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Zurich Open Repository and

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University of Zurich
Main Library
Strickhofstrasse 39
CH-8057 Zurich
www.zora.uzh.ch

Year: 2015

Geschichte der Medizin

Edited by: Condrau, Flurin ; Barras, Vincent ; Steinke, Hubert

Posted at the Zurich Open Repository and Archive, University of Zurich


ZORA URL: https://doi.org/10.5167/uzh-115100
Edited Scientific Work
Published Version

Originally published at:


Geschichte der Medizin. Edited by: Condrau, Flurin; Barras, Vincent; Steinke, Hubert (2015). Schweiz:
Hans Huber.
Band 72 · Heft 7 · Juli 2015
ISBN 978-3-456-85481-6

Therapeutische Umschau
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Geschichte
der Medizin

Gastherausgeber
Prof. V. Barras
Prof. F. Condrau
Prof. H. Steinke
Antike Anatomien www.TherapeutischeUmschau.ch
William Harvey revisited
„Ausserhalb der Mauern“ – Irrenanstalten
Die Orthopädie – Errichtung einer medizinischen Disziplin
Das weit gereiste Bild in neurologischen Lehrbüchern (1850 – 1920)
Das gesunde Licht der Moderne
Zum Verhältnis von Humangentik und Eugenik im 20. Jahrhundert
Wie Vitamin C zu einem Allheilmittel werden konnte
Krankenhausinfektionen in englischen Krankenhäusern 1930 – 1960
Peptische Ulzera und Helicobacter pylori
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000704

Editorial 415

Wozu Medizingeschichte?
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Medizingeschichte entstand als eigen- die Berufsgruppe der akademischen tion zum Beispiel rund um die MMR-
ständige Disziplin aus der Medizin he- Ärzte im neunzehnten Jahrhundert Impfung (Masern, Mumps und Röteln)
raus. So war es für den ersten Schwei- von anderen Berufen im Gesundheits- auf, dass die Stimme medizinischer
zer Habilitanden, Henry E. Sigerist bereich abgrenzte. Oder sie untersucht Experten in den Medien sehr präsent
(1891 – 1957), noch ganz selbstver- den Sterblichkeitsrückgang seit 1850 ist und immer wieder auch klare Urtei-
ständlich, sich in der medizinischen und die Veränderungen des Krankhei- le über die sogenannten Impfverweige-
Fakultät der Universität Zürich zu ha- ten- und Todesursachenpanoramas. rer gefunden werden. Demgegenüber
bilitieren und vorwiegend Kontakte Heute ist Medizingeschichte im inter- tauschen sich Kritiker der Impfungen
innerhalb der Medizin aufrechtzuer- nationalen Kontext ein kleines, aber eher in eigenen Subkulturen und na-
halten. Für ihn war Medizingeschichte sehr vitales Fach, das auch in der türlich im Internet aus. Eine einfache
ein integraler Teil der Medizin. Erst in Schweiz voll professionalisiert in Bern, Suche nach Impfkritik bringt deshalb
seiner Zeit als Direktor des Institutes of Lausanne, Zürich mit eigenen Lehr- eine erstaunliche Vielfalt an Webseiten
the History of Medicine an der Johns stühlen verankert, aber auch in Genf, hervor, anhand der sich die Position der
Hopkins University in Baltimore ab Fribourg und Basel durchaus instituti- modernen Impfkritiker leicht nach-
1932 begann sich Sigerist der Tatsache onalisiert ist. Dabei ist ein Kennzei- vollziehen lassen. Eine vernünftige
zu öffnen, dass sich im angelsächsi- chen des beginnenden 21. Jahrhun- oder sogar verständigungsorientierte
schen Raum die Medizingeschichte viel derts die früher kaum denkbare Diskussion findet dagegen kaum oder
früher den Geschichtswissenschaften internationale Vernetzung: so koope- gar nicht statt. Daran kann die Medi-
zugewandt hatte. Sigerists Nachfolger riert etwa der Zürcher Lehrstuhl (wie zingeschichte einerseits natürlich
als Direktor des Instituts in Baltimore schon zu Zeiten Erwin Heinz Acker- nicht viel ändern. Andererseits kann
ab 1947, Richard Shryock (1893 – 1972), knechts) mit Baltimore, das Berner In- sie aber vor dem Hintergrund der lan-
war studierter Historiker. Heute stitut bearbeitet Akten aus Lambarene gen Geschichte der Impfung und ihrer
herrscht unserer Meinung nach weit- in Gabun und das Institut in Lausanne Gegner sofort darauf hinweisen, dass
gehende, auch internationale Überein- ist voll in die französischsprachige Me- Impfkritik eine ebenso lange Geschich-
stimmung, dass die Medizingeschichte dizingeschichte integriert. Wenn heute te hat wie die Impfung selbst. Man
ein historisches Fach ist. Der Gegen- in verschiedenen Schweizer Fakultäten möchte sagen: Impfkritik und Impf-
stand der Medizin wird seit den 1970er gerne von Medical Humanities gespro- propaganda bedingen sich in gewisser
Jahren demnach mit den historischen chen wird, dann können wir Medizin- Weise gegenseitig. Ein Fall, an dem sich
Methoden bearbeitet: so nimmt sich historiker davon berichten, dass schon das leicht nachvollziehen lässt, ist die
etwa die Wissenschaftsgeschichte der zu Sigerists Zeiten die Medizinge- Impfung gegen Pocken, die man mit
Medizin vor, die Medizin vor allem als schichte die Leitdisziplin der geistes- dem Namen des englischen Landarztes
Ort der Wissensproduktion zu verste- wissenschaftlichen Reflexion inner- Edward Jenner in Verbindung bringt.
hen. Wie etwa lässt sich die zunehmen- halb der Medizin war. Als in der Zunächst ist natürlich interessant,
de Hinwendung zur Bakteriologie seit Weltwirtschaftskrise nach 1929 die dass Jenner kein Wissenschaftler, son-
der zweiten Hälfte des neunzehnten Universität in Leipzig vor schwierigen dern eben Landarzt war, dessen Beo-
Jahrhunderts erklären? Wie interagier- Einsparungen stand, argumentierte Si- bachtung, dass Kontakt mit Kuhpocken
te die klinische Medizin mit der wis- gerist als Direktor des dortigen Insti- offenbar Menschen vor Ansteckung
senschaftlichen Medizin? Die jüngere tuts für Medizingeschichte, dass die schützen kann, nicht wissenschaftli-
Wissensgeschichte interessiert sich moderne Medizin ohne die Begleitung chen, sondern eher praktischen Moti-
darüber hinaus auch für Laienwissen. einer kritischen Medizingeschichte ven entsprang. Schliesslich hatte einige
So lässt sich im Hinblick auf die moder- undenkbar scheine. Jahre zuvor Lady Mary Wortley Monta-
ne Problematik des Internets aus histo- gu die Praxis der bewussten Übertra-
rischer Sicht über das historisch immer gung von Pocken (Variolation) zu ei-
vorhandene Laienwissen von Patien- Beispiel 1: Impfkritik nem hoffentlich günstigen Zeitpunkt
tinnen und Patienten nachdenken. bereits von Indien nach Grossbritanni-
Demgegenüber beschäftigt sich die So- Ein interessantes Beispiel für das Ver- en gebracht. Aber nach Jenners ersten
zialgeschichte der Medizin ganz im ständnis von Medizingeschichte als Erfolgen mit einem Impfstoff (Vakzina-
Sinne der allgemeinen Sozialgeschich- relevanten Teil der Medizin bietet die tion) tobte in Grossbritannien ab 1796
te vor allem mit Gruppen und Schich- Geschichte der Impfungen. Dabei fällt ein über hundertjähriger Kampf zwi-
ten. Sie fragt beispielsweise, wie sich mit einem Blick auf die aktuelle Situa- schen meist staatlichen Impfbefürwor-
Vincent Barras, Flurin Condrau, Hubert Steinke Wozu Medizingeschichte?

416 Editorial
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ten und lokaler Impfopposition. Dabei Etablierung der EBM ist nicht einfach (wie z. B. auch die Homöopathie). Erst
standen sich auch unterschiedliche eine neue, stabile Hierarchie entstan- mit der Entstehung der modernen Na-
Konzepte von Krankheit und ihrer Be- den. Die EBM selbst hat innerhalb nur turwissenschaft im 19. Jahrhundert
kämpfung gegenüber. So hiess es etwa weniger Jahre einen Wandel durchge- etablierte sich an den Universitäten
aus den Reihen von Kritikern „Sanitati- macht und ist von der anfänglich sehr eine sogenannte „Schulmedizin“, die
on not vaccination“, denn die Pocken- starren Hierarchie-Pyramide zu einer auf biomedizinischer Grundlage all-
impfung verbreitete sich zu einer Zeit, etwas offeneren Anerkennung anderer mählich feste Standards der Therapie
da umweltbezogene Krankheitskon- Formen von evidence gelangt. Es wäre entwickelte. Alles, was nicht mehr in
zepte vor allem auf die Bedeutung loka- naiv, zu glauben, damit sei die Entwick- dieses Schema passte, wurde zur Alter-
ler hygienischer Probleme hinwiesen lung nun abgeschlossen. Alle Erkennt- nativmedizin erklärt. Je nach Erfolg der
und die Bakteriologie bzw. die „Germ nisse aus der Medizingeschichte deu- Schulmedizin und Verfassung der Ge-
theory“ noch wenig Anhänger fand. ten darauf hin, dass wir auch in Zukunft sellschaft wandelten sich die Kräftever-
Impfkritik, so wäre deshalb aus medi- darum ringen werden, welchen Stellen- hältnisse. So gab es immer wieder Kri-
zinhistorischer Sicht zu kommentie- wert man den drei Hauptformen medi- sen der akademischen Medizin, die zu
ren, widerspiegelt also immer auch die zinischer Wissensgewinnung – ärzt- einer verstärkten Hinwendung zu al-
gesellschaftlichen Verhältnisse. licher Erfahrung, biomedizinischer ternativen Verfahren führten. Dieses
Grundlagenforschung und klinischen Auf und Ab begleitet uns seit gut 150
Studien – beimessen soll. Bestimmend Jahren. Wenn die bereits stark normier-
Beispiel 2: EBM dabei sind nicht nur wissenschaftliche te Schulmedizin jetzt, mit der Verfesti-
Erkenntnisse, sondern auch gesell- gung der EBM und ihrer Richtlinien,
Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte schaftliche und politische Verhältnisse. noch deutlicher klare Grundlagen und
der Evidence based medicine (EBM). Regeln der Therapie verlangt, so kann
Der 1990 geprägte Begriff legt nahe, daraus nicht eine Schwächung alterna-
dass man sich früher nicht darum be- Beispiel 3: Komplementärmedizin tiver Verfahren abgeleitet werden. Die
müht hätte, die Therapie auf evidence, Verbreitung der Komplementärmedi-
d. h. möglichst gut gesicherte Nachwei- Mit dem Ansatz der EBM versucht man zin hängt kaum davon ab, ob die EBM
se abzustützen. Aber natürlich haben auch seit einiger Zeit, eine der öffent- sie anerkennt oder nicht, sondern da-
die Ärzte schon zu Hippokrates' Zeiten lich breit diskutierten Fragen zu beant- von, welche Akzeptanz die Schulmedi-
gute Gründe für ihre Therapieverfah- worten: die Wirksamkeit komplemen- zin hat und was die sich fortlaufend
ren gehabt. Was sich im Laufe der Jahr- tärmedizinischer Verfahren. Als 2005 verändernde Gesellschaft von einer
hunderte geändert hat, ist die Auffas- eine grosse Metastudie im Lancet zum medizinischen Betreuung und Be-
sung, was denn als guter Grund zu Schluss kam, dass sich keine Wirksam- handlung erwartet.
gelten habe. Die wesentlichen Anforde- keit der Homöopathie über diejenige
rungen an heutige randomisierte Stu- des Placebo-Effekts hinaus nachweisen Die Medizingeschichte hat nicht den
dien (RCTs) wurden bereits von den lasse, betitelte die Zeitschrift das Edi- Anspruch, zu zeigen, welches positive
englischen Empiristen im 18. Jahrhun- torial mit „The end of homeopathy“. Entwicklungen waren, was eine gute
dert formuliert. Sie konnten sich aber Dieses Ende ist keineswegs eingetre- Medizin ausmacht und in welche Rich-
nicht durchsetzen, da die gängigen ten, vielmehr verbreitet sich die Heil- tung sich diese bewegen sollte. Sie ver-
medizinischen und gesellschaftlichen methode ungebremst. Ein Blick in die sucht zu erklären, wie wir dahin gekom-
Vorstellungen damit nicht kompatibel Geschichte hilft, das Phänomen zu ver- men sind, wo wir heute stehen. Damit
waren. Erst mit dem grundlegenden stehen. Die Medizin war schon immer trägt sie zum besseren Verständnis un-
Gesellschaftswandel ab den 1960er Jah- sehr vielfältig. Zwar gab es während serer aktuellen Medizin bei. Die einzel-
ren geriet die traditionelle Hierarchie über 2000 Jahren mit der Säftelehre nen Beiträge in diesem Heft, verfasst
des Wissens ins Wanken. Die Grundla- eine zentrale Leittheorie, aber diese er- von Schweizer Medizinhistorikerinnen
genforschung und das Erfahrungswis- laubte eine grosse Bandbreite an In- und -historikern, zeigen Ausschnitte
sen der führenden Ärzte, die sich wäh- terpretationen und therapeutischer aus dieser erhellenden Geschichte von
rend Jahrhunderten abwechselnd die Umsetzung. Die Unterschiede in der der Antike bis in die Gegenwart.
Führungsrolle streitig gemacht hatten, Therapie nahmen vom 17. bis ins 19.
wurden von der klinischen Forschung Jahrhundert gar noch zu, als sich neue, Vincent Barras, Flurin Condrau,
herausgefordert. Doch auch mit der konkurrierende Theorien verbreiteten Hubert Steinke
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000694

Übersichtsarbeit 417
Institut universitaire d'histoire de la médecine et de la santé publique, CHUV, Université de Lausanne
Vincent Barras

Antike Anatomien
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Auch heute noch staunt man über die anatomische Präzision, mich welcher menschlichen Körper vor allem als ein
gewisse antike Autoren wie Homer das Innere des Körpers beschrieben. Wie war bedeutendes Hindernis für die Ent-
es möglich, solch genaue Kenntnisse zu gewinnen in einer Zeit, die nicht beson- wicklung der anatomischen Wissen-
schaft angesehen werden (obwohl dies
ders bekannt für ihren wissenschaftlichen Fortschritt ist? Die Geschichte der
den historischen Umstand erklären
Anfänge der Anatomie im Westen enthüllt eine erstaunliche Vielfalt: ihr Weg bis würde, dass Ärzte regelmässig daran
zu den eindrücklichen technischen Möglichkeiten der Bildgebung von heute gehindert wurden, ihren Wissensdurst
verlief weder linear noch von selbst (oder „natürlich“), noch notwendigerweise. zu stillen)? Schliesslich: gibt uns die
Bevor die Anatomie eine der epistemologischen Säulen der Medizin wurde, zeigt Tatsache, dass wir über die gewagten
sich ihre Geschichte in Wahrheit als voll von Zwischenfällen, Brüchen, Zufällig- Ausführungen unserer Vorfahren stau-
nen (und uns weiter darüber wundern,
keiten und Akteuren, die dazu beitrugen, ihren Weg abzuändern.
dass andere medizinische Systeme und
Kulturen nicht über eine analoge Tech-
Noch immer bewundern Ärzte die ana- che welche nicht besonders für ihre nik und über ein ähnliches Wissen ver-
tomische Präzision, mit welcher gewis- medizinischen Fortschritte bekannt fügen), nicht zu verstehen, dass die
se antike Autoren sich das Innere des ist, so genaue Kenntnisse erlangen Sektion die „natürliche“ und einzige
menschlichen Körpers vorgestellt ha- konnte? Art und Weise sei, wie man das Innere
ben [1]. Als Beispiel dient hier eine Pas- Auf diese Frage ist man versucht, fol- des menschlichen Körpers erkennen
sage aus dem XIII. Gesang der homeri- gendermassen zu antworten (nämlich kann?
schen Ilias (ca. 8. Jhd. v. Chr.), welche bis so, wie dies die meisten tun, welche Die Geschichte der Anfänge der Ana-
heute Erstaunen auslöst: sich damit befasst haben): Entweder tomie zeigt, dass diese sozusagen spon-
man sezierte schon damals menschli- tanen und auch anachronistisch ge-
Antilochos aber passte den Thoon ab, che Körper, ohne dass sich dies im kol- färbten Erklärungen revidiert werden
wie er sich umwandte, lektiven Gedächtnis festsetzte – mit müssen. Eine Sektion durchzuführen,
Stürmte ihm nach, stiess zu, und die Ausnahme solcher literarischen Passa- oder anders ausgedrückt, sich eine wis-
ganze Ader durchschnitt er, gen –; oder aber diese Kenntnisse senschaftliche Anatomie im heutigen
Die den Rücken hinaufläuft durchge- stammten aus anatomischen Erfah- Sinn zu erarbeiten, setzt eine beträcht-
hend bis zum Nacken: rungen im Zusammenhang mit allfälli- liche Anzahl von Handlungen voraus,
Die durchschnitt er ganz, der aber fiel gen Menschenopfern. Bevor man sol- welche zugleich kulturell, mental und
rücklings nieder che Antworten voreilig übernimmt, gilt technisch sind. Statt sich zu fragen,
In den Staub und breitete beide Arme es jedoch, die Voraussetzungen zu un- weshalb zu einer anderen Zeit an ei-
aus nach seinen Gefährten [2]. tersuchen, welche zu diesen Antworten nem anderen Ort keine Sektionen
geführt haben. Beruhen diese nicht in durchgeführt worden sind, gilt es zu
Auch ohne auf die Terminologie der erster Linie auf einer Vorstellung, wel- fragen: Unter welchen Umständen kam
aktuellen Anatomie zurückzugreifen, che der heutigen Medizin eigen ist? es zur Sektion menschlicher Körper
kann niemand bezweifeln, dass Homer Nämlich derjenigen, dass Kenntnisse und wie trug diese zum Wissen über
treffend „gesehen“ hat, was für die heu- über die innere Struktur des menschli- den Körper bei? Anders gesagt, soll es
tige Medizin und Anatomie offensicht- chen Körpers notwendigerweise über darum gehen, die Sektion zu „denatu-
lich ist: Während einer blutigen die Sektion zu erlangen sind (oder aber ralisieren“, ihre Praxis in den Kontext
Schlacht auf der Ebene Trojas „durch- über einen Ersatz, wie beispielsweise zu stellen.
schneidet“ der mutige Antilochos mit dem Menschenopfer – vorausgesetzt, Kommen wir zurück zur Epoche Ho-
seinem Schwert die Aorta (und neben- dies wurde in der homerischen Epoche mers. Selbst wenn man den erweiter-
bei vielleicht auch die dazugehörige überhaupt praktiziert – oder den heuti- ten Horizont der Epoche berücksich-
Hohlvene) des bedauerlichen Thoon. gen bildgebenden Verfahren)? Ausser- tigt, so scheint es kaum möglich, dass
Die morphologische Beschreibung ist dem: ist es nicht so, dass diese doppelte ein wissensdurstiges Auge das Innere
tatsächlich so ausgereift, dass wir nur Hypothese des Sezierens und des Men- einer Leiche eingehend untersuchte,
darüber staunen können. Weil Augen- schenopfers auf der impliziten Annah- um ein anatomisches Wissen zu erlan-
zeugen fehlen, wirft sie aber auch Fra- me der sozio-kulturellen Ordnung be- gen, welches als Vorläufer des unsrigen
gen auf: Wie war es möglich, dass man ruht, wonach gewisse Verbote und gelten könnte. Homer hatte mit Sicher-
in der homerischen Epoche, eine Epo- Tabus in Zusammenhang mit dem heit eine andere Vorstellung des Kör-
Vincent Barras Antike Anatomien

418 Übersichtsarbeit
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pers, als wir es heute haben. Andere an allen Orten, auch noch heutzutage, denen Körperteile miteinander ver-
Logiken bestimmten, wie die Men- gibt es solche Tabus im Zusammen- bunden sind und interagieren, womit
schen der Antike den Körper wahrnah- hang mit dem menschlichen Körper, sich seine Tätigkeit wiederum derjeni-
men (wie beispielsweise diejenige des tot oder lebendig. Diese Tabus bestim- gen der traditionellen „Körper-Hand-
„Gelenkkörpers“, welche definiert war men, wie eine Gesellschaft mit dem werker“ annähert. Jedoch kann dieses
durch die relative Mobilität der einzel- menschlichen Körper umgeht und ihn Verhalten noch lange nicht als „Anato-
nen Körperteile zueinander: Gliedmas- benutzen darf. Es reicht, sich die Vor- mie“, im heutigen wissenschaftlichen
sen, Thorax, Kopf, Abdomen, …). Die kehrungen vor Augen zu führen, wel- Sinne verstanden werden. Es ist also
detailreichen Beschreibungen des ho- che heute an medizinischen Fakultäten möglich, eine Medizin, ja sogar eine
merischen Epos, welche in ähnlicher getroffen werden, wenn die Studieren- Chirurgie, ohne Anatomie (im heuti-
Weise auch bedeutend später noch auf- den in die Sektion menschlicher Kör- gen Sinne des Wortes) mit gewissem
tauchten, zeugen nicht unbedingt von per eingeführt werden. Der Grund, Erfolg auszuüben. Was eben nicht
einem spezialisierten Wissen über den weshalb Sektionen im Corpus Hippo- heisst, dass kein Wissen über den Kör-
Körper (inklusive seiner inneren Or- craticum nicht erwähnt werden, muss per und seine einzelnen Teile vorhan-
gane). Diese Schilderungen scheinen anderswo gesucht werden: Die Praxis, den ist. Anders gesagt, basiert das Wis-
zwar sehr präzise beschrieben zu sein, welche die hippokratischen Ärzte im sen der hippokratischen Ärzte über
wie im Falle der Aorta Thoons. Aller- Auge hatten, gründete auf der detail- den menschlichen Körper auf einer
dings war das Wissen darüber wohl lierten Beobachtung des Krankheits- Logik und auf bestimmten Praktiken,
eine Mischung aus gelegentlichen Be- verlaufs, auf Prognostik und Therapie, welche nicht denjenigen unserer heuti-
obachtungen an Verletzten oder Lei- ebenso wie auf einer Miteinbeziehung gen Anatomie entsprechen.
chen und aus empirischen Erkenntnis- des geographischen Umfelds des Kran- Der bedeutendste Wendepunkt der Ge-
sen von Jägern, Fischern, Viehhaltern, ken. Diese Elemente waren verbunden schichte der Anatomie ging nicht von
Metzgern oder verschiedenen Pflegen- mit einer spezifischen Auffassung des Ärzten aus, sondern von den Naturphi-
den, Chirurgen und Ärzten. Somit ist Körpers, für die das aus Sektionen ge- losophen (wir würden sie heute „Wis-
die von Homer beschriebene Ader, „die wonnene Wissen nicht von Bedeutung senschaftler“ nennen) im Griechen-
den Rücken hinaufläuft durchgehend war. Gewiss, die Schriften der hippo- land des 5. und 4. Jahrhundert vor
bis zum Nacken“ das Ergebnis von an- kratischen Ärzte erwähnen verschie- Christus. Zu dieser Zeit sammelte und
gesammelten Erfahrungen, im Wesent- dene Körperteile an zahlreichen Stel- entwickelte Aristoteles in seinen biolo-
lichen weitergegeben durch mündliche len. Dies beweist vielseitige Kenntnisse gischen Schriften, wie beispielsweise
Überlieferung und erneuert durch das über Aufbau, Organisation und Topo- Historia animalium und De partibus
Ausführen verschiedener Tätigkeiten graphie des Körpers. Dieses Wissen animalium das Wissen und die Vorstel-
im Zusammenhang mit toten mensch- wird jedoch in die Vorstellung des „um- lungen seiner Vorgänger (man könnte
lichen oder tierischen Körpern. Ho- hüllten Körpers“ eingeschrieben. Ge- Alkmaion von Kroton, Empedokles aus
mers dichterische Beschreibung ver- mäss dieser spezifischen Vorstellung Akragas oder Anaxagoras aus Klazo-
mittelt die Essenz dieser Erfahrungen. hält die Haut ein Gemenge von festen menai nennen), welche die Epistemolo-
In der Medizintradition des Westens und flüssigen Stoffen aus primären Ele- gie, d. h. die Wahrnehmungweise, der
hat das Corpus Hippocraticum, eine menten (warm, kalt, trocken, feucht) Anatomie begründet haben. Der Philo-
umfangreiche Textsammlung von Au- zusammen. Es ist das Gleichgewicht soph glaubte, dass man zwischen den
toren zwischen dem 5. und 3. Jahrhun- dieser Flüssigkeiten, ihre Verstopfung, einzelnen Körperteilen stabile mor-
dert vor Christus, die Medizin als spe- Ansammlung oder ihr Verlust, welche phologische Beziehungen, welche visu-
zialisiertes Wissen und Praxis etabliert. massgeblich sind für Gesundheit und ell nachweisbar seien, erstellen müsse,
Nun findet man darin aber keine Er- Krankheit. Es sind diese körperlichen um den Körper zu verstehen. Dieses
wähnung von menschlichen Sektio- Gegebenheiten, welche der Arzt ken- augenscheinlich einfache theoretische
nen. Eine Erklärung hierfür kann sich nen muss. In bestimmten Situationen, Vorgehen brachte die Forderung nach
aber nicht darin erschöpfen, dass die wie beispielsweise bei Frakturen, Ver- Anpassung der Untersuchungstechni-
anatomische Praxis aus religiösen Mo- stauchungen oder anderen chirurgi- ken mit sich: Mit einem solchen Ziel
tiven, anderen anthropologischen Ta- schen Pathologien, übernimmt der kam es nicht mehr in Frage, zufällige
bus im Umgang mit dem toten mensch- Arzt eine Herangehensweise, welcher Beobachtungen und einfaches empiri-
lichen Körper und der Angst vor dem den homerischen Beobachtungen äh- sches, mündlich überliefertes Wissen
Tod verboten war. Zu allen Zeiten und nelt. Er muss wissen, wie die verschie- für bare Münze zu nehmen. Für Aristo-
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 417 – 420

Übersichtsarbeit 419
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teles, und von hier an für die gesamte als „minderwertig“, als wenig wertvoll oder gar unmöglich geworden wäre,
wissenschaftlich begründete Anato- angesehen wurden. So erhielten die menschliche Körper zu sezieren. Je-
mie, musste jede Methode systema- Verurteilten eine letzte Möglichkeit, doch gäbe es Alternativen, wie zum
tisch ausgeführt werden. Den Rahmen sich sozusagen sozial loskzukaufen: In- Beispiel die sorgfältige Untersuchung
hierfür bildete nun eine Vorstellung dem sie sich zur Verfügung stellten zur von Leichen, welche auf Schlachtfel-
des organisierten Körpers, dessen ein- Erlangung von Kenntnissen, welche dern zurückgelassen wurden, haupt-
zelne Teile alle mit einer bestimmten ihrerseits als würdig und wertvoll an- sächlich aber die Sektion von Tieren
Funktion ausgestattet sind. Die Kunst gesehen wurden. aller Art (vor allem von Affen, welche
der Anatomie bestand genau darin, Wie dem auch sei, ab diesem Zeitpunkt Galen sehr häufig benutzte). Solche
den Zusammenhang dieser einzelnen zeichnete sich die zentrale Stellung der Notlösungen und Vergleiche ermög-
Teile offenzulegen. Um dies zu errei- menschlichen Anatomie ab, welche zu- lichten dem Arzt, sein Wissen zu festi-
chen war die Sektion genau die richtige gleich Theorie und Technik, sowohl gen und der Nachwelt zu hinterlassen.
Technik. Das bedeutet, ein Körper wur- theoretische Sichtweise als auch tech- Wie man sich unschwer vorstellen
de zu diesem einen Zweck vorbereitet nische Verfahren war. Sie war nicht kann, sind solcherlei Verfahren sehr
und nach einem ganz bestimmten Pro- mehr und nicht weniger als das Funda- fehleranfällig. Im 16. Jahrhundert wies
tokoll geöffnet. ment der Medizin. Von nun an wurde Andreas Vesalius auf die vielen Unzu-
Das ist auch der Grund, weshalb Aris- es unmöglich, sich eine Medizin vorzu- länglichkeiten der menschlichen Ana-
toteles eine beeindruckende Anzahl stellen, die nicht auf Wissen beruht, tomie bei Galen und seinen Nachfol-
von Tieren (vom Salamander über die welches aus Sektionen gewonnen wor- gern hin, welche seiner Meinung nach
Ziege bis hin zum Delfin) sezierte (oder den ist, wie dies noch in der hippo- darauf beruhten, dass diese aus-
zumindest Beobachtungen anderer Se- kratischen Epoche der Fall gewesen schliesslich Tiere seziert hatten. Trotz
zierender sammelte). Die Quellen las- war. Die Hindernisse durch religiösen dieser Kritik bleibt klar, dass die Anato-
sen den Schluss zu, dass er von Sektio- Verbote oder sozio-kulturellen Tabus mie, zusammen mit ihrem heuristi-
nen am menschlichen Körper absah. spielten weiterhin eine gewisse Rolle in schen Instrument der Sektion, in ihrem
Ein Jahrhundert nach Aristoteles be- der Geschichte der Anatomie. Selten Grundprinzip und ihrer Logik seit der
richteten die griechischen Ärzte Hero- konnte man jedoch religiöse oder poli- alexandrinischen Epoche gewisser-
philos von Chalkedon und Erasistratos tische Herrscher finden, welche den massen epistemologisch festgelegt war.
von Keos erstmals von einer menschli- Ärzten und Gelehrten so viele Freihei- Die Sektion von Menschen verlor nach
chen Sektion, das heisst einer systema- ten in ihrem Drang zum Sezieren zu- der Antike zahlenmässig an Bedeutung
tischen und organisierten Untersu- gestanden, wie dies die Fürsten Alex- und wurde wegen des veränderten so-
chung des gesamten menschlichen andrias getan hatten. Immer wenn zio-kulturellen Kontextes verdrängt,
Körpers (es ist nicht ausgeschlossen, diese Praxis erlaubt wurde, geschah um nicht zu sagen ausgelöscht. Sie
dass andere vor ihnen schon Teile des dies – bis heute – in einem eng be- blieb aber trotzdem lebendig, wenn
menschlichen Körpers seziert hatten). grenzten moralischen, sozialen und auch weniger als tatsächliche Praxis,
Gefördert von den Ptolemäern, welche kulturellen Rahmen. Im 2. Jahrhundert denn als Rückbesinnung auf das Tier-
Alexandria im 3. Jhd. v. Chr. regierten, nach Christus übernahm der berühmte modell, welches nunmehr als ausrei-
fanden diese Ärzte im Museum, wel- griechische Arzt Galen – der sich in chend für den wissenschaftlichen Be-
ches ganz der wissenschaftlichen For- Rom niedergelassen hatte und eine darf der Medizin galt. Entgegen einem
schung (Astronomie, Algebra, Biologie, ausserordentlich grosse Anzahl von weit verbreiteten Vorurteil ist der
Mechanik, …) gewidmet war, das erfor- medizinischen Schriften hinterliess, Grund für eine allfällige „Stagnation“
derliche Material, namentlich Leichen welche bis ins 19. Jahrhundert als theo- des Wissens über den menschlichen
von zu Tode Verurteilten (später wurde retisches Fundament der Medizin Körper allerdings nicht darin zu su-
ihnen gar vorgeworfen, Sektionen an dienten – dieses Erbe. Er schrieb den chen, dass Sektionen von Menschen bis
lebenden Verurteilten vorgenommen damaligen Kenntnisstand in umfang- spät ins Mittelalter nicht mehr durch-
zu haben, was heute nicht mehr nach- reichen Abhandlungen nieder, vor al- geführt wurden oder dass die Kirche
zuprüfen ist). Weiter ist anzufügen, lem in De anatomicis administrationi- dies damals verboten hatte. Man findet
dass diese Epoche auch den Beginn ei- bus und De usu partium, welche auch nämlich keine Spur eines solchen mit-
ner bis in die jüngere Zeit andauernde noch zu Vesals Zeit in der Renaissance telalterlichen Verbotes. Im Gegenteil,
Eigenheit markierte: Der Gebrauch von massgebend blieben. Galen beklagte die Kirche des Mittelalters regelte und
Leichen zu Tode Verurteilter, welche sich, dass es in seiner Zeit schwierig überwachte diese Praxis strengstens,
Vincent Barras Antike Anatomien

420 Übersichtsarbeit
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zuweilen förderte sie diese sogar. Es ist ancient authors, like Homer, depict the 1999. Von Staden H. The discovery
vielmehr der Status des anatomischen inner body. How was it possible to get of the body: human dissection and
Wissens während des Mittelalters, wel- such a precise knowledge, at a period its cultural contexts in ancient
cher das erklärt. Dieses Wissen wurde Greece. Yale J Biol Med 1992; 65:
when medicine was not particularly
gefestigt und praktiziert innerhalb von 223 – 241. Vegetti M, Il coltello e lo
Institutionen (wie beispielsweise den famous for its scientific achievements? stilo, 2ed. Milano : Mondadori 1987.
scholastischen Universitäten), welche The history of the beginnings of west- Paravicini Bagliani A. L'Eglise mé-
gleichzeitig Übersetzung, Übertragung ern anatomy reveals a surprising vari- diévale et la renaissance de l’anato-
und relative Stabilisierung gewährleis- ety: its progress, until the tremendous mie. Revue Médicale de la Suisse
teten, bis eine neue politische, soziale technical fulfilments of contemporary Romande 1989; 109: 987 – 991.
und kulturelle Gesamtlage (welche 2. Verse 545 – 549; Übersetzung von
anatomical imaging, has been neither
normalerweise „Renaissance“ genannt Hans Schadewaldt.
wird), neben anderen Entwicklungen linear, nor spontaneous, nor even nec-
in Wissens und Wissenschaft, eine Er- essary. Before becoming one of the
neuerung der Anatomie als Wissen und epistemological bedrocks of medicine,
Praxis herbeiführte. its history reveals itself filled with ac-
So ist die Geschichte der Anfänge der cidents, ruptures, contingencies, and
Anatomie im Westen überraschend
actors who contributed to modify its
vielfältig: Ihr Werdegang, bis hin zu
den ausserordentlichen Leistungen der course.
anatomischen Bildgebung der Gegen-
wart, war weder linear, noch spontan Literatur
(oder „natürlich“), noch zwingend. Be-
vor sie zu einem epistemologischen 1. Überarbeitete Fassung von Barras
Pfeiler der Medizin wurde, war ihr Weg V. Premières anatomies. In: Barras
voller Unfälle, Bruchstellen und Zufäl- V., ed., Anatomies. De Vésale au vir- Korrespondenzadresse
ligkeiten gewesen und zahlreiche Ak- tuel, Lausanne: Editions BHMS,
teure trugen zu ihrem Fortschreiten 2014: 8 – 13. Weiterführende Litera- Prof. Dr. Vincent Barras
bei, indem sie die Spur veränderten. tur: Annoni JM, Barras V. La dé- Institut universitaire d'historie
coupe du corps humain et ses justi- de la médecine et de la santé publique
fications dans l'antiquité. Can Bull CHUV – UNIL
Hist Med 1993; 10: 185 – 227. Ku- Avenue de Provence 28
Ancient anatomies riyama S. The Divergence of the 1007 Lausanne
One still wonders today at the ana- Body between Greek and Chinese
tomical precision with which various Medicine. New York: Zone Books, vincent.barras@chuv.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000695

Übersichtsarbeit 421
Institut für Medizingeschichte, Universität Bern
Hubert Steinke

William Harvey revisited


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William Harveys Entdeckung des Blutkreislaufs wird oft als ein Produkt der Sci- ben hatte: die Venen bilden ein Gefäss-
entific Revolution des 17. Jahrhunderts dargestellt. Die neueren Forschungen system und verteilen das von der Leber
haben aber gezeigt, dass Harvey in der aristotelischen Forschungstradition aus der Nahrung gebildete Blut im gan-
zen Körper, der auf diese Weise ernährt
stand und sich bemühte, durch die Untersuchung unterschiedlicher Tiere die
wird. Das Blut gelangt so auch in das
grundlegenden Aufgaben der Organe herauszufinden. Seine Schrift von 1628 ist rechte Herz und die Lunge und ein klei-
als ein naturphilosophisches Argument, genauer als eine Serie miteinander ner Teil durch unsichtbare Poren im
verknüpfter Beobachtungen, Experimente und Überlegungen zu lesen, aus de- Herzseptum in den linken Ventrikel.
nen als einzige logische Konsequenz die Existenz des Blutkreislaufs abzuleiten Im linken Herzen wird das Blut durch
ist. Harvey wollte damit weder den Wert des Experiments über denjenigen der Luft aus der Lunge verlebendigt und
erreicht durch die Arterien (von gr.
philosophischen Begründung stellen noch ein neues System der Medizin errich-
aer = Luft) den ganzen Körper, der da-
ten. Überzeugt von der Lebendigkeit des Herzens und des Blutes, lehnte er den durch am Leben erhalten wird. Die bei-
Empirismus von Francis Bacon und den mechanistischen Rationalismus von den Systeme sind offensichtlich unter-
Descartes ab. Harveys Beitrag und Originalität lag weniger in seinen einzelnen schiedlich: ihr Blut hat eine andere
Beobachtungen und Experimenten als in der Art, wie er diese mit kritischen Farbe, ihre Gefässe eine andere Wand
Überlegungen verknüpfte, die sich daraus ergebende radikale Erkenntnis akzep- und das Pulsieren der Arterien zeigt,
dass nur in diesem Teil des Systems ein
tierte, präsentierte und gegen Widerstände verteidigte.
lebendiges Prinzip am Werk ist. Aber
beide Systeme erreichen sämtliche
Körperteile, welche sowohl auf Nah-
Einleitung desjenigen, der Bacons Ideale in der rung wie auf die Vermittlung von Leben
Medizin verwirklichte, sich auf Beob- angewiesen sind. Diese Erklärung war
Auf den ersten Blick scheint William achtungen, Experimente und Messun- ein zentraler Teil der ganzen Säftelehre
Harvey (1578 – 1657) und seine Entde- gen stützte und mit der Beschreibung
ckung des Blutkreislaufs im Jahre 1628 des Kreislaufs mit dem pumpenden
ein klarer Fall zu sein. Wir befinden uns Herzen das erste moderne System der
im Zeitalter der sogenannten Scientific Medizin etablierte, das die alte Säfte-
Revolution: 1543 hatte Nikolaus Koper- lehre ablöste [1, 2]. So oder ähnlich
nikus das ptolemäische Weltbild zu- wird er auch heute noch dargestellt auf
rückgewiesen; im gleichen Jahr hatte Wikipedia und in unzähligen Kurzdar-
Andreas Vesalius der grössten antiken stellungen [3]. Das Problem ist nur:
Autorität der Anatomie, Galen, wider- Harvey selbst wäre mit dieser Beschrei-
sprochen und sich auf seine eigenen bung gar nicht einverstanden. Und
Beobachtungen berufen. 1620, nur we- auch die wissenschaftlichen Publikati-
nige Jahre vor Harveys Buch, veröffent- onen der letzten Jahrzehnte erzählen
lichte Francis Bacon sein Novum Orga- eine ganz andere Geschichte [4 – 7].
num, in dem er für die systematische
Durchführung von Beobachtungen
und Experimenten plädierte, um alle Galens Modell
Wissenschaften auf ein neues Funda-
ment zu stellen (Abb. 1). In der glei- William Harvey absolvierte zuerst ei-
chen Zeit führte Galileo Galilei seine nen Bachelor of Arts an der University
Experimente durch, bald würden Ro- of Cambridge und studierte dann in
bert Boyle, Antonie van Leeuwenhoek, Padua an der renommiertesten medizi-
Abbildung 1 Titelblatt von Bacons No-
Isaac Newton und zahlreiche andere nischen Fakultät seiner Zeit. Was er vum Organum (Instauratio magna): Das
folgen, die das Baconsche Programm dort über das Herz und den Kreislauf Schiff passiert die Säulen des Herakles
umsetzten. Naheliegend, dass man lan- hörte, war – wie überall – sehr traditio- und symbolisiert damit, dass die Wissen-
ge auch Harvey einen zentralen Platz in nell und entsprach weitgehend dem, schaft die alten Autoritäten hinter sich
dieser Darstellung zuschrieb: den Platz was Galen 1500 Jahre früher beschrie- lässt und nach neuen Ufern strebt
Hubert Steinke William Harvey revisited

422 Übersichtsarbeit
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und damit auch die theoretische also nicht um ein primär medizini- Und so begann ich für mich
Grundlage für die ausleitenden Thera- sches, sondern um ein naturphiloso- zu überlegen …
pieverfahren wie Aderlass, Schröpfen phisches Programm.
und Purgieren. Wenn aber das Herz aktiv kontrahierte,
wie gross würde dann die Menge des aus-
Harveys Forschungsprogramm geworfenen Blutes sein? Harvey schätzte
Renaissance-Medizin die Menge des Blutes im dilatierten Ven-
Fabricius beschäftigte sich mit der Em- trikel auf 1,5 bis 3 Unzen (45 bis 90
Padua war aber auch das Zentrum der byrologie, Atmung und Bewegung und Gramm), ging davon aus, dass 1/8 bis 1/3
Renaissance-Medizin, d. h. einer Medi- berichtete darüber auch in seinem Un- davon ausgestossen würde, und zwar
zin, die sich nicht grundsätzlich gegen terricht. Für Harvey war dies weglei- 1000 bis 4000 mal pro halbe Stunde. Dar-
die antiken Autoritäten auflehnte, tend. Zurück in England, führte er ne- aus folgte, dass das Herz mindestens 500
aber doch eine Erneuerung, eine Wie- ben seiner Londoner Praxis während Unzen – oder 16 Kilogramm – Blut pro
dergeburt anstrebte, indem man die Jahrzehnten ähnliche Forschungen in halbe Stunde auswarf, ein Mehrfaches
Projekte der Alten neu aufleben und seiner privaten Studierstube durch; zu- der gesamten Blutmenge im Körper. Es
weiter entwickeln wollte. Leuchtturm erst in den gleichen Bereichen wie schien unmöglich, dass die Leber eine
dieser Bewegung war Andreas Vesali- Fabricius, dann aber auch über das solche Menge Blut produzierte.
us, der sich als neuer Galen verstand, Herz, das der Paduaner Arzt nicht er- Die aktive Kontraktion des Ventrikels
da er dessen Prinzip der systemati- forscht hatte. In seinem embryologi- beobachtete Harvey auch am rechten
schen Sektion und Beobachtung auf- schen Spätwerk hielt er fest: „Denn von Herzen. Sein vergleichender Ansatz
genommen hatte, aber nun nicht nur den Alten folgte ich vor allem Aristote- brachte ihn dazu, die Frage des Lungen-
auf die Tier-, sondern auf die mensch- les und von den späteren Autoren Hie- kreislaufs als eher nebensächlich zu be-
liche Anatomie anwandte [8]. Nach- ronymus Fabricius ab Aquapendente. trachten [6: 82]. Fische, also Tiere ohne
fahre Vesals auf dem Paduaner Anato- Jenem als meinem Führer und diesem Lungen hatten nur einen Ventrikel. Der
mie-Lehrstuhl war Harveys Lehrer als meinem Wegweiser“ [10: praefatio]. Unterschied zu Tieren wie Fröschen oder
Hieronymus Fabricius ab Aquapen- Da sich nur ganz wenige Handschriften Schlangen war nicht gross, hatten diese
dente, kurz genannt Fabricius. Auch und Briefe erhalten haben, wissen wir doch gewissermassen einen einzigen
Fabricius verfolgte ein ambitioniertes nicht genau, in welcher Reihenfolge und Ventrikel, bei dem das Septum eines
Renaissance-Projekt, aber nicht in der Form Harvey seine Versuche durchführ- zweiteiligen Herzens entfernt worden
Nachfolge von Galen, sondern von te. Klar ist jedoch, dass am Beginn seiner sei. Hier fliesse direkt Blut von der rech-
Aristoteles [9]. Dabei ging es darum, Untersuchung die Frage nach der Bewe- ten in die linke Seite. Die gleiche Situati-
die Organe bei unterschiedlichen Tie- gung des Herzens stand. Der aristoteli- on bestehe beim Embryo mit dem offe-
ren zu untersuchen, genau zu beschrei- sche Ansatz führte ihn dazu, auch das nen Foramen ovale und dem Ductus
ben und daraus die für alle Tiere gülti- langsam schlagende Herz von Fischen arteriosus. Der Verschluss dieser Öff-
ge Funktion des Organs abzuleiten. und anderen Kaltblütern zu beobach- nungen und die Atmung bei Geburt ma-
Entscheidend war, Wissen über grund- ten. Dadurch gelangte er zu der Erkennt- che es einfach nötig, das Blut auf einem
legende Prinzipien und Ursachen her- nis, dass die aktive Phase nicht – wie anderen Weg, d. h. durch die Lunge zu
auszufinden, deren Gültigkeit dann für Galen behauptete hatte – die Ausdeh- befördern. Harvey bestätigte damit den
den Einzelfall deduziert werden konn- nung (Diastole), sondern die Kontrakti- bereits von Realdo Colombo 1559 be-
te. Es genügte nicht, die beobachtete on (Systole) war. Es war also nicht ein schriebenen – aber noch keineswegs all-
Aktion eines Organs zu beschreiben. passives Zusammenfallen des Herzens, gemein akzeptierten – Lungenkreislauf.
Mit dem Anspruch der naturphiloso- das zu einem bescheidenen Ausfluss von Colombos Entdeckung war aber keine
phischen Forschung war verbunden, Blut führte, sondern eine aktive Kon- entscheidende Anregung für Harvey.
die schlussendliche Aufgabe und da- traktion, die auf einen entsprechend hö- Auch die Frage, welches die Funktion der
mit sozusagen das „Wesen“ des Organs heren Auswurf hindeutete. Ebenso war Lunge sei, verfolgte Harvey nicht weiter.
zu erfassen. Im Gegensatz zu Vesal der Puls der Arterien daher nicht – wie Zentral hingegen war die Frage nach der
stand dabei nicht der Mensch im Zen- man damals meinte – auf eine aktive Funktion der Venenklappen. Harveys
trum, sondern das Tier – und die Frage Rolle der Blut anziehenden Gefässe zu- Lehrer Fabricius hatte 1603 erstmals
betraf den Menschen nur insofern, als rückzuführen, sondern Resultat der eine genaue Beschreibung der Klappen
er eines der Tiere ist. Es handelte sich Herzkontraktion. geliefert. Er beschrieb sie in Einklang mit
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Übersichtsarbeit 423
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der damaligen Säftelehre als „kleine Tü- erst durch noch mehr Beobachtungen des Royal College of Physicians. Diese
ren“, die verhinderten, dass das Blut zu bestätigen, in seinem Umfeld bekannt beiden Widmungen zeigen nicht nur,
schnell in die Peripherie fliesse und so machen und wichtige Befürworter ge- dass Harvey zentrale Persönlichkeiten
dessen Verteilung fördere. Harvey kam winnen wollte. Er betonte selbst, dass von seiner revolutionären Entdeckung
hingegen in seinen berühmten Stau- seine Entdeckungen „so neu und uner- überzeugen konnte, sondern auch,
ungs-Experimenten zu einem anderen hört sind, dass ich nicht nur Schaden dass er eine angesehene Stellung am
Schluss (Abb. 2). Stauung des Oberarms durch den Neid von Einigen befürchte, Hof und in der Londoner Ärztewelt in-
führt zu einer Füllung der Venen (Figura sondern besorgt bin, mir alle Men- nehatte. Seit 1615 hielt er am College
1). Wird mit dem Finger eine Vene in schen zu Feinden zu machen“ [11: 41]. chirurgische und anatomische Vorle-
Richtung Hand gemolken, leert sich die Entsprechend wichtig waren ihm wohl sungen (die sogenannten Lumleian
entsprechende Strecke (Figura 2, O bis die beiden Widmungen an King Charles Lectures), 1618 wurde er ausserordent-
H), schwillt handwärts bis zur nächsten I. und an John Argent, den Präsidenten licher Leibarzt des Königs.
Klappe an, bleibt aber oberhalb der obe-
ren Klappe (O) gefüllt. Wird mit einem
zweiten Finger von oberhalb in Richtung
der entleerten Vene gestrichen, so füllt
sich diese nur bis zur nächsten Klappe
(Figura 3, O). Wenn aber eine gefüllte
Vene mit einem Finger zugehalten wird
(Figura 4, L) und mit dem anderen Finger
nach oben gestrichen wird (M), lässt sich
die Vene leeren und füllt sich wieder,
wenn die Finger losgelassen werden (Fi-
gura 1). Mit diesem Experiment liess sich
für Harvey zeigen, dass das Blut in den
Venen nur in eine Richtung fliessen kann
und am Rückfliessen gehindert wird.
Es gab kein Heureka-Ereignis, das Har-
vey auf einen Schlag zu seiner neuen Er-
kenntnis gebracht hätte. Er selbst be-
schreibt es als ein Gedanke, den er
begann, mit sich herumzutragen: „Und
so begann ich für mich zu überlegen, ob
(das Blut) nicht eine Bewegung gleich-
sam wie im Kreis habe“ („Coepi egomet
mecum cogitare, an motionem quandam
quasi in circulo haberet“) [11: 41]. Die
Stauungs-Experimente scheinen diesen
Prozess entscheidend angestossen zu
haben und zwischen 1617 und 1619 all-
mählich zur Überzeugung geführt zu ha-
ben, dass das Blut im Kreis fliesst.

De motu cordis

Harvey publizierte seine Resultate und


Überlegungen erst 1628. Wieso er so
lange wartete, ist nicht bekannt. Es Abbildung 2 Die einzige Abbildung in De cordis motu zeigt Harveys Stauungs-Experi-
scheint aber, dass er seine Theorie zu- ment
Hubert Steinke William Harvey revisited

424 Übersichtsarbeit
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Der Titel des Buchs lautet Exercitatio gen und anderswo vorbrachten. Zen- Die Frage nach dem Zweck
anatomica de motu cordis et sanguinis tral war die Frage, wieviel Blut das
in animalibus, zu deutsch Anatomi- Herz ausstösst. Harvey hatte nicht ge- Die wohl wichtigste Kritik, die auch
sche Übung über die Bewegung des messen, sondern mit Annahmen und Harvey am meisten Bauchschmerzen
Herzens und des Blutes in den Tieren. Berechnungen argumentiert, auch ge- verursachte, hatte aber nichts mit ei-
Die Präzisierung „in animalibus“ zeigt, dass bei eröffneter Aorta rasch nem anatomischen oder experimentel-
macht klar, dass es sich hier tatsäch- grosse Mengen Blut austreten. Das len Nachweis zu tun. Es war eine Kritik,
lich um das Resultat eines aristoteli- möge wohl sein, wurde entgegnet, aber die Primrose, Hofmann und auch der
schen Programms handelt. Beschrie- bei geschlossenen Gefässen herrsch- Pariser Anatomieprofessor Jean Riolan
ben wird das Grundprinzip des ten andere Bedingungen, da diese ja formulierten. Welches war denn der
Blutkreislaufs in allen Tieren, inklusi- bereits gefüllt seien. Der junge, gerade Zweck des Kreislaufs? Für Harvey und
ve dem Menschen. Der Begriff exerci- erst als Arzt in London zugelassene seine Zeitgenossen war klar, dass die
tatio (engl. exercise) wird verständ- James Primrose etwa hielt an der Gale- Natur nichts umsonst macht. Von die-
lich, wenn man sich die Struktur des nischen Kochung des Blutes im Herzen sem Grundsatz hatte er sich auch bei
72-seitigen Büchleins anschaut. Es fest und meinte, es werde nur sehr we- der Untersuchung der Venenklappen
geht um die Präsentation einer kon- nig ausgestossen. Der Altdorfer Medi- leiten lassen. Die Einsicht, dass diese
troversen These, wie sie im Rahmen zinprofessor Caspar Hofmann doppel- nicht der Regulierung der Ausflusses,
akademischer Übungen verteidigt te nach, dass man je nach Berechnung sondern der Verhinderung des Rück-
wird [6: 95]. Harvey legt dem Leser in zu ganz anderen, viel geringeren Men- flusses dienten, trug entscheidend zu
den ersten sieben Kapiteln eine Reihe gen komme. Harvey zähle hier wie ein seiner zentralen Erkenntnis bei. Die
von Fragen, Problemen und Beobach- Buchhalter, aber echte Anatomen und Kritiker argumentierten, in Harveys
tungen vor, die in Konflikt mit dem Naturphilosophen verlangten bessere System würde das Blut im Herzen ver-
alten Modell Galens stehen. Im zen- Argumente. edelt, im Laufe der Zirkulation wieder
tralen Kapitel 8 formuliert er die The- Ein weiteres Hauptproblem war der verunreinigt und dann im Herzen wie-
se des Blutkreislaufs, die er in den fol- Nachweis einer Verbindung zwischen der aufs Neue gereinigt. Harvey mache
genden Kapiteln mit weiteren Beob- Arterien und Venen (die Existenz von aus der Natur ein rohes, leerlaufendes,
achtungen und Argumenten vertei- Kapillaren wurden erst im letzten Drit- geziertes Kunstwerk, das dauernd die
digt. Harveys Buch ist nicht als ein tel des 17. Jh. von Marcello Malpighi Arbeit zerstöre, die es geleistet habe.
Laborprotokoll oder ein experimen- gezeigt). Hofmann kritisierte diesen Die Natur jedoch – und damit natürlich
teller Beweis des Blutkreislaufs, son- Mangel und auch Harvey selbst musste Gott – sei nicht imstande, Fehler zu
dern als ein naturphilosophisches Ar- eingestehen, dass hier ein Problem be- begehen. Harvey konnte auf diese Kri-
gument, genauer als eine Serie stand, das er nicht lösen konnte. Er tik nur antworten, dass er in der Tat
miteinander verknüpfter Beobach- verteidigte sich aber, dass man den den Zweck und insbesondere den „letz-
tungen, Experimente und Überlegun- Blutkreislauf nicht zurückweisen kön- ten Zweck“, die letzte Ursache (causa
gen zu lesen, aus denen als einzige lo- ne, nur weil man seine Wege nicht im finalis) nicht angeben konnte. Dies be-
gische Konsequenz die Existenz des Detail kenne. Tatsächlich war Harvey deutet nicht, dass Harvey einfach da-
Blutkreislaufs abzuleiten ist. Das mit dieser Argumentation in guter Ge- mit zufrieden war, eine Beobachtung
bekannte Stauungs-Experiment ist sellschaft. Galen hatte die Durchlässig- zu machen und an ihr festzuhalten,
nicht ein Beweis, sondern eines dieser keit des Herzseptums behauptet, weil ohne eine Erklärung dafür liefern zu
Argumente. dies für seine Theorie nötig war; nun können. Denn Beobachtung und Erklä-
behauptete Harvey die Existenz einer rung, induktives und deduktives Argu-
arterio-venösen Verbindung, weil sei- mentieren, waren in seiner Forschung
Argumente und Gegen-Argumente ne Theorie dies verlangte. Doch für und auch in De motu cordis aufs Engste
Kritiker wie den Kopenhagener Arzt miteinander verbunden, und erst bei-
Als eine Serie von Argumenten wurde Ole Worm war klar, dass es diese Ver- des zusammen konnte zur Entdeckung
Harveys Buch denn auch wahrgenom- bindung gar nicht geben konnte. Das des Zwecks führen [12, 13]. Es war
men und kritisiert. Und in der Tat gab arterielle und das venöse Blut unter- denn auch diese Kombination, die ihn
es eine Reihe von wichtigen Gegen- schieden sich zu stark voneinander, als zur Erklärung des Zwecks der Venen-
Argumenten, die Harveys Gegner in dass es sich um den gleichen, zirkulie- klappen geführt hatte. Harvey hatte
London, Heidelberg, Paris, Kopenha- renden Saft handeln konnte. also durchaus nicht nur eine Beschrei-
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 421 – 427

Übersichtsarbeit 425
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bung, sondern zumindest in Ansätzen war die Berufung auf vertieftes, prak- – und sich selbst – nicht in eine unan-
auch so etwas wie eine Erklärung des tisch relevantes Wissen wichtig. genehme Lage bringen wollte. Die Ärz-
Kreislaufs geliefert. Dass er dessen Harvey war sich dieser Problematik be- teschaft musste sich allerdings nicht
„letzten Zweck“ nicht angeben konnte, wusst. Er hatte selbst schon 1613 und fürchten. Harvey argumentierte nie
dürfte ihn als Aristoteliker dennoch 1625 als Zensor des College geamtet dafür, dass seine Entdeckung zu einer
geschmerzt haben. und wusste um die Sensibilität des Ärz- Veränderung der Therapie führen soll-
tekollegiums in diesen Belangen. Dass te. Das sahen auch seine Kritiker so: die
er seine Schrift im weit entfernten ganze Theorie habe überhaupt keinen
Ärztliche Praxis Frankfurt drucken liess, könnte daran medizinischen Nutzen [15]. Es ist aber
liegen, dass er seine Londoner Kollegen auch schwer vorstellbar, inwiefern
Die Entdeckung des Kreislaufs bedeu-
tete nicht nur einen Angriff auf die da-
malige hippokratisch-galenische Me-
dizintheorie, sondern auch auf die
ärztliche Praxis. Die zentralen thera-
peutischen Methoden des Aderlasses,
Schröpfens und Purgierens, aber auch
die Gabe von Heilkräutern fusste auf
der Annahme, dadurch auf die Zusam-
mensetzung und die Qualität der Säfte
einzuwirken. Würde die alte Vorstel-
lung der stufenweisen Verfeinerung
des Blutes und dessen allmählicher
Verteilung im Körper nicht mehr gel-
ten, so würde der Therapie eine we-
sentliche Grundlage entzogen. Harvey
selbst war offenbar der Ansicht, die
Publikation habe seiner Praxis gescha-
det. Sein Zeitgenosse John Aubrey no-
tierte: „I have heard him say, that after
his booke of the Circulation of the
Blood came-out, that he fell mightily in
his practize, and that 'twas beleeved by
the vulgar that he was crack-brained;
and all the physitians were against his
opinion, and envyed him“ [14: 300]. Es
ist durchaus verständlich, wenn Har-
veys Patienten verunsichert waren und
Arztkollegen sich von Harveys Theorie
distanzierten. Hippokrates und Galen
bildeten die Grundlagen des ärztlichen
Selbstverständnisses. Der Nutzen des
damit verknüpften gelehrten Wissens
wurde hervorgehoben, war es doch die-
ses Wissen, das die Ärzte von den weni-
ger gebildeten Chirurgen, Apothekern
und vor allem einer breiteren Massen Abbildung 3 Die medizinische Therapie fusst auch nach Harvey wesentlich auf den
von Laienheilern unterschiedlichster Texten der alten Autoritäten. Dieser Kupferstich von Nicolas de Larmessin von 1695
Qualität abhob. Im damaligen, hart zeigt, wie der Arzt aus seinem antiken Bücherwissen blitzartig seine Therapie ableiten
umkämpften medizinischen Markt kann (Bildarchiv Institut für Medizingeschichte, Universität Bern)
Hubert Steinke William Harvey revisited

426 Übersichtsarbeit
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denn die neue Theorie als Basis für ein schreibe Philosophie wie ein „Lord- unmissverständlich auszuformulieren
neues Therapiesystem hätte dienen Chancelor“ [14: 299]. Er empfahl und gegen alle Widerstände zu vertei-
können. Trotz allem Wissen um die Un- Aubrey, bei seinen Studien zur Ur- digen. Der Blutkreislauf setzte sich
zulänglichkeit von Galens Theorie sprungsquelle zu gehen und Aristote- noch vor der Mitte des 17. Jahrhun-
blieb die Säftelehre bis weit ins 19. Jahr- les, Cicero und Avicenna zu lesen. Die derts nicht einfach durch, weil Harvey
hundert hinein ein zentraler Pfeiler der „Erneuerer“ (neoteriques) bezeichnete recht hatte, sondern weil die von ihm
ärztlichen Praxis. Harveys Entdeckung er als „Hosenscheisser“ (shitt-breeches) missbilligten, tonangebenden neuen
war ein theoretischer Meilenstein ohne [14: 300]. Ihre Welt der Mathematik Naturphilosophen der Ansicht waren,
grosse praktische Folgen (Abb. 3). und des Messens war nicht die seine. Beobachtungen und Experimente sei-
en am besten geeignet, die Wahrheit zu
entdecken.
Descartes und die Folgen Traditionalist und Reformer

Ebenso wenig wie Harvey neue Thera- Es wurde schon oft darauf hingewie-
pieformen verlangte, behauptete er, der sen: Harvey war nicht nur in seiner
Medizin ein neues System, eine neue wissenschaftlichen, sondern auch in William Harvey revisited
umfassende Theorie zu liefern. Ganz seiner politischen Orientierung ein William Harvey's discovery of the cir-
im Gegensatz zu Descartes, für den der Traditionalist. Er blieb auch während
culation of the blood is often described
Blutkreislauf ein Eckpfeiler seiner me- des Bürgerkriegs ein eiserner Anhän-
chanistischen Erklärung des Körpers ger des Königs. 1642 plünderten Parla- as a product of the Scientific Revolu-
darstellte. Er brauchte dazu allerdings mentstruppen sein Haus, seine Manu- tion of the Seventeenth Century. Mod-
eine neue Erklärung der Herzaktivität skripte gingen verloren. Mit der ern research has, however, shown that
und entwickelte seine eigene Theorie, Errichtung der Republik 1649 wurde er Harvey followed the Aristotelian re-
bei der das einströmende Blut durch wegen seiner Nähe zum König einige search tradition and thus tried to re-
die Hitze des Herzens aufgeschäumt Zeit aus London verbannt, bevor er
veal the purpose of the organs through
wird und dieses so zur Expansion führt. wieder zurückkehren konnte.
Es war diese cartesianische Fassung, Harvey mochte mit seiner Orientie- examination of various animals. His
die Harveys Entdeckung innerhalb von rung an Aristoteles und dem anato- publication of 1628 has to be read as
knapp zwei Jahrzehnten zum Durch- misch-experimentellen Teil von Galens an argument of natural philosophy, or,
bruch verhalf. Schriften ein Traditionalist sein. Auch more precisely, as a series of linked ob-
Harvey selbst konnte mit Descartes' erscheinen seine Experimente im Ver- servations, experiments and philo-
mechanistischem Reduktionismus al- gleich mit denjenigen anderer Forscher
sophical reasonings from which the
lerdings nichts anfangen [16]. Für ihn seiner Zeit nicht als besonders innova-
funktionierte das Herz nicht wie eine tiv [17]. Unüblich aber war die grosse existence of circulation has to be de-
Maschine, er hatte seine Leistung nie Zahl der Versuche und die systemati- duced as a logical consequence. Harvey
gemessen, er beschrieb es auch nie als sche Art, wie er diese durchführte. Und did not consider experiments as supe-
Pumpe. Das Herz lebte. Der erste Satz absolut einzigartig war die Konsequenz rior to philosophical reasoning nor in-
in seinem Buch lautet: „Das Herz des und Brillanz, mit der er seine Experi- tended he to create a new system of
Tieres ist das Fundament seines Le- mente, Beobachtungen und Argumen-
medicine. He believed in the vitality of
bens, das erste aller Glieder, die Sonne te hinterfragte und in einen für ihn
seines Mikrokosmos; von ihm hängt stimmigen Einklang brachte. Er hatte the heart and the blood and rejected
alle Aktivität ab, aus dem Herzen ent- nicht versucht, herauszufinden, ob das Francis Bacon's empirism and the
steht alle Lebendigkeit und Kraft“ [11: Blut zirkuliert oder nicht, sondern die mechanistic rationalism of Descartes.
3]. Und für den Vitalisten und späteren Einsicht des Kreislaufs kam ihm nur Harvey's contribution and originality
Verfasser eines Embryologie-Buches allmählich. Er hatte nicht das Ziel, eine lied less in his single observations and
besass auch das Blut Lebenskräfte. grosse Reform herbeizuführen. Aber
experiments but in the manner how he
Harvey blieben die neuen Experimen- als deutlich wurde, welch grundlegend
talphilosophen, die wir mit der Scienti- neue Erkenntnis sich ihm aufdrängte, linked them with critical reasoning
fic Revolution verbinden, fremd. Aubrey schreckt er nicht davor zurück, diese and how he accepted, presented and
gegenüber sagte er abwertend, Bacon nach allen Seiten hin abzusichern, defended the ensuing radical findings.
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 421 – 427

Übersichtsarbeit 427
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circulation. Oxford: Oxford Univer- 2014; 71: 258 – 270. Korrespondenzadresse
sity Press, 2013. 14. Aubrey J. Brief lives: chiefly of con-
8. Cunningham A. The anatomical temporaries, set down by John Au-
Renaissance: the resurrection of brey, between the years 1669 & Prof. Dr. med. Dr. phil. Hubert Steinke
the anatomical projects of the an- 1696, ed. by A Clark. 2 vols. Oxford: Institut für Medizingeschichte
cients. Aldershot: Scolar Press, Clarendon Press, 1898. Bühlstrasse 26
1997. 15. Guerrini A. Experiments, causa- 3012 Bern
9. Cunningham A. Fabricius and the tion, and the uses of vivisection in
“Aristotle project” in anatomical the first half of the seventeenth hubert.steinke@img.unibe.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000696

Übersichtsarbeit 429
Institut universitaire d'histoire de la médecine et de la santé publique, CHUV, Université de Lausanne
Aude Fauvel

„Ausserhalb der Mauern“ – Für eine neue Geschichte


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der Irrenanstalten in der Moderne

Wenn wir an Medizin, Wahnsinn und die Vergangenheit denken, so taucht un- im Zeitalter der Vernunft [1] und der
mittelbar ein Bild vor unseren Augen auf: dasjenige der Irrenanstalt. In der amerikanische Soziologe Erving Goff-
Nachfolge von Michel Foucaults berühmtem Buch Wahnsinn und Gesellschaft: man mit Asyle. Über die soziale Situati-
on psychiatrischer Patienten und ande-
Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft haben viele Historiker
rer Insassen [2] (beide Werke sind im
angenommen, dass die Medikalisierung der Geisteskrankheit in der Moderne zu Original 1961 erschienen), welche die
einem „grossen Einsperren“ geführt hat und zu einer verstärkten Absonderung Vorstellungen über die Psychiatrie als
aller angeblich geistig Untauglichen im „Zeitalter der Irrenanstalt“. Neuere For- heroische Disziplin begraben haben.
schungen zeigen aber, dass diese klassische Erzählung der Psychiatrie-Geschich- Zuvor war die Geschichte der Psychia-
te revidiert werden sollte. Sie zeigt, dass es seit dem 19. Jahrhundert eine ganz trie, wie die anderer medizinischen Be-
reiche, im Wesentlichen eine Sache von
andere medizinische Kultur gab, die die Irrenanstalt anzweifelte. Sie befürwor-
Ärzten im Ruhestand. Diese hatten je-
tete die Integration der Wahnsinnigen und setzte sich dafür ein, dass sich die doch vor allem das Ziel, in manchmal
Psychiatrie vom dominierenden Modell der Internierung im ganzen Westen durchaus gelehrten Studien den „Fort-
loslöste. Dieser Beitrag will die Resultate dieser historischen Arbeiten präsentie- schritt“ der Psychiatrie zu erzählen
ren und einen anderen Aspekt der Psychiatrie-Geschichte zeigen, nämlich die und ein schmeichelhaftes Bild ihrer
Praktiken des „boarding out“ anstelle derjenigen der Irrenanstalt. Gründerväter zu zeichnen, wie zum
Beispiel vom Franzosen Philippe Pinel
(1745 – 1826), dem „Befreier“ der Geis-
Wenn man über die Geschichte von Ir- wir sehen, dass die Irrenanstalt schon tesgestörten, oder vom Deutschen
renanstalten spricht, so ruft dies bei den lange vor den antipsychiatrischen Be- Emil Kraepelin (1856 – 1926), dem
meisten Menschen vor allem dunkle Bil- wegungen der 1960er Jahre kritisiert „Entdecker“ der Dementia praecox.
der hervor. Bilder von Anstalten, welche worden ist, und dass einige Länder, wie Das Mindeste, was wir sagen können,
eher an Gefängnisse denn an Orte der beispielsweise Schottland, schon im ist, dass Foucault und Goffman nicht
Pflege erinnern, Bilder von Verwahrlo- 19. Jahrhundert, lange vor der aktuellen die gleichen Werke gelesen haben.
sung und schlechter Behandlung, von Politik der Deinstitutionalisierung, bis Foucault einerseits war der Ansicht,
verstörten Patienten in Zwangsjacken, zu einem Drittel ihrer Geisteskranken1 dass man kaum von einer „Befreiung“
welche durch endlose Korridore irren, „in Freiheit“ behandelt haben. Wir wer- der Wahnsinnigen sprechen konnte, da
von Psychiatern, welche noch verrück- den also sehen, dass neben dieser Ge- die Psychiatrie in Wahrheit nur die Ein-
ter als ihre Patienten sind und welche schichte der Irrenanstalt und der psych- sperrungspraktiken des 17. Jahrhun-
unter dem Deckmantel der Wissen- iatrischen Internierung eine weitere derts weiter verschlimmert habe. Weit
schaft allerlei sadistische Experimente Geschichte existiert, welche es zu ent- davon entfernt, die Wahnsinnigen zu
durchführen: chemische Zwangsjacken, decken gilt, nämlich die Geschichte der befreien, sperrten die Psychiater sie im
Elektroschocks, chirurgische Ablatio- medizinischen Behandlung von Wahn- grossen Stile ein, was die Errichtung
nen (Lobotomien, Clitoridektomien …), sinn „ausserhalb der Mauern“. von Tausenden von Irrenanstalten auf
usw. Diese Darstellungen wurden von der ganzen Welt zur Folge hatte.
Schriftstellern und Filmemachern wei- Goffmans Analysen der Interaktionen,
ter genährt – wer hat Einer flog übers Visionen der Irrenanstalt oder welche sich innerhalb der anstaltlichen
Kuckucksnest nicht gesehen? – und ins- die Geschichte von verrückt Institution abspielten, waren auch
gesamt auch kaum von historischen Ar- machenden Maschinen nicht schmeichelhafter. Gemäss ihm
beiten widerlegt. Erst vor kurzem haben funktionierte die Irrenanstalt nämlich
Studien dieses Bild der Irrenanstalt als Es waren der französische Philosoph als „totale Institution“. Nicht nur waren
reine Gefängniswelt nuanciert. Michel Foucault mit Wahnsinn und Ge- die internierten Patienten dort hinter
Nachdem zuerst einige klassische sellschaft: Eine Geschichte des Wahns Mauern gefangen, sie waren auch Ge-
Wahrnehmungen der Irrenanstalt in fangene von stigmatisierenden Ritua-
Erinnerung gerufen werden sollen, wid- 1 Ich benutze die Begriffe „Wahnsinnige“, „Geis- len. Das Personal hörte nicht auf, sie
teskranke“, „Geistesgestörte“, usw. nur um eine
met sich dieser Artikel einigen Studien, soziale und historische Identität zu bezeich-
ständig an ihre Identität als „Wahnsin-
welche andere Aspekte der psychiatri- nen. Der Wahnsinnige ist also der, welcher in nige“ zu erinnern. Fasst man Foucault
seiner Epoche als solcher bezeichnet wurde,
schen Vergangenheit zur Geltung ge- ohne dass ich die Gültigkeit der Diagnosen be-
und Goffman zusammen, so waren die
bracht haben. Im Besonderen werden werte. psychiatrischen Institutionen also weit
Aude Fauvel „Ausserhalb der Mauern“ – Für eine neue Geschichte der Irrenanstalten in der Moderne

430 Übersichtsarbeit
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davon entfernt, „Heilungsmaschinen“ Wahnsinnigen in die Zuständigkeit der der Unterdrückung von feministischen
zu sein. Im Gegenteil, seit ihrer Ent- Medizin zu fallen haben (und nicht in Forderungen untersuchen, um nur eini-
wicklung im 19. Jahrhundert bis zur diejenige der Religion oder der Polizei) ge Beispiele aus einer langen Liste zu
zeitgenössischen Epoche spielten sie und so die Errichtung von Irrenanstal- nennen.
weiterhin die Rolle der „verrückt ma- ten erwirkten. Über die folgende Perio- Zusammenfassend kann gesagt wer-
chenden Maschine“ [3]. de von 1860 bis 1940 gab es lange Zeit den, dass lange Zeit gedacht wurde
Insgesamt bestätigten Historiker diese jedoch nur wenige Arbeiten. Die Wis- (und oftmals ist dies immer noch der
Repräsentation des anstaltlichen Uni- senschaftler gingen davon aus, dass Fall), dass es nur eine Geschichte der
versums, auch wenn viele von ihnen diese „dunkle Epoche der Anstalt“ nur psychiatrischen Institution zu schrei-
gewisse Nuancen in die Gesamtanaly- wenig Interessantes zu bieten hatte. ben gibt. Diese Geschichte wäre die der
sen von Foucault und Goffman hinein- Schliesslich reichte es, Goffman zu le- Irrenanstalt und diese wiederum eine
brachten. Man nimmt allgemein an, sen, um eine Idee zu bekommen, was der „grossen Internierung“ (vgl. Abb. 1).
dass die ersten Psychiater, auch wenn sich hinter den Türen der Anstalten Indem sie vortäuschten, den Wahnsinn
sie nicht alle wie Hannibal Lecter wa- zusammenbraute, ohne dass man sich zu reduzieren und zu befreien, verviel-
ren, vor allem eine uniforme Gefäng- ihnen nähern musste. fachten die Mediziner diesen tatsäch-
niswelt, diejenige der Irrenanstalt, kre- Gleichermassen, und immer noch ge- lich und schlossen ihn ein. Indem sie
ierten. Man ging daher davon aus, dass mäss der Logik von Foucault und Goff- vortäuschten, die Geisteskrankheit zu
sich die Lebenswelt eines Geistesge- man, entschieden sich zahlreiche Histo- pflegen, erschufen sie schliesslich das
störten um 1840 kaum von derjenigen riker dazu, die a priori offensichtlichsten Stigma des „degenerierten Schwach-
eines Geisteskranken der 1930er Jahre Fälle psychiatrischer Auswüchse zu un- sinnigen“ und des unheilbaren An-
unterschied. In jedem Land führten die tersuchen. Folglich existieren zahlreiche staltsinsassen. Bestenfalls wird die Ge-
Internierten die gleiche monotone Arbeiten, welche die Praktik der „akti- schichte der Irrenanstalten so als
Existenz, ohne Hoffnung auf Entlas- ven“ Eugenik in der Psychiatrie („Eutha- Geschichte eines utopischen Traumes
sung (in den grossen öffentlichen euro- nasie“ von Geisteskranken, Zwangs- präsentiert, welcher sich in einen Alb-
päischen und nordamerikanischen Ir- sterilisation, usw.), die psychiatrische traum verwandelt hat. Schlimmsten-
renanstalten waren die Heilungsquoten Einweisung von politischen Dissiden- falls erscheint sie als symbolhaftes
langfristig kaum je höher als 5 %). So ten, missbräuchliche chirurgische Ein- Beispiel einer medizinischen Überheb-
gab es also von dem Zeitpunkt an, als griffe, oder die Rolle der Psychiatrie in lichkeit, wobei die verschiedenen Aus-
die öffentlichen Irrenanstalten errich-
tet worden waren, kaum mehr etwas
zur Psychiatriegeschichte hinzuzufü-
gen, bis dann die Entstehung der anti-
psychiatrischen Diskurse der 1960er
Jahre, aber auch das Aufkommen von
Psychopharmaka und die Verbreitung
psychoanalytischer Theorien endlich
zu einer Umstossung dieser anstalt-
lichen „Ordnung“ [4] führten.
Dieser Interpretationslinie folgend leg-
ten seither viele Historiker ihren
Schwerpunkt auf die erste Hälfte des
19. Jahrhunderts und gingen davon aus,
dass die moderne Psychiatrie in dieser
Periode entstanden war. Nimmt man
Frankreich als Beispiel, so findet man
mehrere bedeutende Bücher, welche die
Gründe für das erfolgreiche Wirken der Abbildung 1 Eine Darstellung des Alltages in einer „typischen“ Irrenanstalt in Frank-
ersten Psychiater untersuchen. Sie zei- reich im Jahr 1871. Les aliénés, le quartier des fous furieux à Sainte-Anne, L'envers de
gen, wie diese zwischen 1800 und 1860 Paris, dessin d'après nature par M. Lancon. Stich. Bibliothèque Nationale de France, DEP,
die Vorstellung durchsetzten, dass die Va306 © BNFa
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 429 – 435

Übersichtsarbeit 431
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wüchse des anstaltlichen Systems be- spiele von medizinischem Sadismus zu ihren neuen Anstalten erzielten, bevor
weisen, dass man Medizinern, und erst bieten. Es muss gesagt werden, dass man selbst eine allgemeine Anstaltspo-
recht Psychiatern, nicht die mindeste der flammende Charakter von Michel litik lancierte. Im Verlaufe der Jahre
Macht in die Hände geben sollte, ohne Foucaults Werk seit langer Zeit Ziel musste man aber feststellen, dass die
sie zu kontrollieren. In beiden Fällen von Kritikern ist (im Übrigen ist es in Bilanz der Pioniernationen für Irrenan-
haben Historiker, wann immer sie ver- Frankreich immer schwierig, sich die- stalten nicht sehr ruhmreich war. In
sucht haben, Lehren aus der Geschich- ses heiligen Monsters auch nur in Nu- Frankreich und in England, den beiden
te der Irrenanstalten abzuleiten, gröss- ancen anzunehmen). Nun aber hat sich ersten Ländern, welche eine übergrei-
tenteils negative Schlüsse daraus unter anderem herausgestellt, dass die fende Politik zur Unterstützung von
gezogen, indem sie auf die Fehler der Geschichte, welche Foucault erzählte, Geisteskranken übernommen hatten,
Vergangenheit hinwiesen, in der Hoff- trotz ihren universellen Ansprüchen stieg die Anzahl der Eingewiesenen
nung, diese in Zukunft verhindern zu im Wesentlichen von französischen stetig an, seitdem man sich für die ers-
können. Quellen ausgeht. Und es hat sich her- ten öffentlichen Irrenanstalten ausge-
ausgestellt, dass man die Geschichte sprochen hatte (1838 in Frankreich,
der Psychiatrie Frankreichs nicht in 1845 in England). So hatte sich in
Ordnung oder Unordnung allen Punkten auf diejenige von ande- Frankreich die Zahl von Anstaltsinsas-
in der Anstalt? ren Ländern übertragen kann. Diverse sen in einem Zeitraum von zwanzig
Die Vorläufer der Antipsychiatrie Monographien haben gezeigt, dass es Jahren mehr als verdreifacht (von unge-
nicht die Irrenanstalt gab, sondern ver- fähr 10'000 eingewiesenen Personen im
Es soll hier nicht darum gehen, diese schiedene Typen davon, und dass sich Jahre 1840 auf 34'919 Personen im Jahre
traditionelle Historiographie in Frage der Alltag der Patienten je nach Land 1864), während in England ein ähnli-
zu stellen. Die Studien zu diesen ver- und Epoche tatsächlich stark unter- ches Wachstum zu beobachten ist
schiedenen Themen spielen eine not- schied. Ausserdem – und dies ist der (69'019 Personen waren 1871 von den
wendige, ja gar heilsame Rolle, und Punkt, den ich betonen möchte – war Behörden offiziell als verrückt einge-
warnen so vor Auswüchsen, welche die „psychiatrische Macht“ [6] nie so stuft). Daher war es für einige klar: Ir-
immer möglich sind in Institutionen, homogen und allumfassend, wie man renanstalten waren keine Lösung. Sie
die sich um Personen mit psychischen dies glaubte, abweichende Denkrich- kosteten unglaublich viel für … nichts,
Leiden kümmern. Wie beispielsweise tungen haben das Fach immer beschäf- da sie nicht wirklich heilten. Schlim-
Andrew Scull, so bin ich ebenfalls der tigt. mer noch, Berichte von Besuchern,
Meinung, dass man den neo-progressi- Es war beispielsweise nicht so, dass Familien, aber auch von Patienten
ven Diskursen Argwohn entgegen brin- sich alle Mediziner der westlichen Welt schienen zu zeigen, dass die Verrück-
gen soll [5]. Demgemäss waren diese am Projekt der Irrenanstalten beteiligt ten dort nicht nur verwahrlosten,
Vorfälle nur kleinere Hindernisse auf hatten, wie dies Foucault und andere sondern manchmal auch misshandelt
einem langen Weg, welcher heute postulierten. In anderen kulturellen wurden.
schlussendlich in ein wahres medizini- Kontexten war die Idee, bedeutende Im Gegensatz zu dem was gemeinhin
sches Verständnis von psychischen Summen für die Errichtung von Irren- angenommen wird, muss man also
Problemen mündete, wobei die Neuro- anstalten und das Einsperren von nicht bis in den 1960er Jahren warten,
wissenschaften sozusagen die letzte Wahnsinnigen auszugeben, nicht be- bis die ersten Kritiken der psychiatri-
Strecke darstellten. Dies ist eine naive sonders attraktiv. In Belgien, wo man schen Medizin auftauchten. Seit den
Sichtweise. Ohne den kürzlich erfolg- seit dem 15. Jahrhundert die Ange- 1860er Jahren, in England sogar früher,
ten Entdeckungen ihre Bedeutung ab- wohnheit hatte, Irrsinnige bei Gastfa- hinterfragten verschiedene Akteure
zusprechen, so dürfen diese keines- milien in Gheel [7] (einer Stadt mit Re- die Richtigkeit der psychiatrischen In-
wegs den komplexen Charakter des liquien einer heiligen Heilerin) zu ternierung. Teilweise nahmen sie auf
Wahnsinns verdecken. Dieser hat viel- beherbergen, fragte man sich, ob es überraschende Weise Bemerkungen
seitige Dimensionen, welche sicherlich nicht besser wäre, die Geistesgestörten der „antipsychiatrischen“ Zukunft vor-
biochemisch sind, aber auch sozial, weiterhin so zu behandeln, anstatt sie weg. In England und Frankreich, etwas
psychologisch, anthropologisch und … einzusperren. In anderen Nationen, später dann in Deutschland, den Verei-
historisch. beispielsweise in Schottland, wartete nigten Staaten, Dänemark und anders-
Soviel vorausgesetzt, hat die Psychia- man lieber ab, um zu sehen, welche Re- wo formten sich öffentliche Protest-
triegeschichte dennoch nicht nur Bei- sultate die Irrenärzte im Ausland in bewegungen, welche in England zur
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Entstehung von ernsthaften Gesell- waren, jedenfalls nicht in allen Län- ten Anstaltsmodell. Es ist also vor al-
schaften führten, wie der Alleged Luna- dern. Die Behandlung durch Internie- lem in solchen Gegenden, in welchen
tics' Friend Society (1845 – 1863) [8] rung wurde von Beginn an kritisiert, Ärzte eine andere Formel zur Hand-
oder The Lunacy Law Reform Asscocia- sowohl inner- als auch ausserhalb der habung des Wahnsinns vorschlugen:
tion (1874 – 1890) [9]. Einige davon Psychiatrie. Denn selbst wenn für die Behandlung „durch Freiheit“ statt
brachten sogar regelmässige Publikati- die Protestbewegungen, welche gegen durch simple Internierung.
onen heraus, zum Beispiel die Interna- Ende des 19. Jahrhunderts auftauch- In Belgien nahmen die Psychiater zu
tionale volkstümliche Zeitschrift des ten, die Patienten an erster Stelle stan- Beginn einen vorwiegend pragmati-
Bundes für Irrenfürsorge und Irren- den, so waren sie auch mit bestimmten schen Standpunkt ein: sie wollten vor
rechts-Reform (1909 – 1921) [10] in medizinischen Milieus verknüpft. Es allem den Brauch der Familienunter-
Deutschland. Auch wenn diese Bewe- wurde bereits erwähnt, dass Ärzte eini- kunft von Geistesgestörten in Gheel
gungen nicht von ehemaligen psychia- ger Länder wie Belgien oder Schott- ausnutzen, diesen flankieren und rati-
trischen Patienten geführt wurden, so land, der Politik der Internierung von onalisieren. Als sie jedoch ihre Resulta-
waren sie doch sicherlich inspiriert von Beginn an sehr skeptisch gegenüber- te mit denjenigen der Irrenanstalten
deren Berichten. Basierend auf solchen standen. In anderen Ländern, nament- verglichen, überzeugten sie sich all-
Erfahrungen von Internierungen ver- lich in Japan, war die Idee, Personen für mählich davon, dass sie die Schlüssel
langten diese Aktivisten, dass die eine längere Zeit einzusperren, auch zu einer neuen Behandlungsmethode
Rechte der Patienten besser geschützt wenn sie verrückt waren, den lokalen von Wahnsinn in der Hand hielten,
werden sollten. Weiter forderten sie, Auffassungen über die Geschlossen- welche auch ausserhalb von Flandern
dass die Ärzte damit aufhören sollten, heit der Familie so zuwider, dass sie gar brauchbar war. Sie waren nicht die ein-
geschlossene Anstalten als eine gute nicht eingeführt werden konnte [12]. zigen, die so dachten. Gheel erreichte
Lösung zu betrachten. Zumindest soll- Die wohlgemerkt negative Bilanz der im Westen schliesslich den Status einer
ten diese Anstalten geöffnet werden Nationen mit einer anstaltlichen Poli- Anti-Anstalt-Utopie. Zahlreiche Refor-
und ihren Gefängnischarakter verlie- tik, sowie die Bewegungen, welche ge- mer stellten Gheel als Paradies dar, in
ren. Je nach Land fanden diese Anlie- genüber der Anstaltsmedizin kritisch welchem die Wahnsinnigen frei und in
gen, oftmals von Schriftstellern und eingestellt waren, verstärkten die Vor- Harmonie mit den Gesunden lebten,
Journalisten unterstützt, mehr oder behalte gegenüber dem standardisier- ganz im Gegensatz zu den „Höllen“ der
weniger Gehör in der Politik oder der
Öffentlichkeit und führten so zu mehr
oder weniger „Unordnung“ in der an-
staltlichen „Ordnung“. In England zum
Beispiel hatte die Lunacy Law Reform
Association einen nachhaltigen Ein-
fluss, da auf ihren Druck hin das Gesetz
zur psychiatrischen Fürsorge im Jahre
1890 geändert wurde. In Frankreich
andererseits erreichte der „Anti-Alié-
nisme“ nie diese Breitenwirkung (das
Gesetz wurde übrigens erst 1990 an-
gepasst) [11].

Die Anstalt öffnen und „in Frei-


heit“ pflegen: Die andere
Vergangenheit der Psychiatrie
Abbildung 2 Der Alltag in einer open door Irrenanstalt in Schottland (Montrose Royal
Neuere historische Studien deuten also Lunatic Asylum, „Sunnyside“), im Jahr 1889. Zeichnung eines Patienten, Charles Alta-
darauf hin, dass es keine „dunkle Epo- mont Doyle (der Vater von Sir Arthur Conan Doyle). Doyle notierte dazu: „Sunnyside
che der Anstalt“ gab, als die öffentli- Picnic 6th June 1889. And any nicer sandwiches and beer I never met, and tried to
chen Irrenanstalten errichtet worden prove“. Aus: Michael Baker. The Doyle Diary. London: Paddington Press, 1978
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 429 – 435

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„Gefängnisanstalten“ [13]. Natürlich von kulminierenden Ausgehversu- des boarding out system zwischen
war die Realität differenzierter. Dies chen, falls möglich im boarding out 1860 und 1960, und auch, dass die An-
verhinderte jedoch nicht, dass Gheel system, aber auch durch eine Anzahl stalten dort nach der open door Politik
zum Referenzpunkt für all diejenigen von stimulierenden Aktivitäten. Im funktionierten. Auch die ganz kon-
wurde, welche die „Methode durch die Gegenzug sollte die Öffentlichkeit die krete, faktische Realität dieses Sys-
Freiheit“ unterstützten und theorisier- Patienten besuchen (Tanzabende, Tur- tems kennt man noch nicht. Wie in-
ten. Besonders die schottischen Ärzte niere, usw.). Zusammengefasst kann teragierten Kranke und Bevölkerung
versuchten, mehr noch als die Belgier, gesagt werden, dass die Anstalt ge- in den Gastfamilien (oder in den Vor-
die Praxis der Platzierung der Geistes- mäss des Diskurses der Verfechter des läufern der therapeutischen Wohn-
kranken ausserhalb einer Anstalt kon- open door systems keine Gemeinsam- gruppen) in einer Zeit, in welcher es
zeptuell zu fassen (vgl. Abb. 2). keiten mit der totalen Institution von noch keine Psychopharmaka zur Be-
Laut den Verfechtern der „Methode Goffman zu haben schien. Weiter be- einflussung des Verhaltens gab? Wel-
durch die Freiheit“ war das grösste stand man darauf, die Distanz zwi- che Rolle spielten die Ärzte bei dieser
Problem der Irrenanstalt, dass sie auf schen Pflegenden und Kranken zu ver- Behandlung? Wie beurteilte man,
der Idee der „therapeutischen Isolati- ringern: Man musste die Patienten in ausserhalb einer Anstalt, ob ein Pa-
on“ beruhte (insbesondere theorisiert das Leben der Anstalt miteinbeziehen, tient „geheilt“ war und aus dem Sys-
durch den französischen Arzt Etienne man musste ihnen ebenfalls die Mög- tem entlassen werden konnte? Zur-
Esquirol) [14]. Man sollte aber gerade lichkeit lassen, über ihre Probleme und zeit weiss man noch so gut wie nichts
nicht die Isolation der Wahnsinnigen die Bedingungen ihrer Behandlung zu über den Charakter der medizini-
anstreben, sondern eben deren Ein- sprechen. schen Behandlunge des Wahnsinns
gliederung. Man durfte also den Kran- Mehrere Historiker haben die Bedeu- ausserhalb der Mauern. Ebenso wei-
ken keineswegs ihre Verbindungen zur tung der Verweise auf Gheel und sen zwar einige verstreute Elemente
aussenstehenden Gesellschaft verwei- Schottland in den psychiatrischen des schottischen open door Alltags
gern. Dies würde ihre Verwirrung nur Debatten zwischen 1860 und 1920 darauf hin, dass sich dieser ziemlich
verschlimmern und die Anstalt in ein [15] (und wiederum in den 1960ern) deutlich von demjenigen der konti-
Gefängnis verwandeln. Im Gegenteil, unterstrichen. Sie haben auch ange- nentaleuropäischen Irrenanstalten
man musste versuchen, sie mit gesun- merkt, dass diese zwei Orte Ziele unterschied (Einsatz von der Kunst-
den Personen in Kontakt zu setzen und einiger Studienreisen waren. Dennoch therapie ähnlichen Methoden [17],
so durch „Imitation“ die Wiedererler- existiert auf dem konkreten der Ni- Entwicklung von externen Sprech-
nung von „normalem“ Verhalten för- veau der Betreuungspraktiken bis stunden-Diensten lange vor anderen
dern. Aus dieser Sicht sollte so schnell heute keine umfassende Studie über europäischen Ländern, Verbreitung
als möglich eine externe Betreuung die Auswirkungen der „Methode der der von Patienten hergestellten Zeit-
vermittelt werden (boarding out sys- Freiheit“. Es scheint aber, dass Ärzte schriften, Einbeziehung von Patien-
tem), beruhend auf dem Modell der in den Vereinigten Staaten, in Russ- ten, Familien und Verwandten bei
Gastfamilien aus Gheel und unter me- land, im Kaiserreich Österreich-Un- Leitungsfragen, usw.). Allerdings be-
dizinischer Aufsicht. War dies unmög- garn, in Frankreich und in Japan [16] sitzen wir über dieses Thema nur sehr
lich – beispielsweise wenn die Kranken (und zweifellos auch anderswo) ver- lückenhafte Informationen.
zu gefährlich waren – behielt die Inter- sucht haben, diese Herangehensweise
nierung ihre Richtigkeit, jedoch unter einzuführen, ohne dass wir wissen,
der Bedingung, dass die Anstalt refor- wie genau sich die Herangehensweise Fazit
miert wurde. Anstatt geschlossen und „der Freiheit“ an diesen Orten aus-
isoliert zu sein, sollte sich die Anstalt drückte. Und auch über die zentralen Die Irrenanstalt wird oft als monoli-
öffnen (open door system) und eine Orte der sogenannten Anti-Anstalts- thische Institution dargestellt, ohne
Brückenfunktion zwischen den Geis- Methode – Belgien und Schottland – Geschichte und ohne Nationalität, als
tesgestörten und der Aussenwelt ein- bleiben die historischen Studien sehr System welches von der Mitte des
nehmen. So sollte ihre Hauptfunktion bruchstückhaft. So wissen wir bei- 19. Jahrhunderts bis zu seiner grund-
darin bestehen, den Kranken zu helfen, spielsweise, dass in Schottland bis zu sätzlichen Hinterfragung in den
sich (wieder) an die Regeln des so- 30 % der psychiatrischen Fälle Teil ei- 1960ern fast überall gleichmässig fort-
zialen Spiels zu akklimatisieren und ner Behandlung ausserhalb der An- bestand. Wie bei anderen Einsper-
zwar durch ein stufenweises System stalt waren, und zwar auf der Basis rungsinstitutionen, gab es jedoch auch
Aude Fauvel „Ausserhalb der Mauern“ – Für eine neue Geschichte der Irrenanstalten in der Moderne

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bei den Irrenanstalten Abweichungen. Following the famous work by Michel cine. New Haven/London: Yale Uni-
Wir müssen uns also von der etwas ka- Foucault, Madness and Civilization: A versity Press, 2005.
rikaturhaften Vorstellung der „psychia- History of Insanity in the Age of Rea- 6. Foucault M. Le pouvoir psychia-
trischen Macht“ lösen. Innerhalb der trique : cours au Collège de France,
son, many historians have thus con-
Profession gab es immer abweichende 1973 – 1974. Paris: Gallimard/Seuil,
Strömungen und Widerstände. Die sidered that the medicalization of in- 2003.
neuere Geschichtsschreibung macht sanity in the modern age had mostly 7. Goldstein JL, Godemon MML. The
vor allem deutlich, dass die moderne led to a “great confinement” and a Legend & Lessons of Geel, Belgium:
Geschichte des Wahnsinns nicht nur greater segregation of all individuals A 1500-Year-Old Legend, a 21st-
eine Geschichte der Internierung war, deemed mentally unfit during the Century Model. Community Men-
wie dies oft behauptet wird. Seit ihrer tal Health Journal 2003; 39/5:
“asylum era”. However, new research
Entstehung entwickelten sich in der 441 – 58.
psychiatrischen Medizin auch einige demonstrates that this classic narra- 8. Hervey N. Advocacy or folly: The
Formen der Betreuung „ausserhalb der tive of the psychiatric past needs to be alleged lunatics' friend society,
Mauern.“ Mit William Parry-Jones und revised. It discloses that, ever since the 1845 – 63. Medical History 1986; 30:
Harriet Sturdy kann man sagen, dass 19th century, a whole other medical 245 – 75.
auch wenn sich die Entwicklung der culture existed as a challenge to asy- 9. Fauvel A. Cerveaux fous et sexes fai-
Psychiatrie vielleicht in einer „Vermin- bles (Grande-Bretagne, 1860 – 1900).
lums, a culture that advocated the
derung der Toleranz gegenüber Abwei- Clio, Femmes, Genre, Histoire 2013;
chungen in der Gemeinschaft“ manifes- integration of the mad and fought to 37: 41 – 64.
tierte, so „ist dieses Argument nicht disassociate psychiatry from the dom- 10. Schmiedebach, HP. Eine „antipsy-
gültig“ für andere Kontexte, wie bei- inant model of confinement all chiatrische Bewegung“ um die Jah-
spielsweise dem schottischen, wo ein throughout the occidental world. This rhundertwende. In: Dinges, M ed.
bedeutender Teil der Geisteskranken article aims at presenting the results Medizinkritische Bewegungen im
seit dem 19. Jahrhundert mit Hilfe der Deutschen Reich (ca. 1870 – 1933).
of these historical works that depict
Bevölkerung und den Ärzten ausser- Stuttgart, 1996: 127 – 59 (= Medi-
halb der Mauern platziert wurde [18]. another aspect of the psychiatric his- zin, Gesellschaft und Geschichte,
Diese andere und wenig bekannte Rea- tory, exploring “boarding out” prac- Beiheft 9).
lität ist schon früher untersucht wor- tices, instead of asylum ones. 11. Fauvel A. A World-Famous Luna-
den. Sicherlich sind diese Kontexte die tic. Baron Raymond Seillière
Ausnahme, sie zeigen jedoch trotz al- (1845 – 1911) and the Patient's
lem, dass man sich davor hüten muss, Literatur View in Transnational Perspective.
die Vergangenheit der Psychiatrie ein- In: Ernst W, Müller T. eds. Trans-
seitig anzusehen. Die Wege, welche die 1. Foucault M. L'histoire de la folie à national Psychiatries. Social and
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Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 429 – 435

Übersichtsarbeit 435
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© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000697

Übersichtsarbeit 437
Institut universitaire d'histoire de la médecine et de la santé publique, CHUV – Université de Lausanne
Mariama Kaba

Die Konstruktion einer medizinischen Disziplin


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und ihre Herausforderungen: die Orthopädie


in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert

Im Laufe des 19. Jahrhunderts praktizierten zahlreiche Protagonisten mit unter- malen Voraussetzungen für die Behand-
schiedlichen Qualifikationen die Orthopädie in vielfältiger Art und Weise: Ärzte, lung des Bewegungsapparates bot:
Chirurgen, Apparateentwickler und andere Empiriker widmeten sich manuellen medizinische Pflege, Behandlung mit
zweckmässigen Geräten, und ebenso die
Therapien, Massagen und chirurgischen Eingriffen und/oder dem Einsatz von
persönliche Erziehung durch regel-
Prothesen. Die mehrdeutige Interpretation der Orthopädie führte zu Interessen- mässige Kurse für die jungen Patienten,
konflikten, welche sich am Ende des Jahrhunderts verstärkten. Die Einführung welche viele Monate oder mehrere Jahre
einer universitären Ausbildung führte zu einer stärkeren Annäherung an die hospitalisiert wurden [3 – 6].
Chirurgie, welche die sogenannte moderne Medizin beherrschte. Im 20. Jahr- Die klinische Orthopädie, so wie sie
hundert reklamierten verschiedene Fachgebiete unterschiedliche orthopädische sich in der Nachfolge Venels entwickel-
te, lag an der Schnittstelle verschiede-
Praktiken für sich. Dadurch wurde sogar die Spezialisierung des Fachs an sich
ner Fachgebiete. Die Behandlung be-
bedroht. Dieser Beitrag untersucht die Herausforderungen, welche die Geschich- stand aus konservativen Techniken in
te der Orthopädie in der Schweiz prägten und berücksichtigt dabei auch die Form von Physiotherapie (manuelle
Anpassungsstrategien einer medizinischen und technischen Disziplin in einer Therapien, Massagen, Bäder, später
sich wandelnden Gesellschaft. Elektrotherapie) sowie Anwendungen
von orthopädischen Hilfsmitteln (Pro-
thesen, Orthesen). Im Gebiet der offizi-
„Orthopaedics may be unique in that in hundert, mit besonderer Berücksichti- ellen Medizin wandten zahlreiche Chi-
the beginning was the word“ [1]. Der gung der Situation in der Schweiz, un- rurgen diese Formen der Therapie an,
britische Historiker Roger Cooter woll- tersucht. Diese Thematik fügt sich in
te mit dieser Feststellung betonen, dass eine post-doktorale Forschung über die
die Orthopädie der Entstehung eines Geschichte der Orthopädie und des
Heeres von Praktikern vorausgegangen Hôpital Orthopédique in Lausanne ein,
sei, welche dann die Aufgabe hatten, die unter dem Mandat des Centre Hos-
die Grenzen zu schaffen, zu rechtferti- pitalier Universitaire Vaudois (CHUV)
gen und zu verschieben, welche durch geleitet wird.
die erste etymologische Definition der
Orthopädie festgelegt worden waren
(vom griechischen orthos, gerade, pais Die verschiedenen Ursprünge
paidos, Kind). Aus diesem Grund hat der Orthopädie
die Orthopädie eine chaotische und zö-
gerliche Geschichte, welche nichts des- Erinnern wir uns daran, dass es der fran-
to weniger dazu geführt hat, dass sich zösische Arzt Nicolas Andry war, der
die Disziplin im Laufe der Zeit etablier- den Begriff der Orthopädie in seiner Pu-
te und konsolidierte. blikation im Jahre 1741 allgemein ver-
Der Beitrag zeigt die wandelnden Pro- ständlich gemacht und geprägt hatte.
blemfelder einer medizinischen und Mittels Haltungs- und Korrektions-
technischen Disziplin in der sogenannt übungen wollte der Autor „den Missbil-
modernen Gesellschaft, indem Kontro- dungen an Kindern vorbeugen und diese
versen und Konsensfindungen von der abwenden“ (Abb. 1) [2]. Vier Jahrzehnte
Bezeichnung der Disziplin bis hin zu später wurde die klinische Orthopädie
Zuständigkeiten technischer Verfahren durch den waadtländischen Arzt Jean-
thematisiert werden. Nach der Darstel- André Venel, Gründer des weltweit ers-
lung des Hintergrunds der Ursprünge ten orthopädischen Instituts, etabliert. Abbildung 1 Der Baum und seine Stütze
der Orthopädie im 19. Jahrhundert wer- Er eröffnete 1780 in Orbe eine zukunfts- symbolisieren den Körper des Kindes, den
den die Strategien der Entwicklung und weisende Klinik, die ausschliesslich den es zu begradigen gilt. Aus N. Andry,
Anpassung dieser Disziplin im 20. Jahr- Kindern gewidmet war und die die opti- L'Orthopédie, 1741 [2]
Mariama Kaba Die Konstruktion einer medizinischen Disziplin und ihre Herausforderungen

438 Übersichtsarbeit
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unterstützt durch chirurgische Eingrif- Chirurgen – welche gemeinsam mit den von entsprechenden Publikationen be-
fe. Als zentraler Vertreter der vorausge- Ärzten über die Autorität in den Medi- merkbar machte. In diesem Zusam-
henden Epoche wird häufig Ambroise zinschulen verfügten – öffentlich den menhang wurde der Begriff der Ortho-
Paré erwähnt, Armee-Chirurg und Ent- Wunsch, ihre Kontrolle über die Ortho- pädie hinterfragt und dessen Etymologie
wickler von prothetischen Hilfsmitteln pädie aufrecht zu erhalten. Dieser problematisiert. Aus der Sicht der da-
im 16. Jahrhundert. Die orthopädi- Anspruch wurde insbesondere im Arti- maligen Praktiker war er sowohl auf die
schen Operationen (Muskel- und Seh- kel „Orthopädie“ des berühmten Dicti- Kinder wie die Erwachsenen anzuwen-
nenspaltung, operative Eingriffe an onnaire des sciences médicales von den. Man liess sich auf einige Neologis-
Knochen) bildeten im Laufe des 19. Panckoucke (1819) und von den beiden men ein: im Laufe der 1820er Jahre er-
Jahrhunderts die Grundlagen verschie- französischen Medizinern Charles-Ga- schienen die Begriffe „orthomorphie“
dener Konflikte zwischen der chirurgi- briel Pravaz und Jules Guérin (1835) (Bricheteau und d'Ivernois, dann Del-
schen und der konservativen Ortho- erhoben [9, 10]. Im Wesentlichen ver- pech) und „orthosomatique“ (Briche-
pädie. Gewisse Behandlungstechniken traten sie die Ansicht, dass es der Chir- teau und d'Ivernois), um die Mitte des
wie auch die Herstellung orthopädi- urg mit seinen vertieften Kenntnissen Jahrhunderts tauchten „orthopraxy“
scher Hilfsmittel gehörten auch zum in Anatomie, Physiologie und Mecha- (Bigg) wie auch einige Umschreibungen
Gebiet von Empirikern wie Bandagis- nik sei, der die Orthopädie auf dem Weg auf, wie etwa die „Behandlung von
ten, Glieder-, Knochen- und Muskel- des wissenschaftlichen Fortschritts Krankheiten des Bewegungsapparats“
Einrenkern und wandernden Hand- halten müsse. Was den Handwerks- (Bouvier) oder „von Missbildungen des
werkern. Letztere errichteten in der Mechaniker betreffe, so solle sich dieser Körperbaus“ (Little) [6]. Diese Versuche
Schweiz ab der Mitte des 19. Jahrhun- – falls seine Unterstützung als notwen- neuer Bezeichnungen waren sicher Re-
derts die ersten Handwerksbetriebe, dig erachtet werde – nur um die Kon- sultate einer Begeisterung für das ganze
die ausschliesslich orthopädische Ap- struktion der Geräte zu bemühen, wel- Feld der Orthopädie. Sie widerspiegeln
parate herstellten [7, 8]. che das anvisierte Ziel der Chirurgen ebenso den Interessenkonflikt inner-
Zur Hitparade der behandelten ortho- am besten erfüllten. Im 19. Jahrhundert halb des Kreises von Körperspezialisten,
pädischen Leiden gehörten die Miss- erreichte die Orthopädie in medizini- die sich durch Bekanntmachung ihrer
bildungen von Füssen, die X- und schen Kreisen in der Tat eine gewisse eigenen Praktiken zu profilieren ver-
O-Beine sowie die seitlichen Krüm- Anerkennung, welche sie zuvor nicht suchten. Dennoch war es der Begriff
mungen der Wirbelsäule (Skoliosen). gehabt hatte. Der französische Chirurg „Orthopädie“, der sich für die Bezeich-
Venel selbst hatte diese Entwicklung Joseph François Malgaigne formulierte nung immer zahlreicherer Institutionen
verstärkt, da die zwei technischen Neu- diese Wahrnehmung in seinen Leçons durchsetzte. Aber es fehlte ein Konsens
erungen, die entscheidend zu seinem d'orthopédie von 1862: „Während vieler über die Orthopädie als Spezialfach und
Ruf beigetragen hatten, der Holzschuh Jahre von der Wissenschaft getrennt, über dessen akademische Anerken-
für die Behandlung von Klumpfüssen und nur in den Händen von Spezialis- nung.
und die Tag- und Nacht-Apparatur zur ten, die Empiriker, aber nicht Chirurgen
Begradigung der Wirbelsäule (Korsett waren, oder auch von wenig talentier-
und Streckbett) waren. Mit dem Auf- ten Chirurgen, die das Studium der Chi- Auf der Suche nach einer
kommen der subkutanen Tenotomie rurgie aufgeben hatten, um sich dieser akademischen Anerkennung
und der schwedischen Heilgymnastik Spezialität zu widmen, verharrte die und eines Facharzttitels
verbreitete sich in den 1830 – 1840er Orthopädie bis im letzten Jahrhundert
Jahren zunehmend eine Begeisterung in der Dunkelheit“ [11]. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts er-
für diese beide Methoden [3, 5]. In der Realität war diese Hierarchie von reichte die Orthopädie an den Universi-
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts etab- Arzt-Chirurgen und Empirikern selten täten zunehmend eine gewisse Aner-
lierte sich in Paris die anatomisch- von Bedeutung, da die Reglementierun- kennung. Sie musste den Weg der
klinische Schule. Damit entstand eine gen noch sehr lückenhaft waren. Auch Anbindung an die Chirurgie beschrei-
neue medizinische Wissenschaft, wel- war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun- ten, die Speerspitze der sogenannt „mo-
che dem Verhältnis zwischen Symptom derts die Begeisterung für die Orthopä- dernen“, spital- und universitätsbasier-
und organischer Läsion in der Unter- die in verschiedenen Ländern Europas ten Medizin. Zeuge davon ist die starke
scheidung einzelner Krankheiten be- greifbar, die sich durch eine Blüte mehr Vermehrung der medizinischen Spezi-
sondere Beachtung schenkte. Im Rah- oder weniger öffentlicher orthopädi- algesellschaften und deren Zeitschrif-
men dieser Strömung bekräftigten die scher Institute sowie durch eine Flut ten in diesem Bereich. So tauchten in
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 437 – 443

Übersichtsarbeit 439
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den 1860er bis 1910er Jahren die ersten Schweizer Orthopäden (1953), Schweize- besucht worden waren. In diesem Kon-
nationalen Chirurgiegesellschaften auf, rische Gesellschaft für Orthopädie text ergriff die Universität Lausanne
basierend auf dem deutschen Modell, (1963) und schliesslich in Schweizeri- 1931 die Gelegenheit, den ersten or-
gefolgt von den USA und weiteren west- sche Gesellschaft für Orthopädie und dentlichen schweizerischen Lehrstuhl
lichen Ländern und danach von der Traumatologie (2006) (Abb. 2) [14, 15]. zu gründen, der mit Placide Nicod be-
Schweiz im Jahre 1913. Nach 1880 grün- In der Zwischenzeit trat 1931 das Bun- setzt wurde. Später folgten die anderen
deten verschiedene Mitglieder dieser desreglement über die Spezialtitel in Medizinischen Fakultäten von Zürich
Gesellschaften nationale orthopädi- Kraft, welches den FMH-Spezialarztti- (1945), Bern (1963), Basel (1963) und
sche Chirurgiegesellschaften. Sie ver- tel für Orthopädie festlegte. Die ersten Genf (1968). So endete die Periode der
sammelten sich erstmals als eigene 29 Diplome wurden 1933 erteilt, nach- nicht-obligatorischen, der allgemeinen
Sektion der chirurgischen Orthopädie, dem die obligatorischen je zweijährigen Chirurgie angegliederten Orthopädie-
getrennt von der allgemeinen Chirur- Kurse in Orthopädie und Chirurgie kurse und der unsicheren ausseror-
gie, am 10. Internationalen Medizin-
kongress 1890 in Berlin [12, 13].
Die dramatischen Konsequenzen des
Ersten Weltkrieges führten zur Ent-
wicklung einer Kriegsmedizin, in wel-
cher die orthopädische Chirurgie die
Aufgabe erhielt, die medizinischen
– und ökonomischen – Bedingungen
von Kriegsversehrten zu verbessern. In
der darauffolgenden Periode verstärkte
sich das Netz der Praktizierenden, was
1929 zur Gründung der Société Inter-
nationale de Chirurgie Orthopédique
(SICOT) führte. Im darauffolgenden
Jahr fand der erste SICOT-Kongress in
Paris statt, bei welchem das Schweizeri-
sche Komitee dieser Institution ge-
schaffen wurde. Die Schweizer Ortho-
päden betonten die Notwendigkeit, eine
eigene Organisation zu gründen, welche
Ansprechspartnerin für verschiedene
nationale Institutionen sein sollte (Fa-
kultäten, politische Instanzen, Ärzte-
gesellschaften, Versicherungen). Diese
Organisation wurde letztlich 1942 unter
dem Namen Freie Vereinigung Schwei-
zer Orthopäden gegründet, deutlich
später als in den meisten anderen west-
lichen Ländern. In dieser durch den
Zweiten Weltkrieg gestörten Periode
wurde die Gründung einer „Freien Ver-
einigung“ derjenigen einer „Gesell-
schaft“ bevorzugt, da diese weniger
formell war und sich als eine freund-
schaftliche Verbindung verstand, der Abbildung 2 1971 lanciert die SGO ihr erstes Informations-Bulletin für die Mitglieder.
beizutreten sich die Orthopäden frei Auf der Titelseite figuriert der Baum von Andry, der das Symbol der Gesellschaft bleibt.
fühlten sollten. Der Namen dieser Verei- Titelseite der ersten Bulletins der SGO vom November 1971 (SGO-Archiv, Universitäts-
nigung wandelte sich in Vereinigung klinik Balgrist, Zürich)
Mariama Kaba Die Konstruktion einer medizinischen Disziplin und ihre Herausforderungen

440 Übersichtsarbeit
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dentlichen Lehrstühle. Der universitäre werb und damit eher zur Ausweitung der Jahresversammlung zum Thema
klinische Unterricht war nun an die or- als zur Eingrenzung des Fachs. Dieses Vorderfuss deutlich machte: „1969
dentlichen Lehrstühle gebunden und Klima zeigt sich im Vorschlag von Jean- wird uns das Thema Vorderfuss noch
wurde von bereits bestehenden oder Charles Schloder, den er als Präsident von keinem anderen medizinischen
noch zu errichtenden Abteilungen und der Schweizerischen Gesellschaft für Spezialfach strittig gemacht! Für wie
Institutionen gefördert. Orthopädie (SGO) an der Jahrestagung lange noch? Schon sucht eine Interna-
Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts hat 1951 in Zürich formulierte: „In den tionale Gesellschaft für Podologie nach
sich das Gesicht der Orthopädie grund- letzten Jahren hat die Orthopädie zu Schweizer Ärzten, die sich insbesonde-
legend geändert. Zum Kampf gegen die einem Höhenflug angesetzt, neue Pro- re für die Pathologie des Fusses interes-
Knochentuberkulose und die Kinder- bleme stellen sich uns dar, weit ent- sieren. Andererseits gibt es zahlreiche
lähmung – welche einen Grossteil der fernte Horizonte öffnen sich unserem Orthopäden, die die Probleme des Vor-
orthopädisch behandelten Affektionen Blick. Die Amerikaner, die Franzosen derfusses nicht mehr vertieft studie-
der 1940er Jahre ausmachte – kam und die Italiener haben die Grenzen ren, obwohl diese doch in der orthopä-
die militär-medizinische Verantwor- unserer Kunst erweitert, welche heute dischen Praxis so häufig sind. […]
tung für die Kriegsopfer hinzu. Die Ver- die Traumatologie und alle Affektionen Vergessen wir nicht, dass der Vorder-
tiefung der Kenntnisse in Muskel- und des Bewegungsapparates umfassen. fuss unabdingbar ist für eine aufrechte
Gelenksphysiologie, die chirurgischen Wir können diesem Druck aus dem Haltung und dass inadäquat behandel-
Innovationen und die Fortschritte in Ausland nicht lange widerstehen […]. te Funktionsstörungen am Anfang ei-
der Entwicklung prothetischer Geräte Aber vergessen wir nicht, dass die Or- ner wichtigen dauerhaften Invalidität
ermöglichten es der schweizerischen thopädie nicht nur eine Spezialisierung stehen können“ [19]. Mit der Formulie-
Orthopädie, sich zu behaupten. In den der Chirurgie darstellt. Diese Kunst rung seiner Sorge wies der Redner auch
1950er Jahren nahmen die Folgeschä- fällt auch, und bisweilen noch stärker, auf die zunehmende Tendenz der Or-
den der Kinderlähmung auf Grund der in das Gebiet der Mechanik, der Inne- thopäden hin, sich – zum Nachteil der
allgemeinen Impfpflicht drastisch ab, ren Medizin, der Pädiatrie, der Neuro- Meisterschaft in allen Bereichen der
während die Verletzungs- und Unfall- logie und der Endokrinologie“ [17]. Anatomie – auf einzelne Körperteile
opfer (Arbeits-, Strassen- und Frei- In der Folge dieser breiten Ausrichtung und Techniken zu spezialisieren.
zeitunfälle) endgültig die Überhand der Orthopädie entwickelten sich In der Tat blieb die Abgrenzung der
gewannen. Zur Krankenpflege und Re- Machtkämpfe unter den Spezialisten. Arbeitsfelder zwischen orthopädi-
habilitation von Paraplegikern und an- Die Debatten rund um die Aufsicht schen Chirurgen und anderen speziali-
deren Gelähmten kam insbesondere über die Physiotherapie, die unent- sierten Chirurgen die Hauptsorge.
die Korrektur und Stabilisierung von behrliche paramedizinische Disziplin 1966 fragte sich die SGO, welche Hal-
Skoliosen und die Erfolgsgeschichte zur Rehabilitation des Bewegungsap- tung sie gegenüber der Gesellschaft
der Osteosynthese (AO) hinzu. Die parates, sind ein vielsagendes Beispiel: der Handchirurgen und derjenigen der
Arbeiten intensivierten sich, gingen in Ende der 1960er Jahre gründete die plastischen – und Wiederherstellungs-
unterschiedliche Richtungen, und die SGO eine Spezialkommission, um die chirurgen einnehmen solle. Im selben
Orthopädie wurde – wie andere Zweige Rollen der Spezialisten der Orthopädie, Jahr tauchte die schwierige Frage der
der Medizin – mit dem schwierigen der physikalischen Medizin und der Bezeichnung auf, als die Befürworter
Problem der Auffächerung ihrer Diszi- Rheumatologie gegenüber der Physio- im Hinblick auf die Revision der Spe-
plin konfrontiert [14, 16]. therapie zu klären. Die SGO wurde zialarztliste der FMH ihre Arbeit auf-
Tatsächlich wandte die Orthopädie auch unruhig, als die Gesellschaft für nahmen. Die Orthopäden fühlten sich
verschiedene Techniken an (von der Rheumatologie vorschlug, die Ortho- in ihrer Selbständigkeit und Existenz
Chirurgie über die Rehabilitation bis pädie in zwei Teile zu trennen, nämlich bedroht, als die Schweizerische Gesell-
zur Physikalischen Medizin), widmete in eine chirurgische Orthopädie als Ar- schaft für Chirurgie vorschlug, eine
sich jedem Lebensalter und fokussierte beitsfeld der orthopädischen Chirur- Unter-Spezialisierung mit dem Titel
mit dem Bewegungsapparat auf ein gen und in eine nichtchirurgische Or- „Chirurgie des Bewegungsapparates“
System, welches verschiedene Teile des thopädie, die den Rheumatologen zu bilden. Herrmann Fredenhagen, der
Körpers betrifft. In der Nachkriegszeit überlassen werden sollte [18]. Die Po- Präsident der SGO, meinte: „Ein Spezi-
führten die raschen, vom Ausland her- dologie wurde ebenfalls als Rivalin alarzt für Chirurgie des Bewegungsap-
kommenden Veränderungen zu einer wahrgenommen, wie es Maurice E. parates ohne Orthopädie schien mir
Belebung und zu verstärktem Wettbe- Müller, Präsident der SGO, während ebenso unmöglich wie ein Spezialarzt
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 437 – 443

Übersichtsarbeit 441
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für Orthopädie ohne chirurgische Vor- Praxis zu erhalten. Die Beziehungen Trotz der Spannungen, die es in der
bildung“ [20]. und die persönlichen Netzwerke Union durchaus gab, hatte diese das
So blieb die Frage nach der Abgrenzung spielten in dieser Zusammenarbeit Verdienst, ein Diskussionsforum für
der Orthopädie bestehen. Ausserdem eine wesentliche Rolle, welche manch- die Chirurgen unterschiedlicher Her-
führte die explosionsartige Zunahme mal – und für die Orthopädie in kunft zu bilden. In Folge der ersten Ver-
der medizinischen und technischen verschiedener Hinsicht – durch Notsi- handlungen der 1960er Jahre und dann
Kenntnisse zu sehr unterschiedlichen tuationen entstand. Am Beginn der an- innerhalb der Union und der SGO, eta-
chirurgischen Spezialfächern, die sich sehnlichen Union Schweizerischer Chir- blierte sich 1974 schliesslich der FMH-
allmählich voneinander isolierten. Es urgischer Fachgesellschaften (1974) Facharzttitel für orthopädische Chir-
wurde offensichtlich, dass das Überle- (nachfolgend Union) stand die oben er- urgie. Die Mitglieder der SGO nahmen
ben der Orthopädie weniger von diszi- wähnte Befürchtung der Orthopäden diese Bezeichnung mit 73 Ja- und einer
plinären Positionen abhing als von der angesichts der vorgeschlagenen Sub- Gegenstimme bei drei Enthaltungen an
Schaffung von Partnerschaften. spezialisierung eines Chirurgen des [22]. Im Laufe der Auseinandersetzun-
Bewegungsapparates. Hermann Fre- gen wurde das Wort „Orthopädie“ er-
denhagen, der Präsident der SGO, neut zur Sprache gebracht. Obwohl das
Diversifizierte kontaktierte Kollegen der Schweizeri- Wort etymologisch immer problema-
Überlebensstrategien schen Gesellschaft für Chirurgie, um tisch war – vom „geraden Kind“ zu
dieses für die Orthopädie „vitale Prob- sprechen, stellte eine Diskrepanz zu
Im Übergang zum 20. Jahrhundert bil- lem“ auf freundschaftliche Weise zu den meisten Entwicklungen der letzten
deten sich erste Netzwerke und vielfäl- lösen. Er konnte dann auf die Unter- Jahre dar – hielt sich der Begriff wohl,
tige Annäherungen zwischen den Spe- stützung des neuen Präsidenten die- da man an ihn gewöhnt war. Das Glei-
zialisten, die sich ab den 1960er Jahren ser Gesellschaft, Frédéric Saegesser, che galt für die kulturelle Identität der
stark vermehrten. In der Folge wurden zählen, der ihn einlud, die Frage der Disziplin, die im Prozess der Auto-
Synergien entwickelt und der Aus- Spezialisierung mit dem Präsidenten nomie-Behauptung durchgeschüttelt
tausch begünstigt. Trotz allem ver- der Schweizerischen Gesellschaft für worden war.
folgten alle das gleiche Ziel: den Urologie, Ernst Zingg, zu erörtern. Andererseits brachte der neue Fach-
Fortschritt der medizinischen und Diese Begegnung bildete den Anstoss arzttitel, der die Orthopädie mit der
technischen Kenntnisse. Nach dem zur Schaffung der Union, welche die Chirurgie verbindet, eine gewisse Am-
Vorbild ihrer Glaubensgenossen trafen Schweizerischen Gesellschaften für biguität mit sich, wie es Louis Nicod,
sich die Schweizer Orthopäden an na- Chirurgie, Kinderchirurgie, Neurochi- Chefarzt des Hôpital Orthopédique de
tionalen und internationalen, ortho- rurgie, orthopädische Chirurgie, plas- la Suisse Romande, 1976 betonte: „[Die
pädischen und pluridisziplinären Ta- tische und Wiederherstellungschirur- Orthopädie] ist medizinisch, denn der
gungen, um über ihre Forschungen gie und Urologie vereinte. Auf der chirurgische Orthopäde verordnet Phy-
und klinische Praxis zu diskutieren. Grundlage der bereits bestehenden siotherapie, Prothesen (orthopädische
Arbeitsgruppen entwickelten zudem Modelle (American College of Surge- Ersatzapparaturen), Orthesen (ortho-
Forschungen in verschiedene Rich- ons, British Royal College of Surgeons, pädische Korrektur- oder Haltungsap-
tungen: zum Beispiel wurde in dieser Académie Française de Chirurgie) ver- parate) sowie Medikamente. Sie ist chi-
Zeit die Schweizerische Arbeitsgemein- folgte die Union das Ziel, die chirur- rurgisch, denn er nimmt mit Ausnahme
schaft für Prothesen und Orthesen gischen Kompetenzen in der Form der Gefäss- und plastischen Chirurgie,
gegründet, welche die technischen kollegialer Selbstkontrolle unter den alle Eingriffe an den unteren Extremi-
Orthopäden und die zugewandten Spezialisten zu koordinieren, und täten und am Rücken vor“ [23]. Gegen
Handwerker zusammenbrachte. Eben- zwar „ohne Intervention der staatli- Ende der 1970er Jahre war Pierre Schol-
so gab es eine Arbeitsgruppe zur chen Bürokratie“, wie dies Martin der, der Präsidenten der SGO, in seiner
Handchirurgie, in der Orthopädie, Chi- Allgöwer, der Präsident der Union, Bilanz schon weniger nuanciert: „Die
rurgie, plastische Chirurgie und Un- betonte [21]. Die wichtigsten zu dis- Orthopädie, […] welche sich [früher] in
fallmedizin zusammenarbeiteten. kutierenden Probleme betrafen die einem hybriden und vielleicht mehr
Diese Umgruppierungen fanden statt Grund- und Weiterausbildung, die Ar- medizinischen als chirurgischen Um-
im Rahmen der Strategie, gleichzeitig beitsbedingungen der Chirurgen in feld bewegte, ist heute ein allseits plu-
Kenntnisse auszutauschen und die den Spitälern sowie die Qualitätskont- ridisziplinäres, vorwiegend chirurgi-
Kontrolle über die eigene und fremde rolle [16: S. 55 – 102; 20: S. 11 – 14]. sches Spezialfach“ [14: S. 92 – 93].
Mariama Kaba Die Konstruktion einer medizinischen Disziplin und ihre Herausforderungen

442 Übersichtsarbeit
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Neue Herausforderungen starken chirurgischen und technischen ted the so-called modern medicine.
Ausrichtung ist“ [24]. Seit 2006 widmet During the 20th century, various medi-
Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sich das orthopädische Spital nur noch cal branches defend the legitimacy of
stellten die mit der demographischen den Erwachsenen, während die Ju-
certain orthopedic practices, thereby
Überalterung zunehmenden rheumati- gendlichen der Pädiatrie des CHUV
schen Krankheiten und die Verletz- zugewiesen werden. Zwei Jahre später threating to a degree the title itself of
ungen in Folge neuer beruflicher und verlor das orthopädische Spital seinen this specialization. By examining the
Freizeit-Aktivitäten neue Herausforde- Status als private Institution und wur- challenges that have shaped the his-
rungen für die Orthopädie dar, die sie de in das neue Departement „Bewe- tory of orthopedics in Switzerland, this
allerdings mit anderen Disziplinen teil- gungsapparat“ des CHUV integriert. article also seeks to shed light on the
te. Die institutionellen und wirtschaft- Dieses Pilotdepartement versammelt
strategies that were implemented in
lichen Schwierigkeiten, gepaart mit rund um eine spezifische Gruppe von
den Anforderungen der Gesundheits- Patienten – denjenigen mit osteo-arti- adopting a medical and technical dis-
politik, waren ebenfalls für die Ausrich- kulären Pathologien – die verschiede- cipline within a transforming society.
tung der Disziplinen bestimmend. In nen behandelnden Disziplinen, d. h.
Europa verlief die Evolution der Ortho- die Orthopädie, Traumatologie, Rheu-
pädie je nach Region unterschiedlich. matologie und die Plastische und Wie- Literatur
Überall waren Innovationen wichtig, derherstellungschirurgie.
die Strategien aber waren unterschied- Diese neuen Konfigurationen widerspie- 1. Cooter R. Surgery and society in
lich. Die grossen Stationen teilten sich geln die Geschichte, die in diesem Bei- peace and war. Orthopaedics and
auf; die kleineren verzichteten darauf, trag vergegenwärtigt wurde. Sie zeigen, the organization of modern medi-
sich bestimmten Kategorien von Kran- dass die Orthopädie ihren Weg im brei- cine (1880 – 1948). Basingstoke:
ken zu widmen. ten Feld der Medizin durch andauerndes Macmillan, 2014: 11.
Schauen wir zum Beispiel die Entwick- Aushandeln mit benachbarten Diszipli- 2. Andry N. L'Orthopédie ou l'art de
lungen des Hôpital Orthopédique de la nen gefunden hat und dadurch ihre dau- prévenir et de corriger dans les en-
Suisse Romande in Lausanne an, wel- erhafte Identität sichern konnte. fans les difformités du corps. Le
ches ab Ende der 1970 Jahre gegen eine tout par des moyens à la portée des
schwindende Kundschaft ankämpfen pères et des mères, et de toutes les
musste. Hier schaffte die grosse Menge The construction of a medical personnes qui ont des enfans à
von Spezialisten wie in anderen medi- discipline and its challenges: élever. Paris: 1741. Vgl. dazu Vig-
zinischen Bereichen eine ernsthafte Orthopedics in Switzerland during arello G. Le corps redressé. Histoire
Konkurrenz und führte zu einem d'un pouvoir pédagogique. Paris:
the 19th and 20th centuries
Abbau der Aktivitäten einzelner Armand Colin, 2001: 13 – 24.
Dienststellen. Um zu überleben, ver- During the 19th century, numerous 3. Kaba M. Malades incurables,
band sich das Spital – eine private In- figures, with different qualifications, vieillards infirmes et enfants dif-
stitution seit seiner Gründung im Jahre claimed to practice orthopedics: doc- formes. Histoire sociale et médicale
1876 – 1978 mit der traumatologischen tors, surgeons, inventors of equipment du corps handicapé en Suisse ro-
Abteilung des CHUV, um einen Service and instruments, and other empiri- mande (XIXe-début XXe siècle).
d'orthopédie et de traumatologie (OTR) Thèse de Doctorat en Lettres (dir.
cists. They performed certain types of
für den Bewegungsapparat zu schaffen. Prof. H. U. Jost et Prof. V. Barras).
Diese Abteilung wurde damit eine techniques, massages, surgical opera- Université de Lausanne, 2011.
der fünf schweizerischen Universitäts- tions and/or fitted prostheses. The 4. Kaba M. Aux sources de l'ortho-
dienste in diesem Spezialgebiet. Zu polysemous notion of orthopedics had pédie clinique. L'histoire revisitée
dieser dauerhaften Vereinigung be- created conflicts of interest that would de Jean-André Venel, “père de l'or-
kannte sich zwanzig Jahre später auch reach their height at the end of the thopédie” (fin XVIIIe- début XIXe
der neue Chef des OTR-Dienstes und siècle). Revue suisse d'histoire 2015;
19th century. The integration of ortho-
medizinische Direktor des orthopädi- 2 (im Druck).
schen Spitals, Pierre-François Leyvraz, pedics into the training at the univer- 5. Olivier E. Jean-André Venel, d'Orbe
welcher betonte, „dass die Orthopädie- sity level enhanced its proximity to (1740 – 1791). Maître accoucheur.
Traumatologie eine Disziplin mit einer surgery, a discipline that has domina- Pionnier de l'orthopédie. In: Sau-
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 437 – 443

Übersichtsarbeit 443
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dan G, dir. L'éveil médical vaudois Chirurgischer Fachgesellschaften – gesellschaften – Informationsbul-


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Lausanne: Université de Lausanne, 89 – 94. Universitätsklinik Balgrist, Zürich.
1987: 51 – 103. 15. Procès-verbal de la séance du Co- 21. Allgöwer M. „Zum Geleit“, Union
6. Valentin B. Geschichte der Or- mité suisse de la Société internatio- Schweizerischer Chirurgischer Fach-
thopädie. Stuttgart: Georg Thieme, nale de chirurgie orthopédique gesellschaften – Informationsbulle-
1961. 27.9.41, à la Clinique orthopédique tin 1978; 1: 5. SGO-Archiv, Univer-
7. Ruepp R. Orthopädie-Technik in de Pinchat, Genève. Ordner „Ge- sitätsklinik Balgrist, Zürich.
der Schweiz. Chronik eines samte Akten 1942 – 1955“. SGO- 22. Protokoll der Mitgliedversamm-
medizinischen Handwerks. Die- Archiv, Universitätsklinik Balgrist, lung der SGO, 17. Mai 1974. SGO–
tikon: Juris Druck, 2002. Zürich. SSO Information, Okt. 1974; 10: 9.
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dics. An account of the study and mann B, Hrsg. Geschichte der Sch- Balgrist, Zürich.
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earliest times to the modern era. thopädie. Die zweiten 25 Jahre der tième anniversaire de l'Hôpital or-
Basel: Ed. Roche, 1990. Gesellschaft (1967 – 1992). Zum thopédique de la Suisse romande
9. Fournier-Pescay F, Bégin L-J. Ortho- 50jährigen Bestehen der Gesell- (1876 – 1976). Lausanne: Presses
pédie. In: Dictionnaire des sciences schaft. Bern, Göttingen, Toronto: Centrales, 1976: 63.
médicales, par une société de méde- Verlag Hans Huber, 1992. 24. Leyvraz P-Fr. Message du directeur
cins et de chirurgiens. Paris: éd. CLF 17. Scholder J-Ch. Société d'orthopé- médical. Hôpital orthopédique de
Panckoucke, 1819; 38: 297. die, Congrès de Zurich, 15 et 16 la Suisse romande. Rapport d'acti-
10. Pravaz Ch-G, Guérin J. Institut or- sept. 1951. Ordner „Assemblée de la vité 1998: 4. Archiv des Hôpital or-
thopédique de Paris, pour le traite- SSO … dès 1942“. SGO-Archiv, Uni- thopédique de Lausanne (CHUV).
ment des difformités de la taille et versitätsklinik Balgrist, Zürich.
des membres, chez les personnes 18. Korrespondenz zwischen 1967 – 1968
des deux sexes. Au château de la der Orthopäden Montmollin B
Muette, à Passy, près le bois de Bou- (Lausanne), Gschwend N (Zürich),
logne. Paris: Everat Impr., [1835]: 2. Fredenhagen H (Basel), Scholder P
11. Zitiert nach Petit L-H. Orthopédie. (Lausanne), Nicod L (Lausanne),
In: Dechambre A, Lereboullet L, und Brief von L. Nicod vom 26.3.1968
dirs. Dictionnaire encyclopédique an das Département de l'Intérieur,
des sciences médicales. Paris: Mas- Service de la Santé publique. Ordner
son-Asselin, 1882; 69: 723. „Korrespondenz, Tarifabsprachen
12. Tröhler U. Surgery (modern). In: 1966/1967, Kommission Physiother-
Bynum W F, Porter R, eds. Com- apie-Orthopädie“. SGO-Archiv, Uni-
panion encyclopedia of the history versitätsklinik Balgrist, Zürich. Korrespondenzadresse
of medicine. London, New York: 19. Müller ME. Introduction. Rapports
Routledge, 1993; 2: 984 – 1028. principaux et résumés des commu- Dr. Mariama Kaba
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Schweizerischen Gesellschaft für té suisse d'orthopédie, Sion, les CHUV
Orthopädie. Bern: Buchdr. Paul 13 – 14 juin. [s.l.]: [s.n.], 1969: 1. Rue du Bugnon 46
Haupt, 1969. 20. Fredenhagen H. Wie kam es zur 1011 Lausanne
14. Scholder P. SSO. Histoire de la Gründung der Union? Union Sch-
Société. Union Schweizerischer weizerischer Chirurgischer Fach- mariama.kaba@chuv.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000698

Übersichtsarbeit 445
Institut universitaire d'histoire de la médecine et de la santé publique, CHUV, Université de Lausanne
Patricia Rosselet

Das weit gereiste Bild in neurologischen


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Lehrbüchern (1850 – 1920)

Bilder waren schon immer ein wichtiger Teil der Neurologie. Seit Beginn dieser weltweite Kommunikation in Form
Disziplin waren Skizzen oder Fotoaufnahmen Bestandteil von Lehrbüchern und von internationalen Kongressen, Pres-
kursierten in der gesamten westlichen Welt. Sie spielen eine Rolle in der Verbrei- seberichten und internationalen Rei-
sen der Forscher etablierte. Die bedeu-
tung, Autoritätsbildung und Vereinheitlichung der neurologischen Disziplin.
tendsten Bücher wurden üblicherweise
Dieser Beitrag beschreibt die weltweite Verbreitung eines medizinischen Bildes in mehrere Sprachen übersetzt, übli-
durch die Lehrbücher. cherweise von den Ärzten selbst. Des-
halb sind inhaltlich keine grossen Ab-
weichungen bei Lehrbüchern mit
ähnlichen Titeln festzustellen, egal ob
Einleitung Sollte diese Benennung auf Werke be- ein Buch aus den USA oder aus Frank-
grenzt sein, welche das Wort „Lehr- reich stammte.
Am Ende des 19. Jahrhunderts ist die buch“ im Titel enthalten? Oder sollte
Neurologie ein junges und sich rasch der Begriff für jedes Buch mit pädago-
entwickelndes Spezialgebiet der Medi- gischem Ansatz verwendet werden? Die Verwendung von Bildern
zin. Neurologen publizieren Lehrbü- Ich habe mich entschieden im Folgen- in Lehrbüchern
cher und organisieren sich in Gesell- den unter „Lehrbüchern“ verschiedene
schaften, welche miteinander im Arten von Büchern zur Neurologie zu- Viele dieser Lehrbücher aus dem spä-
Austausch stehen. Die Lehrbücher, aus sammenzufassen, welche sich gemäss ten 19. Jahrhundert und dem begin-
teilweise hundert oder sogar tausend ihren Titeln nicht immer als solche de- nenden 20. Jahrhundert enthalten
Seiten bestehend, widerspiegeln den finieren, aber einen Überblick über das zahlreiche Illustrationen in Form von
Wissensaustausch und die Entwick- Wissen der Neurologie zu jener Zeit Zeichnungen und Fotographien. Die
lungen der Disziplin, da sie sich von der bieten wollen. Diese Bücher, welche Neurologie zeichnet sich also durch
einen zur nächsten Edition verändern zwischen 1850 und 1920 publiziert eine lange, auch heute noch starke
und stets auf die neusten Publikatio- wurden, tragen unterschiedlichste Na- Bildtradition aus, auch wenn sich der
nen verweisen. Sie enthalten wertvolle men und Layouts. Sie können die Form Stil der Bilder durch den technologi-
Informationen über den Stand der eines Manuals annehmen, das theo- schen Wandel, wie beispielsweise CT-
Neurologie in der zweiten Hälfte des rielastig ist und eine Zusammenfas- Scans und MRI, geändert hat. Schon im
19. Jahrhunderts und den ersten Deka- sung des jeweils aktuellen Lernstoffs frühen 20. Jahrhundert nahmen diese
den des 20. Jahrhunderts. Bis vor der Neurologie liefert. Oft kommen Bilder eine entscheidende Rolle in der
kurzem wurden Lehrbücher in der wis- Lehrbücher in der Form eines Vorle- Entwicklung der Neurologie und in der
senschaftsgeschichtlichen Forschung sungsbuches daher, welches Vorlesun- Standardisierung des medizinischen
vernachlässigt. Indes können Lehrbü- gen für Medizinstudenten beinhaltet, Blicks ein. Einige Bilder gingen in der
cher fruchtbare Informationsquellen und den Schwerpunkt auf klinische Tat on Lehrbuch zu Lehrbuch rund um
sein, um zu verstehen, wie Autoren Fälle und Beobachtungen legt. Es wer- die Welt. Sie rückten ins Zentrum von
arbeiten und wie eine bestimmte Diszi- den auch andere Titel verwendet, wie Untersuchung zu neurologischen Lehr-
plin entstanden ist. beispielsweise Handbücher, Studien, büchern und eröffneten neue Frage-
Gemäss dem Oxford English Dictionary Beiträge etc. stellungen. Weshalb wurden in einer
ist ein Lehrbuch (textbook) ein ein- Der Fakt, dass es sich bei allen um pub- Disziplin, in welcher die Verletzungen
oder mehrbändiges „book used as a liziertes Material handelt, das sich pri- der Patienten äusserlich nicht sichtbar
standard work for the study of a parti- mär mit Erkrankungen des Nervensys- sind, so viele Bilder verwendet? Wes-
cular subject“ [1]. Der Begriff „Lehr- tems beschäftigt und aus der Zeit von halb gab es verschiedene Typen von
buch“ ist ein mehrdeutiger Begriff; er der Mitte des 19. bis zu Beginn des Illustrationen, wenn man beachtet,
ist allumfassend, verrät aber nicht viel 20. Jahrhunderts stammt, macht aus dass nur das Medium der Fotographie
über den Inhalt des Buchs. Ausserdem dieser Gruppe Bücher eine harmoni- Anspruch auf «Objektivität» erheben
wird der Begriff „Lehrbuch“ oft ver- sche Einheit. So wurden z. B. sämtliche konnte? Ich werde diese Zirkulation
wendet, um vielerlei Arten von Bü- Autoren im 19. Jahrhundert ausgebil- anhand eines weit gereisten Bildes
chern zu bezeichnen. Diese vage Defi- det, zu einer Zeit, in der sich die Medi- illustrieren.
nition verbirgt, wie schwierig es ist, ein zin in der gesamten westlichen Welt In Joseph Jules Dejerines (1849 – 1917)
Buch als Lehrbuch zu klassifizieren. ähnlich rasch ausbreitete und als sich Kapitel Troubles de la motilité im Lehr-
Patricia Rosselet Das weit gereiste Bild in neurologischen Lehrbüchern (1850 – 1920)

446 Übersichtsarbeit
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buch Sémiologie des affections du sys- darauf hin, dass sie „von Dejerine“ schen Lehrbüchern findet man schnell
tème nerveux (1914) präsentiert der stammt. Das Kapitel, welches die Pa- ein weiteres Buch mit diesen neun Fo-
Autor eine Fallstudie eines vorpubertä- thologie erklärt, beinhaltet eine ähnli- tographien, nämlich das Handbuch der
ren Jungen, der an „myopathischer che Beschreibung [4]. Unter den deut- Nervenkrankheiten im Kindesalter von
Atrophie“ leidet. Die textliche Be-
schreibung der Pathologie wird von
neun Fotographien begleitet, welche
den zwölfjährigen Jungen nackt vor ei-
nem schwarzen und schlichten Hinter-
grund zeigen (siehe Abb. 1 – 2). Diese
Fotographien wurden von Dejerine in
allen drei Editionen seiner Sémiologie
von 1901 bis 1926 publiziert. Sie zeigen
in einer Sequenz, wie der Junge von ei-
ner liegenden Haltung aufsteht. Die
Bildunterschrift lautet: „Diese 9 Figu-
ren zeigen die verschiedenen Positio-
nen, die der Myopathiker mit einer
Atrophie der abdominalen, iliakalen
und tiefen Rückenmuskulatur ein-
nimmt, um von der liegenden in die
stehende Position zu wechseln. Kind
von 12 Jahren (Bicêtre 1891)“ [2, 3].
Die neun Fotographien füllen eine
Doppelseite (S. 336 – 337) und werden
nur von diesem kurzen Text begleitet.
Eine Beschreibung des Krankheitsbil-
des und des Prozesses des Aufstehens
kann auf den vorausgehenden Seiten
330 – 333 nachgelesen werden. Der Text
erklärt, wie der Kräftezerfall über die
Jahre fortschreitet und weshalb ein
Kind mit dieser Pathologie die gesamte
Körpermuskulatur einsetzen muss, um
aufzustehen. Die Abbildungen sind nur
mit ihrer Nummerierung in eckigen
Klammern an gewissen Textstellen er-
wähnt. Die Fotographien wurden, wie
in der Legende erwähnt, in Bicêtre im
Jahr 1891 aufgenommen.
Beim Durchblättern der Seiten anderer
neurologischer Lehrbücher aus dersel-
ben Zeit wird der Leser dieselben neun
Fotographien in derselben Reihenfolge
finden. Zum Beispiel wurden sie in der
fünften Auflage von Hermann Oppen-
heims (1858 – 1919) Lehrbuch der Ner-
venkrankheiten für Ärzte und Studie- Abbildung 1 – 2 Zwei der neun Fotographien, die einen jungen myopathischen Jun-
rende von 1908 reproduziert. Die gen während dem Aufstehen zeigen. (Dejerine, Sémiologie des affections du système
Legende unter der Fotographie weist nerveux, Masson, 1914, S. 331 – 332)
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 445 – 449

Übersichtsarbeit 447
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Bruns, Cramer und Ziehen von 1912. stösst man auf das bekannte Lehr- Schritten. Die vier Bilder können pro-
Interessant ist, dass diese Autoren bei buch von William Richard Gowers blemlos vier der neun Fotographien
der Herkunft der Bilder nicht nur auf (1845 – 1915), das Manual of Diseases ersetzen. Auch hier werden die Bilder
Dejerine verweisen, sondern auch auf of the Nervous System, dessen erste von einer sehr kurzen und ähnlichen
Oppenheim, von welchem die Bilder Auflage 1886 erschien [6]. Im ersten Beschreibung begleitet. Gowers' Lehr-
reproduziert worden sind [5]. Da Op- Band dieses Handbuchs sind vier buch wurde so gut aufgenommen, dass
penheims Lehrbücher in mehrere Spra- Zeichnungen eingraviert, welche einen es nicht nur der mal auf Englisch aufge-
chen, inklusive Englisch, Italienisch, vorpubertären, nackten Jungen zeigen, legt, sondern wurde auch in mehrere
Spanisch und Russisch, übersetzt wur- der an myopathischem Schwund leide Sprachen, inklusive Deutsch, übersetzt
den, zirkulierten diese Bilder noch wei- [7]. Diese Bilder erschienen auch in der wurde. Des Weiteren besassen die Bil-
ter. So verbreitete sich der Inhalt von ersten amerikanischen Auflage von der selbst einen gewissen Bekannt-
Dejerines Lehre in Form von Bildern, 1888. Auf den ersten Blick wirken die heitsgrad: Sie wurden mehrfach und
auch wenn sein Lehrbuch nie in eine Fotographien von Dejerine und diesen von verschiedenen Autoren, haupt-
andere Sprache übersetzt wurde. Zeichnungen zu ähnlich, um zu glau- sächlich in Deutschland, weiterver-
Aber die Zirkulation der Bilder des ben, dass die Zeichen der Krankheit wendet. Nur wenige Monate nach der
myopathischen Jungen endet hier noch zufälligerweise gleich dargestellt wur- Publikation in Gowers' Manual, waren
nicht. Es scheint zumindest, dass ihre den. Gowers zeigt ebenfalls den Pro- die Bilder in Möbius', Seeligmüllers
Geschichte früher angefangen haben zess des Aufstehens von einer liegen- und Strümpells Lehrbüchern abge-
könnte. Im englischen Sprachraum den Position, wenn auch in vier druckt [8 – 10] (vgl. Abb. 3).
Gowers' Abbildungen waren weit be-
kannt und verbreitet. Kann da ange-
nommen werden, dass Dejerine von
deren Existenz wusste und beim Foto-
graphieren des myopathischen Jungen
davon beeinflusst wurde? Dejerine
spricht nirgends eine Verdankung für
eine solche Inspiration aus, aber er war
mit Gowers' Werk vertraut und zitiert
ihn in seiner Sémiologie mehrfach, un-
ter anderem auch im Kapitel über myo-
pathische Atrophie, in welchem er auf
einen 1902 von Gowers beschriebenen
Fall von Myopathie verweist [2: 319].
Beim Vergleich zwischen Gower und
Dejerine drängt sich eine weitere Frage
auf: Warum sollte ein Neurologe eine Fo-
tographie anstelle einer Zeichnung oder
eine Zeichnung anstelle einer Fotogra-
phie verwenden? Seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts waren Fotographien ein
weit verbreitetes Hilfsmittel in der Me-
dizin. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts
war es einfach, eine Fotographie aufzu-
nehmen und auf Papier in guter Qualität
zu reproduzieren. Vor allem wurde die
Fotographie wegen ihrer „objektiven“
Darstellung gelobt, wohingegen Skizzen
kritisiert wurden, weil sie angeblich ide-
Abbildung 3 Eine der vier Skizzen, die einen myopathischen Jungen zeigen. (Gowers, alisierend und von der Subjektivität des
Manual of Diseases of the Nervous System, Churchill, 1886), Band 1, S. 511 Zeichners beeinflusst waren.
Patricia Rosselet Das weit gereiste Bild in neurologischen Lehrbüchern (1850 – 1920)

448 Übersichtsarbeit
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Dejerine legt neun Fotographien vor, denen Gowers oder Dejerines Bilder jeden verständlich und ebenso nützlich
Gowers vier Stiche. Wie bereits zuvor nicht verwendet werden, sind ähnliche für die eigene Praxis war.
erwähnt, sind beide Arten der Bilder Bilder mit denselben Darstellungsmus- Der Fakt, dass Dejerines Fotographien
auffallend ähnlich und die Diagnose ist tern enthalten, um den myopathischen und Gowers' Zeichnungen von deut-
einfach zu erkennen. Kann man be- Schwund zu erklären. Sie zeigen einen schen Autoren verwendet wurden, ist
haupten, dass die Fotographien „objek- nackten, vorpubertären Jungen, der ein deutliches Indiz dafür, dass die Dis-
tiver“ sind, weil sie einen „echten“ Pa- sich in einer Serie von Zeichnungen ziplin multinationale Dimensionen er-
tienten zeigen und die Zeichnungen oder Fotographien erhebt [11]. Die reicht hatte. Verschiedene Neurologen
nur eine idealisierte Realität darstel- Darstellungsmuster von Patienten mit lasen und kommentierten nicht nur die
len? Auf den Fotographien ist der Junge derselben Krankheit sind ähnlich, um Arbeit anderer und beeinflussten ein-
vor einem schwarzen Hintergrund ge- eine einheitliche Repräsentation zu lie- ander, was einen bedeutenden globalen
zeigt, er musste sich nackt ausziehen. fern. Wenn Ärzte in der Westlichen Wissensaustauch beweist, sondern sie
Der Beobachter kann nicht herausfin- Welt kommunizieren und Informatio- übernahmen auch Bilder von einander.
den, ob alle Bilder während desselben nen austauschen, müssen sie dieselbe Der Austausch verlief nicht nur zwi-
Aufstehprozesses aufgenommen wur- Sprache sprechen. Um dieselben Pa- schen „Besitzer“ und „Leihnehmer“, die
den. Es könnten einzelne Teile der Se- thologien zu beschreiben, um bei- Ausbreitung schritt weiter voran, wäh-
quenz fehlen oder der Junge wurde an- spielsweise zu zeigen, dass eine Myopa- rend der Ursprung des Bildes im Auge
gehalten, mehrfach aufzustehen, damit thie in Frankreich, Deutschland und behalten wurde. Dejerine und Gowers
der Fotograph die „besten“ Bilder ma- den USA dieselbe ist, reicht eine einfa- waren beides hoch angesehene Neuro-
chen kann. Aus dieser Perspektive che Beschreibung in Textform nicht logen und es ist deshalb keine Überra-
kann man kaum behaupten, dass die immer aus. In gewissem Sinne muss die schung, dass ihre Werke breit wieder-
Zeichnungen künstlicher sind, weil der gemeinsame Sprache der Wissen- verwendet wurden und in der gesamten
Zeichner ebenfalls bemüht war, die schaftler über den Text hinausgehen. westlichen Welt kursierten. Die Bilder
„besten“ Sequenzen, die pathogono- Illustrationen können helfen, dies zu kann man als „Verbindungsstücke“ in-
mischsten Positionen wiederzugeben, erreichen. Sie sind ein Mittel um zu zei- nerhalb des Fachs verstehen, welche die
um dem Leser klar zu machen, worauf gen, dass überall, wo über eine Patholo- verschiedenen Autoren und Schulen
er bei der Untersuchung zu achten hat. gie diskutiert wird, jeder sie auf gleiche, zusammenbrachte. Dies mit der Idee,
Beide Arten der Darstellung heben standardisierte Weise sieht und dem- dass professionelle Netzwerke existier-
dieselben Zwischenpositionen hervor, entsprechend beschreiben kann. ten, dass die Autoren gegenseitig ihre
welche ein myopathischer Junge ein- Obwohl der Text die Bilder nicht im Arbeiten lasen und miteinander kom-
nimmt, wenn er aufsteht; sie bedienen Detail beschrieb, erhielten diese eine munizierten und dass Material, Ideen
sich derselben Darstellungsweisen und Autorität, da sie von den meisten Auto- und Fotographien ausgetauscht wer-
man kann aus keiner der beiden Me- ren, welche über die myopathische den sollen. Wie bereits erwähnt, war
thoden mehr Informationen gewinnen Atrophie schrieben, freigiebig verwen- dieser entscheidende Punkt ein deutli-
als aus der anderen. Im Gegenteil, beide det wurden. Wieso sollten diese Bilder cher Indikator dafür, dass die sich ent-
Arten der Darstellung sind so ähnlich, in Lehrbüchern immer wieder verwen- wickelnde „neurologische“ Spezialisie-
dass man sie fast übereinander legen det werden, wenn nicht, um die gleiche rung eine vereinigende Wirkung in den
könnte. oder eine ähnliche Botschaft zu sen- meisten Ländern hatte und dass man
Die Konventionen für die Darstellung den? Die Tatsache, dass mehrere Auto- dieselben Informationen in französi-
eine myopathischen Atrophie sind au- ren dieselbe Bildsequenz mit densel- schen, deutschen, englischen, amerika-
genfällig: In jedem Lehrbuch, welches ben oder ähnlichen Illustrationen nischen, etc. Lehrbüchern zu Krankhei-
diese Pathologie behandelt, sind zu- benutzten, bestätigt, dass sie sich über ten des Nervensystems finden konnte.
sammenfassende Illustrationen ent- die Darstellung einig wäre. Die Bilder
halten, in welchen die Autoren ihre Pa- waren nicht nur dekorativ, und es
tienten auf dieselbe Art zeigen. Sowohl scheint, dass sie einen Sonderstatus in Schlussfolgerung
beim Verwenden von Zeichnungen wie ihrem Fachgebiet erlangt haben. Zir-
auch von Fotographien wird immer ein kulierende Bilder brachten jeden auf Es wird an dieser Stelle deutlich, dass
Junge in den verschiedenen Positionen denselben Betrachtungsgrad, aber die fast jeder Arzt, Spezialist oder Student
gezeigt, welche er einnimmt, während Schwierigkeit bestand darin, die „rich- der westlichen Welt, der diese Bücher
er sich erhebt. Sogar in Lehrbüchern, in tige“ Art von Bild zu finden, welche für gelesen hatte, denselben Blick auf die
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 445 – 449

Übersichtsarbeit 449
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Pathologie erhielt und diesen in seiner ständnishilfe für die Textpassagen in Bouchard, C, ed. Pathologie géné-
Klinik zum Diagnostizieren von Patien- den Lehrbüchern. Es war nicht nur der rale. Paris: Masson, 1901: 576 – 577.
tenbeschwerden anwenden konnte. Text, welcher die Tätigkeit und die Ex- 4. Oppenheim H. Lehrbuch der Ner-
Das Bild kann somit als eine Art Abkür- perimente der Wissenschaftler beein- venkrankheiten für Ärzte und Stu-
zung verstanden werden. Diese ermög- flusste, das Bild selbst war ein zulässi- dienrende. Vol. 5. Berlin: S. Karger,
licht es dem Arzt, ein Lehrbuch zu ges Mittel, um eine Aussage zu beweisen, 1908: 311 – 313.
überfliegen, anstatt es ganz zu lesen, Patienten und Pathologien zu verglei- 5. Bruns L, Cramer A, Ziehen Th.
indem er nach Abbildungen suchte, chen und Wissen zu verbreiten. Bilder Handbuch der Nervenkrankheiten
welche aussahen wie seine Patienten. waren von besonderer Bedeutung, wenn im Kindesalter. Berlin: S. Karger,
Schon nur durch die Untersuchung der es darum geht, diese Vereinheitlichung 1912: 432 – 433.
und deren weltweite Verbreitung ist es der Neurologie zu verstehen. Sie haben 6. Gowers WR. Manual of Diseases of
möglich, eine Menge über die Disziplin zweifellos die Standardisierung des the Nervous System, London:
selbst und ihre parallele Entwicklung ärztlichen Blicks und des ärztlichen Churchill, 1886.
in den westlichen Ländern auszusagen. Berufs insgesamt gefördert. 7. Gowers WR. A Manual of Diseases
Die Autoren neurologischer Lehrbü- of the Nervous System, 2nd ed. Vol.
cher unterstrichen mit der Verwen- 1. London: J. & A. Churchill, 1892:
dung von ähnlichen Titeln bei Lehrbü- The traveling image in neurological 510.
chern nicht nur die Einheitlichkeit der textbooks (1850 – 1920) 8. Möbius PJ. Allgemeine Diagnostik
Neurologie als Fachgebiet. Beim Aus- Images have always played an im- der Nervenkrankheiten. Leipzig:
werten dieser Bücher kann man bestä- Vogel, 1886: 302.
portant part in neurology. From the
tigen, dass die Autoren alle dieselben 9. Seeligmüller A. Lehrbuch der
Pathologien in derselben Art und Wei- early days of the discipline, images, in Krankheiten des Rückenmarks und
se beschrieben, und zwar – was beson- the form of drawings and photo- Gehirns sowie der allgemeinen
ders bedeutsam ist – dass sie sich alle graphs, are included in textbooks and Neurosen: für Aerzte und Stu-
gegenseitig zitierten. Durch das Ver- travel all around the Western world. dirende. Braunschweig: F. Wreden,
wenden verschiedener medizinischer They have a role to play in the diffu- 1887.
Darstellungen von diversen Autoren 10. Strümpell A. Lehrbuch der spe-
sion, authority and standardization
aus der gesamten Welt erhoben sie ziellen Pathologie und Therapie
auch Anspruch auf die Verwendung ei- of the neurological discipline. This der inneren Krankheiten. Bd. 2/1.
ner gemeinsame Sprache, auf eine ähn- paper describes the world-wide circu- Leipzig: F.C.W. Vogel, 1886: 241.
liche Art der Betrachtung von Patien- lation of a medical image through 11. Siehe z. B. Gehuchten A von. Les
ten und machten deutlich, wie stark sie textbooks. maladies nerveuses; cours professé
von Bildern abhängig waren, um ihre à l’Université de Louvain. Louvain:
Beobachtungen zu belegen. Indem sie A. Uystpruyst, 1920: 126 – 128 (Serie
Bilder verwendeten, welche als „echt“ Literatur von 15 Bildern).
anerkannt waren, weil sie von einem
Autor mit einem gewissem Ansehen 1. Definition gemäss dem online Ox-
stammten, bekannten sie sich auch zu ford English Dictionary 30. Januar, Korrespondenzadresse
dessen Art der Auslegung und zu des- 2015, http://www.oed.com/view/
sen Ansichten. Entry/200006?redirectedFrom= Patricia Rosselet, MD-PhD
In diesem Sinne und alleine durch die textbook#eid. Institut d'historie de la médecine/
Betrachtung dieser Lehrbücher können 2. Dejerine J. Sémiologie des affec- CHUV
wir feststellen, dass die Neurologie um tions du système nerveux. Paris: Rue du Bugnon 46
die Jahrhundertwende als ein weltweit Masson, 1914: 336 – 337. 1011 Lausanne
einheitliches Fachgebiet existierte. Die 3. Dejerine J. Sémiologie des affec-
Bilder waren weit mehr als nur eine Ver- tions du système nerveux. In: patricia.rosselet@unil.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000699

Übersichtsarbeit 451
Lehrstuhl für Medizingeschichte, Universität Zürich
Niklaus Ingold

Das gesunde Licht der Moderne – Kellogg vs. Finsen


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oder die kontroverse Ausrichtung der Lichttherapie


um 1900

Die westliche Medizin hat unterschiedliche Vorstellungen über die gesundheit- te zu diesem Zeitpunkt noch nichts mit
liche Bedeutung von Lichtstrahlen hervorgebracht. Seit den 1980er Jahren wird dem genussvollen Bräunen des Körpers
intensives helles Licht zur Behandlung psychischer Störungen eingesetzt. Zwi- zu tun, mit dem die Tourismusindustrie
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-
schen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg hingegen sahen Ärzte in den un-
derts an Sandstrände oder auf alpine
sichtbaren Strahlen am violetten Ende des Lichtspektrums eine mächtige Ein- Sonnenterrassen locken wird [2]. Noch
flussgrösse menschlicher Gesundheit. Diese Vorstellung gesunden Lichts hatte waren Sonnenbäder Schwitzbäder. Sie
um 1900 Gestalt angenommen, als zwei lichttherapeutische Schulen unter- wurden im Windschatten von Bretter-
schiedliche Bestrahlungsverfahren propagierten. Der Artikel folgt dieser Kontro- verschlägen genommen. Um die Wir-
verse und zeigt auf, wie die später zunehmend kritisierte Vorstellung des gesun- kung zu verstärken, kamen auch Woll-
decken zum Einsatz. Daneben gab es
den Ultraviolettlichts Stabilität erlangt hatte. Die Verfügbarkeit von elektrischem
das mildere Lichtluftbad, bei dem der
Licht wird als wichtige Bedingung dieses Prozesses betrachtet. entkleidete oder in ein luftiges Gewand
gehüllte Körper der Wechselwirkung
Das elektrische Licht brachte in den schen Lichttherapie waren der ameri- von Wärme und Kälte ausgesetzt wur-
1890er Jahren neue Dynamik in ein the- kanische Frühstücksflockenerfinder de. Beide Verfahren erfreuten sich in der
rapeutisches Feld, das Naturheilkundi- und Eugeniker John Harvey Kellogg Naturheilkunde wachsender Beliebt-
ge seit den 1870er Jahren am Besetzen (1852 – 1943) und der isländische Phy- heit. Kellogg verstand das Glühlichtbad
waren. Mediziner starteten Behand- siologe und spätere Nobelpreisträger als Technisierung der ersten Variante.
lungsversuche mit dem neuen Kunst- Niels Ryberg Finsen (1860 – 1904). Kel- Glühbirnen erzeugten bekanntermas-
licht und erhoben Anspruch auf die logg betrieb auf halbem Weg zwischen sen neben sichtbarem Licht viel Wärme.
Deutungsmacht über die Bedeutung Chicago und Detroit ein Sanatorium. Sie sollten deshalb das schweisstreiben-
des Lichts für die menschliche Gesund- Finsen arbeitete ab 1896 in Kopenhagen de Sonnenbaden unabhängig von der
heit. Die Stars dieser frühen elektri- am Aufbau des lichtbiologischen Pen- Witterung ermöglichen. Das Glühlicht-
dants zum berühmten Pariser Institut bad war der erste, mit elektrischen
Pasteur. Um die neuen Bestrahlungsver- Lampen beheizte Schwitzkasten.
fahren von Kellogg und Finsen formier- Im Gegensatz zu Kellogg strebte Finsen
ten sich zwei Medizinercliquen, deren keine Technisierung bestehender Be-
Vertreter über die künftige Ausrichtung strahlungspraktiken an. Stattdessen
der Lichttherapie streiten werden. Wie arbeitete er an einem neuen Verfahren
sahen die folgenreichen Bestrahlungs- zur Behandlung einer bestimmten
verfahren von Kellogg und Finsen aus Krankheit: der Hauttuberkulose. Fin-
und wie unterschieden sie sich? sen entwickelte „Sammelapparate“, die
einen kleinen Kegel bläulicher Strah-
lung erzeugten, wenn er sie mit der
Die Technisierung der Lichttherapie Sonne oder einer elektrischen Kohle-
bogenlampe kombinierte [3]. Letztere
Kellogg beauftragte 1891 die Werkstatt kamen insbesondere als Scheinwerfer
seines Sanatoriums, einen Holzkasten zur Beleuchtung von Hallen oder Fest-
mit etwa 50 Glühbirnen zu bestücken geländen zum Einsatz. Um aus dieser
[1]. Seine Kundinnen und Kunden setz- Lichttechnik Medizintechnik zu ma-
Abbildung 1 Ein „Glühlichtbad“ nach
te Kellogg auf einen Hocker in diesen chen, filterte und bündelte Finsen die
John Harvey Kellogg. Quelle: Steiner, R.
Lichtkasten, wobei der Kopf durch ein Strahlen. Diese Funktion übernahmen
Phototherapie. In: Boruttau, Heinrich und
Mann, Ludwig, Hg. Handbuch der gesam- Loch im Deckel gehalten wurde. Diesen Linsen und eine Flüssigkeit, die er in
ten medizinischen Anwendungen der Apparat – im deutschsprachigen Raum den teleskopartigen Sammelapparaten
Elektrizität einschliesslich der Röntgen- wird er „Glühlichtbad“ heissen – stellte anordnete. Im Winter 1895/96 behan-
lehre, Band 2, Teil 2, Leipzig: Thieme, Kellogg als technisierte Variante zu delte Finsen in einem Kopenhagener
1910, S. 1056 Sonnenbädern vor. Ein Sonnenbad hat- Elektrizitätswerk einen ersten Patien-
Niklaus Ingold Das gesunde Licht der Moderne – Kellogg vs. Finsen oder die kontroverse Ausrichtung der Lichttherapie um 1900

452 Übersichtsarbeit
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ten mit der neuen Methode. Nach wei- passten die Geräte aber auch zum Pro- dizin anboten. Von diesen grenzten
teren Tests verkündete Finsen, dass er gramm der Physikalischen Therapie, sich die Vertreter der Physikalischen
einen Weg gefunden habe, Hauttuber- die in Europa gerade zu einer eigen- Therapie mit Verweis auf die wissen-
kulose zu heilen und zwar ohne Rück- ständigen medizinischen Fachrich- schaftlichen Grundlagen ihrer Verfah-
fallgefahr und Narben. Diese Mittei- tung wurde [4]. Ihre Vertreter waren ren ab. Bezugspunkt war dabei die Phy-
lung war eine Sensation, weil die stark bestrebt, „Naturkräfte“ durch techni- sik. Während Kellogg ein Protagonist
entstellend wirkende Hauttuberkulose sche Mittel kontrolliert anwendbar zu der kommerziellen Ausrichtung der
zu jenen Krankheiten zählte, die die machen. Zu den Merkmalen dieser Physikalischen Therapie war, zählte
Grenzen der therapeutischen Möglich- therapeutischen Richtung gehörte Finsen zu den wissenschaftlichen Aus-
keiten der Medizin deutlich machten. ihre Ausrichtung auf einen kompetiti- hängeschildern.
Finsens sensationelle Meldung und der ven Gesundheitsmarkt. Beispielsweise Kellogg leitete seine Kundschaft zur
Umstand, dass er und Kellogg eine an konkurrierten im lasch regulierten Ge- Umstellung auf eine gesunde Lebens-
sich spektakuläre elektrotechnische sundheitswesen des Deutschen Reichs führung an. Das Kurhaus, dessen Lei-
Errungenschaft einsetzten, gehören zu nicht nur immer mehr Ärzte um Kund- tung er nach seiner Promotion am re-
den Gründen, weshalb ihre Apparate schaft, sondern auch nicht-approbierte nommierten Bellevue Hospital Medical
als interessante Behandlungsmetho- Heiler, die Alternativen zu den Behand- College in New York City 1875 über-
den wahrgenommen wurden. Daneben lungsmethoden der akademischen Me- nommen hatte, war im Besitz einer
christlichen Sekte, die das Seelenheil
von einem gesunden Körper abhängig
machte. Indem Kellogg dieses „Evange-
lium des Körpers“ in einen „säkulari-
sierten Reinheitskult“ [5] verwandelte,
machte er aus dem Sektenkurhaus ei-
nen Vorzeigebetrieb der Physikali-
schen Therapie. Um die Wissenschaft-
lichkeit seines Bestrahlungsverfahrens
zu begründen, argumentierte er mit
der seit den 1870er Jahren breit akzep-
tierten Wellentheorie des Lichts, laut
der Lichtstrahlen ein Kontinuum elek-
tromagnetischer Wellen in einem
Äther bildeten [6]. Die Wärme, die die
Glühlampen abstrahlten, bestand in
dieser Sicht der Natur aus Wärmewel-
len. Beim diagnostischen Verfahren der
Durchleuchtung hatte Kellogg beo-
bachtet, dass solche Wellen Gewebe zu
durchdringen vermögen. Die Durch-
leuchtung diente dem Sichtbarmachen
innerer Strukturen mit starken Licht-
quellen, die auf die Haut gepresst oder
in Körperöffnungen eingeführt wur-
den. Kellogg sah in den Lichtwellen
eine Möglichkeit, Organe im Körperin-
nern direkt therapeutisch zu beeinflus-
sen. Sein Ziel bestand in der Beschleu-
nigung des Stoffwechsels. Dabei ging es
Abbildung 2 „Finsen-Einrichtung“ mit vier Sammelapparaten, die um eine elektri- ihm um die Erneuerung der Körperzel-
sche Kohlebogenlampe gruppiert wurden. Quelle: Freund, Leopold. Phototherapie. In: len und die Ausscheidung giftiger Ab-
Bum, Anton, Hg. Lexikon der Physikalischen Therapie. Diätetik und Krankenpflege. Für bauprodukte. Die Möglichkeit einer
praktische Ärzte. Berlin und Wien: Urban und Schwarzenberg, 1904, Sp. 1055 – 1056 direkten Wirkung auf das Körperinne-
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 451 – 456

Übersichtsarbeit 453
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re hob das Glühlichtbad seiner Mei- Die Kontroverse Betrieb waren mit hohen Kosten ver-
nung nach von anderen Schwitzkästen bunden. Klinikdirektoren versuchten
ab, die den Körper mit heisser Luft oder Die Apparate von Finsen und Kellogg deshalb nach Finsens Vorbild wohlha-
Dampf erhitzten. existierten zunächst in zwei unter- bende Gönner zur Finanzierung solcher
Finsen entwickelte seine Lichttherapie schiedlichen Medizinbereichen [9]. Kel- Apparate zu finden [12]. 1899 begann
zunächst ohne institutionelle Anbin- logg hatte das Glühlichtbad 1893 an der Finsen in deutscher Sprache über seine
dung [7]. Er hatte 1893 eine Anstellung Weltausstellung von Chicago ausge- Lichttherapie zu publizieren und andere
an der Universität Kopenhagen aufge- stellt. Hier entdeckte es der deutsche Bestrahlungsverfahren zu kritisieren.
geben, um sich gänzlich auf die Erfor- Chemiker und Geschäftsmann Willi- Doch schon vor seiner Intervention hat-
schung der physiologischen Bedeutung bald Gebhardt (1861 – 1921). Er organi- te es im deutschen Sprachraum skepti-
von Lichtstrahlen zu konzentrieren. sierte die kommerzielle Nutzung von sche Kommentare über das Glühlicht-
Denn Schwächezustände würden ihn Kelloggs Idee im Deutschen Reich: bad gegeben. Sie hatten mit neuer
zwingen, seine Kräfte einzuteilen. Sei- Gebhardt kaufte sich in Berlin in eine Forschung zu tun, die die Verfügbarkeit
ne Selbstdiagnose lautete auf „Blutar- Badeanstalt ein und machte daraus eine des elektrischen Lichts in den 1880er
mut“. Der Behandlungsversuch im Ko- Lichtheilanstalt. Als Chefarzt stellte er Jahren angeregt hatte.
penhagener Elektrizitätswerk war für Ernst Below (1845 – 1910) ein, der sich Bei Wissenschaftlern, Militärs und War-
den Verlauf seiner Karriere entschei- mit tropenmedizinischer Fragebogen- tungsarbeitern, die mit elektrischen
dend: Der Direktor vernetzte ihn mit forschung einen Namen gemacht hatte Kohlebogenlampen hantierten, waren
Politikern und Mäzenen. Sie halfen ihm und in elektrischen Bestrahlungsappa- Krankheitserscheinungen aufgetreten,
beim Aufbau eines eigenes Lichtinsti- raten eine Möglichkeit sah, seine For- wie sie von Polarforschern, Bergsteigern
tuts, das lichtbiologische Spitzenfor- schungsfragen in Berlin weiterzuverfol- und Seeleuten bekannt waren, die sich
schung betreiben, neue lichttherapeu- gen [10]. 1898 eröffnete Below eine bei Sonnenschein in Schnee und Eis
tische Verfahren entwickeln und eigene Lichtheilanstalt und beteiligte oder auf dem Wasser aufhielten: Die
Kopenhagen zu einem Zentrum wis- sich 1899 an der Zeitschrift Archiv für Kohlebogenlampen-Benutzer klagten
senschaftlicher Medizin machen sollte. Lichttherapie. Deren Verleger war der über Schädigungen von Augen und Haut
Es war das hartnäckige Lobbying die- Unternehmer Karl Otto, dessen Bruder [13]. Dieselben Symptome wiesen auch
ser Verbündeten, das 1903 zur Nobel- Robert Otto (geb. 1859) mit der Elektri- Metallarbeiter auf, die das neue Lichtbo-
preisvergabe an Finsen für seine Haut- zitätsgesellschaft Sanitas die Produkti- genschweissverfahren anwendeten, das
tuberkulosetherapie führte [8]. Wichtig on von Lichtbädern aufnahm. Diese technologische Parallelen zu den Kohle-
für Finsens therapeutischen Ansatz Gruppe vermarktete Kelloggs Erfin- bogenlampen aufwies. Um diese Er-
war lichtbiologisches Wissen, demzu- dung an die Betreiber kommerzieller scheinungen zu untersuchen, richteten
folge Lichtstrahlen Bakterien abtöten. Sanatorien in europäischen Kur- und Mediziner in Fabriken Forschungsla-
Dieses Wissen wollte er in eine funkti- Badeorten. Solche Gesundheitsbetriebe bors ein oder liessen ihre eigenen Labors
onierende Therapie übersetzen. In Ex- boten einer finanzstarken Kundschaft elektrifizieren und machten elektrische
perimenten zeigte Finsen, dass die genauso Abwechslung zum Alltag wie Lichtgeber zu Sonnenmodellen, die für
bakterizide Wirkung des Lichts eine die Möglichkeit, einen gesunden Le- stabile Bedingungen bei Experimenten
Kompetenz des kurzwelligen Spektral- bensstil einzuüben. Ihr Angebot lässt sorgen sollten. Dieses Vorgehen war pro-
abschnitts war. Seine Sammelapparate sich nicht trennscharf auf Kategorien duktiv: Der Schwedische Physiologe Erik
sollten gewährleisten, dass diese Wir- wie „Ferien“ oder „Kur“ aufteilen, weil Johann Widmark (1850 – 1909) konnte
kung zuverlässig eintrat. An Bakterien- diese Unterscheidung erst im Entstehen mit einer Kohlebogenlampe und Licht-
kulturen in flachen Flaschen über- war [11]. Gesundheitsunternehmer er- filtern die Wissenschaftsgemeinde da-
prüfte er ihr Leistungsvermögen. Die öffneten aber auch in den Grossstädten von überzeugen, dass die Ursache der
Hauttuberkulose erachtete Finsen als physikalisch-therapeutische Institute. Schäden an Augen und Haut eine Wir-
die ideale Krankheit für Behandlungs- Sie wurden als Möglichkeit angeprie- kung des kurzwelligen Endes des Son-
versuche, weil er ihre Ursache kannte sen, ungesunde Einflüsse der urbanen nenspektrums war. Bis dahin hatten die
– Tuberkulosebakterien – und weil er Umgebung zu kompensieren. Symptome an den Augen als Folge gros-
wegen der Lage der Krankheitsherde Finsen sah in der Vermarktung des ser Helligkeit und jene auf der Haut als
an der Körperoberfläche davon aus- Glühlichtbads eine Gefahr für die eigene Verbrennung gegolten. Mit derselben
ging, dass er mit seinen gebündelten Therapie. Sein viel stärker spezialisierter Versuchsanordnung konnte Widmark
und gefilterten Strahlen die Bakterien Apparat besass kein vergleichbares Ver- auch die ältere Hypothese erhärten, dass
auch sicher treffen konnte. breitungspotenzial. Anschaffung und der kurzwellige Spektralbereich zur Pig-
Niklaus Ingold Das gesunde Licht der Moderne – Kellogg vs. Finsen oder die kontroverse Ausrichtung der Lichttherapie um 1900

454 Übersichtsarbeit
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mentierung heller Haut führe. Dieses Stoffwechsel von Fröschen angestellt Strahlung begonnen. Beispielsweise
neue Wissen beeinflusste die Beurtei- hatte [17]. Da aber nie die schweisstrei- bauten sie neue Kastenlichtbäder, in de-
lung von Kelloggs Glühlichtbad durch bende Wirkung des Glühlichtbads, je- nen anstatt Glühbirnen Kohlebogen-
die Kollegen. doch weitergehende Wirkungen dieses lampen zum Einsatz kamen. Kritische
Dass die Glühlichtbäder eine Variante Geräts zur Debatte standen, erhielten Kollegen beurteilten diese Apparate
zu bestehenden Schwitzkästen war, be- diese Daten wenig Aufmerksamkeit. aber noch skeptischer als das Glühlicht-
günstigte zwar ihre Verbreitung, warf Hinzu kam, dass Kelloggs Verbündete in bad, weil sie nicht mehr zuverlässig zum
aber auch die Frage auf, ob es sich über- Europa Kritik am Glühlichtbad einfach Schweissausbruch führten und andere
haupt um eine neue Behandlungsme- machten: Sie kündeten spektakuläre Wirkungen fraglich blieben. Vertreter
thode handle [14]. Kelloggs Argument, Heilerfolge an, ohne diese durch die von von Finsens Position fuhren nun regel-
dass die Wärmewellen der Glühlampen den Kollegen geforderte „Erfahrung“ mässig Angriffe gegen die Lichtkästen in
direkt auf das Körperinnere wirken zu belegen. Insbesondere Chemiker der medizinischen Presse und machten
konnten, fand dabei keine Beachtung. Gebhardt löste durch dieses Vorgehen den Betreibern von Lichtheilanstalten
Stattdessen schürte die neue lichtbiolo- Kritik aus. 1898 endete seine Karriere als deren kommerziellen Interessen zum
gische Forschung bei Testern bestimm- Promotor des Glühlichtbads in Europa. Vorwurf. Der Verbreitung des Glühlicht-
te Erwartungen an die Folgen einer Zum Wortführer von Kelloggs Fraktion bads tat dies aber keinen Abbruch. Kel-
Lichtbehandlung: So achtete der verant- in Berlin machte sich nun Tropenmedi- loggs Beispiel folgend, stellten Kurärzte
wortliche Arzt eines physikalisch-thera- ziner Ernst Below. und Gesundheitsunternehmer das neue
peutischen Instituts in Wien darauf, ob Below verteidigte die medizinische Be- Lichtbad als Alternative zu Dampf- und
das Glühlichtbad die Pigmentbildung deutung des Glühlichtbads, indem er die Heissluftbädern vor. Das Glühlichtbad
anrege. Finsen forderte genau diesen von Finsen vorgeschlagene Fokussie- stieg zu einer neuen Attraktion auf, die
Einbezug des neuen lichtbiologischen rung auf den kurzwelligen Spektralab- modernste Technik am eigenen Körper
Wissens in die Beurteilung lichtthera- schnitt ablehnte [18]. Stattdessen müsse erlebbar machte. 1908 galt das Glüh-
peutischer Apparate. In seinen Publika- es darum gehen, die gesundheitliche lichtbad einem Handbuchartikel zufolge
tionen benutzte er unter anderem die Bedeutung aller Strahlen zu untersu- als das „L[ichtbad] schlechthin“ [19].
Pigmentbildung als Argument, um aus- chen. Kellogg selbst und seine Berliner Wie wurde das kurzwellige Licht dann
schliesslich die „blauen, violetten und Verbündeten hatten längst eigene Be- doch noch zum gesunden Licht der Mo-
ultravioletten“ Strahlen als eine „Natur- handlungsversuche mit kurzwelliger derne?
kraft von bedeutender Stärke“ zu be-
schreiben [15]. Gleichzeitig vertrat er
die Ansicht, dass nur die Lichtwirkung
auf Mikroorganismen ausreichend er-
forscht sei, um als Grundlage der Licht-
therapie dienen zu können. Neben die-
ser Verknüpfung seiner Spielart der
Lichttherapie mit neuem Wissen ver-
suchte Finsen seine Kollegen mit Fall-
zahlen von der Wirksamkeit seiner The-
rapie und von seinem Anspruch auf
Deutungshoheit über Lichtbehandlun-
gen zu überzeugen. Dabei benutzte er
Vorher-Nachher-Fotos als Mittel zur
Wahrheitsproduktion: Seine Methode
verwandelte von Bakterien zerfressene
Fratzen in Gesichter mit menschlichen
Zügen [16].
Zwar hatte auch Kellogg Daten herge-
stellt, die die Wirkung des Glühlichtbads
belegten. Seine Messungen orientierten Abbildung 3 Ultraviolettscheinwerfer in der Lichtbadehalle der Lupusheilstätte Gies-
sich an Experimenten, die der Physiolo- sen. Quelle: Jesionek, Albert. Natürliche und künstliche Heliotherapie des Lupus. In:
ge Jacob Moleschott (1822 – 1893) zum Zeitschrift für Tuberkulose 1916; 1: 8
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 451 – 456

Übersichtsarbeit 455
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Stabilisierung verwendeten Geräte als „Künstliche


Höhensonne“. Mit einer solchen Lam-
Mediziner und Techniker tüftelten pe behandelte der deutsche Kinderarzt
intensiv an Möglichkeiten, Finsens Kurt Huldschinsky (1883 – 1940) im
Verfahren zu vereinfachen [20]. Eine Winter 1918/19 die Wachstumskrank-
besonders leistungsfähige Lösung ent- heit Rachitis. Huldschinsky konnte auf
wickelte der deutsche Dermatologe Röntgenbildern zeigen, wie die Be-
Ernst Kromayer (1862 – 1933) zusam- strahlungen auf die deformierten Kno-
men mit der Platinschmelze Heraeus. chen der Kinder wirkten. Weil Gesell-
Letztere besass die Infrastruktur, um schaftskritiker Rachitis immer wieder
Leuchtröhren aus dem für kurzwellige als die Folge ungesunder Lebensbedin-
Strahlen gut durchlässigen Quarzglas gungen in industriellen Ballungsräu-
zu fertigen. Kromayer erklärte den men darstellten, stiegen daraufhin Bil-
Technikern der Platinschmelze, wel- der bestrahlter Kinder in der deutschen
che Spezifikationen ein medizinischer Presse zu einem Symbol staatlicher
Strahler erfüllen musste, um Finsens Sorge um eine gesunde Bevölkerung
ursprünglichen Apparat zu ersetzen. auf.
1906 gründeten Heraeus und die Ber- Mit den Glühlichtbädern liessen sich
liner Allgemeine Elektrizitätsgesell- keine vergleichbaren Manipulationen Abbildung 4 Werbung für eine „Heim-
schaft AEG die Quarzlampen GmbH, entstellter Körper vollbringen. Als der sonne“ der Quarzlampen GmbH, unda-
die künftig sowohl medizinische Spe- Erste Weltkrieg die Kurindustrie in die tiert. Quelle: Heraeus Noblelight GmbH
ziallampen wie auch Beleuchtungs- Krise stürzte, verloren auch sie an Be-
technik herstellte. An dieses Unter- deutung. Ganz aus der Medizin ver-
nehmen wendeten sich in den schwanden Wärmestrahlen deswegen handlung als wichtige Weichenstel-
folgenden Jahren verschiedene Medizi- jedoch nicht. In der Zwischenkriegs- lung für den weiteren Verlauf
ner mit neuen Spezifikationen für Ul- zeit fanden sie zur Behandlung rheu- lichtbiologischer Forschung. Der Fo-
traviolettstrahler. Das Unternehmen matischer Krankheiten Verwendung kus auf biologische Wirkungen des
begann nun auch medizinische Lam- [22]. Die wissenschaftlich interessante kurzwelligen Endes des Sonnenspek-
pen zu bauen, deren Lichtkegel genü- Strahlung war aber nur noch das kurz- trums setzte sich nach Finsens aufse-
gend gross war, um den Oberkörper wellige Licht. Als die Notgemeinschaft henerregenden Bestrahlungen aber
einer erwachsenen Person zu bes- der deutschen Wissenschaft 1926 nicht gleichsam von selbst durch.
trahlen. Ab 1915 stellte die Quarz- Strahlenforschung zu einem For- Stattdessen mussten weitere Akteure
lampengesellschaft zudem eigentliche schungsschwerpunkt machte, standen auftreten, die seinen Ansatz aufgriffen,
Ultraviolettscheinwerfer her, die in biologische Wirkungen von Ultravio- Lichttechnik weiterentwickelten und
„Lichtbadehallen“ zum Einsatz ka- lettlicht zuoberst auf der Förderungs- Ultraviolettbestrahlungen zur Lösung
men. agenda [23]. Zeitgleich begann die neuer Probleme stark machten. In ih-
Mit dieser Lichttechnik wiederholten Elektroindustrie, Ultraviolettbestrah- rer Gesamtheit definierten sie das Ul-
Mediziner bei anderen Leiden, was lungen direkt an Privatpersonen zu traviolettlicht als gesundes Licht. Dass
Finsen bei Hauttuberkulose geschafft vermarkten. Die Medizintechnik sollte diese Vorstellung wieder an Bedeutung
hatte: die Normalisierung entstellter nun zu einem elektrischen Konsumgut verlor, hing wiederum von einer Reihe
Körper [21]. Zunächst gelang dies bei werden. Dabei schwang der medizini- von Faktoren ab. Dazu zählen neue Er-
Gelenk- und Knochentuberkulose. Me- sche Entstehungszusammenhang der findungen wie Vitaminpräparate und
diziner wie der Giessener Dermatologe Apparate immer mit: Anders als die in Antibiotika, aber auch der Wandel
Albert Jesionek (1870 – 1935) transfor- den 1970er Jahren aufkommenden westlicher Gesellschaften: Als in den
mierten alpine Sonnenkuren, wie sie elektrischen Sonnenbänke sollten die 1960er Jahren immer mehr Menschen
die Schweizer Ärzte Oskar Bernhard ersten „Heimsonnen“ den Körper an sonnigen Stränden Ferien machten,
(1861 – 1939) und Auguste Rollier nicht einfach bräunen, sondern stär- begannen Dermatologen vermehrt vor
(1874 – 1954) unter Bezugnahme auf ken und vor Krankheiten schützen der seit Ende der 1920er Jahre experi-
Finsen entwickelt hatten, in hochtech- [24]. mentell bewiesenen karzinogenen
nisierte Verfahren. Die Quarzlampen- In Anbetracht dieser Entwicklung er- Wirkung regelmässiger Ultraviolettbe-
gesellschaft verkaufte eines der dazu scheint Finsens Hauttuberkulosebe- strahlungen zu warnen.
Niklaus Ingold Das gesunde Licht der Moderne – Kellogg vs. Finsen oder die kontroverse Ausrichtung der Lichttherapie um 1900

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Negotiating light therapy. Kellogg 3. Ingold. Lichtduschen, S. 40 – 41. In: Reinarz, J and Siena, K, eds. A
versus Finsen, and the controversy 4. Zur Geschichte der Physikalischen medical history of skin. Scratching
about the health effects of light rays Therapie vgl. Heyll U. Wasser, Fas- the surface. London: Pickering &
ten, Luft und Licht. Die Geschichte Chatto, 2013, p. 119.
around 1900
der Naturheilkunde in Deutschland, 17. Vgl. Ingold. Lichtduschen, S. 36.
Western medicine has produced differ- Frankfurt am Main: Campus, 2006, 18. Zu diesem Abschnitt vgl. ebd.,
ent rationales for the application of S. 109 – 117. S. 60 – 62.
light rays to cure diseases in the 20th 5. Wirz A. Die Moral auf dem Teller. 19. Kahane M. Lichtbäder. In: Bum, A,
century. Since the 1980s, physicians Dargestellt an Leben und Werk von Hg. Lexikon der Physikalischen
have used bright light for treating Max Bircher-Benner und John Har- Therapie. Diätetik und Krank-
vey Kellogg. Zwei Pionieren der enpflege. Für praktische Ärzte.
mental disorders. In the interwar peri-
modernen Ernährung in der Tradi- Berlin und Wien: Urban und
od, however, physicians regarded ul- tion der moralischen Physiologie. Schwarzenberg, 1904, Sp. 790.
traviolet rays rather than bright light Zürich: Chronos, 1993, S. 167. 20. Vgl. Ingold. Lichtduschen, S. 64 – 74
as medically relevant. This view goes 6. Für nachfolgende Ausführungen und 87 – 92.
back to the 1890s, when the physician vgl. Ingold. Lichtduschen, S. 32 – 37. 21. Zu diesem Abschnitt vgl. ebd.,
(and later Nobel Price laureate) Niels R. 7. Zu diesem Abschnitt vgl. ebd., S. 92 – 102 und 110 – 120.
S. 40 – 49. 22. Haller L. Cortison. Geschichte eines
Finsen started treating skin tuberculo-
8. Vgl. Anker A. Niels Finsen. Die Leb- Hormons 1900 – 1955, Zürich:
sis with light rays. However, Finsen ensgeschichte eines grossen Arztes Chronos, 2012 (Interferenzen 18),
was not the only physician who uti- und Forschers. Übersetzt von Maria S. 186 – 187.
lized the new electric light to develop Bachmann-Isler. Zürich: Rascher, 23. Vgl. Schwerin. A v. Staatsnähe und
effective therapies. Famous American 1947, S. 292 – 295. Grundlagenorientierung: Biowissen-
inventor of the breakfast cereal and 9. Für nachfolgende Ausführungen schaftliche Strahlen- und Radioak-
vgl. Ingold. Lichtduschen, S. 37 und tivitätsforschung 1920 – 1970. In:
eugenicists, John Harvey Kellogg used
57 – 58. Orth, K und Oberkrome, W, Hg. Die
incandescent lamps to heat a sweat- 10. Zu Below siehe Eckart, WU. Medi- Geschichte der Deutschen For-
box. Consequently, two different ther- zin und Kolonialimperialismus. schungsgemeinschaft 1920 – 1970.
apeutic schools emerged from these Deutschland 1884 – 1945. Pader- Forschungsförderung im Span-
therapeutic experiments. This article born et al.: Schöningh, 1997, nungsfeld von Wissenschaft und
shows how these two schools negoti- S. 76 – 79. Politik, Stuttgart: Steiner Verlag,
11. Vgl. Mai A. Touristische Räume im 2010, S. 309 – 324.
ated the use of light therapy and how
19. Jahrhundert. Zur Entstehung 24. Vgl. Ingold. Lichtduschen,
a specific idea of medically interesting und Ausbreitung von Sommer- S. 179 – 191.
light rays emerged thereby. frischen. In: Werkstatt Geschichte
2004; 36: 7 – 23.
12. Ingold. Lichtduschen, S. 48.
Literatur 13. Zu diesem Abschnitt vgl. ebd.,
S. 28 – 31.
1. Ingold N. Lichtduschen. Ge- 14. Zu diesem Abschnitt vgl. ebd., Korrespondenzadresse
schichte einer Gesundheitstech- S. 58 – 59.
nik, 1890 – 1975, Zürich: Chronos, 15. Finsen NR. Ueber die Anwendung Dr. phil. Niklaus Ingold
2015 (Interferenzen 22), S. 32. von concentrirten chemischen Li- Universität Zürich
2. Zur Geschichte des Sonnenbadens chtstrahlen in der Medicin. Leipzig: Lehrstuhl für Medizingeschichte
vgl. Tavenrath, S. So wundervoll Vogel, 1899, S. 1. Hirschengraben 82
sonnengebräunt. Kleine Kulturge- 16. Woloshyn T. “Kissed by the sun”. 8001 Zürich
schichte des Sonnenbadens, Mar- Tanning the skin of the sick with
burg: Jonas Verlag, 2000. light therapeutics, c. 1890 – 1930. niklaus.ingold@uzh.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000700

Übersichtsarbeit 457
Institut für Medizingeschichte, Universität Bern
Pascal Germann

Bruch oder Konstante? Zum Verhältnis von


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Humangenetik und Eugenik im 20. Jahrhundert

Die Geschichte der Humangenetik stellte lange Zeit ein vernachlässigtes Gebiet und Genetik zu konstatieren. Bereits
der medizin- und wissenschaftshistorischen Forschung dar. Erst in jüngster Ver- ab den 1920er und 1930er Jahren – so
gangenheit sind einige historische Arbeiten erschienen, die sich der Geschichte Harper – hätten aber humangeneti-
sche Forschungen massgeblich dazu
dieses medizinischen Forschungs- und Praxisfeldes widmen. Eine wichtige For-
beigetragen, die Prämissen der Euge-
schungsfrage betrifft die Beziehung der Humangenetik zur Eugenik. Der vorlie- nik zu widerlegen, bis sich schliesslich
gende Beitrag greift diese Frage auf und zeigt anhand eines Schweizer Fallbei- die Humangenetik in der Nachkriegs-
spiels zur Vererbung des Kropfes, dass zwischen der Humangenetik und der zeit als eine medizinische Disziplin
Eugenik im 20. Jahrhundert enge, aber auch widersprüchliche Beziehungen be- etabliert und von der eugenischen Ver-
standen: Ergebnisse aus Vererbungsstudien widersprachen nicht selten eugeni- gangenheit gelöst habe. Demgegenüber
entwickelt Comfort ein entgegenge-
schen Postulaten, zugleich konnten aber dieselben humangenetischen Untersu-
setztes Narrativ, das von der Vorstel-
chungen Visionen einer erbbiologischen Bevölkerungsüberwachung befeuern. lung eines Bruchs zwischen einer alten
eugenisch orientierten und einer neu-
Die moderne Medizin ist heute ohne toriker Nathaniel Comfort verfasste en medizinisch ausgerichteten Hu-
Genetik nicht mehr zu denken. Wie Buch „The Science of Human Perfec- mangenetik Abschied nimmt. Seine
etwa ein aktuelles Lehrbuch für Medi- tion“, das die Geschichte der medizini- These lautet, dass eugenische Zielvor-
zinstudierende feststellt, habe sich die schen Genetik in den USA erzählt [2, 3]. stellungen „eine Konstante“ in der Ge-
Humangenetik „zu der am schnellsten Gemeinsam ist diesen beiden ausge- schichte der Humangenetik gebildet
fortschreitenden Teildisziplin der Me- zeichnet recherchierten Studien, dass hätten. Comfort beschreibt die Euge-
dizin und zu ihrer führenden theoreti- sie die Geschichte der Humangenetik nik geradezu als „das Lebensblut“ der
schen Grundlagenwissenschaft entwi- nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg Humangenetik [3, S. xi – xii]. Es ist be-
ckelt“ [1, S. V]. Während jedoch die beginnen lassen, wie dies in histori- merkenswert, dass diese beiden quel-
klassische Genetik und die Molekular- schen Überblicken meistens der Fall lengesättigten und argumentativ über-
genetik zu den am besten erforschten ist. Vielmehr zeigen die beiden Studien, zeugenden Studien in dieser Frage zu
Gebieten der Wissenschaftsgeschichte wie sich bereits in der ersten Hälfte einem solch unterschiedlichen Ergeb-
gehört, hat die Genetik des Menschen des 20. Jahrhunderts ein weites For- nis gelangen. Trug nun also die Hu-
wesentlich weniger Aufmerksamkeit schungsfeld herausbildete, das sich un- mangenetik zur Überwindung der Eu-
erfahren. Erst in jüngster Zeit ist jener ter den Begriff der Humangenetik sub- genik bei, wie Harper betont, oder
Teil der Genetik, der sich seit dem Be- sumieren lässt. waren Humangenetik und Eugenik ein
ginn des 20. Jahrhunderts mit Phäno- In verschiedener Hinsicht gehen je- unzertrennliches Paar, wie es die Studie
menen der menschlichen Vererbung doch die Deutungen von Harper und von Comfort nahe legt?
beschäftigte, vermehrt in den Fokus Comfort auseinander. Ein wesentlicher Im Folgenden soll anhand eines Bei-
der medizin- und wissenschaftshistori- Unterschied betrifft die Frage nach spiels aus der Schweiz gezeigt werden,
schen Forschung gerückt. Besonders dem Verhältnis der Humangenetik zur dass beide Sichtweisen ihre Berechti-
hervorzuheben sind zwei neuere Mo- Eugenik, also zu jener internationalen gung haben. Das Beispiel führt uns zu-
nographien, die im Unterschied zu Strömung, die Eingriffe in die Sexuali- rück in die 1930er Jahre. Dies war einer-
bisherigen Arbeiten nicht nur Einzel- tät und Fortpflanzung des Menschen seits eine Zeit, in der die Eugenik einen
aspekte der Geschichte der Human- forderte mit dem Ziel, die menschliche Höhepunkt erlebte, zumal in Deutsch-
genetik behandeln, sondern die Ent- Vererbung unter Kontrolle zu bringen land ein Regime an die Macht gelangte,
wicklung dieses medizinischen For- und die Menschheit vor einer befürch- das mit einer bislang unerreichten Kon-
schungs- und Praxisfeldes von den teten Degeneration zu bewahren. Har- sequenz und Radikalität eugenische be-
Anfängen bis in die Gegenwart nach- per erzählt in seiner Geschichte, wie ziehungsweise rassenhygienische For-
zeichnen. Gemeint sind „A Short Histo- sich die Humangenetik zunehmend derungen in die Praxis umsetzte. Zur
ry of Medical Genetics“ von Peter S. von der Eugenik distanzierte und sich gleichen Zeit erlebte andererseits die
Harper, einem englischen Humangene- dementsprechend weitgehend unab- humangenetische Forschung einen Auf-
tiker, der sich als profunder Historiker hängig von dieser entwickelte. Zu Be- schwung, so auch in der Schweiz, wo die
seines Faches etabliert hat, sowie das ginn des 20. Jahrhunderts seien zwar medizinische Vererbungsforschung seit
vom US-amerikanischen Medizinhis- enge Verbindungen zwischen Eugenik den 1920er Jahren zunehmend an wis-
Pascal Germann Bruch oder Konstante? Zum Verhältnis von Humangenetik und Eugenik im 20. Jahrhundert

458 Übersichtsarbeit
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senschaftlicher und gesellschaftlicher standen. Handelte es sich bei der Euge- Zur Ätiologie dieser beiden Krankhei-
Resonanz gewann. Dieser Bedeutungs- nik nun um „das Lebensblut“ der ten existierte lange Zeit eine unüber-
gewinn schlug sich etwa in der Vergabe Humangenetik oder aber überwand die sichtliche Vielzahl von Theorien. Zwar
von Preisen nieder. So wurde im Jahr Humangenetik die ideologisch irrege- setzte sich in den 1880er Jahren – vor
1935 der Marcel-Benoist-Preis, der als leiteten Annahmen und Konzepte der allem aufgrund der langjährigen
wichtigster Wissenschaftspreis in der Eugenik? Patientenbeobachtungen des Berner
Schweiz gilt, zum ersten Mal überhaupt Zunächst ist ein Wort zum Forschungs- Chirurgen Theodor Kocher – die Er-
für ein humangenetisches Forschungs- kontext von Eugsters Untersuchungen kenntnis durch, dass nicht nur der
projekt verliehen [4]. Den Preis erhielt notwendig. Es gibt nur wenige Krank- Kropf, sondern auch der Kretinismus
der Zürcher Mediziner Jakob Eugster heiten, die in der Schweiz des 19. und sowie die mit ihm assoziierten Gehör-
für seine gross angelegten Untersu- frühen 20. Jahrhunderts eine so grosse und Sprachstörungen auf eine Schädi-
chungen zur Vererbung des Kropfes und Aufmerksamkeit seitens der medizini- gung der Schilddrüse zurückzuführen
des Kretinismus [5 – 8]. Diese Untersu- schen Forschung und staatlicher Be- seien [11]; jedoch waren sich die Medi-
chungen galten als vorbildlich für die hörden erfuhren wie der Kropf und sei- ziner uneins, wie es zu dieser Funkti-
aufstrebende medizinische Vererbungs- ne Folgeerscheinungen [9]. Dies war onsstörung der Schilddrüse kam. Grob
forschung und fanden auch weit über nicht nur auf die weite Verbreitung des gesagt, konkurrierten in den ersten
die Schweiz hinaus eine breite Rezepti- Kropfes unter der Schweizer Bevölke- Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts drei
on. Anhand der Geschichte dieser Stu- rung zurückzuführen – bei anfangs der medizinische Theorien miteinander.
dien sollen meine folgenden Ausfüh- 1920er Jahren durchgeführten Schul- Zwischen Ende des 19. Jahrhunderts
rungen einen Beitrag zur Frage leisten, untersuchungen im Kanton Bern bis etwa um 1915 – in der Hochphase
welche Beziehungen zwischen human- wurde bei 94 % der Schulkinder eine der Bakteriologie – dominierte die Auf-
genetischer Forschung und Eugenik be- vergrösserte Schilddrüse festgestellt – fassung, bei den endemischen Leiden
[10], sondern auch auf der schon früh handle es sich um Infektionskrankhei-
dokumentierten Beobachtung, dass ten. In den 1910er und 1920er Jahren
der Kropf in enger ätiologischer Be- bildete sich demgegenüber eine vor al-
ziehung mit anderen pathologischen lem von Schweizer Ärzten entwickelte
Erscheinungen stand, die von Ent- Theorie heraus, die die Schädigungen
wicklungshemmungen, Kleinwuchs, der Schilddrüsen auf eine jodarme Er-
Schwerhörigkeit, Taubheit bis zu nährung zurückführte. Kropf und Kre-
schwerwiegenden geistigen Retardie- tinismus liessen sich demnach unter
rungen reichten, die mit dem Begriff das neue Konzept der deficiency di-
des Kretinismus zusammengefasst sease subsumieren. Eine dritte Theorie
wurden. Militärmediziner berechne- schrieb schliesslich der Vererbung die
ten, dass der Kropf und seine Folgeer- Hauptrolle bei der Verursachung der
scheinungen hauptverantwortlich für endemisch verbreiteten Krankheiten
die hohen Untauglichkeitsziffern der zu. Sie stützte sich auf die alte Beob-
Armee seien und deshalb die nationale achtung, dass kropfkranke Mütter Kin-
Wehrkraft empfindlich schädigen wür- der gebaren, die wiederum an Kropf
den. Andere Studien versuchten den oder gar an Kretinismus litten [9].
volkswirtschaftlichen Schaden von Die sich widersprechenden Auffassun-
Kropf und Kretinismus zu beziffern, gen zu Kropf und Kretinismus führten
und unter dem Einfluss sozialdarwi- zu bisweilen geradezu erbittert geführ-
nistischer und eugenischer Diskurse ten Auseinandersetzungen [12]. Die
wurde den Krankheiten vermehrt auch polemische Qualität der Debatten war
eine rassenschädigende Wirkung zuge- darauf zurückzuführen, dass mehr auf
schrieben. Vor diesem Hintergrund dem Spiel stand als ätiologische Theo-
Abbildung 1 Jakob Eugster, Quelle: Uni- rückte die Bekämpfung von Kropf und rien. In einer Zeit, in der die Medizin
versitätsarchiv der Universität Zürich, Kretinismus zunehmend in den Fokus vermehrt auch eine präventive Funkti-
AB.1.0234, Dozierendendossier Jakob Eu- einer auf die nationale Gesundheit aus- on für sich beanspruchte, bildeten die
gster (1891 – 1966) gerichteten Präventionspolitik. Kropf- und Kretinismusdiskussionen
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 457 – 462

Übersichtsarbeit 459
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ein zentrales Forum, auf dem unter- tersuchungen bei 12'000 Probanden Es ist auffallend, dass sich Eugsters Un-
schiedliche Konzepte und Strategien und Probandinnen durch und ergänzte tersuchungsdesign sowie seine metho-
einer präventiv ausgerichteten Ge- das Material mit Akten aus verschiede- dischen Verfahren in starkem Masse an
sundheitspolitik aufeinanderprallten. nen Instituten und Spitälern. Um die- der deutschen Humangenetik orien-
So forderten auf der einen Seite Jodbe- ses umfangreiche Datenmaterial aus- tierten, die sich seit 1933 in den Dienst
fürworter eine staatliche Gesundheits- zuwerten, griff Eugster auf beinahe das der eugenischen Bevölkerungs- und
politik, welche die Versorgung der Ge- gesamte Reservoir von Methoden zu- Rassenpolitik stellte. Dementspre-
samtbevölkerung mit Jod sicherstelle. rück, die damals in der humangeneti- chend pflegte er einen engen Aus-
Auf der anderen Seite plädierten An- schen Forschung üblich waren. So tausch mit deutschen Forschern und
hänger der Vererbungstheorie für euge- kombinierte er genealogische Stamm- besuchte die massgeblichen erbbiolo-
nische Massnahmen, die radikale Züge baumanalysen mit demographischen gischen Institute in München, Berlin
annahmen. So schlug der Schweizer und erbstatistischen Methoden. Zu- und Frankfurt. Für die Zwillingsstudie
Arzt Ernst Finkbeiner in seiner 1923 dem wandte er die neuesten Methoden suchte er Unterstützung beim Human-
erschienenen umfangreichen Mono- der Zwillingsforschung an, die in den genetiker und Rassenhygieniker Otmar
graphie zum Kretinismus vor, die 1930er Jahren häufig – und vor allem in von Verschuer, der ihm methodische
Krankheit mittels Massensterilisierun- Deutschland – als Königsweg der erb- Ratschläge erteilte, sein Manuskript
gen auszurotten, die auf einen so gros- biologischen Forschung gefeiert wurde redigierte und schliesslich auch das
sen Personenkreis auszudehnen seien, [15]. Dabei untersuchte er 520 Zwil- Vorwort verfasste. Von Verschuer
dass ein vorübergehender Bevölke- lingspaare, die er zum einen in den nahm in der Zwillingsforschung in NS-
rungsrückgang hingenommen werden untersuchten Ortschaften und zum Deutschland eine führende Rolle ein
müsse [13, S. 406]. Obschon die Verer- anderen in einer aufwändigen Zusam- und seine Zwillingsuntersuchungen
bungsthese stets umstritten war, nah- menarbeit mit staatlichen Stellen und fanden „international höchste Aner-
men schliesslich die Nationalsozialis- medizinischen Instituten ausfindig kennung“, wie der Wissenschaftshisto-
ten den Kretinismus in die Gruppe der machte [7]. riker Benoit Massin festhält [15, S. 207].
Pathologien auf, die im 1934 erlassenen
Gesetz zur Verhütung erbkranken
Nachwuchses aufgeführt wurden [14,
S. 84]. Kropf und Kretinismus stellten
somit in der Zwischenkriegszeit – so
viel dürften meine bisherigen Ausfüh-
rungen gezeigt haben – nicht nur wis-
senschaftlich, sondern auch politisch
umkämpfte Wissensobjekte dar: Sie
fungierten als Testfeld für divergieren-
de Strategien einer staatlichen Präven-
tionspolitik.
Vor diesem Hintergrund waren Jakob
Eugsters in den 1930er Jahren durchge-
führten Untersuchungen nicht ohne
Brisanz. Sie verfolgten das Ziel, die Ver-
erbungsthese einer minutiösen Über-
prüfung zu unterziehen. Zu diesem
Zweck sammelte Eugster eine riesige
Datenmenge, die sowohl auf früheren
epidemiologischen Studien als auch
auf selbst durchgeführten Untersu-
chungen basierte. Gemeinsam mit Mit- Abbildung 2 Eineiige Zwillinge, untersucht am 24. Januar 1935. Quelle: Eugster J. Zur
arbeitern erfasste Eugster die Bewoh- Erblichkeitsfrage des endemischen Kropfes. III. Teil. Die Zwillingsstruma. In: Archiv der
ner von insgesamt 12 Dörfern möglichst Julius Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygie-
vollständig, führte medizinische Un- ne 1936; XI, H. 3/4: 430
Pascal Germann Bruch oder Konstante? Zum Verhältnis von Humangenetik und Eugenik im 20. Jahrhundert

460 Übersichtsarbeit
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Deutsche Erbforscher hoben die eu- che Rolle in den Kropfdiskussionen Schluss, dass eugenische Massnahmen
genischen Anwendungsmöglichkeiten spielte –, dass Sterilisationsmassnah- grundsätzlich ihre Wirkung verfehlen
der Zwillingsforschung hervor. So er- men im volksgesundheitlich als äus- würden. 80 % aller Fälle von „angebore-
hofften sie mittels der Zwillingsmetho- serst wichtig erachteten Bereich der nem Schwachsinn“ seien auf nicht erb-
de zu eruieren, welche Pathologien als Schilddrüsenkrankheiten keinerlei lichen Kretinismus zurückzuführen,
Erbkrankheiten zu definieren seien, die Nutzen zeigen würden [10]. Noch einen weshalb als einzige effiziente Vorbeu-
sich mittels eugenischer Massnahmen Schritt weiter ging der Mediziner und gemassnahme die Jodierung des Koch-
verhüten liessen. Auch für die Finan- Kropfspezialist Hans Eggenberger. Auf- salzes in Frage komme [17]. Die unter
zierung von Eugsters Untersuchungen grund der Ergebnisse der Kropf- und eugenischen Vorzeichen geförderten
spielte der eugenische Kontext eine Kretinismusforschung kam er zum Untersuchungen lieferten folglich ein
wichtige Rolle: Die Subventionierung
des Projektes übernahm die Julius
Klaus-Stiftung für Vererbungsfor-
schung, Sozialanthropologie und Ras-
senhygiene, eine 1921 in Zürich ge-
gründeten eugenischen Stiftung, die
gemäss Statuten alle Bestrebungen zur
„Verbesserung der weissen Rasse“ un-
terstützte [16].
Die Ergebnisse von Eugsters Forschun-
gen widersprachen jedoch eugenischen
Prämissen. Sämtliche von ihm durch-
geführten erbstatistischen Untersu-
chungen ergaben denselben Befund:
Genetische Faktoren würden zwar Ver-
lauf und Ausprägung von Kropf und
Kretinismus beeinflussen, als Ursache
für die beiden Krankheiten könne Ver-
erbung jedoch ausgeschlossen werden.
Innerhalb der Kropfforschung stiessen
Eugsters Ergebnisse auf internationa-
les Interesse. Seine Forschungsergeb-
nisse trugen massgeblich dazu bei, den
zwar schon seit langer Zeit angezwei-
felten, aber trotzdem immer wieder
neu aktualisierten Vererbungs- und
Degenerationstheorien die wissen-
schaftliche Grundlage zu entziehen.
Zumindest innerhalb der Wissenschaft
gelangte damit die Debatte um die Ver-
erbung von endemischem Kropf und
Kretinismus an ein Ende.
Diese Entwicklungen in der Kropffor-
schung blieben nicht ohne Einfluss auf
den eugenischen Diskurs in der
Schweiz. Auf Eugsters Studien Bezug Abbildung 3 Mutter mit Kropf und kropffreien Kindern als Beleg gegen die Verer-
nehmend argumentierte nun etwa bungsthese. Quelle: Eugster J. Zur Erblichkeitsfrage der endemischen Struma. Geneti-
Fritz de Quervain – der als renommier- sche Untersuchungen über die Ursachen des Kropfes. II. Teil. In: Archiv der Julius Klaus-
ter Schilddrüsenforscher und Direktor Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene 1935; X, H.
des Berner Inselspitals eine einflussrei- 1: 111
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 457 – 462

Übersichtsarbeit 461
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Ergebnis, das nun als Argument gegen die Annahmen der Eugenik widerlegte? mensionen aller bisherigen Zwillings-
die Eugenik eingesetzt werden konnte. Oder aber zeigen sie, wie sehr die hu- erhebungen, als er im Konzentrations-
Begeistert von Eugsters Studie waren mangenetische Forschung mit Akteu- lager Auschwitz-Birkenau unbegrenzte
aber nicht nur Schweizer Befürworter ren, Ideen und Visionen der Eugenik Zugriffsmöglichkeiten auf eine riesige
der Jodprophylaxe, sondern auch deut- verstrickt blieb? Untermauert das Fall- Anzahl von Zwillingen erhielt.
sche Rassenhygieniker – wenngleich beispiel somit Nathaniel Comforts oder Eugsters Kropf- und Kretinismusfor-
aus anderen Gründen. Im März 1936 Peter S. Harpers Narrativ zur Geschich- schungen stützten einen medizini-
schrieb von Verschuer in einem Brief te der Humangenetik? Eugsters Studi- schen Präventionsdiskurs, der nicht
an Eugster euphorisch: „Sie haben ein en zeugen davon, dass die Beziehungen auf der Ebene der Vererbung, sondern
ganz ausgezeichnetes Forschungsma- von humangenetischer Forschung und auf derjenigen der Ernährung ansetzte,
terial gesammelt und sind zu klaren eugenischer Anwendung bereits in der und insofern liessen sie sich als Argu-
absolut gesicherten Ergebnissen ge- Zwischenkriegszeit nicht immer ein- mente gegen eine eugenische Bevölke-
kommen.“ [18] Für von Verschuer ka- deutig waren. Selbst erbstatistische rungspolitik in Stellung bringen. Die
men Eugsters Studien genau zum rich- Bevölkerungsuntersuchungen, die ihre Beziehungen zur rassenhygienischen
tigen Zeitpunkt. Seit Mitte der 1930er Finanzierung einer rassenhygienischen Forschung in Deutschland zeigen je-
Jahre mehrten sich nämlich kritische Forschungsförderung verdankten, fun- doch, dass diese Untersuchungen kei-
Stimmen zu den Potentialen der Zwil- gierten nicht lediglich als Wissensliefe- neswegs politisch harmlos waren. Die
lingsforschung. Mitunter wurde der ranten für eine eugenische Präventi- hier präsentierte Schweizer Fallstudie
Zwillingsforschung vorgeworfen, ihre onspolitik. Vielmehr konnten ihre verdeutlicht, wie die humangenetische
Untersuchungen würden auf zu gerin- Untersuchungsergebnisse auch zur Forschung enge, aber bisweilen auch
gen Fallzahlen beruhen. Tatsächlich Relativierung oder gar Zurückweisung widersprüchliche Beziehungen zur Eu-
war die Forschung stets mit dem Prob- eugenischer Postulate beitragen. genik pflegte. Weder etablierte sich
lem konfrontiert, genügend Zwillings- Gleichzeitig setzte sich mit den gene- die medizinische Vererbungsforschung
paare aufzuspüren [19]. In der Schwei- tisch-epidemiologischen Kropfunter- schlicht als eine Legitimationswissen-
zer Studie sah von Verschuer nun eine suchungen der 1930er Jahre eine schaft der Eugenik noch verlief ihre
willkommene Bestätigung seiner For- Tendenz fort, erbbiologische Untersu- Entwicklung unabhängig von eugeni-
schungsmethoden. Als Jakob Eugster chungen auf ganze Bevölkerungsgrup- schen Visionen und Zielen. Die Bezie-
ihn anfragte, das Vorwort zu seiner pen auszudehnen. Das Streben nach hungen zwischen Humangenetik und
Untersuchung zu schreiben, kam er statistischer Repräsentativität, aber Eugenik sperren sich folglich gegen
deshalb der Bitte gerne nach. Eugsters auch die von eugenischen und volkshy- Erklärungen, die einseitig von einem
Studie – so heisst es in von Verschuers gienischen Ideen genährten Visionen Bruch oder einer Konstante ausgehen.
Vorwort – basiere auf dem „grösste[n] einer präventiv-medizinischen Bevöl- Für eine Geschichte der Humangenetik
Zwillingsmaterial“, das je über ein kerungsüberwachung schufen Anreize, des 20. Jahrhunderts ist es vielmehr er-
„pathologisches Merkmal“ gesammelt immer umfassendere und ambitionier- forderlich, die Verbindungen zwischen
worden sei. Der führende deutsche tere Datenerhebungen durchzuführen. Vererbungsforschung und Eugenik in
Rassenhygieniker hielt deshalb die Zumindest in der Zwillingsforschung ihren vielfältigen historischen Kontex-
Schweizer Arbeit als einen „Beweis da- setzte Eugsters Studie diesbezüglich ten empirisch zu rekonstruieren.
für […], dass die Zwillingsforschung – auch im europäischen Kontext –
sich immer wieder als die zuverlässigs- neue Massstäbe, die bisherige Untersu-
te Methode zur Bestimmung des An- chungen in den Schatten stellten. Des-
teils von Erbe und Umwelt an der Ent- halb galt sie als vorbildlich für deutsche Constant or break? On the relations
stehung einer Eigenschaft des Rassenhygieniker, die bestrebt waren, between human genetics and
Menschen bewährt.“ [7, S. 371] Die erbbiologische Untersuchungen auf eugenics in the Twentieth Century
Schweizer Studie trug folglich dazu bei, immer grössere Bevölkerungskreise The history of human genetics has
die eugenischen Visionen der Zwil- auszudehnen. Bald darauf öffneten die been a neglected topic in history of
lingsforschung zu befeuern. Bedingungen des Zweiten Weltkrieges
science and medicine for a long time.
Sind Jakob Eugsters Kropf- und Kreti- indessen ganz neue Möglichkeiten für
nismusuntersuchungen nun ein Bei- die Zwillingsforschung. Otmar von Only recently, have medical historians
spiel dafür, wie die humangenetische Verschuers ehrgeiziger Schüler Josef begun to pay more attention to the
Forschung in der Zwischenkriegszeit Mengele sprengte jedenfalls die Di- history of human heredity. An impor-
Pascal Germann Bruch oder Konstante? Zum Verhältnis von Humangenetik und Eugenik im 20. Jahrhundert

462 Übersichtsarbeit
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tant research question deals with the des Kropfes. II. Teil. In: Archiv der 14. Von Verschuer O. Leitfaden der
interconnections between human ge- Julius Klaus-Stiftung für Ver- Rassenhygiene. Leipzig: Verlag
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pologie und Rassenhygiene 1935; X, 15. Massin B. Mengele, die Zwillings-
dresses this question: By focusing on a
H. 2/3: 101 – 187. forschung und die „Auschwitz-
Swiss case study, the investigation of 7. Eugster J. Zur Erblichkeitsfrage der Dahlem-Connection“. In: Sachse C,
the heredity of goiter, I will argue that endemischen Kropfes. III. Teil: Die Hg. Die Verbindung nach Aus-
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relations between heredity research sergebnisse an 520 Zwillingspaaren, Menschenversuche an Kaiser-Wil-
and eugenics in the twentieth century. mit pathologisch-anatomischen helm-Instituten. Dokumentation
Befunden bei 78 Paaren und wie- eines Symposiums in Berlin-Dahl-
Studies on human heredity often pro-
derholten Untersuchungen an 133 em 2001. Göttingen: Wallstein,
duced evidence that challenged eu- Paaren. In: Archiv der Julius Klaus- 2003: 201 – 254.
genic aims and ideas. Concurrently, Stiftung für Vererbungsforschung, 16. Stiftungsreglement der Julius
however, these studies fostered visions Sozialanthropologie und Rassen- Klaus-Stiftung für Vererbungs-
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endemischen Kretinismus. Unter- 17. Eggenberger H. Ursache und Verhü-
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der Julius Klaus-Stiftung für Ver- mheit. Trogen 1941 (Sonderdruck
1. Buselmaier W, Tariverdian G. Hu- erbungsforschung, Sozialanthro- aus dem Jahrbuch der Appenzeller
mangenetik. 4. neu bearbeitete Au- pologie und Rassenhygiene 1938, Gemeinnützigen Gesellschaft 1941).
flage. Heidelberg: Springer, 2007. XIII, H. 1/2: 383 – 494. 18. Archiv der Max-Planck-Gesells-
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Perfection: How Genes Became the Krankheit. Eine Wissensgeschichte mar Freiherr von Verschuer, Rep. 86
Heart of American Medicine. New des Kretinismus im Alpenraum, A, Nr. 64, von Verschuer an Eugster,
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schichte des eidgenössischen Wis- Nachwuchses. Basel, 1938: Heredity in the Twentieth Century.
senschaftspreises. Bern: Fondation 205 – 208. London: Pickering & Chatto, 2013:
Marcel Benoist, 1995. 11. Schlich T. Changing Disease Identi- 13 – 26.
5. Eugster J. Zur Erblichkeitsfrage der ties: Cretinism, politics and surgery
endemischen Struma. Genetische (1844 – 1892). Medical History 1994;
Untersuchungen über die Ursachen 38: 421 – 443.
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Julius Klaus-Stiftung für Ver- densgeschichte der Jodprophylaxe
erbungsforschung, Sozialanthro- des endemischen Kropfes. In: Dr. des. Pascal Germann
pologie und Rassenhygiene 1934; Gesnerus 1974; 31: 47 – 55. Institut für Medizingeschichte
IX, H. 3/4: 276 – 363. 13. Finkbeiner E. Die kretinische Entar- Bühlstrasse 26
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endemischen Struma. Genetische ode bearbeitet. Berlin: Springer,
Untersuchungen über die Ursachen 1923. pascal.germann@img.unibe.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000701

Übersichtsarbeit 463
Institut für Medizingeschichte, Universität Bern
Beat Bächi

Konsum und Kontrolle:


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Wie Vitamin C zu einem Allheilmittel werden konnte

Künstliches Vitamin C ist heute ein Massenprodukt. Dass sich Ascorbinsäure seit Wege. Wie die fabrikmässige Herstel-
ihrer Erfindung 1933 zu einem alltäglichen Konsumgut mausern konnte, ist lung, so war auch die Auffindung, oder
weniger durch ihr medizinisches Potential zu erklären, sondern verdankt sich besser Schaffung eines Verwendungs-
zwecks für künstliches Vitamin C keine
vielmehr einem dynamischen Zusammenspiel von Produktion, Vermarktung
leichte Aufgabe. Im Januar 1934 wurde
und Gesundheitspolitik. Der Beitrag fokussiert insbesondere auf die komplexen Ascorbinsäure für medizinische Versu-
Interaktionen zwischen Gesundheitskonzepten, diagnostischen Instrumenten che umsonst angeboten. Zur „Samm-
und ärztlichem Blick. Dabei scheinen nicht nur die Differenzen zwischen „rein lung von Material“ wurden knapp 300
naturwissenschaftlichen“ und „ärztlich-biologischen“ Standpunkten auf, son- Ärzte ausgewählt und angeschrieben,
dern es zeigt sich auch, dass Nahrungsbestandteile immer auch gesundheits- die für eine experimentelle Bearbei-
tung in Frage kamen. Denn die medizi-
politisch und ethisch aufgeladen sind.
nische Forschung sammelt nicht ein-
fach Daten, sondern produziert auch
Fakten. Dies geschieht unter anderem
Einleitung Obst und dergleichen zukommen.“ Es über den Forschungsmarkt, auf dem
bestehe somit keinerlei medizinische die Industrie Hochschulwissenschaft-
Heute werden jährlich über 100'000 Nachfrage nach Vitamin C, das höchs- lerInnen und ÄrztInnen mit Chemika-
Tonnen Vitamin C (Ascorbinsäure) her- tens zur Bekämpfung von Skorbut in lien für wissenschaftliche (Labor-)Ver-
gestellt [1]. Vitamine begegnen uns täg- Frage komme. Ein anderes Indikations- suche versorgt.
lich in bunten Verpackungen – als gebiet für Vitamin C sei nicht bekannt. Allerdings sollten mit dem medizini-
Brausetablette, als Konservierungsmit- Dennoch wollte Roche die beiden nicht schen Markt genau jene Akteure ange-
tel, im Shampoo, im Wein, in Crèmes, einfach wieder ziehen lassen und bot ih- sprochen werden, die sich bis dahin
im Hundefutter. Aber weshalb werden nen eine mögliche Zusammenarbeit an. nicht so sehr für die Möglichkeiten von
überhaupt solch enorme Mengen Vita- Aber das Ziel konnte vorläufig nur darin Vitamin C interessiert hatten. Vitamin
min C produziert? Dass dies medizi- bestehen, „die interessante Substanz für C war in den 1930er Jahren ein span-
nisch gesehen weder notwendig noch physiologische und biochemische Un- nendes Forschungsfeld für Chemiker
selbstverständlich ist, haben Ernäh- tersuchungen zu einem erschwinglichen und Biochemiker, das „klinisch be-
rungswissenschaftler immer wieder Preise zugänglich zu machen. Sollte sich trachtet“ recht unwichtig schien. Ro-
dargelegt. Freilich hilft Vitamin C gegen dann später eine therapeutische Indika- che musste deshalb versuchen, die che-
Skorbut, eine in früheren Zeiten von tion herausstellen, umso besser.“ mische und biochemische Forschung
Seefahrern gefürchtete Krankheit. Aber Dieser Text nimmt deshalb die Alltäg- zu Vitamin C voranzutreiben und sich
wie Skorbut vermieden werden kann, lichkeit von künstlichem Vitamin C als Übersetzer der Informationsströme
ist seit dem 18. Jahrhundert bekannt. nicht einfach als Selbstverständlich- in die Ärztewelt anbieten. Im Idealfall
Und gegen andere Krankheiten konnte keit hin, sondern geht der Frage nach, konnte das auf diesem Weg produzier-
kaum je zweifelsfrei gezeigt werden, wie ein Bedarf für Vitamin C historisch te Wissen über Roche wiederum in die
dass Vitamin C tatsächlich etwas nützt. genau entstehen konnte. Neben ge- chemisch-biochemische Forschung zu-
Entsprechend hatte Hoffmann La-Ro- sundheitspolitischen, kulturellen und rückfliessen und diese weiter anregen.
che (das später weltweit führende Unter- ökonomischen Faktoren waren dies Um die Forscher zu interessieren, sollte
nehmen in der Vitaminproduktion) insbesondere das Wechselspiel von die synthetische l-Ascorbinsäure als
1933 bloss ein geringes kommerzielles Konsum und Kontrolle, in welches ins- ein äusserst wissenschaftliches Pro-
Interesse an Vitamin C. Als Tadeus besondere Diagnostika und ÄrztInnen dukt modelliert werden – und so konn-
Reichstein und sein Freund und Ge- eingebunden werden konnten. te auch sein Handelsname nicht allzu
schäftspartner Gottlieb Lüscher im Mai populär gewählt werden. Dennoch
1933 mit Roche in Verhandlungen be- stiess die Wortmarke „Redoxon“, die an
treffend einer Vitamin-C-Synthese tra- Künstliches Vitamin C auf der die von Vitamin C angenommene Wir-
ten, reagierte man auf Seiten des Unter- Suche nach einer Indikation kung auf die „oxydoreduktiven Vorgän-
nehmens äusserst zurückhaltend. Roche ge des Organismus“ anspielte, Roche-
sah keinen Bedarf für Vitamin C: „Er- Trotz aller medizinischer Zweifel pro- intern auf Widerstände. Aus der
wachsenen dürfte in der Norm genü- duzierte Roche 1934 die ersten Kilo- Propaganda-Abteilung wurde kriti-
gend Vitamin C mit frischem Gemüse, gramm Vitamin C auf industriellem siert, der Name sei „wenig glücklich“.
Beat Bächi Konsum und Kontrolle: Wie Vitamin C zu einem Allheilmittel werden konnte

464 Übersichtsarbeit
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Einige Mitarbeiter glaubten nicht, dass zu überzeugen. Für Roche war das kein ausgehenden Einflüsse“ zu arbeiten.
eine Spezialität namens „Redoxon“ unübliches Verfahren, das Unterneh- Ausgerechnet die Ascorbinsäure als zu-
grosse Erfolgschancen besitze. Der men war es gewohnt, „per medicum ad nächst äusserst mysteriöse und unseri-
Name müsse geändert werden, „da er publicum“ zu gehen. Die Ärzte als „Be- öse Substanz wurde zu einem der ersten
sowohl im deutschen (‚reduziert‘ = Ab- treuer der Volksgesundheit“ sollten die Roche-Produkte, die vom Wissen-
magerungsmittel), wie im englischen „Autorität des Vitamins“ in der Gesell- schaftlichen Dienst propagiert wurden.
Sprachgebiet (‚red‘ Oxo) eine störende schaft etablieren. Roche wollte versu- Der Wissenschaftliche Dienst Roche
Gedankenverbindung hervorruft“. chen, sie „für eine Reihe von Publikati- beschränkte sich nicht auf die eigenen
onen zu gewinnen, welche Redoxon Aussendungen, Besuche und Publikati-
günstig beurteilen und, wenn möglich, onen. Ab 1933 stellte sich die „Schwei-
Roche, Ascorbinsäure und die neue und interessante Indikationen er- zerische Medizinische Wochenschrift“
Lenkung des ärztlichen Blicks schliessen“. Aber, so heisst es im ent- in den Dienst von Roche und erhielt im
sprechenden Direktionsrapport weiter: Gegenzug einen jährlichen Beitrag zu
Hinsichtlich der für die Gesundheit nö- „Will man wissenschaftlich einwand- ihren Druckkosten. Seine Höhe wurde
tigen Menge Ascorbinsäure fischten freie Publikationen in grösserer Zahl durch eine Reihe von Faktoren be-
sowohl Roche als auch Tadeus Reich- erhalten, so muss dem die Publikation stimmt: die Anzahl der für Roche
stein, der Erfinder der Synthese und Verfassenden die Arbeit des Literatur- „nützlichen“ Publikationen, „propa-
spätere Nobelpreisträger, bei der studiums erleichtert oder ganz abge- gandistischer oder Prestige-Wert der-
Markteinführung von Redoxon noch nommen werden.“ Diesem Zweck selben“ sowie die Zeilenzahl. Dadurch
ziemlich im Trüben. Mit der Dosie- – und „um das Gros der praktischen kam der herausgebende Verlag Benno
rungsfrage hingen wiederum Überle- Ärzte aus Vitaminungläubigen zu Vita- Schwabe in Basel in den folgenden Jah-
gungen zur Preisgestaltung zusam- mingläubigen bzw. Vitaminverschrei- ren in den Genuss von Vergütungen
men. Um bereits vor der kostenlosen bern zu machen“ – diente der Litera- durch Roche in Höhe von 690 bis 6735
Abgabe von Redoxon auf dem For- tur-Eildienst-Roche und später, ab Franken pro Jahr.
schungsmarkt eine Ahnung für den 1940, die Zeitschrift „Die Vitamine“ des Nicht nur über mögliche neue Indikati-
später für die Einführung auf dem Ge- Wissenschaftlichen Dienstes Roche. onsfelder lernte Roche durch die Ein-
sundheitsmarkt festzulegenden Preis Der Wissenschaftliche Dienst Roche führung von Redoxon auf dem For-
zu bekommen, sah sich Roche zu- war eine Ergänzung zur bereits beste- schungsmarkt einiges, sondern auch
nächst einmal auf dem Markt für na- henden Propaganda-Abteilung. Er wur- über die Haltung verschiedener Ärzte-
türliches Vitamin C um. Dabei gelangte de 1933 ins Leben gerufen und sollte gruppen den Vitaminen gegenüber. Da
man zur Einsicht, dass es zweckmässig den wissenschaftlichen Charakter der die wenigsten Ärzte die Fachliteratur
sei, den Verkaufspreis für Ascorbinsäu- Roche-Propaganda stärker hervorkeh- durcharbeiten würden, müsse man ge-
re von Anfang an möglichst niedrig an- ren und gestalten. Dadurch erhoffte sich genüber den „Ärzten älterer Schule“,
zusetzen, um einerseits den schlechten Roche, auch Kreise zu erreichen, bei de- die während ihrer Studienzeit noch
Eindruck später erzwungener Preis- nen die routinemässige Propaganda er- nichts oder sehr wenig Konkretes über
rückgänge zu vermeiden und anderer- fahrungsgemäss nicht oder nur in gerin- Vitaminfragen gehört hätten, beson-
seits Konkurrenzfabriken von der Auf- gem Grad ankam. Mit routinemässiger dere Propagierungsanstrengungen un-
nahme der Ascorbinsäure-Fabrikation Propaganda waren die drei damaligen ternehmen. In einer weit gestreuten
möglichst abzuschrecken. Diese Über- Hauptkategorien der Roche-Propagan- Vitamin-Broschüre gewährte Roche
legungen hatten direkte Auswirkungen da gemeint: der „Aussendungs-Dienst“ deshalb der Darstellung von klassi-
auf die Dosierung von Redoxon. Bei der (das Versenden von Mustern und Infor- schen Avitaminosen breiten Raum, um
Markteinführung enthielt eine Redo- mationsbroschüren an Ärzte und Apo- auch dem älteren Arzt einmal „die
xon-Tablette gerade einmal 0,05 Gramm theker), der „Besuchs-Dienst“ und der Schwere der Krankheitsbilder gebüh-
Ascorbinsäure, im Jahr 2000 sollte es „Publications- und Literaturzustel- rend vor Augen zu führen und ihn auch
dann ein ganzes Gramm sein. lungs-Dienst“. Über den Wissenschaftli- auf diesem indirekten Wege zur Über-
Folgendes Vorgehen versprach für die chen Dienst versuchte Roche verstärkt zeugung zu bringen, dass er den Prä-
Redoxon-Einführung die besten Aus- an „einer möglichst nachhaltigen Beein- Avitaminosen alle diagnostische Sorg-
sichten auf Erfolg: Man legte das druckung“ der „ausgesprochen wissen- falt zuzuwenden sich bemühen muss“.
Hauptgewicht der Propaganda darauf, schaftlich interessierten und akademi- Roche machte bei der Popularisierung
die wissenschaftlich arbeitenden Ärzte schen Kreise […] und der von ihnen der Ascorbinsäure nicht nur einen Un-
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Übersichtsarbeit 465
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terschied zwischen älteren und jünge- „äusserlich gesund“ waren, das „ohne- Entwicklung war 1935 ein rechtliches
ren Ärzten, sondern auch zwischen Redoxon-nicht-mehr-leben-können“ Problem: Konnte man das kleine Mo-
Allgemeinpraktikern und Klinikern, beigebracht werden. dell unter Schutz stellen, damit es nicht
das heisst zwischen Hausärzten und sofort nachgeahmt wurde? Davon riet
Ärzten, die in Krankenhäusern be- jedoch die Rechtsabteilung ab, denn
schäftigt waren. Hinsichtlich dieser Diagnostika zwischen „rein natur- dadurch würde „lediglich ein Schein-
Ärztekategorien war die Roche-Propa- wissenschaftlichem“ und „ärztlich- recht“ erworben. Analytische Bestim-
ganda zu folgenden Feststellungen ge- biologischem“ Standpunkt mungsmethoden seien nicht „patentfä-
langt: Die „praktischen Ärzte“ hatten hig“. Diese Feststellung zeigt, dass
für Vitaminpräparate ein grosses Inter- Roche lancierte also eine „Aufklä- Roche hier erst am Anfang einer grund-
esse. Es sei allerdings nicht aus einer rungscampagne zur Einhämmerung legenden Neustrukturierung des Unter-
wissenschaftlichen Überzeugung her- des Begriffes C-Defizit“ bei Ärzten. Die nehmens stand. Während der Konzern
aus entstanden, „sondern aus dem Propaganda-Abteilung startete einen heute aufgeteilt ist in einen Pharma-
Glauben des Publikums an die Vitami- wahren Feldzug, um „die weitesten und einen Diagnostikabereich, wusste
ne“. Hingegen würden „wissenschaft- Kreise von der Wünschbarkeit, ja sogar man bei der Lancierung einer Vorrich-
lich eingestellte Vertreter der Ärzte- der Notwendigkeit der regelmässigen tung zur Visualisierung eines potentiel-
schaft, d. h. vor allem die Kliniker und Vitamin C-Einnahme, zu überzeugen“. len Vitamin-C-Defizits in der Propa-
Spezialisten“ die „Vitamin-Therapie“ Die Ärzte sollten dazu gebracht wer- ganda-Abteilung von Roche noch nicht
fast gänzlich ablehnen. Obwohl die Vi- den, Redoxon zu verschreiben, weil es einmal, dass solche Gerätschaften nicht
tamine im „breiten Publikum“ den Ruf vielleicht nützen, jedenfalls nicht scha- patentierbar waren.
von „Wundermitteln“ besassen, wur- den könne. Ein Mediziner sollte überall Das Thema einer Bestimmungsme-
den die Roche-Vertreter auf ihrer Mis- ein „C-Defizit“ wittern und vorsichts- thode für die C-Hypovitaminose wurde
sion offenbar von „über 80 % der Prak- halber Vitamin C verschreiben. „Das von der Propaganda-Abteilung auf-
tiker“ ausgelacht, und ihnen wurde wird er aber nur dann tun, wenn er gegriffen, nachdem es von den Klini-
erklärt, dies sei „eine Modeströmung selbst die Möglichkeit hat, die Diagno- kern und praktischen Ärzten bei jedem
(Vitamin-Fimmel!), die bald verschwin- se zu stellen und dem Patienten eine Gespräch über Vitamin C „ohne Zu-
den würde“. neue Krankheit anzudichten.“ Um an tun des Mitarbeiters automatisch
Wie wollte Roche den ärztlichen Blick dieses Ziel zu gelangen, sah die Propa- angeschnitten“ worden sei. Wie die im
lenken? Um ihm – gerade wenn es sich ganda-Abteilung schon früh die Not- Gegensatz zu natürlichen Vitamin-C-
um den wissenschaftlich eingestellten wendigkeit einer Methode zur Objekti- Quellen standardisierte reine Ascor-
Vertreter der Ärzteschaft handelte – mit vierung des Vitamin-C-Stoffwechsels. binsäure müsse auch die Bestim-
der „okkulten Hypovitaminose“ ein Rückblickend hiess es zur Entwicklung mungsmethode der C-Hypovitaminose
neues Feld zu eröffnen, mussten Metho- eines entsprechenden Diagnoseinstru- möglichst exakt sein. Meistens komme
den zur Objektivierung der C-Hypovita- ments: „Der harmlose Mensch, insbe- nämlich von den Ärzten die Frage, ob
minose entwickelt werden. Zu diesem sondere die Hausfrau, verlangen nicht die Methode genügend genau sei; wor-
Zeitpunkt war es laut Roches Propagan- danach; weder Zunge noch Auge wird an sich meist die Frage anschliesse, ob
da-Abteilung noch ganz unbekannt, durch Vitamingehalt zum Kauf gereizt. sie genügend einfach durchzuführen
dass Hypovitaminosen sehr verbreitet Die Aufgabe lautete also: durch Propa- sei. Die Einfachheit betraf zum einen
seien und dass ihre Behandlung für den ganda, die sich an den Intellekt richtet die Transportierbarkeit, zum anderen
Arzt ein dankbares Betätigungsfeld sei. und via Intellekt den Selbsterhaltungs- (und damit verknüpft) die Handha-
Wenn es aber möglich wäre, die weite trieb als Agens einspannt, überhaupt bung. In dieser Hinsicht schien der bis
Verbreitung der C-Hypovitaminosen erst das Bedürfnis zu schaffen.“ Und 1935 bei Roche entwickelten Methode
und deren „Gefährlichkeit und Heimtü- „regelmässig“ werde Redoxon nur ein- noch ein schwerwiegender Nachteil an-
cke“ aufzudecken, dann könne Redoxon genommen, „wenn etwas Hokuspokus zuhaften: „Die Apparatur war nicht
„kommerziell doch noch ein Schlager“ gemacht“ würde. mobil (Stativ und Bürette!).“ Dazu sage
werden. „Man denke sich doch, jeder Ein wesentlicher Teil dieses „Hokuspo- der Sportarzt: „Ich brauche unbedingt
Mensch leide an C-Manko, wie viel Re- kus“ sollte eine kleine, einfach zu hand- eine Bestimmungsapparatur, die Erd-
doxon würde das brauchen, um all die habende Bestimmungsmethode für Vi- beben überdauert und mit der man
Löcher auszufüllen!“ Über Analysegeräte tamin-C-Hypovitaminosen sein. Eine Fussball spielen kann!“ Und der prakti-
könne vielleicht auch den Leuten, die der ersten Schwierigkeiten bei ihrer sche Arzt antworte: „Die Bürette kann
Beat Bächi Konsum und Kontrolle: Wie Vitamin C zu einem Allheilmittel werden konnte

466 Übersichtsarbeit
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ich aber doch nicht auf meine Haus- dem dadurch möglicherweise steigen- duziert werden, die dem Arzt zeigen
besuche mitschleppen und doch würde den Redoxon-Absatz eine zusätzliche sollten, dass C-Hypovitaminosen viel
ich gerne gerade bei Infektionskrank- Verdienstmöglichkeit in die Hand ge- weiter verbreitet seien als im Allgemei-
heiten den Vitamin-C-Stoffwechsel spielt werden, die ihn, so hoffte man bei nen angenommen. Ohne grosses Zah-
prüfen. Ein kleiner handlicher Apparat, Roche, schliesslich gegenüber dem Un- lenmaterial gelinge es nicht, den Arzt
etwa im Format wie Ihre Ferienapothe- ternehmen im Allgemeinen günstig von dieser Tatsache zu überzeugen.
ke, würde mir das aber leicht ermögli- stimme. Da der Verkauf von Redoxon Dennoch, oder gerade deshalb, nahm
chen.“ auf die Apotheken beschränkt war, lag die Propaganda-Abteilung später den
Mit der Mobilität kam wiederum das Roche viel an einem guten Verhältnis Standpunkt ein, dass Genauigkeit
Kriterium der Handhabung als ent- zu den Apothekern (Abb. 1). nicht oberstes Prinzip der Diagnose-
scheidender Punkt auf. Roche wollte Ein zentraler Punkt war jedoch noch methode sein könne. Zumindest war
ein Verfahren ausarbeiten, mit dem immer völlig offen. Man musste noch dies 1938 ihre Antwort auf die Frage:
„selbst der einfachste Mann aus dem herausfinden, „wo das Gebiet der C- Wie führt man „Hypovitaminose-
Volke“ feststellen könne, ob sein Orga- Hypovitaminosen eigentlich beginnt. Fischzüge“ durch? Diese müssten,
nismus mit Vitamin C gesättigt sei Vorläufig ist darüber noch nichts Ge- wolle man sie nicht nur vom „rein na-
oder nicht. Allerdings musste die Pro- naueres bekannt.“ Deshalb versuchte turwissenschaftlichen“, sondern auch
paganda-Abteilung enttäuscht einge- Roche, Toleranzgrenzen als Grauzonen vom „ärztlich-biologischen Stand-
stehen, so einfach es auf den ersten zwischen Krankheit und optimaler Ge- punkt“ aus betreiben, in möglichst
Blick auch aussehe, sei das Ganze für sundheit zu etablieren. In der Propa- kurzer Zeit und darum mit möglichst
das tägliche Leben noch viel zu kompli- ganda-Abteilung hoffte man, mit der einfachen Methoden durchgeführt
ziert. Mit Tabletten und einem Rea- „Hypothese, dass unter 8 mg % das Ge- werden. „Die noch sehr verbreitete
genzglas werde der „Mann aus dem biet der C-Hypovitaminosen beginne“, Ansicht, Hypovitaminose-Fischzüge
Volke“ nicht arbeiten. Die Effekte einer eine Fährte aufgedeckt zu haben, der wären mit analytisch genauen Metho-
simplen Bestimmungsmethode malte sowohl die Wissenschaftler wie die Pro- den durchzuführen, ist daher zu revi-
man sich dagegen so aus: „Ein span- pagandisten nachgehen würden, bis dieren. Auch für die Industrie sind die
nender Prospekt über die Schädlich- endgültig Klarheit bestehe. Zu diesem rasch und trotzdem genügend genau
keit der C-Hypovitaminosen und wie Zweck mussten noch mehr Fakten pro- arbeitenden Verfahren die besten.
wir alle davon bedroht sind! Da muss
man doch gleich feststellen, wie es mit
der eigenen Person bestellt ist! Entge-
gen der Vorschrift, versucht man es
gleich mit dem Harn […]. Entfärbt
nicht! Böses Omen! Jetzt aber los mit
Redoxon! Wieviel sagt nur der Pros-
pekt? 2 Tabletten. Mit Ungeduld wartet
man 2 – 4 Stunden. Ob jetzt der Urin
wohl entfärbt? Noch nicht! Usw.“
In solchen Visionen fielen der Konsum
des Präparats und die Kontrolle des
Vitamin-C-Stoffwechsels zusammen.
Kontrolle und Konsum sollten sich ge-
genseitig stützen. Um „die C-Bestim-
mung“ zu einer „Routine-Manipulati-
on“ zu machen, „derart, dass sie sich
mit der Zeit gewohnheitsmässig ein-
bürgert und zur bleibenden Institution
wird“, mussten weitere Akteure in den Abbildung 1 Mit dieser Werbung erläuterte Roche den interessierten Kreisen, wie die
Dienst der Bestimmungsmethode ein- von ihr entwickelte und schliesslich kostenlos angebotene Methode zur Kontrolle des
gespannt werden. Dem Apotheker soll- Vitamin- C-Stoffwechsels genau funktionierte. (Wissenschaftlicher Dienst Roche, Die
te mit der Vitamin-C-Diagnose und Vitamine, No. 3, 1940, S. 59 f.)
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 463 – 468

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Denn diese führen rascher zu thera- sich die ‚Gesundheit‘ in dieser neuen Vitamin C in der Konsumgesell-
peutischen Erfolgen und damit zu Definition nicht mehr am einzelnen In- schaft – „Golden Powder“
Verkaufsanstieg.“ dividuum feststellen und an Stelle indi-
vidueller Gesundheit tritt ein mehr Über die Ausdehnung des Grauberei-
statistischer Begriff: die richtige Vita- ches zwischen Krankheit und Gesund-
Von der individuellen zur minmenge ist diejenige Vitaminmen- heit und die dadurch ermöglichte Ver-
kollektiven Gesundheit ge, bei der grosse Völkerschichten die vielfachung von Indikationen erlebte
geringste Mortalität und Morbidität künstliches Vitamin C insbesondere
Um praktisch interessante Indikatio- aufweisen. […] Viele Fragen lassen sich während des Zweiten Weltkrieges, als
nen zu generieren, waren im Mai 1934 nicht mehr im Laboratorium lösen. die Pflicht, gesund zu sein, besonders
immerhin bereits 20'000 Redoxon- Man muss hierzu das Leben auf statis- wichtig erschien, einen kometenhaften
Tabletten in Herstellung begriffen, und tischer Grundlage, im Massenversuch Aufstieg. Während Roche 1934 gerade
zur selben Zeit wurden auch 35'393 messend verfolgen.“ einmal gut 57 Kilogramm Ascorbinsäu-
Einführungsprospekte an Ärzte ver-
schickt. Darin setzte Roche auf das
Konzept der „C-Hypovitaminose“. Des-
halb war im Einführungsprospekt auch
ein Text von Albert von Szent-Györgyi
(einem späteren Nobelpreisträger) ab-
gedruckt. Darin war zu lesen, Skorbut
sei wie alle Avitaminosen eine sehr sel-
tene Krankheit. Aber zwischen Skorbut
und voller Gesundheit sei es die Zone
der Hypovitaminose, die ein fruchtba-
res Feld für Ärzte eröffne. Man, sprich
die Ärzte, müsste(n) deshalb mehr und
mehr Vitamine geben, bis die Gesund-
heit nicht mehr gesteigert werden kön-
ne. Allerdings sei „volle Gesundheit“
kein neutraler Begriff. Gesundheit wur-
de vermittelt über dieses neue Konzept
vom Individuum abgelöst und auf
einen grösseren, über-individuellen
Körper (den Gattungs-, Staats- oder
Volkskörper) bezogen. Was „volle Ge-
sundheit“ sei, umschrieb Albert von
Szent-Györgyi so: „Volle Gesundheit ist
derjenige Zustand des Körpers, in dem
er allen äusseren schädlichen Einflüs-
sen den grössten Widerstand leistet,
allen Anforderungen am besten ent-
sprechen kann. Und zugleich: Was ist
die beste Nahrung, was ist die nötige
Vitaminmenge? […] Die beste Nahrung
(also auch die nötige Vitaminmenge)
Abbildung 2 Gottlieb Duttweiler widmete in seinem Buch zur Schweizerischen Lan-
ist diejenige Nahrung, bei der sich die desausstellung den Vitaminen eine eigene Seite. Die Gegenüberstellung der hoch-
Gesundheit nicht mehr verbessern komplexen Vitamin-C-Produktionsanlage, die als Modell an der Landi ausgestellt wur-
lässt.“ Zu den Implikationen dieser de, mit einer profanen Hagebutte lässt die kritische Haltung Duttweilers bereits
neuen Sicht auf Vitamine führte Szent- erahnen. Quelle: Duttweiler, Gottlieb (Hg.) o. J. : Eines Volkes Sein und Schaffen. Die
Györgyi weiter aus: „Überhaupt lässt Schweizerische Landesausstellung 1939 Zürich in 300 Bildern, o. O.
Beat Bächi Konsum und Kontrolle: Wie Vitamin C zu einem Allheilmittel werden konnte

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re herstellte, waren es 1940 bereits meh- Schwarzpulver allerdings (noch) nicht Consumption and Control:
rere Tonnen pro Monat. 1944 beliefen konkurrieren, so dass Roche die For- How Vitamin C could become a Cure-All
sich dann die weltweiten Vitamin-C- schungen 1990 abbricht. Artificial vitamin C has become a bulk
Verkäufe von Roche bereits auf zirka
product. To explain how ascorbic acid
250 Tonnen. Nach dem Ende des Zwei-
ten Weltkrieges musste Roche einen Die Moral von Vitamin C could enter everyday life, one less has
Rückgang der Verkäufe auf noch gut to look at medical necessities than at
100 Tonnen im Jahre 1947 hinnehmen. Der Mensch ist, was er isst. Entspre- the dynamic interplay of production,
Danach stiegen die Verkäufe wieder chend sind Nahrungsmittel und deren promotion, and health care policy.
kontinuierlich an und überschritten Bestandteile immer auch moralisch Hence, this contribution focuses on the
1953 die Marke von 500 Tonnen. Denn aufgeladen. Und so titelte am 28. Feb-
complex interactions of health con-
auch der Konsumgesellschaft der Nach- ruar 2007 die Berliner Zeitung: „Iss
kriegszeit eröffnete Vitamin C schier dich brav! In England bekommen Ge- cepts, diagnostic instruments and the
unbegrenzte Möglichkeits(t)räume. fangene jetzt Vitamine, damit sie bes- physician's gaze necessary to endow
Es gibt aber auch etliche Rohrkrepierer sere Menschen werden.“ Und tatsäch- ascorbic acid with a medical indica-
bei der Vermarktung von Vitamin C. lich, so berichtet die Zeitung weiter tion. On the one hand, this reveals the
Nachdem Roche in den 1950er Jahren über die von Neurophysiologen der differences between a “purely scien-
unter anderem „vitaminierte Nylon- Oxford University durchgeführten Ver-
tific” and a “medical-biological” point
strümpfe“ evaluiert und zusammen suche in drei britischen Gefängnissen:
mit dem Schweizer Tabakkonzern Bur- Die Häufigkeit von antisozialem Ver- of view. On the other hand, as man
rus ausgedehnte Versuche zur „Vitami- halten sei bei den Probanden im Ver- last but not least is what he eats, this
nisierung von Zigaretten“ durchge- gleich zur Kontrollgruppe, die keine points to the fact that nutrition and
führt hatte, lief ab Ende der 1970er Nahrungsergänzungsmittel erhielten, parts of it always are soaked with
Jahre ein Forschungsprojekt mit dem um 26 Prozent gesunken. health policy and moral.
sinnigen Titel „Golden Powder“. Dabei Die Hoffnung, dass Vitamine „antisozi-
wurden die Möglichkeiten von Vitamin ales Verhalten“ zum Verschwinden
C als Sprengstoff untersucht. Oder wie bringen können, ist keineswegs neu. Literatur
es in einem internen Bericht bei Roche Ein Vitaminforscher bemerkt schon
heisst: Man analysierte die „Zerset- 1942 anlässlich einer in der Wissen- 1. Der Text basiert auf dem Buch
zungsbrisanz“ der Ascorbinsäure, um schaftszeitschrift Science veröffent- Bächi B. Vitamin C für alle!
herauszufinden, ob sich Vitamin C als lichten Preisrede: „Zweifellos kann Pharmazeutische Produktion, Ver-
„sanftes Sprengmittel“ eignen könnte. geistige Stumpfheit bei Schulkindern, marktung und Gesundheitspolitik
Und tatsächlich stand 1984 in der Zeit- namentlich unter den niederen Ein- (1933 – 1953). Chronos 2009. Die im
schrift „Shooting Industry“ zu lesen: kommensklassen, teilweise auf das Text verwendeten Zitate finden
„Achtung, Waffenladenbesitzer. Ma- Fehlen einer zweckmäßig zusammen- sich allesamt inklusive Quellen-
chen Sie in ihren Regalen und im gesetzten Kost, speziell mit Hinblick nachweis in diesem Buch.
Schaufenster Platz für die Ankunft von auf die Vitamine, zurückgeführt wer-
Golden Powder. Und was ist Golden den. Nun gehen aber, wie kürzlich Stu-
Powder? Es ist eine brandneue Treibla- dien u. a. in New York dargetan haben,
dung, die anstelle von Schwarzpulver geistige Fähigkeit und moralische Hal-
verwendet werden kann.“ Und noch tung Hand in Hand: Je intelligenter ein
1986 zählt Roche in einem internen Be- Kind, umso geringer ist auch seine Nei-
richt zahlreiche Verwendungszwecke gung zum Betrügen, Lügen, Stehlen Korrespondenzadresse
von Golden Powder („einem neuen oder anderweitigen Vergehen gegen die
Sprengstoff auf der Basis von Vitamin menschliche Ordnung. Da eine reichli- Dr. Beat Bächi
C“) auf: Es könne eingesetzt werden als che Versorgung mit Vitaminen die Institut für Medizingeschichte
Schiesspulver, als Raketentreibstoff, in menschliche Intelligenz zu erhöhen Bühlstrasse 26
Feuerwerk, sowie für zahlreich zivile vermag, besteht demnach die Aussicht, 3012 Bern
wie militärische Verwendungszwecke. auf diese Weise die ethische Einstel-
Preislich kann Golden Powder mit lung zu fördern.“ beat.baechi@img.unibe.ch
© 2015 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): DOI 10.1024/0040-5930/a000702

Übersichtsarbeit 469
Lehrstuhl für Medizingeschichte, Universität Zürich
Flurin Condrau

Krankenhausinfektionen und Antibiotikaresistenzen


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in englischen Krankenhäusern 1930 – 1960

Dieser Aufsatz untersucht die Geschichte von Krankenhausinfektionen, die Ein- Anfang einer grossen Umwälzung in der
führung von Antibiotika und die Entdeckung der Antibiotikaresistenzen in eng- Medizin, die über laborbasierte For-
lischen Krankenhäusern zwischen 1930 und 1960. Infektion erwies sich als fast schung viele erfolgreiche Therapien er-
zeugen würde. „One may look forward
konstantes Problem für das moderne, kurative Krankenhaus. Die Einführung
to further discoveries of agents that will
von Sulfonamiden und später von Antibiotika bot eine kosten-effektive, gut combat diseases not now subject to the-
verfügbare Gegenmassnahme, die zumindest kurzfristig sehr erfolgreich war. rapy, to more active and less toxic agents
Die längerfristigen Konsequenzen waren allerdings weniger günstig, da schon than those now available, and to com-
früh resistente Keime im Krankenhaus auftraten. Rufe nach einem rationalen bined therapy of several antibiotics or of
Umgang mit Antibiotika verhallten ungehört, stattdessen eskalierte das Prob- antibiotics and synthetic compounds
which will prove to be more effective
lem. Der Schock von Staph 80/81, ein gegen alle damals verfügbaren Antibioti-
than the use of single substances“ [2].
ka resistenter Keim, sowie die Grippepandemie von 1957/58 beschleunigte die Eine so erzählte, lineare Erfolgsge-
Entwicklung von Methicillin sowie die Durchsetzung strengerer Infektionspro- schichte von Antbiotika als grosser
phylaxe im Krankenhaus. Das Problem der Krankenhausinfektionen verschwand medizinischer Erfindung ist allerdings
dann vorläufig von der Bildfläche. unbefriedigend, denn sie wird den
komplizierten Prozessen in der Zeit
selbst nicht gerecht. Gibt man die auf
die Gegenwart bezogene Perspektive
Einleitung kann die aktuelle Medizingeschichte auf, die sich nur an guten Nachrichten
keine heutigen Probleme lösen, aber sie orientiert und bezieht die Offenheit der
Seit einiger Zeit beschäftigen sich kann mit Hilfe der historischen Analy- Zukunft mit ein, die ja nicht nur heute
Schweizer Forscher, Krankenhausärzte se die heutigen Probleme als gewachse- gilt, sondern auch der Geschichte zuge-
und andere Experten mit Antibiotika- ne Herausforderungen erkennbar ma- standen werden muss, dann wird die
resistenzen. Die Eidgenössische Fach- chen. Dazu lenken wir den Blick auf Geschichte der Antibiotika viel kom-
kommission für Biologische Sicherheit Konstellationen, Akteure und wissen- plizierter. Es wird dann eine Geschich-
nennt Resistenz laut Presse eine „biolo- schaftliche Netzwerke. te der Akteure, der Standorte und des
gische Bedrohung“ und man wappnet Die üblicherweise erzählte Geschichte wissenschaftlichen und medizinischen
sich auch in der Schweiz für die schwie- der Antibiotika folgt allerdings einem Denkens, die ein komplexeres Bild ent-
rigen Folgen der zunehmenden Ver- anderen Muster. Sie ist fasziniert von wirft. Anhand der Geschichte der Kran-
breitung von antibiotikaresistenten Alexander Fleming, der 1928 zufällig auf kenhausinfektionen lässt sich das sehr
Krankheitskeimen. Interessanterweise die antibiotische Wirkung von Schim- gut vorführen [3]. Aus der Sicht der
finden dabei historische Überlegungen melpilzen gestossen sein soll und Medizingeschichte lässt sich zunächst
kaum statt und der Eindruck entsteht, spricht fast beiläufig von einem „Wun- festhalten, dass dem modernen Kran-
dass Antibiotikaresistenz ein neuarti- der“ [1]. Mehr oder weniger bruchlos kenhaus immer schon ein riesiges Pro-
ges Phänomen sei. Das ist angesichts geht die Geschichte dann auf die Zeit blem der Krankenhausinfektionen ge-
des in den letzten Jahren gewachsenen nach dem Zweiten Weltkrieg über, die genüberstand. Allerdings muss sofort
Interesses für die Geschichte der Anti- den Beginn des klinischen Einsatzes eingeschränkt werden, dass sowohl der
biotika seit 1945 zweifellos bedauer- von Penizillin markiert und schliesst Begriff des Krankenhauses als auch
lich. Mein Aufsatz möchte anhand der mit der Nobelpreisrede von Selman derjenige Krankenhausinfektionen his-
Diskussionen um Antibiotikaeinsatz Waksman aus dem Jahr 1952 ab. Die torisch gelesen werden müssen, was in
und Antibiotikaresistenz in englischen Rede Waksmans in Stockholm zur Ver- der Literatur leider nicht immer ge-
Krankenhäusern den aktuellen For- leihung des Nobelpreises für seine Ent- schieht [4].
schungsstand zur Geschichte der Anti- deckung von Streptomycin ist eine der
biotika vorstellen. Andererseits sollte zentralen Quellen zum Thema: Er er-
sich daraus auch exemplarisch ein ana- klärte, dass die Medizin durch Antibio- Das moderne Krankenhaus
lytisches Gerüst ergeben, um die aktu- tika revolutioniert worden sei. Und er
elle Situation ihrerseits historisch zu war überzeugt, dass die Zukunft noch Als modernes Krankenhaus bezeich-
kontextualisieren und hoffentlich bes- viele solche Errungenschaften bereit net die Medizingeschichte das Kran-
ser verstehen zu können. Natürlich halten würde, schliesslich sah er sich am kenhaus für heilbare Kranke, das sich
Flurin Condrau Krankenhausinfektionen und Antibiotikaresistenzen in englischen Krankenhäusern 1930 – 1960

470 Übersichtsarbeit
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im 18. und dann vor allem im 19. Jahr- noch relativ wenig, wie genau die klini- Krankenhäuser dem Patienten zumin-
hundert in der (west-) europäischen sche Versorgung damals organisiert dest nicht aktiv schaden sollten. Dabei
Welt langsam durchsetzte. Das frühe- war [7]. Aber es ist doch recht klar, dass spielten Infektionskrankheiten für
re, mittelalterliche oder frühneuzeitli- die Krankenhausmedizin der zweiten ihre Analyse eine besondere Rolle. Sie
che Hospital war demgegenüber eine Hälfte des 19. Jahrhunderts Wert dar- argumentierte, dass an solchen Krank-
multifunktionale Institution der Ar- auf legte, die damals als unheilbar gel- heiten relativ mehr Patienten in Kran-
men-, Alten- und Gesundheitspflege, tenden, ansteckenden Krankheiten kenhäusern als in Privathaushalten
wo religiöse Ziele neben einer eher für- wie etwa Tuberkulose möglichst aus- verstarben [9]. Als bekennende Mias-
sorgerischen Funktion im Zentrum zuschliessen. Anders gesagt: übertrag- matikerin vertrat Nightingale die An-
standen. Aber warum kam es über- bare Krankheiten galten lange vor dem sicht, dass lokale Umweltbedingungen
haupt zu dieser deutlich erkennbaren zwanzigsten Jahrhundert als die ganz wie Schmutz und Unrat die Luft im
Zweckverschiebung vom alten Spital grosse Herausforderung für die Kran- Krankenhaus verpesten würden. Ihre
zum modernen Krankenhaus? Hier kenhausmedizin und zwar im doppel- Massnahmen zur Kontrolle von Infek-
spielte die sogenannte Pariser Medizin ten Sinne: Es überwogen ätiologische tionskrankheiten konzentrierten sich
eine entscheidende Rolle, die nach der Erklärungen von Krankheiten, die vor demnach auf Hygiene. Damit verband
Französischen Revolution das Kran- allem Umweltbedingungen für die sich nicht nur die professionelle Pflege
kenhaus neu dachte. In Paris gelang Krankheiten verantwortlich machten. früh mit der Kontrolle von Kranken-
erstmals die Zusammenführung der Die therapeutische Bewältigung der hausinfektionen, sondern lokale, hy-
wissenschaftlichen Medizin, der aka- Infektionskrankheiten stand deshalb gienische Probleme setzten sich zur
demischen Ausbildung und der Be- nicht im Vordergrund. Das erklärt, Erklärung von Krankenhausinfektio-
handlung von Kranken unter einem weshalb etwa die Schwindsucht um nen ebenfalls durch [10].
Dach. Man kann entweder mit Fou- 1850 als wissenschaftlich relativ unin-
cault diese Geburt der Klinik theore- teressante Krankheit galt. Und selbst
tisch gehaltvoll als Durchsetzung des gegen Ende des Jahrhunderts scheiter- Antibakterielle Sulfonamide
klinischen Blicks der Medizin analy- te der deutsche Bakteriologe Robert
sieren oder man kann mit Ackerknecht Koch grandios mit seiner Ankündi- Die klinische Einführung von Sulfona-
nicht minder gehaltvoll beobachten, gung eines Heilmittels gegen Tuberku- miden in den 1930er Jahren begann
dass das moderne Krankenhaus ein lose trotz der anerkannten Erfolge in diese Konfiguration erfolgreich zu
ganz neues Setting von Medizin, Aus- der Forschung [8]. Wenn aber Heilung verschieben. Forscher um den damali-
bildung und Politik darstellte [5]. Die kaum denkbar war, musste die Vermei- gen Forschungsleiter Gerhard Domak
jüngere Krankenhausgeschichte hat dung der weiteren Verbreitung von In- (1895 – 1964) der IG Farben hatten
eine Welle von Krankenhausgründun- fektionskrankheiten unter den Kran- Farbstoffe auf ihre antibakterielle Wir-
gen und Erweiterungen ab ungefähr kenhauspatienten besonders wichtig kung hin untersucht und entwickelten
1800 historisch ausführlich untersucht werden. Tatsächlich bemühen sich die das erste marktfähige Präparat unter
und kam dabei immer wieder zum Krankenhausärzte in der zweiten Hälf- dem Namen Prontosil. Der englische
Schluss, dass der Ausbildungs- und te des neunzehnten Jahrhunderts in Bakteriologe und Spezialist für Kran-
Wissenschaftscharakter des Kranken- verschiedenen Ländern intensiv dar- kenhausinfektionen Leonard Colebrook
hauses dominierte. Die klinische Ver- um, ansteckende Krankheiten aus dem (1883 – 1967) führte Prontosil 1935 in
sorgung von vorwiegend sozial schwa- Krankenhaus fernzuhalten, um soge- die Behandlung von Kindbettfieber ein.
chen Patienten erfolgte zunächst nannte Crossinfektionen im Kranken- Weil gleichzeitig auch die übrigen hygi-
zweifellos vor allem im Interesse der haus zu verhindern. In England wurde enischen Massnahmen erheblich ver-
Medizin [6]. Neben dieser offensichtli- beispielsweise die Krankenhausre- bessert wurden, gelang tatsächlich in-
chen sozialen Selektion, galten aber formdebatte in den 1860er Jahren nerhalb weniger Jahre die erfolgreiche
auch medizinische Kriterien bei der massgeblich von den Auseinanderset- Bewältigung des Problems, das die Ge-
Aufnahme der Patienten, denn als Ins- zungen rund um die Bewältigung von bärabteilungen der englischen Spitäler
titution für heilbare Krankheiten war lokalen Krankenhausepidemien be- seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt
eine Konzentration auf diejenigen ge- stimmt. Florence Nightingale, die hatte [11].
sundheitlichen Probleme angezeigt, durch ihre Verbesserung der Kranken- In der Geschichte der Wirkstoffe wurde
für die eine klinische Intervention pflege im Verlauf des Krim-Krieges be- allerdings mit den Sulfonamiden eine
überhaupt sinnvoll erschien. Leider rühmt geworden war, verlangte in ei- neue Phase eingeleitet [12]. Der Kern
weiss die Medizingeschichte immer nem vielzitierten Statement, dass die für diese Neufassung des Problems der
Therapeutische Umschau 2015; 72 (7): 469 – 474

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Infektionsgefahr im Krankenhaus lässt Antibiotika und therapeutische forschung schon in den 1930er Jahren
sich mit dem Bakteriologen Paul Ehr- Euphorie als Problem erkannt und diskutiert
lich verdeutlichen, der das Diktum von wurde. Schon in der damaligen Erfor-
den magischen Kugeln prägte, mit de- Aber ausgehend von Sulfonamiden und schung der Wirkung von Sulfonamiden
nen zielgenau die Krankheiten im Kör- später dann weitergeführt mit der klini- auf durch Streptokokken verursachte
per so bekämpft werden sollten, dass schen Einführung von Penizillin und Infektionsprobleme erwies sich die bak-
der sie umgebende menschliche Orga- anderen Antibiotika bestimmte ein un- terielle Resistenz als ein Kernproblem.
nismus dabei möglichst wenig zu Scha- geheurer Optimismus die Debatte. Wäh- In der Tat lässt sich zeigen, dass die Ex-
den kommen sollte [13]. Die Sulfona- rend in Graham Greenes Roman und ponenten der klinischen Erforschung
mide sind in dieser Lesart zweifellos dem gleichnamigen Film „The Third von Sulfonamiden ihre Erfahrungen, die
sehr wichtig, weil sie erstmals einen Man“ von 1949 der Bösewicht noch ein sie mit den so bekämpften Streptokok-
therapeutischen Wirkstoff im Labor Händler von gefälschtem Penizillin im ken machten, später auch auf die Anti-
und auch in der Klinik mit einer spezi- Nachkriegs-Wien war, wurde in Gross- biotika-Forschung anwandten. Aber
fischen bakteriellen Problematik zu- britannien das zunächst noch knappe grundsätzlich lässt sich sagen, dass sich
sammenführten [14]. Innerhalb von neue Antibiotikum Streptomycin von eine neue Gruppe von Wissenschaftlern
zwanzig Jahren nach Einführung der Ärzten und Patienten begeistert aufge- mit der neuen Thematik von antibakte-
neuen Medikamente gelang es, die nommen [17]. Noch bevor die ersten kli- riellen Medikamenten und der Entwick-
Kontrolle von Streptococcus Pyogenes nischen Studien abgeschlossen und pu- lung von Resistenzen zu befassen
im Krankenhaus auf eine ganz neue bliziert worden waren, fanden erste begann [20]. Im Krankenhaus erhielt
Grundlage zu stellen und ein Problem Lieferungen des Medikaments soforti- dadurch die Mikrobiologie eine zuneh-
zu lösen, das vorher wesentlich zum gen Einsatz. Die Rede eines Wundermit- mend wichtige Rolle, weil es ihr gelang
schwierigen Ruf des Krankenhauses tels schuf die Grundlagen für einen ful- die eigene Forschung an der Schnitt-
beigetragen hatte [15]. Aber mehr noch minanten Markterfolg der neuen stelle von herkömmlicher Bakteriologie
trugen solche Erfolge dazu bei, die all- Antibiotika wie Penizillin und Strepto- und klinischer Medizin zu betreiben.
gemeinen Krankenhäuser neu zu kon- mycin [18]. Die genaue Analyse der Ein- Eine solche Exponentin der frühen Re-
figurieren. Während Nightingale diese führung dieser neuen Medikamente in sistenzforschung war die Pathologin
noch für letztlich krankheitsverursa- die klinische Praxis ist leider noch und Mikrobiologin Mary Barber
chend hielt und deshalb dringende Re- bruchstückhaft, aber die ersten vorlie- (1911 – 1965), die ab 1940 im Londoner
formen anmahnte, gelang es den Kran- genden Fallstudien dokumentieren wie Hammersmith Hospital ihre For-
kenhäusern in der Zwischenkriegszeit schnell die behandelnden Ärzte alle bis- schungsarbeiten begann. Als führende
mehr und mehr zu „gesunden“ Einrich- herigen Behandlungsroutinen aufgaben, Expertin in der Erforschung von Anti-
tungen zu werden. Wenig überra- um sich mit Hilfe der neuen Antibiotika biotikaresistenzen trug sie viele wichti-
schend übernahmen denn auch die dieser neuartigen Pharmakotherapie zu ge Publikationen bei, bevor sie tragi-
Krankenhäuser im neu geschaffenen verschreiben. Gerade der Fall der Be- scherweise 1965 bei einem Autounfall
National Health Service (NHS) ab 1948 handlung von Bronchitis verdeutlicht, ums Leben kam [21]. Barbers Arbeit
eine Schlüsselrolle in der Gesundheits- dass Antibiotika von allem Anfang an konzentrierte sich zunächst auf Penizil-
versorgung. Von Problemen, Krank- einerseits therapeutisch, andererseits lin, das sich als wirksam gegen die durch
heitsverursachung oder Infektion war aber auch präventiv eingesetzt wurden. Staphylococcus Aureus hervorgerufenen
da nicht mehr so viel die Rede. Dabei Das wichtigste Argument für die neuar- Infektionen erwies. Ihre Untersuchun-
hätte es dafür durchaus gute Gründe tige Behandlung von Bronchitis bestand gen erbrachten rasch die Einsicht, dass
gegeben. Der von allem Anfang an un- in der Vermeidung möglicher Komplika- der erreichbare klinische Behandlungs-
terausgestatte, auf knappe Steuermit- tionen durch bakterielle Lungenentzün- erfolg beim Kampf gegen grampositive
tel angewiesene NHS betrieb die Infra- dungen [19]. Bakterien die Entwicklung von antibio-
struktur der Zwischenkriegszeit bei tikaresistenten Keimen förderte [22].
steigender Ärzte- und Patientenzahlen
unverändert weiter. Finanziell konnte Antibiotika und das Auftreten
das nur gestemmt werden, weil gleich- der Resistenz Shotgun Therapy oder Rationaler
zeitig Pflege- und technisches Personal Einsatz von Antibiotika
entlassen wurde. Dass dadurch Proble- Interessant und für diesen Beitrag si-
me nicht ausbleiben konnten, war ei- cher zentral ist aber die Beobachtung, Daraus ergab sich fast sofort ein inter-
gentlich klar [16]. dass Resistenz in der Medikamenten- essanter Konflikt im Krankenhaus zwi-
Flurin Condrau Krankenhausinfektionen und Antibiotikaresistenzen in englischen Krankenhäusern 1930 – 1960

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schen den Mikrobiologen, die sich für mals eine letztlich kosteneffektive und Krankenhäuser auf zwei weit entfernten
einen zurückhaltenden Einsatz von An- auch wirkungsvolle Strategie gegen- Kontinenten, in Sydney und in London,
tibiotika aussprachen und den Klini- über, die erst noch den Vorteil bot, praktisch gleichzeitig dieselbe Variante
kern, denen jedes Mittel recht war, um direkt unter klinischer Kontrolle zu von Staphylococcus Aureus, eben Staph
die aktuellen klinischen Probleme zu stehen. Ein rationaler Umgang mit An- 80/81 ihr Unwesen trieb [27]. Neben
lösen. Die sogenannte Shotgun Therapy tibiotika stellte demgegenüber sofort Mary Barber in London spielte auch in
bestand darin, Infektionsprobleme ent- die Frage, wer über eine so geforderte Australien eine junge Mikrobiologin na-
weder zu verhindern oder wenigstens Rationalität zu wachen hätte. Es hätte mens Phyllis M. Rountree (1911 – 1994)
sofort mit einem massiven Einsatz von bedeutet, dem einzelnen Arzt die Auto- die bestimmende Rolle. Beide hatten
Antibiotika zu bekämpfen, so dass in rität über den Einsatz von Medikamen- sich seit Beginn der 1950er Jahre für die
englischen (und sicher auch vielen an- ten zu nehmen und deren Verteilung Identifikation von resistenten Bakteri-
deren) Krankenhäusern rasch grosse stattdessen wirksam zu regulieren. Das enstämmen interessiert und auch darü-
Mengen von Antibiotika verbraucht hätte einen Machtkampf im Kranken- ber publiziert. In beiden Ländern wurde
wurden. Das sich daraus ergebende Re- haus bedeutet, den die Mikrobiologen die neue Technologie der Identifikation
sistenzproblem wurde aber so drän- trotz ihrer grossen analytischen Fort- mit Hilfe von Bakteriophagen rasch auf-
gend, dass sich rasch die Frage stellte, schritte nicht hätten gewinnen können. genommen und weiterentwickelt, so
wie ein vernünftiger Umgang mit Anti- Allenfalls wäre es der Weltgesundheits- dass zu diesem Zeitpunkt Sydney und
biotika aussehen könnte [23]. Man organisation (WHO) möglich gewesen, London wohl die Hauptstädte der mo-
stellte sich die Frage, wie man die offen- eine globale Monitoring-Einrichtung dernen Krankenhausmikrobiologie wa-
sichtlich knappe Ressource antibioti- zu schaffen. Solche Bemühungen gab ren. Richtig dramatisch wurde aber die
scher Medikamente möglichst gewinn- es, aber sie scheiterten letztlich wohl an Entwicklung rund um Staph 80/81 mit
bringend einsetzen könnte. Ein Lancet den Interessen der Pharmaindustrie dem Ausbruch der Grippepandemie von
Editorial eröffnete 1952 unter dem Titel [26]. 1957 – 58, die unter dem Namen Asian
Rational Use of Antibiotics die Diskussi- Flu bekannt wurde. Mittlerweile war
on und stellte die Frage, ob der Zeit- klar, dass sekundäre Lungenentzündun-
punkt schon da sei, den Antibiotikage- Der Staph 80/81 Schock gen eine grosse Rolle als Todesursache
brauch zu regulieren [24]. 1954 äusserte während solcher Grippewellen spielten.
sich Allen Hussar, ärztlicher Direktor Ein einschneidendes Ereignis in der De- Man schätzte wiederum, dass ungefähr
des Franklin D. Roosevelt Hospitals in batte um Antibiotika und mögliche Re- ein Drittel der sekundären Lungenent-
New York so zur Frage: „If we accept the sistenzen war die Entdeckung von Staph zündungen durch Staphylokokken vers-
seriousness of the problem, the questi- 80/81. Dabei handelte sich um eine Vari- ursacht würden. Die Zahl der Opfer war
on is: should we continue to deal with ante des Staphyloccocus Aureus, die ge- dann zum Glück nicht ganz so gross wie
this problem by an occasional speech or gen sämtliche damals verfügbaren Anti- befürchtet. Diese Grippewelle stellte
paper condemning the erroneous use of biotika resistent war. Aus der Sicht der zwar eine epidemiologische und bakte-
antibiotics, or, should a more aggressive Medizingeschichte ist es besonders riologische Chance dar, den Zusammen-
effort be made to start a crusade for the interessant, dass der Nachweis des hang von Influenza und sekundären
rational use of antibiotics?“ [25] Hussar, Problems gleichzeitig auch die Durch- Lungenentzündungen zu untersuchen.
Barber und mit ihnen viele andere Me- setzung einer innovativen Methode des Aber sie führte auch zu einer Krise der
diziner, die damals im Krankenhaus die Erregernachweises bedeutete. Die neue eben erst gewonnenen Zuversicht, dass