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Thema des Jahres 2014 AB SEITE 2

Kunst im Krieg SEITE 12

Vor 100 Jahren versank Europa im Inferno. Der Was Schauspieler und Musi-
KURIER zeichnet nach, wie es dazu kam. ker an der Front erlebten.

SONDERAUSGABE
SAMSTAG
28. JUNI 2014
NR. 176
K U R I E R . at

AZEITGESCHICHTE
M S O NNTAG
U N A B H Ä N G I G E TA G E S Z E I T U N G F Ü R Ö S T E R R E I C H

HILTON-DEUTSCH/CORBIS
DER ERSTE WELTKRIEG 1914 –1918

Zeiten-Wende
THEMEN DIESER AUSGABE INHALT
Aus der Tragödie lernen H.B.
Wie vier Monarchien zerfielen Fragen, Fakten, Folgen 2
Untergang der Monarchen 4
Die Schuldfrage 7
Niemand hatte sich vorstellen können, dass es zu ei-
nem großen Krieg kommt. Im kältesten Sommer des Ein schneller Feldzug zum Sieg sollte es werden. Es Unheilvolles Erbe 8
Kriegspropaganda 11
Jahrhunderts, den Florian Illies in seinem Buch
„1913“ beschreibt, reden alle über die Thesen des Bri- wurde die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Künstler an der Front
Alltagskultur
12
17
ten Norman Angell: Weltkriege könne es nicht geben,
weil die Staaten wirtschaftlich zu eng miteinander verbun-
den seien. Angell hatte leider nicht recht. Nach dem Attentat
von Sarajewo auf den österreichischen Thronfolger Franz
Ein Weltkrieg macht Fortschritt Redaktion: 1190 Wien, Muthgasse 28,
Tel. (01) 52 100/0, Fax-DW 2263, 2265
Ferdinand stellte Wien den Serben ein Ultimatum und er-
klärte schließlich am 28. Juli 1914 den Krieg. Die Schuldfra-
Wissenschaft: Der erste industrialisierte Krieg war eMail: leser@kurier.at
Abo-Service:Tel. 05 9030-600, Fax: -601
eMail: kundenservice@kurier.at
ge beschäftigt seither die Historiker. Nachdenklich stimmt
die These, die der Brite Christopher Clark im Titel seines
auch ein Wettlauf von Forschung und Technik. P.b.b.  02Z034477T;
KURIER Zeitungsverlag und Druckerei
GmbH., 1190 Wien
jüngsten Buches „Die Schlafwandler“ aufstellt. Laut Clark Retouren an: Postfach 100, 1350 Wien
war der Erste Weltkrieg „eine Tragödie, kein Verbrechen“.
Clark: „Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Eine Kette von Katastrophen Preise: D, ITAL, SLO, SK € 2,–,
FT 640,–, KN 16,–, KC 56,–
Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Multipolar,
interaktiv, das komplexeste Ereignis der Moderne.“ Historischer Bogen: Warum Erster und Zweiter
Wir Europäer haben in der Mehrheit aus der Geschichte
gelernt. Hoffentlich. helmut.brandstaetter@kurier.at Weltkrieg unentwirrbar in Verbindung stehen. 9 024700 206600 26

INFO

ZEITREISE
DAS HAB’ ICH VOM KURIER ZEITENWENDE
Was geschah heute vor 100 Jahren?
Begeben Sie sich mit dem KURIER auf eine Reise in die Vergangenheit.
WENDEZEIT
Einen Monat lang können Sie in den Alltag der Menschen vor 100 Jahren blicken.
Wie wurde der Ausbruch des Ersten Weltkrieges von der Bevölkerung wahrgenommen?
SERIE k u r i e r. a t Sonntag I 29. Dezember 2013 Sonntag I 29. Dezember 2013 k u r i e r. a t
SERIE
10 11

Fragen, Fakten, Folgenschweres über den großen Krieg

BILDER: HULTON ARCHIVE/GETTY IMAGES, ARCHIV, WIKIMEDIA COMMONS (3X) LETA ZKAZY/J. P. ADLBRECHT; QUELLE: APA, ADAM HOCHSCHILD: „DER GROßE KRIEG“, STUTTGART: KLETT-COTTA, 2013), PROFIL HISTORY, DER SPIEGEL GESCHICHTE „DER ERSTE WELTKRIEG“
ZEITENWENDE
WENDEZEIT
Der Erste Weltkrieg. SERIE: KURIER.AT/1914

Vor 100 Jahren versank Europa


im Inferno. Wie es dazu kam,
wer schuld war und was sich
änderte, erfahren Sie ab
heute in unserer
16-teiligen Serie zum
Thema des Jahres 2014.

270 Dazu kammen


kamen
7,8 Mio. Briefe,
PREISE
in Heller
1 kg
Rind-
TELEFON
Anschlüsse
660 SCHEIDUNGEN SELBSTMORDE die mit der
Rohrpost
(entspricht
ca. 4 Cent)
fleisch je 100.000
Einwohner
1875 verschickt
wurden.
165 1913 war
383 1085 6074 das Wiener
4515
28,7 200 1000 10.000 600
Rohrpostnetz
82,5 km lang

Leben
1 Ei 52 und umfasste
53 Post-
9 Mrd. Briefe und Karten wurden während
des Ersten Weltkrieges von
ämter.
Frauen waren 1914 als
Militärärztinnen in
Tonnen Futter pro Tag benötigten die Pferde
der deutschen Armee bei ihrem
Kirchenglocken wurden in Deutschland
eingeschmolzen, um
Taxis brachten im September
1914 Rekruten aus Paris
1914 1917 1905 1915 1910 1916 1911 1915 1904 1913 der Feldpost portofrei befördert. der k. u. k. Armee tätig. Vormarsch nach Frankreich. Munition herzustellen. zur Schlacht an der Marne.
Somme.
und Daten zum Leben in Österreich-Ungarn vor und während des Ersten Weltkrieges.

Sterben 70 9,5 21 13 3
Millionen Millionen Soldaten Millionen Millionen MITTELMÄCHTE UND VERBÜNDETE ENTENTE UND VERBÜNDETE
Soldaten ließen auf den Soldaten Millionen starben infolge
kämpften im Schlachtfeldern des wurden Zivilisten von Seuchen DEUTSCHES ÖSTERREICH- OSMANISCHES FRANKREICH GROSSBRIT.
1. Weltkrieg. 1. Weltkriegs ihr Leben. verwundet. ca. starben. und Krankheiten. REICH UNGARN REICH BULGARIEN RUSSISCHES REICH & KOLONIEN & KOLONIEN ITALIEN USA RUMÄNIEN SERBIEN

im Ersten Weltkrieg 13,2 Mio. 9,0 Mio. 1,6 Mio. 15,8 Mio. 8,5 Mio. 8,5 Mio. 4,3 Mio. 2,1 Mio.

TRUPPENSTÄRKEN
600.000 750.000 750.000

35 60.600
Prozent aller deutschen Männer, gefallene
die bei Kriegsausbruch zwischen Soldaten
19 und 22 Jahre alt waren, fielen pro
während des Ersten Weltkriegs. Kriegstag.

Was wissen Menschen heute noch – Wer war schuld


überdieUrkatastrophedes20.Jahr- am Krieg? Dar-

TOTE
hunderts? Dass der Erste Weltkrieg über streiten die
1914 begann und 1918 endete? Historiker. Kaiser
Franz Joseph trägt
2,0 Mio. 1,5 Mio. 325.000 88.000 1,8 Mio. 1,4 Mio. 853.000 460.000 117.000 250.000 250.000
Dass am Anfang das Attentat auf
den österreichischen Thronfolger nach Einschätzung
stand? Und dass Österreich vieler Historiker kei-
schrumpfte? Hier einige Fakten, die neswegs die Hauptver-
Sie vielleicht noch nicht kannten: antwortung für den Ersten
– War der Erste Weltkrieg tatsächlich Weltkrieg. Schon seit etwa
ein Weltkrieg? In Großbritannien 1890 hatte sich in Europa eine
undFrankreichsprichtmanbisheu- Kriegsstimmung aufgebaut. Und da
te von „The Great War“ oder „La bedurfte es dann nur noch eines
Grande Guerre“, weil die Auseinan- Funkens. Der flog am 28. Juni 1914
dersetzung alles überstieg, was die und brachte das Pulverfass Kriegs-
Menschheit bis dahin erlebt hatte. hetzezumExplodieren.Alsnämlich
Es handelte sich um den ersten in- der österreichische Thronfolger
dustrialisierten Krieg, der ein Ge- Franz-Ferdinand in Sarajewo er- läre Frontsoldatinnen. Sie waren
metzel nach sich zog. Aber auch die mordet wurde. VON: aber als Funkerinnen oder Tele-
geografische Dimension übertraf – Wie reagierte Kaiser Franz Joseph SUSANNE MAUTHNER-WEBER UND graphistinnen im Einsatz. Veteran starb im Mai 2011 in einem
alles. So gesehen war es wohl ein auf die Ermordung seines Neffen? „Ge- MANUELA EBER (GRAFIK) – In welchen Sprachen wurden in der Altersheim im australischen Perth.
wiss,erwarbestürzt.Aberwieerwar- MITARBEIT: KONRAD KRAMAR,
Weltkrieg, spätestens seit Groß- MARGARETHA KOPEINIG k.u.k. Armee Befehle erteilt? Im Viel- Claude Choules war 1915 in die bri-
britannien mit seinen Kolonien, so- tet, war er nicht persönlich betrof- völkerstaat der k.u.k. Monarchie tische Marine eingetreten – mit 14.
wie Japan, das Osmanische Reich fen“,schriebseineTochterValerieam , wurde Deutsch als gemeinsame – Was war mit dem Decknamen Kilometer Schützengräben an? Schlag-
und die USA in den Krieg drängten. 28. Juni 1914 in ihr Tagebuch. Schiffskapitän Karl Ebeling und Kommandosprache festgelegt. Die „Tank“ gemeint? Gepanzerte Fahr- kräftige Langstreckenwaffen der Krieg zu machen. 4000 Zensoren
– Wie viele Staaten waren beteiligt? – Glaubte man an ein rasches Ende? Ja, Steuermann Michael Gemsberger etwa 100 einschlägigen Befehle, die zeuge, deren Serienproduktion Artillerie und Schnellfeuer-Maschi- waren in Großbritannien damit be- nachdem deutsche U-Boote ameri-
40, darunter Brasilien, China, Hed- im Herbst 1914 standen bei Londo- kamen dabei ums Leben. zur Aufrechterhaltung des Dienstbe- Briten und Franzosen ab 1916 ent- nengewehre machten offene Kämp- schäftigt, Presse und Post zu über- kanische Schiffe versenkt hatten. Milliarden Euro). Das Geld wurde
schas (Saudi-Arabien), Siam (Thai- ner Maklern die Quoten auf 1:4, für – Stimmt es, dass die verfeindeten triebs notwendig waren, musste je- scheidende Vorteile brachte. Zu fe für die Soldaten zu gefährlich. wachen. Dort wurde sogar ein Zei- Der Eintritt der USA mit insgesamt überall großteils durch Kriegs- die Versorgung brach zusammen
land) und Nepal. den Fall, dass der Krieg am 15. Sep- Monarchen Cousins waren? Ja, bis der Soldat auf Deutsch beherrschen. Hunderten überrollten sie deutsche Der einzige Weg, sich vor diesen tungsherausgeber Informationsmi- zwei Millionen Soldaten auf Seiten anleihen aufgebracht. und das Eingreifen der Amerikaner
– Wann wurde der Begriff „Erster tember 1915 noch dauern würde. zum Kriegsausbruch begannen die – Wie weit war Homosexualität in der und österreichische Stellungen. Waffen zu schützen, war das Aus- nister. Erstmals wurde auch die Fo- der Entente trug maßgeblich zur – Wann endete der Krieg? Als die Alli- sowie die technische Überlegenheit
Weltkrieg“ geprägt? 1920 verwende- – Stimmt es, dass kein anderes Attentat Depeschen des russischen Zaren k.u.k. Armee verbreitet? Das Thema – Gab es schon Bombenangriffe? Ja. heben von Verteidigungsgräben. tografie in den Massenmedien als Wende an der Westfront und damit ierten die deutschen Linien 1918 der Alliierten, etwa bei Panzern,
teCharlesàCourtRepingtondieZahl die Welt mehr verändert hat? Ja, der und des deutschen Kaisers mit „Lie- war komplett tabu, auch in Tagebü- Die deutsche Armee griff London – Wo schlief man im Schützengraben? Propagandainstrument eingesetzt. zum Ausgang des Krieges bei. durchbrachen sowie die Verteidi- wurde erdrückend.
„Erster“ und zwar nicht im Sinne ei- Weltkrieg,deraufdiebeidenSchüs- ber Niki“ oder „Lieber Willy“. Wei- chern finden sich keine Hinweise. und Städte in Südengland an, die Erstens schlief man nicht sehr viel, – Die schlimmste Schlacht im Krieg? – Warum war Russland nicht bis zum gung Österreich-Ungarns und der – Welche Länder behielten nach dem
ner Abfolge. Der britische Journalist se des 18-jährigen Gymnasiasten ters war Nikolaus’ Gattin Alexandra Notizen über seine Erfahrungen mit k.u.k. Armee Venedig. Mit Flugzeu- weil die Nacht die einzige Zeit war, Die Schlacht an der Somme von Juli Schluss im Krieg? Weil Lenin 1917 an Türkei zusammenbrach. 1919 wur- Krieg ihre alten Grenzen? Portugal
wollte damit den ersten Krieg der Gavrilo Princip folgte, forderte eine Cousine des britischen Königs. Onanie finden sich in den Tage- gen und Zeppelinen. um an den Stellungen Arbeiten bis November 1916 gilt mit mehr als die Macht kam und er gegen den de der Friedensvertrag von Ver- und die sechs neutralen Staaten
Neuzeit bezeichnen, in dem nicht Millionen Menschenleben. In den – Welcher Staat trat als letzter in den büchern von Wittgenstein, einem – Wer war der Rote Baron? Der durchzuführen und Nachschub zu einer Million Toter, Vermisster und Krieg war. Er befahl sofort einen sailles unterzeichnet, durch den Schweiz, Spanien, Niederlande,
bezahlte Söldnerheere aufeinander folgenden 52 Monaten zerbrachen Krieg ein? Honduras. Kriegseuphoriker. berühmteste Pilot, der Deutsche transportieren. Schlafgelegenhei- Verwundeter als die verlustreichste Waffenstillstand. Österreich auf etwa 12 % seiner Dänemark, Norwegen, Schweden.
losgingen, sondern ganze Völker. So vier Kaiserreiche (das österreich- – Wie alt waren die jüngsten Soldaten? – Und Prostitution? Sie war sehr ver- Manfred von Richthofen. Er flog ten gab es in Unterständen und beto- Schlacht des Krieges. – Gab es Seuchen? Die schlimmste ursprünglichen Fläche schrumpfte. Entstanden neue Staaten? Ja, u.a. Po-
war etwa ein deutsches Armeekorps ungarische, das deutsche, das russi- Das Mindestalter für einen Einsatz breitet. Je nach Rang in der Armee eine knallrote Fokker und soll 80 nierten Bunkern, die meist direkt an – Sind Menschen im Krieg verhungert? Seuche während des Weltkriegs war – Wurde Deutschland militärisch ge- len, Tschechoslowakei, Jugoslawien,
30 Kilometer lang, wenn es in Bewe- sche und das osmanische), sowie war 18 Jahre. Doch Tausende Min- gab es eigene Feldbordelle. Für die alliierte Flugzeuge abgeschossen die Schützengräben angeschlossen Der Winter 1917/’18 war ein Hun- die Spanische Grippe. Sie brach im schlagen? Die nach dem Krieg weit- Finnland, Estland, Lettland, Litauen.
gung war. eine ganze Weltordnung. derjährige meldeten sich freiwillig untersten Ränge wurden diese auch haben, ehe er 1918 selbst bei einem warenundtieferlagen.DerEinsatzin gerwinter und wurde in Deutsch- Frühjahr 1918 aus und kostete nach verbreitete Ansicht, dass die deut- – Was wurde eigentlich aus dem Atten-
– Wer war mit wem verbündet? Öster- – Wer waren die ersten Kriegsopfer? und die Armeeleitung kontrollierte auf Heuböden eingerichtet. Absturz starb. den Gräben direkt an der Front dau- land und Österreich auch Steck- Schätzungen weltweit mehr als 25 scheArmeenurdurchdiepolitischen täter Gavrilo Princip? Er starb 1918
reich-Ungarn mit Deutschland Zwei Zivilisten auf einem Dampfer ihr Alter bewusst nur oberflächlich. – Wer teilte seine Panzer in männliche – Was war die gefährlichste Waffe? erte immer nur wenige Tage. rüben-Winter genannt. Bis zu Millionen Menschen das Leben. Umwälzungen zu Hause zur Kapitu- an einer unbehandelten Knochen-
(samt dessen Kolonien), dem der Donau-Dampfschifffahrts- So zogen bei den Österreichern, und weibliche Fahrzeuge ein? Die Chlorgas, das die deutsche Armee – Gab es Kriegspropaganda? Der Erste 800.000 Menschen sollen verhun- – Wie viel kostete dieser Krieg? 956 lation gezwungen wurde (sogenannte tuberkulose,dieersichindenfeuch-
Osmanischen Reich und Bulgarien Gesellschaft. Der hatte die Aufgabe, Briten und Deutschen auch 15-Jäh- Briten. Männliche hatten Kanonen, erstmals 1915 einsetzte. Es tötete WeltkrieggiltalsGeburtsstundeder gert sein. Am schlimmsten war es in Milliarden Goldmark (das entspricht Dolchstoßlegende), ist historisch nicht ten Kellern der böhmischen Festung
(Mittelmächte) gegen die Entente die Grenze zu Serbien entlang der rige in den Krieg und wurden von weibliche Maschinengewehre. bei einem Angriff an der Westfront Kriegspropaganda. Die Regierun- Städten wie Wien oder Frankfurt. umgerechnetetwa4BillionenEuro). zu halten. Die deutsche Front brach Theresienstadt geholt hatte.
(u. a. Frankreich, Großbritannien, Savezubewachen.Dabeikamesam den Zeitungen als Helden gefeiert. – Gibt es noch Augenzeugen des mindestens 5000 Menschen. gen nützten die kontrollierten Mas- – Wann und warum traten die USA in Österreich-Ungarn verpulverte 99 im Herbst 1918 nach dem Scheitern Morgen: Warum vier Monarchien durch den
Russland und ihre Verbündeten). 28. Juli 1914 zu ersten Kämpfen. – Kämpften Frauen? Nicht als regu- Ersten Weltkrieges? Nein, der letzte – Warum legten Soldaten Hunderte senmedien, um Stimmung für den den Krieg ein? Am 6. April 1917, Milliarden Goldmark (etwa 400 einer letzten Offensive erstmals ein, Krieg untergingen
SERIE k u r i e r. a t Montag I 30. Dezember 2013 Montag I 30. Dezember 2013 k u r i e r. a t
SERIE
22 23
22. APRIL:
In der Zweiten
Flandernschlacht
25. APRIL:
Britische, fran-
zösische und
7. MAI: Das Passa-
gierschiff Lusitania
wird von einem
23. MAI:
Kriegserklä-
rung Italiens
23 JUNI:
23.
An der
Italienfront
It
9. OKT.:
Belgrad
wird
1916 16. MAI:
Im geheimen Sykes-
Picot-Abkommen legen
31. MAI:
Die Skagerraschlacht
zwischen der
5. JUNI:
Die Revolte der Araber
gegen die Osmanische
1. JULI: Nach einwö-
chigem Trommelfeuer
beginnt mit dem britisch-- 21. NOVEMBER:
21. FEB.:
wird erstmals Giftgas Truppen aus den deutschen U-Boot an Österreich- beginnt die
be von öster- Die Schlacht Großbritannien und deutschen Marine Herrschaft beginnt. französischen Angriff die Franz Joseph I.
durch deutsche Kolonien Aus- versenkt, 1200 Ungarn. Erste Isonzo-
Er reichischen von Verdun Frankreich die Aufteilung und der Royal Navy Sie wird vom Briten Schlacht an der Somme. stirbt, Nachfolger
Truppen tralien und Neu- Menschen, darunter Gefechte in schlacht. Bis
sc und beginnt mit der Gebiete des Osma- in der Nordsee wird T. E. Lawrence, besser 15. SEPTEMBER: wird sein Groß-
eingesetzt. seeland landen 120 US-Staats- den Alpen 1917 wird deutschen einem nischen Reiches fest. Die zur einzigen großen bekannt als Lawrence Erster Einsatz von neffe Karl I.
im türkischen bürger, sterben beginnen. es12 davon
es Truppen deutschen Grundlage der Neuord- Seeschlacht des von Arabien, Panzern durch die

1915 Gallipoli. beim Untergang. geben.


ge erobert. Großangriff. nung des Nahen Ostens. Ersten Weltkriegs. unterstützt. Briten an der Westfront.
1917

Als vier Monarchien Europas untergingen


6. NOVEMBER: 8. MÄRZ:
Britische Truppen landen In St. Petersburg bricht die
im Irak. Der Krieg gegen Februarrevolution aus.
das Osmanische Reich Wenige Tage später ergreift
beginnt. ZEITENWENDE das Parlament die Macht.
29. OKTOBER: WENDEZEIT VON KONRAD KRAMAR 6. APRIL:
Die Flotte des osmanischen Kriegserklärung der USA an
Reiches greift russische SERIE: KURIER.AT/1914 Erster Weltkrieg. Ein schneller Feldzug zum Sieg sollte es werden. Es wurde die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwei Reiche zerfielen, zwei taumelten in die Revolution das Deutsche Reich. Am 21.
Schwarzmeerhäfen an. Oktober greifen US-Truppen
Russland erklärt dem erstmals in den Kampf ein.

DE.WIKIPEDIA.ORG
DPA
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AP /
Osmanischen Reich den 7. NOVEMBER:
Krieg. In Russland beginnt die
6. SEPTEMBER: Oktoberrevolution. Schon
Die Schlacht an der Marne wenige Tage später erklären
beginnt. Die Franzosen die Revolutionäre um Lenin,
siegen, Paris ist gerettet, Frieden schließen zu wollen.
der deutsche Vormarsch
gestoppt.
26. AUGUST: In der
1918
Schlacht von Tannenberg 8. JÄNNER:
wird die russische Armee Das 14-Punkte-Programm
von den Deutschen ver- von US-Präsident Woodrow
nichtet. Der russische Wilson wird vor dem US-
Vormarsch ist gestoppt. Kongress verlesen. Es wird
22. AUGUST: die Grundlage für die Nach-
Die russische Armee kriegsordnung Europas.
marschiert in Galizien ein, 3. MÄRZ:
zugleich scheitert die Der Friedensvertrag von
österreichische Offensive Brest-Litowsk zwischen
in Serbien. den Mittelmächten und
15. AUGUST: Russland wird unterzeichnet.
Die russische Armee mar- 21. MÄRZ:
schiert in Ostpreußen ein. Die deutsche Frühjahrs-
offensive an der Westfront

Er hielt den Krieg für Ein Getriebener wird Revolution als blutiges Langsamer Untergang,
12. AUGUST:
Die österreichische beginnt. Paris wird mit
Offensive gegen Serbien Artillerie beschossen.

unvermeidlich zum Kriegstreiber Ende einer Illusion dramatischer Zerfall


beginnt mit der Überque- 16. JULI:
rung des Grenzflusses Save Die Familie des gestürzten
durch die 5. k. u. k. Armee Zaren wird in Jekaterinen-
8. AUGUST: Franz Joseph. ErahntedenUntergangdesReiches Wilhelm. Vom eigenen Generalstab entmachtet Nikolaus. Der Zar lebte in seiner eigenen Welt Mehmed. Sein Reich dirigierten längst andere burg ermordet.
Die britische Royal Navy 8. AUGUST:
Der Ministerrat musste an die morganatische, also nicht „Lieber Nicky“: So beginnen schaden litt, galt als aufbrau- Der Krieg holte Nikolaus II. lands zumindest eine große Als der Erste Weltkrieg aus- such beim Sultan vor Kriegs-
beschießt Dar es Salaam in Die Offensive von Briten,
diesem 7. Juli ohne den Kai- standesgemäße, Ehe seines seine fieberhaften, fast ver- send, verletzlich und vor al- zurück aus der abgeschiede- Schwerindustrie entstehen brach, war nicht nur das Os- ausbruch nützte Wilhelm für
der damaligen deutschen ser auskommen, der hatte es Neffen ohnehin immer ein zweifelten Briefe an Russ- lem als äußerst sprunghaft. nenWelt,indieersichmitsei- lassen, doch die Arbeits- und manische Reich längst mehr eine Grußbotschaft an „300 Franzosen und Amerika-
Kolonie, Deutsch-Ostafrika, vorgezogen, in seiner Som- Dorn im Auge gewesen. lands Zaren in diesen Juli-Ta- Der brillante Redner konnte ner geliebten Alexandra zu- Lebensumstände der Arbei- tot als lebendig, sein Sultan Millionen Mohammedaner, nern an der Somme beginnt.
der erste außereuropä- merresidenz in Bad Ischl zu gen 1914. Mit ihnen versuch- nicht nur seine Landsleute rückgezogenhatte.Imroman- ter waren noch immer so, als war ein gebrochener, alter denen wir versichern, das der Es ist der „schwarze Tag“
ische Kriegsschauplatz. bleiben. Dass das Gremium – Dem Schicksal ergeben te Wilhelm II. im letzten Mo- rasch begeistern, ebenso tischen Schlösschen Zarskoje ob die Leibeigenschaft – man Mann und ein politischer Ge- deutsche Kaiser immer ihr des deutschen Heeres, die
2. AUGUST: Deutsches es war das mächtigste der So wie das Schicksal die von ment den Krieg zu verhin- rasch konnte er sich in eine Selo bei Sankt Petersburg hat- hatte sie erst vor wenigen fangener. Mehmed V. war ei- Freund sein wird.“ Eine offe- Frontlinien müssen zurück-
Ultimatum an Belgien, in k.u.k. Monarchie – an diesem ihmnichtgewünschteThron- dern, den er doch selbst neue Idee, in eine neue Über- te das Zaren-Ehepaar den Jahren aufgehoben – weiter- gentlich nur auf den Thron ne Provokation Großbritan- genommen werden.
Tag die endgültige Entschei- folgevereitelthatte,sobrach- maßgeblich heraufbeschwo- zeugung verlieben. Er trat für Großteil der letzten Jahre ver- hin herrschen würde. gesetztworden,weilerjenen, niens, in dessen Kolonien 16. OKTOBER:
dem freier Durchmarsch
dung über Krieg und Frieden te das Schicksal jetzt den ren hatte. Hatte er nicht per- die Rechte streikender In- bracht, zusammen mit ihrem die meinten, das Reich, vor Hunderte Millionen Mos- In seinem Manifest „An
gefordert wird. Einen Tag fällte, schien den greisen Krieg – und er ließ ihm seinen sönlich gerade seinem dustriearbeiter ein, „für die todkranken Sohn, dem Zare- Er ließ einfach schießen allem aber die Vorherrschaft lems lebten.
später marschiert die deut- meine Völker“ kündigt
Monarchen nicht mehr zu Lauf. Einen Lauf, den die Reichskanzler Bethmann- ich zu sorgen habe“, nur um witsch Alexej. Hungeraufstände und Revol- der Türken im Orient retten
sche Armee in Belgien
lg ein. kümmern. Seine eigene Ent- Kriegstreiber wie der Gene- Hollweg den Auftrag erteilt, diesewenigspäterals„Reichs- Die Bluterkrankheit des ten von Arbeitern hatte Russ- zu können, nicht im Weg Aufstand der Araber Kaiser Karl I. die Umwand-
scheidung hatte er ja schon ralstabschefindiesenJuli-Ta- die Abgesandten des Kaisers und Vaterlandsfeinde“ zu be- inzwischen Zehnjährigen land unter Nikolaus schon stand. Die Bewegung der London nahm die Herausfor- lung
ng der Monarchie an.
längst getroffen. gen gnadenlos beschleunig- in Wien mit einem Freibrief zeichnen. Er ließ 1914 den hatte das Leben der ohnehin mehrfach erlebt. Doch der Jungtürken hatte die Schwä- derung an: Der Orient von
Franz Joseph wollte den ten. Den Freibrief für den An- für den Krieg auszustatten? Kriegstreibern in seinem Mili- schwermütigen Zarin und Zar hatte darauf nie eine an- chedesReichesnachdenBal- der Ägäis-Küste bis nach Je-
Krieg. Nicht aus dem Wahn, griff aus Berlin, wo man War Wilhelm II. der tär – etwa den Generälen Hin- zuletzt auch das des Herr- dere Antwort gefunden als kan-Kriegen in den Jahren rusalem und Bagdad wurde
Serbien endgültig in die Knie ebenfalls auf die Eskalation Kriegstreiber, der die neue In- denburg und Ludendorff – schers bestimmt. Der Wun- brutale Gewalt. Als wollte zuvor genützt, um sich an die Kriegsschauplatz und trieb
zu zwingen, wie sein Gene-
ralstabschef Conrad von Höt-
drängte, bekam man schnell.
Nun inszenierte man noch in
dustrie-Supermacht Deutsch-
landineineaggressiveAußen-
freie Hand. Ein Jahr später, als
Deutschlands Offensive an
derheiler Rasputin hatte Ale-
xandra zuletzt völlig unter
sich der Fantast Nikolaus sei-
ne Illusion von einem moder-
Macht zu putschen. Ihre Füh-
rer Enver Talat und Cemal
das zerfallende Reich end-
gültig in den Untergang. Erratum
zendorf kalkulierte; nicht hanebüchener Weise einen politik und damit letztlich in der Westfront festgefahren Kontrolle gehabt und zuneh- nen Russland nicht durch ein Bey träumten davon, den os- Anfangs erzielte die türki-
aus dem Wunsch, die Monar- angeblichen Überfall der Ser- den Weltkrieg hetzte, oder war, erklärte er: „Mein Ge- mend geriet auch der psy- paar hungernde Arbeiter stö- manischen Staat in die Mo- scheArmeenochgroßeErfol- Im Sonntag-
chie aus ihrer Lähmung zu ben auf das Gebiet der Mon- war er vielmehr ein junger wissen ist rein, ich habe den chisch ebenfalls labile Zar ren lassen, ließ er diese ein- derne und nach Europa zu ge. Die britische Invasion bei KURIER er-
befreien, wie fortschrittliche archie, nur um einen weite- modernerHerrscher,dersein Krieg nicht gewollt.“ unter seinen Einfluss. fach niederschießen. führen. Das große Vorbild Gallipoli wurde zurückge- schien in der Se-
Kräfte in der Gesellschaft ren Kriegsgrund an der Hand Land friedlich an die Spitze Dass es tatsächlich zum In der prunkvollen Abge- Reine Illusion war auch dieser autoritären Nationa- schlagen, man drang bis zum rie „Zeitenwen-
hofften. Der 84-jährige Herr- zuhaben. FranzJosephdach- Europas führen wollte und in Kriegkam,verstörteWilhelm schiedenheit hatte sich der sein Bild von seiner Armee. listen: Deutschland. Suezkanal vor. Schließlich de – Wendezei- Am 28. OKTOBER
scher, der inzwischen 66 Jah- te gar nicht daran, an diesem den Krieg nur unglücklich hi- zutiefst, vor allem, dass er auf Zustand des Riesenreiches, War sie doch rein zahlenmä- Das führte das Osmani- aber gelang es den Briten, ei- ten“ (Grafik „Le- erklärt die Tschechoslo-
re auf dem Thron saß, hielt Lügengebäude auch nur im neinstolperte. Bis heute, 100 einmal das von ihm so verehr- das Nikolaus in Wahrheit ßig die größte der Welt. Die sche Reich in ein vorerst ge- nen Aufstand der Araber, an- ben und Sterben im wakei die Unabhängigkeit.
den Krieg einfach für unver- Geringsten zu zweifeln, er Jahre danach, sind sich die te Großbritannien – samt den nicht regieren konnte, aus- Flotte, sein großer Stolz, war heimes Bündnis mit Deutsch- geführt vom Großscherif von Ersten Weltkrieg“, Die Monarchie ist zerfallen.
meidlich, für ein unabwend- hatte es sich zur Gewohnheit Historiker, was den deut- Verwandten auf dem Thron – blenden lassen. Mit dem Aus- schon 1905 von den Japa- landunddamitschließlichan Mekka, anzuzetteln. Das lei- Seiten 10,11) irr- 30. OKTOBER:
bares Schicksal, dem sein gemacht, seinen Beamten zu schen Kaiser betrifft, gänz- zum Feind hatte. Doch als bruch des Krieges trat er um- nern vernichtend geschlagen dessen Seite in den Krieg. tetedieNiederlageunddamit tümlicherweise Auf der griechischen Insel
Reich entgegenging. „Dann vertrauen, ihnen das Han- lich uneinig. sich der Krieg vom geplanten so schneller und umso er- worden. Jetzt, im Herbst Schon seit Längerem war das Untergang und Zerfall des eine falsche Limnos wird der Waffen-
28. JULI: ist eben Krieg“ kommentierte deln zu überlassen. schnellen Sieg an allen Fron- schreckender zutage. Die 1914, zerschellte der Angriff wilhelminische Deutschland Reiches ein. Schon 1916 teil- Zahl, was unse-
Kriegserklärung stillstand mit dem Osma-
er seltsam gelassen die eska- Er ließ sie nur täglich ein- Sprunghaft, verletzlich ten in ein aussichtsloses Ge- russische Armee war einem in Ostpreußen an den Deut- in Konstantinopel als finanz- ten Briten und Franzosen in ren aufmerksa-
Österreich-Ungarns an lierende Krise. Ähnlich gelas- zelnvorsichtreten,hörtesich Sicher aber scheint, der Ho- metzel verwandelte, hatte er modernen technisierten schen. starker Partner und Verbün- einem Geheimpakt das Reich men Leserinnen nischen Reich geschlossen.
Serbien. Alle wesentlichen sen hatte er schon ein paar meist schweigend und mit henzollern-Herrscher, der die tatsächliche Macht im Heer wie dem deutschen Nikolaus machte seine deter aufgetreten. Mit deut- des Sultans unter sich auf. Es und Lesern frei- 4. NOVEMBER:
Kriegserklärungen folgen Wochen zuvor die Ermor- dem Kopf nickend ihre Be- 1888 mit gerade einmal 29 Reich ohnehin längst einge- nicht gewachsen. Auch wenn Generäle verantwortlich, schemGeldwurdedietechni- sollten jene Grenzen sein, die lich sofort auf- Der Waffenstillstand mit
bis 12. August. dung von Thronfolger Franz richte an, und setzte seine Jahren auf den Thron kam, büßt. Seine Heeresleitung die Generalität ihre schlecht übernahm selbst den Ober- sche Modernisierung des bis heute das Krisengebiet fiel. Statt Österreich wird geschlossen.
Ferdinand in Sarajewo zur Unterschrift unter die Doku- war ein Getriebener – seiner traf die militärischen und ausgerüsteten und ebenso befehl und erschien schließ- Landes vorangetrieben, Nahost bestimmen. Der Sul- 60.600 waren 9. NOVEMBER:
1914 Kenntnis genommen. Von ei-
ner höheren Macht hatte er
gesprochen, die habe „jene
mente – bis zuletzt die Kriegs-
erklärung vor ihm lag. Bis
hierher war alles seinen selt-
eigenen, rasch wechselnden
Stimmungen und Gefühle
und einer Vielzahl wirt-
baldauchdiepolitischenEnt-
scheidungen – auch so fatale
wie den Kriegseintritt der
schlecht ausgebildeten Sol-
daten zum Angriff prügelte,
ließ das die Stimmung in der
lich persönlich an der Front.
Die Katastrophe wurde so
nur noch beschleunigt. Die
deutsche Ingenieure bauten
die legendäre Eisenbahn
nach Bagdad.
tan erlebte das Ende nicht
mehr. Er starb wenige Mona-
te vor Kriegsende.
pro Tag 6060 to-
te Soldaten zu
beklagen. Wir
Die Abdankung Wilhelms II.
wird verkündet. In Deutsch-
DER ERSTE Ordnung wiederhergestellt, sam steifen, protokollari- schaftlicher, politischer und USA zu provozieren. Er selbst Truppe nur noch weiter sin- Märzrevolution 1917 kostete Das Kaiserreich versuch- Kurz vor seinem Tod hatte bedauern.
land wird die Republik
ausgerufen. Friedrich Ebert
die ich nicht aufrechterhal- schen Weg gegangen, und militärischer Drahtzieher in kommentierte seine Rolle zu- ken. Sehr rasch kam es zu De- ihn schließlich den Thron. te, das wirtschaftlich rück- ihnKaiserKarlI.zumFeldmar-
WELTKRIEG – ten konnte“. der setzte sich jetzt im Welt- seinem Reich. letzt nur noch fatalistisch: sertionen und Befehlsver- Die Oktoberrevolution aber ständige und finanziell kolla- schall der k.u.k Monarchie ge- wird Reichskanzler.
WICHTIGSTE Franz Joseph, der sich
sein Leben lang an den höhe-
krieg und im Untergang der
Monarchie fort. Franz Josef
Der Bub, der durch eine
problematische Geburt nicht
„Wenn man sich in Deutsch-
land einbildet, dass ich den
weigerungen.
Ganz ähnlich die Situati-
und der Sieg der Bolschewi-
ken sollte in schließlich sogar
bierende Riesenreich als
Partner gegen Russland, aber
macht. Der höchste militäri-
sche Rang jenes Reiches, vor
Morgen: Die öster-
reichische Sicht auf
11. NOVEMBER:
Deutschland schließt
STATIONEN ren Auftrag, an das Gottes- aber unterschrieb und seufz- nur an einer verkrüppelten Krieg führe, dann irrt man on in der Industrie. Zwar hat- den Kopf kosten. Lenin ließ auch die Kolonialmächte dessen Hauptstadt, Wien, den Krieg. Historiker
Rauchensteiner über Waffenstillstand.
gnadentum für seine Herr- te leise in seinen Bart: „Ich Hand, sondern vermutlich sich. Ich trinke Tee, säge Holz te die teils brutal vorangetrie- ihn mit seiner ganzen Familie Frankreich und Großbritan- einst der Vormarsch der Os- Ursache und Schuld.
schaftgeklammerthatte,war hab das alles nicht gewollt.“ auch einem leichten Hirn- und gehe spazieren.“ bene Modernisierung Russ- ermorden. nien aufzubauen. Einen Be- manen gestoppt worden war.
SERIE k u r i e r. a t Montag I 30. Dezember 2013 Montag I 30. Dezember 2013 k u r i e r. a t
SERIE
22 23
22. APRIL:
In der Zweiten
Flandernschlacht
25. APRIL:
Britische, fran-
zösische und
7. MAI: Das Passa-
gierschiff Lusitania
wird von einem
23. MAI:
Kriegserklä-
rung Italiens
23 JUNI:
23.
An der
Italienfront
It
9. OKT.:
Belgrad
wird
1916 16. MAI:
Im geheimen Sykes-
Picot-Abkommen legen
31. MAI:
Die Skagerraschlacht
zwischen der
5. JUNI:
Die Revolte der Araber
gegen die Osmanische
1. JULI: Nach einwö-
chigem Trommelfeuer
beginnt mit dem britisch-- 21. NOVEMBER:
21. FEB.:
wird erstmals Giftgas Truppen aus den deutschen U-Boot an Österreich- beginnt die
be von öster- Die Schlacht Großbritannien und deutschen Marine Herrschaft beginnt. französischen Angriff die Franz Joseph I.
durch deutsche Kolonien Aus- versenkt, 1200 Ungarn. Erste Isonzo-
Er reichischen von Verdun Frankreich die Aufteilung und der Royal Navy Sie wird vom Briten Schlacht an der Somme. stirbt, Nachfolger
Truppen tralien und Neu- Menschen, darunter Gefechte in schlacht. Bis
sc und beginnt mit der Gebiete des Osma- in der Nordsee wird T. E. Lawrence, besser 15. SEPTEMBER: wird sein Groß-
eingesetzt. seeland landen 120 US-Staats- den Alpen 1917 wird deutschen einem nischen Reiches fest. Die zur einzigen großen bekannt als Lawrence Erster Einsatz von neffe Karl I.
im türkischen bürger, sterben beginnen. es12 davon
es Truppen deutschen Grundlage der Neuord- Seeschlacht des von Arabien, Panzern durch die

1915 Gallipoli. beim Untergang. geben.


ge erobert. Großangriff. nung des Nahen Ostens. Ersten Weltkriegs. unterstützt. Briten an der Westfront.
1917

Als vier Monarchien Europas untergingen


6. NOVEMBER: 8. MÄRZ:
Britische Truppen landen In St. Petersburg bricht die
im Irak. Der Krieg gegen Februarrevolution aus.
das Osmanische Reich Wenige Tage später ergreift
beginnt. ZEITENWENDE das Parlament die Macht.
29. OKTOBER: WENDEZEIT VON KONRAD KRAMAR 6. APRIL:
Die Flotte des osmanischen Kriegserklärung der USA an
Reiches greift russische SERIE: KURIER.AT/1914 Erster Weltkrieg. Ein schneller Feldzug zum Sieg sollte es werden. Es wurde die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Zwei Reiche zerfielen, zwei taumelten in die Revolution das Deutsche Reich. Am 21.
Schwarzmeerhäfen an. Oktober greifen US-Truppen
Russland erklärt dem erstmals in den Kampf ein.

DE.WIKIPEDIA.ORG
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AP /
Osmanischen Reich den 7. NOVEMBER:
Krieg. In Russland beginnt die
6. SEPTEMBER: Oktoberrevolution. Schon
Die Schlacht an der Marne wenige Tage später erklären
beginnt. Die Franzosen die Revolutionäre um Lenin,
siegen, Paris ist gerettet, Frieden schließen zu wollen.
der deutsche Vormarsch
gestoppt.
26. AUGUST: In der
1918
Schlacht von Tannenberg 8. JÄNNER:
wird die russische Armee Das 14-Punkte-Programm
von den Deutschen ver- von US-Präsident Woodrow
nichtet. Der russische Wilson wird vor dem US-
Vormarsch ist gestoppt. Kongress verlesen. Es wird
22. AUGUST: die Grundlage für die Nach-
Die russische Armee kriegsordnung Europas.
marschiert in Galizien ein, 3. MÄRZ:
zugleich scheitert die Der Friedensvertrag von
österreichische Offensive Brest-Litowsk zwischen
in Serbien. den Mittelmächten und
15. AUGUST: Russland wird unterzeichnet.
Die russische Armee mar- 21. MÄRZ:
schiert in Ostpreußen ein. Die deutsche Frühjahrs-
offensive an der Westfront

Er hielt den Krieg für Ein Getriebener wird Revolution als blutiges Langsamer Untergang,
12. AUGUST:
Die österreichische beginnt. Paris wird mit
Offensive gegen Serbien Artillerie beschossen.

unvermeidlich zum Kriegstreiber Ende einer Illusion dramatischer Zerfall


beginnt mit der Überque- 16. JULI:
rung des Grenzflusses Save Die Familie des gestürzten
durch die 5. k. u. k. Armee Zaren wird in Jekaterinen-
8. AUGUST: Franz Joseph. ErahntedenUntergangdesReiches Wilhelm. Vom eigenen Generalstab entmachtet Nikolaus. Der Zar lebte in seiner eigenen Welt Mehmed. Sein Reich dirigierten längst andere burg ermordet.
Die britische Royal Navy 8. AUGUST:
Der Ministerrat musste an die morganatische, also nicht „Lieber Nicky“: So beginnen schaden litt, galt als aufbrau- Der Krieg holte Nikolaus II. lands zumindest eine große Als der Erste Weltkrieg aus- such beim Sultan vor Kriegs-
beschießt Dar es Salaam in Die Offensive von Briten,
diesem 7. Juli ohne den Kai- standesgemäße, Ehe seines seine fieberhaften, fast ver- send, verletzlich und vor al- zurück aus der abgeschiede- Schwerindustrie entstehen brach, war nicht nur das Os- ausbruch nützte Wilhelm für
der damaligen deutschen ser auskommen, der hatte es Neffen ohnehin immer ein zweifelten Briefe an Russ- lem als äußerst sprunghaft. nenWelt,indieersichmitsei- lassen, doch die Arbeits- und manische Reich längst mehr eine Grußbotschaft an „300 Franzosen und Amerika-
Kolonie, Deutsch-Ostafrika, vorgezogen, in seiner Som- Dorn im Auge gewesen. lands Zaren in diesen Juli-Ta- Der brillante Redner konnte ner geliebten Alexandra zu- Lebensumstände der Arbei- tot als lebendig, sein Sultan Millionen Mohammedaner, nern an der Somme beginnt.
der erste außereuropä- merresidenz in Bad Ischl zu gen 1914. Mit ihnen versuch- nicht nur seine Landsleute rückgezogenhatte.Imroman- ter waren noch immer so, als war ein gebrochener, alter denen wir versichern, das der Es ist der „schwarze Tag“
ische Kriegsschauplatz. bleiben. Dass das Gremium – Dem Schicksal ergeben te Wilhelm II. im letzten Mo- rasch begeistern, ebenso tischen Schlösschen Zarskoje ob die Leibeigenschaft – man Mann und ein politischer Ge- deutsche Kaiser immer ihr des deutschen Heeres, die
2. AUGUST: Deutsches es war das mächtigste der So wie das Schicksal die von ment den Krieg zu verhin- rasch konnte er sich in eine Selo bei Sankt Petersburg hat- hatte sie erst vor wenigen fangener. Mehmed V. war ei- Freund sein wird.“ Eine offe- Frontlinien müssen zurück-
Ultimatum an Belgien, in k.u.k. Monarchie – an diesem ihmnichtgewünschteThron- dern, den er doch selbst neue Idee, in eine neue Über- te das Zaren-Ehepaar den Jahren aufgehoben – weiter- gentlich nur auf den Thron ne Provokation Großbritan- genommen werden.
Tag die endgültige Entschei- folgevereitelthatte,sobrach- maßgeblich heraufbeschwo- zeugung verlieben. Er trat für Großteil der letzten Jahre ver- hin herrschen würde. gesetztworden,weilerjenen, niens, in dessen Kolonien 16. OKTOBER:
dem freier Durchmarsch
dung über Krieg und Frieden te das Schicksal jetzt den ren hatte. Hatte er nicht per- die Rechte streikender In- bracht, zusammen mit ihrem die meinten, das Reich, vor Hunderte Millionen Mos- In seinem Manifest „An
gefordert wird. Einen Tag fällte, schien den greisen Krieg – und er ließ ihm seinen sönlich gerade seinem dustriearbeiter ein, „für die todkranken Sohn, dem Zare- Er ließ einfach schießen allem aber die Vorherrschaft lems lebten.
später marschiert die deut- meine Völker“ kündigt
Monarchen nicht mehr zu Lauf. Einen Lauf, den die Reichskanzler Bethmann- ich zu sorgen habe“, nur um witsch Alexej. Hungeraufstände und Revol- der Türken im Orient retten
sche Armee in Belgien
lg ein. kümmern. Seine eigene Ent- Kriegstreiber wie der Gene- Hollweg den Auftrag erteilt, diesewenigspäterals„Reichs- Die Bluterkrankheit des ten von Arbeitern hatte Russ- zu können, nicht im Weg Aufstand der Araber Kaiser Karl I. die Umwand-
scheidung hatte er ja schon ralstabschefindiesenJuli-Ta- die Abgesandten des Kaisers und Vaterlandsfeinde“ zu be- inzwischen Zehnjährigen land unter Nikolaus schon stand. Die Bewegung der London nahm die Herausfor- lung
ng der Monarchie an.
längst getroffen. gen gnadenlos beschleunig- in Wien mit einem Freibrief zeichnen. Er ließ 1914 den hatte das Leben der ohnehin mehrfach erlebt. Doch der Jungtürken hatte die Schwä- derung an: Der Orient von
Franz Joseph wollte den ten. Den Freibrief für den An- für den Krieg auszustatten? Kriegstreibern in seinem Mili- schwermütigen Zarin und Zar hatte darauf nie eine an- chedesReichesnachdenBal- der Ägäis-Küste bis nach Je-
Krieg. Nicht aus dem Wahn, griff aus Berlin, wo man War Wilhelm II. der tär – etwa den Generälen Hin- zuletzt auch das des Herr- dere Antwort gefunden als kan-Kriegen in den Jahren rusalem und Bagdad wurde
Serbien endgültig in die Knie ebenfalls auf die Eskalation Kriegstreiber, der die neue In- denburg und Ludendorff – schers bestimmt. Der Wun- brutale Gewalt. Als wollte zuvor genützt, um sich an die Kriegsschauplatz und trieb
zu zwingen, wie sein Gene-
ralstabschef Conrad von Höt-
drängte, bekam man schnell.
Nun inszenierte man noch in
dustrie-Supermacht Deutsch-
landineineaggressiveAußen-
freie Hand. Ein Jahr später, als
Deutschlands Offensive an
derheiler Rasputin hatte Ale-
xandra zuletzt völlig unter
sich der Fantast Nikolaus sei-
ne Illusion von einem moder-
Macht zu putschen. Ihre Füh-
rer Enver Talat und Cemal
das zerfallende Reich end-
gültig in den Untergang. Erratum
zendorf kalkulierte; nicht hanebüchener Weise einen politik und damit letztlich in der Westfront festgefahren Kontrolle gehabt und zuneh- nen Russland nicht durch ein Bey träumten davon, den os- Anfangs erzielte die türki-
aus dem Wunsch, die Monar- angeblichen Überfall der Ser- den Weltkrieg hetzte, oder war, erklärte er: „Mein Ge- mend geriet auch der psy- paar hungernde Arbeiter stö- manischen Staat in die Mo- scheArmeenochgroßeErfol- Im Sonntag-
chie aus ihrer Lähmung zu ben auf das Gebiet der Mon- war er vielmehr ein junger wissen ist rein, ich habe den chisch ebenfalls labile Zar ren lassen, ließ er diese ein- derne und nach Europa zu ge. Die britische Invasion bei KURIER er-
befreien, wie fortschrittliche archie, nur um einen weite- modernerHerrscher,dersein Krieg nicht gewollt.“ unter seinen Einfluss. fach niederschießen. führen. Das große Vorbild Gallipoli wurde zurückge- schien in der Se-
Kräfte in der Gesellschaft ren Kriegsgrund an der Hand Land friedlich an die Spitze Dass es tatsächlich zum In der prunkvollen Abge- Reine Illusion war auch dieser autoritären Nationa- schlagen, man drang bis zum rie „Zeitenwen-
hofften. Der 84-jährige Herr- zuhaben. FranzJosephdach- Europas führen wollte und in Kriegkam,verstörteWilhelm schiedenheit hatte sich der sein Bild von seiner Armee. listen: Deutschland. Suezkanal vor. Schließlich de – Wendezei- Am 28. OKTOBER
scher, der inzwischen 66 Jah- te gar nicht daran, an diesem den Krieg nur unglücklich hi- zutiefst, vor allem, dass er auf Zustand des Riesenreiches, War sie doch rein zahlenmä- Das führte das Osmani- aber gelang es den Briten, ei- ten“ (Grafik „Le- erklärt die Tschechoslo-
re auf dem Thron saß, hielt Lügengebäude auch nur im neinstolperte. Bis heute, 100 einmal das von ihm so verehr- das Nikolaus in Wahrheit ßig die größte der Welt. Die sche Reich in ein vorerst ge- nen Aufstand der Araber, an- ben und Sterben im wakei die Unabhängigkeit.
den Krieg einfach für unver- Geringsten zu zweifeln, er Jahre danach, sind sich die te Großbritannien – samt den nicht regieren konnte, aus- Flotte, sein großer Stolz, war heimes Bündnis mit Deutsch- geführt vom Großscherif von Ersten Weltkrieg“, Die Monarchie ist zerfallen.
meidlich, für ein unabwend- hatte es sich zur Gewohnheit Historiker, was den deut- Verwandten auf dem Thron – blenden lassen. Mit dem Aus- schon 1905 von den Japa- landunddamitschließlichan Mekka, anzuzetteln. Das lei- Seiten 10,11) irr- 30. OKTOBER:
bares Schicksal, dem sein gemacht, seinen Beamten zu schen Kaiser betrifft, gänz- zum Feind hatte. Doch als bruch des Krieges trat er um- nern vernichtend geschlagen dessen Seite in den Krieg. tetedieNiederlageunddamit tümlicherweise Auf der griechischen Insel
Reich entgegenging. „Dann vertrauen, ihnen das Han- lich uneinig. sich der Krieg vom geplanten so schneller und umso er- worden. Jetzt, im Herbst Schon seit Längerem war das Untergang und Zerfall des eine falsche Limnos wird der Waffen-
28. JULI: ist eben Krieg“ kommentierte deln zu überlassen. schnellen Sieg an allen Fron- schreckender zutage. Die 1914, zerschellte der Angriff wilhelminische Deutschland Reiches ein. Schon 1916 teil- Zahl, was unse-
Kriegserklärung stillstand mit dem Osma-
er seltsam gelassen die eska- Er ließ sie nur täglich ein- Sprunghaft, verletzlich ten in ein aussichtsloses Ge- russische Armee war einem in Ostpreußen an den Deut- in Konstantinopel als finanz- ten Briten und Franzosen in ren aufmerksa-
Österreich-Ungarns an lierende Krise. Ähnlich gelas- zelnvorsichtreten,hörtesich Sicher aber scheint, der Ho- metzel verwandelte, hatte er modernen technisierten schen. starker Partner und Verbün- einem Geheimpakt das Reich men Leserinnen nischen Reich geschlossen.
Serbien. Alle wesentlichen sen hatte er schon ein paar meist schweigend und mit henzollern-Herrscher, der die tatsächliche Macht im Heer wie dem deutschen Nikolaus machte seine deter aufgetreten. Mit deut- des Sultans unter sich auf. Es und Lesern frei- 4. NOVEMBER:
Kriegserklärungen folgen Wochen zuvor die Ermor- dem Kopf nickend ihre Be- 1888 mit gerade einmal 29 Reich ohnehin längst einge- nicht gewachsen. Auch wenn Generäle verantwortlich, schemGeldwurdedietechni- sollten jene Grenzen sein, die lich sofort auf- Der Waffenstillstand mit
bis 12. August. dung von Thronfolger Franz richte an, und setzte seine Jahren auf den Thron kam, büßt. Seine Heeresleitung die Generalität ihre schlecht übernahm selbst den Ober- sche Modernisierung des bis heute das Krisengebiet fiel. Statt Österreich wird geschlossen.
Ferdinand in Sarajewo zur Unterschrift unter die Doku- war ein Getriebener – seiner traf die militärischen und ausgerüsteten und ebenso befehl und erschien schließ- Landes vorangetrieben, Nahost bestimmen. Der Sul- 60.600 waren 9. NOVEMBER:
1914 Kenntnis genommen. Von ei-
ner höheren Macht hatte er
gesprochen, die habe „jene
mente – bis zuletzt die Kriegs-
erklärung vor ihm lag. Bis
hierher war alles seinen selt-
eigenen, rasch wechselnden
Stimmungen und Gefühle
und einer Vielzahl wirt-
baldauchdiepolitischenEnt-
scheidungen – auch so fatale
wie den Kriegseintritt der
schlecht ausgebildeten Sol-
daten zum Angriff prügelte,
ließ das die Stimmung in der
lich persönlich an der Front.
Die Katastrophe wurde so
nur noch beschleunigt. Die
deutsche Ingenieure bauten
die legendäre Eisenbahn
nach Bagdad.
tan erlebte das Ende nicht
mehr. Er starb wenige Mona-
te vor Kriegsende.
pro Tag 6060 to-
te Soldaten zu
beklagen. Wir
Die Abdankung Wilhelms II.
wird verkündet. In Deutsch-
DER ERSTE Ordnung wiederhergestellt, sam steifen, protokollari- schaftlicher, politischer und USA zu provozieren. Er selbst Truppe nur noch weiter sin- Märzrevolution 1917 kostete Das Kaiserreich versuch- Kurz vor seinem Tod hatte bedauern.
land wird die Republik
ausgerufen. Friedrich Ebert
die ich nicht aufrechterhal- schen Weg gegangen, und militärischer Drahtzieher in kommentierte seine Rolle zu- ken. Sehr rasch kam es zu De- ihn schließlich den Thron. te, das wirtschaftlich rück- ihnKaiserKarlI.zumFeldmar-
WELTKRIEG – ten konnte“. der setzte sich jetzt im Welt- seinem Reich. letzt nur noch fatalistisch: sertionen und Befehlsver- Die Oktoberrevolution aber ständige und finanziell kolla- schall der k.u.k Monarchie ge- wird Reichskanzler.
WICHTIGSTE Franz Joseph, der sich
sein Leben lang an den höhe-
krieg und im Untergang der
Monarchie fort. Franz Josef
Der Bub, der durch eine
problematische Geburt nicht
„Wenn man sich in Deutsch-
land einbildet, dass ich den
weigerungen.
Ganz ähnlich die Situati-
und der Sieg der Bolschewi-
ken sollte in schließlich sogar
bierende Riesenreich als
Partner gegen Russland, aber
macht. Der höchste militäri-
sche Rang jenes Reiches, vor
Morgen: Die öster-
reichische Sicht auf
11. NOVEMBER:
Deutschland schließt
STATIONEN ren Auftrag, an das Gottes- aber unterschrieb und seufz- nur an einer verkrüppelten Krieg führe, dann irrt man on in der Industrie. Zwar hat- den Kopf kosten. Lenin ließ auch die Kolonialmächte dessen Hauptstadt, Wien, den Krieg. Historiker
Rauchensteiner über Waffenstillstand.
gnadentum für seine Herr- te leise in seinen Bart: „Ich Hand, sondern vermutlich sich. Ich trinke Tee, säge Holz te die teils brutal vorangetrie- ihn mit seiner ganzen Familie Frankreich und Großbritan- einst der Vormarsch der Os- Ursache und Schuld.
schaftgeklammerthatte,war hab das alles nicht gewollt.“ auch einem leichten Hirn- und gehe spazieren.“ bene Modernisierung Russ- ermorden. nien aufzubauen. Einen Be- manen gestoppt worden war.
Dienstag I 31. Dezember 2013 k u r i e r. a t
SERIE
7

„Der Krieg war ein Experiment“


Interview. Der prominente österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner über die
Ursachen des Ersten Weltkriegs, Schuldfragen und die Verantwortung der Entscheidungsträger
FOTOREDAKTION

SCHERL / SZ-PHOTO / PICTUREDESK.COM

APA / MILITÄRKOMMANDO WIEN


An Deutschland gekettet: Kaiser Truppenvisite 1918: Kaiser Karl I., seine Frau Zita und zwei ihrer Kinder bei einem Besuch an der Alpenfront wenige Wochen vor Kriegsende. Fast ausschließlich in Uniform:
Karl mit Wilhelm II. an der Front Karl bemühte sich seit seinem Antritt 1916 über geheime Kontakte um einen Separatfrieden für die Monarchie, scheiterte aber Franz Joseph liebte das Militär

als Zweiergespräche führte. macht hat, weil er meinte, hat er beim Begräbnis des geht im Gleichklang mit der Das waren die Größten ihrer
Es gab keine Beratungen. Serbien in so kurzer Zeit nie- Kronprinzen Rudolf nicht zu- Politik in den Krieg, also et- Zeit – und für sie war das ein
Die Leute durften kurz ihren derwerfen zu können, bevor sammengebracht, oder als wa mit Berchtold, seinem Au- großes Experiment. Die Mili-
ZEITENWENDE Standpunkt darlegen und
dann sprach seine Majestät.
man sich gegen Russland
wendet.
Elisabeth vor ihm aufge-
bahrt lag.
ßenminister. Der vollzog
brav, was ihm der Kaiser vor-
tärs hielten ja Giftgas für hu-
maner als Trommelfeuer.
WENDEZEIT So bekommt das Ganze noch gab. Sobald Franz Joseph
einmal so einen absolutisti- Was waren seine persönlichen Und die anderen Führungsper- deutlich machte, dass er den Gab es je ernsthafte Ansätze
SERIE: KURIER.AT/1914 schen Anspruch, also Neoab- Beweggründe? sönlichkeiten der Monarchie? Krieg will, setzt Berchtold al- für einen Friedensschluss?
solutismus in seinen letzten Das Einzige, wofür sich Die Begeisterung für den les daran, diesen Willen um- Für den Kaiser war Frie-
Auswirkungen. Der Kaiser Franz Joseph während sei- Kriegwarnuneinmalvorhan- zusetzen, arbeitet konse- denundWaffenstillstandkei-
VON KONRAD KRAMAR
kann entscheiden, er hat ent- ner letzten Jahre interessier- den, in der Außenpolitik, der quent auf Krieg hin. ne Denkkategorie. Es gab ja
Manfried Rauchensteiner ist schieden, und er ist sich der te, war das Militär. Er umgibt Innenpolitik und ganz beson- Bei den entscheidenden genügend Nachschub an
Österreichs führende Autori- Tragweite bewusst gewesen. sich vornehmlich mit den ders beim Militär. Der Krieg Gesprächen der politischen Menschen und Material. Die
tätinFragenzurletztenPhase Obwohl er sich wahrschein- zwei Chefs seiner Militär- hätte sich schwer einfangen mit der Militärführung saß Rüstungsindustrie arbeitete
der Habsburgermonarchie lich der Wirkung der Waffen, kanzlei. Der eine ist täglich lassen. Es ist ja nur der serbi- Franz Joseph dann im Zug seit Jahresende 1914 auf
und dem Ersten Weltkrieg. der Dimensionen dieses Krie- beim Monarchen und das bis sche Krieg wirklich durchge- nach Ischl, denn es war alles Hochtouren. Ein Ausstieg
Kürzlich ist sein Buch Der ges nicht bewusst war. zu zwei Stunden. Kein Minis- dacht worden. Es war das bereits gesagt. warauchwegenDeutschland
Erste Weltkrieg und das Ende terpräsident hat je so viel Ziel, dass dieses Serbien so nicht denkbar. Es wäre mit
der Habsburgermonarchie Wusste der Kaiser, in was für Zeit bekommen. Das heißt, geschwächt wird, dass es Wie war die Haltung der anderen dem Ehrbegriff des Kaisers
(Böhlau), erschienen. einen Krieg er da ging? politische Überlegungen, et- nicht weiter die slawischen Nationen? nicht vereinbar gewesen,
Franz Joseph hat natür- wa eine Reichsreform, spie- Gebiete der Monarchie de- Auf der Seite der Franzo- den Verbündeten im Stich zu
KURIER: Kann man hundert Jah- lich in erster Linie den Krieg len überhaupt keine Rolle stabilisiert, oder aber, dass sen und der Russen war der lassen.Erwarbiszuletztüber-
re danach festlegen, wer diesen gegenSerbienalsunvermeid- mehr. Wir müssen uns einen es geografisch einfach nicht Kriegswille noch weit ausge- zeugt, dass dieser Krieg wei-
Krieg zuletzt verursacht hat? lich gesehen, aber er ist sich Mann vorstellen, der mehr existiert. Da soll- prägter. Man schwor sich bei terzuführen ist, auch wenn
Rauchensteiner: DieFrage,wer bewusstgewesen,dasshinter nach gewissen mili- ten sich dann die letzten Direktkontakten in erdasEndeseinesReichesbe-
ist schuld, kann man letzt- Serbien Russland steht und, tärischen Mel- Griechen, die Moskau quasi in die Hand: deutete. Und in den späten
lich nicht beantworten. Eine dass es mit hoher Wahr- dungen, die Bulgaren Wir führen Krieg. PhasendesKriegeswarÖster-
Reihe von Entscheidungsträ- scheinlichkeit Krieg gegen ihm gemacht nehmen, Die Deutschen waren be- reich nicht mehr handlungs-
gern hat Verantwortung zu Russland gibt. Er hat ein werden, in wassiewol- reit, voll mit Österreich mitzu- fähig, weil es so stark von
tragen gehabt, der sie nicht Jahr später eingestanden, Tränen aus- len. Der ziehen. Berlin aber hatte von Deutschland abhängig war.
gerecht wurden. Wir reden in- dasserselbereinenFehlerge- bricht. Das Kaiser der Dimension einen ganz an- Morgen: Die internationale Sicht.
ternational von einem Dut- deren Krieg vor Augen. Kaiser Wie die anderen den Krieg sehen
zend Menschen, die den Ent- Wilhelm hatte ja schon zuvor
schluss zum Krieg fassen und gesagt, notfalls würde er BUCHTIPPS
auchnichtwillenssind,gegen- auch einen Weltkrieg gegen
zusteuern. alle drei Entente-Mächte
(Großbritannien. Frankreich, Russ-
Wie wurden in der Habsburger- land) durchkämpfen.
monarchie die Entscheidungen
für den Krieg getroffen? Vor welchem gesellschaftlichen
In dem Augenblick, als Hintergrund geht Österreich in
KaiserFranzJosephdenWeg diesen Krieg?
zum Krieg freigibt, rennt al- Wir können den Ersten
les wie auf einer schiefen Weltkrieg von Wien um
Ebene ab. Es ist erschre- 1900 nicht trennen. Das war
ckend, dass Franz Joseph im naturwissenschaftli-
seine Audienzen immer chen, technischen, militä-
rischen Bereich nicht un-
ähnlich dem, was in der
Architektur, in der
„Franz Joseph Kunst, in der Musik pas-
war sich der Trag- sierte.
weite bewusst“: Es war ein Zerbrechen
Manfried Rau- bestehender Formen, der
chensteiner Krieg war ein riesiges Experi-
ment, das ist quasi das Natur-
wissenschaftliche dran. Es Zwei Bildbände aus Öster-
sind also eigentlich alle neu- reich liefern neue An- und
gierig, wie das ausgeht. An Einsichten in den Alltag zwi-
APA / GEORG HOCHMUTH

der deutschen Giftgaspro- schen Front und Heimat:


duktion haben sieben Wis- Christian Ortner: „Die k.u.k.
senschaftler mitgewirkt, die Armee und ihr letzter Krieg“.
Nobelpreisträger waren, Josef Rietveld: „1914–1918
oder später geworden sind. in Bildern“.
Mittwoch I 1. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
19

Schlafwandelnd in den Krieg


Schuldfrage. Der Historiker Christopher Clark ordnet die Genesis von 1914 neu.
Alle Großmächte tragen Verantwortung für den Krieg, den es ohne Serbien nicht gegeben hätte
AKG-IMAGES/PICTUREDESK.COM

DPA/PICTURE ALLIANCE/PICTUREDESK.COM
ZEITENWENDE
WENDEZEIT
SERIE: KURIER.AT/1914

VON ANDREAS SCHWARZ


Der deutsche Kaiser bereitet
gerade seine Yacht „Meteor“
auf eine Segelregatta an der
Nordseeküste vor, als er die
Nachricht von der Ermor-
dung des österreichischen
Thronfolgers in Sarajewo er-
hält. Er reist umgehend nach
Berlin zurück, „um die Sache
selbst in die Hand zu neh-
menunddenFriedeninEuro- Truppentransport deutscher Soldaten in Berlin im August 1914, österreichische Soldaten an der Isonzo-Front 1915 – für beide Armeen gab es am Ende nichts zu holen
pa zu bewahren“.
Der französische Präsi- Doch die These bröckelt. zeitinEuropa,gestütztaufun- von Bündnissen und fahrlässi- dem Schuldigen. Er schildert beim grausamen Mord am
dent legt das Telegramm mit Vor allem Clark bringt sie in zählige Quellen und Archive, gen Fehleinschätzungen, ja das „Wie“ der Vorkriegszeit. (noch Österreich-freundli-
der Mordnachricht zur Seite seinem epochalen Werk „Die belegt er, wie alle europäi- auch von Charakterprofilen „WirmüssenwegvomJames- chen) serbischen König Ale-
und schaut sich an diesem Schlafwandler“ mehr oder schen Mächte, Österreich-Un- handelnder Personen (etwa Bond-Muster,indemeseinen xanderundseinerFraudurch
28. Juni ungerührt einen weniger zum Einsturz. So un- garn und Deutschland, Frank- des Kriegstreibers und Gene- Bösen und einen Guten gibt. Verschwörer der Armee
Grand-Prix auf der Rennbahn terschiedlich er die Reaktio- reich, England und Russland, ralstabschefs Conrad von Höt- Sie können alle diese Staa- 1903. Von da an erstarkte
Longchamp in Paris zu Ende nen auf das Attentat in Sara- in diesen Krieg hineinge- zendorf, der als Kriegsheld ten als Bösewichte sehen. der alte serbische Nationalis-
an. In den Zeitungen ver- jewo beschreibt, so viel- rutscht sind, an den Entwick- auchseinevergebeneAngebe- Sie sind aggressiv, beutegie- mus mit dem Ziel der Vereini-
drängt am nächsten Tag eine schichtig sind für ihn die Ur- lungen beteiligt waren. Und tete gewinnen wollte – so pro- rig,kolonialistisch,paranoid, gung aller Serben in den be-
Sex&Crime-StoryumdieFrau sachen für den Krieg. legt ein faszinierendes Puzzle fan kann Geschichte sein). sie zeigen Stärke, weil sie nachbarten Regionen. Das
des früheren Regierungschefs Mit einer bestechenden aus Imperialismus, Nationa- ClarkstelltnichtdieFrage sich schwach fühlen“, sagt panslawistische Untergrund-
CaillauxdasAttentatzurzweit- Beschreibung der Vorkriegs- lismus, Rüstung, Hochfinanz, nach dem „Warum“ und Clark der FAZ. netzwerk „Schwarze Hand“
wichtigsten Nachricht. lenkte Armee und Geheim-
Und der Außenminister Entzauberter Mythos dienst, die Brutalität serbi-
FRIEDRICH/INTERFOTO/PICTUREDESK.COM

Italiens, dessen Bevölkerung „Es stimmt nicht, dass scher Untergrundkämpfer in


die Bluttat teils bejubelt, be- Deutschland einen Krieg ge- den beiden Balkankriegen
merkt: „Das Verbrechen ist ab- gen eine andere Großmacht vor dem Weltkrieg ist legen-
scheulich, aber der Weltfrie- plante.“ Gewiss habe Berlin där. Dass Belgrad von den At-
den wird es nicht beklagen.“ seinen imperialen Platz ge- tentatsplänen in Sarajewo
37 Tage später befindet sucht,aberinkleinenundun- aufgrund der engen Verstri-
sich Europa im Krieg. Er bedeutenden Schritten. Dass ckung mit dem Netzwerk
wird20MillionenMenschen- es England bis zu Beginn des wusste, steht für Clark fest.
leben kosten. Er wird Groß- Jahrhunderts wirtschaftlich Der serbische Nationalis-
mächte aufgelöst zurücklas- überholthatte,hatwiederum musaufdemBalkanistfürden
sen und die geopolitische dorteineDeutschlandphobie Historiker, der Parallelen
Landkarteneuzeichnen.Und ausgelöst. (Für den briti- zum brutalen serbischen Na-
er wird „die erste große Kata- schen Historiker Niall Fergu- tionalismus der Neuzeit zieht
strophe des 20. Jahrhun- son ist übrigens der Kriegs- (Srebrenica), ein historischer
derts sein, der Große Krieg, eintritt Englands einer der Faktor,„ohnedenesnichtzum
aus dem sich alle folgenden Hauptgründe für den Welt- Ersten Weltkrieg gekommen
Katastrophen ergaben“, wie krieg.) Die deutsche Diplo- wäre“. Und ein Mahnmal da-
deramerikanischeHistoriker matie habe das Balkanszena- für, wie lokale Krisen Auslö-
Fritz Stern schrieb. rio nicht verstanden und auf ser für Konflikte zwischen
einen lokal begrenzten Krieg Großmächten sein können.
Phase der Entspannung gehofft. Nicht Deutschland, Morgen: Der Erste Weltkrieg ist
Aberwiekonnteesdazukom- sondern Russland habe als die Wurzel vieler bis heute anhalten-
men? In einer Welt, die zwar erster Staat eine Generalmo- den Konflikte.
auch von Rivalitäten und bilmachung ausgerufen.
Bündnis-Pakten geprägt Gleichzeitig entzaubert er BUCHTIPPS
war, die aber mit Modernisie- den Mythos, dass die bosni-
rung und globalem Handel schen Serben von der Habs-
in „eine erste Phase der Ent- burger-Monarchie unter-
spannung eintrat“, wie der drückt worden seien und das
australische Historiker und alleinige Ursache für die
Cambridge-Professor Chris- SchüssevonSarajewowar–im
topher Clark schreibt. Gegenteil: Seit der Annexion
Die gängige These zur Bosnien-Herzegowinas 1908
Kriegsschuld kennt Deutsch- sei dort eine gewisse Prosperi-
land als Hauptverantwortli- tät entwickelt worden. Der
chen. Drängten nicht Kaiser Sprachen- und Regionenkon-
Wilhelm II. und Reichskanz- flikt in der Monarchie ist für
ler Hollweg Österreich-Un- Clark vernachlässigbar – das
garn zu einem raschen Los- Reich sei nicht vor dem Zer-
schlagen gegen Serbien, das fall gestanden, sondern habe
von Wien als Drahtzieher Wohlstand und Wachstum ge-
des Attentats vermutet wur- neriert. Es hätten sich auch
de? Sagten sie der Habsbur- mehr Nationalitätenrechte
ger-Monarchie nicht ihre be- unter dem Thronfolger ange-
dingungslose Unterstützung deutet.LediglichKaiserFranz-
zu? Erklärte nicht Deutsch- Josef sei ein „Faktor der Träg-
landnureineWochenachder heit“gewesen,dersichvonder
Wiener Kriegserklärung an Realität entfernte.
Serbien dem russischen Za-
renreichdenKrieg?Dielange Serbiens Nationalismus Christopher Clark: „Die Schlafwand-
sakrosankte Geschichtssicht VorallemaberistdasAttentat ler – Wie Europa in den Ersten
des Hamburger Historikers von Sarajewo für Clark weit Weltkrieg zog“, 895 Seiten, DVA-
Fritz Fischer sieht dahinter mehr als nur der Anlass, der Verlag, 41,20 Euro
die Weltmachtambitionen Europa in den Krieg „schlaf-
Deutschlands, das seit 1912 wandeln“ ließ. Clark schil- Niall Ferguson: „Der falsche Krieg –
auf die Herbeiführung eines dert präzise und spannend Der Erste Weltkrieg und das 20.
europäischen Krieges hinge- wie in einem Krimi die Gene- Jahrhundert“, 509 Seiten, Panthe-
arbeitet habe. Lustig im Krieg? Kronprinz Karl und der seltsame Charakter und Kriegstreiber Conrad von Hötzendorf sis des Attentats – beginnend on-Verlag, 17,50 Euro
SERIE k u r i e r. a t Donnerstag I 2. Jänner 2014 Donnerstag I 2. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
20 21

Das unheilvolle späte Erbe 1 KÄRNTEN

REUTERS / DAVID W CERNY


eines Krieges Konflikte. Der Erste Weltkrieg veränderte die
politische Karte Europas von Grund auf – und ist
die Wurzel vieler bis heute fortdauernder Krisen.

APA/APA/APA
KONRAD KRAMAR (TEXT), PILAR ORTEGA (GRAFIK)
Das „kurze 20. Jahrhundert“ nannte der große Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dringen Die überwiegend deutschsprachigen Gebiete im Norden Mit dem Zerfall der Monarchie fällt das deutschsprachige
sozialistische Historiker Eric Hobsbawm die Truppen des neugegründeten SHS-Staates, ein Vorläufer Böhmens und in Südmähren werden nach dem Zerfall des Südtirol an die Siegermacht Italien. Unter der faschisti-
ZeitspannezwischendemAusbruchdesErsten Jugoslawiens,inSüdkärntenein.MilizverbändederKärnt- Habsburgerreiches der Tschechoslowakei zugesprochen. schen Mussolini-Diktatur werden Zehntausende Italiener
Weltkriegs 1914 und dem Fall der Berliner nerLandesregierungsetzensichzurWehr,dieRegierungin Von der Gründung des Staates an sorgen sie für Konflikte. nach Südtirol umgesiedelt, das Land von Behörden bis hin
Mauer 1989. Mit dem Attentat von Sarajewo Wien lehnt diesen sogenannten „Kärntner Abwehrkampf“ Anfangs fühlen sich die Deutschsprachigen als diskrimi- zu Ortsnamen zwangsitalianisiert. Südtirol bleibt auch
begann der Zusammenbruch der großen offiziell ab. In einer Volksabstimmung entscheiden sich die nierte Bevölkerungsgruppe. Nach der Okkupation durch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Problemzone. In den
europäischen Dynastien, die die Welt be- Kärntner 1920 für den Verbleib bei Österreich. Doch das Nazi-Deutschland 1938 werden Tschechen brutal unter- SiebzigerjahrenbringtÖsterreichdasSüdtirol-Problemso-
NORWEGEN
NORWEG
EGEN herrschten, das Zeitalter des Imperia- Verhältnis zwischen den Deutschkärntnern und der slowe- drückt.Als Rache folgtdie Vertreibung der Deutschen nach gar vor die UNO. Schließlich gelingt mit einer Reihe von
Sankt
Sank
nkt Petersburg
nk Petersbu
burg
rg lismus ging zu Ende. Das Aufkom- nischen Minderheit bleibt gespannt. Auch nach Ende des dem Krieg. Die entvölkerten Gebiete werden zur wirt- Verträgen („Autonomiestatut“) eine Lösung. Trotz des ho-
men von Faschismus und Stalinis- Zweiten Weltkriegs kommt es zu bewaffneten Auseinan- schaftlichen und sozialen Problemzone – und sind es oft bis hen Wohlstands im heutigen Südtirol ist die Trennung zwi-
mus und damit der Weg in den dersetzungen in Südkärnten. Der Streit um die Rechte der heute. Die Beneš-Dekrete, Grundlage für die Vertreibung schen deutschsprachiger und italienischer Bevölkerung
Zweiten Weltkrieg war nur auf Minderheit, insbesondere das Recht auf zweisprachige Orts- der Deutschen, sorgen für Streit zwischen Tschechien und nicht überwunden. Rechte Parteien wie die Freiheitlichen
den Trümmern dieser Welt- tafeln, wird immer wieder von neuem angefacht, so auch Österreich und waren Thema im Präsidentschaftswahl- und die Südtiroler Freiheit (Bild) fordern massiver denn je
ordnung möglich. Die miss- vom verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider (Bild). kampf von Karel Schwarzenberg und Milos Zeman (Bild). das „Los von Rom“ und die Rückkehr nach Österreich.
glückte Neuordnung Eu-
ropas im Geiste des 14-
7 Ostpreußen Punkte-Programms von

AP / AMEL EMRIC

REUTERS / LASZLO BALOGH

APA/EPA/SERGEY DOLZHENKO
KA
KAISERREICH
RU
RUSSLAND US-Präsident Wilson
trugdazubei,Genera-
Amsterdam
Amsterda
st da
dam tionen von Europä-
ern zu Opfern grau-
DEUTSCHES
KA
KAISERREICH samer Diktaturen
und eines neuerli-
22 Sudetengebiete chen Weltkrieges
Pa
Paris
zu machen.
ÖSTERREICH-
RREICH
FR
FRANKREICH Wien UNGA
UNGARN 6
6 Ukraine Dochmitdem
Ende dieser Dik-
1 Kärnten RUMÄNIEN
RUMÄ EN taturen, mit dem
Südtirol 3 Zusammen-
55 Ungarn bruch der So-
Bosnien- Bukarest
Bukare
rest wjetunion und Das von Österreich besetzte und 1908 schließlich annek- DasLandverliertmitdemZerfallderk.u.k.Monarchieund Auf dem Gebiet der Ukraine treffen seit Jahrhunderten oft
Herzegowina 4 ihres Macht- tierte Land wird zum Streitfall zwischen der Habsburger- demFriedensvertragvonTrianonmehralsdieHälfteseines verfeindete Völker aufeinander: Der Weltkrieg lässt diese
PORTUGAL
PORT
PORTUG
PO RTUG
RT UGAL
UG AL BU
BULGARIEN blocks, war der monarchieundSerbienundmitdemAttentatvonSarajewo Territoriums. Gebiete mit zumindest starker ungarischer Feindschaften voll ausbrechen. Unter Unterstützung der
Schlusspunkt zum Auslöser des Ersten Weltkriegs. Nach dem Zerfalls Ju- Minderheit entstehen in den Nachbarländern Rumänien, deutschen Besatzung wird 1917 ein ukrainischer Staat ge-
Madrid nicht gesetzt. Die goslawiens brechen in den Neunzigerjahren die alten Tschechoslowakei (heute Slowakei) und Jugoslawien gründet. Antirussische Kräfte geben den Ton an. Nach der
SPANIEN berühmte These Feindschaften zwischen muslimischer, kroatischer und (heute Serbien). Für Ungarn ist dieser Verlust bis heute ein Gründung der Sowjetunion setzt Stalin in der Ukraine die
ITALIEN
ALIEN
IE N
IEN
OSMANISCHES
MA des Historikers serbischer Bevölkerung erneut offen aus. Ein dreijähriger nationales Trauma, mit dem die rechtsnationalistische Or- kollektive Landwirtschaft mit unvorstellbarer Grausam-
Sar
Sardinien RE
REICH Francis Fukyama Bürgerkrieg bis 1995 fordert etwa 100.000 Tote. Das Land ban-Regierung populistische Politik macht. Faschistische keit durch, Millionen verhungern. Der Hass gegen die so-
vom „Ende der Ge- kommt unter internationale Verwaltung, ist aber bis heute Garden (Bild) fordern offen die Heimholung der Gebiete. wjetische Zwangsherrschaft prägt den Westen des Landes.
Mittelmeer Naher Osten 8 schichte“, die er zu gespalten und die Regierung politisch blockiert. Das Land Konsequent sorgt Orban mit Maßnahmen wie einem unga- Die Verschiebung der Ukraine nach Westen 1945 verstärkt
Beginnder90er-Jahre kommtalsowederwirtschaftlichnochpolitischaufdieBei- rischen Pass für die ungarischsprachige Bevölkerung in die Zerrissenheit des Landes, die auch nach der Unabhän-
veröffentlichte, ist in- ne. Vor allem im serbischen Landesteil geben weiterhin ra- den Nachbarländern oder anderen Vergünstigungen für gigkeit besteht. Die Ukraine ist heute mehr denn je ein ge-
zwischenwiderlegt.We- dikale Nationalisten den Ton an, die Kriegsverbrecher wie massive Spannungen. Radikale Ungarn-Parteien in den spaltenesLand,derOstentendiertzuRussland,derWesten
der ist Fukyamas Vorstel- Ratko Mladic feiern (Bild). Nachbarländern vergiften dort die politische Atmosphäre. nach Europa: Massenproteste, drohender Bürgerkrieg.
lung von der immerwähr-
Palästina 9 enden Dominanz westlicher
Demokratie und Marktwirt- 7 OSTPREUSSEN

REUTERS / PETER ANDREWS

AP / KHALID MOHAMMED

EPA
schaft Realität geworden, noch
hat Europa zu unerschütterlicher
Stabilität gefunden.
Mittelmächte
Verbündete Von Wohlstand verdeckt
DieBruchstellen,dieheutequerüberdiesen
Neutrale Staaten Kontinent sichtbar werden, sind oft jene, die
Entente-Mächte sich vor 100 Jahren erstmals weit geöffnet ha-
Verbündete ben. Grenzen, die der Erste Weltkrieg und da-
nach die Siegermächte zogen, trennen bis heu-
te Menschen und Landschaften. Krisenregio-
nen sind oft nur oberflächlich zur Ruhe gekom-
men, Konflikte, wie etwa in Südtirol, nur durch
allgemeinenWohlstandzugedeckt–undderist MitderNiederlagedesDeutschenReichesverliertdasLand Noch während des Ersten Weltkrieges stecken Frankreich 1917 erklären die Briten in der „Balfour-Deklaration ihre
gerade in Krisenzeiten gefährdet. große Gebiete im Osten. Ostpreußen, im Mittelalter von und Großbritannien im Sykes-Picot-Abkommen auf dem Absicht, Palästina, das Teil des Osmanischen Reiches ist,
Das proklamierte Ende der Geschichte deutschenRitterordenerobertundkolonialisiert,bleibtbei Territorium des untergehenden Osmanischen Reiches ihre zur „Nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes“ zu ma-
scheint also abgesagt. Vielmehr sprechen His- Deutschland, allerdings als geografisch isolierte Region. kolonialen Interessensphären ab. Außerdem unterstützen chen. Das Land wird britisches Mandatsgebiet und von Be-
toriker heute von einer „Rückkehr der Ge- Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einer die Briten den arabischen Aufstand. Die neuen Staaten des ginn an von Unruhen und bewaffneten Konflikten zwi-
schichte–unddiesebeginntinvielenFällenauf Massenflucht der deutschen Bevölkerung, das nördliche Nahen Ostens entstehen, die Grenzziehungen sind oft will- schen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Ein-
den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und Ostpreußen wird Teil der Sowjetunion, konsequent russifi- kürlich und durchtrennen ethnisch und kulturell zusam- wanderern beherrscht. Die britische Verwaltung bringt
mit den Friedensverträgen danach. Der KU- ziert und zur hochgerüsteten militärischen Sperrzone im mengehörige Gebiete. Syrien und der Libanon kommen keine Lösung zustande. Teilungspläne lassen den Streit
ZEITENWENDE RIER versucht auf den vorliegenden zwei Sei-
ten einen Überblick über Krisen und Konflikte,
Kalten Krieg. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bleibt Ost-
preußen als isolierte Exklave bei Russland und liegt heute
unter französischen, Jordanien und der Irak unter briti-
schen Einfluss. In Saudi-Arabien kommt die radikalislami-
weiter eskalieren. Mit der Masseneinwanderung europäi-
scher Juden nach dem Holocaust und der Gründung des
WENDEZEIT in denen der Ungeist des Weltkriegs, der vor
100 Jahren begann, fortlebt.
als politischer Fremdkörper inmitten von EU-Staaten. Die
Region gilt als Hochburg krimineller Aktivitäten, wie etwa
sche Saud-Dynastie endgültig an die Macht. Die politi-
schen Grundlagen für die bis heute anhaltende Krise des
Staates Israel mündet der Konflikt in eine Abfolge von Krie-
gen – und ist bis heute ungelöst. Heftig umstritten bleibt Je-
SERIE: KURIER.AT/1914 Morgen: Die besten Ausstellungen und Termine Schmuggel und Waffenhandel. US-Raketen sind an der NahenOstenssindgelegt.DerIraketwawirdseitderUS-In- rusalem, das Israel, aber auch die Palästinen-
zu 100 Jahre Erster Weltkrieg. Grenze zu der hochgerüsteten Region stationiert (Bild). vasion von Terror (Bild) beherrscht. ser als ihre Hauptstadt betrachten.

▲ ▲
Grafik: Pilar Ortega & Andrea Gludovatz 1914: Giftgas, Maschinengewehre, Fliegerbomben: Der Erste Weltkrieg schafft neue Dimensionen des Schreckens 2013 UKRAINE : Ist heute ein gespaltenes Land, der Osten tendiert zu Russland, der Westen nach Europa: Ein Bürgerkrieg droht. Nur eine der Spätfolgen des Weltkrieges
SERIE k u r i e r. a t Donnerstag I 2. Jänner 2014 Donnerstag I 2. Jänner 2014 k u r i e r. a t
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20 21

Das unheilvolle späte Erbe 1 KÄRNTEN

REUTERS / DAVID W CERNY


eines Krieges Konflikte. Der Erste Weltkrieg veränderte die
politische Karte Europas von Grund auf – und ist
die Wurzel vieler bis heute fortdauernder Krisen.

APA/APA/APA
KONRAD KRAMAR (TEXT), PILAR ORTEGA (GRAFIK)
Das „kurze 20. Jahrhundert“ nannte der große Unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dringen Die überwiegend deutschsprachigen Gebiete im Norden Mit dem Zerfall der Monarchie fällt das deutschsprachige
sozialistische Historiker Eric Hobsbawm die Truppen des neugegründeten SHS-Staates, ein Vorläufer Böhmens und in Südmähren werden nach dem Zerfall des Südtirol an die Siegermacht Italien. Unter der faschisti-
ZeitspannezwischendemAusbruchdesErsten Jugoslawiens,inSüdkärntenein.MilizverbändederKärnt- Habsburgerreiches der Tschechoslowakei zugesprochen. schen Mussolini-Diktatur werden Zehntausende Italiener
Weltkriegs 1914 und dem Fall der Berliner nerLandesregierungsetzensichzurWehr,dieRegierungin Von der Gründung des Staates an sorgen sie für Konflikte. nach Südtirol umgesiedelt, das Land von Behörden bis hin
Mauer 1989. Mit dem Attentat von Sarajewo Wien lehnt diesen sogenannten „Kärntner Abwehrkampf“ Anfangs fühlen sich die Deutschsprachigen als diskrimi- zu Ortsnamen zwangsitalianisiert. Südtirol bleibt auch
begann der Zusammenbruch der großen offiziell ab. In einer Volksabstimmung entscheiden sich die nierte Bevölkerungsgruppe. Nach der Okkupation durch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Problemzone. In den
europäischen Dynastien, die die Welt be- Kärntner 1920 für den Verbleib bei Österreich. Doch das Nazi-Deutschland 1938 werden Tschechen brutal unter- SiebzigerjahrenbringtÖsterreichdasSüdtirol-Problemso-
NORWEGEN
NORWEG
EGEN herrschten, das Zeitalter des Imperia- Verhältnis zwischen den Deutschkärntnern und der slowe- drückt.Als Rache folgtdie Vertreibung der Deutschen nach gar vor die UNO. Schließlich gelingt mit einer Reihe von
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nkt Petersburg
nk Petersbu
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men von Faschismus und Stalinis- Zweiten Weltkriegs kommt es zu bewaffneten Auseinan- schaftlichen und sozialen Problemzone – und sind es oft bis hen Wohlstands im heutigen Südtirol ist die Trennung zwi-
mus und damit der Weg in den dersetzungen in Südkärnten. Der Streit um die Rechte der heute. Die Beneš-Dekrete, Grundlage für die Vertreibung schen deutschsprachiger und italienischer Bevölkerung
Zweiten Weltkrieg war nur auf Minderheit, insbesondere das Recht auf zweisprachige Orts- der Deutschen, sorgen für Streit zwischen Tschechien und nicht überwunden. Rechte Parteien wie die Freiheitlichen
den Trümmern dieser Welt- tafeln, wird immer wieder von neuem angefacht, so auch Österreich und waren Thema im Präsidentschaftswahl- und die Südtiroler Freiheit (Bild) fordern massiver denn je
ordnung möglich. Die miss- vom verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider (Bild). kampf von Karel Schwarzenberg und Milos Zeman (Bild). das „Los von Rom“ und die Rückkehr nach Österreich.
glückte Neuordnung Eu-
ropas im Geiste des 14-
7 Ostpreußen Punkte-Programms von

AP / AMEL EMRIC

REUTERS / LASZLO BALOGH

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RUSSLAND US-Präsident Wilson
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KA
KAISERREICH samer Diktaturen
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22 Sudetengebiete chen Weltkrieges
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6 Ukraine Dochmitdem
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Südtirol 3 Zusammen-
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Herzegowina 4 ihres Macht- tierte Land wird zum Streitfall zwischen der Habsburger- demFriedensvertragvonTrianonmehralsdieHälfteseines verfeindete Völker aufeinander: Der Weltkrieg lässt diese
PORTUGAL
PORT
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Schlusspunkt zum Auslöser des Ersten Weltkriegs. Nach dem Zerfalls Ju- Minderheit entstehen in den Nachbarländern Rumänien, deutschen Besatzung wird 1917 ein ukrainischer Staat ge-
Madrid nicht gesetzt. Die goslawiens brechen in den Neunzigerjahren die alten Tschechoslowakei (heute Slowakei) und Jugoslawien gründet. Antirussische Kräfte geben den Ton an. Nach der
SPANIEN berühmte These Feindschaften zwischen muslimischer, kroatischer und (heute Serbien). Für Ungarn ist dieser Verlust bis heute ein Gründung der Sowjetunion setzt Stalin in der Ukraine die
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MA des Historikers serbischer Bevölkerung erneut offen aus. Ein dreijähriger nationales Trauma, mit dem die rechtsnationalistische Or- kollektive Landwirtschaft mit unvorstellbarer Grausam-
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Sardinien RE
REICH Francis Fukyama Bürgerkrieg bis 1995 fordert etwa 100.000 Tote. Das Land ban-Regierung populistische Politik macht. Faschistische keit durch, Millionen verhungern. Der Hass gegen die so-
vom „Ende der Ge- kommt unter internationale Verwaltung, ist aber bis heute Garden (Bild) fordern offen die Heimholung der Gebiete. wjetische Zwangsherrschaft prägt den Westen des Landes.
Mittelmeer Naher Osten 8 schichte“, die er zu gespalten und die Regierung politisch blockiert. Das Land Konsequent sorgt Orban mit Maßnahmen wie einem unga- Die Verschiebung der Ukraine nach Westen 1945 verstärkt
Beginnder90er-Jahre kommtalsowederwirtschaftlichnochpolitischaufdieBei- rischen Pass für die ungarischsprachige Bevölkerung in die Zerrissenheit des Landes, die auch nach der Unabhän-
veröffentlichte, ist in- ne. Vor allem im serbischen Landesteil geben weiterhin ra- den Nachbarländern oder anderen Vergünstigungen für gigkeit besteht. Die Ukraine ist heute mehr denn je ein ge-
zwischenwiderlegt.We- dikale Nationalisten den Ton an, die Kriegsverbrecher wie massive Spannungen. Radikale Ungarn-Parteien in den spaltenesLand,derOstentendiertzuRussland,derWesten
der ist Fukyamas Vorstel- Ratko Mladic feiern (Bild). Nachbarländern vergiften dort die politische Atmosphäre. nach Europa: Massenproteste, drohender Bürgerkrieg.
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Palästina 9 enden Dominanz westlicher
Demokratie und Marktwirt- 7 OSTPREUSSEN

REUTERS / PETER ANDREWS

AP / KHALID MOHAMMED

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schaft Realität geworden, noch
hat Europa zu unerschütterlicher
Stabilität gefunden.
Mittelmächte
Verbündete Von Wohlstand verdeckt
DieBruchstellen,dieheutequerüberdiesen
Neutrale Staaten Kontinent sichtbar werden, sind oft jene, die
Entente-Mächte sich vor 100 Jahren erstmals weit geöffnet ha-
Verbündete ben. Grenzen, die der Erste Weltkrieg und da-
nach die Siegermächte zogen, trennen bis heu-
te Menschen und Landschaften. Krisenregio-
nen sind oft nur oberflächlich zur Ruhe gekom-
men, Konflikte, wie etwa in Südtirol, nur durch
allgemeinenWohlstandzugedeckt–undderist MitderNiederlagedesDeutschenReichesverliertdasLand Noch während des Ersten Weltkrieges stecken Frankreich 1917 erklären die Briten in der „Balfour-Deklaration ihre
gerade in Krisenzeiten gefährdet. große Gebiete im Osten. Ostpreußen, im Mittelalter von und Großbritannien im Sykes-Picot-Abkommen auf dem Absicht, Palästina, das Teil des Osmanischen Reiches ist,
Das proklamierte Ende der Geschichte deutschenRitterordenerobertundkolonialisiert,bleibtbei Territorium des untergehenden Osmanischen Reiches ihre zur „Nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes“ zu ma-
scheint also abgesagt. Vielmehr sprechen His- Deutschland, allerdings als geografisch isolierte Region. kolonialen Interessensphären ab. Außerdem unterstützen chen. Das Land wird britisches Mandatsgebiet und von Be-
toriker heute von einer „Rückkehr der Ge- Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einer die Briten den arabischen Aufstand. Die neuen Staaten des ginn an von Unruhen und bewaffneten Konflikten zwi-
schichte–unddiesebeginntinvielenFällenauf Massenflucht der deutschen Bevölkerung, das nördliche Nahen Ostens entstehen, die Grenzziehungen sind oft will- schen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Ein-
den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und Ostpreußen wird Teil der Sowjetunion, konsequent russifi- kürlich und durchtrennen ethnisch und kulturell zusam- wanderern beherrscht. Die britische Verwaltung bringt
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ten einen Überblick über Krisen und Konflikte,
Kalten Krieg. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bleibt Ost-
preußen als isolierte Exklave bei Russland und liegt heute
unter französischen, Jordanien und der Irak unter briti-
schen Einfluss. In Saudi-Arabien kommt die radikalislami-
weiter eskalieren. Mit der Masseneinwanderung europäi-
scher Juden nach dem Holocaust und der Gründung des
WENDEZEIT in denen der Ungeist des Weltkriegs, der vor
100 Jahren begann, fortlebt.
als politischer Fremdkörper inmitten von EU-Staaten. Die
Region gilt als Hochburg krimineller Aktivitäten, wie etwa
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Staates Israel mündet der Konflikt in eine Abfolge von Krie-
gen – und ist bis heute ungelöst. Heftig umstritten bleibt Je-
SERIE: KURIER.AT/1914 Morgen: Die besten Ausstellungen und Termine Schmuggel und Waffenhandel. US-Raketen sind an der NahenOstenssindgelegt.DerIraketwawirdseitderUS-In- rusalem, das Israel, aber auch die Palästinen-
zu 100 Jahre Erster Weltkrieg. Grenze zu der hochgerüsteten Region stationiert (Bild). vasion von Terror (Bild) beherrscht. ser als ihre Hauptstadt betrachten.

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Grafik: Pilar Ortega & Andrea Gludovatz 1914: Giftgas, Maschinengewehre, Fliegerbomben: Der Erste Weltkrieg schafft neue Dimensionen des Schreckens 2013 UKRAINE : Ist heute ein gespaltenes Land, der Osten tendiert zu Russland, der Westen nach Europa: Ein Bürgerkrieg droht. Nur eine der Spätfolgen des Weltkrieges
Freitag I 3. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
7

OENB
VO GE L

OEN B
RE IN HA RD
Tagebücher von Maikäfer als Brennesseln
Soldaten Futtermittel: statt Baumwolle:
gehören zu den Das Plakat Ersatzstoffe
wichtigsten aus der Kriegs- hatten Hoch-
Quellen für Histo- sammlung der konjunktur, wie
riker. Die Schau Nationalbiblio- dieser Aufruf
„Jubel & Elend“ auf thek belegt die zum Sammeln
der Schallaburg Not, die vor beweist. Das
wird einige der 100 Jahren Plakat ist eben-
Aufzeichnungen herrschte. Zu falls Teil der
ausstellen sehen ab März Schau der ÖNB

Treffpunkt Weltkriegsgedenken
Ausstellungen. Was sich Nationalbibliothek und Schallaburg einfallen haben lassen
Leiterin der Nachfolge-Insti- ner essen wollte“, erzählt der

PRIVAT, REPRO: REINHARD VOGEL


tution der Hofbibliothek. Kurator Wolfram Dornik. Mit
„Damals war man überzeugt, Jubel & Elend wollen die Histo-
ZEITENWENDE dass dieser große Krieg ein
siegreicher sein wird, und in
rikervorallemandenAlltagan
der (Heimat-)Front erinnern.
WENDEZEIT dieserEuphoriewolltemanje- „Heute ist Maisgebäck längst
den Schritt zum Sieg doku- salonfähig“, ergänzt Dornik.
SERIE: KURIER.AT/1914 mentieren. Die Euphorie Der im Rahmen der Schau
klangraschab,dochzuKriegs- auf der Schallaburg auch im-
ende waren trotzdem 52.000 mer wieder die Frage aufwer-
VON S. MAUTHNER-WEBER
Objekte plus 30.000 Fotogra- fen will, was diese Ereignisse
„Sammelt Maikäfer!“ steht fien am Wiener Josefsplatz vor 100 Jahren mit uns heute
in schönster Kurrentschrift eingegangen.“ Diese größte, zu tun haben.
auf dem Plakat aus dem Ers- historische Kriegssammlung
ten Weltkrieg. Morgens derMonarchiewurdenochnie Sammelaktion
Laubbäume abschütteln und gezeigt. Bisher. Apropos heute: Das Ludwig-
abends 20 Heller für das Kilo Boltzmann-Institut für
kassieren.„WirhabenalsKin- Ersatzstoffe Kriegsfolgen-Forschung hat
der auch Maikäfer gesam- Ab 13. März erfährt der Welt- aufgerufen, Erinnerungsstü-
melt und sie den Hendln vor- kriegsinteressierte in der cke zu schicken, hat unzähli-
geworfen“, erzählt der re- ÖNB alles über Attentat und ge Briefe und Mails erhalten
nommierte Historiker Man- Juni-Krise, den alten Kaiser, und massenhaft Tagebücher,
fried Rauchensteiner. „Und Verwundete, Kranke, Tote Feldpostbriefe, Erkennungs-
dann erinnerte ich mich, undFrauenimKrieg,denErb- bücher und Wehrdienstmar-
dass ältere, kriegserfahrene feind Italien oder die Verwal- ken angeboten bekommen.
LeuteunsKinderdavorwarn- tung des Mangels; etwa, war- Das Ergebnis dieser Sammel-
ten: Aber bitte nicht zu viel, umdieBevölkerungnichtnur aktion wird ebenfalls auf der
denn sonst stinken die Eier.“ zum Sammeln von Maikä- Schallaburg zu sehen sein.
Die Erinnerung des Kura- fern, sondern auch von Philipp Lesiak vom Boltz-
tors der Ersten-Weltkriegs- Brennnessel-Stängeln aufge- mann-Institut für Kriegsfol-
ausstellung der Österreichi- fordert wurde: Nicht, um gen-Forschung berichtet:
schen Nationalbibliothek Tee zu kochen, sondern um – EtwavonMusterungsfotos:
(ÖNB) An meine Völker! ist Stoffe zu produzieren. „Damals war man noch
die passende Anekdote zum Schon 1914 schlug die stolz, wenn man tauglich
Maikäfer-Plakat aus dem Ers- Stunde der Ersatzstoffe, sagt war und eingezogen wurde.“
ten Weltkrieg: „Das Ungezie- Historiker Rauchensteiner: – Oder von wundersamen
fer wurde im großen Stil als „Ich kenne eine Uniform aus Rettungsgeschichten: „Oft
Futtermittel für Hühner und einem derartigen Nesselstoff trugen Soldaten geweihte
Schweine gesammelt“, er- und weiß, wie man darauf Bildchen in Büchern mit sich
zählt Rauchensteiner und reagiert hat. Zuerst kam der herum. Das sind begehrte
sagt damit sehr viel über Not Ausschlag. Dann – wenn Sammelobjekte, wenn eine
und Hunger in dieser Zeit. man in den Regen kam – ist Kugel drinsteckt und in der
der Stoff geschrumpft. Zum Familie die Geschichte er-
Kriegssammlung Schluss hat man ausge- zähltwird,wiederOpadurch
Dabei begann alles als eine schaut wie ein Kasperl, weil dieses Heiligenbildchen ge-
einzige große Euphorie: das Material eingegangen rettet wurde. Nur so wird der
Schon zu Beginn des Krieges ist.“ Am Bisamberg mussten Mensch im Krieg fassbar.“
erging ein Aufruf an die Be- beschäftigungslose Soldaten Morgen: Berühmte Schriftsteller
völkerung, alles an die Hof- die Brennnesseln ernten. Für Erinnerungen an eine Zeit, in der man noch stolz war, wenn man tauglich war und eingezogen wurde als Berichterstatter im Feld
bibliothek zu schicken, was 100 Kilo Brennnessel-Stängel
an Dokumenten, Plakaten wurden 6 Kronen gezahlt.
und Flugblättern da war; Eskanngutsein,dassman WELTKRIEGSTERMINE
aber auch Schulaufsätze, auch auf der Schallaburg Ge-
Frontberichte, Briefe, Post- schichten über Ersatzstoffe Rund um den Erdball wird Tod.DieWienerBevölkerung 5. Juni: „EsistFrühlingundich 27. Juli: Bei den Salzburger
karten und Gedichte, die begegnet. Am 29. März eröff- heuerdes100.Jahrestagsdes und die Folgen des Ersten lebe noch. Eine Geschichte Festspielen hält der australi-
den Kaiser verherrlichten, net dort die Schau Jubel & Beginns des Ersten Welt- Weltkriegs“ im Wiener Stadt- des Ersten Weltkriegs in Infi- sche Historiker Christopher
sollten abgeliefert werden, Elend. Leben mit dem Großen kriegs gedacht. Eine Auswahl und Landesarchiv. nitiven“ startet in der Wien- Clark („Die Schlafwandler“)
erzählt Johanna Rachinger. Krieg 1914–1918. „Damals der spannendsten Termine 13. März: In der Österreichi- bibliothek im Rathaus. die Eröffnungsrede. Zahlrei-
Sie ist Generaldirektorin wurde aus Mangel an Wei- im In- und Ausland: schen Nationalbibliothek er- 27. Juni: Die Schau „Die Steier- che Schauspiel-Produktio-
der Österreichischen Natio- zenmitMaisgebackenundein 22. Jänner: Das Schlossmuse- öffnet die große Schau „An mark und der Große Krieg“ im nen beschäftigen sich mit
nalbibliothek und als solche Aufstand riskiert, weil das kei- um Linz erzählt „Vom Leben meine Völker!“. Museum im Palais eröffnet. dem Thema Krieg.
mit dem Krieg“. 29. März: DieSchallaburgthe- 28. Juni: Die Wiener Philhar- 1. August: Zum 100. Jahres-
23. Jänner: Die Schau „Kunst matisiert„Jubel & Elend. Le- moniker geben am Jahrestag tag der deutschen Kriegser-
JEFF MANGIONE

und Krieg“ in der Oberöster- ben mit dem Großen Krieg des Attentats auf Franz Ferdi- klärung an Russland will die
reichischen Landesgalerie 1914 – 1918“. nand ein Konzert in der Nati- russische Regierung eine
widmet sich dem Ersten 1. April: Schloss Artstetten, onalbibliothek von Sarajevo. große Historikerkonferenz in
Weltkrieg aus künstlerischer die letzte Ruhestätte von 28. Juni: In Bad Ischl beginnt St. Petersburg ausrichten.
Sicht. Franz Ferdinand, startet die die Ausstellung „Die private 4. August: Auf Einladung von
24. Jänner: Das Mühlviertler Sonderausstellungen „Der Seite des Krieges“. Queen Elizabeth II. werden
Originelles SchlossmuseumFreistadtbe- Tag danach“ und „Vom 14. Juli: In Frankreich startet sicham100.Jahrestagdesbri-
aus der ginnt seinen Gedenkreigen Machthunger zur Friedens- das Weltkriegsgedenken bei tischen Kriegseintritts die
riesigen mit „1900 – 1914“. Ab 25. kultur“. der traditionellen Militärpa- Staats- und Regierungschefs
Kriegssamm- April widmet man sich der 4. April: Das Burgenländische rade zum Nationalfeiertag der Commonwealth-Staaten
lung der „Begeisterung für den Krieg“, Landesmuseum Eisenstadt auf den Champs-Élysées, zu zur Gedenkfeier in der Kathe-
Nationalbibli- dann dem Kriegsgefange- widmet sich dem „Land im der Vertreter von 70 kriegs- drale Glasgow versammeln.
othek: Ein nenlager Freistadt (ab 27. Ju- Krieg“. teilnehmenden Staaten gela- 18. September: „Wien im Ers-
Puzzle anno ni) und schließlich der Dolo- Mai: Die Schau „Krieg, Trau- den sind. Tausende Jugendli- ten Weltkrieg. Stadtalltag in
1914, genannt mitenfront (ab 5. Septem- ma, Kunst. Der Erste Welt- che sollen der Parade den Fotografien und Grafiken“
„Patriotisches ber). krieg 1914 – 1918“ im Salz- Charakter einer „Friedensde- wird vom Wienmuseum the-
Geduld-Spiel“ 3. März: „Mangel – Hunger – burg Museum beginnt. monstration“ geben. matisiert.
Samstag I 4. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
19

Wenn Dichter in den Krieg ziehen


Kriegspropaganda. Berühmte Schriftsteller als Berichterstatter im Feld

ADALBERT STIFTER VEREIN


Geschichten
mit Geschichte
VON GEORG MARKUS

E
ine Reihe bedeutender
Schriftsteller war dazu
ausersehen, als Front-
Berichterstatter angehende
Soldaten„fürdenKriegzube-
geistern“.Tatsächlichlasman
zwischen 1914 und 1918 in
Zeitungen nur Jubelmeldun-
gen über den Kriegsverlauf.
„Wohl jenem Volk, das im
Befehl leben darf“, stand da,
das Essen im Feld sei „großar-
tig“undmankönne„liebliche
Walzerklänge hören“. Krieg
wurde – streng von der k. u. k.
Zensur kontrolliert – als eine
Art Urlaub in Galizien oder
am Isonzo dargestellt.

Gewaltige Euphorie
Die meisten der an die Front
entsandten Berichterstatter
wurdenanfangsvoneinerge-
waltigenEuphorieerfasst,sie
erkannten jedoch bald die
Grausamkeit des Kriegsall-
tags. So auch der Dichter
und Reserveoffizier Alexan- Gaukelte ihren Lesern siegreiche Schlachten vor: Alice Schalek, „der einzige vom Kriegspressequartier zugelassene weibliche Berichterstatter“, mit k. u. k. Soldaten an der Front
der Roda Roda, der wie viele
begeistert den Schlachtruf
„Serbien muss sterbien“ an- amt versetzen, wo er Propa- fentlichte: „Zahllose Verletz- nach dem Krieg ein Denkmal

O.ANG.
stimmte, später aber gegen gandatexte verfasste. te wurden an uns vorbeige- setzte:„Mansagt,eristfürdas
die Zensurbestimmungen der Weitere bekannte Front- tragen, auf dem Rücken oder Vaterland gefallen. Warum
Heeresführung verstieß. Die berichterstatter waren Franz von je zwei Leuten bloß auf sagt man nie, er hat sich für
erste Verwarnung gab es für Molnár, Robert Musil, Franz Händen“, schreibt er. „Stöh- das Vaterland beide Beine
seine Reportage über einen WerfelundEgonErwinKisch. nende, Schreiende, Zuge- amputieren lassen?“
russischen Unteroffizier, der Der „rasende Reporter“ wei- deckte, Blutende, Verbunde-
einem österreichischen Feld- ne und Unverbundene. Leu- Der Tod eines Dichters
webel das Leben gerettet hat: te, denen die Wange weg- Ein tragisches Weltkriegs-
Denn der Feind durfte nicht gerissen war oder die Nase. Schicksal erlitt der aus Salz-
menschlich gezeigt werden. Soldaten, die hinkten, und burg stammende Dichter
ZEITENWENDE solche, deren Arm nur an Georg Trakl. Der studierte
Analphabet als Spion
Weitere Probleme bekam WENDEZEIT Hautfetzen hing. Bäche von
Blut flossen durch die engen
Pharmazeut wurde als Mili-
tärapotheker einberufen und
Roda Roda nach seinem Gänge. Durch den Geruch musste im grausamsten
Bericht über die Hinrichtung SERIE: KURIER.AT/1914 von Lehm, Blut und Schweiß Der erste Krieg, in dem im Schützengraben auch gefilmt wurde Schlachtengetümmel ohne
eines österreichischen Bau- und bloßgelegten Eingewei- ärztliche Hilfe Schwerver-
ern, der dem Gegner durch gerte sich standhaft, seine den drangen die Schmer- über das von der Armeefüh- Zwar trifft die 42-Jährige wundete versorgen. Ständig
Morsezeichen militärische Berichte im Sinne der Kriegs- zensschreie, das Röcheln rung geforderte Maß. Wäh- hin und wieder „zwischen den Tod der Kameraden vor
Geheimnisse verraten haben propaganda zu verfälschen. von Sterbenden.“ rendsie„denDaheimhocken- den Stellungen ganz mumi- Augen, erlitt der zu Depres-
soll. Roda Roda deckte auf, Als er 1916 unter Umgehung den,diedenKriegausderZei- fizierte, durchlöcherte Lei- sionen neigende Poet in den
dass der angebliche Spion derZensurinWienerundBer- Eine Frau im Feld tung erleben“, Verachtung chen“, doch ist es im großen „TodesgrubenvonGalizien“–
Analphabet war. Als zwi- liner Zeitungen einen Augen- Das Gros der Kriegsreporter entgegenbrachte, verharm- und ganzen ein komfortabler die ihn zu seinen letzten Ge-
schendenZeilenimmermehr zeugenbericht in Druck gab, – die im übrigen auch für loste sie in ihren Berichten Krieg, den sie den Lesern in dichten inspirierten – einen
Zweifel an einem österreichi- der nicht der Verherrlichung Wochenschau-Filme von der die blutigen Kämpfe, um Sol- der Neuen Freien Presse vor- Nervenzusammenbruch. Er
schen Sieg auftauchten, wur- derk.u.k.Armeediente,wur- Front zuständig waren – be- daten den Marsch an die gaukelt: „Wir essen ganz starb am 3. November 1914
de Roda Roda als Journalist de Kisch „wegen unerlaubter folgte die Anweisungen der Frontschmackhaftzumachen tüchtig und schlafen präch- imAltervon27JahrenimKra-
aus dem Feld abgezogen. Berichterstattung“ zu zehn Zensur. Zu den höchstde- und besorgte Mütter in fal- tigundnächstenMittagspielt kauer Militärspital an einer
Stefan Zweig und Rainer Tagen Arrest verurteilt. koriertenPropaganda-Schrei- scher Sicherheit zu wiegen. die Militärmusik bei der Offi- Überdosis Kokain, wobei nie
Maria Rilke meldeten sich bern zählte eine Frau: Alice ziersmesseauf.ImFreienwird festgestellt wurde, ob es sich
zum (ungefährlichen) Dienst Bäche von Blut Schalek, „der einzige vom Komfortabler Krieg gespeist, die Spargel schme- um einen Unfall oder um
im Kriegsarchiv, Hugo von Nicht verhindern konnte die Kriegspressequartier zugelas- „Was für eine Erleichterung cken gar köstlich, und süße Selbstmord gehandelt hatte.
HofmannsthalwarkurzeZeit Zensur, dass Kisch seine sene weibliche Berichterstat- ist ein Befehl“, berichtete Ali- Walzermelodien wetteifern georg.markus@kurier.at
als Landsturm-Offizier in Erlebnisse an der serbischen ter“ gaukelte ihren Lesern ce Schalek 1916 von der Iso- mit Kuckuck und Specht.“
Istrien im Einsatz, ließ sich Front feinsäuberlich notierte siegreiche Schlachten vor nzofront. „Wunderbar leicht Morgen: Prominente Schauspieler
dann aber ins Kriegsfürsorge- und nach dem Krieg veröf- und verherrlichte alles weit kommt man durchs Feuer.“ Kriegsverherrlichung und Politiker an der Front
Der Erste Weltkrieg, von
dem sie im lockeren Plauder-
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ÖNB-BILDARCHIV / PICTUREDESK.COM

WR. STADT-U. LANDESBIBLIOTHEK

ULLSTEIN BILD / PICTUREDESK.COM

DEA / A. DAGLI ORTI/DE AGOSTINI/GETTY IMAGES)

ton schreibt, als meldete sie


sich von einem Hausfrauen-
kränzchen, hat 17 Millionen
Menschenleben gefordert.
Karl Kraus, der den Krieg in
seinen Schrecken als einer
der wenigen Literaten von
Anfang an erkannte, warf
Alice Schalek „Kriegsverherr-
lichung“ vor, worauf sie eine
Klage gegen ihn einbrachte
(diese später jedoch wieder
zurückzog).
Zu den Toten kamen
Mysteriöser Tod im Militärspital: Für einen Augenzeugenbericht Erkannte die Schrecken des Krie- Probleme mit der Kriegszensur: zehn Millionen Verwundete, Verfasste Propagandatexte: der
der Dichter Georg Trakl in den Arrest: Egon Erwin Kisch ges von Anfang an: Karl Kraus der Berichterstatter Roda Roda denen Arthur Schnitzler Dichter Hugo von Hofmannsthal
SERIE k u r i e r. a t Sonntag I 5. Jänner 2014 Sonntag I 5. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
18 19

„Ein Kamerad wird erschossen, und er stürzt dann tot ins Tal“
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SASCHA FILM/REPRO FUCHS-HAJEK
KURIER/ FRITZ KLINSKY

HARRY WEBER

IMAGNO/HULTON ARCHIVE/GETTY IMAGES

„Fast hätte es mich erwischt, aber ich hab es doch Er überstand den Krieg mit viel Glück unbeschadet Der spätere Kabarettist Karl Farkas erlitt bei der Reserve-Infanterist Hans Moser litt nach dem Krieg
geschafft“: der Volksschauspieler Paul Hörbiger und kehrte als Leutnant zurück: Attila Hörbiger Eroberung von Przemyśl eine schwere Verwundung sein Leben lang unter panischen Todesängsten Der Erste Weltkrieg war, auch durch technische Neuerungen, ein Krieg von nie dagewesener Brutalität. Unter den Soldaten befanden sich spätere Künstler und Politiker – viele andere starben auf den Schlachtfeldern

Prominente Schauspieler. Viele später


berühmt gewordene Künstler waren
mutmaßte Paul, „und ich war
damalseherschwach gebaut“.
Für beide brach eine Welt
Das Wort „Kriegserklä-
rung“ wird Farkas später
dann, als Kabarettist, so defi-
Zittern der Hände“, steht in
seinem „Rentenakt“ vom
4. August 1915, den man
Gebirgsartillerie in die Dolo-
miten transferiert wird.
1916 ist das dritte Kriegs-
mann stirbt. Nun komme ich.
Einmal tief durchatmen und
drüber. Ein Schuss, daneben!
nimmer aus!“ Ein Sanitäts-
offizier gibt ihm eine Spritze,
die sein Leid beendet.“
Präsident und Kanzler an der Front
im Ersten Weltkrieg an der Front,
zusammen, denn in allen Tei-
len der Monarchie herrschte
ZEITENWENDE nieren: „Einen Krieg muss
man nämlich erklären. Sonst
heutenochimWienerKriegs-
archiv einsehen kann. Karl
jahr und es ist das Jahr, in
dem Kaiser Franz Joseph
Fast hätte es mich erwischt,
aberichhabesdochgeschafft. Gemeinsam feiern
Theodor Körner und Julius Raab lernten einander im Weltkrieg kennen
eine Kriegseuphorie, wie sie WENDEZEIT versteht ihn keiner!“ Farkas muss dennoch wieder stirbt. Als die Nachricht sei- DenNächstentriffteswieder, Als es im November 1918 Als Julius Raab 1953 von stabschef aller Streitkräfte system an der Isonzo-Front.
einige wurden verwundet. Unter heute unvorstellbar ist. „Für an die Front und rüstet bei nes Todes wie ein Lauffeuer er wird erschossen.“ zu Waffenstillstandsverhand- Bundespräsident Theodor am Isonzo, und der um 18 Als einer der tapfersten Offi-
Kaiser und Vaterland“ zu Farkas verwundet Kriegsende als Leutnant ab. alle Fronten erreicht, ahnen lungen kommt, wird der nun- KörneralsBundeskanzleran- Jahre jüngere Raab war ihm ziereimFrontbereichmachte
ihnen die Brüder Paul und Attila kämpfen, ja zu sterben, das
SERIE: KURIER.AT/1914
Wie die Brüder Hörbiger mel- Eben noch „untauglich“, viele, dass es nun bald auch Ein Lebenszeichen mehrige Oberleutnant Paul gelobt wurde, standen einan- als Mitglied der technischen sichKörnereinenNamen,der
war der Wunsch vieler junger die er aber kaum kennt. Er dete sich auch der 21-jährige treffen Paul und Attila Hörbi- mit der Monarchie zu Ende Paul Hörbigers nächstes Ziel Hörbiger von den Italienern der zwei Männer gegenüber, Elitetruppe im Range eines ihm später dann als Politiker
Hörbiger, Karl Farkas, Hans Moser. Männer. Mit einem „Trick“ betet jeden Tag, Frau und Maturant Karl Farkas als ger auf zwei Burschen, denen gehen würde: „Der Kaiser ist Russland. „Bei der jewei- verhaftet – weil die erst mit die – trotz ideologischer Dif- Oberleutnants unterstellt. zugutekommen sollte.
gelangten die Hörbiger-Brü- Kind wieder zu sehen und Einjährig-Freiwilliger, und da Ähnliches widerfahren ist. war das Bindeglied“, erklär- ligen Abreise haben wir nie 24-stündiger Verspätung ferenzen – große Hochach- Theodor Körner Edler

P
aul Hörbiger hatte es der dann doch an die Front. zählt zu den wenigen, die die sein Vater gebürtiger Ungar Sie teilen den Brüdern mit, ten erfahrene Offiziere, „jetzt erfahren, wohin es ging“. Die vom Ende des Krieges erfah- tung füreinander empfan- von Sigringen schaffte im Der Bruder ist gefallen
als Volksschauspieler Kämpfe in Galizien unver- ist, wird er dem 4. Honvéd- dass es „im dritten Bezirk ein ist auch der Krieg verloren“. Brüder Hörbiger schickten ren. „Aber dann haben wir den. Denn sie hatten sich als Ersten Weltkrieg eine große Körner war so angesehen,
wahrlich weit gebracht. Hans Moser wundet überstehen. Moser Infanterieregiment zugeteilt, Scharfschützen-Korps gibt, Der nachlassende Kampf- von überall Lebenszeichen gemeinsam gefeiert, die Ita- Offizierederk.u.k.Armeeim Karriere und schuf als leiten- dass man ihn an eine Zentral-
Als er mir aber im Jahr 1978 Paul Hörbigers später oftma- zeichnet sich durch große dessenAuftraglautet,dievon das jeden nimmt“. Prompt geist innerhalb der Truppen an ihre Eltern. Doch da die liener freuten sich wie wir Ersten Weltkrieg kennen der Generalstabsoffizier ein stelle ins Kriegsministerium
sein Leben erzählte, hätte er liger Filmpartner und Freund Tapferkeit aus und wird mit den Russen eingenommene werden die späteren Schau- wird deutlich spürbar. Einsatzorte geheim sind und undwarenmitvielenFlaschen gelernt: Körner war General- effizientes Verteidigungs- holen wollte. Doch er weiger-
am liebsten fast nur über sei- Hans Moser tritt 1914 der dem „Eisernen Verdienst- Festung Przemyśl zurückzu- spieler, 20 und 18 Jahre jung, bei handgeschriebenen Brie- Chianti-Wein gerüstet.“ te sich, die Isonzo-Front zu
ne Zeit als Soldat im Ersten k. k. Armee bei. Der 34-jäh- kreuz mit der Krone“ geehrt. erobern. Dies gelingt auch, dort für tauglich erklärt. Leutnant Hörbiger fen die Gefahr besteht, dass verlassen–anderseinBruder
Geschichten

VOTAVA

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Weltkrieg gesprochen. Der rige „Ersatz-Reserve-Infante- dochgibtesaufbeidenSeiten Attila Hörbiger übersteht den etwas verraten wird, dürfen Gestern noch Feinde Richard übrigens 1915 gefal-
Mann hatte 300 Filme mit
Marlene Dietrich, Willi Forst, mit Geschichte rist“ der untersten Charge
wird dem Infanterieregiment
Die Kriegserklärung
Weniger glimpflich geht der
Tausende Tote und Verwun-
dete. Auch der Kadett Farkas
Der erste Fronteinsatz
Nun „dürfen“ sie einrücken,
Krieg unbeschadet und kehrt
1918 als Leutnant der Reser-
nur vorgefertigte Feldpost-
karten versandt werden, de-
NunbejubelndieMänner,die
gestern noch Feinde waren,
lenwar.TheodorKörnerwur-
de Generalstabschef, konnte
Zarah Leander, Heinz Rüh- VON GEORG MARKUS
Nr. 4, besser bekannt als Krieg für den späteren Kaba- wird mit einer schweren doch die Scharfschützen sind ve nach Wien zurück. Bruder ren Aufdruck einheitlich ist: gemeinsam das Ende des aber–obwohlerdenösterrei-
mann und vielen anderen „Hoch- und Deutschmeister“, rettisten Karl Farkas aus, der Schussverletzung in das Wie- ein so armseliger Haufen, Paul hat seinen Kriegsdienst „Ich bin gesund, es geht mir Krieges. Die Szene zeigt, dass chischen Vorstoß an die Pia-
Großen gedreht – aber er zugeteilt, macht die Isonzo- gerade die Wiener Schau- ner „Vereinsspital Nr. 7“ über- dass Attila und Paul nur weg als Kadett-Aspirant beim gut“ (siehe Faksimile). Jedes per- die Menschen, die einander ve-Front ermöglichte – an der
wollte vor allem loswerden, des Schauspielers schrieb. Er Schlachten mit, gelangt nach spielakademie besucht, als stellt. „Patient Farkas, Schuss- wollen. Attilas erster Front- 8. Artillerieregiment in Süd- sönliche Wort ist verboten. auf Befehl anderer töten, per- endgültigen Niederlage der
wie er seine Kameraden ster- und sein Bruder Attila waren Polen und Russland. Kaiser Franz Joseph 1914 die wunde in der rechten Brust- einsatz erfolgt bei einem tirol angetreten und erfährt sönlich nichts gegeneinan- Mittelmächte nichts ändern.
ben sah, wie er selbst in le- am 28. Juli 1914 – dem Tag, Je mehr Soldaten fallen, „Kriegserklärung“ an Serbien seite,anämisch (= blutarm),all- Feldkanonen-Regiment in der nach einem Jahr, was es be- Hunger und Not der haben – es ist immer nur Oberst Körner trat 1918
bensgefährliche Situationen an dem der Krieg ausbrach, desto unsinniger erscheint unterschreibt. gemein nervöse Schwäche, Ukraine, ehe er 1916 zur deutet, in die Schlacht zu zie- Die Ernährungslage ist kata- die Politik, die das Elend her- in das Berufsheer der Ersten
geriet und am Ende des Krie- auf Sommerfrische in Tragöß Hans Julier, wie Moser eigent- hen: „Die feindlichen Italie- strophal, die Männer drohen vorbringt. Republik ein, wurde aber im
ges fast verhungert wäre. Der in der Steiermark. „Noch am lich hieß, der anfangs beju- ner hatten eine Gebirgsstra- zu verhungern. In ihrer Not Nach dem Ersten Welt- Alter von 49 Jahren im Range
Erste Weltkrieg hat auf ihn selben Tag erhielten wir ein belte Krieg. Moser empfindet ße bei Chiesa gesprengt“, kochen sie Frösche und krieg confériert der einstige eines Generals pensioniert.
und seine Generation einen Telegramm unseres Vaters“, das Sterben der Kameraden erzählte er. „Unsere Pioniere schlachteten den Sanitäts- Leutnant Karl Farkas auf der Er wurde Mitglied der sozial-
derarttiefenEindruckhinter- erzählte Paul Hörbiger, „in als so grausam, dass er den mussten unter großen Verlus- hund. Im letzten Kriegsjahr Bühne des Kabarett Simpl: demokratischen Partei und

REPRO SCHAFFER PETER

APA / ARCHIV STEINER


lassen, dass sie die Bilder in dem stand: ,Sofort heimkeh- Rest seines Lebens unter ten einen Steg über ein tiefes ist Paul Hörbiger wieder an „Der Krieg zerstört das, was in den Jahren 1934 und 1944
ihrem ganzen Leben nicht ren, freiwilligen Kriegsdienst panischen Todesängsten litt. Tal bauen. Dann läuft einer der italienischen Front: „Der er zu beschützen vorgibt und vorübergehend verhaftet.
mehr los geworden sind und antreten, Papa.’“ Die Brüder nach dem anderen über die Regimentsarzt musste am bringt die Menschen um, 1951 bis 1957 war Körner
immer wieder darüber spre- brachen ihren Urlaub ab, mel- Frau und Tochter wackelige Brücke. Die Italie- laufenden Band amputieren, damit sie einer besseren der erste vom Volk gewählte
chen wollten. deten sich bei der Stellungs- Mosers Gedanken sind in den ner schießen. Ein Kamerad ein Reservist wurde von Zukunft entgegensehen.“ Bundespräsident der Repu-
Der 84-jährige Paul Hör- kommission in Wien und wur- vier Jahren an der Front bei kommt heil herüber, der einem Granatsplitter getrof- georg.markus@kurier.at blik Österreich. „Sein“ Ober-
biger breitete sein Leben vor den zu ihrem großen Erstau- seiner Frau Blanca, die ihm nächste wird erschossen und fen, er hatte so unerträgliche leutnant Julius Raab ging als
mir aus, weil ich als sein nen für untauglich erklärt! ein Jahr vor Kriegsausbruch stürzttotinsTal.Dannschafft Schmerzen, dass er ständig War Generalstabschef am Isonzo: In der technischen Elitetruppe: „Staatsvertrags-Kanzler“ in
Lesen Sie Dienstag: Hundertjährige
„Ghostwriter“ die Memoiren „Attila war noch zu jung“, eine Tochter geschenkt hat, „Ich bin gesund und es geht mir gut“: Vorgedruckte Feldpostkarte Paul Hörbigers an seine Eltern es einer, doch mein Vorder- schrie: ,Daschiaßt’s mi, i halt’s erzählen vom Krieg Bundespräsident Theodor Körner Bundeskanzler Julius Raab die Geschichte ein.
SERIE k u r i e r. a t Sonntag I 5. Jänner 2014 Sonntag I 5. Jänner 2014 k u r i e r. a t
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18 19

„Ein Kamerad wird erschossen, und er stürzt dann tot ins Tal“
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SASCHA FILM/REPRO FUCHS-HAJEK
KURIER/ FRITZ KLINSKY

HARRY WEBER

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„Fast hätte es mich erwischt, aber ich hab es doch Er überstand den Krieg mit viel Glück unbeschadet Der spätere Kabarettist Karl Farkas erlitt bei der Reserve-Infanterist Hans Moser litt nach dem Krieg
geschafft“: der Volksschauspieler Paul Hörbiger und kehrte als Leutnant zurück: Attila Hörbiger Eroberung von Przemyśl eine schwere Verwundung sein Leben lang unter panischen Todesängsten Der Erste Weltkrieg war, auch durch technische Neuerungen, ein Krieg von nie dagewesener Brutalität. Unter den Soldaten befanden sich spätere Künstler und Politiker – viele andere starben auf den Schlachtfeldern

Prominente Schauspieler. Viele später


berühmt gewordene Künstler waren
mutmaßte Paul, „und ich war
damalseherschwach gebaut“.
Für beide brach eine Welt
Das Wort „Kriegserklä-
rung“ wird Farkas später
dann, als Kabarettist, so defi-
Zittern der Hände“, steht in
seinem „Rentenakt“ vom
4. August 1915, den man
Gebirgsartillerie in die Dolo-
miten transferiert wird.
1916 ist das dritte Kriegs-
mann stirbt. Nun komme ich.
Einmal tief durchatmen und
drüber. Ein Schuss, daneben!
nimmer aus!“ Ein Sanitäts-
offizier gibt ihm eine Spritze,
die sein Leid beendet.“
Präsident und Kanzler an der Front
im Ersten Weltkrieg an der Front,
zusammen, denn in allen Tei-
len der Monarchie herrschte
ZEITENWENDE nieren: „Einen Krieg muss
man nämlich erklären. Sonst
heutenochimWienerKriegs-
archiv einsehen kann. Karl
jahr und es ist das Jahr, in
dem Kaiser Franz Joseph
Fast hätte es mich erwischt,
aberichhabesdochgeschafft. Gemeinsam feiern
Theodor Körner und Julius Raab lernten einander im Weltkrieg kennen
eine Kriegseuphorie, wie sie WENDEZEIT versteht ihn keiner!“ Farkas muss dennoch wieder stirbt. Als die Nachricht sei- DenNächstentriffteswieder, Als es im November 1918 Als Julius Raab 1953 von stabschef aller Streitkräfte system an der Isonzo-Front.
einige wurden verwundet. Unter heute unvorstellbar ist. „Für an die Front und rüstet bei nes Todes wie ein Lauffeuer er wird erschossen.“ zu Waffenstillstandsverhand- Bundespräsident Theodor am Isonzo, und der um 18 Als einer der tapfersten Offi-
Kaiser und Vaterland“ zu Farkas verwundet Kriegsende als Leutnant ab. alle Fronten erreicht, ahnen lungen kommt, wird der nun- KörneralsBundeskanzleran- Jahre jüngere Raab war ihm ziereimFrontbereichmachte
ihnen die Brüder Paul und Attila kämpfen, ja zu sterben, das
SERIE: KURIER.AT/1914
Wie die Brüder Hörbiger mel- Eben noch „untauglich“, viele, dass es nun bald auch Ein Lebenszeichen mehrige Oberleutnant Paul gelobt wurde, standen einan- als Mitglied der technischen sichKörnereinenNamen,der
war der Wunsch vieler junger die er aber kaum kennt. Er dete sich auch der 21-jährige treffen Paul und Attila Hörbi- mit der Monarchie zu Ende Paul Hörbigers nächstes Ziel Hörbiger von den Italienern der zwei Männer gegenüber, Elitetruppe im Range eines ihm später dann als Politiker
Hörbiger, Karl Farkas, Hans Moser. Männer. Mit einem „Trick“ betet jeden Tag, Frau und Maturant Karl Farkas als ger auf zwei Burschen, denen gehen würde: „Der Kaiser ist Russland. „Bei der jewei- verhaftet – weil die erst mit die – trotz ideologischer Dif- Oberleutnants unterstellt. zugutekommen sollte.
gelangten die Hörbiger-Brü- Kind wieder zu sehen und Einjährig-Freiwilliger, und da Ähnliches widerfahren ist. war das Bindeglied“, erklär- ligen Abreise haben wir nie 24-stündiger Verspätung ferenzen – große Hochach- Theodor Körner Edler

P
aul Hörbiger hatte es der dann doch an die Front. zählt zu den wenigen, die die sein Vater gebürtiger Ungar Sie teilen den Brüdern mit, ten erfahrene Offiziere, „jetzt erfahren, wohin es ging“. Die vom Ende des Krieges erfah- tung füreinander empfan- von Sigringen schaffte im Der Bruder ist gefallen
als Volksschauspieler Kämpfe in Galizien unver- ist, wird er dem 4. Honvéd- dass es „im dritten Bezirk ein ist auch der Krieg verloren“. Brüder Hörbiger schickten ren. „Aber dann haben wir den. Denn sie hatten sich als Ersten Weltkrieg eine große Körner war so angesehen,
wahrlich weit gebracht. Hans Moser wundet überstehen. Moser Infanterieregiment zugeteilt, Scharfschützen-Korps gibt, Der nachlassende Kampf- von überall Lebenszeichen gemeinsam gefeiert, die Ita- Offizierederk.u.k.Armeeim Karriere und schuf als leiten- dass man ihn an eine Zentral-
Als er mir aber im Jahr 1978 Paul Hörbigers später oftma- zeichnet sich durch große dessenAuftraglautet,dievon das jeden nimmt“. Prompt geist innerhalb der Truppen an ihre Eltern. Doch da die liener freuten sich wie wir Ersten Weltkrieg kennen der Generalstabsoffizier ein stelle ins Kriegsministerium
sein Leben erzählte, hätte er liger Filmpartner und Freund Tapferkeit aus und wird mit den Russen eingenommene werden die späteren Schau- wird deutlich spürbar. Einsatzorte geheim sind und undwarenmitvielenFlaschen gelernt: Körner war General- effizientes Verteidigungs- holen wollte. Doch er weiger-
am liebsten fast nur über sei- Hans Moser tritt 1914 der dem „Eisernen Verdienst- Festung Przemyśl zurückzu- spieler, 20 und 18 Jahre jung, bei handgeschriebenen Brie- Chianti-Wein gerüstet.“ te sich, die Isonzo-Front zu
ne Zeit als Soldat im Ersten k. k. Armee bei. Der 34-jäh- kreuz mit der Krone“ geehrt. erobern. Dies gelingt auch, dort für tauglich erklärt. Leutnant Hörbiger fen die Gefahr besteht, dass verlassen–anderseinBruder
Geschichten

VOTAVA

PRIVAT
Weltkrieg gesprochen. Der rige „Ersatz-Reserve-Infante- dochgibtesaufbeidenSeiten Attila Hörbiger übersteht den etwas verraten wird, dürfen Gestern noch Feinde Richard übrigens 1915 gefal-
Mann hatte 300 Filme mit
Marlene Dietrich, Willi Forst, mit Geschichte rist“ der untersten Charge
wird dem Infanterieregiment
Die Kriegserklärung
Weniger glimpflich geht der
Tausende Tote und Verwun-
dete. Auch der Kadett Farkas
Der erste Fronteinsatz
Nun „dürfen“ sie einrücken,
Krieg unbeschadet und kehrt
1918 als Leutnant der Reser-
nur vorgefertigte Feldpost-
karten versandt werden, de-
NunbejubelndieMänner,die
gestern noch Feinde waren,
lenwar.TheodorKörnerwur-
de Generalstabschef, konnte
Zarah Leander, Heinz Rüh- VON GEORG MARKUS
Nr. 4, besser bekannt als Krieg für den späteren Kaba- wird mit einer schweren doch die Scharfschützen sind ve nach Wien zurück. Bruder ren Aufdruck einheitlich ist: gemeinsam das Ende des aber–obwohlerdenösterrei-
mann und vielen anderen „Hoch- und Deutschmeister“, rettisten Karl Farkas aus, der Schussverletzung in das Wie- ein so armseliger Haufen, Paul hat seinen Kriegsdienst „Ich bin gesund, es geht mir Krieges. Die Szene zeigt, dass chischen Vorstoß an die Pia-
Großen gedreht – aber er zugeteilt, macht die Isonzo- gerade die Wiener Schau- ner „Vereinsspital Nr. 7“ über- dass Attila und Paul nur weg als Kadett-Aspirant beim gut“ (siehe Faksimile). Jedes per- die Menschen, die einander ve-Front ermöglichte – an der
wollte vor allem loswerden, des Schauspielers schrieb. Er Schlachten mit, gelangt nach spielakademie besucht, als stellt. „Patient Farkas, Schuss- wollen. Attilas erster Front- 8. Artillerieregiment in Süd- sönliche Wort ist verboten. auf Befehl anderer töten, per- endgültigen Niederlage der
wie er seine Kameraden ster- und sein Bruder Attila waren Polen und Russland. Kaiser Franz Joseph 1914 die wunde in der rechten Brust- einsatz erfolgt bei einem tirol angetreten und erfährt sönlich nichts gegeneinan- Mittelmächte nichts ändern.
ben sah, wie er selbst in le- am 28. Juli 1914 – dem Tag, Je mehr Soldaten fallen, „Kriegserklärung“ an Serbien seite,anämisch (= blutarm),all- Feldkanonen-Regiment in der nach einem Jahr, was es be- Hunger und Not der haben – es ist immer nur Oberst Körner trat 1918
bensgefährliche Situationen an dem der Krieg ausbrach, desto unsinniger erscheint unterschreibt. gemein nervöse Schwäche, Ukraine, ehe er 1916 zur deutet, in die Schlacht zu zie- Die Ernährungslage ist kata- die Politik, die das Elend her- in das Berufsheer der Ersten
geriet und am Ende des Krie- auf Sommerfrische in Tragöß Hans Julier, wie Moser eigent- hen: „Die feindlichen Italie- strophal, die Männer drohen vorbringt. Republik ein, wurde aber im
ges fast verhungert wäre. Der in der Steiermark. „Noch am lich hieß, der anfangs beju- ner hatten eine Gebirgsstra- zu verhungern. In ihrer Not Nach dem Ersten Welt- Alter von 49 Jahren im Range
Erste Weltkrieg hat auf ihn selben Tag erhielten wir ein belte Krieg. Moser empfindet ße bei Chiesa gesprengt“, kochen sie Frösche und krieg confériert der einstige eines Generals pensioniert.
und seine Generation einen Telegramm unseres Vaters“, das Sterben der Kameraden erzählte er. „Unsere Pioniere schlachteten den Sanitäts- Leutnant Karl Farkas auf der Er wurde Mitglied der sozial-
derarttiefenEindruckhinter- erzählte Paul Hörbiger, „in als so grausam, dass er den mussten unter großen Verlus- hund. Im letzten Kriegsjahr Bühne des Kabarett Simpl: demokratischen Partei und

REPRO SCHAFFER PETER

APA / ARCHIV STEINER


lassen, dass sie die Bilder in dem stand: ,Sofort heimkeh- Rest seines Lebens unter ten einen Steg über ein tiefes ist Paul Hörbiger wieder an „Der Krieg zerstört das, was in den Jahren 1934 und 1944
ihrem ganzen Leben nicht ren, freiwilligen Kriegsdienst panischen Todesängsten litt. Tal bauen. Dann läuft einer der italienischen Front: „Der er zu beschützen vorgibt und vorübergehend verhaftet.
mehr los geworden sind und antreten, Papa.’“ Die Brüder nach dem anderen über die Regimentsarzt musste am bringt die Menschen um, 1951 bis 1957 war Körner
immer wieder darüber spre- brachen ihren Urlaub ab, mel- Frau und Tochter wackelige Brücke. Die Italie- laufenden Band amputieren, damit sie einer besseren der erste vom Volk gewählte
chen wollten. deten sich bei der Stellungs- Mosers Gedanken sind in den ner schießen. Ein Kamerad ein Reservist wurde von Zukunft entgegensehen.“ Bundespräsident der Repu-
Der 84-jährige Paul Hör- kommission in Wien und wur- vier Jahren an der Front bei kommt heil herüber, der einem Granatsplitter getrof- georg.markus@kurier.at blik Österreich. „Sein“ Ober-
biger breitete sein Leben vor den zu ihrem großen Erstau- seiner Frau Blanca, die ihm nächste wird erschossen und fen, er hatte so unerträgliche leutnant Julius Raab ging als
mir aus, weil ich als sein nen für untauglich erklärt! ein Jahr vor Kriegsausbruch stürzttotinsTal.Dannschafft Schmerzen, dass er ständig War Generalstabschef am Isonzo: In der technischen Elitetruppe: „Staatsvertrags-Kanzler“ in
Lesen Sie Dienstag: Hundertjährige
„Ghostwriter“ die Memoiren „Attila war noch zu jung“, eine Tochter geschenkt hat, „Ich bin gesund und es geht mir gut“: Vorgedruckte Feldpostkarte Paul Hörbigers an seine Eltern es einer, doch mein Vorder- schrie: ,Daschiaßt’s mi, i halt’s erzählen vom Krieg Bundespräsident Theodor Körner Bundeskanzler Julius Raab die Geschichte ein.
Lebensart
Mittwoch I 8. Jänner 2014

19

Die Kriegseuphorie der Musiker


Scheitern der Moderne. Kreative und intellektuelle Elite sahen in der Zerstörung einen Befreiungsschlag

APA / SCHOENBERG CENTER

CORBIS
ZEITENWENDE
WENDEZEIT
SERIE: KURIER.AT/1914

VON MARGARETHA KOPEINIG


„Sie haben gespielt, als wenn
nichts wäre, der Kriegsaus-
bruch ist an den Philharmoni-
kern vorbeigegangen. Man
siehtdasauchindenProtokol-
len, über 1914 gibt es nur ein
paar Notizen. Die Monarchie-
Begeisterung hat man unter
den Mitgliedern des Orches-
ters gespürt“, sagt Clemens
Hellsberg, Vorstand der Wie-
ner Philharmoniker.
Bekannte Maler, Litera-
ten, Musiker, Komponisten
wollten den Krieg, und sie gin-
gen auch in den Krieg.
So eilt der mehrfach aus-
gezeichnete Stargeiger Fritz
Kreisler von einem Kuraufent-
halt in der Schweiz zu seinem
RegimentinLeoben,ziehtsich
seine Offiziersuniform an,
spieltnochschnelleinKonzert
fürseineKameradenundwird
wenige Wochen später an der
russischen Front schwer ver-
letzt.

Verdächtiger Ausländer
Ende 1914 lässt sich Kreisler Der Komponist der

ELBEMÜHL/ÖNB/PICTUREDESK.COM
in den USA nieder. Zum Able- Moderne, Arnold Schön-
ben von Kaiser Franz Joseph berg (links), stellt seine
schreibtereinenNachrufinder kreative Schaffenskraft
New York Times und verteidigt in den Dienst des
das Vorgehen der Monarchie. Nationalismus.
1917,beimKriegseintrittAme- Jahrhundert-Virtuose
rikas, wird Kreisler seine Fritz Kreisler zieht für
Kriegseuphorie zum Verhäng- die Monarchie in den
nis.AlleseineKonzertewerden Krieg (oben). Die Wiener
abgesagt, die New York Times Philharmoniker unter-
berichtet über Kreislers Sym- stützen mit dem
pathien für das Kaiserhaus. Er Erlös ihrer Konzerte
ist ein „verdächtiger Auslän- die Opfer des Krieges
der“. (Plakat rechts)
Der Komponist Arnold
Schönberg unterstützt per-
sönlich mit seiner kreativen ler und Intellektuelle glaub- Zentrum – Peripherie, der mit „Ich fühle mich vielleicht zum derwirbelten, werden sich der gen ist bezeichnend: Finanzier
Schaffenskraft die national- ten, in dem Krieg einen Befrei- Krieg gelöst werden sollte. erstenMalseit30JahrenalsÖs- Historiker Rathkolb und die der Konzerthalle war der ame-
chauvinistische Kriegsbegeis- ungsschlag zu sehen, der ei- terreicher.“ Und den Aus- Wiener Philharmoniker bei ih- rikanische Industrielle, Stahl-
terung. So komponierte er ne neue Welt und einen neu- Mutige Tat bruch des Krieges und das rer Tour durch die USA Ende Tycoon und Philanthrop An-
noch1916alsdiek.u.k.Armee en Menschen schaffen würde Universitätsprofessor Rath- „skrupellose Vorgehen“ des Februar widmen. drew Carnegie (1835–1919),
bereits am Ende war den und die massiv spürbaren Blo- kolb sieht in der Verherrli- k.u.k. Außenministers gegen- Rathkolb nimmt an einer derseinGeldinzahlreicheFrie-
Marsch „Die Eiserne Brigade“ ckaden der ,Friedenszeit‘ lö- chungdesKriegesdurchdieda- über Serbien interpretierte Konferenz- und Diskussionsse- densstiftungen und Kulturein-
für einen Kameradschafts- sen könnte.“ malige Kunst- und Kultur-Schi- Freud als „das Befreiende der rie an renommierten US-Uni- richtungen investierte.
abend. In Schönbergs Briefen In der cisleithanischen ckeria eine Reaktion auf die mutigen Tat“. versitäten teil, die Wiener Phil-
istnachzulesen,wiesehrerfür Reichshälfte kam als dritter erste Globalisierungswelle. Dem Scheitern der Moder- harmoniker geben sieben Kon- Symbolisches Konzert
den Nationalismus brannte. Grund „die komplexe Identi- Laut Rathkolb brachte Sig- ne, der Rolle der Künstler und zerte in der Carnegie Hall in Zum Programm-Schwerpunkt
täts- und Nationalitätenfrage mund Freud diese Befindlich- den dynamischen Globalisie- New York (siehe Bericht unten) der Wiener Philharmoniker
Deutsche Kultur des Habsburger Imperiums da- keit auf den Punkt: 1914 sagte rungseffekten, die die damali- und in Los Angeles. Die Carne- aus Anlass des 100. Jahresta-
Warumerhobdieintellektuel- zu“. Es war auch ein Konflikt der Vater der Psychoanalyse: ge Gesellschaft durcheinan- gie Hall als Ort der Aufführun- ges des Ausbruchs des Ersten
le und kulturelle Elite, die Re- Weltkrieges gehört auch ein
präsentantender„ersten“Mo- ······························································ Konzert am 28. Juni in Saraje-
FRANZ GRUBER

FRANZ GRUBER

derne in Wien und in ande- Konzerte & Geschichte vo. Das weltbekannte Orches-
ren Zentren der Habsburger ter wird in dem ehemaligen
USA-Tournee, Feb./März 2014
Doppelmonarchie, nicht ihre Rathaus, heute ist es die Natio-
Die Wiener Philharmoniker treten
durchaus hörbare Stimme ge- nalbibliothek, der „Vijecnica“,
im Rahmen der Vienna-City-of-
gen den Krieg? Historiker auftreten.
Oliver Rathkolb nennt drei Dreams-Wochen in der Carnegie Der österreich-ungarische
Gründe. Hall in New York City auf. Erzherzog und Thronfolger
Erstens: „Viele von den Konzerte in Kalifornien ergänzen Franz Ferdinand besuchte das
Künstlernwarenvonderdeut- die USA-Tournee. Parallel dazu Rathaus am 28. Juni 1914 zwi-
schen Kultur geprägt, sie initiierte Oliver Rathkolb schen dem ersten auf ihn ge-
glaubten ihre kulturellen (Universität Wien) in New York richteten Attentatsversuch
Wurzeln verteidigen zu müs- und an der University of unddemzweiten,tödlichenAt-
sen.“DahintersteckteeineArt California, Berkeley, Konferenzen tentat. „Es ist alles andere als
„Urangst um die deutsch-ös- zum Thema „1914–2014: ein Konzertsaal, aber ein sym-
terreichische Zivilisation“. Looking Back into the Future: bolischerOrt“,sagtPhilharmo-
Ein zweiter Grund war Lessons from World War I and niker-Vorstand Clemens Hells-
die rasante Entwicklung der Vienna’s Fin du Siècle Culture“. berg. Er kündigt auch an, die
„ersten“ Globalisierung ab Geschichte der Philharmoni-
1850/1870, die gerade im au- „Der Erste Weltkrieg ist das Sarajevo, 28. Juni 2014 „Viele Künstler und Intellektuelle ker im Ersten Weltkrieg aufar-
toritären Österreich-Ungarn Schlüsselereignis für alle Zum 100. Jahrestag der Thron- glaubten, der Krieg sei ein beiten zu lassen. „Es geht um
keine sozio-kulturelle Ände- Folgekatastrophen des folger-Ermordung geben die Phil- Befreiungsschlag, der einen die Geschichte der Politisie-
rung nach sich zog, sondern harmoniker ein Gedenkkonzert. rung des Orchesters.“
die gesellschaftlichen Kon- 20. Jahrhunderts.“ Bundespräsident Fischer nimmt teil. neuen Menschen schaffen würde.“ Morgen: Der Erste Weltkrieg war
flikte verstärkte. „Viele Künst- Clemens Hellsberg Vorstand Wiener Philharmoniker ······························································ Oliver Rathkolb Uni-Professor für Zeitgeschichte auch der erste Medienkrieg
Donnerstag I 9. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
11

Die Bilder des Krieges


Der erste Medienkrieg. Praktisch alle Kampfbilder sind gestellt, hat Fotohistoriker Holzer festgestellt
FRANK HURLEY

FRANK HURLEY/STATE LIBRARY OF NSW


ZEITENWENDE
WENDEZEIT
SERIE: KURIER.AT/1914

VON INGRID TEUFL

WIKIMEDIA.ORG
Fälschung (li.) und
Mitten im Pulverdampf, ir- Realität (re.): In
gendwo an der Westfront in sein Bild The Mor-
Flandern, im Oktober 1917. ning after the First
Australische Truppen kämp- Battle of Paschen-
fen erbittert gegen die Deut- daele montierte
schen. Soldaten erklimmen Hurley (o.) Wolke
den Rand des Schützengra- und dramatische
bens – der australische Foto- Sonnenstrahlen
graf Frank Hurley drückt ab.
Begeistert, motiviert. Die Aus-

FRANK HURLEY/STATE LIBRARY OF NSW/PXD 26/77


arbeitung seiner Glasplatten-
Negative ernüchtert den be-
rühmten Dokumentarfilmer.
„Alles, was ich auf den Bil-
dern finde, sind die Spuren ei-
nigerFigurenundlauterDunst
im Hintergrund.“
Immer wieder habe er ver-
sucht, die Schlachten „auf ei-
nem einzigen Negativ“ festzu-
halten, sagte er nach dem
Krieg. Er schaffte es nicht.
Berühmtmachtenihnsei-
neBilderdennoch.Eristeiner
jener Fotografen, die bis heu-
te für die Bilder verantwort-
lich sind, die wir vom Ersten
Weltkrieges im Kopf haben
(siehe rechts). Dabei hat Hur- „Over the top“ ist eines der bekanntesten Bilder des Ersten
ley sie aber aus Einzelbil- Weltkriegs. Hurley komponierte es aus zwölf Einzelaufnahmen
dern komponiert.
„Es wird permanent mit
Bildern operiert, die gestellt galt als unmittelbarer. Es gab schen Ländern. Im Londoner front verlegt. Im Grunde hat Bücher zum
sind“, sagt der Wiener Foto- mehr als 100 Kriegsmaler Imperial War Museum gibt er nichts anderes als Foto- Thema: „Die
historiker Anton Holzer und und nur ein Dutzend Kriegs- es viele solcher Fotos, die vor- montagen gemacht. Das wa- andere Front“
erklärtimKURIER-Gespräch, fotografen. 1918 gab es geblich aus dem Ersten Welt- ren keine Pressebilder, die (25,60 €, ganz
wie Fotografen und ihre Bil- durchwegs einen fotografier- krieg stammen, aber bei in Zeitungen veröffentlicht, links) und „Die
der den großen Krieg beein- tenKriegundkeinengezeich- Spielfilmen entstanden. sondern in Ausstellungen ge- letzten Tage der
flussten. neten mehr. Die Fotografen zeigt wurden. Menschheit“
bestimmtendasBilddesKrie- Wie soll man heute mit diesen (29,90 €, links),
KURIER: 1914 waren Fotografie ges.Siewarenprivilegiert,im Bildern umgehen? Wie erkennt man gestellte beide von
und Film noch sehr jung. Wie ge- UmfeldvonOffizieren.Selbst Fotos sind keine unschul- Bilder? Anton Holzer,
lang ein moderner Medien- und wurden sie gar nicht erst bis digenDokumente,solcheaus Daran,dassdieFotografen Primus-Verlag
Propagandakrieg? an die Front vorgelassen. dem Krieg muss man kritisch eine Position einnahmen, bei
Anton Holzer: Im Ersten Welt-
krieg fand eine große media-
Man hat auch nicht erwar-
tet, dass sie ihre Kamera
lesen. Ich sage nicht, dass
man diese Bilder nicht zei-
der sie in der Realität niemals
überlebt hätten. Zum Bei- Als Zeitungen mit weißen
Flecken erschienen
le Umwälzung statt. Neu ist, über den Schützengraben hi- gen soll. Aber man sollte da- spiel, wenn der Fotograf er-
dass Fotos eine unglaubliche naushalten. zusagen,dasssiegestelltsind. höht steht. Etwa: Alle sind ver-
Verbreitung erlangten, weil Die Bedingungen, unter de- schanzt, aber der Fotograf
ihre Vervielfältigung in Zei- Das erinnert an das Konzept nen die Fotografen arbeite- steht hoch oben. Da, wo er so- Zensur. Sie zeugen auch DieseweißenFleckenwa-
tungen möglich wurde. So der „embedded journalists“ ten, sollten offengelegt wer- fort erschossen worden wäre. 100 Jahre danach davon, wie ren Auslassungen im Text.
wurden sie einer großen Öf- aus den Irak-Kriegen. den. Insofern ist unser heuti- genau das offizielle Öster- „Sie entstanden, weil die Zen-
fentlichkeit zugänglich. Neu In meinen Augen wurde gesBildvomErstenWeltkrieg Kaiser Karl ist, im Gegensatz reich-Ungarnseinestaatliche sur manchmal noch in letzter
war auch, Fotografie als Pro- das Konzept der militärisch sogar missverständlich, weil zu Kaiser Franz Joseph I., sehr Kontrolle nahm: „Weiße Fle- Minute vor dem Druck Inhal-
pagandamedium zu nutzen. gelenkten Propaganda erst- hier mit Bildern operiert häufig auf Fotos zu sehen. cken in den damaligen Zei- teverbotenhat.“Möglichwar
Die Militärs waren anfangs mals im Ersten Weltkrieg wird, die durchwegs nicht an Er war ein Medien-Kaiser. tungen waren der offensicht- dies durch den verhängten
skeptisch.ImLaufdesKrieges durchgeführt. Die Journalis- der Front entstanden sind. Er hat sich 1916 gleich einen liche Auswuchs dieser stren- Ausnahmezustand. Den Be-
kamen sie drauf, dass Foto- tenwarenwirklich„eingebet- Medientross mit Leibfotogra- gen Pressezensur“, sagt Ta- hörden war sogar erlaubt, die
grafienvielunmittelbarerbe- tet“. Eine wichtige Maßnah- Wie die komponierten Bilder fen zugelegt und ließ sich als mara Scheer. Die Histo- Briefe von Diplomaten neu-
richten können als Texte. me war, dass alle Journalis- Frank Hurleys? Held des Krieges darstellen. rikerin forscht am Ludwig traler Staaten zu öffnen.
ten akkreditiert sein muss- Er ist in gewisser Weise ei- In den Bildern sehe ich übri- Boltzmann Institut für Verantwortlich für Zen-
Wie schauten die ersten Fotos tenundnichtaufeigeneFaust ne herausragende Figur. Er gens einen martialischen Historische Sozialwissen- surmaßnahmen war seit Juli
vom Krieg aus? arbeiten durften. So wurden war vor dem Krieg recht Herrscher und nicht den Frie- schaft in Wien über den Ers- 1914 das k.u.k Kriegs-
Es waren gar keine Fotos, sie auch kontrolliert. bekannt als Fotograf einer den suchenden Kaiser, wie es ten Weltkrieg. In ihrem Buch überwachungsamt. Tamara
sondern Zeichnungen. Das Antarktis-Expedition, wurde oft vermittelt wird. „Die Ringstraßenfront“ fass- Scheer: „Dieses Amt war Teil
kommt noch aus dem 19. Wie authentisch sind Bilder aus 1916 als Teil der australi- Morgen: Wie der Krieg technische te sie die Schwerpunkte zu- der Front gegen die eigene
Jahrhundert, die Zeichnung dem Ersten Weltkrieg? schen Truppen an die West- Innovationen vorantrieb sammen. Bevölkerung“.
Ich bin durch meine For-
schungen zu dem Schluss ge-
ARCHIV ANTON HOLZER

ÖNB

ÖNB

kommen, dass praktisch alle


Kampfbilder aus dem Ersten
Weltkrieg gestellt sind. Das
war bis vor Kurzem nicht in
dieserDimensionbekannt.Es
wird permanent mit Bildern
operiert, die gestellt sind,
diehinterderFrontbeiÜbun-
gen entstanden sind.

Bewusste Irreführung?
Nicht unbedingt, das ha-
ben alle gewusst. Vieles, was
heute als Kampfbilder zirku-
liert, entstand in den 1920er-
Selbst-Inszenierung: Fotografen Jahren bei Filmaufnahmen, Die typische Kampfszene von der österreichischen Isonzofront ist ... im Gegensatz zum Fotografen dieses Bildes. Ebenfalls an der
waren nicht an vorderster Front vor allem in den angelsächsi- laut Anton Holzer nicht gestellt – der Fotograf geht in Deckung ... Isonzofront steht er noch höher als die sich duckenden Soldaten.
Freitag I 10. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
21

Ein Weltkrieg macht Fortschritt


Wissenschaft. Der erste industrialisierte Krieg war auch ein Wettlauf von Forschung und Technik

INST. FÜR HISTOR. BILDFORSCHUNG

INSTITUT FÜR HIST. BILDFORSCHUNG


ZEITENWENDE
WENDEZEIT
SERIE: KURIER.AT/1914

VON KONRAD KRAMAR


Eigentlich war es nichts als
Vogelkot, zusammenge-
kratzt in der Wüste Chiles,
doch genau der war jetzt im
Herbst 1914 nicht mehr zu Giftgas: Die deutsche Chemieindustrie entwickelte neue Waffen
bekommen. Die britische
Seeblockade hatte das deut- wurden neue Techniken und undKleidungnichtmehrgab,
sche Reich und dessen Rüs- Materialien perfektioniert. wurden hergestellt. Man
tungsindustrie von einem ih- Der Krieg gegen Italien in schickte Uniformen aus
rer wichtigsten Rohstoffe ab- den Alpen machte den Trans- Brennnesselfasern an die
geschnitten. Der sogenannte port in Gipfelhöhen durch Front und steckte Bräutiga-
Chilesalpeter war die Grund- unwegsames Gelände not- meinAnzügeausPapier.Vom
lage für die Produktion von wendig. Die Lösung waren Kunsthonigpulver bis zur
Sprengstoffen und Muniti- Seilbahnen,wieessieindieser Teerum-Essenz gab es für
on, und von der brauchte die Länge und dieser Leistungsfä- Hunderte Lebensmittel Er-
Artillerie der Mittelmächte higkeit noch nicht gegeben satzstoffe. Das ging soweit,
täglich Tonnen. hatte. Ähnlich innovativ war dass man gegen Kriegsende
Im September 1914 wur- manbeimEisenbahnbau.Hier sogarSuppenausSteckrüben
de Carl Bosch, stellvertreten- ging es vor allem darum, Ma- – andere Gemüse gab es
der Direktor der BASF des- terial auf rasch eingerichte- nicht mehr – mit Ersatzstof-
halb ins Kriegsministerium ten Strecken möglichst nah fenzustreckenversuchte.Die
zitiert. Die Zusage, die der an die Front zu bringen. Eige- Hungersnot in Wien konnte
Chemiker den versammelten ne Eisenbahntruppen waren ein Mittel namens „Brassi-
Militärs dort machte, sollte nur damit beschäftigt, diese cum“, das nur noch aus Was-
als „Salpeterversprechen“ Schmalspurbahnen in kürzes- ser und Zellulose bestand, al-
Kriegsgeschichte schreiben. terZeitzuerrichtenundzube- lerdings nicht lindern.
Von nun an sollten die treiben. Morgen: Das die traumatisierte Gene-
Sprengstoffe für die deut- ration – Kriegshelden kehren als Kriegs-
sche Artillerie nicht mehr Luftpost versehrte zurück.
aus Vogelkot, sondern durch Noch rasanter war die Ent-
eine neuartige Synthesetech- wicklung in der Luftfahrt.
nik in den BASF-Labors her- Flugzeuge, vor Beginn des ······························································
gestellt werden. KriegesvondenMilitärsnoch Forschung im Krieg
Die deutsche Chemie, da- als Lachnummer abgetan,
Medizin
mals weltweit führend, sollte wurden gegen Ende des Krie-
Verletzungen und psychische
aber mit ihren Leistungen ges zur ernsthaften Waffe.
Schäden bisher ungeahnten
nicht nur millionenfachen Neue Propeller, Motoren,
Tod, sondern nach dem Krieg aber auch der Flugfunk wur- Ausmaßes ermöglichen Ärzten
auch friedlichen Fortschritt den im Krieg entwickelt, die Erkenntnisse über Funktionen des
möglich machen. Von den filigranen Konstruktionen Körpers, etwa der Hirnregionen.
Sprengstoffen hin zu einer aus Holz und Stoff wurden
neuen Generation von chemi- durch Leichtmetall-Bauwei- Chemie
schen Düngemitteln war es se abgelöst. All das machte Die Herstellung von
nur ein kleiner Schritt. die Flieger so leistungsfähig, Kampfstoffen, aber auch von
Doch die Herausforde- dass sie nach dem Krieg erst- Ersatzstoffen für fehlende
rungen des ersten industriel- mals großflächig für Luft- Nahrungsmittel treibt die
len Krieges sollten nicht nur transporte,etwadieLuftpost, chemische Forschung voran.
die chemische Industrie und eingesetzt werden konnten.
Forschung vorantreiben. Mit Erfindungsreichtum Nachrichtentechnik
In den technischen Hoch- versuchte man auch Versor- Die drahtlose Telegrafie über Funk
schulen, auch der k. u. k.- gungsengpässe zu umgehen wird für Kriegseinsätze, etwa bei der
Monarchie, die ihre For- und die Not der Zivilbevölke- Marine, perfektioniert, neue
schungen bald völlig auf den rung zu lindern. Ersatzstoffe Verschlüsselungstechniken entwickelt.
Krieg ausgerichtet hatten, Materialtransport für den Krieg im Hochgebirge: Seilbahnen wurden immer länger und leistungsstärker für alles, was es an Nahrung ······························································

BUCHTIPPS
Der Alltag einer Der Weg in den Der Thronfolger Franz Ferdinands Eine Kriegsbilanz 20 Beiträge zum
Stadt im Weltkrieg Krieg in Anekdoten wird seziert letzte sieben Tage in Bildern großen Krieg
Wer sich von den 700 Seiten Ein erfahrener Fremdenfüh- Wer die unendliche Abfolge Spurensuche von Böhmen bis Ein Bild sagt oft mehr aus als EinSammelbandzurinterna-
dieses wuchtigen Sammel- rer wie Johann Szegö weiß, an Klischees, an Lobhudelei- Bosnien: Autor Gerbert inspi- eineganzeBibliothek,dachte tionalen Weltkriegsfor-
bandes nicht abschrecken wie man Geschichte am bes- en und Verteufelungen Franz ziert die Stätten, an denen Guido Knopp. Wie viel mehr schung: Zwanzig Beiträge
lässt, kann eine wirklich le- ten in Geschichten verpackt. Ferdinands satt hat, findet in Franz Ferdinand vor dem At- können 100 Bilder erzählen? beleuchten unter anderem
bendige und eindrucksvoll il- Der Weg von Sarajewo in den dieser Biografie eine tiefgrei- tentat haltmachte, vergleicht Das ist die Zahl von Fotografi- die sogenannte „Heimat-
lustrierte Darstellung des All- Krieg führt bei ihm von Anek- fende Auseinandersetzung damals mit heute. Er erhellt en, Gemälden und Zeichnun- front“, verschiedene Kriegs-
tags in Wien während des dotezuAnekdote,ohnedabei mit dem Thronfolger und der die Psyche des schroffen gen anhand derer der deut- schauplätze und versuchen
Weltkriegs erleben. Von auf die wichtigen Fakten und Welt – auch der geistigen – in Thronfolgers – dieses, wie er sche Historiker und Journa- diesen ersten weltumspan-
Kochrezepten gegen die politischen Hintergründe zu dererlebte.DieBeziehungzu formuliert,„Klaus Kinski der list Bilanz über den Ersten nenden Krieg zwischen 1914
Hunger-Epidemie über die vergessen. Gelegentliche Franz Joseph wird seziert Habsburger“. Und er wirft ei- Weltkrieg zieht und die Ge- und 1918 in die Ereignisse
Spitäler im Kriegseinsatz bis Ausflüge ins Kuriose machen und macht sein Scheitern nen genauen Blick auf die Un- schichten der Menschen auf des 20. Jahrhunderts einzu-
hin zur Propaganda. es noch leichter lesbar. nachvollziehbar. gereimtheiten des Attentats. den Kriegsbildern erzählt. betten.
Alfred Pfoser, Andreas Weigl (Hg.): Wolfram
„Im Epizentrum des Zusammen- Frank Gerbert: Dornik, Julia
bruchs, „Endstation Walleczek-
Wien im Ers- Johann Szegö: Sarajewo“. Fritz, Stefan
ten Welt- „Von Sarajewo Jean Paul- Die letzten Guido Knopp: Wedrac (Hgb.):
krieg“ bis Bad Ischl“, Bled: „Franz sieben Tage „Der Erste „Frontwechsel“.
Metroverlag. Vom Attentat Ferdinand“. des Thronfol- Weltkrieg“. Die Österreich-Un-
692 Seiten bis zur Kriegser- Der eigensinni- gers Franz Ferdi- Bilanz in Bil- garns ,Großer
mit zahlrei- klärung, ge Thronfolger. nand. Kremayr dern. Edel Krieg’ im Ver-
chen 224 Seiten, Böhlau-Verlag. & Scheriau. Books. 384 gleich. Böhlau-
Abildungen. Metroverlag, 322 Seiten. 224 Seiten. Seiten, Verlag. 466 Sei-
35 Euro. 19.90 Euro 35 Euro 22 Euro 25,70 Euro ten. 69 Euro
····························································· ····························································· ····························································· ····························································· ····························································· ·····························································
KURIER-Wertung: DDDDD KURIER-Wertung: DDDDD KURIER-Wertung: DDD”D Wertung entfällt, erscheint am 24. 2. KURIER-Wertung: DDDDD KURIER-Wertung: DDD”D
Montag I 13. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
7

Alltagskultur. Der Krieg läutete einen großen Umbruch ein. Und der Angelpunkt waren die Frauen

Als die Gegenwart geboren wurde

GABRIELLA HAUCH, ARCHIV DER STATD LINZ


Bald nach Kriegsbeginn drängten Frauen auf Männerarbeitsplätze, wo sie auch mehr verdient haben. In Linz wurden beispielsweise schon im Sommer 1915 die ersten Schaffnerinnen eingestellt

einen vielbeachteten Bestsel-


ARCHIV DER STADT LINZ, GABRIELLA HAUCH

ARCHIV DER STADT LINZ, GABRIELLA HAUCH


ler geschrieben.
Wie heute wurden Zei-
ZEITENWENDE tungen und Gespräche domi-
niertvonneuenKommunika-
WENDEZEIT tionsmitteln, Terrorismus
und dem brüchigen Sozialge-
SERIE: KURIER.AT/1914 füge. Damals wie heute
waren die Menschen über-
wältigt von dem Gefühl, in
VON SUSANNE
MAUTHNER-WEBER einer sich beschleunigenden
Welt zu leben, die ins Unge-
„Eine Welt ging zu Ende, wisse rast. Massenproduzier-
eine andere entstand. Ich Anstellen um Lebensmittel: Der Hunger trieb Frauen in den Streik Neue Jobs, etwa in der Industrie, stärkten auch das Selbstbewusstsein te Güter und Elektrizität be-
hatte das richtige Alter für gannen das Leben zu domi-
dieses neue Jahrhundert. Es fach auch mehr verdient hat.“ Provinzstädten wie Linz. war da auch eine große Des- chen wir eine Fristenlösung? nieren, die Globalisierung
wandte sich logischerweise SowurdeninLinzbereits1915 ,Wer trägt den Bubikopf‘, wur- orientierung.DerWegfalldes – Therese Schlesinger, Sozi- brachte Fleisch aus Neusee-
an mich, um sich in der Klei- dieerstenSchaffnerinnenein- de in Zeitschriften diskutiert. Vaters Kaiser“, sagt Hauch. aldemokratin der ersten land, Mehl aus Kanada und
dung zum Ausdruck zu brin- gestellt, und auch die metall- ,Wir Frauen, die wir uns nicht „Frauen diskutierten, ob Stunde, machte sich gar Ge- verursachte den Niedergang
gen. Es brauchte Schlicht- verarbeitende Industrie mehr als Puppen verstehen Männer als Verursacher die- danken über das Wohnen des Adels mit, dessen Wohl-
heit, Bequemlichkeit, klare nahm Frauen auf. und nicht mehr am Gängel- ses Krieges überhaupt noch und wie wichtig Gemein- stand vielfach auf der Land-
Linien. Dies alles konnte ich Trotzdem: Die Arbeitsbe- band der Männer hängen wol- das Recht hätten, die weitere schaftswaschküchen und wirtschaft beruhte. Sie brach-
bieten.“ Also sprach Coco dingungen waren katastro- len.‘ Es wurde als bewusstes gesellschaftlicheSituationzu lichtdurchflutete Küchen für teaberaucheinenneuenMen-
Chanel und traf damit den phal, die Lebensmittelversor- Zeichen eingesetzt.“ bestimmen.“ Überhaupt sei ein friedlicheres Miteinan- schentypen: den Ingenieur,
Nerv der Zeit. gung war schlecht. Hauch: es unglaublich, was damals der von Mann und Frau sind. Forscher, Spezialisten.
Was eine Modeschöpfe- „All das hat ab 1917 in „Ein neues Lebens- diskutiert wurde: Siepostulierte,dassVäterdas
rin mit dem Ersten Weltkrieg Streiks gemündet. Zu An- – Wir wollen nicht mehr Recht darauf haben, Väter Das Erbe jener Zeit
zu tun hat? Viel, denn abge- fang waren es wilde Streiks, gefühl begann.“ Fräulein genannt werden, zu zusein,beidesolleninKarenz „Unsere heutige Welt samt
schnittene Röcke und Haare geführt von Frauen, die aus Gabriella Hauch unverheirateten Männern gehen dürfen. Zu Beginn des ihren Ungewissheiten wuchs
waren das äußere Zeichen ei- der Not heraus ihr Leben ver- Historikerin sagt auch niemand Herrlein. 20. Jahrhunderts! aus den Erfindungen und Ge-
ner neuen weiblichen Innen- bessert wissen wollten. Und – Soll man den Mann als „Damals begann eine um- dankenjenerungeheuerkrea-
welt. „Ein neues Lebensge- das hat vieles angeschoben.“ Kurze Röcke, keine Korsetts Haupt der Familie und damit fassende, alle Schichten tiven Jahre“, beschreibt Histo-
fühl begann“, analysiert die Und dann sind die Män- – Aufbruchstimmung über- die patriarchale Ehe abschaf- durchdringende Diskussion rikerBlom.„WirsinddieErben
Historikerin Gabriella Hauch ner aus dem Krieg heimge- all.Wirmachenunseineneue fen? über das Frauenwahlrecht. der gigantischen Transforma-
vonderUniversitätWien.„Der kommen „und haben andere Welt,lagalsMottoinderLuft. – Sollen Männer Hausarbeit Auch dafür war der Krieg Ka- tion,diedasrasendeEuropain
Angelpunkt wardieFrau,ihre Frauenvorgefunden.Frauen, „Einerseits. Andererseits machen müssen, und brau- talysator“, sagt Hauch. Zwi- denerstenJahrendes20.Jahr-
neue Position, die sie aufge- denen es auch nicht gut ge- schen 1918 und 1922 erstrit- hunderts durchlebte.“
drängt bekommen hat, und gangen ist, die es aber ge- BUCHTIPPS ten Frauen in weiten Teilen Und Gabriella Hauch er-
ihr neues Selbstbewusstsein, wohnt waren, das Leben zu Europas das Stimmrecht. gänzt: „Die ersten Wahlen
das sie nicht mehr aufgeben organisieren, zu entschei- „Zum neuen Lebensgefühl nach dem Krieg 1919 brach-
wollte.“ den. Die Männlichkeit war gehörte es auch, links zu ten eine große Koalition un-
plötzlich eine brüchige.“ sein.DieAbschaffungderPri- ter Führung der Sozialdemo-
Männerarbeitsplätze Wahlrecht, Streiks, Ände- vilegien war Zeitgeist. Frau- kratie, die nach eineinhalb
In der Monarchie ist die Frau- rung der politischen Kultur, en-Emanzipation inklusive.“ Jahren zerbrach. Aber in die-
en-Erwerbstätigkeit immer verletzte Männlichkeit: Die Es war eine Ära des Um- sen eineinhalb Jahren wurde
sehr hoch gewesen. Für das Schlagworte sprudeln nur so bruchs, mit neuen Technolo- die Basis für unser heutiges
zweite Drittel des 19. Jahr- aus der Historikerin heraus. gien, globaler Wirtschaft, Sozialversicherungssystem
hunderts hat Hauch die Zah- „Der Erste Weltkrieg war ein Kämpfen zwischen den Ge- gelegt, für die Urlaubsrege-
len: „Damals stellten Frauen Mobilisator für die Frauen.“ schlechtern und psychischen lung, die Arbeitslosenversi-
42 Prozent der Erwerbstäti- Die Alltagskultur hat sich to- Gabriella Hauch: „Frau- Philipp Blom: „Der Antonia Meiners: „Die Krankheiten–unsererZeiter- cherung. Da hat sich ganz viel
gen. Doch während des tal verändert. „Das Zöpfe-Ab- en.Leben.Linz“. Eine taumelnde Konti- Stunde der Frauen“. Zwi- staunlich ähnlich, diagnosti- verändert, von dem wir heute
Frauen- und Geschlech- nent“. Europa 1900 – schen Monarchie, Welt-
Kriegs sind sie auf andere Ar- schneiden war ein Befrei- tergeschichte im 19. 1914. Carl Hanser krieg und Wahlrecht. ziert auch Philipp Blom. Der noch profitieren.“
beitsplätze gekommen – Män- ungsschlag. Nicht nur in und 20. Jahrhundert. Verlag. 528 Seiten. 144 S. Elisabeth-Sand- deutsche Historiker hat mit Morgen: War das Ende des Ersten
nerarbeitsplätze, wo man ein- Wien,sondernauchinkleinen 800 Seiten, 38 Euro. 25,90 Euro. mann-Verlag. 25,70 Euro. „Der taumelnde Kontinent“ der Anfang des Zweiten Weltkriegs?
Dienstag I 14. Jänner 2014 k u r i e r. a t
SERIE
7

Bogen. Warum Erster und Zweiter Weltkrieg sowie Zwischenkriegszeit unentwirrbar in Verbindung stehen

Eine Kette von Katastrophen

ULLSTEIN BILD/PICTUREDESK.COM
GERHARD DEUTSCH

Mobilisierungsbefehl von Kaiser Franz Joseph vom 25. Juli 1914. Das Original liegt im Staatsarchiv

Finanz- und Spekulationskri- bekannt sind für die Men-


se 1929, ohne dem schwar- schen auch Demokratie und
zen Freitag 1931, ohne dass Republik. „Die neue Welt,
ZEITENWENDE ein ganzes System krank und
tot spekuliert worden wäre.
die aus dem Ersten Welt-
krieg herauskommt, ist nicht
WENDEZEIT Die Massenarbeitslosigkeit gefestigt“, betont Madertha-
hat den Faschismus befördert ner, Mitautor des großarti-
SERIE: KURIER.AT/1914 und attraktiv werden lassen.“ gen Bildbandes „Untergang
Sein Fazit: „Man kann den einer Welt“ (siehe Buchtipp). Ostfront 1917: Die Erfahrungen der Schützengräben, das Stahlbad, durch das viele Soldaten gegangen
,Dreißigjährigen Krieg‘ aus Zum Verständnis des Zu- sind, militarisierte und traumatisierte die neue Generation nach dem Ende des Ersten Weltkrieges
der ersten Hälfte des 20. Jahr- sammenhanges zwischen bei-
VON MARGARETHA KOPEINIG
hunderts ohne die ökonomi- den Weltkriegen gehört in Ös-

AKG-IMAGES/PICTUREDESK.COM
„Der verschenkte Frieden. schenVerwerfungen,ohnedie terreich auch der noch immer
Warum auf den Ersten Welt- fatalen Auswirkungen der ungelöste Streit über die Zeit
kriegeinzweiterfolgenmuss- Weltwirtschaftskrise, nicht dazwischen. „Die Zwischen-
te“ – der provokante Titel verstehen.“ kriegszeit oder das Jahr 1938
war der Aufmacher des deut- wirdinÖsterreichnochimmer
schen Nachrichtenmagazins Militarisiertes Denken sehr isoliert gesehen.“ Für
Der Spiegel am 6. Juli 2009. Dem ökonomischen Desas- manche ist es aber klar, was
Eine heftige Auseinander- ter und der großen Depressi- es war: „Es hat den Austrofa-
setzung unter Historikern be- on lag eine Stimmungslage schismus gegeben“, sagte bei
gann. Vom „Dreißigjährigen zugrunde, die unmittelbare den Republiksfeiern 2013 der
Kriegim20.Jahrhundert“war Folge des Massensterbens im angesehene israelische Publi-
die Rede, Geschichtsforscher Ersten Weltkrieg war. „Das zist Ari Rath, Ex-Herausgeber
spannten sogar den Bogen Denken und Fühlen der Men- der Jerusalem Post.
vom Ersten Weltkrieg bis zu schen war militarisiert und In Österreich hat sich in
den Kriegen in Ex-Jugoslawi- traumatisiert, es resultierte der Zwischenkriegszeit das
en und den Zerfall des ehema- aus der Erfahrung der Schüt- Gefühl verstärkt, der Staat sei
ligen Tito-Landes in den zengräben und geht ganz nicht überlebensfähig. „Es
1990erJahren.DieThese,wo- stark in Richtung Sozialdar- fehltediedemokratischeIden-
nachdieNachkriegszeitgleich winismus. Das Stahlbad, tität, es kam zu einer massi-
die Vorkriegszeit ist, wird er- durch das viele gegangen ven politischen Spaltung“, er-
neut diskutiert. sind,prägtedieneueGenera- klärt Maderthaner. Das rote
„Der Erinnerungsmara- tion, die scheinbar nicht be- Wien gegen das konservative
thon zum 100. Jahrestag des zwungen werden kann.“ Un- Land – das war die Frontlinie.
Ausbruchs des Ersten Welt- „Die Sozialisten in Wien pas-
kriegs macht uns sukzessive sen nicht in das System. Sie
STAATSARCHIV

klar, wie stark und unentwirr- müssen entfernt werden. Das


bar der Zweite mit dem Ers- ist die entscheidende Ausein-
ten Weltkrieg in Verbindung andersetzung.“
steht. Man beginnt erst lang- Linke und Sozialdemo- Februarkämpfe 1934: Die Gegensätze zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen führen zum
sam und mühsam, das zusam- kraten in Österreich träum- Bürgerkrieg. Truppen der Regierung von Engelbert Dollfuß sichern Gebäude in Wien gegen Aufständische
menzudenken, wie die Urka- ten von einem Anschluss an
tastrophe der Moderne in ei- ein demokratisches Deutsch-
VOTAVA

ner Kettenreaktion weitere land, die Sozialdemokratie


Katastrophen nach sich zog“, entwickelte die Idee einer
sagt der Chef des Österreichi- deutschen Republik. Nie-
schen Staatsarchivs Wolf- mand hat an Österreich ge-
gang Maderthaner. glaubt. Konservative haben
dem Kaiser nachgetrauert.
Hitlers Revanchismus Diese Situation führte
Allerdings, den Zweiten „Die EU ist die Synthese aus zum österreichischen Bür-
WeltkriegnurausdemErsten zwei Kriegen“: Maderthaner gerkrieg im Februar 1934.
Weltkrieg, aus dem Revan- Republikanischer Schutz-
chismus von Hitler und des bundundaustrofaschistische
Bruchs des Versailler Vertra- Heimwehr standen einander
ges zu erklären, ist für den gegenüber,mehrereHundert
Zeithistoriker „zu kurz ge- Tote sind die Folge.
griffen“. Was machte Hitler?
Er ließ 1935 mit dem Aufbau EU-Friedensprojekt
derallgemeinenWehrmacht, Die Kette der Katastrophen
der Luftwaffe und der U- wurde nach dem Ende des
Boot-Flotte den Friedensver- ZweitenWeltkriegesmitdem
trag von Versailles aus dem europäischen Friedenspro-
Jahr 1919, der jeden einzel- jekt gestoppt. „Aus der Serie
nen dieser Schritte explizit der Kriege wurde gelernt.
untersagte, einfach obsolet DieEUistdieSynthese“,resü-
werden. miert Wolfgang Madertha-
Maderthaner hält fest: Maderthaner/Hochedlinger:
ner. „Der Friedensnobelpreis
„Die Nazis hätten niemals zu „Untergang einer Welt. Der Große 2012 war noch nie sinnvol-
totalitärerunddiktatorischer Krieg 1914–1918 in Photographi- ler vergeben als an die Euro-
Gewalt aufsteigen können en und Texten“. Wien 2013. Brand- päische Union.“ Adolf Hitler kommt am 15. März 1938 nach Wien: Im offenen Wagen wird er die Ringstraße entlang-
ohne die erste große globale stätter-Verlag. 320 Seiten. 39,90 Euro Morgen: Das große Weltkriegsquiz gefahren, die Massen jubeln. Zwei Tage zuvor erfolgte die Annexion Österreichs an das Deutsche Reich