Sie sind auf Seite 1von 1

Vom Bier, vom Bock und vom

Bockbier
Die Goldlichte des Biers iit »o alt wie die Ge- Ziege, sondern mehr der Bock den Göttern' dar»
treidekultur. ~' li'iii im fünften Jahrtausend wir gebracht Hurde. Die Nachwirkungen dielet Kulte*
<;
hriuus k.iiiiiirii die alten Babylonier da» liirr- haben rieh bis heute erhaltm, denken wip zum Bei-
liraurn, und um das Jahr .'.' ifl \ur l.hriitu* c-ili einer spiel nur an unteren «Gitzibraten» zur Oderzeil, in
ilirrt liriii'iiii'iid-irii Könige, Hammurabi, ein «bür- dessen Tradition solche frühgeschichtliche Erinnc-
gerliches i.i--ri/liii«li herauf, daii auch rinr Rege- rangen unbewußt zum Ausdruck kommen.
lung i!rs liraiicn» und dm ?-rhankMattcnwc9Cn* ent-
Im Altertum und im Mittelalter iit die Ziege al»
hielt. .Sogar der Malzgrhall und der I'rrin ilr» liiere* magisches Tier /um \\ eistagen benutzt worden. Man
warm darin festgelegt. Ausgangsstoff uar nehm schrieb ihr die Fähigkei! zu, Hungersnöte, Kril-
der Gerilc vor allem eine (»ctreideart. die «Emmer- beben. I rntcauf sichten u»w. \oniussagen zu können.
genannt wurde. Bier gch'irtr tum Lohn aller Arbei<; Sie spirlir beim delphin hm Orakel eine große
ter und Angestellten, und dir Krauen des könig- Rolle und soll zur Entdeckung des Krdtpaltes ge-
tägliche Kation drei
1

liehen. Palaste» erhielten «I* führt haben, dessen \ii--n innungen die Ekstase der
Liter. Solche Quantitäten scheinen jahrlaii«endelaiig Priesterin hervorriefen. >;rlir früh schon ist der
ungefähr gleich geblieben tu sein. Im allen Argjp- Ziegenbock in Zusammenhang mit den Erscheinun-
ten, tu» dem uns unzählige Darstellungen iihrr Bier- gen drs (.rwillrrs grhrarht «linien, wobei die zuk-
bereitung und Bicrgriiiiü erhallen sind, bringt eine kciidrn Blitze dei Gewittergottes mit Hüekcii sym-
Mutter nach einer liehen Darstellung ihrem bolisiert worden lind« oft dienten Ziege und Bock
Sohn täglich zwei ktiigr Bier in die «Schreiber- auch zur Versinnbildlichung «Irr rcgcnspcndcndcn Ge-
schule?, die altig} ptisrlie Hochschule, um ihn offen- witterwolke, womit nie zum Sjiiilinl der Wachstums-
kraft mimI der Fruchtbarkeit «linien. So mag es
ilenn nicht «eiler n -lannliili acin, wenn das Stark-
bier dem Sinne um li ilem Ziegenbock alt Symbol
der Fruchtbarkeit nahesteht, wurde? et doch eben» Auszeichnung eines schweizerischen Plakatkünstlers
fall» häuft? al« Opfergabe \on.rliü!tct, um Wachstum : In New York
und Fruchtbarkeit, Gesundheit und Kraft, schöne ;.//.//.
Felder und gille Krnle zu siclicriti
Die amerikanische NaÜonaUdftung für Kinderlähmung hatte im Rahmen eine» Aufklärungsfeld-
aufgefordert.
Drr Ziegenbock isl auch (onil nicht nur im tute» 23 namhafte Graphiker Entwürfe einzureichen, welche der Oeffentlichkeit seigen ; "it-
nordisch-germanischen Kulturkreis ten, daß die Kinderlähmung bekämpft werden kann. AU das wirkungsvollste und beste Plakat ging aüt
wo er paar-
dem Wettbewerb die Arbeit des Sehweisen Herbert Matter hervor: «One of Thern Uad Polio*, «Eine»
von ihnen halte Polio», das heißt Kinderlähmung. Die Gestattung hat einen besonders tiefen menscliUchen
Hintergrund, denn das Plakat stellt die beiden Kinder des Künstlers dar, von denen das eine von der

...........
Altägyptische Darstellung de» Bierbrauen»

bar .in den akademischen Pensen ca. falben, in»


.
Kinderlähmung befallen worden und wieder vollständig genesen war. Herbert Matter aus Engelberg, ge-
boren 1907, ist ein gesuchter Mitarbeiter amerikanischer Zeitschriften.

Jahr 87$ nach Christus erbaten dfa, Mönch» ia


St. Gallen, »um Tische je ein Jiajbe» Maß- In .dieser
Zeit, um 800 nach -Christos, ia .welcher wie- all die Name «Bockbier» euf die im 16. Jahrhundert begon- während der Ritter die seine schon zum dritten Male
allgemein ge-
Jahrtausende vorher das Bier ein' so nene Einfuhr des «ainpockischen* Bieres nach Mün- hatte fallen lassen und plötzlich zu torkeln begann
briuehliehet Getriak war, daß der Bischof von -Imr «
chen zurückzuführen, eines Bieres, das ursprünglich und zu Boden kugelte. «Ei, edler Herr», lachte da
Sonntagen verbieten- mußte, ist- der
das Brauen an aus der Stadt Einbeck bei Hennover stammte. Die der Braumeister, «was maeht Ihr denn?» Da lallte
Ausgangsstoff wie heute fast ausschließlich Gerste, bayrischen Herzöge bestellten an Beginn . des der Ritter- mit schwerer Zunge: «Das Böcklein da,
und jetzt beginnt auch der- Hopfen die früher ge-
'

16. Jahrhunderts das Bier für ihre Hofhaltung leib das hat mich umgestoßen!» «O nein», sprach ver-
verdrängen.
brauchten aromatisiercndcn. Zusätze -'zu' aus Zschopau in Sachsen, teils aus der Stadt Ein- gnügt Herzog Christoph, und frohlockend rief der
Solche Zusätze wurden froher von vielen Völkern l'i-rk. Bald Jedoch wurde ihnen die Fracht zu teuer, Braumeister: «Det Böcklein da, das hat euch' to
verwendet, denn Bier brauten die Hebräer wie die obwohl' das eigene Lagerbier, das in München ge- wenig getan ab mir euer Bier. Der Bock, der euch
Perser, die Griechen wie die Römer, die Kelten wie braut und an das Hofgesinde ' verabreicht wurde, umgestoßen hat, den habe ich gesotten !S>; So kam der
die Alemannen, and in den skandinavischen. ,l*tv ihnen nieht zusagte. Erst 1614 gelang et dann einem Braumeister zu seinem wohlverdienten Sieg... und
dem brachte man tu den religiösen' Festen den ans Einbeck stammenden Braumeister, ein im Hof- der Bock zum Bier.
Göttern Bieropfer dar. Eines dieser altnordischen bräuhaus gebrautes «Ainpöckitch Bier» herzustellen,
Feste war du heidnische Julfest ein Vorllufer das turn Urtyp des Münchner Bockbieres wurde.
Was ist nun eigentlich Bockbier? Bockbier- Ist
de* christlichen Weihnachtsfeier,. Miä da/es-mlt Dieses wurde
anfänglich nur zu besonderen
An-
Wintersonnenwende verknüpft war, t wurde, das Bier heute wie früher Starkbier, ein besonders kräftig
>;

lässen gebraut, so tu Jakobi und zur Antlaszeit. Im eingebrautes Bier, das für bestimmte Festzeiten her*
mit den Vorstellungen .des wieder erstarkendem neu Josl Ammann Volke tagte man gar bald jedoch nicht «Abi.
'Bierbrauer" 1688
bebauenden Lebens, des aufwärts fahrenden San» pöckisch», sondern «Bockbier»
nrnlniifcB und mit mannigfachen -Wachstums- csd - .
und bei dieter
Bezeichnung ist et bb heute geblieben. Ja,
in Frank-
Fruchtbarkeitsriten verbunden. ' weise euch den Wegen des Donnergottes siebt , reich hat tieh die abgekürzte Form «un bock» sogar
' Vom Bier ab dem kraftspendenden Getränk, ins* sondern auch in der griechischen Mythologie ab für die Bezeichnung einet Glases Bier schlechthin
Symbol häufig. Erinnern wir uns nur der Gestell
besondere im Shine der Fruchtbarkeit, zum Bock
.
durchgesetzt.
eh)
dem Symbol der Fruchtbarkeit and Zeugung* Pens, der mit Bockshörnern und euf Bocksfüßen
kraft ist nur noch in Schritt.
<;
einherschritt und im Gefolge des Dionysos die Welt
der nalurhaft-sinnenfrcudigcn Triebe, die ErdwÜch- Eine besonders hübsehe, von allen etymologi-
sigkeit und Erdkraft symbolisiert. schen Forschungen unbeschwerte Erklärung für die
Entstehung des Namens «Bockbier» ist in einer
von
Die Ziege ist eines der ältesten- uns bekannten Johann Meyer im Münchner Stadtbuch aufgezeich-
Haastiere. Bereits die primitiven Mensehen, der neten Anekdote an finden. Sie aei hier zum Ergöuen
Steinzeit haben sie, vermutlich hauptsächlich um Es mag umstritten «ein, ob die Entstehung des '
der Leser nacherzählt: -

ihrer .Mi Mi willen, Behelfen. Sie spielte sehon früh Namens «Bockbier» besser mythologisch oder ety-
.

eine große Rolle eis Opfertier, wobei weniger die


mologisch au deuten ist Sehr wahrscheinlich ist der Zur Zeit Herzog Christophs, genannt der Kämp-
fer (1119 1193), kam es su einem Wettrinken zwi. Knecht MmppreeKt mit Bierfaß und Btddei*
schen dem herzoglich-bayrischen Braumeister det
gestellt wird. Wir trinken heute das Normal- oder
Hofbräuhauses und dem braunschweigischen Ge>;
Lagerbier, ferner dat stärkere Spezialbier, and über
sandten.' Herzog Christoph saß mit einem Brader
Albrechts II. and dem Gesandten bei einem Früh- beide geht des Bockbier in seinem Stammwürzegehalt
trunk. Er hatte ihnen einen tüchtigen Humpen Bier daa heißt dem Extraktgehalt (vor der Garang ge-
aus dem Hofbräuhaus vorsetzen lassen und wer
messen) noch hinaus. Im allgemeinen verbindet
höchlichst erstaunt, daß der braunschweigische Rit- man mit Bockbier die Vorstellung det dunklen
ter nach dem enten Zug seinen Mond in gar teure Bieres, das man ja überhaupt wegen seines hervor-
Felten legte. Ab der Braunschweiger gar erklärte, tretenden, würzigen Malzgeschmacka für das nähr-
du Getrink aei brauner Essig and er wolle den stoffreichere hält, wie et die Kriegszeiten mit ihrer
bayrischen Herzögen einen Trank aas seiner Heimat Sterken Bevorzugung des dunklen Bieres deutlich
senden, den selbst der Braumeister dei Hofbräu- gezeigt heben. De man aber in normalen Zeiten und
hauses nicht nachzuahmen imstande sein würde, da bei guten Ernährungsverhältnissen mehr and mehr
ergrimmten die beiden fürstlichen Zecher and «rieder auf des helle Bier übergeht,
bringt man
neuerdings auch du Bockbier hell oder dunkel zum
hießen den Hofbraumeister kommen. Nach heftigem
Diskurs schlossen der Braumeister and der braun- Ausschank. »
schweigische Gesandte alsdann eine innert
Jahres-
frist auszutragende Wette ah, wonach ein jeder
einen riesigen, zweieinhalb Maß fassenden Humpen
voll Bier bb zur Nagelprobe zn leeren habe.
«Bringt ein Feß eures Bieres mit nach München»,
rief der erzürnte Braumeister dem braunschweigi-
schen Gesandten zu, «und ich will ein Faß sieden,
so dem von euch wohl obsiegen soll, oder ich will
der schlechteste Meister sein, und ihre Gnaden sol-
len mich euf einem Esel verkehrt aus der Stadt aus»
reiten and eile meine Habe an euren Gunsten ver-
lustig werden lasten.» Da bchte der Braunschweiger
and setzte der Wette 200 Gulden entgegen. Gambrinus, der König des Bieres. Die Sagen und
Legenden mm diese Gestalt gehen «ahrschttnlich
auf
Das Jahr war bald um. An Tage der Entschei- Johann l. (Jean Primus) ton Brabant smrilck (1161
dung flogen die dienten Halmen vor einer riesigen
bis 1306), der die Pri'sidtnttchaft der Brauergilde
Zuschauermenge tief in die Bäuche der vom Briissei übernommen hätte.
Fässer.
Schäumend floLS ilns braune Naß in die gewaltigen
Humpen. «Gcscgn' euch Gott den Trank vom Münch,
ner Hofbräuhaus», sprach der herzogliche Brau»
meister und reichte ilcnt Braunschweiger das frisch
gebraute linjri'cli
e Hier, iili «ill den riirrn auf
euer Gnaden Wohl leeren! Und wer nach einer hei«
licn Stunde noch au! einem Berne stehend eine
Nadel einfädeln kann, der hat die Wette gewonnen*
Alsbald leerten die beiden Kimpen ihre Humpen
bb euf die Nagelprobe.
Ab sich der Braunschweiger und der Braumeister
eben anschickten, sich auf ein Hein zu stellen, da
»prang ein rriri li Hm klein lustig durch den Hof.
>;

Der Braumeister halte seine Nadel flugs eingefädelt. itodtrnisiertes Braueneichen


Edouard Manet rU bon bock" / 1S7S / Philadelphia, PniatbuiU

Neue Zürcher Zeitung vom 08.01.1950