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Dienstag, 15. April 2014 $ Nr.

88 FEUILLETON 45
Neuö Zürcör Zäitung

WENN WÖRTER MIT IDEEN TANZEN SEHNSUCHT NACH WIRKLICHEM PATHOS UND POLITIK MEDIEN
Die zweiten Eventi Letterari Helmut Lethens Essay Eine Frankfurter Tagung Wenn entlassene Journalisten
Monte Verità in Ascona «Der Schatten des Fotografen» über «politische Romantik» eigene Zeitungen gründen
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Verständigung
auf Europäisch
Das neue Online-Magazin «Eutopia»
Roman Bucheli $ Schweizer können ein Lied da-
von singen, dass die mehrsprachige Verständigung
eine dauernde Herausforderung und allzu oft eine
Überforderung darstellt. Man behilft sich mit einer
«Lingua franca» nach gut europäischer Tradition,
denn immer schon waren Latein, Französisch oder
heutzutage Englisch die Sprachen der Wahl einer
kommunikativen Elite. Oder man macht aus der
Not eine schöne Tugend – und übersetzt. Die Trost-
losigkeit unserer Buchhandlungen ohne Überset-
zungen will man sich ja gar nicht vorstellen. Die
Zumutung von vielerlei übersetztem Schrott
nimmt man dafür gerne in Kauf. Verständigung
über die Sprachgrenzen hinweg, auch davon wissen
Schweizer ein langes Lied zu singen, ist das Funda-
ment des Mit- und Nebeneinanders. Gleichgültig
ist, auf welche Weise solche Verständigung ge-
schieht, wenn dabei nur die Eigenheiten nicht ver-
wischt, sondern geradezu gepflegt werden können.
«Eutopia» heisst ein neues europäisches Gratis-
Online-Magazin (www.eutopiamagazine.eu), das
sich mit einigem Pathos die Verständigung über
Sprach- und kulturelle Grenzen hinweg in den
Namen eingeschrieben hat. Europa wäre demnach
die Utopie, die es erst noch hervorzubringen gälte.
Das Magazin ist ein Gemeinschaftsprojekt von vier
europäischen Verlagen: S. Fischer aus Deutsch-
land, Le Seuil aus Frankreich, Laterza aus Italien
Schlafgänger auf ihre Weise: Zwei Australier haben ihren Pick-up für die Neujahrsnacht in eine temporäre Schlafstätte umgebaut. TRENT PARKE / MAGNUM und dem spanischen Verlagshaus Debate. Die
Redaktion befindet sich in Rom und wird geleitet
von Eric Jozsef, dem Italien-Korrespondenten der

Frühmorgens schalten sich die Sprenger ein französischen Tageszeitung «Libération». Das Eu-
ropa-Institut der London School of Economics hat
eine Beteiligung zugesichert, weitere Verlage und
Institutionen sollen folgen.
Dorothee Elmiger zeichnet in ihrem Roman «Schlafgänger» soziale Bruchlinien der Moderne nach Man wolle einen Raum schaffen, wo die euro-
päischen Bürgerinnen und Bürger sich über die
wichtigsten Fragen ihrer Zukunft informieren las-
Nico Bleutge $ Wer die Welt nur noch als fremd er- Doch «Schlafgänger» ist kein realistisch ge- Aus all diesen grossen und kleinen Erschütte- sen können – «von den hervorragendsten Autoritä-
lebt, der mag einem Schlaflosen gleichen. Viel- schriebenes Buch – und schon gar keine brav er- rungen ergibt sich eine Aufgabe für das Schreiben. ten aus jedem Gebiet»: Erörtert werden Themen
leicht beginnt es mit einem Riss, vielleicht mit zählte Geschichte. Dorothee Elmiger schickt eine Hinter Dorothee Elmigers Konstellationen scheint wie Immigration oder Wohlfahrt, das System der
einem leichten Flackern in der Wahrnehmung. Zu- Handvoll Figuren los und lässt sie von ihren Wahr- ein Bündel von Fragen auf: Wie lässt sich über die politischen Parteien in Europa oder das Verhältnis
nächst rückt alles in die Ferne, die Dinge und die nehmungen erzählen. Vielleicht sind es auch nur Dinge schreiben, ohne einfach nur Aussagen zu von Markt und Staat. Historische Essays sollen er-
Wörter verlieren ihre Bedeutung. Dann setzt sich Stimmen, die sich fortwährend ändern, bisweilen treffen oder Informationen weiterzugeben? Wie scheinen ebenso wie Reflexionen zur Kultur und zu
eine grosse Müdigkeit im Körper fest, und ein fast ineinander übergehen. Der Logistiker zum lässt sich über die soziale Gegenwart schreiben, Fragen europäischer Identität. Kurz: Den Initian-
Schwindel erfasst das Bewusstsein. Bis es am Ende Beispiel wandelt nachts durch grosse Städte oder ohne seinerseits den Mechanismen politischer oder ten schwebt ein Forum der Verständigung vor, das
....................................................................................................... verschliesst sich in seinem Zimmer. Ein Journalist ökonomischer Schlagworte zu verfallen? Und wie ausserdem jene Lücke schliessen soll, die von man-
sammelt Materialien zum Umgang mit Menschen, kann man über die Verfolgung von Menschen oder chen Intellektuellen in Europa lange schon beklagt
LESEZEICHEN
läuft hier durch die Ostschweiz, findet sich dort in die Zurichtung des Körpers einen Text verfassen, wird: Die Währung wurde vereinheitlicht, die
Dorothee Elmiger: Schlafgänger. Roman. Dumont-Verlag, Köln einem Wald wieder. Eine Figur namens A. L. Erika ohne schon durch die blosse Beschreibung die Ver- Märkte einander angepasst, die Bürokratie tut das
2014. 141 S., Fr. 26.90. erzählt von einem längeren Aufenthalt in Los letzung und das Unrecht zu wiederholen oder das Ihre zum Ausgleich, inzwischen werden gar Schul-
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Angeles. Haltlos wandert sie durch die Vorstädte Elend anderer zu seinem «schriftstellerischen Ka- den vergemeinschaftet – lediglich als kulturelles
so scheint, als sähe man sich selbst im Schlaf – und und entlang der pazifischen Küste, wobei sie pital» zu machen, wie es die Figur «die Schriftstel- Projekt kommt Europa nicht recht vom Fleck.
alles fände zur selben Zeit statt: «Die Warnlichter immer wieder von den zahllosen Menschen berich- lerin» einmal nennt? Schwerpunktthema der ersten Ausgabe ist –
an den Schloten blinkten ausser Takt, ein Grenz- tet, die sich der Grenze zwischen Mexiko und den wenig verwunderlich angesichts bevorstehender
wächter bewaffnete sich, die Ampel stand auf Rot, USA nähern, getarnt, über karge Wüstenwege Gleichgewichtskunst Wahlen und zunehmenden Diskussionsbedarfs –
eine Passantin näherte sich, einer schob eine sin- oder hinter den hohen Zäunen, die nachts von die Migration, genauer die europäische Binnen-
gende Säge durch Holz, einer trieb einen Stift Wärmebildkameras abgetastet werden. Dorothee Elmigers Antwort ist ein offenes Ge- migration einerseits und die Zuwanderung ausser-
durch einen Balken, um den Turm der Lagerhalle In ihrem Innersten horchen diese Stimmen füge. Die Konstellationen der Figuren und kleinen europäischer Flüchtlinge anderseits. Ferruccio Pas-
kreiste ein Vogel.» unsere Gegenwart daraufhin ab, ob es so etwas wie Absätze folgen einer geheimen Gleichgewichts- tore erinnert in seinem Beitrag an das Schengen-
eine klare Identität geben kann oder ob nicht jeder kunst. Bisweilen holt sie in einem einzigen Satz Abkommen, mit dem Europa einen paradoxen
Einer fällt aus der Welt Mensch eher aus vielen unvollständigen Varianten ganz unterschiedliche Zeiten und Wetterlagen zu- Schritt vollzog (und Folgelasten sehr ungleich ver-
des Ichs besteht. Die Methoden von Behörden sammen, dann wieder arbeitet sie mit Wieder- teilte): Nach innen wurde das Prinzip der Frei-
Nicht zufällig ist es ausgerechnet ein junger «Logis- jedenfalls bestehen einzig darin, Identität über holungen und Variationen von Sätzen oder reflek- zügigkeit festgelegt, an den Aussengrenzen hin-
tiker», der in Dorothee Elmigers neuem Buch Vermessung und normierte Daten herzustellen tiert das eigene Vorgehen indirekt. Der Rhythmus gegen wurden die Schotten dichtgemacht. An die-
«Schlafgänger» aus der Welt fällt. Denn die Logis- und so gewaltsam über den Körper zu verfügen. der Sprache ist gleichmässig, die Sätze versuchen sem inneren Widerspruch leide die europäische
tik ist weit mehr als nur eine Methode zum Trans- Mit Exkursen in die Geschichte oder Ideen von so weit als möglich ohne Hierarchien auszukom- Migrationspolitik bis heute.
port von Waren. Vielmehr steht sie für einen tief- anderen Künstlern, die sie geschickt in den Lauf men, so dass jedes Wort, jedes Phänomen sein eige- Ludger Pries und Kyoko Shinozaki haben Sta-
greifenden Wandel in den wirtschaftlichen Verhält- der Stimmen einfügt, fächert Dorothee Elmiger nes Recht erhält. tistiken ausgewertet und rechnen vor, wie sich die
nissen: den Übergang von der Massenproduktion Vorstellungen von Gesellschaft auf, die sich nicht Wie schon in den «Waghalsigen» mischt sie das Migrationsströme nach Bildung und Alter zusam-
an einem Ort hin zur spezialisierten Herstellung an kapitalistischen Prinzipien orientieren: eine bürokratische Deutsch von Verwaltungsbeamten mensetzen, und kommen zum Schluss, dass die Zu-
von Gütern, die über die ganze Erde verteilt ist. Kolonie in Texas etwa, in der alternative Möglich- und Rechtstexten ein, bald gesprochen, bald der wanderung «das Potenzial habe, demografische
Kaufkraft schlägt Arbeitskraft, eine Signatur keiten des Zusammenlebens und Wohnens erprobt Reportage im Radio abgelauscht. Und immer wie- Lücken in verschiedenen Arbeitsmarktsektoren zu
gleichsam für jene Vorstellung einer globalisierten wurden. Was die Sondagen der Gegenwart stets als der verdichtet sie ihre Textur zu gleichermassen schliessen». Dass solche Migrationsströme in den
Welt, die das gegenwärtige Denken und Wahr- Lücke ausmachen, sind die Momente Freiheit, fluiden wie trennscharfen Bildern: «Frühmorgens Herkunftsländern Löcher hinterlassen, bleibt da-
nehmen bestimmt. Ein Denken, das in den Bahnen Offenheit und gleiche Rechte. schalteten sich mit leisem Klick die Sprenger ein, bei unerwähnt. Der Entwicklungsökonom Paul
von Rationalisierung und Standards abläuft – und Das äussert sich vor allem in der Bedeutung des und das feine Wasser verdunkelte die staubigen Collier weist in seinem lesenswerten Beitrag dar-
in dem der Zufall und die Einzelheiten, der ein- Schlafs, der dem Buch nicht nur den Titel verleiht, Beete, ein Pelikan verschwand unter der unruhigen auf hin: Es könne – aus einer ganzheitlichen euro-
zelne Mensch vor allem, keinen Platz mehr haben. sondern als Metapher auf verschiedenen Ebenen Oberfläche des Ozeans. Das Licht schien in diesen päischen Sicht – nicht erwünscht sein, wenn junge
Als liesse sich alles verfügbar machen und normie- durchgespielt wird. Der Schlaf ist die einzige Wochen heller als zuvor, es trennte die Häuser und Ärzte aus Rumänien oder Bulgarien abwanderten,
ren. Kein Wunder, wenn da einer plötzlich aus der «anthropologische Konstante», wie es einmal die Palmen, die hoch über ihnen ragten, haarscharf um Lücken im deutschen Gesundheitssystem zu
Welt fällt. heisst, stösst er doch allen Menschen regelmässig von ihrem Hintergrund.» stopfen. Hier müsse das System Schranken ein-
Schon in ihrem Debüt «Einladung an die Wag- und gleichermassen zu. Das bedeutet aber auch: So entsteht die Vorstellung, die Dinge und Sätze bauen, wenn nicht die ökonomischen Gräben zwi-
halsigen» hat die 1985 geborene Dorothee Elmiger Wird einem Menschen oder gar einer ganzen stünden für sich selbst und seien doch auf sub- schen den Ländern vertieft werden sollen.
jenen Strukturen des modernen Kapitalismus Schicht von Menschen der Schlaf entzogen, zeigt kutane Weise miteinander verbunden, kommuni- Gemessen an der Zahl der Leserreaktionen auf
nachgespürt, die Empathie und die Möglichkeit sich darin ein tiefer Eingriff in die Rechte und eine zierenden Röhren gleich, deren Zusammenhang die Online-Beiträge, hat das Magazin kurz nach
eines für jeden Einzelnen erfüllten Lebens nach elementare Ungerechtigkeit in den Verhältnissen. die einzelnen Druckverhältnisse herstellen. dem Start noch keine grosse Verbreitung gefun-
und nach zum Verschwinden bringen. War es dort Die Schlafgänger des 19. Jahrhunderts, meist junge Manchmal, ganz selten nur, sind die impliziten den. Auch die Verständigung lässt noch etwas zu
eine erfundene nachkatastrophische Welt, in die Arbeiter in den Städten, die sich kein eigenes Zim- Umkreisungen dessen, was der Text denn sein wünschen übrig. Die meisten Beiträge sind auf
sie ihre Sätze einschrieb, so ist es nun die Gegen- mer leisten konnten und für wenige Stunden das könnte, zu sehr ausgestellt. Aber das schmälert Englisch zu lesen, einige auch in ihrer Original-
wart des 21. Jahrhunderts, mitsamt den Menschen, Bett eines anderen Arbeiters mieteten, sind dafür nicht die Intensität dieses Buches. Dorothee Elmi- sprache (Deutsch, Französisch oder Italienisch).
die legal und illegal Grenzen überqueren, mit nur ein Beispiel. Im Grunde ähnelt die Situation, ger verbindet gedankliche Schärfe mit politischem Eine Leserin aus Italien ruft den Verantwortlichen
Hochhäusern und den zahllosen Containern, die die das Buch skizziert, der Stadt Los Angeles mit Bewusstsein, ohne je didaktisch zu sein. Und zeigt etwas verzweifelt zu: «Aber bitte schreibt doch
auf Lastwagen, Zügen und Schiffen die Kontinente ihren unterirdischen Gräben: «Unzählige kleine uns die Welt als jenes «komplizierte Gebäude», auch auf Italienisch oder wenigsten auf Franzö-
durchziehen. Erschütterungen finden Tag und Nacht statt.» von dem die Figuren immerzu sprechen. sisch oder Deutsch. Nicht alle können Englisch!»