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MÄRZ 2005 · € 6,90 (D/A) DEUTSCHE AUSGABE DES

100 Jahre
Relativitätstheorie

www.spektrum.de

TREIBHAUSEFFEKT

Kippt
das Klima?
Die globale Erwärmung könnte
innerhalb weniger Jahre in
eine neue Kaltzeit umschlagen

SPE ZIAL C OMPUT ER


Supercomputer –
quo vadis?
AST ROPHY SI K
Kosmos in der
Midlife-Crisis
13,50 sFr / Luxemburg 8,– €

Z WERGME NS CH
Neue Menschenart
auf Flores entdeckt?
D6179E

Homo sapiens Homo floresiensis


EDITORIAL z Reinhard Breuer
Chefredakteur

Durchbrüche, Einbrüche, Aufbrüche

E
instein allerorten: Wie immer, wenn die größte Ikone der modernen Na-
turwissenschaft einen Jahrestag begeht, sind die Medien voll – auch Spek-
trum! Unsere Einstein-Biografie ist seit Februar aktualisiert auf dem Markt,
und am 6. März gelangt unser neues Spektrum-Spezial an die Kioske, in dem
wir diesmal »Einstein und die Folgen« würdigen. In dem
W W W. S P E K T R U M . D E

Spezial geht es um: die Durchbrüche des Theoretischen


SPEZIAL 1 / 2005
€ 8,90
Schweiz 17,40 sFr
Österreich € 9,70

Physikers aus dem Jahr 1905 ebenso wie die Auswirkun-


Luxemburg € 10,–
SPEKTRUM
S PE CIAL S

SPEZIAL
gen von Einsteins brillanten Theorien auf die Gegenwart.
Mit dieser Ausgabe beginnt zugleich eine vierteilige Se-
rie von Interviews mit prominenten Wissenschaftlern zu
einzelnen Themen, zu denen Einstein einst grundlegende
EINSTEIN
UND DIE FOLGEN Anstöße lieferte.

W
as viele neben der unmittelbaren Bewältigung der
Spektrum Specials

Tsunami-Flutkatastrophe am meisten beschäftigt,


D50164

ist die Frage nach einer zuverlässigen Vorhersage des ANZEIGE


nächsten solchen Großereignisses. Denn eines ist sicher:
Viele Menschen hätten bei einer Warnung vor der Flut-
welle gerettet werden können. Ein Tsunami-Frühwarn-
system rund um den Indischen Ozean herum soll – nach
dem existierenden Modell für den Pazifik – jetzt installiert
werden, unter anderem mit deutscher Hilfe. Dieses Sys-
tem kann natürlich erst nach einem Beben Alarm schla-
gen. Doch mit einer direkten und kurzfristigen Vorhersa-
ge von großen Erdbeben sieht es weiterhin schlecht aus.
Vor allem eine halbwegs zuverlässige Warnung für einen
Zeitraum von Tagen oder Wochen halten Seismologen
für ziemlich aussichtslos. Realistischer sind dagegen
Langzeit-Vorhersagen. Sie betreffen die Wahrscheinlich-
keit künftiger Beben innerhalb von Monaten oder Jahren.
Das ist nicht so wenig, wie es auf den ersten Blick klingt. Erdbeben treten
bevorzugt in so genannten Störungszonen auf. Als Vorsorge könnte es schon
zur Pflicht gemacht werden, in diesen Gebieten die Gebäude erdbebensicher
zu gestalten. Leider sind bisher noch nicht alle Störungszonen der Erdkruste
bekannt. So kommt es zum einen immer wieder zu Überraschungen, wie
etwa am 23. Oktober 2004: Da kostete ein Beben der Stärke 6,8 vor Japans
Küste 27 Todesopfer. Sein Epizentrum lag in einer bis dahin seismologisch
unauffälligen Region. Zum anderen aber macht inzwischen auch die Beben-
modellierung deutliche Fortschritte, vor allem weil sie sich auf relevante ak-
tuelle Daten stützen kann. Diese werden inzwischen von Satelliten geliefert,
die etwa die Kontaktzonen der Pazifischen Platte mit benachbarten Kontinen-
talplatten exakt vermessen, und durch laufende Beobachtungen großräumi-
ger Deformationen der Erdkruste ergänzt.
Über andere, akute Frühwarnindikatoren wird gerne spekuliert, gerade
wenn etwa Tiere sich instinktsicher rechtzeitig von bedrohten Küsten zurück-
gezogen haben sollen. Seit 2003 immerhin sucht das »Global Earthquake Sa-
tellite System« der Nasa den Planeten nach Lichterscheinungen und Wärme-
anomalien ab, die durch Druckwellen im Gestein und veränderte elektrische
Felder auftreten könnten. Das See- und Erdbeben vom 26. Dezember haben
sie leider nicht bemerkt. Unser Planet bleibt unberechenbar.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
M ÄR Z 2 0 05
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I N I HN HAA L TT

SPEKTROGRAMM EINSTEIN-JAHR 2005

8 Mond mit Gürtel · Warmer Blick des


Aus urheberrechtlichen Gründen Ein patenter Experte
können wir Ihnen die Bilder leider Im April jährt sich der Todestag Albert
Jägers · Hurrikane unter Wasser ·
nicht online zeigen. Einsteins zum 50. Mal. Und im »Wun-
Raubvogel im Schlaraffenland u. a.
11 Bild des Monats derjahr« 1905 begründeten mehrere
Schnee aus dem See bahnbrechende Arbeiten den Ruhm
des bekanntesten Physikers des 20.
FORSCHUNG AKTUELL Jahrhunderts
12 Erdgas-Regen auf Titan
Die Raumsonde Huygens entdeckte auf
dem Saturnmond eine vertraute Welt
14 Pacman stoppt Kopiermaschine --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 30
Das Enzym zum Abschreiben von Genen
MENSCHENEVOLUTION
lässt sich nur mit einem Torpedo anhalten
16 Pazifik ließ Europa frieren
Der Zwergmensch von Flores
Die strengen Winter 1939 bis 1942 gingen Auf der indonesischen Insel entdeck-
auf ein extremes El-Niño-Ereignis zurück ten Forscher kürzlich Knochen von
22 Arme Chefs nur einen Meter großen Menschen.
In einer übervölkerten Dohlenkolonie Sie vermuten, dass sie als eigene
sinkt der Bruterfolg mit dem Rang Menschenart noch lange zeitgleich
THEMEN mit dem Homo sapiens existierten

r 26 Interviews zum Einstein-Jahr (Teil I)


Karsten Danzmann über die Suche nach
Gravitationswellen
r 30 Eine neue Menschenart ?
Bis vor 13 000 Jahren lebten in Indonesien
urtümliche Zwergmenschen
r 42 TITEL Plötzliche Klimaumschwünge
Die globale Erwärmung könnte Europa in
wenigen Jahren sibirische Kälte bringen ASTROPHYSIK SEITE 50
r 50 Entwicklung des Kosmos Die Midlife-Crisis des Kosmos
Wie sich die Aktivität im Universum auf Die Zeit ungestümer Aktivität im

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immer kleinere Galaxien verlagert
Universum ist vorbei – doch

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62 Genom-Programm
noch immer entstehen Sterne
Im vermeintlichen DNA-Schrott steckt ein
revolutionäres Steuerungssystem und Schwarze Löcher in erstaun-
licher Menge
70 Raubgrabungen im Irak
Antikenhändler machen Profi

r 84 SCHWERPUNKT Computer der Zukunft


r Neues von Supercomputern
r Multiprozessoren auf einem Mikrochip

r Rechnen mit Licht statt Elektronen

118 Essay: Was ist heute real?


Über Roger Penrose und die Natur der
Naturgesetze

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GENOMIK
Das verkannte

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Titelbild: Genom-Programm
Umschwung: Vom Treibhaus wird der Globus dann
Im vermeintlichen DNA-Schrott ver-
zum Beispiel zum Eiskeller – und umgekehrt
Titelbild: Slim Films birgt sich ein Regulationssystem, das
sich statt auf Proteine auf RNA stützt.
Die auf der T Beruht darauf die Komplexität höhe-
r gekennzeichnet
rer Organismen?

4 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
M
Ä RZ 2 0 0 5

REZENSIONEN

103 Landschaftsformen von H. Frater


Die Welt der geheimen Zeichen
von K. Schmeh
Ein kurze Geschichte von fast allem
von B. Bryson
Nichts als das Nichts von H. Genz
Das Sintflutprinzip von G. Dueck
Das Licht des Geistes von G. M. Edelman
TITELTHEMA SEITE 42
Die 70 großen Erfindungen des Altertums

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Klimaspr nge von B. M. Fagan

PHYSIKALISCHE UNTERHALTUNGEN

114 Ein Stoß gibt den anderen


Wie man 252 B lle h pfen l sst, um einen
von ihnen zum Mond zu schießen

JUNGE WISSENSCHAFT

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58 Das Heidelberger Life-Science Lab

KOMMENTAR
24 Springers Einw rfe

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Das Material ist die Maschine

WISSENSCHAFT IM …

40 Alltag: Forensische Ballistik

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76 R ckblick: Radioaktive Sp rnase u. a.

WEITERE RUBRIKEN

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3 Editorial · 6 Leserbriefe /Impressum ·

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111 Preisr tsel · 122 Vorschau
RAUBGRABUNGEN IM IRAK
Die Vernichtung SPEKTRUM-PLUS.DE
der Vergangenheit ZUSATZANGEBOT NUR F R ABONNENTEN
Die arc ten Meso-
potamiens sind weiterhin Ziel syste-
matischer Raubgrabungen. Der Anti-
kenhandel profitiert davon

SCHWERPUNKT: Computer der Zukunft


Nach wie vor werden die Rechner in rasantem Tempo kleiner und schneller.
Licht hilft den Elektronen, die nic
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SEITE 84

Die verfilmte Relativität

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Mehrere Rechenwerke auf einem Mikrochip bringen eine weitere Tempostei-

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Ein Lehrfi elati

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gerung orie entwickelte sich 1922 zum Kas-
senschlager – und bot den Einstein-
gegnern willkommenen Anlass zur
Aus urheberrechtlic Polemik
ZUGÄNGLICH BER WWW.SPEKTRUM-PLUS.DE NACH
ANMELDUNG MIT ANGABE DER KUNDENNUMMER
nicht online zeigen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MONAT 200X 5
LESERBRIEFE
Dunkle Energie tel eines Atomdurchmessers.
LESERBRIEFE

Außerdem würde jede Form


im Labor von Materie durch die extrem
Forschung aktuell hohen Gezeitenkräfte lange
November 2004 vorher zerstört. Daher wird
höchstens ein winziger Bruch- Aus urheberrechtlichen Gründen
Dieser Artikel ist zwar gut ge- teil der in der einstürzenden können wir Ihnen die Bilder leider
schrieben und basiert auf ei- Materie enthaltenen Informa- nicht online zeigen.
nem Preprint von Beck und tion den Ereignishorizont er-
Mackey. Leider ist deren Ar- reichen. In der Praxis lässt
gument aber falsch, und so- sich vermutlich nichts in ein
mit kann man die Dunkle solches Schwarzes Loch hin-
Energie nicht mit dem Jo- einwerfen, außer vielleicht ei-
sephson-Effekt nachweisen. nem zweiten Schwarzen Loch
Ich habe zusammen mit von ähnlicher Masse, das sich terherkriechen, während sie o So beispielsweise könnte ein
Norbert Straumann eine Stel- in genügend kleinem Abstand schon zu neuen Wolkenku- elektrodynamisches Raumseilsystem
lungnahme verfasst und auf zum ersten befindet. ckucksheimen entschweben. aussehen.
das Web gestellt (astro-ph/ Große Schwarze Löcher Ich hoffe, dass Ihre Zei-
0411034). von zum Beispiel Sonnen- tung einmal eine Denkpause
Philippe Jetzer, Zürich masse können zwar im Prin- einlegt und darüber reflektiert, der mitbewegte Beobachter.
zip große Informationsmen- wodurch sich eine wissen- Der außenstehende muss da-
gen verschlingen – etwa einen schaftliche Aussage eigentlich gegen eine nach innen gerich-
Ist das Weltall ganzen Stern –, lassen sich von einer esoterischen unter- tete Zentripetalkraft fordern,
ein Computer? aber schier unendlich lange scheidet, anstatt wie in der die das Objekt von seiner
Zeit (1066 Jahre), um diese letzten Ausgabe dem Zeitgeist geradlinigen Bewegung ab-
Januar 2005
wieder preiszugeben. hinterherzuhecheln. bringt und auf eine Kreisbahn
Input (k)ein Problem Dr. Marc Eberhard, Basel Dr. Marco Wehr, Tübingen zwingt. Genau das macht die
Die Aussage auf S. 36 »Der Gravitationskraft. Würde die-
Input ist kein Problem« trifft Möglichkeit einer experi- se Kraft plötzlich aufgehoben,
für das zuvor erwähnte, ein mentellen Überprüfbarkeit Magnetantrieb müsste das Objekt tangential
Kilogramm schwere Schwarze Dieser Artikel hat mit mei- für Raumfahrzeuge wegfliegen.
Loch sicherlich nicht zu. Da nem Verständnis von Wissen- Dezember 2004
Die oben kritisierte Dar-
das Schwarze Loch nach nur schaft nichts mehr zu tun. stellung erklärt die Dinge viel-
10–21 Sekunden explodiert, Dass eine seriöse Zeitung wie Als Physiklehrer höre ich von leicht anschaulicher, letztlich
dürfte sich die einstürzende Spektrum der Wissenschaft meinen Schülern immer wie- führt sie aber zu einem unbe-
Materie in maximal 10–12 Me- ein solches Vorgehen adelt, der, dass Objekte deswegen in friedigenden physikalischen
ter Entfernung befinden, um finde ich sehr bedenklich. einer stabilen Umlaufbahn Widerspruch.
den Ereignishorizont noch Ist es mittlerweile vollstän- bleiben, weil sich Zentrifugal- Horst Groß, Siegen
vor der Explosion zu errei- dig in Vergessenheit geraten, und Gravitationskraft gerade
chen – rund einem Hunders- dass zum wissenschaftlichen kompensieren. Obiger Artikel
Arbeiten sorgfältig definierte argumentiert ebenfalls mit Mathematische
Begrifflichkeiten gehören und dieser Vorstellung und zeigt Unterhaltungen
u Ein Schwarzes Loch, symbolisch zumindest am Horizont die die sich aufhebenden Kräfte Dezember 2004
garniert mit Transistoren und Chips: Möglichkeit einer experimen- (»Fliehkraft« und »Erdanzie-
Nach der Informationstheorie sind tellen Überprüfbarkeit aufblit- hung«) in einer entsprechen- Man braucht nicht unbedingt
diese Objekte rechnende Systeme. zen sollte? Ist es tatsächlich zu den Skizze. Dieses verbreitete acht Quader, um ein vierdi-
viel verlangt, wenn man von Erklärungsmuster führt aber mensionales Volumen stoßsi-
einem Wissenschaftler fordert, zu einem Dilemma: Verhielte cher zu verpacken. Fünf Te-
zwischen einem Phänomen es sich so, wäre die Summe traeder tun es auch, ebenso
und dessen Beschreibung un- der von außen am Objekt wie in unserem dreidimensio-
terscheiden zu können? Wahr- angreifenden Kräfte null und nalen Raum vier Dreiecke in
scheinlich würden die Au- es müsste dem Tägheitsgesetz Form eines Tetraeders ein Vo-
Aus urheberrechtlichen Gründen toren dieses Artikels solche folgen und sich geradlinig lumen umschließen.
können wir Ihnen die Bilder leider Anforderungen als unzumut- gleichförmig bewegen, würde Interessant ist die Projek-
nicht online zeigen. bare Beschränkung ihrer krea- also niemals in eine Kreisbahn tion dieses Körpers (des
tiven Freiheit auffassen und einschwenken. »Fünfzells«) in den IR2 . Das
die ernsthafte Sichtung ihrer Diese Konfusion entsteht Ergebnis ist ein Pentagramm,
Ideen lieber den wissenschaft- dadurch, dass man die Be- das von einem Fünfeck um-
lichen Erbsenzählern überlas- zugssysteme nicht auseinan- schlossen ist. Damit erklärt
sen, die ihren Visionen hin- der hält: Fliehkräfte erlebt nur sich auch die Beschwörung

6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
des Teufels. Man klappt ein verwendet (der älteste stammt Briefe an die Redaktion … Errata:
Tetraeder beiseite (in der aus Ninive um 640 v. Chr.).
Projektion: man lässt eine Der Verkauf bei Händlern … richten Sie bitte mit Ihrer Mythos Pest, Januar 2005
vollständigen Adresse an:
Kante ein Stück offen), damit aber spricht für die große Ver- Die untere Zeile in der Bild-
er eintreten kann. Danach breitung. Die überaus feinen Spektrum der Wissenschaft beschriftung auf S. 48 muss
schließt man die Lücke, und Einzelheiten, oft genauer als Ursula Wessels heißen: mutmaßliche Seu-
Postfach 10 48 40
er ist in diesem vierdimensio- 0,1 mm, beim Schnitt antiker chenherde unter Wildtieren.
D-69038 Heidelberg
nalen Körper gefangen. Gemmen zeigen, dass die An-
Martin Bernhauer, Karlsruhe tike zu vergrößern wusste. E-Mail: wessels@spektrum.com Die Tsunami-Katastrophe
Fax: 06221 9126-729
Dr. Dr. Rolf C. A. Rottländer, Rottenburg Schlaglicht, Februar 2005

Alhazen: Physik am In der untersten Grafik auf


Rande des Irrsinns Raumschiff und Weise lächerlich gemacht S. 11 muss es »Wellenhöhe in
Dezember 2004
und quasi verbal »vom Tisch Zentimetern« heißen.
Enterprise startklar, gewischt«. Dass Herr Groß
Trotz Alhazens Beschreibung alles einsteigen! kein Verfechter der benann- Stabil in der Schwebe,
der bikonvexen Linse war die Nachgehakt, Dezember 2004 ten Raumfahrt ist, ist seine Februar 2005
Lupe bereits in der Antike be- Sache.
kannt. Im Lustspiel »Die Wol- Mit einigem Befremden habe Aber wenn ein Autor ei- Fälschlicherweise wurde der
ken« schildert der Dichter ich diesen Beitrag gelesen, in ner bestimmten wissenschaft- Name des deutschen Physi-
Aristophanes (423 v. Chr.) die dem über den erfolgreichen lich-technischen Leistung kers Werner Braunbek mit ck
Verwendung der Sammellinse Wiederflug von »Space Ship nichts Positives abgewinnen geschrieben. Sein zitiertes

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als Brennglas. Im Vers 767 (2. One« berichtet wurde. In ei- kann, andererseits aber auch Werk hätte heißen müssen:

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Aufzug, 1. Szene) sagt Strepsi- ner Ausgabe, in der die dies- nicht in der Lage ist, wissen- »Freischwebende Körper im
ades: Hast du schon bei den jährigen Nobelpreisträger ge- schaftliche oder rationale Ar- elektrischen und magneti-
Arzneimittel- und Drogenver- würdigt werden, hätte ich gumente dagegen ins Feld zu schen Feld«.
käufern den Stein gefunden, auch ein paar anerkennende führen, sondern sich stattdes-
den schönen, den durchsichti- Worte für eine technische sen auf fast schon billige Po- Die Gr e der Allerkleinsten
gen, mit dem du das Feuer Leistung erwartet, deren Rea- lemik zurückziehen muss, um Januar 2005
einfangen kannst? Sokrates lisierung immerhin mit ei- seine Antipathie gegen eine
antwortet: Du sprichst von nem Preis von mehreren Mil- bestimmte Forschungsrich- Nicht erst vor 3 Millionen,
dem Glas? Strepsiades: Genau lionen Dollar dotiert war. tung zu dokumentieren, dann sondern schon vor 3 Milliar-
das tu ich! Offensichtlich weiß Aber weit gefehlt! hat sein Artikel meiner An- den Jahren – also lange bevor
Aristophanes, dass diese Lin- Ohne sich auch nur im sicht nach keine Berechti- große Organismen erschienen
sen aus Bergkristall oder Glas Geringsten mit technischen gung mehr, in einer seriösen – waren die wesentlichen bio-
sein können, was die Funde oder wissenschaftlichen De- wissenschaftlichen Zeitschrift geochemischen Kreisläufe eta-
bestätigen. tails aufzuhalten, wird das veröffentlicht zu werden. bliert, von denen auch unsere
Nicht jeder plankonvexe gesamte Projekt in einer ge- Dr.-Ing. Thomas Stöckle, Existenz abhängt.
Bergkristall wurde als Lupe radezu überheblichen Art Neckartenzlingen Die Redaktion

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Ä
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bersetzer: An diesem Heft wirkten mit: Dr. Markus Fischer, D-80331 München, Tel. 089 545907-30, Fax 089 545907-24 President and Chief Executive Officer: Gretchen G. Teichgraeber,
Bernhard Gerl, Dr. Rainer Kayser, Dr. Susanne Lipps-Breda, Druckunterlagen an: GWP-Anzeigen, Vermerk: Spektrum Vice President: Frances Newburg, Vice President/Managing
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


QM R Z 2005 7
SPEKTROGRAMM
SPEKTROGRAMM

P LANETOLO GIE

Mond mit Gürtel


Q Als Mond mit zwei Gesichtern – die eine Hälfte ist pechschwarz, die andere
schneeweiß – hat Japetus die Astronomen schon immer fasziniert. Neue Auf-
nahmen der Raumsonde Cassini lassen den Trabanten von Saturn nun noch
rätselhafter erscheinen. Demnach zieht sich ein fast zwanzig Kilometer breiter
und etwa dreizehn Kilometer hoher Wulst über eine Länge von mindestens
1300 Kilometern fast genau am Äquater entlang. Das ist umso erstaunlicher,
als der Mond mit einem Durchmesser von nur 1436 Kilometern recht klein ist.
Über die Ursache dieser im Sonnensystem bisher einmaligen Bauchbinde spe-
kulieren die Planetenforscher noch. Denkbar wäre, dass durch einen riesigen
Riss Gesteinsschmelze nach außen gedrungen und erstarrt ist. Alternativ
könnte der Wulst durch Kompressionskräfte aufgefaltet worden sein. Beide
Mechanismen erklären aber nicht so recht, warum der Gürtel absolut geradli-
nig ist und fast exakt dem Äquator folgt. Genaueres hoffen die Astronomen im
September 2007 zu erfahren, wenn Cassini erneut an Japetus vorbeifliegen
und dann hundertmal schärfere Fotos schießen wird.
(Nasa, 7.01.2005)

QUANTENPHYS IK le eingeschlossen hatten. Über die ge- MAT E RI ALFO RSCHUN G


genseitige Wechselwirkung wurden die
Atomarer Rekorder Photonen und Atome »verschränkt«, Plastik aus
sodass sie sich in einem gemeinsamen,
für Laserlicht identischen Quantenzustand befanden. Orangenschalen
Mit Hilfe des Lichtsignals, das wieder
Q Einem Team von Physikern in Däne- aus der Zelle herauskam, rekonstruier- Q Biegt man die Schalen von Zitrus-
mark, Belgien und Deutschland ist es ten die Forscher dann das so genannte früchten, treten wohlriechende ätheri-
gelungen, den Polarisationszustand von Quantenrauschen der Cäsiumteilchen sche Öle aus. Bei Orangen besteht
Photonen eines Laserstrahls auf Atome vor Beginn der Prozedur und sandten diese Flüssigkeit zu gut neunzig Pro-
zu übertragen – ein wichtiger Schritt auf dieses Signal in einer Rückkopplungs- zent aus der Substanz Limonen, die
dem Weg zur Speicherung von Informa- schleife in die Glaszelle zurück. Damit als preiswerter Duftstoff, Geschmacks-
tionen in künftigen Quantencomputern. war die Speicherung abgeschlossen. verbesserer und Lösungsmittel indus-
Die Wissenschaftler um Brian Julsgaard Dass die Atome tatsächlich den In- triell genutzt wird. Doch mit dem nach
vom Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen formationsgehalt der Photonen über- Zitrone riechenden Öl, das zu den Ter-
schickten Laserpulse aus nur wenigen nommen hatten, zeigte das Forscher- pen-Kohlenwasserstoffen gehört, las-
Photonen durch Cäsiumatome, die sie team anschließend, indem es ihren Po- sen sich noch ganz andere Dinge an-
bei Zimmertemperatur in einer Glaszel- larisationszustand maß und mit dem stellen. Wie nun ein Team um Geoffrey
des ursprünglichen Laserpulses ver- Coates von der Cornell-Universität in
NIELS BOHR INSTITUT / MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR QUANTENOPTIK / NATURE

glich. Die Übereinstimmung war mit Ithaca (US-Bundesstaat New York)


siebzig Prozent nicht perfekt, entsprach nachwies, taugt die Substanz auch als
jedoch dem, was die Forscher im Rah- Ausgangsmaterial für einen neuartigen
men der experimentellen Beschränkun- Kunststoff.
gen erwarten konnten. Die Chemiker ließen Limonen zu-
(Nature, 25.11.2004, S. 482) nächst mit Sauerstoff reagieren. Das
Oxid setzten sie dann in Gegenwart
eines Katalysators mit Kohlendioxid um.
Dabei entstand ein Polycarbonat: ein
l Gasförmige Cäsiumatome in einer paraffin- Kunststoff mit ähnlichen Eigenschaften
umhüllten Glaszelle lassen sich als Quantenspei- wie Styropor. Er böte einen ökologisch
cher einsetzen. Die äußeren Zylinder schirmen vorteilhaften Ersatz für dieses weit ver-
störende Magnetfelder ab. breitete Dämm- und Verpackungsmate-

8 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
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Wie neue Aufnahmen der Raumsonde Cas-
sini zeigen, verl uft auf dem Saturn-
ZOOL OGI E

Warmer Blick

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mond Japetus l ngs des Äquators

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ein r tselhafter Wulst.

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KERSTIN A. FRITSCHES, UNIVERSITY OF QUEENSLAND


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Q In den Tiefen des Ozeans herrschen

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extreme Bedingungen. We

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will, muss gegen Druc

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Dunkelheit gew

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manch ein Meerestier seine Betriebs-
temperatur, um schneller zu schwim-

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men. Doc , die
sich zum Beispiel einige Haiarten leis-
ten, verbraucht sehr viel Energie. Der o Der Schwertfisch Xiphias gladius

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Schwertfisch Xiphias gladius ist da ne Augen auf 19 bis 28 Grad Celsius, damit er sei-
nicht so verschwenderisch. Wie Biolo- ne Beute schneller sieht.
gen der Universit t von Queensland in

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Sydney gemeinsam mit Kollegen aus Tiere an und maßen so deren neurale
den USA und Schweden herausfanden, Reaktionen. Dabei zeigte sich, dass die

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heizt er bei der Jagd selektiv nur einen Retinazellen dank der Erw rmung deut-
Muskel hinter den Augen und das Ge- lich schneller ansprechen. Das Auge
hirn. Dadurch wird die Retina bis zu 15 kann bewegte Bilder somit zeitlich bes-
SSI
Grad Celsius w rmer als das umgeben- ser aufl sen. Dadurch ersp ht Xiphias
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NAS de Wasser. Um den Sinn dieser Maß- in 300 Meter Tiefe seine Beute bis zu

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nahme zu ergr nden, brachten die For- siebenmal schneller als diese ihn.
scher Elektroden auf der Netzhaut der (Current Biology, 11.01.2005, S. 55)

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rial, da er aus nachwachsenden statt AR CH ÄOL OGI E
petrochemischen Rohstoffen herge-
stellt w rde – noch dazu unter Ver- Steinalter Wein aus China
brauch von Kohlendioxid, das als Treib-

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hausgas die globale Erw rmung an- Q Laut Bibel war Noah der erste Wein- versit t von Pennsylvania in den Scher-

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treibt. Limonen kommt in mehr als 300 bauer. Arch ologen orteten die fr hes- ben von Tonkr gen noch Spuren einer
Pflanzenarten vor – außer in Zitrusfr ch- ten Liebhaber alkoholischer Getr nke gegorenen Fl ssigkeit. Wie gaschro-
ten auch in den Nadeln mancher Koni- dagegen bisher in Babylonien, wo auf matografische und massenspektrome-
feren. Mehr als 50 000 Tonnen der viel- 7000 Jahre alten Tontafeln Bierrezepte trische Analysen ergaben, war das al-
seitigen Substanz werden pro Jahr verzeichnet sind. Doch nun zeigte sich, koholische Getr nk einst aus Honig,

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weltweit produziert. (Journal of the Ameri- dass sich die Chinesen schon vor min- Reis und Fr chten – vermutlich wilden

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can Chemical Society, Bd. 126, S. 11404) destens 9000 Jahren an Rebensaft Trauben oder Weißdornbeeren – her-

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labten. gestellt worden.
Bei Grabungen im jungsteinzeitli- Die Wissenschaftler konnten die

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chen Dorf Jiahu in der Provinz Henan Reste des berauschenden Trunks nur
fand ein internationales Arch ologen- entdecken, weil in Henan schon sehr
team um Patrick McGovern an der Uni- fr h Tonwaren hergestellt wurden. Be-
h ltnisse aus Holz oder Leder h tten
die Jahrtausende nicht berstanden.

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Dass die Fl ssigkeit vermutlich ehe-
mals aus Wein bestand, zeigte der Ver-
gleich mit einem etwa 3000 Jahre
alten Tropfen aus der Shang-Dynastie,
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der in luftdicht verschlossenen Bronze-


beh ltern bis heute erhalten blieb.
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(Proceedings of the National Academy of Science,
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10.1073/ pnas. 0407921102)
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l Diese 9000 Jahre alten Tonkr ge aus China


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enthalten Überreste eines weinartigen Getr nks.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 9
MIT FREUNDL. GENEHMIGUNG VON JOHN MEGAHAN
l Einst beherrschte der Haastadler den Luftraum PALÄAN T HROPO LO GI E
SPEKTROGRAMM

Neuseelands. Wie seine bevorzugte Beute, der


Moa, ist er heute ausgestorben. Frühester
Die Herkunft des Haastadlers war Menschenaffe
bislang ein Rätsel. Doch ein internatio-
EVOLU TION nales Forscherteam konnte es jetzt mit Q Ein in Spanien gefundenes, 13 Milli-
Hilfe fossiler Knochenfragmente lösen. onen Jahre altes Skelett stammt ver-
Raubvogel im Dazu verglichen die Paläobiologen das mutlich vom frühesten gemeinsamen
2000 Jahre alte Erbgut mit dem heuti- Urahn der Menschenaffen und Men-
Schlaraffenland ger Greifvogelarten. Die DNA-Analyse schen. Diese haben sich vor 11 bis 16
ergab eine enge Verwandtschaft mit Millionen Jahre von den übrigen Prima-
Q Auf Neuseeland gab es bis zur Be- dem ziemlich kleinen Kaninchenadler, ten abgespalten, zu denen zum Bei-
siedlung durch die Maori mit Ausnahme der allenfalls ein Kilogramm auf die spiel die Gibbons gehören. Die Urahn-
dreier Fledermausarten keine Landsäu- Waage bringt. Beide Greifvögel stam- spezies wurde nach dem Fundort des
getiere. Die entsprechenden ökologi- men nach Meinung der Forscher von Fossils – einem Dorf nahe Barcelona –
schen Nischen besetzten etwa 250 einem Urahn ab, der vor nur etwa ei- Pierolapithecus catalaunicus benannt.
Vogelarten. An der Spitze der Nahrungs- ner Million Jahren lebte. In dieser evo- Salvador Moyà-Solà von der Escola
kette stand der Haastadler: ein mäch- lutionsbiologisch sehr kurzen Zeit hatte Industrial in Barcelona und seine Kolle-
tiger Greifvogel mit einer Flügelspann- der Haastadler sein Gewicht mehr als gen konnten aus 83 gefundenen Kno-
weite von etwa drei Metern und bis zu verzehnfacht. Das war wohl nur mög- chen und Knochenfragmenten ein
fünfzehn Kilogramm Gewicht. Seine lich, weil es in Neuseeland reichlich weit gehend vollständiges Skelett re-
bevorzugte Beute war der Moa. Dieser Beute und keine Nahrungskonkurren- konstruieren, das zu einem etwa 35
flugunfähige Laufvogel ist wie sein Jä- ten am Boden gab. Kilogramm schweren männlichen Tier
ger inzwischen ausgestorben. (Plos Biology, Januar 2005, S. 44) gehört und viele typische Merkmale
von Menschenaffen zeigt. So ist sein
OZEA NOLO GIE Brustkorb breiter und flacher als bei
den primitiveren Primaten, und seine
Hurrikane unter Wasser Schulterblätter befinden sich auf dem
Rücken statt an der Seite. Dies und die
Q Nicht nur der Golfstrom mäandriert erkundeten mit Sonden, die sie ins kurzen, versteiften Lendenwirbel er-
und bildet dabei Ringe – auch in tiefe- Meer absenkten, wie schnell das Was- leichterten es dem Tier, eine aufrechte
ren Schichten des Atlantiks entdeckten ser am Kontinentalschelf vor Südame- Position einzunehmen. Zu den typi-
Forscher jetzt Wirbel. Sie haben Durch- rika entlangströmt. In 2000 Meter schen Kennzeichen von Menschen-
messer von etwa 300 Kilometern und Tiefe registrierten akustische Doppler- affen zählt ferner ein relativ flaches, ge-
wandern mit 150 Metern pro Stunde Strömungsmesser starke Schwankun- drungenes Gesicht, in dem die Nasen-
an der brasilianischen Küste entlang gen der Geschwindigkeit mit einer wurzel in einer Ebene mit den Augen
nach Südwesten. Marcus Dengler und Periode von sechzig Tagen. Die einzig liegt. Allerdings weist P. catalaunicus
seine Kollegen von der Universität Kiel plausible Erklärung dafür sind riesige auch einige primitive Merkmale wie
Wirbel, über deren Existenz bislang recht kurze Finger und Zehen auf.
u In 1900 Meter Tiefe vor der Küste Brasiliens bil- nur gemutmaßt wurde. (Science, 19.11.2004, S. 1339)
den sich in einer Computersimulation riesige Wir- Die südwestliche Tiefenströmung

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bel. Sondenmessungen (an der schwarzen Linie) ist Teil einer großräumigen Ozeanzirku- u Sah so der älteste gemeinsame Urahn von

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haben jetzt den Realitätsbeweis dafür erbracht. lation, die an der Oberfläche warmes Menschen und Menschenaffen aus?

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Wasser in den Nordatlantik verfrachtet

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und so für mildes Klima in Europa sorgt.

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Nach dem Absinken im Eismeer strömt

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das Wasser in der Tiefe nach Süden zu-

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rück. Durch die globale Erwärmung

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könnte sich diese Zirkulation in Zukunft

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verlangsamen. Was der Hollywoodfilm

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SCIENCE, BD. 306, 19.11.2004 / AAAS / TODD MARSHALL

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»The Day after Tomorrow« zur Apokalyp-

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se aufbauschte, ließe sich durch Beob-
achtung der Wirbel überwachen. Nach
Computersimulationen der Kieler For-
scher sollten diese verschwinden, so-

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bald sich die Strömung abschwächt und
LEIBNIZ-INS

laminar wird. (Nature, 23./30.12.2004, S. 1018)

Mitarbeit: Kerstin Beckert und Sven Titz

10 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


QM R Z 2005
BILD DES MONATS
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Michigansee

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Ontariosee

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Schnee aus dem See


In der Umgebung der nordamerikanischen großen Seen Da sich die aufsteigende Luft abkühlt, kondensiert die
fällt im Winter regional begrenzt oft mehr als ein Meter aufgenommene Feuchtigkeit darin aus und gefriert zu
Schnee in wenigen Tagen. Der Grund ist ein Phänomen, Eiskristallen. Das Ergebnis sind Schneewolken, die
das US-Meteorologen als »sea-effect snow« bezeichnen. sich wegen des walzenartigen Konvektionsmusters in
Die großen Seen frieren wegen ihres riesigen Wasser- schmalen parallelen Streifen aneinander reihen. Das
GROSSES BILD: NASA / GSFC / SEAWIFS; KLEINES BILD: USGS

volumens und der darin gespeicherten Wärme selten zu. erweckt in dieser Aufnahme, die der Satellit SeaWiF von
Meist haben sie deshalb im Winter eine höhere Tempera- einem »lake-effect snow«-Ereignis über dem Oberen und
tur als die angrenzende Atmosphäre. Wenn nun kalte, dem Michigansee (siehe eingeklinkte Karte) gemacht hat,
trockene Luft aus der Polarregion über ein solches Ge- den kuriosen Eindruck von Teppichfransen.
wässer hinwegstreicht, wird sie angewärmt und befeuch- Solange die Windverhältnisse bestehen bleiben, ist
tet. Dadurch nimmt ihre Dichte ab und sie steigt auf. Zum die Konvektionsströmung meist sehr stabil, sodass die
Ausgleich sinkt benachbarte Luft ab. So kommt es zu schmalen Wolkenstreifen an Ort und Stelle bleiben. Unter
einem Konvektionsmuster aus langen, röhrenförmigen ihnen kann es dann tagelang ununterbrochen schneien,
Walzen, die in konstantem Abstand parallel neben- während in den Lücken dazwischen gar kein oder nur
einander angeordnet sind. wenig Schnee fällt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 11
FORSCHUNG AKTUELL
PL ANET OLOG IE ße Teile der Titan-Oberfläche überwie-
FORSCHUNG AKTUELL

gend aus Wassereis. Das gilt etwa für die


Erdgas-Regen auf Titan hellen, abgerundeten Brocken, die Huy-
gens direkt neben der Landestelle ablich-
tete. Bei –179 Grad Celsius Oberflä-
Exotisch fremd und doch vertraut: Die Welt auf dem Saturnmond, wie chentemperatur sind sie allerdings stein-
Europas Huygens-Sonde sie jetzt enthüllte, ähnelt mit ihren ausge- hart. Auch helle, wallartige Strukturen
trockeneten Flussbetten und Seen frappierend unserer eigenen – nur scheinen aus gefrorenem Wasser zu be-
stehen, das aus dem Untergrund nach
dass statt Wasser Methan fließt. oben gedrückt wurde.
Daneben ist auf den Fotos feinkörni-
geres Bodenmaterial zu erkennen. Die
Von Thorsten Dambeck (»Descent Imager and Spectral Radiome- Wissenschaftler halten es für eine Mixtur
ter«) an Bord von Huygens während des aus zerstoßenem Wassereis und orga-

E s war ein großer Tag für die Europäi-


sche Weltraumagentur (Esa): Am
Morgen des 14. Januar erreichte die Son-
Abstiegs und der Landung Bilder und
Messdaten zur Erde, wobei Cassini als
Relaisstation half.
nischen Verunreinigungen. Eindeutige
Hinweise auf Silikatgestein, das die
Oberflächen der erdähnlichen Planeten
de Huygens den Saturnmond Titan – Rund 350 Fotos gingen so bei der Esa prägt, fanden sich dagegen nicht. Aller-
350 Jahre, nachdem ihr Namenspatron, ein. Sie zeigten zunächst einmal, dass die dings könnte es in der Tiefe vorkom-
der holländische Naturforscher Chris- Gashülle Titans noch trüber ist als bisher men. Darauf deuten Spuren von Argon
tiaan Huygens, den planetengroßen schon vermutet. »Erst 20 bis 30 Kilome- in der Gashülle Titans, das durch radio-
Himmelskörper entdeckt hatte. ter über dem Boden klärte sich die Sicht aktiven Zerfall aus kaliumhaltigem Ge-
Über sieben Jahre lang war das von und der Blick auf die Oberfläche wurde stein entweicht.
der Esa gebaute Raumfahrzeug gemein- frei. Dass der Smog so weit nach unten
sam mit der US-Sonde Cassini zum reicht, war eine Überraschung«, kom- Weiches Material
Ringplaneten gereist. Zu Weihnachten mentierte Tetsuya Tokano von der Uni- unter harter Kruste
trennte es sich dann von seinem Beglei- versität Köln, der an der Auswertung der Ansonsten wird die Atmosphäre des
ter, schlug einen Kollisionskurs mit Ti- Huygens-Daten beteiligt ist. Unterhalb Saturnmonds genau wie die irdische
tan ein und flog drei Wochen lang an- der Sichtgrenze bot sich den Kameraau- von Stickstoff dominiert. Zweitwichtigs-
triebslos, bis es an jenem Morgen in die gen schließlich eine seltsam vertraute Sze- te Komponente ist Methan, bei uns als
smogverhangene Gashülle des Riesen- nerie: eine fremdartige Welt, die dennoch brennbarer Hauptbestandteil von Erdgas
monds stürzte. Zweieinhalb Stunden frappierend an die Erde erinnerte. geschätzt. Sein Anteil variiert zwischen
später setzte die automatisch gesteuerte Tatsächlich scheint die Oberfläche zwei Prozent in der Hochatmosphäre
Sonde, am Fallschirm schwebend, sanft von Titan ebenso dynamisch zu sein und und dem doppelten Wert dicht über der
am Boden auf. durch ähnliche Prozesse gestaltet zu wer- Oberfläche. Offenbar wirkt der Boden
Es war die erste weiche Landung ei- den wie unser Planet. »Wir haben Belege als Methanquelle.
nes Raumfahrzeugs auf einem Himmel- für Niederschläge, Erosion, mechanische Das belegen auch Messungen an der
körper jenseits des Mars. Unter großer Abtragungen und andere Einwirkungen Landestelle. Als Huygens mit einer Ge-
Anteilnahme der internationalen Öffent- von Flüssigkeiten auf der Oberfläche«, schwindigkeit um die zwanzig Kilometer
lichkeit funkte das DISR-Instrument sagt DISR-Projektleiter Martin Tomas- pro Stunde aufschlug und dabei zehn bis
ko von der Universität von Arizona in fünfzehn Zentimeter tief einsank, scheint
Tempe. Nur die Zutaten der exotischen durch die Abwärme einer Lampe etwas
Wetterküche sind ganz andere als bei uns: flüssiges Methan im Boden verdunstet
Beim Abstieg zur Titanoberfläche Wassereis, flüssiges Methan und Smog. zu sein – jedenfalls registrierten die
u fotografierte Huygens ein ziemlich Das ergibt sich unter anderem aus Bordgeräte wenige Minuten später einen
erdähnliches Panorama mit hügeligem ersten Analysen der von Huygens ge- kurzen Anstieg der Gaskonzentration
Gelände und flachen Tiefebenen. funkten Spektren. Danach bestehen gro- um dreißig Prozent.
ESA / NASA / JPL / UNIVERSITY OF ARIZONA

12 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
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Die Raumsonde Huygens wurde
beim Eintritt in die
Titan von einem
Hitzeschild gesc
von
abgeworfenen
Am Ende schwebte
sie an einem Fallschirm zu Boden.

Sie fallen mit dem Regen zu Boden«,


vermutet Meteorologe Tokano. Das Me-
than fließt in den Kanälen Richtung
Tiefebene und versickert. Die organi-
schen Verbindungen bleiben dabei am
Grund der Kanäle und in der Ebene als
eine Art Schlamm zurück.
Die Landestelle von Huygens liegt
bei rund zehn Grad südlicher Breite, ge-

NASA / JPL / CRAIG ATTEBERY


nau im Grenzgebiet zwischen hellen und
dunklen Regionen. Schon Cassinis Ka-
mera war beim ersten Vorbeiflug dieser
Kontrast auf der Titan-Oberfläche aufge-
fallen. Auch in dem dunklen Flachland
Als Erstes drang der etwa zwanzig Trotzdem muss es nach Ansicht der fanden die Forscher Hinweise auf ehe-
Zentimeter lange Messstab des »Surface Forscher auf dem Saturnmond immer mals strömende Flüssigkeiten. Fotos aus
Science Package« in den Boden ein. wieder einmal regnen. Tomasko fühlt der Vogelperspektive, die Huygens beim
Noch bevor die 343 Kilogramm schwere sich an seine Heimat Arizona erinnert. Abstieg schoss, zeigen tropfenförmige
Sonde aufsetzte, ermittelte dieser den »Das ist mit einer irdischen Trockenzone Vertiefungen, die hellere »Inseln« –
mechanischen Widerstand des Unter- vergleichbar, wo die Flüsse nur zwischen- wahrscheinlich aus Wassereis – umge-
grunds. Dabei stieß er unter einer dün- zeitlich Wasser führen.« Außerdem ben. Ähnliche Bilder kennt man von
nen harten Kruste auf erheblich weiche- könnte flüssiges Methan auch direkt ausgetrockneten Überschwemmungsge-
res Material. Laborexperimente legen dem Boden entspringen: Kürzere, weni- bieten auf dem Mars. Weiterhin fielen
nahe, dass es sich dabei um Ansammlun- ger verzweigte Kanäle deuteten die Pla- den Forschern zahlreiche elliptische Re-
gen feinkörniger Eispartikel handeln netenforscher als Hinweis auf gelegent- gionen in der Ebene auf – vermutlich
könnte, eine Art Gegenstück zu irdi- lich sprudelnde Methan-Quellen. ausgetrocknete Methan-Tümpel, in de-
schem Sandboden. nen sich noch letzte Flüssigkeitsreste
Schon am Tag der Landung präsen- Smog und Flüsse hielten, als die dunkle Brühe in der Um-
tierte die Esa mehrere DISR-Fotos. Luft- Das dunklere Material in den Kanälen gebung schon im Boden versickert oder
aufnahmen aus rund 15 Kilometer Höhe entstammt dem fotochemischem Smog, verdunstet war.
zeigen Landschaften mit einem verzweig- der in rund 300 Kilometer Höhe über Während seines Sturzflugs lauschte
ten System dunkler Rinnen, die wie Ab- der Oberfläche entsteht. Dort spaltet Huygens auch mit einem Mikrofon nach
flusskanäle aussehen. Sie führen aus ver- UV-Licht Wasserstoffatome vom Me- Geräuschen. Die Forscher hofften, dabei
gleichsweise hellen Hochländern in eine than ab. Dabei entstehen energiereiche das Donnergrollen titanischer Gewitter
dunkle Tiefebene. Missionsleiter Jean- Radikale, die miteinander zu einem
Pierre Lebreton ist überzeugt, dass sie Cocktail aus längerkettigen Kohlenwas-
von Überschwemmungen durch Me- serstoffen und komplizierteren organi-
than-Niederschläge herrühren. schen Molekülen reagieren können. Das
Dafür spricht nicht nur die Analyse Endprodukt sind jene orangefarbenen
von Stereobildern des Kanalsystems, son- Schwebteilchen, aus denen der Dunst-
dern auch der hohe Verzweigungsgrad schleier um Titan besteht.
der Gräben. Momentan scheinen sie »In der Troposphäre, dort, wo die
allerdings keine nennenswerten Flüs- Gashülle transparenter wird, waschen
sigkeitsmengen zu führen. Außerdem Methan-Niederschläge die Aerosole aus.
konnte die Esa-Sonde weder am Boden
ESA / NASA / JPL / UNIVERSITY OF ARIZONA

noch während des Abstiegs Regen beob-


achten. Die von vielen vermuteten Me-
than-Meere bekam sie im ewigen Däm- Auf diesem Mosaik aus drei Huy-
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merlicht – die Helligkeit auf Titan be- gens-Aufnahmen erscheint ein ver-

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trägt nur rund ein Tausendstel derjenigen zweigtes Flusssystem, das von einer hel-
auf der sonnenbeschienen Erdseite – len Hochebene in ein dunkleres Tiefland
gleichfalls nicht vor die Linse. zieht.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 13
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Der Blick von Huygens auf die Lan- DWE-Projektleiter Michael Bird von der
FORSCHUNG AKTUELL

destelle zeigt eine orangefarbene Universität Bonn ist aber zuversichtlich,


Ebene, die mit bis zu 16 Zentimeter gro- dass sich die Messergebnisse anhand der
ßen Eisbroc Aufzeichnungen irdischer Radioteles-
kope hinreichend genau rekonstruieren
lassen. Die Radiosignale von Huygens
wurden während des ruppigen Abstiegs
aufzufangen. Doch das Gerät regis- nämlich trotz der 1,2 Milliarden Kilo-
trierte nichts dergleichen. Immerhin meter Entfernung auch direkt von der
fand sich laut Tokano in anderen Mess- Erde aus verfolgt und von Riesenan-
daten ein »elektrisches Ereignis«, das tennen auf verschiedenen Kontinenten
noch weiter analysiert werden müsse. Es selbst noch Stunden nach der Landung
könnte sich um ein »natürliches Phäno- empfangen. Da war Cassini auf seinem
men« – wie zum Beispiel einen Blitz – Vorbeiflug längst unter der Horizontlinie
handeln, aber auch von der Sonde selbst der Huygens-Landestelle verschwunden,
stammen. sodass keine Funkverbindung mehr be-
Mit dem »Doppler Wind Experi- stand. Niemand hatte in seinen kühns-
ESA / NASA / JPL / UNIVERSITY OF ARIZONA

ment« (DWE) wollten die Forscher au- ten Träumen erwartet, dass der erste irdi-
ßerdem das Höhenprofil der Windge- sche Kundschafter der unwirtlichen Eis-
schwindigkeiten ermitteln. Doch der zu- wüste auf dem Saturnmond derart lange
ständige Empfänger an Bord von Cassini trotzen würde.
versagte und die Daten galten zunächst
als verloren. Diesem Fehler fielen auch Thorsten Dambeck ist Physiker und Wissenschafts-
die Hälfte der DISR-Fotos zum Opfer. autor in Berlin.

M OLEK ULAR BIOLOGI E ten-RNA längst an der Markierung für


die Zierschleife abgeschnitten und sind
Pacman stoppt Kopiermaschine auf sie übergewechselt, um den Poly-A-
Schwanz anzubringen. Bisher ließ sich
kein DNA-Abschnitt identifizieren, der
Wenn das Enzym, das Gene abschreibt, übers Ziel hinausschießt und die Polymerase zum Anhalten bringt.
nur noch Ausschuss produziert, muss es gewaltsam angehalten wer- Man wusste nur, dass sie irgendwann
den. Die Zellen von Hefen und Menschen schicken ihm dazu einen doch noch aufhört, aber nicht wo, wieso
und wie.
molekularen Torpedo hinterher. Jetzt endlich ist auch dieses Geheim-
nis gelüftet – und die Lösung erweist sich
Von Michael Groß Diese dient dann als Vorlage für den Zu- als äußerst kurios. Drei Arbeitsgruppen
sammenbau des Proteins an den Riboso- entdeckten sowohl bei der Hefe als auch

E s ist gut zu wissen, wann man aufhö-


ren muss. Wenn ich zum Beispiel
diesen Satz, obwohl ich meine Aussage
men, den Eiweißfabriken der Zelle.
Nun enthält jedes Gen zwei klare
Hinweise auf sein Ende. Da ist zuerst das
beim Menschen, dass die Zelle gleichsam
einen Torpedo losschickt, um die übers
Ziel hinausgelaufene Kopiermaschine zur
schon formuliert habe, immer weiter Stoppsignal, an dem später das Ribosom Raison zu bringen. Das Geschoss besteht
schreiben würde und weiter und weiter erkennt, dass es am Schluss der Bau- aus einer Exonuclease: einem RNA-ver-
und weiter, und es käme nur noch Blöd- anleitung angekommen ist. Und dahin- dauenden Enzym, das Nucleinsäurefäden
sinn dabei heraus und Sie würden mich ter gibt es noch jene genau markierte vom Ende des Strangs her abbaut. Es hef-
langsam für verrückt halten und denken, Stelle, wo an die fertige Boten-RNA – tet sich an den Stiel der Polymerase, nach-
warum macht er denn nicht endlich quasi als Zierschleife – noch ein nur aus dem die Kollegen, die für das Abschnei-
Schluss … es wäre pure Verschwendung dem Buchstaben A bestehender Poly-A- den der Boten-RNA und das Anfügen
von Zeit, Papier und Druckerschwärze. Schwanz angehängt wird. des Poly-A-Schwanzes zuständig waren,
Genau diesen Luxus leistet sich aber den Platz geräumt haben. Dort bekommt
die RNA-Polymerase II: jenes Enzym, Enzym kennt kein Halten es irgendwann das freie Ende der im
das Arbeitskopien von Genen erstellt, Doch die Polymerase ist blind für diese Überschuss produzierten RNA zu fassen,
auf denen im DNA-Alphabet die Bau- Fingerzeige: Wie ein Roboter bewegt sie schwingt sich hinüber und macht sich im
anleitungen für Proteine stehen. Dabei sich einfach weiter am DNA-Faden ent- Eiltempo daran, den unnützen Faden
fährt es am Nucleinsäurefaden der Erb- lang und fährt mit dem Abschreiben wieder in seine Bausteine zu zerlegen. Da

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substanz entlang und erzeugt – getreu- fort. Derweil haben andere Enzyme, die der Torpedo schneller vorankommt als
lich Buchstabe für Buchstabe – eine Ab- sich vorübergehend an einen stielartigen die Polymerase, holt es diese schließlich
schrift im leicht abweichenden RNA-Di- Fortsatz auf der Außenseite der Kopier- ein und bringt sie dazu, anzuhalten und
alekt: die so genannte Boten-RNA. maschine geheftet hatten, die fertige Bo- sich vom Erbmolekül zu lösen.

14 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


QM R Z 2005
Die Basisversion dieses Mechanismus 522). In diesem Fall tritt allerdings, wie
entdeckten Stephen Buratkowski und man schon seit einigen Jahren weiß, eine
seine Mitarbeiter an der Harvard-Uni- zusätzliche Komplikation auf. Demnach
versität in Cambridge (Massachusetts) wird der von der DNA-Polymerase pro-
bei der Bäckerhefe Saccharomyces cere- duzierte RNA-Faden gleich an zwei Stel-
visiae. Es gelang ihnen, die zuständige len abgeschnitten: nicht nur an dem üb-
Exonuclease namens Rat1 zu identifizie- lichen Anknüpfpunkt für den Poly-A-
ren – samt zwei Hilfsproteinen, die den Schwanz, sondern ein gutes Stück
Torpedo anfangs mit der Polymerase ver- dahinter noch einmal.
binden. Der Funktion des Enzyms ka-
men die US-Forscher auf die Spur, als sie Eine Schere schneidet sich selbst
es gentechnisch ausschalteten. Hefekul- Forscher um Alexandre Akoulitchev, die
turen ohne Rat1 erwiesen sich zwar als am selben Institut wie Proudfoot arbei-
überlebensfähig. In ihren Zellen fanden ten, konnten nun klären, was es mit die-
sich aber erhebliche Mengen sinnloser ser zusätzlichen Trennstelle auf sich hat
RNA-Fäden – offenbar Produkte von (Nature, Bd. 432, S. 526). Sie entdeck-
ungebremst weiterlaufenden RNA-Poly- ten, dass ein so genanntes Ribozym da-
merasen (Nature, Bd. 432, S. 517). hinter steckt: eine enzymatische Schere,
Nick J. Proudfoot und seine Mitar- die sich selbst aus einem RNA-Strang
beiter an der Sir William Dunn School herausschneiden kann.
of Pathology in Oxford erforschten den- Durch Mutationsexperimente kreis-
selben Vorgang beim Menschen. Als Un- ten Akoulitchev und seine Mitarbeiter
tersuchungsobjekt wählten sie das Gen den kleinsten für die Ribozym-Aktivität ANZEIGE
für das Globin, das in Verbindung mit hinreichenden RNA-Abschnitt ein und
dem Häm den roten Blutfarbstoff Hä- wiesen nach, dass die Polymerase nur
moglobin bildet. Dem Rat1 der Hefe dann mit dem sinnlosen Abschreiben
entspricht bei unserer Spezies eine Exo- aufhört, wenn dieser Abschnitt vorhan-
nuclease namens Xrn2. Indem die Ox- den und funktionstüchtig ist. Offenbar
forder Forscher – analog zu den Experi- erzeugt die Schere einen geeigneten
menten der Gruppe um Buratkowski – Startpunkt für Xrn2. Die erste Schnitt-
dieses Enzym ausschalteten, konnten sie stelle direkt am Ende der Boten-RNA,
nachweisen, dass es zum Stoppen der Po- die von dem Hefe-Enzym Rat1 erkannt
lymerase nötig ist (Nature, Bd. 432, S. wird, scheint diese Aufgabe beim

Wie ein übereifriges Enzym torpediert wird


Gen Poly-A-Stelle Beim Abschreiben eines Gens schießt
a Transkiption die DNA-Polymerase über dessen Ende
hinaus und produziert einen weiter
m7 G
wachsenden RNA-Strang. Die eigentli-
frische Boten-RNA
che Boten-RNA wird derweil von Enzy-
men (grün und gelb), die zuvor am lan-
b Abspaltung der gen, dünnen »Stiel« der Polymerase
Poly-A-Stelle saßen, an der Ankopplungsstelle für
den Poly-A-Schwanz abgeschnitten (a).
m7G
Poly-A An den frei gewordenen Stiel kann sich
nun mit Hilfe der Proteine Rtt103 und
c Ende der Rai1 die Exonuclease Rat1 binden. Dort
Transkiption bekommt sie über kurz oder lang das
lose Ende der sinnlos weiter syntheti-
sierten RNA zu fassen, hängt sich daran
NATURE, BD. 432, S. 457, 25. NOVEMBER 2004

und baut sie schrittweise ab (b). Schließ-


Stiel der lich holt sie die Polymerase ein und
RNA-Polymerase
Polymerase bringt sie (auf noch unbekannte Weise)
dazu, sich von der DNA zu lösen. Der
Rai1 Rtt103 Rat1
dargestellte Vorgang gilt für die Bäcker-
Faktoren zur Abspaltung der Boten-RNA hefe und ist bei menschlichen Zellen
und Polyadenylierung noch erheblich komplizierter.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 15
menschlichen Globin-Gen nicht zu er- KL I MATOLOGI E
FORSCHUNG AKTUELL

füllen.
Nicht einmal jedes x-beliebige Ribo-
Pazifik ließ Europa frieren

ü
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zym genügt den Ansprüchen von Xrn2.
Das entdeckte die Arbeitsgruppe von
Nick Proudfoot, als sie den DNA-Ab- Ungewöhlich kalte Winter in unseren Breiten, warme in Alaska und
schnitt für die Originalschere durch den eine dicke Ozonschicht in den Jahren 1940 bis 1942 konnten jetzt auf
für das – nach seiner Form benannte – ein besonders starkes El-Niño-Ereignis zur ckgef hrt werden.
Hammerkopf-Ribozym ersetzte, das sich
zwar auch selbst herausschneidet, aber
eine chemisch unterschiedliche Schnitt- Von Stefan Brönnimann Die Auswirkungen von El Niño auf
stelle erzeugt. Daraufhin verschmähte Wetter und Klima in Nord- und Süd-
Xrn2 das freigewordene Ende.
Wie so oft in der Wissenschaft wer-
fen diese Befunde mindestens so viele
A nfang Dezember 1941: Die deut-
schen Truppen werden auf ihrem
Vormarsch kurz vor Moskau von einem
amerika sowie allgemein in den Tropen
sind bekannt (Spektrum der Wissen-
schaft, Dossier 1/2002, S. 18). Bisher
Fragen auf, wie sie beantworten. Eine plötzlichen Kälteeinbruch überrascht. schien es jedoch, dass sich das Phäno-
davon lautet, ob das nachgeschaltete Ri- Ohne Winterausrüstung gibt es kein men weder auf Europa noch auf die stra-
bozym eine einmalige Besonderheit des Weiterkommen mehr; die Front gerät tosphärische Ozonschicht merklich aus-
Globin-Gens ist. Rein äußerlich – also ins Stocken. Was folgt, ist der kälteste wirkt. Die klimatischen Ereignisse zwi-
anhand seiner RNA-Sequenz – lässt es Winter des 20. Jahrhunderts in weiten schen 1939 und 1942 sind somit nicht
sich nicht auf Anhieb als enzymatische Teilen Europas und der dritte außerge- nur aus historischer Sicht von Interesse,
Schere erkennen. Deshalb glauben die wöhnlich strenge in Folge. sondern könnten auch unser wissen-
Oxforder Forscher, dass sich auch am Die eisigen Winter während des schaftliches Bild von El Niño verändern.
Ende von anderen Genen solche atypi- Zweiten Weltkriegs haben Geschichte Wer diese Frage beantworten will,
schen Ribozyme verstecken könnten. gemacht. Weniger bekannt ist, dass das muss zunächst ein dreidimensionales
Aber das führt gleich zur nächsten, noch Klima zur selben Zeit auch in anderen Bild der Klimaverhältnisse zu jener Zeit
schwierigeren Frage: Wieso hat sich Regionen Kapriolen schlug. So war es in erstellen. Das ist keine leichte Aufgabe;
überhaupt ein so umständlicher Mecha- Alaska ausgesprochen warm, wobei ver- denn die Reihe systematischer Messun-
nismus für einen simplen Abschaltvor- heerende Waldbrände auftraten, im gen oberhalb des Erdbodens reicht nur
gang entwickelt? Fast könnte man glau- Nordpazifik dagegen kühl. Der Sahel litt bis 1948 zurück. Zwar wurden auch vor-
ben, die Natur handle nach dem Motto: unter einer Dürre, ebenso Australien her schon Daten mit Wetterballonen
Warum einfach, wenn es auch kompli- und Borneo. Dafür gab es heftige Nie- und Flugzeugen erhoben – im Krieg wa-
ziert geht? So interessant die Antwort derschläge mit Überschwemmungen und ren das wertvolle Informationen. Aber
wäre – derzeit kann sie leider noch nie- Erdrutschen in Peru. Diese gleichzeiti- niemand machte sich die Mühe, das Ma-
mand geben. gen Anomalien auf allen fünf Kontinen- terial zusammenzustellen und aufzube-
Jetzt habe ich eigentlich schon alles ten waren Ausdruck einer Klimaschwan- reiten. Es jetzt in verschiedenen Archi-
geschrieben, was ich Ihnen über dieses kung von globalem Ausmaß. ven ausfindig zu machen, erforderte eini-
Thema erzählen wollte. Aber wo ich ges an Recherche. Unterstützt durch den
schon einmal in Fahrt bin und mir das Datenarchäologie Schweizerischen Nationalfonds und pri-
Schreiben so Spaß macht, denke ich da- Diese machte sich nicht nur an der Erd- vate Stiftungen, konnte ich zwei Jahre
rüber nach, wie es wäre, wenn mein Com- oberfläche, sondern auch in der Stratos- lang Messdaten aus Europa, der Sowjet-
puter eine elektronische Rat1-Endonu- phäre bemerkbar. Damals durchgeführte union und Nordamerika sammeln, do-
clease hätte. Dann käme jetzt auf dem Messungen vom Boden aus zeigen, dass kumentieren und aufbereiten – eine Ar-
Bildschirm eine Art Mini-Pacman hinter von 1940 bis 1942 die Ozonschicht über beit, die Klimatologen treffend als »data
meinen völlig überflüssigen Buchstaben mehreren Orten in Mitteleuropa, der archaeology« bezeichnen.
hergeschossen und fräße sie alle auf – viel Arktis, den USA und China außerge- Diese alten Angaben liegen meist nur
schneller, als ich sie schreiben kann. Ir- wöhnlich dick war. Mit chemischen Vor- auf Papier vor und müssen zuerst digita-
gendwann würde er mich einholen, und gängen lässt sich das nicht erklären. Viel- lisiert werden. Als Nächstes sind bekann-
dann bliebe mir nichts übrig, als endlich mehr weisen solche Ausreißer auf verän-
NOAA

die Finger von den Tasten zu nehmen, derte Zirkulationsverhältnisse in der


weil jeder neu getippte Buchstabe ohne- Stratosphäre hin.
hin sofort wieder verschwände. Aber Interessant ist, dass vom Herbst 1939
gottlob ist das nicht der Fall: Sonst hätten bis zum Frühling 1942, also genau zeit-
Sie diesen Abschnitt schon nicht mehr le- gleich mit den geschilderten Klimaextre-
sen können, weil er vom Mini-Pacman men, ein sehr starker El Niño herrschte
ratzfatz verschlungen worden wäre. – eine Erwärmung des östlichen tropi-
schen Pazifiks, verbunden mit einem Zu-
Michael Groß hat vor einigen Jahren einen Schluss- sammenbruch der Passatwinde und einer
punkt hinter seine Biochemiker-Karriere gesetzt und Umkehr der Meeresströmungen. Zufall
ist jetzt freier Wissenschaftsjournalist in Oxford. oder nicht?

16 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
BARRY L. GEIPEL
te Instrumentenfehler wie die Strah-
lungsanfälligkeit und Zeitverzögerung
von Thermometern zu korrigieren. Weil
die Daten aus der Anfangszeit der Hö-
o ä
lt
kt
e
s
e
Der ungewöhnlich strenge Winter
1941/42, der des Jahrhun-
derts in weiten Teilen Europas, stoppte
den Vorstoß der deutschen Wehrmacht in
henmessungen stammen und kaum Hin- Russland. Hinter der Serie kalter Winter
tergrundinformation existiert, ist dies ein zwischen 1939 und 1942 steckte nach Er-
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schwieriges Unterfangen. Zuletzt gilt es, kenntnissen des Autors ein sehr starkes
eine strenge Qualitätskontrolle anhand El-Niño-Ereignis im tropischen Pazifik.
von Vergleichen und statistischen Tests

ä
durchzuführen. Am Ende umfasste mei-
ne Datenbank mehrere 10000 Messpro-
file aus den Jahren 1939 bis 1944. Die kürzlich publizierten Resultate
bestätigen, dass es damals eine globa-
Abnorme Wetterverh ltnisse le Klimaschwankung gab, die höhere
Dieses Material erlaubte aufschlussreiche Schichten der Atmosphäre einschloss
Analysen der Höhenströmung über ein- und exakt mit dem El-Niño-Ereignis zu-
zelnen Orten. Für einen räumlich kom- sammenfiel (Nature, Bd. 431, S. 971).
pletten Überblick aber mussten statisti- Die Zirkulation in den unteren Luft-
sche Methoden herangezogen werden. schichten war dominiert durch ein kräf-
Mit ihrer Hilfe rekonstruierte Jürg Lu- tiges Aleutentief, das warme Luft nach
terbacher von der Universität Bern aus Alaska steuerte, sowie ein schwaches Is-
den aufbereiteten Daten monatliche landtief, das Vorstöße arktischer Kaltluft
Druck- und Temperaturverhältnisse für nach Mitteleuropa erlaubte.
ein dreidimensionales Gitternetz, das die Diese beiden wichtigen, quasistatio-
Nordhalbkugel vom 20. Breitengrad bis nären Drucksysteme sind eingebettet in
zum Pol umfasste und bis in die untere die Westwindzirkulation der Mittelbrei-
Stratosphäre reichte – auf eine Höhe von ten, welche in großräumigen, wellenarti-
ungefähr 15 Kilometern. Damit ließ sich gen Schleifen mäandriert. Die rekonstru-
ein detailliertes dreidimensionales Bild ierten Druckfelder auf fünf bis acht Ki-
der besonderen Klimaverhältnisse von lometer Höhe zeigen von 1940 bis 1942

lf
H
ä
1940 bis 1942 gewinnen. eine auffällige Veränderung dieses Wel-
lenmusters: Die Schleifen weiteten sich
in nordsüdlicher Richtung stark aus.
Ebenso deutliche Abweichungen wie
Höhenmessungen aus der ersten am Erdboden traten in der unteren Stra-
l

f
ü
r
te des 20. Jahrhunderts – hier tosphäre auf. Der winterliche Tiefdruck-
die Vorbereitung eines Ballonaufstiegs wirbel über dem Pol, das Hauptmerkmal
auf Island um 1944 – wurden kaum aus- der Zirkulation in dieser Höhe, war in
gewertet. Der Autor sammelte und digita- den drei Wintern ungewöhnlich schwach
lisierte einen großen Teil des auf viele Ar- ausgeprägt. Entsprechend herrschten in
chive verstreuten Datenmaterials die der unteren Stratosphäre über der Arktis,
Zeit zwischen 1939 und 1944. dem nördlichen Eurasien und dem

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 17
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Nordpazifik anomal hohe Temperaturen. zip alle mit dem Auftreten von El Niño der Gründe für die dicke Ozonschicht –
FORSCHUNG AKTUELL

Wie die Analyse einzelner Ballonaufstie- in Verbindung bringen. Dabei ergibt und eine Erwärmung hoch über der Ark-
ge zusammen mit Rekonstruktionen und sich eine plausible Ereigniskette: El Niño tis verursacht. Dies äußert sich in häufi-
Ozondaten nahe legt, gab es in jedem beeinflusst die atmosphärische Zirkula- gen »Major Midwinter Warmings«, die
der drei Winter mindestens ein so ge- tion über dem Nordpazifik, verzerrt die stets durch Wellenstörungen verursacht
nanntes »Major Midwinter Warming«: dort liegende quasistationäre Welle und werden.
eine explosionsartige Erwärmung der po- begünstigt dadurch ein starkes Aleuten- Diese vermutete Ereigniskette über-
laren Stratosphäre, verbunden mit einem tief. Die Wellenstörung breitet sich dann prüften meine Mitarbeiter und ich an-
Kollaps des Wirbels. Normalerweise fin- stromabwärts nach Europa aus und hand der Ergebnisse einer Simulation,
det nur jeden zweiten bis dritten Winter schwächt dort das Islandtief sowie den die das amerikanische National Center
ein solches klimatologisch bedeutendes eng mit ihm verknüpften Polarwirbel in for Atmospheric Research zur Verfügung
Ereignis statt. der Stratosphäre. Dort entsteht infolge- stellte. Dort hatten Wissenschaftler das
Die gefundenen Merkmale passen dessen eine Zirkulation, die ozonreiche Computermodell CCSM-2.0, das aus
gut zueinander und lassen sich im Prin- Luft aus den Tropen heranführt – einer den miteinander gekoppelten Modulen
Ozean, Atmosphäre, Eis und Landober-
Weltweite Klimaschwankung fläche besteht, ohne spezifische Vorgaben
frei laufen und 650 Jahre irdisches Kli-
Aus den alten meteorologischen Messdaten konnte der Autor die atmosphärischen mageschehen berechnen lassen. Dabei
Verhältnisse auf der Nordhalbkugel zu Beginn der 1940er Jahre rekonstruieren. Dar- produzierte das Modell seine eigene Kli-
gestellt sind hier die Temperatur- und Druckabweichungen gegenüber dem Durch- mavariabilität, die sich zwar nicht be-
schnittswert von 1961 bis 1990 für die untere Atmosphäre (unten) und die Stra- stimmten Jahren im realen Klima zuord-

ä
tosphäre (oben), gemittelt von Januar 1940 bis Februar 1942. Die Karten dokumen- nen lässt, aber im statistischen Sinn rea-

ü
tieren eine großräumige Klimaanomalie, verbunden mit einer ungewöhnlich dicken listisch ist. So erzeugte es alle paar Jahre
Ozonschicht. ein El-Niño-Phänomen, darunter auch
gelegentlich ein so starkes und lang an-
untere Stratosph re haltendes wie das von 1939 bis 1942.
(15 km Höhe) warm ber Diese simulierten starken Ereignisse
der Arktis stimmten außerordentlich gut mit den
schwacher Messungen und Rekonstruktionen der
Polarwirbel
frühen 1940er Jahre überein. Das gilt
nicht nur für das Temperatur- und
Temperaturabweichung

1,8
Druckmuster an der Erdoberfläche, son-
in Grad Celsius

0,6 dern auch für die Situation in der Stra-


tosphäre. Das Modell bestätigt also, dass
El Niño im Stande ist, die Wellenstruk-

ä
–0,6
dicke
tur der Westwinde in den nördlichen
Ozonschicht Mittelbreiten zu verändern und über die
–1,8
geschilderte Wirkungskette die arktische
Stratosphäre und das Klima in Europa
Erdoberfl che zu beeinflussen.
die zwei kältesten
Winter im 20. Jh.
Einzelfall oder Regel?
wärmster Winter
im 20. Jh.
Lässt sich dieser Zusammenhang für
Prognosen nutzen? Davon sind wir lei-
die zwei
kältesten Jahre der noch weit entfernt. Die Klimareihen
im 20. Jh. der letzten sechzig Jahre zeigen zwar, dass
mehrere El-Niño-Ereignisse ähnliche,

ñ
wenngleich schwächere Auswirkungen
hatten wie das am Anfang der 1940er
Jahre. Am deutlichsten war der Zusam-
menhang 1986/87: Damals gab es einen
sehr kalten Winter in Mittel- und Ost-
El Ni o europa, einen schwachen Polarwirbel
und ein »Major Midwinter Warming«.
Aber andere El-Niño-Ereignisse hatten
nicht diese Auswirkungen.
STEFAN BRÖNNIMANN

Die Gründe sind zum Teil bekannt –


so fiel das Phänomen mehrfach mit Vul-
kanausbrüchen zusammen, die ihrerseits
das Klima beeinflussten und im Modell

20 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 21
nicht berücksichtigt sind. Es muss aber Europa. Der nächste starke El Niño anderen Koloniemitgliedern gewinnt sie
FORSCHUNG AKTUELL

auch weitere, noch nicht bekannte kommt bestimmt. Bis dahin wissen wir dann in Anwesenheit des Partners fast
Gründe geben. vielleicht besser, unter welchen Umstän- immer, auch ohne dass dieser unterstüt-
Dass das besonders starke El-Niño- den sich die Witterungsverhältnisse im zend eingreift. Den umgekehrten Fall
Phänomen zwischen 1939 und 1942 tropischen Pazifik bis nach Europa aus- gibt es nicht: Kein Dohlenmann er-
die damaligen Klimaextreme auslöste, wirken. klimmt die soziale Leiter durch Heirat.
scheint jedoch sicher. Ähnliche Verhält- Erstaunlicherweise fanden die Gro-
nisse können sich jederzeit wiederholen, Stefan Brönnimann ist promovierter Geograf und ninger Zoologen nun heraus, dass die
und damit auch die strengen Winter in Professor an der ETH Zürich. dominanten Vögel der von ihnen unter-
suchten Brutkolonie weniger Nachkom-
men produzierten als Paare auf tieferen
VE RHALTENS ÖKO LOGI E Stufen der Hierarchie – so zogen die fünf
Männchen mit dem höchsten Rang im
Arme Chefs Durchschnitt nicht einmal halb so viele
Jungvögel groß wie die fünf mit dem
niedrigsten. Zudem überlebten die
In sozialen Tierverbänden können sich ranghohe Mitglieder meist Nachkommen sozial hoch stehender
erfolgreicher fortpflanzen. Eine überraschende Ausnahme von dieser Paare seltener. Bei genauerer Betrach-
Regel wurde nun bei Dohlen entdeckt. tung zeigte sich, dass die Weibchen do-
minanter Männchen in vergleichsweise
schlechter Verfassung waren und kleine-
Von Martin Fellendorf Einen solchen Fall haben nun Simon re Eier legten. Daraus schlüpften dann
Verhulst und H. Martijn Salomons von kleinere und leichtere Küken, die schon

E s ist eine zentrale Aussage der Ver-


haltensbiologie: Bemühen sich Tiere
um eine dominante Position in ihrem
der Universität Groningen bei einer alt-
eingessenen Brutkolonie von Dohlen
(Corvus monedula) im niederländischen
in der Nestlingszeit häufiger starben.

Dauerstress in
Sozialverband, versuchen sie damit letzt- Haren dokumentiert (Animal Behaviour, übervölkerter Kolonie
lich, ihre Fortpflanzungschancen zu ver- Bd. 68, S. 777). Dohlen sind die kleins- Wie lassen sich diese Befunde deuten?
bessern. Eine Stellung weit oben in der ten heimischen Rabenvögel und leben in Einen entscheidenden Hinweis lieferte
Rangordnung erhöht gemeinhin den strikt monogamer Dauerehe. Ihre Treue der Vergleich mit früheren Untersu-
Paarungserfolg und die Möglichkeit, den ist durch Vaterschaftsanalysen zweifelsfrei chungsergebnissen an einer britischen
Nachwuchs vor den Unbilden des Le- belegt. Die geselligen Vögel verbringen Dohlenkolonie. Dort hatte sich – bei
bens abzuschirmen. Zugleich verschafft auch außerhalb der Brutperiode einen gleichen Eckdaten wie der Anzahl der
sie bevorrechtigten Zugang zu Ressour- Großteil ihrer Zeit in Gruppen mit stren- Brutpaare oder dem durchschnittlichen
cen wie Brutplätzen oder Nahrung. ger linearer Rangordnung. Der Status ist Bruterfolg – der erwartete positive Effekt
Eine soziale Vormachtstellung ist al- dabei unabhängig von der Körpergröße. der Dominanz auf die Anzahl der Nach-
lerdings nicht umsonst zu haben: Sie zu Die einmal etablierte Hierarchie bleibt in kommen belegen lassen. Worin bestand
erringen und zu verteidigen kostet Zeit der Regel über Jahre bestehen. also der entscheidende Unterschied zwi-
und Energie und birgt meist ein hohes Unverpaarte junge Weibchen stehen schen den beiden Kolonien?
Verletzungsrisiko. Wenn der Aufwand immer ganz unten auf der sozialen Lei- Als mutmaßlich ausschlaggebender
dafür die Vorteile einer dominanten Po- ter. Erst durch die Verbindung mit ei- Faktor erwies sich der Abstand der Nes-
sition übersteigt, sollte es vernünftiger nem Männchen rückt die Braut in den ter. Während er in Großbritannien etwa
sein, sich mit einem niederen Rang zu- Rang ihres Bräutigams auf – und zwar acht Meter betrug, lagen die Nisthöhlen
frieden zu geben. umgehend. Auseinandersetzungen mit der niederländischen Tiere nur andert-
halb bis drei Meter auseinander. Nun ist
bekannt, dass enge Nachbarschaft mehr
aggressive Auseinandersetzungen mit
sich bringt. Davon sind vor allem die
ranghohen Tiere betroffen. Durch den
Dauerstress steigt ihr Testosteron-Spie-
gel. Das männliche Sexualhormon un-
Aus urheberrechtlichen Gründen terdrückt aber die elterliche Fürsorge,

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können wir Ihnen die Bilder leider was sicherlich zu dem geringen Fort-

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nicht online zeigen. pflanzungserfolg beiträgt. Zudem erhöht

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Streitereien sc in einer
l ten Dohlenkolonie spezi-
ell bei ranghohen Tieren den Bruterfolg.

22 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


QM R Z 2005
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Q MÄRZ 2005 23
Testosteron die Streitlust. Dadurch ver-
Springers
FORSCHUNG AKTUELL

hielten sich dominante Männchen, wie

ü
die niederländischen Forscher feststell-
ten, deutlich aggressiver gegen ihre Part- EINWÜRFE von Michael Springer
nerin als ihre rangniederen Geschlechts-
genossen. Das Material ist die Maschine
Daraus scheinen die fittesten Doh-

ü üää
Haben k nftige Motoren metallische Muskeln?

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lenweibchen eine radikale Konsequenz
zu ziehen. Um dem zermürbenden All- Will man wissen, wie die Maschinen der Zukunft aussehen
tagsgeplänkel und dem aufreibenden werden, empfiehlt sich ein Blick in die Vergangenheit.
Stress zu entfliehen, der bei drangvoller Am Beginn der Industrialisierung standen gewaltige Kes-

üä
Enge mit einer hohen sozialen Stellung sel, ber denen Kohle Wasser zum Kochen brachte. Der er-
verbunden ist, tun sie sich lieber mit zeugte Dampf setzte eiserne Kolben und Schwungr der in
einem verträglicheren untergeordneten Bewegung. Die trieben ber Riemen und Zahnr der andere
Männchen zusammen. Für die Bosse Maschinen an – und bald die Fließb nder, an denen die Fa-
bleiben dann nur noch Weibchen in brikarbeiter in strengem Zeittakt mechanische Bewegungen


schlechterer körperlicher Verfassung. ausf hrten, als w ren sie auch nur Maschinenteile.
Dies dürfte ein weiterer Grund für ihren Diese Arbeitswelt, in Charlie Chaplins Filmklassiker »Moderne Zeiten« ver-
niedrigeren Fortpflanzungserfolg sein. ewigt, mutet uns, obwohl nur hundert Jahre alt, heute schon an wie eine urtüm-
liche Kohle- und Eisenzeit. In modernen Fabriken geht es leiser zu, wenige Men-
Sinnloses Streben nach schen beaufsichtigen über Bildschirme das Zusammenspiel halbautomatischer
hohem Rang Produktionsabläufe. An modernen Auto-Montagebändern sind inke Roboterar-
So plausibel diese Deutung scheint – der me bereits ganz unter sich.
letzte Beweis steht noch aus. Denn bis- Wenn Technikvisionäre diesen Trend bis zum denkbaren Ende extrapolieren,
her haben die niederländischen Forscher landen sie Hals über Kopf gleich bei der Nanotechnologie: Intelligente Maschi-
die Kondition der Dohlenfräulein vor nen, kaum größer als Moleküle, bauen aus Atomen alles Mögliche zusammen –
der Hochzeit nicht geklärt. Eine Prä- sogar sich selbst. Das gibt Anlass zu rosaroten Utopien (nur noch Freizeit!) oder
ferenz von Weibchen für rangniedere tiefschwarzen Kassandra-Szenarien (Nanoschwärme greifen an!) bis hin zur Fra-
Männchen ist indes nicht ungewöhnlich. ge, ob die Menschheit einst zu Gunsten einer überlegenen, durch Techno-Evolu-
Von der Feldgrille bis zum Fasan reichen tion entstandenen Spezies selbstreproduzierender Nanoroboter abdanken wird.
die Beispiele von Arten, bei denen die
jungen Damen ihre Gunst nicht unbe- Bei diesem Salto mortale in die Spekulation wird übersehen, dass eine viel näher
dingt den Bossen gewähren. Für weibli- liegende Entwicklungsstufe noch immer auf sich warten lässt: Miniaturisierung
che Wachteln ließ sich jüngst ein solches der typischen Maschine auf Submillimeterniveau. Unter dem Stichwort Mikro-
Verhalten bei der Partnerwahl experi- mechanik werden chemisch oder lithografisch fabrizierte Maschinchen, die ihre
mentell klar belegen (Animal Behaviour, Struktur erst unter dem Licht- oder gar Elektronenmikroskop preisgeben, seit
Bd. 66, S. 399). Jahrzehnten angekündigt, haben bisher aber bestenfalls Nischen besetzt –
Damit stellt sich die entscheidende mikroskopische Sensoren und Aktoren messen Kenngrößen und bewegen bei
Frage, warum die Männchen nach sozia- Energiezufuhr Hebel und Räder wie ihre makroskopischen Verwandten.
ler Vormachtstellung streben, wenn diese Neuen Auftrieb scheint die Mikromechanik nun durch die Verschmelzung mit
sich nicht in einem messbaren Fortpflan- einem anderen Hoffnungsträger zu bekommen: »martensitischen« Legierungen,


zungserfolg niederschlägt? Bei der nieder- die unter Wärmezufuhr ihre Kristallstruktur ändern und bei Abkühlung wieder die
ländischen Dohlenkolonie könnte es an alte Gestalt annehmen (Science, 7. 1. 2005, S. 53). Warum mikromechanische Ma-
mangelnder Anpassungsfähigkeit gegen- schinen nicht gleich aus solchen Materialien mit Formgedächtnis fertigen?
über einer extremen Umweltsituation lie- Nach diesem Prinzip sind bereits Mikropumpen, -ventile und -manipulatoren
gen: Die Männchen sind genetisch so fast bis zur Marktreife gediehen. Dabei werden biegsame Substrate mit dünnen
darauf programmiert, einen hohen Rang martensitischen Schichten überzogen. Bei Wärmezufuhr, etwa durch Strom uss,
zu erkämpfen, dass sie es auch dann noch können sich diese Häutchen krümmen und Hohlräume oder feine Tunnel pulsie-
tun, wenn es keinen reproduktiven Vor- ren lassen. So entstehen Materialien, die zugleich Maschinen sind. Sie können
teil mehr bringt. Trägt der Umstand, dass etwa winzige Tröpfchen von Reagenzien auf chipgroßen chemischen Labors be-
der Reproduktionserfolg auf den ver- wegen oder als mechanische Aktoren mit hohem Wirkungsgrad arbeiten.
schiedenen Stufen der sozialen Leiter von Solche Geräte mit einer Art elektromechanisch-anorganischer Muskelkraft wä-
den Umweltbedingungen abhängt, viel- ren ideal für Einsätze in jeder kleinräumigen, energiearmen
leicht zur Aufrechterhaltung unterschied- Umgebung: beispielsweise bei medizinischen Operationen im
licher Genotypen bei? Gut möglich; denn Innern eines lebenden Organismus oder bei Fernerkundungs-
letztlich machen die Unterschiede das missionen mit Weltraumsonden. Doch sie müssen nicht auf
Wesen der Welt aus … derart spezielle Anwendungen beschränkt bleiben. Auf engs-
tem Raum mit möglichst wenig Energie sollen schließlich auch
Martin Fellendorf promoviert an der Universität Tü- die Prozesse in künftigen automatisierten Fabriken ablaufen.
bingen in Populationsökologie.

24 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL I z
Ein patenter
Experte dritter Klasse
Im April 2005 jährt sich der Todestag Albert Einsteins zum
50. Mal. Ein weiterer Anlass des Gedenkens: Vor hundert
Jahren, im »Wunderjahr« 1905, begründeten mehrere
bahnbrechende Arbeiten den Ruhm des bekanntesten
Physikers des 20. Jahrhunderts – die erste vollendete er
im März.

Von Georg Wolschin belpreis erhielt. In dieser Arbeit formu- len« ein: Im Juni eine »Zur Elektrodyna-
lierte er den Gedanken, dass Strahlung – mik bewegter Körper«, im September die-

N
ach dem Studium an der die bislang als Wellenerscheinung angese- jenige mit dem Titel »Ist die Trägheit eines
ETH Zürich fand Albert hen wurde – sich so verhalten kann, als Körpers von seinem Energieinhalt abhän-
Einstein (1879 –1955) eine bestünde sie aus materiellen Punktteil- gig?«. Diese zweite Schrift erweitert die
Anstellung am Patentamt in chen, deren Energie proportional zur Fre- Erkenntnisse zur speziellen Relativität
Bern – als so genannter Experte dritter quenz der Strahlung ist. Damit ließ sich ganz wesentlich um die berühmte Formel
Klasse begann er dort 1902 mit einem der Fotoeffekt erklären, den Heinrich E = mc 2: Die Masse m eines Körpers ist ein
Jahresgehalt von 3500 Schweizer Fran- Hertz 1887 experimentell entdeckt hatte. Maß für dessen Energieinhalt E und mit
ken. Nach zwei Jahren Probezeit wurde diesem durch das Quadrat der Lichtge-
die Position in eine Dauerstellung um- Im Alleingang die Physik reformiert schwindigkeit c verbunden – eine weltbe-
gewandelt. Am 1. April 1906 folgte Im Mai und im Dezember 1905 folgten wegende, damals völlig neue Erkenntnis,
schließlich die Beförderung zum Exper- zwei Schriften über die Brown’sche Be- die in den Annalen auf nur drei Drucksei-
ten zweiter Klasse. wegung, die von grundlegender Bedeu- ten präsentiert wurde, und die Einstein
In jener Zeit beschäftigte sich Ein- tung für die statistische Physik sind. Ein- selbst kommentierte: »Es ist nicht ausge-
stein intensiv mit Thermodynamik und stein führte darin die Zufallsbewegun- schlossen, daß bei Körpern, deren Ener-
statistischer Mechanik. Nachdem er in gen, die makroskopische Partikel in einer gieinhalt in hohem Maße veränderlich ist
den »Annalen der Physik« bereits vier Ar- Flüssigkeit vollführen, auf Stöße durch
tikel zu Problemen aus diesen Zweigen die Flüssigkeitsmoleküle zurück. Be- Serie
der theoretischen Physik veröffentlicht nannt ist diese Erscheinung nach dem
hatte, reichte er bei derselben Zeitschrift schottischen Botaniker Robert Brown, Interviews zum
im Jahr 1905 gleich fünf seiner wichtigs- dem 1827 bei mikroskopischen Unter- Einstein-Jahr 2005
ten wissenschaftlichen Arbeiten ein. suchungen aufgefallen war, dass Blüten-
Im März jenes Jahres beendete Ein- pollen an der Oberfläche eines Wasser- › Gespräch mit Karsten Danzmann, S. 28
stein das Manuskript über die Lichtquan- tropfens Zitterbewegungen vollführen. In den nächsten Monatsheften folgt
tenhypothese, die wesentlich zu den Zwischen diesen beiden Artikeln je ein weiteres Interview zu den
Grundlagen der Quantenmechanik bei- reichte Einstein zwei Schriften zur Spezi- Folgen der Einstein’schen Arbeiten.
trug und für die er 1921 den Physik-No- ellen Relativitätstheorie bei den »Anna-

26 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
digkeit (die Lichtgeschwindigkeit) be-
rücksichtigte und die Krümmung der
Raumzeit durch Materie beschrieb.
In Göttinger Vorlesungen überzeugte
er 1915 die Mathematiker David Hilbert
und Felix Klein von seiner Theorie. Im
Folgejahr ging seine grundlegende Arbeit
dazu bei den »Annalen« ein. Wenig spä-
ter entwarf er auf ihrer Basis seine erste
Schrift über Gravitationswellen, nach
denen Physiker heute mit riesigen Inter-
Aus urheberrechtlichen Gründen ferometern suchen.
können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen. Lichtablenkung bestätigt
Die Voraussagen der Allgemeinen Relati-
vitätstheorie zur Lichtablenkung im
Schwerefeld der Sonne wurden im Prin-
zip bereits 1919 bei Sonnenfinsternis-
Expeditionen bestätigt – was Einsteins
Weltruhm begründete. Sie wurden spä-
ter – ab 1969 – mit viel höherer Genau-
igkeit durch Messungen der Ablenkung
von Radiowellen von Quasaren im Gra-
vitationsfeld der Sonne endgültig verifi-
ziert. Zusammen mit anderen klassi-
schen und modernen Präzisionstests – so
der Periheldrehung des Planeten Merkur,
der Periastron-Drehung in engen Neu-
tronen-Doppelsternen oder der Rotver-
schiebung im Gravitationsfeld – lassen
(z. B. bei den Radiumsalzen), eine Prü- Albert Einstein an seiner Arbeits- sie keinen Zweifel an der Gültigkeit der
fung der Theorie gelingen wird.« o stelle im Patentamt in Bern, um Theorie bestehen.
Einstein leistete also in einem einzi- 1906 aufgenommen Gravitationswellen sollten der Theo-
gen Jahr quasi im Alleingang, ohne An- rie zufolge aus engen oder verschmelzen-
stellung an einer Universität oder einem den Doppelsternsystemen, Paaren von
Forschungsinstitut, fundamentale Bei- Schwarzen Löchern oder Supernova-Ex-
träge zur statistischen Physik und zur 1907 fand er das Äquivalenzprinzip für plosionen von Sternen ausgesandt wer-
Quantenmechanik, und er stellte die Re- gleichförmig beschleunigte mechanische den. Bis heute gibt es allerdings nur indi-
lativitätstheorie auf. Die Quantentheorie Systeme, erweiterte es auf elektromagneti- rekte Anzeichen für die Emission dieser
führte er später fort: 1916 erschien zu- sche Systeme, berechnete die Rotverschie- wellenartigen Erschütterung der Raum-
nächst eine Schrift zu den Koeffizienten bung im Gravitationsfeld und die Lichtab- zeit: Enge Neutronen-Doppelsternsyste-
der spontanen und induzierten Emission lenkung an massereichen Körpern – die er me verlieren durch Abstrahlen von Gra-
und Absorption, die grundlegend für die aber noch für unbeobachtbar hielt. Im vitationswellen Energie, was sich durch
Physik des erst sehr viel später konstru- Jahr 1909 wurde er Außerordentlicher Verkürzen ihrer Umlaufperioden be-
ierten Lasers war. Es folgte eine neue Ab- Professor an der Universität Zürich, zwei merkbar macht (siehe Spektrum der Wis-
leitung des Planck’schen Strahlungsge- Jahre später Ordinarius in Prag. Dort er- senschaft 12/1993, S. 21, 6/1996, S. 52,
setzes, mit dessen Formulierung Max kannte er, dass die Lichtablenkung an der und 5/2004, S. 16).
Planck im Jahr 1900 die Quantenphysik Sonne während einer totalen Sonnenfins- Umso wichtiger wäre ein experimen-
begründet hatte, und schließlich – inner- ternis beobachtbar sein sollte. teller Nachweis der Gravitationswellen
halb von acht Monaten – eine Arbeit zu Bald nach seiner Rückkehr nach Zü- durch die verschiedenen Detektoren, die
Energie und Impuls von Lichtquanten. rich im Oktober 1912 entwickelte er die in den letzten Jahren errichtet wurden
In diese Zeit fallen auch die später im- Grundlagen der Allgemeinen Relativi- oder noch im Bau sind: Geo 600 in der
mer wieder aufgegriffenen Äußerungen tätstheorie, einer neuartigen Theorie der Nähe von Hannover, Virgo in Italien
Einsteins über sein Unbehagen bezüglich Gravitation. Hatte Isaac Newton die und Frankreich, Ligo in den USA und

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der großen Rolle des Zufalls in der Gravitation noch als instantane Fern- Tama in Japan. Die Messgenauigkeit soll

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Quantenphysik (»Gott würfelt nicht«). wechselwirkung beschrieben, legte Ein- in einigen Jahren durch ein ehrgeiziges
Die Relativitätstheorie entwickelte stein jetzt ein völlig neues Fundament, Interferometerprojekt im Weltraum,
Einstein kontinuierlich weiter. Bereits das die endliche Ausbreitungsgeschwin- Lisa, weiter erhöht werden.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 27
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL I

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Interview
Im Gespräch beleuchtet Karsten Danz- tonen nennt, dann ist die n chste Frage:
mann vom Albert-Einstein-Institut in Was sind denn die m glichen Elementar-

MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR GRAVITATIONSPHYSIK


Potsdam und Hannover, der Leiter des prozesse in dieser Wechselwirkung? Der
Geo-600-Experiments, die Entwicklung Austausch muss in zwei Richtungen ge-
von Einsteins Arbeiten aus dem Jahr hen: Atome m ssen Licht aufnehmen k n-
1905 hin zu den heutigen Bemühungen, nen, also ein Photon absorbieren, und sie

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Gravitationswellen durch Laserinterfe- m ssen auch Licht aussenden k nnen,

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rometrie nachzuweisen.

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also ein Photon emittieren – denn Dinge

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leuchten ja offensichtlich.


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Karsten Danzmann Durch eine einfache Gleichgewichtsbe-
trachtung zwischen einem Strahlungsfeld
Spektrum der Wissenschaft: Herr Danz- Bestrahlung mit Licht nur dann sc und einem Atom konnte Einstein zeigen,
mann, wie würden Sie den Physiker Al- enn man annimmt, dass dass dies allein inkonsistent ist und es des-
bert Einstein in zwei Sätzen skizzieren? das Licht von den halb noch einen dritten Prozess geben

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Karsten Danzmann: In der Öffentlichkeit ist che nicht in beliebigen B muss, den man sp ter stimulierte Emis-

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Einstein ja vorwiegend für die Gleichung nommen werden kann, sondern nur in sion nannte. Sie wird dadurch ausgel st,
E = mc 2 bekannt, aber die wenigsten ganzzahligen Vielfachen einer kleinsten dass ein hereinkommendes Photon das

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Menschen wissen, dass er auch auf ande- Einheit. Diese kleinste Einheit bestimmt Atom dazu anregt, ein identisches Photon
ren Gebieten fundamentale Beiträge ge- dann auch den Energieinhalt, der von der auszusenden und so »kohärentes« Licht
leistet hat. Seine Arbeiten zu den Grund- Farbe des Lic eide Dinge sa- aufzubauen. Sobald man diesen Prozess
lagen der Quantenmechanik sind vielleicht gen eindeutig, dass Licht in Quanten – hat, lässt er sich lawinenartig fortsetzen:

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genauso wichtig wie die zur Relativitäts- den Photonen – daherkommt. Aus einem Photon werden zwei, aus zwei
theorie, obwohl er selbst immer Proble- Spektrum: Elf Jahre sp ter legte Einstein vier, und so fort. Das führt zu einem hoch-
me mit diesem Paradigmenwechsel in weitere Publikationen zur Quantentheorie intensiven Lichtstrahl, wenn man nur genü-
der Physik hatte – die Konsequenzen aus vor. In einer behandelte er die spontane gend Atome im richtigen Zustand hinlegt
dem, was er selbst auf dem Gebiet ange- und induzierte Lichtemission. Welche Be- und ihnen die Möglichkeit gibt, mit Licht zu

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stoßen hatte, wollte er nie so recht akzep- deutung kommt dieser Arbeit f r die sp - interagieren. Im Grunde genommen ist
tieren. tere Entwicklung des Lasers zu, den Sie also Einstein der Erfinder des Lasers.

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Spektrum: Einsteins erste Publikation 1905 ja auch in Ihren Experimenten zur Gravita- Spektrum: Aber konkret schufen die Grund-
erklärte den Fotoeffekt. Was ist aus Ihrer tionswellenforschung einsetzen? lagen des Lasers dann erst Wissenschaft-
Sicht die grundlegende Bedeutung dieser Danzmann: Der Laser ist heute ein so ler in den 1950/60er Jahren …
Arbeit für die Quantenmechanik? selbstverst ndliches Werkzeug f r uns Danzmann: Ja. Die experimentelle Entwick-
Danzmann: Der Fotoeffekt ist ein Klassiker alle geworden, dass wir gar nicht mehr lung folgte erst über vierzig Jahre später.

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auf diesem Feld. Ich benutze ihn in Vorle- dar ber nachdenken, was eigentlich phy- Das ist übrigens bei der Gravitationswel-
sungen als eine der Säulen der Quanten- sikalisch in ihm vorgeht. Nachdem Ein- lenforschung ähnlich, die ebenfalls von
theorie, weil er auf so wunderbar einfa- stein die Grundlagen gelegt hatte, h tte Einstein begründet wurde. Die Gravitati-
che und schöne Weise demonstriert, dass man den Laser eigentlich schon voraussa- onswellen sagte er 1916 voraus, und erst
Licht nicht in kontinuierlichen Mengen gen k nnen – wie er funktioniert, wie jetzt versuchen wir und unsere Kollegen in
zwischen dem Strahlungsfeld und Gegen- man ihn ungef hr bauen muss und wel- anderen Ländern, diese Wellen direkt

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ständen ausgetauscht werden kann. Man che Eigenschaften er haben sollte. nachzuweisen. Wir greifen dabei auf den
braucht nur wenige simple Grundgedan- Einstein geht hier von ganz simplen Laser zurück, ohne den wir diese Messun-
ken und einfache Mathematik, die jeder Grundgedanken aus. Wenn man akzeptiert gen gar nicht durchführen könnten.

MÄRZ205
Fünftklässler beherrschen kann. Damit hat, dass Materie und Licht nur dadurch in Spektrum: Sie haben dazu das Experiment
lässt sich sofort zeigen, dass das Heraus- Verbindung treten k nnen, dass sie in Pa- Geo 600 bei Hannover aufgebaut. Nach
lösen v hen bei keten Energie austauschen, die man Pho- welchem Prinzip funktioniert dieser Gravi-
tationswellendetektor?
W. BENGER / MPI FÜR GRAVITATIONSPHYSIK, ZUSE-INSTITUT BERLIN

Danzmann: Wir versuchen mit Geo 600


Gravitationswellen nachzuweisen, um et-
was über die dunkle Seite des Univer-
sums zu lernen, die sich vorwiegend

Die Kollision zweier Schwarzer Lö-


l cher – hier im Computer simuliert –
sollte Gravitationswellen erzeugen, die
die Raumzeit erschüttern.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
HYSIK
GRAVITATIONSP
INSTITUT FÜR
MAX-PLANCK-
Die senkrecht zueinander stehen- Danzmann: Wir haben Geo 600 im Jahr Zeit, wann das Geld ins Budget einge-
o den Interferometerarme des Geo- 2001 in Betrieb genommen und 2002 stellt wird.
600-Detektors bei Hannover sind 600 Me- mit Abstandsmessungen begonnen. Da- Spektrum: Das geplante Weltrauminterfe-
ter lang. bei haben wir die Empfindlichkeit sukzes- rometer Lisa soll eine Armlänge von fünf
sive verbessert. Mit keinem Interferome- Millionen Kilometern haben. Wann ist der
ter erreichen Sie von Anfang an die Start dieses Experiments?
gewünschte Auflösung – Sie müssen sich Danzmann: Wir müssen unterscheiden
durch Gravitation, also durch Schwerkraft- schrittweise vorarbeiten. Wir haben die zwischen dem Start der Rakete und dem
effekte, bemerkbar macht. Einstein hat ja Empfindlichkeit jetzt um vier Größenord- des Projekts. Der Raketenstart ist für 2013
in seiner Allgemeinen Relativitätstheorie nungen erhöht und können nun daran ge- geplant, hängt allerdings davon ab, ob die
den Begriff der Schwerkraft auf eine neue hen, ernsthafte Daten aufzunehmen. Vorläufermission Smart-2 zur Demonstra-
Basis gestellt und uns gezeigt, dass Spektrum: Sind Sie gegenüber der Anlage tion der Technologie gegen Ende 2008
»Schwerkraft« keine Kraft ist, sondern Ligo in den USA, dessen Interferometer- oder spätestens in 2009 starten kann. Die
eine Eigenschaft des Raums: Jeder Kör- arme immerhin vier Kilometer lang sind, erste Vorläufermission Smart-1 mit dem
per dellt Raum und Zeit in seiner Umge- nicht etwas im Nachteil? neuartigen Ionentriebwerk ist im Novem-
bung leicht ein, und wenn die Körper sich Danzmann: Rein von der Länge der Interfe- ber 2004 nach einjähriger Flugzeit am
bewegen, breiten die Dellen sich langsam rometerarme betrachtet, haben wir mit Mond angekommen und wir hoffen, dass
in alle Richtungen aus – das ist ganz ähn- unseren 600 Metern gegenüber den 4000 Smart-2 genauso erfolgreich sein wird.
lich wie bei einer seismischen Welle. Metern von Ligo eine geringere Empfind- Spektrum: Und welchen Vorteil hat Lisa ge-
Diese Erschütterungen der Raumzeit lichkeit. Diesen Nachteil gleichen wir mit genüber Geo 600?
wollen wir mit Hilfe eines Michelson-In- unserer raffinierten Optik zum großen Teil Danzmann: Mit Geo 600 wollen wir Gravi-
terferometers nachweisen. Das ist ein im wieder aus. tationswellen nachweisen, die aus der
Prinzip recht einfaches Gebilde, das aus Spektrum: Arbeiten Sie mit den US-Kolle- Verschmelzung von zwei stellaren Schwar-
zwei senkrecht zueinander angeordneten gen zusammen? zen Löchern oder von einem Schwarzen
Vakuumrohren besteht und in dem Laser- Danzmann: Ja, die wissenschaftliche Frage- Loch und einem Neutronenstern stam-
strahlen hin- und herlaufen. Indem wir die stellung können wir nur in internationaler men. Lisa wird auch Gravitationswellen
Laserstrahlen überlagern und uns das Zusammenarbeit behandeln, auch mit un- mit sehr niedrigen Frequenzen registrie-
entstehende Interferenzmuster anschau- seren französischen und italienischen Kol- ren, die wir mit Anlagen auf der Erde nicht
en, können wir sehr präzise Änderungen legen im Virgo-Projekt. Die Datenströme messen können. Die wirklich tiefen Töne
in der Differenz zwischen den beiden von Geo 600 und Ligo werden gemein- können wir nur im Weltraum hören. Je
Armlängen nachweisen. Solche relativen sam aufgezeichnet, sehen fast identisch massereicher die Quellen sind, desto
Längenänderungen sollten entstehen, aus, und sie werden gemeinsam ausge- langsamer bewegen sie sich. Lisa sollte in
wenn eine Delle in der Raumzeit vorbei- wertet. Und wir arbeiten daran, unsere der Lage sein, die Verschmelzung von ex-
läuft und dabei den einen Arm leicht hoch entwickelte optische Technik auch trem massereichen Schwarzen Löchern
staucht, den anderen dehnt. bei Ligo einzusetzen, um die Empfindlich- zu registrieren, wie sie in den Zentren von
Spektrum: Wie stark hat man sich diesen keit dort weiter zu verbessern. Galaxien vorkommen. Derartige Schwer-
Effekt vorzustellen? Spektrum: Wie konkret ist das? kraftmonster haben das Millionenfache
Danzmann: Die relative Längenänderung Danzmann: Die letzten drei Jahre wurde in- der Masse unserer Sonne.
ist in der Tat winzig – sie entspricht etwa tensiv an »Advanced Ligo« gearbeitet –
einem Tausendstel des Durchmessers ei- allerdings theoretisch. Das Design ist
Georg Wolschin lehrt an
nes Protons. Um das überhaupt messen praktisch fertig, in Modellrechnungen ge-
der Universität Heidelberg
zu können, brauchen wir nicht nur eine prüft, es kann nun installiert und erprobt Physik und ist Wissen-
AUTOR

außergewöhnliche Präzision in der Mess- werden. Das wird zunächst in Prototyp- schaftsjournalist.
technik, sondern wir müssen auch konse- Experimenten geschehen, dann aber auch
Weblinks zu diesem The-
quent alle Störquellen kompensieren. direkt in Ligo. Das National Science Board
ma finden Sie bei www.
Spektrum: Wie ist der gegenwärtige Stand in den USA hat die Pläne genehmigt, und spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
des Experiments? damit ist es jetzt nur noch eine Frage der

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 29
MENSCHENEVOLUTION z
Die Zwerge von Flores
Kürzlich gelang Archäologen auf der abgelegenen Insel ein
überraschender Fund: In Indonesien lebte offenbar
noch vor 13 000 Jahren eine urtümliche Menschenart.

Die Zwergmenschen von Flores sollen


versierte Jäger gewesen sein. Unter an-
KAZUHIKO SANO

derem erlegten sie vermutlich Zwerg-


elefanten und Riesenratten. Anscheinend
benötigten sie dazu kein großes Gehirn.

30 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
Von Kate Wong In mehrfacher Hinsicht fügt sich Refugien der Neandertaler und in Süd-
die Entdeckung nicht in die bisherigen ostasien die letzten Vertreter des Homo

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ie heutigen Ureinwohner Modelle der Menschenevolution (siehe erectus verschwunden waren.
von Flores, einer der östli- Spektrum der Wissenschaft 1/2005, S. Rätsel gibt zudem das für einen
chen indonesischen Inseln, 14). Mit ungefähr einem Meter Homo selbst dieser Größe viel zu klei-
erzählen Geschichten von Wuchshöhe waren diese Geschöpfe für ne Gehirn des Floresmenschen auf.
Ebu Gogo, der »Großmutter mit dem einen Homo Zwerge, allenfalls so groß Trotzdem scheinen jene Inselbewohner
unersättlichen Appetit«. Das gnomen- wie Australopithecinen – jene Vormen- pfiffig genug gewesen zu sein, um al-
hafte Fabelwesen trottet, komische schen, die vor einigen Millionen Jah- lerlei ausgefeiltes Gerät anzufertigen
Laute murmelnd, auf zwei Beinen ren in Afrika lebten. und zum Beispiel Elefanten zu erlegen.
durch den Wald. Bisher glaubten An- Dazu passt aber nicht das geringe Schon einmal hatten frühzeitliche
thropologen, die Fantasie der Eingebo- Alter. Für das Skelett ergaben verschie- menschliche Artefakte auf Flores bei
renen habe sich an Erlebnissen mit dene Messungen rund 18 000 Jahre. vielen Experten zunächst Unglauben
Makaken, also Affen, entzündet. Neu hinzugekommene Knochenreste hervorgerufen: Eine Gruppe von Ar-
Nun erscheint eine andere Erklä- lassen die Entdecker annehmen, dass chäologen um Michael J. Morwood
rung möglich. In der Wissenschafts- diese Menschenform über einen länge- von der University of New England in
zeitschrift »Nature« beschrieben austra- ren Zeitraum und noch bis vor 13 000 Armidale (New South Wales, Australi-
lische und indonesische Forscher im Jahren existierte. Dabei galt in der Palä- en) gab 1998 bekannt, in der Soa-Bay
Oktober 2004 Funde aus einer Höhle oanthropologie längst als sicher, dass der Insel seien grob behauene, 840 000
der Insel: Überreste von besonders klei- der Homo sapiens die Erde seit wenigs- Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden
nen Menschen, darunter ein Skelett, tens 25 000 Jahren allein beherrscht, worden. Menschliche Fossilien ent-
sowie Werkzeuge und Tierknochen. nachdem in den letzten europäischen deckten die Forscher nicht bei den

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
MÄRZ205 31
MENSCHENEVOLUTION z
Geräten. Darum schrieben sie die Arte-
fakte dem Homo erectus zu, der Men-
nicht von einem modernen Homo«, erin-
nert sich dieser. Als Morwood eine Wo-
Nimmt man allein das Alter des Ske-
letts, etwa 18 000 Jahre, würde man an
schenform, die nach allem Wissen da- che später, es war im September 2003, eine Zwergform von Homo sapiens den-
mals in Südostasien lebte. die Nachricht erreichte, in der Liang- ken. Der Floresmensch passt aber durch-
Die Vorgeschichtler erklärten den Bua-Höhle habe man ein menschlich aus nicht zu heutigen kleinwüchsigen
Fund damit, dass der Homo erectus ir- wirkendes Skelett gefunden, bestiegen Menschengruppen, etwa den Pygmäen,
gendwie von Java aus nach Flores gelangt die beiden Forscher die nächste Maschi- und er ähnelte auch nicht anderen heuti-
sein muss. Denn javanische Fossilien die- ne nach Jakarta. gen Menschen, die krankheitsbedingt im
ses Frühmenschen wurden schon vor Wohl niemand hatte mit einer sol- Wachstum zurückbleiben. Pygmäen bei-
Langem entdeckt. Nur besaß der Homo chen Entdeckung gerechnet. Abgesehen spielsweise haben trotz der kleinen Ge-
erectus, soweit Fundstellen das anzeigen, davon, dass die Armknochen zunächst stalt ein großes Gehirn, denn erst in der
wohl kaum das kulturelle Niveau, um fehlten, war das Skelett ziemlich vollstän- Pubertät, wenn das Gehirn bereits seine
meerestaugliche Fahrzeuge bauen zu dig. Nach dem Becken und dem Gebiss endgültige Größe erreicht hat, verzögert
können. Als die ersten Bootsbauer jener zu urteilen, ging dieses Geschöpf aufrecht sich ihr Körperwachstum.
Region gelten bisher Vertreter von Homo und war erwachsen. Nach Ansicht der Zwar kommt es auf Grund von gene-
sapiens, die etwa vor 60 000 bis 40 000 Forscher handelte es sich um eine Frau. tischen Defekten vor, dass jemand klein
Jahren Australien erreichten. Dieses Wesen hatte aber nur die Grö- bleibt und zugleich das Gehirn kaum
ße eines heutigen dreijährigen Kindes. noch wächst. Doch wie Brown betont,
Erst ein menschlicher Zahn, Dabei besaß es das Gehirnvolumen der gehen damit weitere abnorme Merkmale
dann ein Skelett kleinhirnigsten bekannten Australopi- einher, die beim Floresskelett nicht vor-
Mehr Aufschluss über die frühe Besied- thecinen. An afrikanische Vormenschen
lung von Flores erhofften sich Morwood erinnern noch einige andere primitive
und sein Kollege Radien P. Soejono vom Merkmale. So ist das Becken recht breit
indonesischen Zentrum für Archäologie und der Oberschenkelhals ziemlich lang
in Jakarta von Ausgrabungen in einer ge- gebildet. In manch anderer Hinsicht wir-
räumigen Kalksteinhöhle, die im west- ken die Knochen aber durchaus men-
lichen Teil der Insel liegt. Dort, in der schenähnlich. Die kleinen Zähne, die
Liang-Bua-Höhle, graben indonesische schmale Nase, die Form des Schädels
Archäologen mit Unterbrechungen seit und die Dicke der Schädelknochen – das
etwa dreißig Jahren, bisher allerdings nur alles passt durchaus zu unserer eigenen
in jüngeren Schichten. Als Morwood Gattung Homo.
und Soejeno im Juli 2001 am selben Ort Das Skelett des zwergenhaften Ge-
zu forschen begannen, planten sie, bis schöpfs erhielt die Katalogbezeichnung
auf den anstehenden Fels vorzustoßen. LB1. Die Finder nennen es, nach Tol-
Viel eher als erwartet stießen sie auf kiens Geschichten, lieber Hobbit, man-
Mengen von Steingerät sowie auf Elefan- che auch Gogo. In den folgenden Mona-
tenknochen. Die Rüsseltiere gehörten zu ten untersuchte Brown die Überreste
einer Zwergform der ausgestorbenen gründlich. Besonders die Einordnung in
Gattung Stegodon. Kurz vor dem Ab- die Hominidensystematik fiel den For-
schluss der dritten Grabungssaison kam schern nicht leicht. Zunächst wollte
dann endlich ein menschlicher Vorba- Brown den Fund einer neuen Gattung
ckenzahn zum Vorschein. Hiervon nahm zuweisen, weil einige Merkmale an frühe
Morwood einen Abguss nach Armidale Hominidenarten im Umkreis der Aus-
mit, um ihn dem Paläoanthropologen tralopithecinen erinnern. Doch schließ-
Peter Brown zu zeigen. »Das Fundstück lich blieb man bei der Gattung Homo,

MÄRZ205
erinnerte ganz klar an einen menschli- weil die Ähnlichkeiten zu überwiegen
chen Zahn, aber eindeutig stammte der scheinen.

IN KÜRZE
r Möglicherweise war der moderne Mensch, also der Homo sapiens, in den
letzten 25 000 Jahren gar nicht die einzige überlebende Menschenart. Ein urtüm-
licher Gnom scheint bis vor 13 000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores ge-
haust zu haben. Forscher fanden dort kürzlich ein Skelett sowie Knochenreste
mehrerer Individuen.
r Obwohl der Floresmensch mit einem besonders kleinen Gehirn ausgestattet
war, werden ihm die am Fundort entdeckten hoch entwickelten Steinwerkzeuge
zugeschrieben. Erst weitere Grabungen und Analysen werden sicherstellen, ob
PORTIA SLOAN

er dessen fähig war und ob er tatsächlich eine neue Menschenart repräsentiert.

32 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
handen sind. Überdies würden Betroffe- zumindest für zuvor große Tiere nicht Dennoch kannten Paläoanthropolo-
ne selten das Erwachsenenalter erreichen. ungewöhnlich ist. Auch die Zwergelefan- gen bisher im Menschenstammbaum
Der indonesische Zwergmensch zeige zu- ten, die gleichzeitig auf Flores lebten, keinen Fall, wo die Angehörigen einer
dem verschiedene Besonderheiten, die hatten viel größere Vorfahren. Inselpopulation kleiner geworden wären.
noch bei keinem krankhaft kleinwüchsi- Seine Kultur, so nahm man an, überhob
gen Homo sapiens beschrieben seien und Normale Selektionszwänge? den Menschen solcher Selektionseinflüs-
durchaus archaisch erschienen. Biologen vermuten, dass größere Tiere se. So musste ihm in kaltem Klima nicht
Noch am meisten ähnele die Insel- auf kleinen Inseln unter anderem wegen eigens ein Fell wachsen, sondern er

ehnliöeäthnlicgröße
frau einem zu klein geratenen Homo erec- des knappen Nahrungsangebots, an das konnte sich mit Feuer und Kleidung
tus. In ihrem Fachartikel klassifizieren sie sich anpassen, kleiner werden. Ihnen warm halten. Nun zeigt der Floresfund,
die Forscher das Skelett LB1, den einzel- gefährliche Raubfeinde gibt es dort meist dass der Mensch auf Ressourcenknapp-
nen Zahn sowie einen menschlichen ohnehin wenig. Für den Zwergmenschen heit unter Umständen doch ähnlich wie
Armknochen, der in etwas älteren auf Flores bedeuteten nur zwei Riesen- andere große Säugetiere nach vorhersag-
Schichten lag, dennoch als eine neue echsen eine Gefahr: der Komodowaran, baren Gesetzmäßigkeiten mit körperli-
Menschenart, die sie Homo floresiensis der noch in Restbeständen in einigen chen Anpassungen reagieren kann. Nach
nennen. Nach ihrer Ansicht handelt es Gegenden dieser und auf den kleineren, Richard Potts vom Nationalmuseum für
sich um einen Abkömmling von Homo östlich vorgelagerten Inseln vorkommt Naturgeschichte der Smithsonian Insti-
erectus, den es nach Flores verschlug. In (siehe Spektrum der Wissenschaft 5/ tution in Washington, der ökologische
der Isolation auf der Insel entwickelte 1999, S. 48), sowie ein noch größerer Anpassungen von Hominiden unter-
die Linie sich zu einer Zwergform – was damals lebender Waran. sucht, lag das Kleinerwerden durchaus

Oft werden große Tiere auf Inseln


Asiatischer Elefant
(Elephas maximus) u kleiner, kleine hingegen .
Dass eine Mensc he Anpas-
sungen durchmachte, überrascht. Der
Homo floresiensis k von einem
Homo erectus abstammen, der kaum klei-
ner war als der moderne Mensch.

Homo sapiens

MÄRZ205
Homo floresiensis

Riesenratte von Flores


(Papagomys)

Hausratte
(Rattus rattus)
Zwergform der ausge-
storbenen Gattung Stegodon

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 33
MENSCHENEVOLUTION

niedriger,
z niedriger,
breiter Hirnschädel breiter Hirnschädel
RECHTS OBEN: DAVID BRILL; RECHTS UNTEN: CHRISTIAN SIDOR, NEW YORK COLLEGE OF OSTEOPATHIC MEDICINE

kräftiger
JEWEILS LINKE ABB.: PETER BROWN, UNIVERSITY OF NEW ENGLAND / ARMIDALE UND TIMEFORKIDS / KRT

Überaugenwulst

üfr fürfüreinAbkömling
schmale
Nase

Zähne klein im
Vergleich mit
Australopithecinen
Homo floresiensis (LB1)

afrikanischer Homo erectus


(»Turkanajunge«, KNM-WT 15000)

Trotz des erstaunlich kleinen Gehirns passen viele Merkmale des Floresmen-
o schen zur Gattung Homo. Die Entdecker halten ihn von
Homo Homo erectus, allerdings eine eigene Art. Das einen Homo sapiens charakteris-
floresiensis Homo sapiens tische Kinn fehlt, ebenso wie einige andere Merkmale des modernen Menschen.

im Potenzial des Homo erectus. Potts’ hohe geistige Kapazitäten und verfügte fanten erlegte. Hauptsächlich Knochen
Team fand Anfang 2004 in Olorgesailie über eine fortschrittliche Kultur. Zumin- von Kälbern fanden sich in den Ablage-
in Kenia einen recht kleinen Homo-erec- dest habe er raffinierte Jagdmethoden rungen. Doch einzelne Tiere waren aus-
tus-Schädel. beherrscht. Australopithecinen mit etwa gewachsen und dürften nahezu eine hal-
Das größte Rätsel aber gibt das im gleich großem Gehirn hinterließen bes- be Tonne gewogen haben. Ein junges
Vergleich mit anderen Vertretern der tenfalls grob behauenes Steinwerkzeug, Kalb konnte wahrscheinlich ein Jäger al-
Gattung Homo und im Verhältnis zur etliche Arten nicht einmal das. Bei glei- lein töten. Für die Jagd auf einen er-
Körpergröße winzige Gehirn des Flores- cher Hirnmasse verstand der Homo flore- wachsenen Zwergelefanten und den Ab-
menschen auf. Eigentlich gilt das be- siensis nach Ansicht des Forscherteams transport musste man aber sicherlich zu
trächtlich zunehmende Hirnvolumen als Geräte zu fertigen, wie man sie sonst ei- mehreren sein. Das erforderte eine hohe
das hervorragende Kennzeichen der gentlich nur dem Homo sapiens zu- Koordination, so meint Richard G.
menschlichen Evolution. Es wuchs in schreibt. (»Bert«) Roberts von der Universität
den sechs oder sieben Millionen Jahren, Wollongong (New South Wales, Austra-

MÄRZ205
seit der mutmaßlich früheste Vertreter Macht über das Feuer lien), einer der Mitarbeiter im Gra-
der Hominiden im engeren Sinne, Sahel- Zwar stellen die meisten Artefakte von bungsteam – was sicherlich auch sprach-
anthropus, erschien, auf mehr als das Liang Bua einfache Abschlaggeräte aus liche Kommunikation einschloss.
Dreifache, von 360 auf im Schnitt 1350 vulkanischem Gestein oder Feuerstein Die Forscher fanden in der Höhle
Kubikzentimeter beim modernen Men- dar. Sie muten kaum moderner an als auch verkohlte Tierknochen. Demnach
schen. Parallel dazu entwickelten die Geräte von späten Australopithecinen nutzten die Jäger Feuer, um Mahlzeiten
Hominiden ein wesentlich komplexeres oder ganz frühen Homo-Arten. Doch zu bereiten. Das stimmt nachdenklich.
Verhalten, wie viele archäologische Fun- zwischen den Elefantenknochen lagerten Die Zähmung des Feuers galt lange als
de eindeutig erkennen lassen. In der An- unter anderem fein gearbeitete Spitzen, späte Errungenschaft großhirniger Men-
thropologie galt bisher die Größenzu- große Klingen, Ahlen, mit denen man schen. Konnte der Floresmensch mit sei-
nahme des Gehirns als Voraussetzung für Löcher stechen konnte, sowie kleinere ner winzigen Menge an grauen Zellen
die menschliche Kulturentwicklung. Klingen, die vielleicht als Speerspitzen wirklich schon das Feuer beherrschen?
Der indonesische Zwergmensch nun dienten. Wenn die Entdecker von Homo flore-
besaß, so vermuten seine Entdecker, Die beteiligten Forscher glauben, siensis mit ihrer Einschätzung und Be-
trotz seines kleinen Gehirns durchaus dass der Floresmensch regelmäßig Ele- wertung des Fundes Recht haben sollten,

34 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
dann wäre das einer der bedeutendsten mit krankhaft gehemmtem Wachstum Kauapparat könne eine Anpassung an
paläoanthropologischen Neuigkeiten der gewesen, ob nun durch Mikrozephalie eine Nahrungsumstellung gewesen sein.
letzten Jahrzehnte. Nicht nur hätte nach oder durch Mangelernährung bedingt. Selektionskräfte, welche die Intelligenz
geologischen Maßstäben noch in jüngs- Andere Anthropologen halten den minderten, kann sich Wolpoff dagegen
ter Vergangenheit eine weitere Men- Floresschädel für noch primitiver. Colin in dem Fall nicht vorstellen.
schenart neben unserer gelebt – was für P. Groves von der Australischen Natio- Ein Australopithecus außerhalb Afri-
eine unerwartete Vielseitigkeit unserer nal-Universität in Canberra und David kas, der noch dazu bis nach Südostasien
Gattung spräche. Sondern man müsste W. Cameron von der Universität Sydney kam, wäre wissenschaftliche Sensation
sich auch neu darüber Gedanken ma- erwägen eine nähere Beziehung zum genug. Vollends ins Wanken geriete das
chen, inwieweit die Gehirngröße über- Homo habilis. In die engere Abstam- Gebäude vom menschlichen Stamm-
haupt die Intelligenz bestimmt. mung jenes ganz frühen Homo würden baum, hätte dieser Zweig wirklich bis
Widerspruch aus Expertenkreisen unter anderem die Kleinhirnigkeit und vor 18 000 Jahren – oder nach jüngsten
ließ denn auch nicht lange auf sich war- der lange Hals des Oberschenkelkno- Angaben noch länger – überlebt. Bisher
ten. Nur drei Tage nach der »Nature«- chens besser passen als zu einem viel hö- stammen alle Fossilien der Gruppe aus

Sfälteingräte
Veröffentlichung erschien in der australi- her entwickelten Homo erectus. Afrika und sind über 1,5 Millionen Jah-
schen Zeitung »Sunday Mail« ein Leser- re alt. Dennoch mussten Hominiden
brief des Paläoanthropologen Marciej Schon ein Homo – ein Mensch – nicht erst – wie bisher angenommen –
Henneberg von der Universität Adelaide. oder noch ein Vormensch? über lange Beine, ein großes Gehirn und
Der Forscher äußerte, die geringe Größe Milford H. Wolpoff von der Universität eine entwickelte Technologie verfügen,
des Schädels wäre durchaus mit einer pa- von Michigan in Ann Arbor hält sogar um andere Kontinente erobern zu kön-
thologischen Mikrozephalie vereinbar – einen Seitenzweig der Vormenschengat- nen. Die ältesten Homo-Fossilien vom
einer beim modernen Menschen bekann- tung Australopithecus für möglich. Bei ei- Südrand des Kaukasus aus Dmanisi in
ten Missbildung. Bei schweren angebore- nem Verwandten von Homo sapiens oder Georgien stammen von recht urtümli-
nen Formen würden die Betroffenen im Homo erectus ließe sich die nachträgliche chen, kleinen Hominiden, die einfache
Kindesalter sterben. Doch Menschen mit Gehirnverkleinerung kaum verstehen, Steinwerkzeuge benutzten ähnlich de-
milderer Ausprägung seien zwar geistig zumal sie den Kleinwuchs des Körpers nen, wie Australopithecinen sie bereits
behindert, erreichten aber nicht selten noch bei Weitem übertroffen habe. Bei eine Million Jahre zuvor fertigten.
das Erwachsenenalter. einer näheren Verwandtschaft mit den
Henneberg verglich den Hirn- und afrikanischen Australopithecinen müsse
Gesichtsschädel von Flores mit einem man allerdings eine Erklärung für das im
viertausend Jahre alten, krankhaft mikro- Vergleich viel schwächere Kieferskelett Ausgefeilte wie diese
zephalen Exemplar von Kreta. Nach sei- und zartere Gebiss des Floresmenschen u dem kleinhirnigen Floresmenschen
nem Urteil gibt es zwischen beiden Schä- finden. zuzuschreiben, vielen Anthropologen
deln in den Proportionen keine wesentli- Doch das sei lange nicht so schwierig schwer. Nach bisherigem Ermessen wir-
chen Unterschiede. wie die Rätsel, die das winzige Gehirn ken sie eher wie Produkte eines Homo sa-
Der in tieferen Schichten gefundene der Forschung aufgebe. Der zierlichere piens, eines modernen Menschen.
einzelne Unterarmknochen stamme hin-
gegen von einem etwa 1,50 bis 1,60 Me-
ter großen – somit durchaus nicht klein-
wüchsigen – Menschen. Das bedeute,
auf der Insel hätten auch größere Men-
schen gewohnt. Henneberg möchte das
Skelett LB1 somit eher einem modernen
Menschen zuordnen, der an Mikroze-
phalie litt.

MÄRZ205
Dem widerspricht die Anthropolo-
gin Susan C. Antón von der New-York-
Universität. Der Gesichtsschädel von
modernen Menschen mit Mikrozephalie
sehe anders aus. Außerdem seien von ei-
ner milderen Form Betroffene, die er-
MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG VON MARK MOORE

wachsen werden, nicht zwergwüchsig. Ahle


Doch auch Antón zweifelt, ob es sich bei
Klinge
dem Floresskelett um eine eigene Art
handelt: »Zum Homo erectus gibt es nicht
viele morphologische Unterschiede. Si-
cher könnte man für eine ganz neue Art
plädieren. Aber eine Dogge und ein Chi-
huahua ähneln sich weniger.« Vielleicht
sei es aber ein Vertreter von Homo erectus Zentimeter Spitze

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 35
MENSCHENEVOLUTION

Heimat der Zwergmenschen


z

ü
Vindija
(Kroatien) 28 T Dmanisi

ä
Zafarraya (Georgien) 1,75 M
28 – 32 T

Qafzeh
Longgupo
Skũl
(China) 1,9 M?
(Israel) 120 – 80 T

ü
Bahr el Ghazal Liujiang
(Tschad) 3 – 3,5 M (China) 67 T?

Hadar (Äthiopien) 3 – 3,4 M


Herto (Äthiopien) 160 T Olorgesailie
(Kenia)
Turkana
970 – 900 T
(Kenia) 1,6 –1,9 M
Niah
Olduwai Homo floresiensis (Borneo) Flores
(Tansania) 40 T (Indonesien)
1,2 –1,8 M fr her moderner
95 –13 T
Laetoli Mensch (Homo sapiens) Java

l
(Tansania) 3,6 M

ä
(Indonesien)

n
e
sp ter Neandertaler

d
h
1,8 M –25 T
Homo erectus

frühenM
ensc
Homo habilis
Sterkfontein Australopithecinen Lake Mungo
2,5 M Swartkrans (Australien)
(S dafrika) M = Millionen Jahre 40 – 60 T
1,5 – 2 M T = Tausend Jahre

Vor zehn Jahren staunten die Wissen- Höhle, einer großen Kalksteinhöhle
schaftler darüber, dass der Homo erec- im westlichen Teil der Insel Flores.
tus noch vor 25 000 Jahren auf Java Wie die urtümlichen Menschen dort-
gelebt haben soll. Damals war längst hin über das Wasser gelangt sein
der moderne Mensch in die Region könnten, ist unklar. Als Ahne wäre
vorgedrungen und in Europa der Ne- geografisch der Homo erectus von
andertaler verschwunden. Nun sor- Java plausibel. Morphologisc
gen Berichte über eine angeblich drit- ten die Floreszwerge aber mehr den Jakarta
te Menschenart in Indonesien, die hen vom Kaukasus und
dort bis vor 13 000 Jahren vorkam, für afrikanischen Homo-erectus-Formen. Sumatra
Diskussionen. Stammten sie von einer anderen Ver-
Java
Deren Überreste fanden Archäolo- breitungswelle ab als der asiatische
gen in den Sedimenten der Liang-Bua- Homo erectus?

MÄRZ205
INDISCHER
OZEAN

Somit könnte sich im Prinzip auch Jahren eine Hand voll noch nicht genau- erectus. Wolpoff hält es nun für geboten,
schon ein Australopithecus nach Asien er untersuchter Knochenreste aufge- diese Fossilien nochmals gründlich in
aufgemacht haben. Merkwürdig bleibt taucht, die dafür vielleicht in Frage kä- Augenschein zu nehmen.
allerdings, dass von solchen Vormen- men. Zuerst wollten die Forscher die Neben den Kritikern gibt es viele
schen auf dem Kontinent bisher keine Fragmente einem Australopithecus zuwei- Fachleute, die Browns und Morwoods
weiteren Fossilien aufgetaucht sind. Wo- sen, dann ausgestorbenen Menschenaf- Thesen unterstützen und die Deklaration
möglich gäbe es die doch, meint Wol- fen der Gattung Meganthropus. Schließ- einer neuen Homo-Art befürworten.
poff. In Indonesien seien in den 1940er lich entschieden sie sich aber für Homo »Mit ziemlicher Sicherheit hängen die

36 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
ren. Der Homo-erectus-Experte G. Philip
Rightmire von der Staatsuniversität von
New York in Binghamton hält diese Ent-
scheidung ebenfalls für akzeptabel. Er
spricht von einem kleinen Evolutions-
experiment auf der indonesischen Insel.

Wer war der Urheber?


Fast noch mehr Dispute lösten die Werk-
zeugfunde in der Liang-Bua-Höhle aus.
Wie der Paläoanthropologe Richard
Klein von der Stanford-Universität (Ka-
lifornien) vermerkt, fanden sich offenbar
unmittelbar bei dem LB1-Skelett, sofern
überhaupt, nur ganz wenige fortschrittli-
che Artefakte. Die meisten davon lagen
an anderen Stellen. Die ausgefeilteren
Stücke könnten seiner Ansicht nach zu
einer anderen Zeit von modernen Men-
schen gefertigt worden sein. Wie sich die
einzelnen Schichten stratigrafisch zuei-
nander ordnen, müssten erst weitere
Ausgrabungen ergeben. Vielleicht wür-
den auch noch Knochenreste von mo-
dernen Menschen auftauchen. Dann
Liang-Bua-Höhle
wäre zu fragen, ob tatsächlich zwei ver-
schiedene Menschenarten in der Höhle
Unterschlupf gefunden hatten oder ob
die vermeintliche Zwergform nicht doch
ein pathologisch kleinwüchsiger moder-
ner Mensch war.
Borneo Auch ohne Berücksichtigung der ge-
ologischen Schichtungen seien die Stein-
Neuguinea
geräte zu modern – und eigentlich auch
zu groß –, um sie einem primitiven
Zwergmenschen zuzuschreiben, ver-
merkt Groves. Zwar sollen diese fort-
Celebes schrittlichen Geräte bis zu 94 000 Jahre
KARTEN: LAURIE GRACE UND EDWARD BELL; FOTO: CORBIS-REUTERS / HANDOUT

alt sein. Nach Ansicht des Grabungs-


INDONESIEN teams können sie darum unmöglich
schon vom modernen Menschen stam-
men. Doch Groves führt die Werkzeuge
Flores von Liujiang in China an, die auf 67 000
Jahre datiert sind und offensichtlich vom
Timor AUSTRALIEN
Homo sapiens gefertigt wurden. Noch
Bali

MÄRZ205
frühere Spuren des modernen Menschen
Lombok
Sumba in Südostasien hält er nicht für ausge-
Sumbawa schlossen. Der Homo sapiens habe sich,
nachdem er Afrika verließ, schnell nach
Ostasien ausgebreitet.
Dass die Beweislage dafür, der Homo
floresiensis habe die fortschrittlichen Ge-
meisten Unterschiede zwischen dem Flo- kömmlinge einer Homo-erectus-Linie – räte gefertigt, ungenügend ist, denkt
resmenschen und anderen Homo-Vertre- schrumpften, näherten sie sich anato- auch Bernard Wood von der George-
tern mit den geringeren Körpermaßen misch in manchem den Australopitheci- Washington-Universität in Washington,
zusammen. Das bewirkt auch die schein- nen an. DC. Doch einmal angenommen, diese
baren Ähnlichkeiten mit Australopi- Weil sie einige Schlüsselmerkmale kleinhirnigen Gnome hätten das wirk-
thecinen«, meint zum Beispiel David R. mit Homo erectus, ein paar jedoch mit an- lich vermocht, so sinniert der Forscher:
Begun von der Universität Toronto. Das deren Homo-Arten teilten, sei es nur lo- Wie wären geistige Fähigkeiten dann mit
heißt: Als die Inselbewohner – Ab- gisch, eine eigene Homo-Art zu deklarie- der Hirngröße vereinbar? »Warum war-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 37
MENSCHENEVOLUTION z
teten die Hominiden so lange, bis sie
Werkzeuge machten, wenn sie dazu
nicht wesentlich mehr graue Zellen
brauchten als ein Schimpanse?«
Ähnlich äußert sich Rightmire:
»Konnte Homo floresiensis hoch entwickel-
te Steingeräte herstellen, so müsste man
daraus schließen, dass die Gehirngröße
gar nicht so viel besagt.« Sogar bei intelli-
genten heutigen Menschen gibt es be-
trächtliche Volumenunterschiede. Anatole
France (1844 – 1924), Literaturnobelpreis-
träger von 1921, soll nur gut 1000 Ku-
bikzentimeter besessen haben, der engli-
sche Staatsmann Oliver Cromwell (1599 –
üü
äü ö
Zuwachs in unserer Verwandtschaft
Lebten zeitgleich mit dem Homo sapiens
noch drei weitere Menschenarten –
sofern auch der Neandertaler als eige-
ne Art eingestuft wird? Die Forscher,
die das Floresskelett beschrieben,
postulieren das: Sie bezeichnen die
zwergenhafte Form als Homo floresi-
ensis. Nach ihrer Einsch tzung stamm-
ten diese kleinw chsigen Menschen
vom Homo erectus ab (kleines Bild).
Andere Wissenschaftler vermuten
allerdings, dass es sich lediglich ent-
weder um einen, vielleicht patho-
logisch, zwergw chsigen modernen
Menschen handelte oder um einen
kleinw chsigen Homo erectus – wenn
es nicht sogar ein Abk mmling einer
der fr hesten Arten am Übergang zur
menschlichen Gattung Homo war oder
sogar noch ein Australopithecine.

1658) doppelt so viel. »Offenbar ist die


Größe ab einem bestimmten Wert gar
nicht so entscheidend. Der Schlüssel ist
dann die Organisation des Gehirns, die
innere Verdrahtung«, folgert Pott.
Einiges darüber verrät schon die äu- A. r. ramidus
ßere Morphologie. Gut erhaltene Schä-
PATRICIA J. WYNNE, CORNELIA BLIK UND EDWARD BELL

del können Paläontologen innen mit Orrorin


Latex abformen und die Kontur dann tugenensis
mit Kunststoff ausgießen. Doch der
Schädel von LB1 ist hierfür zu fragil.
Brown möchte deswegen das Schädelin-
nere anhand von computertomografi-
schen Aufnahmen dreidimensional zu- Sahelanthropus tchadensis Ardipithecus
ramidus kadabba
nächst virtuell und dann als gegenständ- 7 6 5
liches Gehirnmodell mit moderner
Stereolithografie rekonstruieren.

Pfiffig trotz Kleinstgehirn scheint wichtig, hat er doch nach Aussa- Jacob war an den Ausgrabungen und
»Es würde mich umhauen, wenn wir am ge der Entdecker die gleiche Größe wie ersten Analysen nicht beteiligt gewesen.
Ende ein normales Erwachsenengehirn der zu dem Skelett gehörige. Dies unter- Den Floresmenschen hält der Homo-erec-
in Kleinformat zu sehen bekommen«, stützt die Auffassung von einer Populati- tus-Experte für einen krankhaft mikroze-
kommentiert die Paläoneurologin Dean on einer zwergenhaften Menschenform. phalen Homo sapiens. Den Entdeckern
Folk von der Universität von Florida in Obwohl sich die Forscher davon hat er eine schnelle Rückgabe zugesi-
Tallahassee. Aber wenn die Hirnwindun- nicht allzu viel erhoffen, lassen sie an der chert. Allerdings soll er dafür bekannt
gen nun eher aussehen wie beim Schim- Universität Oxford Haare, die womög- sein, dass er nur beschränkt Zugang zu
pansen? Experten wissen bisher nicht, ob lich von jenen Menschen stammen, auf Fossilien gewährt. Manche seiner Kolle-
größere Gehirne sich hauptsächlich we- genetische Reste untersuchen. Die Chan- gen fürchten, diese Knochen werden
gen des vermehrten Volumens anders fal- ce ist klein, dass im Tropenklima DNA- nun nie wieder untersucht werden – lei-
ten oder ob die andere Faltung auch ge- Spuren erhalten blieben, dessen ist sich der dann auch nicht die neuen, noch un-

MÄRZ205
steigerte geistige Fähigkeiten spiegelt. das Team bewusst. Trotzdem würde es beschriebenen.
Womöglich gibt das Gehirn des Flores- auch die Knochenreste und gefundenen Zukünftig möchte Brown vor allem
menschen hierüber Aufschluss, sinniert Zähne gern auf Erbreste prüfen lassen. nach den nächsten großwüchsigen Vor-
die Wissenschaftlerin. Derzeit ist das weitere Schicksal des fahren der Floreszwerge suchen. Er sieht
Mittlerweile haben die Forscher nach gesamten Knochenmaterials ungewiss. drei mögliche Szenarien. Entweder ent-
eigener Aussage in der Liang-Bua-Höhle Zunächst lagerten die Fundstücke beim stand die kleine Menschenform auf der
Knochenreste von etwa einem halben indonesischen Zentrum für Archäologie Insel selbst aus einem größeren Homo.
Dutzend weiteren Individuen geborgen. in Jakarta. Gegen den Protest von eini- Der hätte dann wohl die 840 000 Jahre
Deren Merkmale passen zu denen des im gen dortigen Mitarbeitern verfügte Ende alten Steingeräte aus dem Soabecken ge-
Jahr 2003 gefundenen Skeletts. Auch die November 2004 der oberste indonesi- fertigt. Oder die Population kam schon
Knochen der recht langen Arme von sche Paläoanthropologe, Teuku Jacob kleinwüchsig auf die Insel. In dem Fall
LB1, die noch fehlten, tauchten kürzlich von der Gadjah-Mada-Universität in könnte die Verzwergung auf einer an-
auf. Die neuen Stücke sind zwar frag- Yogyakarta auf Java, die Fundstücke in deren Insel Südostasiens stattgefunden
mentarischer als die Überreste von LB1. sein eigenes Labor zu verfrachten – für haben. Es sei denn – die dritte Möglich-
Aber insbesondere ein Unterkiefer er- eingehende Untersuchungen. keit –, bereits die ersten Vertreter dieser

38 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
A. garhi

H. floresiensis
H. sapiens
Kenyanthropus H. neanderthalensis
platyops A. africanus H. erectus
1,9 MJ 230 160 95 60 40 20 0
tausend Jahre vor heute

H. floresiensis

Homo habilis
A. afarensis

H. erectus

A. aethio-
picus H. sapiens

Australopithecus A. robustus
anamensis
H. neander-
thalensis

A. boisei
4 3 2 1 heute
Millionen Jahre vor heute

Population waren klein, als sie in die Re- Wissenschaftler planen auch auf Lombok bis heute in den schwer zugänglichen
gion vordrangen. LB1 ähnele in vieler und Celebes Grabungen in Schichtungen Wäldern Sumatras haust.
Hinsicht stärker dem afrikanischen des fraglichen Zeitraums. Eine Men- »Offenbar kennt jedes Land hier ei-
Homo erectus – und den Hominiden von schenlinie, die über diese Inseln Flores er- gene Mythen von solchen Wesen«, be-
Dmanisi in Georgien – als dem Java- reichte, könnte dort ihre eigenen mar- merkt Brown dazu. »Überall haben wir
menschen. Das muss nicht bedeuten, kanten Spuren hinterlassen haben. gegraben und bisher nie Anhaltspunkte
dass der Floresmensch eine andere, frü- Es gibt Anzeichen dafür, dass der gefunden. Jetzt plötzlich stießen wir auf
here Einwanderung repräsentiert als der Homo erectus vielleicht noch bis vor LB1.« Ob die Märchen einen wahren
Homo erectus Javas. Die Ähnlichkeiten 25 000 Jahren auf Java vorkam. Der Kern haben, wird vielleicht nie festzu-
mit den älteren Linien könnten nach- Homo sapiens tauchte in der Region vor stellen sein. Die Forschung wird diese
träglich durch den Zwergenwuchs her- rund 40 000 Jahren auf. Womöglich Möglichkeit dennoch beflügeln.
vorgetreten sein. Aufklärung erhoffen existierten dort in der jüngeren Vergan-

MÄRZ205
sich die Forscher von weiteren Grabun- genheit wenigstens 15 000 Jahre lang
AUTORIN UND LITERATURHINWEISE

Kate Wong ist leitende Re-


gen auf Flores, auf Java sowie anderen drei Menschenarten nah beieinander. dakteurin bei Scientific Ame-
abgelegenen Inseln wie Celebes. Selbst dass Restpopulationen der rican.
Zwergmenschen auf einigen Inseln noch
Evolution des Menschen II.
Märchen mit wahrem Kern in historischer Zeit wohnten, halten Spektrum der Wissenschaft,
Zwischen 95 000 und 13 000 Jahre alt Brown, Morwood, Roberts und ihre Dossier 1/2004
sind nach derzeitiger Kenntnis die bis Kollegen nicht für völlig ausgeschlossen.
Archaeology and age of a new hominin from Flo-
jetzt in der Liang-Bua-Höhle gefundenen Vielleicht verstecken sich letzte Gruppen res in eastern Indonesia. Von M. J. Morwood et
menschlichen Knochen. Das Forschungs- in abgeschiedenen Regenwaldgebieten. al. in: Nature, Bd. 431, S. 1087, 28. Okt. 2004
team spekuliert, dass die kleinen Men- Die Menschen erzählen, dass man Ebu
A new small-bodied hominin from the late pleis-
schen vor etwa 12 000 Jahren einem mas- Gogo noch begegnete, als die Holländer tocene of Flores, Indonesia. Von P. Brown et al. in:
siven Vulkanausbruch zum Opfer fielen, im 19. Jahrhundert auf Flores siedelten. Nature, Bd. 431, S. 1055, 28. Okt. 2004
gleichzeitig mit den Zwergelefanten. Wei- Die Malaysier wissen Geschichten von
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
ter im Osten mag der Homo floresiensis dem kleinen, menschenähnlichen Orang spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
sogar noch länger überlebt haben. Die Pendek. Sie glauben, dass dieses Wesen

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 39
WI SSENSCHAFT I M A L LTAG
FORENSISC HE BAL L IST IK

Fingerabdruck
einer Schusswaffe
Unter dem Mikroskop geben Munitionskugeln Jeder gezogene Waffenlauf prägt einer
ihr Geheimnis preis. r Munition charakteristische Zug- und
Feldmuster auf. Hier ist beispielsweise ein
Lauf mit einem »Drall 4/rechts« abgebildet,
Von Thorsten Krome und Mark Fischetti das heißt, je vier Züge und Felder beschrei-
ben eine Rechtsschraube. Dem entspricht

H äufig sind es Spuren am Tatort, die einen Verbrecher über-


führen. Wurden Schusswaffen verwendet, liefert die ein-
gehende Analyse von Patronenhülsen und Geschossresten den
das Furchenmuster auf dem Projektil. Das
Betätigen des Abzugs bewirkt, dass der ge-
spannte Schlagbolzen gegen den Boden der
Ermittlern oft wichtige Informationen. Schon das Bruchstück Patronenhülse beziehungsweise gegen das
einer Kugel kann beispielsweise verraten, ob die Waffe zuvor Zündhütchen prallt. Dies entzündet eine
bei einem Verbrechen verwendet wurde. Vorausgesetzt, sie wur- Treibladung und die nachfolgende Explosion
de in der Vergangenheit bereits von den Experten des Bundes- treibt die Kugel aus. Dabei wird die Hülse mit
kriminalamtes (BKA) erfasst. enormer Wucht an den Stoßboden der Pis-
Wird etwa eine Pistole bei einer Verkehrskontrolle oder nach tole gepresst, was charakteristische Spuren
einem Banküberfall sichergestellt, geben die Ermittler deshalb hinterlässt.
Testschüsse damit ab. Die Geschosse werden zur Analyse an das
BKA geschickt. Etwa 5000 derartige Untersuchungen führt die-
se zentrale Institution pro Jahr durch, dazu kommen jährlich
rund 600 Analysen von Tatmunition.
Erhoben werden charakteristische Spuren, welche die ver-
schiedenen Komponenten einer Feuerwaffe auf Munitionsteilen
hinterlassen. Dazu gehört die Delle, die der Schlagbolzen dem Spuren am Hülsenboden der Tat-
Zündhütchen beziehungsweise dem Boden der Patronenhülse munition (rechts) ähneln den
einprägt. Wird die Hülse beim Abfeuern gegen die Rückwand Einkerbungen, die beim Ab-
des Verschlusses gepresst, entstehen Stoßbodenspuren. schuss von Vergleichsmunition
Nicht nur der Blick auf die Patronenhülsen lohnt, auch die mit einer am Tatort gefunden
Kugel selbst verrät vieles. Spiralförmig gewundene Rillen im Waffe zu sehen sind (links).
Waffenlauf – die Züge – sollen dem Projektil einen definierten
Drall um die Längsachse geben, der die Flugbahn stabilisiert
und so die Treffsicherheit erhöht. Dazu muss es die Züge aber Zwei Kugeln mit je sechs rechts-
ausfüllen, deshalb ist der Durchmesser des Projektils, das so ge- drehenden Feld- und Zugfur-
nannte Kaliber, etwas größer als das Innenkaliber der Waffe. chen. Deren Neigungswinkel ist
Während sich die Kugel beim Schuss durch den Lauf quetscht, jedoch unterschiedlich, was da-
prägt sich ihr also ein Riefenmuster auf. rauf hindeutet, dass die Projekti-
Sind diese bereits mit bloßem Auge oder der Lupe sichtba- le aus unterschiedlichen Schuss-
ren Spuren bei Waffen gleichen Typs meist noch identisch, so waffen abgefeuert wurden.
zeigen sich unter dem Mikroskop weitaus individuellere Merk-
male: Kleinste Unebenheiten und Grate im Lauf und an ande-
ren Waffenteilen hinterlassen ein mikroskopisches Rillenmuster, Mikroskopisch feine Rillen auf der
das äußerst selten bei zwei Waffen auch nur ähnlich ausfällt. Tatmunition (links) zeugen von
All diese Spuren ergeben in Summe eine Art ballistischen geringfügigen Unregelmäßigkei-
Fingerabdruck. Je nach gewünschter Vergrößerung nutzen die ten im Waffenlauf. Dazu passt
Ermittler des BKA die Stereolupe, das optische Vergleichsmik- das Muster von Vergleichsmuni-
roskop oder ein Rasterelektronenmikroskop (Rem). Das Be- tion (rechts), die von Testschüs-
sondere an all diesen Instrumenten: Zwei Kugeln – Tat- und sen einer sichergestellten Pistole
Vergleichsmunition – lassen sich gleichzeitig untersuchen, wo- stammt.
bei mikroskopische Bilder direkt nebeneinander betrachtet
werden können. Stimmen die Muster überein, stammt die be-
treffende Kugel oder Hülse mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Selbst Geschossreste weisen häu-
der fraglichen Waffe. fig noch genug charakteristische
Merkmale auf, die Ermittlern bei
Der Physiker Thorsten Krome befragte das BKA zum Thema, Mark Fischetti, Au- der Lösung eines Falls helfen
tor von Scientific American, machte sich bei den amerikanischen Behörden kundig. können.

40 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
WUSSTEN SIE SCHON?
r Ein drei Meter langer Wassertank gehört zur Standardaus- form mit dazu passender Eintiefung. Damit konfrontiert, ge-
rüstung beim Test von Schusswaffen. Das Wasser bremst die stand der Besitzer das Verbrechen.
Projektile, sodass eine Pistolenkugel schon nach etwa 1,5 r In den Datenbanken des Bundeskriminalamts (BKA) sind rund
Metern zu Boden fällt und eingesammelt werden kann. 6000 Bilder von Hülsen und fast 2000 Geschossen abgelegt,
r Als Begründer der forensischen Ballistik gilt der Londoner dazu kommen noch Daten zu etwa 650 verschiedenen Waf-
Polizist Henry Goddard. Er überführte 1835 einen Mörder auf fensystemen. Die Ermittler können zudem auf ein amerikani-
Grund einer kleinen Erhebung auf der tödlichen Bleikugel. In sches Informationsnetzwerk zugreifen, das weitere 14 000
der Wohnung des Tatverdächtigen fand Goddard eine Guss- Einträge aufweist.

Leere Patronenhülse Ein gezogener Lauf gibt mit seinen


wird durch Auszieher spiralförmigen Zügen dem Projektil
Schlag- Stoß- aus dem Verschluss einen Drall, der die Flugbahn stabilisiert
bolzen boden ausgeworfen und damit die Treffsicherheit erhöht
Explosion der
Treibladung

Abzug
Pistolenlauf

Felder

Züge
Patronenhülse Kugel

Zündhütchen

Hülsenboden

m
r
eögŠ
Treibladung

größeunge könŠ
GRAFIKEN: DANIELS & DANIELS; FOTOS: SCOTT DOYLE / FIREARMSID

Erst das Vergleichsmikroskop


r lichte den Durchbruch in der forensi-
schen Ballistik. Mit ihm lassen sich Tat- und
Vergleichsmunition bei verschiedenen Ver-
parallel auf gemeinsame Cha-
rakteristika untersuchen. Die Ermittler
nen die Patronenteile beliebig drehen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005 41
TITEL: TREIBHAUSEFFEKT z
Das sprunghafte Klima
Eine weiter andauernde globale Erwärmung könnte
plötzlich in eine neue Kaltzeit umschlagen. Solche
unerwarteten Klimaumschwünge hat es in der Erd-
geschichte schon mehrfach gegeben – manchmal
innerhalb weniger Jahre.

schild Grönlands gezogen wurden. An-

SLIM FILMS
Von Richard B. Alley
einander gelegt sind sie fast drei Kilome-

U
rplötzlich bricht in dem Hol- ter lang und enthalten erstaunlich ge-
lywood-Film »The Day after naue Informationen über das Klima der
Tomorrow« eine Eiszeit über letzten 110 000 Jahre. Forscher können
die Erde herein. Während darin Jahresschichten unterscheiden und
Millionen Nordamerikaner ins sonnige sie mit Hilfe einer Vielzahl von Metho-
Mexiko flüchten, belauern Wölfe das den datieren. Aus der Zusammensetzung
letzte Häuflein Menschen, das eng anei- des Eises lässt sich außerdem die Tempe-
nander gekauert im gefriergetrockneten ratur ableiten, bei der es gebildet wurde.
New York ausharrt. Tornados verwüsten
Kalifornien, und riesige Hagelkörner Temperatur fährt Achterbahn
prasseln auf Tokio nieder. Die Bohrkerne offenbaren eine weit zu-
Ist ein derart dramatischer Klima- rückreichende Serie von starken Klima-
umschwung in naher Zukunft denkbar, schwankungen, wobei lange, sehr kalte
oder haben die Fox Studios maßlos über- Abschnitte mit kurzen, wärmeren Episo-
trieben? Die meisten Experten glauben, den abwechselten. Zentralgrönland er-
dass in den kommenden Jahrzehnten lebte extreme Kälteeinbrüche, bei denen
keine wirkliche Eiszeit droht. Dennoch die Durchschnittstemperatur binnen we-
hat sich in der Vergangenheit das Klima niger Jahre um bis zu sechs Grad Celsius
schon mehrfach jäh geändert, und dies absackte. Andererseits fand die Hälfte
könnte auch heute passieren. Es scheint der Erwärmung seit dem Höhepunkt der
mir sogar unvermeidlich. letzten Eiszeit vor etwa 11 500 Jahren –
Jüngste Erkenntnisse lassen vermu- ein Temperatursprung um mehr als zehn
ten, dass die vom Menschen verursachte Grad Celsius – in nur einem Jahrzehnt
globale Erwärmung dabei eine fatale statt. Auf die heutige Situation übertra-
Rolle spielt: Sie könnte der Auslöser sein, gen hieße das, dass es in Moskau ähnlich
der das Klimasystem kippen lässt. Die heiß würde wie derzeit in Madrid.
Lebensbedingungen auf dem Planeten Die Dicke der Jahresschichten in den
würden sich dadurch drastisch ändern. Eiskernen zeigt zugleich, dass parallel Der plötzliche Wechsel zwischen völlig
Und wir könnten nicht hoffen, dass sich zum Temperaturanstieg der Niederschlag verschiedenen Zuständen – zum Bei-
die alten Verhältnisse bald wieder einstel- zunahm. So verdoppelte sich der Schnee- spiel Backofen und Eiskeller – ist ein
len. In der Vergangenheit ist das Klima- fall in Grönland innerhalb eines einzigen charakteristisches Merkmal des irdi-
system nach einer plötzlichen Änderung Jahres. Aber auch andere Gebiete wurden schen Klimasystems.
in der Regel über Jahrtausende in seinem damals feuchter. Wie die Analyse fossiler
neuen Zustand geblieben. Luftblasen im Eis ergab, gelangte wäh-
Diese Erkenntnis verdanken wir vor rend der starken Temperaturzunahme
allem Eisbohrkernen, die in den frühen fünfzig Prozent mehr von dem Sumpfgas
1990er Jahren aus dem mächtigen Eis- Methan in die Atmosphäre als zuvor –

42 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q
MÄRZ205 43
TITEL: TREIBHAUSEFFEKT

Vergangenheit als Menetekel?


z
Die Erdgeschichte war schon immer durch plötzliche Klima- mung unterbrachen, die vor etwa 18 000 Jahren begann und
umschwünge geprägt. So verraten Eiskerne aus Grönland, die Erde aus der letzten Eiszeit herausführte (links). Bei fossi-
dass starke Temperaturschwankungen die allmähliche Erwär- len Muschelschalen aus Seesedimenten von der Halbinsel Yu-

mittelalterliche Wärmeperiode
Temperatur in Zentralgrönland in Grad Celsius

Nur noch Ruinen sind von den mittel-


–30 alterlichen Siedlungen der Wikinger in
Grönland übrig. Eine plötzliche Kälte-
periode – die so genannte Kleine Eis-
zeit – vertrieb die Nordmänner von der
arktischen Insel.

ELIZA JEWETT, NACH: M. STUIVER ET AL. UND K. CUFFEY ET AL.


–35 Kälteeinbruch vor 8200 Jahren

Kleine Eiszeit
(1400 –1900 n.Chr.)

–40

Ende der Jüngeren Dryaszeit

–45
Beginn der
Jüngeren
Dryaszeit
–50 RUDY BRUEGGEMANN
15 10 5 0
Jahrtausende vor der Gegenwart

höchstwahrscheinlich, weil durch Über- plötzliche Erwärmungen in Grönland. Um die weltweite Klimaentwicklung
schwemmungen in den Tropen neue Das mildere Klima hielt dann jeweils ei- zu rekonstruieren, ergänzten die For-
Feuchtgebiete entstanden und im Nor- nige Jahrhunderte bis Jahrtausende an, scher die Befunde aus der Arktis durch
den zugefrorene Sümpfe auftauten. bevor eine allmähliche Abkühlung ein- Daten aus anderen Regionen. Dabei zo-
Die Eiskerne enthielten auch Infor- setzte, die in einem Temperatursturz in- gen sie die Zusammensetzung und Aus-
mationen über andere Umweltbedingun- nerhalb nur eines Jahrhunderts gipfelte. dehnung mächtiger Gebirgsgletscher, die
gen (SdW 4/1998, S. 50). So lieferte die Dann begann der Zyklus von Neuem – Dicke der Jahresringe von Bäumen sowie
eingeschlossene Menge an Staub aus Asi- mit einer weiteren Erwärmung innerhalb das Artenspektrum fossiler Pollen und
en Hinweise auf die vorherrschende nur weniger Jahre. Muscheln im Bodenschlamm von Seen
Windrichtung. Generell müssen die In Zeiten extremster Kälte gelangten und Ozeanen heran. Das resultierende
Winde in warmen Zeitabschnitten abge- Eisberge bis zur portugiesischen Küste. Gesamtbild ergab, dass während extrem

ä
flaut sein, weil in diesen Phasen weniger Dagegen war die jüngste Kälteperiode, frostiger Phasen in Grönland auch in
angewehtes Salz aus dem Meer und we- die von etwa 1400 bis 1900 n. Chr. dau- Europa und Nordamerika kalte, trockene
niger Vulkanasche von weit entfernten erte und als Kleine Eiszeit bekannt ist, und sehr windige Bedingungen herrsch-
Eruptionen im Eis vorkommen. ausgesprochen harmlos. Dennoch ver- ten. Dagegen war es im Südatlantik und
Insgesamt gab es in den vergangenen trieb sie wahrscheinlich die Wikinger aus der Antarktis ungewöhnlich warm.
110 000 Jahren mehr als zwanzig starke, Grönland. Dabei gingen die raschen Tempera-
turschwankungen mit ebenso drastischen

MÄRZ205
IN KÜRZE Veränderungen der Niederschlagsmenge
einher. Kälteperioden in der Arktis sorg-
r Beim Thema Klimawandel geht es in Politik und Wissenschaft fast nur um die ten für Dürre in Nordafrika und Indien.
globale Erwärmung. Doch in der Vergangenheit hat das Klima oft dramatische Dadurch verwandelte sich die Sahara vor
Sprünge gemacht, vor denen wir auch heute nicht sicher sind. ungefähr 5000 Jahren von einer grünen
r So könnte sich eine zunächst regional begrenzte Dürre, die in einem Sommer Landschaft mit zahlreichen Seen in jene
auftritt, ausweiten und Jahrzehnte andauern, sodass fruchtbares Ackerland in Stein-, Sand- und Salzwüste, die wir heu-
weiten Teilen Asiens und Nordamerikas vernichtet würde. In Europa wäre ein te kennen. Eine zwei Jahrhunderte anhal-
massiver K lteeinbruch denkbar, der innerhalb weniger Jahre sibirische Verhältnis- tende Trockenheit vor etwa 1100 Jahren
se bringt. trug wahrscheinlich zum Untergang der
r Noch wissen die Klimaexperten nur ansatzweise, was solche Umschwünge Mayakultur in Mittelamerika bei.
auslöst. Allerdings ist ziemlich sicher, dass Umweltsünden wie der massive Aus- In unserer Zeit beeinflussen das El-
stoß von Treibhausgasen das Risiko einer plötzlichen, lang anhaltenden Klimaände- Niño-Phänomen und andere Anomalien
rung erhöhen. im Südpazifik manchmal auch das Wet-
tergeschehen in weit entfernten Regionen

44 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
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katan (Mexiko) zeugt ein Ausschlag im Sauerstoff-Isotopenver-
hältnis von einer plötzlichen extremen Dürreperiode, in der
mehr Wasser aus dem See verdunstet, als durch Niederschlag

trockener
hineingelangt ist (rechts). Derart rasche Veränderungen haben
oft menschliche Zivilisationen beeinträchtigt und manchmal ih-
ren Untergang ausgelöst (Fotos).

ELIZA JEWETT, NACH: M. STUIVER ET AL., K. CUFFEY ET AL. UND HODELL ET AL., NGDC
anhand des Sauerstoff-Isotopenverh ltnisses
Der Regengott der Maya – hier als Untergang der Mayakultur
Statue im Vordergrund – konnte die

Klima und Niederschlag, festgestellt


D rre nicht verhindern, die heute
viele Arch ologen f r den Untergang
der Mayakultur vor etwa 1100 Jahren
verantwortlich machen.

feuchter

CORBIS / FREELANCE CONSULTING SERVICES PTY LTD


7 6 5 4 3 2 1 0
Jahrtausende vor der Gegenwart

noch stark genug, um überraschende löste, war nach Ansicht der meisten For- geraten sein. Als Folge davon verlor der
Dürreperioden auszulösen – so die be- scher das Strömungsmuster im Atlantik. Nordatlantik seine Fernheizung und
rüchtigte »dust bowl« in den 1930er Jah- Im Osten Nordamerikas und im nord- kühlte sich drastisch ab. Das Klima auf
ren, als weite Bereiche im mittleren Wes- westlichen Europa herrscht heute ein den angrenzenden Kontinenten glich sich
ten der USA völlig austrockneten und gemäßigtes Klima, weil stark salzhalti- demjenigen von Sibirien an (siehe Kasten
zur »Staubschüssel« wurden. ges Atlantikwasser, von der Sonne im Sü- auf S. 46).
den erwärmt und eingedunstet, über den Achttausend Jahre sind seit der letz-
Kein Zurück mehr Äquator nach Norden strömt. Dort gibt ten großen Kältewelle im Nordatlantik
nach dem Umschwung es seine Wärme ab und wird folglich käl- vergangen. »Lehnen« wir uns heute viel-
Die Ursache der Klimaumschwünge in ter und dichter. Dadurch sinkt es östlich leicht auf die richtige Seite, um ein Ken-
der Vergangenheit war letztlich stets die- und westlich von Grönland in die Tiefe tern des Klimakanus zu verhindern?
selbe. Immer driftete ein das Klima be- und wandert am Meeresboden entlang Durchaus möglich, aber die meisten Ex-
stimmender Faktor durch die allmähliche nach Süden zurück. Zum Ausgleich perten vermuten, dass wir das Boot
Veränderung der Temperatur oder einer strömt an der Oberfläche warmes Wasser schaukeln – indem wir ungemein viele
anderen physikalischen Größe auf eine aus tropischen Breiten nach. So kommt Aspekte unserer Welt leichtsinnig verän-
unsichtbare Schwelle zu. Sobald er sie eine Zirkulation nach Art eines Förder- dern. Besonders beunruhigend ist der
überschritt, welchselte er – und mit ihm bands in Gang, die den Norden erwärmt vom Menschen hervorgerufene Anstieg
das Klima – abrupt in einen anderen Zu- und den Süden abkühlt. der Konzentration an Treibhausgasen in

MÄRZ205
stand. Dort verharrte er dann meist für Aus den Eiskernen geht hervor, dass der Atmosphäre. Da sie wie eine Glas-
längere Zeit. Kälteeinbrüche dann auftraten, wenn das glocke die Wärme an der Erdoberfläche
Das Überschreiten einer Klima- Oberflächenwasser im Nordatlantik salz- zurückhalten, verursachen sie eine globa-
schwelle lässt sich mit dem Umkippen ärmer geworden war – vielleicht weil le Erwärmung (Spektrum der Wissen-
eines Kanus vergleichen, in dem Sie auf Süßwasserseen die Gletscherdämme, hin- schaft 1/2005, S. 50).
einem See sitzen. Wenn Sie sich allmäh- ter denen sie aufgestaut waren, durchbra- Der von den Vereinten Nationen
lich zur Seite lehnen, beginnt sich das chen und sich ins Meer ergossen. Offen- eingesetzte Zwischenstaatliche Ausschuss
Boot zu neigen. Durch Ihre Bewegung bar hatte die Erwärmung damit die kriti- für Klimafragen (Intergovernmental Panel
drücken Sie es auf die Kippschwelle zu – sche Schwelle überschritten, bei der das on Climate Change, IPCC) hat vorherge-
eine Schräglage, jenseits derer sich das Klimasystem kippte. Weniger salzhaltiges sagt, dass die weltweite Durchschnitts-
Kanu nicht länger aufrecht halten kann. Wasser ist nämlich spezifisch leichter und temperatur in den kommenden hundert
Lehnen Sie sich nur ein wenig weiter sinkt folglich nicht so gut ab – oder ge- Jahren um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius stei-
nach außen, kentert es. friert gar an der Oberfläche als Meereis. gen wird. Viele Computermodelle, die
Der Faktor, der die im Grönlandeis Dadurch sollte sich das Förderband ver- diese Prognose stützen, sagen auch ein
dokumentierten Klimaumschwünge aus- langsamt haben oder ganz ins Stocken Erlahmen des nordatlantischen Förder-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 45
»°°
TITEL: TREIBHAUSEFFEKT z

ü
bands voraus. Das aber würde zu einer den Monsunregen angewiesen sind, um
plötzlichen Abkühlung um viele Grad Bewässerungsfeldbau betreiben zu kön- Kritische Schwellenwerte
Celsius führen – eine paradoxe Situati- nen, dürfte auch eine mäßige Dürre zu
on, die der Film e Day after Tomor- verbreiteter Hungersnot führen. Durch die globale Erwär-
row« ausmalt. Aber selbst wenn das nordatlantische mung ändern sich die
Noch gibt es viele Fragezeichen. Förderband nicht ins Stocken gerät, Umweltbedingun-
Auch wenn die Experten eine neue Eis- könnte die globale Erwärmung in ande- gen ganz allmäh-
zeit für unwahrscheinlich halten, könnte ren Regionen zum Überschreiten kriti- lich. Doch auch
der Temperatursturz doch viel stärker scher Schwellen führen. In den Getreide- solch ein langsa-
ausfallen als bei der Kleinen Eiszeit – mit gürteln, die sich in mittleren Breiten mer, stetiger Wan-
entsprechend drastischen Folgen: Nicht quer durch mehrere Kontinente ziehen, del kann klimawirk-
nur die emse in London würde – so drohen längere Dürreperioden. Die same Faktoren wie
wie damals – im Winter zufrieren. meisten Klimamodelle sagen bei steigen- das Muster der Meeres-
der globaler Mitteltemperatur größere strömungen oder die Niederschlags-
Überflutungen und D rren sommerliche Trockenheit in diesen Ge- verteilung bis zu einem Punkt treiben,
Noch schlimmer als der mögliche Kälte- bieten voraus – unabhängig von den an dem sie plötzlich in einen anderen
einbruch im Norden wären vermutlich Strömungsverhältnissen im Nordatlan- Zustand springen. Die Folge ist ein ab-

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seine fatalen Auswirkungen auf andere tik. Andererseits sollte es nach denselben rupter Klimaumschwung – mit poten-
Erdregionen. Klimaarchive aus den Modellen insgesamt mehr Niederschläge ziell verheerenden Konsequenzen für
Monsungebieten Afrikas und Asiens geben – wahrscheinlich in Form von hef- Menschen und Gesellschaften. Hat ein
deuten darauf hin, dass dort die Nieder- tigeren Stürmen und Überflutungen. klimawirksamer Faktor einmal die kriti-
schläge besonders gering ausfallen, wenn Diese Starkregen, die als solche gleich- sche Schwelle überschritten, können
der Nordatlantik kälter ist als die ihn falls problematisch sind, können das die resultierenden Veränderungen
umgebenden Landmassen. Schon die Ausdörren der Böden aber letztlich wohl Jahrtausende anhalten. Viele solche
Abkühlung beim Erlahmen des Förder- nicht verhindern. Schwellen bleiben noch zu entdecken;
bands könnte ausreichen, um eine solche Durch trockenere Sommer würde die drei rechts aufgeführten wurden
Austrocknung hervorzurufen. Angesichts sich eine zunächst relativ harmlose Dür- schon identifiziert.

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der Milliarden von Menschen, die auf re wahrscheinlich verschlimmern und

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Durch Schmelzwasser ausgelöster Kälteeinbruch

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Wenn sich die Erde auf Grund des menschengemachten Treib- Gletschern im subarktischen Bereich das so genannte nordat-

.
hauseffekts immer mehr er lantische F ystem v
Schmelzwasser v hen Eisdecke und anderen mungen, das W h Europa transportiert und auch das

vorherrschende Winde
Grönland
Förderband an: Stark salzhaltiges Meer-

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wasser (rot), das von den Tropen nach

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gemäßigt

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Nord- gemäßigt feucht

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Europa

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schenden Westwinde (dicke Pfeile), die

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Atlantischer jahreszeitliche von Nordamerika nach Europa wehen.
Monsune
Ozean W hrend es sic
S d- Afrika
amerika seine Dichte weiter zu, sodass es bei
hließlich absinkt. Es wandert
dann am Meeresboden entlang Richtung
Förderband Ausgleich
kalt der Oberfl he weiteres warmes Wasser
v
DAVID FIERSTEIN

Konsequenzen f r das Klima: Das nordatlantische F R jahreszeitliche Monsunregen sorgen f r Wachs-


beschert großen T tumsphasen in weiten Gebieten Afrikas, S d- und Ostasiens.
ßigtes Klima mit ve armen Wintern. Dadurch Zentralasien ist feucht, der S datlantik dagegen kalt und die
ht es eine ergiebige landwirtschaftliche Produktion. Antarktis eisig.

46 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


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klimawirksamer Faktor Schwellenüberschreitung resultierender Klimaumschwung soziale Konsequenzen

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Meeresströmungen im Nordat- Eine Verringerung des Salz- Die Temperaturen in Europa Weltweit leidet die Land-

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lantik transportieren Wärme gehalts im Oberfl henwasser und im Osten der USA sinken wirtschaft, und wichtige

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aus den Tropen nach Norden weit im Norden verlangsamt ab, sodass sich das Klima dort Schifffahrtsrouten werden

wdüberdasegionale c
und sorgen so für milde Winter dem von Alask t. durch Eis blockiert.
in Westeuropa (siehe unten ste- sie vielleicht sogar zum Still-

v
henden Kasten). stand.

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.
Regenwasser, das durch Eine anfangs leichte Trocken- rten Land
Pflanzen recycelt (von den Pflanzen welken oder abster- periode ver h und gedeihen keine F hte
Wurzeln aufgenommen ben. Infolgedessen versiegt entwickelt sich zu einer lang mehr. Die verbliebenen
und durch Verdunstung von der recycelte Regen, sodass re. Nahrungsmittel auf dem
tern in die Luf k- die Trockenheit in einem Weltmarkt verteuern sich,
Teufelskreis zunimmt. und wer sie nicht mehr
Großteil des Niederschlags in bezahlen kann, muss
teln der Erde hungern.
verantwortlich.

azifischen Das Wettergeschehen auf Ackerland trocknet teilweise

GrönladSüßw
Ozean bestimmen die groß- sachen aus noch angrenzenden Kontinenten sa-
emperaturverteilung unbek hte t sich. Es kommt zu c hwere
an der Meeresoberfl he, die Temperaturschwankungen an sc Sc
der Meeresoberfl he. Trockenperioden in Regionen,
Wettergeschehen entscheidet. die normalerweise nicht davon
betroffen sind.

Klima in anderen Gebieten stark beeinflusst. Bei einem Still- gion abkühlen, selbst wenn die Temperaturen global weiter an-
stand oder auch nur einer deutlichen Verlangsamung dieser steigen. Andere unübersehbare Klimaänderungen wären die
großräumigen Wasserzirkulation würde sich die Nordatlantikre- fast sichere Folge.

vorherrschende
Winde

Förderband aus: Wenn sehr viel Süßwas- asser-


eintrag
ser in den Nordatlantik gelangt, verdünnt Nord- kalt, trocken, Europa kalt, trocken, trocken
amerika windig Treibeis windig
es das von Süden heranströmende salzi-
ge Oberflächenwasser so stark, dass es Atlantischer
nicht mehr dicht genug ist um abzusin- Ozean
ken, egal wie kalt es wird. Das Förder- trocken
Süd-
band kommt zum Stillstand oder verlang- amerika Afrika

MÄRZ205
samt sich zumindest. Die vorherrschenden
Winde transportieren nun kühle Luft Rich-
tung Osten (dicke Pfeile). Es kommt zu
einer lang anhaltenden Kältewelle in Euro- warm
pa, die erst endet, wenn durch irgendwel-
che Faktoren erneut genug salzreiches
DAVID FIERSTEIN

Wasser aus dem Süden heranströmt, da-


mit das Förderband wieder anspringt.

Konsequenzen für das Klima: Bei stillstehendem Förderband wer- normalerweise mit jahreszeitlichen Monsunregen rechnen
den die Winter in großen Teilen Europas und Nordamerikas här- können. Kräftiger Wind verschärft die Situation. Zentralasien
ter. Zugleich treten vermehrt Dürren auf. Unter Trockenheit lei- wird trockener und erlebt öfter schwere Stürme. Viele Regio-
den auch diejenigen Teile Afrikas und des Fernen Ostens, die nen der Südhalbkugel erwärmen sich deutlich.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 47
z
völig
TITEL: TREIBHAUSEFFEKT

Wann kippt das Klima?


Balanceakt: In der Regel herrscht auf der zeitliche Niederschlagsverteilung wie-
Erde jahrtausendelang ein bestimmtes derzugeben.
Klima. Doch dann – zu einem Zeitpunkt, Doch selbst wenn die Modelle die all-
der so gut wie nicht vorhersagbar ist – gemeine Natur der Klimaänderung rich-
neigt sich ein Aspekt des komplexen Kli- tig erfassen, bilden sie doch wichtige
masystems zu sehr in eine Richtung, Parameter nur ungenügend ab. So wa-
und der Planet schlittert in einen ren die plötzlichen Umschwünge in der
MATT COLLINS anderen klimatischen Zustand. Vergangenheit gewöhnlich stärker und
ausgedehnter, als aus den Simulationen
hervorgeht. Viele Modelle unterschätzen
zum Beispiel die Feuchtigkeitsmenge,
Bisher gibt es keine glaubwürdige Vorher- schwierig lässt sich zuverlässig erken- die in der Sahara in den letzten Jahrtau-
sage eines plötzlichen Klimawandels, und nen, wann ein Klimaaspekt sich einer kri- senden verloren ging. Außerdem haben
es ist auch in naher Zukunft keine zu er- tischen Schwelle nähert. sie Schwierigkeiten damit, sowohl die
warten. Das liegt ganz einfach daran, Forscher haben mit Computermodel- hohen Temperaturen an den Polen zur
dass schnelle Umschwünge viel schwie- len den Faktoren nachgespürt, die in der Zeit der Dinosaurier als auch die extreme
riger zu prognostizieren sind als allmähli- Nähe eines Wendepunkts am Werk sind. Kälte auf dem Höhepunkt der letzten Eis-
che Veränderungen wie die globale Er- Das lieferte wichtige Erkenntnisse darü- zeit zu reproduzieren.
wärmung. ber, wodurch das Klimakanu geschau-
Der Grund dafür hängt mit dem We- kelt wird, doch vieles ist noch immer un- Der einfachste Grund dafür könnte sein,
sen plötzlicher Veränderungen zusam- klar. Um festzustellen, wie genau die dass die Modelle grundsätzlich weniger
men. Zu einem raschen Wechsel kommt Computermodelle Klimaänderungen vor- sensitiv sind als das Klima – etwa weil
es, wenn eine langsame, aber stetige hersagen können, testen Wissenschaft- sie wesentliche Rückkopplungen und
Kraft wie die globale Erwärmung eine ler, wie gut ihre Programme bekannte Nebeneffekte nicht berücksichtigen. Viel-
entscheidende Komponente des Klima- Umstürze aus der Vergangenheit simu- leicht beruhen die Diskrepanzen aber
systems über einen Punkt hinausdrückt, lieren. auch auf dem Einfluss von Klimaschwel-
von dem es kein direktes Zurück mehr Viele Modelle ahmen die grundlegen- len, die bisher niemand in Betracht gezo-
gibt. Beim Überschreiten einer solchen den Typen früherer Klimaanomalien recht gen hat. Sie zu ermitteln wäre zweifellos
Grenze springt das System in einen neu- gut nach, reproduzieren also Kältepha- hilfreich und würde wohl noch mehr po-
en Zustand – ähnlich, wie wenn Sie sich sen, Dürren oder Überflutungen verläss- tenzielle Ursachen eines plötzlichen Kli-
in einem Kanu zu sehr zur Seite lehnen lich an den Orten und zu den Zeiten, die mawechsels aufdecken. Im günstigen
und plötzlich in den See plumpsen. Es ist in Jahresschichten von Eiskernen und Fall könnte sich aber auch erweisen,
jedoch fast unmöglich, genau zu wissen, Sedimenten dokumentiert sind. Einige dass die Wahrscheinlichkeit eines Um-
wie weit Sie das Boot kippen können, schaffen es sogar ansatzweise, feinere schwungs doch geringer ist als gedacht
bis es kentert – insbesondere, wenn Details wie die Zugbahnen von Stür- oder dass eine Veränderung die andere
Wind und Wellen es schaukeln. Ebenso men, das Windmuster oder die jahres- kompensiert.

über Jahrzehnte oder länger andauern. dass die in den Kreislauf zurückgeführte setzen Wälder durch Ackerland, das
Die Getreidegürtel haben nämlich eine Regenmenge nicht mehr ausreicht, die mehr Sonnenlicht reflektiert. Wir pum-
Achillesferse: Der Niederschlag dort Population am Leben zu erhalten. Dann pen Wasser aus dem Boden, sodass sich
stammt gewöhnlich nicht aus neuer sterben weitere Pflanzen, und der Nie- der Grundwasserspiegel absenkt. Wir än-
Feuchtigkeit, die der Wind von anders- derschlag geht noch mehr zurück. Ein dern den Gehalt der Atmosphäre an
wo heranträgt, sondern aus einem loka- Teufelskreis ähnlich dem, der die Sahara Spurengasen und Schwebteilchen, was
len Regen-Recycling. Die Pflanzen neh- vor 5000 Jahren in eine Wüste verwan- die irdische Strahlungsbilanz sowie die
men mit ihren Wurzeln Wasser auf, das delte, kommt in Gang (Spektrum der Eigenschaften der Wolken beeinflusst.
andernfalls durch den Untergrund in Wissenschaft 2/2000, S. 21).

ÄRZ205
M
Flüsse sickern und ins Meer abfließen Bisher konnten die Wissenschaftler Sich für die Zukunft wappnen
würde. Ein Teil dieser Feuchtigkeit ge- erst wenige Schwellen identifizieren, de- Die negativen Folgen eines größeren Kli-
ben sie dann durch Verdunstung über ren Überschreiten regionale Klimaände- maumschwungs lassen sich mildern,
die Blätter an die Luft zurück. Werden rungen auslösen würde. Wahrscheinlich wenn er allmählich abläuft oder erwartet
die Sommer jedoch trockener, welken gibt es viel mehr. Diese Wissenslücke ist wird. Landwirte, die mit einer Dürre
die Pflanzen und sterben möglicherweise beunruhigend; denn die Menschheit rechnen, können Brunnen bohren oder
ganz ab, wodurch weniger Wasser zurück macht vieles, was das Klima aus dem zu Getreidesorten wechseln, die weniger
in die Atmosphäre gelangt. Die kritische Gleichgewicht bringen könnte. Tanzen Wasser benötigen. Schlimmstenfalls ver-
Schwelle wird überschritten, wenn die in einem Kanu empfiehlt sich gewöhn- kaufen sie ihren Besitz und ziehen weg.
Pflanzenpopulation so stark schrumpft, lich nicht. Dennoch tanzen wir. Wir er- Unvorhergesehene Veränderungen je-

48 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
doch können verheerend sein. Ein einzi-
ges überraschendes Dürrejahr ruiniert be-
reits Landwirte, die am Rande des Exis-
tenzminimums stehen, oder verursacht in
Entwicklungsländern mit Subsistenzland-
wirtschaft eine Hungersnot. Wenn sich
die unerwartete Dürre in die Länge zieht,
sind weitere Bevölkerungsteile auch in

gar kein Auskommen mehr bot. Ihre
Nachbarn, die ule-Eskimos, hingegen
passten sich an und überlebten an Ort
und Stelle. Tatsächlich wäre es nur mit
geringen oder gar keinen Kosten verbun-
den, Pläne zu entwickeln, die helfen,
eine hereinbrechende Krise zu meistern.
Zum Beispiel könnten Kommunen
hoch entwickelten Staaten betroffen. Lei- schon jetzt Bäume pflanzen, die während
der lässt sich derzeit noch kaum vorher- einer plötzlichen Dürreperiode mit stür-
sagen, wann plötzliche Klimasprünge mischen Winden den Boden festhalten.
eintreten und wie sie sich insgesamt aus- Und sie könnten sich schon jetzt eini-
wirken (Kasten auf der Seite gegenüber). gen, wer Zugang zu welchen Wasservor-
Das liegt auch daran, dass sich die räten bekommt, wenn diese Ressource
große Mehrheit der Klimaforscher und knapp wird.
Politiker nur um die allmählichen Verän- Derzeit sieht es so aus, als ob die
derungen im Zuge der globalen Erwär- Menschheit nicht aufhört, das Boot zu
mung kümmert. Dabei steht die Forde- schaukeln und dabei gewisse Klimafak-
rung nach einer Reduktion der Kohlen- toren näher an die Grenzen zu schieben,
dioxidemissionen im Mittelpunkt. Zwar an denen das System kippt. Auch wenn
dürfte ein verringerter Ausstoß von Treib- es keine neue Eiszeit oder andere welt-
hausgasen zur Stabilisierung des Klimas weite Katastrophe gäbe, die der Fantasie
beitragen, doch genügt er vielleicht nicht der Drehbuchautoren Konkurrenz ma- ANZEIGE
oder wird von anderen Faktoren über- chen würde, wären die Folgen schlimm
kompensiert. Deshalb sollte man auch genug. Es lohnt sich deshalb zu überle-
die Gefahr plötzlicher Veränderungen in gen, wie wir uns gegen die potenziellen
Blick behalten. Natürlich könnten wir Folgen eines plötzlichen Klimawechsels
uns einfach dazu entschließen, diese wappnen oder – noch besser – das Ken-
Möglichkeit zu ignorieren und zu hoffen, tern des Klimakanus von vornherein ver-
dass nichts passiert oder wir auch mit Ex- hindern könnten.
tremsituationen fertig werden. Diese Vo-
gel-Strauß-Politik hat zwar die Titanic Richard B. Alley ist Pro-
zum Sinken gebracht, aber viele andere fessor für Geowissenschaf-
Schiffe haben den Nordatlantik schließ- ten an der Pennsylvania
State University und Mit-
lich unversehrt überquert. Klugerweise
glied des dortigen Zen-
sollten wir jedoch der Gefahr ins Auge trums für Erdsystemfor-
sehen und Maßnahmen ergreifen, durch schung. Er verbrachte drei
die sich der Einfluss des Menschen auf Forschungsaufenthalte in der Antarktis und
das Klima in einer Weise verringert, dass fünf in Grönland. Dort half er beim Ziehen
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E

der Eiskerne, die Aufschluss über die


eine katastrophale Veränderung unwahr- Geschichte des Erdklimas in den letzten
scheinlich wird. Die globale Erwärmung 110 000 Jahren geben. 2001 erhielt er den
zu zügeln wäre ein Schritt in die richtige Wissenschaftspreis »Phi Beta Kappa« für
Richtung. Aber andere Maßnahmen soll- sein allgemein verständliches Sachbuch
ten hinzukommen. Welche am sinnvolls- »The Two-Mile Time Machine«, in dem er die
grönländischen Bohrkerne, die aneinander
ten sind, kann nur die weitere Erfor- gelegt mehr als zwei Meilen lang sind, für
schung von Klimaschwellen und ihrer eine Zeitreise in die Vergangenheit nutzt.
Sensibilität gegenüber menschlichen Ak-
Rapid climate change. Von Spencer Weart in:
tivitäten zeigen. The discovery of global warming. Harvard
Der Nationale Forschungsrat (Natio- University Press, 2003
nal Research Council) der USA schlägt

ÄRZ205
M
Global climatic impacts of a collaps of the at-
außerdem vor, sich beizeiten Handlungs- lantic thermohaline circulation. Von Michael
spielräume zu schaffen, um mit einem Vellinga und Richard A. Wood in: Climatic
plötzlichen Klimawandel umzugehen. In Change, Bd. 54, S. 251, August 2002
seinem Bericht betont er die Bedeutung Abrupt climate change: inevitable surprises.
einer flexiblen Strategie und verweist auf Vom Committee on Abrupt Climate Change
die Geschichte Grönlands als lehrreiches des National Research Council. National
Beispiel. Die dort siedelnden Wikinger Academy Press, 2002
gingen zu Grunde oder wanderten aus, Weblinks zum Thema finden Sie bei www.
als ihnen ihr Lebensstil mit Beginn der spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Kleinen Eiszeit nur noch ein karges oder

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 49
ENTWICKLUNG DES KOSMOS z

Vom Größeren zum Kleineren: In der An-


fangszeit des Universums haben Riesen-
galaxien Unmengen von Sternen sowie
zentrale Schwarze Löcher extrem hoher
Masse hervorgebracht, sodass sie als
Quasare gleißend hell erstrahlten (links).
Nach etwa der Hälfte der 14 Milliarden
Jahre, die seit dem Urknall vergangen
sind, verlagerte sich die Aktivität in Spi-
ralgalaxien mittlerer Größe (Mitte). In der
Zukunft werden Zwerggalaxien mit weni-
gen Millionen Sternen zu Schauplätzen
kosmischer Aktivität.

50 SPEKTRUM
SPEKTRUMDER
DERWISSENSCHAFT
QQ
WISSENSCHAFT MONAT
MÄRZ 200X
2005
Die Midlife-Crisis
des Kosmos
Die Sturm-und-Drang-Zeit des Universums ist vorbei – doch
zur Ruhe gesetzt hat es sich noch lange nicht. Wir leben in einer
relativ moderaten Phase der kosmischen Entwicklung, in der
Sterne und Schwarze Löcher in erstaunlich großer Zahl entstehen.

Von Amy J. Barger

ÄRZ205
M
ALFRED T. KAMAJIAN

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MONAT 200X 51
ENTWICKLUNG DES KOSMOS z
B
is vor Kurzem glaubten die eine im Optischen durchgeführte genau- entwickelt haben. Es ist ein wenig mit
meisten Astronomen, das Uni- ere Untersuchung von Galaxien unter- der Aufgabe vergleichbar, herauszufin-
versum befinde sich gegenwärtig schiedlichen Alters, dass die Sternentste- den, wie ein menschliches Baby zu ei-
in einer langweiligen Epoche, hungsrate keineswegs so schnell abgesun- nem Erwachsenen wird.
die sich erheblich von der Frühzeit des ken ist wie zuvor angenommen. Ein erster großer Schritt, die Gegen-
Kosmos unterscheide. Nach dieser tradi- So hat sich inzwischen die Auffas- wart mit der Vergangenheit zu verbin-
tionellen Vorstellung sollte es in den ers- sung durchgesetzt, dass das frühe Uni- den, ist das Ermitteln der dritten Di-
ten sechs Milliarden Jahren nach dem versum von einigen wenigen Riesengala- mension: Welche der vielen tausend Ga-
Urknall äußerst stürmisch im All zuge- xien mit kolossalen Schwarzen Löchern laxien auf den tiefen Aufnahmen befin-
gangen sein: Galaxien kollidierten und und gewaltigen Sternentstehungsausbrü- den sich im Vordergrund, welche sind
verschmolzen miteinander, mächtige chen dominiert wurde, die Gegenwart weiter entfernt? Üblicherweise geschieht
Schwarze Löcher sogen in gewaltigen sich indes weit vielfältiger präsentiert: dies über die Messung der Rotverschie-
Strudeln Materie in sich hinein, Sterne Die Entstehung neuer Sterne und der bung im Spektrum der Galaxien. Die
entstanden wie in einem kosmischen Einfall von Materie in Schwarze Löcher Expansion des Kosmos streckt das Licht
Feuerwerk. In den darauf folgenden acht lässt sich nun in einer großen Zahl von der fernen Quellen auf seinem Weg zu
Milliarden Jahren hingegen wurden Zu- Galaxien mittlerer und kleiner Größe be- uns und verschiebt so seine Wellenlän-
sammenstöße von Galaxien seltener, die obachten. Wir befinden uns demnach gen zum roten Ende des Spektrums. Je
gigantischen Schwarzen Löcher kamen mitten in einer Phase, in der die kosmi- stärker das Licht rotverschoben ist, desto
zur Ruhe und die Sternentstehung redu- sche Aktivität auf kleinere Systeme um- weiter ist also die Quelle entfernt und
zierte sich auf ein schwaches Flackern. verteilt wird. desto älter ist sie auch.
Viele Astronomen waren davon über- Eine Rotverschiebung von 1 bei-
zeugt, dass die Menschheit in einem rei- Blick zurück in die Vergangenheit spielsweise bedeutet eine Streckung der
fen Universum lebe und dass die Zu- Um ein zusammenhängendes Bild der Wellenlängen um 100 Prozent, also auf
kunft nichts weiter zu bieten habe als die kosmischen Geschichte zu erhalten, müs- die doppelte Länge. Das Licht eines Ob-
unaufhaltsame Expansion eines gemäch- sen die Astronomen zunächst einmal die jekts mit dieser Rotverschiebung wurde
lich alternden Kosmos. erstaunlich große Menge an Objekten etwa sechs Milliarden Jahre nach dem
In den letzten Jahren allerdings zeig- verstehen, die sie beobachten. Die licht- Urknall ausgesendet, das ist weniger als
te sich, dass die Berichte vom Nieder- schwächsten Galaxien sind auf Aufnah- die Hälfte des gegenwärtigen Alters des
gang der kosmischen Aktivität maßlos men des Hubble-Weltraumteleskops zu Kosmos. Die Astronomen geben aber
übertrieben waren. Mit Hilfe neuer sehen, die jeweils zehn Tage lang belich- meist nicht das Alter an, sondern die
Weltraumteleskope und moderner De- tet wurden: Das »Hubble Deep Field Rotverschiebung, weil diese direkt ge-
tektoren an irdischen Großobservatorien North« und das »Hubble Deep Field messen wird.
stießen die Astronomen auch in nahen South« zeigen in zwei winzigen Aus- Eigentlich ist die Bestimmung der
Galaxien und damit in der jüngsten Ver- schnitten des nördlichen beziehungswei- Rotverschiebung eine narrensichere Me-
gangenheit auf heftige Aktivität. (Das se südlichen Sternenhimmels Tausende thode, um die kosmische Geschichte zu
Licht von fernen Galaxien braucht län- von fernen Galaxien, von denen die äl- rekonstruieren. Doch in den tiefsten der
ger, um uns zu erreichen, deshalb sehen testen schon rund eine Milliarde Jahre tiefen Aufnahmen ist es nahezu unmög-
wir diese Sternsysteme in einem früheren nach dem Urknall aufleuchteten. Eine lich, die Rotverschiebung aller Galaxien
Stadium ihrer Entwicklung.) Durch neuere Langzeitaufnahme, das »Hubble zu ermitteln. Ein Grund dafür ist deren
Analyse der Röntgenstrahlung, die von Ultra Deep Field«, hat Galaxien in einem riesige Anzahl. Doch noch problemati-
den Zentralgebieten dieser relativ nahe noch jüngeren Stadium nachgewiesen. scher ist ihre geringe Helligkeit: Im Mit-
gelegenen Galaxien ausgesendet wird, Aber solche »tiefe« Aufnahmen, wie tel fällt auf jeden Quadratzentimeter des
konnten die Forscher viele extrem mas- die Astronomen sagen, sind erst der An- Teleskopspiegels pro Minute nur ein
sereiche Schwarze Löcher aufspüren, die fang. Die Wissenschaftler wollen verste- Photon. Zudem verteilt das Beugungs-
immer noch Gas und Staub aus ihrer hen, wie sich aus den ältesten und ferns- gitter des Spektrografen das Licht über
Umgebung verschlingen. Zudem zeigte ten Strukturen die heutigen Galaxien eine größere Fläche des Detektors und
schwächt das Signal so bei allen Wellen-
IN KÜRZE längen noch mehr.
In den späten 1980er Jahren entwi-
r In der Frühzeit des Kosmos ging es äußerst turbulent zu: Galaxien kollidierten, ckelte ein Team um Lennox L. Cowie

ÄRZ205
M
Sterne entstanden wie in einem gigantischen Feuerwerk, und Schwarze Löcher von der Universität von Hawaii und
verschlangen Materie von mehreren Millionen Sonnenmassen. Simon J. Lilly – jetzt an der ETH Zürich
r Die Astronomen glaubten, die stürmische Phase des Universums sei lange vor- – eine neue Methode, bei der die mühsa-
bei. Doch neue Beobachtungen enthüllten aktive, Gas verschlingende Schwarze me Bestimmung von Rotverschiebungen
Löcher und große Sternentstehungsgebiete in nahen Galaxien. entfällt. Die Forscher beobachteten aus-
r Diese Befunde weisen auf eine Art kosmischer Gesundschrumpfung hin: Wäh- gewählte Himmelsabschnitte in jeweils
rend das frühe Universum von einer relativ kleinen Zahl von Riesengalaxien do- schmalen Bereichen des ultravioletten,
miniert wurde, verteilt sich die Aktivität im heutigen Kosmos auf eine Vielzahl grünen und roten Teils des elektromag-
kleinerer Galaxien. netischen Spektrums und bestimmten
daraus, wie hell die Galaxien in diesen

52 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
Entwicklung des Universums
Ein Blick in die Tiefe des Alls ist zugleich ein Blick in die Vergan- massereichen Schwarzen Löchern Unmengen an Gas zu. Nach
genheit. Denn das Licht ist umso länger zur Erde unterwegs, und nach verlagerte sich die Sternentstehung in die Arme von
je weiter die Strahlungsquellen von ihr entfernt sind. Vor über Spiralgalaxien, und die Schwarzen Löcher in deren Zentren
10,5 Milliarden Jahren dominierten Riesengalaxien das Univer- wuchsen weiter. Im heutigen Universum entstehen Sterne
sum. Sie verschmolzen miteinander und lösten dadurch wahre überwiegend in kleinen Spiral- und irregulären Galaxien, wäh-
Kaskaden an Sternentstehungsprozessen aus und führten rend größere Sternsysteme zur Ruhe gekommen sind.

vor 10,5 Milliarden Jahren

vor 8 Milliarden Jahren

heute

Milchstraßen-
ALFRED T. KAMAJIAN

system

Wellenlängenbereichen sind (siehe Kas- gy in Pasadena diese Methode, um Hun- Masse gelb und rot leuchten. Wenn die
ten auf S. 55). Eine nahe Galaxie, in der derte von Galaxien mit Rotverschiebun- Rotverschiebung einer fernen Galaxie
Sterne entstehen, ist in allen drei Spek- gen um den Wert 3 herum zu erfassen bekannt ist, können die Astronomen ihr
tralbereichen ähnlich hell. Aber ihr Licht (was einer Zeit von etwa zwei Milliarden intrinsisches Spektrum – also das unver-
weist knapp außerhalb des UV-Bands, Jahren nach dem Urknall entspricht). An- schobene Spektrum im Ruhesystem der
bei einer Wellenlänge von etwa 91,2 Na- schließend wurden mit dem 10-Meter- Galaxie – berechnen. Aus dem Anteil an
nometern, eine scharfe Kante auf. (Ursa- Keck-Teleskop auf dem Mauna Kea auf ultravioletter Strahlung in diesem Spek-
che dafür ist der neutrale Wasserstoff in Hawaii lang belichtete Spektren aufge- trum lässt sich wiederum die Anzahl von
der Umgebung der Galaxie, der Licht mit nommen, um daraus genaue Werte für massereichen Sternen in der Galaxie ab-
kürzeren Wellenlängen absorbiert.) Da die Rotverschiebung zu ermitteln. schätzen.
das Licht ferner Galaxien rotverschoben Da massereiche Sterne ihren Brenn-
ist, verschiebt sich auch diese Kante zu Weißt du, wieviel Stern’ entstehen stoff bereits nach wenigen Dutzend Mil-
längeren Wellenlängen. Ist die Rotver- Mit diesem Maß für die Entfernung lässt lionen Jahren aufgebraucht haben, was
schiebung groß genug, so sieht man die sich nun die Geschichte der Sternentste- nach galaktischen Maßstäben eine sehr

ÄRZ205
M
Galaxie im ultravioletten Bereich nicht hung im Kosmos rekonstruieren. In na- kurze Lebenszeit ist, eignet sich ihre An-
mehr. Noch größere Rotverschiebungen hen Galaxien, so fanden die Astronomen zahl als Indikator für die Sternentste-
lassen die Galaxie auch im grünen Wel- heraus, haben von den gleichzeitig ent- hungsrate ihrer Heimatgalaxie: Sinkt
lenlängenbereich verschwinden. stehenden Sternen in der Regel viele eine diese Rate, dauert es nicht lange, bis die
Auf diese Weise konnten Cowie und geringe und wenige eine sehr große Mas- Anzahl massereicher Sterne ebenfalls
Lilly Galaxien mit aktiver Sternentste- se: Auf zwanzig sonnenähnliche Sterne schwindet. Im Milchstraßensystem, das
hung in Rotverschiebungsintervalle ein- kommt nur einer mit dem Zehnfachen sich nicht wesentlich von anderen Spiral-
teilen und erhielten somit ein grobes Maß der Sonnenmasse. Massereiche Sterne galaxien in unserer kosmischen Nachbar-
für ihr Alter. 1996 nutzte Charles C. Stei- senden vor allem ultraviolettes und blau- schaft unterscheidet, beträgt die Stern-
del vom California Institute of Technolo- es Licht aus, während Sterne niedriger entstehungsrate demnach nur wenige

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 53
ENTWICKLUNG DES KOSMOS z Submillimeter-Bereich. Deshalb ist eine
helle Submillimeter-Quelle oft ein Indiz
für intensive Sternentstehung.
Bis vor Kurzem waren Beobachtun-
gen im Submillimeter-Bereich mit Teles-
kopen am Erdboden noch problematisch.
Einer der Gründe dafür ist, dass der Was-
serdampf in der Atmosphäre Strahlung
dieser Wellenlängen absorbiert. Eine
neue Spezialkamera, das Submillimeter
Common-User Bolometer Array (Scuba),
die 1997 am James-Clerk-Maxwell-Teles-
kop auf dem Mauna Kea installiert wur-
de, hat diese Schwierigkeiten jedoch ver-
ringert. Mit einer Höhe von 4000 Me-
tern über dem Meeresspiegel lässt die
Sternwarte auf dem Mauna Kea bereits
97 Prozent des Wasserdampfs in der At-
mosphäre unter sich zurück.
Mehrere Forscherteams haben Scuba
Sonnenmassen pro Jahr. In Galaxien mit hepunkt durchlaufen hat. Das überzeug- inzwischen genutzt, um große Himmels-
hoher Rotverschiebung hingegen ist der te viele Astronomen davon, dass das areale nach fernen, außergewöhnlich hel-
Wert zehnmal so groß. Universum seine besten Zeiten bereits len Strahlungsquellen zu durchforschen,
Als Cowie und Lilly die Sternentste- lange hinter sich hat. die hinter Staubwolken verborgen liegen.
hungsraten aller von ihnen beobachteten Da die Auflösung von Scuba gering ist,
Galaxien berechneten, kamen sie zu dem Eine staubige Angelegenheit erscheinen die Galaxien auf den Bildern
bemerkenswerten Schluss, dass das Uni- Madaus Analyse stellt zwar einen Meilen- nur als unscheinbare Flecken (siehe Foto
versum bei einer Rotverschiebung von 1 stein dar, ist aber dennoch nur ein Teiler- unten). Selbst mit Belichtungszeiten von
geradezu einen Babyboom erlebt hat. folg. Mit optischen Teleskopen durchge- mehreren Stunden vermag Scuba nur we-
1996 wendete Piero Madau, jetzt an der führte Durchmusterungen des Himmels nige dieser Quellen zu entdecken – doch
Universität von Kalifornien in Santa nach Galaxien können nämlich nicht alle diese seltenen Objekte zählen zu den
Cruz tätig, die Technik auf die Daten Strahlungsquellen im frühen Universum leuchtkräftigsten Galaxien im Kosmos.
des nördlichen Hubble Deep Fields an. aufspüren. Für sehr ferne Galaxien wird Vor dem Einsatz von Scuba wussten die
Für dieses Areal liegen präzise Messun- die Rotverschiebung so groß, dass die als Astronomen nicht einmal, dass es diese
gen der Strahlungsintensität in vier Wel- ultraviolettes und optisches Licht ausge- gleißenden Galaxien gibt! Die Sternent-
lenlängenbereichen vor, deshalb eignet es sandte Strahlung für den Beobachter im stehungsrate in ihnen übertrifft jene in
sich besonders gut für das Verfahren. infraroten Bereich des Spektrums ver- den heutigen Galaxien um das Mehrhun-
Madau kombinierte seine Ergebnisse mit schwindet. Zudem ist ein Großteil der dertfache – ein weiterer Hinweis darauf,
bereits vorhandenen Beobachtungsdaten Sterne in Staubwolken eingebettet, die dass es zu früheren Zeiten erheblich leb-

htkräf
bei geringen Rotverschiebungen, um die von Supernova-Explosionen und anderen hafter im Universum zuging als heute.
Veränderungen der Sternentstehungsrate Prozessen stammen. Der Staub absorbiert All diese verborgenen Sternentste-
im Laufe der kosmischen Entwicklung das Sternenlicht, heizt sich auf und hungsregionen aufzuspüren, war sicher-
besser abzuschätzen. Er fand heraus, dass strahlt die Energie im fernen Infrarot lich eine revolutionäre Entdeckung. Doch
die Sternentstehung vier bis sechs Milli- wieder ab – und die Expansion verschiebt stellt sich nun die Frage, ob das Univer-
arden Jahre nach dem Urknall einen Hö- diese langwellige Strahlung weiter in den sum nicht noch andere Aktivitäten vor
uns verbirgt. Zum Beispiel könnten Gas-
und Staubmassen innerhalb von Galaxien
die Strahlung abschirmen, die von Akkre-
tionsscheiben um Schwarze Löcher mit
A. J. BARGER, L. L. COWIE, D. B. SANDERS, E. FULTON ET AL. / JCMT

dem Milliardenfachen der Sonnenmasse

ÄRZ205
M
Extrem leuc tige Galaxien im ausgeht. Solche wirbelnden Materieschei-
l frühen Universum haben die Astro- ben sind vermutlich die »Kraftwerke« der
nomen mit dem Submillimeter Common- Quasare, jener erstaunlich hellen Objekte
User Bolometer Array (Scuba) am James- mit großen Rotverschiebungen, sowie der
Clerk-Maxwell-Teleskop auf dem Mauna aktiven Kerne vieler naher Galaxien. Op-
Kea in Hawaii entdeckt. Der helle Fleck tische Untersuchungen in den 1980er
links im Bild ist vermutlich eine alte, staub- Jahren wiesen darauf hin, dass es einige
umhüllte Galaxie, in der mit einer enor- Jahrmilliarden nach dem Urknall erheb-
men Rate von über tausend Sonnenmas- lich mehr Quasare gab als aktive Gala-
sen pro Jahr neue Sterne entstehen. xienkerne im heutigen Universum. Da

54 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
So findet man alte Galaxien
Um auf effektive Weise die ältesten Ga- 5
ultravioletter grüner roter
laxien in einem Himmelsareal aufzu- Bereich Bereich Bereich
spüren, setzen die Astronomen bei ih- 4

relative Signalstärke
ren Beobachtungen Filter ein, die

enim
rotenudim
grüneB
jeweils nur den ultravioletten, den grü-

m
3
nen und den roten Bereich des elektro-

FOTOS: MIT FRDL. GEN. VON C. STEIDEL, CALIFORNIA INSTITUTE OF TECHNOLOGY; GRAFIK: TOMMY MOORMAN
magnetischen Spektrums durchlassen.
2 Strahlung einer
Die Expansion des Weltalls hat das stark rotverscho-
Licht der ältesten Galaxien zu größe- benen Galaxie
ren Wellenlängen, also zum roten Ende 1
des Spektrums hin verschoben. Die
Grafik (oben) zeigt, wie eine hohe Rot-
verschiebung von etwa 3 die Strahlung 300 400 500 600 700 800
einer fernen Galaxie vom ultravioletten Wellenlänge in Nanometern
in den roten Bereich verschiebt. Des-
halb sind alte Galaxien auf den Aufnah-
ereich
zu sehen, nicht jedoch im ultravioletten
(Bildreihe unten).

die extrem massereichen Schwarzen Lö- gegenwärtig, ob tatsächlich die meisten trem massereichen Schwarzen Löcher,
cher nicht einfach verschwinden können, Quasare seit Langem erloschen sind, in- die Chandra entdeckt hatte, befinden
vermuteten die Astronomen, dass viele dem sie Beobachtungen im Röntgen- sich in nahen, leuchtkräftigen Galaxien.
nahe Galaxien erloschene Quasare enthal- und im optischen Bereich kombinieren. Zwar hatten einige Astronomen aus dem

ü
ten – Schwarze Löcher, denen der Brenn- Röntgenstrahlung vermag nämlich die Vorhandensein des Röntgenhintergrunds
stoff ausgegangen ist. Gas- und Staubwolken zu durchdringen, bereits geschlossen, es müsse eine Viel-
Solche untätigen extrem masserei- hinter denen sich die Schwarzen Löcher zahl verborgener extrem massereicher
chen Schwarzen Löcher konnten tatsäch- verbergen. Da die irdische Atmosphäre Schwarzer Löcher geben – aber niemand
lich anhand ihrer Schwerkraftwirkung Röntgenstrahlen absorbiert, muss man hätte erwartet, dass diese Objekte unmit-
nachgewiesen werden. Sterne und Gas- allerdings auf Weltraumteleskope wie telbar vor unserer kosmischen Haustür
wolken kreisen nämlich weiterhin um Chandra und XMM-Newton zurückgrei- liegen. Die optischen Spektren vieler die-
die Schwerezentren, auch wenn keine fen, um die verborgene Aktivität der ser Galaxien zeigten keinerlei Anzeichen
Materie mehr in sie hineinfällt. Sogar im Schwarzen Löcher nachzuweisen (Spek- für die Aktivität eines Schwarzen Lochs.
Zentrum unseres Milchstraßensystems trum der Wissenschaft, 5/2002, S. 22). Deshalb hätten die Astronomen diese
gibt es ein Schwarzes Loch, das zur Zeit Schwerkraftmonster in den Galaxienker-
nicht aktiv ist. Massereiche Schwarze Löcher nen niemals aufspüren können, wenn sie
Anhand dieser Entdeckungen ent- vor unserer kosmischen Haust r nicht Zugang zu dem Röntgenstrah-
warfen die Astronomen folgendes Szena- Gemeinsam mit Cowie, Richard F. Mus- lungsbereich hätten.
rio: Die meisten extrem massereichen hotzky vom Goddard-Raumfahrtzent- Diese Forschungsergebnisse weisen
Schwarzen Löcher entstanden in der Ära rum der Nasa, und Eric A. Richards, der darauf hin, dass nicht alle extrem masse-
der Quasare und konsumierten in einem damals an der Arizona State University reichen Schwarzen Löcher in der Quasar-
gewaltigen Wachstumsschub alle Materie forschte, wählte ich im Jahr 2002 ein Ära entstanden sind. Vielmehr dürften

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M
in ihrer Umgebung. Als der Materie- Himmelsareal aus, das Chandra durch- sie sich von den frühesten Zeiten bis heu-
nachschub stockte, entzogen sie sich der mustert hatte. Mit dem Subaru-Teleskop te angesammelt haben. Allerdings zeigen
optischen Beobachtung. Wie die Stern- auf dem Mauna Kea konnten wir an der die heute noch aktiven extrem masserei-
entstehung wäre demnach auch die Akti- Position von zwanzig Röntgenquellen chen Schwarzen Löcher ein von den fer-
vität der Quasare in erster Linie ein Phä- auch im Optischen Objekte nachweisen. nen Quasaren abweichendes Verhalten.
nomen der fernen Vergangenheit – ein Anschließend nahmen wir mit dem Quasare sind gefräßige Monster, die Un-
drittes Anzeichen dafür, dass wir in ver- Zehn-Meter-Spiegel des Keck-Teleskops mengen an Materie aus ihrer Umgebung
gleichsweise langweiligen Zeiten leben. Spektren dieser Objekte auf, um die Rot- verschlingen. Im Gegensatz dazu erschei-
Doch dieses Szenario ist unvollstän- verschiebung zu bestimmen. Das Ergeb- nen die meisten der von Chandra aufge-
dig. Darum überprüfen die Astronomen nis überraschte uns: Viele der aktiven ex- spürten Quellen als moderate Esser und

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 55
ENTWICKLUNG DES KOSMOS z Rö
nt
g enaug e
LöcaufgespürRtn köna
öntgenstrahlung.
hR
Mit Hilfe von
l
GROSSES BILD: ALEXANDER, BAUER, BRANDT, GARMIRE ET AL. / NASA / PENNSYLVANIA STATE UNIV.

nen die Astronomen verborgene


Schwarze her entdecken. Das
genteleskop Chandra hat auf diese Weise
AUSSCHNITTE: BARGER UND GIAVALISCO / NASA / GREAT OBS. ORIGINS DEEP SURVEY

viele der Energiemonster t. Ei-


nige davon sind alte, helle Quasare, die
bereits wenige Milliarden Jahre nach
dem Urknall erstrahlten (oberes Detail).
Andere jedoch verstecken sich in den
Zentren relativ naher Galaxien (unteres
Detail) und erzeugen auch in der heutigen
Ära des Kosmos noc

weiter es sich zerstreut. Und da heißes


Gas eine höhere kinetische Energie auf-
weist als kaltes, widersteht es stärker dem
Schwerkrafteinfluss der Galaxien, sodass
es nicht mehr so leicht in deren Nähe
strahlen entsprechend weniger Energie dertstel derjenigen im fernen Universum. gerät. Fabrizio Nicastro vom Harvard-
ab. Bislang konnten die Forscher nicht Kleinere Galaxien haben auch hier einen Smithsonian-Zentrum für Astrophysik
herausfinden, worauf dieses so unter- Teil der Aktivität übernommen. und seine Koautoren haben vor Kurzem
schiedliche Verhalten beruht. Steht den Anhand von hochwertigem Beobach- aufgeheizte intergalaktische Nebelschwa-
heutigen Schwarzen Löchern vielleicht tungsmaterial haben Cowie und ich ge- den entdeckt, die sich dadurch verraten,
weniger Gas als Nahrung zur Verfügung? meinsam mit Gillian Wilson, jetzt am dass sie ultraviolettes Licht und Röntgen-
Nahe Galaxien kollidieren seltener mit- Infrared Processing and Analysis Center strahlung von fernen Quasaren und akti-
einander als es die fernen Sternsysteme der Nasa, und Doug J. Burke, jetzt am ven Galaxien absorbieren. Dieser warme
im frühen Universum taten – und solche Harvard-Smithsonian-Zentrum für As- Dunstschleier umgibt unsere Galaxie in
Zusammenstöße treiben neue Materie in trophysik, die mittlere Leuchtkraftdichte allen Richtungen und liegt innerhalb der
die Galaxienzentren, geradewegs in den im Kosmos neu abgeschätzt. Wir fanden, »Lokalen Gruppe«, zu der das Milchstra-
Schlund der Schwerkraftmonster. dass sich die Leuchtkraftdichte im opti- ßensystem, die Andromedagalaxie und
Chandra stieß noch auf ein weiteres schen und im ultravioletten Bereich wäh- dreißig kleinere Sternsysteme gehören.
Rätsel: Die moderaten Röntgenquellen rend der kosmischen Entwicklung kaum Vermutlich handelt es sich bei diesem
erzeugen nur etwa ein Hundertstel so viel geändert hat. Die Sternentstehungsrate Gas um Überreste der Galaxienentste-
Strahlung wie ihre älteren Gegenstücke; ist zwar in der zweiten Hälfte der seit hung, die zu warm sind, um sich zu wei-
gleichwohl erreicht die Gesamtstrahlung dem Urknall verstrichenen Zeit zurück- teren Galaxien verdichten zu können.
aller moderaten Quellen zehn Prozent gegangen, da die gewaltigen, mit Staub Kleinere Galaxien könnten sich in
derjenigen aller Quasare früherer Epo- durchzogenen Galaxien diesbezüglich zur kühleren Umgebungen befinden, da sie
chen. Die einzige Erklärung für diesen Ruhe gekommen sind; die nahen Gala- das umgebende Gas weniger stark auf-
Befund lautet: Die Anzahl der aktiven xien mit Sternentstehungsregionen sind heizen als die großen Galaxien mit ihren
Schwarzen Löcher ist heute viel höher als jedoch so zahlreich, dass die Dichte der Supernova-Explosionen und der Strah-
diejenige der aktiven Quasare in der Ver- optischen und ultravioletten Strahlung lung der Quasare. Zudem haben die
gangenheit. Anders ausgedrückt: Die Ak- insgesamt nur wenig abgenommen hat. kleineren Galaxien vermutlich erst einen
tivität im Kosmos hat sich von einigen geringeren Teil der umgebenden Materie
wenigen sehr hellen Objekten zu sehr Noch längst nicht zum alten Eisen verbraucht, sodass sie ihren gemäßigten
vielen, aber lichtschwächeren Quellen Dieses neue Bild von einem nach wie vor Lebensstil bis in die heutige Zeit pflegen
hin verlagert. Obwohl die heutigen ex- agilen Universum fügt sich gut in die konnten. Im Gegensatz dazu haben die
trem massereichen Schwarzen Löcher kosmologische Theorie ein. Neuere Com- großen und verschwenderischen Gala-
also kleiner sind, ist ihre kombinierte putersimulationen lassen vermuten, dass xien ihre Ressourcen erschöpft und kön-

ÄRZ205
M
Wirkung immer noch immens. die Verschiebung der Aktivität von eini- nen darum keine Materie mehr aus ihrer
Die Galaxien mit Sternentstehungsge- gen wenigen großen und hellen Galaxien Umgebung einsammeln. Aus den gegen-
bieten haben einen vergleichbaren Wan- zu vielen kleineren und zahmeren eine wärtig laufenden Untersuchungen des
del durchlaufen. Manche von ihnen, die direkte Folge der kosmischen Expansion Gasanteils von kleinen, nahen Galaxien
in unserer Nähe liegen, weisen zwar ähn- sein könnte. Durch die Ausdehnung des könnten wir lernen, wie diese Sternsyste-
lich hohe Sternentstehungsraten auf wie Kosmos vergrößern sich die Abstände me mit ihrem Umfeld interagieren – und
die sehr leuchtkräftigen staubverdeckten zwischen den Galaxien, sodass Kollosio- so vielleicht endlich die Galaxienent-
Galaxien, die Scuba registriert hat. Doch nen und Verschmelzungen seltener wer- wicklung verstehen.
die Anzahl solcher gleißenden Galaxien den. Zudem lässt sich das Gas zwischen Doch ein wichtiger Teil des Rätsels
beträgt heute weniger als ein Vierhun- den Galaxien umso leichter aufheizen, je bleibt ungelöst: Wie konnten so früh in

56 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
der Geschichte des Universums die nen Spektren der Explosionen und ihres
monströsen Quasare entstehen? Der Slo- Nachglühens könnten die Wissenschaft-
an Digital Sky Survey – ein Projekt, das ler Informationen darüber gewinnen, wie
sich zum Ziel gesetzt hat, ein Viertel des die kollabierenden Sterne das Wachstum
Himmels zu kartieren und die Distanzen der extrem massereichen Schwarzen Lö-
zu über einer Million ferner Galaxien zu cher im frühen Universum in Gang ge-
messen – hat Quasare entdeckt, die be- setzt haben.
reits hell strahlten, als das Universum Mit Hilfe moderner Röntgen- und
nur ein Sechzehntel seines jetzigen Alters Gammastrahlenteleskopen haben die As-
hatte, also etwa 800 Millionen Jahre tronomen nun eine ähnliche Fähigkeit
nach dem Urknall. Fabian Walter vom wie der Comicheld Superman erlangt:
National Radio Astronomy Observatory Sie können selbst in die von dichtem
und seine Koautoren stießen 2003 auf Staub umhüllten Regionen des Kosmos
Spuren von Kohlenmonoxid in der hineinsehen. Dabei sind sie auf eine dra-
Strahlung eines dieser Quasare. Da Koh- matische Wandlung von mächtigen zu
lenstoff und Sauerstoff nur durch die bescheidenen Strahlungsquellen gesto-
thermonuklearen Reaktionen im Innern ßen. Die riesigen, Sterne bildenden Ga-
von Sternen entstehen, folgt daraus, dass laxien und die unersättlichen Schwarzen
es bereits in den ersten wenigen hundert Löcher aus der Frühzeit des Kosmos ha-
Millionen Jahren nach dem Urknall er- ben sich zur Ruhe gesetzt. In einigen
hebliche Mengen an Sternen gegeben Milliarden Jahren werden auch die heute
haben muss. Auch die jüngsten Messun- aktiven, kleineren Galaxien einen Groß-
gen der Wilkinson Microwave Anisotro- teil ihres Gasvorrats verbraucht haben.
py Probe (Wmap) – eines Satelliten, der Dann wird die Gesamtstrahlung des
die kosmische Hintergrundstrahlung un- Kosmos rapide abnehmen. Auch unser Anzeige
tersucht – weisen darauf hin, dass die Milchstraßensystem wird eines Tages
Sternentstehung schon 200 Millionen dieses Schicksal ereilen. Die kosmische
Jahre nach dem Urknall begann. Wandlung wird voranschreiten: Die
Zwerggalaxien, die jeweils nur wenige
Röntgenblick wie Superman Millionen Sterne enthalten, aber der
Des Weiteren zeigen Computersimulati- häufigste Galaxientyp im Kosmos sind,
onen, dass diese ersten Sterne vermutlich werden künftig die wichtigsten Regionen
die mehrhundertfache Masse der Sonne der Sternentstehung und der Aktivität
hatten. Derartige Giganten würden so Schwarzer Löcher sein. Doch das Uni-
hell strahlen, dass sie ihren Brennstoff- versum wird unvermeidlich immer
vorrat innerhalb weniger zehn Millionen dunkler werden. Zurück bleiben nur die
Jahre verbraucht hätten. Nach dieser Reste einst mächtiger Galaxien.
Zeit wären die massereichsten von ihnen
zu stellaren Schwarzen Löchern kolla-
Amy J. Barger erforscht
biert, die dann gewissermaßen als Keime die Entwicklung des Kosmos,
für extrem massereiche Schwarze Löcher indem sie dessen älteste Ob-
fungiert haben könnten, die die Kraft- jekte beobachtet. Sie promo-
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E

werke der ersten Quasare bildeten. vierte 1997 an der Universi-


Diese Erklärung für das frühe Auf- tät Cambridge (England) und
ist nun Associate Professor an der Universität
tauchen der ersten Quasare könnte durch von Wisconsin-Madison; außerdem ist sie an
die Erforschung der Gammastrahlungs- der Universität von Hawaii in Manao tätig.
ausbrüche weitere Unterstützung erfah-
Das junge Universum. Sterne und Weltraum
ren. Als Ursache für die Gammablitze am Special 1/2003
Himmel vermuten die Astronomen näm-
Der heiße Kosmos. Sterne und Weltraum
lich den Kollaps sehr massereicher Sterne

ÄRZ205
M
Special 4/2003
zu Schwarzen Löchern. Da Gammaaus-
brüche die stärksten Explosionen im Schwarze Löcher im Kosmos. Von Mitchell
Begelman und Martin Rees. Spektrum Aka-
Kosmos sind, können sie selbst in sehr
demischer Verlag, 2000
großen Entfernungen entdeckt werden.
Im November 2004 startete die Nasa den Supermassive Black Holes in the Distant Uni-
verse. Hrsg. von Amy J. Barger. Astrophysics
Swift Gamma-Ray Burst Explorer, einen and Space Science Library, Bd. 308. Springer,
Satelliten mit drei speziellen Teleskopen 2004
für die Beobachtung der Gamma-, Rönt-
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei
gen-, ultravioletten und optischen Strah- www.spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
lung dieser Ausbrüche. Aus den gemesse-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 57
JUNGE WISSENSCHAFT

Das Heidelberger Wollen Sie Ihren Schülern einen An-


reiz zu intensiver Beschäftigung mit
der Wissenschaft geben? »Wissen-

Life-Science Lab schaft in die Schulen« bietet teilneh-


menden Klassen einen Klassensatz
»Spektrum der Wissenschaft« oder
Aus einer One-Man-Show ist in knapp fünf Jahren eine Institution »Sterne und Weltraum« kostenlos für
geworden, die Schülern intensiven Kontakt zur Wissenschaft vermit- ein Jahr, dazu didaktisches Material
und weitere Anregungen.
telt – bis hin zu Forschungsaufenthalten in Kalifornien.
www.wissenschaft-schulen.de

Von Felix Gut es deutlich härter zu, als ich das sonst aus riser Chemiker, der sich der »moleku-
Jugendgruppen gewohnt war, aber ohne laren Gastronomie« verschrieben hat.

F örderungseinrichtungen für Hochbe-


gabte wie zum Beispiel die Studien-
stiftung des Deutschen Volkes folgen für
die sonst üblichen Feindseligkeiten.
Ich entschied mich zunächst für die
Arbeitsgruppe Molekulare Biologie, die
Nach kurzer Rücksprache mit Thomas
Schutz durfte mein Freund ihn einladen;
sein öffentlicher Freitagsvortrag hat mich
die Aufnahme neuer Stipendiaten einem Thomas Schutz mit einem Studenten zu- tief beeindruckt.
wohl etablierten Verfahren: Der Kandi- sammen leitete. Die nötigen Grundlagen Hervé This, lange Jahre stellvertre-
dat wird durch – zum Beispiel – den bekamen wir in Crashkursen am Wo- tender Chefredakteur von »Pour la Sci-
Schulleiter empfohlen und dann zu einer chenende vermittelt. Viele Referate dreh- ence«, der französischen Schwester dieser
Präsentation eingeladen, in der er über ten sich auch um die Anwendungen der Zeitschrift, untersucht die wissenschaft-
ein beliebiges Thema vortragen soll; man Molekularbiologie wie gentechnisch ver- lichen Grundlagen der Kunst, für die
will sich ja ein Bild von der gesamten änderte Pflanzen oder das Klonen, bei sein Land berühmt ist: des Kochens.
Persönlichkeit machen. denen die ethischen Fragen zu heftigen Nicht nur die Leser seiner Kochbücher,
So ähnlich ging es mir vor knapp Diskussionen führten. Bereits nach ei- auch die besten Köche Frankreichs zäh-
fünf Jahren mit dem Heidelberger Life- nem halben Jahr konnten wir unsere the- len zu den Nutznießern seiner Arbeit.
Science Lab. In den Räumen des Euro- oretischen Kenntnisse in Praktika am In einer »International Science Aca-
päischen Molekularbiologischen Labors DKFZ und bei Roche Diagnostics an- demy« (ISA) habe ich 2002 gemeinsam
(EMBL) durfte ich mich über meine wenden. mit Evelyn Sawa in Lissabon an der ge-
sportliche Lieblingsbeschäftigung, das netischen Charakterisierung von Man-
Rudern, auslassen. Biochemie mit Spontantheater delbäumen gearbeitet. Die portugiesi-
In der Praxis erwies sich diese För- und kreativem Stammtisch schen Forscher nahmen uns überaus
dereinrichtung allerdings als wesentlich Die zweite Arbeitsgruppe, an der ich teil- herzlich auf und bemühten sich sehr, uns
weniger bürokratisch als die Studienstif- nahm, hatte das Thema Biochemie. Tho- alle Hintergründe zu erklären – sofern
tung. Sie lebte von der Initiative eines mas Schutz hatte einen Doktoranden am sie die nicht selbst schon wieder verges-
einzelnen Menschen. Thomas Schutz, EMBL als Mentor gewonnen. Diese sen hatten. Nach der einen Woche Labor
promovierter Biologe am Deutschen recht kleine Gruppe hat mir einen Rie- besuchten wir drei Tage Lissabon und
Krebsforschungszentrum (DKFZ), hatte senspaß gemacht, weil ich mich – durch schrieben eine Woche am Strand der Al-
die Idee ins Leben gerufen und sich Mit- Referate, Recherchen, Praktika am garve eine Dokumentation, die uns an
streiter gesucht: Jugendliche sollen die EMBL und deren Auswertung – sehr in- wissenschaftliches Schreiben heranfüh-
Gelegenheit erhalten, durch Arbeit mit tensiv einbringen konnte. Nach den Ar- ren sollte. Wir waren am Ende mächtig
Forschern einen direkten Bezug zur ak- beitstreffen hatte die gesellige Runde in stolz auf unser Ergebnis.
tuellen Wissenschaft zu bekommen, der Kneipe ihren besonderen Reiz. Um Zu Beginn des Life-Science Lab war
Theorie und Praxis zu verknüpfen, mög- die Treffen aufzulockern und die Teil- die Finanzierung nicht gesichert; die
liche Berufsfelder auszuloten und Gleich- nehmer von einer Konsumenteneinstel- Mentoren mussten alles selbst organisie-
gesinnte zu finden. Der Eigeninitiative lung wegzuführen, spielten wir immer zu ren und auch Materialien von eigenem
der Teilnehmer wurde von Anfang an Beginn ein Spiel, meist Improvisations- Geld kaufen – schon eine Herausforde-
sehr breiter Raum gegeben. theater. Daraus wurde schließlich ein rung an den Idealismus. Inzwischen gibt
Einen Vorgeschmack gab das Eröff- kleines Theaterstück über eine typische es eine Stiftung und eine zentrale Ge-
nungswochenende in der Jugendherber- Immunreaktion. schäftsstelle, Mentoren bekommen eine
ge Dilsberg. Wir neuen Teilnehmer ent- Die Eigeninitiative der Teilnehmer kleine Vergütung und die letzten Fragen
deckten sofort, dass wir alle »auf einer führt häufig relativ rasch zum Ziel. Ein der Versicherung sind geklärt.
Wellenlänge« liegen. In der durch ein Freund von mir hatte eine Fernsehsen- Ich selbst wurde nach dem Abitur
Rollenspiel entfachten Diskussion ging dung mit Hervé This gesehen, einem Pa- gemeinsam mit einem weiteren Studen-

58 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
htlüsmlxfbtülaisruunfdelm
eA ksaG
bitrteoEigSpräaileugseiteianrefänh,leusnteglüeA
Science Academy in Kalifornien

inefrädlM
bsim nasenidN
ecarlsn,M o
šhdüiteš ä ü
ääüäää üää ä ü
Epilepsieforschung an der Taufliege
Da das Genom der Taufliege Drosophila melanogaster vollkommen Oberschlundganglion versetzt. Gemessen wird die elektrische
entsc fiert ist und ihr Nervensystem weni- Reaktion an einem Flugmuskel, dem Dorsal Longitudinal Mus-
ger komple cle (DLM), der zum Absenken des Fl gels verwendet wird. Inte-
dellsy undlagenforsc vensys- ressanterweise kann die Taufliege ihre Flugrichtung und -höhe
tem dar. Insbesondere können Taufliegen rascher ver ndern, als die Aussch ttung von Kalzium stattfin-

ü
in ihrem hen ver- det, das zur Aktivierung des Muskels verwendet wird – eine an-

ü
gleichbar sind. dere Forschungsarbeit in der Arbeitsgruppe von Mark Tanouye.

ä
Gewisse Drosophila-Mutanten reagieren bereits auf Ersc
terungen der Umgebung oder schwache elektrische Reize mit Die Zuckungen bei einem Anfall sind leicht an dem Muster der

ä ü
einem solchen Anfall. Unter der Bezeichnung bang sensitive Muskelaktivit t zu erkennen. Es stellte sich heraus, dass sesB
(BS) werden St mme wie easily shocked (eas), technical knock- auf jeden Fall eine höhere Sensitivit t hat als der Wildtyp, aller-

üäüü ä
out (tko) oder slamdance (sda) zusammengefasst. Ansonsten dings eine wesentlich geringere als die bang sensitive. Unsere
ist ihr Verhalten gegen ber dem Wildtyp nicht auff llig. Untersuchungen am Erbgut der Fliegen passten zu diesem Be-
Indem man die genetischen Ver nderungen ausfindig macht, fund. Ein Defekt in einem bestimmten Gen vermindert die Er-
die diesen Verhaltens nderungen zu Grunde liegen, hofft man sch tterungsempfindlichkeit der sesB-Fliegen gegen ber den
dem Mechanismus der Anf lle auf die Spur zu kommen. Es BS-St mmen, wobei es noch auf den genauen Ort des Defekts
wurden bei der Taufliege sowohl Gene gefunden, welche die auf dem Gen ankommt.
Empfindlichkeit gegen ber Anf llen erhöhen, als auch solche, Man nimmt daher an, dass sesB eine Übergangsgruppe zwi-
die sie unterdr cken. schen bang sensitive und dem Wildtyp bildet. Weitere For-

ü
Im Rahmen dieses Programms untersuchten Gunther schungen zum Ablauf der Anf lle sind nun auf der Grundlage
Schmitt und ich in unserem dreiwöchigen Praktikum an der dieses Wissens möglich.

ü ü ü
Universit t von Kalifornien eine neue Mutante auf ihre Neigung Eine ausf hrliche englischsprachige Dokumentation zum wis-
zu Anf llen. Mark Tanouye, der Leiter der Abteilung, unter- senschaftlichen wie zum Ferien-Teil der International Science

üäü
richtete uns t glich eine Stunde zu den Methoden und Hinter- Academy (ISA) San Francisco 2003 liegt unter http://sanfrancis-
gr nden seiner Forschung. F r Fragen standen alle anderen co.internationalscienceacademy.de zum Download bereit.
Mitarbeiter zur Verf gung; ansonsten waren wir uns selbst
berlassen.
Unsere neue Mutante hieß stress sensitive B (sesB). Die An einer Taufliege wird der elektrophysiologische Ver-
Mutation ist homozygot letal, das heißt, wenn das Gen auf bei- u such durchgeführt. Zwei Elektroden (links) geben einen
den Chromosomen vorhanden ist, stirbt die Fliege, bevor sie elektrischen Impuls in das Oberschlundganglion. Die Mess-
sich entwickeln kann. Außerdem sterben alle M nnchen mit elektrode sitzt am Thorax, dem Oberkörper der Fliege, und
sesB in einem fr hen Stadium. eine Erdungselektrode im Hinterleib, dem Abdomen. Der Draht
Um die Schlagempfindlichkeit zu berpr fen, sch ttelt man die zwischen Kopf und Thorax ist mit Sekundenkleber befestigt
Fliegen nach einem standardisierten Verfahren mechanisch durch und dient zur Stabilisierung der 1 Millimeter langen Fliege.
und beobachtet, ob sie die b-
lichen f nf Phasen eines epi-

ä
leptischen Anfalls durchlaufen:
Initialanfall mit unkontrollierten
Muskelzuckungen, einige Minu-
ten Bewegungslosigkeit, erneu-
te Zuckungen, Erholungsphase
und Refrakt rphase, in der sie
sich wieder normal verhalten, al-
lerdings kein weiterer Anfall
ausgelöst werden kann. Bei

M ÄRZ205
sesB zeigte sich, dass sie durch
dieses Verfahren nicht zu einem
Anfall gebracht werden können,
also mehr dem Wildtyp hneln
als den bang sensitive.
FOTO GUNTHER SCHMITT

In einem zweiten Verfahren,


dem elektrophysiologischen,
wird den Fliegen ein elektri-
scher Impuls mitten in das

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 59
JUNGE WISSENSCHAFT

Das Heidelberger Life-Science Lab


Diese Förderungseinrichtung für naturwissenschaftlich-technisch r International Science Academies (ISAs) für erfahrene Teilneh-
begabte oder interessierte Schüler will neben dem fachlichen mer mit der Möglichkeit, in Kleingruppen an ausländischen Insti-
Wissen besonders Kompetenzen wie Teamarbeit, selbst organi- tuten zu arbeiten. Die Organisationsarbeit tragen die Teilnehmer
siertes Lernen, Präsentationstechniken und Rhetorik weiterent- selbst. Es fanden bereits ISAs in Lissabon, San Francisco und
wickeln. Die Arbeit des Life-Science Lab konzentriert sich auf verschiedenen Orten in Kenia statt, eine weitere ist für dieses
vier Schwerpunkte: Jahr in San Francisco vorgesehen.
r öffentliche Vorträge jeden Freitag von 17 bis 19 Uhr im DKFZ. Ergänzt wird das Angebot durch arbeitsgruppenunabhängige
Die Themen sind nicht an Naturwissenschaften gebunden und Projekte (»AGuPs«) von Teilnehmern für Teilnehmer, zum Beispiel
orientieren sich an den Interessen der Teilnehmer, die – nach Ab- die Englisch-, die Musik- und die Jungforscher-AGuP, in der ehe-
sprache – auch Referenten einladen dürfen. malige Teilnehmer von »Jugend forscht« oder anderen Wettbe-
r zurzeit zwölf Arbeitsgruppen (AGs) zu Themen wie Biochemie, werben ihre Erfahrungen weitergeben.
molekulare Biologie, Neurologie, Mathematik, Philosophie und
Pharmazie. Die Arbeitsgruppen bestimmen eigenständig ihre Bewerben kann sich jede Schülerin und jeder Schüler ab der 8.
Termine, den Ort und die Inhalte. Einige Gruppen bevorzugen ei- Klasse. Jeder Bewerber hält eine Viertelstunde einen Vortrag
nen vierzehntägigen Rhythmus, andere tagen nur an Wochen- über ein beliebiges Thema und wird anschließend eine weitere
enden; zwei sind außerhalb Heidelbergs (in Karlsruhe und Heil- Viertelstunde zu seinem Vortrag und sich selbst befragt. Auf Vor-
bronn) angesiedelt. Jede AG wird von einem Mentorenteam wissen kommt es nicht so sehr an wie auf Neugier, Engagement
betreut, das idealerweise aus einem Wissenschaftler, einem und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Lehrer und einem Schüler besteht. Die AGs organisieren zusam- Teilnahmegebühren werden nicht erhoben; die Teilnehmer
men mit den Mentoren Praktika am European Molecular Biology müssen lediglich ihre Fahrtkosten selbst tragen. Bei manchen in-
Laboratory (EMBL), an Max-Planck-Instituten oder bei Pharma- und ausländischen Akademien sind Teilnehmerbeiträge zu zah-
Unternehmen wie Roche Diagnostics oder Merck. len, die durch Sponsoren möglichst niedrig gehalten werden.
r Wochenendseminare zu Themen, die von den Teilnehmern vor- Die Bewerbungsfrist für das Schuljahr 2005/2006 endet am
geschlagen werden, organisiert von Katrin Platzer, Philosophin, 1. Mai 2005.
Theologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der For-
schungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidel- Heidelberger Life-Science Lab am DKFZ
berg. Für 2005 sind folgende Themen geplant: »Viren – Diebe, Technologiepark III, Gebäude C
Mörder und Piraten: eine Einführung in die Virologie«, »Rätsel Im Neuenheimer Feld 582
Zeit – einem Geheimnis auf der Spur«, »Vom Stammbaum zur 69120 Heidelberg
Stammzelle – therapeutische Optionen und ethische Implikatio- Telefon 06221 4214-00, Fax 06221 4214-10
nen …« und »Projektmanagement«. www.life-science-lab.de

ten und zwei Apothekerinnen vom Praktikum wahrnahm, um zu schauen, sich der Sache nicht mit Haut und Haa-
DKFZ Mentor einer Pharmazie-Arbeits- »ob sich in den letzten Jahren was im La- ren verschreiben.
gruppe – eine besondere Herausforde- bor verändert hat«. Tagsüber arbeiteten Was bleibt? Ich habe viel gelernt; aber
rung, da die Teilnehmer überwiegend die wir in Zweiergruppen in verschiedenen vor allem habe ich mit lauter interessan-
9. Klasse besuchten und daher kaum Laboren. Unser Professor nahm sich je- ten, gleich gesinnten Leuten zusammen-
chemische oder biologische Vorkenntnis- den Tag eine Stunde Zeit, um uns Grund- gearbeitet, was sehr ergiebig war und eine
se hatten. Wir erklärten Grundlagen, ga- lagen, Methoden und die Ziele seiner Menge Spaß – auch nach der Arbeit – ge-
ben Hilfestellung bei der Vorbereitung Forschung zu erklären. Abends traf sich macht hat. Hinzu kam die Erfahrung, in
der Referate, organisierten einen Besuch unsere Gruppe im YMCA, machte Berke- den Mentorenkonferenzen, dem Nach-
bei einem großen Pharmakonzern eben- ley unsicher und verabredete, soweit nö- folger unserer kreativen Stammtische,
so wie Grillfeiern. Kuchen, Pizza und ein tig, Gemeinschaftsunternehmungen wie von den »Erwachsenen« als gleichrangig
Quizspiel namens »Pharmady«, das ein- den »Kulturbesuch« eines Baseballspiels, und als kreativer Ideengeber respektiert
schlägigen Fernsehsendungen nachemp- einen Besuch der Universität Stanford zu werden. Ich bin zuversichtlich, dass
funden war und jedes Mal die Themen oder die Fahrt nach San Francisco. mir neben den persönlichen Freund-

ÄRZ205
M
des letzten Treffens aufgriff, gehörten Anfang dieses Jahres habe ich meine schaften auch die wissenschaftlichen
zum Standardprogramm der Sitzungen. Mitarbeit im Life-Science Lab völlig ein- Kontakte erhalten bleiben werden.
Meine letzte Aktivität als Teilnehmer gestellt. Die arbeitsintensiven Phasen
war eine ISA an der Universität von Kali- dort fallen in der Regel mit Klausuren-
Felix Gut studiert im dritten
fornien in Berkeley, bei der die 16 Teil- zeiten in der Universität zusammen, so- Semester Pharmazie in Hei-
nehmer vier unvergessliche Wochen er- dass ich Prioritäten setzen musste. delberg.
lebten. Wir hatten die gesamte Fahrt Indem ich das Angebot des Life-Sci-
Weblinks zu diesem Thema fin-
selbst organisiert, sodass die Lehrerin aus ence Lab bis zur Neige ausgekostet habe, den Sie bei www.spektrum.de
unserem Mentorenteam, frei von den meis- war ich allerdings auch ein Extrembei- unter »Inhaltsverzeichnis«.
ten organisatorischen Aufgaben, selbst ein spiel für einen Teilnehmer. Man muss

60 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
GENOMIK z
Das verkannte
Genom-Programm
Der Schlüssel zum Verständnis von Embryonalentwicklung und
Evolution könnte in einem bisher wenig erforschten Regulations-
system liegen, das sich auf RNA stützt – statt auf Proteine.

Von John S. Mattick RNA erstellt werden – und diese dienen kontrollierten in ähnlichem Umfang die
dann als Matrizen für die Produktion des gesamte genetische Information auch bei

U
nbewiesene Annahmen ent- jeweiligen Proteins aus Aminosäurebau- vielzelligen Organismen, deren Erbsub-
wickeln manchmal ein Ei- steinen. Auch in der alten Formel »ein stanz geschützt in einem Zellkern liegt.
genleben, was besonders in Gen – ein Protein« drückte sich die vor- Zu den Echtkernern – den Eukaryoten –
der Naturwissenschaft unan- herrschende Ansicht aus, Gene kodier- gehören Pilze, Pflanzen und Tiere ein-
genehme Folgen haben kann. Am An- ten im Allgemeinen für Eiweißstoffe. schließlich des Menschen. Der Franzose
fang geht es gewöhnlich nur um eine Entsprechend mussten Proteine, neben Jacques Monod, ein Pionier der Moleku-
plausible oder einfache Erklärung der Be- ihrer Funktion etwa als Strukturelemen- larbiologie, umschrieb die Allgemeingül-
funde. Wenn sie keine offensichtlichen te und Enzyme, auch die Hauptrolle bei tigkeit des Dogmas mit den Worten
Mängel aufweist und ihr Wahrheitsgehalt der Regulation der Gene selbst spielen. »Was für E. coli gilt, pflegt auch für Ele-
nicht unmittelbar überprüfbar ist, mu- Die Schlussfolgerung beruht vorwie- fanten zu stimmen.«
tiert sie aber oft zum Glaubenssatz. Neue gend auf Studien an Bakterien wie Esche-
Beobachtungen werden dann passend in- richia coli und anderen einzelligen Lebe- Gestückelte Gene
terpretiert. Irgendwann jedoch muss das wesen ohne Zellkern. Für diese Orga- Monod hatte nur teilweise Recht. Wie
Dogma unter der Last eklatanter Wider- nismen – die Prokaryoten: wörtlich Vor- mehr und mehr Forschungsergebnisse
sprüche zusammenbrechen. kerner – ist sie sogar nach wie vor im der letzten Jahre zeigen, beschreibt das
Was die Funktionsweise genetischer Wesentlichen korrekt. Deren DNA um- zentrale Dogma die Molekularbiologie
Systeme und ihren Informationsgehalt fasst nämlich fast ausschließlich Protein- der Eukaryoten nur sehr unzureichend.
betrifft, sind wir mit unserem Verständ- gene, flankiert von Steuersequenzen. Da- Proteine spielen zwar durchaus auch dort
nis möglicherweise an einem solchen neben gibt es zwar Gene für Spezial- eine Rolle bei der Genregulation, doch
Punkt angelangt. Seit fast einem halben RNAs, darunter einige sogar mit regula- parallel dazu existiert ein zweites, bisher
Jahrhundert besteht nunmehr das zen- torischer Funktion. Doch die machen übersehenes Regulationssystem. Es ba-
trale Dogma der Molekularbiologie. Es zumeist nur einen winzigen Bruchteil siert auf RNAs, die direkt mit der DNA,
besagt, dass von genetischer Informati- des Erbguts aus. anderen RNAs sowie Proteinen intera-
on, die in der DNA-Sequenz gespeichert Lange Zeit herrschte die Überzeu- gieren. An eben diesem Netzwerk von
ist, zunächst spezielle Arbeitskopien aus gung vor, Proteine repräsentierten und RNA-Signalen könnte es liegen, dass
beispielsweise der menschliche Organis-
IN KÜRZE mus eine um Welten höhere strukturelle
Komplexität erreicht als jegliches einzel-
r Bei Organismen mit echtem Zellkern scheint ein erstaunlich hoher Anteil der lige Lebewesen.
DNA irrelevant für die Proteinproduktion zu sein. Jahrzehntelang galt das Zusatz- Manche Molekularbiologen stehen
material daher als evolutionäres Gerümpel. solchen grundlegend neuen Ideen zwar
r Neuen Hinweisen nach kodiert jedoch der vermeintliche DNA-Schrott für RNA- noch skeptisch, wenn nicht sogar ableh-
Moleküle, die vielfältige regulatorische Aufgaben erfüllen könnten. Dahinter ver- nend gegenüber. Dennoch könnte diese
birgt sich möglicherweise ein revolutionäres genetisches Steuerungssystem, grund- Theorie dazu beitragen, einige der größ-
verschieden von dem der Bakterien, die ja keinen Zellkern besitzen. ten Rätsel der Entwicklungsbiologie und
r Diese neue Theorie könnte erklären, weshalb die strukturelle und entwick- Evolution zu lösen. Zudem ist sie für die
lungsbiologische Komplexität von Organismen nicht mit der Zahl ihrer Proteingene Entwicklung von Arzneimitteln und
korreliert. Auch für die medizinische und pharmazeutische Forschung sind diese neuen Möglichkeiten der Gentherapie
Entdeckungen von enormer Tragweite. von enormer Tragweite. Mehr noch: Mit
der Entdeckung dieses Regulationssys-

62 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
MOREDUN ANIMAL HEALTH LTD. / SPL

Obwohl Bakterien und


l
DNA-HINTERGRUND: JEFF JOHNSON; EMBRYO: LENNART NILSSON

Menschen in Körper-
bau und Komplexität kaum

ÄRZ205
M
verschiedener sein könnten,
schien es bisher, als nutzten
alle Lebewesen die gleichen
genetischen Mechanism. Etli-
ches deutet nun aber darauf
hin, dass die Komplexität
höherer Organismen einem
zusätzlichen Programm ent-
springt, das sich im vermeint-
lichen DNA-Schrott verbirgt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 63
GENOMIK z
tems ergeben sich Einsichten, die das
Design komplexer programmierter Sys-
teme – kybernetischer wie auch biologi-
scher Art – revolutionieren könnten.
Im Grunde zeichnete sich bereits 1977
ab, dass mit der etablierten Theorie über
die Funktionsweise des Erbgutprogramms
wohl etwas nicht stimmte. Damals ent-
deckten zwei Arbeitsgruppen – die eine
um Philip Sharp am Massachusetts Insti-
tute of Technology in Cambridge, die an-
dere um Richard J. Roberts, der heute
beim Unternehmen New England Biolabs
arbeitet – unabhängig voneinander die
Mosaikstruktur »höherer« Gene.
Wie beide feststellten, ist die Bauan- kehrt wurde ihr Fehlen bei Bakterien mit biert. Das stellt einfach ein Rätsel dar.
weisung für ein Protein bei Eukaryoten dem starken Wettbewerbsdruck im Mi- Entweder übertreibt eine menschliche
nicht als zusammenhängender Text im krobenmilieu erklärt, der im Lauf der oder eine andere höhere Zelle es mit der
Erbgut niedergelegt. Vielmehr verteilt sie Evolution Introns als überflüssigen Bal- Transkription – oder die scheinbar nutz-
sich auf mehrere Abschnitte. Diese so ge- last eliminierte. losen RNAs erfüllen irgendwelche unbe-
nannten Exons sind durch teils sehr lan- Bei Eukaryoten gab es nicht nur mit- kannten Funktionen. Diese Erwägungen
ge dazwischengeschobene DNA-Sequen- ten in Genen, sondern sogar dazwischen und ein Fundus experimenteller Befun-
zen getrennt, die keine Proteininformati- allerhand scheinbar nutzlose DNA. All de legen inzwischen nahe, dass bei kom-
on tragen. Die Einschübe, Introns dies als Schrott abzuqualifizieren war plexen Lebewesen ein Großteil, bei Säu-
getauft, werden im Zellkern zunächst mit umso einfacher, als die Gesamtgröße ei- gern vielleicht sogar die Mehrzahl der
abgelesen, aber dann aus der langen pri- nes Genoms nicht sonderlich gut mit der Gene nicht für Proteine kodiert, sondern

M
ülbergundalgenw
ärtige
mären RNA-Abschrift herausgeschnitten. Komplexität seines Trägers korreliert. RNAs mit direkten regulatorischen Auf-
Ein als Spleißen bezeichneter Prozess fügt Die Zellen einiger Amphibien beispiels- gaben bereitstellt (siehe SdW 2/2004, S.
dabei die RNA-Exons zu einer durchge- weise besitzen mindestens fünfmal, eini- 68). Die von diesen RNAs übermittelten
henden Bauanweisung, einer Boten- ge Amöben sogar tausendmal mehr Informationen könnten entscheidend für
RNA, zusammen. Erst diese Arbeitskopie DNA als die Zellen von Säugetieren. die Entwicklung vom Ei zum reifen Or-
verlässt den Kern in Richtung Protein- Jahrzehntelang nahmen Forscher daher ganismus sein und auch in der Evolution
fabriken. Da die herausgetrennten Teile an, die Zahl der darin enthaltenen Prote- eine wesentliche Rolle spielen.
keinen erkennbaren Zweck erfüllten, ingene korreliere weit besser mit der Der Schlüssel zum Verständnis dieses
dachte man, die Zelle würde sie einfach Komplexität dieser Organismen – die noch kaum erforschten Regulationssys-
zerlegen und die Bausteine wieder ver- unterschiedliche Menge Gerümpel ver- tems liegt möglicherweise in einer neuar-
wenden. wische aber diesen Zusammenhang. tigen Interpretation der Evolution von
Als jedoch die Genome sehr ver- Introns. In jüngerer Zeit häufen sich Hin-
schiedener Organismen entziffert wur- weise, dass diese Sequenzen nicht gene-
Verschwendung? den, entpuppte sich dies als Irrtum: In rell auf die Frühzeit des Lebens zurück-
Doch wenn Introns keine Proteininfor- Wirklichkeit besteht nur eine schwache gehen, sondern erst bei höheren Orga-
mation tragen und für Bakterien offen- Beziehung zwischen der Anzahl an Pro- nismen in die Gene eindrangen. Vermut-
bar entbehrlich sind – weshalb kommen teingenen und der Komplexität eines Le- lich entwickelten sie sich aus einem Typ
sie dann überall bei Eukaryoten vor? Ob- bewesens. Der recht einfach gebaute Fa- mobiler genetischer DNA-Elemente, der
wohl ein durchschnittliches menschli- denwurm Caenorhabditis elegans, mit sei- – ähnlich den heutigen so genannten
ches Proteingen zu mindestens 95 Pro- nen nur etwa 1000 Zellen Körpermasse, Gruppe-II-Introns – die merkwürdige
zent aus Einschüben besteht, hielten die verfügt über rund 19 000 Proteingene – Fähigkeit besaß, sich aus RNA-Abschrif-
meisten Molekularbiologen sie für funk- fast 50 Prozent mehr als ein Insekt wie ten selbst herauszuschneiden. Solche Ele-
tionslose Überbleibsel einer langen Evo- die Taufliege, die mit 13 500 Genen aus- mente können sich parasitengleich in das
lution, Schrott sozusagen. Introns, so die kommt. Der Mensch bringt es auf unge- Erbgut ihrer Wirtszellen integrieren.

ÄRZ205
M
Mutmaßung, stammten aus der Frühzeit fähr 25 000. Auch bei Bakterien kommen Grup-
des Lebens, als Informationsbruchstücke Ein konsistenteres Bild ergibt sich pe-II-Introns vor, jedoch nur äußerst sel-
für Proteine grob zu ersten Genen zu- dagegen zwischen der Komplexität von ten. Der Grund ist leicht einzusehen. Da
sammengestückelt wurden. Vielleicht Organismen und der Menge an nicht für in ihren kernlosen Zellen nichts die
hatten Introns bei komplexen Organis- Proteine kodierenden Sequenzen (siehe DNA von den Proteinfabriken trennt,
men überlebt, weil sie sich zufällig als Diagramm rechts). Beispiel Mensch: wird die Boten-RNA am fertigen Anfang
nützlich erwiesen – indem sie zum Bei- Weniger als 1,5 Prozent seiner DNA schon in Protein übersetzt, während ihr
spiel das evolutionäre Umordnen von trägt Baupläne für Eiweißmoleküle, Ende noch an der DNA erzeugt wird.
Teilinformationen zu sinnvollen, neuen trotzdem wird der größte Teil des Rests Der intronische RNA-Abschnitt könnte
Kombinationen erleichterten. Umge- in RNA abgeschrieben, also transkri- sich also nicht rechtzeitig aus der Bauan-

64 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
weisung für das Protein ausgliedern, und möglichkeiten eröffnete. Jede zufällige RNAs oder auf der genomischen DNA
sie bliebe nutzlos. In den meisten Fällen Mutation im entsprechenden DNA-Ab- lenken würden. Durch solche Interaktio-
käme dies einem Lahmlegen des zugehö- schnitt, die sich für den Wirtsorganismus nen mit RNA oder DNA entstehen tem-
rigen Gens gleich – mit schädlichen Fol- als nützlich erwies, blieb durch Selekti- porär Gebilde, die für bestimmte Prote-
gen für die Zelle. Bei Eukaryoten hinge- onsdruck erhalten. Intronsequenzen ine das Signal sein könnten, in Aktion
gen muss die Boten-RNA erst zu den konnten sich künftig eigenständig und zu treten.
Proteinfabriken außerhalb des Zellkerns parallel zu Proteinen weiterentwickeln. Vergleichbar den digitalen Bitfolgen
wandern. Dies gibt Intron-Abschnitten Kurzum: Die Aufnahme von Introns von Computern ermöglicht die kurze
Gelegenheit, sich rechtzeitig aus ihr he- in das Eukaryotengenom läutete mög- RNA-Basensequenz, welche die Adresse
rauszuschneiden. Eukaryoten können sie licherweise eine neue Runde molekula- verkörpert, äußerste Präzision. So etwas
daher in ihrem Erbgut leichter tolerieren. rer Evolution ein – auf der Basis von im Großen und Ganzen als natürliches
Solange Introns darauf angewiesen RNA statt Protein. Das angebliche Ge- digitales System zu betrachten ist keines-
waren, sich selbst aus den RNA-Abschrif- rümpel im Erbgut könnte so mehr und wegs weit hergeholt.
ten auszugliedern, konnten ihre Sequen- mehr echte genetische Funktionen er-
zen nicht stark von denen der Gruppe II worben haben, die es in Form seiner Unentbehrlich im Embryo
abweichen, ohne diese wichtige Fähigkeit RNAs ausübte. Die Indizien für die Existenz eines weit-
einzubüßen. Zu einem Quantensprung Sollte sich diese Hypothese bewahr- gespannten regulatorischen Netzwerks
kam es möglicherweise erst mit der Ent- heiten, so hieße das: Eukaryoten, beson- auf RNA-Basis sind überzeugend, wenn
wicklung des Spleißosoms: Dieser spezi- ders die komplexeren Formen, hätten ge- auch derzeit noch lückenhaft. In einem
alisierte Komplex aus kleinen katalyti- netische Betriebssysteme und regulative solchen System sollten sich viele Gene
schen RNAs und etlichen Proteinen hat Netzwerke entwickelt, die bei weitem einzig zu dem Zweck entwickeln haben,

a
r
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o
e
n
w

c
die Funktion, Introns aus Primärabschrif- raffinierter sind als die der Prokaryoten, für übergeordnete RNA-Regulatoren zu
ten zu entfernen. Damit waren sie der denn RNAs können parallel zu Protei- sorgen. Dies scheint tatsächlich der Fall
Last des Selbstspleißens enthoben, was nen regulatorische Informationen über- zu sein: Bei Säugetieren konnten inzwi-

ltäexhiötäerLkönte
p
ihnen wesentlich breitere Entwicklungs- mitteln. Dieses Arrangement erinnert an schen Tausende von RNAs identifiziert
hoch entwickelte informationsverarbei- werden, die nicht der Proteinsynthese
tende Systeme zur Netzwerkkontrolle in dienen, so genannte nicht kodierende
Computern oder im Gehirn. RNAs. Mindestens die Hälfte, vielleicht
Bei Prokaryoten, also echten Bakte- Weil Proteine in ihrem chemischen sogar mehr als drei Viertel aller Gen-Ab-
u rien und anderen Mikroben ohne und räumlichen Aufbau so vielfältig schriften fallen in diese Kategorie.
Zellkern, kodiert nur ein Bruchteil der sind, fallen ihnen naturgemäß funktio- Auch wäre zu vermuten, dass viele
DNA nicht für Proteine. Bei »Echtkernern« nelle Aufgaben in den Zellen zu. RNAs solcher RNAs in kleinere Signalmoleküle
hingegen, den Euk hst dieser hingegen eignen sich besser, wenn es um zerlegt werden, die dann verschiedene
überwiegend als funktionslos angesehe- das Übermitteln von Informationen oder Zieladressen des Netzwerks ansteuern.
ne Anteil im Allgemeinen mit der Kom- das Regeln von Aktivitäten geht, die das Und tatsächlich: Bei Pilzen, Pflanzen
der Organismen. Er aber Genom selbst betreffen. Sie können kur- und Tieren haben Forscher bereits Hun-
die eigentliche Grundlage der Komplexi- ze Adresssequenzen tragen, die sie sehr derte derartiger »mikroRNAs« entdeckt,
ebewesen sein. genau an ihren Zielbereich auf anderen die entfernten Introns oder größeren
nicht kodierenden RNAs entstammen.
Viele der Molekülstückchen steuern
das Timing entwicklungsbiologischer
Prozesse wie das Beibehalten des Stamm-
zellstatus, die Zellvermehrung und die
Apoptose (dieser programmierte Zell-
selbstmord spielt beim Umbau embryo-
Prozentsatz DNA ohne Proteininformation

naler Gewebe eine wesentliche Rolle).


Gewiss harren noch viele weitere kleine
regulatorische RNAs ihrer Entdeckung.
RNA-Signale, die auf andere RNAs,
DNAs oder Proteine abzielen, könnten

ÄRZ205
das genetische Programm einer Zelle in

M
LUCY READING; QUELLE: R. J. TAFT UND J. S. MATTICK

vielfältiger Weise beeinflussen. So ließe


sich zum Beispiel einer Reihe von Ziel-
genen rückmelden, dass gerade eine be-
stimmte proteinkodierende Sequenz ab-
geschrieben wurde, was eine parallele
Abstimmung der Expression der anderen
Gene ermöglichte. Wichtiger ist jedoch
Pro- einzellige Pilze und wirbellose Chorda- Wirbel- Mensch wohl, dass das RNA-Signalsystem als
karyoten Eukaryoten Pflanzen Tiere tiere tiere eine Art eingebauter genetischer Master-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 65
z
ä äää ü
GENOMIK

üä ü
Wie sich die Vorstellungen zur Genaktivität weiterentwickeln
Genexpression bei Bakterien Konventionelles Modell für Eukaryoten

Die DNA der Prokaryoten – echter Bakterien und Bei Organismen mit Zellkern verteilt sich die Proteininformation auf
Archaeen – umfasst nahezu ausschließlich Se- »Exons«, unterbrochen von oft langen »Introns«. Aktive Gene werden
quenzen mit Proteininformation. Von aktiven Pro- zun chst vollst ndig in RNA abgeschrieben. Beim anschließenden Splei-
teingenen werden RNA-Arbeitskopien abge- ßen schneidet die Zelle die Intronsequenzen heraus und verkn pft die
schrieben und noch w hrend ihrer Entstehung in Exons zu einer durchg ngig lesbaren Boten-RNA. Dieser Text wird im
Eiweißmolek le bersetzt. Ein Teil dieser Prote- Zellplasma in Protein bersetzt. Die herausgeschnittene Intron-RNA
ine reguliert wiederum die Aktivit t von Genen. dient keinem erkennbaren Zweck, sie wird abgebaut und recycelt.
Proteingen auf der DNA Proteingen auf der DNA

Exon Intron
Transkription Transkription

primäre
Genregulation

RNA-Abschrift RNA-Abschrift Spleißen

Translation
Genregulation

Abbau und
Protein
Recycling

Boten-RNA
Intron-RNA
Translation

beispielsweise
strukturelle und Protein
enzymatische
Funktionen

beispielsweise strukturelle und


enzymatische Funktionen

plan fungieren könnte, der Expressions- Acetylgruppen, anbringen und so bestim- ternative Spleißen ist der zweite Mecha-
muster in die richtige Richtung lenkt. men, welche Bereiche eines Chromosoms nismus, der es Zellen verschiedener Ge-
Damit ließen sich einige der größten für die Ablesemaschinerie zugänglich webe ermöglicht, trotz gleicher geneti-
Rätsel der Zelldifferenzierung und Ent- sind und welche stummgeschaltet blei- scher Ausstattung unterschiedliche Re-
wicklungsbiologie lösen. ben. Aktuelle Forschungsergebnisse zei- pertoirs an RNAs und Proteinen zu
Während der Embryonalentwicklung gen, dass RNA-Signale die Markierung erzeugen. Bei Säugetieren werden sogar
entsteht beim Menschen aus einer ein- des Chromatins und damit die Genex- die meisten der Primärabschriften, die
zelnen befruchteten Eizelle ein hoch- pression kontrollieren. ein Mosaik aus Proteinteilinformation
komplizierter Organismus aus schät- tragen, wahlweise zu einer anderen Bau-
zungsweise 100 Billionen Zellen mit de- Zellen haben die Wahl anweisung zusammengefügt. Ein Gen
finierter Lokalisation und Funktion. Das Eine Reihe von komplexen Prozessen, kann dadurch eben mehr als nur die eine

ÄRZ205
Muster an Genaktivitäten und erzeugten welche die Chromosomen etwa bei der Sorte Protein erzeugen.

M
Proteinvarianten, auf dem diese erstaun- Zellteilung oder der Bildung von Spermi- Alternatives Spleißen hat zwar funda-
liche Kreation basiert, hängt stark von en- und Eizellvorläufern betreffen, sowie mentale Bedeutung für die Entwicklung
zwei Mechanismen ab. verschiedenartige genetische Phänomene einer Pflanze oder eines Tiers. Dennoch
Der erste besteht in einer Modifika- hängen offenbar von biochemischen Sig- ist nicht geklärt, wie die Zelle entschei-
tion des Chromatins. So heißt der Kom- nalwegen ab, die in die so genannte Pro- det, welche der möglichen Proteinvarian-
plex von DNA und Proteinen, aus dem zessierung der RNA eingreifen. Das ten zu welchem Zeitpunkt gefertigt wer-
die Chromosomen bestehen. An beiden Spleißen – als ein Teil dieser Bearbeitung den sollen. Bisher wurden nur wenige
Komponenten kann die Zelle lokal che- – erfolgt nicht immer in derselben Weise. spezifische Eiweißstoffe identifiziert, die
mische Markierungen, etwa Methyl- und Es gibt oft Wahlmöglichkeiten. Dieses al- das alternative Spleißen bestimmter Gene

66 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
ö
Neues Modell
für Eukaryoten
Gen auf der DNA

flm
Einige Intron-RNAs und Exon Intron
Transkription
selbst einige der ge-
spleißten Exon-RNAs

ögliceiszusätzli
k nnten direkt bei der

Genregulation
Genregulation mitwir- primäre
ken, indem sie mit der RNA-Abschrift
Spleißen
DNA, anderen RNAs
oder Proteinen interagie-
ren. Indem sie die Prote-
inproduktion auf ver-
schiedenen Ebenen der Abbau und
zusammengebaute Exon-RNA Intron-RNA
Genregulation

Recycling
Genexpression beein-
ussen, geben RNAs,
die keine Proteininforma-
tion tragen, der Zelle
Weiter-
herw bearbeitung
che genetische Anwei-
sungen.
Boten- Bearbeitung
RNA
Translation

Protein mikroRNAs
und andere
kleine RNAs
nicht für Protein
kodierende RNA

nicht für nicht für nicht für


regulatorische regulatorische regulatorische

TERESE WINSLOW
Funktionen Funktionen Funktionen

steuern. Daher gehen die Wissenschaftler konserviert. Verschiedenen Forschergrup- und einen Bauplan. Im Fall der biologi-
gewöhnlich davon aus, dass ein fein ab- pen gelang es, mit künstlichen RNAs, die schen Systeme sind dagegen beide Typen
gestimmter Cocktail von allgemein zu- als passgenaue Gegenstücke bestimmte von Information im gleichen Programm
ständigen Proteinfaktoren das alternative Übergänge besetzen, das Spleißmuster zu verschlüsselt, der DNA-Sequenz.
Spleißen kontextabhängig aktiviert oder verändern. Dies klappte nicht nur bei Die Moleküle, aus denen sich der
unterdrückt. Überzeugende Belege, die Zellkulturen, sondern sogar im Tierexpe- Organismus aufbaut, sind selbst bei ver-
diese Annahme stützen, fehlen aber. riment. Es ist durchaus plausibel, dass schiedenen Spezies sehr ähnlich. Etwa 99
Ein attraktiverer Mechanismus, zu- dieser Mechanismus auch natürlicherwei- Prozent der Proteinsorten im menschli-
dem wahrscheinlicher, wäre die direkte se vorkommt und nur bisher nicht nach- chen Körper finden sich in zumindest
Regulation durch RNAs. Diese Moleküle gewiesen werden konnte. vergleichbarer Form auch bei Mäusen
könnten das Spleißen besonders flexibel Solche Erwägungen führen zwangs- und umgekehrt. Viele dieser Eiweißstof-

ÄRZ205
und genau steuern, indem sie bestimmte läufig zu der allgemeineren Frage, welche fe haben zudem bei anderen Tieren ihre

M
Sequenzen des Primärtranskripts markie- Art und Menge von Informationen es Äquivalente, und solche für grundlegen-
ren oder blockieren, um dem Spleißosom braucht, um das Entwicklungsprogramm de Zellfunktionen sind sogar bei allen
vorzugeben, welche Abschnitte es zu ei- eines höheren Organismus zu spezifizie- Eukaryoten konserviert. Die offensichtli-
ner Boten-RNA zusammenstellen soll. ren. Zur Konstruktion komplexer Struk- chen Unterschiede im Körperbau ver-
Dafür spricht beispielsweise, dass die Se- turen, seien es Gebäude oder Tiere, be- schiedener Tierarten rühren also sicher-
quenzen der Intron-Exon-Übergänge, an darf es zweierlei Angaben, nämlich wel- lich im Wesentlichen von unterschiedli-
denen alternatives Spleißen auftritt, oft- che Bauteile verwendet werden und wie chen Vorgaben ihres Bauplans her.
mals evolutionären Veränderungen wi- man sie montiert. Im Fall eines Hauses Aus welchen Komponenten ein Or-
derstanden haben. Sie wurden regelrecht hat man eine Liste für das Baumaterial ganismus besteht, bestimmen zweifellos

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 67
GENOMIK z
Proteingene, doch wo steckt die Archi-
tekturinformation? Bislang herrscht die
formationen reserviert werden. Dieses
nichtlineare Verhältnis von Regulation
in kürzester Zeit aus vergleichsweise sehr
einfachen Lebensformen eine atembe-
Auffassung vor, die Instruktionen für und Funktion ist offenbar eine Eigen- raubende Vielfalt wirbelloser Tiere. Die-
den Bau komplexer Organismen seien ir- schaft sämtlicher integrierten Systeme. se Erkenntnisse lassen sogar auf eine all-
gendwie in den unterschiedlichen Kom- Sie alle stoßen daher in ihrer Evolution gemeinere, über die Biologie hinaus-
binationen regulatorischer Faktoren von irgendwann an ein immanentes Komple- gehende Regel schließen: Organisierte
Zellen enthalten – das heißt darin, wie xitätslimit, wenn sie nicht völlig andere Komplexität ist eine Funktion regulato-
und wann welche regulatorischen Protei- Steuerungsmechanismen einführen. rischer Information. In praktisch allen
ne untereinander und mit DNA und Tatsächlich wächst die Zahl der regu- Systemen, nicht nur biologischen,
RNAs interagieren. Zwar ist eine fast latorischen Proteine bei Bakterien vor- kommt es zur explosiven Zunahme der
endlose Zahl solcher Kombinationsmög- hersagegemäß mit dem Quadrat der Ge- Komplexität, wenn bessere Steuerungs-
lichkeiten denkbar, doch dürfte, wie Da- nomgröße. Eine Extrapolation der beob- mechanismen und integrierte Vernetzun-
niel C. Dennett von der Tufts-Universi- achteten Werte zeigt, dass die theoreti- gen eingeführt werden.
tät in Medford bemerkte, die Mehrzahl sche Genomgröße, bei der die Zahl der
davon entweder chaotische Folgen haben benötigten neuen Regulatoren die der Redigieren der Abschrift
oder bedeutungslos sein. möglichen neuen Gene übersteigt, recht Möglicherweise haben wir bisher völlig
Dies bringt die Biologie in einen Er- genau an der tatsächlichen Obergrenze missverstanden, wie das Genom pro-
klärungsnotstand, denn jeder Organis- von Bakteriengenomen liegt. grammiert ist und worauf die individuel-
mus muss bei seiner Embryonalentwick- Die Komplexität der Prokaryoten war le und zwischenartliche Variation von
lung auch im Lauf der Evolution die sen- daher während der gesamten Evolution Merkmalen beruht. Die genannte Regel
siblen und wettbewerbswichtigen Wege möglicherweise durch den immanenten impliziert, dass der Großteil des Genoms
präzise einhalten – sonst stirbt er. Kom- Regulationsbedarf limitiert – und nicht höherer Organismen gar kein DNA-
plexität zu generieren ist verhältnismäßig wie gemeinhin angenommen durch öko- Müll sein kann, sondern wichtige Funk-
einfach, sie unter Kontrolle zu halten je- logische oder biochemische Faktoren. Zu tionen erfüllt. Somit unterliegt er auch
doch nicht, denn dazu benötigt man dieser Folgerung passt, dass in der weit- evolutionären Zwängen.
eine enorme Menge regulatorischer In- aus längsten Zeit der Geschichte des Le- Die jüngste überraschende Erkennt-
formation. bens zunächst ausschließlich Mikroben nis hierzu besteht darin, dass die Geno-
Intuition und mathematischen Über- auf der Erde existierten. Mittels Protein- me von Wirbeltieren tausende nicht für


ltfe
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legungen zufolge dürfte der Steuerungs- kombinatorik allein war es nicht mög- Proteine kodierende Sequenzen enthal-

le
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aufwand nichtlinear, etwa mit dem Qua- lich, die Komplexität weiter zu heben. ten, die seit Jahrmillionen praktisch un-
drat der Genzahl steigen. Mit zuneh- Eukaryoten müssen eine Lösung für verändert beibehalten wurden. Diese

rd
ürf
mender Komplexität eines Systems muss dieses Problem gefunden haben. Der DNA-Bereiche sind sogar wesentlich

ü
also ein immer größerer Anteil der ver- Aufstieg der Vielzeller, der vor etwa einer besser konserviert als die Abschnitte für
fügbaren Kapazität für regulatorische In- Milliarde Jahren begann, ist wohl dem Proteine – ein ganz unerwartetes Ergeb-
Übergang zu einer neuartigen Steuerar- nis. Welcher Mechanismus sie quasi ein-
chitektur zu verdanken, die weit gehend gefroren hat, ist unbekannt, doch ihre
auf eigenen digitalen RNA-Signalen be- extreme Konstanz legt nahe, dass sie
So das V - ruht (siehe Grafik rechts oben). Zumin- auch für unsere Biologie eine entschei-
u gefaltet sein, aus dem Zel- dest könnte diese logische, aus verschie- dende Rolle spielen. Im Genom höherer
len mehrere mikroRNAs (blau) heraus- denen Indizien ableitbare Hypothese die Organismen sind demnach die reinen
schneiden. Seine Struktur te eine Art so genannte kambrische Explosion erklä- Proteininformationen keine Oasen in ei-
Schnittmuster diese kleinen Signal- ren. Damals, im Kambrium vor etwa ner Wüste nutzlosen DNA-Schrotts, son-
RNAs vorgeben. 520 Millionen Jahren, entwickelte sich dern eher Inseln in einem Ozean regula-
torischer Information, die zum großen
Teil in Form von RNA übermittelt wird.
Die Existenz eines weit verzweigten
Steuersystems auf RNA-Basis hat vielfäl-
ALICE CHEN; AUS: NELSON C. LAU ET AL.; SCIENCE, BD. 294, 26. OKTOBER 2001

tige Konsequenzen auch für die Medika-


miR-39
mentenentwicklung und die genetische
Diagnostik. Klassische Erbkrankheiten
wie die Mukoviszidose oder die Sichel-
miR-37
miR-38 zellanämie beruhen auf einem schwer

Ä
M
RZ205
wiegenden Defekt in einem Protein. Vie-
le, wenn nicht die meisten genetischen
miR-36 Variationen jedoch, die zum Beispiel
miR-40
über die Anfälligkeit für bestimmte Er-
krankungen oder die Unverträglichkeit
miR-35 gegenüber einzelnen Medikamenten ent-
scheiden, sind wahrscheinlich eher in
5’ 3’ miR-41
den nicht kodierenden regulatorischen

68 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
Tiere Pflanzen Pilze

vielzellige
Organismen
Entstehung eines
neuen regulatorischen
Komplexität

Systems?
einzellige
Eukaryoten

einzellige
Organismen Eubakterien

o
m
pl
i
ä
t
e
xs
.
Archaeen (Archaebakterien)

LUCY READING
4000 3000 2000 1000 Gegenwart
Jahrmillionen vor heute

rklä
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n
,
Über mehrere Milliarden Jahre be- Introns gemeinhin als molekulare Parasi- neues Komplexitätsniveau der RNA-
o herrschten einzellige Organismen, ten, die unser Genom im Lauf der Evo- Prozessierung entstehen, sodass die neu-
vor allem Prokaryoten, die Erde. Mit dem lutionsgeschichte in mehreren Wellen ronalen Schaltkreise eine zuvor nicht re-
Auftreten vielzelliger Lebewesen kam es kolonisierten. Zunächst waren sie wohl alisierbare Dynamik und Plastizität zu
zu einem regelrechten K wenig willkommene Gäste, doch nach- erreichen vermochten. Vielleicht legte
schub, begleitet von einer raschen Diver- dem sie sich in die Gemeinschaft einge- dies den Grundstein für die Entwick-
sifizierung. Dies, wie auch der Sprung in fügt hatten, begannen sie und ihre Nach- lung von höheren kognitiven Prozessen
die Vielzelligkeit, ließe sich durch die Ent- kommen zunehmend aktiver in die wei- beim Menschen.
wicklung eines neuartigen genetischen tere Entwicklung einzugreifen, sie zu Wenn wir verstehen, wie die umfang-
Regulationssystems das sich im gestalten und sich mit ihr zu verändern. reiche und höchst raffinierte regulatori-
vermeintlichen DNA-Schrott verbirgt. Guten, wenn auch bisher lückenhaf- sche Architektur in den Genomen kom-
ten Indizien nach tragen Transposons zur plexer Organismen funktioniert, erhellt
Evolution und genomischen Regulation sich vielleicht auch das Problem, wie
höherer Organismen bei. Sie könnten bei selbstreproduzierende und selbstprogram-
Bereichen unseres Genoms zu suchen, der so genannten epigenetischen Verer- mierende Systeme zu konzipieren sind –
die Wachstum und Entwicklung steuern. bung – der Modifikation genetischer also künstliche Intelligenz und künst-
(Varianten einiger nicht kodierender Merkmale – eine zentrale Rolle spielen. liches Leben, die ihren Namen wirklich
RNAs wurden bereits mit Erkrankungen Im Juli 2004 berichteten überdies Erev Y. verdienen. In den als Schrott verkannten
wie B-Zell-Lymphomen, Lungenkrebs, Levanon von der Firma Compugen und Genombereichen mag sich das Geheim-
Prostatakrebs, Autismus und Schizophre- seine Kollegen an anderen Institutionen nis der menschlichen Natur verbergen –
nie in Zusammenhang gebracht.) über eine aufregende Entdeckung in Ver- und darin eine Anleitung zur Program-
Solche Defekte lassen sich mit den bindung mit einem Prozess, der fachlich mierung komplexer Systeme allgemein.
Methoden der molekulargenetischen A-zu-I-Editing heißt. Dabei wird der von
Epidemiologie nicht so leicht identifizie- der DNA abgeschriebene Text an einer
ren. Sie dürften auch nicht zwangsläufig bestimmten Stelle nachträglich redigiert: John S. Mattick ist Professor
einfacher zu beheben sein. Die Erfor- statt A (die Base Adenin) steht dann I für Molekularbiologie und Leiter
schung dieses Regulationssystems könn- (die seltene Base Inosin). Dies kommt des Instituts für Molekulare Bio-
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
wissenschaften an der Universi-
te jedoch letztlich für das Verständnis beim Menschen – wie die Forscher beob- tät von Queensland. Er war auch
unserer physischen und psychischen In- achteten – etwa hundertmal häufiger vor Gründungsdirektor des Australi-
dividualität oder der Merkmalsausprä- als bisher angenommen. Zudem betrifft schen Genomforschungsinstituts und entwickel-
gung bei Tieren und Pflanzen entschei- es dort mehrheitlich spezielle Wiederho- te den ersten gentechnischen Impfstoff des Kon-
tinents. 2003 erhielt er die Centenary Medal der
dend sein. Vielleicht ist dies auch der lungssequenzen namens Alu-Elemente in
Australischen Regierung.
Auftakt zur Entwicklung höchst raffi- nicht kodierenden RNAs. Redigiert wird
nierter medizinischer Ansätze sowie in- besonders in Gehirnzellen. Fehler in die- Challenging the dogma: the hidden layer of non-
coding RNAs in complex organisms. Von John S.
novativer gentechnischer Eingriffe bei sem Prozess stehen offenbar im Zusam-

Ä
M
RZ205
Mattick in: BioEssays, Bd. 25, Nr. 10, S. 930, Ok-
Nutztieren und Pflanzen. menhang mit Erkrankungen wie Epilep- tober 2003
Ein weiterer Batzen des vermeintli- sie und Depression.
Noncoding RNAs: molecular biology and molecu-
chen evolutionären Schrotts nimmt etwa Zwar ist das A-zu-I-Editing in ge- lar medicine. Von J. Barciszewski und V. A. Erd-
40 Prozent des menschlichen Genoms wissem Umfang bei allen Tieren nach- mann (Hg.). Landes Bioscience/Eurekah.com.
ein: So genannte Transposons und repe- weisbar, Alu-Sequenzen jedoch stellen Georgetown, Texas, 2003
titive genetische Elemente, auch bekannt eine Besonderheit der Primaten dar. Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
als springende Gene beziehungsweise Möglicherweise konnte mit der Aufnah- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Wiederholungssequenzen, gelten wie die me dieser Elemente in ihr Genom ein

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 69
ARCHÄOLOGIE z
Die Vernichtung
der Vergangenheit
Im Bagdader Nationalmuseum herrscht heute relative Ruhe.
Aber das Weltkulturerbe des alten Mesopotamien im restlichen
Irak ist weiterhin nahezu ungeschützt Plünderungen und
Zerstörung ausgeliefert. Der Antikenhandel profitiert davon.

Von Walter Sommerfeld sowie historische Denkmäler – von den die katastrophale Sicherheitslage steht
»schlimmsten Zerstörungen seit dem seither im Vordergrund der Berichte.

A
ls im April 2003 die Bilder Mongolensturm« und der »systemati- Wie sieht die Bestandsaufnahme
der Verwüstung des National- schen Zerstörung der Kultur des Irak« zwei Jahre nach dem Krieg aus? Wie soll
museums in Bagdad um die war die Rede. es weitergehen unter Besatzung und Wi-
Welt gingen, war die Öffent- Es folgten dann die nicht weniger derstand, Chaos, Kriminalität, Mafia,
lichkeit schockiert. Die Besatzungsmäch- dramatischen Berichte über die landes- horrender Arbeitslosigkeit, Islamismus
te hatten tagelang Plünderungen und weite Ausplünderung der archäologi- und Terrorismus? Eine der wichtigsten
Brandschatzungen zugelassen, die die In- schen Stätten – das Weltkulturerbe der Maßnahmen stellte der Umbau des Na-
frastruktur des Staates verwüsteten. Be- Sumerer, Babylonier und Assyrer war tionalmuseums in Bagdad zu einem
troffen waren auch kulturelle Einrich- durch flächendeckende Raubgrabungen Hochsicherheitstrakt dar. Heute gleicht
tungen. Nicht nur das Nationalmuseum, gefährdet. Danach wurde es in den Me- es einer Festung. Vorbei sind die Zeiten,
sondern ebenso Universitäten, Bibliothe- dien relativ still – nicht der Untergang als man mit dem Auto einfach auf den
ken, Archive, Kunst- und Kulturzentren des kulturellen Erbes, sondern vor allem Hof vor das Hauptgebäude fuhr. Die
WALTER SOMMERFELD

70 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
Zugänge sind verschlossen, lediglich in pischen Klimas. Die meiste Zeit hatte
weiter Entfernung vom Museumsein- das Museum nicht einmal eine Klimaan-
gang gibt es einen Einlass, an dem jedes lage, obwohl diese seit 1990 bezahlt und
Auto, jede Tasche sorgfältig kontrolliert exportfertig in einem japanischen Hafen
wird, und erst nach gründlicher Leibes- lag – als »Dual-use«-Produkt fiel sie da- Aus urheberrechtlichen Gründen
visitation und Befragung wird Zutritt mals unter die Wirtschaftssanktionen. können wir Ihnen die Bilder leider
gewährt. Strenge Sicherheitsvorkehrun- Man hätte damit ja auch eine Chemiefa- nicht online zeigen.
gen gegen Raub, Überfälle, Anschläge brik kühlen können. Als Folge solcher
haben im »neuen, befreiten Irak« höchs- Bedingungen sind allein von der Tonta-
te Priorität bekommen. felsammlung, die ungefähr 70 000 Keil-
Vor zwei Jahren war das Museum in schrifttexte umfasst und die von den
einem schlimmen Zustand. Bei den ta- Plünderern übersehen worden war, in-
gelangen ungestörten Plünderungen wa- zwischen etwa vierzig Prozent beschädigt
ren die Magazine ausgeraubt worden. In oder völlig zerfallen.
wildem Vandalismus hatten die Plünde- Eines der bedeutendsten Museen der
rer außerdem fast die gesamte Einrich- Welt war damit zur Ruine verkommen.
tung zertrümmert. Türen und Fenster Die Hilfsmaßnahmen haben inzwischen
wurden aus den Angeln, Elektrokabel eingesetzt und bereits gute Erfolge gezei- Aus urheberrechtlichen Gründen
aus den Wänden gerissen, Karteikarten tigt. Die Innenräume sind renoviert und können wir Ihnen die Bilder leider
und Dias verstreut und zertreten, sodass werden nach und nach modern einge- nicht online zeigen.
erst eine vollständige Neueinrichtung richtet. Die systematische Dokumenta-
das Museum wieder funktionstüchtig tion der Archivbestände und auch die
machen konnte. Glück im Unglück: Die Restaurationsarbeiten haben begonnen.
alles vernichtende Brandschatzung blieb Führende internationale Museen betei-
aus, Inventarbücher, Grabungsdoku- ligten sich daran, zahlreiche Regierungen
mentationen und Buchbestände sind er- und Institutionen haben Finanz- und
halten. Sachmittel bereitgestellt, Fachleute ka-
men vor Ort, um Restauratoren auszu-
Gefährliche Klimaanlage bilden. Zusätzlich wurde inzwischen Geplündert und verwüstet: das ira-
Von insgesamt ungefähr einer halben mehr als zwanzig Angestellten eine o kische Nationalmuseum in Bagdad
Million Objekten, die das Museum be- mehrmonatige Schulung im Ausland er- im April 2003 (ganz oben). Inzwischen
herbergte, sind definitiv um die 10 000 möglicht, um den Rückstand an Erfah- wird das Bauwerk schärfstens bewacht
Stücke gestohlen worden – darunter ei- rung und technologischen Kenntnissen (oben).
nige sehr wertvolle Sammlungen. Etwa aufzuholen. Auch Deutschland steht
die doppelte Anzahl wurde bei den nicht abseits: Das Deutsche Archäologi-
Plünderungen beschädigt oder zerstört, sche Institut in Berlin hat mit Finanz-
doch vieles wird sich restaurieren lassen. mitteln des Auswärtigen Amts für die wichtigsten Stätten der jahrtausendelang
Die Verluste waren ursprünglich noch Tontafelsammlung 68 Spezialschränke blühenden sumerischen und babyloni-
größer, in der Zwischenzeit wurden je- angeschafft. Das Konzept sieht vor, das schen Hochkultur liegen. Man hat sie
doch einige tausend Objekte konfisziert Iraq Museum in einigen Jahren auf einen praktisch aufgegeben und als Beutegut
oder zurückgebracht. Diese Angaben be- modernen internationalen Standard zu der lokalen Bevölkerung überlassen. Die-
ruhen allerdings wiederum nur auf einer bringen. se holt nun unermüdlich aus dem Boden
Zwischenbilanz, denn die genaue Be- Dennoch bereitet sich die Museums- heraus, was sie finden kann – befeuert
standsaufnahme ist angesichts der Fülle direktion schon wieder auf Schlimmeres vom unersättlichen internationalen An-
des Materials noch längst nicht abge- vor. Die innere Lage im Irak ist hochex- tikenhandel und in Unkenntnis des un-
schlossen. plosiv, jederzeit können auch in Bagdad wiederbringlichen Verlustes, der so ange-
Weniger spektakulär, aber dennoch Aufstände ausbrechen. Wenn das Land richtet wird.
sehr bedrohlich waren die Schäden, die im Chaos versinkt, ist wohl eine neue Inzwischen hat die Plünderung des
während des 13 Jahre dauernden Embar- Welle von Plünderungen zu erwarten. altorientalischen Weltkulturerbes gerade-
gos entstanden waren: durch Vernachläs- Um die Bestände diesmal besser zu si- zu industriellen Maßstab angenommen.
sigung, fehlende Laborausstattung oder chern als vor dem letzten Krieg, wurden Tag für Tag, Nacht für Nacht ziehen ge-
durch die Einflüsse des extremen subtro- deshalb vor einigen Monaten die Maga- genwärtig hunderte, wenn nicht tausen-

Ä
M
RZ205
zine zugemauert. de Raubgräber auf die Ruinen, durch-
Nicht allzu weit außerhalb der wühlen und zerstören sie und hinterlas-
Hauptstadt ereignet sich mittlerweile sen eine Mondlandschaft (siehe Bild
Die babylonische Metropole Isin im unter den Augen der Besatzungsmächte links). Die lokalen Händler fahren
l Jahr 2003: von Raubgräbern in eine eine Katastrophe, deren Ausmaß jede manchmal mit Lastwagen vor und trans-
Kraterlandschaft verwandelt. Die Schä- Vorstellungskraft sprengt. Die Alliierten portieren das Beutegut ab. Im Süden des
den der letzten beiden Jahre sind größer haben im Südirak keine Kontrolle mehr Landes wird eine große sumerische oder
als die aus den 150 Jahren zuvor. über einige jener Gebiete, in denen die babylonische Stadt nach der anderen in

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 71
TÜRKEI

SY R I E N
ARCHÄOLOGIE

Mossul

Assur
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100km
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sg
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l b
stä
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g Isin ist neben Babylon, Assur und
Uruk die bedeutendste deutsche
te in Mesopotamien. Die
Stadt war Anfang des 2. Jahrtausends v.
Chr. Hauptstadt Babyloniens.
Geiselhaft unversehrt wieder freigelas-
sen – wollte mich begleiten. Er beschloss
dann nach meinem Rückzieher, alleine
die Verhältnisse zu erkunden, und
schickte mir anschließend folgenden
Kurzbericht:
»Ich fuhr nach Diwanija allein mit
meinem Fahrer. Wir trafen dort seinen
Tig
ris

Eu IRAN hatte ich dort bei den letzten beiden Cousin, blieben eine Stunde bei ihm
ph
ra
t
Ausgrabungen 1988/89 mitgearbeitet und aßen zu Mittag. Wir hatten vor, da-
BAGDAD und dann das Schicksal der Ruine wäh- nach mit dem Direktor des Antiken-
IRAK rend des Embargos verfolgt. dienstes zu sprechen. Da erhielt der
Babylon
Einige Besuche in den 1990er Jah- Cousin den Hinweis, dass eine Gruppe
EMDE-GRAFIK / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Diwanija
Isin ren konnte ich zwar nur unter dem Be- von Leuten auf der Suche nach dem
Uruk gleitschutz von bewaffneten Soldaten Auto mit dem Journalisten war, weil sie
SAUDI- unternehmen – auch damals waren die uns angreifen wollten. Wir mussten vom
ARABIEN Basrah südirakischen Stammesgebiete sehr un- Mittagessen aufspringen und fliehen, so
sicher –, aber Isin lag unberührt in der schnell wir konnten. Ich will eine ande-
moderne Städte ländlichen Abgeschiedenheit – wie Jahr- re Gelegenheit herausfinden, nach Isin
Grabungsstätten KUWEIT tausende zuvor. zu gelangen, ohne dabei getötet zu
Bei meinem letzten Besuch im Janu- werden.«
kurzer Zeit völlig umgepflügt, dutzende ar 2003 erlebte ich jedoch einen gewalti-
sind schon nahezu vollständig von der gen Schock. Dutzende riesiger Raublö- Eldorado für Raubgräber
Oberfläche verschwunden. Das alte Su- cher, viele mehrere Meter tief, ein Netz- Nicht überall im Irak herrschen die glei-
mer wird deshalb bald vollständig verlo- werk von unterirdischen Stollen und chen katastrophalen Verhältnisse. Im
ren sein. Altorientalische Antiquitäten, Tunneln hatten den Kernbereich der al- Norden, wo die Zerstörungen insgesamt
die das Sammlerherz erfreuen, sind ten Hauptstadt in eine Kraterlandschaft ohnehin geringer waren, werden die al-
durch das große Angebot so preiswert verwandelt. Der Fortgang der Zerstörun- ten Hauptstädte der Assyrer – Ninive,
geworden, dass sie für fast jedermann er- gen durch Raubgräber nach dem letzten Nimrud und Assur – jetzt durch Wach-
schwinglich sind. Der wahre Preis – die Krieg ist dann von einigen Journalisten, posten geschützt. Allerdings ist auch hier
Vernichtung der ersten Hochkultur der aber auch von fachkundigen Archäolo- an die Wiederaufnahme wissenschaftli-
Menschheit – wird dabei billigend in gen verfolgt worden, vorzugsweise aus cher Forschung nicht im Entferntesten
Kauf genommen. Die Schäden, die in- der Luft, denn die Anreise über Land ist zu denken. Vor einigen Monaten wurde
nerhalb der letzten beiden Jahre auf die- inzwischen kaum noch möglich. Augen- der Leiter der irakischen Ausgrabungen
se Weise entstanden, sind um ein Vielfa- zeugen berichteten von zeitweise Hun- von Assur auf dem Weg zu dieser Stätte
ches größer als alle diejenigen, die zuvor derten von Raubgräbern, die den flie- von Wegelagerern angeschossen. Nur
in insgesamt 150 Jahren Raubgrabungs- genden Zaungästen fröhlich zuwinkten, wenig später erlag er im Koma seinen
geschichte angerichtet wurden. denn es war ihr Land, in dem sie sich schweren Verletzungen.
völlig sicher fühlten. Die Zerstörungen, Im Zwischenstromland liegen die
Metropole im Stammesgebiet die vor zwei Jahren nur den Kernbereich Wurzeln der Schrift, der Mathematik,
Mit am schlimmsten betroffen ist Isin, erfasst hatten, erstrecken sich inzwischen der Astronomie, der Grundzüge einer ar-
eine uralte sumerische Metropole, die über das gesamte Ruinengelände. beitsteiligen Gesellschaft. All das, was
zwei Jahrhunderte lang (von 2000 – 1800 Meine beiden letzten Versuche, im aus unserer modernen Welt gar nicht
v. Chr.) das politische und kulturelle März 2004 nach Isin zu gelangen, schei- mehr wegzudenken wäre – hier nahm es
Zentrum Babyloniens war. Isin ist neben terten an dem Umstand, dass ich diese seinen Anfang, und nur hier können die

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er
Babylon, Assur und Uruk die wichtigste Inspektion aller Wahrscheinlichkeit nach Ursprünge unserer Kultur erforscht wer-



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deutsche Ausgrabungsstätte in Mesopo- nicht überlebt hätte. Ein irakischer Vor- den.


ln
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tamien; von 1973 bis 1989 haben Ar- bote, der die Verhältnisse vor Ort erkun- Die aus Lehmziegeln errichteten Ge-
chäologen unter Barthel Hrouda, dem den sollte, kehrte um; zuvor war ein an- bäude dieser antiken Stätten und Städte

ö
rd
icM
langjährigen Leiter des Instituts für Vor- derer Bekannter auf dieser Strecke er- sind zwar zerfallen, aber ihre Grundrisse
derasiatische Archäologie der Universität schossen worden. Die Situationsanalyse sind im Boden erhalten. Straßen und
München, systematisch in der quadrat- mit dem Chef einer irakischen Sicher-

Ä
RZ205
kilometergroßen Ruine die Relikte aus heitstruppe, der mich mit zwei gepanzer-
der Zeit der frühen Hochkultur ausge- ten Geländewagen und einigen bewaff-
graben. neten Bodyguards dorthin führen wollte, Vor dem Ansturm der R
Vierzig Kilometer von der Provinz- ergab, dass eine Schlacht mit den Stam- r te das hner Institut
hauptstadt Diwanija entfernt, liegt Isin meskriegern zu erwarten war. Vorderasiatische Arc wissen-
mitten im Stammesgebiet und ist nur Ein amerikanischer Journalist – er schaftliche Ausgrabungen durch. Hier
von Ortskundigen auf schwierigen Pis- wurde später im Südirak von Aufständi- eine Ansicht des hen Teils des
ten zu erreichen. Als Inschriftenforscher schen entführt, aber nach einigen Tagen Stadtgebiets

72 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
Plätze, die Stadtmauern, Ruinen von melleidenschaft fehlte. Die technischen grabungen, in neue Zerstörung. Die
Tempeln, von Palästen der Reichen und Hilfsmittel, die der Landbevölkerung zur Gier der Sammler, weit entfernt vom
Behausungen der einfachen Leute, die Verfügung standen, konnten außerdem Überlebenskampf der irakischen Bevöl-
Handwerksbetriebe, Bibliotheken und nicht die großflächigen Schäden bewir- kerung, die astronomischen Gewinn-
Verwaltungsarchive, Kunst und Alltags- ken, die jetzt zu verzeichnen sind. spannen der Händler, vergleichbar nur
gerät – all das, was die Menschen, die Nach der Unabhängigkeit Iraks im mit den Profiten aus dem Rauschgift-
dort einst lebten, erschaffen und zurück- Jahr 1932 nahm sich der neu aufgebaute und Menschenhandel, das rechtliche Va-
gelassen hatten, ließe sich von den Ar- Antikendienst der Pflege des Kulturerbes kuum schaffen erst die Voraussetzungen
chäologen entdecken. an. In den Jahrzehnten bis 1990 war es für dieses Desaster. Der internationale
Die Zahl der registrierten antiken durch vorbildliche Gesetze und effektive Antikenmarkt, der Milliardenumsätze
Orte beläuft sich auf 10 000, ihr Ge- Schutzmaßnahmen bestens gesichert. macht, lässt sich nicht so ohne Weiteres
samtumfang wird auf 100 000 geschätzt. Weder gab es illegale Grabungen noch an seinen Geschäften hindern, und seine
Kaum eine andere Nation der Erde ver- Museumsdiebstähle oder einen Schwarz- Lobby ist höchst aktiv.
fügt in dieser Dichte über historische markt für Antiquitäten. Einige reiche Privatsammler haben
Hinterlassenschaften. Der Irak ist gera- sich in den letzten zehn Jahren solch um-
dezu ein einziges archäologisches Gelän- Die Wurzel des Übels fangreiche Sammlungen zusammenge-
de – und unter den jetzigen Umständen Das Desaster setzte 1990 als Folge der kauft, dass diese in ihrer Bedeutung an
ein Eldorado für Raubgräber. Besetzung von Kuwait ein. In den Wir- die Kollektionen der großen Museen he-
Raubgrabungen haben in der Region ren nach dem Golfkrieg wurden einige ranreichen, die ihre Bestände während
eine lange Tradition. Das große Interes- Provinzmuseen geplündert: Ihre Bestän- der Kolonialzeit füllten. Als »Schurken-
se, das die Wiederentdeckung des Alten de verschwanden – insgesamt über 4000 staat« hatte der Irak natürlich keine Lob-
Mesopotamien seit der Mitte des 19. Objekte. Bis heute sind nur wenige Stü- by, und es gab zur wirksamen Unterbin-
Jahrhunderts im Abendland findet, zog cke wieder aufgetaucht. dung dieser Raubzüge keine rechtlichen
nicht nur die Archäologen ins Land, die Durch das Embargo verarmte die Be- Maßnahmen.
Funde aus lizenzierten Kampagnen ins völkerung in unmenschlicher Art und Der irakische Antikendienst war
Ausland schafften. Zehntausende Objek- Weise. Die Wurzel des Übels liegt indes- schlecht ausgestattet. Das Embargo-
te wurden heimlich ausgegraben und fül- sen nicht bei den hungernden Bauern, regime verhinderte die Lieferung mo-
len heute weltweit die Museen. Das die mit antiken Stücken ein paar Dollar derner technischer Geräte, die – wie
Sammeln altorientalischer Antiquitäten verdienen können, sondern im florieren- schnelle geländegängige Fahrzeuge oder
war damals allerdings vor allem eine den Antikenhandel. Ohne diesen Markt Helikopter – eine effektive Unterbin-
Liebhaberei exklusiver Kreise. Die Dyna- gäbe es keine Raubgrabungen. Jeder dung ermöglicht hätten. Hilfe und Un-
mik der modernen profitmaximierenden Euro, der für solche Funde ausgegeben terstützung aus dem Ausland verstießen
Vermarktung und der grenzenlosen Sam- wird, fließt unmittelbar in neue Raub- nur zu oft gegen die Embargobestim-
ISIN-PROJEKT DES INSTITUTS FÜR VORDERASIATISCHE ARCHÄOLOGIE, LMU MÜNCHEN

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
Ä
M
RZ205 73
ARCHÄOLOGIE z
mungen. Zwar unternahmen die Behör-
den verzweifelte Anstrengungen, die
der Suche nach verkäuflichen Objekten,
die vielleicht nicht einmal ein Prozent
Die Detektivarbeit der Archäologie
holt die versunkenen Hochkulturen ins
wichtigsten historischen Stätten zu des gesamten archäologischen Bestandes helle Licht. Dies ist allerdings nur mög-
schützen, was in vielen Fällen auch ge- ausmachen, werden bis zu hundert Pro- lich, wenn jedes auch noch so unschein-
lang. Aber angesichts der großen Zahl zent der Informationen vernichtet. bare Indiz an dem Ort geblieben ist, an
antiker Ruinen blieb die Rettung aller Wissenschaftliche Ausgrabungen ge- dem es vor Jahrtausenden zurückgelassen
Stätten ein aussichtsloses Unternehmen. hen sorgfältig zu Werke und sichern je- wurde. Alles ist wichtig: die Lehmziegel
Vertrieb man die Raubgräber von einer des Detail, um daraus in minutiöser Ar- der Hausruinen, Reste von Abfallgruben,
Stelle, setzten sie ihr zerstörerisches beit möglichst viele Einzelheiten der verrottetes Holz. Die Scherben gehören
Werk nebenan fort. jahrtausendealten Hochkulturen zu re- ebenso zu dieser Detektivarbeit wie Ton-
Der unwiderrufliche Schaden bei der konstruieren. In einer zweimonatigen tafeln, Statuen und Rollsiegel.
Schatzsuche entsteht durch die Zerstö- Ausgrabung in Mesopotamien werden
rung der Architektur und des archäo- im Durchschnitt 20 000 Keramikscher- Ertragreiche Ausbeute
logischen Zusammenhangs. Niemand ben, 500 Fragmente von Kleinfunden Nicht selten mussten vor mehr als 4000
weiß nach dem Werk der Raubgräber, und nur 20 bis 50 vollständig erhaltene Jahren die Bewohner Städte aufgeben,
woher die Objekte stammen. Ihr Kon- Gegenstände geborgen. Für den Anti- weil die erschöpften, oft versalzten Bö-
text, für die Interpretation und die Re- kenhandel sind jedoch nur Letztere in- den in der Umgebung keine ausreichen-
konstruktion untergegangener Kulturen teressant – ein Bruchteil der wissen- de Lebensgrundlage mehr boten. Die
entscheidend, ist für immer zerstört. Auf schaftlich wertvollen Funde. Tempel wurden sorgsam evakuiert, kein
bedeutsamer Kultgegenstand wurde vor

WALTER SOMMERFELD
Ort gelassen, nur die Architektur blieb
erhalten. Archäologen können hier ein-
malige Erkenntnisse über die Lebenswei-
se der ersten städtischen Zivilisation ge-
winnen. Solche von Funden fast leer ge-
räumten, aber äußerlich immer noch
imposanten Ruinenhügel ziehen jedoch
auch die Raubgräber an wie Abenteurer
beim Großen Goldrausch. Die mit
Lehmziegeln gebauten Städte der Sume-
rer lassen sich so leicht umgraben wie ein
Garten. Für jedes einzelne der attrakti-
ven Objekte, die dann im Handel auf-
tauchen, werden viele Kubikmeter ein-
maliger Architektur und der gesamte
Fundzusammenhang zerstört.
Einstweilen können die Raubgräber
auf eine lohnende Ausbeute hoffen – von
tausenden antiken Städten sind heute
weiterhin Reste erhalten, birgt der Bo-
den immer noch spektakuläre Funde, die
die Gier beflügeln. Der fast 4500 Jahre
alte Königsfriedhof in Ur aus der Blüte-
zeit der sumerischen Kultur oder die
Grüfte der assyrischen Königinnen in
Nimrud aus dem 8. Jahrhundert v. Chr.
waren bei ihrer Wiederentdeckung un-
versehrt erhalten. Zahlreiche Grabbeiga-

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ben aus Gold und Edelsteinen, von den
besten Handwerkern und Künstlern ih-

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rer Zeit gefertigt, zählen zu den bedeu-
tendsten Funden in der Weltgeschichte

ÄRZ205
Mit Dutzenden riesigen, mehrere
l Meter tiefen Gruben und Stollen
haben die R ein Netzwerk von
unterirdischen Tunneln geschaffen – auf
der Suche nac ichen Objekten.

74 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


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Inzwischen sind Besuche in Isin,
wenn
waffnetem Begleitschutz

kontrolliert.
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nur unter be-
h. Die
Gebiete des alten Mesopotamien werden
-Banden

der Archäologie. Sie geben uns eine un-


mittelbare Vorstellung von der sagenum-
wobenen Pracht Babyloniens und der
Sieben Weltwunder. In den Händen von
Raubgräbern wäre ihre Aussagekraft
kaum größer als irgendein hübsches Mit-
WALTER SOMMERFELD

bringsel aus einem orientalischen Bazar.


Auf dem Land herrschen jetzt wie in
vergangenen Jahrhunderten Stammes-
fürsten. Diese Stammesstrukturen, die
sich nach dem Mongolensturm 1258 he- traut sich mittlerweile kaum noch je- durch ein generelles Ende dieses Handels
rausgebildet hatten, dominierten bis in mand in die südirakischen Stammesge- erreicht werden. Erst wenn ein potenzi-
die Ära des modernen Nationalstaats im biete. Zwar wurde jüngst mit dem Trai- eller Raubgräber weiß, dass er für seine
20. Jahrhundert. Einzige Autorität ist ning einer 1200 Mann umfassenden Funde kein Geld bekommt, wird er den
der Scheich, und es werden ausschließ- Kulturpolizei begonnen, doch was kann Anreiz für sein zerstörerisches Tun verlie-
lich die eigenen Regeln anerkannt. Wenn eine solche Minorität in dem großen ren. Erst die Umkehr der Beweispflicht,
unwillkommene Fremde erscheinen, Land angesichts der Überzahl schwer be- der obligatorische Nachweis des legalen
sind sie ihres Lebens nicht sicher. waffneter, kampferprobter und aggressi- Erwerbs, und effektive Strafmaßnahmen
Die Besatzungstruppen ihrerseits ha- ver Stammeskrieger und Raubgräber aus- können die Finanzierung der Raubgra-
ben mittlerweile in jeder Hinsicht so vie- richten? bungen unterbinden oder zumindest er-
le Probleme, dass sie sich nicht auch Deutschland ist in die Vernichtung schweren.
noch mit den Stämmen, in deren Gebiet des Weltkulturerbes im Irak eingebun- Beim Artenschutz hat man dies kon-
viele altorientalische Kulturzentren lie- den. Hier ist der Handel mit geraubtem sequent getan, sogar die einzig wirksame
gen, anlegen wollen. Vereinzelte Versu- irakischem Kulturgut völlig legal, sofern radikale Regelung trat in Kraft. Ein Zöll-
che – beispielsweise der Italiener in der nicht der Diebstahl eindeutig nachge- ner fragt eben nicht, ob das Elfenbeinob-
Zone um Nassirija –, durch die Anstel- wiesen werden kann. Dies ist vielleicht jekt im Reisegepäck von einem natürlich
lung von ausgebildeten und mit moder- bei gut dokumentierten Stücken aus verendeten oder von einem gewilderten
ner Technik ausgerüsteten Wachen eini- Museumsbeständen möglich, aber nie- Tier stammt oder ob es sich um ein altes
ge wichtige archäologische Stätten zu mals bei unbekannten Objekten anony- Erbstück handelt. Er prüft einzig: Ist es
schützen, sind angesichts der vielen An- mer Herkunft. Während Großbritannien Elfenbein – wenn ja, wird es konfisziert.
schläge und Attentate bald zum Erliegen und die Schweiz, früher Drehscheiben Für eine Rückgabe müssen die engen
gekommen. Jetzt schützen die Besat- des legalisierten Antikenschmuggels, in- Ausnahmebestimmungen des legalen Be-
zungsmächte wieder lieber sich selbst. zwischen vorbildliche Schutzgesetze er- sitzes eindeutig nachgewiesen werden.
lassen haben, gehört Deutschland zu den Diese klare Regelung hat Wirkung ge-
Deutschland ist eingebunden Staaten, die die Unesco-Konvention von zeigt: Die vom Aussterben bedrohten
Nur in Einzelfällen haben die Ausgräber 1970 (und ihre Ergänzung von 1995) Elefantenpopulationen konnten sich er-
in Jahrzehnten ein so gutes Verhältnis zu »zum Verbot und zur Verhütung der un- holen. Auch die Schildkrötensuppe wur-
den lokalen Stämmen aufgebaut, dass zulässigen Einfuhr, Ausfuhr und Über- de in Deutschland im Interesse des
diese den Schutz der Ruine zu ihrer Auf- eignung von Kulturgut« nicht ratifiziert Artenschutzes verboten. Vergleichbares
gabe gemacht haben. So blieb erfreuli- haben. Hier gibt es immer noch keine sollte doch auch zum Schutz des Welt-
cherweise Uruk, die Hauptstadt der Su- gesetzliche Grundlage, um das Kulturer- kulturerbes im Irak, das weiterhin mit je-
merer und eine Domäne deutscher Ar- be anderer Staaten zu schützen und An- dem Tag ein Stück mehr für immer ver-
chäologie im Irak, sowohl während des tiquitäten, die in den Herkunftsländern loren geht, möglich sein.

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Embargos als auch in der Zeit nach dem illegal akquiriert und ins Ausland ge-
Zusammenbruch des Staats weit gehend schmuggelt wurden, zu konfiszieren und Walter Sommerfeld ist
von den Verwüstungen durch Raubgrä- zurückzugeben. Mit anderen Worten: Leiter des Fachgebiets Alt-
AUTOR

ber verschont. Die deutsche Rechtslage unterstützt den orientalistik an der Philipps-
Universität Marburg. Seit
Vom engagierten irakischen Antiken- Fortgang der Vernichtung der frühen
einem Vierteljahrhundert
dienst in Bagdad, der nur einen Bruch- Hochkulturen im Irak. besucht er regelmäßig das
teil der Herkulesaufgabe bei der Rettung Ein wirksamer Schutz des mesopota- Zweistromland.
des nationalen Erbes bewältigen kann, mischen Kulturerbes kann allerdings nur

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 75
WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK
dem Rauchen einer Zigarette Fahrrad-Ergometer mit Pulszähler zur Messung
WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK

an, und man findet eindeuti- der körperlichen Leistungsfähigkeit


ge EKG-Veränderungen …
Hinzu kommen präkardiale
Sensationen, Irregularitäten
des Herzschlags und Dyspnoe
Risiko fürs Herz bei Anstrengungen … Daß
der Nikotingehalt das wesent-
Nach Untersuchungen von liche ist, zeigt sich beim Rau-
Mitarbeitern … des United chen »denikotinisierter« Ziga-
States Public Health Service retten; es kommt nicht – oder
Hospital in Staten Island, wesentlich geringer – zu den
New York, … steigen bei ta- geschilderten Symptomen.
bakempfindlichen Menschen (Deutsche Medizinische Wochenschrift,
Pulszahl und Blutdruck nach 80. Jg., Nr. 12, S. 430, März 1955)

Radioaktive Spürnase Radeln für die Wissenschaft


In der Kriminalistik werden radioaktive Isotope neuerdings zur Vor der Messung am Arbeits- die viele Stunden lang … ver-
Aufklärung von Einbrüchen und Diebstählen benutzt. Werden platz … müssen die Bezie- richtet werden, rasch auf ei-
Türschwellen … oder Behältnisse mit wertvollem Inhalt … mit hungen zwischen körperlicher nen konstanten Wert einstellt
einer Farbe angestrichen, die radioaktive Zusätze enthält, kann Arbeit und Pulsfrequenz un- … Wird dem Arbeitenden
die Spur des Einbrechers mühelos mit dem Geigerzähler ver- ter … Laborbedingungen ana- hingegen eine hohe Leistung
folgt werden. Radioaktive Zusätze in von verdächtigen Perso- lysiert werden. Dazu dient im abverlangt, die zur Erschöp-
nen benutzter Tinte können zur Entdeckung von anonymen Max-Planck-Institut für Ar- fung führt, steigt die Pulsfre-
Briefschreibern führen. Auch die technischen Hilfsmittel der beitsphysiologie in Dortmund quenz ständig, weil Erholung
Kernforschung können … an Hand einer in einen Atommeiler das Fahrrad-Ergometer … Es und Ermüdung nicht mitei-
eingeführten Haarprobe geringste Spuren von Arsen nachwei- zeigte sich, daß sich die Puls- nander Schritt halten. (Kosmos,
sen. (Westermanns Monatshefte, 96. Jg., Heft 3, S. 82, März 1955) frequenz bei allen Leistungen, 51. Jg., Heft 3, S. 129f, März 1955)

Eine Lok mit Füßen Mit federndem Schritt


In den 60er Jahren konstru- Längere Märsche ermüden
ierte der Engländer Boydell den Menschen … Der Fersen-
eine Straßenlokomotive, wel- knochen erfährt bei jedem
che ihre Schienen mit sich he- Schritt einen kräftigen Stoß
rumschleppt. Die Räder liefen und gibt ihn weiter nach oben Ziel zu erreichen gesucht, oder
in einem Rahmen, dessen Sei- … Auch Rückenmark und auch durch Luftkissen … Bes-
ten sich nacheinander auf die Gehirn erleiden eine Erschüt- ser haben sich die Stahlblech-
Straße legten und so diese ge- terung … Daher sind die Be- federn bewährt, die von Dr.
wissermaßen ebneten … Un- strebungen darauf zu richten, Breuillard eingeführt worden
ser Bild zeigt eine neuere Stra- daß der Stoß gemildert werde. sind … So halten selbst schwä-
ßenlokomotive … Die Räder Man hat durch Einschaltung chere Personen einen längeren
sind mit einer Art Füßen be- einer Gummiplatte in den Marsch aus. (Das Neue Universum,
setzt, welche die Bewegung Absatz eines Stiefels dieses 26. Jg., S. 195, 1905)
des Rades zu einer schreiten-
den machen … Man hat mit Die Vision Sonnenenergie
der Maschine Stufen hinauf
steigen können und Hinder- Die Sonnenwärme einzufangen wäre die ideale Lösung, um ei-
nisse mit ihr genommen, die ner Vergeudung des Kohlenvorrates der Erde entgegenzuwirken
eine gewöhnliche Straßenlo- … Der schwedische Erfinder Eriksson … hat berechnet, daß
komotive in Verlegenheit ge- man in den Küstengebieten der regenlosen heißen Länder durch
setzt hätten. (Das Buch der Neues- Aufstellung entsprechend konstruierter Maschinen etwa zwei
ten Erfindungen, S. 399, 1905) Milliarden Pferdekräfte während neun Stunden jedes Tages ge-
winnen könnte … Experimente sind schon wiederholt gemacht
worden … Aber die Maschinen ließen kaum den zwanzigsten
l Das in London gebaute »Pedrail« Teil der Sonnenstrahlung zur Verwendung kommen. (Illustriertes
trappelte durch die Straßen. Jahrbuch der Erfindungen, 5. Jg., S. 171, 1905)

76 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
SCHWERPUNKT

Computer der Zukunft


Alle anderthalb Jahre verdoppelt sich die zen droht, führen die Designer das Prinzip der
Leistung bei gleich bleibendem Preis. Dieses kurzen Wege ein: Statt eines »Zentralbüros«
Regel, die als Moore’sches Gesetz bekannt sitzen deren zwei oder mehr auf demselben
geworden ist, regiert die Entwicklung der Siliziumplättchen und arbeiten einander
Computer seit mehr als vierzig Jahren. Nach möglichst reibungslos in die Hände (S. 90).
physikalisch wohlbegründeten Prognosen Und am oberen Ende der Leistungsskala lebt
nähert sich das Gesetz den Grenzen seiner man von den Errungenschaften von gestern –
Gültigkeit; aber nichtsdestotrotz geht es in der große technische Durchbrüche sind nicht zu
Computertechnik immer noch äußerst lebhaft vermelden –, aber auf großen Fuß: Moores
zu. Wo die Elektronen mit der anwachsenden Gesetz gilt für die Supercomputer der Welt in
Schaltgeschwindigkeit der Mikrochips nicht verschärfter Form, denn schon nach einem
mehr Schritt halten können, übernimmt Licht statt nach anderthalb Jahren pflegt der dann
ihre Aufgabe (S. 94). Wo sie auf langen Daten- schnellste Computer der Welt die doppelte
rennbahnen innerhalb des Mikroprozessors Leistung des Vorjahressiegers zu erbringen
derart heiß laufen, dass der Chip zu schmel- (siehe den folgenden Artikel).

Aus urheberrechtlichen Gründen


können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen.

84 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
SUPERCOMPUTER

Supercomputer – die
jüngsten Entwicklungen
Phänomenale Durchbrüche sind nicht zu vermelden;
aber die Höchstleistungsrechner entwickeln sich mit
einer Geschwindigkeit, die sogar das Tempo der allge-
meinen Computerentwicklung in den Schatten stellt.

Von Thomas Sterling Zusammenschaltungen (clusters, »Hau-


fen«) aus Prozessoren, die inzwischen

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nter Vielfliegern wird die nicht mehr aus dem Schrott stammen,
Boeing 737 als »umgebauter aber immer noch Massenware sind, auf
VW« belästert. Das ist stark den oberen Plätzen der Top500, der Hit-
untertrieben. Es ist zwar liste der 500 weltschnellsten Computer.
schon ein bisschen eng in dem kleinsten Der Computermarkt ist ständig in
Gepäckhalle im Flughafen? Ge- Passagierflugzeug dieses Herstellers; aber Bewegung; das gilt in noch höherem
u denkstätte? Nein, Denk- und Re- zwischen einem PKW und einem Ver- Maße für den wesentlich kleineren
chenstätte! Die schwarzen Gehäuse kehrsflugzeug liegt, grob geschätzt, ein Markt der Supercomputer. Während
umhüllen die 1312 Prozessoren vom Faktor von mehr als 1000 – nicht unbe- nach dem viel zitierten Moore’schen Ge-
Typ IBM SP Power 4+, die zusammen dingt in den Ausmaßen, aber in der Leis- setz die Leistung des durchschnittlichen
den »Jülicher Multiprozessor (JuMP)« tung und im Anschaffungspreis. Computers sich alle anderthalb Jahre zu
bilden. Das Gerät steht im Forschungs- Mit Computern verhält es sich so verdoppeln pflegt, beträgt dieser Zeit-
zentrum Jülich und belegt derzeit Platz ähnlich. Ein Standard-PC und die raum am oberen Ende der Leistungsskala
30 auf der Liste der 500 weltschnellsten schnellsten Rechner der Welt unterschei- nur ein Jahr. Für das Wirken dieses Ge-
Computer. den sich nach Preis und Leistung um setzes, in der einen wie der anderen Ver-
mehr als das Tausendfache. Das ist we- sion, gibt es nicht eine klar definierbare
nig verwunderlich; schließlich verfolgt Ursache, sondern viele kleine: Fortschrit-
man mit einem Supercomputer (Flug- te in der Hardwaretechnik, im Gesamt-
zeug) Ziele, die mit einem Bürogerät entwurf und in der Programmierung
(Auto) nur äußerst mühsam oder gar wirken zusammen.
nicht zu erreichen wären. Wesentliche Entsprechend hat dieser Artikel, der
Fortschritte in Wissenschaft und Tech- die Entwicklungen der letzten andert-
nik sind den Hochleistungsrechnern zu halb Jahre zusammenfasst, nicht von ei-
verdanken; darüber hinaus werden sie in nem entscheidenden technischen Durch-
großem Umfang in der industriellen Pro- bruch zu berichten, aber gleichwohl von
duktion, im Geschäftsverkehr und für heftiger Bewegung.
militärische Zwecke eingesetzt.
Allerdings besteht ein entscheidender Linpack: der Tachometer
Unterschied zwischen Transport- und Re- für Hochleistungsrechner
chengeräten: Bei den Computern gibt es Ein Superrechner ist nicht einfach ein
umgebaute VWs! Mit dem Faktor 1000, großer Großrechner (mainframe compu-
wohlgemerkt. Tausend alte Käfermoto- ter), sondern in seiner Grundanlage (sei-
ren, zusammengekoppelt, würden immer ner »Architektur«) eigens auf die Mas-
noch nicht abheben; aber die Prozessoren senverarbeitung zahlenmäßiger Daten

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aus tausend schrottreifen PCs, zusam- ausgerichtet. Das erste Gerät, das diesen
mengeschaltet, rechnen ganz wacker. Ich Namen verdient, wurde von Seymour
selbst habe diese Entwicklung vor Jahren Cray in den 1970er Jahren erfunden.
vorangetrieben (Spektrum der Wissen- Die Leistung eines Superrechners
schaft 3/2002, S. 88). Das Konzept, das wird üblicherweise in Flops (floating
unter dem Namen »Beowulf« bekannt ge- point operations per second) gemessen.
worden ist, hat mittlerweile seine Gren- Eine floating point operation ist ein ele-
zen erreicht. Aber noch rangieren diese mentarer Rechenakt, typischerweise eine

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 85
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer


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Seymour Cray (1925 – 1996) gilt als Die Verständigung zwischen diesen
l der Erfinder des Supercomputers. Standard-Rechenchips kann nie so gut
Das Bild zeigt ihn um 1974 neben der sein wie die zwischen solchen, die eigens
Cray-1 mit der charakteristischen Torten- auf schnelle Kommunikation unterei-
form und der Stromversorgung unter den nander ausgelegt sind. Entsprechend
Sitzpolstern. mühsamer ist es, sie zu programmieren,
um die Folgen dieses Defizits zu mil-
Aus urheberrechtlic dern, und die Lücke zwischen der (nach
Linpack gemessenen) tatsächlichen Leis-
nicht online zeigen. ler erledigen als andere, die nach dem tung und der theoretischen Maximalleis-
Linpack-Kriterium besser abschneiden. tung bleibt trotzdem deutlich größer als
Möglicherweise sind die Computerher- bei den maßgeschneiderten Geräten.
steller also gar nicht gut beraten, wenn sie Standard-Prozessoren sind jedoch so viel
ihre Produkte auf möglichst hohe Lin- billiger, dass man mit den modernen
pack-Leistung hin optimieren; vielleicht Nachfolgern der Beowulf-Cluster häufig
wollen die Kunden etwas ganz anderes. ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis
Wie dem auch sei: Nach Linpack ge- erreicht als mit anderen Supercompu-
messen, bringt »BlueGene« immer noch tern. Obendrein stehen für Standard-
70 Teraflops und damit fast doppelt so Prozessoren große Mengen von Software
viel wie der legendäre »Earth Simulator«. nach dem Open-Source-Prinzip kosten-
Diese japanische Maschine hat immer- los zur Verfügung. Die Cluster sind die
hin fast drei Jahre lang an der Spitze der ersten Supercomputer, die davon in er-
Hitliste gestanden (Spektrum der Wis- heblichem Umfang Gebrauch machen.
Multiplikation, mit Gleitkommazahlen; senschaft 9/2002, S. 14). Als sie 2002 in Diese Kostenvorteile haben den Ver-
das sind Zahlen in der wissenschaftsübli- Betrieb genommen wurde, war sie fünf- knüpfungen von Standardbauteilen
chen Darstellung mit Mantisse und Ex- mal so schnell wie der damals von ihr (commodity clusters) eine überaus domi-
ponent, wie zum Beispiel 4,27931·1013. entthronte Spitzenreiter und überraschte nierende Rolle in der Hitliste verschafft.
Der zurzeit stärkste Rechner der Welt, mit ihrer Leistung selbst die Insider. Fast 300 der 500 stärksten Computer
der »BlueGene« von IBM, der dem- der Welt sind Cluster, unter den ersten
nächst vom amerikanischen Energiemi- Der Earth Simulator zehn sind es immerhin die Hälfte.
nisterium betrieben wird, hat eine theo- Ihre Hauptaufgabe ist die Simulation Einer der interessanteren Cluster,
retische Maximalgeschwindigkeit von 91 physikalischer Prozesse, die das Verhalten Nummer 7 der Top500, steht am Virgi-
Teraflops (Billionen Flops). Das heißt, des Systems Erde bestimmen: Wetter und nia Polytechnic Institute in Blacksburg
die 32 768 Einzelrechner (Prozessoren), Klima, Erdbeben und Vulkane, Ozeane (Virginia). In der Liste ist in der Herstel-
die in ihm enthalten sind, könnten zu- und Gezeiten, Eiskappen und Gletscher, lerspalte »self-made« vermerkt, ebenso
sammengenommen pro Sekunde 91 Bil- Entwaldung und Agrarindustrie, und wie bei neun anderen Supercomputern.
lionen Zahlen multiplizieren. zwar in einer bis dahin nicht erreichten Studenten dieser Technischen Hoch-
Wenn sie alle voll beschäftigt wären. Kombination aus Gebietsgröße (typi- schule haben 1100 Computer vom Typ
Das ist jedoch beim Ablauf eines Pro- scherweise die ganze Erdoberfläche) und Apple G5 zusammengebaut.
gramms so gut wie nie der Fall. Es ist Detailgenauigkeit. Die Maschine enthält Cluster sind international weit ver-
praktisch nicht zu vermeiden, dass ein über 5000 Vektorprozessoren, jeder mit breitet. Die Volksrepublik China steht
Prozessor auf Daten von anderen wartet. maximal 8 Gigaflops (Milliarden Flops), mit dem Cluster Dawning 4000A am
Ein realistischeres Maß für die Leistung 10 Terabytes Hauptspeicher und 700 Supercomputer-Zentrum in Shanghai
eines Superrechners ist daher die Anzahl Terabytes Festplattenkapazität. Sie ist in auf Platz 17. Am europäischen Wetter-
an Rechenoperationen, die in einem einem eigens konstruierten Gebäude in vorhersagezentrum ECMWF (European
standardisierten Satz von Anwendungs- Yokohama installiert, verbraucht eine Bo- Centre for Medium-Range Weather Fore-
programmen erreicht wird. Für die Hit- denfläche von 2800 Quadratmetern und casts) in Reading (England) stehen gleich
liste Top500 pflegt man als Standard- 3 Megawatt elektrischer Leistung. zwei mittelgroße Rechenhaufen von
satz (benchmark) eine Sammlung von Es handelt sich um eine Maßanferti- IBM (Plätze 11 und 12). Knapp dahin-
Programmen der Linearen Algebra, die gung. Jedes der Bauteile, insbesondere ter liegt ein Cluster von Fujitsu am For-
»Linpack benchmark«, zu verwenden. die Prozessoren, wurde eigens für das Su- schungsinstitut Riken in Wako (Japan).

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Das ist durchaus sinnvoll, da wissen- percomputing entworfen. Der phänome- Der stärkste deutsche Rechner steht im
schaftliche Rechnungen zum weit über- nale Erfolg demonstriert die Überlegen- Forschungszentrum Jülich, ist eine etwas
wiegenden Teil aus Operationen der Li- heit dieses Konzepts. Und dennoch: Die abgemagerte Version der britischen Wet-
nearen Algebra bestehen. Geräte, die den Earth Simulator inzwi- terrechner und bringt es mit knapp 5,6
In neuerer Zeit ist die Linpack bench- schen auf den dritten Platz verwiesen Teraflops auf Rang 30.
mark allerdings in die Kritik geraten: An- haben, sind nicht etwa noch besser maß- Eines der elementarsten Merkmale
scheinend gibt es Rechner, welche die geschneidert, sondern aus Massenware eines Prozessors ist die Anzahl an Bits,
Aufgaben, für die sie gebaut sind, schnel- zusammengestöpselt. die er standardmäßig für die Darstellung

86 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
SUPERCOMPUTER

einer Gleitkommazahl oder einer Adres- Computer wäre also zu nichts oder fast mit dem Ende des Kalten Kriegs sank
se im Arbeitsspeicher verwendet, die so nichts zu gebrauchen gewesen, bis die der Bedarf für diese teuren Systeme, und
genannte Wortlänge. Üblich sind bisher Softwarehersteller mit dem Umschreiben im rückläufigen Markt waren die hohen
32 Bit, was ausreicht, um eine Zahl mit der Programme nachgekommen wären. Kosten zur Weiterentwicklung der Tech-
etwa sechs Dezimalstellen Genauigkeit In dieser Situation landete der Chip- nologie nicht wieder hereinzuholen. CRI
darzustellen und ungefähr 4 Milliarden hersteller AMD einen Überraschungser- wurde von Silicon Graphics Inc. (SGI)
Speicherplätze direkt anzusprechen. Bei- folg. Der Mikroprozessor »Opteron« hat übernommen.
des ist für die Anforderungen des Hoch- im Prinzip eine 32-Bit-Architektur, die Aber nach einigen Jahren trennte sich
leistungsrechnens zu knapp bemessen. auf das 64-Bit-Rechnen erweitert ist. Da- SGI wieder von seiner Abteilung für Su-
Das zwingt die Programmierer zu auf- mit bietet er eine Vereinigung von Ver- percomputer, in der Cray Research auf-
wändigen und rechenzeitintensiven Hilfs- gangenheit – die alten 32-Bit-Program- gegangen war. Der verstoßene Teil fusio-
maßnahmen, zum Beispiel zwei benach- me laufen weiter – und Zukunft – neue nierte mit der Firma Tera Computer, die
barte Speicherplätze für eine Zahl bereit- Programme schöpfen die Vorzüge der 64- mit einer speziellen Architektur für Par-
zustellen und elementare Rechenopera- Bit-Darstellung aus –, und das in einem allelrechner namens MTA große Erfolge
tionen entsprechend umzudefinieren. Massenprodukt zu einem vergleichsweise erzielt hatte. Es handelt sich um eine
Viele Supercomputer arbeiten daher mit niedrigen Preis. Das machte den Opte- Form des vielfädigen Rechnens (multi-
64-Bit-Adressierung. ron sehr populär; er steckt mittlerweile in threaded computing, vergleiche Spektrum
Dagegen hat die verbreitetste Mikro- 30 von den 500 schnellsten Computern. der Wissenschaft 5/2000, S. 26). Um die
prozessor-Architektur, die des IA-32 von Intel zog mit einem Satz von 64-Bit- Tradition des großen Namens wieder
Intel, ebenso wie einige andere eine Erweiterungen zu seinem IA-32 nach. aufzugreifen und einen entsprechenden
Wortlänge von 32 Bit. Der Marktführer Damit ist der Anfang gemacht für den Anspruch anzumelden, wurde die neue
Intel bietet zwar einen 64-Bit-Mikropro- Übergang zur 64-Bit-Architektur, die Firma in »Cray Inc.« umbenannt.
zessor an, den Itanium 2, der auch in ei- schon bald die Szene dominieren wird. Diesen Anspruch hat sie im vorletz-
nigen Hochleistungsrechnern wie dem ten Jahr mit einem sehr leistungsstarken
genannten »Thunder« zum Einsatz Cray aus der Asche Vektorrechner, dem Cray-X1, zumindest
kommt. Der Massenmarkt zögerte je- In der Mitte der 1970er Jahre war der zum Teil eingelöst (Platz 29 der Liste).
doch mit der Einführung der 64-Bit-Ar- Name Seymour Cray ein Synonym für Darüber hinaus hat Cray sich auf ein
chitektur, einerseits weil der Bedarf nach Supercomputing; er hat den Superrech- ehrgeiziges Entwicklungsprogramm ein-
der Mehrleistung dort nicht so drängend ner im Wesentlichen erfunden, zuerst bei gelassen, aus dem eine ganze Serie von
ist, andererseits weil Programme für die Control Data Corporation und dann in Hochleistungsrechnern verschiedener
»kleinen« 32-Bit-Prozessoren nicht ohne seiner eigenen Firma Cray Research Inc. Größenklassen hervorgehen soll. Vor
Weiteres auf den »großen« 64-Bit-Gerä- (CRI), wo die Cray-1 neue Maßstäbe für Kurzem erhielt das Unternehmen in Zu-
ten laufen. Ein neu angeschaffter 64-Bit- das Hochleistungsrechnen setzte. Doch sammenarbeit mit dem Nationallabora-
torium Oak Ridge den Zuschlag bei ei-
ner Ausschreibung des Energieministeri-
ums zur Entwicklung eines »Leadership
Class Supercomputer«. Gefordert ist eine
FORSCHUNGSZENTRUM JÜLICH / PAUL GIBBON

theoretische Spitzenleistung von 100


Teraflops im Jahr 2006 mit der Option,
sie bis auf 250 Teraflops zu erweitern.
Wenn das Vorhaben gelingt, stünde die-

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ser Computer zweifellos nach fast jedem
Maßstab an der Weltspitze.

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Eine Arbeitsprobe des Superrech-
l ners JuMP: Hochintensives Laser-
licht (blaue Wellen, von links) bohrt sich in
einen Festkörper, erhitzt ihn auf mehr als
eine Milliarde Kelvin und sc eine Wol-

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ke von Elektronen (orange) heraus, die ih-
rerseits Ionen (Pfeile) sehr stark beschleu-
nigen. F diese Simulation hat Paul
Gibbon vom Forschungszentrum h
den Rechner he Wechselwirkungen
zwischen mehreren Millionen Elektonen
und Ionen (Simulationsteilchen) berech-
nen lassen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 87
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

In einer groß angelegten Kooperati- nur noch von IBM übertroffen – ein Marktanteil bei den Clustern aus Stan-
on mit dem Sandia-Nationallaboratori- wahrlich phönixhafter Aufstieg aus der dardware gesteigert. Unter den Abkömm-
um in Albuquerque (New Mexico) ent- Asche ihrer Vorgänger. lingen des traditionsreichen Betriebssys-
wickelt Cray den Superrechner »Red Sehr viele Einzelrechner in ein Ge- tems Unix hat sich Linux zum System
Storm«, in dem Tausende von Opterons stell zu montieren und zu verkabeln kos- der Wahl für technische und einige kom-
über ein maßgeschneidertes Breitband- tet zwar viel Platz und sehr viel Geld, ist merzielle Anwendungen gemausert; Win-
Verbindungsnetzwerk verknüpft sind. In aber kein ernsthaftes technisches Pro- dows wird vorrangig für kommerzielle
seiner größten Version soll »Red Storm« blem. Nach wie vor schwer ist jedoch die Zwecke verwendet und konnte im tech-
41 Teraflops leisten. Um die Produkt- Aufgabe, die Kommunikation unter die- nischen Bereich etwas Fuß fassen. Da
linie nach unten hin zur Mittelklasse zu sen vielen vor sich hin rechnenden Ei- Microsoft eigens für das Hochleistungs-
erweitern, kaufte Cray Inc. die kanadi- genbrötlern so zu organisieren, dass ein rechnen eine Arbeitsgruppe gegründet
sche Firma Octigabay, die ebenfalls Par- funktionierendes Ganzes daraus wird. hat, ist zu erwarten, dass Windows in
allelrechner auf Basis des Opteron mit Das dominierende Programmier- dieser Richtung weiterentwickelt wird
breitbandiger Vernetzung produziert. modell im Supercomputerbereich heißt und zumindest für bestimmte Anwen-
Dieses neue System, die XD1, wird mit Message Passing Interface (MPI): Wenn dergruppen und Clustertypen ein inte-
derselben Software laufen wie »Red ein Prozessor ein Zwischenergebnis er- ressantes Niedrigpreisangebot bereitstellt.
Storm«. Damit können Softwareent- rechnet hat, das ein Kollege zum Weiter- Eine besondere Form von Hochleis-
wickler und Anwender nahtlos von ei- rechnen benötigt, so sendet er ihm diese tungsrechnen ist das so genannte Grid
nem System zu einem zehntausendfach Daten als persönliche Nachricht (mes- Computing (Spektrum der Wissenschaft
größeren übergehen. In Deutschland ha- sage), statt sie in einem allgemein zu- 7/2003, S. 66). Die Rechenarbeit wird
ben das Forschungszentrum Jülich und gänglichen Speicher abzulegen. MPI auf viele Computer verteilt, die irgend-
das Zuse-Institut Berlin Ende des ver- wurde im Sommer 1998 unter dem Na- wo auf der Welt stehen können. Ein sol-
gangenen Jahres je eine XD1 bestellt. men MPI-2 standardisiert; seitdem lau- ches System muss große Entfernungen,
fen Programme, die sich an diesen Stan- politische Grenzen und die Sicherheits-
Wie sage ich’s meinem Prozessor? dard halten, auf Superrechnern der systeme der beteiligten Computer über-
Damit nicht genug. Cray hat ein noch verschiedensten Bauarten. Ende vergan- winden. Zu den propagierten Nutzeffek-
weit ehrgeizigeres Entwicklungspro- genen Jahres veröffentlichte das MPI- ten eines Grids zählen Zugriffe aus der
gramm aufgelegt, das vom »High Pro- Komitee eine Fortschreibung des Stan- Ferne auf gemeinsam genutzte Rechen-
ductivity Computing Program« der Dar- dards namens MPICH-2; damit ist für kapazitäten, die Vereinigung getrennt ge-
pa, der Forschungsagentur des US-Ver- zahlreiche Erweiterungen, die sich in der lagerter Daten zu einer großen Daten-
teidigungsministeriums, finanziert wird. Zwischenzeit als nützlich erwiesen ha- bank und die Schaffung eines virtuellen
Aus dem Projekt »Cascade« soll bis zum ben, eine einheitliche Form festgelegt. Supercomputers, indem viele verschiede-
Ende dieses Jahrzehnts ein marktfähiger Über die Standardisierung hinaus ar- ne Computer unter intensivem Daten-
Computer im Leistungsbereich Petaflops beitet das Open-MPI-Konsortium mit austausch an demselben Problem arbei-
(1000 Teraflops) hervorgehen. Sitz an der Universität von Tennessee in ten. Dieses letzte Ziel hat sich als illuso-
Damit ist die Firma Cray unter die Knoxville an Erweiterungen des MPI risch herausgestellt und war es wohl von
treibenden Kräfte in der Rechnerent- mit dem Ziel, das System auch dann am Anfang an. Ein Parallelrechner aus räum-
wicklung zurückgekehrt. In ihrem spe- Laufen zu halten, wenn gelegentlich eine lich getrennten Komponenten kann zwar

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ziellen Marktsegment (dem »capability message verloren geht. funktionieren, wie in zahlreichen hoch-


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computing market«) ist ihr Marktanteil Die Betriebssysteme Linux und Mi- gelobten Experimenten demonstriert
von 4 auf 20 Prozent gestiegen und wird crosoft Windows haben beide ihren wurde, wird aber aus praktischen Grün-
den kaum eine ernsthafte Konkurrenz

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für einen echten Superrechner darstellen.
Die beiden anderen Ziele der Grid-
Technologie sind jedoch realistisch. Pro-
jekte wie das europäische »Unicore« und
das japanische »Naregi« bieten unter an-

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nM
Aus urheberrechtlic

nicht online zeigen.


Eine erste Arbeitsprobe des leis-
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RZ205
Computers der Welt,
IBM BlueGene/L, noch vor der Ausliefe-
rung an den Kunden, das amerikanische
Energieministerium: Chemische Prozesse
in einem Gemisch aus Cholesterin und
Omega-3-Fet werden modelliert,
indem die Bewegung jedes einzelnen
Atoms berechnet wird.

88 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
SUPERCOMPUTER

Die zwölf schnellsten Computer der Welt: der Anfang der Liste Top500
Rang Standort Land, Jahr Name Typ, Komponenten, Prozes- Hersteller Leistung in Gigaflops
interne Vernetzung soren nach Linpack theoretisch

1 IBM / US-Energie- USA, 2004 BlueGene/L BlueGene/L DD2 beta-System 32 768 IBM 70 720 91 750
ministerium beta-System (0,7 GHz PowerPC 440)
2 Nasa, Ames-Forschungs- USA, 2004 Columbia SGI Altix 1,5 GHz, 10 160 SGI 51 870 60 960
zentrum / NAS Voltaire Infiniband
3 The Earth Simulator Center Japan, 2002 Earth Simulator NEC Vector SX6 5120 NEC 35 860 40 960
4 Centro Nacional de Super- Spanien, 2004 MareNostrum eServer BladeCenter JS20 3564 IBM 20 530 31 363
computación, Barcelona (PowerPC970 2,2 GHz), Myrinet
5 Lawrence Livermore USA, 2004 Thunder Intel Itanium2 Tiger4 1,4 GHz – 4096 California 19 940 22 938
National Laboratory Quadrics Digital
6 Los Alamos USA, 2002 ASCI Q ASCI Q – AlphaServer SC45, 8192 Hewlett- 13 880 20 480
National Laboratory 1,25 GHz Packard
7 Virginia Polytechnic USA, 2004 System X 1100 Dual 2,3 GHz Apple XServe/ 2200 Eigenbau 12 250 20 240
Institute Mellanox Infiniband 4X / Cisco GigE
8 IBM Rochester USA, 2004 BlueGene/L BlueGene/L DD1 Prototyp (0,5 GHz 8192 IBM / LLNL 11 680 16 384
PowerPC 440 mit Ergänzungen)
9 Naval Oceanographic USA, 2004 eServer pSeries 655 2944 IBM 10 310 20 019
Office (NAVOCEANO) (1,7 GHz Power4+)
10 National Center for Super- USA, 2003 Tungsten PowerEdge 1750, 2500 Dell 9819 15 300
computing Applications (NCSA) P4 Xeon 3,06 GHz, Myrinet
11 ECMWF, Reading GB, 2004 eServer pSeries 690 2176 IBM 9241 16 538
(1,9 GHz Power4+)
12 ECMWF, Reading GB, 2004 eServer pSeries 690 2176 IBM 9241 16 538
(1,9 GHz Power4+)

derem den Fernzugriff auf Rechenkapa- laxie wie Atome in miteinander reagie- aufträge mit dem Ziel, bis 2010 einen
zität. Die räumlich verteilte Datenbank renden Molekülen sein. IBM entwickelt marktfähigen, universellen Petaflops-
wird durch so erfolgreiche Projekte wie ein System namens »Cyclops«, bei dem Computer zu entwickeln. Zwei der drei
das »e-Science Grid« in Großbritannien der Prozessor im Wortsinn im Arbeits- beteiligten Firmen sollen im Anschluss
und das »National Virtual Observatory« speicher steckt (processor in memory sys- daran auch Aufträge zum Bau eines sol-
in den USA realisiert. tem) und das auf eine Reihe interessanter chen Geräts erhalten, der in den vier da-
Probleme, darunter Proteinfaltung, an- rauf folgenden Jahren stattfinden soll.
Auf dem Weg zum Billiardenrechner wendbar sein soll. Solche sehr stark spe- Auch wenn kein spektakulärer
Ein Teraflops zu erreichen war das er- zialisierten Systeme könnten unter den Durchbruch stattgefunden hat: Die Ent-
klärte Ziel der amerikanischen Hoch- ersten sein, die irgendwann im Jahr 2007 wicklung verläuft nach wie vor rasend
leistungsrechner-Initiative in den 1990er oder 2008 mehrere Petaflops Dauerleis- schnell. Eine Verdopplung der Rechen-
Jahren. Heute betreibt die Darpa ein tung liefern werden – aber eben nur in geschwindigkeit pro Jahr macht einen
Nachfolgeprogramm namens HPCS ihrem engen Spezialgebiet. Faktor 1000 – was dem Unterschied zwi-
(high performance computing systems), Der erste universelle Petaflops-Com- schen einem VW und einer Boeing 737
dessen zweite Phase von 2004 bis 2006 puter könnte der BG/P sein, ein Ab- entspricht – in zehn Jahren; und es sieht
läuft und dessen dritte Phase, wenn sie kömmling des IBM BlueGene/Light ganz so aus, als würde die technische
finanziert wird, bis 2009 geplant ist. In (BG/L), der zurzeit im Lawrence-Liver- Entwicklung auch im laufenden Jahr-
diesem Programm strebt man nach drei more-Nationallaboratorium installiert zehnt diese Vorgabe einhalten.
Nullen mehr vor dem Komma: Peta- wird. Seine Prototypen liegen in der
flops, das heißt 1015 Rechenoperationen Top500 bereits weit vorne. Mit 65 536
pro Sekunde, sind angesagt. Und einige Prozessoren wird seine Spitzenleistung Thomas Sterling arbeitet am

Ä
M
RZ205
Ereignisse der jüngsten Zeit zeigen, dass bei 360 Teraflops liegen. Auf dieser Center for Advanced Computing
Research des California Institute of
es bis zum Erreichen dieses Ziels wahr- Grundlage könnte der BG/P mit verbes- Technology in Pasadena und ist zu-
AUTOR

scheinlich nur noch wenige Jahre sind. serten Prozessor- und Netzwerkfähigkei- gleich Chef-Wissenschaftler am
Eine japanische Gruppe arbeitet wei- ten eine Spitzenleistung von einem Peta- Jet Propulsion Laboratory. Dieser
ter an dem Projekt »Grape«, das speziell flops im Jahr 2007 oder 2008 erreichen. Artikel ist die aktualisierte Version eines Vortrags,
den er im vergangenen Sommer auf der Interna-
auf die Berechnung von Vielteilchensys- In der oben erwähnten Ausschreibung
tionalen Supercomputer-Tagung (ISC2004) in Hei-
temen ausgerichtet ist. Die »Teilchen« der Darpa erhielten neben Cray auch delberg gehalten hat.
können dabei ebenso Sterne in einer Ga- IBM und Sun Microsystems Forschungs-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 89
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

Doppelt zählt besser


ü
Pentium und seine Prozessorkollegen stoßen an ihre
Grenzen. Die Chipindustrie reagiert mit »Multi-
Core-Chips«. F r Softwareentwickler ist dies keine
gute Nachricht.

Von W. Wayt Gibbs schob eine 4-Gigahertz-Variante des Pen- raten Sockeln (die hohe Rechenleistung
tium 4, die eigentlich im vergangenen kommt durch Zusammenschalten meh-

E
s war nie die Frage ob, sondern Herbst kommen sollte, auf dieses Jahr. rerer Mainboards zu Stande; siehe den
wann und warum: Wann wür- Die Entscheidung mit der größten Beitrag auf S. 85). Dagegen stellt die In-
den die Hersteller von Mikro- Tragweite aber fällte der Marktführer im tegration mehrerer Prozessorkerne auf ei-
prozessoren gezwungen sein, Mai 2004: Alle Entwicklungsarbeiten an nem Chip eine weit reichende Design-
einen kleineren Gang einzulegen, warum einer nächsten Generationen von Pen- veränderung dar. Denn damit verringert
würde die scheinbar so eiserne Regel tium-4- und Xeon-Prozessoren wurden sich auf Grund der kürzeren Leitungswe-
»alle zwei Jahren ein schnellerer Chip« eingestellt. »Etwa zwei Jahre Arbeit hat- ge die Zeit für Interaktionen auf Bruch-
nicht mehr durchzuhalten sein? Woran ten wir schon hineingesteckt«, schätzt teile von Nanosekunden.
würde sie scheitern: an fundamentalen William M. Siu, der als Manager von
Gesetzen der Physik oder an schnöden Intels Desktopcomputer-Abteilung den Diener zweier Herren
Kosten? Offenbar hat die Trendwende Stopp beantragt hatte. Mit diesem Be- Schon 2001 hatte IBM mit dem »Po-
bereits begonnen, und zwar aus beiden schluss musste der Konzern nicht nur er- wer4« einen Dual-Core-Prozessor ein-
Gründen. hebliche Investitionen als Verlust verbu- geführt, Intel will aber das erste Unter-
Fast alle Halbleiterhersteller hatten chen, sondern etwas weit Schmerzliche- nehmen sein, das diese Technologie auf
im vergangenen Jahr mit Fertigungspro- res eingestehen: Das Bauprinzip – die den Massenmarkt bringt. Dazu muss das
blemen zu kämpfen. Besonders offen- »Architektur« – des Pentium, der das Unternehmen allerdings erst seinen Ri-
kundig wurde dies bei Marktführer Intel. Kerngeschäft Intels ausmacht und in drei valen AMD ausstechen. Der stellte im
Die Chipschmiede musste die Ausliefe- Vierteln aller Computer der Welt steckt, August 2004 eine Doppelkernversion
rung ihres »Prescott« – eines neues Mo- ist früher als geplant an das Ende seiner seines häufig verkauften Opteron-Prozes-
dells der Pentium-4-Serie – um mehr als Möglichkeiten gestoßen. sors vor, in diesem Jahr soll die Serien-
ein halbes Jahr aufschieben, um Fehler Die neue Marschrichtung des Kon- produktion beginnen. Unterdessen ar-
auszumerzen. Als der Chip endlich auf zerns lautet: Auf jedem neu zu entwer- beitet auch Sun Microsystems fieberhaft
den Markt kam, waren Tester von seiner fenden Chip sind mindestens zwei Pro- an der Entwicklung eines »Niagara« ge-
Leistung nicht sonderlich begeistert: zessorkerne integriert. Bislang gab es in nannten Chips für Netzwerkserver, der
Trotz seiner 125 Millionen Transistoren Desktopcomputern und Servern nur sogar über acht identische Prozessorker-
übertraf er den mit 55 Millionen solcher eine einzige dieser im Englischen core ge- ne verfügen soll.
Elemente bestückten Vorgänger nur nannten zentralen Komponente zur Be- Die Aufgabe, einen Chip zu bauen,
knapp. Intel rief überdies Lieferungen ei- fehlsverarbeitung. Einige Hochleistungs- der zwei Herren zugleich dient, ohne in
nes weiteren fehlerhaften Mikrochips zu- computer rechnen zwar heute schon mit schlimmste Verwirrung zu geraten, ist so
rück, stellte die Einführung eines neuen zwei Prozessoren auf ein und demselben neuartig und schwer, dass man bei den
Notebook-Prozessors zurück und ver- Mainboard, doch stecken diese in sepa- üblichen Zielen – Miniaturisierung und
Erhöhung der Komplexität – gewaltige
Abstriche machen muss. Daher werden
die beiden Prozessoren eines Dual-Core-
Rechners zunächst einfacher gebaut und
langsamer sein als die bisherigen Allein-

Ä
RZ205
herrscher – was den Verkäufern bereits

M
jetzt Kopfschmerzen bereitet. Wie sollen
sie das den Kunden vermitteln?
Auch wenn sich die Architektur än-
dert, die stete Verkleinerung der Schalt-
kreise soll planmäßig weiterlaufen. Bis
Ende dieses Jahrzehnts sind Struktur-
breiten von maximal 18 Nanometer
(millionstel Millimeter) vorgesehen; der
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q
DESKTOP-COMPUTING

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MIT FREUNDL. GENEHMIGUNG VON AMD

Prescott erreicht »gerade mal« 50. Und


das bedeutet: Die Zahl der auf einem
Chip untergebrachten Schaltkreise – die
so genannte Transistorendichte – wächst
und wächst (Spektrum der Wissenschaft
6/2004, S. 70).
Hitzeentwicklung und wachsender
Stromfluss zuverlässig zu unterbrechen
beziehungsweise passieren zu lassen. Ver-
gleicht man diese elektronischen Ele-
mente mit Wasserhähnen, mussten die
Entwickler früher dafür sorgen, dass ein
solcher Hahn drei- bis viermal gedreht
wurde, um vollständig zu öffnen oder zu
o
mehr sein. Die
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Supercomputing wird Heim-PC
und Laptop bald kein Fremdwort
hste Generation rech-
net mit zwei Prozessoren auf einem Chip
(im Foto jeweils die unteren, strukturier-
ten Bereiche eines Chips).

Stromverbrauch setzen dabei jedoch enge schließen. Heutige Transistoren hinge-


Grenzen. Bereits heute liegt die maxima- gen gleichen Armaturen, die nur um we-
le Leistungsaufnahme von Mikroprozes- nige Grad nach links oder rechts gedreht phen S. Pawlowski, Leiter des Mikro-
soren bei über 110 Watt, da Chipherstel- werden müssen. Leider sind sie wegen prozessor-Entwicklungslabors bei Intel.
ler in den letzten Jahren stetig die Taktra- dieser Empfindlichkeit nicht ganz dicht. Dank ausgeklügelter Kühlbleche und
ten erhöht haben (siehe die obere Grafik, Selbst im Sperrzustand fließt immer Lüfter bleiben Mikroprozessoren heute
nächste Seite). Der größte Teil dieser noch ein winziger Leckstrom von unge- noch deutlich unterhalb dieses thermi-
Energie wird in Wärme umgewandelt. fähr 100 Nanoampere. Das klingt nach schen Limits. »Doch es wird immer

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RZ205
Ein neuer Pentium-4 hat pro Quadrat- wenig, doch angesichts von vielen Milli- schwieriger und teurer, die Hitze aus dem

M
zentimeter eine höhere Heizleistung als onen Transistoren auf einem Chip Gehäuse zu bekommen.« Intel könnte
ein heißes Bügeleisen. Da Ingenieure die kommt einiges zusammen, und dabei von seinen Kunden, den Computerher-
Transistoren immer dichter zusammen- entsteht wieder Wärme. stellern, verlangen, von Lüftkühlung auf
pferchen, dürfte sich die Betriebstempe- »Ab einer bestimmten Wärmeleis- Flüssigkeitskühlung umzustellen. Apple
ratur auch in Zukunft weiter erhöhen. tungsdichte, vermutlich ab 100 Watt pro wählte diese Option in seinem neuen Po-
Die Hauptaufgabe eines Transistors Quadratzentimeter, ist das Silizium star- wer Mac G5. Doch ein solches System ist
in einem digitalen Rechenwerk ist, den ken Belastungen ausgesetzt«, erklärt Ste- aufwändig und erhöht deshalb die Kos-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 91
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

ten. Das könnte sich nachteilig auf das geraten aber auch immer dünner. Da- dem Arbeitsspeicher zu holen. Schnelle
Geschäft auswirken: Dass Intel derzeit durch wachsen der elektrische Wider- Zwischenspeicher im Prozessorchip, so
ungefähr 50-mal mehr Pentium-4-Syste- stand und die Leitungskapazität, was die genannte Caches, lösen derzeit das Pro-
me verkauft wie Apple Computer mit Elektronen ausbremst. blem und erlauben sogar eine Art Paral-
G5-Prozessoren, liegt im Wesentlichen Besonders nachteilig wirkt sich dies lelisierung – während das Rechenwerk
am stolzen Preis des letzteren. auf die relativ langsame Verbindung zwi- bei Befehl A noch auf das Eintreffen von
Wärme und Stromverbrauch sind in- schen Prozessor und Arbeitsspeicher aus. Daten wartet, arbeitet es bereits die Be-
des nicht die einzigen Probleme. Damit Ein moderner Mikroprozessor führt mit fehle B und C ab. Doch diese Technik ist
Information von einem Ende des Chips jedem Ticken seines internen Taktgebers nahezu ausgereizt. »Wir haben das Ge-
zum anderen gelangt, müssen Elektro- mehrere Befehle aus, und bei 3,6 Giga- setz des Quadrats gegen uns«, erklärt Jus-
nen durch eine Leitung fließen. Zwar hertz gibt es 3,6 Milliarden solcher Zy- tin R. Rattner, Leiter der Entwicklungs-
werden die »Drähte« in den Chips und klen pro Sekunde. Aber es braucht unge- abteilung Systemtechnologie bei Intel.
damit die Signalwege immer kürzer, sie fähr 400 Takte, um Informationen aus »Man benötigt einen exponentiellen Zu-

Datenlogistik und Wärmemanagement für schnellere Rechner


10000 Die kontinuierlich wachsende Leistung der
Verbesserungen in längere Pipeline,
Hyper- Prozessoren beruhte bislang einerseits
der Chiparchitektur threading auf der wachsenden Taktrate, mit der Tran-
Arithmetik in
doppeltem Tempo sistoren auf dem Chip schalten, anderer-
Erhöhungen der Taktrate
Level-2-Cache in vollem seits auf immer ausgefeilteren Strategien
theoretische maximale Rechenleistung
in Millionen Operationen pro Sekunde

1000 Jahr Prozessortakt zur Datenvorhaltung. Diese Grafik von


Intel listet die wichtigsten Maßnahmen
MMX (Multimedia- der »Datenlogistik« auf. Muss ein Prozes-
Erweiterung)
3060 MHz sor auf die Abarbeitung einer Instruktion
Spekulative und Out-of- 2000 MHz warten, um zwischen einem von zwei
Order-Befehlsverarbeitung
100 möglichen Folgebefehlen zu entscheiden,
Mehrfach-Instruktionen 733 MHz beschreitet er zum Beispiel bei der specu-
pro Takt lative execution beide Wege und über-
prüft erst dann, welcher richtig war. Die
ELIZA JEWETT, NACH: INTEL CORPORATION

300 MHz
integrierter Cache- 200 MHz out-of-order-execution ermöglicht alterna-
Speicher tiv dazu, in der Wartezeit andere Aufga-
10
Befehlspipeline
ben abzuarbeiten. Weitere Gewinne an
66 MHz
50 MHz Rechenleistung erwarten Fachleute künf-
33 MHz tig von der Verknüpfung mehrerer parallel
25 MHz arbeitender Prozessoren auf einem Chip.
16 MHz
1
1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004
140
Itanium 2 (maximale Leistung)
120
Leistungsaufnahme der Prozessoren (in Watt)

THERMISCHE GEFAHRENZONE
100
Itanium 2 (Nennleistung)
80 Intel-Prozessoren der neuesten Genera-
tionen – Pentium 4 und Itanium 2 – kön-
Pentium 4 (Nennleistung)
nen mitunter mehr Abwärme erzeugen,
ELIZA JEWETT, NACH: INTEL CORPORATION

60 Pentium Pro als bisherige Kühlsysteme abführen. Spe-


Pentium II zielle Schaltkreisen überwachen deshalb

Ä
RZ205
40 die Prozessortemperatur und senken ge-

M
gebenenfalls die Taktrate ab. Zukünftige
Pentium III
20 Intel-Prozessoren werden über mehrere
Kerne verfügen, die jeweils langsamer ar-
Pentium
beiten. Dadurch erzeugen sie zum einen
0
250 500 1000 1500 2000 2500 3000 3500 4000
weniger Abwärme, zum anderen wird die-
se gleichmäßiger auf der Oberfläche des
Taktrate (in Millionen Hertz, MHz)
Chips verteilt.

92 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
DESKTOP-COMPUTING

wachs der Transistorenzahl, damit aber


der Chipfläche und beim Stromver- Der neue Trend: Arbeitsteilung auf dem Chip
brauch, um auch nur geringe weitere
Verbesserungen bei der parallelen Be- Firma Entwicklungsstand bei Multi-Kern-Prozessoren
fehlsverarbeitung zu erreichen.«
Daher also der drastische Strategie- AMD Im August präsentiert ADM einen Dual-Core-Prozessors (siehe
wechsel. Weil die nach wie vor steigende Bild S. 91); der Chip soll im nächsten Jahr auf den Markt kommen.
Transistorendichte für die Parallelisierung
kaum etwas einbringt, nutzen die Inge-
nieure sie auf neue Weise: Sie teilen den Cisco Systems Ein im Mai vorgestellter Netzwerk-Router verfügt über
Chip in mehrere Kerne und erreichen Prozessoren mit 192 Kernen, die pro Sekunde 1,2 Billionen Bits
so eine effektivere Parallelverarbeitung. an Internetdaten verarbeiten können.
Künftig sollen etwa 70 Prozent der Leis-
tungssteigerung von einer Rechnergene- IBM verkaufte 2001 den ersten Dual-Kern-Prozessor – den Power4;
ration zur nächsten aus Verbesserungen der im Mai 2004 eingeführte Power5 besitzt ebenfalls zwei Kerne.
der Prozessorarchitektur resultieren. Zwar
werden die Taktraten auch weiterhin stei- Intel Der Marktführer testet einen Prototyp mit zwei Kernen namens
gen, doch langsamer als bislang. Dem- Montecito; kommende Mikroprozessoren für den Desktop- und
entsprechend hat Intel kürzlich seine Serverbereich sollen stets mehrere Kerne haben.
Prozessorbezeichnungen geändert: 15
Jahre lang führten sie ihre Mega- oder Sun Microsystems Der im Februar präsentierte Ultra-Sparc-IV-Prozessor arbeitet
Gigahertz-Taktung im Namen, nun die- mit zwei Kernen, der für Anfang 2006 angekündigte Niagara soll
nen abstrakte Zahlen als Kennung. bereits acht haben.
Zwei Kerne sind natürlich nur der
Anfang, der Marktführer denkt an vier
bis acht in naher Zukunft, seine For- David J. Kuck, Leiter der KAI Software Heute schon arbeiten Computer mehr
schungsabteilung konzipiert Superrech- Labs, einer Firma, die Intel gekauft hat, als schnell genug, um die meisten Aufga-
ner mit mehreren hundert Cores. Im um den Übergang zum neuen Design zu ben zu bewältigen. Die Nachfrage nach
Prinzip können zwei Prozessoren immer erleichtern. »Wenn Threads ineinander schnelleren Rechnern hat im vergange-
mehr ausrichten als einer – wenn sie gut greifen und Daten austauschen, verliert nen Jahr bereits leicht nachgelassen.
kooperieren. Dazu müsste ein Programm jeder Entwickler den Überblick.« Auch Doch Ende 2006 sollen 70 Prozent der
in Threads genannte Aufgaben unterteilt das Fehlersuchen wird zum Problem. Desktopcomputer und Notebooks sowie
sein, die gleichzeitig in verschiedenen »Ein in Threads ablaufendes Parallelpro- 85 Prozent der Server damit ausgestattet
Kernen abgearbeitet werden. Gerade gramm ist nicht deterministisch«, sagt sein – wünscht sich Intel. Werden pro-
nicht benötigte Einzelprozessoren wür- Kuck. »Es kann sich einmal so verhalten fessionelle Nutzer wirklich umsteigen,
den kurzzeitig abgeschaltet, um den und beim nächsten Mal wieder anders, je wenn die nächste Generation mit vier
Stromverbrauch zu verringern. nachdem, ob ein Prozessor dem anderen Kernen schon vor der Tür steht? Wie re-
ein bisschen zuvorkommt oder nicht. agiert der Massenmarkt? Wie viel wer-
Die Kehrseite der Medaille Deshalb wollen die meisten Software- den Softwarefirmen für das Upgrade von
Nur können die meisten der existieren- entwickler damit nichts zu tun haben.« Seriell- auf Parallelverarbeitung berech-
den Programme mit den neuen Mög- Manche Tätigkeiten sind schlicht nen? Manch einer mag zu dem Schluss
lichkeiten nichts anfangen, weil ihre Ar- nicht für die Parallelisierung geeignet, ei- kommen, dass die neue Technik den
beit nicht ohne Weiteres in Threads zu nerlei wie sie programmiert werden. Die Aufwand derzeit nicht lohnt. Anderer-
zerlegen ist. Also wird ein Multi-Core- meisten Anwendungen dürften aber seits lehrt die noch kurze Computer-
Prozessor vielleicht zunächst aus einem nach erfolgreicher Umstellung auf Mul- geschichte, dass mehr Leistung ihren
großen Kern bestehen, auf dem die her- tikernchips erheblich schneller laufen. Markt findet – oder den Bedarf selbst
kömmlichen Programme laufen, und Soll etwa ein mit der Videokamera auf- generiert.
kleineren für neu konzipierte Software. genommener Film in das DVD-Format
Doch das kann nur eine Notlösung sein. übertragen werden, so ließen sich aufei- W. Wayt Gibbs ist Redakteur
A U T O R U N D L I T E R AT U R

Allerdings schätzen Experten, dass die nander folgende Filmbilder gleichzeitig bei Scientific American.
Softwareentwickler noch lange brauchen, konvertieren. Auch computergenerierte Architecting the era of tera. In-
bis Programme mit geeigneter Architek- 3-D-Szenen, Fotobearbeitung, wissen- tel Research and Development,

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Z205
tur auf dem Markt sind. Denn es gibt schaftliche Simulationen und Daten- 2004. Im Internet unter
nur sehr wenige Fachleute mit entspre- banksuche gewännen an Tempo. Doch ftp://download.intel.com/labs/nextnet/down-
load/Tera_era.pdf
chender Erfahrung. wie viele Kerne sind wirtschaftlich sinn-
»In ihrer nun 40-jährigen Geschichte voll? Nicht mehr als acht für Standard- International technology roadmap for semicon-
hatte die Parallelverarbeitung immer da- anwendungen, schätzt Intel. ductors. International Sematech, 2003. Im Inter-
net unter http://public.itrs.net/Files/2003ITRS/
mit zu kämpfen, dass die Programmie- Und damit wären wir beim letzten Home2003.htm
rung sehr unanschaulich ist«, erläutert Problem der Mikroprozessor-Industrie:

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 93
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

94 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q MÄRZ 2005
PHOTONISCHE COMPUTER

Rechnen mit
Lichtgeschwindigkeit
In »photonischen« Computern sorgen für den Daten-
transfer zwischen den Mikrochips nicht mehr Strom-
pulse, sondern Lichtquanten. Schon in zehn Jahren
könnte diese Verknüpfung von Photonik und Elektronik
den Computermarkt dramatisch verändern.

Von W. Wayt Gibbs um zwei GHz fällt die Intensität der Da-
tensignale auf ein Zehntel ab. Denn mit

S
eit rund zehn Jahren hat der Fort- der Taktrate steigen auch Stromver-
schritt der Mikroprozessoren alle brauch, Wärmeentwicklung und elektro-
anderen Computerkomponenten magnetische Interferenzen – drei Dinge,
immer weiter hinter sich gelas- die den Systemdesignern ohnehin beson-
sen. Die neuesten Prozessoren arbeiten dere Kopfschmerzen bereiten. Das In-
mit 3,6 Gigahertz (GHz, Milliarden dustriekonsortium International Sema-
Hertz); simple arithmetische Operatio- tech schätzt, dass die Verbindungen zwi-
nen laufen sogar doppelt so schnell. Aber schen Prozessor und Peripherie alle zwei
die Verdrahtung der Hauptplatine, die Jahre ungefähr um zwei GHz schneller
den Prozessor mit seinen Speicherchips werden müssen, damit dieser Engpass
und anderen Systembestandteilen ver- sich nicht noch mehr verengt.
bindet, lässt nur ein GHz oder weniger »Unsere Ingenieure möchten zwanzig
zu. Somit verschwendet das Gehirn der GHz aus einem fünfzig Zentimeter lan-
Maschine drei Viertel seiner Zeit damit, gen Kabel herausholen«, sagt Michael
auf Instruktionen und Daten zu warten, Morse, Photonikforscher bei Intel. Nach
die im Stau stecken. dem Sematech-Szenario würden zwanzig
»In den kommenden Jahren wird das GHz gerade für die Generation der 32-
Ungleichgewicht zwischen Prozessorleis- Nanometer-Chips ausreichen – nur drei
tung und Speicherzugriff einen kriti- Entwicklungsschritte nach den 90-Na-
schen Punkt erreichen«, warnte schon nometer-Chips, die Anfang 2004 er-
vor drei Jahren der Physiker Anthony F. schienen. Für Mark T. Bohr, Leiter der
J. Levi von der University of Southern Prozessorarchitektur bei Intel, steht fest,
California in einer ausführlichen Ana- dass seine Firma die 32-Nanometer-Ge-
lyse. Er betonte, dass das Plastikmaterial neration im Jahre 2010 auf den Markt
in Leiterplatten hohe Frequenzen aus- bringen wird.
bremst: Mit jedem Anstieg der Taktrate Damit scheint die Bühne frei für
photonische Datenübertragung mittels
Laserstrahlung: Schon in zehn Jahren
sollte sie herkömmliche Kupferleitungen
Ein künftiger Mikroprozessor könn- ablösen. »Ich bin ein großer Anhänger
l te mit dem übrigen Computer so- von optischen Verbindungen auf Sys-
wohl mittels Licht als auch über Strom temebene«, sagt Patrick P. Gelsinger,

Ä
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kommunizieren. Kürzlich erfundene Ge- Leiter der Technikabteilung von Intel.
räte – Mikrohohlraumlaser, optische Sili- Allerdings bezweifelt er, dass die Photo-
zium-Modulatoren und durchsichtige nik ihren Vorzug – extrem hohe Ge-
Kunststoffsäulen – lassen sich im Prinzip schwindigkeit – ausgerechnet auf dem
kombinieren, um Bits nahtlos vom elek- kurzen Sprung zwischen Speicherchip
BRYAN CHRISTIE DESIGN

tronischen Bereich in den photonischen und Prozessor entfalten wird. Wann ge-
und wieder zurück zu bewegen. nau der Übergang zur Photonik stattfin-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 95
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

det, bei welchen Verbindungen und zu keit von Licht unschlagbar. Aber für kur- betont Paniccia. »Eine billige optische
welchem Preis, das wird vor allem davon ze Verbindungen, ob in Firmennetzwer- Verbindung bleibt billig, ob sie nun ei-
abhängen, wie die photonischen Geräte ken oder innerhalb eines Computerge- nen Meter oder tausend Kilometer lang
fabriziert werden. häuses, behauptet sich immer noch ist.« Viele Rechnerkomponenten, die
An der Peripherie eines Computer- Kupfer als unbestrittener König. heute eng zusammengepfercht in einem
systems wechseln Daten schon heute oft Erst jetzt rückt der Machtwechsel nä- Computergehäuse sitzen, können prinzi-
zwischen elektronischer und photoni- her, denn es ist endlich gelungen, eine piell über ein Auto, ein Gebäude oder
scher Form, etwa auf dem Weg von und Vielzahl photonischer Geräte herzustel- eine ganze Stadt verteilt werden, wenn
zu einer CD oder DVD, einem Bild- len, die in herkömmlichen Chipfabriken die Daten zwischen ihnen als Lichtpulse
schirm, einer optischen Maus, einer Ka- kostengünstig produziert werden kön- fließen.
mera, einem Stereoverstärker oder einem nen. »Wir wollen die Optik konsequent
Glasfasernetzwerk. Aber das Herz des vorantreiben bis zur Übertragung von Öffnet den Datenengpass!
Computers – Prozessor und Hauptspei- Chip zu Chip«, sagt Mario Paniccia, der Handelsübliche optische Chips, die etwa
cher sowie die Platine, die beides mit bei Intel die Forschungsgruppe Silizium- als Laser in CD-Playern und als Fotode-
den verschiedenen Peripheriegeräten ver- Photonik leitet. tektoren für Schalter in der Nachrichten-
bindet – bleibt bisher Elektronen vorbe- Wenn das gelingt, dürften Computer technik dienen, werden aus III-V-Halb-
halten. in zehn Jahren ganz anders aussehen als leitern hergestellt. Diese Substanzen hei-
heute. Manches wird einfach nur viel ßen so, weil sie Elemente aus der dritten
Glasfaserleitungen sind schnell – kleiner und schneller sein. Videokameras Spalte des Periodensystems – wie Alumi-
aber teuer und tragbare Videorecorder wird man nium, Gallium oder Indium – mit ei-
Das hat einen simplen Grund: Optische per Glasfaser in die photonischen Nach- nem Element aus der fünften Spalte –
Verbindungen sind zwar viel schneller als folger von USB-Anschlüssen stöpseln. meist Phosphor, Arsen oder Antimon –
Kupferleitungen, aber auch zehn- bis Einige Rechner werden wahrscheinlich kombinieren.
hundertmal so teuer. Erst wenn Tausende holografische Laufwerke haben, die auf Auf den ersten Blick scheinen sich
von Telefonverbindungen herzustellen einer Scheibe von der Größe einer CD III-V-Chips ideal für die Photonik zu
oder Milliarden von Internetpaketen zu hunderte Gigabytes zu speichern vermö- eignen. Da Elektronen darin schneller
verschicken sind, zählt Kapazität mehr gen. Glückliche Besitzer eines Direkt- unterwegs sind als in Silizium, können
als Kosten. Deshalb laufen Langstrecken- anschlusses zum internationalen Glasfa- III-V-Prozessoren bei viel höheren Takt-
verbindungen in reichen Ländern heute sernetz hätten Internetverbindungen mit raten arbeiten. Sie senden nicht nur aus
vorwiegend über Glasfaser – und darum mehr als einem Gigabit pro Sekunde – Hohlräumen in ihrer Oberfläche Laser-
hat die Firma Cisco in den letzten vier rund tausendmal so schnell wie das heu- licht aus, sondern verwandeln auch an-
Jahren eine halbe Milliarde Dollar für tige DSL und Kabelmodems. kommende Lichtpulse blitzschnell in
die Entwicklung eines optischen Routers Anderes wird sich noch dramatischer elektrische Signale. Deshalb haben die
ausgegeben. Dieser Netzwerkknoten und verändern. In der Praxis sinkt die ma- Photonikforscher zunächst mit III-V-
Datenverteiler wurde im Mai 2004 in ximale Geschwindigkeit elektronischer Halbleitern versucht, optische Schalt-
Betrieb genommen; seine 30 Glasfaser- Verbindungen mit wachsender Kabellän- kreise zu bauen.
leitungen schaffen 60 Gigabit pro Se- ge rapide. Darum müssen Speicherchips Zum Beispiel hat eine Gruppe um
kunde (Gbps) – das reicht, um den In- und Grafikkarten möglichst nahe an Daniel Blumenthal und Larry Coldren
ternetverkehr von 1,6 Millionen mit dem Prozessor sitzen, der sie mit Infor- von der Universität von Kalifornien in
DSL ausgestatteten Haushalten zu be- mationen versorgt. »Aber wenn man die Santa Barbara mittels Indiumphosphid
wältigen. Über Distanzen von mehr als Daten erst einmal im optischen Bereich einen »Photonenkopierer« konstruiert.
100 Metern ist die Schaltgeschwindig- hat, spielt die Entfernung keine Rolle«, Das Gerät empfängt photonische Bits ei-
ner bestimmten Wellenlänge, verstärkt
IN KÜRZE sie, falls nötig, und übersetzt sie mit Hil-
fe eines abstimmbaren Lasers in eine an-
r Die Übertragungskapazität der Kupferleitungen, die heute die Komponenten in dere Wellenlänge – ohne die Informati-
Computern verbinden, wird vermutlich schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts on jemals in elektronische Form umzu-
an praktische Grenzen stoßen. wandeln. Ein solches Gerät wäre für
r Um Mikrochips durch Licht zu verbinden, brauchte man bis vor kurzem Laser und künftige photonische Computer höchst
Detektoren aus exotischen Halbleitern. Solche Geräte rechnen sich nur für Ni- willkommen.
schenanwendungen, etwa Hochleistungsknoten für die Telekommunikation. Aber leider sind III-V-Halbleiter im
Doch 2004 entwickelten Ingenieure neue photonische Geräte, die in herkömmli- Vergleich zu Silizium heikle und wider-

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chen Chipfabriken billig herzustellen wären. spenstige Materialien – und darum teuer.
r Um Laserpulse zwischen Mikroprozessoren und Leiterplatten zu führen, wurden Ein nach dem herkömmlichen CMOS-
ebenfalls neuartige Techniken erforscht. Verfahren (complementary metal oxide se-
r Das Erscheinungsbild des Computers könnte sich durch photonische Bauteile ra- miconductor) aus Silizium hergestellter
dikal ändern, denn optische Verbindungen sind über kurze und lange Entfernun- Mikrochip kostet etwa fünf Dollar; doch
gen gleichermaßen enorm leistungsstark. für den gleichen Chip aus Indiumphos-
phid müsste man rund 500 Dollar auf-

96 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
PHOTONISCHE COMPUTER

Der photonische Computer: Was gibt es schon und was kommt auf uns zu?
Schon heute verwenden Computer an ihrer Peripherie einige den Kernbereich der Rechner vordringen. Voraussetzung für
optische Geräte. Aber die photonischen Komponenten, die jetzt diese Entwicklung ist allerdings, dass die Fabrikation photoni-
im Laborstadium oder kurz vor der Markteinführung sind, scher Komponenten wesentlich billiger wird als sie es heutzuta-
werden wahrscheinlich innerhalb der nächsten zehn Jahre in ge noch ist.

Jetzt: Mikroprozessoren arbeiten mit drei Gigahertz (GHz) oder Jetzt: Glasfasernetzwerke, die mit Datenraten bis zu 10 Gbps ar-
mehr, warten aber oft im Leerlauf auf Daten aus dem Arbeits- beiten. Aber die meisten Computer verwenden billigere elektri-
speicher (random-access memory, RAM), der nur mit 0,4 GHz sche Ethernet-Verbindungen mit nur 0,1 Gbps.
getaktet ist. Neuere Prozessoren können Daten über Mehrfach- Als Prototyp: Optische Modulatoren, die bei Intel gebaut wurden,
leitungen mit insgesamt bis zu 50 Gigabit pro Sekunde (Gbps) könnten zu erschwinglichen 2,5 bis 10 Gbps schnellen optischen
beziehen. Netzen führen.
Als Prototyp: Photonische Verbindungen zwischen Speicher und
Prozessor, die mit Blu-ray- oder
HD-DVD-Laufwerk
1,25 Gbps pro Wel-
lenleiter arbeiten.
In Labors: Neue Ver- Glasfaser-Netzkabel
fahren, bei denen
Tausende von Kunst-
stoffsäulen auf dem CD-Laufwerk
Prozessor ange-
bracht werden. Arbeits-
Dies erlaubt sehr speicher
schnelle elektri- (random- Im Jahr 2006: Das Unter-
access
sche und optische memory, nehmen InPhase Technolo-
Verbindungen zur RAM) gies geht davon aus, dass
Hauptplatine. sein erstes holografisches
optischer Laufwerk bis zu 200 Giga-
Netzanschluss bytes (GB) Daten auf einer
CD-großen Platte archivie-
ren und mit 0,16 Gbps wie-
der auslesen wird.
Hauptplatine

Mikroprozessor

Jetzt: Leitungsbündel verbinden


Laufwerke, Netzwerkkarten und drahtlose Tastatur holografisches
andere Komponenten mit bis zu und optische Maus Laufwerk
40 Gbps (2,5 Gbps pro Leitung).
Als Prototyp: Im Juli 2004 wurden
optische Platinen vorgestellt, die Jetzt: DVD-Laufwerke schreiben und
über Plastikkanäle optische Ver- überschreiben bis zu 8,5 GB auf zwei-
bindungen auf Leiterplatten her- schichtige Scheiben und lesen sie mit
stellen. Sie arbeiten mit 8 Gbps Videokamera maximal 0,13 Gbps wieder aus.
pro Wellenleiter. In Produktion: Blu-ray- und HD-DVD-
Rekorder speichern bis zu 50 GB auf

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Jetzt: USB 2.0 verbindet eine Maus, eine Videokamera einer Platte und übertragen Daten mit
und andere Geräte mit dem Computer – mit ungefähr 0,04 Gbps – wobei dieses Tempo bald
BRYAN CHRISTIE DESIGN

0,48 Gbps und über Entfernungen bis zu fünf Meter. auf 0,32 Gbps steigen soll.
In Produktion: Teure Glasfaserstecker der Firma Xanop-
tix übertragen Daten mit 245 Gbps über Entfernungen
bis zu 500 Meter.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 97
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

wenden. Außerdem bleibt die Entwick-


lung von Siliziumchips keinswegs stehen.
Vom Kupferdraht zum Wellenleiter
»Wer gegen das gängige CMOS-Verfah-
ren konkurrieren will, legt sich praktisch Photonische Mikrochips werden wahrscheinlich zuerst in Spezialcomputern ein-
auf die Schienen«, klagt Ravindra A. gesetzt werden, die riesige Datenmengen verarbeiten müssen – zum Beispiel für
Athale, der Photonikprogramme an der bildgebende Verfahren in der Medizin. Ein Kernspintomograf könnte eines Tages
amerikanischen Militärforschungsagen- neue Typen von mikroskopischen Lasern (unten links) und Silizium-Modulatoren
tur Darpa (Defense Advanced Research (unten Mitte) verwenden, um seine Bilder per Glasfaser zu einem Computer zu
Projects Agency) leitet: »Früher oder später senden. Neu entwickelte Steckertypen vermögen riesige Datenmen-
überrollt einen der Zug.« gen direkt zum Prozessor zu übermitteln (unten rechts). Mit
Auf diesen Zug muss die Photonik Hilfe solch superschneller Verbindungen können Ärzte sich zum
aufspringen. Nur so kann sie jemals ih- zum Beispiel besser mit weit entfernten Kollegen beraten.
ren Weg auf Hauptplatinen finden, die
nicht mehr als hundert Dollar kosten.
Deshalb hat sich die Forschung in den
letzten Jahren darauf konzentriert, elek-
tronische und photonische Bauteile auf
eine Weise zu integrieren, die sich mit
dem CMOS-Verfahren verträgt – und
diese Strategie beginnt sich auszuzahlen.
»Wir haben ein Stadium erreicht, das
noch vor zwei Jahren undenkbar war«,
sagt Salvatore Coffa, Leiter des Silizium-
Photonik-Labors der Firma STMicro-
electronics in Catania auf Sizilien. »Wir
denken daran, demnächst das erste Ge-
rät mit optischen Funktionen auf Silizi-
umbasis anzubieten.«

Alles einsteigen
in den CMOS-Express!
Es gibt mindestens drei Möglichkeiten,
photonische Komponenten in den
CMOS-Zug zu setzen – und jede davon Winzige Laser
hat beeindruckende Fortschritte ge-
macht. Der konservativste Ansatz, die so
genannte hybride Integration, ist dem
kommerziellen Erfolg am nächsten. Da-
mit wurden bereits Chips für die Tele-
kommunikationsindustrie hergestellt.
Hybridgeräte vereinen auf engstem
Raum Siliziummikrochips für logische
Operationen mit III-V-Chips für alle op-
tischen Aufgaben. Allerdings müsste eine
Glasfaser zum Modulator
gemeinsame CMOS-Fabrik völlig umge-
baut werden, denn Galliumarsenid oder
Indiumphosphid sind buchstäblich Gift Glasfaser vom
Pump-Diodenlaser
für die viele Milliarden Dollar teuren Aus einer ultradünnen Glasfaser (gelb)
Anlagen zur Herstellung von Silizium- Solche Mikrolaser, die Kerry J. Vahala am dringt Licht in den Ring. Eine bestimmte
chips. Darum werden die unterschiedli- California Institute of Technology entwi- Resonanzfrequenz wird im Ring verstärkt
chen Komponenten eines Hybridgeräts ckelt hat, können zu Tausenden auf übli- (Pfeile) und stimuliert ihn, einen Laser-
besser in separaten Fabriken hergestellt chen Siliziumchips fabriziert werden. Die strahl in eine andere Faser zu emittieren

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und erst dann zusammengebaut. winzigen Ringe vermögen Licht, das ein (rot). In der Praxis würden die Ringlaser
Xanoptix, ein kleines Start-up-Un- billiger Diodenlaser liefert, zu reinigen und wahrscheinlich an den Rändern von Lö-
ternehmen in Merrimack (New Hamp- seine Farbe an die von anderen photoni- chern liegen und die optischen Verbin-
shire), hat auf diese Weise Galliumarse- schen Komponenten verwendete Stan- dungsfasern wären in die Chipoberfläche
nidlaser mit Siliziumsteuerchips gepaart. dardwellenlänge anzupassen. eingebettet.
Das Ergebnis ist ein daumengroßes opti-
sches Verbindungsstück, das einem

98 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
PHOTONISCHE COMPUTER

Photonisch verbundene Mikroprozessoren

Tausende winzige Säulen aus durch-


sichtigem Plastik auf der Untersei-
te der Mikroprozessoren können
als optische Verbindungen zur Lei-
terplatte dienen. Diese Technik wur-
de von James Meindl am Georgia
Institute of Technology entwickelt.

BEIDE: MUHANNAD S. BAKIR UND JAMES D. MEINDL

Die Säulen passen in entsprechen-


de Buchsen auf der Oberfläche der
Leiterplatte.

Modulieren optischer Signale

Kondensator elektrische
Leitung

Fotodetektor

Mikroprozessor

Spiegel Beugungsgitter
Luft
metallbeschichtete
Säule

Buchse
Kupferdraht durchsichtige
phasenverschobenes Licht Kunststoff- Kunststoffsäule
Wellenleiter
Leiterplatte

Ein von Mario Paniccia bei Intel entwickelter opti-


scher Modulator übernimmt digitale Daten in elek-
trischer Form und überträgt sie auf einen Licht- Sowohl elektronische als auch photonische Signale können die
strahl. Zunächst wird der Strahl in zwei Teile Säulen passieren und Daten zwischen Mikroprozessor und
ALLE GRAFIKEN: BRYAN CHRISTIE DESIGN

aufgespaltet (oben). Die digitalen Stromsignale pas- Leiterplatte transportieren. Übliche elektrische Verbindungen

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sieren je einen Kondensator (hier ist nur einer ge- werden zwischen Drähten und metallbeschichteten Säulen
zeigt) und verändern dabei die Phase des hindurch- hergestellt. Die Lichtpulse fließen durch Wellenleiter aus
laufenden Lichts. Wenn sich die Teilstrahlen wieder Kunststoff, werden durch Beugungsgitter aus Plastik oder
vereinen, interferieren die phasenverschobenen durch metallische Spiegel abgelenkt und durch Siliziumfoto-
Lichtstrahlen und bilden digitalisierte Lichtpulse. dioden ausgelesen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 99
SCHWERPUNKT Zukunft der Computer

USB-Stecker ähnelt. Aber während aus puter Hochspannungsanlagen zu steuern


USB-Kabeln weniger als 0,5 Gigabit pro vermögen. Die Photonik ändert das
Sekunde tröpfeln, pumpt der photoni- Die Silizium-LEDs könnten auch als
sche Stecker angeblich bis zu 245 Gbps Lichtquelle für einen CMOS-kompatib- Durch photonische Hochleistungsverbindun-
durch ein bleistiftdickes Bündel aus 72 len Laser dienen, den Kerry J. Vahala gen wird es überflüssig, alle Computer-
Glasfasern. Anfang 2004 am California Institute of komponenten in einen einzigen Kasten
Der hybride Ansatz steht freilich auf Technology vorführte. Vahala experi- zu packen. »Für ein elektrisches Signal ist
lange Sicht vor dem Problem, dass Mi- mentierte mit mikroskopisch kleinen es physikalisch etwas völlig anderes, ob
kroprozessoren mit steigendem Rechen- Scheiben aus Siliziumdioxid, die auf Sili- es vier Meter oder vier Zentimeter zu-
tempo immer wärmer werden. Die hei- ziumstäben sitzen. Durch Glätten der rücklegen muss«, bemerkt Ravindra A.
ßesten Stellen auf manchen Chips über- Kanten und sorgfältige Kontrolle der Athale von der Defense Advanced Re-
steigen schon 80 Grad Celsius; bei die- Scheibendurchmesser erzeugte er das op- search Projects Agency, »aber im opti-
ser Temperatur beginnen III-V-Laser tische Äquivalent einer Flüstergalerie. schen Bereich machen vier Zentimeter
kaputtzugehen. Deshalb können hybride Licht, das eine benachbarte Glasfaser oder vier Meter keinen großen Unter-
optoelektronische Chips nicht das Herz passiert, dringt in die Scheibe ein und schied«. Deshalb können optisch verbun-
des Computers erobern, sondern nur kreist darin immer weiter, wobei die In- dene Teile weiträumig verstreut sein und
eine Nische in langsameren externen tensität um das Millionenfache ansteigt, doch als eine einzige Maschine funktio-
Verbindungsstücken und Peripheriegerä- bis es schließlich als Laserlicht emittiert nieren.
ten besetzen. wird (siehe Bild auf S. 98). In einem Auto könnten vielerlei Pro-
Die Scheiben können mit inkohären- zessoren, Speicher und Laufwerke hier
Silizium wird zum tem Licht von Leuchtdioden gespeist und dort eingebaut und durch Glasfa-
photonischen Material werden; sie könnten aber auch von sern verbunden werden. »Ich verstehe,
Intel hat seine Wissenschaftler angewie- außerhalb des Chips kommendes Laser- warum Daimler Chrysler schon 2005 giga-
sen, bei CMOS zu bleiben – in der licht reinigen, auffrischen und auf eine bitschnelle optische Laserverbindungen
Hoffnung, die vorhandenen Fabriken neue Wellenlänge abstimmen. »Statt für die Mercedes-S-Klasse plant«, sagt
könnten eines Tages ganze photonische Scheiben herauszuätzen, könnten wir Lö- Athale.
Systeme direkt in Mikroprozessoren cher erzeugen. Der Laser würde sich dann In künftigen Büros kann im Prinzip jeder
oder Hauptplatinen einbauen. Damit auf dem Innenrand des Hohlraums bil- Mitarbeiter einen einzigen Computer nut-
diese so genannte monolithische Inte- den«, meint Vahala. Dadurch würde es zen, dessen Teile über das ganze Gebäude
gration funktioniert, haben die Ingeni- einfacher, die Geräte mit Wellenleitern verteilt und durch optische Leitungen ver-
eure Silizium und einige andere CMOS- und anderen photonischen Komponen- bunden sind. Die Maschine lässt sich mit
verträgliche Elemente dazu gebracht, ten auf der Oberfläche zu verbinden. einem Tastendruck vorübergehend aufrüs-
Licht zu emittieren, zu manipulieren »Diese Mikrohohlraumlaser könnten Trä-
und auszulesen. gersignale für die vom Chip ausgesandte
Dieser erste Schritt ist ein Riesen- Information liefern«, schlägt er vor. abarbeitet, sendet sie eine Kopie jedes
erfolg: »Wir glauben, wir können mit Si- Damit das funktioniert, müssen Bits über ein Ethernetkabel in eine win-
lizium alles bauen – außer dem Laser«, Techniker erst eine Methode finden, In- zige Leiterplatte, die einen einzelnen
meint Paniccia. Silizium hat zwar an sich formation von elektronischer in optische Modulator enthält.
nicht die quantenmechanischen Voraus- Form zu übertragen. Bis vor einem Jahr Das Gerät arbeitet mit Laserlicht,
setzungen, um Licht zu erzeugen, aber war das in Silizium kaum möglich, weil funktioniert aber nach dem Prinzip eines
Coffas Gruppe bei STMicroelectronics sich Licht darin nur langsam und unsi- Mittelwellenradios (siehe Bild auf S. 99).
hat einen Weg gefunden, dieses Problem cher manipulieren lässt. Aber im Februar Es spaltet den mikroskopisch kleinen La-
teilweise zu umgehen. Indem die Forscher 2004 fand Paniccias Team heraus, wie serstrahl in zwei Teile auf. Unter jedem
ein klein wenig Cer oder Erbium in eine man mit Silizium einen Laserstrahl 50- Zweig sitzt ein elektrisch mit dem Ether-
mit Siliziumnanokristallen durchsetzte Si- mal schneller zu modulieren vermag – netkabel verbundener CMOS-Konden-
liziumdioxidschicht einbrachten, bauten das heißt, ihn dazu bringt, im Takt mit sator, der statische Elektrizität speichert
sie Chips, die beim Anlegen einer kleinen einem digitalen Signal zu flackern. und abgibt. »Wenn diese Bereiche stark
Spannung grün oder blau leuchteten. aufgeladen sind, beeinflussen die Elek-
Da die Lumineszenz inkohärent ist, Zweimal Schwarzenegger tronen das Licht«, erklärt Paniccia: Die
handelt es sich nur um Licht emittieren- »Da sitzen rund hundert Modulatoren«, Lichtwellen werden relativ zueinander
de Dioden (LEDs), nicht um Laser. sagt Paniccia und hält einen briefmar- phasenverschoben. Wenn die beiden
»Aber ihr Wirkungsgrad ist so hoch wie kengroßen Siliziumchip hoch. Wir sind Strahlteile sich wieder vereinen, interfe-

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der von Galliumarsenid-LEDs«, berich- im Optics Lab 1A am Intel-Forschungs- rieren sie derart, dass der Output-Strahl
tet Coffa, und weil sie CMOS-kompati- zentrum in Santa Clara. »Und dort ar- nach demselben Muster pulsiert wie die
bel sind, »können wir sie direkt in beste- beitet einer gerade«, fährt er fort und Bits der Videosignale.
hende elektronische Komponenten ein- zeigt auf eine Workstation. Auf dem Diese Pulse übertragen die Daten
bauen.« Noch im laufenden Jahr will Computer läuft eine hoch auflösende über eine einzelne Glasfaser, die so dünn
STMicroelectronics Optokoppler auf Si- DVD mit dem Spielfilm »Terminator 3«. ist wie ein Spinnenfaden, vom Chip zu
liziumbasis einführen, mit denen Com- Während die Maschine die Videosignale einem Photodetektor, der zu einem zwei-

100 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q
PHOTONISCHE COMPUTER

James D. Meindl und Muhannad S.


Erscheinungsbild des Computers Bakir vom Georgia Institute of Techno-
logy haben zusammen mit Anthony V.
Mulé von Intel mehrere polylithische
Unterhaltungssystem Prototypen erprobt. Einer davon heißt
Navigations- Leitungsmeer (sea of leads): Tausende von
E-Mail und Handy
computer mikroskopisch kleinen, s-förmigen Me-
CD- und DVD-
Armaturenbrett Laufwerke tallfedern werden im letzten Fertigungs-
schritt auf den Prozessor geätzt. Elektri-
Antriebskontroll- sche Signale fließen durch diese Federn;
computer
Lichtsignale jagen durch das Loch in ih-
rer Mitte und treffen Beugungsgitter,
welche die Pulse zu Wellenleitern inner-
halb des Chips oder der Hauptplatine
ablenken.
In einem zweiten Modell ruht der
Prozessor auf Tausenden von durchsich-
tigen Plastiksäulen, die in kreisförmige
Plastikbuchsen auf der Leiterplatte pas-
Glasfaser- sen (siehe Bild auf S. 99). Meindls Grup-
netzwerk pe hat regelmäßige Anordnungen von
Mikroprozessor, Säulen mit nur fünf Mikrometer (tau-

BRYAN CHRISTIE DESIGN


Speicher und sendstel Millimeter) Durchmesser und
Grafikkarte
zwölf Mikrometer Abstand hergestellt.
Fahrwerksensoren Die Forscher haben auch gezeigt, wie ei-
und -aktuatoren nige Zylinder und Buchsen mit Metall
beschichtet werden können, um elektri-
ten, wenn eine bestimmte Anwendung noch weit gehend spekulativ. »Die Sys- sche statt optische Verbindungen herzu-
einen schnelleren Prozessor oder mehr temarchitekten denken über so etwas stellen.
Arbeitsspeicher erfordert. Welche Fol- erst nach, wenn es die Technologie tat- Ein Prozessor, aus dem Zehntausen-
gen photonische Verbindungen für die sächlich gibt«, meint Athale. Aber diese de solcher Säulchen ragen, könnte schon
Computerarchitektur haben werden, ist steht vor der Tür. in zehn bis fünfzehn Jahren von infra-
roten Blitzen durchzuckt werden und
gleichzeitig von hochfrequenten Strom-
ten, einige Meter entfernten Computer Germanium hinzugefügt wird – was Chip- pulsen. Chipfabriken könnten in die
gehört. Die beiden Computer zeigen hersteller neuerdings ohnehin tun, um Lücken zwischen Lasern und Wellen-
perfekt synchron, wie Arnold Schwarzen- ihre Prozessoren schneller zu machen –, leitern Transistoren und Drähte ätzen.
egger aus seinem Auto springt. können CMOS-kompatible Fotodetekto- Endlich scheint sich die hartnäckige
Bisher bewältigt der Modulator Takt- ren entstehen, welche das Licht wieder in Kluft zwischen Laborphotonik und Un-
raten bis zu 2,5 GHz. »Aber wir können elektronische Bits zurückverwandeln. terhaltungselektronik zu schließen – zum
ihn viel kleiner machen und zehn Giga- Als photonisches Material ist Silizi- Vorteil künftiger photonischer Geräte
hertz erreichen«, behauptet Paniccia. um in den letzten Jahren ein gutes Stück und ihrer Nutzer.
»Wenn wir all diese Elemente in einem vorangekommen. Aber es hat noch einen
einzigen Chip kombinieren, entsteht so weiten Weg vor sich, bis es optische Silicon photonics. Von Lorenzo Pavesi und David
etwas.« Er hält einen Ethernetstecker Daten mit mehr als 20 GHz zu verarbei- J. Lockwood (Hg.). Springer, Berlin 2004
hoch: »Kleine optische Geräte aus Silizi- ten vermag. Vielleicht wird sich deshalb Sea of polymer pillars electrical and optical chip
um, die man überall einstecken kann, ein neueres Verfahren zur Integration
L I T E R AT U R H I N W E I S E

I/O interconnections for gigascale integration.


und eine Netzwerkkarte für 250 Dollar, von Photonik und Elektronik als wirt- Von M. S. Bakir und J. D. Meindl in: IEEE Trans-
die einen 25 000 Dollar teuren Router schaftlicher erweisen: die so genannte actions on electron devices, Bd. 51, S. 1069
(2004)
ersetzt.« polylithische Integration.
Die Idee dabei ist, auf der Hauptpla- Ultralow-threshold microcavity Raman laser on a
Das Beste aus beiden Welten tine einen CMOS-Prozessor zusammen microelectronic chip. Von Kerry J. Vahala et al. in:

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Optics Letters, Bd. 29, S. 1224 (2004)
»Wenn wir mit zehn Gigahertz senden mit einem dichten Netz sowohl opti-
wollen, müssen wir natürlich auch ebenso scher als auch elektronischer Verbindun- A high-speed silicon optical modulator based on
schnell empfangen können«, betont Pho- gen zu montieren. Dann könnten kleine a metal-oxide-semiconductor capacitor. Von Ma-
rio Paniccia et al. in: Nature, Bd. 427, S. 615
tonikforscher Morse. Silizium ist für in- – und damit relativ preisgünstige – III- (2004)
frarote Wellenlängen, wie sie üblicherwei- V-Chips Licht in den Prozessor pumpen,
se in photonischen Geräte verwendet wer- und zwar aus sicherem Abstand, damit Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
den, durchsichtig wie Glas. Aber wenn sie den Prozessor nicht überhitzen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q 101
REZENSIONEN
GEOLOGIE Doch so ansprechend das Buch auf

REZENSIONEN
Harald Frater den ersten Blick wirkt, so ärgerlich sind
Landschaftsformen beim genaueren Hinsehen die kleinen
Mängel. So vermisst man oft die Quelle
Unsere Erde im Wandel – den gestaltenden Kräften auf der Spur
von Zahlenangaben und bei vielen Fotos
Springer, Berlin 2005. 248 Seiten, € 29,95
die Ortsangabe sowie einen Maßstab
zum Größenvergleich. Im Abschnitt

W arum sind die meisten Mittel-


gebirge sanft gewölbt, wäh-
rend die Alpengipfel schroff in den
he »Phänomene der Erde«, die Frater
selbst herausgibt.
Mit den Planeten unseres Sonnensys-
über Erdbeben fehlt rätselhafterweise die
jedem Zeitungsleser vertraute Richter-
Skala. Einige Zahlen stimmen nicht: Das
Himmel ragen? Verrät die Sichelform tems steigt der Autor in die Materie ein. Gletschereis der Antarktis ist nicht bis zu
einer Düne, in welche Richtung sie Nach einem kleinen Crashkurs in Geo- zwei Kilometer dick, sondern im Zen-
wandert? logie geht es dann zur Sache: Wie kam trum mehr als vier Kilometer. Der Hi-
Auf solche Fragen gibt das Buch von der Polarforscher Alfred Wegener nur auf malaja würde vielleicht, wie behauptet,
Harald Frater eine erste Antwort. Der die Idee, dass sich die Kontinentalplatten dramatische fünf Zentimeter pro Jahr in
studierte Geologe und Geograf, Ge- gegeneinander verschieben? Welche Vul- die Höhe wachsen, wenn der durch die
schäftsführer einer Firma zur multimedi- kantypen gibt es? Und wie gestalten Eis, Plattentektonik hervorgerufene Höhen-
alen Popularisierung naturwissenschaft- Wasser und Wind, aber auch Erdbeben zuwachs sich nicht alsbald durch die
licher Themen, hat mit seiner Redaktion und Muren die Oberfläche der Erde? Im Erosion fast vollständig verkrümeln wür-
eine Einführung in die Geomorphologie Schlusskapitel geht Frater kurz auf die de. Die Elster-Eiszeit verlegt der Autor