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Naturalismus

(1880 -1900)
Begriff
Hintergrund
Philosophie
Entstehung und Grundlagen
Literarische Formen
Vertreter und Werke
Fuhf wurmzernagte Stiegen Ein Andres
geht’s hinauf (Arno Holz)
Ins letzte Stockwerk einer GroBstadt
Mietskaserne; Proletariat
Hier halt der Nordwind sich am Industrialisierung
liebsten auf,
Und durch das Dachwerk
schaun des Himmels Sterne.
Was sie erspdhn, o, es ist grad
genug,
Um mit dem Elend bruderlich
ZU weinen:
Ein Stuckchen Schwarzbrot
und ein Wasserkrug,
Ein Werktisch und ein Schemel
mit drei Beinen.
Begriff

Naturalismus allgemein bezeichnet eine


Stilrichtung, bei der die Wirklichkeit ohne
jegliche Ausschmuckungen oder
subjektive Ansichten exakt abgebildet
wird. Der Naturalismus gilt auch als
Radikalisierung des Realismus.
Hintergrund
* Reichsgrundung 1871;
e wissenschaftlicher und technischer
Fortschritt (Dampfturbine (1884),
Schallplatte (1887), Dieselmotor (1893));
e Industrialisierung:
° Landflucht;
° Verstadterung;
° Proletarisierung.
» Sozial-politische Stagnation;
» Arm-Reich-Kluft wird groBer.
Philosophie

e Naturwissenschaften Der Mensch ist ein


(Charles Darwin) »determiniertes«
Wesen, das durch
e Positivismus eine soziale
(Hippolyte Taine) Herkunft und die
historische
Situation, in die es
e Psychologie
hineingeboren wird,
(Sigmund Freud) begrenzt ist.
"Der Dichter ... ist in seiner Weise ein Experimentator,
wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in
Bee Temperaturgrade bringt und den Erfolg
eobachtet. Naturlich: der Dichter hat Menschen vor
sich, keine Chemikalien. Aber... auch diese Menschen
fallen ins Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre
Leidenschaften, ihr Reagieren gegen auBere
Umstdande, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen
gewissen Gesetzen, die der Forscher ergrundet hat
und die der Dichter bei dem freien Experimente so
gut zu beachten hat, wie der Chemiker, wenn er
etwas Vernunftiges und keinen wertlosen Mischmasch
herstellen will, die Krafte und Wirkungen vorher
berechnen muB, ehe er ans Werk geht und Stoffe
kombiniert."

wineim Bélsche Die naturwissenschaftlichen


Grundiagen der Poesie (1887)
Philosophie
- Milieutheorie von Hippolyte Taine

Der Einzelne, das Individuelle ist von drel


Faktoren bestimmt:
° der Rasse (Herkunft, Erbgut);
> dem Milieu (Umfeld, Umgebung) und
>dem Moment (Zeitumstande).
entstehung
- Zeitschriften und literarische Gruppen:
° Berlin - Kritische Waffengange (1882-1884)
von Heinrich und Julius Hart;
> Munchen - Gesel//schaft (1885-1902)
von Michael Georg Conrad.

° Vorganger:
Heinrich Heine, Georg Buchner, Emile Zola, Hendrik
Ibsen, Lew Tolstoj, Fjodor Dostojewskij
Grundlagen
e Neue Inhalte:
° Soziale Frage — die Darstellung sozialer Not am
Beispiel gesellschaftlicher AuBenseiter im
Geflecht der GroBstadt;
- Elend der proletarischen GroBstadtbevélkerung;
- Exzesse der GroBstadt — Alkoholismus,
Geschlechtskrankheit, Kriminalitat, die Zerruttung
von Familie und Ehe.
Grundlagen
e Wahrheitsbegriff:
° positivistisch, beruhend
auf wissenschaftlichen
ObjektivitatsmaBstaben;
Kunst = Natur —- x
° naturwissenschaftlich
exakte Gestaltung der
empirischen Wirklichkeit; i |
rno Holz
» wissenschaftliche Die Kunst. Ihr Wesen und
Grundlage, aber ihre Gesetze (1891)
schopferische Produktion.
“lreue Wiedergabe des Lebens unter strengem
Ausschluss des romantischen, die
Wahrscheinlichkeit der Erscheinung
beeintrachtigenden Elementes; die Komposition
hat ihren Schwerpunkt nicht mehr in der
Erfindung und Fuhrung einer mehr oder weniger
Spannenden, den bloden Leser in Atem haltenden
Intrigue (Fabel), sondern in der Auswahl und
logischen Folge der dem wirklichen Leben
entnommenen Szenen..."

michael Georg Conrad, 1885


Grundlagen
-,Milieu" pragt den Menschen:
> Es gibt keinen ,,Freien Willen”;
° Details charakterisieren Milieu:
- keine Nebensachlichkeiten.
» Evolutionstheorie (Vererbung, Anpassung,
Kampf um Dasein):
° Darwins Lehre wird auf Kunst ubertragen.
smus vs. Natural
rische Formen
Literarische Formen (Lyrik)
» Die wichtigsten Themen:
° ,SOziale Frage”;
° GroBstadt als Ort des Elends und Schmutzes;
° Arno Holz als wichtigster Vertreter.
e Form:
- Mittelachsenzentrierung;
° Verzicht auf Reim und Metrik (Prosalyrik);
° naturlicher Rhythmus.
Literarische Formen (Lyrik)
Rote Dacher!
Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,
oben, hoch in sonniger Luft, ab und zu, Tauben.
Es ist Nachmittag.
Aus Mohdrickers Garten her gackert eine Henne,
die ganze Stadt riecht nach Kaffee.
Ich bin ein kleiner, achtjahriger Junge
und liege, das Kinn in beide Fauste,
platt auf dem Bauch
und kucke durch die Bodenluke.
Unter mir, steil, der Hof,
hinter mir, weggeworfen, ein Buch.
Franz Hoffmann. Die Sclavenjager.
Wie still das ist!

Arno Holz Phantasus (1898/99)


Literarische Formen (Prosa)
» Epische Kleinformen: Skizze, Novelle,
Kurzerzahlung usw.
e Sekundenstil:
° Schilderung von Raum und Zeit Sekunde fur Sekunde
° photographische und phonographische exate Darstellung
der Wirklichkeit;
> kaum auktoriale Erzahlweise, vorwiegend personale
Erzahlweise und Dialoge;
> exakte Darstellung der Dialoge mit allen Wortern,
Wortfetzen, Pausen, Dialekt, Soziolekt, Gerdusche, etc.;
> annahernd zeitdeckende Erzahlung (Erzahlzeit = erzahite
Zeit) bis hin zum Zeitlupeneffekt (Erzahlzeit langer als
erzahlite Zeit).
Literarische Formen (Prosa)
“Du —- horst du —- bleib “Eine Diele knackte, das
doch - du —- hor doch - Ol knisterte, drauBen auf
bleib — gib ihn wieder - die Dachrinne tropfte das
er ist braun und blau
meecnlagen — ja ja - gut
— ich will sie wieder
braun und blau aeagen
— horst du? bleib doch —
gib ihn mir wieder.”

Gerhart Hauptmann
Arno Holz
Bahnwarter Thiel (1888)
Papa Hamlet (1889)
Literarische Formen (Drama)
° Beibehaltung der traditionellen Form
(Tragodie, Komodie), andererseits Tendenz
zur Episierung (Die Weber);
e Aufnahme neuer, bisher tabuisierter Themen;
e Bevorzugung des Dialekts;
« Wegfall des Monologs;
e ausfuhrliche Regieanweisungen;
° haufig analytische Dramen, da ein in der
Vergangenheit angelegtes Verhangnis (z.B.
infolge der Vererbung) sich im Verlauf des
Dramas entfaltet.
Literarische Formen (Drama)
“KOPELKE zu Albert. Sachteken, werter junger Herr,
sachteken ... Zu Frau Selicke. Immer in Jiete, Mutter!
Det ville Jehaue un det ville Jeschumpfe nutzt zu
jJanischt, zu reen janischt! ... Ibrijens ... Er hat sich
mitten in die Stube gestellt und schnuppert nun nach
allen Seiten in der Luft rum. ... wat ick doch jleich
noch sagen wollte ... det ... det ... riecht jo hier so
anjenehm nach Kaffee? ... Hm! Pf! Brrr! ... Nee, dieset
Schweinewetter?! Ick bin - wahrhaftijen Jott — janz
aus de Puste! Er hat sich seinen groBen, dicken
Wollschal abgezerrt und schlenkert ihn nun nach allen
Seiten um sich rum. Kopp weg! Zu Walter, den er
dabei getroffen hat. He? Wah det deine Neese?”

Arno Holz, Johannes Schlaf Die Familie Selicke (1990)


Vertreter und Werke
- Gerhart Hauptmann
(1862-1946):
Bahnwarter Thiel
(1888);
Vor Sonnenaufgang
(1889);
Die Weber (1892);
Der Biberpelz (1893);
Die Ratten (1911).
Vertreter und Werke
Arno Holz (1863-
1929):
Phantasus (1898/99).
Zusammen mit
Johannes Schlaf
(1862-1941):
Die Familie Selicke
(1990);
Papa Hamlet (1889).
Danke fur Ihre
Aufmerksamkeit!
DIE WIENER
MODERNE ALS
ASTHETISCHES
PHANOMEN
Impressionismus
"Wie lang’ wird denn das noch dauern? Ich mu8 auf die Uhr schauen... schickt sich wahrscheinlich nicht in
einem so ernsten Konzert. Aber wer sieht’s denn? Wenn's einer sieht, so paft er Aaa so wenig auf, wie
ich, und vor dem brauch' ich mich nicht zu genieren... Erst viertel auf zehn?... Mir kommt vor, ich sitz’
schon drei Stunden in dem Konzert. Ich bin's halt nicht gewohnt... Was ist es denn eigentlich? Ich muf das
Programm anschauen... Ja, richtig: Oratorium! Ich hab’ gemeint: Messe. Solche Sachen gehéren doch nur
in die Kirche! Die Kirche hat auch das Gute, daB man jeden Augenblick fortgehen kann, — Wenn ich
wenigstens einen Ecksitz hatt'! - Also Geduld, Geduld! Auch Oratorien nehmen ein End'! Vielleicht ist es
sehr schon, und ich bin nur nicht in der Laune. Woher sollt' mir auch die Laune kommen? Wenn ich denke,
da ich hergekommen bin, um mich zu zerstreuen... Hatt' ich die Karte lieber dem Benedek geschenkt, dem
machen solche Sachen Spaf; er spielt ja selber Violine. Aber da war' der onetany beleidigt gewesen. Es
war ja sehr lieb von ihm, wenigstens gut gemeint. Ein braver Kerl, der Kopetz y! Der einzige, auf den man
sich verlassen kann... Seine Schwester singt ja mit unter denen da oben. Mindestens hundert Jungfrauen,
alle schwarz gekleidet; wie soll ich sie da herausfinden? Weil sie mitsingt, hat er auch das Billett gehabt,
der Kopetzky... Warum ist er denn nicht selber gegangen? — Sie singen librigens sehr schon. Es ist sehr
erhebend — sicher! Bravo! Bravo!... Ja, applaudieren wir mit. Der neben mir klatscht wie verriickt. Ob's ihm
wirklich so gut gefallt? — Das Madel dritben in der Loge ist sehr hiibsch. Sieht sie mich an oder den Herrn
dort mit dem blonden Vollbart?..."
Aus: Arthur Schnitzler Leutnant Gust! (1900)
Sorachkrise
“Mein Fall ist, in KUrze, dieser: Es ist mir vollig die Fahigkeit abhanden gekommen, Uber
irgend etwas zusammenhangend zu denken oder zu sprechen.
Zuerst wurde es mir allmahlich unmdglich, ein hOheres oder allgemeineres Thema zu
besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle
Menschen ohne Bedenken geldaufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein
unerkldarliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »KOrper« Nur aUSzUsSprechen.
Ich fand es innerlich unmdglich, Uber die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse
im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa
aus RUcksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit
gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge
naturgemdaB bedienen muB, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir
im Munde wie modrige Pilze.”
Aus: Hugo von Hofmannsthal Eln Brief (1902)
Kaftfeehnauskultur
Peter Altenberg

Kaffeehaus
"Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - ins Kaffeehaus!"
"Sie kann, aus irgend einem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen- -ins Kaffeehaus!"

,Du hast zerrissene Stiefel - - Kaffeehaus!"

»Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus - - Kaffeehaus!"

»Du bist korrekt sparsam und génnst Dir nichts - - Kaffeehaus!"


,Du bist Beamter und warest gern Arzt geworden - - Kaffeehaus!"
»Du findest Keine, die Dir passt - - Kaffeehaus!"

»,Du stehst innerlich vor dem Selbstmord - - - Kaffeehaus!"

»0u hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen-- Kaffeehaus!"

,Man kreditiert Dir nirgends mehr - - Kaffeehaus!"


Arthur Schnitzler
(1862-1931)

o Sohn eines angesehenen Medizinprofessors


° Medizinstudium, Arzt von Beruf
°o Anhdanger liberaler politischer Auffassungen
Werke
Romane, Erzahlugen: Dramen:
© Leutnant Gustl (1901) ° Anantol (1892)
° Der Weg ins Freie (1908) © Liebelei (1895)
o Fraulein Else (1924) © Reigen (1900)
© Traumnovelle (1926)
Themen Und Figuren
° die Situation des jUdischen Hdufig wiederkehrende Typen:
Intellektuellen und des jUdischen
© der leichtlebige, aus einer gehobenen
Bourgeois
Familie stammende junge Offizier
© soziale Polarisierungen und ihre
° das ,,sUBe Mddel" (das in der Vorstadt
Auswirkung auf das Bewusstsein
lebende erotische Beuteobjekt
o Begriff ,,Ehre™ in seiner seelischen sogenannter besserer Herren)
Dimension
° Darstellung seelischer Vorgange
° Darstellung der Wiener
Gesellschaftskultur der
Jahrhundertwende und ihre
burgerliche Tragerschaft
Bekannschaft mit Freud
vertraut mit Freuds Thesen Technik:
,Ich schreibe Diagnosen" ° der ,,innerer Monolog" (ich + Prdsens)
Die Beziehungen zwischen BewuBtem, ° verwandt mit der Technik der freien
HalbbewuBtem und UnbewuBtem so Assoziaton der Psychoanalyse
scharf zu ziehen, als es Ubehaupt
© Adequates Verfahren zur Abbildung
mdglich ist, darin wird dieKunst des
osychischer Prozesse
Dichters vor allem bestehen"
Freuds literarischer ,Doppelganger"
Der Reigen (1900}

o eine Reihe von 10 Ein-Akt-StUcken


© Liebeskarussel UM ein paar ,,suUBe
Médels“
© Theaterskandal des Jahrhunderts,
politischer Krach zur Folge
Leutnant Gusitl (1901)
nichtsnutzig, zu nichts taugich
von einem Backer als ,,dummer Bub"
bezeichnet

zum Duell auffordern? — aber ein Backer ist


nicht satisfaktionsfahig
Wiedergabe aller des Fetzen des fiebrigen
Unlogischen Gedankenablaufs
Doppelmoral
Verflechtung aus fragmentaren Erinnerungen,
Emotionen, undeutlichen Gefuhlen
Fixierung GuBerlicher EindrUucke,
Gesprachsfetzen, angeeignete Redeklischees
Ich(1917}
Novellette
Familie Huber
unerhorte Begebenheit
Normalitatsverlust
»sprach-Ordnungswahn"
»Unrettbarkeit des Ich" (Hermann Bahr)
Tradition der Sprachskepsis
,Jedes Wort hat flieBende Grenzen;
diese Tatsache zu asthetischer Wirkung
auszunuizen ist das Geheimnis des
Stils.* (Schnitzer)
DANKE FUR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!
Symbolismus

1880-1920
Alfred Böcklin Die Toteninsel (1883)
Begriff

Symbolismus ist eine Richtung, welche die Dinge


nur durch symbolische Begriffe andeuten will, um
dadurch gewisse Seelenzustände hervorzurufen; sie
bewegt sich daher oft in der Sphäre der Träume,
Visionen und Märchen und legt großen Wert auf den
Klang der Worte.
Der Symbolismus:

 richtete sich gegen die objektive


Wirklichkeitswiedergabe des Naturalismus;

 forderte eine Rückkehr zur Metaphysik, zur Seele,


zur Mystik und zum Mythos;

 suchte Hintergründiges, Irrationales und


Geheimnisvolles sichtbar zu machen.
Symbolismus vs. Romantik

 Im Unterschied zu den Romantikern, die die Welt


schön poetisierten sind die Werke des Symbolismus von
einer eher pessimistischen Grundhaltung geprägt;
 der Symbolismus möchte weder die gesellschaftliche
Wirklichkeit (wie der Realismus) noch persönliche
Empfindungen oder subjektive Reaktionen (wie der
Romantismus und Impressionismus) darstellen;
 der Symbolismus schafft eine ästhetische und mystische
Kunstwelt;
 die Wirklichkeit des Textes ist einmalig und nur sich
selbst immanent.
Kunst vs. Natur

 Die Natur ist der Ursprung barbarischer und


unvernünftiger Vorgänge (Baudelaire);
 Schönheit und Edelmut sind das Resultat von
Überlegungen und Erfahrungen, dem Prozess der
Entfernung von der „Natur“ entspringen;
 Kunst als Triumph des Menschen über die Natur;
 die künstliche Schönheit;
 Artefakte, Symbolkraft der Dinge;
 tote Natur zum Sprechen bringen.
Ästhetischer Absolutismus

 Die Poesie ist absolut;


 Exklusivität der Kunst;
 aristokratische Isolation;
 die Boheme-Existenz;
 kritische Distanz zum Alltagsleben und den
selbstzufriedenen Bürgern;
 asketische Hingabe für die Kunst;
 hedonistische Amoralität;
 Schönheitskult;
 Dandy-Gestalt (Baudelaire: „materiell unabhängiger
Ästhet“ und „Aristokrat des Seele“).
Der Dichter

 Der Dichter als Seher, einsamer Prophet und


Auserwählter;
 den Dichter interessiert nicht die Beschaffenheit der
Welt und das Schicksal des Menschen, sondern das
Geheimnis des dichterischen Kunstwerks;
 der Dichter soll mit geradezu mathematischer
Präzision arbeiten, um den Text auf mehrdeutige
Sprachbilder, die Sprache auf ihren
Zeichencharakter, aber auch auf Klang und
Rhythmus zu reduzieren.
Das Symbol

 Das Symbol als Ganzes, als ein stiltechnisches Element;


 ermöglicht die Ganzheit der künstlerischen Abbildung
der Welt gemäß den ästhetischen Idealen;
 der symbolisitsche Dichter schafft aus Bruchstücken der
realen Welt Symbole, Sinnbilder, die neu
zusammengesetzt, eine Welt der Schönheit bzw. der
ideellen, ästhetischen und spirituellen Vollkommenheit
ergeben sollen;
 ästhetische Wahrheiten sollen nicht direkt beschrieben,
sondern durch indirekte Stilmittel evoziert werden.
Der Stil

 Komplexer Stil;
 ungewöhnlicher Wortschatz und Rhythmus;
 komplizierte Syntax, die rätselhafte Vieldeutigkeit
erlaubt;
 gesteigerte Musikalität der Gedichte;
 Zusammenhänge zwischen Geruch, Klang, Farbe
sowie dem Sinn des Wortes;
 Synästhesien, Metaphern, Vergleiche – tiefe
Verwandschaft zwischen Dingen und Worten.
Die Form

 Der Dichtung kommt es nicht mehr unbedingt auf


Verstehbarkeit an;
 die Dichtung versteht vielmehr ihren Hauptwert in
der Form, im Klang und in der Wortmagie;
 der Klang ist wichtiger als der Sinn, reine
Wortkunst, „Die Kunst für die Kunst“;
 die sprach-künstlerischen Mittel: Klangmalerei,
Sprachdichte, Suggestion, Assoziation,
Rhythmus.
Vertreter

Frankreich:
 Charles Baudelaire, Stéphane Mallarmé, Paul Verlaine

Deutschland:
 Hugo von Hofmannstahl: Reitergeschichte, Das
Märchen der 672. Nacht

 Stefan George: Algabal

 Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch, Die


Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Hugo von Hofmannsthal
Das Märchen der 672. Nacht (1895)

„Ein junger Kaufmannssohn, der sehr schön war und weder Vater noch Mutter hatte, wurde bald nach
seinem fünfundzwanzigsten Jahre der Geselligkeit und des gastlichen Lebens überdrüssig. Er
versperrte die meisten Zimmer seines Hauses und entließ alle seine Diener und Dienerinnen, bis auf
vier, deren Anhänglichkeit und ganzes Wesen ihm lieb war. Da ihm an seinen Freunden nichts gelegen
war und auch die Schönheit keiner einzigen Frau ihn so gefangen nahm, daß er es sich als
wünschenswert oder nur als erträglich vorgestellt hätte, sie immer um sich zu haben, lebte er sich
immer mehr in ein ziemlich einsames Leben hinein, welches anscheinend seiner Gemütsart am
meisten entsprach. Er war aber keineswegs menschenscheu, vielmehr ging er gerne in den Straßen
oder öffentlichen Gärten spazieren und betrachtete die Gesichter der Menschen. Auch vernachlässigte
er weder die Pflege seines Körpers und seiner schönen Hände noch den Schmuck seiner Wohnung. Ja,
die Schönheit der Teppiche und Gewebe und Seiden, der geschnitzten und getäfelten Wände, der
Leuchter und Becken aus Metall, der gläsernen und irdenen Gefäße wurde ihm so bedeutungsvoll, wie
er es nie geahnt hatte. Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle Formen und Farben der Welt in
seinen Geräten lebten. Er erkannte in den Ornamenten, die sich verschlingen, ein verzaubertes Bild
der verschlungenen Wunder der Welt. Er fand die Formen der Tiere und die Formen der Blumen und
das Übergehen der Blumen in die Tiere; die Delphine, die Löwen und die Tulpen, die Perlen und den
Akanthus; er fand den Streit zwischen der Last der Säule und dem Widerstand des festen Grundes und
das Streben alles Wassers nach aufwärts und wiederum nach abwärts; er fand die Seligkeit der
Bewegung und die Erhabenheit der Ruhe, das Tanzen und das Totsein; er fand die Farben der Blumen
und Blätter, die Farben der Felle wilder Tiere und der Gesichter der Völker, die Farbe der Edelsteine,
die Farbe des stürmischen und des ruhig leuchtenden Meeres; ja, er fand den Mond und die Sterne,
die mystische Kugel, die mystischen Ringe und an ihnen festgewachsen die Flügel der Seraphim. Er
war für lange Zeit trunken von dieser großen, tiefsinnigen Schönheit, die ihm gehörte, und alle seine
Tage bewegten sich schöner und minder leer unter diesen Geräten, die nichts Totes und Niedriges
mehr waren, sondern ein großes Erbe, das göttliche Werk aller Geschlechter.“ [...]
 Hauptgestalt: ein begüterter Kaufmannssohn, willenloser Dilletant
und Flaneur
 der Spätgeborene vs. übermäßiger Vater – er konnte noch
 mit 25 Jahren kompletter Rückzug aus dem gesellschaftlichen
Leben, Streben nach Einsamkeit
 der Held im Märchen ist allein, im Kunstmärchen – einsam
(psychologische Kategorie)
 ein Sammler von Objekten
 verfolgt von Gedanken an den Tod (prunkvolle Zeremonie)
 Angst vor der „Unentrinnbarkeit des Lebens“
 der einzige Gang in die Stadt endet tödlich auf einem Kasernenhof
 unerklärbare Abhängigkeit von den Dienern
 Opposition zw. dem Künstlichen und Natürlichen:
hässliche Frauen (wenn schön, dann doch sexuell nicht attraktiv),
hässliche Pferde vs. schöne Steine, schöner Schmuck
Generation der Spätgeborenen

„Man hat manchmal die Empfindung, als hätten uns


unsere Väter, die Zeitgenossen des jüngeren
Offenbach, und unsere Großväter, die Zeitgenossen
Leopardis, und alle die unzähligen Generationen vor
ihnen, als hätten sie uns, den Spätgeborenen, nur
zwei Dinge hinterlassen: hübsche Möbel und
überfeine Nerven. Die Poesie dieser Möbel erscheint
uns als das Vergangene, das Spiel dieser Nerven als
das Gegenwärtige.“
aus Gabriele d'Annunzio Hugo von Hofmannsthals
Stefan George (1868-1933)

 Hymnen (1890)
 Pilgerfahrten (1891)
 Algabal (1892)

 Alles streng abgemessen,


stilisiert, feierlich;
 kostbar ausgestattete
Ausgaben;
 George-Schrift.
Algabal (1892)
Wenn um der zinnen kupferglühe hauben
Um alle giebel erst die sonne wallt
 Der junge römische Kaiser
Und kühlung noch in höfen von basalt
Dann warten auf den kaiser seine tauben. Heliogabalus), König Ludwig II.;
 Verkörperung des Ästhtismus und des
Er trägt ein kleid aus blauer Serer-seide Immoralismus;
Mit sardern und saffiren übersät
In silberhülsen säumend aufgenäht ·  eine symbolische Figur, in der die
Doch an den armen hat er kein geschmeide. künstlerische Empfindsamkeit ein
Zeichen für ethische Insiffirenz;
Er lächelte · sein weisser finger schenkte
Die hirsekörner aus dem goldnen trog ·  artifizielle Umgebung;
Als leis ein Lyder aus den säulen bog  dekorativ, ornamental;
Und an des herren fuss die stirne senkte.
 exotische Gärten, luxuriöse Gemächter;
Die tauben flattern ängstig nach dem dache  umgeben von Edelsteinen,
»Ich sterbe gern weil mein gebieter schrak«
Ein breiter dolch ihm schon im busen stak ·
betäubenden Düften und Marmor;
Mit grünem flure spielt die rote lache.  kalte erlesene Schönheit;
 das betonte Spiel mitLauten,
Der kaiser wich mit höhnender gebärde ..
Worauf er doch am selben tag befahl unterstrichen von einem
Dass in den abendlichen weinpokal Gravitätsrhythmus.
Des knechtes name eingegraben werde.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 Die Weise von Liebe und


Tod des Cornets Christoph
Rilke (1899)
 Das Buch der Bilder (1902)
 Stunden-Buch (1905)
 Neue Gedichte (1907-1908)
 Die Aufzeichnungen des
Malte Laurids Brigge
(1910)
 Duineser Elegien (1923)
 Sonette an Orpheus (1923)
Rilke
 1899 und 1900 Reisen nach  1907-1908 – Neue
Russland und in die Gedichte – unter Einfluss
Ukraine Rodins – Eintauchen in das
 1902 – Buch der Bilder „objektive Wesen“ der
– der „wahre“ Rilke – Gegenstände und
Reihe von Metaphern, Ereignisse – Verse als
Gefühl der Einsamkeit, der Stimme sprachloser Dinge,
Stille Botschaft aus der Welt der
 1905 – Stundenbuch –
Artefakte, der
einsamer Künstler, Naturerscheinungen und
versunken in der der Tiere – Poetik der
Meditation über Inhalte Erfahrung = der Reichtum
religiöser Metaphysik, in durchlebter Momente und
der Tradition europäischer Erkenntnisse von der
und östlicher Mystik Unerschöpflichkeit des
Lebens – Reife
Lou Andreas-Salome (1861-1937)
Stunden-Buch (1905)

Ich finde dich in allen diesen Dingen,


denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen gibst du groß dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,


daß sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)

11. September, Rue Toullier.

„So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich
hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen
gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das
ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an
einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu
überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem
Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter,
Rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-ge-grâce,
Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die
Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach
Jodoform, nach dem Fett von Pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im
Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht
zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem
Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte
einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das
Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, Pommes frites, Angst. Das war nun
mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.“ [...]
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)

 die Gestalt eines Flaneurs


 eine Reihe von Psychogrammen
 Themen: die Einsamkeit des Künstlers, der Schmerz der
Erinnerungen, das Erleben der Vergänglichkeit, die
Erkenntnis der Armut der Welt, die sich hinter
glänzenden Fassaden verbirgt
 kein „literarischer“ Handlungsfluss, keine Verwicklungen
bzw. Auseinandersetzungen von Personen
 völliger Rückzug in das Innere eines Bewusstseins,
Introspektion
 Gegenwart und Vergangenheit (in der Erinnerung)
fließen ständig ineinander über
DANKE

FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!
Expressionismus
O
Edvard Munch Der Schrei (1983)
Bildende Kunst
(Egon Schiele, Franz Marc)
e eine Ausdruckskunst, die innerlich Geschautes
zum Ausdruck bringen will;
e an die Stelle von Objektivitat, Sachlichkeit, Analyse
und Zergliederung kommt die Extase, mystische
Erregtheit, innere Schau und Vision;
e der Dichter will Prophet, Bekenner und
Menschenfihrer sein.
Stoffe aus der Vor- und Nachkriegszeit;
eine gewisse Verwandschaft mit dem Naturalismus;
Kampf gegen die burgerliche Gesellschaft und Weltanschauung;
will den Menschen in seiner Stellung im All und in seiner Totalitat
darstellen;
alles Individuelle, Einzelne, Zufallige wird abgestreift;
das Allgemeine, Typische und Dauerhafte sucht man im Wort zu
erfassen;
der Mensch schlechthin wird aufgesucht, nicht der Mensch im Umkreis von
Herkunft, Milieu, Zeit, Ort, Stand und Beruf;
Traum und Vision;
neue Sprache (Schrei- und Telegrammstil), Verbalstil (Dynamik);
Stichworter: méglicher Weltuntergang, Asthetik des Hisslichen,
GroBstadt und Ich-Verlust, Gegentiberstellung des ,,Ich* und der Masse,
Ablehnung von Logik und Erklarbarkeit.
Lyrik
Menschheitsdammerung (1920)
O
MENSCHHEITS
pp MMERUNG
Weltende (1911)
Dem Burger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Luften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker sttirzen ab und gehn entzwei
Und an den Kusten — liest man -— steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen


An Land, um dicke Damme zu zerdrucken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brucken.
Grunderfahrung: Entfremdung (Krieg, Anthologie Menschheitsdammerung
Stadt); (1920)
Ausdruck des inneren Erlebens, Vertreter:
Pathos, Extase; Gottfried Benn,
Jakob van Hoddis,
Kunst, als rein geistiger Ausdruck Franz Werfel,
innerlich geschauter Wahrheit; Else Lasker-Schuler,
Sehnsucht nach einer besseren Welt; Georg Heim,
Forderung nach einem neuen Georg Trakl,
Menschen; Johannes R. Becher,
Antimilitarismus; August Stramm,
Theodor Daubler,
Protest gegen Kaisertum und die Vater- Alfred Wolfenstein,
Generation;
Oskar Loerke,
Themen: Ausgeliefertsein des Individdums Ernst Stadler.
in einer von Gott velassenen Welt; die
Bedrohlichkeit von der Stadte und
Maschinen; Visionen des Untergangs,
Wertverlust und Verfall der Menschlichen
Beziehungen;
Motive: GroBstadt, Verganglichkeit
und Verfall, Apokalypse und Krieg.
der Naturalismus — das Milieudrama,
der Impressionismus — das Oskar Kokoschka (1886-1980)
Stimmungsdrama, Morder, Hoffnung der Frauen (1907)
der Expressionismus —
ein symbolhaftes Georg Kaiser (1878-1945)
ausdrucksstarkes Ideendrama; Die Birger von Calais (1912/13, 1923)
die lockere Folge von rasch aufeinander Die Koralle (1917)
folgenden Einzelbildern, die wie im
Film auf- und abgeblendet werden; Gas I (1918)
Musik, Tanz, Pantomime, Gas IT (1920)
Biihnenbild und Lichteffekte;
Personen werden nicht als individuelle Ernst Toller (1893-1939)
Wesen, sondern typisiert (,,Mann“, Masse Mensch (1920)
»Hrau“, ,,..ochter“, ...);
Hinkemann (1923)
die Charaktere oft tibersteigert oder
grotesk verzerrt, um die Seele
aufzudecken;
oftmals fehlt die Ausgestaltung der
individuellen Wesenszuge.
kurze Formen, aber auch Romane; Alfred Doblin (1878-1957)
Zusammenrticken und Die Ermordung einer Butterblume
Verschmelzen von Wirklichkeit und andere Erzahlungen (1912)
und Unwirklichkeit; Berlin. Alexanderplatz (1929)
Reflexionsprosa, deren Erzahlen
auf Reflexion und Selbstreflexion
Leonhard Frank (1882-1961)
gerichtet ist;
Die Rauberbande (1914)
Prosa im Zeichen des
Messianismus, die versuchte
eine aktive Weltverbesserung zu Gottfried Benn (1986-1956)
erreichen; Gehirne (1916)
obwohl zahlreiche und
umfangreiche epische Texte Franz Kafka (1883-1924)
vorhanden sind, scheinen die
epischen Werke des
Expressionismus, im Gegensatz zur
Lyrik und den Dramen, jedoch nur
wenig Beachtung zu finden.
Gibs auf!

Es war sehr fruh am Morgen, die StraBen rein und leer, ich
ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr
verglich, sah ich, daB es schon viel spater war, als ich geglaubt
hatte, ich muBte mich sehr beeilen, der Schrecken uber diese
Entdeckung lieB mich im Weg unsicher werden, ich kannte
mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glucklicherweise
war ein Schutzmann in der Nahe, ich lief zu ihm und fragte
ihn atemlos nach dem Weg. Er lachelte und sagte: »Von mir
willst du den Weg erfahren?« »Ja«, sagte ich, »da ich ihn
selbst nicht finden kann.« »Gibs auf, gibs auf«, sagte er und
wandte sich mit einem groBen Schwunge ab, so wie Leute, die
mit ihrem Lachen allein sein wollen.
Heimkehr
Ich bin zuruckgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist
meines Vaters alter Hof. Die Pftitze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerat,
ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem
Soeauee i zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt
sich im Wind.
Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tur der
Kuche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird
gekocht. Ist dir heimlich, fiihlst du dich zu Hause? Ich weif es nicht, ich bin sehr
unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Sttick neben Sttick, als ware
jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschaftigt, die ich teils vergessen habe,
teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nutzen, was bin ich ihnen und sei ich auch
des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an die Kiichenttir zu
klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht
so, dass ich als Horcher tiberrascht werden konnte. Und weil ich von der Ferne
horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag hore ich oder glaube
ihn vielleicht nur zu horen, hertiber aus den Kindertagen. Was sonst in der Kiiche
geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je langer
man vor der Tir zogert, desto fremder wird man. Wie ware es, wenn jetzt jemand
die Tur offnete und mich etwas fragte. Ware ich dann nicht selbst wie einer, der sein
Geheimnis wahren will.
Danke fur Ihre Aufmerksamkeit!
O
 Anfang – militärischer und politischer
Zusammenbruch des Kaiserreiches: Erschütterung der
traditionellen Werte
 Ende – Verfall der Demokratie: Machübernahme
durch die NS
 Wirtschaft: Inflation, Weltwirtschaftskrise,
Arbeitslosigkeit nach 1929
 1924-29: „Goldene Zwanziger“ – kurze Blütezeit
 Literatur – nach Gesetzen des Marktes, Literatur als
Ware
„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen
Reproduzierbarkeit“(1936)

 aus einem „freien“ Produzenten wird der Autor


zunehmlich zu einem bloßen Lieferanten für den
bürgerlichen Kulturbetrieb. Die ästhetisch-inhaltliche
Qualität der Literatur gerät in ein widersprüchlichen
Verhältnis zu ihrem wirtschaftlichen Wert, der seinerseits
von Faktoren wie Publikumsinteresse, Geschmack,
Lesegewohnheiten, Moden bestimmt wird
 Anpassungsdruck auf die Schriftsteller
 verhältnismäßig kurze Zeit
 Lebhaftigkeit in allen Bereichen
 Berlin – eine der künstlerischen und wissenschaftlichen Metropolen der Welt
 von politischen Gärungsprozessen überschattet: Kompromiss der
„gemäßigten“ Parteien, darunter SPD, seit den 20er Jahren Erstärkung der NS-
Partei
 die dominanten Kulturellen Merkmale:
 Urbaner Liberalismus
 Kritik an traditi0nellen Institutionen und Ideologien
 Hang zum „Experiment“
 hastige Entwicklung der Maschinen und Überwindung des Raumes (Luftfahrt,
Autoverkehr)
 hastige Entwicklung der Informationsmedien (Film, Radio, Zeitungen)
 hastige Entwicklung der sportlichen Leistung als Ideologie und Unterhaltung
 hastige Entwicklung der modernen funktionalen Architektur
 „Bauhaus“ – eine moderne gemeinschaftlich geleitete
Schule bzw. Werkstätten fürbildende Künste, Architektur
und angewandte Disziplinen (=Konstruktivismus)
 Bemühen, die Kunst aus ihrer ästhetischen Isolation
herauszuführen
 Theaterleben: Max Reinhardt, Bertolt Brecht
 Politisierung der Kunst
 Kabaretts – Symbol der Zeit: Szenen, Chansons –
künstlerische Fantasie,Popularität, kritische Tendenz
 Ästhetik der „Gebrauchskunst“
 hat seinen Schwung eingebüßt
 Enttäuschung der Zeugen der Kriegs- und
Nachkriegsereignisse
 als gekünstelte Utopie und Flucht in die Abstrakti0on
wahrgenommen: Glaubwürdigkeit verloren
 statt „Menschheitsgebärden“ auf die Straßen
hinuntersteigen, die Alltagswelt der Büros und
Fabriken zeigen, die Erfahrungen der jüngsten
Vergangenheit: Krieg, Elend und derer Ursachen
 Alltagswirklichkeit neu entdecken, wie hässlich und
trivial sie auch sein möge
(1924-1933)
 Georg Grosz + Otto Dix: nüchterne Wiedergabe, konkrete
Gegenständlichkeit der Erfahrungswelt
 naive Begeisterung von den Möglichkeiten der technischen
Zivilisation (der Geschwindigkeitsrekorde, der Ästhetik der
Wolkenkratzer, der blitzenden Chromkonstruktionen)
 „Amerikanisierung“ des Gesellschaftslebens
 Stärkung der Position des Romans (der im
Expressionismus ziemlich abgedrängt war)
 Medium für ein umfassendes Bild des Lebens
 Könnte Anstöße vom Film bekommen
 Dokumentation, literarische Reportage
 Feuilleton, Essayismus
„Was Leser und Schreibende suchen, ist nicht
Übertragung subjektiven Gefühls, sondern
Anschauung des Objekts: anschaulich gemachtes
Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form …
Den Schreiber und den Leser fesselt Gestaltung des
unmittelbar Greifbaren: Sitten und Gebräuche des
heraufkommenden Proletariats, die Institutionen
Amerikas, Fabriken, Konzerne, Autos, Sport,
Petroleum, Sowjetrussland“.
Lion Feuchtwanger (1927, Artikel)
 die traditionelle Romanform ist unangemessen, um
die Wirklichkeit episch zu erfassen und die
Konkurrenzz zu den neuen Medien zu bestehen
 Reportagehaftigkeit: Egon Erwin Kisch (1845-1948)
reiste durch die Sowjetunion, die USA, China: der
„rasende Reporter“ – weltbekannt, Mitglied der KPD,
Feuilletonist
 Reportage als Kunstform: Authentizität des Erlebens,
der Beobachtung
 aktuelle Probleme der Zeit: Krieg, Revolution, Technik,
gesellschaftliche Missstände, Militarisierung,
Faschisierung
 Döblin, Kästner, Fallada, Broch, Musil, Feuchtwanger,
Seghers, Mann, Roth, Brecht, Canetti, Frank, Remarque
Romane:
 „Berlin. Alexanderplatz“, 1929
 „Fabian“, 1931
 „Kleiner Mann – was nun?“, 1932
 „Erfolg“, 1930
 „Im Westen nichts Neues“, 1928
 „Radetzkymarsch“, 1932
 „Der Mann ohne Eigenschaften“, 1930-33
 „Die Gefährten“, 1932
(1933-1945)
Exil Emigration
 seit der Antike, lat.  lat. „emigrare“
„exilium“
 Verbannung  freiwilliger Akt
 Strafe, Ausbürgerung  obwohl unter enirmem
(Ovid) Druck
 vorübergehender Akt
 Dauerzustand
 befristet
 Verbüßung der Strafe  jüdische
 politisch motiviert Massenemigration
(politische Gegner des (unpolitisch)
Regimes)
 Festhalten für die Nachgeborenen, Zeugnis abgeben,
Gegenwartserfahrung dokumentieren
 seit 1938 ca. 500.000 Menschen wanderten aus, 250.000 jüdischer
Herkunft
 bis 1938 – Zürich, Amsterdam, Paris, Wien, Prag
 bis 11. März 1938 – Wien
 ab 1938 – London (Kindertransporte, ca. 15.000 jüdische Kinder, von
ihren Eltern nach England geschickt) – W.G. Sebald „Austerlitz“, N.
Gstrein „Die englischen Jahre“
 seit 1938 – Mexiko, USA, Shanghai, Indien
 seit 1939 – Moskau, Palästina
 nach 1941 totales Auswanderungsverbot (kein Jude durfte raus)
 NS: Antisemitismus als staatliches Prinzip (juristisch untermauert) als
Staatsdoktrin (beispiellos unter modernen Staaten)
 Identität der Exilanten – literarisches Paradigma: „ein anderes
Deutschland“
1) Deutschland-Roman (Situation in Deutschland nach der Machtübernahme durch
Hitler):
Anna Gmeiner „Manja“
Irmgard Keun „Nach Mitternacht“
Klaus Mann „Mephisto“
Anna Seghers „Das siebte Kreuz“
A. Neumann „Es waren ihrer sechs“
2) Exil-Roman (Situation im Exil):
Anna Seghers „Transit“
Klaus Mann „Der Vulkan“
Lion Feuchtwanger „Exil“
Irmgard Keun „Kind aller Länder“
Veza Canetti „Die Schildkröten“, „Die gelbe Straße“
3) der historische Roman (bestimmte Figuren, Epochen oder Ereignisse der
Vergangenheit als Erklärung für die Gegenwart):
Lion Feuchtwanger „Der falsche Nero“
Bertolt Brecht „Julius Cäsar“
Hermann Broch „Tod des Vergils“
Thomas Mann „Joseph und seine Brüder“
Stefan Zweig „Erasmusvon Rotterdam“
Wartesaal-Trilogie:
 Erfolg, 1930
 Die Geschwister
Oppenheim, 1933
 Exil, 1938/39
 Drei Kameraden, 1937
 Arc de Triomphe, 1946
 Der Funke Leben, 1952
 Die Nacht von
Lissabon, 1963
 Das siebte Kreuz, 1946
(englisch 1942)
 Transit, 1948
(englisch 1943)
 Baal, 1922
 Mann ist Mann, 1926
 Dreigroschenoper, 1928
 Dreigroschenroman, 1934
 Mutter Gourage und ihre
Kinder. 1939
 Leben des Galilei, 1938,
1947, 1956
 Der gute Mensch von
Sezuan, 1938-41
 Der kaukasische
Kreidekreis, 1944/45
 Der Lechner Edi schaut
uns Paradies, 1936
 Astoria, 1937
 Vineta, 1937
 Mephisto, 1936
1 2
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende Und ich empörte mich mit ihnen.
Hat die furchtbare Nachricht So verging meine Zeit
Nur noch nicht empfangen. Die auf Erden mir gegeben war.
Was sind das für Zeiten, wo Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist Schlafen legt ich mich unter die Mörder
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten Der Liebe pflegte ich achtlos
einschließt! Und die Natur sah ich ohne Geduld.
Der dort ruhig über die Straße geht So verging meine Zeit
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde Die auf Erden mir gegeben war.
Die in Not sind?
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt Die Sprache verriet mich dem Schlächter
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich satt Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
zu essen. So verging meine Zeit
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt Die auf Erden mir gegeben war.
Bin ich verloren.)
Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast! Lag in großer Ferne
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Ich es dem Hungernden entreiße, was ich esse, und Kaum zu erreichen.
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt? So verging meine Zeit
Und doch esse und trinke ich. Die auf Erden mir gegeben war.
Ich wäre gerne auch weise
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
3
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die
Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine
Empörung.
Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für
Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.