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Symbolismus

1880-1920
Alfred Böcklin Die Toteninsel (1883)
Begriff

Symbolismus ist eine Richtung, welche die Dinge


nur durch symbolische Begriffe andeuten will, um
dadurch gewisse Seelenzustände hervorzurufen; sie
bewegt sich daher oft in der Sphäre der Träume,
Visionen und Märchen und legt großen Wert auf den
Klang der Worte.
Der Symbolismus:

 richtete sich gegen die objektive


Wirklichkeitswiedergabe des Naturalismus;

 forderte eine Rückkehr zur Metaphysik, zur Seele,


zur Mystik und zum Mythos;

 suchte Hintergründiges, Irrationales und


Geheimnisvolles sichtbar zu machen.
Symbolismus vs. Romantik

 Im Unterschied zu den Romantikern, die die Welt


schön poetisierten sind die Werke des Symbolismus von
einer eher pessimistischen Grundhaltung geprägt;
 der Symbolismus möchte weder die gesellschaftliche
Wirklichkeit (wie der Realismus) noch persönliche
Empfindungen oder subjektive Reaktionen (wie der
Romantismus und Impressionismus) darstellen;
 der Symbolismus schafft eine ästhetische und mystische
Kunstwelt;
 die Wirklichkeit des Textes ist einmalig und nur sich
selbst immanent.
Kunst vs. Natur

 Die Natur ist der Ursprung barbarischer und


unvernünftiger Vorgänge (Baudelaire);
 Schönheit und Edelmut sind das Resultat von
Überlegungen und Erfahrungen, dem Prozess der
Entfernung von der „Natur“ entspringen;
 Kunst als Triumph des Menschen über die Natur;
 die künstliche Schönheit;
 Artefakte, Symbolkraft der Dinge;
 tote Natur zum Sprechen bringen.
Ästhetischer Absolutismus

 Die Poesie ist absolut;


 Exklusivität der Kunst;
 aristokratische Isolation;
 die Boheme-Existenz;
 kritische Distanz zum Alltagsleben und den
selbstzufriedenen Bürgern;
 asketische Hingabe für die Kunst;
 hedonistische Amoralität;
 Schönheitskult;
 Dandy-Gestalt (Baudelaire: „materiell unabhängiger
Ästhet“ und „Aristokrat des Seele“).
Der Dichter

 Der Dichter als Seher, einsamer Prophet und


Auserwählter;
 den Dichter interessiert nicht die Beschaffenheit der
Welt und das Schicksal des Menschen, sondern das
Geheimnis des dichterischen Kunstwerks;
 der Dichter soll mit geradezu mathematischer
Präzision arbeiten, um den Text auf mehrdeutige
Sprachbilder, die Sprache auf ihren
Zeichencharakter, aber auch auf Klang und
Rhythmus zu reduzieren.
Das Symbol

 Das Symbol als Ganzes, als ein stiltechnisches Element;


 ermöglicht die Ganzheit der künstlerischen Abbildung
der Welt gemäß den ästhetischen Idealen;
 der symbolisitsche Dichter schafft aus Bruchstücken der
realen Welt Symbole, Sinnbilder, die neu
zusammengesetzt, eine Welt der Schönheit bzw. der
ideellen, ästhetischen und spirituellen Vollkommenheit
ergeben sollen;
 ästhetische Wahrheiten sollen nicht direkt beschrieben,
sondern durch indirekte Stilmittel evoziert werden.
Der Stil

 Komplexer Stil;
 ungewöhnlicher Wortschatz und Rhythmus;
 komplizierte Syntax, die rätselhafte Vieldeutigkeit
erlaubt;
 gesteigerte Musikalität der Gedichte;
 Zusammenhänge zwischen Geruch, Klang, Farbe
sowie dem Sinn des Wortes;
 Synästhesien, Metaphern, Vergleiche – tiefe
Verwandschaft zwischen Dingen und Worten.
Die Form

 Der Dichtung kommt es nicht mehr unbedingt auf


Verstehbarkeit an;
 die Dichtung versteht vielmehr ihren Hauptwert in
der Form, im Klang und in der Wortmagie;
 der Klang ist wichtiger als der Sinn, reine
Wortkunst, „Die Kunst für die Kunst“;
 die sprach-künstlerischen Mittel: Klangmalerei,
Sprachdichte, Suggestion, Assoziation,
Rhythmus.
Vertreter

Frankreich:
 Charles Baudelaire, Stéphane Mallarmé, Paul Verlaine

Deutschland:
 Hugo von Hofmannstahl: Reitergeschichte, Das
Märchen der 672. Nacht

 Stefan George: Algabal

 Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch, Die


Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Hugo von Hofmannsthal
Das Märchen der 672. Nacht (1895)

„Ein junger Kaufmannssohn, der sehr schön war und weder Vater noch Mutter hatte, wurde bald nach
seinem fünfundzwanzigsten Jahre der Geselligkeit und des gastlichen Lebens überdrüssig. Er
versperrte die meisten Zimmer seines Hauses und entließ alle seine Diener und Dienerinnen, bis auf
vier, deren Anhänglichkeit und ganzes Wesen ihm lieb war. Da ihm an seinen Freunden nichts gelegen
war und auch die Schönheit keiner einzigen Frau ihn so gefangen nahm, daß er es sich als
wünschenswert oder nur als erträglich vorgestellt hätte, sie immer um sich zu haben, lebte er sich
immer mehr in ein ziemlich einsames Leben hinein, welches anscheinend seiner Gemütsart am
meisten entsprach. Er war aber keineswegs menschenscheu, vielmehr ging er gerne in den Straßen
oder öffentlichen Gärten spazieren und betrachtete die Gesichter der Menschen. Auch vernachlässigte
er weder die Pflege seines Körpers und seiner schönen Hände noch den Schmuck seiner Wohnung. Ja,
die Schönheit der Teppiche und Gewebe und Seiden, der geschnitzten und getäfelten Wände, der
Leuchter und Becken aus Metall, der gläsernen und irdenen Gefäße wurde ihm so bedeutungsvoll, wie
er es nie geahnt hatte. Allmählich wurde er sehend dafür, wie alle Formen und Farben der Welt in
seinen Geräten lebten. Er erkannte in den Ornamenten, die sich verschlingen, ein verzaubertes Bild
der verschlungenen Wunder der Welt. Er fand die Formen der Tiere und die Formen der Blumen und
das Übergehen der Blumen in die Tiere; die Delphine, die Löwen und die Tulpen, die Perlen und den
Akanthus; er fand den Streit zwischen der Last der Säule und dem Widerstand des festen Grundes und
das Streben alles Wassers nach aufwärts und wiederum nach abwärts; er fand die Seligkeit der
Bewegung und die Erhabenheit der Ruhe, das Tanzen und das Totsein; er fand die Farben der Blumen
und Blätter, die Farben der Felle wilder Tiere und der Gesichter der Völker, die Farbe der Edelsteine,
die Farbe des stürmischen und des ruhig leuchtenden Meeres; ja, er fand den Mond und die Sterne,
die mystische Kugel, die mystischen Ringe und an ihnen festgewachsen die Flügel der Seraphim. Er
war für lange Zeit trunken von dieser großen, tiefsinnigen Schönheit, die ihm gehörte, und alle seine
Tage bewegten sich schöner und minder leer unter diesen Geräten, die nichts Totes und Niedriges
mehr waren, sondern ein großes Erbe, das göttliche Werk aller Geschlechter.“ [...]
 Hauptgestalt: ein begüterter Kaufmannssohn, willenloser Dilletant
und Flaneur
 der Spätgeborene vs. übermäßiger Vater – er konnte noch
 mit 25 Jahren kompletter Rückzug aus dem gesellschaftlichen
Leben, Streben nach Einsamkeit
 der Held im Märchen ist allein, im Kunstmärchen – einsam
(psychologische Kategorie)
 ein Sammler von Objekten
 verfolgt von Gedanken an den Tod (prunkvolle Zeremonie)
 Angst vor der „Unentrinnbarkeit des Lebens“
 der einzige Gang in die Stadt endet tödlich auf einem Kasernenhof
 unerklärbare Abhängigkeit von den Dienern
 Opposition zw. dem Künstlichen und Natürlichen:
hässliche Frauen (wenn schön, dann doch sexuell nicht attraktiv),
hässliche Pferde vs. schöne Steine, schöner Schmuck
Generation der Spätgeborenen

„Man hat manchmal die Empfindung, als hätten uns


unsere Väter, die Zeitgenossen des jüngeren
Offenbach, und unsere Großväter, die Zeitgenossen
Leopardis, und alle die unzähligen Generationen vor
ihnen, als hätten sie uns, den Spätgeborenen, nur
zwei Dinge hinterlassen: hübsche Möbel und
überfeine Nerven. Die Poesie dieser Möbel erscheint
uns als das Vergangene, das Spiel dieser Nerven als
das Gegenwärtige.“
aus Gabriele d'Annunzio Hugo von Hofmannsthals
Stefan George (1868-1933)

 Hymnen (1890)
 Pilgerfahrten (1891)
 Algabal (1892)

 Alles streng abgemessen,


stilisiert, feierlich;
 kostbar ausgestattete
Ausgaben;
 George-Schrift.
Algabal (1892)
Wenn um der zinnen kupferglühe hauben
Um alle giebel erst die sonne wallt
 Der junge römische Kaiser
Und kühlung noch in höfen von basalt
Dann warten auf den kaiser seine tauben. Heliogabalus), König Ludwig II.;
 Verkörperung des Ästhtismus und des
Er trägt ein kleid aus blauer Serer-seide Immoralismus;
Mit sardern und saffiren übersät
In silberhülsen säumend aufgenäht ·  eine symbolische Figur, in der die
Doch an den armen hat er kein geschmeide. künstlerische Empfindsamkeit ein
Zeichen für ethische Insiffirenz;
Er lächelte · sein weisser finger schenkte
Die hirsekörner aus dem goldnen trog ·  artifizielle Umgebung;
Als leis ein Lyder aus den säulen bog  dekorativ, ornamental;
Und an des herren fuss die stirne senkte.
 exotische Gärten, luxuriöse Gemächter;
Die tauben flattern ängstig nach dem dache  umgeben von Edelsteinen,
»Ich sterbe gern weil mein gebieter schrak«
Ein breiter dolch ihm schon im busen stak ·
betäubenden Düften und Marmor;
Mit grünem flure spielt die rote lache.  kalte erlesene Schönheit;
 das betonte Spiel mitLauten,
Der kaiser wich mit höhnender gebärde ..
Worauf er doch am selben tag befahl unterstrichen von einem
Dass in den abendlichen weinpokal Gravitätsrhythmus.
Des knechtes name eingegraben werde.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

 Die Weise von Liebe und


Tod des Cornets Christoph
Rilke (1899)
 Das Buch der Bilder (1902)
 Stunden-Buch (1905)
 Neue Gedichte (1907-1908)
 Die Aufzeichnungen des
Malte Laurids Brigge
(1910)
 Duineser Elegien (1923)
 Sonette an Orpheus (1923)
Rilke
 1899 und 1900 Reisen nach  1907-1908 – Neue
Russland und in die Gedichte – unter Einfluss
Ukraine Rodins – Eintauchen in das
 1902 – Buch der Bilder „objektive Wesen“ der
– der „wahre“ Rilke – Gegenstände und
Reihe von Metaphern, Ereignisse – Verse als
Gefühl der Einsamkeit, der Stimme sprachloser Dinge,
Stille Botschaft aus der Welt der
 1905 – Stundenbuch –
Artefakte, der
einsamer Künstler, Naturerscheinungen und
versunken in der der Tiere – Poetik der
Meditation über Inhalte Erfahrung = der Reichtum
religiöser Metaphysik, in durchlebter Momente und
der Tradition europäischer Erkenntnisse von der
und östlicher Mystik Unerschöpflichkeit des
Lebens – Reife
Lou Andreas-Salome (1861-1937)
Stunden-Buch (1905)

Ich finde dich in allen diesen Dingen,


denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den großen gibst du groß dich hin.

Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,


daß sie so dienend durch die Dinge gehn:
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)

11. September, Rue Toullier.

„So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich
hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen
gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das
ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an
einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu
überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem
Plan: Maison d'Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter,
Rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-ge-grâce,
Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die
Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach
Jodoform, nach dem Fett von Pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im
Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht
zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem
Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte
einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das
Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, Pommes frites, Angst. Das war nun
mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.“ [...]
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)

 die Gestalt eines Flaneurs


 eine Reihe von Psychogrammen
 Themen: die Einsamkeit des Künstlers, der Schmerz der
Erinnerungen, das Erleben der Vergänglichkeit, die
Erkenntnis der Armut der Welt, die sich hinter
glänzenden Fassaden verbirgt
 kein „literarischer“ Handlungsfluss, keine Verwicklungen
bzw. Auseinandersetzungen von Personen
 völliger Rückzug in das Innere eines Bewusstseins,
Introspektion
 Gegenwart und Vergangenheit (in der Erinnerung)
fließen ständig ineinander über
DANKE

FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!