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Carl Friedrich von Weizsäcker

Der bedrohte Friede - heute

Carl Hanser Verlag


Inhalt

Vorwort ......................................................................................... 7
Bemerkungen zur Atombombe ................................................ 13
Kriegs Verhütung ......................................................................... 19
Erklärung der achtzehn Atomwissenschaftler
vom 12. April 1957 .................................................................... 25
Heidelberger Thesen ..................................................................... 27
Tübinger Memorandum ............................................................ 39
Bedingungen des Friedens ............................................................ 47
Der weltpolitische Zyklus ............................................................. 60
Wiedervereinigung Deutschlands und Europas .......................... 67
Friedlosigkeit als seelische Krankheit .......................................... 75
Die Ambivalenz der politischen Ideale der europäischen
Neuzeit ...................................................................................... 100
Das moralische Problem der Linken und das moralische
Problem der Moral .................................................................... 114
Die Hoffnung des revolutionären Sozialismus ........................ 120
Wechselwirkung weltweiter ökonomischer und politischer
Probleme .................................................................................... 130
Gehen wir einer asketischen Weltkultur entgegen?.................... 141
Rede am 20. Juli 1974 ................................................................... 175
Erforschung der Lebensbedingungen .......................................... 185
Wissenschaft und Menschheitskrise ............................................. 221
Was folgt? ...................................................................................... 231
Europa ........................................................................................... 250
Freunde! ......................................................................................... 256
Erkennen und Handeln - Physik und Ethik .......................... 259
Zur Namengebung von Jahrhunderten .................................... 274
Westlicher und östlicher Geist ...................................................... 280
Einfluß und Verantwortung der Wissenschaft ............................ 296
Die Aufgabe ................................................................................... 306
12 3 4 5 9 8 97 96 95 94

ISBN 3-446-17697-7 Nachweise ...................................................................................... 332


Alle Rechte vorbehalten Namenregister ........................................................................... 334
© Carl Hanser Verlag München Wien 1981, 1994
Satz: Fotosatz Otto Gutfreund GmbH, Darmstadt
Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm
Printed in Germany
Vorwort

Im Jahre 1981 habe ich ein Buch unter dem Titel »Der bedrohte
Friede« veröffentlicht. Es ist heute vergriffen. Die Weltlage hat
sich seitdem tief geändert, doch kann man zweifeln, ob sie sich
verbessert hat. Ich habe mich nun entschlossen, eine wesentlich
veränderte, mit neuen Texten ergänzte Auflage herauszugeben,
unter dem Titel »Der bedrohte Friede - heute«.
Worum geht es ?
1981 schrieb ich: »Der Friede ist bedroht. Er ist bedroht,
weil er niemals wahrer Friede war.« Dazu im Vorwort: »Die
heutige Krise ist keine Betriebspanne, sondern Folge ungelöster
Grundprobleme unserer Welt. Keines dieser Probleme ist
vernünftigem Handeln unzugänglich.«
Es geht letztlich um die Überwindung des Krieges als an-
erkannter Institution in der Menschheitsgeschichte. Dies ist
noch nicht geleistet. Die Gefahr schwebt noch über dem Haupt
eines jeden von uns. Und doch ist der Weg in unserem Jahr-
hundert deutlicher eingeschlagen worden als je zuvor. Ich zi-
tiere dazu zwei Äußerungen, die ich in der Zeit seit 1981 getan
habe.
1982, ein Jahr nach Erscheinen des Buches, habe ich in einem
Vortrag vor der Evangelischen Akademie in Tutzing über Mög-
lichkeiten und Probleme auf dem Weg zu einer vernünftigen
Weltfriedensordnung gesagt: »Hätte jemand vor fünfhundert
Jahren in einer europäischen Stadt, z.B. in der hier so nahen
alten Stadt München, gesagt, der Tag werde kommen, an dem
diese Stadt keine Stadtmauern mehr brauchen werde, so hätten
ihm alle klugen Leute geantwortet: >Ja, nach dem jüngsten Ge-
richt, du Träumer!< Heute hat keine europäische Großstadt
mehr Mauern, weil zwei Erfindungen gemacht worden sind:
die technische Erfindung der Artillerie, welche die Mauern
nutzlos gemacht hat, und die politische Erfindung des durch
Recht und Polizei gesicherten Territorialstaats, welche die
Mauern überflüssig gemacht hat. Warum soll nicht eines Tages
eine vernünftige Weltfriedensordnung das heutige System ein-
ander fürchtender Militärmächte ablösen?«
199r schrieb ich in meinem Buch »Der Mensch in seiner Ge- sammenhängen, ein paar zentrale Formulierungen wörtlich
schichte« : wiederholt wurden.
»Der politische Bewußtseinswandel ist unterwegs. Es ist Der Schlußabschnitt »Die Aufgabe« ist für das jetzige Buch
nicht unmöglich, daß wir erst durch die größten selbstverschul- verfaßt. Er sucht die Folgerungen zu ziehen.
deten Katastrophen lernen werden. Ich habe ein Leben lang auf Wie im älteren Vorwort ende ich mit einem Dank. Er geht an
diese Katastrophen hinweisen müssen und bin der Erfahrung den Carl Hanser Verlag, zumal Herrn Eginhard Hora, der die
des inneren Verzweifeins nicht entgangen. Aber ich habe nie an Planung der neuen Fassung des Buchs zu einem großen Teil
das absolute Ende geglaubt. Stets habe ich so geredet, daß Mut selbst entworfen hat, insbesondere die Auswahl der zu bewah-
zum Handeln und nicht Verzagtheit die Folge sein sollte.« renden und der auszuschaltenden Texte, um das Buch knapp
Ich erlaube mir, vier Bücher zu nenen, die ich seit 1981 zum und modern genug zur konkreten Lektüre zu gestalten. Und
selben Problemkreis veröffentlicht habe: ich danke Frau Meike Loth-Kraemer, die, längere Zeit noch in
»Wahrnehmung der Neuzeit« (1983). Hier blicke ich auf den Zusammenarbeit mit Frau Ruth Grosse, Last und Freude mit-
»Titanismus« der abendländischen Neuzeit zurück und versu- getragen hat.
che, die ihn ständig begleitende Krise, bis zur Krise unserer
Gegenwart, zu verstehen. Starnberg, Mai 1994 C. F. v. Weizsäcker
»Die Zeit drängt« (1986). Ein Appell an die Christen der
Welt, angesichts dieser Krise, in ihren drei Aspekten »Gerech-
tigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung«.
»Bewußtseinswandel« (1988). Dieselbe Bewußtseinsthema- Aus dem Vorwort 1981
tik, im säkularen Rahmen. Der Verfasser als Zeitzeuge.
»Bedingungen der Freiheit« (1990). Einige Vorträge in erster Mit diesem Buch versuche ich noch einmal, durch Besinnung
Reaktion auf den weltweiten Wandel jener Jahre. auf die heutige Politik einzuwirken. Ich versuche noch einmal,
Das große Ereignis der Jahre um 1989 war der von fast nie- einen Weg in der Gefahr zu zeigen. Dies geschieht unter drei
mandem so erwartete Zusammenbruch des sowjetischen Herr- Gesichtspunkten: Aktualität, Rückblick, Vertiefung der Frage.
schaftssystems, ohne Krieg. Es erwies sich dann nicht als Aktualität: 1976 habe ich das Buch »Wege in der Gefahr«
Triumph des Westens, sondern als Auslöser einer sichtbaren veröffentlicht (seit 1979 als Taschenbuch erhältlich). Die
Gestalt der Bewußtseins- und Strukturkrise in der heutigen Grundgedanken dieser Studie über Wirtschaft, Gesellschaft
Menschheit. Diese zu verstehen und in ihr handeln zu lernen ist und Kriegsverhütung halte ich auch heute für richtig. In den
das Anliegen der neuen Texte im jetzigen Buch. seitdem verstrichenen fünf Jahren sind sie vielleicht sogar bes-
Bei der Neugestaltung des Buchs war die Absicht, den Text ser verständlich geworden, denn die Wege haben sich inzwi-
knapper und dadurch leichter zugänglich zu gestalten als in schen verengt, die Gefahr ist sichtbarer als damals. Zur Gefahr
der früheren Auflage. Texte, die durch die seitherige Ent- der achtziger Jahre habe ich seit 1979 eine Reihe von Artikeln
wicklung ihre Aktualität verloren haben, wurden fortgelassen. geschrieben, die nicht nur Analyse, sondern präzise politische
Das betrifft am wenigsten die Texte, die schon damals als Vorschläge und Forderungen enthalten. Diese Aufsätze im
Rückblick aufgenommen waren. Für den Blick auf die neue Buchhandel zugänglich zu machen, damit sie weiterwirken,
Aktualität wurden Texte übernommen, die seit 1990 aus ver- war das erste Motiv zur Veröffentlichung des jetzigen Buchs.
schiedenen Anlässen geschrieben und meist an ebenfalls ver- Rückblick: Der Rückblick geschieht hier nicht aus Interesse
schiedenen Orten veröffentlicht worden waren. Der Leser an der eigenen Vergangenheit, wie man Memoiren schreibt,
wird verstehen, daß in ihnen, in jeweils verschiedenen Zu - sondern um der Forderung des Heute einen Hintergrund und
damit Nachdruck zu verleihen. Seit 1957, also nun seit einem Lebensbedingungen«, 1979). Danken möchte ich den Verlagen,
Vierteljahrhundert, habe ich öffentlich auf die längerfristige die den Abdruck der bei ihnen erschienenen Beiträge gestattet
Instabilität des heutigen Weltsystems hingewiesen, unter mili- haben (Vandenhoeck & Ruprecht, Bruckmann, Chr. Kaiser).
tärischen, außenpolitischen, wirtschaftlichen, sozialen, see- Dem Verlag Carl Hanser danke ich für nun mehr als zehnjäh-
lisch-kulturellen Gesichtspunkten. Als Frist der Gefahr habe rige Zusammenarbeit in ungetrübter verständnisvoller Hilfs-
ich damals wenige Jahrzehnte angegeben, Jahrzehnte, die in- bereitschaft.
zwischen verstrichen sind. Eine kleine Auswahl des damals Ich danke Frau Erika Heyn, die von 1957 bis 1970 unter den
Gesagten soll hier zur Überprüfung noch einmal vorgelegt vielfachen Pflichten eines Sekretariats auch die Last der Her-
werden. Dabei scheue ich mich nicht, auch falsche Prognosen stellung dieser und vieler anderer Texte getragen hat. Und ich
und unverwirklichbare Vorschläge noch einmal zu zitieren; danke Frau Ruth Grosse für die Art, wie sie seitdem im Institut
man lernt aus der Korrektur der eigenen Fehler. Arbeitslast, Sorge und Freude mit uns geteilt hat.
Vertiefung der Frage: Wenn der Rückblick etwas zeigt, dann
daß die heutige Krise keine Betriebspanne, sondern Folge un- Starnberg, Mai 1981 C. F. v. Weizsäcker
gelöster Grundprobleme unserer Welt ist. Keines dieser Pro-
bleme ist vernünftigem Handeln unzugänglich. Aber die Ver-
nunft dessen, was man den Mitmenschen für ihr politisches
Handeln vorschlagen kann, bemißt sich nach der Entwick-
lungsstufe ihres Bewußtseins. Wollen wir etwas tun, was wir
selbst nicht verstehen, so erzeugen wir noch im scheinbaren
Erfolg das Gegenteil des Erstrebten: Ambivalenz des Fort-
schritts. Das Ziel des Rückblicks ist daher die Besinnung, das
Ziel der Besinnung das vernünftige Handeln in der Aktualität.
Der Bergsteiger, der eilen muß, um die Hütte vor Einbruch der
Nacht zu erreichen, muß eben darum Karte und Kompaß in
aller Konzentration zu Rate ziehen; sonst rennt er ins Unheil.
Der Titel »Der bedrohte Friede« bezeichnet die heutige
Lage. Ich habe einen Augenblick gezögert, ihn zu wählen, um
eine Verwechslung mit der Aufsatzsammlung von 1969 »Der
ungesicherte Friede« (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen)
zu vermeiden. Man wird aber die Bücher unterscheiden kön-
nen. Die Differenz der Titel bezeichnet die weltpolitische Ent-
wicklung in zwölf Jahren: damals war der Friede ungesichert,
aber nicht akut bedroht, heute ist er bedroht.
Ich widme das Buch den Mitarbeitern des Instituts, ohne de-
ren Initiative, Anregung und Hilfe auch der Prozeß der Bil-
dung meines eigenen Problembewußtseins nicht so hätte ver-
laufen können, wie er sich hier spiegelt. Ich verweise den Leser
auf ihre in vielfacher Hinsicht über das von mir Geleistete hin-
ausgehenden Arbeiten (Zitate im Aufsatz »Erforschung der

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Bemerkungen zur Atombombe
('945)

Ich möchte hier nicht über die wissenschaftlichen und techni-


schen, sondern über die menschlichen Fragen sprechen, die die
Atombombe aufwirft oder deutlich macht. Vielleicht hat nie-
mand mehr Anlaß, auch über diese Seite der Sache nachzuden-
ken, als wir Physiker.
Als wir begannen, Physik zu studieren, erstrebten wir nichts
als einen Einblick in die Geheimnisse der Natur. Ich erinnere
mich deutlich des dankbaren Staunens, mit dem ich darüber
nachdachte, daß meine Mitmenschen bereit seien, mir und mei-
nesgleichen ein Leben zu bezahlen, das einer so nutzlosen Spie-
lerei wie der Erforschung der Atome gewidmet sein sollte.
Heute kann unser Stand vielleicht mit mehr Recht als der
Stand der Soldaten beanspruchen, den bisher größten Krieg der
Weltgeschichte entschieden zu haben. Er ist ein Faktor in der
Weltpolitik geworden und teilt damit die Verantwortung für
Krieg und Frieden, die früher in den Händen des Politikers und
des Soldaten lag. Er teilt diese Verantwortung moralisch, auch
wenn sein politischer Einfluß gering zu sein scheint. Es kann
und wird in der Welt nicht gleichgültig sein, was die Menschen,
welche die neuen Waffen gemacht haben, über die Anwendung
dieser Waffen denken. Und wenn unsere Meinung ohne Ein-
fluß bliebe, so könnte unser Gewissen dadurch nicht zum
Schweigen gebracht werden.
Wenn dies einigen unter uns zweifelhaft geblieben sein
möge, so kann es ihnen nach Hiroshima und Nagasaki nicht
mehr zweifelhaft sein. Heute tragen wir, und zwar jeder von
uns, der geholfen hat, die Kenntnis des Atomkerns zu fördern,
mit an der Schuld am Tode von 90000 Männern, Frauen und
Kindern, an der Verwundung und der Heimatlosigkeit von
Hunderttausenden. Und keiner von uns kann sich der Frage
entziehen, ob es durch die Arbeit, der wir unser Leben gewid-
met haben, noch zu unseren Lebzeiten geschehen wird, daß
nicht 90000, sondern 90 Millionen denselben Tod erleiden.
Wenn aber die Angst vor diesen Schrecken die Menschheit vor-

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erst zum Frieden zwingen wird, so stellt sich uns vielleicht wirklich hergestellt worden ist, einen Aufwand erfordert hat,
brennender als den meisten die Frage, ob dieser Friede eine Ge- der in Deutschland, zumal nach dem Beginn der großen Bom-
stalt finden kann, die Dauer verspricht und verdient. benangriffe, unmöglich gewesen wäre. Dies gilt schon auf der
Ist die wissenschaftliche Entwicklung, die uns an diesen rein industriellen Ebene. Hinzu kommt, daß die deutschen
Punkt geführt hat, gut oder schlecht? Oder ist diese Frage Wissenschaftler schon seit Jahren durch politische Verdächti-
falsch gestellt und handelt es sich nur darum, ob die moralische gungen und allerhand Unordnung so in der Arbeit behindert
Entwicklung der Menschheit mit ihrer intellektuellen Ent- waren, daß auch die reine Forschung nicht den möglichen
wicklung Schritt halten kann? Haben wir überhaupt ein Anzei- Wirkungsgrad erreichte; man wird sagen dürfen, daß das Ge-
chen dafür, daß es eine moralische Entwicklung der ganzen leistete, an den Mitteln und Hindernissen gemessen, gut war.
Menschheit gibt? Diese Fragen sind theoretisch, und wir wer- Nach orientierenden wissenschaftlichen Untersuchungen be-
den sie kaum lösen können. Aber die praktische Frage läßt sich schränkten wir uns auf die Vorarbeiten zum Bau einer kon-
nicht zurückschieben: was sollen wir tun? Wir haben wie Kin- trollierten Atomenergie-Maschine. Die zuständigen Stellen
der mit dem Feuer gespielt, und es ist emporgeschlagen, ehe wir hielten auch diese Arbeiten für wichtig genug, um eine größere
es erwarteten. Anzahl von Wissenschaftlern bis zum Ende des Kriegs mit
Als es 1939 nach der Entdeckung von Hahn und Strassmann ihnen zu beschäftigen. Dieser Gang der Ereignisse war durch
wahrscheinlich wurde, daß nun eine Atombombe würde ge- die Umstände vorgeschrieben. Aber es ist sicher, daß zum
baut werden können, deren furchtbare Wirkungen wir wohl mindesten viele deutsche Physiker dem Schicksal dafür
besser als alle anderen Menschen abschätzen konnten, war dankbar waren, daß ihnen die moralische Verantwortung für
unser kleiner, aber weltumspannender Kreis in eine Lage ge- den Bau einer Atombombe erspart blieb.
bracht, der er menschlich nicht gewachsen war. Was sollen Den angelsächsischen Physikern ist diese Verantwortung
Menschen tun, die das größte Machtmittel ihrer Zeit besitzen, nicht erspart geblieben. Sie haben sie auf sich genommen, viel-
aber nicht die Macht, über seine Anwendung zu entscheiden? leicht nicht mit Freude, aber im ganzen wohl im Gefühl einer
Was sollen sie tun, wenn ihnen dieses Mittel zuwächst, wäh- unausweichlichen Pflicht. Sicher ist ihnen diese Pflicht leichler
rend die verschiedenen Nationen, denen sie angehören, in ei- geworden durch die Überzeugung, daß dieser Krieg nicht nur
nem Krieg liegen, in dem es um Sein oder Vernichtung geht wie ein Konflikt zwischen Nationen sei, sondern daß die Nationen,
in diesem? Was tun sie, wenn sie Anlaß haben, daran zu zwei- denen sie selbst angehören, zugleich die Sache der Humanität,
feln, daß die Führer des Kriegs irgendwo die Grenzen der der Zivilisation und damit schließlich auch der freien
Menschlichkeit respektieren werden, wenn ihre Verletzung ei- Wissenschaft verteidigten. Der Frage, ob es richtig sei, die
nen Vorteil verspricht? Wenn der Überfall auf friedliche Natio- Humanität mit derart inhumanen Mitteln zu verteidigen, haben
nen und der Bombenkrieg gegen Frauen und Kinder zu ihren sie sich gewiß nicht verschlossen. Vielleicht haben sie sich auch
täglichen Erfahrungen gehört? Wenn sie dazu nicht einmal er- gefragt, ob man Politikern und Soldaten eine so furchtbare
fahren können, wie sich ihre Kollegen im feindlichen Land, die Macht ohne Gefahr eines künftigen Mißbrauchs anvertrauen
oft genug ihre nächsten Freunde sind, angesichts derselben könne - eine Macht, die der Wissenschaftler ihnen einmal
Frage verhalten? schenken, dann aber nie mehr zurücknehmen kann. Wie sie
Uns deutschen Physikern blieb die letzte Schärfe dieser Fra- diese Fragen aber auch beantworten mochten, mußten sie sich
gen in der Praxis erspart. Wir fanden keinen technisch gang- jedenfalls sagen, daß die Physiker der Welt, auch wenn sie es
baren Weg, mit den in Deutschland verfügbaren Mitteln wäh- gewollt hätten, nicht hätten verhindern können, daß
rend des Krieges eine Atombombe herzustellen. Wir wissen schließlich Atombomben gebaut wurden. Was sie hätten errei-
heute auch, daß das Verfahren, nach dem die Bombe in Amerika chen können, wenn sie weniger Energie auf die Entwicklungs-

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arbeiten verwendet hätten, wäre wohl gewesen, daß Amerika flusses deutlich zu machen, kann man ihn in Gedanken wie-
und England in diesem Kriege die Bombe nicht mehr hätten derum für einen Augenblick ins Utopische übertreiben. Wären
einsetzen können. Die Verantwortung für das, was im August die Physiker, wie etwa die Jesuiten, ein internationaler Orden
1945 in Japan geschehen ist, kann von der Gruppe, die die mit disziplinarischer Gewalt über ihre Mitglieder, so hätten sie
Bombe entwickelt hat, nicht genommen werden. vielleicht in diesem Augenblick das große politische Spiel
In Wahrheit teilen freilich alle Wissenschaftler der Welt spielen können, die Mittel der Macht gegen die Macht selbst
diese Verantwortung solidarisch. Denn sie sind alle prinzipiell einzutauschen. Hätten sie als diejenigen, in deren Hand die
in der Lage, in welche diese Gruppe in ungeheuer zugespitzter mächtigste Waffe lag, den entscheidenden Einfluß auf die
Form konkret gekommen ist. Wie verhalten wir uns zu der Politik ihrer Länder gewinnen können, so hätten sie vielleicht
Macht, die wir der Menschheit zur Verfügung stellen? Es ist der Welt den Frieden geben können, zu dem sie mehr als die
vielleicht gut, daß wir uns zunächst klarmachen, wie unfähig meisten bereit waren. Es ist ein Glück, daß sie dieses Spiel gar
wir sind, den Mißbrauch dieser Macht zu verhindern. nicht versuchen konnten, denn sie hätten es verloren. Die po-
In den vielen Gesprächen, die wir im Kriege über diese Fra- litischen Systeme und Cliquen sind zu stabil, als daß eine
gen hatten, tauchte einmal der Gedanke auf, die Physiker jedes Handvoll Idealisten sie erobern könnte. Vor allem ist zu be-
Landes müßten so auf ihre Kollegen in den anderen Ländern denken, daß eine Waffe, die der Physiker zwar selbst berech-
rechnen können, daß sie alle ihre jeweiligen Regierungen nen, aber nicht selbst herstellen kann, ihm gar keine wirkliche
täuschten und ihnen das Geheimnis der Bombe vorenthielten. Macht gibt. In dem Augenblick aber, in dem der Staat sie her-
Dieser Gedanke ist eine Utopie, und ich nenne ihn nur, um die stellt, ist sie nicht mehr in der Hand des Physikers, sondern
Unausweichlichkeit der Entwicklung zu zeigen, die wirklich des Staates.
eingetreten ist. Die Physiker der verschiedenen Nationen In Wahrheit sind die Physiker heute, weil sie ein besonders
konnten nicht in dieser Weise zusammenspielen. Kein Berufs- wertvoller Teil der Gesellschaft geworden sind, nur zum Ge-
stand kann der Gesinnungen aller seiner Glieder gewiß sein, genstand besonderer staatlicher Reglementierung geworden;
sie sind als Stand unfreier als je zuvor. Der einzelne Physiker,
zumal wenn, wie hier, der Wunsch, der Menschheit dieses Un-
der einen Einfluß auf die Politik ausüben will, muß dazu die
glück zu ersparen, mit der Sorge in Konflikt kommen mußte,
Mittel der Politik benützen wie jeder andere Politiker auch.
es könne das eigene Land, wenn es Zeit verlöre, das erste Opfer
Sein Beruf als Physiker gewährt ihm dafür höchstens einen ge-
der neuen Waffe werden. Wenn man eine Gewißheit haben
wissen sozialen Vorteil, wie etwa den des leichteren Zugangs zu
konnte, so war es die, daß sich in jedem großen Land einige
einflußreichen Personen, so wie ihn in einer feudalen Gesell-
Physiker finden würden, welche die Bombe entwickelten.
schaftsordnung der Adlige, in einer kapitalistischen der reiche
Dem Einzelnen blieb es höchstens überlassen, ob er mitwirken
Mann hat. Vielleicht ist die Stellung, die in der kommenden
oder sich fernhalten oder vielleicht gar einen verzweifelten Welt die Wissenschaftler einnehmen können, am ehesten der
Versuch wagen wollte, den Einsatz der Waffe zu verhindern. Stellung zu vergleichen, die in religiöseren Zeiten die Priester
Es wäre denkbar gewesen, daß einige Physiker den Einsatz hatten. Die Wissenschaftler sind heute die Verwalter derjenigen
der Bombe nicht überlebt hätten - daß sie ihn verhindert hätten, Wahrheit, an welche ihre Mitwelt am festesten glaubt und ohne
wenn die Regierungen ihn für nötig hielten, war nicht zu welche sie rein praktisch nicht leben könnte. Einzelne Priester
hoffen. sind oft treffliche Politiker gewesen, und so werden es vielleicht
Was den Physikern für ihre Mitarbeit gewährt wurde, war einmal auch einzelne Wissenschaftler sein. Wenn aber der Prie-
ein gewisses, sehr beschränktes Maß von Einfluß, der sich im sterstand im ganzen versuchte, die politische Macht und Ver-
wesentlichen nicht auf die Politik, sondern nur auf ihre eigenen antwortung zu übernehmen, so hat er damit meist der Religion
Angelegenheiten erstreckte. Um die Grenzen dieses Ein-

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mehr geschadet als der Politik genützt. Dasselbe würde für die Kriegsverhütung
Wissenschaftler gelten. Wenn der wissenschaftliche Beruf ein
Weg zur Macht würde, so würde damit das Streben nach Wahr- ('95°)
heit korrumpiert und die Macht nicht geläutert werden.
Aber der Wissenschaftler, der auf das Streben nach eigener
Macht verzichtet, kann nicht zugleich damit die Verantwortung Von Ernst von Weizsäcker
für die Verwertung seiner Erkenntnisse durch die Machthaber
ablegen. Vielleicht ist er sogar in der neuen Gesellschaft einer Annähernd zwei Jahrzehnte meines Daseins, 1927 bis 1945,
der wichtigsten geistigen Träger dieser Verantwortung. So haben hatte ich praktisch mit der Frage der Kriegsverhütung zu tun.
ja auch einst vielleicht eben die Priester und Mönche, die, fern der Ich glaube, daß es mir hierbei am Willen zu einem nützlichen
Macht, ihrer religiösen Überzeugung lebten, die geistige Beitrag nicht fehlte. Seit dem Ausbruch des II. Weltkriegs quält
Atmosphäre geschaffen, den Glauben an das Gute wach- es mich aber, was ich dabei versäumt habe oder anders hätte
gehalten, der allein die Ausübung der Macht mäßigte und auf machen sollen. Und es beunruhigt mich, ob jetzt das Richtige
sinnvolle Wege lenkte. Es ist noch nie in der Geschichte der geschieht, um den III. Weltkrieg zu verhüten.
Menschheit gelungen, den Dämon der Macht zu töten. Es fragt Kriegsverhütung ist ein negativer Gedanke, früher ein Ge-
sich nur, welches Gegengewicht wir ihm heute entgegenstellen genstand für Philosophen und von den Praktikern belächelt.
können. Krieg ist aber nicht mehr, was er früher war. Aus einem biolo-
gischen Vorgang hat er sich zu einem Verwüster der Menschheit
und ihrer Bestimmung entwickelt. Seine Folgen sind derart,
materiell, geistig und moralisch, daß ihn zu verhüten auch für
den skeptischen Politiker ein vitales Gebot geworden ist.
Der Weg zur Kriegsverhütung hat, solange ich ihn verfolgen
konnte, mehrere Etappen durchlaufen. In Europa lebte der
Friede zu meiner Jugendzeit vom Gleichgewicht der Kräfte,
hergestellt durch einigermaßen ausgewogene Gruppen ver-
bündeter Nationalstaaten; daher Bismarcks cauchemar des
coalitions. Aus einem eingebildeten oder tatsächlichen Kraft-
überschuß und aus politischem Ungeschick ging dieser Schwe-
bezustand verloren. Das war das Ende der /. Etappe, 1914.
Daraufhin wurde versucht, die Nationalstaaten zu einer
I )achgesellschaft für Kriegsverhütung zusammenzuschließen,
zur S. d. N., zur Societe des Nations (Völkerbund ist eine unge-
naue Übersetzung). Das war die //. Etappe, 1919. Sie verfehlte
ihren Zweck, u.a. weil die Nationalstaaten nicht alle teilnah-
men (z.B. fehlten die USA) und weil die Gesellschaft auf dem
nicht allgemein vorhandenen guten Willen der Mitglieder ge-
gründet war. Die Gesellschaft löste sich dann auch Schritt um
Schritt wieder in Gruppen verbündeter Nationalstaaten auf.
Etliche Staaten verließen die Gesellschaft durch Kündigung,

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andre wurden ihr im stillen abtrünnig. Sie war nur noch ein darum manche bereits an eine ganz andre Dachkonstruktion,
Schatten, als sie, 20 Jahre nach ihrer Gründung, ihre Prüfung die man als V. Etappe bezeichnen könnte, nämlich an eine
1939 hätte bestehen sollen. civi-tas mundi unter einer Weltregierung, abhängig von einem
Manche sind der Meinung, daß ein Zusammenschluß auf Weltparlament, worin die Staaten als solche aufgehen würden.
Grundlage der Nationalstaaten überhaupt nicht fähig sein Statt der bisherigen Unterteilung nach Nationen - wie in der S. d.
werde, Kriege zu verhindern. Trotzdem wurde die ///. Etappe, N. oder in der UNO - würden in diesem Weltparlament
1945, in Form der UNO, der »Organisation der Vereinten Na- nationale Verwürfelungen die Regel sein, sei es durch soziale
tionen«, wieder auf nationaler Basis aufgebaut. Die meisten Gruppierung der Mitglieder, wie sie im B.I.T. (Bureau
Teilnehmerstaaten hatten der UNO beträchtliche Stücke ihrer International du Travail) in Genf bestand - sei es in
souveränen Rechte zu opfern, während die fünf Großen, die weltanschaulicher oder sonstwie gearbeiteter Gliederung. Die
Hauptmächte, in lebenswichtigen Fragen sich ihre souveräne eindeutige Ordnung nach Nationen wäre auf alle Fälle
Verfügung vorbehielten, im sogenannten Veto-Recht. Zwi- aufgelöst.
schen den fünf Hauptmächten kam es nun innerhalb der UNO Da ist der Phantasie viel Spielraum gegeben, wie eine solche
zum gleichen Vorgang wie in der II. Etappe, im Völkerbund. Weltregierung arbeiten würde. Würde sie parlamentarisch ver-
Das Veto-Recht sprengte diese Mächte auseinander. Sie wur- fahren, nach Mehrheitsbeschlüssen entscheiden, die Beschlüsse
den - viel schneller als in der Genfer Institution - der UNO durchsetzen oder so zum guten Ziele kommen können? Es liegt
überdrüssig und bildeten wieder unter sich gegnerische Bünd- ja nah, daß der Streit der Interessen sich nun von der nationalen
nisgruppen. Das Ergebnis ist, daß schon jetzt, wenige Jahre auf die soziale und weltanschauliche Ebene verlagern und daß
nach der Geburt, mühsame Versuche gemacht werden, die anstelle nationaler Streitigkeiten nunmehr weltweite
UNO am Leben zu erhalten. Zwei große Gruppen, die ameri- Klassen-und Religionskämpfe auszutragen wären. Schon
kanisch-atlantische und die asiatische, stehen sich gegenüber, heute trägt der Ost-West-Gegensatz - UdSSR contra USA -
Kontinent gegen Kontinent. Einen Zusammenprall beider hal- halb und halb diesen Charakter, und selbst alte nationale
ten viele für unvermeidlich. Soviel läßt sich also schon heute Demokratien sind innerhalb ihres Bereichs vor Klassenkämpfen
sagen, daß, wenn der Friede bewahrt bleibt, das Verdienst nicht gefeit, ob-schon sie in der Konkurrenz mit anderen
daran nicht bei der UNO zu suchen ist. Nationalstaaten einen Mahner und Regulator haben und im
Wohin treiben wir nun auf der Suche nach einer Friedens- Mittel des Emigrierens Unzufriedener ein Sicherheitsventil.
garantie? Wie es scheint nach einer neuen Ordnung, wiederum Ein Weltüberstaat wäre dagegen konkurrenzlos, also ohne
auf nationaler Basis, wobei, falls der friedliche Interessenaus- äußeren Regulator, und das Auswandern nach dem Mond ist
gleich versagt, das Übergewicht des jeweils stärkeren Natio- noch nicht erfunden.
nalstaats nebst seinem Anhang die schwächere Gruppe nieder- Man kann sich darum fragen, ob die Verhinderung zwi-
halten würde. Die IV. Etappe, die sich ankündigt, ist also die schenstaatlicher Kriege - sei es durch eine Diktatur des Starken,
Diktatur einer Weltmacht. Sie würde sich durchsetzen entwe- sei es durch einen demokratischen Weltüberstaat - nicht doch
der als Siegerin in einem neuen Weltkrieg oder auch - ein un- ziemlich teuer erkauft wäre. Verdrängt man nicht einfach auf
sicheres Beginnen - durch den Druck ständiger Überflügelung diese Weise die störenden Erreger, so daß diese dann im
der anderen im Rüstungswettlauf. Wahrscheinlicher ist der Fall Menschheitsorganismus irgendwo weiterwuchern? Ist der
eines neuen Weltkriegs, der aber schon in sich durch die unver- Kampf, so oder so, nicht eben doch ein Stück des ewigen Pro-
meidliche Waffenwirkung seinen Sinn in Unsinn verwandeln zesses von Spannung und Lösung, woraus das Leben über-
würde. haupt besteht? Allgemeine Gleichmacherei und -wie im Mär-
Anstelle eines vom Stärksten geleiteten Überstaats denken chen - das Dasein glücklich und in Freuden zu genießen, das
kann ja nicht der Sinn einer neuen Welt-Ära sein.
Wir dürfen es indessen getrost der Zukunft überlassen, wie

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sie mit der Gefahr allgemeiner Langeweile oder auch verdrängter Was nun?
und weiterwuchernder aggressiver Triebe fertig wird, nachdem
es einmal gelungen sein sollte, zwischenstaatliche Kriege Keinesfalls resignieren. Weder im Organisatorischen noch im
auszuschalten. Denn auch hiervon sind wir ja noch reichlich Erzieherischen. Beide, Organisation und Erziehung, bedingen
weit entfernt. Der heutige Gleichgewichtszustand ist labil; einander und müssen sich gegenseitig fördern, etwa wie Gesetz
seine Entladung wäre perniziös, ein demokratischer Weltüber- und Moral, Kirche und Religion.
staat problematisch. Rein organisatorisch ist den Egoismen Im Organisatorischen drängt sich - anstelle der oben skiz-
eben letzten Endes doch nicht beizukommen, ganz gewiß nicht zierten IV. und V. Etappe - ein neues Schema auf, und zwar
einfach durch ihre Unterdrückung. Selbst Napoleon I., der nach vorhandenen Vorbildern: Erprobte Verfassungen haben
doch von Organisation und Gewalt etwas verstand, sagte auf St. zwei Kammern. Häufig sind in der Ersten die Einzelländer, die
Helena im Testament an seinen Sohn: »Ich habe versucht, Bundesmitglieder als solche vertreten, während in der Zweiten
Europa mit Waffen zu bändigen. Wer nach mir kommt, wird es die Abgeordneten ohne Rücksicht auf ihre engere Heimat sich
zu überzeugen haben, denn immer wird der Geist den Degen nach sozialer oder weltanschaulicher Eigenart gruppieren. Im
besiegen.« Nun will ich dem alten Napoleon keine moralischen Zusammenspiel beider Kammern vollzieht sich der Ausgleich
Skrupel andichten. Vermutlich verstand er unter »Geist« den der Interessen.
Kampfgeist Kämpfender und nicht den Geist von Friedens- Weshalb sollte ein Weltüberstaat nicht ähnlich zu ordnen
freunden, die den Kampf überhaupt vermeiden möchten. Auf sein, nämlich mit einer Gesetzgebung durch ein Landsthing
diese aber gerade kommt es an, wenn man den Krieg verhüten und ein Volksthing, zwei Häuser, zwischen denen die Bedürf-
will. Denn letzten Endes ist jede ungehemmte Selbstsucht eine nisse der Länder, als die nationalen Wünsche einerseits und die-
Bedrohung des Friedens. jenigen der Klassen, Konfessionen usw. andererseits, ausgetra-
Da wären wir also in Utopia. Denn wie könnte man jedem gen werden. Warum sollen so nicht alle Interessentengruppen
soviel Einsicht und soviel Selbstlosigkeit zutrauen oder aner- zu Wort kommen und nach Kräften befriedigt werden, wenn
ziehen, wie ich sie hier anscheinend fordre. Aber: diese Forde- zu dieser Organisation von der anderen Seite als Korrelat noch
rung geht nicht an alle, sondern an eine tonangebende Elite. das Erzieherische hinzukommt?
Auch fordre ich keine mönchische Selbstlosigkeit, sondern nur
den Willen, die öffentliche Moral der privaten Moral so weit Was heißt »das Erzieherische« ?
anzunähern, daß die ungeregelte Selbsthilfe ausgeschlossen ist,
mit anderen Worten: Einigkeit gegen einen gemeinsamen ab- Vielleicht hilft der Schreck vor der modernen Waffenwirkung
strakten Feind, nämlich den ungehemmten Egoismus. die Menschen gerade bei ihrem Egoismus packen und sie durch
Das ist eigentlich nichts Neues. Dieses Bestreben gehörte die Vernunft belehren, daß nur noch Selbstbescheidung nützt,
schon immer zu den Gewohnheiten jeder einsichtigen Diplo- daß Krieg nicht mehr lohnt, daß er sogar wahrscheinlich
matie. Die Haager Friedenskonferenzen hatten einen Hauch Selbstmord ist. So betrachtet finde ich die Entwicklung der
davon. Im Völkerbundspakt war der gleiche Gedanke inkorpo- modernen Bombenungeheuer gar kein Unglück. Ich behaupte
riert, nämlich durch gütlichen Ausgleich die Ursachen der aber nicht, daß diese Selbstbelehrung völlig ausreicht. Es muß
Konflikte zu beheben, statt gleich Gewalt gegen Gewalt zu set- noch etwas anderes hinzukommen, und da weiß ich als ultima
zen. Ähnliches findet sich in der Verfassung der UNO wieder. ratio nichts als das Gesetz der Nächstenliebe.
Am Erfolg hat es freilich bisher gefehlt. Eine billige Redensart behauptet, dieses Gesetz habe sich in
2000 Jahren nicht durchgesetzt, es sei gescheitert. Für uns hier
genügt es, wenn eine führende Minderheit sich daran hält. Frei-

22 23
lieh, wer jeden Fortschrittsglauben ablehnt, wird auch da nur Erklärung der achtzehn Atomwissenschaftler
lächeln. Er mag dann ohne Hoffnung bleiben.
Meine Lebenserfahrung ist eine andere. Auf einem so we- vom 12. April 1957
sentlichen und zugleich so schwer zugänglichen Gebiet wie
dem der Kriegsverhütung darf man sein Wollen nicht einengen
nach Erkenntnis und Vernunft. Man darf da vor dem Irratio- Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen
nalen nicht haltmachen, sondern muß es einbeziehen. Diese die unterzeichneten Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von
Lehre habe ich mir erst nachträglich gebildet und hätte es frü- ihnen haben den zuständigen Bundesministern ihre Bedenken
her tun sollen. Das kann ich wohl mein Lebensunglück nen- schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist die Debatte
nen. über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichneten
In der Auflehnung gegen den Krieg habe ich versucht, den fühlen sich daher verpflichtet, öffentlich auf einige Tatsachen
Weg der nüchternen Sachlichkeit zu gehen. Das war ein Fehl- hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öf-
schlag. Der Erfolg aber entscheidet. fentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.
Was ich hätte tun sollen, war, das Unmögliche zu versuchen.
Bleibt ein solcher Einsatz vergeblich, so ist er doch das packen- /. Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung nor-
dere Vorbild für die Zukunft. Am nachhaltigsten förderte noch maler Atombomben- Als »taktisch« bezeichnet man sie, um
immer der seine Überzeugung, der sich ihr ganz opferte. auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlun-
Damit bin ich wieder am Anfang der Betrachtung. Wer so gen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt wer-
denkt, muß sich dazu bekennen. den sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate
hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hi-
roshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in
großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung
im ganzen sehr viel größer sein. Als »klein« bezeichnet man
diese Bomben nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen
entwickelten »strategischen« Bomben, vor allem der Wasser-
stoffbomben.

2. Für die Entwicklungsmöglichkeit der lebenausrottenden


Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche
Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine
kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen
Landstrich von der Größe des Ruhrgebiets zeitweilig unbe-
wohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität
könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bun-
desrepublik wahrscheinlich heute schon ausrotten. Wir kennen
keine technische Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor
dieser Gefahr sicher zu schützen.

24 25
Wir wissen, wir schwer es ist, aus diesen Tatsachen die politi- Heidelberger Thesen*
schen Konsequenzen zu ziehen. Uns als Nichtpolitikern wird
(1959)
man die Berechtigung dazu abstreiten wollen; unsere Tätigkeit,
die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt und bei
der wir viele junge Menschen unserem Gebiet zuführen, belädt
uns aber mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen
dieser Tätigkeit. Deshalb können wir nicht zu allen politischen These 1
Fragen schweigen. Wir bekennen uns zur Freiheit, wie sie heute
die westliche Welt gegen den Kommunismus vertritt. Wir leug- Der Weltfriede wird zur Lebensbedingung des technischen
nen nicht, daß die gegenseitige Angst vor den Wasserstoffbom- Zeitalters. In der verworrenen Debatte über das Atomproblem
ben heute einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Frie- suchen die Menschen mit Recht nach einer einfachen Aussage,
dens in der ganzen Welt und der Freiheit in einem Teil der Welt die zum Leitfaden des Handelns werden könnte. Wir glauben,
leistet. Wir halten aber diese Art, den Frieden und die Freiheit daß diese Einfachheit nicht in Regeln gefunden werden kann,
zu sichern, auf die Dauer für unzuverlässig, und wir halten die welche einzelne Handlungen gebieten oder verbieten, wohl
Gefahr im Falle des Versagens für tödlich. aber im Ziel des Handelns. Dieses Ziel muß die Herstellung
Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die eines haltbaren Weltfriedens sein.
Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie Früheren Zeiten mußte der Weltfriede als ein wahrscheinlich
die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am unerreichbares Ideal erscheinen. Christen mußten geneigt sein,
besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, ihn erst mit dem Jüngsten Gericht zu erwarten. Für unser tech-
wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atom- nisches Zeitalter aber wird er zur Lebensbedingung. Er beginnt
bomben jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unter- heute genau deshalb möglich zu werden, weil er notwendig
zeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder wird. Die Atomwaffe ist nur das heute deutlichste Symptom
dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteili- derjenigen Wandlung des menschlichen Daseins, die ihn zur
gen. Bedingung unseres Lebens macht. Das ständige Wachstum der
Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die Gebiete, die von einer Zentrale aus regiert werden können, die
friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu Reduktion der Anzahl wirklich souveräner Staaten, die wach-
fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwir- sende wirtschaftliche Verflochtenheit der Welt sind ebenso wie
ken. die unablässige Weiterentwicklung auch aller nichtatomaren
Waffen andere Symptome desselben Prozesses.
Fritz Bopp Max Heinz Maier-Leibnitz Die Notwendigkeit des Weltfriedens ist kein Satz des Chri-
Born Rudolf Josef Mattauch stentums und erst recht kein schwärmerischer Satz, sondern
Fleischmann Friedrich-Adolf Paneth eine Aussage der profanen Vernunft. Der Weltfriede des tech-
Walther Gerlach Wolfgang Paul
* Sog. »Heidelberger Thesen«. Gemeinsame Erklärung einer Kommission der
Otto Hahn Otto Wolfgang Riezler Evangelischen Studiengemeinschaft, verabschiedet am 28. April 1959. Mitglie-
Haxel Werner Fritz Strassmann der der Kommission: Helmut Gollwitzer, Günter Howe, Karl Janssen, Ri -
Heisenberg Hans Wilhelm Walcher chard Nürnberger, Georg Picht, Klaus Ritter, Ulrich Scheuner, Edmund
Kopfermann Max v. Schlink, Wilhelm-Wolfgang Schütz, Carl Friedrich von Weizsäcker. Gastgeber:
Carl Friedrich Frhr. v. Weizsäcker Hermann Kunst. Gäste: Ludwig Raiser, Erwin Wilkens. Assistent: Eckart
Laue Karl Wirtz Heimendahl.

26 27
nischen Zeitalters ist nicht das Paradies auf Erden. Es könnte These 3
leicht sein, daß wir ihn nur um den Preis der staatsbürgerlichen
Freiheit erhalten werden, zumal wenn er auf dem Wege über Der Krieg muß in einer andauernden und fortschreitenden An-
einen dritten Weltkrieg zustande käme. Der Friede ist in einer strengung abgeschafft werden. Die Erkenntnis der Notwen-
versklavten Welt vielleicht leichter rational zu planen als in ei- digkeit der Abschaffung des Krieges ist nicht identisch mit
ner freien. Äußerster Anstrengung wird es vielleicht bedürfen, seiner tatsächlichen Abschaffung. Seit 1945 finden ständig be-
nicht damit er überhaupt kommt, sondern damit er nicht über grenzte Waffengänge statt. Daß in zukünftigen begrenzten
Katastrophen kommt und damit in ihm die Freiheit bewahrt Konflikten Atomwaffen eingesetzt werden, ist möglich, ja
bleibt. wachsend wahrscheinlich. Daß ein solcher Kampf in den totalen
Weltkrieg umschlägt, ist jederzeit möglich.
Die Fortdauer der Kriege macht es nötig, ständig weiter an
These 2 der Humanisierung des Krieges zu arbeiten. Hierzu gehört der
unerläßliche Versuch, auch in Zukunft den Einsatz von Atom-
Der Christ muß von sich einen besonderen Beitrag zur Herstel- waffen in lokalen Konflikten zu verhindern. Wir würden es
lung des Friedens verlangen. Obwohl die Notwendigkeit des aber für einen verhängnisvollen Irrtum halten, wollte man in
Weltfriedens ein Satz der profanen Vernunft ist, hat die Chri- der Fortdauer begrenzter Kriege einen stabilen Zustand sehen.
stenheit auf dem Wege zu ihm eine besondere Aufgabe. Nicht die Ausschaltung der Atomwaffen aus dem Krieg, son-
Der rational geplante Friede hat die Zweideutigkeit, die sich dern die Ausschaltung des Krieges selbst muß unser Ziel sein.
zum Beispiel darin zeigt, daß er mit der rational geplanten Skla- In den Berichten dieses Bandes sind die realen Ansätze be-
verei Hand in Hand gehen könnte. Heute ist die Menschheit sprochen, die hierfür heute bestehen. Die Kapitulation gegen-
hin- und hergerissen zwischen der Angst vor dem Krieg, die sie über einer diktatorischen Weltmacht rechnen wir nicht zu den
in Versuchung führt, sich der Sklaverei zu ergeben, und der realen Möglichkeiten. Die Menschheit ist heute dazu nicht be-
Angst vor der Sklaverei, die sie in Versuchung führt, den Krieg, reit. Im übrigen würde die Kapitulation vor der Gewalt, auch
zu dem sie gerüstet ist, ausbrechen zu lassen. Die Angst ist der wenn sie zunächst äußere Ruhe herstellen mag, den Frieden
schlechteste Ratgeber. Die Angst ist aber ein Attribut der Welt, schwerlich dauerhaft sichern, da siegreiche Gewalt mit sich
und die Steigerung der technischen Mittel, die uns von der selbst und mit den Unterdrückten in Konflikt kommen wird.
Angst vor so vielen Naturkräften befreit hat, hat die Angst vor Alle anderen Wege aber sind langwierig, und ihr Erfolg ist un-
dem Mitmenschen mit gutem Grund erhöht. Gerade unser gewiß.
vom Verstand erhelltes Zeitalter leidet an dumpfer Angst vor Wir dürfen darüber nicht überrascht sein. Die Gegenwart
seiner eigenen Unberechenbarkeit. Den Christen und durch sie des Krieges in der Menschheit gleicht einer tausendjährigen
allen ihren Brüdern ist gesagt: In der Welt habt ihr Angst, aber chronischen Krankheit. Zahllose Institutionen und Reaktions-
seid getrost, Ich habe die Welt überwunden. Durch die Chri - weisen setzen seine Möglichkeit voraus. Das gegenwärtige
sten sollte der Friede Gottes in der Welt wirksam werden, der Gleichgewicht des Schreckens bedient sich der fortdauernden
allein den Frieden der Welt zum Segen werden lassen kann. Kriegsfähigkeit des Menschen, um den Kriegsausbruch hintan
Wie kann das geschehen? Wir wenden uns zunächst wieder zu halten; es gleicht einer gefährlichen Schutzimpfung mit dem
zu der Aufgabe, die die profane Vernunft vorschreibt. Krankheitsserum selbst. Was wir als äußerstes von ihm erwarten
dürfen, ist, daß es uns eine Zeitspanne zur konstruktiven
Arbeit am Frieden gewährt.

28 29
These 4 erkannten Übels des Krieges bezweckte. Krieg sollte nur zur
Abwehr größeren Übels und nur so geführt werden, daß er
Die tätige Teilnahme an dieser Arbeit für den Frieden ist unsere nicht selbst zum größeren Übel wurde. Niemand kann leugnen,
einfachste und selbstverständlichste Pflicht. Die größte Gefahr daß dieses Prinzip in der Christenheit durch die Jahrhunderte
für den Frieden ist, daß die Zeitspanne, die uns das gegenwär- hindurch immer wieder flagrant verletzt worden ist. Aber
tige Kräftegleichgewicht läßt, in träger Resignation vertan wenigstens war sein prinzipieller Sinn klar; wenigstens die
wird. Lähmung ist die schlimmste Wirkung der Angst, Sattheit Möglichkeit seiner Anwendung bestand.
ist meist nur ihr Deckmantel. Weite und Unsicherheit des Wegs Wir sehen nicht, wie dieses Prinzip auf den Atomkrieg noch
rechtfertigen nicht den Verzicht auf den ersten Schritt. angewandt werden kann. Er zerstört, was er zu schützen vor-
Über die Aufzählung der bestehenden politischen und völ- gibt. Wie können wir die Erhaltungsordnung, die der Schöpfer
kerrechtlichen Ansätze hinaus ein konkretes Aktionspro- gewollt hat, zur Rechtfertigung atomarer Kriegführung in An-
gramm zu entwerfen ist nicht die Aufgabe dieses Berichts; dies spruch nehmen? Wir brauchen die subjektive Aufrichtigkeit
würde seine, nicht unter diesem Gesichtspunkt ausgesuchten derer nicht in Zweifel zu ziehen, die von der Entwicklung klei-
Verfasser überfordern. Wir glauben aber, eines sagen zu dür- ner und sauberer Atomwaffen eine Humanisierung des Atom-
fen: Für jeden Menschen, zumal wenn er im Besitz staatsbür- kriegs erhoffen, ebensowenig wie die Möglichkeit, daß einmal
gerlicher Freiheit ist, bietet sich wenigstens eine Stelle, an der er begrenzte Konflikte mit diesen Waffen ausgefochten werden
seinen eigenen Beitrag leisten kann, mag dieser Beitrag auch können; aber auch ihre Wirkung ist schlimm genug, und die
nur in Handlungen individueller praktischer Nächstenliebe be- Gefahr einer Überschreitung so künstlich gezogener Grenzen
stehen. Jede Lösung eines Krampfes trägt zur Ermöglichung des Einsatzes vorhandener Waffen ist groß genug, um uns die
des Friedens, jeder sinnvolle aktive Gebrauch von Freiheit trägt Errichtung einer neuen stabilen Ordnung humaner Kriegfüh-
zur Bewahrung der Freiheit bei. Rings um jeden Menschen, der rung mit ihnen als ausgeschlossen erscheinen zu lassen.
die Angst überwunden hat, bildet sich eine Zone, in der die Dies aber bedeutet, daß in unserer Welt Lagen eintreten, in
Lähmung aufhört. Die Unterschätzung dieser scheinbar klei - denen das Recht keine Waffe mehr hat. Die ultima ratio der
nen menschlichen Schritte ist eine der tödlichsten Gefahren für kriegerischen Selbsthilfe wird durch die Mittel, deren sie sich
die großen Ziele. bedienen müßte, lebensgefährlich und moralisch unerträglich;
eine Instanz, an die sich das bedrängte Recht, die bedrängte
Freiheit mit Aussicht auf Erfolg wenden könnte, besteht aber
These 5 für viele Fälle nicht. Einzelne Völker und Gruppen waren im-
mer in der Geschichte in dieser Lage; heute gewinnt sie eine
Der Weg zum Weltfrieden führt durch eine Zone der Gefähr- universelle Bedeutung.
dung des Rechts und der Freiheit, denn die klassische Rechtfer- Zusammengefaßt erscheint sie den Bürgern der westlichen
Welt in dem Dilemma, ob sie die Rechtsordnung der bürger-
tigung des Krieges versagt. Es ist seit langem die herrschende
lichen Freiheit durch Atomwaffen schützen oder ungeschützt
Lehre der Christenheit gewesen, daß der Christ, auch wenn er
dem Gegner preisgeben sollen. Wir glauben zwar, daß die Be-
auf die Gewalt zum Selbstschutz zu verzichten bereit ist, ihrer
rufung auf dieses Dilemma in vielen Fällen ein bloßer Vorwand
zum Schutz seiner Mitmenschen nicht entraten könne. Ihre
für eine Politik ist, die in Wahrheit nationale oder persönliche
Anwendung wurde durch Regeln des rechten Gebrauchs ein-
Macht zum Ziel hat. Auch verkennen wir nicht, daß die Bürger
geschränkt. In bezug auf den Krieg waren diese in der Lehre
kommunistischer Staaten die Überzeugung haben können, daß
vom gerechten Krieg zusammengefaßt, die ja nicht eine Recht-
sie sich bezüglich des Schutzes der ihnen wichtigen Züge ihrer
fertigung, sondern eine Begrenzung des als unvermeidlich an-

30 31
Gesellschaftsordnung in einem entsprechenden Zwiespalt be- fen und sie zu verstehen, auch wo wir sie verwerfen. Freilich
finden. Wie aber auch immer das Dilemma ausgedrückt oder gibt es Fälle, in denen Verstehen nicht zu duldender Anerken-
umgedeutet werden mag - wir können nicht leugnen, daß es nung führen darf. Wir glauben jedoch, daß es für nach außen
heute tatsächlich die Weltpolitik überschattet. entgegengesetzte Entscheidungen im Atomproblem einen ge-
Wir wenden uns nun zu den Entscheidungen, die dieses Di- meinsamen Grund geben kann, von dem aus verstanden sie ein-
lemma von uns fordert. ander geradezu fordern.
Der gemeinsame Grund muß das Ziel der Vermeidung des
Atomkrieges und der Herstellung des Weltfriedens sein. Keine
These 6 Handlungsweise, die nicht auf diesem Grund ruht, scheint uns
für einen Christen möglich. In der gefährdeten und vorbild-
Wir müssen versuchen, die verschiedenen im Dilemma der losen Lage unserer Welt können aber Menschen von verschie-
Atomwaffen getroffenen Gewissensentscheidungen als komple- denem Schicksal und verschiedener Erkenntnis verschiedene
mentäres Handeln zu verstehen. Die Spandauer Synode der Wege zu diesem Ziel geführt werden. Es kann sein, daß der
EKD von 1958 hat zu diesen Entscheidungen die Sätze gesagt: eine seinen Weg nur verfolgen kann, weil jemand da ist, der
»Die unter uns bestehenden Gegensätze in der Beurteilung den anderen Weg geht (vgl. These 11). Mit einem aus der
der atomaren Waffen sind tief. Sie reichen von der Überzeu- Physik entlehnten Wort nennen wir solche Wege komple-
gung, daß schon die Herstellung und Bereithaltung von Mas- mentär.
senvernichtungsmitteln aller Art Sünde vor Gott ist, bis zu der Wir schildern diese Wege und ihre Zusammengehörigkeit, so
Überzeugung, daß Situationen denkbar sind, in denen in der wie wir sie sehen.
Pflicht zur Verteidigung der Widerstand mit gleichwertigen
Waffen vor Gott verantwortet werden kann. Wir bleiben unter
dem Evangelium zusammen und mühen uns um die Überwin- These 7
dung dieser Gegensätze. Wir bitten Gott, er wolle uns durch
sein Wort zu gemeinsamer Erkenntnis und Entscheidung füh- Die Kirche muß den Waffenverzicht als eine christliche Hand-
ren.« lungsweise anerkennen. Der absolute Waffenverzicht der Frie-
Es ist bisher nicht gelungen, diese Auffassungen miteinander denskirchen ist in früheren Zeiten von den herrschenden Kir-
auszugleichen, und es hat nicht den Anschein, als ob es bald chen verurteilt worden. Die Überzeugung breitet sich heute
gelingen werde. Die Verfasser des vorliegenden Berichts haben auch bei denen aus, die nicht Pazifisten sind, daß dieser Ver-
in ihre Kommissionsarbeit Überzeugungen mitgebracht, die zicht als eine den Christen mögliche Haltung anerkannt werden
einen erheblichen Teil der Spannweite überdecken, die in dem muß. Die Schrecken der Atomwaffen sind so groß, daß wir es als
Wort der Synode angedeutet ist. Sie haben an sich selbst erfah- unbegreiflich empfinden müßten, wenn sich ihnen gegenüber ein
ren, wie schwer es ist, diese Differenzen zu überwinden, und Christ nicht wenigstens ernstlich prüfte, ob der Verzicht auf sie,
sie haben sich über manche wichtigen Punkte nicht geeinigt. ohne Rücksicht auf die Folgen, nicht unmittelbar verständliches
Aus der Erfahrung ihres zweijährigen ständigen Gesprächs göttliches Gebot ist.
heraus glauben sie jedoch, daß der Satz »Wir bleiben unter dem Die einzige uns begreifliche Rechtfertigung des Besitzes von
Evangelium zusammen« eine tiefere Bedeutung hat als die einer Atomwaffen ist, daß ihre Anwesenheit heute den Weltfrieden
bloßen gegenwärtigen Duldung des Unversöhnbaren. vorläufig schützt. Ihre Anwesenheit wirkt aber nur, wenn mit
Die Liebe muß uns drängen, die Gründe des Bruders, der ihrer Anwendung für bestimmte Fälle gedroht wird. Die Dro-
sich anders entscheidet als wir, mit besonderer Sorgfalt zu prü- hung wirkt nur, wenn die Bereitschaft, Ernst zu machen, vor-

32 33
ausgesetzt werden kann. Eine Rechtfertigung ihres tatsäch- stens das Risiko nicht geleugnet werden, daß unsere Begriffe
lichen Einsatzes durch die traditionelle Kriegsethik vermögen von Recht und Freiheit für unabsehbare Zeiten verlorengingen.
wir aber (vgl. These 5) nicht mehr zu geben. Wie weit oder unter welchen Voraussetzungen in der Welt, die
Dieser Gedankengang hat nach unserer Ansicht jedenfalls dann auf uns wartet, christliches Leben möglich wäre, wissen
eine allgemeine und eine individuelle Konsequenz. wir ebenfalls nicht.
Die allgemeine Konsequenz ist, daß die Unmöglichkeit einer Die Beibehaltung der westlichen Atomrüstung strebt an,
grundsätzlichen Rechtfertigung des Atomkriegs nach der dieses Risiko zu vermeiden. Sie läuft dafür das Risiko des
Lehre vom gerechten Krieg ausdrücklich anerkannt werden Atomkrieges. Dies ist die Haltung, die die westliche Welt tat-
muß. Über die Frage, ob Atomrüstung gleichwohl gerechtfer- sächlich einnimmt. Wir müssen uns darüber klar sein, daß jeder
tigt werden kann, siehe These 8. politische Vorschlag, der in der absehbaren Zukunft Aussicht
Die individuelle Konsequenz ist, daß jeder, den sein Gewis- auf Verwirklichung haben soll, die Beibehaltung dieser Rü-
sen drängt, hieraus die Konsequenz eines vollen freiwilligen stung zum mindesten seitens Amerikas voraussetzen muß.
Verzichts auf jede Beteiligung an diesen Waffen zu ziehen, von Dies allein brauchte die Kirche nicht zu bewegen, diese Hal-
der Kirche in dieser Haltung anerkannt werden muß. Auch wer tung anzuerkennen. Die Kirche kommt in der Geschichte im-
die entgegengesetzte Entscheidung trifft, weiß nicht, ob nicht mer wieder in Lagen, in denen sie zu der einzigen Politik, die
jener den Weg gewählt hat, der mehr im Sinne des Evangeliums zur Zeit Aussicht auf Verwirklichung hat, nein sagen muß. Uns
ist. In Lagen wie diesen erschließt oft genug erst das Wagnis die scheint jedoch, daß, da auf beiden Seiten Risiken stehen, die wir
Erkenntnis, zeigt erst der getane Schritt den festen Boden, auf als nahezu tödlich empfinden müssen, der Weg des Friedens-
den der Fuß beim nächsten Schritt gesetzt werden kann. schutzes durch Atomrüstung heute nicht verworfen werden
Daß diese Entscheidung die einzige dem Christen mögliche kann. Es muß nur unbedingt feststehen, daß sein einziges Ziel
sei, behaupten wir jedoch nicht. Ob oder unter welchen Um- ist, den Frieden zu bewahren und den Einsatz dieser Waffen zu
ständen sie von der des vollen Verzichts auf jeden Kriegsdienst vermeiden; und daß nie über seine Vorläufigkeit eine Täu-
noch getrennt werden kann, erörtern wir nicht. schung zugelassen wird.

These 8 These 9

Die Kirche muß die Beteiligung an dem Versuch, durch das Da- Für den Soldaten einer atomar bewaffneten Armee gilt: Wer A
sein von Atomwaffen einen Frieden in Freiheit zu sichern, als gesagt hat, muß damit rechnen, B sagen zu müssen; aber wehe
eine heute noch mögliche christliche Handlungsweise anerken- den Leichtfertigen! Für den Christen stellt sich die Frage ato-
nen. Verzichtete die eine Seite freiwillig auf Atomwaffen, so marer Bewaffnung oft weniger als die ihm praktisch entzogene
wäre die totale militärische Überlegenheit der anderen Seite da- politische Entscheidung über Ja oder Nein solcher Rüstung,
mit besiegelt. Wir können nur glauben, daß derjenige, der sich sondern als die seines persönlichen Wehrdienstes. Wir glauben,
zum persönlichen Atomwaffenverzicht entschließt, weiß, was daß hier die Entscheidung im wesentlichen schon mit seinem
er tut, wenn er sich diese Konsequenz eines allgemeinen Ver- Eintritt in den Wehrdienst fällt und daß dies öffentlich gesagt
zichts der einen Seite klarmacht. Vorauswissen kann man die werden müßte. Innerhalb einer Armee, die Atomwaffen be-
Folgen einer solchen Verschiebung der Machtverhältnisse sitzt, besondere Gruppen von Atomdienstverweigerern zuzu-
nicht. Aber in dem uns näherliegenden Fall, daß es die westliche lassen dürfte für eine Wehrmacht kaum möglich sein; die For-
Welt wäre, die einen solchen Verzicht leistete, kann wenig- derung danach scheint uns auch die Entscheidung an die falsche

34 35
Stelle zu verlegen. Wir halten es zwar für einen Christen für These 10
unmöglich, in einer solchen Armee zu dienen, wenn er diesen
Dienst anders als im Sinne der Friedenserhaltung versteht und Wenn die Kirche überhaupt zur großen Politik das Wort nimmt,
wenn er nicht annehmen darf, daß seine Regierung ihn ebenso sollte sie den atomar gerüsteten Staaten die Notwendigkeit einer
auffaßt. Aber indem er sich dem militärischen Gehorsam un- Iriedensordnung nahebringen und den nicht atomar gerüsteten
terstellt, erklärt er sich bereit, die größten vorhandenen Waffen raten, diese Rüstung nicht anzustreben. Die politische Wirk-
gegebenenfalls auch anzuwenden; die Drohung, die ja den samkeit der Kirche scheint uns nicht dort am stärksten und am
Frieden schützen soll, ist sonst illusorisch. Wiederum muß heilsamsten zu sein, wo sie direkt zu politischen Entscheidun-
zwar in unserer Lage die militärische Führung mit der Mög- gen das Wort nimmt. Es gibt aber immer wieder Lagen, in denen
lichkeit rechnen, daß ein Soldat gewisse Befehle, vom Gewis- der Verzicht auf eine Stellungnahme selbst eine Stellungnahme
sen gehindert, nicht ausführen wird; auch darum wehe denen, ist. Nur in diesem Sinne scheint es uns nötig, zu präzisieren, was
die leichtfertige Befehle geben. Die Maschinerie des Militärs die Kirche gegebenenfalls den Regierungen sagen soll.
kann sich aus der Teilhabe an der unerträglichen Zwiespältig- Es schiene uns sinnlos, wenn die Kirche die Weltmächte
keit unserer Situation nicht ausschließen. Aber dies kann für heute zum Verzicht auf die Atomrüstung bereden wollte. Hin-
den Soldaten nicht eine grundsätzliche reservatio mentalis gegen ist es ihre Aufgabe, das Bewußtsein ständig wachsen zu
rechtfertigen; er kann, so scheint uns, nicht den grauen Rock lassen, daß der heutige Zustand nicht dauern darf. Ihre Sache
anziehen, wenn er von vornherein entschlossen ist, im Ernstfall war es immer, sich auch dann mit einem Zustand nicht zufrie-
dem Befehl nicht zu folgen. denzugeben, wenn die Welt ihn für unabänderlich hielt. Leider
Wir sprechen hier vom Soldaten, weil sich, zumal für das sind heute oft die Nichtchristen eher bereit, solche Änderungen
allgemeine Bewußtsein, an seiner Lage dieses Problem am für möglich zu halten, als die Majorität der Christen.
deutlichsten zeigt. Dieselben Gewissensfragen stellen sich in Den noch nicht atomar gerüsteten Ländern kann die Kirche,
oft unscheinbarer Form vielen anderen Menschen, z.B. dem, so scheint uns, vom Streben nach dieser Rüstung nur abraten.
der Waffen herstellt oder herstellen könnte, den Büromitarbei- Sie muß den Blick über die Grenzen der einzelnen Nation auf
tern und Arbeitskräften in Fabriken und an Baustellen und die Gefahren des »Atomaren Chaos« richten. Sie wird das kön-
letzten Endes dem Politiker, dem Parlamentarier und dem nen, ohne in politischen Einzelfragen über das Maß ihrer tat-
Wähler. sächlichen Information hinaus Partei zu nehmen.
Wie fragwürdig diese Lage immer bleibt, zeigt jedoch die
folgende Überlegung: sollte es zum Ausbruch eines atomaren
Krieges kommen, so könnten wir als Rechtfertigung des Ein- II These
satzes dieser Waffen - da wir die traditionelle Rechtfertigung
dafür ausdrücklich verworfen haben - nur die Feststellung zu- Nicht jeder muß dasselbe tun, aber jeder muß wissen, was er
lassen, daß die Drohung ohne Bereitschaft zum Ernstmachen tut. Wir sind auf die Kritik gefaßt, das in den obigen Thesen
sinnlos gewesen wäre; daß also nun die Folgen des Versagens Gesagte sei zu wenig und vermeide die Härte der Entschei-
des Friedensschutzes durch diese Drohung eingetreten und dung. Einzelne unter uns haben sich persönlich weitergehend
von uns zu tragen sind. Der Christ wird dies nicht anders denn entschieden, als es in einer Formulierung eines mühsam erar-
als ein Gericht Gottes über uns alle verstehen können. beiteten consensus ausgesprochen werden kann. Niemand
kann schärfer als wir empfinden, wie viel wir unentschieden
gelassen haben, vermutlich weil wir es nicht tief genug erkannt
haben.

36 37
Wir wünschen aber klar zu sagen, daß wir eine bloß äußer- Tübinger Memorandum
liche Einheitlichkeit der Entscheidung für noch schlechter hiel-
ten als divergierende Entscheidungen, in denen jeder weiß, was (1961)
er tut. Faktisch stützt heute jede der beiden Haltungen, die wir
angedeutet haben, die andere. Die atomare Bewaffnung hält auf
eine äußerst fragwürdige Weise immerhin den Raum offen, in- Eine neue Bundesregierung tritt in diesen Tagen ihr Amt an.
nerhalb dessen solche Leute wie die Verweigerer der Rüstung Die außenpolitische Lage ist kritisch. In diesem Augenblick
die staatsbürgerliche Freiheit genießen, ungestraft ihrer Über- wünschen die Unterzeichner die Aufmerksamkeit verantwort-
zeugung nachzuleben. Diese aber halten, so glauben wir, in einer licher Kreise auf eine Gefahr im inneren politischen Leben der
verborgenen Weise mit den geistlichen Raum offen, in dem neue Bundesrepublik zu lenken, die unsere Fähigkeit, diese und
Entscheidungen vielleicht möglich werden; wer weiß, wie künftige Krisen zu bestehen, bedroht.
schnell ohne sie die durch die Lüge stets gefährdete Verteidi- Der Teil des deutschen Volkes, zu dem wir gehören, lebt schon
gung der Freiheit in nackten Zynismus umschlüge. im zweiten Jahrzehnt nach einer vollständigen und begründeten
Solche Erwägungen rechtfertigen den heutigen Zustand Niederlage wieder in Freiheit und wirtschaftlichem Wohlstand
nicht anders denn als rasch vorübergehenden Übergang. Die unter einer rechtsstaatlichen Verfassung. Die Arbeit des Volkes,
Kirche muß sich sagen, daß es erschreckend ist, wie wenig sie die Hilfe unserer Verbündeten und die Politik der Regierung
vermag. Wir tragen die Sünden der Vergangenheit an unserem haben dazu beigetragen. Wir erkennen dies dankbar an.
Leib. Das Kollektivbewußtsein ist nur zu wenigen und groben Aber mit dem Wohlstand ist in breiten Kreisen des Volkes
Bewegungen fähig. Das Gewissen und die Disziplin einzelner und seiner Führung die Neigung eingezogen, den Blick vor ge-
müssen ihm stets vorangehen. Diese zu entfalten ist der Sinn sellschaftlichen und politischen Übelständen zu verschließen
unserer letzten These: Jeder muß wissen, was er tut. und harten Entscheidungen auszuweichen. Wir können keine
der politischen Parteien von dem Vorwurf freisprechen, daß sie
dem Volk die Wahrheit, die es wissen muß, vielfach vorenthalten
und statt dessen das gesagt haben, wovon sie meinten, daß man
es gern hört. Man hat zu oft fiktive Positionen aufgebaut, sich
mit taktischen Erfolgen begnügt und den Ernst unserer Lage
am Rande der westlichen Welt verschleiert.
Der Vorwurf trifft ebenso einen großen Teil unserer Öffent-
lichkeit. Einem Politiker, der auf Wählerstimmen angewiesen
ist, fällt es nicht leicht, der öffentlichen Meinung entgegen zu
handeln. So können Lagen entstehen, in denen die Politiker
darauf angewiesen sind, daß auch Staatsbürger, die selbst nicht
im aktiven politischen Leben stehen, auf vordringliche politi-
sche Notwendigkeiten hinweisen. Dieses Ziel hat die Unter-
zeichner dieses Memorandums zusammengeführt. Jeder von
uns kennt in dem Bereich, den er übersieht, gefährliche Bei-
spiele politischer und sozialer Illusionen, mangelnder Planung
und fehlender Voraussicht. Wir sind bereit, den politisch Ver-
antwortlichen und der Öffentlichkeit hierüber Rede zu stehen.

38 39
Aus der Fülle politischer Aufgaben greifen wir fünf Ziele sie die Selbstbestimmung der Deutschen in der DDR langfri-
heraus, deren Erreichung nötig und möglich, aber durch den stig als eines der wichtigsten Ziele der westlichen Politik fest-
Zustand unserer öffentlichen Meinung gehemmt ist: halten. Wir können beide Forderungen nur deshalb erheben,
weil wir damit nicht ausschließlich nationale Interessen verfol-
1. aktive Außenpolitik gen, sondern uns auf die Menschenrechte der Freiheit und der
2. militärisch effektive, politisch behutsame Rüstungspoli Selbstbestimmung berufen dürfen, deren Verteidigung das
tik westliche Bündnis dient. Unser Kampf für eine moralisch und
3. richtig begrenzte, aber energische Maßnahmen zum Be rechtlich unanfechtbare Sache ist aber dadurch erschwert, daß
völkerungsschutz das Vertrauen auch der westlichen Welt zu Deutschland durch
4. unnachgiebige und planvolle Sozialpolitik Hitlers Machtpolitik und durch den Krieg gänzlich zerstört
5. durchgreifende Schulreform. worden ist. Die großen Erfolge, die Bundeskanzler Adenauer
in der Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zu un-
Wir erläutern die Ziele in Stichworten. seren westlichen Verbündeten erzielt hat, dürfen nicht darüber
hinwegtäuschen, daß das Mißtrauen gegen Deutschland auch
in der Politik der Westmächte ein latenter, aber deshalb nicht
Außenpolitik weniger wichtiger Faktor geblieben ist. Dies lehrt jeder Blick in
eine ausländische Zeitung. In dieser Lage war es ein bedenk-
Vor uns liegen schwierige internationale Verhandlungen über licher Weg, die auf die Menschenrechte gegründete Forderung
Deutschland. Niemand wird von der Bundesregierung erwarten, nach Aufrechterhaltung der Freiheit in West-Berlin und nach
daß sie in einem solchen Augenblick vorzeitig Positionen der Selbstbestimmung der Deutschen in der DDR mit dem na-
aufgibt und Ansprüche verschenkt. Der Staatsbürger, der den tionalen Anliegen nicht nur der Wiedervereinigung, sondern
darüber hinaus der Wiederherstellung der Grenzen von 1937
Inhalt der laufenden, nicht offiziellen Gespräche nur unvoll-
zu verknüpfen. Die internationale Diskussion der letzten Mo-
ständig erfährt, kann keine Vorschläge machen, wie sie im ein-
nate hat gezeigt, daß auch unsere unabdingbaren Rechte durch
zelnen geführt werden müssen. Stellung nehmen kann und
diese Politik in der Weltöffentlichkeit in ein zweifelhaftes Licht
muß er aber zu dem, was er sieht: zu den außenpolitischen
gerückt worden sind. Die deutsche Position in der gegenwärti-
Grundkonzeptionen der Regierung und zu der Reaktion der
gen Krise wurde dadurch geschwächt, daß wir an Ansprüchen
öffentlichen Meinung. Beides erfüllt uns mit Besorgnis. Die
festgehalten haben, die auch bei unseren Verbündeten keine
Außenpolitik der Regierung erscheint uns zu einseitig defensiv.
Zustimmung finden. Wir sagen nichts Neues, wenn wir die An-
Die Reaktionen der Öffentlichkeit bewegen sich in der Un-
sicht aussprechen, daß zwar die Freiheit der in Berlin lebenden
wirklichkeit einer Atmosphäre, die mit ihrer Mischung aus Menschen ein von der ganzen Welt anerkanntes Recht ist, daß
überhöhten Ansprüchen und dumpfer Angst alle Gebiete der aber das nationale Anliegen der Wiedervereinigung in Freiheit
Politik durchzieht. heute nicht durchgesetzt werden kann und daß wir den Souve-
Wir stehen im Kampf um die Freiheit von West-Berlin; wir ränitätsanspruch auf die Gebiete jenseits der
stehen darüber hinaus im Kampf um das Selbstbestimmungs- Oder-Neiße-Linie werden verloren geben müssen.
recht der Deutschen in der DDR. Beide Forderungen gehören Wir glauben zu wissen, daß politisch verantwortliche Kreise
zum unabdingbaren Grundbestand jeder überhaupt denkbaren aller Parteien die von uns ausgesprochene Ansicht teilen; aber
deutschen Politik. Von unseren westlichen Verbündeten erwar- aus innenpolitischen Rücksichten scheuen sie sich, die Er-
ten wir, daß sie im Kampf um die Freiheit von West-Berlin das kenntnis, die sie gewonnen haben, öffentlich auszusprechen.
Risiko eines nuklearen Krieges auf sich nehmen und daß auch

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Eine Atmosphäre, die es der politischen Führung unmöglich Es ist nicht unsere Absicht, in die uns unbekannten Details
macht, dem Volk die Wahrheit zu sagen, ist vergiftet. Wir wer- schwebender rüstungspolitischer Verhandlungen einzugreifen.
den den Krisen der kommenden Monate nicht gewachsen sein, Allgemein aber läßt sich soviel sagen: Unter den Nationen der
wenn es nicht möglich ist, die Öffentlichkeit auf eine Entwick- Welt breitet sich heute der Wunsch nach dem Besitz von Atom-
lung vorzubereiten, die schon im Gange ist und die Schritte waffen unter nationaler Souveränität immer mehr aus. Dieser
erfordert, die unser Volk binnen kurzem wird anerkennen und Wunsch ist vielfach mit illusionären Hoffnungen auf eine welt-
gutheißen müssen. weite Abrüstung verbunden oder wird doch der Öffentlichkeit
Als das wichtigste Beispiel für Möglichkeiten einer aktiven gegenüber dadurch getarnt. Wir halten es für die Pflicht der
Außenpolitik nennen wir die Normalisierung der politischen politisch Verantwortlichen in der ganzen Welt, den Nebel sol-
Beziehungen zu den östlichen Nachbarn Deutschlands. Ohne cher Illusionen zu zerstören und den Gefahren entgegenzutre-
sie ist eine dauerhafte Lösung der Grundprobleme der deut - ten, die eine solche Politik für alle Nationen beschwört.
schen Politik nicht denkbar. Die Neuordnung der internatio- In besonderem Maße gilt dies für die Bundesrepublik. Zu
nalen Politik, die im Gange ist, enthält Chancen für sie. Zu einer Stunde, in der wir von unseren Verbündeten erwarten,
Beginn einer Wiederherstellung des Vertrauens wird ein Bün- daß sie zur Verteidigung von West-Berlin die größten Risiken
del von Maßnahmen nötig sein, zu denen gehören können: auf sich nehmen, können wir für uns nicht eine Bewaffnung
materielle Wiedergutmachung, Nichtangriffspakte und etwa fordern, durch die eine einheitliche westliche Verteidigungs-
die Aufforderung an Warschau, geeigneten rückkehrwilligen planung militärisch nicht gefördert und die Einheit des politi-
Deutschen die Rückkehr in die Heimat zu gestatten. Die Aner- schen Handelns der westlichen Welt gefährdet wird. Da wir
kennung der Oder-Neiße-Grenze mag in vergangenen Jahren dem westlichen Bündnis angehören, können wir ohne Einbuße
außenpolitisch ein denkbares Handelsobjekt gewesen sein. an militärischer Sicherheit im Felde der Rüstung auf nationale
Heute schließen wir uns der Meinung jener Sachverständigen Prestige- und Machtpohtik verzichten; das ist für uns leichter
an, die glauben, daß die öffentliche Anerkennung dieser als für die neutralen Staaten. Der oft gehörte Satz, wir könnten
Grenze, im Rahmen eines umfassenden Programms der oben-
nicht verantworten, unsere Truppen dem Gegner mit schlech-
genannten Art, unsere Beziehungen zu Polen entscheidend
teren Waffen gegenüberzustellen, erscheint uns als ein Aus-
entlasten, unseren westlichen Verbündeten das Eintreten für
druck des Mißtrauens gegen unsere Bundesgenossen, während
unsere übrigen Anliegen erleichtern und der Sowjetunion die
doch die Befestigung des bestehenden Vertrauensverhältnisses
Möglichkeit nehmen würde, Deutschland und Polen gegen-
die einzige Garantie unserer Sicherheit ist. Innerhalb des west-
einander auszuspielen.
lichen Bündnisses muß die Verteilung der Bewaffnung auf die
verschiedenen Kontingente ausschließlich Sache rationaler mi-
litärischer Planung und politischer Zweckmäßigkeit sein. Es ist
Rüstung und Bevölkerungsschutz
unbestritten, daß auch heute starke konventionell ausgerüstete
Verbände notwendig sind. Daß diese Aufgabe im Rahmen der
Die Bundesrepublik muß in der Rüstungspolitik auch unter
westlichen Verteidigungsplanung für den Aufbau der nationa-
großen Opfern und Anstrengungen klar zu den von ihr über-
len Armeen der europäischen Länder den Vorrang hat, versteht
nommenen Verpflichtungen des westlichen Bündnisses stehen,
sich von selbst. Das Streben nach einer nationalen oder euro-
bis die Politik der großen Mächte eine allgemeine oder regio-
päischen Atomrüstung, die uns von Amerika unabhängig ma-
nale Verminderung der Rüstung ermöglicht. Oberster Gesichts-
chen könnte, scheint uns militärisch illusorisch und politisch
punkt muß heute die möglichst reibungslose Eingliederung in
gefährlich.
die westliche Rüstungs- und Verteidigungsplanung sein.
Wie immer die Bundeswehr ausgerüstet wird, jedenfalls ist

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die Vorbereitung eines Schutzes der Bevölkerung gegen die Ge- Verantwortung und der Solidarität klar miteinander zu verbin-
fahren möglicher Kriegshandlungen der Großmächte ein ele- den weiß. Selbstverantwortung heißt, daß der selbständige
mentares Gebot der Menschlichkeit. Auch der beste Schutz Mensch seine Kraft wahrt, den Wechselfällen des Lebens von
wird unvollkommen bleiben müssen; es wäre aber unverant- »ich aus zu begegnen. Solidarität bedeutet, daß der einzelne in
wortlich, das Volk in dem Glauben zu lassen, Rüstung könnte der Gemeinschaft klar umrissene Pflichten und einen klar
solchen Schutz ersetzen. Vor allem ist eine umfassende und um-rissenen Schutz findet. Diese Forderungen lassen sich nur
gründliche Unterrichtung der Bevölkerung über die von ihr durch eine wohldurchdachte, gerechte und unnachgiebige
selbst zu treffenden Vorkehrungen (z.B. mit Lebensmittelvor- Wirtschafts- und Sozialpolitik erfüllen. Aber statt einen umfas-
räten) und über das Verhalten im Ernstfall nötig. Eine Reihe senden sozialpolitischen Plan aufzustellen und entschlossen
anderer europäischer Länder, wie Dänemark, die Schweiz u. a., auch gegen Widerstände zu verwirklichen, ist die Regierung
haben dafür ein Beispiel gegeben. Wir begrüßen es, daß jetzt die immer wieder in eine Sozialpolitik der planlosen Wahlge-
ersten Schritte in dieser Richtung getan werden. Aber diese schenke abgeglitten. Vor der Aufgabe einer Sozialversiche-
Maßnahmen werden nur Erfolg haben, wenn die Regierung rungsreform ist sie zurückgewichen; die Behandlung der Kran-
ihre volle Autorität dahinter stellt. Wir können den Politikern kenversicherung war ein böses Beispiel kurzsichtigen takti-
aller Parteien den Vorwurf nicht ersparen, daß sie den Bevölke- schen Verhaltens. In der Wirtschaftspolitik ist der Kampf gegen
rungsschutz durch Jahre hindurch aus Rücksicht auf die öffent- Kollektiv- und Einzelmonopole auf halbem Wege stecken-
liche Meinung vernachlässigt oder doch ohne jeden Nachdruck geblieben. Die Landwirtschaft erhält hohe Subventionen, die
betrieben, zum Teil sogar positiv gehindert haben. aber in großem Umfange nur der Erhaltung des Bestehenden
dienen, während es darauf ankäme, die Hilfe nach sorgfältiger
Überlegung darauf zu konzentrieren, daß die notwendige Um-
Sozialpolitik und Kulturpolitik stellung auf rationale Betriebsweisen erleichtert wird. Überall
drängen sich taktische Konstellationen des Augenblicks zu
Es wäre eine Illusion zu meinen, die Verteidigung gegen den stark in den Vordergrund. Damit ist der Kampf um die Siche-
Kommunismus sei in erster Linie Sache der Außenpolitik und rung unserer Gesellschaftsordnung nicht zu gewinnen.
der Rüstung. Die Entscheidung darüber, ob unsere Gesell- Im Zusammenhang mit der im vollen Gang befindlichen
schaftsordnung der Herausforderung durch den Kommunis- Umschichtung unserer Gesellschaft hat das technische Zeit-
mus gewachsen ist, fällt auf den Gebieten der Sozialpolitik und alter uns vor neue Bildungs- und Ausbildungsanforderungen
der Kulturpolitik, die nur in ihrem wechselseitigen Zusam- gestellt, denen bisher kein Zweig unseres Bildungswesens ge-
menhang richtig verstanden und vernünftig geplant werden wachsen ist. Das öffentliche Bewußtsein hat noch nicht begrif-
können. Die sehr komplexen Fragen, um die es hier geht, kön- fen, daß in der Welt des 20. Jahrhunderts das wirtschaftliche Po-
nen hier nicht eingehend erörtert werden; wir beschränken uns tential und die politische Selbstbehauptung eines Staates vom
auf einige grundsätzliche Bemerkungen. Stande seines Bildungswesens abhängig sind. Eine durchgrei-
Es ist der Sozial- und Wirtschaftspolitik der vergangenen fende Neuordnung unseres Erziehungs- und Bildungswesens
Jahre gelungen, in Verbindung mit der allgemeinen Hebung des ist heute zu einer politischen Aufgabe ersten Ranges geworden.
Lebensstandards ein beträchtliches Maß an individueller Frei- Sie muß sozial gerechte Methoden der Begabungsauslese ein-
heit und sozialer Sicherheit, an Wohlstand und an Wohlfahrt zu führen, muß der ländlichen Jugend gleiche Bildungschancen
erreichen. Aber die soziale Grundordnung ist nicht schon des- eröffnen wie der städtischen und muß es ermöglichen, den stei-
halb gesund, weil es im Augenblick den meisten gutgeht. Ihr genden Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften der ver-
Bestand wird davon abhängen, ob sie die Prinzipien der Selbst- schiedenen Bildungsstufen zu befriedigen. Diese Reform droht

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an der Schwerfälligkeit unseres föderativen Systems der Kul-
turverwaltung zu scheitern. Sie ist aber als gemeindeutsche
Bedingungen des Friedens
Aufgabe so dringlich wie der Ausbau der wissenschaftlichen (1963)
Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wie dort müssen
darum auch hier neue Wege zur Zusammenarbeit von Bund
und Ländern gefunden werden, die eine einheitliche Planung Als erstes danke ich dem Börsenverein des Deutschen Buch-
und Entscheidung der Grundsatzfragen ermöglichen. handels für die Verleihung seines Friedenspreises. Ich danke
den drei Rednern, die vor mir gesprochen haben und deren
Tübingen, den 6. November 1961 Worte für mein heutiges Anliegen hilfreich waren. Ich danke
der Stimme der Freundschaft.
Gezeichnet: Bei der ersten Nachricht habe ich einen Augenblick gezau-
Rechtsanwalt Hellmut Becker, Kreßbronn dert, ob ich diesen Preis annehmen dürfe. Hat jemand von uns,
Präses D. Dr. Joachim Beckmann, Düsseldorf und gar ich, genug für den Frieden getan? Ist der Friede soweit
Intendant D. Klaus v. Bismarck, Köln HC.sichert, daß man für ihn einen Preis verleihen kann?
Professor Dr. Werner Heisenberg, München Aber man soll diesen Preis wohl nicht als Anerkennung einer
Dr. Günter Howe, Heidelberg vollzogenen Leistung verstehen, sondern als Unterstützung ei-
Dr. Georg Picht, Hinterzarten ner fortdauernden Anstrengung. Diese Anstrengung ist freilich
Professor Dr. Ludwig Raiser, Tübingen nicht die Arbeit eines einzelnen. Ich bin heute aufgefordert, als
Professor Dr. Carl Friedrich Freiherr v. Weizsäcker, Hamburg einer von vielen und im Namen dieser vielen zu sprechen. Man
bittet mich wohl insbesondere zu sprechen im Namen des
Kreises der Atomphysiker, weitergespannt der Naturforscher,
überhaupt der Wissenschaftler. Der Wissenschaft ist in den
letzten beiden Jahrzehnten der Friede in einer vorher nicht ge-
ahnten Weise zu ihrem besonderen, unausweichlichen Problem
geworden.
In den vergangenen Jahren habe ich mehrmals, teils gemein-
sam mit Kollegen und Freunden, teils allein, öffentlich gesagt,
was meiner Überzeugung nach heute in unserem Lande poli-
tisch notwendig ist. Die Bereitschaft zu solchen Äußerungen
erscheint mir als staatsbürgerliche Pflicht. Ich habe nichts von
dem damals Gesagten zurückzunehmen und bin bereit, mich,
wenn es nötig scheint, wieder zu konkreten Anliegen des Tages
/,u äußern. Heute habe ich aber ein anderes Ziel. Ich will über
die allgemeinen Bedingungen sprechen, unter denen alle kon-
kreten Einzelentscheidungen beurteilt werden müssen. Die
politischen Reaktionen, die man bei uns öffentlich zu sehen
bekommt, sind zu sehr von zwei Elementen bestimmt: Lethar-
gie und blinder Emotion. Beide machen denselben Fehler; sie
verzichten aufs Denken. Jeder, der mit überlegten Vorschlägen

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an die Öffentlichkeit tritt, macht die bittere Erfahrung, daß die 1. Der Weltfriede ist notwendig. Man darf fast sagen: der
Kritik und oft auch die Zustimmung an Einzelheiten hängen- Weltfriede ist unvermeidlich. Er ist Lebensbedingung des tech-
bleibt, die nur vor dem Hintergrund eines Bildes der gesamten nischen Zeitalters. Soweit unsere menschliche Voraussicht
Weltlage beurteilt werden könnten. Diese Weltlage ist kompli- reicht, werden wir sagen müssen: Wir werden in einem
ziert; sie stellt unser Denken vor schwierige Probleme. In der Zu-Itond leben, der den Namen Weltfriede verdient, oder wir
vereinfachenden Weise, die in einer halbstündigen Rede allein werden nicht leben.
möglich ist, will ich von diesen Problemen sprechen. Bitte ver- 1. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter. Nicht die
kennen Sie hinter dem kühlen Ton der Analyse nicht, daß diese Elimination der Konflikte, sondern die Elimination einer
Analyse auf die Ermöglichung sicherer Tritte auf dem prakti- be-»timmten Art ihres Austrags ist der unvermeidliche Friede
schen Weg zum Frieden zielt. der technischen Welt. Dieser Weltfriede könnte sehr wohl eine
Ich spreche also von den Bedingungen des Weltfriedens. der düstersten Epochen der Menschheitsgeschichte werden.
Beim Nachdenken über sie sind verschiedene Aufgaben zu un- Der Weg zu ihm könnte ein letzter Weltkrieg oder blutiger
terscheiden. Es gibt so etwas wie eine politische Generalstabs- Umsturz, seine Gestalt könnte die einer unentrinnbaren
arbeit, die eine »Strategie der Friedenssicherung« entwirft. Diktatur »ein. Gleichwohl ist er notwendig.
Diese Arbeit muß sich aufs Detail einlassen. Es ist eine der Stär- 3. Eben darum fordert der Weltfriede von uns eine außer-
ken der heutigen amerikanischen Politik, daß sie sich auf solche ordentliche moralische Anstrengung. Er ist unsere Lebensbe-
Arbeit stützen kann. Wir werden dieser Politik weder gute dingung, aber er kommt nicht von selbst, und er kommt nicht
Bundesgenossen noch, wenn das einmal nötig sein sollte, gute von selbst in einer guten Gestalt. Seit die Menschheit besteht,
Kritiker sein, wenn wir nicht ebenso planen lernen. Es ist mein hat es, soweit wir wissen, den Weltfrieden nicht gegeben; etwas
Anliegen, im Sinne solcher Planung zu sprechen. Ich kann Ih- Beispielloses wird von uns verlangt. Die Geschichte der
nen jedoch nicht Ergebnisse derartiger Arbeit vortragen. Sie ist Menschheit lehrt, daß das bisher Beispiellose oft eines Tages
in unserem Land erst in den Anfängen, und in ihren Einzelhei- verwirklicht wird. Dies geschieht nicht ohne außerordentliche
ten ist sie nicht mein Beruf. Aber diese Planung vollzieht sich Anstrengung; und wenn der Friede menschenwürdig sein soll,
vor dem vorgegebenen Hintergrund der Struktur der heutigen muß die Anstrengung moralisch sein.
und der Möglichkeiten der morgigen Welt. Über diese Struktur Ich gehe nun ins einzelne, und gleichsam als Überschrift wie-
und diese Möglichkeiten nachzudenken gehört zu meinem Be- derhole ich die Thesen ein drittes Mal mit je einem begründen-
ruf; über sie will ich sprechen. Die besonderen Angelegenheiten den Zusatz:
Deutschlands werde ich dabei nur in einzelnen Bemerkungen Der Weltfriede ist notwendig, denn die Welt der vorherseh-
streifen. baren Zukunft ist eine wissenschaftlich-technische Welt.
Ich beginne mit drei Thesen: Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter, sondern sein
Herannahen drückt sich in der allmählichen Verwandlung der
1. Der Weltfriede ist notwendig. bisherigen Außenpolitik in Welt-Innenpolitik aus.
2. Der Weltfriede ist nicht das goldene Zeitalter. Der Weltfriede fordert von uns eine außerordentliche mora-
3. Der Weltfriede fordert von uns eine außerordentliche lische Anstrengung, denn wir müssen überhaupt eine Ethik des
moralische Anstrengung. Lebens in der technischen Welt entwickeln.
Wie sehen diese Zusammenhänge im einzelnen aus?
Diese Thesen scheinen mir heute schon fast selbstverständlich.
Nehmen wir sie ernst, so folgt aber viel aus ihnen. Ich wieder- 1. Der Weltfriede ist notwendig, denn die Welt der vorherseh-
hole sie daher, zunächst mit wenigen erläuternden Sätzen: baren Zukunft ist eine wissenschaftlich-technische Welt. In-

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wiefern ist sie eine wissenschaftlich-technische Welt? Wie tief fcimmmenwirken; beide gehören selbst der Welt der Technik
greifen ihre Forderungen? Inwiefern macht sie den Frieden und der wissenschaftlichen Medizin an: Vermehrung der
notwendig? Ich wähle die primitivsten Beispiele, versuche sie Le-bcnsmittelproduktion und Beschränkung der
aber weit genug zu verfolgen. Geburtenzahl.
Die Technik ernährt uns. Was haben Sie heute zum Früh- Der Vermehrung der Lebensmittelproduktion als vordring-
stück gegessen oder getrunken? Vom dänischen Ei über das lichem Ziel dient die Technisierung der Entwicklungsländer
Brötchen aus kanadischem Weizen zum Kaffee aus Brasilien mit dem durch sie erzwungenen Umsturz uralter
sind diese Lebens- und Genußmittel auf rationalisierte, techni- Gesell-»chaftsordnungen. Auf diesem Weg ist viel zu erhoffen.
sche Weise erzeugt, mit modernen technischen Mitteln herbei- Aber eines Tages muß die Geburtenzahl zum Stehen kommen,
gebracht, frischgehalten, gebacken, gekocht. Eine Erinnerung denn die Erde ist endlich, und der Weltraum ist der
zwanzig Jahre zurück genügt, uns klarzumachen, was ge- Massenauswanderung verschlossen. Je später die
schieht, wenn uns diese Apparatur nicht mehr zuverlässig be- Geburtenzahl zum Stehen kommt, desto schärfere
dient. Heute müssen die Entwicklungsländer sich industria- Anforderungen werden an das Gewebe der Produktion und
lisieren und ihre Landwirtschaft technisieren, wenn sie dem Verteilung gestellt, desto verletzlicher wird also der Apparat,
nackten Hunger entgehen wollen. Unsere eigene Landwirt- an dem die Ernährung der Menschheit hängt. Ungestörtes
schaft wird andererseits in der Weltkonkurrenz höchstens noch Funktionieren der Weltwirtschaft setzt den Weltfrieden voraus;
bestehen können, soweit sie sich entschlossen modernisiert; schon aus diesem Grunde ist er notwendig. Die Geburtenzahl
wo das nicht zureichend gelingt, werden staatliche Subventio- ihrerseits wird nicht aus biologischen Gründen zum Stehen
nen nur ihr Ende hinauszögern. Die technische Welt gewährt
kommen; wenigstens bietet unsere Kenntnis der Gesetze des
uns zwar ein Leben in bisher beispielloser Fülle materieller Güter.
Lebens keinen Anlaß zu einer so bequemen Hoffnung. Ihre
Aber die Gesetze ihres Funktionierens sind nicht minder
Beschränkung wird also entweder als eine sich durchsetzende
erbarmungslos als die des Lebens in der Natur.
Sitte oder aus Anordnung des Staates kommen. So tief wird der
Warum sind denn viele Völker der Erde heute vom nackten
Mensch in der wissenschaftlich-technischen Welt genötigt, in
Hunger verfolgt? Ich gehe hier nicht auf das große Problem der
seine Natur und in die Ausübung seiner Freiheit einzugreifen.
richtigen Güterverteilung ein, das schon zur Welt-Innenpolitik
Die ethischen und weltinnenpolitischen Folgen dieser
gehört. In den vortechnischen Jahrtausenden gab es keinen
Tatsachen versuche ich hier nicht auszumalen.
großen Welthandel mit den elementaren Nahrungsmitteln, und
Heute schon allen sichtbarer geht die Notwendigkeit des
diese Völker haben doch, wenngleich mit periodischen Hun-
gersnöten, zu essen gehabt. Warum? Damals war die Bevölke- l;riedens aus der Entwicklung der Waffentechnik hervor. Wis-
rungszahl über lange Zeiten etwa konstant, oder die Land- sen erzeugt Macht. Die Atomphysik, aus rein wissenschaft-
nahme konnte mit ihr Schritt halten. Die wissenschaftliche lichem Interesse entstanden, hat uns die Möglichkeit der
Einsicht und die technischen Mittel der modernen Medizin Atomwaffen eröffnet. Der politische und gesellschaftliche Zu-
und Hygiene haben ein vorerst unaufhaltsam scheinendes stand der Menschheit ist so, daß von einer solchen Möglichkeit
Wachstum der Bevölkerungszahlen in Gang gebracht. Wissen- Gebrauch gemacht wird, einerlei ob einzelne sich der Teil-
schaft und Technik scheinen uns wohl mit Recht nirgends so nahme verweigern. Als Erkenntnis ist die Möglichkeit der mo-
segensreich wie in der Medizin. Eben dieser Segen wird hier dernen Waffen nicht mehr auszurotten; in diesem Sinne müssen
zur Quelle des vielleicht schwierigsten Lebensproblems unserer wir für alle vorhersehbare Zukunft mit der Bombe leben.
Zeit. Welche Abhilfen gibt es? Ich sehe nur zwei, die Aussicht Dennoch kann ein manifester Akt der Verweigerung der Teil-
bieten, in der Breite Erfolg zu haben, und zwar indem sie nahme an ihr seinen Sinn haben. Er kann darauf hinweisen, daß
der politische und gesellschaftliche Zustand der Menschheit,
der diese Gefahr mit sich bringt, geändert werden muß.

50 51
Es gibt ab und zu Phasen vorübergehender Selbststabilisie- würden es wenige sein -, der würde nur bedauern, daß er nicht
rung im historischen Prozeß, die wie ein Eingriff einer gnädigen unter den Toten ist. Von Freiheit und Demokratie würde nach-
Vorsehung, wie eine uns zur Nutzung gewährte Frist er- her schwerlich noch die Rede sein, sondern von Hunger,
scheinen. So ist heute die Gefahr des großen Kriegs gerade Radioaktivität und der letzten Hoffnung auf eine starke Hand.
durch die Erkenntnis der vernichtenden Wirkung dieser Waf- Der billige Ausweg aus dem Nachdenken, der lautet »entweder
fen gemindert. Aber das behutsame Verfahren der führenden es bleibt Friede, oder wir sind alle tot« - dieser Ausweg ist uns
Staatsmänner ist selbst ein Akt schwer errungener Einsicht. versperrt.
Diese Einsicht bedarf der Ausarbeitung im Detail. Sie bedarf
der Expertenarbeit; sie bedarf einer Wissenschaft und Technik 2, Wir haben bereits den Fragenkreis der Weltpolitik betreten.
oder, wie ich eingangs sagte, einer Strategie der Friedenssiche- Die zweite These lautete: Der Weltfriede ist nicht das goldene
rung. Die technische Welt stabilisiert sich nicht von selbst; sie Zeitalter, sondern sein Herannahen drückt sich in der allmäh-
stabilisiert sich, soweit Menschen sie zu stabilisieren lernen. lichen Verwandlung der bisherigen Außenpolitik in Welt -I
Deshalb ist der bewußt gewollte, geplante und herbeige- nnenpolitik aus. Unter dem Titel Welt-Innenpolitik werde ich
führte Weltfriede Lebensbedingung des technischen Zeitalters. hier zwei verschiedene, aber beide aus der Vereinheitlichung
Vergleichen wir den Weg zu diesem Frieden mit der Besteigung der Welt entspringende Phänomene beschreiben: die Entste-
eines noch nicht bezwungenen Felsenbergs. In früheren Jahr- hung übernationaler Institutionen und die Beurteilung welt -
hunderten stieg die Menschheit durch Geröllhalden, in denen politischer Probleme mit innenpolitischen Kategorien.
ein häufiges Zurückgleiten unvermeidlich, aber nicht tödlich Daß Außenpolitik kleinerer in Innenpolitik größerer politi-
war. Heute nähern wir uns der Gipfelregion. Sie bietet hartes scher Einheiten übergeht, ist ein uns aus der Geschichte ver-
Gestein; das Gestein historischer Notwendigkeit. In ihr kann trauter Vorgang. Es sind noch keine hundert Jahre verflossen,
man vielleicht sicherer steigen als früher. Aber man muß stei- seit zum letztenmal deutsche Staaten gegeneinander Krieg
gen wollen, und man muß es technisch können; und ein Aus-
führten. Damals kämpfte der König von Preußen gegen die Kö-
gleiten hier oben ist wahrscheinlich tödlich.
nige von Bayern, von Württemberg, von Hannover und den
Hierzu noch eine letzte klarstellende Bemerkung. Wie man-
Kaiser von Österreich. Der jungen Generation von heute ist
che andere habe ich in den letzten Jahren gelegentlich öffentlich
das schon fast unvorstellbar. Die Interessen- und Tempera-
gesagt, ein mit planmäßigem Einsatz der verfügbaren Waffen
mentsdifferenzen der deutschen Stämme haben seitdem nicht
heute geführter Weltkrieg würde vermutlich die Menschheit
aufgehört, und moralischer ist die Politik inzwischen gewiß
nicht völlig ausrotten. Ich habe das gesagt, weil mir wichtig
nicht geworden. Aber innerhalb des Bismarckschen Reiches
schien, daß wir in allen Erwägungen das Maß behalten. Ich bin
dann gelegentlich so zitiert worden, als dürfe hieraus abgeleitet und heute innerhalb der Bundesrepublik gab und gibt es verfas-
werden, ein Krieg sei unter Umständen immerhin noch zu ver- sungsmäßige Wege zum Austrag der Differenzen. Wo diese
antworten. Ich kann mir keinen törichteren und schrecklicheren Wege, noch nicht einmal durch Gewalt, sondern z.B. durch
Mißbrauch meiner Äußerungen denken. Freilich wissen wir Unwahrheit verlassen werden, erhebt sich berechtigte und in
alle, daß die Regierungen der Weltmächte heute auf die manchen Fällen erfolgreiche Empörung. Wir müssen hoffen,
Drohung mit einer letzten Bereitschaft zum nuklearen Krieg daß denen, die in hundert Jahren jung sein werden, die vergan-
noch nicht zu verzichten vermögen. Aber diese Staatsmänner genen Kriege zwischen Deutschland und Frankreich, ja die
wissen selbst am besten, daß sie dabei zugleich mit dem Selbst- Möglichkeit eines Kriegs zwischen Amerika und Rußland so
mord alles dessen drohen, was sie selbst zu verteidigen wün- unbegreiflich sein werden wie unserer Jugend der politische
schen. Wer diesen Krieg überleben würde - und in Europa Zustand Deutschlands, der durch die Kriege von 1866 und
1870 beendet wurde.

52 53
Das ist heute nur eine Hoffnung; und was mag zwischen uns (bcn diese notwendigen weiteren internationalen Regelungen
und ihrer Verwirklichung noch liegen? Eine, freilich zwei- (us/.ubilden. Zudem ist Verachtung des Abrüstungswillens
schneidige, Realität hingegen ist, daß sich die Menschen heute eine der Brutstätten jenes Zynismus, aus dem die Katastrophen
schon die Spannungen zwischen den Mächten immer mehr nur hervorgehen. Ich sehe mit Kummer, wie der politische Provin-
noch in der Sprache innenpolitischer Ideologien begreiflich zialismus der Bundesrepublik sich z. B. im Fehlen einer breite-
machen können. Die meisten Menschen im Westen sind über- ren Schicht von Kennern der »Strategie der Abrüstung« doku-
zeugt, daß demokratische Staaten ihre Differenzen stets fried - mentiert; ich zitiere damit den deutschen Titel eines
lich regeln könnten und nur der Kommunismus und allenfalls amerikani-ochen Buches, in dem die Abrüstungsaspekte der
nationalistische Diktatoren uns mit Krieg bedrohten. Genau Strategie der I'riedenssicherung dargestellt sind. Verstünden
analog scheint den Kommunisten chinesischer Observanz der wir mehr von diesen Fragen, so würden wir vielleicht weniger in
Krieg durch das bloße Dasein des Kapitalismus unausweichlich, Versuchung »ein, uns auf Grund spezieller nationaler Interessen,
und auch die russische Observanz sieht im Kapitalismus die so wichtig nie für uns sind, notwendigen internationalen
Quelle des Unfriedens in der Welt. Auch die neu sich for- Schritten in den Weg zu stellen.
mierenden asiatischen und afrikanischen Nationen sind über- Allgemein gilt: der Friede muß nicht nur durch friedfertige
zeugt, gegen ein Prinzip, den Kolonialismus, zu kämpfen. Absichten, sondern durch feste übernationale Institutionen ge-
Dieser Glaube an die Dominanz innenpolitischer Prinzipien sichert werden. Absichten und Gefühle wechseln von Land zu
ist zweischneidig, denn er ist zum Teil eine Selbsttäuschung. Land, von Generation zu Generation; der Friede aber muß alle
Machtkörper wie die Imperien und wie nationalistische Natio- Länder umfassen und die Generationen überdauern. Diese In-
nen haben noch heute die Tendenz zum ungezügelten Ausgrei- stitutionen müssen so gut wie möglich den heranreifenden in-
fen und, gegebenenfalls, zum Rückerwerb verlorener Gebiete. nenpolitischen Strukturen einer sich vereinheitlichenden Welt
Diese Tendenz hat 1914 die einander so ähnlich gewordenen angepaßt sein. Welches sind diese Strukturen? Welche Ziele
europäischen Kulturnationen in den selbstmörderischen Krieg müssen wir dem Willen zum Fortschritt und zur Bewahrung
gegeneinander gehetzt. Wir dürfen daher unsere Hoffnung nicht setzen, der in jedem Land und jeder Generation immer von
allein auf den Sieg der uns als richtig erscheinenden Ideologie neuem erwacht?
setzen. Wir müssen vielmehr, quer durch die Ideologien, lang- Wir im Westen halten mit vollem Recht die Freiheit für ein
sam, behutsam und mit unbeirrbarer Zähigkeit diejenigen Ele- unaufgebbares politisches Gut. Wir sind damit in unserem
mente staatlicher Souveränität abbauen, die es den Staaten mög- Jahrhundert zeitweilig in die Defensive gedrängt. Aber auch in
lich machen, Krieg aus freiem Entschluß zu beginnen. der heutigen Welt ist Freiheit, richtig durchdacht, der eigentlich
Ein Teil dieses Bemühens sind die seit langem fortlaufenden fortschrittliche Gedanke. Für den größeren Teil der Welt ist
Verhandlungen über Abrüstung. Es ist gleich gefährlich, sie zu innenpolitische Freiheit vor allem deshalb schwer erreichbar,
über- wie zu unterschätzen. Man darf sie nicht überschätzen: weil sie als konkretes Ziel fast noch zu früh kommt. Diese Völker
Abrüstung ist technisch und politisch gleich schwer durchzu- lösen sich erst in unserem Jahrhundert aus der alten feudalen
setzen, und sie löst die bestehenden Konflikte nicht. Sie muß Ordnung. Sie müssen sich modernisieren, sie müssen einen
ergänzt und wohl erst ermöglicht werden durch die Schaffung angemessenen Grad sozialer Gleichheit erreichen, und sie träu-
politischer Wege zum Austrag von Konflikten. Ich glaube, men oft einen - angesichts der wahren Verflechtung der moder-
daß sie eines Tages in die Übertragung des Polizeimonopols an nen Welt - altmodischen Traum nationaler Unabhängigkeit.
eine internationale Behörde einmünden muß. Davon sind wir All dies ist ohne eine starke Staatsgewalt nicht zu erreichen.
noch sehr weit entfernt. Man darf die Abrüstung aber auch Diese aber, meist Kind einer Revolution, sichert sich gegen
nicht unterschätzen. Die Arbeit an ihr ist ein ständiger Anreiz, neuen Umsturz auf Kosten der Freiheit der Staatsbürger.

54 55
Wir werden den in die Modernität eintretenden Nationen {•ni|(cn sozialen Status, in dem allein er das ihm mögliche Maß in
diese Phase oft nicht ersparen können. Vielleicht dürfen wir Preiheit betätigen kann. Diese Ausbildung aber erfährt er als
uns hier daran erinnern, daß in der west- und mitteleuropäi- l'ol^c staatlicher Planung (oder Planlosigkeit) in einem jugend-
schen Geschichte das wichtigste Sprungbrett zur institutionell lichen Alter, in dem er noch nicht für sich selbst entscheiden
gesicherten Freiheit die Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit kann. So entscheidet die Planung des Bildungswesens mit dar-
war. Der Staat des Absolutismus aber hatte an der Schaffung über, ob wir Staatsbürger haben werden, die der Freiheit fähig
dieser Rechtsordnung, die ihn schließlich abzulösen gestattete, lind.
ein erhebliches Verdienst. Daher ist auch in der Welt-Innenpo-
litik, gerade auch in der Auseinandersetzung mit dem Kommu- j. Der Weltfriede fordert von uns eine außerordentliche mora-
nismus, die Schaffung und Verteidigung zuverlässiger rechts- lische Anstrengung, denn wir müssen überhaupt eine Ethik des
staatlicher Formen im Innern der Staaten und durchsetzbarer Lebens in der technischen Welt entwickeln.
rechtlicher Normen im Verkehr zwischen ihnen ein vordring- Was bedeutet Ethik der technischen Welt?
liches Ziel; dies ist ein Ziel, das überall auf der Welt persönli- Ihre Grundlage ist nicht neu. Die alte Ethik der Nächsten-
chen Einsatz unter Gefahr rechtfertigt. Rechtsstaatlichkeit ist liebe reicht aus, wenn wir sie auf die Realitäten der neuen tech-
die Grundlage bürgerlicher Freiheit; Freiheit ohne bindende nischen Welt anwenden; und wenn wir sie hier nicht anwenden,
Rechtsordnung vernichtet sich selbst. so ist es uns mit ihr nicht Ernst. Das revolutionärste Buch, «.las
Zugleich aber müssen wir die Freiheit dem heutigen und kom- wir besitzen, das Neue Testament, ist nicht erschöpft. Viele
menden Gesellschaftszustand gemäß neu denken und müssen Strukturen der modernen Welt stammen aus ihm, nur sind sie
dementsprechend handeln lernen. Terror ist ja eigentlich ein hier einseitig aufs Konkrete, Diesseitige angewandt; sie sind,
plumpes und altmodisches Mittel. Das moderne Problem wie man sagt, säkularisiert. Ich nenne diesen Hintergrund hier,
heißt: Freiheit und Planung. Moderne Industriegesellschaften aber ich analysiere ihn nicht. Ich will versuchen, das Wenige,
wie einerseits die der atlantischen Nationen, andererseits die was ich noch zu sagen habe, aus der inneren Gesetzmäßigkeit
der Sowjetunion werden einander unmerklich immer ähn- der technischen Welt selbst zu entwickeln. Damit versuche ich,
licher; dies geschieht unter der Decke widerstreitender Ideo- nicht von ethischen Postulaten auszugehen, sondern von der
logien und echter Gegensätze politischer Gewohnheiten und Vernunft. Der Zusammenhang zwischen beiden ist eng. Wahre
politischen Gefühls. Die technischen Notwendigkeiten er- Vernunft, auf die Praxis angewandt, setzt sich notwendiger-
zwingen ein weitgehend geplantes Leben, und mit oft kaum weise auch in ethische Postulate um. Was aber unserer Vernunft
erkennbarem Zwang, mit ökonomischem Druck und der Ver- die Augen geöffnet hat und, wo wir sie nicht zu gebrauchen
lockung des Lebensstandards werden die Menschen dem Plan wissen, immer wieder öffnet, ist die Stimme der Nächstenliebe,
eingefügt. Wenn es in unserer Welt noch eigentliche mensch- die wir einmal gehört haben.
liche Freiheit geben soll, so bleibt uns nicht erspart, auch den Es gibt eine eigentümliche Faszination der Technik, eine Ver-
Raum dieser Freiheit zu planen. Ein Plan ohne Freiheit wird zauberung der Gemüter, die uns dazu bringt, zu meinen, es sei
sich in einer fortschreitenden technischen Welt am Ende als un- ein fortschrittliches und ein technisches Verhalten, daß man alles,
terlegen, ja als funktionsunfähig erweisen; er widerspricht der was technisch möglich ist, auch ausführt. Mir scheint das nicht
Natur des Menschen, der diese Technik und ihren Fortschritt fortschrittlich, sondern kindisch. Es ist das typische Verhalten
trägt. einer ersten Generation, die alle Möglichkeiten ausprobiert, nur
Ein konkretes Beispiel für die notwendige Planung der Frei- weil sie neu sind, wie ein spielendes Kind oder ein junger Affe.
heit mag genügen: das Bildungswesen. In unserer Welt ist für Wahrscheinlich ist die Haltung vorübergehend notwendig,
jeden Menschen eine angemessene Ausbildung Bedingung des- damit Technik überhaupt entsteht. Reifes techni-

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sches Handeln aber ist anders. Es benützt technische Geräte als in einer Übergangszeit, in der der große Krieg schon schlecht-
Mittel zu einem Zweck. Den Raum der Freiheit planen kann hin verwerflich, aber doch noch möglich ist. So ist auch unser
nur der Mensch, der Herr der Technik bleibt. •thisches Verhalten zur Möglichkeit des Kriegs ein unsicheres
Mir liegt daran, klarzumachen, daß diese reife Haltung nicht Verhalten des Übergangs. Einige versuchen heute schon streng
der Technik fremd, sondern erst die eigentlich technische Hal- n»ch derjenigen Ethik zu leben, die eines Tages wird die
tung ist. Jedes einzelne technische Gerät ist von einem Zweck herr-ichende sein müssen, und verweigern jede Beteiligung an
bestimmt; es ist so konstruiert, daß das Zusammenwirken aller der Vorbereitung auf den möglichen Krieg. Andere, die die
seiner Teile eben diesem Zweck dient. Kein Gerät ist Selbst- Forderung nicht minder deutlich verstehen, versuchen inmitten
zweck. Eine technische Zivilisation, deren Glieder sich gegen- der heute noch geltenden Normen für die Festigung einer
seitig hindern, gefährden und zerstören, ist technisch unreif. rechtlichen und freiheitlichen Friedensordnung zu wirken.
Eine Technik, die sich als Selbstzweck gebärdet, ist als ganze Beide tun etwas Notwendiges; etwas, das zu tun sich jemand
auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe als ihre einzelnen Ap- bereit finden muß.
parate; sie ist als ganze noch untechnisch. Am klarsten sollte das Bewußtsein von der Notwendigkeit,
Wir müssen also ein Bewußtsein für den richtigen, den tech- ilcn IVieden zu sichern, bei den Menschen entwickelt sein, die
nischen Gebrauch der Technik gewinnen, wenn wir in der tech- den technischen Waffen am nächsten stehen: den Wissenschaft-
nischen Welt menschenwürdig überleben wollen. Das verlangt lern, deren Forschung sie ermöglicht; den Soldaten, die sie an-
eine moralische Anstrengung, die sich in einer positiven Moral, wenden müßten; und den Politikern, die noch am ehesten Mittel
einer gefestigten Sitte niederschlagen muß. Wir sollen, nach
haben, ihre Anwendung zu vermeiden. Aber jeder dieser Stände
Kant, so handeln, daß wir die Menschheit - wir würden heute
bleibt noch hinter seiner Aufgabe zurück. Der Wissenschaftler
sagen das Menschsein - in jedem Menschen nicht nur als Mittel,
zieht sich oft in den elfenbeinernen Turm der reinen Forschung
sondern als Zweck verstehen. Als leitende Regel muß gelten:
zurück, und daß das nicht ausreicht, möchte ich gerade der
Kein Mensch ist ein Gerät, und Geräte dürfen nur zum Nutzen,
wissenschaftlichen Jugend sagen; wo sich aber der
nicht zum Schaden der Menschen gebraucht werden. Das
Wissenschaftler den politischen Folgen seiner eigenen For-
wachsende Bewußtsein von dieser Regel wird sich manifestieren
schung stellt, muß er erst lernen, die verwickelte politische
in der Herausbildung fester verbindlicher Formen des Umgangs
Realität gedanklich zu durchdringen. Dem Soldaten fällt es
mit der Technik. Die Medizin, die seit Jahrtausenden eine auf
Wissen beruhende Technik und die aus ihr fließende Macht heute noch schwer, an eine so tiefgreifende Verwandlung der
kennt, kennt auch diese bindende Regel seit Jahrtausenden; sie Welt zu glauben. Der Politiker schließlich ist gezwungen, meh-
kennt den Hippokratischen Eid. In der Technik des Alltags, rere Eisen im Feuer zu haben; er vertritt, so ernst es ihm mit
wie etwa im Straßenverkehr, lernen wir alle sie heute nach und dem Frieden sein mag, stets zugleich das Interesse seiner Partei,
nach respektieren. Im großen wirtschaftlichen Zusammenhang seiner Nation. Alle brauchen den Antrieb und den Rückhalt
ist sie gegen das scheinbare Einzelinteresse durchgesetzt wor- oder Widerstand eines Bewußtseins aller Menschen, auch derer,
den oder muß noch durchgesetzt werden, wie in Fragen der die unter ihrem Kommando stehen oder ihnen ihre politische
Slums und der Abholzung oder heute der Abgase und Abwässer. Stimme geben; des klar herausgearbeiteten und zu Opfern
Die technischen Waffen schließlich haben eine Perfektion bereiten Bewußtseins, daß Krieg nicht mehr sein darf.
erreicht, die die Ausschaltung des Kriegs zu einer vordring-
lichen Forderung der technischen Ethik macht.
Diese Forderung ist dem heutigen Menschen bewußt; er ver-
zagt nur oft gegenüber ihrer Realisierbarkeit. Wir befinden uns

58 59
Der weltpolitische Zyklus »wischen ihnen nicht zum Krieg kam, hatte verschiedene Ursa-
chen, unter denen die Erfindung der Wasserstoffbombe nicht
(1965) die geringste war. Immerhin möchte ich auch über die anderen
Ursachen ein paar Vermutungen äußern. Zunächst waren beide
Mächte tief erschöpft vom Krieg, die Sowjetunion vielleicht
Das politische Gefüge der Welt ist höchst verwickelt. Keinem physisch noch mehr als willensmäßig, die Vereinigten Staaten
Praktiker oder Theoretiker der Politik bleibt es erspart, sich willensmäßig mehr als physisch. Ferner hatten beide Nationen
gewisse einfache Begriffe zurechtzulegen, mit denen er sich politische Ideologien, in denen der große imperiale Krieg nur
dieses Brodeln der Kräfte näherungsweise faßbar macht. An- als Mittel der Verteidigung anerkannt war, wenn auch die leni-
schließend an eine heute verbreitete Unterscheidung schlage nistische Doktrin ihn als unvermeidlich vorherzusagen lehrte.
ich vor, drei mögliche Grundfiguren der weltpolitischen Vor- Die realen Probleme der Ordnung der Welt in Europa, Asien
gänge im vor uns liegenden Jahrzehnt und vielleicht darüber und bald auch anderswo zeigten aber beiden die Unvermeid-
hinaus zuerst getrennt und dann im Zusammenwirken zu be - lichkeit einer harten Auseinandersetzung ihrer konkurrieren-
trachten. den Ordnungs- und Machtsysteme; Stalin sah dies vom ersten
Ich gehe dabei von der Meinung aus, daß das militärische Tage an, die Amerikaner lernten es widerwillig, aber rasch. Ich
Potential auch heute noch einer der wichtigsten Machtfaktoren weiß kein historisches Beispiel dafür, daß ein derartiges Ringen
ist. Militärische Großmächte im eigentlichen Sinn gibt es seit zweier Kandidaten um die Hegemonie anders als kriegerisch
1945 nur noch zwei, und für die Spanne der Zukunft, von der entschieden worden wäre. Ehe aber der Krieg reif war, den alle
ich heute rede, wird sich das vermutlich auch noch nicht ändern. historische Erfahrung erwarten ließ, trat das historisch Bei-
Ich teile die möglichen Gestalten der Weltpolitik nach dem spiellose ein, daß die Kriegführung sich durch die Größe der
Verhältnis der beiden Weltmächte zueinander und zur Ge- verfügbaren Angriffswaffen und das Fehlen einer zuverlässigen
samtheit der dritten Mächte in drei Grundfiguren ein, die ich in Verteidigungswaffe zur gegenseitigen Vernichtung, also prak-
der Reihenfolge nenne, in der ich sie nachher besprechen will: tisch zum gemeinsamen Selbstmord der Gegner auszuwachsen
drohte. Der beiderseitigen Einsicht in diese Lage verdanken
1. Gegnerische Bipolarität, wir die Entspannung, die seit 1954 unter vielen Rückschlägen
2. Multipolarität (auch Polyzentrismus oder Pluralismus doch ständige langsame Fortschritte macht. Der Machtkampf
genannt), der beiden Hegemonie-Kandidaten ist damit weder entschie-
3. Kooperative Bipolarität. den noch vergessen, sondern vorübergehend partiell gelähmt.
Die Frage, ob die Welt liberal oder kommunistisch geordnet
Ich behaupte, daß diese Formen eine Tendenz haben, sich in werden wird, ist ebensowenig entschieden; die Möglichkeit, sie
einem gewissen Zyklus (einem »Regelkreis«) gegenseitig der auf lange Zeit unentschieden zu lassen, deutet sich unter dem
Reihe nach hervorzubringen. Titel »Koexistenz« ungewiß an.
Die multipolare Weltherrschaft der weißen Rasse vor 1914 Die Lähmung der militärischen Macht durch ihre Übergröße
führte in die von einem Weltkrieg eingeleitete und von einem aber gab kleineren Mächten einen politischen Spielraum, den
Weltkrieg beendete dreißigjährige Krisenzeit, an deren Ende sie ohne diese nicht besessen hätten: die Welt begann, sich mul-
zwei verbleibende militärische Großmächte gemeinsam die tipolar zu formieren. Zwei bedeutende Machtzentren traten
dritte niedergekämpft hatten, um alsbald in offener Gegner- wieder hervor: Westeuropa und China. Westeuropa, mit den
schaft auseinanderzutreten. Seit 1946 stand die Welt im Zeichen drei Schwerpunkten Großbritannien, Frankreich, Bundesre-
der feindlichen Bipolarität Amerikas und Rußlands. Daß es publik Deutschland ist heute wirtschaftlich sehr viel stärker als

60 61
militärisch, und es ist zu einheitlicher politischer Willensbil- U* wäre eine sinnvolle Aufgabe politischer Analyse, Bedingun-
dung nur begrenzt fähig; aber eben die Lähmung der militäri- gen, Chancen und Grenzen eines solchen Vorgangs abzuwägen,
schen Macht steigert die Bedeutung der wirtschaftlichen. und ich werde alsbald etwas näher darauf eingehen. Dabei
China verdankt seiner politischen Einheit und ideologischen möchte ich vorweg auf die Grenzen hinweisen, die,
Konsequenz, seinem Menschenreichtum und seinen schwer machtpoli-tiich beurteilt, diesem dritten Verhaltensschema
abschätzbaren Entwicklungsmöglichkeiten, insbesondere aber gesetzt sind. Keine der Gefährdungen und Irritationen durch
eben der militärischen Paralyse der beiden Supermächte heute dritte Mächte hebt schon den Gegensatz zwischen liberaler und
eine weltpolitische Machtposition oder mindestens einen Nim- kommunisti-ichcr Ideologie oder die objektive weltpolitische
bus, der durch sein heute vorliegendes wirtschaftliches und mi- Konkurrenz-lituation der zwei Hegemoniekandidaten auf. Um
litärisches Potential allein nicht motiviert wäre. Aber auch die es in einem Gleichnis zu sagen: Rußland und Amerika spielen
Fülle der anderen Nationen, die, gemessen an den Großmächten, gegeneinander eine Schachpartie und müssen nur die im
militärisch fast machtlos und in ihrer Mehrzahl wirtschaftlich Zimmer herumtollenden Kinder hindern, das Brett umzuwerfen;
hilfsbedürftig sind, genießen eine politische Bewegungsfreiheit, aber die Partie werden sie gleichwohl weiterspielen, bis der Sieg
die man in der Zeit der »Weltherrschaft des weißen Mannes« für des einen von beiden oder das Remis - falls es das gibt - feststeht.
undenkbar gehalten hätte. Hier ist ein Wandel des politischen Gemessen an den Dimensionen dieses Spiels ist nur China mehr
Bewußtseins der Menschheit, ein Erwachen aus dem dumpfen als ein tollendes Kind. Gerade eine partiell erfolgreich
Hinnehmen bestehender Herrschaftssysteme im Gang, dessen kooperative Bipolarität enthält den Anlaß zur Rückkehr in die
gegnerische Bipolarität.
Folgen wir noch kaum übersehen können.
Diesen sich schließenden Kreis von Ursachen und Wirkun-
Es wäre meines Erachtens irrig, im heutigen Polyzentrismus
gen könnte man den weltpolitischen Zyklus nennen. Was haben
der Welt schon das Ende der Bedeutung militärischer Macht zu
wir nun von der weiteren Zukunft zu erwarten? Wird sich die
sehen. Hat die feindliche Bipolarität das Entstehen einer multi-
Welt doch in einer der drei Strukturen stabilisieren? Wird sie
polaren Welt begünstigt, so bedeutet die Multipolarität eine
den Zyklus, vielleicht sogar mehrfach, durchlaufen? Oder wird
Einladung an die beiden Großmächte zur kooperativen Bipola-
sie aus den hier besprochenen Strukturen und ihrem Kreis in ein
rität. Noch auf lange Zeit hinaus ist keine dritte Nation und
ganz anderes politisches Schicksal übertreten?
keine Allianz solcher den beiden Großen militärisch auch nur Dafür, daß keine der drei Strukturen in sich selbst stabil ist,
von ferne gewachsen. Der Grund der gegenseitigen militäri- habe ich soeben Gründe angeführt. Jede von ihnen enthält starke
schen Lähmung der beiden Großen aber ist ihre politische Motive zum Übertritt in die nächstfolgende. So gesehen, sollte
Gegnerschaft. Sie wären militärisch frei, zu handeln, wenn sie man bis auf weiteres ein Durchlaufen des Zyklus erwarten.
politisch einig wären. Müssen sie sich eigentlich die Erschütte- Aber auch der Zyklus als ganzer ist schwerlich auf die Dauer
rung ihrer Bündnis- und Einflußsysteme durch Mächte zweiter stabil. In jeder der drei Strukturen besteht eine Gefahr, daß sie,
Ordnung und den beginnenden Aufbau der dritten Weltmacht direkt oder indirekt, in den großen atomaren Weltkrieg um-
China gefallen lassen, nur weil es ihnen nicht glückt, ihr gegen- schlägt. Eben deshalb gibt es andererseits Anlaß zu dem Ver-
seitiges Mißtrauen abzubauen? Legt sich nicht die Ordnung such, aus dem Zyklus wechselnder Konstellationen von Mäch-
der Welt durch eine Pax Russo-Americana nahe? Der Versuch ten, welche den Krieg jederzeit auslösen könnten, irgendwie in
dieser dritten weltpolitischen Struktur, der kooperativen Bi- eine institutionell gesicherte Friedensordnung überzugehen.
polarität, könnte, nach machtpolitischer Logik gedacht, sehr Daher ist es für uns das Wichtigste, die Gefahren und Chancen
wohl die kommenden 15 Jahre überschatten. Tastende Schritte innerhalb des Zyklus - Gefahren der Katastrophe, Chancen
in dieser Richtung sehen wir seit Jahren. der permanenten Stabilisierung - genauer zu prüfen.
Wir betreten hiermit den Raum zukünftiger Möglichkeiten.

62 63
Gefahren und Chancen im weltpolitischen Zyklus Dabei enthält andererseits gerade eine multipolare Welt ge-
wisse Ansätze für den Weltfrieden, die im Bipolarismus schwer
Keine der drei Gestalten der Weltpolitik ist - so sagte ich y,u entwickeln sind. Eine Ordnung der Welt, der die Menschen
-gegen den Übergang in einen Weltkrieg gesichert, obwohl jede innerlich zustimmen können, muß die Komponente des
gewisse, ihr eigentümliche Friedenschancen enthält. ge-ichriebenen und appellablen Rechts enthalten. Es muß
Am gefährlichsten ist wohl die gegnerische Bipolarität. Man- Sicherheit der Verträge, Schutz des Schwächeren und für
che politische Wendungen der vergangenen 20 Jahre kann man Streitigkeiten Verfahrensregeln und Schiedsgerichte geben.
nur verstehen, wenn man die beiderseits erwogenen, aber nicht Rechtliche Formen aber entwickeln sich auch unter
geführten Kriege strategisch durchspielt. Wie prekär ist eine Einzelmenschen nur, Wenn mehrere Partner an ihnen teilhaben.
Friedenssicherung, die darauf angewiesen ist, daß keiner der Wo nur zwei Partner lind, entstehen Gewohnheiten des
Gegner sich eine hinreichende Siegeschance ausrechnen kann! Umgangs miteinander, aber keine Rechtsnormen. Für
Das Gleichgewicht des Schreckens wäre an dem Tage zu Ende, polyzentrische Machtsysteme gilt die schon aus der
an dem z.B. eine der beiden Seiten früher als die andere eine italienischen Renaissance stammende, im »europäischen
effektive Antirakete entwickelt hätte. Wenn es in einem solchen Konzert« durch Jahrhunderte bewährte Erfahrungsregel, daß
Fall weder zum Präventivkrieg noch zur politischen Kapitula- wenigstens fünf Großmächte zum Gleichgewicht nötig sind, so
tion des dann Schwächeren kommen wird, dann höchstens, daß jeweils die drei schwächeren die zwei »tärkeren
weil die Weltpolitik bis dahin genug Elemente einer permanenten kompensieren können. Eine föderative Zentralinstanz mit
Friedensordnung enthalten wird, um dem Stärkeren die ihm Waffenmonopol, wie sie meinem Empfinden nach im
mögliche Machtausübung aus nichtmilitärischen Rücksichten gesicherten Weltfrieden nötig sein wird, kann fast nur entstehen,
heraus zu verbieten. Es ist leichtfertig, zu hoffen, unsere eigene wenn der kollektive Wille aller jedem einzelnen Glied an Macht
Seite werde in diesem Fall der Stärkere sein und werde zudem weit überlegen ist. Wie weit der heutige Polyzentris-inus
die Vernunft des Handelns bewahren. Bessere hiervon entfernt ist, zeigt die Schwäche der Vereinten
Stabilitätsgarantien müssen zuvor entwickelt werden. Nationen.
Aber auch die Multipolarität ist voller Gefahr. Wenn sie, wie Man wird also sagen müssen, daß die wirkliche Chance des
ihre lautstärksten Verfechter wollen, mit der Ausbreitung der Weltfriedens heute genauso weit reicht, als die beiden Groß-
Atomwaffen auf mehr Nationen verbunden ist, so sind wir in mächte zu seinen Gunsten zu kooperieren bereit sind. Das
Zukunft nicht mehr auf die Vernunft zweier Regierungen, mindeste ist das bisher erfolgreich geübte Zurückschrecken vor
sondern auf die von 5 oder 20 oder, eines utopischen Tages, 100 dem Kriegsausbruch, die Beschränkung der Krisen auf be-
Regierungen der Welt angewiesen. Die politischen Anlässe grenzte Felder. Wollten die beiden weitergehen, schließlich bis
zum Waffeneinsatz bieten sich in der multipolaren Welt sou- zur Konstruktion einer stabilen Friedensordnung, so hätten sie
veräner Staaten ständig. Freilich ist ein Staat, der ein paar dazu die Macht. Doch sind dabei zwei Schranken zu beachten.
Atombomben besitzt, noch keine wirkliche Atommacht. Die Die eine ist die vorhin genannte Fortdauer ihrer objektiven
Träger- und Steuerungssysteme der Großmächte, die erst kon- Konkurrenzsituation, die sich psychologisch auch in einem
zentrierten Waffeneinsatz ermöglichen, sind noch auf Jahr- vielleicht unüberwindbaren gegenseitigen Mißtrauen äußert.
zehnte nicht einzuholen. Aber jedes auftretende atomare Die zweite liegt in der Unwilligkeit des Restes der Welt, sich
Chaos wird entweder die Weltmächte auf entgegengesetzten einem Diktat der großen Zwei zu fügen. Hier würde sich für
Seiten in den Kampf ziehen oder ihre Tendenz steigern, ge- die beiden, gerade wenn sie zur engen Zusammenarbeit bereit
meinsam der Gefahr zu steuern, also jedenfalls die multipolare wären, der Weg gabeln. Der harte Weg wäre es, die gemeinsam
Unordnung beenden. beschlossene Regelung mit Gewalt durchzusetzen. Das wäre
heute vielleicht nicht ohne einen Krieg gegen China möglich,

64 65
vor dem sie, ohne sehr manifeste Herausforderung durch Wiedervereinigung Deutschlands
China, wohl zurückschrecken werden. Der weiche Weg müßte
soviel Polyzentrismus als möglich in das geplante Friedens- und Europas
system einbauen, was innen- und außenpolitisch gleichviel Ge-
duld erfordern würde. Vor allem ist die echte Delegation der
Macht an eine übernationale Instanz bis auf weiteres wohl für
keine der beiden Regierungen innenpolitisch möglich, auch
wenn sie sie wünschte. Was auf dem Wege kooperativer Thesen zur internen Diskussion
Bipola-rität vorerst maximal zu erreichen sein wird, sind also
wohl Teilbereinigungen von Krisenherden, welche die Wie alle thesenhaften Formulierungen sind die nachstehenden
Souveränität der Weltmächte nicht aufheben, sondern allenfalls Sätze Vereinfachungen und Stilisierungen. Ihr Zweck ist,
vertraglich binden. Anhaltspunkte zu geben, an denen Zustimmung oder
In dieser Analyse der Chancen und Gefahren sehe ich die Wider-ipruch lokalisiert und dadurch weitere Diskussionen,
Begründung der These, nach der wir vom institutionell gesi- insbe-»ondere auch die Ausarbeitung anderer als der hier
cherten Weltfrieden sehr weit entfernt sind, so weit, daß ein besprochenen Variante unserer Politik, ausgelöst werden
qualitativer Sprung dazu nötig scheint. Wie groß die tatsäch - können. Für die öffentliche Debatte halte ich solche Thesen für
liche Kriegsgefahr heute ist, bleibt subjektiven Schätzungen ungeeignet.
überlassen. Ich selbst würde, wenn die kommenden dreißig
Jahre von feindlicher Bipolarität (kaltem Krieg) bestimmt wä-
ren, angesichts der vielen technischen und politischen A, Grundsätzliches
Unvor-hersehbarkeiten, für diesen Zeitraum dem
Kriegsausbruch wenigstens gleiche Chancen wie der
1. Solange die gegenwärtige weltpolitische Lage in ihren
Friedenserhaltung geben. Ein rein multipolares System würde
(»rundzügen fortdauert, ist eine staatliche Wiedervereinigung
meines Erachtens die Kriegsgefahr eher vermehren als
Deutschlands unmöglich.
vermindern; es würde höchstens die möglichen Kriegsanlässe
2. Eine deutsche Wiedervereinigung wird nur möglich sein
verschieben. Eine vernünftig den Polyzentrismus einbauende
AU Teil eines politischen Prozesses, den man Wiedervereini
kooperative Bipolarität wäre, solange sie dauert, wohl bei
gung Europas nennen kann.
weitem die gefahrloseste vorläufige Ordnung; aber eben ihre
3. Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Wiedervereinigung
Dauer vorherzusagen ist schwer.
Kuropas bald, d.h. innerhalb der nächsten zehn Jahre, in Gang
kommt, darf man vielleicht auf Vy schätzen.
4. Die Wahrscheinlichkeit dafür, daß die Wiedervereinigung
Huropas zwar nicht bald, aber später, d.h. nach Ablauf eines
oder mehrerer Jahrzehnte, eintreten wird, kann man vielleicht
wiederum auf Vy schätzen.
5. Das letzte Drittel, d.h. die Annahme, die Wiedervereini
gung Europas werde in dem unserer politischen Phantasie
heute erreichbaren Zeitraum überhaupt nicht anlaufen, er-
»eheint mir nahezu gleichbedeutend mit der Annahme, irgend
wann in diesem Zeitraum werde der dritte Weltkrieg stattfin
den.

66 67
6. Politische Vorbedingungen einer baldigen Wiedervereini ren würde; man darf voraussetzen, daß beide diesen Ausgang
gung Europas lassen sich heute im Umriß formulieren; dem Ihres Konflikts zu vermeiden suchen.
dienen die Thesengruppen B bis E. k) einen Sieg einer der beiden Seiten mit wirtschaftlichen und
7. Die mögliche politische Gestalt einer späteren Wiederver politischen Mitteln unter Einschluß des Mittels kleiner Kriege;
einigung Europas heute auszumalen wäre ein müßiges Begin diese Hoffnung hat beide Seiten in der Ära des kalten Kriegs
nen. Doch gibt es gute Gründe für die Annahme, daß in einigen befeuert, dürfte heute aber auf beiden Seiten sehr zurückgegan-
Jahrzehnten fortdauernder Spaltung Europas und Deutsch gen sein.
lands die Eigenstaatlichkeit beider jetziger deutschen Staaten c) das Aufkommen anderer, ihnen vergleichbarer Mächte;
so starke Wurzeln geschlagen haben wird, daß eine dann erst heute ist dafür China der einzige Kandidat, oder etwa ein
beginnende Neuordnung Europas nur eine gute Nachbar Bündnis mehrerer Mächte; heute läuft zwar die Entwicklung in
schaft, aber keine Wiedervereinigung der beiden deutschen dieser Richtung, ist aber noch weit vom Ziel.
Staaten zur Folge haben würde. d) die Errichtung einer übernationalen Autorität mit Waffen
8. Ein dritter Weltkrieg würde vermutlich vom deutschen monopol; auf die sehr lange Sicht scheint mir dies die einzige
Volk höchstens einen dezimierten Rest übriglassen. Alternative zum dritten Weltkrieg, aber für die nähere Zukunft
9. Es gibt also starke Gründe für die Vermutung, daß eine .scheidet es als reales politisches Ziel aus.
staatliche Wiedervereinigung Deutschlands entweder auf dem 14. Die Konkurrenzsituation kann nicht enden durch
Wege über eine baldige Wiedervereinigung Europas oder über a) eine politische Systemänderung in einer der beiden Natio-
haupt nicht möglich sein wird. nen; auch ein kommunistisches Amerika oder ein demokrati-
sches Rußland wäre nach wie vor objektiv Konkurrent der an-
deren Nation um die Weltmacht.
B. Motive für die Weltmächte h) einen Akt guten Willens der beiderseitigen politischen Füh-
rung; ein solcher Akt kann die Folgen der Konkurrenzsitua-
10. Die wichtigste Vorbedingung für eine Wiedervereini tion vorübergehend dämpfen und dadurch die Errichtung einer
gung Europas wäre, daß die beiden Weltmächte ihr gemeinsa festen Weltordnung vorbereiten, kann aber permanente Wir-
mes Interesse darin fänden, auf diese Weise die zwischen ihnen kungen nur haben durch institutionelle Bindungen eines Aus-
stehenden europäischen Probleme zu entschärfen. maßes, zu dem heute auf beiden Seiten die Bereitschaft fehlt
11. Es ist möglich, aber keineswegs sicher, daß diese Bedin (vgl. 13 d).
gung eintreten wird. Die in den Thesen 3, 4 und 5 benutzten c) spezielle organisatorische Maßnahmen wie z. B. Abrüstung;
Wahrscheinlichkeiten beruhen vor allem auf meiner Schätzung die Rüstungen sind Folge und nicht Ursache der Konkurrenz-
der Chancen der Erfüllung dieser Bedingung. situation.
12. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion befinden 15. Ein Abbau der gegenseitigen Spannungen und Bedro
sich in der objektiven Situation einer Konkurrenz um die He hungen liegt gleichwohl gegenwärtig im Interesse beider
gemonie in der Welt, aus der sich zu lösen nicht im freien Willen Mächte. Daran ist vor allem das Aufkommen dritter Mächte
ihrer politischen Führung steht, selbst falls diese es auf beiden und Störenfriede wie China, Frankreich, Ägypten, Indonesien,
Seiten wünschen sollte. Kuba schuld. Das Rüstungspatt vermindert zwar die Kriegs
13. Diese Konkurrenzsituation könnte definitiv enden durch gefahr, lähmt aber eben dadurch die Aktionsfreiheit beider
a) einen Weltkrieg, der wahrscheinlich zur Vernichtung der Mächte gegenüber Dritten. Diese wäre durch eine Entschär
Machtbasis, vielleicht der Existenz beider Nationen, oder, mit fung der Konkurrenzsituation in höherem Maße wiederzuge-
geringerer Wahrscheinlichkeit, zum Sieg einer von beiden füh- winnen.

68 69
16. Das Extrem des denkbaren Spannungsabbaus wäre ein 11. Die Bundesrepublik müßte dem Plan zwar einige zen-
Bündnis zwischen Amerika und Rußland, also eine Vertagung trale Thesen ihrer bisherigen Deutschlandpolitik opfern, aber
des Austrags ihrer weltpolitischen Konkurrenz und die Errich nur solche Thesen, deren Unhaltbarkeit auf die Dauer heute
tung einer Pax Russo-Americana. Dies erscheint vorerst nicht allen Ausländern und vielen Deutschen klar ist. Sie würde dafür
wahrscheinlich. Aber es gibt viele Möglichkeiten zwischen die die mutmaßlich einzige reale Chance einer Annäherung an die
sem Extrem und der Wiederverschärfung des kalten Kriegs. Wiedervereinigung Deutschlands eintauschen.
17. Die gegenseitige Lähmung der beiden Weltmächte und 23. Die DDR würde die vorläufige Anerkennung ihrer
ihre Unfähigkeit, sich zu einem Bündnis zusammenzufinden, itaatlichen Existenz erhalten um den Preis einer faktischen Iso-
hat dem Entstehen eines weltpolitischen Polyzentrismus Vor lierung ihres heutigen Regierungssystems. Es ist anzunehmen,
schub geleistet. Dieser hat den Vorteil, notwendige Machtver daß sich ihre jetzige Regierung daher der Regelung widersetzen,
schiebungen und Interessenausgleiche leichter in Gang kom die Mehrzahl der Bevölkerung (einschließlich eines erheblichen
men zu lassen als die Bipolarität. Er enthält andererseits eine Teils der kommunistischen Führungsschicht) ihr aber
Erhöhung der Weltkriegsgefahr, da er die Weltmächte ständig zustimmen würde.
in die Lage bringt, auf entgegengesetzten Seiten an Streitigkei
ten Dritter teilzunehmen. Dies legt eine Kanalisierung und Bei
legung der Konflikte durch globale und regionale Abkommen I). Durchführung
nahe, welche durch die Billigung oder Garantie der Weltmächte
stabilisiert würden. 24. Ein wiedervereinigtes Europa müßte im engeren Sinn
18. Die »Wiedervereinigung Europas« kann unter diesen vom Atlantik bis zur russischen Westgrenze, im weiteren Sinn
Aspekten im Interesse beider Weltmächte liegen. von San Francisco bis Wladiwostok reichen.
25. Das wiedervereinigte Europa im engeren Sinne müßte
vorerst ein Bündnis souveräner Staaten mit gewissen vertrag
C. Motive der europäischen Nationen lich festgelegten gegenseitigen Pflichten sein.
26. Dieses Bündnis kann nur beginnen mit der vollen Billi
19. Es gibt keine objektiven vitalen Interessen einer euro gung, vermutlich unter der Garantie der beiden Weltmächte.
päischen Nation, die durch eine baldige Wiedervereinigung Daher ist es ohne eine stärkere Annäherung der beiden unmög
Europas verletzt würden, wohl aber viele, die dadurch geför lich. Wenn es längere Zeit dauert, wird es ein Eigengewicht ge
dert würden. winnen, das dieser Garantie nicht mehr bedarf. Da auch die
20. Die westeuropäischen Nationen könnten ihr eine grö Weltmächte das vorherwissen, müßten beide dieses Bündnis als
ßere Sicherheit gegenüber Rußland und eine Beruhigung des ihren langfristigen Interessen gemäß ansehen. Diese Bedingung
deutschen Problems sowie die Chancen eines erweiterten wirt ist wichtiger als alle Einzelinteressen der Bündnispartner
schaftlichen Markts verdanken. Unter Abstrich der nicht im selbst. Nur in diesem Sinne der Einschätzung der objektiven
objektiven Interesse Europas (auch Frankreichs) liegenden an Interessengemeinschaft müßte die Regelung den gesamten
tiamerikanischen Tendenzen entspricht eine solche Regelung Raum Nordamerikas, Europas und Sibiriens umfassen.
dem, was de Gaulle in der letzten Zeit anstrebt. 27. Das Bündnis ist unmöglich, wenn es eine antiamerikani
21. Die osteuropäischen Nationen würden ihr genau das sche oder eine antirussische Tendenz hat.
Maß an Unabhängigkeit von Rußland verdanken, das heute 28. Die vermutlich größte objektive Schwierigkeit für das
überhaupt erreichbar ist, und damit freiere Bahn auf dem Wege Bündnis bietet die Regelung der Rüstungen der Bündnispart
der Wiederherstellung freiheitlicher Lebensformen. ner. Vermutlich wäre Rückzug der amerikanischen und der

70 71
russischen Truppen aus dem Bündnisgebiet notwendig. Jedoch B. Deutschland
wäre die Fortdauer der Präsenz »symbolischer« Streitkräfte
beider Weltmächte in ihren bisherigen Besatzungsgebieten, }}. Keine europäische Nation außer der deutschen hat ein
vielleicht sogar Präsenz beider im ganzen Bündnisgebiet ein direktes objektives Interesse an der deutschen Wiedervereini-
stabilisierender Faktor, um die Rückkehr im Fall eines Ver- gung. Für viele heute lebende Europäer ist die
tragsbruchs wahrscheinlicher zu machen. Die Rüstungen der Wiederentste-nung eines einheitlichen deutschen Staats ein
Bündnispartner selbst wären bis auf weiteres nicht zu fusionie- Alptraum. Auch die Kommunisten der osteuropäischen Länder
ren, aber nach einem Schlüssel zu begrenzen. sind heute weniger am Fortbestand der jetzigen Regierung der
29. Die wirtschaftlichen Probleme müssen Gegenstand ei DDR als am fortbestand der deutschen Teilung interessiert.
ner besonderen Studie werden. 34. Wir haben nicht nur nicht die Macht, die deutsche Wie
30. Innenpolitisch wird keine Angleichung der Systeme ge dervereinigung zu erzwingen. Wir haben aus dem unter 33.
fordert; es ist jedoch zu vermuten, daß sie automatisch einan genannten Grund auch nicht die Möglichkeit, eine sofortige
der näherkommen werden. Vorbedingung ist also nur gegen Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands als Be
seitige Duldung. Diese besteht heute, trotz aller Beschimpfun dingung unserer Teilnahme an einer größeren europäischen
gen, seit vielen Jahren de facto. Sie würde dann in einem neuen Regelung durchzusetzen.
Sinne de jure bestehen. Es ist zu hoffen, daß eben dies die Mo 35. Andererseits haben alle europäischen Nationen ein ob
tive der beiderseitigen Verhärtung, die in der gegenseitigen jektives Interesse an einer Entschärfung des deutschen Pro
Angst bestehen, unwirksamer machen und so insbesondere die blems. Diese Entschärfung ist solange nicht möglich, als die
Liberalisierung der osteuropäischen Länder fördern würde. Teilung Deutschlands gegen den Willen des deutschen Volks
31. Eine übernationale Instanz für Rechtsfragen erscheint aufrechterhalten wird.
notwendig, auch wenn sie nicht leicht zu schaffen ist. Die offi 36. Beiden Gesichtspunkten würde die folgende Regelung
zielle Anerkennung eines Prinzips der Rechts Staatlichkeit Rechnung tragen: Die Bundesrepublik und die DDR treten als
sollte Teil des Bündnisvertrages sein. Damit wäre zu verbinden souveräne Partner in das europäische Bündnis ein. Ihre gegen
eine Instanz (etwa ein Schiedsgerichtshof) für Streitigkeiten der seitigen Beziehungen unterstehen denselben liberalisierenden
Bündnispartner untereinander, eine Regelung der Behandlung Regelungen wie die Beziehungen aller Bündnispartner unter
privatrechtlicher Probleme zwischen Bürgern verschiedener einander. Außerdem verpflichten sich beide deutschen Staaten,
Bündnispartner und womöglich auf die Dauer die Errichtung unter der Garantie und Kontrolle aller Bündnispartner, 10
eines obersten europäischen Appellationshofs als Beginn einer Jahre nach Abschluß des Bündnisvertrages eine freie und ge
übernationalen Rechtsordnung. Rechtsstaatlichkeit hat histo heime Abstimmung ihrer Bürger darüber durchzuführen, ob
risch und sachlich den Vortritt vor den anderen Elementen der sie sich wieder zu einem Staat vereinigen sollen. Die Wieder
Demokratie. Ihre Sicherung ist in den kommunistischen Län vereinigung findet statt, wenn in jedem der beiden Staaten die
dern die vordringliche Aufgabe. Mehrheit der abgegebenen Stimmen für sie entschieden hat.
32. Freizügigkeit der Individuen innerhalb des europäi 37. Der Status Berlins ist bis zur Abstimmung aufrechtzuer
schen Raums ist als Endziel unerläßlich und, wenn nicht sofort, halten und durch die Gesamtheit aller Bündnispartner, gegebe
so schrittweise zu realisieren. nenfalls einschließlich der Weltmächte, zu garantieren. Gegen
eine Einbeziehung der ganzen Stadt in diese Regelung wären,
wenn die anderen Bedingungen erfüllt wären, vom Westen her
vermutlich keine Einwände zu erheben. Geht die Abstimmung
für Wiedervereinigung aus, so tritt Berlin in den gesamtdeut-

72 73
sehen Staat zurück. Die Regelung des Berliner Status bei Ab-
stimmungsausgang gegen Wiedervereinigung wird nach Ab-
Friedlosigkeit als seelische Krankheit
lauf der bis dahin vergangenen 10 Jahre leichter auszuhandeln (1967)
sein als zu Beginn des Bündnisses, sollte also wenigstens nicht
im Detail vorgeplant werden.
Bitte erlauben Sie mir, meinen Vortrag mit einer persönlichen
Erinnerung zu beginnen. Mitten im Zweiten Weltkrieg habe ich
F. Schlußbemerkung •inmal Bethel besucht. Pastor Fritz v. Bodelschwingh war kurz
8uvor tief besorgt von einer seiner Reisen nach Berlin
38. Das Ziel dieser Aufzeichnung ist nicht, diesen Plan zu zurück-gekammen. In seinen dortigen Gesprächen mit den
propagieren, sondern die Prüfung seiner Möglichkeit und führenden nationalsozialistischen Funktionären des
Wünschbarkeit anzuregen. Dazu gehört eine detaillierte Gesundheitswesens war es wieder einmal darum gegangen, ob
Durchführung der in D. und E. angedeuteten Vorschläge und es ihm gelingen würde, den Vollzug des geheimen
ihr Vergleich mit einer ebenso sorgfältigen Ausarbeitung der Euthanasiebefehls Hitlers von den Tausenden der Betheler
anderen Möglichkeiten, die sich unserer Politik heute bieten. Kranken abzuwenden. Bodel-»chwingh nahm hier wie stets
Danach wäre die Reaktion außerdeutscher Sachkenner zu prü- seine Gesprächspartner menschlich ernst. Er suchte eine Sprache
fen. Erst dann läßt sich entscheiden, ob die Gedanken öffent- zu finden, die sie verstanden, er rang mit ihnen um den Wert
lich zu erörtern sind. auch des leidenden, verhüllten menschlichen Lebens; und auf
eine in den Ursachen nie ganz aufgeklärte Weise ist es ja
schließlich dazu gekommen, daß der Abtransport und die
Tötung der Betheler Kranken unterblieb. Diese Dinge
bewegten ihn, als ich mit ihm und seiner Frau -wenn ich mich
recht erinnere - am Frühstückstisch saß. Da ertönte auf einmal
vor dem Fenster des ebenerdigen Zimmers eine jugendliche und
doch etwas brüchige Männerstimme, die allein einen Choral
sang. Frau v. Bodelschwingh bedeutete mir, daß heute der
Geburtstag ihres Mannes sei; der leicht schwachsinnige junge
Mann, einer der vielen ganz persönlichen Schützlinge ihres
Mannes, lasse sich diese Form des Geburtstagsgrußes nicht
nehmen. Wir hörten zu dritt den Gesang an; zuletzt wurde der
Sänger freundlich begrüßt und entlassen, und wir kehrten zum
Thema des Gesprächs zurück. Pastor Fritz sagte nachdenklich:
»Ja, wenn ich so aus Berlin zurückkomme und mich in Bethel
von der Pforte an diese meine lieben kranken Freunde in ihren
sonderbaren Weisen begrüßen, dann bin ich wieder zu Hause.
Da muß ich oft denken: die hier sind doch nur im Kopf verrückt,
aber die in Berlin sind im Herzen verrückt.«
Dies führt mich auf das Thema meines Vortrags. Die Welt
jener Berliner Befehlsträger war eine Welt nicht ohne einsatz-
bereiten Idealismus und nicht ohne scharfe Intelligenz, aber sie

74 75
war eine Welt furchtbarer Friedlosigkeit. Bodelschwingh nahm Eritens: Was sollen diese Beteuerungen? Wir leben ja im
auch diese Menschen ganz und gar ernst, aber er nahm sie ernst Weden. Gerade die großen Waffen schützen den Frieden.
als unwissentlich kranke Menschen - als im Herzen Verrückte. Darauf antworte ich: Woran erkennen wir, daß dieser Friede
Gerade weil er mit Kranken menschlich sprechen konnte, Inders ist als friedliche Jahrzehnte früherer Zeiten? Oft
konnte er auch mit jenen Funktionären menschlich und darum htrrtchte zwischen Großmächten in der Spanne zwischen dem
wirksam sprechen. Er verstand die Friedlosigkeit als seelische IftEtvergangenen und dem nächstfolgenden Krieg die Ruhe der
Krankheit. Hier muß ich nun ein zweitesmal einsetzen. Eine Waffen, in welche freilich, wie auch heute, sogenannte Randge-
Anekdote wie die, die ich erzählt habe, mag als Blickfang geeig- biete und Spannungszonen nicht einbezogen waren. Diese Art
net sein, aber gerade darum enthält sie die Gefahr, zu dei Friedens reicht für uns nicht aus. Uns mit ihr zufriedenzu-
verdek-ken, daß ich von unserem eigenen Alltag zu reden geben ist lebensgefährlich. Der große, atomare Krieg als wie-
verpflichtet bin. Die Nazis zu verdammen ist heute leicht, und derkehrende Institution wäre tödlich. Das ist anderwärts zur
indem Friedlosigkeit an den Nazis demonstriert wird, sind wir Genüge auseinandergesetzt; heute gehe ich auf technische Ein-
alle getrost, daß von den Bösen und nicht von uns die Rede ist. zelheiten nicht ein. Wir bedürfen eines institutionell gesicherten
Umgekehrt: von einem Bodelschwingh läßt man sich gern er- Weltfriedens.
zählen, wie er auch seine Feinde liebt, denn unsere Gesellschaft Zweiter Einwand: Dieser Gedanke ist schwärmerisch, uto-
kann froh sein, wenn es in ihr Menschen gibt, die so etwas lei- pisch. Es hat immer Krieg gegeben und wird immer Krieg geben.
sten, was man von uns normalen Menschen nicht verlangen So ist die Natur des Menschen. Der Kampf ums Dasein ist der
darf. Mit diesen zwei naheliegenden Fehlern ist dann der Sinn Motor des Fortschritts, und vollendete Friedfertigkeit ist den
der Geschichte ins Gegenteil verkehrt; denn nicht vom Außer- Heiligen vorbehalten. Wir aber sind keine Heiligen.
gewöhnlichen, sondern vom Alltag soll die Rede sein. Wie ich schon sagte, kann man oft genug diesen Einwand aus
Ich setze daher zum zweitenmal an mit einem Problem, das demselben Munde hören wie den vorigen. Dieselben Menschen
der heutigen Welt, also uns allen gestellt ist, dem Problem des meinen, wir lebten ja im Frieden und Friede sei bloß ein frommer
Weltfriedens. Über dieses Problem habe ich mir einige Thesen Wunsch. Der unbemerkte Selbstwiderspruch ist, psychologisch
zurechtgelegt und bitte um Entschuldigung dafür, wenn ich Reschen, wohl hier wie so oft Ausdruck einer Verdrängung. Man
diese Thesen hier noch einmal zum Ausgangspunkt der Be- verdrängt ein Wissen, dessen Anblick man nicht erträgt. Im
trachtung mache. normalen Seelenleben ist Verdrängung oft ein unentbehrliches
Der Weltfriede ist Lebensbedingung des technischen Zeit- Mittel zur Wahrung des seelischen Gleichgewichts. Wo aber
alters. Das technische Zeitalter, das ist unsere Zeit, unser Alltag lebensnotwendige Einsichten verdrängt werden, kann die Ver-
und der Alltag unserer Kinder und Enkel. Es ist die Welt, in der drängung zwanghaft, neurotisch werden. Die Verdrängung des
man zu einer Tagung wie der heutigen mit Auto, Eisenbahn Friedensproblems ist in unserer Zeit ein Symptom einer seeli-
oder Flugzeug anreisen kann, in der unsere Ernährung und schen Krankheit. Diese Behauptung will ich im ganzen weiteren
Kleidung am Welthandel hängt, in der die Medizin die Zahl der Verlauf des Vortrags zu erläutern suchen.
Weltbevölkerung zur Explosion bringen kann und, wie wir Rational ist auf den zweiten Einwand zu antworten: Wäre
hoffen müssen, auch begrenzen kann und in der Atombomben der Krieg mit allen verfügbaren Waffen auch im technischen
und Napalm das verfügbare, biologische Waffen vielleicht das Zeitalter unvermeidlich, so wäre die Zukunftsaussicht der
künftige Kriegspotential andeuten. Diese Welt bedarf des Frie- Menschheit so gut wie hoffnungslos. Die Spezies Mensch wäre
dens, wenn sie sich nicht selbst zerstören soll. dann eine der vielen Fehlkonstruktionen, die der Kampf ums
Ich bespreche zwei einander entgegengesetzte Einwände, die Dasein hervorbringt und wieder verschlingt, wie vielleicht die
doch oft von denselben Menschen erhoben werden. Säbeltiger, die, wie es scheint, an der Hypertrophie ihrer Waf-

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fen zugrunde gegangen sind. Die Wahrheit aber ist anders. Wir jj mit sich selbst, sie löst ein Stück Friedlosigkeit auf;
haben die möglichen Lebensformen der technischen Welt ver- |U gewährt einen Raum inneren Friedens. So, meine ich allge-
nünftig zu entwerfen und politisch durchzusetzen. Hierfür mein, ist Wahrheit Seele des Friedens, und jeder Friede Leib
habe ich eine weitere These formuliert: Der Weltfriede, den wir tilMr Wahrheit. Die moralische Anstrengung, von der ich ,
jetzt schaffen müssen, ist nicht das goldene Zeitalter der ist nicht die Befolgung eines vorgeformten Moral-x. Sie ist
Konfliktlosigkeit. Er ist eine neue Form der Kanalisierung der nur der nicht ruhende Versuch, der Wahrheit an-ttchtig zu
Konflikte. Er ist Weltinnenpolitik. Ich vermute, daß er einer, werden, die unsere innere Friedlosigkeit löst, und ditier
möglichst föderativen, Zentralautorität mit Waffenmonopol Wahrheit gemäß zu leben, auch und gerade angesichts dar
bedürfen wird. fortdauernden Friedlosigkeit um uns und in den uner-lölten
Hierauf höre ich manchmal einen ganz anderen Einwand als Schichten unseres eigenen Selbst.
die vorigen. Er lautet: Dieses Zukunftsbild ist die Ausdehnung Dies ist das abstrakte Schema, das nun mit konkretem Inhalt
des Gewaltstaats auf die ganze Welt. Das ist kein Friede, son- KU erfüllen ist.
dern die technokratisch organisierte Tyrannis, die erstarrte Zunächst frage ich, gleichsam rekapitulierend, was in der
Friedlosigkeit. Diagnose der Friedlosigkeit als einer seelischen Krankheit im-
Ich antworte: Wer diesen Einwand erhebt, hat meine Sorge pliziert ist. Es mögen vier Punkte sein:
verstanden. Die Abschaffung der Institution des Kriegs ist le-
bensnotwendig. Der billigste Weg zu ihr ist aber ein letzter, i. Friedlosigkeit ist nicht ein Aspekt menschlicher Gesund-
größter Krieg und die darauffolgende Einfrierung der Fried- heit, sondern menschlicher Krankheit. Sie ist also weder etwas,
losigkeit. Eben deshalb habe ich eine dritte These formuliert: was sein soll, noch etwas, was leider unausweichlich sein muß.
Der Weltfriede bedarf, um wahrhaft Friede zu werden, einer Hierüber wird das Mittelstück des Vortrags ausführlich han-
außerordentlichen moralischen Anstrengung. Man kann mein deln.
heutiges Thema auch als eine Interpretation des Wortes »mora- i. Es ist also ein sinnvolles Ziel, die Friedlosigkeit zu über-
lisch« im Begriff der notwendigen moralischen Anstrengung winden. Wir haben uns nicht mit ihr abzufinden.
auffassen. Ich wende mich hiermit von den politischen Plänen 3. Friedlosigkeit ist von außen her weder als Dummheit
und Prognosen, den Themen anderweitiger Darlegungen, ab noch als Bosheit anzusprechen; eben darum ist sie weder durch
und frage: was muß geleistet werden, damit wir Menschen zum Belehrung noch durch Verdammung zu überwinden. Sie bedarf
Frieden fähig werden? Was müssen wir leisten? eines anderen Prozesses, den man Heilung nennen sollte. Erst
Vorhin sprach ich von Einwänden, die ich als Ausdruck einer in der Heilung wird der Kranke selbst innewerden, inwiefern
Verdrängung verstand. Verdrängung ist ein Wort aus dem er als Kranker töricht und schuldig war.
Sprachschatz der Tiefenpsychologie. Der Psychotherapie ge- 4. Der Kranke, dessen Krankheit nicht oder noch nicht ge
lingt es manchmal, einen neurotischen Zwang zu lösen, indem heilt werden konnte, bedarf der Fürsorge. Heilung der Fried
sie dem Patienten hilft, einer verdrängten Wirklichkeit ansich- losigkeit ist, menschlich gesehen, nicht möglich ohne einen
tig zu werden. Das Ansichtigsein einer Wirklichkeit nennen Rahmen, der die Fürsorge für die Ungeheilten umfaßt.
wir Wahrheit. Solche seelische Heilung, wo sie gelingt, ist
Heilung durch Wahrheit, und zwar durch Wahrheit, die nicht Ich wende mich zum breiten Mittelstück des Vortrags, das dem
der Arzt dem Kranken autoritativ auferlegt - das ist nutzlos, ersten dieser vier Punkte gewidmet ist, der Frage, wo in der
denn für den Patienten ist sie dadurch noch nicht Wahrheit -, menschlichen Natur die Friedlosigkeit ihren Ort und ihren
sondern durch Wahrheit, die der Kranke selbst entdeckt. Ent- (»rund hat. Warum hassen wir einander und uns selbst, weit
deckte Wahrheit löst einen zuvor unlösbaren Konflikt des über das Maß hinaus, in dem wir es uns bewußt eingestehen?

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Der große Mythos, mit dem die biblische Geschichte des
KN sei zunächst an ein paar einzelne Mutmaßungen erinnert,
Menschen beginnt, läßt die Friedlosigkeit aus dem Sündenfall
die sich auf diese oder jene Wissenschaft berufen.
folgen. Der Sündenfall selbst aber geschieht in einer uns allen
Nach Darwin ist der Mensch als biologische Spezies aus der
tief vertrauten unbegreiflichen Grundlosigkeit. »Und die
natürlichen Zuchtwahl im Kampf ums Dasein hervorgegangen.
Schlange sprach zum Menschen...« Die Vertrautheit mit diesem
Die unmittelbare Anwendung dieses Denkschemas auf den
unbegreiflichen Vorgang, in der wir alle leben, ist der Kern
Portschritt der menschlichen Gesellschaft, oft
seelischer Wahrheit in der viel mißverstandenen Lehre von der
Sozialdarwinis-mus genannt, legt nahe, die heute bestehende
Erbsünde. Aber das Bewußtsein unseres wissenschaftlichen
Menschenart als die Nachkommen der Sieger historischer
Zeitalters hat keinen unmittelbaren Zugang mehr zu diesen
Kämpfe zu verstehen. Sieger im Kampf wird wohl bleiben, wer
mythischen Bildern. Sie geben keine kausale oder strukturelle
kämpfen kann und will. So erscheint die Feindseligkeit des
Erklärung und helfen uns daher nicht, uns im Einklang mit
Menschen gegen seinesgleichen als eine erblich erworbene
unserem alltäglichen Denken richtig zu verhalten. Sie werden
Vorbedingung des Überlebthabens. Ist die Aggressivität
eher dort herangezogen, wo wir eine Spaltung unseres Bewußt-
biologisch ererbt, so ist es leicht, sie heroisch zu idealisieren,
seins in den gemeinsamen Bestand wissenschaftlicher oder
wie es in unserem Lande Zuletzt der Nationalsozialismus getan
halbwissenschaftlicher Rationalität einerseits und eine Sphäre
hat; es ist dann aber sehr »chwer, auf ihre Überwindung in einer
privater Religiosität andererseits zulassen, d. h. in der Resigna-
Welt, die der Friedfertigkeit bedarf, zu hoffen. Die
tion, in der Ratlosigkeit des rationalen Denkens gegenüber
Friedlosigkeit ist dann gerade ein Merkmal des gesunden
dem Faktum des Unfriedens. Dort dienen sie dann dazu, unserer
Menschen und darum der Heilung weder bedürftig noch fähig.
Untätigkeit den Schein des Rechts zu geben, d.h., sie dienen dem
IViedensoptimistische Lehren haben darum danach gestrebt,
Unglauben: »Der Mensch ist eben aus dem Paradies vertrieben;
den Ursprung der Friedlosigkeit nicht in unserer Herkunft,
da kann man nichts machen.«
sondern in unserer sozialen Umwelt, im Milieu, zu finden.
Daher will ich im folgenden einer kausalen, an der Naturwis-
Denn unsere Umwelt können wir zu ändern hoffen, die Her-
senschaft orientierten Anthropologie folgen. Der Friede, den
kunft ist Schicksal. So sucht der Marxismus die Quelle der Ag-
die Wissenschaft erzwingt, muß, soweit es möglich ist, auch
gression in sozialen Verhältnissen, nämlich in der Herrschaft
mit den Mitteln der Wissenschaft gedacht werden.
von Menschen über Menschen. Er setzt damit ein klares Ziel:
Die Wissenschaft aber ist heute über die Gründe des Phäno-
der Gang der Geschichte hat zuletzt alle Herrschaft aufzuhe-
mens, das ich hier Friedlosigkeit nenne, nicht einig. Vielfache
ben; dann wird mit dem Quell auch der Strom der Aggression
Kenntnisse - biologische, tiefenpsychologische, soziologische,
versiegen. Diese Lehre hat die Kraft einer revolutionären
ökonomische, historische - sind zu ihrer Beurteilung nötig,
Handlungsanweisung. Man wird jedoch sagen müssen, daß die
Kenntnisse, die wohl kein einzelner Mensch in seinem Kopf
erfolgreiche historische Probe aufs Exempel bisher noch nicht
vereinigt. Die Wissenschaft findet sich vor den Lebensfragen
vorgelegt ist.
der Menschheit in einer Lage, die jedem Arzt vertraut ist. Der
Einen anderen Aspekt des Milieus hebt die Psychoanalyse
Arzt kann nicht warten, bis die Medizin alles erforderliche
hervor. Wir beobachten oft, daß Menschen sich zwanghaft ir-
Wissen gesammelt und geordnet hat; der Patient würde dar-
rational, insbesondere auch aggressiv verhalten, denen ihre ak-
über hinwegsterben. Der Arzt muß eine diagnostische Hypo-
tuelle Umwelt dazu keinen der Reaktion angemessenen Anlaß
these wagen und ihr gemäß handeln. So mag es dem Philoso-
gibt. Diese Menschen scheinen Vergangenes zu rächen oder zu
phen erlaubt sein, im Namen von Wissenschaften, in deren kei-
büßen. Freud entdeckte die Quelle neurotischer Zwänge in den
ner sein spezielles Fachwissen liegt, eine synthetische Diagnose
vergessenen ersten Kindheitsjahren. Niemand sollte über
zu wagen und sie der Kritik der Fachleute zu unterbreiten.
l'Viedlosigkeit und ihre Wurzeln in Angst und Aggression mit-
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In der humanistischen Tradition übersetzt man zoon oder
reden, der sich, wenn er nicht selbst Psychotherapeut ist, nicht
unimal zutreffend und doch etwas weichherzig mit Lebewesen
wenigstens von erfahrenen Psychotherapeuten an vielen kon-
kreten Einzelfällen hat erzählen lassen, wie wir durch unser und läßt den Menschen dann das vernünftige Lebewesen sein;
Verhalten zu unseren Kindern in den ersten zwei oder drei Le- damit fühlt man sich vom Tier weit genug abgerückt. Das ist
bensjahren ihnen unwissentlich Reaktionsweisen aufprägen, gefährlicher Hochmut. Mit tiefem Recht hat demgegenüber die
die nachher kaum mehr zu ändern sind. »Man könnte erzogene Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts die tierische Natur des
Kinder gebären, wenn nur die Eltern erzogen wären«, sagt Menschen wieder sehen gelehrt, indem sie uns zum ersten Mal
Goethe. Hier wird das erworbene Verhalten fast so schicksal- klarmachte, daß wir sogar in der Geschlechterfolge von den
haft, wie wenn es angeboren wäre, und es zeigt sich die tiefe Tieren abstammen. Darwin lehrte uns die Bedingungen
psychologische Wahrheit des als grausam verschrienen tieri-»chen Überlebens und tierischer Fortentwicklung sehen.
alttesta-mentlichen Satzes, daß die Sünden der Väter an den Selbst wenn man nicht behaupten darf, es sei heute
Kindern bis ins dritte oder vierte Glied gerächt werden. Wird es wissenschaftlich erwiesen, daß die Selektion im Kampf ums
glücken, dieses forterbende Dunkel durch Erziehung Dasein ausreicht, um die pflanzliche und tierische Evolution zu
aufzuhellen? erklären, so ist diese Selektion doch ohne jeden Zweifel ein
Gemeinsam ist den Umwelttheorien das Problem, was denn ausmerzender Faktor von der größten Bedeutung. Man wird
die Anlagen im Menschen sind, die ihn auf bestimmte familiäre also den Menschen nicht verstehen, wenn man nicht sein Erbteil
und gesellschaftliche Verhältnisse so zu reagieren veranlassen. biologischer Anpassung an die Bedingungen des Überlebens
Der Kampf um die begrenzt vorhandenen Güter, kurz der versteht. Vorhin nannte ich Angst und Aggression die Wurzeln
Hunger allein erklärt nicht die grenzenlose Aufhäufung von der Friedlosig-keit. Damit habe ich Friedlosigkeit als ein
Macht und Geld, die unstillbare Aggression des einst Unter- komplexes Phänomen bezeichnet. Dieser seiner komplexen
drückten. Der Marxismus nimmt hier, wenn ich richtig sehe, Natur kann ich in einem einzelnen Vortrag nicht gerecht werden.
als gegeben an, was er erklären müßte, und Freuds Theorie be- Es sei mir erlaubt, heute das Hauptgewicht auf die eine
durfte eines naturwissenschaftlich kaum geklärten Gefüges Komponente der Aggression zu legen. Das Wort Friedlosigkeit
von ihrerseits nun doch angeborenen Trieben. bezeichnet zum mindesten auch eine aus der Ordnung geratene
Es scheint mir, daß jede der drei Lehren, die ich hier aus Aggression. Die Aggression des Menschen aber hat ihre
manchen anderen herausgegriffen habe, einen großen Brocken Wurzeln in seiner tierischen Natur.
Wahrheit in der Hand hat, die aber durch die Isolierung von Andererseits sind die vorhin angedeuteten
anderen Tatsachen zur Unwahrheit wird. Für einen syntheti - sozialdarwinisti-schen Theorien im wesentlichen schlechter
schen Ansatz, der keine übertriebene Originalität beansprucht, Darwinismus, und das heißt eigentlich gar kein Darwinismus.
mag es zweckmäßig sein, an eine klassische Definition des Sie vernachlässigen das fundamentale Faktum, daß nicht
Menschen anzuknüpfen. Der Mensch heißt in der überlieferten Individuen, sondern Arten überleben und daß alles Überleben
Philosophie ein animal rationale, oder, um die schärfere grie- einer Art im Durchschnitt der Fälle wesentlich daran hängt, daß
chische Urfassung zu zitieren, ein zoon logon echon, also auf Artgenossen einander nicht töten. Um es ganz darwinistisch
deutsch ein Tier, das der Rede mächtig ist. Ich gebe hier Logos, auszudrücken: wäre die Natur im Würfelspiel der Mutation
wovon Ratio die lateinische Übersetzung ist, dem schlichten (Veränderung im Krbgefüge) nicht auf Konstruktionspläne für
Wortsinn gemäß mit Rede wieder. Damit ist natürlich Rede Organismen verfallen, die angeborenermaßen den
gemeint, die einen Sinn hat, wie man also sagt vernünftige Artgenossen schonen, so wäre die Entwicklung bis zum
Rede, oder, wie Heidegger schön paraphrasiert, die Wahrheit Menschen gar nicht möglich gewesen. Das biologisch
vorliegen läßt. Ich halte mich der Reihe nach an die zwei Teile Erstaunliche ist eben nicht, daß es Tiere gibt, die gegen
der Definition, erst an das Tier, dann an die Rede. ihresgleichen friedfertig sind, sondern daß
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Aggression gegen Artgenossen gerade bei höheren Tieren so lind nach Lorenz ritualisierte Aggressionsgesten. Hier gewinnt
verbreitet ist und sich beim Menschen - und nur bei ihm - bis die von Humanpsychologen oft bedauerte Ambivalenz des
zur systematischen Tötung von seinesgleichen versteigt. Terminus Aggression einen genetischen Sinn, eine Ambiva-
Eine moderne, gut darwinistische Theorie der Aggression lenz, die das Bedeutungsfeld von einem Vernichtungstrieb bis
gegen Artgenossen hat Konrad Lorenz vorgelegt, und eigent- BUm präzisen Angehen eines Objekts überdeckt (vgl. z.B.
lich müßte ich eine besondere Vortragsstunde benutzen, um sie Erikson, Insight and Responsibility, S. 212). Im deutschen
zu referieren. Ich rechne darauf, daß sein Buch »Das soge- Wort »angreifen« liegt dieselbe Ambivalenz; man greift einen
nannte Böse« - das, wie er selbst nachträglich gesagt hat, besser Feind, aber auch eine Aufgabe an. Aggression, so darf man viel-
hätte heißen müssen »Diesseits von Gut und Böse« - allgemein leicht sagen, schafft Struktur; sie individualisiert. Hat man dies
bekannt ist, und referiere das mir jetzt Wichtigste in Stichwor- einmal erfaßt, so kann man die ritualisierte Aggression in allen
ten. Strukturen menschlicher Gemeinschaft wiederfinden, bis hin
Spezifische Aggression gegen Artgenossen, aber fast durch- y.u jenen subtilen Hemmungssystemen, die gerade waffentra-
weg verbunden mit einer Hemmung oder physischen Unfähig- gende Aristokratien, etwa unter dem Titel der Ritterlichkeit,
keit der Tötung des Unterlegenen, ist ein Merkmal fast aller entwickelt haben. Wer das Kampfspiel der wissenschaftlichen
höheren Tiere. Der Tiger zeigt keinen Zorn gegen seine Beute, Diskussion liebt, sollte sich seiner Verwandtschaft mit dem
wohl aber gegen einen konkurrierenden Tiger; doch tötet er Hahnenkampf nicht schämen.
zwar seine Beute, aber nicht den anderen Tiger. Und auch der Die Stärke dieser Theorie liegt darin, daß sie dem uns allen so
Hahn, der Körner frißt, kämpft gegen den anderen Hahn, der wohlbekannten und doch rational kaum zu begreifenden Fak-
Tauber gegen den anderen Tauber, der flüchtige Hirsch gegen tum menschlicher Aggression eine kausale Erklärung und
den Hirsch. Lorenz gibt gute Gründe für die Meinung an, daß Rechtfertigung in den Bedingungen der Entstehung unserer
dieses Verhalten primär artfördernd ist. Die feindselige Ab- Art verschafft. Wäre diese Theorie alles, was hierzu zu sagen ist,
grenzung von Territorien verbreitet die Art über ein weites Ge- so müßte sie uns freilich für die Zukunft der Menschheit tief
lände; der Kampf der Männchen um die Weibchen sichert dem pessimistisch stimmen. Offensichtlich ist die Aggression beim
kräftigsten Individuum die größte Nachkommenschaft. Der Menschen, verglichen mit dem Tier, außer Kontrolle geraten.
Darwinist hat Grund zur Annahme, daß eine Art, in der die Menschen töten Menschen, und die Mittel des Tötens haben
Aggression ins Artschädigende umschlägt, also etwa wirklich Dimensionen angenommen, welche die Arterhaltung bedro-
zur Ausrottung der Artgenossen führt, mit der Zeit aussterben, hen. Unter dem Aspekt der Aggression erscheint der Mensch
also von uns kaum je beobachtet werden wird. Vielleicht ist als das kranke, als das im Herzen verrückte Tier. Und wenn
unsere eigene Spezies fast die einzige Ausnahme, und wir sind ja diese Verrücktheit angeboren ist, wie soll Erfahrung und Ver-
in der Tat von der Selbstzerstörung bedroht. nunft des Individuums sie ändern? Kein Leser wird sich dem
Sehr viel interessanter als diese primären Wirkungen der Ag- Eindruck entziehen können, daß die letzten Kapitel des
gression ist aber eine sekundäre Wirkung, die Lorenz unter Lo-renzschen Buches, die vom Menschen und von seiner
dem Titel »das Band« beschreibt. Die Erfahrung scheint zu lehren, Rettung vor den Gefahren fehllaufender Aggression handeln,
daß die individuelle Bindung zweier Tiere gleicher Art an- sehr viel weniger überzeugend sind als die Kapitel über die
einander, also tierische Ehe und Freundschaft, nur bei solchen Tiere.
Tieren auftritt, die starke Aggression gegen ihresgleichen besit- Hier muß der zweite Teil der klassischen Definition eingrei-
zen. Um es vermenschlichend zu sagen: man kann nur lieben, fen. Der Mensch ist zoon logon echon, das Tier, das Rede hat.
wen man auch hassen kann. Viele der wichtigsten instinktiven Was ist damit gesetzt?
Gesten der Freundschaft und Zusammengehörigkeit bei Tieren Beginnen wir beim Äußeren. Wie hat der Mensch die Rede?
Er hat sie nicht wie eine inhaltlich bestimmte angeborene Ver-

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haltensweise, auch nicht wie eine solche, die sich erst spät im f iUch er selbst: die Gesellschaft, das Ich. Der Mensch ist also
individuellen Leben entfaltet, wie etwa die Geschlechts- und |»r*ilc noch nicht voller Mensch, wo er nur instinktiv angepaßt
Brutpflegeinstinkte. Angeboren ist ihm die Fähigkeit, ja die hiniielt, und er hat andererseits das Menschsein verfehlt, wo
Nötigung, eine Sprache zu lernen; die Form und somit der In- Unttigepaßte Triebfragmente sein wissendes Verhalten
halt dieser Sprache aber ist nicht angeboren. Wenn die Berichte über-ipülen und ausschalten. Der Mensch, der dort, wo er
von den sogenannten Wolfskindern richtig sind, so kann ein wissend hindeln müßte, einem inneren Zwang folgend
Kind, das über ein bestimmtes Alter hinaus keine Sprache ge- unwissend han-d«lt, ist krank. Wenn Friede Bedingung
lernt hat, nicht mehr die volle Reife als Mensch erreichen. Der menschlichen Lebens Ilti so ist Friedlosigkeit seelische
Mensch also ist auf Tradition angewiesen, und damit verfügt er Krankheit.
in gewisser Weise über den Schatz der Erfahrung seiner Vorfah- Aber diese Hergänge müssen genauer betrachtet werden.
ren. Er ist, wie Lorenz einmal gesagt hat, das Tier, das die Ent- Die einfache Gegenüberstellung von Instinkt und Wissen
deckung gemacht hat, wie man erworbene Eigenschaften ver- be-ichrcibt den Menschen nicht. Das Instinktgefüge wird
erben kann. Wie hochabstrakt hier im übrigen der Begriff der zwar luf dem Wege zum Menschen gelockert, aber nicht zerstört.
Rede, des Logos, zu nehmen ist, zeigt die Austauschbarkeit der Es wird eher bereichert, indem zum angeborenen starren
gewählten Zeichen. Eine Sprache muß der Mensch lernen, um Verhalten eine angeborene Fähigkeit zu lernen hinzukommt;
Mensch zu sein; welche Sprache er lernt, ist für sein Menschsein das ist Rchon bei den höheren Tieren so. Beim Menschen könnte
sekundär. Schon Kinder lernen aus einer Sprache in die andere man lagen, sein Lebensgang bestehe in der sukzessiven
zu übersetzen. Die Schrift kann die Lautsprache repräsentieren Entfaltung ingeborener Fähigkeiten zum Aufnehmen und
oder ablösen; selbst Taubstumm-Blinde vermochten in Nutzen immer neuer Strukturen der menschlichen
Tastzeichen auf hohem Niveau sprechen zu lernen. Überlieferung und der sich zeigenden Wahrheit. Eric H.
Was aber ist der Gehalt dieses hochabstrakten Gebildes, Erikson gliedert den menschlichen Lebenslauf nach den Zeiten,
worauf zeigt dieses Zeichensystem? Jedes Wort, jede Redefigur in denen gewisse »Tugenden« oder »Stärken« dem Menschen
bedeutet so etwas wie ein Ding, eine Eigenschaft, einen Vor- zum erstenmal zugänglich werden, beginnend mit der Hoffnung,
gang, eine Handlungsstruktur. Welchen Namen verdient das die schon dem Säugling zukommt, und endend mit der
Ganze dieser Gehalte? Ich weiß dafür keinen anderen Begriff Weisheit des reifen Alters. All diesen angeborenen Anlagen
als den der Wahrheit, der entdeckten, ansichtig gemachten aber ist gemeinsam, daß sie eben Vermögen des
Wirklichkeit. Hier wäre nun ein philosophischer Exkurs über Erfülltwerdens mit Inhalt, aber nicht selbst Hchon Inhalt sind.
den Begriff der Wahrheit nötig, der wiederum mehr als eine Sie können, wenn der Lebensgang glückt, erfüllt werden, sie
Vortragsstunde in Anspruch nehmen würde und auf den ich können aber auch mehr oder weniger leer bleiben, verkümmern,
verzichten muß. Ich muß hier unser aller schlichtes Alltagsver- verdreht werden, erstarren. Der Mensch, dem als Säugling die
ständnis von Worten wie wahr und wirklich in Anspruch neh- Fähigkeit zu hoffen zerstört wurde, wird keins der späteren
men. Das Tier ist der Wirklichkeit, in der es lebt, angepaßt, es Vermögen mehr wirklich ergreifen können. I iier liegt die große
erweist sich in seinem Verhalten mit ihr vertraut; wäre es nicht psychologische Wahrheit des Wortes von l'astor Fritz v.
so, so könnte das Tier nicht überleben. Der Mensch hingegen Bodelschwingh, es bedürfe auch einer Seelsorge für Säuglinge.
kann eben diese Wirklichkeit wissen; im Medium der Sprache, Daß der Mensch wird, was er sein kann, daß er er «clbst wird und
des Denkens, der Vorstellung hat er sie gleichsam noch einmal, das weiß, nennt man heute oft die Gewinnung einer Identität.
und aus diesem Wissen heraus kann er nicht nur sich ihr anpas- Die Identität ist im einzelnen Inhalt nicht voll vorbestimmt; sie
muß sich mit den Chancen des Lebens, mit der zugewiesenen
sen, sondern auch sie verändern. Die Wirklichkeit, die er wissen
oder verfügbaren sozialen Rolle abfinden. Was der Mensch
kann, ist nicht nur die äußere Welt, in der er lebt, sondern
braucht, ist aber jedenfalls eine Identität. 1 )iese ermöglicht
ihm, mit sich selbst im Frieden zu leben. Und

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Friede mit sich selbst ist nötig, um Frieden mit den anderen ,i konkreten Problemen Schritt für Schritt genötigt worden i
halten zu können. (anschneidende Änderungen zu fordern, weil ohne sie alles, I er
Soeben habe ich die Bezogenheit der instinktiven Anlage des bewahren möchte, dem sicheren Untergang anheimfiele. n diesem
Menschen auf Inhalte geschildert. Welche Struktur aber haben in meinem Naturell und Schicksal mitgegebenen ckpunkt aus
diese Inhalte? Ich habe sie als Wahrheit charakterisiert. Aber sie lege ich mir den Konflikt von Bewahrung und Minderung als
sind ja nicht das schlichte, unvermittelte Sichzeigen einer Wirk- einen vereinfachten Anblick eines eigentlich lleckigen
lichkeit, wie diese an sich ist. Die Form menschlichen Wissens, Verhältnisses zurecht: der dritte Partner ist die hrhcit, d.h. die
wie es in der Rede, im Logos vermittelt wird, ist Tradition. im historischen Prozeß sich zeigende Wirk-j Ushkeit. Beide
Tradition heißt Geschichte. Der Mensch ist ein Wesen, dessen Parteien nehmen ja Wahrheit in Anspruch, der ' Üoniicrvative die
instinktive Ausstattung darauf angelegt ist, Geschichte zu ha- längst entdeckte und verwirklichte, der Revolutionär die
ben. Das Tier lebt zwar ebenfalls in einer Art Geschichte. Es neugefundene oder bisher unterdrückte. Wesentlich scheint mir,
lebt in der objektiven Geschichte der Natur, deren Produkt daß die Wahrheit über den Menschen selbst Kmchichtlich ist.
seine Spezies mit ihren spezifischen Anlagen ist und in der eine Der Mensch ist, wie Nietzsche sagt, das nicht »gestellte
Weiterevolution stattfindet. Diese Geschichte ist aber für das Lebewesen; er ist das Tier, das Rede hat, das also •uf nicht
einzelne Tier im wesentlichen in Erbanlagen und Umwelt ge- vorweg festgelegte Gehalte angelegt ist. Der Traditionsschatz,
genwärtig. Der Mensch hingegen ist darauf angelegt, sein Le- den der Konservative bewahren will, ist selbst das Erbe
ben in den Inhalten zu haben, die er aus der Geschichte der gelungener Revolutionen. Andererseits muß der Revolutionär,
Menschheit aufnimmt und in denen, die er zu dieser Ge- der sagen will, worum es ihm geht, eine Sprache sprechen, die
schichte hinzufügt. die Menschen verstehen, also eine Sprache, die vor Ihm da war;
Indem ich von Aufnehmen und Hinzufügen spreche, gerate der revolutionäre Traum des Neubeginns auf einer Tabula rasa ist
ich unweigerlich in die Feuerlinie zwischen den Fronten kon- ein Selbstmißverständnis, das zur Barbarei führt, wenn man seiner
servativen und revolutionären Denkens. Dies ist ein politischer Verwirklichung nachkommt. Was bedeutet dies, angewandt auf
Gegensatz, aufgeladen mit aller Spannung gegenseitiger Ag- den Frieden? Der Mensch geht biologisch-historisch gewiß nicht
gression. Und das ist kein Zufall. Redet man philosophisch aus dem von alten Gesellschaftstheoretikern fingierten Kampf
vom Menschen, so ist es ein Kriterium dafür, ob man von seinen aller gegen alle hervor. Die uns nächstverwandten Affen, wie
wirklichen Problemen spricht, daß man nicht mit kühler alle etwas gescheiteren Tiere, leben in Familien oder Horden, in
Neutralität durchkommt, sondern jede scheinbar wissen- denen, mit Hilfe von viel ritualisierter Aggression, die Formen
schaftliche Formulierung Affekte wachruft, Positionen bestä- lies inneren Friedens der Gruppe seit Jahrmillionen eingespielt
tigt oder erschüttert. Durch die Wahl einer komplizierten nincl. Die menschliche Geschichte hat uns in der für die Anpas-
Fachsprache kann man sich dem vorübergehend entziehen; sung kurzen Zeitfolge von wenigen Jahrtausenden das Dorf,
ich strebe aber das Gegenteil, die Deutlichkeit durch Verein- den Stadtstaat, das Großkönigtum, die Kirche, die Nation, das
fachung an. Imperium beschert. Jede dieser Formen bedarf anderer Struk-
Es scheint mir, daß weder der Konservative noch der Revo- turen des inneren Friedens. Jede neue Friedenspflicht bricht
lutionär grundsätzlich und ein für allemal recht hat. Ihr Ringen alte Loyalitäten. Hier entstehen fast unerträgliche Konflikte,
miteinander ist nötig, und Einzelfälle müssen im Blick auf ihre und möglich ist den Menschen eigentlich immer nur das an An-
besondere Struktur entschieden werden. Ich möchte meine passung gewesen, was hinreichend viele von ihnen als notwendig
persönliche, wie ich weiß subjektive, Position nicht im unklaren erkannten. Deshalb ist es wichtig, daß heute so viele Menschen
lassen. Ich empfinde mich selbst als einen in der Anlage als möglich die Notwendigkeit einer Friedensordnung
konservativen Menschen, der in der Auseinandersetzung mit
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Trotz dieser Definitionsschwierigkeiten meine ich, daß die
der Menschheit erkennen. Ich hebe hervor, daß ich unter An-
llRriffe seelischer Gesundheit und Krankheit beim Menschen
passung nicht die äußere Angleichung des einzelnen an soziale
llnen brauchbaren Sinn haben. Wenn es die Gesundheit der
Normen verstehe, sondern das Vermögen, so zu handeln, wie
die Aufgaben der Wirklichkeit es fordern. Gr»ugans ist, den fast unwandelbaren Bedingungen des Lebens
So gesehen erscheint unsere Friedlosigkeit einfach als ein Wilder Graugänse angepaßt zu sein und die Schwankungen
Mangel an Anpassung an die Wirklichkeit unserer Welt. Aber die-Mr Bedingungen zu überstehen, so mag es die Gesundheit
das wußten wir schon. Die Frage ist: wie leisten wir diese An- des Menschen sein, sich den immer neuen Anforderungen
passung? Ich nannte die Friedlosigkeit eine Krankheit. Wo tritt menschlichen Lebens aktiv und notfalls sie selbst umgestaltend
im Anpassungskonflikt die Krankheit auf? Oder habe ich viel- anpas-|tn zu können. Gesundheit erscheint so als das Innehaben
leicht den Begriff der Krankheit leichtfertig verwandt, in jener der menschlichen Vermögen, als die Gegenwart der Kräfte oder
Intellektuellen-Metaphorik, der kein seriöser Mediziner zu- 1\j(;cnden im Sinne Eriksons. Was aber ist dann Krankheit?
stimmen darf? Daß Anpassung schwer ist, daß jede menschliche Entwicklung
Krankheit gehört zu jenen in der Praxis unentbehrlichen Be- durch lebensbedrohende Krisen geht, das ist noch nicht Krank-
griffen, die gleichwohl kaum eine befriedigende abstrakte Defi- heit; von Kraft spricht man nur sinnvoll, wo es einen
nition zulassen. Er deutet auf eine in unserem Leben immer Wider-»tand zu überwinden gibt. Aber es gibt das eigentümliche
wiederkehrende Wirklichkeit, deren Gründe wir zu wenig Phänomen des vorübergehenden oder dauernden
durchschauen, um sie gegen ihren Gegenbegriff, die Gesund- Unvermögens, eine Kraft auszuüben, der vorübergehend oder
heit, scharf genug abgrenzen zu können. An subtilen Grenz - dauernd unkor-rinicrbaren Abweichung von der gesunden
bestimmungen kann mir nicht liegen, nur das Phänomen der Norm. Ein verkrüppeltes Bein kann nicht zum Gehen benutzt
Krankheit müssen wir uns vor Augen stellen. werden, der Epileptiker kann im Anfall die Muskeln nicht
Gesundheit verstehen wir vielleicht am ehesten als Normalität. koordinieren, der tief Depressive kann nicht die physisch
Was aber ist die Norm eines Lebewesens? Biologisch mag man gesunden Glieder zur täglichen Arbeit benutzten. Eine
sie als das Gefüge derjenigen Eigenschaften auffassen, die für physiologische Theorie der Krankheit müßte tief in die
das Überleben seiner Spezies optimal sind. Hierüber stehen ein Bedingungen des Funktionie-rens von Steuerungssystemen
paar erleuchtende Seiten im Buch von Lorenz: Die Graugans des eindringen. Das versuche ich heute nicht; das Phänomen der
Zoologen ist nicht der statistische Durchschnitt der empirisch Krankheit ist uns allen bekannt.
lebenden Graugänse, sondern sie ist jenes nie vorkommende Ich sage nun, daß Friedlosigkeit in diesem Sinne eine Krank-
»optimale« Tier, von dem die empirischen Graugänse nicht zu heit ist, ein Unvermögen, die Anpassung an die Notwendigkeit
weit abweichen dürfen, wenn sie mit ihrer Brut überleben lies Friedens zu leisten. Friedfertigkeit nämlich ist eine Kraft,
wollen; es ist die darwinistisch begriffene platonische Idee der ein Vermögen. Der verhuschte Feigling, der nicht angreift und
Graugans. Nun aber ändern sich in der Evolutionsgeschichte «eine Aggression, in scheinbare Demut eingewickelt, in sich
die Arten. Der Menschenfuß, der für einen Affen eine Mißbildung hineinfrißt, ist nicht friedfertig. Friedfertig ist, wer Frieden
wäre, ist für den Menschen Bedingung des aufrechten Gangs, also um .sich entstehen lassen kann. Das ist eine Kraft, eine der
integrierender Bestandteil des Menschseins. Was aber ist dann bei größten Kräfte des Menschen. Ihr krankhaftes Aussetzen oder
einem geschichtlich rasch weiterschreitenden Wesen wie dem Verkümmern, fast stets bedingt durch mangelnden Frieden
Menschen die seelische Norm, die Norm des Verhaltens? Oft mit sich selbst, ist die Friedlosigkeit. Friedlosigkeit ist eine
genug erscheint der erste Wissende den Zeitgenossen als der seelische Krankheit.
Verrückte. Ja, eine leise Unangepaßtheit meines Gemüts ans Hiermit beende ich den Hauptteil des Vortrags, das Mittel-
Bestehende mag Bindung für neue Erkenntnisse sein. stück, das erläutern sollte, inwiefern Friedlosigkeit als Krank-
heit aufgefaßt werden kann. Dies war der erste von vier in der
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Einleitung genannten Punkten. Für den Psychologen würde Und schürt! Wie genau sehen die Kommunisten die Friedensge-
hiermit freilich erst eine Aufgabe bezeichnet sein. Das eigen- fährdung durch Kapitalinteressen! Koexistenzbereitschaft hat
tümliche Unvermögen zum Frieden, das ich krank genannt meist die Formel: »Ich wünsch dir alles, was du mir wünschst«,
habe, müßte in seiner Struktur und seinem Werdegang analy- Und ein Konferenzabbruch die Formel: »Fängst du schon wie-
siert werden. Wie ich schon einmal sagte, müßte insbesondere der an?«
auch die Rolle der Angst in diesem Zusammenhang verfolgt Aber der Intellektuelle, der klug oder zornig diese Struktur
werden. All dies vermag ich nicht zu leisten. Ich wende mich In unserer friedlosen Welt entlarvt, schafft damit die Friedlosig-
statt dessen noch kürzer den drei weiteren Punkten, d. h. der keit nicht aus der Welt. Die Entlarvung des Selbstwiderspruchs
Praxis unseres Umgangs mit der Friedlosigkeit, zu. Und der Ideologie, der bewußten und der noch häufigeren und
Als zweites hatte ich dort gesagt, es sei ein sinnvolles Ziel, die gefährlicheren unbewußten Lüge ist eine der wichtigen Rollen,
Friedlosigkeit zu überwinden. Wir haben uns nicht mit ihr ab- die in der modernen Gesellschaft gespielt werden müssen.
zufinden. Das ist jetzt fast selbstverständlich. Nur: wie macht Aber wer zum erstenmal, wahrheitsgemäß, sagte: »Sie sagen
man das ? Christus und meinen Kattun«, der hatte selbst das geschärfte
Als drittes sagte ich, man dürfe Friedlosigkeit von außen her Auge des Hasses und entging nicht dem seelischen Gesetz, daß
weder als Dummheit noch als Bosheit ansprechen; sie sei weder Haß Haß erzeugt. Es gibt verschiedene seelische Flammen, die
durch Belehrung noch durch Verdammung zu überwinden, «ich am leichtesten an der gleichartigen Flamme entzünden:
sondern bedürfe der Heilung. Dies scheint mir nun über die Liebe an Liebe, Haß an Haß, Friede am Frieden, Wahrheit an
Maßen wichtig. der Wahrheit. Das schnellste Geschoß der Seele ist wohl der
Wir können viel aus dem Verlauf rein persönlicher Streitig- Haß, die Aggression, und darum am geeignetsten, um in alte
keiten lernen. Wenn zwei miteinander verzankt sind, so sieht Mauern Breschen zu schlagen. Er kann siegen, aber nicht
meist jeder der beiden mit dem scharfen Auge der Feindschaft ver-»öhnen, und so ruft er den neuen Gegner wach, der ihn
den bösen Willen und die törichte Borniertheit des anderen. Er seiner-Hcits besiegen wird.
selbst hält sich für friedensbereit und darum zur Strafpredigt Daß wir die Friedlosigkeit von außen nicht als Bosheit oder
oder üblen Nachrede legitimiert. Und warum sieht er Bosheit Torheit ansprechen sollen, beruht aber nicht nur darauf, daß
und Torheit so scharf? Weil er nach außen projiziert, was in ihm dies selbst so oft in törichter Bosheit getan wird. Es entspricht
selber ist. Er sieht sich im Spiegel des anderen, aber Bedingung vielmehr auch nicht der Struktur dieser Krankheit als Krank-
der Fortdauer dieses Zustandes ist, daß er den anderen nicht als heit; der Vorwurf der Bosheit oder Torheit gegen den Fried-
Spiegel erkennt. Es gibt die schöne alte jüdische Geschichte der losen ist, von außen erhoben, nicht wahr. Das zwingende mo-
zwei Feinde, die einander am Versöhnungstag begegneten. An ralische Urteil wendet sich an Gesunde. Sie sollen, denn sie
diesem Tag soll jeder seinem Feind vergeben, was dieser ihm können. Das Wesen der Krankheit ist eben, daß der Kranke nicht
angetan hat. Der eine von ihnen faßte sich ein Herz, ging auf kann, auch wenn er will. Manche seelische Krankheiten mag
den anderen zu und sagte: »Ich wünsch dir alles, was du mir man auch so beschreiben, daß der Kranke nicht wollen kann.
wünschst.« Darauf der andere: »Fängst du schon wieder an?« Am Nichtkönnen prallt der moralische Appell ab, sei es, daß er
Einer der seelischen Mechanismen, um innerhalb einer gar nicht verstanden oder abgelehnt wird, sei es, daß der auf-
Gruppe von Menschen den Frieden zu bewahren, ist die Wei- richtige Versuch, ihm zu folgen, aus innerem Zwang scheitert.
terprojektion der Aggression auf andere Gruppen. Hier wie in V.s ist die Erfahrung der Psychoanalyse, daß solcher Zwang
privaten Streitigkeiten sieht man sehr scharf und oft zutreffend manchmal durch eine vom Kranken selbst gefundene Einsicht
Bosheit und Torheit der anderen Gruppe. Wie genau weiß die behoben werden kann, eine Einsicht, die etwa einem alten trau-
westliche Welt, daß der Kommunismus den Unfrieden braucht matischen Erlebnis als dem Urheber des Zwangs auf die Spur

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kommt. CG. Jung gebraucht für einen wichtigen Prozeß in IW»r kann aber der friedensbedürftigen Menschheit diese
der Seelenheilung den Ausdruck »Integration des Schattens«, lllung bringen? Wenn das Übel so tiefe Wurzeln hat, ist un-
Das Dunkle in uns ist Teil von uns. Verwerfen wir es durch ein r tt Lage dann nicht hoffnungslos? SU ist wohl, wenngleich in
bewußtes Moralsystem, so entweicht es ins Unbewußte, und zugespitzter Form, so hoffnungs-lll oder hoffnungslos, wie es
auf unbegreifliche Weise finden wir uns, oft gerade in einem die Lage des Menschen immer AI1, Niemand kann sagen: ich
entscheidenden Moment, als Sünder gegen unsere eigenen werde das leisten. Unsere letzte llflucht ist die Hoffnung auf Gott,
Überzeugungen vor. Frieden mit uns selbst finden wir allen- ist das Gebet. Aber es läßt ffWl »«gen, in welcher Richtung
falls, wenn es uns gelingt, den Schatten in uns anzunehmen; unsere Anstrengung zu gehen
wenn wir zu sagen vermögen: »auch das bin ich«, »auch das
habe ich gewollt«. Dies ist bei weitem keine Ausflucht aus dem
iwt,
Ernst der moralischen Forderung, im Gegenteil, es ist eine vor- Nur die Kraft des Friedens erzeugt den Frieden. Jeder von
Um hat sich selbst zurechtzuschaffen. Dies geschieht nicht in
her nicht gelungene Weise, sie ernst zu nehmen. Jetzt kann der
4fr 1 ntroversion, sondern in der praktischen Arbeit am Frieden
Kranke das von sich aus sagen, was ihm kein anderer, auch
In derjenigen Umwelt, die er zu erreichen vermag. Die
nicht der Arzt, glaubwürdig sagen konnte; er kann jetzt sagen:
prakti-iche Entschlossenheit freilich schließt die Bereitschaft
»ich war böse«, »ich bin böse«, »ein Tor bin ich«. Vorher wußte
zur meditativen Selbstprüfung nicht aus, sondern ein.
er wohl, daß er die Norm verletzte; jetzt beginnt er zu sehen,
Nächst uns selbst sind es die uns zur Erziehung Anvertrauten,
warum er sie verletzen wollte. Und in geheimnisvoller Weise
denen wir zur Friedfertigkeit helfen sollen. Von der Erziehung
wächst an dieser Stelle oft zum erstenmal ein eigentliches Ver-
zum Frieden wird morgen Georg Picht hier sprechen. Ich iflge
ständnis für die Wahrheit der Norm.
darum hierüber nichts weiter, als daß der Erzieher erzogen «ein
All dies sind nicht nur Erfahrungen eines spezialisierten sollte. Insbesondere sollte er die Zusammenhänge wissen oder
Zweigs der Seelenheilkunde. Jedem Seelsorger, jedem Erzieher ahnen, von denen hier die Rede war. Ich darf vielleicht dafür
begegnen diese Erfahrungen; wenn er dafür wach geworden noch auf einen soeben leicht zugänglichen Aufsatz hinweisen:
ist, sieht er sie auf Schritt und Tritt. Wie sollen wir Kranken Jutta v. Graevenitz, Persönliche Voraussetzungen der
helfen, solange wir nicht das Kranke in uns selbst erkannt und l'ricdfertigkeit, in der Schrift »Streit um den Frieden«, heraus-
gelernt haben, die anderen und uns selbst als Kranke anzuneh- von W. Beck und R. Schmid, Mainz und München
men? Luthers Theologie der Rechtfertigung ist in einer Sprache
ausgedrückt, welche die meisten heutigen Menschen nicht 1967.
mehr verstehen, aber sie kreist um dieselben Themen. Das Ge- Die Erziehungsarbeit im engeren Sinne geht über in die er-
setz ist uns gegeben, damit wir daran scheitern. Kein Mensch zieherische Wirkung eines großen politischen Einsatzes. Hier
wird durch gute Werke selig, denn der entscheidende Schritt ist komme ich nun auf den vierten und letzten Punkt der Einlei-
die Entdeckung, daß er das Gute, das er will, nicht kann. Ge- tung: Heilung der Friedlosigkeit verlangt einen Rahmen, der
rechtfertigt, also eines inneren Friedens fähig, werden wir nicht die Fürsorge für die Ungeheilten mitumfaßt.
durch unser Verdienst, sondern weil wir geliebt sind und weil Lassen Sie mich diesen Gedanken zuerst in dem engeren me-
wir darum Gott und in Gott die Menschen lieben dürfen. Ich dizinischen Bereich erläutern, dem die Sprechweise, die ich ge-
verfolge diese Linie heute nicht weiter, denn ich weiß wohl, wie wählt habe, entstammt. Bethel ist das große Beispiel. Bethel ist
viele Abgründe auszuloten wären, um die Theologie der der Herkunft nach und weitgehend auch heute nicht eine Heil-,
Rechtfertigung und die Tiefenpsychologie ins wirkliche Ge- sondern eine Fürsorgeanstalt. Die Humanisierung der
spräch miteinander zu bringen; übergehen durfte ich, so Für-»orge für die bisher Unheilbaren war einer der großen und
scheint mir, diesen Punkt nicht. späten Schritte der neuzeitlichen Medizin. Wenn irgendwo, so
war liier der christliche Impuls nötig, im hoffnungslosen Fall,
des-

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Itlhichte der menschlichen Spezies ihren sinnvollen Ort hat.
sen Rückführung in die sogenannte gesunde Gesellschaft wir Man kann mit gutem Recht einen Begriff vom Menschen, eine
als unmöglich ansehen müssen, den Bruder zu sehen, der der Norm seiner Gesundheit aufstellen, wonach nur der von der
Gemeinschaft wert und fähig ist. Es geht hier nicht ohne ein J'ricillosigkeit geheilte Mensch gesund ist. Im Zusammenleben
gewisses Maß von Entmündigung, von Macht von Menschen mit unseren Mitmenschen erweist sich immer wieder dies als
über Menschen. Aber wieviel hier noch geholfen werden kann, die einzige Norm, die letztlich tragfähig ist. Andererseits ist es
wenn man den Kranken als Menschen ernst nimmt, ihm Part- Schwärmertum, zu meinen, wir müßten die unerlöste Welt, in
nerschaft, ein Stück Selbstverwaltung und sinnvolle, für ihn der die Friedlosigkeit weiterhin waltet, sich selbst überlassen,
mögliche Arbeit gibt, das ist die große, auch medizinisch rele- denn wir überlassen sie dann ihrer und unserer Katastrophe.
vante Entdeckung des Vaters Bodelschwingh und seiner Helfer Fürsorge für die Ungeheilten heißt hier: Errichtung von Recht,
und Nachfolger gewesen. Wo die Liebe nicht durchdringt; Kanalisierung der Konflikte,
Ich sage das nicht nur, um dem genius loci zu huldigen, son- die zu vermeiden wir nicht vermochten; Schaffung einer Frie-
dern um einer vielleicht gewagten Parallele willen. Bitte halten densordnung auf der Basis einer soweit als möglich
Sie sie nicht nur für pervers oder lächerlich. Die großen politi- humani-»ierten Macht, da die Abschaffung der Macht nicht in
schen Institutionen sind in gewisser Weise die Fürsorgeanstal- unserer Macht steht. Es ist dieselbe Kraft der Friedfertigkeit,
ten der noch ungeheilten Friedlosigkeit. Wo Friedfertigkeit oder um ilen anderen Ausdruck zu gebrauchen, der
waltet, entfalten sich Ordnungen menschlichen Zusammen- Nächstenliebe, welche in glücklichen Fällen die Heilung, in
lebens, die nur eines Minimums an Gewalt bedürfen. Auch in weniger glücklichen tlic Fürsorge ermöglicht. Das sollte der
ihnen sind, zumal in der modernen technischen Gesellschaft, wunderliche Vergleich der Betheler Anstalten mit den großen
funktionale Regelungen nötig. Aber sie sind im Prinzip zu un- politischen Institutionen sagen.
terscheiden von Machtausübung, die einen widerstrebenden Ich möchte dies nun zum Schluß in der pragmatischen Spra-
Willen zwingt oder gar einen eigenen Willen der Beherrschten che der Politik sagen. Die Politik muß im Durchschnitt der
nicht erwachen läßt. Diese Macht wird sich freilich heute be- Fälle die Konflikte der Menschen hinnehmen, ohne sie aufzu-
sonders gern der funktionalen Regelungen als ihrer Hilfsmittel lösen. Was wir unsere Interessen nennen, suchen wir in der Po-
bedienen; Technokratie ist eine moderne Form der Macht. Wo litik durchzusetzen oder auszugleichen; zum Verschwinden
nun Friedlosigkeit das menschliche Handeln bestimmt, erweist bringen können und wollen wir sie als Politiker nicht. Wer
sich immer wieder Macht als unerläßlich, um das lebensnot- selbst politisch handelt, vertritt stets gewisse Interessen. Ganz
wendige Minimum an Ordnung zu garantieren. Die Träger der Hcwiß muß er sein eigenes Interesse insofern im Auge haben,
Macht sind oft genug friedlose Menschen; ihre Rechtfertigung als er seine eigenen Möglichkeiten der Wirkung nicht zerstören
ziehen sie aus der manifesten Notwendigkeit, das Chaos der lassen darf. Er vertritt aber zugleich die Interessen der Gruppe,
ungezügelten Konflikte zu vermeiden. ohne die er nicht wirken könnte; er vertritt Interessen seines
Angesichts der Realität der Macht stehen wir vor einer dop- Standes, seiner Partei, seiner Nation. Welche Kriterien gibt es
pelten Aufgabe. Im tiefsten Grunde kommt es darauf an, die im politischen Denken einer Zeit für den Ausgleich dieser In-
Friedlosigkeit zu heilen und damit die Macht überflüssig zu teressen? Es ist nicht lange her, daß in unseren Ländern als das
machen. oberste Prinzip das Interesse der Nation galt. Darin lag ein be-
Das ist, in der Sprache der Christen gesprochen, im strengen stimmtes Ethos: alle Partikularinteressen sind dem Interesse
Sinn die eschatologische Hoffnung. Das heißt in der apokalyp- des Ganzen, dem man angehört, unterzuordnen. Das ist ein
tischen Symbolik: ein neuer Himmel und eine neue Erde. Ich liegriff vom Frieden: innerhalb der Nation dürfen die Kon-
habe so naturwissenschaftlich gesprochen, um zu zeigen, daß flikte nicht weiter getrieben werden als bis zu dem Punkt, an
diese Hoffnung nicht jenseits der Welt, sondern in der Ge -
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dem sie das Interesse der Nation selbst gefährden würden. Die
Aggression der Angehörigen des gleichen Volkes gegeneinan- Grunde allgemein anerkannten Kriterium der Politik geworden
der wird dadurch nicht aufgehoben, aber sie wird einer Rechts- ist. Sowenig das nationale Interesse einst als Kriterium ausreichte,
ordnung unterworfen, die an einem höheren, allen gemein- um Handlungen zu verhindern, die faktisch der Nation
samen Interesse orientiert ist. ichadeten, so wenig eliminiert der Weltfriede als Kriterium
Für die heutigen Menschen unseres Erdteils, zumal für die ichon die Gefahr des Weltkriegs, ganz zu schweigen von den
Jungen unter ihnen, hat dieser absolute Primat des nationalen •ktuell stattfindenden lokalisierten Kriegen. Und doch ist hier
Interesses die Überzeugungskraft verloren. Wir empfinden das •in Kriterium, an das man appellieren kann, ein möglicher
Ganze, das den Einzelinteressen vorgeordnet sein soll, als zu kon-Itruktiver Mittelpunkt politischer Zukunftsentwürfe. Die
klein, eigentlich als kein wahres Ganzes, und eben darum emp- Menschheit selbst als das einzige Ganze, das groß genug ist, um
finden viele von uns seinen Anspruch an uns als zu groß. Die leine Interessen den Partikularinteressen vorzuordnen, be-
vielbeklagte Anteillosigkeit der einzelnen am Wohl des Ganzen ginnt infolge der technischen Gefahren und Möglichkeiten eine
ist nicht nur nackter Egoismus; sie ist auch ermöglicht durch politische Realität zu werden.
eine begreifliche Skepsis an den überlieferten obersten politi- Ganz gewiß ist das Interesse der Menschheit und die Bewah-
schen Wertkriterien. Welche Kriterien aber sind heute glaub- rung des Weltfriedens kein hinreichendes Kriterium für
würdig? Für viele ist es die Freiheit oder die soziale Gleich- politi-»ches Handeln. Im Namen dieses Interesses ließe sich auch
berechtigung. Gegen den falschen Frieden und die falsche eine beispiellose Tyrannis errichten. Heilung der
Freiheit, nämlich den bloß formalen Charakter des Friedens Friedlosigkeit nicht anders aus als dieses Interesse. Es ist aber
und der Freiheit in einer Gesellschaft, die in Wahrheit vor allem ein notwendiges Kriterium. Die Fürsorge für die ungeheilte
die Interessen der herrschenden Gruppen schützt, empört sich Friedlosigkeit, d. h. die Arbeit der politischen Institutionen, ist
gerade heute der für unsere Zukunft wichtigste Teil der studen- nicht Fürsorge, wenn sie diese Forderung verletzt. Das ist ein
tischen Jugend. Aber auch diese Empörung macht sich nicht zukunftsträchti-Hes politisches Prinzip.
leicht verständlich; es fällt ihr schwer, an Kriterien zu appellieren,
die allen Gliedern der Gesellschaft gemeinsam wären.
Nur ein Kriterium politischer Handlungen und Interessen
sehe ich heute, das niemand manifest anzufechten wagen darf:
die Bewahrung des Weltfriedens. Das war vor 1945 noch nicht
so. Hier bedeutet Hiroshima den Angelpunkt einer langsam
sich drehenden Tür der Weltgeschichte. Gewiß sagt man auch
heute noch, daß es nationale Interessen gibt, deren Schutz den
großen Krieg rechtfertigen würde. Aber niemand vermag mehr
im Ernst zu behaupten, daß der Krieg diese Interessen wirklich
schützen würde. Die überlieferte Reaktionsweise sucht viele
Auswege: Man droht nicht mit der Verteidigung, sondern
sucht abzuschrecken mit der Drohung des Untergangs; man
sucht Formen begrenzten Kriegs; man verwendet sehr viel pro-
pagandistische Kraft darauf, die eigene Seite als völlig friedfertig
und nur die Gegenseite als kriegerisch darzustellen. All dies
bestätigt nur, daß die Bewahrung des Weltfriedens zum im

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Die Ambivalenz der politischen Ideale |f Appell an diese Ideale ist weder ganz vergeblich noch sehr
tokungsvoll. Die Spannung zwischen radikalem,
der europäischen Neuzeit weltverän-iirndem Christentum und konservativer
Weltverwaltung |§MTimt in jedem Jahrhundert wieder auf, um
stets durch neue iKompromisse aufgefangen zu werden. Der
Wohlstand der liwrichenden Schichten und ihre Bildung
A. Absolutismus. Der Rückgang auf den Absolutismus, der wachsen in jenen "Wirhunderten, die Kunst ist in höchster
mir für den Hintergrund der heutigen Auseinandersetzungen Blüte, die Philosophie [ ||t hochdifferenzierte Scholastik, der
notwendig scheint, nötigt mich alsbald zu einem noch weiteren Humanismus bringt an-tlltf Vorbilder wieder zum Tragen, die
Rückgang, denn der Absolutismus ist wie jede geschichtliche Wissenschaft bereitet lieh «uf ihren Siegeslauf vor, bei einigen
Bewegung in eine vorbereitete Situation eingetreten und ohne führenden Geistern (B»con, Galilei, Descartes) in Bewußtheit
diese nicht zu verstehen. Dabei beschränke ich mich auf die ihrer zukünftigen
größeren Mächte des kontinentalen Europa; z. B. England, K
Holland, die Schweiz, Polen folgen dem durch das Wort »Ab- Gegenüber dieser reich pluralistischen Welt mit ihrer
solutismus« bezeichneten Schema bereits nicht oder ungenau. Mi-ichung von Not, Glanz und halber Effizienz ist der
Alle historischen und politologischen Begriffe sind ja armselige Absolutis-nuiM einer der entscheidenden Schritte in die
Verkürzungen einer sehr viel komplexeren Wirklichkeit. Moderne, und iwar ebenso der Absolutismus der Fürsten wie
Der Absolutismus trifft historisch auf diejenige spätmittel- der der Kirche In der Gegenreformation mit ihren
alterlich-frühneuzeitliche, sehr differenzierte Gesellschafts- protestantischen Gegenbildern. Der leitende Wert des
ordnung, die, um nur ein Merkmal zu nennen, den Begriff Absolutismus ist, so würde ich sauen, die Einheit. Ich
des Territorialstaats nicht eigentlich kennt, da in ihr vielerlei beschränke mich hier auf den profanen Bereich. Politische
Herrschaftsrechte und Privilegien auf demselben Territorium Einheit ist zu Anfang jener Zeit ein deutlicher Wert, denn ihr
durcheinandergreifen, so daß jede Darstellung durch gefärbte Mangel wird als manifestes Übel täglich erfuhren.
Landkarten den damaligen politischen Zustand entstellend be- Machtpolitisch handelt es sich um den siegreichen Kampf des
schreibt. Als dominantes Merkmal dieser Ordnung darf man Fürsten gegen den hohen Adel. Im allgemeinen hat der Fürst
vielleicht die aus dem Mittelalter noch, freilich eingeschränkt, hier das Bürgertum zum Bundesgenossen oder mindestens zum
überkommene Herrschaft des Adels bezeichnen, die ihr in Nutznießer seines Siegs. In der Tat ist die Schaffung einheitlich
manchen Schulen den ursprünglich nur das Lehnswesen be- verwalteter Territorien eine wichtige Förderung des
zeichnenden Namen des Feudalismus eingetragen hat. In den wirtschaftlichen Aufschwungs. Dies ist jedenfalls dort der Fall,
Städten ist aber die Herrschaft des alten Adels fast überall den wo die großen Handelsstädte nicht selbst praktisch »ouverän
Zünften erlegen, denen dann ein neues, frühkapitalistisches waren und nun dem Fürstenstaat unterliegen. Der l'ürstenstaat
Patriziat entspringt. Die Landesfürsten haben beschränkte schafft ein effektives Beamtentum, Reduktion der Privilegien,
Rechte und meist große finanzielle Probleme. Die Bauern sind Egalisierung der Justiz, Sicherheit des Verkehrs. All dies
in einer, im ganzen ständig wachsenden, tiefen Abhängigkeit. In erscheint von den nachfolgenden Fortschritten aus nicht mit
komplizierter Weise teilt sich mit diesen weltlichen Ständen die derselben Deutlichkeit, wie wenn man es mit den vor-
Kirche in die politische Herrschaft. Der pluralistisch aufge- aufgehenden Zuständen vergleicht. In den besser geglückten
gliederten Realität steht eine integralistische politische Doktrin I'allen darf man geordnete Verwaltung und Gleichheit vor dem
gegenüber, die christliche Schöpfungsvorstellungen mit anti- Gesetz als Geschenk des Absolutismus an die nachfolgende
ken teleologischen Begriffen von der Gesellschaft verknüpft. bürgerliche Gesellschaft bezeichnen.
Ausgenommen von dieser Egalisierung ist natürlich der
Monarch selbst. Dies aber ist in der Selbstinterpretation des

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HtUtischen Freiheiten, wenn sie auch manchmal zunächst so
Absolutismus eine notwendige Selbstverständlichkeit. Die nttncliert war. Die alte Freiheit war zum Teil ständisch oder
Schaffung der dem Gemeinwohl dienenden Einheit des lokal bedingtes Privileg, zum Teil war sie die schlichte Ohn-ht
»Staats« ist ein Machtproblem, und nur der Fürst hat die der Obrigkeit. Die neue Freiheit ist der radikaleren In-' Mntion
Macht, um die Macht des Adels, der Kirche, der zahllosen Pri- und ein gutes Stück auch der Wirklichkeit nach egalisie- e Freiheit
vilegierten zu brechen und in den Dienst des Ganzen zu stellen. aller Individuen, und andererseits ist sie nur möglich, weil das
Eine so ungeniert funktionale Rechtfertigung des Absolutis- Erbe des Absolutismus, der funktionierende ItMtsapparat,
mus wie die von Hobbes ist freilich die Ausnahme. Diese übernommen wird. So ist sie im Gegensatz zugleich
Machtpraxis bedarf im allgemeinen wie jede einer rechtferti- Fortführung dessen, was als Fortschritt des Absolutismus
genden mythischen Weihe. Die Formel »König von Gottes
empfunden werden durfte.
Gnaden« ist an sich eine Demutsformel: der König ist weder
Ich empfinde die politische Theorie des Liberalismus als eine
Gott noch göttlichen Geblüts, er ist, was er ist, nur durch die
hohe, vorher nie erreichte Stufe politischer Bewußtheit. Allen
unableitbare Gnade Gottes, der ihn auf diesen Stuhl gesetzt hat
politischen Systemen, die hier besprochen werden, ist die
und von ihm stoßen kann. In der Praxis aber ist eben Gottes
Überzeugung gemeinsam, daß eine politische Ordnung letzten
Wohlgefallen die Rechtfertigung der königlichen Position, auf
Endes auf einer Wahrheit ruhen muß.
die man sich oft genug auch zur Begründung von Akten beruft,
Was »Wahrheit« eigentlich bedeutet, ist eine philosophische
die nach allgemeinem Verständnis Gott nicht gefallen können.
Die fundamentale Lüge alles Machtkampfs: »meine Macht ist f'riiKc, die dieses ganze Buch durchzieht. Hier sei der Wortge-
gerechtfertigt, denn sie dient dem Guten; also ist alles gerecht- brauch nur an Beispielen erläutert. Die antik-christliche
fertigt, was sie stärkt und stützt«; diese Lüge findet im Ge-»cllschaftstheorie, in der sich die vorabsolutistische
Gottes-gnadentum eine hochwillkommene Formel. Dies aber Gesell-«chaft interpretierte, ist durchaus auf dem
wird von den Untertanen empfunden. Die Einheit des Wahrheitsbegriff Aufgebaut. Es gibt die wahre Rolle jedes
politischen Körpers zerbricht schließlich genau dort, wo sie die Gliedes der Gesell-Mctiaft. Es selbst ist glücklich, soweit das
Bedingung ihrer Ermöglichung hatte, im Verhältnis des irdisch möglich ist, und die Gesellschaft gedeiht, wenn jedes
Monarchen zum Untertan. Glied die ihm zukommende Rolle spielt. Die religiöse
Ich übergehe die vielgestaltigen Zwischenphasen von aufge- Rechtfertigung des Fürstentums ist eine Rechtfertigung im
klärtem Absolutismus und konstitutioneller Monarchie und höchsten bekannten Begriff von Wahrheit, denn Gott ist die
wende mich zur voll entfalteten liberalen bürgerlichen Gesell- Wahrheit. Das funktionale Ver-«tändnis des Absolutismus
schaft des 19. und 20. Jahrhunderts. basiert auf einem anderen, einem Hiinz neuzeitlichen
Verständnis von Wahrheit: wer die Kausalketten der
B. Liberalismus. Als leitenden Wert des Liberalismus muß Machtkämpfe und der zweckmäßigen Güterverteilung
man die Freiheit, näher bestimmt als Freiheit des Individuums, durchschaut, der weiß, daß Macht an Einen delegiert werden und
bezeichnen. Der Absolutismus hat die Einheit durch eine Un- von ihm für eine rationale Verwaltung verwendet werden muß.
terdrückung vieler alter Freiheiten erkauft. So ist in seiner Auch der Liberalismus hat eine ihm eigene Beziehung zur
späteren Phase der Mangel an Freiheit ein manifest empfunde- Wahrheit, nämlich daß Wahrheit freie Zustimmung und nicht
nes Übel. Dieses Übel wird um so mehr empfunden, je mehr Zwang erfordert, also freie Diskussion und Toleranz. Diese
das Geschenk des Absolutismus, die schutzbietende Einheit Auffassung aber enthält eine fundamentale Kritik aller
des staatlichen Verwaltungskörpers, als selbstverständlich und vorhergehenden Systeme. Diese nämlich gehen davon aus, daß
gar nicht mehr als Leistung empfunden wird. Die Freiheit des der Herrschende die Wahrheit hat. Er muß sie haben, um von
Liberalismus ist aber nicht die Wiederherstellung der vorabso- ihr aus regieren zu können; dies ist das stets wiederholte
Argument für den Religionszwang und macht die
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politische Notwendigkeit der Religionskriege (vor allem der F||frt und verurteilen im Dienstethos erzogene Beamte die
Religions-Bürgerkriege) begreiflich. Der Zusammenbruch die- |»H*rrschaft der »Krämer«. Der unterliegende Vorgänger sieht
ses Absolutismus der religiösen Wahrheit, der sich schrittweise Oft »chon mit scharfem Auge die Ambivalenz im Verhalten sei-
vollzieht im Prinzip cuius regio eius religio, das die Ordnungs- ftth Gegners, der nun für eine wiederum begrenzte Geschichts-
poche an die führende Stelle rücken wird. Die Durchsetzung •l
funktion der Religion von ihrem Wahrheitsanspruch trennt, im
konfessionsneutralen Naturrecht, in der Toleranzidee, ermög -
licht die geistige Welt des kommenden Liberalismus. Dieser
3 Liberalismus hängt wohl wesentlich an der Freisetzung der
lußerordentlichen Dynamik, die in der Verbindung privater
weiß: kein Herrscher, überhaupt keine politische Grup pe darf Ungehemmter Interessen mit dem Durchbruch des
den Besitz der Wahrheit als Rechtsbasis in Anspruch nehmen. In Fort-ichrittsglaubens liegt.
freier Kommunikation der Bürger werden die politischen Dies ist nirgends so deutlich wie in der Wirtschaft. Hier
Wahrheitsprobleme erörtert und Repräsentanten und schließ - macht die klassische Nationalökonomie (Adam Smith, ein
lich Magistrate gewählt. Pro-fensor, der mit Kaufleuten umging) ihre große Entdeckung:
Wenn ich den Liberalismus aus Überzeugung verteidige, so daß das, was sowohl dem antik-christlichen Ordnungsdenken
verteidige ich vor allem dieses Prinzip, das ich gern auf die etwas wie dem paternalistisch-kausalen Denken des Absolutismus als
paradoxe Formel bringe: gute Politik ist nur von der Wahrheit her Chaos erscheinen mußte, die freie Konkurrenz, der Motor des
möglich, und niemand darf sich anmaßen, er sei im Besitz der allgemeinen Wohlstands sein kann. Diese Entdeckung vertei-
Wahrheit. Jeder der beiden Teilsätze bleibt nur in der Spannung dige ich nicht mit der Ernsthaftigkeit, mit der ich den Zusam-
zum anderen Teilsatz seriös. An sich ist Wahrheit intolerant; menhang von Wahrheit und Freiheit verteidige. Ich verteidige
wer weiß, daß 2 x 2 = 4 ist, kann zwar schweigen, aber er kann nie nur so, wie man, manchmal mit ein wenig Ungeduld, von
nicht ehrlich zugeben, es könnte auch 5 sein; und wenn das Wohl intelligenten Menschen die Einsicht in die Tragweite einer sehr
der Gemeinschaft daran hängt, daß 2 x 2 = 4 erkannt oder wichtigen und einfachen Teilwahrheit erwartet, auch dort, wo
anerkannt wird, so muß er für diese Anerkennung kämpfen. die betreffenden intelligenten Menschen sich jeden Tag über den
Toleranz als Wahrheitsneutralität ist selbstzerstörerisch. Aber Mißbrauch und die unintelligente Anwendung dieser Teil-
da Wahrheit nicht unter Zwang, sondern nur in Freiheit wahrheit ärgern. Nach meinen eigenen Erfahrungen habe ich das
anerkannt werden kann, ist Toleranz als Schaffung des Raums, in Verhältnis zwischen Marktwirtschaft und geplanter Wirt-itchaft
dem Wahrheit gefunden und anerkannt werden kann, auf die kalauerhafte Formel gebracht: in der Marktwirtschaft geht
unerläßlich. Es gibt also strenggenommen keine Rechtfertigung es um Einnahmen und Ausgaben, in der geplanten Wirtschaft
einer Gewalthandlung durch Berufung des Handeln den darauf, um Eingaben und Ausnahmen. »Geht hin und fin det mir andre
daß er die Wahrheit habe - auch dann nicht, wenn er die Gestalt...«
Wahrheit hat. In der Praxis freilich sind diese Prinzipien oft
Natürlich zeigt sich einer ernsthaften Analyse der höchst
nicht mit äußerem Erfolg durchführbar; dieses Dilemma spielt
partielle Charakter dieser Wahrheit. Der Markt ist durch Mo-
in dem Zwischenraum zwischen fruchtbarer Spannung und
nopole gefährdet, die nach demselben darwinistischen Prinzip in
Scheitern. Jedenfalls dürfte es kein Zufall sein, daß der Li-
ihm entstehen, dem er selbst seine Kraft verdankt. Der Markt
beralismus sich des vom absoluten Staat geschaffenen festen
kann automatisch effektiv nur dort sein, wo statistisch
Rahmens einschließlich der Polizei bediente.
beschreibbare Reaktionen ausreichen, aber nicht, wo kausale
Es ist interessant, die konservative Kritik am aufkommenden
Zusammenhänge detailliert durchschaut werden müssen. Der
Liberalismus zu betrachten. Nicht ohne Recht wird in der To-
leranz die Gleichgültigkeit gegen das Wahre, in der Freisetzung Markt schafft günstigenfalls eine ähnlich zu sich selbst wach-
der Privatinitiative die Freisetzung der Privatinteressen kriti- sende Verteilungsfunktion der Einkommen, aber keine Gleich-
heit; ich glaube, daß sich die Koexistenz großer und kleiner
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Einheiten in einer selektionstheoretischen Analyse bei biologi- '
sehen Populationen ebenso wie in der Ökonomie als die wahr- »weite verdienen wollen?«, ist die Antwort: »Nur wer so
scheinlichkeitstheoretisch bei weitem begünstigte Verteilung „ehaffen ist, auch noch eine zweite verdienen zu wollen, ver-int
erweisen wird. De facto schafft der Markt z.T. krasse Un- »ich die erste.« Das sogenannte Eigeninteresse ist in der
gleichheiten, die manchmal als Stationen auf einem Wachs- italistischen Entwicklung am Ende gar kein direktes vitales
tumsweg auch wieder gemildert werden, stets aber die erbar- resse mehr. Es gehört zu jenen geheimnisvollen
mungslose Härte der Zerstörung gewachsener Lebensformen Selbst-cken, die sich das geistige Wesen Mensch setzen kann,
mit sich bringen (dies einer der konservativen Einwände gegen wie ht, künstlerische Produktion, Erkenntnis, Mode, Sexual-
die Liberalen). Den Opfern dieses Systems erscheint seine Frei- n. Wir werden das, was eigentlich im Kapitalismus geschieht, ht
heit oft genug als die Freiheit der Haifische. Der Markt ist verstehen, wenn wir keine anthropologische Einsicht in
schließlich Situationen exponentiellen Wachstums gut angepaßt; Vorgänge haben.
Sättigungsproblemen zeigt er sich oft entweder nicht oder
wieder nur unter außerordentlich grausamen Begleit- C Sozialismus. Den leitenden Wert des Sozialismus möchte ich
erscheinungen gewachsen. (IW Solidarität nennen. Vielfach wird an dieser Stelle ein ande-t§t
Die zentrale Frage an die liberale Wirtschaftsauffassung ist Wert zuerst genannt, der der Gerechtigkeit, spezifiziert als
schließlich die ethische, welche die Konservativen und die So- loxiale Gerechtigkeit. Dieser Wert ist aber in der Realität
zialisten fast unisono stellen: mit welchem Recht setzt ihr das un-lUutlich. Im wirtschaftlichen Kampf wird er zur
Privatinteresse vor das Gesamtinteresse? Gerade hier aber hat Verteilungs-|»rcchtigkeit reduziert. Diese, isoliert genommen,
die liberale Theorie eine zwar partielle, aber höchst wichtige ist nichts mehr als der Ausgleich der ökonomischen Egoismen
Verteidigung, die der größeren Aufrichtigkeit. Zeigt uns, so und setzt lieh allen soeben genannten Kritiken aus. Ihre
können ihre Vertreter sagen, das System, das seine Behauptung, Rechtfertigung findet diese Forderung nur in dem Blick auf das
es diene bewußt dem Gesamtinteresse, wahrgemacht hat. Wir gesellschaftliche Ganze, die, in moralische Motivierung
hingegen sind vielleicht zynisch, aber wir lügen in diesem umgesetzt, eben Solidarität bedeutet.
Punkt wenigstens nicht. Unser Erfolg ist verdient, denn Ms ist vielleicht nicht nur spielerisch, wenn man sie mit den
schließlich erweist sich die Wahrhaftigkeit auch meist als Leit- beiden vorangehenden Werten durch die Formel verbindet, sie
faden zum friktionslosesten Ablauf der Dinge; »Lügen ist so uri Einheit in Freiheit. Man sieht hier wieder die Kontinuität im
kompliziert«. Es ist eben wahr, daß das Eigeninteresse gerade Gegensatz. Die Freiheit der bürgerlichen Schicht ist nur Frei-
im ökonomischen Bereich bei jedem Menschen der zuverläs- heit eines Teils der Gesellschaft, und in der wachsenden
sigste Motor zweckmäßigen Handelns ist und daß der Zwang, Funk-lionalisierung der kapitalistisch-technischen Welt wird
selbst für sich zu sorgen, leistungsfähige Menschen schafft. auch diese Freiheit immer fiktiver, sie wird auf die Freiheit zum
Andererseits ist gerade diese Verteidigung voller Ambiva- Privatleben eingeschränkt. Nur eine solidarische Freiheit, eine
lenz, eben in ihrer Berufung auf Wahrheit. Kann man die Men- l'rciheit in Einheit, ist wahre Freiheit. Erst so geschieht, wenn
schen nicht doch im Blick auf überhöhte Zielvorstellungen er- er möglich ist, der Fortschritt zur vollen Gleichheit.
ziehen? Darf man ihnen das Verständnis des Gesamtinteresses Der Sozialismus hat sich in den knapp anderthalb Jahrhun-
nicht zumuten? Gewiß wird eben dies in der vollen politischen derten seiner Geschichte gespalten in seinem Verhältnis zur li-
Doktrin des Liberalismus gefordert. Aber dressiert uns der er - beralen Welt. Die Sozialdemokratie hat sich der liberalen Welt
folgreiche Wirtschaftsliberalismus nicht de facto doch die reformerisch eingefügt. Sie hat die zentralen politischen
Rücksicht auf das Gesamtinteresse ab? Auf die vernünftige Wert-Hetzungen des Liberalismus voll, seine wirtschaftlichen
Frage: »Warum sollte einer, der eine Million verdient hat, noch Wert-Netzungen schrittweise und partiell akzeptiert.
Ms ist die innere Spannung, also die Ambivalenz der Sozial-
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demokratie, daß sie nicht wissen kann, ob sie eine sozialrefor- »ch die wichtige Rolle der sozialen Bewußtseinsbildung, also
mistische Variante des Liberalismus oder der Weg zu einem ■ f4ßT Orientierung des Denkens einer Nation auf den Wert der
radikaleren Ziel ist. Als Kern dieser Spannung erscheint nun< Solidarität. Hier ist kein König von Gottes Gnaden, der die
zunächst die Fragwürdigkeit, die Ambivalenz, in der dieses |BMtchenden ökonomischen Machtverhältnisse allenfalls
radikale Ziel selbst bisher in der geschichtlichen Realisierung refor-Wrisch ändert, sondern meist ein charismatischer Führer,
aufgetreten ist. Die Sozialdemokratie fühlt sich - mit Recht,' der,
wie mir scheint - abgeschreckt von den Ergebnissen, die der iHiner egalitären Lehre treu bleibend, die alte Oberschicht total
konkurrierende Zweig der sozialistischen Bewegung, der revo- (Mitmachten muß. Das Verhältnis zwischen den vier
lutionäre Sozialismus, bisher produziert hat. Kompo-Bintcn, die ich Charisma, Terror, Bürokratie und
Kommunistische Parteien und nationale revolutionäre So- Selbstbestimmung nennen würde, ist das Problem, um das alle
zialismen haben sich bisher von innen her praktisch nur in Län- ernstzuneh-(nenden sozialistischen Systeme ringen. Die
dern durchgesetzt, die wirtschaftlich unterentwickelt waren sozialistische Doktrin dient, positiv gewendet, der
und keine nennenswerte liberale Phase hinter sich haben. (In Verankerung des Solida-fltätswillens, ohne den diese
den manifesten Gegenbeispielen DDR und CSSR ist die Auseinandersetzung selbstzerstö-trrisch würde; negativ gesagt
kommunistische Herrschaft von außen, durch internationale dient sie zur Verschleierung des radikalen Widerspruchs
Machtverhältnisse, durchgesetzt worden.) In diesen Ländern zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Von der marxistischen
liegt es nahe, den Erfolg zunächst durch das Kriterium des Geschichtserwartung aus erscheint diese Entwicklung,
Wirtschaftswachstums zu messen, das auch von den Sozialisten mindestens zunächst, paradox; und bürgerliche Kritiker des
selbst dort voll anerkannt wird. Dieser Erfolg ist nicht so groß, Marxismus haben auf diesen Widerspruch Von Erwartung und
wie er in der Eigenpropaganda dargestellt wird, aber doch be- faktischer Geschichte oft hingewiesen. Die Länder, von denen
achtlich. Fragt man nach seinen Ursachen, so habe ich deren hier die Rede ist, sollten nach dem klassi-Klhen marxistischen
zwei einleuchtend gefunden: die Möglichkeit, ein Land gegen Ansatz erst auf dem Wege zur bürgerlichen Gesellschaft sein.
Kapitalexport abzuschließen, und die Möglichkeit, eine Bevöl- Ich möchte mich in meinen eigenen Begriffen dieser
kerung über Jahrzehnte zu einem für Investitionen erforderten Erwartung anschließen. Ich halte für wahr-icheinlich, daß
Konsumverzicht zu zwingen. In der Frühphase der großen ka- diese Länder ihrer gesellschaftlichen Entwicklung nach etwas
pitalistischen Entwicklung war der Abschluß nach außen für wie ein Bedürfnis nach Absolutismus haben. Andererseits
die wirtschaftlich führenden Länder nicht nötig und wurde in leben sie in einer modernen Welt, deren Bewußt-»ein nicht mehr
anderen z.T. durch merkantilistische Maßnahmen erreicht. absolutistisch, sondern eben liberal oder sozialistisch ist.
Der Konsumverzicht wurde im Frühkapitalismus durch die Deshalb müssen sie mit dem Bekenntnis zu solchen modernen
Wirtschaftsmacht der Unternehmer und die Festigkeit des sie Wertsetzungen ein Stück absolutistischer Praxis verbinden. Der
stützenden Staatsapparats erzwungen. Beides leistet in den Liberalismus ist für sie noch nicht reif, und wo er formal
heutigen Entwicklungsländern der »weiche Staat« nichtsoziali- durchgeführt wird (z.B. in Indien), erschwert er die
stischer Verfassungen im allgemeinen nicht. Ein anderer Aus- notwendige Entwicklung. Das Bekenntnis zum Sozialismus
weg aus dem weichen Staat sind freilich Militärdiktaturen, die erleichtert die notwendigen absolutistischen Maßnahmen,
sich selbst dann aber oft auch eine sozialistische Interpretation wird aber durch eben diese korrumpiert. Rußland ist heute in
geben. gewisser Weise noch oder wieder ein zaristisches Land, dessen
Soweit gesehen ist die Leistung des Sozialismus, etwas poin- Intellektuelle nach den Freiheiten verlangen, die der Liberalis-
tiert gesagt, daß er einer noch »feudalen« Gesellschaft die Vor- mus bei uns durchgesetzt hat. China ringt, in m.E. sehr viel
teile des Absolutismus bringt. Diese Formel unterschlägt frei- interessanterer Weise, mit demselben Problem.
Was haben wir für unsere fortgeschrittenere Gesellschaft
hieraus zu lernen? Junge Linke haben in den letzten zehn Jah-

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Her treffen wir auf das Paradox, daß gerade die beiden heuti-i
ren oft behauptet, die liberale Kritik an den manifesten Übeln Hauptkonkurrenten um die Welthegemonie, die Vereinigen
z.B. der heutigen osteuropäischen Zustände verkenne, daß im Staaten und die Sowjetunion, ihre heutige politische Ge -Itllt
kapitalistischen System die Übel durch die Struktur des Sy- einer Revolution verdanken, zu deren ideellen Zielen die
stems erzwungen, im sozialistischen hingegen grundsätzlich füberwindung der Weltmachtpolitik gehörte. Keine Weltmacht
überwindbar seien. Die Übel des sowjetischen Systems werden |klt sich je so widerwillig in die Rolle des Weltimperialisten
dann entweder auf menschliches Versagen geschoben oder auf |ilrtn|?en lassen wie die Vereinigten Staaten (wenn auch
Notwendigkeiten in der Defensivposition gegenüber kapita- Wirt-Khaftsimperialismus gegenüber Lateinamerika stets
listischem Imperialismus. Ich halte dieses Argument für essen- prakti-ftiert wurde). Die Väter der amerikanischen Verfassung
tiell kurzschlüssig, aber einer sorgfältigen Diskussion wert. wollten Vorbildlich den Verzicht auf die Machtpolitik
Um die Gesichtspunkte der Reihe nach durchzugehen, halte europäischer fürsten praktizieren; dies hing mit ihrem
ich zunächst das Argument menschlichen Versagens (Perso- innenpolitischen Be-lljnntnis zur Bürgerfreiheit und zum
nenkult, Bürokratie) für richtig, aber eben für einen Ausdruck minimalen Staat aufs eng-Itr zusammen. Die russischen
dessen, was ich als Ambivalenz bezeichne. Ich komme im an- Revolutionäre erhofften von der Weltrevolution das Ende der
thropologischen Kapitel auf die gewaltigen Kräfte zurück, kriegserzeugenden ökonomi-lehcn Mächte und schließlich das
die solches Versagen immer wieder erzeugen. Eine politische Dahinschwinden des Staats; mit beiden Gedanken radikalisieren
Doktrin ist naiv, die sich einbildet, sie habe nun zum erstenmal sie Ansätze der amerikani-Ithen Revolution. Woodrow Wilsons
den Weg aus den Folgen dieses Versagens, die wir die Welt- »war to end wars« und Stalins Sozialismus in einem Land waren
geschichte nennen, gefunden. Ein politisches System wird jedoch Kompromisse mit der Realität, und die Kraft dieser
nicht zu Unrecht an seinem realen Erfolg im Kampf gegen dieses Realität ist hier unser Thema.
Versagen gemessen. Im besonderen bezeichnen gerade Per- Ich kehre nun zu der These zurück, die Behebung der Übel
sonenkult und Bürokratie zwei Formen des Absolutismus, also «ei im liberalen System grundsätzlich unmöglich, im
des, wenn ich richtig sehe, historisch nahezu notwendigen sozialisti-ichcn aber grundsätzlich möglich und nur, etwa aus
Wegs dieser Länder. Dies dient einerseits, solches Versagen be- den genannten Gründen, bisher nicht hinreichend geglückt.
greiflich zu machen (es ist eben nicht nur Versagen, sondern Versteht man dabei unter liberalem und sozialistischem
z.T. Notwendigkeit), zeigt andererseits, wie wenig das, was System die heute faktisch etablierten Systeme, so halte ich die
These für ichlicht und einsehbar falsch. Versteht man unter
dort als Sozialismus versucht wird, für uns vorbildlich sein
ihnen aber ihre theoretischen Entwürfe, so erheben beide den
kann.
Anspruch, ilie Übel überwinden zu können, und es fragt sich,
Daß sich ferner die Sowjetunion unter dem Druck des west-
welcher Anspruch realistischer ist. Nur wenn man die Realität
lichen Imperialismus, das maoistische China unter dem Druck
des einen Systems, z.B. dessen, in dem wir leben, mit der
des amerikanischen und des sowjetischen Imperialismus hat
Hoffnung auf ein noch nicht errichtetes anderes vergleicht, so
entwickeln müssen und weiter unter diesem Druck steht, ist entsteht die natürliche und legitime Asymmetrie zwischen
zweifellos. Ich gebe nur zu bedenken, daß der Konflikt der schlechter Wirklichkeit und erhoffter besserer Zukunft. Die
Imperien um die Welthegemonie durch die ideologischen Dif- von mir angefochtene These besagt in ihrer theoretischen
ferenzen eher mystifiziert als erklärt wird. Nun ist freilich die Grundlage, das liberal-kapitalistische System fordere
Überwindung der Weltmachtpolitik das Thema, mit dem die grundsätzlich die ungehemmte Verfolgung der
hier vorgelegten Aufzeichnungen beginnen, und ich würde mir Privatinteressen, das sozialistische aber grundsätzlich die
selbst widersprechen, wenn ich diese Überwindung a priori als Priorität des Gesamtinteresses; daher sei ersteres unfähig,
unmöglich unterstellte. Ich diskutiere aber, z. Z. unter dem Titel letzteres grundsätzlich fähig, die Probleme
der Ambivalenz des Fortschritts, warum sie so schwer ist.
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des Gesamtinteresses zu lösen. In der theoretischen Ebene is
dies nun eine unzweifelhafte Entstellung der liberalen Doktrir |IW und Doktrinen stabilisiert, dient zur Verwerfung seines !
Diese fordert den politischen Mechanismus der repräsentati -] Grundgedankens, in der illusionären Hoffnung, nur gerade
ven, rechtsstaatlich gebundenen Demokratie zur Lösung de diene eine Machtposition müsse noch gestürmt werden, damit
Probleme des Gemeininteresses, und sie hat sich stets im Prin*f die freie Gesellschaft sich selbst herstellen kann. Nun wirkt das
zip reformfreudig genug gefunden, ihren Glauben an den Nut« Prinzip, der Zweck rechtfertige die Mittel, in der Gestalt, daß f
zen des Marktmechanismus durch staatliche Eingriffe auf da dlm Gegner seine unmoralischen Handlungen als Beweis sei-IWr
rechte Maß zu beschränken. Freilich führt dieser Weg auch in] egoistischen Moral vorgeworfen werden, während die ei-|tne
der Theorie mit Notwendigkeit durch Phasen fast unerträg -f Seite, unter dem Titel der revolutionären Taktik, genau lolche
licher Spannung, da ohne solche Spannung die für Beschlüsse! Handlungen begehen darf, da sie ja dem wahren Fort-lehritt
erforderlichen Mehrheiten oft nicht zustande kommen. In der l dienten. Der Selbstwiderspruch nimmt oft groteske Formen an,
Praxis ist heute der zutreffende Hauptvorwurf gegen das Sy- so in der extrem-elitären anti-elitären Doktrin, die der
stem eher seine vordergründige Spannungslosigkeit, der durch gegnerischen Majorität falsches Bewußtsein vorwirft.
Meinungsmanipulation und Selbsttäuschung aufrechterhaltene Bedenken wir die im Liberalismus-Abschnitt besprochene
Eindruck, die Zustände seien »im Kern gesund«. Wenn einst Spannung zwischen der politischen Notwendigkeit der Wahr-
Konservative den Liberalen das Meinungschaos, die schwan- heit und ihrem Nichtbesitz, so ist auch dieser Dammbruch
kenden Entschlüsse und die manifesten Skandale des entfessel- ver-Mündlich. Erkannte Wahrheit ist intolerant. Wo
ten Privategoismus des liberalen Systems vorwarfen, so konn- Absolutismus die I''orderung der Stunde ist, kann dieses
ten diese mit Recht antworten, in ihrer offenen Gesellschaft Verfahren das historisch gebotene sein. Für uns aber ist eine
komme der Schmutz zum Vorschein und könne angegriffen Solidarität, die die I'rciheit nicht opfert, die Forderung der
werden, den ein autoritäres System unter die Schränke fegt, wo er Stunde; und zwar geht cn nicht um die Freiheit, die wir für uns
Miasmen ausbrütet. Der Vorwurf gegen die heutige liberale beanspruchen, sondern um die Freiheit, die wir unseren
Gesellschaft, sie fege ihren Schmutz auch unter die Schränke, Mitmenschen gewähren. Dies wird bei uns heute unter den
besteht jedoch weitgehend zu Recht. Dies gehört zur Ambiva- Titeln Demokratie, Demokrati-xicrung, Mitbestimmung
lenz des Fortschritts im Liberalismus, fordert aber zur Prüfung thematisiert.
der analogen Frage im Sozialismus heraus. Ich füge hier einen weiteren Ladenhüter unter meinen Über-
Anders als die reformistische Sozialdemokratie, deren zeugungen an, daß nämlich mehrheitliche Demokratie, für sich
Schwäche oft der Kompromiß ist, hat der revolutionäre Sozia- genommen, nicht Freiheit, sondern Herrschaft einer größeren
lismus, wo er nicht dem Feudalismus, sondern dem Liberalis- CJruppe ist. Der Sinn des Liberalismus ist nur in frühen Kampf-
mus gegenübertritt, ein Prinzip, das m.E. die gefährlichen, phasen die Freiheit der Vielen von der Herrschaft der Wenigen.
am-bivalenten Folgen geradezu erzwingt. Es ist die Rückkehr Hin solcher Kampf muß wohl in immer neuen Gestalten immer
zum Dogmatismus, d. h. zur Überzeugung, eine bestimmte wieder ausgefochten werden, und er bringt als Geschenk, so-
Gruppe - und zwar natürlich die eigene - sei im Besitz der lange er dauert, ein Solidaritätserlebnis unter den Vielen. Aber
Wahrheit. Wie in den klassischen Kirchen und Sekten wird die eine siegreiche Gruppe ist darum, weil sie die Majorität dar-
Menschheit im dogmatischen Sozialismus wieder in stellt, nicht weniger töricht als andere Sieger. Minderheiten
Eingeweihte und Außenstehende eingeteilt. Das sind unter einer ihrer selbst sicheren, aufgeklärten konservati-
Glückserlebnis, zu den Eingeweihten zu gehören, hat eine ven Herrschaft oft besser geschützt als unter einer militanten
unendliche Verführungskraft. Die manifest richtige Kritik, daß Demokratie. In der siegreichen Demokratie wird daher zur
das liberale System nicht jedem seine Chance gibt, sondern wichtigsten Aufgabe des liberalen Prinzips der Schutz der Min-
auch eine Herrschaft von Interes- derheiten, zumal derjenigen, die keine Aussicht haben, die
Mehrheit für sich zu gewinnen.
112
113
durch Klärung der Gründe der Ambivalenz des den Fortschritt
Das moralische Problem der Linken und das Wollenden Verhaltens ist das, worum es ihr geht.
moralische Problem der Moral
Hitderschrift

Vorbemerkung: Die Moralisierung der Politik Diese Betrachtung strebt vom Besonderen zum Grundsätz-
lichen. Sie beginnt mit einem Beispiel aus dem Erfahrungs-
In unserer Zeit findet eine Politisierung der Menschheit statt. bereich der Berufs- und Generationsgenossen des Verfassers.
Nie zuvor hat sich ein so großer Prozentsatz der Menschen um Das Wort »die Linke« bzw. »die Linken« sei zunächst zur
Politik gekümmert. Dies ist ein Aspekt der Demokratisierung Bezeichnung derjenigen politischen Tendenz gebraucht, die in
der Politik. der Studentenbewegung der letzten zehn Jahre in Ländern wie
Dieser Vorgang führt zugleich zu einer Moralisierung der dem unseren bestimmend war. Mit diesen Linken haben liberale
Politik. Politik wird weniger als das Spiel der Großen, als das Professoren (ähnlich auch liberale Politiker, Richter usw.) oft
Geschäft der Fachleute, als Schicksal betrachtet, sondern als folgende Erfahrung gemacht. Der betreffende Professor war
Thema moralisch beurteilter Entscheidungen, zu denen jeder ein entschiedener Kritiker vieler Strukturen der Gesell-icluft,
aufgefordert ist. Ob die Politik dadurch moralischer wird, in der er lebte. Er begrüßte die Anfänge der linken Stu-
kann man bezweifeln. Sicher wird sie moralisierender. Der dentenbewegung mit Sympathie und mit großer
Appell an moralische Urteile gehört zu den immer unentbehr- Lernbereit-»chaft. Er sah die gedankliche Kraft der meist
licheren Mitteln der Politik. Die in der Politik uralten Verhal- irgendwie von Marx bestimmten globalen Betrachtung der
tensweisen der Lüge und der Selbstbestätigung durch Selbstbe- Gesellschaft, die Wichtigkeit einer politisch-ökonomischen
trug nehmen heute immer mehr die Gestalt der Ideologie, d. h. Betrachtungsweise. Kr bewunderte den entschlossenen Einsatz,
der Berufung auf allgemeingültige moralische Prinzipien an. nicht ohne Selbstkritik, die er seinem eigenen faktischen
Die Moralisierung der Politik ist ein Beispiel für die Ambiva- bürgerlichen Konformismus zudachte. Letztlich beruhte diese
lenz des Fortschritts. seine Sympathie mit den Linken nicht auf einer theoretischen
Die nachfolgende Niederschrift erörtert dies an einem aktu- Übereinstimmung -dazu fand er die linken Theorien denn doch
ellen Beispiel. Ein konkreter Anlaß hat in mir die Emotionen zu konfus -, aber «uf dem tiefen Eindruck, den ihm die
noch einmal wachgerufen, die ich in ihrem Anfang schildere. moralische Motivation dieser jungen Menschen machte. Die
Die Niederschrift entstand als Versuch, dieser Emotionen bürgerlichen Schockiert-heiten über rüde Umgangsformen,
durch Objektivierung, also durch Analyse ihrer Gründe, Herr sexuelle Libertinage und ähnliche Brüche mit der
zu werden. Sie spiegelt wegen dieser Entstehungsweise unver- traditionellen Moral überwand er leicht, denn auch in diesen
hohlener als andere, kontrolliertere Äußerungen meine Emp- Brüchen, selbst wenn er sie persönlich nirgends mitmachte,
findungen gegenüber dem Phänomen der »Linken«. Sie schneidet spürte er den moralischen Sinn eines Bedürfnisses nach
aber zugleich Probleme an, die mir weit über die Geschichte der Wahrhaftigkeit, er spürte den moralisch motivierten Protest
linken Bewegung der vergangenen Jahre hinaus von zentraler gegen die moralische Verlogenheit herrschender äußerer
Bedeutung zu sein scheinen. Um dieser Probleme willen wollte Formen. Er bot den Linken offenes Gespräch, freie Kooperation,
ich sie in die Hand von Freunden geben, zumal von solchen, die Schutz gegen die Repressionen des herrschenden Systems an.
der Linken in ihrem elementaren Empfinden näherstehen als Nicht in jedem Fall, aber in signifikant vielen Fällen erlebte er
ich. Nicht die Emotion, sondern ihre Überwindung nach kurzer oder längerer Zeit, daß gerade sein moralisches
Zutrauen gröblich und unheilbar mißbraucht und

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verletzt wurde. Er sah sich einer planvollen Machtergreifung Itc Fassung in Kants kategorischem Imperativ: »Handle so,
gegenüber, der er nur gerade so lange interessant war, als sie daß die Maxime deines Handelns jederzeit Prinzip einer allge-
seiner bedurfte. Er erkannte, daß er ein »nützlicher Idiot« ge- meinen Gesetzgebung sein könne.« Nun gibt es in der mensch-
wesen war. Von hierher erklärt sich das heute unheilbar gewor- lichen Geschichte seit Jahrtausenden das Phänomen der
dene Trauma gerade vieler aufrichtig fortschrittlich gewesener Herr-ichaft, also einer manifesten Ungleichheit der
Liberaler gegen die Linken, das seine Träger oft zu einer reak- gesellschaftlich gesicherten Rechte der Menschen. Die meist
tionären Haltung bringt, die sie selbst noch vor zehn Jahren religiös verankerte traditionelle Moral hat zwischen der
aufs schärfste mißbilligt hätten. Ich vermute, daß dies auch der Anerkennung dieses Faktums und der universalistischen Moral
tiefste Grund des, wenigstens vorläufig, radikalen und kläg- Kompromisse gefunden. Dazu gehört das Ethos der höheren
lichen Scheiterns der linken Bewegung in allen hochindustria- Verpflichtung des Herrschenden, dessen große reale Bedeutung
lisierten Gesellschaften mit repräsentativer Demokratie ist. So die heutige linke Kritik meist in einem zum Realitätsschwund
berechtigt die Vorwürfe gegen das in dieser Gesellschaft hinter führenden Grade mißachtet. Ein anderer Ausweg ist der Verzicht
der formellen Rechtsstaatlichkeit bestehende Herrschafts- von Individuen auf die eigene Teilhabe am Herrschafts- und
system sind, so konnte doch die Linke sich gerade bei dem ein- Reichtumssystem bei Eremiten, Bettelmönchen, Sekten.
fachen, aber nicht ganz leicht zu täuschenden moralischen Sowohl im Kern des luhos der Vornehmen wie offenkundig im
Urteil der Nicht-Intellektuellen, zumal der Arbeiter, auf die sie Ethos der Verzichtenden steckt die Überzeugung, daß die
sich so oft beruft, nicht durchsetzen. Die Linke ist bisher gegen Forderung der Gleichheit der Behandlung der Mitmenschen nur
ein moralisch durchaus anfechtbares und von ihr mit Recht kri- erfüllt werden kann, wenn ich von mir selbst mehr verlange, als
tisiertes System deshalb unterlegen, weil ihre eigene faktische ich meinem Partner zumute. Dies ist in diesen Formen der Ethik
Moral einen moralischen Schrecken verbreitet, der, auch wenn möglich gewesen durch ihren religiösen Kern: nicht die
er sich oft ungewandt ausspricht, im Kern voll begründet ist. selbstgeleistete - und nie glückende - eigene Gerechtigkeit ist die
Gerade die moralisch hochmotivierte Linke scheitert an ihren Basis moralischen Verhaltens, sondern die göttliche Gnade,
systematischen Verstößen gegen die Moral. welche die Lücken ausfüllt, die jedes Handeln, auch bei bestem
Es ist klar, daß eine Analyse, wie ich sie hier versuche, im Willen, lassen muß. Diese religiöse Erfahrung ist in nicht
Faktischen hochkontrovers bleiben wird. Ich wäre bereit, mich geringerem Grade eine Realität als die Erfahrung der
einer Diskussion über ihre Richtigkeit zu stellen, und auch, sie unwidersprechlichen Gültigkeit der universalistischen Moral.
zum Zweck der Kontrolle in weiten Details in unserer Ge- Die radikale europäische Aufklärung, in deren Tradition die
sellschaft und in anderen Gesellschaften auszubreiten. In der heutige Linke steht, attackiert das Faktum der Herrschaft
vorliegenden Notiz gehe ich von der Vermutung aus, diese selbst. Sie tendiert dazu, Herrschaft abzuschaffen. Ich spreche
Analyse habe wenigstens einen Zug des Geschehens richtig be- jetzt nicht davon, ob das im radikalen Sinne eines Tages mög-
zeichnet. Dann entsteht die Frage, wie so etwas zu erklären sein lich sein wird; ich muß es nach meinem anthropologischen Ur-
mag. Das moralische Problem der Linken leitet über zum mo- teil grundsätzlich für möglich halten, aber in einer auf lange
ralischen Problem der Moral. Zeit unerreichbaren Zukunft. Ich spreche von den Problemen,
Es handelt sich zunächst um das Verhältnis von Moral und die entstehen, wenn man hofft und versucht, dergleichen direkt,
Gesellschaft. Unter Moral sei hier abkürzend die wohl höchste also in einem Anlauf zu erreichen. Die Linken, die dies
bisher entwickelte Form von moralischen Prinzipien verstan- entweder in einem revolutionären Anlauf oder in dem noch
den, die universalistische Moral. Sie hat ihre alte Formulierung immer phantastisch kurzen Schritt eines einmaligen »langen
in der goldenen Regel: »Was du nicht willst, daß man dir tu, das Marschs durch die Institutionen« zu erreichen hoffen, kritisie-
füg auch keinem andern zu«, ihre philosophisch durchdachte- ren direkt die Einrichtung der Herrschaft selbst vom Stand -

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punkt der Moral aus. Sie nennen dies die Forderung nach Ge- Lösungen von Fall zu Fall zuläßt, aber auf der Basis einer
rechtigkeit. Sie durchschauen und kritisieren das Verhalten der blo-flen Moral keine grundsätzliche Lösung besitzen kann.
Herrschenden, die sich auf das Ethos der Vornehmheit im Unter bloßer Moral verstehe ich hier eine Moral, die zwar die
wesentlichen dort berufen, wo es ihrer eigenen Herrschaft kei- goldene Kegel oder den kategorischen Imperativ zugrunde legt,
nen Abbruch tut. Diese linke Kritik stößt nun auf das uralte aber nicht noch tiefer in dem begründet ist, was ich vorhin die
moralische Problem von Zweck und Mitteln. Sie erkennt die religiöse Erfahrung genannt habe. Dies ist die Erfahrung der
gesellschaftliche Bedingtheit und den seinen Trägern verborge- Gnade, der erlösenden Kraft der Nächstenliebe, und zwar in der
nen (»ideologischen«) Zweck moralischer Urteile. Sie ist über- Liebe, Verehrung und Furcht jenes tiefsten Selbst, das in der
zeugt, daß eine Änderung der Gesellschaft, welche die Herr- religiösen Tradition Gott heißt. Ohne diese Erfahrung gibt es
schaft als die faktische Vorbedingung der moralischen Lüge »wischen unerfüllbarer Kompromißlosigkeit und faulen Kom-
abschaffen würde, allein eine echt universalistische Moral ge- promissen keinen gangbaren Weg. Beide Verhaltensweisen füh-
sellschaftlich möglich machen würde. Ihre Träger fühlen sich ren bei einem moralisch sensiblen Menschen zum Selbsthaß,
daher legitimiert, gegen die Träger des bestehenden Systems und durch den psychologischen Mechanismus der Projektion
eine ungleiche Moral anzuwenden, d. h. sie so zu behandeln, /.um Haß gegen andere. Dieser Haß liegt auf dem Grund des
wie sie von diesen nicht behandelt werden möchten. Sie ver- moralischen Versagens der Linken. Ich glaube, man sieht in
drängen die Wahrheit, daß sie die Moral, die sie selbst etablieren diesem Gedankengang die »Dialektik« der linken Moralität:
wollen, auf dem Wege zu ihrer Etablierung durch die Tat (jerade weil die Linke primär moralisch motiviert ist, verfällt
verraten und daß jeder halbwegs Sensible diesen Verrat merkt.
die tieferen moralischen Fehlern als ihre moralisch weniger
So schaffen sie ihre eigene moralische Diskreditierung, von der
aktivierten Gegner. Darum liegt mir fern, diese moralischen
eingangs die Rede war. Sie geraten aber, wenn ihnen diese Er-
Fehler moralisch zu verdammen; sie sind im Grunde ein Phä-
kenntnis dämmert, in eine verzweifelte Lage. Denn sie wissen
nomen der Verzweiflung. Aber sie haben die den Produkten der
andererseits, daß das herrschende System mit anderen als den
Verzweiflung innewohnenden selbstmörderischen Konse-
von ihnen versuchten Mitteln nicht gestürzt werden kann. Ver-
quenzen. Nicht wer diese Versuchungen nie gehabt hat, hat
sagen diese Mittel, so wird das System eben auf absehbare Zeit
Anlaß zur moralischen Selbstzufriedenheit. Der eigentliche,
nicht gestürzt.
fruchtbare Weg endet nicht in dieser Verzweiflung, sondern be-
Ich spreche nun nicht davon, was langfristig mit dem System
ginnt, wo wir ihr ins Auge zu schauen wagen. Man kann das
geschehen mag, sondern von dem moralischen Problem der
moralische Problem der Moral auf eine Formel bringen, wegen
Linken. Es ist in folgendem Sinne das moralische Problem der
Moral selbst. Moral in einem einigermaßen radikalen Sinne ist deren Simplizität man sich als Intellektueller normalerweise
möglich, wenn man auf gesellschaftliche Sicherung verzichtet, schämen würde: letzter Grund der Möglichkeit menschlichen
wie die vorhin genannten religiösen Gruppen. Es dürfte jedoch Zusammenlebens ist die Liebe und nicht die Moral. Die Moral
eine echte Verpflichtung für politisch verantwortlich denkende ist ein vorletzter Grund.
Menschen sein, zum Entstehen solcher gesellschaftlicher Zu-
stände beizutragen, in denen auch den normalen Menschen, die
keine radikalen Nonkonformisten sind, ein möglichst morali-
sches Handeln möglich wird. Wie, wenn dies gegen bestehende
Macht nur unter Verletzung moralischer Prinzipien durchsetz-
bar ist?
Ich behaupte, daß dieses Problem zwar viele pragmatische

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Die Hoffnung des revolutionären Sozialismus sitha folgt das gegenwärtige Kapitel dem Strang eines einzigen
theoretischen Gedankengangs, nämlich der Frage, ob die
(1976) Hoffnung des revolutionären Sozialismus auf Überwindung
Von Herrschaft nach den durch Marx selbst erschlossenen
Ein-llchten glaubwürdig ist. Ein nachfolgendes Kapitel bietet
Der immanenten, auf Stabilisierung zielenden Kritik am kapi- als ! gleichsam aphoristische Fallstudie Impressionen aus dem
talistischen Weltsystem steht eine völlig andere Kritik am sel- m.E. Bei weitem interessantesten radikal sozialistischen
ben System gegenüber, die des radikalen Sozialismus. Sie hält heutigen Lind, aus China.
die stabilisierende Reform des Kapitalismus weder für wünsch- Es gehört zu den Stärken des Marxismus, daß er kein detail-
bar noch auf die Dauer für möglich. Für sie trägt der Weg durch liertes Bild von der Zukunft festlegt: weder von dem angestreb-
die Gefahr ein völlig anderes Gesicht als für liberale oder so - ten Hndziel noch von dem Weg dahin. Dies ermöglicht ihm
zialdemokratische Wirtschaftspolitiker. In der weltweiten linc flexible Taktik. Es ist auch theoretisch konsequent. Nach
wirtschaftlichen Krise sieht sie die Chance der Überwindung dem Denkschema der Dialektik muß sich die Zukunft aus den
eines Systems, das untergehen soll; die Gefahr sieht sie in den Widersprüchen der Gegenwart herausarbeiten. Das Ergebnis
verzweifelten Aktionen des Systems zu seiner Rettung, wirt- dieser Arbeit läßt sich in der Gegenwart nicht gedanklich vor-
schaftlich in wachsender Ausbeutung, politisch im Faschismus wegnehmen.
und, äußerstenfalls, im Krieg gegen die Vorposten der neuen, Gleichwohl bezieht der Marxismus einen großen Teil seiner
sozialistischen Welt; der Weg in der Gefahr schließlich liegt für Uberzeugungsstärke aus einer, wenn auch vagen, Antizipation
sie in der revolutionären Aktion, in nationalen Befreiungskrie- der Zukunft. Er entwirft in Worten ein Bild vom Endziel. Es ist
gen, im Gang zum Sozialismus in denjenigen Ländern, in denen die Aufhebung der Herrschaft von Menschen über Menschen,
revolutionäre Sozialisten zur Herrschaft gekommen sind. Wir näher ausgemalt als klassenlose Gesellschaft und Absterben des
nehmen die Suche nach Wegen in der Gefahr nicht ernst, wenn Staats. Ebenso entwirft er ein Bild vom Weg dahin. Es ist die
wir diese Denk- und Handlungsweise nicht als eine Alternative proletarische Revolution und die aus ihr hervorgehende Dik-
völlig ernst nehmen. Ich werde sie kritisieren und mich ihr tatur des Proletariats. Bürgerliche Gegner des Marxismus be-
nicht anschließen. Aber dahinter steht ein jahrelanges Bemühen, neiden ihn oft um einen so deutlichen Entwurf der Zukunft.
diese Denkweise nach ihrer eigenen inneren Logik zu Auch nicht orthodox-marxistische Sozialisten erweisen sich in
vollziehen. Die Kritik an ihr versucht, »dialektisch« zu bleiben, einer ihnen selbst nicht immer durchsichtigen Weise von diesen
d. h. die kritisierte Denkweise nicht von ihren natürlich Bildern bestimmt. Man könnte m.E. leicht zeigen, daß z.B.
vorhandenen Schwächen und Unvollkommenheiten, sondern ihre Analyse der Probleme des heutigen Kapitalismus aus den-
von ihren Stärken her zu kritisieren; mit anderen Worten, zu selben Fakten andere Schlüsse zieht als eine nichtmarxistische
zeigen, daß gerade die Richtigkeit gewisser fundamentaler Ge- Analyse, weil hinter ihrer Analyse als Kriterium steht, die realen
danken des radikalen Sozialismus die Schwierigkeiten, in die Vorgänge an der sozialistischen Hoffnung zu messen.
dieser sich verstrickt, als wesensnotwendig und nicht als bloße Mine Überprüfung der sozialistischen Hoffnung ist daher
Betriebspannen erkennen läßt. auch für eine Beurteilung der Gegenwart wichtig. Wir
Freilich ist dies nicht ein Buch über Gesellschaftssysteme, be-»chränken uns hier auf eine Kritik des Weges, also der
sondern vorwiegend über wirtschafts-, außen- und militärpoli- Begriffe der proletarischen Revolution und der Diktatur des
tische Fragen. Für die volle Durchführung einer gleichzeitigen Proletariats. Eine kurze Bemerkung über die ungelöste Aufgabe
Kapitalismus- und Sozialismuskritik (Fragen zur Weltpolitik, einer deutlicheren Bestimmung des Endziels geht dieser
S. 38-39) wäre eine tieferdringende und breitere Analyse nötig. Kritik
voran.

120 121
Der Begriff der Herrschaft bezeichnet ein komplexes Phäno- /u Trägern der geschichtlichen Dynamik. Daraus ergibt sich
men. Man kann in dem Phänomen der Herrschaft wenigstens das Modell der zwei sukzessiven Revolutionen: der bürger-
drei Komponenten unterscheiden, die man mit den ihrerseits lichen und der proletarischen.
wieder erklärungsbedürftigen Worten: Rangordnung, Funk- Ich behaupte nun, daß dieses Modell einem in seinen Moti-
tion, Macht benennen könnte. Mir ist kein anthropologischer, ven verständlichen Wunschdenken entstammt, aber einer ge-
historischer oder systemtheoretischer Grund bewußt, warum naueren Prüfung mit seinen eigenen Begriffen nicht standhält.
dieses Verhaltensgefüge in alle Zukunft fortbestehen müßte. Das Zusammenfallen des partikularen Klasseninteresses mit
Die langfristige Hoffnung auf die Überwindung der Herr - dem Gesamtinteresse hat beim Bürgertum und beim Proletariat
schaft über Menschen erscheint mir also sinnvoll. Ich unter- einen ganz verschiedenen Sinn.
lasse hier aber die sehr voraussetzungsvolle nähere Diskussion Der Sieg des Bürgertums über den Adel war der Sieg der
dieses Gedankens. Diese Hoffnung liegt aber heute in einer un- Stadtkultur über die landwirtschaftliche Kultur. Die Städte wa-
seren Blicken ganz verhüllten fernen Zukunft. ren seit dem Mittelalter in den Händen der Bürger und nicht
Die Hoffnung hingegen, das Phänomen der Herrschaft des landbesitzenden Adels. Die Bürger verfügten von jeher
durch eine proletarische Revolution zu überwinden, scheint über die materiellen und intellektuellen Machtmittel ihrer eige-
mir in einsehbarer Weise falsch. Ich behaupte: Eine sozialisti- nen Kultur, und als diese das ökonomische Übergewicht über
sche Revolution mag zwar in gewissen Situationen ein notwen- die Landwirtschaft gewonnen hatte, übernahmen sie schließ-
diger und im Interesse der Menschen wünschbarer Vorgang lich auch die politische Macht. Das Bürgertum war nie in seiner
sein. Sie trägt aber zur Überwindung des Phänomens der Herr- Geschichte seit dem Hochmittelalter ein funktionaler Diener
schaft nichts bei, da sie die Revolutionäre zwingt, eine nicht des Adels.
minder stabile Herrschaft zu errichten. Gerade darin unter- Das Industrieproletariat hingegen war von Anfang an der
scheidet sie sich von der bürgerlichen Revolution; denn diese abhängigste der Stände. Es war ein Produkt der bürgerlichen
hat zwar das Phänomen der Herrschaft nicht überwunden, hat Wirtschaftsform, eine von Marx im Prinzip richtig beschrie-
aber zu seinem Abbau beigetragen. Diese Behauptung ist, wie bene Sklavenarmee des Kapitalismus. Es verfügte nicht über
man sieht, der Hoffnung von Marx genau entgegengesetzt. die Maschinen, die es bediente; intellektuell mit wachsender
Marx übernimmt und transformiert einen Hegeischen Ge- Technisierung immer weniger, materiell nur in der negativen
danken über die Weltgeschichte mit der Meinung, in jeder ge- l;orm der Möglichkeit des Streiks. Sein Partikularinteresse war
schichtlichen Phase gebe es eine Klasse, deren Partikularinter- nicht wie beim Bürgertum die Durchsetzung realer, integrierter
esse dem Gesamtinteresse der Gesellschaft nahe genug stehe, Macht, sondern Befreiung von Elend und Abhängigkeit. Dem
um in dieser Phase diese Klasse zum Träger des geschichtlichen
entspricht genau, was das Proletariat hat durchsetzen können:
Fortschritts zu machen. Eine Revolution tritt ein, wenn eine
seine Integration in die bürgerliche Gesellschaft in einer
Klasse die andere in dieser geschichtlichen Rolle ablöst. Die
kleinbürgerlichen Rolle.
Revolution könnte an sich eine unblutige Ablösung sein. Realiter
So hat es auch niemals in der bisherigen Weltgeschichte in
wird sie fast immer gewaltsam geschehen, da eine herrschende
einem industrialisierten Lande eine erfolgreiche gegen das Bür-
Klasse ihre Herrschaft nicht freiwillig aufgibt. In der
gertum gerichtete proletarische Revolution gegeben. Ebenso-
Beschreibung der neueren Zeit operiert Marx begrifflich mit
wenig hat es je eine Diktatur des Industrieproletariats gegeben.
drei Klassen: dem feudalen Adel, dem kapitalistischen Bürger-
tum und dem industriellen Proletariat. Selbstverständlich diffe- Die obige Überlegung macht wahrscheinlich, daß es beides
renziert er diese Klassen in sich und kennt die Bauern als eine auch niemals geben wird. Das Industrieproletariat ist zu An-
von ihnen verschiedene Klasse. Aber genau diese drei macht er fang der Industrialisierung zur Revolution zu schwach und in
den späteren Phasen zu wenig revolutionär motiviert.

122 123
Die sozialistischen Revolutionen, die wirklich stattgefunden ■ leit Jahrtausenden so fleißigen und spontan ordnungsbereiten
haben, sind etwas völlig anderes. Sie sind, marxistisch aus- Nation wie der chinesischen Dezentralisierungsexperimente
gedrückt, antifeudale Revolutionen vor der Entstehung eines leisten kann, die in Rußland zum Scheitern verurteilt wären.
zur bürgerlichen Revolution fähigen Bürgertums. Sie sind Ich behaupte aber, daß dieser Reichtum von
Wege zur Modernisierung wirtschaftlich rückständiger Länder. Begleitphäno-mcnen die strukturelle Nötigung nicht aufhebt,
Wenn man sie mit den Epochen der westeuropäischen welche sozia-liitische Revolutionen, völlig anders als
Geschichte überhaupt parallelisieren dürfte, so wären sie funk- bürgerliche Revolutionen, dazu drängt, Herrschaft nicht
tionale Entsprechungen zu den Machtergreifungen des abzubauen, sondern zu übernehmen und dann zu stabilisieren,
merkan-tilistischen Absolutismus gegen den Feudaladel. Sie sind ja zu verschärfen. Sozialisten, welche die in dieser Richtung
getragen von intellektuellen Kadern (Abkömmlingen des alten deutenden Phänomene beobachten, entschuldigen sie oft durch
Adels und des in seiner Masse zu schwachen Bürgertums) und die Meinung, echter Sozialismus lasse sich erst nach der
gestützt durch ein revolutionäres Potential der Bauern. Das na- Überwindung des kapitalistischen Weltsystems aufbauen.
türliche Produkt dieser Revolutionen sind zentralistische Bü- Vorher sei Sozialismus in einem Lande eigentlich nicht
rokratien. Die russische Revolution hat gegenüber der inneren möglich, sondern höchstens Herrschaft sozialistisch gesinnter
Logik dieser Entwicklung kapituliert. Die chinesische Revolu- Menschen. Denn das kapitalistische Weltsystem nötige alle in
tion hat mit einer wohl stark von Mao persönlich getragenen den Welthandel verstrickten Nationalwirtschaften, sich den
heroischen Anstrengung versucht, ihr zu entgehen. Es scheint, Konkurrenzformen des Kapitalismus anzupassen, wenigstens
daß nur der chinesische Weg heute ein denkbares Gegenmodell in der Form, daß der Staat als Unternehmer auftritt, also der
gegen die hier von mir behauptete geschichtliche Nötigung ist. Form eines Staatskapitalismus. Auch ein Land, das sich
Im Blick auf ihn ist daher das folgende gemeint. Doch argu- wirtschaftlich autark halten kann, stehe noch immer unter den
mentiere ich zunächst mit den außerchinesischen Erfahrungen. Zwängen des kapitalistischen Weltsystems durch die
Die Parallele der heutigen sozialistischen Staaten mit dem
Notwendigkeit, eine zum Selbstschutz hinreichende
bürokratischen Absolutismus entspricht zwar einem struktu-
militärische Stärke und innenpolitische Kontrolle und die
rellen Sachzwang, aber nicht der Intention der Träger der Re-
dazugehörigen Herrschaftsstrukturen aufrechtzuerhalten.
volution. Für diese erscheint der Bürokratismus als eine Ent-
In dieser These steckt m.E. eine Wahrheit, die aber im Aus-
artung des Sozialismus. Nicht nur Mao, auch Namen wie Tito,
druck durch Hoffnungen entstellt ist. Der Kapitalismus ist in
Dubcek, Nyerere, Allende, auch Castro, bezeichnen Versuche,
der Tat ein weltweites System, heute mehr denn je, das auch den
den Sozialismus besser zu verwirklichen. Die programmati-
ihm ideologisch und machtmäßig abgewandten Gesellschaften
sche Entwicklung der italienischen und französischen kommu-
gewisse Strukturmerkmale aufnötigt. Im Anschluß an das zuvor
nistischen Parteien nimmt zum mindesten Rücksicht auf den in
Gesagte kann man die Unmöglichkeit des radikalen Sozialismus
westlichen Ländern überwiegenden Abscheu gegen den sowje-
in unserer Welt auch so ausdrücken: Es gibt keine gesell-
tischen Absolutismus. Die heutigen Sozialisten sind Zeitgenos-
schaftliche Formation, welche kraft ihrer ökonomischen
sen einer liberalen bürgerlichen Gesellschaft mit repräsentativer
Macht imstande wäre, den ins kapitalistische System integrier-
Demokratie und egalitärer Ideologie, sie sind Teilhaber moderner
ten Klassen so die politische Herrschaft aus der Hand zu neh-
Rationalität und guter und bitterer Erfahrungen mit der
men, wie einst das Bürgertum sie dem Adel bzw. dem König aus
Marktwirtschaft und der kapitalistischen Produktionsform,
der Hand genommen hat. Sozialistische Revolution kann daher
welche alle es zur Zeit des europäischen Absolutismus im 17.
von innen nur durch straff organisierte Minoritäten, durch Kader,
und 18. Jahrhundert noch nicht gab. Zudem sind die lokalen
verwirklicht werden; von außen durch militärischen Sieg einer
Kulturen sehr verschieden. Es kann sein, daß man sich in einer
sozialistischen Macht über eine nichtsozialistische. Es ist

124 125
reines Wunschdenken, zu meinen, die Gewalt, die eine solc „, können, daß die Abschaffung dieses Privateigentums je-„
Revolution herbeiführt, werde nachher automatisch die Majc _infalls in einer vorbürgerlichen Gesellschaft ein
rität der Bevölkerung auf ihrer Seite haben. Auch dort, wo sil Fortschritts-|hlndernis ist.
die Gegenrevolution nicht mehr zu fürchten hat, hat sie ne I Ein feudaler Staatsmann konnte, wenn ihm der Staatsdienst
Staatsstreiche zu fürchten. Denn ihre Legitimationsbasis bleib flieht mehr paßte, »auf seine Güter gehen«. Der
die einer gewaltsam zur Macht gekommenen Minorität. Da2 großbürger-lUchc Politiker konnte im Idealfall von seinen
kommt das psychologische Argument: Seit Jahrzehnten il Kapitalzinsen Pllben, der heutige amerikanische Politiker oder
Machtkategorien geschulte Berufsrevolutionäre sind unabhän«! höhere Beamte l llOmmt oft genug aus der Wirtschaft und
gig von ihrer vielleicht freiheitlichen Ideologie wenig geeignet,! kehrt, wenn er es \ Wünscht, in sie zurück. Der Professor als
als Sieger die Macht aus der Hand zu legen; ihre Nachfolgeff Abgeordneter oder 1 Administrator hat oft genug einen
aber sind die in ihrem Dienst erzogenen Bürokraten. freigehaltenen Lehrstuhl, in MHelsächsischen Ländern u.U. an
Die einzige Macht, die in der absehbaren Zukunft dem Kapi- einer privaten Universität, lli das »Rittergut«, dessen Existenz
talismus die politische Herrschaft entwinden könnte, liegt also er seine Unabhängigkeit Verdankt. Die totale Abhängigkeit
im Militär der sozialistischen Großstaaten, der Sowjetunion jedes Glieds der politischen Führungsschicht vom Wohlwollen
und, auf längere Sicht, Chinas. Die Erwartung einer weltweiten der Spitze eben dieser Füh-rungsschicht engt den
sozialistischen Revolution ist also wahrscheinlich objektiv Bewegungsspielraum zur Durchsetzung »bweichender
gleichbedeutend mit der Erwartung des Weltkriegs. Dieser ist Meinungen und Interessen stärker ein, als dies im Absolutismus
auch unabhängig vom Gegensatz der Gesellschaftssysteme des 18. Jahrhunderts für Barone und für Bürger der I;all war. Es
wahrscheinlich. Über ihn hinaus zu prognostizieren erscheint gibt also im bürokratischen Sozialismus keine Klasse, deren
kaum möglich. Wir sollten gleichwohl die Frage stellen, welche ökonomische Situation sie zu Trägern der Bewe-(tung zu
Entwicklung wahrscheinlich ist, wenn es gelingen sollte, ihn zu individueller Freiheit hin prädestinieren würde, allenfalls zu
vermeiden. Trägern einer gemeinsamen Durchsetzung kollektiver
In den sozialistischen Staaten wird vermutlich die Moderni- Interessen.
sierung der Wirtschaft und der Mentalität voranschreiten. Dies Die von Marx theoretisch konstruierte Abfolge
dürfte die Menge und das Selbstbewußtsein derjenigen Schicht Feudalis-nuis-Kapitalismus-Sozialismus hat gerade unter dem
wachsen lassen, die in der Produktion funktional eine ähnlich Gesichtspunkt der Schaffung und Sicherung politischer
leitende Rolle spielt wie im europäischen 18. und 19. Jahrhun- Freiheit einen klaren Sinn. Es ist in diesem Schema die Rolle
dert das Bürgertum. Man darf vermuten, daß diese Schicht ein des kapitalistischen Bürgertums, diejenigen Freiheiten
ähnliches Freiheitsverlangen entwickelt wie einst das Bürger- durchzusetzen, rechtlich zu sichern und einzuüben, die dann in
tum. Liberalisierung dürfte dann das langfristige Schicksal der der sozialistischen Phase der breiten Masse zugute kommen
sozialistischen Staaten sein, insofern also eine Annäherung an sollen. Die revisionistische Sozialdemokratie handelt und
den Abbau von Herrschaft. Jedoch hat die faktische Macht- denkt genau im Sinne dieser Logik. Der Gedanke der Diktatur
übernahme des westeuropäischen Bürgertums ihre ökonomi- des Proletariats entspringt einer völlig anderen, revolutionären
sche Basis eben, wie Marx gesehen hat, in dem rechtlichen Argumentations-kette. Die Vereinigung beider Gedanken im
Institut des Privateigentums an Produktionsmitteln gehabt. klassischen Marxismus war m. E. nur »dialektisch« möglich, d.
Dessen Fehlen ist, zum mindesten im sowjetischen Machtbe- h. durch Zulassung eines Widerspruchs innerhalb der
reich, wohl die Hauptstütze des bestehenden »Absolutismus«, Doktrin. Die (icschichte hat diesen Widerspruch bisher nicht
also das Haupthindernis des politischen Fortschritts. Man »aufgehoben«, sondern hat jeweils nur die eine Seite realisiert,
hätte wohl gerade durch intelligente Marx-Interpretation wis- wodurch die andere Seite ausgeschlossen wurde. Im
entwickelten Kapitalismus ist es zu einer sozialen Evolution
ohne Revolution und

126 127
', |in entweder destruktiv bleiben oder die Entstehung eines sol-1
eben darum ohne Aufhebung der kapitalistischen Grundst tur (hen Rahmens beschleunigen werden. Das wahre Problem der
gekommen. Die sozialistische Revolution aber ist bishe nur in Freiheit in derjenigen Zukunft, die wir überhaupt in einen mut-
solchen Ländern geglückt, in denen die reale Erfahr der maßenden Blick fassen können, lautet daher: Freiheit im Staat,
bürgerlichen, staatlich garantierten Freiheit unbekanj war, nicht Freiheit ohne Staat. Dies wird wohl wenigstens so lange
und sie hat nicht zur Entstehung, sondern zur Verhinde rung 10 sein, als die Weltwirtschaft dynamisch ist.
dieser Freiheit beigetragen. Versucht man, von den Analy sen von
Marx die Kruste seines eigenen Wunschdenkens behut^J sam
abzulösen, so ist dies wohl ziemlich genau das historische
Ergebnis, das man gemäß eben diesen Analysen hätte erwarten|
müssen. Die maoistische Hoffnung, die Spontaneität der Mas-
sen anstelle des bürgerlichen Profitstrebens zum Garanten ei-
ner die Freiheit tragenden ökonomischen Struktur zu machen, <
erscheint mir, wie oben gesagt, heroisch, aber - vorbehaltlich !
besserer Belehrung - wenig aussichtsreich. Wird hier nicht die
von Adam Smith und Karl Marx völlig parallel gesehene Be-
deutung des ökonomischen Handlungsmotivs idealistisch
überspielt?
Diese Kritik an der utopischen Hoffnung des revolutionären
Sozialismus hebt nicht auf, daß er wenigstens für die Überfüh-
rung wirtschaftlich unterentwickelter und sozial vorkapita-
listisch strukturierter Länder in die Modernität wohl der
radikalste Weg und insofern als Vorbild und Machtsystem
höchst folgenreich ist. Wenigstens wo er sich auf ein hinrei-
chendes Maß an Autarkie stützen kann, bietet er die Chance,
gewisse Fehlentwicklungen und Gefahren des abhängigen Ka-
pitalismus zu vermeiden. Die Moral, an die er appelliert, ist
freilich eine Moral der Einteilung der gesellschaftlichen Grup-
pen in Gute und Böse, also der Polarisierung. Sie trägt, soweit
man sehen kann, eher zur Erhöhung als zur Verminderung der
schon ohne sie bestehenden Kriegsgefahr bei, nicht zum min-
desten durch die unbefangene Willkür, mit der die sozialisti-
schen Großmächte, in vielfach genau entgegengesetzter Weise,
die Einteilung in Gute und Böse konkret vollziehen.
Ein Absterben des Staats liegt weder auf der Entwicklungs-
linie des heutigen Sozialismus noch auf der des heutigen Kapi-
talismus. Die außenpolitischen wie die weltwirtschaftlichen
Unheilsprognosen wären sehr viel weniger begründet, wenn der
weltweite Wirkungszusammenhang den Rahmen einer staats-
ähnlichen Organisation hätte. Daher ist zu vermuten, daß Kri-
129
128
Wechselwirkung weltweiter ökonomischer lö»t, unterbrochen durch wissenschaftliche Revolutionen, die
Uns zur Revision der Prinzipien zwingen.
und politischer Probleme Mein heutiger Vortrag ist aber nicht philosophisch, sondern
(1977) pragmatisch gemeint. Ich werde einige Probleme der Weltwirt-
schaft und der Sozialstruktur nennen, die auf Krisen hinwei-Itn.
Angesichts dieser praktischen Probleme sollten wir uns
Meine Damen und Herren! bemühen, keiner pessimistischen Konsequenz auszuweichen,
»ber in keiner Konsequenz auf dem Pessimismus sitzenzublei-
Dieser Vortrag handelt über die Wechselwirkung weltweiter ben. Weichen wir pessimistischen Konsequenzen aus, so
ökonomischer und politischer Probleme. Er knüpft an ein ver-ichließen wir unsere Augen vor denjenigen Informationen,
Buch an, das ich vor wenigen Monaten veröffentlicht habe. die SUr Lagebeurteilung am wichtigsten sind; bleiben wir auf
Dem Buch habe ich einen mehr herausfordernden Titel gege- dem Pessimismus sitzen, so verschließen wir unsere Augen vor
ben; es heißt »Wege in der Gefahr«. Dementsprechend gliedere den Wegen zur Lösung.
ich den Vortrag in zwei Hauptteile: 1. Welche Gefahren erwar-
ten uns? 2. Welche Wege durch diese Gefahren sollten wir be- 1,2. Wirtschaftswachstum. Gewöhnlich stellen wir uns eine
schreiten? Wirtschaftskrise nicht als Ergebnis des Wachstums vor, son-
Die Teile werden von ungleicher Länge sein. Über Krieg und dern als Stagnation oder Rückgang des Wirtschaftsvolumens.
über den kulturellen Hintergrund der Krisen werde ich hier Dies allein aber erweckt den Verdacht, daß unser
und heute nur ganz kurz sprechen, über Wirtschaft ausführlich. Wirtschafts-»ystem nur stabil sein kann, solange es wächst. Das
Ich bin freilich kein Wirtschaftsfachmann; ich spreche über erinnert an ein Fahrrad, das umfällt, wenn es nicht voranfährt.
die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Politik. Deshalb erweckt jeder Zweifel, ob das Wirtschaftswachstum
unbegrenzt weitergehen kann, Zweifel an der Stabilität unseres
Systems. Ich betrachte drei aktuelle Probleme, die solche
/. Welche Gefahren erwarten uns? Zweifel wachrufen können: Energie und Umwelt,
Arbeitslosigkeit, inflationäre Stagnation.
I. I.
Was heißt Gefahr? Vielleicht wird die heutige Weltzivilisa- Energie und Umwelt. Die Energiekrise unseres Jahrzehnts
tion ihre Probleme nicht lösen ohne eine Kette von Ereignissen, hat zwei Hauptaspekte: den plötzlichen Anstieg des Ölpreises
die ihre eigene Existenz gefährden. Wenn ich das sage, spreche und das unvorhergesehene Mißtrauen der Öffentlichkeit gegen
ich nicht als Pessimist, sondern als Evolutionist. Evolution, Kernreaktoren. Aus einem Energieüberschuß torkeln wir, so
Entwicklung, ist kein glatter Ablauf. Sie geht durch aufeinan- scheint es, unerwartet in Energieknappheit. Diese zwei
derfolgende Ebenen und Krisen. Die Medizin kennt seit den Ener-nieprobleme sind gute Beispiele für eine allgemeine These:
alten Griechen den Begriff der Krise einer Krankheit. Krise, daß nämlich jedes Problem unserer Gesellschaft eine
KoCoat;, heißt Entscheidung. Die psychosomatische Medizin vernünftige Lösung zuließe, wenn man diese Gesellschaft nur
weiß von biographischen Problemen einer Person, die unlösbar zum vernünftigen Handeln bewegen kann. Langfristig gesehen
erscheinen, bis sich nach einer lebensgefährlichen Krankheit war die Verdreifachung des Ölpreises wahrscheinlich ein
eine unerwartete, zuvor unvorhersehbare Lösung zeigt. Selbst Gottesgeschenk für die hochindustrialisierten Länder. In den
die Entwicklung der Wissenschaft ist nicht eine gleichmäßige zwei vorangegangenen Jahrzehnten war die Energie weit
Akkumulation von Kenntnissen, sondern eine Folge von Ebe- unterbewertet. Ich sage das nicht, weil ich die
nen sogenannt normaler Wissenschaft, die Einzelprobleme Energieressourcen langfristig für knapp hielte; sie sind es nicht.
Ich sage es, weil unsere
130 131
natürliche Umwelt die Folgen wachsenden Energiekonsums Machtgruppen in unserer Gesellschaft, das Management und
nicht unbegrenzt erträgt. Knappheit der Ressourcen ist meist dir Gewerkschaften, sind natürliche Verbündete der Kernener-
ein fragwürdiges Argument. Für praktisch alle mineralischen gie; die dritte Machtgruppe, die staatliche Bürokratie, hat kei-
Rohstoffe - außer der Energie - haben sich die ständig wieder- nen starken Anlaß, ihr Gegner zu sein. Vermutlich wird diese
M«chtverteilung den Kampf entscheiden, noch ganz unabhän-

e
kehrenden Knappheitsprognosen immer wieder als falsch er-
wiesen; der Eindruck von Knappheit wurde durch die Kosten g davon, wer recht hat. Bezüglich der realen Gefahren teile h
der Prospektierung erzeugt. Aber bei steigender Nachfrage die Meinung aller Reaktorspezialisten, daß ein technischer
nach einem Mineral muß man ärmere Erze ausbeuten, und dazu Schutz gegen alle technisch verursachten Unfälle möglich ist,
braucht man mehr Energie; insofern ist Energie der Schlüssel der die Reaktoren, solange Friede herrscht, bei weitem unge-
zum Wirtschaftswachstum. Nun sind die fossilen Brennstoffe in fährlicher macht als den Straßenverkehr. Menschlich
der Tat mengenmäßig begrenzt. Zudem kann heute jeder, der in verur-Itchte Gefahren wie Terrorismus, Zerstörung von
einer Großstadt lebt, die ökologische Absurdität eines Industrie- Reaktoren durch Kriegseinwirkung und vor allem die
und Verkehrssystems, das vom Verbrennen fossiler Brennstoffe Proliferation der Kernwaffen sind viel wichtiger. Die harten
lebt, mit seiner eigenen Nase riechen. In einem Jahrhundert Probleme unserer Zukunft sind die politischen Probleme. Ich
würden die klimatischen Folgen eines weiteren ex-ponentiellen empfinde ein neurotisches Moment in der
Energiewachstums unerträglich werden. Andererseits erscheint Anti-Reaktor-Kampagne, und es ist von größter politischer
es technisch denkbar, wenigstens zwei oder drei Jahrzehnte Wichtigkeit, die Quellen öffentlicher Neurosen zu verstehen.
normal wachsenden Sozialprodukts ohne Wachstum des Die Reaktorfurcht ist ein Angsttraum, der aus der Verdrängung
Energiekonsums zu haben, wenn nur genügend Anreize zur der realen Gefahr des Atomkriegs »tammt.
Entwicklung energiesparender Techniken bestehen; dies gilt Arbeitslosigkeit. Alle politischen Parteien in meinem Lande
besonders für Amerika, wo man mehr Energie vergeudet als Kind einig, daß die Arbeitslosigkeit überwunden werden muß,
hier in Europa. In der Marktwirtschaft muß dieser Anreiz in und sie werfen einander nur vor, dafür nicht die richtigen Maß-
einem hohen Energiepreis liegen. nahmen zu ergreifen. In anderen Ländern ist das kaum anders.
Wir müssen also langfristig eine Sättigung des Energiekon- Niemand hat anscheinend den Mut, zuzugeben, daß man beim
sums in heute schon hochindustrialisierten Gebieten anstreben. heutigen Lohnniveau mit der heutigen Wochenstundenzahl die
In unserer heutigen Wirtschaftsstruktur würde dies aber zu Arbeitslosigkeit nicht überwinden kann. In dieser Reaktion
schweren wirtschaftlichen und sozialen Krisen führen. Und in liegt etwas Paradoxes, so klar ihre politischen Motive sind. Die
den wirtschaftlich unterentwickelten Regionen der Welt ist ein Unterbeschäftigung von einer bis zwei Milliarden Menschen in
weiteres Wachstum der Energienachfrage um einen großen den ökonomisch unterentwickelten Regionen der Welt ist frei-
Faktor unerläßlich. Anders kann man den Hunger und das lich eine Katastrophe, denn sie bedeutet zu niedrige Produktion.
Bevölkerungswachstum, das eine Folge der Armut ist, nicht Aber die abnehmende Nachfrage nach Arbeit in den
überwinden. Die Kernenergie bietet sich als eine sinnvolle hochindustrialisierten Ländern bedeutet, daß wir das Ziel des
Zwischenlösung für die nächsten fünfzig Jahre an; ob dann die technischen Fortschritts zu erreichen beginnen, nämlich die
Sonnenenergie an ihre Stelle treten kann, ist technisch noch Entlastung vom Zwang zu physischer Arbeit. Das Verteilungs-
nicht klar. Aber werden die Kernreaktoren die heutige öffent- problem der Arbeit wird genau wie das Verteilungsproblem der
liche Kampagne gegen sie überleben? Das ist nicht gewiß. Aber Konsumgüter ein Problem sozialer Gerechtigkeit; in einer
obwohl gerade in meinem Lande in den letzten Monaten der Wirtschaft wie der unseren, in der der Staat den Rahmen für den
Widerstand sehr angewachsen ist, bin ich noch immer versucht, Markt bestimmt, sollte dieses Problem lösbar sein. Wenn
zu sagen, ihr Sieg sei schon entschieden. Zwei der drei großen freilich die politischen Lobbies der Sozialpartner die politische

132 133
Und Inflation. Die Regierungen haben ein ganzes Spektrum
Regulierung verhindern, können sie am Ende dieses unser
möglicher Maßnahmen, monetärer und anderer, um dieser
Wirtschaftssystem zerstören. Das objektiv harte Problem ist
der internationale Arbeitsmarkt, in dem es keinen national- Entwicklung zu steuern, aber sie haben meist weder die Macht
staatlichen Rahmen für die nötigen Regelungen gibt. Darauf Hoch die politisch überzeugenden Argumente, diese Maßnah-
komme ich zurück. men durchzusetzen. Damit kehre ich zum psychologischen
Stagnation. Die sichtbarste Ursache der Arbeitslosigkeit, die Argument zurück. In hochindustriellen Gesellschaften sind die
Stagnation, zeigt die Fahrrad«atur unseres Wirtschaftssystems; Wachstumsanreize nicht mehr stark genug, um weite Kreise
wir haben nicht gelernt, es anders als durch Vorwärtsbewegung der Bevölkerung zur Duldung unpopulärer Maßnahmen zu
zu stabilisieren. Wie entsteht eigentlich heute die zähe Stagna- bewegen. Vielleicht hat die Bevölkerung in ihrer dumpfen
tionstendenz, die entgegen älteren Erfahrungen mit Inflation Re-iktion recht, vielleicht ist weiteres Wachstum gar nicht so
verbunden ist? gut für uns. Aber sicher können wir nicht zugleich ein
Der psychologische Grund liegt, so scheint mir, in der Ab- Wirtschafts-lystem haben, das nur stabil ist, wenn es wächst, und
nahme der Wachstumsanreize in einer Wohlstandsgesellschaft eine Ge-lellschaft, die ihre Sicherheit faktisch in der
mit zunehmendem Bewußtsein für die Umweltprobleme. Es Verhinderung weiteren Wachstums sucht.
gibt eben einen abnehmenden Grenznutzen des Sozialprodukts Meine Schlußfolgerung: Die Wirtschaftskrise wird sich weiter
pro Kopf. Natürlich erzeugt arbeitsparender technischer hinschleppen, solange wir nicht ein Verhalten lernen, das
Fortschritt nicht, wie ökonomisch ungebildete Kritiker meinen, abnehmende Wachstumsraten in Hochindustrieländern und
an sich schon Arbeitslosigkeit. Er erzeugt ja auch neue beschleunigtes Wachstum im wirtschaftlich unterentwickelten
Kaufkraft, also Nachfrage nach Gütern und damit nach der Arbeit Teil der Welt zu vereinen vermag.
zu deren Produktion. Aber der Wachstumsprozeß geht immer
durch Reibungen, Friktionen, und er braucht einen inneren ;, j . Soziale Revolution. Von neuem geht ein Gespenst um in
Antrieb, um die Reibungsverluste zu überwinden. Eines der Muropa, und nicht nur hier, das Gespenst des Kommunismus.
Haupthindernisse ist die Verzerrung des Markts durch Kartelle Wir müssen aber echte soziale Revolution vom Sowjet-Impe-
und Monopole. Der natürliche Preisbildungsprozeß für die rialismus zu unterscheiden lernen.
Energie wurde zuerst verzerrt durch das latente Kartell der Vor zehn Jahren ging eine revolutionäre Bewegung wie ein
Ölfirmen und der westlichen Regierungen, die den Erzeu- Sturm durch die intellektuelle Jugend der nördlichen Halb-
gungspreis viel zu niedrig hielten, und dann durch das sichtbare kugel, von Berkeley über Paris, Frankfurt, Prag bis Schanghai
Kartell der Ölerzeuger, die den Preis, statt ihn langsam steigen zu und Tokio. Mit der Ausnahme Chinas erreichte die Bewegung
lassen, emporschnellen ließen und so weltweite Inflation er- Überall schlechthin nichts. Eine kleine zusätzliche Ausnahme
zeugten. Das Kartell der Gewerkschaften ist vermutlich die Ntnd vielleicht die westdeutschen Universitäten; da brachte die
Hauptquelle der Stagnation. Die Gewerkschaften waren ein Studentenrevolte einen Machttransfer in Gang; die Macht
notwendiges Produkt des Frühkapitalismus. Indem sie eine so- wandert aus der Hand paternalistischer Professoren über die
zial vertretbare Güterverteilung erzwangen, haben sie wahr- Zwischenstufe ineffizienter zeitvergeudender
scheinlich das kapitalistische System vor dem Zusammenbruch Mitbestim-mungsgremien unausweichlich in die Hand
gerettet, den Marx prophezeit hatte. In ihrer heutigen Macht- staatlicher Bürokratien. Warum war die Bewegung erfolglos?
position erzwingen die Gewerkschaften Lohnerhöhungen, auf Der Prager Frühl i n g hatte intern Erfolg und wurde von außen
die der Unternehmer nur durch geringere Investition oder unterdrückt; das ist ein Kapitel Sowjet-Imperialismus. Warum
durch höhere Preise reagieren kann. Das eine heißt Stagnation, mißlangen die übrigen Bewegungen innerhalb ihrer eigenen
das andere Inflation, der übliche Kompromiß heißt Stagnation Gesellschaften? Ohne Zögern billige ich der Bewegung ein
Verständnis für
134
135
einige der tiefen Schwächen unserer Gesellschaft zu, ein Vor- | R(C'linen wir, wie es sein muß, die staatsbürgerlichen Freiheiten f
gefühl der kommenden Krisen . Aber offenbar läßt sich tu den sozialen Werten, so können die sozialen Errungenschaften
-entgegen der Erwartung von Marx - eine soziale Revolution des militanten Sozialismus den Vergleich mit denen des Ka-
gerade in einer hochindustrialisierten kapitalistischen Gesell- pitalismus bis heute nicht aushalten.
schaft mit repräsentativer Demokratie und Redefreiheit kaum Aber wird die heutige Weltwirtschaft weltweit Bedingungen
zuwege bringen. Marx setzte seine revolutionäre Hoffnung auf ichaften können, die sich denen des sozialen Fortschritts in den
das Industrieproletariat. Aber soweit ich sehe, hat es nie in der kapitalistischen Nationalwirtschaften der letzten anderthalb
Welt eine Revolution des Industrieproletariats oder eine Dik- Jlhrhunderte vergleichen lassen? Bei uns garantierte der feste
tatur dieses Proletariats gegeben; es wird wohl auch keine geben. Rthmen des Staats unter demokratischen Institutionen den Ar-
Die antifeudale bürgerliche Revolution vergangener Jahr- beitern die Koalitionsfreiheit und eine effiziente Sozialgesetz-
hunderte war möglich, weil die Bürger die industriellen Pro - gebung; er gestattete eine konsistente staatliche Wirtschafts-
duktionsmittel schon besaßen, ehe sie die politische Macht politik. Adam Smith schrieb dem Staat drei Aufgaben zu, ohne
übernahmen. Das Industrieproletariat hat die Fabriken nie be- deren Lösung der Markt nicht funktionieren kann: Schutz
sessen und kann sie ohne eine Managerklasse nicht betreiben; nach außen, Aufrechterhaltung der Rechtsordnung, Betrieb
man hat es als einen kleinbürgerlich gestellten Verhandlungs- nicht-profitbringender wirtschaftlicher Tätigkeiten. Wir wür-
partner in den Kapitalismus integriert. Und junge Intellektuelle den modern sagen: Friedenserhaltung, Rechtsordnung,
allein sind kein revolutionäres Potential; nach einiger Zeit Infra-»truktur. Es gibt heute für die weltweite internationale
werden sie zu den Bourgeois, die sie immer waren. Die kom- Wirtschaft keinen Träger dieser Aufgaben, der über die selbst
munistische Gefahr in Europa ist nicht immanent, sondern ex-
in dem Konkurrenzkampf verstrickten Nationalstaaten hinrei-
tern: in den Panzerarmeen des roten Zarismus, und im ungelö-
chend effizient hinausreichte. Es gibt heute keine Weltregierung
sten Problem weltweiter Unterentwicklung. Denn unsere Welt
und keine weltweite Demokratie. Soeben macht man weite
ist voll von latenter oder offen siegreicher Sozialrevolution.
Teile der Welt durch Militärdiktaturen »safe for capital-ism«.
Das rührt daher, daß wir, die westlichen Nationen, das Zen-
Wir dürfen uns nicht wundern, wenn sich die Hoffnungen der
trum der herrschenden Klasse der wirtschaftlich
Intellektuellen und der Massen eher als zu unserem System zum
unterentwik-kelten Regionen der Welt sind. Die erfolgreichen
Sozialismus wenden oder aber resignieren.
militant sozialistischen Revolutionen unseres Jahrhunderts, in
Rußland, China, Kuba, vielleicht Angola, waren - wenn man es
/ .4. Krieg. Krieg ist nicht das Thema dieses Vortrags. Nur we-
in ihrer eigenen marxistischen Sprache sagen will - antifeudal und
nige Sätze dazu. Die heutige Welt hat Frieden im Norden, Un-
nicht antibürgerlich. Ihr revolutionäres Potential bestand in
frieden im Süden. Der Friede im Norden ist nicht Abwesenheit
einer Allianz moderner Intellektueller mit unterdrückten
von Konflikten, sondern Machtgleichgewicht. Der Unfriede
Bauern. Die Industrialisierung war nicht ihr Ursprung, sondern
im Süden ist Austrag der Konflikte, ermöglicht durch ein
ihr Zukunftsziel.
Machtvakuum, das seinerseits die Folge der gegenseitigen Läh-
Die Probe, welche die heutige wirtschaftliche Herrschaft der mung der nördlichen Weltmächte durch ihr Machtgleichge-
westlichen Nationen über den größten Teil der Erde wird be- wicht ist. Dies ist keine stabile Lage. Es wird weiter Kriege im
stehen müssen, läßt sich in einer Frage aussprechen: Wird der Süden geben. Ein dritter Weltkrieg ist möglich, denn die Ab-
Kapitalismus den sozialen Fortschritt erfolgreicher vorantrei- schreckung ist nur technisch gesichert, durch Waffensysteme,
ben können als der militante Sozialismus ? Das ist nicht unmög- die alle zehn Jahre veralten. Im heutigen Vortrag soll der Hin-
lich. Die zwei kapitalistischen Jahrhunderte haben in unseren weis auf die Kriegsgefahr nur deutlich machen, daß wir uns
westlichen Ländern erheblichen sozialen Fortschritt gebracht. nicht leisten können, die Lösung der weltweiten sozialen, wirt-
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schaftlichen und kulturellen Probleme sich selbst zu überlas-,
Jwweltgefährdung, einen Schutz der Schwachen gibt. Nichts
sen. Das mindeste, was wir von uns fordern müssen, ist diel
nivon existiert heute weltweit. Kartelle der wirtschaftlich
Anstrengung, sie zu verstehen. Was für Wege gibt es in dieser
Unterentwickelten Teilnehmer am Weltmarkt sind ein unver-1Hf
Gefahr? Ich mache heute keine konkreten Vorschläge. Ich
idlicher, aber schlechter Ersatz eines solchen Rahmens. Ent-%tder
bleibe in der Ebene des Allgemeinen. Vielleicht formuliere ich
nämlich bleiben sie wirkungslos; oder sie werden so jllächtig
\ damit Kriterien für die Beurteilung von Vorschlägen.
wie das Ölkartell und führen dann ihre speziellen Teil-ber als neue
Mitglieder in den Klub der Reichen, dem anzu- hören nicht das
2. Wege in der Gefahr Ziel der Rhetorik, aber der realen Wünsche Üti Heute artikuliert
sich das Bedürfnis nach einem weltweiten Rlhmen unter dem
Das soziale Problem der gegenwärtigen Jahrzehnte ist die Mo- Namen der neuen Weltwirtschaftsord nung. Unsere
dernisierung des Südens. Der Sieg der Modernisierung ist im begreifliche Unlust, uns auf oft schlecht durch-lUchte, politisch
Prinzip schon entschieden. Die Frage ist, wer sie durchführen motivierte Vorschläge einzulassen, darf uns dicht hindern, die
wird, in welchem politischen Rahmen. Wir, die westlichen Na- absolute Unerläßlichkeit einer internationa-Itn wirtschaftlichen
tionen sind hier in einer zweischneidigen Lage. Technisch und Regelung zu sehen. Wenn ich hier richtig lehc, so lautet die
organisatorisch sind wir die modernsten Nationen; wir sind politisch mögliche und zugleich wirtschaftlich sinnvolle
insofern die Führer in die Modernität. Eben dadurch sind wir Alternative nicht: Weltwirtschaftsordnung oder Weltweiter
mächtig. Unser Kampf aber um die Verteidigung dieser unserer freier Markt, sondern marktgerechte Weltwirt -»chaftsordnung
Macht verurteilt uns dazu, politisch die Konservativen der Welt zu oder Revolution und vermutlicher Krieg.
sein. Wir können faktisch nicht die Partei der Revolution Der tiefere Grund unserer Unfähigkeit, die sozialen Pro-
nehmen, die uns unserer Macht berauben würde. Wir können bleme der Welt zu lösen, liegt in einer gegenwärtigen oder be-
aber die Partei einer raschen, einer radikalen Evolution nehmen. vorstehenden Krise unserer eigenen Kultur. Wir überzeugen
Dies halte ich für unsere moralische Pflicht. Es liegt aber auch in nicht, weil wir selbst nicht überzeugt sind. Ich möchte den Vor-
unserem Machtinteresse. Andernfalls fällt die Führung trag mit einer optimistischen Deutung dieses Mangels an Ver-
unweigerlich den Mächten zu, die aus ebenso zwingenden trauen in unsere eigenen Werte beschließen. Dazu muß ich zu-
machtpolitischen Gründen genötigt sind, die Partei der Revo- erst, jeweils in einem einzigen Satz, drei andere Auffassungen
lution zu nehmen: Rußland, das in Wahrheit viel reaktionärer ist zurückweisen. Weder sollten wir sagen, unsere Werte seien sehr
als der Westen, oder China, das ein faszinierendes Modell des Hut gewesen, aber wir hätten sie verloren. Noch sollten wir
Sozialismus für ein Entwicklungsland anbietet, aber mit nur »»gen, sie hätten nie viel getaugt. Noch sollten wir sagen, sie
einem Minimum persönlicher Freiheit. Radikale Evolution enthält «eien nach wie vor ausgezeichnet, und wir müßten uns nur fest
zwei Elemente: ein mehr an der Oberfläche liegendes, kurzfristig an sie halten. Letzteres ist vielleicht die Versuchung für einen
entscheidendes in der Wirtschaft, ein tiefliegendes, umstreitbares Kreis wie den hier versammelten. In Wahrheit waren unsere
Element in der Kultur. klassischen politischen, sozialen, kulturellen, moralischen
Soziale Evolution setzt wirtschaftliche Stabilität voraus. Wertsysteme recht gut für eine regionale Kultur wie diejenige
Weltweite wirtschaftliche Stabilität erfordert unbedingt einen Kuropas, aber sie sind manifest unzureichend für eine Weltkultur.
internationalen Rahmen zur Regelung gemeinsamer wirt- Eine der besten, wie ich hoffe unverlierbaren Traditionen
schaftlicher Probleme. Wettbewerb ist der Nerv wirtschaft- unserer eigenen Kultur ist ihre ständige Selbstkritik im freien
lichen Fortschritts, wenn es gerechte und durchsetzbare Ge- Dialog. Wir spüren heute recht präzis, was uns fehlt. Uns fehlt
setzgebung, eine Instanz zur Regelung externer Kosten wie die eine politische Weltordnung. Uns fehlt die Fähigkeit, Wirt-
schaftswachstum im eigenen Land anders als durch das langfri-
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stig unhaltbare Stabilitätsargument zu rechtfertigen. Uns fehlt | Gehen wir einer asketischen Weltkultur
eine hinreichende, breit wirksame Motivation, den Armen der
Welt die einzige relevante Hilfe zu geben, die Hilfe zu einer entgegen?
ihrer Kultur angepaßten Selbsthilfe; unvermerkt zerstören wir (1978)
durch die Unerbittlichkeit unserer Art wirtschaftlichen Fort -
schritts die Kulturen. Wir wissen jedoch sehr gut, daß der ober-
flächliche Restbestand unserer eigenen Kultur, der Die Frage
Technokra-tie genannt werden kann, heute zwar wohl ein
unerläßlicher Produktionsfaktor ist, aber nichts, woraus eine Das Motiv dieses Aufsatzes liegt in der Praxis. Er stammt aus
menschliche Gesellschaft die Werte ihres Lebens gewinnt. Ein den Besorgnissen, die sich mit den Entscheidungen der heutigen
Teil unserer intellektuellen Jugend beginnt, sich, wenn auch Politik, zumal der Wirtschaftspolitik verbinden. Er ist damit
manchmal durch Scharlatane vermittelt, den zentralen zugleich ein Versuch, auf gewisse kritische Rückfragen
Erfahrungen der asiatischen Kulturen zu öffnen. Kulturelle ein-KUgehen, die ich zu den drei politischen Vorträgen gehört
Krise bei uns bedeutet, daß wir nicht abgestumpft genug sind, die habe, mit welchen ich jetzt diesen Band einleite. Diese Vorträge
Schwächen unserer eigenen Problemlösungen nicht zu merken. Rchcinen auf einen Ton des gedämpften Optimismus gestimmt.
Wir sollten also die Kraft zur Krise behalten. Keiner Ersparen sie nicht - so wird gefragt - eben damit der herrschen-
pessimistischen Konsequenz ausweichen, nicht auf dem den Politik die notwendige Kritik?
Pessimismus sitzenbleiben. Die Absicht der Vorträge war nicht, Optimismus zu verbreiten,
Sie sehen, ich ende mit schönen moralischen Sprüchen. Die wohl aber Mut; eben darum nicht Dämpfung des Tones, Wohl
Rolle des Moralpredigers aber ist eine lächerliche Rolle. Ich aber unterscheidende Deutlichkeit des Denkens. Es sei mir
wollte als Analytiker unserer Probleme sprechen. Erwachsene erlaubt, hier an den Sinn des Buchtitels Wege in der Gefahr tu
Menschen - wenn man so sagen darf - ziehen aus einer Analyse erinnern. Die heutige Menschheit wandert durch eine Zone
ihre Konsequenzen alleine. tödlicher Gefahr. Der Weg in der Gefahr wird aber nicht gefun-
den, wenn man die Gefahr dort vermutet, wo sie nicht ist.
Nicht durch ihre Gegner ist unsere politische Freiheit am
tief-Ktcn gefährdet, sondern durch unsere -d.h. ihrer
Nutznießer -Unfähigkeit, sie ihrem Sinne gemäß zu
gebrauchen. Nicht »peziell die Kernenergie ist gefährlich,
sondern die wachsende Gewaltanwendung in der technischen
Welt. Was aber ist der Grund dieser Unfähigkeit der heutigen
Menschheit, mit den politischen und technischen Instrumenten
umzugehen, die sie selbst in ihrer Geschichte geschaffen hat?
Der gegenwärtige Aufsatz gibt sich mit einer bestimmten
Antwort auf diese Frage ab. Diese Antwort sieht einen wesent-
lichen Grund des Versagens im zügellosen Verfolgen ökonomi-
scher Ziele, im unbegrenzten, ja sogar ideologisch geforderten
Wirtschaftswachstum. Ich möchte auch dieser Ansicht mit dem
Bemühen um unterscheidende Deutlichkeit gegenübertreten.
Zum Wortgebrauch: Im Titel des Aufsatzes kommt das Wort

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»asketisch« vor. Ich werde versuchen, mehrere Bedeutungen] Sozialprodukts pro Kopf zweifelhaft erscheint. Es ist fraglich,
des Wortes zu unterscheiden. Zunächst sei, in einer vorläufigen■ ■ ob wir die Umweltschädigung, die durch weiter wachsende
Definition, eine Kultur als asketisch bezeichnet, die bewußt Wirtschaft erzeugt wird, in Schranken halten können. Die
und aus Grundsatz auf ökonomische Güter verzichtet, welche < Menge der psychischen Störungen in unserer Gesellschaft
in ihrer technischen Reichweite liegen. Unsere heutige Kultur J nimmt zu; es sei erlaubt, Rauschgifte und Terrorismus als
ist in der Tat nicht nur nicht asketisch, sondern sie ist bewußt J Beispiele unter dieser Überschrift mitzuführen. Die Störanfäl-
anti-asketisch. Sie ist erstens konsumtiv; ökonomische Bedürf- ligkeit gegen Gewalt in hochtechnisierten nationalen und inter-
nisse werden bejaht und erfüllt. Sie ist zweitens strukturell nationalen Systemen nimmt natürlicherweise zu, damit die
kapitalistisch; Bedürfnisse werden geschaffen, um den Markt Versuchung des Polizeistaats. Das außenpolitische System hat
vergrößern, also die Produktion steigern zu können. Sie ist im die jahrtausendealte Institution des Kriegs noch nicht über-
Effekt technokratisch, auch dort, wo sie sozialistisch-planwirt- wunden; als Weltsystem geht es schwanger mit dem Weltkrieg.
schaftlich auftritt; der Wert, der sich durchsetzt, ist der Fort - Die Abhilfen, die das heutige System versuchen kann, sind
schritt der Technik, auch wo wir in subjektiv ehrlichen Be - naturgemäß systemimmanent. Sie sind im Prinzip dieselben,
kenntnissen andere Werte wie individuelle Freiheit oder Soli- durch die es seine vergangenen Krisen erzeugt und bewältigt
darität und soziale Gerechtigkeit höher stellen. Im Sinne dieser und so sein gewaltiges Wachstum produziert hat. Das System
Kennzeichnungen kann man, bei allen Verschiedenheiten der ({leicht einem Fahrrad, das nur stabil ist, wenn es weiterfährt.
überlieferten Kulturen, schon von einer heutigen Weltkultur Min paar stilisierende Beispiele: Man bekämpft Ölkrisen durch
sprechen. Diese Kultur ist unvollständig, selbstgefährdend, Ölbohrungen, allgemeiner gesagt Energiemangel durch
voll innerer Widersprüche. Die Frage ist, ob sie einer Phase Ener-Ricplanungen, in denen die Ersparnis stets weniger
entgegengeht oder doch entgegengehen sollte, in der sie einige ausmacht als die Erschließung neuer Energiequellen. Man
der Gefahren und Widersprüche durch eine asketische Haltung begegnet dem lievölkerungswachstum und der Arbeitslosigkeit
meistern könnte. mit weiterem Wirtschaftswachstum, der Umweltschädigung
Diese Frage, Kritikern unserer Kultur seit langem vertraut, mit Umwelt-technik, der Gewalt mit Kontrolle, dem Krieg mit
ist populär geworden durch einige im letzten Jahrzehnt mani- Abschrek-kungsrüstung, den psychischen Störungen mit
fest gewordene Probleme. Die Ölkrise hat den ökonomisch Psychoanalyse, Massenpädagogik und schließlich Polizei.
herrschenden Nationen die Erfahrung vermittelt, die den öko- Wer einmal, sei es auch nur ernsthaft beratend, an Regie-
nomisch unterentwickelten Nationen seit langem bewußt ist: rungsverantwortung teilgenommen hat, weiß, daß der Hand-
daß ein ökonomisches Weltsystem kaum erträgliche nationale lungsspielraum sehr eng ist; daß das bestehende System diese
Abhängigkeiten mit sich bringt. Das Bevölkerungswachstum, Art, seine Probleme zu lösen, selbst programmiert. Ich habe in
Folge der wissenschaftlich-technischen Weltkultur, droht alle meinem bescheidenen Umgang mit den Aufgaben der prakti-
ökonomischen Fortschritte zu verzehren. Die politisch durch- schen Politik hohen persönlichen Respekt gelernt gegenüber
gesetzte Erhöhung des Lohnniveaus in Industrieländern treibt den verantwortungsbewußten Technokraten, welche die mora-
den technischen Fortschritt in der Richtung der Rationalisie - lische Tugend der Präzision, der Konsequenz in der Planung
rung, also anscheinend unumkehrbar anwachsender Arbeits- und Durchführung der unerläßlichen Maßnahmen üben, gegen
losigkeit; diesem speziellen Problem soll der Schlußabschnitt die faulen Kompromisse der Interessengruppen, gegen Träg-
dieses Aufsatzes gewidmet sein. Nach dem Verbrauch des billi- heit und blinde Emotion. Ich habe die tiefe Skepsis bestätigt
gen Öls wird die Kapitalintensität der Energieproduktion vor- gefunden gegenüber der Meinung, Demokratisierung oder
aussichtlich so sehr steigen, daß über eine längere Frist nicht So-/.ialisierung oder Sozialismus könnten irgendeines dieser
bloß das Wachstum, sondern sogar die Aufrechterhaltung des Probleme besser lösen; die Mentalität der Mitbestimmenden
er-
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weist sich durch dieselben Motive gelenkt wie die der bisher! Mnarbeit, small is beautiful. Ivan Mich bemerkt, daß 20 % der
Alleinbestimmenden, nur unerleuchteter, egoistischer, chaoti-f Menschheit sich eine Zivilisation geschaffen haben, die das an
scher. Dies ist kein Einwand gegen die historische Notwendig-^ lieh überflüssige Auto lebensnotwendig macht, während 80 %
keit der Partizipation. Partizipation ist ein unerläßlicher Teitj lieh das wirklich nützliche Fahrrad nicht leisten können. Der
des massenpädagogischen Prozesses, den man Demokratie ■roße Stammvater dieser Lebenspraxis ist Gandhi mit dem
nennt; des Lernens der Entscheidung durch die Betroffenen.! Spinnrad; nicht die nationale Befreiung Indiens, sondern die
Wir Menschen müssen lernen, die Welt, in der wir leben, als bescheidene Selbständigkeit seiner Menschen war sein
unsere eigene Welt zu verstehen; in dezentraler Entscheidung, | wichtig-Ites Ziel. Mao Tse-tung und Nyerere haben die
soweit möglich, sie mitzutragen. Eine der negativen seelischen i ernsthaftesten Versuche politisch realer »asketischer«
Wirkungen der technischen Kultur ist gerade die Konsumen-■■; Alternativsysteme gemacht.
tenmentalität, die Unwilligkeit zur Teilhabe an Verantwortung. Es sei mir erlaubt, als ersten Ansatz zu einem Urteil über
Aber nicht die Teilhabe der Massen an technokratischer Ent - diese weltweite Bewegung meine persönlichen Empfindungen
scheidung löst die immanenten Probleme der Technokratie, tu registrieren. Ich bin jeder einzelnen der sieben von mir so-
denn diese sind nicht die uralten Probleme der Herrschaft
eben aufgezählten Gestalten der Bewegung, sobald sie in mei-
(»-kratie«), sondern die modernen Probleme des richtigen Ge-
nen Gesichtskreis trat, mit spontaner Sympathie, ja Bewunde-
brauchs der Technik.
rung begegnet; am tiefsten berührt hat mich Gandhi. Aber
So stellt sich in der Tat die Frage, ob nicht von uns allen eine
nicht eine dieser Gestalten hat mich überzeugen können, der
grundsätzliche Verweigerung gefordert ist, eine radikale Ab-
Erfolg werde auf ihrer Seite sein. Wollte ich, auch nur in der
wendung von der konsumtiv-technokratischen zu einer asketi-
Form öffentlich geäußerten Rats, konkrete politische Verant-
schen Kultur. Vielleicht darf ich die Vorstellungen von einer
wortung in meinem Lande mittragen, so konnte ich keiner
solchen Wendung durch die Nennung von sieben Namen prä-
mehrheitsabhängigen Regierung zumuten, einem dieser Mo-
zisieren; zwei Namen spontaner Volksbewegungen, fünf Na-
delle in seiner Strenge zu folgen. Die Frage konnte nur sein, ob
men gedanklich und politisch führender Personen. Die Um-
weltschutzbewegung setzt der Bedürfnisschaffung durch eine ein politisch chancenloser Protest gleichwohl die langfristig
naturzerstörende Technik die erklärte Bereitschaft zum Kon- politisch wichtigere Leistung sei als die Suche nach für die
sumverzicht entgegen. In einer mehr phantastischen und Heutigen gangbaren Wegen in der Gefahr.
radikalen Form hat vor einem Jahrzehnt die Jugendbewegung Dieser Spontanreaktion aber fehlt noch die unterscheidende
der Hippies die Macht der Industriekultur unter dem symboli- Deutlichkeit. Es kommt darauf an, das Berechtigte und Unbe-
schen Titel »flower power« durch die Verweigerung der Teil- rechtigte, das heute Ausführbare, das langfristig Ausführbare,
nahme an der Produktion und, soweit möglich, am Konsum das vielleicht nie Ausführbare zu unterscheiden, sowohl in
der Güter dieser Kultur herausgefordert. Könnte man diese den Motiven und Handlungsweisen der heutigen konsumtiv-
Phänomene noch als Selbstekel der Wohlstandsgesellschaft er- technokratischen Kultur wie in denen der asketischen Alter-
klären wollen und ihnen die Notwendigkeit einer Industriali- nativlösungen. Ein erster Schritt dazu sei die Unterscheidung
sierung der Entwicklungsländer entgegenhalten, so ist es lehr- verschiedener Bedeutungen des mit der Absicht der Heraus-
reich, daß die wichtigsten geistigen und politischen Wortführer forderung eingeführten Begriffs »asketisch« und das Verständ-
einer asketischen Kultur ihre entscheidenden Erfahrungen ge- nis ihres Zusammenhanges.
rade den Entwicklungsländern verdanken. Fritz Schumacher
fragt, ob wir ihnen alle Probleme der Industrie, zumal die Ar -
beitslosigkeit durch Automatisierung, exportieren sollen; Ei-

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Bescheidenheit, Selbstbeherrschung, Askese rung der Herrschaft erfundene Ideologie. Das soziologische
Denken dient ihnen als Waffe, als Instrument zur Entlarvung
Das moralische Problem der Askese ist der Umgang des Men- dieser Ideologie; es hat für sie die ideologische Funktion der
schen mit für ihn jeweils nicht knappen, sondern zugänglichen Ideologiekritik. Nun soll hier nicht geleugnet werden, daß sich
Gütern; nicht mit seiner Armut, sondern mit dem ihm mög- die Menschheit in einem langsamen und schmerzhaften Über-
lichen Reichtum. Es ist kein Zufall, daß die Herausbildung aske- gang von der Ethik des Herrschens und Dienens zur Ethik der
tischer Lebensformen sozialgeschichtlich mit der Entwicklung IVeiheit und Gleichheit befindet. Dieser Übergang aber ver-
wohlhabender Oberschichten gekoppelt gewesen ist. Was die wandelt, ebenso langsam und schmerzhaft, alle auf konkrete
Alternativbewegungen gegen die technokratische Konsumge- Situationen bezogenen spezielleren ethischen Begriffe und Ver-
sellschaft fordern, muß jedoch, soll es wirklich sein, eine demo- haltensweisen. Ökonomisch gesagt: indem Güter, die früher
kratische Askese sein. Aber führt hier der zugespitzte Begriff nur den Herrschenden zugänglich waren, der ganzen Gesell-
der Askese nicht in die Irre? Handelt es sich um mehr als die schaft zugänglich werden, steht die ganze Gesellschaft vor be-
gute alte Tugend verständiger Bescheidenheit? stimmten ethischen Problemen, die es früher nur für die Herr-
Ich möchte wenigstens drei Stufen der Zurückhaltung ge- schenden gab. Ehe wir die heutige Gestalt dieses Problems zu
genüber erreichbaren Gütern unterscheiden, unter den Titeln verstehen suchen, ist es daher sinnvoll, uns ihre Herausbildung
Bescheidenheit, Selbstbeherrschung und eigentliche Askese. in den überlieferten ökonomisch-sozialen Verhältnissen zu
Jede von ihnen entspricht, als soziales Leitbild einer Gesell- vergegenwärtigen.
schaft oder einer gesellschaftlichen Gruppe verstanden, einer Als Bescheidenheit sei zunächst ganz allgemein die Tugend
wohlumschriebenen, jeweils anderen Situation. So wie diese bezeichnet, nicht mehr zu begehren, als man vernünftigerweise
Leitbilder sich in der vergangenen Geschichte ausgebildet haben, zu erhalten hoffen kann. »Vernünftigerweise« heißt hier: im
sind sie auf die überlieferte Ethik des Herrschens und Die-nens Blick auf das Ganze der Gesellschaft, der man angehört. Der
bezogen. Das Problem, mit dem wir uns auseinandersetzen Bescheidene will nicht mehr haben als der Durchschnitt der
müssen, ist ihre Übertragung auf die seit den Revolutionen des anderen, ja, er ist mit weniger zufrieden. Dies ist zunächst ein
späten 18. Jahrhunderts langsam sich herausbildende Ethik der natürliches einhaltbares soziales Leitbild für eine homogene
Freiheit und Gleichheit. Bescheidenheit soll in diesem hi- Gesellschaft mit knappen, aber ausreichenden Gütern, also ins-
storischen Zusammenhang ein Leitbild aus dem Ethos der Die- besondere für kleine, überschaubare, primitive Wirtschaftsfor-
nenden bezeichnen, Selbstbeherrschung ein Leitbild aus dem men. Bescheidenheit ist in der Tat ein sehr altes Leitbild, das in
Ethos der Herrschenden, eigentliche Askese ein Leitbild aus den Hochkulturen schon sehr früh als die Tugend der Vergan-
dem Ethos der Entsagenden. Wir werden keines der drei Leit- genheit gepriesen und der Gier der jeweiligen Gegenwart ge-
bilder verstehen, wenn wir nicht die spezifische soziale Situa- genübergestellt wurde (so schon von Konfuzius und von Pia-
tion sehen, der es einst angepaßt war. ton). Etwas von diesem konservativen Pathos ist auch in jeder
Dieses geschichtliche Verständnis fällt eigentümlicherweise der oben aufgezählten sieben Gestalten der modernen »asketi-
gerade den soziologisch denkenden modernen Intellektuellen schen« Gegenbewegung bewahrt, auch dort, wo diese zugleich
besonders schwer. Diese Verständnisschwierigkeit ist freilich mit dem Anspruch sozialer Revolution auftreten. Man ist über-
selbst leicht erklärbar; sie hat einen, meist unbewußten, zeugt, daß auch die moderne Menschheit in Wahrheit knappe,
Zweck. Die modernen Intellektuellen haben sich in ihrer aber bei bescheidener Verwendung ausreichende Ressourcen
Mehrzahl der Ethik der Freiheit und Gleichheit verschrieben. habe. Man erhebt die Bescheidenheit der Ressourcenverwen-
Sie sehen Herrschaft als ein zu überwindendes Übel und die dung zum moralischen Postulat. Die Frage ist nur, ob diese so
alte Ethik des Herrschens und Dienens als eine zur Stabilisie- einleuchtende Forderung die seelischen Triebkräfte richtig ein-

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schätzt, und zwar sowohl die seelischen Triebkräfte, gegen die |U schützen lehren. Die Erfahrung lehrt, daß bewußte
sie sich wendet, wie die seelischen Triebkräfte, aus denen heraus kultu-ftlle Disziplin etwas ganz anderes ist als »anständige
sie selbst erhoben wird. Meine Behauptung ist, daß sie selbst Armut«.
gerade nicht aus schlichter Bescheidenheit, sondern aus einem Wenn eine dienende Schicht einst unter dem Leitbild der
asketischen Pathos ihrer Verfechter hervorgeht und daß sie nur Be-icheidenheit ihre Identität stabilisierte, so stabilisierte
dann eine Durchsetzungschance hat, wenn dieses asketische dieses Leitbild natürlich zugleich die bestehende soziale
Pathos sich selbst versteht. Rangordnung. Dies wird noch deutlicher, wenn wir bedenken,
Mit Recht kann der Verfechter des moralischen Postulats der daß nicht bloß - schon in den Tiergesellschaften - sozialer
Bescheidenheit antworten, daß er nichts radikal Neues ver- Rang den Zugang zu knappen Gütern regelt, sondern umgekehrt
langt, sondern an die überlieferten »Tugenden des kleinen der Zugang zu knappen Gütern zum sozialen Statussymbol
Mannes« anknüpft. In der Tat hatten in der Vergangenheit ge- wird. Die Weckung immer neuer materieller Bedürfnisse, von
rade die unteren Gesellschaftsschichten feste und strenge Re- der Produzentenseite her gesehen ein kapitalistisches Motiv,
geln des Verhaltens, zumal der Sparsamkeit. Das gilt von Bauern ist von der Konsumentenseite her vermutlich vor allem durch
und Handwerkern und kennzeichnet ebenso das seit der den Wettlauf um den sozialen Status gefördert worden; und
industriellen Revolution herausgebildete Ethos der Arbeiter - dieses letztere Motiv zeigt sich heute in realen sozialistischen
bewegung. Man findet dieses Ethos als eine der Kraftquellen Gesell-»ehaften, angesichts der in ihnen herrschenden
der klassischen Sozialdemokratie und noch der heutigen kom- größeren Knappheit und strikteren sozialen Rangordnung,
munistischen Parteien in vielen Ländern, gerade soweit diese eher noch penetranter als in kapitalistischen. Man bedarf - um in
Parteien wirklich Arbeiterparteien sind. Aber mit dieser Beob- unserem Raum zu bleiben - eines recht stabilen sozialen
achtung sind wir von der Bescheidenheit als dem eher fiktiven
Selbstbewußtseins, um in einer Gesellschaftsschicht, die
Leitbild einer ganzen Gesellschaft in die historische Realität
Mercedes fährt, VW y.u fahren, oder in einer Altersstufe, die
der Bescheidenheit als Leitbild für das Verhalten einer Unter -
Motorrad fährt, unbekümmert das Fahrrad zu benutzen.
schicht, einer dienenden Klasse übergegangen. In ökonomisch
Diese kleine aktuelle Beobachtung über die Stabilisierungs-
und sozial stabilisierten Herrschaftsverhältnissen konnte eine
bedürftigkeit von Rangordnungen mag ausreichen, um uns,
dienende Schicht unter dem Leitbild der Bescheidenheit ihre
nun wieder im Blick auf die Vergangenheit, an die Notwendig-
Selbstachtung, ihre Identität bewahren. Eben darum aber ist
keit eines sozialen Leitbildes auch für die Herrschenden zu
die Resistenz der »Tugenden des kleinen Mannes« gegen den
erinnern. Herrschaft als ständiger Kampf um den Rang ist nicht
hereinbrechenden technischen Wohlstand so gering. Beschei-
denheit, die auf sozial unerreichbare Güter verzichtet, ist - so hinreichend stabilisiert. Es ist vielmehr zentral für die Ethik des
zeigt sich - etwas anderes als Selbstbeherrschung, die auf sozial Herrschens und Dienens, daß der Herrschende sich immer zu-
erreichbare Güter verzichtet. gleich als Dienender versteht. Es muß eine in seinen Augen
sittlich gerechtfertigte Ordnung geben, die ihm zwar die Herr-
Eine Randbemerkung: Im Ästhetischen, diesem immer so
schaft gewährt, die er aber auch durch seinen Herrscherwillen
feinen Seismographen einer Kultur, zeigt sich die mangelnde
nicht ändern kann. In einer feudalen oder hierarchischen Rang-
Resistenz der Tugenden des kleinen Mannes besonders deutlich.
ordnung sieht der kleinere Herr sich konkret als Dienenden,
Schönste Volkskunst, wie es sie in jeder bäuerlichen und
indem er stets einen größeren Herrn über sich weiß. Auch der
handwerklichen Kultur gibt, erliegt fast immer der Über-
«berste menschliche Herr, »von Gottes Gnaden« oder im my-
schwemmung mit willig akzeptiertem technischem Kitsch, so-
thischen Zeitalter selbst ein Göttersohn, weiß eine göttliche
fern nicht Intellektuelle, als Sprößlinge der Oberschicht, die
Macht über sich. Der moralisch unumschränkte Herr, der die
gleichsam mit dem modernen Virus schon durchseucht sind, sie
Ordnung selbst nicht respektiert, ist zu allen Zeiten als ein
Scheusal moralisch verurteilt worden. In der säkularisierten
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Fassung der Herrschaftsethik wird Herrschaft zu einem Amt* 1 Der Adel war zunächst ein Kriegerstand. Der Krieger, wie spä-ttr
sie wird nun gerade als Dienst am Ganzen überhaupt erst ge-| der Sportsmann, kann die erforderliche körperliche Über-
rechtfertigt. legenheit nur durch ständiges Training aufrechterhalten. Trai-
Diese Ethik des Herrschens und Dienens ist ebenso wie diel ning heißt auf griechisch askesis, Askese. Die adligen Herren
Ethik der Freiheit und Gleichheit, welche begonnen hat, siel Waren vielleicht die ersten, welche die physiologische Wichtig-
abzulösen, zahllosen Formen des Mißbrauchs und der LügeJ keit bestimmter Formen der Askese erkannten. Körperbau und
geöffnet. Aber es ist ein für die moderne Ideologiekritik cha -J | Triebstruktur des Menschen sind, seiner Herkunft gemäß, ei-
rakteristischer psychologischer Fehler, die Moral des Herr-! nem Leben in Knappheit und Gefahr angepaßt. Einer
schens und Dienens prinzipiell als Beschönigung der Herr - Herren-ichicht konnte nicht verborgen bleiben, wie der
schaft aufzufassen - als ob diese für einen wirklichen Herrn der ökonomische Wohlstand die angeborene Vernunft der Affekte
Beschönigung bedürfte. Dieses Urteil ist nur ein Symptom des derangiert. Der Wohlstand gestattet, die Triebe der Trägheit, des
tödlichen Kampfes, der so oft zwischen differierenden Moral- Hungers, der Sexualität weit über ihre physiologische Funktion
systemen entsteht; des moralischen Problemes der Moral. Aber hinaus Itu befriedigen, ja zahllose neue Bedürfnisse, darunter
um den Versuchungen des Mißbrauchs zu widerstehen, bedarf hochkulturelle, zu erzeugen. Eine Herrenschicht, welche die ihr
das Ethos des Herrschers einer persönlichen Moral der Selbst- verfügbaren Formen der Trieberfüllung voll ausnutzt, ist zum
beschränkung. Das sittliche Ich des Herrschenden muß auch baldigen Untergang verurteilt. Dies zu erkennen war darum für
über sein eigenes begehrendes Ich herrschen. Das bezeichnet den Adel Vorbedingung des Überlebens. Eine Adelsschicht
der Ausdruck der Selbstbeherrschung. Nur wer sich selbst be- mußte, in diesem speziellen Sinn der Worte, nicht glücksorien-
herrschen kann, ist sittlich qualifiziert, über andere zu herr - tiert, sondern wahrheitsorientiert sein, wenn sie fortbestehen
schen. wollte.
Wir haben oben Selbstbeherrschung als den Verzicht auf so- Körperliches Training ist aber nur ein besonders deutliches
zial erreichbare Güter bezeichnet. Dies hat zunächst einen di- Beispiel der für die Fortdauer des Adels notwendigen Selbstbe-
rekten sozialen Sinn. Gesellschaftlich gesehen sind auch in der herrschung. Materielle Güter sind ihm ein anvertrautes Erbe,
Klassengesellschaft der Hochkultur viele der wichtigsten Güter das von Generation zu Generation weiterzugeben ist. Sexual-
knapp, wenngleich sie dem Angehörigen der herrschenden moral hat die Reinheit des Bluts (heute sagt man: der Gene.
Klasse verfügbar sein mögen. Keine Versuchung ist für den Krst in den letzten Jahren hat eine Schule von Genetikern den
Herrn größer, als die Dienenden auszubeuten; eben darum ist »Egoismus des Gens« entdeckt.) zu bewahren; das erklärt fast
für ihn im Ethos des Herrschens und Dienens keine moralische alle Formen erotischer Restriktion und Libertät von
Pflicht wichtiger als die Fürsorge für die Dienenden. So jeden- Adels-schichten, zumal die so weit verbreitete ungleiche Moral
falls haben die immer wiederkehrenden Gesetzgeber und Pro- für Mann und Frau. Der legitime Waffenträger, der nicht die
pheten gelehrt. eigene gesellschaftliche Ordnung zerstören soll, muß
schließlich als wichtigste Qualität die Selbstbeherrschung
Selbstbeherrschung hat aber auch eine elitäre Funktion. Sie
haben, dem Tötungstrieb außer in rituell geordneten
dient in Adelsgesellschaften der Unterscheidung des Vorneh-
Zusammenhängen nicht nachzugeben; das ist der Anfang der
men und Unvornehmen. Edelmann und - noch mehr - Edel-frau
»Ritterlichkeit«.
ist nur, wer sich innerhalb der gesellschaftlich anerkannten
Neben den einander ergänzenden Leitbildern der Beschei-
Formen zu beherrschen vermag. Das ist nicht nur Unterschei-
denheit der Dienenden und der Selbstbeherrschung der Herr-
dung durch Stilisierung. Die Regeln adligen Verhaltens sind schenden steht in fast allen Hochkulturen das Leitbild echter
fast durchweg so geartet, daß sie, physiologisch wie soziolo- Askese der Entsagenden. Diese Entsagung versteht sich im all-
gisch gesehen, die Kontinuität der Adelsschicht gewährleisten. gemeinen religiös. Medizinmann und Priester, Einsiedler und
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Mönch, der Fromme einer Heilssekte, jeder, der in sich und ein Indikator, beim Menschen ein vielen Fehlern unterworfener.
anderen eine religiöse Reinigung und Reifung sucht, braucht Eher noch ist Leiden ein zuverlässiger Indikator des Un-
Übung, Askese. Er braucht insbesondere die Beherrschung zuträglichen, der notwendigen Anstrengung.* Denn,
der elementaren leiblichen Bedürfnisse, ihre scharfe Zügelung darwini-stisch geredet, den Verlust der Warnfunktion des
in Fasten und sexueller Enthaltung. Er braucht die scharfe Schmerzes wird eine Kulturgesellschaft schwerer überleben als
Zügelung der gesellschaftlichen Bedürfnisse durch freiwillige eine Akkumulation von nicht mehr biologisch sinnvollen
Armut und durch Machtverzicht, letzteren in den religiösen Glückserlebnissen. Häufig gewinnen die vielen vom
Orden wie im Militär in der Form des freiwilligen Gehorsams. ursprünglichen biologischen Sinn entkoppelten Affekte und
Einheitlich in den Grundzügen, wenngleich mit zahllosen kul- Verhaltensweisen einen neuen, kulturellen Sinn in dem reichen
turellen und individuellen Schattierungen, findet sich diese Er- Gewebe von Ritualisie-rungen, das wir eben Kultur nennen.
fahrung in allen überlieferten Kulturen. Dazu müssen wir über diese Verhaltensweisen frei verfügen,
Unserer konsumtiven Gesellschaft blieb es vorbehalten, mit einer Sicherheit, die man nicht ohne lange Einübung -
diese Erfahrung zu vergessen. Dem Bewußtsein des wissen- Askese - gewinnt. Eine solche Ritualisierung ist die Kunst.
schaftlichen Zeitalters steht zudem die religiöse Sprache nicht Nicht zufällig ist neben dem Sportler** der Musiker das
mehr zur Verfügung, in der einstmals diese Erfahrung sich unserem Bewußtsein vertrauteste Beispiel für die
selbst verständlich wurde. So hat man in neueren Zeiten die Notwendigkeit des Übens.
asketische Grunderfahrung mit einer kulturell bedingten Inter- Die allgemeine Verbreitung religiös asketischer Lebensfor-
pretation verwechselt und hat jene Grunderfahrung für ein men durch alle Hochkulturen spricht dafür, daß diese Gesell-
Mißverständnis, für das Werk eines leibfeindlichen religiösen schaften von Herrschenden und Dienenden nicht bestehen
Weltbildes gehalten. So kann immer wieder die Durchbre- konnten, wenn nicht in ihrer Mitte zugleich die Entsagenden
chung von »Tabus«, die die traditionelle Gesellschaft selbst lebten, die auf die Güter der Herrschaft verzichteten und einem
nicht mehr versteht, das echte Erlebnis einer neugewonnenen anderen als dem weltlichen Herrn dienten. Religion ist durch
Freiheit und Wahrhaftigkeit vermitteln, oft ohne die Ahnung, die Jahrtausende kulturtragend gewesen, weil sie zugleich die
daß mit dieser Freiheit der Lehrgang nur von neuem beginnt. In verkörperte Kulturkritik enthielt. Hier hatte die Askese einen
Wahrheit handelt es sich um ein Beispiel der anthropologisch symbolischen Sinn. Sie drückte die Verwerfung des der herr-
verständlichen Aufgabe der Gestaltung einer menschlichen schenden Kultur innewohnenden Prinzips der Begehrlichkeit
Kultur, für welche die Ethik des Herrschens und Dienens ein in sinnenfälliger Schärfe aus. Es mag übrigens soziologisch in-
anderes Beispiel war. teressant sein, daß die religiöse Askese als Kulturfaktor ein
Das Kunstwerk menschlicher Kultur, also Tradition und Werk von Aristokraten ist. Dies zeigt ein Blick auf die Entste-
Freiheit, wird möglich durch den Zerfall der tierischen sponta- hung der kontemplativen Askese in Indien. Der Waldeinsiedler
nen Einheit allen Handelns in die Trias von Affekt, Erkenntnis ist die vierte und letzte Lebensphase des Lebenslaufs in der
und Wille. Der Zerfall ermöglicht und fordert, daß die Bruch- höchsten Kaste, der brahmanischen; Buddha war Adelssohn;
stücke zu einer neuen gewollten, unsäglich viel reicheren
Struktur als der des tierischen Lebens fließend zusammenge- * In Freuds Ausdrucksweise geredet: Beim Tier ist das Lustprinzip die subjektive
fügt werden. Trieberfüllung als eigenständigen Wert anzusehen Erscheinungsweise des unbewußten, objektiven Realitätsprinzips. Beim
wäre also ein Mißverständnis der menschlichen Natur. Beim Menschen wird das Realitätsprinzip bewußt und schafft die Welt der Kultur,
die durch das Lustprinzip nicht erzeugt und nicht aufrechterhalten werden
stabilisierten Tier ist Trieberfüllung allerdings ein Indikator des
kann. Askese hat die kulturelle Funktion, das Lustprinzip zu zügeln, die Indi -
Zuträglichen - soweit die »Vernunft der Affekte« reicht. Ver- katorfunktion des Leidens wachzuhalten.
stehen wir Glück als Trieberfüllung, so ist Glück günstigenfalls ** Der Vergleich sportlicher Übung mit moralischer Askese ist schon biblisch.
Vgl. den ersten Brief des Paulus an die Korinther, 9, 24-27.
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noch die meisten der großen indischen Heiligen unserer Zeit Probleme als unsere Unfähigkeit dar, unser eigenes
sind brahmanischer Herkunft. Die kontemplative Askese er- ökonomi-iches System dem Ziele hinreichender Produktion
scheint hier wie die Radikalisierung eines Adelsideals. und zumal gerechter Verteilung zuzulenken. Die von Marx
Der Sinn der Askese gerade für die meditative Lebensweise prophezeite Verelendung der Massen ist zwar im Zentrum des
ist aber nicht nur symbolisch; die Askese hat hier wie stets zu- kapitalisti-ichen Systems im ganzen gesehen vermieden
gleich eine fast technische Funktion. Die Bedürfnisverzichte, worden - wenngleich das Wohlbefinden nicht dem
symbolisiert in den Mönchsgelübden der Armut, der Keusch- Sozialprodukt gemäß zugenommen hat -, aber sie ist vorerst in
heit, des Gehorsams, sind Mittel der Bewußtwerdung, der Di- das »äußere Proletariat« der Peripherie, der Dritten Welt
stanzierung von sich selbst und damit der Entdeckung seiner verlagert worden. Gehen wir die im Anfang dieses Aufsatzes
selbst. Die tiefe Verwandlung der menschlichen Natur, die da- aufgezählten Gefährdungen unserer Welt durch, so entstammen
durch möglich wird, strahlt dann prägend in die Kultur zurück. sie überwiegend nicht einer »bsoluten Knappheit der
Sie gibt der Selbstbeherrschung des Adels, der Bescheidenheit Ressourcen, sondern der Unfähigkeit der Menschheit, ihre
des Volkes einen Hintergrund, eine neue Interpretation. Diese eigenen Probleme zu sehen, in die Hand tu nehmen und zu
Selbstzucht dient also - so konnte man wissen - nicht nur der lösen.
Erhaltung der bestehenden Gesellschaft, sondern der Ver- Nun kann man nicht erwarten, daß Menschheitsprobleme
wandlung des Menschen; dem, was die Religion sein Heil von einer hinreichenden Zahl von Menschen erkannt, ge-
nennt. schweige denn mit Erfolgsaussicht praktisch angefaßt werden,
wenn ihnen nicht ein Ethos gemeinsam und eine Verhaltens-
weise eingeübt ist, welche es gestatten, das Notwendige nicht
Das Problem einer Ethik der technischen Welt psychisch zu verdrängen, sondern anzusehen und zu wollen.
Ks handelt sich um ein Ethos für die technische Welt. Technik
Die ökonomische Entwicklung der Neuzeit, zugleich Motor bedeutet, Mittel für Zwecke zu schaffen und zu gebrauchen.
und Folge des technischen Fortschritts, bietet zum erstenmal Technik als Selbstzweck kann in einer Entwicklungsphase för-
der ganzen Gesellschaft Zugang zu Gütern, die früher wegen derlich sein, so wie zur Entstehung der menschlichen Kultur
ihrer Knappheit einer Oberschicht vorbehalten blieben. Frei- ohne Zweifel der Spieltrieb einen wesentlichen Beitrag geleistet
lich ist dieser Prozeß nicht vollendet, und gerade die Anwälte hat. Der Mensch ist in gewissem Sinne das spielende Tier:
einer asketischen Alternative fragen, ob er überhaupt vollendbar homo ludens. Aber der Mensch kann nicht bestehen, wenn er
wäre. Es ist wichtig, daß wir uns den Grund der Schwierigkeit den Unterschied von Spiel und Ernst nicht begreift: das nennt
seiner Vollendung klarmachen. Er liegt, so möchte ich be- man Erwachsensein. Alles zu machen, was technisch möglich
haupten, nicht darin, daß die Güter an sich knapp wären. Die ist, ist ein letztlich untechnisches Verhalten, eine Kinderei. Er-
vom ersten Bericht an den Klub von Rom in die Welt gebrachte wachsener Gebrauch der Technik verlangt die Fähigkeit, auf
Furcht vor der absoluten Knappheit der Rohstoffe sucht, wenn technisch Mögliches zu verzichten, wenn es dem Zweck nicht
ich richtig sehe, die Gefahr dort, wo sie nicht ist. Anorganische dient. Es verlangt Selbstbeherrschung. Technik ist als Kultur-
Rohstoffe sind an sich nicht knapp. Organische Stoffe, zumal faktor nicht möglich ohne die Fähigkeit zur technischen As-
Nahrung, werden, wie Malthus gesehen hat, knapp, wenn das kese.
Bevölkerungswachstum der Wirtschaftsentwicklung davon- Schauen wir mit dem so geschulten Blick auf die alten Kultu-
läuft. Aber die Landwirtschaft der Welt könnte bei geeigneter ren zurück, so meldet sich der Verdacht, daß schon die
Modernisierung die heutige und auch die doppelte Weltbevöl- »neo-lithische Revolution«, die Entstehung des Ackerbaus, eine
kerung ernähren. Organisatorisch gesehen stellen sich unsere tiefe Umweltkrise bedeutet hat. Man kann sich ausmalen, wie
die klugen Konservativen der Jäger- und Sammler-Kultur auf
die

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Zerstörung des natürlichen Lebensraums der Tiere und Men- Freiheit und Gleichheit zu verfehlen und dadurch am Ende so-|ir
schen reagiert haben mögen, die in der Verwandlung von Wald den Wohlstand wieder zu verlieren. Was ist der ethische Sinn
in Ackerland geschah. Was spätere Kulturkritiker als die tiefe von Freiheit und Gleichheit?
Naturverbundenheit der bäuerlichen Lebensform preisen, war Es sei mir erlaubt, in einem kleinen Exkurs die wohl philoso-
historisch vermutlich die nach jahrhundertelangen bitteren Er- phisch reifste Fassung dieses ethischen Prinzips zu skizzieren,
fahrungen eingeübte Verhaltensweise zur Pflege einer Land- Wie sie in Kants praktischer Philosophie gegeben ist. Nach
schaft, die selbst ein Produkt des Menschen und der älteren Kant gibt es für ein vernünftiges Wesen nur einen einzigen
Natur abgetrotzt war. Zu dieser Disziplin gehören die einander kategorischen, d.h. unbedingt gebietenden Imperativ, das
zugeordneten Tugenden der Bescheidenheit und der Selbst- »Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft«: »Handle so,
beherrschung. Vermutlich erst der Stadtkultur entstammt die dtß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip
dritte, radikal kulturkritische Tugend religiöser Askese. Unsere einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.«* Vernunft ist
Frage heißt: Wie übertragen wir, nicht die zeitgebundenen für Kant nämlich das Vermögen des allgemeinen Denkens, ein
Erscheinungsformen, sondern die lebenserhaltende Substanz vernünftiges Gebot also ein allgemeines Gebot. Der
dieser Tugenden in die durch die neue, die industrielle Revolu- kategori-»che Imperativ fordert somit vom Menschen als
tion erzeugte technische Welt? einem vernünftigen Wesen nichts anderes, als daß er seine
Diese Frage nötigt uns, den Übergang von der Ethik des Vernunft gebraucht und nach Maximen handelt, die fähig sind,
Herrschens und Dienens zur Ethik der Freiheit und Gleichheit allgemeine, also vernünftige Gesetzesprinzipien zu sein. Hierin
thematisch ins Auge zu fassen. nun sind lVeiheit und Gleichheit als Wesenselemente der
Vernunft bereits mitgedacht. Die Freiheit des menschlichen
Willens kann empirisch nicht nachgewiesen werden. Habe ich
Die Ethik der Freiheit und Gleichheit eine Handlung vollzogen, so kann ich nicht empirisch wissen, ob
ich fähig gewesen wäre, auch anders zu handeln; die Motive
Der Übergang vom Herrschen und Dienen zur Freiheit und unseres Handelns bleiben uns faktisch nur zu oft verborgen.
Gleichheit als ethischen Prinzipien hat sein ökonomisches Aber indem ich einen Imperativ überhaupt als unbedingte
Korrelat im Übergang von der privilegierten Verfügung über Forderung anerkenne, erkenne ich an, daß ich ihm gehorchen
knappe Güter zu einem allgemeinen Wohlstand. Der ökonomi- könnte; ich erkenne meine Freiheit als moralisches Postulat an,
sche Übergang erklärt zwar nicht die ethische Substanz der ich erkenne mich als verantwortlich. Der Imperativ, den meine
einander ablösenden ethischen Prinzipien, aber er erklärt ver- Vernunft hiermit anerkennt, ist nicht ein Gebot eines Herrschers
mutlich die Gründe der Möglichkeit der gesellschaftlichen (Hete-ronomie), sondern er definiert vielmehr eben, was es heißt,
Durchsetzung des egalitären Prinzips. Freiheit als allgemeines vernünftig zu handeln; er ist ein Gebot der Vernunft selbst
Prinzip bedeutet Gleichheit der Menschen in der Gesellschaft (Autonomie), ohne das sie nicht vernünftig wäre. Das Gebot ist
in dem wohl wichtigsten politischen Gut, eben der Freiheit. allgemein im doppelten Sinne. Es gilt erstens für alle Fälle. Und
Reale Gleichheit aber setzt jedenfalls einen angemessenen Grad es gilt zweitens für alle vernünftigen Wesen, also für alle Men-
ökonomischer Gleichheit voraus. Diese gibt es entweder in ei- schen. Alle Menschen, indem sie sich genötigt sehen, das Gebot
ner primitiven oder bewußt asketischen Gesellschaft, in der anzuerkennen, sind gleich. Was in ihnen gleich ist, ist eben ihre
niemand reich ist, oder in einer Wohlstandsgesellschaft, in der vernünftige Freiheit. Es ist selbstverständlich, daß Kant sich
-nach überlieferten Maßstäben gemessen - alle reich sind. Eben nicht einbildet, die
die ökonomischen Bedingungen der Wohlstandsgesellschaft
aber enthalten zugleich die Gefahr, den Sinn des Ethos der Kritik der praktischen Vernunft, § 7; A. 54.

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Menschen handelten faktisch vernünftig. Die Verni __ Kants eigene Position eindeutig bei der politischen Ethik der
brauchte nicht als Gebot formuliert zu werden, wenn wir ih. Freiheit und Gleichheit. Sein Weg dazu geht über die Philoso-
faktisch ohnehin folgten. Behauptet ist nur, daß keiner von uns, phie des Rechts und die Philosophie der Geschichte.
wenn er mit sich selbst ehrlich umgeht, der Forderung deifi Kant unterscheidet Legalität und Moralität: »Man nennt die
Vernunft die Gültigkeit auch für sein eigenes Handeln bestreik bloße Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung einer
ten könnte. Wenn ich dem Gebot nicht gefolgt bin, so weiß ich) Handlung mit dem Gesetze, ohne Rücksicht auf die Triebfeder
mich schuldig, einerlei welche psychologischen Erklärungs«' derselben, die Legalität (Gesetzmäßigkeit); diejenige aber, in
gründe für mein Handeln ich anzuführen vermag. Es sei hier Welcher die Idee der Pflicht aus dem Gesetze zugleich die
vermerkt, daß auch die paulinisch-lutherische Rechtferti- Triebfeder der Handlung ist, die Moralität (Sittlichkeit) dersel-
gungslehre und die Freudsche Praxis der Neurosenheilung auf ben.«* Die politische Ordnung der Gesellschaft muß äußerlich
dieser Grunderfahrung beruhen: ich kann nur »gerechtfertigt« kontrollierbar sein und kann daher nur auf der Legalität beru-
oder »geheilt« werden, wenn ich einsehe, daß ich meine Hand- hen, also auf dem Recht. »Das Recht ist... der Inbegriff der
lung, auch die dem von mir anerkannten vernünftigen Gebot Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür
widersprechende Handlung, selbst gewollt habe. Ich mache des anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit
diese Anmerkung, um dem naheliegenden Einwand zu begeg- y.usammen vereinigt werden kann.«** Man sieht hier die
nen, diese Überlegungen Kants seien für uns nicht verbindlich, politi-Kehe Verwirklichung der Freiheit gemäß dem
sei es wenn wir uns als Christen verstehen, oder wenn wir kategorischen Imperativ: Gleichheit der Freiheit der
nach-kantischer Psychologie folgen. Kant beschreibt in der vernünftigen Wesen ist geboten und wird durch gegenseitige
Sprache der Aufklärung ein Phänomen, das, in der kulturell Einschränkung der Willkür ermöglicht. Die Verwirklichung
bedingten Sprache jeder Zeit immer wieder anders formuliert, dieses Postulats ist das Thema der menschlichen Geschichte:
»Das größte Problem für die Menschengattung, zu dessen
immer wieder erfahren wird.
Auflösung die Natur ihn zwingt, ist die Erreichung einer
Was aber haben die so beschriebenen moralischen Begriffe
allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gesellschaft.***
von Freiheit und Gleichheit mit den gleichnamigen politischen
Dieses Problem ist zugleich das schwerste, und das, welches von
Begriffen zu tun? Hier ist die Schwierigkeit, daß sich aus dem
der Menschengattung am spätesten aufgelöst wird.**** Das
formalen allgemeinen Prinzip des kategorischen Imperativs
Problem der Errichtung einer vollkommenen bürgerlichen
keine materialen speziellen Vorschriften (oder »Werte«) herleiten Verfassung ist von dem Problem eines gesetzmäßigen äußeren
lassen, ohne konkrete Voraussetzungen über die menschliche Staatenverhältnisses abhängig und kann ohne das letztere nicht
Gesellschaft zu machen, die, wie wir wissen, geschichtlichem aufgelöset werden.«***** Der letzte Satz weist auf das Thema
Wandel unterliegen. Kants eigene Beispiele erweisen sich dem von Kants Schrift Zum ewigen Frieden voraus: Die Schaffung
heutigen Leser als zeitbedingt. Formal läßt sich auch eine Ethik einer stabilen Rechtsordnung ist notwendigerweise ein
des Herrschens und Dienens mit dem kategorischen Imperativ Weltproblem.
leicht vereinbaren. Man muß dazu nur das Prinzip einer Was lernen wir für uns selbst aus diesem vor zweihundert
allgemeinen Gesetzgebung so formulieren: Jeder fülle den Jahren aufgezeichneten philosophischen Entwurf? Politische
Platz in der Gesellschaft aus, in den er hineingeboren ist; etwa
gemäß den Prinzipien von Bescheidenheit und Selbstbe- * Die Metaphysik der Sitten, Erster Teil, Metaphysische Anfangsgründe der
herrschung. Es ist leicht zu erkennen, daß Gesellschaften nach Rechtslehre, A. 15.
diesem Prinzip stabilisiert werden können, und vernünftiges ** Ebenda, S. 33.
**"■ Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, S. 394.
Dienen ist dem Menschen genau dann möglich, wenn ihm ver- ♦*** Ebenda, S. 396.
nünftiges Herrschen den Raum dafür schafft. Gleichwohl ist ♦**** Ebenda, S. 398.

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1 eine Antwort an. Toleranz, als die politische Gewährung der
Freiheit ist nicht die Freiheit, die ich mir nehme (sie nennt Kant 1 Freiheit an die andern, ist nicht der Verzicht auf die Wahrheits-
»Willkür«), sondern die Freiheit, die ich dem Mitbürger als j frage, sondern die Schaffung des Raums für die Wahrheitsfrage.
Spielraum seiner Vernunft garantiere. So hängen die »Grund-' Die pluralistisch zugelassenen Werte sind nicht gleichgültig, sie
werte« der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sachlich zu- j sind nicht alle gleich gut. Man mag sie locker in die essentiell
sammen. Sie halten den Spielraum der Vernunft für eine »wahr- j individuellen und die essentiell gesellschaftlichen einteilen. Es-
heitsorientierte« Kultur frei. Diese Vernünftigkeit hat eine sentiell individuell, nicht zur Verallgemeinerung bestimmt, ist
doppelte Funktion; sie gehört sowohl zur Selbsterhaltung wie die Wahl des Menschen, gemäß seiner Begabung, seinem Inter-
zur Sinnerfüllung. Vernunft als Instrument der Selbsterhaltung'
esse, seiner Leidenschaft zu leben. Einer kann Künstler, Wis-
ist der Leitbegriff für Wege in der Gefahr. Für Kant steht die
senschaftler, Skiläufer sein, gerade weil nicht alle es sind; jeder
Sinnerfüllung im Vordergrund. Dies ist eine, m.E. vorletzte,
hat zu Recht einen anderen Freundeskreis, einen anderen Ehe-
aber unüberspringbare Antwort auf das Sinnproblem der mo-
partner als die andern. Die essentiell gesellschaftlichen Werte
dernen Kultur, auf ihre immanente Skepsis gegenüber dem ei-
aber stehen unweigerlich zur Debatte. Hier ist Freiheit der Ent-
genen Sinn, auf ihren verborgenen oder offenen Nihilismus.
scheidung für sie nur die Vorbedingung des Ernstnehmens der
Die streitenden Brüder der modernen Zivilisation, die Tech-
Wahrheitsfrage. Kants Entwurf der geschichtlichen Aufgabe
nokraten und ihre »linken« Kritiker, erkennen einen Wert an,
den sie, bei verschiedener inhaltlicher Erfüllung, doch mit tles Menschengeschlechts erinnert uns daran, wieviel allein in
demselben Namen belegen, dem Namen »Rationalität«. Irra- der Forderung, vernünftige Zustände zu schaffen, bisher uner-
tionalität wirft man sich gegenseitig vor. Was aber ist rational? füllt ist. Vernunft politisch zu ermöglichen, indem man ihre
I'orderungen realisiert, ist noch auf unabsehbare Zeit eine in-
Als rational leicht zu erkennen ist das Zweckrationale, die
haltlich bestimmte Aufgabe, die der Politik definierte Ziele
Angemessenheit eines Mittels an einen Zweck. Man kann dies
setzt. Zur Vernunft aber gehört Selbstbeherrschung, denn nur
die Interpretation der Rationalität als Verständigkeit nennen.
Aber sind die Zwecke selbst rational? Gibt es auch eine Ver- Selbstbeherrschung dokumentiert Freiheit.
nünftigkeit der Zwecke? Vielleicht erweist sich einem tieferen Dies ist der grundsätzliche, abstrakte Entwurf eines Ethos
Blick ein Zweck noch einmal als Mittel zu einem höheren der Freiheit und Gleichheit. Wie aber sind die Realisierungs-
Zweck. Aber gibt es eine Vernünftigkeit der letzten Zwecke? chancen? Im gegenwärtigen Aufsatz kehre ich zu dem speziel-
Hier wagt die liberale Doktrin unserer Staaten kein Urteil len Thema zurück: der Selbstbeherrschung im Raum der Frei-
mehr. Man redet von der pluralistischen Gesellschaft, von der heit und Gleichheit.
Anerkennung einer Vielheit subjektiver Werte. Aber ist nicht
eben diese Anerkennung des Pluralismus eine schlichte nihili-
Bisherige Grenzen und Chancen einer demokratischen Askese
stische Resignation gegenüber der Wahrheitsfrage? Offensicht-
lich liegt eine technische Pointe darin, äußere Spielregeln anzu-
Die Schwierigkeit einer demokratischen Askese beruht auf ei-
erkennen, die das Funktionieren des Apparats garantieren, und
nem moralischen Dilemma. Die Hauptschwierigkeit ist nicht
den Rest frei zu lassen. Aber in diesem Freiheitsraum
die oben vermerkte mangelnde Resistenz der »Tugenden des
entwik-kelt sich eine Skepsis an jenen Werten, die er garantieren
kleinen Mannes« gegen die konsumtiven Lockungen des Wohl-
sollte, eine Beliebigkeit, eben ein Nihilismus. Kann ein Wert
stands. Die Schwierigkeit liegt in dem Bruch mit gewissen nor-
mich noch fordern und mir so Sinn gewähren, den vom
mativen Prinzipien der aristokratischen Selbstbeherrschung,
Mitmenschen zu fordern mir die Liberalität verbietet?
der für das Aufkommen der Marktwirtschaft konstitutiv war.
Hier deutet der Zusammenhang von Freiheit und Vernunft
Der Übergang zur Marktdoktrin war der Übergang zu einem
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Pathos der Freiheit und (Chancen-)Gleichheit, gegen die Be- der Wahrhaftigkeit. Er wurde bezahlt durch eine Diskreditie-
vormundung durch die Herrschenden. Dem Individuum wird rung der überlieferten asketischen Tugenden im Publikum.
der Verstand zugetraut, sein eigenes Interesse am besten zu ver- Dem ökonomischen Liberalismus und dem planwirtschaft-
stehen, und die »unsichtbare Hand«, die den transparenten lichen Sozialismus gemeinsam ist das Bekenntnis zum Ethos der
Markt zum Optimum auch der Gesamtwirtschaft führt, wurde Freiheit und Gleichheit. Gemeinsam ist ihnen eine Ambivalenz
eines der eindrucksvollsten Modelle für Hegels Gedanken einer der Resultate, die vermutlich in einem ihnen gemeinsamen an-
»List der Vernunft«. Die objektive Vernunft, so die Doktrin, thropologisch irrealen Optimismus, in der Verkennung der
setzt sich durch, auch wenn kein Individuum sie denkt. Es war sittlichen Notwendigkeit der Askese wurzelt. Beide sind zur
derselbe Schritt im Denken, der den Übergang von der demokratischen Askese bisher unfähig, das Marktsystem, weil
Herrschaftsethik zur Freiheitsethik und den Übergang von ei- es nicht asketisch, das Plansystem, weil es nicht demokratisch
ner asketischen Doktrin zur ethischen Hochbewertung der ist. Daß der Markt nicht asketisch ist, liegt auf der Hand. Daß
Schaffung konsumtiver Bedürfnisse vollzog. der Plan nicht demokratisch sei, bestreiten seine Anhänger,
Dieser doktrinale Schritt war vielleicht noch einschneidender aber faktisch erzwingen sie den Plan durch Stabilisierung der
als die ihn begleitende Änderung der realen Wirtschaftsstruktur. Herrschaft und demonstrieren damit - gegenüber dem Zynis-
Denn faktisch war die Wirtschaft wohl von jeher durch Eigen- mus als dem moralischen Problem des Kapitalismus - die Lüge
interesse und Marktpraxis gesteuert. Die asketischen Ideale bib- als das moralische Problem des Sozialismus.
lischer Propheten und griechischer Philosophen erweisen sich, Dabei zeigt ein Blick auf die Geschichte der modernen Ge-
wenn man die alten Texte liest, bereits als eine intellektuelle sellschaft, wie stark gerade die Träger des Fortschritts von den
Gegenbewegung gegen eine schon damals wachsende Reich- überlieferten asketischen Idealen geprägt geblieben waren. Das
tumspraxis der Wirtschaft - so wenn Piaton in den Gesetzen die Bürgertum, das den Adel in der Herrschaft beerbte, hat viele
politische Stabilität der zu gründenden Stadt an ihre sittliche der asketischen Ideale in leichter Modifikation übernommen.
Integrität bindet, und diese an die Bedingung, daß die Stadt nicht Das Beamtenethos des monarchischen, auch noch des bürger-
am Meer liege, um nicht der Versuchung des Seehandels ausge- lich-republikanischen Staats, das Ethos der Berufsrevolutionäre
setzt zu sein. Die durch zwei Jahrtausende herrschende, eher des revolutionären Sozialismus, der Kader kommunistischer
asketische politische Doktrin - die der Stoiker, des christlichen
Parteien trägt evident zweckrationale Züge der asketischen
Aristotelismus - drückte weniger die gesellschaftliche Realität
Selbsterhaltung einer Elite. Egalitäre Theorie ist, wo sie politi-
als die begleitende ständige Kritik an dieser Realität aus. In dieser
schen Erfolg hat, fast stets mit elitärer Praxis verbunden. Be-
konservativen Tradition steht auch die heutige Doktrin der
sonders wichtig ist wohl Max Webers Beobachtung über den
sozialistischen Staatswirtschaften, welche entgegen allen Er-
frühkapitalistischen Unternehmer, daß sein Leistungsethos
kenntnissen des historischen Materialismus nicht den Bewußt-
stark durch die besondere, theologisch fundierte Askese der
seinswandel als Folge der ökonomischen Entwicklung zuver-
Puritaner geprägt war. Wenn dies zutrifft, so erweist sich in
sichtlich erwarten, sondern ihr eigenes ökonomisches System
nur vom Bewußtsein her durch unablässige massenpädagogi- diesem Beispiel wie so oft in der christlichen Geschichte, daß,
sche Bemühungen und polizeilichen Druck aufrechtzuerhalten während die Selbstbeherrschung der Herrschenden die Welt
vermögen. Auch dort ist die Realität marktwirtschaftlicher als stabilisiert, die Askese der Entsagenden die seelischen Kräfte
die Doktrin, aber der Markt ist gezwungen, in weitem Umfang freisetzt, welche, oft in eigentümlichen Verkleidungen, die
schwarzer Markt zu sein. Demgegenüber war das marktwirt- Welt verändern.
schaftliche Prinzip ein Doktrinwandel, der Übergang zu einer Auch die Frage nach den prägenden Motiven der eingangs
Anerkennung der ökonomischen Realität, also zu einer Form aufgezählten kritischen Gegenbewegungen gegen die techno-
kratisch-konsumtive Gesellschaft führt fast überall tief in die

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religiöse Tradition und ihre asketischen Erfahrungen zurück. rcvolutionen in dreihundert Jahren nottäten; die und Europäern
Umweltschützer und Hippies sind allerdings als komplexe und gewiß der Mehrheit der Chinesen so einleuchtende
Gruppen nicht auf eine einzelne Traditionslinie festzulegen. Hntwicklung seit seinem Tode besagt doch wohl, daß er damit
Der relativ statische Naturbegriff der Umweltschützer weist für diese Generation gescheitert ist und vermutlich schon vor
freilich eher auf den Schöpfungsglauben als auf die naturwis- leinem Tode gescheitert war. Nyerere lebt und kämpft; kann
senschaftliche Evolutionslehre zurück. Der kalifornische Bo den, lein Schifflein die Wogen des kapitalistisch-kommunistischen
auf dem die Hippie-Bewegung entstand, war innerhalb der Machtkampfs um Afrika ausreiten? Die demokratischen Soli-
westlichen Welt am stärksten mit asiatischen Meditationslehren daritätserlebnisse der Umweltschützer und der intellektuellen
gepflügt und gedüngt, zu denen es viele Träger der heutigen jungen Gegenkultur schließlich sind die typischen Erlebnisse von
intellektuellen Gegenkultur ständig zieht. Klar sind die Quellen Minderheiten, die Minderheiten bleiben.
bei den namentlich genannten Einzelnen. Schumacher war in der Man kann nicht aus fünf oder sieben Beispielen ableiten, daß
entscheidenden Phase seiner asketischen Meinungsbildung tief eine vielleicht erst beginnende historische Bewegung schon
vom Buddhismus beeinflußt, Illich nahm als katholischer gescheitert sei. Aber man kann an ihnen ablesen, wo die
Priester sein Christentum ernst, Gandhi war ein vom Schwierigkeit liegt. Sie liegt darin, eine Haltung das Volk
Evangelium tief beeindruckter frommer Hindu, Nyerere ist ein durchdringen zu lassen, die bisher stets mit elitärem Bewußtsein
der überlieferten afrikanischen Kultur treuer katholi scher Christ, wesentlich verknüpft war. Der religiöse Asket wußte, daß er am
Mao wurzelt jedenfalls bewußt in der dreitausendjährigen Rande der menschlichen Möglichkeiten kämpfte; er zog aus der
ethisch-ästhetischen Tradition Chinas. außerordentlichen Anstrengung die Hoffnung auf au -
Aber gerade das, was ihre tiefsten Motive waren, konnten ßerordentliches Heil. Der Adlige war seine Selbstbeherrschung
diese elitär geprägten Menschen bisher am wenigsten in demo- »einem Stande schuldig; Ehrverlust war der schrecklichste Ver-
kratischer Politik durchsetzen. Nach ihren revolutionären Er - lust. Demokratischer Askese am nächsten kam das neuzeitliche
fahrungen hätten wir vor allem die drei erfolgreichen politi- Bürgertum, zumal die Calvinisten; doch gerade diese wußten
schen Führer zu befragen: Gandhi, Mao und Nyerere. Alle drei sich meist als das ringsum bedrohte Volk Gottes.
haben einen nationalen Befreiungskampf gewonnen, der zu - Was haben wir aus diesen Beobachtungen für unser Handeln
gleich, mehr oder weniger, eine soziale Revolution, jedenfalls /.u folgern? Vermutlich zweierlei. Einerseits: Die Entwicklung
die Abschüttelung einer Herrenschicht war. Hier war die de- neuer Formen der Selbstbeherrschung wird für die Zukunft
mokratische Komponente der Bewegung gleichsam ein Ge - unerläßlich sein. Andererseits: Wir dürfen nicht auf die Durch-
schenk des Schicksals. Nichts einigt eine Nation so sehr wie ein setzung demokratischer Askese warten, um die materiellen
nationaler Befreiungskampf oder eine erfolgreiche soziale Re- Probleme der technischen Zivilisation zu lösen.
volution. Der Pegel dieses Erlebens sinkt wieder, wenn das Ziel Es handelt sich genau um jene Bewußtseinsbildung, die vorhin
erreicht ist. Die Errichtung einer demokratisch-asketischen als der rechtfertigende Sinn des Ethos der Freiheit und
Kultur aber müßte ein Einschleifen fester Gewohnheiten und Gleichheit bezeichnet wurde. Es handelt sich um eine
Überzeugungen für viele Generationen sein. Alle drei versuchten, wahr-heitsorientierte Kultur. Die Menschheit als ganze ist heute
das Pathos des Anfangs in die langfristige Verwirklichung ihrer unserem Bewußtsein in einem Grade präsent wie nie zuvor; dies
tief eindrucksvollen asketischen Überzeugung einfließen zu ist ein Geschenk der technischen Zivilisation. In diesem
lassen. Gandhi ist damit gescheitert, und er wußte das, ehe er starb; Schmelztiegel bereitet sich eine noch nicht beschreibbare neue
das heutige Indien ist arm, aber, außer in einer Minder heit, nicht Kultur vor. Ihre langfristige Wirkung wird vielleicht dort am
asketisch. Mao wußte am Ende seiner dreißigjährigen tiefsten sein, wo sie am wenigsten der Illusion planvoller Welt-
Regierungszeit, daß nicht eine, sondern dreißig Kultur - veränderung anheimfällt. Es ist eine der asketischen Grund -

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erfahrungen, daß gerade die Arbeit des Individuums an sich Gefahr durch die Art und Weise selbst erzeugen, in der wir uns
selbst, unbewußt ausstrahlend, die Gesellschaft verändert. vor der kleineren Gefahr fürchten. Ich knüpfe dabei zunächst
Diese Arbeit aber leisten heute wohl nur diejenigen Individuen, noch einmal an das Problem der Kernenergie an.
die getroffen sind vom Blitzstrahl des Bewußtseins ihrer In der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion ist das Haupt-
Mitverantwortung für die reale Welt - also gerade nicht die argument für die Kernenergie die Notwendigkeit weiteren
Weltflüchtigen. Präzision des Bewußtseins, Deutlichkeit des Wirtschaftswachstums, und das Hauptargument für das Wirt-
Denkens, ist eine der wichtigen Wirkungen der intellektuellen schaftswachstum die Notwendigkeit, die Arbeitslosigkeit zu
Selbstbeherrschung; sie ist einer der moralischen Werte. überwinden. Diese scheinbar plausible Argumentationskette
Heute sind es eigentümlicherweise gerade die einander in scheint mir in jedem ihrer Glieder falsch. Sie verknüpft mehrere
Feindschaft gegenüberstehenden elitären Minoritäten inner- vermutlich richtige Vorschläge durch lauter logisch unzu-
halb unserer Gesellschaft, die dieser Forderung am nächsten treffende Schlüsse und macht die vertretene Position dadurch
kommen: eben einerseits die Technokraten, andererseits die
vielleicht kurzfristig politisch wirksam, aber in den Augen in-
kritische Gegenkultur der Jugend. Die einen üben die Askese
telligenter Kritiker schwächer, als sie objektiv ist.
des Leistungsethos, die anderen sind motiviert von einer Suche
Die Arbeitslosigkeit ist erstens ein Problem der Gegenwart
nach einem neuen Leben, das in der Verweigerung der Überlie-
und der nahen Zukunft; über mehr als zehn Jahre sehen wir in
ferung anknüpft an die Überlieferung der Verweigerung, die
dieser Frage nicht voraus. Der Beitrag der Kernenergie zum
selbst eine asketische Überlieferung ist. Die Grenze der Ver-
weiteren Wirtschaftswachstum wird hingegen in den kom-
nünftigkeit der Technokratie liegt darin, daß die Rationalität
menden fünfzig Jahren wichtig werden. In den kommenden
der Zwecke der Rationalität der ihnen dienenden Mittel nicht
gleichkommt. Die Grenze der Vernünftigkeit des Protests liegt zehn Jahren ist er belanglos. Vorerst ist genug Öl da, und wenn in
darin, daß Protest eben an das gebunden bleibt, wogegen er den Achtziger jähren die vielfach vorhergesagte Ölkrise kommt,
protestiert. wird das teurer und vielleicht absolut knapper werdende Öl
nicht in den wenigen Jahren, in denen die Krise eintreten würde,
plötzlich durch Kernenergie substituiert werden. Man vergleicht
Der Arbeitsmarkt, ein Modellfall hier Unvergleichbares: eine sehr langfristige Entwicklung mit
Krisenphänomenen, die rasch eintreten können. Was zur
Dieser Aufsatz ist nicht geschrieben, um Lösungsmodelle für Arbeitslosigkeit in unserem Lande beitragen würde, wäre
unsere wirtschaftspolitischen Probleme vorzuschlagen, son- allenfalls der Verlust der Arbeitsplätze der Reaktorindustrie;
dern um eine Haltung zur Beurteilung solcher Lösungsmodelle also nicht der Ausfall der von Reaktoren gelieferten Energie,
zu erwägen. Eines dieser Probleme hat den Anstoß zu seiner sondern der Ausfall der Produktion von Reaktoren.
Abfassung gegeben: das Problem der Kernenergie. Ein anderes Zweitens sieht es heute so aus, als würde die Wirtschaft so
Problem, das der Arbeitslosigkeit, sei hier nur in wenigen Stri- oder so nicht die Wachstumsraten wieder erreichen, die zum
chen in derjenigen Sichtweise skizziert, die mit diesem Aufsatz Abbau der Arbeitslosigkeit durch Wiederherstellung der alten
angestrebt wird; nicht als Lösungsvorschlag in einem wie- Nachfrage nach Arbeitsleistung erforderlich wären. Über die
derum höchst komplizierten Fragenkreis, sondern zur Illustra- Ursachen dieser Wachstumsverlangsamung alsbald ein Wort.
tion einer Art, an diese Fragen heranzugehen. Jedenfalls aber ist es heute vermutlich reine politische Rhetorik,
Das Bemühen geht hier zunächst auch um Deutlichkeit der von der Überwindung der Arbeitslosigkeit durch Wirt-
Fragestellung. Ich werde auch hier den Verdacht nicht los, daß schaftswachstum zu reden.
Drittens ist zwar die Arbeitslosigkeit ein Übel, aber viel-
wir die Gefahr dort suchen, wo sie nicht ist; daß wir die größere

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leicht ist dieses Übel nur die Folge unserer Unfähigkeit, mit notwendigen Arbeit könne für freiwillige, kulturell produktive
einer höchst wünschenswerten Entwicklung umzugehen. Ihre Arbeit genützt werden; die Freiheit von erzwungener Arbeit
auslösende Ursache ist die Steigerung der Arbeitsproduktivität ermögliche die freie Eigenarbeit. In der bisherigen Geschichte
durch technischen Fortschritt. Um dieser Produktivitätssteige- dürften die großen kulturellen Schritte vorwiegend von Eliten
rung willen ist die gesamte industrielle Entwicklung seit Jahr- getan worden sein, die vom Zwang selbsterhaltender Arbeit
hunderten vorangetrieben worden. Ihre Wirkungen sind in all freigestellt waren. Diese Eliten freilich bedurften der Selbst-
dieser Zeit auf zwei erwünschte Vorgänge verteilt worden: die beherrschung zur moralischen Selbsterhaltung. Die soeben
Produktion neuer und zahlreicherer Güter einerseits, die Sen- zitierte optimistische Ansicht traut dies auch den Massen der
kung der Arbeitsdauer andererseits. Nimmt, wie gegenwärtig, Zukunft zu. Sie rechnet also - ohne sich das vielleicht immer
die Güterproduktion langsamer zu als die Produktivität der klarzumachen - mit der Möglichkeit einer demokratischen As-
Arbeitsstunde, so muß die Nachfrage nach Arbeitskraft abneh- kese. Die skeptische Ansicht hingegen wird vorwiegend von
men. Nimmt man dies als Faktum hin, so entsteht das Vertei- solchen Angehörigen der bisherigen Eliten vertreten, welche
lungsproblem der Arbeit. Dieses Problem könnte ohne Ab- den Massen nur die erzwungene Bescheidenheit, aber nicht die
nahme der gesellschaftlich zur Verteilung kommenden Güter Selbstbeherrschung zutrauen; ihre Skepsis ist Skepsis gegenüber
durch eine Reduktion der durchschnittlichen Arbeitszeit gelöst der demokratischen Askese. Dies also ist die schwierige
werden. Faktisch wird für die heute im Arbeitsverhältnis historisch-anthropologische Grundfrage. Eigentümlicherweise
Stehenden die Arbeitszeit nicht nennenswert gesenkt, und die vertreten heute - ohne sich das wohl klarzumachen - die ge-
geringe Arbeitsnachfrage führt zu Arbeitslosigkeit und Kurz- werkschaftlichen Gegner der Wegrationalisierung von Arbeits-
arbeit. plätzen, in der konservativen Rolle, die heute die Arbeiterorga-
Mit dieser zunächst rein beschreibenden Feststellung plä- nisationen der Hochindustrienationen ohnehin spielen, faktisch
diere ich noch nicht für die Arbeitszeitverkürzung als Lösung die Position des alten elitären Weltbildes, die Unternehmer
des Arbeitslosigkeitsproblems. Gäbe es eine demokratisch le- hingegen, die rationalisieren, also Welt verändern, vertreten
gitimierte Instanz, die über die relevanten Faktoren - also über ebenso faktisch den Optimismus der Progressiven.
die Wachstumsraten der Produktivität des Sozialprodukts und Ich versuche nicht, diese normative Frage normativ zu ent-
über die Verteilung der Arbeitszeit - frei verfügen könnte, so scheiden, wenn ich auch persönlich langfristig zur progressiv-
stände diese vor einer vielfältigen Wahl möglicher Wege. Das optimistischen Auffassung neige. Ich hebe vielmehr für den
normative Problem läßt sich zunächst in dem abstrakten Modell nächsten Schritt des Arguments die Fiktion der freien
erörtern, welchen Weg wir einer solchen fiktiven Instanz Ent-scheidbarkeit dieser Frage wieder auf. Faktisch ist in
empfehlen würden; nachher können wir fragen, wie zu handeln unserer Wirtschaft entschieden, daß weiter rationalisiert wird;
ist, wenn der Weg, den wir für optimal halten, ungangbar sein wir werden nachher fragen, warum das so ist. Nun können wir
sollte. unserer fiktiven Instanz die zweite normative Frage stellen, ob
Die fiktive Instanz könnte, um die Arbeitsplätze mit Sicher- sie die Veränderung vorwiegend für Wachstum des
heit zu erhalten, das Produktivitätswachstum, also die Rationa- Sozialprodukts oder vorwiegend für Arbeitszeitverkürzung
lisierung zum Stillstand bringen. Würden wir das wünschen? verwenden will. Es liegt auf der Hand, daß das
Das einzige sinnvolle Motiv dafür könnte in der Meinung lie- Wirtschaftswachstum die kurzfristig konservativere Lösung ist;
gen, der Zwang zur Arbeit sei für den Menschen lebensnot- es verlangt die geringste unmittelbare Änderung unserer
wendig; die Alternative sei nur der moralische Verfall in der Sozialstruktur. Jedes Prozent Wachstum mehr vermindert
Faulheit. Dieser skeptischen Ansicht steht die optimistische drastisch die aktuellen Schwierigkeiten aller drei Beteiligten,
Ansicht gegenüber, die Minderung der zur Selbsterhaltung der Regierungen, der Unternehmer und der Gewerkschaften.
Dies ist eine Feststellung nicht
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einer fetischistischen Wachstumsideologie, sondern kurzfristi- plausibelste Straße politischer Freiheit. Aber die nationale und
ger politischer Taktik. In keinem anderen der größeren Indu- weltweite Interdependenz ist selbst eine Folge des schon einge-
strieländer drückt sie zugleich so sehr eine kurz- und mittelfri- tretenen Wirtschaftswachstums. Das Problem, diese Wirt-
stige Nötigung der nationalen Wirtschaftspolitik aus wie bei schaft »fehlerfreundlicher« werden zu lassen, ist noch kaum in
uns und in Japan. Wir haben uns durch unser Wachstum seit den Blick der Theoretiker (vielleicht eher in den der Praktiker)
dreißig Jahren extrem exportabhängig gemacht. Heute bräche Bekommen. Es ist jedenfalls durch den Widerstreit zweier glei-
daher kurzfristig die Basis unseres Wohlstands zusammen, chermaßen abstrakter Prinzipien überhaupt nicht zu lösen: we-
wenn wir unsere Exportposition nicht durch Fortführung der- der durch grundsätzliche Befürwortung des Wachstums noch
selben Wirtschaftspolitik, also durch Rationalisierung und durch grundsätzliche Gegnerschaft. Wir werden, wie stets in
Wachstum, wenigstens teilweise aufrechterhielten. Mehr noch der Geschichte, Krisen erleben, und, bei unvermeidlich wach-
als die Weltwirtschaft im Durchschnitt ist unsere nationale sender Wirtschaft, vermutlich wachsende Krisen; aber es ist
Wirtschaft das Fahrrad, das fällt, wenn es nicht weiterfährt. nicht zu erkennen, warum sie nicht der Herausarbeitung deut-
Es liegt aber ebenso auf der Hand, daß die Wachstumspolitik licheren Bewußtseins dienen und dann auch wieder bewältigt
langfristig keine konservative, sondern eine radikal weltverän- werden sollten. Die größte dieser Krisen ist der Weltkrieg.
dernde Politik ist. Hier kann der Streit nur darum gehen, ob Insofern liegt das eigentliche Gewicht auf der Frage, ob das
diese Weltveränderung langfristig wünschenswert oder be- Wachstum eine moralische Gefahr ist. Einer moralischen Frage
drohlich ist. Wir kehren damit zur Ausgangsfrage des Aufsatzes ist in ihrer eigenen Ebene nur mit einer moralischen Aufforde-
zurück. Wäre es notwendig, dem Konsumwachstum durch rung zu antworten. Diese ist hier die Forderung sinnvoller As-
Askese zu begegnen? Ich gliedere nun die Kritiken am Wirt- kese als Bewußtseinsbasis.
schaftswachstum in zwei Ebenen der Fragestellung auf. Wirt- Vor dem Hintergrund dieser Forderung kehre ich als Ab -
schaftswachstum kann entweder für direkt physisch gefährlich schluß zurück zu der zweimal zurückgestellten Frage nach den
oder für primär moralisch gefährlich gehalten werden. Entwe- Ursachen der objektiven Zwänge, welche die vorhin einge-
der, so meint man, zerstört es direkt unsere Lebensbasis, oder führte, über die Weiterentwicklung des Arbeitsmarkts frei
es zerstört die lebenserhaltende Tugend der Selbstbeherr- entscheidende Instanz zu einer bloßen Fiktion degradieren.
schung. Warum ist unser Entscheidungsspielraum so gering? Im jetzi-
Auf die Behauptung der physischen Gefahr kann ich nur gen Augenblick erscheinen drei Zwänge fast unabänderlich: i.
noch einmal mit der Forderung nach unterscheidender Deut- Die Rationalisierung schreitet fort. 2. Damit ist der Zwang
lichkeit antworten. Ich erinnere an die Beispiele. Die anorgani- unausweichlich, entweder das Wirtschaftswachstum zu ver-
schen Rohstoffe können wir kaum aufbrauchen; das organi- stärken oder die Arbeitszeit zu reduzieren. 3. Faktisch bleibt
sche System ist ernstlich verletzlich und faktisch gefährdet. das Wirtschaftswachstum (bei uns, d. h. im Industrieland)
Nicht die Kernenergie als solche ist die Hauptgefahr, sondern langsam, und die strukturelle Arbeitslosigkeit wächst solange,
die auch ohne Kernenergie stattfindende Gewaltanwendung als andere Verteilungsschlüssel der Arbeitszeit nicht gefunden
durch Terror, Polizeistaat, Krieg. Ich übernehme gerne die For- sind.
mel von E. U. und C. v. Weizsäcker, unser technisches System In der Kausalanalyse dieser Zwänge schließe ich mich derje-
sei nicht »fehlerfreundlich« genug, d. h. es sei gefährdet durch nigen Richtung an, welche ihre gemeinsame direkte Ursache in
seine zu geringe Fähigkeit, technische und beabsichtigte Fehler der überstarken Verhandlungsposition der Gewerkschaften
auszuhalten. Jedes dezentralisierte System ist fehlerfreundlich; sieht, welche diese, gegeben die Mentalität der Konsumgesell-
keine Teilkatastrophe wird ihm so leicht zur Totalkatastrophe. schaft, nötigt, Lohnforderungen durchzusetzen, die in einem
Dezentralisierung ist auch moralisch wünschenswert als die freien Arbeitsmarkt nicht erreichbar wären, die also in diesem

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marktökonomisch objektiven Sinne überhöht sind. Auch dies ist Sehr viel mehr Plausibilität hat die streng marxistische Ansicht,
deskriptiv und nicht normativ gesagt: Wenn wir gemeinsam die hier liege einer der zentralen »Widersprüche« des Kapitalismus
zwangsläufigen Folgen dieser Politik verstehen, so werden wir Vor; dieses Problem sei eben im Kapitalismus unlösbar und si-
die Freiheit haben, zu entscheiden, ob wir eben diese Fol gen - gnalisiere vielleicht sogar seine letzte Krise; es sei, um ein zeit-
nämlich das sinkende Wachstum, die noch rascher sinkende weilig im Schwange gewesenes Wort zu benutzen, ein Symptom
Nachfrage nach Arbeit und daher die Notwendigkeit der des »Spätkapitalismus«.
Organisation einer Freizeitwirtschaft - wollen. Nur dürfen wir Gleichwohl scheint mir die marxistische Krisenprognose für
uns über die Wirkungszusammenhänge nicht täuschen. Die den Kapitalismus heute wie vor hundert Jahren halb
Unternehmer werden weiterhin in Rationalisierung und nicht in selbstver-Itändlich, halb falsch. Selbstverständlich ist, daß
Expansion investieren, sie werden, wenn sie können, im sich ge-ichichtliche Entwicklungen in Ebenen und Krisen
lohnbilligen Ausland und nicht im Inland investieren, wenn sie vollziehen und daß jede ernsthafte Krise eines Systems an den
nicht mit überwiegender Wahrscheinlichkeit voraussehen, daß Rand der Gefährdung seiner Existenz stößt. Nur die
über wenigstens die ein bis zwei Jahrzehnte hinweg, für welche Existenzgefähr-dung ruft die Kräfte wach, welche - vielleicht -
die Investitionen mindestens gemacht werden, der Produk - die Krise überwinden und eine neue Ebene seiner Existenz
tionsfaktor Arbeit nicht noch teurer wird, als er heute schon ist. ermöglichen. Es wäre völlig falsch, wollten wir verkennen, daß
Alle Beteiligten stehen hier unter Zwängen, denen sie sich nicht wir auch heute einer Krise entgegengehen, die für unser System
entziehen können. Es ist nicht »Begehrlichkeit«, sondern die tödlich werden könnte. Deshalb mein Insistieren auf
durch die kapitalistische Wirtschaftsform andressierte Erkenntnis der Zwänge, gegen die erkenntnisbetäubende
Konsumentenhaltung, die kapitalistisch erzeugte Abdressur Hoffnung: »es wird schon gutgehen«. Aber eben weil Krisen
der »Bescheidenheit«, was die Gewerkschaftsführungen unter historisch normal sind, ist nicht klar, ob die marxistische
den Druck ihrer Basis setzt, ihre Macht auszunützen. Es ist Analyse den tiefsten Grund der Krisen erfaßt, auch wo sie diese
nicht »Profitgier«, sondern Selbsterhaltung im Markt, was die ein Stück weit einleuchtend analysiert. Die marxistische
Unternehmer zu ihrer Reaktion hierauf nötigt. Krisenerwartung für den Kapitalismus ist eine Krisenhoffnung,
Dies ist vielleicht eine strukturell marxistische Analyse. Das da man meint, eine bessere Alternative zu kennen. Die bisherige
Eingeständnis würde mich nicht schrecken, hier vom Marxismus Stabilität des Kapitalismus hat doch auch mit der abstoßenden
gelernt zu haben. Ich schließe mich aber keiner der zwei Natur der faktisch realisierten Alternativen zu tun; moralisch
Folgerungen an, die heute z. T. aus dieser Analyse gezogen werden. gesagt damit, daß der »reale Sozialismus« das Ethos von Freiheit
Die weich sozialistische, optimistische Folgerung heißt, hier und Gleichheit, das er formal bekennt, real verletzt und vermutlich
handle es sich in Wahrheit nicht um überhöhte Löhne, sondern um zu verletzen gezwungen ist. Er ist für eben diejenigen Faktoren
kapitalistische Überakkumulation, welche eben durch Hebung seiner eigenen Krisen blind, die er beim Kapitalismus dem Blick
der Kaufkraft, also der Löhne, zu überwinden wäre; also:
freilegt.
höhere Löhne, mehr Nachfrage, mehr Produktion, mehr Arbeit.
Die sinkende Nachfrage nach Arbeit aber braucht keines wegs
Zu dieser Schlußkette müssen die weiteren unvermeidlichen
der Indikator einer lebensgefährlichen Krise zu sein. Sie könnte
Kettenglieder hinzugefügt werden: höhere Preise, Inflation,
im Prinzip auch zu einer Liberalisierung des Arbeits markts
Senkung der realen Kaufkraft. Ich empfinde diese optimistische
führen, etwa im Sinne einer größeren Freiheit für den Einzelnen,
(und eben hierin nicht-marxistische) Auflösung des Problems
ob und wann er seine Zeit für sich, ob und wann er sie für
als eine »Milchmädchenrechnung«. Der Leser möge verzeihen,
bezahlte Arbeit verwenden will (»Zeitsouveränität«). Es ist nicht
daß ich hier schwierige ökonomische Probleme in sehr
abgekürzter Form, ohne volle Argumentation, behandle. eine prinzipielle Kalamität, daß wir heute weniger zu arbeiten
gezwungen sind als früher. Die Kraft zu solchen Lö-
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sungen setzt nur voraus, daß man sie denkt und daß man sie
will. Wollen aber kann man nichts Sinnvolles ohne Selbst- Rede am 20. Juli 1974
beherrschung. ("974)

Wir gedenken heute der Menschen, die vor dreißig Jahren an


diesem Ort einen Staatsstreich gegen die Herrschaft Hitlers
versucht haben. Der Staatsstreich ist gescheitert. Er wurde kein
Erfolg, aber ein Zeichen. Die meisten derer, die ihn getragen
haben, haben damit ihr Leben zum Opfer gebracht.
Wir denken an die einzelnen Menschen, vielen unter denen,
die heute hier stehen, nahe verbunden, unvergeßlich, solange
wir leben werden. Es ist unmöglich, ihre Namen vollständig und
gerecht aufzuzählen, und doch drängen sich die Namen auf die
Lippen. Seien einige für alle genannt: die Brüder Stauffenberg,
Oster, Tresckow, Witzleben, Stülpnagel, Leuschner, Leber,
Haubach, Mierendorff, Moltke, Delp, die Brüder Bonhoeffer,
Dohnanyi, Canaris, Goerdeler, Hasseil, Haeften, Yorck, Trott,
Schwerin... Aber diese, die für eine Verschwörung nahe genug
am Machtzentrum waren, fühlten sich nicht herausgehoben.
Unsere Erinnerung muß zu den Tausenden gehen, die an vielen
Stellen ihren Widerstand mit dem Leben bezahlten, als Soziali-
sten, Kommunisten, als Liberale, Konservative, als Christen, als
Deutsche, Polen, Tschechen, Franzosen, Norweger, Griechen,
zu den Millionen, die fast ohne Möglichkeit des Widerstands nur
Opfer waren, zuerst und zuletzt zu den Juden.
Jeder von uns sieht vor sich die Bilder derer, die er persönlich
gekannt, die er persönlich verloren hat. Das ist recht. Aber
heute soll zugleich ein Tag des öffentlichen Gedenkens sein. Ist
das nötig? Ist das möglich? Das Wort »Gedenken« ist oft ein
Ausdruck der Verlegenheit, wo wir nicht denken. Geschichts-
unterricht und Publizistik haben in diesen dreißig Jahren den
20. Juli 1944 oft genannt. Die Gedanken der Verschwörer ha-
ben gleichwohl die deutsche Nachkriegspolitik wenig beein-
flußt. Die Nötigung, sie öffentlich zu ehren, wurde manchmal
als peinlich empfunden. Für die heutige Jugend sind sie in die
ferne Geschichte versunken.
Dies hat einen tiefen und höchst begreiflichen Grund. Man
hat auch die Erinnerung an die Verschwörung gegen Hitler ver-
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drängt, weil man die Erinnerung an Hitler selbst verdrängte. Deshalb wird die heutige Ansprache in ihrem Mittelstück ein
Hitler als das Symbol unseres moralischen und politischen Versuch einer Analyse Hitlers sein. Dann wird sich uns unsere
Scheiterns ist in den halbbewußten seelischen Schichten aller Gemeinschaft mit denen ergeben, die damals den Anfang der
von uns, die ihn noch erlebt haben, so gegenwärtig, er ist zu- Anstrengung machten, ihn zu überwinden. Diese Analyse will
gleich so widerlegt und so unbewältigt, daß wir alle eine ich in einem Hin- und Rückweg von der Nation zur Welt und
Glocke des Schweigens über ihn gesenkt haben. Die Aufklä- fcurück zur Nation versuchen. Hitler ist ein deutsches Phäno-
rungsbemühungen der politischen Erziehung, die fortdau- men. Er ist ein europäisches Phänomen. Er ist ein Weltphäno-
ernde Erschütterung der heute meistgelesenen Autoren, die men unseres Jahrhunderts. Von der Weltentwicklung her kön-
manchmal zu schrille Stimme der wenigen, die ihre Verwundet- nen wir vielleicht verstehen, wie Europa ihn ermöglichte, von
heit in an die Vergangenheit fixiertes Reden umsetzten, sie alle der europäischen Zeitgeschichte her, wie unser Deutschland
haben diese Glocke nicht wirklich gehoben. Vielleicht ist die ihn hervorbrachte.
Welle der Hitler-Literatur der letzten Jahre, in all ihrer Frag- Hitler ist ein deutsches Phänomen. Sein innenpolitischer Weg
würdigkeit, ein Zeichen einer Wandlung. Diese Wandlung wäre zur Macht war ermöglicht durch die Niederlage im Ersten
nötig. Man könnte die ersten zwei Jahrzehnte nach dem Krieg Weltkrieg. Hitler markiert objektiv das in der Geschichte häu-
als eine Art Heilschlaf unserer Nation auffassen, als ein zeit- fige Phänomen des Aufbäumens der im Kampf um die Hege-
weiliges Vergessen des noch übermächtig Nahen. Aber auf das monie besiegten Großmacht zu einem zweiten und letzten
Erwachen aus dem Schlaf muß noch eine Beichte folgen. Wir Versuch, also das letzte extreme Ausgreifen vor dem Zusam-
können die Geister dieser Vergangenheit nicht verabschieden, mensinken des imperialen Feuers. Auch die Klaviatur seiner
ohne sie noch einmal zu beschwören. Es handelt sich nicht politischen Mittel ist bezogen auf den besonderen Zustand der
darum, uns unsere Schuld abermals einzubleuen, wodurch unser Deutschen, dieser nach westeuropäischem Maßstab sowohl
innerer Widerstand gegen ihre Anerkennung nur verhärtet /.um Nationalismus wie zur Aufklärung zu spät gekommenen
würde. Im Gegenteil, wir müssen uns unbefangen als die sehen Nation. Das Deutschland des späten 19. Jahrhunderts war alt-
lernen, die wir waren. Es wäre gesund für uns, wenn es keine modisch in seinen Begriffen, hochmodern in seinen techni -
Schande wäre, zu bekennen, daß wir Hitler gefolgt sind, daß schen Mitteln. Hitlers Ideologie von Blut und Boden, von
wir, jeder vielleicht in anderem Grade und einer anderen Phase, Antidemokratie und Antikommunismus appellierte an die
Glieder eines nationalsozialistischen Volks waren. Wenn der Abwehr gegen die Modernität, seine Technik der Macht war
Schuldkomplex von uns fiele, könnte vielleicht aus der bisher moderner als die aller seiner Gegner. Seine persönliche Lebens-
unterdrückten Tiefe die verspätete Trauer über uns kommen; prägung spiegelt Stationen der deutschen Geschichte. Nationa-
und die Unfähigkeit zu trauern ist es ja, die uns von wahrer lismus und Judenhaß seiner Jugend entstammen den Ängsten
Freude abschließt und uns in die Ersatzbefriedigungen der der aus der Bismarckschen Reichsgründung ausgeschlossenen
Tüchtigkeit, des materiellen Erfolgs und der billigen Genüsse
Deutschen in der Habsburgermonarchie, einer Monarchie, die
jagt. Wenn die ältere Generation dies nicht leistet, so versperrt
sich in der nationalistischen Ära auf einmal als ein Vielvölker-
sie der Jugend den seelischen Zugang zu unsrer nationalen Ge-
staat darstellte. Das Trauma, das Hitler dann in die Politik
schichte, denn der Weg in deren reiche Jahrhunderte geht nicht
führte, hat er mit der ihm eigenen Kraft der verräterischen
an den zwölf Jahren des Hitlerreichs vorbei. Bleibt dieser Zu-
Symbolik selbst dargestellt, als er 1940 die französische Füh-
gang versperrt, so wird die künftige Überwindung der Nation
rung zwang, ihre Kapitulation in demselben Salonwagen im
in einer größeren politischen Einheit nicht ein fruchtbringen-
Wald von Compiegne zu unterzeichnen, in dem die Deutschen
des Opfer sein, sondern ein Hinübergleiten aus einer leeren
Form in eine andere leere Form. 1918 die ihre unterzeichnet hatten. Albrecht Haushofer sagte
mir damals: »Er ist seelisch an
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diese Situation fixiert; er wird nicht ruhen, bis er die deutsche wicklung. Keynes und Schacht bezeichneten die in ihrem Ge-
Niederlage in einem Zweifrontenkrieg ein zweites Mal herbei- dankengut für vierzig weitere Jahre ausreichende
geführt haben wird.« Diesen Sinn des Symbols freilich verstand ökonomisch-finanztechnische Antwort auf die Krise. Roosevelt
damals weder Hitler noch das deutsche Volk. und Hitler waren politische Antworten, eine
Hitler war ein europäisches Phänomen. Die zwanziger Jahre demokratisch-intellektua-listische und eine
entwickelten sich zu einem Krisenjahrzehnt für die Demokratie. antidemokratisch-antiintellektualistische. Hitlers zeitweilige
Die Niederlage der Kaiserreiche im Ersten Weltkrieg hatte nicht Überlegenheit über alle seine europäischen Partner hing damit
zu neuen stabilen innenpolitischen Formen geführt. In Süd- zusammen, daß er eine, ebenfalls nur zeitweilige Antwort auf
und Osteuropa setzten sich autoritäre oder, wie man nach dem das Problem war, als dessen hilflose Exponenten sie sich
erfolgreichsten Beispiel zu sagen begann, faschistische Regime erwiesen.
durch. Die alten Demokratien des Westens freilich blieben Aber was war das Problem, und was war seine Antwort? Die
immun. Sie waren die geistig, technisch, wirtschaftlich mo- europäische Kultur war bis zum Ende des Mittelalters eine unter
dernsten Staaten. Man realisierte im Westen nicht genug, daß den großen Weltkulturen, und nicht die bedeutendste unter ihnen.
die deutsche Entscheidung eine Schlüsselrolle spielte. Die ver- Seitdem hat sie durch ihre technische Rationalität einen großen
spätete deutsche Demokratie litt unter dem Trauma, von den Teil der Welt politisch erobert und die ganze Welt strukturell
Siegern eingesetzt zu sein, aber von ihnen - anders als 30 Jahre radikal umgestaltet. Das kapitalistische Wirtschafts-
später unter Adenauer - nicht die notwendige Unterstützung wachstum ist der ökonomische Aspekt dieses Vorgangs. Die
zu erhalten. Zumal die französische Politik verweigerte demo- unausweichliche innere Krise dieser Willens- und Verstandes-
kratisch gewählten deutschen Regierungen Erfolge, die sie Hitler welt konnte solange nach außen verlagert werden, als das Sy-
nachher widerstandslos gewährte. Das ambivalente Verhalten stem sich durch Wachstum stabilisierte. Dieser Prozeß der Ver-
Frankreichs und Englands gegenüber Deutschland nach dem lagerung der Krise nach außen kennzeichnet die Entwicklung
Ersten Weltkrieg ist psychologisch völlig begreiflich, wenn Europas im Jahrhundert vom Wiener Kongreß bis zum Ersten
man bedenkt, daß dieser Krieg tatsächlich den Zusam- Weltkrieg, zumal in seiner zweiten Hälfte. Die Vermeidung eines
menbruch des Imperialismus aller drei Nationen einleitete; all-europäischen Kriegs in der Phase wirtschaftlicher und
zum Versuch, Schuld und Schaden auf Deutschland allein ab- imperialer Expansion ist sein sichtbarstes Anzeichen. Der
zuwälzen, gab es verständliche Gründe, aber die Kraft reichte Weltkrieg trat ein, als, um es salopp zu sagen, die europäischen
nicht mehr aus dazu. Freilich kann man sagen, daß der Wende- Imperialismen entdeckt hatten, daß die Erde rund ist. Der
punkt in Hitlers Erfolgskurve der Augenblick war, in dem sich Krieg von 1914 wurde mit Recht als Ausbruch einer Krise der
die Engländer, anders als die deutschen Konservativen, trotz europäischen Kultur empfunden. Dreißig Jahre später erwies
der Verführung scheinbarer Interessenparallelität, als es ernst sich die Krise, wie Krisen so häufig, als noch begrenzt. Die
wurde, ihm gegenüber unbestechlich erwiesen. politischen und ökonomischen Formen dieser Kultur, Kapita-
Hitler ist ein Weltphänomen unseres Jahrhunderts. Weltweit lismus und Sozialismus, Demokratie, Technokratie und Büro-
war der Vorgang, der ihm schließlich den Weg in die Macht kratie erlebten nun erst ihre größte bisherige Entfaltung. Nur
freigab: die Wirtschaftskrise. Der Erste Weltkrieg hatte sichtbar haben die im engeren Sinn europäischen Großmächte die Sta-
gemacht, daß Amerika von England die Führungsrolle der fette des imperialen Wettlaufs an Amerika und Rußland abge-
modernen kapitalistischen Weltwirtschaftsentwicklung über- geben. Wenn die Krise, die sich für dieses erneuerte System
nommen hatte. Die Weltwirtschaftskrise war für Amerika die heute zusammenbraut, sichtbarer geworden sein wird, werden
erste, für Europa nächst dem Krieg die zweite Erschütterung wir manche Züge der letzten Krise wieder verstehen.
des naiven Glaubens an die Stabilität und Moral dieser Ent - Deutschland, Österreich und Rußland, als Unterlegene, wa-
ren am tiefsten von der Krise getroffen. Die österreichisch -
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ungarische Monarchie verschwand von der Weltkarte. Rußland die absolute Macht seiner eigenen Person in Partei, Volk und
konnte sich zwei Jahrzehnte in der Weite seines Raums mit sich Welt, da nur er die Kraft zur Durchsetzung dieses Ziels in sich
selbst beschäftigen. Deutschland blieb vom Gedeihen West- spürte. Es war die Mobilisierung des ganzen Volks zur Er-
europas abhängig und entwickelte auf dessen Unfähigkeit, kenntnis seines unerkannten, aber im Führer zum Bewußtsein
seine Probleme zu lösen, eine wahnsinnige, aber zunächst gelangten Willens.
höchst erfolgreiche Alternative. Niemand kann behaupten, Aber die Antwort wirft uns auf die Frage zurück: wie konnte
dies sei die einzig mögliche Alternative, Hitler also sei welt- dieses Wahnsystem zeitweiligen Erfolg haben? Die Erwiderung
historisch notwendig gewesen. Jedes politische Handeln wäre muß sein, daß sich manchmal in Wahnsystemen Züge der
sinnlos, wenn wir nicht jederzeit bereit wären, zu glauben, daß Wirklichkeit spiegeln, die der Verstand der Verständigen nicht
verschiedene Alternativen möglich sind. Dies gegen jeden Fata- sehen will. Nikolaus von Halem, der der Entschlossenheit der
lismus zu demonstrieren war wohl eine der tiefsten Triebkräfte Verschwörer nicht traute und seinen eigenen Versuch gegen
des deutschen Widerstands gegen Hitler. Aber Hitler war die Hitlers Leben mit dem Tod bezahlt hat, sagte mir 1938: »Was an
Alternative, die sich faktisch durchsetzte. Warum gerade Hit- dieser Unperson bedingt seine historische Rolle? Denken Sie
ler? sich Menschen, die durch einen dunklen Wald gehen, in dem
Seine Verbindung von Wahnsinn und Erfolg hat die Zeitge- Schlangen sind. Plötzlich schreit einer; er ist als erster von einer
nossen wie später die Historiker verwirrt. Wer 1923,1933,1939 Schlange gebissen. Das ist Hitler.« Die Fachleute wollten
sah, wie absurd Hitler war, der konnte nicht glauben, er werde stabilisieren. In Hitlers Wahn spiegelt sich die faktische Insta-
weiterhin erfolgreich sein. Wer den Erfolg erlebte, mußte sich bilität des Weltsystems, sein Gezogensein zu einer noch un-
selbst prüfen, ob er ihn mit Recht für absurd gehalten habe. Viel an sichtbaren Einheit. Das Konkurrenzdenken des Kapitalismus
diesem Erfolg erklärten gewiß einige seiner persönlichen Ei- hatte sich in den biologischen Theorien vom Kampf ums Da-
genschaften, so die tief im Triebhaften wurzelnde Kommuni- sein niedergeschlagen; Hitler übernahm die oberflächliche
kation des Redners mit den Massen, die opernhafte Phantasie Seite dieser Theorien in der unwissenschaftlichen, aber eben
und die taktische Genialität, ungehindert durch normal-
darum symbolkräftigen Ideologie der nordischen Rasse. Hitler,
menschliche moralische Hemmungen. Und doch reicht ein sol-
der nie eine eigentliche Person war, begriff nur zu leicht, daß
ches Persönlichkeitsbild zur Erklärung des Erfolgs nicht aus.
individueller Egoismus die Menschen unerfüllt läßt, und gab
Die Fachleute hatten mit ihrer Kritik an seinen Lösungsideen zu
als Lösung die emotionelle Mobilisierung der Massen im
speziellen Problemen meistens darin recht, daß seine Lösung
Gemeinschaftserlebnis und im Führerkult.
mehr Probleme erzeugen als beseitigen würde, kurz, daß sie
Diesem Menschen standen die Offiziere, Beamten, Gutsbe-
instabil sei. Hitlers zeitweilige Überlegenheit war, daß ihn diese
sitzer, Parteifunktionäre, Geistlichen des Widerstands gegen-
Instabilität überhaupt nicht störte, da er ohnehin viel weiter
reichende Ziele verfolgte. Er stabilisierte seine Politik wie ein über, die Familienväter und Söhne staatstragender Familien,
Fahrrad, das nur in der Bewegung aufrecht bleibt, oder wie ein die Personen. Ich möchte noch einmal sagen: es ist keine
Flugzeug, das nur in der Bewegung in der Luft bleibt. Schande, ihm unterlegen gewesen zu sein. Es ist keine Schande,
Was aber war das Ziel? Das läßt sich mit wenigen Worten sei es bezaubert von seiner Verführung, sei es widerstrebend in
sagen, denn er war trotz taktischer Verschleierungen erstaun- der Tradition des Staatsdienstes, sei es schlicht um eigenes und
lich offen darüber: Es war die Weltherrschaft der nordischen benachbartes Leben zitternd, ihm gehorcht zu haben; eine
Rasse, gestützt auf ein deutsches Reich im russischen Raum. Es Schande ist es nur, dieses Versagen nachträglich nicht zu erken-
war die Unterwerfung der minderen Rassen und die Vernich- nen, seine Gründe nicht wissen zu wollen. Es ist eine Ehre,
tung der bewundernd gehaßten Gegenrasse, der Juden. Es war Glied des aktiven Widerstands gewesen zu sein - eine Ehre, die
ich, um darüber klar zu sprechen, für mich nicht in Anspruch
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nehmen kann. Wir ehren den Widerstand aber nicht mit dem wandelten sich ihm alle Werturteile darüber, was man sagen
billigen Lob dessen, der sich nicht mehr in Gefahr fühlt, son- oder nicht sagen sollte, und er wurde manchen seiner Freunde
dern indem wir auch nach seinen Problemen und nach den aus der Bekennenden Kirche unverständlich. In der Tat war der
Gründen seines Scheiterns fragen. Entschluß zum Staatsstreich und Attentat für die Menschen
Die meisten, die zuletzt an der Verschwörung beteiligt waren, überlieferter Prägung ein schweres moralisches Problem. Die
haben sich nur langsam zum Widerstand entschlossen. Man tiefe moralische Erschütterung über die Komplizenschaft im
hat ihnen das manchmal zum Vorwurf gemacht. Man hat gesagt, Verbrechen, in die das Regime jeden zu verwickeln trachtete,
sie hätten gar nicht Hitlers Ziele, sondern nur seine di- war nötig, um die Skrupel wegen Diensteid und Tyrannenmord
lettantische Art der Verfolgung dieser Ziele mißbilligt, denn bei einigen von ihnen zu überwinden. Das tiefste Problem
seine Ziele seien die der alten herrschenden Klasse gewesen. sprach wohl Werner von Trott aus, der nicht wie sein Bruder
Das ist ein naheliegender, aber tiefer Irrtum. Hitler hat späte- Adam an der Verschwörung teilnahm. Er, ein mir bis zu diesem
stens 1923 erkannt, daß er die Duldung der in Deutschland Moment Unbekannter, trat 1940 in mein Zimmer und sagte in
noch immer mächtigen Konservativen und insbesondere des einem seiner ersten Sätze: »Sie stimmen sicher mit mir überein,
Militärs brauchte, um zur Macht zu kommen. Dies war eine daß nur eine unbeschönigte totale Niederlage unser Volk mora-
deutsche und eine Hitlersche Version der funktionalen Er- lisch aus seiner Selbstbelügung retten kann.«
kenntnis, daß ein moderner Staat nicht von der Straße aus, son- Der Verschwörerkreis, der sich allmählich bildete, dachte
dern nur von innen her erobert werden kann. Es fiel Hitler nicht so und konnte nicht so denken. Er fühlte sich verpflichtet,
leicht, die Konservativen über seine Ziele zu täuschen, da er praktikable nächste Schritte nach der politischen Elimination
den Staat, den wiederherzustellen ihr Ziel war, seinerseits als Hitlers vorweg zu planen. Das war ein Gebot überlieferten
Mittel brauchte. Man kann auch die These vertreten, die innere politischen Verstandes. Es war aber wohl zugleich der Grund
Logik des Imperialismus habe schon das Kaiserreich in jene dafür, daß es zu diesem rechtzeitigen Staatsstreich nicht kam.
Richtung gedrängt, in der Hitler dann hemmungslos voran- Freilich kamen auf eine fast unbegreifliche Weise Zufälle da-
schritt. Aber wohl bei jedem der Verschwörer des 20. Juli ge- zwischen, so im aussichtsreichsten Augenblick 1938 die Mün-
schah der radikale Bruch mit Hitler nicht an der Frage nach der chener Konferenz, oder dann im Krieg bei den Attentatsver-
Zweckmäßigkeit der Mittel oder des Maßes der Ziele, sondern suchen Schlabrendorff s und Bussches technisches Versagen und
an der Stelle der Moral. Dies wird vielleicht am deutlichsten an Luftangriffe. Es kam nicht dazu, daß einmal einer der Verschwo-
der Tatsache, daß der unbedingte Entschluß zum Attentat erst in renen Hitler in die Augen gesehen und ihn niedergeschossen
dem Augenblick gefaßt wurde, in dem gewiß war, daß es am hätte. Die unbedingte Entschlossenheit, mit der Stauffenberg
politischen Schicksal des Reiches kaum mehr etwas ändern schließlich handelte, beruhte auf dem Gedanken, jetzt gehe es
konnte. nicht mehr darum, den günstigsten Augenblick zu finden, son-
Verfolgen wir am Ende den Weg zu diesem Entschluß! Die dern darum, zu beweisen, daß es hier Menschen gegeben hat, die
parlamentarische Demokratie war 1933 wie ein Kartenhaus zu- bereit waren, das Böse auch mit Opferung ihres Lebens zu be-
sammengebrochen. Sozialdemokraten und Kommunisten wa- kämpfen. Die feudale Führungsschicht war durch Hitler diskre-
ren in die Illegalität und damit in die Erfolglosigkeit gedrängt. ditiert und damit politisch endgültig überwunden; moralisch
In den Kirchen gab es teilweise erfolgreichen Widerstand gegen fand sie in diesen ihren Vertretern zu sich zurück.
Eingriffe in ihre innere Struktur, aber wenig Widerstand gegen In jener Zeit wurden viele Sonette geschrieben. Ihr literari-
Hitlers Politik selbst, und dieser Widerstand prägte sich scher Wert ist meist nicht groß, aber sie können als authentische
beken-nerisch und eben darum nicht konspirativ aus. Als Zeugnisse des Erlebten dienen. Es sei mir erlaubt, eines zu zi-
Dietrich Bonhoeffer in den Kreis der Verschwörer eingetreten tieren.
war, ver-

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Ihr Alten, deren zögernd klugen Händen ein
Stärkerer die Zügel längst entwunden, die dienend
Erforschung der Lebensbedingungen
hofften, durch die Pflicht gebunden, ein (1979)
unaufhaltsam Unheil abzuwenden,

Ihr Jungen, die ihr in den Bränden der Zeit des Am i.Januar 1970 wurde, nach zweijähriger Vorbereitungs-
Meineids und der tausend Wunden wohl einen zeit, das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebens-
Glauben und ein Ziel gefunden, doch keinen Weg, bedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt gegründet.
die Schrecken zu beenden, Am 30. Juni 1980 wird der auf die Gründungsthematik zurück-
gehende Arbeitsbereich I des Instituts geschlossen werden.
Zu spät wars, als Verzweiflung euch gebot, Der unter der Leitung von Jürgen Habermas stehende Arbeits-
das fast vollendete Geschick zu beugen, mit bereich II soll in ein Max-Planck-Institut für Sozialwissen-
Menschenkraft zu treffen die Dämonen. schaften umgewandelt werden. Dieser Beschluß des Senats der
Max-Planck-Gesellschaft gibt einen erwünschten äußeren An-
Doch unvergeßlich macht euch euer Tod. Gemartert laß zu einem Rückblick darauf, was mit dem Institut ursprüng-
und verleumdet bliebt ihr Zeugen. Nun tragt auch ihr lich gewollt war, und darauf, was erreicht und was verfehlt
die kostbarste der Kronen. worden ist. Ein solcher Rückblick könnte objektiv an Hand
der Jahresberichte gegeben werden, die das Institut, wie alle
Die kostbarste Krone ist die Märtyrerkrone. Es steht uns ob- Max-Planck-Institute, regelmäßig verfaßt hat; dazu müßte
jektiv nicht zu, sie unseren im Verfolg eines Staatsstreichs gefal- dann eine kritische Auswertung der Publikationen und, soweit
lenen Freunden zuzusprechen. Aber uns ist erlaubt, so zu emp- möglich, der nicht publizierten Arbeitspapiere, der Protokolle
finden. und Erinnerungen der institutsinternen Diskussionen kom-
men. Das alles würde einen großen Arbeitsaufwand bedeuten.
Dem Verfasser des gegenwärtigen Aufsatzes ist es zweifelhaft,
ob sich jemals jemand diese Mühe machen wird und sollte. Er
wählt hier eine bescheidenere, subjektivere und eben darum
rasch lösbare Aufgabe. In der Ich-Form, im vollen Bekenntnis
zur Subjektivität der eigenen Erinnerungen und Urteile, aber
dafür solange die Erinnerung noch frisch und die Thematik
noch aktuell ist, gibt er einen Bericht über die Motive für die
Gründung des Instituts, für die Auswahl der Mitarbeiter und
für die Auswahl der bearbeiteten Themen durch die Mitarbeiter
sowie eine vorläufige Bewertung der Resultate. Der Bericht ist
mitten in den noch laufenden Geschäften abgefaßt. Er ist
notwendigerweise unvollständig und kann an vielen Stellen ei-
nen in Wahrheit viel komplexeren Zusammenhang nur andeu-
ten. Sein Motiv ist so aktualitätsbezogen, wie es die Gründung
des ganzen Instituts war. Daß das Institut nicht fortdauern
wird, ist entschieden, und obwohl ich es anders gewünscht
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hätte, habe ich keine innere Schwierigkeit, diese Entscheidung sollte also erstens nicht nur der rein theoretischen Wahrheits-
unter den bestehenden Umständen zu akzeptieren. Wichtig, ja, suche, sondern auch der Lebenspraxis dienen. Das tut nun in
ich wage das Wort lebenswichtig, scheint mir, daß die Fragen, ihrer Weise nicht bloß alle angewandte Wissenschaft, sondern
um derentwillen es gegründet wurde, im breiten Kreis der wis- auch die sogenannte Grundlagenforschung in anwendungs -
senschaftlichen und der politischen Öffentlichkeit gestellt und relevanten Sachgebieten, wie sie in vielen Max-Planck-Instituten
bearbeitet werden. Als Anregung dafür mag dieser Bericht betrieben wird. Die Wissenschaft sollte aber zweitens auch die
nützlich sein. Wirkungen zweiter Ordnung studieren, welche sie selbst auf
das menschliche Leben ausübt. Angewandte oder
anwen-dungsorientierte Wissenschaft läßt sich die Bedürfnisse
Vorbereitung von der Praxis vorgeben und sucht Methoden, die
Bedürfnisse zu befriedigen: Materialbearbeitung,
Der Name des Instituts bezeichnet nicht, wie bei Forschungs- Energielieferung, Pflanzenzüchtung, Krankenheilung... Die
instituten üblich, eine wissenschaftliche Disziplin, einen Be- Veränderung der menschlichen Gesellschaft durch die
reich, in dem geforscht werden soll. Er bezeichnet vielmehr ein Wissenschaft geschieht aber weitgehend durch die nicht vorweg
Problem, zu dessen Lösung eine interdisziplinär angelegte For- geplanten Wirkungen zweiter Ordnung, die zunächst als
schung beitragen soll. Der Name setzt voraus, daß die Welt, in »Nebeneffekte« dem planenden Blick entgehen:
der wir heute leben, eine »wissenschaftlich-technische Welt« ist, Gesellschaftsveränderung durch technisch erzeugten
also eine Welt, die in noch immer wachsendem Maß durch die Wohlstand, Bevölkerungswachstum durch Medizin,
Auswirkungen von Wissenschaft und Technik geprägt ist. Das Umweltveränderung durch technische Ausbeutung, Änderung
Wort »Lebensbedingungen« hat dabei einen Doppelsinn. der Außenpolitik durch technische Waffen. An sich sind diese
Einerseits bezeichnen die Lebensbedingungen der wissen- Probleme in der Menschheit uralt. Man hält in unserer Tradi-
schaftlich-technischen Welt die Umstände, unter denen wir tion den Bauern zu Recht für naturverbunden. Aber vor einigen
faktisch in dieser Welt leben, also die Art, wie Wissenschaft und Jahrtausenden bedeutete der Übergang von der Jäger- und
Technik unsere Lebensform bedingen. Andererseits bezeich- Sammler-Kultur zur Ackerbau-Kultur ohne Zweifel eine tiefe,
nen sie die Bedingungen, unter denen diese Welt überhaupt le- gefährliche Umgestaltung der Umwelt und der Gesellschaft.
ben kann, also die notwendigen Bedingungen ihres Überlebens Diejenige Natur, der der Bauer verbunden ist, ist selbst ein
(englisch: conditions ofsurvival). Ich schränke hierbei das For- Kulturprodukt. Wie man sie vor der menschlichen Selbstzer -
schungsziel auf notwendige Bedingungen des Überlebens ein, d. störung bewahrt, mußte langsam gelernt werden, und zum Teil
h. auf solche, von denen einsehbar sein sollte, daß ohne ihre hat erst die Wissenschaft begonnen, der unbewußten Natur -
Erfüllung ein Überleben dieser Welt nicht zu erwarten ist. Hin- zerstörung durch primitive Landwirtschaft entgegenzuwirken.
reichende Bedingungen des Überlebens anzugeben übersteigt Heute ist die Wissenschaft ein natur- und
die Kraft menschlicher Einsicht. gesellschaftsverän-dernder Faktor ersten Ranges. Der Name
Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) ist eine Gesellschaft des Instituts sollte also die Reflexion der Wissenschaft auf ihre
zur Förderung der Wissenschaften. In dem 1967 an die MPG eigenen Wirkungen zweiter Ordnung thematisieren.
gerichteten Antrag auf Gründung eines Max-Planck-Instituts Auf den Gedanken einer Gründung dieser Art kommt man
zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich- nicht durch abstraktes Nachdenken, sondern aus konkreten
technischen Welt war also der Gedanke enthalten, es sei eine Anlässen. Für mich war der Anlaß die Gefährdung der
der Aufgaben der Wissenschaft, die Lebensbedingungen zu Menschheit durch die Atombombe. Nur weil mich dieses Pro-
studieren, die von ihr selber erzeugt werden. Die Wissenschaft blem nicht in Ruhe ließ, habe ich eine mich voll befriedigende
und ausfüllende Professur für Philosophie aufgegeben, um die-
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ses »Institut für unangenehme Fragestellungen« zu gründen. rer Abmahnung zugleich Adenauers - meines Erachtens illu-
Der Leser möge die Subjektivität einer solchen Feststellung sionäre - Hoffnung auf die nukleare Option als außenpoliti-
entschuldigen. Das Konkrete in unserem Leben ist zugleich sches, vielleicht deutschlandpolitisches Tauschobjekt und
stets das subjektiv Erlebte. Wenn dieser Aufsatz anderen Men- Strauß' - vielleicht etwas realistischeren - Wunsch nach euro-
schen, die meist jünger sein dürften als ich, berichten soll, was päischer Nuklearrüstung.
zu tun ich für wichtig halte, so muß er meine eigenen Motive Die Beziehung zum Kern des Atomwaffenproblems und da-
offenlegen. mit der Grund der großen öffentlichen Wirkung der Erklärung
Die für die spätere Institutsgründung folgenreiche Beschäf- lag in einem einzigen Satz, in dem die Unterzeichner sich per-
tigung mit dem Atomwaffenproblem begann für mich rund sönlich zur radikalen Abstinenz von der Mitwirkung an Bau,
zehn Jahre vorher. Es war mir seit 1939 klar, daß die Atom- Erprobung und Einsatz von Kernwaffen verpflichteten. Per-
bombe den Zwang zu einer radikalen Veränderung der Welt- sönliches Engagement, ob es rational begründbar ist oder
politik ankündigt, ja enthält. Jetzt, in den fünfziger Jahren, be- nicht, hat eine Wirkung auf die Menschen, zu der realistisch
stand die prekäre Friedenssicherung durch Abschreckung. Wir wohldurchdachte politische Vorschläge nicht fähig sind. Man
ließen in der Göttinger Erklärung (1957) diese Art der Frie- braucht aber manchmal Jahrzehnte, um einen getanen Schritt
denssicherung, als Angelegenheit der Weltmächte und als jen- nachzuarbeiten. In bezug auf die Göttinger Erklärung bedeu-
seits unserer Kompetenz liegend, auf sich beruhen. Nur durch tete dies jedenfalls für mich, zwei kurzschlüssig optimistische
diesen Verzicht auf Zustimmung oder Ablehnung gegenüber Auffassungen des Atomwaffenproblems in eigener Gedanken-
dem Prinzip der bestehenden außenpolitischen Weltordnung arbeit als falsch zu erkennen und diese Erkenntnis womöglich
wurde das, was wir positiv vorschlugen, politisch praktikabel. der Öffentlichkeit zu vermitteln. Ich möchte diese hier den
Wir steuerten eine der Schwachstellen der Abschreckungspoli- Anti-Atom-Irrtum und den Arms-Control-Irrtum nennen.
tik an: das Problem der Proliferation der Kernwaffen. Wir rie- Nach der Urteilsform des »politischen Fehlschlusses« (»du
ten unserer eigenen Nation, auf den nationalen Besitz von hast unrecht, also habe ich recht«) hält jeder dieser Irrtümer
Kernwaffen freiwillig und ausdrücklich zu verzichten, da dieser sich bis heute dadurch aufrecht, daß er die Falschheit des ande-
uns faktisch nicht schützen, sondern gefährden würde. Ich bin ren nachweist. Der Anti-Atom-Irrtum ist die Meinung, gerade
auch heute, zwei Jahrzehnte später, überzeugt, daß die die Abschaffung der Atomwaffen sei der Weg zum lebensnot-
Kernwaffenproliferation international nur verhindert werden wendigen Weltfrieden. Der Arms-Control-Irrtum ist die Mei-
kann, wenn diese Überzeugung sich in allen Nationen, die bis- nung, gerade der maßvolle, kontrollierte Besitz von Atomwaf-
her keine Kernwaffen haben, durchsetzt. Unausgesprochen fen werde den Frieden bewahren. Beides sind Irrtümer. Keiner
zielte unsere Erklärung schon auch auf andere Nationen, ins- von beiden Wegen garantiert den Frieden oder das Überleben.
besondere auf Frankreich, dessen Pläne der force de frappe Aber beide enthalten jeweils eine Komponente, ohne die man
-schon vor de Gaulles Rückkehr an die Macht - uns bekannt sich eine Stabilisierung des Friedens kaum denken kann.
waren; wir glaubten, keiner anderen Nation raten zu können, Seelisch ist der Kern der Anti-Atombewegung, die abgrund-
was wir nicht der eigenen Nation zumuteten. Auf Frankreich tiefe Empörung, das Entsetzen über die Atomwaffe, eine Be-
machte unsere Erklärung natürlich keinen Eindruck. Für die dingung des Schritts, der not tut. Aber die Meinung, es gehe
deutsche Situation hatten wir, so scheint mir jetzt, schlicht nun in erster Linie darum, die Kernwaffen (oder gar die Kern-
recht. Heute äußert sich die Bundesregierung eindeutig im da- energie) abzuschaffen, und das werde zum Frieden führen, ist
mals von uns empfohlenen Sinne. Aber wie stets, wenn man doch nur einer jener zu kurzen Schritte, einer jener konserva-
politisch handelt, trafen wir auch Interessen und Ansichten, die tiv-optimistischen Irrtümer, die für die linken Flügel politi-
anderen Zusammenhängen entstammten. Wir trafen mit unse- scher und kirchlicher Gruppen so charakteristisch sind: man

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meint viel zu verändern, indem man ein Symptom bekämpft. Konsequenzen der Wissenschaft zum Thema machte. Hahn, v.
Gegen diesen Irrtum wandte sich schon Szilards Formel: »Our Laue, Born, Heisenberg gehörten zu den Gründungsmit-
problem is not how to get rid of the bomb but how to live with j gliedern, Kopfermann wurde der erste Vorsitzende. Die Initia-
the bomb.« Intellektuell vollzogene Erfindungen wie die ar- tive war von einer Gruppe etwas jüngerer, engagierter Wissen-
beitsteilige Gesellschaft, wie die Waffe, welche Mord und schaftler ausgegangen - Burkhardt, Kliefoth, Wolf -, von denen
Selbstmord ermöglicht, wie die empfängnisverhütende Sexualität heute keiner mehr am Leben ist. Ich nahm teil mit der Bitte, daß es
- solche Erfindungen können nicht rückgängig gemacht werden. sich nicht um einen Verein zur Verbreitung des rechten
Sie können nur durch neue Schritte menschlicher komplexer Glaubens (auch nicht des meinigen) handeln möge, sondern
Kultur in neue Stufen des Bewußtseins eingebaut oder durch sie um ein Forum zur offenen Diskussion schwieriger Fragen. Die
überholt werden. Nicht die Atombombe ist abzuschaffen, beiden wichtigsten Arbeiten, die die VDW in den ersten zehn
sondern der Krieg. Aber wie? Die Irrigkeit der Jahren ihres Bestehens abschloß, waren Studien über
Anti-Atom-Hoffnung zu erkennen, das bedeutet das Aushal- Zivil-schutz und über Welternährung.*
tenlernen einer zunächst pessimistischen Konsequenz, eines Die Zivilschutzstudie war ausgelöst durch ein 1961 vorge-
Wahrheitsbausteins unter mehreren. legtes Bunkerbauprogramm der Bundesregierung. Die Studie
Arms Control ist der Versuch realer Politik in einer Welt, die kritisierte dieses Programm als zu groß und teuer und gleich-
weiß, daß sie mit der Bombe leben muß. Das Irrige in diesem wohl nicht einen wirklichen Schutz garantierend; sie legte aber
Konzept ist fast nur die mit ihm verbundene Zuversicht, also selbst ein - freilich sehr viel bescheideneres - Schutzraumbau-
programm vor. Es kam anschließend 1964 zu einem Hearing
die Erziehung zum Vergessen des Schauderns vor der Atom-
vor den zuständigen Bundestagsausschüssen, nach dem die
waffe, das von der Anti-Atom-Bewegung wenigstens wach-
Bundesregierung ihr Programm zurückzog. Schließlich wurde
gehalten wird. Das Arms-Control-Konzept ist optimistisch-
auch das VDW-Programm nicht übernommen; es geschah so
konservativ in einem anderen Sinne: es geht einen zu kleinen,
gut wie nichts. Ich habe das bedauert.
einen zu konventionellen Schritt vorwärts. Aber zu kleine, zu
Auch im Zivilschutzproblem standen meines Erachtens un-
konventionelle Schritte sind fast immer die einzigen in der Poli-
realistische optimistische Auffassungen auf beiden Flügeln, die
tik möglichen Schritte. Es war die Verbindung mit einem
aus entgegengesetzten Gründen eine echte Anstrengung für
Arms-Control-Teilgedanken, eben dem der Nichtverbreitung,
den Bevölkerungsschutz verhinderten. Die Anti-Atom-Rich-
was der Göttinger Erklärung politische Substanz gab. Und wir tung sah im Zivilschutz Kriegsvorbereitung. Die
verdanken wohl in der Tat die jetzige Atempause zwischen den Arms-Con-trol-Richtung sah die Aufgabe in der
Kriegen dem Arms-Control-Konzept. Abschreckung und empfand Zivilschutz als überflüssig, falls
Diese Skizze des Kernwaffenproblems sucht optimistischen die Abschreckung glückt, als vergeblich, falls sie scheitert. Die
Tröstungen auszuweichen, nicht um Pessimismus oder Unter- politische Führung hatte, mit Ausnahme dieses einen, dann
gang zu predigen, sondern um das Augenmerk auf die Fragen zu gescheiterten Bunkerbauprogramms, nie ein Interesse an
richten, die heute angegangen werden müssen. Sie setzt die ernstlichen Zivilschutzmaßnahmen; diese hätten der
Gedankenwege der seit damals vergangenen zwanzig Jahre Bevölkerung den keiner Partei angenehmen Eindruck
voraus, deren viele sich als vergeblich und doch notwendig er- vermittelt, man meine es ernst mit der Kriegsgefahr. Diese
wiesen haben. Eben von einigen dieser Wege soll dieser Aufsatz Haltung ist bis heute der Ursprung vieler
Rechenschaft geben.
1959 gründete eine zunächst vorwiegend aus Physikern be-
* VDW (Hrsg.), Ziviler Bevölkerungsschutz heute, Frankfurt/M. 1962.
stehende Gruppe die Vereinigung deutscher Wissenschaftler J. Heinrichs (Hrsg.), Welternährungskrise oder Ist eine Hungerkatastrophe
(VDW), die sich die Bearbeitung der politischen und sozialen unausweichlich?, Reinbek bei Hamburg 1968.

190 191
Instituts gewähren werde und daß die MPG das Institut, eben-
Entscheidungen, die ich nur als Fehlentscheidungen ansehen^
falls einer ihrer guten Traditionen folgend, nachher, falls sie
kann.
itcine Fortführung problematisch fände, wieder schließen
Die Debatte über die Zivilschutzstudie machte mir klar, daß
in unserer Öffentlichkeit keine deutlichen Vorstellungen über könne. Ich bin in meiner Erwartung, im Rahmen meiner Lei -
die Folgen eines möglichen Krieges in unserem Land bestanden. tungsfunktionen frei handeln zu können, nicht enttäuscht wor den,
Man schwankte zwischen Kriegsbildern aus der Zeit des , obwohl sich natürlich auch in der MPG viel Kritik an den von
Zweiten Weltkrieges, die objektiv Verniedlichungen sind, und mir ermöglichten Arbeiten des Instituts regte, Kritik, die ich
der Idee, dann sei »ohnehin alles aus«. 1963 faßte ich bei der zum Teil richtig, zum Teil auch abwegig fand. Ich bereue diese
Lektüre von Hermann Kahns Buch On thermo-nuclear war Wahl des Trägers nicht und akzeptiere schon deshalb die
den Gedanken einer VDW-Studie über Kriegsfolgen. »Das Konsequenz, daß die MPG nun von der Möglichkeit der
Undenkbare zu denken« schien mir unerläßlich. Die Studie Schließung Gebrauch macht.
wurde von H. Afheldt, Ph. Sonntag und U. P. Reich mit einer Die Themen des Instituts w urden in noch höherem Grade
Reihe weiterer Mitarbeiter ausgeführt und erschien 1971 als er- kontrovers, als ich im Augenblick des Gründungsantrags vor -
ste Publikation des neugegründeten Instituts.* Als wichtigster hergesehen hatte. Dies geschah aus zwei Gründen, die sich mir
Teil erwies sich eine Kritik der Abschreckungsstrategie. Jetzt freilich schon im Jahre 1968, als die Entscheidung für das Institut,
wagten wir, was wir 1957 nicht gewagt hatten, die langfristige obwohl formell noch nicht vollzogen, doch faktisch gefallen war,
Zuverlässigkeit der nuklearen Abschreckung selbst in Zweifel in ihrer vollen Tragweite enthüllten. Der eine Grund war intern:
zu ziehen, weltweit und für den NATO-Bereich. Die Arbeit eben damals wurde mir endgültig klar, daß strategi sche und
wurde in der Öffentlichkeit beachtet. In der Bundeswehr setzte außenpolitische Mittel nicht ausreichen konnten, um den in der
sich die Meinung, sie sei ernst zu nehmen, langsam im Lauf der Logik der heutigen Entwicklung liegenden zukünftigen Krieg
siebziger Jahre durch. auszuschließen; ich verzweifelte an der permanen ten
Während diese Studie im Gang war, 1967, wurde mir von Kriegsverhütung durch Arms Control. Der andere Grund war
mehreren Seiten die Gründung eines Instituts nahegelegt. Ich extern: zur selben Zeit wandte sich ein großer Teil der in -
folgte einer Anregung der MPG. Die Auswahl dieses Trägers tellektuellen Jugend der nördlichen Hemisphäre, zumal auch
für das Institut geschah mit einer präzisen Absicht. Ich sah vor- unseres Landes, kritisch gegen die bestehende politische Ord -
aus, daß das Institut unangenehme, hochkontroverse Themen nung, und ich wollte die Komponente dieser kritischen Denk -
würde bearbeiten müssen. Ich wollte von keiner inhaltlich in- weise nicht aus dem werdenden Institut ausschließen.
teressierten Instanz abhängig sein, selbst dann nicht, wenn die Arms Control. Ich darf wohl sagen, daß ich 1958 derjenige
Träger dieser Instanz »zufällig« meine Ansichten billigten, we- war, der diese damals neue amerikanische Denkschule in
der von Staat noch Kirche, weder von Industrie noch Gewerk- Deutschland durch eine Artikelfolge in der Zeit bekannt-
schaft. Ich kannte die Orientierung der MPG am Prinzip der machte; nur vielleicht F. J. Strauß und Helmut Schmidt hatten
reinen Forschung, und ich wußte, daß in der MPG der Direktor sich über diese Gedanken schon vorher voll informiert. Das
eines Instituts kritisch ausgesucht wird, nachher aber sehr ursprüngliche Konzept war: Stabilisierung der gegenseiti gen
weitgehende Freiheit in der Wahl der Mitarbeiter und Themen Abschreckung, um dann abrüsten zu können. Zur Stabilisie rung
hat. Im Gründungsantrag wies ich darauf hin, daß mein Le- der Abschreckung ist es gekommen, aber einigermaßen
bensalter mir nur eine Frist von zehn Jahren für die Leitung des zuverlässig nur auf der höchsten, der sogenannten »strategi-
schen« Ebene; zur Abrüstung kam es nicht. Die beiderseits
stabilisierte Abschreckung führte zur politischen »Entspan-
* C. F. v. Weizsäcker (Hrsg.), Kriegsfolgen und Kriegsverhütung, Mü
1971. nung«, und diese führte wenigstens zu diplomatischen

193
192

tütung, München
Verhandlungen über Rüstungsbeschränkung. Faktisch aber ist wenden ließ. 1967 entdeckte ich, daß viele meiner jungen
das Wettrüsten während der Entspannungsphase unvermindert Gesprächspartner und Mitarbeiter zur Linken tendierten. Keiner
weitergegangen. Mein subjektives Vertrauen in die Stabilisie- von ihnen hat sich an Gewaltakten beteiligt, aber sie teilten die
rung der Kriegsverhütung durch Abschreckung brach aus kritische Haltung, die sich als »links« verstand. Nicht weil sie
Gründen, die in meiner persönlichen Biographie liegen mögen, Linke waren, hatte ich sie gesucht oder akzeptiert, aber diejenigen,
1968 zusammen. Erst danach kam die ausgereifte Form des au- die bei mir Raum fanden, waren spontan offen für die neue
ßenpolitisch konkretisierten Arms-Control-Denkens in der Bewegung. Daß Linke bei mir weniger Schwierigkeiten hatten
Gestalt der Politik Kissingers zum Tragen, der ich als einer letzten als bei der Mehrzahl meiner Altersgenossen, hatte neben einer
Chance den Erfolg heiß gewünscht habe. Heute treten die mir naheliegenden Tendenz zur Liberalität seinen Grund in
Fakten aus den Schatten zwanzigjähriger psychischer Verdrän- meiner tiefen Skepsis gegenüber dem Bestehenden. Politische
gung wieder ins öffentliche Bewußtsein, die mich damals, in Liberalität hat meiner Überzeugung nach mit dem Willen zu
der Mitte dieser zwanzig Jahre Arms Control, aufhören ließen, gemeinsamer Wahrheitssuche zu tun. Wahrheitssuche ist
an die permanente Wirksamkeit des Konzepts zu glauben. Uns politisch unerläßlich, und gemeinsam kann man Wahrheit nur
im Westen erscheinen diese Fakten heute im Bilde der sowjeti- suchen, wenn man dem Partner das Recht zu eigener Meinung
schen Überrüstung. Wir nehmen damit eine sehr große reale auch dort einräumt, wo man diese Meinung als schwer erträglich
Gefahr wahr. Wieweit wir in der Phase unserer militärisch- empfindet; alle andere Toleranz ist keine Kunst. Meine
technischen Überlegenheit zum Aufbau der Gefahr selbst bei- Skepsis gegenüber dem Bestehenden hatte selbst eine doppelte
getragen haben, entzieht sich eher der öffentlichen Reflexion. Wurzel. In der Tiefe ist sie religiös bestimmt, seit der kind -
Das Ungenügen der militärischen Sicherung lenkte meine lichen Lektüre des gesellschaftskritischsten Textes der Weltlite-
Gedanken mit innerer Notwendigkeit auf die Breite der politi-
ratur, der Bergpredigt. In der Ebene der politischen Verstan-
schen, sozialen, ökonomischen Voraussetzungen unserer Welt.
desanstrengung war sie gerade damals, wie geschildert, das
Genau in dieser Situation mußte mir das volle Konzept der Er-
Ergebnis kritischer Analyse. Fährt der Wagen unserer poli -
forschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-tech-
tisch-gesellschaftlichen Entwicklung geradeaus weiter, so wird er
nischen Welt als einzige denkbare Lösung der gestellten Frage
scheitern; wie aber findet man die Kurve?
erscheinen. Politische Strukturen, soziale Konflikte, ökonomi-
Es ist erkennbar, daß dies keine hinreichende Basis war, um
sche Notwendigkeiten erzeugen von jeher die Spannungen, die
mich mit den Linken in einer gemeinsamen Überzeugung zu-
das Wettrüsten unausweichlich machen und im Krieg enden.
sammenfinden zu lassen. Weder durften sie hoffen, mich auf
Meine Fragestellung begegnete nun Fragen, die von völlig an-
deren Problemen als denen des Kriegs ausgegangen waren, zu- ihre Seite zu ziehen, noch konnte ich sie überzeugen. Schon
mal allen Fragen nach dem fortschreitenden Wandel gesell- 1968 habe ich gelegentlich gesagt: »Ein guter Gesprächspartner
schaftlicher Strukturen. Diesen Wandel zu verstehen erschien wäre ich erst für in der Tiefe enttäuschte Linke.« Denn meine
unerläßlich. Skepsis traf die Hoffnungen der Linken genauso wie das Beste-
Dieser sachlich gebotenen Fragestellung nun begegnete die hende. Die Linken verstanden sich ja als »progressiv«, also
damalige Bewegung der Neuen Linken. Äußerlich konnte hoffnungsvoll. Sie erlaubten sich den Zorn gegen das Beste-
diese Koinzidenz als ein Zufall erscheinen. Aber es war dieselbe hende, wo ich nicht zornig war, weil ich nichts Besseres danach
Entwicklung unserer Welt, welche politisch oder system- erwartete. Aber daß ich, wenn ich ein kritisch arbeitendes In-
analytisch denkende Wissenschaftler zu einer Analyse in der stitut gründen wollte, die Fragestellungen der Linken nicht aus
Breite und Tiefe aufforderte und welche die engagierten, ihm ausschließen konnte, lag auf der Hand.
aber machtlosen jungen Intellektuellen sich im Zorn gegen sie

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Gründung und Strukturierung ein Ausschnitt aus den wichtigen Problemen, der isoliert kaum zu
verstehen ist. Als Gustav Heinemann Bundespr äsident
Es waren nun Entscheidungen über Ort, Thematik, Mitarbeiter, wurde, betrieb er sofort die Gründung der Deutschen Gesell-
Arbeitsweise des Instituts zu treffen. schaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK), die bis
Für den Ort des Instituts wünschte der Präsident der MPG, A. heute besteht. Er leistete damit dem politischen Bewußtsein in
Butenandt, die Nähe zur Generalverwaltung der MPG, also den unserem Lande einen sehr wichtigen Dienst. Viele unserer
Münchener Raum. Ich wies sofort darauf hin, daß ich nicht Mitbürger sahen damals in der Friedensthematik etwas wie ein
gleichzeitig ein so komplexes Institut gründen und an der Lei- Monopol kommunistischer Propaganda. Heinemann nützte
tung der MPG einen nennenswerten Anteil nehmen könne, das Ansehen seines Amtes, um dem Thema den verdienten
folgte aber dem Wunsch. Starnberg mit guter Verkehrsverbin- öffentlichen Respekt zu verschaffen. Er bat mich um meine
dung zur Münchener Stadtmitte, aber mit besserer Luft, war Mitwirkung, die ich leider nur unvollkommen gegeben habe,
meine eigene Wahl. Im Institut wurde gelegentlich die Meinung wiederum weil das eigene entstehende Institut meine Kraft ab-
geäußert, besser hätten wir uns »in Wanne-Eickel« angesiedelt, sorbierte. Im Fortgang zeigte sich eine vorhersehbare Schwäche
um die Lebensbedingungen, die wir erforschen wollten, auch des zu eingeschränkten Themas »Friedensforschung«. Es
zu erleiden. Diesem Gedanken bin ich, wie man sieht, nicht entstanden alsbald zwei Flügel dieser Forschung, unterschieden
gefolgt. durch den Bereich, in dem die Forscher die Lösung des
Die Thematik war durch den Namen des Instituts nur vage Friedensproblems suchten. Die mehr traditionelle Richtung
umrissen. Das Thema der Kriegsverhütung legte strategische suchte Konfliktgründe und Lösungswege in außen- und mili-
und außenpolitische Analysen nahe, wie sie in vielen amerika- tärpolitischen Handlungsweisen, eine andere von der Neuen
nischen Instituten, vorbildlich vom Londoner International Linken inspirierte Richtung suchte sie in gesellschaftlichen
Institute for Strategie Studies (IISS), in Deutschland von der Strukturen. Die extremen Positionen jener Frühzeit haben sich
Stiftung Wissenschaft und Politik in Eggenberg betrieben wurden. inzwischen längst abgearbeitet, und die DGFK leistet heute
Ich hielt diese Studien für unvermindert wichtig, konnte aber in wichtige Förderungshilfe für Forschungen, die beiden Ge -
ihnen nicht die grundsätzliche'Problemlösung, sondern nur eine sichtspunkten gerecht werden. Meine damalige Position war,
begleitende Forschung zur aktuellen Politik sehen. Ich drängte daß ich mich mit den militär- und außenpolitischen Gesichts-
auf die ökonomischen, sozialen, seelischen Wurzeln der
punkten vertraut fühlte und in den gesellschaftlichen Konflikt-
ungelösten, in aller bisherigen Menschheitsgeschichte un lösbar
gründen nicht von einer geprägten politischen Ansicht ausging,
gebliebenen Probleme. Diese Tieferlegung des Fragenniveaus
sondern die Grundfragen der Gesellschaftsstruktur dem Institut
wurde damals unter dem Titel Friedensforschung von vielen
und vor allem mir selbst noch einmal als vollkommen offene
Seiten angestrebt. Gleichwohl wollte ich die Vokabeln
Fragen zu präsentieren suchte.
»Zukunftsforschung« und »Friedensforschung« im Namen des
Damit aber waren die Grundfragen von wenigstens drei wis-
Instituts nicht auftreten lassen. Zukunftsforschung schien mir
senschaftlichen Disziplinen angesprochen: der Ökonomie, der
eine Unmöglichkeit. Ich hätte dann noch lieber »Gegenwarts-
forschung« gesagt; was wir heute von der Zukunft rational Soziologie, und einer Lehre vom Menschen, welche die Psy-
erkennen können, sind die in der Gegenwart angelegten künf- chologie umfaßt und welche ich gerne als Anthropologie be-
tigen Möglichkeiten, und jedes Jahr lernen wir ein neues zeichnete. In der Breite dieser Fragen lag, wie ich wußte, die
zukunftsbestimmendes grundlegendes Faktum, das unserem Chance und die Gefahr des Instituts. Die Gefahr des engagierten
Blick bis dahin entgangen ist. Friedensforschung erschien mir Dilettantismus lag auf der Hand. Die Chance bedarf einiger
als notwendig, aber nur als erläuternder Worte. Die disziplinäre Spezialisierung der Wis-
senschaften rührt von den Grenzen unserer intellektuellen Lei-
196
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stungsfähigkeit her, nicht von einem objektiven Zerfallen der kennbaren gemeinsamen Fragen verschafften, um dann die
Wirklichkeit in Bereiche. Die Politik ist von der Wirtschaft un- meisten von ihnen fallenzulassen und eine kleine Auswahl aus
trennbar, die Wirtschaft ist nur eine der Funktionen der Gesell- ihnen in entschlossener erneuter Spezialisierung zu bearbeiten.
schaft, die Gesellschaft besteht aus Personen und lebt inmitten Ks erschien mir deshalb legitim, nicht vorherzuwissen, den
der Natur, der sie historisch entstammt. Die Enge jedes Ex- Weg welcher Spezialisierung das Institut nehmen würde. Das
pertengesichtskreises ist ein Grundproblem der wissenschaft- bedeutete, daß das Institut auch personell offen bleiben mußte,
lichen Politikberatung. Jeder Praktiker weiß, wie unzureichend mit Mitarbeitern, die ihm nur begrenzte Zeit angehören würden,
die Ratschläge spezialistischer Experten sind, wieviel er selbst und auf Wachstum angelegt.
also bei jeder Entscheidungsfindung aus simpler Lebenserfah- Im Zusammenhang mit der Wahl der Themen stellte sich die
rung heraus ergänzen muß, was kein Experte ihm sagen kann. Frage der Auswahl der Mitarbeiter. In der Forschungsstelle der
Hier sah ich eine Chance für die Wissenschaft in der problem- VDW in Hamburg, die unter meiner Leitung stand, waren
erzwungenen Interdisziplinarität. Der Fachmann sollte die zwei Arbeiten noch im Gang: die Studie »Kriegsfolgen und
Grenze seines Fachs, die er nicht mehr in spezialistischer Kom- Kriegsverhütung« und die Welternährungsstudie, die zu einer
petenz überschreiten konnte, wenigstens im anhaltenden grundsätzlichen ökonomischen Studie über das Problem der
wahrheitssuchenden Gespräch mit dem Fachmann des Nach- Unterentwicklung in der Dritten Welt wurde. Beide Studien
bargebiets, am besten in der Form interdisziplinärer Projekte, waren von Jahr zu Jahr durch Stiftungen, zumal durch die ent-
überbrücken. Ich wußte, daß dies eine Überforderung ist, die gegenkommende Hilfe der Stiftung Volkswagenwerk, finan-
ziert worden. Beide wünschte ich fortgesetzt zu sehen, ohne
nur durch starke sachliche Motivation aufrechterhalten werden
die ständige Sorge um die Weiterfinanzierung. Ich übernahm
kann, und gebrauchte gelegentlich dafür den Slogan »Leistung
daher die Arbeitsgruppen ins Institut. Dazu kamen mehrere
durch Überanstrengung«. Aus meiner Jugend kannte ich
Mitarbeiter aus meinem Hamburger philosophischen Seminar,
naturwissenschaftliche Beispiele für die Entstehung neuer
die an den politisch-gesellschaftlichen Fragen interessiert wa-
Erkenntnisse, ja neuer Disziplinen, durch interdisziplinäre
ren.
Zusammenarbeit; so die Entstehung der Astrophysik aus
n.
Astronomie und Physik. Sollte dies in den Sozialwissenschaften
Hiermit hatte die Vorgeschichte des Instituts schon eine Vor-
nicht auch geschehen? Jedenfalls ging ich persönlich mit entscheidung über seine Struktur zur Folge. Ich fing nicht von
jungenhafter Neugier auf die Zentralfragen der Ökonomie und Null an. Man hätte daran denken können, das Institut »von
der Anthropologie zu, auf letztere im philosophischen Wech- oben herab« aufzubauen, durch Berufung einer Reihe ausge-
selspiel biologischer, theologischer und gesellschaftskritischer wiesener älterer Wissenschaftler in den relevanten Bereichen,
Fragen. Für ein ähnlich intensives Zugehen auf die Soziologie deren jeder dann seine Mitarbeiter mitgebracht oder rekrutiert
hat meine Kraft nicht gereicht. hätte. Ich suchte nach solchen etwa gleichaltrigen oder etwas
Selbstverständlich war mir klar, daß das Institut nicht eine jüngeren Partnern, denen ich die Gleichberechtigung mit mir in
integrierende Rolle im Felde dieser Wissenschaften überneh- der Leitung des Instituts einräumen wollte. Mehrere, darunter
men konnte. Persönlich hoffte ich noch soviel von diesen Wis- sehr namhafte, wurden mir angeboten. Die Zusammenarbeit hat
senschaften zu lernen, wie ich zur Beurteilung meines Zentral- sich dann aber jedesmal nicht realisiert. Die Gründe dafür lagen
problems, des Friedens, brauchte. Vom Institut erhoffte ich manifest nicht in mir, sondern in den Wünschen jener Partner
problembezogene, interdisziplinär durchgeführte Einzelarbei- oder in äußeren Umständen. Gleichwohl war der Vorgang wohl
ten und daneben ein wachgehaltenes Bewußtsein für die nicht zufällig. Schon an der Universität hatte ich zwar
Grundfragen. Ich wünschte, daß wir uns in einer anfänglichen freundschaftliche Beziehungen zu gleichaltrigen Kollegen,
gemeinsamen Anstrengung einen Überblick über die uns er - aber meine spontanen Hoffnungen auf produktive Zu-

198 199
sammenarbeit richteten sich auf die um eine Generation Jünge- hier zufallenden Rolle im interdisziplinären Zusammenhang
ren. Die Gleichaltrigen wußten in ihren spezialisierten Fächern geeignet und zugleich für das - nach Maßstäben ökonomischer
selbst schon genau genug, was sie wollten und worauf sie sich Institute - relativ kleine Institut zu haben war. Als Habermas
nicht mehr einlassen wollten, und soweit sie politisch engagiert und ich 1975 einen Berufungsvorschlag vorlegen konnten,
waren, lag es in ihren politischen Interessen nicht anders. wurde eine Kommission eingesetzt, auf deren Empfehlung die
Einige der besten möglichen Mitarbeiter aus der jüngeren Ge- hierfür zuständige Geisteswissenschaftliche Sektion 1976 die
neration freilich sind mir dadurch entgangen, daß sie selbst die Berufung nicht beschloß, da dies ein Präjudiz für die Zukunft
Chance zu unabhängigeren, führenden Positionen anderwärts, des Instituts nach meiner Emeritierung gewesen wäre. Da die
begreiflicherweise, vorzogen. MPG, meines Erachtens mit vollem Recht, schon fünf Jahre
So habe ich schließlich nur einen einzigen gleichgeordneten vor einer Emeritierung die Frage der Zukunft des betreffenden
Direktor für das Institut gefunden, Jürgen Habermas. Auf ihn Instituts zum leitenden Gesichtspunkt für Berufungsentschei-
bin ich zu seiner Überraschung, einzig aus meiner eigenen In- dungen macht, konnte ich gegen diesen Entschluß kein formell
itiative heraus, zugegangen; es war für mich ein glücklicher Zu- gültiges Bedenken erheben. Ich schlug 1977 der für die Zukunft
fall, daß er sich bereit fand zu kommen. Meine Initiative hatte des Instituts eingesetzten Kommission die Berufung zweier
etwas damit zu tun, daß ich gerade im Fach der Soziologie eine Nachfolger für mich vor, eines Ökonomen und eines der poli-
Ergänzung meiner mangelnden Kompetenz als vordringlich tischen Analyse im Fragenkreis der Kriegsverhütung zuge-
empfand und daher sehr aktiv in diesem Fach suchte. Wichtiger wandten Forschers. Die Kommission kam jedoch zu dem
noch war mir, daß er der gesellschaftskritischen Motivation ei- Schluß, es sei kein adäquater Nachfolger für mich zu finden,
nes Teils der jüngeren Wissenschaftlergeneration, mit der ich und empfahl die Schließung meines Arbeitsbereichs.
zu arbeiten hatte, spontan viel näherstand als ich und zugleich Wie ich sowohl in der MPG wie in der Öffentlichkeit erklärt
sowohl hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit, Gewaltfreiheit habe, akzeptiere ich diesen Beschluß willig, wenngleich mit Be-
und Toleranz wie hinsichtlich der unnachsichtigen Forderung dauern. Ich kann nicht zehn Jahre den vollkommenen Schutz
wissenschaftlicher Strenge niemals zu Kompromissen bereit der MPG für kontroverse Arbeiten in Anspruch nehmen und
gewesen ist. Ich bedurfte der Partnerschaft eines solchen Man- danach einen korrekt zustande gekommenen Beschluß dersel-
nes, und er hat sie mir gewährt. ben MPG nicht respektieren; auch kenne ich zu gut aus vielen
Der zweite Versuch, einen gleichgeordneten, also einen drit- Beispielen die Blindheit scheidender Inhaber einer Stelle ge-
ten Direktor für das Institut zu gewinnen, bezog sich auf das genüber dem Problem ihrer Nachfolge. Ich bemerke nur, daß
Fach der Ökonomie. Dieser Versuch ist gescheitert, und sein ein zwei Jahre früher (also etwa 1973) vorgeschlagener ökono-
Scheitern war der Grund des Scheiterns der Fortführung mei- mischer Direktor aller Voraussicht nach berufen worden wäre
ner Arbeitsrichtung im Institut über meine jetzt bevorstehende und jetzt einen meinen Fortgang überdauernden, meines
Emeritierung hinaus. Ich hatte von Anfang an eine Reihe öko- Erachtens wichtigen ökonomischen Arbeitsbereich leiten
nomischer Projekte im Institut entstehen lassen. Sie interessier- würde.
ten mich brennend, aber natürlich fehlte mir die Kompetenz, Zur Arbeitsweise des Instituts sind noch einige Angaben zu
sie fachlich zu überwachen. Ich ergriff daher mit Freude die machen. Wir hatten niemals eine nach Disziplinen gegliederte
Gelegenheit, als die Entscheidungsgremien der MPG mir 1971 Abteilungsstruktur. Anfangs gliederte das Institut sich nach
anläßlich der Berufung von Habermas auferlegten, einen empi- problemorientierten Projektgruppen unter der gemeinsamen
risch arbeitenden dritten Direktor, bevorzugt einen Ökono- Verantwortung beider Direktoren. Nach einigen Jahren teilten
men, zu berufen. Es erwies sich dann als sehr schwer, einen wir das Institut organisatorisch in zwei Arbeitsbereiche auf,
Ökonomen zu finden, der nach meinem Empfinden zu der ihm deren jeder einem der Direktoren zugeordnet war, und hielten
200
201
Stellen frei für einen dritten Arbeitsbereich, der mit dem zu kurze, populärere Darstellung derselben Probleme ergänzt.*
berufenden dritten Direktor arbeiten sollte. Die Mitwirkung Ihre Autoren wandten sich anderen Fragen, vor allem der Um-
der Mitarbeiter an Entscheidungen führten wir weiter, als es in weltproblematik, zu. Dies hatte einen doppelten Grund. Sach-
den meisten Forschungsinstituten üblich ist, aber nicht so weit lich hatten wir die bestehende Kriegsverhütungsstrategie in
wie in den siebziger Jahren in den meisten deutschen Universi- Zweifel gezogen, aber wir hatten nicht vermocht, eine Alterna-
täten. Es gibt einen für organisatorische und Personalangele- tive anzugeben. Wir folgten in unseren Fragestellungen für
genheiten zuständigen Institutsrat mit ebensoviel stimmbe- einige Jahre der Vermutung, das militärische Problem sei nur
rechtigten gewählten Mitgliedern wie Direktoren (also, da der politisch, das politische nur gesellschaftlich zu lösen. Seelisch
dritte Direktor nicht berufen wurde, 2:2) und einem Letztent- kam hierzu, daß keiner der Beteiligten es aushielt, sich un-
scheidungsrecht der Direktoren; und es gibt eine für die wis- unterbrochen mit einem so entsetzlichen Thema wie dem der
senschaftlichen Entscheidungen zuständige Konferenz aller voraussichtlichen Kriegsfolgen zu beschäftigen. Die ökono-
Wissenschaftler mit demselben Letztentscheidungsrecht der misch-gesellschaftlichen Studien waren zugleich eine seelische
Direktoren. Entlastung.
Ich selbst bin in einer Welt erzogen worden, in der nicht Im folgenden skizziere ich den Verlauf von sechs Projekten,
Mitbestimmung, sondern Liberalität der leitende Wert war. die 1972 als Zentrum der Institutsarbeit etabliert wurden. Sie
Wie soll ein Wissenschaftler produktiv arbeiten, wenn er die waren alle ausdrücklich auf das Problem der »Lebensbedin-
Arbeit nicht aus freien Stücken tut? Die geschilderten Mitwir- gungen« bezogen. Daneben gab es eine Gruppe von Physikern,
kungsgremien habe ich, als eine der Mentalität des Jahrzehnts die mit mir über meine Ansätze zum Verständnis der Grund-
entsprechende Form, Liberalität zu ermöglichen, willig, ex- lagen der Physik arbeitete, es gab eine Reihe von philoso-
perimentell und skeptisch zugelassen. Rückblickend empfinde phischen Einzelarbeiten, und es gab philosophische Kollo-
ich, daß die administrativen Funktionen kompetent und sorg- quien, die teilweise von Habermas und mir, später auch von E.
fältig wahrgenommen worden sind. Die Diskussionen der Tugendhat, gemeinsam veranstaltet wurden. Dies waren die
Wissenschaftlerkonferenz fand ich nur dort sachlich auf ho- Arbeiten, die meinen persönlichen Interessen am nächsten
hem Niveau, wo sie von Entscheidungsfunktionen entlastet standen; aber sie können in diesem Aufsatz nicht dargestellt
waren. werden.
Von den sechs Projekten kamen drei von Mitarbeitern, die
mit mir nach Starnberg gekommen waren: 1. Umwelt, 2. Un-
Arbeiten terentwicklung, 3. Alternativen in der Wissenschaft. Drei ka-
men von Mitarbeitern, die mit Habermas gekommen waren:
Hier kann ich nur einige der Arbeiten des Instituts kurz cha- 4. Ökonomische Krisentendenzen im heutigen Kapitalismus,
rakterisieren und, wie stets gemäß meinem subjektiven Urteil, 5. Krisenbehandlung durch den Staat, 6. Protest- und Rück
bewerten. Alle in diesen zehn Jahren entstandenen Arbeiten zugspotentiale von Jugendlichen in unserer Gesellschaft. Die
aufzuführen oder gar zu beschreiben würde den Rahmen des ersten drei Themen waren aus den internen Diskussionen des
Aufsatzes sprengen. ersten Jahres im Institut herausgewachsen, die letzten drei wa
Charakteristisch für die Anfangsphase war das völlige Zu- ren von Habermas in innerem Zusammenhang geplant.
rücktreten der Kriegsproblematik. Zwar stellte sich das Institut Umwelt war ein Thema, das damals in der Öffentlichkeit zur
1971 mit der Kriegsfolgenstudie der Öffentlichkeit vor. Aber
diese war schon fast fertig aus der Forschungsstelle der VDW
* H. Afheldt, Ch. Potyka, U. P. Reich, Ph. Sonntag, C. F. v. Weizsäcker,
mitgebracht. Sie wurde in den ersten Jahren nur durch eine Durch Kriegsverhiitung zum Krieg?, München 1972.

202 203
Aktualität emporschnellte. Wer noch ohne festes Programm ins Bevölkerungsschichten. Das Ergebnis gehört zu denjenigen
Institut kam, für den lag es nahe, sich diesem Thema zu wid- Befunden, die für mich überzeugend sind, weil sie das Gegenteil
men, zumal da es den im Institut zahlreichen Naturwissen- des von den Forschern ursprünglich erwarteten und erhofften
schaftlern den Einstieg in Gesellschaftsprobleme eröffnete. Befundes sind. Die Untersuchung führte immer tiefer in die
Das Projekt begann mit einer Sammlung naturwissenschaft- Frage, wie denn eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung
licher Daten zum Umweltproblem. Von außen wurde uns nahe- sinnvoll durchzuführen sei. Die übliche Berechnung des
gelegt, eine Keimzelle für ein Institut über Urbanistik zu bil- Sozialprodukts wurde als produzentenbezogen charakterisiert.
den, was wir erörterten, aber fallenließen. Ein Gutachten über Ihr wurde eine konsumentenbezogene
Fluglärm entstand. Der Klub von Rom lud mich zum Beitritt »Arbeits-Konsum-Rechnung« gegenübergestellt. Das Buch
ein. Ich lehnte auch dies wegen der Auslastung durch das fand das Interesse eines so guten Kenners der
Institut ab. Wir sahen, daß sich die naturwissenschaftlich faß- volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wie G. Bombach, der
baren Umweltprobleme in den Fragen der Energiepolitik ver- aus freien Stücken eine Vorrede beisteuerte.* Charakteristisch
dichteten. K. M. Meyer-Abich, der aus Starnberg 1972 an für ein Grundproblem des Instituts ist an dieser Entwicklung
die Gesamthochschule Essen überging, hat diese Richtung in des Projekts: der ehrliche Wunsch nach Praxisbezogenheit
Arbeiten über die klimatologischen Folgen des wachsenden führte, weil man den Mut hatte, sich nicht selbst zu betrügen,
Energieumsatzes und dann über Energieeinsparung fortge- in fundamentale Fragen ökonomischer Theorie. Das Ergebnis
führt. Eine philosophisch fundierte, ökonomisch durchdachte, war in sich selbst interessant genug. Es hätte ein Beitrag zu
politisch planbare Humanökologie ist sein Thema. einer koordinierten ökonomischen Arbeit des Instituts werden
Die Starnberger Umweltstudie entwickelte sich konsequent können, wenn eine solche, unter der dafür unerläßlichen
weiter zu einer Grundlagenstudie über ökonomische Theorie. Leitung eines dritten Direktors, zustande gekommen wäre.
Sie ist damit charakteristisch für ein Grundproblem des Insti- Das Beispiel zeigt, wie konsequent die Forderung nach
tuts. Um praxisbezogen zu sein, mußte das Institut entweder diesem Direktor war, warum also ihre Verweigerung für das
ein Riesenapparat für ökologische Einzelfragen werden, was Institut tödlich sein mußte.
wir weder konnten noch wollten, oder es mußte Schlüsselfragen
angreifen. Diese waren nicht naturwissenschaftlich, sondern Ich füge hier das von Habermas initiierte Projekt Nr. 4 über
hatten mit menschlichem, gesellschaftlichem Verhalten zu tun. ökonomische Krisentendenzen im heutigen Kapitalismus an.
Der Mensch kann mit der Natur nicht umgehen, weil er mit Die Arbeit, unter der externen wissenschaftlichen Leitung des
dem Menschen nicht umgehen kann. Konkret gefaßt muß poli- Regensburger Ökonomen W. Vogt, strebte danach, mit Mitteln
der klassischen bzw. neoklassischen Ökonomie, Krisen-
tischer Umweltschutz weitgehend juristische Gestalt annehmen.
Im Rahmen der Marktwirtschaft ist hier das Verursacherprinzip erwartungen für die kapitalistische Wirtschaftsform zu recht-
der zentrale Gedanke. Wollte man in die gesellschaftlichen fertigen - ein ehrgeiziges, interessantes Programm.** Die
Ursachen der Umweltzerstörung tiefer eindringen, so mußte Gruppe hat das Ansteigen der Arbeitslosigkeit vorhergesagt,
man Ökonomie treiben. Eine Zeitlang überprüfte die Gruppe ehe es eingetreten war. Ein zentraler Gedanke war die Irrever-
die bekannte These, das Sozialprodukt sei kein vernünftiges sibilität des entstandenen Anspruchsniveaus der Arbeiter-
Wohlstandsmaß, Wachstum des Sozialprodukts bedeute heute klasse und die Unverträglichkeit dieser Irreversibilität mit
vielmehr de facto schon Abnahme des realen Wohlstandes. Sie * W. Holub, U. P. Reich, Ph. Sonntag, Arbeits-Konsum-Rechnung, Köln
konnte diese These aber nicht bestätigen. Die negativen Ef-
** G. Müller, U. Rodel, C. Säbel, F. Stille, W. Vogt, Ökonomische Krisenten-
fekte, die es zweifellos gibt, erwiesen sich als überwogen durch denzen im gegenwärtigen Kapitalismus, Frankfurt/M. 1978.
die fortdauernd positiven Effekte im Wohlstand der ärmeren
205
204
dem marktgemäßen Funktionieren des Arbeitsmarkts. Der flexionen zu diesem Thema. Die große Leistung der Gruppe
Gedanke als solcher hatte für mich etwas Überzeugendes, besteht in ihrer breit recherchierten Empirie. Ihre Studie über
aber nicht die Vermutung einer Unlösbarkeit dieser Krise im die neue ökonomische Arbeitsteilung"", also über die Produk-
kapitalistischen System. Meines Erachtens kann eine solche tionsverlagerung in Niedriglohnländern, hat weite Resonanz
gefunden. Auch ihre Arbeit wird nun ein Opfer der Verweige-
im klassischen Sinne ökonomische Analyse, auch wenn sie
rung des ökonomischen Direktors. In der MPG ist ihres Blei-
immanent fehlerlos ist, lediglich zeigen, was in der Gesell-
bens nicht, und ich weiß nicht, wo die Arbeit außerhalb der
schaft geschehen müßte, wenn die Krise überwunden werden
MPG wird fortgeführt werden können.
soll. Die Schlüsselrolle des Handelns fällt dabei dem Staat zu.
Die Studie Alternativen in der Wissenschaft war anfangs
Deshalb würde der Beweis der Unlösbarkeit dieser Krise den
an einer praxisbezogenen, »gesellschaftlich relevanten« For-
Beweis der Unfähigkeit des Staats zu den nötigen Handlungen
schungspolitik interessiert. Ihre Entwicklung hat sie jedoch in
voraussetzen. Mit dieser Frage beschäftigte sich das zweite der
rein wissenschaftliche Untersuchungen in den Feldern der Wis-
von Habermas geplanten Projekte (Nr. 5; s. unten). Auch dieses senschaftsgeschichte und Wissenschaftssoziologie mit einem
ökonomische Projekt hätte im übrigen der kritischen Ein- besonders breiten philosophischen Fundament geführt. Sie
bettung in eine Gesamtplanung unserer ökonomischen Arbei- wurde vor einigen Jahren in eine öffentliche Debatte über
ten bedurft. Es wurde beendet, als der ökonomische Direktor »Fina-lisierung der Wissenschaft« verwickelt, welche der
abgelehnt war. ausgereiften Form der wissenschaftshistorischen Thesen der
Das Projekt Unterentwicklung ging vom Hungerproblem Gruppe** unrecht tat. Die Frage, ob die
zum Studium der Ursachen der Unterentwicklung über, die es Wissenschaftsentwicklung intern (durch Wahrheitsfindung)
nicht als bloße Rückständigkeit, sondern als einen fortschrei- oder extern (durch gesellschaftliche Interessen) gesteuert ist,
tenden negativen Prozeß auffaßte. Mir war die Entwicklung beantwortet die Gruppe durch eine Phasenunterscheidung.
der Ansichten dieser Arbeitsgruppe hochinteressant. Sie be- Unter weiterbildender Verwendung des Paradigma-Begriffs von
gann unter dem Einfluß der lateinamerikanischen Kuhn unterscheidet sie drei Phasen in der Ausbildung einer
dependen-cia-Theorie mit Gedanken, wie sie in der Wissenschaft. Einer tastenden, vorpara-digmatischen ersten
Bundesrepublik später öffentlich von Senghaas vertreten Phase folgt die paradigmatische Phase, nämlich die nur
wurden: Löst die unterentwickelten Länder aus der innengesteuert mögliche Ausbildung der für diese Wissenschaft
Weltmarktabhängigkeit, und der Prozeß der Unterentwicklung fundamentalen Theorie. Ist dies geschehen, so folgt eine dritte,
wird in Entwicklung umschlagen. Unter dem Eindruck der den Anwendungen offene Phase, in der externe Steuerung so
Tatsachen hat sich die Gruppe von der Unausführbarkeit legitim sein kann, wie es eben die steuernden Interessen sind. In der
dieses Programms überzeugt. Sie lehnt sich nun theoretisch dritten Phase gibt es also sinnvolle »Alternativen in der
mehr an Wallerstein an, der den Kapitalismus als einen alle Wissenschaft«. Auch hier ist nicht das relativ simple
neuzeitlichen Jahrhunderte überdek-kenden großen allgemeine Schema die eigentliche Leistung, sondern seine
einheitlichen Prozeß studiert. Diese Denkweise ist in meinen Anwendung in der Breite der wissenschaftshistorischen
Augen sehr viel besser als andere gegen das sozialistische Empirie.
Wunschdenken gefeit: »der Kapitalismus sollte aufhören, also Die drei Habermasschen Projekte 4,5, 6 bildeten einen inne-
wird er aufhören«, aber ebenso gegen das kapitalistische ren Zusammenhang, den ich damals so verstanden habe: Öko-
Wunschdenken: »der Kapitalismus hört nicht auf, also ist er gut«.
* F. Fröbel, J. Heinrichs, O. Kreye, Die neue internationale Arbeitsteilung,
Meines Erachtens ist auch aller sogenannte Sozialismus
Reinbek bei Hamburg 1977.
essentiell ein Teil, nicht ein Gegenspieler dieses Prozesses, und ** G. Böhme ed. al., Die gesellschaftliche Orientierung des wissenschaftlichen
eine tiefdringende Geschichtsanalyse müßte zu begreifen su- Fortschritts, Starnberger Studien, Frankfurt/M. 1978.
chen, warum das so ist. Doch das sind meine persönlichen Re-
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206
nomische Krisentendenzen können nur bis zu dem Punkt öko- fcrtigung des Egalitarismus der Aufklärung. Die reale, histori-
nomisch analysiert werden, an dem klar wird, was der Staat tun sche Gesellschaft entspricht diesem Prinzip nur unvollkommen.
müßte, um sie zu überwinden. Das Projekt 5, Krisenbehandlung Deshalb war Kant in seinen späteren Jahren zu einer Ge-
durch den Staat, ging von der Vermutung aus, daß der heutige schichtsphilosophie genötigt. Ihr Thema ist die der Menschheit
Staat dies essentiell nicht könne. Die Gruppe hat kein geschlos- gestellte Aufgabe, dem Prinzip aller Moral im historischen
senes Referat vorgelegt. Ein Ergebnis war eine Studie von Offe Fortgang approximativ gesellschaftliche Realität zu verschaffen.
über die Bildungspolitik in der Bundesrepublik. * Mit dem Fort- In den Nationen - das füge ich hinzu - ist nach Kant der
gang von Offe nach Bielefeld 1975 löste sich die Gruppe in entscheidende Schritt dahin mit dem Übergang der Gesell-
Einzelarbeiten auf. Persönlich konnte ich den empirischen schaft aus dem Naturzustand in den bürgerlichen Zustand ge-
Nachweis der behaupteten Unfähigkeit des Staats vielleicht schehen, zwischen den Nationen steht er noch aus; daher
plausibel, aber nicht zwingend finden. Eigentlich beruhte die gipfelt Kants Geschichtsphilosophie in den realistischen
Überzeugung davon auf einer Betrachtung nicht der admini - Forderungen der Schrift Vom ewigen Frieden.
strativen Mechanismen, sondern ihres sozialpsychologischen Habermas hat als junger Philosoph zwei wichtige Schritte
Hintergrunds. Es handelte sich um das große Habermassche der deutschen Philosophie mitvollzogen: von Kant zum Idea-
Problem, ob oder unter welchen Bedingungen eine moderne lismus, vom Idealismus zu Marx. Hegels Geschichtsphiloso-
Gesellschaft eine vernünftige Identität entwickeln, ihr Staat sich phie versteht den Weg vom Sollen zum Sein als spekulative
dann also die erforderliche Legitimation verschaffen kann. Eine Notwendigkeit, als den Weg des Absoluten zu sich selbst. Damit
wichtige empirische Studie hierzu war das 6. Projekt über Pro- die spekulative Versöhnung von Sollen und Sein nicht politisch
test- und Rückzugspotentiale von Jugendlichen. zur Beschönigung des Bestehenden werde, wandte Habermas
Wollte ich dem Ursprung dieser, inzwischen im sein Interesse der Schellingschen Lehre von der Kontraktion
Habermas-schen Arbeitsbereich durch neue Projekte über Gottes zu, die sich mit einer unlängst von Habermas in einer
Kommunikationstheorie und über die neuzeitliche Entwicklung Rede auf Scholem* in tiefem Verständnis ausgelegten
der juristischen Rationalität überholten Ansätze gerecht kabbalistischen Lehre trifft. Damit die Welt sein konnte, mußte
werden, so müßte ich die Entwicklung des Denkens von sich Gott aus ihr zurückziehen; das ist die Bitternis der Realität.
Habermas, in meiner subjektiven Sichtweise, darstellen. Das Im geschichtlichen Fortgang bedeutet diese Verweigerung der
kann wiederum vom jetzigen Aufsatz nicht gefordert werden, Beschönigung des Bestehenden, bei fortdauernder Forderung
und es ist für Habermas nicht nötig, da er weiterarbeitet und der Versöhnung von Sollen und Sein, den Übergang zu Marx.
seine Gedanken selbst, wie bisher, der Öffentlichkeit vorlegen Der kategorische Imperativ verlangt die ökonomische
wird. Ich erlaube mir nur einen Exkurs hierüber unter dem Gerechtigkeit, und erst diese ist eine mögliche gesellschaftliche
Gesichtspunkt der Relevanz seiner Gedanken für die Fragen, Basis der vollzogenen politischen Gerechtigkeit, der Freiheit,
die mich bewegen. welche die geschichtliche Präsenz der Vernunft ermöglicht.
»Wie du anfingst, wirst du bleiben.« Habermas ist Philosoph, Habermas war niemals ein dogmatischer Marxist; er ist ein
und zwar Philosoph im Sinne der praktischen Philosophie Angehöriger des wissenschaftlichen Zeitalters, der Marx ernst
Kants. Der kategorische Imperativ ist ihm aus dem Herzen ge- nimmt. Marx erhob den Anspruch, wissenschaftlich zu sein.
sprochen. Um legitim sein zu können, muß eine moralische Habermas als Soziologe macht Ernst damit, was dieser An-
Norm vernünftig sein, und um vernünftig zu sein, muß sie
allgemein sein können. Dies ist die einzige stichhaltige Recht- * J. Habermas, Die verkleidete Thora. Rede zum 80. Geburtstag von Gershom
Scholem, Merkur 1, 1978.
* C. Offe, Berufsbildungsreform, Frankfurt/M. 1975.
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spruch heute bedeuten muß; er macht kritisch Ernst damit. das Gefühl, ein so schwieriger Weg sei öffentlich überhaupt
Man hat den »Positivismusstreit« der deutschen Soziologen kaum zu erklären, er könne sich allenfalls durch die erreichten
vor nun über zehn Jahren nicht verstanden, wenn man ihn als Ziele rechtfertigen. Im ursprünglichen Institutsprogramm war
einen Streit »Wissenschaft gegen Dialektik« simplifiziert. Ha- er als mehrjährige theoretische Anfangsphase vorgesehen.
bermas zeigte damals, daß die von ihm als »positivistisch« be- Wenn mich Außenstehende fragten, wie ich denn den Ergeb-
zeichnete Auffassung, die er irrig mit dem realen Verfahren der nissen der Institutsarbeit öffentliche Wirkung verschaffen
Naturwissenschaft gleichsetzte, das reale Verfahren einer wolle, war meine feststehende Antwort, dieses Problem beun-
wahr-heitssuchenden Sozialwissenschaft nicht beschreiben kann; ruhige mich heute nicht, verglichen mit dem viel schwereren
mit tiefem Vergnügen fand ich gerade in seiner Beschreibung Problem, Ergebnisse zu finden, die überhaupt verdienen, öf-
der Sozialwissenschaft die mir vertrauten Strukturen des realen fentliche Wirkung zu haben.
Verfahrens der Physik wieder. Die inständige Bemühung von Aber das Wort »Anfangsphase« besagte schon, daß ich hierbei
Habermas, sein »Über-Ich«, wenn ich so sagen darf, geht auf nicht bleiben wollte. Natürlich habe ich mir nicht vorgestellt,
Wissenschaftlichkeit, und auch um dieses erzieherischen eines Tages würden die theoretischen Probleme geklärt sein
Einflusses willen habe ich ihn damals gebeten, nach Starnberg zu und man könne »auf Praxis umschalten«. Ich war immer
kommen. Heutige Wissenschaft ist empirisch. Die neueren überzeugt, daß jedes ernsthafte Bemühen um Praxis wieder in
Arbeiten von Habermas und seinen Mitarbeitern, anschließend an tiefe theoretische Fragen zurückführen und jede theoretische
die Studien von Kohlberg zur Entwicklung des moralischen Frage neue, noch tiefere theoretische Fragen erzeugen werde.
Bewußtseins von Jugendlichen, die ihrerseits an die Studien Die Theorie, zumal in einem so komplexen Feld wie den So -
von Piaget zur Entwicklung des kognitiven Bewußtseins zialwissenschaften, ist eine nicht endende Anstrengung. Aber
anknüpfen - diese Arbeiten kann man als empirisch fundierte eben darum muß sie, wenn sie jeweils für die Praxis relevant
Untersuchungen zur Realisierung des kategorischen Imperativs werden soll, ständig von Praxis begleitet sein. Ich war immer
lesen. Ich habe gelegentlich einen Frieden den Leib einer überzeugt, daß nur der Druck der praktischen Verantwortung
Wahrheit genannt. Der Weg vom politischen Motiv der die theoretische Arbeit vor dem Irrelaufen in die auch theoreti-
Friedenssicherung zur Psychologie der Entwicklung des sche Irrelevanz schützen könne. Mit dieser Ansicht habe ich
moralischen Bewußtseins ist weit, aber nicht unlogisch. Nicht ob
mich in Teilen des Instituts nur schwer durchsetzen können.
dieser Weg zu gehen sei, ist meines Erachtens die Frage, sondern
Sie stieß kritisch mit dem »wissenschaftlichen Über-Ich« der
ob die heutige Sozialwissenschaft die tiefen anthropologischen
professionellen Sozialwissenschaft zusammen. In unserem In-
Probleme, die sich hier stellen, in ihren Begriffen zu fassen
stitut bedeutete das nicht die These einer grundsätzlichen
vermag.
Wertneutralität der Wissenschaft. Es bedeutete aber, daß sich
auch wertbestimmte Überzeugungen der wissenschaftlichen
Die bis hierher geschilderten Arbeiten spiegeln in ihrer Mehr-
Kritik - der Selbstkritik wie der Kritik der weltweiten
zahl einen Weg ins Grundsätzliche, ins Theoretische, der dem
Bild entgegengesetzt läuft, das sich die Öffentlichkeit von den »scienti-fic communitiy« - unterwerfen müßten, wenn sie
Absichten des Instituts machte. Ich habe diesen Weg voll be- nicht im Selbstbetrug enden sollten. Dem habe ich immer
jaht, auch wenn ich natürlich kaum einen seiner Schritte inhalt- voll zugestimmt. Es lag nahe, daraus zu folgern, eine sinnvolle
lich habe vorhersehen können — wäre es anders gewesen, so Weiterentwicklung unserer Gesellschaft werde vom
wäre hier ja nicht Forschung geschehen, sondern Programm- Wissenschaftler durch gute sozialwissenschaftliche Arbeit
erfüllung. Andererseits gebe ich zu, daß ich wenig getan habe, mehr gefördert als durch politischen Aktivismus im
ihn der Öffentlichkeit zu erklären, ja daß ich gelegentliche an- bestehenden System. Dem widerspreche ich nicht, aber ich
fängliche »public-relations«-Tendenzen gebremst habe. Ich hatte glaube, daß gerade die gesellschaftswissenschaftliche
Selbstkritik sehr viel profitiert von
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den schmerzhaften Erfahrungen, die jeder macht, der Verant- für die französische Armee von G. Brossollet. So entstand eine
wortung in der menschlichen Gesellschaft auf sich nimmt. Publikation von drei zusammengehörigen Büchern.*
Jedenfalls war ich für meine eigene Person entschlossen, Mein Beitrag war eines von vier nacheinander vorgelegten
mich dem belehrenden Druck der verantwortlichen Mitarbeit Büchern, in denen ich in meiner persönlichen Version nieder-
im bestehenden System nicht zu entziehen, sofern jemand in zuschreiben versuchte, was ich im Institut gelernt hatte (Fragen
diesem System meine Mitarbeit wünschte. 1969-74 war ich zur Weltpolitik, 1975, Wege in der Gefahr, iyy6, Der Garten
Vorsitzender des Verwaltungsrats des Deutschen Entwick- des Menschlichen, 1977, Deutlichkeit, 1978), und denen das ge-
lungsdienstes (DED). Dies gab mir willkommene Gelegenheit, genwärtige Bändchen** als fünftes folgt. Wege in der Gefahr ist
in Visitationen unserer jungen Freiwilligen die Probleme der keine Aufsatzsammlung, sondern ein systematisch geplantes
Entwicklungsländer an Ort und Stelle zu studieren, Probleme, Buch über den gesamten Fragenkreis der »Lebensbedingungen«.
die gegenüber dem, was Theoretiker an Hand unermeßlichen In seinem Aufbau folgt einem Beitrag zur Kernenergie aus der
statistischen Materials ermitteln, eine so eigentümliche leid- BAFT-Arbeit ein Kapitel, das zusammenfaßt, was ich den
volle, manchmal auch freudvolle Lebendigkeit bewahren. Et- ökonomischen Arbeiten des Instituts verdanke, zwei kurze
was vom Wichtigsten, was man fast nur an Ort und Stelle ler- Kapitel zum russischen und chinesischen Sozialismus und eine
nen kann, ist der Respekt vor den Kulturen, die der unseren Reihe von Kapiteln zur Kriegsproblematik. Ein Schlußkapitel
nicht, wie die Entwicklungsideologie meinen möchte, unter - leitet über in die geschichtsphilosophisch-an-thropologischen
legen sind, der Respekt vor den durch diese Kulturen geprägten Fragestellungen, denen dann die breite Aufsatzsammlung Der
lebendigen Menschen. Garten des Menschlichen gewidmet ist. Aus den in diesen
Einen fürs Institut folgenreichen Anstoß zur praktischen Büchern entwickelten Meinungen speist sich auch die hier
Politik gab mir der Vorsitz im Beratenden Ausschuß für For- vorgelegte explizite Beurteilung der Institutsarbeit.
schung und Technologie (BAFT) beim Bundesminister für For- Afheldts großes Buch Verteidigung und Frieden ist vor allem
schung und Technologie, 1975-77. Ich gewann die Mitarbeit eine systematische und kritische Analyse des Gesamtthemas
von K. Gottstein, der lange Zeit Abteilungsdirektor im der »Friedenspolitik mit militärischen Mitteln«. Sowohl die
Max-Planck-Institut für Physik und dann drei Jahre Abschreckungsstrategie der Großmächte wie die europäische
Wissenschaftsattache an der deutschen Botschaft in Strategie der NATO sind im Detail behandelt. Den Rahmen
Washington gewesen war. Die Kernenergie nahm mehrere bilden grundsätzliche Erwägungen über die Bedingungen,
Jahre lang einen wesentlichen Teil unserer Arbeitszeit in unter denen Abschreckung überhaupt stabil sein kann. Die
Anspruch, unter anderem auch in der Form der Organisation umfassende Komplexität, logische Subtilität und kritische Prä-
bilateraler amerikanischdeutscher Gespräche zum zision dieser Analysen ist, soviel ich sehen kann, von der Mili-
Proliferationsproblem. tärwissenschaft in den seit der Publikation verstrichenen zwei-
H. Afheldt und ich beschlossen 1974, unser ursprüngliches einhalb Jahren noch nicht verarbeitet worden. Der Aufnahme
Thema der militär- und außenpolitischen Kriegsverhütung dieser denkerischen Substanz des Werks hat vielleicht die Tat-
wiederaufzunehmen. Unsere gemeinsamen Arbeiten der sech- sache eher im Wege gestanden, daß das Buch zugleich einige
ziger Jahre, nun durch die Distanz des ökonomischen und positive strategische Vorschläge enthielt, die kurzfristig sensa-
gesellschaftspolitischen Denkimpulses des Institutsbeginns * H. Afheldt, Verteidigung und Frieden, München 1977. E. Spannocchi und G.
gesehen, forderte jeden von uns beiden auf, nun einmal seine Brossollet, Verteidigung ohne Schlacht, München 1977. C. F. v. Weizsäcker,
persönliche Sicht dieser Fragen je in einem eigenen Buch zu- Wege in der Gefahr, München 1976. ** Diagnosen zur Aktualität, München
1979.
sammenzufassen. Afheldt fand für seinen neuen Impuls ver-
wandte Tendenzen in der von E. Spannocchi durchgeführten 213
österreichischen Heeresreform und in ähnlichen Vorschlägen

212
tionell wirkten und eine intensive Diskussion in der Bundes- ; /.erarmeen durch numerisch unterlegene Panzerarmeen, auch
wehr ausgelöst haben. nicht Wettrüsten in Panzern oder atomaren
Afheldts grundsätzliche Forderungen an ein Abschreckungs- Anti-Panzer-Waf-Icn, sondern eine zu keinem Wettrüsten
system, das zu einer stabilen Friedenssicherung soll führen anreizende defensive Rüstung. Afheldt hat nie geglaubt oder
können, sind hart, und unsere ältere Studie hatte nachgewiesen, behauptet, die Denkskizze, die er hier vorgelegt hatte, sei eine
daß die bestehende Abschreckungsstrategie diese Forderungen vollständige und insofern praktikable Strategie. Gleichwohl
nicht erfüllt. Grob vereinfachend sage ich, ein solches System hatte schon diese Skizze die erhoffte Wirkung, eine lebhafte
sollte nicht der Drohung mit dem gegenseitigen Selbstmord Debatte auszulösen. Seitdem hat Afheldt seine Arbeit auf die
bedürfen, und es sollte keinen eingebauten Zwang zum Wett- Auswertung der Konsequenzen dieser Debatte eingestellt. Er
rüsten enthalten. Die erste Forderung wird von der hat eine Reihe militärischer Fachleute, vorwiegend ehemalige
counter-value-Strategie verletzt (MAD = mutually assured Offiziere der Bundeswehr, mit Zeitverträgen ins Institut
destructiori), die zweite von der counter-force-Strategie. Die verpflichtet. Eine neuerliche Analyse der bestehenden
vergangenen zwanzig Jahre waren durch die relative Sicherheit NATO-Strategie und eine detaillierte Ausarbeitung alternativer
der counter-value-Strategie geprägt, welche für den Preis einer Vorschläge wird in absehbarer Zeit zu neuen Publikationen
untragbaren Zerstörung im Fall des Kriegs eine niedrige führen. Diese Studien müssen meines Erachtens noch über
Wahrscheinlichkeit des Ausbruchs eines solchen Kriegs eine Reihe von Jahren intensiv fortgesetzt werden. In ihnen
einhandelte. Die kommenden zwanzig Jahre scheinen in kommen Afheldts langjährige Überlegungen praktisch zum
wachsendem Maß durch counter-force-Strategien bestimmt Tragen. Der Auflösungsbeschluß der MPG betrifft Afheldt
sein zu wollen, technisch ausgelöst durch die wachsende persönlich nicht. Die bescheidenen Arbeitsmöglichkeiten, die
Treffgenauigkeit der Waffen. Sie handeln für die Möglichkeit er immer nur in Anspruch genommen hat, sind ihm prinzipiell
einer höheren Schonung der Bevölkerung und der zivilen auch für die Zukunft zugesagt. Und dies ist der Teil der von mir
Güter eine erhöhte Wahrscheinlichkeit des begrenzten seinerzeit mit der Institutsgründung beabsichtigten Arbeiten,
Waffeneinsatzes, also eben des Kriegsausbruchs ein, und sie für dessen Fortsetzung im bisherigen Rahmen ich mich mit allen
machen das Wettrüsten fast unvermeidlich. mir verfügbaren Mitteln einsetzen werde. Ich identifiziere mich
Afheldt hatte bei der Abfassung seines Buchs die Forderung nicht mit allen Meinungen, die bei diesen Überlegungen
an sich selbst gestellt, sich nicht mit der kritischen Position un- vorgebracht werden, aber ich bin überzeugt von der
serer älteren Studie zu begnügen, sondern wenigstens in einem Lebenswichtigkeit solcher alternativer Analysen.
Denkmodell zu zeigen, daß seine Forderungen an eine stabile
Abschreckung grundsätzlich erfüllbar sind. Nur ein solches
Angebot einer Lösung des Problems konnte hoffen, auf die Rückblick
praktische Rüstungspolitik einen Einfluß auszuüben. Andern-
falls hätte man resigniert festgestellt, Afheldts Bedingungen Wie sind Erfolg und Mißerfolg der Institutsarbeit gegeneinan-
seien unerfüllbar, und man müsse eben hoffen, daß es auch der abzuwägen? Ein endgültiges Urteil kann heute niemand
ohne ihre Erfüllung gutgeht. Afheldt nennt diese Haltung mit darüber abgeben, und gerade mir steht es gewiß nicht zu. Ich
meines Erachtens berechtigtem Sarkasmus das »Prinzip Hoff- hebe hier nur diejenigen meiner subjektiven Eindrücke heraus,
nung«. Afheldts positiver Vorschlag beschränkte sich in dem die mir für zukünftige Arbeit lehrreich erscheinen. Dabei glie-
Buch auf den konventionellen Bereich: Raumverteidigung dere ich auf nach Einzelprojekten, dem gedanklichen Zusam-
durch »Technokommandos« mit panzerbrechenden Präzi- menhang des Ganzen und der Beziehung zur praktischen Poli-
sionswaffen. Also nicht Abwehr numerisch überlegener Pan- tik.

215
214
Inhaltlich habe ich über jedes der oben besprochenen Einzel- hen, nicht legitime politische Differenzen des Urteils als fach-
projekte ebendort schon ein knappes Urteil abgegeben. Zusam- liche Kritiken zu kaschieren. Da im Institut selbst oft Differen-
menfassend würde ich sagen: jedes von ihnen ist nach Frage- zen des politischen Urteils bestanden, habe ich mich stets be-
stellung und Ergebnis kontrovers, jedes ist interessant, jedes müht, den Unterschied von politischer und fachlicher Kritik
enthält in seinen bisherigen Ergebnissen Fragen, die eine Fort- nicht zu verwischen. Wissenschaftliche Kritik kann ein politi-
führung rechtfertigen. Organisatorisch sei gesagt, daß ich auch sches Urteil nur dann korrigieren, wenn erkennbar ist, daß sie
mit meinem abgewiesenen Wunsch, einen politisch-analyti- nicht bloß die (meist unbewußte) Tarnung eines abweichenden
schen und einen ökonomischen Nachfolger zu bekommen, politischen Urteils ist; und ein politisches Urteil wird erst dann
nicht gewünscht habe, damit sollten eben diese Gruppen eben wissenschaftlich diskutierbar, wenn es sich mitsamt seiner Mo-
diese Themen eben in Starnberg weiterbearbeiten. Meines tivation als politisch zu erkennen gibt. Geschieht diese Ver-
Erachtens waren die Verhältnisse in der Wissenschaft sowohl deutlichung nicht, so weiß man nicht, wovon man redet; oder
für die Institute wie für die Mitarbeiter solange optimal, als der schlimmer, man weiß es, ohne es sich oder dem Partner einzu-
wachsende Arbeitsmarkt für Wissenschaftler einen Ortswech- gestehen. Voraussetzung dazu ist natürlich die Basis der politi-
sel des Wissenschaftlers wenigstens einmal im Jahrzehnt zum schen Liberalität, des Zusammenhangs von Meinungsfreiheit
normalen Vorgang machte. Die Gottesgabe des Forschers, die und Wahrheitssuche: die Fähigkeit, ein vom eigenen politi-
ins erwachsene Alter gerettete kindliche Neugier, reagiert sehr schen Urteil abweichendes Urteil als diskussionswürdig anzu-
positiv auf diese Verhinderung der Bildung von »Erbhöfen«. erkennen. Ich täusche mich nicht darüber, daß das Institut auf
Und ganz gewiß wollte ich meinen Nachfolgern die Freiheit in dieser Ebene seinen Freunden und Feinden einiges zugemutet
der Themen- und Mitarbeiterwahl nicht beschränken, die ich hat.
selbst genossen habe. Daß heute auch der wissenschaftliche Schwer zu erkennen war für alle Beobachter der gedankliche
Arbeitsmarkt stagniert, schafft schwerwiegende soziale Pro- Zusammenhang des Ganzen. Die Kommission, die den Auf-
bleme. Diese sorgfältig zu behandeln ist eine menschliche lösungsbeschluß vorgeschlagen hat, hatte offenbar den Ein-
Pflicht. Das kann aber die Erkenntnis nicht aufheben, daß per- druck unverbundener Heterogenität der Teile. Ich habe oben
sonelle und thematische Stagnation in der Wissenschaft ein die Herkunft der Projekte aus einer gemeinsamen, wenngleich
Übel ist. recht allgemeinen Fragestellung angedeutet. Die innere Weiter-
Mein Votum, die erzielten Fragen verdienten eine Weiterfüh- entwicklung jedes Projekts hat die Projekte in wachsende ge-
rung, ist also zunächst thematisch gemeint, und personell dann genseitige Isolierung geführt, unbeschadet freundschaftlicher
nur in dem Sinne, daß auch die Forscher, die selbst von ihren persönlicher Beziehungen zwischen ihren Trägern. Dies liegt
anfänglichen Vermutungen zu diesen neuen Fragen vorgesto- technisch meines Erachtens daran, daß wir das Problem inter-
ßen sind, motiviert und fähig sein dürften, diese Fragen zu be- disziplinärer Arbeit nicht zu lösen vermocht haben. Die von
arbeiten. Bei der Schilderung der Projekte habe ich Wert darauf vielen beklagte Unterbringung in schließlich sechs verschiede-
gelegt, die Änderungen der Fragestellungen beim Fortschritt nen Gebäuden in der Kleinstadt Starnberg trägt nach meiner
der Arbeit in jedem Fall zu beschreiben. Eine Schwäche des Meinung daran nur einen sehr kleinen Teil der Schuld. Mit wem
Instituts war die Ausschließlichkeit, mit der seine Projekte man reden will, mit dem redet man, einerlei wo er sitzt, und
kontroversen Themen gewidmet waren. Die Schuld daran wenn uns der Zimmernachbar nichts zu sagen hat, so reden wir
trage ich selbst in erster Linie durch meinen Wunsch, aus jedem nicht mit ihm. Vielmehr schafft die Sozialstruktur der weltweiten
Projekt etwas politisch Wichtiges zu lernen. Gleichwohl ver- Wissenschaftlergesellschaft (der »scientific Community«) ein
mute ich, daß die entstandenen Arbeiten fachmännische Kritik gravierendes Hemmnis gegen interdisziplinäre Arbeit. Die
aushalten, sobald die Diskussionspartner sich ernstlich bemü- Karriere eines jungen Wissenschaftlers hängt vom Urteil seiner

216
217
Fachgenossen über seine fachlich spezialisierten Arbeiten ab. Skepsis gegen die politische Programmatik der neuzeitlichen
Alles andere wird allenfalls als Allotria geduldet. Wer aus Sach- »Willens- und Verstandeswelt«, zu einem erneuten Verständnis
motiven in ein interdisziplinäres Institut geht, der riskiert seine der »Vernunft der Affekte«. Sie sollte, naiv gesagt, der Forde-
Karriere. Er wird daher leicht der Versuchung erliegen, inner- rung der Moral die unverdiente und darum erlösende Liebe
halb des Instituts doch möglichst fachspezifisch zu arbeiten. gegenüberstellen (dazu 1,6: »Das moralische Problem der Lin-
Eine zweite Stufe in den Gründen mangelnder Integration ist ken und das moralische Problem der Moral«). Ich konnte nicht
die Fremdheit zwischen den Denkweisen der Wissenschaften. erwarten, daß ein Institut, das unter den sozialen Spielregeln
Ich habe vorher nicht gewußt, wie tief die Kluft zwischen den der Forschung steht, eine derartige menschliche Bewegung
Mentalitäten von Ökonomen und Soziologen ist. Wo diese vollzieht; dies bleibt Sache des Einzelnen und einer nicht bloß
aber nicht miteinander reden können, bleiben die Fragen eines durch Wissenschaft und Politik geeinten menschlichen Ge-
Instituts über »Lebensbedingungen« unbeantwortet. Noch meinschaft. Aber ich hatte gehofft, wir würden in gemeinsamer
tiefere Klüfte müßte eine anthropologische Fragestellung über- Anstrengung die Analyse der Ambivalenzen des Liberalismus
brücken, so die zwischen den traditionellen, verstehenden und des Sozialismus ein Stück weit vorantreiben. Was gelungen
Geschichtswissenschaften und den empirisch-systematischen ist, ist ein meines Erachtens wichtiges Stück der Analyse der
Sozialwissenschaften, die noch tiefere zwischen den Human- inneren Probleme des wirtschaftlichen Liberalismus oder Ka-
wissenschaften und der Biologie und schließlich die Fremdheit pitalismus. Eine entsprechende Analyse des »realen Sozialis-
aller positiven Wissenschaften gegen philosophische oder gar mus« wäre nötig gewesen, aber ich habe nicht die Kraft gehabt,
theologische Fragestellungen. Ich traue mir zu, mit Vertretern auch sie zu etablieren. Erst jetzt erscheint eine einzige Publika-
jeder dieser Fachrichtungen zu reden, aber es ist mir nicht ge- tion dieser Art aus dem Institut, ein Buch von M. S. Voslenskij
lungen, sie zu gemeinsamer wissenschaftlicher Produktivität über die herrschende Klasse der Sowjetunion.*
zu veranlassen. Sicherlich trägt daran auch eine verfrühte Resi- Erst auf dieser Stufe hätte eine inhaltliche Integration der
gnation auf meiner Seite die Schuld. Für die anthropologischen Institutsarbeiten, so wie sie mir vorschwebte, beginnen können.
Fragen war es vermutlich richtig, sie als Philosophie und damit Ich sehe rückblickend, daß dies eine Überforderung aller
in individueller Arbeit zu behandeln. Für die politikorientierten Beteiligten war. Vermutlich war schon der Entschluß, ein wis-
Fragen ist hier eine dritte, inhaltliche Stufe des Problems zu senschaftliches Institut zu gründen, also eine Institution der
nennen. wissenschaftlich-technischen Welt, in der wir faktisch leben,
Im ersten Jahr des Instituts habe ich dem Institut unter dem mit der Erreichung dieser Stufe des geistigen Zusammenhangs
Titel »Lebensbedingungen« ein Expose der nach meinem unvereinbar. Ich bedaure nicht, dieses Ziel wenigstens im Auge
Empfinden wichtigen Themen für eine künftige Arbeit vorge- gehabt zu haben, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß wir
legt. Die hauptsächlichen Teile dieses Aufsatzes habe ich sieben den Lebensproblemen unseres Zeitalters um einen geringeren
Jahre später in meinem Buch Der Garten des Menschlichen ver- Preis als diesen werden gewachsen sein können. Es mag sein,
öffentlicht (dort 1,3: »Die Ambivalenz des Fortschritts« und daß die persönliche Krise, die keinem der Mitarbeiter des Instituts
11,4: »Die Vernunft der Affekte«; Fortsetzungen dazu II, 5: erspart geblieben ist, den Leidensdruck signalisiert hat, den die
»Über Macht« und 111,3: »Zu Hegels Dialektik«). Unter dem Spannung zwischen dem Möglichen und dem Notwendigen stets
Titel der Ambivalenz des Fortschritts habe ich dort insbeson- erzeugt. Wenn ich heute die Weiterführung der Fragen des
dere die immanenten Probleme des Liberalismus und des Instituts empfehle, so meine ich freilich die deutlich
Sozialismus besprochen. Die Erkenntnis, daß diese beiden formulierbaren Einzelfragen, die aus seinen Projektarbeiten
Systeme ihre eigenen Ziele durch die Folgen ihres eigenen Han-
delns verfehlen, sollte weiterführen zu einer grundsätzlichen M. S. Voslenskij, Nomenklatura, Wien 1980.

218 219
hervorgehen. Ich meine aber auch, daß die Wissenschaftler sich Wissenschaft und Menschheitskrise
in Zukunft der offenen Erkenntnis dieser Spannung nicht ent-
ziehen sollen. (1980)
Die Beziehung des Instituts zur praktischen Politik war in
den ersten fünf Jahren seines Bestehens aus den weiter oben
genannten Gründen fast nicht existent. Inzwischen haben die Vor zehn Jahren war eine Reihe von Autoren aufgefordert, ihre
Arbeiten zur Energiepolitik, zur Rüstungspolitik und zur Mutmaßungen über die bevorstehenden Siebzigerjahre nieder-
Weltwirtschaft (Unterentwicklung) die ebenfalls oben schon zuschreiben. Mir fiel das Thema der Wissenschaft zu.* Bemüht
angedeutete Beachtung gefunden. Persönlich bin ich entschlos- um unterscheidende Sorgfalt ging ich die Wissenschaftsgebiete
sen, an diesen Themen nicht mehr selbst wissenschaftlich wei- durch. Im heutigen Rückblick scheint es, daß sich die immanen-
terzuarbeiten. Ich werde den Apparat dafür nicht haben, und ten Tendenzen des soziokulturellen Systems »Wissenschaft«
ich werde nicht versuchen, ihn mir zu schaffen. Mein Wunsch seitdem kaum geändert haben. Am Modell der Strukturwissen-
ist, zu denjenigen Arbeiten zurückzukehren, die mich von jeher schaften (Mathematik...) präzisiert sich der herrschende,
wissenschaftlich und philosophisch beschäftigt haben: zu den durch Entscheidbarkeit der Fragen charakterisierte Wissen-
Grundlagen der Physik und, anschließend daran, zu einer schaftsbegriff. Die Naturwissenschaft strebt gedanklicher Ein-
Meditation der Grundlagen unseres Bewußtseins. Aber ich heit in der Physik zu; die Fülle ihrer Anwendungen verwandelt
kann dabei den Blick nicht von den ungelösten Problemen un- die Welt. Vielleicht die größten Fortschritte unter den Realwis-
serer Politik abwenden. Darum muß ich auch die Fortführung senschaften macht die Biologie. Medizin, Psychologie, Anthro-
unserer Arbeiten wünschen. Dieser Wunsch ist natürlich nicht pologie stehen in der ungelösten Spannung zwischen der strö-
schon damit erfüllt, daß es anderswo Institutionen gibt, die menden Fruchtbarkeit des naturwissenschaftlichen Ansatzes
dieselben Themenkreise bearbeiten. Unsere Arbeiten haben in und der überwiegenden, aber heute unerfüllten Wichtigkeit ei-
jedem dieser Gebiete eine gewisse Schärfe der Position gewon- nes verstehenden Verhältnisses des Menschen zum Menschen.
nen, sie sind in keinem Gebiet mit der herrschenden Meinung Die Gesellschaftswissenschaften, eine Großmacht im öffentli-
-soweit es eine solche gibt - identisch. Mir liegt heute, wie chen Bewußtsein, haben sich ihre Anerkennung in der Gelehr-
schon seit langem, nicht daran, bestimmte Meinungen durch- tenrepublik zum Teil noch zu verdienen. Die historischen Wis-
zusetzen - und wenn es meine eigenen wären. Die Meinungen senschaften, unerläßlich, wenn wir die hinter unserem Rücken
aller Mitarbeiter des Instituts, mich eingeschlossen, haben sich wirksame Macht unserer Herkunft, also wenn wir uns selbst
ständig entwickelt. Mir liegt daran, daß im öffentlichen Be- und unsere Partner verstehen wollen, sind öffentlich in der De-
wußtsein die Probleme gegenwärtig sind, die durch die nicht- fensive. Die Theologie hat die Spannung zwischen der konser-
konventionellen Ergebnisse der Institutsarbeiten gleichsam vativen Überlieferung der revolutionärsten Wahrheit und der
aufgespießt werden. Haben wir die Priorität der Energieein- meist fortschrittskonformistischen Verarbeitung des modernen
sparung verstanden? Ist unser technisches System auf die Mög- Bewußtseins nicht gelöst. Die Philosophie ist für uns Menschen
lichkeit begrenzter Kriegshandlungen vorbereitet? Müssen wir wie eh und je zu schwer.
unsere Daseinsangst in die Kernenergiepanik flüchten? Haben Die Leitfrage betraf aber die Zukunft der Menschheit unter
wir ernstlich eine Alternative zum Wettrüsten gesucht? Wissen dem Einfluß der Wissenschaft. Es sei erlaubt, drei damalige
wir, in welchem Mischungsverhältnis der Weltmarkt Entwick-
lung und Unterentwicklung produziert?
* Das 198. Jahrzehnt. Eine Team-Prognose für 1970 bis 1980. Marion Gräfin
Dönhoff zu Ehren, Hamburg 1969. Mein Beitrag ist auch abgedruckt in: Die
Einheit der Natur, München 1971.

220 221
Sätze nochmals wörtlich zu zitieren. Ich habe 1969 geschrie- Wirtschaft ist, vermutlich aus systemimmanenten Gründen, in
ben: »Trotz des Protests der heutigen intellektuellen Jugend, Stagnation, wenn nicht in unheilbarem Niedergang. Ihre ideo-
eines Protests um der Menschlichkeit willen, werden die Sieb- logische Überzeugungskraft geht weltweit verloren. Die ein-
zigerjahre vermutlich ein technokratisches Zeitalter par zige Überlegenheit, die sie hat aufbauen können, die militäri-
excel-lence sein.« »Nicht der Verzicht auf wissenschaftliche sche, kann nach dem vermutlich nicht mehr revozierbaren
Entdek-kungen oder auf ihre Veröffentlichung (Dürrenmatts Aufrüstungsentschluß Amerikas binnen zehn Jahren dahin-
>Physi-ker<) ist die Lösung, sondern die Veränderung der schwinden, so daß die mit ihrer Hilfe zu erntenden politischen
politischen Weltordnung, die, so wie sie heute ist, einen Früchte jetzt geerntet werden müssen.
Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse nahezu So sieht eine gefahrenschwangere Weltlage aus, die gefähr-
erzwingt.« »Niemand weiß, ob die Siebziger) ahre nicht das lichste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der gegenwär-
letzte Jahrzehnt der vom europäisch-amerikanischen tige Aufsatz aber hat nicht die politische Krisenerwartung zum
Kulturkreis dominierten Industriegesellschaft sein werden.« Thema, sondern ihren kulturellen Hintergrund; und in ihm
Hier spricht sich die Erwartung einer Menschheitskrise, nur einen Aspekt, den der Wissenschaft. Trägt unsere wissen-
vielleicht schon für die Achtziger)ahre, schaftsbestimmte Zivilisation die Schuld an der Krise?
aus. Die Kriegsgefahr als solche ist keine Folge der modernen Zi-
Die Achtzigerjahre haben begonnen. Die ersten Stöße des vilisation. Periodisch wiederkehrende hegemoniale Kriege im
erwarteten Erdbebens haben uns erreicht. Seine noch verbor- jeweils technisch erreichbaren größten Bereich waren die Si-
gene Größe läßt sich heute nur am unsicheren Seismographen gnatur der meisten Geschichtsepochen seit Jahrtausenden.
politischer Stimmungen abschätzen. Aber die westliche Kultur hatte gehofft, sie werde endlich die
Die Nationen des atlantischen Bündnisses, wirtschaftlich Ursachen der Kriege überwinden, die wirtschaftlich-sozialen
noch immer die Herren der Welt, taumeln durch seelische durch allgemeinen Wohlstand, die seelisch-irrationalen durch
Identitätskrisen. In der Gegenwehr gegen ihre Ängste, mögen Aufklärung. Sie hat schließlich durch technische Anwendung
diese nun Arbeitslosigkeit, Inflation, Ölerpressung, Sowjet- der Wissenschaft Waffen geschaffen, die einzusetzen selbst-
aggression, Kernenergie oder Terrorismus heißen, erzeugen sie mörderisch erscheinen muß. Aber die Atomwaffen werden im-
mehr Probleme, als sie lösen. Sie wissen weder sich mit ihrer mer mehr für begrenzte, umschriebene Einsätze spezialisiert.
Macht zu identifizieren noch sich von ihr zu trennen. Die füh- Die Logik der strategischen Entwicklung spricht dafür, daß
rende Nation USA reagiert mit übergroßen Pendelausschlägen. solche Einsätze stattfinden werden. Wir erwachen heute aus
Ihre Härte ist Unsicherheit, ihre Nachgiebigkeit schlechtes dem Traum, daß nicht sein kann, was nicht sein darf; daß die
Gewissen. erreichte Stufe der Rationalität uns schützt. Wo lag der Fehler?
Die Dritte Welt übernimmt unsere Technik, mißtraut unse- Dieser Aufsatz versucht, drei Thesen wahrscheinlich zu machen:
ren Werten, haßt unsere wirtschaftliche Herrschaft. Die stei- 1. Die jetzt anstehende Krise hat eine ihrer Ursachen in der
genden Ölpreise zerstören ihre Wirtschaft rascher als die un- neuzeitlichen Gestalt der Wissenschaft.
sere. Zugleich haben Öl, Guerillastrategie, Waffenimport ihren 1. Weder der Verzicht auf Wissenschaft noch ihre unverän-
Nationen in ungleicher Weise Macht gebracht. Nationale und derte Fortführung kann diese Krisenursache überwinden,
moralische Selbstbesinnung uralter Kulturen gehen ein mili-
3. Nötig wäre ein besseres Verständnis der kulturellen Rolle
tantes Bündnis mit modernem Radikalismus ein, um unsere
Dominanz als unerträglich zu denunzieren. der Wissenschaft.
Die Sowjetunion, die seit Jahrzehnten eine konsequente und
vorsichtige Machtpolitik betreibt, muß im kommenden Jahr-
zehnt fürchten, daß die Zeit nicht mehr für sie arbeitet. Ihre
223
222
Für die beiden ersten Thesen seien zunächst naheliegende, moralische Pflicht der Wissenschaft, wenigstens diese Anstren-
wenngleich noch oberflächliche Argumente genannt. Zur er- gung zu machen. Diese Anstrengung hätte vielleicht eine An-
sten These: zahl kluger und verantwortungsbewußter Menschen aus dem
Es liegt auf der Hand, daß die Krisen in den Völkern eine herrschenden Zustand der Verdrängung dieser Probleme in den
andere, begrenztere Gestalt hätten, wenn nicht die Technologie Zustand der Verzweiflung an den Problemen gebracht. Und
des Verkehrs und der Produktion die Menschheit in ein schon ohne den Durchgang durch die erfahrene Verzweiflung wird
weitgehend zusammenhängendes wirtschaftliches System ge- kein Schicksal gewendet.
fügt, wenn nicht die Medizin die Weltbevölkerung zum vorerst Dieser Aufsatz stellt daher nicht die Frage, was zu tun wäre,
unbeschränkten Wachstum gebracht, wenn nicht die Waffen- um die Krise aufzufangen oder doch zu lindern. Diese kurzfri-
technologie die Welthegemonie zu einem vielleicht erreich- stige Frage findet ihre Antwort im Felde praktischer Politik:
baren Ziel gemacht hätte. Zur zweiten These: Verzicht auf Wis- behutsamer Außen- und Wirtschaftspolitik, rechtzeitiger Ver-
senschaft ist heute noch eine leere, aussichtslose Phantasie. Ihre sorgungsplanung, maßvoller, aber entschlossener Schritte zum
Verwirklichung würde zudem nicht die Technik stabilisieren, Bevölkerungsschutz. Dieser Aufsatz tritt einen Schritt von der
sondern sie würde das Verständnis für die Technik und damit Aktualität zurück. Er stellt eine Frage grundsätzlicher Besin-
deren Funktionsfähigkeit zum Erlahmen bringen; das aber nung. Wie hätten wir Wissenschaft treiben und beurteilen sollen,
würde, beim erreichten Zustand der Menschheit, eine welt- als dafür noch Zeit war? Wie sollte eine Menschheit, die die Krise
weite Hungerkatastrophe bedeuten. Ein Hoffnungstraum hin- überlebt, zur Wissenschaft stehen? Der Versuch einer Antwort
gegen war es eine Zeitlang, die Probleme der wissenschaftlich- soll nochmals in Thesen gegeben werden; es sind de-
technischen Welt durch mehr Wissenschaft zu lösen. Dazu ren vier:
mußte man die technische Weltveränderung technisch, die so-
ziale Rolle der Wissenschaft sozialwissenschaftlich verstehen A. Der Grundwert der Wissenschaft ist die reine Erkennt
und verbessern. Die Hoffnung hierauf ist in den Siebzigerjahren nis.
rapide geschwunden. Die anfängliche Hoffnung war naiv, aber B. Eben die Folgen der reinen Erkenntnis verändern unauf
in ihr verbarg sich eine richtige Fragestellung. Die Wissenschaft haltsam die Welt.
hat eine künstliche Welt geschaffen. Sie hat immer mehr C. Es gehört zur Verantwortung der Wissenschaft, diesen
Bedingungen unseres Lebens, die einst naturgegeben waren, Zusammenhang von Erkenntnis und Weltveränderung
von unserer technischen Verfügung abhängig gemacht. Technik zu erkennen.
stellt Mittel zu Zwecken bereit. Wie kann man hoffen, eine D. Diese Erkenntnis würde den Begriff der Erkenntnis
künstliche Welt zu stabilisieren, wenn man die Wirkung (auch selbst verändern.
die unbeabsichtigten Nebenwirkungen) der Mittel und die Ver-
nunft der möglichen Zwecke nicht versteht? Wir werden zur Der Leser verzeihe in einer so ernsten Sache den fast spieleri-
dritten These getrieben: Nötig wäre ein besseres Verständnis schen Umgang mit den Begriffen »erkennen« und »verän-
der kulturellen Rolle der Wissenschaft. dern«; wer sich kurz ausdrücken muß, braucht diesen Abstrak-
»Nötig wäre...«, das heißt zunächst: eine jetzt einsetzende
tionsgrad.
Besinnung auf diese Rolle wird die schon begonnene politische
A. Der Grundwert der Wissenschaft ist die reine Erkenntnis.
Krise nicht mehr aufhalten. Ob ein früher und in breiter Front
Dies beschreibt zunächst die Mentalität des geborenen
begonnenes Studium der Lebensbedingungen der wissen-
Wissenschaftlers. Man kann das große Wort »Wahrheitssuche«
schaftlich-technischen Welt das vermocht hätte, läßt sich eben-
verwenden. Man kann das Pathos herunterspielen und sagen,
falls bezweifeln. Nach meinem Empfinden war es freilich eine
der Wissenschaftler habe das Privileg, seine kindliche Neugier
224 225
ins erwachsene Leben hinüberzuretten und zum Beruf zu ma- lendes Kind. Technik und Wissenschaft verbinden sich leicht
chen. Der Mathematiker Gauss sprach in einem Brief von der und natürlich in einem Gemüt: ein Verstand kann denken, was
»unnennbaren Satisfaktion der wissenschaftlichen Arbeit«. ein Wille wollen kann. Und der Wissenschaftler, der um sein
Wer diesen Grundwert nicht respektiert, der zerstört die Wis- soziales Privileg der Wahrheitssuche bangt, wird dem Geld-
senschaft und rettet die Welt nicht. geber klarmachen, daß seine Erkenntnis die Welt verwandelt.
B. Eben die Folgen der reinen Erkenntnis verändern unauf An den optimistischen Aspekt dieser Weltverwandlung wird er
haltsam die Welt. Hier ist eine anthropologische Bemerkung auch selbst gerne glauben.
am Platz. Die pragmatische Überlegenheit, welche die Men Aber wer gewachsene Lebenszusammenhänge verändert,
schen über alle Tiere und welche die Hochkulturen über die zerstört auch Gewachsenes. Keine Operation ohne Schnitt.
Primitiven gewonnen haben, beruht auf der weltverwandeln Kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Kein Erwachsen-
den Kraft des handlungsentlasteten Denkens. Im tierischen werden ohne Identitätskrise. Die Wissenschaft ist noch nicht
Verhaltensschema folgt auf den Reiz die angeborene oder er erwachsen. Mit der aufdämmernden Einsicht in die durch die
lernte Reaktion; dieser Ablauf ist ein Ganzes. Der Mensch hat Wissenschaft ermöglichte Menschheitskrise tritt die Wissen-
in der Sprache ein symbolisches Handeln entwickelt. Reden ist schaft selbst in ihre Identitätskrise ein. Wie meist in einer be-
ein Handeln, das anderes Handeln darstellt oder vertritt. Das ginnenden Identitätskrise neigt sie, die Schuld zunächst bei an-
symbolische Handeln des sprachlichen Denkens gestattet, den deren zu finden. Man spricht von Mißbrauch der Wissenschaft.
direkten Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion zu un Aber der heute geschehende Gebrauch der Wissenschaft ist der
terbrechen. Das Urteil, das »Sagen, was der Fall ist«, tritt da unter den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen selbst-
zwischen. Erst durch diese Unterbrechung tritt an die Stelle der verständliche Gebrauch. Die Wissenschaft ist verpflichtet,
automatischen Reaktion eine Aktion, ein gewolltes, als frei er auch zu erkennen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse ver-
lebtes Handeln. Urteil und Handeln, Verstand und Wille, er ändert werden müssen, wenn die Gesellschaft die durch die
möglichen einander, indem sie auseinandertreten. Ein Wille Wissenschaft ermöglichte Weltveränderung überleben soll.
kann wollen, was ein Verstand denken kann. Deshalb erweitert Dieser Erkenntnis entziehen wir uns, weil ihr Weg uns zu-
eine Erweiterung des Denkbereichs automatisch den Bereich nächst in die Verzweiflung führt. Ein Beispiel genügt. Die
erfolgversprechenden Handelns. Und nicht die pragmatisch Kriegsverhütung durch atomare Abschreckung konnte uns nie
orientierten Gedanken sind letzten Endes die pragmatisch mehr als eine Gnadenfrist versprechen. Moderne Zerstörungs-
wirksamsten, denn sie dienen schon bekannten Zwecken in kapazitäten sind langfristig mit einer politischen Weltordnung
schon bekannten Situationen. Die neuen Horizonte des Han unvereinbar, in der es Regierungen politisch möglich und völ-
delns schließt das von allen vorgegebenen Handlungszielen
kerrechtlich erlaubt ist, Krieg zu beginnen. Eine andere Welt-
entlastete Denken auf, eben die reine Wahrheitssuche. Viel
ordnung als diese ist aber nicht in Sicht. Ob sie jenseits der jetzt
leicht ist dies eine pragmatische Erklärung dafür, daß die un
beginnenden Krise auf uns wartet, ist unserem heutigen Blick
nennbare Satisfaktion der Wahrheitssuche sich in den Wirren
verborgen. Diese Lage ist zum Verzweifeln, seit Jahrzehnten.
der Jahrtausende immer wieder durchgesetzt hat.
Aber es nützt uns nichts, all dies nicht zu denken. Gewußte
C. Es gehört zur Verantwortung der Wissenschaft, diesen
Verantwortung darf sich nicht durch die Leichtfertigkeiten des
Zusammenhang von Erkennen und Weltveränderung zu er
Optimismus oder Pessimismus lähmen lassen: »es wird schon
kennen. Dies nicht sehen zu wollen ist die große Versuchung
der Wissenschaft. Oft wirft man ihr zwar gerade das Gegenteil gutgehen« oder »man kann ja nichts machen«. Der Frosch, der
vor: die leichtfertig unternommene Weltveränderung. Daran ins Milchfaß fiel und strampelte, machte Butter und kam so
ist auch etwas Wahres. Das neugierige Kind ist zugleich spie- heraus; sein nicht strampelnder Bruder erstickte. Frösche
strampeln, Wissenschaftler denken. Deshalb ist es die erste Ver-
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antwortung des Wissenschaftlers, die Verflechtung von Er- suche aus. Aber die moderne wissenschaftliche Wahrheitssuche
kenntnis und Weltveränderung zu erkennen. Auch der Ausweg ist eingeengt durch das so fruchtbare Prinzip der
in politischen Radikalismus kann hier eine Drückebergerei Entscheidbar-keit der Fragen. »Was suchen Sie im Lichtkegel
sein, denn der Radikale weiß ja meist die »Wahrheit« schon, er dieser Straßenlaterne?« - »Meinen Hausschlüssel.« - »Haben Sie
sucht sie nicht mehr. ihn hier verloren?« - »Nein.« - »Warum suchen Sie dann hier?« -
D. Diese Erkenntnis mag, wie wirkliche Erkenntnis über- »Weil ich hier wenigstens etwas sehe.« Die lebenswichtigen
haupt, auch pragmatisch, politisch nützlich sein. Uns geht hier Fragen sind nicht die am leichtesten entscheidbaren.
an, daß sie den Begriff der Erkenntnis selbst verändern wird. Entscheidbare Theorie ist nicht Kontemplation des höchsten
Erinnern wir uns noch einmal der eingangs zitierten immanen- Sinns. Die Polarität von Verstand und Wille erreicht die
ten Tendenzen der heutigen Wissenschaften. In ihnen ist der Wahrheit nicht, um die es hier
Erfolg dort am offensichtlichsten, wo Strukturen in entscheid- geht.
barer Weise erkannt werden, von der Mathematik bis zur Mi- Der Mensch ist einer, wenngleich stets unvollkommenen,
krobiologie. Umstritten ist das Verständnis des Menschen für Wahrnehmung dessen fähig, worauf es für sein Leben an-
den Menschen. Erkenntnis ist selbst eine Leistung des Men- kommt. Diese Wahrnehmung ist nicht wertneutral; sie ist auch
schen. Verstehen wir, was Erkenntnis ist? nicht durch den Willen zu erzeugen. Sie ist kein Werk des Ur-
Die linke Bewegung der späten Sechziger jähre war eine zor- teils- und Handlungsvermögens. Man mag sie affektiv nennen.
nig-optimistische Vorwegnahme der Menschheitskrise. Ihre Sie ist liebend, manchmal auch hassend; sorgend, oft fürch-
geistigen Führer thematisierten die Frage nach der Erkenntnis tend; sie ist der Verzweiflung und der Beseligung fähig. In be-
in dem aristotelischen Begriffspaar von Theorie und Praxis. Sie scheidener Form geschieht sie jeden Tag, in unser aller Alltag.
sprachen vom moralischen Primat der Praxis und entlarvten die Ihre hohen Stufen aber sind dem Blick der modernen Rationa-
ideologische Funktion des Begriffs wertneutraler Theorie. lität entschwunden. Sie ist Wahrnehmung, also eine Weise der
Hiervon war soeben unter dem Titel »Verantwortung der Wis- Erkenntnis. Ein Erkenntnisbegriff, der sie nicht umfaßt, ist zu
senschaft« die Rede. Wertneutralität des Denkens ist freilich eng. Die neuzeitliche europäische Kultur hat Erkenntnis als
ein hoher Wert, eine Selbstdisziplinierung. Die Fähigkeit, sich theoretische, als zweckrationale, als moralische Einsicht unter-
auch von den eigenen Wertsetzungen kritisch zu distanzieren, schieden. Theoretische Einsicht gipfelt im Turm der Wissen-
ist eine Disziplin der Horizonterweiterung, eine Vorausset- schaft, zweckrationale wächst in die Breite der Technik und der
zung intelligenter Nächstenliebe im faktischen Pluralismus un- Wirtschaft, moralische umfaßt die Rationalität progressiver
serer Welt. Legitime Wertneutralität ist aber nicht ein An- Politik, den Rechtsstaat, die Wahrheitssuche der freien öffent-
spruch der Wissenschaft, mit den Problemen der Welt in Ruhe lichen Meinung, die soziale Gerechtigkeit. Keine dieser Poin-
gelassen zu werden; sie ist nicht das Ruhekissen des guten Ge- tierungen bietet der affektiven Wahrnehmung dessen, worauf
wissens. es ankommt, eine Heimat. Eine solche Heimat war einst die
Man darf hier an den aristotelischen Sinn von »Praxis« erin- Religion als Träger der Kultur. Sie wäre, so glaube ich, noch
nern. Praxis meint nicht Techne: die Fähigkeit, gesetzte immer die einzige Heimat, wenn sie mit dem modernen Be -
Zwecke zu verwirklichen. Praxis meint das handelnde Leben, wußtsein versöhnt werden könnte. Die Größe dieser Aufgabe
das seinen Sinn in sich selbst trägt, das also auch selbst die aber wird, wo man sie überhaupt will, meist unterschätzt. Das
Zwecke setzt. Theorie als reine Anschauung des höchsten moderne Bewußtsein müßte sich dazu nicht weniger radikal
Sinns ist für Aristoteles die höchste Praxis. Darin spiegelt sich weiterentwickeln als die überlieferte Religion. Ein Thema für
die Ermöglichung des Handelns durch das Urteil. Etwas davon andere Betrachtungen als dieser Aufsatz.
drückt sich im wissenschaftlichen Grundwert der Wahrheits- Eine neuzeitliche Pointierung der affektiven Wahrnehmung
findet sich in der Kunst. Kunst ist das Schaffen von Gestalten.
229
228
Mathematik, das Paradigma der Wissenschaft, schafft intellek- Was folgt?
tuelle Gestalten, »Strukturen«. Hier scheint sich Theorie als
der engere, künstlerische Produktivität als der umfassendere (1981)
Begriff anzubieten. Wissenschaftliche Kreativität ist in der Tat
der künstlerischen verwandt.
Die Einschränkung der Wirklichkeit, auch des Erkenntnis-
begriffs, auf die Willens- und Verstandeswelt schafft eine Ver- Der Friede ist bedroht. Er ist bedroht, weil er niemals wahrer
zerrung des Blicks und des Handelns, die sich heute mörde- Friede war. Er war ein Waffenstillstand der Großmächte in ei-
risch auswirkt. Die Krise dieser Verzerrung ist unausweichlich. ner von Konflikten gepeinigten Menschheit. Selbst dieser Waf-
Der Versuch, den Erkenntnisbegriff erkennend zu verändern, fenstillstand könnte in den kommenden zehn Jahren zusam-
steht freilich unter dem Schatten der Einsicht, daß Philosophie menbrechen.
für uns Menschen zu schwer ist. Aber wissenschaftliche Para- Die Aufsätze dieses Buches waren vom ersten Augenblick an -
digmenwechsel sind nie ohne jene äußerste Anstrengung der seit dem August 1945 - von der Sorge vor dem Zusammenbruch
Wahrheitssuche geglückt, die man eben Philosophie nennt. des großen Waffenstillstands bestimmt. Das Schlußkapitel sucht
die Folgerungen zu ziehen. Im vorangegangenen Aufsatz wurde
der Entstehungszusammenhang der Texte erläutert. Jetzt käme
es darauf an, ein zusammenfassendes Bild der heutigen Lage zu
zeichnen. Dabei sind die Details wegzulassen; für sie wird auf
die das jeweilige Problem behandelnden Aufsätze dieses Buchs
und ihre Ergänzung durch andere Bücher (vor allem »Wege in
der Gefahr«) verwiesen. Im Bewußtsein der unvermeidlichen
Subjektivität der eigenen Sichtweise und der damit
verbundenen Möglichkeit der Blickverzerrung und des Irrtums
muß der Verfasser hier in einfacher Strichführung hervorheben,
was er wichtig findet.
Es handelt sich um zwei Aufgaben: zuerst die Analyse der
Gründe der gegenwärtigen Gefahr, dann die Angabe möglicher
Schritte in dieser Gefahr.
Die Analyse der Gründe der Gefahr wird von denjenigen
Feldern ausgehen, die der direkten politischen Entscheidung
am zugänglichsten erscheinen. Sie wird von hier aus schritt-
weise zu den allgemeinen Voraussetzungen alles heutigen poli-
tischen Handelns aufsteigen. Gehen wir so von den konkreten
Entscheidungsfeldern aus, so erscheint die heutige Steigerung
der Gefahr zunächst nicht wie das lauter werdende Ticken eines
vor langer Zeit gestellten einzigen Weckers, sondern wie eine
Koinzidenz unabhängiger Einzelursachen, wie das Zu-
sammenbranden mehrerer Wellen, die von verschiedenen
Zentren ausgehen. Die Analyse muß diese Ursachen einzeln

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bezeichnen, denn auch das politische Handeln, das ihnen be- auf und nennt sich Schritte in der Gefahr. Wege aus der Gefahr*
gegnen soll, besteht aus einzelnen Schritten. Im Aufstieg zu sind denkbar, sie sind möglich, aber daß wir sie beschreiten,
allgemeineren Gründen zeigt sich aber ein gemeinsamer Zug liegt nicht in der Macht eines Menschen oder einer Partei. Sie zu
der Ereignisse. Er wird hier als das Wanken der großen Ent- beschreiten würde ein Zusammenwirken der Vernunft in der
würfe bezeichnet. Zukunftshoffnung und Krisenabwehr ist in Menschheit voraussetzen, und daß dies geschieht, liegt in einem
der neueren Zeit in eine Reihe großer Entwürfe gekleidet wor- präzisen Sinne in Gottes Hand. Schritte in der Gefahr sind
den. Das »Zusammenbranden mehrerer Wellen« ist der Vor- Schritte, die ein Einzelner, eine Partei, eine Nation oder eine
gang, daß die wichtigsten dieser Entwürfe gleichzeitig ins Wan- imperiale Führung heute wirklich tun kann. Sie müssen drei
ken geraten sind und vielen Beobachtern schon als gescheitert Bedingungen genügen. Sie müssen erstens an den jeweils sicht-
erscheinen. Wir verfolgen dies im Aufstieg über eine Stufenleiter baren Abgründen rettend vorbeiführen. So müssen sie zwei-
von sechs Bereichen, die bezeichnet seien als tens den bestehenden Weltzustand bewahrend fortbilden, an-
ders gesagt, die Welt ohne Katastrophen verändern. Sie müssen
Rüstung drittens in der Richtung auf einen großen, radikalen Wandel
Außenpolitik des Bewußtseins und der Organisationsformen führen. Um all
Wirtschaft dies zu können, müssen sie nach den Maßstäben des heute un-
Gesellschaft erreichbaren Zusammenwirkens der Vernunft erkennbar ver-
Kultur nünftig sein: vernünftig, d. h. dieses künftige Zusammenwir-
Menschlichkeit. ken erleichternd und nicht erschwerend; erkennbar vernünftig,
d. h. sichtbare Zeichen dafür setzend, wohin der Weg weiter
Die Untertitel der sechs Abschnitte des Aufstiegs, von »Rü- führen sollte.
stungskontrolle« bis »Humanität«, kennzeichnen die dem je- Das Buch endet also mit den konkreten Entscheidungen von
weiligen Bereich zugehörigen großen Entwürfe. heute. Wer Politik will, muß nicht mit Visionen, sondern mit
Das Mittelstück des Aufsatzes verharrt, unter dem Titel Politik der Forderung des Tages schließen.
und Menschlichkeit, im obersten der sechs Bereiche. Es ist eine
Besinnung, die vom Aufstieg, d. h. der Frage nach den Ursachen
der Gefahr, überleitet zum Abstieg, der Frage nach möglichen Das Wanken der großen Entwürfe
Schritten in der Gefahr. Es rekapituliert selbst in Kürze diese
Bewegung von Aufstieg, Besinnung und Abstieg, indem es sich Rüstungskontrolle. Die akute Gefahr der Achtzigerjahre ist ein
in drei Unterabschnitte gliedert: eine Reflexion auf die Gründe Krieg, der sich zum Weltkrieg auswachsen könnte.
des Wankens der großen Entwürfe, eine Besinnung auf den das Diese Gefahr hat zunächst drei voneinander unterscheidbare
ganze Buch durchziehenden Zusammenhang von rüstungstechnische Gründe. In erster Linie: die Sowjetunion
Menschlichkeit und Religion, und eine Erörterung der erreicht vermutlich jetzt das relative Maximum ihrer Rüstungs-
Grundfrage nach der Anwendung radikaler Ethik in politi-
schen Entscheidungen. * Erhard Eppler stellt in seinem engagierten und lesenswerten Buch Wege aus
Der dritte Teil des Aufsatzes steigt durch dieselben Bereiche der Gefahr (Reinbek bei Hamburg, 1981) das, was ich in meinem Buch Wege in
wieder ab bis zu den konkreten politischen Entscheidungen der Gefahr (1976) der Politik der Siebzigerjahre vorzuschlagen wagte, in Zu-
der gegenwärtigen Jahre. Dieser Rückgang zur Politik hat nicht sammenhang mit dem Begriff des Krisenmanagements (S. 11). Was er mit dem
in der Politik nötigen Optimismus Wege aus der Gefahr nennt, ist in meiner
den Charakter eines neuen »großen Entwurfs«. Er greift, leicht Sprache die eben noch sichtbare Fortsetzung der Wege in der Gefahr, auf denen
modifiziert und noch bescheidener, einen älteren Titel wieder wir heute konkrete Schritte tun müssen.

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stärke, verglichen mit der Rüstung des Westens. In zweiter Li- tik. Die Kritiker dieser Politik halten diesen großen Entwurf
nie: der technische Fortschritt der Waffen, der noch immer damit für widerlegt. Widerlegt ist aber nur eine Hoffnung, die
seine Spitze in den USA hat, führt zur »Remilitarisierung der dem Entwurf mehr zutraute, als er jemals hätte leisten können.
Atomwaffen«, d. h. zur Entwicklung von mehr und mehr Entspannungspolitik der Weltmächte - denn um diese geht es
Atomwaffen für begrenzten und darum bei Fortbestehen der hier - ist sinnvoll als deren gemeinsame Interessenpolitik. Ihr
großen Abschreckung möglichen Einsatz. In dritter Linie: die gemeinsames Interesse ist, den großen Krieg zu vermeiden,
Rüstung der vielen einander feindlich gegenüberstehenden Na- heute wie vor fünfzehn und vor dreißig Jahren. Dieses gemein-
tionen der Dritten Welt nimmt ständig zu, einschließlich einer same Interesse wurde selbst im Kalten Krieg respektiert; des-
langsamen und unaufhaltsamen Proliferation der Atomwaffen. halb blieb er »kalt«. Entspannung war hierüber hinaus aber der
Der große Entwurf der Rüstungskontrolle, vor über zwei technische Name der Phase kooperativer Bipolarität im welt-
Jahrzehnten als Lösung des Rüstungsproblems begrüßt, hat politischen Zyklus, also der Phase, die sich mit Kennedy vor-
seine Fruchtbarkeit erschöpft, wenn sie je bestand; er ist ge- bereitete und wohl mit dem Abgang Kissingers ihrem Ende
scheitert. Rüstungskontrolle wurde damals angeboten als reali- zuging. Die heute erneute Tendenz zu gegnerischer Bipolarität
stische Alternative zur unrealistischen Hoffnung auf Abrü- ist jedoch für alle Beteiligten gefährlicher als es vor dreißig Jah-
stung. Tatsächlich ist nicht nur flagrant in der Sowjetunion, ren der Kalte Krieg war. Dies liegt zum Teil an den drei Fakto-
sondern auch in den USA die Realität der Aufrüstung stets ne- ren der rüstungspolitischen Entwicklung, die damals so nicht
ben der Diplomatie der Rüstungskontrolle einhergegangen. existierten: die Sowjetunion war zum militärischen Angriff
Nun ist zwar zutreffend gesagt worden, daß ein Rüstungswett- nicht fähig, der begrenzte Atomkrieg war technisch nicht vor-
lauf allein keinen Krieg zu erzeugen braucht. Aber die Lehre bereitet, und die Dritte Welt war machtlos. Es liegt auch an
der Geschichte ist zum mindesten, daß er den Krieg auch nicht wiederum unabhängigen außenpolitischen Veränderungen in
permanent verhindert. Der große Entwurf der Rüstungskon- allen drei Regionen:
trolle sollte zunächst einmal eine rüstungspolitische Stabilität In der Dritten Welt, d. h. dem größten und politisch am mei-
schaffen, von der aus das historisch Beispiellose versucht wer- sten zersplitterten Teil der Erde hat es seit 1945 weit mehr als
den sollte, den Krieg, wenigstens den großen Krieg der Groß- hundert Kriege gegeben. Solche Kriege sind wohl das bis heute
mächte, permanent abzuschaffen. Es war der entsetzliche Irr- weltgeschichtlich Normale, jetzt nur gesteigert durch die lang-
tum der Sechziger- und Siebziger jähre, die Überwindung des same Auffüllung des vom Kolonialsystem hinterlassenen
großen Kriegs sei mit Abschreckung und Rüstungskontrolle Machtvakuums. Diese Kriegsbereitschaft wird fortdauern, ist
schon geleistet. Die drei oben genannten Gründe, drei aus der aber solange keine Weltkriegsgefahr, als die Großmächte ent-
inneren Dynamik dreier Weltregionen heute zusammenbran- schlossen sind, gegeneinander Frieden zu halten. Die Sowjet-
dende Wellen, lassen das jetzt als Illusion erkennen. Man kann
union ist jedoch durch ihre fortschreitende Schwäche in allen
jetzt begrenzte Atomkriege führen; manches spricht dafür, daß
Bereichen außer dem militärischen und durch die Erwartung
man sie eines Tages führen wird; und wenn der erste und zweite
der amerikanischen Aufrüstung genötigt, militärisch zu ern-
von ihnen begrenzt bleiben sollte, so braucht es der dritte nicht
mehr zu bleiben. Man wird legitim den Begriff der Rüstungs- tende Früchte bald zu ernten. Das wird vor allem in Asien,
kontrolle im diplomatischen Austausch weiter benützen; seine zumal im Umkreis des Persischen Golfs, gelten. Während die
Funktion als großer Entwurf zum Frieden hat er verloren. sowjetische Politik gleichmäßig machtorientiert ist, bewegt
sich die amerikanische Politik in Wellen, in Pendelausschlägen,
Entspannung. Man spricht heute oft von einem bevorstehen- und ihr jetziger Pendelausschlag zielt auf Wiedergewinnung ih-
den oder schon geschehenen Scheitern der Entspannungspoli- rer hegemonialen Weltposition. Diese Tendenz, die in West-
europa nicht geteilt wird, droht eine Entfremdung zwischen

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den westlichen Verbündeten an, und damit, durchschaubar Positionen durch politische Maßnahmen zu halten, beschleu-
kontraproduktiv, eine Schwächung des westlichen Bündnisses, nigt das Übel (s. die pessimistische Version der langfristigen
im sensibelsten, dem europäischen Bereich. Wirtschaftsprognose). Welchem äußeren oder inneren Feind
Auch die Kombination der außen- und rüstungspolitischen wird man nun das unverstandene Übel anlasten?
Probleme bedeutet für die kommenden zehn Jahre keine Not- In dieser Darstellung, ja im ganzen Buch tritt die ökologi-
wendigkeit eines großen Kriegs, sondern nur einen höheren sche Krise an Bedeutung zurück. Das heißt nicht, daß sie als
Gefahrenpegel als in allen vorangegangenen Jahrzehnten. Das unreal angesehen würde, aber sie ist längerfristig. Soweit die
Absinken des Elans der Entspannung, so naiv dieser gewesen Besorgnisse des Klubs von Rom gut begründet waren, bezogen
sein mag, bedeutet aber foreign policy as usual, und Außen- sie sich auf das kommende Jahrhundert eher als auf die kom-
politik wie gehabt hat bisher stets in der Weltgeschichte am menden zwei Jahrzehnte. War die Öffentlichkeit in den Sechzi-
Ende Krieg bedeutet. gerjahren gegenüber den ökologischen Gefahren schlafend, so
wurde sie in den Siebzigerjahren voreilig überwach und vergaß
Weltmarkt. Wirtschaftlich führend in der Welt sind heute, und darüber nähere Gefahren - man fürchtete den Reaktor und ver-
noch - solange kein großer Krieg kommt - auf unabsehbare gaß die Bombe. Sollten wir freilich die Krisen der nächsten
Zeit, die kapitalistischen Nationen des Westens. Der Kapitalis- zwei Jahrzehnte ohne Katastrophen überstehen, so könnten
mus ist wenigstens seit zweihundert Jahren durch wechselnde sich die ökologischen Probleme als die größten erweisen. Sie
Expansionen und Krisen gegangen. Die wirtschaftlichen Kri- würden dann in besonderem Maße der zusammenwirkenden
sen haben ihn nie umgebracht, aber sie haben manchmal Vernunft der Menschheit bedürfen.
schwere politische Krisen ausgelöst; so die große Weltwirt- Dies führt uns auf eine zentrale Schwäche des Weltmarkts
schaftskrise von 1929, der wir Hitler und den Zweiten Welt- zurück: das Fehlen eines ihn regulierenden umfassenden staat-
krieg verdanken. Dann und wann erzeugen die Krisen eine per- lichen Rahmens. Langfristig fordern Kriegsverhütung und
manente weltwirtschaftliche Gewichtsverlagerung. Es ist, zum Weltwirtschaft dasselbe: einen weltweiten staatsähnlichen
mindesten äußerlich angesehen, ein Zufall, daß sich heute eine Rahmen. Die einzige Alternative zu diesem Rahmen wäre, au-
solche krisenhafte Gewichtsverlagerung für die zugleich au- ßer der Katastrophe, eine radikal asketische Weltkultur, welche
ßen- und rüstungspolitisch kritischen Achtziger)ahre ankün- die Menschen allseits mit einer lokal genährten
digt. Subsistenzwirt-schaft zufrieden sein ließe: eine Umwertung
Der Kapitalismus war vermutlich von jeher in erheblichem aller Werte.
Maße Weltwirtschaft, auch wenn seine Theorie sich nur als
Na-tional-Okonomie bezeichnete. Nach 1945 wurde die Liberaler Rechtsstaat, Demokratie und Sozialismus. Die euro-
Expansion des Weltmarkts zumal für Westeuropa und Japan päische Neuzeit hat eine radikale Veränderung in der mora-
lebenswichtig. Man kann die Expansion in den Weltmarkt als lischen Beurteilung gesellschaftlicher Verhältnisse vollzogen:
den großen Entwurf des »Wirtschaftswunders« der den Übergang vom Ethos des Herrschens und Dienens zum
Nachkriegszeit verstehen. Die gegenwärtigen Ethos der Freiheit und Gleichheit. Die politische Gestalt des
Stagnationstendenzen betreffen die führenden Länder (USA, neuen Ethos heißt Rechtsstaat und Demokratie, die ökono-
Westeuropa und, in ihrem Bereich, die Sowjetunion) mehr als misch-soziale Gestalt heißt Sozialismus. Dies sind die langfri-
den Durchschnitt der Entwicklungsländer, und sie betreffen stigen großen gesellschaftlichen Entwürfe unseres Jahrhun-
den Arbeitsmarkt tiefer als das Produktionsvolumen. Der derts. Alle drei - nicht immer verbündet - schienen nach dem
Markt drängt die hochbezahlte Arbeitskraft der wirtschaftlich Zweiten Weltkrieg im Vormarsch zu sein. Alle drei sind ins
herrschenden Länder in eine auf die Dauer unhaltbare Wanken geraten.
Defensive; und der Versuch, unhaltbare Nach der in diesem Buch vertretenen Meinung ist die klügste

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politische Erfindung der europäischen Neuzeit der liberale sich nicht zum Sozialismus bekennen. Die wahre Kluft aber ist
Rechtsstaat. Er verdankt der absolutistischen Tendenz der frü- nicht diese, sondern sie geht mitten durch den Sozialismus; sie
heren Neuzeit Westeuropas die Stärke des Staats, der das glei- spaltet diejenigen, welche den freiheitlichen Rechtsstaat in der
che Recht seiner Bürger (citoyens) durchzusetzen vermag, Gestalt der repräsentativen Demokratie, mit Wahl- und Mei-
soweit er es anerkennt. Er verdankt dem politischen Sieg der nungsfreiheit, anerkennen, von denen, die ihn bekämpfen. Der
damals ökonomisch schon herrschenden Bürger (bourgeois) harte, substanzielle Sinn des Sozialismus ist die ökonomische
das Pathos der Freiheit. Die faktische Basis dieser politischen Forderung der Vergesellschaftung der Produktionsmittel. So-
Freiheit ist die ökonomische Freiheit: der Markt. Ihre ideelle zialtheoretisch stehen sich der freie Markt und die vergesell-
Basis aber, die jeder von uns, wo sie vergessen wird, im Prinzip schafteten Produktionsmittel als zwei alternative Ausprägun-
öffentlich einklagen darf, ist, daß politische Freiheit nicht dieje- gen der egalitären Grundstimmung der Neuzeit, des Ethos
nige ist, die ich für mich fordere, sondern diejenige, die ich dem der Freiheit und Gleichheit gegenüber. Ob der freiheitliche
Mitbürger gewähre. Hier ist der Zusammenhang von Freiheit Rechtsstaat mit dem strikten ökonomischen Sozialismus ver-
und Wahrheit wesentlich; Freiheit heißt Spielraum zur gemein- einbar ist, ist bisher durch kein funktionsfähiges Modell nach-
samen öffentlichen Wahrheitssuche, Freiheit des Worts. gewiesen. Die Sozialisten in der repräsentativen Demokratie
Demokratie und Sozialismus gehen in ihrem Pathos über den haben sich mit Kompromissen begnügt, die den großen Ent-
freiheitlichen Rechtsstaat hinaus. Sie sehen ihn als formal an wurf des ökonomischen Sozialismus kaum mehr ausdrücken.
und fordern Substanz. Die Forderung ist begründet, aber man Die Sozialdemokratie ist eine liberale Partei, und nicht die
kann nicht sagen, daß es gelungen sei, sie zu erfüllen. Demo- schlechteste. Die Gewerkschaften sind objektiv ein Interessen-
kratie ist zu einem verwaschenen Wort geworden, das jeder für kartell im Kapitalismus. Der radikale Sozialismus der kommu-
sich in Anspruch nimmt. Sinnvollerweise könnte Demokratie nistischen Parteien hat sich nur in rückständigen Ländern
heute bedeuten: Entscheidung nicht durch die Sachverständi- durchgesetzt. Seine funktionale Leistung dort scheint am ehe-
gen, sondern durch die Betroffenen. Diese Forderung ist hart sten analog derjenigen des vorbürgerlichen westeuropäischen
genug, um weh zu tun, also um Substanz zu behalten. Sie ver- Absolutismus. Die Enttäuschung an ihm dürfte eine der be-
langt, wenn sie nicht zur Katastrophe führen soll, daß die Be- wegenden Kräfte des kommenden Jahrzehnts sein, wie es die
troffenen sich hinreichend sachverständig machen; sie impli- Krise Chinas seit Maos Tod schon andeutet. Die westliche Be-
wegung der Neuen Linken schließlich, jetzt bald anderthalb
ziert eine unermeßliche Selbsterziehungsaufgabe. Die inneren
Jahrzehnte zurückliegend, war objektiv gescheitert, ehe sie be-
Krisen kapitalistischer wie sozialistischer moderner Gesell-
gann. Ihr Scheitern aber bedeutet keinen dauerhaften Sieg des
schaften hängen mit der Ungelöstheit dieser Aufgabe zusam-
bestehenden Systems, sondern einen Beitrag mehr zur Ent-
men. Die Entfremdung der Jugend von der herrschenden Ord- fremdung der Jugend von diesem System.
nung spiegelt eine objektive Verzweiflung an ihrer Lösung. An Die akuten Probleme der Rüstungs-, Außen- und Wirt-
sich ist die heutige Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Ge- schaftspolitik stoßen somit auf eine in ihren progressiven Idea-
sellschaft nicht größer, sondern zweifellos geringer als einst die len zutiefst verunsicherte, eines selbstgewissen Konservatis-
Ohnmacht des Dienenden gegenüber dem Herrschenden. mus aber seit langem unfähige Gesellschaft.
Aber damals war Herrschaft selbstverständlich; heute hat der
große Entwurf demokratischer Selbstbestimmung Hoffnun- Technische Kultur. Selbstgewiß konservativ ist eine Kultur in
gen erweckt, die unter den Funktionsbedingungen der techni- denjenigen ihrer Züge, von denen sie gar nicht weiß, daß man
schen Kultur vorerst nur enttäuscht werden können. sich vernünftigerweise anders verhalten könnte. Konservativ
Sozialismus ist insofern ein weniger verwaschenes Wort als sein in diesem Sinne bedeutet also niemals einen großen Ent-
Demokratie, als es anerkannte demokratische Parteien gibt, die

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wurf; es bedeutet die Überflüssigkeit großer Entwürfe. Kon- könnte, zu einer demokratischen Askese, einer asketischen
servativ in diesem Sinne waren die großen außereuropäischen Weltkultur, ist unabsehbar weit. Was wir bekommen werden,
Kulturen, als die aggressive europäische Zivilisation auf sie ist ein Kompromiß, eine kleine Kurskorrektur, vermutlich un-
stieß. Sie alle mußten lernen, daß Verteidigung ohne Anpas- zureichend, um unsere langfristigen ökologischen Probleme zu
sung unmöglich ist. Diese Krise ist nirgends überwunden. Sie lösen, aber eine Bremse für das Wachstum und ein Zeichen
kann es nicht sein, da die europäische Kultur mitten in dersel- mehr für das Wanken der großen Entwürfe.
ben Krise steckt. Aus dem Schoß ihrer eigenen unbewußt kon- In der Tat dürfte die Technikgegnerschaft das Anzeichen ei-
servativen Haltung hat sie die aggressive Weltveränderung ge- nes völlig ungelösten, aber der Menschheit unausweichlich auf-
boren. Alle bisher aufgezählten Probleme zeigen, wie wenig sie gegebenen Problems sein - das Anzeichen, aber zunächst in der
den damit gesetzten Konflikt mit sich selbst zu lösen vermocht Form einer aussichtslosen Flucht vor dem Problem. In älteren
hat. stabilisierten Kulturen war das, was man technisch leisten
Der harte Kern der neuzeitlichen europäischen Kultur ist die konnte, etwa im Gleichgewicht mit dem, was die gesellschaft-
Naturwissenschaft und die durch sie ermöglichte moderne lichen Gewohnheiten, die ethischen Normen, die politischen
Form der Technik. Das heißt nicht, daß sie das bedeutendste Entscheidungsmechanismen zu bewältigen vermochten. Dieses
bewußte Ziel der europäischen Kultur gewesen wäre. Darin Gleichgewicht ist heute radikal zerstört. Wir können technisch
stand sie stets in Konkurrenz zu den Werten religiöser Inbrunst, mehr, als wir gesellschaftlich, ethisch, politisch bewältigen. Die
politischer Macht, bürgerlicher Freiheit, sozialer Gerechtigkeit, Hoffnung ist naiv, durch technische Selbstentmannung das
künstlerischer Individualität, elementaren Glücksverlangens. Gleichgewicht wiederherzustellen. Wir müssen Gesellschaft,
Sie ist der harte Kern, insofern sie sich als einziger dieser Werte Ethik, Politik so radikal weiterentwickeln, wie wir die Technik
überall fraglos durchgesetzt hat. Technische Kultur ist der große schon entwickelt haben - bei Strafe des Untergangs. Wer sollte
Entwurf, um dessen Verwirklichung der Sozialismus mit dem da nicht Krisen erwarten?
Kapitalismus wetteifert; ihre Übernahme ist die
Anpassungsleistung der außereuropäischen Kulturen, ohne die Humanität. Offenbar geht es um eine Entfaltung des Men-
sie sich der Selbstverteidigung nicht fähig fühlen. schen, um einen Bewußtseinswandel. In der Tat wäre keines
Eben darum hat der Protest der Jugend einen sicheren In- der aufgezählten Probleme unlösbar, wenn eine zusammenwir-
stinkt, wenn er sich gegen die großtechnische Zivilisation wen- kende Vernunft der Menschheit sich seiner annähme. Und
det. In diesem Instinkt hat er die Konservativen des alten Eu- dieses Zusammenwirken bedürfte nicht eines vollen intellektu-
ropa wie einige Radikale des neueren Asien auf seiner Seite; ellen Verständnisses jedes Einzelnen für den Sachgehalt der
man lese Goethes »Wanderjahre« oder Gandhis Selbstbiogra- Probleme. Es bedürfte nur einer Delegation der Entscheidung
phie. Die öffentliche Neurose der Kernenergiegegnerschaft hat an Personen, die Vertrauen genießen und der Sachfragen mächtig
vielleicht ihren berechtigten Kern nicht nur in der verdrängten sind. Um einander zu verstehen, von Kultur zu Kultur, von
Bombenangst, sondern in der symbolischen Bedeutung des Interessengruppe zu Interessengruppe, von Generation zu Ge-
Reaktors wie der Bombe für die technische Zivilisation. neration, bedürften diese einer gemeinsamen Denkweise und
Auch diese Gegnerschaft aber bezeichnet zunächst nur, daß Sittlichkeit, ohne daß einer darum den Rahmen seiner Kultur,
einer der größten Entwürfe öffentlich ins Wanken gerät - zur seiner Interessengruppe, seiner Generation verlassen müßte.
Verzweiflung derer, die für das Weiterfunktionieren unserer Einen Menschen verstehen heißt verstehen, inwiefern er legitim
Wirtschaft verantwortlich sind. Sie kündigt ein neues, tiefes anders ist als ich selbst. In dem Wort »legitim« aber liegt das
Krisenpotential an, aber keine Lösung. Denn der politische Gemeinsame, die Humanität.
Weg zu einer Gesellschaft, die auf die Großtechnik verzichten Die europäische Neuzeit hat an die Entfaltbarkeit der

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menschlichen Natur zur gemeinsamen Humanität geglaubt. stischen Systems, das er verkörpert. Dieses System ist der ein-
Vielleicht war das ihr größter Entwurf. Vielleicht ist eben zige Weg zum Reichtum, den die neuzeitliche Menschheit ge-
darum das Versagen der Humanität ihre tiefste Enttäuschung. funden hat. Stets krisenanfällig, hat es bisher doch stets seine
Wir nehmen das Versagen der Humanität meist an den Anderen Krisen gemeistert. Es ist jedoch ein für sich allein unzureichen-
wahr. Darum ist die Welt voll von enttäuschtem Vertrauen, von
der Weg zu sozialer Gerechtigkeit, ein unzureichender Beitrag
stets aufs neue bestätigtem Mißtrauen. Noch im Mißtrauen gibt
zum Frieden. Der Markt ersetzt die politische Ordnung nicht,
es eine Art gemeinsamer Vernunft, wenn man den Gegner zwar
er bedarf ihrer und macht sie dann allenfalls ökonomisch le-
für böse, aber für berechenbar halten kann. Das war die reale
bensfähig. Der Weltmarkt ersetzt die fehlende politische Welt-
Basis der Koexistenz der Weltmächte in diesen 36 Jahren. Die
ordnung nicht, er bedarf ihrer.
Erosion selbst dieses Vertrauens ist vielleicht die Wurzel der
Der liberale Rechtsstaat ist Vorbedingung des
akuten Gefahr.
Funktionie-rens moderner politischer Vernunft, aber er ist
nicht selbst diese Vernunft. Als Instrument zum Ausgleich
hemmungslos verfolgter Gruppeninteressen ist er zu schwach.
Politik und Menschlichkeit
Demokratie, ernstgenommen, stellt eine bis heute ungelöste
Erziehungsaufgabe. Erziehung heißt hier nicht nur »education«,
Gründe des Scheiterns. Warum wanken die großen Entwürfe?
Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, sondern Einübung
Wohl weil jedem von ihnen die Wahrheit fehlt, die er für sich in
Anspruch genommen hat. der Fähigkeit, den Mitmenschen wahrzunehmen, der
Solidarität. Der Sozialismus hat die Solidarität zu seinem
Knapp rekapitulierend gehen wir die soeben durchlaufene
Leitbegriff gemacht. Er hat sich heute in mannigfacher Gestalt
Reihe der Entwürfe noch einmal durch.
als Interessenvertreter etabliert, als großer Entwurf aber den
Rüstungskontrolle, ein nützliches diplomatisches Instru-
Atem verloren. Soweit er Ideologie absolutistischer Bürokratien
ment, konnte ihrer begrenzten Reichweite wegen niemals fähig
sein, das Problem der Kriegsverhütung permanent zu lösen. geworden ist, ist er ein unerträglicher Rückschritt gegenüber
Der große Entwurf, der sie gerechtfertigt hätte, war, eine zeit- dem liberalen Rechtsstaat. Seine vor zwölf Jahren so
weilige Stabilität, eine Atempause zu schaffen, um eine radikale eindrucksvolle jugendlich militante Gestalt ist am »moralischen
Verwandlung der Weltpolitik beginnen zu lassen. Diese Ver- Problem der Moral«, der selbstgerechten Verteufelung des
wandlung war vielleicht unmöglich. Jedenfalls blieb sie aus, Gegners, moralisch gescheitert.
und die Friedenswahrung durch Rüstungskontrolle wurde eine Der technische Fortschritt erweist sich als das, was er immer
Art Opium fürs Volk, die Bewahrung eines Schlafs, solange war: ein Mittel zu Zwecken, unfähig die Zwecke selbst human
noch Zeit zum Handeln gewesen wäre. zu bestimmen.
Entspannung war in der Ebene politischer Stimmungen ein Der Grund des Scheiterns der großen Entwürfe ist überall
ähnliches Instrument. Sie sollte ein auf Erkenntnis des ge- derselbe: die unzureichende Wahrnehmung des Menschen für
meinsamen Überlebensinteresses gegründetes internationales den Menschen, die Unfähigkeit zur Humanität. Jedes der poli-
Gleichgewicht entstehen lassen. Aber in der bisherigen Ge- tischen Probleme wäre in zusammenwirkender Vernunft lösbar.
schichte waren solche Gleichgewichte stets durch periodisch Wir Menschen aber erweisen uns als emotional unfähig, die
wiederkehrende Kriege stabilisiert. Der Gleichgewichtsgedanke gemeinsam tätige Vernunft ernstlich zu wollen; denn wollten
allein ist zur Überwindung des Kriegs nicht fähig. Entspan- wir sie, so würden wir nach ihr handeln.
nung blieb eine Phase im weltpolitischen Zyklus.
Der Weltmarkt hat die Stärken und Schwächen des kapitali- Menschlichkeit und Religion. Die emotionale Fähigkeit, den
Mitmenschen als Mitmenschen wahrzunehmen, heißt Näch-
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stenliebe. Das ist ein Wort aus der Überlieferung der jüdisch- oder besserem Ersatz des Verlorenen wachrufen. Drei solche
christlichen Religion. Der Halt an der Praxis der überlieferten Verluste seien hier genannt, der Verlust der Geborgenheit, der
Religion ist dem modernen Bewußtsein entglitten. Das begann Verlust der affektiven Vernunft des Mythos, der Verlust der Fä-
mit dem moralischen Zorn der Aufklärung gegen kirchliche higkeit zu liebender radikaler Ethik.
Herrschaft, es vollendete sich, radikaler, durch die Wertneutra- Geborgenheit geht in jeder großen Krise verloren und stellt
lität des technischen Fortschritts. Hier entsteht ein Vakuum. sich, wenn die Krise überlebt wird, auf anderer Ebene in un-
Vielleicht ist die Unfähigkeit, dieses Vakuum auszufüllen, ist vorhersehbarer Gestalt wieder her. Die Geborgenheit des Ver-
das Verlangen nach einem noch unerreichbaren neuen Inhalt, standes in einer einzigen, alle anderen als Irrlehren ausschlie-
der liebend ergriffen werden könnte, die Wurzel der heutigen ßenden religiösen Dogmatik dürfte unwiderruflich vergangen
Menschheitskrise. sein. Wie die Wahrheit der Religion angesichts der Vielheit ihrer
Religion ist nicht das Thema dieses Buchs, aber einige Worte Gestalten zu denken ist, ist die vielleicht wichtigste philoso-
über ihre Beziehung zur heutigen Krise sind nötig. Wir kennen phische Frage der Zukunft, aber kein Gegenstand dieses Bu-
Religion in wenigstens vierfacher Gestalt: als Träger einer Kultur, ches. Hier ist die Ungeborgenheit eine Folge des unstillbaren
als Grund einer radikalen Ethik, als innere Erfahrung, als Verlangens nach Wahrheit. Vermutlich ist es ebenso im prakti-
Theologie. schen Feld. Die Geborgenheit des Willens in einem religiös
Religion als Träger einer Kultur formt das soziale Leben, legitimierten Herrschaftssystem ist gerade religiös problema-
gliedert die Zeiten, bestimmt oder rechtfertigt die Moral, inter- tisch. Religiös begründete radikale Ethik wie die der Bergpre-
digt macht die Menschen wenigstens vor Gott frei und gleich.
pretiert die Ängste, gestaltet die Freuden, tröstet die Hilflosen,
Aber Verstand und Wille allein, selbst als radikale Wahrheits-
deutet die Welt. Diese ihre überlieferte Form ist es, die dem
suche und radikales Ethos, geben dem Menschen nicht die
modernen Bewußtsein entgleitet. Die moderne Kultur ist eine
af-fektive Geborgenheit. Sie geben ihm nicht das Wissen,
Kultur des Verstandes und des Willens. Das spiegelt sich noch
geliebt zu sein, sie geben ihm nicht die Fähigkeit zu lieben. Die
in der traditionellen Einteilung ihrer Philosophie in theoreti-
bloße Willens- und Verstandeswelt ist, mit ihren hohen Idealen,
sche und praktische Philosophie. Der harte Kern neuzeitlicher
psychologisch gesehen eine große Neurose.
Theorie ist die Wissenschaft, der gegenüber die Theologie seit
Die affektive Vernunft des Mythos - das ist ein komplizierter
Jahrhunderten auf einem apologetischen Rückzug ist. Prakti - Name für eine einfache Sache, für welche nur gerade die Wil-
sche Philosophie meint nicht die der Naturwissenschaft zuge- lens- und Verstandeswelt, die Welt der Wissenschaft, der Wirt-
hörige Technik, sondern die sittliche Regulierung des Willens, schaft und der technischen Macht, keinen Namen hat. Die
das Normative, wie man heute gerne sagt. Der harte Kern der Wahrnehmung des Menschen wie die jedes Tiers ist elementar
neuzeitlichen Praxis ist der Übergang von dem religiös gerecht- affektiv. Liebend, begehrend, fürchtend nehmen wir wahr. Die
fertigten Ethos des Herrschens und Dienens zum Ethos der Affekte sind vernünftig, aber in der Kultur belehrungsbedürftig.
Freiheit und Gleichheit. Beide Bewegungen, die theoretische Die große mythische Bilderwelt der überlieferten Religion gab
wie die praktische, zeigen die Unmöglichkeit, in die überlie- den menschlichen Affekten den direkt emotional wirksamen Halt
ferte kulturtragende Religion zurückzukehren. Die Überliefe- einer überwölbenden, aber unanalysierten Vernunft. Religion als
rung aber ist keine plastische Masse, die sich bei gutem Willen innere Erfahrung, als Glaube, Gebet, Liturgie, Meditation,
leicht in eine moderne Gestalt umkneten ließe. Hier liegt ein Mystik ist die Fähigkeit, sich in dieser Vernunft lebendig zu
Irrtum der meisten modernistischen Theologie. Geschichtliche bewegen. Die Meditations welle der letzten zehn Jahre ist ein
Kulturkrisen sind härtere Vorgänge; in ihnen geht stets etwas Symptom eines Durstes unter der Austrocknung durch die
unwiderruflich verloren. Es gibt aber Verluste, die unerträglich Willens- und Verstandesneurose. Die alternative Bewegung der
sind, die ein leidenschaftliches Verlangen nach gleichwertigem

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Gegenwart ist ohne dieses Verlangen nach affektiver Vernunft desliebe fähig sind, so garantiert das nicht, daß der Friede erhalten
bleibt - die Lösung der Krise ist jenseits unserer Macht. Wenn
unverständlich. Der frühe Rationalismus hat nun freilich in der
aber niemand in unserer Welt sich der Feindesliebe fähig erweist,
Dogmatik der Religionen die mythischen Aussagen in theore-
so ist die Katastrophe dieser Welt gewiß.
tische Sätze mit Wahrheitsanspruch umgesetzt und hat dadurch
Von den »Heidelberger Thesen« von 1959 an aber geht die
den späteren Konflikt mit dem weiterentwickelten Rationalis-
Auseinandersetzung um eine harte konkrete Entscheidung, die
mus der Wissenschaft provoziert. Die »Entmythologisierung«,
Entscheidung für oder gegen eine Politik völliger
eine Übersetzung des im Mythos Gemeinten in moderne
Gewaltlosig-keit. Der Abschnitt »Kirchliche Kommissionen«
Rationalität, verfehlt nur allzuleicht die eigentlich im Mythos
im Aufsatz »Zum Arbeitsplan« von 1969 schildert die Art, wie
ausgesprochene Erfahrung, verflacht oder verdünnt sie. Das ich selbst in diese Auseinandersetzung verwickelt wurde. Man
heutige Denken versteht die mythische Vernunft noch am ehe- hat in unserem Lande diese Frage seit i960 fortschreitend
sten durch den Vergleich mit der Kunst. vergessen; heute aber taucht sie angesichts der
Wir sollen uns nicht einbilden, wir könnten unsere politi- wiederentdeckten Kriegsgefahr als ein die Kirche
schen Probleme lösen, solange wir der liebenden Wahrneh- leidenschaftlich erregendes Thema wieder auf. Darum seien
mung des Mitmenschen unfähig sind. Eine Weltdiktatur kön- heute noch einige Worte darüber zu den älteren Äußerungen
nen wir ohne sie bekommen, aber keinen Frieden. Nun ist der hinzugefügt.
geistige Prozeß zwischen Religion und modernem Bewußtsein Wer dem Wortlaut der Reden Jesu als einem Gebot folgen
langfristig. Von ihm mußte hier die Rede sein, damit wir an der will, der kann nur die völlige Gewaltlosigkeit wählen. Späte-
Ungelöstheit einer langwierigen Aufgabe nicht verzweifeln. stens seit Konstantin ist die Mehrheit der Christen diesen Weg
Nicht warten aber können wir mit den ethischen Problemen. nicht gegangen. Heutiges historisches Denken kann diese Ent-
wicklung scheinbar leicht verstehen. Die Bergpredigt ist zu
Politik und radikale Ethik. Liebende radikale Ethik ist von dem kleinen Kreis wandernder Jünger gesprochen. Die frühe
höchster politischer Aktualität, sie ist ein Gebot der Stunde. Kirche war eine machtlose Minderheit im römischen Groß-
Die Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen. Sie beginnt reich. Sie konnte gewaltlos sein, denn Gewalt war nicht von ihr
nicht mit der abstrakten und unerträglichen moralischen For- verlangt. Dann geschah das von der christlichen Enderwartung
derung, welche den Selbsthaß und das Zelotentum, den sich für aus Unwahrscheinlichste: das Jüngste Gericht blieb aus, die
legitim haltenden Haß gegen den Gegner erzeugt. Liebe ist der Welt blieb unverwandelt, aber die Christen wurden zur Mehr-
Affekt, der das Ertragen des Mitmenschen und - beim mora- heit und damit zum politischen Verantwortungsträger in der
lisch Sensiblen - das Ertragen der eigenen Person erst möglich unverwandelten, gewalterfüllten Welt. Seitdem verwandelt
macht. Diese Liebe ist jenseits der Willensanstrengung; sie nun doch die innere Spannung des Christentums und seiner
wird als Gnade erlebt. Sie gestattet dann das Gebot: Liebe Gott neuzeitlichen säkularisierten Erben langsam und unaufhaltsam
von ganzem Herzen und ganzer Seele und deinen Nächsten wie die Menschheit. Für geschichtliche Umschaffungen sind zwei-
dich selbst. Sie eröffnet die Fähigkeit des vernünftigen Zusam- tausend Jahre keine lange Zeit. Christen, die ihrem Meister treu
menwirkens, die »intelligente Feindesliebe«. blieben, durften mit keiner der geschichtlichen Phasen, in de-
Das gegenwärtige Buch ist von seinen ersten kirchlichen nen sie lebten, ihren Frieden machen: nicht mit der imperialen
Texten an eine Auseinandersetzung mit der Auslegung dieses Verwaltung der Römer, nicht mit dem Jahrtausend einer herr-
Gebots in der aktuellen Politik. Jetzt, am Ende des Buchs im schenden christlichen Kirche, nicht mit der Willens- und Ver-
Blick auf das erkennbar gewordene Wanken aller großen Ent- standeskultur der Neuzeit. So auch in unseren Jahrzehnten.
würfe, muß uns offenkundig sein, daß es keinen Ersatz für die Einzelne Christen und kirchliche Organisationen haben in ak-
Fähigkeit zur Feindesliebe gibt. Wenn einige von uns der Fein- tiver Nächstenliebe der sozialen Ungerechtigkeit, dem Elend

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in der Welt, den eingeschliffenen politischen Konflikten entge- ten würde, so würden die amerikanischen Atomwaffen uns
gengewirkt. Der Kirche hätte es zufallen können, den Selbst- nicht mehr verschonen als die russischen. Verweigerung in dem
betrug zu entlarven, der in den letzten zwei Jahrzehnten den Augenblick, in dem man viel zu spät die Gefahr entdeckt, ist
Frieden als durch Gewaltandrohung gesichert ansah. Viele kein Mittel, doch noch einmal davonzukommen. Sie ist nur
christlich motivierte Kriegsdienstverweigerer leisteten ihren eine Feigheit mehr.
Beitrag zu dieser Bewußtseinsbildung; aber gerade auch christ- Christliche Verweigerung ist nicht ein Mittel, keine Gewalt
lich gläubige verantwortungsbewußte Soldaten gehörten zu zu leiden; sie hat oft genug, gerade weil sie aufreizend war, ins
denen, die sich und andere am wenigsten über die reale Gefahr Martyrium geführt. Sie ist der Wille, nicht Gewalt zu üben. Ein
zu täuschen bereit waren. Die Kirche im ganzen aber war wohl ganzes Volk, das, wissend was es riskiert, diesen Willen hätte,
nicht erleuchteter als die Gesellschaft, in deren Mitte sie lebte. würde freilich etwas im Gang der Weltgeschichte ändern. Ich
Heute stellt sich von neuem die Frage, ob zur Pflicht des habe nicht gewagt, meinem Volk zu dieser Haltung zu raten,
Christen die totale Verweigerung der Teilnahme an einem Sy- denn ich habe nicht geglaubt, daß es zu ihr fähig sei. Zu Schrit-
stem gehört, das sich durch eine ungeheure Gewaltandrohung ten in der Gefahr, ohne Gewißheit des Erfolgs, kann ich ihm
zu schützen hofft. Das gegenwärtige Buch ruft nicht zu dieser raten. Auch diese Schritte werden vergeblich sein ohne Ausbil-
Verweigerung auf. Für mich aber ist dies die schwerste Wahl, dung der Fähigkeit, den Mitmenschen auch im Gegner wahr-
und ich muß hier zuerst hervorheben, wie stark die Gründe für zunehmen, ohne intelligente Feindesliebe.
die Verweigerung sind.
Gewiß ist die Bergpredigt nicht »Gesetz«, sondern »Evange-
lium«, d. h. nicht eine Vorschrift für heilsnotwendiges Han- Nachwort 1994
deln, sondern das Angebot erlösender Liebesfähigkeit. Aber
wieviel tiefer haben zu allen Zeiten diejenigen gesehen, die, sei Hier folgte im ursprünglichen Text ein Abschnitt von 15 Seiten
es auch in unreflektiert naiver Gläubigkeit, von diesem Ange- unter dem Titel »Schritte in der Gefahr«. Sein Inhalt bestand
bot Gebrauch machten, die das weltlich Aussichtslose wagten, vorwiegend aus speziellen Vorschlägen zu den 1981 aktuellen
als die klugen Konformisten! Tief eindrucksvoll war mir die politischen Problemen. Ich habe diesen Abschnitt daher in der
Schlußbemerkung im hier abgedruckten Aufsatz meines Vaters jetzigen Auflage, die heute aktuell sein soll, gestrichen.
von 1950, am Ende eines erfolglos der Kriegsverhütung gewid-
meten Lebens. Wenn das Unheil geschehen sein sollte, das
heute droht, so wird man sich der Stimme der Verweigerung
erinnern und nicht der erfolglos bremsenden Mitwirkung.
In bedrohlicher Weise irrig ist freilich die Meinung, die Ver-
weigerung als solche sei ein »Weg aus der Gefahr«. Würde die
Verweigerung politisch wirksam, so wäre sie zunächst eine Ri-
siko-Kur. Sie wäre die rasche Destabilisierung eines erstarrten
Zustands, eine Beschleunigung der Krise. Am konkreten Bei-
spiel gesagt: Eine Herauslösung der Bundesrepublik aus ihrem
Verteidigungsbündnis der Nato würde das europäische Gleich-
gewicht, das immerhin sechsunddreißig Jahre des Friedens
in diesem Kontinent garantiert hat, ins Fließen bringen. Und
wenn in unserem Lande ein Krieg der Großmächte ausgefoch-

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Europa Ende des weströmischen Reichs folgte ein Jahrtausend der
Schulzeit für Germanen, Kelten, Slawen. Mit der Reise des Ko-
lumbus vor 500 Jahren lassen europäische Historiker die Neu-
zeit beginnen. Es waren fünf Jahrhunderte zeitweiliger euro-
päischer Weltherrschaft. Die Herrschaft war zuerst militärisch,
Meine Damen und Herren! durch überlegene Technik der Waffen und Schiffe; was nützt
Mut gegen Kanonen? Die Herrschaft wurde politisch in Ge-
Erlauben Sie mir, zu beginnen mit den herzlichen Wünschen stalt der Kolonialreiche. Die Herrschaft wurde ökonomisch,
des Glücks für die Schweizer Eidgenossenschaft anläßlich der und als solche, in Gestalt des von den nordwestlichen Indu-
ersten siebenhundert Jahre ihrer politischen Existenz. Glück strienationen dominierten Weltmarkts, besteht sie noch. Und
wünsche ich für die Fortdauer ihrer Existenz, ihrer Identität, vielleicht könnte die dauerhafteste Hinterlassenschaft eines
ihrer Wirksamkeit in ihrer Umwelt.
halben Jahrtausends europäischer Weltdominanz die Durch-
Erlauben Sie mir zweitens ein ganz persönliches Wort. Mit dringungen der Kulturen mit westlicher Rationalität sein, die
keinem Land außer meinem eigenen hat mein Schicksal mich so Allgegenwart wissenschaftlicher Erkenntnis und auch rationa-
verbunden wie mit der Schweiz. Ich bin drei Jahre in Basel ins
listischer Vorurteile, und schließlich das Problem, wie unser
Gymnasium gegangen; dort, am Münsterplatz, habe ich Grie-
aller Mutter, die Natur, unter den Abenteuern und Egoismen
chisch gelernt. Ich habe eine Zürcherin geheiratet. Glieder mei-
ner Familie haben viele Jahre in der Schweiz gelebt, die einen unseres Denkens und Handelns wird überleben können.
einst in Bern, andere später in Genf, andere wieder in Bern. Europa zwischen den Weltmächten. Diese zweite Formel,
Drittens: Vor fünf Jahren, 1986, war ich schon einmal einge- die ich 1986 gebraucht habe, damals noch eine fast selbstver-
laden, in der Schweiz über Europa zu reden, beim 11. Europa- ständliche Formel, hat in fünf Jahren ihren Sinn radikal geän-
tag der Universität Freiburg. Ich wählte das Thema: »Der dert. Als Weltmächte bezeichnete ich damals die größten Mili-
Rahmen und das Bild: Europa unter den Weltkulturen, zwi- tärmächte, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Union
schen den Weltmächten, auf dem Weltmarkt.« Grundthese: der sozialistischen Sowjetrepubliken; das Wort »Europa« be-
Der Rahmen bestimmt das mögliche Bild. Das Bild freilich zeichnete hier nur den Bereich vom Atlantik bis zur russischen
lehrt uns den Rahmen erst sehen. Westgrenze. Wie rasch, wie tiefgehend sind hier die Verände-
Die Schweiz im Rahmen Europas, Europa im Rahmen der rungen durch die Revolution unserer Jahre! Hätte ich den heu-
Menschheit. Wie stellt sich das heute dar, fünf Jahre da- tigen Vortrag auch nur vor vier Wochen gehalten, so hätte ich
nach? vieles noch anders sagen müssen als heute; wie werden wir in
Wie die Schweiz im Rahmen Europas demnächst handeln vier Wochen, in fünf Jahren sprechen?
und existieren wird, das werden Sie, die Schweizer, selbst ent- Amerika und Rußland sind erwachsene Kinder der europäi-
scheiden, in täglicher, längst begonnener Arbeit, in freier Dis- schen Kultur, zur Macht erwachsen in riesigen Kolonialgebie-
kussion in direkter Demokratie. Ich maße mir heute nicht an, ten jenseits der Grenzen des vielgegliederten, dichtbewohnten
Ihnen dazu Ratschläge zu geben. Über Europa im Rahmen der Raums des alten Europa, in dem niemals eine der heimischen
Menschheit habe ich zu reden. Zuerst ein Rückblick. Mächte dauernde Hegemonie erlangte. Beide waren in ihrer
Europa im Rahmen der Weltkulturen. Europa ist eine der Verfassung noch 1986 geprägt durch zwei freilich sehr ver-
jüngsten Kulturen, sichtbar als solche seit noch nicht dreitau- schiedene Gestalten der politischen Revolution des neuzeit-
send Jahren. In griechischem Geist, römischer Staatlichkeit, lichen Europa: Amerika 1776 unter dem Motto der drei Grund-
christlicher Religion prägte sich ihre Eigenart aus. Auf das rechte auf Leben, auf Freiheit, auf das Streben nach Glück,
Rußland 1917 unter dem Motto der Schaffung von sozialer Ge-
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rechtigkeit, von Gleichheit durch Kommunismus. Die kom- choslowakei, Ungarn: überall war unsere europäische Ge-
munistische Hoffnung ist inzwischen zusammengebrochen. schichte gegenwärtig, Krakau eine so europäische Stadt des
Der Feudalstaat Rußland lebte nach 1917 unter einer neuen Habsburgerreichs wie Triest, polnische mittelalterliche Kathe-
herrschenden Klasse, in Wahrheit noch vor der bürgerlichen dralen nicht anders als vormanuelinisch portugiesische. Paris
Revolution, die soeben erst, zweihundert Jahre nach 1789, den steht meinem Verstand und meinem ästhetischen Empfinden
russischen Herrschaftsbereich durchdringt. Was ist heute die näher als Moskau, aber in Moskau war ich näher unserem ge-
reale Alternative? meinsamen unausweichlichen europäischen Schicksal.
Europa auf dem Weltmarkt. Im Westen betrachtet man heute Gleichwohl spreche ich zuerst von Westeuropa. Die beiden
die Niederlage des Kommunismus als den Sieg des Marktprin- Weltkriege unseres Jahrhunderts waren Kämpfe um die Hege-
zips. Man sieht die Welt ökonomisch. Unter diesem Gesichts- monie in Europa, die man damals naiv noch als Welthegemonie
punkt tritt ein neues Bild von den Weltmächten hervor. Es gibt empfand. Ihre Träger waren Nationen. »Nation« als Träger po-
heute drei wirtschaftliche Weltmächte. Nordamerika, West- litischen Handelns ist ein Begriff, der modern wurde erst seit
europa und Japan. Es ist das natürliche Interesse Westeuropas, der Französischen Revolution, auf dem Wege von der Feudal-
den Markt und damit die Politik Osteuropas einschließlich struktur über die Effizienz des Absolutismus zur Demokratie.
Rußlands zu stabilisieren. Japan hat ein analoges natürliches Die Deutschen, im Reich mittelalterlich strukturiert,
Interesse an China. Damit würden sich die nördlichen Herren Spätkom-mer zum Nationalismus, traten in die
der Welt zu einem internen wirtschaftlichen Kräftespiel befähi- Hegemoniekonkurrenz erst seit oder nach Bismarck ein. Der
gen, einem Kräftespiel, das Konkurrenz ohne gegenseitigen Erste Weltkrieg vernichtete ihre Chance, im Zweiten Weltkrieg
Krieg bedeutet. Die Probleme des Südens freilich bleiben so brachen sie, verzweifelt, in die verbrecherischste Form
noch völlig ungelöst. Auch wenn die militärische und ökono- nationalen Machtkampfes aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg
mische Dominanz des Nordens vorläufig den Ausbruch eines waren auch Großbritannien und Frankreich keine
Weltkriegs verhindern sollte, bleibt ein historisch beispielloser Hegemoniekandidaten mehr. Eingepreßt zwischen den einzigen
Wanderungsdruck aus den armen Ländern in die reichen, ein Siegern Amerika und Rußland, mußte Westeuropa, um zu
revolutionäres Potential derer, die nicht wandern können, und überleben, eine Form der Zusammenarbeit finden, welche die
als Folge die Konflikte regionaler Mächte mit modernisierten legitimen Interessen nationaler Identität wahrte und doch
Waffen. Der Norden löst die Konflikte dadurch nicht, daß er begann, den sichtlich veraltenden Begriff absoluter nationaler
sich mit eigenen Waffen in sie einmischt. Souveränität zu überwinden. Auf dem Weg über das meist
Was ist die Rolle Europas in diesem unbeendeten Drama? Sie vordringliche ökonomische Interesse ist so die Europäische
ist nicht idyllisch, so wenig wie die Rolle der Schweiz im be- Wirtschafts-Gemeinschaft entstanden, die heute einer Stufe
wegten Europa, mit den Augen sehender Schweizer wahrge- politischer Union zustrebt.
nommen, jemals idyllisch war. Ich mache hier eine Bemerkung über die Schweiz nicht als
Wer ist Europa? In den vergangenen Jahrzehnten habe ich, mögliches Mitglied - das ist Ihre Entscheidung -, sondern als
soweit es tunlich war, den Namen »Europa« sorgfältig vermie- mögliches Vorbild der EG. Die divergenten Interessen von
den, wenn ich nur »Westeuropa« meinte. Ich erlaube mir, zu- Stadt, flachem Land und Bergbauern, von vier Sprachgruppen
erst meine Gefühle auszusprechen. Als ich aus der westlich mit ihren je eigenen Kulturen in der einen Schweiz - dies alles
modernisierten Bundesrepublik 1956 zum erstenmal in die wäre nicht zusammengehalten worden ohne ein Bewußtsein
DDR reisen konnte und mit meiner Frau im Auto durch das gemeinsamer Gefährdung, ohne den strengen Verzicht auf ex-
Land fuhr, tauchte in meinem Herzen das Empfinden auf: »Ich pansive Politik seit Marignano und ohne die Erkenntnis der
bin wieder in Deutschland.« Besuchte ich Polen, die Tsche- entscheidenden funktionalen Notwendigkeit, welche lautet:
soviel zentrale Regelung wie notwendig, soviel regionale Diffe-

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renzen und Selbstbestimmung wie dann überhaupt möglich. ohne tiefen Einfluß englischer Christen, welche die Bergpre-
All dies möchte ich der EG ans Herz legen. digt ernst nahmen; Gandhis Praxis war realitätsbezogen. Aber
Nun Osteuropa. Der Warschauer Pakt umfaßte die äußeren, viel fehlt heute noch weltweit an der Verwirklichung. Auf einer
die Sowjetunion umfaßte die inneren Satelliten des einst zaristi- Tagung osteuropäischer Intellektueller, an der ich im Frühjahr
schen, später stalinistischen Imperiums. Dieses Imperium war 1990 teilnahm, wurde gesagt: »Nachdem der entsetzliche
seinen Gegnern gewachsen nicht wirtschaftlich, nicht in politi- Kommunismus überwunden ist, bedroht uns der fast so ent-
scher Reife, sondern nur militärisch. Das hat George F. Ken- setzliche Nationalismus.« Ein Blick auf Jugoslawien und die
nen sehr gut erklärt. Ein Jahrtausend lang konnte sich ein Reich Sowjetunion belehrt uns darüber.
von Adel und Bauern, zwischen überlegener Zivilisation im Völlig ungelöst sind die Probleme des Südens und der Natur.
Westen und Nomaden auf schnellen Pferden im Osten nur Wir sollten unser europäisches Haus so rasch wie möglich in
durch militärische Überlegenheit bewahren. Als ich 1979 in erträgliche Ordnung bringen, um uns diesen Problemen mit
Warschau war, sagten mir meine Gastgeber: »Heute abend aller Entschiedenheit zuzuwenden, Problemen, die uns nur
bringen wir Ihnen einen interessanten Gesprächspartner, den wenige Jahrzehnte Frist lassen. Die klassische Ökonomie weiß,
letzten polnischen Marxisten.« Dieser erklärte mir dann in gu- daß der fleißige und intelligente Egoismus der Marktteilneh-
ter Marx-Analyse, daß nach Marxscher Erkenntnis das damals mer die Produktion steigert, der Marxismus wußte, daß der
dort herrschende System kein Sozialismus war. Marx verstand Markt die gerechte Verteilung nicht automatisch erzeugt. In
sehr wohl, daß erst die freie Konkurrenz im bürgerlichen Kapi- demokratischen Industriestaaten war eine Annäherung an die
talismus die Produktivität schafft, aber daß sie freilich nicht gerechte Verteilung möglich durch Gesetzgebung und Ge-
bereits die gerechte Verteilung der erzeugten Güter garantiert. werkschaften. Diese Gerechtigkeit endet heute freilich vielfach
In Rußland ist eine dem westlichen intellektuell geschulten bei Minoritäten, die auf Wahlmajoritäten keinen Einfluß besit-
Bürgertum analoge Klasse erst in unserem Jahrhundert in hin- zen. Und sie endet auf dem Weltmarkt, wo die Nationen selbst
reichender Zahl entstanden; ich nenne hier gern den Namen die Konkurrenten sind, wo das Bevölkerungswachstum Folge
Lunatscharski als Schöpfer des nötigen Bildungswesens der So- und zugleich Vermehrer der Armut ist, wo alte Kulturen sich
wjetunion in den Zwanzigerjahren. Diese Klasse hat dann die nur langsam den abendländischen Handlungsformen anpassen.
gewaltlose Revolution unserer Tage getragen. Noch aber hat sie Und ökologisches Bewußtsein kann man von Menschen nicht
nicht das unerläßliche Privateigentum an Produktionsmitteln. erwarten, die nichts mehr zu verlieren haben.
Es ist das brennende Eigeninteresse Westeuropas, daß diese Das Problem der Armut ist uralt in den Hochkulturen. Seine
Entwicklung, die endlich erreichte bürgerliche Revolution in heutige Gestalt aber ist das Werk der europäischen Zivilisation.
Rußland, gelingt. Ihre moralische Pflicht und ihr simples Überlebensinteresse ist
Ich habe soeben den Ausdruck »gewaltlose Revolution« ver- es, sich seiner Überwindung anzunehmen. Laßt uns reif wer-
wendet. Er bezeichnet ein Ideal, das noch nicht voll realisiert den, um dies zu versuchen!
ist, dem aber die Ereignisse der letzten zwei Jahre schon in er-
staunlicher Weise nahegekommen sind. Das Ideal der gewalt-
losen Revolution ist die innenpolitische Spiegelung der außen-
politischen Erkenntnis, daß in einer Zeit modern technisierter
Waffen die Institution des Krieges überwunden werden muß,
wenn Menschheit und Natur überleben sollen. Das Ideal ist die
Schöpfung eines der größten Männer unseres Jahrhunderts,
Mahatma Gandhi. Gandhis Hintergrund war religiös, nicht
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254
Freunde! Deutschen - wie wollen wir uns diesen gegenüber verhalten,
die hierher zu kommen hoffen. Was heißt da »miteinander le-
(1992) ben«?
Die Hunderttausende, die sich in den letzten Sonntagen in
Berlin, in München, in Hamburg, in vielen Städten mit Lichter-
ketten versammelt haben, die Tausend, die sich heute abend
Liebe deutsche Mitbürgerinnen und Mitbürger! hier versammeln, wollten zunächst nur ihre Bereitschaft be-
Liebe Ausländerinnen und Ausländer mit euren Kindern, kunden, friedlich mit den Ausländern zu leben, die heute hier
ihr, die ihr mitbürgerlich mit uns lebt! bei uns sind. Nichts wird besser, wenn wir gegen sie Gewalt
üben. Aber wir, die wir heute abend hier versammelt sind, soll-
Was wollen wir heute abend bekunden? ten vorm Schein unserer Kerzen doch auch angeregt werden,
Eine Gesinnung. uns zu fragen, wie das Problem zu behandeln sei, das nun auf
Was du nicht willst, daß man dir tu, uns zukommt. Ich kenne die Lösung heute nicht. Aber wir
das füg' auch keinem Anderen zu! müssen wenigstens versuchen, die Menschen zu verstehen,
Miteinander leben! - so heißt das Motto des heutigen Abends. wenn wir ihnen helfen wollen. Drei Gruppen von Menschen
Miteinander leben - das ist eine Gesinnung. Es soll zu einer sollen wir versuchen zu verstehen. Die größte: die Armen und
hilfreichen Praxis werden. Es ist eine Gesinnung, soll Praxis die politisch Verfolgten rings um den Erdball. Die zweite: uns
werden. Es ist aber noch nicht die Lösung unserer Probleme. Es selbst, die Deutschen, die seit Jahrzehnten in Frieden und in
ist nur eine Vorbedingung ihrer Lösbarkeit. Ohne den Willen, Wohlstand leben. Die kleinste: diejenigen, meist Jungen unter
miteinander zu leben, werden die Probleme, die auf uns uns, die hoffen, dem Problem mit Gewalt zu begegnen.
zukommen, nicht gelöst werden. Erlauben Sie mir, da ich Von der größten Gruppe, den Armen und politisch Verfolg-
gebeten wurde, heute zu reden, ein persönliches Wort! Ich war ten in der Welt, habe ich schon geredet. Für politisch Verfolgte
hier in Starnberg zehn Jahre lang in einem Institut tätig, bietet unser Grundgesetz ein Asylrecht - heute, begreiflicher-
Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen weise, viel debattiert. Aber den vielen Millionen, die hungern,
der wissenschaftlich-technischen Welt, also der den Hunderttausenden, die verhungern, all den Opfern von
Lebensbedingungen unserer heutigen Welt. Als wir Bürgerkriegen wie soeben in Bosnien, all diesen bietet unsere
Wohnungen für unsere Mitarbeiter suchten, nannten wir das Verfassung wenig; und können wir ihnen helfen? Wie können
Institut im Spaß auch das Institut zur Erforschung der Lebens- wir helfen? Wie vielen können wir helfen? Wie vielen können
bedingungen in Starnberg.
wir nicht helfen?
Aber was wir gefragt haben, und was die Nachfolger unseres
Damit spreche ich von der zweiten Gruppe, von uns selbst.
Instituts hier in Starnberg heute noch fragen, das sind eben die
Ich schlage heute abend keine Lösung vor. Lösungen so schwe-
Probleme, die jetzt auf uns zukommen. Mehr und mehr Men-
rer praktischer Probleme findet man nicht durch einen Fackel-
schen, heute gerade vor allem aus Osteuropa, auf die Dauer
aber Milliarden aus dem Süden der Erde, hoffen, in den Westen zug; vielleicht findet man sie in sorgfältiger fachmännischer
und Norden zu kommen, also auch zu uns, weil sie nur hier Erörterung, wenigstens ein Stück weit, wenigstens zehn Pro-
hoffen, unter erträglichen Bedingungen zu überleben, viel- zent einer Lösung. Aber eines möchte ich wünschen: daß nie-
leicht nur hier, dem Hunger oder der Diktatur entfliehend, mand, der heute an diesem Lichterzug teilnimmt, darum schon
überhaupt zu überleben. Wie wollen wir, die Minderheit der mit einem beruhigten Gewissen ins Bett geht. Der Schmerz
Menschheit, die im reichen Nordwesten lebt, speziell auch wir über die Hilfe, die wir nicht geleistet haben, soll uns begleiten.
Er soll unseren Willen zur Handlung erwecken.

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Und die dritte Gruppe soll ernst genommen werden, die ge- Erkennen und Handeln - Physik und Ethik
walttätigen, oft Jungen. Daß diese Bewegung aufkommt, auch
wenn sie eine Minderheit ist und, wie ich überzeugt bin, eine Eine grundsätzliche Zustimmung zum Projekt
Minderheit bleibt, das sollte uns zu denken geben. Wir Alten
sind an dieser Reaktion von Jungen nicht unschuldig. Ein poli- Weltethos
tisches System, eine Gesellschaft, die jahrzehntelang unange-
fochten im Wohlstand lebt, neigt dazu, selbstzufrieden das ei-
gene Wohl zu verfolgen. Zur Selbstgerechtigkeit gehört das Freunde!
Wegschauen von den wahren Problemen. Und sollte man glau-
ben, daß die Jungen diese Selbstgerechtigkeit der Gesellschaft, Für den Vortrag, den ich jetzt halten soll, haben mir die Veran-
in die sie hineinwachsen, nicht merken? Und kann man sich stalter den Titel vorgeschlagen: »Erkennen und Handeln
wundern, wenn einige von ihnen auf sonderbar spektakuläre -Physik und Ethik«. Der Vortrag steht im Rahmen der Erörte-
Arten des Protests verfallen? rung des Projekts Weltethos. Leider haben Pflichten gegen-
Aber es sei gesagt: dieser Protest erreicht das genaue Gegen- über dem Dalai Lama verhindert, daß ich heute vormittag
teil dessen, was er als seinen eigenen Wunsch ausspricht. Er Hans Küngs Vortrag über das Projekt Weltethos hören konnte.
erzeugt unmeßbar großen Schaden für Deutschland. Der Pro- Aber ich kenne einen schriftlichen Entwurf dieses Vortrags,
test »Deutschland den Deutschen« hält sich ja für national. Die ich kenne aus Lektüre und langen Gesprächen Hans Küngs
gewaltsamen Handlungen, am schlimmsten diejenigen gegen Meinung hierüber. Deshalb trägt mein Vortrag den Unter-
die Juden, erinnern aber alle Menschen außerhalb Deutsch- titel: »Eine grundsätzliche Zustimmung zum Projekt Welt-
lands an den Nazi-Terror, der nach so kurzer Zeit wie knapp ethos«.
fünfzig Jahren nicht vergessen sein kann. Wenn man Deutsch-
land jeder Handlungsfähigkeit in Europa berauben will, muß Ich teile den Vortrag in drei Teile:
man den - zudem unzutreffenden - Eindruck erwecken, die
Deutschen würden wieder Nazis. Diese Lektion aber, so meine I. Erkennen und Handeln: Was heißt das praktisch in un-
ich, hat unsere Nation gelernt. Ich bitte die Jungen, daß sie serem Jahrhundert ? II. Weltethos als notwendiges Ziel. III.
ihren berechtigten Wunsch, unsere Gesellschaft aus ihrem Praktische Schritte zum Weltethos.
Schlaf der Selbstgerechtigkeit zu erwecken, in klügere Formen
kleiden.
Nun wollen wir den Rundgang in unserer Stadt machen, /. Erkennen und Handeln
deutsche und ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger, um Was heißt das praktisch in unserem Jahrhundert? Es heißt wohl
auszudrücken: dreierlei:
Wir wollen miteinander leben. Wissenschaft und Technik.
Wissenschaft und Politik.
Wissenschaft und Ethik.
Ich erlaube mir aus meiner persönlichen Erinnerung heraus
zu sprechen. Ich bin Physiker. Deshalb wohl hat man mir das
Thema »Physik und Ethik« gegeben. Was habe ich als Physiker
mit der Technik, mit der Politik, mit der Ethik erfahren?

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Als Kind wollte ich Astronom werden. Ich wurde dann Phy- möglich angesehen. So bewegten die amerikanischen Physiker
siker, unter anderem, um die Gesetze verstehen zu lernen, die ihre Regierung, die Bombe zu bauen. Die Bombe fiel nicht
auch die Geschichte der Sterne beherrschen. Ich wurde Physi- mehr auf Deutschland, aber auf Japan. Sofort erkannten genau
ker aus reiner Neugier nach der Erkenntnis der Wirklichkeit, die Physiker, die sie gebaut hatten, daß nun bei ihnen die Ver-
die uns umgibt, der wir entstammen und der wir angehören. antwortung lag, zuerst ihre eigene Regierung und dann, wo-
Freilich bewegte mich seit der Kindheit auch die Hoffnung, möglich, die führenden Regierungen der Welt, also die engli-
durch die Wissenschaft etwas über die Gegenwart Gottes in sche, französische und russische, zu einer Regelung zu veran-
dieser Wirklichkeit zu erfahren. Technischen Ehrgeiz hatte ich lassen, welche künftig den Atomkrieg vermeiden würde. Nach
nicht. schweren, oft fruchtlosen Debatten kam es, um 1958 herum,
Als ich 26 Jahre alt war, um Neujahr 1939, lernte ich von zur Doktrin der gegenseitigen Abschreckung durch gesicherte
Otto Hahn, daß er, ungesucht und unerwartet, den Urankern Zweitschlagskapazitäten. In der Tat war es wohl die berechtigte
zu spalten gelernt hatte, und zwei Monate später, daß dies eine Angst vor dem atomaren Einsatz, welche den jahrzehntelang
Kettenreaktion auslösen kann, welche Atombomben möglich drohenden dritten Weltkrieg, den Krieg zwischen den zwei
machen würde - Bomben und, wie man rasch sah, wohl auch großen politischen Systemen, vermieden hat. Nicht vermieden
wärmeliefernde Maschinen, Reaktoren. Am selben Abend ging wurden weit über hundert lokale Kriege, die nicht atomar zu
ich zu meinem Freund Georg Picht, um über die erschütternde werden drohten; nicht vermieden ist bis heute die Verbreitung
Entdeckung zu sprechen. Wir folgerten: Wenn Atombomben der Atomwaffen in mehr Staaten auf unserem Planeten. Die
möglich sind, wird es jemanden geben, der sie macht - so ist die Zukunft ist ungewiß.
heutige Welt beschaffen. Wenn die Atombombe gemacht ist, Warum erzähle ich das heute auf dem Kirchentag? Unser
wird es jemanden geben, der sie einsetzt. Sechseinhalb Jahre Thema sind soeben nicht die Details der Politik, sondern das
später, 1945, war beides geschehen. Schon 1939 folgerten wir, Weltethos. Ich wollte, aus eigener Erinnerung, deutlich ma-
drittens: Wenn das geschieht, so muß die Ursache hierfür, näm- chen, daß die Physiker vom ersten Augenblick an ihre ethische
lich die politisch anerkannte Institution des Kriegs, in der Verantwortung für die Verwendung der ihnen ungeahnt zuge-
Menschheit überwunden werden, oder die Menschheit wird fallenen Entdeckung gespürt haben. Haben sie richtig gehan-
sich selbst den Untergang bereiten. Das glaube ich auch heute delt? Meiner Erfahrung nach waren in diesen letzten fünf
noch. Welches von beiden geschehen wird, wissen wir noch Jahrzehnten Physiker und Militärs, also genau diejenigen, die
nicht. konkret mit diesen Waffen zu tun hatten, am wachsten für die
Diese Erinnerung habe ich schon oft erzählt. Was folgt aus daraus erwachsende Verantwortung. Aber sie wußten die Lö-
ihr, politisch und ethisch? Zunächst: Welche Folgerungen wur- sung nicht. Niemand, so scheint es, wußte die Lösung. Daß sie
den bisher gezogen?
sich dann untereinander zankten, wie es in der Politik zu ge-
Im Frühjahr 1939 gab es etwa 200 Physiker auf der Erde, die schehen pflegt, und daß sie oft unvereinbare Lösungswege ver-
das Problem sahen. Sie verstanden, daß sie für die Folgen die
suchten, das war menschlich. Woran aber hängt die bisherige
primäre praktische Verantwortung trugen. Der Zweite Welt-
Ungelöstheit des Problems?
krieg war unausweichlich im Kommen, und es gab wenig
Grund, zu glauben, er werde der letzte Weltkrieg sein. Die Ist Friede unmöglich? Folgt diese Unmöglichkeit aus der
amerikanischen Physiker fürchteten, Hitler könne, also schon Natur des Menschen? Nach meiner historischen Erfahrung
in diesem Krieg, die Bombe als erster erhalten. Eine gemein- sehe ich keine Notwendigkeit, das zu glauben. Erlauben Sie
same Handlungsweise der Physiker aller Nationen, die Bombe mir, noch einmal mit Kindheitserinnerungen zu beginnen! Als
zu vermeiden, wurde als unmöglich erkannt, oder doch als un- Kind lernte ich in Stuttgart Ludwig Uhlands Gedicht über den
Grafen Eberhard den Greiner, d.h. den Zänker, den alten

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Rauschebart. Er führte um 1350 Krieg zwischen Stuttgart und chen. Aber die Städte, die Fürsten, die Großkönige nahmen
Reutlingen, und gegen den adligen Herrn vom Wunnenstein. sich das Recht heraus, tödlich gegeneinander zu kämpfen.
Nahe am Wunnenstein führt heute die Autobahn Krieg war eine rechtlich und moralisch anerkannte Institution.
Stuttgart-Heilbronn vorbei. Welcher Stuttgarter oder Zwischen modernen Staaten aber hat sich auch die auf Ver-
Reutlinger hätte auch nur noch um 1750 herum an einen Krieg nunft basierende friedliche Koexistenz entwickelt. Der Krieg
zwischen beiden Städten gedacht? Später ging ich zwei Jahre in zwischen Dänemark und Schweden wird heute nicht vermie-
Kopenhagen in die Schule. Dort lernte ich die Geschichte der den, weil er verboten wäre, sondern weil er absurd wäre. Die
mittelalterlichen Kriege zwischen Dänemark und Schweden. Entwicklung der modernen Technik, symbolisiert im Wecker-
Welcher Däne oder Schwede denkt heute an einen solchen signal der Atombombe, zeigt, daß Krieg beginnt, als Institu-
Krieg als Möglichkeit? In meiner Kindheit meinten viele tion absurd zu werden. Die Institution des Kriegs muß über-
Deutsche, die Deutschen und die Franzosen seien Erbfeinde, zu wunden werden.
ständigen Kriegen gegeneinander verurteilt. Der letzte dieser Warum aber, wenn wir diese Zusammenhänge erkennen,
Kriege endete 1945. Welcher Franzose oder Deutsche träumt trauen wir doch dem Frieden noch nicht? Und ich sage: Wir
heute noch vom nächsten Krieg zwischen uns ? trauen dem Frieden mit Recht noch nicht. Er ist noch nicht
Was geschieht in solchen Lernprozessen? Werfen wir einen Weltfriede. Der Zusammenbruch des einen der beiden Welt-
Blick in die ferne Vergangenheit, in die tierische Evolution, in machtsysteme hat die Kriege nicht gebremst, sondern ver-
die Geschichte der menschlichen Hochkulturen! mehrt. Warum ist der Weltfriede, heute die einzig rationale
Die tierische Evolution. Eine tierische Spezies, zumal eine Weise des Zusammenlebens, noch nicht erreicht?
sozial lebende Spezies, kann nicht überleben, wenn ihre Ange- Friede kann nicht isoliert von anderen Bedingungen herge-
hörigen einander ungehemmt umbringen. Konrad Lorenz hat stellt werden. Gestern nachmittag mußte ich mit dem Dalai
dies studiert. Tiere einer überlebensfähigen Spezies haben ent- Lama über den Weg zum Frieden, zur Gerechtigkeit, zur Be-
weder keine natürlichen Waffen, mit denen sie ihresgleichen wahrung der Schöpfung reden. Ich habe dort, neben der Not-
leicht töten könnten, oder, wenn ihre Klauen und Zähne sie wendigkeit, die Institution des Kriegs zu überwinden, zwei
zum Töten von ihresgleichen befähigen, so haben sie dagegen weitere Sätze zitiert:
eine natürliche, instinktive Hemmung. »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne
Der Mensch ist eine neue Stufe in der Evolution. Einerseits Frieden.«
hat er keine für seinesgleichen gefährlichen Klauen und Zähne: »Kein Friede unter den Menschen ohne Frieden mit der Na-
einen Mitmenschen im Ringkampf zu erwürgen ist nicht ganz tur; kein Friede mit der Natur ohne Frieden unter den Men-
leicht. Andererseits hat der Mensch den Verstand, der ihn befä- schen.«
higt, tödliche Waffen zu entwickeln. Als natürlich unbewaffne- Solche Sätze werden nicht seriös, wenn man sie nicht kon-
tes Wesen hat er keine zuverlässig zwingende instinktive Hem- kret anwendet. In der gestrigen Rede habe ich drei Beispiele für
mung gegen die Tötung von seinesgleichen. Als Waffenbesitzer den Zusammenhang zwischen fehlender Gerechtigkeit und
muß er also eine traditionelle Hemmung entwickeln, eine lehr- fehlendem Frieden angeführt: die Schuldenkrise des Südens,
bare Ethik des Nichttötens von Mitmenschen. die Lage Tibets unter chinesischer Herrschaft, den Krieg in
Die Geschichte der Hochkultur. Eine Stadt kann nur über- Bosnien. Die Aufgabe meines heutigen Vortrags ist nicht,
leben, wenn ihre Bürger nicht das Recht haben, einander will- spezielle politische Vorschläge zu machen; das Ethos ist das
kürlich zu töten. Nur die Obrigkeit darf töten oder Tötung heutige Thema. Ich frage deshalb nur nach den ethischen Pro-
erlauben, als Sühne für selbst tödliche Verbrechen. So geschah blemen und den seelischen Konsequenzen dieses Konflikts. In
es auch in territorialen Fürstentümern, schließlich in Großrei- allen drei Fällen ist das Problem eine Herrschaft, die von den

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Unterworfenen oder den als Revolutionäre Bekämpften mit der Maxwellschen Feldtheorie des Elektromagnetismus, daß
sehr guten Gründen als ungerecht empfunden wird und deren Radiosignale um die Erde würden laufen können. Und die Me-
freiwillige Aufhebung in allen drei Fällen für die Herrschenden dien sind heute wohl eine größere Macht als die Atombombe.
wie für die Beherrschten die Lage sehr verbessern würde: »Wissen ist Macht« haben Philosophen wie Bacon und
Friede ist fruchtbarer als Krieg und als Unterdrückung. Warum Des-cartes schon kurz nach 1600 ausgesprochen, früher als die
aber handeln die Herrschenden nicht so? Der tiefe Grund nach Wissen verlangenden Wissenschaftler diese Konsequenz
dürfte in allen drei Fällen die Angst sein: die Angst der nörd- reflektierten. »Macht ist an sich böse«, sagte der Historiker Jacob
lichen Kapitalisten vor zeitweiligen Verlusten, die Angst chine- Burckhardt, schon vor 1900. Ich folge ihm nicht wörtlich. Aber
sischer Kommunisten vor einer Insel der Freiheit, die Angst der ich sage: Macht ist ambivalent, und Macht als Selbstzweck,
bisher herrschenden Nation Jugoslawiens vor den anderen Na- nicht von einer Ethik geleitet, ist in der Tat böse. Wenn heute
tionen. die Menschheit durch technische Medien der Selbstverfüh-
Wie aber könnten die Kämpfenden von der Angst befreit rung, durch technische Waffen der Selbstzerstörung zum Op-
werden? Könnte ein gemeinsames Ethos ihnen die Angst neh- fer fallen kann, dann ist es unerläßlich, daß diese Macht von
men? einem Ethos gesteuert wird, das moralisch ebenso wach und
So komme ich zu meiner zweiten Frage: differenziert ist, wie die Wissenschaft sich intellektuell dif-
ferenziert hat. Geschieht das nicht, so ist der Mensch das
schlimmste Produkt der Evolution, der Mörder der Natur und
//. Weltethos als notwendiges Ziel seiner selbst.
Was aber meinen wir, wenn wir von einem solchen notwen-
In diesem mittleren Abschnitt der Rede frage ich noch nicht, digen Ethos sprechen? Ich beginne zunächst mit der klassi-
ob, und wenn ja wie das Ziel erreichbar ist. Ich wage einen schen Unterscheidung von Legalität und Moralität. Hans
Ausblick auf das, was in der Fortentwicklung der Menschheit Küng knüpft an diese Unterscheidung an, wenn er erwägt, der
notwendig wäre. Deklaration der Menschenrechte, welche die Vereinten Natio-
In den letzten beiden Jahrhunderten ist die Geschichte der nen 1948 abgegeben haben, könne in einer nicht zu fernen
Menschheit radikal verändert worden durch die Entwicklung Zukunft eine Deklaration des Weltethos folgen, welche vor-
der Wissenschaft und der durch sie ermöglichten Technik. Die wiegend, aber nicht ausschließlich, gemeinsam von den großen
Wissenschaft selbst war durch diese ihre unerwarteten Mög- Religionen auszusprechen wäre. Ob dies ein zweckentspre-
lichkeiten zutiefst überrascht. Ich habe einleitend die Über- chender Gedanke ist, werde ich erst im letzten Teil meines Vor-
raschung der Physiker durch die Möglichkeit der Atombombe trags fragen. Jetzt weise ich nur darauf hin, daß die Menschen-
geschildert. Ich füge, mehr spielerisch, ein anderes Beispiel in rechte legal von den politischen Instanzen gefordert worden
Gestalt einer frei erfundenen Anekdote hinzu. Wäre um 1850 sind, das Weltethos aber nach Küng moralisch von den religiö-
herum zu einem führenden Physiker ein Student gekommen sen und ethischen Instanzen zu fordern wäre. Den Unterschied
und hätte gesagt: »In 150 Jahren werden die Menschen in Eu- von Legalität und Moralität definiert Immanuel Kant so: Lega-
ropa in ihren Zimmern sitzen und auf einem Bildschirm sehen, lität ist Handeln gemäß dem Gebot, Moralität ist Handeln aus
was soeben in Japan geschieht«, so hätte der Professor vermut- Achtung für das Gebot.
lich geantwortet: »Lieber junger Mann, wir leben doch nicht Ich möchte mich an dieser Stelle zu meiner persönlichen
mehr in den magischen Träumen des Mittelalters. Sie wissen Überzeugung bekennen, daß die Einführung des Legalitäts-
doch so gut wie ich, daß das Licht nicht rund um die Erde prinzips in die Verfassungen der modernen Staaten vielleicht
laufen kann.« Wenige Jahrzehnte später schloß Marconi aus der größte moralische Fortschritt ist, den die Menschheit im

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politischen Felde in den letzten Jahrhunderten gemacht hat. dierte Ethiken in seinem Weltethos berücksichtigen will, so
Strafrechtlich bedeutet das Legalitätsprinzip, daß der Mensch nimmt er die Aufklärung gleichsam in die Gemeinschaft der
juristisch nur für seine Handlungen, aber nicht für seine Gesin- Religionen, an die er sich wendet, mit auf. Ich glaube, daß er
nung bestraft werden darf. Ich halte dies für einen fundamenta- damit das Richtige tut. Die moderne Wissenschaft atmet im
len moralischen Fortschritt gegenüber Ketzerverfolgungen Geiste der Aufklärung. Ausgang, d.h. Fortgehen aus der
und gegenüber der Justiz totalitärer Systeme: Gott allein sieht selbstverschuldeten Unmündigkeit: Wahrheitssuche im Geiste
das Herz, der menschliche Richter darf nur über Handlungen der Wissenschaft ist die Bereitschaft zu steter Selbstkritik.
urteilen. Wie verhält sich nun die Aufklärung zur Religion?
Ich weise auf diese Unterscheidung hin, um nun zu sagen, In meiner gestrigen Rede habe ich vier überlieferte Aufgaben
daß die berechtigte Forderung nach einem Ethos angesichts der der Religion genannt: Sie ist
Macht von Wissenschaft und Technik nicht auf legale Forde- a) Träger einer Kultur,
rungen eingeschränkt werden kann. Otto Hahn war legal an b) radikale Ethik,
der Atomwaffe völlig unschuldig. Nicht nur war seine c) innere Erfahrung,
Entdek-kung ohne jede technische Absicht entstanden. Auch d) Theologie.
im Krieg hat er rein wissenschaftliche Untersuchungen
gemacht, die nicht für Bomben, allenfalls für die realen Die Aufklärung der Wissenschaft und Technik ist heute die ein-
Arbeiten an dem Entwurf eines Reaktors von Belang waren. zige Denkweise, die die Kulturen unwiderstehlich durch-
Aber er sagte mir 1939: »Wenn durch meine Entdeckung dringt; wer einen Lichtschalter anknipst oder sich ans Lenkrad
Hitler eine Atombombe bekommt, bringe ich mich um.« Und eines Autos setzt, beweist damit seinen selbstverständlichen
als er 1945 die Nachricht von Hiroshima hörte, war er fast Glauben an die wissenschaftlich begründete Technik. Ist dieser
ebenso verzweifelt, ausdrücklich über seine Glaube zugleich einer radikalen Ethik fähig? Kant verlangte
Mitverantwortung für den Tod dieser Menschen. Für nichts genau dies von der Aufklärung. Haben Wissenschaft und Tech-
habe ich ihn so geliebt wie für diese spontane Empfindung der nik diese Ethik hervorgebracht? Nein. Eben dies wäre die Auf-
Mitschuld. Nur wer so zu empfinden vermag, wird die gabe ihres Anteils an der Suche nach dem Weltethos.
Handlungen vollziehen können, die das Ethos der technischen Nun wenden wir den Blick wieder den Religionen zu. Ha-
Welt von uns fordert. Eine Wissenschaft, die sich hinter ihrer ben sie radikale Ethik hervorgebracht? Ja. In den Zehn Geboten
legalen Unschuld an den Folgen ihrer Entdeckungen versteckt, des Alten Testaments, in der Bergpredigt von Jesus, in den
wird eben dadurch mitschuldig an diesen Folgen. Wir müssen Forderungen des Hinduismus und Buddhismus, die den Weg
im Blick auf die eintretenden Folgen verantwortlich handeln.
zum besseren Karma, zur besseren Wiedergeburt lehren, in der
Was aber ist das Gebot, aus Achtung vor dem wir nach Kant
konfuzianischen Weisheit ist radikale Ethik gefordert. Aber
moralisch handeln? Kant formuliert sein Prinzip als den ka-
haben die historischen Religionen die Forderungen ihrer Stifter
tegorischen Imperativ: »Handle so, daß die Maxime deines
Handelns stets zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung vollzogen? Ich fürchte, wir müssen sagen: Nein. Die Ge-
werden könne.« Das ist eine begriffliche Verallgemeinerung schichte der Religionen ist die ständige Wiederholung des Wi-
der uralten goldenen Regel: »Behandle deine Mitmenschen so, derspruchs der wahrhaft ethisch Handelnden gegen die einge-
wie du von ihnen behandelt werden willst.« Kant ist einer der rissene Machtpraxis der zum Herrscher gewordenen Religion.
großen Vertreter der Aufklärung. Er definiert die Aufklärung Und diese Machtpraxis war und ist weitgehend ein Produkt der
als den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Angst. Das Ethos aber sollte uns befähigen, die Angst zu über-
Unmündigkeit. Wenn Küng religiöse und nicht religiös fun- winden.
Ich sagte vorhin, daß, etwas anders als dort ausgedrückt, die

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Reife des wissenschaftlich-technischen Bewußtseins eine ana- Nächsten wie dich selbst; und schließlich den Indikativ der Se-
loge Reife des ethischen Bewußtseins verlangt. Hieran gemes- ligpreisungen, eine innere Erfahrung: selig seid ihr, wenn ihr
sen sind Religion und Aufklärung unvollendet. Und ich Frieden stiftet, Gerechtigkeit Sucht, barmherzig seid. Und
glaube, daß sie eine notwendige Reife nur erreichen können, diese innere Erfahrung berührt sich mit dem, was die Medita-
wenn jede von beiden die andere völlig ernst nimmt: wenn die tion wahrnimmt.
Religion die Wahrheit der Aufklärung ernst nimmt, und die Freilich wird der begonnene Dialog der Religionen, der nicht
Aufklärung die Wahrheit der Religion. aufhören kann und darf, viele ihrer Normen und viele Sätze
Was aber ist hier die Wahrheit der Religion? Die Religionen ihrer Theologie tiefgehend verändern. Dies ist ein weiter Weg.
sind tief verschieden: in den Kulturen, welche sie tragen, in den Die Religion ist unvollendet. Und so ist es auch die Aufklä-
Ritualen und speziellen moralischen Regeln, in den Theologien, rung.
in welchen sie auch ihre innere Erfahrung interpretieren. Diese Werden Religion und Aufklärung diese Schritte überhaupt
Verschiedenheit sollen wir tolerieren, ja wir sollen sie wollen. rechtzeitig zu gehen vermögen? Und welchen Weg können wir
Nächstenliebe heißt, den Mitmenschen so anzunehmen, wie er dazu beschreiten?
wirklich ist. Alle Menschen sind verschieden, und das ist der Das führt uns zum dritten Thema:
Reichtum des Menschseins. Alle Religionen sind verschieden,
und das ist der Reichtum der Religion. Aber sie suchen
Wahrheit, und überlieferte Religion wie moderne Aufklärung ///. Praktische Schritte zum Weltethos
glaubt im Grunde an eine Wahrheit. Erkannte Wahrheit muß
jedoch in gewissem Sinne intolerant sein. Wer weiß, daß zwei
Wir sollen arbeiten.
mal zwei vier ist, kann nicht aufrichtig zugeben, es könne auch
An der Erwerbung eines Ethos zu arbeiten heißt vor allem,
fünf sein. Wahrheits5#d?e freilich ist tolerant. Wenn der
nach diesem Ethos konkret zu handeln. Ich werde am Schluß
Buddha sagt: »Wenn deine Einsicht meiner Lehre widerspricht,
ein paar Handlungen nennen, die heute möglich werden. Aber
so mußt du deiner Einsicht folgen«, so meint er nicht,
das Handeln verlangt zugleich, daß wir unsere Gedanken dar-
widersprechende Einsichten könnten gleichzeitig wahr sein.
auf richten. Welche gemeinsamen ethischen Überzeugungen
Aber er weiß, daß der Gesprächspartner nur dann von seiner,
können heute in der Menschheit herausgebildet werden?
Buddhas Lehre Gewinn haben wird, wenn er sie selber einsieht,
Hans Küngs »Projekt Weltethos« zielt genau auf diese Arbeit,
nicht aber, wenn er sie nur gehorsam nachredet. Als
auf das aktive Herausarbeiten der gemeinsamen Überzeugungen.
Wissenschaftler fühle ich mich zu Hause in dieser Haltung;
In seinem heutigen Vortrag hat er die Absicht einer
und der Wissenschaftler hat gelernt, auch seine eigene Lehre
gemeinsamen »Erklärung eines Weltethos« vor Vertretern aller
immer wieder aufrichtig der Kritik auszusetzen.
großen Religionen besprochen und den Entwurf einer Prä-
Es gibt aber, soweit ich habe wahrnehmen können, zwei Be-
ambel dafür wörtlich zitiert. Es ist zu hoffen, daß in diese Er-
reiche, in denen die Religionen fast ununterscheidbar werden.
klärung die Absicht eingeht, die in einer früheren Äußerung
Das sind die höchsten Stufen der Ethik und der inneren medi-
einer vorwiegend amerikanischen Gruppe ausgesprochen war,
tativen Erfahrung. Ich versuche ein Wort darüber am Beispiel
daß jede Religion Arbeitsgruppen bildet, welche die ihr eigenen
der Bergpredigt Jesu. Man kann in ihr drei Schichten unter-
ethischen Prinzipien formulieren und auf ihre Vereinbarkeit
scheiden: das äußere Gebot des Handelns, das nur die Gebote
oder Übereinstimmung mit den ethischen Prinzipien Anderer
der jüdischen Religion streng und sinngemäß auslegt; das
überprüfen sollen. Das wäre ein Stück der notwendigen Arbeit.
innere Gebot der Gesinnung, eben die spontane Achtung des
Ich habe dieser Absicht ausdrücklich zugestimmt (»Zeit und
Gebots: tue nicht nur das Gebotene, sondern liebe deinen
Wissen«, 1992, S. 1064-67). Verglichen mit dem »konziliaren
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Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöp- Der Einzelne kann dabei an Grenzen dessen stoßen, was er
fung«, schien mir das Projekt der Allgemeinen Erklärung eines leisten kann; ich fürchte, ich kann davon aus eigener Erfahrung
Weltethos vorerst thematisch bescheidener, global umfassen- ein Lied singen. Die Aufgabe, den Ausländerhaß zu überwinden,
der und arbeitstechnisch gründlicher zu sein. fordert jeden Einzelnen von uns, sie fordert aber zugleich
Gerade die arbeitstechnische Gründlichkeit wird uns dann angemessene Handlungen im vielleicht schwersten politischen
aber auf Fragen des Präzisierens führen. Ich möchte hier eine Problem der kommenden Jahre, dem Problem der Flucht
kritische Frage nennen, die Wolfgang Huber schon früher und aus dem Elend, das sich heute für wenigstens eine Milliarde
vor einigen Monaten wieder in Hofgeismar (Hofgeismarer Menschen stellt. Im gestrigen Vortrag habe ich drei konkrete
Protokolle, Nr. 299,1993) geäußert hat. Wie Küng, der die gro- politische Probleme genannt, heute habe ich sie wieder zitiert:
ßen Religionen ja in umfassenden Büchern studiert hat, sieht Schuldenkrise, Tibet, bosnischen Krieg. Sie sind verschiedene
Huber die tiefe Verschiedenheit auch vieler ethischer Prinzi- einzelne Beispiele derselben ungelösten Problemlage.
pien der Religionen, und wie Küng sieht er den Reichtum in Aber, so wird jeder von uns fragen, wie können wir Einzelnen
dieser Vielfalt. Er will daher ausdrücklich die Gefahr eines die großen Probleme der Politik lösen? Welchen Einfluß habe
»radikalen Universalismus« vermeiden, also des ich auf die Politik amerikanischer Banken, der chinesischen
Gleichma-chens des legitim Verschiedenen. Er bejaht die Regierung, der bosnischen Nationalitäten? Ja, welchen Einfluß
Notwendigkeit, dasjenige herauszuarbeiten, was zum habe ich auch nur auf unsere eigenen Politiker? Politik-
Überleben der Menschheit unerläßlich ist und was er verdrossenheit ist heute in unserem Lande ein Schlagwort. Was
»planetarisches Ethos« nennt. Er will dies auf das zum kann da persönliches Ethos leisten?
Mir liegt daran, zu sagen, daß diese Verzagtheit politisch ein
Überleben notwendige Minimum beschränken. Ich sehe in
Irrtum und ethisch falsch ist. Man schiebt die Schuld auf die
dieser Vorsicht keinen Gegensatz gegen die Arbeitsabsicht im
Politiker. Ich habe das Schicksal gehabt, führende Politiker seit
Projekt Weltethos, so wie sie sich heute anfassen läßt. Ich hoffe
Jahrzehnten zu kennen, und würde sagen: Sie sind eben auch
daher auf enge Zusammenarbeit der Beteiligten.
Menschen. Eines ihrer Probleme in der Demokratie ist: ein
Freilich gestehe ich, daß ich hierin nur einen pragmatisch
Mitglied der Regierung ist oft genug in der Lage, das notwen-
notwendigen ersten Schritt der Arbeit sehe. Im mittleren Teil dige und vernünftige Handeln zu wissen, aber er weiß auch,
meines Vortrags habe ich gesagt, inwiefern meiner Überzeu- daß bei der bestehenden öffentlichen Meinung die Regierung
gung nach Religion und Aufklärung unvollendet sind und wei- die nächste Wahl verlieren wird, wenn und weil sie das Not-
terer Reifung dringend bedürfen. In der Absicht des »Projekt wendige und Vernünftige tut. Und hier beginnt die politisch-
Weltethos« sehe ich eine Wahrnehmung dieser notwendigen ethische Aufgabe jedes Einzelnen. Es ist die Aufgabe z. B. jedes
weiteren Schritte, und ich sehe in ihr die kluge Auswahl eines Besuchers des heutigen Kirchentags, das, was er als politisch
ersten Schritts, der heute geplant werden kann, also einen notwendig kennt, bei seinen Freunden und Gesprächspartnern
Übergang aus der bloßen Erwartung in die konkrete Arbeit. und, soweit er es kann, in der Öffentlichkeit zu vertreten; viel-
Mehr Arbeit aber wird, wenn dieser erste Schritt glücken sollte, leicht wird dann bei der nächsten Wahl die Vernunft besser ho-
unausweichlich folgen. noriert.
Woran sollen wir konkret arbeiten? Wenn an einem Ethos zu Deshalb aber muß ein Vortrag über Weltethos versuchen, das
arbeiten heißt, nach diesem Ethos zu handeln, so stellt sich uns politisch Notwendige und Vernünftige und darum im Prinzip
die Frage, wo wir handeln sollen. Mögliche zu bezeichnen. Ich wiederhole jetzt nicht, was ich
Der jetzige Kirchentag steht unter dem Motto »Nehmet ein- gesagt habe über die Notwendigkeit, die Institution des Kriegs
ander an«. Das geht zunächst jeden Einzelnen an. Stets von zu überwinden, und anhand der drei Beispiele über die für den
neuem begegne ich Menschen, die ich annehmen soll und darf.
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L
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Frieden unter den Menschen notwendige Gerechtigkeit. Ich Milliardenwanderung wegen des Hungers, den Umsturz des
ende mit ein paar Worten über den Frieden mit der Natur. Da- Klimas. Nichts davon ist an sich unvermeidlich. Weltethos be-
für verweise ich auf das Buch »Erdpolitik« des auf diesem Kir- deutet hier, das Vernünftige und Notwendige erkennen und
chentag anwesenden Ernst Ulrich v. Weizsäcker (erschienen tun zu wollen. Alle großen Religionen sind offen für die tiefen
bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt, Motive für solches Handeln. Dies einzuüben liegt auf dem Weg
3. Auflage 1992) und auf einige neuere Vorträge desselben Au- der praktischen Schritte zum Weltethos.
tors. Ich wähle als Beispiel ein einziges Problem aus: die vor- Wir sollen arbeiten. Wir dürfen hoffen.
aussichtlich katastrophale Klimaänderung in wenigen Jahr- Wir dürfen arbeiten. Wir sollen hoffen.
zehnten durch den sogenannten Treibhauseffekt, welcher
durch die ständig wachsende Verbrennung fossiler Brenn-
stoffe, also Kohle und Öl, erzeugt wird.
Die These ist: Mit heute möglichen Formen der Technik
könnte der Brennstoffverbrauch innerhalb von Jahrzehnten
auf ein Drittel des heutigen gesenkt und gleichzeitig die ökono-
mische Leistung fast vervierfacht werden. Aber diese Formen
der Technik sind heute teurer als die jetzige Form des Energie-
verbrauchs. Die Antwort wäre eine ökologische Steuerreform.
Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen. Eine Jahr
für Jahr um ca. 5 Prozent fortschreitende Erhöhung der Brenn-
stoffsteuern, nicht zuletzt des Benzins, wäre für alle Verwender
des Brennstoffs noch erträglich und würde gerade rechtzeitig
der Brennstoffersparnis auf dem Markt den ihr gebührenden
Vorteil, verglichen mit der jetzigen Energieverschwendung, ge-
ben. Eine solche Steuerreform ist ohne weiteres durchsetzbar,
wenn es für sie eine parlamentarische Mehrheit gibt, und diese
Mehrheit wird es geben, wenn die Politiker wissen, daß sie für
diesen Akt der Vernunft bei der nächsten Wahl vom Wähler
nicht bestraft, sondern belohnt werden. Also schaffe man das
öffentliche Verständnis für die Aufgabe.
Natürlich ist das ökologische Problem weltweit. In einer ein-
zelnen Nation, wie der deutschen, kann die Besorgnis entste-
hen, in Schwierigkeiten zu kommen, wenn sie in dieser Sache
den Vorreiter darstellt. Noch vor wenigen Jahren hat diese
Sorge unsere Politik gehindert, uns darauf einzulassen. Heute
aber hat bereits die EG, die Europäische Gemeinschaft, solche
Maßnahmen ernstlich erwogen. Soll man aus Angst vor kurz-
fristigen Schwierigkeiten das langfristig Fällige unterlassen?
Ich komme zum Ende. Ich habe mehrere Möglichkeiten
einer weltweiten Katastrophe genannt: den Weltkrieg, die
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Zur Namengebung von Jahrhunderten »Religion und Kultur, Bildung, Recht und Wirtschaft (ja:
Wirtschaft) werden im Jahrhundert der Umwelt vom ökologi-
schen Diktat bestimmt sein.« (S. 9)
Das Buch aber verspricht eine ökologische Realpolitik, also
nicht den trägen Optimismus oder den noch trägeren Pessimis-
E. U. v. Weizsäcker hat seinem Buch »Erdpolitik« den Untertitel mus, sondern den Realismus des Frosches, der, ins Milchfaß
gegeben: »Ökologische Realpolitik an der Schwelle zum gefallen, solange strampelte, bis Butter entstanden war (dieses
Jahrhundert der Umwelt«. Der Titel des I. Kapitels wiederholt: Gleichnis nicht vom Verfasser!).
»Einleitung: Aufbruch ins Jahrhundert der Umwelt«, und das Diese Namengebung für fünf Jahrhunderte legt einen
Kapitel beginnt mit einem Abschnitt »Das Jahrhundert der ge-schichtsphilosophischen Entwurf nahe, den ich zuerst im
Ökonomie: eine Episode«. In diesem Abschnitt werden auch Anschluß an Erwägungen des Verfassers und dann noch einmal
früheren Jahrhunderten Namen gegeben: an einige meiner eigenen Überlegungen andeuten will.
»Im 17. Jahrhundert war - zumindest in Mitteleuropa - der Die Kennzeichnungen der Jahrhunderte, die ich im Auszug
Religionskrieg das kulturbestimmende Geschehnis.« zitiert habe, können als der dialektische Fortschritt des Suchens
»Das 18. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert der Fürsten-
nach der Realität in den Bedingungen menschlichen Lebens
höfe.«
verstanden werden.
»Im 19. Jahrhundert wurde der Fürstenhof durch den Natio-
Die Religionskriege des 17. Jahrhunderts verstehen sich im
nalstaat ersetzt, den die bürgerliche Revolution hervorgebracht
Rahmen der Konfliktform der Theologie. Es geht um das Heil
hatte.«
der Seele, darum die Unerbittlichkeit des Glaubens. Wenn die
»Kolonialismus und Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise und
Unerbittlichkeit aber zum fürchterlichen Blutvergießen führt,
Massenarbeitslosigkeit, Totalitarismus und Atombombe bilden
dann ist es ein Fortschritt auf dem Wege zur Aufklärung, der
den Übergang zu unserer ökonomischen Kultur... Vor diesem
meist grauenhaften Hintergrund ist unsere heutige ökonomi- notwendigen Toleranz die politisch am leichtesten realisierbare
sche Wertewelt auch als der Versuch zu verstehen, endlich Ver- Form zu geben, daß nämlich der regierende Fürst den zugelas-
nunft, Wohlstand und Frieden in eine von Krieg, Ideologien und senen Glauben seiner Untertanen bestimmt: cuius regio, eius
Machtanmaßungen vergiftete Welt zu bringen.« (S. 4) religio.
»Wer weiß? Vielleicht empfinden die Menschen künftiger Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, freier entfaltet im Für-
Jahrhunderte unsere heutigen ökonomischen Werte auch als stenstaat, erkennt aber, daß der Wille des Fürsten keine Garantie
Torheit, womöglich als größere Torheit als die Werte der Scho- der Vernunft gibt und daß die Selbstverteidigung der fürstlichen
lastik, der Konfessionskriege oder des Nationalstaats. Macht die Freiheit nicht zulassen kann, derer das Glück der
Exakt diese Befürchtung habe ich.« (S. 5) Bürger, zumal um der Ausübung ihrer Vernunft willen, bedarf.
»Es ist nun meine These, daß die schönen Tage des ökonomi- Wahrheitssuche braucht die freie Debatte und die praktische
schen Konsenses gezählt sind.« (S. 6) Erprobung des als richtig Vermuteten.
»Jahrhundert der Umwelt<, das klingt zunächst wie eine Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sucht die notwendige
schöne Verheißung. Aber das ist offensichtlich nicht gemeint. Machtverfügung in die Hand der Vertreter seiner Bürger zu
Gemeint ist die grausame Realität, die sich einstellt und die un- legen. De facto ist er damit bereits eine ökonomische Organisa-
vermeidlich kulturbestimmend wird, wenn die Plünderung des tion. Industrialisierung findet statt. Die Bürger konnten die
Planeten durch den Menschen sich noch ein bis zwei Jahr- politische Macht übernehmen, nachdem die seit der Renais-
zehnte fortsetzt.« (S. 8) sance herangereifte Marktwirtschaft die ökonomische Macht
schon aus der Hand des Adels in die Hand der Bürger überlie-

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fert hatte. Der große soziale Konflikt des Jahrhunderts wird der Mensch genötigt, sich als abhängiges Kind der Natur zu
von der Arbeiterschaft getragen, die selbst ein Produkt der in- erkennen. Auch dies ist ein Schritt der Aufklärung. Das Buch
dustriellen Ökonomie war. »Erdpolitik« enthält vier Teile. Teil I, Der Rahmen, schildert
Das ökonomische Selbstverständnis des 20. Jahrhunderts die Entstehung praktischer Bemühungen, in denen sich das
orientiert sich an den Erfahrungen und daran anschließend an Problem erst deutlich zeigt. Teil II, Krisenfelder, schildert die
der ökonomischen Theorie des Markts. Wie Adam Smith sah, völlig ungelösten Probleme in den fünf Bereichen der Energie
motiviert der freie, polypolistische Markt den Egoismus und (und Stoffe), des Verkehrs, der Landwirtschaft, der Dritten
damit den Fleiß und die Intelligenz der Millionen Marktteil- Welt, der biologischen Vielfalt und Gentechnik. Teil III liefert
nehmer. Diese Erfahrung ermutigt politisch zur repräsentati- realpolitische Lösungsansätze. Diese müssen und können drei
ven Demokratie. Die Macht geht soweit als durchführbar vom Bedingungen erfüllen: die Orientierung an der Vorsorge für
Fürsten auf die politische und ökonomische Elite und weiter das als notwendig Erkannte, das Verursacherprinzip, die Ko-
auf die zur Selbstbestimmung willigen Bürger über. operation. Teil IV geht über das bisher realpolitisch Postulierte
Der Markt aber hat Schwächen, die z. T. Adam Smith schon hinaus zur Vision eines neuen Wohlstandsmodells über. Der
sah. Drei Dinge kann nach Smith der Markt nicht leisten: den konkrete Inhalt dieser Teile ist nicht Gegenstand der jetzigen
Schutz der Nation nach außen, die Garantie des Rechtsstaats Aufzeichnung. Er hat für mich überzeugenden Charakter.
nach innen, die Infrastruktur, deren Errichtung (z. B. Leucht- Ich erlaube mir nun, diese Dialektik noch einmal zu durch-
türme) dem daran Arbeitenden keinen persönlichen Profit laufen im Rahmen meiner Überlegungen zur Geschichtsphi-
bringt. Dies muß der Staat leisten. Ich füge hier eine Auffas- losophie.
sung von C. Ch. v. Weizsäcker ein, die mir unmittelbar ein- Der Mensch ist ein Kind der Natur, also der Evolution. Evo-
leuchtet. Die neoklassische Ökonomie versteht den Markt, lution ist notwendigerweise konfliktbeladen. Hier vollzieht
wenn die genannten Bedingungen erfüllt sind, als essentiell Darwin den Schritt zu einer Sicht der Natur, die den herrschen-
stabil, also z.B. konstanten Volumens fähig. C.Ch.v.Ws den abendländischen Harmonisierungen widerspricht, aber
Doktorarbeit aber enthielt die heute anerkannte These, daß die vereinbar ist mit den Einsichten Buddhas. Daß Ökonomie nur
ökonomisch optimale Zinsrate gleich der Wachstumsrate der wachsend stabil sein kann und eben darum essentiell instabil
Wirtschaft ist, bei Nullwachstum also Null. D.h. selbst der ist, ist nur ein Beispiel für die Struktur der Evolution. Der
Markt ist nur bei Wachstum, also fortdauernder Veränderung Mensch als denkendes Wesen forciert einerseits das Tempo der
stabil; denn wenn er vom Optimum abweicht, so erzeugt er Evolution, scheint andererseits fähig, eben die dadurch ge-
automatisch das Wachstum, dessen er bedarf. Dies aber führt stellte Aufgabe zu sehen.
zu unweigerlichen sozialen und politischen Spannungen. Die Die abendländische Kultur, die heute strukturell die
Ungleichheit der Profite ist ein unvermeidliches Produkt des Menschheit beherrscht, speist sich aus den drei Quellen des
Marktmechanismus. Der marxistische Sozialismus sah diese Griechentums, des Judentums und des Römischen Reiches
Instabilität klarer als die marktgläubigen Optimisten, aber er
(Kyoto-Vortrag). Alle drei sind kritische Kinder des Wachs-
erlag dem tieferen Irrtum, eine soziale Ordnung, die der
tums der Hochkultur. Die Juden verstanden sich als ein Volk,
Marktmotive nicht mehr bedarf, könne durch Revolution ent-
das geschaffen ist, um in der sonst so bösen Welt Gottes Willen
stehen. Die Absurdität dieser Hoffnung ist in unseren Tagen
deutlich ans Licht getreten. zu tun. Die Zukunftshoffnung ihrer Propheten ist diesseitig.
Die prognostische Bezeichnung des 21. Jahrhunderts als Eben diese diesseitige Hoffnung ist die Botschaft Jesu. Aber
Jahrhundert der Umwelt geht von der heute offenbar werden- hierfür genügt nicht die Rationalität; der allwirksame leben-
den Krise einer wachsenden Marktwirtschaft aus. Nun wird dige Glaube (pistis = fides = Vertrauen auf Gott) ist nötig.
Rationalistischer formuliert enthält die griechische Philoso-
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phie, deutlich bei Piaton oder in der Stoa, eine verwandte Ein- Die großen Imperien der Weltgeschichte, so auch das römi-
sicht und Forderung. Das Römische Reich war in den Hoff- sche, hielten in ihren guten Phasen ein gewisses Gleichgewicht
nungen seiner guten Kaiser der Raum für ein solches Ziel. Aber zwischen den technischen Hilfsmitteln ihrer Zeit, der den
es konnte den Hoffnungen der Christen nicht genügen. Sie Menschen im Durchschnitt zugänglichen Moral und der prak-
hofften auf sein Ende, wurden seine Herren und vermochten tischen Administration. Aber stets nach wenigen Jahrhunder-
die Welt nicht zu verwandeln. So entsteht die Verschiebung der ten kamen tiefe Krisen. Meine Hypothese ist, daß jede dieser
Hoffnung auf ein unirdisches Jenseits (dazu Zeit und Wissen, Kulturen nur so lange stabil war, als es in ihr ein wenngleich
110.3 Konflikt als Form der Theologie und Philosophie; II 8.3 langsames Wirtschaftswachstum gab. Wachstum gestattet Regie-
C. G.Jung; II10.1 Eugen Rosenstock: Die europäischen Revo- ren mit Kompromissen, Stagnation nötigt zur Härte, erzeugt
lutionen; II 10.2 Säkularisierung). Diese Hoffnung erfüllt das Krisen. Die Krisen erschüttern die durchschnittliche Moral.
erste christliche Jahrtausend. Hoch- und Spätmittelalter wen- Die großen Religionen, auch die griechische Philosophie, rie-
den sich dem Blick auf die diesseitige Realität zu. Rosenstock fen zu tieferer Moral auf. Nun ist unsere Zeit charakterisiert
schildert die Folge der hieraus entstehenden Revolutionen als durch ein alles bisher Bekannte übertreffendes Wachstum der
eben die Dialektik, die oben in den Namengebungen der Jahr- technischen Mittel, damit der möglichen Machtausübung. Ich
hunderte angedeutet war. Jede Revolution versucht, das Not- sehe nicht, daß so entstehende Krisen gemeistert werden kön-
wendige, das Gute zu verwirklichen, scheitert im Ergebnis nen, wenn nicht der gewachsenen wissenschaftlich-techni-
daran und gibt so zur nächsten Revolution den Anlaß. Die schen Einsicht eine wachsende moralische Einsicht entspricht.
Papst-Revolution des 11. Jahrhunderts (Gregor VII.) versucht Dies wird im vierten Teil der »Erdpolitik« evident. Es ist wichtig,
die vom Kaiser und Adel beherrschte Welt dem Willen Gottes zunächst den durchschnittlichen Stand dieser Einsicht zu
zu unterwerfen. Ihr Ergebnis ist das Italien der Renaissance; respektieren: nur so entsteht praktikable Politik. Wer sich
der Papst besiegt den Kaiser und wird vom französischen Kö- selbst moralisch besser weiß als die Anderen und das hinaus-
nig besiegt; der Fürstenstaat bereitet sich vor. Die Reformation schreit, wird vermutlich scheitern. Aber wer sich mit dem
Luthers will den Selbstbetrug der Papstkirche überwinden und durchschnittlichen Stand begnügt, scheitert auch. Nur wer
überträgt die Herrschaft über die Kirche faktisch dem Landes- beide Weisen des Scheiterns seelisch realisiert, seelisch voll-
herrn. zogen hat, darf hoffen, kann wirken.
Der Religionskrieg des 17. Jahrhunderts ist der letzte Ver-
such, die Welt vom Christentum her zu ordnen. Die Fürsten
bleiben übrig. Die Revolution versuchte unter den Namen
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit das zu verwirklichen, was
die Christen gelehrt, aber nicht vollzogen hatten. Der Markt
vollzog die maximal bisher mögliche Freiheit, nicht aber die
Gleichheit, und verbannte die Brüderlichkeit in politische
Ideologien. Der Marxismus hat eine jüdische oder christliche
ideologische Hoffnung, diesseitig, aber de facto irrig. Besteht
Aussicht, daß das Jahrhundert der Umwelt die notwendige
Einsicht und Praxis erzeugt?
Es ist Pflicht, den Willen hierzu auszubilden, und darum
geht es dem Buch »Erdpolitik«. Es sei aber noch ein Blick der
Reflexion auf den bisherigen Gang der Geschichte geworfen.

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Westlicher und östlicher Geist bestimmt, die Sozialstruktur durch die Ökonomie, und die po-
litischen Probleme durch die Sozialstruktur. Intellektuell ver-
(1993) lieren zudem die traditionellen Überzeugungen mehr und
mehr ihren Einfluß, teils durch die wachsende Wirkung der
Medien wie Radio und Fernsehen. Selbst politische Doktrinen
Das Internationale Institut für Fortgeschrittene Studien hat erleiden einen Verlust an ihrer Glaubwürdigkeit; und Sektierer
Prof. Fukunaga und mich zu dem heutigen ost-westlichen Dia- bleiben Minoritäten.
log eingeladen und hat für meine Vorlesung den Titel »Der Worin also wurzelt die Natur und Macht der Wissenschaft
westliche und der östliche Geist« vorgeschlagen. Mein Vortrag und Technik?
ist in drei Teilen entworfen, denen man kurz die Namen Ge- Die Naturwissenschaft und die moderne Technik, die ohne
genwart, Vergangenheit und Zukunft geben könnte. Ausführ- die Naturwissenschaft nicht möglich gewesen wäre - beide
licher schlage ich vor, unter den drei aufeinanderfolgenden sind Produkte der modernen europäischen und, zunehmend,
Titeln zu sprechen: nordamerikanischen Zivilisation. So sind sie, von Japan aus ge-
sehen, und in den Augen der Mehrheit der Menschheit, die in
I. Die gegenwärtige Situation Asien lebt, Produkte des westlichen Geistes. Dies also scheint
II. Herkunft und Geschichte des westlichen Denkens das Thema zu sein, über das zu sprechen wir gebeten sind.
III. Unsere gemeinsame zukünftige Aufgabe. Die großen Kulturen von Asien sind historisch älter als die
europäische Zivilisation: insbesondere diejenigen von Indien
und China, aber auch die von Mesopotamien und Ägypten.
/. Die gegenwärtige Situation Heute aber herrschen einige westlichen Denkweisen auch in
asiatischen Zivilisationen, nicht nur in der Form von Wissen-
Die Menschheit befindet sich heute in einer raschen Änderung schaft und Technik. Japan ist heute die einzige nichtwestliche
ihrer Lebensbedingungen. Weltmacht, wenigstens im Felde einer Ökonomie, die eine
Überall auf der Erde wird das praktische Leben zunehmend Struktur voraussetzt, welche man als Technokratie bezeichnen
von der Technik beherrscht, und das intellektuelle Leben zu- könnte. China wird heute noch vom Kommunismus be-
nehmend von der Wissenschaft. Gewiß haben die beiden domi- herrscht, der eine westliche politische Doktrin ist, und beginnt
nierenden Mächte ihre Partner und Konkurrenten. Im prakti- zunehmend von der ebenfalls westlichen Marktwirtschaft be-
schen Leben stehen der Technik die Wirtschaft, die sozialen stimmt zu sein, von einem jungen Kapitalismus. In Indien
Strukturen und Bewegungen und die Politik als Partner oder funktionieren seit den Tagen der Unabhängigkeit, wenngleich
auch als Machtkonkurrenten gegenüber. Im geistigen Leben mit Krisen, die aus England importierte Struktur der parlamen-
begegnen der Wissenschaft die traditionellen Überzeugungen tarischen Demokratie und eine eher kapitalistische Wirt-
der verschiedenen Kulturen, insbesondere der Religionen, und schaftsform. Die islamischen Nationen haben ihre einstmalige
ihr begegnen heute Ansichten über die wünschbare Zukunft, Überlegenheit über Europa seit dem Spätmittelalter fortschrei-
die von politischen Doktrinen bis hin zu Glaubenslehren von tend verloren, und zwar als Folge der überlegenen militäri-
Sekten reichen. Aber alle diese Partner sind untereinander ver- schen Technologie des Westens; heute suchen sie wirtschaft-
schieden, gewiß auch verschieden im Westen und Osten. Tech- liche Macht durch das Öl und streben machtförmigere politi-
nik und Naturwissenschaft aber sind über unseren ganzen sche Strukturen an.
Planeten hinweg weitgehend einheitlich. Zudem ist die Struk- In allen asiatischen Nationen besteht ein natürlicher Wider-
tur der heutigen Ökonomie weitgehend durch die Technik stand gegen diese neuzeitliche Dominanz des Westens. Ein na-

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heliegender Lösungsversuch ist die Tendenz, ein gleichrangiger //. Ursprung und Geschichte des westlichen Denkens
Partner im westlichen System zu werden. Dies ist Japan im ein-
flußreichsten Bereich, in der Wirtschaft, gelungen. Für die Wie unterschied sich der westliche Geist vom Geiste des
kommenden Jahrzehnte würde ich eine ähnliche Chance wirt- Ostens schon in seinen Anfängen? Wie wuchs dieser Unter-
schaftlicher Partnerschaft nur China und, weniger machtvoll, schied in seiner weiteren Entwicklung? Wie wurde der west-
Korea zuschreiben. liche Geist verschieden von sich selbst? Vielleicht selbstwider-
Aber gleichzeitig lebt die Tendenz eines geistigen Wider- sprechend?
stands gegen das westliche System. Der Kommunismus in Drei Quellen des westlichen Denkens möchte ich unter-
Rußland, China und vielen südlichen Ländern war selbst eine scheiden: bei den Griechen, bei den Juden, im Römischen
westliche Form eines solchen Widerstands; sein Verlust an Reich. Ferner können wir drei historische Übergänge in ihm
Überzeugungskraft im letzten Jahrzehnt ist selbst eine inner- wahrnehmen. Zuerst, als diese drei Quellen zu strömen began-
westliche Krise. Aber eine andere, ursprünglichere Form gei- nen, in einer älteren, andersartigen kulturellen Umgebung
stigen und auch politischen Widerstands ist die Rückwendung -historisch um den Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtau-
zur eigenen Tradition. Politisch ist dies vielleicht am stärksten, sends. Zweitens, als sie sich zu einem großen Strom vereinig-
als revolutionäre Kraft, im islamischen Fundamentalismus. ten, im Laufe weniger Jahrhunderte rund um die Zeit Christi.
Aber meiner Überzeugung nach gibt es wichtigere und weniger Drittens, im Anfang der westlichen Neuzeit, die sich, höchst
revolutionär auftretende Weisen einer solchen geistigen Rück- charakteristisch, selbst als eine Wiedergeburt verstand, unter
kehr in allen Teilen Asiens. den Namen der Renaissance oder der Reformation.
Gleichzeitig aber ist der westliche Geist nur sehr partiell be- Die griechische Quelle. Ich empfinde die alten Griechen als
friedigt durch seine eigenen modernistischen Prinzipien. Zer- die begabteste Nation, die je auf dieser Erde gelebt hat. Poli-
stören wir vielleicht, unbewußt und eben darum unausweich- tisch kämpften sie immer miteinander, wie es Hochbegabte so
lich, unser eigenes Leben durch die wachsende Technologie?
oft tun. In den Künsten, zumal in der Plastik und der Poesie,
Zerstören wir unsere eigene Gesellschaft, vielleicht am Ende
erzeugten sie die wunderbarsten Werke. Intellektuell lernten
die Menschheit und alle Lebewesen auf der Erde? Versteht die
sie gewiß von der orientalischen Kultur, von Ägypten, von Ba-
Naturwissenschaft in ihrer modernen technischen Orientie-
rung noch das wahre Wesen der Natur? Entspricht unser mo- bylon, indirekt auch von Indien. Aber ihr eigener Entwurf,
dernes Denken noch der Absicht, der es einst entsprungen ist? gipfelnd in ihrer Philosophie, hat eine einmalige Gestalt durch
Oder war Naturwissenschaft schon seit ihren Anfängen ein seinen gemeinsamen Ursprung mit der deduktiven Mathematik.
Streben nach absoluter Macht? Und ist unsere westliche Zivili- Hier ist der Ursprung dessen, was ich gelegentlich das spe-
sation fähig zur Selbstkorrektur? Oder sollten wir uns nicht an zifische Geschenk der Griechen an die Menschheit genannt
die östlichen Kulturen wenden, um sie zu fragen, um von ihnen habe: der scharfen Unterscheidung und Gegenüberstellung
zu lernen? In Europa und Nordamerika gibt es wachsende reli- von Wahr und Falsch. Die Logik ist die Wissenschaft vom Ur-
giöse Gruppen, die grundlegend von der Tradition Indiens sprung und der Anwendung dieser Unterscheidung.
beeinflußt sind. Und die japanische Spiritualität hat westliche Aber in dieser Ja-Nein-Unterscheidung liegt eine Quelle un-
Intellektuelle tief beeindruckt, zumal durch den Zen-Buddhis- serer Probleme. Wenn ich mit Vertretern der indischen oder der
mus. japanischen geistigen Tradition redete, sagten mir Sprecher bei-
Diese Fragen der Gegenwart lenken mich in eine Betrach- der Traditionen: »Ihr Europäer, der Ursprung eurer Macht in
tung der Vergangenheit, der Herkunft des westlichen Denkens. der äußeren Welt und daher der Zerstörung, die ihr durch diese
Macht anrichtet - dieser Ursprung liegt in eurem Aberglauben
an die aristotelische Logik.« Nun, als ich selbst westliche Phi-
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losophie zu lehren hatte, las ich Piaton. In seiner Philosophie schichte hindurch, als ständige Ermutigung und immer auch als
kann das höchste Sein, genannt das Eine oder die Idee des Guten, ständige Selbstkritik seiner Kirche.
nicht mehr in der zweiwertigen Logik von Wahr und Falsch Die römische Quelle war wohl die am wenigsten originelle.
beschrieben werden. Als ich darüber mit Indern sprach, Imperien hat es nun seit rund sechstausend Jahren in der Ge-
antworteten sie: »Freilich, Piaton war natürlich nach Indien schichte der Menschheit gegeben. Aber das Römische Reich
gekommen und hatte das dort gelernt.« Ich bezweifle, daß nahm in seine geistige Welt das griechische Denken und den
diese indische Antwort historisch korrekt war. Aber ohne christlichen Glauben auf und fügte zu ihnen eine dauerhafte
Zweifel haben hier die platonische und die indische Philoso- politische Struktur. Römisches Recht wurde ein zentraler Teil
phie einen tiefsten gemeinsamen Gedanken. Aber für Piaton aller westlichen sozialen Ordnung bis zum heutigen Tag. Damit
wird dann das Eine, wenn es in die unabgegrenzte Zweiheit der waren nun die drei Quellen zu einem Strom vereinigt.
Bewegung (kinesis), d. h. in die Zeit eintritt, eine Struktur ent- Der dritte Übergang, Renaissance und Reformation, führt in
wickeln, die in guter Näherung durch die Mathematik be- wenigen Jahrhunderten in die heutige Modernität. Als den in-
schrieben werden kann. Hiermit befinden wir uns im Westen. tellektuellen Kern dieser Neuzeit möchte ich die Aufklärung
(les lumieres, enlightenment) bezeichnen. Der deutsche Philo-
Die jüdische Quelle. Als das spezifische Geschenk der Juden
soph Immanuel Kant definierte Aufklärung als den Ausgang
an die Menschheit empfinde ich die scharfe Unterscheidung
des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.
und Gegenüberstellung von Gut und Böse. Natürlich kennen
Ich möchte diese Definition im Licht der Geschichte des west-
alle Kulturen den moralischen Unterschied dessen, was wir tun
lichen Denkens interpretieren.
sollen und was wir nicht tun sollen. Dies ist im allgemeinen eine
Wenn Kant recht hat, so war der westliche Geist vor der Ära
Gesamtheit überlieferter Sitten. Wer nach deren Rechtferti -
der Aufklärung nicht erwachsen, und diese Unmündigkeit war
gung fragt, hat meist schon an ihrer Gültigkeit zu zweifeln be-
selbstverschuldet. D. h. er besaß die notwendigen Lehren, aber
gonnen. Die Juden verstehen sich selbst als ein Volk, das von
er war nicht willens, sie in der Wirklichkeit anzuwenden. Was
Einem Gott geschaffen ist, um sein Gesetz zu befolgen und bedeutet das im Blick auf die drei Quellen?
damit das Gute zu tun. Dieses Gebot Gottes rechtfertigt das Zuerst schaue ich nun auf die jüdisch-christliche Quelle.
moralisch Gute. Sie lernten dann, ihn als den einzigen wahren Jesus lehrte: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« (Matth.
Gott zu verehren und zu glauben, daß er auch die Welt geschaffen 19,19) »Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut
hat. So tritt die Geschichte, also die Zeit, als fundamentale Gutes denen, die euch hassen, und betet für die, die euch verfol-
Wirklichkeit ins menschliche Bewußtsein: als die Geschichte gen.« (Matth. 5,44) Im Grunde ist dies die schlichte Vernunft.
dieses Volkes, als die Geschichte dieser geschaffenen Welt, und - Das gegenseitige Morden der Menschen kann erst enden, wenn
da dieses Volk nun seit mehr als zwanzig Jahrhunderten unter sie dieser Wahrheit zu folgen lernen; dieser Friede ist ein tieferer
Exil und Verfolgung gelitten hat - als seine Hoffnung auf ein Segen als jeder Sieg. In nicht mehr als zweieinhalb Jahrhunderten
Ende der Geschichte zur Rettung des Volkes und der Mensch- wurden die Christen, welche das Opfer für den vergötterten
heit auf dieser Erde, aber unter dem Gleichnisbild eines neuen Kaiser verweigerten und dafür zu sterben bereit waren, die
Himmels und einer neuen Erde. überzeugendste und zuverlässigste Minorität im Römischen
Jesus war der Sohn der Juden, der die Menschheit am umfas- Reich. Der Kaiser Konstantin erkannte das und machte das
sendsten und am tiefsten bewegt hat. Seine Reden, so die Berg- Christentum zur Reichsreligion. Aber die Kirche wurde in dieser
predigt und die Gleichnisse, empfinde ich als die tiefste und, ich ihrer neuen Machtposition ein Machtapparat wie viele andere.
wage zu sagen, die vernünftigste ethisch-religiöse Wahrheit, die Das ist leicht zu verstehen, aber es war selbstverschuldete
mir je begegnet ist. Er starb für diese Wahrheit, und seine Ge- Unmündigkeit gegen die Lehre Jesu. In allen Jahrhunderten
genwart wirkte durch zwei Jahrtausende christlicher Ge -
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gab es in der Kirche eine Opposition gegen dieses ihr Macht- des griechischen Wunsches, klar Wahr und Falsch zu unter-
system, mit Reformationen und neuen Rückfällen. Dann, in scheiden, läßt sich freilich streng nur in den einzelnen Resulta-
der Französischen Revolution, sprach die Aufklärung die ten finden, die empirisch und mathematisch überprüft werden
christliche Hoffnung als politische Forderung aus: Freiheit, können, und auch in der logischen Struktur der Theorien, die
Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber auch die Revolutionen fielen diese Resultate verknüpfen. Der genaue Sinn der hierbei be-
in den unmündigen Machtgebrauch zurück. Der Weg ist nicht nutzten Begriffe bleibt jedoch geheimnisvoll; die Philoso-
leicht zu gehen. phien, die diese Begriffe interpretierten, haben sich von Jahr-
Nun die griechische Quelle. Zunächst wurde die griechische hundert zu Jahrhundert verändert.
Wir wollen kurz einige Details dieses Vorgangs betrachten.
Philosophie, Stoa oder Piatonismus, die Religion der Intellek-
Die Naturwissenschaft ging historisch von der Astronomie
tuellen im Römischen Reich. Als an die Stelle dieser Religion
durch die klassische Mechanik in das weite Feld der Physik und
das Christentum trat, hatten die christlichen Theologen längst
Chemie über, dann in der Biologie in die Theorie der Evolu-
die Sprache der griechischen Philosophie als einziges spätanti- tion, schließlich als ein starker, wenigstens methodischer Ein-
kes Medium geistiger Verständigung gelernt. Piaton wurde als fluß, in die Sozialwissenschaften. Dies sieht wie ein Triumph-
der »griechische Moses« beschrieben, als ein Vorläufer Christi. zug aus. Aber ich zitiere gerne Sigmund Freud, der gesagt hat,
Die neuplatonische Philosophie wurde die Sprache der christ- die Wissenschaft habe dreimal den Stolz der Menschen tief ver-
lichen Mystik. So konnten die tief verwandten mystischen Er- letzt: Kopernikus lehrte uns, daß wir nicht in der Mitte der
fahrungen des Westens und des Ostens in einer Sprache ausge- Welt leben, Darwin lehrte uns, daß wir nicht die Herren, son-
drückt werden, die schließlich meine indischen Freunde als ihre dern die Vettern der Tiere sind, die Psychoanalyse lehrte uns,
eigene anerkennen konnten. Aber Piaton war nicht nur ein daß unser Bewußtsein nicht Herr im eigenen Hause ist.
Mystiker und ein Politiker, sondern auch ein Philosoph der Ein paar philosophische Bemerkungen zu dem Vorgang.
Mathematik und der exakten Naturwissenschaft. Aristoteles Astronomie und Mechanik. Die Griechen wußten schon,
entwickelte die Wissenschaft von der Natur wie die Wissen- daß die Erde eine Kugel ist; sie vermuteten, diese stehe in der
schaft vom Menschen in empirischer Breite. Das europäische Mitte der Welt. Sie wußten, daß die Planeten mathematisch ge-
Mittelalter nahm dann, um das Jahr 1200, die aristotelische Phi- naue Bahnen durchlaufen. Daraus schloß Piaton, daß die
losophie auf und tat so einen ersten Schritt zur wissenschaft- Planeten intelligente Wesen seien: wie sonst hätten sie die intel-
lichen Aufklärung. Aber damals, in der Scholastik, wurde die lektuellen Gesetze der Mathematik befolgen können? Koper-
Philosophie genötigt, zwei Arten der Wahrheit anzuerkennen. nikus, Kepler, Newton zeigten, daß die Planeten um die Sonne
Sie nannte die eine die natürliche Vernunft, was tatsächlich die kreisen, wobei sie die mathematischen Gesetze der universellen
griechische Philosophie war, die andere aber Offenbarung, was Mechanik befolgen. Kant zeigte, daß das Planetensystem selbst
tatsächlich die jüdisch-christliche Tradition war. Ein notwen- aus einem Nebel gemäß diesen Gesetzen entstehen konnte. Wo
diger Schritt auf die Aufklärung zu, aber noch nicht erwachsen. bleibt dann der göttliche Geist? Kant meinte: Höher als ein
Der intellektuelle Triumph der Naturwissenschaft begann in Gott, der Naturgesetze gab und sie dann durchbrechen mußte,
Europa um das Jahr 1600, heute erst vor vierhundert Jahren. um die Ordnung des Planetensystems zu schaffen, ist ein Gott
Ich nenne die Naturwissenschaft gerne den harten Kern der zu bewundern, der Naturgesetze gab, nach denen das System
Neuzeit. Den harten Kern: nicht das höchste Ziel, nicht die notwendigerweise entstehen mußte.
süßeste Frucht, auch nicht die nahrhafteste Frucht, aber den So wird die Evolution zu einem Grundbegriff. Nach und
Kern, der hart und unzerstörbar übrigbleibt, wenn die Frucht nach lernen wir heute, die Geschichte der Natur zu beschrei-
verzehrt ist. Hart wie die beweisbare Wahrheit, daß zwei mal ben. Das Sonnensystem ist etwa fünf Milliarden Jahre alt; dem
zwei genau vier ist und weder drei noch fünf. Diese Erfüllung

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Universum geben wir heute vermutungsweise ein Alter von hatte die Physik als mein Studienfach gewählt wegen ihres tiefen
rund zwanzig Milliarden Jahren. Das Leben auf der Erde hat philosophischen Interesses. 1932, zwanzigjährig, wählte ich
sich aus chemischen Anfängen entwickelt. Wir geben den Wir- das damals moderne Thema der Kernphysik als mein Ar-
beltieren jetzt ein Alter von rund 500 Millionen Jahren, dem beitsfeld. 1939, nur sieben Jahre später, waren alle Kernphysi-
Menschen wenige Millionen Jahre, dem Ackerbau etwa 10 000 ker in der Welt zutiefst überrascht durch Otto Hahns völlig
Jahre, der höheren Zivilisation 6000 Jahre. Welche werden die unerwartete Entdeckung der Uranspaltung. Wir sahen: jetzt
nächsten Schritte auf diesem Wege sein? könnten Atombomben möglich werden. Ich folgerte: Wenn
Physik und Chemie. Heute sind sie in einer Theorie, der Atombomben möglich sind, wird jemand sie bauen - so ist
»Quantentheorie« vereinigt. In dieser Theorie sind Atome heute die Situation in der Welt. Wenn sie gebaut sind, wird je-
nicht einfach raumerfüllende Materie. Ihr Wesen ist eher als mand sie einsetzen. So geschah es. Zuerst erschien es als ein
Information zu beschreiben. Information ka nn man als ein inneres Problem des Westens. Amerikanische Physiker bauten
Maß einer Menge von Gestalt definieren. Gestalt ist ursprüng- sie, weil sie sich mit Recht vor Hitler fürchteten. Aber als die
lich ein geistig-seelischer Begriff. Diese Ergebnisse zu interpre- Bombe fertig war, hatte Hitler schon seinen Krieg verloren.
tieren ist heute die Aufgabe der Philosophie der Naturwissen- Dann wurde sie gegen Japan eingesetzt. Die Leben von mehr
schaft. als hunderttausend Japanern wurden so zum Opfer dieser Ent-
Und der menschliche Geist. Wo ist sein Ort in diesem Welt- wicklung. Heute spreche ich in Japan, in der Nation, die dieses
bild? Ich wage den Satz: Bewußtsein ist selbst ein unbewußter Opfer erlitt. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Menschheit
Akt. Wohin führen uns die unbewußten Motive unseres Be- vor einer Fortsetzung dieses Weges zu retten. Was bedeutet das?
wußtseins? Schon 1939 sah ich: Die Tatsache, daß Atombomben, wenn
sie möglich sind, gebaut und eingesetzt werden, diese Tatsache
ist die Folge einer uralten Institution, die es seit Jahrtausenden
///. Unsere gemeinsame zukünftige Aufgabe gibt: der Institution des Krieges. Ich nenne den Krieg eine In-
stitution. Das heißt: Während es in einem korrekt verfaßten
Wohin wird die heutige Dominanz des modernen westlichen Staat dem Bürger gesetzlich verboten ist, einen Mitbürger zu
Denkens die Menschheit führen? Wird uns dieser Vorgang in töten, erlaubt es das Völkerrecht einem Nationalstaat, einem
Erfolg und Glück führen? Oder in die Katastrophe? Oder anderen Staat den Krieg zu erklären und dann zum mindesten
schließlich auf den harten Weg unserer realen gemeinsamen die Angehörigen der gegnerischen Armee zu töten. Solange die
Aufgabe? Institution des Krieges besteht, wird jede Nation eine Notwen-
Ich will die Frage in zwei Schritten behandeln. Zuerst will ich digkeit des Besitzes derjenigen Waffen empfinden, die, wenn
versuchen, unsere herankommenden globalen praktischen nicht für den Sieg, mindestens für die Verteidigung oder Ab -
Aufgaben in westlicher Sprache zu beschreiben, aus der Sicht schreckung nötig sind. Die Atombombe war das Weckersignal,
des heutigen westlichen Denkens. Danach will ich fragen, wel- welches die Menschheit belehren soll, daß die Institution des
che Kooperation östlichen und westlichen Denkens in diesem Krieges überwunden werden muß. Wir können nicht Wissen-
Zusammenhang notwendig und möglich sein wird. schaft und Technik immer höher ausbilden und dabei die politi-
Der erste Schritt: In westlichen Diskussionen, an denen ich sche Moral auf der Stufe lassen, auf der sie vor 6000 Jahren
teilgenommen habe, sehen wir drei große globale praktische stand. Ein erster Schritt wurde in der Tat getan. Der Krieg zwi-
Probleme: Frieden, soziale Gerechtigkeit und Umwelt. schen Amerika und der Sowjetunion wurde vermieden infolge
Lassen Sie mich zuerst vom Problem des Friedens sprechen. der beiderseitigen Angst vor den Atomwaffen. Aber seit dem
Ich erzähle eine persönliche Erinnerung. Ich bin Physiker. Ich
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Zusammenbruch des Kommunismus bedeutet die Verbreitung zum östlichen Geiste zurückkehren? Oder können beide zu-
der Atomwaffen über viele Nationen eine größere Gefahr als sammenarbeiten?
zuvor. Wir haben unsere Aufgabe noch nicht gelöst. In dieser letzten Frage meines Vortrags werde ich nicht von
Als zweites: Das weltweite Fehlen sozialer Gerechtigkeit, den möglichen praktischen Lösungen reden. Ich schlage viel-
zumal im Süden, ist die Hauptursache der Unvermeidbarkeit mehr einen Dialog vor zwischen Ihnen, meine östlichen Gast-
von Kriegen in unserer Zeit. In den jetzt beginnenden Jahr - geber, und mir, einem Westler, der nur eine sehr begrenzte
zehnten wird ein Migrationsdruck von Milliarden Menschen positive Kenntnis der östlichen gedanklichen, seelischen und
aus den armen in die reichen Länder die Folge sein. Armut er- spirituellen Tradition besitzt. Einen Dialog über unsere grund-
zeugt Bevölkerungswachstum; Bevölkerungswachstum ver- legenden Gedanken und Verhaltensweisen, also auch einen
mehrt die Armut. Wohlstand im armen Teil der Welt zu be- Dialog über unsere Philosophien.
fördern ist nicht nur eine moralische Pflicht, es liegt auch im Ein großer japanischer Denker unseres Jahrhunderts, Keiji
absoluten Eigeninteresse der reichen Nationen. Dies aber ist Nishitani, den ich 1974 in Kyoto getroffen habe, hat gesagt:
schwer durchzuführen: Solange die nördlichen Regierungen »Der östliche Geist nimmt Realitäten direkt wahr. Im Beispiel:
die absolute Notwendigkeit davon nicht sehen, weil ihre Wäh- Wasser nimmt er wahr und interpretiert es als Wasser, den
lerschaft, also die reichen Nationen selbst, sie nicht begreifen, Menschen als Menschen. Das westliche Denken aber reduziert
bleibt die hinreichende Förderung des Wohlstandes der armen die Wirklichkeit auf Abstraktionen: Wasser auf materielle Sub-
Nationen undurchführbar. Wir haben unsere Aufgabe noch stanz, auf Atome, den Menschen auf Bewußtsein und physi-
nicht gelöst. schen Körper, Alles auf Sein und Werden.« Wenn diese Be-
Das dritte, die ökologischen Probleme unserer Umwelt. Ich schreibung zutrifft, so ist es klar, daß der westliche Geist die
gebe ein Beispiel. Wenn wir fortfahren, fossile Brennstoffe im Welt instrumentalisieren wird, der östliche Geist aber die Welt
gegenwärtigen Umfang zu verbrennen, wird in wenigen Jahr- annehmen und bewahren wird.
zehnten eine Klimakatastrophe kommen. Es ist technisch mög-
Ich glaube, daß Nishitani eine grundlegende Erfahrung aus-
lich, den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren und gleich-
gesprochen hat. Aber wir müssen noch ins speziellere Detail
zeitig die Effizienz der Energie drastisch zu erhöhen. Aber in
der Marktwirtschaft wird dies eine ökologische Steuerreform gehen.
erfordern, welche der Energieersparnis eine Chance im Wett- Lassen Sie mich zunächst sagen, daß man sinnvoll von einer
bewerb gibt. Dies ist jedoch in einer Demokratie von Autofah- europäischen Mentalität sprechen kann, daß aber Zweifel er-
rern nicht leicht durchzusetzen. Wir haben unsere Aufgabe laubt ist, ob es eine ähnlich kohärente asiatische Mentalität
noch nicht gelöst. gibt. Nach meinem Eindruck ist z. B. Japan von Indien so ver-
Die Vorbedingung für die Lösung dieser drei Aufgaben ist schieden wie beide verschieden sind von Europa. In früheren
ein Bewußtseinswandel. Wie müssen und können der östlichen Jahrtausenden gab es mehrere verschiedene Kulturen in Asien.
und der westliche Geist hierin zusammenarbeiten? Europa aber war eine spätgekommene Kultur, eben eine der
Die drei Probleme, die ich genannt habe, sind typische Er- Kulturen und wieder verschieden von den anderen.
zeugnisse heutiger westlicher Strukturen. Und die sehr be- In Asien müßte ich heute wenigstens vier verschiedene Kul-
schränkten Vorschläge zu ihrer Lösung entsprechen wieder der turen unterscheiden: den islamischen Westen, Indien, China,
westlichen Denkungsart. Welcher Geist, wenn überhaupt einer, Japan. Offenkundig müßte ich noch andere nennen, wie z.B.
wird die Probleme lösen? Ist nur der westliche Geist an die Tibet, Korea, mehrere südostasiatische Nationen. Aber ich
Strukturen angepaßt, die er selbst produziert hat? Oder müssen beschränke mich auf ganz kurze Bemerkungen über die vier.
wir, im Gegenteil, unser westliches Verhalten aufgeben und Westasien hatte sehr alte Kulturen; heute ist es in sich ver-
knüpft durch den Islam, der seinerseits eine spätere Konse-
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quenz der jüdischen Tradition ist. Indien hat bis in unser Jahr- nem Höhlengleichnis beschreibt er einen Aufstieg aus der All-
hundert das älteste überlebende Sozialsystem, das System der tagserfahrung unseres Lebens bis zur Wahrnehmung der höch-
Kasten, bewahrt; außerdem ist Indien die geistige Heimat nicht sten Ideen (d. h. Gestalten) und schließlich des Einen, der Idee
nur der vedischen Religion, welche die Europäer Hinduismus des Guten. Für die Kenntnis der Natur bedeutet das, von den
nennen, sondern auch des Buddhismus, der das östliche Asien Sinneswahrnehmungen aus aufzusteigen zuerst zur kausalen
durchdrungen hat. China bewahrt mit großer pragmatischer Beschreibung der Bewegungen, dann zu den mathematischen
Kraft die Tradition des einzigen bis in unsere Tage überleben- Strukturen, die jenseits der Zeit liegen, und von dort zum Ei-
den frühen Imperiums; und es hat die konfuzianische prakti- nen. Hier steht also mathematisches, begriffliches Verstehen
sche Ethik mit taoistischer und buddhistischer Weisheit ver- jenseits des Bereichs von Zeit und Bewegung. Ähnlich können
knüpft. Japan - wie könnte ich wagen, Ihnen eine kurze Be- wir unser Bewußtsein beschreiben, aufsteigend von Emotio-
schreibung Ihrer eigenen Kultur zu geben? Ich wage zu sagen: nen und Handlungen zuerst zu deren Bestimmtheit durch Re-
Als meine Frau und ich vor nunmehr neunzehn Jahren zum geln, die dann im nächsten Schritt nach ewigen Normen unter
erstenmal nach Japan kamen, empfanden wir: dies ist eine Kultur, der Idee des Guten beurteilt werden. In Asien steigt
die alle anderen in zweifacher Hinsicht übertrifft, nämlich in hinduisti-sche und buddhistische Meditation auch von der
ästhetischer Verfeinerung und in der Stärke der Willenskraft. Alltagserfahrung auf bis zu Sat oder Samadhi, Sein oder Leere.
Wie kann man diese zwei Eigenschaften als Ausdruck einer Aber hier werden die begrifflichen Formen früher
identischen geistigen Gabe und Tradition interpretieren? Eine zurückgelassen, und die höheren Stufen werden noch durch
Frage für den Dialog. Bewegung beschritten.
Im zweiten Teil meines Vortrags habe ich versucht, den Ur- Ein anderer Unterschied kann zurückgeführt werden auf die
sprung der europäischen kulturellen Mentalität durch zwei jüdische Tradition von Gottes Gebot, Gut und Böse streng zu
Ja-Nein-Entscheidungen zu charakterisieren: zwischen Wahr scheiden. Ich entdeckte den Unterschied in einem Buch, das
und Falsch und zwischen Gut und Böse. Als ich nach Indien dem Pater Enomiya Lassalle zu seinem 80. Geburtstag gewid-
kam, sagten mir einige Gesprächspartner: »Ein Europäer kann met war unter dem Titel munen muso, gegenstandslose Medi-
nicht leben mit dem Glauben an zwei einander tation. Enomiya Lassalle war ein Christ im Jesuitenorden und
widersprechende Überzeugungen, ein Inder kann nicht leben
gleichzeitig ein Zen-Meister. So waren die Autoren des Buchs
ohne zugleich mehrere einander widersprechende Motive zu
teils Buddhisten, teils Christen. Die Christen sagten: In der
haben.« Wahrscheinlich ist diese indische Selbstbeschreibung
höchsten mystischen Erfahrung begegnest du Gott, der von
in Wahrheit eine Beschreibung der Natur des Menschen und
deiner menschlichen Person völlig verschieden ist. Die Buddhi-
die europäische Ja-Nein-Tendenz ein intellektueller Versuch,
die Natur des Menschen zu überwinden. Vermutlich setzt sten sagten: In der höchsten meditativen Erfahrung begegnest
Nishitanis Beschreibung, daß Wasser als Wasser akzeptiert du deinem wahren Selbst. Dies war ein tiefer Unterschied in
wird, eben die Akzeptation widersprechender Motive in der der Interpretation. Aber wenn ich die beschreibenden Andeu-
menschlichen Natur voraus: Wasser ist ein Stoff, ohne den tungen der unaussprechbaren wahren Erfahrungen las, konnte
Menschen nicht leben können, aber in ihm untergetaucht ich keinen wesentlichen Unterschied zwischen beiden finden.
können sie auch nicht weiterleben. Wird unsere notwendige, unvermeidliche Zusammenarbeit
Aber ich beende hier meine Beschreibungsversuche. Als ich uns helfen, unsere verschiedenen Sprachen so zu verstehen, daß
von der Geschichte des westlichen Geistes sprach, kam ich zur wir sehen lernen, wo eine wahrhaft verschiedene Erfahrung
Philosophie und Wissenschaft. Lassen Sie mich meine jetzige vorliegt und wo nur ein wichtiger Unterschied der Sprachen,
Dialogfrage mit einer Bemerkung über Piaton beginnen. In sei- die ihren jeweiligen Kulturen angepaßt sind?
Ich möchte meinen Vortrag beenden mit zwei Bemerkungen
über die moderne Naturwissenschaft, eine über die Quanten-

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theorie, die andere über die Evolution. In beiden Bereichen, Dies fügt sich bruchlos ein in die Lehre Buddhas, die ich auf
von denen ich im zweiten Teil des Vortrags gesprochen habe, den einen Satz zusammenziehe: »Leben ist Passion.« Ich ge-
scheint mir die Wissenschaft einige traditionelle Vorurteile des brauche das Wort »Passion«, um die Dreiheit anzudeuten von
westlichen Denkens überwunden zu haben, und dies nicht Durst, Abhängigkeit und Leiden.
durch einen Selbstwiderspruch, sondern indem sie konsisten- Der Buddhismus hat in der Tat kein Problem mit der moder-
ter wird als zuvor. nen Naturwissenschaft. Buddhas Ausspruch zu einem Jünger:
Zunächst die Quantentheorie. Im 17. Jahrhundert entstand »Wenn deine Einsicht meiner Lehre widerspricht, so mußt du
die klassische Mechanik als eine Theorie über das, was Rene deiner Einsicht folgen« - dieser Satz drückt genau die Haltung
Descartes die res extensa nannte, die ausgedehnte, raumerfül- guter, wahrheitssuchender Wissenschaft aus. Der Lehre soll
lende Materie. In diesem Bild der physischen Realität war kein nicht gehorcht werden, sondern sie soll verstanden werden
Raum für die Realität des Bewußtseins. Für Descartes war das durch unsere eigene Bemühung, die Wahrheit zu suchen.
Bewußtsein eine völlig von der Materie verschiedene Substanz, Zweitens noch eine kurze Erinnerung. Als ich ein junger
res cogitans, die denkende Substanz. Aber wie soll man dann Privatdozent der Physik in Berlin war, hielt ich einmal eine
verstehen, daß wir, die lebenden Wesen, aus Materie und Be- Vorlesung über die schwierigen philosophischen Probleme der
wußtsein bestehen? Ich habe meinen zweiten Vortragsteil mit Quantentheorie. Nach einer dieser Stunden kam zu mir ein
dieser Frage beendet. Aber in der Quantentheorie sind die chinesischer Student, der sich damals in Deutschland aufhielt,
Atome, die Grundbestandteile aller Materie, in Wirklichkeit und sagte: »Ich verstehe, daß ihr Europäer Schwierigkeiten
Gestalten (Formen) im platonischen Sinn, freilich, anders als habt mit Bohrs Komplementarität und Heisenbergs Unbe-
bei Piaton, wesentlich in der Zeit. Und in der platonischen Phi- stimmtheitsrelation. Ich bin Buddhist. Ich habe mit diesen Be-
losophie ist die Gestalt (Form = Idee) eine geistige Wirklichkeit. griffen keine Schwierigkeit.«
Der deutsche Philosoph Schelling hat gesagt: Die Natur ist der Drittens und letztens: Buddhas Lehre endet nicht mit der
Geist, der sich noch nicht als Geist kennt. Ich habe denselben Passion. Sie führt zum Erwachen, zur Erleuchtung. Ist es dies,
Gedanken in dem Satz zu formulieren versucht: Bewußtsein was symbolisch angedeutet ist im westlichen Glauben, daß
ist selbst ein unbewußter Akt. Die Atome sind, so gesehen, Gott die Welt gemacht hat?
virtuelles Bewußtsein, virtuelle Seele. Sie werden nicht annehmen, daß ich beanspruche, die Ant-
Dies führt uns zur Evolution. Das Bewußtsein ist aus der wort auf meine Fragen zu besitzen. Ich hoffe auf den Dialog,
unbewußten virtuellen Seele hervorgegangen. Aber Geist, Spi- auf unser Gespräch.
ritualität war in der Geschichte des Denkens ein wesentlich re-
ligiöser Begriff. Wie müssen wir dies heute verstehen? Mo-
derne Christen neigen dazu, zu sagen, Gott habe die heutige
Welt durch die Evolution geschaffen. Hier begegnen wir aber
einem alten theologischen Problem. Der Gott der Juden, Chri-
sten, Moslems ist seinem Wesen nach gut. Wie konnte das Böse
in seiner Schöpfung überhaupt entstehen? Die Legende von
Adam, Eva und der Schlange erzählt die Geschichte, erklärt
aber nicht, wie sie möglich wurde. Nun ist, gemäß der Darwin-
schen Theorie der Selektion des Lebensfähigsten, die Evolu-
tion genau durch den Kampf ums Überleben möglich gewor-
den. Der Tod ist eine notwendige Vorbedingung der Evolution.

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Einfluß und Verantwortung der Bombe beigetragen hatte außer der Entdeckung der Spaltung.
Hätte er die Entdeckung verheimlicht, so wäre sie doch ver-
Wissenschaft mutlich von Joliot sehr bald auch gemacht worden, und wie
(r993) konnte man hoffen, daß solches Wissen geheim bleibe? Hahn
legte 1939 Wert auf die Publikation, damit nicht Hitlers
Deutschland die Entdeckung früher als alle anderen zur Ver-
fügung habe.
/. Persönliche Erfahrungen Für nichts habe ich Hahn so geliebt wie für diesen Schmerz,
ja, für sein Schuldgefühl. Die moralische Erörterung dieses
Als Kind wollte ich erst Forschungsreisender, dann, ernsthafter, Empfindens verschiebe ich auf den zweiten Teil meines Tex-
Astronom werden. Vierzehnjährig, im Februar 1927, lernte ich tes.
Werner Heisenberg kennen, der mich alsbald überzeugte, daß Ich wende mich kurz den persönlichen Erfahrungen zu, de-
heute die Atomphysik die zentrale Disziplin der Natur- nen alle Angehörigen der internationalen Zunft der Physiker
wissenschaft und damit zugleich von eminentem philosophi- damals ausgesetzt waren. Viele von ihnen hatten an kriegswich-
schem Interesse sei. Als Student, 1932, wendete ich mich der tigen technischen Projekten mitgearbeitet. Eine sehr verbrei-
Kernphysik zu, und in den folgenden Jahren wandte ich sie tete Reaktion nach Kriegsende war: »Nun aber Schluß mit die-
auf das Problem der Energiequellen der Sterne an. Technische sem scheußlichen Geschäft! Zurück zur Schönheit der reinen
Anwendungen interessierten mich persönlich nicht sehr. Hin- Forschung!« Andere sahen ihre Zukunft in der Mitarbeit an
gegen empfand ich die politischen Probleme, so den als heran- ziviler oder militärischer Technik. Eine kleine Gruppe derer,
nahend empfundenen Zweiten Weltkrieg, als brennend. Ich die, zumal in Amerika, selbst an der Bombe mitgearbeitet hat-
teilte das tiefe Krisenempfinden meiner Generation und sah ten, empfand aber eine unmittelbare praktische Verantwortung
keinen überzeugenden Ausweg, empfand aber die Notwendig- für die politischen Folgen. Die oben genannte dritte Folgerung
keit, nach dem Ausweg zu suchen. durchzog die Geister: wenn wir überleben wollen, müssen wir
In diese Lage fiel Ende Dezember 1938 Otto Hahns dazu beitragen, daß die völkerrechtlich anerkannte Institution
Entdek-kung der Uranspaltung. Wohl im Februar 1939 erfuhr
des Kriegs überwunden wird. Über diese Erlebnisse kann man
ich von Hahn, daß Joliot Sekundärneutronen gefunden hatte.
in Victor Weisskopfs Memoiren {Mein Leben, Bern/München/
Also war voraussichtlich eine Atombombe möglich. Ein
Gespräch mit meinem Freund Georg Picht, schon in der Wien 1991) lesen. Freilich trat auch die fast unvermeidliche
nachfolgenden Nacht, führte uns zu der dreifachen Folgerung: Konsequenz davon ein, daß eine Menschengruppe sich kon-
Erstens, so wie die Welt heute ist: wenn die Bombe möglich ist, kret auf Politik einläßt. Sie entzweiten sich untereinander über
wird es jemanden geben, der sie macht, ganz einerlei, was wir den richtigen Weg; das berühmteste Beispiel wurde der Kon-
selbst tun werden. Zweitens: wenn die Bombe gemacht ist, wird flikt zwischen Oppenheimer und Teller. In den folgenden
es jemanden geben, der sie einsetzt. Drittens: die Menschheit Jahrzehnten wurde die Verhütung des Dritten Weltkriegs
hat dann nur die Wahl, sich selbst zu vernichten oder die durch gegenseitige Abschreckung mittels gesicherter
Institution des Kriegs zu überwinden. Am Abend von Zweit-schlagskapazitäten ein wichtiger politischer Faktor:
Hiroshima, am 6. August 1945, sah ich die beiden ersten technisch und strategisch war dies im wesentlichen ein Entwurf
Folgerungen und empfand die dritte Folgerung als bestätigt. wissenschaftlicher Köpfe.
Otto Hahn, mit dem gemeinsam wir interniert waren, war In Deutschland war uns ein Jahrzehnt lang nach dem Kriegs-
verzweifelt, von Schuldgefühl zerrissen, so genau er auch ende jede technische Arbeit an Kernenergie verboten. Als uns
wußte, daß er selbst nichts zur seit 1955 Kernreaktoren erlaubt waren, wurde das Atommini -

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sterium (Vorläufer des heutigen Forschungsministeriums) unter Ist der Wissenschaftler verantwortlich für die Folgen seines
dem Minister Franz Josef Strauß gegründet. Sein Beraterkreis Forschens?
für Kernphysik wurde geleitet von Heisenberg. Ein wichtiges Wir müssen zunächst zwischen legaler und moralischer Ver-
konkretes Anliegen war für uns, zur Finanzierung antwortung unterscheiden. Kant erklärt Legalität als Handeln
wissenschaftlicher Forschung beizutragen. Ich selbst hatte frei- gemäß dem Gebot, Moralität als Handeln aus Achtung für das
lich meine Mitgliedschaft in dem Kreis vor allem aus einem Gebot. Ich darf vielleicht hinzufügen, daß meiner Meinung
Motiv der internationalen Politik gesucht. Amerika, England nach die Einführung des Legalitätsprinzips einer der größten
und Rußland besaßen die Atombombe. Man wußte, daß moralischen Fortschritte der Neuzeit, der Aufklärung war. Es
Frankreich daran arbeitete, ahnte dasselbe für China, fürchtete ist die Basis des liberalen Rechtsstaats. Gott allein sieht das
es auf längere Frist für eine Fülle kleinerer Mächte. Das nu- Herz; der irdische Richter darf nur urteilen, ob wir gemäß dem
kleare Gleichgewicht der Großmächte mochte vorerst den Gesetz gehandelt haben.
Weltkrieg vermeiden, aber die Proliferation der Waffen in im- Hier stellt sich aber alsbald die Frage: gemäß welchem Ge-
mer weiterem Rahmen erschien höchst gefährlich. Ich wollte setz? Nach heutiger Rechtsprechung ist es das positive Gesetz,
gerne weltöffentlich gegen die Proliferation auftreten. Ich das gilt, weil es in der Verfassung steht oder von der Legislative
ahnte, daß Strauß und Adenauer Atomwaffen anstrebten. Un- beschlossen ist. Wie betrifft das den Wissenschaftler? Hat der
erläßlich war daher, wollte ich glaubwürdig sein, womöglich Bundestag ein Gesetz beschlossen, das gewisse Handlungen
deutsche Atomwaffen zu verhindern, oder, mißlang dies, doch der Genmanipulation verbietet, so muß der Forscher sich
öffentlich gegen sie aufzutreten. So kam es schließlich 1957 zu rechtlich daran halten. Aber er darf überzeugt sein, das Gesetz
unserer gemeinsamen »Göttinger Erklärung«. Ich lege eine schränke die Freiheit der Wissenschaft ungebührlich ein, und
Kopie ihres Textes bei. kann auf seine Änderung drängen. Wenn Kant von Handlung
1970-1980 hatte ich das Max-Planck-Institut zur Erfor- gemäß dem Gebot spricht, so steht dahinter eine naturrecht-
schung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-techni- liche Denkweise. Der Grund der vernünftigen Gebote ist der
schen Welt zu leiten. Das originäre Forschungsziel war die
kategorische Imperativ: »Handle so, daß die Maxime deines
Kriegsverhütung. Aber es war unerläßlich, die sozialen und
Handelns stets Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung werden
wirtschaftlichen Konfliktursachen zu studieren; Jürgen Haber-
könne.« Hierüber geht eigentlich die Debatte von der Ver-
mas wurde auf meinen Vorschlag zum zweiten Direktor berufen.
antwortung des Wissenschaftlers. Handelt er in der Forschung
Schließlich hatten wir schon 1970 eine höchst aktive Gruppe über
und Lehre so, daß dieselbe Handlung jedem Menschen erlaubt
Umweltfragen. Ich war genötigt, die Verschränktheit der
oder gar geboten werden könnte? Die Antwort auf eine solche
Naturwissenschaft mit den Gegenständen der anderen Wissen-
Frage hängt oft von den Erfahrungen ab, die wir mit den Folgen
schaften zu durchdenken; ich verdanke nicht nur unseren Er-
unserer Handlungen gemacht haben. Sie sind historisch be-
gebnissen, sondern auch der internen Diskussion von Ansätzen,
die sich als fehlerhaft erwiesen, große Belehrung. dingt.
Wählen wir Otto Hahns Schuldgefühl gegenüber der Atom-
bombe als Beispiel! Selbstverständlich war sein Wille unschul-
2. Die Wissenschaft in der Kultur dig am Abwurf einer amerikanischen Atombombe auf Hiro-
shima. Verantwortlich waren vielleicht die Forscher in Los
Von den subjektiven Wahrnehmungen eines Individuums gehe Alamos, welche die Bombe gebaut haben, jedenfalls aber die
ich zunächst über zu den Normen, die in unserer Gesellschaft Regierung, die ihren Abwurf befahl, und der Offizier, der ihn
gelten. vollzog. Vor Gericht hätte Hahn sich mühelos gegen eine An-
klage der Mitschuld verteidigt; er wußte ja im Forschungspro-
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zeß nicht, was er entdecken würde. Aber er fühlte die Kraft des Das ist nicht mehr eine Frage nach Naturgesetzen, sondern
kategorischen Imperativs: Wenn alle sich so verhalten würden, nach dem Menschen.
wie ich mich verhalten habe, wohin käme die Menschheit? Die Als Naturforscher yersuche ich, einen Ansatz, eine Suche
Frage ist wiederum unbeantwortbar, denn sein Verhalten war nach der Antwort auf diese Frage zu skizzieren. Dies freilich
ein einmaliges Geschehen. Exakt dasselbe würde nie wieder ge- würde uns in eine vorerst nicht beendbare gegenseitige Befra-
tan werden. Soll man also alle Forschung verbieten? Denn For- gung der Wissenschaften führen. Ich skizziere den Ansatz in
schung ist, an den entscheidenden Stellen, dadurch definiert, der Form kurzer schlichter Behauptungen.
daß man nicht vorher weiß, was man finden wird. Nachträglich Die abendländische Tradition des Denkens neigt zu Harmo-
wissen wir: So wie die Forschungsorganisation unseres Jahr- nisierungen. Jüdisch: ein guter Gott hat die Welt gut geschaffen.
hunderts ist, war die Entdeckung der Kernspaltung praktisch Griechisch: die reinen Gestalten, zuhöchst die Idee des Guten,
unvermeidlich: von Rutherford führt ein schnurgerader Weg bestimmen auch die sinnliche Welt. Offen bleibt, woher das
zu Hahn und seiner Entdeckung. So wie die abendländische Übel stammt. Anders die buddhistische Lehre: Dasein ist
Wissenschaft sich entwickelt hat, kann man nachträglich sagen: Nichtwissen, Durst und Leiden; erst der Erleuchtete überwin-
von Galilei führt ein schnurgerader Weg zur Atombombe. det dieses Sein. Die Naturwissenschaft sieht seit Darwin auch
Gewiß bleibt die legale Verantwortung für die Bombe bei den Menschen als Kind der Evolution, und die Evolution als
denen, die ihren Bau ermöglicht und ihren Einsatz befohlen struggle for survival. Der Tod der Individuen ist eine unerläß-
haben. Legal verantwortlich ist die Regierung, nicht der For- liche »Erfindung« des evolutionsfähigen Lebens. Raum entsteht
scher. Aber das entschuldigt den Forscher nur vor Gericht, so für das höher Entwickelte. Die menschliche Geschichte be-
nicht voll vor seinem eigenen Gewissen. Durfte er so gefähr- schleunigt den Schritt der Evolution ums Tausendfache; nicht
nach Jahrmillionen, sondern nach Jahrtausenden zählt die
liche Forschungen über Träger höchster Energien betreiben,
Zeitskala der menschlichen Kultur. Dies ist die Folge der Wei-
wenn er unsere reale Welt kannte, wenn er wußte: ist die
tergabe erworbenen Wissens und Könnens durch
Bombe möglich, so wird sie gebaut, ist sie gebaut, so wird sie sprachförmi-ges Denken. Die Wissenschaft ist eine in der
eingesetzt? Als Staatsbürger, als Weltbürger muß sich der For- Kulturentwicklung neugewonnene Ausprägung solchen
scherverpflichtet fühlen, nach Entdeckung und Einsatz wenig- Denkens. Sie verleiht nie dagewesene Macht, wie Francis Bacon
stens am dritten so aktiv wie nur möglich mitzuwirken: an der und Rene Descartes, noch als Optimisten, erkannten. Damit
Überwindung der politischen Strukturen in der Welt, die zu wird aber auch die Macht des Tötens erhöht. Eine neue
solchen Konsequenzen führen, also speziell an der anerkann- denkerische Reflexion wird nötig: auf die Gesetze dieser
ten Legalität von Kriegen. Aber wie ist das zu leisten? Entwicklung zur Moral: Nach Konrad Lorenz ist der Wolf dem
Die Frage: »Wie ist das zu leisten?«, ist keine Beruhigung. Wolf kein Mensch. Das bewaffnete Tier hat in gewissen
Kein Übel in der Welt wird behoben, wenn wir es zuwege brin- Situationen die instinktive Hemmung dagegen, seinesgleichen
gen, an seiner Unvermeidlichkeit nicht zu leiden. Aber diese zu töten. Das wird durch die Soziobiologie differenzierter
Erkenntnis rechtfertigt nicht eine moralische, geschweige denn gesagt, aber nicht aufgehoben. Der von Natur unbewaffnete
eine legalistische Anklage, die Wissenschaft sei schuld an unse- Mensch hat diese instinktive Hemmung nicht hinreichend;
rem Unglück. Am Übel der Welt zu leiden kann man nicht daher entsteht, wenn die Kultur Waffen erfindet, die Institution
befehlen. Nur wird derjenige, der es vermag, dieses Leiden zu des Kriegs. Eine lehrbare Moral muß ersetzen, was der Instinkt
verdrängen, auch nicht das Übel beheben. Derjenige, dem sein nicht leistet. Wir können aber nicht unser intellektuelles Wissen
Gewissen dieses Leiden aufnötigt, wird aber, wenn er ein ech- und die dadurch ermöglichte Macht so wie heute über die
ter Wissenschaftler, ein Wahrheitssucher ist, die Frage stellen, vergangenen Jahrtausende hinaus erheben, die politische Moral
woher denn dieses Übel kommt und wie es zu beheben wäre. jedoch auf der Stufe vorchrist-

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licher Imperien stehenbleiben lassen. Wenn jemand die geistige sehe Markt den Egoismus und damit den Fleiß und die Intelli-
Schulung hat, dies zu sehen, so sollten es die Wissenschaftler genz von Millionen anregt und so der Stifter des Wohlstands
sein. Daher muß ihr Gewissen von ihnen fordern, die Vor- der Nationen (Wealth of Nations) wird. Dreierlei leistet der
kämpfer für diesen Bewußtseinswandel der Menschheit zu Markt aber nicht: den Schutz der Nation nach außen, die legale
sein. Darum litt Otto Hahn. Dafür habe ich ihn geliebt. Ordnung im Innern, und die Infrastruktur, die dem, der sie
schafft, keinen persönlichen Gewinn bringt (sein Beispiel:
Leuchttürme