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Ihre Gedichte

Geistesgeschichtlicher Hintergrund und Literaturtheorie

Geistesgeschichtlicher Hintergrund
und Literaturtheorie

Das 17. Jahrhundert wurde von heftigen Glaubensauseinanderset­


zungen, aber auch von Säkularisationsprozessen bestimmt. Die­se
Säkularisationsprozesse zeigten sich etwa in den oben beschriebe-
nen politischen Veränderungen (Entstehung von absolutistischen
Territorialfürstentümern), vor allem aber in Umbrüchen in der Geis-
teshaltung durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft (Niko-
laus Kopernikus: Ablösung des antiken Weltbildes mit der Erde als
Mittelpunkt des Kosmos durch eine heliozentrische Kosmologie). In Aufkommen
religiöser Hinsicht ist das Aufkommen mystischer5 Strömungen be- mystischer
Strömungen
merkenswert. Sie standen für eine Abkehr von der kirchlichen Auto-
rität und wollten zu einer magischen Weltschau führen (z. B. Jakob
Böhme, 1575–1624), in der das Göttliche, die Welt und das Indivi-
duum zusammen gesehen wurden. Als Form praktischer Verwirk-
lichung des Glaubens entstand ab der Mitte des 17. Jahrhunderts
der lutherische Pietismus, begründet durch Philipp Jacob Spener
(1635–1705). Diese protestantische Reformbewegung wies dem ein-
zelnen Gläubigen religiöse Autorität zu, verstärkte aber auch den
Aspekt der beständigen Kontrolle durch das eigene Gewissen.
Die Barockliteratur vermittelte noch ein einheitliches Welt­
bild, das frei war von dem empirisch-historischen Denken späterer
Epochen, das über die christlich-heilsgeschichtliche Perspektive
hinausging. Gott und Welt wurden weiterhin als ein geordnetes Gott und Welt
Ganzes begriffen, alle Teile dieser Einheit waren als unverrückbar als geordnetes
Ganzes
aufeinander bezogen gedacht, die Welt wurde als sinnvoll geord­

5 Mystik: Form der Religiosität, bei der durch Hingabe oder meditative Versenkung eine persönli-
che Vereinigung mit Gott bzw. dem Göttlichen angestrebt wird (im Unterschied zu der von einer
Amtskirche offenbarten religiösen Lehre).

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netes Ganzes begriffen und als solches in der Li-


teratur gespiegelt.
Die Literatur der Barockzeit lässt sich im We-
sentlichen mit drei typischen Merkmalen be-
schreiben:

Zum einen bekam die Bildhaftigkeit eine hohe


Bedeutung. Das metaphorische Sprechen z. B. in
der Form des Emblems, eines erläuternden und
erläuterten Sinnbildes, war eine gleichnishafte
Deutung der Wirklichkeit.
Zum anderen versuchte man, mit zahlenmys­
tischen Ausdrücken das sinnvolle Aufeinander-
Bezogensein von Phänomenen zu beweisen.
Und schließlich zeichnete sich die für die Öffentlichkeit be-
stimmte Barockliteratur durch eine hohe rhetorische Form­
kunst aus, hinter die das Persönliche und auch das inhaltlich
Originelle zurücktraten (Themenarmut der Barockliteratur).

Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die Imitatio,


die Nachahmung: Nachgeahmt wurden literarische Vorbilder und
Muster, wobei man davon ausging, dass die Nachahmung zu ei-
nem individuellen Ergebnis führte (vgl. z. B. Francisci Petrarchae
von Martin Opitz). Durch die Übernahme von Inhalten, Motiven
und Formen wurde ein Beitrag zur Entwicklung einer deutschen
Literatursprache geleistet und erstmals der Nachweis erbracht,
dass das Deutsche auf dem gleichen Rang mit den anderen euro-
päischen Sprachen stand.
Literatur als Die Dichtung war – ähnlich wie in der Zeit der hochhöfischen
Auftragskunst Literatur des Mittelalters – Teil einer am Fürstenhof gepflegten
Kultur; gleichzeitig wurde sie auch bereits in speziellen bürger-

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lichen Kreisen (Literaturzirkel) verortet. Dies zeigt, dass Dichtung


in dieser Epoche als Gesellschaftsdichtung begriffen wurde, sie
war öffentlich und repräsentativ (nur das Kirchenlied tendierte
eher zum Privaten). So ist es nicht verwunderlich, dass Fürsten
und Dichter sich nicht nur mit der Dichtung ein Denkmal setzen
wollten, sondern dass insbesondere zahlreiche lyrische Texte so
genannte Kasualcarmina, also Gelegenheits- und Zweckdichtun- Gelegenheits-
gen, waren, die als Auftragskunst zu jedem denkbaren Anlass des und Zweckdich-
tungen
menschlichen Lebens (Geburt, Hochzeit, Begräbnis usw.) entstan-
den. Auftraggeber waren häufig die fürstlichen Mäzene.
Die gesellschaftliche Einbindung der Dichtung war auch der
Grund für ihren ausgeprägten rhetorischen Grundcharakter:
Martin Opitz definierte die Funktion von Dichtung als „uberredung
und unterricht auch ergetzung der Leute“6 und übertrug somit die Rhetorik:
antiken rhetorischen Begriffe „persuadere“, „docere“ und „delec- Kunst des
angemessenen
tare“ ins Deutsche. Die Lehre sollte an anschaulichen Beispielen und guten Redens
demonstriert werden. Für Dichter erwuchs durch die geforderte und Schreibens
Formenstrenge die Aufgabe, sich die notwendigen Kenntnisse der
Poetik und Rhetorik privat oder im Rahmen einer akademischen
Ausbildung anzueignen. Grundlage für diese Ausbildung wurde
vor allem die 1624 erschienene Poetik von Martin Opitz.
Die wichtigste Leistung der Barockdichtung bestand in der
Schaffung einer neuzeitlichen deutschen Nationalliteratur: An-
ders als ihre Kollegen in den süd- und westeuropäischen Ländern
im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatten es die deutschen
Literaten lange versäumt, die volkssprachliche Dichtung auf der
Grundlage des Humanismus zu erneuern. In Deutschland gab es Humanismus
die auf dem Humanismus basierende lateinische Dichtung („Ge-
lehrtendichtung“) und die aus volkstümlichen Quellen sich spei-

6 Zitiert nach: Meid, Literatur des Barock, S. 114.

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sende deutschsprachige Dichtung, z. B. in der Sammlung Venus-


Gärtlein (1656). Daneben wurde auch die Meistersingerkunst noch
betrieben. Hauptsächlich fand aber die Volkspoesie mittels Flug-
blättern ihre Verbreitung, die mit Bild-Text-Kombinationen und in
meist gereimter Sprache aktuelle politische oder religiöse Fragen
oder Aufsehen erregende Ereignisse vermittelten.
Deutsch erstmals Von den deutschen Gelehrtendichtern der Vor-Barock-Zeit
als eigene Litera- wurde diese Art der volkssprachlichen Dichtung abgelehnt. Sie
tursprache
bevorzugten eine neulateinische Dichtung, die im europäischen
Vergleich einen hohen Rang innehatte. Gleichzeitig galt die la-
teinische Literatur auch als Abgrenzungsmerkmal der gelehrten
Humanistenschicht gegenüber der Masse der nicht-humanistisch
Gelehrten. Daran änderte sich zunächst auch im 17. Jahrhundert
nichts, als unter dem Eindruck, dass die muttersprachliche Lite-
ratur etwas aufzuholen habe, die Ausbildung einer eigenen Li-
teratursprache betrieben wurde. Zwar wurde nun das Deutsche
an die Stelle des Lateinischen gesetzt, doch blieb die lateinische
Dichtung der Antike und der Renaissance inhaltlich und formal der
Maßstab. Die lateinischen Poetiken der Renaissance waren auch
Martin Opitz und der Orientierungsrahmen für Martin Opitz und seine Poetologie
seine Poetologie Buch von der Deutschen Poeterey (1624), mit der dem Deutschen
als Literatursprache zum Durchbruch verholfen wurde: Zunächst
mahnt Opitz im Kapitel Von der zuebereitung vnd ziehr der worte
grundsätzlich den Gebrauch des Hochdeutschen an:

„So stehet es auch zum hefftigsten vnsauber / wenn allerley


Lateinische / Frantzösische / Spanische vnnd Welsche wörter in
den text vnserer rede geflickt werden; als wenn ich wolte sagen:
Nemt an die courtoisie, vnd die deuotion,
Die euch ein cheualier, madonna, thut erzeigen;
Ein handvol von fauor petirt er nur zue lohn /
Vnd bleibet ewer Knecht vnd seruiteur gantz eigen.

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Wie seltzam dieses nun klinget / so ist nichts desto weniger


die thorheit innerhalb kurtzen Jharen so eingeriessen / das ein
jeder / der nur drey oder vier außländische wörter / die er zum
offtern nicht verstehet / erwuscht hat / bey aller gelegenheit
sich bemühet dieselben herauß zue werffen.“7

Den Widerstreit zwischen der deutschen und der lateinischen Widerstreit


Sprache entnimmt man auch dem Vorwort der wohl in den 1620er zwischen der
deutschen und
Jahren entstandenen Trvtz-Nachtigal von Friedrich Spee: der lateinischen
Sprache
„Trvtz-Nachtigal wird das Büchlein genand weil es trutz allen
Nachtigalen süß, vnd lieblich singet, vnd zwar auff recht Poë-
tisch. Also daß es sich auch wol bey sehr guten Lateinischen,
vnd andern poëten dörffe hören lassen./
Dan daß auch in der Teutschen Spraach man gut poëtisch dich-
ten, vnd reden könne; vnd es nicht bißhero an der Spraach, son-
dern an poëten, so es einmahl auch im Teutschen wagen dörff-
ten, gemanglet habe; wird der Leser gleich auß disem Büchlein
erfahren.“8

In der Poetik des Martin Opitz finden sich neben den Regeln über
Sprache und Verskunst auch Muster für alle Gattungen und For-
men. Von nachhaltiger Bedeutung war seine Festlegung der Vers-
messung nach gleichmäßiger Hebung und Senkung (Alternation). Abkehr von der
Dies bedeutete eine Abkehr von der antiken Metrik, in der die Mes- antiken Metrik

sung nach Längen und Kürzen vorgenommen wurde. Diese neue


Alternationsregel wurde bald schon durch den zweiten Grundsatz,
der Betonung nach dem natürlichen Wortakzent, erweitert.

7 Opitz, Poeterey, S. 32 f.


8 Spee, Trvtz-Nachtigal, S. 5.

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Auf Opitz geht auch das wichtigste Versmaß des Barock, der Ale­
xandriner, zurück:

„Vnter den Jambischen versen sind die zue föderste zue set-
zen / welche man Alexandrinische / von jhrem ersten erfinder
/ der ein Italiener soll gewesen sein / zue nennen pfleget / vnd
werden an statt der Griechen vnd Römer heroischen verse ge-
braucht: Ob gleich Ronsardt die Vers communs oder gemeinen
verse / von denen wir stracks sagen werden / hierzue tüchti-
ger zue sein vermeinet; weil die Alexandrinischen wegen jhrer
weitleufftigkeit der vngebundenen vnnd freyen rede zue sehr
ähnlich sindt / wann sie nicht jhren mann finden / der sie mit
lebendigen farben herauß zue streichen weiß. Weil aber dieses
einem Poeten zuestehet / vnd die vber welcher vermögen es ist
nicht gezwungen sind sich darmit zue ärgern / vnsere sprache
auch ohne diß in solche enge der Wörter wie die Frantzösische
nicht kan gebracht werden / mussen vnd können wir sie an statt
der heroischen verse gar wol behalten: inmassen dann auch die
Niederländer zue thun pflegen.
Der weibliche verß hat dreyzehen / der männliche zwölff sylben;
wie der iambus trimeter. Es muß aber allezeit die sechste sylbe
eine cæsur oder abschnitt haben / vnd masculinæ terminationis,
das ist / entweder ein einsylbig wort sein / oder den accent in
der letzten sylben haben; wie auch ein vornemer Mann / der
des Herren von Bartas Wochen in vnsere sprache vbersetzt hat
/ erinnert.“9

9 Opitz, Poeterey, S. 50 f.

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Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Funktionalisierung


von Dichtung (Kasual- bzw. Gelegenheitsdichtung) und mit dem
Wunsch nach einer deutschsprachigen Nationalliteratur ist die Entstehung von
Gründung von Sprachgesellschaften nach dem Vorbild der italieni- Sprachgesell-
schaften
schen Accademia della Crusca (1582) zu sehen. Ludwig von Anhalt-
Köthen (1579–1650) gründete 1617 in Sachsen die Fruchtbringende
Gesellschaft, auch Palmorden genannt. Bis zu ihrem Ende 1680 war
sie mit 890 Mitgliedern die einflussreichste Sprachgesellschaft, die
wichtigsten Barockdichter waren in ihr Mitglied. Daneben gab es in
den 1640er Jahren die Deutschgesinnete Genossenschaft (1643) sowie
den Pegnesischen Blumenorden in Nürnberg (1644). Hauptanliegen
dieser Gesellschaften war – neben der sozial-literarischen Funktion
als wichtige Sammelpunkte des literarischen Lebens – die Pflege der
deutschen Sprache und Kultur. Sie wandten sich gegen Fremdwörter,
Dialekte und Grobianismen in der Sprache und unterstützten Bemü-
hungen um eine einheitliche deutsche Grammatik und Orthografie.
Blickt man auf literarische Zentren, in der die Barockliteratur Schlesien und
entstand, so fällt die regionale Konzentration auf Schlesien und Sachsen als
Zentren
Sachsen auf: Dort wirkten Jakob Böhme, Johann Christian Gün-
ther, Andreas Gryphius, Christian Hofmann von Hofmannswaldau,
Friedrich von Logau, Martin Opitz sowie Angelus Silesius. Auch
Nürnberg trat in der Mitte des Jahrhunderts mit dem eben erwähn-
ten Pegnesischen Blumenorden als literarisches Zentrum hervor.
Das Ende der Barockzeit wurde von Auflösungserscheinungen Auflösungs­
angekündigt, wie sie etwa in den Werken Johann Christian Gün- erscheinungen

thers zu finden sind, die erste Anzeichen der literarischen Strö-


mung der Empfindsamkeit (1730–1800) aufwiesen. Kennzeichen
der Empfindsamkeit sind vor allem eine mitunter bis zur Rührse-
ligkeit übersteigerte Verinnerlichung. Der Säkularisationsprozess
ergriff auch die geistliche Dichtung, nur das pietistische Kirchen-
lied wurde in der Folge weitergeführt.

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