0 Y1 Y

• Mit dem Preisniveau fällt die Nachfrage nach Geld.

• Eine fallende Geldnachfrage führt (M = konst.) zu niedrigeren Zinsen.

• In der Folge steigt die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen (insbesondere durch
Unternehmensinvestitionen, in der Realität auch durch Konsumentenkredite).

→ Preisniveau und aggregierte Nachfrage sind negativ korreliert.


ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 166
Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Wechselkurseffekt (nach Mundell-Fleming)


• Ein gefallenes Preisniveau bedeutet, dass die Zinsen sinken.

• Sinkende Zinsen relativ zu anderen Währungen bedeuten weniger Kapitalzufluss und mehr
Kapitalabfluss (Nettokapitalabfluss steigt).

• Ausländische Investoren ziehen ihr Kapital ab, da die Rentabilität gesunken ist. Da die Inlands-
investitionen in Euro notieren, muss (nach der Auflösung und vor der Weiterverwendung im
Heimatland) der Erlös von Euro in die Heimatwährung umgetauscht werden.

• Das Angebot an Euro am Devisenmarkt steigt, ebenso die Nachfrage nach ausländischer Währung.

• Der Euro wertet ab, d.h. für eine Einheit ausländischer Währung bekommt man mehr Euro.

• Somit sinken die in Euro stabilen Güterpreise in der Auslandswährung. Die Nettoexporte steigen
und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 167

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das aggregierte Angebot (langfristig - LRAS)


P Aggregiertes • Die langfristige („long run“) aggregierte
Angebot in Angebotskurve verläuft vertikal.
langfristiger
P1 Sicht (LRAS) • Vollbeschäftigungsoutput bzw. das „natürliche
Produktionsniveau“ bestimmen die Lage der
P2 AS-Kurve.
1. Wenn P fällt…

YN Y
2. …ändert sich der Output (und somit die Beschäftigung) nicht.
Y bleibt auf dem natürlichen Niveau (Vollbeschäftigungsoutput).

• Langfristig hängt die Produktion von Gütern und Dienstleistungen von der Verfügbarkeit der
Produktionsfaktoren (L, K, H, N) und von der vorhandenen Technologie ab.

• Das Preisniveau wird diese Variablen langfristig nicht beeinflussen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 168


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das aggregierte Angebot (langfristig - LRAS)

P LRAS LRAS LRAS 1. Langfristig verschiebt der technologische


1990 2005 2020
1. Fortschritt die AS-Kurve
4.
P2020 2. 2. und das Geldmengenwachstum verschiebt
P2005 AD2020 die AD-Kurve.
P1990
AD2005 3. Der Output erhöht sich
AD1990 4. und Inflation entsteht.
Y1990 Y2005 Y2020 Y
3.

• Alles, was im klassischen Modell den Output erhöht, verschiebt die langfristige AS-Kurve.
Die Produktion steigt, wenn:

 die Zahl der Arbeitskräfte zunimmt


 der Kapitalbestand wächst
 mehr natürliche Ressourcen vorhanden sind
 die Technologie sich verbessert
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 169

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Theorie starrer Löhne (nach Keynes)


• Nominallöhne passen sich nur langsam an Preisniveauänderungen an.
Dadurch bewegt sich die Wirtschaft weg von der LRAS.

• Wenn die Güterpreise steigen und die Löhne konstant bleiben, dann steigen die Gewinne
(weil dann Erlöse rascher steigen als Kosten).

• Unternehmen haben in dieser Situation einen Anreiz mehr zu produzieren, weil sie damit ihre
Gewinne erhöhen können.

• Bei starren Lohnsätzen führen steigende Preise also zu steigendem Angebot,


die Angebotskurve ist positiv geneigt.

• Zum gleichen Resultat kommen andere Erklärungsansätze, wie z.B. die Theorie starrer Preise
und die Lucas-Kritik.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 170


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das aggregierte Angebot (kurzfristig - SRAS)

P • Kurzfristige Fluktuationen sind Abweichungen


Aggregiertes
vom langfristigen Trendwachstum.
1. Wenn P fällt… Angebot in
P1 kurzfristiger
• Abweichungen vom Vollbeschäftigungsoutput
Sicht (SRAS)
entstehen durch die kurzfristige positive
P2 Steigung der AS-Kurve.

• Eine Erhöhung des Preisniveaus führt zu einer


Steigerung des Outputs.
Y2 Y1 Y
2. …sinkt kurzfristig das Angebot an Gütern & DL.

• Wenn alle Preise (inkl. Löhne) sich gleichmäßig bewegen, befinden wir uns auf der langfristigen
Angebotskurve: das Preisniveau hat keinen Einfluss auf Output und Beschäftigung.

• Folgerichtig bewegen sich die Preise entlang der kurzfristigen Angebotskurve nicht gleichmäßig.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 171

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das aggregierte Angebot (kurzfristig - SRAS)

P • Die kurzfristige Angebotskurve reflektiert die


SRAS2 Produktionskosten.
P2 (1) SRAS1
• Wenn die Produktionskosten (1) steigen, werden
die Unternehmen bei jedem Outputniveau (2) die
P1
Preise anheben (bzw. weniger produzieren).
(3)
• Die kurzfristige Angebotskurve verschiebt sich
Y1 Y nach oben (bzw. links) (3).
(2)

• Wenn Unternehmen erwarten, dass das Preisniveau allgemein (inkl. Löhne) steigt, werden sie ihre
Preise anpassen.

• Zum gegebenen Preisniveau werden weniger Güter angeboten oder aber bei einem gegebenen
Output steigt der Preis.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 172


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das aggregierte Angebot - Gesamtbetrachtung


P LRAS1 LRAS2 SRAS1 • SRAS verschiebt sich nach rechts:

 wenn die verfügbare Menge an


SRAS2 Produktionsfaktoren steigt
A
P* B  wenn die Qualität der
2. Die Wirtschaft bewegt Produktionsfaktoren steigt
sich von A nach B.
 Wenn neue Technologien für die
Y1 Y2 Y
Produktion entdeckt werden
1. Das Outputniveau steigt bei konstanten Preisen.

• Dadurch kann bei gleichen Preisen mehr produziert werden.


Das (Gleichgewichts-) Preisniveau bleibt gleich, der (Gleichgewichts-)Output steigt.

• Wenn die Unternehmen von einer dauerhaften Verbesserung der Produktion ausgehen, verschiebt
sich LRAS im gleichen Maß. Das dauert wesentlich länger als die Verschiebung von SRAS.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 173

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das AS-AD-Modell

P LRAS
SRAS

P* GG

AD

Y* Y

In der Ausgangssituation gehört zum AS-AD-Modell:

• AD: die aggregierte Nachfrage (aggregated demand)


• SRAS: das kurzfristige aggregierte Angebot (short run aggregated supply)
• LRAS: das langfristige aggregierte Angebot (long run aggregated supply)
• GG: ein Gleichgewicht (mit P*: Gleichgewichtspreisniveau und Y*: Output bei Vollbeschäftigung)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 174


03
Makroökonomie in kurzfristiger Sicht: Die realwirtschaftliche Ebene
3.1 Gesamtwirtschaftliches Angebot und Nachfrage
3.2 Die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik (→ Mankiw Kap. 34)
3.3 Verbindung von realer und monetärer Ebene: die Phillips-Kurve

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 175

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Inhalt

• Outputlücke und keynesianische Wirtschaftspolitik

• Beeinflussung der aggregierten Nachfrage durch Fiskal- und Geldpolitik

• Automatische Stabilisatoren

• Nachfrage- und Angebotsschock / Wirtschaftspolitik als Reaktion

• Pro und Contra Stabilisierungspolitik

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 176


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Konjunkturzyklen
Output
Y Output bei Voll-
beschäftigung

aktueller
Output

Produktionslücke: Abweichungen vom Voll-


beschäftigungsoutput (z.B. in % des BIP)

Ziel (keynesianischer) Stabilitätspolitik:


Verringerung des Konjunkturzyklus

Zeit t
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 177

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Produktionslücken - Beispiele

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 178


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Nachfrageorientierte Stabilitätspolitik
• Nach John Maynard Keynes (1883 – 1946) kann Wirtschaftspolitik Produktionslücken verhindern
oder schließen.

• Es gibt zwei Steuerungsinstrumente:

 Geldpolitik:
Veränderungen der Geldmenge bewirken Veränderungen des Zinssatzes und damit der
gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.

 Fiskalpolitik:
Veränderungen des Steuersatzes und der Staatsausgaben führen zu steigender oder fallender
gesamtwirtschaftlicher Nachfrage.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 179

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Nachfrageorientierte Stabilitätspolitik

Expansive Fiskalpolitik Expansive Geldpolitik

• Zinssenkung
•Steigerung der Staatsausgaben
• Kreditaufnahme wird attraktiver
• Steuersenkungen
• Investitionen steigen

Auswirkungen

• Nachfrage nach Gütern & DL steigt


• Produktion steigt
• Arbeitslosigkeit geht zurück

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 180


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Fiskalpolitik
• Fiskalpolitik = Staatsausgaben und Veränderung der Steuersätze

• Die Fiskalpolitik beeinflusst kurzfristig die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, langfristig das Spar- und
Investitionsverhalten (und damit Wachstum).

• Eine Änderung der Staatsausgaben beeinflusst die gesamtwirtschaftliche Nachfrage direkt,


Steueränderungen beeinflussen AD nur indirekt (durch die Entscheidungen der Unternehmen und
Haushalte).

• Durch Steuersenkungen steht mehr (Nachsteuer-)Einkommen und somit Kaufkraft zur Verfügung –
die aggregierte Nachfrage steigt.

• Zwei Effekte beeinflussen die Wirksamkeit der Fiskalpolitik:


 Multiplikatoreffekt
 Verdrängungseffekt

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 181

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Der Multiplikatoreffekt in der Fiskalpolitik

P • Ausgaben (z.B. Staatsausgaben) haben einen


1. Ursprüngliche Maßnahme Multiplikatoreffekt, weil jeder ausgegebene
Euro die Nachfrage um mehr als einen Euro
steigert.
2. Multiplikatoreffekt
• Je nach Umlaufgeschwindigkeit wird ein
eingenommener Euro wieder für Konsum
AD0 AD1 AD2 ausgegeben.
Y

• Der Multiplikatoreffekt wird verringert durch:

 Unternehmergewinne (auf der Anbieterseite)


 Steuern (auf der Nachfrageseite)
 Außenhandel (durch Import wird „der eine“ Euro exportiert)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 182


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Der Multiplikatoreffekt in der Fiskalpolitik


• Der Staat gibt für eine wirtschaftspolitische Maßnahme in Runde eins 1.000 Millionen Euro aus.
• Danach werden in jeder Runde c = 75% der Einnahmen (bei U + HH) wieder ausgegeben.
Runde ∆G ∆ Y = ∆ AD ∆ Y (formal)
1 1.000 1.000 c0 · ∆ G
2 0 750 c1 · ∆ G
3 0 560 c2 · ∆ G
4 0 420 c3 · ∆ G
… … … …
Summe 1.000 4.000 c∞ · ∆ G

∆Y = c 0·∆G + (c1·∆G + c2·∆G + … + cn·∆G)


c · ∆Y = (c1·∆G + c2·∆G + … + cn·∆G) + c n+1·∆G
∆Y – c · ∆Y = c ·∆G – c n+1·∆G [limn → ∞ (cn+1) = 0]
0

Multiplikator
1
∆Y = · ∆G → im Beispiel oben ist ∆Y = 4 · ∆G
1–c
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 183

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Der Verdrängungseffekt in der Fiskalpolitik


r MS P 1. mit G steigt AD

r1 2. MD steigt
4. AD fällt
r0 MD1
AD1
3. Zins steigt MD0 AD0 AD2
M* M Y

• Der Verdrängungseffekt wirkt dem Multiplikatoreffekt entgegen.

• Durch die gestiegene Produktion als Reaktion auf die gestiegene Nachfrage (1) steigt die
Geldnachfrage (2) und somit der Zins (3).

• Investitionen werden für Unternehmen unattraktiver.

• Die gestiegenen Staatsausgaben haben Investitionen verdrängt (4).


ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 184
Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Geldpolitik
• Geldpolitik = Veränderung der Leitzinsen

• Die Geldpolitik beeinflusst kurzfristig die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, langfristig das Spar- und
Investitionsverhalten (und damit Wachstum).

• Durch Zinssenkungen steht mehr Investitions- und Konsumkapital und somit Kaufkraft zur
Verfügung – die aggregierte Nachfrage steigt.

• Die Wirksamkeit der Geldpolitik wird durch einen Multiplikatoreffekt verstärkt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 185

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Geldpolitik: Geldangebot
Zinssatz (r) • Das Geldangebot bestimmt die ZB mittels:
MS
Offenmarktpolitik
r1 Mindestreservepolitik
Refinanzierungspolitik
r*

r2 → Geldangebotskurve ist vertikal.


MD

M1d M* M2d Geldmenge (M)

• Der Zinssatz ist der Preis für Geld, bei dem Angebot und Nachfrage nach Geld in
Gleichgewicht sind.

• Laut Keynes bestimmt Geldangebot und Nachfrage den Zinssatz.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 186


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Der Multiplikatoreffekt in der Geldpolitik

Geldangebot (MS) steigt

Zinssatz sinkt

Investitionen steigen

Gesamtwirtschaftliche Nachfrage (AD) steigt

Produktionsniveau (Y) steigt

Volkseinkommen steigt

Verlust durch Steuern, Bargeldsparen etc.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 187

Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Geldpolitik & Lage der AD-Kurve


r MS0 MS1 P
3. AD steigt

1. MS steigt
r0 P

r1 AD2
2. Zins fällt MD AD1

M0 M1 M Y0 Y1 Y

• Die Zentralbank kann die Lage der aggregierten Nachfragekurve durch Geldpolitik
(= Veränderung des Geldangebotes) beeinflussen.

• Erhöhung von M senkt den Zins verschiebt AD nach rechts.

• Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigt (insbesondere die Investitionsgüternachfrage).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 188


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Automatische Stabilisatoren
• Wenn der Konjunkturzyklus in einen Abschwung übergeht, mildern automatische Stabilisatoren den
Rückgang teilweise ab:

 Im Steuersystem werden weniger Abgaben entrichtet; dadurch verbleibt ein überpropor-


tionaler Anteil an Kaufkraft bei den Haushalten.

 Durch die Sozialsysteme wird der Kaufkraftrückgang der Haushalte durch Transferzahlungen
teilweise aufgefangen; die Staatsausgaben steigen.

• Beides führt dazu, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage bis zu einem bestimmten Grad
stabilisiert wird.

• Gleichzeitig wird der Staatshaushalt defizitär.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 189

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Das AS-AD-Modell
- zur Erinnerung -

P LRAS
SRAS

P* GG

AD

Y* Y

In der Ausgangssituation gehört zum AS-AD-Modell:

• AD: die aggregierte Nachfrage (aggregated demand)


• SRAS: das kurzfristige aggregierte Angebot (short run aggregated supply)
• LRAS: das langfristige aggregierte Angebot (long run aggregated supply)
• GG: ein Gleichgewicht (mit P*: Gleichgewichtspreisniveau und Y*: Output bei Vollbeschäftigung)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 190


Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Auswirkungen eines Nachfrageschocks

P • Im Gleichgewicht (A) gilt:


LRAS AD = SRAS = LRAS
SRAS1

P1 A SRAS2 • Wenn die Nachfrage sinkt (1)


P2 4. B 1.
P3 …sinkt der Output (2)
C
AD1
3. AD2 …somit sinkt das Angebot (3)

Y2 Y* Y …das Preisniveau sinkt (4)


2. 5.
…bis der Gleichgewichtsoutput
bei geringerem Preisniveau
wieder erreicht ist (5).

• Das Gleichgewichtsproduktionsniveau bei Vollbeschäftigung Y* ist langfristig gesehen eine


natürliche Größe, zu der das System zurück findet, wenn keine weiteren Störungen auftreten.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 191

Makro: Gesamtw. Angebot & Nachfrage

Angebotsschock & Wirtschaftspolitik


• Ein Angebotsschock (1) verursacht Stagflation
P LRAS
(Rezession & steigendes Preisniveau).
SRAS2

P3 C SRAS1 • Die Produktion sinkt und das Preisniveau steigt


5. (2) (3) (B).
P2 B 1.
3.
P1 A • Der Staat dehnt als Reaktion seine Nachfrage
AD2 aus, AD steigt (4).
AD1 4.
Y2 Y*1 und 3 Y • Dadurch steigt zwar das Preisniveau noch weiter
2. (5), der Produktionseinbruch wird verhindert (6).
6.

• Der Staat hat das Produktionsniveau wieder zum alten Wert zurückführen können. Die Unterneh-
men müssen keine Arbeitskräfte entlassen, weil sie die Produktion nicht dauerhaft senken müssen.

• Preis für diesen Eingriff: Steigerung des Preisniveaus (Inflation).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 192


Makro: Wirkung von Geld- & Fiskalpolitik

Pro und Contra Stabilisierungspolitik

Pro (Keynesianer) Contra (Neoklassiker)


• Gesamtwirtschaftliche Nachfrage
schwankt zufällig (→ Herdenverhalten) • Stabilisierungspolitische Maßnahmen
wirken zeitverzögert.
• Optimismus und Pessimismus
verstärken die Trends. • Dadurch ist eine Feinsteuerung so gut
wie unmöglich.
• Die Rückkehr zum Vollbeschäftigungs-
output dauert lange. • Gefahr: Maßnahmen könnten ein Ziel
übererfüllen.
• Dadurch entstehen Verluste bei den
Staatseinnahmen und den Produktions- → Staat soll nur in langanhaltenden
faktoren. und/oder schweren Rezessionsphasen
aktiv gegensteuern.
→ Staat soll in Rezessions- und Boom
-phasen gegensteuern.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 193

03
Makroökonomie in kurzfristiger Sicht: Die realwirtschaftliche Ebene
3.1 Gesamtwirtschaftliches Angebot und Nachfrage
3.2 Die Wirkung von Geld- und Fiskalpolitik
3.3 Verbindung von realer und monetärer Ebene: die Phillips-Kurve (→ Mankiw Kap. 35)

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 194


Makro: Phillipskurve

Inhalt

• Die Phillipskurve

• Kurz- und langfristige Sicht der Phillipskurve

• Die Realität: Erwartungen, Inflationsbekämpfung & Hysterese

• Angebotsschocks

• Analyse der Phillipsgleichung

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 195

Makro: Phillipskurve

Die Phillipskurve
• Erste Vorarbeiten gibt es von Fischer 1926, Phillips hat 1958 erstmals den Zusammenhang für UK im
Zeitraum 1913 – 48 statistisch aufgearbeitet und publiziert.

• Samuelson und Solow haben 1960 eine erweiterte Modifikation vorgestellt.

• Grundüberlegungen:
 Die Inflationsrate hängt von der Wachstumsrate der Geldmenge ab.
 Die Arbeitslosenquote hängt von der Struktur und der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ab.

 Wenn durch Politikmaßnahmen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöht wird, dann sinkt die
Arbeitslosigkeit und gleichzeitig steigt die Inflationsrate.
 Wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage verringert wird, dann sinkt die Inflation und gleich-
zeitig steigt die Arbeitslosigkeit.

 Es gibt Wechselwirkungen zwischen Arbeitsmarkt / Produktion und Geldmarkt / Geldmenge.

→ Die Phillipskurve soll den Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit aufzeigen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 196


Makro: Phillipskurve

Die Phillipskurve

[%] Inflation π
Langfristige Phillipskurve

π*
Kurzfristige Phillipskurve

U* Arbeitslosenquote U [%]

Quelle: Phillips 1958 ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 197

Makro: Phillipskurve

Die kurzfristige Phillipskurve


P π
SRAS SRPC

P1 π1
P0
Hohe AD

Geringe AD π0
Y0 Y1 Y U1 U0 U

• Bewegungen der Nachfrage führen im AS-AD-Schema zu Bewegungen von Output und Preisniveau.

• Durch Y (= Produktionsniveau → implizite Beschäftigungsquote) sind beide Schemata verbunden.

• Die SRPC zeigt die Kombinationen von Inflation und Arbeitslosigkeit, die durch die Bewegung von
AD entlang der SRAS entstehen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 198


Makro: Phillipskurve

Die langfristige Phillipskurve


P π
LRAS LRPC
Y* = Outputniveau bei
P1 Vollbeschäftigung
π1
P0
Hohe AD
U* = Natürliche
Geringe AD π0 Arbeitslosenquote
Y* Y U* U

• Vollbeschäftigung: jeder, der arbeiten will findet auch Arbeit.


• Die SRPC scheint eine Wahl zu erlauben: entweder mehr Inflation oder mehr Arbeitslosigkeit.
• Langfristig existiert dieser Zusammenhang nicht, da eine Volkswirtschaft immer eine Tendenz zu
Vollbeschäftigung(-soutput) hat.
• Die klassische Dichotomie gilt auch hier in langfristiger Sicht.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 199

Makro: Phillipskurve

Reale Werte für Deutschland


• Der Zusammenhang zwischen Inflation und
U Unterbeschäftigung ist empirisch feststellbar.

• Auch die Verschiebung der SRPC sowie der


Unterschied SRPC und LRPC ist erkennbar.

• Betrachtungen über 2000 hinaus sind schwierig,


da sich durch den Euro die Bedingungen am
π Arbeits- und Geldmarkt geändert haben.

SRPC
(BRD)
1961-73

1961-96

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 200


Makro: Phillipskurve

Erwartungen & kurzfristige Phillipskurve


π
LRPC • Die erwartete Inflationsrate drückt aus, welche
Preissteigerung die Bevölkerung erwartet.

B • Langfristig entspricht die erwartete der aktuellen


πB/C C Inflationsrate, da sämtliche Verträge für die Zukunft
SRPC1 mit hohen π e
mit der erwarteten Inflationsrate gestaltet werden.
πA A
U
U*
SRPC0 mit geringen π e

• Wenn π e = π gilt, befindet sich die Wirtschaft auf der LRPC (A).
• Geldpolitik kann durch einen unerwarteten Inflationsschub die Arbeitslosigkeit unter des natürliche
Niveau senken (B).
• Langfristig wird dieser Inflationsschub in die Erwartungen mit einbezogen, die SRPC verschiebt sich
zum neuen Gleichgewicht (C).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 201

Makro: Phillipskurve

Inflationsbekämpfung & Phillipskurve


π • Kontraktive Geldpolitik führt zu Inflationssenkung:
LRPC
 Zentralbank verlangsamt Rate des
SRPC0 mit hohen π e Geldmengenwachstums
 aggregierte Nachfrage sinkt
πA A
 Produzierte Menge an Gütern & DL sinkt

πB/C C B  Arbeitslosigkeit steigt


U
U*
SRPC1 mit geringen π e

• Um die Inflation zu senken, müssen Perioden von hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Produktion in
Kauf genommen werden.
• Ökonomen sprechen dabei vom „Opferquotienten“. Er gibt an, um wie viel der Output sinkt, wenn
die Inflation um 1% gesenkt wird.
• In D liegt der Opferquotient -je nach Studie- bei 0,8 bis 4%.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 202


Makro: Phillipskurve

Hysterese & Phillipskurve (USA 1961-81)

π
10 1981 • Das einfache Konzept der Phillipskurve hat sich in den
9 70ern in den USA als nicht haltbar erwiesen.
8
7
6 1973 • Nach Systemschocks (hier: Ölkrise) ließ sich bzgl. U*
5
1969 Hysterese beobachten (das System kehrt nach einer
4
temporären Änderung nicht mehr in den Ausgangs-
3
2
zustand zurück).
1 1961
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 U

• Erklärungsmöglichkeit: Eine Rezession verursacht Arbeitslosigkeit…


 Arbeitslose verlieren berufsbezogene Qualifikationen, was ihre Wiederbeschäftigung nach der
Rezession erschwert.
 Arbeitslose werden bei der Lohnbildung nicht berücksichtigt (Insider-Outsider-Hypothese),
Reallöhne liegen über dem Gleichgewichtsniveau, das erschwert die Wiederbeschäftigung.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 203

Makro: Phillipskurve

Hysterese & Phillipskurve (BRD 1961-96)

LRPC1 LRPC2 LRPC3

S2
S1 SRPC2
S3
SRPC1
SRPC3
U*1 U*2 U*3

• Die Realdaten für die BRD lassen alle drei Theorien erkennen:
 kurzfristige Phillipskurven
 langfristige Phillipskurven
 Hysterese

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 204


Makro: Phillipskurve

Hysterese & Phillipskurve (BRD 1961-96)

• Im vorherigen Schaubild lässt sich eine Drehung im


Uhrzeigersinn und eine Rechtsverschiebung
erkennen.

• Gründe für diese Drehung und Verschiebung:

 Als Reaktion auf Krisen wurde in Deutschland expansive Fiskalpolitik betrieben. Dies führte
zuerst zu steigender Inflation, danach zu steigender (natürlicher) Arbeitslosigkeit.

 Konjunkturprogramme lösen offensichtlich Inflation aus.

 Kurzfristige Ereignisse können eine langfristig andauernde Wirkung mit sich bringen (Hysterese).

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 205

Makro: Phillipskurve

Angebotsschocks & Phillipskurve


P 3. …und P steigt S
SRPC0
AS1
1. Durch einen neg.
P1 Angebotsschock… SRPC1
AS0 4. Inflation und …
P0 S1
S0
AD

Y1 Y0 Y U0 U1 U
2. …sinkt die Nachfrage… 5. …Arbeitslosigkeit steigt

• Die Politik hat zwei Möglichkeiten, auf solche Schocks zu reagieren:


– Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Stützung der aggregierten Nachfrage mit gleichzeitig
steigenden Inflationsraten.
– Bekämpfung der Inflation durch Senkung der aggregierten Nachfrage, wodurch sich die
Arbeitslosigkeit noch mehr erhöht.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 206


Makro: Phillipskurve

Die Phillipsgleichung
erwartete Inflationsrate Korrelations- Störterm bzw.
koeffizient Angebotsschock

S = Se – β (U – U*) + ε
reale Inflationsrate ALQ Natürliche ALQ

zyklische Arbeitslosigkeitsquote

• Die reale Inflationsrate hängt von den Inflationserwartungen (vgl. Fisher-Effekt) und der (zyklischen)
Arbeitslosenquote ab.

• Schocks haben einen Einfluss auf die reale Inflationsrate.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 207

Makro: Phillipskurve

Inflationsträgheit
• Die Inflationserwartungen π e ändern sich nur sehr langsam, einmal vorhandene Einschätzungen
werden kaum revidiert.

• Ein relevantes wirtschaftliches Ereignis (Rezession, Angebotsschock) kann steigende


Inflationserwartungen durchbrechen.

Zyklische Arbeitslosigkeit
• Der Ausdruck -E(U – U*) beschreibt die konjunkturelle Lage:
-E(U – U*) = 0 Wirtschaft ist in Normallage („natürliche AL“)
-E(U – U*) < 0 Rezession: Inflation wird gedämpft
-E(U – U*) > 0 Boom: Inflation wird verstärkt

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 208


Makro: Phillipskurve

Nachfrageinflation
• Bei - E (U – U*) > 0 ergibt sich eine „Nachfragesoginflation“.

• Durch die steigende Nachfrage steigt die Produktion (Güterberg); dies wiederum erfordert eine
Geldmengenausweitung durch die ZB.

• Ansonsten kommt es zu einer Rezession.

Kosteninflation
• Der Störterm H bedeutet, dass die Inflationsrate auch durch einen Angebotsschock steigen kann.

• Diese „Kostendruckinflation“ wird unterschieden in u.a.


 Lohninflation
 Gewinninflation
 Rohstoffpreisinflation

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 209

Ende der Veranstaltung

Bitte vergessen Sie nicht die Veranstaltung zu evaluieren!

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 210


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
und viel Erfolg in der Klausur!

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 211

Anhang: Übungsaufgaben
(werden in der Veranstaltung besprochen; es wird keine Musterlösung zur Verfügung gestellt)

Bitte bilden Sie vier Gruppen A – D und bearbeiten Sie die Aufgaben Ihrer Gruppe.
Nach ca. 45 Minuten soll jede Gruppe ihre Lösungen den anderen Gruppen präsentieren.

Die Aufgaben „AS-AD-Modell“, „Diskussionsthemen“ und „Multiple Choice“ werden außerhalb der Vorlesung in Einzel- oder Gruppenarbeit vorbereitet
und auf Wunsch in der Fragestunde (letzter Vorlesungstermin) von Ihnen vorgestellt und besprochen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 212


Makro: Übungsaufgaben

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
(Gruppe A)

a) Was misst das Bruttoinlandsprodukt?

b) Benennen Sie drei Arten der BiP-Berechnung und stellen Sie die jeweiligen Berechnungswege dar.

c) Ein Gärtner wird beauftragt, in einem Garten einen Baum zu pflanzen.


Er stellt dafür 500.- € in Rechnung. Am nächsten Tag wird ein anderer Gärtner beauftragt, diesen
Baum wieder zu entfernen. Dieser berechnet dafür ebenfalls 500.- €. Der Garten ist also wieder
im Ausgangszustand. Welche Auswirkungen hat das auf das BIP: steigt es, fällt es oder bleibt es
gleich? Begründen Sie Ihre Antwort kurz.

d) Geben Sie zwei Beispiele für wertschöpfende wirtschaftliche Vorgänge, die nicht bei der
Berechnung des BiP berücksichtigt werden.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 213

Makro: Übungsaufgaben

Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
(Gruppe A)

e) In einer Volkswirtschaft sind folgende Daten gegeben (in Euro):

Bruttoproduktionswert 5.250
Bruttowertschöpfung 2.250
Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen 825
Einkommen aus der übrigen Welt 60
Einkommen an übrige Welt 115
Exporte 1.150
Importe 875
Privater Verbrauch 1.625
Staatsverbrauch 425
Bruttoinvestitionen 520
Produktions- und Importabgaben 210
Subventionen 59
Nettonationaleinkommen 2.550

Berechnen Sie: Bruttoinlandsprodukt


Bruttonationaleinkommen
Vorleistungen
Volkseinkommen
Einkommen aus unselbständiger Arbeit
Abschreibungen
Lohnquote
ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 214
Makro: Übungsaufgaben

Produktion und Wirtschaftswachstum


(Gruppe B)

a) Stellen Sie die Standard-Produktionsfunktion der Volkswirtschaftslehre dar und benennen Sie
deren Komponenten.

b) Nennen Sie für jeden Produktionsfaktor eine Möglichkeit, wie der Staat diesen fördern könnte.

c) Erklären Sie mit Hilfe einer Grafik, warum der Grenzertrag des Kapitals (im Bezug auf die
Produktionsfunktion einer Volkswirtschaft) abnimmt.
Was versteht man in diesem Zusammenhang unter dem Catch-Up-Effekt?

d) Wie verhalten sich die Grenzerträge der anderen Produktionsfaktoren?


Wäre es sinnvoll, wenn der Staat einen Produktionsfaktor überproportional stark fördern würde?
Begründen Sie Ihre Antwort kurz.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 215

Makro: Übungsaufgaben

Preisindex und Inflation


(Gruppe B)

a) Für eine Volkswirtschaft wird ein Warenkorb zusammengestellt, der aus 4 Broten und 2 Litern
Wein besteht. Die Preisentwicklung für die einzelnen Einheiten von Brot und Wein in den
vergangenen Jahren waren wie folgt:
Jahr 1 Brot 1 l Wein
2017 2,50 € 5,50 €
2018 2,80 € 6,20 €
2019 3,20 € 7,50 €

b) Bestimmen Sie den Preisindex für 2017 bis 2019 zum Basisjahr 2017.

c) Bestimmen Sie die Inflationsrate für das Jahr 2019.

d) Was versteht man unter Schuhsohlen- und Speisekarten-Kosten?

e) Angenommen, die Inflationsrate steigt in einem Land unkontrolliert bis zur Hyperinflation.
Wie werden die Einwohner dieses Landes zukünftig wirtschaftliche Transaktionen abwickeln?

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 216


Makro: Übungsaufgaben

Geldtheorie, Geldmengensteuerung
(Gruppe C)

a) Stellen Sie Geldangebot, Geldnachfrage und das Gleichgewichtspreisniveau in einer Grafik dar.
Zeichnen Sie in diese Grafik ein was passiert, wenn die Zentralbank die Geldmenge verkleinert
und beschreiben Sie die Auswirkungen.

b) Erklären Sie die Begriffe expansive Geldpolitik und Quantitätsgleichung.

c) Folgende Ausgangsdaten liegen vor:

Geldangebot: M = 800
Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes: V = 5
Bruttoinlandsprodukt: Y = 2.000

Ermitteln Sie das aktuelle Preisniveau und erläutern Sie die Auswirkungen einer 20%igen
Geldmengensteigerung auf das Preisniveau, wenn alle anderen Größen konstant bleiben.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 217

Makro: Übungsaufgaben

Geldtheorie, Geldmengensteuerung
(Gruppe C)

d) Die EZB unterstellt folgende Prämissen für das nächste Kalenderjahr:

unvermeidbarer Preisanstieg von 2,0 %


Zunahme der Produktionskapazitäten von 3,5 %
Rückgang der Umlaufgeschwindigkeit von 1,5 %

In welchem Ausmaß sollte das Geldmengenangebot durch die EZB wachsen?

e) Zeigen Sie stichwortartig die Probleme der Geldmengensteuerung auf.

f) Wie beurteilen Sie die aktuelle EZB-Politik unter dem Aspekt des Ziels zur Sicherung der
Preisniveaustabilität?

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 218


Makro: Übungsaufgaben

Das monetäre System


(Gruppe D)

a) Nennen Sie die Funktionen von Geld und beschreiben Sie diese.

b) Was versteht man unter dem „intrinsischen Wert“ von Geld?


Ist bei einem 100 € Schein der intrinsische Wert höher oder niedriger als 100 Euro?

c) Beschreiben Sie die Geldschöpfung im Bankensystem. Nehmen Sie dazu an, dass die
Geschäftsbank A 100 Euro von der EZB bekommt und der Mindestreservesatz 10% beträgt. Wie
viel Geld wird letztendlich durch die Ausgabe von 100 Euro durch die EZB geschaffen?

d) Was versteht man unter dem Geldschöpfungsmultiplikator?


Welcher Zusammenhang besteht zum Mindestreservesatz der Zentralbank?

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 219

Makro: Übungsaufgaben

Gesamtwirtschaftliches Angebot & Nachfrage


(Gruppe D)

a) Beschreiben Sie den Verlauf von Konjunkturzyklen mit einem Schaubild.

b) Welche ökonomischen Variablen erklären wirtschaftliche Schwankungen hauptsächlich?


Benennen Sie diese und geben Sie an, wie diese gemessen werden.

c) Nennen und erklären Sie drei Effekte, die die Steigung der aggregierten Nachfragekurve
bestimmen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 220


Makro: Übungsaufgaben

AS-AD-Modell
(alle)

a) Erläutern Sie anhand einer Grafik die Nachfrage- und Angebotskurven im AS-AD-Modell. Gehen
Sie dabei insbesondere auf die Einflussfaktoren und die Aussagekraft dieses Modells ein!

b) Im Jahr 2008 haben sich im Zuge der Finanzkrise die Zukunftserwartungen der deutschen
Wirtschaft massiv verschlechtert, was zu einem deutlichen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage geführt hat. Erläutern Sie anhand einer Grafik die kurz- und langfristigen Anpassungs-
prozesse zu einem neuen gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht.

c) Zur Bewältigung der Krise haben die Zentralbanken auf expansive Geldpolitik gesetzt.
Erläutern Sie, wie sich im AS-AD-Modell eine expansive Geldpolitik idealtypisch auf den Zinssatz,
den Output Y und das Preisniveau P auswirkt.

d) Erklären Sie den Begriff „expansive Fiskalpolitik“ und stellen Sie die Auswirkungen expansiver
Fiskalpolitik im AS-AD-Diagramm dar.

e) Erklären Sie den Multiplikator- und den Verdrängungseffekt.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 221

Makro: Übungsaufgaben

Diskussionsthemen
(alle)

a) Wie beurteilen Sie die aktuelle EZB-Politik unter dem Aspekt des Ziels zur Sicherung der
Preisniveaustabilität?

b) Zur Rettung des Zyprischen Bankensystems wurde eine Beteiligung von Kleinsparern diskutiert.
Welche Folgen könnte die Zwangsabgabe haben? Ändert sich Ihre Antwort, wenn es einen relativ
hohen „Freibetrag“ gibt?

c) Eine diskutierte Alternative zur Rettung der Euro-Zone ist der geordnete Austritt einzelner Länder
aus dem gemeinsamen Währungsgebiet. Beschreiben Sie, was passiert, wenn 1.) Griechenland
oder 2.) Deutschland die Währungsunion verlässt.

Gehen Sie in Ihrer Antwort darauf ein, wie sich wichtige ökonomische Variablen (Wechselkurs,
Importe, Exporte, BiP, Kaufkraft, Konsum, Investition, Ersparnis) im ausgetretenen Land und im
Euroraum ändern. Berücksichtigen Sie die kurz- und langfristige Sicht.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 222


Makro: Übungsaufgaben

Multiple Choice
(alle)

a) Welchen Zusammenhang gibt die Phillips-Kurve wieder? d) Der Fisher-Effekt sagt aus, dass…

o Steigende Inflation bedeutet kurzfristig sinkende Arbeitslosigkeit. o hohe Inflationserwartungen zu einer hohen Inflation führen.
o Steigende Inflation bedeutet langfristig sinkende Arbeitslosigkeit. o Individuen aufgrund von Inflation ihre Kassenhaltung verringern.
o Sinkende Inflation bedeutet kurzfristig sinkende Arbeitslosigkeit. o Inflation bei Unternehmen zu Kosten durch Preisauszeichnungsänderungen führen.
o Sinkende Inflation bedeutet langfristig sinkende Arbeitslosigkeit. o mit zunehmender Inflation die Variabilität der relativen Preise steigt.

b) Welches der folgenden Dinge erfüllt nicht die funktionalen e) Nach der keynesianischen Theorie sollte der Staat und die Zentralbank bei
Anforderungen an ein Geld? konjunkturellen Schwankungen steuernd eingreifen, weil…

o Muscheln / Seeschneckengehäuse o der Herdentrieb des Menschen ansonsten die Schwankungen verstärkt.
o Münzringe o der Staat sonst auf Steuereinnahmen verzichten muss.
o Blätter eines Baumes o es sonst unweigerlich zu einer Rezession kommt.
o Zigaretten o die Zentralbank die Stabilisierungsinstrumente fein steuern kann.

c) Die Daten über den Warenkorb des Verbraucherpreisindex… f) Welches der genannten Kriterien ist keine Forderung im Vertrag von Maastricht?

o beinhalten u.a. die Top 3 Verkäufe aus iTunes. o Inflationsrate nicht mehr als 1,5 %punkte über dem Durchschnitt
o werden aufgrund des Fachwissens im Statistischen Bundesamt geschätzt. der drei preisstabilsten Länder.
o werden nur in Wiesbaden erhoben, da dort das Statistische Bundesamt sitzt. o Langfristige Zinsen nicht mehr als 2%punkte über dem Durchschnitt
o werden in Form von repräsentativen Stichproben bundesweit ermittelt. der drei EU-Länder mit den niedrigsten Zinsen.
o Mindestens zwei Jahre ohne Spannungen und in den normalen
Bandbreiten des Europäischen Währungssystems und keine Abwertung.
o Sicherung der Außengrenzen und Teilnahme am Schengen-Abkommen.

ISM 2019 · Dr. Jan Hanusch 223