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FEBRUAR 2005 · € 6,90 (D/A) DEUTSCHE AUSGABE DES

> BSE und kein Ende


> Diamagnetische Levitation
> Ursprung der Sesshaftigkeit
> Dinosaurier und der Weltbrand
> ESSAY: Homosexualität

www.spektrum.de

EVOLUTION

Leben Viren?
13,50 sFr / Luxemburg 8,– €

Die Zellparasiten sind


D6179E

eigenständiger als gedacht


EDITORIAL z Reinhard Breuer
Chefredakteur

Leben oder Nichtleben –


das ist die Frage

W ird über Viren berichtet, ist es in der Regel nichts Gutes. Kein Wunder:
Die bekanntesten bedrohen zumeist Leib und Leben, wie etwa das Influ-
enzavirus, dem wir die Grippe verdanken, oder das HI-Virus, die Ursache von
Aids. Das Problem ist ein nur bedingt wirksamer oder fehlender Impfschutz.
Grippeviren raffen jährlich allein in Deutschland 6000 bis 8000 Menschen
dahin – ein stiller Krieg mit etwa so viel Toten wie im Straßenverkehr. Jeden
Herbst beschwören die Medien das Gespenst einer neuen Pandemie herauf.
Dann werden Erinnerungen wach, etwa an die »Spanische Grippe« von
1918/19, bei der nach neuesten WHO-Schätzungen bis zu 50 Millionen Men-
schen umkamen. Wer über 60 Jahre ist, zählt zur Risikogruppe und sollte sich
impfen lassen. Doch ob die Impfung wirklich nützt, hängt auch vom richti-
gen Impfstoffmix ab. Der Erreger wandelt sich nämlich so rasch, dass bis zur
Impfung schon wieder neue Virusvarianten aufgetaucht sein können.
Bei Aids gar ist auch nach 20 Jahren Forschung eine Schutzimpfung gegen
das HI-Virus noch in weiter Ferne. Das Robert Koch-Institut schätzt in Deutsch-
land 43 000 HIV-Infizierte bei 2000 Neuinfektionen pro Jahr. Weltweit ist ihre
Gesamtzahl nach dem letzten UN-Bericht auf 39,4 Millionen gestiegen.
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Neue Hoffnungen bieten womöglich so genannte DNA-Impfstoffe, die derzeit


für mehrere Virenerkrankungen entwickelt werden: Sars, Ebola, aber auch
Aids und Grippe. Das Konzept ist bestechend: Diese Vakzinen enthalten nicht
mehr Oberflächenproteine des Erregers, die sich rasch ändern können, son-
dern essenzielle Stücke ihres Erbguts mit nichtveränderlichen Proteinen.
DNA-Impfstoffe werden seit einem Jahrzehnt intensiv untersucht (siehe SdW
10/1999, S. 52). Inzwischen scheint man sich der Anwendungsreife zu nähern.
Zumindest Mäuse sind damit bereits erfolgreich gegen Grippeviren immuni-
siert worden – nun aber gegen alle. Für HIV werden in Europa erste klinische
Studien vorbereitet. In den USA steht der erste DNA-Impfstoff kurz vor der
Zulassung. Er richtet sich gegen das West-Nil-Virus – allerdings bei Pferden.
Viren spielen in der Geschichte des Lebens offenbar aber nicht nur die Rol-
le eines lebensfeindlichen Schmutzeffekts. Vielmehr sind sie, wie unsere Titel-
geschichte schildert, aktivere Mitspieler der Evolution als bislang angenom-
men. Die HI-Viren bekommen aus dieser Perspektive einen fatalen Sonder-
status, als »womöglich die einzigen biologischen Entitäten, die so rasch
entstehen, dass wir ihre Evolution in Echtzeit verfolgen können« (S. 32).

Pisa und kein Ende, sondern ein Anfang: Als neue Rubrik starten wir heute »Junge
Wissenschaft«, dafür entfällt künftig »Wissenschaft im Unternehmen«. »Jun-
ge Wissenschaft« soll
jungen Menschen den
Zugang zu naturwis-
senschaftlichenThemen
öffnen – mit Aufgaben,
die auch ein Oberstu-
fenschüler »packen«
kann. Selbst ältere Se-
mester könnten ver-
sucht sein, ihren per-
sönlichen Wissensfun-
dus zu testen. Probieren
Sie’s (S. 70)!
F E BR UA R 2005
SE TE 24
I N I HN HAA L TT

SPEKTROGRAMM MOLEKULARE MED Z N

8 S e ne m T ümme sche be B nde s eh


Klare Sicht
M m k An b o kum aus de A ge u a durch die Augenlinse
10 SCH AG CH D e Tsunam Ka as ophe Für e ne g ask are Augen nse s e en
Ze en hre Lebens unk onen as
FORSCHUNG AKTUELL ganz e n Rä se ha s noch w e s e
12 Ma s übe aschend ung und dynam sch hren Be nahe Se bs mord s euern
B s vo Ku zem gab es Vu kan smus und
G e sche au dem Ro en P ane en ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SE TE 38
14 M k och p m n eg e em Quan en abo
PHYS K
S a ke Kopp ung zw schen Pho onen und
Quan enpunk en e s ma s ge ungen Stabil in der Schwebe
16 V en m ssb auchen mmunze en Se den 1930er Jahren s e ne e n ache Me hode bekann m der man Gegen
a s Schu zsch d s ände s ab m Magne e d schweben assen kann – doch ers e z finden d e
D e A ds und Hepa s E ege sp e en Forscher da ür auch prak sche Anwendungen
mmunze en gegene nande aus
21 Au B egen und B echen --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 48
Schä e e Rön gen nsen ve sp echen
e e e B cke n Kosmos und M k owe ERDGESCHICHTE

THEMEN
Der Tag,
an dem die Erde brannte
24 De P e s ü k a e S ch Der Asteroideneinschlag, der die Di-
D e Augen nse s e n »K s a « aus as
nosaurier vernichtete, setzte auch
o en Ze en
eine verheerende Welle von Flächen-
r 32 W e w ch g s nd V en?
bränden in Gang. Fast alle Wälder der
m Ne zwe k des Lebens sp e en s e d e
Ro e e nes nnova onsmo o s Erde gingen in Flammen auf
r 38 D amagne sche Lev a on
W e man e nen Magne en zw schen zwe --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 56
F nge n schweben assen kann
NEOLITHIKUM
r 48 Feue od de D nosau e
E n As e o dene nsch ag vo 65 M onen Freundliche Übernahme
Jah en se z e d e We n F ammen Feste Siedlungen, Ackerbau und Viehzucht – die Erfindung der Landwirtschaft
r 56 Revo u on n de S e nze in der Jungsteinzeit kam einer Revolution gleich. Doch verlief sie wohl weni-
D e nnova on Landw scha e e ch e ger dramatisch als lange angenommen
M e eu opa au v e en Wegen
r 62 BSE – noch ke ne En wa nung
Ve besse e F üh es s so en d e
n ek onsge ah e ndämmen
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 62

74 Ve gessene P on e de As onom e BSE


D e »ew gen Ta e n« des üd schen Frühtests für Rinderwahnsinn
Ge eh en Ab aham Zacu o wu den se bs
Nobelpreisträger Stanley B. Prusiner
m a ab sch s am schen Raum ez p e
plädiert für lückenlose Tests mit emp-
82 Wunde we de Kosme k
findlicheren Verfahren, da das Ver-
Gen echn k und Mo eku a b o og e d e
schön machen halten der BSE-Erreger noch immer
r 110 Essay S nn e che Homosexua ä Überraschungen birgt
s Da w ns Theo e de sexue en
Se ek on noch ha ba ?

Titelbild: Ein Viruspartikel scheint sich hier aus un-


NEUE RUBRIK JUNGE WISSENSCHAFT SEITE 70
belebter Materie zu materialisieren – Symbol für
den wissenschaftlichen Streit, ob Viren echte Le-
bewesen sind Molekulares Spiegelkabinett
Titelbild: Bryan Christie Design Auch im Reich der Moleküle kann es wichtig sein, zwischen links und
rechts zu unterscheiden. Bei der jüngsten Chemie-Olympiade mussten
Die auf der Titelseite angekündigten Themen sind mit
r gekennzeichnet
Schüler zeigen, wie gut ihnen das gelingt

4 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
F E BR U AR 2 0 0 5

REZENSIONEN
97 Die Klassiker der Physik von S. Hawking (Hg.)
Magie der Vogelstimmen von W. Streffer
Der Himmelsatlas von L. Benacchio
Die neue Medizin der Emotionen
von D. Servan-Schreiber
Management by Mathematics
von U. Hirsch und G. Dueck (Hg.)
Max Planck von K. Sander (Hg.)
Humoristische Chemie
von R. A. Jakobi und H. Hopf
Das Geheimnis des aufrechten Gangs
von C. Niemitz
Farbatlas Fossilien
von M. Urlichs und B. Ziegler

MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN
106 Strick-Muster und Einheitswürfel im IR5

TITELTHEMA EVOLUTION SEITE 32 JUNGE WISSENSCHAFT

Leben Viren? 70 Molekulares Spiegelkabinett

KOMMENTARE
20 Pyrrhus lässt grüßen
Streit um Non-Profit-Zeitschriften

ä
23 Springers Einwürfe

üä
Laufende Menschwerdung

WISSENSCHAFT IM …
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 74 46 Alltag: Carving Ski
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE 92 Rückblick: Heilsamer Atomblitz u. a.
Aus urheberrechtlichen Gründen
Die Planetentafeln können wir Ihnen die Bilder leider WEITERE RUBRIKEN
des Abraham Zacuto nicht online zeigen.
Die himmelsmechanischen Berech- 3 Editorial · 6 Leserbriefe/Impressum ·
109 Preisr tsel · 114 Vorschau
nungen des j dischen Gelehrten för-
derten den Aufschwung der Astrono-
SPEKTRUM-PLUS.DE
mie in Europa und den Aufstieg Spa-

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ZUSATZANGEBOT NUR FÜR ABONNENTEN
niens und Portugals zu Weltm chten

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---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 82

SCHWERPUNKT

Kosmetik

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Gentherapie gegen Haarausfall, eine
Creme, die reifer Haut jugendliche
Elastizit t verleiht und berdies nur
nat rliche Essenzen enth lt – die
Forscher der kosmetischen Industrie
ringen um den Kunden der Zukunft Einstein und der Kreiselkompass
Warum wandte sich der Physiker von
der Ausarbeitung seiner Allgemeinen
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 110
Relati
ESSAY Magnetismus in einem Eisenstab zu
Vom Sinn der Homosexualität untersuchen?
Gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind keine Sackgasse der Evolution, ZUGÄNGLICH ÜBER WWW.SPEKTRUM-PLUS.DE NACH
ANMELDUNG MIT ANGABE DER KUNDENNUMMER
sondern der soziale Kitt vieler Tiergemeinschaften

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 5
LESERBRIEFE
Verheißung Trotzdem wird kein vernünf- Strahlungsverteilung und Dunkle Energie
LESERBRIEFE

von Stammzellen tiger Mensch bestreiten, dass Wien’sches Verschiebungs- bremst Computer aus
Dezember 2004 die Chemie der Menschheit gesetz). Ich untersuche seit Forschung aktuell, Oktober 2004
mehr Vor- als Nachteile ge- 1993 klimarelevante Spuren-
Fragen über Fragen bracht hat. gase mit hochauflösender Wenn man die Thesen von
Bei dem Thema Stammzellen Stammzellen sind einer- FTIR-Messtechnik und kann Krauss und Strakmann wei-
stellen sich viele Fragen: seits eine große Verheißung, mit Sicherheit behaupten, terdenkt, kommt man zu fol-
Wann genau beginnt der andererseits stellen sie ein dass diese Linien existieren genden Vermutungen:
Mensch? Ist eine bewusste nicht unerhebliches medizini- und bei der Messung von zum 1. Es gibt in diesem Univer-
Abtreibung etwas anderes als sches Risiko dar. Beispiel NH3 sehr störend im sum eine absolut größte Zahl,
die Tötung einer embryona- Ausgangspunkt mancher Spektrum vorhanden sind. nämlich die, die mit den ver-
len Stammzelle? Krebserkrankungen sind nach Ich behaupte nicht, dass fügbaren Informationsbits so
Normal ist, dass sich bei neueren Erkenntnissen zu- eine globale Erwärmung un- gerade noch dargestellt oder
einer Schwangerschaft die be- mindest pluripotente adulte ausweichlich auf uns zu- gelesen werden kann.
fruchtete Eizelle erst in der Stammzellen, die im ungefäh- kommt. Physikalischer Fakt ist 2. Diese Zahl hat keinen fes-
Gebärmutter einnisten muss, ren Verhältnis von 10–4 in un- aber, dass die atmosphärischen ten Wert, sondern sinkt mit
damit ein Mensch heranwach- seren Körpergeweben existie- CO2-Banden mit zunehmen- dem Alter des Universums.
sen kann. Der Mensch hat die ren und für Reparaturen zu- der Konzentration stärker ab- 3. Am Ende des Universums
befruchtete menschliche Ei- ständig sind. Fast immer sorbieren. Und die CO2-Kon- ist diese Zahl genau 0.
zelle in die Nährlösung einer funktioniert dieser Mechanis- zentration ist messbar ange- 4. Am Anfang des Univer-
Petrischale gebracht. Ist das mus perfekt, aber manchmal stiegen und steigt weiter. sums war sie unendlich.
normal? eben auch nicht. Deshalb ist Prof. Hans J. Hellebrand, Potsdam Hintergrund: Die natür-
W. J. Fraidling, Bad Wörishofen Stammzellforschung ein bis- lichen Zahlen sind abzählbar
her viel zu wenig beachteter unendlich – in der Theorie –,
Weit reichende Erkenntnisse Aspekt der Krebsforschung. Streit um das Ende wenn aber die Energie des
von der Stammzellforschung Von ihr sind mindestens eben- der Dinosaurier Universums nur eine endli-
Stammzellforschung ist heute so weit reichende Erkenntnis-
Leserbriefe, November 2004
che, wenn auch riesige Menge
so wichtig wie vor hundert se zu erwarten wie von der von Zähloperationen hergibt,
Jahren die Grundlagenfor- Forschung um das therapeuti- Dr. Heißigs Frage nach der zwingt diese Endlichkeit auch
schung in der Chemie. Da- sche Klonen. Ursache dafür, dass Dinosau- zur Erkenntnis der Endlich-
mals hätte ein Ethikrat heuti- Prof. Hans E. Müller, Braunschweig rier ausgestorben sind, nicht keit der natürlichen Zahlen.
ger Prägung ein Moratorium aber die »nahe verwandten« Und da diese Energie sinkt,
gefordert, weil durch die Krokodile, lässt sich nach heu- sinkt damit auch die absolut
Chemie auch Giftgase und Nach uns die Eiszeit tigem Kenntnisstand plausibel mögliche Menge von Zähl-
Sprengstoffe möglich werden. Leserbriefe, November 2004 erklären: Als wechselwarme operationen und damit die
Tiere können erwachsene Kro- Möglichkeit, beliebig große
Herrn Dr. Wedekinds Argu- kodile problemlos mehrere Zahlen darzustellen.
ment ist nicht neu. Richtig Jahre ohne Nahrung überle- Schlimmer: Würde heute
ist, dass die 15-Mikrometer- ben. Dies gilt auch für ein ein Dämon diese größte Zahl
CO2-Bande fast gesättigt ist mehrmonatiges oder sogar berechnen und speichern, gäbe
und bei weiterer CO2-Kon- mehrjähriges Klimachaos nach es nicht nur niemanden mehr,
zentrationszunahme nur noch einem Meteoriteneinschlag. dem genug Energie übrig blie-
Aus urheberrechtlichen Gründen wenig zum Treibhauseffekt Größere Warmblüter haben be, um sie zu lesen, ihr Spei-
können wir Ihnen die Bilder leider beitragen kann. Unrecht hat diese Fähigkeit nicht, und chermedium würde zudem
nicht online zeigen. er, wenn er den CO2-beding- mittlerweile spricht einiges da- von der Hawking-Strahlung
ten Anteil zum Treibhausef- für, dass Dinosaurier Warm- irgendwann zerstört werden.
fekt allein der 15-Mikrome- blüter gewesen sind. Tomas Schweigert, Bergisch-Gladbach
ter-CO2-Bande anlastet. In Es entbehrt daher nicht
Wirklichkeit sind es CO2-Ab- einer gewissen Ironie, dass
sorptionslinien zwischen neun ebenfalls in der November- Magnetantrieb
und elf Mikrometern, die ausgabe ein Hauptartikel über für Raumfahrzeuge
durch die anwachsende CO2- Flugsaurier als »warmblütige Dezember 2004
Konzentration direkt zum Pioniere der Lüfte« erschie-
Treibhauseffekt beitragen. nen ist. Es ist immer wieder ärgerlich,
Hinzu kommt, dass die Falls sich bestätigt, dass wenn wie in diesem Aufsatz
Erde ihr Abstrahlungsmaxi- dieser Befund auch für Dino- auf S. 83 die Schwerelosigkeit
mum als »Schwarzer Strahler« saurier im Allgemeinen gilt, in einer Umlaufbahn als ein
o Die untere Verdickung im Innern bei zehn Mikrometern hat – wäre die Frage von Dr. Heißig Zustand erklärt wird, bei dem
(rot) dieses Keims ist die Quelle für entsprechend der Temperatur damit von selbst beantwortet. sich zwei Kräfte, die Schwer-
embryonale Stammzellen. von 300 Kelvin (Planck’sche Jörg Michael, Hannover kraft und die Zentrifugalkraft,

6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
ruhig verlaufenden heutigen viduen die verschiedenen
TSUNAMI-KATASTROPHE Warmzeit. Offenbar scheint Generationen. Samenpflan-
Zur Flutkatastrophe in Südasien finden Sie Berichte unter www. es Wechselwirkungen zu ge- zen (höhere Pflanzen) haben
wissenschaft-online.de/tsunami. Zudem ist der Artikel »Die Bedro- ben zwischen den signifikan- dagegen, stark vereinfacht
hung durch stille Erdbeben« auf www.spektrum.de als Download ten Klimasprüngen (Dans- ausgedrückt, die Geschlechts-
frei erhältlich. Weitere Hintergründe zu Erdbeben bietet unserer gaard-Oeschger-Ereignissen) generation auf wenige Zellen
Sonderheft »Die unruhige Erde II«. (Siehe auch S.10/11) und geologisch-geophysika- reduziert, die gleichsam als
lischen Ereignissen, die bisher Parasit in der Blüte versteckt
gegenseitig aufheben. Würden Ein See als noch nicht oder noch nicht sind. Die eigentliche (mak-
sich Kräfte tatsächlich aufhe- Seismograf genügend bekannt sind und roskopisch erlebbare) Pflanze
ben, wäre der betroffene Kör- noch nicht ausreichend unter- ist also immer die unge-
Dezember 2004
per also kräftefrei, würde er sucht wurden. Es wäre also schlechtliche und daher sexu-
geradlinig weiterfliegen und Interessant an diesem Beitrag interessant zu wissen, ob auch ell nicht differenzierte Gene-
keinesfalls im Orbit bleiben. ist auch ein Nebenschau- anderswo auf der Erde zeit- ration.
Ein Körper befindet sich platz, der zum Nachdenken gleiche Ereignisse stattgefun- Dr. Bruno Kremer, Köln
im Zustand der Schwerelosig- anregen könnte. Die beiden den haben.
keit, wenn er in seiner Bewe- ältesten Erdbeben vor 14 610 Hans-Jürgen Bobzien, Hamburg
gung ohne jede Einschrän- und vor 13 960 Jahren erfolg- Erratum
kung der jeweils wirkenden ten zeitgleich mit signifikan- Karthago – antikes Reich
Schwerkraft folgt, das heißt, ten Temperatursprüngen, wie Die Krux mit dem Sex des Bösen? Dezember 2004
er befindet sich sozusagen je- δ 18O-Daten aus dem Grön- Leserbriefe, Oktober 2004
derzeit im freien Fall. landeis ausweisen (NGRIP, Beim Bildnachweis zur Karte
Diese inzwischen allge- S. J. Johnsen et al., 2004). In- Prof. Gilbert, offensichtlich auf S. 28 wurde ein falscher
mein akzeptierte Definition nerhalb kürzester Zeit ver- kein Botaniker, behauptet in Name angegeben. Korrekt ist:
hat nicht nur den Vorteil, dass sprangen die Temperaturen seinem Leserbrief »Der Stan- Emde-Grafik nach: Ranger-
sie im Einklang mit der klassi- um 5 bis 7 Grad Celsius. Vor dard bei höheren Pflanzen ist Design / Jürgen Krüger, Uni-
schen Mechanik steht, nach 14 610 Jahren aus den eis- Zwitter«. versität Karlsruhe.
der eine Kreisbewegung, hier zeitlichen Temperaturen des Ob Buche oder Maiglöck- Die Redaktion
die Bewegung in einem Or- Dryas 1 ins warme Bölling chen – das so benannte Ge-
bit, eine Kraft in Richtung und vor 13 960 Jahren wie- wächs ist in Wirklichkeit ein Briefe an die Redaktion …
des Zentrums voraussetzt, sie der zurück ins kalte Dryas 2. ungeschlechtliches Individu- … richten Sie bitte mit Ihrer
erlaubt darüber hinaus auch So exakt, dass ein Zufall um. Alle Pflanzen machen vollständigen Adresse an:
alle anderen Fälle der Schwe- nahezu ausgeschlossen wer- einen so genannten Genera-
Spektrum der Wissenschaft
relosigkeit abzudecken wie den kann. tionswechsel zwischen ge- Ursula Wessels

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zum Beispiel beim Fall im Das Beben vor 9820 Jah- schlechtlich und ungeschlecht- Postfach 10 48 40
Fallturm und beim so ge- ren erfolgte dagegen weniger lich sich fortpflanzenden Ge- D-69038 Heidelberg
nannten Parabelflug mittels spektakulär am Ende der ex- nerationen durch. E-Mail: wessels@spektrum.com
Flugzeugen. tremen Klimaturbulenzen Bei Algen und Farnen ver- Fax: 06221 9126-729

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Dr. Manfred Zier, Ritterhude und dem Beginn der relativ treten noch getrennte Indi-

Vertrieb und Abonnementverwaltung: Spektrum der Wissen- Gesamtherstellung: Konradin Druck GmbH, Leinfelden-Echterdingen
schaft Verlagsgesellschaft mbH, c/o Zenit Pressevertrieb GmbH,
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Dr. Gerhard Trageser f r 12 Hefte; f r Studenten (gegen Studiennachweis) € 65,40. Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugäng-
Redaktion: Dr. Klaus-Dieter Linsmeier, Dr. Christoph Pöppe Die Preise beinhalten € 6,00 Versandkosten. Bei Versand ins lichmachung, ist ohne die vorherige schriftliche Einwilligung der
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Übersetzer: An diesem Heft wirkten mit: Gerald Bosch, Dr. Markus Druckunterlagen an: GWP-Anzeigen, Vermerk: Spektrum Lorraine Leib Terlecki (Circulation), Chairman: John Sargent,
Fischer, Dr. Rainer Kayser, Dr. Susanne Lipps-Breda, Daniel Stolte der Wissenschaft, Kasernenstraße 67, D-40213 D sseldorf, President and Chief Executive Officer: Gretchen G. Teichgraeber,
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 7
SPEKTROGRAMM

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u penzu'
r Die Steinklinge (Pfeil)
SPEKTROGRAMM

in einer 14500 Jahre alten

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ASTRONOMIE Wirbelsäule zeugt von

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gewaltsamen Auseinan-
Sterne mit Trümmerscheibe dersetzungen bei den

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Frühmenschen.

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Q Den Anfang macht eine Staubwolke, die einen jungen Stern umgibt und sich
unter der eigenen Schwerkraft allmählich verdichtet. Wegen der Rotation des Sys-
tems wird sie zunächst zu einer Scheibe abgeflacht. Die Teilchen darin kollidieren
dann miteinander und ballen sich so im Lauf
sammen, aus denen schließlich Planeten wie die Erde entstehen. Übrig gebliebe-

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ne kleinere Brocken und T ollisionen sammeln sic

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ren Scheibe – wie dem Asteroiden- und dem Kuiper

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Soweit das theoretische Bild der Entstehung eines Planetensystems. Wie gut

A
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es die R ft, ließ sich bisher nicht sicher sagen. Außerhalb des Sonnensys-

n
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n
skd
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uS
rc
tems konnten die A h nur besc hnappsc

e.
sem Szenarium beobachten. Einerseits sahen sie sehr junge Sterne mit Staub-
scheiben, andererseits Gasriesen in fertigen Sonnensystemen.
Nun aber gelangen Forschern der Nasa neue, detailliertere Einblicke. Zum ei-
nen entdeckte das Hubble-Weltraumobservatorium eine geriffelte Staubscheibe
ken um einen Stern, der mit 50 bis 250 Millionen Jahren
schon ein Alter erreicht hat, in dem F adien der Planetenbildung ablaufen soll-
ten. hfalls die Erde umkrei-
senden Spitzer-Teleskops bei sechs Sternen im Im fernen Sonnensystem treiben, wie jetzt nachge-

h kö
lsn ind
e
ine
schon Gasplaneten nachgewiesen worden w heibe aus wiesen wurde, Gesteinsbrocken in einem äußeren

thfüfm
n alsotarkb ü nd
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T eides passt hervorragend zum theoretischen Bild. (Nasa, 9.12.2004) Ring (hier in künstlerischer Darstellun

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Nanotechnik-Linse nach Krakenart Antibiotikum aus
Q Die Augen des Tintenfisc Jetzt hat ein Team um Eric Baer von der Alge

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des Menschen. US-Forscher haben das Clev Q Wissenschaftler an der Universität

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Tier deshalb zum Vorbild genommen, Plastikfilme erzeugt, die aus rund 6000 von New South Wales in Sydney haben

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um aus Plastik eine ebenso scharf fo- Lagen zweier unterschiedlich stark bre- einen neuen Typ von Antibiotikum ge-

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kussierende Linse zu konstruieren. Sie chender Kunststoffsorten bestehen. funden und erfolgreich am Erreger der

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setzt sich wie die der Kraken aus eini- Über den relativen Anteil der beiden Cholera getestet.
gen 100 000 e hichten Komponenten variierten die Forscher Es handelt sich um Substanzen aus
mit unterschiedlichem Brechungsindex den Brechungsindex. Schließlich form- den Blättern der Rotalge Delisea pulch-
zusammen. Traditionell bestehen techni- ten sie aus hundert solchen Filmen eine ra, die zur Stoffklasse der Furanone ge-
sche Linsen dagegen aus einem einzi- Kugel. Die Brennw hören. Im Gegensatz zu herkömmlichen
gen durchsichtigen Material – ge chen Linse war genauso kurz wie die Antibiotika zerstören sie die Bakterien

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nernläst.
lich Glas. J er sie Lic des Krak h stark fo- nicht. Sie verhindern nur die chemische
sollen, desto mehr muss ihre Oberfl kussierendes Ex te Kommunikation zwischen ihnen, indem
c as Abmessungen das vierfache Gewicht. sie die Andockstellen für die Botenstof-
und Gewicht hichten Die US-Forscher sehen eine F fe blockieren. Viele Bakterien sind aber
kann dagegen sogar eine flache Scheibe technischer Anwendungen ihrer Nano- auf diesen Informationsaustausch ange-
fokussierend wirken, wenn der Bre- technik-Linse bei Kameras, Teleskopen wiesen. Erst wenn das Signal »Min-
chungsindex zum Rand hin zunimmt. und Sehhilfen – auch weil das Material destmenge im Körper erreicht!« gege-
weich und biegsam ist, sodass sich der ben wird, produzieren sie jene Toxine,
Brennpunkt einfach und schnell durch welche die schweren Krankheitssymp-
A

Dehnen oder Stauc tome auslösen – bei der Cholera etwa


Aus urheberrechtlichen Gründen (Online-Nachrichten »Nature News«, 7.12.2004) den Durchfall.
können wir Ihnen die Bilder leider In einer Zeit, da Resistenzen gegen
nicht online zeigen. herkömmliche Antibiotika die Bekämp-
l Das Auge eines Oktopus war Vorbild für die fung bakterieller Infektionen zuneh-
Konstruktion stark brechender Kunststofflinsen. mend erschweren, ist eine neue, unver-

10 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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Blätter archivieren

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Gebirgsbildung

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Q Wenn Wissenschaftler die einstige
H he von Bergen bestimmen wollen,

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k nnen sie jetzt eine neue Methode
benutzen: Sie z hlen die Poren auf der

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Unterseite fossiler Bl tter. Durch diese
so genannten Stomata nehmen Pflan-
zen Kohlendioxid auf, das sie f r die
Photosynthese ben tigen. Weil die Luft
in bergigen H henlagen d nn ist, gibt
es dort weniger Molek le des Gases.

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Um diesen Mangel auszugleichen, bil-
den die Bl tter mehr Poren als im Flach-
land. Die Anzahl der Stomata ist also
ein Indikator f r die H he, in der die
Pflanze w chst.
Die Geologin Jennifer McElwain am

NASA / JPL / CALTECH / T. PYLE (SSC)


Field Museum in Chicago testete die

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Methode am Beispiel der Kalifornischen
Schwarzeiche (Quercus kelloggii), die in
dem breiten H heng rtel von 50 bis
2500 Metern ber dem Meer gedeiht.
Untersuchungen an heutigen Bl ttern
aus bekannten H hen ergaben eine

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WAHRNE HMU NG Fehlermarge von nur 300 Metern.

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TY Außerdem zeigte McElwain an einer
Blinder ahnt Mimik
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Sammlung bis zu 65 Millionen Jahre


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nauso blind machen wie Zerst rungen schluss ber die Auffaltung und Erosion
im Auge. Allerdings erkennt das Gehirn von Bergz gen gibt.
in diesem Fall anscheinend trotzdem (Geology, 30.11.2004, S. 1017)
gewisse Aspekte des Gesehenen. Ei-
nen Beleg daf r lieferte jetzt ein Team
um Alan Pegna von der Universit t von u In 400-facher Vergrößerung werden auf einem
Wales in Bangor. Es untersuchte einen Eichenblatt die bohnenförmigen Stomata (Poren)

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Mann, der erblindet war, weil zwei . Ihre Zahl steigt mit
Schlaganf lle seine Sehrinde fast v llig der Höhe, in der die Pfl

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o zerst rt hatten. Obwohl der Patient die
der Rotalge Delisea pulchra hemmen die Kommu- Gesichter auf 200 dargebotenen Fotos
nikation bei Cholera-Bakterien: Die Furanone (hier nicht wahrnehmen konnte, erkannte er
gelb fluoreszierend) können aus den Dr senzel- mit einer Trefferquote, die deutlich h -
MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON THE FIELD MUSEUM, CHICAGO

len extrahiert werden. her lag als der Zufallswert, den emotio-
nalen Ausdruck. Scans der Hirndurch-
blutung zeigten den wahrscheinlichen
brauchte Waffe hochwillkommen. Diane Grund daf r. Emotionen in den Gesich-
McDougald und ihre Mitarbeiter in tern ließen eine Hirnregion aktiv wer-
Sydney sind davon berzeugt, dass die den, die als Amygdala (Mandelkern)
Furanone aus der Rotalge auch gegen bezeichnet wird. Ihre Aufgabe ist es,
andere Bakterien wie die Erreger der den emotionalen Gehalt sensorischer
FOTO: JENNIFER MCELWAIN,

Tuberkulose wirksam sind. Allerdings Informationen zu bewerten. Das ge-


haben sie die Substanzen bisher nur im schieht anscheinend auch dann noch,
Labor getestet, Versuche an M usen wenn die Information selbst nicht mehr
sollen folgen. korrekt verarbeitet werden kann. (Nature
(University of New South Wales, 8.12.2004) Neuroscience, 12.12.2004, doi: 10.1038/nn1364)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 9
SCHLAGLICHT

SEIS MOLO GIE

Die Tsunami-Katastrophe
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rläu der absac
Erhebung bewegt sich dann ringartig
nach allen Seiten als Welle davon.
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Etwas Ähnliches passiert, wenn
man einen Stein in einen Teich wirft.

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Dank seismischer Überwachung sowie moderner Computer- und

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Allerdings hat der »Stein« hier einen
Satellitentechnik ließen sich Ursache, Verhalten und Auswirkungen Durchmesser von mehreren Dutzend

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der verheerenden Flutwelle im Indischen Ozean akribisch dokumen- Kilometern und der »Teich« eine Tiefe
von fünf Kilometern. Entsprechend

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tieren − nur die Vorwarnung funktionierte nicht. groß ist die Wellenlänge der Woge. Ein

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Tsunami unterscheidet sich deshalb
Von Gerhard Trageser Sperre aufbricht und die aufgestaute völlig von dem kleinräumigen Kräuseln
h freigesetzt wird. Dann der Meeresoberfläche, das der Wind

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Q Am 26. Dezember ereignete sich bewegt sich die wieder entriegelte oder ein Sturm verursacht. Vielmehr
kurz vor acht Uhr morgens Ortszeit Platte sc k schwappt wie in einem bewegten Tank

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unter dem Meeresgrund westlich der weiter. Das geschah jetzt, wie die Geo- ein riesiger Wasserkörper als Ganzes


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indonesischen Insel Sumatra ein Erd- e des Erdbe- hin und her − mit der Geschwindigkeit

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beben der Stärke 9,0. Die resultieren- bens und der Lage der Nachbeben eines Flugzeugs.
de Flutwelle löste die wohl größte Na- sc en, an einem insgesamt etwa Das hat paradoxe Konsequenzen:
turkatastrophe der jüngeren Mensch- 1200 k des Sun- Da sich synchron derart viel Wasser
heitsgeschichte aus − mit vermutlich dagrabens. bewegt, muss die Welle nicht sehr
mehr als 150 000 Todesopfern in den Computersimulationen des Ereig- hoch sein, um dennoch eine giganti-

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nisses ergaben, dass in der Umgebung sche Energiemenge zu transportieren.
des Indischen Ozeans. des Bebenherds selbst, der 18 Kilome- Auf dem freien Meer ist sie deshalb
Ursache w ter unter dem Meeresboden liegt, die kaum gefährlich, ja für ein Schiff, dem

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ßen die ruckartige Verschiebung zweier beiden Kr ke beim ersten gro- sie begegnet, praktisch nicht spürbar:
ke der Erdkruste. Vor dem on hun- Es wird nur unmerklich angehoben

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Nordwesten Sumatras taucht an einer dert Kilometern um bis zu zwanzig und wieder abgesenkt. Ihre Gewalt
so genannten Subduktionszone − dem Meter aneinander entlangglitten. Am entfaltet die Welle erst, wenn ihre

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Sundagraben − die Indische unter die Meeresgrund war die Bewegung nicht Front in flacheren Regionen in Küsten-

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Birma-Platte ab. Gelegentlich verhakt mehr ganz so stark. Hier hob sich die nähe abgebremst wird. Das von hinten
sie sich dabei und steckt fest. Die Birmaplat nachdrängende Wasser staut sie dann
Spannung steigt dann so lange, bis die verrutschte seitlich um maximal elf immer mehr auf, sodass sie Höhen
Meter. von zehn Metern und mehr erreichen


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Dennoch reic he kann. Besonders fatal sind dabei fla-

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Bodenbewegung aus, um die verhee- che, sanft abfallende Küsten, wie sie in
rende Monsterw ach- den Touristenparadiesen am Indischen
leute sprechen von Tsunami − ein Ozean vorkommen. Das erklärt die
Wort, das die J enormen Verwüstungen und vielen
deren Inselst g von solchen Todesopfer.
Wellen heimgesucht wird. Wenn sich Die Küste vor einem starken Tsuna-
der Meeresboden ruckartig hebt, wirkt mi schützen zu wollen ist praktisch
das wie eine Faust, die das Wasser aussichtslos. Den Menschen bleibt nur
h nac kt. Kurzfristig die rechtzeitige Flucht. Leider schlägt
entsteht eine h, da die Welle aber buchstäblich aus heite-
Wasser nicht formstabil ist, sofort wie- rem Himmel zu. Immerhin kann man
die kurze Zeitspanne zwischen dem
seismischen Nachweis des Bebens
l Erstmals konnten auch Satelliten den Verlauf und dem Eintreffen der Woge für eine
einer Tsunami-Katastrophe dokumentieren. Aller- Vorwarnung nutzen. Im Pazifik, in dem
dings waren die meisten nicht zur rechten Zeit am öfter Tsunamis auftreten als im Indi-
richtigen Ort, um das Anbranden der Welle selbst schen Ozean, existiert schon seit Jahr-
aufzunehmen. Sie lieferten lediglich nachträglich zehnten ein entsprechendes System.
schockierende Bilder von den Verwüstungen. Nur Im Indik soll es nun schnellstens auf-
der Satellit Quickbird der Firma Digital Globe er- gebaut werden − für die Hunderttau-
wischte den Zeitpunkt des Zurückflutens der ers- sende jetzt gestorbener und verletzter
ten Welle bei der Stadt Kalutara an der Westküs- Menschen zu spät.
DIGITAL GLOBE

te Sri Lankas um 10:20 Uhr Ortszeit (unten). In dem


folgenden Wellental wich die Wasserlinie kurzzei- Gerhard Trageser ist Redakteur bei Spektrum der
tig mehr als 300 Meter vom Strand zurück (oben). Wissenschaft.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
CHEN JI, CALTECH

US GEOLOGICAL SURVEY
5

Vertikalbewe-
gung in Metern

Horizontal-
bewegung in Metern
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Nachbeben %URASISCHE
2 6 0LATTE
1 5 ,7 0 – 5 ,9 0
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5 ,9 1 – 6 ,4 0
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–2 0 6 ,4 1 – 6 ,9 0

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6 ,9 1 – 7 ,3 0

Subduktion SZONE

o Nach Modellrechnungen wurde der Meeresboden an dem Abschnitt )NDISCHER


der Plattengrenze, der an das Epizentrum des Bebens grenzt, um bis zu /ZEAN
f nf Meter gehoben (links) und elf Meter horizontal versetzt (rechts).

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17


Zeit in Stunden
NOAA PACIFIC MARINE ENVIRONMENTAL LABORATORY

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o Bei einer Geschwindigkeit von etwa 700 Kilometer pro Stunde erreich-
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te die Tsunamiwelle nach etwa zwanzig Minuten Sumatra, nach drei Stun- -ALAKKA 3TRA”E
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den Indien und nach acht Stunden Somalia am Horn von Afrika.

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 20 40 60 80 100 300 500


Wellenhöhe
in Zentimetern
NOAA PACIFIC MARINE ENVIRONMENTAL LABORATORY

฀ ฀
฀ ฀ ฀ %PIZENTRUM

3UMATRA

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!USTRALISCHE
0LATTE

o Auf dem freien Meer war die Tsunamiwelle maximal vier Meter hoch, o Der verheerende Erdstoß am 26. Dezember (Stern) und die Nachbeben er-
an der K ste Sumatras erreichte sie dagegen mehr als zehn und selbst eigneten sich an einem Abschnitt des Sundagrabens, an dem die Indische Plat-
am Horn von Afrika noch vier Meter Höhe. te unter die Birma-Platte abtaucht.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 11
FORSCHUNG AKTUELL
P LANETOLO GIE rauf eingeschlagen sein. Ursprünglich
FORSCHUNG AKTUELL

hatten die Planetologen die Methode für


Mars überraschend den Mond entwickelt und sie anhand
der radiometrisch bestimmten Alterswer-
jung und dynamisch te zur Erde transportierter Gesteinspro-
ben geeicht. Aber nicht nur der Erdtra-
bant ist einem stetigen Bombardement
Vulkanausbrüche und fließende Gletscher – der Rote Planet war noch durch Asteroiden und Kometen ausge-
bis in die junge geologische Vergangenheit erstaunlich aktiv. setzt. Deshalb eignet sich das Verfahren
auch zur Datierung von Oberflächen an-
derer Körper im Sonnensystem – sofern
Von Thorsten Dambeck während der vergangenen 3,8 Milliarden dort keine starken Verwitterungs- und
Jahre immer wieder vulkanische Aktivi- Erosionsprozesse die Einschlagspuren

S eit Dezember 2003 umkreist die


High Resolution Stereo Camera
(HRSC) an Bord der Esa-Sonde Mars
tät. Selbst in jüngster Vergangenheit gab
es noch Ausbrüche, sodass die Feuerber-
ge auf dem Mars – anders als bisher an-
schnell wieder verwischen, wie das auf
der Erde der Fall ist.
Allerdings kann man nicht davon
Express den Roten Planeten und funkt genommen – wohl noch keineswegs er- ausgehen, dass der kosmische Kugelhagel
dreidimensionale Farbansichten zur Er- loschen sind. Zusammen mit Aufnah- in der Marsbahn exakt dem entspricht,
de. Mittlerweile hat der Orbiter schon men der US-Sonde Global Surveyor der auf den Mond niederprasselt;
ein Areal abgelichtet, das größer ist als dokumentieren die HRSC-Bilder außer- schließlich bewegt sich der Rote Planet
Europa und Russland zusammen. dem Spuren von Vergletscherungen, die viel näher am Asteroidengürtel als die
Zu den ersten Fotomotiven gehörten gleichfalls noch bis vor Kurzem das Ge- Erde und ihr Trabant. Deshalb mussten
die Regionen Elysium und Tharsis, wo sicht des Roten Planeten prägten. die Berliner Forscher anhand von Beob-
gewaltige Schildvulkane in den Mars- achtungsdaten und Modellrechnungen
himmel ragen. Diese Aufnahmen hat Krater abzählen den spezifischen Strom kosmischer Ge-
Gerhard Neukum von der Freien Uni- Neukum und seine Kollegen bestimm- schosse für den Mars eigens abschätzen –
versität Berlin, der den Einsatz der Ka- ten das Alter ausgewählter Marsland- was eine gewisse Unsicherheit in die Da-
mera leitet, jetzt gemeinsam mit Kolle- schaften, indem sie abzählten, wie viele tierung bringt. Neukum veranschlagt
gen ausgewertet und über die Ergebnisse Krater welcher Größe darauf vorkom- den statistischen Fehler bei Oberflächen,
berichtet (Nature, 23. 12. 2004, S. 971). men. Je jünger eine Oberfläche ist, desto die nicht älter als drei Milliarden Jahre
Demnach herrschte in beiden Regionen weniger kosmische Geschosse sollten da- sind, auf 20 bis 30 Prozent.
Sehr junge Regionen wurden in der
Regel nur von kleineren Körpern getrof-
Olympus Mons
fen, weil diese in viel größerer Zahl im
Sonnensystem kreisen als die dicken Bro-
cken. Für ihre Datierung benötigen die
Forscher deshalb die Häufigkeit und
Größenverteilung besonders kleiner Ein-
schlagspuren. Mit dem hochauflösenden
Kanal der HRSC und den Fotos vom
Global Surveyor ließen sich nun erstmals
Krater bis herunter zu fünf Metern
Durchmesser erfassen. Das ermöglichte
noch Altersbestimmungen im sehr kur-
zen Zeitbereich von wenigen Millionen
Jahren.
Hecates Tholus

Die Böden der Gipfelkrater von


l Olympus Mons, dem höchsten Vul-
kan auf Mars, sind überraschend jung.
Das ergab jetzt eine Datierung anhand
von Aufnahmen der High Resolution Ste-
ESA / DLR / FU BERLIN / G. NEUKUM

reo Camera (HRSC) an Bord der Esa-Son-


de Mars Express (oben). Auch Hecates
Tholus auf der gegenüberliegenden Seite
des Planeten war noch bis vor 100 Millio-
nen Jahren tätig. Die älteste Caldera bil-
dete sich hier vor einer Milliarde Jahren.

12 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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ESA / DLR / FU BERLIN / G. NEUKUM

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Als die Forscher mit dieser Methode noch vor zwei Millionen Jahren flüssiges Auch Gletscher bis
die Calderen fünf großer Schildvulkane Vulkangestein aus. o vor Kurzem noch die Marsoberfl -
datierten, erlebten sie eine Überra- Ebenso überraschend war ein ande- che. Das belegen zum Beispiel zungenar-
schung: Die Böden dieser Gipfelkrater rer Befund: Marsvulkane bleiben offen- tige Ablagerungen an einem Steilhang an
erwiesen sich meist als geradezu blut- bar um Größenordnungen länger aktiv der Westseite von Olympus Mons (mitten
jung. Calderen entstehen durch Einsturz als ihre irdischen Gegenstücke. »An den und links im Bild). Sie enthalten so wenig
eines Hohlraums in der unterirdischen Flanken von Olympus Mons konnten Einschlagkrater, dass sie als zwei
Magmakammer, wenn der Druck des wir Lavaströme datieren, die zwischen Millionen J
Deckgesteins zu groß wird. Bislang war 3800 und weniger als 100 Millionen
vermutet worden, dass die vulkanische Jahre alt sind. Das umfasst rund achtzig

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Aktivität auf dem Mars schon vor Lan- Prozent des Planetenalters«, so Neukum.
gem – einem Zeitraum in der Größen- Ähnliche Beobachtungen machten die haupt, dann sollte es höchstens vor sehr
ordnung von Milliarden Jahren – im Forscher auch auf der gegenüberliegen- langer Zeit einmal Wasser dort gegeben
Wesentlichen zum Erliegen kam. In jün- den Marsseite am Vulkan Hecates Tho- haben. Jüngst zeigte sich allerdings be-
gerer geologischer Vergangenheit sollten lus in der Elysium-Region. Bei Erdvul- reits, dass die Polkappen keineswegs, wie
allenfalls noch kleinere lokale Ausbrüche kanen liegen zwischen erstem Ausbruch bisher angenommen, vollständig aus ge-
stattgefunden haben. und Erlöschen in der Regel weniger als frorenem Kohlendioxid bestehen und
Doch die Neudatierung zeichnet nun eine Million Jahre. dass in weiten Bereichen des Bodens ver-
ein anderes Bild: »Unsere Analyse zeigt, mutlich auch heute noch ein unterirdi-
dass noch vor etwa 100 bis 200 Millio- Spuren fr herer Gletscher scher Eishorizont existiert.
nen Jahren vier der fünf untersuchten Aber nicht nur Feuer hat noch bis vor »Wir sehen glaziale Strukturen an
Vulkane in ihren Gipfelcalderen aktiv Kurzem die Oberfläche des Mars ge- vielen Stellen der Marsoberfläche, auch
waren – und zwar in beiden Vulkanregi- prägt, sondern auch Eis. Dieses zweite in gemäßigteren Breiten näher am Mars-
onen«, erklärt Neukum. Auch einige La- Ergebnis, das die Auswertung der hoch- äquator«, erklärt Ralf Jaumann vom
vaströme an den unteren Flanken von aufgelösten HRSC-Bilder jetzt erbrach- Deutschen Zentrum für Luft- und
Olympus Mons erwiesen sich als er- te, ist umso frappierender, als der Rote Raumfahrt (DLR) in Berlin. »Das ist
staunlich jung. Demnach trat dort vor Planet noch bis vor ein, zwei Jahren als kein lokales Phänomen.« Spuren von
25 Millionen und in einem Fall sogar staubtrockene Wüste galt. Wenn über- Vergletscherungen finden sich außer in

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 13
den polaren Regionen zum Beispiel auch es für möglich, dass Vulkanhitze die Ba- gen. Zwar könnte vulkanische Hitze Eis-
FORSCHUNG AKTUELL

am 21 Kilometer hohen Olympus Mons, sis der Eisdecken schmelzen ließ, sodass vorkommen im Untergrund geschmol-
dem größten Marsvulkan. Seine Caldera sie abrutschten. Spuren solcher Vorgänge zen haben. Das Wasser wäre dann an der
liegt auf etwa zwanzig Grad nördlicher finden sich auch an den Flanken von Oberfläche ausgetreten und dort wieder
Breite. Am Fuß seiner westlichen Flanke Hecates Tholus. gefroren. Als fließender Gletscher hätte
erstrecken sich lappenartige Ablagerun- Olympus Mons fällt an seiner West- es schließlich die heute sichtbaren For-
gen, die schon früher als Spuren von seite fast senkrecht um mehrere Kilome- men erzeugt.
Vergletscherungen gedeutet wurden. ter ab. An diesem Steilhang entdeckten Jaumann verweist jedoch auf Mo-
Mit den HRSC-Bildern ließ sich das die Berliner Forscher auf den HRSC-Bil- dellrechnungen des französischen Astro-
nicht nur bestätigen; die Forscher konn- dern zungenartige Ablagerungen, die sie physikers Jacques Laskar, wonach sich
ten diese Strukturen nun auch datieren. gleichfalls als Gletscher-Relikte deuten. die Bahnparameter des Mars und die
Dabei stellten sie fest, dass es mehrere Diese Formen müssen extrem jung sein: Neigung seiner Rotationsachse – wie bei
Vergletscherungsphasen gab. Die größ- Sie weisen so wenig Einschlagkrater auf, der Erde – periodisch ändern. Vor allem
ten Ablagerungen stammen aus einer dass sie mit der beschriebenen Methode die Achsneigung, die für die Jahreszeiten
Zeit vor 130 bis 280 Millionen Jahren, nicht mehr zuverlässig datierbar sind. verantwortlich ist, schwankt demnach
kleinere Einheiten sind dagegen nur zwi- Entlang der Oberkante des Steilhangs im Laufe einiger Millionen Jahre be-
schen 20 und 60 Millionen Jahre alt. An hat Neukum in rund 7000 Meter Höhe trächtlich – deutlich stärker als bei unse-
einigen Orten finden sich sogar Spuren, mögliche Überreste von Schnee ausge- rem Planeten. Das könnte drastische Kli-
die erst vor vier Millionen Jahren ent- macht, die durch eine Staubschicht da- maschwankungen auslösen. In Phasen
standen. vor geschützt sein könnten, in der dün- hoher Achsneigung hätten sich die pola-
nen Marsatmosphäre zu sublimieren. ren Eisvorkommen dann immer wieder
Schnee am Olymp? Worum es sich wirklich handelt, sollen großräumig in äquatornahe Regionen
Die Forscher schließen daraus, dass die künftige Beobachtungen mit dem Radar verlagert. »Mit den verbreitet auftreten-
Hänge von Olympus Mons noch bis vor und dem Bordspektrometer der Express- den Gletscherspuren haben wir auf der
Kurzem von Schnee- und Eismassen be- Sonde klären. Marsoberfläche vermutlich die reale Ent-
deckt waren, die episodisch wuchsen Den Datierungen zufolge zeigen so- sprechung dieser theoretischen Ergebnis-
und wieder schrumpften. Manchmal wohl die vulkanische Aktivität als auch se gefunden«, meint Jaumann.
stießen die Gletscher bis in die Niede- die Vereisungen ein episodisches Muster.
rungen vor und deponierten dort größe- Das muss aber nicht heißen, dass beide Thorsten Dambeck ist Physiker und Wissenschafts-
re Mengen Gesteinsschutt. Neukum hält Phänomene ursächlich zusammenhän- autor in Berlin.

ü
HALB LEITER PHYS I K Daten würden Photonen dienen. Doch
bis dieser Superrechner auf unserem
Mikrochip mit eingebautem Schreibtisch steht, gilt es noch einige
Hürden zu überwinden. Ist die Koppe-
Quantenlabor lung mehrerer Atome in einem Festkör-
per schon schwierig genug, so wirft die
Weiterleitung von Informationen aus
Erstmals ist die quantenmechanische Kopplung eines Halbleiterkris- Quantenspeichern ein viel grundlegen-
talls mit einem Lichtquant gelungen – Voraussetzung f r den ultima- deres Problem auf: Quantenzustände las-
sen sich gewöhnlich nicht exakt kopie-
tiven Rechner: den optoelektronischen Quantencomputer.
ren und folglich auch nicht auf einfache
Weise auf Photonen übertragen. Das ge-
Von Stefan Maier auch ein Supercomputer bauen, der be- lingt nur, wenn die Speicheratome selbst
stimmte Rechenoperationen wie etwa mit den Lichtphotonen quantenmecha-

Z u den Besonderheiten der Quanten-


welt gehört die Möglichkeit der
»Verschränkung« von Teilchen. Dabei
die Faktorisierung großer Zahlen oder
das Durchforsten unsortierter Datenban-
ken um Größenordnungen schneller als
nisch gekoppelt werden.
Zwei Forschergruppen in Pasadena
(Kalifornien) und Würzburg haben ge-
werden mehrere Atome oder Photonen herkömmliche Rechner ausführen kann. nau dies jetzt erstmals auf einem Halb-
derart aneinander gekoppelt, dass sich Selbst die besten Geheimcodes, die es leiterchip erreicht (Nature, Bd. 432, S.
jede Manipulation an einem von ihnen derzeit gibt, wären vor ihm nicht sicher, 197 und 200). Zwar ist es kein einzelnes
ohne jeden Zeitverzug auf alle anderen und numerische Simulationen – etwa Atom, sondern ein als Speicherelement
auswirkt. Diese Eigenart – Einstein des Wetters oder Klimas – würden eine fungierender winziger Bereich im Chip,
sprach von spukhafter Fernwirkung – er- ungeahnte Präzision erreichen. den die Forscher mit einem Photon ver-
laubt unter anderem die Teleportation Idealerweise sollte ein solcher Quan- kuppeln konnten. Dennoch hat ihr Er-
von Objekten: ihre augenblickliche Ver- tencomputer Informationen in mitei- folg den Quantencomputer ein gutes
setzung an einen anderen Ort. nander verschränkten Atomen auf einem Stück näher gebracht. Außerdem dürfte
Aus quantenmechanisch verschränk- herkömmlichen Halbleiterchip speichern er weitere Experimente in der Quanten-
ten Einheiten lässt sich im Prinzip aber und verarbeiten. Zur Übermittlung der optik beträchtlich vereinfachen, da For-

14 Q
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT FEBRUAR 2005
schungen auf diesem Gebiet bisher


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T. YOSHI ET AL., NATURE, BD. 432, S. 201
Axel Scherer und seine Mitarbeiter
raumgroße Aufbauten erforderten. r am California Institute of Technolo-
Um Atome mit Photonen zu kop- gy in Pasadena ein
peln, muss man sie mit einem Resonator Lochgitter in Galliumarsenid. So erzeug-
umgeben: einem von Spiegeln einge- ten sie einen photonischen Kristall, der
schlossenen Raum, in dem Lichtstrahlen Licht einer bestimmten W
viele Male hin- und hersausen und sich undurc ist. Um daraus einen Reso-
dabei verstärken, wenn ihre Frequenz nator zu machen, ließen sie einige her
mit der Resonanzfrequenz des Käfigs zu- aus. Den Quantenpunkt brachten sie
sammenfällt. Gut bekannte Beispiele aus durch Abscheidung von Atomen aus der
Akustik und Optik sind die Resonanz- Gasphase ein.
körper von Instrumenten wie der Geige
oder der Laser.
Innerhalb des letzten Jahrzehnts ha-

gfürP
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ben es Forscher geschafft, Resonatoren quenz der Photonen mit einer Resonanz
aus Halbleitern herzustellen, die klein zusammenfällt. Doch ihre »Spiegel« sind
genug sind, dass sie sich auf Chips inte- nicht gut genug, um ein einzelnes Pho-
grieren lassen. Sie finden sich heute ton so lange festzuhalten, dass es durch
schon in allgegenwärtigen Geräten wie mehrfache Absorption und erneute
CD- und DVD-Spielern und dienen als Emission quantenmechanisch mit dem
Verstärker in der Telekommunikation künstlichen Atom gekoppelt wird.
mit Glasfasern. Eine solche »starke Kopplung« ließ
sich bisher nur mit raumgroßen Aufbau-
Mangelhafter Käfi otonen ten erreichen. Dabei durchqueren Ato-
Zudem ist es gelungen, Strukturen in me, kontrolliert von Magnetfeldern und nahme von Supraleitern, was eine tech-
Chips zu erzeugen, die sich genau wie Laserstrahlen, im Vakuum nacheinander nische Anwendung in herkömmlichen
Atome zur Aussendung von Photonen einen Resonator, der Photonen mittels optoelektronischen Geräten beträchtlich
bestimmter Frequenzen anregen lassen. Spiegeln festhält, die mit teuren Reflexi- erschweren würde. Den endgültigen Er-
Physiker sprechen von Quantenpunkten. onsbeschichtungen überzogen sind. Da folg erzielten erst jetzt unabhängig von-
Im Prinzip sollte es also möglich sein, die Atome ihn aber schnell wieder verlas- einander eine Forschergruppe um Axel
über einen Mikroresonator geeigneter sen, dauert die Kopplung mit den Pho- Scherer am California Institute of Tech-
Form und Größe eine quantenmechani- tonen nur kurz. Außerdem schließt die nology in Pasadena und um Alfred For-
sche Kopplung zwischen einem Photon komplizierte Apparatur eine technische chel an der Universität Würzburg. Auf
und einem solchen Quantenpunkt zu er- Anwendung praktisch aus. unterschiedlichen Wegen konnten sie
reichen. Wissenschaftler in aller Welt bemü- aus dem in der Industrie vielfach einge-
In der Praxis hat sich das jedoch als hen sich deshalb schon seit über einem setzten Halbleiter Galliumarsenid erst-
schwierig herausgestellt. Der Grund ist Jahrzehnt, das gleiche Kunststück auch mals so perfekte Mikroresonatoren her-
die unzulängliche Qualität der Mikrore- auf einem Chip zu vollbringen. Im Früh- stellen, dass sich damit ein Photon an ei-
sonatoren. Die besten können zwar die jahr 2003 gab es schließlich eine erste nen Quantenpunkt koppeln ließ.
Lichtemission darin eingebauter Quan- Erfolgsmeldung. Allerdings gelang die Die Gruppe um Scherer ätzte mit re-
tenpunkte verstärken, wenn die Fre- Kopplung damals nur unter der Zuhilfe- aktiven Gasen in Abständen von etwa

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g Beide Forschergruppen konnten das ver-

J. P. REITHMAIER ET AL., NATURE, BD. 432, S. 198


Die Arbeitsgruppe von Alfred For-
l
FORSCHUNG AKTUELL

chel an der Univer W räterische Linienpaar nachweisen.


demonstrierte die starke Kopplung zwi- Dieser Erfolg wird der Erforschung
schen Quantenpunkten und Photonen grundlegender Quantenphänomene und
mit einem Mikroresonator in Form einer den Bemühungen um einen Quanten-
winzigen Darin sind Quantenpunk- computer einen kräftigen Schub verlei-
te auf beiden Seiten von etwa zwanzig hen. Für die Experimente können näm-
abwechselnden Schichten aus Gallium- lich immer die gleichen Quantenpunkte
und Aluminiumarsenid flankiert, die als verwendet werden, da sie räumlich fest
perfekter Spiegel wirken. in den Resonatoren eingebettet sind. Zu-
dem lassen sich mehrere Tausend davon
auf einem Quadratmillimeter anordnen.
Damit haben in Zukunft auch weniger
spezialisierte Industrielabors die Chance,
300 Nanometern Löcher in das Materi- en. Bei bloßer Verstärkung des Lichts eigene Experimente zur Nutzung von
al. Dadurch erzeugte sie einen so ge- durch Resonanz wäre nur eine einzi- Quantenphänomenen für Computer an-
nannten photonischen Kristall, der für ge solche Linie aufgetreten. Weil bei star- zustellen – was die Konkurrenz beflügeln
Licht in einem bestimmten Frequenzbe- ker Kopplung die Energie viele Male und dem Fortschritt der Informati-
reich undurchlässig ist. Um daraus einen zwischen dem Lichtfeld des Resonators onstechnologie Beine machen sollte.
Resonator zu machen, ließen die For- und dem Quantenpunkt oszilliert, sind
scher einfach einige Löcher aus. Damit in diesem Fall Emissionen bei zwei Stefan Maier ist Professor für Physik an der Universi-
schufen sie einen Käfig, in dem ein darin verschiedenen Frequenzen beobachtbar. tät Bath (Großbritannien).
erzeugtes Photon geeigneter Frequenz
gefangen blieb. Die Idee ist nicht neu,

ü
doch erst jetzt gelang es, die Geometrie M EDIZ I N
der Löcher exakt genug zu berechnen
und auf dem Galliumarsenid hinrei-
chend genau zu realisieren. Den Quan- Viren missbrauchen
tenpunkt brachten die Forscher dann
mittels Epitaxie – Abscheidung von Ato- Immunzellen als Schutzschild
men aus der Gasphase – in den Resona-
tor ein. Bei der Abwehr von Eindringlingen läuft die Körperpolizei Gefahr,
Forchels Gruppe hingegen konstru- versehentlich eigenes Gewebe zu attackieren. Deshalb wird sie streng
ierte eine etwa zwei Mikrometer dicke
berwacht. Bestimmte Viren manipulieren diese Kontrolle, sodass sie
und zehn Mikrometer hohe Säule (Bild
oben). Die Quantenpunkte befanden selbst verschont bleiben.
sich in der Mitte und waren wie bei ei-
nem Sandwich zwischen zwei Regionen
gepackt, in denen sich ungefähr zwan- Von Ulf Dittmer erkennen und zu zerstören, wobei sie zu-
zig dünne Schichten aus Gallium- und gleich auch den Erreger beseitigen.
Aluminiumarsenid abwechselten. Diese
Schichtfolgen wirkten als Spiegel und
verwandelten die Säule in einen perfek-
C hronische Viruserkrankungen sind
ein großes medizinisches Problem.
Allein mit Hepatitisviren und dem Hu-
Wie sich Herpesviren dem Zugriff
der Immunpolizei entziehen, ist schon
seit Langem bekannt: Sie erzeugen Pro-
ten Resonator. man-Immunschwäche-Virus (HIV) sind teine, die verhindern, dass infizierte Zel-
Für die Versuche mussten die For- weltweit mehr als 500 Millionen Men- len Komponenten des Virus auf ihrer
scher ihre Apparaturen noch auf Tempe- schen dauerhaft infiziert: Sie tragen den Oberfläche präsentieren. Dadurch kann
raturen zwischen zehn und dreißig Grad Erreger lebenslang in sich und verbreiten die Körperabwehr diese Zellen nicht als
Kelvin abkühlen, um störende thermi- ihn weiter. Die von solchen persistieren- befallen erkennen.
sche Effekte zu vermeiden. Dann regten den Viren verursachten Krankheiten wie Bei Retroviren, zu denen HIV ge-
sie die Quantenpunkte durch einen La- Aids oder Hepatitis treten meist erst hört, vermuteten die Biologen bisher da-
serstrahl an und analysierten mit einem während der chronischen Infektion auf. gegen eine andere Taktik, um durch die
Spektrografen das von ihnen ausgesand- Die klinischen Symptome kurz nach der Maschen des Immunnetzes zu schlüpfen.
te Licht. Dessen Frequenz konnten sie Ansteckung sind dagegen harmlos. Diese Erreger zeichnen sich durch eine
durch Variation der Temperatur auf die Um sich auf Dauer in einem Wirt hohe genetische Variabilität aus. Deshalb
Resonanzfrequenz des Mikroresonators einnisten zu können, muss ein Virus der nahm man an, dass sie, sobald das Im-
abstimmen. Zerstörung durch das Immunsystem ent- munsystem sie als Fremdkörper erkannt
Dass es wirklich zu einer starken gehen. Die größte Gefahr droht ihm von und Abwehrmaßnahmen eingeleitet hat
Kopplung zwischen jeweils einem Quan- den so genannten zytotoxischen T-Lym- – was ein bis zwei Wochen dauert –, ihr
tenpunkt und einem Photon kam, be- phozyten. Diese »Killer« sind darauf spe- äußeres Erscheinungsbild ändern und
wiesen die aufgefangenen Emissionslini- zialisiert, virusinfizierte Körperzellen zu sich in neuem Gewand präsentieren.

16 Q
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT FEBRUAR 2005
Doch jetzt haben meine Mitarbeiter und Zum anderen werfen sie sich selbst ins infizierte Zellen ab noch produzierte es
ich einen noch raffinierteren Mechanis- Getümmel und nehmen zytotoxische T- antivirale Substanzen (so genannte Inter-
mus entdeckt, wie diese Viren ihr Über- Lymphozyten an die Kandarre. Dazu tra- ferone), mit denen es normalerweise
leben im Körper sichern. gen sie Oberflächenmoleküle wie CTLA- Helfer rekrutiert. Das lässt sich nur da-
Demnach büßen auch bei Infektio- 4, mit dem sie an die Killer andocken mit erklären, dass die regulatorischen T-
nen mit Retroviren die zytotoxischen T- und sie zur Räson bringen können. Lymphozyten, auf irgendeine Weise von
Lymphozyten ihre Schlagkraft ein; aber Nach neuesten Forschungsergebnis- den Viren angestachelt, den Killern qua-
im Unterschied zu den Herpesviren ist sen meiner Gruppe, die wir in Koopera- si in den Arm fallen.
der Grund diesmal nicht, dass sie infi- tion mit dem Team von Kim J. Hasen- Das Faszinierende an diesen Befun-
zierte Zellen nicht erkennen. Stattdessen krug in den Rocky Mountain Laborato- den ist, dass sie viel versprechende neue
spielen die Erreger, bildlich gesprochen, ries des National Institute of Allergy and Ansätze für die Therapie chronischer Vi-
verschiedene Abteilungen der Immun- Infectious Deseases in Hamilton (Mon- rusinfektionen bieten. Bei Mäusen ge-
polizei gegeneinander aus. Zum Abwehr- tana) erhielten, schaffen es persistierende lingt es bereits, die Funktion von regula-
system des Körpers gehören nämlich Retroviren offenbar, die fein austarierte torischen T-Lymphozyten durch einen
auch Komponenten, die gleichsam als Balance zwischen der Aktivität der Killer Antikörper zu blockieren. Dieser heftet
Oberaufseher die Aktivität der anderen und ihrer Zügelung durch die regulatori- sich an einen bestimmten Rezeptor auf
T-Zellen kontrollieren. Hinweise auf ihre schen T-Lymphozyten zu kippen. Die den Treg-Zellen und setzt sie so für eini-
Existenz gab es schon Anfang der 1980er Kontrolleure verhindern dann nicht nur ge Tage außer Gefecht. Dadurch können
Jahre. Damals wurden sie unter dem Na- ein Überschießen der Immunreaktion, die zytotoxischen T-Lymphozyten wieder
men Suppressor-T-Zellen beschrieben. sondern unterdrücken sie völlig. Da- aktiv werden. Als Folge davon geht die
Aber da es nicht gelang, sie experimen- durch können befallene Zellen nicht Anzahl an virusinfizierten Zellen im Tier
tell eindeutig nachzuweisen, gerieten sie mehr abgetötet werden und die Infekti- drastisch zurück.
wieder in Vergessenheit. on wird chronisch. Da die Treg-Zellen nur vorüberge-
Shimon Sakagushi von der Universi- hend blockiert werden, birgt diese The-
tät Kioto hat sie dann 1995 wiederent- Abwehr formiert sich, aber hält still rapie kaum die Gefahr, Autoimmuner-
deckt und regulatorische T-Lymphozy- Wie persistierende Retroviren dieses krankungen auszulösen. Derzeit arbeiten
ten (Treg) genannt. Ihre Hauptaufgabe Kunststück im Einzelnen vollbringen, wir daran, sie so weit zu verbessern, dass
ist es, Säugetiere vor einem Angriff des haben wir noch nicht herausbekommen. die persistierenden Viren völlig ver-
Immunsystems auf gesundes körpereige- Allerdings ergaben unsere Experimente schwinden. Zu diesem Zweck kombinie-

täEsen.istProfesorfüV
nes Gewebe zu schützen und so Auto- an Mäusen, dass die zytotoxischen T- ren wir die Antikörper-Blockade der Treg
immunerkrankungen zu verhindern. Zu Lymphozyten noch sehr wohl fähig sind, mit einer Impfung, welche virusspezifi-
diesem Zweck überwachen die Treg vor virusbefallene Zellen zu erkennen. Bei sche Killerzellen gezielt aktiviert. Bei ei-
allem die Funktion der zytotoxischen T- den Versuchen übertrugen wir chronisch nem Erfolg bestünde erstmals Hoffnung,
Lymphozyten. Diese sind ja auf die Zer- infizierten Nagern Killerzellen, die auf chronisch verlaufende Infektionskrank-
störung von – virusinfizierten oder ent- den Erreger spezialisiert waren. Wie wir heiten wirksam behandeln zu können –
arteten – Körperzellen spezialisiert und feststellten, vermehrten sich die Virusjä- ein lang gehegter Wunschtraum der Me-
können somit sehr gefährlich werden, ger in dem befallenen Tier, als würden dizin ginge endlich in Erfüllung.
wenn sie außer Kontrolle geraten. Tat- sie zu einem massiven Schlag ausholen.
sächlich entwickelten Mäuse ohne Treg- Doch dann geschah nichts weiter: Weder Ulf Dittmer irologie an der Universi-
Zellen, die Sakagushi und Kollegen ex- tötete das stark angewachsene Killerheer
perimentell erzeugten, eine Vielzahl von
KIM J. HASENKRUG / NIAID

Autoimmunerkrankungen.
Während einer akuten Virusinfektion
müssen sich die zytotoxischen T-Lym-
phozyten besonders stark vermehren und
aktiviert werden, um die Eindringlinge in
Schach zu halten. Das aber erhöht das
Risiko, dass sie im Übereifer auch nor-
male körpereigene Zellen attackieren.
Um diese Gefahr zu bannen, zügeln die
Treg die Killer. Das erreichen sie auf zwei-
erlei Weise: Zum einen scheiden sie einen
Botenstoff namens Interleukin-10 aus,
der die Immunreaktion generell dämpft.

Wird von Viren zum Überlisten des


r Immunsystems eingespannt: eine
regulatorische T-Zelle (koloriert).

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 17
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KOMMENTAR
FORSCHUNG AKTUELL

Pyrrhus lässt grüßen


Ein Umbruch im wissenschaftlichen Publikationswesen steht vor der Tür:
Bei Non-Profit-Zeitschriften zahlt nicht mehr der Käufer, sondern der Autor
für die Veröffentlichung.

»Das ist der Teufel!«, polterte vor nicht inzwischen mehrere tausend Euro im
allzu langer Zeit Harold Varmus, Mitbe- Jahr. Das Geld fließt in die Kassen der
gründer der Public Library of Science hoch profitablen Verlage: So wies etwa
(PLoS), als in einem Interview der Name Elsevier im Geschäftsbericht 2003 eine
von Derk Haank fiel. Der war damals Umsatzrendite von 33,8 Prozent aus.
Chef der Wissenschaftssparte Elsevier Problematisch ist dabei, dass die wis-

PUBLIC LIBRARY OF SCIENCE


innerhalb der britisch-niederländischen senschaftlichen Arbeiten, die in den
Fachverlagsgruppe Reed Elsevier, die Fachmagazinen veröffentlicht werden,
mit rund 1700 Magazinen Marktführer meist im Rahmen staatlich geförderter
im Fachzeitschriftengeschäft ist. Der ver- Forschungsprojekte entstanden sind. Zu-
bale Ausfall des Medizin-Nobelpreisträ- gespitzt ausgedrückt: Die Fachverlage
gers ist nur ein Indikator dafür, wie heftig profitieren von Forschungsergebnissen,
der Konflikt in diesem Bereich inzwi- für die sie selbst keinen Cent bezahlt Die Public Library of Science bietet bis-
schen tobt – PLoS und Elsevier sind da- haben, und verkaufen sie anschließend her zwei Journale – »PLoS Biology« und
bei bloß Stellvertreter zweier Gruppie- für viel Geld wieder an die Universitäten »PLoS Medicine« – unentgeltlich im In-
rungen, die sich unversöhnlich gegen- und Forschungseinrichtungen zurück – ternet an. Die gedruckte Ausgabe kostet
überstehen. zu Lasten des Steuerzahlers. Die Biblio- 160 Dollar im Jahresabonnement.
Die Fachverlage, angeführt von eini- theken reagieren angesichts dieser Situ-
gen Großen wie Elsevier, Thomson oder ation mit dem Rotstift und bestellen
Springer Science+Business Media, wol- reihenweise Zeitschriften ab – die Leid
len am klassischen »Leser-zahlt«-Modell Tragenden sind Studenten und Wissen- tion, für die er forscht. Diese spart im
wissenschaftlicher Informationsverbrei- schaftler. Gegenzug die Abonnements der her-
tung festhalten. Auf der anderen Seite Die hohen Kosten, die auch beim On- kömmlichen Zeitschriften ein. Das klingt
stehen Non-Profit-Initiativen mit ihrem line-Bezug der Journale anfallen, recht- nach rechter Tasche, linker Tasche. Doch
Gegenentwurf des Open-Access-Mo- fertigen die Verleger mit dem Aufwand nach einer Studie der Bank BNP Paribas
dells, allen voran PLoS, DOAJ oder Bio- für das Layout und dem so genannten soll es die Universitäten unterm Strich
med Central. Sie gewähren freien Zu- Peer-Review-Verfahren. Hier wacht ein tatsächlich billiger kommen. Funktionie-
gang zu ihren im Internet publizierten Gremium von Wissenschaftlern, das Edi- ren wird es allerdings nur, wenn sich
Journalen – inzwischen sind es einige torial Board, darüber, dass nur solche Ar- Open Access schnell durchsetzt und vie-
tausend. Zahlen müssen in diesem Mo- tikel Eingang in das Magazin finden, die le Journale auf das neue Geschäftsmo-
dell die Wissenschaftler, die ihre Arbei- hohen wissenschaftlichen Ansprüchen dell umstellen. Sonst zahlen die Biblio-
ten veröffentlichen wollen. genügen. theken doppelt – und damit drauf.
Die Idee des Open Access ist an sich Auch in den traditionellen Fachzeit-
nichts Neues, stellte doch schon Anfang Die Argumente wirken jedoch vorgescho- schriften können die Autoren im Übrigen
der 1990er Jahre der amerikanische Phy- ben: Meist sind die Board-Mitglieder keineswegs immer kostenfrei publizie-
siker Paul Ginsparg mit dem Internetser- Wissenschaftler, die ihre Funktion ehren- ren. Für »Extras« wie Fotos oder Grafi-
ver Arxiv.org eine Plattform für frei zu- amtlich ausüben. Und die hohen Anfor- ken werden oft hohe Zuzahlungen fällig.
gängliche Vorabveröffentlichungen bereit. derungen, die von den klassischen Jour- Zum Beispiel verlangt das renommierte
Der jetzt einsetzende Boom von Open- nalen hinsichtlich Artikel und Grafiken an Fachblatt »Cell« 1000 US-Dollar für die
Access-Journalen hat seine Ursache in die Autoren gestellt werden, lassen den erste Abbildung und 250 Dollar für jede
der so genannten »Krise der wissen- großen Layout-Aufwand der Verlage zu- weitere – bei PLoS dagegen sind es ein-
schaftlichen Informationsversorgung« – mindest fraglich erscheinen. malig 1500 Dollar pro Artikel.
der seit Jahren wachsenden Kluft zwi- Es sei ungerecht, den Autor zur Kasse Wie steht es mit der Qualitätssiche-
schen Bibliotheken-Budgets und den zu bitten, die Kosten also vom Konsu- rung in Open-Access-Journalen? Dem
Preisen wissenschaftlicher Zeitschriften. menten auf den Produzenten zu verla- »Autor-zahlt«-Modell von vornherein
Diese sind dem »Library Journal« zufol- gern, lautet ein weiteres Standardargu- Gefälligkeitsveröffentlichungen zu unter-
ge innerhalb der letzten 15 Jahre um ment gegen Open Access. In der Regel stellen, wäre unfair. Dennoch besteht
durchschnittlich 215 Prozent gestiegen. trägt aber nicht der Wissenschaftler diese Gefahr, wenn diejenigen, die Ar-
Einzelne Journale kosten die Büchereien selbst diese Kosten, sondern die Institu- tikel in einer Zeitschrift veröffentlichen

20 Q
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT FEBRUAR 2005
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M AT ERI AL FORSCH UN G

wollen, gleichzeitig die Geldgeber sind.


Auf Biegen und Brechen
Dagegen spricht jedoch, dass sich
Open-Access-Magazine ebenfalls un-
Karlsruher Forscher haben eine einfache lithografische Methode ent-
abhängiger Experten für das Peer Re- wickelt, mit der sich hochpr zise Linsensysteme f r R ntgenlicht
view bedienen. Außerdem streben
praktisch am Fließband herstellen lassen.
auch sie nach einem möglichst hohen
Renommee, das sich danach bemisst,
wie oft und wo ein Journal zitiert wird Von Frank Schubert die für das kurzwellige Licht hoch trans-
– und das erreicht man nicht durch parent sind – sonst wären die Absorpti-
minderwertige Beiträge. Vor denen
sind übrigens auch klassische Fachzeit-
schriften nicht gefeit – so muss immer
O ptische Linsen gibt es schon seit
Jahrhunderten. In Form von Bril-
len verhelfen sie uns zu besserem Sehver-
onsverluste zu groß geworden. Ein Stoff
verschluckt umso weniger Röntgenstrah-
lung, je kleiner seine Atome sind, das
wieder einmal ein zweifelhafter Artikel mögen, in Fernrohren liefern sie Abbil- heißt je niedriger seine chemische Ord-
zurückgezogen werden. Dagegen be- der des Sternenhimmels, und in Kame- nungszahl ist. Daher bestanden die ers-
wies »PLoS Biology« schon in seiner ras sorgen sie dafür, dass wir scharfe ten Röntgenlinsen aus Leichtmetallen
ersten Ausgabe, dass sich auch in ei- Urlaubsfotos knipsen können. Meist aus wie Beryllium oder Aluminium. Aber
nem Open-Access-Magazin Hochkarä- Glas gefertigt, brechen sie die Lichtstrah- auch Verbindungen aus mehreren Ele-
tiges findet: Der Artikel einer Forscher- len und richten sie so auf einen Punkt, menten mit kleiner durchschnittlicher
gruppe um Miguel Nicolelis über ein den Brennpunkt. Ordnungszahl – wie Kunststoffe – eig-
Gehirn-Maschine-Interface wurde am Röntgenlicht ist mit Linsen dagegen nen sich, sofern sie gegen die Strahlung
ersten Tag so oft abgerufen, dass die viel schwerer zu bündeln. Wegen seiner beständig sind.
Server in die Knie gingen. wesentlich kleineren Wellenlänge wird es
beim Übergang von einem Medium zum Linsen per Lithografie
Bleibt abzuwarten, wann die Verlagsrie- anderen nämlich kaum gebrochen. Au- Eine Schwierigkeit bestand jedoch darin,
sen auf den Open-Access-Boom von ßerdem dringt es durch die meisten Ma- die vielen einzelnen Linsen exakt genug
PLoS & Co. reagieren werden. Zwar terialien nicht so ungestört wie Licht hintereinander anzuordnen, um keine
stellten sich die Chefs von Reed-Else- durch Glas. Deshalb nutzte man zu- optischen Verzerrungen zu erhalten. Eine
vier, Morris Tabaksblat und Chrispin nächst statt der Brechung die Beugung Gruppe am Institut für Mikrostruktur-
Davis, im Geschäftsbericht 2003 noch oder Reflexion, um Röntgenstrahlen zu technik des Forschungszentrums Karls-
demonstrativ hinter das klassische Ge- fokussieren. Dabei wurden sie durch An- ruhe unter Leitung von Volker Saile
schäftsmodell. Sie kündigten aber auch ordnungen aus schmalen, ringförmigen konnte dieses Problem nun elegant lö-
an, das »Autor-zahlt«-Modell zu beob- Spalten – so genannte Fresnel’sche Zo- sen. Sie entwickelte eine Methode, mit
achten und zu investieren, »wo Neue- nenplatten – geschickt oder an Spiegeln der sich säulenartige Anordnungen von
rungen nachweisbaren und nachhal- bei streifendem Einfall abgelenkt. Die Röntgenlinsen aus Kunststoff relativ un-
tigen Erfolg« für die Wissenschaft Qualität dieser Bündelung reicht jedoch kompliziert in einem einzigen Arbeits-
brächten. Übernehmen die Großverla- nicht an die von Glaslinsen heran; außer- gang äußerst präzise herstellen lassen.
ge tatsächlich das Open-Access-Ge- dem sind die Apparaturen schwierig her- Dazu bedienen sich die Karlsruher
schäftsmodell, hätte Varmus sein Ziel zustellen beziehungsweise sehr sperrig. Forscher eines lithografischen Verfahrens
erreicht. Erst vor rund zehn Jahren gelang es und eines speziellen Polymers namens
Doch Zweifel bleiben. Im Unter- schließlich, Röntgenstrahlen auch effizi- SU-8. Zunächst erzeugen sie eine Nega-

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schied zu Non-Profit-Organisationen ent zu brechen und auf diese Weise zu tivschablone der späteren Säulenstruktur

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wie PLoS wollen die Großverlage Ge- fokussieren. Der Trick: Man reihte viele aus Metall und legen diese auf den
winn machen und haben zudem in den Linsen aneinander. Dabei mussten die Kunststoff. Dann richten sie einen ex-
letzten Jahren Millionen in Onlineplatt- Physiker freilich Materialien verwenden, trem starken Röntgenstrahl darauf, der

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formen und in die Digitalisierung ihrer

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riesigen Archive investiert. Diese Sum-

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men gilt es wieder hereinzuholen –

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notfalls durch überhöhte Abdruckge-

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bühren für die Autoren. Das wäre dann Mit diesen gut einen Millimeter ho-
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ein Pyrrhussieg, und Varmus hätte

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hen Kunststoffstrukturen

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abermals Grund, verbal den Teufel zu in einer Richtung – also
FORSCHUNGSZENTRUM KARLSRUHE

bemühen. auf eine Linie – fokussiert werden. Da


Oliver Koch ht der Brechungsindex von
Luft ist als der von Kunststoff,
Der Autor ist freier Wissenschaftsjournalist in Sammellinsen in diesem Fall
Mainz. konkav statt konvex sein. Die dreieckigen
Apertur.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 21
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Zweifache Belichtung des Kunst-
l stoffs aus unterschiedlichen Win-

FORSCHUNGSZENTRUM KARLSRUHE
keln liefert ein Linsensystem, das die ein-
fallende Strahlung in zwei Richtungen
fokussiert und sie somit auf einen Punkt
stat

aus einer Synchrotron-Strahlungsquel- gen gepresst wurden. Diese Folien müs-


le, also einem Teilchenbeschleuniger, sen jeweils akribisch justiert werden, was
stammt. Er dringt durch die Öffnungen bei dem neuen Verfahren nur einmal bei
der Schablone und löst in dem Polymer der Schablone nötig ist: Mit der Vorlage
dahinter chemische Reaktionen aus, lassen sich dann beliebig viele Röntgen-

FORSCHUNGSZENTRUM KARLSRUHE
durch die sich die Moleküle untereinan- linsen gleichsam am Fließband fertigen
der vernetzen. Einen weiteren Vorzug sieht Mohr
Nach dem Entfernen der Schablone darin, dass man mit der Lithografie sehr
legen die Forscher den Kunststoff in eine dicht gepackte Säulenstrukturen herstel-


rR
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sh
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Mischung aus Ether, Glykol und Wasser. len kann: Der Abstand der einzelnen
Darin lösen sich an den abgedeckten Linsenelemente beträgt nur zwei Mikro-
Stellen, zu denen keine Röntgenstrahlen meter. Dadurch verkürzt sich der Weg,
vorgedrungen sind, die unveränderten, den das Röntgenlicht durch den Kunst- Verschiedenartige Linsensysteme,
also nicht vernetzten Polymer-Moleküle. stoff zurücklegen muss, und es geht we- o die nebeneinander auf einer Platte
Übrig bleibt nur die in der Negativscha- niger davon durch Absorption verloren. angeordnet sind, bilden eine Art Wechsel-
blone vorgegebene Säulenstruktur. objektiv Ihre Brenn-
»Unsere Herstellungsmethode hat Linsen per Lithografie weite variiert mit der Anzahl und Form
mehrere wichtige Vorteile«, sagt Jürgen Am Karlsruher Forschungszentrum ist der aneinander gereihten Einzellinsen.
Mohr aus dem Karlsruher Team, »zum man derzeit noch dabei, die neuen Lin-
einen ist der Kunststoff SU-8 in seiner sen zu testen und abzuschätzen, wo sie
vernetzten Form sehr beständig gegen- sich überall einsetzen lassen. Dabei ar-
über Röntgenlicht – unsere Linsen ha- beitet das Team um Saile eng mit ande- in Zellen sichtbar machen. Das gelingt
ben also einen geringen Verschleiß. Zum ren Forschergruppen zusammen. »Inte- zwar im Prinzip auch heute schon mit
anderen erreichen wir eine große Genau- resse an unseren Linsen besteht auf der Elektronenmikroskopen, aber die Strah-
igkeit bei der Herstellung und damit ganzen Welt«, berichtet Mohr. lenbelastung ist dabei viel größer, sodass
eine hohe optische Qualität.« Bisherige Eine Anwendungsmöglichkeit wäre die Präparate oft zerstört werden.
Röntgenlinsen bestehen zum Beispiel aus ein Röntgenmikroskop, das noch Details Auch Astronomen dürften sich über
hintereinander angeordneten Folien aus von einigen Nanometern auflöst. Biolo- die Karlsruher Neuentwicklung freuen.
Beryllium, in die mit Kugeln Vertiefun- gen könnten damit winzige Strukturen Es gibt bereits Satellitenteleskope im All,
die das Universum im Röntgenbereich
ablichten. Solche Instrumente könnten
mit den neuen hochpräzisen Linsen
noch schärfere Aufnahmen liefern.
Anwendungen eröffnen sich schließ-
lich auch in der Forensik sowie bei der
Untersuchung alter Dokumente oder
Gemälde. Da die Karlsruher Linsen eine
Fokussierung auf einen Punkt von nur
400 Nanometer Durchmesser erlauben,
lassen sich selbst winzige Pigmentreste
oder andere Spuren gezielt einzeln analy-
sieren. Das kann helfen, beispielsweise
Fälschungen zu entlarven oder über die
Art der Tinte die Urheberschaft oder das
Entstehungsdatum eines Schriftstücks zu
klären. So können auch die Geisteswis-
senschaften von den neuen Röntgenlin-
sen profitieren.

Frank Schubert ist promovierter Biophysiker und


Wissenschaftsjournalist in Heidelberg.

22 Q
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT FEBRUAR 2005
Springers
EINWÜRFE von Michael Springer

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Laufende Menschwerdung
Erst rasche Fortbewegung zu Fuß brachte den Affen
evolution r voran.

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Wann ist der Mensch ein Mensch? Wenn der nackte Affe
den aufrechten Gang praktiziert? Den Daumen abspreizt?
Wenn er Werkzeuge herstellt und anwendet? Wenn er,
statt vor sich hin zu grunzen, mit seinen Artgenossen arti-
kuliert spricht?
Wir suchen und finden gern Gr nde, uns von unseren n chsten Verwandten
abzugrenzen. Gerade deren stammesgeschichtliche N he macht sie uns irgend-

ä
wie peinlich. Man beobachte nur einmal, wie der Gesichtsausdruck von Men-
schen, die im Zoo dem Treiben der Primaten zusehen, zwischen Spott und Verle-

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genheit changiert. Mich laust der Affe, sagen wir, wenn wir ungl ubig staunen,
und ungern lassen wir uns zum Affen machen.

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Genau das ist dem armen Tarzan passiert, der als Kind unter die Affen fiel. Seit-
dem schwingt er sich im Schurz von Liane zu Liane und jodelt. So einen Men-

üä äö ä
schen kann man nicht ernst nehmen.

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Zum Baumhangeln sind wir eben nicht geschaffen, wir sind bodenst ndige
Wesen. Gehen und laufen, das liegt uns, daf r sind wir gebaut. Im Gehen, nicht
im Sitzen k men ihm neue Gedanken, fand der Philosoph Friedrich Nietzsche.
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Und der Schriftsteller G nter Herburger legt soeben den dritten Teil seiner Ex-

ä
tremlauftrilogie vor. »Schlaf und Strecke« demonstriert – nach den Vorl ufern

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»Lauf und Wahn« und »Traum und Bahn« –, wie anders der Mensch L nder und

ä
Berge, W sten und St dte erlebt und wie die Fantasie aufs Sch nste Amok l uft,
wenn beim Hundert-Kilometer-Marathon Endorphine das L uferhirn ber-

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schwemmen.

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War es am Ende das? Hat uns Affen erst die F higkeit zum Dauerlauf zu echten

ß
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»modernen« Menschen gemacht? F r diese zun chst verbl ffende Behauptung

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haben der Biologe Dennis Bramble von der University of Utah und der Anthropo-
loge Dan Lieberman von der Harvard-Universit t in Cambridge (Massachusetts)

üä ä ä
j ngst eine Reihe berzeugender Indizien vorgelegt (»Nature«, Bd. 432, S. 345).

ß
Als L ufer kann der kurz- und krummbeinige Affe mit seinen fast am Boden
schleifenden Armen dem stramm auf einem Marathon-Siegerpodest stehenden

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Homo nicht das Wasser reichen. Federnde Achillessehnen, muskul se Kopfsta-

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bilisatoren, pralle Ges muskeln zeichnen uns als begabte Dauerl ufer aus. Da-

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gegen besch men die ffischen Verwandten zwar in Urwaldwipfeln jeden Trapez-
k nstler in der Zirkuskuppel, machen aber beim Sprint durchs Steppengras gar
keine gute Figur. Denn da galt es zu Zeiten der Menschwerdung, mit Hy nen um
Nahrung zu konkurrieren oder gegen gefr ige Verfolger Boden gutzumachen.

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Zwanglos erkl ren die beiden US-Forscher auch, warum wir schwitzen und Af-
fen nicht, und warum wir nicht am ganzen K rper behaart sind wie sie: Dauerl u-
fer m ssen eben bersch ssige K rperw rme rascher loswerden.
Menschen wurden demnach gute L ufer, weil sie einst, be-
vor die ersten Jagdwaffen aufkamen, mit hundeartigen Vier-
beinern um die Wette rannten – und vielleicht halten wir uns
deshalb heute zahme W lfe. Wenn wir ber Stock und Stein
laufen, durch Stadt und ber Land, kommen frische Gedanken,
entstehen sogar komplette Trilogien. Erst laufend kommt der
Mensch zu sich.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 23
MOLEKULARE MEDIZIN z
Klare Sicht durch
Augenlinsen
Für eine glasklare Augenlinse stellen Zellen ihre
Lebensfunktionen fast ganz ein. Rätselhaft ist
noch, wie sie ihren Beinahe-Selbstmord steuern.

Von Ralf Dahm

W
enn die Augen im Alter
trüb werden, verhilft oft
eine künstliche Linse
wieder zu klarem Sehen
– heute eine Routineoperation. Das Er-
satzobjekt besteht aus Kunststoff. Die
natürliche Augenlinse aber bildet sich
aus lebenden Zellen. Damit sie Abbilder
der Außenwelt scharf auf die Netzhaut
wirft, muss sie so transparent sein wie
Glas, dabei aber wegen der Fokussierung
zugleich nachgiebig. Und wäre die Linse
getönt, würden wir viele Farbnuancen
unserer Umwelt nicht sehen.
Augenlinsen gehören zu den Wun-
dern der Natur. Normalerweise sind le-
bende Gewebe nicht durchsichtig, für
Licht allenfalls in dünner Schicht durch-
scheinend. Worauf die Transparenz der
Linse beruht, wissen die Forscher schon
länger. Wie die Zellen das aber erreichen,
verstehen sie bisher nur ansatzweise. Erst
vor wenigen Jahren haben sie überhaupt
erkannt, dass die Linsenzellen dazu einen
Beinahe-Selbstmord ausführen, bei dem
IMPALAS UND LÖWINNEN: RENEE LYNN / CORBIS; FOTO-COMPOSING: JANA BRENNING

sie alle ihre Organellen – sozusagen ihre


verschiedenen inneren Fabriken – ein-
schließlich des Zellkerns beseitigen.
Die reife Linse könnte man als eine
Art biologischen, lebenden Kristall be-
zeichnen. Optisch verhält sie sich so ho-
mogen, dass sie eintretende Lichtstrah-
len so gut wie nirgends ablenkt oder ab-
sorbiert. Zum einen liegen ihre Zellen
hochpräzise geordnet, weswegen sich an
ihren Grenzen Lichtstrahlen nur mini-
mal brechen. Dabei richten sich die Zell-
außenmembranen weit gehend parallel
zueinander aus – und zwar senkrecht zu
den einfallenden Lichtstrahlen. Hin-

24
Wenn Konturen und Farben ver-
schwimmen, droht Lebensgefahr.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 25
MOLEKULARE MEDIZIN z
zu kommt, dass diese Membranen fast die trüb gewordene Linse, ist ein später

AUS: DEVELOPMENT OF A MACROMOLECULAR DIFFUSION PATHWAY IN THE LENS, VON V. I. SHESTOPALOV UND S. BASSNETT,
den gleichen Brechungsindex aufweisen Tribut für die Klarsicht. Ohne Zellkern
wie das Zytoplasma, die Masse im Zell- und Organellen können die Linsenzellen
inneren. Und schließlich enthalten die nur einen stark eingeschränkten Stoff-
Zellen auch keine Moleküle und Orga- wechsel betreiben. Zwar versorgt sie ihr
nellen mehr, die Licht absorbieren oder Außenmedium: Benötigte Stoffe diffun-
brechen könnten. dieren in sie hinein. Doch Defekte ver-
Völlig durchsichtige biologische Ge- mögen sie in vielen Fällen nicht auszu-
webe gibt es sonst kaum. Als Einziges ist bessern. Und beschädigte Zellen kann
die vor der Linse liegende Hornhaut die Linse nicht ersetzen. Die Fähigkeit
gleichfalls transparent. Doch diese be- zur Regeneration, einer der größten Vor-
steht größtenteils nicht aus Zellen, son- teile lebender Systeme, hat die Augenlin-
dern aus einer Gallertmasse aus Protei- se nur zu einem geringen Teil.
nen und Zuckermolekülen. Andere Organe erneuern ihre Zellen
fortlaufend. Hautzellen beispielsweise le-

IN: JOURNAL OF CELL SCIENCE, BD. 15, 2003


Transparenz als Ausnahme ben nur eine Woche, rote Blutkörper-
Dass Zellen gewöhnlich nicht glaskar chen mehrere Monate. Innerhalb eines
sein können, sondern bestenfalls zu ei- halben Jahres tauscht der Körper seine
nem Teil lichtdurchlässig, zeigen die vie- Moleküle zu etwa neunzig Prozent aus.
len Geschöpfe in der Tierwelt, durch die Viele davon überdauern höchstens Mi-
Licht durchscheinen kann oder die nuten, andere nur Stunden oder Tage.
durchscheinende Strukturen aufweisen. Bei unserer Augenlinse dagegen sind wir
Manche fast durchsichtigen Meeres- und lebenslang auf dieselben Zellen angewie-
Süßwasserbewohner tarnen sich so her- Die beiden Fotos zeigen Querschnit- sen und sogar weit gehend auf dieselben
vorragend vor Feinden, für die sie gegen o te durch Augenlinsen von Mäusen. Moleküle. Sämtliche Beeinträchtigun-
den Hintergrund optisch verschmelzen. Sie lassen ahnen, dass die Zellkerne (rot) gen, ob UV- oder Hitzestrahlung, Ver-
Aber selbst Quallen, die fast nur aus der inneren Faserzellen abgebaut werden. sorgungsengpässe oder sonstige Schäden,
Wasser bestehen, fangen einen Teil des Die oben gezeigte Linse ist noch sehr bleiben bestehen und häufen sich über
Lichts ein. Und die Flügel einiger Insek- jung. Selbst ihre inneren Faserzellen ent- die Jahre an.
ten erinnern zwar an hauchfeines Glas, halten offenbar noch Kerne. Die untere Eine menschliche Augenlinse misst
doch bereits mehrere davon übereinan- Linse ist reifer. Zellkerne sind nur noch in im breiten Durchmesser, sozusagen am
der sehen milchig aus. den äußeren Schichten vorhanden. Äquator, etwa zehn Millimeter, im fla-
Totale Transparenz tritt bei Lebewe- chen, zwischen den beiden Polen, bis zu
sen schon deswegen so selten auf, weil fünf Millimeter. Sie besteht aus schma-
sich Zellen normalerweise nicht so streng len, extrem langen bandförmigen Zellen,
wie in der Augenlinse ausrichten. Auch Gewebe versorgt, sehen unsere Organe den Faserzellen, die fast von einem Pol
können sie für ihren Stoffwechsel auf die mehr oder weniger rötlich aus. Wäre zum anderen reichen (siehe Kasten
Organellen samt Zellkern mit ihren di- aber die Augenlinse nur leicht getönt, rechts). Diese Bänder liegen eng ver-
versen Membranen nicht verzichten. Da würde die Wahrnehmung von Farbschat- zahnt dicht bei dicht nebeneinander und
solche Zellbestandteile eine andere opti- tierungen verfälscht. in etwa tausend Lagen – zwiebelartig –
sche Dichte aufweisen als das reine Zyto- Tatsächlich geschieht das im Alter, übereinander.
plasma, bricht sich an jedem Übergang weil sich in den Linsenzellen mit den
das Licht. Jahren Proteine anreichern, die wegen Zellen mit ungewöhnlichem Alter
Zudem erscheinen manche Zelltypen Zuckeranlagerungen blaues und grünes Beim Embryo entsteht zuerst der Lin-
farbig, weil sie Moleküle enthalten, die Licht absorbieren. Dadurch verfärbt sich senkern. Dazu schnürt sich von der
bestimmte Wellenlängen des Lichts ab- die Linse allmählich gelblich bis bräun- Haut vorher ein Bläschen mit Stammzel-
sorbieren. So rührt beispielsweise die lich. Alte Menschen sehen die Welt da- len ab, aus dem später die Linse wird.
Farbe der roten Blutkörperchen vom rum mehr in Rot-, Braun- und Gelbtö- Von den Stammzellen des Bläschens dif-
Hämoglobin her. Da Blut fast alle unsere nen als junge. Der Altersstar wiederum, ferenzieren sich zunächst nur die hinten,
in Richtung Netzhaut liegenden Zellen.
IN KÜRZE Sie verlängern sich quer durch das Lin-
senbläschen bis zu dessen Vorderseite.
r Die Zellen der Augenlinse verzichten auf die meisten lebensnotwendigen Dieser Kern bleibt zeitlebens im Zen-
Strukturen – und bleiben dennoch am Leben. Irgendwie gelingt es ihnen, einen trum der Linse erhalten.
Selbstmord (eine Apoptose) einzuleiten, ohne dass sie dabei vollständig zu Grun- Das weitere Linsenwachstum erfolgt
de gehen. von den vorderen, dem Licht zugekehr-
r Forscher möchten diese Mechanismen verstehen. Sie versprechen sich davon ten Stammzellen her. Anders als die hin-
Einsicht über den grauen Star wie auch über eine Reihe von Krankheiten, bei de- tere Fraktion existieren sie noch beim er-
nen diese Vorgänge außer Kontrolle geraten. wachsenen Menschen. Über Jahrzehnte
liefern sie neue Faserzellen, die sich je-

26 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
öää
Augenlinsen – eine glasklare Sache
Lebendig und transparent – das leistet nur die Augenlinse. In ihrem Inneren Stammzellen Fasern zum Ziliarmuskel
wird Licht praktisch nicht gestreut. Ihre Durchsichtigkeit verdankt die Au-
genlinse der Form und Ausrichtung ihrer Zellen sowie deren regelm -
ßiger innerer Masse (dem Zytoplasma). Schmale lange Faserzellen
umwachsen schon vorhandene Schichten zwiebelf rmig dicht an
dicht (nur ein geringer Teil der Schichten ist dargestellt). Sp -
ter verlieren die Faserzellen ihren Zellkern und andere Or-
ganellen. Reife Linsenzellen bestehen großenteils aus
Kristalline genannten Proteinen.

Linse

Linsenkapsel

ä
Linsenkern

äü
Stammzellen Zellkern wird abgebaut

Der Linsenkern entsteht aus einem Bl s-


chen mit Stammzellen (links). Die hinte-
ren, dem Augeninneren zugekehrten Zel-
len wachsen lang nach vorn und f llen so
den Hohlraum des Bl schens (links un-
ten). Aus den vorderen Stammzellen ent-
stehen erst nach und nach neue Faser-
zellen, die sich wie in Zwiebelschichten
um diesen Kern herum strecken (oben
und Bild S. 28 unten links). Diese Stamm-
zellfraktion bleibt unser ganzes Leben
Zellkern lang aktiv, auch wenn sich im Alter nur
noch wenig neue Faserzellen bilden.

Faserzelle

Lederhaut Netzhaut
Hornhaut

Die Linse im Auge


dient dazu, Licht
auf die Netzhaut Pupille
zu fokussieren. Sehnerv
Iris
FOTO (AUSSCHNITT): RALF DAHM

So fangen die
Lichtsinneszellen
GRAFIKEN: KEITH KASNOT

Linse
der Netzhaut ein
scharfes Abbild
der Umwelt auf.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 27
MOLEKULARE MEDIZIN

weils außen über die schon ausdifferen-


zierten Linsenzellen legen. Und zwar
z
wachsen neue Bänder immer von der
Breite der Linse her – sozusagen von ih-
rem Äquator, dem Bereich hinter der
Iris, wo die Linse ringsum aufgehängt
und mit so genannten Ziliarmuskeln
verbunden ist. So vergrößert sich die Au-
genlinse zeitlebens, ohne dass sich die in-
neren Zonen erneuern.
Dass diese Stammzellen noch bei äl-
teren Menschen aktiv sind, erweist der
so genannte Nachstar. Er entsteht nach
einer Staroperation aus nicht entfernten
Zellen. Diese bilden nun allerdings keine
durchsichtige Linse, sondern vermehren
und verteilen sich in dem entstandenen
Hohlraum unkontrolliert. Weil sie die

RALF DAHM
Sicht trüben, werden sie in einem zwei-
ten Eingriff entfernt.
Frische Faserzellen verlieren während Durchfällen. Bei Diabetes steigert ein Der Abbau der Zellkerne dauert
der Entwicklung schon bald ihre Or- über Jahre erhöhter Blutzuckerspiegel die o mehrere Tage. Das sieht aus wie bei
ganellen und den Zellkern, also prak- Kataraktgefahr. einem programmierten Zelltod, einer
tisch ihren gesamten Stoffwechselapparat. Mancher mag es für nichts Besonde- Apoptose: Kernhülle und die auf dem Bild
Doch erhalten bleiben die äußere Zell- res halten, wenn eine Zelle ihre sämtli- nicht sichtbare DNA lösen sich gleichzei-
membran und auch das Zytoskelett. Die- chen Organellen verliert und doch am tig langsam auf.
ses gibt der Zelle Stabilität und damit ihre Leben bleibt. In Fachkreisen sorgten die
Form. Das Zytoplasma, das wässrige Zell- Forschungsergebnisse an der Augenlinse
innere, gewinnt nun eine besonders kom- hierzu allerdings für einigen Aufruhr.
pakte Konsistenz. Bei reifen Linsenzellen Viele Experten protestierten, als mehrere ten Jahrzehnten recht gut untersuchten
besteht es hauptsächlich aus in Wasser ge- Wissenschaftlergruppen nach Mitte der Mechanismus nutzt der Organismus in
lösten Kristallinen. Der Name dieser Pro- 1990er Jahre den Verdacht äußerten, es vielen Situationen. So ereignet sich ein
teine lässt erahnen, dass sie geometrisch scheine sich um einen unvollständigen solcher programmierter Tod unzählige
geordnete Komplexe bilden, die entfernt Zellselbstmord zu handeln. Den pro- Male während der Entwicklung und im
an chemische Kristalle erinnern. grammierten Zelltod, den überzählige erwachsenen Körper, um nicht mehr be-
und irreparabel geschädigte Zellen selbst nötigte Zellen zu eliminieren. Auch irre-
Der Preis für den klaren Blick aktivieren, nennen Molekularbiologen parabel geschädigte Zellen können sich
Wenn ein grauer Star – ein Katarakt – seit dreißig Jahren Apoptose. selbst umbringen – ein Mechanismus,
entsteht, fallen immer mehr dieser Kris- Normalerweise, so war die Vorstel- der bei Krebs nicht mehr greift.
talline zu Klumpen zusammen (siehe lung noch vor zehn Jahren, läuft das in Im Allgemeinen werden Zellkern
Kasten S. 30). Vielerlei kann trübe Fle- jeder Zelle eingebaute Selbstmordpro- und Organellen dabei in einer bestimm-
cken in der Linse verursachen, etwa eine gramm unaufhaltsam bis zum Ende ten Abfolge abgebaut. Oft machen die
häufige intensive UV- oder Wärmebe- durch, wenn diese es aktiviert. Die Zelle Mitochondrien – die wegen ihres Sauer-
strahlung, freie Sauerstoffradikale, aber scheint sich dabei selbst zu demontieren, stoffanspruchs besonders empfindlichen
auch schon ein mehrere Wochen dauern- bis sie zerfällt und von anderen Zellen Kraftwerke von Zellen – den Anfang.
der Flüssigkeitsmangel etwa bei starken aufgenommen wird. Diesen in den letz- Der Zellkern löst sich in der Regel etwas
ALAN R. PRESCOTT, UNIVERSITY OF DUNDEE, SCHOTTLAND

Die mikroskopischen Aufnahmen


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zeigen Teile von Faserzellen aus der

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Augenlinse eines Rindes. Im linken Bild
sieht man kurze Abschnitte der eng ge-
stapelten Zellen (Ausschnitt wie im Kas-
ten S. 27 oben rechts markiert). Im Bild
rechts ist erkennbar, wie die Faserzellen
sich verzahnen und so einen festen Zu-
RALF DAHM

sammenhalt wenn die Linse


beim Fokussieren verformt wird.

28 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
später auf. Während einer regulären Mechanismen können aber nicht erklä-
Apoptose zerfallen zudem das Zellgerüst ren, warum irgendwann in der jungen
sowie die Zellaußenmembran. Dass Zel- Linse die ersten Zellen ihren teilweisen
len ihren einmal angestoßenen Unter- Selbstmord einleiten.
gang gezielt aufhalten könnten, schien Hinweise darauf, welche Moleküle in
vielen Forschern undenkbar. den sich ausdifferenzierenden Faserzellen
nach dem Anstoß zum Selbstmord aktiv
Killerenzyme für den werden, fanden Klaus van Leyen vom
programmierten Zelltod Massachusetts General Hospital in
Etliche Studien lieferten inzwischen Charleston und seine Kollegen. Unter
eine Reihe von Beweisen dafür, dass die anderem tritt das Enzym 15-Lipoxyge-
Linsenzellen tatsächlich Mechanismen nase in Aktion. Es bohrt sich in Mem-
der Apoptose aktivieren. Es sieht genau- branen von Zellorganellen. Durch die
so wie bei einem beginnenden program- dabei entstehenden Löcher dringen Pro-
mierten Zelltod aus, wenn etwa ihre teasen ein, Proteine zerlegende Enzyme,
Mitochondrien oder ihr Zellkern lang- die hierdurch nun die Organellen zerstö-
sam verschwinden (siehe Bilder links ren. Unbekannt ist noch, was die Lip-
oben). Forscher haben mittlerweile auch oxygenase zum rechten Zeitpunkt auf
verschiedene Hinweise darauf, dass sich den Plan bringt.
dabei offenbar die gleichen molekularen Bei manchen Krebszellen wie auch
Vorgänge abspielen. Beispielsweise tre- bei gesunden Zellen vermag der so
ten in der Linse ebenfalls Caspasen in genannte Tumor-Nekrose-Faktor eine
Aktion, die Killerenzyme der Apoptose- Apoptose zu induzieren. Nach Michael
maschinerie. Zudem spricht manches Wride, heute an der Universität von
dafür, dass die Faserzellen ihre innere Wales in Cardiff, und Esmond Sanders
Selbstzerstörung sogar in den gleichen von der Universität von Alberta in Ed-
Situationen anwerfen, wie sie bei einer monton (Kanada) setzt dieser Faktor zu-
regulären Apoptose unter anderem vor- mindest in Linsenzellkulturen den Ab-
kommen. bau des Zellkerns in Gang. Ob Gleiches
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Nach einer These von Steven Bass- auch im Auge selbst stattfindet, wenn
nett von der Washington-Universität in sich die Linse ausbildet, ist bisher nicht
Saint Louis (Missouri) zerstören die Fa- bekannt.
serzellen ihr Innenleben, wenn ihre Mi- Was die Erbsubstanz DNA in den
tochondrien ihnen wegen Sauerstoff- Linsenzellkernen betrifft, so identifizierte
mangels nicht mehr genügend Stoff- Sogo Nishimoto von der Universität
wechselenergie bereitstellen können. Da Osaka (Japan) kürzlich bei Mäusen ein
die Linse keine Blutgefäße durchziehen, Enzym, das spezifisch dort aktiv wird
sondern alle Stoffe von außen her ein- und diese DNA zerlegt. Wenn den Na-
diffundieren müssen, beginnen die ein- gern diese charakteristische so genannte
geschlossenen älteren Zellen bald zu DNAse fehlt, verlieren die Linsenzellen
darben, so die Überlegung. Je mehr offenbar nicht ihre Zellkerne. Solche
neue Schichten sich außen über sie la- Mäuse sind bei der Geburt blind: Sie
gern, desto schlechter werden sie ver- kommen mit einem Katarakt zur Welt.
sorgt – bis ihre Mitochondrien schließ- Ansonsten scheinen die Tiere keine De-
lich streiken. Das könnte für die Zelle fekte zu haben, was wohl bedeutet, dass
das Signal sein, ihre Organellen und den ihre anderen Zellen eine normale Apop-
Zellkern aufzugeben. Ganz ähnlich rea- tose durchführen können.
gieren nämlich andere Zellen auf Mito-
chondrienschäden – nur eben mit einem Trübe Augen von Geburt
vollständigen Selbstmord. Auch beim Menschen kommt es vor,
Nach Bassnet könnte auch die hohe dass Kinder mit einem grauen Star gebo-
Milchsäurekonzentration in der Linse ren werden. Manchmal geht die Missbil-
ein Signal für die Teilzerstörung darstel- dung auf eine Virusinfektion in der
len. Unter Sauerstoffmangel gewinnen Schwangerschaft zurück. Besonders Rö-
Zellen ihre Energie, indem sie aus Glu- teln sind in dem Zusammenhang ge-
kose Milchsäure herstellen. Bassnett pos- fürchtet. Wie es scheint, verhindern Pro-
tuliert, dass die Faserzellen ihr Selbst- teine des Virus den normalen Ablauf der
mordprogramm bei einer bestimmten Apoptose. Deswegen beseitigen die Lin-
Konzentration der Säure oder bei einem senzellen ihre Organellen nicht und die
bestimmten Säuregrad aufrufen. Beide Linse des Neugeborenen ist trüb.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 29
z
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MOLEKULARE MEDIZIN

Linsentrübung durch beschädigte Proteine

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Ein Katarakt oder grauer Star – eine Tr bung der Augenlinse – ner Katarakt kann beispielsweise auf eine Infektion w hrend
entsteht oft altersbedingt, kann aber auch bei manchen Stoff- der Schwangerschaft zur ckgehen oder auf einem Erbdefekt

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ein

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tr
s ic
ts
wechselerkrankungen wie Diabetes auftreten. Ein angebore- beruhen.

In einer klaren Linse sind Kristalline genannte Proteine in großen Komplexen


u so angeordnet, dass Licht ungehindert passiert (a). Wenn diese
Schaden nehmen, bricht die Struktur zusammen (b). Je besc
digte Kristalline miteinander verklumpen, umso mehr streuen sie das Licht – der

ü
b
betroffene Bereic h (c).

e
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SCIENCE PHOTO LIBRARY

a b c

Eine Linse – wie hier zu se-


o

ALICE CHEN
hen – streut das Licht, statt es auf
die Netzhaut zu fokussieren.

Heute zweifelt kaum mehr jemand und im umgekehrten Fall Krebs. Genaue pen konnten mittlerweile eine Anzahl
an der Beteiligung von Apoptosemecha- Kenntnisse darüber, wie sich eine Apop- von Missbildungen identifizieren, die auf
nismen bei der Entwicklung der Augen- tose einleiten, aber auch stoppen ließe, genetischen Fehlern beruhen. Darunter
linse. Die Frage ist aber immer noch, wie könnten neue Ansätze für Therapien er- sind auch Augendeformationen, die of-
diese Zellen verhindern, dass sie dabei lauben. Vielleicht hilft die Augenlinse fensichtlich durch eine Entwicklungsstö-
völlig zu Grunde gehen. Verfügen sie mit ihren überraschenden Eigenschaften rung entstehen. Bei manchen Tieren
über einen zeitgenauen Bremsmechanis- weiter. geht die Linse komplett zu Grunde. Bei
mus? Das postulierten einige von uns Zuerst einmal möchten wir besser anderen bauen sich die Organellen in
schon vor Jahren. Manches im Verhalten verstehen, warum ein Katarakt entsteht den Linsenzellen nicht ab. Es gibt Zebra-
der Linsenzellen spricht nämlich dafür, und wie seine Ausbildung zu verhindern fische, deren Katarakt einem grauen Star
dass sie die Apoptoseprogramme ganz oder hinauszuzögern wäre. Das beträfe beim Menschen gleicht.
gezielt dafür einsetzen, ihre Ausdifferen- neben den älteren auch oft jüngere Men- Die Hoffnung der Forscher ist nun,
zierung zu reifen Faserzellen zu steuern. schen, selbst Kinder. Weltweit erblinden bei den Maus- und Zebrafischmutanten
immer noch jedes Jahr viele Millionen mit Augendefekten die Gene zu iden-
Genetische Faktoren für an grauem Star. tifizieren, die normalerweise mitwirken,
klare Linsen beim Zebrafisch Für die Zukunft versprechen wir uns wenn sich eine klare Linse ausbildet.
Denkbar wäre allerdings auch, dass die viel von Forschungen an Modellorganis-
Zellen gar nicht irgendwelche Stoppvor- men. Beispielsweise gibt es etliche Mäu-
Ralf Dahm arbeitet am Max-
gänge bemühen müssen. Vielleicht sind selinien, die Katarakte entwickeln, wie Planck-Institut für Entwicklungs-
die unversehrten Strukturen und Mole- sie auch beim Menschen vorkommen. biologie in Tübingen. Er ist Pro-
küle von Zellgerüst und Außenmembran Unlängst ist noch ein weiterer Organis- jektmanager des EU-Forschungs- A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
ohnehin vor dem Abbau gefeit. Mögli- mus hinzugekommen: der Zebrabärbling konsortiums »ZF-MODELS«, das
cherweise erkennen die zerstörerischen oder Zebrafisch. Er gehört heute zu den von diesem MPI aus koordiniert
wird. Das Projekt soll Zebrafisch-Modelle etablie-
Apoptoseenzyme sie nicht, weil sie sich bevorzugten Tieren für Entwicklungsstu- ren, um mit deren Hilfe die Embryonalentwicklung
biochemisch tarnen. Vorstellbar sind dien bei Wirbeltieren – nicht zuletzt von Wirbeltieren sowie menschliche Krankheiten
aber auch andere für die Apoptoseenzy- dank der Initiative von Christiane Nüss- zu untersuchen.
me unüberwindliche Hindernisse. Even- lein-Volhard vom Max-Planck-Institut Zwischen glasklar und grauem Star. Von Ralf
tuell hüllen die Kristalline die unent- für Entwicklungsbiologie in Tübingen, Dahm in: Biologie in unserer Zeit, Bd. 33, Heft 6,
behrlichen Proteine wie in einen Schutz- die 1995 für ihre Untersuchungen an der 2003, S. 342
mantel ein. Sie selbst sind zumindest für Taufliege Drosophila zusammen mit zwei Trübe Nebel und blinde Flecken. Von Ralf Dahm
zerstörerische Apoptoseenzyme nicht an- Kollegen den Nobelpreis für Physiologie in: Gehirn und Geist, Heft 6, 2003, S. 62
greifbar. oder Medizin erhielt.
Nuclear cataract caused by a lack of DNA degra-
Ein unzeitgemäßer programmierter Zebrafische schlüpfen schon nach dation in the mouse eye lens. Von S. Nishimoto et
Zelltod beziehungsweise auch sein Un- wenigen Tagen. Da die Embryonen rela- al. in: Nature, Bd. 424, 2003, S. 1071
terbleiben gehören zu vielen Krankheits- tiv wenige Zellen aufweisen und durch- Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
bildern. Dazu zählen das Alzheimer- und scheinend sind, erkennt man bei ihnen spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
das Parkinson-Syndrom wie auch Aids – Organdefekte gut. Etliche Forschergrup-

30 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
TITEL: EVOLUTION z
Leben Viren?
Als biologische Gebilde in der Grauzone zwischen belebter und unbe-
lebter Natur sind Viren nicht klar einzuordnen. In der Debatte hierü-
ber wird leicht übersehen, welch fundamentale Bedeutung ihnen
für die Evolution von Organismen bis hin zum Menschen zukommt.

Von Luis P. Villareal sehr wohl. Sie wirken sich erheblich auf ganz offensichtlich biologischer Natur
seine Funktion aus, manchmal sogar auf und von einem Erkrankten auf weitere

V
erschnupfte wissen, wie leicht sein Verhalten, wie etwa der Tollwuterre- Opfer übertragbar waren, wurden sie
man sich ein Virus einfängt. ger. Ihre fundamentale Rolle in der Ge- dann als einfachste Lebensformen mit ei-
Vielleicht stufen sie die »Bies- schichte des Lebens wurde aber von Evo- genem Erbgut angesehen.
ter« noch irgendwie unter mi- lutionsbiologen bis in die jüngste Zeit
kroskopisch kleine Krankheitserreger ein. verkannt – verständlich, wenn man be- Ein unbelebter Kristall?
Doch was ein Virus wirklich ist, werden denkt, dass Viren vorherrschend als un- Als es aber Wendell M. Stanley und sei-
die wenigsten sagen können – und befin- belebt galten. nen Mitarbeitern von der heutigen Ro-
den sich damit in guter Gesellschaft. Viren sind in der Tat schwer zu fas- ckefeller-Universität in New York 1935
In den letzten hundert Jahren haben sen: Mit jedem Wechsel des Blickwinkels erstmals gelang, einen solchen Erreger –
Wissenschaftler ihre Vorstellungen über scheinen sie ihr Wesen zu verändern. Ins das Tabakmosaikvirus – zu kristallisieren,
das Wesen der Viren mehr als einmal Visier gerieten sie zunächst im Zusam- wurden Viren zu unbelebten Molekül-
grundlegend geändert. Ursprünglich als menhang mit Krankheiten – als ver- komplexen degradiert. Zwar handelte es
Giftstoffe, später als einfache Lebensfor- meintliches Gift. Virus bedeutet im La- sich um biologische Substanz, doch fehl-
men angesehen, danach als Komplexe teinischen Gift oder Schleim. Im aus- ten den Partikeln wesentliche Stoffwech-
von Biomolekülen, gelten die Gebilde gehenden 19. Jahrhundert erkannten selfunktionen, also für Leben charakte-
heute als Wanderer zwischen den Wel- Forscher, dass einige Infektionen, darun- ristische biochemische Aktivitäten.
ten, irgendwo angesiedelt in der Grauzo- ter die Mosaikkrankheit bei der Tabak- Wie weitere Forschungen von ihm
ne zwischen belebter und unbelebter Na- pflanze und die Maul- und Klauenseu- und anderen Biochemikern ergaben, be-
tur. Aus eigener Kraft können sie sich che, von etwas verursacht wurden, das standen Viren im Wesentlichen aus einer
zwar nicht vermehren, doch in den le- sich ähnlich wie Bakterien verhielt, je- Proteinhülle, die Nucleinsäuren in Form
benden Zellen ihres Wirtsorganismus doch viel kleiner war. Da die Erreger von DNA oder RNA umschließt, unter
Umständen aus noch weiteren Protei-
nen, die bei der Infektion nützlich sind.
IN KÜRZE Das klang tatsächlich eher nach einem
Chemiebaukasten als nach einem Orga-
r Viren sind Parasiten, die an der Grenze zwischen belebter und unbelebter Na- nismus. Bezeichnenderweise erhielt Stan-
tur existieren. Sie enthalten Eiweißstoffe und Erbmoleküle, brauchen aber die ley 1946 anteilig den Nobelpreis für
Hilfe von Zellen, um sich zu vervielfältigen und zu verbreiten. Chemie, nicht etwa für Physiologie oder
r Seit Jahrzehnten streiten sich die Wissenschaftler darüber, ob Viren lebende Medizin.
Materie sind oder nicht. Über diesen Zwist ging ein viel wichtigerer Aspekt unter: Infiziert ein Virus jedoch eine Zelle,
Viren haben enormen Einfluss auf die Evolution. die dann als Wirtszelle bezeichnet wird,
r Viren vermehren sich gewöhnlich in großer Zahl und mutieren leicht. Mit der ist es dort alles andere als inaktiv. Es
Zeit bringt dieser Prozess viele neue Gene hervor. Gelegentlich kann ein innova- streift seine Hülle ab, setzt sein Erbmate-
tives nützliches Virusgen sich in das Erbgut einer Wirtszelle einnisten und zu ei- rial frei und veranlasst die Synthesema-
nem permanenten Bestandteil ihres Genoms werden. schinerie der Zelle, die virale DNA oder
RNA zu vervielfältigen und anhand der

32 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Viren existieren im Niemandsland
BRYAN CHRISTIE DESIGN

zwischen belebter und unbelebter


Materie, spielen aber einen wichti-
gen Part im Netzwerk des Lebens.

enthaltenen Instruktionen entsprechen- Fachs aus: Viren führten eine Art »ge- Proteine auf den Erbmolekülen ver-
de Proteine zu produzieren. Die neu syn- borgtes Leben«. schlüsselt ist. Im Grunde baut die mo-
thetisierten Bauteile fügen sich von al- Angesichts der lange vertretenen Auf- derne Biologie auf einem Fundament
lein zu Viruspartikeln zusammen, die fassung, Viren seien nichts anderes als von Erkenntnissen auf, die mit Hilfe von
weitere Zellen infizieren können. Diese kompakte Pakete aus biologischen Ma- Viren gewonnen wurden.
Verhaltensweisen veranlassten schließlich kromolekülen, mutet eines fast wie Iro- Nachdem inzwischen die meisten es-
viele Wissenschaftler, Viren als ambiva- nie des Schicksals an: Bedienten sich senziellen Komponenten der Zellen kris-
lente Existenzen zwischen Chemie und doch ausgerechnet die Biologen der vira- tallisiert und strukturell analysiert sind,
Leben zu betrachten. Poetischer drück- len Aktivitäten in Wirtszellen, um he- ist es für heutige Molekularbiologen
ten sich kürzlich zwei Experten ihres rauszufinden, wie die Bauanweisung für selbstverständlich, den zellulären Stoff-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 33
TITEL: EVOLUTION z
Leben – mehr als bloß ein Wort?
Viren hingegen sind in fast jeder
Hinsicht biochemische Parasiten. Sie
nutzen von der Zelle produzierte Aus-
»Leben« und »lebend« sind Begriffe, welche die Wissen- gangsstoffe und Energie für die Synthese
DEPARTMENT OF MICROBIOLOGY, BIOZENTRUM / SPL

schaft der Alltagssprache entliehen hat. Noch vor und Montage eigener Bestandteile, sogar
für alle anderen biochemischen Aktivi-

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recht kurzer Zeit kam man befriedigend damit zurecht, da

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der Forscher – schon gar nicht der einfache Mann – täten, die ihre Vermehrung und Weiter-
kaum darüber nachdachte und gewiss nie genau wusste, verbreitung ermöglichen (siehe Kasten
was er damit eigentlich meinte. Inzwischen hat man rechts). Man könnte also schließen, dass
jedoch Systeme entdeckt und untersucht, die nicht so Viren zwar all diese Prozesse lenken,
eindeutig lebendig oder tot sind. Daher ist es nötig, selbst aber unbelebte Parasiten lebender
die Begriffe jetzt zu definieren oder in der Wissenschaft Stoffwechselsysteme sind. Allerdings mag
es fließende Übergänge geben zwischen
Norman Pirie, britischer Virologe, um 1934 dem, was eindeutig lebt und was nicht.

Du glaubst, Leben bedeute nur nicht so tot zu sein wie Ohne kritische Komplexität
ein Stein. Ein Felsbrocken lebt nicht, ebenso wenig
Bakteriophage T4
George Bernard Shaw, irischer Schriftsteller, »Die Heilige Johanna« 1923 eine Hülle voller stoffwechselaktiver En-
zyme ohne genetisches Material und
ohne Fähigkeit zur Reproduktion. Ein
wechsel als biochemische Maschinerie Die andere, scheinbar simple Frage, Bakterium hingegen ist ein lebender Or-
anzusehen – mit verschiedenen Subkom- ob Viren »lebendig« seien oder nicht, ganismus. Zwar besteht es nur aus einer
ponenten wie Mitochondrien als Kraft- höre ich oft von meinen Studenten. Eine einzigen Zelle und besitzt nicht einmal
werke, Ribosomen als Proteinsynthese- einfache Antwort darauf gibt es wohl einen Zellkern als Tresor für sein Erbma-
fabriken, Membranen als Trennwände deshalb nicht, da damit ein weit grund- terial, doch erzeugt es alles Nötige an
und Kontaktflächen, DNA als Daten- legenderes Problem einhergeht, nämlich Energie und biochemischen Komponen-
speicher und Proteine als Bauelemente die präzise wissenschaftliche Definition ten und kann sich vermehren.
und Katalysatoren. Die meisten ihrer des Begriffs Leben an sich. Aber was ist mit einem Pflanzensa-
Zunft grübeln kaum mehr darüber, ob In den meisten Fällen besteht Über- men? Man könnte ihn als nicht lebend
Viren nun leben oder nicht. Ihnen dürf- einkunft, dass neben der Fähigkeit zur ansehen. Allerdings: Als vergängliches
te das so müßig erscheinen, wie sich über Reproduktion gewisse weitere Eigen- Zwischenstadium des pflanzlichen Le-
die Lebendigkeit eines der genannten schaften erfüllt sein müssen. Leben sei benszyklus ist ihm die Möglichkeit zu-
Zellbestandteile den Kopf zu zerbrechen. beispielsweise ein Zustand, der mit ir- künftigen Lebens eigen. So betrachtet
Da sie das Ganze sozusagen aus aller- gendeiner Form von »Geburt« beginne gleichen Viren mehr einem Samen als ei-
nächster Nähe betrachten, haben sie nur und mit dem Tod ende. Ferner halten ner Zelle. Auch ihnen wohnt ein gewis-
im Fokus, wie Viren in den Stoffwechsel Biologen eine gewisse biochemische Au- ses Potenzial inne, das geweckt werden
der Zellen eingreifen und wie sie Krank- tonomie für erforderlich, die es den Or- kann, doch im Gegensatz zum Samen,
heiten verursachen. Die weiter reichen- ganismen ermöglicht, die zur Selbster- der zur frei lebenden Pflanze heran-
den Fragen, was Viren zur Geschichte haltung benötigten Moleküle zu produ- wächst, erreichen sie nie den Zustand
des Lebens auf unserem Planeten beige- zieren und Energie zu gewinnen. Der höheren autonomen Daseins.
tragen haben, sind bislang weit gehend Grad an Autonomie gibt bei den meis- Aus einem anderen Blickwinkel be-
unbeantwortet geblieben, teils noch ten Definitionen für Leben den Aus- trachtet ist Leben eine emergente Eigen-
nicht einmal gestellt. schlag. schaft eines Komplexes aus gewissen
unbelebten Komponenten. Als Emer-
genz bezeichnen Philosophen das »Auf-
tauchen« völlig neuer Eigenschaften, so
genannter Systemeigenschaften, bei der
Bildung eines Systems. Auch Bewusst-
sein ist ein Beispiel für ein emergentes
komplexes System. Wie der Zustand Le-
ben erfordert es ein kritisches Maß an
Komplexität oder Interaktion, damit es
überhaupt auftreten kann. Ein einzelnes
Neuron, auch ein lokales Netzwerk von
Neuronen hat kein Bewusstsein, das
menschliche Gehirn als Ganzes jedoch
ist sich seiner selbst bewusst. Allerdings
kann auch das biologisch noch lebende
Gehirn die Eigenschaft des bewussten
Seins einbüßen.

34 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Wie Viren sich vermehren

Als was immer man Viren auch einstuft, ein Kriterium für Leben lich aus doppelsträngiger DNA besteht. Die Prozesse wei-
erfüllen sie jedenfalls: Sie können sich vermehren – wenn chen bei verschiedenen anderen Typen von Viren in einzelnen
auch nur mit Hilfe einer Wirtszelle. Das Schema zeigte die Re- Aspekten voneinander ab, sind jedoch Variationen des glei-
plikation eines Virus, dessen Erbgut wie bei Organismen üb- chen Prinzips.

neue
Viruspartikel

1 Virus dockt außen an und


dringt in die Zelle ein

virale DNA

virale
Gene
6 neue Viruspartikel
verlassen die Zelle,
um weitere zu infizieren
virales
Protein
2 sein genetisches
Material wird
freigesetzt

zelluläre
virale RNA Ribosom
5 virale Proteine und
DNA vereinigen sich
zu neuen Viruspartikeln
Enzyme
Zellkern
neu syn-
thetisiertes
3 zelleigene Enzyme kopie-
ren die virale DNA und
Protein
erstellen RNA-Abschriften 4 anhand der RNA-Sequenz
produzieren so genannte
Ribosomen im Zellplasma
BRYAN CHRISTIE DESIGN

Wirtszelle
virale Proteine

Analog betrachtet sind weder einzel- versität in Marseille stießen auf zahlrei- lich. Denn die Antwort beeinflusst, wie
ne Gene und Proteine der Viren noch che Gene, die man zuvor nur von zellu- Biologen die Mechanismen der Evolu-
der Zellen an sich lebendig. Eine ent- lären Organismen kannte. Einige dieser tion betrachten.
kernte Zelle ist insofern einem hirntoten Gene tragen beispielsweise die Bauan- Viren haben ihre eigene Evolutions-
Menschen vergleichbar, als sie die volle, weisung für Enzyme, die beim Aufbau geschichte, die bis zu den Ursprüngen
kritische Komplexität eingebüßt hat. Le- der viralen Proteine mitwirken. Dies der Zellen zurückreicht. Einige Repara-
ben ist demnach ein emergenter komple- mag es dem Virus erleichtern, das Ver- tur-Enzyme, die etwa beschädigte DNA
xer Zustand eines Systems, das im Prin- mehrungssystem seiner Wirtsamöbe zu ausbessern oder Schäden von aggressiven
zip aus gleichartigen Grundkomponen- eigenen Zwecken zu missbrauchen. Wie Sauerstoffradikalen beheben, kommen
ten besteht wie ein Virus – nur dass ein die Forscher anmerkten, stellt die enorm nur bei ganz bestimmten Viren vor und
Virus keine kritische Komplexität er- komplexe genetische Ausstattung des existieren wohl schon seit Jahrmilliarden
reicht. So betrachtet sind Viren zwar Mimivirus die etablierte Grenze zwi- in weit gehend unveränderter Form (sie-
nicht völlig lebendig, doch wohl mehr schen Viren und zellulären parasitischen he Kasten S. 36 unten).
als nur tote Materie: Sie stehen an der Mikroorganismen in Frage. Die meisten Evolutionsbiologen ver-
Schwelle zur Domäne des Lebendigen. treten trotzdem noch immer die Auffas-
Wie dicht davor, zeigt die im Okto- Stiefkinder der Evolutionsforscher sung, weil Viren nicht leben, seien diese
ber 2004 veröffentlichte Erbgutanalyse Mancher mag die Diskussion um den für das Verständnis der Evolution nicht
des größten bekannten Vertreters. Das Status von Viren als bloße akademische weiter von Bedeutung. Ihrer Meinung
Mimivirus, erst 1992 entdeckt, bringt es Übung ansehen, als hitzige rhetorische nach stammen virale Gene von zellulä-
auf die Größe eines kleinen Bakteriums Debatte, die letztlich ohne wesentliche ren Vorläufern ab, die dem Wirtsgenom
und befällt Amöben. Didier Raoult und Konsequenzen bleibt. Ich persönlich hal- abtrünnig wurden, sich eine Proteinhülle
seine Kollegen von der Mittelmeer-Uni- te die Frage, ob Viren leben, für wesent- zulegten und zu Parasiten verkamen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 35
TITEL: EVOLUTION

Wer aber die Viren aus dem Netz des Le-


bens ausklammert, dem entgeht leicht,
z ausübt. Individuen, die auf Grund ihrer
zufällig günstigen genetischen Ausstat-
raschen, dass die meisten bekannten Vi-
ren keine Krankheiten verursachen und
welch wichtige Beiträge sie zum Entste- tung am besten mit der Herausforderung als harmlose Untermieter im Wirtsorga-
hen und Überleben vieler Spezies geleis- fertig werden, haben die höchsten Chan- nismus überdauern. Sie nisten sich in
tet haben können. So umfasst das 2002 cen, zu überleben, sich fortzupflanzen den Wirtszellen ein, bleiben für lange
erschienene Werk »The Oxford Encyclo- und so ihre Gene an künftige Generatio- Zeit inaktiv oder nutzen den Replika-
pedia of Evolution« 1205 Seiten – nur nen weiterzugeben. tionsapparat der Zelle, um sich langsam
vier davon sind den Viren gewidmet. und ohne großes Aufsehen zu vermeh-
Zwar bestreitet kein Evolutionsbio- Heimliche Vermehrung ren. Solche Viren haben zahlreiche Me-
loge, dass Viren eine gewisse Rolle in der Man darf jedoch nicht vergessen, dass chanismen entwickelt, mit denen sie der
Entwicklungsgeschichte spielten, doch Viren genetische Information mit leben- Vernichtung durch die Immunabwehr
meist werden sie, da für unbelebt gehal- den Organismen austauschen, somit Be- entgehen. Es gibt praktisch keine be-
ten, als eine Art Umweltfaktor angese- standteil des genetischen Netzwerks des kannte Komponente des Immunsystems,
hen, der ähnlich wie etwa eine Klimaver- Lebens sind. Viele Ärzte, aber auch nicht die nicht von irgendeinem Virus mani-
änderung einen äußeren Selektionsdruck wenige Evolutionsbiologen mag es über- puliert würde.

Wie Phönix aus der Asche auferstehen

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Gerade weil Viren die Niederungen zwischen belebter und un- Bauanleitung oder direkt als Protein – eigens Enzyme mit, die

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belebter Natur einnehmen, vermochten sie einige bemer- diverse Wirtsmoleküle reparieren können, zur Wiederbele-
kenswerte Eigenschaften zu entwickeln. So reproduzieren bung sozusagen.
sie sich zwar normalerweise nur in lebenden Zellen, einige Ein Beispiel: Wird bei Cyanobakterien ein bestimmtes zen-
Viren jedoch können auch praktisch tote Zellen als Wirte nut- trales Photosynthese-Enzym durch zu starke Sonneneinstrah-
zen und sie unter Umständen sogar reanimieren. Raffinierte lung geschädigt und nicht mehr hinreichend nachproduziert,
genetische Mec hen ihnen zudem, gele- kommt der Stoffwechsel der Zelle zum Erliegen. Vor zwei
gentlich selbst nac ung ihres Genoms in ihr »geliehe- Jahren entdeckten Forscher im genetischen Gepäck von Vi-
nes« Leben zurückzukehren. ren, die Cyanobakterien befallen, eine eigene, wesentlich
Eine Zelle mit zerstörtem Erbgut gilt als tot, denn es fehlen UV-resistentere Version des Enzyms. Das virale Photosyn-
ihr die zur Synthese lebenswichtiger Proteine und zur Teilung these-Enzym kann die Funktion des zerstörten Wirtsenzyms
benötigten genetischen Instruktionen. Viren hingegen kön- übernehmen – und damit die Produktion von Energie sicher-
nen die verbleibende zelluläre Maschinerie im Zytoplasma stellen, die das Virus für seine Vermehrung braucht.
noch nutzen, um ihr eigenes Erbgut vervielfältigen und virale
Proteine herstellen zu lassen. Die Fähigkeit, in praktisch toten Stärkere ultraviolette Strahlung vermag allerdings auch diese
Zellen zu wachsen, ist vor allem bei Viren zu beobachten, die und andere Vertreter der Viren zu zerstören. UV-Licht wird da-
einzellige, oft marine Organismen infizieren. Auf unserem her in Labors häufig zur Virusinaktivierung eingesetzt. Doch
Planeten existiert eine fast unvorstellbare Zahl von Viren. dies muss für ein Virus noch nicht das Ende sein. Durch den
Nach gegenwärtigen Schätzungen beherbergt allein das Mechanismus der Multiplex-Reaktivierung kann es manchmal
Meer insgesamt etwa 1030 Viruspartikel – in den Zellen von Form und Funktion wiedererlangen. Enthält nämlich eine Zel-
Wirtsorganismen und im freien Wasser. le mehr als ein Exemplar inaktivierter Viren, wird aus mehre-
Gewöhnliche Bakterien, aber auch photosynthetisch aktive ren noch intakten Puzzleteilen unter Umständen ein komplet-
Cyanobakterien (früher Blaualgen genannt) und echte Algen tes Virusgenom zusammengesetzt. Diese Möglichkeit der
gehen oft unter, wenn die ultraviolette Strahlung der Sonne Rekombination nutzen Forscher übrigens aus, um artifizielle
ihre DNA schädigt. Einige Viren bringen – indirekt in Form der Viren im Labor zu konstruieren.
Es geht aber auch ganz ohne Rekonstruktion: Verschiedene
defekte Viren können sich ergänzen, indem jedes ein anderes
nötiges Protein zur Vermehrung in der Zelle beisteuert. Bei
dieser so genannten Komplementation können Viruspartikel
mit immer noch defektem Genom entstehen, die sich nur
wieder mit Hilfe anderer viraler Partner, also nicht autonom
weitervermehren. Viren sind die einzigen biologischen Syste-
me, die wie der sagenhafte Phönix – zumindest manchmal –
aus ihrer Asche wiederauferstehen.
JEREMY BURGESS / SPL

Tabakmosaikviren sind stäbchenförmige Gebilde, die


l sich oft zu kristallinen Aggregaten zusammenlagern. In
lebenden Zellen der Tabakpflanze werden sie jedoch wieder
biologisch aktiv.

36 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Auch kann das Genom mancher Vi-
ren sich dauerhaft in das Erbgut des Ein Schwanz, der mit dem Hund wedelt
Wirts integrieren und im Lauf der Zeit
sogar zu einem unverzichtbaren Be- Ob Viren als Organismen angesehen werden

DESY / SPL
standteil des Wirtsgenoms werden. Viren sollten oder nicht, ist Geschmackssache.
wirken sich daher sicherlich schneller André Lwoff, französischer Nobelpreisträger, 1962
und unmittelbarer auf die Evolution aus
als externe Faktoren, die lediglich unter Das ureigenste Wesen eines Virus ist seine
sich langsamer anhäufenden Erbgutvari- fundamentale Verquickung mit der genetischen
anten selektieren. Ihre gewaltige Zahl und metabolischen Maschinerie seines Wirtes.
und ihre schnelle Replikations- und Mu- Joshua Lederberg, amerikanischer Nobelpreisträger, 1993
tationsrate machen Viren zur bedeu-
tendsten Quelle genetischer Innovation,

ö
indem sie ständig neue Gene »erfinden«. Fast hundert Jahre lang ließen sich Biologen
Nützliche Erbfaktoren viralen Ursprungs durch den Disput um die Frage ablenken, ob
können sich über Speziesgrenzen hinaus Viren eigentlich Organismen sind. Die Kontro-
verbreiten und zum evolutiven Wandel verse beruht weit gehend auf der Verallgemei- HIV
beitragen. nerung, die sich in der zweiten Hälfte des neun-
Im menschlichen Genom fanden zehnten Jahrhunderts durchsetzte, Zellen seien die kleinsten Einheiten allen
sich – so das Humangenom-Konsortium Lebens. Viren sind einfacher als Zellen, also k nnen sie nach dieser Logik
– zwischen 113 und 223 Gene, die auch keine Lebewesen sein. Diese Argumentation ist jedoch nichts anderes als der
im Erbgut von Bakterien vorkommen, Schwanz eines Dogmas, der mit dem semantischen Hund wedelt.
nicht aber bei anderen gut untersuchten Paul Ewald, amerikanischer Evolutionsbiologe, 2000
Organismen, wie der einzelligen Bäcker-
hefe, der Taufliege und dem Fadenwurm
Caenorhabditis elegans. Manche Wissen- großen DNA-Virus, das in bakterienar- preisträger Salvador Luria schrieb schon
schaftler glauben, diese Lebewesen, die tigen Zellen persistierte. 1959: »Geben uns Viren, wenn sie mit
sich nach den Bakterien, aber vor dem Ein interessanter Befund an Genen dem Wirtsgenom verschmelzen und sich
Menschen entwickelten, hätten die Gene für Kopierenzyme der DNA stützt diese aus ihm wieder herauslösen, nicht das
im Verlauf ihrer Evolution verloren. An- Hypothese: Die DNA-Polymerase des Gefühl, die Komponenten und Prozes-
dere meinen hingegen, bakterielle Ein- Bakteriophagen T4 – das Virus infiziert se zu beobachten, die im Verlauf der
dringlinge hätten die Erbfaktoren direkt Bakterien (siehe Abbildung S. 34 oben) Evolution die erfolgreichen genetischen
in die menschliche Stammlinie einge- – ist auf genetischer Ebene eng mit den Grundmuster aller lebenden Zellen schu-
schmuggelt. entsprechenden Enzymen verwandt, die fen?« Gleichgültig ob wir Viren also für
Victor DeFillipis vom Institut für bei höheren Organismen und den sie in- lebendig halten oder nicht, es ist an der
Impfstoffe und Gentherapie der Oregon fizierenden Viren vorkommen. Auch Pa- Zeit, sie in ihrem natürlichen Kontext zu
Health Sciences University in Portland trick Forterre von der Universität Paris- akzeptieren und zu untersuchen – im
und ich schlagen eine dritte Alternative Süd kam bei seiner Analyse entsprechen- Netzwerk des Lebens.
vor: Solche Gene könnten ursprünglich der Enzymgene zu dem Schluss, dass die
aus Viren stammen, die einst zwei ganz in höheren Organismen vermutlich vira-
verschiedenartige Wirtslinien – etwa len Ursprungs sind. Luis P. Villareal ist Direktor
des Virusforschungszentrums
Bakterien und Wirbeltiere – zu besiedeln Viren haben Einfluss auf alle Lebe-
der Universität von Kalifornien
verstanden und dabei ihre »Erfindung« wesen, von einzelligen Mikroben bis in Irvine. Nach seiner Promoti-
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
der Menschheit wie der Bakterienwelt zum Menschen, und entscheiden oft on arbeitete er an virologischen
vermachten. über Leben und Tod. Zugleich entwi- Projekten im Labor des Nobel-
ckeln sie sich selbst weiter. Neue Viren preisträgers Paul Berg an der
Universität Stanford. In seiner jetzigen Position
Grundmuster für alle lebenden Zellen wie der Aids-Erreger HIV (siehe Abbil- etabliert Villareal unter anderem Programme für
Philip Bell von der Macquarie-Universi- dung oben) sind womöglich die einzigen rasche Abwehrmaßnahmen gegen bioterroristi-
tät in Sydney (Australien) und andere biologischen Entitäten, die so rasch ent- sche Bedrohungen.
Forscher, darunter auch ich, gehen noch stehen, dass wir ihre Evolution in Echt- Viruses and the evolution of life. Von L. Villareal.
weiter. Wir meinen, dass der membran- zeit verfolgen können. ASM Press (im Druck)
umhüllte Zellkern – der Bakterien fehlt, Viren sind so etwas wie die sich stän-
Lateral gene transfer or viral colonization? Von
aber die Zellen aller höheren Organis- dig wandelnde Grenze zwischen bioche- Victor DeFilippis und L. Villareal in: Science, Bd.
men einschließlich des Menschen aus- mischer und biologischer Welt. In dem 293, S. 1048, 2001
zeichnet – viralen Ursprungs ist. Allein Maße, wie immer mehr Genome von
DNA virus contribution to host evolution. Von L. P.
mit einer allmählichen Umwandlung ei- Organismen entziffert werden, sollte Villareal in: Origin and evolution of viruses. Von
ner einfachen Zelle in eine mit echtem auch deutlicher zu erkennen sein, was E. Domingo et al. (Hg.), Academic Press 1999
Kern lässt sich seine Entstehung nicht dieser uralte und dennoch dynamische
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
zufrieden stellend erklären. Plausibler ist Genpool der Viren dazu beigetragen hat. spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
für uns seine Entwicklung aus einem Der Phagenforscher und spätere Nobel-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 37


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Kraft sparendes Kurven


Mit Taille und Piezokeramik fahren sich Carver noch
einfacher.

Von Mark Fischetti und Bernhard Gerl

HEAD SPORT AG
M itte der 1990er Jahre ging ein Ruck durch die Ski-Welt.
Hatten die begehrten Bretter bis dahin eine fast rechtecki-
ge Form, waren sie nun in der Mitte tailliert, also vorne und hin-
ten breiter und zudem deutlich kürzer als ihre Vorgänger. Elegant Das Grundprinzip des Carving-Skis:
mit geschlossenen Beinen abwärts zu wedeln war mit »Carvern« o Sobald der Fahrer ihn kippt, biegt sich
zwar nicht möglich, und die breitbeinige Stellung hat manchen der Ski so weit durch, dass die Kante auf
Spott hervorgerufen, doch der ist inzwischen verstummt. Denn ganzer Länge in den Schnee greift. Weil sie
Carver fahren die Kurven fast von selbst: Kippt der Fahrer die durch die Taillierung bereits eine Bogenform
Ski, biegen sie sich so weit durch, dass die Kanten auf ganzer hat, fährt der Ski ohne weiteres Zutun des
Länge in den Schnee drücken. Weil Innen- und Außenkanten Fahrers eine Kurve.
aber in der Mitte enger zusammenliegen als hinten und vorne,
ergibt sich eine Bogenform. Diesen Bogen fährt der Ski nach,
Kraft benötigt der Fahrer erst dann, wenn er einen engeren Radi-
us anstrebt: Dazu muss er die Bretter stärker durchbiegen.
Die Sache hat aber einen kleinen Haken. Der Carver wird
durch hohe Drehimpulse stärker belastet als ein konventioneller
Ski und muss deshalb stabiler gebaut sein. Trotzdem darf er nicht Fährt der Skiläufer einen Bogen, drückt
zu schwer und erst recht nicht zu steif werden – ein steifer Ski vi- u sein Gewicht den Ski etwa in der Mitte
briert leichter, kann dann abheben und wegrutschen. Aus diesem durch. Der Schnee wiederum erzeugt eine
Grund bestehen Ski aus mehreren Schichten. In der Mitte sorgt Gegenkraft, die entlang der Innenkante nach
ein Kern für Festigkeit – hier spielt Holz immer noch eine große oben wirkt. So entsteht in der obersten
Rolle, weil seine Eigenschaften weit gehend temperaturunabhän- Schicht des Sportgeräts ein Drehimpuls, der
gig sind und es elastisch, stabil und leicht ist. Diesen Kern unter- die Kante vom Schnee abheben kann. Weil
stützen verwebte Glasfasern, Kohlenstoff oder sogar Aluminium- sich dieser Drehimpuls während der Bogen-
elemente, die überdies Schwingungen dämpfen. Die Laufflächen fahrt ständig ändert, entstehen Vibrationen,
bestehen aus Polyethylen, die Kanten aus rostfreiem Kohlenstoff- die der Fahrer als Flattern des Skis spürt.
stahl, die Deckschicht aus widerstandsfähigen und einfärbbaren
Kunststoffen wie ABS, Polyamid oder Glasfaserlaminaten.
Der Hersteller Head im österreichischen Kennelbach hat Ski
sogar mit piezoelektrischen Fasern versehen. Werden die durch
am Ski angreifende Kräfte auseinander gezogen oder verbogen,
erzeugen sie elektrischen Strom, den ein Chip verarbeitet. Er
sendet dann Steuerströme in die Fasern zurück, woraufhin sie
sich nun umgekehrt ausdehnen oder zusammenziehen und so ei- Chip
Piezofaser
ner Verwindung des Skis und dem damit verbundenen Drehim- verkürzt sich
Drehimpuls
puls entgegenwirken. Allerdings schlägt das Hightech mit einem Piezofaser
Aufpreis von etwa 50 Prozent zu Buche, der sich nach Ansicht wird länger

vieler Tester für Freizeitfahrer nicht lohnt, denn die Unterstüt-


zung beim Steuern macht sich erst bei hohen Geschwindigkeiten Scher-
auf eisigen Pisten bemerkbar. kräfte
Auch an der Taillierung wird weiter gearbeitet. Der amerika-
nische Hersteller K2 wird in diesem Monat einen Ski vorstellen,
der vorne und hinten einen anderen Radius hat als in der Mitte,
wie es bei Snowboards üblich ist. Dadurch lassen sich unter-
schiedliche Kurvenradien leichter fahren. So fehlen letztlich zum
komfortablen Wintergenuss nur noch zwei Dinge: Schnee und Stellung der
Skispitze ohne
Sonne. Piezosteuerung

Mark Fischetti ist Redakteur bei Scientific American, Bernhard Gerl freier Fach-
journalist in Regensburg.

46
WUSSTEN SIE SCHON?
r Die Bezeichnung Ski stammt aus Norwegen und meint ein r Carving-Ski sollen dem Fahrer etwa bis Schulter- oder
langes gespaltenes Holzstück. Schon vor etwa 4000 Jahren Kinnhöhe reichen und damit zirka zwanzig Zentimeter kürzer
haben die Bewohner der norwegischen Insel Rødøy das Bild sein als herkömmliche Alpinski. Die noch knapperen Fun-Car-
eines Skifahrers in einen Stein gemeißelt. Der älteste Ski ver erlauben einen Fahrstil, der dem Snowboarden ähnelt.
KENT SNODGRASS / PRECISION GRAPHICS; QUELLE: HEAD SPORT AG

selbst wurde in einem Moor bei Hoting in Schweden gefun- Sie werden dementsprechend auch ohne Stöcke genutzt.
den. Dieses 110 mal zehn Zentimeter lange Brett ist etwa Race-Carver wurden aus dem Rennlauf entwickelt. Sie sind
4500 Jahre alt. mit etwa 180 Zentimetern länger als die normalen Carver und
verfügen über zusätzliche Dämpfungsplatten. Deshalb kön-
r Für optimales Sportvergnügen sorgt auch das richtige Ski- nen sie bei hohem Tempo gefahren werden.
wachs. Beim Gleiten auf nassem Schnee bremst die Kapillar-
kraft des Wasserfilms zwischen Schnee und Ski, ein Wasser r Da jeder Carving-Ski auf einen festen Kurvenradius ausge-
abweisendes Wachs verhindert diesen Effekt. Bei trockenem legt ist, kann es passieren, dass er eine engere Kurve fährt als
und körnigem Schnee können die Schneekristalle durch Rei- vom Fahrer gewünscht. Das geschieht vor allem dann, wenn
bung Fahrt herausnehmen. Ein entsprechendes hartes Wachs der seinen Ski zu schnell und heftig auf die Kante stellt. Ein
bringt in diesem Fall Abhilfe. Sturz ist bei einem solchen Verschneiden kaum abzuwenden.

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Auch Gummiplatten zwischen Ski und
die Vibrationen
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das Flattern des Skis reduzieren. Der

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des Schnees Ein Chip kehrt dessen Richtung um und sen-
det alle Millisekunden einen Steuer-
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oder werden und den Drehimpuls
kompensieren.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 47

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NEOLITHIKUM z

56 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Freundliche
Übernahme
Als Bauern Mitteleuropa besiedelten, verschwanden
die Jäger und Sammler wohl weitaus langsamer
als bisher angenommen.

Von Detlef Gronenborn zeit gab es nur im Nahen Osten einige


Dörfer, in denen Menschen sesshaft wur-

D
ass der Mensch sein Brot den und eine frühe Landwirtschaft be-
»im Schweiße seines Ange- trieben. Alle übrigen Regionen der Erde
sichts« gewinne, ist in der waren die Heimat weit verstreut lebender
abendländischen Geistesge- Gruppen von Sammlern und Jägern, die
schichte ein bekanntes Motiv. Damit ver- in jahreszeitlichem Rhythmus von Lager-
knüpft die Bibel den Sündenfall, mit platz zu Lagerplatz zogen.
dem sie all die Mühsal dieser Welt er- Aus ethnologischen Untersuchungen
klärt. Auch nichtchristliche Kulturen wissen wir, dass sich nicht nur das Leben,
thematisierten den Kampf um die tägli- sondern auch das Denken solcher »Wild-
che Nahrung in Mythologie und Religi- beuter« grundlegend von dem in bäuer-
on. So keimte nach Ansicht der Chero- lichen Gesellschaften unterscheidet. So
kee-Indianer der erste Mais aus den Bluts- bleiben Sammler und Jäger nur selten an
tropfen einer von ihren eigenen Söhnen einem Ort und bilden erst komplexere
ermordeten Frau – auch dort war der Be- Gemeinschaften aus, wenn die Reichhal-
ginn der Landwirtschaft mit Schuld be- tigkeit der Natur auch ohne Anbau und
lastet. Heute fällt es schwer, Nahrungs- Viehzucht ein sesshaftes Leben ermög-
mitteln religiöse Bedeutung zuzumessen, licht. Die bäuerliche Gesellschaft hinge-
haben wir doch im Supermarkt um die gen erfordert eine arbeitsteilige Struktur
Ecke eher die Qual der Wahl. Doch erst und weit reichende Planung; sie erst er-
seit wenigen Jahrzehnten stellt in Europa möglichte das Entstehen von Städten
Hunger keine ernsthafte Bedrohung und Staaten. Im Vergleich dazu genießen
mehr dar. Wildbeuter wesentlich mehr »Freizeit«.
SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: MUSEUM HARTING UND DETLEF GRONENBORN

Der Anbau von Nahrung war eine Der gesellschaftliche Druck ist vielfach
»Revolution«, wie es der australisch-briti- weniger ausgeprägt, individuelle Freiheit
sche Prähistoriker Vere Gordon Childe ein hoch geschätztes Gut. Dennoch hat
schon in den 1930er Jahren ausdrückte, sich der mit Bodenbau und Viehzucht zu
und dieser Umbruch ist bis heute nicht erzielende materielle Wohlstand durch-
wirklich verstanden. Am Ende der Eis- setzen können. Heutzutage leben weit
unter einem Prozent der Menschheit
vom Sammeln und Jagen.
Welch dramatischer Wandel mit dem
Alltag bei den Bandkeramikern: In Aufkommen der Landwirtschaft einher-
l die dichten Wälder rodeten sie Frei- ging, wurde den Gelehrten nur schritt-
flächen, bauten dort Gehöfte, hielten Vieh weise deutlich. Bereits Ende des 19. Jahr-
und legten Getreidefelder am Waldrand hunderts versuchten sie zwar die nach-
an. Zur Wasserversorgung gruben sie vie- eiszeitlichen bäuerlichen Kulturen von
le Meter tiefe Brunnen, die geschickt mit den älteren Wildbeutern abzugrenzen.
Holzkonstruktionen ausgekleidet und sta- Doch als Hauptmerkmal wählte der bri-
bilisiert wurden. tische Prähistoriker John Lubbock, ein

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 57
NEOLITHIKUM z
Bekannter Charles Darwins, das Auftre-
ten geschliffener Steinbeilklingen (siehe
Doch um 10 800 v. Chr. kappten
Schmelzwasser des abtauenden nordame-
Ägäis, von einer Insel zur nächsten.
Schließlich erreichten sie Griechenlands
Bild S. 60). Eher nebenbei bemerkte er, rikanischen Eisschilds den Golfstrom fruchtbare Ebenen und offene Flusstäler.
dass in den Dörfern Töpferei und Web- und für mehr als tausend Jahre herrsch- Offenbar waren jene fast menschenleer,
kunst entwickelt waren, ebenso die Hal- ten in Europa und dem Nahen Osten denn im archäologischen Befund klaffen
tung von Haustieren und der Anbau von wieder fast eiszeitliche Verhältnisse (Jün- Lücken, so genannte Hiaten, zwischen
Getreide. gere Dryaszeit). Die nichtsesshaften den Hinterlassenschaften der letzten
Auf Grund der innovativen Steinge- Sammler und Jäger traf diese Verände- Sammler und Jäger und denen der frü-
räte nannte er diese Phase der Mensch- rung nicht so hart, sie mussten lediglich hen Bauern.
heitsgeschichte Neolithikum (von grie- ihre Jagdpraktiken umstellen. Doch den Von diesen frühen Kolonien ging die
chisch neo, »neu«, und lithos, »Stein«); als Bewohnern fester Siedlungen drohte der Expansion weiter nach Norden und um
Jungsteinzeit wurde die Epochenbezeich- Hunger, denn die Wälder und Grasland- etwa 6200/6000 v. Chr. entstanden erste
nung in den deutschen Sprachraum schaften schwanden. Es gilt heute als Dörfer im Karpatenbecken, also im heu-
übernommen. Erst Vere Gordon Childe wahrscheinlich, dass diese Not die Men- tigen Ungarn und Rumänien.
erkannte dann die wirkliche Bedeutung schen motivierte, jene Pflanzen anzubau- Sozusagen als Vorbote der kommen-
der »Neolithischen Revolution«: Dank en, die sie vorher in großer Menge in der den Veränderungen hatte aber offenbar
der Möglichkeit, Überschuss zu produ- Natur ernten konnten. bereits einige Jahrhunderte früher, um
zieren, konnten dörfliche und später 6500 v. Chr., die Kenntnis des Getreide-
städtische Gesellschaften, ja die Staaten Reif für die Inseln anbaus den Voralpenraum und West-
des Alten Orients entstehen. Um 9500 v. Chr. hatte sich der sowie Südfrankreich erreicht, wie Pollen-
Heute wissen wir allerdings, dass der Golfstrom wieder stabilisiert und es wur- analysen belegen. Das Erstaunliche ist
Übergang sehr viel differenzierter verlief, de wärmer. Nun entstanden erste Zen- nur: Weder lieferten die botanischen Un-
als es das Schlagwort Revolution sugge- tren mit aufwändiger Architektur (Spek- tersuchungen Hinweise auf großflächige
riert: Im Nahen Osten existierten am trum der Wissenschaft 9/2004, S. 36). Rodungen noch fand man die für eine
Ende der Eiszeit zwar erste sesshafte und Ihre Bewohner lebten anfänglich noch intensive Landwirtschaft erforderlichen
dörfliche Gemeinschaften, doch lebten weit gehend vom Sammeln und Jagen, Geräte. Feste Dörfer haben in den dich-
sie noch von der Jagd, der Fischerei und langsam jedoch gewann die Landwirt- ten mittel- und westeuropäischen Wäl-
dem Sammeln von Wildpflanzen. Diese schaft an Bedeutung. Sie bauten Getreide dern zu dieser Zeit auch nicht gestanden.
Menschen mögen sich in einem Paradies und Hülsenfrüchte wie Erbsen, Linsen Offensichtlich wurde Getreide lediglich
gewähnt haben, denn ab 13 500 v. Chr. und Linsenwicken an, domestizierten in kleinen Gärten gezogen. Es scheint
hatte sich das Klima gewandelt (siehe Schafe und Ziegen, später auch Rinder. wenig glaubhaft, dass dieser Technologie-
Grafik rechts). Es wurde rasch warm und Aus dem Kernbereich des Neolithi- transfer in Gebiete etwa des heutigen
im Nahen Osten breiteten sich Wälder kums, dem »fruchtbaren Halbmond«, Süddeutschlands durch die Einwande-
und Grassteppen aus. In diesen reichen breitete sich das Bauerntum dann aus rung von frühen Siedlern aus den grie-
Biotopen gab es weitläufige Wildgetrei- (siehe Karte rechts), um 7000 v. Chr. er- chischen Niederlassungen erfolgt sein
devorkommen und zahlreiche Tierar- reichte es Europa. Diese frühen Landwir- soll. Wahrscheinlicher ist, dass hier Wis-
ten – ein Umherziehen war schlicht nicht te überquerten auf Booten von der west- sen über weit reichende Handelskontak-
mehr notwendig. und südtürkischen Küste kommend die te transportiert wurde. Schmuckschne-

Keramik im Bauernstil
bandkeramische Kultur La Hoguette

rekonstruiert

SIGANIM / SDW, NACH: »WESTLICHE NACHBARN DER BANDKERAMISCHEN KULTUR«.


VON J. LÜNING UND U. KLOOS, GERMANIA BAND 67, 1989

Die Gefäße der bandkeramischen Kultur unterscheiden sich in Form tete La-Hoguette-Keramik, für die girlandenähnliche Bänder und
und Schmuck deutlich von denen der La-Hoguette-Tradition. Einge- eingestochene Verzierungen typisch sind. Diese Menschen waren
ritzte breite Bänder gaben der Kultur ihren Namen. Ab etwa 5600 noch nicht sesshaft, auch wenn sie bereits Schafe und Ziegen hiel-
v. Chr. fertigten auch Mitteleuropäer die in Südfrankreich beheima- ten und mitunter in kleinen Gärten Getreide anbauten.

58 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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warm

Sp tglazial Jüngere Holoz n-


Dryas-Zeit

SIGANIM / SDW, NACH: RGZM


Warmzeit

Anteil an schwerem
Sauerstoff
Aus dem »fruchtbaren Halbmond«
r verbreitete sich die Neolithische früher
Anbau
in Mittel- und
Revolution – nach einer Unterbrechung Westeuropa
k
durch einen h um 6200 v. erste
Dörfer
Chr. – bis nach Mitteleuropa (große Karte kalt

H
und Klimakurve). Dort wurde zwar schon 13 12 11 10 9 8 7 6 5
Jahrtausende vor Christus
mit Gartenbau experimentiert, doch eine
Landwirtschaft konnte sich erst mit der
klimatischen Stabilisierung durchsetzen.
Von weit reichenden Handelskontakten

EMDE-GRAFIK / SDW, NACH: RGZM


zeugt die Feuersteinart Radiolarit aus
dem Karpatenbecken: Sie wurde über 800
Kilometer transportiert (Karte unten).

fruchtbarer
Halbmond

mögliche Wanderung

EMDE-GRAFIK / SDW, NACH: DETLEF GRONENBORN


cken und Feuersteine, die über Hunderte denbau und Viehzucht, auch wenn sie
von Kilometern transportiert worden noch nicht ganzjährig in Siedlungen
sein müssen, belegen solche Handelsver- wohnten. Von Südfrankreich aus breitete
bindungen in das Karpatenbecken in der sich diese Mischform von Bodenbau,
zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends. Viehzucht und Jagd weiter in die Regio- Fundorte mit Radiolarit (in %):
Diese Schritte zu einer frühen, expe- nen nördlich der Alpen aus. Wiederum
unter 30 30-60 über 60
rimentellen Phase der Landwirtschaft folgte man hier alten Verkehrsverbindun- Szentgál (Abbauort)
wurde durch das so genannte 6200- gen entlang der Rhône und dem Doubs
Ereignis unterbrochen: Erneut kappten bis ins Rhein- und Moseltal und weiter
Schmelzwasser vom nordamerikanischen nach Osten. bäuerlichen Siedlungen im nördlichen
Eisschild den Golfstrom. Im Nahen Os- Balkan gehabt haben, von denen sie Ke-
ten wurden viele große Siedlungen für Rätselhafte Expansion ramik, aber auch die Landwirtschaft mit
zwei- bis dreihundert Jahre aufgelassen, Die Menschen in Mitteleuropa übernah- Getreideanbau und Viehzucht (Schafe,
wie Bernhard Weninger von der Univer- men die wirtschaftlichen Anregungen Ziegen und Rinder) übernahmen. Im
sität Köln anhand von Radiokarbonda- aus Südfrankreich und lebten ab etwa Gegensatz zu den nomadischen Vieh-
ten zeigte. Vermutlich waren die Bauern 5600 v. Chr. außer von der Jagd auch züchtern im Westen wohnten die Bauern
gezwungen, eine nichtsesshafte Lebens- von der Schaf- und Ziegenzucht. Da der im Karpatenbecken aber in festen und
weise anzunehmen oder sich in kleinere Getreideanbau ja bereits seit 500 Jahren bis zu acht mal zwanzig Meter großen
Gruppen aufzusplittern. bekannt war, dürften sie auch weiter Häusern.
Doch um 6000 v. Chr. besserten sich kleine Gärtchen angelegt haben. Den- Aus ihrem Kernbereich in Nordwest-
die Verhältnisse wieder und nun erschlos- noch zogen die Gruppen in jahreszeitli- ungarn und der Südwestslowakei begann
sen sich Kolonisten in kurzer Zeit den chem Rhythmus von Lagerplatz zu La- sich diese Kultur bald auszubreiten.
westlichen Mittelmeerraum, entlang den gerplatz. Gleichzeitig begannen sie nun Warum, ist noch ein Rätsel, obwohl sich
Küsten über Italien, Südfrankreich bis Keramik herzustellen, die nach einem in Forscher seit mehr als siebzig Jahren
zur iberischen Halbinsel und nach Nord- Frankreich liegenden Fundplatz »La Ho- damit befassen. Vielleicht waren es
afrika. Selbst weit auseinander liegende guette« genannt wird und ganz ähnlich schlicht weltanschauliche Gründe, die
Regionen wurden fast zur gleichen Zeit zu südfranzösischen Vorbildern ist (siehe den Wunsch nach neuem Land weckten.
besiedelt, was eine Expansion durch Küs- Bild links). Tatsächlich sind aus Afrika Völker be-
tenseefahrt wahrscheinlich macht. Die Um die weitere Entwicklung zu ver- kannt, die der Expansion an sich einen
im Mittelmeerraum arbeitenden Archäo- stehen, müssen wir uns wieder in den hohen Wert beimessen. Möglicherweise
logen nennen dies »Bocksprungkolonisa- nördlichen Balkan begeben: Im heutigen hatte auch eine rasch zunehmende Be-
tion« (leap frog colonization): Kleine Nordwestungarn und in der Südwest- völkerung die Suche nach neuem Land
Gruppen errichten in weit entfernten slowakei entwickelte sich irgendwann notwendig gemacht. Jörg Petrasch von
Küstengebieten Pioniersiedlungen, von zwischen 5700 und 5600 v. Chr. eine der Universität Tübingen errechnete eine
denen die einheimische Bevölkerung all- Kultur, deren Kennzeichen Keramikgefä- Bevölkerungswachstumsrate zwischen
mählich technische und kulturelle Neue- ße mit linearen und bandförmigen Mus- 0,9 bis 1,4 Prozent, was für vorgeschicht-
rungen übernimmt. Ab etwa 6000 v. tern waren. Daher wird sie auch als liche Gesellschaften hoch ist.
Chr. lebten in Süditalien, 200 bis 300 »bandkeramische Kultur« bezeichnet Warum auch immer sie stattfand, die
Jahre später auch in Südfrankreich und (siehe Bild links). Die Menschen im Ur- Geschwindigkeit, mit der die bandke-
an den Küsten der iberischen Halbinsel sprungsgebiet dieser Kultur müssen über ramische Kultur neue Lebensräume er-
Gruppen zumindest teilweise von Bo- mehrere Jahrhunderte Kontakt mit den oberte, ist bemerkenswert: Innerhalb von

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 59
NEOLITHIKUM z
etwa 200 Jahren hatte sie im Westen den

NACH: WÜRTTEMBERGISCHES LANDESMUSEUM


Rhein und im Norden die Oder erreicht.

SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT,


Dabei gelangten auch Steinwerkzeuge
aus Radiolarit, einer aus dem Karpaten-
becken stammenden Feuersteinart, bis in

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die Wetterau in Hessen, über eine Ent-

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fernung von etwa 800 Kilometern (siehe
Karte vorige Seite). Ethnologen zufolge
basiert solch ein Tauschhandel oftmals
auf engen Kontakten innerhalb von Ver-

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J
wandtschaftsgruppen. Zeigt die Vertei- Eine Pfeilspitze aus dem bandkera-
lung der Radiolaritfunde also das Netz r mischen Fundplatz Bruc ken
Pfeilspitze aus
verwandter Sippen, die aus dem Karpa-

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in der Wetterau bezeugt ge Han-

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ptzh
Feuerstein
tenbecken nach Westen vordrangen und

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delskontakte: Das Rohmaterial stammt
Pioniersiedlungen in den mitteleuropäi- aus dem 250 Kilometer entfernten Maastal
schen Wald schlugen? Die ansässigen bei Maastricht. Vermutlich wurde die Spit-
Sammler und Jäger wären ihnen dabei ze bei Tauschgesc ten mit er-
kaum im Weg gewesen, denn die dich- worben. Mit Beginn des Neolithikums
ten Wälder boten diesen keinen Lebens- tauchen geschliffene Beilklingen auf den
raum – es gab dort zu wenig Wild. Fu en auf, die in so genannten Originalgröße
Dieses Szenario entspricht den Vor- Knieholmen gesc tet waren. SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: DETLEF GRONENBORN
stellungen der »Migrationisten«. Ihr Kre-
do ist die massive Einwanderung neoli-
thischer Siedler während all dieser ver- ranten hätten Indoeuropäisch gesprochen Die wichtigsten Grundlagen seien da-
schiedenen Phasen. Das Hauptargument: und die spärlichen lokalen Gruppen mals schon gelegt worden, die entwickel-
Es gäbe zu wenig Funde einheimischer sprachlich und kulturell überprägt. Aller- te Landwirtschaft entspräche demnach
Sammler und Jäger. Offenbar spielten dings: Wann genau das von Sprachfor- nur einer Intensivierung der neuen Tech-
diese kulturell und populationsdyna- schern rekonstruierte Indoeuropäisch sei- nologien. Kenntnisse zum Hausbau und
misch keine Rolle, wären schnell von den nen Einzug gehalten haben soll, ist bis zur Viehwirtschaft hätten sich über die
einwandernden Bauern assimiliert wor- heute sehr umstritten. Nicht einmal die sozialen Netzwerke ausgebreitet.
den. Die Migrationisten argumentieren Existenz einer »Ursprache« gilt als sicher. Indigenisten und Migrationisten stan-
auch mit der Ausbreitung von Sprachfa- Nicht alle Forscher stimmen diesem den sich lange Zeit fast unversöhnlich
milien; wortführend ist hier der in Cam- Szenario zu. Einige Kollegen, der promi- gegenüber, aber möglicherweise liegt die
bridge lehrende britische Prähistoriker nenteste Vertreter ist Alasdair Whittle Lösung in der goldenen Mitte. Denn
Colin Renfrew. Er hatte schon in den von der Universität Cardiff, sehen die neuere archäologische Befunde belegen
1980er Jahren eine Theorie entwickelt, Neolithisierung als Diffusionsprozess. die Koexistenz unterschiedlicher Kultur-
nach der die indoeuropäische Grund- Nicht Menschen seien gewandert, son- traditionen. Dies konnte etwa am band-
sprache im Zuge der Ausbreitung von dern technologische Neuerungen und keramischen Weiler bei Bruchenbrücken
Bodenbau und Viehzucht nach Europa die Wirtschaftsweise. Diese Indigenisten in der Wetterau nachgewiesen werden; er
gelangt sei. Genau genommen postulier- verweisen auf die frühen Versuche mit war etwa zwischen 5350 und 5150 v.
te Renfrew, die bandkeramischen Immig- dem Getreideanbau im Voralpenland: Chr. bewohnt. Bei Grabungen in den
1980er Jahren kamen neben den typi-
schen bandkeramischen Gefäßen auch
Scherben der La-Hoguette-Keramik zu
Tage. Offensichtlich haben hier zwei
Menschengruppen mit unterschiedlichen
Keramikstilen zumindest zeitweise an ei-
nem Ort zusammengelebt. Es ist durch-
aus vorstellbar, dass das Bauerndorf von
den Sammlern und Jägern im Zuge ihrer
jährlichen Wanderungen besucht wurde.
Die Hypothese eines friedlichen Ne-
beneinanders von bäuerlichen Immig-
ranten und lokalen Gruppen auch in
anderen Siedlungen der frühen Jung-
steinzeit stützen naturwissenschaftliche
Analysen von Knochen und Zähnen. An-
hand des Gehalts an Strontiumisotopen
lässt sich erkennen, ob Verstorbene im
Umkreis des Bestattungsorts aufgewach-

60 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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Schaf und Ziege ten zu den
l ersten Zuchttieren, das Rind kam
dazu. Zu den seit Zeit an-
gebauten Pflanzen archaische
Getreidearten wie Emmer und Einkorn,
aber auc hte wie Erbse, Linse
SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: »URGESCHICHTE IN BADEN-W RTTEMBERG«, H. M LLER-BECK, THEISS UND DETLEF GRONENBORN

und Linsenwicke. Wildformen all dieser

Ü
Tiere und Pflanzen existierten im »frucht-
baren Halbmond«.

Ü
DNA-Linien zurückdatiert. Das ist pro-
blematisch, denn die Zeitangaben sind so
ungenau, dass statt neolithischen auch
frühere oder spätere Ereignisse erfasst
werden können. Verlässlicher sollten Ver-
gleiche anhand originaler Erbsubstanz
sein. Doch die Gewinnung alter DNA
(aDNA) aus Funden jener Zeit ist bislang
nur bei Rinderknochen gelungen.
So stellt sich die neolithische Revolu-
tion in Mitteleuropa heute als komplexer,
mehr als tausend Jahre dauernder Prozess
dar. Dank jahrzehntelanger Forschung er-
kennen wir langsam das Gesamtbild,
doch der Teufel steckt oft noch im Detail.
Die Entwicklung neuer archäologischer
und naturwissenschaftlicher Methoden
hat unsere Vorstellung von dieser für die
Ein-
Emmer
korn
Linse Erbse Geschichte Europas, ja der gesamten Welt
so ungeheuer wichtigen Periode verän-
dert. Und niemand kann sich sicher sein,
sen waren oder erst später dorthin ka- längere Zeit Wildbeuter lebten. Die dass die Zukunft nicht einige Überra-
men. Strontium wird über Nahrung und Siedlungen der bandkeramischen Kultur schungen bereithält, die bisherige Er-
Trinkwasser aufgenommen und in den waren sicherlich wirtschaftliche und so- kenntnisse erneut in Frage stellen.
harten Körpergeweben fest eingebaut. Ist ziale Anziehungspunkte und mancher
deren Wachstum abgeschlossen, ändert Besucher mag gern geblieben sein. Tat-
Nach dem Studium der Vor- und
sich das Verhältnis der verschiedenen Iso- sächlich wäre das enorme Anwachsen Frühgeschichte in Köln und
tope nicht mehr. Die in der Jugendzeit der Anzahl von Dörfern und Weilern Frankfurt lehrte Detlef Gro-
ausgebildeten Zähne weisen daher bei ei- um den Faktor zehn zwischen 5500 und nenborn an Universitäten in
ner Verlagerung des Wohnplatzes ein an- 5000 v. Chr. kaum ohne einen solchen Frankfurt, Bamberg, Göttingen
deres Signal auf als die sich auch später Zuzug zu erklären. und Gainesville in Florida. Seit A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
2002 forscht er am Römisch-
noch ständig umwandelnden Knochen. Auch molekulargenetische Untersu- Germanischen Zentralmuseum in Mainz und lehrt
chungen belegen, dass die Gesellschaft an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität.
Friedliches Miteinander der frühen Jungsteinzeit »multikulturell« Neben der Neolithisierung gehört auch die Ent-
Aufschlussreich ist ein Friedhof bei war. Zum Beispiel konstatierte eine Ar- stehung und Entwicklung von Königreichen in
Schwetzingen südlich der Neckarmün- beitsgruppe um Martin Richards von der Westafrika zu seinen Forschungsthemen.
dung. Etwa 30 Prozent der Frauen und Universität Leeds in England auf Grund Die Neolithisierung im Vorderen Orient. Theorien,
19 Prozent der Männer, die dort zwi- von genetischen Analysen an der moder- archäologische Daten und ein ethnologisches Mo-
dell. Von Marion Benz in: Studies in Early Near
schen 5150 und 5000 v. Chr. zu Grabe nen europäischen Bevölkerung: Der An-
Eastern Production, Subsistence, and Environ-
getragen wurden, waren zugewandert. teil der aus Vorderasien während des ment, Bd. 7, ex oriente, Berlin 2000
Ein Vergleich der Isotopenverteilung mit Neolithikums eingewanderten Personen
Steinzeitliche Bauern in Deutschland. Die Land-
Referenzdaten zeigt: Sie kamen wahr- habe in Europa insgesamt unter zwanzig
wirtschaft im Neolithikum. Von Jens Lüning. Uni-
scheinlich von den Höhenzügen des Prozent gelegen. Diese Untersuchungen versitätsforschungen zur prähistorischen Archäo-
Odenwalds, des Schwarzwalds, des Elsass basieren allerdings auf Daten der moder- logie Band 58, Habelt, Bonn 2000
und des Pfälzer Walds. Von dort gibt es nen europäischen (sowie afrikanischen Colin Renfrew: Die Indoeuropäer – aus archäolo-
leider bislang kaum Funde aus den frag- wie auch nahöstlichen) Bevölkerung. gischer Sicht in: Spektrum der Wissenschaft. Dos-
lichen Jahrhunderten. Doch wäre es Mittels der so genannten molekularen sier: Evolution der Sprachen, 1/2000, S. 40
durchaus möglich, dass hier noch für Uhr wurde die Entstehung einzelner

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 61
BSE z
Frühtests auf
Rinderwahnsinn
Deutsche Behörden registrierten 2004 noch über sechzig BSE-
Rinder. Empfindlichere Tests erlauben es inzwischen, die Infek-
tion immer früher zu diagnostizieren. Der NOBELPREISTRÄGER
STANLEY B. PRUSINER ist überzeugt, dass bald Medikamente
gegen Prionenkrankheiten zur Verfügung stehen werden.

Von Stanley B. Prusiner rungen – beim Rind Jahre, beim Men- schiedene von Prionen verursachte Er-
schen wohl auch Jahrzehnte. Deswegen krankungen bei Mensch und Tier, so

B
is vor vier Jahren wähnte sich suchen die Wissenschaftler dringend auch eine Form, die in Nordamerika
Deutschland BSE-frei. Doch nach immer besseren Verfahren, um ei- Hirsche heimsucht (siehe meinen Artikel
dann schockierte im November nerseits infiziertes, möglicherweise anste- in Spektrum der Wissenschaft 3/1995,
2000 der erste hier zu Lande ckendes Vieh zu erkennen – andererseits S. 44). Die Experten bezeichnen die Pri-
diagnostizierte Fall die Öffentlichkeit. aber, um Menschen mit einer drohenden onenkrankheiten insgesamt auch als TSE
Noch 2004 fanden die Labors bei über Prionenerkrankung frühzeitig zu thera- (transmissible spongiforme Enzephalo-
60 Schlachtrindern Anzeichen für die pieren. pathien).
Prionen, die eine bovine spongiforme Was von den Forschungsergebnissen
Encephalopathie (»Rinderhirnschwamm«) Gewagte Theorie am meisten verblüffte: In ihrer Normal-
verursachen, inzwischen addiert es sich Den Begriff »Prion« prägte ich Anfang form schaden Prionproteine, kurz PrP,
auf über 350. Noch länger glaubte sich der 1980er Jahre als Bezeichnung für gar nicht! Alle soweit untersuchten Tiere
Nordamerika von der Gefahr verschont. proteinartige infektiöse Partikel. Damals tragen dafür Gene. Die Normalversion,
Für einigen Aufruhr sorgte deswegen der entwarf ich die These, dass CJD und die bezeichnet als PrP C (C für englisch cellu-
erste erkannte Fall in den USA kurz vor Traberkrankheit der Schafe durch ein lar), tritt hauptsächlich in Nervenzellen
Weihnachten 2003, nachdem im selben Agens verursacht würden, das nichts wei- auf. Erst wenn sie eine falsche Gestalt
Jahr auch Kanada seine erste im eigenen ter sei als ein schädliches Protein (siehe annehmen, wirken die Proteine fatal (sie-
Land geborene BSE-Kuh entdeckt hatte. meinen Artikel in Spektrum der Wissen- he Kasten S. 65). Die abnorme Form be-
Weniger überraschten diese Nach- schaft, 12/1984, S. 48). Zu jener Zeit zeichnen die Forscher als PrPSc, wobei Sc
richten die Experten, die sich mit BSE war BSE noch nicht bekannt, wohl aber für Scrapie steht, die bis vor Kurzem
und ähnlichen Krankheiten befassen. seit über zwei Jahrhunderten die Traber- bestuntersuchte Prionenkrankheit. Der
Dass es schwer sein würde, die Ausbrei- krankheit, im Englischen Scrapie ge- klaren Unterscheidung halber spreche
tung der BSE-Prionen zu verhindern, nannt, weil sich die Tiere dauernd krat- ich nur bei der infektiösen Form von
haben die Forscher schon lange erkannt. zen. Auch rätselten Antropologen seit Prionen, ansonsten von Prionproteinen.
Gleiches gilt für die Sicherheitsgaran- den 1950er Jahren über die Gehirn- Anders als die Normalversion neigen
tie von Fleisch und daraus gewonnenen krankheit Kuru, die damals bei den Fore die deformierten Proteine zum Verklum-
Nahrungsmitteln. Die Übertragbarkeit grassierte, einem Stamm in Neuguinea pen. In dem Zustand widerstehen sie
der Erreger auf den Menschen war lange mit einem Totenkult, bei dem man das den üblichen Desinfektionsverfahren
unklar, gilt inzwischen aber als erwiesen. Gehirn von Verstorbenen aß. durch Hitze, Bestrahlung oder chemi-
Die bisher stets tödliche Erkrankung Anfangs nahm mich kaum jemand sche Substanzen. Eigentlich gefährlich
wird als neue Variante der länger ernst. Pathogene ohne Erbgut, also ohne macht die abnormen Eiweißstoffe aber,
bekannten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit DNA oder RNA, widersprachen jeder dass sie ihre falsche Form normalen Pri-
(englisch abgekürzt CJD) eingestuft. wissenschaftlichen Erfahrung. Wie soll- onproteinen aufzwingen (siehe Kasten
Nach einer Infektion vergehen bis zu ten sie sich vermehren können? Doch auf S. 67).
den ersten Symptomen einer Erkran- bisher bewährte sich mein Konzept in An sich schützen sich Zellen vor
kung – Verhaltens- und Bewegungsstö- der Forschung. Wir kennen heute ver- falsch gefalteten Proteinen, indem sie

62 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
YUN SUK-BONG / EPA

diese vernichten. Wenn aber neues PrPSc Menschen. Viel öfter kommt es dazu Die BSE-Epidemie hat den interna-
schneller entsteht als sie abbauen kön- ohne erkennbare Ursache – sporadisch, o tionalen Lebensmittelmarkt schwer
nen, reichern sich die verklumpten Mo- wie die Mediziner sagen. Auch die getroffen. Hier nimmt eine Mitarbeiterin in
leküle an, bis die Zellen zerbersten. In Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) tritt Südkorea Proben, um die Herkunft der
mikroskopischen Präparaten von kran- meistens spontan auf, im Jahr etwa bei Ware zu überprüfen.
kem Hirngewebe sind sowohl die Abla- einem von einer Million Menschen und
gerungen zu erkennen wie auch viele gewöhnlich bei älteren Personen. Deut-
winzige löchrige Stellen. Es wundert lich seltener sind vererbte Formen von
nicht, dass solche fast schwammig zer- CJD sowie zwei ähnliche erbliche Lei- von denen Forscher bisher über dreißig
störten Gehirne nach und nach den den: das Gerstmann-Sträußler-Schein- verschiedene aufgezeigt haben.
Dienst versagen. ker-Syndrom und die tödliche familiäre Der Rinderwahnsinn trat Mitte der
Nicht jede Prionenkrankheit beruht Schlaflosigkeit. Diese Krankheiten gehen 1980er Jahre in Großbritannien auf (sie-
auf einer Infektion, auch nicht beim auf Mutationen im Priongen zurück, he Kasten S. 69). Wir wissen heute, dass

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 63
BSE z

BEIDE BILDER: NICOLE SALES / CEA


infiziertes Tiermehlfutter die Epidemie Bis heute registrierten die britischen Deutlich ist der Befall mit Prionen
verursachte. Es dauerte damals einige Behörden in über 180 000 Fällen BSE. o im linken Präparat einer Affenman-
Jahre, bis Experten und Behörden darauf Auf dem Höhepunkt der Epidemie im del erkennbar. Das Tier wurde mit dem
aufmerksam wurden, die Krankheit als Jahr 1992 verzeichnete Großbritannien BSE-Erreger infiziert. Das rechte Präparat
solche erkannten und endlich erste Ge- 37 280 infizierte Stück Vieh. Noch im stammt von einem gesunden Affen.
genmaßnahmen ergriffen. Die Zusam- Jahr 2003 gab es 612 offizielle britische
menhänge waren selbst für die Wissen- BSE-Fälle, auch 2004 nicht wesentlich
schaft zu unerwartet, um gleich Erklä- weniger. Nach epidemiologischen Mo-
rungen zu finden und die Infektionswege dellen dürfte die Gesamtzahl der briti- nennen die neue Variante vCJD). Die
aufzudecken. Wie sollte hitzebehandeltes schen BSE-Rinder um den Faktor zehn Prionenablagerungen in den Gehirnen
Tiermehl, selbst wenn es von kranken höher liegen als registriert. der Verstorbenen unterschieden sich
Schafen oder Rindern stammte, Erreger Die anfänglichen Beteuerungen der deutlich von dem Muster bei anderen
übertragen können? britischen Regierung, der Mensch könne CJD-Patienten. Auch die Krankheit
Die lange Inkubationszeit erschwerte sich an Rindfleischprodukten von infi- selbst verläuft anders.
die Sache. Jahrelang verfütterten briti- zierten Tieren nicht anstecken, erwiesen Anfangs bezweifelten viele Wissen-
sche Landwirte ihren Kühen Produkte sich als falsch. Im März 1996 berichte- schaftler den vermuteten Zusammen-
aus BSE-Rinderkadavern und verbreite- ten Robert Will, James Ironside und hang zwischen BSE und der neuen
ten so den Erreger. Zögerlich verhängte Jeanne Bell von der Nationalen CJD- Creutzfeldt-Jakob-Variante. Mich selbst
die britische Regierung 1989 erste Fut- Überwachungseinheit in Edinburgh von überzeugte schließlich eine Anzahl ein-
terverbote. Unter Kontrolle kam die Si- elf britischen Teenagern und jungen Er- schlägiger wissenschaftlicher Studien.
tuation auf dem Inselreich aber erst nach wachsenen, die an einer bis dahin unbe- Beispielsweise injizierten Michael Scott
1996 mit dem strikten Untersagen jeg- kannten Variante der Creutzfeldt-Jakob- und Stephen DeArmond von der Uni-
licher Verfütterung von Tierprodukten. Krankheit gestorben waren (Mediziner versität von Kalifornien in San Francisco
in Mäuse Prionen, die entweder von
IN KÜRZE BSE-Rindern stammten oder von Men-
schen mit CJD. In das Erbgut der Nager
r Der durch Prionen übertragbare Rinderwahnsinnn BSE hat sich nach bisheriger hatten sie das Rinder-PrP-Gen einge-
Kenntnis in rund dreißig Länder ausgebreitet, teils nur durch Einzelfälle belegt. schleust, die Tiere für Prionen also prak-
tisch zu Rindern gemacht. Neun Mona-

t.rfühla
d
Fast 190 000 BSE-Rinder sind bisher aufgetaucht, davon weit über 180 000 allein

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a
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te nach der Infektion des mutmaßlich

hlig
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tris
in Großbritannien.

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r Infektionsstadien vor Ausbruch der Krankheit sind mit älteren Prüfverfahren infektiösen Materials wurden die Mäuse
nicht nachweisbar. Nun stehen neuere Tests zur Verfügung, die sich auch zur Un- krank. Die Symptome für eine Hirnzer-
tersuchung jüngerer und äußerlich gesunder Rinder eignen. Zukünftig sollen da- störung waren in beiden Teilgruppen der
mit auch Bluttests möglich werden. Tiere die gleichen.
r Der Autor plädiert für eine lückenlose Überprüfung aller Schlachtrinder mit den Zwischen 1995 bis Ende 2004 sind
empfindlichsten Tests, die zur Ve Verhalten der Prio- in Großbritannien etwa 150 Menschen
nen nic an der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante
gestorben, in anderen Ländern schon

64 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
über zehn, allein sieben davon in Frank-
reich (siehe Kasten S. 69). Wie viele bis-
Vermehrung durch Dominoeffekt
her Gesunde gefährliche Prionen in sich
tragen, weiß niemand. Nach manchen Wodurch normale Prionproteine PrPC noch nicht genau. Irgendwann können
epidemiologischen Modellrechnungen (blau) der abnorm gefalteten Version befallene Zellen die Übermacht ver-
sind noch ein paar dutzend Kranke zu PrPSc (rot) zum Opfer fallen und sich kehrter Proteine offenbar nicht mehr
erwarten. Allerdings könnten einige zu selbst in krankheitsverursachende Pri- beherrschen, und das Hirngewebe
Grunde gelegte Annahmen falsch sein, onen verwandeln, wissen die Forscher geht zu Grunde.
etwa die, dass nur Menschen mit einer
bestimmten genetischen Veranlagung ge-
fährdet sind. Neuerdings äußerten For-
scher den Verdacht, dass die Krankheit
bei anderer genetischer Ausstattung viel-
leicht mit noch größerer Zeitverzöge-
rung auftritt und vielleicht auch langsa-
mer verläuft.
Bei vCJD-Patienten reichert sich das
abnorme Prionprotein nicht nur im Ge-
hirn an, sondern auch in den lymphati-
schen Organen – wie Mandeln und
Blinddarm. Nachweislich lassen sich bei normales Prionprotein (PrPC) krankheitsverursachendes Prion (PrPSc)
Tieren Prionen nicht nur durch infizier-
Kettenreaktion:
tes Tiermehl, sondern auch durch Blut- aus harmlosen Proteinen
transfusionen übertragen. Der Verdacht werden gefährliche Prionen
besteht, dass auch beim Menschen CJD
durch Blut oder medizinische Geräte
ALLE GRAFIKEN: LUCY READING

übertragbar ist. Deswegen haben man-


che Länder für den Menschen diesbe-
züglich scharfe Bestimmungen erlassen.
In Großbritannien dürfen Kinder, die
nach 1996 geboren sind, kein Blut von
Einheimischen erhalten. Für ältere Jahr-
gänge gilt das nicht, weil sie schon ein
Risiko aus der Zeit vor den strengen Fut- schen etwa ein Dutzend Nachweise. Wel- nicht, ob die Milch von BSE-Kühen Pri-
tererlassen tragen. In den USA darf kein che Folgen ein mangelndes Gefahrenbe- onen enthalten kann. Dies wird derzeit
Blut spenden, wer zwischen 1980 und wusstsein haben kann, zeigt der Fall einer in meinem Labor geprüft.
1996 mindestens drei Monate in Groß- BSE-Kuh aus Kanada. Sie wurde im Ja- Die Verfahren zum Nachweis der
britannien gelebt hat. In Deutschland nuar 2003 geschlachtet und zu Hunde- Rinderseuche werden zwar immer ge-
sind keine Blutspenden von Personen und Katzenfutter verarbeitet, das in die nauer und empfindlicher, sind aber noch
zugelassen, die sich zwischen 1986 und USA ging. Erst im April des Jahres teste- lange nicht ideal. In der EU sind gegen-
1996 insgesamt länger als sechs Monate ten die kanadischen Veterinärbehörden wärtig fünf so genannte Schnelltests zu-
auf dem Inselreich aufgehalten haben. Proben von der Kuh auf BSE. gelassen, mit denen eine BSE-Infektion
Durch den Rinderwahnsinn leidet im fortgeschrittenen Stadium an ge-
BSE-Kuh zu Hundefutter natürlich auch die Fleischwirtschaft be- schlachteten Tieren binnen einiger Stun-
Ich halte die rigiden Maßnahmen für ge- troffener Länder. Wohl wäre die beste den nachweisbar ist. Wesentlich besser
rechtfertigt. In Großbritannien gab es Gewähr für die Sicherheit des Verbrau- wären Tests am lebenden Tier, etwa an-
Blutspender, die später an vCJD er- chers, alles Schlachtvieh sofort auf ab- hand von Blutuntersuchungen. Firmen
krankten. Ein Empfänger starb vor gut norme Prionen zu untersuchen und be- entwickeln solche Verfahren bereits.
einem Jahr an der gleichen Krankheit. fallene Tiere grundsätzlich von der Nah- In den USA wird noch die etwas um-
Da die Bluttransfusion über sieben Jahre rungsmittelproduktion auszuschließen. ständliche Methode angewandt, Gewebe-
zurücklag, könnte er sich im Grunde ge- Doch das ist leichter gesagt als getan. proben von verdächtigen geschlachteten
nauso gut irgendwann über Nahrung in- Zum einen sind lückenlose Tests auf- Rindern mit Antikörpern gegen Prionen
fiziert haben. Sein Alter spricht eher da- wändig und teuer. Die meisten zugelas- zu versetzen und nach einigen Tagen jede
gegen. Er starb mit 69 Jahren. Die meis- senen Verfahren zeigen Prionen außer- einzelne Probe unter dem Mikroskop zu
ten vCJD-Patienten waren nicht einmal dem erst bei hoher Konzentration an, prüfen (siehe Kasten S. 66). Das Verfah-
halb so alt. auch die meisten üblichen Schnelltests. ren ist zwar recht zuverlässig, jedoch
Rund dreißig Länder verzeichnen Bei infizierten Rindern, die noch nicht langsam und für Massenuntersuchungen
heute BSE-Fälle. Die meisten der Rinder erkrankt sind, also auch bei infiziertem zu aufwändig.
lebten in Europa, aber auch Japan ist seit Jungvieh, gelingt der Nachweis damit in Auf der Suche nach schnelleren, leis-
2001 betroffen und registrierte inzwi- der Regel nicht. Auch wissen wir bisher tungsstärkeren Prüfmethoden entwickel-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 65
z
üÜ ü ü ö
BSE

Tests zum Prionennachweis

Kasten berschrift
Fr her dauerte ein BSE-Test mindestens einige Monate – bis ein Verfahren zugelassen). Jetzt ist das Bestreben, die Empfindlich-

ä öä
k nstlich infiziertes Versuchstier erkrankte. Bald kamen schnel- keit f r Prionen zu steigern, damit auch Diagnosen an infizier-
Kastentext und „Boldhinzu.
lere Immuntests Condensed“
Die heutigen Schnelltests
Kastentext liefern binnen ten, noch gesunden Rindern m glich werden, idealerweise am
pisim velesequipit
nibhStunden
eugait ein Ergebnis
praestrud (in der EU
ercipsum waren
nosto Endecommolo
conse solche lebenden Tier durch Blut oder gegebenenfalls Urin.
2004 f nfortio
odolortie del iuscilit in ulputem iusting etuero od te molore tat
numsan henim quisit acin veliquat.
consecte mod magna facipsuscil el ing exGewebeprobe

ä
Labortiere
Ut als Testobjekte
praese dolore
erolangwierig
eugait in vulputat aliquam nulla feugait ipsusci cilisismodio
und teuer;
consenibh estincidunt
verr t anhand der luptate
Dauer, dion
bis velit
das ad
Ver-dit la facipis aliquat
alisit velit il ullaor
suchstier aliquis
erkrankt, illaore
wie eugiate
infekti s dieconsequat.
Ge- Versuchstier
webeprobe war; erkrankt: Rind

ö
Versuch kann verschiedene Prionenst m- war infiziert

ü
Kastentext und „Bold
me erkennen Condensed“ Kastentext pisim velesequipit
lassen Gehirn eines praese dolore consecte mod magna facipsuscilVersuchstier
el ing ex ero
nibh eugait praestrud ercipsum nosto conse commolo verd chtigen
ortio eugait inVersuchstier
vulputat aliquam nulla feugait ipsusci cilisismodio con-
erkrankt nicht:

ü
odolortie del iuscilit in ulputem iusting etuero od teRindes Rindaliquat
war nicht

ä
molore tat senibh estincidunt luptate dion velit ad dit la facipis ali-
infiziert

ä
numsan henim quisit acin veliquat dolore consecte mod. Ut sit velit il ullaor aliquis illaore eugiate consequat.

ü
ü
Immuntests an Gewebeproben Antik rper

ö
erster spezifischer Test zum Prionennach- f r PrPSc infiziert
weis, an dem sich die neueren Methoden
messen m ssen;
die Einzelpr fung der Pr parate ist zeit-
aufw ndig;

ö
nicht f r l ckenlose Reihenuntersuchun-
gen geeignet Gewebeprobe

üö
mit Antik rper nicht
infiziert

gebräuchliche Immunschnelltests Prionennachweis mit fluores-


zierenden Antik rpern oder
von verschiedenen Firmen als automati- per Gelelektrophorese durch
sierte Tests angeboten; Protease f r charakteristische Banden
normales Prion-
geeignet zur gleichzeitigen Untersuchung protein (PrPC)
Antik rper
Hunderter von Proben;
Ergebnis binnen acht Stunden;
PrPC wird
nur bei hohen Prionenkonzentration ge- abgebaut infiziert
eignet

ü
oder

ö
nicht
infiziert

ü
PrPSc bleibt
intakt

ü
CDI – auf die Molek lstruktur zielender

ä
Immunschnelltest Substanz, um PrPC Antik rper fluoresziert,
sehr empfindlicher automatisierter Test; und PrPSc zu trennen wenn er an PrPSc bindet

öü
Ergebnis binnen f nf Stunden;
zeigt die Prionenmenge in der Probe an,
ohne dass vorher normale Prionproteine
entfernt werden m ssen (was auch man-
che Prionen trifft) – daher zuverl ssiger;
infiziert
zurzeit auch an Gewebeproben lebender PrPC
Tiere untersucht; PrPSc
m glicherweise f r Bluttests geeignet
LUCY READING

66 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
ten Forscher in meinem und anderen La- ten). Und zwar entwickelten Jiri Safar freien jungen Kuh BSE. Dieses Tier war
bors Mitte der 1980er Jahre neue Anti- und ich an der Universität von Kalifor- erst 21 Monate alt. In Europa wären die-
körper, die Prionen erkennen. Weil diese nien in San Francisco einen Test, bei se Fälle schon deswegen unentdeckt ge-
Antikörper allerdings auch mit norma- dem bestimmte Antikörper nur norma- blieben, weil BSE-Tests an für den
lem Prionprotein reagieren, muss Letzte- le, andere nur krankhaft gestaltete Mole- menschlichen Verzehr vorgesehenen
res vor dem Test aus der Probe komplett küle erkennen. Die Antikörper binden Schlachtrindern in Deutschland erst ab
verschwinden. Man setzt zu dem Zweck sich an eine Stelle des Prions beziehungs- dem Alter von 24 Monaten, EU-weit ab
eine Protease zu, ein Enzym, das Protei- weise Prionproteins, die in der jeweils dreißig Monaten vorgeschrieben sind.
ne zerlegt. Da das krankmachende PrPSc anderen Version verdeckt ist. Dadurch Die japanische Regierung hatte zunächst
solchen Enzymen gegenüber oft gefeit entfällt die Vorbehandlung mit Protea- vor, die europäischen Richtlinien zu
ist, bleibt es allein übrig. Mit den Anti- sen. Wie wir heute wissen, kommen Pri- übernehmen, ließ sich aber unter dem
körpern bestimmt man dann die übrig onen nämlich durchaus auch in einer Druck von Verbraucherschützern dazu
gebliebene Prionenmenge. für das Enzym angreifbaren Form vor. bewegen, jedes einzelne geschlachtete
Unter Umständen entfernen die Protea- Tier, auch jüngere, zu testen.
Drei bis fünf Jahre sen also auch einen Großteil, vielleicht Zurzeit wird in Deutschland disku-
bis zum Ausbruch der Krankheit bis zu 90 Prozent, des PrPSc. Die Belas- tiert, die Altersgrenze für BSE-Tests bei
Für dieses Verfahren bieten mehrere Fir- tung der Probe wäre dann wesentlich hö- Schlachtvieh gemäß den geltenden EU-
men eigene Antikörper und Testsets an, her als der Test anzeigt. Richtlinien auf dreißig Monate anzuhe-
darunter Prionics in der Schweiz und In Europa ist der CDI-Test (confor- ben, weil jüngere Tiere nach aller Logik
Bio-Rad in Frankreich. Das Ergebnis er- mation-dependent immunoassay) seit 2003 seit dem Verfütterungsverbot von Tier-
hält man schon nach ein paar Stunden. zugelassen. Auch er könnte für Blutun- mehl nicht mehr infiziert sein können.
In Europa und Japan werden diese tersuchungen empfindlich genug sein. In den USA wurden in den vergangenen
schnellen, recht einfach handhabbaren Im Herbst 2003 wurde er in Japan ange- Jahren von offensichtlich krankem
Tests heute verbreitet eingesetzt. wandt – im Falle eines erst 23 Monate Schlachtvieh nur Stichproben auf BSE
Doch diese Art Schnelltest hat ihre alten Rindes. Äußerlich wirkte die junge getestet. Dort laufen erst jetzt umfang-
Grenzen. Ein positiver Nachweis gelingt Kuh noch neurologisch gesund. Zwei reichere Untersuchungen an.
nur, wenn das Gehirn des Tiers schon kommerzielle BSE-Tests ergaben den- Angesichts der Situation wie auch
eine Menge PrPSc aufweist. Vieh wird oft noch unklare Resultate. Der CDI-Test unseres Wissensstands halte ich die Un-
mit zwei Jahren oder jünger geschlach- wies dann abnorme Prionen im Hirn- tersuchung jedes einzelnen Schlachtrinds
tet. Bis sich BSE manifestiert, können stamm nach. mit möglichst empfindlichen Tests für
nach der Infektion aber leicht drei bis Zur gleichen Zeit diagnostizierten die einzig vernünftige Lösung. Schnelle-
fünf Jahre verstreichen. Tiere mit gerin- die Japaner bei einer weiteren symptom- re und sensiblere Methoden sollten das
gen Prionenmengen, also auch junge in-
fizierte Rinder, würden bei solchen Tests
nicht auffallen. Jenseits der Viren
Um geringere Prionenmengen als
bisher nachweisen zu können, gibt es Wer Prionen ähnlich wie manche Viren Wir wissen nicht, ob
mehrere neue Ansätze. Einer davon zielt bewertet, unterschätzt ihre Eigenschaf- die jüngsten BSE-Fälle
darauf, die Menge abartiger Prionen in ten und ihr Gefahrenpotenzial. Zwar sind in Nordamerika eben-
der Probe, idealerweise sogar in einer sie übertragbar und Prionenkrankheiten falls ein spontanes Auf-
Blutprobe, künstlich zu erhöhen – ein damit ansteckend. Doch treten Prionen treten von Prionen bei
Ansatz, den ein Team um Claudio Soto

ö
offenbar immer wieder spontan und un- diesen Rindern zur Ur-
bei Serono Pharmaceuticals entwickelt. vermutet auf. Vor Viren kann man sich sache hatten. Zweifel-
In den Studien vermengten die Forscher beispielsweise durch strenge Quarantä- los ging die fast schon
Hirnpräparate von normalen und scra- ne schützen – vor Prionen nicht unbe- weltweite BSE-Epidemie von Großbri-
pieinfizierten Hamstern. Die Mischung dingt. Im Prinzip kann jedes Säugetier, tannien aus, und in diesen Fällen wurde
behandelten sie mit Schallpulsen. Da- der Mensch eingeschlossen, irgend- die Krankheit tatsächlich auf Grund un-
durch sollte sich das verklumpte infek- wann ohne ersichtlichen Grund solche seres Unwissens weitergegeben. Doch
tiöse PrPSc auflösen und nun gesunde

öö
abnorm gefalteten Eiweißstoffe bilden. selbst ohne solche Kontakte k nnen
Schwestermoleküle aus dem nicht infi- Jährlich erkrankt einer von einer Mil- wahrscheinlich, wenn auch vereinzelt,
zierten Gehirn in die schädliche Form lion Menschen wahrscheinlich durch immer wieder BSE-Tiere auftauchen. Ich
zwingen. Tatsächlich stieg die PrPSc- eine Spontanmutation an der Creutz- kann mir vorstellen, dass das seit Men-
Menge in den Proben auf das Zehnfa- feldt-Jakob-Krankheit. Mutmaßlich ging schengedenken geschieht, nur bisher
che. Ähnliche Ergebnisse erzielte Su- die Kuru-Epidemie bei den Fore auf Neu- weniger beachtet wurde.
rachai Supattapone von der Dartmouth guinea im 20. Jahrhundert auf solch eine Prionenkrankheiten lassen sich nie
Medical School in Hanover (New spontane Hirnerkrankung eines Stam- v llig ausrotten, weil sie jederzeit neu
Hampshire). mesmitglieds zurück – und wurde durch erscheinen k nnen. Wir müssen weiter
Ein weiterer Ansatz zielt auf die ab- das rituelle Verspeisen von Gehirnen denken – vor Prionen sollten wir uns
norme Gestalt – englisch conformation – Verstorbener weitergegeben. auch zukünftig in Acht nehmen.
der Prionen (siehe Kasten links, ganz un-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 67
BSE z demnächst möglich machen. Man
mag argwöhnen, dass ich den lückenlo-
Urin abnorme Prionen enthalten kann,
haben sich nicht bestätigt.
sen CDI-Test aus Eigeninteresse propa- Neu ist die Erkenntnis, dass Prionen
giere. Eine andere Möglichkeit als hoch- in Muskeln vorkommen. Patrick Bosque
empfindliche Schnelltests, um dem Ver- vom Zentrum für Gesundheitswissen-
braucher Sicherheit zu gewähren, sehe schaften der Universität von Colorado in
ich allerdings nicht. Denver und ich fanden sie in der Hinter-
wissenschaft-online zeigt sich ab Fe- Als wir den CDI-Test entwickelten, beinmuskulatur von Mäusen hunderttau-
bruar mit neuem Gesicht. Frisch und entdeckten wir zu unserer Überraschung, sendmal höher konzentriert als im Blut.
übersichtlich werden die aktuellen dass wir es genau genommen nicht mit Wir wiesen sie auch in anderen Muskel-
Artikel unter anderem aus spektrum- einer Sorte von »abnormem Prion« zu gruppen der Nager nach, allerdings dort
direkt, Spektrum der Wissenschaft, tun haben, sondern mit unterschiedli- deutlich weniger. Dagegen entdeckten
Gehirn & Geist, der Zeit und The chen Abarten. Sie sind gegenüber den Michael Beekes und Mitarbeiter am Ro-
Lancet präsentiert. Themenübergrei- Proteine zerschneidenden Proteasen ver- bert Koch-Institut in Berlin, die Hamster
fend sowie fachgebietsbezogen. schieden empfindlich. Lange bevor die mit Prionen gefüttert hatten, dass die de-
enzymatisch unangreifbaren Formen des formierten Proteine in allen Muskeln
Scrapie-Prions auftreten, erscheinen ver- und dort überall in größerer Menge vor-
letzbare Versionen. kamen. Den Grund für die unterschied-
Ob diese aber Zwischenstufen dar- lichen Befunde wissen wir nicht.
stellen, aus denen letztlich die resistenten,
robusten Prionen hervorgehen, ist noch Erste Behandlungsversuche
unklar. In jedem Fall würde ein Test wie bei Prionenkranken
CDI, der empfindliches PrPSc erkennt – Auch manche Creutzfeldt-Jakob-Patien-
bei dem es also nicht zwangsläufig zu- ten weisen in Muskeln PrPSc auf, so zeig-

Ñ
sammen mit normalem Prionprotein ent- ten Safar und DeArmond. Adriano
fernt wird –, eine Infektion anzeigen Aguzzi von der Universität Zürich und
können, lange bevor die ersten Krank- seine Mitarbeiter entdeckten die fatalen
heitssymptome auftreten. Moleküle in Muskelgewebe jeder vierten
Eine besondere Technologie erlaubt Vor allem auch könnte man mit Blut- von ihnen untersuchten kranken Person.
die schnelle und umfassende Suche tests beim Menschen Infektionen zeitig Ebenso dringlich wie bessere und
in verschiedenen Datenbanken und genug erkennen, um mit erapien, die frühere Diagnosemethoden wäre, die
Archiven. Damit konzentriert sich sich bereits ankündigen, das Schlimmste Vermehrung der gefährlichen Prionen
das Internetangebot von wissen- zu verhüten. Mit dem CDI-Test gelang im Körper von vornherein zu verhindern
schaft-online künftig auf die aktuelle uns im Blut von Nagetieren und auch oder wenigstens befallene Zellen darin
Berichterstattung aus der Wissen- von Menschen bereits der Nachweis ge- zu unterstützen, die deformierten Mole-
schaft sowie komfortable Recher- ringer Mengen solcher verletzlicher PrPSc- küle effektiver zu beseitigen. Bisher
chemöglichkeiten. Prionen. Vorläufige Ergebnisse, dass auch kennt die Forschung mehr als zwanzig

Die Vielfalt der Prionen


Prionen treten in einer Vielzahl von For- liches Scrapie-Prion, das in großer Men-
men auf, regelrechten Stämmen, die ge nicht wie gewöhnlich im Hirnstamm,
sich in Struktur und Eigenschaften un- sondern im Mittelhirn vorkam.
terscheiden. Genauer wissen die For-
scher allerdings nur, dass die Stämme Wie wichtig die Unterscheidung der Prio-
unterschiedliche Krankheiten auslö- nenstämme ist, erweisen Studien an
sen. Beim Menschen gehen die Creutz- Schafen. Eine Schafrasse (der ARR/
feldt-Jakob-Krankheit, Kuru, die famili- ARR-Genotyp) ist gegen Scrapie ge-
är bedingte tödliche Insomnie und das feit. Deswegen züchten manche Län-
Damit sich jeder einen Eindruck von Gerstmann-Sträußler-Scheinker-Syn- der diese Rasse nun bevorzugt. Aller-
den Inhalten bei wissenschaft-online drom jeweils auf unterschiedliche Prio- dings erkranken diese Tiere, wenn
machen kann, werden in den ersten nenvarianten zurück. Von der Traber- man sie mit BSE-Prionen behandelt.
zwei Februarwochen spektrumdi- krankheit der Schafe sind zwanzig Die Gefahr besteht, dass hier ein neu-
rekt und ausgewählte lexikalische verschiedene Formen bekannt. Auch er Herd der für den Menschen gefähr-
Werke frei zugänglich sein. BSE kommt möglicherweise in mehre- lichen Erreger entstünde. Scrapie ist
ren Varianten vor. So fand sich bei einer für uns offenbar nicht ansteckend. Mit
23 Monate alten Kuh aus Japan und ei- den neuen Prionen befallene Schafe
www.wissenschaft-online.de ner aus der Slowakei ein ungewöhn- könnten es sein.

68 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
dauungstrakt aufgenommen hatten und
BSE und die Folgen mit entsprechenden Antikörpern behan-
delten wurden, erkrankten später als
Zu spät erkannten die britischen Behörden, anderem Frankreich, die Schweiz, Portu- Kontrolltiere.
dass der Erreger des Rinderwahnsinns gal und Spanien besonders betroffen. Mit menschlichen Patienten gibt es
auch für Menschen tödlich sein kann. für das alles noch nicht viel Erfahrung.
Erst nach dem Höhepunkt der Epide- Deutschland registrierte im Jahr 2004 noch Einige Betroffene erhalten Quinacrin –
mie, die in den 1980er Jahren in Groß- über 60 BSE-Rinder. Im Jahr 2001, kurz Personen mit allen Formen von CJD.
britannien ausbrach, starben Menschen nach Aufdeckung der ersten Fälle, wa- Geheilt wurde bisher niemand. Doch
an einer neuen Variante der Creutzfeldt- ren es 125. Experten erwarten für 2005 finden sich Anzeichen, dass die Krank-
Jakob-Krankheit. Fast alle Länder West- einen weiteren deutlichen Rückgang. heit zumindest langsamer fortschreitet.
europas verzeichnen inzwischen BSE- Insgesamt wurden in Deutschland bis- Auch gibt es erste ärztliche Versuche
Fälle, außer Deutschland sind unter her fast 360 BSE-Rinder bestätigt. gegen die neue Variante von CJD mit
Pentosanpolysulfat, einem Mittel gegen
an neuer Variante der Creutzfeldt-
Jakob-Krankheit (vCJD) verstorben
Blasenleiden. Weil der Wirkstoff die
Blut-Hirn-Schranke wegen seiner zahl-

Variante von CJD bis Herbst 2004


registrierte Patienten mit der neuen
insgesamt: über 150 Menschen
weltweit registrierte BSE-Rinder

30 000 30 reichen elektrischen Ladungen höchst-


bis Herbst 2004 (rote Kurve)

28 wahrscheinlich nicht passieren kann, in-


jiziert man ihn direkt in einen Gehirn-
20 000 20 ventrikel. Bei einem jungen Mann
BSE-Fälle
13
20
18
scheint die Substanz bewirkt zu haben,
insgesamt: 17
dass die Symptome nicht mehr so rasant

Ò
fast 190 000 15
10 000 10 zunehmen. Jedoch kann sich das Medi-
10 10 kament vermutlich nicht gut im Gehirn
3 4 verteilen. Zumindest ist das von anderen
1 1 1 3 1 Molekülen mit ähnlichen Ladungsver-
1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004
hältnissen bekannt.
Auch wenn der Weg bis zu einer
POUR LA SCIENCE

Fälle von BSE in Großbritannien


erapie von Prionenkrankheiten noch
Fälle von vCJD in Großbritannien
weit ist, so haben doch die letzten fünf
Fälle von vCJD in Frankreich
Jahre die Forschung um einiges weiter
gebracht. Sobald es einmal eine effektive
Behandlung der Gehirnzersetzung geben
Substanzen, die solches zumindest in der Noch etwa zehnmal wirkungsvoller wird, steht zu hoffen, dass die Mediziner
Zellkultur leisten. Mehrere Stoffe zeigten als Chlorpromazin ist das Malariamittel hierdurch auch herausfinden, wie sie an-
auch bei infizierten Tieren Wirkung: Da- Quinacrin, das eine ähnliche Struktur dere, viel häufigere neurodegenerative
mit behandelte Mäuse und Hamster hat. Dieses verabreichten wir Mäusen Erkrankungen behandeln können – wie
überlebten länger. Allerdings musste der sechzig Tage, nachdem wir ihnen Prio- Alzheimer, Parkinson oder die amyotro-
Wirkstoff etwa zeitgleich mit den Prio- nen ins Gehirn gespritzt hatten. Das phe Lateralsklerose. Bei ihnen allen bil-
nen verabreicht werden. Später nützte er Quinacrin verlängerte die Phase, bis die den falsch geformte Proteine uner-
nichts mehr. Viele der bisher geprüften ersten Krankheitszeichen auftraten, um wünschte Verklumpungen.
Substanzen funktionieren jedoch nur in fast ein Fünftel. Um es beim Menschen
so hohen Dosen, dass die Nebenwirkun- einzusetzen, müsste man allerdings errei-
gen für den Einsatz beim Menschen chen, dass Patienten die erforderlichen Stanley B. Prusiner hat an
der Universität von Kalifornien
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E

wohl nicht tragbar wären. hohen Dosierungen verkraften. Alterna-


in San Francisco eine Professor
Eine Hürde ist die für Medikamente tiv könnte man danach streben, die für Neurologie und Biochemie.
oft schwer passierbare Blut-Hirn-Schran- Wirksamkeit der Substanz zu erhöhen. Für die Entdeckung der Prionen
ke. In der Zellkultur unterdrückt Chlor- Daran arbeiten Barnaby May und Fred gewann er 1997 den Nobelpreis
promazin (Megaphen), ein älterer Wirk- E. Cohen von der Universität von Kali- für Physiologie oder Medizin.
stoff gegen Schizophrenie, die Prionen- fornien in San Francisco. In der Zellkul- Prionen und Prionenkrankheiten. Von Beat Hörn-
bildung. Gleiches gilt für einige andere tur konnten sie dessen Effektivität durch limann et al. Gruyter, 2001
Substanzen, die im Gehirn aktiv sind. Aneinanderkoppeln von jeweils zwei Prion biology and diseases. Von Stanley B. Prusi-
Das erkannten Carsten Korth von der Quinacrin-Molekülen um das Zehnfa- ner (Hg.). Cold Spring Harbor Laboratory Press,
Universität Düsseldorf und ich sowie, che steigern. 2004 (2. Aufl.)
unabhängig voneinander, Katsumi Doh- Bei einem anderen therapeutischen Advancing prion science: Guidance for the natio-
ura von der Kyushu-Universität in Ha- Ansatz versuchen mehrere Forscher- nal prion research program. Von R. Erdtmann und
kozaki (Japan) und Byron Caughey vom teams, in kultivierten Zellen die Bildung L. B. Sivitz (Hg.). National Academy Press, 2004
amerikanischen Nationalen Institut für der Prionen mit Antikörpern gegen PrPSc Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
Allergien und Infektionskrankheiten in zu hemmen – bereits mit einigem Erfolg. spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Bethesda (Maryland). Auch Mäuse, die Prionen über den Ver-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 69
H A F T
C
IS S E NS
E W
JU NG

Wollen Sie Ihren Schülern einen An-

Molekulares reiz zu intensiver Beschäftigung mit


der Wissenschaft geben? »Wissen-

Spiegelkabinett
schaft in die Schulen« bietet teilneh-
menden Klassen einen Klassensatz
»Spektrum der Wissenschaft« oder
Auch im Reich der Moleküle kann es wichtig sein, zwischen links und »Sterne und Weltraum« kostenlos für
ein Jahr, dazu didaktisches Material
rechts zu unterscheiden. Bei der jüngsten Chemie-Olympiade muss- und weitere Anregungen.
ten Schüler zeigen, wie gut ihnen das gelingt. www.wissenschaft-schulen.de

Von Reinhard Demuth und Oliver Reiser Überhaupt bewiesen die asiatischen Jede Aufgabe bestand aus mehreren
und osteuropäischen Länder eine erdrü- Teilen mit unterschiedlichem Schwierig-

N och bevor in der zweiten August-


hälfte letzten Jahres die Athleten der
Welt in Athen um Medaillen kämpften,
ckende Überlegenheit: Sie sicherten sich
25 der 30 Goldmedaillen. Unter den
westlichen Industrienationen erreichte
keitsgrad, wobei die leichtesten auch
ohne allzu großes chemisches Vorwissen
lösbar waren. Hier wollen wir eine kleine
maßen Ende Juli in Kiel junge Geistesak- Deutschland klar den Spitzenplatz; je eine Auswahl vorstellen, an der interessierte
robaten in einem ähnlich ambitionierten weitere Goldmedaille ging hier nur an Leser – Schüler, Erwachsene mit dunklen
Wettstreit ihr Können: der 36. Internati- Österreich, Kanada und Australien. Erinnerungen an den Chemie-Unterricht,
onalen Chemie-Olympiade. Nach 15 Jah- Die Ergebnisse der viel diskutierten aber auch völlige Laien mit einer gewis-
ren fand die renommierte Veranstaltung Pisa-Studien wurden teilweise auf den sen Neugier auf das Fach – ihre Olympia-
wieder einmal in Deutschland statt. 240 Kopf gestellt. So errang Finnland nur reife testen können. Die Fragen stammen
Schüler aus 61 Ländern traten gegenein- zwei Bronzemedaillen. Zumindest in alle aus einer Aufgabe der theoretischen
ander an, weitere sieben Staaten waren Chemie scheint das dortige Schulsystem Klausur, die sich um die Rechts-links-
mit Beobachtern vertreten – eine Rekord- also keine Spitzenleistungen zu fördern. Asymmetrie bei Molekülen drehte.
beteiligung. Insgesamt galt es zehn Aufgaben zu
Wie echte Olympioniken hatten auch bewältigen: acht in der theoretischen Linke und rechte Hand
die Teilnehmer dieses Wettbewerbs eine und zwei in der praktischen Klausur. Wenn Sie Ihre rechte Hand vor den
Qualifikation zu überstehen. In Deutsch- Alle waren von einer eigens dafür einge- Spiegel halten, sehen Sie eine linke
land beteiligten sich immerhin rund 400 setzten Kommission so konzipiert, dass Hand. In diesem Fall kommt also beides
Schüler zwischen 16 und 19 Jahren an der sie jeweils einen interessanten Bezug zu in der Natur vor: Bild und Spiegelbild.
ersten von insgesamt vier Ausscheidungs- aktuellen Forschungsthemen aufwiesen. Bei vielen anderen Dingen gilt das aber
runden, die im Mai 2003 stattfand – in Zugleich sollten sie die interdisziplinäre nicht. Ein schönes Beispiel sind Wein-
China waren es über eine Million. Zur Rolle der Chemie aufzeigen und ihre Be- bergschnecken. Ihr Gehäuse hat fast im-
Olympiade durften schließlich aus jedem deutung für neue Errungenschaften in mer die Form einer rechtsgängigen Spi-
Land maximal vier Bewerber antreten. anderen Fächern veranschaulichen. Eini- rale, nur bei einem unter 20000 Exemp-
Die deutschen Teilnehmer rechtfertigten ge hatten auch eine spezielle Verbindung laren windet sich die Spirale links herum.
ihre Fahrkarte nach Kiel mit einem glän- mit dem Gastgeberland Deutschland Dagegen wächst der Hopfen – selbst im
zenden Abschneiden: Zwei errangen je und der Universität Kiel; so ging es um konservativen Bayern – stets in einer
eine Gold-, die beiden anderen eine Sil- das Element Germanium und einen in linksgängigen Helix.
bermedaille. Die Chinesen gewannen al- Kiel entdeckten wichtigen Reaktionstyp: Auch im Reich der Moleküle gibt
lerdings gleich viermal Gold. die Diels-Alder-Reaktion. es – vor allem unter den biologisch wich-
tigen Stoffen – viele, bei denen sich Bild
und Spiegelbild unterscheiden. Nur eine
Auch Moleküle können händig sein. der beiden Formen tritt dann in der Na-
l Meist ist die Ursache ein »asym- tur auf. So bildet die DNA unserer Erb-
metrisches Kohlenstoffatom« – also ei- substanz stets eine rechtsgängige Helix.
nes, an dem vier verschiedene Atome Ebenfalls rechtshändig sind die Zucker-
oder Atomgruppen hängen. Als Beispiel moleküle, aus denen natürlich vorkom-
ist hier die Aminosäure Alanin gezeigt – mende Kohlenhydrate bestehen. Dagegen
oben in räumlicher Projektion, unten in bauen sich Proteine und Enzyme im Kör-
der bei Chemikern üblichen Darstellungs- per aus linkshändigen Aminosäuren auf.
CH3 CH3
weise. Nur die linkshändige Form kommt Von großer Bedeutung für die Medi-
??????

H CO2H HO2C H in der Natur vor. zin ist, dass Bild und Spiegelbild bei Mo-
H2 N NH2
(L)-Alanin (D)-Alanin
natürliche Form
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q FEBRUAR 2005
sehr selten normale Form

??????

??????
lekülen oft eine völlig andere biologische stand. Sie kommt in Grippe- und Aller- Händigkeit ist in der Natur ein ver-
Wirkung haben. Was ein Stoff im Körper giemitteln vor, die in vielen Ländern re- o breitetes Phänomen. Zum Beispiel
bewirkt, hängt nämlich davon ab, ob zeptfrei erhältlich sind und sogar für wächst der Hopfen stets in einer links-
und wie gut er sich an spezielle »Rezep- Kleinkinder empfohlen werden. gängigen Helix, und die Gehäuse der
toren« auf bestimmten Zellen anlagern Bei der Olympiade 2000 wurde dies Weinbergschnecken winden sich ganz
kann. Solche Rezeptoren fungieren wie der damals 16-jährigen Rumänin Andrea überwiegend rechtsherum.
Schlösser, die sich nur von speziell ge- Raducan zum Verhängnis. Ihr Mann-
formten Schlüsseln aufschließen lassen. schaftsarzt verabreichte ihr am Abend vor
Dabei unterscheiden sie in der Regel zwi- dem Wettkampf wegen einer leichten Er-
schen Bild und Spiegelbild. Ähnlich wie kältung ein Grippemittel, das die Sub- atom, weil es bewirkt, dass das betreffen-
die rechte Hand nur in einen rechten stanz enthielt. Da die Dopingkontrolle de Molekül keinerlei Symmetrie auf-
Handschuh passt, akzeptiert auch ein Re- daraufhin ein positives Ergebnis lieferte, weist. Da die Gruppen tetraedrisch um
zeptor meist ausschließlich eine der bei- musste die Turnerin die am nächsten Tag dieses Kohlenstoffatom angeordnet sind,
den spiegelbildlichen Formen. Die ande- gewonnene Goldmedaille zurückgeben. gibt es in diesem Fall zwei spiegelbildli-
re bleibt dann wirkungslos oder kann in che Formen, die sich nicht zur Deckung
ungünstigen Fällen – weil sie sich im Asymmetrischer Kohlenstoff bringen lassen. Um von der einen zur
Schloss verkantet oder ein falsches Hohe rumänische Sportfunktionäre tra- anderen zu gelangen, muss man jeweils
Schloss öffnet – sogar schädlich sein. ten aus Protest zurück, der Mannschafts- zwei Gruppen vertauschen – was nur
Ein besonders tragisches Beispiel da- arzt erhielt ein Berufsverbot, und Andrea durch Brechen und Neuknüpfen von
für war das Beruhigungs- und Schlafmit- Raducan drohte eine lebenslange Sperre. chemischen Bindungen möglich ist.
tel Contergan. Ende der 1950er Jahre Im Jahre 2003 wurde Pseudoephedrin Als dreidimensionaler Körper lässt
wurde es in einer für ein Medikament dann zwar von der Dopingliste gestri- sich ein Tetraeder nicht wirklichkeitsge-
beispiellosen Werbekampagne als voll- chen, doch trotz überwältigender öffent- treu auf der zweidimensionalen Papier-
kommen sicher und nebenwirkungsfrei licher Unterstützung für die rumänische ebene darstellen, sondern nur projizieren.
angepriesen. Deshalb nahmen es auch Turnerin hat die Disqualifikation bis Chemiker machen das gerne so, dass sie
schwangere Frauen gegen die Morgen- heute Bestand. Man sieht an diesem Bei- zwei der vier Bindungen in die Zeichen-
übelkeit. Contergan zählt jedoch zu den spiel, dass chemischer Sachverstand in fläche legen. Dann ragt die dritte nach
Molekülen, die in zwei spiegelbildlichen vielen Bereichen der Gesellschaft vonnö- oben und die vierte nach unten aus der
Formen vorkommen. Beide fielen bei ten ist, um so unsinnige Entscheidungen Papierebene heraus. Um das anzudeuten,
seiner chemischen Synthese in gleicher und ihre weit reichenden Folgen von zeichnen Chemiker die nach oben wei-
Menge an und lagen in dem Arzneimit- vornherein zu verhindern. sende Bindung als ausgefüllten und die
tel folglich als Gemisch vor. Wie sich Bevor wir nun mit den Fragen begin- nach unten zeigende als gestrichelten
später herausstellte, wirkt jedoch nur die nen, möchten wir ein paar grundlegende Keil. Als einfaches Beispiel einer chiralen
eine Form als harmloses Schlafmittel, Fakten in Erinnerung rufen. Wenn von Verbindung ist die Aminosäure Alanin in
während die andere bei ungeborenen Fö- einem Molekül spiegelbildliche Formen ihren beiden spiegelbildlichen Formen
ten schwere Missbildungen verursacht. existieren, nennen es die Chemiker hän- gezeichnet – einmal in perspektivischer
Dadurch kamen zwischen 1958 und dig oder chiral (nach griechisch cheir, Darstellung und einmal in der gerade ge-
1962 etwa 10000 Kinder mit verkürzten Hand). Die häufigste Klasse chiraler Ver- schilderten Projektion (Bild links).
Gliedmaßen zur Welt. bindungen sind solche mit einem Koh- Pseudoephedrin hat natürlich eine et-
Bei der Chemie-Olympiade ging es lenstoffatom, an dem vier verschiedene was kompliziertere Formel. Ihre Darstel-
um einen Wirkstoff mit besonderem Be- Atome oder Gruppen von Atomen hän- lung ist deshalb der Übersichtlichkeit
zug zum Sport: die Droge Pseudoephe- gen. Chemiker sprechen in diesem Fall halber gegenüber der des Alanins noch
drin, die bis 2003 auf der Dopingliste von einem asymmetrischen Kohlenstoff- etwas vereinfacht. So wurden die meisten

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 71
SCH AF T
S S E N
GE WI
JUN
Wasserstoffatome samt den zugehörigen kennzeichnet wird? Wem das nicht reicht, Anordnung ist trotzdem verschieden.
Bindungen weggelassen. Außerdem sind dem sei gesagt, dass Pseudoephedrin bei Das trifft beispielsweise auf chirale Ver-
nur wenige Kohlenstoffatome explizit der schonenden Oxidation mit Perman- bindungen zu. Ein Spezialfall von Stereo-
eingezeichnet. Die anderen befinden sich ganat nur zwei Wasserstoffatome verliert. isomeren sind denn auch Moleküle, die
jeweils dort, wo mehrere Bindungsstriche Die dritte Frage ist mehrteilig und sich wie Bild und Spiegelbild zueinander
aufeinander treffen. Zwei parallele Bin- deutlich schwerer als die ersten beiden, verhalten. Chemiker bezeichnen sie als
dungsstriche stehen jeweils für eine Dop- ja eine echte Herausforderung. Behan- Enantiomere. Diastereomere sind dage-
pelbindung. Drei solche Doppelbindun- delt man Methcathinon mit Lithium- gen all jene Stereoisomere, bei denen es
gen kommen (formal) in dem sechsecki- aluminiumhydrid, entsteht eine Verbin- sich nicht um Enantiomere handelt. Un-
gen Benzolring links in der Formel vor. dung mit derselben chemischen Zusam- ter Konformationsisomeren schließlich
Die kompliziertere Struktur von mensetzung wie Pseudoephedrin, aber verstehen Chemiker Moleküle, die sich
Pseudoephedrin hat auch zur Folge, dass einem anderen Schmelzpunkt. Um wel- durch Drehung eines Molekülteils um
das Molekül nicht nur ein asymmetri- ches Molekül handelt es sich? Wodurch eine Einfachbindung ineinander um-
sches Kohlenstoffatom enthält, sondern unterscheidet es sich von Pseudoephe- wandeln lassen.
gleich mehrere. Damit sind wir schon bei drin? Wie sieht seine genaue räumliche Wer diese Begriffe bisher nicht ge-
der ersten Frage: Wie viele asymmetri- Struktur aus? Können Sie erklären, wa- kannt hat, braucht sicher eine gewisse
sche Kohlenstoffatome kommen in Pseu- rum bei der Reaktion ein Molekül mit Zeit, um sich damit vertraut zu machen.
doephedrin vor und wo stecken sie? Klei- genau dieser räumlichen Struktur ent- Die Beschäftigung mit der vierten Frage
ner Hinweis: Ein Kohlenstoffatom, das steht und kein anderes? bietet eine gute Gelegenheit dafür.
mit einem anderen über eine Doppelbin- Bevor Sie gleich das Handtuch wer-
dung verknüpft ist, kann nicht asymmet- fen, sei verraten, dass Lithiumalumini- Reif für Olympia?
risch sein, weil es nur drei Bindungspart- umhydrid ein Reduktionsmittel ist, das Ein besonderer Reiz der vier Fragen ist,
ner hat, die einen Mercedesstern bilden, die oxidierende Wirkung des Permanga- dass sie teils aufeinander aufbauen. Das
der mit seinem Spiegelbild identisch ist. nats praktisch rückgängig macht, indem hat allerdings auch eine negative Kehrsei-
Die zweite Frage gilt einer einfachen es die beiden abgetrennten Wasserstoff- te: Wer an einer Aufgabe scheitert, kann
Reaktion mit Pseudoephedrin. Behandelt atome wieder anfügt. Allerdings entsteht die nächste auch nicht meistern. In die-
man die Droge unter milden Bedingun- trotzdem nicht genau das ursprüngliche sem Fall sollten Sie nicht zögern, selektiv
gen mit einer sauren Permanganatlösung, Molekül, wie der andere Schmelzpunkt die Antwort nachzulesen, die für die be-
entsteht das Anregungsmittel Meth- beweist. Woran kann das liegen? Bei der treffende Frage benötigt wird. Alle Auflö-
cathinon. Es ist mit dem Cathinon ver- Antwort spielt ein Effekt eine Rolle, den sungen stehen in dem Kasten auf der
wandt, dem Wirkstoff der vor allem von Chemiker als sterische Behinderung be- rechten Seite.
jemenitischen Männern gekauten Kath- zeichnen: Wenn sich ein Reaktionspart- Nachdem Sie ermittelt haben, wie
Pflanze. Können Sie die komplette Glei- ner prinzipiell von zwei Seiten seinem viele Fragen Sie korrekt beantworten
chung für diese Reaktion aufschreiben? Zielmolekül nähern kann, bevorzugt er konnten, möchten Sie Ihr Abschneiden
Die Frage klingt zunächst vielleicht in der Regel die Seite, auf der er unge- sicher mit dem der echten Olympioni-
komplizierter, als sie ist. Hier ein kleiner hinderten Zugang hat. ken vergleichen. Von diesen schafften es
Tipp: Erinnern Sie sich noch, welche Die vierte und letzte Frage ist wieder neunzig Prozent, die asymmetrischen
Substanzklasse durch die Endung -on ge- einfacher, auch wenn Sie zur Beantwor- Kohlenstoffatome im Pseudoephedrin zu
tung vorher noch ein paar Begriffe lernen identifizieren. An der Gleichung für die
müssen. Es geht dabei um die räumliche Reaktion mit Permanganat scheiterten
Beziehung zwischen Pseudoephedrin und dagegen bereits fünfzig Prozent (aller-
OH
dem Ergebnis der zuletzt genannten Re- dings musste bei der echten Olympiade
aktion, bei dem es sich übrigens um das auch noch angegeben werden, bei wel-
CH3 Ephedrin handelt. Sind die beiden Mo- chen Elementen sich die Oxidationsstufe
leküle Stereoisomere, Enantiomere, Dia- in welcher Weise ändert). Nur zehn Pro-
NHCH3 stereomere oder Konformationsisomere? zent konnten schließlich sowohl die drit-
Das klingt furchtbar kompliziert, ist te als auch die vierte Frage völlig richtig
es aber nicht, wenn man die Bedeutung beantworten, während ein Viertel hier
der Begriffe kennt. Deshalb seien sie der immerhin sechs der möglichen sieben
Reihe nach erklärt. Als Isomere bezeich- Punkte erzielte.
??????

Benzolring

w

c
nen Chemiker Verbindungen, in denen Wie schon aus der tragischen Con-
dieselben Atome in denselben Mengen- tergan-Geschichte hervorgeht, hat die

le
k
ü
leä
lt
Die Droge Pseudoephedrin kommt

th
o

o
M n
in vielen Grippemitteln vor und galt verhältnissen vorliegen, aber unterschied- Rechts-links-Asymmetrie in der che-
bis 2003 als Dopingmittel. Das hier ge- lich angeordnet sind. Als Beispiel können misch-pharmazeutischen Industrie enor-
zeigte D-Pseudoephedrin hat leicht anre- Ethanol (CH3–CH2–OH) und Dime- me Bedeutung. Heutige Arzneimittel
gende Wirkung. Sein Spiegelbild wirkt thylether (CH3–O–CH3) gelten. Bei Ste- enthalten in aller Regel nur noch den
etwa sechsmal sc her. Erkennen Sie, reoisomeren stimmen zusätzlich die Bin- chiralen Wirkstoff selbst und nicht zu-
wie viele asymmetrische Kohlenstoffato- dungsverhältnisse überein – die gleichen sätzlich sein Spiegelbild. Herkömmliche
me das und wo sich die- Atome sind jeweils gleichartig miteinan- chemische Synthesen aber liefern immer
se befinden? der verknüpft; aber die dreidimensionale ein Gemisch aus beiden, sodass die uner-

72 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Lösungen

ä
üü
Zu Frage 1: OH
Pseudoephedrin enth lt zwei asymmetrische Kohlenstoffato- * CH3
me, die hier mit blauen Sternchen markiert sind. *
NHCH3

Zu Frage 2:
Bei der Reaktion von Pseudoephedrin mit Permanganat zu Sauerstoffatome des Permanganats bertragen und ergibt
Methcathinon entsteht aus dem Alkohol durch Entfernen von letztlich Wassermolek le. Das Mangan liegt am Ende als zwei-
zwei Wasserstoffatomen ein Keton. Der Wasserstoff wird auf fach positiv geladenes Ion vor.

OH O
CH3 CH3
5 + 2 MnO4– + 6 H+ 5 + 2 Mn2+ + 8 H2O
NHCH3 NHCH3

Zu Frage 3: CH3
CH3
Die Reduktion des Methcathinons beginnt damit, dass sich ein
H 3C

ü
Hydrid-Ion (H– ) vom Lithiumaluminiumhydrid an das Kohlenstoff-
H N H H3CHN H

h
atom der Carbonylgruppe bindet. Zuvor ist allerdings bereits das + H–

ü ä p
positiv geladene Lithium-Ion mit dem Sauerstoff der Carbonyl-
Li – H2 O

ä
hnlic
und dem Stickstoff der Aminogruppe, die als stark elektronega-

äc undw
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HO Ph

S
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tive Elemente beide teilweise negativ geladen sind, in elektro-

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O

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ic dkb
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i
statische Wechselwirkung getreten. Dadurch entsteht ein relativ

re
n
s ot
stgn
s as e
n
Ph

u
r r r
starrer F nfring, der die beiden sperrigen Methylgruppen (–CH3) H

irk
am Stickstoff- und am asymmetrischen Kohlenstoffatom auf
dieselbe Seite des Molek ls bringt. Das Hydrid-Ion kann sich
der Carbonylgruppe daher nur von der anderen Seite n hern. H–

??????
Dadurch erh lt das neu entstehende asymmetrische Zentrum
aber die spiegelbildliche Konfiguration zu der im Pseudoephe- steht, auf unterschiedlic , die andere un-
drin. W h bei diesem die Hydroxyl- (–OH) und die Ami- ter der Papierebene). Das P
nogruppe (–NHCH3) beide auf derselben Seite (unter der Papier- selbst. Es findet sich ebenso wie das Pseudoephedrin als Alka-
ebene) befinden, liegen sie bei der Verbindung, die durch loid in Ge hsen der Gattung Ephedra h wie
Reduktion von Methcathinon mit Lithiumaluminiumhydrid ent- das bekanntere Stresshormon Adrenalin.

Zu Frage 4:
Ephedrin und Pseudoephedrin sind Stereoisomere und Diastereomere, nicht aber Enantiomere oder Konformationsisomere.

wünschte Komponente nachträglich ent- Da dieses Prozedere sehr umständ- solche asymmetrischen Synthesen mit
fernt werden muss. Mit physikalischen lich und aufwändig ist, hat die chemisch- chiralen Katalysatoren entwickelt haben.
Mitteln ist das nicht möglich, weil die pharmazeutische Industrie größtes Inter- Die nächste Internationale Chemie-
physikalischen Eigenschaften von Bild esse an Herstellungsmethoden, die das Olympiade findet übrigens vom 16. bis
und Spiegelbild identisch sind. Das üb- gewünschte Enantiomer gleich in reiner 25. Juli in Taipeh (Taiwan) statt.
liche Verfahren besteht darin, das Enan- Form liefern. Eine Möglichkeit besteht
tiomeren-Gemisch (oder Racemat, wie darin, auf biotechnologische Verfahren Reinhard Demuth hält einen Lehrstuhl am In-
Chemiker sagen) mit einer anderen chi- auszuweichen. Doch auch chemische stitut für die Didaktik der Chemie an der Uni-
ralen Verbindung reagieren zu lassen, die Synthesen lassen sich inzwischen teilwei- versität Kiel, deren Rektor er seit 2000 ist.
Oliver Reiser ist Professor für Organische Che-
nur als Bild vorliegt – etwa weil sie bio- se so gestalten, dass sie asymmetrisch
mie an der Universität Regensburg und hat sich
logischen Ursprungs ist. Dabei entstehen verlaufen und bevorzugt ein Enantiomer die Aufgabe für die Chemie-Olympiade ausge-
Diastereomere, die beispielsweise unter- ergeben. Das gelingt insbesondere mit dacht, von der hier Fragen präsentiert wurden.
schiedliche Schmelzpunkte haben – wie einem Katalysator, der selbst chiral ist. Rechts oder links in der Natur und anderswo. Von
Ephedrin und Pseudoephedrin – und Welche Bedeutung diese Forschungs- Henri Brunner. Wiley-VCH, Weinheim 1999
sich dadurch trennen lassen. Anschlie- richtung hat, lässt sich unter anderem
Weblinks zum Thema finden Sie bei www.spek-
ßend muss das Hilfsmolekül wieder ab- daran erkennen, dass der Chemie-No- trum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
gespalten werden. belpreis 2001 an drei Forscher ging, die

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 73
ASTRONOMIEGESCHICHTE z
Die Planetentafeln
des Abraham Zacuto
Die »ewigen Tafeln« dieses jüdischen Astronomen entstanden in
den Wirren des 15. Jahrhunderts auf der Iberischen Halbinsel.
Sie förderten den Aufschwung der Astronomie in Europa und lie-
ßen Portugal und Spanien zu Weltmächten aufsteigen. Selbst im
arabisch-islamischen Raum wurden sie rezipiert.

Von Uwe Reichert telalterliche Weltbild in seinen Grund- Jahrhunderte dazwischen wird womög-
festen und verhalfen – jeder auf seine lich noch der eine oder andere arabische

N
ehmen Sie irgendein Werk Weise – dem heliozentrischen System Gelehrte erwähnt, der dazu beitrug, das
zur Geschichte der Astrono- zum Durchbruch. Als Vorläufer dieser Wissen der Griechen an das mittelalter-
mie zur Hand und Sie wer- wissenschaftlichen Revolutionäre wird liche Abendland weiterzureichen. Ein
den bekannte Namen finden sicherlich auch Ptolemäus genannt, der Name aber wird gewiss nicht auftau-
wie Nikolaus Kopernikus, Tycho Brahe, im 2. Jahrhundert n. Chr. das astrono- chen: Abraham Zacuto.
Johannes Kepler oder Galileo Galilei. mische Wissen der griechischen Antike Zugegeben – der aus dem spanischen
Diese Gelehrten erschütterten das mit- zusammenfasste. Aus der Zeit der vielen Salamanca stammende Abraham Zacuto
ist selbst vielen Fachleuten nicht bekannt.
Gleichwohl lohnt es, sich mit diesem Ge-
AUS: »VASCO DA GAMA, DIE ENTDECKUNG DES SEEWEGS NACH INDIEN«, GERNOT GIERTZ (HG.), EDITION ERDMANN

lehrten des 15. Jahrhunderts zu beschäfti-


gen. Denn eine Beschränkung auf die
»Großen« der Astronomiegeschichte und
ihre bahnbrechenden Erkenntnisse mag
gerechtfertigt sein, um die Historie über-
schaubar zu halten – ausgewogen ist das
dadurch vermittelte Bild jedoch nicht.
Am Beispiel Zacutos lässt sich illustrieren,
r wie Astronomen in dem zu Ende ge-
henden Mittelalter arbeiteten,
r unter welchen Rahmenbedingungen
das oftmals geschah und
r welche Bedeutung der Austausch zwi-
schen den Kulturen für die Entwicklung
der europäischen Wissenschaft hatte.
In die Lebenszeit des spanischen As-
tronomen fällt eine Reihe religiöser und
politischer Umwälzungen auf der Iberi-
schen Halbinsel. Zudem brachen spani-

Seefahrer erlitten oft Schiffbruch,


l weil sie ihre Position nicht genau
kannten. Erst mit astronomischen Mitteln
wurde Navigation auf hoher See möglich.

74 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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ö
sic
n
sche und portu- Im 15. Jahr-
giesische Seefahrer hundert began-
zu epochalen Entde- nen portugiesische
ckungs- und Eroberungsrei- Seefahrer die Küste Afri-
sen auf, was nur mit Hilfe von As- kas zu erkunden. Über den Rest
tronomen und Kartografen möglich war. der Welt hatte das Abendland nur rudi-
Und der Übergang von der Handschrift limschen Kolonialherrschaft befreit und mentäre Vorstellungen, wie diese zeitge-
zum gedruckten Buch veränderte den für das Abendland zurückgewonnen he Karte verdeutlicht.
Fortschritt der Wissenschaft und die Ver- worden. Wie für männliche Mitglieder
breitung des Wissens von Grund auf. einer jüdischen Gemeinde üblich, hatte
Zacuto lesen und schreiben gelernt.
Schicksalsjahre Über diese Fertigkeiten verfügten zur da- Zacuto stand in der Tradition hebrä-
eines jüdischen Astronomen maligen Zeit ansonsten nur Kirchenleu- isch schreibender Gelehrter aus dem 14.
Abraham Zacuto wurde 1452 in Sala- te. In Salamanca schöpfte Zacuto reich- und 15. Jahrhundert. Der bekannteste
manca geboren. Er entstammte einer jü- lich aus den Quellen, die christliche Ge- von ihnen ist Levi ben Gerson, der mit
dischen Familie, die zuvor in Frankreich lehrte aus allen Teilen Europas an die eigenen Beobachtungen und Kritik am
beheimatet war und Anfang des 14. Jahr- dortige Universität gebracht hatten. Sei- ptolemäischen Gedankengebäude für da-
hunderts ins Exil nach Kastilien gehen ne Kenntnis astronomischer Schriften in malige Verhältnisse eine Außenseiterpo-
musste. Diese spanische Provinz war als Arabisch bezog er vermutlich aus hebräi- sition einnahm. Die Planetentafeln, sei-
Erste von der jahrhundertelangen mus- scher und lateinischer Sekundärliteratur. ne erste astronomische Abhandlung, leg-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 75
ASTRONOMIEGESCHICHTE

ebenfalls in Hebräisch vor: Der »Ha-


z
te Zacuto nach fünf Jahren Arbeit 1478 Wenngleich sich über Salaya eine
Verbindung Zacutos mit der Universität
vermieden es offenbar, sich gegenseitig
zu zitieren.
Chibbur hag-Gadol« (»Die große Zu- Salamanca herstellen lässt, bleibt die Be- Zu einem unbekannten Zeitpunkt
sammenstellung«) enthielt Regeln und ziehung zu dieser Institution unklar. Die wechselte Zacuto von Salamanca nach
Tabellen, mit denen man die Positionen von manchen Autoren geäußerte Mei- Gata in der südlich von Kastilien gelege-
der Planeten vorherberechnen konnte. nung, Zacuto habe an der Universität nen Provinz Cáceres nahe der Grenze zu
Drei Jahre später übersetzte Juan de Sa- Salamanca studiert oder dort sogar den Portugal. Dort fand er offensichtlich ei-
laya, der von 1464 bis 1469 den Lehr- Lehrstuhl für Astronomie übernommen, nen Gönner in Gestalt von Juan de
stuhl für Astronomie an der Universität lässt sich nicht belegen. Der jüdische Ge- Zúñiga y Pimentel. Dieser war der letzte
Salamanca innegehabt hatte, mit Zacu- lehrte und seine christlichen Forscher- Großmeister des Ordens von Alcántara,

ih eB n ilGreü nld ien


tos Unterstützung den »Chibbur« ins kollegen machten zwar wechselseitigen eines geistlichen Ritterordens, der »zur

kö nenw irIh n ed d r
Kastilische. Gebrauch von ihren Schriften, aber sie Verteidigung des christlichen Glaubens
und zum ewigen Kriege gegen die Mau-
ren« verpflichtet war.
Astrologen und Kalendermacher Im Auftrag Zúñigas verfasste Zacuto
1486 eine »Kurze Abhandlung über die
Die Astronomen des Mittelalters betätig- Einflüsse des Himmels«, später gefolgt
ten sich auch als Sterndeuter. Horosko- von der Schrift Ȇber Sonnen- und
pe wussten die Herrscher nämlich zu Mondfinsternisse«. Ein anderes Werk, in
schätzen, bot doch der – vermeintliche – dem er die Sonnenfinsternis vom 16.
Einblick in die Zukunft ganz offensichtli- Aus urheberrechtlic März 1485 beschrieb, ist verschollen. Ne-
che Vorteile bei anstehenden politischen ben diesem astronomischen Ereignis sind

f ü r s pä te r n
Entscheidungen. Bis in die Neuzeit hi- nicht online zeigen. nur drei weitere eigene Beobachtungen
nein vermischte sich die Astrologie mit Zacutos gesichert: 1474 verfolgte er eine
der Astronomie. Selbst Johannes Kepler Bedeckung des Sterns Spica durch den
(1571 –1630), der die Gesetzmäßigkei- Mond, am 24. Juli 1476 eine Bedeckung
der Venus durch den Mond und eine

ehrauztluiäsüncdbC
eäersslfarhMeuinnf,3dt6eahs5nr,2delärnjguerliaw
ten der Planetenbewegung erkannte

m nsc
und dem heliozentrischen Weltbild zum Sonnenfinsternis am 29. Juli 1478.
Für Spanien war das Jahr 1492 in

–eit
Durchbruch verhalf, erstellte für ver-
schiedene Auftraggeber persönliche Ho- dreierlei Hinsicht bedeutend. Zunächst
roskope. Das so genannte Horoskop Wal- gelang es den christlichen Heeren Gra-
Den größten praktischen Nutzen hat- o lensteins, das Johannes Kepler nada einzunehmen, die letzte Bastion
ten die Kenntnisse der Astronomen je- kurz nach 1600 den Feld- der Mauren auf der Iberischen Halbin-
doch für alltägliche Dinge der religiös ge- herrn Albrecht von Wallenstein erstellte. sel. Dann wurden alle nicht getauften
prägten Gesellschaften. Im Orient waren Juden des Landes verwiesen. Und
dies vor allem die Bestimmung der Kibla schließlich entdeckte Christoph Kolum-
bus – unterwegs in spanischen Diensten

i R
(der nach Mekka orientierten Gebets- men. Ab dem 13. Jahrhundert war nicht

ür e n
richtung), die Berechnung der täglichen he – den amerikanischen Kontinent.
Während Spanien damit den Grund-

läu8f2eingeführtw
Gebetsstunden sowie die Sichtbarkeit Kalender von den astronomischen Da-
stein zur Weltmacht legte, musste sich

uardhert,w
der schmalen Mondsichel nach Neu- ten abwich. Da die J
mond, die im islamischen Mondkalen- von J Tage festge- der Jude Zacuto ins portugiesische Exil
der den Monatsanfang festlegte. legt – r ar als begeben. Portugal hatte ebenfalls die ers-
das t hliche Sonnenjahr, hatte sich ten Schritte zur Seefahrernation hinter
sich: Madeira, die Azoren und die Kap-

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Auch der Kalender des christlichen Abend- diese Differenz im Laufe der Jahrhun-

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verdischen Inseln waren entdeckt, erste

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lands orientierte sich an astronomischen derte so weit aufsummiert, dass sich

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Fixpunkten. So sollte nach dem Be- die kirchlichen Feste um mehrere Tage Stützpunkte auf dem afrikanischen Kon-
tinent eingerichtet. König Johann II. för-

afürdieK üastedonrtsdiebsgteim ogrefinzukönLäen.des


schluss des Konzils zu Nicäa im Jahr 325 von den astronomischen Terminen un-
derte die Entdeckungsfahrten mit dem

andarthem
das Osterfest stets auf den ersten Sonn- terschieden. F eform des juliani-
tag nach dem ersten Vollmond im Früh- schen Kalenders, die nach mehreren An- Ziel, um Afrika herum den Seeweg nach
ling fallen. Der Frühlingsbeginn – also en schließlich von Papst Gregor XIII. Indien zu erschließen. Dazu brauchte er
die Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche – 15 ar die Mitar- neben Kartografen und Mathematikern
wurde dabei auf den 21. März festge- beit von Astronomen unentbehrlich. auch Astronomen. Trotz der in Portugal
legt. Der so genannte Fastensonntag Etwa zu jener Zeit entstanden auch ebenfalls vorhandenen antisemitischen
wurde sieben Wochen vor Ostern ange- die ersten Sternwarten in Europa – Strömungen gelang es Zacuto deshalb,
setzt, die Feiertage Himmelfahrt, Pfings- ebenfalls aus einem praktischen Be in die Dienste König Johanns II. und –
ten und Fronleichnam hingegen 40, 50 nis heraus: Die Seef nach dessen Tod 1495 – seines Nachfol-
beziehungsweise 60 Tage nach Ostern. gend ein Verfahren, um fernab der gers Emanuel I. zu treten.
Die Kalenderberechnung blieb seit- sc Doch auch an seiner neuen Wir-
dem ein St Astrono- St kungsstätte holte Zacuto das Schicksal
ein. 1497 wurden die Juden in Portugal

76 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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zwangskonvertiert. Zacuto setzte sich
mit seinem Sohn Samuel nach Nordafri- Die Alfonsinischen Tafeln und ihre Nachfolger
ka ab und ließ sich in Tunis nieder. Dort
beendete er die Arbeit an seinem Ge- Der Hof des kastilischen Königs Alfonso X.
schichtswerk »Sefer Yuchasin« (»Buch (1221–1284, K nig seit 1252) in Toledo
der Genealogien«). Im Folgejahr verfass- entwickelte sich zum kulturellen und Detail
te er eine astrologische Theorie der Ge- wissenschaftlichen Mittelpunkt der Ibe- der astrono-
schichte, derzufolge Finsternisse und ge-


rischen Halbinsel. Im Auftrag des Re- mischen Uhr im
wisse Planetenstellungen die Gescheh- genten erstellte ein Astronomenkollegi- Chorumgang der Ni-
nisse auf der Erde bestimmen sollten. um, dem die beiden j dischen Gelehrten kolaikirche in Stralsund: der
Die »Chibbur«-Tabellen, die er ur- Jehuda ben Mose und Isaak ben Sid an- spanische Alfonso X.,
sprünglich für das Jahr 1473 berechnet geh rten, in den Jahren 1263 bis 1272 genannt der Weise.
hatte, passte Zacuto nun an das Jahr ein astronomisches Tabellenwerk. Diese
1501 an. Später, als er nach Damaskus so genannten Alfonsinischen Tafeln ent-
und Jerusalem weitergezogen war, be- hielten alle Daten und Hilfsmittel, die nach 1320 mehrere europ ische Astro-
rechnete er neue Planetentafeln, die mit man brauchte, um – auf der Grundlage nomen – wie Jean de Saxe, Jean de

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dem Jahr 1513 begannen und an den des ptolem ischen Planetensystems – Murs und Jean de Linières in Paris –, ei-

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jüdischen Kalender sowie den Meridian

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die Positionen von Sonne, Mond und gene Kanones zu verfassen, die den

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von Jerusalem angepasst waren. Als Planeten zu bestimmten Zeiten zu be- »kop osen« Tafeln beigestellt wurden.

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mehrfach Vertriebener starb Zacuto um

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rechnen. Das Tafelwerk sollte die Toleda- Diese lateinischen Ausgaben der Al-

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1515 fernab seines Geburtsorts, aber in nischen Tafeln ersetzen, die der muslimi- fonsinischen Tafeln waren enorm erfolg-
der Heimat seines Glaubens. sche Astronom Ibn as-Sarkali (auch unter reich; sie erschienen ab 1483 in einer
dem latinisierten Namen Arzachel be- Vielfalt gedruckter Ausgaben. Sie domi-
In Diensten der kannt) um 1070 herausgegeben hatte. nierten die europäische Astronomie, bis
»Junta dos Mathematicos« 1551 Erasmus Reinhold die Preußischen
Diese kurze Skizze von Zacutos Biografie Zwei sehr verschiedene Versionen der Al- oder Prutenischen Tafeln veröffentlichte.
zeigt, wie stark sein persönliches Schick- fonsinischen Tafeln haben sich erhalten: Diese Planetentafeln – benannt zu Eh-
sal durch seine Religion und Profession einerseits der originale kastilische Text ren des Herzogs Albrecht von Preußen –
mitbestimmt wurde. Solch unstete Le- der Kanones (Anleitungen zur Nutzung stützten sich auf die heliozentrische The-
bensumstände sind in der Geschichte der Tafeln), f r die allerdings die zugeh - orie von Nikolaus Kopernikus. 1627
der Wissenschaft freilich nicht selten. rigen nummerischen Tabellen nicht ber- schließlich druckte Johannes Kepler die
Man denke beispielsweise an die in den liefert sind; andererseits erschienen in Rudolfinischen Tafeln, die er nach den
1930er Jahren aus Deutschland vertrie- Paris revidierte nummerische Tafeln mit Beobachtungen von Tycho Brahe berech-
benen jüdischen Forscher. lateinischen Inschriften und ohne Kano- net und dem verstorbenen Kaiser Ru-
Dass Staaten allerdings auch in der nes. Jene zweite Version motivierte dolf II. gewidmet hatte.
Lage sein können, ihre Prinzipien hint-
anzustellen, wenn sie sich dadurch einen
Vorteil versprechen, zeigt Zacutos Wer- tografie, Astronomie und Mathematik Grundlage für die Bestimmung der
degang ebenso wie eine weitere moderne besaßen. In diese illustre Runde der Planetenbewegungen waren periodische
Parallele: Nach Ende des Zweiten Welt- Seefahrtkommission, der so genannten Zyklen dieser Wandelsterne, die seit äl-
kriegs waren die deutschen Ingenieure, »Junta dos Mathematicos«, fand der Jude testen Zeiten bekannt sind. Dazu gehö-
welche die erste Fernrakete gebaut hat- Zacuto genauso Eingang wie ein aus ren der Tages- und der Jahreslauf der
ten, begehrte Gäste in den USA bezie- Nürnberg stammender Kaufmann na- Sonne, die wechselnden Lichtgestalten
hungsweise in der Sowjetunion. Nach- mens Martin Behaim (siehe Kasten auf des Monds innerhalb eines Monats und
dem sie dort ihre Pflichten getan und S. 80). seine Bahn zwischen den Fixsternen, die
dem Raketenprogramm der beiden Su- Mit der Verbesserung der Navigation Sichtbarkeiten von Merkur und Venus
permächte zur Initialzündung verholfen übernahmen die Astronomen des 15. am Morgen- oder Abendhimmel sowie
hatten, erinnerte man sich wieder ihrer Jahrhunderts nun eine dritte Aufgabe. die Umlaufperioden und Schleifenbah-
unbequemen Herkunft und verwies sie – Jahrhundertelang hatte ihre Tätigkeit im nen von Mars, Jupiter und Saturn.
zumindest die meisten – des Landes. Wesentlichen zweierlei umfasst: astrolo- Bereits babylonische Astronomen
Rund 450 Jahre vor Wernher von gische Vorhersagen zu machen sowie den rechneten in Zyklen, in denen sich die
Braun und seiner V2-Rakete war es Kalender zu berechnen (siehe Kasten Stellungen der Planeten zueinander wie-
Portugals ehrgeiziges Flottenprogramm, links). Für all diese Dinge war es uner- derholen. Ptolemäus nutzte diese himm-
das der aufstrebenden Seefahrernation lässlich, die Positionen von Sonne, lischen Rhythmen, um die Planetenbe-
helfen sollte, eine Weltmachtstellung Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter wegungen mit seinem Epizykelmodell zu
einzunehmen. Um ein verlässliches Sys- und Saturn – die damals alle als Him- erklären (siehe Kasten auf S. 79). In Ta-
tem zur Positionsbestimmung und Na- melskörper angesehen wurden, die sich bellenwerken wurden die Planetenpositi-
vigation fernab der Küsten zu erarbeiten, um die Erde bewegen – und ihre Stel- onen und andere Phänomene für einen
zog der portugiesische Königshof all jene lungen zueinander für beliebige Zeit- längeren Zeitraum in Tagesschritten auf-
als Berater heran, die Kenntnisse in Kar- punkte berechnen zu können. gelistet.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 77
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ASTRONOMIEGESCHICHTE

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Dieser Ausschnitt aus dem »Alma- Auf dieses Kompendium wiederum
l nach perpetuum« zeigt die zwei- stützte sich Zacuto weitere 200 Jahre
te te (Monate September bis Februar) später, als er seine Planetentafeln, den
des ersten Jahres eines Zy- »Chibbur«, erstellte. Dieses Werk besteht
klus die Position der Sonne auf der Eklip- aus zwei Teilen: einem Kanon genannten
tik. Angegeben ist die ekliptikale einführendem Lehrbuch und zahlreichen
die innerhalb jedes Tierkreiszeichens von nummerischen Tafeln, die auf dem julia-
null bis 30 Grad gemessen wurde. Zacuto nischen Kalender basieren. Der Kanon
beginnt das Jahr am 1. und gibt ist in 19 Kapitel aufgeteilt, die den 19-

JULIO SAMSO / AUS: »ALMANACH PERPETUUM«, 1496, FAKSIMILE, EDITION LEIRIA, LISSABON 1986
jeden Tag die wahre der Sonne in jährigen metonischen Zyklus widerspie-
Grad, Minuten und Sekunden an. geln (benannt nach dem Griechen Me-
ton, der im 5. Jahrhundert v. Chr. fest-
stellte, dass die Mondphasen nach dieser
Zeitspanne wieder auf die gleichen Tage
Solche »ewigen Tafeln« hießen im des Jahres fallen.) Diese Besonderheit
Mittelalter »Almanache«. Wenngleich drückt die Absicht Zacutos aus, seine Ta-
das Wort arabischen Ursprungs ist, bellen speziell für den jüdischen Luni-
konnten die Etymologen seine Herkunft solarkalender zu berechnen. Deswegen
nicht sicher klären. Es taucht erstmals in konzentrierte er sich auf die Positionen
einer – nur in Latein erhaltenen – von Sonne und Mond und deren beson-
Schrift des jüdischen Gelehrten Abra- dere Stellungen zueinander, die mit der
ham Ibn Ezra auf, der im 12. Jahrhun- Entstehung von Sonnen- und Mondfins-
dert auf der Iberischen Halbinsel und in ternissen zusammenhängen.
Italien wirkte. In der Neuzeit setzten
sich für solche Tabellenwerke die Begrif- Der »Almanach perpetuum«
fe »Planetentafeln«, »Ephemeriden« und Aus dem »Chibbur« entstanden eine Rei-
schließlich »Jahrbuch« durch. he von Übersetzungen und modifizier-
In einem in London aufbewahrten Den ältesten bekannten Almanach ten Planetentafeln: Der jüdische Gelehr-
Papyrus, der ein Horoskop für das Jahr aus dem maurischen Spanien verfasste te Joseph Vizinus – ein Mitglied der
81 n. Chr. enthält, heißt es: »Die alten as-Sarkali (latinisiert: Arzachel) um 1070 »Junta dos Mathematicos« am portugie-
Männer von Ägypten, die die himmli- in Toledo. Die Nachfolger dieser Toleda- sischen Königshof – veröffentlichte eine
schen Körper getreulich studiert und die nischen Tafeln entstanden rund 200 Jah- ins Lateinische sowie ins Kastilische
Bewegung der sieben Götter gelernt hat- re später an gleichem Ort, diesmal aller- übersetzte Sammlung mit dem Titel »Al-
ten, brachten alles zusammen und ord- dings unter veränderten Rahmenbedin- manach perpetuum«. Die erste Ausgabe
neten es in ewigen Tafeln, und sie über- gungen. Denn längst hatten kastilische dieser Planetentafeln wurde 1496 in der
lieferten uns großzügig die Kenntnis die- Truppen die zentralspanische Stadt von portugiesischen Hafenstadt Leiria ge-
ser Dinge. Aus diesen Tafeln habe ich für den Arabern zurückerobert; Toledo war druckt. Zacuto war in diese Variante ver-
jeden der sieben genau berechnet und nun Königsresidenz. Im Auftrag von mutlich nicht involviert.
angeordnet nach Graden, Minuten und König Alfonso X., einem Förderer der Verschiedene Merkmale der Erstaus-
Sekunden die Aspekte und Phasen und, Künste und der Wissenschaften, berech- gabe lassen erkennen, dass der »Alma-

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um keine Zeit zu verlieren mit der Auf- nete ein Astronomenkollegium neue Ta- nach« für ein christliches Publikum ge-
zählung der einzelnen Punkte, schlicht bellen, die Alfonsinischen Tafeln (siehe dacht war. Die zahlreichen Schreib- und
alles, was ihre Untersuchung betrifft.« Kasten auf S. 77). Satzfehler – die darauf hindeuten, dass
das Tafelwerk hastig für den Druck vor-

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bereitet wurde – sind in einer zweiten

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Ausgabe zum Teil korrigiert. Der He-

Die Position von Planeten zu be-


l rechnen, war einst olle Hand-
arbeit. Muslimische Gelehrte im mauri-
schen Spanien konstruierten deshalb
spezielle Rechenscheiben. Statt zeitauf-
mit Tabellen und Zahlenkolonnen
zu hantieren, es nun, die Skalen
auf der Scheibe einzustellen. Hier Rekon-
struktionen der im 11. Jahrhundert ent-
JULIO SAMSO

worfenen Planetenrechner von Ibn as-


Samh (links) und as-Sarkali.

78 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Die Zyklen der Planeten und die Berechnung ewiger Tafeln
G Epizykel
Den Vorstellungen in der Antike zufolge sollten sich die Planeten
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– zu denen damals auch Sonne und Mond zählten – als göttli-
che Körper mit gleichförmiger Geschwindigkeit auf idealen P M
Kreisen bewegen. Da die Wandelsterne am Himmel aber Unre-
gelmäßigkeiten zeigen wie Schleifenbahnen und Helligkeitsän-
derungen und selbst die Sonne verschiedene Bahnstücke mit
unterschiedlicher Geschwindigkeit durchläuft, ersann Ptole-
mäus im 2. Jahrhundert n. Chr. ein geniales Modell, das die Be- A

obachtungen recht genau zu erklären vermochte.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: JULIO SAMSO


In diesem Modell (rechts) bewegt sich der Planet P mit kon- Z

stanter Geschwindigkeit auf einem kleinen Kreis, dem Epizykel,


dessen Mittelpunkt M sich ebenfalls mit gleichförmiger Ge- E
schwindigkeit auf einem größeren Trägerkreis, dem Deferenten,
Deferent
bewegt. Um die beobachteten Ungleichheiten der Planetenbe-
wegung nachzubilden, führte Ptolemäus eine Korrektur ein. Die
gleichförmige Umlaufbewegung des Epizykels sollte nicht um
das Zentrum Z des Deferenten stattfinden, sondern um einen
Ausgleichspunkt A. Dieser auch punctum aequans oder Äquant
genannte Punkt wurde genauso weit vom Zentrum Z verscho-
ben wie die Position der Erde E in die andere Richtung. Planet n Sonnen- m Umläufe des p Umläufe
jahre Epizykelzentrums M des Planeten P
Diese Konstruktion lieferte passable Ergebnisse, erschwerte aber auf dem auf seinem
Deferenten Epizykel
die Berechnung der Planetenpositionen. Um überhaupt rech-
nen zu können, brauchte man zunächst Angaben über die mitt- Saturn 59 2 57
lere Bewegung der Planeten. Dazu diente das Verhältnis ihrer Jupiter 71 6 65
Umlaufperioden. Wenn ein Sonnenjahr vergangen ist, steht die Mars 79 42 37
Sonne wieder an der gleichen Stelle im Tierkreis. Nach einer
Venus 8 8 5
synodischen Periode hat ein Planet relativ zur Sonne und zur
Erde wieder die gleiche Stellung am Firmament erreicht, aber Merkur 46 46 145
erst nach einem Vielfachen davon geschieht dies wieder zur

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gleichen Jahreszeit. Die erste Sichtbarkeit der Venus am

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Morgenhimmel zum Beispiel wiederholt sich alle 584 Tage.
Das Fünffache dieser synodischen Periode entspricht acht Son-
nenjahren. In dieser Zeit hat der Planet achtmal den gesamten
Tierkreis durchwandert. Für Jupiter hingegen entsprechen 65
synodische Perioden 71 Jahren und sechs kompletten Umrun-
dungen des Firmaments. Diese Zahlenverhältnisse, die bereits
den Babyloniern bekannt waren, lassen sich nun auf das ptole-
mäische Planetenmodell übertragen. In n Sonnenjahren vollen-
det dabei der Mittelpunkt des Epizykels m Umläufe auf dem
Deferenten; in der gleichen Zeitspanne läuft der Planet p-mal Aus urheberrechtlic
auf seinem Epizykel herum.
Auf diese Weise wiederholen sich die Positionen der Plane-

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nicht online zeigen.

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ten nach einem Zyklus von n Jahren an denselben Tagen des
solaren Jahres. Dadurch genügt es, für jeden Planeten einen

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Zyklus komplett auszurechnen, um Tafeln von unbegrenzter
Gültigkeit zu erhalten: Der Nutzer beschränkt sich darauf fest-
zustellen, welche Ordnungsnummer das laufende Jahr inner-
halb eines jeden Zyklus hat und liest dann in den Tafeln zu dem
gewünschten Tag den Längengrad des jeweiligen Planeten ab.
BIBLIOTHÈQUE NATIONALE, PARIS

Diese Miniatur aus der Zeit um 1325 zeigt das geozentri-


r sche Weltbild: der Erde die sieben Gestirne Mond,
Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn sowie die
tvater als Sc .

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 79
ASTRONOMIEGESCHICHTE z
Georg Peuerbach, Regiomontanus und Martin Behaim
obachtungen durchzuführen. In Regiomontanus fand Peuerbach
Drei Landratten als Pioniere einen fähigen Mitarbeiter.
der astronomischen Navigation Im Jahr 1461 lud Kardinal Bessarion, ein Förderer der Wissen-
schaften und Sammler griechischer Handschriften, Peuerbach und

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Nicht nur auf der Iberischen Halbinsel erhielt die Astronomie im Regiomontanus ein, in Rom die unverfälschten griechischen Origi-

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15. Jahrhundert befruchtende Anstöße. Auch in Mitteleuropa nale zu studieren. Wegen des plötzlichen Tods Peuerbachs muss-
war die Zeit reif für Neuerungen. Die abendländischen Gelehr- te Regiomontanus das Vorhaben alleine ausführen. Er vollendete
ten hatten jahrhundertelang die Himmelsphänomene rein philo- die Übersetzung des »Almagest«, die für mehrere Generationen
sophisch-theologisch gedeutet. Praktische Beobachtungen wa- zu einem grundlegenden Lehrbuch der Astronomie wurde.
ren verpönt gewesen. Und das Wissen der Griechen war bereits Ab 1468 hatte Regiomontanus die Position eines Hofastrono-
in der Frühzeit des Christentums aus dem kollektiven Gedächt- men des ungarischen Königs Matthias Corvinus inne. In jener Zeit

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nis verbannt worden, weil es als heidnisches Teufelszeug galt.


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Doch mit der eingeläuteten Renaissance setzten sich auch in
der Himmelskunde neue Denkweisen durch. Regiomontanus errechnete nicht nur Gestirnspositionen,
Einer der Männer, der mit den Traditionen brach und der beob- u sondern baute auch einfache wie den Jakobs-
achtenden Astronomie in Europa zu ihrem Recht verhalf, wurde he Hilfsmit eefahrt.
1436 als Hans Müller im fränkischen Städtchen Königsberg öst-
lich von Schweinfurt geboren. Der Name Regiomontanus (latei-
nisch: »Königsberger«), unter dem ihn die Nachwelt kennt, kam
erst Jahrzehnte nach seinem Tod in Gebrauch.
Bereits im Alter von elf Jahren begann Regiomontanus an der
Universität Leipzig zu studieren. Um 1450 wechselte er nach Aus urheberrechtlic
Wien. Sein Lehrer, der Humanist und Mathematiker Georg Peu-
erbach (1423 –1461), hatte sich während eines mehrjährigen Itali- nicht online zeigen.
enaufenthalts in die Werke der antiken Astronomen eingearbei-
tet. Diese Bücher lagen in Übersetzungen aus dem Arabischen
vor, in die sich allerdings zahlreiche Übertragungsfehler einge-
schlichen hatten. Peuerbach machte sich daran, den »Almagest«
des Ptolemäus neu zu übersetzen. Zudem begann er, nach den
Beschreibungen in den griechischen und arabischen Quellen as-
tronomische Instrumente zu fertigen und mit ihnen Himmelsbe-

rausgeber dieses Werks hatte offenkun- stand durch die zahlreichen Expeditio- gesellte sich 1507 auch eine arabische
dig Zugang zu den Planetentafeln, die nen, mit denen Portugal und Spanien Version, die ein jüdischer Arzt – vermut-
der deutsche Astronom Regiomontanus sich anschickten, die Weltmeere und fer- lich in Konstantinopel – anfertigte. Nen-
1467 erstellt hatte und die 1490 unter ne Länder zu erobern, ein hoher Bedarf nenswerte Verbreitung im Orient fand
dem Titel »Tabulae directionum« in an astronomischen Tabellenwerken. Nur jedoch erst eine zweite Übersetzung ins
Augsburg gedruckt wurden. So ist der mit der Hilfe des »Almanach« konnten Arabische, die ein Jahrhundert später am
Einleitungstext im »Almanach« praktisch Seefahrer auf hoher See navigieren. entgegengesetzten Ende des Mittelmeers
eine wortwörtliche Übernahme aus Re- entstand. Der Muslim Achmad Ibn Qa-
giomontanus’ »Tabulae«. Begleiter auf allen Meeren sim al-Hadschari hatte 1599 Spanien
In diesen kleinen Details der von Vi- Den »Almanach perpetuum« nutzten verlassen und sich im marokkanischen
zinus bearbeiteten Planetentafeln spie- denn auch viele Abenteurer auf ihren ge- Marrakesch niedergelassen, wo er sich als
geln sich zwei stürmische Entwicklungen fahrvollen Reisen. Im Juli 1497 stach Übersetzer in die Dienste eines Sultans
wider, die im 15. Jahrhundert den Auf- Vasco da Gama zu seiner berühmten In- begab. Al-Hadschari hatte zu den Moris-
schwung der Astronomie beflügelten. dienreise in See, die ihn um die Südspit- ken gehört – so nennt man die Mauren,
Zum einen sorgte der von Gutenberg er- ze Afrikas führte. Ende 1498 und An- die nach Ende der arabischen Herrschaft
fundene Buchdruck mit beweglichen fang 1500 erreichten portugiesische und in Spanien zurückgeblieben waren und
Lettern in ganz Europa für eine rasche spanische Seefahrer die Küste Brasiliens. zumindest nach außen hin die christli-
Verbreitung astronomischer Werke. Ins- Auch Christoph Kolumbus, der auf sei- che Religion angenommen hatten.
besondere Kalender und Planetentafeln ner ersten Reise 1492 bereits Zacutos Wenngleich Zacuto selbst mehrere
gehörten zu den bevorzugten Druck- »Chibbur« benutzte, hatte auf seinen Jahre im Maghreb gelebt hatte, wirkte
erzeugnissen jener Zeit; der »Almanach späteren Fahrten den »Almanach« dabei. sich dies offenbar nicht auf die Verbrei-
perpetuum« war überhaupt die erste wis- Spätere Ausgaben des »Almanach tung seiner Planetentafeln im arabisch-is-
senschaftliche Abhandlung, die in Portu- perpetuum« erschienen ab 1498 in Ve- lamischen Raum aus. Erst die Überset-
gal gedruckt wurde. Zum anderen be- nedig. Zu diesen lateinischen Fassungen zung von al-Hadschari, die in mehreren

80 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
schuf er mehrere astronomische Tafelwerke und konstruierte
neue Messinstrumente. 1471 schließlich ließ sich Regiomonta-
nus in Nürnberg nieder und errichtete dort eine kleine Sternwar-
te, eine Druckerei sowie eine Werkstatt für den Instrumenten-
bau. Die von ihm errechneten Planetentafeln – in denen er für
jeden Tag der Jahre 1475 bis 1506 die Positionen der Himmels-
körper angab – machten ihn im In- und Ausland berühmt.

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Als ausgewiesener Kalenderfachmann wurde Regiomonta-

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nus 1475 von Papst Sixtus IV. nach Rom gerufen, um eine Re-
form des julianischen Kalenders auszuarbeiten. Doch nach
knapp einjährigem Aufenthalt dort starb der Astronom – im Al-
ter von nur vierzig Jahren – an der Pest. So sollte noch ein wei-
teres Jahrhundert vergehen, bis die Kalenderreform schließlich
unter Papst Gregor XIII. zu Stande kam.

Ein junger Kaufmann aus Nürnberg trug zur Verbreitung von Regi-
omontanus’ Instrumenten und astronomischen Tafeln bei: Mar- Noch ohne Kenntnis der Reisen des Kolumbus’ konstru-
tin Behaim (etwa 1459 – 1506). Auf seinen Handelsreisen brach- o ierte der Kaufmann Martin Behaim in 1492
te er die Kunde davon nach Portugal. Erstmals scheint er sich den »Erdapfel« Welt.
1482 in Lissabon aufgehalten zu haben – in dem Jahr, in dem
Christoph Kolumbus vergeblich am portugiesischen Königshof
um Unterstützung für seine geplante Westfahrt nach Indien messgerät aus zwei gekreuzten Stäben, mit dem sich die Ab-
nachgesucht hatte, und nur ein Jahr, nachdem Zacutos kastili- stände der Gestirne vom Horizont bestimmen lassen (Bild
sche Ausgabe des »Chibbur« erschienen war. links). Im Gegensatz zu bisherigen Instrumenten wie etwa den
Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in seiner Heimat- Astrolabien konnte dieses Gerät – ein Vorläufer des späteren
stadt kehrte Behaim um 1484 nach Lissabon zurück. In seinem Sextanten – nicht nur auf festem Boden, sondern auch auf
Gepäck befanden sich neben Regiomontanus’ Tabellenwerken dem schwankenden Deck eines Schiffes eingesetzt werden.
auch astronomische Instrumente, die Nürnberger Handwerker Behaim wurde in die »Junta dos Mathematicos« aufgenom-
aus Metall hergestellt hatten. men und nahm an Entdeckungsfahrten entlang Afrikas Küste
Für die aufstrebende Seefahrernation Portugal erwies sich teil. Seine dabei erworbenen Kenntnisse nutzte er später für
insbesondere der Jakobsstab als förderlich. Dies ist ein Winkel- die Herstellung seines berühmten »Erdapfels« (Bild oben).

Handschriften erhalten ist, zog die Auf- Die beiden arabischen Übersetzun- Uwe Reichert hat in Physik
merksamkeit maghrebinischer Gelehrter gen des »Almanach perpetuum« stellen promoviert und ist Redakteur bei
auf sich. Im 17. und 18. Jahrhundert somit eines der wenigen Beispiele dar, in Spektrum der Wissenschaft. Zu
seinen besonderen Interessens-
entstand eine Reihe von Kommentaren denen sich ein gewisses Interesse der ara- gebieten gehört die Astronomie-
und Zusammenfassungen, die sich einge- bisch-islamischen Welt an der wissen- geschichte.

A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
hend mit der Positionsbestimmung an- schaftlichen Tradition der europäischen
Abraham Zacuto y la astronomía europea en el
hand des »Almanach« befassten. Aller- Renaissance manifestiert. Die gängige mundo árabo-islámico. Von Julio Samsó in: Inves-
dings gab es auf Grund der Schwierigkei- Ansicht ist die, dass der Wissenstransfer tigación y Ciencia, Juli 2003, S. 68
ten für einen arabischen Leser, zwischen nur in einer Richtung stattfand, nämlich
Astronomy in the Iberian Peninsula. Abraham Za-
dem Lateinischen und dem Kastilischen vom Orient in das Abendland. In gewis- cut and the transition from manuscript to print.
zu unterscheiden, einige Verwirrungen sem – wenngleich bescheidenerem – Von José Chabás und Bernard R. Goldstein. Trans-
über die Autorenschaft. Mal erschien Za- Maße rezipierten jedoch zu Beginn der actions of the American Philosophical Society, Bd.
cuto als Christ, mal Joseph Vizinus als Neuzeit auch arabische Gelehrte die 20, Heft 2. Philadelphia 2000
muslimischer Übersetzer namens Jusuf Werke europäischer Autoren. Islamic Astronomy and Medieval Spain. Von Ju-
al-Andalusi. Gelegentlich erhielt Zacuto Die Planetentafeln Zacutos mögen lio Samsó. Collected Studies Series, CS428, Vari-
selbst den Vornamen Jusuf angedichtet. eher indirekt auf die Kultur- und Weltge- orum, 1994
Mindestens eine maghrebinische schichte eingewirkt haben. Dennoch ist Almanach perpetuum celestium motuum. Tabulae
Handschrift erreichte Ägypten, zwei wei- sein Einfluss auf die wissenschaftlichen astronomicae Raby Abraham Zacuti astronomi Jo-
tere fanden ihren Weg sogar bis in den und politischen Entwicklungen des 15. hannis Secundi et Emanuelis serenissimorum re-
gum Portugaliae. Von Avraham Ben-Semûel Zak-
Jemen. Dort wurden sie Anfang des 18. Jahrhunderts nicht zu übersehen. Künfti-
kût. Faksimile der lateinischen Ausgabe von 1496.
Jahrhunderts kritisch analysiert und be- gen Forschungsarbeiten wird es vorbehal- J. B. Obernetter, München 1915
nutzt, um neue Ephemeriden zu berech- ten bleiben, seine Rolle in der Universität
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
nen und die erreichbare Genauigkeit mit Salamanca und der »Junta dos Mathe- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Beobachtungen zu vergleichen. maticos« genauer zu beleuchten.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 81
KOSMETIK z
Aus urheberrechtlichen Gründen
können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen.

Das Altern gehört zum Menschsein,


o doch jugendliches Aussehen ge-
nießt einen hohen Stellenwert.

Forschen
gegen Falten
Schönheit ist in unserer Gesellschaft ein hochgeschätztes Gut, doch leider kein
beständiges: Durch Alterung, Umwelteinflüsse und eigenes Verschulden
verliert die Haut ihr straffes Aussehen, die Haarpracht büßt an Glanz ein. Schon
die frühen Hochkulturen kannten Rezepturen dagegen, machten mit Cremes
und Tinkturen gegen Falten und lichtes Haar mobil. Die heutige Kosmetikindus-
trie setzt auf Erkenntnisse aus Medizin und Molekularbiologie.

82 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
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G EN T ECHNIK

Jugend aus der Tube


Glatte Haut und volles Haar – f r ein bl hendes Aussehen ist uns kei-
ne M he zu groß. Auch Molekularbiologen widmen sich mit großem
Eifer diesem Thema.

Von Stefanie Reinberger Thymidine werden ausgeschnitten und


Hautveränderungen, Kontrolltiere ohne
Reparaturcreme bereits nach neun.
»Wir haben lange rumgetüftelt, bis
wir die effektivsten DNA-Stücke gefun-
den haben«, erzählt Ina Hadschiew,
Hautärztin an der Universitätsklinik Ep-
pendorf in Hamburg und ehemalige Mit-
arbeiterin in Gilchrests Labor. Denn nicht
jeder Schnipsel ist gleichermaßen geeig-
net, um die Reparaturmaschinerie anzu-
kurbeln. Zu Anfang experimentierten die
und Bernd Müller Reparaturmechanismen in Gang gesetzt. Forscher mit den für UV-Schäden typi-
Diese Beobachtung macht sich Bar- schen Thymidindoppelpacks. Doch mit

A lt werden wollen wohl die meisten


von uns – aber wer will schon so aus-
sehen? Falten und schütteres Haar stehen
bara Gilchrest von der Universität Boston
zu Nutze. Ihre Überlegung: Wenn man
Hautzellen von außen solche scheinbar
der Zeit kamen sie dahinter, dass DNA-
Stücke mit einer Länge von elf Basen we-
sentlich effektiver arbeiten. Am besten ge-
doch eher am unteren Ende der Attrakti- »defekten« DNA-Stücke zuführt, dann eignet sind übrigens solche, die in ihrer
vitätsskala. Nur: Selbst wenn wir uns kör- müssten diese die Reparaturkolonne mo- genetischen Basenabfolge den Telomeren
perlich und geistig lange fit halten, tickt bilisieren – noch bevor tatsächlich Schä- entsprechen, den Schutzkappen, die sich
unsere biologische Uhr unaufhaltsam, den entstehen. Auf diese Weise lassen an beiden Enden der Chromosomen be-
was sich in unserem Erscheinungsbild wi- sich dann auch Defekte beheben, die be- finden und als biologische Uhr fungieren.

ö
derspiegelt. Neben genetischen Faktoren, reits früher entstanden sind, aber nie
die den einen schneller und den anderen richtig repariert wurden. Gilchrest be-
etwas langsamer altern lassen, sind es vor handelte Mäuse mit einer Lotion, die sol-
allem Umweltfaktoren wie Sonnenlicht che DNA-Schnipsel enthielt, und setzte Die Haut hat viele Funktionen:
und Zigarettenrauch, die molekularbiolo- sie intensivem UV-Licht aus. Tatsächlich: u Schutz gegen mechanische und che-
gische Prozesse in der Haut durcheinan- Die eingeschmierten Nager zeigten erst mische Angriffe, Verdunstungsbarriere
der bringen und Spuren in unserer Kör- nach 16 Wochen Bestrahlung gefährliche und schließlich auch Kontaktfläche
perhülle hinterlassen. Wäre da nicht ein
Mittel wunderbar, das den Alterungspro-
zess bereits an der Basis stoppt? Vielleicht Hornschicht
eine Creme mit einem »Jugend-Gen«? K rnerschicht
So einfach ist es natürlich nicht – Oberhaut
Stachelzellschicht
auch wenn Molekularbiologen die Alte-
rungsprozesse der Haut mittlerweile
Papille Regenerationsschicht
ziemlich gut durchschauen. Und sie ha-
ben auch schon das eine oder andere
Mittel gefunden, das uns in Zukunft Lederhaut
Kapillare
länger jung aussehen lassen soll. Als
Feind Nummer eins glatter Haut gilt ein
Übermaß an Sonnenlicht, insbesondere
seines Anteils an ultravioletter (UV) Strah-
lung. Schon lange ist bekannt, dass es Oberhaut
dem Erbmaterial DNA schaden kann –
gerade in der Haut, auf die diese aggres-
siven Wellenlängen direkt einwirken.
Ganz typisch ist etwa die Bildung so ge- Lederhaut
nannter Thymidin-Dimere: Zwei Thy-
midine – je eine Thymin-Base mit einem
Ribose-Zucker –, die sich in einem DNA-
Strang nebeneinander befinden, werden
durch das Einwirken des UV-Lichts fest
verknüpft. In einem solchen Doppelpack
SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

sind die DNA-Bausteine nun aber nicht Unterhaut-


fettgewebe
mehr als solche erkennbar, was bei der
Vervielfältigung des Erbguts zu Fehlern
und im schlimmsten Fall zu Krebs füh-
ren kann. Hält sich der Schaden in
Grenzen, weiß sich die Zelle aber recht
gut selbst zu helfen. Die verschmolzenen

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 83
KOSMETIK z
»Welcher Zusammenhang zwischen den
Telomeren und unseren DNA-Stücken
besteht, ist noch nicht vollständig klar«,
so Hadschiew. »Aber wir wissen, dass ihr
Schutz hundertmal besser ist als bei den
Thymidin-Dimeren.« Die DNA-Stücke
scheinen sogar so gründlich zu arbeiten,
dass sie möglicherweise bereits vorhande-
l
fen, diese Frage mit er
träg
lic
Welche Gene sind in junger, welche
in reifer Haut aktiv? DNA-Chips hel-
hem Auf-
wand zu beantworten: Testsequenzen von
DNA in den einzelnen Feldern fragen vie-
le Gene gleichzeitig ab.

ne Hautveränderungen rückgängig ma-


chen können, wie erste Studienergebnisse fahren prinzipiell funktioniert, sondern
hoffen lassen. auch herausfinden, in welcher Dosis wir
Der Reparatur von UV-Schäden wid- die Erbinformation zuführen müssen,

BEIERSDORF AG
met sich auch Jean Krutmann von der damit wir überhaupt den gewünschten
Universität Düsseldorf. Er setzt dabei auf Effekt erzielen.«
ein ganz anderes Mittel: die Photolyase, Doch ist eine Gentherapie zu kosme-
ein Enzym, das aus der Blaualge Anacys- tischen Zwecken nicht unumstritten –
tis nidulans gewonnen wird. Das Algen- andeutet, baut dieses das Kollagen im auch wenn Hengges Methode keine dau-
protein erkennt die besagten, für UV- Bindegewebe der Haut ab. Gerade das erhafte Veränderung der Haut nach sich
Licht typischen Thymidin-Dimere in der aber ist gemeinsam mit dem Elastin zieht. Die eingeschleusten Gene integrie-
DNA. Es heftet sich daran, löst die Ver- hauptverantwortlich für die Elastizität ren sich nicht ins Erbgut und bleiben
bindung zwischen den beiden Basen wie- unserer Haut und damit für Jugendfri- daher nur eine Woche lang aktiv. Zudem
der auf und der Schaden ist behoben. sche. Gehen Kollagen und Elastin verlo- werden die behandelten Hautzellen re-
ren, erschlafft das Gewebe und es bilden gelmäßig abgestoßen. »Trotzdem propa-
Die Einmal-Gentherapie sich Falten. gieren wir in unserer Arbeitsgruppe kei-
Krutmanns Photolyasecreme funktio- Ein mögliches Werkzeug, um Nach- ne Gentherapie zur Faltenreduktion«, so
niert so gut, dass sie mittlerweile als Son- schub zu liefern, hat Ulrich Hengge in Hengge. Vielmehr nutzt der Wissen-
nenschutzlotion in der Apotheke erhält- der Hand. Der Hautarzt, der ebenfalls schaftler die Experimente mit Kollagen
lich ist. Doch ist auch sie kein Allheil- an der Universität Düsseldorf tätig ist, und Elastin als ein Beispiel, mit dem er
mittel gegen Hautalterung. Denn nicht schleust die Erbinformation für Kollagen testet, wie gut sein Verfahren funktio-
nur Strahlen aus dem UV-Bereich berau- oder Elastin in die Haut ein, indem er niert, um es später etwa zu einer Be-
ben unsere Hülle ihres jugendlichen Aus- sie in winzige Fettkügelchen, so genann- handlung von Hautkrebs und anderen
sehens. Wie Krutmann und sein Team te Liposomen, verpackt. Hengge und Erkrankungen umzumünzen. Auch Impf-
festgestellt haben, beschleunigt auch das seine Mitarbeiter haben ihre Idee zu- stoffe, die vor gefährlichen Hautverände-
bislang als harmlos erachtete infrarote nächst an Gewebekulturen getestet – mit rungen schützen sollen, sind mit dieser
(IR) Licht den Alterungsprozess. Es ak- Erfolg: Wird die genetische Information Methode denkbar.
tiviert – genau wie UV-Strahlung und für Kollagen oder Elastin derartig ver-

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Zigarettenrauch – ein Enzym namens packt ins Nährmedium gegeben, so be- Hauptschalter für die Alterung?


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Matrixmetalloproteinase I, auch Kollage- ginnen die Zellen die entsprechenden Das Kollagen selbst bleibt jedoch ein
nase I genannt. Wie der Name bereits Proteine zu bilden. »Jetzt gilt es heraus- wichtiges Studienobjekt für Kosmetik-
zufinden, ob wir den gleichen Effekt er- forscher. So entpuppte es sich auch bei
zielen, wenn wir die Kollagen-Gene in den Arbeiten von Stefan Gallinat als ei-

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ren
.
eine Creme verpackt auf die Haut auf- ner der Dreh- und Angelpunkte der
tragen.« Dazu bereiten die Forscher der- Hautalterung. Gallinat sucht in den La-
zeit eine Studie mit Mäusen vor. »Wir bors der Beiersdorf AG in Hamburg
müssen nicht nur beweisen, dass das Ver- nach den molekularen Unterschieden
zwischen dem Bindegewebe junger und
Aus urheberrechtlic alternder Haut. Dabei bedient er sich
der DNA-Chiptechnologie, mit deren
nicht online zeigen. Gegen Haarausfall ist noch kein Hilfe er in einem Arbeitsgang die Aktivi-
l Kraut gewachsen. Doch Berliner tät von Hunderten von Genen unter-
Forscher injizierten Stammzellen in nor- sucht (siehe Spektrum der Wissenschaft,
malerweise haarlose Und 6/2002, S. 62). So kann er schnell erken-
siehe da: Den Nagern sprossen Haare. nen, welche eher in der jungen oder eher
in der reifen Körperhülle aktiv sind oder
U. BLUME-PEYTAVI, KFHH CHARITÉ

ruhig gestellt werden. »Das sind natür-


lich eine ganze Menge Unterschiede,
und die Herausforderung besteht darin,
die relevanten Kandidaten zu identifizie-
ren«, erklärt Gallinat. Sein besonderes
BERLIN

Augenmerk gilt dabei der bereits er-

84 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
wähnten Matrixmetalloproteinase I. Sie Muskelzellen schon lange bekannt. Dass eine Cremetube verpackt – zu kaufen.
nimmt in der alternden Haut deutlich es auch in der Haut eine Rolle spielt, ist Für Blatt ist damit aber noch nicht
zu, und man erkennt einen klaren Zu- relativ neu«, erzählt Blatt. Das Molekül Schluss: »Wir tüfteln immer weiter an
sammenhang zwischen der Aktivität des hat sich als äußerst effizienter Energie- der Zusammensetzung unserer Produk-
zugehörigen Gens, dem Verlust an Kol- speicher entpuppt, den die Zelle immer te, etwa an Kombinationen von Kreatin
lagen und einer faltigen, lederartigen dort nutzen kann, wo er gerade benötigt mit anderen Molekülen, um dadurch ei-
Haut. Gallinat und sein Team haben es wird. Dabei ist es übrigens den anderen nen optimalen Effekt für die Haut zu er-
sich zur Aufgabe gemacht, noch mehr Vorratsmolekülen weit überlegen. zielen.« Ein Kandidat dafür ist beispiels-
solcher Schlüsselenzyme zu finden oder weise das Coenzym Q10, das bei der
am besten gleich eine zentrale Schaltstel- Kreatin aus der Tube Energiegewinnung in den Mitochondri-
le, die sämtliche Alterungsprozesse der Wahrscheinlich gelangt die Substanz en, den Kraftwerken der Zelle, eine Rol-

näc ä

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r
Haut in Gang setzt – egal ob sie nun ge- über den Blutkreislauf in die Hautzellen. le spielt, aber auch als Antioxidanz vor
netisch bedingt sind oder durch Um- Mit zunehmendem Alter wird aber die schädlichen freien Radikalen schützt.
weltfaktoren ausgelöst werden. »Durch Durchblutung schlechter – und damit Von ihm verspricht man sich einen

t)zu
färb elan
g en
g.
einen solchen Schalter könnten wir das auch der Kreatintransport. Schutz vor Faltenbildung und dem Ver-
Problem an der Wurzel packen«, sagt Blatts Antwort auf dieses Problem: lust der Elastizität.
Gallinat. Er verpackt Kreatin in eine Creme und
Er ist nicht der Einzige, der in Sa- füttert so nach, was auf natürlichem Weg
chen Hautalterung auf Genchips setzt. nicht mehr ans Ziel kommt. »Das funk-
So leitet auch Christos Zouboulis von tioniert ganz hervorragend«, schwärmt Jedes Kosmetikum, das etwas in
der Charité in Berlin gemeinsam mit der Forscher. »Die notwendigen Trans- u der Haut bewirken soll, muss zu-
Stefan Schreiber von der Universität Kiel portmechanismen, die das Speichermo- hst die verhornte Schutz-
ein großes Screeningprojekt, das der Mo- lekül in die Zelle bringen, sind ja in der schicht (goldgelb markiert) durchdringen,
lekularbiologie des Alterns auf die Schli- Haut vorhanden.« Die Früchte seiner um zu lebenden Zellen (Kerne blau ge-
che kommen soll. Unter anderem kon- Arbeit gibt es mittlerweile schon – in
zentriert sich Zouboulis’ Team dabei auf
BEIERSDORF AG

den Hormonstoffwechsel der weiblichen


Haut. Während der Wechseljahre, wenn
die Östrogenproduktion der Eierstöcke
versiegt, stellen die Talgdrüsen der Haut
teilweise über einen gewissen Zeitraum
das weibliche Geschlechtshormon weiter
her und verzögern dadurch den Alte-
rungsprozess der Haut – wie, ist bislang
unklar. »Auf diese Idee sind wir durch
die Diskussion um die Hormonersatz-
therapie gekommen«, so Sabine Fimmel,
Biochemikerin in Zouboulis’ Team. In
großen US-Studien zu dieser künstlichen
Hormonzufuhr wurde nämlich immer
wieder beobachtet, dass die Haut der be-
handelten Frauen länger frisch aussah.
»Wir wollen nun herausfinden, welche
Gene – und damit welche Stoffwechsel-
wege – durch die Östrogenproduktion
in der Haut angeregt werden«, erklärt
Fimmel, »und natürlich auch, wie sie
sich beeinflussen lassen.«
Einen ganz anderen Ansatz als seine
Kollegen verfolgt Thomas Blatt, der wie
Stefan Gallinat in den Hautlabors der
Beiersdorf AG forscht. Denn nicht nur
Veränderungen der DNA oder der Gen-
expression lassen uns alt aussehen. Blatt
widmet sich dem Energiehaushalt der
Hautzellen. Er hat festgestellt, dass die
alternde Körperhülle regelrecht »schlapp
macht«: Ihr mangelt es an einem wichti-
gen Energiespeichermedium, dem Krea-
tin. »Die Bedeutung von Kreatin war für

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 85
KOSMETIK z
Was unseren Kopf ziert, wächst im
so genannten Follikel, und dort unter-
Zusammensetzung gefunden, aber Ulrike
Blume-Peytavi rechnet in zwei bis drei
Mit Geduld und viel Geld kann man
schon heute neue Haare züchten und
halb der Talgdrüse fand Ulrike Blume- Jahren mit ersten klinischen Versuchen. transplantieren. Colin Jahoda von der
Peytavi vor wenigen Jahren einen Hoff- englischen Universität Durham hat aus
nungsträger für alle von der Glatze be- Taxi zum Follikel seinen Haaren dermale Papillen entnom-
drohten Menschen: Stammzellen. Die Während an den Fahrgästen eifrig ge- men und seiner Frau Amanda Reynolds
Leiterin des Klinischen Forschungszent- forscht wird, sind die Taxis zu den Ziel- in den Unterarm gespritzt. Auf ihrem
rums für Haare und Hautphysiologie an orten im Haarfollikel bereits fertig. An Arm wuchsen nach drei Wochen neue
der Klinik für Dermatologie der Berliner der Charité experimentiert das Team von Haare, die genetisch eindeutig männlich
Charité untersucht, wie diese nach oben Blume-Peytavi mit Mikrosphären aus Po- waren. Zu einer Abstoßung kam es dabei
wandern und die Epidermis der Haut lystyren. Die Kunststoffkügelchen haben nicht. Eine Erklärung dafür könnte laut
bei Verletzung heilen, oder sich nach un- einen Durchmesser von 0,75 bis 1,5 Mi- Jahoda sein, dass die Haarzellen einen
ten in die Haarzwiebel ablassen, dort zu krometern und sehen aus wie ein »privilegierten Immunstatus« besitzen.
Papillenzellen werden, die neues Haar Schwamm. In den Poren sollen einmal Ob sich diese Methode jemals durchset-
wachsen lassen und die Pigmentierung die zu transportierenden Wachstumsfak- zen wird, ist fraglich. Zwar lassen sich aus
steuern. Gelänge es, diese potenten Zel- toren Platz finden. Vorerst sind die mole- einer Hand voll Lederhaut-Papillen drei
len bei Bedarf mit Wachstumsfaktoren kularen Taxis in den Reagenzglasversu- Millionen Zellen erzeugen, doch nicht
anzuregen, wären Glatze und graues chen mit Fluoreszenzfarbstoffen beladen, aus allen wachsen Haare. Unklar ist auch,
Haar Vergangenheit. die unter dem konfokalen Lasermikros- wie lange die Haarfollikel überleben. Der
Doch der Weg dahin ist lang. »Haar- kop sichtbar machen, wo die Polystyren- größte Nachteil: Die Haare wachsen in
wachstum ist ein komplizierter Mecha- kügelchen ihren Inhalt freisetzen. Die unterschiedliche Richtungen – ob da
nismus«, sagt Blume-Peytavi. Bis zu Charité-Forscher haben herausgefunden, eine Glatze nicht besser aussieht?
zwanzig verschiedene Zellpopulationen dass sich über deren Durchmesser die
seien beteiligt, die nach einem noch ge- Eindringtiefe steuern lässt: Je kleiner die Stefanie Reinber-
heimen Drehbuch ihren Auftritt haben. Kügelchen, umso weiter gelangen die ger, promovierte Bi-
Weltweit sind zahlreiche Kandidatenmo- Farbstoffe. Mittlerweile schaffen es die ologin und Wissen-
leküle in der Pipeline, die die Zellen akti- Berliner, etwa die Hälfte in der richtigen schaftsjournalistin
vieren oder auch bremsen sollen. Das Re- Tiefe zu entladen. Die Kügelchen sollen in Heidelberg, be-
zept für den Cocktail aus Wachstumsfak- dann vom wachsenden Haar wieder nach trachtet ihre ersten Fältchen noch mit Gelassenheit.
toren ist Betriebsgeheimnis des jeweiligen draußen transportiert und beim Waschen Bernd Müller, Physiker und Wissenschaftsjournalist
Forschers. Noch hat keiner die optimale abgespült werden. in Esslingen, schwört auf Nivea-Creme.

NATURS TOFFE mals hergestellt hat die ringförmige Ami-


nosäure kein findiger Industrieforscher,
Der Natur auf der Spur sondern die Natur: Bakterien produzie-
ren sie, um in Salzseen und Salzwüsten
besser überdauern zu können.
Die kosmetische Industrie setzt verstärkt auf Pflanzen, Bakterien und Wie Ectoin ins Badezimmerregal ge-
Meerestiere als Wirkstoff-Lieferanten. langte, ist eine Geschichte, die in der
Kosmetikbranche gerne erzählt wird.
Von Frank Frick ten neue Sonnenschutzmittel, das Unter- Anfang der 1980er Jahre entdeckte der
nehmen Annemarie Börlind ein neues Mikrobiologe Erwin A. Galinski, heute

L etztes Frühjahr schaffte der Wirkstoff


Ectoin den Sprung gleich in mehrere
Kosmetikprodukte: Shiseido aus Japan
Anti-Aging-Serum mit dieser Substanz.
Alle drei Kosmetikfirmen haben zwar
beim Darmstädter Chemie- und Phar-
an der Universität Bonn, im Wadi Nat-
run, einem ausgetrockneten Flussbett in
der Nähe der ägyptischen Hauptstadt
und Bioderma aus Frankreich präsentier- makonzern Merck eingekauft, doch erst- Kairo, das Bakterium Ectothiorhodospira
MERCK KGAA

a b

86 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
Die Bakterien der Art Halomonas
r elongata produzieren den neuen
Wirkstoff Ectoin in großen Mengen.

halochloris. Er ging der Frage nach, wie


es den hohen Salzkonzentrationen und
der Hitze trotzen kann. Dabei stieß er
auf eine bis dahin unbekannte Substanz,
das Ectoin. Der Gedanke lag nahe, dass
sie in der Lage sein könnte, auch
menschliche Zellen vor Umwelteinflüs-
sen zu schützen.
Später brachten Forscher der Witte-
ner bitop AG natürliche Bakterienstäm-
me durch hohe Salzkonzentrationen
dazu, Ectoin in großen Reaktionsgefä-
ßen in industriell verwertbaren Mengen
herzustellen. Wird der Salzgehalt in der
Nährlösung anschließend verringert, set-
zen die Bakterien das Produkt frei. Die
Merck KGaA erwarb die Lizenzen für
MERCK KGAA

dieses Verfahren und bietet den Wirk-


stoff seit Herbst 2000 der Kosmetik-
industrie an. Zuvor hatten die Unter-
nehmensforscher nachgewiesen, dass Ec- Außerdem übertrifft die Natur den Che- das Aktivstoffe natürlichen Ursprungs
toin tatsächlich Reparatur- und Schutz- miker gelegentlich an Kunstfertigkeit, enthält. Firmen, die als Zulieferer der
mechanismen unterstützt, mit denen die meint der Leiter der Kosmetikforschung Kosmetikindustrie Wirkstoffe verkaufen,
Haut auf schädliche ultraviolette Son- bei Merck, Herwig Buchholz: »Natürli- spüren den Trend: »Konsumenten wen-
neneinstrahlung und andere Stressfakto- che Organismen stellen manche Stoffe den sich natürlichen Inhaltsstoffen zu –

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äärn
btz)li:c
ren reagiert. Außerdem stabilisiert der fa- her, die sich im Labor überhaupt nicht weg von Stoffen aus genetisch modifi-
mose Wirkstoff offenbar den natürlichen oder nur mit extrem hohem Aufwand
Feuchtigkeitshaushalt der Zellen. synthetisieren lassen.«
Doch nutzt die kosmetische Indus-
Starkes Wachstum in einem trie die Natur nicht nur aus wissen-

hepräartenbehandeltw
UV-Licht schadet den so genannten
stagnierenden Markt schaftlichen Gründen als Rohstoffquelle, u Langerhans-Zellen, die im Immun-
Ectoin ist nur ein Beispiel für unzählige sondern auch, weil sich solche Kosmetik system der Haut eine wichtige Rolle spie-
kosmetische Substanzen natürlichen Ur- gut verkaufen lässt. So verzeichnete das len. Der neue Wirkstoff Ectoin vermag dies
sprungs. Forscher gelangen durch syste- Geschäft mit kontrolliert natürlichen zu verhindern, wie das Experiment zeigt
matisches Variieren von Strukturelemen- Produkten nach Angaben des zuständi- (die Langerhans-Zellen wurden ange-
ten zu neuen Wirkstoffen. »Diese Syn- gen Bundesverbands in den vergangenen Die nichtbestrahlte Probe (a) unter-
these- und Optimierungsarbeit hat die Jahren Wachstumsraten von über zehn scheidet sich nicht von der dem UV-Licht
Natur im Lauf der Evolution für uns Prozent – bei einem in Deutschland ins- ausgesetzten, aber geschützten (d). Hin-
schon erledigt«, begründet Roland Bre- gesamt stagnierenden Kosmetikumsatz. gegen ist die Zahl dieser Zellen in der Haut
ves, Leiter der Hygiene-Forschung bei Der Begriff »kontrolliert natürliche Kos- eines Probanden stark reduziert, wenn sie
Henkel, warum Wissenschaftler in der metik« ist dabei allerdings nicht gleich- h ungeschützt (b) oder nur mit
Natur besonders häufig fündig werden. zusetzen mit jedem Kosmetikprodukt, Sc ar (c).

c d

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 87
KOSMETIK

INTERVIEW
z
Die Nadel im Heuhaufen
Wie Computer und Naturheilkundler helfen, neue kosmeti-
sche Substanzen zu finden, erläutert Herwig Buchholz, Leiter
der Kosmetikforschung bei Merck in Darmstadt.

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Spektrum der Wissenschaft: Was sind die wesentlichen Unter-

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schiede zwischen Kosmetik- und Arzneimittelforschung?
Herwig Buchholz: Ein Arzneistoff braucht für den Weg vom La-

MERCK KGAA
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bor in die Apotheke mehr als zehn Jahre. Bei einem Kosmeti-
kum darf die Entwicklungszeit höchstens vier Jahre betragen,
denn die Trends in der Branche verändern sich schnell. Außer- Herwig Buchholz (stehend, links) setzt auf kombinatorische

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dem werden bei pharmazeutischen Wirkstoffen manche Ne- Chemie.

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benwirkungen unter Umständen geduldet, bei den Inhalts-

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stoffen von Kosmetika dagegen nicht.
Spektrum der Wissenschaft: Pharmaforscher erzeugen mit Hilfe erhalten wir wertvolle Hinweise, welche Extrakte eine be-

eänbeinflflfläüüä ü
ktivätdiesrG
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der kombinatorischen Synthese in kurzer Zeit Zehn- oder gar stimmte Wirkung haben k nnten. Wir zerlegen diese in ihre
Hunderttausende von Substanzen. Diese werden dann mit Anteile und testen sie. Unser Bestreben ist es, die Wirkung
Hilfe von Robotern im Hochdurchsatz-Verfahren auf ihre Wir- m glichst auf Reinsubstanzen zur ckzuf hren.
kung getestet. Praktiziert das auch die Kosmetikindustrie? Spektrum der Wissenschaft: Welche Hilfen bietet Ihnen der
Buchholz: Ja, wenn auch mit weniger Substanzen. Man stellt Computer?
mit der kombinatorischen Chemie beispielsweise zahlreiche Buchholz: Wie in der Pharmaforschung nutzen wir tats chlich
Stoffe her, die sich von einem einzigen Basismolekül – der auch das so genannte In-silico-Design, um neue Substanzen
Leitstruktur – ableiten. Die kann natürlichen Ursprungs sein, zu entwickeln. Mit Hilfe komplizierter Computerprogramme
also beispielsw anze stammen. So versucht suchen wir nach Molek len, die auf Grund ihrer r umlichen
man, eine Substanz zu finden, die noc er als der Natur- Struktur an Enzyme ankoppeln k nnen, die in der Haut eine
stoff wirkt, beispielsweise mit Hilfe von Chips, auf denen sich Rolle spielen. Auf diese Weise erhalten wir potenziell wirksa-
hautrelevante Gene befinden. Man stellt fest, welche Stoffe me Molek lstrukturen. Diese Kandidaten werden dann wei-
die ussen. ter berpr ft. Zum Beispiel schrumpft ihre Anzahl durch den
Spektrum der Wissenschaft: Welche anderen Strategien gibt Abgleich mit Patentdatenbanken und Programmen zur Ab-
es, um neue kosmetische Aktivstoffe zu finden? sch tzung der Toxizit t. Danach erst beginnt die Laborarbeit,
Buchholz: Eine davon klang schon an: die Suche in P anzenex- bei der wir die vom Computer vorgeschlagenen Molek le
trakten. Bei Merck haben wir weltweite Kontakte zu Natur- synthetisieren und testen.
heilern und Krankenh usern, die nur P anzen verwenden. So Interview: Frank Frick

zierten Organismen und anderen Sub- trakts auf eine oder wenige Substanzen seng, Kiefernadeln und Schwarzer Jo-
stanzen mit negativem Image.« Das zurückzuführen und diese dann im La- hannisbeere bald fündig – alles wohl be-
jedenfalls hat die Cognis-Tochtergesell- bor nachzubauen – eine oft Jahre dau- kannte und weit verbreitete Quellen für
schaft Laboratoires Sérobiologiques fest- ernde, kostspielige Arbeit. medizinische Wirkstoffe.
gestellt. Doch noch birgt die Natur genug Zum raschen Sucherfolg trugen neue
Das Gute an der Sache: Das Reser- Schätze, die einfacher gehoben werden molekularbiologische Methoden wesent-
voir an Naturstoffen scheint nahezu un- können – wenn man nur weiß, wonach lich bei, mit denen die verschiedenen
erschöpflich, gibt es weltweit immerhin genau man sucht und wie man dabei Bakterienarten auf der Haut anhand
mindestens 250 000 höhere Pflanzenar- vorgehen muss. So kamen Mitarbeiter charakteristischer DNA-Sequenzen iden-
ten, die sich mit Hilfe spezieller Stoff- der Zentralen Forschung von Henkel auf tifiziert und für die Forscher sichtbar ge-
wechselprodukte in ihrer jeweiligen Um- die Idee, ein aus der Ernährungsbranche macht wurden. Schon im März 2004 ka-
welt behaupten – hinzu kommen noch bekanntes Konzept auf die Haut zu men dann erste Gesichtspflegeprodukte
unzählige Moose, Algen und Pilze. Je- übertragen. Die so genannte Präbiotik auf den Markt, die die neue Wirkstoff-
doch gibt es auch eine Kehrseite für die beruht auf der Annahme, das sich die ge- kombination enthielten.
Kosmetikforscher: Viele Pflanzen stehen zielte Förderung nützlicher Bakterien
unter Artenschutz, viele lassen sich nicht positiv auf eine Körperregion auswirkt. Frank Frick ist promovierter Chemi-
anbauen. Zudem schwanken Wirkstoff- Im Herbst 2002 begannen die Forscher, ker und freier Wissenschaftsjourna-
gehalte in Pflanzen von Woche zu Wo- über hundert Extrakte und Stoffe auf list in Bornheim bei Bonn. Er berichtet
che oder gar von Tag zu Tag. Da hilft es ihre Wirkung hin zu untersuchen, und vor allem über medizinische und tech-
manchmal nur, die Wirkung eines Ex- wurden bei einem »Cocktail« aus Gin- nische Themen.

88 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
ü
TEST VERFA HREN die kosmetische Dermatologie recher-
chieren«, erzählt Joachim Ennen, Leiter
Pflichtenheft f r Haut und Haar des Probandenzentrums. »Primos« wur-
de von der GF Messtechnik Berlin ent-
wickelt, um die Rauigkeit von Werk-
650 Forscher und 6000 Probanden entwickeln und testen bei der stücken in der Automobilproduktion zu
Firma Beiersdorf neue Kosmetikprodukte. Dabei kommt modernste erfassen. Etwa 800 000 Spiegel, jeder mit
Messtechnik zum Einsatz. einer Kantenlänge von 16 Mikrometern,
projizieren nun zirka 20 Mikrometer fei-
ne Streifen auf Gesichter. Eine Software
Von Bernd M ller die betreffende Partie dann in Sekunden- errechnet aus Schattenwurf und Verzer-
schnelle vermessen. rung den Verlauf, die Tiefe und das Vo-

W ir produzieren Seife und verkau-


fen Hoffnung.« Niemand hat das
Geschäft mit Kosmetikprodukten besser
»Das Scan-Verfahren haben wir zu-
fällig auf der Hannover Messe entdeckt,
wo wir immer nach neuen Techniken für
lumen von Falten. Außerdem bringt sie
Aufnahmen zur Deckung, die über Mo-
nate hinweg entstanden. So ist es für die
auf den Punkt gebracht als Charles Rev-
BEIERSDORF AG

son (1906 – 1975), Gründer des ameri-


kanischen Kosmetikkonzerns Revlon.
Diese Hoffnung ist Kunden 201 Milliar-
den US-Dollar wert – so viel wird heute
jedes Jahr weltweit für Kosmetikproduk-
te ausgegeben. In den Anfängen des Rev-
lon-Konzerns war der Firmengründer
zugleich auch Versuchskaninchen: Rev-
son testete zum Beispiel neue Nagellacke
zuerst auf den eigenen Fingernägeln.
Heute wäre das undenkbar. Die Bei-
ersdorf AG in Hamburg hat eigens ein
Probandenzentrum gebaut, um neue
Kosmetikrezepturen nach wissenschaftli-
chen Kriterien zu testen. 6000 Freiwil-
lige sind in der Datenbank gelistet, jeder
wurde zuvor in Kooperation mit dem
Universitätsklinikum Hamburg-Eppen-
dorf gründlich untersucht.
Mit einer Chipkarte melden sich die
Testpersonen jeweils an einem Com-
puterterminal an und begeben sich vor
den Versuchen für 40 Minuten in einen
Warteraum. Dort herrschen immer 21,5
Grad Celsius und 45 Prozent Luftfeuch-
tigkeit – nichts soll später die Messungen
verfälschen.
Zu den 35 klimatisierten Testräumen
gehören »Hotrooms«, in denen die Pro-

ä
t
,
r
banden Wattepads unter den Achseln
vollschwitzen. Die Pads werden gewogen

äläst
und von empfindlichen Nasen einem
Geruchstest unterzogen. In anderen Ver-
suchen ermitteln die Mitarbeiter des
Zentrums die Tiefe von Augenfalten –
wirkt die neue Creme oder nicht? Dazu
wird der Kopf des Probanden fixiert und

Ein Streifenmuster ver wie gut


r eine Creme gegen Falten hilft – aus
den Verzerrungen sich die Topogra-
fie der Oberfl che berechnen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 89
KOSMETIK z l
Die blau
eihnugpefärnbtüerinader
Mit einer besonderen Gefriertech-
nik wurde diese Hautbiopsie fixiert.

die Hautsc
Schicht ist Sonnen-
creme, darunter liegen dachziegelartig
.

Unter anderem hat er eine Gefriertech-


nik für das Kryo-Rasterelektronenmikro-
skop zur Praxisreife geführt. Die Haut-
proben stanzt sich der Forscher mitunter
selbst aus dem Unterarm.
Die Herausforderung besteht darin,
Zellen für die Untersuchung erstarren zu
lassen, ohne dass Eiskristalle sie zerstö-
ren. Wepf gelingt das durch Hochdruck-
gefrieren. Dabei wird die Hautprobe in
zehn Millisekunden auf 2200 Bar kom-
primiert und dann mit flüssigem Stick-
stoff beschossen. Unter dem hohen

BEIERSDORF AG
Druck gefriert das Wasser in der Probe
erst bei minus 90 Grad Celsius und er-
starrt amorph. In weniger als 50 Millise-
Hautexperten leicht, die Wirksamkeit ei- Beeinflussung durch Kosmetikprodukte kunden ist die Probe dann auf die End-
ner Creme zu messen. geringer als bei Medikamenten und da- temperatur von minus 160 Grad Celsius
Etwa 1600 Tests unternimmt das mit auch schwieriger zu messen. Ohne abgekühlt. Das geht so schnell, dass die
Probandenzentrum pro Jahr, einige da- die Verdunstungsbarriere unserer Haut Hautprobe quasi lebend in einer Mo-
von auch mit Konkurrenzprodukten. könnten wir nicht an Land leben, son- mentaufnahme beobachtet werden kann.
Am Anfang jeder Versuchsreihe steht dern würden jeden Tag hundert Liter Sie lässt sich auch brechen, um zum Bei-
eine Hypothese, die – basierend auf den Wasser verlieren. Für Wittern ist die spiel zu sehen, wie tief Emulsionen aus
wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den Haut das faszinierendste Organ über- Wasser und Öl eingedrungen sind. Auf
einzelnen Wirkstoffen – später die Ver- haupt: Auf 150 Mikrometer Dicke kön- diese Weise wurde kürzlich auch ent-
marktung bestimmen soll: »Diese Creme ne man die Geburt neuer Hautzellen aus deckt, wie Hautschuppen in der obers-
reduziert Falten um 20 Prozent« oder Stammzellen ebenso beobachten wie den ten Hautschicht mechanisch ineinander
»Das Deo wirkt zwölf Stunden«. Ein Zelltod. Die Herausforderung: Eigentlich verhakt sind.
Prüfplan gibt dem Laborpersonal vor, ist die Haut nur auf etwa vierzig Jahre Wenn möglich, versuchen die Wis-
wie der Test abzulaufen hat, Statistiker ausgelegt, die Menschen leben inzwi- senschaftler die Eigenschaften der Haut
werten die Ergebnisse aus. Wenn das schen aber im Schnitt doppelt so lang. in vivo, also am lebenden Objekt, zu er-
Produkt nicht halten kann, was die Hy- forschen. Eine Möglichkeit, die Schutz-

zdaüräphbulern9
pothese verspricht, müssen die Produkt- Momentaufnahmen des Lebens wirkung von Sonnencremes zu testen, ist

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entwickler und eventuell sogar die For- Rund 650 Personen arbeiten in den For- die Bestimmung so genannter Biophoto-
schungsabteilungen die Mischung oder schungslabors bei Beiersdorf daran, die- nen. Jede Zelle gibt infolge von Stoff-
einzelne Substanzen nochmal verbessern. sen Konflikt zu lösen. Die meisten sind wechselprozessen solche Photonen ab,
»Bis zu 20 Prozent der Substanzen oder Biologen und Chemiker, aber auch Phy- die Wellenlängen reichen vom Radiowel-
Mischungen können in den In-vivo-Stu- siker gehören dazu. Wie Roger Wepf, der len- bis in den sichtbaren Bereich. Die
dien durchfallen, je nachdem wie neu neue Mikroskopiertechniken entwickelt. Strahlung ist allerdings so schwach wie

hlüse
und entsprechend unbekannt ein Wirk-
stoff ist«, schätzt Laborleiterin Urte
Koop. Allein die letzte Phase, die Pro-
duktentwicklung, dauert anderthalb Jah- Zu den funktionellen Einheiten im
re, in denen die genaue Formulierung r komplexen Aufbau der Haut
hinsichtlich Geruch, Farbe oder Konsis- die Papillen: fi
tenz festgelegt wird. gen, welche die Lederhaut mit -
»Die Kosmetikforschung ist vergli- liegenden Schichten verzahnen. Alte-
chen mit der Dermatologie, die sich mit rungsprozesse verringern ihre Anzahl,
Hautkrankheiten beschäftigt, sehr weit«, sodass die Erfassung der Papillen, etwa
BEIERSDORF AG

befindet Klaus Peter Wittern, Leiter der mit der konfokalen Laserrastermikrosko-
Forschung und Entwicklung bei Beiers- pie, Sc auf die Wirksamkeit von
dorf. Intakte Haut sei viel komplexer, die Pflegeprodukten erlaubt.

90 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
bei einer Kerze, die aus zehn Kilometer
Entfernung betrachtet wird, und kann
nur mit hoch empfindlichen Photode-
tektoren gemessen werden. Ultraviolet-
tes Licht der Sonne oder Ozon fördert
in den Zellen die Bildung von freien Ra-
dikalen, die chemische Bindungen auf-
brechen und so die Hautalterung be-
schleunigen. Die Radikale verlieren ihre
Energie an der Zellmembran, dabei ent-
stehen Wärme und zusätzliche Biopho-
tonen. Um diese zu messen, wird in ei-
nem dunklen Raum die Haut der Pro-

äu?
banden für acht Sekunden mit starkem
UV-Licht bestrahlt, danach zählen Pho-
todetektoren eine Minute lang die Pho-
tonen, die beim Abbau der Radikale frei
werden.

Kopfschmuck Haar
im Dauerstress
BEIERSDORF AG

Besonders interessant für die Kosmetik-


forscher sind die Papillen, fingerförmige
Gebilde, die in etwa 100 Mikrometer
Tiefe aus der Dermis genannten Leder- in bis zu 500 Mikrometer Tiefe beob- Wie bei diesem Haar sollten die
haut in die darüberliegende Oberhaut achtet werden. Regt man mehrere Farb- o ßeren Zellen dachziegelartig inei-
(Epidermis) ragen und beide miteinan- stoffe gleichzeitig an, lassen sich sogar nander stecken. Nur dann ist es elastisch
der verzahnen (siehe Grafik auf S. 83). 3-D-Bilder erzeugen. Noch fehlt der Ap- und stabil.
Mit zunehmendem Alter nimmt ihre paratur allerdings die medizinische Zu-
Anzahl pro Fläche ab und damit auch lassung für In-vivo-Messungen.
die Festigkeit der Haut. Papillen sind Leichter haben es die Kollegen im
besonders gut mit der konfokalen Laser- Labor für Haar und Kopfhaut – sie brau- stand des Haars. Geprüft wird, welche
rastermikroskopie sichtbar zu machen, chen bei ihrer Grundlagenforschung kei- Wirkung Shampoos oder Spülungen ha-
die auch tiefere Hautschichten abbildet. ne lebenden Probanden, sondern kom- ben, die es mit einem dünnen Film um-
Lochblenden lassen nur Licht hindurch, men mit Haarbüscheln aus. Die Sträh- hüllen und es glatter und glänzender
das von einem Punkt des Objekts nen aus Echthaar werden mechanisch machen.
stammt. Durch schrittweise Aufnahme beansprucht, um ihre Widerstandskraft Die Erosion der Haare misst
einzelner Punkte entsteht ein vollständi- zum Beispiel beim Kämmen zu testen. Schmidt-Rose in einem computergesteu-
ges Bild des Objekts, das deutlich schär- Ein wichtiges Maß ist die Rauigkeit der erten Automaten: Darin ist ein kurzes
fer ist als bei herkömmlichen Lichtmik- Oberfläche. Das Haar besteht aus abge- Büschel eingespannt, das von einem
roskopen. Neuerdings kommt ein Laser storbenen Hautzellen, die wie Dachzie- handelsüblichen Kamm in immer glei-
zum Einsatz, der die Lichtausbeute er- gel ineinander stecken. Kaputte Haare chen Bewegungen bearbeitet wird. In ei-
kennbar erhöht und die Messzeit dras- fühlen sich stumpf an und glänzen weni- nen Trichter fallen abgeriebene Partikel.
tisch verkürzt. »Das Gerät schafft zwölf ger, weil diese Ziegel nicht mehr glatt Sie werden ausgespült und gefiltert – je
Bilder pro Sekunde und ist damit in- anliegen, sondern abstehen. Beim Käm- mehr zurückbleiben, umso angegriffener
vivo-tauglich«, erklärt Wepfs Mitarbeiter men braucht man dann mehr Kraft und ist das Haar.
Sören Jaspers. es werden mehr Partikel abgerieben, was Es gibt viele Ansätze, die Strapazier-
Neu im Gerätepark ist das Multipho- dem Haar weiter zusetzt. fähigkeit und Lebensdauer unseres Kopf-
tonenmikroskop. Es fokussiert 80 Milli- Thomas Schmidt-Rose und seine putzes zu erhalten. Zum Beispiel sucht
onen Mal pro Sekunde Laserimpulse von Mitarbeiter nutzen verschiedene Metho- das Laborteam nach Wirkstoffen, die
etwa 100 Femtosekunden in winzige den, um diese Phänomene wie im Zeit- den Stoffwechsel der Haarwurzel verbes-
Punkte in die Haut. Wenn dort zwei raffer zu beobachten: Bei der Gleitkraft- sern oder Wachstumsphasen gezielt ver-
Photonen innerhalb einer Femtosekunde messung wird ein Metallschuh über ein längern. Welche in der Pipeline sind, ist
eintreffen, addiert sich ihre Energie. In- Haarbüschel gezogen und die nötige natürlich geheim, aber in den nächsten
frarotlicht kann so zum Beispiel Fluores- Kraft bestimmt. Oder man spannt es fünf Jahren sei mit Produkten zu rech-
zenzfarbstoffe anregen, die sonst nur auf senkrecht ein, kämmt über eine mecha- nen. Einige Substanzen wirken bereits in
UV-Strahlung reagieren. Das schont das nische Vorrichtung und misst wieder die vitro, zum Beispiel an Haarwurzeln, die
Gewebe und hat noch einen weiteren Kraft. In einer anderen Apparatur kann in Kulturgefäßen wachsen, aber in vivo,
Vorteil: Für infrarotes Licht ist die Haut auch gedehnt und zerrissen werden – am lebenden Menschen, sind sie noch
fast durchsichtig, so kann noch Gewebe auch das gibt Auskunft über den Zu- nicht erprobt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 91
WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK
Heilsamer Atomblitz be angestellt wurden … Die
WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK

Veränderungen an den Augen


Bei der ersten deutsch-ameri- führten zu Dauerschäden, die
kanischen Konferenz für Aero- der Explosion von 20 000 Ton-
Medizin in Wiesbaden … be- nen Sprengstoff gleichkom-
handelte Colonel Victor A. men … Aufsehen erregte seine
Byrnes die Einflüsse, die durch Mitteilung, daß diese Ergeb-
Ein Kunstherz »Kernwaffenblitz« auf die Au- nisse der Forschung zu thera-
für den OP gen ausgeübt werden und bei peutischen Maßnahmen ver-
Unter Einschaltung dieses Ge- der Explosion von Atomwaf- wendbar sind, um kleinere
rätes von dem VEB Medizin- fen zu Verbrennungen der Tumoren am Auge durch Be-
technik Leipzig ist es möglich, Netzhaut führen. Er berich- strahlung mit entsprechender
bei Ausschaltung des Patien- tete von Versuchen, die mit Lichtenergie zu entfernen.
tenherzens die Blutzirkulation 700 pigmentierten Kaninchen (Universitas, 10. Jg., Nr. 2, S. 113, Fe-
durch den Körper für die Dau- beim Abwurf einer Atombom- bruar 1955)
er der Operation aufrechtzuer-
halten. Durch einen Katheter, Mit Psychostimulans auf den Mount Everest
der in den linken Vorhof ein- o Unter der Plexiglashaube des Die Besteigung des Mount Everest im Jahr 1953 war nur mit
geführt wird, wird das arteriel- »Künstlichen Herzens« befinden sich Sauerstoffgeräten möglich. Diese Geräte müssen etwa ab 7500 m
le Blut abgesaugt. Die Pum- vier Pumpen aus Glas. Höhe benutzt werden … Der Bergsteiger Buhl überwand die ge-
pen des »Künstlichen Her- fährliche Zone nach Einnahme von Pervitintabletten auch ohne
zens« drücken dieses Blut in arterie in die Lunge gepresst Sauerstoffgerät. Wieland untersuchte dieses Problem an Rhesus-
eins der großen Gefäße des ar- … Die durchgeführten Tier- affen. Die Tiere verloren bei 8% Sauerstoffgehalt (entsprechend
teriellen Systemkreislaufes … versuche lassen die Hoffnung 7500 m Höhe) das Bewußtsein. Nach vorheriger Pervitininjek-
Das aus dem großen Kreislauf auf eine baldige Anwendung tion trat dies erst bei 6,5 bis 5,5% Sauerstoffgehalt ein (entspre-
zurückfließende venöse Blut in der Humanchirurgie auf- chend 9000 bis 10 000 m Höhe). Pervitin verschiebt das Blutvo-
wird vor dem rechten Vorhof kommen. (Naturwissenschaft- lumen unter Bevorzugung der lebenswichtigen Organe Gehirn
abgesaugt oder zur Sauerstoff- liche Rundschau, 8. Jg., Nr. 2, S. 74, und Herz zu Lasten der Peripherie. (Die Umschau, 55. Jg., Nr. 3, S. 90,
aufladung über eine Lungen- Februar 1955) Februar 1955)

Pneumatische Entstaubung von Teppichen Das Wellenbad –


eine neue Attraktion
Bisherige Methoden der Staubentziehung in Innenräumen sind
nicht rationell, als der Staub … nur von einer Stelle zur anderen Es bedarf keiner besonderen
befördert wird … Der Apparat der Vacuum-Reiniger-Gesell- Betrachtungen über die gros-
schaft besteht aus einer Luftpumpe, die durch einen Motor an- sen Vorteile und den erhöhten
getrieben wird. An der Pumpe ist ein großer Luftbehälter ange- Genuss des Badens in beweg- an, sodass Sturzwellen auftre-
schlossen, der im Innern einen Staubfilter enthält und an den … tem Wasser … Die Wellener- ten, wie am Strande des Mee-
Gummischläuche mit … auswechselbaren Mundstücken ange- zeugung erfolgt bei vorliegen- res … Die Wellenhöhe kann
schlossen werden. Die Pumpe erzeugt an dem Mundstück … der Erfindung durch Ein- auf jedes Mass reduziert wer-
eine starke Saugwirkung; durch einfaches Hin- und Herbewe- tauchkörper oder einschwing- den … Die Wellenerzeuger
gen … wird der Staub aufgesaugt … Welche Mengen mit dem ende Flächen, welche durch können in alle Badeanstalten
Vakuum-Reiniger entfernt werden, … läßt sich daran erkennen, motorische Kraft in rhythmi- eingebaut werden, sei es in …
daß eine Reinigung des Berliner Apollotheaters 202 kg Staub er- sche Bewegung versetzt wer- Hallenbäder, Flüsse oder Bin-
gab. (Buch der neuesten Erfindungen, S. 627, Februar 1905) den. Der Boden des Wellen- nenseen. (Patent & Industrie, 16.
Bassins steigt … strandförmig Jg., Nr. 5, S. 67, Februar 1905)

Astronomische Entdeckung
An der Existenz des von Mr. Perrine auf der Licksternwarte
entdeckten sechsten Jupitermondes scheint nun jeder Zweifel
ausgeschlossen zu sein, da der amerikanische Astronom inzwi-
schen neue Beobachtungen dieses anscheinend recht schwieri-
gen Objekts erhalten hat und da sich nachträglich herausstell-
te, daß der von Prof. M. Wolf in Heidelberg … photogra-
phisch in der Nähe des Planeten Jupiter aufgefundene kleine
Planet 1905 … keineswegs mit dem neuentdeckten Jupiter-
monde, wohl aber mit dem schon seit 1875 bekannten kleinen
o Starke Saugwirkung: Beim Großreinemachen im Apollotheater kam zent- Planeten Nr. 149, Medusa, identisch ist. (Beilage zur Allgemeinen
nerweise Staub zum Vorschein. Zeitung, Nr. 44, S. 35, Februar 1905)

92 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
REZENSIONEN
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE In der vergleichsweise knappen Aus-

REZENSIONEN
Stephen Hawking (Hg.) wahl aus Einsteins Schriften zum Relati-
vitätsprinzip wird wohl kaum ein Leser
Die Klassiker der Physik all die Formeln nachrechnen wollen.
Ausgewählt und eingeleitet von Stephen Hawking Wieder sind selbst für Physiker vor allem
Hoffmann & Campe, Hamburg 2004. 1068 Seiten, € 49,90 die letzten Seiten interessant, in denen
Einstein versucht, die Physik der Mate-

G
ut tausend Seiten dick, schön ge- pendium zusammengestellt hat, voll- rie als Feldtheorie zu formulieren.
druckt auf gelblichem Papier – kommen unverständlich. Kepler ordnet So kann man in dieser gewaltigen
ein gewichtiger Brocken, ein pas- hier den Planeten platonische Körper, historischen Fundstätte immer wieder
sendes Geschenk. Mit Bestsellerautor Bruchzahlen und musikalische Noten überraschende Entdeckungen machen –
Stephen Hawking als Gewährsmann und zu, und es mutet den heutigen Leser wie zum Beispiel, dass schon Kopernikus mit
der berühmten Einsteinformel E = mc2 ein Wunder an, dass derart närrische dem heute nach Galilei benannten
auf dem Umschlag scheint der Verkaufs- Spekulationen – die, wie Hawking ein- Relativitätsprinzip argumentierte, um zu
erfolg garantiert. Aber hält der Inhalt, leitend betont, auf höchst präzisen astro- erklären, warum die Erde sich bewegt,
was die Verpackung verspricht? nomischen Daten fußten – Kepler zur ohne dass wir etwas davon merken. Für
Die ersten 300 Seiten (!) belegt eine Entdeckung der nach ihm benannten einen Nichthistoriker ist angesichts
Übersetzung des lateinischen Werks De Gesetze verhalfen. der Originalquellen immer wieder er-
revolutionibus orbium coelestium (»Über Auch Newton quält im Stil seiner staunlich, wie verschlungen die Gedan-
die Kreisbewegungen der Himmelskör- Zeit den modernen Leser mit umständli- kenwege der wissenschaftlichen Vorläu-
per«) von Kopernikus aus dem Jahre chen geometrischen Argumenten für fer waren.
1543 – mit allem Drum und Dran: Lehr- sein berühmtes Gravitationsgesetz, bevor Alles in allem ein seltsames Konvo-
sätze über Kreissehnen und sphärische er ganz am Ende seiner Principia ein un- lut: für Wissenschaftshistoriker zu un-
Dreiecke, dazwischen seitenlange Tabel- geheuer eindrucksvolles Bekenntnis zu professionell, für Physiker zu umständ-
len. Hat ein Korrektor all diese Zahlen einem persönlichen Gott ablegt, in des- lich, für allgemein Interessierte zu un-
kontrolliert? Welchen Unterschied macht sen Verlauf der berühmte Satz hypotheses übersichtlich. Trotzdem: Würde mir
es für heutige Leser, ob jede mit dem non fingo (»Hypothesen erdenke ich jemand das kleine Monster schenken,
Originaltext übereinstimmt? Sie sind Teil nicht«) vorkommt: Gerade weil Newton würde ich mich darin gleich festlesen –
einer umständlichen Beweisführung für fest an einen allmächtigen Weltenlenker und öfters den Kopf schütteln.
eine Halbwahrheit: Kopernikus fand glaubte, suchte er keine Hypothese für Michael Springer
zwar als erster die richtige Konfiguration das Wesen der Schwerkraft – wir beob- Der Rezensent ist promovierter Physiker und
des Sonnensystems heraus, beharrte aber achten die Geburt des Positivismus aus ständiger Mitarbeiter bei Spektrum der Wissen-
auf dem zeitgenössischen Irrtum, die Pla- der Metaphysik. schaft.
netenbahnen seien vollkommene Kreise.
Stephen Hawking erläutert dies und
manches andere zwar in seiner flott ge-
schriebenen Einleitung auf rund fünf ZOOLOGIE
Seiten; allerdings hat ihm der Koperni-
Walther Streffer
kus-Spezialist Owen Gingerich eine Fül-
le von historischen Ungenauigkeiten und Magie der Vogelstimmen
Fehlern vorgeworfen (»Nature« vom 13. Die Sprache der Natur verstehen lernen
Februar 2003) und Hawkings Einfüh- Freies Geistesleben, Stuttgart 2003. 240 Seiten, mit CD, € 39,–
rung als »Desaster« bezeichnet.

N
Die Textstücke von Galilei, Kepler, irgendwo sonst in der Biologie
Newton und Einstein sind kürzer und arbeiten Wissenschaftler und en-
unterschiedlich gut lesbar. Galileis Dis- gagierte Laien so eng zusammen
corsi behandeln Probleme der Mechanik wie in der Ornithologie. Neben dem
in Dialogform und sind zumindest für Vogelzug vermag insbesondere der Vogel-
physikalisch Interessierte unterhaltsam gesang zu faszinieren. Und so lauschte
(bis auf geometrische Beweise und eine auch der Laie Walther Streffer über Jahr-
öde Tabelle). Man fragt sich allerdings, zehnte der »Schönheit und Vollkommen-
warum Hawking nicht den »Dialog über heit« des Vogelgesangs und wurde darü-
die hauptsächlichsten Weltsysteme« aus- ber zum Experten. Und da er nicht gänz-
wählte, dessentwegen Galilei als Verfech- lich der »Magie der Vogelstimmen« erlag,
ter des kopernikanischen Systems mit sondern auch das Studium der Fachlite-
der Kirche in Konflikt geriet. ratur pflegte, ist sein Werk ein durchweg
Keplers fünftes Buch aus der »Welt- gut formuliertes und didaktisch geschickt
harmonik« wäre ohne die kurzen An- angelegtes Vogelbuch geworden.
merkungen, die Markus Pössel für die männlicher Streffer porträtiert 89 Singvögel unse-
deutsche Ausgabe von Hawkings Kom- Hänfling rer heimischen Vogelwelt in Wort und

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 97
Bild und stellt sie in der beigelegten sich wissenschaftlich auf dünnem Eis.
REZENSIONEN

CD anhand von Stimmbeispielen vor. Im Doch Streffer kann sich weit hinauswa-
Mittelpunkt seiner Ausführungen steht gen, ohne einzubrechen. Davor bewahrt
der musikalische Aspekt, was er biolo- ihn seine große Nähe zur lebenden Na-
gisch damit begründet, dass Vögel ein tur – jener Blick auf das »Ganze«, ohne

läufer
ldbaum
umso ausgeprägteres Territorialverhalten den auch die methodisch auf Zerstücke-
zeigen, je gesangsbegabter sie sind. Vor lung angewiesene Wissenschaft nicht
allem aber will er zeigen, dass sich im Vo- auskommt.
gelgesang über die biologischen Notwen- Streffers Buch ist sowohl geeignet,
digkeiten hinaus noch etwas »ankündigt« Laien jene spezielleren Kenntnisse zu
– nämlich »ein gewisser Grad von Auto- vermitteln, die den Genuss am Vogelge-
nomie«. Das erinnert an Konrad Lorenz, sang erheblich zu steigern vermögen, als
der Vogelgesang als »ein Kapitel aus dem auch Experten zu weiteren Nachfor-
Reich des Schönen innerhalb des artge- schungen anzuregen.
mäß Zweckmäßigen« beschrieb. Reinhard Lassek
Wer wie der Autor auf den »beseel- Der Rezensent ist promovierter Biologe und ar-
Wa ten Ton« im Vogelgesang hört, bewegt beitet als freier Journalist in Celle.

ASTRONOMIE Verzeichnis neuerer populärwissenschaft-


Leopoldo Benacchio licher Veröffentlichungen namhafter Au-
Der Himmelsatlas toren.
Leider gelingt es bei komplizierteren
Planeten, Sterne, Galaxien
Sachverhalten nicht immer, das auf den
Aus dem Italienischen von Anita Ehlers.
Frederking & Thaler, München 2003. 194 Seiten, € 50,–
Bildern Dargestellte im Rahmen der sehr
kurzen Textpassagen allgemein verständ-
lich zu beschreiben. Bei einigen wenigen

D
er unmittelbare Zugang zum Ein großformatiges Foto und ein ein- Texten wird der Sinn – vielleicht durch
Sternenhimmel geht uns immer leitender Text führen in das jeweilige Ge- Bearbeitung oder Kürzung – verdreht
mehr verloren. Wir sind nicht biet ein. Mehrere kleinere Bilder inklusi- und geht manchmal sogar ganz verloren.
mehr auf den Lauf der Gestirne angewie- ve kurzer Begleittexte erläutern interes- Dennoch ist der Himmelsatlas zum
sen, um die Zeit zu messen oder Ortsbe- sante Details. Ein Glossar astronomischer Auseinanderfalten besonders durch die
stimmungen durchzuführen. Außerdem Namen und Ausdrücke ermöglicht auch vielen faszinierenden Bilder ein sehr
trübt uns die zunehmende Lichtver- dem Laien eine rasche Orientierung im schönes und geeignetes Buch für Laien
schmutzung den Blick ans Firmament. Dschungel der Fachbegriffe. Eine Zu- und Kenner der Astronomie, das zum
Dieser Entfremdung will der Astro- sammenstellung häufig gestellter Fragen gemütlichen Schmökern einlädt.
nom Leopoldo Benacchio vom Observa- samt Antworten rundet das Buch ab. Da Monika Maintz
torium von Padua mit seinem etwas an- der Atlas die einzelnen Bereiche nur an- Die Rezensentin ist promovierte Astronomin und
deren Himmelsatlas entgegenwirken. reißen kann, findet sich am Ende ein freie Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg.
Die einzelnen Seiten des Buchs lassen
sich zu großformatigen Bildtafeln auf-
und ausklappen (Bild rechts).
Etwa 350 farbige Abbildungen stel-
len die Geheimnisse des Kosmos dar, wie
wir sie mit bloßem Auge und vor allem
mit »neuen Augen«, mit Teleskopen auf
der Erde und im Weltraum, sehen. Die
Themenvielfalt reicht von Sonne, Mond
und Planetensystem über Sterne, Galaxi-
en, Galaxienhaufen bis zur Kosmologie
und macht auch vor außerirdischem Le-
ben und den aktuellen, ungelösten Fra-
gen der Astrophysik wie »dunkler Mate-
rie« oder »dunkler Energie« nicht Halt.

Der große Kegelnebel NGC2264 ist


r Entstehungsort vieler Sterne.

98 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005
MEDIZIN

ü ä
David Servan-Schreiber
Die neue Medizin der Emotionen
Stress, Angst, Depression: Gesund werden ohne Medikamente
Aus dem Französischen von Inge Leipold und Ursel Sch fer.
Antje Kunstmann, M nchen 2004. 320 Seiten, € 22,–

S
chon am frühen Morgen, in der
ersten Minute des Aufwachens,
kann man absolut alles falsch ma-
Grenzen« unternahm er 1996 eine Reise
nach Indien und besuchte unter anderem
Dharamsala, den Exilsitz des Dalai Lama,
Herzschlag zu beruhigen und damit die
eigenen Ängste zu reduzieren hilft. Eine
andere, mir persönlich bis dahin weitge-
hend unbekannte Technik, das EMDR
(Eye movement desensitization and repro-
cessing), erlaubt es ähnlich wie der
Traum, sich an zurückliegende belasten-
de Ereignisse zu erinnern und diese zu
verarbeiten. Servan-Schreiber überprüft
sowohl fernöstliche Ansätze wie Qi oder
Akupunktur auf ihre Nützlichkeit als
chen und sich den gesamten Rest des Ta- wo er die traditionelle tibetanische Medi- auch die Auswirkungen von Sport und
ges verderben: Das Klingeln des We- zin kennen lernte. Wenig später beendete gesunder Ernährung auf den seelischen
ckers, eine Erfindung der Neuzeit, reißt er überraschenderweise seine wissen- Zustand. Breiten Raum gibt er der anti-
uns ohne Vorwarnung aus dem Tief- schaftliche Karriere und wurde 1997 depressiven Wirkung von sozialen Bezie-
schlaf. Seit Millionen von Jahren sind Chefpsychiater des Shadyside Hospital hungen, Liebe und Zärtlichkeit.
wir daran angepasst, in der Morgendäm- (der Klinik der Universität Pittsburgh). Was gibt es zu kritisieren? Der Titel
merung langsam und gemächlich wach Rasch entwickelte er ein Unbehagen ge- klingt mehr nach einem missglückten
zu werden. Plötzlichen Lärm im Stock- gen die übliche medikamentöse Behand- Liebesroman und trifft nicht den wissen-
finstern verbindet unsere Biologie unbe- lung der hier untergebrachten Patienten
wusst mit grauenhaften Gefahrensituati- und begann alternative Behandlungstech- Auch schamanistische Behandlungs-
onen. Was aber soll aus einem Tag wer- niken auf ihre Wirksamkeit hin zu prü-
den, der schon am frühen Morgen mit fen. Schon im Jahr darauf wurde er zum formen können sinnvoll sein
dem nackten Erschrecken beginnt? Mitbegründer des »Center for Comple-
Solche und viele ähnliche Sachver- mentary Medicine«, einem Zentrum für schaftlichen Anspruch; fast hätte er mich
halte schildert David Servan-Schreiber in die Untersuchung von komplementären davon abgehalten, den Text überhaupt
seinem Buch und weist auch auf Mög- Heilmethoden. Im Jahre 1999 reiste er zu lesen. Ein populärwissenschaftliches
lichkeiten der Abhilfe hin. So gibt es ge- ins Kosovo; ein Teil seiner Fallbeispiele Werk hätte man auch mit mehr als den
gen die abrupte Beendigung des REM- stellt Menschen vor, die durch die Kriegs- mageren zehn Abbildungen schmackhaft
Schlafs längst Dämmerungslampen mit ereignisse dort traumatisiert wurden. machen sollen.
Zeitschaltuhren, die den Schläfer sanft Anheimelnde Seelenklempner-Lek- Hilfreich wäre besonders für den Lai-
und natürlich aufwachen lassen. türe, in der die Wichtigkeit der Emotio- en auch eine Aufteilung der unterschied-
Don’t panic! Wenn Arthur Dent, die nen betont wird, gibt es massenhaft; aber lichen Arten von Ängsten und Depressi-
Hauptfigur in Douglas Adams’ Kultbuch im Gegensatz zum Standard-Psycho- onen gewesen, die hier etwas vermengt
»Per Anhalter durch die Galaxis«, gar nicht Selbsthilfe-Buch gibt Servan-Schreiber dargestellt werden. So hilft die im Buch
mehr weiter weiß, holt er sich Rat im für jeden einzelnen der vorgeschlagenen unter anderem vorgestellte Lichttherapie
»Hitchhiker’s Guide«. Ein ähnlicher All- Behandlungsansätze eine Erklärung der im Wesentlichen nur gegen die SAD
roundhelfer ist das vorliegende Buch. Da- Wirkung auf der Grundlage neuropsych- (seasonal affective disorders), wohl kaum
vid Servan-Schreiber, ein Sohn des be- iatrischer Erkenntnisse. Dabei fasst er aber gegen eine schwere Depression mit
kannten Publizisten Jean-Jacques Servan- den aktuellen Stand des Wissens für psychotischen Anteilen. Leider sucht
Schreiber, ist zwar selbst Psychiater, Fachleute informativ und für den betrof- man auch ein Stichwortverzeichnis ver-
bemüht sich in dem Buch aber nach Kräf- fenen Patienten gut verständlich zusam- gebens; immerhin gibt es eine Liste mit
ten, den Alleinherrschaftsanspruch der men. Die meisten unter den fast 300 zi- hilfreichen Adressen.
medikamentenbasierten Psychiatrie zu un- tierten Literaturquellen stammen aus Was mir an dem Band besonders gut
tergraben: Anhand alternativer Behand- hochrangigen Fachzeitschriften und sind gefällt, ist die riesige Anzahl von Fallbei-
lungsverfahren und wissenschaftlicher Un- höchstens sechs Jahre alt. spielen. Servan-Schreiber nennt keine
tersuchungen zeigt er, dass sich selbst hin- Das Buch spannt einen weiten Bo- Behandlungsmethode, ohne eine mehr

äü ä
ter zunächst abstrus oder schamanistisch gen, von grundlegenden Überlegungen oder weniger authentisch klingende Pati-
erscheinenden Behandlungsformen sinn- über die »schwierige Hochzeit« zwischen entengeschichte darzustellen. Das lockert
volle Verfahren verstecken können. unserem stammesgeschichtlich uralten die forscherische Detailarbeit immer
Der Lebenslauf des Verfassers ist be- Reptilienhirn und dem neuzeitlich-zivili- wieder auf, sodass man das Buch auch
merkenswert. Nach dem Medizinstudi- sierten Neocortex bis hin zu ausführli- als Freitzeitlektüre lesen kann, ohne in
um in Paris und Québec betrieb er rund chen Erklärungen, warum unser bewuss- dem langweiligen Staub wissenschaftli-
20 Jahre lang an der Universität in Pitts- tes Denken unsere Gefühle im Grunde cher Metaanalysen über die Effektivitäts-
burgh Grundlagenforschung in kogniti- kaum kontrollieren, sondern allenfalls prüfungen der Ansätze zu versinken.
ver Neurowissenschaft, die auch vor den trickreich beeinflussen kann. Im weite- Erich Kasten
gestrengen Gutachtern der höchst re- ren Verlauf werden dann unterschiedli- Der Rezensent ist promovierter Psychologe und
nommierten Zeitschrift »Science« Be- che Behandlungstechniken vorgestellt, approbierter Psychotherapeut; er entwickelt am
stand hatte. Als Mitglied der amerikani- darunter die »Kohärenz«, eine Abwand- Universit tsklinikum in Magdeburg neue Behand-
schen Sektion des Verbands Ȁrzte ohne lung des Autogenen Trainings, die den lungsverfahren f r Patienten mit Hirnsch den.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q FEBRUAR 2005 99
MANAGEMENT sinnentleertes Innovations- und Effizi-
REZENSIONEN

Ulrich Hirsch und Gunter Dueck (Hg.) enzgeschwätz im Übermaß. Etlichen Au-
Management by Mathematics toren ist anzumerken, dass ihnen zum
Thema nicht viel eingefallen ist; ersatz-
Erfahrungen und Erfolge von Executives und Politikern
weise preisen sie ihre jüngsten Manage-
Vieweg, Wiesbaden 2003. 218 Seiten, € 34,90
ment-Leistungen oder auch ihre Prinzipi-
enfestigkeit, wie Bärbel Höhn, die nord-

M
athematiker im Management mit den Anforderungen dieser Position?« rhein-westfälische Umweltministerin und
oder in politischen Führungs- Auskunft zu geben. prominente Vertreterin der Grünen, die
positionen – es gibt sie, und Die erste Antwort ist: »Schlecht.« Mathematik studiert und zwölf Jahre im
sie sind sogar häufig erfolgreich, wie die Rainer Janßen, der nach langen Jahren Rechenzentrum der Universität Duisburg
Herausgeber, die beide eine Mathematik- bei IBM den Zentralbereich Informatik gearbeitet hat.
professur in Bielefeld in Richtung Wirt- der Münchener Rückversicherung leitet, Bei aller Heterogenität der Beiträge
schaft verließen: Ulrich Hirsch wechselte weiß von vielen Einstellungsgesprächen sind sich die Autoren über eines einig:
auf den Chefsessel der eigenen Unterneh- zu berichten, in denen die mathematisch Das strukturierte Denken, das man als
mensberatungsfirma, Gunter Dueck ist vorgebildeten Kandidate