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Carsten Wippermann · Norbert Arnold

Heide Möller-Slawinski · Michael Borchard · Peter Marx

Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem
Carsten Wippermann · Norbert Arnold
Heide Möller-Slawinski
Michael Borchard · Peter Marx

Chancengerechtigkeit
im Gesundheitssystem
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1. Auflage 2011

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© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

Lektorat: Frank Engelhardt | Cori Mackrodt

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Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg


Druck und buchbinderische Verarbeitung: Ten Brink, Meppel
Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in the Netherlands

ISBN 978-3-531-18004-5
Inhalt

Norbert Arnold
Einleitung: Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem –
Wege aus der sozialen Ungleichheit ............................................................... 11

Carsten Wippermann, Heide Möller-Slawinski


Die Studie: Gesundheit und Krankheit im Alltag sozialer Milieus ............. 25

Hintergrund ..................................................................................................... 25

Zentrale Befunde ............................................................................................. 31


Milieuübergreifende Befunde ............................................................................ 31
Milieuspezi¿sche Bedeutungen von Gesundheit und Krankheit ....................... 34
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit –
zusammenfassende Darstellung ......................................................................... 38
Milieuspezi¿sche burden of disease .................................................................. 67
Medikation ......................................................................................................... 90
Gesundheitliche Mitverantwortung ................................................................... 95
„Gesundheitssystem“ oder „Krankheitssystem“ ? ............................................ 107
ReÀexivität von Prävention ............................................................................. 108
Zentrale empirische Thesen ............................................................................. 111

Spektrum heterogener Verständnisse


von Gesundheit und Krankheit .................................................................... 117

GESELLSCHAFTLICHE LEITMILIEUS

SINUS B1: „Etablierte“ ................................................................................... 119


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 119
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 121
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 122
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 124
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 127
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild ......................................... 129
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 131
6

Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 131


Zweiter Gesundheitsmarkt .............................................................................. 134
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 135
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 136
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 140
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 141

SINUS B12: „Postmaterielle“ ......................................................................... 146


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 146
Bedeutung von Gesundheit ............................................................................. 147
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 149
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 150
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 153
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild .......................................... 155
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 157
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 158
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 160
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung ........................................... 161
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 162
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 165
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 166

SINUS C12: „Moderne Performer“ ................................................................. 169


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 169
Bedeutung von Gesundheit und ihre subjektive Wahrnehmung ...................... 170
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 172
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ...................................... 173
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 176
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild ......................................... 177
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 180
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 180
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 182
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung ........................................... 183
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 184
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 185
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem ......................................... 185

TRADITIONELLE MILIEUS

SINUS A12: „Konservative“ ........................................................................... 187


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 187
7

Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 189


Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 190
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 192
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 194
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild ......................................... 194
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 195
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 196
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 197
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung ........................................... 198
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 199
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 200
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 201

SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ ............................................................. 202


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 202
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 205
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 207
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 207
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 210
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild ......................................... 211
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 212
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 213
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 214
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 216
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 217
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 219
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem ......................................... 219

MAINSTREAM MILIEUS

SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ ...................................................................... 221


Kurzcharakterisik und Lebenswelt .................................................................. 221
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 225
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 226
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 227
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 230
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild .......................................... 232
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 233
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 234
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 235
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 235
8

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 236


Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 238
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 239

SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ .............................................................. 241


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 241
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 243
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 243
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 245
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................ 248
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild .......................................... 249
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 251
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 252
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 253
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 254
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 255
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 257
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem ......................................... 258

HEDONISTISCHE MILIEUS

SINUS C2: „Experimentalisten“ ..................................................................... 261


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 261
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 262
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 264
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 265
Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................. 268
Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild ......................................... 271
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 273
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 274
Zweiter Gesundheitsmarkt .............................................................................. 276
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 277
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 278
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 280
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 280

SINUS BC3: „Hedonisten“ ............................................................................. 283


Kurzcharakteristik und Lebenswelt ................................................................. 283
Bedeutung von Gesundheit .............................................................................. 285
Zwischen Schicksal und Verantwortung .......................................................... 286
Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten ....................................... 287
9

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen ............................................. 290


Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild .......................................... 291
Einnahme von Medikamenten ......................................................................... 293
Vorsorgeuntersuchungen .................................................................................. 294
Zweiter Gesundheitsmarkt ............................................................................... 295
Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung .......................................... 296
Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems .......................................... 296
Chancengerechtigkeit ...................................................................................... 297
Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem .......................................... 298

Untersuchungsanlage .................................................................................... 299


Stichprobenziehung ......................................................................................... 300
Lebensweltexploration und Milieuidenti¿kation ............................................. 300
Erhebung .......................................................................................................... 301
Auswertung: Qualitativ-ethnographische Hermeneutik .................................. 302
Themen im narrativen Interview ..................................................................... 309

Anhang ............................................................................................................ 313


Legende der Milieukürzel ................................................................................ 313
Impressum ....................................................................................................... 313
Wissenschaftlicher Beirat ................................................................................ 314
Autoren und Herausgeber ................................................................................ 315
EINLEITUNG:
VIELFALT UND SELBSTBESTIMMUNG IM
GESUNDHEITSSYSTEM – WEGE AUS DER
SOZIALEN UNGLEICHHEIT

Norbert Arnold

Gesundheit als gesellschaftliche Herausforderung

Gesundheit ist eine wichtige Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe in


einem umfassenden Sinne, die auch die Partizipation an Kultur, Politik, Arbeits-
markt, Wirtschaft, Wohlstand und gesellschaftlicher Entwicklung etc. einschließt.
Daher hat Gesundheit bei den meisten Menschen einen hohen Stellenwert. So gilt
Gesundheit als ein fundamentales Gut, im Verständnis vieler Menschen sogar als
eines der höchsten Güter überhaupt.
Die hohe Wertschätzung von Gesundheit geht allerdings in vielen Fällen nicht
mit einer gesundheitsbewussten Lebensweise einher. Es besteht vielmehr bei vielen
Menschen eine erhebliche Diskrepanz zwischen der ideellen Wertschätzung von
Gesundheit und der täglichen Lebensführung.
Aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich Gesundheit als ein wichtiger huma-
nitärer Faktor dar. Darin begründet sich die FürsorgepÀicht des Staates, dessen
Aufgabe es ist, geeignete Rahmenbedingungen für die gesundheitliche Versorgung
und die damit verbundenen Fragen der Chancengerechtigkeit zu schaffen.
Hinzu kommt, dass Gesundheit ein wichtiger wirtschaftlicher Produktivfaktor
ist. Nicht zuletzt hinsichtlich des demographischen Wandels entwickelt sich die
Gesundheit der Bevölkerung zu einem der zentralen Wirtschaftsfaktoren, die zur
Standortsicherung im globalen Wettbewerb beitragen.
Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der Gesundheitspolitik als eines
der zentralen Zukunftsfelder der Sozialpolitik deutlich. Darüber hinaus wächst
das Verständnis dafür, Gesundheit zu einer „ressortübergreifenden“ Aufgabe zu
machen, die nicht nur die Gesundheitspolitik im engeren Sinne umfasst, sondern
auch Forschungs-, Wirtschafts-, Arbeits-, Umwelt-, Familien-, Senioren-, Kommu-
nalpolitik etc. einbezieht. Die Idee „health in all policies“ rückt die grundlegende
Bedeutung der Gesundheit sowohl aus der individuellen als auch der öffentlichen
Sicht stärker als bisher in den gesellschaftspolitischen Fokus.

C. Wippermann et al., Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem,


DOI 10.1007/978-3-531-92871-5_1,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
12 Einleitung

Im Gegensatz zu diesen meist einvernehmlichen gesundheitlichen Zielen sind


die Wege zu diesen Zielen diskursiv und die konkreten Konzepte und Maßnahmen
werden höchst kontrovers diskutiert. Hinzu kommen enorme Sparzwänge, die
den gesundheitspolitischen Handlungsspielraum einengen. Auf der individuellen
Ebene schränken zudem die unterschiedlichen Lebenswelten und Lebensstile mit
ihrer jeweils begrenzten Bereitschaft zu gesundheitsbewusster Lebensführung
die politischen und medizinischen Bemühungen um eine bessere Gesundheit ein.
So ist es bisher nicht gelungen, den seit langem bekannten Zusammenhang
zwischen der Zugehörigkeit zu einer sozioökonomischen Schicht und dem Gesund-
heitszustand zu durchbrechen.1 Die damit verbundene soziale Ungleichheit wird
trotz aller Bemühungen nicht geringer, sondern nimmt weiter zu.2 Offensichtlich
erreichen viele der Maßnahmen (Gesundheitserziehung, Prävention, gesundheit-
liche Aufklärung etc.) nicht alle Zielgruppen in ausreichendem Maße. Vor diesem
Hintergrund muss gefragt werden,

ƒ wie die Gesundheitsversorgung weiterentwickelt werden müsste, um sie auch


künftig in einer hohen Qualität und zu bezahlbaren Preisen für alle gewähr-
leisten zu können;
ƒ wie die soziale Ungleichheit bezüglich Gesundheit gemildert werden kann, um
ein gesellschaftliches Auseinanderdriften, so wie es in anderen Feldern dia-
gnostiziert wird (arm – reich, bildungsfern – bildungsnah etc.), zu vermeiden;

1
Vgl. z. B.: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: http://www.bzga.de/themenschwerpunk-
te/gesundheitlichechancengleichheit/. Robert Koch-Institut (Hrsg.): Beiträge zur Gesundheitsbericht-
erstattung des Bundes. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer: Wie hat sich die Gesundheit in Deutschland
entwickelt ? Berlin 2010, 251–265. Lüngen, M. / Siegel, N. / Drabik, A. / v. Tönne, I.: Ausmaß und
Gründe für Ungleichkeiten der gesundheitslichen Versorgung in Deutschland. www. boecklerimpuls.
de, 2009. Roman Herzog Institut (Hrsg.): Sind Kinder wohlhabender Eltern gesünder ? Gesundheit
und Gerechtigkeit in Deutschland. München 2009. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.):
Datenreport 2008. Bonn 2008. Kap. 9.2. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Gesundheit
und soziale Ungleichheit. APUZ 42 / 2007. Robert Koch-Institut (Hrsg.): Gesundheitsberichterstattung
des Bundes. Gesundheit in Deutschland. Berlin 2006, 83–90. Robert Koch-Institut (Hrsg.): Beiträge
zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit. Berlin
2005. Mielck, Andreas: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskus-
sion. Bern 2005. Lampert, Thomas: Schichtspezi¿sche Unterschiede im Gesundheitszustand und
Gesundheitsverhalten. Berlin 2005. Landesinstitut für Öffentliche Gesundheit NRW (Hrsg.): Report
on Socio-Economic Differences in Health Indication in Europe. Bielefeld 2003. Jungbaur-Gans, Mo-
nika: Ungleichheit, soziale Beziehung und Gesundheit. Wiesbaden 2002. Mielck, Andreas: Soziale
Ungleichheit und Gesundheit: Empirische Ergebnisse, Erklärungsansätze, Interventionsmöglichkeiten.
Bern 2000. Helmert, Uwe / Baumann, Karin / Voges, Wolfgang / Müller, Rainer (Hrsg.): Müssen Arme
früher sterben ? Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. Wiesbaden / München 2000.
2
Lampert, Thomas / Mielck, Andreas: Gesundheit und soziale Ungleichheit. Eine Herausforderung
für Forschung und Politik. GGW 2008, Jg. 8, Heft 2, 7–16.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 13

ƒ wie den individuell unterschiedlichen Gesundheitsinteressen und -bedürf-


nissen der Menschen, der Pluralität der Einstellungen und Erwartungen bzgl.
Gesundheit, besser entsprochen werden kann.

Warum eine Milieu-Studie zur Gesundheit ?

Die vorliegende Studie untersucht milieuabhängig die Selbstwahrnehmung bei


Fragen, die das Thema Gesundheit beinhalten. Die Konrad-Adenauer-Stiftung will
dazu beitragen, die Ursachen für die gesundheitliche Ungleichheit besser – d. h.
in einer differenzierenden Weise – zu verstehen 3 und damit die Ziele künfti-
ger Reformschritte im Gesundheitssystem zu schärfen, indem sie die zum Teil
sehr heterogenen Interessen und Einstellungen, Erwartungen und Erfahrungen,
objektiven Bedarfe und subjektiven Bedürfnisse, Verhaltensmuster und Hand-
lungsmaximen der Menschen vor dem Hintergrund ihrer alltäglichen Lebenswelt
gesamthaft in den Blick nimmt. Folgende forschungsleitenden Fragen liegen der
Studie zugrunde:

1. Inwiefern variieren Verhalten, Einstellungen, Bewertungen und Erwartungen


von Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus bezüglich Gesundheit und
der gesundheitlichen Versorgung in ihren unterschiedlichen Facetten ?
2. Welche Ansatzpunkte bieten diese Differenzen für die künftige Gestaltung
des Gesundheitssystems, insbesondere im Hinblick auf eine ef¿ziente und
effektive Gesundheitsversorgung sowie hinsichtlich der Fragen von Chan-
cengleichheit und Chancengerechtigkeit ?
3. Könnte ein stärker „individualisiertes Gesundheitssystem“ zu mehr Chan-
cengleichheit und Chancengerechtigkeit bezüglich Gesundheit beitragen ?

Gesellschaftliche Trends: Gesundheitsbewusstsein und Eigenverantwortung

Die Bereitschaft der Menschen, selbst Verantwortung für die eigene Gesundheit
zu übernehmen, ist in allen untersuchten Milieus vorhanden, wenn auch in unter-
schiedlichem Ausmaß und mit je eigener Auffassung von Eigenverantwortung.4

3
Jungbaur-Gans, Monika: Soziale und kulturelle EinÀüsse auf Krankheit und Gesundheit. In: Wendt,
Claus / Wolf, Christof (Hrsg.): Soziologie der Gesundheit. Kölner Zeitschrift für Soziologie und So-
zialpsychologie. Sonderheft 46 / 2006, 86–108.
4
Vgl.: Ärzte-Zeitung (Hrsg.): Was denken die Deutschen über ihr Gesundheitssystem. Was wünschen
sie sich für die Zukunft ? Offenbach 2002.
14 Einleitung

Besonders klar und offensiv wird Eigenverantwortung in den gehobenen


gesellschaftlichen Milieus gefordert und umgesetzt. Dort wird Gesundheit als
ein wichtiges Thema wahrgenommen, das eine hohe Beachtung ¿ndet, zu einer
Haltung der SelbstverpÀichtung mit einer Reihe von Eigeninitiativen führt, ohne
dass dies in Larmoyanz oder in einer „hypochondrischen Übertreibung“ ausartet.
Auch ist die Diskrepanz zwischen dem Anspruch an sich selbst, etwas für die
eigene Gesundheit zu tun, und dem tatsächlich gelebten gesundheitsdienlichen
Lebensstil relativ gering. Gesundheit wird nicht nur als ein wichtiges Thema für
das eigene Leben und die eigenen Handlungsmöglichkeiten erkannt, sondern es
wird – vor allem bei Frauen – in hohem Maße in konkretes Handeln umgesetzt.
Hier hat das gute Gesundheitsbewusstsein praktische Konsequenzen. Unterstützt
wird dies dadurch, dass die äußeren Lebensumstände ein gesundheitsbewusstes
Leben erleichtern: ausreichende ¿nanzielle Ressourcen, hoher Bildungsstand, we-
nig gesundheitsgefährdende Arbeitssituationen etc.
Die gesellschaftlichen Leitmilieus (Etablierte, Postmaterielle, Moderne
Performer)5 haben eine reÀektierte Haltung zum Thema Gesundheit – allerdings
unterschiedliche Einstellungen und Herangehensweisen.
Etablierte wünschen eine Vielfalt von Gesundheitsleistungen, aus denen sie
das für sie Passende auswählen können. Von Leistungskürzungen sind sie als
meist privat Versicherte kaum betroffen. Sie befürworten insgesamt mehr Wahl-
möglichkeiten für Versicherte und Patienten und fordern mehr Wettbewerb unter
den Leistungsanbietern.
Nach dem Grundsatz „Das Individuum ist das Maß“ befürworten auch die
Postmateriellen Vielfalt und Wettbewerb im Gesundheitssystem. Sie wollen den
Leistungskatalog individuell gestalten können. Sie fordern bessere Wahlmög-
lichkeiten je nach den individuellen Gesundheitsbedürfnissen. Auch wenn das
marktwirtschaftliche Denken aus grundsätzlichen Überlegungen kritisch bewertet
wird, wird der Wettbewerb im Gesundheitswesen akzeptiert. Die gegenwärtige
Situation mit dem nur ansatzweise vorhandenen Wettbewerb, z. B. zwischen den
Krankenkassen, wird aber als gescheitert betrachtet. Im Gegensatz zur PKV gäbe
es in der GKV keine ausreichenden Wahlmöglichkeiten. Dies wird bedauert.
Ähnlich gilt dies für das Milieu der Modernen Performer, auch wenn in
diesem jungen Milieu Gesundheit (noch) kein dominierendes Thema ist, da man
sich (noch) gesund fühlt. Am liebsten hätte man eine Einheitsversicherung, die
alles Wichtige abdeckt, ergänzt durch Àexibel – je nach Lebenssituation und Pha-
se im Lebensverlauf – buchbare Zusatzmodule, die jeder individuell nach seinen
Bedürfnissen hinsichtlich Umfang und Qualität zusammenstellen kann. In den
gesellschaftlichen Leitmilieus wird wahrgenommen, dass man selbst viel für die

5
Überblick über die Sinus-Milieus: S. 29–30.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 15

eigene Gesundheit tun kann und sollte. Die eigene Verantwortung für Gesundheit
wird betont,6 eine gesunde Lebensführung propagiert.
Auch in den traditionellen Milieus (Konservative, Traditionsverwurzelte) ist
ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein verbreitet. Das Interesse an Gesund-
heitsthemen ist groß (nicht nur aufgrund des vergleichsweise hohen Altersdurch-
schnitts in diesen Milieus). Die eigene Verantwortung für die Gesundheit wird
erkannt; jedoch werden die Akteure im Gesundheitswesen – Ärzte, Krankenkassen
etc. – stärker als bei den gesellschaftlichen Leitmilieus in die PÀicht genommen.
Im Milieu der Konservativen wird Eigenverantwortung für die Gesundheit
gesellschaftsweit gefordert: Es gilt als eine moralische PÀicht des Einzelnen, mit
seinem Gut „Gesundheit“ verantwortungsvoll umzugehen und das Gemeinwesen
nicht durch eine fahrlässige Lebensweise unnötig zu belasten. Insofern ist Eigen-
verantwortung für Konservative funktional für die Gesellschaft und für das Ge-
sundheitssystem. Allerdings zeigt sich in diesem Milieu ein leicht fatalistischer
Zug: Gesundheit und Krankheit werden als ein persönliches Schicksal hingenom-
men. Akzeptanz des jeweiligen Gesundheits- und Krankheitszustands gepaart
mit der Einstellung, „das Beste daraus zu machen“, kennzeichnet die Haltung der
Konservativen.
Ähnlich sieht es im Milieu der Traditionsverwurzelten aus: Dass man selbst
etwas für die Gesundheit tun kann, wird erkannt, und man ist stolz darauf, wenn es
gelingt, gesund zu bleiben. Aber das Schicksalhafte an Gesundheit und Krankheit
tritt mehr in den Vordergrund: Man muss sich arrangieren; man „muss zufrieden
sein“ und will nicht klagen.7 Auch wird die Rolle des Arztes bei der Erhaltung
und Wiederherstellung von Gesundheit stärker betont: Er wird maßgeblich für
die Gesundheit verantwortlich gemacht. Das Gesundheitssystem ist hier primär
Reparaturbetrieb. Traditionsverwurzelte stehen der Vielfalt und dem Wettbewerb
im Gesundheitssystem eher ablehnend gegenüber. Eine gute Rundum-Versorgung
wird gewünscht – da bleibt für individuelle Wahlmöglichkeiten kein Platz und es
besteht keine Notwendigkeit dazu.
In den beiden Mainstream-Milieus (Bürgerliche Mitte, Konsum-Materialisten)
ist die Haltung zur Gesundheit sehr deutlich zweigeteilt: Während sich die Bürger-
liche Mitte an den gesellschaftlichen Leitmilieus orientiert und dementsprechend
Gesundheit wertschätzt, achten Konsum-Materialisten wenig auf Ihre Gesundheit.
Sie fühlen sich diesbezüglich als benachteiligt und abgehängt.

6
Vgl.: VFA-Reformmonitor 2010. Meinungsbild der Bürger zur Gesundheitsreform. www.vfa.de.
Januar 2010. Danach sind 63 % der Befragten für „mehr Wettbewerb auf allen Ebenen des Gesund-
heitssystems“.
7
Die defätistische Haltung vieler Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit wird empirisch bestätigt.
Laut DKV-Report „Wie gesund lebt Deutschland?“, Kurzvorstellung der Ergebnisse, Pressekonferenz,
10.8.2010, S. 22, stimmen 52 % der Befragten der Aussage zu „Wenn ich krank werde oder sterbe,
dann passiert das eben. Ich kann es nicht beeinÀussen“.
16 Einleitung

Im Milieu der Bürgerlichen Mitte ¿ ndet man ein hohes Maß an gesund-
heitlicher Selbstverantwortung. Gesundheit wird dort als ein wichtiges Thema
wahrgenommen – nicht nur in Bezug auf die eigene Person und die aktuelle Le-
benssituation, sondern auch hinsichtlich der ganzen Familie, besonders auch der
Kinder, und vorausschauend auch auf das Alter. Eine gesunde Lebensführung
scheint besonders erstrebenswert.
Im Milieu der Konsum-Materialisten wird die Möglichkeit, etwas für die
eigene Gesundheit tun zu können, kaum wahrgenommen. Dementsprechend ist die
Eigenverantwortung für die Gesundheit kaum ausgeprägt. Ganz im Gegenteil: Es
dominiert das Gefühl von Ohnmacht. Eigene Krankheiten werden als Teil der all-
gemeinen sozialen Benachteiligung und Ausgrenzung begriffen ohne realistische
Chance auf Veränderung. Das führt häu¿g zu Larmoyanz, Fatalismus, Ergebenheit
in das unabwendbare Schicksal und zu Verdrängung – somit zu einer klagenden
und passiven Grundhaltung, die in Bezug auf eigene Krankheiten Dissimula-
tion und Indolenz erzeugt. Der besonders ausgeprägte Gesundheitsfatalismus der
Konsum-Materialisten geht mit einer Vielzahl von Abwehrargumenten einher,
warum nicht mehr für die eigene Gesundheit getan werden könne. Typisch für
dieses Milieu ist die Meinung, Gesundheit sei etwas – etwa durch Vererbung – Vor-
gegebenes. Alles weitere, was man für Gesundheit tun könne, sei zu kostspielig und
daher nicht ¿nanzierbar. Die ¿nanziellen Grenzen – zumindest in der subjektiven
Wahrnehmung, aber sicherlich zum Teil auch tatsächlich – enge die Handlungs-
möglichkeiten ein. Das Gefühl, sich mehr Gesundheit nicht leisten zu können, geht
mit einer allgemeinen Werthaltung einher, die ihren Schwerpunkt gerade nicht auf
Gesundheit legt. Gesundheit genießt in diesem Milieu keinen hohen Stellenwert.
Trotzdem fühlt man sich hinsichtlich Gesundheit extrem benachteiligt und schiebt
dafür die Verantwortung immer anderen zu. Auch wird gesundheitsbewusstes
Verhalten von der sozialen Umgebung in diesem Milieu nicht belohnt, so dass
Anreizstrukturen fehlen, im Rahmen der – wenn auch begrenzten – Möglichkeiten
eigenverantwortlich und gesundheitsbewusst zu leben. Hinzu kommt, dass das
Interesse, sich über Gesundheit zu informieren, nur in geringem Maße vorhan-
den ist. Geeignete Informationsmedien sowie Möglichkeiten für eine ef¿ziente
Gesundheitsbildung und -erziehung sind in diesem Milieu nicht vorhanden. Der
Wunsch nach Wahlmöglichkeiten im Gesundheitswesen, nach Vielfalt der Angebo-
te und Wettbewerb der Anbieter ist bei den Konsum-Materialisten am geringsten
ausgeprägt. Trotz des miserablen Kenntnisstandes bezüglich Gesundheit fühlt sich
dieses Milieu im Grunde jedoch ausreichend informiert und will auch gar nicht
mehr wissen, weil dann Verantwortung übernommen werden müsste – die Grund-
voraussetzung, um als informierter Patient und Versicherter in einem durch Vielfalt
und Wettbewerb geprägten Gesundheitssystem handlungsfähig sein zu können.
In den hedonistischen Milieus (Experimentalisten, Hedonisten) spielen Ge-
sundheitsfragen nur eine untergeordnete Rolle.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 17

Zwar werden im Milieu der Experimentalisten die Eigenverantwortung, die


eigenen Möglichkeiten, gesund zu bleiben, sowie das Schicksalhafte an Gesundheit
und Krankheit realistisch eingeschätzt. Aber zwischen Erkenntnis und Umsetzung
klafft in diesem Milieu eine Lücke: Im Lebensalltag ist Gesundheit kaum ein
Thema. Die Prioritäten in diesem Milieu mit einem vergleichsweise niedrigen
Altersdurchschnitt werden anders gesetzt.
Noch geringer ist im ebenfalls jungen Milieu der Hedonisten das Interesse am
Thema Gesundheit. Der Frage der Verantwortung für die eigene Gesundheit stellt
man sich meist nicht, geht ihr aus dem Weg oder verdrängt dieses „unspannende“
Thema für unbestimmte Zeit auf „später“.

Was wird von der Gesundheitspolitik erwartet ?

Die Studie zeigt ein verbreitetes Misstrauen gegenüber einer „radikalen Wettbe-
werbsrhetorik“ im Gesundheitssystem. Die bisherigen Erfahrungen mit dem „an-
geblich“ vorhandenen Gesundheitsmarkt fallen besonders bei Versicherten und
Patienten aus Milieus der unteren Mittelschicht und der Unterschicht negativ aus.
Es wird befürchtet, dass mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem nur dazu dienen
soll, das Kosten- bzw. Sparproblem zu lösen – und zwar auf dem Rücken der Ver-
sicherten. Dieser Argwohn sitzt tief und stellt ein ernsthaftes kommunikatives Hin-
dernis für die Gesundheitspolitik dar, den Ordnungsrahmen im Gesundheitssystem
zu modernisieren und dafür breite Akzeptanz zu erreichen. Aus den im Rahmen
dieser Studie durchgeführten Interviews werden jedoch die sehr stark divergieren-
den Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der Versicherten und Patienten deutlich,
so dass der gesundheitspolitische Ansatz, die Vielfalt der Gesundheitsangebote zu
steigern, um den unterschiedlichen Wünsche, Bedürfnisse und Interessen gerecht
werden zu können, eine folgerichtige und eigentlich alternativlose Konsequenz ist.
Inwiefern eine Steigerung der Angebotsvielfalt im Gesundheitswesen ohne einen
wettbewerblich strukturierten Ordnungsrahmen nach Einschätzung der Befragten
möglich ist, lassen die Ergebnisse der Studie offen, zumal die relativ schwach
ausgeprägte begrifÀiche Trennschärfe in den Interviews („Vielfalt“, „Wahlmög-
lichkeiten“, „Wettbewerb“, „Markt“) weitere Differenzierungen in dieser Frage
nicht erlauben.
Dennoch ist in allen Milieus der Wunsch nach Selbstbestimmung erkennbar,
und zwar sowohl als Möglichkeit der Prioritätensetzung je nach den eigenen ge-
sundheitlichen Bedürfnissen, als auch als ein Abwehrrecht gegenüber unerwünsch-
ter Einmischung. Sehr unterschiedlich fällt allerdings die Gesundheitskompetenz
als Voraussetzung für Selbstbestimmung aus: Sie ist in den Milieus am unteren
gesellschaftlichen Rand nur unzureichend vorhanden und bedarf dringend einer
Förderung.
18 Einleitung

Eine weitere große Gemeinsamkeit über alle Milieus hinweg stellt der Soli-
dargedanke dar. Dem Grundsatz der Solidarität kommt in allen Milieus eine große
Bedeutung zu, wie die qualitativen Interviews der vorliegenden Studie eindeutig
belegen. Gefordert wird, Solidarität als wichtigen Leitgedanken im Gesundheits-
system zu erhalten bzw. dort, wo sie derzeit als unzulänglich empfunden wird,
wieder herzustellen und zu stärken.
Allerdings werden milieuabhängige Unterschiede bzgl. der konkreten Ver-
wirklichung von Solidarität deutlich. Während z. B. die Etablierten eine Ver-
sicherungspÀicht für alle und den Ausgleich sozialer Härten als Kernpunkte
solidarischen Verhaltens sehen, gibt es bei anderen Milieus Forderungen nach
einem „einheitlichen Standard“ in der Krankenversorgung. Besonders die Post-
materiellen verstehen sich als die Verfechter von Solidarität, Gerechtigkeit und
sozialer Sicherheit. Allerdings bedeutet Gerechtigkeit und Solidarität hier gera-
de nicht „Einheitlichkeit“, also identische Leistungen für alle, sondern vielmehr
Wahlfreiheit aus einem Katalog von Leistungen.
Der Begriff „Gesundheitsreform“ ist negativ besetzt.8 Die Menschen aus al-
len Milieus äußern Unverständnis darüber, dass es der Politik nicht gelinge, das
Gesundheitssystem zu reformieren. Dabei werden durchaus die Schwierigkeiten
dieses Unterfangens gewürdigt. Auch wird die Qualität des deutschen Gesund-
heitssystems in den meisten Milieus nicht unterschätzt; besonders im Vergleich
mit anderen Ländern, wird es als gut empfunden.9 Trotzdem bleibt ein tiefes Un-
behagen: Die Sorge um Leistungskürzungen und Kostensteigerungen ist über alle
Milieus hinweg zu ¿nden, ebenso das tief sitzende Misstrauen, das zur Verfügung
stehende Geld werde an der falschen Stelle ausgegeben.
Besonders die Mitte der Gesellschaft fühlt sich von der Gesundheitspolitik
unter Druck gesetzt. Hier ist die Sorge, dass Gesundheitsleistungen künftig an
Qualität verlieren und gleichzeitig die Gesundheitsausgaben deutlich ansteigen
könnten, besonders ausgeprägt. Sie fühlt sich als „Opfer“ der Gesundheitspolitik.
Aus ihrer Perspektive ist die „Schmerzgrenze“ erreicht. Auch von künftigen Ge-
sundheitsreformen erwarten sie nichts Positives. Sie sind resigniert und enttäuscht.
Gerade weil in der Bürgerlichen Mitte Gesundheit ein wichtiges Thema – auch
ein Statussymbol – und das Bestreben, die gesundheitliche Situation für sich und

8
Vgl. auch: TK-Meinungspuls Gesundheit 2008. http://www.tk.de/centaurus/servlet/content-
blob/48292/Datei/1691/forsa_Umfrage_2008.pdf. Der Aussage „Ich bin davon überzeugt, dass diese
Reformen positive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem hier in Deutschland haben werden“
stimmen 66 % „eher nicht“ bzw. „überhaupt nicht“ zu.
9
Vgl.: Bestmann, Beate / Verheyen, Frank: Patientenzufriedenheit. Ergebnisse einer repräsentativen
Studie in der ambulanten ärztlichen Versorgung. WinegWissen 01. Hamburg 2010. VFA-Reformmoni-
tor 2010. Meinungsbild der Bürger zur Gesundheitsreform. www.vfa.de. Januar 2010. Continentale
Krankenkasse: Conitentale-Studie 2009: Der EinÀuss des Staates auf das Gesundheitswesen – die
Meinung der Bevölkerung. Dortmund 2009.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 19

die Familie zu verbessern, sehr ausgeprägt ist, wiegt die Enttäuschung, dass Poli-
tik – nach verbreiteter Auffassung in diesem Milieu – nicht das eigene Bestreben
unterstütze, besonders schwer.10
Hinsichtlich der Frage der sozialen Ungleichheit ergibt die vorliegende Studie
folgendes Bild:
Die Menschen in den Milieus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht,
besonders jene, die eher modernen und weniger traditionellen Werten anhängen,
fühlen sich (in der Selbstbewertung) relativ gesund. Sie sind an Gesundheitsthemen
interessiert und über die wesentlichen Gesundheitsfragen auch gut informiert. Sie
haben einen ausreichenden Bildungshintergrund und genügend Medienkompetenz,
um sich Gesundheitsinformationen zu beschaffen. Sie ordnen auch meistens die
Verantwortlichkeiten für die eigene Gesundheit richtig zu, d. h. sie erkennen die
eignen Möglichkeiten, etwas für die Gesundheit zu tun, ohne allerdings die Gren-
zen der eigenen Handlungsmöglichkeiten zu überschätzen. Sie sind auch in der
Lage, ihre Gesundheitsinteressen gegenüber den Akteuren im Gesundheitssystem,
z. B. Ärzten, Krankenkassen etc., zu artikulieren und durchzusetzen und tun dies
durchaus selbstbewusst. Das Konzept des „mündigen Patienten“ scheint in diesen
Milieus am ehesten realisiert zu sein. Gesunde Ernährung, Bewegung und Sport,
Prävention usw. gehören meist zum Alltag. Die Compliance ist gut. Selbstbestim-
mung und Eigenverantwortung wird in diesem Milieus sehr ernst genommen.
Schließlich besitzen sie meist auch die ¿nanziellen Ressourcen um in die eigene
Gesundheit zu „investieren“. Sie tun dies, in dem sie den Zweiten Gesundheits-
markt nutzen. Vielfalt und Wettbewerb um Qualität und Preise werden akzeptiert.
Die Menschen in den Milieus der Unterschicht und der unteren Mittelschicht,
besonders in jenen, die sich eher den traditionellen Werten verpÀichtet fühlen,
tun sich im Umgang mit Gesundheitsfragen tendenziell schwer. Das Interesse an
Gesundheitsthemen ist oft gering, ebenso das Informationsbedürfnis. Viele Medien
mit Gesundheitsinformationen erreichen diese Milieus kaum. Selbst Fernsehen
und Internet, die im Vergleich zu anderen Medien relativ häu¿g genutzt werden,
gelingt es nicht, Gesundheitsinformationen für diese Milieus zu vermitteln. Auch
kostenlose Broschüren und Zeitschriften, etwa aus Apotheken und Arztpraxen
erreichen diese Milieus meist nicht. Auch eine Begegnung „auf Augenhöhe“ mit
dem Arzt ist oft nicht möglich aufgrund des sozialhierarchischen Gefälles und
aufgrund wechselseitiger Vorbehalte: Nichtanerkennung der Autorität des Arztes
und fehlende Compliance auf der einen Seite, Mangel an Empathie, Einsicht und
Verständnis für diese Lebenswelten mit ihren begrenzten materiellen, sozialen
und kulturellen Ressourcen auf der anderen Seite. Bei den Menschen aus diesen

10
Vgl. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Gesundheitsmonitor. Newsletter 3 / 2009, 2. Danach ¿ ndet sich
eine skeptische Haltung zur Zukunft des Gesundheitssystems vor allem bei „Angehörigen unterer
sozialer Schichten“.
20 Einleitung

Milieus ist das Verständnis von Gesundheit und Krankheit oft rudimentär und
teilweise falsch. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Möglichkeiten, die
eigene Gesundheit zu beeinÀussen, meist nicht richtig eingeschätzt werden. Ein
gesundheitsbewusster Lebensstil wird vielfach nicht gepÀegt, die Möglichkeiten
von Prävention werden oft nicht wahrgenommen, oder sie gelten als nicht ¿nan-
zierbar und nicht machbar angesichts der eigenen Lebensumstände. Die Verant-
wortung für die eigene Gesundheit anderen zuzuschieben – dem Arzt, der Kasse,
der Gesellschaft, den Lebensbedingungen – ist eine weit verbreitete Haltung. In
diesen Milieus ist das Verständnis und Interesse an Gesundheit insgesamt gering.
Eigenverantwortung bleibt bei vielen ein nicht realisierter Wunsch. Auch das so-
ziale und kulturelle Umfeld, das gesundheitsbewusstes Verhalten weder fördert
noch anerkennt, tragen nicht zu einer Verbesserung der Situation bei.

Konsequenzen für das Gesundheitssystem:


Vielfalt und Selbstbestimmung stärken

Die Ergebnisse der Studie belegen die große Unterschiedlichkeit und Vielfalt von
Interessen, Wünschen und Bedürfnissen in Bezug auf Gesundheit in den untersuch-
ten Milieus. Die Studie zeigt, dass die individuelle Haltung zur Gesundheit – trotz
aller Gemeinsamkeiten – erhebliche Unterschiede im Detail aufweist, besonders
wenn es um die konkrete Umsetzung in eine gesundheitsbewusste Lebensführung
geht. Sie belegt, dass die Angebote zur Gesundheit (Informationen, Prävention,
Inanspruchnahme von ärztlicher Hilfe, Nutzung des zweiten Gesundheitsmarktes
etc.) in sehr unterschiedlichem Maße in Anspruch genommen werden und dass
bestimmte Gruppen sie äußerst selten nutzen – weil sie sie nicht kennen oder es
vielfache soziokulturelle Barrieren gibt.
Die genannten Unterschiede erweisen sich im hohen Maße als milieuspezi-
¿sch. Es zeigt sich nicht nur eine „vertikale“ Schichtungsdifferenzierung zwischen
der sozialen Ober-, Unter- und Mittelschicht, sondern auch innerhalb der Schichten
eine „horizontale“ soziokulturelle Differenzierung mit deutlichen Unterschieden
zwischen Gesellschaftsgruppen mit eher traditionellen und solchen mit eher mo-
dernen Werten und Lebensweisen.
Die Ursachen für diese milieuabhängigen Unterschiede liegen nicht nur in
unterschiedlichen Formen von Gesundheitsangeboten, sondern vor allem in einer
unterschiedlichen Inanspruchnahme von Gesundheitsangeboten (Nachfrage).
Unterschiede in den Angeboten resultieren z. B. aus einer Krankenversicherung
in der PKV oder in regionalen Versorgungsstrukturen. Da PKV-Versicherte jedoch
fast ausschließlich in den gehobenen gesellschaftlichen Milieus zu ¿nden sind, re-
sultieren die meisten Unterschiede – besonders auch in den Milieus der Unter- und
der Mittelschicht – offensichtlich aus einem „differentiellen“ Nachfrageverhalten.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 21

Dieses individuelle Nachfrageverhalten von Menschen – ohne entsprechende An-


gebotsvielfalt – wird durch die vorliegende Studie als eine wichtige Ursache für die
gesundheitliche Ungleichheit bestätigt. So erweist sich beispielsweise das Interesse
an Gesundheitsthemen, das Informationsverhalten, der achtsame Umgang mit der
eigenen Gesundheit, der selbstbestimmte und verantwortliche Umgang mit ärzt-
lichem Rat und ärztlichen Anweisungen, die Compliance, die Wahrnehmung von
Präventionsmaßnahmen, die Inanspruchnahme des Zweiten Gesundheitsmarktes
etc. als milieuabhängig: Oberschichtenmilieus verhalten sich gesundheitssensibler
als Unterschichtenmilieus; in modernen Milieus ist die Situation jeweils besser als
in traditionellen. In sozial schwachen Milieus summieren sich Benachteiligungen,
dies gilt für die Gesundheitschancen genauso wie z. B. für die Bildungschancen.
Ungünstige Lebensverhältnisse und Benachteilungen hängen eng zusammen.11
Vor diesem Hintergrund kann die soziale Ungleichheit12 bzgl. Gesundheit
als Folge einer „differentiellen“ Nachfrage bei einem im Wesentlichen einheit-
lichen (und damit wenig den individuellen Bedürfnissen entsprechenden) Angebot
verstanden werden. Die (zumindest in der GKV) für alle Versicherten gleichen
(bzw. gleichartigen) Gesundheitsangebote gehen offensichtlich nicht genügend
auf die Vielfalt der Wünsche und Bedürfnisse auf der Nachfrageseite ein, so dass
viele Versicherte und Patienten nicht genügend „passende“ Gesundheitsangebote
¿ nden. Die Folge ist, dass diejenigen, die keine zu ihren Bedürfnissen passen-
den Gesundheitsangebote ¿nden, ihre Gesundheit nicht im erforderlichen Maße
schützen. Auf der gesellschaftlichen Ebene wird dies als Phänomen der sozialen
Ungleichheit wahrgenommen.
Der bisher vorherrschende Ansatz im Gesundheitssystem – „gleichartige
Angebote für alle“ – verfehlt das Ziel, „gleiche Gesundheit“ (besser: gleiche Ge-
sundheitschance) für alle zu schaffen. Das Scheitern dieses Ansatzes wird umso
deutlicher, je differenzierter und vielfältiger sich die Gesellschaft insgesamt ent-
wickelt. In einer pluralen und individualisierten Gesellschaft mit ihrer Vielzahl an
unterschiedlichen Lebensstilen und Lebenswelten, wie wir sie in modernen Gesell-
schaften vor¿nden, muss sich auch in differenzierten Angeboten im Gesundheits-
system (wie auch in anderen Bereichen: z. B. im Bildungssektor) widerspiegeln.
Erfolgt diese Anpassung der Angebotsseite an die Differenzierung der Nachfra-
gerseite nicht, kommt es zu Phänomenen sozialer Ungleichheit – und letztlich zu

11
Vgl z. B.: Henke, Stefanie / Römischer, Claudia / Winkler, Christina / Zavarie, Sabine: Armut, sozia-
le Ungleichheit und Gesundheit bei Jugendlichen in München. www.soziologie.uni-muenchen.de.
März 2009. AOK-Familienstudie 2010: Routinen und Rituale fördern die Gesundheit der Kinder.
http://www.aok-bv.de/imperia/md/aokbv/presse/veranstaltungen/2010/familienstudie_2010_web.pdf.
GKV-Spitzenverband: Leitfaden Prävention. Berlin 2010, 11 ff. Lampert, Thomas: Schichtspezi¿sche
Unterschiede im Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten. Berlin 2005, 28–31.
12
Vgl.: Helmert, Uwe / Baumann, Karin / Voges, Wolfgang / Müller, Rainer (Hrsg.): Müssen Arme
früher sterben ? Soziale Ungleichheit in Deutschland. Weinheim / München 2000, 9.
22 Einleitung

gesellschaftlicher Ungerechtigkeit. Die bisherigen Maßnahmen zur Minderung der


sozialen Ungleichheit13 verlieren unter diesen Bedingungen an Ef¿zienz.
Um dem zu begegnen, müssten die gesundheitlichen Angebote stärker als
bisher mehr Vielfalt und mehr Wahlmöglichkeiten bieten, so dass die Chance für
jeden größer wird, passende Gesundheitsangebote zu ¿nden, die den jeweiligen
Gesundheitsbedürfnissen entsprechen. Die Idee, (Chancen-, Teilhabe-) Gerech-
tigkeit durch Einheitlichkeit zu gewährleisten, ist vor dem Hintergrund dieser
gesellschaftlichen Entwicklung überholt.
Mehr Vielfalt und Wahlmöglichkeiten im Gesundheitssystem kämen den
Versicherten und Patienten in allen Milieus (und nicht, wie oft unterstellt wird, nur
den sozial gehobenen Milieus) zugute, da sie die milieuspezi¿schen Bedürfnisse
zielgruppengenau befriedigen können.
Versicherte und Patienten müssen durch mehr Freiräume und mehr Wahlmög-
lichkeiten im Gesundheitssystem besser als bisher in die Lage versetzt werden, der
oft zu hörenden politischen Forderung nachzukommen, auch in Gesundheitsfragen
mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Dadurch würde außerdem die überaus
kritische Sicht auf „Gesundheitsreformen“, die – wie die Studie belegt – viele Men-
schen in allen Milieus haben, korrigiert werden können. Versicherte und Patienten
erwarten von der Politik mehr Transparenz und „endlich“ Reformen, die über die
bisherigen kleinen Schritte hinausgehen, die eher als „Kosmetik“, denn als „echte“
Verbesserungen empfunden werden. Dabei wird erwartet, dass die Interessen der
Patienten und Versicherten deutlicher als bisher in den Mittelpunkt rücken und
Reformen zu erlebbaren Verbesserungen führen.
Menschen in allen Milieus – insbesondere aber Menschen in Milieus am unte-
ren Rand der Gesellschaft sowie zunehmend in der Mitte der Gesellschaft – fühlen
sich im jetzigen Gesundheitssystem oft „ohnmächtig“ und den großen Akteuren
ausgeliefert. Deshalb begegnen sie den Forderungen der Politik nach mehr „Selbst-
bestimmung“ und „Eigenverantwortung“ mit großer Skepsis und Kritik – obwohl
sie grundsätzlich die Idee, die hinter diesen Begriffen steht, befürworten, zumal
in vielen anderen Lebensbereichen die „Souveränität“ des Einzelnen als überaus
positiv empfunden wird. Es wird als ein De¿zit gesehen, dass gerade in einem
existentiell wichtigen Bereich wie der Gesundheit es bisher nur unzureichend
gelingt, die Voraussetzungen für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zu
schaffen. Auch Begriffe wie (Gesundheits-) „Markt“, „Vielfalt“ und „Wahlmög-
lichkeiten“ werden deshalb von Menschen kritisch bewertet, weil damit die Sorge
verbunden ist, überfordert und übervorteilt zu werden (zumal Situationen oft nicht
positiv erlebt werden, in der wohl vom „Gesundheitsmarkt“ und vom „Wettbewerb
im Gesundheitssystem“ die Rede ist, diese aber in Wirklichkeit nur rudimentär

13
Vgl.: http://www.bzga.de/themenschwerpunkte/gesundheitlichechancengleichheit/. http://www.
gesundheitliche-chancengleichheit.de/.
Vielfalt und Selbstbestimmung im Gesundheitssystem 23

vorhanden sind und nur unzureichend funktionieren). Die Menschen erwarten


diesbezüglich Hilfe, die letztlich als „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Gesundheitssystem
verstanden wird. Voraussetzung für Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
ist die Stärkung der Gesundheitskompetenzen und -ressourcen.
In allen Milieus ist nicht nur der Wunsch nach Selbstbestimmung verbreitet,
sondern auch die Forderung, die Solidarität zu erhalten und zu stärken. Akzeptiert
wird also kein Gesundheitssystem ohne Regeln und Kontrolle, das wohl Angebots-
vielfalt gewähren, aber die Solidarität gefährden würde, sondern ein reguliertes
Gesundheitssystem, das Vielfalt von Gesundheitsangeboten bei guter Qualität und
zu bezahlbaren Preisen generiert und gleichzeitig den solidarischen Zusammen-
halt sichert. Ein künftiger Ordnungsrahmen des Gesundheitssystems muss also
nach der überwiegenden Meinung sozial abgesichert bleiben und gleichzeitig eine
größere Angebotsfülle sichern. (Qualitäts-) Standards müssen de¿niert und ihre
Einhaltung kontrolliert werden. Dem Staat fällt die Rolle der „Gesundheitsaufsicht“
zu, ohne dass er Versicherte und Patienten „gängelt“.
Ein solches „gesellschaftlich verantwortetes individualisiertes Gesundheits-
system“ könnte dazu beitragen, die Qualität der gesundheitlichen Versorgung der
Menschen in allen Milieus zu verbessern bzw. zu sichern. Und es würde einen
Weg bieten, die soziale Ungleichheit bzgl. Gesundheit zu mindern.
DIE STUDIE:
GESUNDHEIT UND K RANKHEIT IM ALLTAG
SOZIALER MILIEUS

Carsten Wippermann, Heide Möller-Slawinski

Hintergrund

Gesundheit gilt als Fundamentalwert, als ein konditionales, sehr hohes privates
und öffentliches Gut in unserer Gesellschaft. Gesundheit ist die Voraussetzung für
Lebensdauer und Lebensqualität des Einzelnen. Für die Volkswirtschaft ist die Ge-
sundheit der Bevölkerung – neben Bildung – der wichtigste Produktivfaktor einer
Gesellschaft. Daher wird die Gesundheitsversorgung als Teil staatlicher Daseins-
vorsorge gesehen. Schon auf der wissenschaftlichen Ebene unterscheiden sich
die verschiedenen Versuche, Gesundheit zu de¿nieren, je nach Blickwinkel und
Paradigma erheblich. Es gibt keine einheitliche De¿nition des Begriffs Gesundheit.
Noch größer werden die Unterschiede, wenn einzelne Menschen oder Gruppen
der Bevöl kerung befragt werden. Einstellungen zu Gesund heit und Krankheit,
zum Gesundheitsverhalten und zu Erwartungen an das Gesundheitswesen können
deshalb nicht isoliert betrachtet werden. Erst der lebensweltliche Kontext, in den
Gesundheit und Krankheit eingelassen sind, macht die milieuabhängige Bedeutung
verständlich und dokumentiert die Breite des Spektrums sowie die Heterogenität
von Verständnissen und Zugängen in der Bevölkerung.
Im Gesundheitswesen geht es in erster Linie um das faktische Verhalten
des Menschen oder Patienten – wie etwa in Bezug auf Prävention, Arztbesuch,
Compliance, Therapie, Versicherungsschutz etc. Noch vor einigen Jahren suchte
man die kausalen Ursachen für Erkran kungen sowie Zugänge zum Verhalten
(Lebensstil) eines Patienten im Horizont soziodemographischer Merkmale wie
Geschlecht, Alter, sozialer Schichtung. Diese Erklärungsfaktoren werden aber
der Lebenswirklichkeit einer modernen, kulturell differenzierten Gesellschaft
nicht mehr gerecht. Heute wissen wir, dass Menschen gleicher sozialer Lage sehr
unterschiedliche Einstellungen und Werte haben – auch zur Gesundheit. Insofern
ist die sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Kenntnis von Werten und
Lebensstilen wichtig, um das Gesundheitsverhalten der Menschen und hierauf

C. Wippermann et al., Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem,


DOI 10.1007/978-3-531-92871-5_2,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
26 Hintergrund

basierend sinnvolle Strategien für eventuell notwendige Verhaltensänderungen


entwickeln zu können.
Die verschiedenen Begriffsbestimmungen von „Gesundheit“, die in der Medi-
zin, in der Forschung, im Gesundheitswesen und erst recht im kollektiven Be-
wusstsein der Bevölkerung in den verschiedenen Schichten und Milieus zu ¿nden
sind, zeigen eine große Vielfalt von Ansichten und Erwartungen. Die Diversität ist
noch größer, wenn es um die eigene und subjektiv empfundene Gesundheit (und
Krankheit) geht. Die verschiedenen Lebensstile lassen darauf schließen, dass in
der Bevölkerung die Bereitschaften, etwas für die eigene Gesundheit zu tun, Ge-
sundheitsrisiken zugunsten von Konsum einzugehen sowie mit einer Krankheit
umzugehen, sehr unterschiedlich ausgeprägt sind.
Empirische Untersuchungen aus der Public Health-Forschung zeigen, dass
der Gesund heitszustand und damit verbunden die Lebenserwartung der Men-
schen mit der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht korreliert: Menschen aus
unteren Schichten – insbesondere solche mit geringerem Einkommen, niederem
Bildungshintergrund oder problematischen Familienverhält nissen – haben im
Durchschnitt größere gesund heitliche Probleme und eine deutlich kürzere Le-
benserwartung als Menschen aus der gesellschaftlichen Oberschicht. Dazu liegen
zahlreiche empirische Forschungsergebnisse vor: Zum Beispiel befassen sich das
Statistische Bundesamt (Mikrozensus), das Robert Koch-Institut (Gesundheits-
berichterstattung des Bundes), Zentren der empirischen Sozialforschung und
Public Health mit entsprechenden Fragestellungen. Die Variabilität des Gesund-
heitszustandes in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und die Korrelation mit
dem allgemeinen Sozialstatus wird in der politischen Diskussion als sozial unge-
recht empfunden.
Nach dem aktuellen Kenntnisstand sind die Gründe für die sozialen Unter-
schiede bezüglich Gesundheit jedoch noch wenig verstanden. Zur weiteren
Aufklärung bieten sich eingehende Untersuchungen auf Grundlage des lebens-
weltlichen Gesellschaftsmodells der Sinus-Milieus an. Dieses bietet eine diffe-
renziertere Herangehensweise an diese komplexen Fragestellungen, denn es
berücksichtigt nicht nur Merk male der sozialen Lage und Schichtzugehörigkeit
(Geschlecht, Ein kom men, Bildung, Beruf, Arbeitswelt, Wohnlage etc.), sondern
auch Wertorientierungen (Präferenzen, Interessen, Einstellungen) und Lebensstile
(Alltagsroutinen, Rituale, soziale Beziehungen). Die Menschen in den verschie-
denen Lebenswelten (Milieus) verfügen über ganz unterschiedliches materielles,
soziales und kulturelles Kapital, das prägend ist für das Verständnis von Gesund-
heit und den Umgang mit Krankheit.
In der vorliegenden repräsentativen empirischen Studie wurden dazu die
Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erwartungen der Bevölkerung untersucht zu…
Hintergrund 27

ƒ Gesundheit und Krankheit,


ƒ medizinischer Versorgung,
ƒ Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen,
ƒ Bedingungen und Entwicklungen im Gesundheitssystem.

Die Studie ist repräsentativ für die deutsche Bevöl kerung und wurde nach der
Methodologie der Triangulation sowie der Grounded Theory durchgeführt
(Untersuchungsanlage in Kapitel 4).

ƒ Grundgesamtheit der qualitativ-ethnomethodologischen Unter suchung in


Form von 120 narrativen mehrstündigen Einzelinterviews sind Männer und
Frauen im Alter ab 18 Jahren aus allen sozialer Lagen (Einkommen, Bildung)
und sozialen Milieus.
ƒ Ergänzend dazu wurden fünf bereits vorliegende quantitativ-repräsentative
Erhebungen analysiert zur Einstellung zum Stellenwert von Gesundheit,
zum aktuellen Krankheitsstand (subjektive Prävalenz, burden of disease),
zum Gesundheits- bzw. Krank heitsverhalten, zu Präventionen, zum In-
for mationsverhalten sowie zur Krankenver sicherung (gesetzlich, privat,
zusatzversichert). Die Stichproben dieser Untersuchungen sind mit 31.179 Fäl-
len „VerbraucherAnalyse 2009“1, 20.165 Fällen der „Typologie der Wünsche
Intermedia 2009“ sowie 20.154 Fällen der „Typologie der Wünsche Intermedia
2010“2, 5.030 Fällen (AACC)3 und 2.000 Fällen (Trendmonitor)4 hinreichend
groß und gewährleisten empirisch valide Befunde.5

Um das gesamte Spektrum der Einstellungen zu und Erfahrungen mit Gesund-


heit, Krankheit und dem Gesundheitswesen zu erfassen, wurde der Ansatz der
Lebensweltforschung gewählt, der neben soziodemographischen Merk malen auch
soziokulturelle Merkmale berücksichtigt und dicht beschreibt. Zugrunde lag der
Untersuchung das aus der Lebensweltforschung hervorgegangene Modell sozialer
Milieus (auch: Sinus-Milieus). Soziale Milieus konstituieren sich über drei Haupt-

1
Jährlich durchgeführt Markt-Media-Studie der Axel Springer AG und der Bauer Media Group,
repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren. In diese Studie ist das Gesell-
schaftsmodell der Sinus-Milieus integriert und steht dem Sinus-Institut für Analysen zur Verfügung.
2
Jährlich durchgeführt Markt-Media-Studien von Burda Community Network, repräsentativ für die
deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren. In diesen Studien ist das Gesellschaftsmodell der
Sinus-Milieus integriert und steht dem Sinus-Institut für Analysen zur Verfügung.
3
Bevölkerungsrepräsentativ Studie des Sinus-Instituts im Auftrag des BMBF.
4
Bevölkerungsrepräsentativ Eigenstudie des Sinus-Instituts.
5
Die Stichproben der verwendeten Studien haben als Grundgesamtheit die deutschsprachige Wohn-
bevölkerung ab 14 Jahren. Zur Reanalyse wurde die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 18 Jahren
berücksichtigt (daher reduziert sich in den Tabellen und Gra¿ ken die Fallzahl geringfügig).
28 Hintergrund

dimensionen: Lebensstil (Handeln, Verhalten, Routinen, Gewohn heiten), soziale


Lage (Einkommen, Bildung, Beruf, Wohnsituation, Alter) und Werte (Kognitionen:
Einstellungen, Erfah rungen, Orientierungen).
Die Sinus-Milieus sind das Ergebnis von fast vier Jahrzehnten kontinuierlicher
sozialwissenschaftlicher Forschung. Die Sozialstrukturanalyse des Milieumodells
basiert auf der Lebensweltanalyse unserer Gesellschaft. Milieus gruppieren Men-
schen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. Grundlegende
Orientierungen gehen dabei ebenso in die Analyse ein wie der Alltag in Bezug
auf Arbeit, Familie, Freizeit, Beruf, Geld, Konsum, Medien, Kunst und Kultur,
Heimat, Politik sowie Gesundheit. Das Milieumodell von Sinus wird im Rahmen
einer eigenen Programmforschung jedes Jahr empirisch überprüft und – gemäß
dem demographischen und kulturellen Wandel – neu justiert. Pro Jahr werden mehr
als vierhundert qualitative narrative Einzelinterviews, etwa hundert mehrstündige
Gruppenwerkstätten sowie etwa 100.000 standardisierte Repräsentativinterviews
in mehreren unabhängigen Stichproben durchgeführt.

Vor diesem ganzheitlichen Hintergrund lassen sich nicht nur unterschiedliche


Alltagskulturen abbilden, sondern auch Lebensverläufe, die milieuspezi¿sch je
anders gestaltet bzw. verarbeitet werden. Die folgende Gra¿k illustriert das Ge-
sellschaftsmodell der Sinus-Milieus.
Hintergrund 29
30 Hintergrund
Zentrale Befunde

Milieuübergreifende Befunde

„Gesundheit ist das Wichtigste im Leben“: Fast jeder der in dieser Studie Befrag-
ten artikulierte diesen Satz. Auf Gesundheit will niemand verzichten. Dennoch
wird Gesundheit – gerade im Alter – durch Krankheit begrenzt. Das Spektrum
reicht von einfachen Be¿ndlich keitsstörungen bis hin zu schweren chronischen
Erkrankungen. Umgekehrt gibt es niemanden, der absolut frei ist von Krankheiten.
Ein Ziel des Einzelnen ist in der Regel, ein Mehr an Gesundheit im Verhältnis zu
Krankheit zu erreichen. Bei Krankheit geht es um Belange, die für jeden Einzelnen
die unmittelbare kör perliche, geistige und psychische Be¿ndlichkeit betreffen. Ge-
sundheit ist nicht aufschiebbar, nicht kompensierbar, nicht substituierbar. Gesund-
heit ist die elementare Grunddisposition für Lebensdauer, für Lebensgestaltung
und Lebensqualität des einzelnen Menschen, für seine Partizipation und Chancen
in der Gesellschaft. Die Studie zeigt: Diesen Grundsatz haben Menschen in allen
Milieus; doch die konkreten Wahrnehmungen, Beurteilungen und praktischen
Konsequenzen sind zwischen den Milieus sehr verschieden.
Noch gibt es in der Bevölkerung (in allen Milieus) ein pragmatisches Urver-
trauen, dass es mit dem Gesundheitswesen immer irgendwie weitergehen wird.
Auf der einen Seite befürchtet man aufgrund der eigenen Erfahrungen und der
medialen Berichterstattung, dass Krank heit für den Einzelnen immer riskanter
wird, das Gesundheitssystem aber immer weniger Kosten übernehmen kann, was
den Einzelnen emotional und ¿nanziell noch mehr belasten wird. Auf der ande-
ren Seite wollen die Menschen darauf vertrauen, dass alles doch irgendwie gut
gehen wird. Doch dieses Vertrauen ist in den vergangenen zehn Jah ren – so die
subjektive Einschätzung bei der Mehrzahl der Menschen – massiv erschüttert und
betrogen worden. Der aktuelle zeitgenössische Blick auf das Gesundheitssystem
ist von drei Prismen bestimmt: Intransparenz des Systems, Ohnmacht des Ein-
zelnen, Zukunftsangst.
Angesichts der überragenden Bedeutung von Gesundheit für den Einzel-
nen wie auch die Gesellschaft, ist es für die Akzeptanz des Gesundheitssystems
besorg niserregend, dass die Menschen heute über mangelnde Transparenz und
Heteronomie, einem Gefühl des Ausgeliefertseins bei der Gesundheitsversorgung
klagen, massiven Missbrauch und Verschwendung von Geld vermuten, Gesund-
heitsreformen primär als Wellen neuer Zumutungen wahrnehmen und keine Re-
form als echte Lösung von Dauer begreifen, sondern als „Flickschusterei“ an einer
Materie, die den beteiligten Akteuren selbst über den Kopf gewachsen ist.
32 Zentrale Befunde

Die Menschen gehen davon aus, dass zum Funktionieren des Gesundheits-
wesens eine Viel zahl von Kompetenzen, Organisationen und Unternehmen
notwendig sind aus verschiedenen Professionen: Medizin, Pharmazie, Epidemio-
logie, Krankenkassen, Apotheken, Versicherungswesen, Wirtschaft, Technologie,
Informatik, Psychologie, Verwaltung, Recht, Ethik. Es gibt Hausärzte, diverse
Disziplinen von Fachärzten, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, ambulante
Gesundheitszentren, (Kreis-, Landes-) Krankenhäuser, Universitätskliniken, Reha-
Kliniken, ambulante PÀegedienste u. ä. Nimmt man den sogenannten Zweiten
Gesundheitsmarkt hinzu, weitet sich das Feld, kom men Fitness- und Ernährungs-
industrie, Gesundheitsratgeber und Gesundheitsverlage mit ihren Produktspar ten,
Märkten und Unterneh men hinzu. Gehört haben einige schon von der Bundes-
ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Gemeinsamen Bundesaus-
schuss u. a. Das Gesundheitswesen ist in der Wahrnehmung der meisten Menschen
in allen Milieus nur für Experten verstehbar. Aber es besteht auch keine Notwen-
digkeit, die Funktionsmechanismen des Gesundheitssystems, das Innere und die
Verwoben heit dieser komplexen Gesellschafts-Kybernetik zu verstehen. Es reicht
dem Einzelnen zu wissen, dass das System funktioniert und ihm im Ergebnis nützt.
Genau in Bezug auf diese Kriterien ist die Bevölkerung aber massiv be-
unruhigt, auch verunsichert und zunehmend misstrauisch. Bei den Menschen ent-
wickelt und festigt sich die Einstellung, dass die aktuelle Gesundheitsversorgung
ihren individuellen Präferenzen und ihrem Emp¿ nden von Nützlichkeit längst
nicht mehr gerecht wird. Dazu haben in den letzten zwei Jahrzehnten auch die
zahlreichen, in immer kürzeren Intervallen diskutierten und umgesetzten Gesund-
heitsreformen beigetragen. Schon in der Geburtsstunde einer jeden Reform standen
ihre Unzulänglichkeit und ihr zeitliches Moratorium fest.
Spontan gehen die Menschen aller Milieus weiterhin davon aus, dass im Ge-
sundheitssystem die Experten aus allen benötigten Kompetenzfeldern versammelt
sind, die für Schutz, Reliabilität, Solidität und Innovationen sorgen. Fast täglich
hat man Berührung mit dem Gesund heitswesen durch Arztbesuch und Apotheke,
Medikamente und Präventionen. In diesen Kontakten bestätigt sich die Ahnung,
dass dahinter eine gigantische Maschinerie, ein arbeitsteilig operierender Orga-
nismus steht. Das müsste zutiefst beruhigen, tat es in den ersten Jahrzehnten der
Bundesrepublik auch, doch das Ver trauen, bei persönlicher Krankheit sowie bei
Krankheit von Angehörigen mit den individuellen Bedarfen gut aufgehoben zu
sein und blind ver trauen zu können, schwindet immer mehr.
Heute dominiert bei den Menschen quer durch alle Milieus die medial ver-
mittelte und auch eigene Erfahrung, dass das Gesundheitssystem kompliziert und
(zu) teuer geworden ist, dass der verschlungene Apparat kaum mehr zu ¿nanzieren
ist, dass für die Versicherten der Beitragssatz immer weiter steigt und angesichts
des demographischen Wandels noch stärker steigen wird, dass die Versorgungs-
sicherheit nach dem Gleichheitsprinzip längst nicht mehr gilt, dass wir heute schon
Milieuübergreifende Befunde 33

in einer Zweiklassen-Medizin leben, gar in einer Dreiklassen-Medizin mit dem


Segment der Prekären, einem Sammelbegriff für Langzeitarbeitslose, Obdachlose,
Migranten, Flüchtlinge u. a.
Nahezu einhellig in den Milieus herrscht die Meinung, dass aus Kosten-
gründen schon jetzt medizinisch notwendige oder sinnvolle Behandlungen nicht
mehr übernommen werden. Die Grenze zwischen einer notwendigen und nicht-
notwendigen Behandlung erscheint den Menschen oft unscharf, nicht objektiv
feststellbar und unterliegt der Expertise von professionellen Gutachtern und der
Logik der Versicherungskonzerne – meistens zu Ungunsten des einzelnen Patien-
ten, der hier kaum Macht und Lobby hat. Dies ist ein empfundener Verlust von
Sicherheiten und erzeugt bei vielen massive Ängste: Sie fühlen sich ohnmächtig,
einem System ausgesetzt, das den Menschen nur noch als Kostenfaktor begreift.
Die besorgte Perspektive ist: Menschen werden im Krankheitsfall künftig
wohl weiter versorgt, erhalten aber bestenfalls das medizinisch Notwendige, ohne
jedoch menschliche Zuwendung, Nähe, Verständnis zu erfahren. Die medizinische
Versorgung ist aber nur eine Säule bei der Behandlung und Genesung; genauso
wichtig sind menschliche Nähe und verständnisvolle Zuwendung und Zeit des
Personals für den Patienten: Eine große Angst ist, dass in Zukunft die Apparate-
medizin immer wichtiger wird, dass aber die reale Zeit sinkt, in der sich Ärzte
und PÀegepersonal in Praxen und Kliniken dem Patienten zuwenden können.
Die Folge ist, dass sich der Kranke mit seinen Ängsten und Nöten immer mehr
alleine gelassen fühlt. Dadurch sinkt in einigen Milieus die Compliance, wenn
Menschen sich als austauschbare „Kostenfaktoren“ fühlen, deren individuelles
Schicksal und Be¿nden letztlich gleichgültig wird. Hier spüren viele Unbehagen
und Ungerechtigkeit. Zu fragen ist daher, ob diese fak tische Wirklichkeit einer
Zweiklassen-Medizin einer Gesellschaft gerecht wird, die in vielen Bereichen von
Pluralität und Multioptionalität geprägt ist.
Die Mehrheit der Befragten stöhnte in ihrer ersten Reaktion auf das Gesund-
heitswesen: „Alles“ sei intransparent, die Versorgung mit besten (neuen) Geräten
und Medi kamenten nicht Àächendeckend gewährleistet, so dass nur derjenige
eine optimale gesundheitliche Versorgung bekommt, der über hohes Ein kommen
und Vermögen, Bildung und soziales Kapital verfügt. Nicht nur bei Älteren, son-
dern auch bei Jüngeren dominiert die Gewissheit, dass die Zeiten unbekümmerter
Versorgungssicherheit vorbei sind.
Erst mit Blick auf die USA und andere europäische Länder, noch stärker mit
Blick auf Länder in Asien oder der sogenannten Dritten Welt beginnt man, das
deutsche Gesundheitssystem zu loben, artikuliert Stolz und Anerkennung ange-
sichts der Pionierkraft Deutschlands zu Beginn der Industrialisierung und in der
Gründungszeit der Bundesrepublik, fühlt sich insgesamt beschützt vor großen
Epidemien. Der Blick in die Vergangenheit und in andere Länder relativiert das
Unbehagen am aktuellen Gesundheitssystem jedoch allenfalls auf einer abstrakten
34 Zentrale Befunde

ReÀexionsebene, doch nicht auf der Ebene der im Alltag präsenten Erfahrungen
und Unsicherheiten, Kritikpunkte und Ängste. Solches ließe sich als „Jammern auf
hohem Niveau“ oder als nostalgisches Zurücksehnen zum Gesundheitssystem der
1970er / 1980er Jahre begreifen und damit abwehren. Es kommt aber darauf an, die
Menschen heute ernstzunehmen, sie aus ihrer Erfah rung und Sicht zu verstehen.
Und in diesen drücken die Menschen heute aus, dass das aktuelle Gesundheits-
system ihrer Alltagswirklich keit nicht mehr entspricht.

Milieuspezi¿sche Bedeutungen von Gesundheit und Krankheit

Der Begriff „Gesundheit“ hat für die Menschen heute nicht mehr dieselbe Bedeu-
tung, sondern spannt ein weites, heterogenes Spek trum auf. Das ist eine Folge
des langfristigen soziokulturellen Wandels von Lebensauffassungen und Lebens-
weisen. Die Bereitschaft, etwas für seine Gesundheit zu tun oder Gesundheits-
risiken einzugehen, ist je nach Milieu anders – und zwar abhängig von Wer ten
und Zielen, Lebensauffassungen und Lebensweisen, genutzten Produk ten und
gemachten Erlebnissen. Gesundheit ist in jedem Milieu je anders eingebettet, hat
eine eigene Bedeutung und Funktion. Entsprechend gibt es eine Vielzahl von
Perspektiven auf das Gesundheitssystem. Die Bereitschaft und die Möglich keiten
zur Über nahme von (Mit-) Verantwortung sind in den Milieus aufgrund der je-
weiligen kulturellen, sozialen und materiellen Ressourcen sehr verschieden. Dies
spiegelt sich in unterschiedlicher Sensibilität für gesund heitliche Probleme, in
der partnerschaftlichen und familiären Anamnese, in vielfältigen Konzepten des
gesunden Lebens, in den Statistiken der Inanspruchnahme von Vorsorge- und
Früherkennungsuntersuchungen und schließlich in hoch unterschiedlicher Com-
pliance bei medizinische Behandlungen.
Zur Messung von Gesund heitseinstellungen in der Bevölkerung wurde im
Rahmen einer quantitativ-repräsentativen Befragung die Zustim mung zu vorfor-
mulierten Aussagen erfragt.6 Die hier exemplarisch ausgewählten 15 Statements
decken natürlich nicht das breite Spektrum mit den vielen Tiefendimensionen zu
Gesundheit ab, sind aber Indikatoren für wichtige Dimensionen und illustrieren

6
Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009. Um den Grad der Zustimmung zu erfassen, wur-
de eine 6-stu¿ge Ordinalskala eingesetzt (1 = „stimme überhaupt nicht zu“ bis 6 = „stimme voll
und ganz zu“). In der folgenden Tabelle sind die beiden höchsten Zustimmungskategorien (5+6)
zusammengefasst. Insofern sind die Prozentwerte nicht absolut interpretierbar, sondern in Bezug
auf die vorgegebene Skala relativ zu interpretieren. Würde man die Werte 4+5+6 zusammenfassen,
würden die Prozentwerte höher ausfallen, doch das Ranking der Statements bliebe gleich. Die bei-
den mittleren Kategorien (3 = leichte Ablehnung; 4 = leichte Zustimmung) können nicht als klare
Zustimmung gelten (weil eine eindeutige Neutralkategorie fehlt), so dass hier nur die zwei oberen
Zustimmungswerte berechnet wurden.
Milieuspezi¿sche Bedeutungen von Gesundheit und Krankheit 35

die unterschiedlichen Zugänge der Menschen zu Gesundheit und Krankheit. Die


folgende Tabelle zeigt dazu, dass es statistisch sig ni ¿ kante Unter schiede zwi-
schen einzelnen Milieus gibt. (Überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte
sind hervorgehoben).

Hedonis-
Gesellschaftliche Traditionel- Mainstream

GESAMT
Klare Zustimmung tische
Leitmilieus le Milieus Milieus
(Werte 5+6 auf einer 6-stu¿- Milieus
gen Skala)
ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED+

% % % % % % % % % %
Preiswertere Medikamente
sind oft genauso gut wie 49,0 48,0 46,9 47,5 43,1 47,0 53,1 52,5 51,8 39,7
teure
Ich ¿nde, dass sich viele
Ärzte nicht ausreichend Zeit 40,6 43,8 37,6 41,9 37,3 36,7 43,6 42,3 42,8 33,9
für ihre Patienten nehmen
Bewährte Medikamente ver-
wende ich bei Bedarf weiter,
auch wenn ich sie jetzt nicht 40,3 40,0 41,4 44,2 42,8 43,3 41,4 38,5 35,6 32,0
mehr vom Arzt verschrieben
bekomme
Wenn ich mich mal nicht
wohlfühle bzw. krank bin,
versuche ich meistens mit
Medikamenten, die ich ohne 40,3 43,9 47,4 48,8 40,0 31,3 44,2 35,4 41,7 34,2
Rezept in der Apotheke
bekomme, etwas dagegen
zu tun
Ich bin sehr darauf bedacht,
durch mein Verhalten und
36,4 44,8 45,3 39,1 45,7 36,8 34,0 26,1 29,8 26,0
meine Lebensweise Krank-
heiten vorzubeugen
Ich achte auch bei ganz all-
täglichen Dingen auf meine 36,0 43,8 44,3 36,4 43,2 39,6 33,7 25,7 27,6 26,6
Gesundheit
Ich nehme nur Medikamente
ein, wenn ich bereits ohne
Erfolg versucht habe, meine 34,6 35,9 42,9 34,1 38,4 32,7 33,1 29,7 34,9 29,2
Beschwerden mit anderen
Hausmitteln zu beseitigen
Beim Kauf von Medikamen-
ten achte ich ganz besonders 33,8 34,6 28,5 30,2 26,4 31,6 35,7 37,3 35,4 31,9
auf den Preis
36 Zentrale Befunde

Wenn ich zum Arzt gehe,


bitte ich ihn meist, mir Me-
dikamente zu verschreiben,
33,4 35,5 30,4 30,6 34,4 38,1 35,0 30,8 28,5 27,9
die mir bekannt sind oder mit
denen ich gute Erfahrungen
gemacht habe
Ich informiere mich häu¿g
aus Medien über Gesund- 27,8 31,1 30,8 22,5 34,6 36,6 25,5 21,0 19,9 22,4
heitsfragen
Ich betreibe aktive Ge-
sundheitsvorsorge, um
26,1 35,7 32,2 30,3 32,9 24,5 23,0 15,6 21,1 23,1
meine Leistungsfähigkeit zu
erhalten
Ich versuche durch vorbeu-
gende Präparate meine
23,0 29,1 23,6 20,7 25,9 23,8 22,2 17,9 20,5 22,1
Gesundheit möglichst zu
erhalten
Ich lasse mich lieber in der
Apotheke beraten, als dass 20,9 27,0 20,9 25,8 19,6 16,7 20,3 16,9 19,8 22,2
ich zum Arzt gehe
Ich verwende bevorzugt
16,5 20,4 38,8 21,1 22,2 13,8 12,3 11,5 19,7 19,8
homöopathische Präparate
Wenn ich zum Arzt gehe,
habe ich mich zuvor genau
16,3 25,6 15,8 15,8 16,6 12,4 16,4 11,9 13,4 16,8
über mögliche Behandlungs-
methoden informiert

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (19.294 Fälle)

* Das Antwortverhalten von „Hedonisten“ ist – das zeigen qualitative Kommunikations-


tests – stets mit großer Vorsicht zu interpretieren. Insbesondere in quantitativ-standardi-
sierten Interviews (wo das erfasst Datum nur ein „Kreuz“ ist), kann das Antwortverhalten
nicht relativiert werden (was der Vorteil qualitativer Erhebungsmethoden ist). Hedonisten
gehen in eine Befragung zum Teil mit der Einstellung zu übertreiben, sozial erwünschte
oder provokante Antworten zu geben. In der Regel überschätzen sie ihr eigenes Engage-
ment und Informationsverhalten.

Bereits auf Basis von Milieusegmenten zeigt sich eine symptomatische Differenz,
die auf eine grundlegende Disposition verweist.

ƒ So bekunden die Leitmilieus der Etablierten, Postmateriellen und Modernen


Performer das stärkste Involvement (Zuwendung, Einbezogenheit, Enga-
gement) in Bezug auf Information, Selbstachtsamkeit und Prävention ihrer
Gesundheit.
Milieuspezi¿sche Bedeutungen von Gesundheit und Krankheit 37

ƒ Das traditionelle Milieusegment der Konservativen und Traditionsverwurzel-


ten zeigt ein leicht überdurchschnittliches Gesundheitsbewusstsein mit dem
Schwerpunkt auf Vorbeugung und Vertrauen auf das Bewährte.
ƒ Die Mainstream-Milieus der Bürgerlichen Mitte und der Konsum-Materia-
listen betonen vor allem ihre Preissensibilität.
ƒ Die hedonistischen Milieus der Hedonisten und Experimentalisten zeigen im
Vergleich zu anderen Milieus das geringste Gesundheitsbewusstsein.

Liest man diese Einstellungen nicht nur „zeilenweise“, sondern die individuellen
Pro¿le der einzelnen Milieus („spaltenweise“), dann deutet sich bereits an, dass
jedes Milieu eine spezi¿sche Einstellung und Haltung zur eigenen Gesundheit hat,
diese kultiviert und tradiert. Es liegt aber nun in der Natur standardisiert erhobe-
ner quantitativer Daten7, dass diese nur graduelle Unterschiede messen (können),
nicht aber die spezi¿schen (Be-) Deutungshorizonte, Zugänge und paradigmati-
schen Perspektiven. Dies leistet – ergänzend und grundlegend – die qualitative
Untersuchung.
Die sozialwissenschaftlichen Befunde zum Alltagsverständnis von Gesund-
heit und Krankheit der Bevölkerung sowie zur Perspektive auf das Gesundheits-
system zeigen: Das aktuelle Gesundheitssystem ist nicht kommensurabel mit den
milieuspezi¿schen Bedarfen und verliert an der notwendigen Legitimation seitens
der (aktuellen und potenziellen) Patienten.
Zwar gibt es eine große Wertschätzung der neueren medizinischen Erkennt-
nisse und Technologien in den Bereichen der Prävention, Diagnose und Thera-
pie. Insbesondere schätzt man für den Patienten „sanftere“ Therapiemethoden
und sieht darin einen gewaltigen Unterschied schon im Vergleich zu vor zwanzig
Jahren. Ebenso entsprechen die – in manchen Bereichen – möglichen Wahlen
zwischen verschiedenen Diagnose- und Therapieverfahren dem normativen Selbst-
verständnis, hinter das man nicht zurück will.
Doch zum einen ist das Vertrauen der Orientierung des medizinischen System
auf den (einzelnen) Patienten brüchig. Der Verdacht gewinnt an Bedeutung, dass
die (notwendige und geforderte) „Ef¿zienzlogik“ sowie die „Eigenlogik des Ge-
samtsystems“ Gesundheit mit den verzahnten Teilsystemen Medizin, Technologie,
Pharmazie, Technologie, Versicherungswesen u. a. den Patienten oft nur (!) als
Ressource betrachten. So sehen sich viele in der Situation, sich zur Vorsorge und
Behandlung einem Apparat überantworten zu müssen, dem sie nicht vertrauen und
von dem sie ahnen, dass – mit dem Schleier systematischer Intransparenz – Abläufe
installiert sind, die nicht im Sinne und Interesse der Patienten sind.

7
Voraussetzung ist Bedeutungsäquivalenz der Fragen und Statements: Jeder Befragte muss die
Formulierung in ihrem Sinn absolut gleich verstehen. Das ist die notwendige Voraussetzung, um
statistisch auswerten zu können.
38 Zentrale Befunde

Zum anderen ist das tatsächliche Verhalten im Alltag im Sinne eines gesund-
heitserhaltenden (bzw. nicht die Gesundheit „unnötig“ riskierenden) präventiven
Lebensstils in den einzelnen Milieus – auch bei gleichem Alter und Geschlecht –
sehr unterschiedlich. Ebenso sind die Bereitschaft zur Vorsorgeuntersuchung so-
wie die Compliance bei der Therapie milieuspezi¿sch sehr verschieden. Gründe
dafür sind bei einigen – auch hier abhängig von der Lebenswelt: (1) persönliche
Trägheit; (2) Hürden im Alltag in Form häuslicher, familiärer, beruÀicher Kulturen
und Strukturen; (3) aber auch bewusste ReÀexion und Distanz zu der vom Arzt
geratenen Therapie.
Die folgende Gesellschaftskarte (S. 39) gibt eine Übersicht über das Spektrum
unterschiedlicher Vorstellungen von Gesundheit und Weisen des Umgangs mit
Krankheit und Gesundheit.

Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit –


zusammenfassende Darstellung

In den Milieus bündeln sich soziale, psychische und somatische Risikofaktoren


wie auch Schutzfaktoren in spezi¿scher Weise und mit deutlichen Unterschieden
zwischen den Gruppen. Ebenso bündeln sich in den Milieus Faktoren, die die
Compliance bei der Behandlung, bei Vorsorge, Früherkennung und Sekundär-
prävention steuern. Und entsprechend sind auch die Gegebenheiten, die mehr oder
weniger institutionelle Hilfestellung, Unterstützung und Versorgung notwendig
machen, milieuspezi¿sch. Eine soziopsychologische Lokalisation von Risiko- und
Schutzfaktoren lässt wiederum Rückschlüsse zu auf die Prävalenz und Ätiologie
von Krankheitsbildern.
Im Folgenden wird für jedes Milieu die markante Topograpaphie in Bezug
auf den milieutypischen Begriff von Gesund heit, den Umgang mit der eigenen
Gesundheit und die Konsequenzen für das Gesundheitssystem skizziert. Eine
detaillierte Milieubeschreibung folgt in Kapitel 3. (Im hinteren Teil wird jedes
Milieu ausführlich und systematisch beschrieben).
Wir beginnen im traditionellen Segment, im Milieu der „Konservativen“ und
im Milieu der „Traditionsverwurzelten“.
Es folgen die „Konsum-Materialisten“, ein Milieu, das demographisch in
der unteren Mittelschicht und Unterschicht gelagert ist (wie ein großer Teil der
Traditionsverwurzelten), jedoch deutlich moderner ist in teils unbewusster, teils
demonstrativer Traditionsvergessenheit, das mithalten will mit den Entwicklungen
der gegenwärtigen Erlebnis- und Mediengesellschaft, jedoch über nur geringes
monetäres und kulturelles Kapital verfügt und von der Mitte der Gesellschaft
abgehängt wird.
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 39
40 Zentrale Befunde

Wir skizzieren dann das Milieu der „Postmateriellen“, das zur gehobenen
sozialen Schicht gehört. Dieser Sprung von den Konsum-Materialisten zu den
Postmateriellen hat einen kulturellen Hintergrund und damit einen spezi¿schen
Grund: Diese beiden Lebenswelt stellen innerhalb der ganzen Milieulandschaft
die stärksten Antipoden dar, pÀegen „Feindbilder und Stereotypen“ zur Abgren-
zung voneinander: Für Konsum-Materialisten sind die Postmateriellen die intel-
lektuellen Besser wisser und nörgelnden Kritiker all dessen, was Spass macht und
praktisch ist. Für Postmaterielle sind Konsum-Materialisten der moder ne „Mob“,
Menschen, die – anders als das traditionelle Proletariat – rückhaltlos den Ver-
lockungen der Unterhaltungsindustrie folgen, Kritiklosigkeit und Erlebniskonsum
zum Lebensprinzip erhoben haben, dabei aber traditionelle Tugenden wie Beschei-
denheit, PÀicht, Nachhaltigkeit über Bord geworfen haben.
Wir bleiben anschließend im gehobenen Segment der Leitmilieus und gehen
zunächst zu den Etablierten, die über das größte materielle Kapital verfügen: Das
selbstbewusste Establishment mit ausgeprägten Exklusivitätsansprüchen. Typisch
sind Machbarkeitsdenken, ein individualistisches Leistungsethos sowie daran
geknüpfte Gerechtigkeitsvorstellungen.
Den Etablierten in Bezug auf Leistungswerte und Pragmatismus sehr ähn-
lich, doch im Lebensalter und soziokulturell jünger ist das Milieu der „Modernen
Performer“, das sich als junge unkonventionelle Leistungselite versteht sowie als
technologische und ökonomische Avantgarde. Für dieses Milieu ist es wichtig,
beruÀich und privat intensiv zu leben, Àexibel, mobil und multioptional zu bleiben
(sich keine Optionen nehmen lassen, für alles offen sein, der Erste sein).
Wir beschreiben anschließend die Lebenswelt der „Bürgerlichen Mitte“, dem
größten Milieu, welches das Zentrum und gleichsam das Herz unserer Gesellschaft
bildet. Das Wertespektrum ist weniger pro¿liert als bei Konservativen, Etablier-
ten, Postmateriellen, Modernen Performern; es ist der Versuch, eine harmonische
Gleichzeitigkeit der verschiedenen Werte zu leben. Bemerkenswert ist die parallele
Adaption von traditionellen, modernen und postmodernen Werten, denen jeweils
eine moderate, nicht-extreme Bedeutung zugewiesen wird und die in das beste-
hende Selbst- und Weltbild integriert werden. Typisch ist in Bezug auf Werte
die Maxime der Non-Exklusion. Was aus der Perspektive anderer Milieus als
unpro¿liert, schal, langweilig, konturlos erscheint, ist aus Sicht der Bürgerlichen
Mitte eine besonders hohe Aufmerksamkeit und Wertschätzung für verschiedene
Orientierungen. Es sind auch Dämpfungen extremer Strömungen: Die positiven
Aspekte sowohl traditionalistischer Haltungen als auch der exzent rischen Avant-
garde werden aufgegriffen, ihre Peaks (als per se negative Aspekte) abgeschnitten.
So werden diese Strömungen durch „moderate Adaption“ gesellschaftsfähig. Diese
Alltagsphilosophie der aufmerksamen Beobachtung verschiedener Trends und der
moderaten Adaption im Allgemeinen wie im Gesundheitswesen ist eine Leistung,
die Aufgeschlossenheit und viel Energie erfordert. Man schaut offen in alle Rich-
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 41

tungen und sortiert, welche Trends man in ein zel nen Sphären des alltäglichen
Handelns aufgreift. Insofern ist die Bürgerliche Mitte ein echtes Integrationsmilieu,
dem eine Schlüsselfunktion zukommt für die Frage, welches Gesundheitssystem
mehrheitsfähig und zukunftsfähig ist.
Danach folgt die kurze Beschreibung der „Hedonisten“, einem heute keines-
wegs mehr nur jungen Milieu. Dieses Milieu versteht sich als krude Subkultur,
verweigert sich den Konventionen und Normen der bürgerlichen Leistungsgesell-
schaft, gefällt sich in Provokationen und ist stark an kruden Erlebnissen orientiert.
Es kommt darauf an, hier und heute Spass zu haben, sich nicht um das Morgen zu
scheren, sondern intensiv zu leben.
Das modernste Milieu der „Experimentalisten“ folgt abschließend: Für dieses
Milieu, das sich als kreative und kulturelle Avantgarde der Gesellschaft begreift,
bedeutet Lebensqualität, den eigenen „inneren Kern“ zu entdecken und diesem
gemäß (intensiv) zu leben: Das geschieht durch das experimentelle Erproben
unkonventioneller Stile, durch den virtuos-kreativen Umgang mit Regeln und
das Durchbrechen von Tabus, durch geistige und körperliche Grenzerfahrungen
und durch den Wechsel von Realitätsebenen. Experimentalisten erleben Verhal-
tenskodizes und Routinen als Beschränkung in der kreativen Entwicklung eines
individuellen Stils, denn diese lassen dem Einzelnen wenig Spielraum zur Selbst-
entdeckung. Umso klarer ist die Abgrenzung von starren Strukturen, rigidem
Sicherheitsdenken und kleinbürgerlichen Idyllen; aber auch von der Fixierung auf
beruÀichen Erfolg, Geld und Karriere. Dem setzen Experimentalisten ihr eigenes
Leitmotiv entgegen: Entdecken der vielfältigen Aspekte des Lebens (der Welt und
des Selbst); Entfalten der eigenen Talente und Möglichkeiten. Lebensziel ist nicht,
irgendwo anzukommen und sich dort für den Rest des Lebens auszuruhen (typisch
für die Bürgerliche Mitte), sondern immer in Bewegung zu bleiben, denn sonst
verliert man das Gefühl zu „leben“.

„Konservative“: Mens sana in corpore sano8

Die Einstellung von Konservativen zu Gesundheit und zum Gesund heitssystem


wurzelt in der milieutypischen Ich-Identität und Welt perspek tive. Elementar ist
für sie eine moralisch und funktional begründete und sozialpolitisch orientierte

8
Diese bekannte, oft populär gebrauchte Formel verwenden einige Konservative, um bewusst auf
die kulturhistorischen und philosophisch begründeten Wurzeln eines anthropologischen Prinzips
zu verweisen. Dazu kommt, dass es derzeit bei Konservativen eine Konjunktur von Latinismen gibt,
zur Offensive gegen modische Trends der Relativierung und Subjektivierung (bei der die aktuelle
hedonistische Be¿ ndlichkeit oder der taktische Opportunismus zählen), aber auch als Mittel zur
Distinktion gegenüber weniger kulturell und intellektuell Gebildeten.
42 Zentrale Befunde

Vision von einer richtigen und gerechten Gesellschaft bzw. einem solchen Gemein-
wesen. Daraus leitet sich eine analoge Vision vom richtigen und guten Leben des
Einzelnen ab, die die Autonomie des Einzelnen wie auch dessen Verantwortung
betont. Bei einigen Konservativen wird das Verhältnis von Ganzem (Gesellschaft)
und Teil (Individuum) hierarchisch begründet, bei anderen gleichursprünglich,
wieder bei anderen gar in dialektischer Dynamik. Wichtig und instruktiv ist, dass
es Konservativen in politischer, kulturhistorischer und sozialphilosophischer
ReÀexion um die prinzipielle und praktische Bestim mung von Solidarität und
Mitverantwortung geht. Dies ist Grundlage für ihr persönliches Verständnis von
Gesundheit und die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen.9
Konservative haben einen ganzheitlichen, humanistisch geprägten Gesund-
heitsbegriff – und arbeiten aktiv weiter an einem kompletten und mehrdimensio-
nalen Gesundheitsbegriff. Konservativen geht es um geistige, körperliche und
soziale Vitalität; um ein selbstbestimmtes Leben (auch im Alter). Bestimmend ist
die Lebens- und Gesund heitsphilosophie der richtigen Dosierung (Maß halten).
Genuss und Gesundheit sind untrennbar miteinander verbunden; müssen in einem
ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

ƒ „Ich pÀege einen gewissen Lebensstil, der mich gesund erhält an Körper
und Geist.“

Im sozialen Alltag herrscht ein bewusstes, zuversichtliches Ver ständnis von


Gesundheit vor, geprägt von Selbstdisziplin und Diskretion: Hier geht es um
Sozialhygiene und Distanz. Im Falle einer Krankheit dramatisiert man in den Ge-
sprächen mit Nachbarn, Freunden und (Berufs-) Kollegen i. d. R. nicht den eigenen
Gesundheitszustand, sondern bewahrt Haltung. Man will andere nicht mit Details
über seine Gebrechen, Zipperleins oder OPs belasten, verbietet sich zu jammern,
lamentiert nicht: Larmoyanz und Exposition (gerade mit diesem Thema) wider-
sprächen dem Ich-Ideal. Das hat auch mit Grenzziehung und Distinktion gegenüber
anderen zu tun. Dazu kommt eine elementare, intellektuell-kulturpsychologische
Motivation: Man will dem Thema „Krankheit“ keinen zu großen Stellenwert ein-
räumen, seine Persönlichkeit, seinen Geist und seine Seele und nicht zuletzt auch
seine soziale Umwelt, davon nicht einnehmen und beherrschen lassen.

9
Dabei übersetzen sie ihr Verständnis von Gesundheit auf die Gesellschaft, in (meist latenter) An-
wendung von Kants kategorischem Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit
zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“. (Kritik der praktischen Vernunft,
A 54; § 7 Grundgesetzt der reinen praktischen Vernunft). Daraus wiederum begründet sich die Legi-
timation, sich über das Gesundheitsverhalten anderer ein Urteil zu bilden, es zu kritisieren und in
den sozialpolitischen Diskurs zu bringen.
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 43

Bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen haben Konser-


vative eine ausgeprägte Verantwortungsperspektive: Jede Zuwendung an den
Einzelnen nimmt diesen in die PÀicht. Das Solidaritätsprinzip der Gemeinschaft
gegenüber dem Einzelnen hat ein notwendiges Pendant in der Verantwortung des
Individuums gegenüber dem Gemeinwesen. Groß sind Verachtung und moralisch-
funktionale Kritik gegenüber Missbrauch und Sozialschmarotzern im Gesundheits-
system, z. B.:

ƒ „disziplinlose“ Menschen, die sich nicht an die Regeln halten (Beispiel: Diät
bei Diabetes);
ƒ Menschen, die ohne Notwenigkeit ständig den Arzt aufsuchen – oft nur, um
sich unterhalten zu lassen;
ƒ Menschen mit „selbstverschuldeten“ Krankheiten (z. B. Alkohol- und Drogen-
abhängige, aber nicht nur), die ständig neue Therapien anfangen und wieder
abbrechen;
ƒ „Dauerkurgänger“, die nur mit Blick auf eigene Vorteile das Gesundheitssys-
tem ausnutzen ohne Rücksicht darauf, dass sie damit das System ruinieren.

Solches Verhalten stigmatisieren Konservative als höchst unsolidarisch und ego-


istisch. Der Vorwurf an Menschen und Gruppen aus meist anderen Lebenswelten
besteht darin, dass sie die Verant wor tung des Einzelnen gegenüber dem Gemein-
wesen vergessen haben oder ausblenden. Jene, die solche Leistungen existenziell
brauchen (z. B. wirklich Kranke, junge Familien) und für die das Gesundheits-
system als „Organ“ da sein sollte, werden in den Möglichkeiten beschnitten. Hier
muss der Staat eingeschliffene Gewohnheiten des Missbrauchs erkennen und
mit Härte durchgreifen. Dann ist das Gesund heitssystem wieder ¿ nanzierbar
(zukunftsfähig) und solidarisch.
Das immer schnellere „Durchschleusen“ von Patienten durch die Praxen von
Hausärzten und vor allem von Fachärzten wird moralisch und politisch kritisiert.
Der Mensch wird unwürdig zur Ware. Man ist natürlich politisch informiert und
ahnt, wie eng die Honorare und Budgets der Ärzte sind: Letztlich sind auch sie
Opfer der letzten Gesundheitsreformen. Umso nötiger ist es, sich auf das zu be-
sinnen, was das Gesundheitswesen für die Menschen sein soll.
Für sich selbst sind Konservative durchaus anspruchsvoll. Sie gehen immer
davon aus, dass sie den Arzt bzw. das Gesundheitssystem „zu Recht“ in Anspruch
nehmen und erwarten dann bevorzugte Behandlung – die sie auch oft erhalten.
Mit dem Arzt kommunizieren Konservative – aufgrund des ähnlichen Bil-
dungsgrads – in der Regel auf Augenhöhe, von hoch Gebildetem zu vertrautem
Fachmann. Meist pÀegen sie eine langjährige Arztbeziehung, die geprägt ist von
(wechselseitiger) Loyalität und Vertrautheit. Man wechselt nicht einfach den Arzt,
und wenn, dann nur aus gewichtigen Gründen. Die Arzt-Patient-Beziehung ver-
44 Zentrale Befunde

pÀichtet beide. Für viele Konservative ist der Arzt auch ihr persönlicher Lebens-
begleiter, der nicht nur ihre Krankheitsgeschichte medizinisch kennt, sondern sie
bewerten kann vor dem persönlichen, familiären und beruÀichen Hintergrund.
Im Fall einer besonderen und schweren Erkrankung, bei der der Hausarzt nicht
helfen kann, wenden sich Konservative an einen Experten oder das Krankenhaus
mit dem besten Ruf für den jeweiligen Bereich. Viele sind privat krankenversichert
oder haben zumindest eine private Zusatzversicherung, womit sie den Anspruch
erheben, vor Ort von der jeweiligen Koryphäe einer ambulanten Praxis oder des
Krankenhauses versorgt zu werden – mit dem besseren Service in Bezug auf sehr
kurze Wartezeiten, neueste Diagnosemöglichkeiten, bessere Medikamente (ohne
Betteln), Einzel- bzw. Zweibettzimmer u. a.
An die Professionalität und Seriosität haben Konservative hohe Ansprüche;
ebenso an Umgangsform und Zeitbudget: Das hat für sie mit Würde und Wertschät-
zung zu tun. Ihr Gesprächsbedarf mit dem Arzt ist hoch; ein kritisches Hinterfragen
und Diskutieren mit dem Arzt über Befunde und Therapiemöglichkeiten ist eine
conditio sine qua non. Wenn Unsicherheiten oder Zweifel bestehen, scheut man
nicht das Einholen einer zweiten Expertenmeinung – und bespricht das offen mit
seinem Arzt. Es geht nicht darum, die erstbeste und naheliegendste Lösung, Thera-
pie oder Kur zu bekommen, sondern um das Sondieren und Abwägen von Optionen.

„Traditionsverwurzelte“: Krankheit ist körperliches und soziales Alltagsthema

In krassem Gegensatz zu Konservativen ist für Traditionsver wurzelte das alltäg-


liche, ausführliche und detailreiche Reden über Gebrechen und Schmerzen, jüngst
erlebte oder anstehende Arztbesuche (eigene, wie von Familienmitgliedern und
Nachbarn) ein normales Thema.
Die meisten sind nach einem langen Berufsleben heute Rentner, viele haben
die Frührente in Anspruch genommen. Die Berufe sind bzw. waren körperlich
anstrengend: einfache und quali¿zierte Handwerker und Arbeiter (Männer: Maurer,
Landwirt, Schweißer, Schlosser, Dachdecker, Fliesenleger u. ä.; Frauen: Hausfrau,
Bäuerin, AltenpÀegerin, Fabrikarbeiterin). Geprägt sind sie von der Berufsnot-
wendigkeit, körperlich robust sein zu müssen; die dominante Perspektive liegt auf
der körperlichen Funktionalität, Gesundheit ist im Unterschied zu Konservativen
(und den Leitmilieus) auf die Physis konzentriert. Dabei gilt es als normal, dass es
zu „Verschleiß“ kommt: das „Kreuz“ (Bandscheiben), die Gelenke, Muskeln u. a.
So führt man auch die klassischen Volkskrankheiten (hoher Blutdruck, Herz-
und Kreislaufkrankheiten) auf „normalen“ berufs- oder altersbedingten Verschleiß
zurück. Die Belastbarkeit des Körpers kommt im Alter und aufgrund des anstren-
genden Berufs einfach an seine Grenzen: Irgendwann ist der Körper verbraucht.
So hält man sich an das früher schon geltende Gebot, normale Gebrechen einfach
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 45

auszuhalten. Emp¿ndsamkeiten abbauen und Nicht-Klagen ist jene Devise, die


man sich selbst verordnet und die man stereotyp (fast) jedem erzählt.

ƒ „Man muss ja zufrieden sein.“


ƒ „Man will ja nicht klagen.“

Ein ritualisierter und sozial elementarer Bestandteil im alltäglichen Reden über die
eigenen Krankheiten ist das sozialnormative Prinzip, das eigene Leid aushalten
und ertragen zu müssen – aber zugleich das große Bedürf nis zu haben, sich hier
jemandem mitteilen zu wollen. Die im Alter ab 50 Jahren verstärkt einsetzenden
und nicht mehr zu lösenden Beschwerden haben sie eines gelehrt: Vollständige
Gesundheit und Schmerzfreiheit sind im Alter nicht realistisch. Es gilt, die alters-
typischen Einschränkungen und ihre Folgen zu akzeptieren und das Beste daraus
zu machen. Extreme Beschwerden kann man nur lindern und Beeinträchtigungen
möglichst hinausschieben. Der Umgang mit Gesundheitsproblemen wird durch
eine klassische Rollenteilung bestimmt. Für Gesundheit und Krankheit sind die
Frauen zuständig. Männer dürfen keine Schwächen zeigen. Frauen sorgen hier
für ihre Männer, die eine Scheu haben, bei „Weh-Wehchen“ gleich zum Arzt zu
laufen oder sich in ein Wartezimmer zu setzen. Sie haben mehr als ihre Partnerin
auch stilistisch und habituelle Barrieren, sich in dieses für sie fremde Ambiente zu
begeben. Schon bei ihren Kindern war es aufgrund der traditionellen Rollenteilung
natürlich immer die Frau, die mit den Kindern zum Arzt ging. Und für jemanden,
der auch im Rentenalter gern weiter draußen oder drinnen werkelt und dazu „Ar-
beitsklamotten“ trägt, bedeutet der Arztbesuch, sich „umziehen“ zu müssen. Für
viele ist dies Mühsal und lästig, so dass sie lieber den Arzttermin ihrer Gattin
gegenüber als unnötig bezeichnen und die Schmerzen aushalten. Hier entwickeln
die Frauen oft eine resolute Hartnäckigkeit und zwingen ihren Mann – sofern
er Rentner ist – zum Arztbesuch. Erkranken die Frauen, dann sind die Töchter,
Schwiegertöchter, Schwestern und Schwägerinnen in der PÀicht.
Ausgeprägt ist bei Traditionsverwurzelten der Durchhaltewillen, möglichst
lange mit ihrem Ehepartner zusammen zu bleiben und auch im höheren Alter
möglichst niemandem zur Last zu fallen. Groß ist die Angst vor PÀegebedürftig-
keit. Die jüngere Generation der Traditionsverwurzelten (unter 65 Jahren) ist oft
nicht mehr bereit, ihre eigenen Eltern zu pÀegen (was diese von ihnen moralisch
und autoritär verlangten) – und sie wollen diese Last ihren eigenen Kindern nicht
aufbürden. Dazu kommt, dass ihre eigenen Kinder oft nicht mehr im selben Ort
oder in der Region woh nen, sondern weit entfernt. Noch größer ist die Angst von
Traditionsverwurzelten vor dem Kranken haus: Dort ist man einsam und stirbt. In
ihrer Perspektive ist der Hausarzt die erste Adresse (Nähe, Sicherheit, Geborgen-
heit, Wärme); dann kommt bei Spezialproblemen der Facharzt (weiter weg, kühler,
46 Zentrale Befunde

technischer, komplizierte Geräte) und dann das Krankenhaus (ganz weit weg,
anonymer Massenbetrieb, oft Endstation).
Traditionsverwurzelte sind in ständiger Sorge, ins Alten- und PÀegeheim zu
müssen: Aufgrund der bescheidenen Rente (das bisschen Vermögen hat man oft
den eigenen Kindern zum Hausbau oder als Starthilfe gegeben) kann man sich
einen Platz in einem komfortablen Heim nicht leisten. Durch Erfahrungen im
Bekannten kreis wie auch durch Medienberichte der yellow press hat man von
unschönen Geschichten gehört, was die Versorgung betrifft. Aber auch hier greift
die Perspek tive von Ohnmacht und Rückzug: als „kleiner Mann“ bzw. „kleine
Frau“ sich mit der eventuellen Notwendigkeit einer Krankenhausbehandlung oder
dem Leben im Altenheim ab¿nden zu müssen, weil man die Dinge ohnehin nicht
ändern kann.
Mit Leidenschaft verfolgen Traditionsverwurzelte die täglichen Meldungen
in den TV-Nachrichten, lesen regelmäßig die regionale Tageszeitung und bilden
sich ein klares einfaches Urteil, was richtig und was falsch ist – meist in en-
ger Orientierung an Äußerungen prominenter Vertreter einer politischen Partei.
Sie hegen die Befürchtung, dass es für sie, die jahrelang eingezahlt haben, noch
schlimmer werden wird: Leistungen werden eingeschränkt, Zuzahlungen immer
höher. Es herrscht Frustration und die Angst, nicht mehr ausreichend versorgt zu
werden bzw. sich Gesundheit nicht mehr leisten zu können. Entsprechend klar und
einfach ist die Forderung für die Zukunft: Eine medizinische Versorgung, die für
alle, unabhängig von ihren ¿nanziellen Möglichkeiten, gleich gut ist. Dabei steht
nicht das Gleichbehandlungsprinzip im Vordergrund, sondern die Versorgungs-
sicherheit: Wer nicht viel hat, möchte sicher sein, trotzdem gut versorgt zu werden.
Hausarztbesuche haben v. a. für alleinstehende Frauen auch eine wichtige
soziale Funktion und sind insbesondere für ältere Frauen ein fester Bestandteil des
wöchentlichen Alltags (Wartezimmer als Treffpunkt). Die Arzt-Patient-Beziehung
ist sozial-hierarchisch geprägt. Aufgrund der geringeren Bildung, des einfacheren
kulturellen Kapitals sowie aufgrund des Berufsprestiges des Arztes, der hier als
Autorität gilt, sehen Traditionsverwurzelte eine unüberbrückbare stilistische und
semantische Barriere zum Arzt (jemand in einer anderen Welt), die zu durch-
brechen ihnen selbst nicht gestattet ist. Umso wertvoller und wertschätzender
erleben sie es, wenn der Arzt sie diese Distanz nicht spüren lässt und nicht herab-
lassend, sondern „ganz normal“ mit ihnen redet. Traditionsverwurzelte wollen
sich beim Arzt gut aufgehoben fühlen. Sie erwarten Fürsorge und Empathie und
sind dann auch gerne bereit, die Überlegenheit des Arztes anzuerkennen. Hier
dominiert das überkommene Idiom des Hausarztes, der nicht merken lässt, dass er
mehr Bildung hat und „was Besseres“ ist. In Bezug auf die Kom munikation über
Diagnose und Therapie ist ihnen ein gutes Erklären wichtig (keine Fachbegrif-
fe, langsam sprechen, wiederholen) und klare, unmissverständliche Handlungs-
anweisungen z. B. hinsichtlich Medikamenten (was ? wann ? wie oft ? wie viel ?).
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 47

Sie belassen die Verantwortung für die Behandlung der Krankheit beim Arzt; sie
wollen „gar nicht immer alles wissen“.
Im Alltag behilft man sich mit bewährten Hausrezepten, die man von den
eigenen Eltern und Großeltern noch kennt. Bei Medikamenten, deren Dosierung
vom Arzt mit Strenge und Autorität vorgeschrieben sind, hält man sich – ängst-
lich – an die Anweisung. Wo die Ein nahme keine Vorschrift, sondern lediglich
eine Empfehlung ist, orientieren sich Traditionsverwurzelte bei der Häu¿gkeit
und Menge an ihrer lebenslänglich praktizierten und offenbar bestätigten Erfah-
rung „viel hilft viel“. Gerne lassen sie aber auch Medikamente wieder weg, wenn
sie keine Beschwerden mehr haben (Blutdruck medikamente, Antibiotika).
Unhinterfragt und Sicherheit gebend ist die klassische Schulmedizin mit der
Autorität des Arztes wie auch der wissenschaftlichen Medizintechnik. Und zu-
gleich ist typisch, dass Traditionsverwurzelte diese Autoritäten in ihrem kleinbür-
gerlichem Individualismus schlicht ignorieren. Das geschieht in unbeobachteten
und unkontrollierten Situationen, wenn sie beispielsweise die verord nete Dosie-
rung eines Medikaments selbständig erhöhen oder heruntersetzen mit der Heils-
er war tung: „Ein bisschen mehr (bzw. weniger) ist schon besser !“; oder aber – in
gegenteiliger Logik – sich über strikte Diätvorschriften in Bezug auf heißgeliebte
Nahrungsmittel (Fleisch, Zucker, Kuchen etc.) einfach hinwegsetzen mit dem prak-
tischen Motto: „Das bisschen schadet schon nicht !“
Aber: In den jüngeren Generationen der Traditionsverwurzelten gibt es die
für ihre Eltern noch typische Haltung des rückhaltlosen und kritiklosen Sich-
Auslieferns nicht mehr. Auch das Selbstbewusstsein ist gewachsen. Sie haben die
Erfahrung gemacht (kommunizieren diese in ihrer Nahwelt und kultivieren diese
Perspektive), dass man heute als Rentner nur den einfachen („billigen“) Standard
bekommt. Um das zu bekommen, was das Richtige oder Bessere wäre, muss man
hartnäckig sein. Ihre Kritik richtet sich auch an eine zu schnelle „Abfertigung“
in mancher Praxis.

ƒ „Ist man Mensch zweiter Güte ? Das haben wir nicht verdient !“

Signi¿ kant und bedeutsam ist hier das Wir-Gefühl: Man ist Teil einer Schick-
salsgemeinschaft, die vergessen, übervorteilt und ohne einÀussreiche politische
Lobby ist. Bedeutsam ist auch, dass dieses quantitativ große Segment mit über-
durchschnittlich hoher burden of disease sich in einem inneren KonÀikt be¿ndet:
Einerseits das Bedürfnis nach wütendem Protest gegen die von ihnen heute erlebte
Benachteiligung in Arztpraxen (im Vergleich zu den 1970er bis 1990er Jahren, als
noch andere Sitten herrschten), andererseits die wertebasierte Norm, die Dinge zu
akzeptieren, sich zu bescheiden und nicht aufzubegehren gegen die herrschende
Ordnung.
48 Zentrale Befunde

„Konsum-Materialisten“: Krankheits-Akzeptanz durch Schicksal und Gene

Bei Menschen in diesem Milieu am unteren Rand der Gesellschaft hat Gesundheit
keinen großen Stellenwert. Zu sehr bedrücken andere Sorgen des alltäglichen
Zurechtkommens: Geldsorgen, über die Runden kommen, von anderen nicht aus-
gegrenzt werden, ständig mit bessergestellten Menschen (in Schule, Amt, Bank,
Arztpraxis) kom munizieren zu müssen mit der Erfahrung, dass man von diesen
mehr oder weniger offensichtlich missachtet oder despektierlich behandelt wird.
Umso wichtiger sind Sphären zur Erholung und Entspannung.
Im Alltag lebt man mit den Maximen: innerlich hart sein, sich einen Pan-
zer zulegen, sich nicht kom mandieren lassen. Das steht natürlich im Gegensatz
zur „Sensibilität“ für sich und seine eigene Be¿ndlichkeit, die Voraussetzung eines
gesundheitsorientierten Lebensstils ist.
Das normale, voreingestellte Weltbild ist, dass jeder Mensch eine Basis-
Gesundheit hat, die eine gewisse Zeit im Leben „hält“. Andere mit mehr Geld
gönnen sich dazu „Wellness-Gesundheit“ („Die muss man sich leisten können“).
Jene müssen auch nicht so hart und schwer arbeiten, können sich besseres Essen
leisten und sind vom Schicksal nicht so geschlagen. Konsum-Materialisten orien-
tieren sich mental stark an der normativen Kraft des Faktischen und zeigen eine
große Ergebenheit in die Umstände, die sie als ihr auswegloses Schicksal erfahren
und deuten. Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Adipositas werden
lange ignoriert. In keinem Milieu sind Dissimulation und Indolenz so ausgeprägt
wie im Milieu der Konsum-Materialisten. Viele verdrängen ihre gesundheitlichen
Probleme, nehmen sie nicht zur Kenntnis, wollen nicht krank sein. Man wird
erst aktiv und geht zum Arzt, wenn es gar nicht mehr geht: Männer können sich
nicht leisten, krank zu sein; halten sich für „unverwüstlich“ (Selbstbild des tough
guy). Frauen arrangieren sich resignativ bis lethargisch mit ihrem Leiden, bei sehr
schlechter Compliance.
Weil sie nicht frühzeitig zum Arzt gehen, werden viele Krankheiten nicht
oder zu spät diagnostiziert, was Heilungschancen verschlechtert und Therapien
verteuert. Wird eine Krankheit diagnostiziert, setzt bei den Betroffenen zugleich
reÀexhaft die Suche nach einer ausweglosen Erklärung ohne Handlungsoption ein:
Man habe Eltern oder einen Ver wandten, die dieses auch schon hatten – insofern
sei das vererbt: „die Gene“ – und gegen die könne man nichts machen.
Daraus speist sich fatalistisch, resignativ und selbstbewusst (jeden Einwand
offensiv und vehement abwehrend) die Legitimation, nichts tun und seinen Alltag
nicht verändern zu müssen. Das gilt in besonderem Maße für Hinweise in Richtung
einer besseren Ernäh rung oder mehr Sport. Man kontert solche Forderungen mit
dem moralischen Vorwurf der Arroganz und Sozialignoranz, weil der Mahner kei-
ne Ahnung habe, wie wenig Geld zur Verfügung stehe und eine Umstellung ¿nan-
ziell, organisatorisch und sozial nicht möglich sei. Und man deklariert schlichtweg
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 49

den eigenen Lebensstil als „gesund“ – und zwar ex post. So kultiviert dieses Milieu
eine Vielzahl von Abwehrargumenten (gegenüber sich und anderen), um das bis-
herige – oft ungesunde oder gesundheitsriskante – Verhalten fortzusetzen. Hier ist
die soziale Dimension von eminenter Bedeutung: Denn in der sozialen Nahwelt
des Milieus werden gesundheitsbewusste Einstellungen und Verhaltensweisen
nicht belohnt. Im Gegenteil werden sensible Achtsam keit und Emp¿ndsamkeiten
als Schwäche decodiert und diskreditiert. Praxis und Alltagskultur sind hingegen:

ƒ Bodytuning: Exzessives Körpertraining mit dem Ziel, schlank und muskulös


zu sein (dabei orientiert man sich an medialen Vorbildern);
ƒ Selbst-Vernachlässigung: Wenig Aufmerksamkeit und Aktivität für Gesund-
heit;
ƒ Hoher Genussmittelkonsum, Alkohol, geringe Ernährungskompetenz (Fast-
Food; Convenience-Produkte), Essen als Seelentröster;
ƒ Tabletten: kritikloser Einsatz von (rezeptfreien) Medikamenten.

Das Thema Gesundheitssystem ist für Konsum-Materialisten ein Feld, an dem


für sie besonders deutlich spürbar wird, dass sie von der Gesellschaft abgehängt
sind bzw. werden sollen:

ƒ Die medialen Schlagzeilen vom „Zweiklassen-System“ und von „Kürzungen


im Leistungskatalog“ saugt man zur Bestätigung der eigenen Ohnmacht auf.
ƒ An den Rezeptionen von Arztpraxen nicht einmal mehr gefragt zu werden,
ob man Privatpatient ist, emp¿ndet man als deutliches Signal, dass der Main-
stream besser versorgt und man selbst längst abgehängt, unerwünscht und
Mensch dritter Klasse ist.
ƒ Die immer weiteren Beitragserhöhungen der Krankenkasse in den letzten
Jahren nimmt man als tiefen Eingriff in das ohnehin knappe Budget – und
als bewusste Ausbeutung, Ausgrenzung und Diskriminierung – wahr.

„Prävention“ ist für Konsum-Materialisten ein „Fremdwort“ im um fassenden


Sinn. Der Begriff ist kein Bestandteil ihrer alltäglichen Sprache; man weiß nicht,
was dieses Wort, dessen Ursprung und Übersetzung man nicht kennt, bedeutet.
Und „Vorsorge“ bzw. „Vorbeugung“ ist in diesem Milieu nicht mit Spaß und Freude
konnotiert ! Vielmehr verweigert man sich gegenüber Forderungen nach gesund-
heitsbewusste(re)r Lebensführung. Solche Appelle wirken als weitere Diktate und
Zumutungen. Und es sind – wie der Bereich der Bildung – Sphären, auf denen
ihnen wieder ihre De¿zite und Mängel gezeigt werden. So reagieren sie meist mit
demonstrativer Gleichgültigkeit oder aggressiver Abwehr, mit der Argumenta-
tion, dass dem für sie nicht bezahlbare Kosten einer Ernährungsumstellung oder
Ausübung sportlicher Aktivitäten entgegenstehen. Nach innen erleben sie häu¿g
50 Zentrale Befunde

Frustration, weil sie immer wieder Anläufe unternommen haben, die im Effekt
keine Veränderung bewirkten. Erfahrungen, hier wie auf vielen anderen Feldern
gescheitert zu sein und „versagt“ zu haben, sind kein Motivator, zu groß ist das Ri-
siko erneut zu scheitern. Statt dessen delegiert man die Verantwortung für die eige-
ne Gesundheit offensiv an andere: Arbeitgeber, Krankenkassen (Bonus-Anreize:
mitnehmen, was geht), Ärzte, Staat, Schulen, Kindergärten etc. Vorsorge kann sich
aus ihrer Sicht eben nicht jeder leisten. Prävention ist für Bessergestellte exklusive
Normalität; für Menschen am unteren Rand der Gesellschaft mit existenziellen
Sorgen hingegen eine Zumutung. Bei andauernder Krankheit hat man schnell die
Ursachen und Schuldigen identi¿ziert: Arbeitsbedingungen, Hartz IV, der Staat,
Ärzte behandeln nicht richtig und die Krankenkassen zahlen nicht (genug).
Somit besteht ein Dilemma: Aufgrund der begrenzten materiellen, sozialen
und kulturellen Ressourcen ist dieses Milieu weder dazu befähigt, noch dazu
bereit, hinreichende Verantwortung für die eigene Gesundheit (sowie der Schutz-
befohlenen) zu übernehmen. Gleichzeitig wollen die Menschen in diesem Milieu
nicht ständig „von oben“ diktiert bekommen, was für sie gut ist. Sie schwanken
zwischen dem Wunsch nach Autonomie und paternalistischer Fürsorge.

„Postmaterielle“: Wer heilt, hat Recht

Die Innovationsdynamik und auch die Erfolge der alternativen Medizin einerseits,
der KonÀikt (teilweise ideologisch geführt) mit der klassischen Schulmedizin an-
dererseits, hat im Milieu der Post materiellen zu einer ganz spezi¿schen Sicht auf
Gesundheit und Krankheit geführt, die sich auf vier programmatische Formeln
bringen lässt:

ƒ Das Individuum ist das Maß !


ƒ Frauen sind physiologisch anders als Männer – es bedarf einer geschlechts-
spezi¿schen Medizin !
ƒ Ursachen nachhaltig verändern ! – Kein Kaschieren von Symptomen !
ƒ Wer heilt, hat Recht !

Bis auf wenige Ausnahmen hat dieses akademisch und kulturell hoch gebildete
Milieu eine sehr hohe Wertschätzung gegenüber der klassischen Medizin mit deren
erprobten Diagnoseverfahren und Therapietechniken und eine positive Einstellung
gegenüber Innovationen in der Medizinforschung.
Zugleich kultiviert dieses Milieu eine mit vielen Argumenten gestützte schar-
fe Kritik gegenüber dem wissenschaftlich-technologischen Ausschließlichkeits-
anspruch der klassischen bzw. konventionellen Medizin. Gegenstand ihrer Kritik
ist, dass die klassische Schulmedizin viele neue Diagnose- und Heilformen nicht
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 51

akzeptiert und auch „Versicherungen“10 diese nicht in ihren Leistungskatalog auf-


nehmen oder bezuschussen, mit dem Argument, deren Wirksamkeit und Nütz-
lichkeit sei wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Dabei sehen Postmaterielle viele
Grenzen der klassischen Medizin, die oft nur symptomorientiert (nicht ursachen-
orientiert) und analy tisch sezierend (separierend, nicht ganzheitlich) vorgeht. Be-
zahlt wird seitens der gesetzlichen Krankenkassen zwar das „Herumdoktern an
Symptomen“, nicht aber die Arbeit und Zeit, den Ursachen nachzuspüren, die
meist komplexer sind, weil der Mensch ganzheitlich betrachtet werden müsste. Und
viele Kassen verweigern jenen Patienten eine Zusatzversicherung, deren Krank-
heitsgeschichte künftig einen höheren Aufwand (Kosten) für eine ganzheitliche,
auf Naturheilverfahren setzende Behandlung erwarten lassen. Das erscheint Post-
materiellen aber paradox und auch unökonomisch, denn langfristig wird sich – für
den Patienten wie für die Kassen – nur eine Ursachenbehandlung lohnen.
Groß ist die Enttäuschung (und führt zu Frustration über das Gesund heits-
system), wenn Postmaterielle beim medizinischen Facharzt (Spezialisten) waren,
und dieser nicht in der Lage war, über den Teller rand seines spezi¿schen Hand-
werks hinauszuschauen – und den Patienten nicht ganzheitlich diagnostizieren
kann. Dafür kann man dem einzelnen Facharzt keinen Vorwurf machen, die Ur-
sachen liegen nach Auffassung der Postmateriellen in einem systematisch falsch
strukturier ten Medizinsystem, das auf funktionale, die Disziplinen differenzieren-
de und separierende Arbeitsteilung setzt. So ist der Patient gezwungen, von Fach-
arzt zu Facharzt zu springen – jeder kann mit seiner eingeschränkten Perspektive
diagnostizieren und mit seinem Spezialwerkzeug routiniert therapieren. Aber das
greift nach Einstellung und Erfahrung von Postmateriellen zu kurz.
Ausgeprägt ist der Ideologieverdacht des wissenschaftlich-medizinischen
Fortschritts mit dem Feindbild der „Apparate-Medizin“ – wohl wissend, dass es
ohne diese Geräte bei vielen Krankheiten nicht geht; wohl betonend, dass auf die
wissenschaftliche Erprobung von Medikamenten und Geräten nicht verzichtet
werden kann.
Hier verheißen alternative Heilformen der Vergangenheit und auch aus an-
deren Kulturen, das Spektrum der Behandlungs- und Vorsorgemöglichkeiten zu
ergänzen. Die Kategorien sind nicht trennscharf und machen deutlich, dass es in
diesem Milieu Menschen gibt, die für sich ein (oder zwei) Verfahren entdeckt ha-
ben; andere nehmen bewusst das ganze Spektrum sich ständig erweiternder Mög-
lichkeiten mit (kritischem ?) Optimismus in den Blick. Attraktive Stichworte sind:

ƒ Allgemein: Naturheilverfahren, Alternative Medizin, sanfte Medizin, ganz-


heitliches Heilen, von der Natur lernen;

In der Bevölkerung ist der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss nicht oder kaum bekannt;
10

man adressiert hier Krankenversicherungen.


52 Zentrale Befunde

ƒ Konkret: Bioresonanz, traditionelle chinesische Medizin, Homöopathie, Aku-


punktur, Naturheilmittel ohne Chemie, Ayurveda, Yoga, Feldenkrais11, Qi
Gong, Energetisches Heilen, Klang-Therapie u. v. m.

Man entdeckt Heiler und Heilverfahren aus anderen Kulturen und vergangenen
Zeiten12 wieder neu, ist fasziniert, wenn ausgebildete Mediziner und Therapeuten
sie in die heutige Zeit „übersetzen“ und – sehr wichtig – an neuere technologische,
psychologische und neuronale Erkenntnisse anschließen.
Diese Suche zielt auf Natur-Entdeckung, ist Finalisierung der Natur für den
Menschen, der im industrialisierten und urbanen Alltag durch Beschleunigung
und Mediatisierung bedroht ist, sich von der eigenen Natur zu entfernen und
seine Balance zu verlieren. Postmaterielle verstehen ihre Entdeckungsreise der
Natur als notwendige „Rück kehr“ zum Ureigenen des Menschen. So entdecken
Postmaterielle (vor allem Frauen) für ihre Gesundheit die verschiedenen Kräuter,
Algen, Salze, Beeren, Wurzeln, Früchte – überhaupt HeilpÀanzen sowie die Weisen
ihrer Verarbeitung (Öle, Tinkturen, Tee, Salben etc.).
Getragen ist diese Öffnung für Wege jenseits der technokratischen Medizin
von einem tief verwurzelten ganzheitlichen Menschenbild. Wie im Milieu der
Konservativen gehen auch Postmaterielle davon aus, dass der natürliche Zustand
des Menschen die Einheit von Körper, Geist und Seele ist.13 „Rationalität“ wollen
Postmaterielle gerade im Gesundheitsbereich nicht nur als (analytischen) Verstand,
sondern als (integrierende) Vernunft begreifen.
Vor diesem Hintergrund treten Menschen aus diesem auf Selbstbestimmung,
Kritik und Diskursfreude getrimmten Milieu, gerne in Debatten mit ihrem Arzt
darüber, was der richtige Ansatz und Weg für sie als „einzigartiges“ Individuum
mit einer spezi¿schen Biographie wäre. Sie suchen sich nach Möglichkeit Ärzte,
die so denken wie sie selbst, die aufgeschlossen sind für alter native Heilmethoden
und hier den anderen Ärzten in der Region (weit) voraus sind.
Als wichtigste Präventions- und Therapiesäule gilt die Umstellung der bishe-
rigen „gehetzten und getriebenen“ Lebensweise auf einen gelassenen und span-
nungsfreien Lebensstil in Balance. Insofern gilt es für sie, an der inneren Haltung
zu arbeiten und sich seine familiäre und beruÀiche Struktur, überhaupt seine

11
Typisch ist die Attraktivität eines kombinierten Einsatzes verschiedener alternative Verfahren auch
bei Erkrankungen, deren Behandlung bisher der klassischen Schulmedizin vorbehalten war. Beispiel:
Bei Schlaganfall der sofortige Beginn von Physiotherapie, Akupunktur und Feldenkrais.
12
Hier vor allem das Hochmittelalter (und auch die Mystik mit dem Bezug der Spiritualität). Promi-
nente Heiler sind etwa Avicenna, Hildegard von Bingen und Paracelsus.
13
Oder anthroposophisch in der Reihenfolge: Leib, Seele, Geist – auf solche Besonderheiten le-
gen manche anthroposophisch orientierte Postmaterielle (überwiegend Frauen) mit dem Habitus
intellektueller ReÀexion und Distinktion großen Wert (allerdings sind nicht alle Postmateriellen
anthroposophisch orientiert).
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 53

soziale und natürliche Umwelt so zu gestalten (bzw. neu zu suchen), dass man in
dieser „gesund“ (ganz heitlich in Balance) leben kann. Das hat erhebliche Aus-
wirkungen auf das Berufsfeld: Man ¿ndet in diesem Milieu überdurchschnittlich
häu¿g Wissenschaftler, Lehrer und Pädagogen, weniger Banker, Broker, Marke-
tingleiter, Unter neh mensberater großer Agenturen, denn die Möglichkeiten zur
Zeitsouveränität sind Postmateriellen sehr wichtig.
Natürlich weiß man, dass sich der Markt alternativer Heilverfahren mit enor-
mer Kraft und Dynamik entwickelt, dass hier auch viele Trittbrettfahrer und Schar-
latane angezogen werden. Man sondiert kritisch die Anbieter auf diesem Markt,
lässt sich von Werbe- und Marketingblasen (vermeintlich) nicht beeindrucken,
sondern schaut hinter die Fassade. Maßstab ist „das eigene Gefühl“, was richtig
ist. Dieser Markt, der für Postmaterielle kein Markt zweiter Klasse und Güte
ist, muss notwendig unscharf sein, denn hier werden die vielen Facetten dessen
sichtbar und angeboten, die dazu beitragen können, dass der Mensch „heil“ lebt
und nur im Notfall auf die Reparatur medizin angewiesen ist.
Groß ist die Kritik an der faktischen Deklassierung alternativer Heilmethoden,
obwohl deren Wirksamkeit für sie evidenzbasiert scheint. Vieles davon sollte in
einem individuell wählbaren Leistungskatalog der Kassen bzw. einem multioptio-
nal zusammenstellbaren Tarif in die Versicherungsleistung aufgenommen werden.
Dezidiert und differenzierend ist aber auch die Position, dass nicht alles, was
im Bereich der alternativen Heilmethoden und des Zweiten Gesund heitsmarkts
angeboten wird, auch eine Sache der Kranken kasse sein müsste. Post materielle
sprechen klar das Votum aus, dass der Versicherte bzw. Patient entscheiden soll,
was er an Gesundheitsleistungen haben will – und was er dann gegebenenfalls aus
eigener Tasche bezahlt. Hier ist zur Güterabwägung eine Transparenz der Kosten
unbedingt im Vorfeld notwendig, muss verbindlich sein und eine Kostenänderung
muss einfach (!) kommuniziert werden.
Der Anteil der Privatversicherten sowie privat Zusatzversicherten ist in
diesem Milieu deutlich höher als in anderen Milieus. Aber dennoch sind mehr
als 75 % in einer GKV. In der hohen Af¿nität für private Zusatzversicherungen
sowie in der privaten Zahlung von alternativen Therapien manifestiert sich die
Bereitschaft, für anspruchsvolle Leistungen und besonderen Service auch mehr
zu zahlen. Allerdings ist damit auch die anklagende Gegenrechnung verbunden,
dass man – gerade in der GKV – viel zu viel zahlt, denn man zahlt einerseits für
Leistungen, die man nie in Anspruch nehmen würde; andererseits lassen sich
viele Leistungen jener Ärzte, denen man vertraut, nicht über die Kasse abrechnen.
Insofern sind Postmaterielle – bei aller prinzipiellen Zustimmung zum Solidari-
tätsprinzip im Krankenversicherungswesen – der Meinung, dass sie selbst zu viel
zahlen und Einsparungen möglich sind. Dieses auf Autonomie programmierte
Milieu will differenzieren und selbst entscheiden, wofür es Krankenversicherungs-
beträge zahlt.
54 Zentrale Befunde

„Etablierte“: Mehr Eigenverantwortung und Wettbewerb der Medizinschulen

Die meisten Menschen in der Lebenswelt von Etablierten sehen sich beruÀich, kul-
turell und mental an der Spitze der Gesellschaft. Aufgrund dieser Selbstverortung
als Leistungselite sehen sie sich in der Verantwortung für die Zukunftsfähigkeit
der Gesellschaft und ihrer Teilsysteme. Somit sind ihre Einstellungen und Verhal-
tensweisen zu Gesundheit, ihre Ansichten und Entwürfe zum Gesundheitssystem
niemals nur persönlicher Natur, sondern haben stets eine starke gesellschaftliche
und gesundheitspolitische Dimension.
Für Etablierte sind zwei Prinzipien für das Funktionieren und die Zukunfts-
fähigkeit des Gesundheitssystems not wendig: Innovation und Mitverantwortung.
Ungerechtigkeit darf nicht sein, aber Ungleichheit gehört in einer Wettbewerbs-
gesellschaft dazu. Subsidiarität und Hilfe in Not für Menschen am unteren Rand der
Gesellschaft sowie für vom Unglück Geschlagene, sind wichtig, gelten aber nicht
bedingungslos. „Sozialverträglichkeit“ ist für Etablierte ein zweidimensionaler
Schlüsselfaktor. Wer seine PÀicht bewusst oder fahrlässig nicht wahrnimmt, der
muss die Konsequenzen für sein Handeln selbst tragen.
Im Unterschied zu Postmateriellen haben Etablierte meist keine weltanschau-
lich begründete Präferenz für die klassische oder alter native Medizin. Welche „bes-
ser“ ist, muss sich im Wettbewerb zeigen, vor allem aber muss Medizin nützlich
und verlässlich sein.
Als suspekt gilt Etablierten, was auf subjektivistischer Evidenz beruht, sich
im Fahrwasser einer fundamentalistischen Argumentation bewegt und in missio-
narischem Habitus auftritt. Wer etwa ein Heilverfahren als „absolut“ wirksam
stilisiert und jede andere Option reÀexhaft ablehnt, wer sich ganz einer Diagnose-
bzw. Therapieschule verschreibt, der gerät für Etablierte schnell in den Verdacht
des Gesundheitsideologen und gilt als typisch für radikal-alternative Gesundheits-
mediziner, die die klassische Schulmedzin verteufeln. Je stärker die Dringlichkeit
betont und je heftiger der moralisch-weltanschauliche Impetus ist, desto mehr
haben Etablier te den Verdacht, hier werde fundamentalistisch argumentiert.
Ebenso groß ist die Ablehnung einer bedingungslosen Reparatur medizin, bei
der das Gemeinwesen die Kosten für den verantwortungslosen Umgang Einzelner
(oder einzelner Gruppen) mit ihrer Gesundheit bezahlt.
Mit kritischer Sensibilität und der Maxime des Weitblicks für das Funk-
tionieren und der Finanzierbarkeit des Ganzen, bewerten sie medizinische und
gesundheitsökonomische Forderungen verschiedener Provenienz. Für Etablier-
te ist die wissenschaftliche Fundierung (Reliabilität und Validität; Wirksamkeit
und Nützlichkeit) elementar. Die moderne Schulmedizin genießt bei Etablierten
aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer dynamischen, sehr kurzen Innova-
tionszyklen (v. a. in Bezug auf neue Technologien und Medikamente) hohe Wert-
schätzung. Groß ist das Vertrauen in den medizinisch-technologischen Fortschritt;
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 55

nachhaltig die Forderung, dass in Deutschland die Stuk tu ren für Innovationen
verbessert werden müssen, um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Denn
die meisten Nobelpreise für Medizin gehen seit vielen Jahren in die USA – dabei
war Deutschland zu Beginn der modernen Medizin weltweit der Vorreiter. Die
Alter nativmedizin gilt bei Etablierten dennoch nicht als chancenlos. Etablierte se-
hen mit interessierter Neugier, dass es seriöse Ansätze gibt, mit wissenschaftlichen
Methoden und Kausalitäten die Wirksamkeit alternativer Verfahren nachzuweisen.
Hier sehen Etablierte ein sehr großes Potenzial für die Weiterentwicklung der
Medizin im Sinne von mehr Gesundheit sowie von mehr gesundheitsökonomi-
scher Ef¿zienz. Ein großes Innovationspotenzial sehen einige Etablierte in der
Synthese von moderner Schulmedizin und alternativer Medizin. Der sozusagen
voreingestellte Modus von Etablierten ist der optimistische Blick auf scheinbar
unlösbare Antagonismen und Blockaden: Im vermeintlich Widersprüchlichen
erkennen sie die Chance auf kreative Weiterent wicklung. Ihre Kritik gilt also
sowohl der unwissenschaftlichen Alternativmedizin, als auch einer Schulmedizin,
die nicht mehr bereit ist zu lernen bzw. festhält am bereits Erwiesenen und im
Rahmen überkommener Paradigmen verhaftet bleibt.
Analog ihrem hohen Leistungsanspruch und exklusiven Genussniveau er-
warten sie vom Gesundheitssystem die besten Leistungen (für sich) in Diagnose,
Therapie, Prävention und Rehabilitation. Es ist für sie „logisch“, weil konstitutiv
für die Innovationskraft des marktwirtschaftlichen Gesundheitssystem, dass nicht
alle gleich behandelt werden können – solches wäre Sozialimus mit der Folge von
Stagnation und Verarmung; und das würde den unterschiedlichen Bedürfnissen
und Leistungsansprüchen der Menschen nicht gerecht. In der medizinischen Ver-
sorgung wollen sie den besten Arzt (die Koryphäe) und die neuesten Geräte, (Am-
bulanz-) Kliniken und Arztpraxen mit vornehmem Interieur, Hightech-Medizin
und besonderem Service. Für Etablierte gilt: Keine Experimente ! Das Beste vom
Besten ! So bevorzugen viele eine private Krankenversicherung oder Zusatz ver-
sicherung, um die damit verbundenen Privilegien, die sie sich durch harte Arbeit,
Intelligenz und ökonomischen Erfolg verdient haben, auch selbstverständlich bean-
spruchen zu können. Groß ist die Sympathie für ubiquitäre und persuasive Informa-
tions- und Kommunikationstechnologien. In der Anwendung – vom intelligenten
Haus bis hin zur Gesundheitsüberwachung – wollen sie Avantgarde sein, um als
Erste die Bene¿ts nutzen zu können. Weil sie sehr viel unterwegs sind (beruÀich
mobil sein müssen), ein enges Zeitbudget haben, nach Zeitsouveränität streben
(Statussymbol der upper class), den Anspruch an zeitnahe präzise Informiertheit
haben und auch aus Gründen der Distinktion gegenüber anderen, will man sich
nicht in das normale Wartezimmer eines Arztes setzen, will schon gar nicht warten.
Wartezeiten von mehr als 30 Minuten sind für sie absolut (!) inakzeptabel.
Der Arzt muss jemand sein, den sie respektieren, weil er in seinem Fach für
herausragende Leistungen steht und Qualitäten hat, die sie bewundern. Er kommt
56 Zentrale Befunde

aus einer ähnlich vornehmen, intellektuellen oder erfolgreichen Lebenswelt wie sie
selbst. Diese Niveaugleich heit muss sich in Habitus und Atmosphäre ausdrücken,
ist ein Kriterium für die Auswahl von Praxis und Krankenhaus. Insofern sondieren
sie mit scharfem Blick und Urteilskraft die Ärzte in ihrer Region, suchen nach
Markenattributen und schätzen gleichzeitig das Understatement des Überlegenen.

„Moderne Performer“: Professionelles und genussvolles Optimieren


der Gesundheit

Ihre Gesundheit reÀektieren und optimieren Moderne Performer als Bedingung


der Möglichkeit für ihre eigentlichen anspruchsvollen Ziele: Den berulichen Erfolg
steigern (Karriere machen); ein genussvolles und spannendes Leben führen. Inso-
fern ist Gesundheit einerseits ein Investitionsgut, andererseits ein transzendentales
kontingentes Gut.
Nur wer gesund ist, hat im Wettbewerb überhaupt Chancen – und so besteht
für Moderne Performer die basale, binär codierte Differenz von gesund / krank
(mit „gesund“ als voreingestelltem normalen Modus). Wer krank ist, ist aus dem
Spiel. Wer schlapp gemacht hat und länger ausfällt, ist in Gefahr, überholt und
ersetzt zu werden. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, im Falle einer Krankheit,
durch die Medizin so schnell wie möglich „repariert“ zu werden.
Jeder hat zwar eine Grunddisposition, aber Gesundheit „hat“ man nicht ein-
fach. Gesundheit ist für Moderne Performer vor allem das Ergebnis einer – mehr
oder weniger guten – funktionellen Versorgung der Substanz sowie der model-
lierenden Arbeit an der äußeren Erscheinung (Design). Beides ist für Moderne
Performer wichtig und eingebettet in das Grundbedürfnis und Selbstverständnis,
ökonomische und kulturelle Avantgarde mit anspruchsvollem Lifestyle zu sein.
„Gesundheit“ zielt zum einen auf: (1) Organisch-mentale Funktionalität, um
sich Optionen offen zu halten und im Wettbewerb zu bestehen. Hier wird Gesund-
heit begriffen als Zusammenwirken von Kör per und Geist14. Das meint, die An-
forderungen im Beruf und den Stress aushalten zu können, ohne krank zu werden.
(2) Robustheit: Diese zielt auf Optimierung der Denkleistung und Kommunika-
tionsleistung; schnell sein, mobil sein, Àexibel sein, anderen voraus sein – gerade
in der Adaption neuer Entwicklungen. (3) Fitness: Im Selbstbewusstsein als dyna-
mische Entrepreneure, als neue unkonventionelle Leistungselite ist es für Moderne
Performer unabdingbar, jederzeit Àexibel und mobil, verfügbar und reaktionsbereit
zu sein.

14
Zum Vergleich: Postmaterielle betonen den Dreiklang der Balance von Körper, Seele und Geist.
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 57

„Gesundheit“ hat für Moderne Performer aber auch eine elementare Design-
funktion: Eine gesunde „schöne“ Erscheinung ist Indikator und Symbol für Leis-
tungsfähigkeit und Attraktivität. Gerade im beruÀichen Wettbewerb, aber auch im
privaten Freundeskreis, ist Attraktivität nach einem modernen Schönheitsideal eine
zwar latente und selten ausgesprochene, aber sensibel wahrgenommene und streng
bewer tete Norm. Die OberÀäche ist Spiegel und Ausweis (für die Unterstellung)
von Dynamik und Innovationskraft – und in einer Gesellschaft, in der das Image
wirksamer ist als die Realität, kommt es darauf an, diese Attribute zu vermitteln.
Die Perspektive des Wettbewerbs ist enorm, ebenso der Druck. Schwächen müssen
in kürzester Zeit überwunden, Makel kaschiert werden.
So ist die Arbeit an der Substanz und am Design motiviert durch den Wett-
bewerb mit anderen: um Anerkennung und Zugehörigkeit im Bekanntenkreis, um
eine höhere Position im Unternehmen, um Aufträge beim Kunden. Gesundheit ist
somit eine Investitionsaufgabe: Man muss etwas tun ! In dieser Grundauffassung
manifestiert sich ein ausgeprägter Individualismus, der Gesundheit primär als
Leistung des Einzelnen begreift und auf Mitverantwortung setzt.
Zur Professionalität gehört, sich von Beschwerden und auch von einer schwe-
ren Krankheit nicht ausbremsen zu lassen. Insofern ist die zielgerichtete und effek-
tive Arbeit zunächst auch unbedingt am Symptom eine Notwendigkeit für den
beruÀichen Alltag, der bei vielen zwölf und mehr Stunden täglich umfasst und
auch das Wochenende nicht freihält. Angesichts der extremen Belastung muss man
robust und ¿t bleiben, und sich dazu Sphären des Ausgleichs und für das Auftan-
ken der „Akkus“ schaffen: Ausdauer- und Extremsport (oft im Fitness-Center),
sich gut ernähren (Vollwertkost und Bioprodukte), den Stress herauslassen durch
Besuch von Partys, Events und Raves. Die Suche nach Ausgleich der beruÀichen
Extrembelastung erfolgt durch das bewusste Setzen von Reizen anderer extremer
Pole in der Freizeit.15
Das Gesundheitssystem betrachten und nutzen Moderne Performer in zwei
Formen: Der Erste Gesundheitsmarkt ist für sie eine Repa raturwerkstatt für
funk tionale Störungen. Der – sehr viel größere und häu¿ger genutzte – Zweite
Gesundheitsmarkt ist für sie dagegen eine Optimierungs- und Tuning-Boutique;
eine Einkaufsmall mit einer großen Vielfalt individuell wählbarer Angebote zur
Steigerung von Robustheit und Fitness.
In der Wahl der Mittel (zur Problemlösung, zur Optimierung) setzen Moderne
Performer auch auf dem Ersten Gesundheitsmarkt auf die klassische Medizin und
auf neue alternative Medizinangebote. Performer sind ideologiefrei und haben kei-
ne Vorbehalte, ihnen geht es um Effekt und Nutzen. Faszinierend sind für sie neue
wissenschaftlich-technologische Innovationen bei Diagnose und Operationen; aber

15
Im Unterschied zu Postmateriellen, die eine Gleichzeitigkeit und synchrone Integration mit dem
Ziel der jederzeitigen Balance anstreben.
58 Zentrale Befunde

auch Erkenntnisse aus der Nanoforschung sowie neue persuasive und ubiquitäre
Informationstechnologien (etwa zur Gesundheitskontrolle). Groß ist aber auch ihre
Neugier auf Ayurveda, TCM und anderen Naturheilverfahren – hier primär mit der
Perspektive der Nachhaltigkeit, aber auch weil es mit körperlich-geistigem Genuss
verbunden ist. Hinter dieser Gleichzeitigkeit steht die Maxime, sich selbst nichts
zu verbauen und zu verbieten (aus „prinzipiellen Gründen“), sondern sich viele
Optionen offen zu halten, mehreres wählen zu können – sukzessive, reversibel,
gleichzeitig. Das Kriterium ist der „Bene¿t“ und die Maxime, sich niemals ganz
nur einer Sache und Methode zu verschreiben, sondern den Neues suchenden,
adaptiven Blick für Alternativen und Innovationen zu haben, hier sensibler und
schneller als andere zu sein.
Im Fall einer Erkrankung haben Moderne Performer den starken Wunsch,
gleich zum Spezialisten zu gehen. Sie wollen nicht erst zum Hausarzt, dort eine
Stunde (oder länger) warten, um dann doch eine Überweisung zum Facharzt zu
bekommen. Der direkte Weg ist ihnen wichtig – gerade aufgrund des engen be-
ruÀichen Zeitbudgets und weil ihnen ihre Freizeit zu kostbar ist. In der Arztwahl
haben sie eine große Präferenz für junge Fachärzte, die technologisch – sowohl
das Know-how, als auch die Ausstattung der Praxis betreffend – auf dem neuesten
Stand sind. Groß sind die Widerstände sowie die stilistischen Vorbehalte gegenüber
jenen älteren (postmateriellen) Ärzten, die dazu neigen, die technisierte Medizin
fundamental zu kritisieren, eindimensional nur auf behutsame Therapien setzen
und die auf keinen Fall nur Symptome bekämpfen wollen, sondern hauptsächlich
die Ursachen.

„Bürgerliche Mitte“: Robuste Flexibilität und Aktivitäten zur Distinktion

Menschen der Bürgerlichen Mitte haben sensible Sensoren für Strömungen und
Trends in der Gesellschaft, insbesondere in den gehobenen und modernen Segmen-
ten. Aufgrund ihrer tief verwurzelten Lebensphilosophie, normal zu sein, wollen
sie gar nicht Avantgarde sein und waghalsig Neues ausprobieren, wollen die „Nase“
nicht in den kalten Wind stecken und sich solitär („einsam“) auf unbekanntes Ter-
rain begeben. Aber sie wollen modern sein und über nehmen Entwicklungen, die
sich in den gehobenen Milieus etabliert haben. Die Imitationen und Adaptionen
seitens der Bürgerlichen Mitte sind keine Kopien, sondern ge¿lterte und gefeder-
te Rezeptionen dessen, was sie an den Rändern der Gesellschaft beobachtet. So
orientiert sich die Bürgerliche Mitte gleichzeitig an:
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 59

ƒ Traditionsverwurzelten16,
ƒ Konservativen,
ƒ Etablierten,
ƒ Postmateriellen,
ƒ Modernen Performern.

Distanz und Distinktion hingegen kultiviert die Bürgerliche Mitte gegenüber Men-
schen und Milieus, die eine zentrifugale Kraft haben, (scheinbar) über wenige
Leistungsressourcen und Zukunftschancen verfügen und in der Gesellschaft ein
negatives Image haben:

ƒ Experimentalisten,
ƒ Hedonisten,
ƒ Konsum-Materialisten,
ƒ DDR-Nostalgische.

Gesellschaftspolitisch und kultursoziologisch besteht die weitere Leistung der


Bürgerlichen Mitte darin, die sich in ihr treffenden Span nungen zwischen tra-
ditionellen, modernen und postmodernen Denk weisen und Verhaltensmaximen
auszuhalten, zu tarieren und gesellschaftsfähig zu machen. Insofern ist die Bür-
gerliche Mitte ein echtes „Integrationsmilieu“.
Diese Disposition der Bürgerlichen Mitte manifestiert sich nahezu unmittel-
bar im Gesundheitsverhalten und in der Einstellung zum Gesundheitssystem. So
steht und sieht sich die Bürgerliche Mitte im Spannungsfeld zwischen dem Wohl-
fahrtsstaatsmodell mit einem (so empfundenen) patriarchalischen Arzt-Patient-
Verhältnis und einer markt wirtschaftlichen (neo-) liberalen Individualisierung
mit mehr Eigenverantwortung.
Einerseits soll das Gesundheitssystem für die Bürgerliche Mitte eine ge-
sicherte Versorgung bieten nach neuestem Stand von Wissenschaft und Technik.
Andererseits ist der Bürgerlichen Mitte bewusst, dass ein Vollversorgungssystem
für alle nicht mehr ¿nanzierbar ist, dass man sich darauf verlassen kann, im Krank-
heitsfall gut versorgt zu sein. Es ist eine Frage des individuellen Engagements
und der materiellen wie sozialen Ressourcen; „man muss selber etwas dazu tun“.
Damit ist nun auch der Gesund heitsbereich eine nicht mehr selbstverständliche,
problemlose und risikofreie Sphäre, sondern fordert den Einzelnen heraus. Wer
nicht abgehängt werden will, sollte bewusste und strategische Entscheidungen
treffen und im Gesundheitsbereich aktiv werden – und zwar dauerhaft. So werden

16
Viele in der Bürgerlichen Mitte kommen aus traditionellen Elternhäusern. Sie wollen zwar nicht „alt-
backen“ und veränderungsresistent sein wie ihre Eltern, halten aber Tugenden ihrer Eltern für mo-
ralisch richtig und lebenspraktisch nützlich.
60 Zentrale Befunde

Aktivitäten für die eigene Gesundheit und Anbindungen an systems of provision


(z. B. Versicherungen) zum materiellen und symbolischen Gradmesser für die
aktuelle und zukünf tige Position in der Gesellschaft.
Die Gesundheitsreformen der letzten Jahre erinnert und erlebt die Bürgerliche
Mitte hingegen als Steigerung immer neuer Zumutungen – ¿nanziell wie auch in
Bezug auf die Eigenverant wortung. Anfangs und mit Ausdauer war man bereit,
den von außen herangetragenen Appellen bereitwillig, aktiv und zuversichtlich
zu folgen. Man war bereit, Anstrengungen in Kauf und Angriff zu nehmen, um
mitzu halten (Motiv: nicht abgehängt werden) sowie um die steigenden Gesund-
heitskosten aufzuhalten und so das Gesundheitssystem langfristig zu erhalten
(Motiv: Partizipation und soziale Verantwortung). Doch bis heute erlebt die Bür-
gerliche Mitte keine Spur von Entspannung und Entlastung – im Gegenteil: Jede
neue Ankündigung einer Gesundheitsreform erscheint als Chiffre einer mit neuen
Instrumenten und Begriffser¿ndungen ausstaf¿erten Kostenerhöhung. Die Men-
schen in der Bürgerlichen Mitte werden – nach eigener Angabe – allmählich müde,
die medial kolportierten Dispute sich inszenierender Gesundheitsexperten für das
eigene und gegen das andere System noch zu verstehen, die Argumente zu wägen
und darauf gründend eine eigene Meinung und Präferenz zu entwickeln.
Gesundheitsprämie („Kopfpauschale“) – Bürgerversicherung – Gesund-
heitsfond: Das jahrelange Diskutieren von Gesundheitspolitikern und Lobbyisten
über „das richtige System“ wurde zunehmend als ideologischer Grabenkampf
wahrgenommen und hat in der Bürgerlichen Mitte den Eindruck zementiert, dass
es keine einfache Lösung gibt und jede Lösung für sie schmerzhaft sein wird.
Insofern ist der Begriff „Gesundheitsreform“ – wie immer eine solche inhaltlich
konkret aussieht – in der Bürgerlichen Mitte negativ präjudiziert. Jede „Reform“
steht unter dem Vorzeichen der Bedrohung. Gerade deshalb sind die Menschen
in der Bürgerlichen Mitte überzeugt, dass sie bei Fragen des Gesundheitssystems
niemals weghören dürfen, sondern jederzeit gut informiert sein müssen, denn das
Gesundheitssystem betrifft sie unmittelbar und eine nächste Reform ist notwen-
dig und wird sicher kommen. Man ist aber auch sicher, dass man sie nicht lieben
wird, weil man befürchtet, dass sie nur den Privilegierten der Oberschicht Vorteile
bringen wird und gleichzeitig die Ausgaben für den sozialen Ausgleich für die
Menschen am unteren Rand der Gesellschaft das Geld verschlingen werden. Wer
vergessen wird und überproportional zahlt, das wird wieder einmal die Mitte
sein – so die Erwartung.
Gewachsen ist in der Mittelschicht in den letzten Jahren die Abgrenzung nach
oben gegenüber Spitzenverdienern und Topmanagern der Wirtschaft, doch hier
sieht sich die Bürgerliche Mitte machtlos, zumal der Aufstieg dahin eine heimliche
Sehnsucht ist. Jedoch gegenüber Menschen am unteren Rand der Gesellschaft gibt
es den mittlerweile zu Routine und Strategie geronnenen ReÀex zur Abgrenzung:
Distinktionen und Kontaktsperren „nach unten“ pÀegen Eltern der Mitte im Be-
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 61

reich der Erziehung, Ernährung und Freizeit ihrer Kinder. In Bildung (ihrer Kinder
und ihrer eigenen) zu investieren, ist ein sicheres und probates Mittel, sich von der
hedonistischen und konsum-materialistischen Unterschicht abzuheben. Gesundheit
ist hier eine zunehmend entdeckte Sphäre – und ein weites, bisher weitgehend
unbestelltes Feld – zur Abgrenzung nach unten. Im Wartezimmer des Hausarztes
begegnet man immer seltener Menschen aus gehobenen Lebenswelten. Viele aus
der Bürgerlichen Mitte fragen sich, zu welchen Ärzten diese gehen und ob sie
selbst möglicherweise wichtige Entwicklungen verpasst haben und zurückbleiben.
So reÀektiert die Bürgerliche Mitte kritisch ihre bisherige Routine, den bequemen
nächstgelegenen Arzt aufzusuchen. Ein erheblicher Teil derer, die sich von der
sozialen Unterschicht abheben wollen, sucht zunehmend den „besseren Arzt“ in
der weiteren Region auf. Hier orientiert man sich an Empfehlungen von Freunden
und Bekannten, auf die man was hält, weil sie in der sozialen Lage und im kultu-
rellen Kapital „weiter“ sind. Allein die Tatsache, nicht zum Arzt von „Jedermann“
zu gehen, sondern es sich zu leisten, zu einem anderen, besonders guten Arzt zu
gehen, ist für die Mitte ein Symbol für Status. Dazu gehört auch, dass bestimmte
Leistungen nicht von der Kasse übernommen werden, sondern man diese selbst
zahlen muss. Denn genau das kann und tut die Unterschicht nicht.
Durch die öffentliche Diskussion über die Zweiklassen-Medizin sind die Sen-
soren der Bürgerlichen Mitte für solche Belege in ihrer Nahwelt geschärft – su-
chen und sehen dieses fast kon¿rmatorisch bestätigt. So steigert sich spiralförmig
der Druck, in Belangen der Gesundheit unbedingt aktiv werden zu müssen – in
Informationsbeschaffung, Prävention, Arzt- und Krankenhauswahl, Medikation
etc. Man sieht sich an der Kante und will keineswegs zur Gruppe derer gehören,
die nur zweitklassige Medizin bekommt. Das hat auch Imagegründe im sozialen
Umfeld. So ist die Mitte sensibel und sucht aktiv nach Angeboten und Möglich-
keiten in ihrer Nahwelt, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Insbesondere der
für sie neue und noch sehr unübersichtliche Zweite Gesundheitsmarkt wird von
der Bürgerlichen Mitte mit zunehmender Geschwindigkeit, Neugier und Nachhal-
tigkeit entdeckt und erschlossen.

„Hedonisten“: Forever Young

Hedonisten wollen hier und heute leben, sich nicht um das Morgen sorgen. In
ihrem Alltag wollen sie primär Spaß und Unterhaltung – je kruder und kras-
ser, umso besser. In der Gruppe mit Gleichgesinnten und durch Provokationen
von Anderen („Normalos“, angepasste Spießer) suchen sie gleichermaßen den
emotionalen Kick wie Selbstbestätigung als überlegener Underdog. Es geht um
Ausbrechen aus den Zwängen des Alltags: frei sein, ungebunden sein, anders sein.
Gleichzeitig haben Hedonisten oft Träume von einem heilen, geordneten Leben
62 Zentrale Befunde

(intakte Familie, geregeltes Einkommen, schönes Auto oder Motorrad) – gespeist


durch wachsende soziale Ängste. Viele führen deshalb ein regelrechtes Doppel-
leben: Im Berufsalltag sind sie angepasst (bei meist geringer Identi¿kation mit der
beruÀichen Tätigkeit) – in der Freizeit tauchen sie in subkulturelle Gegenwelten
ein, die für sie gerade aufgrund ihrer Exzentrik den höheren Stellenwert haben,
denn dort ¿ndet „eigentliches Leben“ statt. Dort ¿ndet der Einzelne Sicherheit im
Kreis von Gleichgesinnten, fühlt sich nicht domestiziert und gegängelt. Dies ist
die lebensweltliche Hintergrundfolie und der Zugang zum Gesundheitsverständnis
von Hedonisten.
Hedonisten leben nach dem Motto „forever young“. Vor allem der Körper ist
belastbares Material für das intensive (Er-) Leben, das stets nach weiteren Erleb-
nissteigerungen verlangt. Hedonisten haben im Vergleich zu anderen Milieus das
geringste Gesundheitsbewusstsein, kaum Sinn für Vorsorge und keinen Zugang
zu Prävention. Meist erst im Fall einer ernsthaften Erkrankung werden sie auf
das Thema Gesund heit gestoßen – und erleben ihre Krankheit als unerhörten
und ungerechten Einbruch in ihr Leben sowie als Angriff auf ihr Lebenskonzept.
Dass ihr genuss(mittel)orientiertes Konsumverhalten negative Auswirkungen
auf ihre Gesundheit haben kann, wird verdrängt oder geleugnet. Oder man wertet
es offensiv als eigene innere Stärke, diesen „Gefahren“ zu trotzen und sich davon
nicht unterkriegen zu lassen. Einige wenige stimmen zu, dass ein gesundheits-
bewussterer Lebensstil richtig wäre – doch sie verweisen auf die eigene Antriebs-
losigkeit, Trägheit und Unlust, ihr Leben zu ändern.
Je älter ein Mensch wird, desto kränker wird er; „das passiert einfach so“:
Groß ist dieser Fatalismus. Doch für Hedonisten gilt dieser Zusammenhang für
eine Zeit in sehr ferner Zukunft, sehr weit jenseits dessen, was sie betrifft und
was für sie bedeutsam ist. Elementar ist, dass die ganze Gesundheits-Krankheits-
Semantik überhaupt nicht Teil der Alltagswelt von Hedonisten ist; solches betrifft
aus ihrer Sicht „die Anderen“ (nur im extremen Schicksalsfall jemanden von ihnen).
Das Thema „Gesundheit / Krankheit“ ist für sie mit Werten und Verhaltensmaxi-
men konnotiert, die für sie langweilig sind und Spaßräuber. Und damit will man
nichts zu tun haben.
Aber auch Hedonisten werden krank. Zum Arzt geht man nur im Notfall, um
von akuten Schmerzen befreit zu werden, oder um eine Krankmeldung zu bekom-
men. Es ist eine sehr basale, auf ein konkretes punktuelles Ziel ausgerichtete, wenig
differenzierte Erwartung an einen Arzt. Man will ein Attest, eine Krankmeldung
oder ein Rezept – aber keine Lebensberatung: Der Arzt versteht einen sowieso
nicht. Was für eine Person der Arzt ist, was für eine Gesundheitsphilosophie er
vertritt, wie es im Wartezimmer aussieht, ob er viel oder wenig verschreibt – all
das ist Hedonisten ziemlich egal und sie gehen nach der Maxime des af¿rmati-
ven Pragmatismus vor: sich aus den ideologischen Überbauten und Appellen, mit
denen man womöglich konfrontiert wird, nichts machen, sondern das Nötige in
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 63

Kauf nehmen (dabei innerlich abschalten und cool sein), um das zu kriegen, was
man will. Man ist beim Arzt ohnehin in einer fremden Welt, aus der man schnell
wieder raus will.
Die Compliance ist sehr gering. Im Arztgespräch akzeptieren Hedonisten
äußerlich das hierarchische Gefälle, bewahren sich aber ihre innere Distanz und
Coolness – und werten dies als ihre Überlegenheit. Danach folgen sie den Ratschlä-
gen des Arztes nach eigenem Er messen. Gründe sind Gleichgültigkeit und Mangel
an Selbstdisziplin, vor allem aber der ReÀex, sich von einer Person, die in jener
anderen Welt lebt, nichts vorschreiben zu lassen. Man bewahrt und demonstriert
sich so seine Unabhängigkeit und Coolness gegenüber den etablierten Leistungs-
trägern und gegenüber dem „System“. Nur wenn es auf Leben oder Tod geht, oder
wenn lebenswichtige Organe bedroht sind, hält man sich – notgedrungen – an die
Vorschriften.
Zugleich haben Hedonisten hohe Ansprüche und Forderungen an Ärzte und
das Gesundheitssystem: Diese sind für Hedonisten selbst verständlich und un-
entschuldbar in der Bringschuld. Gleichzeitig will man von ihnen nicht belästigt
oder gar bedrängt werden. Empfehlungsschreiben von Ärzten, Krankenkassen
und anderen Institutionen, Ratschläge von Ernährungsberatern, Pädagogen und
Sozialarbeitern zum Ziel der gesundheitlichen Prävention werden als zwar gut
gemeinte, aber lästige Moralpredigt wahrgenommen.
Man fühlt sich ohnehin gesellschaftlich als Mensch zweiter Klasse – und
kultiviert dieses Selbstbild als subkulturelle Kraft gegen das Establishment, schöpft
daraus Identität und Selbstwertgefühl. Mit den Konsequenzen, von der Mehrheit
nicht gemocht und respektiert zu werden, lebt man gern. Und so hat man sich daran
gewöhnt, dass man auch im Gesundheitswesen beim Hausarzt, beim Facharzt, im
Krankenhaus, in der Apotheke allein aufgrund der Kleidung, der Sprache, dem
Verhalten als nicht normal gesehen wird. Dort dominieren andere mit ihrer Sprache,
Stilistik und Verhaltensregeln – und haben die Macht. Zwei inkompatible Welten
begegnen sich und müssen diese Situation des ungeliebten Aufeinandertreffens
bewältigen und möglichst schnell hinter sich bringen. Auf Kontinuität und Ver-
trauen sind diese Berührungen von Hedonisten mit Personen im Gesundheitswesen
nicht angelegt, sondern auf punktuelle Lösung.
Doch zuvor schon sind die Zugangsbarrieren für den Arztbesuch hoch: Man
will sein kostbares Geld nicht für Medikamenten zuzahlungen oder gar die Pra-
xisgebühr ausgeben – zumal man nicht weiß, ob diese Investition ihnen auch was
bringt. Hier ¿ ndet – meist vorbewusst – eine Güterabwägung statt. Beim Arzt
selbst und schon im Wartezimmer begibt man sich in eine fremde, langweilige,
unbehagliche Umgebung, setzt sich dem „Angegafft-werden“ aus. Die anderen
Patienten im Wartezimmer machen auf Hedonisten den Eindruck, hier regelmä-
ßig zu sein. Sie bestimmen die Stimmung (sehr ruhig, fast stumm, körperlich
zurückgenommen, alle blicken ins Leere oder blättern in einer spießigen Zeit-
64 Zentrale Befunde

schrift), geben den Takt vor und sind der „Platzhirsch“. Hedonisten fühlen sich in
dieser Atmosphäre wie in einer Zwangsjacke, ¿nden das Ganze „öde“ und fühlen
sich – gerade weil sie meist allein sind – ausgeliefert (das ist der Grund, warum
manche den besten Freund oder die beste Freundin als Begleitung mitnehmen).
Dazu muss man beim Arzt lange warten, verliert kostbare Zeit für das Eigent-
liche – und bekommt am Ende oft keine Belohnung, sondern Vorschriften, dies
zu tun und jenes zu lassen. Das motiviert nicht und so geht man nur dann zum
Arzt, wenn es unumgänglich und nicht mehr auszuhalten ist.
Negativ ist das verbale Pauschalurteil der Hedonisten über alle Akteure und
Organisationen im Gesundheitswesen. Dieses bildet für Hedonisten ein Panopti-
kum all dessen, was ihnen an der etablierten Leistungsgesellschaft zuwider ist.
Und doch kommt man von der Gesellschaft und dem Gesundheitswesen nicht los –
braucht beide unbedingt, um sich an ihnen abzuarbeiten (Quelle ihrer Identität und
des Selbstbewusstseins) und um versorgt zu werden. Die Strenge und Härte, mit
der sie sich von der Gesellschaft despektierlich beobachtet und stigmatisiert sehen,
kehren Hedonisten offensiv gegen die Gesellschaft und das Gesundheitssystem:
Einen Fehler darf dieses sich nicht erlauben. Unliebsame Nebenfolgen aufgrund
einer Operation (z. B. Einschränkung von Organen, von Mobilität oder gar Frucht-
barkeit) sind für Hedonisten nicht nur eine Nebenfolge, sondern werden als Eingriff
in ihre individuelle Tabuzone und damit quasi als Rechtsverletzung bewertet. Ein
Beispiel für die milieuspezi¿sche Grenzziehung und offensive Deutung: Bei häu-
¿g wechselndem Geschlechtsverkehr von Frauen steigt bei ihnen das Risiko von
Gebär mutterhalskrebs. Ist eine Frau davon betroffen und muss die Gebärmutter
entfernt werden, dann lastet die Frau die ursächliche Verantwortung für diesen
Verlust oft nicht sich selbst zu, sondern dem Arzt. Das ist typisch für die selbst
verordnete Generaldispens von Hedonisten in Bezug auf ihre Gesundheit.

„Experimentalisten“: Zwischen Reparaturmedizin und exotischem Kick

Gesundheit ist für Experimentalisten ein Thema, das man versucht, so lange wie
möglich zu umgehen. Dieses recht junge Milieu fühlt sich grundsätzlich gesund,
ahnt aber, dass Gesundheit in der Zukunft für sie eine große Rolle spielen wird
bzw. dass man etwas für sich tun muss, um gesund zu bleiben. Gesund sein be-
deutet für Experimentalisten relativ klar und einfach, keine akuten Schmerzen
und Beeinträchtigungen zu erleiden, die ihre Lebensgewohnheiten einschrän ken.
Sie führen ein abwechslungsreiches, intensives Leben und sind sich der Tatsache
bewusst, dass sie häu¿g Raubbau am eigenen Körper betreiben. – Aber genau
dieser Raubbau macht ihnen auch Spaß, weil er Mittel und Preis für ihre (wörtlich:)
ex-zentrische Form der Selbst- und Welterfahrung ist:
Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit 65

ƒ Dies betrifft den beruÀichen Bereich, der häu¿g durch Zeitverträge, schlecht
bezahlte Tätigkeiten im kreativ-künstlerischen Umfeld oder andere Formen
der unsicheren freiberuÀichen Tätigkeiten gekennzeichnet ist. Typisch sind
lange, unregelmäßige Arbeitszeiten (spätes Essen, Übermüdung), wie auch
latent vorhandener Dauerstress aufgrund der Ungewissheit, wohin die Reise
geht und was „danach“ kommt. Gleichzeitig ist man beÀügelt von der Vor-
stellung, einen Traum-Job zu haben, der einen erfüllt und auch noch ernährt.
Entsprechend fühlen sich Experimentalisten häu¿g in der Zwickmühle: Sie
wissen, dass sie verantwortungsvoller mit den eigenen Ressourcen umgehen
müssen, aber gleichzeitig nicht den Anschluss verpassen dürfen und wollen
(ein unbezahltes Praktikum sausenlassen bedeuet Chancenverringerung für
zukünftige Jobs).
ƒ Neben dem beruÀichen Bereich fordert ihr Privatleben erhebliche Energien.
Experimentalisten sind gerne und viel unterwegs, geographisch in ferne Län-
der oder in unbekanntes (extremes) Terrain jenseits des normalen Mainstream.
Einige Experimentalisten betreiben auf ihrer Suche nach Grenzerfahrungen
intensiv Extremsportarten – und nehmen das Risiko von Verletzungen in
Kauf. Verzichten wollen sie derzeit auf die (inneren und äußeren) Erlebnisse
nicht, weil sie darin ihre Identität ¿nden. Im Alltag sind sie sehr häu¿g dis-
kontinuierlich und nachts unterwegs. Dazu gehören laute Clubs, Konzerte
und subkulturelle Szenen. Auch Rauschmittel aller Art spielen durchaus eine
Rolle; man geht aber davon aus, dass alles „seine Zeit hat“ und diese Phasen
irgendwann von allein vorübergehen (sofern nicht vorher aus Krankheits-
gründen ein Verzicht erforderlich ist).

Das dominierende Motiv, gar die Randbedingung ist: Die Power der Passion darf
nicht gedrosselt werden. So machen die meisten keine Folgenabschätzung ihres
Lebensstils – wohl aber haben sie latente Ängste vor Dauererkrankung mit Folgen:
nicht arbeitsfähig zu sein, den Arbeitsplatz zu verlieren, Netzwerke zu verlieren,
seinen Sport oder seine Passion nicht mehr ausüben zu können etc. Körperliche
Beeinträchtigungen spielen eine mindestens genauso große Rolle wie seelisch-
mentale. In diesem Zusammenhang ist auch das Altern ein Angstthema. Trotzdem
sind sie getragen von einem sehr großen (Ur-) Ver trauen in die Regenerationskraft
ihres Körpers – und das nicht nur für den Augenblick, sondern mit einer Lebens-
verlaufsperspektive („Wenn ich erst mal ein geregeltes Leben habe, tu ich auch
mehr für meine Gesundheit“).
Typisch ist eine kompensatorische Reparatur-Haltung: Auf der einen Seite
Selbstgefährdung und Selbstausbeutung bis an den Rand der Erschöpfung und
danach ein Nix-tun-Wochenende oder eine Woche Meditation. Experimentalisten
halten Ausgleich für erforderlich, um wieder Kraft zu schöpfen, wobei der „Aus-
66 Zentrale Befunde

gleich“ eher auf Kontrasterleben zielt und sich weniger an Empfehlungen zur
Gesundheit orientiert.
Für dieses Milieu ist es sehr wichtig, sich nicht nur in der eigenen Haut wohl
zu fühlen, sondern auch eine positive, optimistische, gesunde Ausstrahlung zu
haben („Man soll sehen, dass ich mich gut fühle und mit mir selbst im Reinen
bin !“). Entsprechend werden aktuelle Emp¿ndlichkeiten und Beschwerden im Be-
kanntenkreis eher nicht thematisiert, sondern amüsiert als „Wehwehchen“ tituliert.
Experimentalisten gehen meist nur zum Arzt, wenn sie sich (akut) schlecht
fühlen. Hintergrund für die Distanz ist die Tatsache, dass teilweise das Gefühl
besteht „ausgeliefert“ zu sein und ein „Urteil“ zu erhalten, das eine Bedrohung
für den aktuellen Lebensstil bedeuten könnte (auf etwas verzichten müssen). Der
Arztbesuch ist prospektiv und potenziell der „Tag der Wahrheit“, an dem sich rächt,
was man vorher versäumt hat (auch an Prävention). Und in einer Kind-ähnlichen
Art will man die Wahrheit gar nicht wissen, denn wenn man sie weiß, muss man
etwas tun und das könnte das einschränken, was man am liebsten tut.
Sie gehen erst zum Arzt, wenn OTC nicht mehr hilft. Zuerst die Eigentherapie,
um eine schnelle Lösung des Problems herbeizuführen – und um nicht ein noch
größeres Problem durch den Arzt (gesagt) zu bekommen. Zum Arzt geht man
erst, wenn gar nichts mehr geht und man selbst nicht mehr weiter weiß. Dann aber
vertraut man dem Arzt als einem studierten Mediziner.
So spontan und bedürfnisorientiert wie der Arztbesuch, ist die Erwar tungs-
haltung: Man erwartet, dass einem „auf Knopfdruck“ geholfen wird. Ein guter
Arzt sollte zuhören können und die eigenen Beschwerden ernst nehmen. Wichtig ist
eine offene Kommunikation auf Augen höhe, die nicht autoritär oder besserwisse-
risch daherkommt, schon gar nicht verbal oder habituell eine Kritik am eigenen
extremen oder subkulturellen Lebensstil signalisiert, oder gar Ratschläge für ein
anderes Leben gibt. Experimentalisten ¿nden in Arztpraxen und Krankenhäusern
Massenabfertigungen abstoßend. So sehr sie eine Ad-hoc-Therapie wollen, gilt ihre
energische Kritik einer schnellen Symptombehandlung, die nicht zu den Ursachen
vordringt und die den Patienten nicht ganzheitlich in den Blick nimmt.
Ein Grundvertrauen in die Medizin und Ärzte ist da, auch wenn man kei-
ne „enge“, regelmäßige Beziehung pÀegt und will. Man erwartet konkrete Maß-
nahmen, die schnell helfen. Präventionsappelle nimmt man entgegen, legitimiert
sein anschließendes Unterlassen dann mit den aktuellen – mal wieder „unerwar-
tet harten“ – Lebensumständen. Auch wenn man sich immer wieder vornimmt,
in die vorbeugende Rückengymnastik zu gehen, holt man dennoch meist einen
Massage- oder Einrenktermin, „wenn es wieder soweit ist“. Die Compliance ist
letztlich relativ gering und wenn der Arzt eine einschneidende Therapie verord-
net, Àüchtet man sich lieber in Kritik und Misstrauen an ihm und dem „Filz der
Medizinindustrie“ und vertraut seiner Intuition und der subjektiven Emp¿ndung,
was jetzt die richtige Maßnahme wäre.
Milieuspezi¿sche burden of disease 67

Gesunde Ernährung wird als besonders wichtig erachtet. Vor allem Frauen
kaufen, wenn bezahlbar und ein Laden in der Nähe ist, gern Bio-Produkte. Doch
geregelte Mahlzeiten und eine vollwertige Ernäh rung bekommen Experimenta-
listen in ihrem Tagesablauf praktisch meist nicht unter. Zugänglich und neugie-
rig sind Frauen aus diesem Milieu im Bereich jener Formen von Prävention und
Therapie, die jenseits der klassischen Medizin neue Wege beschreiten: alternative
Heilmethoden, traditionelle chinesische Medizin, Ayurveda u. a. Sie haben eine
große Lust auszuprobieren, sich selbst dabei zu erleben. Im Unterschied zu Post-
materellen ist das Motiv nicht der feste Glaube an diese Methode, sondern das
Ausprobieren einer „exzentrischen“ Technik. Wichtig ist subkulturelle Distinktion:
auf keinen Fall das tun, was „Mainstream“ ist und andere machen.

Milieuspezi¿sche burden of disease

Hochsigi¿ kant sind Unterschiede der milieuspezi¿schen „burden of disease“


(Krankheitslast). Ein Indikator dafür ist die subjektive Prävalenz, ermittelt an-
hand von 16 abgefragten Krankheiten (s. Tabelle S. 69–73), die summa cum grano
als „Volkskrank heiten“ bezeichnet werden können.
Diese Liste ist natürlich nicht suf¿zient und es lassen sich viele weitere (vor
allem schwere) Krankheiten nennen, die diese Liste sinnvoll ergänzen würden.
Ziel dieser Befragung war es, im Rahmen einer Pilot-Repräsentativbefragung
zu ermitteln, ob es signi¿ kante Milieuunterschiede in Bezug auf Prävalenzen
bei einem relativ breiten Spektrum von Krankheiten gibt. Damit liegen erstmals
überhaupt empirisch belastbare Infor mationen vor, die nicht nur die soziale Lage
als Erklärungsvariable heranziehen können, sondern auch den Lebensstil sowie
Grundauffassungen über Gesundheit. Die folgenden Ausführungen zur burden
of disease basieren auf den abgefragten Indikator-Volkskrankheiten bzw. Risiko-
faktoren und sind auf diesen Geltungsbereich bezogen. Damit unterscheidet sich die
hier vorgenommene Messung bewusst von der seitens der WHO vorgenommenen
ersten Studie zur Global Burden of Disease17. Zentral an jener Methodik waren
zusam menfassende Bewer tungen der Mortalität (Konzept der verlorenen Lebens-
jahre), der Morbidität (Konzept der disability-adjusted life years) und der gesunden
Lebenserwartung (healthy life expectancy) bei wichtigen Krank heitsbildern. Als
Datenquellen wurden in der WHO-Studie amtliche demographische und epide-
miologische Statistiken, repräsentative Erhebungen an Bevölkerungsstichproben,
Ergebnisse von epide miologischen Studien und Expertenbefragungen sowie

17
Murray, C. J. L. / Lopez, A. D.: Global Burden of Disease: A Comprehensive Assessment of Mor-
tality and Disability from Diseases, Injuries and Risk Factors in 1990 and Projected; Hrsg.: World
Health Organization, Harvard School of Public Health, World Bank. Harvard University Press, 1996.
68 Zentrale Befunde

Modellberech nungen verwendet. Dieses war in der vorliegenden Untersuchung


in diesem Umfang nicht möglich. Daher beschränkt sich der hier verwendete
Indikator auf die Morbidität, die im Rahmen einer repräsentativen, sehr großen
Bevölkerungsstichprobe (13.572 Fälle) über die subjektive Prävalenz der Menschen
ermittelt wurde.
Die Morbidität besonders in den Blick zu nehmen, hat gewichtige medizini-
sche und gesundheitsökonomische Gründe: In Deutschland und anderen westlichen
Ländern ist die Entwicklung der Krankheitslast in den letzten Jahrzehnten charak-
terisiert durch eine Abnahme der Mortalität in der Bevölkerung bei gleichzeitiger
Zunahme der Morbidität. In den Industrienationen hat sich das Krankheitsspektrum
mit den demographischen Veränderungen in Richtung chronische Erkrankungen,
wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Diabetes, Adipositas, Erkrankungen des
Bewegungsapparates und umweltbezogene Erkrankungen, verlagert.18 Wenn die
Industrienationen gefordert sind, auf diese epidemiologischen Veränderungen
zu reagieren, dann ist entscheidend, in welchen Segmenten der Gesellschaft die
Morbidität bzw. das Morbiditätsrisiko höher ist und wo es geringer ist. Dazu bedarf
es eines ganzheitlichen Gesellschaftsmodells, das nicht mehr nur eindimensional
soziale Schichten unterscheidet (dies hatte allenfalls noch in der Früh moderne, in
der Phase der Industrialisierung eine ausreichende Erklärungskraft), sondern ange-
sichts der Pluralisierung von Lebensformen, Lebensauffassungen und Lebenswei-
sen – mit immer neuen Schüben des Wertewandels in den Etappen der deutschen
Nachkriegsgeschichte – eines mehrdimensionalen Gesellschaftsmodells, das diese
soziokulturellen und soziodemographischen Strukturen integriert. Dieses leistet
das Milieumodell.
In den folgenden Tabellen (S. 69–73) sind die milieuspezi¿schen subjektiven
Prävalenzen von 16 Krankheiten dargestellt, zunächst in der Gesamtbevölkerung
ab 18 Jahren, dann zur Kontrolle des Alterseffekts auch für die 18- bis 30-Jährigen,
31- bis 50-Jährigen, 51- bis 65-Jährigen sowie für die über 65-Jährigen. Deutlich
ist zu sehen, dass mit dem Alter die Krankheitslast zunimmt. Dabei verschwinden
bei der Kontrolle der Altersvariablen keineswegs die Unterschiede zwischen den
Milieus; sie bleiben statistisch signi¿kant. Zugleich aber kommt es im Alterskohor-
tenvergleich zu Ausbreitungen und Verschiebungen der Krankheitslast: zunächst
in Richtung moderne Unter- und Mittelschicht (Konsum-Materialisten, Hedonis-
ten, Experimentalisten), sukzessive und verstärkt ab 66 Jahren auch in Richtung
gesellschaftliche Leitmilieus (Moderne Performer, Postmaterielle, Etablierte).

18
The World Health Report 2002: Reducing Risks, Promoting Health Life; World Health Organiza-
tion 2002.
Milieuspezi¿sche burden of disease 69

Altersgruppe ab 18 Jahren (nach oben unbeschränkt)


Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Rückenschmerzen 37,3 32,1 27,5 19,6 45,1 58,0 52,7 37,6 42,9 26,6 29,4
Bluthochdruck 20,9 15,2 12,7 3,6 27,1 46,3 40,2 16,3 24,5 8,0 15,5
Übergewicht, Fett-
14,0 11,0 12,1 7,2 13,2 21,2 13,8 12,6 20,4 11,0 12,6
leibigkeit
Magen-Darm-Proble-
me, Verdauungsstö- 10,6 10,2 7,7 6,2 11,9 13,1 14,4 10,4 12,6 9,9 10,4
rungen
Fettstoffwechselstörun-
10,3 6,4 9,0 3,4 14,2 22,6 10,9 6,2 13,4 5,7 9,3
gen (Cholesterin)
Arthrose 9,9 4,7 6,7 1,9 15,0 25,0 17,8 7,4 9,9 3,6 7,3
Allergien 9,2 10,2 10,4 12,0 8,6 6,0 6,6 7,8 8,2 13,2 10,2
Diabetes 7,0 3,2 3,8 1,4 7,7 17,6 14,0 4,4 9,3 2,4 5,3
Migräne 6,7 5,7 8,0 7,0 5,5 4,8 6,9 7,1 7,8 7,9 6,7
Arthritis 5,6 3,0 3,5 1,2 7,8 15,1 6,9 3,1 6,4 2,3 5,7
Chronischer Kopf-
4,4 5,5 4,2 2,3 5,3 4,6 6,9 4,1 3,9 4,8 4,1
schmerz
Osteoporose 4,3 2,8 1,9 0,9 5,6 10,4 6,8 2,6 5,4 1,2 5,6
Depressionen 4,0 2,6 2,9 2,8 2,3 4,7 5,4 2,8 5,8 6,5 4,9
Hautprobleme, Neuro-
3,6 2,5 5,1 3,5 2,0 3,4 2,8 3,2 3,0 4,8 5,7
dermitis
Vergrößerung der
3,2 2,6 3,2 1,2 3,0 3,6 4,1 3,4 3,8 2,7 4,0
Schilddrüse, Struma
Chronische Atemwegs-
erkrankungen (Asthma,
3,0 2,8 2,0 1,4 3,1 3,6 6,9 2,9 2,9 2,6 3,0
Chronisch-obstruktive
Lungenerkrankungen)
Mittelwert über diese
9,6 7,5 7,5 4,7 11,1 16,3 13,6 8,2 11,3 7,1 8,7
16 Krankheiten
Index* 100 78 78 49 115 169 141 86 117 74 91

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren, die bereit waren, Fragen zur Gesund-
heit zu beant worten. (13.572 Fälle)
* Index = Prozent im Milieu / Prozent der Bevölkerung * 100
(Beispiel Etablierte: 7,5 / 9,6 * 100 = 781)
Interpretation:
Index = 100: Anteil in der Teilgruppe entspricht dem Anteil der Gesamtbevölkerung
Index > 100: Anteil in der Teilgruppe ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung
überdurchschnittlich
Index < 100: Anteil in der Teilgruppe ist im Vergleich zur Gesamtbevölkerung
unterdurchschnittlich
70 Zentrale Befunde

Altersgruppe 18 bis 30 Jahre


Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Rückenschmerzen 12,3 6,2 10,8 6,3 20,2 10,3 33,6 18,0 18,3 12,0 14,7
Allergien 10,5 7,5 11,1 10,3 2,8 9,2 13,6 11,4 12,0 10,9 9,9
Übergewicht, Fettlei-
bigkeit 6,6 5,3 5,4 3,1 1,7 4,4 15,1 8,6 11,2 6,2 10,0
Migräne 5,4 6,3 6,0 3,5 4,8 7,0 14,7 5,4 8,0 5,8 5,1
Hautprobleme, Neuro-
dermitis 4,3 3,3 7,1 2,8 1,1 1,6 1,1 5,7 2,6 4,4 5,8
Magen-Darm-Proble-
me, Verdauungsstö-
rungen 3,9 4,9 3,0 1,8 2,1 0,0 6,2 4,3 5,0 3,8 7,3
Chronischer Kopf-
schmerz 3,2 3,4 4,5 1,1 3,3 2,0 12,4 3,7 3,0 3,8 3,9
Depressionen 2,6 2,5 1,9 0,5 0,0 2,6 14,2 2,6 4,7 4,2 2,8
Bluthochdruck 1,6 2,9 1,7 0,3 0,0 9,6 0,0 1,1 1,3 2,0 3,6
Chronische Atemwegs-
erkrankungen (Asthma,
Chronisch Obstruktive
Lungenerkrankungen) 1,5 1,2 0,5 0,7 0,0 4,2 0,0 2,6 2,0 2,0 1,3
Vergrößerung der
Schilddrüse, Struma 1,4 1,0 2,5 0,3 0,0 6,4 1,3 0,9 0,7 0,8 5,2
Fettstoffwechselstörun-
gen (Cholesterin) 1,2 0,5 0,8 0,2 0,0 2,2 0,0 0,9 1,0 0,6 5,0
Arthritis 0,7 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,3 0,2 0,9 4,2
Arthrose 0,5 0,5 0,0 0,2 0,0 0,0 0,0 0,3 0,5 0,4 2,3
Diabetes 0,4 0,9 0,2 0,3 0,0 0,0 0,0 0,2 0,6 0,5 0,4
Osteoporose 0,1 0,0 0,3 0,1 0,0 0,0 0,0 0,1 0,0 0,0 0,3
Mittelwert über diese
16 Krankheiten 3,5 2,9 3,5 2,0 2,3 3,7 7,0 4,1 4,4 3,6 5,1
Index* 100 83 99 56 64 106 200 118 127 104 146

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung 18 bis 30 Jahre, die bereit waren, Fragen zur
Gesundheit zu beantworten. (2.779 Fälle)
Milieuspezi¿sche burden of disease 71

Altersgruppe 31 bis 50 Jahre


Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Rückenschmerzen 29,0 26,5 21,8 29,4 31,0 37,9 26,6 33,2 33,0 30,0 27,0
Allergien 10,8 10,1 11,3 14,1 12,9 10,7 7,1 7,3 8,5 15,9 11,0
Übergewicht, Fett-
leibigkeit 10,7 7,8 11,2 7,8 13,3 16,3 13,3 11,2 14,1 11,4 8,5
Magen-Darm-Proble-
me, Verdauungsstö-
rungen 8,6 6,7 7,7 7,7 9,1 9,3 10,9 9,6 8,1 13,5 6,7
Migräne 8,6 6,5 8,5 10,3 4,7 10,6 11,2 7,7 10,9 10,0 7,4
Bluthochdruck 6,8 4,7 5,9 3,5 4,6 15,3 9,1 7,1 9,4 6,9 8,7
Fettstoffwechselstörun-
gen (Cholesterin) 4,2 2,2 4,9 4,9 4,9 3,6 3,4 2,8 6,0 5,1 5,1
Depressionen 4,0 2,2 2,5 3,3 1,7 7,6 8,4 2,3 6,2 7,0 6,3
Chronischer Kopf-
schmerz 3,9 4,9 3,5 2,6 3,1 5,8 3,6 3,6 3,9 4,4 4,4
Hautprobleme, Neuro-
dermitis 3,3 2,5 4,3 4,0 0,9 3,4 2,0 2,6 2,3 4,8 3,8
Vergrößerung der
Schilddrüse, Struma 2,5 1,6 2,2 1,5 1,1 1,2 3,1 3,0 3,9 3,7 2,4
Diabetes 2,0 0,8 1,4 1,4 1,4 1,3 8,7 1,4 4,6 2,0 2,3
Arthrose 1,9 0,7 1,6 1,9 0,2 2,5 1,2 2,6 2,0 2,8 2,5
Chronische Atemwegs-
erkrankungen (Asthma,
Chronisch Obstruktive
Lungenerkrankungen) 1,6 1,3 2,3 1,1 0,9 1,3 0,3 1,1 1,3 2,9 2,2
Arthritis 0,9 0,2 0,9 1,2 1,4 1,9 0,5 0,4 0,4 1,8 1,7
Osteoporose 0,7 0,3 0,3 0,4 0,0 0,0 2,5 0,3 0,8 1,2 2,3
Mittelwert über diese
16 Krankheiten 6,2 4,9 5,6 5,9 5,7 8,0 7,0 6,0 7,2 7,7 6,4
Index* 100 79 91 96 92 129 112 97 116 124 103

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung 31 bis 51 Jahre, die bereit waren, Fragen zur
Gesundheit zu beantworten. (5.504 Fälle)
72 Zentrale Befunde

Altersgruppe 51 bis 65 Jahre


Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Rückenschmerzen 49,2 46,2 42,4 36,8 51,0 51,0 45,5 53,4 55,2 54,4 46,8
Bluthochdruck 32,6 28,7 26,0 17,0 28,4 45,8 42,7 28,9 34,5 25,3 31,9
Übergewicht, Fett-
leibigkeit 19,5 16,2 16,5 22,9 12,6 21,2 15,6 19,3 25,9 23,8 21,3
Fettstoffwechselstörun-
gen (Cholesterin) 14,8 10,2 14,9 9,5 15,5 20,8 10,8 12,0 17,6 17,3 15,8
Magen-Darm-Proble-
me, Verdauungsstö-
rungen 13,5 14,7 8,3 18,0 12,6 11,6 13,6 12,6 16,2 18,2 17,9
Arthrose 10,3 4,6 10,4 8,5 8,9 16,3 8,0 9,0 12,0 8,8 12,6
Allergien 8,6 10,8 8,1 11,3 12,2 5,5 6,0 6,4 10,1 12,4 10,9
Diabetes 8,4 4,8 4,9 5,4 7,1 13,8 13,8 6,7 9,5 6,8 8,4
Migräne 7,1 5,6 8,5 6,4 8,3 5,0 6,6 8,7 6,9 6,5 8,2
Depressionen 5,2 3,3 3,9 11,4 2,9 4,6 5,2 3,0 7,4 12,8 7,3
Chronischer Kopf-
schmerz 5,1 5,0 5,8 7,4 8,1 5,5 3,6 4,2 3,9 11,2 2,0
Arthritis 4,9 2,9 4,0 4,8 4,0 6,6 3,4 4,2 7,1 5,6 5,6
Osteoporose 4,5 3,8 2,8 5,0 6,1 5,0 4,2 4,0 4,9 3,4 6,7
Vergrößerung der
Schilddrüse, Struma 4,3 5,7 4,3 4,5 4,2 2,8 2,3 4,3 4,9 6,2 5,8
Hautprobleme, Neuro-
dermitis 3,3 1,7 5,0 3,7 3,5 2,6 1,3 2,8 3,8 6,1 4,4
Chronische Atemwegs-
erkrankungen (Asthma,
Chronisch Obstruktive
Lungenerkrankungen) 3,0 2,4 1,4 3,8 2,9 4,2 3,3 2,3 3,6 3,0 4,2
Mittelwert über diese
16 Krankheiten 12,1 10,4 10,5 11,0 11,8 13,9 11,6 11,4 14,0 13,9 13,1
Index* 100 86 86 91 97 114 96 94 115 114 108

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung 51 bis 65 Jahre, die bereit waren, Fragen zur
Gesundheit zu beantworten. (3.205 Fälle)
Milieuspezi¿sche burden of disease 73

Altersgruppe ab 66 Jahre
Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Rückenschmerzen 59,6 52,0 49,8 53,0 52,4 64,2 70,6 57,6 54,6 56,2 47,9
Bluthochdruck 48,0 41,0 36,0 30,1 43,9 51,5 54,1 51,1 44,2 35,6 43,0
Arthrose 30,2 23,1 39,3 18,5 31,3 31,7 33,9 33,3 22,0 32,5 27,3
Fettstoffwechselstörun-
gen (Cholesterin) 23,4 21,0 32,0 26,5 20,9 26,3 15,0 16,5 24,3 34,6 24,3
Übergewicht, Fett-
leibigkeit 19,8 19,0 17,3 24,8 15,1 22,2 12,4 12,3 27,1 18,0 20,3
Diabetes 19,0 11,5 21,9 12,4 13,2 21,6 17,5 17,8 19,4 14,4 21,6
Arthritis 18,0 16,4 25,2 18,1 16,0 20,2 12,8 15,0 16,0 15,2 21,6
Magen-Darm-Proble-
me, Verdauungsstö-
rungen 16,2 20,2 14,9 29,2 14,4 14,4 17,0 19,5 18,0 4,1 19,5
Osteoporose 13,5 12,7 12,3 12,7 9,6 13,9 11,2 12,7 14,2 8,3 26,3
Chronische Atemwegs-
erkrankungen (Asthma,
Chronisch Obstruktive
Lungenerkrankungen) 6,3 10,7 4,7 17,3 5,0 3,8 12,9 10,7 4,7 2,7 7,4
Allergien 6,0 12,3 10,1 12,1 3,6 5,5 6,4 6,0 4,0 6,4 7,3
Chronischer Kopf-
schmerz 5,5 10,9 3,2 0,0 4,7 4,1 10,3 6,1 4,4 1,7 6,5
Vergrößerung der
Schilddrüse, Struma 4,5 2,0 7,2 0,0 3,7 4,2 6,2 7,5 4,1 0,0 4,4
Migräne 4,5 2,3 6,5 27,6 3,9 3,8 4,8 4,8 4,8 8,7 6,0
Depressionen 3,9 2,5 4,0 8,8 2,6 4,4 3,5 4,5 4,3 7,3 2,1
Hautprobleme, Neuro-
dermitis 3,9 2,8 7,0 8,5 1,5 3,7 4,5 1,3 3,0 4,1 13,5
Mittelwert über diese
16 Krankheiten 17,6 16,3 18,2 18,7 15,1 18,5 18,3 17,3 16,8 15,6 18,7
Index* 100 92 103 106 86 105 104 98 95 88 106

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 66 Jahre, die bereit waren, Fragen zur
Gesundheit zu beantworten. (2.084 Fälle)
74 Zentrale Befunde

Bemerkenswert ist,

ƒ dass die Milieus der Traditionsverwurzelten und DDR-Nostalgischen in allen


Alterskohorten in erheblichem Maße von Krankheiten betroffen sind;
ƒ dass das Milieu der Konservativen in allen Alterskohorten (auch im hohen
Alter) im Vergleich zu den anderen Milieus keine überdurchschnittliche
Krankheitsbelastung hat;
ƒ dass im Milieu der Konsum-Materialisten die Krankheitslast in allen Alters-
kohorten groß ist (wobei zu berücksichtigen ist, dass aufgrund der milieu-
typisch hohen Indolenz und Dissimulation die tatsächliche Krankheitslast
vermutlich noch viel höher ist);
ƒ dass auch im Milieu der Hedonisten bereits in jungen Jahren die Krank-
heitslast erheblich ist (bei unter 30-Jährigen sogar höher als bei Traditions-
verwurzelten);
ƒ dass im Milieu der Experimentalisten ein Krankheitsschub etwa in der vier-
ten Lebensdekade beginnt und dann die Krankheitslast noch höher ist als
bei Hedonisten);
ƒ dass das Milieu der Modernen Performer (mit der Maxime „work hard, play
hard“) mit zunehmendem Alter eine erhebliche Zunahme der Krankheitslast
erfährt (im Gegensatz etwa zu Konservativen).

Die hier berechnete burden of disease basiert auf Durchschnittsprozenten der Ge-
samtheit, einer Alterskohorte und eines Milieus. Somit bezieht sich der Indikator
auf ein Kollektiv (Abb. S. 75), betrachtet dieses gleichsam als Einheit, berücksichtigt
aber nicht, ob sich die burden of disease auf wenige Personen konzentriert oder
auf viele verteilt. Das ist aber für die Medizin und Gesundheitsökonomie von
erheblicher Relevanz.
Milieuspezi¿sche burden of disease 75
76 Zentrale Befunde
Milieuspezi¿sche burden of disease 77

Betrachtet man nun die Kumulation von Krankheitslasten auf der Ebene des Indi-
viduums (Abb. S. 76), dann bestätigt und verschärft sich der soeben vorgestellte Be-
fund einer milieuspezi¿schen Differenz. Im Folgenden ist ein Individual-Indikator
berechnet, wieder auf Grundlage der 16 abgefragten Krankheiten: Es wurde ana-
lysiert, wie hoch der Anteil jener ist, die derzeit von mindestens 3 der abgefragten
Krankheiten betroffen sind.

Subjektive Prävalenz:
GESAMT

„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
% % % % % % % % % % %
Mindestens 3 von 16
23,9 15,8 16,4 8,0 28,8 44,6 37,5 19,5 30,2 16,6 21,7
Krankheiten gleichzeitig
Index 100 66 69 33 121 187 157 82 126 70 91

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (13.572 Fälle), die bereit waren, Fragen
zur Gesundheit zu beantworten

Auffällig ist eine Konzentration der Beschwerden im traditionellen Segment der


Gesellschaft – insbesondere im Milieu der Traditionsver wurzelten und DDR-Nos-
talgischen, die offensichtlich Hochrisiko-Milieus sind. Der Altersdurchschnitt in
den traditionellen Milieus liegt zwar höher und das Alter erklärt einen Teil der
Unterschiede. Die festgestellten Unterschiede lassen sich aber nicht suf¿zient durch
die Altersvariable erklären; ebensowenig durch die soziale Lage. Einige Beispiele:

ƒ Die Milieus der Konsum-Materialisten und der Hedonisten haben die gleiche
soziale Lage und einen ähnlichen Altersauf bau, doch die burden of disease
ist bei Konsum-Materialisten im Durchschnitt erheblich größer.
ƒ Im gehobenen Segment haben Konservative und Etablierte eine ähnliche
soziale Lage, aber im moderneren Segment der Etablierten ist die Krank-
heitslast nur halb so groß.
ƒ Im soziokulturell modernsten Segment der Gesellschaft haben Moderne Per-
former eine nur halb so große Krank heitslast wie Experimentalisten – trotz
ähnlicher Altersstruktur.

Die Analysen zeigen, dass Alter und soziale Lage als isolierte Variable sowie
auch als kombinierte Variable nur unzureichend die burden of disease ursächlich
erklären können. Es ist notwendig zu verstehen (!), was die Menschen in den
verschiedenen Lebenswelten (= Milieus) mit „gesund / krank“ meinen, was sie
78 Zentrale Befunde

unreÀektiert im Alltag für oder gegen ihre Gesundheit tun, und was sie bewusst
zu tun bereit sind.

Höhere Krankheitslast bei Frauen

In der burden of disease gibt es ein erhebliches Gefälle zwischen Frauen und
Männern. Frauen sind sehr viel häu¿ger von einer kumulierten Krankheitslast
betroffen als Männer. Das ist ein Befund auf Basis der subjektiven Prävalenz, der
sowohl als objektive Krank heitslast interpretiert werden kann, als auch als höhere
Sensibilität (und somit Selbstachtsamkeit) sowie als geringere Robustheit. Je nach
Deutung hat das erhebliche Konsequenzen für die Ökonomie des Gesundheits-
systems, weil diese davon abhängt, welche Verhaltenskonsequenzen Frauen und
Männer in Bezug auf Prävention und frühzeitigen Arztbesuch legen.
Während der Indikator zwischen Frauen und Männern im Schnitt einen Ab-
stand von 9,7 Prozentpunkten aufweist, schwankt diese Differenz zwischen den
einzelnen Milieus doch erheblich. Diese erheblichen Schwankungen gibt es so-
wohl innerhalb der gesellschaftlichen Leitmilieus (am größten ist das Gefälle bei
Etablierten), aber auch im traditionellen Segment (größte Gender-Differenz hier
bei den DDR-Nostalgischen). Es gibt nur ein Milieu, in dem Männer eine höhere
Krankheitslast haben als Frauen: Konservative. Bemerkenswert ist, dass auch
im jungen (post-) modernen Milieusegment der Experimentalisten und Hedo-
nisten Frauen ein deutlich stärkeres Prävalenzgefälle haben als Männer – und
dort Männer mit dem Selbstbild des tough guy ihre Krankheiten eher verdrängen
und aufschieben.

Subjektive Prävalenz:
GESAMT

„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
mindestens 3 von 16
Krankheiten gleichzeitig
Frauen % 28,5 22,2 20,3 9,0 27,5 46,8 46,9 24,2 33,3 20,9 28,5
Index 100 78 71 31 97 165 165 85 117 73 100
Männer % 18,8 10,1 12,5 6,9 30,5 41,0 25,8 14,7 26,3 12,3 16,7
Index 100 54 67 37 162 218 137 78 140 65 89
Differenz
Frauen – Männer 9,7 12,1 7,8 2,1 í3,0 5,8 21,1 9,5 7,0 8,6 11,8

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (13.572 Fälle), die bereit waren, Fragen
zur Gesundheit zu beantworten.
Milieuspezi¿sche burden of disease 79

Mit steigendem Alter nimmt die burden of disease zu. Das Ausgangsniveau bei
(jungen) Männern ist deutlich niedriger als bei (jungen) Frauen. Die prozentuale
Zunahme der mehrfach Krankheitsbelasteten ist in den Altersdekaden ab 60 Jah-
ren bei Frauen und Män nern nahezu identisch. Doch in den Altersgruppen davor
(Segment 30–59 Jahre) gibt es signi¿kante Differenzen.

Subjektive Prävalenz:
GESAMT 18–29 30–39 40–49 50–59 60–69 70+
„Ich persönlich bin derzeit Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre
betroffen von…“
mindestens 3 von 16
Krankheiten gleichzeitig
Gesamt % 23,9 6,5 9,5 13,1 25,7 38,1 55,8
Frauen % 28,5 9,9 10,9 16,2 30,5 42,5 59,6
Veränderung zur jüngeren
+1,0 +5,2 +14,3 +12,0 +17,1
Alterskohorte
Männer % 18,8 3,0 8,1 9,8 20,7 33,2 50,0
Veränderung zur jüngeren
+5,1 +1,7 +10,9 +12,5 +16,8
Alterskohorte

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (13.572 Fälle), die bereit waren, Fragen
zur Gesundheit zu beantworten

Ein Blick auf die Altersgruppe 30–59 Jahre ist instruktiv, zumal diese Menschen
im Erwerbsalter sind. Interessant ist die kombinierte Betrachtung von Geschlecht
und Milieu: Auch in dieser Altersgruppe gibt es ein Gefälle in der Krankheits-
last zwischen Frauen und Män nern (6,4 Prozentpunkte). Deutlich stärker jedoch
schwanken die Unterschiede:

ƒ zwischen den Milieus: max. Differenz 12,1 %


ƒ kleinster Wert = 12,1 %: Moderne Performer
ƒ größter Wert = 24,2 %: Konsum-Materialisten
ƒ zwischen Frauen verschiedener Milieus: max. Differenz 16,8 %
ƒ kleinster Wert = 13,1 %: Moderne Performer
ƒ größter Wert = 29,9 %: DDR-Nostalgische
ƒ zwischen Männern verschiedener Milieus : max. Differenz 13,0 %
ƒ kleinster Wert = 7,8 %: Etablierte
ƒ größter Wert = 20,8 %: Konsum-Materialisten
ƒ im milieuspezi¿schen Gefälle zwischen Frauen und Männern:
ƒ kleinste Differenz = 2,0 %: Moderne Performer;
ƒ größte Differenz = 22,0 %: DDR-Nostalgische
80 Zentrale Befunde

Subjektive Prävalenz:

GESAMT
„Ich persönlich bin der- ETB PMA PER KON TRA DDR BÜM MAT EXP HED
zeit betroffen von…“
mindestens 3 von 16
Krankheiten gleichzeitig
GESAMT % 15,8 11,3 13,1 12,1 14,4 19,6 19,4 14,3 24,2 19,1 16,9
Index 100 71 83 77 91 124 123 91 153 121 107
Frauen % 19,0 15,6 17,2 13,1 16,1 21,2 29,9 16,0 27,1 23,3 18,5
Index 100 82 91 69 85 112 158 84 143 123 97
Männer % 12,6 7,8 9,0 11,1 11,0 17,2 7,9 12,6 20,8 14,7 15,7
Index 100 62 72 89 87 137 63 100 166 117 125
Differenz
Frauen – Männer 6,4 7,8 8,2 2,0 5,1 4,0 22,0 3,4 6,3 8,6 2,8

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung 30–59 Jahre (7.793 Fälle), die bereit waren, Fragen
zur Gesundheit zu beantworten

Volkskrankheit Depression

Depression ist eine weit verbreitete, meist unterschätzte, (zu) spät diagnostizierte
und immer noch stigmatisierte Volkskrankheit. Auch bei dieser Volkskrankheit
korreliert die Prävalenz mit dem Alter und mit der sozialen Lage. Bei Menschen
am unteren Rand der Gesellschaft (geringe Bildung, geringes Einkommen) sind die
subjektiven Prävalenzen für Depression deutlich höher als in gehobenen Schichten.
Die Milieuanalyse zeigt den notorischen Morbiditäts-Schwerpunkt im unteren
traditionellen Segment (Abb. S. 81). Außerdem fällt das geringe Risiko für Depres-
sionen bei den Konservativen auf – wie Traditionsverwurzelte und DDR-Nostal-
gische ein Milieu mit traditioneller Orientierung und hohem Altersdurchschnitt.
Psychosoziale Risikofaktoren für Depression im traditionellen Segment können
auf milieutypische Grundorientierungen zurückgeführt werden: Status quo-Orien-
tierung und Anpassung an die Notwendigkeiten als Lebensprinzip; auf soziale
Anerken nung bedachte Lebensführung, unbedingte Harmonie bei Freunden, Kol-
legen, Nachbarn; Geborgenheit im traditionellen Familienverband (der im Alter
wegbricht); Angst vor sozialer Stigmatisierung und Ausgrenzung; starkes Sicher-
heitsstreben (Ordnung und Sauberkeit); Besorgtheit, Misstrauen, Überforderung
gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel; Rückzug und Abschottung (heile Welt);
Bescheidenheitsethos, Verzichtsmentalität, Verleugnung der eigenen Bedürfnisse
(sich aufopfern, es dem Umfeld Recht machen wollen und dafür persönlich jeden
Preis zahlen); zunehmende Verschlechterung der ¿nanziellen Ressourcen (kleine
Renten). Die Frage ist: Was schützt im traditionellen Segment die Konservativen ?
Milieuspezi¿sche burden of disease 81
82 Zentrale Befunde

Eine Antwort liefern Einsichten in die Lebenswelt und den Habitus: Selbstbewusst-
sein als klassische Elite der Gesellschaft (Standesbewusstsein), Selbstsicherheit
durch ungebrochene Traditionsverwurzelung, Ablehnung von Opportunismus
und kritikloser Anpassung (statt es jedem Recht machen zu wollen: unbequem
sein; sagen, was man denkt); Bemühen um den Erhalt geistiger und körperlicher
Frische (gesunde Ernährung, sportliche Betätigung, Wellness-Urlaube); gutsitu-
ierte Verhält nisse, distinguierter Lebensrahmen; unprätentiös, authentisch (über
den Dingen stehen).
Hoch sind aber auch die Depressions-Prävalenzen in der modernen Unter-
schicht (v. a. bei Konsum-Materialisten), die bestrebt sind, Anschluss an die Bür-
gerliche Mitte zu halten, aber verstärkt die Erfah rung machen, vom Mainstream
und erst recht von den gehobenen Milieus ausgegrenzt zu werden (Kontaktsperre).
Viele be¿nden sich in einer ökonomisch prekären Lage, und ein Teil gibt allmählich
seine Sehnsucht und Motivation nach moderatem Aufstieg auf. Gewachsen sind in
den letzten 8 Jahren auch die Ängste im urbanen, postmodern orientierten Milieu
der Experimentalisten. Hier spielen vor allem düstere Berufsperspektiven eine
Rolle („Generation Praktikum“; die Normalität nur befristeter Zeitverträge trotz
hoher Bildung), auch Vereinsamung und die Schattenseite des Lebensprinzips
des Bohemien.
Auffällig ist die relativ geringe subjektive Prävalenz in den gesellschaftlichen
Leitmilieus sowie in der Mitte der Gesellschaft. In diesen Milieus mit gehobener
Bildung, ausgeprägten Aufstiegs- und Karriereambitionen in der „rush hour“ des
Lebens (zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr) sind Arbeitslust und Arbeitsbelas-
tung hoch. Der Arbeitsalltag dringt zunehmend in die private Lebenswelt ein (spät
abends, am Wochenende); jederzeitige und kurzfristige Verfügbarkeit für den Job
ist die Norm(alität). Der Einzelne hat immer weniger Zeit und Sphären für Rückzug
und Unerreichbarkeit. Man darf sich heute im Unternehmen keine Schwäche erlau-
ben und auf keinen Fall erkennen lassen, dass man an der Grenze der Belastung
(oder bereits jenseits dessen) ist. Die Schutzfaktoren für die eigene Gesundheit wer-
den in Zeiten ökonomischer Krisen und des unternehmerischen Wettbewerbdrucks
zurückgedrängt und haben nurmehr virtuelle Relevanz – aber kom men praktisch
nicht mehr zur Geltung. Das gilt insbesondere in Dienstleistungsbranchen wie
Informationstechnologien, Medien, Marketing, Werbe- und Kreativagenturen. Der
Einzelne ¿ndet immer weniger Zeit, sich selbst etwas Gutes zu tun – es sei denn,
er stemmt sich mit Energieaufwand gegen die Logik der Vereinnahmung durch
das Unternehmen oder seinen Verantwortungsbereich. Diese Menschen geraten in
ein System permanenter täglicher Bewährung. Sie müssen beweisen (bzw. meinen,
beweisen zu müssen), dass sie ihren Arbeitsplatz verdienen und verzichten dafür
auf vieles (v. a. Freizeit, FreundschaftspÀege, Familienalltag), um die beruÀichen
Anforderungen zu erfüllen und zu übertreffen (auch das sehen sie von außen ge-
fordert). Im Unterschied zu Menschen am unteren Rand der Gesellschaft gibt es in
Milieuspezi¿sche burden of disease 83

diesen Milieus – beruÀich wie privat – die Norm, stark und belastbar zu sein, sich
keine Schwächen zu erlauben, nicht zu klagen und seine Schwächen niemandem
anzuvertrauen. Dieses Milieu ist stark gefährdet für massive Erschöpfung und
die Prävalenz von Depression („burn-out“ ist in diesem Milieu aus Gründen der
Außenwirkung die häu¿g verwendete Vokabel für Erschöpfung und Depression).

Risikofaktor Adipositas

Die Frage nach der subjektiven Prävalenz von Übergewicht (Selbstauskunft zur
Punktprävalenz: „Bin derzeit davon betroffen“) auf bevölkerungsrepräsentativer
Basis zeigt, dass in Deutschland derzeit 14 % die Selbstwahrnehmung haben, stark
übergewichtig zu sein. Dieser Prozentwert liegt deutlich unter dem vom Robert
Koch-Institut (RKI) gemessenen Wert des BMI (Body-Mass-Index), der in einer
telefonischen Befragung aus Angaben der Körpergröße und des Kör pergewichts
errechnet wurde19. Aber auch der Wert des RKI unterschätzt vermutlich den wah-
ren Adipositas-Anteil in der deutschen Bevölkerung. Denn aus der kontrollierten
Messpraxis weiß die empirische Sozialforschung, dass die Menschen dazu neigen,
ihre Körpergröße zu überschätzen und ihr Körpergewicht zu unterschätzen. Zu
wahren (bzw. wirklichkeitsnahen) Werten kommt man somit nur, wenn nicht nach
subjektiven Einschätzungen der Körpergröße und des Körpergewichts gefragt wird,
sondern diese gemessen werden. Aber auch die subjektiven Selbstprävalenzen
sind instruktiv, denn sie illustrieren und stützen die Hypothese, dass Überge-
wicht auch ein Produkt milieuspezi¿scher Wertprioritäten und Lebensweisen ist.
Die Milieuanalyse zeigt (Abb. S. 84), dass das Problem gehäuft in den Milieus der
Traditionsverwurzelten, DDR-Nostalgischen und Konsum-Materialisten auf tritt,
das heißt, verstärkt im traditionellen Segment und in der Unterschicht sowie der
unteren Mitte, allerdings nicht in allen traditionell gesinnten Milieus, auch nicht
in allen unterschichtigen Milieus, und auch nicht in allen Milieus mit einem hohen
Altersdurchschnitt. Es ist bekannt, dass das Adipositas-Risiko mit zunehmendem
Alter steigt und mit zunehmendem Einkommen geringer wird. Aber jenseits von
Alter und sozialer Lage steuern offensichtlich auch soziokulturelle Faktoren die
Adipositas-Prävalenz.

19
Vgl. Telefonischer Gesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts, Berlin 2006 (2. Welle; 7.201 Be-
fragte): Signi¿kant sind die Geschlechterunterschiede: Bei Frauen wird „Übergewicht“ (25– < 30 BMI:
Body-Mass-Index adjustiert und gruppiert nach WHO-Klassi¿kation) bei 35,5 % identi¿ziert, „Adipo-
sitas“ (30 und mehr BMI) bei 19,3 %. Bei Männern wird „Übergewicht“ bei 50,8 % identi¿ziert, „Adi-
positas“ bei 17,0 % (s. S. 18 ff.).
84 Zentrale Befunde
Milieuspezi¿sche burden of disease 85

Signi¿ kante Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt es auch in der
Selbstwahrnehmung von Übergewicht und Fettleibigkeit. 12,3 % der Männer und
15,5 % der Frauen sagen, dass sie persönlich von Übergewicht betroffen sind. Die
Milieuschwerpunkte bei Frauen und Männern sind weitgehend ähnlich; doch gibt
es bestimmte Auffälligkeiten:

ƒ Im Milieu der Konservativen haben überdurchschnittlich viele Männer die


Selbstwahrnehmung von Übergewicht, jedoch unterduchschnittlich viele
Frauen.
ƒ Im Milieu der Experimentalisten ist der Anteil bei den Männern mit subjek-
tivem Übergewicht relativ gering; der Anteil der Frauen jedoch fast doppelt
so groß. Das kann in diesem jungen und jugendlichen Milieu damit zu tun
haben, dass Frauen eine (über-) sensible, und der Realität nicht entsprechende
Selbstwahr nehmung von Fettleibigkeit haben. Im Gegenteil gibt es auf der
Grundlage qualititativer Milieubeobachtungen und Milieubefragungen des
Sinus-Instituts Grund zur Hypothese, dass hier die Tendenz zu Untergewicht
besonders groß ist.

Was sind soziokulturelle Erklärungsansätze für eine überdurchschnittliche Adi-


positas-Prävalenz ? Greifen wir uns dazu die drei auffälligen Milieus heraus und
analysieren die jeweiligen Alltagskulturen im Umgang mit Ernährung:

ƒ Traditionsverwurzelte: Traditionelle Ernährungsgewohnheiten mit def tiger


deutscher Hausmannskost (zu einer Mahlzeit gehören Fleisch und Wurst; So-
ßen mit Mehlschwitze und viel Sahne), Kaffee und Kuchen als Routine; stren-
ge Essensrituale (typisch ist die Maxime: „Der Teller wird leer gegessen“);
gleich zeitig wenig Bewegung (sich nach einem anstrengenden Arbeitstag
bzw. Arbeitsleben ausruhen). Notorische Sorgen um die Gesundheit, hoher
Ratgeber-Konsum, Expertengläubigkeit.
ƒ DDR-Nostalgische: Frustration und Entwurzelung sind dominante Gefühle,
die mittels Essen kompensiert werden. Regulationsverlust und orale Kom-
pensation sind gepaart mit traditionellen Essgewohn heiten. Ablehnung des
modernen, westlichen Schön heitsideals, Stilisierung „proletarischer Leitbil-
der“ versus Resignation (sich aufgeben). Typisch ist die Maxime: „Man gönnt
sich ja sonst nichts“.
ƒ Konsum-Materialisten: Sorglosigkeit und Verantwortungslosigkeit im Umgang
mit sich selbst und dem Körper. Oraler Hedonismus, Essen und Trinken und
jede Art von Genussmittelkonsum als Seelentröster. Fehlende Ernährungs-
kompetenz und Esskultur, Dominanz des Convenience-Motivs („Fast
Food“, „Junk Food“). Generell wenig Aufmerksamkeit für die Gesundheit;
Desinteresse und Gleichgültigkeit als Schutz und Abwehrstrategie (sich emo-
86 Zentrale Befunde

tional und sozial nicht berühren lassen): Die prototypischen „Couch-Potatoes“


vor dem (neuen Flachbild-) Fernseher oder der Spielekonsole. Dazu kommen
(vorgeschobene) Argumente, dass man kein Geld für gutes Essen oder ein
Fitness-Studio hat. Andererseits gibt man viel Geld für Fast-Food aus, kocht
aus der Konserve und gibt den Kindern in die Schule Süßigkeiten und Ku-
chen mit („Fresspakete“ zum Verwöhnen – aber auch, weil es einfacher ist).
Gewichtsprobleme der Kinder werden nicht wahrgenommen oder verdrängt.

Die innerfamiliäre Anamnese ist aufgrund der Kommunikationskultur und des


Lebensstils in der modernen Unterschicht sehr gering; in den gehobenen Milieus
der Konservativen, Etablierten und Postmateriellen hingegen stark ausgeprägt.

Volkskrankheit Diabetes mellitus

Zu Diabetes mellitus (Typ 2) ergibt die soziodemographische Analyse einen Be-


fund ähnlich wie beim Übergewicht: Das Diabetes-Risiko steigt – jenseits der 40 –
mit zunehmendem Alter an, und es variiert mit der sozialen Lage, d. h. es ist höher
in den unteren Einkommensgruppen. Diese Ähnlichkeit war zu erwarten; denn
neben genetischen Ursachen sind die äußeren Hauptrisikofaktoren für Diabetes
mellitus Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Ernährung. Aber die Milieu-
analyse zeigt ein etwas anderes Bild (Abb. S. 87). Auffällig sind:

ƒ Eine stark überdurchschnittliche Prävalenz bei Traditionsver wurzelten; ein


mehr als doppelt so hohes Risiko wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Das ist
zum Teil auf das hohe Altersspektrum im Milieu zurückzuführen, doch reicht
dies als Erklärung nicht, denn im etwa gleich alten Milieu der Konser vativen
ist Diabetes seltener;
ƒ Keine überdurchschnittliche Betroffenheit der Konsum-Materialisten (im-
merhin das Milieu mit dem höchsten BMI);
ƒ Unterdurchschnittliche Prävalenz in der Bürgerlichen Mitte (im Unterschied
zum Problem Übergewicht / Fettleibigkeit).

Warum ist die Diabetes-Betroffenheit bei Konsum-Materialisten so gering ? Die


Wahrheit könnte banal sein: Viele Betroffene wissen möglicher weise gar nicht,
dass sie Diabetes haben, weil sie nicht zum Arzt gehen und die Krankheit nicht
diagnostiziert wird. Es gibt in diesem Milieu der Konsum-Materialisten eine hohe
Dissimulation und Indolenz: Viele verdrängen ihre gesundheitlichen Probleme,
nehmen sie nicht zur Kenntnis, wollen nicht krank sein:
Milieuspezi¿sche burden of disease 87
88 Zentrale Befunde

ƒ Männer können sich nicht leisten, krank zu sein; halten sich für „unverwüst-
lich“ (Selbstbild des tough guy).
ƒ Frauen arrangieren sich resignativ bis lethargisch mit ihrem Leiden, bei sehr
schlechter Compliance.

Die tatsächliche Diabetes-Prävalenz im Milieu ist sicher höher als die Befragungs-
daten verraten. Eine sehr späte Diagnose und schlechte Compliance erhöhen gerade
bei Diabetes mellitus erheblich das Risiko für Folgeerkrankungen und Komplika-
tionen. Dann werden eingreifende – und teure – Behandlungen, wie z. B. Ampu-
tationen oder Dialyse, deutlich häu¿ger.
Was „schützt“ die Bürgerliche Mitte im Unterschied zu Konsum-Materia-
listen ? Es ist vor allem die Adaption der Fitness- und Bio-Trends: Groß ist in der
Bürgerlichen Mitte das Interesse an Gesundheits- und Ernährungsfragen. Ausge-
wogene Ernährung, frische naturbelassene Produkte und Bio-Af¿nität spielen hier
eine große Rolle. Ebenso wächst die Wellness-Orientierung in den Dimensionen
von Lebensqualität, Balance, Harmonie – aber in der Bürgerlichen Mitte ohne
weltanschaulichen (ideologischen) Ehrgeiz, sondern moderat, Àexibel, pragmatisch.

Volkskrankheit Allergien

Ein völlig anderes Milieupro¿l zeigen die subjektiven Prävalenzen zu Allergien


(Abb. S. 89): Hier zeigen vor allem Moderne Performer und Experimentalisten, aber
auch Postmaterielle und Etablierte eine überdurchschnittliche Sensibilität – also
die gesellschaftlich gehobenen Milieus.
Menschen aus diesen Milieus lesen einschlägige Magazine, Ratgeber und
Zeitungsartikel, in denen die Themen „Allergien, Unverträglich keiten“ themati-
siert werden. Das gilt vor allem für Mütter mit kleinen Kindern aus den gehobenen
Milieus, die bei bei einer Hautirritation – medial genährt – den Verdacht einer
Unverträglichkeit oder gar Allergie haben. Frauen aus den Milieus der Postmateri-
ellen und Experimentalisten haben dazu eine starke Präferenz für Ärzte mit einer
Gesundheitsphilosophie, die nicht mehr allein auf die klassische Schulmedizin
baut, sondern primär auf alternative „weiche“ Zugänge der Diagnose und Thera-
pie setzt und die den EinÀuss der („verschmutzen“) Umwelt sowie die Reaktion
des Organismus auf diese hervorhebt. Gleichzeitig zeigen objektive Messungen
des Robert Koch-Instituts, dass die höhere Allergie-Prävalenz bei Menschen mit
gehobener sozialer Lage nicht nur auf die erhöhte „Selbstsensibilität“ zurückzu-
führen ist, sondern faktisch besteht.
Milieuspezi¿sche burden of disease 89
90 Zentrale Befunde

Im Gegensatz dazu haben Traditionsverwurzelte und Konsum-Materialisten die


zeitgeschichtlich und lebensweltlich gewachsene Alltagsphilosophie der Robust-
heit: Allergien muss man sich leisten können – doch sie selbst kämpfen in ihrem
Alltag mit so vielen „wirklichen“ Problemen des materiellen und sozialen Über-
lebens, dass sie sich solche Emp¿ndsamkeiten nicht erlauben können. In der Um-
kehrung wird diese Einstellung als Tugend und Stärke gedeutet, und macht bei
vielen Männern den Kern ihrer männlichen Identität aus: Eine „Anfälligkeit“ für
Allergien wird primär als Schwäche gedeutet. Dazu kommt, dass sich die meisten
aus diesem Milieu etwa eine Zusatz versicherung für alternative Heilmethoden
nicht leisten können; kein Geld ausgeben können und wollen für alternative Thera-
pien, die ihrem eindimensionalen Kausalitätsverständnis von „Reparatur medizin“
nicht entsprechen. Auch zeigen sie wenig Verständnis für mögliche Folgeerkran-
kungen von Allergien. All dies manifestiert sich in der Haltung, die Wirklichkeit
als gegeben hinzunehmen, ein Problem möglichst lange zu ignorieren, es auszu-
halten und nicht zu klagen.

Medikation

Mittel gegen Beschwerden

Wir haben die Bevölkerung gefragt, welche Mittel sie bei Beschwerden nehmen –
zur Behandlung oder auch Vorbeugung. Glaubt man den Aussagen, dann verwen-
den Menschen aus dem konservativen und dem traditionsverwurzelten Milieu
deutlich häu¿ger Mittel und Medikamente als andere Milieus. Hier gibt es einen
Zusammenhang mit dem fortgeschrittenen Lebensalter in diesem Segment. Dar-
auf deuten die überdurchschnittlich verwendeten Mittel gegen Rückenschmerzen,
Rheuma, Durchblutungsstörungen, Arteriosklerose, Venenerkran kungen hin.
Allerdings erklärt das Alter nicht suf¿zient die höhere Ver wendung von Mitteln
gegen Erschöpfung, Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Übergewicht, Wetter-
fühligkeit, Konzentrationsschwäche und einiges mehr. Die folgende Tabelle zeigt
weiter, dass auch die gesellschaftlichen Leitmilieus zum Teil recht unterschiedliche
Muster zeigen: Insbesondere die Postmateriellen und die Modernen Performer ha-
ben offenbar andere Verwendungsroutinen – und damit eine vermutlich je andere
Selbstwahrnehmung und Motivation zur Mittelverwendung.
Medikation 91

Bevölkerung ab 18 Jahre
„Ich nehme häu¿g

GESAMT
oder / gelegentlich Mittel
ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
– auch zur Vorbeugung –
gegen…“
% % % % % % % % % %
Erkältungen 34,6 33,8 33,7 38,9 33,0 35,7 35,8 33,6 33,2 29,8
Kopfschmerzen, Migräne 33,4 31,9 35,6 35,2 33,9 32,6 36,4 32,9 33,9 29,7
Schnupfen 31,7 31,8 30,2 36,0 30,0 30,9 31,2 31,9 32,7 31,9
Husten 31,4 30,7 30,4 33,7 28,2 34,1 30,7 30,7 31,8 27,9
Halsschmerzen 27,7 28,8 27,4 32,4 26,6 27,4 28,6 25,2 26,5 24,6
Rückenschmerzen 23,9 21,9 19,2 11,6 28,4 36,8 25,2 23,3 14,7 20,9
Rheuma-, Gelenkschmer-
15,6 11,9 9,8 5,4 17,7 33,1 11,6 15,0 8,3 13,8
zen, Arthrose
Magenbeschwerden 10,6 10,1 10,9 8,3 13,4 14,9 7,8 9,3 9,9 10,5
Zahnschmerzen 10,6 11,7 11,1 10,6 13,1 7,5 11,1 10,2 11,7 12,8
Schlafstörungen 9,4 7,2 9,6 3,9 12,7 15,9 7,3 10,2 5,5 8,7
Leichte Herz- / Kreislauf-
8,2 5,9 6,6 3,1 12,2 15,4 6,1 8,8 4,2 9,0
störungen
Erschöpfung, Abge-
schlagenheit, Schwäche- 8,2 5,3 9,5 4,7 9,2 12,3 6,6 8,0 8,1 9,4
gefühl, Leistungsabfall
Darmträgheit / Verstop-
7,1 5,5 6,4 4,1 8,3 13,7 5,4 7,1 4,1 7,4
fung
Durchblutungsstörungen 6,9 5,0 6,2 2,0 8,9 13,3 5,1 6,4 3,1 8,5
Blähungen 6,7 5,8 7,9 4,8 7,6 9,3 5,0 6,0 4,9 9,3
Arteriosklerose, erhöhte
6,5 4,9 5,3 2,0 6,5 14,3 4,4 6,6 3,0 6,5
Blutfette, Cholesterin
Übergewicht 6,4 5,6 5,6 4,6 5,6 9,1 5,9 6,8 4,4 8,3
Wetterfühligkeit 6,0 4,8 6,8 2,9 8,8 10,2 4,0 5,4 3,7 6,8
Konzentrationsschwä-
5,8 4,3 6,4 2,3 9,4 10,9 3,5 4,9 4,0 5,9
che / Vergesslichkeit
Unwohlsein nach
Alkohol- oder Tabakge- 5,7 4,4 3,8 9,2 2,0 2,3 5,7 6,0 8,8 11,4
nuss / „Kater“
Tages-Nervosität /
5,6 4,8 7,8 3,4 7,6 6,6 4,6 4,9 5,4 6,3
innere Unruhe
Venenerkrankungen,
5,4 3,8 4,8 1,6 7,1 10,4 3,7 5,2 2,9 6,8
Krampfadern
Sportlerleiden /
5,4 5,6 7,6 10,5 2,8 1,5 5,4 2,4 7,8 9,0
Sportverletzungen
Stimmungstiefs 5,3 4,8 6,5 3,7 6,8 6,1 4,5 4,6 6,0 5,7
Haarprobleme, Haar-
4,7 4,4 4,4 3,3 5,5 5,9 3,3 4,8 3,7 7,0
ausfall
92 Zentrale Befunde

Herpes, Lippenherpes 4,7 6,1 5,0 5,1 2,5 2,2 5,6 3,7 5,2 5,9
Menstruations-
4,4 4,0 6,9 8,1 3,0 0,7 6,3 3,7 5,5 3,6
beschwerden, PMS
Heuschnupfen 4,3 5,5 4,8 6,6 2,5 1,8 4,1 3,0 5,2 6,8
Durchfallerkrankungen,
3,8 2,9 4,9 2,3 4,5 4,9 3,0 4,4 2,7 4,8
Diarrhöe
Andere Allergien 3,8 4,0 3,8 5,1 3,2 2,4 3,4 2,5 4,8 6,5
Hämorrhoiden 3,4 3,0 2,9 1,7 3,4 4,6 2,6 3,1 2,9 6,0
Fußpilz 3,3 3,4 2,6 3,0 1,6 3,0 3,4 2,4 2,1 6,1
Inkontinenz, Blasen-
2,2 1,3 1,5 0,7 1,8 4,7 1,2 1,6 1,5 4,3
schwäche
Ekzeme, Neurodermitis 2,1 1,9 2,6 1,6 1,7 1,2 1,7 1,9 2,5 4,9
Akne 1,6 1,1 1,0 2,5 0,7 0,4 1,3 1,2 3,1 4,6
Andere Pilzerkrankungen 1,5 1,2 1,2 1,3 0,7 1,0 1,4 1,1 1,7 4,2

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Deutsche Wohnbevölkerung ab 18 Jahren (19.294 Fälle)

Frauen ab 18 Jahren
„Ich nehme häu¿g
GESAMT

oder / gelegentlich Mittel


ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
– auch zur Vorbeugung –
gegen…“
% % % % % % % % % %
Kopfschmerzen, Migräne 41,2 44,1 43,4 42,6 42,2 37,1 47,2 39,9 44,0 34,0
Erkältungen 38,3 42,5 34,9 39,3 35,7 38,5 40,2 38,3 39,3 31,4
Schnupfen 36,2 38,1 34,7 38,7 34,2 34,8 36,4 36,0 37,4 35,3
Husten 35,7 37,7 32,3 37,2 33,3 39,0 34,7 34,4 35,2 31,9
Halsschmerzen 31,4 35,4 30,1 33,5 31,7 29,8 32,9 28,8 31,5 27,9
Rückenschmerzen 24,8 22,3 21,6 12,3 26,2 36,9 24,1 23,1 16,0 21,6
Rheuma-, Gelenkschmer-
18,0 14,9 11,5 5,7 15,7 35,7 13,6 16,2 9,1 16,7
zen, Arthrose
Schlafstörungen 12,1 10,7 11,8 4,3 14,9 18,5 9,5 12,9 7,6 10,9
Magenbeschwerden 11,7 11,6 12,4 9,1 14,6 15,5 9,0 9,0 11,3 10,6
Zahnschmerzen 11,2 12,8 12,2 10,7 14,2 7,8 12,5 10,6 13,1 13,7
Erschöpfung, Abge-
schlagenheit, Schwäche- 9,6 6,3 12,1 5,6 11,8 13,6 7,3 8,7 9,0 10,3
gefühl, Leistungsabfall
Leichte Herz- / Kreislauf-
8,8 6,6 7,4 3,3 13,5 15,0 6,5 7,9 6,0 9,9
störungen
Darmträgheit / Verstop-
8,7 6,4 8,1 5,2 10,4 15,9 6,0 8,9 4,8 8,7
fung
Menstruations-
8,6 8,6 13,7 15,8 5,2 1,1 13,0 6,9 11,1 8,2
beschwerden, PMS
Medikation 93

Durchblutungsstörungen 7,8 5,5 7,2 2,7 10,0 13,9 5,5 6,0 4,1 9,0
Wetterfühligkeit 7,4 7,0 8,6 3,6 10,2 11,1 5,4 6,4 5,0 7,2
Blähungen 7,4 6,3 10,0 5,1 10,3 10,2 4,6 6,5 5,7 8,5
Übergewicht 7,4 7,5 6,0 5,2 7,5 9,5 6,6 7,6 5,3 9,6
Venenerkrankungen,
7,2 5,6 6,4 2,3 9,7 12,5 5,4 6,1 3,2 8,5
Krampfadern
Tages-Nervosität /
7,0 6,8 10,2 3,8 9,5 7,5 6,0 6,0 7,2 7,3
innere Unruhe
Arteriosklerose, erhöhte
6,9 5,3 4,8 2,1 7,1 14,4 3,8 6,9 2,3 7,4
Blutfette, Cholesterin
Konzentrationsschwä-
6,8 5,9 7,2 2,9 9,5 11,7 4,1 5,4 5,0 7,3
che / Vergesslichkeit
Herpes, Lippenherpes 6,6 9,0 5,9 7,0 3,6 2,8 9,1 5,4 7,9 8,5
Stimmungstiefs 6,5 6,7 8,4 4,7 8,7 6,6 5,7 5,0 7,8 6,5
Heuschnupfen 5,0 7,6 6,6 7,3 3,0 2,1 4,8 3,6 6,1 5,9
Andere Allergien 4,6 5,9 4,9 7,0 3,0 2,8 4,4 3,3 5,6 6,9
Haarprobleme, Haar-
4,6 4,6 3,9 3,2 5,3 5,0 3,5 4,7 4,7 6,8
ausfall
Durchfallerkrankungen,
4,4 3,1 6,5 2,5 6,0 5,5 3,4 4,8 2,7 4,8
Diarrhöe
Wechseljahre 4,4 5,5 6,8 3,1 7,2 2,6 3,6 5,3 2,9 4,9
Unwohlsein nach
Alkohol- oder Tabak- 3,2 2,2 2,1 4,8 0,9 0,7 3,8 2,6 7,4 7,4
genuss / „Kater“
Sportlerleiden /
3,2 3,7 4,8 6,5 1,6 0,9 2,3 1,3 4,8 7,0
Sportverletzungen
Hämorrhoiden 2,7 2,6 2,2 0,9 3,8 3,8 2,1 1,9 2,3 4,8
Fußpilz 2,6 2,7 2,1 1,9 0,9 2,6 2,6 2,1 1,4 4,6
Inkontinenz, Blasen-
2,5 1,9 1,8 1,0 2,6 4,3 0,9 1,6 1,6 4,8
schwäche
Ekzeme, Neurodermitis 2,3 1,7 3,0 1,7 2,2 1,1 2,7 1,8 2,6 5,0
Akne 1,7 1,3 1,1 3,0 0,9 0,3 1,4 1,8 4,0 4,4

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Frauen ab 18 Jahren (10.211 Fälle)

Männer ab 18 Jahren
„Ich nehme häu¿g
GESAMT

oder / gelegentlich Mittel


ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
– auch zur Vorbeugung –
gegen…“
% % % % % % % % % %
Erkältungen 30,6 26,2 32,4 38,5 29,5 31,1 31,7 28,1 27,2 28,6
Schnupfen 26,9 26,3 25,7 33,2 24,5 24,6 26,2 27,1 28,0 29,2
94 Zentrale Befunde

Husten 26,7 24,5 28,4 30,0 21,4 26,1 26,9 26,4 28,3 24,8
Kopfschmerzen, Migräne 25,1 21,3 27,6 27,4 22,8 25,3 26,1 24,9 23,8 26,3
Halsschmerzen 23,8 23,1 24,6 31,2 19,7 23,6 24,5 21,1 21,5 22,0
Rückenschmerzen 22,9 21,5 16,9 10,9 31,4 36,6 26,3 23,7 13,4 20,3
Rheuma-, Gelenkschmer-
13,0 9,4 8,0 5,1 20,2 28,8 9,7 13,7 7,4 11,6
zen, Arthrose
Zahnschmerzen 9,9 10,7 10,0 10,5 11,7 6,9 9,8 9,6 10,3 12,0
Magenbeschwerden 9,4 8,9 9,4 7,4 11,8 14,1 6,6 9,8 8,5 10,5
Unwohlsein nach
Alkohol- oder Tabakge- 8,3 6,3 5,5 13,9 3,3 4,8 7,6 9,9 10,2 14,6
nuss / „Kater“
Sportlerleiden / Sport-
7,7 7,2 10,4 14,7 4,4 2,4 8,4 3,6 10,8 10,6
verletzungen
Leichte Herz- / Kreislauf-
7,6 5,4 5,8 3,0 10,5 16,1 5,6 9,8 2,4 8,3
störungen
Erschöpfung, Abgeschla-
genheit, Schwächege- 6,8 4,4 7,0 3,9 5,7 10,3 5,9 7,2 7,3 8,7
fühl, Leistungsabfall
Schlafstörungen 6,4 4,1 7,3 3,4 9,8 11,6 5,2 7,1 3,4 7,0
Durchblutungsstörungen 6,1 4,5 5,2 1,2 7,4 12,3 4,6 6,8 2,0 8,1
Arteriosklerose, erhöhte
6,0 4,5 5,8 1,9 5,8 14,2 4,9 6,3 3,7 5,8
Blutfette, Cholesterin
Blähungen 5,9 5,4 5,9 4,5 3,9 8,0 5,4 5,3 4,1 9,9
Übergewicht 5,3 4,0 5,2 3,9 3,0 8,4 5,2 5,9 3,6 7,3
Darmträgheit / Verstop-
5,3 4,8 4,7 3,0 5,4 10,2 4,8 5,0 3,5 6,3
fung
Haarprobleme, Haar-
4,8 4,2 4,9 3,3 5,7 7,3 3,1 4,9 2,7 7,2
ausfall
Konzentrationsschwä-
4,7 2,9 5,6 1,6 9,2 9,5 3,0 4,4 3,1 4,8
che / Vergesslichkeit
Wetterfühligkeit 4,6 2,9 4,9 2,2 6,9 8,6 2,8 4,2 2,5 6,4
Hämorrhoiden 4,2 3,3 3,7 2,7 3,0 6,0 3,0 4,6 3,4 7,0
Tages-Nervosität /
4,1 3,1 5,3 2,9 5,0 5,2 3,2 3,6 3,7 5,4
innere Unruhe
Stimmungstiefs 4,1 3,1 4,6 2,7 4,3 5,2 3,3 4,1 4,3 5,0
Fußpilz 4,1 4,0 3,2 4,1 2,5 3,8 4,2 2,8 2,8 7,2
Heuschnupfen 3,6 3,7 2,9 5,9 1,8 1,3 3,4 2,2 4,3 7,5
Venenerkrankungen,
3,5 2,2 3,2 1,0 3,7 6,9 2,1 4,2 2,6 5,5
Krampfadern
Durchfallerkrankungen,
3,2 2,6 3,2 2,1 2,5 4,1 2,6 3,9 2,8 4,8
Diarrhöe
Andere Allergien 2,9 2,4 2,6 3,0 3,4 1,9 2,5 1,7 4,1 6,1
Herpes, Lippenherpes 2,6 3,6 4,0 3,1 1,1 1,1 2,3 1,7 2,5 3,9
Gesundheitliche Mitverantwortung 95

Inkontinenz, Blasen-
2,0 0,9 1,1 0,3 0,7 5,2 1,5 1,7 1,4 4,0
schwäche
Ekzeme, Neurodermitis 2,0 2,1 2,2 1,4 1,1 1,5 0,7 2,0 2,5 4,7
Akne 1,5 1,0 0,9 1,9 0,3 0,7 1,2 0,5 2,3 4,7
Andere Pilzerkrankungen 1,3 0,9 0,8 1,2 0,2 0,9 1,2 1,2 1,0 3,8

Quelle: Typologie der Wünsche Intermedia 2009


Basis: Männer ab 18 Jahren (9.083 Fälle)

Schnelle Wirksamkeit ist wichtiger als natürliche Bestandteile

Vor die Alternative schnelle Wirksamkeit versus natürliche Bestandteile gestellt,


hat die Mehrheit der Bevölkerung eine klare Präferenz: Für 68 % der Bevölkerung
ist es wichtiger, dass ein Medikament vor allem schnell wirkt; hingegen ist es
für 26 % wichtiger, dass ein Medikament eher natürliche, pÀanzliche, homöopa-
thische Bestandteile hat (die weiteren 6 % sind unentschieden).

Gesundheitliche Mitverantwortung

„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely
the absence of disease or in¿rmity“ (De¿nition von Gesundheit durch die WHO).

Die von der Bevölkerung erlebte Wirklichkeit ist, dass die Verheißung einer abso-
luten Gesundheit sowie eine medizinische Versorgung ohne Einschränkung nicht
erreichbar sind. Die Erwartungen sowohl der Gesellschaft als auch des Einzelnen
sind hierauf ausgerichtet und werden immer wieder enttäuscht. Das Gesundheits-
system gerät an die Grenzen der Finanzierbarkeit, mit der Zunahme der Lebens-
erwartung und den Fortschritten in der Medizin nehmen chronische Erkrankungen
zu. Auf der Suche nach Auswegen aus diesem Dilemma wurde in den letzten
Jahren die Übernahme von Mitverantwortung des Patienten zunehmend einge-
fordert und in diesem Kontext von „Eigenverantwortung“ gesprochen. Es ist aber
wichtig, deutlich zu machen, dass der Patient allenfalls eine „Mitverantwortung“
für Vermeidung und Behandlung von Krankheit haben kann. Der Arzt behält
selbstverständlich die Verantwortung für die Diagnose, Beratung, Medikation u. a.
96 Zentrale Befunde
Gesundheitliche Mitverantwortung 97

…zwischen Autonomie und Selbstverschuldung

Der Begriff der Eigenverantwortung ist allenfalls diffus de¿ niert. Er gewinnt
seine Faszination aus dem assoziativen Umfeld des Wunsches nach Autonomie,
Selbstbestimmung, Souveränität als Gegenpol zu Krankheit, die per se dauern-
de oder vorübergehende Beschrän kungen eben dieser Werte bedeutet, sei es auf
körperlicher (z. B. Beinbruch = Einschränkung der Mobilität), psychischer (z. B.
Depression = Einschränkung der Handlungsfähigkeit) oder sozialer Ebene (z. B.
Krankenhausaufenthalt = Beschränkung der Art und Anzahl der sozialen Kontak-
te). Sowohl der Einzelne wie auch die Gesellschaft insgesamt scheinen sich z. T. von
der Verantwortung für den kranken Menschen durch das Argument der „Selbstver-
schuldung“ zu entlasten. Verbunden mit dem Begriff der Eigenverantwortung wird
manchmal suggeriert, dass gesunde Lebensführung tatsächlich jede Krankheit
verhindert – ein nicht einhaltbares „Heilsversprechen“.

…als ¿nanzielle Beteiligung – Gesundheit als Kostenfaktor

Die Diskussion um die Zukunft des Gesundheitswesens wird seit einigen Jahren
unter dem Druck von Finanzierbarkeit und Kostenreduzierungen geführt. Zunächst
wurden im Rahmen der Gesund heitsreformen auf Seiten der Leistungsanbieter
Spar maßnahmen eingeleitet (z. B. Zulassungsbeschränkungen für niedergelassene
Ärzte, Reduzierung der Krankenhausbetten, Verlagerung von Behandlungen in den
ambulanten Bereich, Einführung der DRGs in das Krankenhausabrechnungssystem,
Einfüh rung von Festpreisen bei Medikamenten). Die Ef¿zienz der Gesundheits-
dienstleistungen sollte erhöht werden. Gleichzeitig wurden Versorgungsstrukturen
zunehmend privatisiert und Gesundheitsausgaben von öffentlichen Haushalten in
private Haushalte verschoben. Die höhere Beteiligung an den Kosten (z. B. Zuzah-
lungen zu Arzneimitteln, zu Kran ken hausbehandlungen und Rehabilitationsmaß-
nahmen, Praxisgebühr, Über nah me der Kosten für Brillengestelle, Übernahme
der Kosten für nicht-rezeptpÀichtige Medikamente) sollte zu verantwortliche-
rem Umgang mit den Ressourcen im System und damit zur Kosten kontrolle und
Kosten reduzierung beitragen.
Die Gesundheitsausgaben stiegen dennoch weiter auf zuletzt 3.070 Euro je
Einwohner bzw. 252,8 Mrd. Euro gesamt im Jahr 2007, der Anteil am BIP beträgt
nahezu unverändert 10,4 %.20 Private Haushalte tragen 13,5 % dieser Kosten, noch
im Jahr 2000 betrug dieser Anteil 10,6 %.21

20
Statistisches Bundesamt, 2009. www.destatis.de.
21
Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 48: Krankheitskosten. Berlin 2009.
98 Zentrale Befunde

Diese „Verschiebung“ der Kosten in den privaten Bereich hat den Anstieg
der Kosten selbstverständlich nicht verhindert. Eine ¿nanzielle Eigenbeteiligung
wird im deutschen Gesundheitssystem durch verschiedene Zuzahlungen seit Jah-
ren praktiziert. Entlastet wurden seit dem Jahr 2000 vor allem die öffentlichen
Haushalte, deren Ausgaben gesunken sind, während die Ausgaben aller anderen
Ausgabenträger gestiegen sind.
Die Beschränkung von Leistungen (Beispiele Zahnersatz, frei verkäuÀiche
Arzneimittel), die Privatisierung von Leistungen (Einführung der IGe-Leistun-
gen in den Arztpraxen) und Strukturen (Privat praxen), sowie die zunehmende
Ungleichbehandlung von Kassen- und Privatpatienten (z. B. Wartezeiten), ver-
stärkten die aktuelle Diskussion um die Zweiklassenmedizin.
Ein medizinischer Effekt entsteht insbesondere für die besonders gefähr-
deten Menschen mit erhöhtem Armutsrisiko – aktuell 13,5 % der Bevölkerung.22
Finanzielle Ressourcen, die für Eigenbeteiligungen verwendet werden, stehen an
anderer Stelle (z. B. Ausgaben für bessere Ernährung oder Sportverein) nicht zur
Verfügung.
Bevölkerungsgruppen mit höherem Einkommen sind eher in der Lage, bei
ihren Ausgaben eigene Prioritäten zu setzen. Auch hier ist ein un mit telbarer
medizinischer Effekt einer Beteiligung an den Kosten nicht zu erwarten. Es ist
zu erwarten, dass Ausgaben für Gesundheit bzw. Behandlung von Krank heit an
milieuspezi¿schen Wertesystemen orientiert werden.

…als aktive Teilnahme an Prävention von Krankheit

Gesunde Lebensführung (Ernährung, Sport, Hygiene…) und Teilnah me an prä-


ventiven medizinischen Maßnahmen (z. B. Impfungen) verringern das Risiko für
Krankheit. Bekannt sind erhebliche Unterschiede (und auch De¿zite) beim Ge-
sundheitsverhalten abhängig von Alter und Geschlecht, sozialer Lage und sozio-
kultureller Identität.
Die Daten zeigen ein weit überdurch schnittliches allgemeines Gesund-
heitsbewusstsein bei Angehörigen der gebildeteren und etablierteren Milieus, in
allen Milieus achten die Männer weniger auf ihre Gesundheit als die Frauen. Gleich-
zeitig fühlen sich diese Menschen auch deutlich kompetenter in Gesundheitsfragen.

22
Robert Koch-Institut (Hrsg.): Gesundheit in Deutschland. Berlin 2006, 5.
Gesundheitliche Mitverantwortung 99

GESAMT
„stimme voll und ganz zu“ ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED

% % % % % % % % % %
Ich achte sehr auf meine
22,2 39,0 21,4 21,2 35,4 23,9 21,5 12,5 13,5 22,2
Gesundheit
Ich achte sehr darauf, kör-
20,1 37,6 19,3 37,2 20,4 8,8 19,8 10,5 20,6 20,1
perlich ¿t zu sein
Ich achte sehr auf gesunde
17,3 32,2 18,9 18,5 27,6 17,4 14,3 8,5 11,5 17,3
Ernährung
Ich nutze gerne Lebens-
mittel und Getränke, die
mit zusätzlichen Inhalts-
stoffen angereichert sind
(z. B. Omega-3-Fettsäuren, 5,9 10,9 4,9 8,4 6,4 4,4 5,0 3,3 5,6 5,9
Ballaststoffe, etc.) und die so
einen positiven Effekt auf die
Gesundheit haben („Functio-
nal Food“)

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Bevölkerung ab 18 Jahren (29.630 Fälle)

Informations- und Bildungsunterschiede, verschiedene Arbeitswelten und -belas-


tungen, Unterschiede der zur Verfügung stehenden Ressourcen spielen eine
erhebliche Rolle in der Beurteilung des persönlichen Stellenwerts von gesund-
heitsfördernden Maßnahmen und spiegeln gleichzeitig Möglichkeiten und Grenzen
der Übernahme von Mitverantwortung im Bereich der Prävention wider. Nicht
erreichbar durch das Konzept der Mitverantwortung sind z. B. beruÀiche Risiko-
faktoren und Umweltbelastungen. Ansatzpunkte gibt es im privaten Bereich. Hier
gilt es, wirksame Konzepte zu entwickeln.
„Für die Anwendung in Gesundheitsförderung und Prävention erweisen
sich Lebensstile als Konstrukte mit großer Nähe zum alltäglichen Leben und
zu kon kreten Lebenswelten der Menschen.“23 Vom Robert Koch-Institut wird in
der zitierten Studie ein deutlicher Forschungsbedarf vor allem bei der Erhebung
alltagsrelevanter Lebensfüh rungsaspekte festgestellt, um auf Basis dieser Daten
kon krete Zielgruppen zu de¿nieren und angemessene gesundheitsfördernde An-
gebote zu ent wickeln.

23
Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Lebensführung und Sport. Berlin 2006.
100 Zentrale Befunde

…als Mitwirkung bei der Früherkennung von Krankheit

Bei vielen Erkrankungen führen Vorsorge und Früherkennung zu besseren


Behandlungsergebnissen. Hieraus resultieren die entsprechenden Programme (z. B.
Kinderuntersuchungen U1–U8, Krebsfrüherkennung). Bekannt ist, dass weniger
als die Hälfte der Frauen und weniger als ein Fünftel der Männer an Krebsvorsorge-
untersuchungen teilnimmt.
Fragt man die Bevölkerung, ob sie an Vorsorge- und Früherkennungs-
maßnahmen teilnimmt, bestätigt sich das Gefälle zwischen Frauen und Männern.
Vor allem aber werden signi¿kante Unterschiede zwischen den Milieus sichtbar.24

Bevölkerung ab 18 Jahren:
GESAMT

„Ich nehme regelmäßig Vor-


sorge- und Früherkennungs- ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
untersuchungen in Anspruch“
% % % % % % % % % %
stimme voll und ganz zu 25,3 36,5 25,1 18,0 44,1 33,4 27,2 17,5 13,3 13,1
stimme weitgehend zu 36,2 34,9 40,2 31,6 38,9 35,7 37,9 34,7 31,2 39,2
stimme eher nicht zu 25,0 20,2 24,7 28,9 11,3 21,0 21,9 31,3 33,5 32,6
stimme überhaupt nicht zu 13,5 8,4 10,0 21,5 5,7 9,9 13,1 16,5 22,0 15,2

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Bevölkerung ab 18 Jahren (29.630 Fälle)

Frauen:
GESAMT

„Ich nehme regelmäßig Vor-


sorge- und Früherkennungs- ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
untersuchungen in Anspruch“

% % % % % % % % % %
stimme voll und ganz zu 32,4 47,6 33,2 25,9 49,8 36,7 36,3 22,2 19,8 15,2
stimme weitgehend zu 39,7 35,4 43,9 37,6 38,4 36,8 41,0 40,0 39,0 44,8
stimme eher nicht zu 20,0 11,7 17,1 24,1 7,8 19,2 15,5 27,3 29,2 31,4
stimme überhaupt nicht zu 7,9 5,3 5,8 12,4 4,0 7,4 7,1 10,5 11,9 8,6

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Frauen ab 18 Jahren (15.290 Fälle)

24
Die folgenden Fragen wurden in der VerbraucherAnalyse 2009 erhoben. Diese Daten liegen
milieuspezifisch zur Auswertung vor; jedoch hatte das Sinus-Institut keinen Einf luss auf die
Fragenformulierung.
Gesundheitliche Mitverantwortung 101

Männer:

GESAMT
„Ich nehme regelmäßig Vor-
sorge- und Früherkennungs- ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
untersuchungen in Anspruch“
% % % % % % % % % %
stimme voll und ganz zu 17,8 27,5 16,7 10,5 35,5 27,6 17,0 12,6 7,7 11,5
stimme weitgehend zu 32,5 34,5 36,5 25,9 39,7 33,9 34,3 29,1 24,6 35,1
stimme eher nicht zu 30,4 27,2 32,6 33,4 16,5 24,2 29,0 35,6 37,2 33,4
stimme überhaupt nicht zu 19,4 10,9 14,3 30,2 8,3 14,4 19,7 22,8 30,6 20,0

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Männer ab 18 Jahren (14.340 Fälle)

Die verschiedenen sozialen Milieus schät zen ihre Kompetenz in Gesundheits-


fragen erheblich unterschiedlich ein. Die Befunde zeigen, je höher die Kompetenz
in Gesundheitsfragen eingeschätzt wird, desto häu¿ger wird der Arzt aufgesucht
und auch bei rezeptfreien Medikamenten um Rat gefragt.

Ausgeprägtes Verhaltensmuster:
GESAMT

„stimme voll und ganz zu“ ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED

% % % % % % % % % %
Auch bei rezeptfreien Medika-
menten lege ich Wert auf die 16,5 25,5 13,0 14,7 26,7 20,9 15,3 10,9 10,0 10,8
Empfehlung eines Arztes
Bei den meisten leichten
Beschwerden gehe ich nicht
17,3 25,2 16,5 24,9 15,1 10,3 18,9 14,0 20,4 13,2
zum Arzt, sondern hole mir
ein Mittel aus der Apotheke
Beim Kauf von rezeptfreien
Medikamenten achte ich auf 13,4 27,5 11,2 15,5 20,9 14,2 11,4 6,8 8,5 9,4
die Marke
Ich frage bei rezeptfreien
Arzneimitteln oft nach preis- 14,9 16,0 12,8 16,7 12,7 13,0 14,9 14,4 17,3 13,5
werten Alternativen

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Bevölkerung ab 18 Jahren (29.630 Fälle)
102 Zentrale Befunde

Verhaltenstendenz:

GESAMT
„stimme voll und ganz
ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
zu / „stimme eher zu“

% % % % % % % % % %
Auch bei rezeptfreien Medika-
menten lege ich Wert auf die 35,4 44,4 37,1 34,7 34,9 32,3 30,1 30,1 33,6 46,6
Empfehlung eines Arztes
Bei den meisten leichten
Beschwerden gehe ich nicht
60,4 71,4 58,0 55,3 66,8 64,1 62,1 54,0 50,8 56,6
zum Arzt, sondern hole mir
ein Mittel aus der Apotheke
Beim Kauf von rezeptfreien
Medikamenten achte ich auf 59,9 68,5 63,1 69,0 50,7 44,2 65,4 57,1 63,8 60,9
die Marke
Ich frage bei rezeptfreien
Arzneimitteln oft nach preis- 55,1 72,4 56,3 57,8 61,1 53,6 53,6 45,1 45,9 54,7
werten Alternativen

Quelle: VerbraucherAnalyse 2009


Basis: Bevölkerung ab 18 Jahren (29.630 Fälle)

…als Mitarbeit bei der Behandlung von Krankheit

Mitverantwortung in diesem Bereich lässt zunächst an die Selbstbehandlung bana-


ler Erkrankungen denken. Dies erfordert die – eigenverantwortliche – Beurteilung
des Zustandes „ich bin nicht ernst haft krank“, der Kompetenz „ich weiß, was
zu tun ist“ und der Möglich keiten „ich kann das tun, was erforderlich ist“. Die
Möglich keit, rezeptfreie Medikamente zu kaufen und die Einführung der Nicht-
erstattungsfähigkeit dieser Medikamente setzt diese Fähigkeit voraus. Angenom-
men werden darf auch hier, dass diese Fähigkeiten ungleich verteilt sind.
Der zweite für den Erfolg einer medizinischen Behandlung höchst wichtige
Bereich der Mitarbeit eines Patienten ist die Compliance. Viele Untersuchungen
belegen, dass Non-Compliance eines der großen praktischen Probleme der Medizin
ist. Die Compliance-Forschung hat gezeigt, dass Non-Compliance weiter verbreitet
ist als allgemein angenommen:

ƒ 35–40 % aller verordneten Medikamente werden nicht eingenom men (ge-


schätzter volkswirtschaftlicher Schaden in der Bundesrepublik Deutschland
jährlich 5–7 Milliarden DM).
Gesundheitliche Mitverantwortung 103

ƒ Die regelmäßige Einnahme selbst lebensnotwendiger Medikamente liegt unter


50 %.
ƒ Die Non-Compliance bei Hypertonikern beträgt 50–80 %.
ƒ Diabetikerinnen essen täglich 100–200 kcal mehr als gleichaltrige stoffwech-
selgesunde Frauen.
ƒ Die Non-Compliance für Schwangerschaftsgymnastik liegt bei 50 %.25

An diesen Daten aus dem Jahre 1992 hat sich nichts geändert, eine Expertise der
Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2003 beschreibt: „Unabhängig von Krank-
heit, Art der Behandlung oder Alter befolgen nur maximal 50 % der Patienten mit
chronischen Krankheiten genau den ärztlichen Rat, selbst bei lebensbedrohlichen
Erkran kungen. Die daraus resultierenden direkten und indirekten medizinischen
Kosten werden in Deutschland auf jährlich bis zu 10 Milliarden Euro geschätzt,
sie liegen damit in der Größenordnung der Ausgaben für große Volkskrankheiten
wie etwa die koronare Herzkrankheit.“ 26 Auf der wissenschaftlichen Seite besteht
ebenfalls an vielen Punkten weiterer Forschungsbedarf, insbesondere bei den Ein-
Àussfaktoren der Compliance und bei der Wirksamkeit Compliance-fördernder
Maßnahmen unter den Bedingungen des deutschen Gesundheitssystems.
Compliance ist unmittelbar abhängig von einer gelungenen Kommu ni ka-
tion zwischen Arzt und Patient. Bekannte Gründe für Non-Compliance sind un-
vollständige und / oder nicht verstandene Informationen, Widerstände von Seiten
des Patienten bestimmte Medikamente einzunehmen (Patientenaussagen: „Cor-
tison ist ungesund“, „Antibiotika zerstören die DarmÀora“, „Betablocker machen
impotent“), fehlendes Vertrauen in die Wirksamkeit und schließlich Verdrängung
der Krankheit selbst.
Zwischen den verschiedenen sozialen Milieus gibt es Unterschiede in der
Compliance überhaupt, aber auch Unterschiede für bestimmte Behandlungen. In
der qualitativen Befragung genannte Beispiele sind z. B. der Widerstand gegen eine
Behandlung mit Antibiotika im Postmateriellen Milieu oder Nichteinnahme von
Medikamenten gegen hohen Blutdruck oder Diabetes bei Konsum-Materialisten.

25
Geisler, Linus: Arzt und Patient – Begegnung im Gespräch. 3. erw. AuÀage, Frankfurt a. Main, 1992.
26
Bührlen, B.: Verbesserung der Arzneimittelversorgung durch Steigerung der Compliance. Expertise
für die Hans-Böckler-Stiftung 2003.
104 Zentrale Befunde

…und neue Technologien

Neue Entwicklungen der Medizintechnik eröffnen ein weites Feld an Einsatz-


chancen. Zu denken ist hier z. B. an Self-Monitoring und Telemedizin.27 Allerdings
erfordern alle Einsatzbereiche moderner Technologien im ambulanten bzw. häus-
lichen Bereich ein hohes Maß an Compliance und nahezu immer eine intensive
Patientenschulung. Selbst unter Studienbedingungen und einfacher Technologie
sind Compliance-Probleme bekannt. Der erfolgreiche Einsatz hängt von Fähig-
keiten und Einstellungen der Patienten ab.

Ausgeprägte Einstellung:
GESAMT

„stimme voll und ganz zu“ ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED

% % % % % % % % % %
Ich ¿nde es gut, wenn der
Arzt über alle vorhergehen-
37,7 47,2 41,4 41,6 46,7 38,1 43,6 29,6 32,2 19,3
den Behandlungen Bescheid
weiß
Ich würde mich fremdbe-
stimmt fühlen, wenn mein
Gesundheitszustand durch 31,5 24,0 35,5 28,8 43,1 38,6 41,1 26,8 21,0 17,6
moderne IT dauernd über-
wacht wird
Durch die Datenspeicherung
sind meine Patientenrechte 23,6 19,2 23,6 20,9 27,3 27,8 30,3 20,1 19,3 15,9
in Gefahr
Mir wäre es unangenehm,
wenn Ärzte und Apotheker
15,9 11,8 13,9 15,1 20,4 14,6 18,0 16,0 19,0 15,9
meine gesamte Krankenge-
schichte einsehen können
Ich habe nichts gegen
einen Chip am Körper, der
10,3 17,4 6,0 16,0 13,5 8,0 10,5 5,9 12,3 8,8
meinen Gesundheitszustand
überwacht

27
Erste Ergebnisse aus Modellprojekten sind ermutigend, z. B. Kosteneffektivitätsanalyse einer in-
tensivierten telemedizinischen Betreuung bei Herzinsuf ¿zienz; Janßen, H. / Becker, R. (Institut für
Gesundheits- und PÀegeökonomie, IGP, Bremen); Fidorra, K. (St. Vinzenz-Krankenhaus, Limburg);
Zucca, F. ( Hochschule Niederrhein, Krefeld); Heuzer, V. (Tau nus Betriebskranken kasse, Frankfurt);
Nienaber, C. (Universitätsklinikum Rostock) 2009.
Gesundheitliche Mitverantwortung 105

Einstellungstendenz:

GESAMT
„stimme voll und ganz
ETB PMA PER KON TRA BÜM MAT EXP HED
zu / „stimme eher zu“

% % % % % % % % % %
Ich ¿nde es gut, wenn der
Arzt über alle vorhergehen-
81,2 87,2 84,7 83,2 82,9 79,1 85,7 79,5 78,5 71,0
den Behandlungen Bescheid
weiß
Ich würde mich fremd-
bestimmt fühlen, wenn mein
Gesundheitszustand durch 64,6 57,5 68,6 55,4 70,3 70,1 74,2 64,5 61,6 50,4
moderne IT dauernd über-
wacht wird
Durch die Datenspeicherung
sind meine Patientenrechte 55,2 45,7 55,3 47,9 52,0 60,4 61,3 58,6 53,9 47,8
in Gefahr
Mir wäre es unangenehm,
wenn Ärzte und Apotheker
38,8 37,7 34,4 32,9 41,1 33,1 40,4 43,1 46,2 41,5
meine gesamte Krankenge-
schichte einsehen können
Ich habe nichts gegen
einen Chip am Körper, der
30,6 41,4 22,4 38,5 24,6 20,6 25,3 28,5 37,5 44,5
meinen Gesundheitszustand
überwacht

Quelle: Sinus Repräsentativstudie AACC (Anywhere Anytime Computing and Communi-


cation) 2007
Basis: Deutsche Wohnbevölkerung (5.030 Fälle)
4-stu¿ge Skalierung: „stimme voll und ganz zu“ / „stimme eher zu“ / „stimme eher nicht
zu“ / „stimme überhaupt nicht zu“.

Privilegierte Schichten in Deutschland sind gesünder und haben eine längere


Lebenserwartung als Menschen, die über eine geringere Bildung, weniger Ein-
kommen und einen niedrigeren Berufsstatus ver fügen. Die Gründe liegen in
Unterschieden der gesundheitlichen Belastungen (z. B. Arbeitsbedingungen), der
Bewältigungsressourcen (z. B. soziale Unterstützung) und Unterschieden in der
gesundheitlichen Versorgung (z. B. Arzt-Patient-Kommunikation) und schließlich
in Unterschieden im Gesundheitsverhalten28. Die Möglichkeiten, Fähigkeiten und
Ressourcen zur Übernahme von Verantwortung für…

28
Mielck, Andreas: Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion.
Bern 2005.
106 Zentrale Befunde

ƒ Prävention, Früherkennung und Behandlung von Krankheit,


ƒ ¿nanzielle Beteiligung,
ƒ Nutzung moderner Techniken (Self-Monitoring; Telemedizin)

… sind grundsätzlich begrenzt und stehen den verschiedenen Milieus in unter-


schiedlichem Ausmaß zur Verfügung. Die De¿zite im Gesundheitsverhalten und
bei der Früherkennung und Behandlung von Krank heiten zeigen dringenden
Handlungsbedarf.
Notwendig erscheint zunächst die Beschreibung von spezi¿schen Zielgrup-
pen unter besonderer Berücksichtigung von Risiko- und Schutz fak toren und
spezi¿scher Krankheitslast. Auf der Grundlage de¿nier ter Zielgruppen kön nen
zielgruppenspezi¿sche Angebote entwickelt werden. Eine zielgruppenspezi¿sche
Stärkung der Kompetenzen und damit auch Fähigkeit zur Übernahme von (Ei-
gen-) Verant wor tung in bestimmten Bereichen kann zu gesundheitsbewussterem
Lebensstil, zu besserer Compliance und zu geringerer Krankheitslast beitragen.

Grenzen der Mitverantwortung – milieuspezi¿sche Ansichten

Weite Teile der Bevölkerung halten es für sinnvoll und angesichts der Finanz-
situation der Krankenkassen auch für notwendig, dass sich Menschen zusätzlich
krankenversichern sollen, wenn sie bestimmte (genetische) Risikofaktoren haben
oder ein gesund heitlich riskantes Verhalten zeigen: z. B. stark Übergewichtige,
Extremsportler, Raucher u. a. Dies scheint ein einfacher, gerechter und richtiger
Schritt zu sein, das Gesundheitssystem zu entlasten und jene mehr zu belasten,
die mehr Leistungen in Anspruch nehmen. Das Prinzip ist Erziehung zu mehr
Mitverantwortung.
Doch es gibt eine Reihe von Menschen, vornehmlich aus den Milieus der
Postmateriellen und der Konservativen, die davor warnen, das Solidaritätsprinzip
aufzugeben: Sie argumentieren, dass Gesundheit und Krankheit nach der Logik
konsequenter Mitverantwortung nurmehr als „Eigenverschulden“ begriffen werden
würde und dann konsequent jene „bestraft“ werden müssten, die durch „Versa-
gen“ krank werden und damit das System belasten. Was aber ist mit jenen, die
nicht eigenverantwortlich handeln konnten, weil sie zum Beispiel als Kind in
der Obhut von Eltern waren, die sich nicht um ihre Ernährung, Bewegung, Son-
nenschutz etc. kümmerten. Sie verweisen auf das Problem selbstgewählter und
nicht-selbstgewählter Risiken. Es entstehe das basale Problem der Zuschreibung
von Kausalität: Kann eine bestimmte Krankheit monokausal und eindeutig ei-
nem bestimmten Verhalten zugeschrieben werden ? Das scheint aus Sicht dieser
Milieus kaum möglich, denn viele Krankheiten (v. a. Volkskrankheiten) beruhen
auf multifaktoriellen Krankheitsgenesen, die zudem in komplexen, nicht-linearen
„Gesundheitssystem“ oder „Krankheitssystem“ ? 107

Wechselwirkungen stehen. Dies erlaube keine dichotome Zuschreibung von retro-


spektiver Verantwortlichkeit.
Insofern müsse – so die Ansicht einiger Protagonisten aus diesen Milieus –
der Begriff der Mitverantwortung entweder inhaltlich präzisiert und von der
Bedeutung der Vollkasko-Eigenverantwortung gelöst werden, oder er sollte auf-
grund seiner weitreichenden Implikationen aufgegeben und durch den Begriff
der „Mitverant wortung“ ersetzt werden. Denn letztlich könne der Einzelne nicht
mehr als eine Mitverantwortung tragen. Damit aber seien die Probleme der kau-
salen Zuschreibung noch nicht gelöst.

„Gesundheitssystem“ oder „Krankheitssystem“ ?

Insbesondere im Milieu der Postmateriellen, aber auch bei Teilen der gehobenen
Milieus drückt sich das Unbehagen mit der aktuellen ¿nanziellen SchieÀage des
Gesundheitswesens in einem grundsätzlichen Nachdenken über das System aus.
Sie stellen die Frage: „Wir sagen zwar Gesundheitssystem, aber in Wirklichkeit
beschäftigt sich das System ausschließlich mit dem Thema Krankheit.“29 Die Bau-
steine des Systems mit den verschiedenen Teilsystemen seien so aufgestellt und
funktional verbunden, dass man nicht mit Gesundheit Geld verdiene, sondern mit
Krankheit. Ärzte und Krankenhäuser kommen erst auf ihre Kosten (bzw. machen
nennenswerten Umsatz), wenn der Mensch mit einer Krankheit zu ihnen kommt
und sich behandeln lässt. Mit gesunden Menschen verdiene man kein Geld. Der
Ansatz liege auf der Krankheitsbehandlung, nicht auf der Stärkung von Gesundheit.
Das sei ein gut funktionierender, aber letztlich fataler Kreislauf.
Dabei wird kritisch reÀektiert, dass sich bei einer Umkehrung der Perspektive
die Probleme türmen: Kann ein Arzt die Verantwortung für die Gesundheit eines
Patienten übernehmen ? Welche Rolle kann / soll der Arzt (und das Gesundheits-
system) bei der Gesundheitsförderung spielen? Wie können Gesundheitsförderung
und Krank heitsvermeidung honoriert werden, so dass sie an die erbrachte und
nachweisliche Leistung des Arztes gekoppelt sind ? Mit diesen Fragen weisen die
Befragten darauf hin, dass es zu einer paradig matischen Umstellung kommen
müsse vom reinen „Reparaturbetrieb“ hin zu einem ganzheitlichen Ansatz mit der
Vision der Krankheitsvermeidung und Gesundheitsförderung. ReÀexartig wenden
diese Meinungsbildner gegen ihre eigene Vision ein, dass ein Gesundheitswesen
natürlich nicht nur auf Prävention setzen dürfe, sondern immer auch „Reparatur-
betrieb“ zur Heilung sein müsse („Knochenbrüche, Krebs und anderes: Da muss
man behandeln !“).

Zitat einer postmateriellen Frau, die als Ärztin tätig ist; ähnliche Aussagen kamen auch von Post-
29

materiellen außerhalb des Gesundheitssektors


108 Zentrale Befunde

Jene, die sich mit dieser „Systemfrage“ befassen, interessieren sich für ge-
sundheitspolitische Fragen und informieren sich aktiv über Strukturen und De-
batten der Gesundheitsreform. Vor diesem Hintergrund fordern sie systematisch
mehr Prävention, so dass sich damit das bestehende Gesundheitssystem in Rich-
tung „Gesundheit“ bewegt, und so das System seinem Namen gerecht wird.

ReÀexivität von Prävention

Insbesondere Frauen aus dem Postmateriellen Milieu30, die einerseits eine Reform
des Gesundheitssystems zu mehr Prävention fordern, zeigen zugleich Unsicherheit
und Skepsis gegenüber etablierten medizinischen Früherkennungsuntersuchungen.
Ihre Zweifel und auch Ablehnung einiger bestimmter Screenings gründen in den
Fragen,

ƒ ob für den Einzelnen der Nutzen wirklich größer ist als der Schaden, den die
Untersuchung selbst erzeugt mit ihren organischen und auch emotionalen,
psychischen Folgen (ReÀexivität medizinischer Prävention).
ƒ ob Screening-Untersuchungen zwar in der Masse die statistische Chance
reduzieren, an z. B. einer bestimmten Krebserkrankung nicht zu sterben,
dass dieser Effekt aber so klein ist (0,5 bis 1 %), dass am Ende nur wenige
davon pro¿tieren. Die Effekte von Früherkennungsuntersuchungen werden
erst sichtbar und zählbar relevant, wenn man sie auf die Gesellschaft hoch-
rechnet (Mikro-Makro-Dislink).

Damit schließt sich der Zirkel zum ersten Punkt, denn für den Einzelnen stellt
sich die Frage, ob er die mit Screenings verbundenen Risiken eingehen soll,
wenn diese nur makromedizinisch (bzw. makroökonomisch) einen Effekt haben.
Durch die Teilnahme an Früherken nungsuntersuchungen steigt die Chance, nicht
an einer bestimmten Krebsart zu sterben, für den Einzelnen nur geringfügig;
gleichzeitig wird bei allen Teilnehmern eine eingreifende Diagnostik durchge-
führt. Fragen und Ängste stehen bei den Patienten in einer solchen Situation im
Raum: Kommt es zu Fehldiagnosen und auch bei nicht-erkrankten Patienten zu
unnötigen Medikamenteneinnahmen und auch Operationen ? Wie sind die phy-
sischen und auch psychischen Belastungen und Risiken ? Wenn man zu einer

30
Aber auch einige Frauen und Männer aus anderen gesellschaftlichen Leitmilieus; Meinungsbildner
und Multiplikatoren; einige davon mit beruÀichem Bezug zum Gesundheitswesen. Wie groß der An-
teil ist, ist repräsentativ nicht gemessen. Schätzungen gehen von 10 bis 15 % in den gesellschaftlichen
Leitmilieus der Konservativen, Etablierten und Modernen Performer aus; bei den Postmateriellen
von ca. 15–20 %.
ReÀexivität von Prävention 109

Früherkennungsuntersuchung geht: Ist es nicht sinnvoll, zum Abgleich weitere


Untersuchungen durchführen zu lassen ? Begibt man sich damit in die „Maschi-
nerie der Früherkennungsuntersuchungslogik“ mit den entsprechenden Unsicher-
heiten und Risiken ? Dazu kommt die Frage nach der Quali¿kation der Ärzte und
der Qualität der Instrumente in den Praxen: Denn davon hängt entscheidend die
Chance bzw. das Risiko für den Einzelnen ab, dass eine Erkrankung identi¿ziert
wird bzw. es nicht zu Fehldiagnosen kommt. Aus eigener Erfahrung weiß man,
dass Ärzte nicht alle gleich gut sind und sich vor allem Hausärzte nicht die neueren
technologischen Geräte leisten und sich selbst nicht mit den aktuellen Indikatoren
vertraut machen können (Kapital- und Kapazitätsproblem): Unausgebildet oder
unerfahren in der Diagnose mit neueren Screening-Verfahren oder mit veralteten
Geräten und Indikatoren mit einer hohen Fehlertoleranz arbeiten. Das steigert
die Unsicherheit bei Vorsorgeuntersuchungen. Die klassische Variante, dann zum
Facharzt zu gehen, erfährt ebenfalls Zweifel, weil auch Fachärzte nicht alle gleich
gut, manche nicht mehr auf dem neuesten medizinischen Stand und einige schlicht
auf den Trend zu Vorsorgeuntersuchungen aufgesprungen sind ohne die notwen-
dige – und kontinuierliche – Investition in Technologie und Know-how.
Dies ist keine objektive Beschreibung der Wirklichkeit, sondern eine ob-
jektive Beschreibung von subjektiven Perspektiven. In solcher Weise informiert,
aufgeschreckt und verunsichert ist ein Teil der höher Gebildeten durch Berichte
in überregionalen Magazinen, Zeitungen, Fachzeitschriften und TV-Sendungen,
von denen einige unbedingt zu Früherkennungsuntersuchungen raten, andere auf-
grund des geringen Nutzens und der Nebenfolgen auf Distanz gehen oder gar ab-
raten. Einige der in dieser Studie des Sinus-Instituts Befragten informieren sich
kontinuierlich über Gesundheit und Gesundheitspolitik, hatten diverse Artikel
der letzten Monate aufbewahrt und zum Teil (vermeintlich) detailliertes Wissen
über Zahlen und Zusammen hänge. So ist die Unsicherheit da, die Teilnahme an
Früherkennungsuntersuchungen sei selbst ein Gesundheitsrisiko, über dessen Nütz-
lichkeit selbst die medizinischen Experten uneinig sind und streiten. Denn trotz
aller Bedenken halten diese Befragten grundsätzlich fest am Prinzip, dass Früh-
erkennung ein wichtiger Weg ist (siehe vorherigen Abschnitt „Gesundheitssystem“
oder „Krankheitssystem“).
Denn nicht nur die Kritiker solcher Ansichten, sondern die Skepiker selbst
betonen, dass Vorsorge und Früherkennung grundsätzlich sinnvoll sind und aus-
gebaut werden sollten. Sie betonen die ReÀexivität der Früherkennungsskepsis.
Diese Menschen in den gesellschaftlichen Leitmilieus verweisen auf das „Gesetz
der Masse“: Je weniger an Früherkennungsuntersuchungen teilnehmen, desto höher
sind die Risiken, weil wissenschaftliche Forschung und Evaluation nicht verbessert
werden können. Je mehr an den Früherkennungsuntersuchungen teilnehmen, desto
mehr wird differenziert, Erfahrung und Erkenntnis gewonnen, mehr in Forschung
investiert und dann sinken für den Einzelnen die Risiken (von Fehldiagnosen, un-
110 Zentrale Befunde

nötiger Behandlung, psychischer Belastung) und steigen die Chancen auf präszise
Identi¿kation und Chance, nicht an der jeweiligen Krankheit zu sterben.
Diese Ambivalenz in der Einstellung zu den aktuellen medizinischen Präven-
tionsmöglichkeiten, die Abwägung der Folgen der Früherkennungsuntersuchungen,
aber auch die Abwägung der Folgen des Verhaltens (teilnehmen, nicht teilnehmen)
ist Grund für die Unsicherheit, wie man sich selbst hier verhalten soll. Grundsätz-
lich unterscheiden sie zwischen

ƒ der Prävention im Alltag: gesundheitsbewusst leben bzw. keine „unnötigen“


Gesundheitsrisiken eingehen, und
ƒ der medizinisch-technischen Möglichkeiten in Form von konkreten, einmali-
gen oder regelmäßigen Früherkennungsuntersuchungen (insb. Screenings
diverser Krebsarten). Nur auf diese beziehen sich ihre Zweifel, Anfragen
und Ambivalenzen.

Gerade weil überall zu Früherkennungsuntersuchungen aufgerufen wird und diese


zu einer „Norm“ geworden ist, die keiner mehr hinterfragt und zu einem Massen-
phänomen geworden sind,31 ist vor allem bei Postmateriellen der Verdacht des
Lobbyismus der Gesundheitsindustrie geweckt. An den medizinischen Zweifel an
der Wirksamkeit für den Einzelnen und an der Unsicherheit über mögliche Risi-
ken der Screenings schließt sich der ökonomische Generalverdacht an, dass hier
ein Teil des „medizinisch-wissenschaftlich-unternehmerischen Gesamtsystems“
am Werk ist, das Folgen für den einzelnen Patienten nicht reÀektiert. Insofern
müsste ein „Umbau“ zu einem wirklichen Grundheitssystem“ diese beschriebe-
nen Aspekte berücksichtigen. Dabei geht es diesem Teil der Bevölkerung primär
um Aufkärung und Transparenz, um hinreichend informiert selbst abwägen und
entscheiden zu können. Es geht ihnen um ihre Autonomie.
Ein zweites Argument für mehr Prävention nennen höher Gebildete, die in
Sachen Prävention stets die Avantgarde waren, mit Blick auf die untere Mittel-
schicht und soziale Unterschicht: In diesen Segmenten der Gesellschaft ist das
Krankheitsrisiko überdurchschnittlich hoch. Dazu kommt, dass in diesen Schichten
das Gesundheitsbewusstsein nur wenig ausgeprägt ist bzw. der alltägliche Lebens-
stil nicht präventiv ist. Und viele der dort typischen Berufe belasten den Körper
stark; diese Menschen sind viel mehr äußeren Gesundheitsrisiken ausgesetzt als
Menschen in Berufen mit akademischem Hintergrund („Das Problem sind die
anderen“). Gesundheitsökonomisch wäre es ihrer Auffassung nach rational und
notwendig, wenn vor allem diese Menschen vermehrt an Früherkennungsuntersu-
chungen teilnehmen. Insofern sollte der Trend hin zu mehr Vorsorge, dem derzeit

31
Im Jahr 2005 gaben die gesetzlichen Krankenkassen für Früherkennungsuntersuchungen 891 Mil-
lionen Euro aus; im Jahr 2008 waren es schon 1,21 Milliarden.
Zentrale empirische Thesen 111

vor allem die sozial gehobenen Schichten und weite Teile der Mitte folgen, auch die
untere Mittelschicht und die Unterschicht erfassen. Dazu braucht es ihrer Ansicht
nach Anreize, niedrigschwellige Angebote und auch – wenn nötig – Druck. Vor
diesem Hintergrund sehen sie die medialen Berichte in Zeitungen, Zeitschriften
und im Fernsehen über die Risiken von Vorsorgeuntersuchungen kritisch – nicht
in der Sache, sondern in der Wirkung auf bestimmte Bevölkerungsgruppen.
Insgesamt – das ist ein deutlicher Befund dieser Studie – haben die Frauen
und Männer in allen Milieus nur sehr diffuse Vorstellungen davon, was unter
Vorsorge, Vorsorgeuntersuchungen, Früherkennungsuntersuchungen und Präven-
tion (Primärprävention, Sekundärpräsention) konkret zu verstehen ist und was
die Unterschiede sind. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe oft
synonym verstanden und verwendet.

Zentrale empirische Thesen

Die empirischen Befunde lassen sich auf zehn Thesen bringen:

1. Es gibt in unserer Gesellschaft ganz unterschiedliche Gruppen (Lebenswelten,


Milieus), die man unterschiedlich ansprechen muss, um sie zu erreichen. Die
Verständnisse von Gesundheit, die Formen des Umgangs mit Gesundheit und
die Zugänge zum Gesundheitswesen sind in den Lebenswelten je andere
und oft wenig kommensurabel. Das bisherige Gesundheitssystem, das auf
dem Prinzip „einheitlich und gemeinsam“ beruht, müsste viel differenzierter
gestaltet werden, um den unterschiedlichen Bedürf nissen, Ressourcen und
Erwartungen der Menschen gerecht zu werden. Dabei ist wichtig, Milieus
am unteren Rand der Gesellschaft nicht abzuwerten mit dem einfachen Vor-
urteil, „die wollen alle gar nicht“. Man muss bei diesen zudem unterscheiden
zwischen denen, die andere Lebenskonzepte haben, und denen, die die ent-
sprechenden Ressourcen nicht haben.
2. Die Krankheitslast ist in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Besonders
groß ist die burden of disease in den traditionellen und modernen Milieus
der Unterschicht. Das lebensweltliche Spektrum der Unterschicht (aber auch
der Mittelschicht und Oberschicht) ist relativ breit – und somit auch das
in diesen Milieus vorhandene materielle, soziale und kulturelle Kapital. So
gibt es in jedem Milieu je eigene Barrieren in bezug auf die Prävention, die
persönliche und familiäre Anamnese zur Identi¿kation von Krankheiten, die
Bereitschaft zum Arzt zu gehen sowie die Compliance bei einer Behandlung.
Es ist zugleich wichtig zu sehen, dass viele (auch in den gehobenen Milieus)
das Gesundheitssystem nicht rechtzeitig und adäquat nutzen. Vor allem in
den Milieus am unteren Rand der Gesellschaft besteht die Gefahr, dass einige
112 Zentrale Befunde

Menschen aus dem Gesundheitssystem passiv „herausfallen“ durch Dissimu-


lation und Indolenz, durch mangelnde Prävention und fehlende Compliance.
3. In den gehobenen modernen Milieus besteht die Gefahr, dass einige Menschen
aus dem Gesundheitssystem aktiv in selektiven Bereichen „abwandern“. Weil
sie kein Vertrauen mehr in das bestehende Gesundheitssystem haben, weil
sie sich aufgrund konkreter Erfah rungen nicht ernstgenommen fühlen und
individuell nicht richtig behandelt wissen, weil sie Angst haben, einem (aus
ihrer Sicht) intransparenten System mit falscher Logik ausgeliefert zu sein,
weil sie im System strukturelle Geschäftemacherei (von Ärzten, Pharma-
industrie, Versicherungen) vermuten und dieses nicht bedienen wollen, di-
stanzieren sie sich innerlich und in ihren Routinen vom Gesundheitssystem.
Viele – insbesondere Postmaterielle – ¿ nden in (Varianten) der Alternativ-
medizin neue Sicherheit. Sie machen die Erfahrung von Heilung, was ihre
Wahl der Alter nativmedizin in bewusster Ab- und Ausgrenzung der klassi-
schen Schulmedizin bestätigt. Sie nehmen zwar weiter das klassische Gesund-
heitssystem in Anspruch (z. B. bei Operationsbedarf), aber ihren Schwerpunkt
legen sie auf Anbieter alternativer Gesundheitsleistungen. Dabei sind sie in
hohem Maße informiert, wägen kritisch ab und entwickeln kompetent Rou-
tinen und Maximen, wenn es darum geht zu entscheiden, ob und wann man
zum klassischen Arzt oder zum alternativen Arzt geht. Sie etablieren ein
individuelles Parallelgesundheitssystem, das sie im Alltag primär nutzen und
für das sie – neben den pÀichtigen Krankenversicherungsbeiträgen – relativ
viel Geld ausgeben. Sie nutzen Leistungen der klassischen Schulmedizin
oft erst dann, wenn die Alternativmedizin nicht mehr weiter weiß (und es
mitunter teuer wird oder gar zu spät ist): Die Schulmedizin als letzte und
harte Methode zur Rettung. Sie machen aber auch die Erfahrung, dass die
klassische Schulmedizin ihnen nicht hat helfen können und gehen dann – als
letzte Rettung – zur Alternativmedizin. Diese Menschen aus bestimmten
Milieus erleben die von ihnen gewählte Alternativmedizin als „weiter“ und
zukunftsfähig, weil sie ihnen wirklich geholfen hat (wo die Schulmedizin
nicht weiter kam), weil sie ganzheitlich arbeitet, auf natürlicher Basis, mit
einem bewussten, fundierten und reÀektierten Menschenbild, das die arbeits-
teilig ausdifferenzierte Schulmedizin ausblendet oder ignoriert.
4. Die Alltagserfahrung der Menschen in unserer Gesellschaft ist, dass das
Zweiklassen-Gesundheitssystem Realität ist. Auch bei jenen, die sich selbst
in der „unteren Gesundheitsklasse“ sehen, gibt es kaum Klagen über medi-
zinische Unter versorgung, wohl aber über diskriminierende Versorgung im
Sinne der Benachteiligung: Das machen die Menschen fest a) an der Möglich-
keit, schnell einen Arzttermin zu bekommen, der den krankheitsbedingten,
familiären und berufsbedingten Bedarfen des Patienten entspricht (Flexibilität
des Patienten versus Flexibilität des Arztes); b) an der Kürze bzw. Länge der
Zentrale empirische Thesen 113

Wartezeit – zu Hause wie im Wartezimmer; c) an der Zeit, die sich der Arzt
für den Patienten nimmt oder nicht nimmt; d) am Engagement des Arztes für
die individuellen Belange des Patienten sowie im Sondieren des Spektrums
der medizinischen Möglichkeiten sowie im Einsatz vorhandener medizinisch-
technischer Geräte (versus standardisier tes Durchschleusen). Es gibt in allen
Milieus die Abwehr gegen die Vorstellung einer niedrigen Basisversorgung –
insbesondere mit Blick auf jene, die keine ¿nanziellen Mittel einer Zusatzver-
sicherung haben. Groß ist in allen Milieus die Sorge, dass „Basisversorgung“
künftig mit Hartz IV assoziiert ist. Eine Basisversorgung will man daher
nur auf dem relativ gehobenen Niveau einer „bürgerlichen“ Basisversorgung,
die eine weitgehend lückenlose, sichere und sorgenfreie Versorgung sowie
einen gewissen Komfort umfasst. Eine Basisversorgung darf nicht auf die
soziale Unterschicht justiert sein, sondern soll auf Bedarfe und Bedürfnisse
der gesellschaftlichen Mitte konzipiert sein.
5. Es gibt in der Bevölkerung (mit Ausnahme von prekären Gruppierungen am
unteren Rand der Gesellschaft: Konsum-Materialisten, Hedonisten) eine hohe
Akzeptanz von mehr Mitverantwortung des Patienten bzw. des Versicher-
ten. Konditional gebunden ist diese allerdings an die Norm, dass mehr Mit-
verantwortung der Patienten für die Anbieter im Gesundheitssystem keine
Entlastung und EntpÀichtung bedeutet. Mehr Mitverantwortung der Ver-
sicherten / Patienten darf nicht zu schlechterer Versorgung, nicht zu höheren
Beiträgen, nicht zu höheren Behandlungskosten führen.
6. Wer krank ist, erwartet „mehr“ vom Gesundheitssystem: mehr Leistungs-
übernahmen der Kassen und mehr Menschlichkeit im System. Es gibt zwar
eine tief verwurzelte Solidarisierung mit anderen Kranken: Das Schicksal
durch Krankheit darf nicht durch medizinische Diskriminierung verschärft
werden. Aber die Solidarisierung mit Kranken ist in der Regel ein abstraktes
Prin zip. Für sich selbst fordert man eine auf die eigenen Ressourcen und
Bedürfnisse zugeschnittene Behandlung. Vor allem die gehobenen (konserva-
tiven, modernen, postmodernen) Milieus zeigen im Krankheitsfall Tendenzen
sozialer Distinktion. Die Milieus der Mitte sowie der Unterschicht richten sich
mental darauf ein, dass die Ressourcen im Gesundheitswesen künftig limi-
tiert sein werden. Groß ist die Sorge, dass Verteilungskämpfe die Solidarität
belasten und untergraben könnten. Man will im Gesundheitswesen weiter
das Solidaritätsprinzip, andererseits eine bedürfnisorientierte Versorgung,
die auch der Investitions- und Leistungsbereitschaft (präventiver Lebens-
stil, Früherkennungsuntersuchungen, Zusatzversicherungen) des Einzelnen
Rechnung trägt. Insofern geht es nach Auffassung der Bevölkerung darum,
dass die Regeln und die Kriterien der Verteilung politisch zu bestimmen sind.
7. Krankenkassen dürfen nicht noch teurer werden, sondern müssen ef¿zienter
und kundenbedarfsorientierter werden ! Die Steigerung sowohl der Ef¿zienz
114 Zentrale Befunde

als auch der individuellen Kundenorientierung sind scheinbar gegensätzliche


Ziele, aus Sicht der Menschen in allen Milieus aber die zentrale Herausforde-
rung des zukunftsfähigen Krankenversicherungswesens. Die Finanzierbarkeit
sieht man a) in der Reduktion „unnötiger Behandlungen“ (auch an die Patien-
ten adressiert); b) in mehr Vorsorge; c) in mehr tatsächlichem Wettbewerb
um die Dienstleistung individualisierter Bedürfnisse von Versicherten und
Patienten.
8. Die Versorgung mit Medikamenten und medizinischen Produkten in Deutsch-
land ist nach Auffassung der Bevölkerung hervor ragend. In Bezug auf Medi-
kamente sieht man kein Produktions-, Allokations- und Qualitätsde¿ zit.
Groß und frei von jeglichen Zweifeln ist das Vertrauen in die Wirksamkeit
und Nützlichkeit von in Deutschland erhältlichen Medikamenten. Dennoch
hat „die Pharmaindustrie“ in der Bevöl kerung das Stigma, neoliberalen
Wettbewerbsmaximen eher zu folgen als sozialethischen und medizinethi-
schen Grundsätzen. Weitaus mehr als Hersteller von Medizintechnologie
und als Kran ken kassen gelten „die großen Pharmakonzerne“ als aggressi-
ve Akteure, die im Markt je nach Wettbewerbsumfeld als Preistreiber (bei
Monopolstellung) oder als Preisdumper (im engen Markt) auf treten. Die
voreingestellte Annahme ist, dass Pharma konzerne gigantische Gewinne
machen (zu Lasten der Kranken kassen und Patienten). Aus einer fast resigna-
tiven Haltung der Ohnmacht heraus wird die Forderung (eher der Appell)
an die Pharmaindustrie formuliert: Wenn es schon große Gewinnspannen
gibt, dann sollten die Konzerne einen Teil in Forschung und Ent wick lung
von nicht-massenverkäuÀichen Produkten für spezielle Krank heiten inves-
tieren. Unbehagen und Ambivalenz dominiert beim Thema der Preis¿ndung
bei (innovativen) „Monopol“-Produkten eines Herstellers: Sollen hier weiter
die – eigentlich richtigen – Gesetze des Marktes gelten oder soll eine büro-
kratische staatliche Regulierungsinstanz eingreifen ?
9. Mangelnde Kompetenz und Kultur zum Kompetenzerwerb: Nicht jeder ist
bereit oder in der Lage, sich in Gesundheits- und Krankheitsfragen beraten zu
lassen. Die Àächendeckende Einnahme von rezeptpÀichtigen wie rezeptfreien
Medikamenten steht in diametralem Gegensatz zum Wissen über das, was
man ein nimmt und was dabei zu beachten ist. Wer Beratung will, muss eine
Frage formulieren können; die Frage wiederum bestimmt die Richtung der
Antwort und Qualität der Beratung. Vor allem Menschen in den bildungs-
fernen Milieus der traditionellen und modernen Unterschicht sind nicht in der
Lage, überhaupt die Frage(n) für eine Beratung (beim Arzt; beim Apotheker)
zu stellen. Einige trauen sich nicht, weil ihnen die sprachliche Kompetenz
fehlt, andere, weil sie mit ihrer Frage nicht als inkompetent erscheinen wollen;
sie haben Angst, eine Erklärung nicht zu verstehen und (mehrmals) nachfra-
gen zu müssen, ohne die Gewähr, es dann verstanden zu haben. Hier gibt es
Zentrale empirische Thesen 115

erhebliche Sprach- und Verständigungsprobleme – auf beiden Seiten. Das


manifestiert sich beispielsweise im Verständnis und in der Kommunikation
bezüglich Medikamenten: Die populäre Chiffre „nur natürliche Bestandteile“
hat in weiten Teilen der Bevöl kerung – in allen Milieus – zu der Meinung
geführt, dass diese „sowieso gesund“ sind und gelten gar nicht als Medika-
ment mit Nebenwirkungen und möglichen Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten. Wenn etwa ein Arzt fragt, ob der Patient weitere Medika-
mente nimmt, verneinen dies viele mit bestem Wissen und Gewissen. Das gilt
für Nahrungsergänzungsmittel, für Generika, für rezeptfreie Medikamente
sowie für sogenannte Hausmittel (wie etwa Johanniskraut gegen Depression).
10. Dominant ist der Befund, dass sich das Gesundheitssystem aus Sicht der Be-
völkerung nicht mit Gesundheit beschäftigt, sondern mit Krankheit. Und hier
zeigt sich eine paradoxe Alltagseinstellung (oft in ein und derselben Person):
Auf der einen Seite besteht die Forderung, dass nur Kranke zum Arzt gehen
sollten und die Gesunden (die nicht wirklich Kranken), die Wartezimmer
nicht unnötig füllen und die Gesundheitskosten nicht unnötig erhöhen sollten;
also die Forderung: Raus aus dem System. Auf der anderen Seite gibt es die
Forderung, dass das System einen ganzheitlichen Ansatz haben sollte mit
der Vision von Krankheitsbehandlung und Gesundheitsförderung; also die
Forderung: Hinein in das System.
Spektrum heterogener Verständnisse
von Gesundheit und Krankheit

Im Folgenden werden die Einstellungen zu Gesundheit und Krankheit sowie zum


Gesundheitswesen systematisch für die einzelnen Milieus (Abb. S. 118) beschrie-
ben. Zuerst werden die gesellschaftlichen Leit milieus der Etabierten, Postmate-
riellen und Modernen Performer beschrieben, die für andere Milieus eine Art
Leitbildcharak ter haben beschrieben. Es folgen dann die traditionellen Milieus
(im Wertebereich A), die Mainstream-Milieus (Wertebereich B) sowie die hedo-
nistischen Milieus (Wertebereich C).
Aus Gründen der Vergleichbarkeit sind die Befunde so dargestellt, dass alle
Milieus systematisch mit denselben „Themen-Bausteinen“ beschrieben sind. Da-
bei werden nach der Methodologie der Triangualtion quantitative und qualitative
Daten integriert.

ƒ Kurzcharakteristik und Lebenswelt


ƒ Bedeutung von Gesundheit
ƒ Zwischen Schicksal und Verantwortung
ƒ Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten
ƒ Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen
ƒ Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild
ƒ Einnahme von Medikamenten
ƒ Vorsorgeuntersuchungen
ƒ Zweiter Gesundheitsmarkt
ƒ Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung
ƒ Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems
ƒ Chancengerechtigkeit
ƒ Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

C. Wippermann et al., Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem,


DOI 10.1007/978-3-531-92871-5_3,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
118 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit
GESELLSCHAFTLICHE LEITMILIEUS

SINUS B1: „Etablierte“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus B1 „Etablierte“


Lebenssituation x Meist verheiratet mit Kindern im Haushalt
x Oft 3- und Mehr-Personen-Haushalte
Bildung x Überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau
x Über zwei Drittel der Milieuangehörigen haben mindestens
mittlere Reife
Beruf x Höchster Anteil voll Berufstätiger im Milieuvergleich
x Viele quali¿zierte und leitende Angestellte, höhere Beamte
sowie Selbständige, Unternehmer und FreiberuÀer
Einkommen x Hohe und höchste Einkommensklassen
x 40 % haben ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von
3.000 Euro und mehr (Gesamt: 24 %)*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.942 Euro
x 55 % verfügen über ein Kapitalvermögen von 25.000 Euro und
mehr (Gesamt: 37 %); hoher Anteil an Wohneigentum
*
Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Etablierten sind die meist hoch gebildete, gut situierte, sehr selbstbewusste
Elite der Gesellschaft. Durch ausgeprägte Exklusivitätsansprüche, entsprechende
Kennerschaft und Stil grenzen sie sich bewusst von den anderen Milieus ab (Be-
tonung der „feinen Unterschiede“).
Im Beruf ist Erfolg für sie selbstverständlich. Um ihre sehr ambitionierten Zie-
le zu erreichen, werden klare Karrierestrategien verfolgt. Dies geschieht teils über
traditionelle Erfolgsorientierung, teils durch Flexibilität und geschickte Anpas-
sung. Die Lebensphilosophie der Etablierten fußt auf Pragmatismus und Realitäts-
orientierung. Mit dem schnellen technologischen und wirtschaftlichen Wandel
(IT-Revolution, Gentechnik, Globalisierung) wird selbstbewusst umgegangen,
eine AuÀage immer neuer Variationen alter Angebote trifft aber auf Ablehnung.
Finanzielle Unabhängigkeit und hoher Lebensstandard sind erstrebenswerte
(und häu¿g erreichte) Ziele für Etablierte. Kunst, Kultur, Reisen, oft auch exklusive
120 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Sportarten machen das Leben schöner und gehören zum Lebensgenuss, darüber
hinaus sind sie dem gesellschaftlichen und beruÀichen Networking zuträglich.
Zudem hat alles, was dem eigenen Well-Being dient, seinen festen Platz in der
Lebensführung.
Etablierte können sich auf Grund ihrer privilegierten ¿nanziellen Situation
Luxus leisten – und reklamieren auch das Recht, ihn zu genießen. Die derzeitige
wirtschaftliche Gesamtsituation beeinträchtigt das Milieu kaum, macht aber nach-
denklicher in Bezug auf Verant wortlichkeit und Solidarität.

Altersaufbau des Sinus-Milieus B1 „Etablierte“

Der Altersschwerpunkt der Etablierte liegt zwischen 34 und 64 Jahren, ein knappes
Viertel der Milieuangehörigen ist älter als 60 Jahre. Sie stehen mitten im Berufs-
leben oder blicken mit Stolz darauf zurück.
Etablierte führen ihren Erfolg im Leben primär auf persönliche Leistung
zurück. Leistung stellt den Ankerwert der Etablierten dar; es ist die Messlatte, an
der sie sich selbst und ihre Umwelt messen. Leistung gepaart mit dem Postulat der
Eigenverantwortung bildet das handlungsleitende Credo der Etablierten.
Neben dem leistungsbestimmten Beruf hat ein intaktes Familienleben einen
hohen Stellenwert für Etablierte. Sie sind überwiegend verheiratet, und in vielen
Fällen leben (schulpÀichtige) Kinder im Haushalt der klassischen Kernfamilie.
Für „etablierte“ Frauen besteht meist keine ¿nanzielle Notwendigkeit, nach der
Geburt der Kinder einer beruÀichen Tätigkeit nachzugehen. Vor allem ältere Frau-
en des Milieus (Generation 50 plus) haben ihre Berufstätigkeit oft ganz zugunsten
der Familie aufgegeben. Dagegen streben viele Jüngere unbedingt die Rückkehr
ins Berufsleben an bzw. arbeiten auch wieder. Etablierte Eltern sehen sich als Role
Models, als Stütze und Rückhalt und als „Ermöglicher“ einer werteorientierten,
hochquali¿zierten Erziehung ihrer Kinder zu selbständigen Individuen.
In allen Lebensbereichen gilt die Devise, aktiv zu sein, Initiative und Ver-
antwortung zu übernehmen, sein Bestes zu geben. Dies trifft auch auf sportliche
SINUS B1: „Etablierte“ 121

Aktivitäten und gesunde Lebensführung zu. Etablierte vertreten eindeutig die


Überzeugung, dass man selbst das Leben in die Hand nehmen muss und kann.
Sich ins soziale Netz fallen zu lassen ist ebenso verpönt wie Jammern auf hohem
Niveau. Es gilt, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Optimale zu leisten – damit
erwirbt man sich auch den Anspruch auf adäquate „Entlohnung“ und (im Fall der
Fälle) auch auf die Solidarität anderer.

Bedeutung von Gesundheit

Die jugendliche Unbekümmertheit bzw. der unbesorgte Umgang mit dem Thema
Gesundheit ist bei den Etablierten einer reÀektierteren und differenzierten Haltung
gewichen. Man ist z. T. bereits persönlich von (auch schwereren) Krankheiten
betroffen gewesen oder hat dies bei Freunden oder Familienangehörigen miterlebt
und schätzt Gesundheit seitdem umso mehr.

ƒ „Mein Bruder hatte Krebs. Da bekommt man dann vor Augen geführt,
wie verletzlich man sein kann.“

Gesundheit gilt Etablierten als Garant für Selbstbestimmung, Autonomie und


Leistungsfähigkeit, und Gesundheit ist damit ein hohes Gut, dass man pÀegen
und schützen muss. Krankheitsbedingte Einschrän kungen der persönlichen Frei-
heit, des selbstbestimmten Lebens und des beruÀichen Engagements wären für
Etablierte nur schwer zu er tragen, und auch die Vorstellung, jemandem zur Last
zu fallen oder von der Hilfe anderer abhängig zu sein, ist so unangenehm, dass
sie zu gesunder Lebensführung anspornt.

ƒ „Man hat nur eine (Gesundheit), und mit der gilt es sorgsam umzugehen !“
ƒ „Das wäre das Schlimmste für mich: nicht mehr frei entscheiden zu kön-
nen, was ich mache und was nicht.“
ƒ „Das wollte ich eigentlich höchst ungern, in meinem Leben durch Krank-
heit eingeschränkt sein.“
ƒ „Ich will niemandem zur Last fallen, schon deshalb lebe ich gesundheits-
bewusst.“

Allerdings gehören Gesundheit und gesundheitliche Beschwerden nicht zum all-


täglichen Gesprächsstoff. Etablierte sind der Überzeugung, dass das Leben nicht
durch die Diskussion möglicher Krank heiten dominiert werden sollte. Außerdem
122 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

besteht eine recht hohe Toleranzschwelle gegenüber alltäglichen oder undrama-


tischen Erkran kungen.
De¿ niert wird die eigene Gesundheit hauptsächlich dadurch, ob man sich
subjektiv wohlfühlt und nicht dadurch, ob man kerngesund ist. So beschreiben
sich einige der Etablierten als gesund, obwohl sie objektiv an Krankheiten leiden.
Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass sie diese Krankheit verschweigen
möchten, sondern es stützt lediglich die von Etablierten häu¿g gemachte Aus-
sage, dass man sich nicht (zu sehr) von einer Krankheit vereinnahmen lassen darf.
Daneben relativiert der Vergleich mit anderen oft die eigenen Beschwerden, und
ganz besondere Bewunderung gilt denjenigen, die trotz schwerer oder schwerster
Erkrankung Lebensmut und Optimismus ausstrahlen und sich nicht fallen lassen.
Insgesamt betrachten die Etablierten ihren eigenen Gesundheitszustand als durch-
aus zufriedenstellend.

ƒ „Da ist ein Mitarbeiter, der hat jetzt die dritte Krebserkrankung, der ist
immer noch optimistisch, das muss ich wirklich bewundern. Das ist ein
Kämpfer.“
ƒ „Ich ziehe die Relation zu anderen Fällen und sage zu mir ‚Komm, stell
dich nicht so an‘.“

Für Etablierte gehört nicht nur körperliche, sondern auch geistige Fit ness zur Ge-
sundheit. Ein trainierter, wacher Geist bringt Zufrieden heit und Wohlbe¿nden,
verhindert psychosomatische Erkrankungen, erhält selbstbestimmtes Handeln
und trägt entscheidend zur Lebensqualität bei.
Etablierte blicken optimistisch in die Zukunft und möchten ihre Gesundheit
auch weiterhin aktiv durch eine gesunde Lebensweise und positive Lebensein-
stellung fördern.

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Nach Auffassung der Etablierten ist Gesundheit zur Hälfte eigenes Dazutun (und
damit beeinÀussbar, steuerbar – und persönlich zu verantworten) und zur Hälf-
te „Schicksal“ oder genetische Disposition (und so dem eigenen EinÀuss entzogen).

ƒ „50 % ist auf das eigene Verhalten zurückzuführen, 50 % ist genetisch


bedingt.“
SINUS B1: „Etablierte“ 123

Wichtig ist in allen Fällen die innere Einstellung und der proaktive Umgang mit
möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
Etablierte propagieren zur Gesunderhaltung einen bewussten Lebensstil, ohne
jedoch radikalen Verzicht zu predigen. Es gilt, verantwor tungsbewusst mit dem
eigenen Körper umzugehen, ständig an sich zu arbeiten und die Folgen persön-
licher Handlungen im Auge zu behalten. Es gibt zwar bei „Wohlverhalten“ keine
Garantie auf Gesundheit, und gesundheitliche Gesichtspunkte müssen auch nicht
immer über den Lebensgenuss gestellt werden, aber eigenverantwortete Aspekte
wie gesunde Ernährung und Bewegung erhöhen eindeutig die Wahrscheinlichkeit
gesund zu bleiben. Unter Etablierten ist daher die Auffassung weit verbreitet, dass
derjenige, der wider besseren Wissens fahrlässig mit seiner Gesundheit umgeht
(hoher Konsum von Alkohol, überhaupt keine Bewegung, übermäßig fett- und
zucker reiche Ernährung), im Krankheitsfall nur bedingt mit Mitleid rechnen darf –
und auch die Unterstützung durch die Solidargemeinschaft nicht grenzenlos ge-
währt werden sollte.

ƒ „Sozial ungerecht ist das, wenn die Soldiargemeinschaft für das Fehlver-
halten anderer mitbezahlen muss. Und das diejenigen, die sich weiterhin
fehlverhalten, überhaupt keine Konsequenz für das Fehlverhalten zu spü-
ren haben.“

Auch eine positive Lebenseinstellung, Zufriedenheit, Willensstärke sowie mentale


Agilität sind wichtige Gesundheitsfaktoren für Etablierte. Sie fördern das objektive
und subjektive Wohlbe¿nden, im Krank heitsfall beeinÀussen sie die Krankheit
und deren Implikationen positiv, sie können u. U. sogar das Leben verlängern und
stellen Möglich keiten der für die Etablierten so wichtigen aktiven EinÀussnahme
dar. Etablierte streben eine Balance zwischen körperlicher und geistiger Gesund-
heit an, nach dem Motto „Mens sana in corpore sano“.

ƒ „Negativer EinÀuss ist mit Sicherheit Stress und Unzufriedenheit, das geht
irgendwann vom Geistigen auf das Körperliche. Wobei das Körperliche
dann nur noch Symptome sind, die Ursachen liegen woanders.“
ƒ „Man kann zwar nicht alle Krankheiten besiegen, aber es ist viel die innere
Einstellung. Wenn der Wille da ist, die Krankheit zu besiegen, kann man
es oft schaffen. Oder man kann oft auch durch Kämpfen etwas mehr Zeit
für sich gewinnen.“
ƒ „Es hängen viele Krankheiten mit dem Kopf zusammen. Die positive Ein-
stellung gehört einfach zum Leben mit dazu. Die macht es leichter.“
124 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Man muss das Leben so einstellen, wie es einem gut tut. Dazu gehören
Kopf und Körper. Ich habe inzwischen eine gewisse Lebenszufriedenheit.“

Gleichzeitig nehmen Etablierte durchaus wahr, dass trotz einer gesunden Lebens-
führung und positiven mentalen Grundhaltung Fak toren existieren, die die Ge-
sundheit der eigenen Kontrolle entziehen. Viele Arten von Krebs, Unfälle, aber
auch berufsbedingter Stress sind häu¿g nur begrenzt oder überhaupt nicht be-
einÀussbar durch bewusstes, ausgleichendes Verhalten. In diesen Fällen ist das
Individuum von persönlicher Verantwortung freigesprochen und hat moralisch
Anspruch auf umfassende Unterstützung und Versorgung.

ƒ „Wenn ich mir vorstelle, ich müsste jetzt noch 21 Jahre in der Taktzahl
arbeiten, die es heute gibt, und das Rad wird sich meines Erachtens nicht
langsamer drehen, ist irgendwo aber mal die Grenze erreicht, wo man das
nicht mehr so wegsteckt. Aber wie will man im Beruf sagen: Das reicht.
Meine Grenzen sind erreicht ! ?“
ƒ „Es gibt Krebserkrankungen, die passieren einfach, für die kann man
nichts. Leukämie z. B., wie will man das provozieren ? Das ist eben Schick-
sal.“

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Das Informationsverhalten der Etablierten bezüglich des Themen komplexes „Ge-


sundheit“ ist sehr sachorientiert, nicht emotional. In den meisten Fällen möchte
man sich gezielt auf einen Arzttermin vorbereiten oder sucht fundierte, wissen-
schaftliche Informationen zu einem Themengebiet. Aus Zeitef¿ zienzgründen
sowie aus Qualitätsansprüchen wird nicht einfach „querbeet“ gelesen, sondern
es werden selektiv bestimmte Medien konsultiert, um dem Bedürfnis, informiert
und auf der Höhe der Zeit zu sein (insbesondere in Bezug auf medizinische Ent-
wicklungen, neue Technologien etc.), Rechnung zu tragen.
Das ausschlaggebende Kriterium für die Wahl der Informationsquelle ist
deren Seriosität. Es wird Kompetenz und Unabhängigkeit erwartet – und nur
wenigen Quellen attestiert. Zu diesen gehört natürlich auch der Arzt (sofern
man seine Kompetenz er- und anerkannt hat), der qua Funk tion über eventuel-
le Krankheiten, Vorbeugemaßnahmen und Behandlungen informiert. Als reines
Informationsmedium ist das Inter net sehr beliebt; man kann nach Stichwortsuche
Fachbeiträge lesen oder aber die Seiten von bekannten, kompetenten medizini-
schen Zentren (z. B. Deutsches Krebsforschungszentrum in Heidelberg) aufrufen.
SINUS B1: „Etablierte“ 125

Im Printbereich werden neben einschlägiger Fachliteratur und Fachzeitschrif-


ten (z. B. GEO Wissenschaft) auch ambitionierte Tages- und Wochenzeitungen
und ihre Beilagen konsultiert (z. B. Frankfur ter Allgemeine Zeitung und dort das
Resort „Natur und Wissenschaft“). Mehr oder weniger uninteressant, da häu-
¿g nicht unabhängig oder aber zu populärwissenschaftlich und in beiden Fällen
nicht sonderlich vertrauenswürdig, sind Annoncen der Pharmakonzerne, Kranken-
kassenzeitschriften oder -anschreiben, Fernsehsendungen (Ausnahme: anerkannte
Wissenschaftsmagazine) oder Apotheken-Zeitschriften.

ƒ „Man braucht seriöse, verlässliche Quellen. Im Internet medizinische


Zentren, Fachliteratur. Weniger das Fernsehen, weil das dann eher ver-
braucherwirksam aufgespürt ist und wesentliche Informationen auch nicht
immer gesendet werden.“
ƒ „Die Krankenkassen sind von der Pharmaindustrie beeinÀusst. Wie auch
die Apotheken. Und Werbung und Gesundheit – das Thema Gesundheit
passt nicht zu kommerziellen Zielen.“
ƒ „Ich bin eigentlich immer gut informiert, sei es aus Fachliteratur, aus den
Medien oder von den Ärzten.“

Etablierte nutzen die Informationsquellen, um mit dem Arzt auf Augen höhe kom-
munizieren zu können – und um die „ärztliche Spreu vom Weizen zu trennen“. Nur
der infor mierte Patient kann selbstbewusst auftreten und gegebenenfalls (beson-
ders, wenn er wie das Gros der Etablierten privat versichert oder zusatzversichert
ist) Untersuchungen einfordern oder ablehnen.

ƒ „Du kannst ja sagen, ‚nein, will ich nicht‘ oder: ‚bitte begründen Sie mir
das mal‘. Und wenn er das nicht nachvollziehbar begründen kann, dann
hast du die Freiheit zu sagen ‚das mache ich nicht !‘.“
126 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit
SINUS B1: „Etablierte“ 127

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Gemäß dem Postulat der hohen Eigenverantwortung stellen Ernäh rung und Be-
wegung zwei Grundpfeiler dar, auf denen Etablierte ihre persönliche Gesund-
heitsvorsorge auf bauen. Eine gesunde, ausgewogene, hochwertige Ernährung
(frische Zutaten, viel Obst und Gemüse, viel Wasser, weniger Kohlenhydrate)
ist selbstverständlich (auch aus Figur-ästhetischen Gründen), schließt aber klei-
ne „Sünden“ nicht kategorisch aus. Sport und Bewegung werden ebenfalls höchste
Bedeutung beigemessen, werden regelmäßig betrieben und sind wichtige Faktoren
zum Stressabbau und zur Gewichtskontrolle. Etablierte achten dabei auf eine eher
maßvolle Belastung, die den Körper nicht überfordert, wobei sich die Motivationen
von weiblichen und männlichen Etablierten unterscheiden: Frauen tendieren zu
schonenden Ausdauer- und Ausgleichssportarten (z. B. Yoga, Gymnastik, Rücken-
schule, Tai-Chi), während Männer doch einen gewissen leistungsbetonten und
kompetitiven Ansatz haben (Mountainbike fahren, Tennis, Sportkurse).

ƒ „Für seine Gesundheit muss man auch etwas tun. Das heißt auch, sich be-
wegen, maßvoll Sport treiben. Kein Sport ist, wenn ich nachher am Baum
stehe und mich übergebe.“
128 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Also, ich gehe bevorzugt in Kurse, weil ich ungern mit mir selber Sport
treibe, Laufband oder so etwas. Ich brauche immer ein paar Leute um mich
rum, wo man sich auch ein bisschen messen kann, so nach dem Motto:
‚Den 30-jährigen schaffe ich auch noch‘.“
ƒ „Ich bin schon noch so ¿t wie vor 10 Jahren, und ich denke, dass ich das
Niveau halten kann. Allerdings muss ich mehr Aufwand betreiben, um
Leistung und Fitness zu halten.“

Etablierte vermeiden im Regelfall gesundheitlich bedenkliche Verhaltensweisen


(z. B. Rauchen), im Einzelfall wird dies aber bewusst verantwortet und der eigenen
Kontrolle unterstellt. Es zeigt sich auch hier das typisch etablierte Verhaltens- und
Denkmuster: Ein hoher Wissensstand ermöglicht die korrekte Einschätzung der
Gegeben heiten und Gefahren und damit eigenverantwortliches und souveränes
Handeln.

ƒ „Ich weiß, was mir gut tut und was nicht. Das spüre ich und darauf reagiere
ich. Ich möchte nicht auf alles verzichten, was ‚ungesund‘ ist.“
ƒ „Ich lasse mir nicht das Glas Wein verbieten, ich genieße das auch, aber
bewusst.“
ƒ „Man muss die Risiken richtig enschätzen und Maß halten.“

Da für Etablierte auch mentale Fitness entscheidend zur Gesunderhaltung beiträgt,


besteht bei ihnen ein ausgeprägtes Bemühen um geistige Anregung. Lesen, sich
mit den unterschiedlichsten Themen befassen, Wissenschaft, Kunst, Kultur, Rei-
sen sind nicht nur notwendig, um im Beruf zu bestehen und sich im Kreise der
Peers bewegen und austauschen zu können, sondern erhöhen auch ganz eindeutig
persönlichen Lebensgenuss und die mentalen Kapazitäten. Ein vielfach ange-
regter und dadurch leistungsfähiger Geist ist ein Bollwerk gegen (und Ausgleich
für) berufsbedingten Stress, bringt Zufriedenheit und Wohlbe¿nden, verhindert
Resignation und Bequemlichkeit und ist damit eine wichtige Präventions- bzw.
Gesundheitsvorsorgemaßnahme.

ƒ „Ich brauche physischen Ausgleich und geistige Anregung, sonst fühle


ich mich in meiner eigenen Haut nicht wohl und das schlägt sich auf die
Stimmung – und die Gesundheit – nieder.“
SINUS B1: „Etablierte“ 129

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Etablierte sind in der Regel seltene Arztgänger. Abgesehen von den routine-
mäßigen Vorsorgeuntersuchungen wird der Arzt nur bei akuten Beschwerden
aufgesucht, die sich der Selbstmedikation entziehen. Diese Haltung korrespon-
diert mit der typisch etablierten hohen Toleranzschwelle für kleinere Beschwer-
den sowie ihrem ausgeprägten ökonomischen Bewusstsein für verantwortliche
Kosten-Nutzen-Rechnungen.
Sollte doch ein Arztbesuch anstehen, so informieren sich Etablierte im Vor-
feld über die Beschwerden im Internet oder in einschlägiger Literatur, damit sie
in vielen Fällen direkt den passenden (Fach-) Arzt aufsuchen können – schließlich
ist die Mehrheit dieses Milieus privat krankenversichert. Allerdings ist gerade bei
den weiblichen Etablier ten der Hausarzt als Berater bzw. als Behandler durchaus
anerkannt, männliche Etablierte bevorzugen den direkten Gang zum Facharzt und
sehen im Hausarztmodell eher einen unnötigen Kostenfaktor.

ƒ „Ich bevorzuge das Hausarztmodell. Viele Patienten sind nicht in der Lage,
die richtigen Schlüsse zu ziehen.“
ƒ „Sie gehen zu einem Hausarzt, der kennt sie. Der weiß über ihren Körper
Bescheid, der weiß, was sie für Leiden haben und ich denke, der kann sie
dann überweisen, wenn er es für nötig hält, sie woanders hin zu überwei-
sen. Der Hausarzt kennt mich und meine Geschichte, der setzt das Bild
zusammen.“
ƒ „Wenn mir das Knie weh tut, warum soll ich dann erst zum Hausarzt ge-
hen, der mich zum Orthopäden überweist ? Das heißt, der Hausarzt muss
bezahlt werden und der Orthopäde muss bezahlt werden. Als Privatpatient
weiß ich, mein Knie tut weh, ich kriege es nicht in den Griff, dann gehe
ich zum Orthopäden.“

Die Arztwahl wird in den seltensten Fällen spontan getroffen, zumeist werden
Meinungen und Erfahrungswerte im Freundes- oder Familien kreis eingeholt oder
am liebsten befreundete Ärzte nach empfehlenswerten Kollegen des entsprechen-
den Fachgebiets befragt.
Der schlussendliche Verbleib als Patient bei einem Arzt ist im Grunde ab-
hängig von drei Faktoren: 1. der Fachkompetenz des Arztes, 2. dem Vertrauen
und der persönlichen Sympathie, und 3. der individuellen Behandlung. Etablierte
erwar ten höchste fachliche Quali¿kation des behandelnden Arztes; ist sie nicht
genügend ausgeprägt, ist dies das absolute K.-o.-Kriterium bei der Arztwahl. Die-
se Kompetenz umfasst zusätzlich zum reinen Fachgebiet (Koryphäe auf seinem
Gebiet) auch eine gewisse interdisziplinäre Aufstellung, d. h. es wird erwartet,
130 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

dass über den Tellerrand hinausgeschaut wird und Synergie-Effekte erkannt und
genutzt werden. Etablierte stufen dogmatisches Festhalten an einer Richtung als
bedenklich und kreativitäts- und innovationshemmend ein.

ƒ „Ja, einfach mal den Zweig verlassen. Wenn wir alle so eingefahren denken
würden, gäbe es auch keinen Fortschritt.“

BeruÀiche Kompetenz wiederum führt zu Vertrauen, das man haben muss, wenn
man sich in die medizinische Obhut eines Arztes begibt. Allerdings sehen sich
Etablierte aufgrund ihres Detailwissens als mündige Patienten, die auch Behand-
lungen und Diagnosen kritisch hinterfragen, vom Arzt ausführlich informiert und
als Partner ernst genommen werden möchten. Dementsprechend fordern Etablierte
viel Zeit für eine persönliche, individuelle Behandlung ein. Keineswegs toleriert
wird eine Abfertigung wie am Fließband, und auch eine Praxisorganisation, die
lange Wartezeiten verursacht, ist völlig inakzeptabel für Etablierte. Zudem müs-
sen Arzt und Patient auf einer Wellenlänge liegen; bei Mangel an Sympathie sind
Etablierte die ersten, die den Arzt wechseln.

ƒ „Ich fand sein Verhalten unmöglich, denn ich denke, so etwas kann man
einfach nicht sagen, und habe dann zu ihm gesagt, dass wir uns das letzte
Mal gesehen haben.“

Allerdings nehmen Etablierte auch das Dilemma wahr, in dem sich die Ärzte
be¿ nden. Viele Etablierte konstatieren, dass Ärzte besonders durch Vorgaben
der gesetzlichen Krankenkassen unterbezahlt sind bzw. nicht leistungsgerecht
entlohnt werden. Dies führt zu geringer Motivation, da kein Anreiz für gute Leis-
tung besteht, und die enormen Betriebskosten einer Praxis können nur durch hohe
Patientenzahlen und die verstärkte Konzentration auf Privat patienten gedeckt
werden, die dann häu¿g als „Milchkühe“ herhalten müssen. Etablierte propagieren
daher auch im Hinblick auf Arzthonorare die Maxime: Wer Leistung bringt, soll
mehr (und gut) verdienen – speziell, wenn es sich um ein so ausbildungsintensives,
anspruchs- und verantwor tungsvolles Berufsfeld wie das des Arztes handelt ! Im
Umkehrschluss erwarten Etablierte aber auch, dass sie für das viele Geld, dass
sie als Privatpatienten beim Arzt lassen, eine exzellente Versorgung erfahren.
Im Licht der Tatsache, dass Etablierte ihre Ärzte sorgfältig auswählen (kön-
nen) und von diesen häu¿g privilegiert behandelt werden, ver wundert es nicht,
dass sich Etablierte im Großen und Ganzen gut aufgehoben und behandelt fühlen
bei den Ärzten ihrer Wahl.
SINUS B1: „Etablierte“ 131

Einnahme von Medikamenten

Insgesamt herrscht unter Etablierten eine gewisse Abneigung gegenüber Medika-


menten; sie werden nur ungern eingenommen – und auch nur dann, wenn die Not-
wendigkeit zwingend gegeben ist und überzeugend erklärt wurde. In diesen Fällen
hält man sich zumeist an die Anweisungen des Arztes. Jedoch betonen Etablierte
auch bei der Medikamenteneinnahme ihre Mündigkeit, Entscheidungsfreiheit und
Eigenverantwortung und behalten sich im Zweifelsfall vor, Medikamente nicht
oder nur eingeschränkt zu nehmen. Diese Non-Compliance wird selbstbewusst
dem Arzt gegenüber vertreten.

ƒ „Ich entscheide da selber. Wenn ich jetzt weiß, es ist ein Antibiotikum,
dann weiß ich, dass ich das nehmen muss. Aber bei anderen Sachen sage
ich auch: ‚Ich nehme das, wenn ich denke, ich brauche es‘. Da bin ich auch
dem Arzt gegenüber ganz offen.“

Etablierte haben keine Berührungsängste im Hinblick auf homöopathische Heil-


mittel, so lange deren Wirksamkeit wissenschaftlich untermauert bzw. erwiesen
ist. Allerdings gilt hier noch stärker als für verschreibungspÀichtige Medikamente,
dass Etablierte die Einnahme und die Nutzungsdauer selbst bestimmen.

ƒ „Ich glaube, das letzte Medikament, was ich verschrieben bekommen habe,
das war pÀanzlich. Wenn man jetzt z. B. ein Antibiotikum verschrieben
kriegt, heißt es, das soll man durch nehmen; aber hier gilt für mich, wenn
ich merke, dass die Beschwerden abgeklungen sind, dann setze ich es ab
und sage: ‚Prima, ist erledigt‘.“

Vorsorgeuntersuchungen

Prinzipiell werden medizinische Vorsorgeuntersuchungen von Etablier ten als wich-


tig und richtig erachtet. Sie bedienen nicht nur den Eigenverantwortungsaspekt in
der Gesundheitsvorsorge, sondern stellen auch ein handfestes ökonomisches Plus
dar. Die frühzeitige Diagnose bestehender Krankheiten und deren Behandlung
bzw. Abwehr erhöht nicht nur die Lebensqualität (und gegebenenfalls auch die
Überlebenschancen), sie spart auch große Kosten im Vergleich zu später anset-
zenden, langwierigen und auf wändigen Therapiemaßnahmen.
132 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Das bin ich meinem Körper und der Solidargemeinschaft schuldig.“


ƒ „Wer Vorsorge macht, geht verantwortungsvoll mit sich um.“
ƒ „Je früher man etwas erkennt, desto größer sind die Heilungschancen.“

Etablierte befürworten auch Anreize in Form von Boni, wie z. B. Beitragsrück-


erstattungen oder höhere Kostenüber nahme (falls ein Zuzahlungsmodell gewählt
ist), um verantwortungsvolles Verhalten zu belohnen. Allerdings würden Etablierte
Vorsorgeuntersuchungen auch ohne diese Vergütungen wahrnehmen, da sie von der
Notwendigkeit überzeugt sind, und es bedarf auch nur bei wenigen Etablier ten der
expliziten Aufforderung durch ihre Kranken kasse, an Vorsorgeuntersuchungen
teilzunehmen.

ƒ „Ich mache regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen. Das muss einfach sein,


so oder so.“
ƒ „Ich ¿nde es aber richtig, dass Anreize geschaffen werden.“
ƒ „Nach dem Motto – es gibt für dieses Jahr diese Untersuchungen. Wenn
die gemacht werden, dann gibt es ein Incentive.“

Insgesamt ist ein eindeutig geschlechtsspezi¿sches Verhalten hinsichtlich Um-


fang und Häu¿gkeit der Vorsorgeuntersuchungen festzustellen. Frauen nehmen
deutlich mehr Check-ups wahr als Män ner. Die jährliche Krebsvorsorge beim
Gynäkologen, der regelmäßige Gesundheitscheck beim Hausarzt oder Internisten
und ab einem gewissen Alter Darmspiegelungen beim Proktologen gehören ganz
selbst verständlich zum Inventar der persönlichen Gesundheitsvorsorge. Auch der
Zahnarzt wird routinemäßig aufgesucht – wobei sich zum gesundheitlichen As-
pekt ein ästhetisch-sozialer gesellt: Schlechte Zähne wirken abstoßend und sind
unvereinbar mit dem Stilgefühl und der gesellschaftlichen Position Etablierter.

ƒ „Ich gehe regelmäßig zum Zahnarzt und lasse meine Zähne nachgucken,
denn: das sieht man !“

Etablierte Männer sind bei der Vorsorge zurückhaltender. Zwar wird die Not-
wendigkeit auch von ihnen gesehen, der Gang zum Arzt dann aber häu¿g doch
nicht angetreten. Die Motive dafür liegen weniger in der Bequemlichkeit oder in
dem Glauben begründet, Krankheiten könnten sie nicht treffen, sondern in sehr
tiefsitzenden Ängsten vor der Diagnose (besonders bei Prostata- oder Hodenkrebs)
bzw. dem Widerstreben gegen bestimmte Untersuchungsweisen (Darmspiegelung,
Prostatauntersuchung). Die physische Komponente, das „Angefasst-Werden“ er-
SINUS B1: „Etablierte“ 133

zeugt Reaktanzen; zu Untersuchungszwecken würden sich diese Männer lieber


einer hohen Strahlendosis im CT aussetzen als einer „Leibesvisitation“.

ƒ „Es gibt so manche Vorsorgeuntersuchungen, wie Darmspiegelung oder


Prostatauntersuchung, die habe ich noch nicht über mich ergehen lassen,
die ¿nde ich einfach unangenehm! Ich meine, die könnten mich durch eine
Röhre schieben, das ist ja egal, aber so, das ¿nde ich nicht so glücklich.
Aber vielleicht ist die Technik in 5 oder 10 Jahren ja weiter.“
ƒ „… CT. Da können die die Bildchen in Scheiben schneiden noch und nö-
cher. Ich meine, da sieht man ja alles sehr genau. Das ist körperlich nicht
unangenehm, man sieht alles, das wär für mich ok. Aber diese Leibes-
visitationen, das erachte ich als unangenehm.“

So stellen bei gesunden männlichen Etablierten jährliche Blutuntersuchungen


und regelmäßige Zahnarztbesuche den Status quo der praktizierten Vorsorge dar.

ƒ „Also, ich lasse einmal im Jahr mein Blut untersuchen. Sind die Blutwerte
in Ordnung, dann spricht auch nichts dafür, dass irgendetwas im Körper
nicht in Ordnung ist.“
134 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Zweiter Gesundheitsmarkt

Da Etablierte überwiegend privat versichert sind, könnten sie theoretisch viele


Leistungen in Anspruch nehmen, die bei gesetzlich Versicherten nicht oder nur
restriktiv von ihrer Kasse übernommen werden. Zu diesen Leistungen gehören
z. B. Akkupunktur, aber auch Massagen und bestimmte Physiotherapien sowie
Kuren oder alternative Heilmethoden. Jedoch orientieren sich Etablierte auch bei
der Inanspruch nahme dieser Gesundheitsleistungen an Eigenverant wor tung und
Notwendigkeit.
Medizinisch angezeigte Massagen und Physiotherapien werden befür wortet,
in Anspruch genommen und es wird erwartet, dass die (Privat-) Kasse sie als
notwendige Leistung übernimmt. Sollten diese Behandlungen aber „nur“ dem
eigenen Wohlbe¿ nden dienen, so sind Etablierte bereit, dafür selbst zu zahlen.
Auf Kuren, die nicht zu akuten Rehabilitationszwecken durchgeführt werden, ver-
zichten Etablier te zumeist und bevorzugen exklusive Wellness-Urlaube, die sie
als Privatsache betrachten und aus eigener Tasche ¿nanzieren.

ƒ „Also, bei weiteren Gesundheitsleistungen halte ich nur dann etwas davon,
wenn es wirklich nötig ist. Ich denke, nicht nach jeder Operation muss
direkt ein Kuraufenthalt anstehen. Wenn ich jetzt am Rücken operiert
wurde und ich muss zur Reha, dann ist das für mich selbstverständlich.
Aber es muss keine Kasse werben für eine Mutter-Kind-Kur.“
ƒ „Wenn ich denke, ich müsste mich mal massieren lassen und habe nichts,
nur weil es schön ist, dann muss ich es auch bezahlen. Genauso, wie ich
für meinen Aufenthalt im Wellness-Hotel selber zahle.“
ƒ „Wellness für die Seele, warum sollte das die Allgemeinheit bezahlen ?
Mein Mann, der schwere Rückenprobleme hat, der muss zum Physio-
therapeuten, da sehe ich ein, dass das bezahlt wird. Logisch ! Alles, was
sein muss, sollte bezahlt werden. Aber Lifestyle ist nicht Sache der Kran-
kenkasse.“

Etablierte sind bereit, in die eigene Gesundheit zu investieren in Form von Yoga-
Kursen, Fitness-Programmen, Sport und gesunder Ernäh rung. Nahrungsergän-
zungsmittel oder andere chemische Präparate werden abgelehnt, da für Etablierte
eine gesunde, ausgewogene Ernährung dasselbe leistet. Entsprechend besteht auch
eine gewisse Af¿nität zu und Akzeptanz von Ernährungscoaching im etablierten
Milieu – Professionalität des Anbieters und Qualität des Programms vorausgesetzt.
Auch stehen Etablierte neuartigen Methoden und Heilpraktiken offen gegen-
über, wenn sie die Qualität der medizinischen Versorgung erhöhen, wissenschaft-
lich fundiert sind und die Lebensqualität für den Patienten steigern. Von einigen
SINUS B1: „Etablierte“ 135

dieser Leistungen wissen sie, dass die privaten Krankenkassen sie übernehmen,
ansonsten sind Etablierte auch bereit, bei Bedarf die Kosten selber zu tragen.

ƒ „Wenn ich diese Heilmethoden medizinisch brauche, dann sollten sie be-
zahlt werden. Und falls sie doch nicht bezahlt werden, oder wenn ich das
nur für mich selber brauche, weil es mir gut tut, dann kann ich es auch
selber bezahlen.“

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Die Etablierten sind vergleichsweise wenig betroffen von Einschränkungen im


aktuellen Gesundheitssystem. Viele von ihnen sind privat versichert bzw. zusatz-
versichert und haben bislang noch keine Leistung verweigert bekommen. Die
Zufriedenheit mit der eigenen Versorgung ist dementsprechend hoch. Auch be-
werten Etablierte die deutsche Gesundheitsversorgung im internationalen Ver-
gleich allgemein als gut, was aber nicht von harscher Kritik an fortschreitender
Verschlechterung und zunehmender „Zweiklassen-Medizin“ abhält. Dies heißt
allerdings keineswegs, dass Etablierte eine „Einheitskasse“ mit „Einheitsleistun-
gen“ als Ideal erachteten, sondern abzulehnende „Zweiklassen-Medizin“ bedeutet
für sie, dass notwendige Leistungen bei den gesetzlichen Krankenkassen immer
häu¿ger aus Kostengründen verweigert werden bzw. durch suboptimale Maß-
nahmen ersetzt werden.

ƒ „Also, das Gesundheitssystem in Deutschland ist – wenn ich es mal ver-


gleiche mit anderen europäischen Ländern, gerade in Südeuropa – auf
einem sehr hohen Niveau. Was nicht funktioniert, ist die Finanzierung
dieses Systems.“
ƒ „Insgesamt ist das deutsche System eines der besten der Welt. Jeder ist
versichert und hat Anspruch auf medizinische Versorgung. Es ist viel
moderner als z. B. in England. Und doch haben wir zunehmend ein Zwei-
klassen-System, in dem Kassenpatienten bestimmte Behandlungen nicht
bekommen, weil das Budget des Arztes ausgeschöpft ist.“
136 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Mein Vater war halt immer freiwillig gesetzlich versichert, der wollte
nicht in die Private, heute bereut er es. Es ist so, dass der Arzt nicht
mehr die Medikamente verschreiben kann, die er vorher noch verschrei-
ben durfte. Er muss dann ein anderes Medikament verschreiben, was er
vielleicht schlechter verträgt. Und wenn man das Medikament haben will,
was man vorher gehabt hat, was man gut verträgt, dann zahlt man es aus
der eigenen Tasche.“
ƒ „Vor allem betrifft dies die Kassenpatienten, die für Operationen teilweise
schon ins Ausland gehen müssen, weil man im öffentlichen Sektor sagt:
‚Ach, Operation ? Ist doch nicht so schlimm ! Musste mal ’n halbes Jahr
warten‘.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Etablierte konstatieren eine fortschreitende Verschlechterung der im Grunde sehr


guten medizinischen Versorgung in Deutschland aufgrund des falschen Einsatzes
der ¿nanziellen Ressourcen, wobei sie allerdings eine gravierende Kluft zwischen
privatem und gesetzlichem Krankenkassensektor wahrnehmen. Die Basisversor-
gung von Privatpatienten ist derzeit auf hohem Niveau gewährleistet, und eine noch
weitergehende „Premiumbehandlung“ kann jederzeit hinzugekauft werden. Dies
bedient und erfüllt die Erwartungen von Etablierten, denn ihrer Meinung nach
haben sie sich durch Leistung die entsprechenden ¿nanziellen Mittel und damit das
Recht erarbeitet, die beste medizinische Versorgung zu erwarten und zu erhalten,
die es gibt, denn: Leistung und Gegenleistung müssen stimmen.

ƒ „Und dann kann man seinen Beitrag gestalten, indem man sagt, diese
Zusatzleistung ist mir etwas wert. Das ist wie beim Auto. Ich kann mir den
Basis-Golf kaufen oder ich sage, ich hätte noch gerne die Lederausstattung,
was dann ungefähr die Chefarztbehandlung und das Einbettzimmer ist,
oder ich lasse es. Aber ich kann im Grunde genommen aus einem Katalog
wählen: Wie viel ist mir meine Gesundheit monatlich wert ? Oder wie viel
Komfort ist sie mir im Krankheitsfall wert? Und wenn ich viel zahle, kann
ich auch viel erwarten.“

In den Augen der Etablierten ist auch das Prinzip der privaten Krankenkassen
richtig. Beitragssätze errechnen sich entsprechend der Risikogruppe, d. h. gesund-
heitsbewusstes Verhalten wird belohnt und unverantwortliches Verhalten ¿nanziell
abgestraft. Und da die meisten Versicherten einen Selbstbehalt in ihrer Versiche-
SINUS B1: „Etablierte“ 137

rung haben, gehen Etablierte zudem davon aus, dass unnötige Arztbesuche von
vorneherein vermieden werden. Aus all diesen Gründen ist es auch den privaten
Kassen möglich, ihren Standard zu halten und mit den erwirtschafteten Mitteln
auszukommen.

ƒ „Es gibt bei den Privaten Anreize, sich auch gesund zu verhalten. Z. B.
Beitragserstattung, wenn man keine Rechnungen einreicht.“
ƒ „Wenn ich meine Privatkasse richtig viel Geld koste, dann werden die mich
irgendwann anders eingruppieren und dann werde ich gemäß meinem
Risiko mehr bezahlen müssen. Da zahlt halt jeder nach seinem Risiko.“
ƒ „Also bei einem Selbstbehalt von 500 Euro, dann bezahlt man die ersten
500 Euro erst einmal selbst. Man geht eigentlich dann zum Arzt, wenn
man meint, man müsste wirklich zum Arzt gehen.“

Nur bei Etablierten, die bereits mit schweren Krankheiten konfrontiert waren,
und bei den weiblichen Milieuangehörigen regen sich leichte Zweifel hinsicht-
lich der unbedingten Koppelung von Kostenverursachung und Beitragssatz. Hier
wird differenziert zwischen nicht selbst verschuldeten gesundheitlichen oder
altersbedingten Beeinträchtigungen auf der einen und selbst zu verantwortenden
Beschwerden auf der anderen Seite; dies sollte sich auch in der Anpassung der
Beiträge widerspiegeln.
Im Prinzip aber stellen Etablierte weder die Zweiteilung in private und gesetz-
liche Gesundheitsversorgung in Frage, noch ¿nden sie es anstößig, dass man für
höhere Beitragssätze auch die optimale Versorgung erwarten kann. Was sie aber
beklagen, ist, dass die solide und gute Basisversorgung der gesetzlich versicherten
Patienten kostenbedingt so gelitten hat, dass es ethisch und medizinisch langsam
nicht mehr zu vertreten ist.

ƒ „Es gibt häu¿g keine adäquate Nachsorge nach der OP für Kassenpatien-
ten. Das weiß ich von einer, die wollten sie nach 3 Tagen nach Hause
schicken – mit Drainage im Bauch. Das ist unverantwortlich.“
ƒ „Kassenpatienten zahlen mittlerweile einen nicht unerheblichen Teil selbst.
Wenn man dazu in der Lage ist, ist es ja schön, aber nicht jeder ist dazu
in der Lage und bei jemandem, der vielleicht etwas weniger Geld hat,
der ist dann in diesem System im Alter gekniffen, weil er dann nur noch
das bekommt, was der Arzt ihm laut oberer Ordnung oder Regel noch
verschreiben darf.“
138 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Die Versorung in den gesetzlichen Kassen darf nicht noch schlechter


werden, das ist am äußersten Rand angekommen.“

Etablierte sehen vielerlei Gründe für diese Negativent wicklung. An erster Stelle
wird die falsche Finanzierungspolitik genannt. Gesetzliche Krankenkassen dürfen
nicht selbst bestimmen, welche Beitragssätze sie zur Kostendeckung erheben. Und
die erhobenen Beiträge versickern dann in Verwaltung, Gebäuden, Lobbyvereini-
gungen, über Àüssigen Programmen und inadäquaten Werbe- und Kommunika-
tionsmitteln. Diese Misswirtschaft ist den leistungs- und ökonomiebewussten
Etablierten ein besonderer Dorn im Auge. Einen zweiten wichtigen Punkt stellen
die unangemessene Preispolitik der Pharmakonzerne sowie der indirekte Vertrieb
von Medikamenten über Zwischenhändler, die ebenfalls verdienen wollen, dar.
Aber auch das unverantwortliche Verhalten mancher (Kassen-) Patienten stößt
bei Etablierten auf unverhohlene Ablehnung. Jegliche Art von Bedien-Mentalität
wird scharf kritisiert. Hier fordern Etablierte Eigenverant wortung im Umgang
nicht nur mit der eigenen Gesundheit, sondern auch mit öffentlichen Geldern ein:
Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass sich die Gesellschaft oder „der Staat“
aus den einzelnen Bürgern zusammensetzt und dadurch im Endeffekt „staatliche“
Gesundheitsleistungen immer von allen bezahlt werden müssen.

ƒ „Was nicht funktioniert, ist die Finanzierung dieses Systems. Ich kann
nicht Hightech-Medizin erwarten und auf der anderen Seite dem Volk
suggerieren, dass man 5-köp¿ge Familien mit nur einem Arbeitnehmer-
beitrag, der vielleicht auch noch in der Niedriglohngruppe ist, ¿nanzieren
kann.“
ƒ „Wir sind ja seltsamerweise das Land in Europa, was in Relation mit am
meisten in das Gesundheitswesen investiert. Wenn man sich dann aber die
PÀegesituation in Krankenhäusern oder den Schwesternnotstand anschaut
und vergleicht das mit skandinavischen Ländern, die weniger einzahlen,
dann muss man sagen: Es ist ja nicht zu wenig Geld da, es versickert
irgendwo oder wird falsch verteilt.“
ƒ „Also, eine Sickergrube ist mit Sicherheit die Verwaltung, also die vie-
len Verwaltungsstellen. Sickergruben sind mit Sicherheit auch die ganzen
Lobby vereinigungen. Und ich kann es auch nicht einsehen, warum ein
Medikament in Deutschland immer 30 % teurer sein soll als in Frankreich.“
ƒ „Bin ich aber Kassenpatient und habe meine 10 Euro Eintrittsgeld bezahlt,
dann geh ich halt so oft dort hin, wie ich will, ich habe ja die 10 Euro
bezahlt.“
SINUS B1: „Etablierte“ 139

ƒ „Alles, was umsonst ist, wird in Anspruch genommen, ob ich es brauche


oder nicht. Man muss einfach mit dem Geld der Allgemeinheit bewusster
umgehen. Dieses Bewusstsein ist nicht ausreichend gegeben.“

So be¿nden sich die gesetzlichen Krankenkassen trotz der gewaltigen Summen,


die in das System Àießen, in einer ¿nanziell klammen Lage. Daran haben auch
die zahlreichen Reformen der letzten Jahre nichts geändert, im Gegenteil. Für
Etablier te stellen sie reines Stückwerk dar und führen in die völlig falsche Rich-
tung: Einheitsmedizin auf niedrigem Niveau.

ƒ „Es ist ein Irrglaube zu glauben, dass wir nach all diesen Reformen das
heutige Niveau halten. Das Niveau wird sinken, für alle, und für die heu-
tigen Kassenpatienten ist es ja schon gesunken.“

Etablierte kritisieren die für gesetzlich Versicherte inzwischen üblichen Wartezei-


ten (sowohl in Praxen als auch auf notwendige Operationen und Behandlungen)
und die suboptimale Medikamentenzuteilung. Auch die knappe Zeit, die ein Arzt
für seine Patienten aufwendet, wird als medizinisch bedenklich und menschlich
untragbar erachtet. Allerdings gestehen Etablierte, dass sie das Verhalten der Ärzte
nachvollziehen können. Eine persönliche, zeitaufwändige Behandlung sprengt das
Budget eines Arztes, da er nach den von den Kranken kassen vorgegeben Hono-
raren eine große Zahl von Kassenpatienten „durchschleusen“ muss, um Kosten-
deckung zu erreichen – von Verdienst gar nicht zu sprechen.

ƒ „Man muss heute in manchen Praxen erleben, dass gar keine Zeit mehr da
ist, weil die Ärzte das Wartezimmer voll haben und sagen ‚Ich muss Masse
machen, um auf meine Kosten zu kommen‘, also 5 Minuten pro Patient
und dann der Nächste. Nimmt er sich mehr Zeit für den Patienten, ist er
der barmherzige Samariter, weil er dafür nicht einen Euro mehr bekommt.“

An dieser Stelle tangieren die Vorgaben der gesetzlichen Kranken kassen auch
den Privatpatienten. Ärzte führen häu¿g kostenintensive, jedoch in vielen Fällen
nicht zwingend notwendige Behandlungen und Untersuchungen bei Privatpatien-
ten durch, um Pro¿t zu erzielen. Daher ist es für Etablierte auch so wichtig, gut
informiert zu sein, um gegebenenfalls Behandlungen ablehnen und durch Über-
prüfung der Liquidation die Behandlung des Arztes wenigstens im Nachhinein
auf unangemessene Untersuchungen abklopfen zu können.
140 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Manche Ärzte neigen dann dazu, wenn sie einen Privatpatienten mal
haben, ihre ganze Maschinerie aufzufahren, nach dem Motto: ‚Da kommt
einer, an dem verdiene ich mal wieder was‘. Das mag ich nämlich dann
auch nicht. Ich kann das zwar verstehen, aber im Grunde genommen
schädigt er mich und meine Kasse.“

Insgesamt beobachten Etablierte, dass im Gesundheitssektor das Bewusstsein für


Eigenverantwortung der Einzelnen gestärkt werden müsste, marktwirtschaftliche
Regeln häu¿g nicht greifen (s. Verwaltungsapparat), die Entlohnung der Beteilig-
ten keineswegs nach dem Leistungsprinzip geschieht (je besser und quali¿zierter
die Leistung, desto höher die Entlohnung), ein enormer ärztlicher brain drain in
Richtung höher dotierten Posten im Ausland zu verzeichnen ist, und dass dringen-
de Themen wie AltenpÀege, Krankenhäuser und Kran ken haus¿nanzierung oder
Personalmangel halbherzig und konzeptlos angegangen werden.

Chancengerechtigkeit

Etablierte unterscheiden stark nach Gerechtigkeit und Gleichheit im Gesund-


heitssektor. Obwohl die De¿nition von „Gerechtigkeit“ für sie „ein weites Feld“
darstellt, wird diese prinzipiell im Sinne von guter, solider Basisversorgung für
alle Versicherten de¿ niert, eingefordert und befürwortet. Jeder soll Zugang zu
allen notwendigen Behandlungen und Medikamenten haben; allerdings erwarten
Etablierte auch, dass jeder hierzu etwas beiträgt: sowohl ¿nanziell als auch durch
gesundheitsbewusstes Verhalten. Aber wie oben bereits ausgeführt, sehen viele
Etablierte die Chancengerechtigkeit in Deutschland vor allem für gesetzlich Ver-
sicherte durch systemimmanente Faktoren gefährdet.

ƒ „Ich bin der Meinung, dass gerechte Leistungen im derzeitigen System


bald nicht mehr ¿nanzierbar sind.“
ƒ „Das System muss reformiert werden, aber richtig.“

Gleichheit dagegen wird von vielen Etablierten weder festgestellt noch angestrebt.
Das Stichwort „Einheitsmedizin“ ist für sie im sprichwörtlichen Sinne ein rotes
Tuch. Gemäß der Devise, dass jeder Mensch anders ist und andere Bedürfnisse hat,
plädieren sie dafür, dass man selbst erworbene ¿nanzielle Vorteile auch in über
die Basisversorgung hinausgehende Leistungen umsetzen darf in Leistungen, die
anderen nicht unbedingt offenstehen, weil sie aus dem Katalog des „Notwendigen“
herausfallen und separat erworben werden müssen.
SINUS B1: „Etablierte“ 141

ƒ „Der Standardtarif bei der Privaten ist beispielsweise Zweibettzimmer und


nicht Chefarztbehandlung – ein Oberarzt kann das in der Regel genauso
gut. Wenn ich sage, dass ich aber Chefarztbehandlung will und ein Ein-
bettzimmer, dann kostet das extra. Das ist wie die Automatikklimaanlage
beim Wagen: Du kannst eine manuelle haben oder du zahlst eben mehr.
Weil du versicherst dich für den Fall der Fälle, dass du diese Leistung in
Anspruch nehmen kannst. Und das ist mein gutes Recht.“

Zudem vertreten Etablierte die Auffassung, dass notwendige Innovationen, d. h.


der medizinische Fortschritt, nur durch die Einnahmen aus dem Privatpatienten-
sektor ¿ nanziert und ermöglicht werden kann, was später auch dem gesetzlich
versicherten Patienten zugute kommt.

ƒ „In der Regel ist es ja so, der Privatpatient zahlt grundsätzlich den 2- oder
3-fachen Satz. Warum? Weil der Privatpatient letztendlich die Maschinerie
für den Gesetzlichen mit bezahlt. Ohne die Privat patienten könnten sich
manche Praxen und Krankenhäuser die Maschinerie gar nicht leisten.“
ƒ „Medizinischer Fortschritt kostet nun mal Geld. Und wir alle wollen von
diesem medizinischen Fortschritt pro¿tieren.“

Allerdings relativieren gerade weibliche Etablierte und Etablierte, die bereits eine
schwere Krankheit überstanden haben, das unbedingte Primat der Individualisie-
rung und der monetären Differenzierung. Sie erkennen ein Dilemma im Àießenden
Übergang von unvermeidbarer, aber vertretbarer Ungleichheit zu inakzeptabler
Ungerechtigkeit und betonen, dass im Zweifelsfall eine optimale gesundheitliche
Versorgung nicht allein vom Geldbeutel abhängig sein darf.

ƒ „Es darf Menschen mit geringerem Einkommen Zugang zu Maßnahmen


nicht nur wegen ¿nanzieller Probleme versperrt bleiben.“
ƒ „Für mich nehmen sich die Ärzte mehr Zeit … ich bin der Überzeugung,
dass meine Krebserkrankung, wenn ich Kassenpatient wäre, eventuell
nicht diagnostiziert worden wäre – oder zu spät.“

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Etablierte haben sehr dezidierte Vorstellungen von und Erwartungen an ein künfti-
ges Gesundheitssystem, und sie sehen primär die Politik, aber auch die Hauptak-
142 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

teure (Kassen, Ärzte, Krankenhäuser, Pharmaunternehmen) in der PÀicht, sich


endlich zu sinnvollen Reformen durchzuringen.
Etablierte befürworten die Beibehaltung der Teilung in gesetzliche und pri-
vate Krankenversicherung, streben aber eine Reform vor allem des gesetzlichen
Parts unter Anwendung von Privatkassenprinzipien an.

ƒ „Der Handlungsbedarf ist der, dass in der gesetzlichen Krankenversiche-


rung der Geist der Privaten einziehen muss.“
ƒ „Und ich würde nicht versuchen, die Privatkassen kaputt zu machen, son-
dern ich würde die gesetzlichen Kassen wieder in die Freiheit entlassen.
Weg von diesem Gesundheitsfond… Also, jede Kasse wird wieder in die
Selbstständigkeit entlassen und kann sich die privatwirtschaftlichen Züge
wieder angedeihen lassen.“

Wichtigstes Kriterium ist dabei, dass eine VersicherungspÀicht für jeden besteht;
d. h. jeder muss sich versichern und zahlt seinen Beitrag – auch Kinder und nicht-
arbeitende Ehepartner. Etablierte sind der Meinung, dass es nicht ¿ nanzierbar
und auch nicht moralisch vertretbar ist, dass nur ein Familienmitglied einzahlt,
aber alle pro¿tieren. Sollten diese Beitragszahlungen zu sozialen Härten führen
(deren De¿ nition Etablierten häu¿g schwerfällt), so ist der Staat in der PÀicht,
diese durch Zuschüsse auszugleichen. Eine völlige Über nahme der Beiträge wird
im Regelfall abgelehnt, da befürchtet wird, dass staatliche Leistungen, die nicht
sofort spürbar etwas kosten, den Empfänger weder für kostenbewusstes Verhalten
sensibilisieren noch dazu anhalten.

ƒ „Ich sage mal einen Zuschuss, weil wenn es dann wieder eine staatliche
Leistung ist: ‚Alles, was nichts kostet, ist nichts wert‘…“
ƒ „Jeder zahlt seinen Beitrag. Natürlich muss man irgendwie gucken, dass
man soziale Härten ausgleicht, aber nur einer zahlt und alle sind mit drin,
das funktioniert nicht.“
ƒ „Idealerweise besteht eine VersicherungspÀicht und jeder – wie bei der
Haft pÀicht auch – muss sich versichern und jeder zahlt dafür seinen Bei-
trag… Es gibt ja immer noch Schichten, die es wirklich nicht bezahlen
können – die mag es immer geben – für den Fall wäre dann der Sozialhaus-
halt da, um da das, was fehlt, beizuschießen. Für die, die es sich wirklich
nicht leisten können.“

Neben dieser der „Gesundheitsprämie“ vergleichbaren Beitragserhebung plädieren


Etablierte für Beitragsbemessungen nach Risikogruppe auch in den gesetzlichen
SINUS B1: „Etablierte“ 143

Kassen. Dafür möchten sie nicht nur den allgemeinen Gesundheitszustand berück-
sichtigt sehen, sondern explizit auch gesundheitsförderndes, verantwortungsvolles
bzw. unverantwortliches, gesundheitsschädigendes Verhalten. In der Quintessenz
bedeutet dies, dass in die aktuellen Beiträge neben den Kosten, die heute tat-
sächlich entstehen, auch bereits mögliche zu künftige Kosten des individuellen
Verhaltens eingerechnet werden.

ƒ „Es müssen nicht alle den gleichen Preis zahlen, sondern jeder nach sei-
nem Risiko.“
ƒ „Es ist in der Regel so, wenn du Neukunde werden willst, dann musst du
Gesundheitsfragen beantworten, und wenn du nicht alles mit topgesund
angeben kannst, dann musst du der Krankenkasse auch die Genehmigung
erteilen, dass die eine Arztanfrage einholen. So läuft das bei den Privaten.
Und dann machen die eine Arztanfrage und dann überlegt sich die Kasse:
‚Zu welchem Risikoaufschlag nehme ich dich als Kunde ?‘“
ƒ „Wer sich jeden Tag ohne Sonnencreme 5 Stunden in die Sonne legt und
hinterher Brandblasen hat und dadurch irgendwann Hautkrebs provoziert,
der muss dafür aber auch einen entsprechend höheren Beitrag leisten.“
ƒ „Wenn jemand bei 1,60 Meter 90 Kilo wiegt, und das schon im jungen
Alter, d. h. wenn er so viel wiegt, was meinen Sie wird der in den nächsten
Jahren Gesundheitskosten produzieren, die die Solidargemeinschaft tragen
muss, nur weil er sich fehlverhält?! In der Privatkasse – wenn er überhaupt
genommen werden würde – müsste der einen so horrenden Beitrag zahlen,
dass er sich überlegen würde, ob er wirklich so viel essen will.“

Auch erwarten Etablierte von einem zukünftigen Gesundheitssystem höhere


Transparenz der Abrechnungen für die gesetzlich Krankenversicherten. Diese
sollten, wie die Privatversicherten auch, Rechnungen für ärztliche Leistungen nach
Hause geschickt bekom men, damit sie über prüfen können, ob die abgerechneten
Leistungen tatsächliche erbracht wurden. Zudem erhoffen sich Etablierte einen
gewissen Auf klärungseffekt bei den Versicherten, was die Kostenverursachung
bzw. Verhältnismäßigkeit bei Arztbesuchen bedeutet.

ƒ „Jeder Private bekommt eine Abrechnung, die bekommt der Gesetzliche


nicht. Und dann kann ja der Arzt im Grunde genommen Leistungen auf-
schreiben, die er vielleicht nicht erbracht hat, das kontrolliert ja keiner.
Das kann der Arzt bei einem Privatpatienten schlecht, weil der dich nicht
behandeln kann und du bist nicht dagewesen.“
144 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Etablierte würden im Gesundheitssektor auch ein streng leistungsbezogenes und


an unternehmerischen Prinzipien ausgerichtetes Entlohnungssystem einführen.
Ärzten, die sich durch Kompetenz auszeichnen, sich die notwendige Zeit nehmen,
sich weiterbilden, die Budgets der Krankenkassen nicht unnötig strapazieren und
ihre Praxis wirtschaftlich angemessen betreiben, sollten auch besser bezahlt wer-
den. Das gleiche gilt für Krankenhäuser, denen Konzentration auf Qualität und
wirtschaftliches Arbeiten nahegelegt wird. Dies beförderte ihre Attraktivität unter
Patienten, und durch „natürliche Selektion“ blieben über die Zeit nur hochwertige
Dienstleister übrig, die optimale Qualität für den ihr angemessenen Preis erbräch-
ten. Zugleich sind Etablierte der Überzeugung, dass durch diese Maßnahmen der
brain drain ins Ausland gestoppt werden könnte und in ländlichen Gebieten die
Versorgung – dank adäquater Bezahlung der Ärzte – gewährleistet bliebe.

ƒ „Qualität hat auch seinen Preis. Ein guter Arzt hat auch seinen Preis. Aber
wenn ich jedem Arzt, egal ob er was kann, immer das Gleiche zahle, das
kann nicht sein. Dann haben wir irgendwann einen Einheitslohn. Wir
wollen aber eigentlich doch alle nach Leistung bezahlt werden. Und wenn
Ärzte sich weiterbilden, dann haben sie auch verdient, mehr zu verdienen.“
ƒ „Mehr unternehmerische Freiheiten… Das Krankenhaus weiß, was sie
für die Leistungen, die sie erbringen, bekommen, was es kosten darf, und
dann muss das Krankenhaus wirtschaften. Wenn das Krankenhaus aber
einen guten Ruf hat, weil es gute Ärzte hat, spielen sie das locker wieder
ein, weil dadurch dann auch die Patienten kommen. Und Krankenhäuser,
die schlecht wirtschaften und einen schlechten Ruf haben, werden halt
irgendwann vom Markt verschwinden, wie das bei jedem normalen Unter-
nehmen auch ist. Jeder kleine Privatunternehmer, der schlecht wirtschaftet,
verschwindet vom Markt. Und so ist das im Gesundheitswesen dann auch.“
ƒ „Patienten sollten nicht mehr als Patient, sondern als Kunde gesehen wer-
den und der Arzt sollte als Dienstleister gesehen werden. Und Kundenzu-
friedenheit kann man messen. Danach können dann auch die Honorare
festgelegt werden.“

Das größte Einsparungspotenzial sehen Etablierte eindeutig in der Verwaltung


der Krankenkassen. Es ist ihnen völlig schleierhaft, warum sich in Zeiten knapper
Kassen noch jede Krankenkasse in jeder Region Dependancen leistet. Fusionen,
Abbau des Apparats vor Ort und mehr Online-Optionen würden in den Augen der
Etablierten viel Geld für die eigentlichen Aufgaben der Krankenkassen freisetzen.
SINUS B1: „Etablierte“ 145

ƒ „Ich weiß nicht, warum jeder Landkreis seine Krankenkassen und kassen-
ärztliche Vereinigungen braucht mit Geschäftsführer, Verwaltung etc. Gut,
dass schafft alles Arbeitsplätze, aber was da an Geld versickert, das ist
Wahnsinn.“

Im Pharmabereich plädieren Etablierte für mehr Wettbewerb sowohl auf dem hei-
mischen wie auf dem internationalen Markt, damit die „völlig überhöhten“ Preise
für Medikamente und andere medizinische Produkte reduziert werden können
und der EinÀuss der Lobbyisten eingedämmt wird.

ƒ „Gerade Medikamente, Verbandsmaterialien in Krankenhäusern und


Medi zintech nik sind sehr teuer. Es sind häu¿g Monopole oder es gibt
keine richtige Konkurrenz.“
ƒ „Die Pharmalobbyisten würden sich die Hacken tot laufen, wenn es mehr
Wettbewerb auf dem Pharmamarkt gäbe.“
ƒ „Ein Medikament, was normalerweise 450 Euro kostet, was ja schon recht
teuer ist, habe ich auf Nachfrage als Re-Import von der deutschen Apothe-
ke für 360 Euro bekommen, was immer noch viel Geld ist. Aber da ist
schon eine gewaltige Spanne drin.“

Wenn alle diese Maßnahmen ergriffen worden sind, sehen Etablierte die Mög-
lichkeit, mit den vorhandenen Geldern allen Versicherten eine Basisversorgung
auf hohem Niveau zukommen zu lassen (alle Vor sorgeuntersuchungen, Fach-
arztbehandlung, freie Arztwahl, Zahnarztbehandlung, einen höheren Anteil an
den Zahnersatzkosten, alle nötigen – und gut verträglichen – Medikamente, alle
notwenigen Apparatu ren und Operationen im Krankenhaus und die optimale,
schonendste Behandlungsmethode).
146 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

SINUS B12: „Postmaterielle“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus B12 „Postmaterielle“


Lebenssituation x Häu¿g Haushalte mit kleinen Kindern (Verheiratete oder Patch-
work-Familien)
x 4- und Mehr-Personen-Haushalte sind deutlich überrepräsentiert
Bildung x Hohe bis höchste Formalbildung
x Höchster Anteil von Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss
im Milieuvergleich
Beruf x Quali¿zierte und leitende Angestellte sowie Beamte und Frei-
beruÀer
x Häu¿g pädagogische, wissenschaftliche, soziale und medizinische
Berufe
Einkommen x Gehobenes Einkommensniveau
x 47 % haben ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von
3.000 Euro und mehr (Gesamt: 24 %)*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 3.056 Euro
x 48 % verfügen über ein Kapitalvermögen von 25.000 Euro und
mehr (Gesamt: 37 %); überdurchschnittlicher Immobilienbesitz
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Postmateriellen zeichnen sich durch ihre liberale Grundhaltung, durch Welt-
offenheit, Toleranz und Multikulturalität aus. Sie denken in globalen Zusammen-
hängen und Verantwortlichkeiten.
Aufgrund ihrer Aufgeschlossenheit und ihrer hervorragenden Ausbildung
sind sie meist erfolgreich im Beruf. Die Postmateriellen haben großes Vertrauen
in ihre Fähigkeiten. Krisenhafte Entwicklungen sehen sie als Herausforderung,
die es anzunehmen gilt. In ihrem Den ken und ihren Projekten wollen sie der
Gesellschaft immer einen Schritt voraus sein.
Zwar wird die allgemeine Verunsicherung in der Gesellschaft auch in diesem
Milieu sehr sensibel wahrgenommen. Sich selbst sehen die meisten Postmateriellen
aber in einer privilegierten Situation, was sie nicht verbergen. Mit dieser Haltung
wollen sie ein Zeichen setzen gegen unangemessenes, habituell gewordenes Klagen
über die Zeitläufte.
Anders als die Etablierten haben sich die Postmateriellen auch in härteren
Zeiten die genussorientierte „toskanische“ Grundhaltung bewahrt – Aufgeschlos-
SINUS B12: „Postmaterielle“ 147

senheit für das Schöne, für Luxus, Unterhaltung und Kultur einerseits, Networking
mit Gleichgesinnten andererseits.
Geblieben ist die Freude an hochwertigem Konsum, gewachsen ist das Bedürf-
nis nach Luxus. Dinge, die das Leben verschönern (Kunst, Kleidung, Wohnung,
Garten), gehobene Artikel des täglichen Bedarfs (zum Beispiel bei Lebensmitteln),
edel essen gehen und reisen sind – auch – Entschädigung für die vielfältigen Stress-
situationen im beruÀichen und privaten Alltag. Auf der Suche nach Entschleuni-
gung sind sie sehr empfänglich für Entlastung durch Service.

Altersaufbau des Sinus-Milieus B12 „Postmaterielle“

Wie bei den Etablierten sind auch in diesem Milieu die mittleren Altersgruppen
überrepräsentiert. Der Schwerpunkt liegt zwischen 30 und 55 Jahren. Wenig mehr
als ein Fünftel der Milieuangehörigen ist über 60, nur 15 Prozent sind unter 30.
Der Alters-Median liegt bei 44 Jahren.

Bedeutung von Gesundheit

Für Postmaterielle ist Gesundheit ein hoch reÀektiertes und eminent wichtiges
Thema mit breitem Bedeutungsspektrum. Gesundheit heißt nicht nur Abwesenheit
von Krankheit oder physischen Einschrän kungen und damit Befähigung zum
selbstbestimmten, ungehinderten Erleben und Einsatz des „Körpers“ (Leistungs-
aspekt); Gesundheit beinhaltet auch psychisches und „soziales“ Wohlbe¿ nden.
Gesundheit ist nicht „teilbar“: Körper, Geist und Seele müssen sich in Balance
be¿nden; ist eine dieser Dimensionen gestört oder wird ihr zu wenig Beachtung
geschenkt, krankt auf Dauer der gesamte „Organismus Mensch“. Um dem Thema
Gesundheit gerecht zu werden, muss im Grunde das gesamte Lebensumfeld und
die individuellen Lebensbedingungen ins Blickfeld gerückt bzw. berücksichtigt
148 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

werden. Gesundheit tangiert damit alle Lebensbereiche und es kommt ihr umfas-
sende Bedeutung für ein zufriedenes, selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu.

ƒ „Gesundheit ist nicht nur die körperliche Gesundheit. Psyche und soziales
Umfeld sind genauso wichtig, um sich gesund zu fühlen.“

Diese ganzheitliche Sicht erfordert auch bei der Beurteilung der eigenen Gesund-
heit eine komplexe Analyse, die in der Praxis jedoch von Postmateriellen häu¿g zur
Vereinfachung zunächst auf die physische Ebene fokussiert wird. Post materielle
benennen ihre (körperlichen) Erkrankungen und Beschwerden präzise ohne zu
dramatisieren; sie bezeichnen ihren Gesundheitszustand in den meisten Fällen
als durchaus gut, und auch in den Fällen, in denen ernste Krankheiten prävalie-
ren (z. B. Krebs, schwere Wirbelsäulenprobleme, chronische Krankheiten), wird
versucht, durch positive mentale Einstellungen die Lebensqualität zu erhöhen und
die Krankheit nicht zur alles bestimmenden Determinante im Leben werden zu
lassen. Postmaterielle verfügen über vielfältige Strategien im Alltag zur Vermei-
dung oder zur Bewältigung von gesundheitlichen Schwierigkeiten, und sie nutzen
diese gezielt.

ƒ „Mein Gesundheitszustand ? 8 auf der Skala bis 10. Die Schmerzen


beeinträchtigen mich, es tut eben weh. Aber damit kann ich umgehen.
Ansonsten bin ich kerngesund.“
ƒ „Gesundheit ist eben auch Kopfsache. Geht es mir mental gut, wirkt sich
das auch positiv auf meinen Körper aus.“

Auch das Lebensalter ist ein wichtiger Faktor in der Betrachtung. Je älter die Post-
materiellen werden, desto größer wird ihr Respekt vor altersbedingten Einschrän-
kungen und desto ausgeprägter wird gesundheitsbewusstes Verhalten. Der Tenor
liegt dabei auf der Akzeptanz von natürlichen Gegebenheiten und dem ganzheit-
lichen, proaktiven Umgang mit der entsprechenden Situation.

ƒ „Ich habe da schon ziemlich Respekt davor, dass nicht mehr alles so geht
wie früher. Damit muss ich anfangen zu leben und mich entsprechend
darauf einstellen.“
ƒ „Es liegt an einem selbst, auch mit altersbedingten Beschwerden in einem
geistig stabilen Zustand leben zu können und damit umgehen zu können.“
SINUS B12: „Postmaterielle“ 149

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Für ein so individualistisch-emanzipatorisches und gleichzeitig solidarisches Mi-


lieu wie die Postmateriellen gehört Eigenverantwor tung zu der Grundausstattung,
die jedes Individuum haben sollte, und dies nicht nur aus persönlichen, sondern
auch aus gesellschaftlichen Gründen.

ƒ „Es liegt zuallererst an mir zu gucken, dass es mir gut geht und dass ich
meine Gesundheit erhalte.“
ƒ „Was passiert heute ? ‚Schrei sofort nach dem Staat‘. Die Eigenverantwor-
tung ist gestorben, das muss in einem sozial verträglichen Maße wieder
geändert werden.“
ƒ „Die Leute bei ihrer gesellschaftspolitischen sozialen Verantwortung pa-
cken. Es ist ja eben auch eine soziale Verantwortung, die wir alle haben,
das System nicht ins Nirwana explodieren zu lassen.“

Natürlich nehmen Postmaterielle eine Vielzahl von Aspekten wahr, die das kom-
plexe Zusammenspiel der Gesundheitsfaktoren stören und dadurch „Gesundblei-
ben“ dem EinÀuss und der ursächlichen Verantwortung des Einzelnen entziehen.
Nicht nur schädliche UmwelteinÀüsse und Stress, sondern auch genetische Ver-
anlagung, Unfälle, zwischen menschliche Belastungen oder auch einfach nur „un-
erklärlicher Zufall“ können jede noch so reÀektiert-gewissenhaften Lebensweise
konterkarieren.

ƒ „Erbkrankheiten, Veranlagungen – das kann man nicht beeinÀussen, das


ist sozusagen Pech, mit dem man leben muss.“
ƒ „Du lebst in einer bestimmten Umgebung und kannst nicht unbedingt fort.“

Aber nach Meinung der Postmateriellen ist es dennoch möglich, durch bewusstes
Verhalten viele Krankheiten zu vermeiden oder zumindest das Risiko an ihnen zu
erkranken, signi¿kant einzuschränken. Jeder Einzelne ist aufgerufen, seine gesam-
te Lebensweise zu überdenken und gegebenenfalls anzupassen bzw. zu verbessern.
Hier wird allerdings nicht einem genussfeindlichen Verzicht das Wort geredet,
sondern Postmaterielle setzen auf mündige, aufgeklärte, informierte Bürger, die
alle Lebensbereiche in ein gesundheitsbewusstes Verhalten einbeziehen, sich der
Konsequenzen ihres Handelns wohlbewusst sind, verantwortliche Entscheidungen
treffen und ihrem eigenen Körpergefühl trauen. Dies beinhaltet auch ein ständiges
Hinterfragen alter „Gewissheiten“ und Routinen (z. B. im Ernährungsbereich), die
Abkehr von ideologischen Glaubenssätzen oder allzu einfachen Lösungsvorschlä-
150 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

gen und die Aufforderung, sich im gesellschaftlichen Bereich für die Verbesserung
äußerer Gegebenheiten und Strukturen einzusetzen, die gesundheitsrelevant sind.

ƒ „Wir werden doch auch in unserem Bildungssystem dazu erzogen, ana-


lytisch und kritisch zu denken. Also nicht schwarz / weiß oder ja / nein,
sondern: Hier ist eine Information, denke darüber nach und bilde Dir eine
Meinung. So sollte das auch in Gesundheitsdingen sein.“

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Postmaterielle haben ein stark ausgeprägtes Informationsbedürfnis. Es ist ihnen


äußerst wichtig, über ihren Körper und die damit verbundenen gesundheitlichen
Belange Bescheid zu wissen. Wenn Probleme auftreten, sind sie die ersten, die
umfassende Recherchen über die relevanten Themen anstellen, und sie möchten
sich auf keinen Fall „blind“ in ein Arztgespräch begeben. Es werden immer meh-
rere Quellen konsultiert und jeder Aspekt von möglichst vielen Seiten beleuchtet.
Dabei gehen Postmaterielle in der Regel recht undogmatisch vor und zeigen sich
offen für die unterschiedlichsten medizinischen Richtungen, d. h. sie suchen nicht
gezielt nach Informationen einer bestimmten „Schule“, sondern streben eine mög-
lichst große Bandbreite von Meinungen an.
Zu Recherchezwecken wird besonders gern auf das Internet zurückgegriffen.
Postmaterielle sind versierte und kompetente Nutzer dieses Mediums und halten
sich auch für befähigt, die erhaltenen Informationen auf Seriosität und Zuver-
lässigkeit zu ¿ltern.

ƒ „Ich informiere mich viel im Internet. Und wenn ich zum Arzt gehe, dann
bin ich eben schon vorinformiert und dann kann der mir auch nicht jeden
Unsinn erzählen.“
ƒ „Das Internet ist dafür schon ganz gut, diese Unmengen an Informationen,
die man sich anlesen kann. Gut, man kann sich auch viel Mist anlesen, das
hat auch seine Nachteile. Das hängt auch wieder davon ab, inwieweit man
sagen kann, dass dies nun Blödsinn ist, was da steht. Das ist natürlich auch
wieder ein Bildungsfaktor, damit man sich da nicht schnell etwas aneignet,
was nicht den Tatsachen entspricht.“

Desweiteren spielen Freunde und Bekannte eine wichtige Rolle bei der Informa-
tionsbeschaffung. Der Austausch von Erfahrungen und Meinungen hilft sowohl
SINUS B12: „Postmaterielle“ 151

bei der Arztwahl wie auch bei Ursachenforschung, Symptomklärung und beim
Abwägen des „Für und Wider“ verschiedener Behandlungsmethoden.
Der Arzt gilt nur bedingt als zuverlässige Informationsquelle. Ärzte, die das
Vertrauen ihrer postmateriellen Patienten erworben haben, sind angesehene Berater
und ihr Rat hat großes Gewicht; den anderen werden auch schon Eigeninteresse,
Desinteresse oder schlichtweg mangelnde interdisziplinäre Kompetenz unterstellt.
Die Info-Blätter beim Arzt stehen zudem im Ruf, eher kommerziellen denn rein
informatorischen Zwecken zu dienen; dies wird auch im Vergleich zur Praxis in
anderen Ländern so benannt.

ƒ „Also, wenn ich mir überlege, was die Ärzte in Australien für ausführliche
Informationsblätter hatten ! Da stand alles drin über das, was ich hatte
und was das so nach sich ziehen könnte. Was hier so in den Arztpraxen
rumliegt, da habe ich eher das Gefühl, dass es eher darauf abzielt etwas
zu verkaufen als zu beraten.“

Das „lese-af¿ne“ Milieu der Postmateriellen informiert sich aber auch in seriösen
Tages- oder Wochenzeitungen und in Fachmagazinen und anderer Fachliteratur
über gesundheitliche Themen. Das Fernsehen spielt eine eher untergeordnete Rolle
in diesem Zusammenhang; Postmaterielle assoziieren mit ihm massentaugliche
und weniger fundiert-spezi¿sche Informationen. Allerdings stellt dieses Medium
für Postmaterielle die Möglichkeit dar, auch ein breiteres Publikum hinsichtlich
gesundheitlicher Aufklärung zu erreichen.

ƒ „Ich weiß nicht, was über die Medien läuft, weil ich hier kein Fernsehen
gucke. Ich weiß auch nicht, was so in Werbespots läuft. Aber fast alle
haben eine ‚Glotze‘ und darüber erreicht man die Leute.“
ƒ „Fernsehen ist ein ziemlich starkes Medium, in dem man nicht nur ständig
Konsum angedreht kriegt, der einen krank macht, sondern in dem man
umgekehrt vielleicht mal informiert wird, was einen krank macht, oder
wie man den Lebensstil umstellen kann.“
152 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit
SINUS B12: „Postmaterielle“ 153

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Postmaterielle betreiben ihre persönliche Gesundheitsvorsorge sehr aktiv. Erstes


Augenmerk wird immer auf die Ernährung gelegt. So verwenden Postmaterielle
nach Möglichkeit frische, hochwertige, gern aus kontrolliert ökologischer Erzeu-
gung stammende Produkte zur Zubereitung von ausgewogenen Mahlzeiten, die
allerdings auch geschmacklich anspruchsvoll sein und sich durch Vielfalt aus-
zeichnen müssen. Postmaterielle sind bereit, für gesunde Ernährung auch gutes
Geld auszugebe („Man ist, was man isst“), sind aber kritische Konsumenten und
setzen prinzipiell auf fundierte Informationen und nachprüfbare Qualität („Bio
ist nicht gleich Bio“). Sie sind der festen Überzeugung, dass durch eine wirklich
sinnvolle Ernährung viele „Volkskrankheiten“ wie Allergien oder Stoffwechsel-
erkrankungen (Diabetes, Adipositas, etc.) wenn schon nicht vollständig verhindert,
so doch verringert werden können. Unter Postmateriellen ¿nden sich im Milieu-
vergleich auch die meisten Vegetarier oder Menschen, die sich z. B. makrobiotisch
ernähren, aber Postmaterielle sind in den wenigsten Fällen rigorose „Gesundheits-
apostel“, die sich keine genussbedingten kleinen Sünden durchgehen ließen oder
niemals vom „Speiseplan“ abwichen. Es ist eher das „Fehlverhalten“ in Form
von nicht nachhaltig produzierten Produkten, die ein latent schlechtes Gewis-
sen ver ursachen. Und besonders bei Kindern legt man zwar höchsten Wert auf
154 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

eine gesunde Ernährung, lässt aber durchaus auch Spielraum für deren Bedürfnis
nach „Süßigkeiten und gelegentlich einer Portion Pommes“, denn: Verordneter
kompletter Verzicht ist kontraproduktiv, da er zu Reaktanzen und psychischem
Unbehagen führt; zudem sollen die Kinder in diesem sehr freiheitsliebenden Mi-
lieu schon früh an Eigenverantwortung herangeführt werden.

ƒ „Als Kind hatte ich verschiedene Lebensmittelallergien und Heuschnupfen.


Heute habe ich damit keine Probleme mehr, vielleicht liegt das auch an der
recht konsequenten Vermeidung von minderwertigen Nahrungsmitteln
mit vielen E’s und P’s.“
ƒ „Das muss jeder für sich selber raus¿nden und passend umsetzen. Es ist
auch wichtig, wenn man etwas praktiziert, dass man sich dabei wohlfühlt.“

Außerdem propagieren Postmaterielle Bewegung und Sport zur Gewichtskon-


trolle, zur Steigerung der allgemeinen körperlichen Fitness und als Ventil für
berufs- und / oder familienverursachten Stress. Es werden verschiedene Ausdauer-,
aber auch Leistungssportarten betrieben. Postmaterielle sind nicht per se dem
Leistungsgedanken abhold, sie verfolgen ihn aber nicht aus extrinsischen Gründen,
sondern weil sie für sich testen möchten, was sie ihrem Körper zutrauen können
und wo ihre Grenzen liegen (Selbsterfahrung); zudem sind Yoga oder andere
asiatische Sportarten wie Thai Chi als Training für Körper und Geist sehr beliebt.
Postmaterielle Frauen scheinen auch eine gewisse Af¿nität zu spezi¿schen Sport-
kursen und quali¿zierten Fitness-Angeboten zu haben.

ƒ „Ich mache Sport, habe einen Vertrag im Studio. Und da nutze ich das
Rücken-¿t. Und wenn es jetzt etwas Spezielles für meine Halswirbel gäbe,
dann würde ich das auch nutzen.“

Postmaterielle lehnen in den meisten Fällen bewusst gesund heitsschädliches


Verhalten, wie z. B. Rauchen oder höheren Alkoholkonsum, ab; das Glas Wein
oder auch einmal eine kleine „Kalorienbombe“ zum Dessert gehören aber zu
den „sonnigen Seiten des Lebens“ dazu und werden sich gestattet. Angehörige die-
ses Milieus versuchen auch aktiv, den beruÀichen Stress zu reduzieren, scheitern
aber in vielen Fällen durch äußere Vorgaben an der kompletten Umsetzung. Zur
Kompensation bemühen sie sich, wenigstens ihr Privatleben zu „entschleunigen“
und ihren Arbeitsplatz unter gesundheitsrelevanten Aspekten umzugestalten (z. B.
ergonomisches Mobiliar, Filter an Geräten, etc.).
Zusätzlich zu diesen allgemein verbreiteten Vorsorgemaßnahmen verwenden
viele Postmaterielle im täglichen Leben auch gesundheitsfördernde HeilpÀanzen
SINUS B12: „Postmaterielle“ 155

(wie Kräutertees, Algen, Beeren, Wurzeln oder ähnliches) und achten auf ein
angenehmes, stimulierendes (Wohn-) Umfeld, das der Seele gut tut und zudem
möglichst schadstofffrei gehalten wird. Bauökologie ist ein relevantes Thema, aber
auch die Wohnung als Rückzugsraum zur Entspannung und zur Regeneration der
psychischen Kräfte hat hohe Bedeutung. Überhaupt sehen Postmaterielle in der
geistigen Anregung sowie in bewussten „Auszeiten“ eminent wichtige Aspekte,
die sich auch direkt auf das körperliche Wohlbe¿nden auswirken.

ƒ „Meine Wohnung ist mein kleines Rückzugsgebiet, oder meine kleine


Insel, auf die man sich zurückziehen und wohlfühlen kann. Mein Beruf
bringt es mit sich, dass ich ständig mit anderen Kulturen, anderen Sprachen
zu tun habe. Das kann manchmal ziemlich anstrengend sein und da ist es
mir wichtig nach Hause zu kommen, mich gut zu fühlen.“

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Postmaterielle gehören nicht zu den Menschen, die schnell und ohne triftigen
Anlass den Arzt aufsuchen. In vielen Fällen wird selbst recherchiert, welche Be-
schwerden aufgetreten sind und welche Behandlungsmethoden und Heilmittel
angezeigt wären bzw. welche Alternativen zur Verfügung stehen. Falls sich die Be-
schwerden der Selbstmedikation entziehen, Unklarheit über die Diagnose besteht
oder es die Art der Erkrankung unumgänglich macht, wird von Postmateriellen
selbstverständlich professionelle Hilfe in Anspruch genommen. Hier steht an ers-
ter Stelle der (vertrauenswürdige, „gleichgesinnte“) Hausarzt oder auch Facharzt
(Gynäkologe, Internist), mit dem man sich auf einer Wellenlänge fühlt und gute
Erfahrungen gemacht hat.
Bei der originären Arztwahl erkundigen sich Postmaterielle zunächst im
persönlichen Umfeld nach empfehlenswerten Ärzten; auch be¿nden sich häu¿g
Ärzte im Verwandten- oder Bekanntenkreis und bilden den ersten Anlaufpunkt
oder können an entsprechende Kollegen weiterverweisen. Im Endeffekt geben
für Postmaterielle folgende (ineinandergreifende) Punkte den Ausschlag für das
Vertrauen in und den Verbleib bei einem Arzt: 1. Der Arzt muss den Patienten ernst
nehmen und auf Augenhöhe mit seinem Klienten (nicht „Bittsteller“ oder „unwis-
sender Befehlsempfänger“) kommunizieren. Dazu gehört auch, dass der Meinung
und dem Körpergefühl des Patienten bei Diagnose und Behandlung Beachtung
geschenkt und nicht als „unwissenschaftlicher, laienhafter Unsinn“ beiseite ge-
wischt wird. 2. Der Arzt muss sich Zeit nehmen, zuhören und ganz individuell
auf den Patienten und seine Vorgeschichte eingehen. Krankheiten und Behand-
lungsmethoden müssen umfassend erläutert und begründet, Alternativen erwogen
156 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

und Konsequenzen dargelegt werden. Es soll nicht an Symptomen herumgedok-


tert, sondern profunde Ursachenbekämpfung geleistet werden. Der Arzt muss
den „gesamten“ Menschen auf dem Radar haben und über das reine Fachgebiet
hinausblicken. Interdisziplinäre Aufstellung, im Zweifelsfall Konsultationen mit
anderen Fachärzten oder Rücksprache mit dem Hausarzt und auch die Anwendung
unterschiedlicher Methoden aus unterschiedlichen medizinischen „Schulen“ sind
für Postmaterielle essentielle Aspekte, die aber von den wenigsten Ärzten erfüllt
werden. Die Wechselbereitschaft unter Postmateriellen ist dementsprechend hoch,
bis sie den Arzt ihres Vertrauens gefunden haben.

ƒ „Ich habe gesagt, da stimmt irgendetwas nicht, das tut ständig weh. Das
hätte man alles genauer untersuchen können, wenn man mich ernst ge-
nommen hätte. Statt dessen bin ich wie ein Hypochonder behandelt wor-
den. Die sprechen einem ab, dass man selber irgendwie etwas blickt mit
seinem Körper.“
ƒ „Dieses eigene Körpergefühl hat unser Gesundheitssystem wegerzogen.
Und so gehen die Ärzte auch mit einem um. Ich bin jetzt nicht gerade auf den
Mund gefallen, aber selbst mir passiert immer wieder, dass ich dann klein
und still bin. Man wird immer irgendwie ein bisschen wie blöd behandelt.“
ƒ „Der Arzt muss Menschenkenntnis haben, erklären können, auf Patienten
eingehen. Jede Lebenssituation ist eben anders.“

Postmaterielle erwarten von Ärzten nicht, dass sie unfehlbar sind oder auf alles
eine Antwort haben – im Gegenteil, sie hegen eher ausgesprochene Aversionen
gegen (Halb-) Götter in Weiß und deren Habitus. Was sie aber erwarten, ist,
dass „Nicht-Wissen“ oder Unsicherheiten nicht vertuscht, sondern offengelegt
und im Diskurs mit anderen Kapazitäten geklärt werden.

ƒ „Das lehne ich völlig ab, dass Ärzte an einem ‚rumdoktern‘, obwohl es
offensichtlich nicht besser wird. Offensichtlich scheut man sich dann auch,
einen anderen Rat einzuholen. Das ist so etwas, wo ich denke, das Konsul-
tieren untereinander funktioniert nicht richtig. Oder wollen die sich nicht
in die Karten schauen lassen wegen Angst vor Entdeckung von Fehlern ?
Das kollegiale Untereinander oder das Konsultieren sollte ausgeprägter
sein, bei Gesundheit ist nicht alles monokausal, da hängt das eine mit dem
anderen zusammen.“
SINUS B12: „Postmaterielle“ 157

ƒ „Ärzte können heutzutage nicht mehr alles wissen und müssen ein biss-
chen übergreifendes Denken an den Tag legen. Einerseits die Spezialisie-
rung und andererseits mag das eine mit dem anderen zusammenhängen.“

Postmaterielle sind auch Patienten, die aufgrund ihres hohen Wissenstandes Be-
handlungen selbstbewusst einfordern oder ablehnen. Dabei gelangen sie gerade im
Bereich der für Postmaterielle attraktiven alternativen Medizin oft an die Grenzen
des Systems: Sind sie privat versichert (oder zusatzversichert), stehen ihnen viele
dieser Methoden ohne größeren ¿ nanziellen Aufwand zur Verfügung; bei den
mehrheitlich gesetzlich Versicherten bedeutet es ein Kampf mit Arzt und Kran-
kenkasse um Anerkennung und Verschreibung von erwünschten Leistungen bzw.
einen beträchtlichen ¿ nanziellen Mehraufwand (s. Zweiter Gesund heitsmarkt).
Hier erwarten Postmaterielle von ihrem Arzt, dass er auch alternative Wege sucht,
wenn Kassen etwas nicht verschreiben wollen oder können, um die nach ihrer
Meinung optimale Behandlungsmethode zu gewährleisten.
Und last but not least wünschen Postmaterielle eindeutig eine Arztpraxis, in
der das gesamte medizinische Personal freundlich („menschlich“) und das Am-
biente in jeder Hinsicht ansprechend ist, d. h. dass sich der Patient dort weitest-
gehend „wohlfühlt“ (soweit dies in einer Praxis möglich ist).

Einnahme von Medikamenten

Postmaterielle sind sehr zurückhaltend bei der Einnahme von „konventionellen


Medikamenten“. Sie lehnen diese zwar nicht kategorisch ab, müssen aber von der
Notwendigkeit und der „Überlegenheit“ dieser Therapieform überzeugt sein. So kä-
men nur wenige postmaterielle Krebspatienten auf den Gedanken, die Chemothera-
pie zu verweigern, um ausschließlich auf alternative Therapien umzusteigen. Aber
es wird immer gesucht und erwogen, wo diese anderen Heilverfahren besser (oder
zumindest genauso) geeignet sind, um den Köper möglichst schonend und ganz-
heitlich zu behandeln, wie auch um Maßnahmen der Schulmedizin zu begleiten
und zu unterstützen. Der Natur des Menschen nahe kommende und ihr Rechnung
tragende Heilmittel werden als gleichberechtigt angesehen; jedes Medikament hat
sein spezi¿sches Anwendungsgebiet und sollte auch dort ideologiefrei eingesetzt
werden. Tendenziell versuchen Postmaterielle, kleineren Beschwerden mit gut
verträglichen natürlichen Heilmitteln zu begegnen, diese auch zur Vorbeugung
und unterstützenden Behandlung schwererer Erkrankungen einzusetzen, und nur
im Fall strenger medizinischer Indikation auf die „chemische Variante“ zurück-
zugreifen, die dann allerdings akzeptiert und auch konsequent angewendet wird.
158 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Ich habe Brustkrebs. Da vertraue ich lieber auf den neuesten medizini-
schen Stand und mache alles, was notwendig ist.“
ƒ „Man muss nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen. Warum den
Körper belasten, wenn’s eindeutig auch sanfter geht ?“
ƒ „Das muss man als ganzheitliches System betrachten, und da geht es um
mehr als nur schnelle Wirkung bzw. das Abstellen von Symptomen.“

Postmaterielle „kombinieren“ vorzugsweise Schulmedizin mit alter nativen, na-


türlichen oder aus anderen Kulturen übernommenen Heilverfahren, die durch
den heutigen Stand der Wissenschaft in ihrer Wirksamkeit und Relevanz oftmals
bestätigt sind. So wollen sie dem ganzheitlichen Aspekt der Gesundheit gerecht
werden, und sie vertreten dies auch selbstbewusst gegenüber ihrem Arzt. Insgesamt
würden Postmaterielle sich wünschen bzw. streben es an, dass das Therapieren
mit Medikamenten vermieden oder zweitrangig werden könnte durch früher an-
setzende Gesundheitsaufklärung und daraus resultierende gesundheitsbewusste
Lebensweisen.

Vorsorgeuntersuchungen

Postmaterielle nehmen ganz selbstverständlich an Vorsorgeuntersuchungen


teil. Prävention hat einen sehr hohen Stellenwert; es gilt, Krankheiten schon im
Vorfeld zu vermeiden bzw. frühzeitig entgegenzusteuern. Wie in allen Gesund-
heitsaspekten sehen Postmaterielle auch hier die ganzheitliche Ursachenforschung
und -bekämpfung als Maß aller Dinge.
Auch in diesem Milieu gilt, dass Frauen sich stringenter an als richtig erkannte
Normen halten. Krebsvorsorge beim Gynäkologen, Blutbild, allgemeiner Gesund-
heitscheck und Zahnarztbesuch werden gemacht und sollten laut Milieuangehörige
notfalls auch verpÀichtend sein bzw. von den Kassen mehr „belohnt“ werden, denn:
Vorsorge bedeutet höhere Lebenserwartung und allgemeine Kostensenkung. Hier
ähneln die Auffassungen durchaus denen der leistungs- und kostenbewussten Eta-
blierten. Aber auch die männlichen Postmateriellen gehören im Milieuvergleich
eher zu den Aktiveren im Vorsorgebereich (Krebsvorsorge, Blutbild, Zahnarzt).

ƒ „Es wäre richtig und wichtig, dass alle Basisuntersuchungen, die für
mich wichtig sind, gefördert und bezahlt werden. Zum Beispiel auch die-
se Brustkrebsgeschichte, die ich jetzt leider erst mal selber zahlen muss.“
SINUS B12: „Postmaterielle“ 159

Über die Ausgestaltung dieser Vorsorgeuntersuchungen wird jedoch gestritten. So


bemängeln postmaterielle Frauen, dass schonendere oder wirkungsvollere Unter-
suchungsmethoden (z. B. Ultraschalldiagnostik zusätzlich zu Gewebeabstrichen
beim Gynäkologen) nicht vorgesehen sind bzw. aus dem Leistungskatalog heraus-
fallen und selbst zu tragen sind. Auch werden Befürchtungen geäußert, dass in
Zukunft gerade an der Vorsorge gespart wird, was vor allem die sozial schwächeren
Schichten trifft. Für Postmaterielle ist dies der völlig falsche Weg.

ƒ „Dass ich für meinen Ultraschall selber zahlen muss, ¿nde ich den größten
Quatsch. Das ist eines der größten Vorsorgeinstrumente in der Gynäko-
logie. Was soll uns der Abstrich noch bringen ? Wenn ich irgendwelche
Myome, Polypen oder sonst was habe, dann geht das nur über Ultraschall.“
ƒ „Mammogra¿e oder die Darmspiegelung muss ich demnächst auch selber
tragen – das sind alles Vorsorgemaßnahmen. Da spart man jetzt daran,
stellt nicht mehr so viele Dinge fest, dann sterben die Leute dran – hat
man auch gespart – zynisch gesagt.“
ƒ „Das wird größere Folgekosten mit sich bringen, als was man jetzt ein-
spart. Und gerade in sozial schwachen Familien geht das nicht, ¿nde ich
unmöglich.“
160 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Zweiter Gesundheitsmarkt

Postmaterielle bewerten die Unterscheidung in Ersten und Zweiten Gesundheits-


markt als willkürliche Unterteilung. Für sie ist nicht nur die klassische „Schul-
medizin“ mit ihren Diagnose- und Heilverfahren es wert, in den Kanon der von
den Versicherungen zu tragenden Leistungen aufgenommen zu werden, sondern
auch zahlreiche alternative, ganzheitliche Behandlungsansätze. Diese Methoden
und Heilmittel werden als ef¿ zient, wirksam und im Endeffekt kostengünstig
angesehen, da sie die Ursachen von Erkrankungen angehen und nicht nur die
Symptome kurieren. Im Prinzip bedeutet das, dass diejenige Methode „Recht“ hat,
die heilt, und die sollte auch Bestandteil der (kassenärztlichen) Leistungen sein.

ƒ „Man sieht ja auch, dass die Menschen heute viel mehr auf der Suche nach
alternativen Möglichkeiten sind, weil das Bewusstsein dafür jetzt mehr
existiert als früher, und dass es mehr in die Leistungen aufgenommen
wird, weil es einfach wirkt und Kosten spart.“

So bestehen Postmaterielle durchaus auf Physiotherapie, Bioresonanz, Homöo-


pathie, Akkupunktur und Naturheilmittel ohne Chemie, wenn sie von deren
Wirksamkeit überzeugt sind. Wie bereits im Kapitel Medikamenteneinnahme
beschrieben, versuchen sie, diese Anwendungen über ihren Arzt verschrieben zu
bekommen, im Zweifelsfall übernehmen sie aber auch selbst die Kosten. Hier setzt
ein wichtiger Kritikpunkt der Postmateriellen an: Sie beklagen, dass sie nicht die
Möglichkeit haben, Àexibel einen Katalog von Behandlungsmethoden zu wählen
und über ihre Versicherung zu „bezahlen“, der ihnen wichtig ist, und dafür auf
andere Leistungen zu verzichten, die sie nicht in Anspruch nehmen würden bzw.
die ihnen weniger wichtig sind.

ƒ „Man muss die Leute zu einem mündigeren Verhältnis führen, so dass


man sich entscheiden kann, was man tun will. In der Regel gibt es ja mehr
Alternativen als nur eine Pille. Und da sollte ich die Möglichkeit haben zu
entscheiden, was mir wichtig ist und wofür ich eigentlich bezahle.“

In diesem Zusammenhang muss festgehalten werden, dass Postmaterielle keines-


wegs die Übernahme aller Leistungen für alle Versicherten fordern; dies würde
jedes Gesundheitssystem sprengen. Statt dessen plädieren sie für individuelle
Wahlmöglichkeiten, und sie betonen auch, dass viele „Wellness“-Angebote (Yoga,
Ayurveda, Klang-, Farb- oder Bachblütentherapien etc.) sicher der Gesundheit
dienlich sind (und von ihnen gern wahrgenommen werden), dies aber in den Be-
SINUS B12: „Postmaterielle“ 161

reich Eigenverantwortung bzw. Privatsache fällt und damit aus eigener Tasche
zu zahlen ist.

ƒ „Man versucht viel auf der Wellnessschiene, Yoga oder andere Anwen-
dungen, aber da bin ich selbst gefragt.“

Trotz ihrer grundsätzlichen „Af¿nität“ zu Leistungen des sogenannten Zweiten


Gesundheitsmarkts werden eine Vielzahl der IGe-Leistungen von Postmateriellen
aber als reiner „Zuverdienst“ der Ärzte klassi¿ziert: Hier ist wieder der informierte,
mündige Patient gefragt, der über den Sinn oder Unsinn solcher medizinischer
Maßnahmen entscheiden muss.

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Postmaterielle haben zwiespältige Gefühle, was die aktuelle Gesundheitsversor-


gung betrifft. Einerseits sind sie durchaus der Meinung, dass sich in Deutschland
die medizinische Versorgung im Hinblick auf Diagnoseverfahren, Operations-
techniken und Therapiemethoden im weltweiten Vergleich auf hohem Niveau
be¿ ndet. Gerade im Bereich der klassischen „Schulmedizin“, aber auch in der
Alternativmedizin stehen den Menschen prinzipiell hervorragende Behandlungs-
möglichkeiten zur Verfügung. Und Post materielle haben bislang noch keine „Un-
terversorgung“ direkt am eigenen Leibe erlebt.

ƒ „… zum Beispiel bei der Entwicklung von Medikamenten und das Mitein-
binden von Erfahrungen aus anderen Ländern. Neue Operationsformen mit
besseren Erfolgschancen und die Forschungsarbeiten sind in Deutschland
schon gut.“
ƒ „Dass man noch freie Arztwahl hat, ¿nde ich gut. Es wird nicht gesagt, du
bist bei der und der Krankenkasse und das sind unsere Kooperationsärzte.
Ich habe es nicht im Kopf, wie es in anderen Ländern ist, aber ich glaube,
uns geht es hier schon noch relativ gut mit unserem Gesundheitssystem.“
ƒ „Wenn ich aus dem Ausland wiederkomme, kann ich nur sagen, uns geht
es ganz schön gut.“

Andererseits konstatieren Postmaterielle ganz dezidiert die Entwicklung zu einer


Zweiklassen-Medizin. Aufgrund der maroden Finanzlage des Systems wie auch
zweifelhafter Priorisierungen werden den Kassenpatienten der Zugang zu Leis-
tungen erschwert bzw. sukzessive unmöglich gemacht. Wie oben beschrieben,
162 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

müssen im Bereich der ganzheitlichen Medizin die Kosten von den Patienten meist
komplett selbst übernommen werden, und auch bei der konventionellen Versor-
gung stehen Kassenpatienten häu¿g weder die optimalen Behandlungsmethoden
und Materialien zur Verfügung, noch werden so wichtige Bereiche wie Sehhilfen
oder PÀegeversorgung im Krankenhaus und Zuhause adäquat übernom men bzw.
teilweise bereits ausgeschlossen. Nur wer sich zumindest privat zusatzversichert,
kann damit rechnen, nach den individuell besten und präferierten Optionen behan-
delt zu werden. Ganz besonders deutlich wird dies im Bereich der Zahnmedizin,
wo Postmaterielle befürchten, dass soziale Klassenunterschiede schon bald wie
in ärmeren Ländern „den Menschen ins Gesicht geschrieben stehen könnten“.

ƒ „Bei Kassenpatienten ist Zahnbehandlung eigentlich eine minderwertige


Versorgung mit dem Schlechtesten.“
ƒ „Pro Zahn 70 bis 80 Euro Zuzahlung bei Füllungen, ganz zu schweigen
von Kronen oder anderen aufwändigen Zahnersatzgeschichten. Da kann
man schon Angst bekommen, wenn man sich dann als Kassenpatient das
minderwertigste Material aussuchen muss, was wahrscheinlich auch nicht
so lange hält.“

Und auch gerade im Bereich „Frauenmedizin“ stellen Post materielle eine gra-
vierende Verschlechterung der Versorgung bzw. inadäquate Angebote für ihre
individuelle Lage fest. So werden Vorsorgeleistungen gekürzt, Schwangerschafts-
betreuungen heruntergefahren und alternative oder speziell auf Frauen ausgerich-
tete Behandlungsmethoden gar nicht erst in den Leistungskatalog aufgenommen.

ƒ „Und auch im Frauenbereich ist viel verlagert worden auf das spätere Alter,
bevor dann gezahlt wird.“
ƒ „Die angebotenen Leistungen bei ‚Frauenmedizin‘ sind nicht unbedingt
die, die ich in Anspruch nehmen würde. Da wären mir andere wichtiger.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Nach Auffassung der Postmateriellen hat sich der Gesundheitssektor heutzutage


zu einem weiteren „Industriezweig“ entwickelt, der (eben auch) harten markt-
wirtschaftlichen Überlegungen Rechnung tragen muss. Dies widerspricht zwar
ihrer grundsätzlichen Auffassung von Gesundheit und Heilen (ganzheitlich, dem
Menschen dienend, nicht kommerziell), wird aber weitgehend als Realität akzep-
tiert – wenn auch nicht ausgesprochen goutiert.
SINUS B12: „Postmaterielle“ 163

ƒ „Es ist auch ein Industriezweig – so muss man das ganz klar sehen.“

Postmaterielle konstatieren nüchtern, dass das Gewinnstreben vieler Akteure un-


gebrochen ist bzw. der „Rattenschwanz derer, die an Gesundheit verdienen“ nicht
kleiner geworden ist, Geräte, Forschung, Medikamente und Leistungen (wie in
allen Lebensbereichen) immer teurer werden, und dass auch das Verhalten der
Patienten (unnötige Arztbesuche, „Rundumversorgungsmentalität“) einen im-
mensen Kostenfaktor darstellt. Die ¿nanzielle Lage der Kassen ist daher äußerst
angespannt, die Zeit- und Leistungsbudgets der Ärzte sind am Limit angekommen,
die Ausbalancierung von Wirtschaftlich- und Finanzierbarkeit auf der einen Seite
und Solidarität sowie sozialer Sicherheit auf der anderen ist aus dem Gleichgewicht
geraten. Sollte nicht bald gegengesteuert werden, wird die bereits entstehende
Zweiklassen-Medizin sich exponentiell verstärken und zu unerträglichen Auswir-
kungen für viele Ältere und die sozial Schwächeren führen.

ƒ „Gut, die ganzen Geräte sind Dinge, die auch teurer werden. Forschung
wird teurer, Entwicklung von neuen Technologien wird teurer. Grundsätz-
lich wird alles teurer. Und wer will da nicht alles verdienen !“
ƒ „Kennen Sie den Film ‚Aufstand der Alten‘? Lief als 3-Teiler im ZDF. Den
zeige ich meinen Berufsschülern immer. Ich ¿nde, der ist überhaupt nicht
¿ktiv, der ist völlig realistisch. Das ist ein Film, der selbst den härtesten
Schüler erst mal schweigen lässt, und es ist in meinen Augen die absolute
Realität, die vielleicht nicht so schnell kommen wird, aber sie wird kom-
men, wenn wir nicht schnell etwas dagegen tun.“

Als Ursache für die Misere des Gesundheitssystems werden von Postmaterielle
mehrere Aspekte benannt. Ganz explizit verweisen sie dabei auf die jahrelang „an-
erzogene“ Unmündigkeit der Patienten, denen der Staat alles bezahlt und dadurch
letztendlich Eigenverantwortung und kritischen Diskurs „abtrainiert“ hat. Kosten-
lose Leistungen werden eben auch unreÀektiert in Anspruch genommen, viele
Arztbesuche waren und sind überÀüssig, und es ergeben sich bislang keinerlei
Konsequenzen für offensichtliches und klar erkannt und benanntes „gesundheit-
liches Fehlverhalten“, obwohl dies im Endeffekt der Solidargemeinschaft schwer
schadet. Zudem ist den meisten Patienten im Rahmen ihrer vom Staat und vielen
Ärzten betriebenen „Entmündigung“ nicht nur das Urteilsvermögen, sondern auch
das eigene Körpergefühl abhanden gekommen, sodass die Verunsicherung heute
umso größer ist, wenn durch neue Zuzahlungsregeln den Patienten auferlegt wird,
selbst über die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Maßnahmen zu entscheiden.
164 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Durch diese Unmündigkeit, und dadurch, dass man bezahlen muss, hat
es zu einer noch größeren Verunsicherung geführt.“
ƒ „Wenn sie sehen, dass bspw. jemand seit zwei Jahren in Behandlung ist
und keine Besserung eintritt und sie dann Alternativen vorschlagen (medi-
kamentös, behandlungstechnisch, in der Lebensweise), wenn sich dem
verweigert wird, müsste dann von Krankenkassenseite auch kommen, dass
dies ein Kostenfaktor ist und sie diesen nicht ständig tragen können.“

Als genauso fatal bewerten Postmaterielle, dass Gelder an den falschen Stellen
ausgegeben werden: überbordende Verwaltungskosten, fehlende Koordination
der Maßnahmen, diskussionswürdige Priorisierungen, anfechtbare Leistungs-
übernahmen und -verweigerungen (mit entsprechenden Folgekosten), überteuerte
Medikamente und medizi nische Hilfsmittel. Systemimmanente Fehler werden
nicht behoben, sondern auf dem Rücken der Patienten ausgetragen, was in Folge
bedeutet, dass die Leistungen schrumpfen und die Beiträge steigen.
Auch der angestrebte größere Wettbewerb unter den gesetzlichen Kranken-
kassen wird als gescheitert betrachtet. Es besteht keine echte Wahlmöglichkeit
hinsichtlich Flexibilität von Beitragssätzen oder Leistungskatalog. Und auch die
Politik als Regulativ hat nur zweifelhaf ten EinÀuss, da sie – mit Blick auf vierjäh-
rige Legislatur perioden und den damit verbundenen „kurzfristigen Horizont“ – zu
sehr interessensabhängig und mutlos ist. Zudem unterstellen Postmaterielle vielen
Politikern, dass ihnen mündige Bürger (und damit auch mündige Patienten) gar
nicht ins Konzept passen.

ƒ „Und mit diesem angeblichen Gesundheitsfonds, mit dem Angleichen der


Krankenkassenbeiträge, soll der Wettbewerb gefördert werden. Dennoch
ist es bisher so, dass die Beiträge steigen und die Leistungen schrumpfen
und die Menschen dadurch kränker sind und die Ausgaben gestiegen sind.“
ƒ „Da fühle ich mich kontrolliert und in meiner Eigenentscheidung einge-
schränkt.“

Zwar gehen für Postmaterielle die Reformen, die auf mehr Eigenverantwortung zie-
len und eine Abkehr von der Rundumversorgung bedeuten, in die richtige Richtung,
aber sie blenden den sozialen Aspekt der gesundheitlichen Solidargemeinschaft
zu stark aus; die Konzepte lassen zu viele „außen vor“ – und es wird bemängelt,
dass die individuelle Wahlfreiheit hinsichtlich Qualität und Umfang der Versor-
gung nicht allen Versicherten, sondern nur den privilegierten Besserverdienern
in privaten Krankenkassen geboten wird.
SINUS B12: „Postmaterielle“ 165

Chancengerechtigkeit

Postmaterielle sind starke Verfechter von Solidarität und sozialer Sicherheit im Ge-
sundheitssystem, d. h. dass unbeschadet des Postulats der Eigenverantwortlichkeit
für gesunde Lebensführung und reÀektierte, sinnvolle Nutzung der medizinischen
Versorgung jeder Mensch – gesichert durch die Solidargemeinschaft – grundsätz-
lich Anspruch auf eine individuell angepasste, dem neuesten Stand der Medizin
entsprechende und undogmatisch aus allen „Schulen“ ausgewählte Behandlung
hat. Postmaterielle meinen im Sinne von Gerechtigkeit nicht „die gleichen (d. h.
identischen) Leistungen“ für alle, sondern jedem die Wahlfreiheit unter gleichen
Leistungen. Im heutigen System konstatieren sie aber schon länger das Prinzip,
dass manche (aufgrund ihrer ¿ nanziellen Möglichkeiten) eben doch „gleicher“
sind als andere und das Solidarprinzip in diesem ethisch sensiblen Bereich nicht
mehr greift.

ƒ „Es sollen die, die viel einzahlen in die Krankenkasse, sich auch die indi-
viduellen Leistungen aussuchen können, die sie wünschen. Aber das darf
nicht im Unkehrschluss bedeuten, dass derjenige, der nur ein Minimum
einzahlen kann, nicht auch die bestmögliche medizinische Versorgung
bekommt.“

Dieses Solidarprinzip setzt verantwortungsbewusste, sozial verpÀichtete Bürger


voraus, die die Solidargemeinschaft tragen und nicht unnötig strapazieren, und
beinhaltet im Zweifelsfall aber auch gewisse Sanktionen gegenüber unkooperativen
Versicherten, die wider besseren Wissens sich unverantwortlich verhalten und so
der Solidargemeinschaft willentlich schaden.

ƒ „Von den Kassen müsste dann auch eine Art Mahnung kommen, wenn
den Aufforderungen des Arztes nicht entsprochen wurden – mit genauer
Kostenaufstellung der Folgekosten etc. Also muss man die Leute auch ein
bisschen daran erinnern, dass sie soziale Verantwortung haben und nicht
so tun können, als bekäme man ständig alles bezahlt. Wir können nehmen,
müssen aber auch geben.“

In diesem Kontext sind Postmaterielle auch starke Kritiker der Zweiteilung des
Gesundheitssystems in privat und gesetzlich Versicherte. In ihren Augen „entzie-
hen“ sich viele Besserverdiener ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, indem
sie sich aus dem solidaritätsgeleiteten System der gesetzlichen Krankenkassen
in das privilegierte System einer ¿ nanziellen Elite verabschieden. Das derzei-
166 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

tige Gesund heitssystem krankt eben auch an dem AbÀuss wichtiger Gelder aus
dem Solidaritätssystem, und Postmaterielle machen hier eine andere Rechnung
auf als z. B. Etablierte: Gerechtigkeit im Gesundheitsbereich de¿niert sich nicht
über „Wer viel zahlt, hat Anspruch auf mehr als andere“, sondern über „Wer viel
verdient und dadurch viel zahlt, hat Anspruch auf viel – aber gleichzeitig auch die
VerpÀichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und die zu unterstützen, die
weniger privilegiert sind“.

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Postmaterielle erwarten von einer Optimierung des Gesund heitssystems vor al-
lem die Stärkung des mündigen, diskursfreudigen und gut informierten Patienten.
Dies ist nicht nur die Aufforderung an den Einzelnen, seine Einstellungen und
Lebensweisen zu überprüfen und höheres Engagement und Eigenverantwortung
einzubringen, sondern auch explizit ein Appell an Ärzte, den mündigen Patienten
zuzulassen, und an Krankenkassen und Politik, diesen in Planungen und Ausge-
staltung einzubeziehen.

ƒ „Verbesserung ? Indem wir verantwortlicher mit uns umgehen, uns besser


informieren und uns nicht darauf verlassen, dass ‚die‘ das schon irgendwie
machen. Und unabhängiger vom System sein.“
ƒ „Die Politik sollte mal mehr in die Realität gehen, als das von der Ober-
Àäche her zu bestimmen. Die ‚Verbraucher‘ sollten mehr miteinbezogen
werden, ihre Sicht, ihre Erfahrungen, ihr Gefühl.“

Hierzu gehört auch, dass das Kostenbewusstsein der Menschen gestärkt und den
Patienten durch Offenlegung der Liquidationen klar gemacht wird, was Konsulta-
tionen und die einzelnen Behandlungen kosten. Es ist höchste Transparenz gefor-
dert, und zwar nicht nur im Hinblick auf das, was die Kasse zahlt und was nicht,
sondern alle relevanten Kosten sollen für den „Klienten“ aufgeschlüsselt werden.

ƒ „Das ist auch ein Faktor, der dazu beiträgt, dass einem mal die realen
Kosten klar werden. Ist eine Bewusstseinsförderung, die der Bevölkerung
klar macht, was eigentlich was kostet in solch einem Gesundheitssystem.“

Flankiert werden muss die wohl in Zukunft unumgängliche verstärkte ¿nanzielle


Belastung der Patienten (wobei die sozial verträgliche Umsetzung höchstes Augen-
merk verlangt) durch quali¿zierte Angebote und Unterstützung zur Entscheidungs-
SINUS B12: „Postmaterielle“ 167

¿ndung, denn reines „Zahlen-Müssen“ schafft noch keinen informierten Patienten;


die Auswahl, welche Leistungen relevant und gut für den einzelnen Patienten sind,
fordert aber gerade besser informierte Patienten.
Postmaterielle reklamieren auch eine strukturelle Reform der Krankenkassen.
Hierzu zählen sie die Verschlankung des Verwaltungsapparats sowie überschau-
barere Strukturen und klare Zuständigkeiten. Zudem sollte der Lobbywirtschaft
entschieden entgegengetreten werden, und auch die „exorbitanten“ Gewinnspan-
nen im Pharmasektor gehören laut Postmaterieller unbedingt auf den Prüfstand.
Postmaterielle sehen auch möglicherweise Optimierungspotenzial im Haus-
arzt oder der Krankenkasse als „Bündelstelle“ von wichtigen Informationen, die
nicht dem gläsernen Patienten, sondern wirklich als Instrument optimaler Ver-
sorgung dienen soll.

ƒ „Die letzte Instanz ist also die Krankenkasse. Wie viele Informationen
diese bekommt, weiß ich nicht – mag sein, dass diese dann mehr Informa-
tionen braucht, um so eine kontrollierende, überwachende Einheit darstel-
len zu können, die jetzt nicht gleich mit Restriktionen oder Limitationen
kommt, sondern erst mal beratend eingreifen kann.“

Zu den absolut notwendigen Verbesserungen im System steht für Postmateri-


elle die Hinwendung zur ganzheitlichen Ursachen- und Abkehr von der reinen
Symptombekämpfung in der Medizin. Hierunter fällt, dass grundsätzlich der „gan-
ze Mensch“ mit seiner Historie und seinen Lebensumständen in gesundheitliche
Betrachtungen einÀießen und der Leistungskatalog der Krankenkassen von der
derzeitigen einseitigen Priorisierung der Schulmedizin abrücken sollte, d. h. dass
auch alternative Heilmethoden im Rahmen eines individuell zusammenstellbaren
Leistungskatalogs anerkannt und frei wählbar sein sollten. All diese Maßnahmen
würden den Heilerfolg signi¿kant erhöhen und im Endeffekt Kosten sparen.
Postmaterielle plädieren auch für eine verstärkt interdisziplinäre Aufstellung
der Ärzte. „Fachidioten“, die Kory phäen auf ihrem Gebiet sind, aber bei der über-
greifenden Bewertung und Behandlung von Ursachen versagen bzw. sich scheuen
Kollegen zu konsultieren, sollten der Vergangenheit angehören. Spezialisierung
ist zwar (lebens-) notwendig, bedarf aber immer auch der Rückkoppelung an die
anderen Bereiche.
Und schließlich sollte Vorsorge, Prävention und Aufklärung hinsichtlich
gesunder Lebensführung im Gesundheitssystem maximale Aufmerksamkeit ge-
schenkt werden. In diese Bereiche muss umfassend (und für den Versicherten
kostenfrei) investiert werden, Einsparungspotenziale ergeben sich dadurch an
anderer Stelle, weil nicht mehr so viel Geld in Therapiemaßnahmen gepumpt
werden muss. Aufklärung und Vermittlung präventiver Maßnahmen muss von
168 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

allen relevanten Beteiligten (Krankenkassen, Ärzten, Elternhaus, Schule, Poli-


tik) betrieben werden, gerade auch schon im Kindes- und Jugendalter, da damit
erwiesener maßen langfristig Erfolge erzielt und Kosten gespart werden können.
Bildung ist für Postmaterielle auch hier ein Schlüsselwort in der Debatte.

ƒ „Prävention und Aufklärung kann erst mal nur über Bildung gehen. Letzt-
endlich ist es ein Schulauftrag – Bildungsministerium.“
ƒ „Oder man muss vielleicht ein neues Fach benennen. Früher hat man das
Gemeinschaftskunde genannt. Oder man vermittelt es blockweise.“

Insgesamt ist die Re-Solidarisierung bzw. Re-Sensibilisierung der Gesellschaft


das Gebot der Stunde für dieses Milieu. Jeder muss und kann seinen Beitrag
leisten (¿nanziell, individuell und sozial angepasst sowie verhaltenstechnischer
Art), damit z. B. auch im Alter oder unter sozial Schwächeren keine begründeten
Ängste aufkommen müssen, dass Gesundheit (und notfalls auch das Überleben)
im Prinzip eine Sache des Geldbeutels ist.
SINUS C12: „Moderne Performer“ 169

SINUS C12: „Moderne Performer“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus C12 „Moderne Performer“


Lebenssituation x Ganz überwiegend ledig – mit und ohne Partner; viele leben noch
im elterlichen Haushalt
x Aber auch junge Familien; vergleichsweise hoher Anteil Allein-
erziehender
Bildung x Hohes Bildungsniveau, zwei Drittel haben mindestens mittlere
Reife
x Etwa ein Drittel ist noch in Ausbildung
Beruf x Viele Schüler und Studenten (oft mit Nebenjobs)
x Unter den Berufstätigen hoher Anteil (kleinerer) Selbständiger und
FreiberuÀer (Start-ups) sowie quali¿zierte Angestellte – häu¿g im
Bereich EDV / Multimedia
Einkommen x Hohes Niveau der Haushaltsnettoeinkommen (gutsituierte Eltern-
häuser)
x Bei den Berufstätigen in der Regel gehobenes eigenes Einkom-
men (2.000 Euro und mehr)*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.687 Euro
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Modernen Performer sind die junge, unkonventionelle Leistungselite. Sie


führen ein intensives Leben. Multioptionalität, Flexibilität und Ehrgeiz sind die
Mischung, mit der sie ihre beruÀichen wie privaten (z. B. sportlichen) Leistungs-
grenzen erproben. Eine gewichtige Rolle spielt „das eigene Ding“, die Verbindung
von materiellem Erfolg und lustvollem Leben.
Mobilität und Flexibilität sind bei den Modernen Performern überdurch-
schnittlich ausgeprägt. Dennoch vermitteln sie zur Zeit den Eindruck, als wollten
sie einen Gang zurückschalten, nachdenken, Wurzeln suchen.
Die Modernen Performer haben eine hohe Frustrationstoleranz und Ausdauer
bei der Verfolgung von Zielen. Misserfolge in der New Economy haben sie nicht
resignieren lassen. Nach einer Phase der Neuorientierung stehen heute mehr und
mehr Performer wieder auf eigenen Füßen, begründen realitätsnähere Start-ups
und verdienen „richtig Geld“.
Gesellschaftliche Normen und Konventionen werden für die eigenen Be-
dürfnisse dekliniert. Experimente mit unterschiedlichen Lebensstilen, das Inte-
170 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

grieren von EinÀüssen aus anderen Kulturen und Szenen geben den Rahmen für
ein intensives, abwechslungsreiches Leben.
Konsum spielt bei den Modernen Performern – nach wie vor – eine gro-
ße Rolle. Aber sie sind wählerischer, kritischer geworden. Pseudo-Innovationen,
Neuerungen, deren Nutzwert nicht sofort ersichtlich ist, ¿nden keine Gegenliebe.

Altersaufbau des Sinus-Milieus C12 „Moderne Performer“

Die Modernen Performer sind das jüngste Milieu in Deutschland. Der Alters-
schwerpunkt liegt unter 30 Jahren. Etwa ein Fünftel der Milieuangehörigen ist
zwischen 30 und 40. Der Alters-Median liegt bei 30 Jah ren.

Bedeutung von Gesundheit und ihre subjektive Wahrnehmung

Als gut gebildete Menschen mit viel Kontakt zu anderen Ländern und Kulturen,
bedingt durch Beruf und private Reisen, verbinden Moderne Performer mit dem
Begriff „Gesundheit“ zunächst die medizinische Versorgung und das Gesundheits-
system in Deutschland, die sie als vergleichsweise positiv wahrnehmen. Inhaltlich
bedeutet Gesundheit dann für sie seelische Gesundheit und wird assoziiert mit
Ausgeglichenheit, Glück, Zufriedenheit, die man durch Bewegung, Sport sowie
ausgewogener Ernährung erlangt und sich erhält.
Da sie im Durchschnitt jüngeren Alters sind, oftmals noch Studenten, spielen
gesundheitliche Probleme eine untergeordnete Rolle, werden eher mit dem Altern
verbunden und für sich selbst auch erst im Alter er wartet. Bei Krankheiten denken
sie weniger an kleinere Gebrechen oder Erkältungen, sondern an schwerwiegende
Krankheiten, wie beispielsweise Krebs und Aids. Die eigene gesundheitliche Situa-
tion schätzen die Performer meist als sehr gut ein. Der Bekanntenkreis umfasst
wenig ältere Menschen, womit der Kontakt zu Krankheit nicht gegeben ist. Auch
ist Gesundheit bzw. Krankheit kein Gesprächsthema.
SINUS C12: „Moderne Performer“ 171

ƒ „Krankheit hat für mich was mit dem Alter zu tun, also das ist, was mir
ganz spontan einfällt, dann sind das irgendwie so ganz schlimme Bilder,
also das ist dann immer gleich ganz krank. Krankheit ist für mich Krebs,
in der Dimension eher. Krankheit hat für mich viel mit Elend, mit Verlust
von Lebensqualität zu tun.“

Viele Menschen dieses Milieus sind beruÀich sehr ehrgeizig und geraten dadurch
häu¿g in Stresssituationen. Auch Rückenleiden treten in Folge von Schreibtisch-
tätigkeiten vermehrt auf. Jedoch nehmen sie auf solcherlei Beschwerden keine
Rücksicht und betrachten sie nicht als Grund, ihr (Berufs-) Leben zu ändern, da
ihnen dieses – so wie es ist – Befriedigung und damit positives seelisches Be¿nden
verschafft, was wiederum der Gesundheit zuträglich ist.
Auch wenn sie sich der Risiken für die Gesundheit bewusst sind, bleiben die
Performer ihrem intensiven Lebensstil treu, der geprägt ist von hoher Mobilität,
Stress und ungeregelten Tagesabläufen – solange es keine konkreten Beschwerden
oder Einschränkungen gibt. Sie sind sich bewusst, dass sie meist mehr für ihre
Gesundheit tun könnten, allerdings bleibt dafür wenig Zeit, und man möchte die
kleinen Laster wie Partys, Zigaretten oder gelegentlichen Alkoholkonsum nicht
missen, da ein Verzicht darauf als eine Einschränkung der eigenen Lebensqualität
wahrgenommen würde. Und solange man bewusst und in Maßen genießt, sieht
man darin kein großes Problem.

ƒ „Also ich rauche zum Beispiel, und ich habe zum Beispiel gar keine Lust
aufzuhören. Wenn ich eine rauche, dann rauche ich sie echt gerne. Und
dass ich mir damit schade, weiß ich natürlich auch, aber das ist zum Bei-
spiel ein Risiko, was ich bewusst trage.“

Chronische Krankheiten sind eher die Ausnahme. Wenn sie davon jedoch betrof-
fen sind, lassen sich die Modernen Performer dadurch nicht so leicht entmutigen.
Man sieht die Erkrankung als Herausforderung, das Leben dennoch so gut wie
möglich zu meistern, und behält die positive Lebenseinstellung bei. Mitunter kann
eine solche Krank heit auch der Auslöser sein, eine unbefriedigende beruÀiche
Situation anzugehen und wird als Signal für einen Neuanfang gesehen. Etwaige
kör perliche Einschränkungen werden akzeptiert, Nebenfolgen und Erfordernisse
für den Alltag, wie eine spezielle Ernäh rung oder Behandlungen, gewissenhaft
und diszipliniert umgesetzt. Man will sich davon jedoch nicht unterkriegen lassen,
verfällt nicht in Resignation oder Selbstmitleid, sondern blickt nach vorne und
steckt sich neue Ziele – typisch für die positive Grundhaltung in diesem Milieu.
172 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Ich bin nie krank. Ich fühle mich ziemlich unverwüstlich.“


ƒ „Ich hatte das damals so formuliert, dass meine Schubladen voll sind, und
ich nicht weiß, wo ich diese Krankheit hinstecken soll. Ich glaube schon,
dass die Krankheit viel Raum bei mir einnimmt, und dafür muss ich Platz
schaffen, und mir auch ein positives Umfeld zum Leben suchen. Oder was
dafür tun, man ist ja immer selber dafür verantwortlich.“
ƒ „Zum Beispiel mein Freund, der wird nie krank. Der sagt halt einfach
‚Ich werde nicht krank‘.“

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Den EinÀuss des Lebensstils auf die Gesundheit betonen Moderne Performer aus-
drücklich, es werden sowohl negative als auch positive Faktoren wahrgenommen,
und man ist sich des eigenen Verhaltens in Bezug auf seinen Gesundheitszustand
sehr wohl bewusst. Maßnah men ergreift man jedoch nur, wenn diese nicht als
Einschrän kungen wahrgenommen werden – oder wenn Veränderungen unab-
dingbar sind.
Mehr Bewegung, gesunde, ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf Genuss-
mittel und die Vermeidung von Stress gelten als probate Mittel, um Erkrankungen
zu vermeiden – und werden doch oft mit einem zwinkernden Auge beiseite-
geschoben. Schließlich ist man jung und der Meinung, noch Einiges wegstecken
zu können.
Wenn es dann allerdings doch zu Erkrankungen kommt, wird die Schuld zu-
erst bei sich selbst gesucht; man ist sich der Versäumnisse sehr wohl bewusst und
nun auch bereit, etwas zu ändern, wenn es denn hilft. Auch wenn die Krankheit
andere Ursachen hat, steht der Alltag auf dem Prüfstand und wird gegebenen-
falls modi¿ziert. Schuldzuweisungen ¿nden nicht statt, stattdessen vergleicht man
die eigene Situation mit der von anderen und realisiert, dass es vielen anderen
schlechter geht.

ƒ „Ein gutes Körperbewusstsein zu haben, das hilft, gesund zu bleiben,


und deswegen glaube ich, dass man die Gesundheit jetzt nicht nur durch
Medikamente oder so beeinÀussen kann, sondern auch durch Sport, durch
Einstellung. Psychosomatischer EinÀuss ist sowieso bei allen Erkrankun-
gen immer ein ganz großes Thema.“
SINUS C12: „Moderne Performer“ 173

ƒ „Ich mag das Wort Schicksal nicht. Ich ¿ nde, Schicksal ist Vorbestim-
mung, das bedeutet, man kann da nichts gegen tun. Es ist einfach ‚Pech
gehabt‘, glaub ich tatsächlich, und ich muss das akzeptieren. Ich nehm’s
einfach so hin.“
ƒ „Ich glaube, dass man für bestimmte Prozesse im Körper nichts kann,
also so wie meine Krankheit jetzt funktioniert, da kann ich nichts für, die
wurde mir genetisch mitgegeben, aber ich bin schon selber dafür verant-
wortlich, inwieweit die verläuft. Also ich kann viele Dinge dafür tun, dass
sie positiv verläuft, und ich kann viele Dinge dafür tun, dass sie negativ
verläuft. Also für mich ist die Eigenverantwortung schon sehr hoch, was
Krankheiten angeht.“

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Aufgrund der höheren Bildung sind Moderne Performer in der Lage, Nachrichten
kritisch wahrzunehmen und zu hinterfragen. Grundsätzlich herrscht ein überdurch-
schnittliches Wissen über das Gesundheitssystem, das allerdings als intransparent
wahrgenommen wird, weshalb der Wunsch nach besserer Information geäußert
wird, gerade auch bezüglich Vorsorgeuntersuchungen. Schließlich könnten durch
geeignete Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen viele Erkran kungen verhin-
dert werden und dadurch viel Leid er- und Geld gespart werden. Zudem stoßen
komplexere Themen wie Stamm zellforschung und deren ethische Grenzen auf
Interesse.
Da Gesundheitsprobleme in diesem Milieu aber allgemein eine untergeordne-
te Rolle spielen, ¿ndet wenig aktives Informieren statt, man möchte dieser Materie
möglichst wenig Zeit opfern. Trotz des Wunschs nach mehr Information wandern
(uninteressante) Materialien oft ungelesen in den Müll. Wenn ein bestimmtes
Thema jedoch das Interesse geweckt hat, möchten sich Moderne Performer gezielt
informieren. Im Falle einer Erkrankung wollen sie genau wissen, wie sie sich am
besten verhalten. Als Medium nutzen sie vermehrt das Internet, achten dabei aber
sehr auf Seriosität der besuchten Websites und fragen den Arzt, der ihre Wissens-
bedürfnisse wegen Zeitmangels jedoch häu¿g nicht ausreichend befriedigen kann
und dessen Entscheidungen sie stets kritisch hinterfragen. In akuten Fällen werden
zudem Bücher und Fachliteratur zu Rate gezogen, bei interessanten Themen auch
Fernsehsendungen geschaut. Allgemeine Ratgeber, wie Apotheken-Zeitschriften,
stoßen hingegen auf wenig Resonanz, da die meisten Inhalte persönlich nicht
relevant sind und solchen Zeitschriften auch ein Werbeinteresse unterstellt wird.
174 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Natürlich kann ich jetzt sagen, ich werd viel zu schlecht informiert, ja,
aber die Informationen stehen mir auch zur Verfügung, ich kann ins Inter-
net gehen, ich kann die Krankenkassen wahrscheinlich sogar selber fragen,
ich kann Parteiprogramme durchlesen – ich muss nur aktiv werden.“
SINUS C12: „Moderne Performer“ 175
176 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Moderne Performer sind sich bewusst, dass es viele Möglichkeiten der Prävention
gibt, gerade als Ausgleich zu ihrem oft intensiven Lifestyle. Solange diese jedoch
als unangenehm oder einschränkend wahrgenommen werden, werden sie selten
genutzt. Ein Verzicht auf ungesunde Hobbys und Laster oder auch nur eine Re-
duzierung kommt nur im Falle akuter Probleme in Frage.
Die wichtige Rolle der Ernährung ist bekannt, und so machen viele Moder-
ne Performer die Not zur Tugend – und erklären „gutes Essen“ zu ihrem Hobby,
welchem im ungeregelten Alltag jedoch nicht immer nachgegangen werden kann.
Dennoch verfolgen viele die aktuellen Trends in der Forschung und ernähren sich
bewusst, also mit wenig und magerem Fleisch, viel Salat – auch die Vorliebe für
exotische Gerichte trägt zum Abwechslungsreichtum bei.
Als Ausgleich zur Arbeit im Büro treiben viele Sport, der sowohl der kör-
perlichen Betätigung als auch der PÀege sozialer Kontakte dient. „Ungeliebte“
Übungen wie Gymnastik und Jogging werden hingegen ver nachlässigt. Dass das
viele Sitzen am Schreibtisch dem Rücken schadet, weiß man, zu einem Besuch der
Rückenschule kann man sich jedoch nicht so recht durchringen. Um Schmerzen
vorzubeugen oder Abhilfe zu schaffen, gönnt man sich lieber hin und wieder eine
Massage.

ƒ „Mit Walking tu ich mich immer noch ein bisschen schwer, weil ich mei-
nen inneren Schweinehund nicht überwinden kann.“
ƒ „So lange die Notwendigkeit nicht da ist, dann tut man die Dinge auch
nicht. Es tangiert einen erst, wenn man sich eine Verbesserung oder Er-
leichterung verschaffen kann.“

Ärztliche Vorsorgemaßnahmen sind für die Modernen Performer selbstverständ-


lich: regelmäßige Zahnarztbesuche und bei den weiblichen Modernen Performern
der Besuch beim Gynäkologen. Auch die Krebsvorsorge wird ernstgenommen.
Weitere Untersuchungen sind jedoch erst für „später“ geplant. Am liebsten bekäme
man einen genauen Plan, was wann untersucht werden soll, um diese Maßnahmen
so schnell wie möglich und ohne sich intensiv damit befassen zu müssen, erledigen
zu können.

ƒ „Man könnte mir auch gerne ein Kärtchen schreiben – Sie sind jetzt 45.
In dem Jahr müssen Sie zu der und der Vorsorge. Am liebsten wäre mir,
wenn das Kärtchen gleich die Eintrittskarte zur Vorsorge wäre.“
SINUS C12: „Moderne Performer“ 177

ƒ „So wie du alle zwei Jahre mit deinem Auto zum TÜV gehst, sonst kannst
du nicht mehr fahren. Warum geht man mit sich selber nicht zum TÜV ?
Weil man nicht muss. So lange alles okay ist, nimmt man diese ‚time
bandits‘ nicht auf sich.“

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Für Moderne Performer bedeuten Arztbesuche die Ausnahme. Da sie mittleren


bis jüngeren Alters sind, ist ihr Gesundheitszustand meist gut; und wenn es zu
leichteren Erkrankungen kommt, hilft man sich lieber selbst, als gleich einen Arzt
aufzusuchen. Der beruÀiche Ehrgeiz trägt ebenfalls dazu bei, sich nicht eben mal
krankschreiben zu lassen. Darum gehen die Menschen dieses Milieus durchweg
nur zum Arzt, wenn es unumgänglich ist. Die Zeit in Praxen wird als „verlorene“
Zeit gewertet, weshalb auch Vorsorgeuntersuchungen, die als wichtig erachtet und
darum gewissenhaft absolviert werden, so schnell und zielgerichtet wie möglich
durchgeführt werden sollen.

ƒ „…dass ich es hasse, zum Arzt zu gehen, also das sind für mich Zeitdiebe.“

Die Auswahl des Arztes erfolgt äußerst gewissenhaft und basiert auf Empfehlun-
gen aus dem Bekanntenkreis und dem Ruf des Arztes. Ist eine zufriedenstellende
Wahl einmal getroffen, bleiben Moderne Performer zumindest dem Hausarzt in
aller Regel auch treu.

ƒ „Ärzte und Friseure werden selten gewechselt.“

An diesen stellt man die Anforderung, dass er seine Patienten ernst nimmt, ehr-
lich ist und sich um einen kümmert. Durch ihre soziale Nähe zum Arzt gelingt
es Modernen Performern durchaus auch, Über weisungen für Anwendungen
oder Eingriffe zu bekommen, die die Kran kenversicherung normalerweise nicht
übernimmt. Grundsätzlich spielt der Hausarzt eine weniger wichtige Rolle als in
anderen Milieus, erst im Falle chronischer oder schwieriger Krank heiten steigt
seine Bedeutung im mentalen Bereich. Denn von ihm wird, im Gegensatz zum
Facharzt, verlangt, dass er sich Zeit nimmt, alle nötigen Infor mationen vermittelt
und Interesse für die Probleme zeigt.
178 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Meine Hausärztin ist auch eher so für das ‚Wohlfühlen‘ da, von der ich
dann auch einfach mal Massagen bekomme, oder die meine Reha durchge-
boxt hat oder auch meine Therapie unterstützt, die das angeregt hat, dass
sowas von der Krankenkasse bezahlt wird. Das ist eine Eigenschaft, die
ich an ihr sehr schätze, die ich bei anderen Ärzten oft sehr vermisse: Sie
sagt mir, wenn sie nicht weiter weiß. Dann verweist sie mich an Fachärzte.“

Wenn der Hausarzt sich bei speziellen, seltenen Krankheiten nicht gut auskennt,
hat man Verständnis – nicht jedoch bei Fachärzten, von denen man das Wissen
einfordert. Moderne Performer bevorzugen grundsätzlich den direkten Weg zum
Spezialisten, die Über weisungspÀicht und der damit verbundene Mehraufwand
werden als störend und unnötig angesehen.

ƒ „Wenn ich ein Hautproblem habe, will ich zum Hautarzt und nicht erst
zum Hausarzt.“
ƒ „Ich möchte zum Arzt gehen, ohne daran gebunden zu sein, mir vorher
noch eine Überweisung zu holen.“

Moderne Performer begegnen Medizinern aufgrund der eigenen guten Bildung auf
Augenhöhe, haben Verständnis für deren Probleme (wenig Zeit, viel Stress), stellen
aber auch hohe Anforderungen an den Arzt. Wichtig sind vor allem Faktoren wie
ein gutes und aktuelles Fachwissen, eine gute technische Ausstattung und eine
saubere und gepÀegte Praxis. Das zwischenmenschliche Verhältnis ist wegen der
nur sporadischen (und dann möglichst kurzen) Besuche zweitrangig, allerdings
impliziert es das milieutypische Selbstverständnis, dass die Patienten Wert auf
eine Behandlung als Kunde, nicht als Bittsteller legen.
Im Krankheitsfall möchten sie intensiv beraten und informiert werden, mer-
ken jedoch an, dass dies aufgrund überfüllter Wartezimmern in den seltensten
Fällen möglich ist.

ƒ „Ich ¿nde, Ärzte sollten ’ne gewisse Arroganz verlieren, und den Patienten
als Kunden sehen, weil sie verdienen durch mich. Sie haben nett zu mir zu
sein, sie haben mir zuzuhören, sie kriegen mein Geld im Endeffekt. Ich
¿nde, das sollten die Ärzte nicht vergessen, Ärzte sind Dienstleister. Ich
¿nde, ganz oft hat man das Gefühl, dass sie von ihrem hohen Ross nicht
runterkommen, nur weil sie ’nen weißen Kittel tragen.“
SINUS C12: „Moderne Performer“ 179

Entscheidungen der Ärzte werden kritisch hinterfragt, beispielsweise durch eigene


Recherchen im Internet. Schließlich werden an Ärzte die gleichen perfektionis-
tischen Maßstäbe angelegt wie an sich selbst. Für fehlerhafte Diagnosen zeigen
Moderne Performer kein Verständnis, genauso wenig wie für fehlende Absprachen
zwischen Ärzten und mangelnde Information. Bei Unzufriedenheit wird auch ein
Arzt wechsel in Betracht gezogen.

ƒ „Wenn man mir ’ne Fehldiagnose stellt, reagier ich da auch sehr energisch
drauf. Weil ich mir denke, das ist die PÀicht von dem Arzt und sein Job,
einfach sich zu bemühen.“
ƒ „Ich habe gemerkt, dass Ärzte sehr eingefahren sind in ihrem Verhaltens-
muster, so dass ganz oft diese ‚Berufsblindheit‘ auftritt. Ich habe selber
die Initiative ergreifen müssen, habe eigenständig irgendwelche Unter-
suchungen veranlasst, weil mein Hausarzt mich absolut hängen gelassen
hat.“

Grundsätzlich wird jedoch die ärztliche Versorgung in Deutschland sowohl quali-


tativ wie auch quantitativ als positiv und ausreichend empfunden. Den Ärzten wird
vergleichsweise hohes Vertrauen entgegengebracht und gutes Fachwissen attestiert.

ƒ „Der Facharzt ist ein Experte, er ist gerade ein Experte, was meine Krank-
heit angeht, und ich bin ihm da mittlerweile auch unheimlich dankbar, dass
er das so schnell gefunden hat. Ich würd‘ ihm nicht mehr erzählen, dass
ich unglücklich bin, aufgrund meines dicken Gesichts, des Kortisons; das
interessiert ihn nicht. Er sieht das Blutbild, er sieht die Krankheit, aber er
sieht nicht mich als Mensch. Am Anfang war das problematisch, weil ich
natürlich mit Nebenwirkungen zu kämpfen hatte, mittlerweile weiß ich,
was ich an ihm habe.“

Die Situation in Krankenhäusern wird allerdings deutlich negativer bewertet. Die


Atmosphäre und Einrichtung dort werden genauso kritisiert wie die Arroganz und
Distanz mancher Ärzte sowie überlastete und desinteressierte Schwestern, wobei
man für die Situation von Assistenten, PÀegekräften und Krankenschwestern viel
Verständnis zeigt und eine bessere Bezahlung und Entlastung fordert.
180 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Krankenhäuser sind schlecht. Also nicht von ihrer Behandlung, aber ich
¿nde, Krankenhäuser machen eher krank, ich ¿ nde die Atmosphäre da
unglaublich anstrengend. Ich fand, die ganzen 12 Stunden im Kranken-
haus rumzugammeln, zwischen den ganzen mega-kranken Leuten, fand
ich ganz schrecklich, ich wollte unbedingt nach Hause, weil ich habe das
Gefühl, im Krankenhaus ist so ’ne ganz schlechte Stimmung, und alles
riecht ganz komisch, es riecht nach krank, und die Schwestern huschen
an einem vorbei, und keiner ist wirklich da. Es geht alles so schnell, wie
am Fließband.“

Einnahme von Medikamenten

Medikamente spielen in diesem Milieu keine große Rolle. Viele Performer sind
relativ jung und bei guter Gesundheit, chronische Krankheiten sind selten. Im
Falle einer Erkrankung werden zunächst Hausmittel ausprobiert, oder aber man
informiert sich selbst über angemessene und preisgünstige Medikamente. Ein
Arztbesuch erfolgt nur, wenn er offensichtlich nicht mehr zu vermeiden ist. In
diesem Fall erwarten sie von ihrem Arzt allerdings das Medikament mit dem
bestmöglichen Wirkstoff und wollen nicht mit einem Ersatz abgefunden werden,
weil das Arzneimittel-Budget des Arztes erschöpft ist.
Im Falle einer schwerwiegenden oder chronischen Krankheit werden die
verschriebenen Medikamente sehr gewissenhaft eingenommen, regelmäßige Arzt-
besuche sind dann selbstverständlich und auch der Tagesablauf wird den Notwen-
digkeiten angepasst. Schließlich werden körperliche und geistige Gesundheit als
wichtige Faktoren für Glück und Zufriedenheit wahrgenommen.

Vorsorgeuntersuchungen

Moderne Performer zeigen den Blick fürs Ganze: Die Bedeutung von Vorsorge-
untersuchungen und Präventionsmaßnahmen wird ausdrücklich betont – allerdings
zeigen sie auch hier eine persönliche Distanz zu Erkrankungen. Sie argumentieren
weniger aus eigener Erfahrung oder persönlicher Betroffenheit heraus, sondern
vielmehr sehen sie die Bedeutung für die Gesellschaft ganz allgemein. Viele verlan-
gen, dass die Krankenkassen sämtliche Vorsorge- und Früherkennungsmaßnahmen
unterstützen sollten, weil sie dadurch später viel Geld für teure Therapien und
Behandlungen sparen könnten. Ein anderer Vorschlag ist ein Bonussystem, ähnlich
dem der privaten Krankenversicherungen, das Vorsorgemaßnahmen honoriert.
SINUS C12: „Moderne Performer“ 181

ƒ „Jeder sollte alle 2 Jahre die Möglichkeit haben, ein großes Blutbild ma-
chen zu können. Das muss ich selbst bezahlen. Das ¿nde ich unmöglich.“
ƒ „Je früher man das erkennt und je früher man eingreift, umso weniger
Kosten haben die Krankenkassen bei schlimmen Schäden.“

Selbst für junge Moderne Performer ist der regelmäßige Zahnarztbesuch selbstver-
ständlich, bei Frauen zusätzlich der beim Gynäkologen. An weitere Maßnahmen
denken die Modernen Performer bereits, die jüngeren verschieben aber vieles
auf „später“, wie z. B. den Besuch von Rückenschulen oder Prostatauntersuchun-
gen, hingegen nehmen die älteren Menschen dieses Milieus viele Angebote wahr.
Kritisiert wird mangelnde Transparenz; bessere und klarere Informationen
durch Krankenkassen und Ärzte werden eingefordert. Moderne Performer wollen
genau wissen, was wann warum zu tun ist – allerdings mit möglichst geringem
Zeitaufwand und ohne sich intensiv damit beschäftigen zu müssen. Es geht eher
darum, das Gewissen zu beruhigen. Ein „Vorsorgezentrum“ wäre eine gute Alter-
native und auch Anreiz, die notwendigen Vorsorgeuntersuchungen umfassend, und
eben auch auch zeitsparend, zu absolvieren. Kritisiert wird, dass mittlerweile ver-
schiedene Vorsorgeuntersuchungen privat bezahlt werden müssen, wie zum Bei-
spiel der Ultraschall bei der Krebsvorsorge und die professionelle Zahn reinigung.

ƒ „Ich gehe in einen Raum, da nehmen sie mir Blut ab. Dann gehe ich den
nächsten Raum und mache Ultraschall, im nächsten EKG, im letzten sitzt
der Arzt und gibt mir den Befund oder er schickt ihn mir innerhalb von
14 Tagen zu.“

Auch Impfungen werden von den Modernen Performern als Vorsorge betrachtet
und sie beklagen den Informationsmangel seitens der Krankenkassen über neue
Impfstoffe wie zum Beispiel die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs für junge
Mädchen.
Vorsorgemaßnahmen seitens der Unternehmen werden ausdrücklich befür-
wortet, schließlich hätten auch Arbeitgeber eine Verantwortung für die Gesund-
heit ihrer Mitarbeiter. Außerdem wird die Einstellung von Schuluntersuchungen
und -impfungen bedauert. Den Blick über den Tellerrand zeigen die Performer
auch, wenn sie beispielsweise speziell für Frauen muslimischen Glaubens eine
bessere Aufklärung fordern, da diese beispielsweise kaum zum Frauenarzt gingen.
182 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Zweiter Gesundheitsmarkt

Kuren und Physiotherapien spielen aufgrund des guten Gesundheitszustandes bei


den meisten (noch) keine Rolle. Wenn diese jedoch verschrieben werden, werden
sie auch wahrgenommen und genossen. Abgelehnt werden hingegen Nahrungs-
ergänzungsmittel. Es herrscht die Einstellung vor, dass man mit ein wenig Obst und
bewusster Ernährung leicht genügend Vitamine und Nährstoffe aufnehmen kann.

ƒ „Man kann ja durch Ernährung ganz viele Vitamine, B-Vitamine, Eisen,


alles aufnehmen, man muss nicht unbedingt so ’ne Vitamin-C-Tablette
morgens nehmen, man kann auch Obst essen.“

Wer einmal krank ist, greift durchaus auf nicht-verschreibungspÀichtige Medika-


mente zurück, da ein kurzer Gang in die Apotheke schneller erledigt ist als ein
Arztbesuch. Durch gezieltes Informieren im Vorfeld ¿ndet man oft geeignete und
günstige Mittel.
Massagen werden gerne in Anspruch genommen, und wenn sie nicht ver-
schrieben werden, durchaus auch aus eigener Tasche bezahlt. Allerdings ist in
diesem Milieu die Forderung weit verbreitet, dass die Krankenkassen vor allem
solche Anwendungen, die der Prävention dienen, übernehmen sollten, da diese
im Endeffekt zu Behandlungseinsparungen und in Folge zu geringeren Kosten
führen würden.
SINUS C12: „Moderne Performer“ 183

Wenn im Falle von schweren Krankheiten gewisse Leistungen (wie bestimm-


te, teurere Nahrungsmittel) nicht übernommen werden, zeigen Performer dafür
Verständnis und beklagen sich kaum – aufgrund ihrer durchweg recht guten ¿nan-
ziellen Stellung sind die Mehrkosten zu verkraften.

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Die Gesundheitsversorgung in Deutschland wird durchweg als sehr positiv be-


wertet, insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern. Die Ärzte gelten als gut
ausgebildet, und auch ihre Erreichbarkeit wird nicht kritisiert – nicht zuletzt we-
gen der eigenen hohen Flexibilität und Mobilität. Sie befürworten eindeutig das
Solidaritätsprinzip.

ƒ „Derjenige, der mehr verdient, kann natürlich auch viel mehr bezahlen,
als derjenige, der nichts verdient, und dass es da eben eine prozentuale
Verteilung geben sollte, aber jeder dann die gleiche Leistung bekommt.“
ƒ „Ich ¿nde es auch okay, dass derjenige, der mehr verdient, vielleicht aus
eigener Tasche schon noch was draufzahlt.“

Die Praxisgebühr ruft teilweise Empörung hervor; sie wird allerdings weniger aus
¿nanzieller Not, sondern vielmehr aus Prinzip abgelehnt.

ƒ „Warum muss der Arzt 10 Euro abkassieren. Du musst was bar bezahlen.
Das ist wie im Mittelalter.“

Viele Performer kritisieren die Orientierung an der Marktwirtschaft und den damit
einhergehenden Preiskampf, sehen Einsparungen an den falschen Stellen. Andere
glauben jedoch, dass durch die Kon kur renzsituation die Preise sinken und die
Versorgung besser werden wird.
Bemängelt wird außerdem die fehlende Transparenz im System. Performer
wollen bessere, klare Informationen bezüglich optimaler Vorsorge, Leistungen
von Krankenkassen und gegebenenfalls Krank heiten, von denen man betroffen ist.
Zudem kritisieren manche das Kontingent für Medikamente, die meisten haben
damit aber noch keine direkte Erfahrung gemacht.
184 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Die meisten Modernen Performer haben bisher wenig direkte Erfahrung mit dem
Gesundheitssystem gemacht, da es sich dabei um ein junges, gesundes Milieu
handelt, in dem auch nur relativ wenige bereits eine Familie gegründet haben. So
wird der international „gute Ruf“ der medizinischen Versorgung in Deutschland
betont. Es herrscht der Konsens, dass in Deutschland zu viel gejammert und das
System zu sehr kritisiert wird.

ƒ „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn man tatsächlich krank ist und
Hilfe der Ärzte in Anspruch nehmen muss, dass man die auch bekommt.“

Bemängelt werden einzelne Faktoren wie überfüllte Wartezimmer, woraus lange


Wartezeiten für den Patienten und Zeitdruck für die Ärzte resultieren, die dann im
Einzelfall nicht genügend auf den Patienten eingehen und ihn nicht ausreichend
informieren können. Auch Krankenhäuser genießen generell kein hohes Ansehen,
und Versicherungen gelten als zu bürokratisch und unÀexibel.
Wichtiger als die Nähe und schnelle Erreichbarkeit, ist Modernen Performern
die Qualität und Ausstattung der Arztpraxis, diese muss auf dem neuesten Stand
von Forschung und Technik sein.
Eine dramatische Verschlechterung der Versorgung erwarten sie nicht. Sie
rechnen aber durchaus mit einer weiteren Verringerung der Leistungen der GKV
und damit, dass das Solidaritätsprinzip aufgeweicht und Privatversicherte zunehm-
end bevorzugt behandelt werden. Interessanterweise zeigen Moderne Performer,
die ja selbst zu den ¿ nanziell besser Situierten gehören, die Befürchtung, dass
Ärmere sich zukünftig nicht die gleichen Behandlungen werden leisten können.
Eine wachsende Relevanz der Prävention und eine größere Eigenverantwortlichkeit
wird erwartet und befürwortet. Um den Einzelnen mehr in die PÀicht zu nehmen,
thematisieren sie eine (¿ nanzielle) „Belohnung“ für Vorsorge und eine höhere
Belastung für „Sorglose“.

ƒ „Ich habe Angst, dass die Diskrepanz zwischen privater und gesetzlicher
(Krankenkasse) zu groß wird.“
ƒ „Naja ich hab’ schon Angst davor, dass sich Gesundheit halt irgendwann
nicht mehr jeder leisten kann.“
SINUS C12: „Moderne Performer“ 185

Chancengerechtigkeit

Durch die Teilung in privat und gesetzlich Versicherte wird eine Zweiklassen-
gesellschaft wahrgenommen, eine Chancengleichheit ist nicht mehr wirklich ge-
geben, was die Modernen Performer stark kritisieren.
Für eine unterschiedliche Behandlung aufgrund besserer ¿nanzieller Mög-
lichkeiten wird – auch von gesetzlich Versicherten – durchaus Verständnis gezeigt.
Wer mehr einzahlt und die Versorgung zu größeren Teilen selbst zahlt, soll auch
mehr bekom men und schneller behandelt werden. Aber: Dieser Einstellung vor-
ausgesetzt, ist, dass die medizinische Grundversorgung aller Versicherten außer
Frage steht und auf gutem Niveau erfolgt. Niemand darf mangels ¿ nan zieller
Möglichkeiten eine notwendige Behandlung oder Medikamente nicht bekommen.
Ebenfalls kritisiert wird die fehlende Chancengerechtigkeit, da einem die
Wahl zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung verwehrt bleibt.

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Moderne Performer haben verschiedene Ideen, können aber realistisch einschätzen,


dass viele davon nicht umzusetzen sind. Eine Ideallösung könnte man demnach
so zusammenfassen:
Es gibt eine Gesetzliche Krankenversicherung, in die alle einzahlen, und die
alle grundsätzlichen Leistungen und Vorsorgemaßnahmen abdeckt. Alle wichtigen
Behandlungen einschließlich Therapien und Medikamenten sollen allen Versi-
cherten gleichermaßen zur Verfügung stehen. Für weitere Zusatzleistungen und
individuelle Wünsche, wie zum Beispiel Chefarztbehandlung oder Einzelzimmer
im Krankenhaus, soll die Möglichkeit bestehen, sich privat zusatzzuversichern.
Eigenverantwortung muss stärker gefordert und gefördert werden: Diejeni-
gen, die sich aktiv um den Erhalt ihrer Gesundheit kümmern, zum Beispiel durch
gesunde Lebensweise, ausreichende Bewegung und Einhaltung der Vorsorge-
untersuchungen, sollen von einem Bonussystem pro¿tieren. Als Anreize können
¿ nanzielle Nachlässe der Versicherungsbeiträge oder auch besondere Behand-
lungsmethoden außerhalb des üblichen Leistungskataloges wie Massagen, Ku-
ren oder Wellness etc. dienen. Ein solches System wird im Vergleich zu Strafen
fürs „Nichtstun“ präferiert.
Auch die wichtige Rolle der Forschung wird stets her vorgehoben. Die Pharma-
unternehmen müssen „wohltätiger“ werden. Ein Ansatz für eine bessere Versor-
gung im Krankenhaus sehen die Performer in einer besseren Bezahlung und
Aufgabenverteilung für PÀegekräfte.
186 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Zum Beispiel, wenn man halt sagt, ich rauche nicht, ich lebe gesund,
ich bin nicht übergewichtig, mein BMI ist in Ordnung, und ich mache
Sport, dass man mich belohnt dafür, oder dass man sagt, ‚gut, Sie zahlen
den Mindestsatz.‘ Und wenn ich dann halt sag, ja ich rauche, ich mach
kein’ Sport, ich ess’ voll ungesund, dass man dann sagt, ‚gut, Sie sind
Risikopatient. Sie zahlen ein bisschen mehr.‘ Vielleicht sollte man dann
ein Punktesystem machen, Beitragsreduzierung. Dass man halt belohnt
wird, wenn man gesund lebt.“
ƒ „Im Moment sind diese Pharmakonzerne irgendwelche Riesen, unmo-
ralische Ungeheuer. ‚Forschung ist die beste Medizin.‘ Den Tenor ¿ nd
ich total gut. Aber wenn wir in der Vorlesung irgendwie hören, dass ge-
wisse Krankheiten tatsächlich medikamentös behandelt werden könnten,
aber die Pharma¿rmen sagen, ‚so, es gibt viel zu wenig Leute, die diese
Medikamente brauchen, und die Forschung rechnet sich da nicht, weil wir
kriegen das nie rein.‘ Und das ¿nd ich so furchtbar, das darf nicht sein.“

Nicht zuletzt deshalb fordern sie mehr Klarheit und Übersichtlichkeit, einen besse-
ren InformationsÀuss (vor allem übers Internet) und einen Abbau der Bürokratie.
Die Kommunikation zwischen den Ärzten muss ebenfalls verbessert und erleich-
tert werden.
Als eine weitere zentrale Aufgabe wird die bessere Umsetzung von Vorsor-
geuntersuchungen angesehen. So sollen auch Unternehmen und Schulen in die
PÀicht genommen werden, außerdem spricht man sich für Vorsorgezentren aus,
wo schnell alle nötigen Untersuchungen durchgeführt werden können.
Einiges spricht also dafür, dass Moderne Performer nicht ausschließlich auf
mehr Eigenverantwortung setzen – in Sachen Vorsorge wollen sie am liebsten
einen klaren Plan, wie wann vorzugehen ist. Durch mehr „Zwang“ (wie durch
Maßnahmen des Unternehmens und der Schulen) bzw. am liebsten durch mehr
Anreize, ¿ele es einem selbst auch leichter, den „inneren Schweinehund“ zu über-
winden, um gesünder zu leben und mehr Vorsorge zu betreiben, obwohl man sich
gesund und vital fühlt.
Verantwortlich für mögliche Veränderungen sind laut diesem Milieu vor allem
die Politik und die Kranken kassen, aber auch Ärzte, Patienten und Versicherte –
jeder müsse seinen Teil dazu beitragen, um die gute medizinische Versorgung in
Deutschland zu erhalten und zu verbessern.
TRADITIONELLE MILIEUS

SINUS A12: „Konservative“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus A12 „Konservative“


Lebenssituation x Ganz überwiegend verheiratet oder verwitwet
x Meist 2-Personen-Haushalte (ohne Kinder)
Bildung x Akademische Abschlüsse sind überrepräsentiert
x Aber auch Volksschulabschlüsse mit quali¿zierter Berufs-
ausbildung
Beruf x Hoher Anteil von Personen im Ruhestand, nur ein Drittel ist
noch (zeitweise) berufstätig
x Typische (ehemalige) Berufe: höhere Angestellte und Beamte
sowie Selbständige
Einkommen x Mittleres bis gehobenes Einkommensniveau; durchschnittliches
Haushaltsnettoeinkommen: 2.835 Euro
x Teilweise größere Vermögen: 22 % verfügen über ein Kapital-
vermögen von 25.000 Euro und mehr (Gesamt: 16 %)*
x Höchster Anteil an Wohneigentümern im Milieuvergleich
(71 % vs. 42 % bei Gesamt)
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Das Milieu der Konservativen nimmt eine gehobene Position in der mittleren bis
oberen Mittelschicht ein. Es sind die Repräsentanten des alten deutschen Bildungs-
bürgertums, die Verteidiger der Werte, Traditionen und der guten alten Ordnung.
Ein humanistisch geprägtes PÀichtethos und das Bewusstsein für das kulturelle,
nationale Erbe stärken ihr Elitebewusstsein, das teilweise rechtskonservativ-chauvi-
nistische Züge trägt. Konsummaterialismus, Spaßgesellschaft und die Ameri-
kanisierung des Lebensstils lehnen sie ab.
Finanziell sind die Konservativen mehrheitlich gut abgesichert. Sie pÀegen
einen distinguierten Lebensrahmen und schätzen gepÀegte Umgangsformen.
Immaterielle Werte und Ziele stehen im Vordergrund. Sie interessieren sich für
klassische Kunst und die Hochkultur (Theater, Oper, Museen), unternehmen Kul-
turreisen und verfolgen (besorgt) das Zeitgeschehen in Politik, Wissenschaft und
188 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Wirtschaft. Ihr Interesse an den letztgenannten Themen Àacht jedoch zusehens ab,
weil sich der Bezug zum eigenen Leben immer weniger erschließt.
Heute sind viele Konservative im Ruhestand, nach einer er folg reichen,
verantwortungsbewussten Berufskarriere. Geblieben ist ihr gesellschaftliches
Verantwortungsgefühl. Konservative nehmen gerne EinÀuss auf die Geschehnisse,
seien es kulturelle, politische oder soziale Bereiche, das „Loslassen“ fällt ihnen
eher schwer und so zeigen sie auch im Pensionsalter noch häu¿g die Bereitschaft
zur Über nahme ehrenamtlicher Aufgaben – wenn auch oftmals in redu zier ter
Form, um nicht mehr die volle Last der Verantwortung über nehmen zu müssen.
Zwar kann auch das Ehrenamt selbst zu einer Belastung werden, dies wird jedoch
zumeist durch die gesellschaftliche Anerkennung aufgewogen, welche als Ansporn
dient, gesundheitliche Beeinträchtigungen leichter zu akzeptieren.
Nicht zuletzt um weiterhin genau diese verantwor tungsvolle Rolle in der Ge-
sellschaft übernehmen zu können, bemühen sich Konservative in starkem Maße um
den Erhalt geistiger und körperlicher Vitalität. Ihr Faible für Kultur und (Studien-)
Reisen kommt dem stark entgegen, können Urlaubsaktivitäten und Reiseziele doch
entsprechend geplant und so als Teil einer gesunden Lebensführung verstanden
werden (z. B. Wellness-Urlaube, sportliche Betätigung, gesunde Ernährung).

Altersaufbau des Sinus-Milieus A12 „Konservative“

Der Altersaufbau des Milieus weicht, wie die Übersicht zeigt, deutlich von dem in
der Grundgesamtheit ab. Drei Viertel der Milieuangehörigen sind über 50 Jahre alt.
Der Altersschwerpunkt liegt über 60, der Alters-Median liegt bei 63 Jahren. Das
Milieu hat so gut wie keinen „Nachwuchs“ mehr; nur 3 % der Milieuangehörigen
sind unter 30.
Konservative sind überwiegend verheiratet oder ver witwet und leben häu¿g
in Zwei-Personen-Haushalten. Kinderreiche Familien mit mehr als drei Kindern
sind eher selten anzutreffen. Gleichwohl existiert eine ausgeprägte Sorge um das
Wohlergehen der eigenen Familie, und als Großeltern übernimmt man gerne und
SINUS A12: „Konservative“ 189

freudig die Aufgabe, sich um das Wohl und Fort kommen der Enkelkinder zu
kümmern.
Dies kann durchaus im Sinne des Generationenvertrags verstanden werden,
sind es doch im Krankheits- oder PÀegefall zumeist die nächsten Angehörigen und
nachfolgenden Generationen, die sich un mittelbar um einen kümmern. So sorgt
man sich, trotz zumeist vorhandener ¿nanzieller Absicherung und entsprechender
Rückstellungen doch vereinzelt um die eigene Altersversorgung und eine ggf. nicht
den persönlichen Wünschen entsprechende PÀege. Dies beruht auch auf eigenen
Erfahrungen mit PÀegebedürf tigen in der Familie.
Insgesamt blickt man mit Stolz zurück auf das eigene Leben und bislang
Erreichtes, zeigt sich alles in allem zufrieden mit der aktuellen Lebenssituation
und schaut mit Zuversicht auf das, was die Zukunft noch bringen mag.

Bedeutung von Gesundheit

Aufgrund ihres höheren Altersdurchschnitts sind Konservative häu¿ger mit Krank-


heiten und körperlichen Beschwerden konfrontiert und benennen dies im persön-
lichen Gespräch auch exakt so.

ƒ „Je älter man wird, umso wichtiger wird die Gesundheit, das ist einfach so.“
ƒ „Man bekommt im Alter schon das eine oder andere Wehwehchen, da
muss man gar nicht drumrum reden.“

Auch im eigenen Freundes- und Bekanntenkreis gewinnt das Thema Gesundheit


und Be¿ndlichkeit an Relevanz und Àießt in die Gespräche mit ein – ohne jedoch
zwangsläu¿g dominantes und alles beherrschendes Thema zu werden. Dies spie-
gelt den Anspruch, die Disziplin und Selbststeuerung der Konservativen wider,
die Dinge positiv zu betrachten und selbst im Krankheitsfall keine Überdramati-
sierung des eigenen Gesundheitszustands zuzulassen. Auch diejenigen, die eine
Krankheitssymptomatik aufweisen, versuchen, eine optimistische Grundhaltung
nach außen zu transportieren.
Man schätzt sich glücklich, „dass man noch so ¿t ist für sein Alter“ und freut
sich, den vielfältigen Aufgaben, die auch im Alter an einen herangetragen werden,
auf hohem Niveau gerecht werden zu können. Seien es die gemeinsamen Aktivi-
täten mit dem Partner, die Ver pÀichtungen im Ehrenamt oder die Betreuung der
Enkelkinder – Konservative zeigen ein hohes Maß an Zufriedenheit.
190 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Konservative betrachten Gesundheit als zentralen Teil des Gesamtlebenskonzepts,


für das man selbst die Verantwortung zu tragen und – in Abhängigkeit des per-
sönlichen Lebensstils – die Konsequenzen zu ziehen hat; man macht sich sein
persönliches gesundheitliches Schicksal zu eigen.
Gesundheit beruht demnach zu einem nicht unerheblichen Anteil auf einer
gesunden Lebensführung, die trotz des im Milieu häu¿g anzutreffenden purita-
nisch-lustfeindlichen Verständnisses jedoch nicht zwingend im Widerspruch zu
Genuss stehen muss.
Im Gegenteil: Distinguierter Genuss hat durchaus seinen Stellenwert und fes-
ten Platz im Alltag. Zwar schränkt man sich möglicherweise in bestimmten Fällen
und bei bestimmter Symptomatik bezüglich der Ernährung etwas ein (es muss
nicht täglich Fleisch und Wurst gegessen werden), aber meist wird der Nahrungs-
mittelkonsum – auch jener von Genussmitteln – nicht grundsätzlich und radikal
umgestellt. Das liebgewonnene, gute Glas Rotwein am Abend wird so lange nicht
als Bedrohung oder Angriff auf die eigene Gesundheit erlebt, so lange es bei dem
einem oder auch mal zwei Gläsern bleibt.
Ein demonstratives sich einschränken in Bezug auf Ernährung oder ein „über-
triebenes Sportverhalten“ kommt für Konservative zumeist nicht in Frage. Gesund-
heit ist auch und gerade, in „gesunder Balance“ zu leben, nach Ausgewogenheit
zu streben und Extreme zu ver meiden.

ƒ „Als Gesundheitsapostel, also jemand, der übertrieben viel Sport macht


oder fast schon militant dies und jenes nicht isst, würde ich mich nicht
bezeichnen.“
ƒ „Wie so oft im Leben, macht es das Mittelmaß aus. Man sollte einfach
nichts übertreiben, egal in welche Richtung. Das ist für mich der Schlüssel
für Gesundheit.“

Sieht man sich jedoch gezwungen, Genuss in stärkerem Maße einzuschränken,


so trägt man dies mit der gebotenen Fassung. Interessant ist die Argumentation,
mit der Konservative ihr Verhalten dann erklären: Verzicht in Form von weniger
Rauchen, einem geringeren Alkoholkonsum oder fettreduzierter Ernährung, wird
dann nicht aus der De¿zitperspektive im Sinne einer tatsächlichen Einschränkung
beschrieben, sondern häu¿g als bewusstere – auch kalorienbewusstere – Ernäh-
rungsweise benannt, die sogar eine interessante kulinarische Erfahrung bedeuten
kann.
SINUS A12: „Konservative“ 191

ƒ „Wir essen jetzt häu¿ger Gemüse, probieren auch mal ganz neue und ge-
wagte Rezepte aus. Nicht immer dieses ‚Fleisch ist ein Stück Lebenskraft‘.
Und dabei stoßen wir auf ganz tolle Entdeckungen.“
ƒ „Ich bin durchaus auch offen für neue Koch- und Ernährungsideen. Aber
natürlich werde ich meine Küche nicht komplett umstellen und plötzlich
nur noch vegetarisch kochen. Das Altbewährte hat durchaus seinen Stel-
lenwert.“

Jenseits einer gesunden Lebensführung und positiven mentalen Grundhaltung


existieren gleichwohl Faktoren, die die Gesundheit ohne eigenes Dazutun (negativ)
beeinÀussen können. So gibt es Krankheitsbilder, die sich in der Wahrnehmung des
Milieus auch bei einer noch so gesunden Lebensführung nicht vermeiden lassen –
dazu gehören Krebserkrankungen. Gesundheit ist also trotz der Erkenntnis, selbst
in hohem Maße mitverantwortlich zu sein, aufgrund z. B. genetischer Disposition
oder eines Schicksalsschlags in Form eines Unfalls mit schweren Folgen, nicht
immer direkt beeinÀussbar.
Unabhängig davon, inwieweit man selbst die eigene Gesundheit in Händen
hält: Dinge, die sich nicht beeinÀussen lassen, muss man tapfer ertragen. Dass man
über seinen Gesundheitszustand selbst bei schwerwiegenden Krankheiten klagt,
ist im Milieu der Konservativen kaum vorstellbar und entspräche auch nicht dem
Selbstbild von Disziplin, Selbstbeherrschung und (selbstverordnetem) Optimismus.
So wird Zufriedenheit als wesentlicher Faktor für die Gesunderhaltung bzw.
Gesundwerdung beschrieben. Diese erreicht man mit innerer Ausgeglichenheit,
Akzeptanz unveränderbarer Gegebenheiten (z. B. altersbedingte oder schicksalhaf-
te Erkrankungen), sowie mit Ehrgeiz und dem Willen, aus einer nicht zufrieden-
stellenden Situation herauszukommen oder zumindest das Beste daraus zu machen.

ƒ „Als ich nach der OP im Krankenhaus lag, wollte ich gar keinen Besuch
von meinen Freundinnen. Ich wollte meine Ruhe. Ich wollte das alles mit
mir selbst ausmachen. Ich wollte nicht dauernd darüber sprechen, dass
der Krebs so schlimm ist. Ich hatte eine OP hinter mir und wollte jetzt
nach vorne schauen.“
ƒ „Wenn man sich hängen lässt, wird es ja auch nicht besser. Meine Devise
ist daher eher etwas Selbstbeherrschung.“
192 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Konservative zeigen sich insgesamt sehr an (sozial-) politischen Fragestellungen


interessiert. Es entspricht der Gewohnheit des Milieus, sich detailliert mit unter-
schiedlichsten Themen und Fragestellungen, so auch dem Thema Gesundheit und
Gesundheitspolitik – auch jenseits der individuellen Be¿ndlichkeit in gesamtgesell-
schaftlicher Perspektive –, auseinanderzusetzen.
Als Milieuangehörige mit stark bildungsbürgerlichem Hintergrund ist es nicht
nur üblich, zur Verfügung gestellte Informationen (passiv) zu rezipieren, sondern
diese ganz bewusst und aktiv nachzufragen. Das bedeutet, dass über die z. B. sei-
tens der Krankenkassen oder Apotheken zur Verfügung gestellten Informations-
broschüren hinaus Infor mationen und Materialien gezielt „eingefordert“ werden,
z. B. im Rahmen des Besuchs entsprechender Veranstaltungen, Diskussionsrunden
etc. Auf diese Weise und durch die Lektüre medizinischer Fachbücher der eigenen
kleinen Hausbibliothek, sowie im ver tiefenden Gespräch mit dem Arzt, wird das
individuelle Informationsbedürf nis gestillt.

ƒ „Wenn es etwas komplizierter wird, nehme ich mir meinen Pschyrembel


zur Hand. Damit komme ich meist ganz gut klar.“
SINUS A12: „Konservative“ 193
194 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Dienten Sport und Fitness (z. B. Radfahren, Bergwandern, Schwim men, Gymnas-
tik) früher, während der Berufstätigkeit, als Ausgleich und der Balance von Körper
und Geist, so hat sich deren hoher Stellenwert im Alter zugunsten des Aspekts der
Prävention und der Behandlung altersbedingter Beschwerden verschoben.
Im Kontext von Prävention sprechen Konservative häu¿g von leichten sport-
lichen Betätigungen wie Radfahren, Spazieren gehen etc. Es geht nicht darum, an
seine Leistungsgrenzen zu gehen, oder womöglich sich selbst und anderen etwas
zu beweisen, sondern vielmehr darum, sich etwas Gutes zu tun, sich körperlich auf
angeneh me Weise „¿t zu halten“ und seine Gesundheit zu erhalten. Bedeutender
als sportliche Erfolge zu erzielen ist es, das bisher hohe Maß an Aktivität und
Beschäftigung zu reduzieren, das Tempo insgesamt etwas zu verringern.
Neben leichter Bewegung spielt auch das Thema Ernährung eine Rolle, wobei
dieses zumeist keinen grundsätzlichen Wandel, sondern eher leichte Modi¿katio-
nen im Sinne einer Reduktion erfährt.
Mindestens ebenso wichtig wie die physische ist die psychische Konstitution.
Ob es das ausgeprägte Interesse an Kunst und Kultur, am Zeitgeschehen, an Li-
teratur, Musik, dem Schachspiel oder regelmäßigem Austausch per Brief oder in
Form persönlicher Treffen mit Freunden und Gleichgesinnten ist: Für Konservative
gibt es vielfältige Arten, sich intellektuell zu fordern.
Physische und mentale Ausgewogenheit und Balance durch moderate Be-
wegung, gesunde Ernährung und geistige Aktivität sind somit der Schlüssel zu
guter Gesundheit.

ƒ „Hochleistungssport betreibe ich keinen, mein Mann und ich gehen regel-
mäßig spazieren, manchmal auch mal zwei Stunden lang.“
ƒ „Für mich ist Gesundheit v. a. auch geistige Fitness, im Kopf ¿t sein. Klar
habe ich meine Beschwerden am Knie, wenn ich radfahre oder zu lange
laufe. Aber hier oben, das ist es doch, was letztlich zählt.“

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Im Gegensatz zu Traditionsverwurzelten lässt sich das Arzt-Patient-Verhältnis bei


Konservativen als ein Verhältnis auf Augen höhe beschreiben. Konservative sind
überwiegend gut informiert, kritisch, anspruchsvoll und diskussionsfreudig. Sie
fragen nach, lassen sich Befunde und Therapieansätze en detail erklären, wägen
ab. Wenn es ratsam erscheint, konsultieren sie einen zweiten Experten.
SINUS A12: „Konservative“ 195

Konservative sind häu¿g privat krankenversichert. Als solche tragen sie zwar
unmittelbar die Kosten einer Zweitkonsultation, sind aber trotz Kostensensibilität
in schwierigen Situationen der Ansicht, sich selbst und ihrer Gesundheit das Ein-
holen einer solchen Zweitexper ten meinung schuldig zu sein.

ƒ „Wenn man hinterher die Rechnung bekommt, wird einem schon manch-
mal etwas schwummrig und man fragt sich, war das wirklich alles nötig ?“

Dies spiegelt ein gewisses Anspruchsdenken zum einen in Bezug auf die eigene
Gesundheit, zum anderen aber auch in Bezug auf den Arzt wider.
Die Erwartungshaltung ist, dass sich der Arzt angemessen Zeit nimmt und auf
die individuellen Fragen und Bedürfnisse eingeht. Man möchte sich nicht „durch
die Praxis geschleust fühlen“, sondern das gute Gefühl haben können, mit seinen
Be¿ ndlichkeiten, Unsicherheiten, Fragen auf ein Gegenüber zu stoßen, das die
Notwendigkeit individueller Gespräche und Beratung erkennt und entsprechend
professionell agiert.
Häu¿g hat man seinen Arzt schon seit langer Zeit, so dass ein ausgeprägtes
Vertrauensverhältnis existiert. In Bezug auf Fachärzte vertraut man sich, insbeson-
dere in (ambulanten) Kliniken, gerne dem Chefarzt persönlich an. Damit einher
geht, neben dem Aspekt der Distinktion, das Bestreben, sich nicht unbedingt
in die Hände sehr viel jüngerer Ärzte zu begeben. Lebenserfahrung, ein breites
fachliches Know-how und die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Bedürfnisse
und Situationen einzulassen, wird eher Gleichaltrigen zugeschrieben denn jungen
(Fach-) Ärzten.
Neben aller fachlichen Kompetenz zeichnet einen guten Arzt aber insbeson-
dere Empathie und Freundlichkeit aus. Diese Erwartungshaltung erstreckt sich im
Übrigen auf das gesamte Praxisteam, zu dem man häu¿g ein persönliches Verhält-
nis hat. Namentlich begrüßt zu werden, ist für Konservative hierbei ein „Muss“.

Einnahme von Medikamenten

Die Einnahme von Medikamenten erfolgt in aller Regel strikt nach Vorgabe des
Arztes. Man hält sich an die Medikation des Fachmanns, da dieser „schon weiß,
was er tut.“ Gerade bei und nach schweren Krankheiten, wie z. B. einer Krebs-
erkrankung, hält man sich akribisch an die Anweisungen des Fachmanns. Hier
eigenmächtig „auszuprobieren“ wird als eine Art „Russisches Roulette“ bezeichnet.
196 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Wenn der Arzt sagt, ich soll das Medikament nehmen, bis die Packung
leer ist, dann mache ich das auch. Er ist der Fachmann, da muss ich mich
schon drauf verlassen können.“
ƒ „Ich maße mir nicht an, zu entscheiden, ob ich das Medikament brauche
oder nicht. Es gibt Umstände, da nimmst du das einfach und machst keine
Experimente.“

Bei nichtverschreibungspÀichtigen Präparaten lässt man sich vom Apotheker


beraten oder studiert den Beipackzettel. Auch hier ¿ ndet kein allzu „lockerer“
Umgang in Bezug auf die Medikation im Sinne von „ich weiß selbst, wie viel mir
gut tut“ statt.
Ergänzend zu den „klassischen Medikamenten“ werden von Frauen des Mi-
lieus auch homöopathische und naturheilkundliche Präparate genutzt.

Vorsorgeuntersuchungen

Medizinische Vorsorgeuntersuchungen betreiben Konservative im Rahmen des


von den Krankenkassen übernommenen Umfangs. Der Logik des Milieus entspre-
chend werden diese sehr ernst genommen und als verbindlich angesehen: Gesund-
heit als persönliche Verant wortung und PÀicht, der man sich nicht entziehen darf
und sollte, um Folgeschäden und Folgekosten zu vermeiden.
Bemerkenswert ist, dass gerade Männer an dieser Stelle Nachbesserungen
einfordern, entspricht es doch eigentlich nicht ihrer konser vativ-chauvinistischen
Grundhaltung, sich mögliche Schwächen einzugestehen und sich mit diesen kon-
frontieren zu lassen. Sie gehen lieber weniger als mehr zum Arzt. Permanente
Arztbesuche, sofern es sich nicht um etwas wirklich Ernstes handelt, werden viel-
mehr als Kostenfaktor (für einen selbst, die Gesellschaft, das Gesundheitssystem)
betrachtet. Hier zeigt sich die milieutypische Gesamtperspektive, der Blick für das
große Ganze und das für Konservative so wichtige Thema (Eigen-) Verantwortung.
Andererseits verhindert ein rechtzeitiger Gang zum Arzt möglicher weise
Schlimmeres im Sinne von Folgekosten und -implikationen, so dass ein gewisser
Pragmatismus vorherrscht.
SINUS A12: „Konservative“ 197

Zweiter Gesundheitsmarkt

Konservative haben einen eher verhaltenen Umgang hinsichtlich Dienstleistun-


gen des Zweiten Gesundheitsmarktes, nicht alles wird freudig nachgefragt. Zwar
kommen OTC-Produkte, wie z. B. bestimmte Nahrungsergänzungsmittel (Vita-
minpräparate), durchaus zum Einsatz. Auch nimmt man gerne Massagen oder
Physiotherapien in Anspruch, gönnt sich ab und an einen Saunabesuch oder fährt
z. B. einmal im Jahr zu einer betreuten Apfel-Fastenkur in den Südschwarzwald.
Aber all diese Angebote fokussieren nicht auf Krankheit, sondern auf Gesundheit,
haben zumeist das Wohlbe¿nden im Blick. „Klassische Kuren“ und Aufenthalte
in Rehabilitationskliniken ¿nden hingegen selbst nach schweren Krankheiten nur
bedingt statt.

ƒ „Nach meiner OP (Krebspatientin) hatte ich keine Lust mehr auf irgend-
welche Kliniken und Ärzte. Ich wollte das Gefühl von Krankheit über-
winden und mich nicht hängen lassen. Und am besten ging und geht es
mir bei meiner Familie. Spazierengehen und entspannen kann ich auch
hier, dafür muss ich nicht extra in Kur fahren.“

Möglicherweise spielen auch hier kostenrationale Überlegungen eine Rolle. Denn


Konservative erachten solcherlei Leistungen nicht als zwingend für das Leistungs-
paket von Krankenkassen. Nur wirklich kranke Menschen sollten derlei Leistungen
in Anspruch nehmen können, so ihr Verständnis. Ein Missbrauch von Kurleistun-
gen durch Personen, die keinen wirklich dringenden Bedarf haben, ist in ihren
198 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Augen verantwortungslos denjenigen gegenüber, die auf eine solche Maßnahme


tatsächlich dringend angewiesen sind und denen schlimmstenfalls eine Kosten-
übernahme seitens der Krankenkassen verweigert wird.
Dies erleben sie als ein Dilemma des derzeitigen Kassensystems: Einerseits
können sie strengere Reglementierungen nachvollziehen, andererseits sehen sie
in bestimmten Fällen und bei bestimmten Krankheitsbildern die Notwendigkeit
erweiterter kassenärztlicher Leistungen.
Ebenfalls der Logik des Sparens verpÀichtet, nutzen Konser vative (Frauen)
alternative medizinische Leistungen, wie z. B. TCM. Neben einer gewissen Faszi-
nation für fernöstliche Gesundheitsansätze, einer schonenden Komplementierung
des westlich geprägten, schulmedizinischen Gesundheitsangebots und der hoch-
willkom menen Tatsache, dass dabei „der ganze Mensch“ im Mittelpunkt der Be-
handlung steht, sehen sie hier tatsächliche Sparpotenziale für die Krankenkassen.
Oftmals könnten die gleichen Effekte erzielt werden, ohne dass gleich die gesamte
Apparatemedizin eingesetzt werden müsse, ist ihr Fazit. Insofern gehen Konser-
vative künftig auch von einer stärkeren Etablierung ganzheitlicher Methoden aus.

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Insbesondere im internationalen Vergleich bescheinigen Konservative der Gesund-


heitsversorgung in Deutschland eher gute Noten. Für viele Befragte des Milieus
bewegt sich die Versorgungsqualität auf einem hohen Niveau, für einen Teil auf
dem Niveau einer sehr soliden Grundversorgung.

ƒ „Wenn ich da an andere Länder denke, stehen wir schon ganz gut da. Bei
uns muss keiner verbluten oder erst stundenlang Papierberge ausfüllen,
bevor ihm geholfen wird.“

Allerdings beklagen Angehörige des Milieus die wahrgenommene Tendenz, dass


Gesundheit immer mehr zu einer Ware wird, für die ein bestimmter Preis zu
bezahlen ist. Geprägt durch ihre Familienorientierung sehnen sie sich latent nach
der Familie als kleinster Keimzelle der Gesellschaft und als Kerninstitution, die
Kranke und PÀegebedürftige auffängt.

ƒ „Die häusliche PÀege in der Familie sollte eigentlich der Normalfall sein,
das ist meines Erachtens immer noch das Beste. Erst im Notfall, wenn es
keinen familiären Rückhalt gibt, ist der Staat gefordert und hat die PÀicht,
eine gute Grundversorgung zu leisten.“
SINUS A12: „Konservative“ 199

Ebenso äußern sie ihren Wunsch nach Ärzten, die aus idealistischen, humanitären
und weniger aus materialistischen Gründen ihrer Berufung nachgehen. Auch wenn
Konservativen durchaus klar ist, dass ein solches System kaum mehr in die Zeit
einer auch von ihnen befür worteten Hightech-Apparatemedizin passt, so wird
diese Sehnsucht dennoch deutlich und spiegelt sich vornehmlich bei Frauen des
Milieus z. B. in der Suche nach alternativen Heilmethoden und als „menschlich“
bezeichneten Ansätzen wider.

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Losgelöst von der reinen Versorgungsqualität wird das Gesund heitssystem in


einem abstrakteren Sinne häu¿g als reformbedürftig und deutlich verbesserungs-
würdig erlebt. Dies meist ungeachtet der Tatsache, ob man selbst privat oder ge-
setzlich krankenversichert ist.
Die Hauptproblematitk des Gesundheitssystems wird dabei entkoppelt von
einem Gerechtigkeitsdiskurs betrachtet: Konservative bewerten das Gesundheits-
system im Großen und Ganzen mehrheitlich als gerecht. Eine systematische Be-
nachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen in der Gesundheitsversorgung
sehen sie häu¿g nicht. Anstelle der Frage der Zweiklassen-Versorgung geht es
ihnen vielmehr um die Aufrechterhaltung des Status quo von Gesundheitsleis-
tungen bei gleichzeitig zunehmender Schwierigkeit der Finanzierbarkeit des
Gesamtsystems.
Insbesondere Personen, die persönlich Erfahrungen mit Rationierungsmaß-
nahmen gesammelt haben, benennen hier konkrete De¿zite, die das Gesundheits-
system in ihren Augen aufweist.

ƒ „Sind wir mal ehrlich, es ist heute schon schwieriger als früher, bestimmte
Leistungen zu erhalten.“
ƒ „Das ist ein einziger ineffzienter, zeitaufwändiger Hürdenlauf, bis man
eine Behandlung bekommt.“

Oftmals wird das Gesundheitssystem als „ewige Baustelle“ bezeichnet und von
einer systemimmanenten Misswirtschaft, mangelnder Transparenz und ungenü-
genden Kontrollmechanismen gesprochen.
Angefangen von Krankenhäusern, die nach maximaler Auslastung streben
(und somit im Sinne vermuteter hoher Behandlungskosten inef¿zient wirtschaf-
ten), über einen als überdimensioniert wahrgenommenen Verwaltungsaufwand
und Bürokratismus (u. a. durch die Vielzahl von Krankenkassen, aber auch de-
ren konkrete Arbeitsweise) bis hin zu einem übertriebenen Anspruchsdenken der
200 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Bevölkerung, selbst für kleine Erkrankungen das Maximum an Behandlung zu


fordern, reichen die von Konservativen genannten Kritikpunkte.

ƒ „Das ist meines Erachtens ein riesengroßer Wasserkopf, der sich viel zu
viel mit sich selbst beschäftigt.“
ƒ „Ich habe für die Glaspaläste der Krankenkassen wirklich keinerlei Ver-
ständnis.“
ƒ „Wozu brauchen wir so viele unterschiedliche Krankenkassen? Wie sollen
denn da Synergien entstehen ?“

Aber auch die wahrgenommene Monopolstellung der Pharmaindustrie, welche in


ihren Augen fast konkurrenzlos die Preise auf dem Markt diktieren kann, sowie
damit einhergehende, als „undurchsichtig“ wahrgenommene VerÀechtungen und
InteressenkonÀikte, werden als problematisch benannt.

ƒ „Naja, die Pharmalobby und die Mediziner, das ganze System aus Ärzten,
Pharma und Krankenhäusern, das ist doch irgendwie undurchschaubar
und kaum noch zu kontrollieren.“

Insgesamt machen sich die Angehörigen dieses Milieus ein vergleichsweise diffe-
renziertes und mehrdimensionales Bild von den Problemen des Gesundheitssys-
tems. Dabei legen Privatversicherte ein stärker ausgeprägtes Kostenbewusstsein
sowie einen stärker wahr nehmbaren Realitätssinn an den Tag. Während gesetzlich
Versicherte die Vorstellung äußern, bereits mittels etwaiger Einblicke auf Ab-
rech nungen „Druck“ ausüben und Kosten effektiv senken zu können, zeigen sich
Privatpatienten tendenziell etwas abgeklärter und konstatieren, mangels eigenem
Fachverstand keine angemessene Beur teilung der medizinischen Leistungen und
damit einhergehender Kosten vor nehmen zu können. Auch argumentieren sie
harscher gegenüber sogenannten „Krankmachern“, welche das Solidarprinzip
ausnutzen und dem Gesamtsystem Schaden zufügen.

Chancengerechtigkeit

Konservativen ist bewusst, bestimmte z. T. recht umfangreiche Privilegien auf-


grund ihrer gesicherten ¿nanziellen Situation zu genießen. In aller Regel privatver-
sichert, werden ihnen sowohl schnellere Terminvergaben beim Arztbesuch als auch
beispielsweise Einbettzimmer und Chefarztbehandlung im Falle eines Kranken-
hausaufenthaltes zuteil. Als Privatpatient einen höheren Komfort zu genießen
SINUS A12: „Konservative“ 201

halten sie jedoch zumeist nicht für einen Verstoß gegen die Chancengerechtigkeit,
auch wenn sich eine Bevorteilung in der konkreten Situation möglicherweise be-
fremdlich anfühlen mag. Gleichzeitig herrscht aber eine gewisse Ratlosigkeit vor
und gilt die normative Kraft des Faktischen: Es werde wohl immer wohlhabende
und weniger wohlhabende Menschen in der Gesellschaft geben, diese Divergenz
sei in Maßen gerechtfertigt und erlaube in der Konsequenz daher auch eine Son-
derbehandlung ¿nanzkräftigerer Personengruppen.

ƒ „Ja, es stimmt schon, Kassenpatienten werden benachteiligt, das ist so.


Aber wie kann man das lösen ? Es können sich nun mal nicht alle privat
versichern lassen.“
ƒ „Ich fühle mich da schon manchmal etwas unwohl, wenn ich nach zwei
Minuten dran komme, während Andere schon viel länger warten. Oft
kriegt man das ja auch gar nicht so mit, weil es zwei Wartezimmer gibt.
Die Frage ist nur, was kann man da tun ? Ich hab’ darauf auch keine Ant-
wort.“

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Als eine der dringlichen politischen Aufgaben in Bezug auf das Gesundheitssystem
sehen Konservative die Stärkung von Eigenverant wortung. Menschen, die sich
wider besseren Wissens gesund heitsgefährdenden Risiken (z. B. hoher Alkohol-
oder Tabakkonsum etc.) aussetzen, „Blaumacher“, die (ermöglicht durch subopti-
male Kontrollsysteme) die Solidargemeinschaft belasten und Personen, denen das
Maß in Bezug auf eine adäquate Behandlung verloren gegangen zu sein scheint,
werden von Konservativen durchaus kritisiert. Hier sehen sie die Notwendigkeit
von Aufklärungsarbeit, die bereits bei Kindern und Jugendlichen ansetzen sollte.
Die Schärfung des Bewusstseins für die Eigenverantwortlichkeit des Individuums
gegenüber dem eigenen Gesundheitszustand könne gar nicht früh genug beginnen.
Und dennoch: Eine Differenzierung der Mitglieder der Solidargemeinschaft
nach Lebensstil und Lebenswandel, d. h. als Konsequenz eine etwaige Bevorteilung
Gesunder durch niedrigere Beitragssätze bzw. im Umkehrschluss eine negative
Sanktionierung von Risikogruppen in Form der Reduzierung von Leistungs-
ansprüchen bewerten Konservative als wenig human. Hier zeigt sich die dem Mi-
lieu eigene Ambivalenz von Leistungsdenken und Eigenverantwortung einerseits
versus der VerpÀichtung eines humanistischen Menschen- und Gesellschaftsbilds
andererseits. Eine Debatte und Kultur des gegenseitigen Beschuldigens jedenfalls
erachten Konservative als wenig hilfreich.
202 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus A23 „Traditionsverwurzelte“


Lebenssituation x Meist 1- bis 2-Personen-Haushalte
x Höchster Anteil allein Lebender und Verwitweter im Milieuvergleich
Bildung x Überwiegend Hauptschule mit abgeschlossener Berufsausbildung
x Nur 7 % haben Abitur oder Studium
Beruf x Hochster Anteil von Ruheständlern im Milieuvergleich
x Früher: kleine Angestellte und Beamte, Arbeiter, Facharbeiter
und Bauern
Einkommen x Meist kleine bie mittlere Einkommen: 65 % haben ein monatliches
Haushaltsnettoeinkommen unter 2.000 Euro (Gesamt: 46 %)*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 1.882 Euro
x Überdurchschnittlicher Anteil an Wohneigentümern
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Traditionsverwurzelten sind die sicherheits- und ordnungsliebende Kriegs- und


Nachkriegsgeneration, geprägt von traditionellen Werten wie PÀichterfüllung,
Sparsamkeit, Sauberkeit und Ordnung. Diese Normen waren zunächst überlebens-
notwendig, wurden dann zu vorgelebten Tugenden und sind heute wieder Basis
des Alltags. Konformismus und Sicherheitsstreben, Orientierung an gängigen
Konventionen und traditionellen Moralvorstellungen prägt den Lebensstil des
Milieus: Sich zufrieden geben, Bescheidenheit und Anpassung an die Notwen-
digkeiten. Das Gros der Milieuangehörigen, meist Pensionäre und Sozialrentner,
lebt in bescheidenen, wenn auch nicht ärmlichen Verhältnissen. Aufgrund der
milieutypischen Sparsam keit haben viele ein gewisses Polster aufgebaut, von dem
sie im Alter zehren können.
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 203

Altersaufbau des Sinus-Milieus A23 „Traditionsverwurzelte“

Die Traditionsverwurzelten sind das älteste Milieu in Deutschland mit einem


Schwerpunkt in der Kriegs- und ersten Nachkriegsgeneration. Drei Viertel der
Milieuangehörigen sind über 60, 47 % sind über 70. Der Alters-Median liegt bei
70 Jahren. Aufgrund des hohen Altersschwerpunkts ist auch der Frauenanteil im
Milieu hoch. Knapp zwei Drittel der Milieuangehörigen sind Frauen.
Je älter sie werden, um so wichtiger werden den Traditionsverwurzelten Fa-
milie, Freunde und Bekannte im unmittelbaren Umfeld. Diese geben Halt und
Wärme, ebenso wie die beliebten Heile-Welt-Inszenierungen im Wohnbereich.
Schutzwälle aus Gardinen, Hecken, Zäunen unterstreichen den Rückzug aus der
Welt des Sittenverfalls und der lockeren Moral. Ihre Interessen kreisen eng um
die eigenen vier Wände, die Familie, die eigene Gesundheit. Fernsehen, Basteln,
Gartenarbeit füllen die freie Zeit, gelegentlich auch kleinere AusÀüge und Kaffee-
fahrten, die man inzwischen aber aus ¿ nanziellen Gründen einschränkt. Trotz
ähnlicher Grundorientierung bilden Traditionsverwurzelte und Konservative zwei
getrennte in sich geschlossene Lebenswelten mit je anderer Wertorientierung, an-
derem Lebensstil und vor allem einer unterschiedlichen sozialen Lage. Die objek-
tiven materiellen und kulturellen Ressourcen, die beiden Milieus zur Verfügung
stehen, unterscheiden sich deutlich voneinander.
Viele Männer im Milieu sind durch lebenslange körperliche Arbeit – Norm ist
der Volksschulabschluss und anschließende Lehre – im Alter körperlich an ihren
Grenzen gelangt: Ob Maurer, Fliesenleger, Metzger o. ä., die Arbeit hat ihre Spuren
hinterlassen. War der Körper jahrzehntelang vor allem belastbares „Material“ und
eine bestimmte Leidensfähigkeit schlicht normal, so spüren diese Männer im Alter
die Folgen des berufsbedingten körperlichen Raubbaus.
204 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Auch noch etwas, dass ich so verbraucht worden bin in der Landwirt-
schaft. Die Schule, die kam hinten an. Ich habe Hausaufgaben gemacht
abends nach getaner Arbeit. Also nach der Schule haben wir gegessen,
dann ging’s auf Feld. In den Ferien war ich nur auf dem Feld. Abends
ist gefüttert und der Stall gemacht worden. Dann haben wir zu Abend
gegessen und dann habe ich Hausaufgaben gemacht. Das war halt damals
so. Meine Mutter hat da mit drin gesteckt in dieser Landwirtschaft. Die
hat mitgeholfen und ich hab da nie aufgemuckt.“

Traditionsverwurzelte Frauen waren in der Regel nicht erwerbstätig, sondern haben


sich als Hausfrauen pÀichtbewusst um die Kindererziehung, die PÀege von älteren
Angehörigen und die Erledigung des Haushalts gekümmert, oft über die eigenen
körperlichen Grenzen hinweg.
Eigentum – ein eigenes Haus gebaut zu haben – ist für Traditionsver wurzelte
der sichtbare Ausdruck, dass sich die viele Arbeit im Leben gelohnt hat, man sich
und der nachfolgenden Generation einen bleibenden Wert erschaffen konnte.
Die Familie ist der zentrale Mittelpunkt des Lebens: Die Sorge um die eigenen
Kinder hört für Traditionsverwurzelte nie auf. Im Alltag (ohne Arbeit) kreisen die
Gedanken um das beruÀiche, das familiäre Wohlergehen der Kinder und Enkel-
kinder. Leben die Enkelkinder in der Nähe, wird ihnen viel Zeit gewidmet, häu¿g
betreut man sie in den Ferien oder nach der Schule. Es ist für das Verständnis des
Milieus wichtig, dass eigene Bedürfnisse und Ansprüche zurückgestellt werden.
So wird auch kompensiert, dass man in der Kindheit der eigenen Kinder aufgrund
der Arbeit zu wenig Zeit hatte, sich diesen wirklich zu widmen.

ƒ „Wichtig im Leben ist ein gutes Verhältnis innerhalb der Familie.“ (Mann)
ƒ „Die Familie ist mit der Hauptpunkt.“ (Mann)
ƒ „Es dreht sich letztendlich alles um die Kinder und jetzt die Enkelkinder
natürlich.“

Mit steigendem Alter werden die Gesundheit und die Erhaltung von Gesundheit im-
mer wichtiger – um dieses Thema dreht sich letztlich der Alltag. Die ausführliche
Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit und den eigenen Beschwerden nimmt
einen großen Raum ein. Auch ist das Thema „Gesundheit“ in größeren Runden
im Freundes- und Bekanntenkreis äußerst beliebt: Kaum eine Gesprächsrunde,
die das Thema nicht tangiert. Hier kann jeder etwas beisteuern, fühlt sich auch
entlastet im Austausch mit anderen und kann sich so versichern, dass es einem
selbst doch vergleichsweise noch ganz gut geht.
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 205

Auch unter Ehepartnern ist Gesundheit ein wichtiges Thema. Morgens beim
Frühstück tauscht man sich über die eigene aktuelle Be¿ndlichkeit aus: Wie geht
es mir, wie geht es dir heute ? Das tägliche Zurechtkommen mit der eigenen Ge-
sundheit ist dabei genauso von Belang wie die längerfristige Perspektive.
Die meist jahrzehntelange Bindung zum Ehepartner hat in diesem letzten
Lebensviertel häu¿g eine neue Qualität bekommen: Die Ver trautheit, dem anderen
wirklich authentisch spiegeln zu können, wie die eigene Be¿ndlichkeit ist, spielt
eine große Rolle, auch das unausgesprochene Einvernehmen, nicht (mehr) viele
Worte zu benötigen, um sich auszutauschen. Gleich zeitig ist das Ehepaar auch
ein „Team“ im Kampf gegen das Älterwerden: Gemeinsam fühlt man sich den Her-
ausforderungen des Alters und den aktuellen und drohenden Krankheiten besser
gewappnet; es fällt leichter, mit einem Partner aktiv zu bleiben. Die Vorstellung,
sich für den Partner anzustrengen, damit man die letzten Lebensjahre möglichst
lange zusam men erleben kann, spielt eine große Rolle.

ƒ „Das ist auch Egoismus“ (Mann).


ƒ „Und zufrieden sind meine Frau und ich, wenn wir irgendwas geleistet
haben. Das macht uns zufrieden.“

Gesundheit ist mit das höchste Gut im Leben der Traditionsver wurzelten und die
Voraussetzung für ein möglichst selbstbestimmtes Altern. Der eigene Partner, die
eigene Familie ist das Netz, das einen trägt, wenn man älter wird: Hier fühlt man
sich aufgehoben und verstanden, kann auf die Solidarität des Anderen zählen.

Bedeutung von Gesundheit

Das Gros der Menschen im Milieu der Traditionsverwurzelten ist über 60 Jahre
alt – gesundheitliche Einschränkungen, auch chronische Krank heiten sind nicht
(mehr) die Ausnahme, sondern die Regel. Eine Vielzahl der Traditionsverwur-
zelten im Rentenalter hat chronische Erkran kungen, wie Arthrose, Herz-Kreis-
lauferkrankungen etc., die das Leben begleiten und auch mehr oder weniger
einschränken. Auch der Tod ist in diesem Milieu nichts Abstraktes, Fernes: Der
Verlust des eigenen Partners, von Verwandten und Freunden begleitet das Leben.
Die völlige Gesundung – das Fehlen von „Zipperlein“, „Altersgebrechen“,
von Schmerzen – ist nicht mehr erreichbar: Jede / jeder trägt sich mit diesen als
natürlich empfundenen Begleiterscheinungen des Alters herum: „Das ist halt so,
wenn man älter wird“, ist die Einstellung.
Beschwerden sind also der Preis des Älterwerdens: ohne diese geht es nicht.
Man arrangiert sich damit und versichert sich, dass man zufrieden ist, wenn es
206 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

einem gut genug geht, sein eigenes Leben führen, seinen Hobbies noch nachgehen
zu können.
Hier zeigt sich auch die milieutypische Genügsamkeit: Nicht jammern und
klagen, wenn die gesundheitlichen Umstände nicht mehr so gut sind, sondern sich
damit arrangieren. Auch: sich nicht gehen lassen und sich nicht aufgeben. Diese
innere Haltung verordnen sich viele Traditionsverwurzelte. Sie ist immens wichtig
und dient der psychischen Stabilität.
Dazu kommt der im Milieu häu¿g anzutreffende tiefe religiöse Glaube, der
in Krisensituationen, bei Krankheiten oder Verlust des Partners eine Stütze ist.
Ältere Traditionsverwurzelte über 70 Jahre, die sich subjektiv guter Gesundheit
erfreuen, zeigen auch eine ausgeprägte Dankbarkeit, dass es ihnen im Vergleich
zu vielen Gleichaltrigen so gut geht.
Diesen Zustand zu bewahren, und damit auch die eigene Freiheit, Unab-
hängigkeit und Lebensfreude, ist besonders wichtig. Dabei ist nicht (mehr) die
Langzeitperspektive im Blick, vielmehr wird von Tag zu Tag geschaut, wie das
eigene Be¿nden ist, was unternommen werden kann und was man auch mal ver-
schiebt, weil einen Schmerzen stärker plagen. Ein guter Tag ist der, an dem man
(einigermaßen) schmerzfrei und beweglich ist.

ƒ „Ich freue mich über jeden schmerzfreien Tag. Gesundheit ist das wich-
tigste im Leben.“
ƒ „Ja gut. Das erste ist natürlich mal, dass die Gesundheit speziell mit zu-
nehmendem Alter immer wichtiger wird. Also das hörst du ja bei Geburts-
tagen, dass sich jeder einfach nur Gesundheit wünscht. Und ich pÀege dann
immer so den Satz ‚ich wünsch dir, dass du gesund bleibst‘, oder, wenn
jemand was hat, ‚gesund wirst‘. Alles andere füge ich dann oft dazu. Und
das ist ja auch in den allermeisten Fällen so. Alles andere hast du ja, sage
ich dann immer.“
ƒ „Gesundheit ist das allerwichtigste.“

Es ist für dieses Milieu ungemein wichtig, anderen, auch den eigenen Kindern,
nicht „zur Last zu fallen“. Dies beinhaltet für viele Traditionsverwurzelte ein
Dilemma: Die Zustände in PÀege- oder Senioren heimen schätzen sie selbst als
sehr schlecht ein; gleichzeitig möchte man die PÀege aber nicht den engen An-
verwandten zumuten.
Viele, vor allem die Frauen im Milieu, haben selbst ihre Eltern oder Schwie-
gereltern zu Hause gepÀegt und wissen, dass dies mit einer hohen physischen und
psychischen Belastung einhergeht. Heute, wo viele jüngere Frauen berufstätig sind,
wollen sie sich selbst niemandem zumuten.
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 207

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Für den Erhalt der eigenen Gesundheit, so die dominante Einstellung, kann man
einiges tun. Allerdings wirkt die genetische Disposition als begrenzender Faktor.
So werden Gesundheit und Krank heit, aber auch etwa Übergewicht, in Teilen
pauschal „den Genen“ zugeschrieben: Es ist Veranlagung, wenn in einer Familie
bestimmte Erkran kungen gehäuft auftreten.

ƒ „Ich sage mal, zu dreißig Prozent ist es Veranlagung, zum großen Teil
kann man selbst etwas für die Gesundheit tun.“
ƒ „Erstens mal die Gene, denke ich mal. Weil man hat es dann doch schon
mal mit in die Wiege gelegt bekommen.“
ƒ „Man sieht das ja an jenen, die nichts tun für sich. Die kommen dann die
Treppe eben nicht mehr hoch.“

Dennoch: Die Notwendigkeit, selbst etwas für die eigene Gesundheit zu tun,
aktiv an deren Erhaltung zu arbeiten, wird voll und ganz gesehen, z. B. durch
Ernährungsumstellung oder sportliche Betätigung. Hierbei zeigt sich dann der
milieutypische Fleiß und Durchhaltewillen. Jene, die sich ganz gezielt bewe-
gen – Wandern gehen, Rad fahren, Gymnastik kurse besuchen – verweisen stolz
auf ihre Leistung.

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Sendungen im Fernsehen sowie die kostenlosen Zeitschriften aus der Apotheke


sind die wesentlichen Kanäle, über die sich das Milieu – und hier stärker die
Frauen als die Männer – zu gesundheitlichen Themen informiert. Auch die Fern-
sehzeitung ist eine willkom mene Informationsquelle, da hier der Stoff nicht allzu
sachlich vermittelt wird. Vornehmlich sind es Infor mationen rund um die Erkran-
kungen, an denen man selbst oder ein Angehöriger leidet. Im Fernsehen inter-
essieren v. a. die Erfahrungsberichte anderer Menschen: die wissenschaftliche
Information ist eher ergänzend. Information heißt in diesem Milieu durchaus auch:
Erfahrungsaustausch.
208 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Also da bin ich der Meinung, man muss sich selber informieren. Man
darf sich nicht auf den Arzt verlassen. (…) Man muss sich selber mit dem
befassen, was man hat. Wie ich jetzt vorhin schon mal angedeutet habe:
diese Mundpropaganda. Also du hast irgendwas (…), und da hört sich spe-
ziell meine Frau dann rum. So hat ihr der Arzt bei der Magenspiegelung
gesagt, dass sie so viel Magensäure im Magen hat. Und dann hat sie von
einer Person gehört, die hat da eine Tablette gekriegt von ihrem Arzt und
seit dieser Zeit ist das weg (…). Und dann ist sie zum Arzt hin gegangen.
Die [Tabletten] mussten verschrieben werden; dann hat sie dem Arzt das
gesagt und er sagte ‚ja, die kann ich dir verschreiben‘. Aber das kommt
letztendlich nicht vom Arzt. Manchmal, sogar relativ oft würde ich meinen,
sondern du musst sagen, ich habe das und das und habe das und das gehört.
Könnten wir das auch oder so ? Manche Ärzte wollen das natürlich nicht
so, so bevormundet werden.“
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 209
210 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Während des oft körperlich anstrengenden Arbeitslebens war in der Regel keine
Zeit und Energie für Sport. Viele holen dieses De¿ zit auch im Alter nicht mehr
auf, andere entdecken die Lust an der Bewegung für sich und machen mit dem
Partner Radtouren oder gehen wandern.
Häu¿g ist der Eintritt in das Rentenalter der Zeitpunkt, ab dem mehr und
bewusster etwas für die Gesundheit getan wird. Dies liegt zum einen daran, dass
der Tag neu ausgefüllt und strukturiert werden muss, zum anderen daran, dass die
Erhaltung der eigenen Gesundheit persönlich deutlich wichtiger wird. Kulturell-
intellektuelle Hobbies, wie der Besuch von Museen, Schach spielen oder Lesen
sind im Milieu der Traditionsverwurzelten kaum vorhanden. So liegt es nahe, dass
Hobbies mit körperlicher Betätigung, häu¿g im Verein oder Freundeskreis, eine
größere Rolle spielen: Wandern, Gymnastik, Rad fahren, Schwimmen etc. Dazu
gehört auch, sich selbst zu über winden, um im fortgeschrittenen Alter davon zu
pro¿tieren.

ƒ „Ich habe ja an für sich vorher nie Sport gemacht, das muss ich sagen. Ich
habe eben immer nur geschafft. Das war mein Sport, die Arbeit.“

Während es in einer Partnerschaft oft leichter fällt, etwas für die eigene Gesundheit
zu tun, klagen alleinstehende, verwitwete Traditionsverwurzelte häu¿g darüber,
dass sie niemanden (mehr) haben, der sie z. B. auf Spaziergänge begleitet, mit dem
man zusam men am Gym nastikkurs teilnehmen könnte. Alleine fällt es zuneh-
mend schwer, sich aufzuraffen, um etwas zu unternehmen. Die Einbindung in ein
starkes soziales Netz (Freunde, Familie, auch die Dorfgemeinschaft) kann hier
sehr hilfreich sein.
Eine weitere Strategie von Frauen des Milieus ist es, mehr auf sich selbst zu
achten. PÀichten werden schon mal auf den anderen Tag verschoben, was frü-
her – in der Logik des Milieus – undenkbar gewesen wäre. Diese neue Haltung
resultiert aus den Erfahrungen, die sie gesammelt haben, als sie selbst Angehöri-
ge gepÀegt haben: Eine solch anstrengende, auszehrende Zeit kann man nur gut
und gesund überstehen, wenn man die eigene Be¿ndlichkeit nicht aus dem Blick
verliert.
Fast stereotyp betonen Traditionsverwurzelte die Rolle der Ernährung für
die Gesundheit. Die Erkenntnis ist da, dass die Ernäh rungsweise, die sie von
früher kennen – mit vielen tierischen Produkten, viel Fett, also einem insgesamt
hohen Kaloriengehalt – heute nicht mehr zeitgemäß und für einen Menschen, der
sich deutlich weniger bewegt, nicht sinnvoll ist. Anlass, die Ernährung umzustel-
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 211

len, ist oftmals eine Erkrankung, auch schwerwiegende Vorkommnisse, z. B. ein


Herzinfarkt.

ƒ „In der Ernährung zum Beispiel, dass wir weniger Fleisch essen. In der
Relation zu früher, essen wir vielleicht noch ein Viertel an Fleisch und
Wurst. Was man so von früher von den Eltern her gewohnt war.“
ƒ „Nachdem mein Mann seinen Herzinfarkt hatte, vor drei Jahren, haben
wir das radikal umgestellt. Wir essen kaum noch Kuchen, überhaupt we-
nig Süsses und viel weniger Fleisch und Fett. Wenn man mal weiß, wie
viel Fett zum Beispiel in Salami drin ist, dann verzichtet man freiwilllig
darauf.“
ƒ „Und da ernähren wir uns schon fettarm. (…) Der Körper braucht immer
weniger.“

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Die meisten Traditionsverwurzelten im milieutypischen Alter sind erkrankungs-


bedingt auf die kontinuierliche Einnahme von i. d. R. verschreibungspÀichtigen
Medikamenten angewiesen. Arztbesuche erfolgen daher regel mäßig. Auch die
Motivation, zu Vorsorgeuntersuchungen zu gehen, ist hoch.
In der Eigenperspektive unterscheiden Traditionsver wurzelte zwei „Basis-
typen“ von Menschen: Jene, die bei den kleinsten Beschwerden und daher insge-
samt sehr häu¿g zum Arzt gehen, und jene, die so selten wie möglich, entweder
im Akutfall oder zur Vorsorge, eine Arztpraxis aufsuchen. Der erste Typus ist
häu¿g alleinstehend, denn der Arztbesuch hat auch eine wichtige soziale Funktion.
Bei der Wahl des Hausarztes hat aus diesen Gründen das Vertrauensverhältnis
oberste Priorität: Sich gut aufgehoben wissen, ernst genom men zu werden, ist
extrem wichtig. Das persönliche Gespräch und die langjährige Beziehung sind
wesentliche Bestandteile eines guten Arzt-Patient-Verhältnisses: Man kennt sich.
Viele haben „ihren“ Hausarzt schon seit langem, man begleitet sich gegenseitig
im Älterwerden. Er kennt die Familiengeschichte und damit auch Details, die
man einem Fremden, auch einem fremden Arzt, nicht mitteilen würde. Die Nähe
zur Arztpraxis und damit verbunden die Möglichkeit, dass dieser im Notfall auch
einen Hausbesuch macht, sind ebenso wichtig.
Ein guter Arzt nimmt sich Zeit. Ärzte werden oft nach Empfehlungen im
Freundes- oder Verwandtenkreis ausgewählt und aufgesucht. Bei der Kommunika-
tion mit dem Arzt kommt es in hohem Maß auf Verständlichkeit an: Ein guter Arzt
erklärt medizinische Begriffe und Zusammenhänge in einer leicht verständlichen
Sprache. Fremdworte, aber auch schnelles Erklären, werden oftmals als Arroganz
212 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

inter pretiert. Hier zeigen sich die lebensweltliche Distanz zu Akademikern und
die Angst vor jenen gebildeten Menschen, die sich anders ausdrücken können. Da
der Patient aber auf den Arzt angewiesen und vom ihm abhängig ist, ist es ihm
sehr wichtig, dem folgen zu können, was er sagt. Hier muss sich der Arzt dem
Patienten anpassen – nicht umgekehrt.

ƒ „Unseren Hausarzt kennen wir schon seit mehr als dreißig Jahren. Irgend-
wann ging der Vater in Rente, dann hat der Sohn die Praxis übernommen,
da sind wir geblieben.“
ƒ „Ein guter Arzt nimmt sich Zeit.“
ƒ „Der Arzt ist auch nur Mensch, der macht auch Fehler.“

Zufrieden mit ihrem Arzt sind jene Traditionsver wurzelte, die das Gefühl haben,
die Gesundheitsleistung zu erhalten, die sie für not wendig oder angemessen er-
achten. Ob es um Krankengymnastik oder Massagen geht oder um bestimmte
Medikamente. Hier sind die Erfahrungen durchaus unterschiedlich: Einige Tradi-
tionsverwurzelte klagen, dass ihnen vom Haus- oder Facharzt mit Hinweis auf das
begrenzte Budget seit einiger Zeit Leistungen „verweigert“ werden oder bestimmte
Medikamente nicht mehr verschrieben werden können. Darauf reagieren sie teil-
weise mit Verständnis, denn Sparen muss sein und ist notwendig, um das System
aufrecht zu erhalten, aber gleichzeitig besteht die latente Sorge, dass andere sehr
wohl diese Dinge und Leistungen erhalten, z. B. wenn sie privat versichert sind.
Haus- und Fachärzte werden möglichst selten gewechselt. Aber: Auch Tradi-
tionsverwurzelte wechseln den Arzt, wenn sie sich nicht gut aufgehoben fühlen,
wenn sie Diagnosen oder ein bestimmtes Vorgehen im Krankheitsfall nicht nach-
vollziehen oder mittragen können.
Trotz vieler positiver Äußerungen ist das Verhältnis zum Arzt keines auf
Augenhöhe. Der Arzt ist als Akademiker ein Experte. Der traditionsverwurzelte
Patient kann sich schnell unterlegen fühlen: Sprache, Ausdrucksweise, Habitus,
auch die Gestaltung der Praxis sind Ausdruck des Gefälles zwischen dem stu-
dierten Arzt und dem Patienten. Je kleiner der Arzt diese Kluft werden lässt,
umso größer ist die Chance, dass sich der Patient dieses Milieus in der Praxis gut
aufgehoben fühlt.

Einnahme von Medikamenten

In der Logik des Milieus gilt es, so wenige Medikamente wie nötig einzunehmen
und sich bei Beschwerden durch Hausmittel selbst zu kurieren. Wird die Einnah-
me von Medikamenten aber notwendig, hält man sich genau an den Rat und die
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 213

Anweisung des Arztes. Regelmäßige Kontrollbesuche beim Arzt dienen auch dazu,
sich zu vergewissern, wie mit der Medikation weiter zu verfahren ist und, dass bei
Einnahme mehrerer Medikamente, „alles richtig eingestellt ist“.
Im Krankheitsfall werden zunächst Hausmittel angewendet, bevor der Arzt
aufgesucht wird. Erst, wenn es nicht anders geht, muss man eben auch „richti-
ge“, vom Arzt verordnete Medikamente einnehmen. Gleichzeitig sind die meisten
Traditionsver wurzelten bereits aufgrund chronischer Erkrankungen auf regel-
mäßige Medikamente angewiesen und wollen dieses Spektrum nicht zu sehr „aus-
dehnen“: Hierbei spielt auch eine Rolle, dass man selbst nicht den Überblick
verlieren will und Herr der Dinge sein möchte.
Viele Medikamente werden nicht freiwillig eingenommen, sondern sind z. B.
bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen schlichtweg überlebenswichtig, daher hält man
sich genau an die Anordnungen zur Ein nah me dieser Medikamente. Hier wirkt
die Autorität des Arztes.
Allerdings: Sofern ein Medikament nicht lebensnotwendig ist, orientieren
sich Traditionsverwurzelte bei Häu¿gkeit und Menge der Dosierung an ihrer
lebenslänglichen Praxis und Erfahrung „viel hilft viel“. Hier kultivieren Tradi-
tionsverwurzelte einen kleinbürgerlichem Individualismus. Das geschieht in
unbeobachteten und unkontrollier ten Situationen, wenn sie beispielsweise die
verordnete Dosierung eines Medikaments selbständig erhöhen oder heruntersetzen
mit der Heilser war tung: „Ein bisschen mehr (bzw. weniger) ist schon besser !“;
oder aber – in gegenteiliger Logik – sich über strikte Diätvorschriften in Bezug auf
heißgeliebte Nahrungsmittel (Fleisch, Zucker, Kuchen etc.) einfach hinwegsetzen
mit dem Motto: „Das bisschen schadet schon nicht !“ Ein besonderes Terrain bietet
hier der Markt des OTC. Aus Sicherheitsgründen und weil sie persönliche Be-
ratung benötigen, gehen Traditionsverwurzelte selbstverständlich in die Apotheke
(weniger zur Drogerie), aber hier besorgt man sich „seine“ bewährten Mittel für
das Herz, den Kreislauf, den Magen, die Verdauung, den Schlaf etc.

Vorsorgeuntersuchungen

Vorsorgeuntersuchungen sind ein PÀichtprogramm, an dem man selbstverständ-


lich – hier wird die Autorität der Ärzte auch nicht angezweifelt – teilnimmt. Die
Akzeptanz und der Sinn dieser Untersuchungen werden in keiner Weise in Frage
gestellt.
Es dient dem Verständnis, wenn man weiß, dass Gesundheit ein wesentliches,
fast unvermeidbares Thema bei Begegnungen im Verwandten- und Bekanntenkreis
ist: Die Nennung einer Krankheit erzeugt nahezu reÀexhaft längere Diskussionen,
da jeder etwas beitragen kann. Hier tauscht man sich über Diagnosen, über Verläufe
von Krankheiten, über Behandlungen und eben auch über Vorsorgeuntersuchungen
214 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

aus. Im Zusammenhang mit Krebserkrankungen kommt automatisch die Sprache


auf jene Fälle, die tödlich endeten, weil Vorsorgeuntersuchungen versäumt wurden:
Die Person x (oder man selbst) würde vermutlich nicht mehr leben, wäre man nicht
regelmäßig zum Arzt gegangen.

ƒ „Und dann frage ich mich: wenn die nicht zur Vorsorge gegangen wären,
wären sie vermutlich nicht mehr da. Das ist die einzige Chance.“
ƒ „Das sind feste Punkte, die werden bei uns abgehandelt.“

Zweiter Gesundheitsmarkt

Für Traditionsverwurzelte spielen Nahrungsergänzungsmittel eine nachgeordnete


Rolle. Sie setzen auf eine gesunde und bewusste Ernährungsweise, nach Möglich-
keit mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten – auch, um Geld zu sparen.
Greift man zu Nahrungsergänzung, dann werden „Komplettlösungen“ favorisiert:
Alle wichtigen Vitamine in einer Tablette.

ƒ „Also so Nahrungsergänzungsmittel hatten wir auch mal eine Zeitlang


gemacht, sogar teilweise sowas wie das Optovit, das hat mir der Apotheker
zum Beispiel empfohlen.“
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 215

ƒ „Und wenn ich dort in die Apotheke komme, dann haben wir immer ein
bisschen Gespräch. Und dann sagt er, über den Winter, so über diese Zeit,
wo man sich leichter erkältet oder so die Sonne fehlt, ‚nehm doch mal so
eine Kapsel“. So was hab ich auch mal probiert. Aber in der Regel sind wir
der Meinung, wenn wir uns aus dem eigenen Garten Salat, Gemüse, Obst,
also wenn wir das alles, so von jedem etwas, also nicht extrem [essen],
dann reicht das für den Körper. Also da geben wir sozusagen nichts aus.“

Anders ist das bei nicht-verschreibungspÀichtigen Medikamenten. Dem bekannten


Apotheker aus dem Dorf vertraut man bei Prophylaxe-Präparaten „um gesund über
den Winter zu kommen“, oder gegen Symptome wie etwa Wechseljahresbeschwer-
den, oder um Rückenschmerzen zu mildern.
Zwar ist dieses sparsame Milieu darauf bedacht, die Ausgaben in diesem Be-
reich möglichst gering zu halten, aber es ist interessant, dass in schweren Erkran-
kungsfällen oder bei einem subjektiv hoch empfundenen Leiden durchaus auch
große Summen für freiverkäuÀiche Medikamente oder Behandlungen bezahlt
werden. Das ist insofern bemerkenswert, da es noch vor 10 oder gar 20 Jahren
absolut unwahrscheinlich gewesen wäre, solche in Relation zum Haushaltseinkom-
men hohen Summen für sich selbst auszugeben.

ƒ „Bei meiner Frau, da machen wir jetzt schon Jahre diese sogenannte
Mistelkur. Und die kostet 170 Euro und ich sag mal die reicht 1 ½ Monate.
Das sind drei Mal sieben, das sind 21 Spritzen. Jeden zweiten Tag; also
es sind 42 Tage. Ja sehen Sie, das kommt hin. Für 1 ½ Monate kostet das
170 Euro und das machen wir natürlich, weil es für sie ein gutes Gefühl
ist. Das nimmt meine Frau wegen der Krebserkrankung. Da gibt es Leu-
te, die schwören drauf und da gibt’s auch Studien, die das belegen. Die
Schulmedizin ist da eher zurückhaltend. Und das ist dann halt etwas, sie
hat dann das Gefühl – und das denke ich jetzt – sie tut was. Allein das zu
wissen, ‚ich tu da was dagegen, dass da nichts mehr kommt‘. Und das ist
halt diese Angst, die ihr im Nacken sitzt.“

Verordnete Kuren, Physiotherapien oder Massagen werden gerne in Anspruch


genommen. Man sieht in ihnen einen großen Nutzen zur effektiven Regeneration
und um während der Maßnahme alte Gewohn heiten zu ändern. Auch ist eine Kur
für die oft nicht sehr reisefreudigen Traditionsverwurzelten mit einem willkom-
menen Ortswechsel und neuen Anregungen verbunden.
216 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Wir fahren jetzt Anfang September zusammen zwei Wochen nach Bad
Füssing. Also das ist auch mit ein Thema Gesundheit. Ich denke mal da
sind die Thermen im Wasser, die tun uns gut und diese Massagedüsen.
Vielleicht lassen wir uns noch vom Arzt die ein oder andere Massage
verschreiben.“

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Es ist ein spannender Befund, dass der Einzelne subjektiv das Gefühl hat, medi-
zinisch gut versorgt zu werden – gleichzeitig jedoch das Gesund heitssystem in
Deutschland als grundlegend krank und reformbedürftig wahrnimmt.

ƒ „Wir haben doch – ich weiß es jetzt nicht genau, das hört man ja immer
wieder – eine der besten Gesundheitsversorgungen oder die beste Medizin
der Welt. Das ist doch ein Glück in unserem Land leben zu dürfen und
zu können.“

Traditionsverwurzelte betonen sehr stark die Not wendigkeit zu sparen, fürchten


aber, dass Sparmaßnahmen der Gesundheitspolitik und der Krankenkassen auf
den Schultern der Kassenpatienten ausgetragen werden, während (weiterhin) Gel-
der anderswo verschwendet werden. Bemängelt wird in diesem Zusammenhang
die allzu große Bürokratie, die unnötig viele Gelder verschlingt. Ein weiteres
Beispiel ist der Arzneimittelsektor: Unverständlich ist z. B., dass viele verschrei-
bungspflichtigen Medikamente im Ausland signifi kant günstiger sind. Auch
machen viele Traditionsverwurzelte die Erfahrung, dass ihnen seit langem ver-
schriebene und gut vertragene Medikamente nun verweigert und durch gleichartige
Arzneimittel anderer Hersteller ersetzt werden. Hier beobachtet man sensibel, dass
diese teilweise nicht ganz so gut verträglich sind und es besteht eine große Angst
davor, dass diese Medikamente – trotz gegenteiliger Beteuerung der Akteure –
nicht so wirksam sind.

ƒ „Mein Mann z. B., der muss ungefähr zehn Medikamente einnehmen seit
seinem Herzinfarkt. Er hat jetzt einige, die sind nun von einer anderen
Firma, und bei dem Blutverdünner, den hat er dann einfach nicht mehr
so vertragen.“
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 217

ƒ „Man hört ja auch, z. B. im Fernsehen, dass diese Tabletten nicht so gut


gepresst sind. Was weiß ich, ob die nicht weniger wirksam sind. Und dann
sind wir die Versuchskaninchen.“

So wird etwa auch der zunehmende Wettbewerb der gesetzlichen Kranken kassen
kritisch betrachtet: Mehr Kassen bedeuten auch einen proportional größeren Ver-
waltungsaufwand und dadurch einen höheren Geldbedarf. Die Sorge ist groß und
wird im Milieu sehr pauschal geäußert, dass die gesundheitliche Versorgung in
Zukunft eher schlechter werden wird.
Sparsamkeit ist im Milieu der Traditionsverwurzelten eine typische Tugend:
Genau wird kontrolliert, welche Leistungen den (gesetzlich) Versicherten ohne
zusätzliche Kosten zukommen und welche Kosten entstehen z. B. durch Rezept-
gebühren, Zuzahlungen im Krankenhaus, bei verordneten Massagen oder Physio-
therapie. So begrüßen es Traditionsverwurzelte einhellig, dass seit kurzer Zeit für
manche ihrer verschreibungspÀichtigen Medikamente keine Zuzahlungen mehr zu
leisten sind. Gleichzeitig ist die Wahrnehmung stark ausgeprägt, dass die Bürger
immer häu¿ger und mehr zur Kasse gebeten werden, wenn es um ihre Gesundheit
geht. Ein Trend, der in ihren Augen anhalten und sich sogar noch verstärken wird.
Lange Wartezeiten sind Traditionsverwurzelten ein Dorn im Auge: Als ver-
gleichsweise häu¿ge Arztbesucher beklagen sie massiv, dass ihnen durch lange
Wartezeiten viel Zeit verloren geht. Bemängelt wird die Praxis, Privatpatienten
schneller mit Terminen zu versehen und diese auch nicht so lange warten zu lassen.

ƒ „Ich ¿nde es nicht gerecht, wenn man als Privatversicherter – da gehöre


ich ja auch dazu – von heute auf morgen einen Termin bekommt, und als
normal Versicherter musst du wochenlang warten.“
ƒ „Privat bekommt man sofort einen Termin. Als Kassenpatient wartet man
manchmal wochenlang, z. B. für einen Termin fürs MRT. Dann kommt
man sich schon vor wie das Letzte.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Das Gesundheitssystem wird als ungenügend bewertet: Dies kritisieren insbeson-


dere jene, die aufgrund von Alter und Krankheit häu¿ger zum Arzt gehen, auch
häu¿ger Krankenhausaufenthalte erlebt haben und insgesamt mehr Leistungen
in Anspruch nehmen mussten und müssen. Am schlechtesten geht es – so die
Wahrnehmung – im Gesundheitssystem jenen Menschen, die alt und hilÀos sind,
die keine Angehörigen haben, die sich um sie kümmern.
218 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Probleme des Gesundheitssystems entstehen durch die begrenzten Budgets


für Ärzte.

ƒ „Aber diese Begrenzung von Möglichkeiten ¿ nanzieller Art, das wirkt


sich dann auch auf uns Patienten aus, denke ich. Also es gibt ja Ärzte,
auch in Goldbach, die machen teilweise ihre Praxis zu. Die sagen, ‚wir
haben jetzt drei Tage zu, weil unser Budget ist schon lange alle, schon
lange verbraucht‘. Und die machen die Praxis zu ! Ich nenne jetzt keinen
Namen, aber das hat man jetzt hier schon erfahren; die Praxis ist drei
Tage zu nächste Woche. Aus dem Grund, dass sie nicht für nichts schaffen
wollen. Und das ¿nde ich auch in Ordnung. Wer will schon für nichts eine
Leistung bringen ?“

Große Sorge besteht davor, dass aus Kostengründen der Hausarzt in seiner Funk-
tion durch „Gesundheitszentren“ abgelöst wird. Hier ist es vor allem die Angst
vor der Anonymität, vor wechselnden Mitarbeitern der Zentren und letztlich da-
vor, nur eine „Nummer“ zu sein und nicht mehr als Mensch mit seinen Sorgen
und Nöten wahrgenommen zu werden. Das Sparpotenzial solcher Zentren wird
nicht gesehen: Da hier eine Vielzahl von Ärzten tätig sei, müsse man als Patient
jedes Mal von neuem seine Krankheitsgeschichte erzählen, was zeitauf wendig
und damit teuer wäre.
Kaum ein Traditionsverwurzelter, der nicht mehrere Krankenhausaufenthalte
erlebt hat. Die Erfahrung ist häu¿g, dass insbesondere Menschen ohne Angehörige
oder regelmäßige Besuche nur unzureichend „versorgt“ werden: Sie liegen sich z. B.
häu¿ger wund, erhalten weniger zu Trinken, müssen auf Untersuchungen länger
warten etc. Der Schluss daraus: Menschen, die einen stationären Krankenhaus-
aufenthalt erleben, brauchen Angehörige als Netz: Diese erkämpfen das notwen-
dige „Mehr“ an Behandlung und Zuwendung, was eigentlich normaler Standard
sein müsste.

ƒ „Gucken Sie mal in den Krankenhäusern, wie viele Patienten da eine


Schwester betreuen muss; was die für einen Durchlauf haben. Das ist
schade, dass die Menschlichkeit so zu kurz kommt, denke ich. Denn alle,
die dort behandelt werden, sind ja irgendwo in Not, bedürfen eines Zu-
spruches und einer Zuwendung. Von Altenheimen und PÀegeheimen ganz
zu schweigen“
SINUS A23: „Traditionsverwurzelte“ 219

Die Verantwortung für die schlechten Bedingungen im Krankenhaus sowie in der


AltenpÀege übernimmt – so die Wahrnehmung der Traditionsverwurzelten – nie-
mand. Sie wird jeweils an andere Akteure delegiert: Die Krankenkasse ist schuld,
wenn eine bestimmte Leistung nicht erbracht werden kann. Die Kasse sagt, der
Arzt sei schuld, wenn er diese nicht verschreibt usw. Dies führt dazu, dass nur
derjenige überhaupt eine sinnvolle Behandlung erfährt, der hartnäckig, unbequem
ist und immer wieder an den Entscheidungsstellen nach hakt.

Chancengerechtigkeit

Traditionsverwurzelte nehmen sehr stark wahr, dass Privatversicherte bestimmte


attraktive Leistungen erhalten, die dem „gewöhnlichen“ Kassenpatienten nicht
gewährt werden – und dies, obwohl sie beiden Gruppen gleichermaßen zustehen.

ƒ „Ja wichtig ist mir halt dann, dass weniger Betuchte sich das sozusagen
leisten können zum Arzt zu gehen. Dass aufgrund von Sparmaßnahmen
die Gesundheit halt auch nicht auf der Strecke bleiben soll.“

Traditionsverwurzelte befürchten massiv, dass ältere und alte Menschen in Zu-


kunft vom Gesundheitssystem (weiter) benachteiligt werden. Dies betrifft zum
einen die Reduktion von Leistungen für diese Personengruppe, zum anderen die
menschliche Zuwendung und PÀege in Krankenhäusern und auch Seniorenheimen.

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Traditionsverwurzelte sind fest überzeugt, dass sich die ¿nanzielle Lage im Ge-
sundheitssystem weiter verschlechtern wird. Sie fänden es unter dem Aspekt der
Gerechtigkeit fair, wenn jene Menschen, die entweder einem riskanten Hobby mit
hohem Verletzungsrisiko nachgehen oder aber jene, die ein gesundheitsschädliches
Verhalten zeigen (durch Rauchen, Alkohol, ernährungsbedingtes Übergewicht etc.)
in Zukunft auch stärker an den Kosten für das Gesundheitssystem beteiligt würden.

ƒ „Dass das die Gesellschaft mitträgt, ¿nde ich irgendwo nicht so richtig
in Ordnung.“
220 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Das ist dann irgend so eine Bösartigkeit, wo einer mit seiner Gesundheit
frevelt. Und das ist das Rauchen, das ist der Alkohol, das ist irgendwas
Nichts-tun für Herz und Kreislauf. Da gibt’s ja auch so Schmarotzer die
sagen ‚ich mache gar nichts‘. Das bewahrt einen ja nicht vor Krankheiten,
aber ich denke es ist ein Unterschied, ob ich was für meinen Kreislauf ge-
tan habe oder ob ich dann irgendwas dran habe an den Herzkranzgefäßen
Bei solchen Sachen ¿nde ich gehört ein Risikoaufschlag drauf gemacht
für die Beiträge oder für Arztkosten oder sowas.“
MAINSTREAM MILIEUS

SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“

Kurzcharakterisik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus B2 „Bürgerliche Mitte“


Lebenssituation x Ganz überwigend verheiratet
x 3- und Mehr-Personen-Haushalte, kinderfreundliches Milieu
Bildung x Quali¿zierte mittlere Bildungsabschlüsse (Hauptschule bzw.
mittlere Reife mit anschließender Berufsausbildung)
Beruf x Einfache / mittlere Angestellte und Beamte sowie Facharbeiter
x Überdurchschnittlicher Anteil von Teilzeitbeschäftigten und
Hausfrauen
x Vergleichsweise hoher Anteil von Beschäftigten im öffentlichen
Dienst
Einkommen x Mittlere Einkommensklassen (Schwerpunkt: bis 3.000 Euro
monatliches Haushaltsnettoeinkommen)
x Etwa ein Fünftel gehört zu den Besserverdienenden
(monatliches Haushaltsnettoeinkommen über 3.000 Euro)*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.277 Euro
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Bürgerliche Mitte ist der statusorientierte Mainstream. In gut gesicherten


Verhältnissen zu leben, ist das Ziel der meisten Milieuangehörigen. Je unsicherer
die Zeiten, desto stärker versucht man, sich durch Leistung, Zielstrebigkeit und
Anpassung zu behaupten und beruÀich erfolgreich zu sein. Andererseits realisiert
man aber auch die Grenzen solcher Anstrengungen. Durch die wirtschaftlichen
und politischen Reformen brechen immer mehr gewohnte Sicherheiten und bislang
wahrgenommene Wohlstandschancen weg.
Aus dem milieutypischen Streben nach Balance von Arbeit und Freizeit, nach
einem harmonischen privaten Umfeld von gleichgesinnten, wohlsituierten Freun-
den, hat sich mehr und mehr die Tendenz zu RealitätsÀucht und Abschottung
entwickelt: Cocooning („sich einigeln“) in verschärfter Form.
Trotz hoher Leistungsbereitschaft, Anpassung und Flexibilität fühlt sich die
Bürgerliche Mitte als eigentliche Verliererin der wirtschaftlichen und politischen
222 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Entwicklung – Eigenheimzulage, kostenloses Studium für die Kinder, Kran-


kenversicherung, Altersvorsorge, alles gekürzt oder gestrichen. Angesichts der
Massenentlassungsschübe auch pro¿tabler Unternehmen sieht das Milieu seine
Zukunft bedroht.

Altersaufbau des Sinus-Milieus B2 „Bürgerliche Mitte“

Wie bei Etablierten und Postmateriellen sind auch im Milieu der Bürgerlichen Mitte
die mittleren Altersgruppen am stärksten besetzt. Der Schwerpunkt liegt zwischen
30 und 60 Jahren. Nur ein Fünftel der Milieuangehörigen ist über 60 und nur ein
knappes Fünftel unter 30. Der Alters-Median liegt bei 45.
Bei der Bürgerlichen Mitte handelt es sich um ein stark familienorientiertes
Milieu mit breitem Altersspektrum. In vielen Fällen leben Kinder im schulpÀichti-
gen Alter im Haushalt. Die Bürgerliche Mitte kennzeichnet der Wunsch, in materiell
und emotional gesicherten Verhältnissen zu leben und Spannungen zu vermeiden.
Gesicherte Verhältnisse bedeuten zum einen die Sicherheit des Arbeitsplatzes.
Viele Milieuangehörige sehen sich in der heutigen Zeit im Berufsleben einem sich
verstärkenden Druck ausgesetzt, dem sie die Spitze dadurch nehmen wollen, dass
sie sich auf „Besitzstandswahrung“ als Angestellte in soliden, mittleren Positionen
beschränken und auf ausgeprägte Aufstiegsambitionen verzichten. Zum anderen
gehört zum Gefühl der Sicherheit der Halt, die Harmonie und Geborgenheit in der
Familie. Dabei steht das Wohlergehen der Kinder im Mittelpunkt.
Der Alltag der Bürgerlichen Mitte fokussiert dementsprechend gleichberech-
tigt auf Berufsleben und Zeit mit der Familie. Es bestehen klare Strukturen und
Routinen: gemeinsame Mahlzeiten, vertraute und verlässliche Arbeitszeiten, ver-
schiedene (altersabhängige) Aktivitäten mit den Kindern.
In vielen Fällen sind die Familien zur Sicherung des Lebensstandards und zur
Befriedigung von Konsumwünschen auf die Berufstätigkeit der Mutter angewie-
sen. Allerdings erachtet die Bürgerliche Mitte es als ideal, die Kinder über einen
längeren Zeitraum selbst zu betreuen und die Erziehung nicht in frühen Jahren
an Fremde zu delegieren.
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 223

Die Rollenverteilung im Haushalt ist eher traditionell: Im häu¿g gelebten


Zuverdienermodell ist die Frau teilzeitbeschäftigt und über nimmt das Gros der
häuslichen Ver pÀichtungen. Dies wird von vielen Frauen als Belastung empfunden,
was nicht selten zu einem Gefühl der Überforderung führt und sich negativ auf
die Gesundheit auswirkt.
Menschen der Bürgerlichen Mitte meiden nach Möglichkeit Konfrontationen
und KonÀikte und versuchen deshalb, sich mit Partner und Mitmenschen wei-
testgehend zu verständigen. Dies dient dem Selbstschutz und der Sicherung der
psychischen Stabilität, die als Basis für die persönliche Gesundheit gesehen wird.
Zur Gesunderhaltung gehört auch die PÀege sozialer Kontakte, die allerdings
aus Rücksicht auf die Bedürfnisse der Familie häu¿g zu kurz kommt.

ƒ „Ich würde mich gerne häu¿ger mit meinen Freundinnen treffen, aber
dafür habe ich meist keine Zeit.“
ƒ „Mein Kalender ist praktisch voll, in der Regel hat einer von beiden immer
einen Termin. Entweder Sport, Unterricht oder Verabredungen, für mich
bleibt da häu¿g keine Zeit.“

Das Thema Gesundheit ist bei der Bürgerlichen Mitte integrativer Bestandteil
einer bewussten Lebensführung. Allerdings versucht man, nicht zu streng mit
sich ins Gericht zu gehen und die Sorge um die Gesundheit nicht zu stark in den
Vordergrund zu stellen. Der ständige Gedanke, ob das eigene Verhalten richtig
und „gesund“ ist, wird als unnötiger Druck empfunden.
Die Bürgerliche Mitte betont den Zusammenhang von physischer und psychi-
scher Gesundheit. Dies wird als ein sich gegenseitig bedingendes System gesehen.

ƒ „Vielleicht hat mir mein Körper schon viel gesagt, wo ich nicht zugehört
habe.“

Einstellungen und Lebensweisen, die vor Jahren nur den nachhaltig ausgerich-
teten Lebensstil der Postmateriellen prägten, sind jetzt auch in der breiten Mitte
der Gesellschaft angekommen. Eine bewusste, ausgewogene Ernährung, Stress-
vermeidung, seelisches Gleichgewicht gelten als erstrebenswert in der eigenen
Lebensführung. Man fühlt sich dabei nicht nur sich selbst, sondern vor allem
auch seiner Familie gegenüber verantwortlich. Allerdings klaffen Anspruch und
Wirklich keit bei der Bürgerlichen Mitte oftmals weiter auseinander als bei den
Postmateriellen. Spannungen und Berufsängste lassen sich im Alltag eben doch
nur schwer vermeiden und werden als (Co-) Determinanten diverser Krankhei-
224 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ten identi¿ziert, z. B. Krebserkrankungen, Rückenleiden, aber auch die generelle


Anfälligkeit für Infektionen wie Erkältungen oder Grippe.
Als wichtige Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben gilt unter Menschen
der Bürgerlichen Mitte eine gewisse Lebenszufriedenheit. Die eigenen Ansprüche
bleiben dabei in der Regel realistisch, jedoch statusorientiert. Denn wenn auch der
Schwerpunkt für Zufriedenheit auf der emotionalen Ebene liegt (Erziehungserfolge
und das Wohlergehen der Kinder haben höchste Priorität), so verliert die Bürger-
liche Mitte materielle Aspekte nie völlig aus den Augen, da diese zur Abgren-
zung „nach unten“ unerlässlich sind und vor dem Absturz in ein wie auch immer
geartetes Prekariat schützen (z. B. kostenintensive Ausbildung als Bollwerk gegen
sozialen Abstieg bzw. Garant für Statuserhalt oder -verbesserung).

ƒ „Das wichtigste sind meine Kinder. Wenn es ihnen gut geht, geht es mir
auch gut. Umgekehrt genauso.“
ƒ „Die Kinder sind das Allerwichtigste, und wenn man ihnen eine gute und
umfassende Ausbildung ermöglichen will, braucht man gewisse ¿nanzielle
Ressourcen.“
ƒ „Erstmal braucht man ¿nanzielle Sicherheit, dann hat man mehr Möglich-
keiten, z. B. in der Ausbildung.“
ƒ „Man muss seine Kinder fördern. Dazu gehört auch die Musikschule und
andere Dinge, die alle Geld kosten.“

Wie in allen Belangen möchten Menschen der Bürgerlichen Mitte auch hinsicht-
lich einer gesunden Lebensweise nicht übertreiben und keinesfalls über das Ziel
hinausschießen. Eine asketische Lebensweise, die zu einem Gefühl des Mangels
und der Entbehrung führt, wird als kontraproduktiv erachtet, da auf diese Weise
die innere Zufriedenheit verloren geht. In Folge dessen werden (in Maßen !) auch
Verhaltensweisen und Gewohnheiten toleriert, die einer gesunden Lebensweise
augenscheinlich widersprechen: der Genuss von Süßigkeiten, gelegentlicher Alko-
holkonsum oder auch einmal Fast Food und Convenience-Produkte.

ƒ „Ich esse jetzt nicht nur Bio und Vollkorn, ich verzichte auch nicht auf
Schokolade. Ich will mich ja nicht total einschränken, das kann ja auch
nicht gesund sein.“
ƒ „Wenn man mal unterwegs bei McDonald’s isst, dann ist es auch nicht
schlimm.“

Es wird Sport getrieben, allerdings freizeitorientiert und ohne höhere Ambitionen.


Beliebt sind Fahrradfahren, Joggen, Inline-Skaten, Walking oder Schwimmen.
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 225

Mitgliedschaften in Sportvereinen haben häu¿g einen eher geselligen denn wett-


kampfsportlichen Charakter, und obwohl teilweise auch Mitgliedschaften in Fit-
ness-Studios bestehen, so sind die tatsächlichen Besuche dort höchst unregelmäßig.
In der Bürgerlichen Mitte hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass Bewegung
unerlässlich ist für die Gesundheit, aber man möchte sich weder quälen noch über-
fordern. Oft wird Sport getrieben, um abzuschalten und aus den festen Strukturen
des Alltags ein Stück weit herauszutreten; er dient somit sowohl der mentalen
Erholung als auch der Steigerung der Fitness und Leistungsfähigkeit.

Bedeutung von Gesundheit

Entsprechend der lebensweltlichen Orientierung wird Gesundheit in der Regel


nicht nur „passiv“ durch das Fehlen von Krankheit, sondern auch „aktiv“ über die
körperliche Fitness und psychische Belastbarkeit de¿niert. Man ist gesund, wenn
man für die Herausforderungen des täglichen Lebens gerüstet ist.

ƒ „Gesundheit heißt, sich ¿t zu fühlen, mobil zu sein, nicht eingeschränkt


sein. Alles tun können, was einem der Alltag abverlangt.“
ƒ „Die Seele ist die Basis für alles andere; wenn man sich nicht gut fühlt
und unzufrieden ist, dann wird man auf Dauer auch krank.“

Obwohl das Thema „Gesundheit“ für Menschen der Bürgerlichen Mitte von hoher
Bedeutung ist, versucht man sich im Alltag von negativen Gedanken und Ängsten
frei zu machen. Eine aktive Auseinandersetzung ¿ndet daher häu¿g erst im akuten
(Krankheits-) Fall statt: Das milieutypische Streben nach Harmonie manifestiert
sich in der Einstellung, sich nicht mit Problemen zu belasten, bevor sie überhaupt
in Erscheinung treten.
Gesundheit bedeutet Erhalt der eigenen Leistungsfähigkeit, die man benötigt,
um einerseits seinen Beruf voll ausüben zu können und um andererseits noch genü-
gend Kraft für die familiären PÀichten zu haben. Der Anspruch an die körperliche
Fitness ist dabei pragmatisch und an den tatsächlichen Belastungen ausgerichtet;
dennoch besteht in der Realität häu¿g eine Diskrepanz zwischen Ambitionen und
Status Quo. Aktivitäten, die der Gesundheit und der körperlichen Fitness förder-
lich wären, werden immer wieder vernachlässigt, da einerseits am Ende eines
schweren Arbeitstages oft die Motivation fehlt, und andererseits einfach keine Zeit
für persönliche Aktivitäten bleibt, weil die Kinder in der Planung Vorrang haben.
In vielen Fällen wird die Bedeutung von Gesundheit oder Krankheit von „bür-
gerlichen“ Eltern nicht auf sich selbst, sondern auf die Kinder projiziert. Ihnen gilt
zuallererst die Aufmerksamkeit, wenn es um Vermeidung bzw. Vorbeugung von
226 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Krankheiten / Erhalt der Gesundheit geht. Sich selbst und die eigene Gesundheit
sehen sie oftmals als zweitrangig an.
Menschen der Bürgerlichen Mitte versuchen, auch im Krankheitsfall nicht
zu resignieren. Chronische Krankheiten werden z. B. als „lästige Nebensache“
deklariert, an die man sich gewöhnt hat und die in den Alltag integriert wurde.
Krankheiten zählen zu denjenigen Dingen, die das Leben nicht zu sehr belasten
dürfen (Verlust der inneren Balance); es wird ihnen daher keine zentrale Rolle in
der Lebensgestaltung zugestanden. Subjektiv fühlt man sich denn auch weitgehend
gesund; der eigene Gesundheitszustand wird von den meisten Milieuangehörigen
sogar als gut bewertet.

ƒ „Das mit dem Herz sind eben so Sachen, damit kann man eigentlich gut
leben, bin ja dennoch gesund !“
ƒ „Ich habe halt dieses Problem mit dem Knie, aber ich bin ja trotzdem
gesund, ich fühle mich gut. Darauf kommt es ja an.“

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Generell sieht sich die Bürgerliche Mitte in Bezug auf die eigene Gesundheit in ho-
hem Maße selbst verantwortlich, da mannigfaltige Möglichkeiten existieren, durch
persönliches Verhalten die Gesundheit zu fördern bzw. Krankheiten auszulösen.
So wird von Menschen der Bürgerlichen Mitte als Ursache vieler Krank-
heiten eine falsche Lebensführung benannt. Um sich gesund zu halten und wohl
zu fühlen, streben sie daher eine ausgewogene Ernährung, sportliche Betätigung
und die Vermeidung von Stress und Überlastung an. Auch ausreichend Schlaf
und die Einhaltung von Essenszeiten und Tagesstrukturen, d. h. ein Leben in ge-
ordneten, vorhersehbaren Bahnen, geben Sicherheit und Halt und stellen wichtige
Maßnahmen zur Vorbeugung gegen Krankheiten dar.

ƒ „Wir versuchen einen möglichst geregelten Tagesablauf einzuhalten. Das


sind dann einfach Rituale, die beruhigen und wichtig sind.“
ƒ „Auch für die Kinder brauchen wir einfach klare Strukturen, an die sich
alle halten. Zumindest, dass wir alle einmal am Tag zusammen essen und
dass man sich auch an bestimmte Essenszeiten gewöhnt.“
ƒ „Die Ursachen liegen doch schon im Kindesalter. Wenn man als Kind
schon immer falsch isst und dick wird, dann kann das im späteren Leben
nicht gut gehen.“
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 227

Allerdings konstatieren Menschen der Bürgerlichen Mitte, dass besonders in dem


Altersspektrum, in dem sie sich be¿ nden, einseitige Belastungen sowie zuneh-
mender Stress bei der Arbeit und im Haushalt Risikofaktoren sind, auf die sie nur
bedingt EinÀuss haben. Es existieren Zwänge bzw. äußere Umstände (wie die
allgemeine wirtschaftliche Situation oder auch die latente Arbeitsplatzunsicherheit),
die weder selbstverschuldet noch selbstgewählt sind – auch wenn natürlich der
milieutypische Wunsch, zumindest den Status quo des eigenen Lebensstandards
zu halten und seinen Kindern weiteren sozialen Aufstieg zu ermöglichen, hier sein
ScherÀein zum Stressaufbau beiträgt.

ƒ „Ich musste eine Zeit lang täglich vier Stunden im Zug sitzen und dann
noch 8 Stunden im Büro arbeiten. Das war der Horror, auf Dauer wäre
ich daran kaputt gegangen.“
ƒ „Die Belastung im Job ist momentan ziemlich hart. Man kann innerlich
einfach nicht zur Ruhe kommen.“
ƒ „Ich habe jetzt häu¿g wechselnden Schichtdienst. Das ist auf Dauer eine
krasse Belastung, aber dagegen kann ich momentan nichts machen. Ist
nun mal mein Job.“

Darüber hinaus betrachtet die Bürgerliche Mitte bestimmte Krank heiten als ge-
netisch bedingt und daher als weder beinÀuss- noch vermeidbar. Dies relativiert
zwar den eingangs erwähnten Stellenwert der Eigenverantwortung, bezieht sich
aber nur auf einen eher kleinen Teil der möglichen Krankheiten. Desweiteren fallen
Unfälle in die Kategorie „nur bedingt beeinÀussbare Risiken“, und mit zunehmen-
dem Alter gelten bestimmte Erkrankungen als unvermeidbares „Schicksal“, das
man einfach tragen muss.

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Die Bürgerliche Mitte zeigt ein insgesamt überdurchschnittliches Interesse an


Themen rund um die Gesundheit, wobei es aber eher die Frauen sind, die sich aktiv
infor mieren. Viele Männer meiden die Auseinandersetzung, da sie Berichte über
Erkrankungen, aber auch über „gesunde Lebensweisen“, als Bedrohungsszenario
bzw. unverhältnismäßige Belastung emp¿nden.
Es besteht in der Bürgerlichen Mitte ein genereller Bedarf an objektiver, un-
abhängiger Information. Man schaut sowohl Berichte und Reportagen im Fern-
sehen und liest auch Artikel in Zeitschriften. Allerdings wird an mancher Stelle
kritisiert, dass die Berichterstattung zu Gesundheitsthemen im Fernsehen oftmals
entweder nicht seriös (Privatsender mit kommerziellen Interessen) oder zu stark
228 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

auf eine ältere Zielgruppe ausgerichtet ist. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen


genießt aber prinzipiell einen Vertrauensvorschuss.

ƒ „Dem Fernsehen kann man auch nur bedingt trauen, da sind immer ver-
schiedene Interessen mit im Spiel.“
ƒ „Manche Ratgebersendung sind ganz interessant. Die geben auch ganz
praktische, nützliche Tipps.“

Bei konkretem Informationsbedarf wird im Internet recherchiert oder die Beratung


der Krankenkasse in Anspruch genommen, wobei der persönliche, vertrauens-
volle Kontakt der anonymen Information vorgezogen wird. Dennoch gewinnt
das Internet als zusätzliches Informationsangebot zunehmend an Bedeutung. Als
erster Einstieg wird eine bestimmte Krankheit oder ein Leiden „gegoogelt“, die
konkrete Recherche konzentriert sich dann aber vor allem auf Wikipedia oder
Diskussionen in Patientenforen.
Einen noch höheren Stellenwert als die Informationen aus den Medien haben
für Menschen der Bürgerlichen Mitte die Erfahrungen im Freundes- und Bekann-
tenkreis. Von ihnen erhofft und erwartet man sich die objektivsten und persönlich
relevantesten Informationen. Auch der Arzt gilt als grundsätzlich vertrauenswürdi-
ge und kompetente Informationsquelle, da er der Fachmann und zudem am besten
mit der persönlichen gesundheitlichen Verfassung vertraut ist. Allerdings hängt
diese Bewertung sehr stark vom Arzt-Patient-Verhältnis ab. In vielen Fällen wird
ein Mangel an Empathie und Fürsorge beklagt.

ƒ „Ich spreche am ehesten mit Freunden über deren Erfahrungen, das ist
einfach am nächsten und da ist auch das Verständnis da.“

Zu den eher selten genutzten Informationsquellen gehören die Zeitschriften der


Krankenkassen und der Apotheken. Häu¿g besteht nur ein geringer Bezug zu
den behandelten Themen, die als Angebote für ältere Zielgruppen betrachtet wer-
den. Auch Informationsveranstaltungen der Krankenkassen werden nur vereinzelt
besucht, dann aber als sinnvolle und interessante Möglich keit wahrgenom men,
sich zu einem bestimmten Thema zu informieren und sich mit „Leidensgenossen“
auszutauschen.

ƒ „Man kann auf solchen Veranstaltungen auch ein eigenes Feedback geben,
seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse mitteilen. Man fühlt sich da ver-
standen und hofft, dass auch etwas passiert.“
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 229
230 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Entsprechend dem langfristig planenden Lebensstil der Bürgerlichen Mitte hat


der Erhalt der Gesundheit einen hohen Stellenwert, und vorbeugende Maßnahmen
spielen dabei eine besondere Rolle. Dies ist man nicht nur sich selbst, sondern auch
seinen Kindern schuldig. Menschen der Bürgerlichen Mitte setzen sich intensiv
mit dem Thema auseinander und sehen vielfältige Präventionsmöglichkeiten.
Die im Milieu angestrebte stabile psychische Grund konstitution gilt als zen-
trales Element zur Vermeidung von Krankheiten. Ein Zustand innerer Ruhe und
Ausgeglichenheit hat Schutzfunktion, und um diesen Zustand herbeizuführen, wer-
den bestimmte Rituale gepÀegt. Hierzu gehören feste Essenzeiten oder bestimmte
Termine, die regelmäßig eingehalten werden (z. B. Verabredungen mit Freunden
oder Freizeitaktivitäten wie der Sonntagsspaziergang). Auch die Schlafenszeiten
variieren nicht stark; sie markieren den Abschluss eines wohlstrukturierten Tages
und bilden die Grundlage für den Start in den neuen.
Zudem wird eine gesundheitsbewusste Ernährung als wichtige Basis für die
persönliche Gesundheit gesehen. Familien der Bürgerlichen Mitte versuchen – so-
weit es die Arbeitsbelastung zulässt – zumindest eine Mahlzeit täglich frisch zu
kochen. Dabei wird auf eine abwechslungsreiche, hochwertige Auswahl an Zutaten
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 231

geachtet. Um den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Familie Rechnung


zu tragen ist man aber bereit, von einem strikten „Speiseplan“ auch einmal abzu-
weichen und geschmackliche Aspekte über ernährungsphysiologische zu stellen.
Grundsätzlich bemüht man sich, weniger Fleisch und Fett und dafür mehr Obst
und Gemüse zu essen, kann dies allerdings nicht immer konsequent einhalten.
Das Vermeiden von Übergewicht gilt als weitere wichtige Präventions-
maßnahme. Allerdings merken Menschen der Bürgerlichen Mitte oft selbstkritisch
an, dass sie eine stringent gesunde Ernäh rungsweise noch nicht gefunden haben.
Aus Stress oder Überforderung geborene falsche Essgewohnheiten, die anschlie-
ßend durch Diäten oder kurzfristige Ernährungsumstellungen wieder ausgeglichen
werden, bewirken bei so manchen ein Jo-Jo-artiges Ab- und Zunehmen. Dies in
den Griff zu bekommen stellt eine besondere Herausforderung für die Bürger-
liche Mitte dar, da sie sich der Konsequenzen ihres Handelns sehr bewusst ist. In
diesem Zusammenhang wird auch die Einschrän kung bzw. die Vermeidung von
schädlichen Genussmitteln wie Tabak oder Alkohol propagiert, was aber indivi-
duell unterschiedlich stark befolgt wird.

ƒ „Alkohol habe ich ganz stark reduziert. Ich könnte auch ganz aufhören.
Aber nach der Arbeit zur Entspannung ein Glas Rotwein ist einfach auch
gut für die Seele und das ist mindestens genauso wichtig.“
ƒ „Mein Mann isst jetzt viel mehr Obst und Gemüse und hat auch schon
10 Kilo abgespeckt, er fühlt sich jetzt auch viel besser.“

Auch der Vorbeugung bzw. Linderung von berufsbedingten Erkran kungen wird
hohe Aufmerksamkeit geschenkt. Ihre Lebens- und Berufssituation prädestiniert
die Milieuangehörigen z. B. für Rücken leiden. Maßnahmen wie eine korrekte
Sitzhaltung, ausgleichende Bewegung und Training der Rückenmuskulatur sind
hilfreich, setzen aber in vielen Fällen erst bei beginnenden Beschwerden ein. Dann
jedoch bemüht man sich, ein rückenfreundlicheres Leben zu führen. Der Besuch
einer Rückenschule würde – auch als reine Präventionsmaßnahme – von vielen
sofort wahrgenommen, wenn eine Kostenüber nahme durch die Kassen gewähr-
leistet wäre.
Sport bzw. Bewegung ist ebenfalls integraler Bestandteil der Gesundheits-
prävention in der Bürgerlichen Mitte. Vor allem Freizeitsport wie Radfahren, Gym-
nastik, Schwimmen oder Laufen wird betrieben, um sich ¿t und gesund zu halten
und zu fühlen; man trainiert seltener im Fitness-Center oder in speziellen Kursen.
232 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Die Verhaltensweisen bezüglich des Arztbesuchs weisen in der Bürgerlichen Mitte


zwei unterschiedliche Grundmuster auf. Ein Teil der Bürgerlichen Mitte vermeidet
nach Möglich keit den Gang zum Arzt. Er gilt als Eingeständnis einer schwereren
Erkrankung – ein Gedanke, der lieber verdrängt wird. Zudem besteht ein Zusam-
menhang zum häu¿g unbefriedigenden Arzt-Patient-Verhältnis. Lediglich die als
notwendig erkannten Vorsorgeuntersuchungen werden in diesen Fällen regelmäßig
wahrgenommen.
Für den anderen Teil der Bürgerlichen Mitte gilt der Arzt als wichtiger, per-
sönlicher Berater in Gesundheitsfragen. Arztbesuche sind diesen Fällen wesentlich
häu¿ger und ¿nden aus geringeren Anlässen statt. Bereits bei kleineren Erkran-
kungen bzw. den ersten Anzeichen einer Krankheit wird Hilfe, Unterstützung und
professioneller Rat gesucht, um die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.
In der Bürgerlichen Mitte ist der Wunsch nach einem vertrauensvollen Ver-
hältnis zum Arzt stark ausgeprägt. Man möchte sich auf ihn verlassen können
und ein Gefühl der Sicherheit emp¿nden. Wenn dies nicht der Fall ist, wird der
Arzt gewechselt.

ƒ „Ich möchte meinem Arzt vertrauen können, ich muss mich ja praktisch
auf ihn verlassen.“
ƒ „Der eine Arzt hat nie richtig zugehört und einfach irgendwas verschrie-
ben. Dann habe ich gewechselt.“

Als ideal für das Arzt-Patient-Verhältnis gilt ein offener und ehrlicher Umgang
miteinander. Probleme sollten klar und deutlich angesprochen werden und der Arzt
sollte sich einer klaren, verständlichen Sprache bedienen. Menschen der Bürgerli-
chen Mitte erwarten, dass sie auf Augenhöhe mit dem Arzt kommunizieren können.
Eine herablassende Art, die dem Patienten vermittelt, dass er nicht ernstgenommen
wird, trifft auf starke Ablehnung, auch wenn die unzweifelhaft höhere Kompetenz
des Arztes in Gesundheitsfragen generell nicht nur nicht in Frage gestellt, sondern
schlichtweg erwartet wird.
Weitere wichtige Beurteilungskriterien sind Erfahrung und Kompetenz.
Dazu gehören vor allem Kenntnis und Anwendung moderner Untersuchungs- und
Behandlungsmethoden, aber auch die generelle Offenheit gegenüber natürlichen
Behandlungsweisen. Viele Milieuangehörige konsultieren auch Heilpraktiker, da
deren Therapien als ganzheitlicher und schonender wahrgenommen werden. An-
dere wünschen dagegen eine schnelle, effektive Therapie, um sich möglichst bald
wieder den Herausforderungen des Alltags stellen zu können. Herbei spielt die
Wahl der richtigen Medikation eine wichtige Rolle, aber im derzeitigen System
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 233

haben viele Menschen der Bürgerlichen Mitte das Gefühl, als Kassenpatient aus
Budgetgründen nicht das bestmögliche Medikament verschrieben zu bekommen.

ƒ „Ich habe früher Infusionen gegen meine Ohreninfektion bekommen, jetzt


sagt mein Arzt, dass das nicht mehr bezahlt wird.“

Die Bürgerliche Mitte konstatiert bei vielen Ärzten auch einen eklatanten Zeitman-
gel, der es ihnen unmöglich macht, auf die Bedürfnisse der Patienten individuell
einzugehen. Das Gefühl, eher oberÀächlich untersucht und behandelt zu werden,
greift immer mehr Raum, und die Behandlung wird in zunehmenden Maße als
reine Symptombekämpfung nach standardisiertem Muster empfunden.
Einen Arzt zu ¿nden, der den persönlichen Anforderungskriterien entspricht,
gestaltet sich oft als Problem. Es fehlen Möglichkeiten sich zu orientieren, da objek-
tive Informationsquellen zur Wahl des Arztes meist fehlen. Gerade im städtischen
Raum fällt es schwer, aus dem relativ großen Angebot den „richtigen, besseren“
Arzt auszuwählen. Daher ist räumliche Nähe häu¿g zentrales Auswahlkriterium,
was aber zunehmend als unzureichend eingestuft wird.

ƒ „Ich wüsste nicht, wen ich da fragen sollte. Ich gucke einfach, wer gerade
in der Nähe ist.“

Einnahme von Medikamenten

Die Einstellung zu Medikamenten ist in der Bürgerlichen Mitte stark abhängig


von der gesundheitlichen Situation sowie den unterschiedlichen Grundhaltungen
und Lebenssituationen.
Menschen der Bürgerlichen Mitte versuchen, tendenziell mit wenigen und
dann möglichst schonenden Medikamenten auszukommen. Bevorzugt werden
natürliche Präparate mit geringen Nebenwirkungen. Um auf stärkere Medikamente
verzichten zu können, unter nimmt die Bürgerliche Mitte hohe Anstrengungen,
Krankheiten zu vermeiden bzw. sie im Frühstadium zu erkennen und zu bekämp-
fen. Zudem ist die Angst vor medikamentöser Abhängigkeit groß, daher verwendet
man Medikamente eher restriktiv.
Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen, die eine regelmäßige Medika-
tion erfordern, sind Medikamente allerdings ein fester Bestandteil ihres Lebens.
Den Anweisungen und Empfehlungen des Arztes wird meist vertraut und ent-
sprochen. Hier besteht hohes Vertrauen zu den Medikamenten: Sie werden als
unvermeidbar und die Lebensqualität garantierend angesehen.
234 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

„Milde“ OTC-Medikamente ¿nden häu¿g Verwendung, besonders, wenn sie


schnelle Abhilfe bei geringeren Beschwerden schaffen und man sich somit eine
zusätzliche Belastung erspart. Hier legen Menschen der Bürgerlichen Mitte eine
ausgeprägt pragmatische Haltung an den Tag.

Vorsorgeuntersuchungen

Die Bürgerliche Mitte zeigt sich proaktiv bei der Nutzung von Vorsorgeunter-
suchungen. Darunter fallen zahnärztliche Untersuchungen sowie die Krebsvor-
sorge beim Gynäkologen bzw. Urologen, aber auch hautärztliche Untersuchungen,
internistische Check-ups und im weiteren Sinne auch die Teilnahme an Asthma-
bzw. Herz-Kreislauf-Programmen.
Ausschlaggebend für die Nutzung ist die innere Überzeugung, dass Vorsorge
ein Gebot der Vernunft und der Verantwortlichkeit ist. Empfehlungen der Kranken-
kasse und Bonusprogramme bieten darüber hinaus einen zusätzlichen Anreiz, sind
aber nicht primär verhaltensbestimmend. Es gilt zudem in einigen Fällen als ab-
solut unverständlich, dass bestimmte Vorsorgeuntersuchungen nicht von der GKV
übernommen werden, obwohl sie langfristig vor schwer wiegenden Krankheiten
schützen und den Kassen viel Geld sparen könnten (z. B. die J2-Untersuchung bei
Jugendlichen im Alter von 17–18 Jah ren, die nur noch als sogenannte individuelle
Gesundheitsleistung zur Verfügung steht).
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 235

Zweiter Gesundheitsmarkt

Die Bürgerliche Mitte erwartet grundsätzlich, dass Leistungen, die für die Behand-
lung einer Krankheit notwendig sind, auch von den Kran ken kassen übernommen
werden. Individuell zu zahlende Leistungen werden daher eher skeptisch gesehen
und selten in Anspruch genom men. Allerdings wird in diesem Zusammenhang
kritisiert, dass bestimmte medizinisch durchaus angezeigte Leistungen wie Mas-
sagen und Krankengymnastik heute häu¿g aus dem Leistungskatalog herausfallen.
Insgesamt spielen aber IGe-Leistungen eine eher untergeordnete Rolle und der
Kenntnisstand diesbezüglich solcher Angebote ist eher gering.
Wenn sie doch mit Leistungen des Zweiten Gesundheitsmarkts ver traut sind,
so erachten viele Menschen der Bürgerlichen Mitte diese als recht teuer. Dies
stellt – neben dem Zeitaspekt – die wichtigste Barriere dar, solche Angebote zu
nutzen. Prinzipiell wird Interesse an vielfältigen Angeboten geäußert (vom Yoga-
Kurs über psychologische Hilfestellung bis hin zu Sport- und Gymnastikangebo-
ten). In der Realität werden sie aber eher (noch) selten genutzt.

ƒ „Ich wollte eigentlich eine Rückenschule machen, aber das ist einfach zu
teuer, das sprengt momentan den Rahmen.“
ƒ „Grundsätzlich könnte man schon noch mehr machen, wenn man gesund-
heitsbewusst ist. Aber da kommt natürlich auch noch der Faktor Zeit ins
Spiel.“

In einigen Fällen zahlen Milieuangehörige Leistungen von Heilpraktikern selbst,


wenn sie als zielführender und schonender als die klassische Schulmedizin beur-
teilt werden. Dies geht aber oft mit dem Wunsch einher, dass diese als wirksam
erlebte Behandlungsmöglich keiten Kassenleistung sein sollten.

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Die Gesundheitsversorgung wird trotz teilweise heftiger Kritik als im internatio-


nalen Vergleich immer noch gut angesehen. Die erwartete Funktion wird erfüllt,
was bedeutet, dass allen Patienten im Bedarfsfall eine ausreichende Versorgung
zur Verfügung steht.

ƒ „Es gibt natürlich Kritikpunkte, aber alles in allem können wir hier auch
ganz froh sein, wenn man sich andere Länder anschaut.“
236 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Insgesamt gelten das medizinische Know-how, die Geräteausstattung und die


Medi kamente als modern und „High Standard“, aber die Bürgerliche Mitte be-
schleicht mehr und mehr das Gefühl, dass die Leistungskürzungen im Bereich
der GKV in Zukunft nicht mehr kompensiert werden können und sie als Kassen-
patienten im Krankheitsfall nur mit den notwendigsten und nicht den besten und
effektivsten Therapiemöglichkeiten zu rechnen haben.
Menschen der Bürgerlichen Mitte beurteilen die zukünftige Ent wick lung
des Gesundheitssystems also eher skeptisch. Als zusätzliches Problem wird die
zunehmende Überalterung der Gesellschaft wahrgenom men, was zu höheren
Ausgaben im Gesundheitssektor führt, während gleichzeitig die Zahl der Bei-
tragszahler sinkt. Dies verschärft die Diskrepanz zwischen steigenden Kosten
bei verminder ten Einnah men und dem Wunsch nach optimalen Leistungen bei
gleichbleibenden Beiträgen.

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Das grundlegende Prinzip des Gesundheitssystems wird in der Bürgerlichen Mit-


te weder umfassend verstanden noch explizit hinterfragt. Man betrachtet dieses
System als ein abstraktes, komplexes und hochgradig intransparentes Gebilde. Die
Gesetzeslage wird zudem durch immer neue Regulierungen verkompliziert, und
über die Kosten, die Verteilung der Ausgaben und den Leistungskatalog bestehen
bei Menschen der Bürgerlichen Mitte kaum fundierte Kenntnisse.

ƒ „Ich weiß momentan überhaupt nicht mehr, was ich für Leistungen im
Anspruch nehmen kann und was nicht. Ständig ändert sich irgendwas, auch
was die ganze Bürokratie angeht, es muss immer mehr beantragt werden.
Da blickt kein Mensch durch.“

Zur Behebung der immer wieder – auch medial – beklagten Finanzierungsmisere


im Gesundheitssektor werden von der Bürgerlichen Mitte zwar Einsparmöglich-
keiten grundsätzlich für möglich gehalten, allerdings existiert keine einheitliche
Linie im Milieu. Viele Menschen machen hohe Ärztehonorare und überteuerte
Medikamente für die derzeitige ¿nanzielle Krise verantwortlich, andere kritisieren
eher die hohen Verwaltungskosten und das Überangebot an Krankenkassen, die
im Grunde identische Leistungen anbieten.
Worüber allerdings Konsens besteht, ist die Feststellung, dass sich die Ein-
sparungen der letzten Jahre langsam und schmerzlich bemerkbar machen und als
kontinuierlicher Reformprozess gegen die Mitte der Gesellschaft wahrgenom-
men werden. Menschen in der Bürgerlichen Mitte bemängeln, dass sie immer
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 237

höhere Beiträge für immer weniger Leistungen zahlen. Das ständige Kürzen
des Leistungskatalogs hat für sie die Schmerzgrenze erreicht, und sie erleben
den Gesundheitssek tor als „Kampf des Patienten gegen die Institutionen“, d. h.
notwendige Leistungen wie Kuren, Reha-Maßnahmen oder optimale Therapien,
müssen „hart erstritten“ werden.
Menschen der Bürgerlichen Mitte sehen sich als Opfer, auf deren Rücken
die InteressenskonÀikte der unterschiedlichen Akteure (Ärzte, Krankenkassen,
Pharmakonzerne und Politiker) ausgetragen werden. Wer am Ende zahlt, sind sie.

ƒ „Alle wollen sich die Taschen vollmachen, und am Ende zahlen es die
Patienten mit höheren Beiträgen.“

Besonders die Pharmakonzerne stehen im Kreuzfeuer der Kritik: Ihnen wird unter-
stellt, sich auf Kosten der Patienten zu bereichern und durch ihre starke politische
Lobby sinnvolle Reformen zu verhindern. Die Preise für Medikamente gelten als
zu hoch, vor allem im Vergleich zum Ausland.

ƒ „Ich habe auch nicht die Hoffnung, dass sich etwas ändert, dafür haben
die Pharmakonzerne zu viel politischen EinÀuss.“

Aber es hagelt auch Kritik an denjenigen Menschen, die gesund heitliche Beein-
trächtigungen durch persönliches Fehlverhalten selbst verursachen, deren Kos-
ten aber von der Solidargemeinschaft mitgetragen werden müssen – also auch
durch die Beitragszahler, die gesundheitsbewusst leben. Insofern reklamiert die
Bürgerliche Mitte ein höheres Maß an Eigenverantwortung, was sich auch in den
Beiträgen bemerkbar machen könnte. Als vermeidbare Risikofaktoren gelten z. B.
Rauchen, Alkoholkonsum, gefährliche Sportarten sowie durch falsche Ernährung
und zu wenig Bewegung verursachtes Übergewicht. Hier ähneln sich Bürgerliche
Mitte und Etablierte in ihrer Auffassung, dass grob fahrlässiges Fehlverhalten
durch höhere Beiträge bestraft, eine gesunde Lebensweise dagegen belohnt wer-
den sollte.
Grundsätzlich wird das Konzept einer solidarischen Versicherung aber nicht
in Frage gestellt. Die Bürgerliche Mitte äußert eher Kritik daran, dass Besserver-
diener und Selbständige sich diesem Prinzip entziehen und sich privat versichern
können.
238 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Chancengerechtigkeit

Die Bürgerliche Mitte ist zu großen Teilen in den gesetzlichen Krankenkassen


pÀichtversichert und emp¿ndet das derzeitige Kran ken kassensystem als ein Zwei-
klassen-System mit entsprechend unter schiedlicher Versorgung. Privatpatien-
ten erfahren nicht nur keine Einschränkung des Leistungskatalogs (ihnen stehen
alle Behandlungsmethoden, Apparate und Medikaments zu Verfügung), sondern
auch einen deutlich besserer Service als Kassenpatienten (kürzere Wartezeiten
und schnellere Terminvergaben), und es wird mit ihnen generell freundlicher und
zuvorkommender umgegangen. Als gesetzlich Versicherter hat man häu¿g das
Gefühl, als notwendiges Übel angesehen und schnell abgefertigt zu werden, was
allerdings nicht allein den Ärzten, sondern dem gesamten System angelastet wird.
Von den Einnahmen aus Honoraren, die die gesetzliche Kranken kassen zahlen,
kann keine Praxis überleben.

ƒ „Gegenüber Privatpatienten verhalten sich die Ärzte doch ganz anders, da


sind sie viel höÀicher und haben mehr Zeit.“
ƒ „Von Kassenpatienten kann doch heute kein Arzt mehr leben.“

Als zusätzlich ungerecht emp¿ndet die Bürgerliche Mitte, dass Privat patienten ge-
genüber Kassenpatienten oftmals nicht höhere Beiträge bezahlen müssen (private
Versicherungsprämie für die Kategorie „jung, männlich, gesund“). Die Bemes-
sungsgrenze für den Wegfall der VersicherungspÀicht gilt dabei als nicht nach-
vollziehbar. Hier wird von der Bürgerlichen Mitte, die viele Familien haben, wenig
reÀektiert und berechnet, wie hoch bei ihnen eine private Krankenversicherung
für alle Familienmitglieder wäre.
Kassenpatienten erhalten nach Ansicht der Bürgerlichen Mitte nur eine
Grundversorgung. Wahlmöglichkeiten, Rücksicht auf individuelle Bedingungen
gebe es nicht. Die Versorgung für Kassenpatienten wird daher zwar als ausreichend,
aber nicht als ideal empfunden, da ihnen die besten Therapie- und Behandlungs-
methoden nicht offenstehen bzw. selbst bezahlt werden müssen.

ƒ „Die Versorgung ist zwar generell gegeben, aber wirklich zufrieden bin
ich damit nicht.“
SINUS B2: „Bürgerliche Mitte“ 239

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Als am dringlichsten von Nöten wird eine stärkere Regulierung der unterschied-
lichen Interessen im Gesundheitssystem eingestuft, da das bisherige System bzw.
alle bislang verwirklichten Reformen nach Ansicht der Bürgerlichen Mitte immer
zu Lasten der gesetzlich versicher ten Patienten gingen. Zwar traut man die Ver-
wirklichung von manchen dabei anstehenden Aufgaben im Prinzip den Kranken-
kassen zu (Pharmakonzerne und Ärzte zu Zugeständnissen zu zwingen), aber
auch die Krankenkassen sind selbst Akteur und Interessensverband „im großen
Spiel“, daher wird in letzter Instanz der Politik die Aufgabe zugewiesen, endlich
für Gerechtigkeit, Interessensausgleich, ¿ nan zielle Stabilisierung des Systems
und Patientenschutz zu sorgen.
Menschen der Bürgerlichen Mitte fordern zudem, dass am Standard der Ver-
sorgung für gesetzlich versicherte Personen keine weiteren Abstriche gemacht
werden bzw. die Versorgung wieder an Qualität gewinnt. Um dies zu er reichen,
plädiert man für die Rücknahme einiger Reformen, die in Wirklichkeit Rück-
schritte bedeuteten. Vor allem Zuzahlungen und Budgetobergrenzen für Ärzte
sind der Bürgerlichen Mitte ein Dorn im Auge, da sie dazu führen, dass notwen-
dige Behandlungen nicht mehr Kassenleistung sind und statt dessen zum Privileg
Besserverdienender und zu Einnahmequellen für Ärzte mutieren.
Um mehr Bewusstsein für Gesundheitsvorsorge zu schaffen und die Men-
schen dazu zu animieren, ihr Verhalten entsprechend umzustellen, wird eine stär-
kere Förderung gesundheitsbewussten Verhaltens auch durch ¿nanzielle Anreize
angedacht. Zudem sollten Vorsorgeuntersuchungen wie auch Schulungen und
Kurse zu „gesünderem“ Verhalten (Rückenschule, Ernährungsberatung, Fitness-
und Kraft training) offensiver beworben und unterstützt werden. Eine stärkere
Betonung und Belohnung der Eigenverantwor tung wird begrüßt, da dies der Selbst-
wahrnehmung als besonders gesundheitsbewusstes Milieu entspricht und man
erwartet, davon pro¿tieren zu können.
Zudem wird in vielen Fällen eine „Einheitskasse“ gefordert, in die alle einzah-
len müssen. Die Ausnahmeregelung für Beamte, Selbständige und Besserverdiener
ist für viele Menschen der Bürgerlichen Mitte nicht nachvollziehbar. Durch mehr
Beitragszahler könnten ihrer Anschauung nach die Finanzierung und die Qualität
des Systems gesichert und die Beiträge stabil gehalten werden.
Weiteres Verbesserungspotenzial wird in der zur Zeit noch höchst restriktiven
Übernahme von Natur- und alternativer Heilverfahren gesehen. Das Festhalten an
der reinen Schulmedizin gilt als nicht mehr zeitgemäß, und es wird eine Öffnung
gegenüber alternativen Therapien gewünscht, so deren Wirksamkeit nachgewie-
sen ist.
In Bezug auf die Kostenstrukturen hofft die Bürgerliche Mitte auf mehr
Transparenz. Ausgaben sollten offengelegt und der gesamten Bevölkerung zugäng-
240 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

lich gemacht werden. Dies könnte auch die Wahl der Krankenkasse erleichtern.
Zudem gilt das derzeitige Angebot an Krankenkassen als völlig unübersichtlich
und unnötig umfangreich. Eine deutliche Ver ringerung der Anzahl wird von vie-
len als sinnvoll erachtet, da dadurch die Verwaltungskosten drastisch reduziert
werden könnten.
In einigen Fällen wird zudem eine bessere Beratung in Gesundheitsbelangen
gewünscht, wobei unklar bleibt, von wem diese Aufgabe übernommen werden
kann. Sowohl bei Krankenkassen als auch bei Ärzten werden häu¿g Eigeninteres-
sen vermutet, die im Widerspruch zu den individuellen Wünschen und Interessen
des Patienten stehen.
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 241

SINUS B3: „Konsum-Materialisten“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus B3 „Konsum-Materialisten“


Lebenssituation x Überdurchschnittlicher Anteil Geschiedener / getrennt Lebender
x Auch Single-Haushalte sind leicht überrepräsentiert
Bildung x Meist Haupt- / Volksschulabschluss mit oder ohne Berufs-
ausbildung
Beruf x Knapp die Hälfte der Berufstätigen sind Arbeiter / Facharbeiter;
auch einfache Angestellte sind deutlich überrepräsentiert
x Überdurchschnittliche Arbeitslosenrate
Einkommen x Untere bis mittlere Einkommensklassen (Schwerpunkt: unter
2.500 Euro monatliches Haushaltsnettoeinkommen)
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.063 Euro*
x Hoher Anteil laufender Kredite
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Das Leben der Konsum-Materialisten ist geprägt von materiellen Bedürfnissen und
dem ständigen Erleben fehlender Ressourcen, um diese zu verwirklichen. Wünsche
orientieren sich an den Konsum-Standards der Mittelschicht, die meist aber die
eigenen ¿nanziellen Möglichkeiten übersteigen. Dies führt zu eigengeneriertem
Druck, dem man häu¿g nicht standhalten kann, was wiederum eine kontinuierliche
psychische Belastung bedeutet.
Eine realistische, reÀektierte Auseinandersetzung mit der eigenen Situation
und den tatsächlichen Problemen ¿ndet kaum statt. Stattdessen Àüchtet man sich
in Schuldzuweisungen und Kompensationsstrategien wie übermäßigen Zigaretten-
und Alkoholkonsum.
In der Regel besteht nur eine kurzfristige Lebensplanung. Die beruÀiche
Situation ist in vielen Fällen von prekären Arbeitsverhältnissen bzw. Arbeitslosig-
keit geprägt. Aufgrund des niedrigen Ausbildungsniveaus üben die Berufstätigen
überwiegend einfache Tätigkeiten aus, die als monoton und belastend empfunden
werden.
Der Lebensfokus der Konsum-Materialisten liegt mehr auf dem Moment
und dem Tag, als dass längerfristige Lebensstrategien ent wickelt werden. Viele
Milieuangehörige erleben explizite Ohnmachtsgefühle und sind der Auffassung,
dass sie ihr Schicksal nicht selbst beeinÀussen können. Daher setzen sie sich eher
kurzfristige Ziele: ein Auto, Möbel, Bekleidung oder eine Reise.
242 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Das Milieu der Konsum-Materialisten hat im Milieuvergleich die schlechteste


soziale Lage. Das soziodemographische Pro¿l zeigt, dass viele Milieuangehörige
in wenig privilegierten Verhältnissen leben.

Altersaufbau des Sinus-Milieus B3 „Konsum-Materialisten“

Der Altersaufbau des Konsum-materialistischen Milieus weicht nur wenig von


der in der Grundgesamtheit ab. Die Altersgruppen über 50 Jahre sind leicht über-
repräsentiert. Nur 18 % der Milieuangehörigen sind unter 30. Der Alters-Median
liegt bei 46 Jahren.
In diesem Milieu gibt es mehrheitlich keinen klar geregelten Tagesablauf.
Gemeinsame familiäre Aktivitäten ¿nden sehr unregelmäßig statt, gemeinsame
Mahlzeiten sind die Ausnahme. Es wird ein Laissez-faire-Prinzip gelebt, das aller-
dings vor allem fehlender Motivation und geringer Planungssicherheit geschuldet
ist. Arbeiten im Haushalt werden oftmals als große Belastung empfunden, worunter
Sauberkeit und Ordnung leiden.
In der Freizeit spielt Unterhaltung eine herausragende Rolle. Es wird viel Zeit
vor dem Fernseher verbracht, und auch das Internet gewinnt als Unterhaltungs-
medium an Bedeutung.
Sofern Sport getrieben wird, dient er der sozialen KontaktpÀege und der Ab-
lenkung, aber auch, um Erfolgserlebnisse zu verbuchen, die Konsum-Materialisten
im Alltag häu¿g versagt bleiben.
Bei einem Teil des Milieus (meist Frauen und Männer ab Mitte zwanzig bis
Mitte dreißig) ist ein ausgeprägter Körperkult zu konstatieren. Man möchte seinen
Körper gestalten, sei es durch Fitnesstraining bzw. Bodybuilding oder aber auch
durch Tätowierungen und Piercings. So kann man sich der Aufmerksamkeit ande-
rer versichern, hat das Gefühl, endlich „wahrgenommen“ zu werden und erlangt
auch Anerkennung unter seinen Peers.
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 243

Bedeutung von Gesundheit

Gesundheit wird mit physischer Gesundheit gleichgesetzt, und dieser wird im


Alltag nur marginal Beachtung geschenkt. Aufgrund der verfah renen materiellen
und beruÀichen Situation sowie aus einer ausgeprägten Underdog-Mentalität her-
aus, haben Konsum-Materialisten das Gefühl, an keiner weiteren Front kämpfen
zu können und messen körperlichen Beschwerden erst dann Bedeutung bei, wenn
sie nicht mehr zu ignorieren sind.
Im Krankheitsfall bagatellisieren Konsum-Materialisten Beschwerden zu-
nächst, was bei den Geschlechtern unterschiedlich motiviert ist: Männer präsen-
tieren nach außen gerne eigene Stärke und körperliche Robustheit, Krankheiten
passen nicht ins Selbstbild. Frauen hingegen fühlen sich aufgrund der familiären
und beruÀichen Situation „verpÀichtet“, gesund zu bleiben.
Krankheit bedeutet eine zusätzliche Belastung, die man „nicht auch noch
brauchen kann“. Trotzdem ergreifen Konsum-Materialisten selten aktive Maßnah-
men zur Verbesserung des Gesundheitszustands oder ändern nur in den seltensten
Fällen ihr Verhalten. Stattdessen verdrängt bzw. ignoriert man Beschwerden, was
oft dazu führt, dass sich gesundheitliche Probleme im Laufe der Zeit verstärken,
z. B. Rückenbeschwerden chronisch werden oder Übergewicht kontinuierlich an-
steigt. Dies treibt die Abwärtsspirale weiter an: Gesundheitliche Probleme – nicht
dem Normbild des gesunden, leitungsfähigen und attraktiven Menschen entspre-
chen (können) – beruÀiche und gesellschaftliche Außenseiterstellung – Frustration
und Resignation – weitere Verschlechterung des Gesundheitszustandes.

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Der eigene Gesundheitszustand wird überwiegend als „höhere Gewalt“ empfunden.


Hier zeigt sich der typische Fatalismus und die Verdrängungslogik des Milieus:
Eigene Möglichkeiten der EinÀussnahme auf die persönliche Gesundheit werden
negiert oder kleingeredet. Zwar sind die Zusammenhänge zwischen eigenem Ver-
halten (z. B. ungesunde Ernährung, hoher Genussmittelkonsum) und gesundheit-
licher Verfassung den Milieuangehörigen grundsätzlich bewusst, vor sich selbst
und vor anderen werden jedoch die zahlreichen Faktoren betont, die sich ihrer
Kontrolle entziehen.

ƒ „Gesundheit kommt und geht, da kann man selber nicht viel machen.“
ƒ „Ich könnte ja auch plötzlich vom Auto überfahren werden.“
ƒ „Das Leben ist so bestimmt, wie es läuft.“
244 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Teilweise werden auch handfestere körperliche Einschränkungen und Beschwerden


(Schmerzen in den Venen, Verspannungen im Nacken, psychische Beschwerden,
Rückenschmerzen, etc.) als „normal“ hingenom men und nicht als krankhaft oder
Ausdruck einer Krankheit eingestuft, damit keine persönlichen Konsequenzen
gezogen werden müssen.
Konsum-Materialisten suchen dementsprechend auch eher nach Beispielen,
die das eigene Verhalten rechtfertigen und die eigene Machtlosigkeit demonstrie-
ren, als dass man tatsächlich versucht, Ursache und Wirkung von individuellem
(Fehl-) Verhalten zu erkennen und aktiv dagegen anzugehen. Diese Logik ist
äußerst simpel (und wird auf viele Lebensbereiche übertragen): Eigene Verant-
wortung und entsprechende Handlungsoptionen können umgangen werden, da sie
im Endeffekt „irrelevant“ sind. Häu¿g bedarf es erst schwerstwiegender (unguter)
Erfahrungen, um die Verhaltensweisen zu ändern.

ƒ „Manche leben immer total gesund und kriegen dann trotzdem Krebs.“
ƒ „Es macht doch keinen großen Unterschied, wie du lebst.“
ƒ „Wer weiß, ob das überhaupt was bringt, wenn man sich ständig ein-
schränkt.“

Nach Meinung der Konsum-Materialisten sind äußere Bedingungen schuld, wenn


die Gesundheit leidet – oder aber ganz abstrakt „die Gene“. In Bezug auf die
äußeren Bedingungen werden insbesondere die Belastungen am Arbeitsplatz, z. B.
durch Schichtarbeit oder schwere körperliche Tätigkeiten, als Ursache für gesund-
heitliche Beeinträchtigungen identi¿ziert. Bei Frauen betrifft dies auch „sitzende
Tätigkeiten“, die im Lauf der Zeit Fehlhaltungen produzieren. Diesen Beschwerden
vorbeugende, den Rücken stabilisierende Maßnahmen ergreifen sie jedoch nicht,
und wenn Rückenschmerzen sich tatsächlich manifestieren, werden eher die Sym-
ptome als die Ursachen bekämpft, was naturgemäß weniger zeitaufwändig und
mühsam ist – und weniger Selbstdisziplin erfordert.

ƒ „Mein Beruf ist einfach nicht gesund. Ich muss den ganzen Tag sitzen
und hab keine Bewegung, aber da kann ich nichts dran ändern. Ich muss
einfach das Geld verdienen.“
ƒ „Ich hab mir schon vor Jahren meinen Rücken kaputt gemacht. Musste
immer schwer schleppen, die Stockwerke rauf und runter. Das war klar,
dass das irgendwann auf die Knochen geht.“

Häu¿g wird Geldmangel als Grund für die eigene, eher problematische Lebens-
weise angeführt. Das Argument, sich eine ausgewogene, gesunde Ernährung gar
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 245

nicht leisten zu können, erübrigt jegliche weitere Auseinandersetzung mit dem


Thema. Dabei ist der ¿nanzielle Aspekt meistens nur vorgeschoben, denn beim
Einkauf orientieren sich die meisten Konsum-Materialisten nicht unbedingt an den
günstigsten Produkten, sondern primär an Convenience-Faktoren. Dass gesunde
Ernährung nicht teuer bzw. teurer als die derzeitige Ernährung sein muss, ist vielen
auch einfach nicht bewusst. Ihr Wissensstand bezüglich gesunder Ernährung ist
niedrig und das Thema hat insgesamt einen eher geringen Stellenwert.

ƒ „Bei mir scheitert es einfach auch am Geld, ich muss einfach immer gu-
cken, was am günstigsten ist. Da kann ich nicht immer frische Sachen
kaufen.“
ƒ „Ich esse, was mir schmeckt, ich mach da keine große Sache draus.“
ƒ „Wenn ich von der Arbeit komme, habe ich auch nicht mehr die Kraft, noch
groß was zu kochen. Das muss dann schon schneller gehen.“

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Obwohl in diesem Milieu gesundheitliche Probleme durchaus existieren, besteht


meist nur ein sehr eingeschränktes Informationsbedürfnis. Bei akuten Beschwer-
den konsultiert man vor allem den Arzt bzw. den Apotheker. Zeitschriften der
Krankenkassen und Apotheken-Zeitschriften werden dagegen kaum gelesen. Zu
den Themen, aber auch zu der Sprache bzw. Stilistik dieser Medien, hat man nur
geringen Zugang und Bezug.
Primär-Medium im Milieu ist das Fernsehen: Sollten hier zufällig Berichte
zum Thema Gesundheit laufen, könnte es sein, dass die Milieuangehörigen sie
sich auch ansehen (Interesse an Thema und Auf machung vorausgesetzt), aber sie
werden nicht gezielt ausgewählt. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten
Gesundheitssendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt, im Milieu
aber private Sender favorisiert werden; es ergeben sich also kaum Schnitt punkte.
Das geringe Informationsbedürfnis zum Thema Gesundheit liegt auch darin
begründet, dass durch höheren Wissenstand das eigene Fehlverhalten stärker ins
Bewusstsein träte: Vermeidung ist bequemer und stärkt die eigene Logik.

ƒ „Ich schaue mir das schon an, wenn es gerade läuft, aber es ist nicht so,
dass ich mir das extra aussuche. Es ist nun mal kein Thema, das ich die
ganze Zeit vor mir haben möchte“
246 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Wenn die einem erzählen, was man alles machen soll. Das kann doch
kein Mensch alles befolgen. Da kriegt man ja total Angst.“

Außerdem fühlt sich das Milieu im Grunde ausreichend informiert. Nur in Einzel-
fällen wird bei akuten Beschwerden im Internet recherchiert, um nach Möglichkei-
ten der Selbstmedikation zu suchen, damit ein Arztbesuch vermieden werden kann.
Das Internet ist aber nicht primär Informations-, sondern Kommunikations-
medium. Es stellt die Möglichkeit dar, sich in Foren und Chatrooms mit Menschen
gleicher Problemlage auszutauschen.
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 247
248 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Aktive Gesundheitsvorsorge spielt im Milieu der Konsum-Materialisten kaum eine


Rolle. Der Lebenswandel ist meist nicht darauf ausgerichtet, gesund zu bleiben
oder vernünftig mit seinem Körper umzugehen. Beschwerden oder Erkrankungen,
die mit steigendem Alter korrelieren, werden schlicht und einfach als natürliche
Begleit umstände des Lebens wahrgenommen, die sich nicht vermeiden lassen.
Bekenntnisse zur Bedeutung eines gesunden Lebensstils – mit Sport und
gesunder Ernährung – bleiben zumeist Lippenbekenntnisse und zeigen wenig
Auswirkungen auf das tatsächliche Verhalten. Sollten doch Anstrengungen unter-
nommen werden, mehr Sport zu treiben oder eine Diät zu halten (nicht etwa, die
gesamte Ernährung umzustellen !), so verlaufen diese nach ein paar Wochen meist
wieder im Sande, was zu zusätzlicher Frustration führt.
Auch bei der Begründung für fehlende (eigene) aktive Gesundheitsvorsorge
werden ¿nanzielle Engpässe ins Feld geführt: sportliche Aktivitäten gelten Kon-
sum-Materialisten als zu kostspielig, da sie diese an Mitgliedsbeiträgen in Ver-
einen, teurer Ausrüstung und Bekleidung oder Gebühren für ein Fitness-Studio
festmachen. Auch vermissen sie in ihrem Umfeld ein „Zugpferd“, jemanden, der
sie er muntert, unterstützt und bei der Stange hält. In Konsequenz fühlen sie sich
für den eigenen Gesundheitszustand nur bedingt verant wortlich und verschanzen
sich hinter ihren „begrenzten Möglich keiten“ und den „vielen unbeeinÀussbaren
Faktoren“. Diese Abwehrhaltung wurde über viele Jahre aufgebaut und ist von
außen kaum zu durchbrechen. Die Argumente, die das eigene Verhalten, sprich
die eigene Antriebslosigkeit rechtfertigen, sind stereotyp und langlebig.

ƒ „Ich würde gerne mehr Sport machen, aber das kann ich mir nicht leisten.
Mitgliedsbeiträge, Schuhe und alles, was dazu gehört.“
ƒ „Ich weiß, dass ich mehr Bewegung bräuchte, wegen meinem Gewicht,
aber ich kann meinen inneren Schweinehund nicht immer überwinden.“
ƒ „Ich würde ja gerne Massagen und Krankengymnastik machen, aber das
zahlt ja keiner.“
ƒ „Ich brauche jemanden, der mich zieht, von alleine klappt das nicht.“

Anreize für eine aktive Gesundheitsvorsorge müssen von außen an Konsum-Mate-


rialisten herangetragen werden, etwa durch Bonuszahlungen der Krankenkassen,
wenn an bestimmten Programmen teilgenommen wird.
Hier zeigt sich einerseits die unterschwellige Einsicht vieler Milieuangehöriger,
dass sie Hilfe benötigen, da sie sich nicht selbst aufraffen und ihr Verhalten ändern
werden. Gleichzeitig wird auf diese Weise aber das Thema Prävention endgültig
nach außen delegiert und die eigene Verant wortung noch weiter reduziert.
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 249

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Insgesamt sind in diesem Milieu, dessen Altersmedian bei 46 Jahren liegt, Arzt-
besuche relativ selten, obwohl aufgrund der Lebensweise gesundheitliche Probleme
teilweise früher als in anderen Milieus auftreten, was einen Arztbesuch eigentlich
unumgänglich machte. Auch chronische Krank heiten, die regelmäßige Arztbesu-
che erforder ten, spielen bei Konsum-Materialisten eine nicht zu unterschätzende
Rolle. Es wird aber lange überlegt und abgewogen, ob ein Arztbesuch wirklich
notwendig ist. Ein wichtiges Argument, diesen Gang möglichst lange aufzuschie-
ben, ist die Praxisgebühr.

ƒ „Manchen sind 10 Euro egal, wir können davon einen ganzen Tag leben
und essen.“

Grundsätzlich geht man lieber zu einem Arzt, den man schon länger kennt; im
besten Fall besteht eine langjährige Beziehung zum Hausarzt. Die Hemmschwelle,
einen „fremden“ Arzt aufzusuchen, ist hoch. Hier wird gerne argumentiert, dass
der Gang zum Facharzt sehr zeitaufwändig sei und die Probleme oftmals nicht löse.
Dahinter stecken jedoch eher Minderwertigkeitskomplexe: Konsum-Materialisten
befürchten, gerade in einer fremden Praxis nicht ernstgenommen und abschätzig
behandelt zu werden, da sie sich außer Stande fühlen, auf Augenhöhe mit dem Arzt
zu kommunizieren und Respekt einzufordern. Zudem möchten sie sich auch so weit
wie möglich eine schonungslose Benennung des Ursache-Wirkungs-Prinzips ihrer
gesundheitlichen Beschwerden ersparen. Und last but not least ist der Arzt wieder
jemand, der qua höherer Autorität ihnen vorschreibt, was zu tun ist – einerseits
gut, da dadurch Verantwortung delegiert wird, andererseits schlecht, da gefühls-
mäßig wieder bloß persönliche De¿zite und Mängel aufgezeigt und Zumutungen
diktiert werden.
In Bezug auf Arztbesuche lassen sich bei den Konsum-Materialisten zwei
unterschiedliche Strategien feststellen. Ein kleinerer Teil des Milieus geht relativ
häu¿g und bereits bei unbedeutenderen Anlässen zum Arzt. Man benötigt Hilfe, da
man sich nicht in der Lage sieht, seine Krankheit selbst in den Griff zu bekommen.
Zudem spielt auch der Wunsch nach einer Arbeitspause durch Krankschreibungen
eine Rolle, da die persönliche Arbeitsbelastung in vielen Fällen als sehr hoch
empfunden wird.

ƒ „Manchmal geht es einfach nicht mehr. Dann geh ich zum Arzt und lass
mich krankschreiben.“
250 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Früher war das mit dem viel einfacher, einen gelben Zettel zu bekommen.
Jetzt stellen sie sich ganz schön an.“

Der größere Teil des Milieus versucht, Arztbesuche soweit es geht zu vermeiden.
Sie gelten als Eingeständnis der eigenen Schwäche, der Tatsache, dass man eine
Krankheit hat, die man alleine nicht bewältigt. Der Besuch beim Arzt wird als
grundsätzlich unangenehm empfunden, was sowohl daran liegt, dass man der
Konfrontation mit menschlicher Verletzlichkeit beim Arzt nicht aus dem Wege
gehen kann, als auch an der großen Distanz zu dieser Berufsgruppe.

ƒ „Ich hasse es, zum Arzt zu gehen. Wirklich nur im Notfall. Ich habe immer
das Gefühl, dass ich noch kränker bin, wenn ich da hingehe. Und dann
auch noch diese ganzen anderen kranken Leute.“

Arztbild und Beurteilung des Arztes ist stark abhängig vom persön lichen Ver-
hältnis. Konsum-Materialisten erwarten von einem Arzt, dass er einerseits eine
Respektsperson ist, der man sich sicher anver trauen kann, und andererseits das so-
ziale Gefälle ignoriert und den persönlichen, offenen Kontakt zum Patienten pÀegt.
Die Probleme des Patienten sollen unvoreingenommen betrachtet und behandelt
werden; wichtig ist zudem eine verständliche Kommunikation. Eine „abgehobene“
Sprache mit vielen Fachtermini wird als herablassend und arrogant empfunden:
Man hat das Gefühl, nicht wirklich ernst genommen zu werden.
Konsum-Materialisten wünschen sich neben dem oben erwähnten Respekt
eine gründliche und aufmerksame Untersuchung. In vielen Fällen konstatieren sie
jedoch, dass sie höchstens als Patienten zweiter, wenn nicht sogar dritter Klasse
behandelt werden und der Arzt sich nur oberÀächlich mit ihren Beschwerden
auseinandersetzt. Hier korrelieren subjektive Minderwertigkeitsgefühle mit ob-
jektiven Erfah rungen.

ƒ „Wenn ich krank bin, dann möchte ich auch entsprechend behandelt wer-
den. Mir wollte ein Arzt einmal gar nicht glauben, dass ich krank bin. Der
hat mich gar nicht ernst genommen.“
ƒ „Er muss sich mit meinen Problemen auch auseinandersetzen und nicht
kurz draufgucken und irgendwas verschreiben.“

Vom Arzt werden klare Anweisungen erwartet. Er ist eine Autorität, deren Kom-
petenz nicht in Frage gestellt wird. Man begibt sich in seine Hände und delegiert
dadurch eigene Verantwortung. Ärztliche Anweisungen werden, so weit es sich
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 251

einrichten lässt, auch befolgt. An die Grenzen der Compliance stoßen die Patienten
aber immer dann, wenn bestimmte schädliche Gewohnheiten oder Lebensweise
abgestellt werden sollen, z. B. fettreiches Essen, Rauchen, Alkohol.

ƒ „Ich will, dass der Arzt mir sagt, was ich tun soll, damit ich gesund werde.
Er ist der Experte und muss es wissen.“
ƒ „Der Arzt sagt, ich sollte weniger rauchen, aber das ist nicht so einfach.“

Einnahme von Medikamenten

Eine regelmäßige oder langfristige Einnahme von Medikamenten ist bei vielen
Patienten (noch) nicht nötig. Im Fall einer akuten Erkrankung gelten Medikamente
aber als wichtigste Therapie; sie helfen schnell, wirksam, bekämpfen die Sympto-
me und erfordern keine Verhaltensänderung.
Es besteht im Gegensatz zur äußerst schlechten Compliance bei erforderlichen
Verhaltensänderungen im Rahmen einer Therapie eine ausgeprägte Compliance
im Hinblick auf die Medikamenteneinnahme: Das Vertrauen auf und in die ver-
schriebenen Medikamente ist hoch. Konsum-Materialisten haben nur geringe
Vorbehalte gegenüber einer Medikation im Krankheitsfall. Eventuelle Nebenwir-
kungen werden in Kauf genommen und nicht weiter bedacht, man vertraut dem
Rat und der Verschreibung des Arztes relativ unkritisch. Medikamente bedeuten
das „Allheilmittel“, sie „reparieren“ die Gesundheit – und alles ist wieder gut. Für
manche Patienten bedeutet die Verordnung eines Medikaments auch ein Signal an
Angehörige, den Arbeitgeber oder die Kollegen, dass es einem wirklich schlecht
geht und man Schonung braucht. Die vorbeugende Einnahme von Medikamenten
ist – im Gegensatz zur symptombedingten – aber eher untypisch.

ƒ „Der wird sich schon was dabei gedacht haben, wenn ich das so lange
einnehmen muss.“
ƒ „Gute Medikamente sind entscheidend. Darauf kommt es ja an. Wäre ja
schön, wenn es von alleine weggehen würde, aber…“
ƒ „Es kommt schon vor, dass der Arzt sagt, ich soll das Asthmamittel drei-
mal täglich nehmen, aber dann geht es mir schon besser und ich hab das
Gefühl, ich brauch es nicht mehr so. Aber wenn es dann doch wieder
schlimmer wird, dann nehme ich es schon.“
252 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Vorsorgeuntersuchungen

Konsum-Materialisten nehmen nur sporadisch an Vorsorgeuntersuchungen teil.


Sie sind nicht bewusstseinspräsent, und in der Regel bedarf es einer direkten
Aufforderung durch die Krankenkasse oder zumindest des dringenden Rates eines
Arztes, damit man diese Maßnahmen in Anspruch nimmt. Die Eigenmotivation ist
gering, zumeist ist ein zusätzlicher ¿nanzieller oder materieller Anreiz notwendig.

ƒ „Ich habe von meiner Kasse 80 Euro zurückbekommen. Das hat sich schon
gelohnt.“

Auch wird von manchen Milieuangehörigen die Nützlichkeit von Präventionsmaß-


nahmen in Frage gestellt. Andere vertreten zudem die Ansicht, dass manche Krank-
heiten sich ohnehin nicht abwenden lassen und, dass man es früh genug selbst merkt,
wenn man betroffen ist. Zudem ist eine Vorsorgeuntersuchung immer auch mit der
Angst verbunden, dass tatsächlich eine schwerwiegende Erkrankung diagnostiziert
werden könnte – ein Gedanke, den man möglichst verdrängen möchte.

ƒ „Wenn ich etwas habe, dann merke ich das schon.“


SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 253

Zweiter Gesundheitsmarkt

Grundsätzlich besteht in diesem Milieu nur eine geringe Bereitschaft, für Ge-
sundheitsleistungen selbst aufzu kommen. Dennoch lässt es sich für die quasi
ausschließlich gesetzlich krankenversicherten Konsum-Materialisten in vielen
Fällen nicht vermeiden, ihre nicht verschreibungspÀichtigen Arzneimittel kom-
plett selbst zu übernehmen. Hierzu gehören insbesondere Kopfschmerztabletten,
aber auch Nasensprays oder Salben bei Verletzungen. In diesem Zusam men hang
wird kritisiert, dass Medikamente, die früher Kassenleistung waren, heute selbst
bezahlt werden müssen.
Für weitere Leistungen wird nur selten Geld ausgegeben. Zwar wären Mas-
sagen und Physiotherapien zur Behandlung von Blessuren oder Rückenproblemen
häu¿g erwünscht, es mangelt aber an den ¿nanziellen Ressourcen und auch der
Bereitschaft, dafür zu zahlen. Konsum-Materialisten beklagen, dass die medi-
zinische Notwendigkeit dieser Maßnahmen (wie auch der von Kuren) von den
Kranken kassen in vielen Fällen negiert wird und daher auch keine Kostenüber-
nahme statt¿ndet.

ƒ „Bei meinen ständigen Nackenschmerzen wären Massagen natürlich super,


aber die Kassen zahlen das ja nicht mehr und ich kann mir das einfach
nicht leisten.“
ƒ „Ich habe schon etliche Male ein Kur beantragt, weil das das einzige ist,
was mir mit meinen Rückenbeschwerden helfen könnte. Aber die Kasse
hat es immer wieder abgelehnt.“

IGe-Leistungen sind wenig bekannt, werden aber auch bei Bekanntheit höchst
selten in Anspruch genommen. Lediglich in Ausnahmesituationen lässt man be-
stimmte Vorsorgeuntersuchungen durchführen, z. B. wenn man zu einer bestimm-
ten Risikogruppe gehört (Hautkrebs in der Familie, erlittene Fehlgeburten), und
die schmerzliche ¿nanzielle Belastung durch einen gravierenden Mehr wert der
Leistung aufgewogen wird. Im Grunde wird aber erwar tet, dass wirklich notwen-
dige Behandlungen oder Untersuchungen von den Krankenkassen bezahlt werden.
Insofern besteht gegenüber diesen Leistungen nur ein geringes Interesse.

ƒ „Ich hatte zwei Fehlgeburten und habe anschließend häu¿ger Ultraschall-


untersuchungen machen lassen. Aber für die Kasse spielte das keine Rolle,
die zahlen nur eine bestimmte Anzahl, den Rest musste ich selbst über-
nehmen.“
254 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Wenn es wirklich notwendig wäre, dann würde die Kasse das auch be-
zahlen.“

Aufgrund der hohen Kostensensibilität und der sehr begrenzten ¿nanziellen Mittel
des Milieus spielt das Spektrum der von gesetzlichen Kassen nur in Ausnahme-
fällen bezahlten alternativen Medizin und Heilmethoden kaum eine Rolle. Zudem
müssen für Konsum-Materialisten Medikamente im Sinne von „Reparatur“ schnell
und zuverlässig Symptome beseitigen. Ganzheitliche Heilmethoden, die z. B. eine
längere Behandlung beim Heilpraktiker erfordern, erachtet dieses Milieu als wenig
zielführend und zieht sie daher auch nicht in Erwägung.

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Grundsätzlich besteht hohes Vertrauen in die allgemeine Qualität der Versorgung.


Die Behandlungsmöglichkeiten, die der aktuelle Stand der Medizin in Deutschland
bietet, werden als sehr gut empfunden, auch wenn Vergleiche mit anderen Ge-
sundheitssystemen meist fehlen. Die Versorgung mit notwendigen Medikamenten
und moderner Apparatur stehe bei Bedarf zur Verfügung. Auch sind Konsum-
Materialisten der Meinung, dass es für die meisten Krankheiten auch adäquate
Therapien gibt. Dieses Milieu hat hohes Vertrauen in die Fortschrittlichkeit der
Medizintechnik und in die Wirksamkeit der Medikamente.

ƒ „Da können wir uns hier schon ganz gücklich sein. Man kriegt praktisch
jede Krankheit in den Griff, zumindest fast jede.“
ƒ „Unsere Medizin ist schon sehr fortschrittlich.

Für den Notfall fühlt man sich ausreichend abgesichert. Eine schnelle Versorgung
beim Arzt oder – in schlimmeren Fällen – im Krankenhaus gilt als gewährleistet.
Die Ausstattung in den meisten Kranken häusern wird als modern und umfassend
empfunden und vermittelt ein hohes Maß an Sicherheit. Lediglich in Bezug auf die
Ausstattung mit ausreichend Personal wird Kritik geäußert. Konsum-Materialisten
haben schlechte Erfahrungen mit gestressten Krankenschwestern und PÀegern
sowie schlechter persönlicher Betreuung als Patient gemacht.
Harte Kritik wird an der derzeitigen Zusammenstreichung des Leistungs-
katalogs und an den zunehmenden Zuzahlungen geübt. Zwar ist das Vertrauen
in die Qualität der eigenen Versorgung dadurch noch nicht vollends untergraben,
aber viele Konsum-Materialisten fühlen sich gegenüber Privatpatienten benach-
teiligt und verzeichnen eine signi¿kanten Rückgang von Leistungen, die durch die
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 255

gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Dazu gehört, dass bestimmte


Medikamente nicht mehr verschrieben, Krankengymnastik und Massagen we-
sentlich seltener verordnet und teilweise auch bestimmte Behandlungsmethoden
und Untersuchungen ver wehrt werden. Die Zuzahlungen werden ebenfalls als eine
Belastung empfunden, die dieses ¿nanzschwache Milieu härter trifft als andere.
Die Praxis- und Rezeptgebühren gelten dabei als besonders schmerzlicher Posten.

ƒ „Man bekommt immer weniger. Massagen, Salben, Hustenmittel muss


man jetzt alles selbst zahlen. Das wird immer schlechter.“
ƒ „Ich frage mich schon, warum ich noch krankenversichert bin, ich muss
eh immer was dazu zahlen oder die Kosten für manches ganz tragen.“

Zudem konstatieren Konsum-Materialisten, dass sich Ärzte für sie nicht mehr
genug Zeit nehmen (können). Die Konsultation mutiere immer stärker zu ei-
nem „Durchschleusen“, und der Arzt greife zunehmend auf „Standardtherapien“
zurück, ohne sich mit der individuellen Situation des Patienten auseinanderzuset-
zen. Auch werden lange und längere Wartezeiten bei Fachärzten wahrgenommen,
wobei dies von manchen Konsum-Materialisten jedoch als „Qualitätsindiz“ für
einen guten Arzt gewertet wird.

ƒ „Der guckt einen kurz an, fragt ‚was haben sie ?‘ und verschreibt dann
einfach irgendwas. Fertig. Dass er einen mal richtig untersucht und sich
etwas überlegt, was für einen das Beste ist, gibt es nicht mehr.“
ƒ „Ich muss schon häu¿g lange warten; aber wenn gar keiner im Wartezim-
mer wäre, dann hätte ich auch nicht das Gefühl, dass ich da gut aufgehoben
bin.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Das Gesundheitssystem ist für Konsum-Materialisten ein sehr abstrak tes Kon-
strukt. Zusammenhänge und strukturelle Interdependenzen werden kaum erkannt
oder differenziert bewertet. Grundsätzlich argwöhnen Konsum-Materialisten aber,
dass Geld an der falschen Stelle ausgegeben wird und deshalb die Versorgung
leidet.
Das Prinzip der Finanzierung der Kassen bleibt nebulös. Man betrachtet
zumindest die gesetzlichen Krankenkassen als ein staatlich ¿nanziertes Modell,
nicht als eines, das sich selbst aus Beiträgen der Mitglieder trägt. Zwischen Steuer-
abgaben und weiteren Lohnneben kosten (z. B. Krankenkassenbeiträgen) wird
256 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

kaum unterschieden, bzw. es wird davon ausgegangen, dass der Staat bei Bedarf
ohnehin Steuer mittel zuschießt.
Dies ist gepaart mit einer kritischen Haltung gegenüber der Politik im All-
gemeinen. Konsum-Materialisten fühlen sich als benachteiligte Randgruppe,
die keine Lobby in Berlin hat und unter Reformen am stärksten leidet. Der Re-
formbegriff ist in diesem Milieu höchst negativ besetzt. Er wird mit Kürzungen,
Leistungsverweigerungen, Belastungen assoziiert. Ein persönlicher Bedarf an
Reformen wird kaum gesehen. Nach dem Motto „Lieber den Spatz in der Hand
als die Taube auf dem Dach“ begnügt man sich mit dem Status quo und fürchtet
sich vor Veränderungen.

ƒ „Wir können ja doch nichts machen, es wird einfach überall gekürzt, das
ist bei der Gesundheit genauso.“
ƒ „Eigentlich ist es ja im Moment ganz in Ordnung. Wenn sie wieder Re-
formen machen, wird es am Ende nur schlimmer.“

Konsum-Materialisten weisen aber auch Krankenkassen und der Pharmaindus-


trie die Schuld an der sich verschlechternden Situation zu. Die Krankenkassen
verschwendeten unnötig Geld für Bürokratie und Verwaltung, die Pharmaindus-
trie bereichere sich durch überhöhte Preise und verdiene dadurch Milliarden auf
Kosten der Krankenversicherten. Diese schwerwiegenden Missstände gelten als
unauÀösliches Dilemma, da beiden Akteuren ein großer EinÀuss auf die Politik
zugeschrieben wird und Änderungen daher kaum zu erwarten sind.

ƒ „Die Leute in den Chefetagen machen sich die Taschen voll und die Phar-
ma¿rmen machen Milliardengewinne. Und die kleinen Leute bezahlen am
Ende und kriegen weniger Leistungen.“
ƒ „Die Kassen und Pharmakonzerne und Politiker stecken doch alle unter
einer Decke. Die werden sich ja nicht gegenseitig bekämpfen.“

In Bezug auf den Stellenwert von Eigenverantwortung nehmen Konsum-Materia-


listen eine paradoxe Haltung ein. Zum einen kritisieren sie Patienten, die wegen
jeder Kleinigkeit den Arzt aufsuchen und somit die Kassen in unnötigem Maße
belasten, zum anderen möchten sie selbst möglichst keinerlei Einschränkungen bei
der Wahl des Arztes erfahren. Die Notwendigkeit von eigenverantwortlicherem
Verhalten wird daher zwar prinzipiell gesehen, die praktische Umsetzung aber
verweigert.
Dies korrespondiert mit dem grundsätzlichen Dilemma der Konsum-Mate-
rialisten: Dem kaum aufzulösenden Widerspruch zwischen dem Wunsch, selber
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 257

zu entscheiden, nicht alles „diktiert“ zu bekommen, und der aus ihrer sozialen
und materiellen Situation heraus entwickelten Lebensstrategie, Verantwortung
und Versorgung zu delegieren.
Aspekte von Vorsorge und gesundheitsbewusstem Verhalten ¿nden nur über
materielle Anreize Eingang in die Lebenswelt von Konsum-Materialisten. Sie
betrachten dies auch als „faire Lösung“, da durch gesundheitsbewusstes Verhalten
der Patienten die Kassen Geld sparen und dann an richtiger Stelle wieder ausgeben
können. Es ist ihnen also weder ein grundsätzliches Bedürfnis, noch können sie
sich aus reiner Einsicht zu einer gesundheitsbewussten Lebensführung durchrin-
gen; die inneren und äußeren Barrieren, die überwunden werden müssen, sind
hoch, und ¿nanzielle Anreize scheinen derzeit der einzig gangbare und erfolgs-
versprechende Weg zu sein.

ƒ „Wenn man einen Anreiz hätte, wäre es schon interessant. Z. B. ein nettes
Geschenk oder einfach niedrigere Beiträge oder eine Vergütung.“

Chancengerechtigkeit

Konsum-Materialisten üben heftige Kritik an der sich verschärfenden Ungerech-


tigkeit des Systems. Sie identi¿ zieren sich mit der Rolle als Patienten zweiter
Klasse und bemängeln die Bevorzugung nicht nur von Privatpatienten, sondern
auch von Patienten, die sie einer höheren gesellschaftlichen Schicht als ihrer eige-
nen zuordnen.
In diesem Zusammenhang werden zunächst die längeren Wartezeiten erwähnt,
und dies sowohl in Bezug auf Terminvergabe wie im Wartezimmer. Auch stößt
negativ auf, dass Ärzte sich für Privat patienten mehr Zeit nehmen, sich intensiver
mit ihnen auseinandersetzen und sie respektvoller behandeln. Aber der gravie-
rendste Vorwurf besteht darin, dass zunehmend nur derjenige, der über die nötigen
¿nanziellen Mittel verfügt, auch wirklich optimal versorgt wird und dadurch eine
ungleich höhere Chance auf Gesundung erhält.

ƒ „Für Privatpatienten ist immer mehr Zeit. Die müssen auch nie so lange
warten. Die werden ganz anders behandelt.“
ƒ „Wer sich viel leisten kann, der kann sich auch Gesundheit leisten – wer
kein Geld hat, bleibt krank, weil er sich sein Gesundwerden nicht leisten
kann.“
258 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Zudem verstärkt sich bei Konsum-Materialisten der Eindruck, immer nur die
günstigsten Medikamente verschrieben zu bekommen, unabhängig von der indi-
viduellen Verträglichkeit. Auch die eingeschränkte Auswahl an Behandlungs-
möglichkeiten wird kritisiert, da es häu¿g andere und bessere Therapien gibt,
die allerdings nicht von der Kasse übernommen werden. Konsum-Materialisten
gehen davon aus, dass zunächst die Reichen von den Fortschritten der Medizin
pro¿tieren, und erst danach die Ärmeren.
Zudem befürchtet man, dass diese Schere noch weiter auseinandergeht und
hauptsächlich die Kassenpatienten von weiteren Leistungskürzungen betroffen
sein werden, nicht die Privatpatienten.

ƒ „Es wird doch immer weiter gespart, für die kleinen Leute ist doch immer
weniger Geld da. Dann wird hier gekürzt und da gekürzt. So ist das doch
immer.“

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Konsum-Materialisten erwarten von einem künftigen Gesundheitssystem vor


allem, dass es keine weiteren Verschlechterungen der bestehenden Versorgung
gibt. Durch den demogra¿schen Wandel und die damit verbundenen Probleme
stehen laut Konsum-Materialistischem Milieu die Chancen dafür aber nicht gut.
Grundsätzlich haben Konsum-Materialisten hohe Erwar tungen an den Leis-
tungskatalog eines Gesundheitssystems – ganz gleich ob derzeitig oder zukünftig.
Gedanken zur Finanzierbarkeit werden sich dabei nicht gemacht, sondern „an die
in der Politik“ delegiert. Oben auf der To-do-Liste steht, dass die neuesten und bes-
ten Behandlungsmethoden allen Patienten zugute kommen sollen und eine Rund-
um-Versorgung mit allen medizinisch notwendigen bzw. erfolg versprechenden
Leistungen zu garantieren ist. Lediglich kosmetische Eingriffe werden als unnötig
bzw. persönliche Angelegenheit gesehen, für die jeder selbst verantwortlich ist.

ƒ „Man sollte einfach alles bekommen, was notwendig und das Beste für
einen ist.“
ƒ „Jeder sollte alle Möglichkeiten bekommen können, die nötig sind.“
ƒ „Wenn es für eine Krankheit eine Therapie gibt, dann muss die dem Pa-
tienten auch bezahlt werden.“
ƒ „Wenn da einer kommt und straffere Haut haben möchte, dann soll er
dafür gefälligst selber zahlen.“
SINUS B3: „Konsum-Materialisten“ 259

Sehr stark ausgeprägt ist bei Konsum-Materialisten das Bedürfnis nach mehr Ge-
rechtigkeit im Gesundheitssystem, nach einem Standard, der für alle Menschen gilt.

ƒ „Jeder muss die Chance haben, die bestmögliche Behandlung zu bekom-


men. Es kann doch nicht angehen, dass das nur Reiche bekommen und
die anderen kriegen nur die zweite Klasse.“

Auch die Verringerung bzw. der Abbau von Bürokratie sowohl bei den Kranken-
kassen als auch in Krankenhäusern und Arztpraxen wird eingefordert. An vielen
Stellen haben Konsum-Materialisten die Erfah rung gemacht, dass Prozesse sehr
kompliziert und personalintensiv ablaufen (z. B. Antragstellung auf Leistungen,
Aufnahme von personenbezogenen Daten, Formulare etc.). Dies bindet Ressourcen,
die besser verwendet werden könnten.
Viele Konsum-Materialisten fordern zudem, dass Zuzahlungen und Praxis-
gebühren wieder rückgängig gemacht werden, da sie eine unverhältnismäßige
Belastung der ärmeren Bevölkerung darstellen.
Grundsätzlich möchten Konsum-Materialisten ein Anreiz-System installiert
sehen, um gesundheitsbewusstes Verhalten zu belohnen. Dazu gehören Beitrags-
rückzahlungen oder Vergünstigungen bei Inanspruch nahme von Vorsorgeleistun-
gen oder Aufgabe von gesundheitsschädlichem Verhalten wie auch die ¿nanzielle
Unterstützung bei sportlichen Aktivitäten in Sportvereinen oder Fitness-Studios.

ƒ „Es wäre auf jeden Fall gut, wenn man für gesundes Verhalten auch be-
lohnt wird. Das wär fair. Wenn einer glaubt, die ganze Zeit auf seine
Gesundheit pfeifen zu können, dann hat er halt Pech gehabt.“
HEDONISTISCHE MILIEUS

SINUS C2: „Experimentalisten“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus C2 „Experimentalisten“


Lebenssituation x Gut die Hälfte ist (noch) ledig, entsprechend auch viele
Single-Haushalte
x Viele Milieuangehörige leben noch im elterlichen Haushalt
Bildung x Gehobene Bildungsabschlüsse (mittlere Reife, Abitur)
x Ein Viertel der Milieuangehörigen ist noch in Ausbildung
(Schüler, Studenten, Azubis)
Beruf x Unter den Berufstätigen ¿nden sich häu¿g einfache bis quali¿zierte
Angestellte, kleinere Selbständige und FreiberuÀer
x Aber auch Arbeiter sind wie im Durchschnitt der Bevölkerung
vertreten (Jobber)
Einkommen x 11 % haben (noch) kein eigenes Einkommen; 35 % verfügen nur
über ein persönliches Nettoeinkommen von weniger als 750 Euro
(Gesamt: 24 %)*
x Auch die Haushaltsnettoeinkommen liegen unter dem Gesamt-
mittel
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.029 Euro
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Experimentalisten sind locker, tolerant und offen gegenüber anderen Lebens-
formen und Kulturen. Individualismus, ungehinderte Spontaneität, Experimen-
tierfreude und die Suche nach Grenzerfahrungen sind der Rahmen, in dem sie ihre
Gefühle und Sehnsüchte ausleben.
Damit gehen sehr ich-bezogene Lebensstrategien einher: möglichst ohne
einschränkende VerpÀichtungen, unkonventionell, ohne einengende Normen, je-
weils der aktuellen Be¿ndlichkeit folgend. Nach einer Phase der Verunsicherung
durch die wirtschaftliche Krise nehmen sie erneut Fahrt auf, wollen sich wieder un-
gehindert spontan entfalten, intensiv leben, aussteigen, vielleicht sogar auswandern.
Der Lebensstil der Experimentalisten ist non-konformistisch, sie lieben Pro-
vokationen und sehen sich als Lifestyle-Avantgarde. Erfolg, Status und Karriere
262 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

standen nie im Fokus, auch wenn sie in den letzten Jahren phasenweise wich-
tiger wurden. Materielle Einbußen und weniger Job-Chancen haben die ¿ nan-
zielle Situation des Milieus beeinträchtigt. Diesen Realitätsschock haben viele
Experimentalisten inzwischen jedoch verdrängt. Milieutypischer Optimismus,
Vitalität und Kreativität lassen sie wieder Neues erproben.
Die Experimentalisten sind Multimedia-Kinder. Intensiv nutzen sie alle ein-
schlägigen Angebote und gehören zu den Early Adoptern aller kom munikativen
Neuerungen. Gleichzeitig interessieren sie sich für Musik, Kunst und Kultur, für
entsprechende Filme und Bücher, für exotische Szenen, Welten und Kulturen.
Auf der sozialhierarchischen Lagedimension hat das Milieu der Experimen-
talisten seinen Schwerpunkt in der unteren Mitte. Hinsichtlich des Bildungsstandes
nimmt es eine gehobene Position ein, das Ein kom mensniveau in dieser jungen
Lebenswelt, in der viele noch in Ausbildung sind, liegt unter dem Durchschnitt.

Altersaufbau des Sinus-Milieus C2 „Experimentalisten“

Die Experimentalisten gehören zusammen mit den Modernen Perfor mern, zu


den jüngsten Milieus in Deutschland. Der Altersschwer punkt liegt deutlich unter
40 Jahren. Zwei Drittel der Milieuangehörigen sind unter 40. Der Alters-Median
liegt bei 34 Jahren.

Bedeutung von Gesundheit

Gesundheit bedeutet für dieses extrem mobile und experimentierfreudige Milieu


zuallererst Lebensqualität, denn Lebensqualität de¿niert sich für sie über die Mög-
lichkeit, alles tun zu können, was sie möchten, und in ihrer Lebensweise nicht
eingeschränkt zu sein. Im Umkehrschluss wird „Krankheit“ auch mit „gehandicapt
sein“ gleichgesetzt, mit dem Verlust von allem, was das Leben lebenswert macht.
SINUS C2: „Experimentalisten“ 263

ƒ „Gesundheit ist Lebensqualität. Krankheit hemmt einen, ja fesselt einen.“


ƒ „Gesundheit heißt Wohlfühlen. Keine Schmerzen, keine defekte Körper-
funktionen. Wenn man krank ist und leiden oder in seinem Bett liegen
muss, da kann man sein Leben eigentlich vergessen.“

Das physische Wohlbe¿nden kommt in der gesundheitlichen Prioritätenskala somit


an erster Stelle, aber auch die „geistige Gesundheit“ wird von vielen Experimenta-
listen als sehr wichtig erachtet, wobei sie unter geistigem Wohlbe¿nden Stimulation,
Offenheit und Ausgleich verstehen, wie auch eine positive Ausstrahlung, Energie
und Übereinstimmung mit persönlichen Vorstellungen im Leben. Geistige Krank-
heiten werden häu¿g als hoch beängstigend empfunden, da sie sich nicht wie viele
körperlichen Leiden „auf Knopfdruck“, d. h. schnell und ef¿zient, beheben lassen.

ƒ „Was mir sofort in den Kopf schießt, ist geistige Gesundheit. Ich glaube,
dass man über den Geist sehr viel regeln kann, auch Gesundheit. Wenn
man sich psychisch wohlfühlt, ist man ausgeglichen, hat Energie, wird
weniger krank.“
ƒ „Geistige Krankheiten (Depressionen oder Schizophrenie zum Beispiel)
sind wirklich ernsthafte, langfristige Krankheiten, die einschränken, die
Angst machen.“

Die Experimentalisten sind jedoch ein relativ junges Milieu; daher wurden viele
von ihnen bislang noch nicht mit schwereren Erkran kungen konfrontiert, und eine
intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „Gesundheit“ konnte so häu¿g
noch umgangen werden. Insgesamt beurteilen Experimentalisten ihren Gesund-
heitszustand dann auch als gut. Krankheit und Beschwerden werden mit dem
Älter werden assoziiert, eine Lebensphase, die von der ihren noch sehr weit entfernt
scheint. Für einige hat der intensive Lebensstil jedoch bereits gesundheitliche
Konsequenzen, und auch im Fall von verhaltensunabhängig auftretenden Erkran-
kungen wird die sonst gern gepÀegte Vogel-Strauß-Politik obsolet: Die Situation
zwingt zur ReÀexion (die dann auch durchaus statt¿ndet!), aber die Umsetzung von
als richtig erkannten Verhaltensweisen und -veränderungen hat einem schweren
Stand im Alltag. Manche ziehen die Veränderungen konsequent durch, aber bei
vielen scheitert es letztendlich doch an den persönlichen Lebensumständen und
der eigenen Unwilligkeit, auf Dinge zu verzichten.
264 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Auf seine Gesundheit sollte man schon Acht geben. Das ist doof, wenn
das ein Raucher erzählt und es ist ein Laster, das ich hasse, aber ich kann
darauf noch nicht verzichten.“
ƒ „Gesundheit beschäftigt mich nur deswegen, weil ich halt öfter mal Sachen
habe. Ich habe was mit dem Magen… eigentlich beschäftige ich mich
ungern damit, und ich kann mich auch noch nicht dazu durchringen, jetzt
anders zu leben oder meinen stressigen Job aufzugeben.“
ƒ „Ich habe gemerkt, dass ich mich seit 2, 3 Jahren vernachlässigt habe und
mehr Party gemacht habe mit Trinken und allem drum und dran. Da war
ich 5 bis 6 Mal im Jahr krank und habe mich gefragt, woher das kommt.
Jetzt mache ich Sport, und ich merke es schon, wenn ich morgens aufstehe,
dass ich früher aus dem Bett komme, nicht mehr so zerschlagen bin und
mehr Lebensenergie habe, gewisse Dinge auch anzupacken.“

Ein „gesundes Leben“ wird von vielen Experimentalisten auf die Zukunft ver-
schoben, für das Heute zählt Abwechslung und Intensität; Selbsterfahrung und
das Ausleben von Bedürfnissen hat Priorität über Selbstschutz.

ƒ „Mit 30 möchte ich so nicht mehr leben, aber mit 24 ist das in Ordnung.“

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Dieses bildungsstarke Milieu weiß durchaus um die Interdependenzen zwischen


persönlichen Verhaltensweisen und Gesundheit, versucht dies im Alltag aber auszu-
blenden. Prinzipiell sind Experimentalisten der Meinung, dass man zu einem erheb-
lichen Teil selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist. Durch gesunde Ernährung,
Sport, Vorsorge und eine positive mentale Einstellung kann jeder seine Gesundheit
beeinÀussen und etliche Krank heiten vermeiden bzw. seine Widerstandskräfte
stärken. Auch werden explizit Alkohol-, Tabak- und (speziell in diesem Milieu)
Drogenkonsum, ungesunde Ernährungsweisen, ungeschützter Geschlechtsverkehr
und „extremes“ Freizeitverhalten (Partys bis in die Morgenstunden, unregelmäßiger
Schlaf, Extremsportarten) als Faktoren benannt, die als „Raubbau“ an der eigenen
Gesundheit gesehen werden – und werden dennoch in der „jetzigen Phase des
Lebens“ von vielen betrieben und durchaus auch genossen.
SINUS C2: „Experimentalisten“ 265

ƒ „Ich rauche zu viel, viel Streß, zu wenig geregelter Tagesablauf, nicht


genug Schlaf, natürlich ist das nicht gesund.“
ƒ „Ich denke, dass viel auch soziokulturell und Erziehung ist und auch Eigen-
verantwortung. Es gibt immer irgend einen Sport, den man treiben kann.“
ƒ „Hab’ auch schon öfters gekifft, auch schon mal Extasy genommen. Das
ist bestimmt nicht gesund, macht aber Spaß.“
ƒ „Ich nehme Drogen so alle 2 Monate mal, auch wenn ich merke, dass das
den Körper sehr belastet. Man verdrängt die Folgen einfach …“
ƒ „Wenn jemand Krebs hat und Chemotherapie macht und geistig dabei ist
und nicht aufgegeben hat, der kann mehr bewirken als jemand, der schon
aufgegeben hat.“

Gleichzeitig identi¿zieren Experimentalisten eine Anzahl äußerer Faktoren, die


nicht vom Individuum beeinÀussbar sind und dennoch gravierende Auswirkun-
gen auf die Gesundheit haben. Hierzu gehören Stress im Job und unregelmäßi-
ge Arbeitszeiten, genetische Faktoren, Unfälle (die nicht im Zusammenhang mit
gefährlichen Freizeitaktivitäten stehen), Uninformiertheit und Unwissen aus bil-
dungstechnischen Gründen.

ƒ „Leute, die zu sehr gestresst sind, bekommen des öfteren Wehwehchen.“


ƒ „Man kann jetzt nicht sagen, dass Leute aus niederen Bildungsschichten
prinzipiell weniger gesund sein müssen. Aber ich denke, dass ein gewisser
Bildungsstand mit gewisser Reife schon dafür zuträglich ist, dass man
darauf achtet, wie es einem geht.“
ƒ „Na ja, wenn ich mir meinen Bruder mit seiner genetisch bedingten
Immunschwäche angucke… ich glaube nicht, dass er da was dafür kann.
Ich denke, dass es durchaus genetische Faktoren gibt.“

Experimentalisten verfügen im Grunde über eine realistische Einschätzung ge-


sundheitlicher EinÀussfaktoren und versuchen auch nicht, eigene Verantwortung
für die Vermeidung von gesundheitlichen Problemen zu negieren oder anderen
zuzuschieben. Man verdrängt sie stattdessen einfach bzw. vertagt sie auf später.

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Experimentalisten haben ein vergleichsweise geringes Informationsbedürfnis. Dies


mag daher rühren, dass man nicht auch noch mit (wissenschaftlichen) Belegen
für das eigene (Fehl-) Verhalten konfrontiert werden möchte bzw. wenig Interes-
266 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

se an Erkenntnissen über mögliche Krank heiten und deren Folgen hat. Solange
Experimentalisten nicht akut von gesundheitlichen Problemen betroffen sind, legen
sie kaum aktives Informationsverhalten an den Tag und konsumieren Informatio-
nen eher „en passant“ in Tageszeitungen oder Zeitschriften.
Sollte doch gezielt nach Informationen gesucht werden, so bedient man sich
vorzugsweise des Internets. Allerdings achten Experimentalisten dabei auf seriöse
Inhalte.
Anschreiben der Krankenkassen landen meist ungelesen im Papierkorb, Apo-
theken-Zeitschriften oder Ratgebersendungen im Fernsehen stoßen auf großes Des-
interesse und zuweilen auch strikte Ablehnung, da entweder „Massenverdummung“
oder aber interessensabhängige Information unterstellt wird.
Ärzte und Apotheker gelten für die meisten Experimentalisten prinzipiell
als „Fachleute“ und damit als nützliche Informationsquellen; allerdings wird bei
diesen eine unterschiedliche Ausprägung von Kompetenz wahrgenommen. Zudem
konsultiert man Ärzte wirklich nur dann, wenn der Leidensdruck so groß ist, dass
sich ein Arztbesuch nicht mehr vermeiden lässt.

ƒ „Ich kümmere mich eigentlich gar nicht um das Thema, schnappe nur
manchmal zufällig etwas in der Tageszeitung auf.“
ƒ „Ich würde nie die Apotheken-Umschau lesen oder Ratgeber im Unter-
schichtenfernsehen bei RTL II ansehen.“
ƒ „… gilt für die Apotheken-Umschau; wer sich wie bezahlen lässt für die
kleinen Sonderberichte, die eigentlich redaktionell bestimmt sind, obwohl
sie natürlich trotzdem gesponsert sind, was aber nicht erkennbar ist. Böse.
Das ¿nde ich ¿es.“
SINUS C2: „Experimentalisten“ 267
268 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Experimentalisten wissen um vielfältige Wege der persön lichen Gesundheits-


vorsorge, aber nur ein geringer Teil des Milieus setzt dieses Wissen auch stringent
in die Tat um. Mehrheitlich dominiert ein anderes Verhaltensmuster: Zunächst wird
exzessiv und lustbetont einem „ungesunden Leben“ gefrönt (feiern, rauchen, kiffen,
trinken) und danach versucht man, den „Schaden“ durch kurzfristige, manchmal
radikale Maßnahmen wieder „auszugleichen“.

ƒ „Ich habe viele Zipperleins, gehe auch nicht immer sehr pÀeglich mit mir
um. Ich habe so zwei Seiten. Mal mache ich Wellness und mal gehe ich
ein bisschen zu viel feiern. Das muss ich dann wieder ausgleichen, was
ich da an Zerstörung an mir anrichte.“
ƒ „Das Fasten wird von Jahr zu Jahr etwas mehr, so 7–8 Tage, wo ich dann
komplett nichts esse. Das ¿ nde ich schon ganz cool. Wenn man das ge-
macht hat, ist man ja so komplett raus aus allem, keine Feiern, man kon-
zentriert sich voll auf seinen Körper und da fängt man erst wieder an,
gesund zu leben.“
SINUS C2: „Experimentalisten“ 269

Explizit genannte Möglichkeiten zum Ausgleich schädlicher Verhaltensweisen


und zur Gesundheitsvorsorge sind für Experimentalisten eine gesunde Ernährung
und sportliche Betätigung. Alternierend zum (Alltags-) Kantinen- oder Fast-Food-
Essen werden Lebensmittel auf dem Wochenmarkt eingekauft oder Bioprodukte im
Supermarkt erstanden. Allerdings müssen diese Nahrungsmittel nicht nur gesund,
sondern auch geschmacklich anregend sein. Experimentalisten distanzieren sich
innerlich von jeglicher „moralischen VerpÀichtung“ oder gesellschaftlichem Druck
zu „politisch korrektem Verhalten“. Sie wissen selbst um den Wert von gesunder
Ernährung und möchten nicht von anderen dazu belehrt oder gedrängt werden.

ƒ „Ich ¿ nde, dass muss man selbst entscheiden. Bei Bio gibt es ein paar
Sachen, die schmecken einfach besser; es gibt auch Sachen, da ¿nde ich
es Geldrausschmeißerei. Die Biowelle nervt.“

Zudem verfügen Experimentalisten aufgrund ihrer Lebenssituation (häu¿g Stu-


denten oder in kreativen, aber nicht hoch dotierten Berufen) oft nicht über die
¿ nanziellen Mittel, ausschließlich höher preisige Lebensmittel zu erstehen. So
gönnen sie sich selektiv und situationsabhängig besondere „Genüsse“ und gleichen
dies durch Verzicht auf andere Dinge aus.

ƒ „Wenn man auf die Qualität der Produkte Wert legt, ist es wirklich teurer.
Man schmeckt ja auch den Unterschied, gerade auch bei Käse, ob man da
einen teuren oder billigen holt. Ich habe so meine Genussprodukte, wie
z. B. frische Erdbeeren, aber das schlägt dann so auf den Preis, dass es
für’s normale Essen dann nicht mehr reicht. Ich setzte meine Prioritäten
je nach Appetit.“

Auch werden häu¿g „äußere Umstände“ ins Feld geführt, wenn es um mangelhafte
Umsetzung von als richtig erkannten Verhaltensweisen geht. Dies betrifft nicht
nur das Essverhalten, sondern ganz speziell auch die beruÀiche Situation. Man
kann (und will) im Job nicht „kürzer treten“ (oder sich gar beruÀich umorientieren),
daher müssen auch hier negative EinÀüsse wie Stress durch andere Strategien
ausgeglichen werden.

ƒ „Ich würde gerne kochen, esse auch gerne lecker und gesund, auch gerne
leichte Sachen wie Fisch, aber ich besitze nur zwei Herdplatten in einer
total chaotischen WG.“
270 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Ich habe halt durch meinen stressigen Job Magenprobleme und Rücken-
probleme und muss deshalb oft zum Arzt gehen. Deswegen versuche ich
halt mich gut zu ernähren und auch Sport zu machen.“
ƒ „Stressabbau durch weniger Arbeiten ? Das kann ich nicht, da habe ich
ein schlechtes Gewissen. Ich habe auch Angst meinen Job zu verlieren,
wenn man zu viel fehlt.“

Sportliche Betätigung ¿ ndet bei Experimentalisten hohen Anklang sowohl als


Präventionsmaßnahme wie auch als Erlebnisfaktor. Abgesehen von den Grenzer-
fahrungen in Extremsportarten, die gesundheitlich eher ein zusätzliches Gefahren-
potenzial bergen, fördern Sportarten, wie Joggen, Radfahren oder Ballsportarten,
sowohl die Gesundheit wie auch das Körperbewusstsein und fungieren als Ventil
für den Alltagsstress. Aber auch im Sportbereich reagieren Experimentalisten sehr
sensibel und ablehnend auf gesellschaftliche „Mainstream-Trends“ und Kommer-
zialisierung. Und sie weisen auch selbstkritisch auf den „inneren Schweinehund“
hin, der ihr Bemühen um sportliche Betätigung immer wieder sabotiert.

ƒ „Aber mir gehen auch Leute im Fitness-Studio auf den Nerv, da würde ich
nie reingehen. Fitness ist für mich kein Sport und kann es auch niemals
ersetzen. Es gab immer Trends. Viel ist auch einfach Werbung, ein riesen
Markt, da verdienen ein Haufen Leute eine Menge Geld mit.“
ƒ „Und ich denke, dass jemand der viel Sport treibt, eine anderes Körper-
bewusstsein hat. Körpergefühl ist generell wichtig für die Gesundheit.“
ƒ „Ich müsste, würd’ auch Spaß machen, bin aber einfach zu faul.“

Experimentalisten schätzen und praktizieren „mentale“ Gesundheitsvorsorge, z. B.


in Form von Meditation (weniger im klassischen Verständnis der „Selbstüberwin-
dung“ als dem milieutypischen Wunsch nach erweiterten Erfahrungen folgend).
Es ist ihnen sehr wichtig, mit sich und ihrem Leben zufrieden zu sein. Für sie
fördert das Konzentrieren auf sich selbst und das Ausleben eigener Bedürfnisse
per se die Gesundheit; „Egozentrik“ ist somit Bestandteil der Gesundheitsvorsorge.

ƒ „Ich kann nur zufrieden sein, wenn ich mir genug Zeit für mich nehme
und genau das tue, wonach ich mich fühle.“
SINUS C2: „Experimentalisten“ 271

ƒ „Mit 15 habe ich mal so ein bisschen in den Buddhismus reingeschnup-


pert. Und das habe ich auch praktiziert, vielleicht weil es cool war. Aber
trotzdem habe ich dabei erfahren, wie gut das tatsächlich ist. Wenn ich
heute wirklich in diesen meditativen Zustand komme, dann ist es einfach
ein fantastisches Gefühl.“

Im Großen und Ganzen dominiert unter Experimentalisten die Einstellung, dass


man in Bezug auf Gesundheitsvorsorge nichts über treiben und sich nicht zu viele
Gedanken machen sollte. Für die Mehrheit gilt, im Hier und Heute zu leben und
sich nicht jeden Spaß zu nehmen. Vorsorge und Prävention sind in vielen Fällen
die Reak tion auf zutage getretene gesundheitliche Konsequenzen des eigenen
Lebensstils, und mit zunehmenden Alter erfordern zunehmende Beschwerden auch
von Experimentalisten eine erhöhte Aufmerksam keit und verstärkte Maßnahmen
zur Gesunderhaltung bzw. Schadensbegrenzung.

ƒ „Mit der eigenen Einstellung geht’s los. Man darf sich nicht zu viele Ge-
danken machen. Relax.“
ƒ „Man muss nicht übervorsichtig sein, man kann schon viel experimen-
tieren.“
ƒ „Da hatte ich einen Hörsturz und eine Magenschleimhautentzündung, die
dann chronisch wurde, und seitdem muss ich halt immer mehr auf mich
achten und da ist es auch mit dem Rauchen immer weniger geworden.
Wenn man halt so Sachen hat, fängt man mehr an, darauf zu achten.“
ƒ „Je mehr ich mich um mich kümmere, desto besser geht es mir auch. Das
war mir früher nicht wichtig, da war ich jung und es war mir egal. Inzwi-
schen ist es mir nicht mehr egal.“

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Experimentalisten gehen sehr ungern und auch nur dann zum Arzt, wenn es sich
nicht länger hinausschieben lässt, weil sich eine Erkran kung als schwerwiegend
und nicht selbst behandelbar herausstellt – oder aber schnelle Abhilfe aus be-
ruÀichen Gründen angezeigt ist bzw. eine of¿zielle Krankschreibung benötigt
wird. Diese Zögerlichkeit, einen Arzt aufzusuchen, speist sich aus verschiedenen
Quellen. Einerseits sind Experimentalisten im Schnitt recht jung; viele der sie
betreffenden Krankheiten können tatsächlich undramatisch selbst kuriert werden,
und Experimentalisten haben oft vielfältige eigene Strategien bei Beschwerden.
Andererseits spielen auch tiefsitzende Befürchtungen vor der möglichen Diagnose
272 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

(mit unangenehmen und unerwünschten Folgen für ihren Lebensstil) eine nicht
unwesentliche Rolle. Zudem pÀegen Experimentalisten eine kritische Distanz
zu Ärzten. Sie erkennen in vielen durchaus den „Fachmann“, den Experten an,
sehen aber auch so manchen nur mäßig kompetenten Vertreter dieser Zunft und
unterstellen in einigen Fällen unumwunden Scharlatanerie.

ƒ „Ich gehe nur zum Arzt, wenn etwas chronisch oder lebensbedrohlich
wird.“
ƒ „Ich gehe wahnsinnig ungern zum Arzt. Die können oft gar nicht richtig
helfen, das hätte ich auch allein gekonnt.“
ƒ „Man sollte Ärzten differenziert gegenüberstehen und nicht alles blind
glauben, was sie sagen. Die machen auch Fehler.“

Die Empfehlung von Freunden hat großes Gewicht bei der Arztwahl, ansonsten
pÀegen Experimentalisten das „Trial-and-Error“-Prinzip. Grundsätzlich suchen
Experimentalisten einen Arzt, zu dem sie Vertrauen haben können, der sie ernst-
nimmt und mit dem sie gegenseitiger Respekt verbindet. Sie möchten weder belehrt
noch „betüddelt“ werden. Ein „guter“ Arzt muss kompetent sein und einen guten
Ruf haben, er sollte zudem freundlich sein, sich Zeit nehmen, den „ganzen Körper“
sehen, die individuellen Probleme verstehen und gemeinsam mit dem Patienten
eine Lösung ¿nden. Gerade der Kommunikation kommt dabei eine Schlüsselrolle
zu: Experimentalisten haben oft das Gefühl, dass der Arzt ihnen nicht richtig zu-
hört und Lösungen oktroyiert, die sie weder als angemessen noch als erwünscht
betrachten. So stellt denn auch bei vielen Experimentalisten der Hausarzt die
bevorzugte Anlaufstelle dar, weil dieser ihnen am ehesten das Gefühl vermittelt,
nicht nur „einen Job zu machen und den Patienten möglichst schnell abzuhaken“.
Was nicht bedeutet, dass sie von Hausärzten nicht auch ganz selbstverständlich
hohe fachliche Quali¿kation und innovative Methoden erwarten. Wie in vielen
anderen Bereichen, sind Experimentalisten in gesund heitlichen Belangen sehr
Technik-af¿n, aber sie fordern ebenso ganzheitliche Herangehensweisen und in-
terdisziplinäres Know-how.

ƒ „Das perfekte Verhältnis ist schwierig in der heutigen Zeit. Ich glaube,
dass viele Ärzte unter einem unglaublichen Stress stehen. Aber einfach
ernstgenommen zu werden ist schon wichtig. Das ist eigentlich das Wich-
tigste. Ein Vertrauensverhältnis und Respekt.“
ƒ „Ich ¿nde Ärzte eigentlich ziemlich erschreckend. Die hören einem nie zu.
Ich habe immer das Gefühl, die wollen einen schnell wieder loswerden.“
SINUS C2: „Experimentalisten“ 273

ƒ „Viele Ärzte versuchen, einen eher abzufertigen und nicht gründlich drü-
ber nachzudenken. Es gibt aber auch andere Ärzte, die sich wirklich Ge-
danken machen, auch mit neuen Methoden arbeiten und weites Wissen in
verschiedenen Bereichen haben.“

Experimentalisten haben dabei durchaus Verständnis für die sehr anstrengende


Situation von so manchem Arzt. Sie konstatieren allerdings auch hier einen Un-
terschied zwischen engagierten Medizinern, die unterschiedslos für alle Patienten
gleichermaßen und mit Zeit zur Verfügung stehen und sich dabei fast aufreiben,
und solchen, die durch schnelles Durchschleusen und ohne größeres Involvement
ihr Geld machen.

ƒ „Mein Arzt ist ein Mensch, der keine Termine macht, für niemanden.
Man geht da hin und die Patienten werden nach Dringlichkeit behandelt.
Bei ihm sieht man halt, wie voll so ein Wartezimmer ist, und er ist schon
jemand, der sich gegenüber Kindern auch mehr Zeit nimmt und auch älte-
ren Leuten. Aber man sieht ihn unglaublich gestresst durch die Gegend
rennen, weil ihm die Arbeit über den Kopf wächst. Der hat mal locker
seinen 12-Stunden-Tag, und das jeden Tag. Und Termine und Hausbesuche
macht er nur samstags, zusätzlich. Als Landarzt, wo die meisten Ärzte
weggezogen sind und man ein riesen Einzugsgebiet hat, ist es schwierig.“

Einnahme von Medikamenten

Experimentalisten sind hochaktiv in der Selbstmedikation. Falls es sich bei ihren


Beschwerden nicht um gravierende gesundheitliche Beeinträchtigungen handelt,
spielen sie deren Bedeutung herunter und behandeln ihre „Wehwehchen“ mit OTC-
Produkten. Schmerzmittel, Erkältungsmittel, allergiehemmende Mittel, aber auch
Naturheilmittel werden bei Bedarf in Eigenregie genommen. Experimentalisten
zeigen keine spezielle Vorliebe für eine bestimmte medizinische „Schule“; erlaubt
ist, was (schnell) hilft – und nicht die ¿nanziellen Möglichkeiten übersteigt bzw.
zu sehr belastet. Von aufwendigeren oder teureren (aber medizinisch notwendigen)
Therapien erwarten Experimentalisten, dass sie von ihrer Krankenkasse über-
nommen werden; dafür geht man dann auch zum Arzt, um ein entsprechendes
Rezept zu erhalten.
274 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

ƒ „Ich hatte bisher selten so Schwierigkeiten gehabt, dass ich zum Arzt
gehen musste. Bei Kleinigkeiten gehe ich nicht, weil ich mich selber medi-
kamentieren kann.“

Experimentalisten kaufen selten Nahrungsergänzungsmittel; ihren häu¿g prak-


tizierten ungesunden Ernährungsstil versuchen sie lieber durch zeitweise „ge-
sunde Ernährung“ mit Bio- oder anderen qualitativ hochwertigen Lebensmitteln
auszugleichen.

ƒ „Statt Vitaminpräparate esse ich lieber frisches Obst und Gemüse.“

Die Compliance mit ärztlichen Anweisungen bei der Medikamenteneinnahme


ist stärker ausgeprägt als die Compliance mit Anweisungen, die das allgemeine
Gesundheitsverhalten betreffen: In akuten Krankheitsfällen wird zumindest bis
zum Abklingen der Beschwerden das verordnete Präparat (mehr oder weniger)
regel mäßig eingenommen, während Prophylaxemaßnahmen wie Rückenschule
oder Aufgabe bestimmter Verhaltensweisen doch eher der eigenen Beurteilung
unterstellt werden.

ƒ „Im Umgang mit Medikamenten würde ich wahrscheinlich die Anwei-


sungen des Arztes befolgen. Ansonsten würde ich mich eventuell an die
Anweisungen eines Arztes halten.“
ƒ „Jeder weiß selbst, was für ihn am besten ist.“

Vorsorgeuntersuchungen

Experimentalisten nehmen im Milieuvergleich am seltensten an Vorsorgeunter-


suchungen teil, wobei die weiblichen Milieuangehörigen noch deutlich häu¿ger von
diesen Angeboten Gebrauch machen als ihre männlichen Pendants. Da viele Expe-
rimentalisten vorzugsweise wenig Gedanken an zukünftige Gesundheit und mög-
liche Krankheiten verschwenden bzw. dieses Thema erfolgreich verdrängen, sind
Vorsorgeuntersuchungen etwas, mit dem man sich laut eigener Aussage vielleicht
in zehn Jahren beschäftigen wird. Dabei ist es nicht so, dass Experimentalisten
nicht die Wichtigkeit und Richtigkeit von diesen Untersuchungen anerkennen, sie
haben lediglich in ihrem derzeitigen Leben noch keine Relevanz und keinen Raum.
SINUS C2: „Experimentalisten“ 275

ƒ „Wenn ich vierzig bin, kann und werde ich darüber nachdenken.“

Ändern könnte (und würde) sich diese Einstellung, wenn im engeren Familien-
oder Freundeskreis entsprechende Krankheiten auftreten oder man bei sich selbst
Symptome feststellen würde. Experimentalisten sind auch der Meinung, dass
Vorsorgeuntersuchungen von den Krankenkassen besser kommuniziert werden
müssten. Sie schlagen Kampagnen vor, die mehr auf junge Leute zugeschnitten
sein sollten, um deren Aufmerksamkeit zu erlangen und zum Mitmachen anzu-
regen. Hier würden sich Plakate und Spots mehr anbieten als Postsendungen, da
erstere von Experimentalisten stärker wahrgenommen werden – und nicht wie die
Krankenkassenzeitschriften gleich im Abfall verschwinden.

ƒ „Ich fühle mich ¿t und gesund, da hatte ich bislang noch kein Interesse
an Vorsorgeuntersuchungen. Aber falls ich das mitkriegen würde, dass
einer meiner Freunde… das würde mich doch zum Nachdenken anregen.“
ƒ „Die meisten Leute – wenn die so wie ich ticken – werden es erst dann
einsehen, wenn sie halt dann Zipperleins haben, um die sie sich kümmern
müssen, wenn der Körper es von einem verlangt.“
ƒ „Sie (die Krankenkassen) sollten Anzeigen im Fernsehen schalten. Pla-
kate.“

Ein weiterer Grund für die Unterlassung von Untersuchungen ist die generelle
Unlust, einen Arzt aufzusuchen. Nicht nur hat der Besuch beim Arzt keinen „Fun-
faktor“, man fürchtet auch unterschwellig die Konfrontation mit unangenehmen
Wahrheiten und Konsequenzen.

ƒ „Man muss ja, wenn man über 30 ist, eigentlich zur Krebsvorsorge. Das
schiebe ich schon die ganze Zeit vor mich her, weil ich keine Lust habe,
da auch noch hinzugehen. Wer weiß, was der dann wieder ¿ndet.“

Nur der Zahnarzt wird von Experimentalisten regelmäßig aufgesucht. Dies mag
in vielen Fällen nicht unbedingt und direkt einer gewissen Eitelkeit geschuldet
sein, aber die richtige Selbstdarstellung (jung, unangepasst, in Form, mit sich im
Reinen) lässt sich eben einfacher erzielen, wenn man auch sorglos „seine Zähne
zeigen kann“. Zudem spielt der ¿nanzielle Aspekt eine nicht zu unterschätzende
Rolle: Wenn das Bonus-Heft nicht gut geführt ist, bedeutet es erhebliche Mehr-
kosten bei zahnärztlichen Leistungen, die man – im Gegensatz zu so mancher
276 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

anderer ärztlichen Behandlung oder Prophylaxemaßnahme – tatsächlich in An-


spruch nehmen möchte.

ƒ „Die Zähne sind mir wichtig, auch aus ästhetischen Gründen. Und Zahn-
schmerzen sind echt der Horror.“

Zweiter Gesundheitsmarkt

Jenseits der Selbstmedikation mit OTC-Produkten nehmen Experi mentalisten


eher selten Angebote des sogenannten Zweiten Gesundheitsmarktes in Anspruch.
Dafür lassen sich unterschiedliche Gründe ins Feld führen: Zum einen werden die
Leistungen nicht (oder nur sehr eingeschränkt) von den gesetzlichen Krankenkas-
sen über nom men. Damit ist die Finanzierbarkeit für Experimentalisten eine hohe
Hürde, die sie mangels ausgeprägten Interesses nicht über winden (möchten). Zum
anderen ist die regelmäßige Teilnahme an Angeboten (beispielsweise Rückenschu-
len, Muskelrelaxation, Stressbewältigung, Bewegungstherapien) sehr zeitintensiv
und verlangt auch Disziplin und Kontinuität. Dies ist mit der Lebensweise von
Experimentalisten häu¿g schlecht kompatibel. Verordnete, von der Kran ken kasse
übernommene Leistungen wie Reha-Maßnah men nach Bandscheibenvorfall, Un-
fällen oder bei berufsbedingten Haltungsschäden werden zwar begrüßt, aber in
vielen Fällen nicht konsequent durchgeführt.
SINUS C2: „Experimentalisten“ 277

ƒ „Wellness scheitert am Geldbeutel und an der Bequemlichkeit.“


ƒ „Auch in dem Augenblick dann daran zu denken, meine Übungen zu
machen. Ich versuche, das immer mehr zu machen. Aber das zu verinner-
lichen ist halt sehr schwer.“
ƒ „Da gibt es auch solche Kursangebote, wo man auch günstiger Rücken-
schule machen kann. Aber manchmal sind die so zu bekloppten Zeiten –
ich bin ja keine Hausfrau.“

Prinzipiell gilt: Experimentalisten erwarten, dass medizinisch notwendige Maß-


nahmen von den Kassen getragen werden; darüberhinausgehende Angebote (Mas-
sagen, Yoga, Ayurveda oder Rückengymnastik) treffen zwar besonders bei Frauen
auf grundsätzliches Interesse, werden aber als Wellness-Angebote wahrgenommen,
sind der Eigen¿nanzierung unterworfen und werden somit höchstens zeitweilig
und als „besondere Erfahrung“ genutzt.

ƒ „Ich gönne mir im Winter zwei bis dreimal eine Massage. Wäre öfter
natürlich toll, oder auch Ayurveda, mal was krass anderes, aber da hab’
ich zu wenig Zeit und Geld.“

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Insgesamt beurteilen Experimentalisten die aktuelle Gesundheitsversorgung in


Deutschland als gut bis sehr gut. Nur vereinzelt wird von Erfahrungen berichtet,
dass Leistungen verweigert wurden oder Ärzte falsch oder ungenügend behandelt
haben. Grundsätzlich wird sowohl die technische Ausstattung wie auch die Quali-
¿kation der Ärzte als (überdurchschnittlich) gut wahrgenommen. Auch betonen
Experimentalisten immer wieder, dass in Deutschland (im Gegensatz zu Ländern
wie den USA) Krankheit nicht gleich den ¿nanziellen Ruin bedeutet. Das System
wird bislang (zumindest auf der medizinisch-technischen Seite) den eigenen Be-
dürfnissen gerecht.

ƒ „Wir haben doch ein überdurchschnittlich gutes System.“


ƒ „Ich habe wenig persönliche Erfahrungen, aber wenn mal was war, wurde
mir geholfen.“

Allerdings sehen auch Experimentalisten eine immer stärkere Ent wicklung Rich-
tung Zweiklassen-System. In den gesetzlichen Kassen werden bei steigender ¿nan-
278 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

zieller Belastung der Versicherten die Leistungen verringert, und die Befürchtung
greift Raum, dass es in Zukunft verstärkt auf die persönliche ¿ nanzielle Lage
ankommt, ob man Zugang zu den Praxen von guten Ärzten und mehr als nur die
absolute Basisversorgung erhält.

ƒ „Ist doch schon heute so: Wer Geld hat, kann sich die besseren Ärzte
und die bessere Versorgung leisten. Heute beinhaltet auch die Grundver-
sorgung noch alles Notwendige, aber wie das in ein paar Jahren aussehen
wird, möchte man sich lieber nicht so genau vorstellen.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Viele Experimentalisten haben sich bislang noch keine weitergehenden Gedanken


zum bestehenden Gesundheitssystem gemacht, da die persönliche Betroffenheit
derzeit relativ gering ist. Wie zuvor bereits beschrieben, sind die meisten mit der
allgemeinen Versorgung auch für gesetzlich Versicherte zufrieden und der Ansicht,
dass diese immer noch einen recht hohen medizinischen Standard hat und meist
ausreichend zur Verfügung gestellt wird.
Spontan sehen Experimentalisten jedoch Probleme im zwischenmenschlichen
Bereich, d. h. beim medizinischen Personal (Ärzte und PÀeger) sowie den Verwal-
tungsangestellten der Kassen. Für beide Gruppen fallen Stichworte wie schlech-
te Erreichbarkeit, Überlastung, Zeitmangel, Unfreundlichkeit, Abgestumpftheit,
Überheblichkeit, In kompetenz. Mit Ausnahme der Inkompetenz und Überheb-
lichkeit betrachten Experimentalisten diese Eigenschaften aber nicht als von den
genannten Akteuren (allein) verschuldet, sondern bewerten sie als Konsequenz
der sich verschlechternden ¿nanziellen Situation.

ƒ „Und dann noch eine unfreundliche, inkompetente Frau, die überhaupt


keine Ahnung hatte von meinem Fall. Eigentlich hatte ich das Gefühl, da
sitzt so eine von einer Zeitarbeits¿rma eingekaufte Frau, die dann halt jetzt
grade mal einen Fall bearbeitet. Die war ganz furchtbar unfreundlich und
zickig – das hatte ich früher nie. Da kriegt man schon das Gefühl, dass da
mit aller Gewalt gespart wird.“

Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema konstatieren Experimentalisten, dass


wirtschaftliche Aspekte immer mehr im Vordergrund der Gesundheitsversorgung
stehen. In Konsequenz stellen sie fest, dass man immer mehr darauf achten muss,
welchen Arzt man wählt, da die Ärzte, die „wirtschaftlich“ denken, immer weniger
SINUS C2: „Experimentalisten“ 279

gründlich und gut behandeln (können). Auch befürchten Experimentalisten, dass


es im bestehenden System aus Finanznot dazu kommen könnte, dass die freie
Arztwahl abgeschafft wird, was im schlimmsten Fall hieße, dass man nur gegen
Barzahlung behandelt wird, wenn man zu einem ganz bestimmten Arzt möchte.

ƒ „Es gib jetzt schon genug Ärzte, die nur noch Privatpatienten behandeln.
Wenn ich dann in Zukunft zu dem Arzt möchte, der mir wirklich hilft,
muss ich das vielleicht selber zahlen.“

Die marode Finanzlage, die Experimentalisten aber nur zu Teilen nachvollziehen


können („Wo bleiben denn all die Gelder ?“), hat steigende Beiträge und Zuzahlun-
gen bei sinkenden Leistungen zur Folge. Dies kreiden Experimentalisten auch der
wuchernden Bürokratie, dem Papierkrieg in Arztpraxen und Krankenhäusern und
dem daraus resultierenden Zeitverlust an. Ihre Wahrnehmung ist: Das deutsche
Gesundheitssystem ist kompliziert, ändert sich ständig, es besteht wenig Planung-
sicherheit, und besonders die Ärzte und PÀeger können sich nie darauf verlassen,
dass bestehende eingeübte Routinen auch längerfristig anwendbar sind.
Zuständig für die Stabilisierung und Ausgestaltung des Gesundheitssystems
ist für Experimentalisten die Politik; sie schafft die Rahmenbedingungen und wäre
aufgerufen, regulierend einzugreifen. Allerdings fürchten Experimentalisten im
derzeitigen System den EinÀuss von Lobbyisten und Pro¿teuren, die in der Ver-
gangenheit sinnvolle Reformen immer wieder verhindert haben und zum aktuellen
Reformchaos beitragen. Aber auch jeder Einzelne trägt durch sein Verhalten zur
Konsolidierung oder aber Verschlechterung der derzeitigen Situation bei. Expe-
rimentalisten sehen durchaus den Aspekt der Eigenverantwortung, auch wenn sie
ihn im persönlichen Verhalten häu¿g ausblenden (können) – im heutigen System
hat es für sie ja noch keine Konsequenzen.

ƒ „Da müsste die Politik viel konsequenter und autonomer sein. Aber alles
geht eher in Richtung Wahlkampf. Da sitzen Leute in den Gremien, die
nur nach politischen Meinungsschwankungen entscheiden.“
ƒ „Zuständig sind alle: Politiker, Finanzexperten, Krankenkassen. Aber auch
die Patienten, die Versicherten. Krankenversicherung ist eben eine Ver-
sicherung, und die muss immer die Masse auffangen. Aber dann müssten
die Einzelnen eben auch dafür sorgen, dass sie nicht so extrem krank
werden.“
280 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Chancengerechtigkeit

Die Bewertungen der Chancengerechtigkeit rangieren von „scheint einigermaßen


gegeben zu sein und zu funktionieren“ bis hin zu „gibt es nicht, es wird immer
Leute geben, die ihren Vorteil suchen und ¿nden“. Experimentalisten haben sich
in vielen Fällen zu diesem Thema noch keine erschöpfenden Gedanken gemacht,
die Antworten spiegeln zumeist ein „Bauchgefühl“ wider.
Konsens in den Aussagen ist aber, dass das Gesundheitssystem ein Solidar-
system ist (und bleiben soll), in dem es Besserverdienenden nicht möglich sein
darf, sich vollständig zu entziehen. Hier ähneln die Auffassungen denen der Post-
materiellen: Nicht nur Eigentum, auch „Eigenkapital“ verpÀichtet, und wer mehr
verdient, muss auch stärker herangezogen werden.
In einem so sensiblen Bereich wie Gesundheit verlangen Experimentalis-
ten, dass absolute Gleichberechtigung herrscht, kein Klassensystem. Für sie ist
es ethisch untragbar, dass mangelnde ¿nanzielle Ausstattung über etwas so im
wahrsten Sinne des Wortes „Lebenswichtiges“ wie Gesundheit entscheiden könnte.

ƒ „Dass es Patienten erster und zweiter Klasse gibt, ¿nde ich nicht in Ord-
nung. Das sollte für alle gleich sein, ¿nde ich. Dass Menschen mit weniger
Geld weniger in den Topf geben können, ist doch normal, die haben einfach
nicht mehr Geld. Es müsste halt mehr Gemeinschaftssinn sein.“
ƒ „Ich würde ja dieses Privatpatientdingsbums am besten streichen. Das
¿nde ich ein ziemlich ungerechtes Verhältnis, dass da Menschen bevorzugt
behandelt werden, während andere da immer weniger Leistung kriegen
für ihr Geld. Die Beiträge sollte man einkommensgerecht machen. Und
die Behandlung darf sich nicht unterscheiden.“

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Obwohl Experimentalisten selbst häu¿g einem exzessiven Lebenswandel frö-


nen und nicht gerade die Speerspitze der Prävention und der Vorsorge darstel-
len, betonen sie bei den Erwartungen an ein zukünftiges Gesundheitssystem die
Unerlässlichkeit der Stärkung von gesundheitlicher Aufklärung und präventiver
Maßnahmen.

ƒ „Wichtig wäre, dass bereits in der Schule die Kinder richtig erzogen wer-
den, teilweise brauchen auch die Eltern dafür Unterstützung. Man müsste
bereits bei Kindern früher ein Bewusstsein für Gesundheit wecken.“
SINUS C2: „Experimentalisten“ 281

ƒ „Man sollte den Kindern in der Früherziehung in der Schule schon bei-
bringen, dass der Körper ein Tempel ist, den man gut pÀegen sollte. Und
dass sich das wie ein roter Faden durch das Leben der Menschen zieht. Und
nicht wie in Amerika, wo sie den McDonalds in die Schule mit einbauen.“

Hier gehen ihre Anregungen auch über die üblichen schulischen Maßnahmen hin-
aus und beziehen das Freizeitverhalten der Kinder explizit mit ein. Solidarisches
Verhalten, wie es Experimentalisten im Gesundheitsbereich vorschwebt, lässt sich
in ihren Augen am besten bei Sport und Spiel ohne Zwang und mit Spaß lernen
und leben, was späteres Verhalten beeinÀusst und damit positive Auswirkungen
auf die Gesundheit hat.

ƒ „Ich ¿nde z. B. Sportprogramme für kleine Kids eine großartige Sache,


gerade auch durch Mannschaftssportarten viel zu fördern. Soziale Kom-
petenzen werden sich auch irgendwann wieder auf die Gesundheit nie-
derschlagen.“
ƒ „So wie in Schweden. Da hast du mehr das Gefühl, dass es ein Gemein-
schaftsland ist. Alle für alle.“

Von einem zukünftigen Gesundheitssystem erwarten Experimentalisten, dass die


freie Arztwahl bestehen bleibt und alle notwendigen Behandlungen übernom-
men werden. Dazu zählen Notfallmedizin, optimale Behandlung aller Krankhei-
ten mit den anerkannt besten Mitteln, Zahnbehandlung „nach gutem Standard“,
Vorsorge (!) und Rehabilitationsmaßnahmen. Kosmetische Behandlungen (z. B.
Zahnaufhellungen) oder Wellness-Angebote müssen im Leistungskatalog nicht
enthalten sein, könnten aber über Bonus-Programme (für gesundheitsbewusstes
Verhalten) vergünstigt angeboten werden.
Experimentalisten fordern auch eine Abkehr von der „Massenabfertigung“.
Stattdessen sollte eine auf den Einzelfall abgestimmte Behandlung und Vergü-
tung vorgenommen werden, d. h. den Ärzten muss genügend Zeit zur Verfügung
stehen, sich mit dem Patienten auseinanderzusetzen und ihm auf die individuell
bestmögliche Art und Weise zu helfen.
In diesem Zusammenhang plädieren Experimentalisten auch für eine an-
gemessene Entlohnung von Ärzten und PÀegepersonal, um die Motivation zu
steigern. Zudem muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass Ärzte keine
BWL-Ausbildung absolviert haben und daher bei ef¿zienter Praxisverwaltung
gegebenenfalls Hilfestellung benötigen (die allerdings nicht qualitativ zu Lasten
der Patienten gehen darf).
282 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Experimentalisten erkennen dabei sehr wohl, dass die Finanzierung des


Systems problematisch ist, und nennen einige Möglichkeiten, das Dilemma zu
entschärfen.
Da nach ihrer Auffassung jeder so viel zahlen soll, wie er kann (d. h. nach Ver-
mögen), müssen alle Gelder (auch die der Besserverdienenden) in einen Topf Àießen,
um die Solidargemeinschaft zu ¿nanzieren. Private Krankenkassen wären damit
obsolet, und den gesetzlichen Kassen ständen viel höhere Beträge zur Verfügung.

ƒ „Ich würde die Privatversicherung auÀösen und mehr Gerechtigkeit für


alle schaffen. Dieses Zweiklassen-System auÀösen, und dadurch mehr
Leistung für alle schaffen und dadurch den Ärzten mehr Spielraum lassen.“

Zudem wird nach Auffassung der Experimentalisten zu viel Geld für das Fal-
sche ausgegeben, sie wünschen sich eine bessere Verteilung der Gelder: Redu-
zierung des aufgeblähten Verwaltungsapparates und der Bürokratie, aber auch
Vermeidung von überÀüssigen oder inadäquaten Behandlungen. Bei den Kassen-
leistungen braucht es einen „Mittelweg“; alles, was hilft, sollte gezahlt und bei
Über Àüssigem eingespart werden. Hier betonen Experimentalisten ironischer-
weise auch die Eigenverantwortung der Patienten; der Einzelne sollte mehr auf
die Gesundheit achten, um Kosten zu vermeiden oder zu ver ringern, und notfalls
sonst mit (¿nanziellen) Konsequenzen konfrontiert werden. Niedrigere Beiträge
stehen nicht auf der Wunschliste der Experimentalisten, da sie von deren Finan-
zierbarkeit bei gleich zeitigem Erhalt der Qualität der medizinischen Versorgung
nicht überzeugt sind.

ƒ „Da gibt es Überlegungen, dass z. B. Raucher einen höheren Beitragssatz


zahlen. Es ist vielleicht gemein, aber eigentlich kann ich es verstehen. Ein
Raucher, der dann vielleicht Lungenkrebs hat, kostet die Krankenkasse
viel Geld, mehr als er wahrscheinlich jemals an Leistungen erbracht hat.“
ƒ „Ich ¿nde nicht, dass die Beiträge unbedingt sinken müssen. Ich will ja
für mein Geld was geboten kriegen. Mir ist viel wichtiger, dass meine
Versorgung stimmt, und da kann ich was für zahlen.“

Schlussendlich plädieren Experimentalisten dafür, die Pro¿teure des Gesund-


heitssystems („Pharmariesen“, Lobbyisten) zu entmachten und stattdessen die
Fachkompetenz in den verschiedenen (politischen) Gremien zu stärken.
SINUS BC3: „Hedonisten“ 283

SINUS BC3: „Hedonisten“

Kurzcharakteristik und Lebenswelt

Soziale Lage des Sinus-Milieus BC3 „Hedonisten“


Lebenssituation x Viele Ledige und Alleinerziehende
x Auch 3- und Mehr-Personen-Haushalte sind leicht
überrepräsentiert
Bildung x Kein deutlicher Schwerpunkt im Niveau der Formalbildung, aber
vergleichsweise viele ohne Schulabschluss
x Überdurchschnittlicher Anteil an Schülern und Azubis
Beruf x Überwiegend einfache aber auch mittlere / quali¿zierte Angestellte
und Arbeiter / Facharbeiter (Handwerker)
x Leicht überdurchschnittliche Arbeitslosenquote
Einkommen x Ein Drittel der Milieuangehörigen hat kein oder nur ein
sehr geringes eigenes Einkommen
x Die Haushaltsnettoeinkommen liegen schwerpunktmäßig
zwischen 2.000 und 3.000 Euro*
x Durchschnittliches Haushaltsnettoeinkommen: 2.414 Euro
* Quelle: Finanzmarktdatenservice 2008

Die Hedonisten sind meist auf der Suche nach Fun und Action und Unterhal-
tung. Unterwegs zu sein, auszubrechen aus den Zwängen des Alltags, frei und
unabhängig zu sein, anders als die „Spießer“, ist das Ziel. Auch in schwierigen
Zeiten wollen sie sich ihren Spaß nicht nehmen lassen: Krisenbewältigung durch
Verdrängung, wie im Milieu der Experimentalisten.
Die Zahl derjenigen, die ein regelrechtes Doppelleben führen – zwischen
Angepasstheit im Berufsalltag und Abtauchen, über die Stränge schlagen in der Frei-
zeit –, wächst. Insgesamt nimmt die Leistungsbereitschaft im Milieu ab. Trotz oder
gerade angesichts schwindender Job-Chancen und Hartz IV-Dämpfern wollen viele
eher von der „Stütze“ leben als sich bei der Arbeit herumkommandieren zu lassen.
Die Hedonisten leben nach wie vor im Hier und Jetzt, lassen sich treiben, se-
hen was kommt. Anders als die Konsum-Materialisten geben sie ihr Geld spontan
und unkontrolliert aus, ihre Bereitschaft einen Kredit aufzunehmen, ist gewachsen.
Lebensplanung und Zukunftsvorsorge ¿nden kaum statt.
Typisch für die Hedonisten ist ihr expansiver, outdoor-orientierter Lebensstil.
Schnelle Autos und Motorräder faszinieren sie. „Krasse“ Szenen, Klubs und Fan-
gemeinden sind das Umfeld für gemeinsame Aktivitäten. Darüber hinaus inter-
284 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

essieren sie sich für alles, was unterhält: Fernsehen, Kino, Video, Computerspiele,
Musik, Sport, Disco- und Kneipenbesuche.
Das Milieu hat seinen Lage-Schwerpunkt in der modernen Unterschicht. Das
soziodemographische Pro¿l zeigt keine dramatischen Abweichungen von den Ver-
hältnissen in der Grundgesamtheit.

Altersaufbau des Sinus-Milieus BC3 „Hedonisten“

Im Hedonistischen Milieu, noch in den 1990er Jahren ein klassisches Jugendmilieu,


¿nden sich heute jüngere und mittlere Altersgruppen bis 50 Jahre. Nur noch ein
Drittel der Milieuangehörigen ist unter 30. Der Alters-Median liegt bei 38 Jahren.
Bei den Hedonisten handelt es sich um ein aktives Milieu, das Langeweile
scheut und ständig auf der Suche nach intensiver Abwechslung ist. VerpÀichtungen
und Verbindlichkeiten werden als Belastungen angesehen, die man nach Möglich-
keit meidet. Hedonisten versuchen vielmehr, sich ein Optimum an Optionen offen
zu halten und langfristige Entscheidungen bezüglich der persönlichen Zukunft
(beruÀich oder familiär) zu umgehen. Gesellschaftliche Konventionen und Normen
spielen in diesem Milieu kaum eine Rolle; sie werden als Einengung empfunden,
der man sich widersetzt. In Konsequenz fällt es Hedonisten schwer, einen Platz
für sich in der Gesellschaft zu ¿nden.
Die ¿ nanzielle Lage ist meist angespannt, in der Regel wird dies als wich-
tigste Einschränkung im Leben empfunden. Andere Grenzen werden dagegen
kaum akzeptiert. Eine Ausnahme bildet hier nur der beruÀiche Alltag, in dem
sich Hedonisten meist ohne innere Identi¿kation mit den Job arrangieren und sich
anpassen, in der Freizeit aber fühlt man sich frei, zu tun oder zu lassen, was man
möchte. Die materiellen Ansprüche sind dabei nicht ausgeprägt; teure Marken oder
Konsumgüter spielen keine herausragende Rolle. Wenn man sich etwas leisten
kann, tut man es, wenn nicht, kann man damit leben. Hedonisten de¿nieren sich
nicht über Konsum: Status ist praktisch irrelevant, es ist viel wichtiger, Geld für
die Freizeitgestaltung zu haben.
SINUS BC3: „Hedonisten“ 285

Die Sozialisation verläuft über die Gruppe, bestimmte Kreise oder Subkul-
turen, in denen man sich bewegt. Hedonisten orientieren sich an den Lebenswei-
sen des nahen Umfelds und entwickeln daraus individuelle Lebenskonzepte und
Strategien. Die Tagesabläufe sind gewollt unregelmäßig; man verabscheut einen
klassischen, ritualisierten Alltag und behält sich eine gewisse Spontaneität vor.
Eine Anpassung an den Mainstream wird zwar abgelehnt, latent existieren
aber Wünsche nach Sicherheit, Geborgenheit und gewissen Strukturen bzw. sie
werden für die Zukunft nicht ausgeschlossen. Gemeinsame Unter nehmungen (Par-
tys, sich bei Freunden treffen, in Bars und Kneipen gehen) sind zentrale Elemente
der Freizeitgestaltung, aber auch sportliche Betätigung oder eher entspannende
Tätigkeiten wie Kochen spielen eine zunehmend wichtigere Rolle. Die Milieuange-
hörigen sehen sich häu¿g in einer „Übergangsphase“ – auch wenn diese meh rere
Jahrzehnte dauern kann.
Auf der Suche nach intensiven Erlebnissen und starken Reizen ist die Le-
bensweise kaum auf den Erhalt der Gesundheit ausgerichtet, mit den körperlichen
Ressourcen wird relativ sorglos umgegangen, das Bewusstsein dafür ist schwach
ausgeprägt. Stattdessen setzen sich Hedonisten bewusst „schädlichen EinÀüssen“
wie exzessiven Partys, Alkohol, Rauchen oder auch andere Drogen aus. Auch in
Bezug auf die Ernährung will man sich nicht festlegen, sondern reagiert situativ
und unkonventionell.
Gesundheitsbewusstsein bzw. eine gesunde Lebensführung steht in krassem
Widerspruch zum Freiheitsdrang und zum Bedürfnis der Hedonisten sich auszu-
leben. Man schiebt allerdings auch die Gedan ken daran konsequent zur Seite oder
leugnet falsches Verhalten.
Viele Hedonisten emp¿nden einen starken Leistungsdruck, dem sie sich nicht
gewachsen fühlen und auf den sie daher mit Verweigerung reagieren. Materielle
Sicherheit, langfristige Perspektiven oder klare Ziele fehlen, was unterschwellig
zu Zukunfts- bzw. Versagensängsten führt und durch besonders provozierendes
und unangepasstes Verhalten kompensiert wird.
Falls Arbeitsverhältnisse bestehen, spielen häu¿g auch die beruÀichen Belas-
tungen eine gesundheitlich relevante Rolle. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse,
unregelmäßige Arbeitszeiten wie auch fehlende Planungssicherheit und oft kör-
perlich anstrengende Tätigkeiten in der Industrie, im Handwerk oder auf dem Bau
fordern ihren Tribut.

Bedeutung von Gesundheit

Da altersbedingte Krankheiten bei Hedonisten bislang nur eine marginale Rolle


spielen, ist das Bewusstsein für die Einschränkungen durch Krankheit schwach
ausgeprägt. Solange man von Krankheiten verschont bleibt, ist der Themenkom-
286 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

plex Gesundheit und Bedeutung von Gesundheit irrelevant. Viele Hedonisten


nehmen (physische) Gesundheit einfach als gegeben an; teilweise wird sogar mit
latentem Stolz darauf verwiesen, dass einem die eigene Lebensweise bisher nicht
geschadet hat und man gegen schädliche EinÀüsse offensichtlich resistent ist.

ƒ „Wenn der Körper funktioniert, wenn alles gut ist, dann denke ich gar
nicht drüber nach.“

Der akute Krankheitsfall kommt fast einer persönlichen Beleidigung gleich, da


die egozentrische Spaßsuche einen funktionierenden Kör per voraussetzt und jeg-
liche Einschränkung durch Krankheit als Spaßbremse wahrgenommen wird. Der
milieutypische Umgang damit bietet zwei Varianten: entweder wird die Krankheit
als „vorübergehendes“ Leiden kategorisiert, das es einfach auszusitzen gilt, oder
aber man erwartet, dass ein kurzer (und ungeliebter) Gang zum Arzt schnelle, „re-
parative“ Hilfe bringt.
Als Krankheiten treten unter Hedonisten vor allem Erkältungs- und Atem-
wegserkrankungen auf, die aber meist unkompliziert verlaufen. Gravierender und
langfristiger sind dagegen orthopädische Schäden am Rücken oder Knie, die auf-
grund von Fehl- oder Überbelastung bei der Arbeit, beim Sport und teilweise auch
als Folge von Unfällen auftreten. Als chronische Beschwerden nennen Hedonisten
zudem Allergien und Asthma. Diese Leiden werden zwar als besondere Bürde oder
Einschränkung gesehen, aber da Vermeidung im Vorfeld oder rehabilitative Thera-
pien nach „Schadenseintritt“ viel Selbstdisziplin und auch Verhaltensänderungen
verlangen, ziehen Hedonisten es häu¿g vor, auch hier entweder den starken Mann
zu markieren und die Beschwerden herunterzuspielen, oder aber nur die Spitzen
dieser Beschwerden medikamentös zu bekämpfen.

Zwischen Schicksal und Verantwortung

Der Frage, ob Gesundheit persönlich beeinÀussbar ist, wird von Hedonisten nach
Möglichkeit aus dem Weg gegangen. Prinzipiell ist ihnen bewusst, dass eine
gesunde Lebensweise das Risiko von Krankheiten zumindest verringert, aber
Handlungskonsequenzen hat diese Einsicht nicht; sie wären zu ermüdend und
wenig spaßbesetzt.
Zudem betonen Hedonisten den Stellenwert genetischer Veranlagungen. Dies
relativiert die eigene Verantwortung, indem dieser die Anfälligkeit für bzw. die
Auswirkungen von vererbten Krankheiten entgegengestellt werden. Man hat also
quasi Dispens, wenn etwas mit der Gesundheit schief läuft.
SINUS BC3: „Hedonisten“ 287

Eine intrinsisch motivierte Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit


¿ndet kaum statt. Es muss von außen an Hedonisten herangetragen werden, aber
wer immer dies tut, hat zunächst mit dem Vorwurf der inakzeptablen Einmischung
und lebensweltfernen Belehrung zu kämpfen. Auf einer zweiten Ebene erwarten
Hedonisten jedoch, dass zum Schutz der Gesundheit das eigentlich verhasste „Sys-
tem“ Anstrengungen unternimmt. Eigener Verantwortung kann man auch hier
entgehen, indem auf mangelnde Informationen bezüglich gesundheitsschädlichen
Verhaltens verwiesen wird oder drastischere Aufklärungskampagnen verlangt
werden nach dem Motto: „Keiner dieser Klugscheißer (alternativ: Klugschwätzer)
hat bislang richtig rübergebracht, was das eigentlich alles bedeutet und was man
machen kann“.

ƒ „Es gibt nicht genügend Aufklärung, z. B. über die Folgen von Alkohol-
konsum und Rauchen.“
ƒ „Ich ¿nde diese krassen Warnhinweise wie diese Bilder in England schon
ganz richtig. Man muss den Leuten schon zeigen, was passieren kann.“

Ein weiterer schädlicher, laut Milieuangehörige nicht selbst zu verantwortender


EinÀuss auf die Gesundheit ist der zunehmende (¿nanzielle und zeitliche) Druck
im beruÀ ichen bzw. Ausbildungsleben. Körperliche und seelische Belastung
am Arbeitsplatz, unregelmäßige Arbeitszeiten bei den für Hedonisten typischen
Aushilfstätigkeiten und Nebenverdienstverhältnissen sowie die konstante materiel-
le Unsicherheit stellen Faktoren dar, die nach Auffassung der Hedonisten eigene
Anstrengungen hinsichtlich Gesunderhaltung ohnehin obsolet machen.

ƒ „Ich arbeite nebenbei noch in einer Bar. Das geht dann auch mal bis 4 Uhr
oder noch später. Ist zwar ein bisschen anstrengend, aber dafür sind da
viele coole Leute… aber man merkt schon, dass das einen mit der Zeit
etwas fertig macht.“
ƒ „Ich hab praktisch keine Wahl, wenn ich nicht arbeite, kann ich mein
Studium nicht ¿nanzieren.“
ƒ „Wenn ich am Ende des Monats nicht weiß, wovon ich Lebensmittel kaufen
soll, dann ist das schon heftig. Das ist irgendwie beklemmend.“

Informationsbedürfnisse und Informationsverhalten

Informationen zum Thema Gesundheit stehen Hedonisten nach eigenem Bekunden


prinzipiell offen gegenüber, aber in der Realität werden sie nur selten abgerufen.
288 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Fundierte Analysen, die Themen und die derzeit wahrgenommene Art der Dar-
stellung gehen meist an den Bedürfnissen des Milieus vorbei und werden eher als
Belastung oder Zeitverschwendung empfunden, denn als Hilfe.
Was vor allem weibliche Hedonisten jedoch immer wieder äußern, ist ein
diffuses Bedürfnis nach mehr Informationen über „gesundes Alltagsverhalten“.
Zwar sind sie sich gängiger schädlicher Verhaltensweisen durchaus bewusst, aber
insbesondere in Bezug auf gesunde Ernährung besteht hohe Verunsicherung.
Man wünscht sich mehr Orientierung im Warenangebot und klare Konzepte zur
Zusammenstellung einer sinnvollen Diät.

ƒ „Wichtig ist mir gute Ernährung. Da könnten die Krankenkassen mehr


Informationen bieten.“
ƒ „Man kann dazu eigentlich nie genug wissen. Ich möchte schließlich ge-
sünder leben.“

Es steht zwar zu bezweifeln, dass derartige Empfehlungen auch stringent umge-


setzt würden, aber sie stellten zumindest Benchmarks dar. Unbestreitbar hinge-
gen ist: Die Attraktivität von Info-Material und damit der leichtere Zugang zum
Thema Gesundheit steht und fällt mit der Auf machung. Spießige, belehrende, zu
verkopfte Infor mationsmaterialien sind kontraproduktiv, da sie bestehende Verwei-
gerungshaltungen im Milieu verstärken.
Gesundheitssendungen im Fernsehen werden von Hedonisten kaum gesehen,
die Informationsmaterialien der Krankenkassen nicht gelesen. In ihrer Wahrneh-
mung haben diese Angebote keine Relevanz, da sie nach einhelliger Meinung im
Milieu für ältere Menschen konzipiert sind, die bereits an Krankheiten leiden.

ƒ „Da sehe ich immer alte, kranke Leute. Das ist nicht so meine Welt.“
SINUS BC3: „Hedonisten“ 289
290 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Gesundheitsvorsorge – Präventionsmaßnahmen

Das Thema Gesundheitsvorsorge bezieht sich aus Sicht der Hedonisten weniger
darauf, etwas aktiv für seine Gesundheit zu tun (Sport treiben, Ernährung umstel-
len), als darauf, schädliche EinÀüsse zu vermeiden (unregelmäßiger Tagesablauf
mit sehr unterschiedlichen, häu¿g kurzen Schlaf phasen, Konsum schädlicher Ge-
nussmittel, Drogenmissbrauch). Am häu¿gsten äußern Hedonisten die (meist vage)
Absicht, Alkohol-, Zigaretten- und Cannabiskonsum wie auch die Einnahme von
Partydrogen (Exctasy, MDMA, Amphetamine) einschränken zu wollen.

ƒ „Ich denke häu¿g daran, wie lange ich noch so leben werde. Man tut
seinem Körper auch viel an. Nach einem harten Wochenende brauche ich
inzwischen bis Dienstag oder Mittwoch, um mich vollständig zu erholen.“
ƒ „Früher habe ich häu¿ger und auch viel mehr Alkohol getrunken, auch
das Rauchen habe ich reduziert.“
ƒ „Ich müsste mal mehr Ordnung in meinen Alltag kriegen, nicht immer so
spät schlafen gehen. Dieser unregelmäßige Schlaf laugt ganz schön aus.“

Einen hohen Stellenwert bei der Gesundheitsvorsorge hat für Hedonisten das sub-
jektive Emp¿nden von Zufriedenheit. Wenn sie ihr Leben so leben können, wie
SINUS BC3: „Hedonisten“ 291

sie wollen, ist dies für Hedonisten trotz objektiv schädlicher Verhaltensweisen ein
Schutz gegen Krankheiten.

ƒ „Am wichtigsten ist, dass ich mit mir im Reinen bin. Ich muss zufrieden
sein, mit dem was ich tue, das ist für mich wichtiger als ständig zu ver-
zichten.“
ƒ „Feiern, Ausgehen gehört für mich für ein glückliches Leben mit dazu.
Das, was dabei frei wird, schützt mich auch vor Krankheit.“

Als Konsequenz entwickelt sich eine gewisse Schizophrenie im Umgang mit der
eigenen Gesundheit. Auf der einen Seite will man gesund bleiben, um den eigenen
Lebensstil beibehalten zu können, auf der anderen Seite ist genau dieser Lebensstil
der Gesundheit höchst abträglich. Aufgelöst werden kann dieser Widerspruch nur
dadurch, dass man „sich ausleben“ und das Spaß- und Zufrieden heitsprinzip zur
wichtigsten Gesundheitsdeterminante und Präventionsmaßnahme erhebt und eige-
ne Kompensationsstrategien für die inkludierten schädlichen Verhaltensweisen
entwirft. So geht man nach einem durchgefeierten Wochenende Joggen oder treibt
anderweitig Sport, und die zeitweise ausschließliche Ernährung durch Fastfood
und Fertiggerichte soll in Phasen extensiven Gemüsekonsums ausgeglichen werden.
Was aber keineswegs akzeptiert und befolgt wird, sind Vorgaben oder Verhaltens-
regeln, die andere für sie entwerfen.

Der Gang zum Arzt: Auslöser, Arztwahl, Arztbild

Arztbesuche werden nach Möglichkeit vermieden, und besonders bei kleineren


Krankheiten ist die Schwelle für den Arztbesuch sehr hoch. Krankheit und Arzt-
besuch sind bei Hedonisten auffallend negativ konnotiert.

ƒ „Ich bin nicht der Typ, der wegen jeder Kleinigkeit gleich zum Arzt rennt.“
ƒ „Ärzte und Krankenhäuser haben für mich immer etwas Negatives.“

Eine gezielte Auswahl des behandelnden Arztes ¿ndet nicht statt. Von einem Arzt
wird grundsätzlich nur erwartet, dass er die Beschwerden, die den Arztbesuch
nötig machten, durch die richtige Therapie kuriert. Belehrungen, Ratschläge oder
selbst die Diskussion der Ursachen werden weder erwartet noch goutiert. Die
(medikamentöse) Behandlungsweise zweifeln Hedonisten aus Mangel an Ver-
gleichsmöglichkeiten oder eigenem Fachwissen nicht an, was zählt, sind schnelle
und umfassende Ergebnisse.
292 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Man sieht sich selbst nicht in der Position eines Experten, daher hält man sich
mit seinem Urteil über die ärztliche Kompetenz auch zurück – vorausgesetzt, sie
erfüllt ihre Bringschuld, d. h. sie heilt den Patienten.

ƒ „Ich könnte nicht beurteilen, was ein guter Arzt ist. Wie sollte ich das
auch wissen ?“
ƒ „Ich habe eigentlich bisher gute Erfahrungen gemacht. Die haben mein
Knie nach meinem Unfall schnell und richtig gut hingekriegt.“
ƒ „Die Ärzte sind bei uns sehr gut ausgebildet, studieren Ewigkeiten, ist
auch ein richtig schweres Studium. Wenn ich was hatte, dann wurde mir
auch immer geholfen.“

Die Ansprüche, die Hedonisten im menschlichen Bereich an Ärzte richten, sind


im Vergleich zu anderen Milieus eher gering. Ein part nerschaftliches Verhältnis
wird nicht erwartet, da die Lebenswelt des Arztes als Lichtjahre von der eigenen
entfernt wahrgenommen wird. Die Beziehung zum Arzt ist demzufolge recht
distanziert: Hedonisten fühlen sich in Arztpraxen „out of place“. Trotz grundsätz-
lichem Respekt vor der Ausbildung und Kompetenz des Arztes wollen sie sich
aber nicht sang- und klanglos der ihnen fremden Welt unterordnen und legen ein
dementsprechend besonders unangepasstes Verhalten an den Tag.
Im Idealfall pÀegt der Arzt einen locker-zwanglosen Umgang mit seinen Pa-
tienten und bedient sich einer auch für Laien verständlichen Sprache. Es ist wichtig
zu verstehen, welche Diagnose gestellt wird und welche Folgen dies hat, wobei es
dabei weniger um medizinische Details als um klare Therapieanweisungen (keine
weitergehenden Ratschläge !) geht.

ƒ „Ich brauche keine Fachbegriffe, Hauptsache ist, ich weiß was ich habe
oder was mit mir los ist.“

Für weibliche Hedonisten haben allerdings auch die Freundlichkeit und Verbind-
lichkeit des Arztes eine gewisse Bedeutung. Für sie soll er eine Vertrauensperson
verkörpern, und sie lehnen – im Gegensatz zu ihren männlichen Gegenparts – auch
eine Kontinuität in der Beziehung zum behandelnden Arzt nicht kategorisch ab.

ƒ „Die [Ärzte] sollten schon freundlich sein, die sind manchmal ganz schön
gestresst.“
SINUS BC3: „Hedonisten“ 293

Einnahme von Medikamenten

Medikamente stellen für Hedonisten die wichtigste Stütze innerhalb eines Behand-
lungskonzeptes dar, weil sie für den Behandlungserfolg maßgeblich verantwortlich
sind. Die Wahl der richtigen Medikation gilt dabei als eine zentrale Aufgabe des
Arztes.

ƒ „Es kommt ganz drauf an, was der Arzt für Medikamente verschreibt.
Dazu muss er natürlich erstmal die richtige Diagnose stellen.“

In den meisten Fällen ist die Haltung gegenüber Medikamenten relativ offen und
unkritisch. Nebenwirkungen werden in Vergleich zum jeweiligen Nutzen gesetzt
und relativiert. Was vor allem zählt, ist der möglichst schnelle Heilungserfolg. Ein
Anspruch an eine besonders schonende Therapie besteht kaum. So ist auch das
Vertrauen in die Schulmedizin stärker ausgeprägt als in Naturheilverfahren, da
insbesondere bei schwereren Erkrankungen deren Wirksamkeit von Hedonisten
angezweifelt wird.
Allerdings ist die Compliance – so es sich nicht um wirklich schwer wiegende
Erkrankungen handelt – suboptimal. Hedonisten ¿nden es schwierig, die nötige
Selbstdisziplin aufzubringen, Medikamente regelmäßig und nach Anweisung (!)
einzunehmen. Mögliches Therapieversagen aufgrund mangelnder Compliance
wird aber selten selbstkritisch betrachtet; es ist einfacher, dem Arzt anzukreiden,
er habe die falsche Medikation gewählt.
Ambivalente Einstellungen bestehen zum Umgang mit Schmerzmitteln. Hedo-
nisten halten sie bei akuten Schmerzen zwar für nötig, befürchten bei längerfristiger
Anwendung aber Abhängigkeit. Ähnlich verhält es sich mit anderen Medikamenten,
die ein Sucht- oder Abhängigkeitspotenzial bergen (z. B. Schlafmittel, Nasensprays
u. a.), da zum Teil bereits negative Erfahrungen gemacht wurden.

ƒ „Ich hatte einen Arzt, der mir solche starken Schmerzmittel verschrieben
hat, dass ich gar nicht mehr klar denken konnte. Ich habe dann später
herausgefunden, dass das Opiate waren.“
ƒ „Ich bin richtig süchtig nach Schnupfenspray, ich habe sonst die ganze
Zeit geschwollene Nasenwände.“
294 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Vorsorgeuntersuchungen

Vorsorgeuntersuchungen bei Ärzten werden in den wenigsten Fällen in Anspruch


genommen. Zum einen fühlen sich viele Hedonisten hierfür noch zu jung, zum
anderen ist es eine weitere, von außen an sie herangetragene Reglementierung, die
wenig spaßbesetzt ist. Hedonisten halten Krankheiten prinzipiell erst einmal für
etwas, das sie nicht betrifft (oder betreffen kann), und setzen sich mit der Mög-
lichkeit der eigenen Erkrankung erst dann auseinander, wenn sie tatsächlich davon
betroffen sind. Das Kopf-in-den-Sand-Prinzip aus anderen Lebensbereichen wird
nahtlos auf die Gesundheit übertragen.

ƒ „Das ist für mich noch kein Thema. Vielleicht wenn ich älter bin.“
ƒ „Vielleicht will ich auch gar nicht wissen, ob ich irgendeine Krankheit
habe. Ich fühle mich gut, das ist das Wichtigste.“

Lediglich Termine, die zum Beispiel in Verbindung mit einem Bonusheft oder
anderen ¿nanziell geförderten Maßnahmen stehen, werden tendenziell eingehalten.
Verbesserte Leistungen oder sinkende Beiträge bei Berufstätigen bieten die Art von
Anreiz, die in einem Milieu, das selbst im Krankheitsfall die Praxisgebühr als zu
überlegende und auf ihre Notwendigkeit abzuklopfende „Investition“ betrachtet,
die einzig zielführende ist. Der Besuch des Zahnarztes hat sich auf diese Weise
bereits im Bewusstsein der Hedonisten veran kert. Aber auch eine ¿nanzielle Be-
lohnung von gesundem Verhalten (Fitnesstraining, sonstiger Sport, gute Ernährung,
Verzicht auf gesundheitsschädliche Genussmittel) könnte motivieren.

ƒ „Ich habe ein Bonusheft. Da werden dann alle Untersuchungen eingetragen,


man bekommt auch Vergünstigungen und mehr bezahlt.“
ƒ „Ich gehe immer zum Zahnarzt, die anderen Sachen sind bei mir noch
nicht aktuell.“
ƒ „Es wäre gerechter, wenn man als Sportler weniger zahlt als Raucher.“
SINUS BC3: „Hedonisten“ 295

Zweiter Gesundheitsmarkt

Der Zweite Gesundheitsmarkt ist Hedonisten kein Begriff. Zudem besteht in die-
sem Milieu eine ausgeprägte Skepsis bezüglich der Sinnhaftigkeit bzw. der Not-
wendigkeit, „eigenes“ Geld für die Gesundheit auszugeben. Hedonisten vertreten
grundsätzlich die Einstellung, dass medizinisch notwendige Behandlungen von
den Kassen übernommen werden müssen, und sehen weitergehende Leistungen
als Luxus oder als nicht unbedingt notwendigen Zusatz zur relevanten Versorgung
an. Die ohnehin schon geringe Ausgabebereitschaft wird durch ihre angespannte
¿nanzielle Situation noch weiter verstärkt.

ƒ „Das verstehe ich nicht ganz, wofür sollte ich selber zahlen ? Dafür habe
ich doch die Krankenkasse.“
ƒ „Ich habe für Wellness und solche Sachen kein Geld. Wäre zwar schön,
aber ich kann es mir einfach nicht leisten.“

Lediglich bei kleineren Leiden wird in OTC-Medikamente investiert, wenn sich


dadurch ein Arztbesuch vermeiden lässt. Bei Erkältungen oder Kopfschmerzen
greifen Hedonisten zu rezeptfreien, kostengünstigen Generika.
Als grundsätzlich sinnvolle Investition in die eigene Gesundheit gilt zudem
der Sport. Allerdings möchten Hedonisten auch hier möglichst wenig Geld ausge-
ben. Die klassischen, ¿nanziell erschwinglichen Vereine treffen mit ihren festen
Trainingszeiten auf milieutypische Vorbehalte, angesagte Fitness- und Wellness-
296 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

Center sind dagegen zu teuer. Hedonisten bevorzugen daher kostenlose Aktivitäten


wie Basketball oder Fußball auf Freiplätzen, Joggen oder auch das Training zu
Hause.

ƒ „80 Euro für ein Fitness-Center kann ich mir nicht leisten, wer weiß, wie
oft ich da überhaupt hingehen würde.“

Bewertung der aktuellen Gesundheitsversorgung

Die Sicherheit der medizinischen Versorgung wird von den Hedonisten als in
Deutschland gegeben betrachtet. Sie sind überzeugt, im Krankheitsfall kompetent
und adäquat versorgt zu werden. Dies gilt vor allem für Krankheiten, die sich der
Selbstmedikation entziehen, sowie für Unfälle und Notfälle.

ƒ „Wenn was passiert, dann bekomme ich hier auf jeden Fall Hilfe. Da kön-
nen wir uns hier nicht beklagen.“
ƒ „Ich glaube, wir können ganz zufrieden sein. Das sieht in anderen Ländern
ganz anders aus.“

Auch die Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung werden als guter Stan-
dard empfunden. Eine Bewertung der tatsächlichen Leistungen ¿ndet allerdings
nicht statt, Vergleiche zwischen Krankenkassen werden nicht gezogen. Unterschie-
de zwischen den Kassen gelten als unwesentlich und vernachlässigbar. Die Wahl
der Kasse ist demzufolge auch eher zufällig, in den meisten Fällen hält man sich
an diejenige, die aus dem Freundes- oder Familienkreis bekannt ist.

ƒ „Ich habe bisher nicht erlebt, dass die Kasse etwas nicht bezahlen wollte.“
ƒ „Ich kenne die Unterschiede zwischen den Kassen viel zu wenig. Ich weiß
gar nicht mehr, warum ich bei der Barmer bin.“

Wahrnehmung des aktuellen Gesundheitssystems

Eine Bewertung des Gesundheitssystems fällt Hedonisten sehr schwer. Es gilt als
ein abstraktes Gebilde, über das man sich kaum Gedan ken macht und von dem
man daher auch keine klare Vorstellung hat.
SINUS BC3: „Hedonisten“ 297

Solange alle nötigen oder vom Arzt empfohlenen Behandlungen wie bisher
bezahlt werden und man sie sich nicht mühsam erkämpfen muss, sind die per-
sönlichen Ansprüche an das System erfüllt. Es wird schlicht als staatliche bzw.
öffentliche Aufgabe empfunden, für die Gesundheit der Menschen im Land zu
sorgen; wie dies im einzelnen geschieht, ist für Hedonisten irrelevant. Eine tiefere
Auseinandersetzung mit Einzelheiten und Funktionsweisen wie auch die Finan-
zierung interessieren nicht.

ƒ „Mit diesem Thema habe ich mich noch nie befasst. Solange es funktio-
niert und die Behandlungen bezahlt werden, ist für mich alles in Ordnung.“
ƒ „Warum es so viele Kassen gibt, habe ich noch nie verstanden. Würde
nicht eine reichen ? Ist aber auch egal.“

Die Beiträge werden als ein fester Gehaltsabzug wahrgenommen, der häu¿g nicht
klar von Steuern und anderen Sozialabgaben abgegrenzt werden kann. Da es in
vielen Fällen zudem keine festen Beschäf tigungsverhältnisse mit regelmäßigen
Gehaltsabrechnungen gibt, sind die Beiträge zur Krankenversicherung kaum greif-
bar oder bewusstseinspräsent.

ƒ „Ich habe keine Ahnung, was ich für die Krankenversicherung zahle. Das
wird einfach abgezogen.“

Chancengerechtigkeit

Die Hedonisten sind sich einer unterschiedlichen Verteilung materieller Güter und
Privilegien in der Gesellschaft bewusst. Menschen, die mehr verdienen, können
sich in vielen Bereichen des Lebens einfach mehr leisten, und das gilt auch für
den Gesundheitssektor.
Hedonisten gehen aber davon aus, dass alle notwendige Leistungen ungeachtet
der Person bezahlt werden, sei es von der Krankenkasse oder vom Sozialamt. Nur
darüber hinausgehende oder spezielle Behandlungen fallen aus dem Leistungs-
katalog heraus und stellen einen Luxus dar, den sich nur die Privilegierten leisten
können. Dies wird allerdings nicht generell für ungerecht gehalten, und man fühlt
sich dadurch weniger an den Rand gedrängt, als das in anderen Lebensbereichen
der Fall ist.
Auch wenn die fast ausschließlich gesetzlich versicherten Hedonisten kon-
statieren, dass Privatpatienten schneller und „besser“ behandelt werden, wird dies
überwiegend akzeptiert. Es wird damit gerechtfertigt, dass jemand, der mehr be-
298 Spektrum heterogener Verständnisse von Gesundheit und Krankheit

zahlt, auch bessere Leistungen erwarten kann. Ihnen selbst ist das aber keinen
höheren ¿nanziellen Einsatz wert.

ƒ „Es ist ja klar, dass sich Reiche mehr leisten können.“


ƒ „Wenn ich mehr zahle, dann will ich natürlich auch bessere Leistungen
bekommen.“
ƒ „Mir ist es egal, ob ich im Krankenhaus alleine oder zu dritt liege. Haupt-
sache, die Versorgung stimmt. Aber wenn einer das zahlen will, bitte.“

Erwartungen an ein künftiges Gesundheitssystem

Bezüglich möglicher Verbesserungen fehlt es den Hedonisten an Vorstellungs-


kraft. Da die Leistungen generell als ausreichend angesehen werden, besteht
kaum Bedürfnis nach Veränderungen. Das aktuelle System gilt als zuverlässig
und ausreichend.
Lediglich einzelne Reformen werden zwar als Verschlechterung, nicht aber
als gravierend empfunden. Selbst die Zuzahlungen werden kaum in Frage gestellt.
In Ermangelung einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema und aufgrund
fehlender Vergleichsmöglichkeiten wird der Status quo als zufriedenstellend be-
urteilt. In der Summe können die Hedonisten als die unkritischste Gruppe im
Milieuvergleich angesehen werden.
Untersuchungsanlage

Zum Thema „Gesundheit“ wurden aktuelle repräsentative Bevölkerungsbefragun-


gen, bei denen die Milieuzugehörigkeit mit erhoben wurde, ausgewertet:

ƒ Typologie der Wünsche Intermedia 2009 mit 20.165 Befragten; Hrsg. Media
Market Insights GmbH;
ƒ Typologie der Wünsche Intermedia 2010 mit 20.154 Befragten; Hrsg. Media
Market Insights GmbH;
ƒ VerbraucherAnalyse 2009 mit 31.179 Befragten; Hrsg. Axel Springer AG und
Bauer Media Group;
ƒ Sinus-Trendmonitor 2008 mit 2.000 Befragten;
ƒ AACC (Anytime Anywhere Computing and Communication) mit 5.030 Be-
fragten.

In diesen Studien wurden für ein breites Spektrum von Volkskrankheiten subjekti-
ve Prävalenzen abgefragt, Einstellungen zu Gesundheit, zu Gesundheitsverhalten,
zum Gesundheitssystem, zu neuen Technologien im Gesundheitsmarkt u. a. Des-
weiteren wurde das Verhalten in Bezug auf OTC, Versichertenstand (PKV, GKV),
Arztbesuche, Kauf und Einnahme von Medikamenten, Ausgaben u. a. erfragt. Die
oben genannten Stichproben sind jeweils repräsentativ für die deutschsprachi-
ge Wohnbevölkerung ab 18 Jahren. Die Stichprobenziehung erfolgte nach dem
ADM-Mastersample bundesweit als geschichtete Zufallsstichprobe. In all diesen
Studien war zugleich der Milieuindikator integriert, so dass für jeden Befragten
die Milieu zugehörigkeit erhoben wurde und für die einzelnen Themen milieu-
spezi¿sch analysiert werden konnten.
Diese quantitativen Daten dienen im Rahmen der vorliegenden Untersuchung
als ergänzende Informationen. Den Kern der Studie bilden Daten aus der qualitativ-
ethnomethodologischen Untersuchung in Form von narrativen Einzelinterviews.
Dieser qualitative Zugang ist notwendig, um wirklich zu erfassen und zu begrei-
fen, was die Menschen unter Gesundheit verstehen und welchen Zugang sie zum
Gesundheitswesen haben. Die Erhebungsform und Auswertung der qualitativen
Daten wird nun etwas ausführlicher beschrieben.

C. Wippermann et al., Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem,


DOI 10.1007/978-3-531-92871-5_4,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
300 Untersuchungsanlage

Stichprobenziehung

Die Ziehung der Stichprobe für die qualitativen Einzelexplorationen erfolgte zu-
fällig in verschiedenen Regionen Deutschlands. An zuvor zufällig ausgewählten
Sample Points (z. B. Kreis, ein Stadtteil) wurde zunächst eine Haushaltsstichpro-
be gezogen. Ein Teil der Haushalte wurde nach dem Random Route-Verfahren
ausgewählt, ein anderer Teil über einen telefonischen Zufallsgenerator auf der
Grundlage von Adressdatenbanken. Die Auswahl der zu befragenden Person im
Haushalt erfolgte anschließend über das Last-birthday-Verfahren: Nennung aller
für das Interview grundsätzlich in Frage kommenden Personen (Ausschluss von
unter 18-Jährigen; von Nicht-Deutschen; von Personen, die z. B. aufgrund einer
Erkrankung für ein Interview nicht zur Verfügung stehen können). Dieses Vorge-
hen wurde gewählt, um sicherzustellen, dass in der qualitativen Stichprobe eine
systematische Klumpung vermieden wird.
Die qualitative Gesamtstichprobe betrug 120 Fälle, die gleichverteilt in allen
Milieus erhoben wurden, jeweils zur Hälfte Frauen und Männer, sowie subjektiv
Gesunde und Kranke. Ziel dieser Anforderungen war nicht, für die Teilgruppen
spezi¿sche Befunde ermitteln zu können (dazu ist die Stichprobe zu klein), sondern
um sicherzustellen, dass es keine systematische Verzerrung gibt, z. B. einen Frauen-
Bias oder einen Kranken-Bias. Das vorab de¿nierte Ziel dieser Grundlagenstudie
ist die Analyse von milieuspezi¿schen (!) Einstellungen und Verhaltensmustern in
Bezug auf die eigene Gesundheit und das Gesundheitssystem.32

Lebensweltexploration und Milieuidenti¿kation

Die Identi¿kation der Milieuorientierung für jeden einzelnen Befragten erfolgte


im Rahmen einer qualitativen Einzelexploration. In etwa 30 bis 45 Minuten des
teilstrukturierten Interviews erzählte der Befragte zu verschiedenen Aspekten sei-
nes Alltagslebens: seiner sozialen Lage (Alter, Bildung, Beruf, Erwerbsbiographie,
Familienstand, materielle Verhältnisse etc.), seinen Werten und Maximen (Einstel-
lungen und Präferenzen), sowie zu seinem Lebensstil (Routinen, Gewohnheiten,
Raum- und Zeitmuster im Alltag). Ziel dieses Interviewteils war zu verstehen und
zu erkennen, zu welcher Lebenswelt (welchem Milieu) der / die potenzielle Befragte
gehört. Dazu war es ebenfalls wichtig festzuhalten, in welcher räumlichen und
ästhetischen Umgebung er bzw. sie lebt: So wurde (mit Einverständnis des / der
Befragten) die Wohnung nach einem zuvor de¿nierten Drehbuch fotogra¿ert. Die-

32
Nicht möglich ist aufgrund der beschränkten Fallzahl eine milieuspezi¿sche Genderanalyse. So
sinnvoll und wertvoll eine solche wäre, konnte diese im gegebenen Rahmen nicht mit der erforder-
lichen Validität geleistet werden und bleibt somit Folgestudien vorbehalten.
Erhebung 301

se Wohnbilder sind wertvolles Datenmaterial, zum einen für die Interpretation


(Deutung und Prüfung) dessen, was im Gespräch gesagt wurde, zum anderen um
Informationen über die Alltagsästhetik sowie über das kulturelle Kapital zu bekom-
men. Teil des lebensweltlichen Interviews war es somit auch, mit dem Befragten
über seine Wohnung, seinen Geschmack zu sprechen sowie darüber, warum er die
Wohnung so eingerichtet hat, was ihm bestimmte Dinge und Arrangements subjek-
tiv bedeuten. Erst nach dieser Lebensweltexploration und der Milieuidenti¿kation
seitens der Sinus-Forscher wurde bestimmt, ob der Befragte zum Stichprobenplan
passt und nun wirklich zum Thema Gesundheit und Gesundheitssystem befragt
werden soll. Dazu wurde ein gesonderter Interviewtermin vereinbart, der ca. 2 Wo-
chen später stattfand.

Erhebung

Zwei Wochen vor der Befragung bekam dazu jeder Proband ein leeres „Tagebuch“
mit der Aufgabe, dieses bis zum Interview termin inhaltlich zu füllen für die vor-
gegebenen Themen:

ƒ „Das bedeutet meine Gesundheit für mich“.


ƒ „Das tue ich für meine Gesundheit“.
ƒ „Meine Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem“.
ƒ „Das für mich ideale Gesundheitssystem“.

Hier waren die zu Befragenden frei und gehalten, die Mittel (Text, Fotos, Colla-
gen, Handzeichnungen) selbst zu wählen. Insofern ist dieses Erhebungsinstrument
instruktiv zum Verstehen der (milieu-) spezi¿schen Perspektiven und Zugänge.
Es folgte die eigentliche narrative und biographische Einzelexploration mit
einer Dauer von jeweils 2,5 bis 3,5 Stunden. Das Interview fand in der Privatwoh-
nung des / der Befragten statt. Das Interview wurde digital aufgezeichnet. Nach
dem Interview fertigte der Interviewer ein Gedächtnisprotokoll (Memo) mit seinen
Beobachtungen an sowie mit den Informationen, die nicht im eigentlichen Inter-
view gesagt wurden (sondern z. B. bei der Begrüßung, während des Fotogra¿erens
der Wohnung oder bei der Verabschiedung).
Die vier Datenquellen: (1) Digital aufgezeichnete und dann transkribier te
Interviews, (2) Fotomaterial, (3) die Dokumentationen sowie (4) die Memos der
Interviewer wurden von Soziologen, Psychologen und Semiologen des Instituts
Sinus Sociovision analysiert.
302 Untersuchungsanlage

Auswertung: Qualitativ-ethnographische Hermeneutik

Die in narrativen Interviews, Tagebüchern und Hausbesuchen gewonnenen Daten


wurden nach der Methodologie der interpretativen Sozialforschung ausgewertet,
wie sie exemplarisch Honer (1989) und Soeffner / Hitzler (1994) beschrieben ha-
ben.33 Methodologisch ist das Verfahren eine sozialwissenschaftlich-hermeneu-
tische Rekonstruktion von Alltag. Kern dieser Ethnographie ist es, die subjektive
Alltagswirklichkeit und die Strukturen der Lebenswelten von Jugendlichen und
jungen Erwachsenen zu verstehen.
„Verstehen“ ist ein ebenso banaler wie schillernder Begriff. Als Verfahren
der modernen Wissenschaft hat er seinen methodologischen Ursprung in der Phä-
nomenologie (Husserl, Schütz, Luckmann, Mannheim) und Ethnomethodologie
(Gar¿nkel, Glaser , Strauss, Corbin).34 Dazu zwei Vorbemerkungen:

1. Verstehen ist zunächst grundsätzlich jeder und jener Vorgang, der einer Er-
fahrung und einem Handeln Sinn gibt. Jedes (bewusste) Handeln ist ein Akt
der Konstruktion von Wirklichkeit, denn er ist ein Sinn-Schöpfungsakt; jeder
Gedankenprozess, der dieses Handeln zu verstehen sucht, ihm (s)einen Sinn
verleiht bzw. zuschreibt, ist entsprechend eine Re-Konstruktion.
Das Selbstverstehen bezieht sich auf die subjektiven, je eigenen Erfahrun-
gen, denen Ego seinen Sinn gibt. Das Selbstverstehen ist also kontinuierlich
und vollständig möglich. Fremdverstehen ist demgegenüber ein Vorgang, bei
dem wir einer Erfahrung den Sinn verleihen, dass sie sich auf ein Ereignis
in der Welt bezieht, dem ein anderer bereits einen Sinn verliehen hat. Damit
ist Fremdverstehen die Rekonstruktion der Konstruktion der Wirklichkeit
eines anderen, geschieht immer nur in Auffassungsperspektiven, ist nur
diskontinuierlich und partiell möglich. Solches Selbst- und Fremdverstehen
ist keine Er¿ndung der Sozialwissenschaften, sondern ist für die Menschen
Alltagsroutine und macht Gemeinschaft / Gesellschaft möglich. Es beruht auf
einem alltäglichen, allgemein-menschlichen Vermögen (Habermas spricht
von pragmatischen Universalien). Über die Mechanismen des alltäglichen
Verstehens machen wir uns normalerweise keine Gedanken; das Verstehen

33
Vgl. im Überblick und zur Einordnung anderer qualitativer Methodologien: Bohnsack, Ralf: Re-
konstruktive Sozialforschung. Stuttgart 2007, 134 ff. Honer, Anne: Einige Probleme lebensweltlicher
Ethnogra¿e. Zur Methodologie und Methodik einer interpretativen Sozialforschung. Zeitschrift f.
Soziologie 18 (1989). Soeffner, Hans-Georg / Hitzler, Ronald: Hermeneutik als Haltung und Handlung.
Über methodisch kontrolliertes Verstehen. In: Schröer, Norbert (Hrsg.): Interpretative Sozialforschung.
Auf dem Weg zu einer hermeneutischen Wissenssoziologie. Opladen 1994, 28–55.
34
Gar¿nkel, Harold: Studies in Ethnomethodology. Chicago 1967. Glaser, Barney G. / Strauss, An-
selm L.: The Discovery of Grounded Theory. Chicago 1967. Strauss, Anselm L. / Corbin, Juliet:
Grounded Theory Research. Zeitschrift f. Soziologie 19 (1990), 418 ff.
Auswertung: Qualitativ-ethnographische Hermeneutik 303

geschieht intuitiv. Davon zu unterscheiden ist das sozialwissenschaftliche Ver-


stehen: Wissenschaftlich wird der Prozess des Verstehens dadurch, dass sich
die Forscher ihre Vorannahmen, Regeln und Perspektiven bewusst machen,
sich nicht auf ihre spontane, diffuse Intuition verlassen, sondern kontrolliert
anhand der ¿ xierten Daten jederzeit belegen können, warum sie zu einer
bestimmten Sinn-Rekonstruktion, einem bestimmten Befund lebenswelt-
licher Orientierung kommen. Die Provokation der neueren Hermeneutik in
den 1960er und 1970er Jahren bestand in der Behauptung, dass es keine
erkennt nislogische Differenz zwischen alltäglicher und wissenschaftlicher
Interpretation gibt, dass die sozialwissenschaftliche Hermeneutik keinen
prinzipiellen Überlegenheitsanspruch gegenüber dem alltäglichen Verstehen
reklamieren kann – und zwar aufgrund des Arguments, dass die Kompeten-
zen für intuitives Alltagsverstehen und für wissenschaftlich kontrolliertes
Verstehen identisch sind.
2. Es gibt einen untrennbaren Zusammenhang von Theorie und Erfahrung: also
von Hypothesen, Thesen, Befunden einerseits; Beobachtungen, Transkrip-
ten, Memos anderer empirischer Daten andererseits. Dieser hermeneutische
Zirkel, der in der „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant seinen
Ursprung hat, zentrales Paradigma der Wissenssoziologie (Gadamer, Mann-
heim), der Phänomenologie und Ethnomethodologie (Gar¿nkel) ebenso ist wie
der neueren Systemtheorie (Luhmann) und der neueren Wissenschaftstheorie
(Lakatos), lässt sich wie folgt beschreiben: Man kann Regeln (Theorien) nicht
anwenden, wenn nicht zuvor über die empirischen Tatsachen, die darunter zu
fassen sind, befunden ist. Diese Tatsachen können aber nicht vor Anwendung
einer Regel als relevante Fälle festgestellt werden. Fazit: Man nimmt empi-
rische Daten immer schon notwendig und selektiv im Lichte einer Theorie
wahr. Insofern spricht man auch von der wechselseitig reÀexiven Beziehung
von allgemeinen Regeln und Anwendungsfällen.35 Dieser hermeneutische
Zirkel ist erkenntnislogisch unhintergehbar, und insofern liegt diesem ein
erkenntnistheoretischer Zirkel (Kant) zugrunde. Für die sozialwissenschaft-
liche Forschung bedeutet dies, dass ein paradigmatischer Erkenntnissprung
nur möglich ist, wenn man aus dem einen, gewohnten Zirkel aussteigt und
einen neuen, alternativen Zirkel initiiert – bzw. in einen anderen einsteigt.36
Damit sind zwei methodologische Kernaussagen verbunden:

35
Darin liegt eine bewusste Abgrenzung von der deduktiven Erkenntnistheorie und Wissenschafts-
theorie wie sie z. B. Popper vertreten hat.
36
In der sozialwissenschaftliche Lebensweltforschung von Sinus Sociovision heißt das praktisch:
Das Institut überprüft ständig in der Programmforschung, ob es zum aktuellen, of¿ ziell gültigen
Milieumodell ein alternatives Milieumodell gibt, das besser zu den Daten passt bzw. ob alternative
Ansätze und Paradigmen (anstelle von „Milieus“) zur Strukturierung der Daten besser geeignet sind.
304 Untersuchungsanlage

ƒ Wenn empirische Befunde von der paradigmatischen Perspektive abhän-


gig sind, wenn das zugrunde liegende Modell die Wahrnehmung und
Beobachtung vorstrukturiert, verhindern die theoretische Evidenz jene
Beobachtungen, für die das Paradigma „blind“ ist bzw. die mit den Kate-
gorien nicht kompatibel sind.
ƒ Man steht notwendig immer in irgendeinem hermeneutischen Zirkel –
sonst wäre Erkenntnis überhaupt nicht möglich. Insofern geht es wis-
senschaftlich darum, sich der Art der ver wendeten Theorie und der
damit verknüpften Erkennt nisgrenzen bewusst zu sein. Insofern ist die
Verwendung des Sinus-Milieumodells zur Exploration lebensweltlicher
Orientierungen von Jugendlichen eine bewusste Entscheidung für diese
bestimmte Perspektive. Diese ist natürlich nicht suf¿zient und exhaustiv
(keine Perspektive, kein Modell, keine Theorie ist das), aber sie liefert
Befunde und neue Ansatzpunkte für einen geschärften Blick auf die
Wirklichkeit von Menschen.

Dieses Projekt zielte darauf, das Selbst- und Fremdverstehen zu rekonstruieren.


Insofern ist das sozialwissenschaftliche Inter pretieren ein Verstehen zweiter Ord-
nung: die Rekonstruktion der Rekonstruktion der alltäglichen Konstruktionen von
Menschen. Solch empirische Milieuanalyse zielt darauf, den Wahrnehmungs-,
Orientierungs- und Handlungshorizont der Menschen verschiedener Lebenswelten
vergleichend zu rekonstruieren.
Und solche sozialwissenschaftliche Rekonstruktion der Lebenswelt arbeitet
notwendig exemplarisch. Dahinter steht die plausible Annahme, dass Menschen
nicht unvergleichbare Einzelwesen (Unikate) sind, sondern soziokulturell geprägte,
vergesellschaftete und vergemeinschaftete Wesen. Der Einzelne ist Manifestation
und Spiegelbild dessen, was wir als „typisch“ bezeichnen. Wir befassen uns daher
mit jedem einzelnen Fall intensiv, weil an diesen Repräsentanten sichtbar, messbar,
verstehbar wird, was Menschen bewegt.
Insofern ist qualitative Lebensweltforschung per se Fallanalyse und zielt auf
das Typische. Es geht bei der Analyse um drei Aspekte, (1) den Fall in seiner
Besonderheit (Idiosynkratie, Individuierung), (2) den Fall als typische Manifesta-
tion des Sozialen, (3) die Vergleichbarkeit der empirisch gewonnenen Typen: Nähe
und Distanz der einzelnen Fälle zu den Idealtypen sowie zwischen den Typen.37

37
Der Idealtypus hat gegenüber der Empirie, d. h. gegenüber jedem einzelnen Fall, der ja Grundlage
seiner Begründung ist, insofern systematisch unrecht, weil er das Besondere im Einzelfall nur un-
zulänglich wiedergibt. Andererseits verhilft er dem Einzelfall zu seinem „Recht“ als einzigartigem
Fall, weil der Idealtypus nicht beansprucht, dem einzigen Fall gerecht zu werden. So wird erst durch
den (Ideal-) Typus das Besondere, Einzigartige des Falles sichtbar.
Auswertung: Qualitativ-ethnographische Hermeneutik 305

Der endgültige Befund baut sich auf durch einen sukzessiven und rekursiven
Prozess von Einzelfallanalysen, Fallvergleichen und Typvergleichen.
Hier schließt die von Sinus Sociovision eingesetzte Methode hermeneutischer
Datenanalyse an die „Grounded Theory“ an: die erkennt nistheoretisch begrün-
dete und forschungspraktische Verschränkung von Datenerhebung und Theorie-
formulierung. Die Forschungsabschnitte der Datenerhebung und Datenauswertung
sind nicht zeitlich disjunkt getrennt. Es gibt nicht erst die Phase der Erhebung,
die abgeschlossen werden sein muss, bevor mit der Auswertung begonnen wird.
Vielmehr überlappen sich beide Phasen zeitlich, sind inhaltlich aufeinander bezo-
gen, sodass sie einen Prozess darstellen. Wesentliches Moment ist das theoretical
sampling, d. h. das sukzessive Ziehen der Stichprobe nach Maßgabe der zum je-
weiligen Zeitpunkt vorliegenden Hypothesen und Befunde sowie der sich daraus
ergebenden neuen Fragen.
Dabei fangen wir schon früh nach den ersten Explorationen an zu schreiben.
Die Befunde werden in Form von Thesen formuliert (also nicht numerisch codiert)
und im Fortgang von neuen Fällen so lange modi¿ziert (reformuliert, ergänzt, kon-
ditioniert etc.), bis die These bzw. der Teilbefund zu den Daten passt, konsistent ist
und ein klares Bild ergibt. Das ist ein Prozess und bedarf zahlreicher Durchläufe,
bis der Befund „gesättigt“ ist, sich die Kern-Struktur durch weitere Fälle nicht
mehr ändert und nur noch durch OberÀächen-Facetten ergänzt wird.
Voraussetzung für diese sozialwissenschaftlich kontrollierte Hermeneutik
ist das „Datum“: Lebensäußerungen der Befragten müssen diskursiv vorliegen,
müssen ¿xiert und reproduzierbar sein. Nach der Methodologie der Triangulation
setzen wir dabei mehrere Arten von Instrumenten zur Gewinnung von Daten ein.
Denn jedes einzelne Instrument hat seine Grenzen und blinde Flecken. Beispiels-
weise hat das Interviewgespräch Grenzen in der Verbalisierungskompetenz des
Probanden und es lässt vorbewusste sowie emotionale Bewusstseinsinhalte nicht
(authentisch und messbar) zum Ausdruck kommen.
Daher setzten wir verschiedenartige, einander ergänzende Instrumente ein,
die folgende ¿xierte Daten erzeugten:

ƒ Tagebücher zu den vorgegebenen Themen: Hier schrieben, malten und kleb-


ten die Probanden alles auf, was ihnen dazu ein¿el. Sie hatten dabei keinen
Zeitdruck und konnten sich die Zeiten, Situationen und (inneren und äußeren)
Stimmungen selbst aussuchen. Insofern haben diese Materialien ein hohes
Maß an Authentizität.
ƒ Wörtliche Transkripte von narrativen Einzelinterviews: Hier ergab etwa ein
2,5-stündiges Interview einen zwischen 80 und 130 Seiten (eng beschriebe-
nen) Text als Grundlage der Analyse.
ƒ Memos der Interviewer: Unmittelbar nach dem Interview haben die Interview-
er ihre Eindrücke aus dem Interview aufgeschrieben in Form von Memos.
306 Untersuchungsanlage

Hier sind vor allem jene Beobachtungen und Ereignisse festgehalten, die
im auditiven Interview (bzw. dem Transkript) nicht festgehalten sind (z. B.:
Körperhaltung und Habitus des Befragten). Diese Texte sind ein Datum sui
generis.
ƒ Wohnbilder der Probanden: Diese Wohnbilder haben – wie die Hausarbeiten –
keinen voyeuristischen Zweck, sondern jedes Wohnbild ist ein empirisches
Datum, das es zu dechiffrieren und mit anderen via Fallvergleich auf Ähn-
lichkeit und Unähnlichkeit zu untersuchen ist.
ƒ Beschreibungen und Erläuterungen zur Wohnung sind ergänzende Daten, die
zur Interpretation der Alltagsästhetik herangezogen werden. Dazu gehörten
auch Hinweise mit Bezug auf eine aktuelle Erkrankung und den Lebensstil.
ƒ Vorliegende quantitative Repräsentativdaten: Zur statistischen Näherung des
Themas wurden bereits vorhandene Repräsentativbefragungen mit Fragen
zur „Gesundheit“ ausgewertet. Weil die Milieuanalyse zentrales Ziel dieser
Studie ist, wurden deshalb nur jene Befragungen ausgewertet, bei denen
auch die Milieuzugehörigkeit ermittelt war. Hier lieferte vor allem eine Re-
präsentativbefragung mit 20.000 Fällen wert volle Strukturdaten.

Die Auswertung der qualitativen Daten ist die eigentliche Herausforderung. Inter-
pretation und Analyse ist nicht das solitäre Vergnügen eines einzelnen Sozialfor-
schers von Sinus Sociovision, sondern Arbeit und Arbeitsteilung im Team. Diese
durch inÀationären Gebrauch mittlerweile fast diskreditierte Rede „im Team“ hat
im Forschungsprozess dieser Studie eine methodologische Grundlegung, die auf
zwei gegensätzlichen Anforderungen an den Forscher beruht:

ƒ Vertrautheit: Herstellung von gegenseitigem Vertrauen zwischen dem For-


scher und seinem Informanten. In der interpretativen Sozialforschung herrscht
eine begründete Skepsis gegenüber der Qualität von Daten, die von ande-
ren übermittelt werden. Wir können nicht fraglos davon ausgehen, dass der
Informant unter anderen Umständen (anderer Interviewer, anderer äußerer
Rahmen, andere innere Stimmung) das Gleiche mitteilen würde. Wir wissen
auch nicht, ob das, was er erzählt, wirklich authentisch ist, ob er schlichtweg
den Interviewer anschwindelt bzw. ihm „irgendwas“ erzählt. Wichtig ist daher
die Herstellung von gegenseitigem persönlichen Vertrauen zwischen dem For-
scher und seinem Informanten. Voraussetzung dafür ist Nähe: Der Interviewer
muss dem Befragten in seiner Erscheinung signalisieren, dass er nicht „zu
weit weg“ ist und die realistische Chance besteht, dass im zeitlich begrenzten
Interview der Befragte dem Interviewer seine Perspektive vermitteln kann.38

38
Der Mangel an Vertrautheit stellt methodentheoretisch ein Validitätsproblem dar. Die interpretative
Sozialforschung bietet dazu zwei Vorschläge an, die idealtypisch sind, in einem zeitlich begrenzten
Auswertung: Qualitativ-ethnographische Hermeneutik 307

Lebensweltliche und demographische Nähe erhöht die Chance auf Akzeptanz,


Offenheit und Authentizität. Insofern ist es Aufgabe des Interviewers, sich
auf jedes einzelne Interview gesondert vorzubereiten. Das erfordert, sich in
Bezug auf Kleidung und Habitus einzupassen, so dass sich der Befragte nicht
daran stößt. Der Interviewer darf kein „Reiz“ sein. Gleichzeitig muss der
Interviewer natürlich und authentisch wirken, darf sich nicht verstellen, weil
Befragte solches sofort identi¿zieren und durch ein krudes Antwortverhalten
sanktionieren – insofern ist eine gezügelte, moderate Anpassung nötig.
ƒ Fremdheit: Nähe kann den Blick auf das Selbstverständliche verstellen. In-
sofern ist eine zweite methodologische Anforderung, dass der Ethnograph
der eigenen Gesellschaft als ein Fremder begegnen sollte. Der Ethnologe
fremder Naturvölker ist zu Beginn per se und existenziell in der Position des
Fremden, von der aus er Nähe und das Verstehen des Selbstverständlichen
anstrebt. Der Ethnograph der eigenen Gesellschaft dagegen hat eine um-
gekehrte Ausgangsposition und muss sich jene Fremdheit künstlich selbst
auferlegen. Er muss in andauernder Selbstkontrolle zumindest so tun, als ob
er ein Fremder wäre. Er muss sich immer wieder sagen, dass er die „Sprache
des Feldes“ tatsächlich nicht ohnehin und selbstverständlich beherrscht. Er
muss in nächster Nähe jene Fremd heit überhaupt wieder entdecken, gegen
den eigenen spontanen ReÀex des „ist schon klar“ andenken und permanent
spontane Verständlichkeiten wieder in Zweifel ziehen.39 Das Staunen und
Sich-Wundern sind dazu wichtige Techniken.

Es ist evident, dass solche Anforderungen eine Person überfordern würden. Daher
war das Forscherteam arbeitsteilig zusammengesetzt. Einige Forscher übernahmen
die Interviews und die existenzielle Position der Nähe; andere Forscher übernah-
men die existenzielle Position des Fremden und Staunenden.
Ausgangsmaterial sind die ¿xierten Daten. Der Auswertungsprozess ist in
7 Phasen gegliedert:

Projekt wie diesem aber nicht realisierbar sind: (1) Interviewer und Befragter treten in einen lang-
andauernden persönlichen Kontakt miteinander (Denzin, Norman K.: The research art in sociology:
A theoretical introduction to sociological methods. London 1970); (2) Herstellung von Vertrautheit
durch kontinuierliche Begleitung im Alltag rund um die Uhr in allen sozialen Kreisen mit praktischer
Teilnahme am Geschehen. Ziel ist die existenzielle Perspektivenübernahme (Wolf, Kurt Heinrich: Sur-
render and Catch. Dordrecht / Boston 1976. Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. Weinheim
1988. Honer, Anne: Einige Probleme lebensweltlicher Ethnogra¿e. Zur Methodologie und Methodik
einer interpretativen Sozialforschung. Zeitschrift f. Soziologie 18 (1989)).
39
LoÀand, John: Feldnotizen. In: Gerdes, K. (Hrsg.): Explorative Sozialforschung. Einführende Bei-
träge aus Natural Sociology und Feldforschung in den USA. Stuttgart 1979, 110–120.
308 Untersuchungsanlage

1. Jeder Forscher liest jedes einzelne Transkript unabhängig von den anderen
Forschern. Für das Lesen eines Falles gilt die Vorschrift des sukzessiven
Lesens: Man liest vom Anfang bis zum Ende, darf keine Textpassagen über-
springen und nicht selektiv lesen. Der Text ist als einheitliche Gestalt zu be-
greifen. Der in die Erzählung vom Befragten eingelassene und im Transkript
manifestierte Sinn erschließt sich in seiner Originalität nur durch konsequent
iterativ-sequenzielle Analysen der einzelnen Passagen. Zu Beginn des Tex-
tes eröffnet sich ein breiter Sinn-Horizont mit einer Vielzahl alternativer
Deutungen. Diese gilt es zu formulieren (auf den Begriff zu bringen)40, beim
weiteren Lesen zu überprüfen, zu modi¿zieren, auszuwählen, immer wieder
zu formulieren und letztlich (zum Ende hin) auszuwählen.
2. Austausch der einzelnen Forscher über den Bedeutungshorizont, die Hypo-
thesen und Befunde für den einzelnen Fall.
3. Aufdecken von Widersprüchen und Inkonsistenzen: Dabei ist der Text selbst
die Korrekturinstanz (und nicht „haltlose“, intuitive Annahmen). Die Thesen
werden in den Mühlen der deutenden Rekonstruktion immer wieder modi-
¿ziert und refor muliert. Solches Drechseln an der Perspektive geschieht so
lange, bis die Thesen zu den Daten „passen“ und eine analytisch konsistente
Rekonstruktion ergeben (wobei empirische Widersprüche durchaus möglich
sind und Teil des Befunds sein können).
4. Sukzessiver Fallvergleich: Dieser Vergleich von Fällen mit ihren jeweiligen
Befunden geschieht a) zwischen Fällen innerhalb eines Milieus mit der Fra-
ge: „Was ist typisch bzw. das gemeinsame Band ?“; b) zwischen Fällen ver-
schiedener Milieus mit den Fragen: „Was sind Gemeinsamkeiten ? Wo liegen
Differenzen und Barrieren ?“
5. Vergleich mit Daten anderer Milieustudien: In dieser Phase gehen wir über
das Daten material dieser Studie hinaus und ziehen Daten anderer qualitati-
ver und quantitativer Milieustudien heran. Hier eröffnen wir bewusst einen
zweiten hermeneutischen Zirkel.
6. Abstecken des Spektrums innerhalb eines Milieus (Milieustruktur) und Zu-
sam mentragen der verschiedenen Facetten (OberÀächen, Manifestationen):
Formulierung von vorläu¿gen „dichten Beschreibungen“41, Identi¿kation von
Lücken und Inkonsistenzen.
7. Spiegelung dieser dichten Milieubeschreibungen mit neuen Fällen aus der
Stichprobe (theoretical sampling). Befragung neuer Fälle und vergleichende
Analyse dieser Fälle, bis eine empirisch gesättigte und dichte Beschreibung
vorliegt.

40
Hier arbeiten wir nicht mit numerischen Codes, sondern mit Text(baustein)en in Form von
Hypothesen.
41
Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt 1987.
Themen im narrativen Interview 309

Themen im narrativen Interview

In den narrativen, ethnomethodologisch angelegten Interviews ging es um fol-


gende Themen:

Wert der Gesundheit im Vergleich zu anderen Werten und Gütern

ƒ Wird Gesundheit eine große Bedeutung zugemessen ?


ƒ Sorgt man sich um die eigene Gesundheit, die Gesundheit der Familie, anderer
naher Angehöriger ?
ƒ Genießen andere Werte und Güter eine höhere Priorität ?
ƒ Wie konkurriert Gesundheit mit anderen Werten und Gütern ? Wie ist der
Umgang mit Gesundheitsrisiken durch lebensstilbezogene Faktoren ?
ƒ Gibt es eine grundsätzliche Bereitschaft, etwas für die eigene Gesund heit
zu tun ? Welche gesundheitsfördernden Aktivitäten haben eine hohe, welche
eine geringe Priorität ?
ƒ Bleibt der Wert, den man Gesundheit beimisst, nur ein Lippenbekenntnis oder
werden Folgerungen für die eigene Lebensweise gezogen ?

Wahrnehmung von Gesundheit

ƒ Wird Gesundheit als eine Eigenschaft aufgefasst, die man selbst und aktiv
beeinÀussen kann, oder wird sie als Schicksal empfunden, das man hinneh-
men muss ?
ƒ Welchen externen Faktoren aus der Lebensumwelt wird der größte EinÀuss
auf die eigene Gesundheit zugemessen ?
ƒ Macht Arbeit krank ? Wie werden Arbeit und ihre Auswirkungen auf die
eigene Gesundheit empfunden ?
ƒ Welche Rolle spielt die Ernährung? Wird Ernährung als ein möglicher Beitrag
für die eigene Gesundheit wahrgenommen ?
ƒ Wie sind die Einstellungen zu Genussmittel und Drogen ?
ƒ Welche Rolle spielen Sport und Bewegung ?
ƒ Welche gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen herrschen vor ? Welche
werden als solche wahrgenommen ?
ƒ Wird die eigene Gesundheit als eine Bereicherung des Lebens, der Lebens-
qualität empfunden ?

Zugang zur Gesundheitsversorgung

ƒ Gibt es ein Informationsinteresse in Bezug auf die eigene Gesundheit ?


ƒ Aktiv: Wie informiert man sich über Gesundheit ?
310 Untersuchungsanlage

ƒ Passiv: Fühlt man sich ausreichend informiert ?


ƒ Von wem werden Gesundheitsinformationen erwartet? Krankenkassen? Arzt?
Apotheken ? Staat ? … ?
ƒ Wie wird die eigene Kompetenz bewertet, Informationen auswer ten zu kön-
nen ?
ƒ Wie wird die eigene Kompetenz eingeschätzt, den eigenen Gesundheitszustand
bewerten zu können ?
ƒ Wie wird das Verhältnis zu Ärzten eingeschätzt ?
ƒ Sollte aus der persönlichen Erfahrung heraus das Arzt-Patient-Verhält nis
verändert werden (paternalistisches Arztbild, Selbstbestim mungsrecht des
Patienten, informed consent) ?
ƒ Wer ist für die eigene Gesundheit verantwortlich ?
ƒ Wie wird die Situation in Krankenhäusern empfunden ?
ƒ Wie wird die Arzneimittelversorgung wahrgenommen ?
ƒ Welche Erfahrungen gibt es mit Unternehmen ?
ƒ Werden Informationen der Krankenkassen wahrgenommen ? Wie ist das Ver-
hältnis zu einzelnen Kassen ?
ƒ Gibt es individuell empfundene Hürden beim Zugang zum Gesund heits-
system ?

Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen

ƒ Aus welchen Anlässen werden Leistungen im Gesundheitswesen in Anspruch


genommen ?
ƒ Wie ist das Prinzip der Subsidiarität verankert ? Wie wird es im täglichen
Leben und wie im Falle einer Erkrankung wahrgenommen ?
ƒ Werden Leistungen geplant, spontan konsumiert ?
ƒ Wie werden Ratschläge, Beratungen, Empfehlungen wahrgenom men und
umgesetzt ?
ƒ Wie wird die Inanspruchnahme von anderen Gruppen der Bevölkerung wahr-
genommen ?

Bereitschaft zur Mitverantwortung

ƒ Wer ist für die Gesundheit verantwortlich ?


ƒ Welche Rolle kommt dem eigenen Verhalten zu ?
ƒ Werden gesundheitsschädliche Verhaltensweisen als solche erkannt ?
ƒ Wird etwas für die eigene Fitness getan ? Ernährung ? Sport ?
ƒ Besteht die Bereitschaft, solche Verhaltensweisen zu ändern – auch wenn
damit Einschränkungen oder ein Verlust an individuell empfundener Le-
bensqualität oder Lebensfreude einhergeht ?
Themen im narrativen Interview 311

ƒ Werden Vorsorgemaßnahmen, Impfungen, Gesundheitsberatung etc. genutzt?


ƒ Unter welchen Voraussetzungen werden freiwillige Angebote oder Empfeh-
lungen, z. B. Impfungen, Kindergesundheitsuntersuchungen usw., genutzt ?
ƒ Hält man sich an den Rat der Ärzte, der Apotheken etc. ?
ƒ Haben gesundheitsrelevante Informationen Folgen für die eigene Lebens-
führung ?
ƒ Wie groß ist die Bereitschaft / wie groß sind die ¿nanziellen Möglich keiten,
in die eigene Gesundheit zu investieren ?
ƒ Besteht die Bereitschaft zugunsten der Gesundheit auf andere Konsumgüter
zu verzichten ? Wenn ja, auf welche ?
ƒ Welche Hindernisse gibt es – trotz entsprechender Erkenntnis –, einen gesund-
heitsbewussten Lebensstil zu führen (Geldmangel, Zeitmangel, Desinteresse,
Verlust an Lebensfreude, Fatalismus etc.) ?
ƒ Wie müssten Präventionsmaßnahmen gestaltet werden, damit sie auf Interesse
stoßen ?
ƒ Welcher Grad von Verbindlichkeit, VerpÀichtung oder Anreizen ist hierbei
notwendig ?

Bewertung der gesundheitlichen Versorgung

ƒ Wie wird das Gesundheitssystem in Deutschland bewertet? Patientenorientiert?


Qualität auf hohem medizinischen Niveau ? Patientenfreundlich ? „Human“ ?
ƒ Gibt es Erfahrungen mit Gesundheitssystemen anderer Länder ?
ƒ Welche Leistungen müssten auch in Zukunft solidarisch ¿nanziert werden ?
ƒ Welche Leistungen könnten privat übernommen werden ?
ƒ Wie werden die letzten Reformschritte im Gesundheitswesen empfunden ?
ƒ Wird mehr Wettbewerb / Markt im Gesundheitswesen als Vor- oder Nachteil
angesehen ? Welche sind die individuell empfundenen Vor- und Nachteile ?
ƒ Welche Erwartungen / Befürchtungen werden mit der künftigen Entwicklung
verbunden ?
ƒ Wie werden neue Innovationen im Gesundheitswesen empfunden ?
ƒ Besteht die Bereitschaft, neue, innovative Ansätze zu nutzen ? Pharma ? Dia-
gnose- und Therapiemethoden ? Neue Strukturen ?
ƒ Werden Innovationen eher als Chancen oder eher als Risiken wahrgenommen?
ƒ Wo werden ethische, rechtliche, soziale Grenzen gesehen, die nicht über-
schritten werden sollten ?
ƒ Wo liegen die großen Herausforderungen der Medizin ? Was wird aus der
jeweiligen Lebenssituation heraus als besonders wichtig angesehen ?
ƒ Was wird aus der jeweiligen individuellen Perspektive als besonders wün-
schenswert im Gesundheitssystem gesehen (niedriger Beitragssatz, umfas-
sende kurative Versorgung, Prävention, Vollkasko-Versorgung etc.) ?
ANHANG

Legende der Milieukürzel

ETB Sinus B1 „Etablierte“


PMA Sinus B12 „Postmaterielle“
PER Sinus C12 „Moderne Performer“
KON Sinus A12 „Konservative“
TRA Sinus A23 „Traditionsverwurzelte“
DDR DDR AB2 „DDR-Nostalgische“
BÜM Sinus B2 „Bürgerliche Mitte“
MAT Sinus B3 „Konsum-Materialisten“
EXP Sinus C2 „Experimentalisten“
HED Sinus BC23 „Hedonisten“

Impressum

Autoren:
Dr. Carsten Wippermann, Projektleitung Sinus Sociovision
Heide Möller-Slawinski

Projektmitarbeiter, Sinus Sociovision:


Christina SchefÀer
Tanja Merkle
Katja Wippermann

Medizinische Beratung:
Dr. Silke Frohmüller; PatientConsult (Heidelberg)

C. Wippermann et al., Chancengerechtigkeit im Gesundheitssystem,


DOI 10.1007/978-3-531-92871-5,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011
314 Anhang

Wissenschaftlicher Beirat

Die Konzeption, Durchführung und Auswertung der Studie wurde von einem
Wissenschaftlichen Beirat begleitet. Die Herausgeber danken den Beiratsmitglie-
dern für den fachlichen Rat bei der Erstellung der Studie.

Die Mitglieder:

Prof. Dr. Klaus-Dirk Henke


Lehrstuhl für Finanzwissenschaft und Gesundheitsökonomie, Technische Uni-
versität Berlin

Prof. Dr. Monika Jungbauer-Gans


Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftssoziologie, Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Bärbel-Maria Kurth


Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Ro-
bert Koch-Institut, Berlin

Prof. Dr. Elisabeth Pott


Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

Prof. Dr. Anke Rahmel


Hochschule Aalen, Fakultät Wirtschaftswissenschaften, Gesundheitsmanagement;
OPINIO Forschungsinstitut, Mannheim

Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz


Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, Medi-
zinische Hochschule Hannover

Prof. Dr. Dr. h. c. Peter C. Scriba


Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer, Berlin

Prof. Dr. Hans-Konrad Selbmann


Institut für Medizinische Informationsverarbeitung, Universität Tübingen

Prof. Dr. Dr. Urban Wiesing


Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer; Institut
für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen
Autoren und Herausgeber 315

Autoren und Herausgeber

Dr. Norbert Arnold


Leiter des Teams Gesellschaftspolitik, Hauptabteilung Politik und Beratung, der
Konrad-Adenauer-Stiftung. Studium der Biologie und Philosophie an der Universi-
tät Gießen; anschließend in der molekularbiologischen Forschung an den Universi-
täten Gießen und Zürich tätig. Seit 1993 Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung
mit den Schwerpunkten Forschungs-, Bio- und Gesundheitspolitik.

Dr. Michael Borchard


Leiter der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Studium der Politikwissenschaft, Neueren Geschichte und des Öffentlichen Rechts
an der Universität Bonn. Danach wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesarchivs,
freier Mitarbeiter der Politischen Abteilung des Bundeskanzleramtes und Leiter
des Referats „Reden, Textdokumentation, Fragen des gesellschaftlichen Wandels“
in der Thüringer Staatskanzlei.

Peter Marx
Leiter des Bereiches Market Access und Mitglied des Country Management Fo-
rums bei der P¿zer Deutschland GmbH. Studium der Volkswirtschaftlehre mit
den Schwerpunkten Monetäre Makroökonomie, Konjunkturtheorie, Umwelt- und
Ressourcenökonomik an der Universität Siegen. Nach dem Studium Referent für
Grundsatzfragen und Marktanalysen beim Bundesverband der Pharmazeutischen
Industrie. Seit 1998 in verschiedenen Positionen bei der P¿zer Deutschland GmbH
in den Bereichen Public Affairs und Gesundheitspolitik tätig. Ab 2001 in leiten-
den Funktionen der Bereiche Healthcare Management, Policy Affairs und Market
Access tätig. Koautor und Mitherausgeber von Publikationen zu den Themen Ver-
sorgungsforschung, Gesundheitsökonomie und Innovationen.

Heide Möller-Slawinski
Studienleiterin in der Sozialforschung bei Sinus Sociovision. Studium der Kunstge-
schichte, Englischen Philologie und Politischen Wissenschaften an der Universität
Heidelberg und der San Jose State University (SJSU), Kalifornien. Nach dem
Magisterabschluss modulares Aufbaustudium im Bereich Kulturmanagement an
der FernUniversität Hagen. Seit 1995 bei Sinus Sociovision, Schwerpunkt inter-
nationale Milieuforschung, Gender-Forschung, Gesundheit und Migration.

Prof. Dr. Carsten Wippermann


Professor für Soziologie für soziale Arbeit an der der Katholischen Stiftungs-
fachhochschule München, Abteilung Benediktbeuren. Davor von 2001 bis 2010
316 Anhang

im Sinus-Institut (Heidelberg) Direktor der Abteilung Sozialforschung. Studium


der Soziologie, Philosophie und Theologie an der Universität Bamberg und an der
Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt.