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APRIL 2005 · € 6,90 (D/A) DEUTSCHE AUSGABE DES

> SERIE: 100 Jahre


Relativitätstheorie

> Die Neptun-Affäre


> ESSAY: Religion der Olmeken
> Überstimmte Gene

www.spektrum.de

ARCHÄOLOGIE

Die Entstehung
unserer Schrift
Wie sich aus semitischen Ursprüngen
13,50 sFr / Luxemburg 8,– €

das lateinische Alphabet entwickelte


D6179E

TSUNAMIS INFLUENZA FREIER WILLE


Gefahr im Droht eine globale Wie frei ist
Mittelmeer? Epidemie? unser Nichtwollen?
EDITORIAL z Reinhard Breuer
Chefredakteur

Lieber nicht mehr


im Mittelmeer baden?

N icht nur die Küsten Japans, Sumatras oder Sri Lankas sind von Seebeben
bedroht, sondern auch die Anrainer des Mittelmeers. Eigentlich ist das
nichts Neues, denn die Ursache der Beben, die unaufhaltsame Verschiebung
der afrikanischen und der anatolischen Erdplatte gegen die eurasische Platte,
ist hinlänglich bekannt. Natürlich schauen nach der Tsunamikatastrophe vom
26. Dezember letzten Jahres in Südostasien die Seismologen kritischer auch
auf diese bekannten »Störungszonen« rund um Europa.
Der Blick aufs Mittelmeer in unserem Tsunami-Artikel (ab S. 34) wirkt nicht
gerade beruhigend. Der französische Seismologe Pascal Bernard markiert
darin die wichtigsten Seebeben in der Region, wie sie seit der Antike die Küs-
ten verwüsteten. Zuletzt fegten am 9. Juli 1956 in der Ägäis bis zu 20 Meter
hohe Wellen über Inseln zwischen Naxos und Rhodos.
Diese extremen Wellen schreiben die Forscher nicht allein dem Erdbeben
der moderaten Stärke 7,5 zu, sondern auch einem »Verstärker« – einem unter-
seeischen Hang, der infolge der Erschütterung abrutschte. Das ist wohl die
eigentliche Gefahr, die im Mittelmeer lauert: mittelschwere Beben, die insta-
bile Küstenabhänge in die Meerestiefen stürzen lassen. Warnsysteme wie im
Pazifik würden bei den relativ kleinen Dimensionen unseres liebsten Urlaubs- ANZEIGE
gewässers nur wenig nützen. Der Bebenforscher Pascal Bernard weiß gegen
diese Gefahr daher auch keinen anderen Rat als: »Entfernen Sie sich vom
Ufer und begeben Sie sich auf eine Anhöhe.«

Vor allem junge Menschen fielen in den Jahren 1918 und 1919 der Spanischen
Grippe zum Opfer. Weltweit könnte es, nach neueren Schätzungen, damals
50 Millionen Tote gegeben haben. Andere Influenza-Pandemien, wenn auch
mit jeweils einer Million Toten weniger dramatisch, liefen 1957 und 1968 um
die Welt. Jetzt schildern drei amerikanische Molekularbiologen, wie sie –
nach jahrelanger Jagd – den besonders aggressiven Virusprototyp »H1N1«
aus Gewebeproben damaliger Opfer rekonstruieren konnten (S. 52).
H1N1 dient heute als Vorbild und Warnung: Jederzeit könnte ein neues Su-
pervirus den Erdball mit einer Grippekatastrophe überziehen. Bis jetzt haben
wir, trotz Vogelgrippe oder Sars, einfach Glück gehabt. Die Gefahr ist beson-
ders groß, wenn Menschen mit Vögeln und Schweinen zusammenleben. Kein
Wunder also, dass vor allem das aktuell grassierende Vogelgrippe-Virus
»H5N1« als potenzieller Unheilsbote der nächsten Pandemie gilt. Seit 1997,
als die Vogelgrippe in China erstmals ausbrach, haben Forscher leider noch
immer kein klares Schutzkonzept gegen den Erreger vorgelegt. Zwar hat
H5N1 bisher offenbar Probleme, von Mensch zu Mensch zu gelangen. Aber
wo diese sich an Tieren infizieren, sterben drei Viertel der Betroffenen.
Kürzlich meldeten chinesische Forscher, sie hätten einen neuen Impfstoff
entwickelt, der Hühner mindestens zehn Monate vor H5N1 schütze – und
damit vier Monate länger als die Vorgängermedikamente. Für Menschen
befinden sich potenzielle Vakzine erst in Erprobungsphase I. Ungelöst wäre
dann noch die Frage einer weltweiten Produktion des Impfstoffs, der am
Beginn einer Pandemie global bereitstehen müsste. Denn das sind alles
keine Planspiele: Eine neue weltweite Grippeseuche halten die Forscher für
längst überfällig.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
AP RIL 2 005
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 28
I N I HN HAA L TT

SPEKTROGRAMM ORNITHOLOGIE
Mauersegler –
12 Treibeis auf Mars · Meister des Fastfood ·
Alternde Bakterien · Diamantschleifer der Leben in der Luft
Steinzeit · Tropfen ohne Spritzer u. a. Dieser Vogel verlässt sein eigentli-
15 Bild des Monats ches Element nur noch zu Brutzwe-
Marsforscher mit acht Beinen cken. Schon der allererste Flug des
Jungvogels dauert Monate
FORSCHUNG AKTUELL
16 Appetit auf Dinos
Ein Säugetierfossil zeigt Dinosaurierkno-
chen im Magen
20 Rückschlag im Kampf gegen Polio
Die Ausrottung der Kinderlähmung droht
an politischen Querelen zu scheitern Aus urheberrechtlichen Gründen

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iErdbenchutm
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rdH genu gNi
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en
22 Historische Temperaturwellen können wir Ihnen die Bilder leider
Schwankte das Klima im letzten Jahr- nicht online zeigen.
tausend viel stärker als bisher gedacht?

angrutschekönenö
24 Immer wieder sonntags …
Ein US-Physiker propagiert einen neuen,
immer währenden Kalender

THEMEN
SEISMOLOGIE SEITE 34
28 Mauersegler
Die Sommervögel unserer Altstädte Tsunamis
fi Die Mechanismen, welche die Flutwelle im Indischen Ozean auslösten,
r 34 Tsunamis im Mittelmeer? sind dieselben, die auch das Erdbeben von Lissabon 1755 und andere
historische Katastrophen verursachten. Sie können jederzeit und an vie-
überall verheerende Flutwellen ausl sen len Orten wieder wirksam werden
r 44 TITEL Schriftentwicklung
Evolutionsprizipien beherrschten den

ä
langen Weg unseres Alphabets
r 52 Spanische Grippe
In Detektivarbeit rekonstruierten Forscher
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 52
das Killervirus von 1918 EPIDEMIOLOGIE
r 66 Interviews um Einstein Spanische Grippe –
Wo steht heute die Suche nach
Gravitationswellen? Nachbau des Killervirus
r 70 Gene: der Kontext macht’s Mehr Tote forderte keine Influenza als
Eine erbliche Disposition muss sich nicht die Pandemie am Ende des Ersten
auspr gen Weltkriegs. Jetzt kennen Forscher die
r 82 Die Entdeckung des Neptuns Gene jenes Virus. Damit zeigen sie
Die Auswertung wieder aufgetauchter auch mögliche Ursprünge einer neu-
Papiere enthüllt neue Aspekte en schweren Grippeepidemie auf

äö
r 90 Freier Wille
Wieso erleben wir eine Handlung als
selbstbestimmten Willensakt?
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 70
98 SONDERTEIL INNOVATION
r Nanotüten für Gerüche und Kosmetika GENETIK
r Interview: Entkrustung der Gesellschaft Komplexes Erbe
Veranlagungen sind das eine, ob sie
Titelbild: Die 1908 bei Ausgrabungen in Gezer (Isra-
el) gefundene Kalksteintafel ist etwa 3000 Jahre alt. zum Tragen kommen, etwas anderes.
Sie markiert die Trennung der Entwicklungslinien Warum beeinträchtigt etwa eine Mu-
von hebr isch-arabischer und ph nizisch-grie- tation manche Individuen stark, ande-
chisch-lateinischer Schrift
re aber gar nicht?
Istanbul Archaeological Museum

Die auf der Titelseite angekündigten Themen sind mit


r gekennzeichnet

4
A PR I L 2 0 0 5

r 118 Essay: Olmeken


Religion im Fokus der Archäologen

REZENSIONEN

104 Einstein. Eine Biographie von J. Neffe


Albert Einstein von Thomas Bührke
Chemie rund um die Uhr
von K. Mädefessel-Herrmann, F. Hammar
und H.-J. Quadbeck-Seeger
Machines Who Think von P. McCorduck
Der geschmiedete Himmel
von H. Meller (Hg.)
Gefühle lesen von P. Ekman
Science & Fiction II von T. P. Weber (Hg.)

MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

114 Arithmetische Primzahlfolgen


beliebiger Länge
TITELTHEMA SCHRIFTENTWICKLUNG SEITE 44
JUNGE WISSENSCHAFT

Vom Rinderkopf zum Abc 78 Hochspannung im Physiksaal

KOMMENTARE

ä
17 Nachgehakt
Schauer-Geschichte
27 Springers Einwürfe
Der Entschluss des Androiden

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 66
WISSENSCHAFT IM …

GESPRÄCHE UM EINSTEIN (II) 42 Alltag: Herzschrittmacher

Kosmologie und Gravitationswellen 65 Rückblick: Heringsfang mit Mikrofon u. a.


Was war so bahnbrechend an Einsteins Allgemeiner Relativit tstheorie? Der
WEITERE RUBRIKEN
Gravitationsforscher Bernard Schutz schildert, mit welchen Herausforderungen
die Forscher heute ringen 3 Editorial · 6 Leserbriefe /Impressum ·
117 Preisrätsel · 122 Vorschau

SPEKTRUM-PLUS.DE
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE SEITE 82 ZUSATZANGEBOT NUR FÜR ABONNENTEN
Gestohlene Neptun-Papiere
Nachdem bestimmte Dokumente
wieder auftauchten, konnten Histori-

d
ie

b
rd
eie
ker die Ereignisse um die Entdeckung
des Planeten neu bewerten. Die bis-

ö
herige Version ist falsch

ä
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 90
Galaktische Spurensuche
PSYCHOLOGIE Was verraten fantastische Bilder wie
Freier Wille Vergangenheit der
Noch bevor wir uns zu einer Handlung Milchstraße? Leider nicht viel. Erst die
entschließen, ist das Gehirn bereits Spektroskopie m glichst vieler einzel-
aktiv. Warum glauben wir trotzdem so ner Sterne gibt mehr Aufschluss
hartn ckig, uns selbstbestimmt ent- ZUGÄNGLICH ÜBER WWW.SPEKTRUM-PLUS.DE NACH
ANMELDUNG MIT ANGABE DER KUNDENNUMMER
schieden zu haben?

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 5
LESERBRIEFE

SCIENTIFIC AMERICAN
LESERBRIEFE

Nachruf auf Dennis Flanagan


Der langjährige Chefredakteur von Scientific American starb im Januar.
Am 14. Januar erlag Dennis nach mehr als drei Jahr- ertaubt war, lenkte die Ge-
Flanagan im Alter von 85 zehnten als Chefredakteur. schicke des Magazins diskret
Jahren einem Krebsleiden. Flanagan hatte weder aus dem Hintergrund. In
Damit starb innerhalb we- eine journalistische noch eine den 37 Jahrgängen, für die
niger Monate der zweite wissenschaftliche Ausbildung er verantwortlich zeichnete,
Gründervater jenes Scienti- und begann seine berufliche taucht sein Name nicht ein
fic American, den unsere Karriere nach einem abge- einziges Mal neben einem
Leser und wir kennen. Zu- brochenen Studium als Sport- Artikel auf. Dafür gelang es Dennis Flanagan
sammen mit Gerard Piel reporter bei »Life«, wo er Piel ihm, große Namen der Wis-
und einer kleinen Investo- kennen lernte. Erst der Auf- senschaft wie Hans Bethe, in ihrer Ruhmeshalle. Er
rengruppe hatte er 1947 das trag, einen Artikel über den James D. Watson, Francis H. selbst sah seine Verdienste
mehr als hundert Jahre alte Atombombenabwurf auf Hi- C. Crick, J. Robert Oppen- mit einem guten Schuss Iro-
Traditionsblatt erworben roshima zu schreiben, weckte heimer, Linus Pauling und nie. Als Spruch für seinen
und von einem kränkelnden sein Interesse an den Natur- Albert Einstein als Autoren Grabstein wünschte er sich
Gemischtwarenladen für Er- wissenschaften, das sich zu gewinnen. Durch heroi- denn auch die Bemerkung,
findungen, technische Ku- schnell zu Begeisterung aus- sches Redigieren verwandel- mit der ihn eine Filmkriti-
riositäten und mechanische wuchs. Er verstand es, diesen ten er und sein Redaktions- kerin, die sich viel auf ihre
Spielereien zur führenden Enthusiasmus glaubwürdig team den Fachjargon in ver- wissenschaftliche Unbildung
Stimme der Wissenschaft in in die neu konzipierte Zeit- ständliche Laiensprache. zugute hielt, einmal bei ei-
der Öffentlichkeit gemacht. schrift einzubringen. Die American Society of ner Party bedachte: noch so
Wie sein Partner ging er Flanagan, der seit einer Magazine Editors ehrte Fla- ein Renaissance-Heini.
1984 in den Ruhestand – Erkrankung in der Kindheit nagan 1999 mit einem Platz Die Redaktion

Klare Sicht an. Keine solche Substanz genden müssten demnach ei- sie eben in all den Fällen nicht
durch Augenlinsen könnte der UV-Strahlung der gentlich bereits als Kleinkin- zu tragen, wenn die Sonne re-
Sonne ohne Eintrübung meh- der, ja als Säuglinge (!), völlig lativ flach am Himmel steht.
Februar 2005
rere Monate standhalten. erblindet sein! Denn dies ist für das Auge das
Dass die Augenlinse des Da dies nicht der Fall ist, notwendige Training, um
Korrekter Einsatz Menschen diese Belastung muss das Auge offensichtlich auch stärkere Strahlung weg-
der Sonnenbrille dennoch viele Jahrzehnte ver- über Anpassungsmechanismen stecken zu können. Sinnvoll
Es ist in der organischen Che- trägt, bevor sich grauer Star verfügen. In Gegenden mit ist das Tragen von Sonnen-
mie kein einziges organisch- äußert, zeigt daher, dass die hoher UV-Strahlung »lernt« brillen daher nur in den Mit-
chemisches Material (außer Zellen der Linse über noch es, die Strahlungsschäden tagsstunden, auf Bergen und
einigen hochfluorierten Poly- nicht entdeckte effektive Re- schneller zu beheben. Aber im Urlaub im Süden, also bei
meren wie Teflon) bekannt, paraturmechanismen verfü- auch Menschen aus dem Nor- Extrembelastung.
welches die Kombination UV- gen müssen. den passen sich einer UV- Ansonsten leistet man ge-
Licht, Sauerstoff und Wasser Bislang unberücksichtigt strahlungsreichen Umgebung nau dem Vorschub, was man
über längere Zeit unbeschadet blieb von der Medizin, dass nach einiger Zeit an. Dies al- eigentlich zu verhindern trach-
übersteht. Mehr noch gilt das der Anteil an UV-Strahlung les wirft ein sehr bedenkliches tete: der Bildung des grauen
für durchsichtige, mit sauer- mit dem Sonnenstand extrem Licht auf die Warnung vieler Stars im Alter!
stoffhaltigem Wasser getränkte schwankt! So kann der UV- Augenärzte, bei Sonnenschein Dr. Stefan Brosig, Stuttgart
Stoffe. Hydroxyl- und andere Anteil der Sonnenstrahlung Sonnenbrillen, vor allem sol-
Radikale, die darin durch UV- (besonders der kurzwelligste) che mit UV-Schutz, zu tragen. Antwort des Autors:
Strahlung entstehen, greifen mittags um den Faktor 10 Denn durch die Sonnenbrille Die Augenlinse ist wie andere
organische Substanzen schnell oder mehr höher sein als be- wird das notwendige UV-Trai- Gewebe verschiedenen Quel-
reits einige Stunden später. ning der Augen unterbunden. len oxidativen Stresses ausge-
Briefe an die Redaktion … Die Intensität der UV-Strah- Wird eine solche UV-Schutz- setzt. Dazu zählt auch die vom
… richten Sie bitte mit Ihrer lung nimmt nicht linear mit Brille dann doch einmal bei Leser beschriebene UV-Strah-
vollständigen Adresse an: der Dicke der durchlaufenen Sonnenschein nicht aufge- lung, die zur Entstehung sehr
Spektrum der Wissenschaft Luftschicht ab, sondern expo- setzt, so trifft die UV-Strah- reaktiver Radikale führen
Ursula Wessels nentiell. Der Anteil der UV- lung das untrainierte Auge kann. Letztere schädigen unter
Postfach 10 48 40
Strahlung ist daher auf Bergen völlig unvorbereitet und rich- anderem die Proteine der Lin-
D-69038 Heidelberg
und am Äquator noch höher. tet große Schäden an. senzellen und können so zu
E-Mail: wessels@spektrum.com
Fax: 06221 9126-729
Menschen in sehr hoch ge- Der korrekte Einsatz einer deren Aggregation und letzt-
legenen oder südlichen Ge- Sonnenbrille wäre demnach, lich zur Linsentrübung führen.

6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 7
l Sonnenbrillen sollte man in ers- fällt in diesen Zellen auch matischen, semantischen und
LESERBRIEFE

ter Linie draußen bei hohem Son- eine wichtige Quelle freier pragmatischen Regeln, die

CLAUS SCHÄFER / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


nenstand tragen. Radikale. »molekulare Grammatik« hat
Trotz dieser Schutzmecha- ja bereits Manfred Eigen ein-
nismen führt die jahrelange drücklich dargestellt. Wäh-
die Kettenreaktionen freier Belastung der Linse dazu, dass rend biologische Individuen
Radikale stoppen können, sich immer mehr kleine irre- aber ein Verhältnis der Befol-
wenn sie doch einmal in Gang parable Schäden anhäufen, gung oder Nichtbefolgung zu
gekommen sind. Diese klei- was schließlich zu einer gelb- diesen Regeln haben können,
nen Moleküle können entwe- bräunlichen Verfärbung der fehlt dieses Verhältnis gegen-
der über das Kammerwasser Linse und zur Bildung einer über Naturgesetzen.
Im Gegensatz zur über- des Auges in die Linse diffun- Katarakt führen kann. Zu Naturgesetzen hat ein
wiegenden Mehrzahl der Zell- dieren, zum Beispiel die Anti- Bioindividuum kein Verhält-
typen enthalten reife Linsen- oxidantien Ascorbinsäure (Vi- Falsches Geschlecht nis, sondern es unterliegt ih-
zellen keine zytoplasmatischen tamin C) und Vitamin E; Der Katarakt ist die Strom- nen in jedem Fall und in strik-
Organellen mehr, auch kei- oder sie werden in der Linse schnelle; die Trübung der Au- tem Sinne. In immer mehr bi-
nen Zellkern. Sie sind somit selbst synthetisiert und rege- genlinse ist die Katarakt. ologischen Disziplinen wird
nicht fähig, Zellen oder be- neriert. Dr. Gabriele Herbst, Mannheim bei zeichenvermittelten Inter-
schädigte Proteine durch neue Außerdem verfügt die aktionen als Voraussetzung
zu ersetzen. Linse auch über Mechanis- für koordiniertes Verhalten
Die Linse muss sich des- men, die entstandene Schä- Leben Viren? von Kommunikation gespro-
halb besonders effektiv vor den wieder beheben können. Februar 2005
chen. Im Wurzelbereich von
oxidativen (und anderen) Schä- Methionin-Sulfoxid-Reduk- Pflanzen finden wir zum Bei-
den schützen. Zu diesem tasen reparieren oxidative Dem Autor L. P. Villareal fällt spiel parallele zeichenvermit-
Zweck verfügt sie über ver- Schäden an Proteinen. Einige die Beantwortung auch des- telte Interaktionen über Art-
schiedene Mechanismen, die der Kristallin-Proteine, die in halb so schwer, weil sie mit und Organismenreich-Gren-
bisher allerdings nur unvoll- Linsen in großen Mengen der präzisen »wissenschaftli- zen hinweg. Werden bei
ständig verstanden sind. Zum vorkommen, haben eine pro- chen Definition des Begriffs biogenen Kommunikations-
einen enthält sie Enzyme, die teinstabilisierende Funktion: Leben an sich« zusammen- prozessen die grammatischen,
oxidativen Schäden vorbeugen Sie schützen Proteine vor hängt. Wo sich die Biologie semantischen und pragmati-
können, etwa Superoxid-Dis- Fehlfaltungen und verhin- schwer tut, ist die Biosemio- schen Regeln befolgt, gelin-
mutasen, die Superoxid-Radi- dern ihre Aggregation (eine tik einen Schritt weiter. gen diese Kommunikations-
kale zu Wasserstoffperoxid um- wichtige Ursache für Kata- Wo immer im inner- oder prozesse; werden die Regeln
wandeln (und somit Kettenre- rakte). zwischenzellulären Bereich nicht befolgt, misslingen sie.
aktionen freier Radikale ver- Es sollte auch bedacht Zeichen (zum Beispiel Boten- Kristalle oder Photonen hin-

ä ä
hindern), und Enzyme, die werden, dass infolge fehlender moleküle) beziehungsweise gegen können nicht kommu-
das reaktive H2O2 zu unschäd- Mitochondrien der oxidative Kodes (DNA, RNAs) verwen- nizieren, sie unterliegen aus-

ää
lichem Wasser reduzieren. Metabolismus verglichen mit det werden, handelt es sich schließlich Naturgesetzen.
Zum anderen enthalten anderen Zellen sehr stark ein- eindeutig um Leben: Die Zei- Dr. Günther Witzany, Bürmoos,
Linsenzellen kleine Moleküle, geschränkt ist – somit ent- chenverwendung folgt gram- Österreich

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ä
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ää
(Online Coordinator), Dr. Uwe Reichert, Dr. Adelheid Stahnke; für 12 Hefte; für Studenten (gegen Studiennachweis) € 65,40. Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zug ng-
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8 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 9
Mars überraschend aufgefüllt, je älter die Krater, ziert, auch auf dem Mars zu spinnen haben Cheliceren
LESERBRIEFE

desto stärker. Die bei Mond hervorragenden Ergebnissen, (Scheren), auch die abgebil-
jung und dynamisch und Merkur bewährte Me- besonders bei Bildern hoher dete Art. In jedem zoologi-
Forschung aktuell, Februar 2005 thode ist also für den Mars Auflösung und mit möglichst schen Lehrbuch kann man
nicht geeignet. geologisch flächenhaft weit- nachlesen, dass die Asselspin-
Bereits die relative Datierung Bei der Hecates-Tholus- räumigem Kontext. Die MEX nen systematisch zu den Spin-
der Caldera I (C.I) muss Caldera müsste die Reihenfol- HRSC-Bilder sind exzellent nentieren gehören.
falsch sein. In ein Brett, das ge heißen: I, III und V. IV geeignet, weil sie große Flä- Die Forscher stellten durch
nicht vorhanden ist, kann und II als jüngste Form. Die chen mit hoher Auflösung Untersuchungen an dem Fos-
man schließlich kein Loch auf der Abbildung S. 13 ge- abdecken; zusätzlich helfen sil fest, dass es keine Belege lie-
stanzen oder bohren. C.I zeigten Formen im Vorfeld der höchstauflösende MOC-Da- fert, die der bisherigen Hypo-
muss die älteste Form sein, Steilstufe ähneln tatsächlich ten von Global Surveyor, die these widersprechen.
denn sie wird von allen ande- dicht liegenden »Jahresmorä- »Lupen«-Charakter innerhalb Dr. Gert Tröster, Göttingen
ren durchbrochen. C.II ist auf nen« alpiner Gletscher, es der HRSC-Flächen haben.
alle Fälle jünger als C.I. C.III könnte sich aber auch um Ab- Mit diesen Bilddaten ist es
bis C.V sitzen, wie C.II, am lagerungen mehrfach abgegan- möglich, die Flächen genau Carving-Ski
Rand der ältesten Form C.I, gener, wasserreicher Schlamm- fotogeologisch zu untersu-
Wissenschaft im Alltag,
wie bei Sekundär-Vulkanen ströme (mud flows) handeln, chen, zu kartieren, die Pro-
Februar 2005
im Bereich von Randspalten entstanden durch Auftauen zesse, die auf den kartierba-
großer Krater oft üblich. Auch von stark mit Staub belade- ren Einheiten abgelaufen Ein Drehmoment wird durch
deren Datierung untereinan- nem Eis in Permafrost-Berei- sind, zu verstehen, Sekundär- zwei entgegengesetzt gleiche
der muss falsch sein, denn chen am Steilhang. krater und vulkanische Kra- Kräfte gebildet, deren Wir-
C.III ist älter als C.IV und Dr. habil. A. Zienert, Heidelberg ter weit gehend bezüglich der kungslinien sich nicht schnei-
C.IV älter als C.V, wie aus Zählungen zu eliminieren den, salopp ausgedrückt,
den Formen klar hervorgeht. Antwort von Professor und Erosionsprozesse, wie sie »Drehmoment = Kraft mal
Es gibt auch Fotos von Gerhard Neukum: Dr. Zienert angesprochen Kraftarm«. Bei einer Kurven-
1977 mit einer Auflösung bis Im »Nature«-Artikel, der dem hat, richtig einzuschätzen fahrt mit dem Carving-Ski
18 Meter. Dort ist eindeutig Spektrumbeitrag zu Grunde und bei der Auswertung zu besteht das Kräftepaar aus der
zu erkennen, dass der Krater- liegt, steht explizit, dass die berücksichtigen. in Skimitte angreifenden Ge-
boden von C.I von Material Altersabfolge der Teilcalderen, Die Autoren des »Nature«- wichts- und Trägheitskraft des
(Lockermassen?) aus C.IV die rein aus den statistischen Beitrags führen ihre Arbeit auf Skifahrers einerseits und aus
überdeckt wurde und dass Werten der superponierten der Basis jahrzehntelanger Er- dem an der Kante angreifen-
von C.V Material über C.IV Kraterhäufigkeit ableitbar ist, fahrungen in planetarer und den Gegendruck der Schnee-
ausgeströmt ist. Der Boden nicht ganz den aus den geolo- terrestrischer Geologie aus oberfläche andererseits.
von C.V ist als Einziger recht gischen Prozessen zu erwar- (insbesondere mit profundem Falls dieses Drehmoment
glatt, von randlichen Rutsch- tenden Altersabfolgen ent- Hintergrund über die geologi- nicht durch entgegengesetzte
massen unterhalb der sehr un- spricht. Das ist auch nicht sche Entwicklung des Plane- Drehmomente ausgeglichen
terschiedlich hohen Krater- wirklich erstaunlich. Denn ten Mars und allgemein über wird, beginnt sich der Ski um
wände einmal abgesehen. zum einen sind die Altersun- Vulkanismus, glaziale Prozesse die Längsachse zu drehen.
Übrigens besteht C.IV aus terschiede relativ gering und und die angewendete Datie- Erst diese durch zeitliche In-
zwei Teilen, die Grenze zwi- liegen praktisch innerhalb des rungsmethode). Für ein tiefer tegration des Drehmoments
schen beiden wurde durch statistischen Fehlers von etwa gehendes Verständnis der Me- entstehende Drehbewegung
Material aus C.V überdeckt dreißig Prozent; zum anderen thode sei die Lektüre der im (nicht Verwindung!) ent-
und C.V sitzt auf dem Rand können nachfolgende erosive »Nature«-Artikel zitierten Li- spricht der physikalischen
eines der beiden Teile. Prozesse – zum Beispiel die in teratur empfohlen. Größe des Drehimpulses. Im
Im Übrigen wurden viele den Bildern sichtbaren tekto- Falle der Carver wird jedoch
kleine Krater auf dem Mars nischen Prozesse – zu kleine- das Drehmoment durch ein
mit Staubsturm-Sedimenten ren Altersverschiebungen ge- Asselspinne durch die Torsionssteifigkeit
führt haben. Innerhalb der der Ski – gegebenenfalls un-
scheibchenweise
ESA/ DLR / FU BERLIN (G. NEUKUM)

Fehlergrenzen sind alle Teil- terstützt durch Piezofasern –


calderen 150 ± 50 Millionen Spektrogramm, Januar 2005 vermitteltes Gegenmoment
Jahre alt. ausgeglichen, sodass es zwar
Die Methode führt, wie In dem Beitrag zu der fossi- zu Verwindungen, jedoch
mehrfach gezeigt und publi- len Asselspinne Haliestes dasos nicht zu nennenswerten Dre-
wurde leider eine Tatsache hungen um die Längsachse
und dadurch auch das Ergeb- kommen kann. Damit ist klar,
l Das Alter der Hecates-Tholus- nis bezüglich der systemati- dass es im vorgenannten Bei-
Caldera wurde mittels Funkdaten der schen Stellung der Asselspin- trag um Drehmomente und
High Resolution Stereo Camera nen falsch wiedergegeben. nicht um Drehimpulse geht.
(HRSC) bestimmt. Die heute lebenden Assel- Dr. Martin Treiber, Dresden

6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
SPEKTROGRAMM
SPEKTROGRAMM

r Mit seiner lappigen


BIOLO GIE Nase ertastet der Stern-
mull Beute in Rekordzeit.
Meister des Fastfood
Q Wie sein kleinerer Vetter, der Maulwurf, wühlt sich der Sternmull durch das kalte,
dunkle Erdreich auf der Suche nach Nahrung. Was ihm dabei an Insektenlarven oder
Würmern in den Weg kommt, hat keine Chance zu entrinnen; denn der in Nordameri-
ka beheimatete Condylura cristata frisst seine Beute so schnell, dass das menschli-
che Auge nicht mehr folgen kann. Wie Wissenschaftler um Kenneth Catania und
Fiona Remple von der Vanderbilt-Universität in Nashville (Tennessee) mit einer Hoch-
geschwindigkeitskamera herausgefunden haben, benötigt er nur etwa 230 Milli-
sekunden, um eine Larve zu ertasten, zu packen und zu verschlingen. Zum Vergleich:
Wer eine rote Ampel erblickt und sofort auf die Bremse tritt, braucht mehr als dop-
pelt so lange. Das annähernd blinde Tier spürt seine Mahlzeiten mit einem sternför-
migen Tastorgan auf, das über 100 000 Nervenfasern enthält – fast sechsmal so viel
wie die menschliche Hand. Nach maximal 130 Millisekunden hat es damit die Beute
geortet und greift mit seinen pinzettenartigen Zähnen danach. Die Forscher vermu-
ten, dass sich der Räuber mit diesem Fresstempo eine spezielle Nahrungsquelle
erschlossen hat: besonders kleines Getier, von dem er entsprechend viel vertilgen
muss, um satt zu werden. (Nature, 3.2.2005, S. 519)

AST ROPH YSIK PALÄAN T HROPO LO GI E

Schwarze Löcher waren ihr Schicksal Uralt und doch modern


Q Ein internationales Forscherteam ten bereits kleine Schwarze Löcher, die Q Gen-Analysen legten schon länger
hat mit einem neuen Computermodell sich beim Zusammenstoß vereinigten. nahe, dass der Homo sapiens vor rund
die Entwicklung von Galaxien simuliert. Zugleich trieben Gezeitenkräfte diffuses 200 000 Jahren in Afrika auftauchte.
Dabei konnte es klären, wieso sich in Gas ins Zentrum. Dort löste es eine ex- Doch Fossilfunde fehlten bisher – zu-
der Frühzeit des Alls vorübergehend plosionsartige Sternbildungsphase aus mindest glaubte man das. Dabei waren
extrem leuchtstarke Quasare bildeten und fütterte außerdem das vereinigte schon 1967 bei Kibish in Äthiopien
und warum alle heutigen Sternsysteme Schwarze Loch. Beide Prozesse setzten Überreste des modernen Menschen
ein superschweres Schwarzes Loch gigantische Energiemengen frei: Ein entdeckt worden – Omo I und Omo II –,
enthalten. Quasar war entstanden.
Das prägende Ereignis im Leben Je schwerer das Schwarze Loch wur-
2001
einer jungen Galaxie war demnach ihre de, desto mehr Material verschlang es
Kollision und Verschmelzung mit einem und desto heller strahlte das Galaxien- l Die beiden Reste
oder mehreren Schicksalsgenossen. zentrum. Dabei heizte es das umgeben- eines Schenkelkno-
Auch die frühen Sternsysteme enthiel- de Gas jedoch immer mehr auf und trieb chens gehören zu
es schließlich in die Randgebiete. Damit einem Homo sapi-
GLE
MPI FÜR ASTROPHYSIK

fehlte dem gerade noch üppig gemäste- ens, der nun auf
G. FLEA

ten Schwarzen Loch plötzlich die Nah- 195 000 Jahre da-
JOHN

rung, und auch die Sternentstehung kam tiert wurde.


mangels Rohmaterial zum Stillstand. Der
Quasar erlosch und wurde zu einer rela-
tiv lichtschwachen Galaxie, wie sie heu-
te das Weltall bevölkern – mit einem auf
Diät gesetzten Massemonster im Zen-
trum. (Nature, Bd. 433,10.2.2005, S. 604)
1967

l Kollision im Computer: Im zweiten Anlauf ver-


schmelzen zwei Galaxien zu einem Quasar mit
zentralem Schwarzem Loch, das durch seine ex-
treme Aktivität schließlich das für sein weiteres
Wachstum benötigte Gas davonbläst.

12 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Aus urheberrechtlichen Gründen
können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen.

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Treibeis auf dem Mars

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die sich nun als 195 000 Jahre alt erwie- Q Wären die Farben weiß-blau statt austraten und ein 700 000 Quadratkilo-

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sen. Seinerzeit hatte man »nur« ein Al- gelb-braun, sähe das Bild aus wie ein meter großes Gebiet etwa 45 Meter
ter von 130 000 Jahren für sie ermittelt. Satellitenfoto von Treibeis an den Polen. hoc uteten. Beim raschen Ge-

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Die neue Datierung mit verbesserten Aufgenommen hat es die hoc

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Methoden unternahm ein Forscherteam de Stereokamera an Bord des Esa-Sa- sich große Treibeisschollen, die binnen
um Ian McDougall von der australischen telliten Mars Express in der Ebene Elysi- Kurzem von Vulkanasche und Staub
Universität in Canberra. Die Haupt- region bedeckt wurden. Das nicht gefrorene
schwierigkeit bestand darin, den exak- des Roten Planeten. W Wasser dazwischen verdampfte, so-
ten Fundort wieder aufzuspüren. Doch dort wegen des geringen ke
dies gelang, und die Forscher konnten druc zester Zeit verdunsten (sub- Wenn diese Interpretation stimmt,
sogar einige weitere Skelettteile der bei- limieren). Aber wenn es von Staub be-
den Frühmenschen bergen. deckt ist, kann es sich vermutlich halten. ter Zeit. Danach war der Mars noch bis
McDougall und seine Mitarbeiter Nach der geringen Anzahl der Krater zu vor Kurzem vulkanisc
datierten zunächst die vulkanische sc viel mehr Wasser als bisher gedacht.
Gesteinsschicht, auf der die Knochen ch hstens 5 Millionen Jahre alt. (Esa-Presseinformation, 23.2.2005)
lagen, sowie eine zweite fünf Meter Die Esa-Forscher vermuten daher,
darüber mit der Kalium-Argon-Methode. dass vor relativ kurzer Zeit – wahr-
Das Ergebnis: 196 000 beziehungs- scheinlich infolge eines Vulkanaus-
weise 104 000 Jahre. Zwischen den bruchs – große Mengen Wasser durch u Die unregelmäßigen Blöcke auf diesem Foto
beiden Schichten befinden sich Faul- Spaltensysteme, die als Cerberus Fos- der Marsebene Elysium Planitium halten Forscher
schlammablagerungen, die der Fluss sae bekannt sind, aus dem Marsboden für staubbedeckte Eisschollen.
Omo bei mehreren Überschwemmun-
ESA / DLR / FU BERLIN (G. NEUKUM)

gen hinterlassen hat. Durch deren Ana-


lyse und Vergleich mit analogen, gut
datierten Ablagerungen des Nils im
Mittelmeer ließ sich das Alter der Fund-
stätte weiter eingrenzen. Der so ermit-
telte Wert von 195 000 Jahren bestätigt
die Theorie, dass der moderne Mensch
aus Afrika kam.
(Nature, Bd. 433, 17.2.2005, S.733)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 13

ARCHÄ O LOGIE MI KRO BI OLOGI E
SPEKTROGRAMM

Steinzeitliche Diamantschleifer Alternde Bakterien


l Der Diamant- glatt polierte Korund-Äxte aus den Grä- Q Niemand ist unsterblich. Nur einzelli-
schliff machte die- bern reicher Bürger der Sanxingcun- ge Mikroben galten bisher als Ausnah-
se Korund-Axt zur und Liangzhu-Kultur. Nach diversen me, weil sie sich zur Vermehrung ein-
LU

wertvollen Grab- Analysen des Steins, der rasterelektro- fach teilen, sodass die Mutterzelle in
PETER J.

beigabe vor 6000 nenmikroskopischen Inspektion seiner den beiden Töchtern aufgeht und damit
Jahren. Ober äche und Schleiftests mit moder- scheinbar unbegrenzt weiterlebt. Doch
nen Geräten steht fest: Die 13 bis 22 nun konnte ein Team um Eric Stewart
Zentimeter großen Äxte können nur vom Medizinforschungsinstitut Inserm
mit Diamanten so perfekt bearbeitet in Paris auch bei einem Bakterium Al-
worden sein. terserscheinungen nachweisen. Dazu
Tatsächlich gibt es rund 240 Kilome- beobachteten die Forscher mehr als
ter entfernt von den Fundorten Vorkom- 35 000 mit Fluoreszenzfarbstoff mar-
Q Korund ist das zweithärteste Mineral. men des Edelsteins. Vermutlich zerstie- kierte Zellen aus 94 Kolonien von
Wirklich gut polieren lässt er sich des- ßen die jungsteinzeitlichen Polierer das Escherichia coli über viele Generationen
halb nur mit dem noch härteren Dia- diamanthaltige Gestein, befeuchteten hinweg unter dem Zeitraffer-Mikroskop.
mant. Offenbar wussten das bereits chi- die Trümmer und ließen sie über eine

ERIC STEWART UND STEFANIE TIMMERMANN


nesische Handwerker vor 6000 Jahren. gefettete Tierhaut rollen. Während die
Peter J. Lu von der Harvard-Universität leichten Edelsteinsplitter daran hängen


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in Cambridge (Massachusetts) und seine blieben, fiel der schwerere Rest zu Bo-
Kollegen untersuchten jetzt vier spiegel- den. (Archaeometry, Bd. 47, Nr. 1, S. 1)

HYDR ODYNAMI K

Tropfen ohne Spritzer

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Q Was geschieht, wenn ein Tropfen auf dung von Spritzern; schon bei 380 Hek-
eine glatte Ober che trifft? Richtig, es topascal unterbleibt sie ganz. Dieser

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spritzt. Aber diese Alltagserfahrung ist zunächst paradox anmutende Effekt o Coli-Bakterien, die über viele Generationen
keineswegs ein Naturgesetz. Mit Auf- hängt damit zusammen, dass der auf- hinweg jeweils das »alte Ende« ihrer Mutterzelle
nahmen von Hochgeschwindigkeitska- treffende Tropfen auseinander läuft. geerbt haben, sind weniger vital als solche, denen
meras hat jetzt ein Team um Sidney Na- Wird er dabei von hohem Luftwider- die neu synthetisierte Hälfte zugefallen ist. Das Al-
gel von der Universit t Chicago unter- stand gebremst, wölbt sich sein Rand ter steigt in dieser angefärbten Kolonie von Blau
sucht, wie sich die l stigen Spritzer nach oben und zerfällt in Spritzer. Bei über Grün und Gelb nach Rot.
vermeiden lassen. Schon bisher wusste niedrigem Druck oder einem Gas mit
man, dass es von der Viskosit t der Flüs- geringem Molekulargewicht wie Helium
sigkeit und der Geschwindigkeit des geschieht das dagegen nicht. Die neuen Wie sie dabei feststellten, teilen
Tropfens abh ngt, ob und wie sehr die- Erkenntnisse könnten helfen, Verbren- sich die st bchenförmigen Bakterien
ser beim Aufprall zerstiebt. Nach den nungsmotoren oder Tintenstrahldrucker nur scheinbar in zwei gleiche H lften. In
Untersuchungsergebnissen der US-For- zu verbessern. (arXiv:physics/0501149) Wahrheit übernimmt eine Tochterzelle
scher spielen aber auch Druck und Zu- den Großteil der – eingef rbten – alten
sammensetzung des umgebenden Ga- Ausstattung von der Mutter, w hrend
ses eine wichtige Rolle. So vermindert u Je geringer der Druck des umgebenden Gases, ihre Schwester überwiegend – farblo-
die Absenkung des Luftdrucks die Bil- desto weniger spritzt der Tropfen beim Aufprall. ses – neu synthetisiertes Material ab-
bekommt. Wie sich nun zeigte, wuch-
Zeit in Millisekunden sen Bakterien, die über mehrere Gene-
0 0,276 0,552 2,484
rationen jeweils das »alte Ende« geerbt
LEI XU, WENDY W. ZHANG, SIDNEY R. NAGEL

100 hatten, langsamer als solche, denen


das neue zugefallen war. Außerdem
teilten sie sich seltener und starben mit
Luftdruck in Kilopascal

höherer Wahrscheinlichkeit. Demnach


38,4
ist ewiges Leben wirklich niemandem
beschieden, auch Bakterien nicht.
(PLoS Biology, 2/2005, S. 295)

30,0
Mitarbeit: Eva Hörschgen und Stephanie Hügler

17,2
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q APRIL 2005
BILD DES MONATS
Marsforscher mit acht Beinen
Skorpione bewegen sich auch auf unebenem Gelände äußerst Zurzeit testet das Ames Research Center der Nasa in
flink und sicher. Wegen dieser Eigenschaft haben sie Frank Moffett Field (Kalifornien) einen Prototyp von der Größe eines
Kirchner und die Arbeitsgruppe Robotik an der Universität Bre- Hundes. Mit seiner Fähigkeit, über unwegsames Gelände zu
men als Vorbild für einen Roboter genommen, der einmal die staksen, steile Felsen zu erklimmen und sich auch in dünne
Marsoberfläche erkunden soll. Das Spinnentier steuert seine Felsspalten zu schieben, wäre der künstliche Skorpion eine
Bewegungen nicht über ein leistungsfähiges Gehirn, sondern ideale Ergänzung zu den schwerfälligen, wagengroßen Ro-
NASA / AMES RESEARCH CENTER

mittels einfacher Reflexe. Die Bremer Forscher imitierten die- vern mit ihren Kettenrädern. Ausgerüstet ist er mit Sensoren,
se Eigenheit, um ohne komplizierte Elektronik schnelle, geziel- einer Kamera und einem Greifer für Gesteinsbrocken. Mit
te Bewegungen zu erreichen. So könnte der achtbeinige Ro- dem Tragen von schweren Lasten hat er allerdings Probleme.
boter den behäbigen Rovern wie Spirit und Opportunity, die Deshalb soll er wie ein Bremer Stadtmusikant auf dem Rü-
nun schon seit über einem Jahr auf dem Roten Planeten ge- cken eines Rovers zum Einsatzort reiten und dann aus-
mächlich ihre Kreise ziehen, dereinst die Schau stehlen. schwärmen, um die Umgebung zu erkunden.

15
FORSCHUNG AKTUELL
PA LÄONTOLO GIE
FORSCHUNG AKTUELL

10 mm

Appetit auf Dinos


Neue Fossilien aus China beweisen: Kreidezeitliche Säuger waren
teils größer als bisher angenommen und fraßen nicht nur Insekten –
auf ihrem Speiseplan standen auch schon mal Dinosaurierjunge.

Von Charles Q. Choi gen. Das Erstaunliche daran: Unterhalb


des Brustkorbs lagen fremde Knochen,

B ei frühen Säugetieren denken Biolo-


gen an maus- bis rattengroße Ge-
schöpfe, die sich vor den Dinosauriern
die zu einem jungen Dinosaurier gehör-
ten. Sie stammten von Vorder- und Hin-
terbeinen sowie Zehen und Zähnen und
verkrochen, damit die schrecklichen ließen sich einem Psittacosaurus zuord-
Echsen nicht Hackfleisch aus ihnen nen, einem friedlichen Pflanzenfresser,
machten. Nun aber sieht es so aus, als ob der im ausgewachsenen Zustand etwa so
die Gejagten auch manchmal zu Jägern groß war wie eine Kuh. Fossilien mit Mageninhalt sind sel-
wurden. Neu entdeckte Fossilien zeigen Während das Skelett von Repenoma- ten. Bisher wurden nur Dinosaurier-
unter anderem ein Dinosaurierjunges im mus mit weit gehend intakter Anatomie skelette mit Gebissen von Säugern im
Magen eines Säugers – der erste hand- erhalten ist, befinden sich die Knochen Bauch entdeckt. »Hier ist es genau an-
feste Beweis einer Beute-Räuber-Bezie- des Dinosauriers größtenteils zerbrochen dersherum«, kommentiert Meng den
hung, die das bisherige Bild auf den und wahllos zusammengewürfelt, aber neuen Fund.
Kopf stellt. dicht gepackt dort, wo einst der Magen Dabei hatte R. robustus sogar noch
Der Räuber war in diesem Fall ein des Säugers war. »Die wahrscheinlichste stattlichere Verwandte, denen es gleich-
Tier namens Repenomamus robustus, das Erklärung ist, dass er gefressen wurde«, falls zuzutrauen ist, dass sie Dinosaurier
etwa die Größe eines Opossums hatte mutmaßt Jin Meng. Der Paläontologe verspeisten. Unter diversen spitzmausar-
und vor rund 130 Millionen Jahren in vom Amerikanischen Museum für Na- tigen Säugern von Dackelgröße, die Bau-
der Kreidezeit lebte. Sein Skelett fand turgeschichte in New York hat seine über- ern in der Yixian-Formation ausgegraben
sich in der Yixian-Formation in der raschenden Befunde zusammen mit chi- hatten, stießen die Forscher auf ein –
nordostchinesischen Provinz Liaoning, nesischen Kollegen kürzlich in der Fach- nach kreidezeitlichen Maßstäben – gera-
die bekannt ist für Fossilien gefiederter zeitschrift »Nature« veröffentlicht (13.1. dezu riesenhaftes Tier.
Echsen, aus denen die Vögel hervorgin- 2005, S. 149). Dazu passend tauften sie es R. gigan-
ticus. Mit einer Länge von mehr als ei-
BEIDE FOTOS: YAOMING HU ET AL., NATURE BD. 433, S. 150

nem Meter und einem Gewicht zwi-


schen zwölf und vierzehn Kilogramm
war der Säuger so groß wie ein Beutel-
teufel. Der sechzehn Zentimeter lange
Schädel hatte den anderthalbfachen Um-
fang desjenigen von R. robustus.
»Größe bedeutet vielerlei. Die Tiere
brauchten mehr Nahrung und ein ausge-
dehnteres Revier. Zudem konnten sie
größere Beute verzehren und sich besser
gegen Fleisch fressende Dinosaurier zur
10 mm Wehr setzen«, erläutert Meng. »Vielleicht
lebten sie auch länger und konnten
schneller laufen.«
Die neuen Fossilien waren in Sand-
stein eingebettet, der mit Vulkanasche
durchsetzt ist. Skelette aus den Schichten

Die kreidezeitlichen Säuger erreich-


l ten teils die Größe eines Beutel-
teufels. Dieses Fossil des mehr als einen
Meter langen Repenomamus giganticus
wurde jetzt in China entdeckt.

16 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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Dieser versteinerte Brei aus frag-
mentierten Knochen eines Dino-
saurierjungen fand sich in der Magen-
gegend eines
hatte der opossumgroße
Offenbar
der Art
Repenomamus robustus, der vor etwa
130 Millionen Jahren in China lebte, die
kleine Echse hastig hinabgeschlungen.
NACHGEHAKT
Die unendliche Schauer-Geschichte
Wie ein Bronzezeitexperte gegen die Himmelsscheibe von Nebra kämpft

Wir befinden uns im Jahr 2005 n. Chr. Die


ganze Welt ist von der Himmelsschei-
cher unterdrücken, teils auch hochstei-
gende Galle runterschlucken.
be begeistert … Die ganze Welt? Nein! Christian-Heinrich Wunderlich hinge-
Ein von unbeugsamer Skepsis erfüllter gen nimmt die Sache sportlich. Der
Archäologe hört nicht auf, die Echtheit Materialkundler aus Halle gibt mit sicht-
über den Säugerknochen erscheinen des Sensationsfunds anzuzweifeln … lichem Vergnügen Nachhilfe in bronze-
platt gedrückt. Vermutlich sind die Tiere Peter Schauer lehrt Vor- und Frühge- zeitlicher Technik: Vor den Augen aller
in einem See ertrunken, wo sie am Bo- schichte an der Universität Regens- legt er im Gerichtssaal eine Scheibe
den von einer wachsenden Schlamm- burg. Seitdem er nicht im wissen- aus Weichbronze auf ein Stück Holz,
schicht zerquetscht wurden. Dagegen schaftlichen Diskurs, sondern über setzt einen Bolzen aus Hartbronze an –
haben sich die Skelette von Repenoma- Leserbriefspalten von Zeitungen und und mit wenigen Hieben hat er ein
mus in ihrer natürlichen dreidimensio- TV-Interviews verkündet, die Scheibe Loch gehämmert. Den entstandenen
nalen Gestalt erhalten. Wahrscheinlich sei eine Fälschung, liegt er mit etlichen Grat schleift er mit einem Sandstein
wurden sie bei einem Vulkanausbruch seiner Kollegen im Clinch. ab. Voilà: So entstand die Randlochung.
sehr schnell von einer dicken Asche- Einen Höhepunkt erreicht der Streit Ein weiteres Probestück traktiert Wun-
schicht umschlossen. Ende Februar, als Schauer als Sachver- derlich mit einem Maurerhammer –
Natürlich bestünde auch die Mög- ständiger vor dem Landgericht Halle und erzeugt genau die Spuren, wozu
lichkeit, dass die Repenoma-Familie zu auftritt. Standhaft versichert er, die laut Schauer eine Fräse nötig wäre.
den Aasfressern gehörte. Doch Meng Scheibe sei nicht in einem geschlosse-
verweist auf die lange, spitze Schnauze nen Fund geborgen worden. Deshalb Königlich-bayerisches Amtsgericht? Mit-
und die scharfen, dolchartigen Zähne komme ihr als Einzelstück nur ein Ma- nichten. Auf der Anklagebank sitzen ei-
der Säuger. Damit konnten sie andere terialwert zu. Ferner sei sie wegen der gentlich zwei Personen aus Nordrhein-
Tiere gut fangen, festhalten und in Stü- zu dünnen Patina leicht als Produkt aus Westfalen – wegen »Hehlerei mit
cke reißen – was eher auf Räuber als auf moderner Zeit zu entlarven. Zudem einem bedeutenden Kulturgut«. Im Be-
Aasfresser hinweist. Da die langen Röh- seien die Löcher am Rand nicht mit prä- rufungsverfahren behaupten ihre Ver-
renknochen des Dinosauriers teils noch historischen Werkzeugen herzustellen, teidiger nun, die Himmelsscheibe sei
intakt waren, muss Repenomamus große sondern nur mit modernen Maschinen gar nicht echt. Die Strategie ist klar:
Brocken am Stück hinuntergeschlungen – durch Einschlagen »in ein Gesenk«. Eine gefälschte Scheibe ist kein Kultur-
haben. Der Schädel des Opfers war im- Und die Beschädigungen der Scheibe gut – und die Anklage somit hinfällig.
merhin ein Drittel so lang wie der des stammten nicht vom Hammer der Willkommene Argumentationshilfe
Räubers – »keineswegs ein kleiner Hap- Raubgräber, sondern von einer Fräse. liefert Schauer. Doch noch einen zwei-
pen«, wie Meng meint, sondern eine ten Professor hat die Verteidigung
schwer verdauliche Mahlzeit, die jeder Mit dieser Meinung steht Schauer ziem- aufgeboten: Josef Riederer vom Rath-
verschmäht hätte, der nicht daran ge- lich allein da. Was die Zunft der Archäo- gen-Forschungslabor der Staatlichen
wöhnt war. Außerdem sind Aasfresser logen besonders erzürnt: Der Profes- Museen zu Berlin. Statt die Fälschungs-
unter Säugern relativ selten: Von den sor hat die Scheibe selbst nie in der these zu stützen, räumt der Spezialist
heutigen Fleisch fressenden Säugetieren Hand gehabt, nie Analysen von den an für Patina und Echtheitsprüfungen ein:
vergreifen sich nur zwei Hyänenarten den Untersuchungen beteiligten Wis- Die Himmelsscheibe stamme zwei-
manchmal auch an Kadavern. senschaftlern angefordert und sogar felsfrei aus der Bronzezeit.
Der Paläontologe Zhe-Xi Luo vom die Einladung zu einem Kongress ab- Unabhängig von allen juristischen
Carnegie-Museum für Naturgeschichte gelehnt. Schauer kontert: Für seine Be- Querelen bleibt die Frage: Warum stellt
in Pittsburgh wertet die Befunde als ers- wertung reichten die veröffentlichten sich Schauer ins Abseits? Er selbst be-
ten eindeutigen Beweis dafür, dass die Fotos aus, die er zudem »unter dem klagt, durch die Himmelsscheibe wür-
frühesten Vorfahren der modernen Tier- Mikroskop untersucht« habe. den aus Bayern Forschungsgelder der
welt nicht nur Insekten erbeuteten. Sein Derlei Absonderliches aus dem Mund DFG abgezogen und gingen nun in ein
Kollege Spencer Lucas am Museum für eines Wissenschaftlers lässt die Bron- »zweifelhaftes« Projekt nach Sachsen-
Naturgeschichte von New Mexico pflich- zezeitexperten, die sich im Gerichtssaal Anhalt. Kollegen von ihm ergänzen:
tet ihm bei: »Die Dinosaurier gelten oft versammelt haben, nur mit dem Kopf Die Himmelsscheibe passe nicht in
als Herrscher über das Erdmittelalter, schütteln. Gerade noch hatten sie und Schauers Weltbild, weil sie einen Teil
aber dies zeigt, dass auch Säuger ein dutzende andere Fachkollegen tagelang seines Lebenswerks in Frage stelle.
Dino-McNugget zu schätzen wussten.« mit großem Ernst über die Bedeutung
der wohl 3600 Jahre alten Himmels- Der Autor Uwe Reichert ist Physiker und Redak-
Charles Q. Choi ist freier Wissenschaftsjournalist in scheibe diskutiert. Jetzt müssen sie La- teur bei Spektrum der Wissenschaft.
New York.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 17
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EPIDE MIOL OGIE zum Sommer 2004 in zehn umgebende
FORSCHUNG AKTUELL

Nationen aus, die jahrelang poliofrei ge-


Rückschlag im Kampf wesen waren (siehe Kasten). Fast 700
Kinder erlitten Lähmungen, und in vier
gegen Polio Ländern setzte sich Polio wieder fest.
Im Oktober startete die Initiative
schließlich eine groß angelegte Kampag-
Politisch-religiös motivierte Widerstände verzögern die Ausrottung ne, bei der eine Million Freiwillige in
der Kinderlähmung, ja drohen das drei Milliarden Dollar teure WHO- 23 afrikanischen Staaten versuchten, bis
zum Jahresende 80 Millionen Kinder
Projekt zum Scheitern zu bringen – eine Tragödie vor allem für die
zu impfen. Der unerwartete Rückschlag
Entwicklungsländer. kostete das Ausrottungsprogramm, das
ohnehin unter knappen finanziellen Mit-
Von Christine Soares Jahr nach Beginn des Count-downs nicht teln leidet, weitere 100 Millionen Dollar.
etwa ausgerottet, sondern sogar wieder Das Ziel, weltweit die Übertragung des

F eierstimmung herrschte am Sitz der


WHO in Genf. Die Gesundheitsmi-
nister der letzten sechs Länder, in denen
auf dem Vormarsch: Von sechs Ländern
hat sie sich auf 13 ausgeweitet.
Zwar habe sich das Polioprogramm
Wildvirus zu beenden, musste auf Ende
dieses Jahres verschoben werden.

noch Polioviren zirkulierten – Afghanis- in vielen schwierigen Regionen bewährt, Politischer Wille entscheidend
tan, Indien, Pakistan, Ägypten, Nigeria meint Donald A. Henderson von der David L. Heymann von der Weltge-
und Niger –, hatten sich am 15. Januar Universität Pittsburgh, der seinerzeit das sundheitsorganisation hält es für »biolo-
2004 eingefunden, um einen öffentli- Projekt zur Ausrottung der Pocken leitete gisch machbar«, das neue Datum einzu-
chen Count-down einzuläuten. Nach 15 und bei der Initiative zum Ausmerzen der halten. Seit der Epidemiologie-Veteran
Jahren und dem Einsatz von drei Milliar- Kinderlähmung nun für Nord- und Süd- Mitte 2003 das Polioprogramm über-
den Dollar wollte die Global Polio Eradi- amerika zuständig ist. »Aber jetzt sind wir nahm, musste er feststellen, dass der ent-
cation Initiative bis Ende des Jahres die in schweres Fahrwasser geraten.« scheidende Faktor der politische Wille
Übertragung des »Wildvirus« zum Stop- Die Turbulenzen begannen im Som- ist. Folglich hat er einen großen Teil sei-
pen bringen. Der Tag schien nahe, an mer 2003 im Norden Nigerias. Im Bun- ner Zeit darauf verwendet, die Trommel
dem die Kinderlähmung dasselbe Schick- desstaat Kano bezeichneten Politiker und für die offizielle Unterstützung der Initi-
sal ereilen würde wie die Pocken (Blat- Geistliche die Polioimpfung als westliche ative zu rühren.
tern), die 1980 offiziell für besiegt erklärt Hinterlist. Das Serum sei mit HIV ver- Einer seiner ersten Erfolge war denn
worden waren. unreinigt und enthalte Hormone, die auch die Billigung des Programms durch
Doch die Zuversicht trog. Polio hat moslemische Frauen unfruchtbar ma- die Organization of the Islamic Confe-

ü
sich als weitaus tückischere Krankheit er- chen. Der resultierende Widerstand ge- rence (OIC), in der 56 moslemische Staa-
wiesen, und die heutige Welt unterschei- gen das Ausrottungsprogramm verzöger- ten zusammengeschlossen sind. In dieser
det sich von der in den 1970er Jahren. te die Immunisierung um elf Monate. Konföderation ist Polio ein ernstes Pro-
Und so ist die Kinderlähmung über ein Dadurch breitete sich die Krankheit bis blem: Zu ihr gehören fünf der sechs Län-
der, in denen die Krankheit zuletzt noch
Auf zum letzten Gefecht endemisch war, und zwei, in denen sich

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das Virus wieder festgesetzt hat. Malaysia
Das Poliovirus grassiert derzeit noch in In- und die Vereinigten Arabischen Emira-
CARLI MORGENSTEIN

dien, Pakistan, Afghanistan, Nigeria, Ni- te, beide Mitglieder der OIC, förderten
ger, Ägypten, der Elfenbeink ste, Bur- die Ausrottungsinitiative im vergangenen
kina Faso, dem Tschad und dem Sudan. Jahr mit jeweils einer Million Dollar.
Diese Staaten hoffen die Seuche bis Dies hat auch den Widerstand in Ni-
Ende 2005 auszurotten. Die Weltge- geria aufgeweicht. Vor einem Jahr erklär-

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sundheitsorganisation (WHO) will dann ten sich die Regierungsvertreter im Bun-
drei Jahre warten, bis sie die Krankheit desstaat Kano damit einverstanden, die

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L afflö
f r besiegt erkl rt. Danach sind alle Po- Impfungen wieder aufzunehmen. Aller-

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Endemiegebiet
lioimpfungen einzustellen und die ver- dings machten sie eine große Aktion da-
Polio importiert,
Infektionskette bliebenen Seren zu vernichten. Das Le- raus, indem sie das Vakzin vom mosle-
erneuert bendvirus des Vakzins kann n mlich in mischen Indonesien kauften und es für
Polio importiert
Erkrankungsfall die pathogene Form zur ckmutieren. Sicherheitstests nach Indien schickten.
oder Ausbruch Mindestens vier Polioausbr che in der Das ist umso widersinniger, als Indien,
Vergangeneheit waren auf den Impf- wo die Kinderlähmung weiterhin gras-
stoff selbst zur ckzuf hren. Deshalb siert, immer noch zwei Zwischenfälle
Im vergangenen Jahr wurde das Poliovi- gilt es zu verh ten, dass die Krankheit aufklären muss, bei denen lokal produ-
rus aus Nigeria in zehn poliofreie nach ihrer Ausrottung durch unn tige zierte Seren versehentlich oder gezielt
exportiert. ackert. mit einem virulenten Stamm des Polio-
Wildvirus verunreinigt wurden.

20 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
UNICEF / HQ04-0733 / MUDI YAHAYA
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g Ein mobiles Immunisierungsteam
im Norden Nigerias versiegel-
te Kartons mit einem oralen Polioserum
einer großen Impfkampagne
Anfang Oktober letzten Jahres.
Ausbreitung des Wildvirus zu stoppen.
Nun komme es entscheidend darauf an,
dass in Afrika das Gleiche bis Jahresende
geschieht. »Entweder die Länder machen
es jetzt«, warnt er, »oder es wird gar nicht
passieren. Eine solche Chance wird es nie
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wieder geben.«
Die Probleme mit dem Poliopro-
Das Zieldatum Ende 2005 in Afrika gramm scheinen bereits Schatten auf das
einzuhalten, wird laut Henderson eine langfristige Bemühen geworfen zu ha-
»heroische Anstrengung« erfordern. Die ben, sukzessive alle viralen Kinderkrank-
13 afrikanischen Länder, in denen es im heiten auszurotten. Die Masern sollten
vergangenen Jahr Krankheitsausbrüche als Nächstes an die Reihe kommen, doch
gab, sind flächenmäßig größer als die 48 heute ist – so Heymann – nur noch von
zusammenhängenden Staaten der USA einer Verringerung der Sterblichkeit und
und haben eine Bevölkerung von rund vom Schritthalten die Rede.
300 Millionen. »Vielleicht waren wir zu sehr auf das
Ziel der totalen Ausrottung fixiert«,
Jetzt oder nie räumt Henderson trotz seines eigenen
Da Polio nur bei einem von 200 Opfern Erfolgs bei Pocken und Polio ein. Der
eine erkennbare »akute schlaffe Läh- Seuchenexperte verweist auf die enor-
mung« verursacht, ist die Krankheit sehr men Fortschritte in der Kontrolle von
viel schwieriger aufzuspüren als die Po- Kinderkrankheiten wie Neugeborenen-
cken. 800 dokumentierte Fälle in Afri- Tetanus und Röteln, die sehr ermutigend
ka bedeuten demnach, dass vermutlich seien, auch wenn sich ein endgültiger
160 000 Menschen infiziert waren. Sieg über die Erreger noch lange nicht
Die Situation in den asiatischen En- abzeichne. Seiner Ansicht nach ist es
demiegebieten stellt sich weitaus besser denn auch schon ein großer Erfolg des
dar. Anfang November letzten Jahres gab Polioprogramms, dass es »den Ländern
es in Indien nur noch 81 dokumentierte gezeigt hat, was eine großflächige Immu-
neue Fälle. Hier und in den beiden ande- nisierung leisten kann, wenn man die ge-
ren betroffenen Staaten – Pakistan und samte Bevölkerung dafür mobilisiert«.
Afghanistan – sollte es laut Heymann ge-
lingen, die Impfkampagnen noch in die- Christine Soares gehört der Redaktion von Scientific
sem Frühjahr abzuschließen und so die American an.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 21
CORBIS
K LIMA GES CHICH TE
FORSCHUNG AKTUELL

Historische Temperaturwellen
Anscheinend war das Klima in den vergangenen 2000 Jahren wech-
selhafter als bisher gedacht. Das ergibt sich aus der Rekonstruktion
des Temperaturverlaufs mit einer neuartigen Methode, die Daten von
Baumringen und Sedimenten kombiniert.

Von Sven Titz das Mengenverhältnis bestimmter Isoto-


pe in Eisbohrkernen oder Kalkschichten

W ie sich das Klima in den vergange-


nen 150 Jahren entwickelt hat,
lässt sich anhand von Messwerten ziem-
von Stalagmiten. Nun wissen sie zwar,
dass zwischen dieser Größe und der
Temperatur, die beim Gefrieren des Was-
lich genau verfolgen. Demnach ist es in sers oder bei der Kalkablagerung in der
diesem Zeitraum auf der Nordhalbkugel Atmosphäre herrschte, ein Zusammen-
um etwa 0,8 Grad Celsius wärmer ge- hang besteht. Aber die genaue Relation
worden. Was die letzten zwei Jahrtausen- müssen sie durch Vergleich mit exakten
de angeht, bleibt das Auf und Ab der Messdaten ermitteln. Dafür stehen aller-
Temperatur jedoch Gegenstand einer dings nur die vergangenen 150 Jahre zur
lebhaften Debatte – Ausgang offen. Verfügung, aus denen genügend Ther- zu beschreiben. Der Vorteil dieser Me-
Kräftig angefacht wurde die Diskus- mometerablesungen vorliegen. thode ist, dass sie – im Unterschied zur
sion jetzt durch ein schwedisch-russi- Hier nun fängt das Dilemma an; konventionellen Fourier-Analyse – auch
sches Team, das mit einem neuartigen denn es ist ungewiss, ob die für Tempe- dann noch funktioniert, wenn der zu
Verfahren die Klimaarchive der Natur raturänderungen auf dieser kurzen Zeit- Grunde liegende Vorgang keine gleich
kombinierte, um den Temperaturverlauf skala gefundene mathematische Bezie- bleibenden statistischen Eigenschaften
auf der Nordhemisphäre zu rekonstruie- hung auch für Schwankungen im Jahr- besitzt, also nicht stationär ist. Darauf
ren. Das Ergebnis ist überraschend: Die hundert- oder Jahrtausendbereich gilt. aber kommt es bei der Rekonstruktion
Klimaschwankungen im letzten Jahrtau- Zum Beispiel sind sich Dendrochrono- des Klimas an; denn zwei wichtige exter-
send scheinen demnach doppelt so stark logen – Fachleute für Rekonstruktionen ne Prozesse, die den Energiehaushalt der
gewesen zu sein wie bislang angenom- anhand von Baumringen – noch ziem- Atmosphäre beeinflussen – Schwankun-
men (Nature, Bd. 433, S. 613). lich uneins darüber, inwieweit sich eine gen der Sonneneinstrahlung und Vulkan-
Eichung am Gezappel der Kurven von ausbrüche –, sind beide instationär.
Heikle indirekte Klimazeugen Jahr zu Jahr auf langfristige Trends über- Mit Hilfe einer so genannten Wave-
Weil es den Paläoklimatologen an direk- tragen lässt. Ähnliche Unsicherheiten lettransformation kombinierte das Team
ten Informationen über den einstigen herrschen praktisch bei allen Proxydaten. um Moberg also die verschiedenen Pro-
Erwärmungsgrad der Atmosphäre man- Bei der Dendrochronologie kommen xydaten und gewichtete sie je nach der
gelt, sammeln sie in detektivischer Klein- Überlappungsprobleme hinzu: Bäume Zeitskala, auf der sie mutmaßlich mit
arbeit eine Fülle von Indizien. Dabei werden in der Regel weniger als 2000 der Temperatur zusammenhängen. Ent-
greifen sie auf indirekte Klimazeugen zu- Jahre alt, weshalb man die Daten anei- sprechend wurden die Baumringe prak-
rück, die sie als Proxys (englisch für Stell- nander stückeln muss. Dabei darf etwa tisch nur für kurzfristige Schwankungen
vertreter) bezeichnen. Baumringe zählen die Tatsache, dass junge Exemplare herangezogen, Sedimentfunde in Seen
ebenso dazu wie Korallen – desgleichen schnell und alte langsamer wachsen, die und Meeren, Eisbohrkerne und Stalag-
Eisbohrkerne von den Polen oder Glet- Resultate nicht verfälschen. miten dagegen für die langfristigen Fluk-
schern sowie Ablagerungen in Meeren tuationen verwendet. Diese Auswahl ist
oder Seen. Solche Sedimente enthalten Zeitreihenanalyse mit Wavelets sicherlich bis zu einem gewissen Grad
zum Beispiel Planktonarten (Foraminife- Aus diesen Gründen haben Anders Mo- subjektiv, berücksichtigt aber die oben
ren), Muscheln, Kieselalgen und Pollen, berg von der Universität Stockholm und geschilderten Stärken und Beschränkun-
die Aufschluss über die einstigen Lebens- seine teils russischen Kollegen auf eine gen der betreffenden Proxys – wie die
bedingungen und damit auch die Tem- mathematische Methode zurückgegrif- Probleme mit der Vergleichbarkeit von
peraturverhältnisse geben. Selbst die fen, die vor allem aus der digitalen Bild- Baumringen über lange Zeiträume oder
Wachstumsschichten der Stalagmiten in verarbeitung bekannt ist, wo sie zur Da- die geringe zeitliche Auflösung der Sedi-
Tropfsteinhöhlen bergen Informationen tenkompression benutzt wird. Dabei die- mentdaten, weshalb diese früher oft im
über das frühere Klima. nen so genannte Wavelets (»Wellchen«) Vorhinein aus der Analyse herausfielen.
Das hartnäckigste Problem, das sich dazu, das Schwingungsverhalten von Das Resultat der Untersuchung weist
den Fachleuten dabei stellt, besteht in Systemen – seien es Strukturen in Bil- in eine Richtung, in welche die Paläokli-
der Eichung der Proxydaten. Was die Pa- dern oder Muster in Zeitreihen – auf matologie schon seit einiger Zeit vorsich-
läoklimatologen messen, ist zum Beispiel verschiedenen Skalen zu ermitteln und tige Schritte unternimmt. Demnach hat

22 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
MARC TWICKLER, UNIVERSITY OF NEW HAMPSHIRE

JÖRG HEIMANN
Baumringe, Eisbohrkerne und so-
l gar Tropfsteine bergen Informatio-
nen über das einstige Klima, die sich al-
lerdings in ihrer Zeitskala unterscheiden.
Deshalb war es bisher schwierig, sie ge-
meinsam für Rekonstruktionen des Tem-
peraturverlaufs heranzuziehen.

es in der Vergangenheit stärkere Klima- Der neuen Analyse zufolge lagen die bis dahin nur teilweise bekannt waren.
schwankungen gegeben, als frühere Re- Temperaturen auf dem Höhepunkt der Insbesondere zeigten sie, dass die bisher
konstruktionen nahe legten. Folgt man Kleinen Eiszeit – um das Jahr 1600 – üblichen Regressionsmethoden – in ein-

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der Waveletmethode, dann beträgt die ungefähr 0,7 Grad Celsius unter dem facher Form die bekannte Ausgleichsge-
Amplitude der Temperaturschwingung hochmittelalterlichen Niveau. Dieses Er- rade, die Physiker durch ihre mehr oder
in den vergangenen tausend Jahren rund gebnis deckt sich in etwa mit dem einer weniger streuenden Datenpunkte ziehen
ein Grad Celsius. Das ist ungefähr dop- Untersuchung, die ein Team um Hans – unter bestimmten Bedingungen die
pelt so viel wie der Wert in der populär von Storch am GKSS-Forschungszent- Variabilität auf langen Zeitskalen unter-
gewordenen, neuerdings aber umstritte- rum in Geesthacht schon im vergange- schätzen können.
nen Studie von Michael E. Mann, Ray- nen Sommer publizierte. Moberg und seine Kollegen knüpfen
mond S. Bradley und Malcolm K. explizit an diese Studie an. Doch auch
Hughes aus dem Jahr 1998 (Nature, Bd. Statistische Mängel sie können den Schwachpunkt jeder Re-
392, S. 779). Darin gleicht der Tempera- fr herer Rekonstruktionen konstruktion – die Eichung der Proxy-
turverlauf einem Hockeyschläger – mit Die GKSS-Wissenschaftler hatten einen daten – nicht aus der Welt schaffen. Da-
einem weit gehend geraden, waagrechten Teil der herkömmlichen Rekonstrukti- von sind vor allem die langfristigen
Stiel für die vorindustrielle Zeit und der onsmethoden einem rigorosen Test mit Schwankungen der Sedimentdaten be-
jäh nach oben abbiegenden Keule ab einem Computermodell unterzogen und troffen. Wenn nur 150 Jahre exakt ge-
dem 19. Jahrhundert. dabei statistische Mängel aufgedeckt, die messener Werte für die Kalibrierung zur

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Laut einer neuen Rekonstruktion
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FORSCHUNG AKTUELL

EMDE-GRAFIK / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT,


NACH: A. MOBERG ET AL., NATURE BD. 433, S. 616
(rot), die mit einer so genannten

Wavelettransformation he indirek-
ten Klimazeugen einbezog, schwankte
die mittlere Temperatur auf der Nordhalb-
kugel in den vergangenen 2000 Jahren
฀ um etwa ein Grad. Die rasante -
mung im 20. Jahrhundert zeigt sich klar
฀ in den

Jahr n. Chr.

Verfügung stehen, entspricht das bei Va- schien, lässt sich im Prinzip über Beryl- derten Rückschlüsse darauf ziehen zu
riationen mit einer Schwingungsdauer liumisotope sowie die Aufzeichnungen wollen, wie empfindlich das Klimasys-
von 300 Jahren nicht einmal einer hal- von Sonnenfleckenzahlen erschließen, tem auf natürliche oder menschenge-
ben Periodenlänge. wobei Letztere aber auch erst aus neuerer machte Störungen des irdischen Strah-
Datenanalytiker runzeln da die Stirn. Zeit lückenlos vorliegen. Trotzdem lungshaushalts reagiert. Anders gesagt ist
Keith Briffa von der Universität von East herrscht über die Amplitude der Son- das Ausmaß der Temperaturschwankun-
Anglia in Norwich hält es außerdem neneinstrahlung in den vergangenen gen im vergangenen Jahrtausend für die
für nicht gerechtfertigt, die langsamen zwei Jahrtausenden keineswegs Einig- momentane Klimadiskussion letztlich
Schwingungen in den Baumringdaten keit: Die unter Fachleuten kursieren- nicht entscheidend. Das Herzstück der
weit gehend unter den Tisch fallen zu den Werte variieren um den Faktor drei Szenarien für das treibhausgeplagte 21.
lassen. Immerhin aber bietet die Wave- und mehr. Jahrhundert bleiben die physikalisch
letmethode Möglichkeiten zur Kombi- Der Einfluss natürlicher Vorgänge fundierten Computermodelle sowie die
nation verschiedenartiger Proxys, die es auf kurzfristige Klimaschwankungen ist Temperaturaufzeichnungen der letzten
vorher in dieser Form nicht gab. demnach sogar mit noch größeren Unsi- 150 Jahre – und die lassen an Deutlich-
Auch die neue Studie wird kaum das cherheiten behaftet als das Ausmaß der keit nichts zu wünschen übrig.
letzte Wort bleiben. Die Suche nach im- Temperaturfluktuationen selbst. Darum
mer neuen Proxydaten und der perfek- erscheinen alle Bemühungen höchst pre- Sven Titz ist promovierter Meteorologe und freier
ten Methode hält an. Vor allem aber gibt kär, aus den zurückliegenden Jahrhun- Wissenschaftsjournalist in Berlin.
auch die jetzige Analyse keineswegs Ent-
warnung in Sachen globale Erwärmung.
Vielmehr bestätigt sie das Ungewöhliche ZE I TRE CHN UN G
des momentanen Temperaturtrends:
Auch bei größerer Klimavariabilität in
der Vergangenheit waren die letzten 15 Immer wieder sonntags ...
Jahre wärmer als jeder andere Abschnitt
in den vorhergehenden zwei Jahrtausen- Ein US-Physiker schlägt einen neuartigen Kalender vor. Dessen größ-
den. Selbst das Klimaoptimum des Mit- ter Vorteil: Er bleibt jedes Jahr gleich. Dafür muss alle fünf oder sechs
telalters reicht nicht an das heutige Ni- Jahre eine zusätzliche Woche eingeschaltet werden.
veau heran.
Warum das so ist – diese Frage be-
rührt einen anderen Schwerpunkt der Von Gerhard Samulat US-Physiker vorschlägt, fällt jeder Wo-
Debatte, nämlich die Diskussion darü- chentag Jahr für Jahr stets auf das gleiche
ber, inwieweit der Mensch durch die
Emission von Treihausgasen die momen-
tane Erderwärmung selbst verschuldet
W enn am Jahresanfang ein neuer
Kalender herauskommt, sehen
viele Menschen zunächst einmal nach,
Datum. Der 1. April zum Beispiel wäre
dann immer an einem Sonntag – ebenso
wie der erste Weihnachtsfeiertag oder
hat. Klimaschwankungen vor der indus- an welchem Wochentag sie oder ihre Neujahr.
triellen Revolution müssen natürliche Lieben Geburtstag feiern. Gibt es doch Wie das geht? Ganz einfach: Das
Ursachen haben. Zum Beispiel schirmen nichts Angenehmeres, als nach einer Jahr soll künftig nur noch 364 statt 365
Vulkanausbrüche durch die ausgestoße- richtig gelungenen Party am nächsten Tage zählen. Das Schöne an der Zahl
nen Teilchen die Sonne ab, aber auch die Morgen ausschlafen zu können, weil 364 ist, dass sie sich durch sieben teilen
solare Aktivität selbst schwankt geringfü- Wochenende ist. Doch wenn es nach lässt. Ein Jahr dieser Länge zerfällt des-
gig über die Jahrhunderte. Richard C. Henry von der Johns-Hop- halb in genau 52 Wochen. Aus diesem
Anhand von Ascheablagerungen ha- kins-Universität in Baltimore (Mary- Grund wandert das Datum nicht mehr
ben Forscher versucht, den Einfluss von land) geht, braucht sich darüber künftig über die Wochentage.
Vulkanen auf das frühere Klima zu re- niemand mehr Gedanken zu machen: Da auch die bisherigen 365 Tage eine
konstruieren. Und wie kräftig die Sonne Bei dem radikal neuen Kalender, den der bloße Näherung an die tatsächliche Dau-

24 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
er des Umlaufs der Erde um die Sonne ein einziges Mal aufgestellt werden; er wie der 31. Januar –, sollte Henry zufolge
sind – das (tropische) Jahr beträgt ziem- gilt dann – abgesehen von den Newton- den Geburtstag bereits am Vortag feiern.
lich genau 365,2422 Tage –, wäre die Wochen – für die Ewigkeit. Alle diejenigen, die künftig in der New-
Streichung eines Tages kein Beinbruch: Das jährliche Drucken neuer Kalen- ton-Woche auf die Welt kommen, erlei-
Der Fehler würde nur etwas größer. der erübrigt sich dadurch ebenso wie um- den das gleiche Schicksal wie jene, die
Während heute in jedem vierten Jahr fangreiche Planungen in den Personalab- derzeit an einem Schalttag das Licht der
(mit wenigen Ausnahmen) ein Schalttag teilungen von Unternehmen und Behör- Welt erblicken. »Meinetwegen können
eingefügt werden muss, um die Zeitrech- den. Auch Wirtschaftsweise oder andere sie alle am Nationalfeiertag auf ihre Ge-
nung mit den astronomischen Gegeben- Statistiker brauchen ihre Bilanzen nicht burt anstoßen«, meint Henry, »oder sich
heiten immer wieder in Einklang zu jeweils unterschiedlich zu interpretieren, irgendeinen anderen Tag aussuchen.«
bringen, will Henry künftig alle fünf nur weil in einem Jahr einige Feiertage Vorschläge für Kalenderreformen gab
oder sechs Jahre eine zusätzliche Woche mehr auf normale Wochentage fallen als es in der Menschheitsgeschichte schon
einführen, die keinem speziellen Monat in anderen. Heute dauert es 400 Jahre, viele, aber nur wenige wurden auch um-
angehören soll. Er schlägt vor, sie nach bis ein Kalender sich exakt wiederholt. gesetzt. Die heute in den meisten Teilen
Newton zu benennen; schließlich konn- der Welt gültige Zeitrechnung geht auf
te der Entdecker des Gravitationsgesetzes Newton-Woche statt Schalttagen Papst Gregor XIII. zurück, der sie 1582
als Erster die Himmelsmechanik erklä- Auch die Monatslängen verteilen sich bei einführen ließ. Sie ersetzte den juliani-
ren. »Wenn es nach mir ginge, hätte in Henrys Vorschlag viel gleichmäßiger als schen Kalender, den das Erste Konzil
der Newton-Woche jeder frei«, meint er. bisher: Alle durch drei teilbaren Monate von Nizäa im Jahr 325 für verbindlich
Passend dazu soll diese Woche im Hoch- – also März, Juni, September und De- erklärt hatte. Aus dieser Zeit stammt
sommer zwischen Juni und Juli einge- zember – haben 31, die anderen 30 Tage. auch die komplizierte Berechnung des
schoben werden. Ausnahmen wie den jetzigen Februar wichtigsten Fixpunktes der Christenheit:
Henry verspricht sich von seiner ver- gibt es nicht. das Osterfest. Es findet immer am ersten
einfachten Zeitrechnung viele Vorteile. Wer an Tagen geboren wurde, die im Sonntag nach dem ersten Vollmond
Vor allem muss der Kalender nur noch neuen Kalender nicht mehr existieren – nach jener Tag-und-Nacht-Gleiche statt,

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
FORSCHUNG AKTUELL

die auf der Nordhemisphäre den Beginn


des Frühlings markiert.
Da der julianische Kalender noch von
365,25 Tagen pro Jahr ausging, drifteten
die Tag-und-Nacht-Gleiche und ihr ka-
lendarisches Datum mit der Zeit ausei-
halb bemüht sich Henry intensiv um Pu-
blicity – vor allem im Internet (www.ct-
calendar.org/de/index.php). Zudem hat
er einen Förderverein gegründet, der in
vielen Ländern durch Repräsentanten
vertreten ist: in Deutschland durch Wolf-
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Tage.

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Der von einem US-Physiker propa-
gierte neue Kalender ist un
derlich und besticht durch seine hohe
Symmetrie. Das Jahr hat darin nur 364
wird alle oder sechs Jah-
re zwischen Juni und Juli eine he
nander, sodass sich der Frühlingsanfang gang Kersten von der Firma Advance- »Newton-Woche« eingeschoben.
in Richtung Weihnachten verschob. Das web. Wenn sein neuer Kalender erst be-
vermerkte schon 1543 Nikolaus Koper- kannt genug sei, so die Überzeugung des
nikus, der Begründer unseres heliozentri- unerschütterlichen Rationalisten, habe er
schen Weltbilds, in seinem Werk »De Re- alle Chancen, realisiert zu werden. fallene Sonntage der Nachweihnachtszeit
volutionibus Orbium Coelestium«, auf Zwar weiß auch Henry, dass sich müssten nicht mehr, wie heute, im No-
dessen Berechnungen der gregorianische schon viele vergeblich an Kalenderrefor- vember nachgeholt werden. Ob das aber
Kalender schließlich fußte. Um die Ab- men versucht haben. Die meisten seien genügt, traditionell denkende Christen
folge der Wochentage bei Einführung aber deshalb gescheitert, weil sie an der zu der Änderung zu bekehren?
der neuen Zeitrechnung beizubehalten, Siebentagewoche rüttelten, was auf gro- Aus weltlicher Sicht erscheint dage-
musste Gregor XIII. notgedrungen zehn ße religiöse Widerstände stieß. gen die Newton-Woche etwas problema-
Tage ausfallen lassen: So folgte auf den 4. tisch. Natürlich kann da nicht, wie Hen-
gleich der 15. Oktober. Damit – und mit Religiöse Hindernisse umschiffbar? ry das salopp vorschlägt, alle Arbeit ru-
einer komplizierten Regel für das Einfü- Probleme aus christlicher Sicht könnte hen. Als einfache Lösung bietet sich an,
gen von Schaltjahren – stellte er aber si- bei Henrys Vorschlag allenfalls der Os- in einem Newton-Jahr generell eine zu-
cher, dass der Frühlingsanfang künftig tertermin machen, da er sich in man- sätzliche Urlaubswoche vorzusehen, die
stets zwischen den 19. und 21. März fiel. chen Jahren gegenüber dem nach dem aber – zumindest bei Angehörigen be-
Weil etliche Länder – insbesondere gregorianischen Kalender berechneten stimmter Berufsgruppen wie Ärzten oder
die evangelischen – erst nach und nach Datum verschieben würde. Außerdem Polizisten – zu einem beliebigen Zeit-
die gregorianische Zeitrechnung über- bliebe er veränderlich, sofern man an der punkt genommen werden kann.
nahmen, kam es zu mancherlei Konfu- bisherigen Berechnungsmethode festhiel- Zweifellos hat der reformierte Ka-
sion. So wurde das neue Jahr regional oft te. Das aber würde durch die Hintertür lender einen gewissen Charme – auch
sehr unterschiedlich gefeiert. Noch heu- wieder eine Variable in den sonst so kon- wenn sich diejenigen, deren Wiegenfest
te deutet der Ausdruck »zwischen den stanten Kalender einführen – bloß we- dann immer auf einen Werktag fällt,
Jahren« auf diese Diskrepanzen hin. gen des Osterfests müsste er doch jedes benachteiligt fühlen dürften. Selbst für
Russland übernahm die moderne Zeit- Jahr neu gedruckt werden. den Fall, dass Henry eine breite Öffent-
rechnung beispielsweise erst 1918. Da- Eine pragmatische Lösung läge nahe: lichkeit erreicht, scheint es dennoch
her fiel die »Oktoberrevolution« auf den Man könnte Ostern einfach auf ein fixes fraglich, ob sein Vorschlag sich durch-
7. November des gregorianischen Kalen- Datum legen, etwa den 8. April (der 1. setzt: Gegen lieb gewordene Traditionen
ders, an dem sie bis zum Ende der Sow- April wäre noch eleganter, stieße aber hatte die Vernunft schon immer wenig
jetunion auch gefeiert wurde. vielleicht auf Vorbehalte, da er die Glaub- Chancen. Außerdem werden die Kalen-
Wie groß sind die Chancen, dass die würdigkeit des Osterwunders zu unter- dermacher gegen die Änderung Sturm
Weltgemeinschaft – per UN-Resolution graben droht). Dieser Termin fiele, wenn laufen, weil sie ihre Erwerbsgrundlage
zum Beispiel – Henrys Vorschlag an- Henrys Kalender schon im nächsten Jahr verlieren.
nimmt? Das Haupthindernis besteht mo- eingeführt würde, immer auf einen Sonn-
mentan darin, dass die Menschheit noch tag. Selbst dem Kirchenjahr käme diese Gerhard Samulat ist freier Journalist für Wissen-
gar nichts ahnt von ihrem Glück. Des- Festlegung zugute: Im Spätwinter ausge- schaft und Technik in Wiesbaden.

26 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Springers
EINWÜRFE von Michael Springer

Der Entschluss des Androiden


Die Debatte um den freien Willen
braucht mehr Sciencefiction.

Ist die empirische Hirnforschung legitimiert, Aussagen über das


Problem der Willensfreiheit zu machen? Seit Naturwissen-
schaftler wie Gerhard Roth und Wolf Singer dieses Recht be-
anspruchen – und sogar Konsequenzen für das Strafrecht an-
deuten –, ist darüber eine lebhafte Kontroverse entbrannt.
Vor allem Philosophen sehen sich herausgefordert und be-
harren auf ihrer alleinigen Zuständigkeit für die Frage, wie na-
turwissenschaftlicher Determinismus und Willensfreiheit zu vereinbaren seien.
Vielleicht lohnt es, auf den festgefahrenen Frontverlauf einen schrägen Blick zu
werfen. Begeben wir uns für einen Augenblick auf die Warte einer eher gering
geschätzten Literaturgattung, der Sciencefiction. Sie wird seit jeher von künstli-
chen Wesen mit mehr oder weniger autonomer Entscheidungskompetenz bevöl-
kert. Schon das von Doktor Frankenstein aus Leichenteilen zusammengeflickte
und durch Blitzschlag zum Leben erweckte Monster brach aus dem Labor aus,
litt unter seiner unvollkommenen Physis, wurde gejagt und beging Verbrechen.
Schließlich beendete es seine unselige Existenz durch Flucht ins ewige Eis.
Als Mary Shelley diesen Roman 1818 veröffentlichte, kannte man noch keine
Elektronik, nur Elektrizität. Ihr Monster denkt daher mit einem elektrisch stimu-
lierten Menschenhirn. Erst mit dem Computer kommt die literarische Fiktion auf ANZEIGE
künstliche Wesen mit einem »Elektronengehirn« – und das kann im Prinzip belie-
big komplex sein. Sofort stellt sich das Problem, wie sich hochintelligente Kunst-
wesen daran hindern lassen, ihren Konstrukteuren gefährlich zu werden.

SF-Autor Isaac Asimov formulierte dafür 1950 in der Kurzgeschichtensammlung


»Ich, Robot« seine Gesetze der Robotik und malte eine Zukunft, in der autonome
Maschinensklaven, durch entsprechende Programmierung im Zaum gehalten,
brav ihre Arbeit tun. Der kürzlich davon inspirierte gleichnamige Film führt aller-
dings vor, wie Autonomie und Programmierung in Widerspruch geraten, wenn
die Intelligenz ein gewisses Maß überschreitet: Die Roboter revoltieren.
Kritiker – vor allem solche, die von Sciencefiction wenig halten – wenden gern
ein, so weit werde es nie kommen, weil Elektronengehirne nur Programme aus-
führen, aber nicht autonom handeln können. Wieder landen wir bei der Willens-
freiheit, aber diesmal als Machbarkeitsproblem. Kann es Roboter geben, die so
komplex sind, dass ihr Handeln auf uns Menschen spontan und »frei« wirkt?
Sciencefiction-Fans können über diese Frage nur müde lächeln. Commander
Data in der Fernsehserie »Star Trek: The Next Generation« ist ein Android mit
»positronischem« Gehirn. Er handelt rational und autonom, nervt die menschli-
che Besatzung durch pedantische Antworten und besitzt keine Gefühle. Doch
bald äußert er, da auf Wissbegier programmiert, den Wunsch, menschliche Emo-
tionen zu verstehen, und beansprucht immer mehr Gleichberechtigung. Die Be-
satzung gewöhnt sich daran, ihn wie einen Menschen zu behandeln.
Gewiss, nur Sciencefiction. Aber nur einmal rein theoretisch angenommen, es
gäbe eines beliebig fernen Tages so etwas wie dieses positronische Gehirn: Wie
geht es darin zu? Trifft der Android nicht Entscheidungen?
Überlegt er nicht: Soll ich das tun, das nicht? Und wenn wir
ihm vorhalten, er sei schließlich von uns programmiert, also
unfrei, wird er nicht sagen: »Aber ihr habt mich doch program-
miert, zu wählen! Ich muss in unübersichtlichen Situationen
den einen oder anderen Entschluss fassen!« Was ist Freiheit
anderes?

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 27
ORNITHOLOGIE z
Mauersegler –
Leben im Flug
Noch gehören Mauersegler zu unseren häufigen
Sommervögeln. Allerdings vernichten zunehmend un-
bedachte Baumaßnahmen viele ihrer Nisthöhlen.

Von Gérard Gory gesehen, wie sie dicht an Häusern ent- Mauersegler bleiben ihrer Kolonie ge-
langflitzen, haarscharf um Ecken biegen wöhnlich treu, auch wenn sie dort keine

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ie Lüfte sind ihr Element. oder über größeren Bauwerken kreisen. Brutgelegenheit mehr vorfinden. Weil sie
Nur zum Brüten und Auf- Viele ihrer Brutkolonien liegen in Ort- viele Jahre wiederkehren, merken wir zu-
ziehen des Nachwuchses schaften. Denn besonders in altem Mau- nächst vielleicht gar nicht, ob der Nach-
müssen diese erstaunlichen erwerk und unter Dächern historischer wuchs ausbleibt. In Ostdeutschland etwa
Vögel landen. Bei allen anderen Aktivi- Gebäude finden sie heute hoch gelegene, gingen in letzter Zeit auffallend viele
täten, selbst zum Schlafen, verlassen sie geeignete Höhlen zum Nisten, die einen Kolonien ein. Aus all diesen Gründen
möglichst ihren bevorzugten Lebens- freien An- und Abflug erlauben. Türme, wurde dieser teilweise immer noch ge-
raum nicht. Vermutlich haben sie oft Burgen, Industrieanlagen oder Hochhäu- heimnisvolle Vogel von den Naturschutz-
monatelang keinen Ast oder festen Bo- ser sind bevorzugte Standorte. Wegen verbänden in Deutschland 2003 zum Vo-
den unter den Füßen. dieser Vorlieben nennt man die Vögel gel des Jahres gewählt.
Viele verwechseln Mauersegler mit auch Turmsegler oder Turmschwalben.
Schwalben. Dabei sind die blitzschnel- Mauersegler nisten auch in zer- Sommervögel in alten Städten
len, wendigen Flugkünstler größer, ha- klüfteten Steilfelsen oder in nicht be- Seit 1980 erforschen meine Kollegen und
ben längere, schmalere Flügel, und ihre wirtschafteten, alten Baumbeständen, die ich in der südfranzösischen Stadt Nîmes
hellen Schreie klingen unverwechselbar. Höhlen bieten. Doch sind solche Plätze eine der größten Mauerseglerkolonien
Typischerweise sausen sie in Scharen in unserer Kulturlandschaft selten gewor- Europas. Die Vögel nisten dort haupt-
umher, bald hoch in der Luft, bald durch den. Umso dringlicher appellieren Na- sächlich beim alten Jesuitenkloster, in
Plätze und Straßen unserer Städte. turfreunde, bei der Renovierung alter dem heute das Naturhistorische Museum
Biologen bezeichnen diese Vögel als Bausubstanz überkommene Nistmöglich- untergebracht ist, wo ich arbeite. In der
Kulturfolger: Wohl jeder hat sie schon keiten zu erhalten oder neue anzubieten. Kolonie registrieren wir zurzeit über 500
Individuen und fast 170 Nisthöhlen (sie-
IN KÜRZE he Bild S. 32).
Die Segler sind eine artenreiche
r Mehr als die meisten Vögel ist der Mauersegler ein Bewohner der Luft. Der Vogelfamilie, die – anders als die Schwal-
Flugkünstler findet dort nicht nur Nahrung, sondern auch Schlaf. Haben sich die ben – nicht zu den Singvögeln gehört.
Jungtiere einmal ins Freie gestürzt, landen sie in der Regel viele Monate nicht wieder. Drei Arten brüten regelmäßig in Europa:
r Da Mauersegler ausschließlich von Insekten und Spinnen leben, die sie in der Der Fahlsegler (Apus pallidus) kommt
Luft erwischen, verbringen sie drei Viertel des Jahres in Afrika. In Europa halten nur ganz im Süden vor; der Alpensegler
sie sich nur während der Sommermonate auf. (Tachymarptis melba) gelangt über Frank-
r Schlechtwetterphasen überstehen Eltern wie Nestlinge als Hungerkünstler. reich etwas weiter nach Norden bis in
Andere Koloniemitglieder ziehen in solchen Zeiten in riesigen Schwärmen über die Region Freiburg; der Mauersegler
weite Distanzen – in so genannten Wetterflügen – in günstigere Gefilde. (Apus apus) hingegen ist in fast ganz
r Die geselligen Vögel brüten jedes Jahr mit demselben Partner. Die Flugscha- Europa heimisch. Verbreitet ist er von
ren über den Brutkolonien dienen auch zu deren Schutz. Nordafrika bis nach Skandinavien, über
die gesamte gemäßigte Klimazone Euro-

28 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
pas bis nach Mittelasien. Der Mauer-
segler brütet in Lappland jenseits des
Polarkreises bis zum siebzigsten Breiten-
grad. Frühjahr, Herbst und Winter ver-
bringen die europäischen Populationen
in Mittel- und Südafrika, wahrscheinlich
die ganze Zeit fliegend.
Etwa vierzig Gramm wiegt ein er-
wachsener Mauersegler, bei einer Flügel-
spannweite von 40 bis 45 Zentimetern.
Männchen und Weibchen sehen gleich
aus. Sie tragen ein bräunlich dunkles
Gefieder mit hellerer Kehle. Der spin-
delförmige Körper, der kurz gegabelte
Schwanz und die sichelförmigen Flügel
machen den Vogel zu einem hervorra-
genden Luftakrobaten. Hindernisse um-
fliegt er haarscharf. Mit Fluggeschwin- Aus urheberrechtlichen Gründen
digkeiten von bis zu zweihundert Stun- können wir Ihnen die Bilder leider
denkilometern gehören Mauersegler zu nicht online zeigen.
den schnellsten Vögeln überhaupt.

Zum Schlafen
Aufstieg in die Luft
Im Flügelbau und in der Flugmuskula-
tur spiegelt sich die Anpassung an ein
Leben fast ausschließlich in der Luft.
Verkürzte Arm- und verlängerte Hand-
wie Fingerknochen erlauben einen ener-
getisch günstigen Flügelschlag. Die Flug-
muskulatur macht die Vögel außerdem
zu guten Seglern. Dank dessen können
sie in eine Ruhehaltung verfallen, in der
sie nachts in ein paar tausend Meter
Höhe schlafen. Den Gleitflug unterbre-
chen sie dann nur sporadisch.
In der Antike glaubte man noch,
Mauersegler hätten keine Beine. Ihr la-
teinischer Name Apus leitet sich von der
griechischen Bezeichnung »ohne Füße«
her. Tatsächlich sind ihre Beine winzig
kurz. An den Füßen tragen sie aber vier
kräftige, nach vorn gerichtete Krallen.
Damit können die Vögel klettern und
sich an Mauern und senkrechten Wän-
den anklammern – was Jungvögel manch- Freiwillig wird der Vogel allerdings nie- Die Darstellung eines Mauerseglers
mal nachts tun, Altvögel aber fast nur, mals den Boden aufsuchen. o (links) und eines Alpenseglers ent-
wenn sie einen Nistplatz suchen. Zum Mauersegler leben stets im Schwarm, stammt dem historischen Werk »Nau-
Laufen auf dem Boden oder zum Hüp- sommers wie winters während des Zugs. mann, Naturgeschichte der Vögel Mittel-
fen von Ast zu Ast eignen sich die Stum- Das haben bisher alle Beobachtungen europas«, das vor hundert Jahren in einer
melbeine jedoch nicht. bezeugt. Die Schar kann aus einigen neu bearbeiteten Auflage erschien.
Falsch ist die Mär, Mauersegler Dutzend, aber auch aus mehreren tau-
könnten, einmal auf dem Boden gelan- send Individuen bestehen. Das Grup-
det, aus eigener Kraft nicht mehr starten. penleben bietet manchen Vorteil. Ins-
Das gilt zwar für Jungvögel, die zu früh, besondere kommt es der Jagdstrategie leichter auf. Offenbar werden sie von
mit noch nicht voll ausgewachsenen Flü- der Art entgegen: Insekten und kleine Artgenossen angelockt, die eine lohnen-
geln ihr Nest verlassen haben. Ansonsten schwebende Spinnen in der Luft zu er- de Futterquelle gefunden haben. Riesen-
vermag jedes gesunde, nicht verletzte haschen. schwärme bilden sich allerdings nur an
Tier, das etwa gefangen wurde, sogar von Dank ihrer Anzahl spüren die Vögel Orten mit hohem Insektenaufkommen.
einem glatten Untergrund aufzufliegen. Massenansammlungen der Kerbtiere Besonders beliebt zur Nahrungssuche

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 29
ORNITHOLOGIE z
sind beispielsweise Stellen, an denen
die Thermik Insekten in Mengen hoch-
wie sie fliegen, dürften Mauersegler oh-
nehin kaum zu fangen sein. Einige weni-
scheint, wissen Mauersegler instinktiv,
dass sie bei Gefahr einen dichten
trägt. Auch schwärmende Ameisen, wie ge erfolgreiche Jagdzüge haben wir den- Schwarm bilden müssen. Erst wenn der
sie oft nach Regen auftreten, oder in noch beobachtet. So machten einmal Raubvogel sich davonmacht, fliegen sie
Afrika Termiten auf dem Hochzeitsflug zwei Silbermöwen gemeinsam Jagd auf wieder lockerer.
locken Mauersegler an. Dass rasch viele einen Schwarm, wobei die eine Möwe Gefahr durch Raubfeinde droht ih-
weitere von ihnen auftauchten, wenn ei- über, die andere unter der Vogelschar nen allerdings manchmal, wenn sie ver-
nige Artgenossen auf einen Ameisen- flog. Plötzlich stieß die obere Möwe hi- letzt sind und auf den Boden gehen müs-
schwarm gestoßen waren, konnten wir nab, sodass mehrere Segler in Richtung sen. Doch auch in ihrer Nisthöhle sind
in der Garrigue, der heideartigen Land- untere Möwe auswichen. Diese konnte sie nicht immer sicher, denn manchmal
schaft bei Nîmes, gut beobachten. Ähn- tatsächlich einen von ihnen ergreifen. finden Ratten oder Marder im Dachbo-
lich finden die Vögel hohe, insektenrei- den einen Zugang zum Nest.
che Luftschichten vor einer heranziehen- Frustrierende Jagd eines Sperbers Selbst auf dem weiten Flug ins Win-
den Gewitterfront. Wir wurden auch Zeuge, wie ein Sper- ter- beziehungsweise Sommerquartier
Ein anderer Vorteil des Schwarm- ber vier Tage lang über dem Kloster un- bietet der Schwarm Schutz. Zudem fin-
lebens – den man auch von anderen serer Kolonie in Nîmes immer wieder den die Vögel, wie sich nachweisen ließ,
Vögeln kennt – ist der Schutz vor Raub- versuchte, einen von den etwa 230 dort gemeinsam leichter ihren Weg. Aller-
vögeln. Diesen fällt das Beuteschlagen kreisenden Mauerseglern im Sturzflug zu dings wissen wir über das Zugverhalten
aus einem Schwarm heraus schwer, weil erhaschen. Nur zweimal gelang ihm der Mauersegler noch wenig. Sie sind zu
sie das Hin und Her so vieler potenziel- während all der Zeit ein Fang. Das klein, um sie mit Sendern versehen und
ler Opfer offensichtlich irritiert – zumal machte zusammen ungefähr achtzig sie so auf der weiten Strecke einzeln ver-

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diese sich dann oft eng zusammenschlie- Gramm an Beute – Federn und alles Üb- folgen zu können.
ßen und nicht selten sogar den Feind ge- rige mitgerechnet. Dann gab der Sperber Im Frühjahr tauchen die ersten Mau-


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meinsam verjagen. So flink und behende diese Jagdstrategie dort völlig auf. Wie es ersegler im März in Südspanien auf. Im
April erreicht der Durchzug dort seinen
MUSÉUM DE NÎMES / PAUL - LOUIS ANDRÉ
Höhepunkt. Die letzten Gruppen treffen
Anfang Mai in Spanien ein. Im Über-
winterungsgebiet waren die Geschlechter
getrennte Wege gegangen. Offenbar ge-
Mit ihren nach vorn gerichteten schieht das auch auf dem Zug. Wie es
l kräftigen Krallen sich Mau- aussieht, gliedern sich die ziehenden
ersegler an rauen Wänden anklammern. Schwärme im Wesentlichen in drei Ko-
Laufen sie auf den kurzen Beinen horten: Zunächst kommen Gruppen von
nicht. erwachsenen, bruterfahrenen Männchen,
dann ebensolche Weibchen – wobei
auch einige jüngere Vögel darunter sein
können – und schließlich die unerfah-
renen jungen Vögel.
Ihre Brutgebiete erreichen Mauer-
segler umso später, je höher diese im
Norden liegen. In Deutschland tauchen
die Ersten von ihnen Ende April /Anfang
Mai in den angestammten Kolonien auf,
in Finnland erst einige Wochen später,
sobald es dort genügend Insekten gibt.
Nach etwa drei Monaten, in Mitteleu-
ropa Ende Juli bis Anfang August, ver-
schwinden die Vögel normalerweise wie-
der und ziehen gen Süden.
Die erwachsenen, bruterfahrenen
Männchen, die als Erste nach Europa
zurückkommen, suchen ihre alte Kolo-
nie auf und besetzen dort unverzüglich
möglichst ihre Nisthöhle vom Vorjahr.
JEAN PHILIPPE PARIS, VILLEPREUX

Dorthin zieht es auch dasselbe Weibchen


wieder, das in der Regel etwas später ein-
trifft. So kommt es, dass die Vögel jedes
Jahr mit demselben Partner brüten.
Stirbt allerdings einer davon, gewinnen
sie sofort einen neuen Nistgefährten.

30 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
LINKS: MUSÉUM DE NÎMES / PAUL-LOUIS ANDRÉ ; RECHTS: PHILIPPE HENRI, CHAUMONT-SUR-LOIRE

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Einjährige Vögel, sofern sie im ers-
ten Sommer überhaupt nach Europa zu-
rückkehren, sind noch nicht geschlechts-
reif und machen keine Anstalten, sich zu
verpaaren. Die zweijährigen, nun paa-
rungsfähig, müssen erst einen Nistplatz
und einen Partner suchen, was keine
leichte Aufgabe ist. Sie fliegen eine Reihe
von Kolonien an, bis es ihnen gelingt,
sich irgendwo in den Schwarm von Alt-
vögeln zu integrieren, der stets über dem
chen. Dies alles versetzen sie mit klebri-
gem Speichel, der schnell härtet, und
bauen damit auf dem Höhlenboden ein
flaches Nest mit leicht erhöhtem Rand.
Die Paarung erfolgt gelegentlich im Nest,
oft aber im Flug. Seine ein bis vier – in
unserer Kolonie meistens drei – Eier legt
das Weibchen binnen vier Tagen, manch-
mal aber auch alle am selben Tag, mitun-
ter sogar rasch nacheinander. Gehen die
Eier zu Grunde, kann das Weibchen ein
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Mauersegler sind

lang. Die Jungen schlüpfen blind und


nackt. Mit drei Wochen sind sie
schwerer als die

für immer. In dem Alter erkennt man


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zeichnung.
an ihrer auf
.
Ihre zwei bis drei Eier bebrüten bei-
de Eltern abwechselnd etwa drei Wochen

hst
Mit etwa vier-
zig Tagen (rechtes Bild) fliegen sie aus –

Feder-

Nistgebiet kreist. Dann erst besteht eine zweites Mal einzelne Eier oder ein ganzes
Chance, dass der Neuankömmling eine Gelege produzieren.
freie Höhle findet – oder vielleicht sogar Die Eltern wechseln sich auf dem So ein Futterpäckchen enthält Hun-
einen freien Geschlechtspartner, der Nest ab. Wer beim Brüten freihat, fliegt derte, sogar bis über tausend kleine
schon eine Bruthöhle besitzt. auf Futtersuche. Wenn die Jungen nach Kerbtiere. Wie oft die Eltern mit einem
19 bis 24 Tagen schlüpfen, wiegen sie Nahrungsballen zurückkommen, hängt
Schutz in der Gemeinschaft etwa zweieinhalb Gramm, sind blind und allerdings stark von der Witterung ab, so
Das stete Herumflitzen über der Brut- noch völlig nackt. Sie können ihre Kör- auch davon, wie weit sie bis zu einer er-

ü
kolonie, das von schrillen Rufen beglei- perwärme zunächst nicht selbst aufrecht- giebigen Quelle fliegen müssen. Je nach
tet ist, gehört zum Erscheinungsbild ei- erhalten. Während der ersten beiden Wo- Insektenvorkommen schaffen sie in un-
ner Mauerseglerkolonie. Hieran dürften chen müssen sie darum ununterbrochen serer Kolonie an guten Tagen zusammen
neue Vögel potenziell geeignete Brutstät- von einem der Eltern gehudert werden. über vierzig Fütterungen, an schlechten
ten erkennen. Vielleicht schützen die Normalerweise sind sie nach 39 bis 45 zählten wir manchmal nur sieben. Auf
Altvögel die Koloniemitglieder auch vor Tagen flügge. Bekommen die Jungen bei die Insektenpopulationen nehmen Mau-
unerwünschten erwachsenen Männchen, schlechtem Wetter wenig zu fressen, kann ersegler somit einigen Einfluss.
die sich als Fremdgänger unter den die Nestphase deutlich länger dauern.
Schwarm mischen und etwa versuchen Auch das Füttern teilen sich die bei- Reserven der Nestlinge
würden, sich mit einem der ansässigen den Altvögel. Sie versorgen die Jungen f r Hungerzeiten
Weibchen zu paaren. Man kann beob- ausschließlich mit kleinen Insekten und Unter optimalen Bedingungen erreichen
achten, dass mehrere der Koloniemit- dergleichen, die sie in der Luft erjagen. die Nestlinge ihr Höchstgewicht rasch,
glieder einen Fremdling attackieren und Unter Umständen legen sie dafür weite in nicht einmal drei Wochen. Sie wiegen
ihn verfolgen. Manchmal krallen sich so- Strecken zurück. Die Eltern verfüttern dann um die sechzig Gramm, etwa das
gar zwei oder drei von ihnen in seinen ihre Beute lebend, aber mundgerecht in Anderthalbfache eines Altvogels. Den
Rücken, und oft schaffen sie es, ihn zu Speichelpaketen verklebt. Solche Futter- Rest der Zeit, den sie im Nest verbrin-
vertreiben. kugeln wiegen etwa zwei Gramm. Wäh- gen, benötigt das Gefieder zum Wachs-
Bezieht ein Brutpaar seine Höhle, rend der ersten fünfzehn Tage zerteilt der tum. Erst ein paar Tage bevor sie flügge
wird es darin zunächst ein Nest anlegen Elternvogel das Bällchen noch und ver- werden, verlieren die Jungen Gewicht
oder das alte aufbessern. Die Vögel sam- teilt unter den Nestlingen kleine Portio- und magern nun bis auf das ideale Flug-
meln aus der Luft Blätter, Halme und an- nen. Später wird dem Nachwuchs eine gewicht von rund vierzig Gramm ab.
deres feines Pflanzenmaterial ein, auch ganze Kugel auf einmal in den Rachen Bei schlechtem Wetter und Nah-
herumfliegende Federn oder Papierfetz- gestopft. rungsknappheit können Mauersegler ih-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 31
ORNITHOLOGIE z

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D
MUSÉUM DE NÎMES / GÉRARD GORY

JEAN-FRANÇOIS CORNUET, CRÉTEIL


Das Jesuitenkloster in Nîmes be- Hilfestellung zu geben, vielleicht sogar Mit etwas mehr Einsatz gelingt es sogar,
o herbergt jeden Sommer unter sei- eine Art Flugunterricht zu erteilen. neue Kolonien zu gründen. Wer etwas
nen hern eine Mauerseglerkolonie. Anders als die Altvögel, die jeden tun möchte, sollte sich allerdings unbe-
Dann beherrschen die Flugspiele der V - Sommer am selben Ort immer mit dem- dingt an die Ratschläge der Naturschutz-
gel und ihre hohen Rufe die Szene. selben Partner brüten, kehren junge Vö- verbände halten. Gleiches gilt, wenn man
gel selten zu ihrer Aufzuchtkolonie zu- Mauersegler hilflos am Boden findet. Sie
rück. Um das genauer zu ermitteln, ha- sind schwer artgerecht zu versorgen.
ben wir in Nîmes einige hundert Noch sind Mauersegler nicht be-
ren Stoffwechsel drosseln, die Körper- Jungvögel beringt. Nur eine Hand voll droht, stehen aber unter Schutz – auf der
temperatur etwas absenken und so einige von ihnen ist hier wieder aufgetaucht. Vorwarnliste, die voraussichtlich bald
Tage ohne Futter auskommen. Die An- Allerdings muss man dabei auch beden- gefährdete Arten anführt. Doch nach
passung ist bei Nestlingen noch ausge- ken, dass die Sterblichkeit im ersten Le- einer neueren Studie für zwölf Länder
prägter. Sie verfallen dann in einen bensjahr mit bis zu einem Drittel der Europas gehen die Bestände derzeit stark
Starrezustand. An die zehn Tage lang Vögel hoch ist. Je nach Kolonie überle- zurück, in manchen Orten Ostdeutsch-
können größere Junge von ihren Ener- ben zwischen 65 und 78 Prozent des lands in den letzten Jahren um 50
giereserven zehren. Bringen die Eltern Nachwuchses. Prozent. Noch gibt es in Deutschland
dann wieder Futter, erholt sich der Seit Jahrhunderten hat sich der Mau- schätzungsweise 450 000 bis 900 000

indieS
elbständigkeit
Nachwuchs bald und entwickelt sich ersegler in unsere von Ortschaften durch- Paare. Außer den Einbußen an Brut-
normal weiter. Doch wenn die Nestlinge siedelte Kulturlandschaft einpassen kön- möglichkeiten bedroht diese reinen In-
noch länger hungern müssen oder zu nen. Entwickelt hat sich dieser erstaun- sektenfresser der Pestizideinsatz in der
stark abmagern, vermag ihr Stoffwechsel liche Flieger in Urwäldern mit alten, halb Landwirtschaft. Was bringen alle reno-
sich anschließend offenbar nicht mehr abgestorbenen Bäumen und zerklüfteten vierten Fassaden, wenn im Herzen unse-
zu normalisieren. Die schwächsten Jun- Felsen. Dort fand der gesellige Vogel ge- rer Städte keine Mauersegler mehr he-
gen im Nest gehen dann ein. nügend hoch gelegene Ritzen und Baum- rumsausen und die Luft mit ihren gel-
höhlen zum Nisten für sein Gruppen- lenden Schreien erfüllen?
Der Sturzflug dasein. Noch immer siedeln hier und
da Kolonien in natürlicher Umgebung.
Erstaunen weckt immer wieder, wie ein Doch die meisten der angestammten Gérard Gory ist Direktor des
junger Mauersegler flügge wird. Der Plätze wichen in Mittel- und Westeuropa Naturhistorischen Museums im
Jungvogel lässt sich einfach von der Nist- durchforsteten Wäldern oder freier Land- südfranzösischen Nîmes. Dort

A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
leitet er die Forschungen über
höhle in die Luft fallen und fliegt los, als schaft ohne Nistmöglichkeiten. Stattdes- Mauersegler.
habe er nie etwas anderes getan. Von sen eroberten Mauersegler Burgen, Kir-
Faszinierende Forschung an ei-
nun an ist er selbständig. Er kehrt nicht chen und andere hohe Bauten. Man darf
nem »Hausvogel«. Von Erich Kaiser in: Der Falke,
wieder ins Nest zurück und landet auch vermuten, dass ihre Anzahl dank der vie- Heft 1, S. 10, 2003
meist überhaupt nicht mehr, sondern len neuen Brutgelegenheiten zunahm.
Mauersegler in Menschenhand. Von der Deut-
integriert sich in den Schwarm der Ko- Alles an diesem Vogel ist auf das ge-
schen Gesellschaft für Mauersegler e. V. (Hg.). 5.
lonie. Oft geschieht der Jungfernflug sellige Leben in der Luft und in der Brut- Aufl., Frankfurt am Main 2001
abends, und die Jungen übernachten kolonie abgestimmt. Seine Ortstreue, die
Zur Brutphänologie der Mauersegler (Apus apus)
dann gleich im Flug. Gewöhnlich ziehen damit zusammenhängt, wird ihm heute – Das täglich letzte Einfliegen in Beziehung zu
die eben flügge gewordenen Vögel sehr zum Verhängnis. Immer mehr Kolonien Umwelt- und sozialen Faktoren. Von Ulrich Tigges.
bald gen Süden. Die Eltern versorgen sie lösen sich auf, weil Bruthöhlen durch die Berliner Ornithologischer Bericht, Berlin 1999
ohnehin spätestens, wenn sie die Nist- Sanierung alter Bausubstanz verloren ge- Mauersegler gezielt ansiedeln. Von Erich Kaiser
höhle verlassen haben, nicht mehr. Aller- hen. Dabei ist es nicht besonders aufwän- und Andreas Schulte. Musikverlag Edition Ample
dings haben wir den Eindruck, dass sich dig, den Vögeln weiterhin Nistmöglich- (CD mit Vogelrufen zum Anlocken)
Altvögel der Kolonie um Artgenossen, keiten anzubieten. Bei etwas architek- Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
die gerade flügge sind, besonders küm- tonischem Geschick kann man in die spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
mern. Sie scheinen ihnen manchmal Fassaden leicht Nistplätze integrieren.

32 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
TSUNAMIS z
Tsunamis
im Mittelmeer ?
Die Mechanismen, welche die katastrophale Flutwelle im
Indischen Ozean auslösten, können im Prinzip überall
auf der Erde wirksam werden. Im Mittelmeer und in der
Karibik sind die Erdbeben zwar weit schwächer; ihre Wir-
kung wird jedoch mitunter durch Hangrutsche verstärkt.

Von Pascal Bernard lichen, durch Wind erzeugten Meeres-


wellen bewegt sich nicht nur eine

W
odurch wurde das Erd- oberflächennahe Wasserschicht, sondern
beben, das am 26. De- die gesamte Wassersäule bis hinunter
zember 2004 den Mee- zum Meeresboden. Die Welle ist auf ho-
resboden des Indischen her See so klein, dass man sie ohne Wei-
Ozeans erschütterte, zu der beispiellosen teres übersehen kann; erst in Küstennähe
Naturkatastrophe, die mehr als 280 000 steilt sie sich zu zerstörerischer Höhe auf.
Menschen das Leben kostete und Küs- Anekdoten berichten von Fischern, die
tenabschnitte von 3000 Kilometer Län- vom Meer zurückkehrten und den Hei-
ge samt Hinterland völlig verwüstete? mathafen durch einen Tsunami zerstört
Die aus seismischen Messungen er- fanden, von dem sie draußen nichts be-
schlossene Stärke (Magnitude) des Erd- merkt hatten. Nach dem Erdbeben von
bebens auf der Richterskala wird allge- Chile im Jahr 1960 erreichten Tsunamis
mein mit 9,0 angegeben. Nach neueren, Hawaii und sogar Japan, wo Hunderte
noch nicht allgemein anerkannten Be- von Toten zu verzeichnen waren (Spek-
rechnungen, die auch die Energie schwer trum der Wissenschaft 7/1999, S. 40).
zu beobachtender seismischer Wellen Sehr starke Erdbeben mit nachfol-
einbeziehen, ist dieser Wert auf 9,3 zu gendem Tsunami finden nicht nur am
korrigieren. Damit wäre es zwar das anderen Ende der Welt statt, sondern
zweitschwerste Beben seit Menschenge- sind sogar relativ gewöhnliche Ereignis-
denken – aber noch nicht einzigartig. Im se. Diese Nachricht ist nicht gerade be-
Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden ruhigend. Können sie zum Beispiel auch
zahlreiche heftige Beben registriert, von in Europa vorkommen?
denen zwei dem aktuellen ebenbürtig Um Aussagen darüber machen zu
waren: 1960 in Chile mit 9,5 und 1964 können, bietet sich das Studium histori-
in Alaska mit 9,2. scher Erdbeben an. Deren Ort, Zeit und
Beide Male rissen unter der Erdober- Stärke bieten Anhaltspunkte dafür, wann
fläche Bruchlinien von mehr als 1000 die seit dem letzten Erdbeben dort auf-
Kilometer Länge auf. Beide Beben for- gebauten Spannungen sich in einer neu-
derten Tausende von Todesopfern; aber en Katastrophe entladen werden. Dieser
die Menschen wurden nicht in erster Li- Artikel fasst die wesentlichen Mechanis-
nie durch zusammenstürzende Häuser
oder Brücken erschlagen, sondern er-
tranken in den durch das Beben ausge-
lösten Flutwellen. Hier bricht die Flutwelle vom 26.
Für diese Wellen hat sich der japani- r Dezember 2004 über eine Hotelan-
sche Name Tsunami (»Hafenwelle«) ein- lage in Penang (Malaysia) herein. Das Bild
gebürgert. Im Gegensatz zu den gewöhn- entstammt einem Amateurvideofilm.

34 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
men der Erdbebenentstehung kurz zu- geformt. Dadurch kann ein Bruch in ei- ten die Platten in der Tiefe sehr langsam
sammen, beschreibt die Katastrophe ner Verwerfungszone sich relativ leicht und gleichmäßig aneinander entlang, da
vom 26. Dezember und untersucht dann über mehrere hundert Kilometer hinweg das Material dort heiß und relativ leicht
zwei Regionen genauer: die Karibik und ausbreiten, ohne von einer Störung auf- verformbar ist. Die harte Erdkruste kann
das Mittelmeer. gehalten zu werden. jedoch wegen der Rauigkeit der Gesteins-
Das Beben vom 26. Dezember 2004 blöcke diese Bewegung nicht mitvollzie-
Ursache: ereignete sich im nördlichen Teil der in- hen. In ihr baut sich daher im Lauf der
ein weit ausgedehnter Bruch donesischen Subduktionszone. An dieser Jahrhunderte ein zunehmender Druck
Die wahrscheinlichsten Entstehungsorte Stelle taucht die im Westen befindliche auf, wie bei einer Uhrfeder, die immer
für große Tsunamis liegen in den Sub- Indische Platte unter ein Anhängsel der weiter aufgezogen wird. Wenn dieser
duktionszonen, dort, wo eine Lithosphä- Eurasischen Platte ab, die kleine Burma- Druck einen kritischen Wert erreicht,
renplatte des Erdmantels unter eine an- Platte, und zwar in nordöstlicher Rich- überwinden die aufgebauten Kräfte die
dere taucht. Diese Regionen sind seis- tung – nach neuesten Untersuchungen durch die Rauigkeit verursachte Haftrei-
misch sehr aktiv, liegen größtenteils mit einer Geschwindigkeit von knapp bung, die Gesteine brechen und rutschen
unter Wasser, und ein Seebeben mit ei- sechs Zentimetern pro Jahr. sehr schnell – Größenordnung ein Meter
ner Stärke über 8 kann den Meeresbo- Die Grenze zwischen beiden Platten pro Sekunde – aneinander vorbei. Dabei
den um mehr als einen Meter heben ist, grob gesprochen, eine schiefe Ebene, lösen sich, wie wenn die Uhrfeder bricht,
oder absenken. Zudem sind in den un- die in einem Winkel von etwa 15 Grad urplötzlich die in Jahrhunderten aufge-
terseeischen Subduktionszonen die Gren- nach Nordosten hin in die Tiefe ragt. bauten Spannungen und die Gesteine
zen der Platten sehr glatt und regelmäßig Entlang dieser gigantischen Rampe glei- ringsum werden versetzt. Die heftige Er-

Aus urheberrechtlichen Gründen


können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 35
TSUNAMIS z
schütterung pflanzt sich in Form von
Erdbebenwellen fort und versetzt auch
Tiere, von denen viele lange vor Ankunft
der Flutwelle von der Küste ins Hinter-
Geschwindigkeit auf etwa 30 Stundenki-
lometer ab. Dabei verwandelte sich kine-
das unter Spannung stehende Nachbarge- land flüchteten. tische Energie in potenzielle, das heißt,
stein in Bewegung. Nach dem Ende der heftigen Ge- die Welle steilte sich auf eine Höhe von
Der seismische Bruch vom 26. De- steinsbewegung hatte der Meeresboden 30 Metern auf.
zember ereignete sich nicht auf einen eine deutlich andere Gestalt angenom- Einige Inseln westlich und nördlich
Schlag. Vielmehr wurde die Verwerfung men: Im Westen hob die aufgestiegene von Sumatra sowie die Nordspitze Suma-
zunächst in einem kleinen Bereich an ih- Platte die Wassermassen über sich in ei- tras selbst liegen auf der Burma-Platte
rem südlichen Ende entriegelt, 150 Kilo- ner Breite von mehreren hundert Kilo- und wurden gleichzeitig mit dem Ozean
meter westlich der Insel Sumatra, in ei- metern um zwei oder drei Meter an. Da angehoben. Der Meeresspiegel sank da-
ner Tiefe von etwa 30 Kilometern; ande- sie in sich relativ starr ist, wurde sie nicht her zunächst relativ zur Küste ab, sodass
re Einschätzungen der Tiefe liegen bei nach oben verbogen, sondern eher ge- die auf die Küste zulaufende Welle mit
10 Kilometern unter dem Meeresboden. kippt, mit der Folge, dass im Osten der einem Wellental begann. Andere, weiter
Der Bruch breitete sich dann mit unge- Meeresboden und mit ihm der Meeres- östlich gelegene Inseln sanken mitsamt
fähr 2,5 Kilometer pro Sekunde aus, im spiegel ein Stück absank. ihrer Platte geringfügig ab; entsprechend
Wesentlichen nach Norden, und erfasste muss dort der Meeresspiegel zunächst an-
dabei fortschreitend die gesamte Ober- Mit über 500 Stundenkilometern gestiegen sein. Die zerstörerischen Wellen
fläche der Verwerfung. Nach vier Minu- Kaum entstanden, begannen der sehr liefen mit einer Periode von einigen Dut-
ten und 500 Kilometern kam der Bruch breite und flache Wellenberg im Westen zend Minuten ein. Dies entspricht der
nahe der Inselgruppe der Nikobaren zu- zu zerfließen und das Tal im Osten sich Zeit, innerhalb derer die Schwerewellen
nächst zum Stillstand, dehnte sich dann aufzufüllen. Diese relativ geringfügige die gestörte Zone durchwanderten.
aber unter zahlreichen Nachbeben auf Bewegung erfasste sehr große Wassermas- Sie trafen die Küsten Sumatras nach
insgesamt mehr als 1000 Kilometer Län- sen, und deren Impuls pflanzte sich mit etwa 10 Minuten. Thailand, 500 Kilo-
ge aus (Bild rechts). hoher Geschwindigkeit in alle Richtun- meter entfernt, wurde nach zwei Stun-
Die Gesteine, die durch den Bruch gen fort: Das war der Tsunami. den erreicht, ebenso wie Sri Lanka, ob-
plötzlich Bewegungsfreiheit gewannen, Die Physiker sprechen von einer wohl dieses 1500 Kilometer entfernt
rutschten ungefähr zehn Sekunden lang, Schwerewelle, weil die Rückstellkraft der liegt. Doch die Ausbreitung erfolgte nach
bis sie zum Stillstand kamen und sich Wasserschwingung die Schwerkraft ist. Westen wegen der größeren Wassertiefe
wieder ineinander verhakten, weil die Zugleich wird sie als Flachwasserwelle viel schneller. Ob an den fernen Küsten
Spannungen sich abgebaut hatten. Im eingestuft, nicht weil der Indische Ozean zuerst ein Wellental oder ein Wellenberg
Ergebnis schob sich die Burma-Platte besonders flach wäre, sondern weil die eintraf, hängt nicht nur von deren An-
um etwa zehn Meter nach Südwesten Wassertiefe von etwa fünf Kilometern ordnung am Ort der Entstehung ab.
über die Indische Platte, wobei sie um klein ist gegenüber der Wellenlänge von Durch die variierende Meerestiefe wurde
mehrere Meter angehoben wurde. einigen hundert Kilometern. Für die Ge- die Welle auf komplizierte Weise beein-
Die schnellsten seismischen Wellen schwindigkeit v einer Flachwasserwelle flusst. Im Allgemeinen nahm mit zuneh-
wanderten mit sechs Kilometer pro Se- gilt die Gleichung v 2 = g  h (g Erdbe- mender Laufstrecke die Anzahl der Wel-
kunde durch die Kruste. Nach kaum ei- schleunigung, h Wassertiefe), und zwar lenberge zu, wobei der erste nicht immer
ner halben Minute, während sich der unabhängig von der Wellenlänge. Anders der größte war. Einige Wellen kamen
Bruch noch fortpflanzte, erreichten sie als die kurzen Wellen an der Oberfläche durch Reflexion und Brechung am Relief
die nur 100 Kilometer entfernte Küste eines Gewässers, deren Geschwindigkeit des Meeresbodens auf Umwegen und da-
Sumatras und richteten dort wegen der von der Wellenlänge abhängt, unterliegt durch entsprechend später ans Ziel.
geringen Entfernung noch Schäden an. sie also nicht der Dispersion, das heißt, An einem unterseeischen Steilhang
Als die erste heftige Gesteinsbewegung sie zerfließt nicht, sondern ihre Energie wäre eine Welle teilweise reflektiert wor-
zum Stillstand kam, hatten sie im Osten bleibt auf kleinem Raum konzentriert. den und hätte ihre Energie wieder ins of-
bereits Thailand erreicht und zwei Minu- Der Tsunami vom 26. Dezember ras- fene Meer transportiert. Aber die sanft
ten später Sri Lanka im Westen. Die dort te als kaum wahrnehmbare Erhebung ansteigenden Hänge des Meeresbodens
hervorgerufenen Erschütterungen waren des Wasserspiegels mit weit über 500 lenkten keinen nennenswerten Anteil
für die Menschen nicht mehr spürbar, Stundenkilometern über den Ozean. Im der Energie vom Land ab. In Buchten
wohl aber allem Anschein nach für die flachen Wasser vor der Küste nahm seine wurde durch einen Trichtereffekt die
Aufsteilung durch abnehmende Wasser-
IN KÜRZE tiefe noch erheblich verstärkt. So kam es
zu den katastrophalen Überflutungen.
r Ursache der verheerenden Flutkatastrophe vom 26. Dezember 2004 war die Kann sich im Indischen Ozean eine
plötzliche Anhebung des Meeresbodens auf großer Fläche um mehrere Meter derartige Katastrophe in naher Zukunft
infolge eines unterseeischen Erdbebens. wiederholen? Zwei Risiken müssen im
r Die Flutwelle (»Tsunami«) erreicht in der Tiefsee die Geschwindigkeit eines Einzelnen untersucht werden: ein weite-
Flugzeugs; ihre Energie bleibt auf engem Raum konzentriert. res starkes Erdbeben an einer Verwer-
r Außer Erdbeben können auch Vulkanausbrüche, unterirdische Hangrutsche oder fung an Land sowie ein zweiter tödlicher
Meteoriteneinschläge Tsunamis auslösen. Tsunami, verursacht durch ein erneutes
Seebeben.

36 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
ä
Hauptstoß

Nachbeben:
St rke < 6
6 ≤ St rke < 7
St rke > 7
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In dieser Verwerfungszone, wo die
Indische Platte und die Burma-Plat-
te um knapp sechs Zentimeter pro Jahr
aufeinander zu wandern, hat der erste
Bruch 150 Kilometer westlich von Su-
matra stattgefunden. Die Kreise bezeich-
nen Nachbeben, nach Größe und Datum
unterschiedlich dargestellt. Die Karte
Thailand stammt vom Europäisch-Mediterranen
Indische Burma-
Indien Seismologischen Zentrum (EMSC).
Platte Platte

wortung dieser Frage zu berücksichtigen,


darunter die Geschwindigkeit der Plat-
tenbewegung, die Dichte der abtauchen-
Sri Lanka
den Platte (die wiederum von deren Al-
ter abhängt) und der Zeitpunkt des letz-
Su ten starken Bebens (vergleiche Spektrum
der Wissenschaft 10/1996, S. 64). Denn
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je länger dieses Beben her ist, desto


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wahrscheinlicher ist es, dass sich in der


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Sumatra
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Zwischenzeit eine Spannung aufgebaut


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hat, die demnächst zum Bruch führen

EMSC
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wird. Wie aber soll man das Risiko ein-


Die dem Bruch von 2004 am nächs- bis der Druck wieder bis zur Belastungs- schätzen, wenn in einem tektonisch akti-
ten gelegene, aktive Verwerfung an Land grenze angewachsen ist. Beide Zahlen, ven Gebiet seit Menschengedenken kein
ist diejenige von Sumatra, welche die In- der Rutschweg wie die Plattengeschwin- Erdbeben zu verzeichnen war? Vielleicht
sel in ihrer gesamten Länge zerteilt. In digkeit, sind allerdings sehr unsicher. Da haben die Platten relativ glatte Oberflä-
ihrem Nordteil wurde sie infolge des bei dem aktuellen Beben die 1861 aufge- chen, sodass sie kontinuierlich, ohne sich
jüngsten Bebens entlastet, weshalb sie brochene Verwerfung nicht wieder auf- zu verklemmen, aneinander entlang glei-
nun leichter ins Rutschen kommen gerissen ist und auch Nachbeben in die- ten und eine Spannung, die sich in ei-
könnte. Jedoch kam es dort bis heute zu ser südlicheren Region ausblieben, liegt nem Erdbeben entladen würde, gar nicht
keiner nennenswerten Erdbewegung, der Schluss nahe, dass dieses Subduk- erst entsteht. Oder aber die Platten ha-
was für ihre aktuelle Stabilität spricht. tionssegment noch weit von seiner Belas- ben sich verkeilt, und seit dem letzten
Diese Einschätzung ist jedoch vorläufig tungsgrenze entfernt ist. Erdbeben ist die Spannung bis knapp
und sollte durch genauere seismische unter die Belastungsgrenze angewachsen:
und geodätische Messungen bestätigt – Knapp an der Belastungsgrenze Dann hätte man allen Anlass zur Furcht.
oder auch entkräftet – werden. Bleiben Nördlich der verworfenen Zone, zur In- Auch dort, wo wegen hoher Konver-
wir vorsichtig: Starke Beben ereignen selgruppe der Andamanen hin, lag das genzgeschwindigkeit die Erdbeben in re-
sich häufig ohne Vorwarnung in Form letzte starke Beben im Jahr 1888. Es lativ rascher Folge auftreten und daher
merklicher Erdbewegung (Spektrum der wurde von einer mörderischen Flutwelle gut dokumentiert sind, bleibt über den
Wissenschaft 6/2004, S. 44). begleitet, und seine Stärke wird auf 8 ge- Zeitpunkt des nächsten Bebens eine gro-
Könnte ein zweites Subduktionsbe- schätzt. Zahlreiche Nachbeben, von de- ße Unsicherheit bestehen. So hat man für
ben mit einer Stärke von mehr als 8 nen einige die Stärke 7 überschritten, den Süden von Peru und den Norden
schon bald fällig sein? Südlich der aktu- waren auf der gesamten Oberfläche der von Chile, wo sich die letzten starken Be-
ellen Bruchzone, 100 Kilometer von Su- Verwerfung zu beobachten. Wenn diese ben mit Stärken um 8,5 im Jahr 1868
matra entfernt, war das letzte starke Be- nicht schon aufgebrochen ist (die Frage beziehungsweise 1877 ereigneten, die Pe-
ben das von 1861 mit einer Stärke von ist noch offen), könnte der 300 bis 500 riodendauer, das heißt den Zeitraum zwi-
etwa 8,5. Damals haben sich die beiden Kilometer lange Nordabschnitt inner- schen zwei Beben, mit ungefähr einem
Platten um schätzungsweise sechs Meter halb der nächsten Jahre aufbrechen und Jahrhundert eingeschätzt. Die Platten
aufeinander zu bewegt. damit ein Erdbeben der Stärke 8 oder wandern hier mit einer Geschwindigkeit
Demnach hat der tektonische Druck mehr verursachen. Diese Möglichkeit von etwa acht Zentimeter pro Jahr auf-
die Plattengrenze um diese sechs Meter rechtfertigt große und aufwändige Pro- einander zu. Im Süden von Peru fand
komprimiert, bevor die Gesteine ihm jekte, um die vergangene und gegenwär- 2001 tatsächlich ein Beben der Stärke 8,4
nicht mehr standhalten konnten. Unter- tige tektonische Aktivität dieser Region statt, zum Glück ohne nennenswerten
stellen wir, dass ein Erdbeben diesen besser zu erforschen. Tsunami. Dem Norden von Chile stehen
Druck vollständig abbaut. Bei einer Kon- An welchen anderen Stellen der Erde demnach noch ein Bruch und eine zer-
vergenzgeschwindigkeit von sechs Zenti- besteht Gefahr für die nähere Zukunft? störerische Flutwelle bevor, wie 1877, als
meter pro Jahr dauert es hundert Jahre, Zahlreiche Parameter sind bei der Beant- die seismische Welle eine Höhe von 24

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 37
TSUNAMIS z
Metern erreichte. Wird dies morgen oder
erst in einigen Jahrzehnten der Fall sein?
a

b
seismische
Erschütterungen Wellenhöhen von einem bis zu zwei Me-
tern und einem mit der doppelten Am-
Im Nordatlantik liegt die einzige plitude, der sich beim Auflaufen auf die

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h
Subduktionszone bei den Antillen, im Küste zu mörderischen Höhen aufsteilt.
Osten der Karibik. Das größte Beben Um die Wahrscheinlichkeit zukünf-
der letzten drei Jahrhunderte war dasje- d tiger Tsunamis im Archipel von Guade-

POUR LA SCIENCE
nige von 1843, das Guadeloupe und sei- loupe abzuschätzen, untersuchen die For-
ne nördliche Nachbarinsel Antigua ver- scher die Spuren vergangener Verursa-
wüstete. Ohne Zweifel handelte es sich e cher, nämlich sehr heftiger Beben an
um ein Subduktionsbeben an der Gren- Plattengrenzen. Mehrere Fachrichtungen
ze zwischen der Karibischen und der At- Im Moment des Bebens bricht die sind daran beteiligt: Geodäten, Seismolo-
lantischen Platte. Seine geschätzte Stärke o Verwerfung auf und setzt seismi- gen und Geologen. Vor zwei Jahren wur-
lag zwischen 7,5 und 8. Wahrscheinlich sche Ersc terungen frei, die sich an de auf Guadeloupe ein Netz von Mess-
brach das Gestein auf einer Länge von Land und im Meer ausbreiten. Über dem punkten zur GPS-Positionsbestimmung
100 bis 200 Kilometern auf, und die Verwerfungsbruch entsteht ein Wellen- installiert. Es arbeitet mit einer Genauig-
Bruchkanten rutschten ungefähr fünf berg (b), gefolgt von einem Wellental, keit von 5 Millimetern und soll die Stau-
Meter übereinander. und zwei Wellenberge pflanzen sich in chung der Insel in Ost-West-Richtung
Der auf der Insel Antigua beobach- beide Richtungen fort (c). Mit abnehmen- messen. Wie erwähnt, driften die Karibi-
tete Tsunami war nicht höher als ein der Wassertiefe steilt sich der Wellenberg sche und die Atlantische Platte aufeinan-
Meter, vielleicht weil der Bebenherd so auf (d und e). der zu, sodass die Insel in dieser Richtung
tief lag, dass darüberliegende Gesteins- zusammengedrückt wird. Die GPS-Mes-
schichten die Wirkung des Bruchs sungen lassen genauer die Größe und
dämpften und die Hebung oder Sen- Lage der blockierten Zone erkennen, die
kung des Meeresbodens entsprechend Jahr gering ist. Aber vor der Katastrophe beim nächsten Beben aufbrechen kann.
geringer ausfiel. Das ist nicht unbedingt von 2004 hätten auch nur wenige Seis- Da die Insel zwischen Basse-Terre im
ein Anlass zur Beruhigung, denn ein mologen ein Seebeben der Stärke 9 nörd- Westen und La Désirade im Osten nur
künftiges Subduktionsbeben könnte stär- lich von Sumatra in Betracht gezogen. einige Millimeter pro Jahr schrumpft,
ker sein und sein Herd dichter unter der Würde man die Stärke des größten werden erste verlässliche Ergebnisse erst
Oberfläche liegen. anzunehmenden Erdbebens bei den An- in fünf bis zehn Jahren erwartet.
Die Seismologen, die für die amtli- tillen auf 8,5 statt auf 8 ansetzen, was
che französische Erdbebenvorhersage das wären die potenziellen Konsequenzen? Korallen als Indikator
Risiko untersuchen – einige Antillen- Man beachte: Die Richterskala ist ein lo- Außerdem löst man von Schiffen aus
inseln gehören zu Frankreich –, schätzen garithmischer Maßstab. Ein Punkt mehr kleine Explosionen aus, deren Schwin-
ein Beben mit einer Stärke über 8 im Be- auf der Skala bedeutet die 32-fache gungen die Erdkruste durchlaufen und

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reich der Kleinen Antillen als unwahr- Energiefreisetzung, und ein halber Punkt deren Echos man dann aufzeichnet. Da-
scheinlich ein, da die Konvergenzge- immerhin die 5,7-fache. durch lässt sich die Kontaktfläche zwi-

stä
rkste
,
schwindigkeit mit zwei Zentimeter pro Die unmittelbaren Folgen eines sol- schen den Platten in der Tiefe genau lo-
chen stärkeren Erdbebens würden nicht kalisieren; vielleicht ist aus den Echos so-
wesentlich schlimmer ausfallen. So wür- gar zu erschließen, ob die Platten verhakt
de die Wahrscheinlichkeit, dass inner- oder entriegelt sind. Unterwasser-Seis-
Die Erdbeben in der Karibik konzen- halb der nächsten fünfzig Jahre die Be- mografen östlich der Inseln, in der Nähe
u trieren sich auf die Grenzen zwi- schleunigung des Bodens die Schwelle zu der Verwerfung, zeichnen die schwa-
schen der Kokos-Platte, der Karibischen, Zerstörungen (2 Meter pro Sekunden- chen, mehr oder weniger regelmäßig auf-
der Nordatlantischen und der quadrat) überschreitet, sich nicht merk- tretenden Beben an der Plattengrenze
schen Platte. Das Beben von 1843 war das lich erhöhen. Dagegen macht der halbe auf und helfen dadurch diese genauer zu
das in den letzten 300 Jahren in Punkt auf der Skala den Unterschied aus lokalisieren. Schließlich versucht man
dieser Region registriert wurde. zwischen einem kleinen Tsunami mit durch die Untersuchung der Korallen
vor den Inselküsten nähere Aufschlüsse
Nordatlantische Platte
zu gewinnen. Korallen wachsen bevor-
zugt in geringen Tiefen und sterben ab,
2 cm pro Jahr
wenn sie nicht mehr mit Wasser bedeckt
sind. Also kann man aus ihrer Untersu-
chung die Hebungen und Senkungen
der Küsten erschließen und daraus deren
Karibische Platte
Beben Auslöser, nämlich den Anstieg der Span-
von 1843 nung in den Platten zwischen zwei Erd-
POUR LA SCIENCE, NACH: USGS / NEIC

beben und den Bruch zwischen den Plat-


ten im Moment des Bebens.
Der Mittelmeerraum steht den Antil-
len in nichts nach: Im Süden Griechen-
Kokos-Platte
Südatlantische Platte SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q APRIL 2005
Eurasische Platte Helike
– 373
Santorin
– 1650

Lissabon
Algier 1365 Rhodos
1755
Messina 1303
POUR LA SCIENCE, NACH: USGS / NEIC

1908

Kreta

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365

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Afrikanische Platte

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lands wandert die Afrikanische Platte um ben der Stärke 8 oder mehr sowie mit Der Mittelmeerraum ist durch die
drei Zentimeter pro Jahr nach Norden zerstörerischen Tsunamis zu rechnen. o Konvergenz der Afrikanischen und
und taucht unter das Ägäische Meer ab, Nicht nur bei Subduktionsbeben der Eurasischen Platte starken Spannun-
das zur Anatolischen Platte gehört. Diese entstehen große Tsunamis. Die Konver- gen unterworfen. Die Kreise kennzeich-
verschiebt sich auf der Höhe von Kreta genz der Afrikanischen und der Eurasi- nen die wichtigsten Beben der Vergan-
um einen Zentimeter pro Jahr nach Sü- schen Platte hat im westlichen Teil so ge- genheit. Die von ihnen mit einer
den. Daraus resultiert eine Plattenkon- nannte Deckenüberschiebungen oder in- gesc von mehr als 8 waren
vergenz von annähernd vier Zentimetern verse Verwerfungen zur Folge. Dabei diejenigen von Helike (373 v. Chr.), Kreta
pro Jahr, was eine starke seismische Akti- schiebt sich die obere Platte über die un- (365 n. Chr.) und Rhodos (1303). Sie ha-
vität entlang der Plattengrenze und in der tere, ohne dass diese in den Erdmantel ben verheerende
abtauchenden Platte bis in eine Tiefe von abtaucht (Bild S. 40, b). Außerdem sind
100 Kilometern mit sich bringt. An der die Verwerfungen auf die oberen zehn
Oberfläche entspricht die Plattengrenze bis zwanzig Kilometer der Erdkruste be-
einem Bogen, der von den Ionischen In- schränkt und an der Oberfläche stark naue Lokalisierung bleibt ungewiss. In
seln westlich von Griechenland nach Sü- segmentiert, das heißt, durchgehende dieser Region existieren noch weitere un-
den entlang dem Peleponnes, dann nach Abschnitte der Grenze sind allenfalls ei- terseeische Verwerfungen mit vergleich-
Osten bis zur Südküste von Kreta und nige Dutzend Kilometer lang und von barem zerstörerischem Potenzial.
schließlich nach Nordosten in Richtung quer liegenden Störungen flankiert, an Im Mittelmeer hat das Beben bei
Rhodos und türkische Küste verläuft denen ein sich fortpflanzender Bruch in Boumerdes in Algerien am 21. Mai 2003,
(Bild oben). Alle genannten Küstenregio- der Regel zum Stillstand kommt. Erd- das eine Stärke von 6,7 erreichte und fast
nen gehören zur Anatolischen Platte und beben, die mehrere Segmente auf einmal 2000 Todesopfer forderte, ebenfalls einen
werden langfristig mit ihr angehoben. über mehr als 50 Kilometer hinweg zum Tsunami verursacht. Die Plattengrenze
Überliefert sind mindestens zwei sehr Aufbrechen bringen, sind selten. Sie ent- verläuft hier an der Oberfläche 50 Kilo-
starke Beben an dieser Subduktionszone, sprechen dann einer Stärke von 7. meter lang parallel zur Küste und dringt
denen auch zerstörerische Tsunamis folg- nach Süden ins Erdinnere ein. Durch das
ten: eines im Jahre 365, das andere 1303. Tsunami von Lissabon Erdbeben schoss die algerische Küste mit-
Das erste verursachte starke Zerstörun- Ein guter Teil dieses Verwerfungssystems samt dem angrenzenden Meeresboden
gen insbesondere auf ganz Kreta; sein liegt im Meer: im Atlantik südlich von um ungefähr einen halben Meter nach
Tsunami verwüstete den Küstenstreifen Portugal und westlich von Marokko so- oben. Der dadurch ausgelöste Tsunami
der gesamten Region bis nach Ägypten wie im Mittelmeer vor der Nordküste forderte keine Opfer, erreichte aber mit
und sogar das östliche Sizilien. Nach den Marokkos und Algeriens. Das Erdbeben Wellen von ein bis drei Meter Höhe die
überlieferten Quellen kamen in Alexan- von Lissabon 1755 ging von einer der- 250 Kilometer weiter nördlich gelegenen
dria 50 000 Menschen ums Leben. Die artigen Verwerfung aus. Sein Tsunami Balearen und zerstörte in den dortigen
Stärke des Bebens lag ohne Zweifel zwi- erreichte die portugiesische, spanische Häfen Hunderte kleiner Boote.
schen 8 und 8,5. Das Beben von 1303 und marokkanische Küste und über- Wenn westlich oder östlich dieser
mit der geschätzten Stärke 8 zerstörte die schwemmte den Fluss Tejo mit zwanzig Stelle ein geringfügig stärkeres Beben
Insel Rhodos und den östlichen Teil Kre- Meter hohen Wellen, welche die tiefer stattfinden sollte – Stärke 7 bis 7,5 –,
tas. Es verursachte einen Tsunami, der gelegenen Teile der portugiesischen würde es einen mörderischen Tsunami
ebenfalls die ägyptische Küste erreichte. Hauptstadt unter Wasser setzten. Der auslösen, der einen etwa 50 Kilometer
Die griechische Subduktionszone ist Tsunami war bis zu den Antillen beob- langen Abschnitt der algerischen Küste
immer noch aktiv, auch wenn größere achtbar. Durch die Analyse seiner Spu- und wahrscheinlich auch die Balearen
Ereignisse selten auftreten. Bei der gegen- ren haben die Geophysiker den Beben- treffen würde. Es wäre nicht der erste: In
wärtigen Konvergenzgeschwindigkeit ist herd etwa 100 Kilometer südwestlich historischer Zeit wurde die Region um
in den nächsten hundert Jahren mit Be- von Lissabon ausgemacht, doch seine ge- Algier von weiteren Erdbeben mit gro-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 39
TSUNAMIS z
ßen Tsunamis heimgesucht; so wurden
im Jahr 1365 die tiefer gelegenen Stadt-
Eine solche 20 Kilometer lange Verwer-
fung brach am 21. November 2003 süd-
r unterseeische Hangrutsche;
r unterseeische Vulkanausbrüche;
teile von Algier überflutet. lich von Guadeloupe mit einer Stärke r Abbruch der Flanke eines Vulkans,
Das gleiche Risiko besteht am ande- von 6,3 auf, wodurch der Meeresgrund dessen Gesteinsschutt ins Meer stürzt;
ren Ende des Mittelmeers. Im Libanon um rund einen halben Meter absank. r große Meteoriten, die an jedem Ort
liegt eine Deckenüberschiebung auf der Die Wellen des Tsunamis erreichten in einschlagen können.
gewundenen Spur der großen Levantini- einigen kleinen, exponierten Buchten an Ein unterseeischer Hangrutsch wird
schen Verwerfung, die sich entlang der der 10 Kilometer entfernten Küste durch manchmal durch starke seismische Er-
Mittelmeerküste von Ägypten bis zur Trichterwirkung eine Höhe von vier Me- schütterungen ausgelöst. So ist es oft
Türkei zieht. Die Deckenüberschiebung tern. Opfer waren nicht zu beklagen. schwierig zu unterscheiden, ob das Be-
hat eine gewaltige Verdickung der Erd- Diese Verwerfung ist kürzlich sehr ben selbst oder erst der nachfolgende
kruste zur Folge, die sich zum Teil unter präzise anlässlich einer französischen Erdrutsch einen Tsunami verursacht hat.
Wasser befindet. Auch hier besteht die Ozeanografie-Kampagne kartiert wor- In Papua-Neuguinea überflutete 1998
Gefahr eines großen Tsunamis, wenn den. Dabei wurden auch zahlreiche wei- eine gigantische, stellenweise 15 Meter
sich dieser Schild infolge eines Erdbe- tere unterseeische normale Verwerfungen hohe Welle einen rund 10 Kilometer
bens anhebt. entdeckt und genauer lokalisiert. Einige langen Küstenabschnitt und kostete
davon sind etwa 50 Kilometer lang. 3000 Menschen das Leben. Sie folgte auf
Normale Verwerfungen Würden diese auf einen Schlag aufbre- ein Beben der Stärke 7,2. Berechnungen
Auch wenn sich Kontinentalplatten von- chen, käme es zu einem Erdbeben der zeigten, dass 90 Prozent der Amplitude
einander entfernen, kann es Erdbeben Stärke 7 oder mehr. Große Tsunamis wä- des Tsunamis auf einen unterseeischen
und Tsunamis geben. In diesem Fall ren in bis zu 100 Kilometer Entfernung Hangrutsch zurückzuführen waren, der
rutscht die obere von zwei Platten ruck- zu befürchten. durch das Erdbeben ausgelöst wurde.
artig von der unteren ab, wodurch der Im Mittelmeer finden sich normale
Meeresboden rasch absackt und die Was- Verwerfungen unter Wasser im Wesent- Hangrutsche
seroberfläche sich eindellt. Diese so ge- lichen am Ostrand Siziliens (insbesonde- Die Küsten des Mittelmeers sind von
nannten normalen Verwerfungen (Bild re ist die Meerenge von Messina durch solchen Ereignissen in besonderem Maße
c, rechts) sind ebenfalls stark segmen- eine normale Verwerfung entstanden), bedroht. Bereits Erdbeben der Stärke 6
tiert, mit einer typischen Segmentlänge im Norden des Peleponnes (der Golf von oder etwas darüber, die an normalen
von 10 bis 30 Kilometern. Die Beben Korinth öffnet sich mit einer Geschwin- Verwerfungen und Deckenverschiebun-
sind hier selten stärker als 6,5. digkeit von 1,5 Zentimeter pro Jahr), am gen des Mittelmeers entstehen, können
Bei den Antillen zerteilen große nor- Westrand der Insel Euböa und nördlich die unterseeischen Hänge in Bewegung
male Verwerfungen den vulkanischen von Athen. Sie bedecken auch den ge- setzen, die sich in Küstennähe in der
Bogen der Karibischen Platte, insbeson- samten Grund des Ägäischen Meers, der Fortsetzung zahlreicher Flussdeltas fin-
dere um den Archipel von Guadeloupe. sich nach Süden ausdehnt. Eine dieser den. Obendrein haben frühere Erdbeben
Verwerfungen verursachte 1908 das Erd- ihren Nachfolgern das Material für der-
beben von Messina mit einer Stärke von artige Lawinen zurechtgelegt: Rutschun-
a Subduktionsverwerfung
etwa 7,5. Der dadurch ausgelöste Tsuna- gen haben über Hunderttausende von
mi mit bis zu acht Meter hohen Wellen Jahren hinweg hohe Steilhänge und zer-
überschwemmte die benachbarten Küs- klüftete Reliefs geschaffen. Ein Tsunami,
ten von Sizilien und Kalabrien. der im seismisch aktiven Gebiet des Li-
Außer Erdbeben gibt es andere na- gurischen Meeres entsteht, könnte die
türliche Ursachen für einen gewaltigen französische Côte d’Azur verwüsten.
Tsunami: Das älteste überlieferte katastrophale
Ereignis dieser Art fand in Griechenland
b Deckenüberschiebung statt. Im Jahre 373 v. Chr. zerstörte ein

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Beben die mächtige griechische Stadt
Die drei Mechanismen der Erdbe- Helike an der Südküste des Golfs von
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benentstehung: Bei der Subduktion Korinth. Einige Stunden später (die
taucht eine von zwei Kontinentalplatten, Chroniken sind in diesem Punkt nicht
der anderen ausweichend, in den Erd- sehr genau) wurde die Stadt durch einen
mantel ab (a). Bei der Dec schie- Tsunami überflutet. Ihre Ruinen sollen
bung sinkt die untere Platte nur wenig ab noch über Jahrhunderte hinweg unter
c normale Verwerfung (b). In beiden F ist die Erdbebenge- Wasser zu sehen gewesen sein. Nach mo-
Rift
fahr gering, wenn die beiden Platten eini- dernen Interpretationen dieses Berichts

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germaßen frei aneinander entlanggleiten. haben seismische Erschütterungen einen

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Im Fall einer Verklemmung allerdings bau- gewaltigen unterseeischen Hangrutsch
en sich Spannungen auf, bis es zum Bruch ausgelöst. Dieser erzeugte eine große
POUR LA SCIENCE

kommt. Bei der normalen Verwerfung ent- Welle, welche die tiefer gelegenen Teile
fernen sich die Platten voneinander, wo- der Stadt überflutete und einen mehr als
durch sic fnet (c). einen Kilometer langen Küstenstreifen

40 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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k Wenn die steile Flanke des Vulkans strophe auslösen; außerdem untergräbt

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Cumbre Vieja auf der Kanarischen er auf die Dauer die Glaubwürdigkeit
Insel La Palma abrutschen sollte, des Systems. Wie ein gutes Frühwarnsys-

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500 Kubikkilometer Gestein auf einmal tem funktionieren soll, ist heute ein un-

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ins Meer en. Nach einer – umstritte- gelöstes Problem.

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STEVEN N. WARD, UNIVERSITY OF CALIFORNIA, SANTA CRUZ
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Für die Wissenschaftler ist die Aufga-

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nen – Computersimulation von Stephen
N. Ward und Simon Day in diesem be klar definiert, aber schwer. Es gilt Ver-
Fall ein Tsunami (in der Grafik lila-rot) werfungen und abrutschgefährdete Steil-
den Atlantik rasen und noch die hänge kartografisch zu erfassen, ihr Po-
amerikanische zehn Meter hoch tenzial zur Auslösung eines Tsunamis
einzuschätzen, bei Erdbeben die Periode
ihrer Wiederkehr zu bestimmen und die
jeweils jüngsten zu datieren. Und schließ-
lich ist das Auflaufen eines Tsunamis auf
die Küsten im Detail zu berechnen, da-
mit man die Aufsteilungseffekte und da-
einschließlich des Hafens von Helike Zum Glück sind solche Hangrutsche mit die zu befürchtenden Zerstörungen
etwa zehn Meter tief unter Wasser setzte. äußerst selten. Bei Guadeloupe fand der vorhersagen kann.
Der bedeutendste Mittelmeer-Tsuna- letzte Hangrutsch vor ungefähr 3100 Während alle warten, bis ein gut
mi des 20. Jahrhunderts wurde am 9. Jahren statt. Doch ein Risiko bleibt. durchdachtes Warnsystem in den wich-
Juli 1956 durch ein Seebeben mit einer So bleiben weder das Mittelmeer tigsten Risikogebieten installiert ist, wird
geschätzten Stärke von 7,5 ausgelöst. Es noch die Antillen von Tsunamis grund- die Information der Allgemeinheit über
ereignete sich an einer normalen Verwer- sätzlich verschont, auch wenn dort der Erdbeben und Tsunamis vernachlässigt.
fung im Ägäischen Meer zwischen den Untergrund zu solch katastrophalen Er- Ohne ein ausreichendes Risikobewusst-
Inseln Amorgos und Astypalaia. Die schütterungen wie in Sumatra gar nicht sein ist aber jedes Warnsystem nutzlos.
Wellen erreichten bei den Inseln 20 Me- fähig ist. Immerhin reichen, wie die Ge- Einige sehr vereinfachte Ratschläge
ter Höhe. Noch an der Nordostküste schichte zeigt, die Auswirkungen der können dennoch gegeben werden: Wenn
Kretas, 100 Kilometer weiter südlich, Wellen allenfalls in eine Entfernung von Sie sich an der Meeresküste befinden
waren sie an die drei Meter hoch. Diese einigen hundert Kilometern vom Ur- und starke Erdstöße (von einem starken
Amplituden entsprechen mehr als dem sprung. Beben in der Nähe) oder schwache Erd-
Fünffachen dessen, was die Vertikalbe- Aus der geringen Entfernung zwi- stöße von mehr als fünf bis zehn Sekun-
wegung des Meeresbodens allein hätte schen Auslöse- und Wirkort folgt aller- den Dauer (von einem starken, weiter
verursachen können. Man führt die Dis- dings auch eine kurze Laufzeit für die entfernten Beben) spüren, entfernen Sie
krepanz auf einen gewaltigen Hangrutsch Schwerewelle: einige Minuten bis zu sich vom Ufer und gewinnen Sie so viel
zurück, und in der Tat gibt es sehr steile etwa einer halben Stunde. Höhe wie möglich. Handeln Sie genau-
unterseeische Reliefs in diesem Gebiet. so, wenn sich das Meer innerhalb weni-
Unter den Vulkanausbrüchen ist die Alarm: was tun? ger Minuten ungewöhnlich weit zurück-
Explosion der Insel Santorin im Ägäi- Für diese kurze Vorwarnzeit sind die der- zieht, auch wenn Sie keinen Erdstoß ver-
schen Meer um 1650 v. Chr. ein heraus- zeit installierten Alarmsysteme im Pazifik spürt haben. Wenn Sie sich auf See
ragendes und historisch überliefertes Er- nicht gerüstet. Sie benötigen zurzeit eine befinden, entfernen Sie sich von der
eignis. Sie wurde durch den Einsturz ih- Viertelstunde, um die ersten Erdbeben- Küste. Lassen Sie viel Zeit vergehen, be-
rer Caldera (des Vulkankraters) ausgelöst. signale richtig einzuschätzen, sie mit den vor Sie zum Ufer zurückkehren.
Ein Tsunami überrollte die Küsten des Meldungen von Gezeitenmessgeräten zu
östlichen Mittelmeers, dessen Wellenhö- vergleichen und die zuständigen Behör-
Pascal Bernard ist Physiker
he in der Umgebung der Insel auf rund den zu alarmieren. Diese wiederum und Chef der Abteilung »Sismo-
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S

40 Meter geschätzt wird. brauchen eine gewisse Zeit, um die ge- génèse« (Erdbebenentstehung)
Auf den Antillen sind bei sämtlichen fährdeten Regionen zu warnen und zu am Institut de Physique du Globe
aktiven Vulkanen irgendwann in ihrer evakuieren. (Institut für terrestrische Physik)
in Paris.
Geschichte gewaltige Gesteinslawinen – Denkbar wären automatische Syste-
bis zu mehreren Dutzend Kubikkilome- me, die schneller und dennoch »intelli- Dieser Artikel wurde im Original wenige Tage
ter Material – von den Flanken ins Meer gent« sind und ihre Information aus den nach der Katastrophe fertiggestellt und erschien
im Februar 2005 in »Pour la Science«. Die vorlie-
gerutscht. Ihre Spuren findet man noch Netzen der seismologischen und Pegel- gende Version hat die Redaktion von Spektrum
an vierzig Kilometer entfernten Küsten. messstationen beziehen. Sie würden der Wissenschaft mit zahlreichen neuen Erkennt-
Die ausgelösten Wellen dürften weit ohne menschliche Beteiligung die Küs- nissen aktualisiert.
über zehn Meter hoch gewesen sein. tenbevölkerung durch Sirenen, über Ra- Qu’est-ce qui fait trembler la terre? A l’origine des
Von der Flanke des Vulkans Cumbre dio oder Handy warnen. Doch sind sol- catastrophes sismiques. Von Pascal Bernard. EDP
Vieja auf der Kanarischen Insel La Palma che automatischen Systeme noch nicht Sciences, Paris 2003
könnte seismischen Untersuchungen zu- hinreichend zuverlässig. Ein falscher Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
folge die ungeheure Menge von 500 Ku- Alarm ist keineswegs harmlos, denn er spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
bikkilometer Gestein zu Tal gehen. kann Panik und damit eine kleine Kata-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 41
WIS S ENSCHAF T I M AL LTAG
HE RZSC HRITT MAC HE R änderungen an der Elektrode, aber nur innerhalb eines
WISSENSCHAFT IM ALLTAG

Zeitfensters von 100 bis 300 Millisekunden nach einer Stimu-


Immer im Takt lation. Bei jeder Kontraktion umschließt der Herzmuskel die
vom Blut umspülte Elektrode und erhöht – da sein Gewebe
Moderne Herzschrittmacher passen sich körperlicher eine geringere Leitfähigkeit hat als Blut – den elektrischen Wi-
Belastung an. derstand. Bei körperlicher Aktivität kontrahiert sich das Herz
stärker, umschließt die Elektrode enger – und ihre Impedanz
steigt.
Von Guido Reetz Andere Systeme verwenden so genannte Akzelerometer, um
Körperbeschleunigungen zu erfassen. Piezokristalle im Gehäuse

M it regelmäßigen Schlägen pumpt das Herz Blut in unsere


Adern, je nach Lebensalter, aktueller Tätigkeit und Trai-
ningszustand zwischen einigen Dutzend bis fast 200-mal pro
reagieren auf die auftretenden mechanischen Kräfte mit elektri-
scher Spannung. Mit Hilfe solcher frequenzadaptiven Systeme
reagieren Schrittmacher auf wechselnde Belastungen, sodass die
Minute. Nährstoffe, vor allem aber der lebenswichtige Sauer- Patienten in Maßen sogar wieder Sport treiben können.
stoff gelangen so in die entferntesten Regionen des Körpers. Im
Lungenkreislauf wird das verbrauchte, venöse Blut wieder mit Guido Reetz ist freier Autor für Medizintechnik in Innsbruck.
Sauerstoff aufgeladen und beginnt seine Reise erneut. Dement-
sprechend komplex ist diese Muskelpumpe: Zwei so genannte
Vorhöfe und zwei Hauptkammern müssen aufeinander abge-
stimmt kontrahieren. Dafür sorgen normalerweise zwei Grup-
pen spezialisierter Muskelzellen: Der Sinusknoten erzeugt peri-
odisch ein elektrisches Potenzial, das sich über die Vorhöfe zum
Atrioventrikularknoten (AV) und weiter über die Hauptkam-
mern ausbreitet. Weil die Leitungsgeschwindigkeit im AV-Kno-
ten langsamer ist, ziehen sich die Vorhöfe zuerst zusammen.
Ist dieses elektrische System gestört, schlägt das Herz zu
langsam oder unregelmäßig. Sauerstoffmangel stellt sich ein,
der meist das Gehirn zuerst trifft. Schwindel und Ohnmacht,
bei totaler AV-Blockierung sogar Herzstillstand können die Fol-
ge sein; die Lebenserwartung ist deutlich verkürzt.
ALLE ABBILDUNGEN: ALICE CHEN

Künstliche Herzschrittmacher schaffen Abhilfe, indem sie


den Sinusknoten unterstützen beziehungsweise ersetzen oder
einen defekten AV-Knoten überbrücken. Dazu erzeugt ein im-
plantierter Mikrochip elektrische Impulse, die den Herzmuskel
über eine bis drei Elektroden stimulieren.
Der erste Schrittmacher wurde 1958 in Stockholm implan-
tiert. Mittlerweile hat man weltweit über zwei Millionen dieser Die Vorhof-Elektrode platziert der Arzt in der
Taktgeber eingesetzt; allein in Deutschland sind es jedes Jahr o Nähe des Sinusknotens, damit sich die Erre-
etwa 40 000. Über ihre Elektroden messen die Systeme die na- gung wie im gesunden Herzen von dort ausbreitet.
türliche Aktivität des kranken Herzens, um bei Bedarf Impulse In der rechten Hauptkammer legt man die Elektrode
abzugeben – künstlicher und natürlicher Rhythmus sollen ei- in die Herzspitze, wo auch im Normalfall die Kon-
nander nicht überlagern. Nur wenn der natürliche Reiz inner- traktion der zwei Kammern beginnt.
halb eines vorgegebenen Zeitintervalls ausbleibt, greift der
Schrittmacher ein. Das Verfahren spart außerdem Strom, damit
hält die Batterie länger.
Moderne Schrittmacher passen die Herzschlagfrequenz so- Steroid-
reservoir
gar der körperlichen Belastung an. Schießlich würde ein kon-
stanter Takt dem Bedarf selten gerecht werden – er wäre in
Ruhe zu hoch und bei Anstrengung zu niedrig. Ein geeignetes
Maß für den Grad körperlicher Aktivität ist zum Beispiel das
Atemminutenvolumen, das sich bei Anstrengung erhöht. Der
Mikrochip misst diesen Wert indirekt: Mit zunehmend gefüll-
ter Lunge steigt der elektrische Widerstand (genauer: die auch Draht
von der Stimulationsfrequenz abhängige Impedanz) zwischen
einer Elektrode im Herzen und dem Gehäuse des Schrittma-
chers. Wächst dieser Wert über mehrere Atemzyklen, erkennt Durch Widerhaken wird die Elektrode im
der Prozessor den offensichtlich wachsenden Bedarf an Sauer- o Herzgewebe verankert. Sie misst auch die
stoff und erhöht die Stimulationsfrequenz. Ein anderes Verfah- elektrischen Variablen ihrer Umgebung. Steroide
ren misst die bei Anstrengung ebenfalls erhöhte Kontraktions- werden eine Zeit lang aus einem Reservoir abgege-
kraft des Herzmuskels. Auch dazu nutzt man die Widerstands- ben, um Entzündungen zu unterdrücken.

42 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
WUSSTEN SIE SCHON?
r Die Zahl der Elektroden und ihre genaue Positionierung ist te zu tragen. Wird der Schrittmacher dennoch gestört, schal-
eine Frage der genauen Diagnose. Ist beispielsweise der Si- tet er auf ein Notprogramm mit konstanter Frequenz.
nusknoten intakt, aber die Reizleitung wegen eines defekten r Bei Kammerflimmern droht Herzstillstand. Schrittmacher mit
AV-Knotens unterbrochen, misst man die Herzaktivität im Vor- Defibrillator erkennen die Gefahr auf Grund der zuvor wach-
hof und stimuliert mit kurzer Verzögerung die Hauptkam- senden Herzfrequenz. Sie unterbrechen den Prozess frühzei-
mern, um beide zu synchronisieren. Bei einer Erkrankung des tig durch einen Elektroschock von bis zu 700 Volt (statt den
Sinusknotens, aber intaktem AV-Knoten genügt eine Elektro- üblichen 2,5 Volt). Das Herz setzt dann wieder mit seinem na-
de im Vorhof. türlichen Rhythmus ein.
r Elektrodenkabel wirken auch als Antennen. Störende elek- r Schrittmacher können induktiv, also von außen abgefragt
tromagnetische Felder aus der Umgebung werden deshalb und programmiert werden, um Parameter an die Bedürfnisse
aus dem Eingangssignal gefiltert. Trotzdem empfehlen die des Patienten anzupassen oder auch Informationen für ein
Hersteller beispielsweise, Handys auf der rechten Körpersei- Elektrokardiogramm zu gewinnen.

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Beschleuni-

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Zwanzig bis dreißig Gramm wiegt ein Schritt-
r macher, er hat die Größe einer Streichholz-
gungsmesser

schachtel. Sein T eine Lithium-


Iod-Batterie, die Elektronik sowie Ansc
typischerweise zwei Elektrodenkabel. Diese wer-
den eine Vene in die rechte Vorkammer und
weiter in die Haupkammer geschoben. An ihren En-
den befinden sich die Elektrodenkontakte; sie wer-
den mit Haken oder einer Schraube im schmerzun- Signal-

ö
empfindlichen Muskel verankert. prozessor

vom
K rper
ö
in den K rper

Batterie Antenne
Speicher

zu den Lungen
Hohl-
vene

von den Lungen


linker
Vorhof

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ä
Das Herz muss sauerstoffreiches Blut aus der

H
Sinus-
knoten
linke
Kammer
l Lunge aufnehmen und in den Körper weiter-
leiten sowie Blut, das seine Fracht bereits an die Or-

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gane und die Gewebe der Körperperipherie abge-

m
geben hat, Richtung Lunge schicken. Dazu ist es in
rechter zwei ten geteilt, die jeweils aus einem Vorhof

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r
Vorhof und einer Hauptkammer bestehen. Damit alle Auf-

b
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r
gaben mit einem Herzschlag erledigt werden kön-
nen, sich zum Beispiel die Vorhöfe vor den
größeren Kammern kontrahieren. Eine Gruppe spe-
zialisierter Muskelzellen bildet den Sinusknoten,
den hen Schrittmacher, von dem sich eine
AV- elektrische Erregung das Reizleitungssystem
Knoten
und den Herzmuskel ausbreitet.

Reizleitungs-
system
rechte Kammer

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 43
z
a
TITEL: SCHRIFT

Vom Rinderkopf
zum Abc
Das lateinische Alphabet ist der Endpunkt einer Schrift-
entwicklung, die vor 3500 Jahren auf dem Sinai begann.
Unlängst ließen sich neue Prinzipien aufdecken, die den
Gestaltwandel der Buchstaben von ihren bildhaften
Ursprüngen zu den heutigen abstrakten Zeichen steuerten.

Von Herbert E. Brekle zen. Schließlich waren sie keine sponta- unterlag, können die Sprachwissen-
ne Erfindung, sondern haben einen lan- schaftler schon seit Langem sehr genau

W
ie sähe unsere Welt gen Entwicklungsprozess durchlaufen. nachzeichnen. Schwerer tun sie sich je-
wohl ohne Schrift aus? Unser Abc begann seine Reise durch doch damit, die Gründe dafür zu verste-
Es gäbe keine Zeitun- Zeit und Raum vor rund dreieinhalb hen. Zwar ist das allgemeine Streben
gen und Zeitschriften, Jahrtausenden in Ägypten. Dort schufen nach Vereinfachung und Abstraktion
keine Bücher und Schulhefte sowie – Semiten in Anlehnung an die Hiero- der Schriftzeichen deutlich zu erkennen,
was zur Not verschmerzbar wäre – keine glyphen die so genannten altsinaitischen aber vieles an den Veränderungen er-
flimmernde Neonreklame. Erfahrungen Buchstabenformen. Aus dieser archai- schien den Linguisten bisher als Ergeb-
könnten nicht aufgezeichnet und der schen, noch sehr bildhaften Schrift ent- nis bloßen Zufalls.
Nachwelt allenfalls mündlich überliefert wickelte sich zunächst das phönizische Zweifellos war an der Entwicklung
werden. Ohne Schrift sind Zivilisationen Alphabet. Von den levantinischen Händ- unserer Schrift immer wieder der Zufall
kaum vorstellbar. lern und Seefahrern nach Griechenland beteiligt – aber eher in der Weise, in der
Wir alle lesen und schreiben, das exportiert, gelangte es in jeweils modifi- er auch die biologische Evolution beein-
Alphabet ist für uns etwas Selbstver- zierter Form dann zu den Etruskern, den flusst hat: Er schuf Varianten, deren
ständliches. Dabei denkt kaum jemand Römern und schließlich zu uns. Tauglichkeit sich in den Anforderungen
darüber nach, woher die Buchstaben ei- Den unablässigen Wandel, dem die des Alltags erweisen musste. In Wahrheit
gentlich kommen, die wir heute benut- Gestalt der Buchstaben auf dieser Reise stecken hinter den Gestaltänderungen

Aus urheberrechtlichen Gründen


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44 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
der Buchstaben wie der Lebewesen letzt-
lich Anpassungen an äußere Gegeben-
heiten – im Fall der Schrift etwa an
verschiedene Schreibmaterialien. Dabei
wirkten Selektionskriterien, welche die
Fortentwicklung steuerten, insbesondere
die Bedingungen der Schreibmotorik
und der Vorteil schneller, eindeutiger
Erkennbarkeit durch unser visuelles Sys-
tem. Sie haben die Buchstabenformen
seit der Bronzezeit stetig modifiziert, ver-
einfacht, prägnanter gestaltet und dabei
Schritt für Schritt optimiert.
Eine große Rolle spielte dabei, wie
ich festgestellt habe und hier aufzeigen
möchte, eine von den Phöniziern einge-
führte Strukturierung eines Großteils der
Schriftzeichen, die ich als Hasta+Coda-
Struktur bezeichne. Im Zusammenspiel

ISTANBUL ARCHAEOLOGICAL MUSEUM


mit Symmetrieeigenschaften liefert sie
einige einfache Grundprinzipien, mit de-
nen sich die Formentwicklung der latei-
nischen Buchstaben erstmals nicht nur
empirisch adäquat erfassen, sondern
auch theoretisch erklären lässt.

Die semitische Basis


unseres Alphabets
Kehren wir also noch einmal zum Ur-
sprung unseres Alphabets zurück. Um
1500 v. Chr. gab es auf der Halbinsel Si-
nai, die zum ägyptischen Herrschaftsbe-
reich gehörte, semitische »Gastarbeiter«.
Vermutlich in Kenntnis der hieroglyphi- Dieser älteste gut entzifferbare se-
schen Symbole Ägyptens erfanden diese o mitische Text stammt aus dem 10.
eine rein alphabetische Schrift, bei der vorchristlichen Jahrhundert. Er ist ein
ein Zeichen jeweils nur einen bestimm- Bauernkalender, der für jeden Monat die
ten Laut repräsentierte. Die Hierogly- zu verrichtenden Feldarbeiten angibt.
phen dagegen waren eine Mischung aus
Wort- und Konsonantenschrift, in der
manche Symbole für einen Mitlaut, an- gesprochenen Dialekts – ungefähr so, Der Buchstabe repräsentierte dabei
dere dagegen für ein komplettes Wort wie wenn wir statt »Buchstabe« einfach den Anlaut des semitischen Worts für
standen. »Bchstb« schreiben würden. Eine solche das dargestellte Objekt. Ein Rinderkopf
Die Buchstaben des Alphabets, das Schrift war der Struktur des Semitischen a für »Rind«, das auf semitisch balep
die Semiten auf der Sinai-Halbinsel angemessen und ist auch heute noch im heißt, stand also für den initialen Knack-
schufen, umfassten ebenfalls nur die Hebräischen und Arabischen gebräuch- laut dieses Worts /b/. Analog leitete sich
Konsonanten des von ihren Erfindern lich. Die ersten der in Stein gehauenen /b/ von bet für »Haus« ab. Die Buchsta-
Texte dieser Art enthalten Götteranru- ben kap (»Hand«) für /k/ und mem
fungen und Weiheäußerungen. (»Wasser«) für /m/ erscheinen in der
Die altsinaitischen Buchstabenfor- bildhaften Ursprungsphase der altsinaiti-
Vor etwa 3500 Jahren entstand die- men waren noch sehr bildhaft: Ein Rin- schen Schrift als e und f. Das erste Zei-
l se altsinaitische Inschrift (rechts). derkopf a symbolisierte zum Beispiel chen stellt eine menschliche Hand mit
Die noch bildhaft wirkenden Zeichen äh- den semitischen glottalen Knacklaut /b/, weggedrehtem Daumen dar. Das Wasser
neln teils ägyptischen Hieroglyphen, re- der auch im Deutschen bei anlautenden wird durch eine gekräuselte Wasserober-
präsentieren aber – anders als diese – nur Vokalen auftritt. Eine Schlange c stand fläche veranschaulicht.
Einzellaute. Diverse Rekonstruktionen des dagegen für /n/, ein Hausgrundriss d Nach dem Motto »Alles ist eine Sa-
Textes wurden versucht (links ein Bei- für /b/ und so weiter. (Zwischen Schräg- che der Routine« vereinfachten die se-
spiel). Er ist jedoch zu bruchstückhaft und strichen notieren Sprachwissenschaftler mitischen Schreiber mit wachsender
schlecht erhalten, als dass sich eine ver- die Lauttypen einer Sprache, die so ge- Schreibpraxis in den Jahrhunderten bis
lässliche Übersetzung geben ließe. nannten Phoneme.) etwa 1100 v. Chr. das Formeninventar

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 45
SCHRIFT z
ihres frühen Alphabets. Sie wollten die
Buchstaben mit Griffel oder Rohrfeder
Wie lässt sich diese Verwandlung er-
klären? Zwar wurden die semitischen
Buchstabe nun aus zwei Elementen zu-
sammen, die sich flott schreiben ließen:
flüssiger schreiben und gestalteten sie im Schriften von rechts nach links gelesen einem kurzen Haken i und einem fina-
Vergleich mit den frühen bildhaften Zei- und – was die Abfolge der Buchstaben len Abstrich j, der die Winkelspitzen be-
chen deshalb abstrakter und einfacher. angeht – auch so geschrieben. Beim rührt – wodurch sich h ergibt.
Die Symbole wurden dadurch zugleich Zeichnen der Buchstaben selbst aber – Diese Zweiteilung lässt sich bei etwa
eindeutiger und einprägsamer. Allerdings etwa der drei Striche von g – bewegten der Hälfte der 22 phönizischen Buchsta-
verloren sie zunehmend die Ähnlichkeit die semitischen Schreiber die Hand sehr ben beobachten. Ich habe den beiden
mit dem Bild, die zunächst als Gedächt- wahrscheinlich von links nach rechts. Strukturelementen deshalb eigene Be-
nisstütze gedient hatte. zeichnungen gegeben. Das erste, linke
Im Zuge dieses Abschleifens wurde Erfindung des finalen Abstrichs Element nenne ich Coda (italienisch
zum Beispiel e kap zunächst zu g verein- Man kann sich nun leicht vorstellen, wie »Schwanz«, aus lateinisch cauda), das
facht, verlor also eine der vier gabelför- sich dabei der dritte Strich im Schwung zweite, rechte dagegen Hasta (lateinisch
migen Spitzen. Als die Phönizier schließ- der Handmotorik als finaler Abstrich »Stange, Speer«). Als finaler Abstrich
lich vor etwa 3000 Jahren das semitische nach unten verlängerte. Die Phönizier gleicht die Hasta nämlich einer senk-
Alphabet übernahmen und fortentwi- perfektionierten diese Neuerung, indem rechten »Stange«. Die Coda wiederum
ckelten, gingen sie noch einen erhebli- sie die ersten beiden Striche von g zu ei- bildet von der Leserichtung her, die von
chen Schritt weiter: Sie gaben dem nem Winkel verbanden, den sie nach rechts nach links geht, den »Schwanz« –
Buchstaben kap die Form h. links drehten. Damit setzte sich der auch wenn sie beim Schreiben des Buch-
stabens natürlich zuerst kommt.
Mit dieser Zweiteilung kann man
auch zwanglos erklären, wie sich mem f
(»Wasser«) und nun c (»Schlange«) zu
den Formen k und l weiterentwickelten.
Man erkennt klar, dass die beiden Zei-
chen – wiederum auf Grund der Schreib-
motorik – gleichfalls einen senkrechten
finalen Abstrich erhielten.
Bei waw m (»Keule«) und rosch n
(»Kopf«) ist die Hasta+Coda-Struktur
sogar schon in den frühesten bildhaften
Formen der Buchstaben angelegt. Das

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erstgenannte Zeichen entwickelte sich

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über o zu der einzügig geschriebenen
Form p, bei welcher der Codabogen links
oben an der Hasta sitzt. Analog wurde
rosch n zu r vereinfacht. Aus Hinterkopf-
Aus urheberrechtlic und Nackenlinie entstand dabei der fina-
le Abstrich, an dem links oben das zu ei-
nicht online zeigen. nem Winkel stilisierte Gesichtsprofil als
Coda sitzt.
Die Hasta+Coda-Struktur speist sich
also aus zwei Quellen. Zum einen lässt
der Schreibschwung einen mehr oder
weniger vertikalen Abstrich entstehen.
Zum anderen geht die Linienführung,
die schon den frühesten bildhaften Zei-
chen innewohnt, durch schreibmotori-
sche Vereinfachung oft wie von selbst in
eine Hasta+Coda-Struktur über.
Die Buchstaben erhalten auf diese
Weise zugleich eine Richtung: Sie wer-

l
f
ü
r
Auf der – teilweise restaurierten –
Mesha-Stele, die um 840 v. Chr. ent-
stand, erscheinen die semitischen Schrift-
zeichen, die nur Konsonanten stehen,
schon stark vereinfacht und abstrahiert.

46 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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den zu Vektoren, die nach links weisen. Um 1000 v. Chr. die

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Damit unterstützen sie die linksläufige r Phönizier das semitische Alphabet
/ Lautwert / altsinaitisch phönizisch

Lese- und Schreibrichtung (was die Rei- in abgewandelter Form. Mit Ausnahme
/b/
henfolge der Buchstaben angeht). Das der Laute /d/ und /p/ ist die Beziehung zu
Resultat ist eine hohe Gleichförmigkeit den altsinaitischen Buchstaben klar er- /b/
sowohl beim Niederschreiben der Texte kennbar. Die te der Zeichen
als auch beim Wahrnehmen und Deko- am Ende einen mehr oder weniger senk- /g/
dieren der Buchstaben, die der Leser ja rechten Abstrich.
damals von rechts nach links verarbei- /d/
tete. Dadurch ging einerseits das Schrei-
ben flüssiger von der Hand, während an- /h/
dererseits auch das Erkennen und Verste- ben alpha, beta, delta und iota. So wan-
hen leichter fiel – ein doppelter Vorteil, delte sich das s zunächst zu x – das /w/
der mit dem Übergang zum phönizi- Maul des Rinds weist also nicht mehr
schen Alphabet verbunden war. nach links unten, sondern nach rechts / z / (d )
»balep«, sagt der Phönizier langsam oben. Durch eine weitere Drehung ge-
und hält seinem griechischen Schüler im gen den Uhrzeigersinn wurde es dann so- / h. /
Schein eines flackernden Öllämpchens zusagen auf die Füße gestellt: B. Damit
ein Täfelchen mit dem Buchstaben s passte es sich zugleich optimal an die /y/
vor die Nase. So fährt er fort, Täfelchen Hasta+ Coda-Struktur an.
für Täfelchen, bis er das ganze phönizi- Durch horizontale Spiegelung des /k/
sche Abc durchhat: s – »balep«, t – phönizischen t ergab sich C, manchmal
»bet«, u – »he«, p – »waw«, v – »yod«, A – auch schon mit zwei Halbbögen als D ge- /l/
»wayin« und so weiter. Die Szene ist nicht schrieben. Man beachte, dass die Hasta+
verbürgt, aber so ähnlich könnte sich die Coda-Struktur dabei gewahrt blieb. Das /m/
Weitergabe des Alphabets von einem phönizische dalet 5 erscheint als delta in
Phönizier an einen lernbegierigen Grie- drei Varianten: E, F und G. Die ersten /n/
chen abgespielt haben. Der Zeitpunkt beiden zeigen wiederum die typische
der Übernahme wird heute auf etwa 800 Hasta+Coda-Struktur, die zweite – mit /c/
v. Chr. datiert. Rundung zur Beschleunigung des Schrei-
bens – begegnet uns schließlich als kano- /p/
Übernahme des phönizischen nische Form im römischen Alphabet (wo
Alphabets durch die Griechen sie im Zuge der Umstellung auf die / s. /
Für den armen griechischen Schüler rechtsläufige Schreibweise gespiegelt
stellte sich ein Problem: Einige Anfangs- wird). Die dritte, axialsymmetrische /q/
laute der phönizischen Buchstabenna- Variante entspricht der klassischen und
men hörten sich für ihn sehr fremdartig modernen griechischen Delta-Form. Das /r/
an und hatten vor allem keine Entspre- hakenförmig gebogene iota wurde sehr

HERBERT E. BREKLE
chung in seiner indoeuropäischen Spra- früh durch einen einfachen vertikalen / š /(t)
che. Doch er fand schnell eine Lösung: Strich j ersetzt, was einer Hasta ohne
/t/
Er nahm stattdessen verwandt klingende Coda entspricht.
Laute, die ihm vertraut waren (Bild un- Auch in einem anderen Punkt wi-
ten rechts). So ersetzte er etwa bei balep chen die Griechen von ihren phönizi-
das glottale /b/, das in seiner Mutterspra- schen Lehrmeistern ab: Sie hielten sich Etwa 800 v. Chr. adaptierten die
che nicht existierte, durch das ihm laut- nicht mehr strikt an die linksläufige u Griechen das phönizische Alpha-
lich ähnlich erscheinende /a/. Das hatte Schreib- und Leserichtung. So sind frühe bet. Dabei deuteten sie Konsonanten, die
den angenehmen Nebeneffekt, dass die griechische Texte teilweise schon rechts- es in ihrer eigenen Sprache nicht gab, in
so umgedeuteten Buchstaben die grie- läufig. Noch interessanter erscheint Vokale um.
chischen Vokale repräsentieren konnten;
HERBERT E. BREKLE

denn auch die semitischen Phönizier


schrieben nur die Konsonanten. Damit
verfügten die Griechen nun über ein Al-
phabet, mit dem sie die meisten Laute
ihrer Sprache einigermaßen genau
schriftlich abbilden konnten.
Die frühesten griechischen Inschrif-
ten zeigen praktisch noch dieselben
Buchstabenformen wie die ungefähr zeit-
gleichen phönizischen. Die ersten größe-
ren Veränderungen betrafen die Buchsta-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 47
SCHRIFT z
eine Mischform, bei der die Schreibrich-
tung von Zeile zu Zeile wechselt. Die
Griechen prägten dafür die anschauliche
Bezeichnung boustrophedon, also »wie der
Ochse pflügt«. Im diesem Fall muss das
Auge am Zeilenende nicht zum Anfang
der nächsten Zeile springen, sondern
kann einfach »rückwärts« weiterlesen.
Dabei fällt auf, dass die Buchstaben
mit Hasta+Coda-Struktur in ihrer Ori-
entierung immer der jeweiligen Schreib-
richtung folgen: Die Coda blickt gewis-
sermaßen stets nach vorn. Offenbar be-
trachteten die altgriechischen Schreiber
und Leser die Schriftzeichen also nicht
als eine beliebige Kombination von Lini-
enzügen, sondern als gerichtete Symbo-
le. Dies belegt, wie tief die Hasta+Coda-
Struktur bereits in ihrem Denken veran-
kert war.
Da die Buchstaben stets in Leserich-
tung zeigten, kehrte sich ihre Orientie-
rung bei boustrophedon-Texten von einer
Zeile zur nächsten um: Jede zweite Zeile
erschien gewissermaßen in Spiegelschrift.
So folgerichtig das war, verlangte es vom
Schreiber und Leser jedoch eine erhebli-
che gedankliche Leistung: Beide mussten
ihr neuronales Programm zur Produkti-
on und Erkennung der Texte von Zeile
zu Zeile jeweils völlig umstellen. Buch-

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staben mit einer vertikalen Symmetrie-

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achse waren da ein Segen; denn sie blie-
ben sich gleich. Dazu zählten anfangs al-
lerdings nur einige wenige, nämlich H
zeta, später schreibmotorisch zu Ζ ver-
Aus urheberrechtlic einfacht, I (h)eta, aus dem schließlich Η
wurde, J theta, S omikron, K tau und die
nicht online zeigen. von den Griechen selbst erfundenen Zu-
satzbuchstaben Φ phi, Χ chi, Ψ psi und
Ω omega. Ungefähr im 6. vorchristlichen
Jahrhundert wurden dann auch die For-
men von B, L, M, N und O symmetrisiert.
Der Grund dafür liegt auf der Hand:
Die Axialsymmetrie sollte das Erkennen

h
ö
ni
e
z
r
der Buchstaben bei wechselnden Schrei-

P
brichtungen erleichtern.

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k
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s
lfi
ä
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lfü
h
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n
r

h
ä
t
s
u
Anders als die , die strikt
l von rechts nach links schrieben,
handhabten die Griechen die

d

r
Schreibrichtung variabel. So gab es ne-

f
üt
g
«
ben gen Texten (oben) auch
rec ge (Mitte) sowie solche, in de-
nen die Schreibrichtung von Zeile zu Zei-
le wechselte (unten). Die anschauliche
Bezeichnung lautet boustrophedon,
»wie der Ochse pfl .

48 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
STAATLICHE ANTIKENSAMMLUNG UND GLYPTOTHEK, MÜNCHEN / HERBERT E. BREKLE
Spätestens im 4. vorchristlichen weise als unbewusst beachtetes Regulativ. gangspunkt für Veränderungen der
o Jahrhundert hatte sich in Griechen- Das unterstreicht, dass es sich nicht etwa Buchstabenform war allerdings meist die
land die rechtsläufige Schreibweise um ein zufälliges Gestaltmerkmal der Schreibschrift. Bis zu den frühen Grie-
durchgesetzt. Das dokumentiert unter an- phönizischen Schrift handelt, sondern chen stimmte diese mit der monumenta-
derem diese Tempelinventar-Inschrift von um eine tief in neuronalen Prozessen len »Blockschrift« überein. Doch bei der
etwa 410 v. Chr. verwurzelte Schreib- und Lesehilfe. weiteren Wanderung des Alphabets nach
Ehrlicherweise sei allerdings erwähnt, Westen begann sich das zu ändern.
dass das Hasta+Coda-Prinzip bei der in- Vom griechischen Mutterland gelang-
nersemitischen Weiterentwicklung der te das Abc noch im 8. vorchristlichen
Spätestens im 4. Jahrhundert vor un- altsinaitischen Schrift zum Hebräischen Jahrhundert in die griechischen Koloni-
serer Zeitrechnung setzte sich im griechi- und Arabischen keine Rolle spielte. Über en in Unteritalien. Von dort übernah-
schen Raum schließlich die rechtsläufige die Gründe dafür lässt sich bisher nur men es die Etrusker und die Römer –
(dextrograde) Schreibart durch. In ge- spekulieren. mit jeweils geringen Veränderungen. Ei-
wissem Maße blieb auch dabei das nen Eindruck von archaischen römischen
Hasta+Coda-Prinzip erhalten. Die Hasta Erste Ansätze einer Schreibschrift Buchstabenformen auf Monumenten
mutierte einfach vom finalen zum initia- Generell ist auch zu bedenken, dass vermittelt die so genannte Lapis-niger-
len Abstrich. Damit veränderte sich al- schreibmotorische Faktoren nur dann Inschrift aus der Zeit um 600 v. Chr. –
lerdings ihre schreibmotorische Funk- zum Tragen kommen konnten, wenn ein übrigens noch nach boustrophedon-Art
tion: Sie war nicht mehr Ausdruck der Text wirklich mit einem Griffel, einer mit alternierender Schreibrichtung.

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überschießenden Bewegungsenergie am Feder oder einem anderen Werkzeug von

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Ende des Buchstabens, sondern des Hand auf eine Unterlage geschrieben
Schwungs, mit dem der Schreiber ein wurde. Bei gemeißelten Inschriften da-
Zeichen begann. gegen wirkten sie sich naturgemäß nicht
Möglicherweise trat diese Rolle aber unmittelbar aus. Allerdings wurden auch
auch in den Hintergrund gegenüber der hier die Ergenisse schreibmotorischer Aus urheberrechtlic
zweiten Funktion des Hasta+Coda-Prin- Modifikationen oft übernommen. Aus-
zips: die Buchstaben in Leserichtung zu nicht online zeigen.
orientieren und so das Erkennen durch
das visuelle System zu erleichtern. Jeden-
falls beeinflusste dieses Prinzip, wie sich In der frühlateinischen Lapis-niger-
zeigt, auch die späteren Veränderungen r Inschrift von etwa 600 v. Chr. wech-
der Buchstabenformen im griechischen selt die Schreibrichtung immer noch nach
und lateinischen Alphabet – möglicher- boustrophedon-Art.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 49
SCHRIFT z
Daneben muss sich allerdings zu-
nehmend eine Alltagsschrift entwickelt
dem Brief dagegen durchbrechen be-
stimmte Schriftzeichen dieses klassische
Variationsbreite auf. Beim genaueren Be-
trachten zeigt sich jedoch, dass die
haben, die für die Thematik dieses Arti- Zweiliniensystem nach oben und/oder scheinbar regellosen »Ausschweifungen«
kels wesentlich interessanter ist. Zeug- unten. Besonders gut ist das bei Buchsta- einzelner Schriftzeichen nach oben und/
nisse dafür haben sich jedoch zunächst ben wie U, V, W, X, Y und Z (= r) zu oder unten letztlich strukturell determi-
nicht erhalten. Sie finden sich erst ab erkennen. niert sind. Der bestimmende Faktor aber
dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. Ein Noch wesentlich deutlicher werden ist abermals das Hasta+Coda-Prinzip.
besonders schönes Beispiel stammt aus diese Überschreitungen und ihre Ursa- Zum Beispiel enthält eine recht
dem 1. Jahrhundert (Kasten unten). Es chen im ersten nachchristlichen Jahr- flüchtig mit Tinte auf Holz geschriebene
ist ein Brief, der mit einer Rohrfeder auf hundert. Ausgrabungen der römischen Schulderklärung (rechts im Kasten un-
Papyrus, dem meistverwendeten Be- Provinzstädte Pompeji und Herculane- ten auf dieser Seite) sechs Schriftzeichen,
schreibmaterial in der Antike, geschrie- um, die der Vesuv bei seinem Ausbruch welche die gedachten Begrenzungslinien
ben wurde. im Jahr 79 verschüttet hatte, förderten von Mittellängenbuchstaben wie o, n,
Die einzelnen Buchstaben erscheinen Hunderte von Inschriften zu Tage, die und v (das damals noch mit dem u iden-
darin zwar immer noch voneinander ab- für die Rekonstruktion schreibmotorisch tisch war) nach oben beziehungsweise
gesetzt, aber man erkennt bereits typi- bedingter Veränderungen des Alphabets unten durchbrechen und sich damit in
sche Merkmale unserer heutigen Schreib- eine reiche Ausbeute liefern. Ihr Inhalt jenem Vierliniensystem bewegen, das
schrift. Das gilt vor allem für erste An- ist meist alltäglich: Die Schreiber »ver- auch für die heutige Schreibschrift gilt.
sätze von Ober- und Unterlängen. Der ewigten« sich mittels Griffel, Pinsel oder Es handelt sich um 0 (= h), Z (= r), 1 (=
Unterschied zu etwa gleichzeitig entstan- Feder auf mineralischen oder Holzober- d), 2 (= b), X (= s) und V.
denen Inschriften, die nach einer Vor- flächen; der Schreibstil bewegt sich zwi- Gemeinsam ist diesen Buchstaben-
zeichnung in Stein gehauen wurden, ist schen sorgfältig bis schwungvoll oder formen, dass sie aus einem annähernd
augenfällig. Dort füllen die Buchstaben nachlässig. vertikalen Abstrich j , also einer Hasta,
alle exakt den Raum zwischen einer obe- Auf den ersten Blick weisen die bestehen, an dem jeweils links oder
ren und unteren Begrenzungslinie. In Buchstabenformen eine beträchtliche rechts Zusätze – sprich Codae – ange-
bracht sind. So ergeben j und 4 zusam-
men ein 0.
Ausschweifende Buchstaben

i
efl
n
e
Ein entscheidendes Charakteristi-

h
kum dieser sechs Schriftzeichen besteht

A
ä
n
st
z d
n
u
U
t
nl
ä
e
r
n
ge
nk
e
r
Neben der Blockschrift (Capitalis) bei in Stein gemeißelten Monumenten – hier ein nun darin, dass die Codae den Abstrich
Ausschnitt der Castra-regina-Inschrift vom Osttor des Regensburger Römerlagers nicht völlig umschließen oder beidseitig

H
d
ä
a
s
n
u
win
eP
(links oben) – entwickelte sich bei Texten, die mit Feder und Tinte auf Papyrus ge- begrenzen – wie dies etwa in der vorletz-
schrieben wurden, allmählic üssigere Schreibschrift. Ein frühes Beispiel ist ten Zeile bei T in Sextio (im Kasten gelb
ein Brief aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert (links unten). Darin lassen sich be- markiert) zutrifft. Die Hasta ist also in
reits e von Ober ennen. Noch deutlicher treten sie bei mindestens einer Richtung »frei«, und
Texten in Erscheinung, die im 1. nachchristlichen Jahrhundert auf Holztafeln oder der Schreiber kann sie dorthin aus-
ompeji (rechts) geschrieben wurden. schweifen lassen – im Falle des 0 zum
Beispiel nach oben, beim Z oder V dage-
HISTORISCHES MUSEUM REGENSBURG / HERBERT E. BREKLE

gen nach unten (je nach Position der


Coda an der Hasta). Es gilt: Die Coda-
figuren bleiben grundsätzlich im Feld
der Mittellängenbuchstaben, Ober- oder
Unterlängen hat nur die Hasta.

Die Entstehung
der Kleinbuchstaben
Meiner Überzeugung nach sind diese

ilG
e
n ü
ld
n
rie
n
»pompejianischen Ausschweifungen« die

k
ö
n
e
n
wirih
Ih
d
n
e
nB d
e r
Quelle unserer heutigen, in einem Vier-
linienschema gebändigten Kleinbuchsta-
ben (Minuskeln). Bis etwa zum 3. nach-
christlichen Jahrhundert kristallisierte
Aus urheberrechtlic sich heraus, welche Zeichen aus dem Va-
riantenpool römischer Alltagsschriften
nicht online zeigen. das Kriterium der freien Vertikalhasta er-
füllen. Sie sind danach in strengerer
Form und in das uns heute vertraute
Formeninventar übergangen: b, d, f, g, h,
k, l, p, q (r) und ∫ (= s) (wobei es in der
Weiterentwicklung seit karolingischer

50 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
A
bf
iP
t
eǟ
t
n
el
ä
n
e
r
gnä
ö
t
s
p
rī
m
Die karolingische Minuskelschrift –

U
r hier eine Seite des Liber Viventium

rf

oe
u
r
Fabariensis (Memorialbuch der
fers) aus dem 9. Jahrhundert vom Stifts-
archiv in St. Gallen – konventionalisierte
die Ober- und der
schen Schreibschrift und war der unmit-
telbare V unserer heutigen Klein-
buchstaben.

Zeit noch Modifikationen gab, die zu er-


klären hier zu weit führen würde). Alle
übrigen Buchstaben verblieben im Mit-
tellängenfeld des Vierlinienschemas. In
ihm herrscht folglich die größte optische
Informationsdichte – befinden sich dort
doch auch grundsätzlich die Codafigu-
ren der Buchstaben mit Ober- und Un-
terlängen.
Die Gleichförmigkeit in diesem Be-
reich würde dem visuellen System die
Dekodierung schwer machen: Es hätte
keine markanten Punkte, an denen es
sich schnell orientieren könnte. Die
Ober- und Unterlängen liefern nun ge-
nau diese Hilfsmittel. Sie geben den
Wörtern eine charakteristische Kontur
und machen sie dadurch lesepsycholo-
gisch schnell verarbeitbar.
Somit haben wir es letztlich dem
Schreibschwung der Phönizier zu ver-
danken, dass wir heute über ein Alpha-
bet verfügen, das unserem Wahrneh-
mungssystem die Arbeit erleichtert. In-
dem die damaligen Schreiber den

STIFTSARCHIV ST. GALLEN


Abstrich als finales Element zahlreicher
Buchstaben erfanden, führten sie ein
Strukturprinzip ein, das uns heute noch
zu Gute kommt – nicht zuletzt auch den
Lesern dieser Zeitschrift.
Ob unsere Schrift auf ihrer Reise Herbert E. Brekle ist emeritierter Professor für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Uni-
durch die Zeit wirklich das Optimum versität Regensburg. Er hat nach seiner Ausbildung zum Schriftsetzer an der Universität Tü-
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E

erreicht hat, was Schreibbewegung und bingen Englische und Romanische Philologie sowie Philosophie studiert und 1963 promoviert.
Lesbarkeit angeht, bleibt offen. Ohnehin Zu seinen Forschungsgebieten gehören Semantik, Wortbildungstheorie, Geschichte der
Sprachwissenschaft und Schriftmorphologie.
ist heute längst die Tastatur an die Stelle
des Stifts getreten. Außerdem unterbin- Von den Hieroglyphen zum Alphabet. Neue Erkenntnisse zur Herkunft unserer Schrift. Von Karl-Theodor Zau-
det unsere global vernetzte Welt aus zich. Zaberndruck, Mainz 2005
Staaten, in denen die Kultusbürokratie Die Geschichte der Schrift. Von Andrew Robinson. Verlag Albatros, Düsseldorf 2004
auch alle Belange der Schrift regelt, jede Wer sprach das erste Wort? Die Entwicklung von Sprache und Schrift. Von Martin Kuckenburg. Verlag Kon-
natürliche Weiterentwicklung. Nur noch rad Theiss, Stuttgart 2004
bei den Feinheiten der professionellen
Die Geschichte der Schrift. Von Harald Haarmann. C.H.Beck, München 2002
Schriftschnitte (wie Times oder Helveti-
ca), welche die grundsätzliche Form der Dynamische (A)Symmetrien: Strukturkonstanten im Entwicklungsprozess unserer Buchstabenformen. Von
Buchstaben aber nicht mehr antasten, Herbert E. Brekle in: Blick in die Wissenschaft, Bd. 8, S. 70, 1996
gibt es noch Variationen sowie Untersu- Die Antiqualinie von ca. –1500 bis ca. +1500: Untersuchungen zur Morphogenese des westlichen Alphabets
chungen darüber, wie sie die Lesbarkeit auf kognitivistischer Basis. Von Herbert E. Brekle. Nodus Publikationen, Münster 1994
beeinflussen. Aber das ist eine andere Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Geschichte.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 51
EPIDEMIOLOGIE z
Das Killervirus der
Forscher möchten ergründen, was die Spanische Grippe
von 1918/19 so übermäßig aggressiv machte. Dazu
haben sie das Genom vom Erreger der bisher schwersten
Influenza-Pandemie rekonstruiert.

Vor dem Ende des Ersten


Weltkriegs brachten ame-
rikanische Soldaten die
Spanische Grippe mit
nach Europa. Fast 40 Pro-
zent aller in dem Krieg
umgekommenen Ange-
hörigen der US-Armee
erlagen dieser Influenza.
Hier ein Blick in ein
amerikanisches Feldlaza-
rett in Frankreich.

52 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Spanischen Grippe

Von Jeffery K. Taubenberger, Ann H. Reid


und Thomas G. Fanning

Z
war ging sie als »Spanische Grippe« in die
Medizinchroniken ein. Doch die Influenza,
an der vor allem 1918 und 1919 weltweit
Millionen Menschen starben, brach zuerst
im März des Jahres 1918 in US-Kasernen aus. Ameri-
kanische Soldaten verschleppten sie im April an die
französische Front, wo sie bald auch die deutschen Li-
nien heimsuchte. Die Kriegsgegner versuchten einan-
der die Epidemie in ihren Reihen zu verheimlichen.
Spanien ging mit dem Grippeausbruch im eigenen Land
offener um. Deswegen sah es so aus, als sei die Seuche,
die bald auch unter der Zivilbevölkerung grassierte, im
Frühsommer von der Iberischen Halbinsel gekommen und
habe sich von dort global verbreitet.
Diese Grippepandemie forderte weltweit nach manchen
Schätzungen 40 (nach anderen Berechnungen sogar bis zu 50)
Millionen Todesopfer, allein in Deutschland unter der Zivilbevöl-
kerung einige Hunderttausend. Sie schlug in drei Hauptwellen
zu, zuerst im Frühjahr und Sommer 1918, dann neuerlich und
wesentlich heftiger im Herbst des Jahres. Nach einer dritten star-
ken Welle Anfang 1919 flaute ihre Kraft allmählich ab, flackerte
nur einige Male leichter wieder auf. Die besonders aggressive
zweite Welle erfasste beispielsweise in manchen Militärcamps in
den USA jeden dritten Insassen, wobei über die Hälfte der er-
krankten Soldaten starb.
Mediziner konnten die Krankheit zunächst nicht einordnen,
die Infizierte nicht selten binnen 48 Stunden nach Ausbruch der
ersten Symptome dahinraffte. Für eine Grippe, deren verursa-
chenden Erreger man damals noch nicht kannte, erschienen die
Anzeichen ungewöhnlich. Betroffene, die so schnell daran star-
ben, erstickten regelrecht: Ihre Lungen ertranken in Flüssigkeit
und Blut. Manche Pathologen glaubten darum zunächst an eine
besonders aggressive und infektiöse Form der Pest oder an einen
neuen, fremdartigen Erreger. Wie wir heute wissen, handelte es
LINKS: CORBIS; OBEN: GEORGE RETSECK

sich um eine reguläre Virusgrippe – ausgelöst allerdings durch ei-


nen ungewöhnlich virulenten und infektiösen Influenzastamm,
der den Epidemiologen bis heute Rätsel aufgibt. Dringend möch-
ten sie seine Eigenschaften und seine Herkunft aufklären, um ge-
gen künftige, ähnlich schwere Seuchenzüge gewappnet zu sein.
Schon in früheren Jahrhunderten wüteten wohl immer wieder
schwere Grippeepidemien. Influenzapandemien, also weltweite

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 53
EPIDEMIOLOGIE z
Krankheitswellen mit Millionen Opfern,
treten im Abstand von einigen Jahrzehn-
ten auf – zuletzt 1957 und 1968. Jedoch
waren diese beiden harmlos im Vergleich
zur Influenza am Ende des Ersten Welt-
kriegs. Da die Grippeviren erst Anfang
der 1930er Jahre beschrieben wurden,
schien es lange aussichtslos, den verhee-
renden Erreger von 1918 jemals wieder
zu finden.
Entgegen aller Erwartung gelang uns
dies kürzlich. In Gewebeproben von
Grippeopfern von damals fanden wir
noch genügend genetisches Material, um
die Eigenschaften jenes Virusstamms zu
rekonstruieren. Das ermöglicht nun
auch, einige grundsätzliche Fragen zur
Genetik und den Merkmalen dieses spe-
ziellen Influenzavirus zu klären.
In mancher Hinsicht glich die Influ-
enzaseuche von 1918 durchaus anderen auch kleine Kinder. Diesmal aber traf es te enthielt. Einst hatte die Grippewelle
Grippepandemien. Wahrscheinlich kann besonders die 15- bis 35-Jährigen. Unter im November 1918 jenen kleinen Ort
eine Influenza immer dann besonders den über 65-Jährigen gab es nicht mehr auf der Halbinsel Seward fast ausge-
um sich greifen, wenn eine lange nicht Opfer als in gewöhnlichen Grippejahren. löscht. Binnen fünf Tagen waren dort 72
aufgetauchte oder sogar ganz neue Ver- Wer die kritischen ersten Tage mit den Menschen der Grippe erlegen. Der Per-
sion des Erregers erscheint, mit dem die charakteristischen Lungenödemen und mafrostboden hatte zwar die Leichen er-
wenigsten Menschen jemals in Berüh- Lungenblutungen überstand – die virale halten. Doch Hultins Bemühungen blie-
rung gekommen sind. Dann besitzt Pneumonie durch das Influenzavirus ben – zumindest damals – vergeblich.
kaum jemand spezifische Abwehrkräfte selbst –, erlag danach oft einer sekun- Dank neuerer Methoden und For-
dagegen. dären Lungenentzündung durch Bakte- schungserfahrungen mit ähnlich heiklem
rien, die jetzt leichtes Spiel hatten. Sol- Material hatten wir mehr Glück. Wir
Die meisten Opfer che überlagernden Infekte forderten die konnten auf Gewebeproben damaliger
unter jungen Menschen meisten Toten. Antibiotika, das Mittel Grippeopfer zugreifen, die das US-Insti-
Trotzdem war der Erreger von 1918/19 der Wahl gegen bakterielle Infektionen, tut der Streitkräfte für Pathologie (AFIP)
mit seiner Vehemenz und Ausbreitung kannte die Medizin damals noch nicht. in Washington D.C. aufbewahrt hatte.
ein besonderer Fall. Ein Drittel der Welt- Als wir uns 1995 daranmachten, das Unsere erste Studie umfasste 78 Proben
bevölkerung mag er erfasst haben. Er Killervirus von 1918 wieder aufzuspü- vom Herbst 1918. Weil das Influenzavi-
drang selbst in entlegene Gebiete Alaskas ren, waren wir nicht die Ersten, die das rus in der Lunge erfahrungsgemäß meist
und bis zu abgelegenen pazifischen In- unternahmen. Schon 1951 hatte der aus nur in den ersten Tagen der Erkrankung
seln vor. Die Sterblichkeit lag mit 2,5 bis Schweden stammende spätere Pathologe nachweisbar ist, konzentrierten wir uns
5 Prozent bis zu fünfzigfach höher als Johan Hultin, damals Doktorand an der auf Grippeopfer, die binnen weniger
sonst bei einer grassierenden Influenza. Universität von Iowa in Iowa City, zu- Tage mit schweren, viral bedingten Lun-
Normalerweise sterben an einer sammen mit Kollegen versucht, in einem gensymptomen gestorben waren.
Grippe hauptsächlich schwächere, chro- Massengrab in Alaska eingefrorenes Lun- Bei diesen Untersuchungen mussten
nisch kranke und ältere Menschen sowie gengewebe zu finden, das noch Virusres- wir unser Verfahren bis an die Grenzen
ausreizen. Damals hatten die Pathologen
IN KÜRZE die Gewebe zunächst mit Formalin
durchtränkt und dann in Paraffin einge-
r Der Spanischen Grippe erlagen am Ende des Ersten Weltkriegs schätzungs- bettet. Nach einem Jahr gelang es uns
weise 40, vielleicht bis zu 50 Millionen Menschen, deutlich mehr als bei anderen 1996 endlich, aus einer der Proben Be-
Influenzapandemien (globalen Epidemien). Ungewöhnlicherweise tötete das Virus standteile eines Grippevirus zu isolieren.
hauptsächlich junge Erwachsene und Jugendliche. Sie stammte aus der Lunge eines in Fort
r Mittels Gewebeproben damaliger Opfer gelang Forschern jetzt die Rekons- Jackson (South Carolina) verstorbenen
truktion des Genoms jenes fatalen Virus. Anhand der Gene ermitteln sie nun seine Soldaten. Mit diesem bruchstückhaften
besonderen Merkmale und Eigenschaften. Material konnten wir für fünf der vira-
r Noch ist die Brutstätte des außergewöhnlich aggressiven Erregers rätselhaft. len Gene Fragmente ihrer Nukleotid-
Anscheinend entstammte er nicht den bekannten natürlichen Herden bei Vögeln sequenzen – der Bausteinfolgen – be-
und Säugetieren, sondern bildete sich in einem noch nicht aufgespürten Zwi- stimmen.
schenwirt zu einem beispiellosen Killer heran. Wir benötigten aber mehr Daten,
um abzusichern, dass wir genetische In-

54 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
formation des 1918er Virus gewonnen ten sein natürliches Reservoir bilden. Immunität herrscht. Leicht droht nun
hatten. 1997 wurden wir wiederum fün- Alle der zahlreichen bekannten Subtypen eine Pandemie. Besonders warnen Epi-
dig. Die zweite Probe stammte von ei- von A kommen in ihrer Darmschleim- demiologen vor neuen Stämmen, die
nem Soldaten, der seiner Grippe in haut vor – in der Regel ohne dass die Eigenschaften von Influenzaerregern ver-
Camp Upton im Staat New York erlegen Wildvögel krank sind. einen, welche an ganz verschiedenartige
war. Soweit ermittelbar, stimmten die Fatalerweise vermögen sich diese In- Organismen angepasst waren. Dann
genetischen Sequenzen überein. Aller- fluenzaviren fortwährend zu verändern. kann es beispielsweise vorkommen, dass
dings hofften wir zu dem Zeitpunkt Das erfolgt einerseits durch reguläre Mu- ein menschliches Influenzavirus plötzlich
nicht mehr wirklich darauf, dass wir je- tationen, die durch Kopierfehler beim auch genetische Elemente eines ur-
mals das komplette Genom jenes Killer- Vervielfältigen des viralen RNA-Genoms sprünglichen Vogelvirus trägt. Eben sol-
virus kennen lernen würden. entstehen. Unter Umständen erkennt che Viren waren wahrscheinlich manch-
Da meldete sich unerwartet Johan das Immunsystem von Menschen, die mal Auslöser von Grippepandemien.
Hultin bei uns. Der nun 73 Jahre alte bereits eine Grippe mit einem ähnlichen Von den viralen Eigenschaften des
Pathologe hatte von unseren Forschun- Erreger durchgemacht haben, das Virus Typs A interessiert Mediziner vorrangig
gen gelesen und bot uns an, nochmals dann nur schwer oder gar nicht wieder. das Verhalten zweier seiner Oberflächen-
aus den Permafrostgräbern von Alaska Andererseits können völlig neue proteine: vom Hämagglutinin (HA) und
Proben beschaffen zu helfen. Die dortige Stämme auftreten, wenn ein Austausch von der Neuraminidase (NA). Ersteres
Gemeinde genehmigte ihm die neuerli- genetischen Materials zwischen verschie- ist dafür wichtig, dass das Virus die Zelle
che Exhumierung des Massengrabs. Hul- denen Stämmen erfolgt. Dazu kann es überhaupt infizieren kann. Mit Hilfe des
tin nahm von vier der Toten gefrorenes kommen, wenn zwei unterschiedliche Hämagglutinins bindet sich das Virus an
Lungengewebe. Die Probe von einer Virusstämme denselben Wirt infiziert Rezeptoren auf den Wirtszellen, in wel-
Frau enthielt tatsächlich noch aufschluss- haben und sich in seinen Zellen sozusa- che es dann eindringt. Bei Vögeln er-

ilb
v ö
lk
e
ve
n
r
u
g
reiche genetische Moleküle des Influen- gen mischen. Das Genom von Typ-A- kennt es spezifische Moleküle auf Zellen

.
zavirus. Dank dieser RNA gelang es uns, Viren besteht aus acht gesonderten
das gesamte Genom des 1918er Stam- RNA-Segmenten, welche die Anweisun-

f
ö
mes zu sequenzieren. gen für etwa zehn Proteine tragen. Die
Segmente von zwei verschiedenen Virus- Die Spanische Grippe wütete auch
Virusgene nach 80 Jahren stämmen verteilen sich bei dem Aus- u unter der Zi Vieler-
In Zusammenarbeit mit britischen Kol- tausch ganz neu auf die gebildeten Viren orts erkrankte jeder dritte Einwohner, was
legen konnten wir später weiteres Autop- (siehe Kasten S. 56/57). oft – so in einigen deutschen Großstäd-
siematerial von Grippepatienten unter- Diese Eigenschaft des Influenza-A- ten – den fentlichen Betrieb lähmte.
suchen, die 1918 in England im Royal Virus ist gefürchtet, denn so können Diese Aufnahme, auf der Rot-Kreuz-
London Hospital verstorben waren. Da- Erreger entstehen, gegen die in der Schwestern einen Kranken wegbringen,
raus Virusgene zu sequenzieren gelang in menschlichen Bevölkerung noch keine entstand 1918 in St. Louis (Missouri).
zwei Fällen. Die Sequenzen waren mit
denen aus den nordamerikanischen Iso-
laten fast identisch. Das zeigt eindrucks-
voll, wie rasch sich das Virus damals
über die Kontinente hinweg ausgebreitet
haben muss.
Was aber lässt sich aus den geneti-
schen Sequenzen über das 1918er Virus
erfahren? Warum forderte es so viele To-
desopfer? Und vor allem – woher war es
gekommen? Um die bisherigen Ergeb-
nisse hierzu zu verstehen, seien zunächst
der Lebenszyklus von Grippeviren und
ihr Verhalten in verschiedenen Wirtsor-
ganismen erläutert (siehe auch Spektrum
der Wissenschaft 8/2003, S. 48).
Influenzaviren treten in drei Grund-
typen auf: A, B und C genannt. Die
Pandemien des letzten Jahrhunderts gin-
AMERIKANISCHES ROT-KREUZ-MUSEUM

gen alle auf Stämme des Typs A zurück.


Während die Typen B und C offenbar
nur den Menschen befallen und noch
niemals Pandemien ausgelöst haben, in-
fiziert der Typ A auch diverse Tiere, da-
runter Hühner, Schweine und Pferde.
Wildenten und andere Wasservögel dürf-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 55
EPIDEMIOLOGIE z
von deren Darmschleimhaut, bei Säu-
gern welche auf Epithelzellen der Atem- Vermehrungsstrategie des Grippevirus
wege. Das zweite Protein, die Neurami-
nidase, ist für die Virusverbreitung im Der Influenzaerreger ist selbst für ein Virus ziemlich klein. Durch Ablesefehler
Körper wichtig. Dieses Molekül hilft den beim Kopieren der wenigen Gene (unten) entstehen fortlaufend neue Varianten.
massenhaft frisch synthetisierten Viren Zudem können verschiedene Virusstämme sogar Gene austauschen (rechts).
dabei, die erste Wirtszelle zu verlassen.
Von beiden Proteinen sind etliche Influenza-A-Virus
Untertypen bekannt, gegen die Infizierte
Lipid-Doppel-
unterschiedliche Antikörper bilden: Von membran
HA gibt es demnach mindestens 15, von Das Influenzavirus vom Typ A HA
NA neun Subtypen. Sie werden durch- besteht im Prinzip aus ei-

ü
ö
nummeriert, um danach die Viren zu ner Hohlkugel, die acht
klassifizieren. Die Zählung beginnt bei Gensegmente umschließt.
dem aggressiven Stamm von 1918. Er Seine wenigen Gene rei-
heißt folglich H1N1. Dies legten For- chen aus, um einen Wirt
scher anhand von Antikörpern fest, die f r seine Vermehrung nut-
sie im Blut von Überlebenden jener zen zu k nnen.
Grippepandemie fanden. Sie wissen da-
her auch, dass weniger virulente Ab-
kömmlinge der Kombination H1N1 bis Gensegmente NA
Mitte der 1950er Jahre bei Grippewellen
vorherrschten. Als dann 1957 beim
Menschen eine andere Kombination auf-
tauchte, H2N2 genannt, brach wieder WIRTSZELLE
eine Pandemie aus. Die Pandemie von
Virus dringt in
1968 wiederum ging auf die Kombina- Wirtszelle ein
tion H3N2 zurück, die seitdem bei
Grippewellen vorherrscht. normale Neusynthese

ä
Noch heute Antikörper

ä
Protein HA des Virus
gegen die Spanische Grippe bindet sich an ein Molekül Virus setzt seine RNA-
Die Virusproteine HA und NA gehören auf der Wirtszelle Gensegmente frei; die

ä dd
i
gelangen in den Zellkern

t
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u
– ta
a
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u
auch zu den primären Angriffszielen der

ö
g
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i
c
Immunabwehr. Wer eine Grippe über- Mit Hilfe seines Oberfl chen-
standen hat, besitzt normalerweise Anti- proteins H magglutinin (HA) virale RNA

ie
d
d
eie
M
s
e
s
ole
k
ls
ü
körper gegen den entsprechenden Virus-

.
verschafft sich das Virus Zu-

h
stamm, die auch einigermaßen gegen tritt in Zellen. Deren Spezifi- ZELLKERN
Varianten vom selben Subtyp helfen. h der
Spezifische Antikörper gegen jenes HA he Wirt – bestimmt
etwa würden die Rezeptorbindung blo- sich durch Strukturunter-
ckieren und so eine Neuinfektion unter- sc
binden. Die Abwehrkraft gegen densel-
Vermehrung der viralen RNA
ben Stamm bleibt offenbar jahrzehnte-
lang erhalten, ist allerdings gegen
mutierte Stämme weniger ausgeprägt. So der, wenn sich menschliche Influenza- Bisher glaubten Mediziner, die Vo-
ergab kürzlich eine Studie, dass Perso- viren mit welchen von Wildvögeln mi- gelviren müssten sich stets erst mit schon
nen, die der Pandemie von 1918 ausge- schen, die ja einen großen Pool an HA- an uns angepassten Viren vermischen –
setzt waren, noch heute eine Menge An- Subtypen beherbergen – und sich dann was etwa in Schweinen geschehen kann,
tikörper gegen dieses spezifische Virus in einem Zwischenwirt, etwa in Haus- die zugleich mit Menschen und Geflügel
besitzen. schweinen, weiterentwickeln. Zwar sind in Berührung kommen. Die Epidemio-
Gegen andere HA-Subtypen sind die die an Vögel angepassten Hämaggluti- logen schlugen Alarm, als 1997 ein Vo-
Betreffenden allerdings nicht gefeit. nine normalerweise für uns direkt wenig gelgrippevirus des Subtyps H5N1, der
Wenn unter den menschlichen Grippe- gefährlich, weil sie die Oberflächenmole- damals in Hühnerfarmen wütete, offen-
viren nun sogar ein ganz neuer HA- küle unserer Atemwege nicht gut erken- bar direkt auf Menschen übersprang. In
Subtyp auftaucht, trifft dieser in der Be- nen. Doch die jüngsten Ereignisse in Hongkong streckte der Erreger 18 Per-
völkerung auf keine Antikörper und der Südostasien rund um die Vogelgrippe sonen nieder, von denen sechs starben.
Erreger könnte sich deswegen unter Um- haben gezeigt, dass auch von ihnen Seit Ende 2003 grassiert dieser H5N1-
ständen rasant ausbreiten. In Abständen durchaus eine unmittelbare Gefahr aus- Stamm in Ost- und Südostasien wieder
geschieht das anscheinend immer wie- gehen kann. in den Hühnerställen und ist offensicht-

56 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
kennen, könnten wir auch besser die Ge-
fahr abschätzen, die von heutigen Stäm-
men ausgeht.
Wenn zwei verschiedene Vi- Zunächst nahmen wir die Struktur
russtämme dieselbe Zelle in- einzelner Bestandteile des Killervirus von
fizieren, können Viren auf- Vermischung zweier Virusstämme damals in Augenschein. Solche Moleküle
treten, die Gene beider konnten wir anhand der ermittelten
Stämme tragen. So entste- Gensequenzen synthetisieren. Wir ließen
hen unter Umständen hoch- Zellkern so das Virus gewissermaßen in Bruchstü-
gefährliche Influenzaerreger, cken wieder auferstehen. Als Erstes nah-
die sogar Artgrenzen über- men wir das Hämagglutinin (HA) in
winden. Augenschein – das Molekül, mit dem
sich das Grippevirus an die Zellen bin-
det, die es dann infiziert.
neuartige Viren
Nur ein minimaler Unterschied
Wir entdeckten, dass beim 1918er Virus
die Bindungsstelle des HA fast genauso
aussah wie beim jetzt gefährlichen vogel-
spezifischen H5-Subtyp (siehe Bild auf
S. 60). Bei zwei der Isolate von 1918 un-

äü
terschied sich das Molekül nur in einer
WIRTSZELLE
einzigen Aminosäure. Bei den drei ande-
Virusstamm 1 ren war noch eine zweite Aminosäure

ü
ä
verändert. Vielleicht genügt so wenig
neue Virionen kommen aus der
Zelle frei, tragen aber noch ein schon, um das Vogelvirus für den Men-
Oberfl chenmolek l, das sie an schen infektiös zu machen.
der Zellmembran anheftet Neuraminidase befreit Virusstamm 2 Die Schwere der Infektionen damals,
Viren von dem hinder- den raschen Krankheitsverlauf und die
lichen »Klebemolek l«
(einer Neuramins ure) hohe Todesrate erklärt das allerdings
noch nicht unbedingt. Darum suchten
wir als Nächstes nach spezifischen Muta-
Synthese tionen an den viralen Genen, welche
neuer eine Steigerung der Virulenz bewirkt ha-
Viruspartikel
ben könnten. Wir forschten beispielswei-
se nach zwei bekannten Abweichungen,
von denen wir wussten, dass manche
Zelle synthetisiert Ein zweites Membranprotein, die Neura- Grippeviren dadurch hochvirulent wer-
anhand der
viralen Gene neue minidase (NA), löst neue Viruspartikel von den. Im einen Fall betrifft es wiederum
Virusproteine der Zelle ihrer Synthese, an deren Ober- das HA. Dieses Molekül wird normaler-
fläche diese zunächst noch haften. Nun weise im Vogeldarm von einem dort vor-
GEORGE RETSECK

erst können sie neue Zellen infizieren. handenen Enzym (einer speziellen Prote-
ase) in zwei Teile zerschnitten. Erst dann
kann das HA dem Virus helfen, eine
Zelle zu infizieren.
lich inzwischen noch aggressiver gewor- Mensch übertragen zu werden. Die Manche H5- und H7-Untertypen
den. Auch Tiger in einem asiatischen WHO und in Deutschland das Robert- bei Vögeln tragen aber an der Schnitt-
Zoo, die mit Hühnern gefüttert wurden, Koch-Institut warnen darum ernstlich stelle eine oder mehrere Aminosäuren
verendeten. Deutlich über 50 durch vor einer neuen Grippepandemie. zusätzlich. Die Folge ist, dass nun alle
H5N1 verursachte Erkrankungen beim Die Gefährlichkeit, also Anste- möglichen Proteasen dieses HA aktivie-
Menschen in Vietnam, Thailand und ckungskraft und toxisches Potenzial ei- ren können. Ein solches Virus vermag
neuerdings auch Kambodscha waren bis nes Grippeerregers – seine Virulenz – bei Vögeln auch andere Organe zu befal-
Ende Februar 2005 gesichert. Mehr als hängen unter anderem davon ab, wie len, sogar das Zentralnervensystem, und
40 dieser Personen sind schon daran ge- leicht das Virus verschiedene Gewebe in- die Sterberate ist sehr hoch. Auch bei
storben. fiziert, wie schnell es sich vermehrt und den derzeit in Asien kursierenden
Was noch alarmierender ist: Mindes- wie heftig das Immunsystem auf den H5N1-Viren, die ganze Hühnerzuchten
tens in einem Fall hat sich jemand offen- Eindringling reagiert und dadurch sei- dahinraffen, ist diese Mutation nachge-
bar an einer anderen Person angesteckt. nerseits Verwüstungen anrichtet. Wür- wiesen. Bei den Isolaten von 1918 fan-
Das kann bedeuten, dass dieses Virus ein den wir die entscheidenden molekularen den wir die Veränderung allerdings
Potenzial entwickelt, von Mensch zu Eigenschaften des Grippevirus von 1918 nicht. Somit schied dieser Verdacht aus.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 57
EPIDEMIOLOGIE z
Die zweite Mutation, der wir nach-
gingen, betrifft die Neuraminidase (NA).
oder infizierten damit Versuchstiere.
Dieses Verfahren war endlich aufschluss-
im Körper deutlich effektiver zu unter-
drücken, als aktuell kursierende Grippe-
Diese ebenfalls potenziell gefährliche Ab- reicher. Normalerweise verfügen Zellen viren dies ohnehin tun.
weichung ist bei zwei Virusstämmen be- bei einer Virusinfektion über ein Früh- Auch die schon mehrfach erwähnten
legt, welche Mäuse infizieren. Labor- warnsystem an die Immunabwehr: Sie Proteine HA und NA dürften zur Ge-
mäuse sterben dann in der Regel. Auch lösen mit einer bestimmten Sorte von fährlichkeit des Virus beigetragen haben.
hier ermöglicht anscheinend der Aus- Interferonen einen schnellen Alarm aus Bei Mäusen verliefen Infektionen mit
tausch eines einzigen Bausteins, dass sich – was oft das Schlimmste verhindert. neu kombinierten Viren tödlich, wenn
das Virus in einer Reihe von verschiede- diese Erreger für beide Proteine die Gene
nen Geweben vermehrt. Aber selbst die- Unterdrückte Immunabwehr von 1918 trugen. Die schweren Lungen-
se Mutation war in den Virusgenen aus An dem Erreger von 1918 war auffal- schäden, die damit auftraten, erinnerten
den Gewebeproben von 1918 nicht lend, wie rasch er sich in den oberen und an die mancher der damaligen Todesop-
nachweisbar. unteren Atemwegen ausbreitete und in fer. Wir fanden im Muster der Genakti-
Nun versuchten wir einen anderen den Geweben schwersten Schaden an- vierung auch Anzeichen für eine ausge-
Ansatz (siehe Kasten unten). In Zusam- richtete. Demnach vermochte er sich ra- prägte zerstörerische Entzündungsreak-
menarbeit mit mehreren Forscherteams send schnell zu vermehren und zu vertei- tion des Immunsystems.
erzeugten wir kombinierte Viren, die len – als wäre er auf keine Gegenwehr Vor Kurzem berichtete Yoshihiro Ka-
einzelne oder mehrere – immer wieder gestoßen. Hatte das Virus das Frühwarn- waoka von der Universität von Wiscon-
andere und bis zu fünf – Erbsegmente system außer Gefecht gesetzt? Ein Effekt sin in Madison von ähnlichen Experi-
des Killervirus von 1918 enthielten, an- mit dieser Tendenz ist vom Protein NS1 menten mit gleichem Ergebnis. Bei Tests
sonsten aber die Gene etwa eines heu- des Influenzavirus bekannt. Wie wir zei- mit konstruierten Viren, die von 1918
tigen Mäusevirusstamms. Die hybriden gen konnten, vermochte tatsächlich ein entweder das HA- oder das NA-Gen
Viren konfrontierten wir zum Beispiel zusammengesetztes Grippevirus mit dem enthielten, ergab sich allerdings, dass nur
mit Kulturen aus menschlichen Zellen NS1-Gen von 1918 den frühen Alarm das Hämagglutinin des Killervirus die

Neue Viren aus dem Labor


Um die Eigenschaften des Virus der Spanischen Grippe zu beob- Staaten Ost- und Südostasiens unter Vögeln grassierenden Vo-
achten, stellten wir Viren her, die bis zu fünf Gensegmente gelgrippevirus des Subtyps H5N1 ausgeht. Die Wissenschaft-
(sprich Gene) des Erregers von 1918 enthielten. Hierfür arbei- ler kombinieren Gene von H5N1 mit welchen aktuell kursieren-
teten wir mit einer Reihe von Wissenschaftseinrichtungen und der Humaninfluenzaviren. Ein Zweck ist herauszufinden, ob
Behörden zusammen. Das Verhalten der neu geschaffenen dieser Erreger der Vogelgrippe bald so weit verändert sein
Erreger testeten wir an Versuchstieren könnte, dass Menschen ihn untereinan-
und an menschlichen Zellkulturen. Kopien der der weitertragen. Es ist wichtig zu wis-
Das angewandte Verfahren heißt plas- viralen Gen- sen, wie wahrscheinlich solche gefürchte-
midbasierte reverse Genetik. Dazu wur- segmente ten Varianten spontan auftreten und wie
(rot: Segmente
den die viralen Gene – die aus RNA be- des Killervirus, virulent sie für den Menschen wären.
stehen – zunächst in DNA umkopiert. die untersucht
werden sollen)
Die DNA-Sequenzen brachten wir in Diese Virusexperimente finden in speziellen
Plasmide ein, ringförmige DNAs aus Hochsicherheitslabors statt. Damit will
Bakterien. Jeweils eine Auswahl an sol- man nicht nur erkennen, wieso Influenza-
chen Plasmiden injizierten wir dann in Plasmide
viren immer wieder für Pandemien sor-
lebende Zellen. So erzeugten wir gezielt gen. Für den Stamm von 1918 ergab sich
neue Viren, die einzelne oder mehrere außerdem, dass verfügbare antivirale Me-
genetische Instruktionen des Killervirus dikamente wie Amantadin und auch die
von 1918 enthielten. Neuraminidasehemmer in der Frühphase
Andere Forschungsteams wollen mit der Infektion therapeutisch wirksam wä-
Zellkultur
diesem Verfahren feststellen, wie groß ren. Die H5N1-Viren sind ebenfalls gegen
die Epidemiegefahr für den Menschen Neuraminidasehemmer empfindlich.
ist, die von dem gegenwärtig in zehn Wissenschaftler aus den USA und
Großbritannien haben mit den gleichen

ä
t
s
m
ir
um
e
Methoden wie hier beschrieben mit Vo-
gelvirusgenen einen relativ »sanften« Vi-
neu
So wurden Grippeviren mit maß- russtamm konstruiert, der nun zur Her-
r geschneiderten Eigenschaften
kombiniertes
Virus stellung eines Humanimpfstoffs gegen
GEORGE RETSECK

neu konstruiert. Die Methode bringt H5N1-Viren dienen soll. Die gefährlichs-
Gene zweier V zusammen ten Merkmale des H5N1-Wildtyps ent-
(rot und blau). fernten sie zu dem Zweck.

58 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
vehemente Immunreaktion auslöst. Für schen scharf machten; oder das entspre-
die Virulenz des 1918er Virus muss so- chende Gen stammte doch direkt von Stammbaum eines Gens

ö
mit eben dieses Protein eine Schlüsselrol- Vögeln, allerdings von einem Virus mit
le gespielt haben – welche auch immer. einer den Forschern bisher unbekannten Die Herkunft des Hämagglutinins (HA) des
Untersucht werden soll jetzt, wie die H1-Version, die damals in Nordamerika Virus von 1918 wurde durch Vergleich
zur Zeit in Asien kursierenden hochgra- vorkam. seiner Gensequenz mit denen anderer
dig lebensbedrohlichen H5N1-Vogelin- Hiernach suchten wir nun in Samm- Influenzastämme ermittelt, die zum
fluenzaviren sich verändern müssten, da- lungen alter Vogelpräparate, wobei Mit- gleichen Subtyp H1 geh ren. Daraus
mit sie das Potenzial bekämen, leicht von arbeiter vom Naturhistorischen Museum ergab sich der hier dargestellte hypo-
Mensch zu Mensch zu wandern und eine der Smithsonian Institution in Washing- thetische Stammbaum. Man erkennt,
Pandemie auszulösen. Ebenso dringlich ton und von der Ohio State University dass das HA von 1918 zur Familie hu-
sollten wir herausfinden, unter welchen in Columbus mitarbeiteten. Es gelang manadaptierter H1-Grippeviren passt.
Umständen ein so aggressives Virus ent- uns schließlich, aus einer Wildgans, die Mit dem entsprechenden HA von Vö-
steht. Man müsste vor allem wissen, wel- 1917 in Alkohol gelegt worden war, ei- geln war es nicht nah verwandt. Wie
che früheren Wirte daran beteiligt waren. nen Virusstamm des HA-Subtyps H1 zu es aussieht, stammte dieses Gen den-
Woher stammten die einzelnen Gene? isolieren. Doch die Analyse von dessen noch ursprünglich von einem Vogelvi-
Über solche Fragen können Mutations- Hämagglutinin-Gen ergab eine enge rus ab. Doch in jedem Fall müsste es
muster in den Gensequenzen Aufschluss Verwandtschaft mit heutigen H1-Versio- später eine längere Entwicklung in ei-
bringen, aus denen sich regelrechte nen bei nordamerikanischen Vögeln. nem noch unbekannten anderen Wirt
Stammbäume aufstellen lassen. Weil sich Vielleicht stoßen wir eines Tages auf eine durchgemacht haben. Zumindest trug
die acht RNA-Segmente von Influenza- Vogelversion, die der des menschlichen eine Wildgans, die 1917 in Alaska
A-Viren unabhängig voneinander neu Virus von 1918 mehr ähnelt. Ob es die starb, nicht jene, sondern eine noch
sortieren, erstellen wir für jedes Segment jemals gab, ist aber nicht sicher. heute anzutreffende Vogelvariante.
einen eigenen hypothetischen Stamm- Andernfalls muss ein Zwischenwirt
baum ihrer Evolution. existiert haben. Normalerweise kommen
dafür besonders Schweine in Frage, denn Yamagata 1989
Indizien für die Geschichte sie sind mit menschlichen wie auch mit Massachusetts 1990
Stockholm 1990
eines ungewöhnlichen Virus Vogelinfluenzaviren infizierbar. Tatsäch- Fiji 1988

Mensch
Für fünf der Gensegmente liegt nun ein lich gab es 1918 gleichzeitig auch bei UdSSR 1977
Ergebnis vor. Bisher sieht es durchweg Schweinen Influenzaausbrüche. Doch Fort Monmouth 1947
Leningrad 1954
so als, als gehörte das 1918er Virus nicht wir glauben, dass damals Menschen ihre Brasilien 1978
zu den Vogelviren, sondern zu den Haustiere ansteckten und nicht umge- Puerto Rico 1934

menschlichen und den Schweineviren. kehrt. In späteren Jahrzehnten geschah Cambridge 1939
Wilson Smith 1933
Mit Vogelviren hatte es allerdings durch- das recht oft, umgekehrt selten. Schwei- Wilson Smith N 1933
aus einiges gemeinsam – was vermuten ne waren zu dieser Zeit allen Anzeichen S. CAROLINA 1918
NEW YORK 1918
lässt, dass der Erreger ursprünglich aus nach vorher wohl nicht Zwischenwirt BREVIG (ALASKA) 1918
einem Vogelreservoir stammte. Er gewesen. Wie es aussieht, war das 1918er Iowa 1930
Iowa 1937
scheint aber schon längere Zeit vorher Virus dann aber Vorläufer von späteren IIIinois 1963

Schwein
auf Säugetiere übergegangen zu sein. Bis H1N1-Linien bei Mensch und Schwein. Nebraska 1992
Ehime 1980
1918 hatte er dann offenbar genug An- Wir schauten uns ein H1N1-Vo- St. Hyacinthe 1991
Iowa 1988
passungen an die neue Wirtsgruppe er- gelinfluenzavirus an, das sich in den New Jersey 1976
worben, um für Menschen hochinfek- letzten 25 Jahren an europäische Schwei- Hongkong 1974
Italien 1981
tiös zu sein und eine Pandemie auszulö- ne adaptiert hat. Trotz der relativ langen Alberta 1976
sen. Wo mag diese Entwicklung stattge- Zeitspanne unterscheidet sich dieses Wisconsin 1980b
Wisconsin 1980a
funden haben? Hämagglutinin-Gen immer noch weni- Tennessee 1985
Nehmen wir als Beispiel das Gen für ger von dem der Vögel als das mensch- Minnesota 1981
ALASKA 1917
Hämagglutinin (siehe Kasten rechts). liche von 1918. Ähnliche Resultate Hongkong 1976
Vögel

Ein Vergleich der RNA-Sequenzen ver- brachte die Prüfung von vier weiteren Hongkong /8/76
Deutschland 1987
schiedenster Virusstämme ergab: Der ge- der 1918er Gene. Deswegen vermuten Australien/749/80
netische Abstand von dem HA von 1918 wir, dass sich das Virus von damals län- Deutschland 1991
JOHNNY JOHNSON

Deutschland 1990
(Subtyp H1) zu den heute bei Vögeln ger in einem noch nicht bekannten Zwi- Bayern 1977
bekannten H1-Versionen ist deutlich schenwirt veränderte – abseits vom Gen- Hongkong 1976
Hongkong 1977
größer, als dies bei den Pandemien von pool von Wassergeflügel, auch wenn es
1957 und 1968 für die Subtypen H2 be- vielleicht ursprünglich von Vögeln
ziehungsweise H3 der Fall war. Das stammte. Das erinnert an die Situation,
könnte zweierlei bedeuten: Entweder als vor Kurzem ein Coronavirus unbe- aus einem Tierreservoir, das wir nicht si-
hatte das HA-Gen von 1918 tatsächlich kannter Herkunft, das plötzlich in Süd- cher kennen.
lange bei einem Zwischenwirt verweilt ostasien auftauchte, durch die Lungen- Künftig möchten wir nach den un-
und Zeit gehabt, viele Mutationen anzu- krankheit Sars weltweit Schrecken ver- mittelbaren Vorläufern des Grippevirus
häufen, die es sozusagen für den Men- breitete. Auch dieser Erreger stammte von 1918 forschen. Wir hoffen auch,

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 59
EPIDEMIOLOGIE z
Kleine Mutation mit großer Wirkung

an den Menschen adaptiert an Vögel adaptiert vom Stamm der Pandemie von 1918

H3 H5 H1

MIT FRDL. GEN. VON: STEVENS ET AL., SCIENCE BD. 303, S. 1866 – 1870, 2004, AAAS
ä
Amino-
s ure-
austausch

Grippeviren binden sich mit ihrem Oberflächenprotein Hämag- Das Hämagglutinin, welches der Subtyp H1 des Killervirus
glutinin (HA) an Zellen, die sie dann infizieren. Diese Ansichten von 1918 trug (rechts), ähnelte in diesem Merkmal eigentlich
dreier Varianten des Moleküls zeigen die Bindungsstelle (je- stärker dem in der Mitte gezeigten Molekül des genannten Vo-
weils in der Mitte). Das Protein vom Subtyp H3 (links) erkennt gelgrippevirus. Jedoch war die zentrale Vertiefung infolge einer
unter anderem mit seiner breiten Vertiefung ein Molekül im Mutation weiter ausgebildet – was offensichtlich dazu aus-
Atemtrakt des Menschen; das vom Subtyp H5 (Mitte) mit einer reichte, dass der neue Virusstamm etwa 40, wenn nicht 50 Mil-
engeren Höhlung kann sich im Darm von Vögeln anlagern. lionen Menschen umbrachte.

noch Gewebeproben von Menschen zu en von 1957 und 1968, die jeweils HA-
finden, die der ersten Welle im Frühjahr Proteine ähnlich denen von Vogelviren
1918 erlagen, als das Virus noch nicht besaßen. Diese beiden Stämme entstan-
seine volle Ansteckungskraft und Aggres- den vermutlich, indem sich menschliche
sivität erlangt hatte. Dann ließe sich viel- und Vogelviren mischten. Genaueres
leicht erkennen, weswegen daraus bis konnten Forscher darüber leider bisher

A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
zum Herbst ein noch gefährlicherer nicht herausfinden. Deswegen wissen Jeffery K. Taubenberger, Ann H. Reid und
Thomas G. Fanning (von links) sind Wissen-
Stamm wurde. Könnten wir außerdem wir auch nicht, wie lange es in beiden schaftler am Institut für Pathologie der US-Streit-
Spuren der Grippeerreger entdecken, die Fällen dauerte, bis die neu kombinierten kräfte in Rockville (Maryland). In diesem Artikel
in den vorausgegangenen Jahrzehnten Viren das Potenzial zur pandemischen geben sie ihre eigene Auffassung wieder, nicht
kursierten, wäre hoffentlich erklärbar, Ausbreitung erworben hatten. die Position des genannten Instituts oder des
warum 1918 hauptsächlich ausgerechnet Noch ist die Herkunft des 1918er amerikanischen Verteidigungsministeriums.
jüngere Personen starben. Womöglich Virus rätselhaft. Möglicherweise hatte Die siegreiche Strategie des Grippevirus. Von R.
enthielt das fatale Virus außer einigen dieser Killer neue Gene auf andere Weise G. Webster und E. J. Walker in: Spektrum der Wis-
senschaft 8/2003, S. 48
für den Menschen völlig neuen Elemen- und über andere Wege erworben als die
ten andere, zu denen ältere Personen späteren Pandemiestämme. Ein anders- Global host immune response: Pathogenesis and
schon einmal Kontakt gehabt hatten. In- artiger Ursprung würde vielleicht seine transcriptional profiling of type A influenza viruses
expressing the hemagglutinin and neuraminidase
teressant wäre auch zu erfahren, wie sich außergewöhnliche Aggressivität erklären.
genes from the 1918 pandemic virus. Von J. C.
das Virus in den Jahren nach dem Krieg Unbedingt sollten wir aber mehr Vogel- Kash et al. in: Journal of Virology, Bd. 78, Heft 17,
veränderte, als es zwar weiter grassierte, viren genauer untersuchen sowie neben S. 9499, Sept. 2004
aber viel von seiner Aggressivität verlor. Schweinen andere potenzielle Zwischen- The origin of the 1918 pandemic influenza virus:
Hierzu suchen wir nach Gewebeproben wirte gründlich erforschen, also etwa A continuing enigma. Von A. H. Reid und J. K. Tau-
von 1920 und später. Zuchtgeflügel, Wildvögel und Pferde. benberger in: Journal of General Virology, Bd. 84,
Dem Killervirus von 1918 auf die Sonst überrascht uns vielleicht plötzlich Teil 9, S. 2285, Sept. 2003
Schliche zu kommen, wäre wichtig. Es wie am Ende des Ersten Weltkriegs ein Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
scheint anderen Ursprungs gewesen zu Grippevirus, dem wir nichts entgegen- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
sein als die Erreger der Grippepandemi- setzen können.

60 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL II z
Relativität,
Kosmologie und
Gravitationswellen
Was war an Einsteins Spezieller und Allgemeiner Relativitätstheo-
rie eigentlich so revolutionär? Wo steht die Gravitationsforschung
hundert Jahre nach dem »Wunderjahr« 1905? Bernard Schutz,
Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-
Einstein-Institut) in Potsdam, unternimmt im Gespräch eine Zeit-
reise der besonderen Art.

Spektrum der Wissenschaft: Herr Schutz, dass sich Masse in Energie umwandeln sich mit der klassischen Theorie von New-
zwei der fünf Arbeiten, die Albert Einstein kann und umgekehrt. ton nicht erklären lassen.
1905 in den »Annalen der Physik« veröf- Spektrum: So wie Isaac Newton im 17. Spektrum: So seltsame Phänomene wie
fentlichte, betrafen die Grundzüge der Jahrhundert die Physik auf ein begrifflich Längenkontraktion und Zeitdilatation …
Speziellen Relativitätstheorie. Was war und mathematisch tragfähiges Funda- Schutz: Genau. Je mehr sich die Geschwin-
daran das bahnbrechend Neue? ment gestellt hatte, so entwarf Einstein digkeit den 300 000 Kilometer pro Sekun-
Bernard Schutz: Einstein hat mit diesen jetzt eine neuartige Physik? de, mit denen sich Licht fortpflanzt, annä-
beiden Arbeiten unsere Vorstellungen, Schutz: Einstein erweiterte das klassische hert, desto seltsamer erscheint uns die
was wir unter Raum, Zeit und Bewegung Weltbild in wesentlichen Punkten. Die Welt: Längen werden gestaucht, Zeiten
zu verstehen haben, auf eine völlig neue Mechanik Newtons liefert ja eine hervor- gedehnt und Massen vergrößert.
Basis gestellt. Zuvor galt die Mechanik ragende Beschreibung unserer Alltags- Spektrum: Wie macht sich das praktisch
Newtons: Raum und Zeit waren darin uni- welt – sprich: solange wir uns nur mit klei- bemerkbar?
verselle Strukturen. 1905 kam Einstein nen Geschwindigkeiten bewegen. Sobald Schutz: Für die Zeitdilatation haben Physi-
und sagte: Raum und Zeit sind nicht uni- wir Phänomene betrachten, in denen sich ker sehr früh Beispiele gefunden. Wenn
versell, sondern hängen vom Zustand des die Geschwindigkeit derjenigen des Lichts instabile Elementarteilchen wie Pionen
Beobachters ab. annähert, versagt die klassische Beschrei- oder Myonen in Beschleunigern auf sehr
Um das zu zeigen, genügten ihm zwei bung, und wir müssen Einsteins Relativi- hohe Geschwindigkeiten in der Nähe der
Postulate. Erstens die Konstanz der Licht- tätstheorie anwenden. Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wer-
geschwindigkeit: Sie ist unabhängig von Dazu müssen wir uns auch von vertrau- den, vergrößert sich ihre Lebensdauer –
der Bewegung des Beobachters oder der ten Begriffen lösen: Dreidimensionaler sie können viel öfter im Beschleunigerring
Bewegung der Lichtquelle. Zweitens das Raum und eindimensionale Zeit ver- umlaufen, bevor sie zerfallen.
Relativitätsprinzip: Die physikalischen Ge- schmelzen zu einem völlig neuen Begriff, Spektrum: Und dieser Effekt ist sehr genau
setze sind vom Bezugssystem unabhän- der vierdimensionalen Raumzeit. Das messbar?
gig. Das waren grundlegend neue Gedan- heißt aber nicht, dass Newton falsch lag: Schutz: Die Experimente stimmen präzise
ken. Auch unser Verständnis von Masse Seine Mechanik ist eine sehr gute Nähe- mit den Vorhersagen der Theorie überein.
definierte er neu. In den »Annalen der rung an die Einstein’sche Theorie. Aber Die Längenkontraktion hingegen ist ein
Physik« legte er auf nur drei Seiten dar, diese umfasst eben auch Phänomene, die Effekt, der sich nur indirekt messen lässt.

66 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Wenn zwei Schwarze Löcher mit-
l einander verschmelzen, gleicht das
einem Beben der Raumzeit. Die entste-
henden Gravitationswellen breiten sich
mit Lichtgeschwindigkeit aus. Die hier ge-
zeigte Computersimulation stammt vom
Max-Planck-Institut für Gravitationsphy-
sik und dem Zuse-Institut in Berlin.

MPI FÜR GRAVITATIONSPHYSIK (ALBERT-EINSTEIN-INSTITUT) / ZUSE-INSTITUT BERLIN, WERNER BENGER


wurde später tatsächlich nachgewiesen.
Auch bei sehr vielen Reaktionen zwischen
Elementarteilchen in Beschleunigern ent-
stehen aus Bewegungsenergie neue Teil-
chen, und es gilt exakt die Einstein’sche
Relation E = mc 2.
Spektrum: Auch nach dem »Wunderjahr«
1905 hat Einstein weitere revolutionäre
Beiträge zur Physik geleistet …
Schutz: Ja. Einstein blieb weiter sehr krea-
tiv. Im Jahr 1907 erkannte er die Bedeu-
tung der Äquivalenz von träger und schwe-
rer Masse und auch die Möglichkeit, die
Rotverschiebung von Licht im Gravita-
tionsfeld zu bestimmen. Dass die Licht-
ablenkung in starken Gravitationsfeldern
messbar sein sollte, hat er 1909 beschrie-
ben. Bevor dieser Effekt gemessen wer-
den konnte, legte Einstein 1916 vielleicht
seine kühnste Theorie, seine vollständige
Spektrum: Auch in den großen Teilchenbe- später in der berühmten Formel E = mc 2 Arbeit über die Allgemeine Relativitäts-
schleunigern? ausgedrückt wurde. theorie vor. Darin beschrieb er, dass die
Schutz: Ja. Ein Beispiel dafür wäre ein Schutz: Einstein selbst war sich offenbar Lichtablenkung nicht nur von der Äquiva-
Gold-Atomkern, der im Teilchenbeschleu- noch nicht ganz sicher, ob je ein Test der lenz von schwerer und träger Masse her-
niger RHIC in Brookhaven im US-Bundes- Energie-Masse-Äquivalenz möglich sein rührt. Vielmehr ist sie auch eine direkte
staat New York fast auf Lichtgeschwindig- würde. In seiner Veröffentlichung hielt er Folge von der Krümmung des Raums, die
keit beschleunigt wird. Während er in es zumindest für »nicht ausgeschlossen«. durch Anwesenheit großer Massen her-
Ruhe eher kugelförmig ist, wird er jetzt in Praktische Bedeutung hat diese Äquiva- vorgerufen wird.
Bewegungsrichtung stark verkürzt, nimmt lenz erst Jahrzehnte später gefunden: in Spektrum: Also erneut eine Erweiterung
also die Gestalt eines Ellipsoids an. der Energiegewinnung aus Kernenergie. des Newton’schen Weltbilds …
Die relativistische Vergrößerung der Doch genaue Tests der Einstein’schen Vor- Schutz: Ja. Einstein legte mit der Allgemei-
Masse hingegen ist in solchen Experi- hersage ermöglicht wiederum nur die Teil- nen Relativitätstheorie eine völlig neue
menten nicht nur messbar, sie muss be- chenphysik. Theorie der Gravitation vor. Während New-
reits beim Bau der Teilchenbeschleuniger Klarheit brachte hier der so genannte ton die Gravitation als instantane, also ver-
berücksichtigt werden. Diese Maschinen Betazerfall des Neutrons: Ein Neutron im zögerungsfreie Kraft zwischen Massen
müssen nämlich so konstruiert sein, dass Kern eines Atoms wandelt sich in ein Pro- beschrieb, definierte Einstein sie als Folge
die jeweils richtige Kraft auf die Partikel ton um, wobei aus dem Kern ein Elektron der Krümmung von Raum und Zeit.
ausgeübt wird, um sie auf ihrer Bahn zu ausgestoßen wird. Da die Bewegungs- Spektrum: Wie ließ sich denn diese neue
halten. Dazu muss man die relativistische energie dieses Elektrons in den Messun- Sichtweise überprüfen?
Masse der Teilchen kennen, die in der An- gen über eine recht große Spanne variier- Schutz: Für Einstein war der erste Test die
lage beschleunigt werden – beispielswei- te, dachten die Physiker zunächst, der so genannte Periheldrehung des Mer-
se Protonen. Energieerhaltungssatz sei verletzt. Das kurs. Die Bahnebene dieses Planeten ver-
Spektrum: Können Sie die zweite, sehr Rätsel löste schließlich 1930 Wolfgang schiebt sich im Lauf der Zeit unter dem
kurze Arbeit Einsteins aus dem Jahr 1905 Pauli. Er postulierte ein neues Teilchen, Schwerkrafteinfluss der anderen Körper
über Spezielle Relativität kommentieren? das Neutrino, das ebenfalls vom Kern im Sonnensystem. Der Winkel, um den
Deren berühmtes Ergebnis war ja die emittiert werden und die fehlende Ener- sich der sonnennächste Punkt der ellipti-
Äquivalenz von Masse und Energie, die gie davontragen sollte. Dieses Neutrino schen Bahn, das Perihel, in der Bewe-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 67
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL II

l
zfü
r
Bernard Schutz ist Direktor am
Max-Planck-Institut Gravitations-
bestätigt. Das ist übrigens auch der Fall
beim Satelliten-Navigationssystem GPS,
physik (Albert-Einstein-Institut) in Pots- wo Zeiten auf der Erde und in den Satelli-
dam-Golm. ten unter Berücksichtigung der relativisti-
schen Effekte genau bestimmt werden
müssen – das ist gewissermaßen ein »an-
deres Gesicht« der Gravitations-Rotver-
tigten die Vorhersage Einsteins hinsicht- schiebung. Um »im Takt« zu bleiben, müs-
lich der Krümmung des Raums, und das sen die Satelliten ihre Zeit relativistisch
hat ihn mit einem Schlag weltbekannt ge- korrigieren, sonst würde die Navigation
MPI FÜR GRAVITATIONSPHYSIK / NORBERT MICHALKE

macht. ungenau werden.


Fast alle Physiker hatten danach Ein- Spektrum: Im Jahr 1916 erschien ferner
steins Theorie akzeptiert. Es gab zwar bis Einsteins erste Arbeit über Gravitations-
in die 1970er Jahre hinein eine Anzahl von wellen. Halten Sie es für sicher, dass die
alternativen, teilweise nur wenig verschie- Beschleunigung großer Massen solche
denen Theorien. Doch bis dahin hatte sich wellenartigen Erschütterungen der Raum-
die Technik so weit fortentwickelt, dass zeit verursacht?
beispielsweise Satellitenbahnen oder die Schutz: Aus theoretischen Gründen ist es
Ablenkung der Radiostrahlung von Qua- unvorstellbar, dass es keine Gravitations-
saren in Gravitationsfeldern sehr genau wellen gibt. Die Frage ist, ob sie für den
gungsrichtung des Merkurs weiterdreht, vermessen werden konnten. All diese Ex- experimentellen Nachweis stark genug
ist mit der Newton’schen Gravitationsthe- perimente haben die Allgemeine Relativi- sind. Russell Hulse und Joseph Taylor ha-
orie nur teilweise zu erklären – es bleibt tätstheorie so präzise bestätigt, dass es ben 1993 den Physik-Nobelpreis für die
ein kleines Defizit. Einstein konnte bereits heute sehr schwierig geworden ist, alter- Entdeckung und genaue Messung eines
aus einer vorläufigen Form seiner späte- native Theorien zu finden. Pulsars in einem Doppelsternsystem be-
ren Feldgleichungen die korrekte Perihel- Spektrum: Die Relativitätstheorie macht kommen. Sie konnten die Abnahme der
drehung berechnen. Dass er das Defizit in auch Voraussagen zur Rotverschiebung Bahnperiode in über 30 Jahre dauernden
seiner Theorie ohne freie Parameter erklä- von Spektrallinien in Gravitationsfeldern. Messungen nachweisen. Ihr Ergebnis
ren konnte, war für ihn die entscheidende Schutz: Dies war eine sehr wichtige Vor- passt innerhalb von 0,5 Prozent genau zur
Bestätigung. hersage. Hier in Potsdam ist der Einstein- Einstein’schen Voraussage über die Ab-
Spektrum: Wichtiger noch als die Lichtab- Turm ursprünglich eigens für diese Mes- strahlung von Gravitationswellen. Und,
lenkung? sung gebaut worden. Leider konnte der ganz wichtig, es gibt dabei keine freien
Schutz: Die war zu diesem Zeitpunkt noch Effekt mit der damaligen Messtechnik Parameter: Man hat sehr präzise Informa-
nicht gemessen. Die Erklärung der Peri- noch nicht nachgewiesen werden. Heute tionen über dieses Doppelsternsystem –
heldrehung allein war für die große Men- hat man ihn jedoch bei der Sonne und vie- wie Massen und Abstand der Sterne oder
ge der Physiker nicht überzeugend genug. len anderen Sternen sehr genau gemes- Exzentrizität der Bahn, sodass man keine
Sie wollten weitere Beweise – und die sen, und man findet die Voraussage der weitere Freiheit hat. Das war ein indirek-
glückten kurz nach Ende des Ersten Welt- Allgemeinen Relativitätstheorie bestens ter Beweis für Gravitationswellen.
kriegs. Mit Hilfe einer Sonnenfinsternis
1919 gelang es zwei Expeditionen, die
Lichtablenkung im Schwerefeld der Sonne
zu messen. Bis heute ist kontrovers, ob
Quelle von
diese Beobachtungen wirklich die notwen- Gravitationswellen
dige Genauigkeit hatten – aber sie bestä-

Das Weltrauminterferometer Lisa


r zur Messung von Gravitationswel-

ü
lic
t
n
s
len wird aus drei Satelliten bestehen, die

k
ein gleichseitiges Dreieck mit 5 Millionen
Kilometer Seitenlänge bilden und die
Sonne
Sonne im Abstand der Erdbahn umkrei-

ö
e
m
rlic
g
sen. Die Abstände von frei fliegenden
Testmassen in den hen Trabanten
werden durch Laserinterferometrie auf 10
Pikometer genau bestimmt. Gravitations-
wellen ändern den Abstand der Test-
NASA / JPL

massen, was ihren Nachweis ht.


Lisa soll 2013 gestartet werden.

68 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
H
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lls
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ek
ö
p
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r ü r
Relativistische Effekte, hervorgeru-
fen durch die Gravitationsfelder der
hören können. Die Gravitationswellen,
nach denen wir suchen, müssen aus Sys-

ä
k
t
s
e
r
r
, drehen deren elliptische temen kommen, die näher am Sonnen-

h
Umlaufbahnen. Diese Periheldrehung ist system liegen und bei denen die Sterne
bereits am Planeten Merkur messbar. F noch näher beieinander stehen, damit die
Aus urheberrechtlichen Gründen zwei kompakte Neutronensterne, die ei- Bahnperiode kürzer und die Frequenz der
können wir Ihnen die Bilder leider nander umkreisen, ist der Effekt aller- Gravitationswellen höher ist.
nicht online zeigen. dings mehrhundertfac . Spektrum: Demnach gibt es eine Hoff-
nung, mit Lisa Gravitationswellen aus an-
deren Doppelsternsystemen direkt nach-
zuweisen?
Schutz: Mit Lisa werden wir über ein In- Schutz: Ja. Es gibt viele derartige Syste-
strument sehr hoher Empfindlichkeit ver- me, die wir schon jetzt aus optischen Be-
fügen. Damit wird die Astronomie in un- obachtungen und Messungen im Rönt-
bekannte Dimensionen vorstoßen. Es genlicht kennen, und wir sind sehr
Spektrum: Noch fehlt aber der direkte Be- gibt einerseits viele Gebiete in der Astro- zuversichtlich, dass wir ihre Gravitations-
leg. Kann man denn überhaupt das Aus- nomie mit Gravitationswellen, wo Voraus- wellen nachweisen werden. Mit den opti-
senden von Gravitationswellen genau sagen sehr schwierig und deshalb Expe- schen und Röntgenbeobachtungen sehen
genug berechnen – etwa wenn zwei rimente schwer zu begründen sind – wir nur einen kleinen Teil unserer Galaxis,
Schwarze Löcher verschmelzen? zugleich sehen wir aber großes Potenzial während Lisa sie vollständig erfasst, so-
Schutz: Ich habe heute noch kein wirkli- für neue Entdeckungen. Andererseits dass wir Tausende derartiger Systeme er-
ches Vertrauen, dass unsere Modellrech- kennen wir mit den Doppelsternsyste- warten.
nungen solche Vorgänge schon richtig men sichere Quellen für Gravitationswel- Spektrum: Gibt es für diese Systeme be-
widerspiegeln. Wir sind hier auf die Mes- len. Im Fall der Schwarzen Löcher gibt es reits – wie beim Hulse-Taylor-Pulsar – indi-
sungen mit den Gravitationswellendetek- starke Anhaltspunkte für die Emission rekte Anzeichen, dass sie Gravitations-
toren angewiesen. Diese sind ja zurzeit solcher Wellen. Unsere bisherigen Kennt- wellen aussenden?
schon in Betrieb oder gehen demnächst nisse sind gut genug, um den Bau des In- Schutz: Bisher ist dies hier nicht so deut-
in Betrieb. struments zu rechtfertigen. lich wie beim Hulse-Taylor-Pulsar. Wir ha-
Spektrum: Erwarten Sie, dass diese Mes- Spektrum: In welchem Sinne ergänzt oder ben jedoch theoretische Modelle für ei-
sungen in einem überschaubaren Zeitrah- erweitert Lisa die erdgebundenen Gravi- nige dieser Systeme, in denen Gravita-
men erfolgreich sein werden? tationswellendetektoren? tionsstrahlung eine Rolle spielt. Die
Schutz: Ich hoffe, dass wir in den nächsten Schutz: Die terrestrischen Interferometer Wechselwirkung der Sterne ist hier sehr
fünf Jahren mit unserem Interferometer können Gravitationswellen mit Frequen- viel komplizierter, es gibt einen Austausch
Geo 600 in der Nähe von Hannover und zen oberhalb von 5 bis 10 Hertz registrie- von Gas zwischen den Sternen. Die Gravi-
mit Ligo in den USA Gravitationswellen ren – bei tieferen Frequenzen hätten sie tationsabstrahlung lässt sich deshalb nicht
direkt beobachten werden. Wir wissen große Schwierigkeiten, Signale nachzu- mit der gleichen Genauigkeit berechnen
aber nicht, wo und wann die nächste weisen: Auf der Erde ist es dafür sozusa- wie beim Doppelpulsar. Wenn wir jedoch
messbare Gravitationswelle entsteht; ihre gen zu laut. Lisa hingegen ist empfindlich die Gravitationswellen direkt messen,
Stärke hängt insbesondere von der Ent- für die niedrigen Frequenzen von etwa 1 können wir umgekehrt die physikalischen
fernung zur Quelle ab. Wenn wir Glück ha- Hertz bis hinunter zu 10 –4 Hertz. Die Brei- Bedingungen ihrer Erzeugung recht ge-
ben, könnten wir in den nächsten ein bis te des Spektrums ist ähnlich wie die zwi- nau beschreiben.
zwei Jahren die ersten Beobachtungen schen Röntgenstrahlen und Radiowellen, Spektrum: Sehen Sie eine Chance, mit
machen. Mein Favorit für die erste Quelle, die von astronomischen Quellen ausge- Gravitationswelleninterferometern Signa-
die wir sehen werden, sind dabei zwei sandt werden. Deren jeweiliger Nachweis le der Quantengravitation nachzuweisen –
verschmelzende Schwarze Löcher – dies hat Einsichten in völlig unterschiedliche Effekte, die auf einer Vereinigung von Gra-
wäre die stärkste denkbare Quelle. Es physikalische Prozesse eröffnet. vitations- und Quantentheorie beruhen?
kann aber auch sein, dass wir mit den Spektrum: Wird man mit den neuen Detek- Schutz: Es ist möglich, dass die beim Ur-
heutigen Antennen noch kein Signal fin- toren auch Gravitationswellen vom Hulse- knall erzeugten Gravitationswellen für
den und auf die Ligo-Weiterentwicklung Taylor-Pulsar direkt nachweisen können? Lisa oder einen anderen künftigen Detek-
»Advanced Ligo« warten müssen. Schutz: Es wäre sehr schön, die Gravitati- tor stark genug sind, um in ihrem Spek-
Spektrum: Wann wird diese Anlage fertig onswellen vom Hulse-Taylor-Pulsar direkt trum Informationen über das Verhalten
sein? nachzuweisen. Voraussichtlich werden wir der Elementarteilchen bei sehr hohen
Schutz: Der Bau von Advanced Ligo wird jedoch nicht dazu in der Lage sein: Ihre Energien zu übermitteln. Es ist unser
wohl 2009 beginnen, sodass die ersten Frequenz ist zu niedrig und außerdem in wichtigstes Ziel, dies herauszufinden –
Messungen voraussichtlich 2011/12 statt- einem Bereich, wo die Wellen nicht sehr warten wir die Messungen ab.
finden. Zudem soll 2013 das Weltraum- stark sind. Im Frequenzbereich dieses
Interferometer Lisa starten. Systems erwarten wir in unserer Galaxie Die Fragen stellten Uwe Reichert, Redakteur bei
Spektrum: Was ist die wesentliche Motiva- jedoch viele andere Doppelsternsysteme, Spektrum der Wissenschaft, und Georg Wol-
tion für den Bau dieser aufwändigen Welt- und hier werden wir mit Lisa die Signale schin, Privatdozent und freier Wissenschaftsjour-
raumanlage? von einem solchen System nicht heraus- nalist in Heidelberg.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 69
GENETIK z
Der Kontext macht’s!
Wie ein einzelnes Gen sich ausprägt, hängt nicht zuletzt vom
übrigen Genom ab. Dies betrifft die Vererbung von
Blütenfarben ebenso wie etwa die Disposition für Krebs.

Von H. Frederik Nijhout merkmalsrelevanten Genen dies über- Doch was fand Mendel? Als er rein-
tünchen. erbige weißblütige Erbsenpflanzen mit

A
nfang des letzten Jahrhun- Tragen viele Erbanlagen zum End- reinerbigen violettblütigen kreuzte, ent-
derts, in den frühen Tagen ergebnis bei, kann es schon schwierig standen immer Nachkommen mit vio-
der Genetik, glaubten Wis- sein, den Anteil jeder einzelnen zu ermit- letter Blütenpracht. Kreuzte er Individu-
senschaftler, jedes Gen be- teln. Kommen dann auch noch indivi- en dieser mischerbigen Generation dann
stimme ein einzelnes Merkmal wie Blü- duelle Variationen in etlichen der betei- untereinander, so blühte interessanter-
tenfarbe oder Samenform. Ihre Überzeu- ligten Gene hinzu, so kann das Verer- weise ein Viertel der Abkömmlinge weiß,
gung stützte sich auf die damals bungsmuster eines Merkmals sogar der Rest violett (siehe linke obere Grafik
wiederentdeckten Erkenntnisse von Gre- außerordentlich komplex werden. Tat-
gor Mendel (1822 – 1884). Für seine sächlich umschreiben Fachleute mit dem
Untersuchungen Mitte des 19. Jahrhun- Begriff »komplexes Merkmal« eines, des-
derts wählte der Augustinermönch mit sen Vererbung nicht den Mendel’schen
Gespür und Geschick Merkmale aus, de- Regeln gehorcht.
ren Variation praktisch ausschließlich auf Wie lässt sich die Vererbung eines sol-
Unterschieden in jeweils einzelnen »Erb- chen Merkmals verstehen? Ein Weg führt
faktoren« beruhte. Dadurch konnte er über die biochemischen Mechanismen,
grundlegende Vererbungsmuster über- mit denen die beteiligten Gene seine
haupt erst erkennen. Ausprägung beeinflussen. Dabei geht es
Die meisten Merkmale werden aller- aber nicht um Formeln an sich. Vielmehr
dings in komplizierterer Weise vererbt, möchte ich hier vor allem zeigen, wie die
als es Mendel beschrieb. Differieren zwei Interaktionen zwischen vielen Genen, die
Individuen in einem Merkmal, so liegt ein Merkmal hervorbringen, und ihr Er-
dies fast immer an Unterschieden in gebnis auf einfache grafische Weise ver-
mehreren ihrer Gene. Die isolierten Ef- anschaulicht werden können. Diese Visu-
fekte einer einzelnen Erbanlage sind ge- alisierung ermöglicht einen intuitiven
wöhnlich nur in ausgetüftelten Kreu- Zugang zu komplexen Erbgängen. Mehr
zungsexperimenten mit sorgfältig kon- noch: Sie erleichtert es zu verstehen, wes-
trollierten Zuchtlinien zu beobachten halb die Diagnose eines Gendefekts nicht
– oder aber dann, wenn ein Gen ganz immer die Vorhersage des individuellen
ausfällt, ohne dass Einflüsse von anderen Erkrankungsrisikos erlaubt.

IN KÜRZE
r Die meisten Merkmale werden von vielen Genen und von der Umwelt beein-
flusst. Ob und wie sich eine Genvariante, die zu einer Krankheit disponiert, auswirkt,
hängt daher von vielen Faktoren ab.
r Den Indizien zufolge addieren sich die Einflüsse nicht einfach. Die Beziehun-
gen zwischen der Ausprägung eines Merkmals und verschiedenen Genvarianten
sind nicht linear.
r In Form einer so genannten phänotypischen Landschaft lässt sich sichtbar ma-
chen, warum beispielsweise eine bestimmte Mutation das eine Individuum be-
einträchtigt, das andere aber nicht.

70 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
S. 72). Die moderne Erklärung lautet: kurze Triebe. In allen diesen Fällen exis- auch von unvollständiger Dominanz.
Ein mischerbiges Individuum hat von tierten zwei verschiedene Spielarten für Die Blütenfarbe des Löwenmäulchens ist
beiden Elternteilen eine jeweils andere ein Gen, wobei die eine die andere voll- ein »kontinuierlicher« Phänotyp, denn
Version eines Gens erhalten und gibt ständig dominierte. Dies gilt jedoch potenziell kann zwischen den reinrassi-
dann zufallsgemäß irgendeine der beiden nicht immer – selbst bei Merkmalen, die gen Extremen elfenbeinfarben und rot
wieder an einen Nachkommen weiter. In scheinbar nur von einem einzigen Gen ein ganzes Spektrum von Rotschattie-
diesem Fall ist die Version – das so ge- bestimmt werden. rungen auftreten.
nannte Allel – für die violette Farbe do- Tatsächlich wird ein Merkmal in ei-
minant über die Version für den weißen Fließende Variation ner Population oft in fließend variieren-
Eindruck. Kommen die beiden in einem Davon zeugt zum Beispiel die Blüten- der Form ausgeprägt (siehe Foto unten).
Individuum zusammen, so ist seine Blü- farbe bei Löwenmäulchen (siehe Grafik Von Umwelteinflüssen einmal abgese-
tenfarbe daher immer violett. Weil jedes S. 72, rechts). Den Erbgang beschrieb
Allel des Genpaares mit gleicher Wahr- erstmals der Mediziner und Botaniker
scheinlichkeit vererbt wird, können zwei Erwin Baur, rund 25 Jahre bevor er 1927
mischerbige »violette« Pflanzen auch das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züch- Manche Merkmale variieren sehr
»weiße« Nachkommen haben. Fachleute tungsforschung in Müncheberg gründe- u stark, was diese Gehäuse aus einer
bezeichnen die jeweilige Genkonstellati- te. Die Blütenfarbe hängt wieder von ei- Population der Baumschnecke Polymita
on eines Individuums als Genotyp, das nem einzigen Gen ab. Zwei häufige Alle- picta eindrucksvoll illustrieren. Sie kommt
resultierende Erscheinungsbild als Phä- le sind hier »rot« und »elfenbeinfarben«. nur am östlichen Ende der Insel Kuba vor.
notyp. Doch beim Löwenmäulchen ist keines Die Variation ihres Gehäusemusters ent-
Sämtliche Merkmale, die Mendel der beiden dominant: Kreuzt man ein el- steht durch Wechselwirkungen vieler ver-
untersuchte, sind Beispiel für so genann- fenbeinfarbiges und ein tiefrot blühen- schiedener Gene. Wie sich Veränderun-
te diskontinuierliche, alternative Phäno- des, so tragen die Nachkommen blassro- gen eines einzelnen Gens auswirken,
typen – weiße oder violette Blüten, glat- te Blüten. Diese Kombination ergibt also hängt aber vom Gesamtgenotyp des ein-
te oder runzlige Erbsensamen, lange oder eine intermediäre Farbe; man spricht zelnen Tiers ab.
CHIP CLARK

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 71
GENETIK z
dominanter Erbgang bei der Erbse
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Die violette Blütenfarbe der Erbse
wird dominant vererbt (links). Die

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»violette« Version des Farbgens (V) be-

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stimmt den Effekt, selbst bei mischerbi-

L
ww VV ee RR gen Individuen. Weiß blühen nur Pflan-
zen, die von beiden Elternteilen ein
AMERICAN SCIENTIST / TOM DUNNE UND EMMA SKURNICK

»weißes« Allel (w) erhalten haben. Inter-


blassrote Blüten treten dagegen
beim hen auf, wenn rein-
erbig rote mit reinerbig elfenbeinfarbigen
Vw Vw Vw Vw Re Re Re Re Pflanzen gekreuzt werden (rechts).

Somit hängt von seiner Leistung ab, wie


schnell neuer Farbstoff am Ende ent-
ww Vw Vw VV ee Re Re RR
steht.
Die Aktivität der anderen Enzyme
hen, beruht dies manchmal auf der Vari- tem Hals, durch die nacheinander Was- darf in diesem einfachen Kaskadenmo-
ation eines einzelnen Gens, weitaus häu- ser fließt. Es ist wie beim Verkehrsstrom: dell ruhig schwanken – solange sie nicht
figer jedoch auf dem Einfluss vieler Der schmalste Engpass bestimmt dann unter das kritische Niveau sinkt, sieht es
Gene. Selbst die Blütenfarben sind letzt- die Durchflussrate des Ganzen (siehe für den Beobachter so aus, als kontrollie-
lich das Ergebnis mehrerer interagieren- Grafik unten). re nur dieses eine Gen die Variationen
der genetischer Faktoren, denn an der Man stelle sich nun vor, jeder Trich- der Blütenfarbe.
Farbstoffsynthese wirkt eine Vielzahl von ter symbolisiere die Aktivität eines be- Passiert das aber doch, wird der zu-
Erbanlagen mit. stimmten Enzyms in einem Stoffwech- vor determinierende »rot/elfenbeinfar-
Einige der Gene tragen die verschlüs- selweg wie der Pigmentsynthese. Das big-Schritt« nicht mehr allein die Blü-
selte Bauanweisung für Enzyme, die farb- Wasser stehe für die Ausgangs-, Zwi- tenfarbe bestimmen. Wenn etwa im Ex-
lose Vorläufersubstanzen wie Aminosäu- schen- beziehungsweise Endprodukte. tremfall ein anderes Gen wegen eines
ren und Zuckerarten in verschiedenfarbi- Hohe Aktivität – sei es durch große Defekts ein inaktives Enzym liefert und
ge Pigmente verwandeln helfen. Der Mengen an Enzym, hohe katalytische so den Stoffwechselweg völlig blockiert,
Stoffwechselweg vom Ausgangs- zum Effizienz der einzelnen Moleküle oder spielt es für die Blütenfarbe keine Rolle
Endprodukt kann mehr als ein Dutzend zielgenauen Einsatz in der Zelle – ent- mehr, welche Allele des rot/elfenbeinfar-
Schritte umfassen, jeweils katalysiert von spricht dann weiten Trichtern, geringe big-Gens das Individuum trägt. Fachleu-
einem anderen Enzym. Das ist aber noch Aktivität hingegen engen. Der engste da- te nennen dieses Phänomen, bei dem ein
nicht alles. Andere Gene kodieren für Ei- von soll das Enzym sein, das von Baurs Gen beziehungsweise Genpaar den beo-
weißstoffe, welche die Produktion und »rot/elfenbeinfarbig-Gen« kodiert wird. bachteten Effekt eines ganz anderen stört
Aktivität dieser Enzyme regulieren. Sie oder verdeckt, Epistase. Sogar in diesem
bestimmen somit Zeit und Ort der Pig- vermeintlich simplen Beispiel können
mentproduktion. Weitere Proteine steu- also die Auswirkungen einer Erbanlage
ern die Stabilität und Lokalisation der auf ein Merkmal durchaus von anderen
Farbstoffe in der Zelle. Alle Gene für sol- Genen desselben Stoffwechselweges ver-
che Regulatormoleküle werden ihrerseits fälscht werden.
von anderen Proteinen, den Transkripti- Mit einem ähnlichen mechanischen
onsfaktoren, reguliert, die wiederum auf Enzym 1 Modell lässt sich auch die Ausprägung
bestimmender Schritt

eigenen Genen verschlüsselt sind. Solche der beiden alternativen Blütenfarben bei
geschwindigkeits-

schier endlosen Regulationskaskaden und


Interaktionsnetzwerke mögen auf den
ersten Blick seltsam anmuten, sind je- Enzym 2
doch die Regel – selbst bei den einfachs- An der Herstellung eines Blüten-
l

fs

u
ten Merkmalen. farbstoffs sind in Wirklichkeit meh-

h
Wie kann es dann aber so aussehen, rere Gene mit ihren Enzymen beteiligt.

ö
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rt
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als kontrolliere ein einziges Gen die Aus-

,
Nur eines bestimmt aber die Geschwin-
prägung eines Merkmals? Relativ leicht Enzym 3 digkeit der Synthese, symbolisiert hier
AMERICAN SCIENTIST / TOM DUNNE

passiert dies, wenn das von ihm kodierte anhand von Wasser, das eine Serie von
Enzym den Schritt eines Stoffwechselwe- Trichtern durc t. Da das Wasser nicht
ges katalysiert, der die Geschwindigkeit schneller unten ankommen kann, als es
nach oben begrenzt. Eine einfache me- durch den engsten Trichter be-
chanische Analogie hierfür wäre eine Se- stimmt dieser die Flussrate des Gesamt-
rie von Trichtern mit verschieden wei- systems.

72 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Hydraulische Modelle für Blütenfarben
Selbst wenn ein Enzym den geschwindigkeitsbestimmenden ein Merkmal nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip ausprägen.
Schritt der Pigmentsynthese katalysiert und je nach Genkom- Erforderlich ist nur ein Mechanismus, der ab einem bestimm-
bination sukzessive stärker oder schwächer agiert, kann sich ten Schwellenwert einen Schalter betätigt.

Enzym 1 Enzym 1

bestimmender Schritt
geschwindigkeits-
Enzym 2
Enzym 2

Enzym 3
Enzym 3

Violett-
Schalter
AUS AN AN
elfenbeinfarbig blassrot blassrot rot
weiß violett violett

Der Eindruck, beim Löwenmäulchen bestimme das Gen mit seinen Ein abgewandeltes Modell erklärt die Dominanz der »violetten«
AMERICAN SCIENTIST / TOM DUNNE UND EMMA SKURNICK

zwei Varianten »rot« oder »elfenbeinfarbig« die Blütenfarbe, über die »weiße« Genversion bei Erbsen. Ein Sensor mit vor-
täuscht. Er entsteht nur, weil das Gen für ein geschwindig- gegebenem Schwellenwert – symbolisiert durch einen Waage-
keitsbestimmendes Enzym im Syntheseweg des roten Pig- balken – setzt den unterschiedlichen Durchfluss in eine Alles-
ments kodiert (beige unterlegt). Gleichgültig wie die genetisch oder-nichts-Reaktion um. Wird der Schwellenwert erreicht,
bedingte Gesamtaktivität der anderen Enzyme variiert – solan- kippt der Balken, betätigt den »Violett-Schalter« und gibt die
ge sie nicht die des kritischen Enzyms unterschreitet, entschei- Pigmentsynthese frei. Solange mischerbige Pflanzen über ge-
det nur Letzteres über die Farbintensität. Die Weite des Trich- nügend Gesamtaktivität des kritischen Enzyms 3 (mittelweiter
ters entspricht hier der Gesamtaktivität beider ererbter Trichter) verfügen, um die Waage kippen zu lassen, sind sie
Versionen des Blütenfarbgens. farbintensiv wie reinerbige Pflanzen mit hoher Enzymaktivität.

Mendels Erbsen veranschaulichen. Es Folgen können Hinweise auf die norma- wirkt. Später, während der Flügelent-
bedarf lediglich eines Sensors, der die le Funktion bei der Ausprägung des wicklung des Schmetterlings, induziert
Überschreitung eines Schwellenwertes Merkmals geben. dasselbe Gen aber einen farbigen Augen-
registriert; das kann eine Art Balkenwaa- fleck. Fällt es aus, äußert sich dies somit
ge sein (siehe rechte Grafik im Kasten Augenfleck statt Bein je nach Zeitpunkt in anderer Weise.
oben). Solange der Fluss durch das Sys- Im Lauf der Jahre mussten die Biologen Kontexteffekte können sehr deutlich
tem nicht ausreicht, den Waagebalken zu allerdings erkennen, dass die Auswirkun- auch bei so genannten Knockout-Mäu-
kippen und damit den Knopf zu drü- gen einer Mutation stark vom Kontext sen beobachtet werden. Wie die Bezeich-
cken, bildet sich der eine Phänotyp (hier abhängen, in dem das betroffene Gen nung andeutet, wird hier ein interessie-
weiß) heraus; ansonsten tritt der andere exprimiert wird, also sein Produkt er- rendes Gen gezielt ausgeschaltet. Zum
(violett) auf, wie hoch auch immer die zeugt. Ein Beispiel findet sich bei der Beispiel verursacht der Knockout des Re-
Schwelle überschritten wird. Embryonalentwicklung von Raupen und tinoblastom-Gens bei einer bestimmten
Die Beziehungen zwischen Gen und später bei ihrer Metamorphose zum Fal- Mäuselinie schwere Missbildungen und
Merkmal werden häufig anhand von ter. So beobachtete ein Team um Sean führt zum Absterben von Embryonen.
Mutationen untersucht, natürlich vor- Carroll von der Universität von Wiscon- Bei einem anderen Mäusestamm hinge-
kommenden oder künstlich erzeugten. sin in Madison, dass die lokal begrenzte gen bleibt die gleiche Mutation wir-
Die meisten Mutationen vermindern die Expression eines Gens namens distalless kungslos: Die Embryonen wachsen zu
Aktivität des erzeugten Proteins, und die die Entstehung eines Raupenbeins be- fortpflanzungsfähigen Tieren heran, wie

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 73
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GENETIK

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Ein Musterbeispiel ein komple-

R
mütterliche Gene Genname: caudal bicoid nanos
l xes genetisches Netzwerk bietet
die Embryonalentwicklung der Tau-
fliege Drosophila. Mehrere Organisati-
onsebenen mit positiver, negativer und
variabler kkopplung kennzeichnen
Gap-Gene giant tailless hunchback Krüppel knirps das System. In einem derart komplexen
Netzwerk ist es sehr unwahrscheinlich,
Hemmung dass sich die Variation einer Komponente
additiv auswirkt. Die Gene sind mit ihrem
Aktivierung
Eigennamen angegeben.

Paarregelgene fushi tarazu even-skipped runt hairy

Hemmung bei
hoher Konzentration
Aus urheberrechtlichen Gründen
AMERICAN SCIENTIST / TOM DUNNE

Aktivierung bei können wir Ihnen die Bilder leider


niedriger Konzentration nicht online zeigen.

Segmentpolaritätsgene engrailed hedgehog wingless

Michael Rudnicki und seine Kollegen an Allele einen Zahlenwert zuordnen, der ren messen könnte, wäre wohl mit dem
der McMaster-Universität im kanadi- seinem eigenständigen Effekt auf das additiven Modell nicht viel gewonnen.
schen Hamilton feststellten. Merkmal entspricht. Die Auswirkungen Denn nach allem, was wir inzwischen
Auch in der Genetik von Krebser- verschiedener Allelkombinationen wären über die Zusammenhänge von Genotyp
krankungen spielen Kontexteffekte eine dann durch einfache Addition zu berech- und Phänotyp wissen, muss es falsch
wesentliche Rolle. Mutieren Gene, die nen. Zur Summe der genetischen Effek- sein. Wie erwähnt, üben Gene ihren
das normale Wachstum und die geordne- te könnte man dann weitere Zahlen- Einfluss über komplexe Systeme intera-
te Teilung von Zellen steuern, so kann werte für verschiedene Umweltfaktoren gierender Proteine aus, sodass jeder Mit-
dies die Regulation aus dem Gleich- addieren und erhielte präzise den resul- spieler nur sehr indirekt zum Endergeb-
gewicht bringen und Zellen zu unkont- tierenden Phänotyp. Im Falle einer dro- nis beiträgt.
rolliertem Wachstum anregen. Ob ein henden Tumorerkrankung etwa ließe Ein Beispiel ist das regulatorische
entgleistes Gen tatsächlich Krebs verur- sich nach der additiven Hypothese be- Netzwerk, das die frühe Embryonalent-
sacht, hängt jedoch oft vom genetischen rechnen, ob eine bestimmte Person er- wicklung der Taufliege Drosophila steuert
Hintergrund seines Trägers ab sowie kranken wird oder nicht – vorausgesetzt (siehe Grafik oben). Die beteiligten
von äußeren Einflüssen, etwa Schadstof- alle Kofaktoren wären bekannt. Gene regulieren die Expression anderer
fen durch Rauchen. Bekommen Mäuse Gene, die häufig selbst wieder regulatori-
ein Krebsgen in ihr Erbgut eingeschleust, Keine simple Addition sche Funktionen haben. In solch kom-
so induziert es normalerweise nur in we- Das sind sie aber nicht. Daher lässt sich plexen Netzwerken mit divergierenden
nigen Geweben Tumoren, selbst wenn es nur die Wahrscheinlichkeit einer Erkran- und konvergierenden Regelketten, mit
in vielen anderen exprimiert wird. Offen- kung abschätzen. Sie ergibt sich aus der positiver und negativer Rückkopplung
bar herrschen nur in bestimmten Zellty- statistischen Betrachtung großer Bevöl- ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine
pen Bedingungen, unter denen sich die kerungsgruppen, in denen ein Teil der variierende Komponente rein additive
Mutation schädlich auswirken kann. Individuen erkrankt ist. Je nachdem wie Folgen hat, wenn sie mit anderen variie-
Gewöhnlich werden solche unter- stark die Erkrankungsraten mit einem renden interagiert.
schiedlichen Auswirkungen »Kofakto- bestimmten Faktor – etwa den Rauchge- Das vielleicht wichtigste Argument
ren« zugeschrieben, die individuell und wohnheiten – korrelieren, wird das von gegen rein additive genetische Effekte
gewebeabhängig variieren, deren Identi- ihm ausgehende Risiko eingestuft. Die lautet jedoch, dass keine lineare Bezie-
tät aber nur in wenigen Fällen genauer errechneten Wahrscheinlichkeiten sind hung zwischen genetischer und Merk-
bekannt ist. Die einfachste Hypothese jedoch keine wirklichen Vorhersagen, malsvariation besteht, weil eben die Wir-
zur Erklärung lautet: Jeder Faktor für sondern bloß statistische Beschreibungen kung kontextabhängig ist. Entsprechend
sich wirkt nur minimal, erst die Summe der speziell untersuchten Gruppe. Die schwer lässt sich vorhersagen, was pas-
vieler kleiner Effekte hat einen deutlich einzige sichere Vorhersage ist also, dass siert, wenn mehrere Gene gleichzeitig va-
erkennbaren Einfluss. in anderen, aber genau gleich zusam- riieren. Nichtlinearität eines Systems be-
Entspräche diese Hypothese der ad- mengesetzten Gruppen annähernd die deutet schlicht, dass sich bei der grafi-
ditiven Wirkungen den Tatsachen, so gleichen Korrelationen und Wahrschein- schen Darstellung der Abhängigkeit
könnte man einen Katalog aller beteilig- lichkeiten herauskämen. Selbst wenn keine Gerade ergibt. Illustrieren lässt sich
ten Gene aufstellen und jedem ihrer man den Einfluss aller beteiligten Fakto- dies leicht anhand der dominanten und

74 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
rezessiven Allele bei Mendels Erbsen-
pflanzen. In dem dafür vorgestellten me-
chanischen Modell verhindert der »Alles-
oder-nichts-Schalter«, dass sich die Blü-
tenfärbung (der Output) kontinuierlich
mit der Zahl der »violetten« Allele (dem
Input) intensiviert. Zwei violette bewir-
ken dadurch nicht mehr als nur eines.
Wen wundert es, dass Dominanz ge-
wöhnlich aus nichtlinearen Prozessen
(wie solchen mit Schwellen) resultiert,
bei biochemischen wie embryonalen
Abläufen.
Ein inzwischen bekanntes Beispiel
aus der Biochemie publizierten 1981
Henrik Kacser und James Burns von der
schottischen Universität Edinburgh. Sie
berechneten für eine Serie enzymatisch
katalysierter Schritte die Beziehung zwi-
schen der Aktivität eines der Enzyme und Gen sollen zwei Spielarten, sprich Alle- Mit nun zwei unabhängigen veränderli-
der Gesamtreaktionsgeschwindigkeit, der le, existieren, die für zwei unterschied- chen Faktoren lässt sich das Verhalten
Durchflussrate. Bei einem System mit lich aktive Varianten des Enzyms kodie- des Systems nicht mehr anhand einer
nur einem Enzym verändert sich die Rate ren. Reinerbige Individuen tragen zwei Kurve in einer Ebene grafisch darstellen.
einfach linear mit dessen Aktivität. So- gleiche Exemplare eines Allels und ver- Das gelingt nur mit einer dreidimensio-
bald jedoch mehr als ein Enzym mit- treten damit entweder die obere oder die nal geformten Fläche, der phänotypi-
wirkt, wird die Rate eine nichtlineare untere Bandbreite möglicher Enzymak- schen Landschaft (siehe Kasten S. 76).
Funktion der Aktivität eines jeden Betei- tivität. Bei mischerbigen Individuen – Jeder Punkt auf dieser Landschaft reprä-
ligten. Und diese Nichtlinearität verstärkt solchen mit einem ungleichen Paar – sentiert den kombinierten Effekt zweier
sich, je länger die Reaktionskette wird liegt dagegen die Gesamtaktivität des unabhängiger Variablen, hier zunächst
(siehe Grafik unten). Enzyms genau auf halbem Wege zwi- der Variation zweier verschiedener Gene.
Betrachten wir das Ganze für eines schen der Ober- und Untergrenze. Da Die abhängige Variable – der Phänotyp
der Enzyme darin genauer. Von seinem jedoch der Durchfluss durch das viel- oder das ausgeprägte Merkmal – ist da-
schrittige System nicht mehr linear von bei der Flussrate durch das Gesamtsys-
der Enzymaktivität abhängt, erreicht er tem äquivalent.
1,0
beim mischerbigen Individuum ähnli- Angenommen, eine Population besä-
EMMA SKURNICK
relative Durchflussrate des Systems

neun-
schrittig che Bereiche wie bei der einen reinerbi- ße zu Anfang keinerlei genetische Varia-
0,8 gen Konstellation. Dadurch sieht es so bilität: Jedes Gen existierte nur jeweils in
drei- aus, als sei dieses eine Allel dominant einer einzigen Form, und alle Individuen
schrittig
0,6 über das andere. wären somit reinerbig für jedes Gen.
Wohlgemerkt: Der Dominanzeffekt Dann kann jedes Gen nur einen einzigen
0,4 ist hier keine Eigenschaft des Allels genetischen Wert an seiner horizontalen
selbst, denn solange man auf der Ebene Achse im Diagramm annehmen, und alle
0,2 des einzelnen Enzyms bleibt, wirken sich Individuen besetzten einen einzigen ge-
nur
Enzym 1 die Allele rein additiv aus. Er entsteht meinsamen Ort auf der phänotypischen

w ä
c
0,0
nur im Kontext der ganzen Reaktions- Landschaft. Tritt nun eine Mutation in
0,0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0 kette, in die das Enzym eingebunden ist. einem der beiden gewählten Gene auf,

it

th
relative Aktivität von Enzym 1 Dominanz ist somit eine Eigenschaft des wie wird sich das auf den Phänotyp aus-
Gesamtsystems. wirken? Das Ergebnis hängt einerseits da-

lin
t it
e
a

t
Die Durchflussrate einer enzymati- Bei ihren Berechnungen nahmen von ab, wie stark die Mutation das Gen-
o

a
s
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p
u

t
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r
gr
schen Kettenreaktion hst nicht- Kacser und Burns zur Vereinfachung an, produkt verändert und wo im Gelände
linear mit der genetisch bedingten Durch- die Aktivität aller anderen beteiligten die Population versammelt ist.

ß
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ig w
m
schnittsakti eines Enzyms, selbst Enzyme wäre konstant. In echten biolo-
wenn die der anderen beteiligten Enzyme gischen Systemen ist dies jedoch äußerst Gefahr am Steilhang

ä
e
r
konstant bleibt. Die Nic ist unwahrscheinlich. Über Tausende von Beseitigt die Mutation zum Beispiel eine
umso , je mehr Schritte hin- Generationen haben sich für die meis- Art Bremse im Gen, steigt die Aktivität
zukommen. Erbt ein Individuum ein eher ten, wenn nicht alle Enzyme eines Stoff- des entsprechenden Enzyms beträchtlich
aktives Enzym, ist der Gesamt- wechselweges verschiedene Varianten gegenüber ihrem Ausgangswert. Diese
durchfluss einer neunstufigen Stoffwech- entwickelt. Um wieder klein anzufangen: Mutation verschiebt daher den geneti-
selreaktion fast so hoch, als die effi- Was geschieht, wenn das auf zwei der schen Wert um einen entsprechenden
zienteste Form vorhanden. Enzyme einer Reaktionskette zutrifft? Betrag an der Achse, die das betroffene

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 75
GENETIK z
Gen repräsentiert – und damit verschiebt
sie auch das betroffene Individuum auf Die phänotypische Landschaft
einer Profillinie parallel dazu (a und b im
Kasten rechts). Weist die Landschaft in Anhand einer dreidimensional gebogenen Fläche lässt sich veranschaulichen, wie
diesem Bereich einen Steilhang auf, so stark zwei Gene oder ein Gen und ein Umweltfaktor ein Merkmal beeinflussen.
verändert sich der Phänotyp viel deutli-
cher als bei sanfter Steigung. Die Wir-
kung einer Mutation auf ein Merkmal
hängt also – wie übrigens auch dessen Zwei Personen X und Y können sich äußerlich in einem Merkmal (einem Phänotyp)
Dominanz – davon ab, wo auf der phä- gleichen, während sie sich in der Aktivität ihrer relevanten Enzyme von Gen A und
notypischen Landschaft sich sein Aus- Gen B stark unterscheiden (a). Sie sitzen dann zwar auf derselben Höhenlinie der so
gangspunkt befand. Anders gesagt: Die genannten phänotypischen Landschaft, aber an verschiedenen Orten. Eine Muta-
Größe des Effekts ist keine Eigenschaft tion in Gen A, welche die Aktivität des entsprechenden Enzyms erhöht, wird sich da-
der Mutation an sich, sondern wieder her »geländebedingt« sehr unterschiedlich auswirken: Der Phänotyp von Y ändert
eine Funktion des Ganzen. sich dramatisch, der von X hingegen bleibt praktisch unverändert, weil sich sein Ge-
Anhand der phänotypischen Land- notyp nur längs einer Höhenlinie verschiebt (b).
schaft wird zugleich verständlich, wes-
halb Mutationen sich bei anderem gene- Individuen
tischen Hintergrund so grundverschie-
den auswirken können. Dieser bestimmt X Y X Y
nämlich, wo im Gelände ein Individu-
um oder eine Population lokalisiert ist. 1,0 1,0

0,8 0,8
A BIS C: AMERICAN SCIENTIST / TOM DUNNE

Mehrdimensionale Landschaften
Merkmal

Merkmal
Man betrachte dazu zwei Individuen X 0,6 0,6
und Y, die denselben Phänotyp aufwei- 0,4
Y 0,4
sen, daher auf derselben Höhenlinie sit-

1,0
1,0
X

B ,8
B ,8
zen, obwohl sich ihre Allele für Gen A 0,2 X 0,2

n ,6 0
n ,6 0

Ge,4 0
Ge,4 0
1,0
und Gen B unterscheiden. Durch den 0,0 0,8 0,0
1,0
0,8

0
0

0,6 0,6

0,2
Positionsunterschied haben Mutationen
0,2

Gen 0,4 Gen 0,4


A 0,2 A 0,2
a b

0,0
0,0

in Gen A für beide Träger ganz unter- 0 0

schiedliche Konsequenzen: Der Phäno-


typ von Y ändert sich deutlich, der von
X hingegen kaum. Genau umgekehrt Die Schwere einer Mutation – von neu- nalentwickung der Taufliege Drosophila
verhält es sich für Mutationen des Gens tral bis gravierend – ist also wiederum melanogaster, formuliert werden.
B (siehe Grafik a und b im Kasten). keine Eigenschaft des mutierten Allels Angesichts der rasant fortschreiten-
In einer Population, in der alle Indi- selbst, sondern davon abhängig, welche den Erkenntnisse dürften bald auch zahl-
viduen den Genotyp von X aufweisen, Allele anderer Gene bei dem Individuum reiche andere biologische Systeme und
könnten sich daher mit der Zeit viele oder der Population vorliegen. Merkmale so weit verstanden sein, dass
Mutationen in A anhäufen, die wegen Prinzipiell kann man in die Darstel- sie sich mathematisch erfassen lassen. Da
ihrer bestenfalls geringen Auswirkungen lung der phänotypischen Landschaft sie in der Realität dem Einfluss vieler,
auf das Merkmal keinen Selektionsnach- nicht bloß zwei, sondern alle geneti- unabhängig variierender Gene unterlie-
teil brächten. Evolutionsbiologen pfle- schen Variablen einbeziehen, die ein gen, können sie nur in Form multidi-
gen solche Mutationen als neutral zu be- Merkmal beeinflussen. Voraussetzung: mensionaler phänotypischer Landschaf-
zeichnen. Mutationen in B hätten dage- die Mechanismen, die das Merkmal her- ten dargestellt werden, mit einer Achse
gen deutliche, womöglich nachteilige vorbringen, müssen bekannt und in für jede der vielen unabhängigen Variab-
Auswirkungen und würden selektionsbe- Gleichungen umzuformen sein, die len. Im Computer ist die Handhabung
dingt dann aus der Population ver- letztlich die Gestalt der phänotypischen multidimensionaler Oberflächen und ih-
schwinden. Evolutionär heißt das hier: Landschaft bestimmen. In der Praxis ist rer Biegungen nicht besonders schwierig
Das eine Gen kann ziemlich schadlos diese Aufgabe überaus schwer lösbar, – es ist jedoch unmöglich, ihre Gestalt
zahlreiche Varianten entwickeln, das an- derzeit im Großen und Ganzen sogar zeichnerisch darzustellen. Zur Veran-
dere hingegen kaum – und dies obwohl nur bei biochemischen Systemen, da es schaulichung betrachten wir daher ge-
beide Gene für Enzyme desselben Stoff- einer präzisen mathematischen Beschrei- wöhnlich nur zwei unabhängige Variab-
wechselweges kodieren und gleichartige bung der Reaktionsgeschwindigkeiten len gleichzeitig, immer im Hinterkopf,
Auswirkungen auf das Merkmal hätten, und der Faktoren, von denen sie abhän- dass diese in einem größeren, multidi-
könnte man sie isoliert untersuchen. gen, bedarf. In den letzten zehn Jahren mensionalen Rahmen stehen.
Dasselbe lässt sich für eine Populati- ist aber das Verständnis entwicklungs- Wenn jedes Individuum als Punkt
on von Individuen mit dem Genotyp Y biologischer Prozesse so gewachsen, dass auf der Phänotypfläche dargestellt wird,
durchspielen. Hier wären Mutationen in inzwischen genaue mathematische Mo- repräsentiert eine Population mit vielen
Gen B neutral, in Gen A problematisch. delle, beispielsweise der frühen Embryo- Mitgliedern eine Punktwolke. Ihre Aus-

76 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
mathematischen Modellierung solcher
Prozesse lassen sich die Auswirkungen der
Temperatur auf die Reaktionsgeschwin-
Die phänotypische Landschaft erklärt auch, weshalb sich die genetisch variieren- digkeiten berechnen (siehe Grafik d im
den Individuen einer Population gewöhnlich auf einen engen Optimalbereich zusam- Kasten). Die Gestalt der phänotypischen
mendrängen (c). Wenn sich zwei Individuen X und Y von entgegengesetzten Extre- Landschaft wird in diesem Fall sowohl
men des Bereichs miteinander paaren, werden ihre Nachkommen auf eine andere von genetischen als auch von umweltbe-
phänotypische Höhenlinie gelangen, die unter Umständen eine schlechtere Anpas- dingten Variablen bestimmt. So ist leicht
sung an die gewöhnlich herrschenden Umgebungsbedingungen bedeutet. Sie wer- abzulesen, wie Umwelteffekte die Emp-
den dann eher wieder eliminiert. findlichkeit des Systems gegenüber Muta-
tionen verschiedener Gene beeinflussen.
Anhand einer phänotypischen Landschaft lassen sich auch die Konsequenzen veran- In einer solchen phänotypischen
schaulichen, wenn ein variierendes Gen mit einem variierenden Umweltfaktor wie der Landschaft repräsentiert ein Profil paral-
Temperatur interagiert (d). Beispielsweise könnte eine höhere Temperatur die Blüten- lel zur Umweltachse die – beispielsweise
farbe intensivieren, was sich aber nur dann deutlich bemerkbar machen würde, wenn temperaturabhängige – »Reaktionsnorm«
das Produkt von Pflanzengen A träge arbeitet oder in zu geringer Menge entsteht. eines individuellen Genotyps. Ein Profil
parallel zu einer genetischen Achse spie-
gelt hingegen den Effekt von Mutationen
auf ein Merkmal unter der gegebenen
X Y Z Umweltbedingung wider. Solange diese
Landschaft nicht eben und linear ist, was
1,0 sie vermutlich niemals sein kann, werden
Merkmal

die Umwelteffekte somit ebenso kon-


0,8
textabhängig sein wie die genetischen.
Merkmal

0,6 Obwohl die auf Papier darstellbare


0,4
Zahl der Dimensionen beschränkt ist,
Z
ermöglichen Grafiken wie diese doch ein
,0

Y
B 81

0,2 X
n 6 0,

ur intuitives Verständnis der Interaktionen


Ge rat
Ge4 0,

EMMA SKURNICK

1,0
0,0 0,8 nA
mp
e zwischen Genen und anderen Faktoren.
0,

0,6
Te
0,2

Gen 0,4
A 0,2 Die in Wirklichkeit multidimensionalen
c d
0,0

0
Systeme sind zumindest rein mathema-
tisch darstellbar. Irgendwann, mit der
Entwicklung geeigneter computerge-
dehnung in den unterschiedlichen Di- der Landschaft verändern oder neuen stützter Visualisierungsmethoden, wird
mensionen entspricht der Bandbreite an evolutionären Druck erzeugen. es uns vielleicht sogar möglich sein, in
Allelen, die speziell diese Gruppe für je- Eine quantitative mathematische Be- multidimensionalen Räumen frei um-
des am Merkmal beteiligte Gen aufweist. schreibung eines Phänotyps hat zudem herzuwandern und dadurch sicherlich
Anhand der phänotypischen Landschaft den Vorteil, dass sich sämtliche Faktoren noch tiefere Einblicke in diese komple-
könnte man dann beispielsweise verfol- einbeziehen lassen, die seine Entwicklung xen Phänomene zu gewinnen.
gen, wie sich die gesamte Populations- und Eigenschaften beeinflussen. Man
wolke mit der Zeit verschiebt, wenn braucht sich nicht auf Gene oder die ent- H. Frederik Nijhout, Professor
neue Mutationen auftreten und die na- sprechenden Enzyme zu beschränken, für Biologie an der Duke-Univer-
türliche Auslese greift. sondern kann auch nichtgenetische Para- sität in Durham (North Carolina), A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
meter berücksichtigen. Beispiele sind promovierte 1974 an der Har-
Einbezogene Umwelt Temperatur, Nährstoffzufuhr oder Hor- vard-Universität in Cambridge
(Massachusetts). Er untersucht
Bei einmal erreichtem phänotypischem mone, die der Körper auf externe Stimuli unter anderem, wie Hormone das Wachstum und
Optimum breitet sich die Punktwolke hin ausschüttet. Diese umweltabhängi- die Metamorphose von Insekten kontrollieren, so-
entlang der Höhenlinien kaum mehr aus, gen Faktoren können die Geschwindig- wie die Mechanismen, die eine Umschaltung zwi-
da die Nachkommen zweier Individuen keit bestimmter enzymatischer Reaktio- schen alternativen Entwicklungsprogrammen er-
möglichen.
von weit entfernten Punkten der Höhen- nen verändern oder neue Interaktionen
linie wegen der Nichtlinearität des Sys- induzieren. Solche Effekte sind mathe- © American Scientist (www.americanscientist.
tems nicht mehr auf gleicher Höhe lan- matisch ebenso erfassbar und darstellbar org)
den – sie verlassen den Optimalbereich wie die eines Gens. On the association between genes and complex
(siehe oben, Grafik c). Damit sind Selek- Zum Beispiel beschleunigt ein Tem- traits. Von H. F. Nijhout in: Journal of investigative
tionsnachteile zu erwarten. Wir können peraturanstieg um 10 Grad Celsius man- Dermatology, Bd. 8, S. 162, 2003
deshalb vorhersagen, dass Populationen che biochemische Reaktion um das Dop- The nature of robustness in development. Von H.
mit der Zeit relativ kompakte Punktwol- pelte, während er andere behindert. Dies F. Nijhout in: BioEssays, Bd. 24, S. 553, 2002
ken auf der phänotypischen Landschaft kann völlig unerwartete Konsequenzen Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
bilden – zumindest solange nicht weitere für die Funktion eines komplexen bioche- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
hinzukommende Variablen die Gestalt mischen Synthesewegs haben. Mit einer

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 77
JUNGE WISSENSCHAFT

Wollen Sie Ihren Schülern einen An-


reiz zu intensiver Beschäftigung mit
der Wissenschaft geben? »Wissen-

Hochspannung im schaft in die Schulen« bietet teilneh-


menden Klassen einen Klassensatz

Physiksaal »Spektrum der Wissenschaft« oder


»Sterne und Weltraum« kostenlos
für ein Jahr, dazu didaktisches Mate-
Erfinderclubs bieten Schülerinnen und Schülern ab der 9. Klasse Ge- rial und weitere Anregungen.
www.wissenschaft-schulen.de
legenheit und Unterstützung für unkonventionelle Experimente.

Von Kathrin Schlößler Hervorgegangen ist die Gruppe aus chen, können auch schon jüngere Schü-
einer seit 1993 bestehenden Physik-AG ler ab der 9. Klasse Mitglied im Erfinder-

Z
isch. Rauch und Feuer im Phy- am Grimmelshausen-Gymnasium Geln- club werden.
sikraum. Vier Schüler grinsen hausen. Die Arbeitsgemeinschaft von »Im Erfinderclub finden die Schüler
verlegen. So war das nicht ge- Norbert Großberger und seinem Kolle- Raum für eigene Projekte, für die im
dacht. Ein Lehrer holt schnell gen Erwin Bernhardi, die bislang eher Unterricht kein Platz ist«, erklären Nor-
eine Löschdecke. Nach kurzer Bestands- unregelmäßig getagt hatte, erhielt neuen bert Großberger und Erwin Bernhardi
aufnahme – niemand ist verletzt, das Feu- Auftrieb durch den Kontakt mit dem das Konzept. »Und vor allem: Physik soll
er hat keinen ernsten Schaden angerichtet »Zentrum für Mathematik und Litera- Spaß machen!« Anstelle der herkömmli-
– kehrt die heitere Stimmung zurück. tur« am selben Ort (Kasten rechts). Des- chen Lehrerrolle haben die beiden Päda-
Wochenlang hat sich die sechsköpfige sen Gründerin Bettina Mähler begeister- gogen somit beratende und unterstüt-
Zehntklässler-Gruppe (Stefan Vonder- te die Lehrer für das Konzept des Maris- zende Funktion für die Ideen der Schü-
lend, Maik Thöner, Bo Thöner, Marius tengymnasiums in Fürstenzell bei Passau, ler. Sie stehen den Gruppen mit Rat und
Müller, Yannik Gerstenberger und Bryan das seit Langem Erfinden als Unterrichts- Tat zur Seite, übernehmen aber nicht das
Vaupel) über das Thema »Flugobjekte« fach hat, und sorgte dafür, dass das Bun- Kommando.
informiert und schließlich ein Experi- desministerium für Bildung, Wissen-
ment ausgewählt: den Bau eines Minia- schaft, Forschung und Technik (BMBF) Physik soll Spaß machen!
tur-Heißluftballons. Nach der Berech- finanzielle Fördermittel bereitstellte. So Der Zugang zur Physik liegt hier nicht
nung von Umfang, Volumen und Ge- wurde aus dem Projekt der INSTI-Erfin- in der Theorie, die Schüler meist als ab-
samtgewicht haben die Schüler das derclub (Kasten S. 80). schreckend oder langweilig empfinden,
Fluggerät aus Seidenpapier, Kleber und Im Durchschnitt hat die Arbeitsge- sondern in der Praxis. »Rumbasteln und
Tesafilm zusammengebaut. Drei Bunsen- meinschaft 15 Mitglieder pro Schuljahr. Neues ausprobieren ist cool«, erklärt ein
brenner sollen die Heißluft für den Auf- Neben Oberstufenschülern, die zum Bei- Schüler. Nicht selten holen sich die Ju-
trieb erzeugen. spiel nach einem geeigneten Umfeld für gendlichen Anleitungen aus dem Inter-
Als der entscheidende Zeitpunkt des eine Teilnahme bei »Jugend forscht« su- net und entwickeln sie weiter. Oder sie
ersten Flugversuchs gekommen ist, macht
der Wind auf dem Schulhof die Vorfüh-
rung unmöglich, und man zieht in den
Klassenraum um. Dort ist die Gruppe ei-
nen Augenblick unachtsam, und schon
fängt der Ballon Feuer. Das leicht ent-
zündliche Seidenpapier verkohlt schnell,
und ein Ascheregen geht auf die erstaun- Aus urheberrechtlichen Gründen
ten Schüler nieder. »Fehler sind erlaubt«, können wir Ihnen die Bilder leider
meint einer der Betreuer, der Mathema- nicht online zeigen.
tik- und Physiklehrer Norbert Großber-
ger, dazu.

Hoffnungsfroher Anfang und trau-


r riges Ende eines selbst entwickel-
ten Heißluftballons

78 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Das Zentrum für Mathematik und Literatur Gelnhausen
Ausgelöst durch jahrelange Anfragen von Eltern nach Zusatzan- wurde – unter anderem durch die Initiativen in Gelnhausen – in-
geboten für begabte Kinder und Jugendliche, gründete die Pä- zwischen auf die Bereiche Literatur, Physik und Chemie ausge-
dagogin und Buchautorin Bettina Mähler im November 2002 dehnt.
eine Einrichtung, die außer Kursen für Hochbegabte auch Bera- Die Buchreihe »Eins Plus« (Cornelsen Scriptor Verlag), he-
tung und Elternseminare anbietet. Mittlerweile ist das »Zen- rausgegeben von Bettina Mähler und Michael Meyer, dem Vor-
trum für Mathematik und Literatur Gelnhausen« eines von fünf standsvorsitzenden des Trägervereins, bietet Materialien für
Instituten, die vom Trägerverein Zentrum für Mathematik e. V. den Unterricht von begabten Schülern. Die Themen sind Ma-
in Bensheim unterhalten werden. Dessen Programm, das ur- thematik und Literatur für verschiedene Altersstufen.
sprünglich der Förderung der Mathematik vorbehalten war, http://www.z-f-m.de

entwerfen selbst Experimente – sonst »Jugend forscht« und eine jüngere Grup- allem in geschlossenen Räumen anrei-
Aufgabe der Lehrer. Die Schüler sagen: pe bei »Schüler experimentieren« teil chern kann. In gewissen Regionen stellt
»Wir experimentieren viel, aber nicht (Bilder S. 81). Im Regionalwettbewerb dies eine nicht unerhebliche Belastung
sinnlos.« Ganz ohne Theorie geht es Hessen-Mitte gab es am 17. Februar be- für den menschlichen Organismus dar.
doch nicht; deshalb darf man erst nach reits zwei erste Preise – mit Qualifikation Den Nachweis des Edelgases Radon
zwei Jahren regulären Physikunterrichts zur Teilnahme am Landeswettbewerb – führen wir mit Hilfe der Hochspan-
am Erfinderclub teilnehmen. und einen zweiten Preis. nungsmethode. Hierfür spannen wir ei-
Eine Vielzahl der Teilnehmer wählt nen fünf Meter langen Draht in die Luft,
Physik als Leistungskurs und später als Reine Mädchensache: Radioaktivität der an den negativen Pol einer Fünf-Ki-
Studienfach. Außerdem, gesteht Erwin Meine Freundinnen Luisa Ickes und lovolt-Hochspannungsquelle angeschlos-
Bernhardi schmunzelnd, lerne er selbst Franziska Metzler fanden den Anstoß sen ist. Da bei radioaktiven Zerfällen
auf Grund der zum Teil ungewöhnlichen zum Thema Radioaktivität, als sie wäh- Elektronen aus der Atomhülle geschla-
Problemstellungen auch noch etwas dazu. rend eines Praktikums an einem Mess- gen werden, sind die radioaktiven Parti-
Idealismus ist erforderlich: Bislang platz zur Gamma-Spektroskopie arbeite- kel positiv geladen. Sie lagern sich ge-
erhalten die beiden Lehrer für ihre Ar- ten. Ich selbst stieß auf das Thema in meinsam mit Staub und positiv gelade-
beit weder zusätzliches Gehalt noch zeit- meinem Leistungsfach Chemie. Wir drei nen Aerosolen an dem Draht an. Nach
lichen Ausgleich. Immerhin soll das Pro- taten uns zusammen und stellten uns dem Ende der Messzeit wickeln wir den
jekt ab dem nächsten Schuljahr auch – unter dem Motto »Dem Radon auf der Draht auf und stecken ihn in einen Szin-
in Form von Entlastungsstunden – vom Spur« die Aufgabe, die meist sehr gerin- tillationszähler, mit dem wir die Radio-
Schulamt gefördert werden. ge natürliche Radioaktivität in der Um- aktivität der Partikel bestimmen.
Auch ohne Notengebung stehen die gebungsluft mit schulischen Mitteln Das Zählergebnis zeigt für die Gam-
Schüler unter einem gewissen Druck, nachzuweisen. mastrahlung markante Peaks in den für
das behandelte Thema richtig zu verste- Radioaktives Uran, das in der Natur Radon-222 typischen Energiebereichen.
hen. Man will sich ja nicht blamieren, in manchen Gesteinen vorkommt, zer- Somit ist Radon-222 nachgewiesen. Ver-
wenn man schulintern und auch bei öf- fällt über verschiedene Zwischenproduk- gleichsmessungen mit dem professionel-
fentlichen Wettbewerben das eigene Pro- te in das radioaktive Edelgas Radon-222. len Radonmessgerät »Alpha Guard«, das
jekt vorstellt. In diesem Jahr nehmen Dieses gelangt durch Diffusion und uns die Firma Genitron freundlicherwei-
zwei Gruppen unseres Erfinderclubs bei Konvektion in die Luft, wo es sich vor se zur Verfügung stellte, belegen, dass die

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nicht online zeigen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 79
JUNGE WISSENSCHAFT

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Makroskopisches Modell einer Paul-Falle Hochspannungsmethode zuverlässige
Ergebnisse liefert. Außerdem untersuch-
ten wir die Quellen erhöhter natürlicher

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Eine echte Paul-Falle, deren Zentrum nicht größer als ein Millimeter ist, h lt Ionen Radioaktivität in Privathaushalten. Das

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durch ein elektrisches Wechselfeld im Raum gefangen und macht sie dadurch ge- können neben schlechten Abdichtungen
nauesten Untersuchungen zug nglich. Auf Grund dieser Möglichkeit ist die Paul-Fal- in Kellerböden und -wänden bestimmte
le einer der Meilensteine auf dem Weg zum Quantencomputer. Sie ist auch f r die Baumaterialien sein.
Entwicklung und den Betrieb modernster Atomuhren unerl sslich geworden. Urva-

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ter der Erfindung ist Wolfgang Paul, der die Falle in den 1950er Jahren entwickelte Blitze fü aser
y- Eine Gruppe von vier Oberstufenschü-
sik verliehen bekam (Spektrum der lern setzte sich das Ziel, einen Laser aus

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Wissenschaft 12/1989, S. 14). leicht zugänglichen Materialien zu bau-

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Um dieses Prinzip auch dem Schul- en. Matthias Ungermann, Nico Seib, Se-

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unterric h zu machen, bau- bastian Zander-Walz und Henning Heg-
te Christian Schickedanz ein makrosko- gen griffen dabei auf das billigste und

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pisches Modell der Falle nach. Das einfachste Medium zurück, das es gibt:

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Aus urheberrechtlic htbaren elek- Stickstoffgas, den Hauptbestandteil der
trischen W nden ist in seinem Fall Luft. »Diesen Versuch führen normaler-
nicht online zeigen. etwa so groß wie ein Zw k weise Studenten an Universitäten durch«,
und fasst geladene Teilchen von der erklärt Norbert Großberger. »Er erfor-
aubkorns. Im Experi- dert viel Fingerspitzengefühl. Ich glaubte
ment w erwen- nicht unbedingt an den Erfolg des Expe-
det, welche von einem Neodymlaser riments.« Doch das Team um Matthias
beleuchtet werden, sodass sie mit blo- Ungermann belehrte ihn eines Besseren:
ßem Auge gut sichtbar sind. Der im ultravioletten Licht strahlende
Stickstofflaser funktionierte perfekt.
Die Bauteile des Lasers – eine metal-

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lische Grundplatte, zwei weitere kleine
Wie gründe ich einen INSTI-Erfinderclub? Platten mit einer Einkerbung und eine

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Spule – stellten die Schüler aus ebenfalls

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Man nehme einen oder besser zwei enga- Aus Mitteln des Bundesministeriums leicht zugänglichen Materialien her: Alu-
gierte Lehrer/innen; diese geben den Im- für Bildung, Wissenschaft, Forschung miniumblechen und Kopierfolie. Zwi-

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nder- und Technik erhält jeder INSTI-Erfinder- schen zwei dicht benachbarten Blech-
clubs und machen die Konzeption publik. club pro Jahr bis zu 750 Euro für die plättchen legten sie eine elektrische
Melden sic Clubarbeit. Davon sind 250 Euro zu- Hochspannung an. Durch Funkenüber-
Sc nächst gesperrt und werden erst ausge- schläge (»Blitze«) werden Stickstoffmole-
10), bewirbt sich die Schule bei dem IN- zahlt, wenn der Erfinderclub Sponsoren- küle in der Luft angeregt, das heißt,
STI-Projektmanagement (INS gelder in mindestens gleicher Höhe Elektronen aus der Atomhülle von ihrem
»Innovationsstimulierung«), das beim eingeworben hat. Grundzustand in einen angeregten Zu-
Institut der deutschen Wirtschaft in Köln stand versetzt. Beim Zurückfallen in den
angesiedelt ist. Das INSTI-Projektmanagement unterstützt Grundzustand emittiert ein Atom ein
Deutschlandweit gibt es 155 INSTI- zusätzlich die Teilnahme an weiteren Photon, das seinerseits andere angeregte
Erfinderclubs mit insgesamt 4000 Mit- Aktionen, wie Marketingschulungen, Atome zur Emission eines Photons ver-
gliedern jedes Alters. Damit ist die Ge- Seminaren und Erfahrungsaustausch- anlasst. Das ist das Funktionsprinzip des
samtheit der Clubs Deutschlands größtes treffen. Lasers: die stimulierte Emission.
Netzwerk für Erfindungen und Patentie- Durch Interferenzversuche mit einem
rung. Etwa die Hälfte der Clubs ist Kin- Rowland-Gitter fanden die Schüler he-

ö
dern und Jugendlichen vorbehalten. Bewerbungsunterlagen raus, dass die Wellenlänge des von dem
finden sich im Internet unter Laser erzeugten monochromatischen
Ziel des Netzwerks ist die Kreativitäts- www.erfinderclubs.de > Erfinder- Lichts zirka 337 Nanometer beträgt.
förderung und die Verwirklichung und clubs unter sich > Club-Leiter-Ecke
Vermarktung von Ideen. Insbesondere Abh rsicher: optischer Datentransfer
geht es um die Förderung mathema- Institut der Matthias Ungermann, Alexander Kal-
tisch und naturwissenschaftlich begab- deutschen Wirtschaft Köln weit und Johannes Coy versuchten, eine
ter und interessierter Schüler. Darüber Gustav-Heinemann-Ufer 84 – 88 Alternative für den Datentransfer zwi-
hinaus sollen Fähigkeiten wie Problem- 50968 Köln schen zwei Computern zu entwickeln.
lösestrategien und Teamfähigkeit ver- E-Mail: treu@iwkoeln.de Ihr Ansatz: Daten in Tonsignalen kodie-
mittelt werden. ren und diese optisch übertragen. »Es
standen von Anfang an weniger die in-

80 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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Aus urheberrechtlic

nicht online zeigen.

formationstechnischen, sondern viel- Herausforderung. Das Gerät muss sehr Sebastian Binder, Malte Volkwein
mehr die physikalischen Fragestellungen präzise gearbeitet und geplant werden. o und Sascha Gourdet (linkes Bild) ka-
im Vordergrund«, erklärt das Team. Die Dem Team von Christoph Böttge men im Regionalwettbewerb von »Schü-
Realisierung gelang mit einer Soundkar- und Stefan Höflich gelang das in spekta- ler experimentieren« auf den ersten Platz
te und einer Lichtleiterstrecke. »Zwar ist kulärer Weise. Ihr Tesla-Transformator mit einer Untersuchung über die Effizienz
die Übertragungsgeschwindigkeit noch ist größer, aber kostengünstiger als käuf- einer Photovoltaikanlage. Luisa Ickes, die
gering«, stellten die Tüftler fest, »doch liche Produkte und erzeugt im Gegen- Autorin Kathrin Schlößler (Mitte im rech-
der Steigerung der Datenrate stehen kei- satz zu diesen Blitze von mehr als 30 ten Bild) und Franziska Metzler erhielten
ne gravierenden physikalischen Proble- Zentimetern Länge. Im abgedunkelten im Regionalwettbewerb von »Jugend
me im Weg.« Im Gegensatz zum her- Physikraum mit dem zugehörigen Don- forscht« einen ersten Preis für Untersu-
kömmlichen Kupferkabel ist ihre Daten- ner ergibt das einen höchst eindrucksvol- chungen zur natürlichen Radioaktivität.
übertragung abhörsicher. »Glasfasern len Knalleffekt!
strahlen nicht ab.« Neben dem »Standardprogramm« er-
Mit diesem Konzept kamen sie beim möglichte der INSTI-Erfinderclub Geln-
Wettbewerb »Jugend forscht« bis auf ei- hausen seinen Mitgliedern eine unerwar- Nachdem Erwin Bernhardi den Kreati-
nen dritten Platz im Landeswettbewerb tete Unternehmung. Aus Anlass des 40- ven eine petroleumgetriebene Rakete
Hessen und erhielten weitere Auszeich- jährigen Bestehens des Elysée-Vertrags rechtzeitig ausgeredet hatte, wandten sie
nungen. Wären sie weitergekommen, mit Frankreich hatte die französische sich einem anderen Element zu: dem
hätten sie versucht, auch den Lichtleiter Ministerin für »Recherche et Nouvelles Wasser. Sie haben selbst berechnet, wie
noch wegzulassen und die Signale mit Technologies« (Wissenschaft und neue schwer eine Wasserrakete sein darf, und
Hilfe einer Laserdiode direkt durch die Techniken), Claudie Haigneré, insge- untersucht, welches Material sich dafür
Luft zu transportieren. samt 100 deutsche Schüler nach Frank- eignet. Gespannt versammelt sich die
Leider konnten sie die Erfindung reich eingeladen. Die »Fête de la science« Gruppe um die in mühseliger Arbeit er-
nicht patentieren lassen, denn das Ver- fand vom 15. bis 19. Oktober 2003 in baute Rakete. Erinnerungen an den
fahren wurde unabhängig von ihnen be- mehreren französischen Städten, darun- missglückten Versuch sind den nervösen,
reits einige Jahre zuvor in den USA ent- ter Paris und Bordeaux, statt. Vier Geln- beunruhigten Gesichtern anzusehen.
wickelt. Alle Beteiligten studieren mitt- häuser Erfinderclubmitglieder bewarben Ein Gruppenmitglied pumpt Luft in
lerweile Physik. sich um die Teilnahme und wurden aus- das Gefäß. Durch die Reaktion von Nat-
gewählt (für ganz Hessen gab es nur 15 riumhydrogenkarbonat mit Essigsäure
Donnern mit dem Tesla-Transformator Plätze). Das Fest war – mit zahlreichen im Wasser entsteht Kohlendioxid und
Man erzeuge mittels einer Funkenstrecke Besuchen in Museen, Universitäten und verstärkt den Druck. Fuschhh! Und die
eine hochfrequente Wechselspannung, Firmen – ein »einmaliges Erlebnis«, so Rakete rauscht davon. Mindestens 30 bis
die durch ein Spulenpaar auf ungefähr Erwin Bernhardi, der die Gruppe aus 40 Meter hoch. Das Experiment ist ge-
300 000 Volt hochtransformiert wird. Hessen begleitete. Zum Spaß kam die lungen!
Das ist das Prinzip des Tesla-Transforma- Gelegenheit hinzu, Kontakte zu knüp-
tors, benannt nach Nicola Tesla (1856 – fen, die zum Beispiel auf Praktika in Kathrin Schlößler steht kurz vor dem Abitur am
1943), einem Pionier der Elektrotechnik. französischen Instituten hinauslaufen. Grimmelshausen-Gymnasium in Gelnhausen.
Tesla-Transformatoren gibt es zwar Die anfangs geschilderte Flugobjekt- Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
auch im Versandhandel, doch einen mit Gruppe hat sich übrigens von ihrem spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
schulischen Mitteln herzustellen ist eine Fehlschlag nicht entmutigen lassen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 81
ASTRONOMIEGESCHICHTE z
Die Neptun-Affäre
Die Ereignisse, die zur Entdeckung des Planeten Neptun führten,
tauchen in fast jedem Astronomiebuch auf. Doch jüngst auf-
gefundene Originaldokumente legen den Schluss nahe, dass die
bisherige Version der Geschichte geändert werden muss.

STERNKARTE: BIBLIOTHEKSARCHIV DES ASTROPHYSIKALISCHEN INSTITUTS

von Adams
berechnet
Triumph der Himmelsmechanik: Diese Sternkarte aus
dem Himmelsatlas der Berliner Akademie half den As-
tronomen Johann Galle und Heinrich Louis d’Arrest, in
der Nacht des 23. September 1846 den Planeten Neptun
zu entdecken. Die Notiz (vermutlich von Galles Hand)
POTSDAM; NEPTUN: NASA/JPL

markiert die Entdeckungsposition und die von dem fran-


zösischen Astronomen Urbain Jean Joseph Le Verrier
berechnete Position. Wie sich später herausstellte, hatte
auch der Engländer John Couch Adams den Planeten in
diesem Himmelsareal vermutet.
Von William Sheehan, Französische Astronomen reagierten Mitte der 1960er Jahre beantworteten Bi-
Nicholas Kollerstrom und Craig B. Waff darauf mit Skepsis. Aber ein Bericht, den bliothekare der Sternwarte Greenwich
der britische Astronom George Biddell entsprechende Anfragen mit dem Hin-

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ieser Stern ist nicht auf der Airy (1801 – 1892) am 13. November weis, die Akten wären »nicht verfügbar«.
Karte!« Der Ausruf des As- 1846 der Königlichen Astronomischen Ihr Verbleib bildete ein ähnliches Rätsel
tronomiestudenten Heinrich Gesellschaft (Royal Astronomical Society, wie die Neptun-Affäre selbst. Wie konn-
Louis d’Arrest (1822 – 1875) RAS) vorlegte, schien Adams Anspruch ten Dokumente, die mit einem der glor-
hallte in der Nacht des 23. September zu stützen. Airy bestätigte darin, dass er reichsten Ereignisse der Astronomiege-
1846 durch die Kuppel der Berliner tatsächlich im Herbst 1845 von Adams schichte verbunden sind, einfach fehlen?
Sternwarte. Sein Nachhall klang in allen eine prognostizierte Position erhalten Rawlins und die Mitarbeiter der Bi-
astronomischen Einrichtungen fort. hatte und dass er im darauf folgenden bliothek vermuteten, dass sich die Unter-
Ausgerüstet mit einer Sternkarte auf Sommer eine Suche nach dem Planeten lagen im Besitz des Astronomen Olin J.
dem Tisch vor sich, half d’Arrest dem eingeleitet hatte. Adams und Le Verrier Eggen befanden, der Anfang der 1960er
Astronomen Johann Gottfried Galle wurde daraufhin der gleiche Anteil an der Jahre Hauptassistent des Königlichen As-
(1812 – 1910), eine erstaunliche Vorher- Entdeckung zugesprochen. tronomen gewesen war. Er hatte sie als
sage des Mathematikers Urbain Jean Jo- Wenn diese berühmte Geschichte Letzter ausgeliehen, um Biografien über
seph Le Verrier (1811 – 1877) zu über- später nacherzählt wurde, dann meistens Airy und Challis zu schreiben. Aber Eg-
prüfen. Der Franzose hatte die Hypothe- ohne Überprüfung von Airys Bericht. gen, der zunächst nach Australien und
se aufgestellt, dass die Bahn des damals Die Protagonisten Le Verrier, Adams, später nach Chile zog, behauptete stets,
fernsten bekannten Planeten, Uranus, Airy sowie James Challis (1803 – 1882) – er besitze die Dokumente nicht. Die Bi-
durch die Gravitation eines noch unbe- jener Astronom der Universität Cam- bliothekare übten keinen allzu großen
kannten Himmelskörpers gestört werde. bridge, der die britische Suche durch- Druck auf ihn aus, denn sie fürchteten,
Fünf Tage zuvor hatte er an Galle ge- führte – hatten ihre festen Rollen: Eggen könnte die Unterlagen ansonsten
schrieben: »Sie werden sehen, Monsieur, Adams, der scheue, widerstrebende Held, vernichten, um Spuren zu verwischen.
dass ich zeige, wie unmöglich es ist, die den ein Fachjournal der RAS damals als Das Rätsel blieb mehr als 30 Jahre
Beobachtungen des Uranus zu erklären, Englands »größten mathematischen As- ungelöst. Als Eggen am 2. Oktober 1998
ohne die Wirkung eines neuen, bis dahin tronomen ... mit Ausnahme von New- starb, fanden Kollegen in seiner Woh-
unbekannten Planeten einzuführen; be- ton« bezeichnete; er und Le Verrier hät- nung die vermissten Unterlagen (zusam-
merkenswerterweise gibt es nur einen ten sich über den internationalen Zwist men mit weiteren wertvollen Büchern
einzigen Ort in der Ekliptik, wo dieser hinweggesetzt und seien Freunde gewor- aus der Greeenwich-Bibliothek). Sie ver-
störende Planet lokalisiert werden kann.« den. Challis wurde für die vermasselte packten die mehr als 100 Kilogramm
Suche in England verantwortlich ge- schweren Materialien in zwei Kisten und
»Planetgate« macht. Und schließlich Airy, der als In- schickten sie an die Bibliothek in Cam-
Nach nur einer halben Stunde Beobach- begriff eines Bürokraten galt und die bridge, wo sich das Greenwich-Archiv
tung stieß Galle innerhalb von einem Sternwarte Greenwich offenbar wie ein heute befindet. Durch diese glückliche
Grad Abstand zur vorhergesagten Positi- Tyrann leitete. Entdeckung – in Verbindung mit weite-
on auf ein kleines, blaues Scheibchen. Im Lauf der Jahre haben mehrere ren Dokumenten aus anderen Archiven –
Als er den Himmelskörper in der folgen- Historiker diese Sichtweise hinterfragt. war es uns möglich, Neptuns Entde-
den Nacht erneut beobachtete, hatte er Einer der ersten war vor einem halben ckungsgeschichte erneut zu untersuchen.
sich etwas verschoben – ein sicheres Zei- Jahrhundert der britische Astronom Wil-
chen, dass es sich um keinen Stern han- liam M. Smart, der eine Sammlung von Rätselhafte Kursabweichung
delte. Galle schrieb umgehend an Le Adams’ wissenschaftlichen Veröffentli- Fünf Planeten unseres Sonnensystems
Verrier: »Den Planeten, dessen Position chungen übernommen hatte. Ende der sind bereits leicht mit bloßem Auge zu se-
Sie angegeben haben, gibt es wirklich!« 1980er Jahre stießen Allan Chapman hen und darum schon seit alters her be-
Diese Geschichte aus mathemati- von der Universität Oxford und Robert kannt: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und
scher Detektivarbeit und raschem Auf- W. Smith, damals an der Johns-Hop- Saturn. Der erste mit einem Teleskop auf-
finden des Planeten, für den Le Verrier kins-Universität in Baltimore (Mary- gefundene Planet war Uranus. In der
den Namen Neptun vorschlug, ist eine land), auf weitere wichtige Dokumente. Nacht des 13. März 1781 entdeckte ihn
der bekanntesten in der Astronomie. Und der Astronomiehistoriker Dennis der deutsch-englische Astronom William
Ebenso berühmt ist der Streit, der kurz Rawlins aus Baltimore, der sich seit Ende Herschel, als er den Himmel systematisch
nach Galles Bekanntmachung der Ent- der 1960er Jahre mit dem Thema be- mit einem selbst gebauten Spiegelteleskop
deckung einsetzte. Es stellte sich näm- schäftigt, geht sogar so weit zu behaup- durchforstete. Im Sternbild Zwillinge
lich heraus, dass ein junger englischer ten, britische Astronomen hätten im 19. stieß er auf ein winziges, gelbgrünes
Mathematiker, John Couch Adams Jahrhundert den Airy-Bericht absichtlich Scheibchen, das er dort noch nicht gese-
(1819 – 1892), unabhängig von Le Ver- gefälscht oder zumindest aufgepeppt. hen hatte. Handelte es sich möglicherwei-
rier dasselbe Problem gelöst und eine Diese Zweifel hätten aus der Welt ge- se um einen Kometen? Weitere Beobach-
fast identische Position für Neptun ab- schafft werden können, wenn Historiker tungen und Berechnungen von anderen
geleitet hatte – und zwar früher als Le Zugang zu den Dokumenten gehabt hät- Astronomen ergaben jedoch schnell, dass
Verrier. ten, auf die Airy sich bezog. Doch seit Herschels Objekt kein Schweifstern sein

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 83
ASTRONOMIEGESCHICHTE z
konnte. Denn ein solcher hätte sich auf
einer stark elliptischen Umlaufbahn be-
schaften. Darin sagte er einen Transura-
nus bei einer mittleren Länge – die Posi-
ter ihn als Genie bezeichnete und Adams’
Vater empfahl, »lieber den eigenen Hut
wegt. Die fast kreisförmige Bahn war hin- tion, wie man sie von einem hypotheti- zu verkaufen, als den Jungen nicht aufs
gegen ein Beleg dafür, dass es sich um ei- schen Aussichtspunkt oberhalb des Son- College zu schicken«. Adams las alle Bü-
nen echten Planeten handelte, und zwar nensystems aus sähe – von 325 Grad für cher über Astronomie und Mathematik,
einen, der in der doppelten Entfernung den 1. Januar 1847 voraus (siehe Grafik deren er habhaft werden konnte, und be-
des Saturns die Sonne umrundete. S. 87). Diese Ausgabe des Journals kam rechnete als Jugendlicher die Ortszeit für
Astronomen faszinierte die Vorstel- Ende Juni bei Airy in England an, und er eine Sonnenfinsternis, die in Cornwall zu
lung, dass es in unserem Sonnensystem erinnerte sich daran, dass er ein ähnliches sehen war – keine triviale Aufgabe ohne
eine weitere eigenständige Welt gab. Da- Ergebnis im vergangenen Herbst gelesen Taschenrechner und Computer. Er beo-
mit hatte niemand gerechnet. Als sie frü- hatte. Ein Mitglied des St. John’s College bachtete den Nachthimmel, während er
here Sternverzeichnisse studierten, er- der Universität Cambridge hatte es ihm an einem uralten keltischen Kreuz lehnte,
kannten sie, dass der Planet – vom deut- auf einem unscheinbaren Stück Papier das in der Nähe seines Elternhauses stand,
schen Astronomen Johann Elert Bode übergeben. aber seine schlechten Augen verhinderten
(1747 – 1826) »Uranus« genannt – vor eine Karriere als Astronom. Die zufällige
1781 bereits zwanzig Mal beobachtet Adams – ein zweiter Newton? Entdeckung eines Manganklümpchens
worden war. Die älteste dokumentierte Der Name des jungen Mannes war John auf dem Farmgelände – Mangan wurde
Beobachtung ging auf das Jahr 1690 zu- Couch Adams. Zwischen seinem Leben damals für die Stahlerzeugung benötigt –
rück. Aber jedes Mal hatte man Uranus und dem von Isaac Newton gibt es einige ebnete schließlich Adams’ Weg aus der
irrtümlich für einen Stern gehalten. Parallelen. Beide wuchsen auf dem Land Armut an die Universität.
Im Jahr 1821 stellte der französische auf – Newton als Sohn eines des Lesens Sofort nachdem er 1839 in Cam-
Astronom Alexis Bouvard (1767 – 1843) und Schreibens unkundigen Kleinbauern bridge angekommen war, wurde seine
alle Beobachtungen zusammen und stieß in Lancashire, Adams als Sohn eines Far- ungewöhnliche Begabung deutlich. »Ich
auf ein Problem: Selbst wenn er die gravi- mers in Cornwall, der die Pacht für den war verzweifelt«, erinnerte sich sein Stu-
tativen Einflüsse der Riesenplaneten Jupi- Hof in Naturalien beglich. Sowohl New- dienkollege A. S. Campbell, »weil ich mit
ter und Saturn berücksichtigte, lieferten ton als auch Adams interessierten sich be- sehr großen Hoffnungen nach Cam-
die Berechnungen andere Uranuspositio- reits in jungen Jahren für Mathematik bridge gekommen war – aber der erste
nen als die tatsächlich beobachteten. und Naturphänomene. Beispielsweise do- Mensch, der mir dort begegnet, ist mir
Stimmten vielleicht die von Kepler und kumentierten beide den Lauf der Sonne gleich so unendlich weit überlegen.«
Newton abgeleiteten Gesetze der Plane- im Laufe eines Jahres, indem sie Markie- Adams heimste alle Mathematikpreise
tenbewegung nicht? Durchzog den Welt- rungspflöcke in den Boden schlugen oder ein, welche die Universität zu vergeben
raum ein Medium, das die Planeten Kerben in Fenstersimse ritzten. Beiden hatte. Andererseits wirkte Adams vergess-
bremste? Oder wurde Uranus durch ei- sagt man ähnliche Eigenschaften nach: lich, fast körperlos. Ein Student erinnerte
nen weiteren, unbekannten Himmelskör- Abstinenz, Pedanterie und Zweifel an der sich an ihn als »einen ziemlich kleinen
per beeinflusst? Dieses Problem war im Religion. Zeitgenossen beschrieben beide Mann, der schnell ging und einen ausge-
19. Jahrhundert von ähnlicher Dimensi- als verträumt, exzentrisch und geistig ab- blichenen, dunkelgrünen Mantel trug«.
on wie die Frage nach der Dunklen Ma- wesend. Sowohl bei Newton als auch bei Adams’ Zimmerwirtin »fand ihn manch-
terie, die heutige Astronomen beschäftigt. Adams würde man heute womöglich das mal auf dem Sofa liegend, ohne Bücher
Der deutsche Astronom Friedrich Asperger-Syndrom diagnostizieren, eine oder andere Unterlagen; nicht selten ...
Wilhelm Bessel (1784 – 1820) wollte sich Form des Autismus, die vor allem bei be- war der einzige Weg, seine Aufmerksam-
der Fragestellung annehmen, starb aller- sonders intelligenten Kindern auftritt. keit zu bekommen, wenn ich zu ihm hin-
dings, bevor er viel erreichen konnte. Die Adams wurde am 5. Juni 1819 gebo- ging und seine Schulter berührte; bloßes
erste vollständige Analyse veröffentlichte ren. Im Alter von zehn Jahren hatte er Rufen half nichts«.
Le Verrier am 1. Juni 1846 im Journal solch ein außergewöhnliches mathemati- Im Juli 1841, nach der Hälfte seines
der französischen Akademie der Wissen- sches Talent entwickelt, dass ein Bekann- Studiums, stieß Adams in einer Cam-
bridger Buchhandlung auf Airys »Report
IN KÜRZE on Progress of Astronomy«. Diese wis-
senschaftliche Veröffentlichung aus dem
r Vor 200 Jahren rätselten die Astronomen: Waren Abweichungen des Planeten Jahr 1832 schilderte die zunehmenden
Uranus von seiner vorausberechneten Bahn auf einen noch unbekannten Him- Abweichungen des Uranus von seiner vo-
melskörper am Rand des Sonnensystems zurückzuführen? rausberechneten Bahn. Nach der Lektüre
r Nachdem der Berliner Astronom Johann Gottfried Galle 1846 den Planeten schrieb Adams in sein Tagebuch:
Neptun entdeckt hatte, reklamierten zwei Theoretiker für sich, die Position des fer-
nen Himmelskörpers vorausberechnet zu haben: der Franzose Urbain Jean Joseph Gestaltete einen Entwurf ... für die Unter-
Le Verrier und der Engländer John Couch Adams. suchung der Unregelmäßigkeiten in der
r Die Rolle von Le Verrier war von Anfang an unumstritten. Doch Historiker zogen Uranusbewegung, die noch nicht erklärbar
den Beitrag von Adams zur Entdeckung des Neptuns seit den 1950er Jahren in sind, um herauszufinden, ob sie durch ei-
Zweifel. Erst mit dem Auftauchen verschollener Dokumente ließen sich diese nen noch nicht entdeckten Planeten jenseits
Bedenken nun erhärten. des Uranus verursacht werden. So schnell
wie möglich nach dem Abschluss angehen.

84 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
ADAMS UND AIRY: NATIONAL MARITIME MUSEUM LONDON; LE VERRIER: OBSERVATOIRE DE PARIS

Während der folgenden fünf Jahre te sich später zu einer tragenden Säule reise auf seinem Weg von Cornwall nach
betrachtete Adams das Problem der Ura- der mathematischen Physik. Cambridge. Allerdings hatte er sich nicht
nusbewegung offenbar als eine Art Hob- Mitte September 1845 schien er angemeldet, und so verlief sein Besuch an
by. Es schien nicht dringlich zu sein, da Challis über die Ergebnisse seiner Be- Airys Wohnsitz in Greenwich Hill am
eine Lösung ja schon Jahre auf sich war- rechnungen, an denen er den ganzen 21. Oktober 1845 erfolglos. Die beiden
ten ließ. Nach seinem Abschluss im Jahr Sommer gearbeitet hatte, informiert zu begegneten sich nie. Spätere Berichte
1843 beschaffte er sich Beobachtungsda- haben. Aber auf welche Art tat er das? machten den Butler dafür verantwortlich,
ten über den Uranus von Challis: Des- Viele Historiker sind zu dem Schluss ge- weil der es versäumt habe, Adams’ Visi-
sen Sternwarte war nur einen Fußmarsch kommen, dass ein einzelnes Blatt in tenkarte vorzulegen; doch ein jüngst ent-
vom St. John’s College entfernt. Da er als Adams’ Akten diesen Zweck erfüllte: Es deckter Brief von Airys Ehefrau entlastet
Tutor sehr beschäftigt war, machte sich bezieht sich auf »den neuen Planeten« den Bediensteten. In dem Schreiben er-
Adams während eines Urlaubs in Corn- und trägt Challis’ handschriftlichen Ver- innerte sie sich, dass die Karte tatsächlich
wall an seine Berechnungen. Sie waren merk »empfangen im September 1845«. vorgelegt worden war, aber Airy nicht zu
mühselig, aber er genoss solche Dinge. Aber diese Schlussfolgerung ist umstrit- Hause weilte.
ten, denn der Ausdruck »neuer Planet« Adams ließ für Airy einen Zettel zu-
Ein einzelnes Blatt als Nachweis war damals noch nicht geläufig. rück. Auf dieses entscheidende Doku-
Als erste Näherung nahm Adams an, Es ist also keineswegs gesichert, ob ment stützt sich die These der britischen
dass die mittlere Entfernung des gesuch- Adams seine Ergebnisse Challis über- Entdeckung (siehe Kasten S. 86). Die
ten Planeten der Titius-Bode-Regel folge haupt schriftlich mitgeteilt hat; wenn er Notiz nannte die Bahnelemente des hy-
und mit 38 Astronomischen Einheiten es tat, dann sind diese Unterlagen wo- pothetischen Planeten. Die Bahn wich
doppelt so groß sei wie diejenige des möglich verloren gegangen. Angesichts deutlich von einem idealen Kreis ab, und
Uranus. Die von Johann Daniel Titius ihrer oberflächlichen Kommunikation die mittlere Länge sollte für den 1. Okto-
(1729 – 1796) aufgestellte und von Bode überrascht es nicht, dass Challis keine ber 1845 genau 323 Grad und 34 Minu-
allgemein bekannt gemachte empirische Motivation verspürte, den Nachthimmel ten betragen. Hätte jemand an diesem
Regel beschrieb alle Abstände der be- systematisch abzusuchen. Er zweifelte, ob Tag die Umgebung jener Stelle abge-
kannten Planeten. Indem Adams ver- die Störungstheorie die Planetenpositio- sucht, wäre er in etwa zwei Grad Abstand
schiedene Werte für die Bahnparameter nen überhaupt genau genug vorhersagen auf Neptun gestoßen. Dies unterscheidet
eines hypothetischen Planeten auspro- könne und erklärte später, dass »nur die sich nicht wesentlich von der Genauig-
bierte, versuchte er die Residuen – die Arbeit, aber nicht der Erfolg gewiss war«. keit, die Le Verriers Vorhersage hatte.
Abweichungen zwischen den berechne- Dennoch informierte er Airy darüber, Die Notiz enthielt außerdem eine
ten und beobachteten Uranuspositionen dass Adams einige Berechnungen ange- Reihe mit Residuen in der Größenord-
– durch eine Abfolge weiterer Näherun- stellt hatte. nung von einer Bogensekunde, mit de-
gen zu verringern. Diese Methode ist als Adams entschloss sich, Airy aufzusu- nen Adams zeigen wollte, dass seine The-
Störungstheorie bekannt und entwickel- chen, und zwar am Ende einer Urlaubs- orie die bislang unverstandene Bewegung

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 85
ASTRONOMIEGESCHICHTE

Die Neptun-Akten
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Lange verschollene Originaldokumente tauchten 1998 wie-
der auf. Der Astronom Olin Eggen hatte sie aus unerfind-
lic or 30 J
niglichen Sternwarte Greenwich entwendet. Man fand
sie in seinem Nachlass. Diese Dokumente liefern neue
Einsichten, wie die viktorianischen Astronomen die offi-
zielle Geschichte der Neptunentdeckung konstruierten.

SYNDICS OF CAMBRIDGE UNIVERSITY LIBRARY (LINKS UND RECHTS OBEN); CORNWALL RECORD OFFICE (RECHTS UNTEN)
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Die Akten enthalten diese Notiz, auf die sich die Behauptung

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ohn Couch Adams habe als Erster die Existenz

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des Planeten Neptun und seine Position vorhergesagt.
Das Blatt warf Adams im Oktober 1845 in den Briefkasten
des hen Astronomen George Biddell Airy. Auf
ihm stehen zwar Ergebnisse, aber keine Einzelheiten der Der jüngst in Cornwall entdeckte Brief, den Adams an Airy
Rechnung. schreiben wollte, aber nie v te Adams es
get ermutlich britischen Astronomen die Ent-
deckung des Neptuns gelungen.

des Uranus erklären konnte. Ansonsten Später warfen viele Kritiker Airy vor, rung (auch) den Radiusvektor des Uranus
lieferte der Zettel keine Hintergrundin- er habe die Bedeutung dieses wichtigen erklärt.
formationen über die Theorie oder die Zettels nicht erkannt. Doch Airy hatte
Berechnungen. Mehr noch: Bevor ein tatsächlich an Adams zurückgeschrieben: Mit dem Radiusvektor spielte Airy
Beobachter ein Teleskop auf die betref- auf einen Umstand an, den er selbst aus
fende Stelle richten konnte, hätte er die Ich fühle mich dem Papier sehr verpflichtet, seinen intensiven Beobachtungen in den
mittleren Bahnelemente in eine Position das Sie mir vor ein paar Tagen dagelassen 1830er Jahren abgeleitet hatte: Zusätzlich
am Himmel umrechnen müssen. In der haben, und das die Störungen (Fehler in zur Positionsverschiebung in Länge stand
Version des Schreibens, die Airy später Länge) in der Uranusposition durch einen Uranus etwas weiter von der Sonne ent-
veröffentlicht hatte, fehlte ein Satz aus Planeten mit gewissen angenommenen Ele- fernt, als er eigentlich sollte. Hätte Adams
dem Original – wohl um diese Unzu- menten erklärt. ... Ich würde mich freuen auf diese Anfrage geantwortet, so hätte
länglichkeit zu verheimlichen. zu erfahren, ob diese angenommene Stö- Airy womöglich eine Suche eingeleitet,

86 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
und die Briten hätten die Neptunentde- Zeit enthalten die Formel für den fragli- hin, dass sich Adams vor Ende Juni 1846
ckung für sich allein reklamieren können. chen Radiusvektor, aber sie lassen nicht erneut mit Uranus beschäftigte. Dies än-
Aber warum antwortete Adams nicht? erkennen, ob er ihn auch wirklich be- derte sich erst, als Le Verriers Veröffentli-
Er gab nie eine direkte Antwort auf rechnet hatte. Es scheint, als habe Adams chung in England ankam.
diese Frage. In hohem Alter sagte Adams, die Wichtigkeit von Airys Frage erkannt, Daraufhin – und nur daraufhin –
er habe Airys Frage für »trivial« gehalten sie aber – aus welchen Gründen auch im- schlug Airy seinem Kollegen Challis eine
und es darum nicht für nötig erachtet, sie mer – nie beantwortet. Suche vor. Adams wirkte dabei mit, in-
zu beantworten. Aber in einer Veröffent- Nach der Entdeckung des Neptuns dem er die Position des hypothetischen
lichung seiner Berechnungen nach der schrieb Adams an Airy, er hätte sich über- Planeten für Spätsommer und Frühherbst
Neptunentdeckung gab er zu, dass der legt, mit den kleinen Teleskopen der Col- berechnete. Doch dabei stützte er sich
Radiusvektor »manchmal beträchtlich« lege-Sternwarte selbst nach dem hypo- nicht – wie zuerst Rawlins bemerkte –
war. Der Cambridger Geologe Adam thetischen Planeten zu suchen. Aber still- auf seine eigene Theorie, sondern auf Le
Sedgwick (1785 – 1873) fragte Adams im schweigend erkannte er an, dass er Verriers Kreisbahn.
Dezember 1846, ob sein Schweigen da- Challis und Airy nicht von einer Suche Challis begann seine Suche am 29.
mit zusammengehangen hätte, dass er des Planeten zu überzeugen vermochte, Juli. Sein Beobachtungsbuch belegt, dass
Airy nicht getroffen hatte. Adams ver- weil er ihnen seine Methode nicht erläu- er sorgfältig und genau arbeitete. Von der
neinte dies. Stattdessen führte er sein zau- tert hatte: »Ich konnte doch nicht erwar- Sternkarte der Berliner Akademie (jener
derndes Wesen und die Abneigung gegen ten, dass beobachtende Astronomen, die Karte, die Galle und d’Arrest Ende Sep-
das Schreiben an. bereits mit wichtigen Aufgaben einge- tember jenes Jahres verwendeten) wusste
Wir wissen heute durch ein Schrift- deckt waren, von den Ergebnissen genau- Challis nichts, deshalb musste er wäh-
stück, das wir erst 2004 in einer separa- so überzeugt sein würden wie ich selbst.« rend der Suche seine eigene Sternkarte
ten Sammlung von Adams’ Familienun- erstellen. Dazu zeichnete er die Position
terlagen in Cornwall gefunden haben, Verpasste Chance eines jeden Himmelskörpers auf, den er
dass Adams tatsächlich einen Brief an In der ersten Hälfte des Jahres 1846 zweimal beobachtet hatte. Sollte sich ein
Airy begonnen hatte – allerdings ohne wandte sich Adams Problemen zu, die in Objekt bewegt haben, wäre es ein Kandi-
ihn je fertigzustellen und abzusenden. In seinen Augen dringlicher waren: die dat für den Planeten. Die Arbeit kostete
dem Entwurf vom 13. November 1845 Bahnberechnung für die Bruchstücke ei- wertvolle Zeit und wurde nicht einfacher
kündigte Adams eine genaue Beschrei- nes gerade entzweigebrochenen Kome- durch den großen Bereich, den Airy un-
bung seiner Methode an und gab einen ten. Außerdem ging es ihm wie jedem tersucht haben wollte. Bis September er-
kurzen historischen Überblick über seine heutigen Akademiker: Die Lehre bean- fasste Challis 3000 Sterne. Zweimal – am
frühen Arbeiten – dann endet das Schrei- spruchte einen Großteil seiner Zeit, wo- 4. und 12. August – erfasste er dabei ein
ben nach zwei Seiten abrupt. Zwei weite- durch seine Forschungen zu kurz kamen. Objekt, das nachträglich als Neptun
re Ausarbeitungen von Adams aus jener Bislang deutet kein Schriftstück darauf identifiziert worden ist. Weil er die Posi-

Neptuns Bahn und ihre Vorhersagen 0º

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Der Planet Uranus bewegte sich auf

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seiner Umlaufbahn manchmal schnel-
ler und manchmal langsamer als be- 1846
rechnet. Aus diesen Diskrepanzen lei-
teten Adams und Le Verrier unab- 1846 1840
voneinander die Position des
1830

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Planeten ab, der Neptun ge-
nannt wurde.
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90º 270º
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Uranus’ berechnete Position Ba 1810


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von Le Verrier vorhergesagte Neptunposition


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JOHNNY JOHNSON

von Adams vorhergesagte Neptunposition ah


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180º nicht maßstabsgetreu

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 87
ASTRONOMIEGESCHICHTE z e
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Diese Karikatur thematisiert die frü-
hen Zweifel der Franzosen an der
Eine Entdeckung hat also eine öffentli-
che und eine private Seite – und Adams
L der britischen Mitentdecker- hat diese Aufgabe nur zur Hälfte gelöst.
schaft des Neptuns und erschien am 7. Ironischerweise erwiesen sich Le Verriers
November 1846 in »L’Illustration«. Der besondere persönliche Fähigkeiten, die

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ihn als Entdecker begünstigten – seine

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Bildtext lautet: »Mr. Adams entdeckt den
neuen Planeten in den Aufzeichnungen Unverfrorenheit und Schärfe, im Gegen-
von Monsieur Le Verrier.« Angesichts der satz zu Adams’ Scheu und Naivität – als
damals bekannten Dokumente schwan- nachteilig bei dem nachfolgenden Hick-
den die Zweifel, sind inzwischen aber hack. Die britische Wissenschaftlerge-
meinde stellte sich geschlossen hinter
Adams, während Le Verrier bei seinen

ARCHIVES CHARMET
Kollegen nicht sonderlich beliebt war.
Die Geschichte unterstreicht auch die
Rolle des Glücks bei einer Entdeckung.
Streng genommen sagten weder Adams
tionen nicht sofort vergleichen konnte, kelheit umkreiste. In einer Veröffentli- noch Le Verrier die Neptunposition rich-
verpasste Challis seine Chance, den Pla- chung im August schrieb er mutig, der Pla- tig voraus. Beide überschätzten die Ent-
neten zu entdecken. net sollte im Teleskop anhand seiner Schei- fernung des Planeten zur Sonne und er-
Inzwischen korrigierte Adams seine be zu erkennen sein. Das regte Challis hielten nur in etwa die richtige Länge,
eigenen Berechnungen und fasste sie am dazu an, dem Aussehen der zu katalogisie- weil die Bahnen beider Himmelskörper
2. September in einem Brief an Airy zu- renden Objekte mehr Aufmerksamkeit zu zeitlich so günstig zusammentrafen. So
sammen. Zu diesem Zeitpunkt war ihm schenken. Am 29. September notierte er, etwas passiert häufig in den Naturwissen-
schon lange bewusst, dass die Verwen- dass eines »eine Scheibe zu haben scheint«. schaften (ein Jahrhundert später half der
dung der Titius-Bode-Regel willkürlich Allerdings war derselbe Himmelskörper gleiche Zufall bei der Entdeckung des
und die von ihm angenommene stark ex- bereits sechs Tage zuvor an der Berliner Planeten Pluto).
zentrische Bahn des hypothetischen Pla- Sternwarte gesehen und als Planet erkannt Nachdem sich inzwischen die inter-
neten nicht plausibel war. Während sei- worden. Es handelte sich nicht mehr bloß nationalen Rivalitäten der 1840er Jahre
nes Sommerurlaubs hatte er eine grund- um eine hypothetische Welt. »Gott im gelegt haben und die Originaldokumente
legend neue Berechnung durchgeführt Himmel, es ist ein großer Bursche!«, den Historikern wieder zur Verfügung
und erkannt, dass eine kleinere, kreisför- schrie Galle damals vor Freude auf. stehen, können wir versichern, dass
mige Bahn gut zu den Beobachtungen Adams nicht die gleiche Ehre wie Le Ver-
passen würde. Doch dann tüftelte er wei- Eine Frage der Ehre rier für die Neptunentdeckung zusteht.
ter und zog eine noch kleinere Umlauf- Aus unserer Untersuchung der Original- Denn diese Ehre gebührt demjenigen,
bahn in Betracht. Dies würde, so seine dokumente schließen wir, dass Adams’ der die Planetenposition sowohl richtig
Überlegung, womöglich zu einer Länge britische Zeitgenossen ihm mehr Ehre vorausgesagt hat als auch die Astronomen
führen, die sich stark von seinen ur- zuteil werden ließen, als er verdiente – davon überzeugen konnte, nach dem
sprünglichen Vorhersagen unterschied. auch wenn er einige bemerkenswerte Be- Objekt zu suchen. Diese Leistung voll-
Wie wir heute wissen, brachten die rechnungen durchgeführt hatte. Ganz brachte nur Le Verrier.
neuen Annahmen von Adams den Plane- gewiss kommt ihm die Ehre zu, zusam-
ten näher an eine Resonanz mit Uranus. men mit Le Verrier einer der Wegberei- William Sheehan, Nicholas Kollerstrom
Dadurch würden sich die Gravitations- ter in der Anwendung der Störungstheo- und Craig B. Waff sind Wissenschaftshistoriker.
einflüsse beider Himmelskörper aufschau- rie auf die Planetenbewegung zu sein. Sheehan ist als Psychiater Experte für Autismus
A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
und das Asperger-Syndrom. Kollerstrom ist Post-
keln und Adams’ mathematischen Ansatz Möglicherweise hatte Adams großes Ver-
doktorand am University College London. Waff ist
von vornherein zunichte machen. Zu je- trauen in die Genauigkeit und Zuverläs- Historiker des Air Force Research Laboratory in
nem Zeitpunkt spielte dies aber keine sigkeit seiner Ergebnisse. Allerdings ist Dayton (Ohio).
Rolle mehr, denn die neuen Berechnun- sehr wohl bekannt, dass Menschen nach
Die Akte Neptun. Die abenteuerliche Geschichte
gen kamen zu spät, um die Suche nach dem Eintreten eines Ereignisses viel stär- der Entdeckung des 8. Planeten. Von Tom Stan-
dem Planeten noch zu beeinflussen. ker davon überzeugt sind, den Ausgang dage. Campus, Frankfurt 2001
Einen Aspekt in Adams’ Berechnun- richtig vorhergesagt zu haben. British Neptune-Disaster file recovered. Von Den-
gen erwähnen Historiker selten: Er be- Jedenfalls versagte Adams völlig da- nis Rawlins in: DIO, Bd. 9, Heft 1, S. 3, Juni
schrieb seinen Planeten immer als eine bei, die Ergebnisse seinen Kollegen in al- 1999
Abstraktion. Es handelte sich einfach um ler Welt überzeugend darzustellen. Eine The Planet Neptune. A historical survey before
einen Satz Bahnelemente, einen Trick, um Entdeckung besteht nicht einfach darin, Voyager. Von Patrick Moore. Praxis, 1996
Zahlenreihen stimmig zu machen. Le eine vorläufige Untersuchung eines inter-
The Cambridge network in action. The discovery
Verrier hingegen veröffentlichte eine be- essanten Problems vorzunehmen und ei- of Neptune. Von Robert W. Smith in: Isis, Bd. 80,
stimmte Position für seinen hypotheti- nige Berechnungen durchzuführen; man Heft 303, S. 395, September 1989
schen Planeten und beschrieb ein reales muss auch erkennen, dass man eine Ent-
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
physikalisches Objekt, das die Sonne am deckung gemacht hat, und dies der Wis- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Rand des Planetensystems in eisiger Dun- senschaftlergemeinde effektiv mitteilen.

88 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
PSYCHOLOGIE z
Der freie Wille
auf dem Prüfstand
Schon bevor wir uns der Absicht bewusst sind, eine
Bewegung auszuführen, werden motorische Zentren im
Gehirn aktiv. Wieso erleben wir die Bewegung dennoch
als selbstbestimmten Willensakt?

Von Sukhvinder S. Obhi und führt dann die entsprechende Bewegung ren Verursacher? Um dies zu beantwor-
Patrick Haggard aus. Der gesamte Handlungsablauf um- ten, muss man zum einen die subjekti-
fasst demnach mehrere Ereignisse – For- ven Empfindungen von Menschen

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in Samstagnachmittag im Win- mulieren eines Ziels, Formulieren einer während solcher Handlungen untersu-
ter. Jemand hat alle Hausarbei- Intention, Auslösen der Bewegung und chen, zum anderen die entsprechenden
ten erledigt und macht es sich tatsächliches Einschalten der Lampe. Aktivitäten im Nervensystem und
mit einem Roman und einer Erzeugt die Reihenfolge, in der wir schließlich die subjektiven Erlebnisse
Tasse Tee vor dem Kamin gemütlich. Da solche Ereignisse erleben, das subjektive von Personen, denen das übliche Gefühl
das Tageslicht allmählich schwindet, Empfinden, gleichsam Herr im eigenen von Kontrolle fehlt. Wie wir zeigen wer-
streckt der Mensch die Hand nach dem Haus zu sein? Wir sind uns offenbar ei- den, werfen die Erkenntnisse der kogni-
Lichtschalter aus. Nun ist es hell genug, ner bestimmten zeitlichen Ereignisfolge tiven Neurowissenschaften ein überra-
und er beginnt zu lesen. bewusst, deren Richtung den Eindruck schendes Licht auf die Hirnvorgänge, die
Uns allen sind solche Szenen ver- eines Kausalzusammenhangs hervorruft: unserem Gefühl bewussten Wollens zu
traut. Tagtäglich vollführen wir Hand- aus dem Innern unseres Geistes, in dem Grunde liegen. Offenbar steuern wir un-
lungen, die unsere äußere Umgebung in wir eine Intention formulieren, hinaus in sere Handlungen nicht mit völlig freiem
einen bestimmten Zustand versetzen – den äußeren Raum, wo wir einen Licht- Willen.
beispielsweise ein dunkles Zimmer mit schalter betätigen, um den Raum zu er-
Licht versorgen. Obwohl wir solchen hellen. Dennoch könnte unser Gefühl Wer ist Herr im Haus?
Handlungen kaum Aufmerksamkeit von Verfügungsgewalt auf mehr beruhen Im Jahre 1983 veröffentlichten Benja-
schenken, sind wir überzeugt, dass wir als auf dem bloßem Hintereinander der min Libet und seine Mitarbeiter an der
durch Absichten und Entscheidungen Ereignisse. Um die neurale Grundlage Universität von Kalifornien in San Fran-
die Bewegungen unserer Arme und Hän- menschlicher Handlungswahrnehmung cisco einen äußerst einflussreichen Arti-
de willentlich steuern. Das hört sich ganz zu ergründen, muss die Abfolge der sub- kel über die Quelle der Handlungskont-
plausibel an, ist aber gar nicht leicht zu jektiven Erlebnisse wissenschaftlich un- rolle. Versuchspersonen beobachteten ei-
beweisen. tersucht werden: Folgen sie einem Mus- nen Uhrzeiger, der für einen Umlauf
Selbst eine so simple Handlung wie ter neuraler Ereignisse mit demselben 2,56 Sekunden brauchte. Mit Blick auf
Lichteinschalten setzt sich aus vielen charakteristischen Ablauf? die Uhr krümmte eine Testperson will-
Einzelschritten zusammen. In unserem Dabei geht es um weit mehr als um kürlich zu einem beliebigen Zeitpunkt
Beispiel erkennt der Akteur, dass es im das Drücken eines Schalters. Das Gefühl ein Handgelenk und gab an, bei wel-
Zimmer zu dunkel zum Lesen ist, und der Kontrolle über unsere Handlungen chem Zeigerstand ihr der Bewegungsent-
setzt sich das Ziel, den Raum zu erhel- spielt offenbar eine Rolle für unser be- schluss erstmals bewusst geworden war.
len. Um dieses Ziel zu erreichen, be- wusstes Selbstgefühl: Ich bin, weil ich Libet nannte diese subjektive Einschät-
schließt er, eine Lampe einzuschalten. meine Handlungen steuere. Aber wie zung W für »Wille«. In anderen Durch-
Genauer gesagt: Dieser Leser erzeugt die entwickeln wir aus gewöhnlichen All- gängen beurteilten die Versuchsperso-
Intention, zum Schalter zu greifen, und tagshandlungen ein Selbstgefühl als de- nen, wann ihre Bewegung tatsächlich be-

90 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

gonnen hatte. Dieses Urteil nannte Libet Signale von Elektroden auf dem Bereich Wenn es dunkel wird, machen wir
M nach englisch »movement«; hier soll der Schädeldecke, der über den motori- o Licht. Dieser simple Vorgang ent-
es im Folgenden B für »Bewegung« hei- schen Regionen des Stirnlappens liegt, puppt sich bei genauer Analyse als kom-
ßen. Am Zeitpunkt von W und B konn- und gibt sie als Diagramm aus. Das BP plexe Abfolge von Zielen, Intentionen und
ten die Forscher ablesen, wann ein Pro- erscheint als ein allmählicher Anstieg der Aktionen. Überraschenderweise stimmt
band die subjektive Bewegungsentschei- elektrischen Aktivität, welcher der Will- deren subjektiv erlebtes Nacheinander
dung traf und wann er sie auszuführen kürbewegung um etwa eine Sekunde vo- nicht mit den Hirnvorgängen überein.
meinte. rausgeht. Da Libet auch die elektrische
Außerdem bestimmte Libet zwei ob- Aktivität der beteiligten Armmuskeln
jektive Parameter: die elektrische Aktivi- aufzeichnete, konnte er den Beginn der
tät über den motorischen Hirnarealen Muskelaktivität im Verhältnis zum BP hang zwischen der Abfolge der subjekti-
und die elektrische Aktivität in den an genau ermitteln. ven Erfahrungen und der Abfolge der zu
der Handbewegung beteiligten Muskeln. Libet untersuchte nun die zeitliche Grunde liegenden Hirnvorgänge. Doch
Über den motorischen Arealen registrier- Abfolge von bewusstem Erlebnis und Libet fand eine überraschende zeitliche
te Libet ein wohlbekanntes psychophysi- neuraler Aktivität, indem er die subjekti- Beziehung zwischen subjektiver Erfah-
sches Korrelat der Bewegungsvorberei- ven W- und B-Urteile mit dem objekti- rung und neuralen Vorgängen. Die tat-
tung, das so genannte Bereitschaftspo- ven BP und der Muskelaktivität verglich. sächliche neurale Bewegungsvorberei-
tenzial (BP), welches die deutschen Wie erwartet kam W vor B. Anders ge- tung – das Bereitschaftspotenzial BP –
Neurologen Hans Kornhuber und Lüder sagt, die Versuchsteilnehmer nahmen die setzte 300 bis 500 Millisekunden
Deecke 1965 entdeckt hatten. Das BP Bewegungsabsicht zeitlich früher wahr (tausendstel Sekunden) früher ein als W,
lässt sich mit Hilfe eines Elektroenzepha- als die reale Bewegung. Dies spricht zu- die bewusste Wahrnehmung der Bewe-
lografen ableiten; das Gerät verstärkt die nächst für einen analogen Zusammen- gungsintention. Einfacher gesagt: Das

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 91
PSYCHOLOGIE z
Der klassische Versuchsaufbau von Benjamin Libet
Während die Versuchsperson auf dem Bildschirm einen Uhrzeiger
beobachtet, hebt sie willkürlich den Handrücken. In einigen Ex-
perimenten (linkes Bild) merkt sie sich die Stellung des Zeigers
zu dem Zeitpunkt, in dem sie beschließt, die Hand zu bewe-
»e
il(f
ñU
t
r
e ü
r in
g
n
g
e
ut
s
e
z
äf
d
lt
ä
n
,ud
a
ñ
Durchgängen (rechtes Bild) registriert der Proband, wann nach
seinem Empfinden die reale Bew
mit ein B Bewegung«). In beiden F llen wird das
Bereitschaftspotenzial vom motorischen Cortex und vom Un-
gen. Dieser Zeitpunkt heißt W-Urteil (für »Wille«). In anderen terarmmuskel abgeleitet.

Bereitschafts- Bereitschafts-
potenzial potenzial
0
0

45 15
45 15

30
30

registriert den Entschluss, registriert den Beginn


die Hand zu bewegen der Bewegung

Arm- Arm-
muskel muskel

EMMA SKURNICK
Gehirn bereitete eine Bewegung vor, be- 1999 führte einer von uns (Haggard) von Handlungen überhaupt keine Rolle?
vor der Proband bewusst beschlossen gemeinsam mit Martin Eimer am Max- Zwar wecken Libets Resultate gewisse
hatte, sie auszuführen! Demnach scheint Planck-Institut für Psychologische For- Zweifel, ob bewusste Prozesse Aktionen
die bewusste Empfindung einer Intenti- schung in München ein Experiment verursachen, doch dies schließt nicht
on eher die Wirkung einer vorbereiten- vom Libet-Typ durch, bei dem zwischen aus, dass Bewusstseinsvorgänge Hand-
den motorischen Gehirnaktivität zu sein BP und LBP differenziert wurde. Wie lungen beeinflussen, indem sie bereits
als deren Ursache. Wie Libet selbst an- sich zeigte, hängt das bewusste Erleben begonnene Hirnvorgänge modifizieren.
merkte, stand dieser Befund in diametra- einer Bewegungsintention stärker vom Immerhin tritt die Bewegungsintention
lem Gegensatz zum klassischen Begriff LBP ab als vom BP. Dies spricht dafür, einige hundert Millisekunden vor der
der Willensfreiheit. dass das Bewusstwerden einer Absicht tatsächlichen Ausführung ins Bewusst-
Nach neueren Erkenntnissen hängt mit der Auswahl einer konkreten Bewe- sein; also vermag der Mensch das Aus-
das Bewusstwerden einer Intention eher gung verbunden ist – und nicht mit dem führen bestimmter Handlungen noch zu
mit einer speziellen Komponente des BP Vorhaben, einfach irgendeine Bewegung verhindern. Anscheinend hat Libet den
zusammen, dem lateralisierten Bereit- auszuführen. In unserem Beispiel könnte freien Willen durch das freie Nichtwol-
schaftspotenzial (LBP). Während das BP das subjektive Erleben, das dem Ein- len ersetzt.
bei jeder motorischen Aktivität in beiden schalten des Lichts vorausgeht, mit der In gewissem Sinn zeigen Libets Be-
Hirnhälften auftritt, entsteht das LBP Entscheidung zusammenhängen, welche funde, dass das Gehirn sozusagen vor
nur in einer Hemisphäre – und zwar in Hand nach dem Schalter ausgestreckt dem Startschuss losläuft, denn die bewe-
derjenigen, die der Seite der intendierten werden soll. gungsbezogene neurale Aktivität setzt
Handlung entgegengesetzt ist. Da die ein, bevor die Person die Bewegungsin-
linke Hirnhälfte die Motorik der rechten Nicht freier Wille, tention erlebt. Libet entdeckte noch ei-
Körperhälfte steuert und umgekehrt, ist sondern »freies Nichtwollen« nen weiteren Fehlstart: Das subjektive
das LBP wegen seiner Asymmetrie ein Wie auch immer ein Wissenschaftler Urteil der Probanden darüber, wann die
engeres Korrelat der Bewegungsvorberei- diese Daten drehen und wenden mag – Bewegung einsetzte, erfolgte im Mittel
tung als das BP. Zudem entwickelt sich das Gehirn wird offenbar aktiv, bevor 86 Millisekunden vor dem Beginn der
das LBP rund 500 Millisekunden vor der Mensch die Intention einer Bewe- elektrischen Aktivität in den entspre-
der realen Bewegung – und somit erst gung bewusst erlebt. Heißt das: Bewusst- chenden Muskeln. Demnach muss unser
nach dem allgemeinen BP. seinsvorgänge spielen bei der Steuerung subjektives Erleben des Bewegungsbe-

92 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
ginns ebenfalls von einem prämotori- keln, welche schließlich die Bewegung dort die neurale Verarbeitung. Haggard
schen Vorgang stammen – von etwas, ausführen. und Magno stimulierten mittels TMS
das stattfindet, bevor die Muskeln sich Um dem neuralen Substrat unseres entweder den primären motorischen
zusammenziehen. Zwar bezweifelten ei- Handlungsbewusstseins auf die Spur zu Cortex MI oder das unmittelbar davor
nige Forscher die Gültigkeit der Zeitan- kommen, führte einer von uns (Hag- liegende supplementär-motorische Areal
gaben von Libets Probanden, doch seine gard) gemeinsam mit Elena Magno, die (SMA), das Bewegungen plant. Die Stö-
Ergebnisse machten bleibenden Ein- jetzt am Trinity College in Dublin rung durch TMS erfolgte etwa 75 Milli-
druck und wurden als ernster Einwand forscht, modifizierte Libet-Experimente sekunden vor der mutmaßlichen Reakti-
gegen eine vom Geist zum Körper füh- durch. Wenn die Versuchspersonen ein on des Probanden. Die TMS sollte den
rende Kausalkette interpretiert. Mittler- Signal hörten, drückten sie eine Taste, tatsächlichen oder subjektiven Zeitpunkt
weile bestätigen zahlreiche weitere Studi- und das Gerät maß ihre Reaktionszeit. der Bewegung verschieben und dadurch
en das Phänomen der antizipatorischen Zusätzlich schätzten die Probanden ihre enthüllen, welche Region – MI oder
Handlungsbewusstheit. Reaktionszeit ein, indem sie die Stellung SMA – vorwiegend am Bewusstwerden
Anscheinend verläuft der Kausalzu- eines Uhrzeigers zum vermeintlichen der Bewegung oder an der Bewegung
sammenhang zwischen unseren Intentio- Zeitpunkt des Tastendrückens angaben. selbst beteiligt ist.
nen und unseren Aktionen nicht in der Der Clou dieser Experimente war Das Experiment war erfolgreich.
intuitiv erlebten Richtung. Doch wenn aber der Einsatz der transkraniellen Ma- TMS über dem Areal MI verzögerte die
wir uns unserer Handlungen nicht zur gnetstimulation (TMS). Dabei wirkt ein tatsächliche Bewegung um durchschnitt-
richtigen Zeit bewusst werden, was neh- starkes, rasch variierendes Magnetfeld lich 201 Millisekunden, die subjektiv ge-
men wir stattdessen wahr? Diese Frage durch die Schädeldecke auf eine be- schätzte um 74 Millisekunden. Hinge-
droht uns mitten in das Minenfeld zu stimmte Großhirnregion ein und stört gen verzögerte TMS über dem SMA die
führen, das die philosophische Debatte
um den freien Willen umgibt. Darum
möchten wir uns lieber einer wissen- Antizipiert das Gehirn den Entschluss?
schaftlich zugänglicheren Frage widmen:
Wie die Experimente zeigen, beginnt sich belegt. Zwar findet die bewusste Bewe-
Wie entsteht unser bewusstes Empfin-
das Bereitschaftspotenzial schon vor der gungsintention (W) vor dem bewussten
den eines freien Willens aus der Hirntä-
Handbewegung aufzubauen. Etwa zu Bewegungserlebnis (B) statt, aber die
tigkeit?
dieser Zeit glaubt die Versuchsperson, tatsächliche neurale Bewegungsvorbe-
die Entscheidung für eine Bewegung zu reitung – das Bereitschaftspotenzial –
Vorweggenommene und
fällen (W, grün). Etwa 100 Millisekunden geht beidem voraus. Auch setzte das
wahrgenommene Bewegung
vor der realen Aktion glaubt die Versuchs- subjektive Gefühl des Bewegungsbe-
Unsere Urteile über den Zeitablauf unse-
person, die Bewegung habe begonnen ginns (B) früher ein, als die Muskeln tätig
rer Bewegungen sind offenbar unpräzise
(B, orangerot). Schließlich fängt das Hand- wurden. Demnach verläuft die Kausal-
und voreilig. Am Erleben eines Hand-
gelenk an, sich zu bewegen (blau), wie kette von Intention zu Aktion nicht in der
lungsbeginns können mehrere prämoto-
das Feuern der Neuronen im Unterarm intuitiv empfundenen Richtung.
rische Prozesse beteiligt sein – unter an-
derem Willensakt, Intention und Vorbe-
reitung. Wenn wir im Alltag Bewegungen
W-Urteil
ausführen, absolviert unser Gehirn ver-
schiedene Verarbeitungsschritte. Nach-
dem ein Ziel feststeht, wählt unser Ner- B-Urteil
vensystem ein geeignetes Bewegungspro-
gramm aus. Die Aufgabe, Steuersignale Bewegungsbeginn
für einen Bewegungsablauf zu erzeugen,
erfordert intensive Berechnungen; das
lässt sich an dem relativ beschränkten Armmuskeln
Bewegungsrepertoire selbst modernster
Roboter studieren. Da unsere bewusste
Bewegungsabsicht mit dem Einsetzen
des LBP zusammenhängt, ist unser Be-
wegungsbewusstsein offenbar mit der
Planung einer bestimmten Aktion ver-
bunden.
Das für Bewegungsplanung zustän-
dige Hirnareal ist der prämotorische
Cortex. Er sendet Signale an den primä-
EMMA SKURNICK

Bereitschaftspotenzial
ren motorischen Cortex – auch MI ge-
nannt –, welcher seinerseits Motoneuro-
nen im Rückenmark aktiviert. Diese Zeit
wiederum innervieren bestimmte Mus-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 93
PSYCHOLOGIE z
Bewegung im Schnitt um 113 und de-
ren bewusste Wahrnehmung um 54 Mil-
wünschten und erwarteten Zustände der
Gliedmaßen und der Außenwelt. Bevor
men wir nicht ganz daran vorbei. Man-
che Theorien behaupten, es müsse eine
lisekunden. Unter der zweiten Bedin- eine bestimmte Bewegung ausgeführt bestimmte zeitliche Abfolge in der Wahr-
gung war dem Probanden die Verände- wird, wandert diese Information in ein nehmung von Ereignissen geben, damit
rung der Reaktionszeit stärker bewusst, so genanntes Vorwärtsmodell, das die ein freier Wille erlebt wird. Einer von
obwohl sie tatsächlich geringer ausfiel. künftige Bewegung und das dabei er- uns (Haggard) und seine Mitarbeiter
Dies spricht dafür, dass das Bewusstwer- zeugte sensorische Feedback simuliert. nahmen diesen Aspekt genauer unter die
den einer Bewegung zumindest teilweise Das vorweggenommene sensorische Lupe: Wie beeinflussen Zeitabstände
zwischen SMA und MI stattfindet. Feedback wird mit einer gespeicherten zwischen Schlüsselereignissen beim Pro-
Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung Repräsentation der gewünschten sensori- duzieren und Steuern der Bewegung das
war Itzhak Fried, der heute an der Uni- schen Rückmeldung verglichen – das Gefühl, die Kontrolle auszuüben? Wir
versität von Kalifornien in Los Angeles heißt mit einem Modell, welches frühere ermittelten den objektiven und subjekti-
tätig ist, schon 1991 gelangt. Er wollte Erfahrungen mit derselben Handlung ven Zeitverlauf willkürlicher und unfrei-
bei Patienten mit schwerer Epilepsie kli- zusammenfasst und angibt, wie sich eine williger Bewegungen sowie deren senso-
nisch abklären, welche Hirnregionen be- Bewegung anfühlen sollte. So werden rische Konsequenzen.
sonders stark an den Anfällen beteiligt Abweichungen korrigiert, noch bevor die Zunächst lieferte ein Ansatz vom Li-
waren. Da das Gehirn schmerzunemp- eigentliche Bewegung beginnt. bet-Typ Basisdaten über die wahrgenom-
findlich ist, führte Frieds Team Elektro- menen Zeitpunkte eines freiwilligen oder
den direkt in verschiedene Hirnareale ein Zeitabstand und Willenserlebnis erzwungenen Tastendrucks mit dem lin-
und reizte diese elektrisch. Wenn das Solche internen Vorwärtsmodelle erklä- ken Zeigefinger. Um die unfreiwillige
SMA stimuliert wurde, fühlten manche ren die blitzschnellen Korrekturen bei Bewegung zu erzeugen, drückte ein Mo-
Patienten den Drang, eine Bewegung motorisch Geübten – aber auch die we- tor den Finger auf die Taste. Ein durch
auszuführen, oder antizipierten deren niger glanzvollen Leistungen Ungeübter, TMS erzeugtes Zucken des rechten Zei-
Beginn. Wurde der elektrische Reiz in- die offenbar nicht über optimierte inter- gefingers lieferte Basisdaten über den
tensiviert, führten die Patienten mit dem ne Modelle verfügen. Man bedenke, dass wahrgenommenen Zeitpunkt einer sen-
Körperglied, das sie zuvor hatten bewe- diese Vorausverarbeitung vor einer realen sorischen Konsequenz.
gen wollen, echte Bewegungen aus. Bewegung stattfindet. Wenn wir uns be- In den eigentlichen Experimenten
Alles in allem passen diese Befunde wegen, wird uns möglicherweise gar wurden stets zwei solche Basisereignisse
sehr gut zu aktuellen neurowissenschaft- nicht die tatsächliche Bewegung be- gekoppelt – eine Handlung und eine
lichen Theorien der Sensomotorik. wusst, sondern die vorweggenommene. Folge davon. Erstere hing mit dem lin-
Demnach repräsentieren interne Model- Obwohl wir versuchen, das Minen- ken Finger zusammen, Letztere war das
le im Gehirn die gegenwärtigen, ge- feld der Willensfreiheit zu meiden, kom- Zucken des rechten Fingers, das durch

Wo Bewegungen geplant und ausgelöst werden


Im Gehirn (rechts) plant der supplementär-motorische Cortex dem wird die tatsächliche Reaktionszeit gemessen, während
(SMA, blau) Bewegungen, und der primäre motorische Cortex SMA oder MI mittels transkranieller Magnetstimulation (TMS)
(MI, rot) löst sie aus. Sobald ein akustisches Signal ertönt, drü- gestört werden. Aus den Resultaten (links) schließen die For-
cken die Probanden eine Taste und registrieren den Zeitpunkt, scher, dass das Bewusstwerden der Bewegung zwischen
zu dem sie den Beginn der Bewegung wahrnehmen. Außer- SMA und MI stattfindet.

300
Stimulation des MI supplementär- primärer
Stimulation des SMA motorischer Cortex (SMA) motorischer Cortex (MI)
Magnetstimulation in Millisekunden

250
Verzögerung durch transkranielle

LINKS: EMMA SKURNICK; RECHTS: SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

200

150

100

50

0
tatsächliche Reaktionszeit wahrgenommene Reaktionszeit

94 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Willkürliche und erzwungene Handlungen
Unser Eindruck, eine Bewegung geschehe aus freien Stücken, Wiederum registrierte die Person den wahrgenommenen Zeit-
scheint mit den – wirklichen oder vermeintlichen – Ergebnissen punkt des – diesmal unfreiwilligen – Tastendrucks und des Zu-
der Bewegung verknüpft zu sein. Die Versuchsperson regist- ckens im anderen Finger. Bei der freiwilligen Handlung er-
riert auf einer Uhr, wann sie mit dem linken Zeigefinger eine schien der Abstand zwischen Tastendruck und Fingerzucken
Taste drückte (linkes Bild, 1). Die Taste löste über TMS (2) ein dem Probanden kürzer als beim erzwungenen Tastendrücken.
Zucken des rechten Zeigefingers aus, und die Testperson ver- Diese Resultate sprechen für eine Art Bindungsmechanismus,
merkte auch diesen Zeitpunkt (3). In anderen Experimenten der intentionale Handlungen zeitlich näher an ihre wahrgenom-
(rechtes Bild) drückte ein Motor den linken Zeigefinger nieder. menen Wirkungen heranzieht.

1
TMS-Spule TMS-Spule
0 1
0 2
2

45 15 45 15

30 30
3
3

3 3
Zucken Zucken

EMMA SKURNICK
1 3 1 3

den Tastendruck ausgelöst wurde. Wenn Konsequenzen herstellt. Demnach ist Einer der beiden Teilnehmer war in
die Versuchsperson eine freiwillige nicht bloß die wahrgenommene Ereig- Wahrheit ein Komplize des Versuchslei-
Handlung ausführte, schien diese später nisabfolge dafür verantwortlich, dass wir ters, was die eigentliche Testperson je-
zu geschehen – und der somatische Ef- uns selbst als treibende Kraft empfinden, doch nicht wusste. Diese hörte über
fekt früher einzusetzen – als unter den sondern vor allem die wahrgenommene Kopfhörer Worte, die sich auf bestimm-
Basisbedingungen. Bei unfreiwilligen Be- Zeitspanne zwischen diesen Ereignissen. te Objekte auf dem Bildschirm bezogen.
wegungen wurde hingegen die Hand- Anscheinend müssen sie innerhalb eines Beispielsweise ertönte das Wort »Schwan«,
lung relativ früher erlebt und die Wir- bestimmten subjektiven Zeitfensters während der Cursor zum Bild eines
kung später. Das heißt, die beiden wahr- stattfinden, damit wir sie als verbunden Schwans wanderte. Allerdings steuerte in
genommenen Ereignisse – Aktion und erleben. Somit könnte ein geeignetes Ex- Wahrheit ausschließlich der Komplize
sensorische Konsequenz – lagen bei Will- periment das Gehirn so überlisten, dass den Cursor.
kürbewegungen scheinbar zeitlich näher es Kausalität wahrnimmt, wo keine ist, Wenn nun das relevante Wort ein bis
zusammen, bei erzwungenen Bewegun- oder umgekehrt. fünf Sekunden vor der Handlung ertön-
gen dagegen weiter auseinander. te, gaben die Versuchspersonen an, sie
Diese Ergebnisse deuten auf eine Art Vermeintliche Handlungsabsicht hätten den Cursor gezielt und absicht-
Bindungsmechanismus hin, der willent- Daniel Wegner verwirklichte diese Idee lich gesteuert. Mit anderen Worten, sie
liche Handlungen zeitlich enger an ihre gemeinsam mit Thalia Wheatley, die der- hatten ein Willenserlebnis. Wurde das
wahrgenommenen Wirkungen annähert. zeit an den amerikanischen National In- Wort jedoch 30 Sekunden vor oder eine
Vielleicht erzeugt der menschliche Geist stitutes of Health arbeitet. Zwei Ver- Sekunde nach der Handlung dargebo-
unsere Erfahrung, selbst zu handeln, in- suchspersonen saßen vor einem Bild- ten, blieb der – fälschliche – Eindruck
dem er eine enge zeitliche Verknüpfung schirm und sollten gemeinsam einen einer willentlichen Handlung aus. Die
zwischen Intentionen, Aktionen und Cursor über virtuelle Objekte bewegen. Forscher sahen darin einen klaren Be-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 95
PSYCHOLOGIE z den supplementär-mo-
torischen Cortex mit
bekam eine Frau eine Tasse Tee und er-
klärte unverzüglich, der Tee sei zu heiß,
schwachen Strompul- sie wolle ihn erst etwas abkühlen lassen.
sen, worauf manche Doch kaum hatte sie diese Absicht aus-
Patienten von dem gesprochen, als ihre fremde Hand nach
Wunsch oder Drang der Tasse griff und sie zum Munde füh-
berichteten, die Hand ren wollte. Die Frau musste sie mit der
oder den ganzen Arm anderen Hand festhalten.
zu bewegen. Bei suk- In einem anderen Fall versuchte die
zessive erhöhter Strom- fremde Hand einer Patientin, sie zu wür-
Aus urheberrechtlichen Gründen stärke wurde die ge- gen; die Frau musste sich mit der nicht
können wir Ihnen die Bilder leider wünschte Bewegung betroffenen Hand dagegen wehren. Au-
nicht online zeigen. tatsächlich ausgelöst. ßerdem riss ihr die fremde Hand häufig
Demnach scheint gegen ihren Willen die Bettdecke weg.
sich das bewusste Ge- Gelegentlich ergriff die fremde Hand
fühl einer Intention auch ein Glas, aus dem die Patientin ge-
oder eines Drangs als rade trinken wollte, und rang mit der ge-
unmittelbares Neben- sunden Hand, bis das Getränk verschüt-
produkt der Aktivität tet war. Die Frau meinte, die Hand folge
in den motorischen ihren eigenen Gesetzen und sei nicht
Hirnarealen zu entwi- dem Willen unterworfen.
ckeln, welche die Be- Bei dieser Störung kann bereits der
wegung vorbereiten. In bloße Anblick eines Gegenstands eine
einer Studie am Uni- Handlung der fremden Hand auslösen,


t
s
c
versity College London obwohl dies nicht den Zielen und Ab-
In Stanley Kubricks Filmklassiker fanden einer von uns (Haggard) und sichten des Patienten entspricht. Was ist
o von 1964 »Dr. Seltsam oder Wie ich Sam Clark heraus, dass die Probanden die Ursache?
lernte, die Bombe zu lieben« muss Peter Intention und Handlung nur dann als Meist leiden die Betroffenen an einer


ä
u
Sellers seine rechte Hand hindern, ihm an verbunden empfanden, wenn Aktion einseitigen Schädigung des medialen

h
ä
d
i
n
g
ug
die Gurgel zu gehen. T hlich gibt es und Effekt exakt der Intention entspra- frontalen Cortex oder des Corpus callo-

ha
das so genannte Fremde-Hand-Syndrom, chen – nicht aber, wenn Intentionen, sum, des Balkens, der beide Gehirnhälf-

f
ü
s
ue
n
r
;
,ä
d
i
bei dem sich eine Hand der Steuerung Handlungen und Wirkungen bloß hin- ten verbindet; bei manchen ist sogar bei-

h
f
ü
e
rn h
tereinander abliefen. Für ein Gefühl der des geschädigt. Im medialen frontalen

h
durch den Willen entzieht. Diese Störung
entsteht g nach einer einseitigen Handlungskontrolle ist offenbar mehr Cortex liegen sowohl das SMA als auch
Sc des medialen frontalen Cor- nötig als nur eine bestimmte Aufeinan- Teile von MI. Wie erwähnt sprechen ex-
tex. Dort liegen Hirnareale, die Bewegun- derfolge der Ereignisse. perimentelle Befunde dafür, dass unser
gen planen und ihre Sc Die beschriebenen Laborstudien ge- Bewegungsbewusstsein etwas mit der
gung könnte dazu dass eine Hand hen der allgemeinen Frage nach, warum Verbindung zwischen SMA und MI zu
quasi ihren eigenen Willen bekommt. Menschen glauben, Kontrolle über ihre tun hat. Daher könnte eine Schädigung
Handlungen auszuüben. Doch manche des SMA wie beim Fremde-Hand-Syn-
Menschen erleben motorische Handlun- drom zur Folge haben, dass eine Hand
gen als völlig unkontrolliert. Bei drei »ihren eigenen Kopf« hat.
weis, dass das menschliche Gehirn das neuropsychiatrischen Erkrankungen – Beim Nutzungsverhalten (utilization
Gefühl von Handlungsvollmacht erst Fremde-Hand-Syndrom, Nutzungsver- behavior) hantieren die Patienten un-
nach Abschluss der Handlung konstru- halten und Schizophrenie – treten dras- kontrollierbar mit jedem Gegenstand,
iert. Vermutlich gibt eine geeignete Ab- tische Störungen des Handlungsbewusst- der ihnen unter die Augen kommt. An-
folge von Intentionen, Aktionen und seins auf. ders als beim Fremde-Hand-Syndrom
Konsequenzen dem Gehirn im Nachhi- beschränkt sich das Nutzungsverhalten
nein ein Gefühl von Kontrolle. Wenn die eigene Hand nicht auf einhändige Aktionen und geht
Andererseits könnte das Gehirn das verrückt spielt nicht mit fehlendem Bewusstsein einer
Kontrollgefühl auch als direktes Resultat Beim Fremde-Hand-Syndrom entzieht Bewegungsabsicht einher. Vielmehr rati-
der neuralen Ereignisse erzeugen, die ei- sich eine Hand der Willenskontrolle. onalisieren die Betroffenen häufig ihre
ner Bewegung vorausgehen. In der Tat Diese Hand führt zielgerichtete, aber oft unangemessenen Handlungen, wenn
sprechen einige Studien deutlich gegen unpassende Handlungen aus, ohne dass man sie danach fragt. 2002 berichtete
die reine Rekonstruktion im Nachhi- die betroffene Person dies beabsichtigt. Edoardo Boccardi am Ospedale Niguar-
nein, denn bereits vor der Bewegung kann Die Patienten sehen sich außer Stande, da Ca’Granda in Mailand über einen fas-
ein starker Eindruck von Absicht und das als fremd empfundene Glied zu kon- zinierenden Fall:
Urheberschaft existieren. Insbesondere trollieren, und müssen es oft mit physi- »Er zeigte auch komplexes (beidhän-
Frieds Arbeit von 1991 liefert Indizien scher Gewalt an unangemessenen Aktio- diges) Nutzungsverhalten, das ebenfalls
dafür. Wie bereits erwähnt reizte Fried nen hindern. In einem oft zitierten Fall hauptsächlich von seiner rechten Hand

96 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
ausging, wobei sich die linke nach einer wegung für das Gehirn unerwartet – und
gewissen Verzögerung anschloss. Einmal genauso stellen es schizophrene Patien-
legte der Versuchsleiter absichtlich seine ten auch dar.
Brieftasche auf den Tisch, während er Noch bleibt in vieler Hinsicht rätsel-
die Videokamera einstellte. Der Patient haft, wie das Gehirn an unserem Hand-
erblickte die Brieftasche, nahm alle Kre- lungsbewusstsein mitwirkt. Jedenfalls
ditkarten und andere Dokumente heraus stellen die hier beschriebenen Experi-
und las laut daraus vor. Der Versuchslei- mente den klassischen Begriff des freien
ter fragte: ›Wem gehört die Brieftasche?‹ Willens in Frage. Wenn zu dem Zeit-
– ›Ihnen‹, antwortete der Patient, etwas punkt, in dem eine Person eine Hand-
verblüfft über eine derart banale Frage. lungsintention empfindet, die neurale
Er fuhr aber fort, in der fremden Briefta- motorische Aktivität längst im Gange ist,
sche zu stöbern und persönliche Noti- müssen wir uns fragen, wodurch das Ge-
zen, die der Versuchsleiter darin gelassen fühl einer Absicht verursacht wird, auf
hatte, laut vorzulesen.« das wir unseren Glauben an Kontrolle
Wie beim Fremde-Hand-Syndrom gründen.
kennt niemand die genaue Ursache des Vielleicht entsteht dieses Gefühl aus
Nutzungsverhaltens. Gesichert ist, dass den laufenden Rechenprozessen, die das
diese Patienten in der Regel eine beidsei- Vorwärtsmodell erfordert. Wie aus Labor-
tige Läsion der Frontallappen erlitten ha- experimenten und klinischen Untersu-
ben. Solche Läsionen könnten hemmen- chungen hervorgeht, sind Nervensignale,
de Prozesse außer Kraft setzen, die eine die schon vor Ausführen einer Bewegung
Person normalerweise daran hindern, al- den vermuteten Ablauf abschätzen, ent-
les in ihrer Reichweite anzufassen. scheidend für das bewusste Erleben un-
serer Handlungen. Nach Meinung der
Beschönigter Kontrollverlust meisten Hirnforscher belegen die hier
Außerdem können die Patienten der dargestellten Arbeiten, dass unser Kon- ANZEIGE
Selbsttäuschung aufsitzen, sie hätten die trollbewusstsein aus der Art und Weise
ausgeführten Handlungen beabsichtigt. entsteht, wie die motorischen Hirnareale
Wie Sarah-Jayne Blakemore von der Bewegungsinformationen verarbeiten.
Universität London vermutet, fehlt die-
sen Patienten das Bewusstsein innerer Sukhvinder S. Obhi ist
Ziele und Intentionen für nachfolgende Mitglied der Research Group
Bewegungen. Die Patienten bemerken, on Action and Perception der
was sie gleich tun werden, quasi erst kanadischen Institutes of
Health. Er untersucht, wie
dann, wenn es schon passiert ist. Da es das Gehirn Handlungen steu-
vorher kein Intentionsbewusstsein gab, ert. Patrick Haggard lehrt
muss der Patient sein Verhalten im kognitive Neurowissenschaft
A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E

Nachhinein rationalisieren. am University College Lon-


Auch bei Schizophrenie tritt Kon- don. Er erforscht Zusammen-
hänge zwischen subjektivem
trollverlust auf. Viele dieser Patienten be- Erleben und Hirnprozessen.
haupten, eine andere Person oder eine
äußere Macht verursache ihre Handlun- © American Scientist Magazine
(www.americanscientist.org)
gen, Gedanken, verbalen Äußerungen
oder Emotionen. Die Kranken führen Illusion Freiheit. Mögliche und unmögliche
Bewegungen aus, ohne sich dessen be- Konsequenzen der Hirnforschung. Von Mi-
chael Pauen. S. Fischer, Frankfurt 2004
wusst zu sein. Blakemore vermutet den
Grund für diesen Ausfall des Handlungs- Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn
unser Verhalten steuert. Von Gerhard Roth.
bewusstseins in einer Störung des Vor-
Suhrkamp, Frankfurt 2001
wärtsmodells. Wie erwähnt gleicht das
Gehirn eine reale Bewegung mit diesem The relative effects of external spatial and
motoric factors on the bimanual coordinati-
Modell ab, und solange Voraussage und
on of discrete movements. Von S. S. Obhi und
Ergebnis halbwegs übereinstimmen, ent- P. Haggard in: Experimental Brain Research,
steht im Gehirn der Eindruck, dass die Bd. 154, S. 399, 2003
Person die Handlung bewirkt hat. Ist bei Voluntary action and conscious awareness.
einem schizophrenen Patienten der Vor- Von P. Haggard, S. Clark und J. Kalogeras in:
hersagemechanismus defekt, so kommt Nature Neuroscience, Bd. 5, S. 382, 2002
keine zutreffende Prognose der Konse- Weblinks zu diesem Thema bei www.spek-
quenzen einer Bewegung zu Stande. In- trum.de unter »Inhaltsverzeichnis«
folgedessen wirkt eine selbst erzeugte Be-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 97
REZENSIONEN
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE te, der heute als Auslöser für den Bau der
REZENSIONEN

Jürgen Neffe ersten Atombombe gilt. Seine pazifisti-


sche Überzeugung verlor er jedoch nicht:
Einstein. Eine Biographie
»Eine übernationale Regierung scheint
Rowohlt, Reinbek 2005. 490 Seiten, € 22,90
die einzige Alternative«, sagte er ange-
sichts des auch von ihm vorausgesehenen
Thomas Bührke und befürchteten atomaren Wettrüstens.
Albert Einstein Albert Einsteins Leben war ebenso er-
dtv, München 2004. 191 Seiten, € 10,– tragreich wie tragisch.
Was gibt es zu kritisieren an Neffes
Werk, an dem sich zukünftige Biografien

E s ist nicht zu übersehen: 2005 ist mentare in schönen Sätzen, angereichert


das Einsteinjahr. Hundert Jahre, mit zahlreichen Zitaten, machen die
nachdem die Spezielle Relativitätstheorie Lektüre zum Vergnügen. Gegliedert ist
messen werden müssen? Lediglich zwei
Punkte. In dem genau recherchierten
Buch fehlt eine Zeittafel mit den wich-
veröffentlicht wurde, und fünfzig Jahre der Text eher thematisch als zeitlich, wo- tigsten biografischen Eckdaten. Und auf
nach dem Tode Albert Einsteins (1879 – durch die verschiedenen Facetten des Seite 165 versucht sich Neffe an einer
1955) überbieten sich die Buchläden mit Physikgenies besonders anschaulich wer- Erklärung des Zwillingsparadoxons –
Einstein-Tischen, zahlreiche Fernsehsen- den. So ist das Buch weit mehr als eine und scheitert daran. Was er schreibt, ist
dungen beschäftigen sich mit dem wohl reine Nacherzählung von Lebensdaten, zwar nicht falsch, erklärt aber nicht, wa-
berühmtesten Wissenschaftler, und selbst sondern lässt beim Leser den Menschen rum ein Raumfahrer nach seiner Rück-
das Kundenmagazin der Deutschen Einstein lebendig werden. kunft weniger gealtert ist als sein daheim
Bahn widmete ihm im Februar zwölf In manchen Kapiteln nimmt Neffe, gebliebener Zwillingsbruder. Neffes Ar-
Seiten. Wer war der Mann, der als Welt- der selbst am Max-Planck-Institut für gument ist nichts weiter als eine schöne
bürger und Querdenker, Pazifist und zu- Wissenschaftsgeschichte in Berlin arbei- Erklärung der Zeitdilatation und darum
gleich geistiger Vater des amerikanischen tet, seine Leser mit auf die Forschungs- sowohl auf den Raumfahrer als auch
Atombombenprogramms gilt? reisen eines Wissenschaftshistorikers. Im auf seinen Bruder anwendbar. In dieser
Frappierend und fesselnd zugleich ist Einsteinarchiv der Hebrew University in Symmetrie liegt jedoch das eigent-
der Einstieg, den Jürgen Neffe wählt: Jerusalem oder an seiner letzten Wir- lich Paradoxe. Der auflösende Hinweis,
Während der Obduktion Einsteins kungsstätte in Princeton versuchen For- dass nur der Raumfahrer beschleunigen
stiehlt der Pathologe
Thomas Harvey des-
sen Gehirn. Etwas Wer war der Mann, der als Weltbürger und Querdenker, Pazifist und zugleich
detailgenauer, als geistiger Vater des amerikanischen Atombombenprogramms gilt?
dem Leser lieb ist,
beschreibt der Autor
in der Einleitung das kuriose Schicksal scher heute das Leben des großen Physi- und bremsen muss, fehlt. Mit einem
des Organs. Nach wenigen Seiten wird kers zu enträtseln. Wie hat sich 1914 der Schmunzeln liest man da auf der Um-
allerdings deutlich: Es ist absurd, einen damals 35-Jährige zur Allgemeinen Rela- schlaghülle, dass der Autor sein Physik-
Menschen über seine Biologie verstehen tivitätstheorie durchgekämpft? Gibt es studium zu Gunsten der Biologie abge-
zu wollen. Der Schlüssel dazu liegt viel- aus den zahlreichen Affären des Physi- brochen hat.
mehr in seiner Biografie. kers doch noch Nachkommen, deren Thomas Bührke, promovierter Physi-
Nach diesem gelungenen Auftakt Existenz verschleiert werden sollte? Ver- ker und Wissenschaftsredakteur, bietet
wird der Leser in den folgenden Kapiteln mutlich werden sich nicht mehr alle Fra- dagegen einen Einstein-Schnellkurs. Sein
nicht enttäuscht. Im Gegenteil, der lang- gen klären lassen. Werk ist poppiger aufgemacht als Neffes
jährige »Geo«- und »Spiegel«-Autor Nef- Einstein war nicht nur derjenige, der Buch, die Bilder sind nicht auf einige
fe erzählt die Lebensgeschichte Einsteins das Theoriengebäude der Physik des 19. wenige Bildseiten verbannt, sondern ste-
ausgesprochen spannend, mit dem Jahrhunderts radikal umbaute, sondern hen an der zugehörigen Textstelle. Ne-
Schwerpunkt eher auf dem Menschen auch ein Frauenheld, Ehemann, Vater ben dem Haupttext gibt es zahlreiche
als auf dem Physiker. Intelligente Kom- und lebenslang ein Kind. Er war auf sei- farbig unterlegte Kästen mit Zitaten, Be-
ne eigene Weise religiös und bekam den griffserklärungen oder biografischen No-
Judenhass in der Weimarer Republik zu tizen zu den Personen, die Einsteins Le-
spüren. Er emigrierte 1933 in die USA, ben begleitet haben. Fast sieht das Buch
wo er 1939 jenen verhängnisvollen Brief aus wie ein Artikel in einer Illustrierten.
an Präsident Roosevelt mit unterzeichne- Leider ist dadurch ein ziemlich ver-
wirrendes Layout enstanden. Immer wie-
der rutschen die Augen des Lesers in ei-
nen Kasten ab, was den Lesefluss erheb-
Anfänge einer Karriere: Der spätere lich stört. Einen Teil der Arbeit des
l Nobelpreisträger und Jahrhundert- Autors, nämlich die Fakten zu ordnen
physiker gibt Nachhilfeunterricht. und zu verbinden, überlässt Bührke so

104 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
dem Leser. Dafür ist das Buch garantiert
keine Bleiwüste, und vielleicht verführt
der eine oder andere Blickfang ja zum
Weiterlesen. Man kann es dem Buch nur
wünschen, denn der Haupttext ist le-
senswert.
Auch Bührkes chronologisch erzählte
Geschichte schafft es, dem Leser den
Menschen Albert Einstein nahe zu brin-
gen, wobei er etwas mehr Gewicht auf
die wissenschaftlichen Leistungen legt.
So finden sich in Kurzform auch die üb-
lichen Zeichnungen mit Lichtblitzen und
fahrenden Zügen sowie die Zeitdilatati-
onsformel – gerade so viel Relativitätsthe-
orie, wie man mit Mittelstufenmathema-
tik verstehen kann. Hier merkt man, dass
der Autor selbst Physiker ist. Natürlich
genügen die wenigen Seiten nicht, um
die Einstein’schen Theorien voll zu ver-
stehen, aber sie geben doch eine Idee, was
denn so revolutionär an den beiden Säu-
len der modernen Physik war.
Beide Bücher sind empfehlenswert –
und so verschieden, dass sie einander
nicht ernsthaft Konkurrenz machen.
Stefan Gillessen
Der Rezensent ist promovierter Physiker und
Eine von Albert Einsteins Geliebten: die
Postdoc am Max-Planck-Institut für extraterrest-
russische Spionin Margarita Konenkova
rische Physik in Garching.

CHEMIE

Kristin Mädefessel-Herrmann,
ü
Friederike Hammar und Hans-J rgen Quadbeck-Seeger
Chemie rund um die Uhr
VCH-Wiley, Weinheim 2004. 231 Seiten, € 19,90

D ie Chemie ist die Wissenschaft mit


dem vermutlich größten Image-
problem. Unter Schülern ist sie als
Imagekampagne für die Wissenschaft
Chemie zu werben. Ein Baustein dieser
Bemühungen, zu denen auch Tage der
schwierig verhasst; in einer chemischen offenen Tür in chemischen Fakultäten
Fabrik sieht das Volk in erster Linie eine und spezielle Vorlesungen für ein Laien-
Giftmischungs- und Umweltverschmut- publikum gehören, ist das vorliegende
zungsanlage und nicht die Quelle für Buch, für das sich das Bundesministeri-
zahlreiche hoch geschätzte Produkte wie um für Bildung und Forschung und die
Medikamente, Kunststoffe und die geile größte Standesorganisation der Branche,
Metalliclackierung am Auto. die Gesellschaft Deutscher Chemiker
Die professionellen Vertreter des (GdCh), zusammengetan haben.

A
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ip
in
ä
s
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u
r
Fachs haben auf diesen Missstand lange
mit Verstörung und Rückzug in die El-
fenbeintürme und hinter die Fabriktore
reagiert. Im Angesicht der Bildungskrise Der Stoff für schöne Beine: Poly-
und einer anwachsenden internationalen r amid (»Nylon«) wird durch Poly-
Konkurrenz haben sich Politik und che- kondensation von und Hexa-
mische Verbände entschieden, mit einer methylendiamin synthetisiert.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 105
Speiseöl, von Heilmitteln, von Nylon, den Bildarchiven herausgeholt. Papier,
Teflon und Kartoffelkäfern, und zwar so, Druck und Einband verdienen das Prä-
dass jeder Zehnjährige das meiste verste- dikat »bibliophil«.
hen kann. Wie giftig ist das viel disku- Ein ambitioniertes Projekt wurde in
tierte Acrylamid, und was ist das über- brillanter Weise umgesetzt. Wenn »Che-

ü
r
haupt? Woraus setzt sich ein Autolack mie rund um die Uhr« nicht das Interes-

f
zusammen, und wieso klebt er? Was sind se an dieser Diszplin weckt, schafft es
Geschmacksverstärker, und wie funktio- auch kein Lehrer. So viel Didaktik wie
nieren künstliche Süßstoffe? Und vieles zwischen die beiden Buchdeckel dieses
mehr – die Liste ist schier endlos. Die Titels passt in kein Klassenzimmer. Kein
REZENSIONEN

Faszinierend: Flachbildschirme Botschaft ist klar: Chemie ist überall! Chemielehrer, keine Schulbibliothek soll-
o das Fernsehen der Zukunft Auch wenn es darum geht, sich oder te darauf verzichten. Abbildungen und
andere mit Vorsatz zu vergiften: Das Textauszüge lassen sich prächtig in den
Buch enthält Kapitel über Gifte »von Ar- Chemieunterricht einbauen. Themen für
sen bis Zyankali«, Kampfstoffe sowie le- Referate, Projektwochen und Exkursio-
Das Ergebnis dieser Imagekampagne gale und illegale Genussdrogen. nen springen einen förmlich an. Ledig-
ist eine »goldene Kugel«, die ihr Ziel si- Bei all dem gelingt den Verfassern lich ein Stichwortverzeichnis fehlt.
cher nicht verfehlen wird. Auf den Text- der Spagat zwischen Unterhaltung und Ein »coffee-table book« im besten
seiten brennen die beiden Journalistin- Information. Auf chemische Formeln Sinne. Nur könnte der Kaffee kalt wer-
nen Kristin Mädefessel-Herrmann und verzichtet der Text vollkommen; sie tau- den, weil das Buch so spannend ist – bis
Friederike Hammar sowie Hans-Jürgen chen lediglich in höchst ästhetischer einen auf Seite 113 der Essay »Geliebte
Quadbeck-Seeger, der ehemalige For- Form, die Schönheit der molekularen braune Brühe« wieder daran erinnert.
schungsvorstand der BASF, ein Feuer- Welt greifbar werden lassend, in den un- Thomas Lazar
werk in allen Farben des Regenbogens zähligen farbigen Abbildungen auf. Bei Der Rezensent hat in Biochemie promoviert und
ab. Man liest von Diamanten und von der Ausstattung des Buchs hat man sich ist freischaffender Sachbuchautor und Überset-
Schokolade, von Erd-, Schmier- und nicht lumpen lassen und das Beste aus zer in Göttingen.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ kann wie ein menschliches arbeiten,


ohne notwendigerweise wie ein solches
Pamela McCorduck gebaut zu sein. Künstliches Denken
Machines Who Think kann also auf algorithmischem Weg
A Personal Inquiry into the History and Prospects funktionieren – indem ein Programm
of Artificial Intelligence Befehle ausführt, genauer: Symbole ver-
A K Peters, Natick (Massachusetts) 2004. 598 Seiten, $ 19,95 arbeitet. Nebenbei erklärt McCorduck
auch dem technisch unwilligen Leser,

B ereits im Titel steckt Stoff für ein


paar grüblerische Nachmittage:
»Maschinen, die denken«, provokant mit
terhaltsame Reise durch die Geschichte
der KI-Tüftelei. Eine Reise, die für
sie mit der alten Frage verknüpft ist, wie
wie das legendäre »Psychotherapie«-Pro-
gramm Eliza (das zwar unintelligent,
aber überraschend wirkungsvoll plapper-
dem englischen Relativpronomen »who« wir Wissen sammeln, mit Maschinen te) und all die anderen Maschinchen im
formuliert, das doch für Belebtes, sogar spielen, denkende Maschinen zu unseren Inneren ticken.
Vernunftbegabtes reserviert ist. Denken Gefährten machen: Bereits der hinkende Auch die Kritiker lässt sie zu Wort
Maschinen denn? Schmied und Zeussohn Hephaistos hatte kommen, Joseph Weizenbaum beispiels-
Ja, sagt Pamela McCorduck in ihrer intelligente Blasebälge, die ihm aufs Wort weise, den schon der Erfolg seiner Eliza
Nacherzählung der Geschichte der gehorchten. ängstigte: Offenbar seien Menschen viel
künstlichen Intelligenz (KI). Fußball McCorduck berichtet vom Enthusi- zu schnell bereit, in Maschinen Intelli-
spielende Roboter, Schach spielende asmus der Pioniere wie des Kyberneti- genz – sogar Gefühl! – zu vermuten, und
Computerprogramme, »Such-Bots«, die kers Norbert Wiener (1894 – 1964) und deswegen sollten wir lieber die Finger
auf kluge Weise Datenbanken durchstö- des Mathematikers John von Neumann von der KI lassen, um uns nicht selbst
bern – das sind alles Denker. (1903 – 1957), auf den die Idee eines ge- eine Falle zu stellen.
Allerdings nutzen sie ihre künstlichen speicherten Computerprogramms zu- Das ist alles wunderbar durchdacht
Hirne auf eigene Art. Maschinendenken rückgeht; beide sahen sich durchaus in und mit Herzblut berichtet. Allerdings
kann ganz anders ablaufen als Menschen- der Tradition eines Rabbi Löw nicht neu: Der größte Teil des Buchs er-
denken und trotzdem Denken sein, so (1520 – 1609), der im frühneuzeitlichen schien bereits 1981, wurde in den USA
das Credo der Autorin. Um das zu zei- Prag den Golem erschuf. Sie erzählt von ein Bestseller und in viele Sprachen
gen, entfacht sie ein Denkmaschinen- der folgenschweren Dartmouth-Konfe- übersetzt, auch ins Deutsche (»Denkma-
Feuerwerk: Sie hat klug beobachtet, renz 1956, bei der Marvin Minsky und schinen«).
kennt die KI-Szene (zumindest in den andere, auch heute noch aktive Wortfüh- Die Neuauflage hat McCorduck mit
USA) und nimmt uns mit auf eine un- rer entschieden: Ein künstliches Hirn einem Nachwort versehen. Auf diesen

106 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 107
100 Seiten durcheilt sie das fehlende Überhaupt wirkt es verlegerisch un- mus das richtige Ergebnis liefern, die
REZENSIONEN

Vierteljahrhundert: Die »Eiszeit« in den geschickt, die letzten 25 Jahre als Appen- Wissensbasis funktionieren. »Heroische«
1980ern, als sich niemand mehr von dix an das große Werk zu fügen. Denn Großprojekte werden da eher mit schie-
denkenden Maschinen zu reden traute – in diesen Jahren hat eine Zäsur stattge- fem Grinsen angesehen, wie die Wissens-
zu grandios waren selbst »einfache« Pro- funden: Das »heroische« Zeitalter der KI basis »CyC« des Stanford-Professors
jekte, wie die maschinelle Übersetzung, – wie McCorduck es charakterisiert – ist Douglas Lenat, in der das gesamte All-
mitsamt den investierten Forschungsmil- in den meisten Labors längst abgeblasen tagswissen eines Menschen in Form von
lionen den Bach hinuntergegangen. KI worden. Heute spricht kaum noch je- Regeln wie »Schnee→weiß« und »Zahn-
galt als Hort der Hybris und der haltlo- mand davon, eine intelligente Maschine arzt→gelegentlich Schmerzen« codiert
sen Versprechungen, die Idee, ein künst- schaffen zu wollen; selbst das Wort »In- werden soll, um einer Maschine dadurch
liches Gehirn zu erstellen, als absurd.
Die Forschungsförderung, auch des Mi-
Das Zeitalter der großen Versprechungen in der KI ist vorbei.
litärs, versiegte.
Danach kam wieder Leben in die Und das ist gut so
Eiswüste: »Deep Blue« schlug den
Schachmeister Garri Kasparow; das telligenz« meidet man eher, um weder menschenähnliches Wissen einzuhau-
künstliche Denken war plötzlich wieder falsche Hoffnungen noch unnötige chen. Pamela McCorduck aber referiert
salonfähig. Und auch die Ängste waren Ängste zu schüren. über diese seit 1994 andauernde Hams-
wieder da: Bill Joy, Erster Wissenschaft- Bis auf wenige Ausnahmen wie den terarbeit stoisch ohne einen Anflug von
ler des Betriebssysteme-Bauers Sun Mi- Roboterbauer Hans Moravec, der vollin- Kritik.
crosystems, belebte passgenau vor der tegrierte und gesellschaftsfähige Kunst- Auch die Hinwendung zum Körper
Jahrtausendwende auch deutsche Feuil- menschen unverdrossen für das Jahr schwingt bei ihr implizit mit, wenn sie
letons, indem er vor einer Machtüber- 2050 prophezeit, ist die KI pragmatisch die neuen Roboter bespricht, wird aber
nahme durch die Maschinen warnte. geworden. Sie hat sich, wie McCorduck nicht als der Trend, der er ist, gewürdigt:
All das gibt einen guten Überblick. durchaus bemerkt, in viele Teildiszipli- Embodied AI, »verkörperte KI«, ermög-
Die Inspiration der Erstauflage hat das nen aufgespalten und konzentriert sich licht durch die boomende Sensortech-
Nachwort aber nicht: McCorduck reiht aufs Machbare: Der Fußballroboter soll nik, lagert viele Funktionen der zentra-
Ereignisse aneinander, spürt jedoch den den Ball treffen, der Kanalkrabbler das len Steuerung in die Peripherie aus, lässt
tiefer liegenden Strömungen wenig nach. Leck im Rohr finden, der Suchalgorith- also, anthropomorph gesprochen, den
Körper zu Wort kommen und entlastet
den Kopf. Ein schönes Pferd, auf das
Die 5x5-Rezension des Monats von wissenschaft-online McCorduck hätte aufspringen können:
Schließlich ist es genau ihr Metier, den
Harald Meller (Hg.) Computer nicht bloß als Werkzeug, son-
Der geschmiedete Himmel dern als Erkenntnisobjekt zu nutzen, wie
Die weite Welt im Herzen Europas vor 3600 Jahren der Mensch sich selbst sieht – denn auch
Theiss, Stuttgart 2004, 206 Seiten, € 24,90 (bis 30. 4. 2005) in die Philosophie haben ja Diskussio-
nen zur Körperlichkeit Einzug gefunden.

B edeutende Funde der Archäologie


sind oft klein und unscheinbar, und
die Öffentlichkeit nimmt sie kaum wahr.
kenntnisse zur Himmelsscheibe in Wort
und Bild in ihren weiteren räumlichen
Kontext ein. Alle Aufsätze sind durchweg
Weil sich so vieles geändert hat, wäre
es vielleicht klug gewesen, ein neues
Buch zu schreiben, statt einfach die neu-
Da ist die Himmelsscheibe von Nebra in einer auch dem Laien verständlichen en Entwicklungen an die alten anzuhän-
eine spektakuläre Ausnahme. Der Bedeu- Sprache verfasst. gen. Und es ist wirklich schade, dass die
tung des Fundes trägt der Katalog zur Aus der Rezension von Dr. Almut Mehling Autorin, wie sie im Vorwort schreibt,
Landesausstellung »Der geschmiedete nicht die Zeit fand, über die Grenzen
5×5 Punkte
Himmel« schon in Gestaltung und Aus- der USA hinauszugehen. Auch in Lund,
stattung Rechnung: Die aufwändigen, Rubriken 1•2•3•4•5 Darmstadt und Tokio werden interessan-
großformatigen Fotos kommen durch das te Dinge gebaut. Jedenfalls ist es inzwi-
schlichte und klare Layout des Buchs be- Inhalt schen klar: »Machines who think« – die-
sonders gut zur Geltung. Vermittlung ser Satz ist an den Schläfen so grau wie
Zusätzliche Karten, Lebensbilder, Verständlichkeit viele der Pioniere der KI aus dem ver-
aufschlussreiche Grafiken und Fundzeich- Lesespaß gangenen heroischen Zeitalter. Heute er-
nungen vervollständigen den visuellen Preis/Leistung gänzt man den Ausspruch mit einem
Eindruck. Der Katalog bindet die Er- Gesamtpunktzahl 24 »nun ja, irgendwie – kind of«, zieht den
Laborkittel an und schraubt weiter. Das
Zeitalter der großen Versprechungen ist
Den kompletten Text und zahlreiche weitere Rezensionen
vorbei. Und das ist gut so.
von wissenschaft-online finden Sie im Internet unter Annette Leßmöllmann
h tt p : / /w w w.w i s s e n s ch a ft - onli ne .de / 5x 5 Die Rezensentin ist Redakteurin bei Gehirn&Geist
in Heidelberg.

108 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
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PSYCHOLOGIE Lächeln mancher Menschen auf uns ir-
Paul Ekman gendwie aufgesetzt wirkt: Sie verziehen
nur den Mund. Da sich die entscheiden-
Gefühle lesen
den Muskeln im Bereich der Augen nur
Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren
schwer willkürlich beeinflussen lassen,
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg.
Elsevier Spektrum Akademischer Verlag, München 2004. 363 Seiten, € 25,–
bleiben diese unbewegt, wenn die
freundliche Geste nicht von Herzen
kommt.

T itel, Inhaltsverzeichnis und Klap-


pentext verheißen eine spannende
Lektüre. Paul Ekman, einer der bekann-
frontiert uns der Autor mit unserer eige-
nen. Was löst unsere Emotionen aus,
und warum reagieren wir bei manchen
In solchen Feinheiten liegt das Be-
sondere des Buchs. Schade, dass sie oft-
mals in der Fülle anderer Informationen
testen amerikanischen Psychologen und Gelegenheiten über? Importieren wir untergehen, von denen viele weder neu
Experte für nonverbale Kommunikation, vielleicht, wie Helen, die Heldin eines noch sonderlich erstaunlich sind. »Wir
scheint den fein gewebten Teppich der der zahlreichen Beispieldramen dieses entscheiden genauso wenig bewusst da-
Emotionen in seinem Buch systematisch Buchs, ein extrem emotionsbeladenes rüber, wie wir in einem emotionalen Zu-
aufrollen zu wollen. Seine Ziele sind ehr- Drehbuch aus einem anderen Abschnitt stand aussehen und klingen, … wie wir
geizig: Wir sollen uns selbst und andere unseres Lebens in die Gegenwart? Ist es darüber entscheiden, wann wir emotio-
besser verstehen – auch subtile emotio- möglich, diese Auslöser bewusst zu kon- nal reagieren. Aber wir können lernen,
nale Signale unserer Gesprächspartner, trollieren? emotionales Verhalten, das wir im Nach-
die nur für Bruchteile von Sekunden Paul Ekman gibt sich größte Mühe, hinein bereuen würden, zu dämpfen.«
über deren Gesichter huschen oder gar uns für emotionale Botschaften zu sensi- Wer hätte das gedacht.
von ihnen unterdrückt werden. Wir sol- bilisieren. Dabei reduziert er Trauer, Umso verblüffender wirkt der Test
len lernen, in bestimmten Situationen Zorn, Überraschung, Angst, Ekel, Ver- am Ende (Bilder). Wer versucht, die mi-
angemessener zu reagieren. Ekman will achtung und Freude wissenschaftlich mischen Gesten zu entschlüsseln, die Ek-
uns Wege aufzeigen, Emotionen besser nüchtern zu bloßen Muskelbewegungen mans Tochter Eve in 14 Fotos übermit-
zu nutzen. Unsere Gefühle seien schließ- – leider erst im hinteren Teil des Buchs. telt, wird seine Grenzen schnell erken-
lich kein Blinddarm, kein rudimentärer Denn eines wird im Lauf der Lektüre nen. Man fühlt sich verpflichtet, das
Apparat aus längst vergangenen Zeiten, zweifellos klar: Die Gefühlswelt ist kom- Buch noch einmal von vorne anzufan-
den wir entfernen sollten, sondern der plex und durch sie einen roten Faden zu gen. Vielleicht wird ja im zweiten
Mittelpunkt unseres Lebens. Viele, zum legen sehr schwer. Zwischen ineinander Durchgang so manches klarer?
Teil lebenswichtige Entscheidungen wer- verschachtelten Beispielen und Querver- Zu hoffen bleibt allerdings, dass es
den aus dem Bauch heraus getroffen, weisen auf spätere Kapitel verlangt Ek- dem Leser dabei nicht ergeht wie der
nicht mit dem Kopf. man der Konzentration des Lesers eini- Hauptfigur in einer Gesellschaftssatire

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Bevor es daran geht, die Gefühlswelt ges ab. Kein Wunder, fasst er doch in sei- von Martin Suter. »Geri ist meist so da-

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des Gegenübers zu durchleuchten, kon- nem Buch 40 Jahre Forschungsarbeit mit beschäftigt, seine Mitmenschen zu
zusammen. beobachten, dass er sich manchmal wo-

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Zum Glück spart er nicht an Foto- chenlang ganz aus den Augen verliert.«

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material und praktischen Übungen, die Obwohl – so packend ist die Lektüre
Der Selbsttest den Leser: Finden das Gesagte illustrieren. Was die Analyse dann doch wieder nicht.
u Sie Trauer, Ekel, Angst, Zorn, V - von Gesichtsausdrücken angeht, hat sich Katharina Grund
gerung, Überraschung, Zufriedenheit und kein anderer bisher derart ins Detail be- Die Rezensentin ist Diplomgeografin und freie
Geringsc htern! geben. Endlich erfahren wir, warum das Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg.
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 111
AUSSERIRDISCHES pothese belebter fremder Welten sich zu
REZENSIONEN

Thomas P. Weber (Hg.) deren entschiedenem Gegner entwickelte.


Science & Fiction II Und was glaubt die Gegenwart über
das Thema zu wissen? Während viele Na-
Leben auf anderen Sternen
turwissenschaftler nach belastbaren Fak-
Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2004. 288 Seiten, € 13,90
ten suchen, gehen manche ihrer Kollegen
eher abseitige Wege. Ulf von Rauchhaupt,

E rlauben Sie mir, Madame, Ihnen zu


sagen, dass Sie von den Bewohnern
der Venus noch keinen klaren Begriff ha-
sich in Swedenborgs Wahrnehmung das
damals neue Wissen über »primitive«
Kulturen: Ihm zufolge wohnen Bewohner
Redakteur bei der »Frankfurter Allgemei-
nen Sonntagszeitung«, stellt das Projekt
Seti (search for extraterrestrial intelligence)
ben.« Madame hatte im Jahr 1686 ver- fremder Planeten in länglichen Hütten, vor, das mit Hilfe von Radiowellen nach
mutet, diese glichen den Mauren von aus Lehm gebaut und mit Rasen belegt. außerirdischer Intelligenz fahndet (Spek-
Granada, sonnenverbrannt, voll von Kein Zufall darum, dass die uns ver- trum der Wissenschaft 1/2002, S. 109).
Geist und Feuer und stets verliebt. In trautere Idee von hochtechnisierten kos- Immer noch der wissenschaftlichen Me-
seinen »Entretiens sur la pluralité des mischen Zivilisationen erst im Zuge un- thode verpflichtet, wolle es – zunehmend
mondes« belehrt der französische Literat seres eigenen technologischen Fortschritts von US-Computermilliardären und New-
Bernard le Bovier de Fontenelle seine aufkam. Ihre Ursprünge führt der Leipzi- Age-Vertretern beeinflusst – mittlerweile
Gesprächspartnerin, dass die Venusianer ger Literaturprofessor Elmar Schenkel un- auch weltanschauliche Orientierung bie-
angesichts der Hitze auf ihrem Planeten ter anderem auf H. G. Wells’ »The War of ten: Kontaktaufnahme wird zum Etap-
die maurischen Eigenschaften noch in the Worlds« von 1897 zurück. penziel auf der Suche nach dem Sinn des
weit höherem Maße verkörpern: »Unsere Schade, dass Thomas P. Webers »au- Lebens, erreichbar durch die Kommuni-
Mauren wären dort nur Lappländer und ßerirdischer« Band so irdische Schwächen
Grönländer – der Kälte und des Stumpf- hat. Das gemeinsame Thema und die Außerirdische sind stets auch
sinns wegen.« chronologische Sortierung halten die qua-
Gibt es die Außerirdischen, und litativ uneinheitlichen Texte nur mit Kinder ihrer eigenen Epoche
wenn ja, wie sehen sie aus? Zu letzterer Mühe beisammen. Swedenborgs Visio-
Frage warteten bereits Autoren des 17. nen, die dieser in Trance gewonnen haben kation mit spirituell fortgeschritteneren
Jahrhunderts mit allerhand erstaunlichen will, stehen neben einem kaum über das Zivilisationen.
Details auf. Das zeigt die vorliegende Deskriptive hinausgehenden Beitrag zu Im Schlusskapitel bricht auch noch
Aufsatzsammlung, die einen Bogen von Steven Spielbergs Filmwesen »E. T.« und die »Diegesis der Mathesis in der Science
der frühen Neuzeit bis zum Beginn des Ridley Scotts »Alien«. Der literaturwissen- Fiction der Jahrtausendwende« über den
21. Jahrhunderts spannt. Theologen und schaftlich angelegte Aufsatz »Science Fic- Leser herein – ein furioser, von FAZ-Re-
Philosophen, Physiker, Biologen und – tion im Barock« steht unverbunden neben dakteur Dietmar Dath mit Witz ge-
last not least – auch Wissenschaftsredak- Ausführungen zur bevorstehenden Ent- schriebener Ritt durch das Gelände der
teure haben dazu beigetragen. wicklung einer »universellen Biologie«. analytischen Philosophie. Können wir
Aliens – genauer: die verbreiteten Gleichwohl hat »Science & Fiction mit völlig andersartigen Wesen über-
Vorstellungen von ihnen – sind immer II« viel zu bieten. Wie beantwortete etwa haupt kommunizieren? Müssen sie mög-
auch Kinder ihrer jeweiligen Epoche. Das das 16. Jahrhundert die Frage, ob die licherweise mit einem anderen Perioden-
wird an dem schwedischen Naturwissen- Vielzahl der Welten bewohnt ist? Wie Pa- system der Elemente leben? Dass solche
schaftler Emanuel Swedenborg (1688 – tricia Fara, Fellow des Clare College im Fragen ebenso beiläufig aufgeworfen wie
1772) deutlich, der hier vom Paderborner britischen Cambridge, in »Vervielfältigtes beantwortet werden, tut dem Vergnügen
Religionswissenschaftler Bernhard Lang Leben« schreibt, galt nicht wenigen The- keinen Abbruch – eher schon, dass der
vorgestellt wird. Unübersehbar mischt ologen als eitler Hochmut, zu glauben, Leser noch einmal auf die Schnelle mit
dass Gott das Universum allein darum völlig neuen Gedanken konfrontiert
geschaffen habe, damit der Mensch sei- wird, um dann unvermutet ins Litera-
nen Platz darin finde. Besonders auf- turverzeichnis entlassen zu werden.
schlussreich entfaltet sich die Debatte in Darum soll wenigstens dieser Beitrag
Laura J. Snyders »William Whewell und nicht mit einem neuen, sondern einem
die Vielzahl der Welten«. Detailliert voll- schon ziemlich alten Gedanken schlie-
zieht sie nach, wie ein Verfechter der Hy- ßen. Der französische Astronom Jerôme
Lalande schrieb 1771 kurz und prägnant:
Man würde »beim Anblick einer Schaf-
herde in der Ferne nie die Schlussfolge-
Alfred Russel Wallace (1823 – 1913), rung ziehen, einige Schafe hätten statt
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h
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bekannt geworden als Entdecker Eingeweide Steine in ihrem Inneren.
der Evolution parallel zu Charles Darwin, Ebenso müssen die Planeten bewohnt
schuf eine Ideologie »aus einem Guss«, sein, da sie der Erde so ähnlich sind«.
zu deren Grundlagen Spiritismus, Sozia- Thilo Körkel
lismus und ein Universum ohne außerir- Der Rezensent ist Diplomphysiker und Wissen-
dische Intelligenz ten. schaftsjournalist und lebt in Frankfurt am Main.

112 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN
spiel alle Primzahlen der Reihe nach aus-
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

spuckt, wenn man eine natürliche Zahl


Arithmetische Primzahlfolgen nach der anderen hineinsteckt. Oder die
wenigstens für jede natürliche Zahl, die
beliebiger Länge man hineinsteckt, eine Primzahl liefert.
Oder es müsste Kämme geben, deren
In dem Unregelmäßigsten, das die Zahlentheorie kennt, der Vertei- Zinken sämtlich auf Primzahlen zeigen.
Beliebig lange Kämme, wohlgemerkt,
lung der Primzahlen, steckt ein Hauch von Regelmäßigkeit. denn dreizinkige wie {7, 13, 19} oder
vierzinkige wie {11, 17, 23, 29} zu fin-
Von Christoph Pöppe sammengesetzten Zahlen fallen, als an den ist nicht schwer. Diese Vermutung
Kämme. Aber darauf kommt es nicht an. hatte – in allgemeinerer Form – der le-

E igentlich sind Primzahlen etwas sehr


Regelmäßiges. Es sind nämlich ge-
nau die Zahlen, die nicht zusammenge-
Wenn die Nichtprimzahlen so regel-
mäßig sind, dann müsste doch das, was
übrig bleibt, wenn man sie alle wegge-
gendäre Paul Erdős (1913 – 1996) ge-
meinsam mit seinem ungarischen Lands-
mann und langjährigen Mitarbeiter Paul
setzt, das heißt Produkt von zwei oder kämmt hat, auch sehr regelmäßig sein, Turán (1910 – 1976) bereits 1936 aufge-
mehr Faktoren sind. Die zusammenge- oder? Nicht wirklich. stellt. Seitdem haben sich viele Zahlen-
setzten Zahlen aber sind so regelmäßig, Nachdem alle Kämme über die Zah- theoretiker an der Frage die Zähne aus-
wie man es sich nur wünschen kann: Alle lengerade hinweggegangen sind, sieht die gebissen.
Vielfachen von 13, sprich alle zusammen- sehr unregelmäßig gerupft aus, als hätte Umso größer ist die Begeisterung der
gesetzten Zahlen, die 13 als einen ihrer der Zufall bestimmt, welche Zahlen die Fachwelt über die Lösung des Problems:
Faktoren haben, stehen in gleichen Ab- Prozedur überstehen. Primzahlen sind so Es gibt beliebig lange arithmetische Folgen,
ständen auf der Zahlengeraden: 26, 39, etwas wie die Singles, die keinen Partner die nur Primzahlen enthalten. Das haben
52, 65, 78, … Der stets gleiche Abstand (Teiler) abgekriegt haben. Dafür gibt es vor Kurzem Ben Green von der Univer-
beträgt 13 – was sonst? Nimmt man ei- immer viele verschiedene Gründe, die in sität von British Columbia in Vancouver
nen Kamm, dessen Zinken den Abstand ihrer Vielfalt vom Zufall kaum zu unter- (Kanada) und Terence Tao von der Uni-
13 voneinander haben, und setzt ihn auf scheiden sind. versität von Kalifornien in Los Angeles
die richtige Stelle der Zahlengeraden, so Dieser Widerspruch zwischen streng bewiesen.
treffen die Zinken lauter Vielfache von regelmäßigem Bildungsgesetz und der Ein genauerer Blick zeigt: Es ist nur
13 und damit bestimmt keine Primzahl – scheinbaren Regellosigkeit der Primzah- ein Hauch von Regelmäßigkeit im Oze-
allenfalls die Dreizehn selbst, wenn man len hat viele Mathematiker nicht ruhen an des Regellosen. Während es für zu-
den Kamm mit der linkesten Zinke ein lassen und quält zahlreiche Amateure sammengesetzte Zahlen unzählige Käm-
Stück zu weit nach links setzt. Und das- noch heute. Irgendeinen Trick müsste es me gibt, ist ein einigermaßen langer
selbe gilt natürlich auch mit jedem ande- doch geben, eine Formel, die zum Bei- Primzahlkamm nur mit äußerster Mühe
ren Zinkenabstand als 13.
BEIDE ABBILDUNGEN: CHRISTOPH PÖPPE

Der vornehme Ausdruck für einen 1 30


Kamm mit konstantem Zinkenabstand
ist »arithmetische Folge«. Ein beliebtes
Schulbuchbeispiel ist die Füllung eines
Sparstrumpfs, in den die Großmutter je- 150

den Monat denselben Betrag hineintut.


(Auf einem Sparkonto kämen Zinsen
dazu, aber die kriegen wir erst in der
nächsten Stunde.) Theoretisch könnte 300
das unendlich lange so weitergehen; es
wäre auch nichts dagegen einzuwenden,
wenn unser Dreizehnerkamm nach
rechts unendlich lang wäre.
Wir basteln uns nun zu jeder Prim- 450

zahl p einen unendlich langen Kamm mit


dem Zinkenabstand p und gehen damit
genau einmal über die Zahlengerade, so-
dass wir genau die Vielfachen von p weg-
600
nehmen, nicht aber p selbst. Die Aus-
kämmprozedur hat einen ehrwürdigen
Namen: »Sieb des Eratosthenes«, denn
der antike griechische Mathematiker Era-
tosthenes (276 – 194 v. Chr.), nach dem 750
sie benannt ist, dachte mehr an verschie-
dene Siebe, durch deren Maschen die zu-

114 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
900
ausfindig zu machen. Der Beweis von
Green und Tao erklärt einem auch nicht,
wie man einen solchen Kamm findet; er
sagt allenfalls, an welchen Stellen es
nicht zu suchen lohnt.

Der Anschein der Regellosigkeit


Es ist sehr unübersichtlich unter den
großen natürlichen Zahlen. Fühlen Sie
sich weit nach draußen auf der Zahlen-
gerade versetzt, irgendwo in die Zwan-
zigstelligen, wo Sie keine einzige Zahl
mehr persönlich kennen – selbst Ihre
16-stellige Kreditkartennummer haben
Sie schon weit hinter sich gelassen. Wel-
che unter den Zahlen in Ihrer Umge-
bung sind Primzahlen? Man könnte es
herausfinden, mit dem Sieb des Era-
tosthenes oder auch mit Primzahltests,
die auf solche Fragen weit schneller eine
Antwort geben. Aber ein Muster ist
nicht erkennbar.
Weit draußen werden die Primzahlen
auch immer seltener. In der Nähe der
großen Zahl N ist die Chance auf einen
Treffer ungefähr 1/ log N, wobei log den
natürlichen Logarithmus bezeichnet. schaut, ohne von dem Wissen, dass es Die natürlichen Zahlen von 1 bis
Stellen Sie sich vor, ein Kobold Primzahlen sind, Gebrauch zu machen, o 210 2 = 44 100 von oben nach unten in
macht bei jeder Zahl ein Zufallsexpe- dann gibt es kein statistisches Mittel, Zeilen der Länge 210 aufgetragen: Prim-
riment (einen »Münzwurf«), das mit ei- ihre Verteilung von einer schlicht ausge- zahlen sind weiß; die Farbe der anderen
ner Wahrscheinlichkeit von 1 / log N die würfelten zu unterscheiden. Aber sie ist Felder entspricht der Anzahl an Primtei-
Antwort »ja« liefert, und malt alle Zah- eben nicht ausgewürfelt. Man kann sich lern der entsprechenden Zahl. Hervorge-
len, bei denen »ja« herauskommt, weiß auf nichts verlassen, nicht einmal auf die hoben sind die Vielfachen von 11 (rot) und
an. (Die anderen sind irgendwie farbig.) Regellosigkeit. Und das macht parado- 13 (blau), welche die weißen Strecken in
Alle Münzwürfe sind unabhängig von- xerweise die Sache erst richtig schwierig. ihrer Länge begrenzen. In der rechten
einander. Dann sieht es hinterher so aus, Wenn nämlich die Primzahlen wirk- oberen Ecke erkennt man die zehnteilige
wie wenn jemand genau die Primzahlen lich unabhängig voneinander ausgewür- arithmetische Primzahlfolge {199, 409,
weiß angemalt hätte. felt wären, dann wären Kämme aus sta- 619, ..., 2089}, die für die Schrittweite 210
Das ist das Vertrackte an den Prim- tistischen Gründen praktisch unvermeid- bereits die maximal mögliche Länge hat.
zahlen: Wenn man sie sich einfach so an- lich. Die Chance von 1/ log N, an der
Stelle N eine Primzahl anzutreffen, ist
für N = 1020 knapp 1/46. Ungefähr zwei
von hundert Zahlen in dieser Gegend fruchtbar. Man kann sie handfester ma-
Die natürlichen Zahlen von 1 bis 900 sind Primzahlen – etwas mager vergli- chen, indem man sich die Zahlenreihe
l in Zeilen der Länge 30 aufgetragen: chen mit den 23 Primzahlen unter den von einem physikalischen Standpunkt
Die Eins ist schwarz, alle Primzahlen sind ersten hundert, aber nicht verschwin- aus anschaut. Tun wir so, als wäre die
weiß, die Vielfachen von 2 sind gelb, die dend wenig. Die Wahrscheinlichkeit, Zahlengerade die Zeitachse, und die
von 3 pink, die von 5 grün gefärbt und so rein durch Zufall einen Kamm mit, sa- Zahlen rauschten im Megahertztempo
weiter; die Farben mischen sich. Primzah- gen wir, zehn Zinken zu finden, ist die an uns vorbei, eine Million pro Sekunde,
len können, von der ersten Zeile abgese- zehnte Potenz dieser Zwei-Prozent- ein Tempo, bei dem ein moderner PC
hen, nur in gewissen Spalten der Tabelle Chance oder ungefähr 2·10–17, was hoff- noch ganz gut mithalten kann. Nach ei-
liegen. Mehrere weiße Felder unterei- nungslos wenig erscheint. Aber wir ha- ner guten Viertelstunde ist die erste Mil-
nander entsprechen einer arithmetischen ben 1020 Plätze zur Verfügung, um in liarde vergangen, sodass es uns nicht all-
Primzahlfolge mit der Schrittweite (dem dieser Gegend unseren Kamm anzuset- zu langweilig wird, bis wir zu den gro-
»Zinkenabstand«) 30. Die Vielfachen von zen, und den Zinkenabstand können wir ßen Zahlen kommen. Jedes Mal, wenn
7 (Sternchen) verhindern, dass mehr als auch noch variieren. Da müssten doch eine Primzahl kommt, gibt es einen kur-
sechs weiße Felder aneinander grenzen. rein per Zufall reichlich arithmetische zen elektrischen Stromstoß, der sich als
Durch schwarze Rähmchen hervorge- Folgen zu Stande kommen. Knacken in unserem Lautsprecher be-
hoben sind die Vielfachen von 29 (blau) Dieses Argument ist zwar falsch (sie- merkbar macht. Unser gedachter Prim-
und 31 (rot). he unten), aber die Idee ist gleichwohl zahlzähler klingt dann wie ein Geiger-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 115
zähler: Die Primzahlen kommen genau- Die gesamte Energie des Intervalls chen Kamms könnte allenfalls die erste
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

so regellos wie radioaktive Atomzerfälle. von 1 bis N muss sich jetzt in den Fou- gleich 3 sein, denn die einzige durch 3
Einigermaßen vorhersagbar ist allenfalls rier-Schwingungen wiederfinden. Die teilbare Primzahl ist die Drei selbst. Das
die durchschnittliche Zerfallsrate oder energiereichste Schwingung muss mehr ergibt die Kämme {3, 5, 7}, {3, 7, 11},
eben Primzahldichte. als die – berechenbare – Durchschnitts- {3, 11, 19} und so weiter.
In dieser regellosen Folge von Knack- energie aller Schwingungen haben. Also Allgemein gilt: Wenn wir einen
signalen suchen wir nach periodisch wie- hat sie eine gewisse Mindestenergie, und Kamm mit m Zinken suchen, dann muss
derkehrenden Ereignissen mit zunächst das heißt auch: eine gewisse Mindestan- der Zinkenabstand k durch alle Primzah-
unbekannter Periode – nichts anderes zahl an beteiligten Primzahlen. Und das len teilbar sein, die kleiner sind als m.
sind arithmetische Folgen von Primzah- ist schon fast eine arithmetische Folge Denn wenn das nicht der Fall ist, wenn
len. Und für die Suche nach Periodi- von Primzahlen – auch wenn es keinen also k nicht durch eine Primzahl q teil-
schem gibt es ein probates Mittel: die Hinweis darauf gibt, wo wir sie zu su- bar ist, dann zeigt das Moduloskop mit
Fourier-Analyse. chen haben. Einstellung q von Zinke zu Zinke jeweils
Leider reicht dieses Argument allein eine andere Zahl, und spätestens nach q
Primzahlen mit Energie noch nicht aus. Die im Prinzip denkba- Zinken kommt die Null, sodass die ent-
Mit ihr zerlegt man zum Beispiel ein ren Schwingungen sind so viele, dass die sprechende Zahl durch q teilbar ist.
akustisches Signal, das eine gewisse Durchschnittsenergie pro Schwingung Wenn man also einen zehnzinkigen
Grundperiode hat, in Grund- und Ober- zu niedrig ist, um weiter gehende Schlüs- Kamm sucht, muss der Zinkenabstand
schwingungen. Unsere natürlichen Zah- se zu erlauben. Wäre das Eingangssignal ein Vielfaches von 2 · 3 · 5 · 7 = 210 sein,
len haben keine Grundperiode? Das ist wirklich vollkommen regellos, dann und für zwanzig Zinken muss man sich
nicht schlimm. Oberhalb einer gewissen wüsste man, dass es »ergodisch« ist, das auf einen Abstand von 2 · 3 · 5 · 7 · 11 · 13 ·
sehr großen Zahl N geben wir die Suche heißt, seine Energie auf alle möglichen 17 · 19 = 9 699 690 oder ein Vielfaches
auf und zählen wieder von vorn, immer Schwingungen ziemlich gleichmäßig ver- davon einstellen. Bei diesen großen Ab-
wieder, dann ist das Signal periodisch. teilt. Aber ausgerechnet der Mangel an ständen ist Kopfrechnen aussichtslos.
Dadurch verpassen wir die Kämme, die Regellosigkeit ist, wie oben angedeutet, Einen gewissen Eindruck gewinnt
über die Zahl N hinausragen, und fin- dazu angetan, arithmetische Folgen von man, wenn man die Zahlen in Zeilen der
den vielleicht ein paar falsche, die den Primzahlen zu verderben. Warum? Länge – zum Beispiel – 30 oder 210 un-
Übergang von N nach 1 überspannen. Nehmen wir einen zweizinkigen tereinander anordnet (Grafiken S. 114/
Aber das sind lösbare Nebenprobleme. Kamm – das ist eine aufgeblasene Aus- 115). Nur in gewissen Spalten der Tabel-
Dass unsere gedachte Zeit nicht konti- drucksweise für zwei Primzahlen in be- le kommen Primzahlen überhaupt vor.
nuierlich ist, sondern aus lauter diskre- liebigem Abstand – und versuchen, eine Außerdem kann man sich bei der Suche
ten Zahlen besteht, macht auch nichts. dritte Zinke im gleichen Abstand zu fin- nach arithmetischen Primzahlfolgen auf
Darauf lässt sich der Formalismus der den. Wenn der Zinkenabstand nicht jeweils eine solche Spalte beschränken.
Fourier-Analyse ohne Weiteres anpassen. durch 3 teilbar ist, dann haben wir nicht
Das Schöne an der Fourier-Analyse eine geringe, sondern gar keine Chance. Ein bisschen regelhaft,
ist: Sie findet immer irgendetwas. Es Den Grund dafür sieht man am bes- ein bisschen regellos
kommt nicht darauf an, ob der Daten- ten mit dem beliebten Moduloskop. So kamen Green und Tao, unter Ver-
reihe wirklich ein physikalischer Schwin- Wenn man dieses fiktive Gerät (Spek- wendung zahlreicher Resultate anderer
gungsprozess zu Grunde liegt. Ob wir trum der Wissenschaft 12/1990, S. 12) Forscher, schließlich zum Ziel: Primzah-
den Schall aus einer Orgelpfeife oder die auf eine natürliche Zahl richtet, zeigt es len sind irgendwie einerseits ein bisschen
Folge der Primzahlen analysieren, am einem statt der Zahl selbst den Rest, der regelhaft und andererseits ein bisschen
Ende der Rechnung kommt immer he- bei der Division durch – zum Beispiel – regellos. Aber es gelingt, zwischen ihrer
raus, aus welchen periodischen Ereignis- 3 übrig bleibt. Die Zahl, durch die divi- regelhaften und ihrer regellosen Seite
sen man sich das Eingangssignal zusam- diert wird, ist mit einem kleinen Stell- eine gewisse Trennung zu ziehen, und
mengesetzt denken könnte. Mehr noch: rädchen einstellbar. Schauen wir unsere zwar mit Hilfe einer geeignet erweiterten
Die Analyse schreibt jeder der Schwin- Primzahlen mit dem auf 3 eingestellten Fourier-Analyse. Die Regelhaftigkeit
gungen, die sie ausrechnet, eine Energie Moduloskop an. Wenn wir bei der ers- spielt sich nämlich im Wesentlichen bei
zu, und die Summe dieser Energien ist ten Primzahl p1 eine Eins sehen und bei den kleinen Primteilern ab, das heißt für
gleich der Energie des Eingangssignals. der zweiten p2 eine Zwei, dann sehen wir die Fourier-Analyse: bei den hohen Fre-
(Mathematiker bevorzugen die Bezeich- bei der Zahl k, die den Zinkenabstand quenzen. Bei den tiefen Frequenzen –
nung »L2-Norm« statt Energie.) angibt, eine Eins. Denn eine Gleichung entsprechend großen Abständen – dage-
Da die Primzahlen nicht von Natur wie p1 +k=p2 bleibt bei Betrachtung un- gen geht es wild zu, und entsprechend
aus irgendwelche physikalischen Eigen- ter dem Moduloskop eine Gleichung, steigt die Chance auf einen Zufallstref-
schaften haben, sind wir frei, sie ihnen und die muss in diesem Fall 1+1=2 sein. fer. Also konstruierten Green und Tao
geeignet zuzuschreiben. Green und Tao Die dritte Zinke wäre in unserem das, was ein Akustikingenieur einen Tief-
geben jeder Primzahl p die Energie log p. Beispiel p2 +k. Das ist unter dem Modu- pass- und einen Hochpassfilter nennen
Auf diese Weise herrscht überall auf der loskop gleich 2+1=3 oder, was dasselbe würde. Deren Trennschärfe lässt zwar zu
Zahlengerade die gleiche Energiedichte. ist, gleich 0, das heißt, p2 +k ist durch 3 wünschen übrig, ist aber ausreichend,
Weit draußen sind die Primzahlen zwar teilbar und daher mit Sicherheit keine um zu zeigen, dass genügend Energie bei
seltener, aber dafür entsprechend fetter. Primzahl. Von den drei Zinken eines sol- den tiefen Frequenzen angesiedelt ist.

116 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Um genau zu sein: Es gelingt nicht,
die verfügbare Energie quantitativ hin- PREISRÄTSEL
reichend genau abzuschätzen. Man kann
nur zeigen, dass sie beliebig anwächst, Überholfreude Bea und Alf, und stellen im Ziel fest,
wenn man den zu Grunde liegenden dass jeder eine ungerade Anzahl von
Zahlenbereich von 1 bis N beliebig groß Von Paul von der Heyde Malen überholt wurde. In welcher Rei-
wählt. Das Anwachsen ist zwar quälend henfolge kamen sie ins Ziel?
langsam, proportional zu log N oder Für Alf, Bea, Carl und Dora besteht der Schicken Sie Ihre Lösung in einem
noch schleichender, aber das ist kein Spaß beim Joggen im Überholen. Eine frankierten Brief oder auf einer Post-
Grund zur Besorgnis: Es gibt ja unend- einfache Regel sorgt für eine gerechte karte an Spektrum der Wissenschaft,
lich viele natürliche Zahlen. Verteilung des Vergnügens: Bei einem Leserservice, Postfach 10 48 40, D-
Daraus folgt: Zu jeder vorgegebenen Lauf überholt jeder der vier genau ein- 69038 Heidelberg.
Länge m gibt es irgendwo ganz weit mal einen, einmal zwei und einmal alle Unter den Einsendern der richtigen
draußen eine arithmetische Primzahlfol- drei Vorauslaufenden. Im Übrigen lau- Lösung verlosen wir drei batterielose
ge der Länge m. Mehr als eine? Vielleicht fen sie in einer Reihe, und es schert Taschenlampen »Everlight XXL«. Der
sogar unendlich viele? Das ist plausibel, stets nur einer zum Überholen aus. Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es wer-

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aber nicht bewiesen. Eine solche Folge Heute starten sie in der Reihenfolge den alle Lösungen berücksichtigt, die
zu finden ist, wie gesagt, ein ganz ande- A B C D: Dora voraus, gefolgt von Carl, bis Dienstag, 12. April 2005, eingehen.
res Problem. Green und Tao geben im-
merhin zwei – von anderen gefundene – Lösung zu »Jans zerstrittene Herde« (Februar 2005)
Kämme der Länge 21 an: Man fange
bei 11 410 337 850 553 an und gehe in Die W gehen Eine Online-Lösungshilfe finden Sie un-
Schritten von 4 609 098 694 200 oder durch Drehung um 90 Grad ausei- ter www.stephan-eisenbart.gmxhome.
ab 376 859 931 192 959 in Schritten nander hervor. Gerhard Guthöhrlein de/jans_herde/index0.html.
von 18 549 279 769 020. aus Marburg fand zwei Grundformen
Der gegenwärtige Rekord ist eine (unten und rechts) mit Varianten: Die
arithmetische Primzahlfolge der Länge Felder mit Fragezeichen sind durch ? ? ? ? ?
23 mit Startzahl 56 211 383 760 397 jeweils einen der Bausteine darunter
? ? ?
und Schrittweite 44 546 738 095 860. zu ersetzen und die weißen Felder
Wie es sich gehört, haben alle drei symmetrisch zu füllen. Das ergibt
Schrittweiten als Teiler ein vollständiges 2· 9 + 3 ·16 = 66 Lösungen.
Sortiment kleiner Primzahlen:
4 609 098 694 200 = 23· 3 · 52 · 7 · 11 · 13 · Der Gewinner des »Globus 4 Kids« ist
17 · 19 · 23 · 1033, Kent Kwee, Marburg.
18 549 279 769 020 = 22· 3 · 5 · 72· 11 · 13 ·
17 · 19 · 23 · 5939,
44 546 738 095 860 = 22· 3 · 5 · 72· 11 · 13 · ? ? ? ?
17 · 19 · 23 · 99 839. ?
Markus Frind, Paul Jobling und Paul
Underwood fanden die Rekordfolge, in-
dem sie ein geschicktes Suchprogramm
auf mehreren Computern zugleich ab-
laufen ließen. Bei den Rechnern handel-
te es sich größtenteils um Server der
(kostenfreien) Partnersuch-Website www.
plentyoffish.com. Das macht Sinn. Es
geht darum, durch kombinatorische Be-
mühungen Singles mit zueinander pas-
senden Eigenschaften zusammenzubrin-
gen. Das Problem ist dem Computer ei-
ner Datingagentur geläufig.

Christoph Pöppe ist pro-


movierter Mathematiker
und Redakteur bei Spek-
l?
ä
t
s
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R
AUTOR

trum der Wissenschaft.


Lust auf noch mehr Unser Wissenschaftsportal wissenschaft-online
Weblinks zu diesem Thema
finden Sie bei www.spek- (www.wissenschaft-online.de) bietet Ihnen unter dem Fachgebiet »Mathe-
trum.de unter »Inhaltsverzeichnis«. matik« jeden Monat eine neue mathematische Knobelei.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 117
SPEKTRUM-ESSAY z
Aus urheberrechtlichen Gründen
können wir Ihnen die Bilder leider
nicht online zeigen.

RELIGIONSARCHÄOLOGIE

Spuren des Glaubens


Die Olmeken, Mittelamerikas älteste Hochkultur, kannten nach vorherrschender
Meinung keine Priester, sondern Schamanen. Doch neue Indizien weisen in eine andere
Richtung.

Von René Dehnhardt Glauben längst verschwundener Kulturen?


Insbesondere solcher, die im Unterschied etwa

D
er Glaube an Geister oder Götter zur ägyptischen Hochkultur keine schriftliche
ist vermutlich seit frühester Zeit Überlieferung entwickelt hatten, Rituale und
ein zentraler Bestandteil der Götternamen also nicht für die Nachwelt fi-
menschlichen Natur, die Religio- xieren konnten?
nen vergangener Völker faszinieren dement- Religion an sich kann nicht ergraben, son-
sprechend Fachleute wie Laien. Kunstvolle dern nur indirekt aus den Hinterlassenschaf-
Götterbilder holen Besucher in die Museen, ten der Praktizierenden erschlossen werden.
Fotos von Ritualobjekten verleihen archäolo- Funde aber lassen sich oft unterschiedlich
gischen Berichten den letzten Schliff. Doch deuten. Für die Religion der Olmeken kon-
wie gesichert sind Erkenntnisse über den kurrieren deshalb zwei Theorien: Die meisten

118 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
Dieser monumentale Kopf stand auf ei- Tauschwaren der europäischen Eroberer ken-
l nem zentralen Platz der Olmeken-Stadt nen. Offenbar genügen also wenige hundert
La Venta, wahrscheinlich zeigte er ihren Herr- Jahre, um religiöse Überlieferungen zu verän-
scher. Kolossalköpfe sind charakteristisch für dern. Entsprechend ist die Übertragung über
diese mittelamerikanische Kultur, keine der archäologisch relevante Zeiträume hinweg
späteren hat solche Bildnisse hinterlassen. und von einer vergangenen Kultur auf eine
andere sehr skeptisch zu betrachten.
Als genügten diese Schwierigkeiten noch
nicht, muss der Religionsarchäologe in Sachen
Forscher halten diese älteste Hochkultur Me- präkolumbischer Kulturen noch größere Vor-
soamerikas für schamanistisch, doch eine sicht walten lassen. Was immer noch erhalte-
Neubewertung der Daten spricht meines Er- ne Schriftzeugnisse etwa der Maya oder Azte-
achtens dagegen. ken verraten, vergleicht er für gewöhnlich mit
Die Olmeken lebten etwa 1200 – 500 v. Aufzeichnungen christlicher Missionare oder
Chr. im Bereich der heutigen mexikanischen missionierter Indianer.
Bundesstaaten Veracruz und Tabasco an der
Golfküste. Anders als die jüngere Hochkultur Mutterkultur ohne Nachfahren
der Maya kannten sie noch keine Schrift, Die Identifikation von Göttern und Mythen
auch wenn die Grundlagen dieser Kulturtech- erfolgt allein auf diesem Weg. Doch für jene
nik damals schon gelegt waren (siehe Spek- Christen waren die »heidnischen« Götter und
trum der Wissenschaft 6/2003, S. 14). Und Rituale verwerflich, ja böse, wie die Gleichset-
weil ihre Siedlungen – die bekanntesten sind zung des aztekischen Hauptgottes Huitzilo-
La Venta, San Lorenzo und Tres Zapotes – zur pochtli mit Satan höchstpersönlich eindring-
Zeit der spanischen Eroberung längst verfal- lich zeigt. Wie viel Verständnis durfte da ein
len waren, existieren auch keine Aufzeichnun- Schamane erwarten, der von sich behauptete,
gen europäischer Zeitgenossen wie bei den nachts als Jaguar umherzustreifen? Hätte man
Azteken. ihm Glauben geschenkt, wäre er als Werwolf
Diesen Mangel lösen Religionsarchäolo- oder Hexer verfolgt und getötet worden.
gen seit den 1960er Jahren durch das fragwür- Demnach ist schon die Rekonstruktion
dige Kredo einer mehr als 3000 Jahre währen- der Götterwelt der klassischen Maya und der
den, kaum veränderten Religion in dieser Azteken alles andere als trivial, wenn auch di-
Weltgegend. Die methodische Konsequenz: rekte Nachfahren dieser Kulturen manches er-
Anhand von Ähnlichkeiten etwa olmekischer leichtern. Für die Olmeken aber gibt es auch
und aztekischer Bildwerke schließen sie aus diese Hilfe nicht. Obwohl sie als Mutterkul-
der besser bekannten jüngeren auf die gänz- tur Mesoamerikas gelten, stammt doch keine
lich unbekannte ältere Kultur. der späteren Hochkulturen direkt von ihnen
Doch würde niemand ernsthaft versuchen, ab. Häufig werden deshalb Ethnien zum Ver-
aus dem heutigen Christentum ohne Text- gleich herangezogen, deren Sprache sich aus Die Olmeken bauten in
quellen die Religion der alten Königreiche Is- dem Olmekischen entwickelt haben soll. u Mittelamerika als Erste
rael und Juda zu erschließen, ja selbst eine Ab- Selbst wenn das zutrifft: Ob sich deren heuti- Städte mit Palästen und Tem-
leitung der frühchristlichen Kirche aus dem ge Vorstellungen 2500 Jahre zurückprojizieren peln. Ihre Kultur ist in vieler
Ist-Zustand müsste scheitern. Um wie viel lassen, scheint mir fraglich. Hinsicht noch rätselhaft.
verwegener erscheint also ein solches Vorha-
EMDE-GRAFIK / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

ben bei einer Religion, die nicht durch relativ


Städte
wortgetreue Vermittlung in Heiligen Schrif-
Siedlungen Kernland der
ten durch die Jahrhunderte getragen wurde. Olmeken
moderne Städte
Zwar kann mündliche Überlieferung Wissen
und Mythen über erstaunlich lange Zeiträu-
me weitergeben, doch Modifikationen kom-
men vor. Von Fahrlässigkeit oder falscher Er- MEXIKO- Golf von
innerung einmal ganz abgesehen, versuchten STADT
Mexiko
Erzähler sicherlich, wichtige Geschehnisse in
die Erklärungsmuster der mythologischen Tres Zapotes Karibisches
Überlieferung einzupassen. Ein schönes Bei- Laguna de La Venta Meer
los Cerros
spiel liefert eine heutige Legende der im brasi- San Lorenzo
lianischen Tiefland lebenden Aparai-Wayana- El Manati
Indianer. Demnach entstanden die von ihnen
hoch geschätzten Glasperlen einst aus dem
Kot zweier mythischer Vögel. Tatsächlich lern-
ten diese Menschen Perlen als Geschenke und
Pazifik
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
Q APRIL 2005 119
SPEKTRUM-ESSAY

GLOSSAR
z diesem Forschungsgebiet, stellte die Meiste-
rung ekstatischer Zustände in den Mittel-
punkt seiner Definition (siehe Glossar). Die-
r Geister und Götter repräsentieren zwei Klassen von übernatürlichen Wesen. ses psychische Phänomen ließe sich archäolo-
Eine Unterscheidung liegt darin, dass Geister Gesetzen unterliegen, sodass gisch allenfalls indirekt nachweisen, doch
Menschen sie bezwingen können. Götter dagegen sind völlig frei in ihrem Han- herrscht auch hier keine Einigkeit darüber,
deln, der Mensch kann sich ihnen nur bittend zuwenden. wie dies geschehen sollte.
r Schamanen sind religiöse Vermittler, deren Hauptmerkmal nach Mircea Eliade
in der Meisterung ekstatischer Zustände liegt. In Trance stellen sie die Verbin- Kreuz und Weltenbaum
dung zu einer Geisterwelt her, von der sie auch zu ihrer Tätigkeit als Jagd- und Zwar weiß man von jüngeren Kulturen, dass
Wetterzauberer, Seher, Seelenbegleiter und Heilkundiger berufen werden. sie »Medizinmänner« meist anders bestatte-
r Priester vermitteln zwischen Menschen und Göttern. Nach einer Ausbil- ten, doch löst das unser Problem? Nein, denn
dung vollziehen sie ihre Tätigkeit durch Ritual und Gottesdienst. man mag zwar von einem Grab sagen kön-
r Heiler decken nur den medizinischen Bereich ab, in der Regel auch ohne eks-
nen, dass es sich stark von anderen unterschei-
tatische Zustände. Ihre religiöse Bedeutung ist gering.
det, doch wie sollte ein Archäologe die Beiset-
zung eines Priesters oder Heilers (siehe Glos-
sar) von der eines Schamanen unterscheiden,
Vermutlich existieren durchaus Ähnlichkei- ohne Kenntnis der jeweiligen religiösen Vor-
ten in den Glaubensinhalten und Ritualen der stellungen? Ein Zirkelschluss.
verschiedenen antiken Völker Mesoamerikas, Einen Ausweg verheißen Vorstellungen

n
e

h
l
n
wi
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daran habe ich keinen Zweifel. Doch man und Weltbilder, die fest mit dem Schamanis-

u
kann diese angenommene Ähnlichkeit nicht an mus verbunden sind, wie die immer wieder

lt
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den Anfang einer Rekonstruktion von Religion anzutreffende Kosmologie: Über der diesseiti-

B
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stellen. Vielmehr müssen wir versuchen, die gen Welt der Menschen liegt demnach eine

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R
Grab A aus La Venta ist Hinterlassenschaften der Olmeken für sich strukturierte Himmelswelt, darunter die Un-
u eine der hs- sprechen zu lassen. Liefern sie zum Beispiel Be- terwelt; ein Weltenbaum verbindet die drei
ten Konstruktionen in Meso- lege für die gängige These, ihre Kultur sei scha- Ebenen. Diese Idee schlägt sich auch in Dar-
amerika. bildeten manistisch gewesen? Diese Idee geht auf eine stellungen nieder, wobei der Baum auch als
eine tenartige Einfassung. 1968 veröffentlichte Arbeit zurück und wird Berg oder gar abstrakt, etwa als Kreuz, symbo-


r
Im Inneren fanden die Arc seit den 1990er Jahren von den klassischen lisiert werden kann. Dergleichen finden Reli-
logen neben Jadebeigaben die Maya auf die Olmeken übertragen. Neuerdings gionsarchäologen durchaus in olmekischen

ie
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a
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Knochenreste zweier Kinder. ist in populärer Literatur sogar von Schama- Siedlungen: kreuzförmig niedergelegte Opfe-

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Eines der Objekte, eine Jade- nenpriestern die Rede. Aber was genau bedeu- rungen und Kreuzgravuren auf rituellen Ob-
nachbildung eines Rochensta- ten diese Begriffe? Den Geisteswissenschaften jekten. Doch handelt es sich bei diesen Merk-
chels, soll Blutopferzeremo- sagt man gern einen freien bis beliebigen Um- malen keineswegs um hinreichende, sondern
nien verwendet worden sein, gang mit Definitionen nach, und tatsächlich lediglich um notwendige Kriterien. Das zeigt
stel- fehlen hier genaue Eingrenzungen. Allerdings: ein Umkehrschluss: Auf Grund des Kreuzsym-
lungen der Maya findet. Auch in anderen Bereichen der Archäologie bols und der geschichteten Weltvorstellung
besteht kaum ein Konsens über die konkreten von Himmel, Erde und Hölle allein müsste
MUSEO NACIONAL
DE ANTROPOLOGÍA,
MEXICO CITY

Inhalte religiöser Begriffe. ein Archäologe auch das Christentum als scha-
Was also sollte man unter einem Schama- manistische Religion deuten. Auch bei den
nen verstehen? Mircea Eliade, Pionier auf Azteken müssten wir diese Folgerung ziehen,
doch nicht zuletzt aus den Berichten der Spa-
nier wissen wir um deren Priester und Götter.
Doch nun eine gute Nachricht: Religions-
formen korrelieren häufig mit anderen kultu-
rellen Faktoren. Zum Beispiel erkannte der

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Anthropologe Michael J. Winkelman von der

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Universität des amerikanischen Bundesstaats
Arizona in Tempe durch einen statistischen
Kulturvergleich, dass Schamanismus signifi-
kant mit einer nichtagrarischen Lebensweise
Aus urheberrechtlic und einer geringen politischen Komplexität
der Gemeinschaft einhergeht. Das klassische
nicht online zeigen. Beispiel sind reine Jäger-Sammler-Gruppen.
Im Gegensatz dazu dominiert bei agrarischen
Gesellschaften mit ausgeprägter Hierarchie
eine Religion mit einem Priester an der Spitze.
An dieser Stelle kommen Funde ins Spiel,
die dem alltäglichen Leben der Olmeken zuzu-

120 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005
ordnen sind: Maispollen und Pflanzenreste Natürlich »weiß« jeder, dass die
etwa von Bohnen. Sie wurden in der unmittel- Pyramiden, ob in Ägypten oder
baren Umgebung von La Venta entdeckt und in Mittelamerika, religiös mo-
2001 in einer Publikation beschrieben. Offen- tiviert waren, aber wie lässt
bar leistete Landwirtschaft zumindest in dieser sich das am Bauwerk selbst
bedeutenden Metropole einen wichtigen Bei- begründen? Wodurch unter-
trag zur Ernährung. Tatsächlich spricht schon scheiden sich Paläste von

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die bloße Existenz von Städten gegen eine Tempeln? Bis heute gibt es

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schamanistische Glaubenswelt, impliziert ihre dafür keine allgemeinen
Errichtung sowie das stets eindeutige Macht- Kriterien, und ein Blick
zentrum doch ein komplexes sozialpolitisches auf die Formenvielfalt
System. Demnach verehrten die Olmeken also von Kirchen, Moscheen
Götter unter der Anleitung von Priestern. und Gebetshäusern ver- Aus urheberrechtlic
Nach all den Einschränkungen und Be- deutlicht das Problem.
denken ist das ein erstaunlich eindeutiges Er- So fehlen auch bei La nicht online zeigen.
gebnis. Doch natürlich hat es einen Haken: Venta streng genom-
Eine absolut verlässliche Aussage kann eine men Beweise für den
Statistik nicht leisten – die Olmeken könnten religiösen Bezirk, doch
ganz einfach die Ausnahme von der Regel in ihrer Gesamtheit
sein. Ohnehin ist die Datenbasis in der Reli- sprechen die Indizien
gionsarchäologie sehr klein, denn die Zahl der eine deutliche Sprache:
untersuchten Kulturen ist begrenzt. Weitere, strenge Symmetrien, ein
unabhängig vom statistischen Vergleich er- immens aufwändiges Bau-
brachte Indizien wären wünschenswert. Das werk (die Pyramide), Op-
mag übervorsichtig erscheinen, hat aber gute ferniederlegungen von ge-
Gründe: Die olmekische Hochkultur muss waltigem Ausmaß, grabähn-
sich direkt aus weniger komplexen Vorgän- liche Opferungen ohne

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gern entwickelt haben, denn eine noch ältere Bestattungen und dann

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wurde für Mesoamerika bislang nicht nachge- eben jenes Grab A. In die-

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wiesen. Dieses Volk stand also der Jäger- sem Gesamtkontext ist die Deutung als Men- Was sollten die sechs
Sammler-Tradition noch sehr viel näher als schenopfer wahrscheinlicher als die Interpre- o Wesen, die jene Figur im
etwa die um einiges jüngere Kultur der Azte- tation als Kindergrab. Zentrum umfliegen, anderes

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ken, die auf einer fast 2000-jährigen Entwick- Doch das Opfern von Menschen alleine sein als

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ter? Lange galt die-
lung aufbauen konnte. reicht leider nicht aus, um zwischen Götter- se so genannte Stele 2 aus La
Für weitere Belege wenden wir uns deshalb glauben und Schamanismus zu unterscheiden, Venta als Beleg eines ter-
wieder der Archäologie zu. Gräber geben Hin- von Bedeutung ist der Adressat. Darauf gibt glaubens, vermutlich signali-
weise auf Jenseitsvorstellungen. In La Venta eine erst vor wenigen Jahren vollständig aus- sierte die Darstellung aber
wurde bereits 1942 das so genannte Grab A gegrabene Gruppe von Monumenten dieser eher eine he Perspekti-
entdeckt (siehe Bild links). Darin fanden die Ausgrabungsstätte einen Hinweis. Sie präsen- ve – es handelte sich um das
Archäologen neben Jadeobjekten auch Kno- tieren ein Wesen, dessen menschliche Züge Gefolge eines Herrschers.
chenreste von Kindern. Weil die Fundstätte in mit stilisierten Elementen von Tieren, Pflan-
einem als zeremoniellen Bezirk verstandenen zen und eventuell Naturkräften kombiniert
Stadtteil liegt, muss man von einer Opfernie- wurden. Auch wenn hier wieder Auseinander-
derlegung ausgehen. setzungen um Definitionen lauern – die Bild-
nisse zeigen wohl einen Gott beziehungsweise
Wodurch unterscheiden sich eine Gruppe von Göttern.
Paläste von Tempeln? In der Religionsarchäologie führen oft
Kritisch gefragt: Woher wissen Forscher, dass nur Umwege über schmale Pfade mit zahlrei-
jener Bereich La Ventas der Religion gewid- chen Hindernissen zum Ziel. Immerhin sind
met war? Die klassische Begründung: eine wir zu einer überraschenden Einsicht gelangt:
strenge Symmetrie und die Lage direkt nörd- Zumindest die Olmeken von La Venta ver-
lich der großen Pyramide. Doch wieder er- ehrten Götter und das impliziert die Anlei-
weisen sich diese Kriterien lediglich als hin- tung durch Priester. Streng genommen wis-
Der Altamerika-
reichend, nicht als notwendig. Denn nicht sen wir noch nicht, ob sich dieser Befund
nist René Dehn-
jede symmetrische Baustruktur ist automa- auch auf andere olmekische Städte und auf hardt promoviert
AUTOR

tisch religiös, wie die Architekturgeschichte die Landbevölkerung übertragen lässt. Und am Institut für
lehrt. Ohne zusätzliches Wissen etwa aus den vermutlich werden wir niemals erfahren, wie Altamerikanistik
Hieroglyphen wäre das nicht einmal für die diese Menschen das schreckliche Wesen und Ethnologie
der Universität Bonn über die Reli-
ägyptischen Pyramiden in Gizeh eindeutig zu nannten, dem sie die Gebeine von Kindern gion der Olmeken.
sagen. zum Opfer darbrachten.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q APRIL 2005 121
IM M AI- HEFT 2005 AB 2 6 . AP R I L AM KI OSK
V O VR OSR SC C HH AAU U

Das Tal der


tausend Buddhas
Wer sich von China aus anschickte, auf
der Seidenstraße sein Glück zu versuchen,
hatte in der Flussoase Mogao Gelegen-
heit, Buddha in tausend kunstvoll ausge-
schmückten Grotten um seinen Beistand
zu bitten

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Was meinen Forscher eigentlich, wenn
Rasse und DNA sie von der Expansion des Kosmos
Die meisten Genmuster variieren nur sprechen? Was genau bedeutet der Be-
PETER CHALLIS, HARVARD-SMITHSONIAN CENTER

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hörsicher zu verschlüsseln. Solche
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J. M.
THIR
IET
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Unterschwellige Wahrnehmung
Unser Gehirn lässt unwissentlich
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