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JUNI 2005 · € 6,90 (D/A) DEUTSCHE AUSGABE DES

> EINSTEIN-SERIE:
Brownsche
Bewegung
> Wie entscheide ich richtig?
> Umweltgifte aus der Natur
> Wirbel in der Tiefsee

www.spektrum.de

TISSUE ENGINEERING

Heilung
nach dem Herzinfarkt
Forscher züchten neue Muskeln
im kranken Herzen

13,50 sFr / Luxemburg 8,– €


D6179E

SCHWERPUNKT PHYSIK GEDÄCHTNIS

Wasserstoff Heiße Tieftemperatur- Musik manipuliert


Die teure Zukunftsenergie Supraleiter Hirnneuronen
EDITORIAL z Reinhard Breuer
Chefredakteur

Schwere Entscheidungen
mit hohem Risiko

J eder gerät immer mal wieder in die Lage, eine Entscheidung treffen zu
müssen, von der viel abhängt: vielleicht nur der künftige Wohlstand,
manchmal aber sogar das weitere Leben. Auch für Gesellschaften gilt das,
nur fallen Entscheidungen dann nicht über Nacht, sondern eher innerhalb
von Jahrzehnten. Mit Entscheidungen tut man sich vor allem dann schwer –
das wird jeder schon mal schmerzlich erlebt haben –, wenn die Informatio-
nen unvollständig, die Risiken hoch oder die Regeln unklar sind. Es ist nicht
offensichtlich, wie einem dabei die Mathematik helfen kann.
Doch F. Thomas Bruss analysiert seit Jahren genau solche Entscheidungs-
probleme. Der mathematische Statistiker von der Université Libre de Bruxel-
les ist regelmäßigen Spektrum-Lesern einschlägig bekannt: als Autor mehre-
rer »Mathematischer Unterhaltungen«, zuletzt vom Mai 2004.
Als besonderes Beispiel führt Bruss klinische Versuche an: Wie lange oder
an wie vielen Patienten sollen Mediziner ein neues Medikament testen? Wann
soll eine Serie aussichtsreicher, aber risikanter Behandlungen abgebrochen
werden? Solche Fragen konfron-
tieren Ärzte mit Abwägungs-
Wer zu spät reagiert, verpasst
problemen. Auch Politiker und
womöglich die letzte Chance Manager sind mit ähnlichen Di-
ANZEIGE
lemmata vertraut: Man will sein
Pulver nicht zu früh verschießen; aber wer zu spät reagiert, verpasst womög-
lich die letzte Gelegenheit, die es überhaupt noch gab.
Bietet Mathematik die Lösung? »Eine mathematische Strategie«, notiert
Bruss in seinem Beitrag über Entscheidung und Verantwortung, »kann kein
Wundermittel sein.« Doch hilfreich schon. Spektrum-Redakteur Christoph
Pöppe, ebenfalls ein gelernter Mathematiker, suchte den Entscheidungs-
theoretiker in seinem Institut in Brüssel auf und fragte ihn, ob er auch selbst
schon mal von seinen Theorien profitiert habe. Seine Antwort blieb sibylli-
nisch: »Ja, einige Male.« (S. 78)

Langfristig hat die irdische Zivilisation nicht wirklich die Freiheit zu entscheiden, ob
sie ihre Energie- und Mobilitätssysteme einmal auf Wasserstoff umstellen
wird. Kurz- und mittelfristig natürlich schon, denn die Höhe des Aufwands
wird zumindest das Tempo beeinflussen, mit dem wir die Technologie voran-
treiben und so mit dem versiegenden Ölstrom zurechtkommen werden. In
unserem Schwerpunkt »Wasserstoff« berichten wir über wesentliche Chan-
cen und Risiken dieses Energieträgers. Am weitesten gediehen scheinen da-
bei schon die mobilen Anwendungen in Bussen und Pkws – relativ gesehen.
Trotz diverser Testfahrzeuge auf den Straßen bedarf es offenbar noch einiger
Technologiesprünge und gewaltiger Infrastrukturmaßnahmen, um Wasser-
stoffvehikel zum massentauglichen Alltagsgerät zu machen (S. 98).
Umso mehr ist ein realistischer Blick auf die Perspektiven geboten. Doch
Bernd Müller, freier Technikjournalist, hält die Wasserstofftechnik für »auf ab-
sehbare Zeit unwirtschaftlich« und sieht »zunächst wenig Entlastung für die
Umwelt«. Dass ausgerechnet mangelnde Umweltverträglichkeit dabei zum
Problem werden könnte, hat mich überrascht, läuft es doch gängigen grünen
Utopien völlig zuwider. Offenbar ist dem Umweltaspekt in der bisherigen De-
batte um eine »saubere« Wasserstoff-Zukunft deutlich zu wenig Beachtung
geschenkt worden. Bei so viel Unsicherheit sollten wir uns zumindest ent-
scheiden, uns schneller zu entscheiden (S. 86).

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
J UN I 2 00 5
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 30
I N I HN HAA L TT

SPEKTROGRAMM HIRNFORSCHUNG
Musik – eine Liebe
12 Dehnungstest auf Tumorzellen · Listige
Seehasen · Weißes Gold der Maya · Wo des Gehirns
der Ohrwurm haust u. a. Unser Gehirn scheint für Musik wie
15 Bild des Monats geschaffen. Viele verschiedene Hirn-
Adam oder Affe? regionen spielen dabei mit. Die Neu-
ronen reagieren auf musikalische
FORSCHUNG AKTUELL
Klänge erstaunlich plastisch – und
r 16 Wirbel in der Tiefsee bei Musikern teils hochspezifisch
Ringe bildet nicht nur der Golfstrom,
es gibt sie auch am Meeresgrund
21 Meister der Strömungsmechanik
Der diesjährige Abelpreis für Mathematik
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 38
ging an den Pionier der Solitontheorie CHEMIE
24 Kelten im Doppelgrab
Grabstätte zweier Jugendlicher bei kelti-
Natürliche Umweltgifte
schem Fürstensitz im Saarland entdeckt Die Natur steht der chemischen In-
dustrie in der Produktion von Halo-
26 Mit den Waffen der Frauen
Männliche Lagererzwespen geben sich genverbindungen, dem Inbegriff für
vor dem Schlüpfen als Weibchen aus umweltschädliche Stoffe, nicht nach.
Manche der Substanzen sind aber
THEMEN
auch medizinisch wertvoll
r 30 Wie Musik im Gehirn spielt
Musik verändert die Landkarten
des Gehirns
r 38 Schadstoffe von Mutter Natur
Nicht nur die chemische Industrie er- --------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 56
zeugt schädliche Halogenverbindungen
SUPRALEITUNG
r 48 Heilung bei Herzinfarkt
TITEL
Mit Gewebe aus dem Labor lässt sich Neuer Rekordhalter
das geschädigte Herz reparieren Magnesiumdiborid ist ein herkömm-
r 56 Supraleiter licher Supraleiter – oder doch nicht?
Eine neuer Wunderstoff übertrumpft Jedenfalls hat die Eigenschaft dieser
bisherige supraleitende Materialien einfachen Verbindung, Strom bereits
r 66 Interviews zum Einstein-Jahr (Teil IV) bei 40 Kelvin verlustfrei zu leiten, die
Wie Einsteins Theorie den Nachweis von Wissenschaftler elektrisiert
Flüssigkeitsmolekülen ermöglichte
r 78 Optimale Entscheidungen

wirdüberdithenlst.ImaLnagbeokrüngdeizgütecnhtTehmM
uensskidlamtutr
Aufhören, wenn es am erfolgverspre-
chendsten ist
r 86 SCHWERPUNKT WASSERSTOFF
SCHWERPUNKT WASSERSTOFF SEITE 86
Energie für die Zukunft
Viel zu teuer oder die beste Wahl? Die teure Zukunftsenergie
Wasserstoff in der Diskussion Geldvernichtungsmaschine oder probates Mittel gegen Treibhauseffekt
und Ölknappheit? An der Vision einer globalen Wasserstoffwirtschaft schei-
den sich die Geister. Doch Forscher warnen: Wenn Politik und Wirtschaft
nicht jetzt die ersten Schritte wagen, ist die Chance vertan

Titelbild: Oft folgt dem Herzinfarkt nach einigen Jah-


ren eine Herzinsuffizienz. Die kranke Herzwand

soll dem weiteren Verfall vorbeugen


Grafik: Corbis

Die auf der T


r gekennzeichnet

4 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
ü
J UN I 2 0 0 5

REZENSIONEN

104 Alles Zufall von Stefan Klein


Zauber der Mineralien und Gesteine
von Dirk J. Wiersma
Die nackte Eva von Desmond Morris
Das Werden des Lebens
von Christiane N sslein-Volhard

üü
Klima von Mojib Latif
Vom Zappeln und vom Philipp
von Martin Schmela

MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

110 Das Frauenversteher-Spiel

JUNGE WISSENSCHAFT

70 Schülerlabore

ä
KOMMENTAR
29 Springers Einwürfe
TITELTHEMA HERZINFARKT SEITE 48 Tierisches Vergn gen

Hilfe durch Muskelimplantat

Großm
WISSENSCHAFT IM …

aAnufebraläutderKörpefstige
46 Alltag: Flugsicherung
77 Rückblick: Nicht rostender Badeanzug,
Die Psychologie der Regenw rmer u. a.

WEITERE RUBRIKEN
3 Editorial · 6 Leserbriefe/Impressum ·
112 Preisr tsel · 114 Vorschau
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 66

GESPRÄCHE UM EINSTEIN (IV) SPEKTRUM-PLUS.DE


ZUSATZANGEBOT NUR FÜR ABONNENTEN
Brownsche Bewegung
Der Marburger Physiker Siegfried

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t, wie Albert Ein-
stein 1905 die Vorstellung vom mole-

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Aus urheberrechtlichen Gründen
und einem Spezialgebiet – der statis-
können wir Ihnen die Bilder leider

be
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tischen Physik – zu neuem Auftrieb

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nicht online zeigen.
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---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- SEITE 78

MATHEMATIK
Entscheidungen Heilsame Stichproben
unter Unsicherheit Die
Ein neues und einfaches mathemati- und weltweit beliebtesten Therapie-
sches Verfahren ist beweisbar opti- formen. W hfrage nach
mal. Wer es anwendet, ist nicht un- der sanften Alternative weiter steigt,
fehlbar, aber er maximiert die Er- streiten Wissenschaftler noch
folgswahrscheinlichkeit – und ist ihre Wirkung
V hert ZUGÄNGLICH ÜBER WWW.SPEKTRUM-PLUS.DE NACH
ANMELDUNG MIT ANGABE DER KUNDENNUMMER

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 5
LESERBRIEFE
Laufende Im Gegensatz zu den lang- Briefe an die Redaktion … Passfähigkeit ins zelluläre Sys-
LESERBRIEFE

samen, transversalen Oberflä- tem zu dessen beschleunigter


Menschwerdung chenwellen, bei denen als … richten Sie bitte mit Ihrer Evolution beiträgt.
Springers Einwürfe, 2 / 2005 vollständigen Adresse an:
Rückstellkraft nur die ver- Prof. Klaus Müntz, Gatersleben
gleichsweise geringe Schwer- Spektrum der Wissenschaft
Das Laufen als Ursache für kraft wirkt, handelt es sich bei Ursula Wessels
Postfach 10 48 40 Die Zwerge von Flores
den entsprechenden »Fort- den schnellen Druckwellen
D-69038 Heidelberg März 2005
schritt« in der Menschwer- um longitudinale Wellen. Der
dung erkennt man bereits im Energietransport durch das E-Mail: wessels@spektrum.com Gebetsmühlenartig wird in
Fax: 06221 9126-729
Wort selbst. Entsprechend be- Wasser mittels der Druckwel- der Paläoanthropologie die
zeichnet die antike »Peripate- le verläuft wegen der geringen Behauptung wiederholt, für
tik« (das Umherwandeln) eine Bewegung auch relativ ver- Selbst bei nur 10 Prozent koordinierte Gruppenjagd
wissensschaffende Arbeitswei- lustarm – mit der Folge hoher Wassergehalt im ruhenden brauche es menschliche Spra-
se, welche in geeigneten Wan- Energiedichte an den Strän- Samen gibt es Atmung und che – so auch in Ihrem Bei-
delhallen erfolgte. den, wo die Welle sich zerstö- Stoffverbrauch zur Erhaltung trag. Mag sein, dass Homo
Dass dagegen wissen- rerisch austobt. Bei der An- des Lebenszustands. Quel- erectus und andere archaische
schaftliche Fortschritte heut- näherung an den Strand lung in Wasser genügt, um zu Menschenformen schon Spra-
zutage auf »Sitzungen« erzielt konzentriert sich die Schwin- voller Lebensaktivität zurück- che besaßen, doch dass sie
werden müssen, scheint aller- gungsenergie entsprechend zukehren. jagten, kann kein Argument
dings ein weit verbreiteter der geringer werdenden Was- Dies trifft auf Viren nicht dafür sein. Wölfe, Löwen und
»Irrweg« zu sein. Bereits vor sertiefe auf ein immer kleiner zu. Ihr Bestand hat sich in der Schimpansen jagen erfolg-
einigen Jahren erreichte mich werdendes Wasservolumen. Koevolution mit lebenden reich in koordinierten Grup-
durch SdW ein Untersu- Dr.-Ing. Peter Lengler, Duisburg Zellen derart entwickelt, dass pen, ohne eine syntaktische
chungsergebnis, nach dem der sie wie analoge zelleigene Sprache zu besitzen. Auch
Neokortex bei leichter Bewe- Leben Viren? Komponenten erkannt, in die moderne Menschen unterhal-
gung um einige Prozent bes- zellulären Lebensprozesse ein- ten sich eher woanders als
Februar 2005
ser durchblutet wird. Geht bezogen und Letztere auf die ausgerechnet auf der Jagd.
die zunehmende Mobilität Der Vergleich von Viren mit Replikation des viralen Nuk- Dr. Ruth Berger, Frankfurt
der Gesellschaft somit viel- pflanzlichen Samen kann leoproteinkomplexes gerichtet
leicht einher mit einem weite- nicht unwidersprochen blei- werden. Dieser reorganisiert Antwort des Prähistorikers
ren Schub in der Menschwer- ben. Leben ist an hochgradige sich aus seinen Bausteinen, Dr. Hartmut Thieme, Nieder-
dung? – »Homo movens« so- Ordnung in zellulären Struk- verfügt aber nicht über die sächsisches Landesamt für
zusagen. Zu wünschen wär’s! turen und Ablaufmechanis- strukturellen und funktionel- Denkmalpflege
Dr. Karsten Löhr, Ulm men von Prozessen gebun- len Voraussetzung zum Leben. Ebenso »gebetsmühlenartig«
den. Ihr Bestand ist aus ther- Beim häufigen Wechsel wird »koordinierte Gruppen-
Tsunami-Katastrophe modynamischen Gründen zwischen nicht lebendem Be- jagd« des frühen Menschen
Schlaglicht, Februar 2005 äußerst unwahrscheinlich. Er stand außerhalb von Zellen mit der Jagd in koordinierten
wird durch ständigen hohen und Integration in die Ord- Gruppen bei Wölfen und Lö-
Der Artikel erklärt nicht die Energieeinsatz gesichert. Vi- nung von zellulären Lebens- wen verglichen oder gleich-
hohe Geschwindigkeit der ren fehlen dafür entscheiden- vorgängen erfolgt gelegent- gesetzt. Und so wird der frü-
Tsunamiwellen von mehreren de Voraussetzungen, während licher Austausch von gene- he Mensch als Raubtier mit
hundert Kilometern pro Samen darüber verfügen. tischer Information, die bei genetisch verankertem Jagd-
Stunde. Entscheidend hierfür programm gekennzeichnet –
BRYAN CHRISTIE DESIGN

ist, dass die durch das Erdbe- als gäbe es die urgeschicht-
ben in das Wasser eingebrach- liche Archäologie nicht mit
te Energie durch eine Druck- ihren zahlreichen Belegen
welle und nicht durch Ober- zum hohen technologisch-
flächenwellen weitergeleitet kulturellen Niveau bereits zur
wird. Man muss berücksich- Zeit des Homo erectus (siehe
tigen, dass Wasser elastisch die Ergebnisse zu Bilzings-
kompressibel ist, wenn auch leben und Schöningen in
nur in geringem Maße. Aber SdW, Oktober 2004).
gerade das ist die Ursache Jagd zu jener Zeit ist ei-
für die hohe Geschwindig- ne kulturelle Erscheinung
keit, da hierdurch eine hohe mit technologischen Mitteln,
Rückstellkraft gegeben ist. wozu auch Lanzen, Speere,
Eine Schwingung pflanzt sich Feuer (und Fallen) sowie di-
umso schneller fort, je steifer Den Viren fehlen wesentliche strukturelle und verse steinerne Spezialwerk-
das schwingende Medium ge- funktionelle Voraussetzungen zum Leben. zeuge zur Zerlegung/Nutzung
gen die Auslenkung ist. des erlegten Wilds dienen. All

6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
fNatdürlinchM
eaBrutsplägzer ä www.lbv-muenchen.de. Dort Appetit auf Dinos

PHILIPPE HENRI, CHAUMONT-SUR-LOIRE


finden Sie unter »Arbeitskrei- Forschung aktuell – April 2005
se« auch den Link zu Mauer-
seglern. Sie beschreiben hier die Ver-
Anton Vogel, München steinerung des Säugetiers Re-
penomamus robustus. In der
sind rar geworden. Doppelt z hlt besser Abbildung seines großen Ver-
wandten ist bei der Skalie-
Zukunft der Computer, 3 / 2005
rung wahrscheinlich ein Feh-
diese Tätigkeiten sind mit Pla- Flügel zu strecken und ihre Für mich ist es eine schon ler unterlaufen.
nung, überlegter vorheriger Brustmuskeln dadurch für den lange erwartete Wende zu Die Hypothese, dass es
Absprache und Koordination »Sturzflug in die Selbstständig- MultiCore. Leider gibt es sich bei Repenomamus robustus
mittels Sprache verknüpft keit« zu trainieren. Schon he- kaum dafür ausgebildete nicht um Aasfresser handelt,
und in Rückkopplung mit al- ranwachsende Segler spannen Menschen, teilweise wurden wird sehr leichtfertig verwor-
len übrigen Elementen der gut 40 Zentimeter und mehr. MultiCore-Pioniere auf die fen. Da sogar bei derartig gro-
Kultur verwoben. 2. Gerüstarbeiten sollten Straße gesetzt, vom »Wintel«- ßen Dinosauriern wie Tyran-
so auf die Brutperiode abge- Hype überrollt. nosaurus rex diskutiert wird,
Mauersegler stimmt werden, dass die von Wieder einmal zeigt sich, ob es sich um Aasfresser han-
April 2005 den Vögeln genutzte Seite vor dass kurzfristiges Agieren un- delt, können weder die Größe
oder nach der Saison in An- befriedigend ist. Unerlässlich noch die dolchartigen Zähne
Da die natürlichen Brutmög- griff genommen wird oder zu- ist die Ausbildung von Inge- als Indiz verwendet werden.
lichkeiten heute weit gehend mindest die oberste Gerüstla- nieuren, die entsprechende Dolchartige Zähne finden
ausfallen, ist der Mauersegler ge während dieses Zeitraums Grundlagen erforschen, Kon- sich heutzutage auch bei klei-
mehr denn je auf Nistplatzan- wegbleibt. Ist das nicht mög- zepte erstellen und Systeme so nen Insekten fressenden Säu-
gebote in Gebäuden angewie- lich, halte ich es immer noch entwickeln, dass Hardware getieren. Unter den heutigen
sen. Hier noch drei Tipps: für besser, die Quartiere für und Software entstehen, die Fleisch fressenden Säugetieren
1. Mauersegler benötigen den kritischen Sommer zu optimal, ressourcensparend, verzehren nicht nur zwei Hyä-
mindestens 6 Meter hoch gele- verschließen und die Segler wiederverwendbar, skalierbar nenarten, sondern auch Lö-
gene, im freien Anflug erreich- am Brüten zu hindern, damit und pflegeleicht sind. wen und Schweine Aas.

ää
bare Höhlungen im Mauer- keine Jungvögel verhungern. Zu guter Letzt: Ein »or- Wie hat Repenomamus ro-
werk und unter Dächern, die 3. Mit dem Kauf bio- dentlich« konzipiertes und bustus nur die großen Kno-
an entsprechender Stelle auch logisch erzeugter Landwirt- realisiertes MultiCore-System chenfragmente herunterge-

ää
durch selbst gebaute Nistkäs- schaftsprodukte und naturna- ist viel übersichtlicher und würgt?
ten ersetzt werden können. Al- hen Gärten kann jeder sich wirtschaftlicher als alles, was Dr. Roland Sterzel, Frankfurt
lerdings sollten diese mit etwa für eine Umwelt einsetzen, per Pipeline, Cache, Hyper-
50 mal 30 Zentimeter Innen- von der auch der Mauersegler Theading et cetera im GHz- Anmerkung der Redaktion:
maß (Höhe 10 bis 15 Zenti- profitiert. Takt läuft und zudem Un- Der Maßstab ist in der Tat
meter) den Jungvögeln ausrei- Weitere Informationen er- mengen an Strom verbraucht. falsch angegeben, es sind

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chend Platz bieten, um ihre halten Sie über das Internet Manfred Helzle, Blaustein-Wippinge nicht 10, sondern 50 mm.

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 7
SPEKTROGRAMM
SPEKTROGRAMM

r Die purpurrote Tinte der Seehasen


verwirrt Fressfeinde mit verlockenden
Geschmacksreizen.

V ERH ALT EN

Listige Seehasen
Q Seehasen der Art Aplysia californica überlisten ihre Fressfeinde durch den Aus-
stoß eines chemischen Cocktails, der nach leckeren Meeresfrüchten duftet. Das
stellten Cynthia Kicklighter und Charles Derby von der Georgia State University in
Atlanta fest, als sie die Meeresschnecken in ein Aquarium mit Langusten setzten.
Diese sahen in den Weichtieren ein gefundenes Fressen und packten sie gierig.
Doch anstatt sie zu verschlingen, ließen sie die Beute plötzlich wieder los und be-
gannen verwirrt im Boden zu wühlen sowie ausgiebig ihre Fühler zu putzen – ähn-
lich wie sie auf einen Garnelenextrakt reagieren. Währenddessen konnte der See-
hase in aller Ruhe das Weite suchen.
Ähnlich wie Tintenfische stößt A. californica bei der Begegnung mit Räubern
eine – in diesem Fall purpurrote – Flüssigkeit aus. Doch damit versteckt sie sich
nicht nur hinter einer dunklen Farbwolke. Ihr Sekret enthält auch einen milchig
weißen Saft: eine Mixtur aus Harnstoff, Aminen, verschiedenen Aminosäuren und
vor allem Taurin – einer Substanz, die auch in vielen Energy Drinks vorkommt. Die
Mixtur überflutet die Langusten offenbar mit Geschmacksreizen, die ihre Sinne
verwirren. Kicklighter und Derby sehen darin das erste Beispiel einer »Phago-
mimikry« (Fresstäuschung) als Abwehrstrategie gegen Feinde.
Current Biology, 29.3.2005, S. 549

ARCH ÄOLO GIE ne Punta Ycacos auf die Suche nach


weiteren Anlagen. Tatsächlich stießen
Das weiße Gold der Maya sie beim Schnorcheln im seichten Ge-
wässer der Mangrovensümpfe an 41
Q Auch die Maya brauchten Salz zum Bisher waren allerdings nur vier Sali- Stellen auf Spuren ehemaliger Salzwer-
Würzen ihrer Speisen. Da es innerhalb nen bekannt – viel zu wenige, um den ke: Reste von Holzhütten und Scherben
ihres Territoriums auf der Halbinsel Yu- Bedarf zu decken. Deshalb machten von Tongefäßen, die zur Salzgewinnung
catán keine Salzlagerstätten gab, muss- sich Heather McKillop von der Louisiana dienten. Wie Radiokarbondatierungen
ten sie das begehrte Gut notgedrungen State University in Baton Rouge und des Holzes und stilistische Vergleiche
aus dem Meer gewinnen. ihre Mitarbeiter vor der Küste der Lagu- der Keramik zeigten, stammen die
Fundstücke aus der Zeit von 600 bis
PNAS / HEATHER MC KILLOP

900 n. Chr.
Nach der Art der Anlagen und Ton-
gefäße zu urteilen, ließen die Maya das
Meerwasser nicht von der Sonne ein-
dunsten, sondern verdampften es über
Holzkohlefeuern. In die fernen Städte
im Landesinneren wurde das Salz dann
vermutlich auf dem Wasserweg per
Kanu transportiert. Darauf deutet der
sensationelle Fund eines hölzernen
Paddels in einer der Salzfabriken hin.
Proceedings of the National Academy of Sciences,
12.4.2005, S. 5630

l Der Fund dieses hölzernen Paddels legt nahe,


dass die Maya das Meersalz auf dem Wasserweg
0 Meter 1
ins Landesinnere transportierten.

166 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
PSY CH OLO GI E

Essen
nach Augenmaß
Q Das Auge und nicht der Magen be-
stimmt offenbar, wann wir satt sind.
Das haben amerikanische Forscher mit
einem ungewöhnlichen Versuch de-
monstriert. Brian Wansink von der Uni-
versität von Illinois in Urbana Cham-
paign und seine Kollegen baten 54 Test-
personen zu einem Süppchen. Der
Hälfte der Probanden schoben sie aller-
dings unbemerkt einen präparierten
Teller unter. Während diese Testesser
arglos löffelten, wurde durch einen ver-
steckten Schlauch ständig Suppe nach-

GENNY ANDERSON, SANTA BARBARA CITY COLLEGE, USA


gefüllt. Am Ende des zwanzigminütigen
Mahls hatten die ausgetricksten Ver-
suchspersonen 73 Prozent mehr Kraft-
brühe zu sich genommen als ihre Kolle-
gen mit normalen Tellern – was rund
113 zusätzlichen Kalorien entsprach.
Im Anschluss sollten alle Teilnehmer
angeben, wie viel sie ihrer Meinung
gegessen hatten und ob sie satt waren.
Das überraschende Ergebnis: Beide

MEDI ZIN

Dehnungstest auf Tumorzellen


Q Die Elastizität einer Zelle verrät, ob durch widersetzen sie sich dem »opti-
sie gesund oder entartet ist. Auf dieser schen Strecker« und verformen sich Aus urheberrechtlichen Gründen
Erkenntnis beruht eine neuartige Krebs- kaum. Zellen aus Krebsgewebe lassen können wir Ihnen die Bilder leider
diagnose, die Jochen Guck und Josef sich dagegen um bis zu vierzig Prozent nicht online zeigen.
Käs vom Institut für experimentelle leichter dehnen. Besonders aggressive
Physik der Universität Leipzig entwi- Tumoren, die zur Bildung von Tochter-
ckelt haben. Die Zelle wird dabei von geschwülsten neigen, geben sogar
entgegengesetzten Seiten mit zwei noch mehr nach. Dadurch kann man
Lasern bestrahlt und durch den Impuls schon am Primärtumor erkennen, ob
der Lichtteilchen gestreckt. Wie stark mit Metastasen zu rechnen ist.
sie sich dehnt, hängt von ihrem Ge- Bei Tests im Labor genügten den Bei Tests fühlten sich die meisten Menschen
sundheitszustand ab. Leipziger Physikern für eine sichere Dia- erst satt, als der Teller leer war – auch wenn
Gesunde Zellen verfügen im Ge- gnose rund fünfzig krebsartige Zellen. er durch einen Schlauch im Boden heimlich
gensatz zu bösartigen über ein inneres Damit ist die optische »Streckbank« nachgefüllt wurde.
Fasergerüst, das »Zytoskelett«. Da- sehr viel empfindlicher und zuverlässi-
ger als herkömmliche Methoden, bei Gruppen fühlten sich gleich gesättigt,
denen zwischen 10 000 und 100 000 und keiner der getäuschten Probanden
u Der »optische Strecker« identifiziert Krebs- Zellen untersucht werden müssen. hatte das Gefühl, sich mehr Kalorien
zellen anhand ihrer stärkeren Dehnbarkeit. Konferenz »Physics 2005« in Warwick (England) zugeführt zu haben.
»Iss deinen Teller leer!« – diese
JOCHEN GUCK, UNIVERSITÄT LEIPZIG

gesunde Zelle Tumorzelle ständige Ermahnung der Eltern an ihre


Kinder hat anscheinend fatale Folgen:
Laser Das Sättigungsgefühl richtet sich nicht
mehr nach der Nahrungsmenge, son-
dern danach, ob alles vertilgt wurde.
Obesity Research, Bd. 13, S. 93

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 13
Äö HI RN FOR SCHUN G
SPEKTROGRAMM

Wo der Ohrwurm
herkommt
UNIVERSIT T JENA / ESO

GQ Lupi b umkreist einen jun- Q Jeden Morgen das gleiche Lied: Ir-
gen Stern im Sternbild Wolf gendein Schlager, der aus dem Radio-
und k nnte der erste direkt wecker schallt, verfolgt einen den gan-
sichtbare Exoplanet sein. zen Tag. US-Forscher sind dem Phäno-
men nun nachgegangen. Sie spielten
A STRO NOM IE Personen diverse Musikstücke vor –
allerdings drehten sie zwischendrin
Schnappschuss eines Exoplaneten? kurz den Ton ab. Zugleich untersuchten
sie die Gehirne der Probanden per
Q Indirekt wurden schon rund 150 Pla- Stern umkreist: den rund 400 Lichtjah- Kernspintomograf. Wie vermutet, akti-
neten außerhalb unseres Sonnensys- re entfernten GQ Lupi. Der Radius sei- vierte die Musik den »auditorischen
tems nachgewiesen. Doch erst letzten ner Umlaufbahn beträgt etwa die Assoziationskortex«. Und der schaltete
September präsentierten Forscher eine 2,5fache Distanz von Pluto zur Sonne. in den Pausen keineswegs ab – wes-
Infrarotaufnahme, auf der ein solches Im Nachhinein ließ sich das Objekt halb die Versuchspersonen die Melodie
Objekt direkt zu sehen sein könnte – auch auf bis zu fünf Jahre alten Auf- im Stillen weiterhörten.
dicht neben einem Braunen Zwerg nahmen entdecken und so nachwei- Generell aktivierten bekannte
(SdW 11/2004, S. 9). Allerdings ließ sich sen, dass es tatsächlich an den Stern Schlager den auditorischen Assoziati-
nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob es gebunden ist. Doch steht auch hier onskortex stärker als unbekannte, und
diesen tatsächlich umkreist und ob es nicht zweifelsfrei fest, ob es ein Planet nur bei ihnen lief die Platte innerlich
wirklich ein Planet und nicht vielleicht ist; denn wegen der weiten Umlauf- weiter. Wurden rein instrumentale Stü-
auch nur ein Brauner Zwerg ist. bahn lässt sich seine Masse nicht ge- cke unterbrochen, blieb zusätzlich der
Jetzt glaubt ein Forscherteam um nau berechnen. Nach Neuhäusers Ab- linke primäre auditorische Kortex aktiv.
Ralph Neuhäuser von der Universität schätzungen ist er etwa doppelt so Als Grund vermuten die Forscher, dass
Jena mit dem Very Large Telescope schwer wie Jupiter. Aber er könnte sich das Gehirn stärker anstrengen
(VLT) der Europäischen Südsternwarte auch bis zu vierzigmal so viel wiegen; muss, die Lücke zu füllen, wenn ihm
Eso in Chile einen Exoplaneten »foto- dann aber wäre es ein Brauner Zwerg. keine Wörter dabei helfen.
grafiert« zu haben, der einen echten (Eso-Pressemeldung vom 7.4.2005) (Nature, 10.3.2005, S. 158)
NASA

TE CHNIK

Radlose rollende Roboter


Q Ameisen sind Gemeinschaftstiere. ein- und ausfahren lassen wie bei ei-
Wenn eine ausfällt, übernehmen ande- nem Fotostativ. Dadurch können sie,
re ihre Arbeit. Genau so sollen neue obwohl sie im Grundzustand ein regel-

ää
Roboter funktionieren, mit denen die mäßiges Vieleck bilden, fast beliebige
Nasa künftig ferne Planeten erkunden Formen annehmen und sich durch Kip-
will. »Ants« heißen sie, wie das engli- pen und Rollen selbst in zerklüftetem
sche Wort für die kleinen Krabbeltier- Gelände problemlos, wenn auch tor-
chen. Ihr Name ist zugleich eine Abkür- kelnd fortbewegen.
zung für »autonome Nanotechnologie- Ein weiterer Vorzug soll ihre Fähig-
Schwärme«. Hervorstechendes heit sein, sich zu größeren Strukturen
Merkmal der mechanischen Kundschaf- zusammenzulagern – etwa Brücken
ter: Sie haben weder Beine noch Räder oder sogar Teleskopantennen. Einem
und bewegen sich doch. Ihr Geheimnis Schwarm aus Ants bieten sich so
ist ihre Flexibilität; denn sie bestehen fast unbegrenzte Möglichkeiten. Wird
aus teleskopartigen Stäben, die sich ein Teil beschädigt, kann ein anderes
einspringen. Nachdem der Prototyp in
der Antarktis seine erste Bewährungs-
l Auch ohne R der und Beine kann sich der tetra- probe bestanden hat, geht es nun da-
edrische Ant-Roboter fortbewegen: Durch Ein- rum, das noch knapp einen Meter gro-
und Ausfahren der Streben bringt er sich gezielt ße Gerät zu miniaturisieren und mit
zum Umkippen und durchquert so torkelnd und künstlicher Intelligenz auszustatten.
rollend selbst stark unebenes Gel nde. Nasa-Pressemeldung vom 29.3.2005

166 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
BILD DES MONATS

k
ä
h
n
e
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e
r
ää äi
n
s
eh

Adam oder Affe?
Schauen Sie in das Gesicht des Stammvaters aller Men-
schen? Vor drei Jahren präsentierten französische Anthro-
pologen einen Schädel, den sie im Norden des Tschad
entdeckt und auf ein Alter von sieben Millionen Jahren
datiert hatten. Anhand von Merkmalen wie einem relativ
flachen Gesicht und kleiner Ec
dem menschlichen Stammbaum zu und gaben ihm den
Namen Sahelanthropus tchadensis. Das Fossil w re damit
der lteste bekannte Hominid – und die Wiege der
ää
Doch US-Anthropologen wollten mehr ffische als
menschliche Merkmale in dem Sch del erkennen. Nun be-
st tigen neue Funde – zwei Unterkiefer und ein Zahn – so-
wie eine Rekonstruktion am Computer die ursprüngliche
Interpretation. So liegt die Dicke des Zahnschmelzes zwi-
schen der von Schimpansen und Australopithecinen wie
der 3,2 Millionen Jahre alten »Lucy«. Zudem bilden in der
Schädelrekonstruktion – hier vor dem Hintergrund des
ebenfalls rekonstruierten Lebensraums – die Ebenen der
MISSION PALÉOANTHROPOLOGIQUE FRANCO-TCHADIENNE

Menschheit h tte nicht, wie bis dahin gedacht, in Ostafri- Augenhöhlen und der Schädelbasis wie beim Menschen
ka gestanden, sondern 2500 Kilometer entfernt im Herzen einen rechten Winkel, was einen aufrechten Gang nahe
des Schwarzen Kontinents. legt. Beim Schimpansen ist der Winkel dagegen spitz.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 15
FORSCHUNG AKTUELL
FORSCHUNG AKTUELL

Brasil- -5000

stromringe -4000

-4000
No
rdb
Un rasil Tiefenrand-
ter ian
str isc strom

-2
om her

00
0
Tiefseewirbel

00
-30
Verankerungen
Schiffsschnitte

IPCC / MARCUS DENGLER


OZ EANOGRA FIE fenrandströme«, deren Existenz schon in
den 1950er Jahren postuliert und seither
Wirbel in der Tiefsee in allen Ozeanen beobachtet wurde.
Auf ihrem Weg durch die Tiefsee ver-
mischen sich die kalten Wassermassen
Wie neue Messungen der Meeresströmungen vor der Küste Brasili- langsam mit darüber liegenden wärme-
ens zeigen, wandern in mehr als tausend Meter Tiefe riesige Wirbel ren Schichten, was sie allmählich auf-
nach Süden und führen Wassermassen polaren Ursprungs mit sich. steigen lässt. Dieser Vorgang bildet den
eigentlichen Antrieb der Umwälzzirkula-
tion – im Widerspruch zu vielen populä-
Von Marcus Dengler und Carsten Eden großen Tiefen vorkommen. Bisher hatte ren Darstellungen, wonach das an den
das niemand vermutet. Polen absinkende dichte kalte Wasser das

R ingförmige Wirbel nahe der Ober-


fläche sind aus vielen Meeresregio-
nen bekannt. Im westlichen tropischen
All diese Ringe und Wirbel lassen
sich als Teil einer weltumspannenden
Meerwasserzirkulation betrachten, die
globale ozeanische Förderband in Bewe-
gung hält. Den Kreislauf schließt eine
oberflächennahe Ausgleichströmung, die
Atlantik nördlich des Äquators transpor- als eine Art globales Förderband die Oze- warme Wassermassen in die Bildungs-
tieren beispielsweise die Brasilstromringe ane durchzieht. Im Europäischen Nord- gebiete von Tiefenwasser zurückführt.
warmes Wasser nach Norden. Südlich meer, der Labradorsee und nahe der Ant- Auch sie bewegt sich wegen der Erdro-
des Kaps der guten Hoffnung bilden die arktis – in der Weddell-See und im Ross- tation überwiegend am westlichen Kon-
Algulhasringe einen wesentlichen Be- meer – gelangen im Winter durch tinentalrand. Allerdings werden die ober-
standteil der dortigen Ozeanzirkulation. Konvektion kalte Wassermassen in große flächennahen Strömungen zusätzlich
An der Ostküste von Nordamerika Tiefen. Dort strömen sie dann, abge- durch den Wind angetrieben, dessen
schließlich entstehen die Golfstromrin- schirmt vom direkten Einfluss der At- Einfluss in der Regel dominiert.
ge, die warmes Wasser nordwärts ver- mosphäre, in Richtung Äquator. Aller- Das globale ozeanische Förderband
frachten. Nun hat unsere Arbeitsgruppe dings werden sie dabei sehr stark durch besteht also aus einer tiefen und einer
am Leibniz-Institut für Meereswissen- den Effekt der Erdrotation beeinflusst, oberflächennahen Strömung und wird
schaften in Kiel mit Messungen und wodurch die Strömung überwiegend am durch die Abkühlung an den Polen und
Modellsimulationen erstmals gezeigt, Westrand der Kontinente verläuft. Als die vertikale Vermischung im Inneren (als
dass solche kohärenten Wirbel auch in Resultat entstehen starke westliche »Tie- eigentlichem Antrieb) aufrechterhalten.

16 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Ein globales Zirkulationssystem
l durchzieht die Ozeane. An wenigen Meeresströmungen vor Brasilien
Stellen (helle Kreise) sinkt kaltes, dichtes
Wasser ab und bildet Tiefenströme (blau). 0 0.1 ⬎0,5

h S
öer
tungsm
e
rStröm
0.3
An der Oberfläche bewegen sich dafür 0
0.2 0.1
0
warme Wassermassen in die entgegen- 0.1 0

gesetzte Richtung (rot). Meeresbodenver- 0 0,4


ankerungen vor der Küste Brasiliens mit 1000

Geschwindigkeit in Meter pro Sekunde


0.1
0,3
daran aufgehängten Strömungsmessern
lieferten nun Hinweise auf Wirbel in der
0,2
Tiefsee (Ausschnittvergrößerung). -0.1

Tiefe in Metern
2000 0.1
0,1
0.2 0

0
Es transportiert große Wärmemengen -0.2

3000
polwärts und gibt sie dort an die Atmo- 0.1 – 0,1
sphäre ab. Dieser ozeanische Wärmetrans- 0
port erreicht ähnliche Größenordnungen 0 – 0,2
akustisc -
wie der durch die Luftmassen; beide tra- mungsprofilmesser
4000 0
– 0,3
gen zu einem relativ milden Klima in ho- mechanischer
hen und mittleren Breiten bei. akustischer
– 0,4
In welche Richtung das kalte Tiefen-
Anker
wasser strömt, hängt davon ab, wo es sich 5000 – 0,5
bildet. Auf der Nordhalbkugel geschieht 36ⴗW 35ⴗ30’ 35ⴗ 34ⴗ30’ 34ⴗ 33ⴗ30’
das ausschließlich im Atlantik. Deshalb Längengrad
gibt es nur in diesem Ozean einen Tie-
fenrandstrom, der im hohen Norden ent- Insgesamt fünf Verankerungen mit akusti- tete Strömung. Beide gehören offenbar
springt und über den Äquator hinweg bis schen und mechanischen Strömungs- zu einem Tiefseewirbel. An der Küste
weit in den Süden vorstößt. Von dort messern in unterschiedlichen Wasser- oberhalb von 1000 Metern ist die ober-
dringt er teilweise bis in den Indischen tiefen wurden vor der Küste Brasiliens flächennahe, nach Norden gerichtete
und Pazifischen Ozean vor, wo die Strö- angebracht (oben). Die Farben veran- Warmwasserströmung zu erkennen.
mungsrichtung dann genau umgekehrt schaulichen das während einer Reise
ist: Das kalte Tiefenwasser bewegt sich mit der FS Sonne im Mai 2003 gemes- Wie die Zeitserie der Daten eines Strö-
von Süden nach Norden. sene küstenparallele Geschwindigkeits- mungsmessers aus 1900 Meter Tiefe
feld. In Tiefen von 1000 bis 3000 Me- zeigt, unterliegt die Geschwindigkeit
Klimasturz in Nordeuropa ? tern herrschte damals am Kontinental- starken periodischen Fluktuationen, die
Diese Asymmetrie im ozeanischen För- abhang eine starke südwärtige und vom Durchzug einzelner Tiefseewirbel
derband und im zugehörigen Wärme- östlich davon eine nach Norden gerich- herrühren (unten).
transport ist eine Ursache für das viel mil-
0.4
in Meter pro Sekunde

dere Klima in Nordeuropa im Vergleich 11˚S, 35˚25’W, 1900 m Tiefe


Geschwindigkeit

zu dem auf ähnlichen Breiten an der 0


Westküste Nordamerikas. Durch die mo-
mentane globale Erwärmung könnte sich -0.4
allerdings die Umwälzzirkulation im At-
MARCUS DENGLER

lantik abschwächen. Viele Klimamodelle -0.8


J M M J S N J M M J S N J M M J S N J M M J S N J M M J S N
sagen das für die nächsten hundert Jahre 2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004
voraus, wenn der Kohlendioxidgehalt der
Atmosphäre im erwarteten Ausmaß steigt.
Die Auswirkungen wären dramatisch: In pagnen haben sich deshalb darauf be- tierten Wassermengen sind beachtlich –
Nordeuropa könnte die Durchschnitts- schränkt, die Umwälzzirkulation in ei- zwischen 10 und 40 Millionen Kubik-
temperatur innerhalb weniger Jahre um nem begrenzten Gebiet zu einem be- meter pro Sekunde. Zum Vergleich: Der
mehrere Grad Celsius fallen. stimmten Zeitpunkt – etwa während Abfluss des Amazonas beträgt »nur« 0,2
Vor diesem Hintergrund erscheint es einer Schiffskampagne – zu erfassen. In Millionen Kubikmeter pro Sekunde.
hochinteressant, das ozeanische Förder- anderen Fällen wurden einzelne Tiefen- Vor der Küste Brasiliens treten gleich
band und insbesondere seine Änderung randströme über längere Zeit verfolgt. zwei Randströme auf, einer in der Tiefe
genau zu vermessen. Wegen der Größe Dabei zeigten Messungen in verschie- und einer an der Oberfläche. Sie verlau-
der Weltmeere und der starken räumli- denen Regionen des Nordatlantiks, dass fen in entgegengesetzter Richtung. Die
chen und zeitlichen Variabilität der Strö- der Strömungskern in einer Tiefe von oberflächennahe Strömung, die hier
mungen würde das aber einen enormen 1500 bis 3000 Metern am Kontinental- Nordbrasilianischer Unterstrom genannt
Aufwand erfordern. Bisherige Messkam- abhang entlang verläuft. Die transpor- wird und 300 Meter unter dem Meeres-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 17
FORSCHUNG AKTUELL

4˚S

8˚S
˚C

3,7

3,6
Recife
ström
l ungetnStröm ösü
dli
c
unge(Pfei)un
Auch in einer hochaufl senden
Computersimulation der Tiefen-
vor Brasilien bildet sich
von Recife eine Wirbelstraße. Hier sind
die berech
h

die Temperaturverteilung (Farben) in 1900


Meter Tiefe dargestellt.

3,5 50 cm/s

strom. Während er nördlich dieser Stelle


3,4 kontinuierlich der Küste folgte, bildete er
12˚S
südlich davon kohärente Ringe, die lang-
sam südwärts zogen und dabei 18 Millio-
nen Kubikmeter Wasser pro Sekunde be-
3,3
förderten.
Warum löst sich der bis dahin ruhig
16˚S dahinfließende Tiefenrandstrom bei Re-
3,2

MARCUS DENGLER
cife plötzlich von der Küste ab und ver-
wirbelt? Eine definitive Antwort lässt
42˚W 40˚W 38˚W 36˚W 34˚W 32˚W 30˚W
sich zwar noch nicht geben, aber eine
plausible Vermutung liegt nahe. Dem-
spiegel ihr Maximum erreicht, transpor- wir 1000 bis 3000 Meter unter dem nach verleiht die meridionale (nordsüd-
tiert mit einer Rate von 23 Millionen Meeresspiegel stark ausgeprägte Fluktua- liche) Änderung in der Stärke der Erdro-
Kubikmetern pro Sekunde warme Was- tionen mit Perioden von sechzig bis sieb- tation meridionalen Tiefseeströmungen
sermassen aus dem Südatlantik und dem zig Tagen. Außerdem zeigten die räum- prinzipiell die Tendenz, Wirbel zu bil-
Indischen Ozean über den Äquator nach lich hoch aufgelösten Strömungsfelder, den. Normalerweise wirkt die Reibung
Norden. Ein Teil davon wird dann durch die wir direkt vom Schiff aufnahmen, mit dem Kontinentalrand dieser Ten-
die Brasilstromringe in die Karibische ein frappierendes Muster. Danach bewe- denz entgegen. Hinter dem vorspringen-
See befördert; von dort gelangt es mit gen sich zwar, wie erwartet, direkt an der den Sporn von Recife aber weicht die
dem Golf- und schließlich dem Nordat- Küste große Mengen Wasser nach Sü- Küste plötzlich zurück, sodass sich der
lantikstrom in die subpolaren und pola- den, gleichzeitig aber fließen etwas wei- Reibungswiderstand verringert. Dadurch
ren Regionen des Nordatlantiks. Ein an- ter im Inneren des Ozeans vergleichbare kann sich der natürliche Hang zur Wir-
derer Teil dreht nördlich des Äquators in Wassermassen nach Norden. belbildung möglicherweise durchsetzen.
Richtung Osten ab. Allerdings zeigte das Modell auch eine
Im Rahmen des international koor- Frischwasser aus dem Nordatlantik Besonderheit, für die es in der Realität
dinierten Klimaforschungsprogramms Die Daten über die Temperatur sowie bisher noch keine Anhaltspunkte gibt.
Clivar (Climate Variability) haben wir den Salz- und Sauerstoffgehalt zeigten, Demnach verstärkt sich zwischen April
kürzlich ein fünfjähriges Messprogramm dass beide Ströme – der südwärtige am und September der Tiefenrandstrom
im Südatlantik durchgeführt. Wir woll- Küstenrand und der gleich starke nord- nördlich von Recife. Parallel dazu steigt
ten feststellen, ob und wie sich in diesem wärtige weiter draußen – frisch gebildetes die Anzahl und Intensität der Wirbel süd-
Zeitraum die Strömungen vor der Küs- Tiefenwasser aus dem Nordatlantik ent- lich dieses Punkts. Der Zusammenhang
te Brasiliens verändern. Dazu legten wir halten. Für diese Beobachtungen gibt es zwischen den beiden Ergebnissen scheint
fünf Tiefseeverankerungen aus, an denen nur eine Erklärung: Der Tiefenrandstrom uns bemerkenswert. Wir schließen daraus,
in verschiedener Tiefe akustische und zerfällt am Ostrand Brasiliens offenbar in dass vermutlich auch im echten Ozean
mechanische Strömungsmesser sowie eine Serie von Wirbeln, die am Kontinen- eine Korrelation zwischen Randstromstär-
Salzgehalts- und Temperatursensoren be- talabhang entlang nach Süden ziehen. Sie ke und Anzahl sowie Intensität der Wir-
festigt waren. Die Wartung erfolgte im brauchen jeweils sechzig bis siebzig Tage, bel besteht. Wenn sich das globale Förder-
Rahmen alljährlicher Expeditionen der um unsere Verankerungen zu passieren. band, wie von mehreren Klimamodellen
Deutschen Forschungsschiffe FS Meteor Um diese Interpretation zu erhärten, vorhergesagt, tatsächlich verlangsamt, soll-
und FS Sonne. Dabei wurden über meh- griffen wir auf Computersimulationen ten sich die Wirbel vor Brasilien also stark
rere Wochen hinweg zusätzlich räumlich zurück. Dazu installierten wir auf den abschwächen oder ganz verschwinden.
hoch aufgelöste Strömungsfelder ermit- neuen Supercomputern des Deutschen Während unseres fünfjährigen Messpro-
telt sowie die Verteilung von Temperatur Klima-Rechenzentrums in Hamburg ein gramms konnten wir allerdings noch kei-
und Salzgehalt gemessen. hochauflösendes numerisches Strömungs- ne Abnahme des südwärtigen Transports
Das Ergebnis war eine Riesenüber- modell. Es lieferte ein Bild, das sich er- von Tiefenwasser erkennen.
raschung: Statt relativ stetiger südwärti- staunlich gut mit unseren Beobachtungen
ger Geschwindigkeiten am Kontinental- deckte. So entwickelte sich auch auf dem Marcus Dengler und Carsten Eden sind promovier-
abhang, die ein westlicher Tiefenrand- Rechner südlich des Breitengrads von Re- te Ozeanografen am Leibniz-Institut für Meereswis-
strom hervorrufen würde, registrierten cife eine Wirbelstraße im Tiefenrand- senschaften in Kiel.

18 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
A B EL PREIS

Meister der Strömungsmechanik


Das mathematische Gegenstück zum Nobelpreis geht dieses Jahr an
einen Vertreter der angewandten Mathematik. Peter D. Lax hat die
Lösung physikalisch relevanter Gleichungen mit dem Computer und
mit theoretischen Mitteln entscheidend vorangebracht.

Von Christoph Pöppe Diese Auszeichnung soll für die Mathe-


matik dasselbe sein wie der Nobelpreis

E in eher unscheinbarer Mann mit


stark gelocktem, grauem Haar-
schopf tritt ohne ein Stück Papier an die
für die Naturwissenschaften: skandinavi-
schen Ursprungs, hoch dotiert und Krö-
nung eines Lebenswerks – im Gegensatz
Tafel, dankt schüchtern lächelnd für die zur Fields-Medaille, die ausdrücklich
Einladung zum Vortrag und stellt ein jungen Mathematikern vorbehalten ist.
mathematisches Problem vor. Dann Da der Abelpreis in diesem Frühjahr erst
kratzt er sich gedankenvoll an der Nase zum dritten Mal vergeben wurde,
und lässt sein Publikum an den Ideen herrscht noch lange kein Mangel an erst-
teilhaben, die ihm soeben zur Lösung des rangigen Kandidaten.
Problems einzufallen scheinen. Es ist
nicht schwer, ihm zu folgen, während er, Karriere am
immer noch herumprobierend, eine Glei- Emigranten-Institut
chung nach der anderen anschreibt. Eine Als die Nationalsozialisten in Deutsch-
Stunde später hat er seinen Zuhörern un- land die jüdischen Hochschullehrer aus
auffällig das Gefühl vermittelt, es ergebe dem Amt jagten und damit Göttingen,
sich doch eins ganz natürlich aus dem an- das damalige Weltzentrum der Mathema- ANZEIGE
deren. Nur ist auf die bahnbrechende tik, auf provinzielles Niveau zurückwar-
Theorie, die er da präsentiert hat, außer fen, war Lax gerade einmal sieben Jahre
ihm niemand gekommen. Peter D. Lax alt. Acht Jahre später kamen Hitlers
ist so genial, dass man gar nicht merkt, Handlanger mit dem Krieg auch in seine
wie schwer Mathematik eigentlich ist. Heimatstadt Budapest, sodass seine jüdi-
Deshalb verwundert es auch kaum, sche Familie in die USA emigrieren muss-
dass er nun den Abelpreis erhalten hat. te. Dort studierte der junge Einwanderer
Mathematik und promovierte – nach
NEW YORK UNIVERSITY

kurzem Intermezzo beim Manhattan-Pro-


jekt zum Bau der ersten Atombombe –
bei einem der prominentesten Göttingen-
Flüchtlinge: Richard Courant. Der hatte
an der Universität New York das nach

ifürM sjaäthkrigenAsbtelprKistäger
ihm benannte Institut für Mathematik

eathm
d
gegründet und unter maßgeblicher Betei-
ligung zahlreicher Emigranten aus Euro-
pa zu einer der weltweit bedeutendsten
mathematischen Forschungsstätten ge-
macht. Lax avancierte rasch zu einer der
führenden Persönlichkeiten dieses Insti-
tuts und blieb ihm bis zu seiner Emeritie-
rung treu.

In Budapest geboren und vor den


l Nationalsozialisten geflohen, mach-
te der Peter
D. Lax am New Yorker Courant-Institut
arriere.
l ö
tfürlicLösunghöer
s Solitonwellen – hier im Mittelmeer
h der Straße von Gibraltar –
wandern umso schneller, je

durch die Korteweg-de-Vries-Gleichung,


deren
Idee lieferte.
sie
sind, und zerfließen nicht mit der Zeit.
Mathematisch beschrieben werden sie

Lax die entscheidende

LUNAR AND PLANETARY INSTITUTE


In seine frühen Jahre fiel der Aufstieg mit derlei Unstetigkeiten korrekt umge- der Thermodynamik stammende Kon-
der Computer. Die Forscher des Courant- hen können. Heute stehen sie unter den zept der Entropie – ein Maß für die
Instituts nutzten die neuartigen Geräte Namen Lax-Wendroff und Lax-Friedrichs »Unordnung« eines Systems – hebt die
alsbald für die Simulation von Strömungs- in den Lehrbüchern. Damit wäre der Mehrdeutigkeit auf. Die physikalische
prozessen, was gerade für die Numerik diesjährige Abelpreisträger bei der übli- Lösung ist diejenige, bei der die Entro-
eine besonders schwierige Aufgabe ist. chen Einteilung des Fachs in »reine« und pie des Gesamtsystems maximal wird.
Denn nicht nur bei Explosionen, sondern »angewandte« Mathematik eindeutig in
schon bei der Verdrängung der Luft durch die letztere Schublade einzusortieren. Einsame Wellen

ät
ein gewöhnliches Flugzeug entstehen Lax selbst hat sich über derlei Eintei- Ein weiteres bedeutendes Resultat von

s
l
Stoßwellen: bewegliche Grenzflächen, an lungen stets hinweggesetzt, was von sei- Lax hat der Strömungsmechanik neue
denen sich der physikalische Zustand des ner Arbeit her gesehen nur konsequent Dimensionen eröffnet. Es ist zugleich
Mediums – Dichte, Bewegungsgeschwin- war. Vor jedem numerischen Schema ein Musterbeispiel für die Kunst, sehr

pulsderandernübernim
t.
digkeit, Temperatur – jäh (»unstetig«) än- kommt die Theorie der zu lösenden Kompliziertes hinter einer geschickt ge-
dert. Dagegen beruhen klassische Rechen- Gleichung, und die bedurfte insbesonde- wählten Bezeichnung zu verbergen – wo-
verfahren auf der Annahme, dass alle ent- re im Falle der Stoßwellen dringend der durch das Problem einer Behandlung
scheidenden Größen nur allmählich Nachbesserung. Wie praktisch alle Glei- erst zugänglich wird. In diesem Fall ver-
(»stetig«) variieren. chungen der Physik, die eine Bewegung steckte Lax gewisse Eigenschaften einer
Lax entwickelte in Zusammenarbeit beschreiben, sind auch diejenigen der speziellen Differenzialgleichung hinter li-
mit Fachkollegen Rechenschemata, die Strömungsmechanik so genannte Diffe- nearen Abbildungen (»Operatoren«) in
renzialgleichungen: Sie setzen Ableitun- einem unendlichdimensionalen Funktio-
gen – räumliche oder zeitliche Ände- nenraum. Diese lassen sich nacheinander
rungsraten – einer gesuchten Größe mit- anwenden, was formal gewisse Ähnlich-
Die Kollision zweier Solitonen einander und mit der Größe selbst in keiten mit einer (nicht kommutativen)
u sich durch eine algebraische For- Beziehung. Wo aber die Größe unstetig Multiplikation hat. So kann man die
mel darstellen. Die Wellen scheinen von- ist, hat sie auch keine Ableitungen mehr. komplizierten Eigenschaften der Glei-
einander abzuprallen, wobei jede den Im- Damit hört die Beschreibung der Na- chung vorübergehend vergessen und sich
tur durch die Differenzialgleichung auf auf das algebraische Problem konzentrie-
zu existieren, aber nicht die Natur selbst ren, das an der Multiplikation der Ope-
– natürlich nicht. Also muss man die ratoren hängt.
Differenzialgleichung so verallgemeinern, Untersuchungsobjekt von Lax war
dass sie Unstetigkeiten mit umfasst. Das die Korteweg-de-Vries-Gleichung, mit
gelingt auch, allerdings um den Preis, der schon im 19. Jahrhundert so ge-
dass die Eindeutigkeit der Lösung verlo- nannte Flachwasserwellen berechnet
Zeit

ren geht: Auf einmal gibt es sehr viele wurden, die bei der Flutkatastrophe im
Funktionen, welche die Gleichung in vergangenen Dezember traurige Be-
dem erweiterten Sinne erfüllen. Die Na- rühmtheit erlangten. Sie sind dadurch
tur, von solchen Mehrdeutigkeiten unbe- charakterisiert, dass ihre Wellenlänge
einträchtigt, wählt aus dem großen Sorti- weit größer als die Wassertiefe ist. Als
ment eine Lösung aus – aber welche? spezielle Lösungen der Korteweg-de-
Es gelang Lax, nach Vorarbeiten Vries-Gleichung ergeben sich so genann-
PÖPPE

durch zahlreiche andere Forscher, diese te Solitonen: wellenartige Erhebungen,


CHRISTOPH

Ort Frage abschließend zu klären. Das aus die umso schneller wandern, je höher sie

20 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
ANZEIGE
sind, und aus Kollisionen mit ihresglei- Während über nichtlineare Differen- men des Vietnamkriegs in Kambodscha
FORSCHUNG AKTUELL

chen unverändert hervorgehen. zialgleichungen im Allgemeinen kaum einmarschierten, nahm Lax selbst an ei-
Scheinbar aus heiterem Himmel de- brauchbare Aussagen existieren, gibt es nem der zahlreichen Protestzüge dagegen
finierte Lax zwei lineare Operatoren im für Solitongleichungen eine Fülle von teil. Tags darauf legten Anarchisten,
Funktionenraum und formulierte damit Ergebnissen – formelmäßig angebbare ebenfalls zu Protestzwecken, eine Bombe
eine Differenzialgleichung, welche der Lösungen, die aus mehreren Solitonen im Computerraum des Courant-Insti-
Korteweg-de-Vries-Gleichung äquiva- bestehen. An der Ausarbeitung dieses tuts und machten sich aus dem Staub.
lent, aber formal viel einfacher ist. Das Gebiets, das einen kometenhaften Auf- Wäre der Sprengsatz explodiert, hätte
Operatorenpaar wurde zum Angelpunkt schwung erlebte, hat sich sein Begründer er nicht nur den Computer zerstört, son-
eines ganzen Lehrgebäudes: der Theorie allerdings nur noch am Rand beteiligt. dern auch die großen Glaszwischenwän-
der unendlichdimensionalen vollständig In seiner Jugend von der Weltpolitik de bersten lassen und so weitere schwere
integrablen Systeme. Meist spricht man gebeutelt, ist Lax nie der verbohrte Stu- Schäden angerichtet. Es war Lax, der ge-
allerdings schlicht von Solitontheorie. dierstubengelehrte geworden, der dem meinsam mit einigen Kollegen beherzt
Außer Flachwasserwellen erfasst sie zahl- populären Bild vom Mathematiker ent- die noch brennende Lunte austrat.
reiche Systeme mit physikalischer Be- spräche. Einmal kam ihm die große Po-
deutung, bei denen der Trick mit dem litik noch buchstäblich ins Haus. Als Christoph Pöppe ist Redakteur bei Spektrum der
Lax-Paar funktioniert. 1970 amerikanische Truppen im Rah- Wissenschaft.

ARCHÄ O LOGIE te eines Jungen und eines Mädchens, bei-


de 12 bis 13 Jahre alt und vor rund 2400
Kelten im Doppelgrab Jahren vermutlich kurz hintereinander
gestorben. Dies ist im Saarland der erste
Fund einer – generell sehr seltenen –
Im Umkreis eines keltischen Fürstensitzes im saarländischen Rein- Doppelbestattung aus dieser Zeit.
heim stießen Archäologen auf die Grabstätte zweier Jugendlicher mit Reinheim ist auf der Landkarte der
wertvollen Beigaben – darunter eine einzigartige Fibel. Archäologen alles andere als ein weißer
Fleck. Das Dorf liegt an der alten Salz-
straße, die einst von Lothringen zum
Von Michael H. Schmitt Leider sind ihre Berichte die einzigen Mittelrhein und weiter führte. Salz war
überlieferten Schriftquellen, denn die vor 2500 Jahren ein begehrtes Gewürz

L eicht erregbar, trinkfest, kriegsbeses-


sen, kurzum: Barbaren. Auf diese
nicht sehr schmeichelhafte Art schildern
Kelten selbst kannten diese Form der Do-
kumentation nicht. So ist es denn Auf-
gabe von Archäologen, den zwangsläufig
und Konservierungsmittel, das teuer ge-
handelt wurde. Schon 1952 stieß ein
Reinheimer Baustoffhändler beim Kies-
antike Schriftsteller griechischer oder rö- subjektiven Berichten der Zeitgenossen abbau an der Blies auf ein Skelett, bald
mischer Herkunft das Volk der Kelten. materielle Funde gegenüberzustellen und darauf fand er einen bronzenen Halsreif
so der in Mitteleuropa einst dominieren- und Keramikscherben.
MICHAEL H. SCHMITT

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den Kultur eine Stimme zu geben.

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Besonders aufschlussreich sind dabei

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Angehörige der

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Grabfunde. Offenbar glaubten die Kelten Fürstin von Reinheim?

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an ein Leben nach dem Tod und statteten Zwei Jahre später entdeckten Archäolo-
ihre Angehörigen für die letzte Reise ent- gen das Grab einer Frau, das auf Grund
sprechend aus. Mitte April dieses Jahres seiner reichen Ausstattung weit über die

änlic
stießen Mitarbeiter des saarländischen Grenzen der Bundesrepublik hinaus be-
Landesdenkmalamts bei Sondierungsar- kannt wurde. Die Tote trug einen ver-
beiten für eine Kläranlage nahe Reinheim drillten Halsring, einen schweren Arm-
auf ein keltisches Doppelgrab. Darin la- reif und Fingerringe – alle aus Gold – so-
gen die fast vollständig erhaltenen Skelet- wie Armreife aus Glas und Ölschiefer, die
von einer herausragenden Stellung und
Herkunft zeugten. Offenbar handelte es
sich, wie die religiöse Symbolik einzelner
Mitte April 2005 stieß der Objekte erkennen ließ, um eine Fürstin,
l dische Landesarc Walter die neben ihrer Zugehörigkeit zur politi-
Reinhard bei Sondierungsarbeiten schen Führungsschicht mit weltlicher
eine in Reinheim auf ein kelti- Macht auch als Priesterin kultische Funk-
sches Doppelgrab. Das Foto zeigt die Frei- tionen ausübte.
legung des Skeletts eines etwa 12 bis 13 Prunkstück des Grabensembles war
Jahre alten Jungen. he Kelten der eine über einen halben Meter hohe Röh-
F hicht trugen, wie zu sehen, renkanne aus goldglänzender Bronze –
nur einen Armring aus Bronze. ihrer Gestaltung und der eingravierten

22 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Ornamentik nach ein Meisterwerk kelti-
scher Handwerksarbeit.
Tatsächlich entpuppte sich die Blies-
aue bei Reinheim im Zuge weiterer Gra-
bungen als bedeutende keltische Sied-
lung mit einem Fürstensitz auf der
Hommerich genannten Erhebung. Um
das reiche kulturgeschichtliche Erbe der
Region zu bewahren, gründeten der
Saar-Pfalz-Kreis und das Département
Moselle 1987 grenzüberschreitend den
»Europäischen Kulturpark Bliesbruck-
Reinheim«. Außer dem früh-La-Tène-

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zeitlichen Fürstinnengrab umfasst er wei-

Mc
tere bedeutende archäologische Funde:
einen spätbronzezeitlichen Hort und ei-

ücM
nen 16 Hektar großen römischen Vicus

hm üädcbrig,
(Landgut) mit der zugehörigen Villa.
Die Jugendlichen des jüngsten Fun-
des gehörten sicherlich auch zur Ober-
schicht. Dafür spricht, dass sich das Grab MICHAEL H. SCHMITT

genau nördlich der 1700 Meter entfern-


ten Grablege der Fürstin befindet und
mit seiner Längsachse darauf ausgerichtet
ist. Ein weiteres Indiz sind die wertvollen
Beigaben. Das Mädchen trug bei der Be-

terinaderkläen.
stattung Arm- und Fußringe aus Bronze,
der Junge den bei männlichen Kelten der Das keltische hen war bei sei-
damaligen Führungsschicht üblichen r ner Grablegung unter anderem mit
Armreif. Zudem fanden die Archäologen einem Armreif und zwei Halsringen (Tor-
Perlen aus Glas und Bernstein und die ques) gesc kt (rechts). Von seinem
für Kelten typischen Torques. Deren la- Gewand ist nur noch die Fibel die
teinischer Name bezeichnet einen mehr es zusammenhielt. Ihr kunstvoll gestal-
oder weniger steifen, offenen Halsreif mit teter Kopf (Pfeil), vermutlich einem my-
verdickten platten Puffer-Enden, der thologischen Wesen nachempfunden,
meist aus Bronze oder Gold bestand und macht sie einzigartig. Das hen trug
oftmals kunstvoll verziert war. Nur reiche auch zwei Fußringe aus Bronze (oben).
Angehörige der Oberschicht konnten Die Knochensubstanz beider Skelette ist
sich solch ein Geschmeide leisten. sehr gut erhalten. Eine DNA-Analyse soll
Eine weitere Sensation im Doppel- den Verwandtschaftsgrad der Kinder un-
grab war eine Fibel, deren Kopf dem

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eines Pferdchens (Foto S. 25 unten) Einst besiedelten die Kelten ein Ge- liegen 22 »Fürstengräber«, ein Fünftel
FORSCHUNG AKTUELL

gleicht. Kelten nutzten einfache Nadeln biet von den Pyrenäen bis nach Irland, der bisher bekannten frühkeltischen
oder Spangen aus Draht, um ihre Klei- vom Rhein bis ans Schwarze Meer. Doch Adelsgräber. Die Archäologen haben das
dung etwa im Schulterbereich zusam- dem militärisch straff organisierten Rö- weitere Umfeld um das neue Doppel-
menzuhalten. Das entdeckte Exemplar merreich konnte dieses in rivalisierende grab freigelegt und werden es in den
zeichnet sich durch seine kunstvolle Ge- Stämme gegliederte Volk auf Dauer kommenden Wochen genauer untersu-
staltung aus. Landesarchäologe Reinhard nicht standhalten. In Feldzügen besiegt chen. Ihre Hoffnung: dass die Jugendli-
hält es für einzigartig und glaubt, dass der und von den Annehmlichkeiten der me- chen, wie damals üblich, in der Nähe ih-

ü ü
Kopf einem mythologischen Wesen nach- diterranen Kultur verführt, verloren die rer Eltern beigesetzt wurden.
empfunden ist. Allem Anschein nach Kelten ihre kulturelle Eigenständigkeit.
wurde der keltische Künstler von Moti- Im heutigen Saarland befand sich of- Michael H. Schmitt ist freier Journalist und Fotograf
ven aus dem Mittelmeerraum inspiriert. fenbar eines der Kerngebiete; denn dort mit speziellem Interesse an der Archäologie.

PA ARU NGSV ERHA LTE N Damen – die allerdings noch gar nicht
geschlüpft sind. Die Männchen beküm-
Mit den Waffen der Frauen mert dies nicht; sie suchen jene Getrei-
dekörner auf, die den Sexualduftstoff der
Weibchen verströmen, setzen sich darauf
Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Um diesem Schicksal zu und warten. Wenn dann irgendwann ein
entgehen, verleiten noch verpuppte Wespenmännchen ihre schon ge- weibliches Tier herauskommt, begattet
schl pften Nebenbuhler zu vergeblicher Liebesm h. es der geduldige Galan augenblicklich
und kann so sichergehen, bei der Paa-
rung der Erste zu sein.
Von Frank Schubert Problem in besonderer Weise. Manche Nun schlüpfen die Wespenmänn-
von ihnen kommen von vornherein zu chen aber nicht alle gleichzeitig. Manche

D ie Männchen vieler Insektenarten


haben es schwer; denn die Weib-
chen paaren sich nur einmal im Leben –
spät. Das hängt mit der Lebensweise die-
ser Insekten zusammen: Sie legen ihre
Eier an Kornkäferlarven, die sich im In-
brauchen für ihre Entwicklung etwas
länger und verlassen ihr Getreidekorn
später als andere. Sie sind eindeutig im
danach verlieren sie das Interesse am star- neren von Getreidekörnern entwickeln. Nachteil; denn während sie noch heran-
ken Geschlecht und suchen bloß noch ei- Die aus den Eiern schlüpfenden Wespen- wachsen, knüpfen andere Männchen be-
nen geeigneten Platz zur Eiablage. Die larven dringen in die Kornkäferlarven reits die ersten intimen Kontakte. Sie
Herren müssen sich daher einiges einfal- ein, fressen sie und entwickeln sich dann müssen also aufpassen, dass sie nicht leer
len lassen, um ihre Chancen auf Nach- zur Puppe weiter. Aus der schlüpft etwa ausgehen.
kommen zu vergrößern. Das heißt: So- zweieinhalb Wochen später ein ausge-
bald eine Dame zu erkennen gibt, dass sie wachsenes Tier, das sein Getreidekorn Der Trick der zu spät Gekommenen
Besuch empfangen möchte, sollte nach alsbald verlässt – und zwar die Männ- Und so greifen die Nachzügler zu einer
Möglichkeit nicht der Nebenbuhler zum chen früher als die Weibchen. raffinierten Hinterlist, wie der Verhal-
Zug kommen. Kaum haben die Herren der Schöp- tensbiologe Joachim Ruther und seine
Bei den Männchen der Lagererzwespe fung das Tageslicht erblickt, machen sie Kollegen an der Freien Universität Berlin
Lariophagus distiguendus stellt sich dieses sich auf die Suche nach paarungswilligen nun herausfanden. Die männlichen Pup-
pen produzieren einfach denselben Sexu-
JOACHIM RUTHER

ä
alduftstoff wie die Weibchen – und täu-

n
c
M
schen so vor, ein Fräulein zu sein. Da-

hlüpfend
durch können paarungswillige Männ-
chen nicht vorhersehen, ob aus einem
betörend duftenden Getreidekorn wirk-
lich eine Eva schlüpfen wird oder ein
Geschlechtsgenosse.
Viele Freier steuern somit irrtümlich
Körner an, in denen ein Männchen he-
ranwächst, und warten dort vergeblich

Ein Weibchen der Lagererzwespe


l (links) und ein hen, das auf
einem Getreidekorn sitzt und auf das
sc Tier wartet, um es sofort zu
begatten (rechts)

24 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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auf ein erotisches Rendezvous. Während-
dessen entgehen ihnen natürlich andere
begattungswillige Weibchen. So erhöht
Springers
sich die Chance für die Nachzügler, doch EINWÜRFE von Michael Springer
noch eine Partnerin abzubekommen.
»Ein solches Phänomen ist bisher Tierisches Vergn gen
noch nie beobachtet worden«, erklärt
Spiel und Spaß sind kein Privileg des Menschen.
Ruther. Zwar würden auch bei anderen
Insektenarten Männchen manchmal Das Leben ist, rein biologisch betrachtet, eine todernste Angele-
weibliche Lockstoffe nachahmen und so genheit. Es geht, wie wir seit Darwin wissen, um das survival of

ü ä
ihre Geschlechtsgenossen in die Irre füh- the fittest, ums nackte Überleben der Bestangepassten. »Keine

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ren. Aber bislang sei kein weiteres Bei- Fisimatenten!« m sste die Parole von Zuchtmutter Natur lau-
spiel bekannt, wo sie das schon vor dem ten, wenn sie denn sprechen k nnte. Aber das k nnen nur wir.
Schlüpfen tun. Außer reden gibt es noch manches, was vermeintlich kein

ö
Freilich hat eine solche Kostümie- anderes Tier vermag: lachen und weinen, spielen und unernste

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rung auch ihre Nachteile. So beobachte- Betrachtungen anstellen wie die vorliegende. So erkl rte der Philosoph Helmuth

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ten die Berliner Forscher, dass es die Plessner anno 1941, eigentlich sei nur der Mensch f hig, etwas zum Lachen komisch

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Wespenmännchen nach dem Schlüpfen zu finden (oder zum Weinen traurig); denn vor jedem anderen Tier zeichne er sich
eilig haben, den noch anhaftenden weib-

ö ä üö
durch »exzentrische Positionalit t« aus. Will sagen, der Mensch ist von Natur aus nie
lichen Sexuallockstoff loszuwerden – was ganz bei sich, und erst dies schafft ihm den Spielraum f r Heiterkeit und Tr nen.
ihnen durch aktiven Abbau innerhalb Dagegen hat nicht erst Darwin in seiner Sp tschrift »Der Ausdruck der Gem tsbe-
von 24 Stunden gelingt. »Wahrschein- wegungen bei den Menschen und den Tieren« behauptet, dass menschliches La-
lich tun sie das, um nicht von irregeführ- chen eine animalische Komponente enth lt. Schon Mitte des 17. Jahrhunderts er-
ten Geschlechtsgenossen belästigt zu blickte der Philosoph Thomas Hobbes im Lachen nichts als w lfische Schadenfreude,
werden«, meint Ruther, »dies könnte sie das »pl tzliche Gef hl der eigenen Überlegenheit angesichts fremder Fehler«.

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nämlich bei ihrer Suche nach Partnerin- Elias Canetti, Literaturnobelpreistr ger von 1981, vermeinte im Z hneblecken
nen stören.« beim Lachen gar versteckte Raubtiergel ste zu erkennen: »Ein Mensch, der f llt, er-

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innert an ein Tier, auf das man aus war und das man selber zu Fall gebracht hat. Je-
Wehrlos gegen Täuschungsman ver der Sturz, der Lachen erregt, erinnert an die Hilflosigkeit des Gest rzten; man k nn-
Bleibt zu klären, warum sich der Ge- te es, wenn man wollte, als Beute behandeln ... Man lacht, anstatt es zu essen.«

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schlechter-Bluff bei den Lagererzwespen Besonders die Biologen betonen seit Darwin die Gemeinsamkeiten im Verhalten
dauerhaft durchgesetzt hat. Schließlich von Mensch und Tier. Nicht nur wir lachen, wenn man uns kitzelt – Affen, Hunde und
sollte sich ein Trick, den alle heranwach- Ratten tun es ebenfalls. W hrend Schimpansen einander zum Spaß durch die Äste
senden Männchen anwenden, nach kur- jagen, stoßen sie ein rhythmisches »Spielkeuchen« aus, das offenbar ihre Art ist zu
zer Zeit abnutzen. Warum haben die kichern. Verspielte Ratten quieken, wenn man sie kitzelt, mit einer wohl f r großes
früh geschlüpften Freier keine Methode Behagen typischen Frequenz von 50 Kilohertz, entwickeln eine enge soziale Bin-

ü
entwickelt, vorgetäuschte von echten dung an den Kitzelnden und suchen die N he anderer Ratten, die auch so quieken.
weiblichen Puppen zu unterscheiden?

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»Vermutlich ist der evolutionäre Der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp von der Bowling Green State University
Druck, diesem Täuschungsmanöver auf (US-Bundesstaat Ohio) kn pft daran nun k hne Spekulationen: Noch habe nie-
die Schliche zu kommen, nicht sehr mand untersucht, ob Ratten Humor h tten, doch wenn ja, m sse er von der defti-
groß; denn es bringt für keinen der Be- gen Art des Slapsticks sein. Das schließt Panksepp aus dem Erfindungsreichtum,
teiligten große Nachteile mit sich«, er- mit dem junge Nager einander necken und dabei »lachen« (»Science«, 1. 4. 2005,

»
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läutert Ruther. Bei den Lagererzwespen S. 62). Er hat schon Ratten gez chtet, die beim Herumtollen besonders viel quie-
kommen auf ein männliches Tier zwei ken, und hofft, so den Genen f r Fr hlichkeit auf die Spur zu kommen. Am Ende
weibliche – die Herren haben also reich- winken, so Pankepp, »neue Molek le« gegen Depression und Manie.
lich Auswahl. Selbst wenn sie von Ne- Übrigens sah selbst der Idealist Friedrich Schiller, dessen 200. Todesjahr wir ge-
benbuhlern gelegentlich gefoppt werden, rade and chtig feiern, in Gel chter, Frohsinn, zweckfreiem Vergn gen und ab-

ä
bleibt ihnen immer noch genügend Ge- sichtslosem Spiel keineswegs ein Privileg des Menschen. In seinem 27. Brief
legenheit, für Nachkommen zu sorgen. »Über die sthetische Erziehung des Menschen« schrieb er: »Das Tier arbeitet,
»Die frühen Männchen stört es nicht wenn ein Mangel die Triebfeder seiner T tigkeit ist, und es spielt, wenn der Reich-
sonderlich, wenn sie ihren verspäteten tum der Kraft diese Triebfeder ist, wenn das berfl ssige Leben sich selbst zur T -
Geschlechtsgenossen manchmal auf den tigkeit stachelt.« Schiller ging so weit, dieses berfl ssige Le-
Leim gehen – sie sind ihnen gegenüber ben«, das heißt den verschwenderischen Reichtum nat rlicher
immer noch im Vorteil«, so Ruther. Für Formen und biologischer Arten, als reinen Spieltrieb der leben-
die Nachzügler lohnt sich der Betrug je- digen Natur zu interpretieren.
doch: Sie haben viel zu gewinnen. Mit Schillers Augen betrachtet, erscheint Darwins unerbitt-
licher Daseinskampf auf einmal als sthetisches Spiel. Das reizt
Frank Schubert ist promovierter Biophysiker und vielleicht nicht zum Lachen, stimmt aber doch heiter.
Wissenschaftsjournalist in Heidelberg.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 27
MUSIK z

JOHN STEWART

30 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Wie Musik
im Gehirn spielt
Woher kommt die seltsame Macht der Musik? Forscher be-
lauschen das Gehirn beim Hören und eigenen Musizieren.
Die Hirnzellen reagieren darauf erstaunlich plastisch.

Von Norman M. Weinberger Musik den Paarungspartner beeindruck-


te, also ein Faktor bei der sexuellen Se-

M
usik kann Menschen bis lektion des Menschen war. Robin M.
zu Tränen rühren. Warum Dunbar von der Universität Liverpool
bewegt sie uns so stark, vermutet hingegen, Musik habe gehol-
dass kaum ein Film, kaum fen, die Horden zusammenzuhalten, die
ein Werbespot mehr darauf verzichten irgendwann so groß wurden, dass gegen-
mag? Kinder beruhigt man mit Liedern. seitiges Lausen als sozialer Kitt nicht
Bei manchen Sportveranstaltungen wird mehr reichte. Dagegen behauptet Steven
Musik eingesetzt, um die Massen aufzu- Pinker von der Harvard-Universität in
peitschen. Cambridge (Massachusetts), Musik sei
Mindestens seit einigen zehntausend eher der »Käsekuchen fürs Ohr«. Durch
Jahren schlagen Menschen auf Klangkör- einen glücklichen Zufall seien in unserer
per, spielen Maultrommel, blasen auf Evolution Zutaten zusammengekom-
Knochenflöten und bringen aufgespann- men, die dem Gehirn schmeicheln, weil
te Sehnen zum Schwingen. Wahrschein- sie sich so wunderbar ergänzen.
lich ist uns die Liebe zur Musik angebo- Noch kennen Neurowissenschaftler
ren. Jede Kultur pflegt ihre Tonkunst die Wahrheit nicht. Zumindest aber ler-
und Klangtradition. Und schon zwei nen wir in den letzten Jahren immer
Monate alte Säuglinge unterscheiden mehr darüber, wo und wie das Gehirn
Wohl- und Missklänge. Wenn uns eine Musik verarbeitet. Dabei ergänzen sich
Sinfonie ergreift, erregt das im Gehirn Beobachtungen an Hirnversehrten und
die gleichen Lustzentren wie beim Kon- Studien mit gesunden Testpersonen, de-
sum von Schokolade, von Kokain oder ren Gehirnaktivität mit bildgebenden
beim Sex. Verfahren dargestellt wurde. Eine große
Aus welchem Grund – oder zu wel- Überraschung war, dass im Gehirn of-
chem Zweck – entstand Musik? Und wie fenbar kein spezielles Musikzentrum
kommt es, dass sie unsere Gefühle an- existiert. Wenn der Mensch Musik hört
spricht? Warum ist sie dem Menschen so oder ausübt, sind etliche weit verteilte
wichtig, dass er sie nicht missen mag? Areale aktiv, auch welche, die sich nor-
Wissenschaftler haben dafür verschiede- malerweise mit anderen kognitiven Auf-
ne Erklärungen vorgeschlagen – so von gaben befassen. Wie sich außerdem he-
evolutionsbiologischer Seite, in der Früh- rausstellte, ändern sich die aktiven Be-
zeit habe Musik zum Überleben des reiche abhängig von Erfahrung und
Musizieren gehört vermutlich zum Menschen beigetragen. Beispielsweise musikalischer Betätigung.
l Urerbe des Menschen, denn unser stellt sich der Evolutionspsychologe Geof- Bei der geringen Zahl der Hörzellen
Gehirn scheint für Musik wie geschaffen frey F. Miller von der Universität von ist das besonders erstaunlich. Kein ande-
zu sein. New Mexico in Albuquerque vor, dass res Sinnesorgan benutzt so wenige Sin-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 31
MUSIK z
neszellen wie das Ohr. Im Auge sitzen
rund 100 Millionen Lichtrezeptoren.
Sprache unabhängig voneinander verar-
beitet werden. Allerdings sehen die For-
gieren wiederum benachbarte Zellgrup-
pen stärker. Dadurch verschiebt sich
Die Haarzellen im Innenohr kommen scher das inzwischen differenzierter. Bei- die Empfindlichkeit für unterschiedlich
lediglich auf etwa 3500. Doch das ge- de Phänomene haben durchaus einiges hohe Töne auf der Hirnrinde kontinu-
nügt, damit das Gehirn sich verändert, gemeinsam: Sprache wie Musik wollen ierlich (siehe Kasten S. 34). Misst man,
sodass es schon nach kurzen Musik- etwas mitteilen, und beide haben eine welche Neuronen bei einer bestimmten
übungen künftig mit musikalischen Ein- Syntax, einen Satz an Regeln für die pas- reinen Schwingung antworten, erhält
drücken anders umgeht. In dieser Hin- sende Kombination der Elemente, in man kleine Felder, die sich bei angren-
sicht sind wir bemerkenswert anpas- dem Fall Wörter beziehungsweise Noten. zenden Schwingungen überlappen. Neu-
sungsfähig – unser Gehirn ist für Musik Der Hirnforscher Aniruddh D. Patel rophysiologen können so auf der Hör-
auffallend plastisch. vom Neurosciences Institute der Univer- rinde regelrechte Frequenzenlandkarten
sität von Kalifornien in San Diego zeichnen.
»Die Oper ist in meinem Kopf!« schließt aus Hirnaufnahmen, dass für die Dieses grobe Schema erklärt noch
Vor den Zeiten der modernen Gehirn- Syntax anscheinend in beiden Fällen der- nicht, wie Musik verarbeitet wird, wie
bildgebung sammelten die Forscher ihr selbe Bereich der Stirnhirnrinde zustän- das Gehirn Beziehungen zwischen Tö-
Wissen über die Musikverarbeitung dig ist. Für einige andere Schritte der nen herstellt, also Melodien, Rhythmen,
hauptsächlich an Schlaganfallpatienten Verarbeitung von Sprache beziehungs- Klänge, Klangfolgen erfasst oder die
und anderen Hirnkranken oder Hirnver- weise Musik gilt Ähnliches. Lautstärke und Klangfarbe (das Fre-
letzten. Darunter war mancher Musiker. Wie das Gehirn reagiert, wenn Mu- quenzspektrum) von Tönen registriert.
Beispielsweise konnte der französische sik erklingt, darüber haben wir von Ge- An diesen Vorgängen beteiligen sich, wie
Komponist Maurice Ravel (1875 – 1937) hirnaufnahmen mit modernen bildge- wir heute wissen, eine Reihe weiterer
ab 1933 keine neuen Stücke mehr notie- benden Techniken schon eine recht de- Hirngebiete, jedes zuständig für be-
ren. Vermutlich litt er an einer fokalen taillierte Vorstellung. In vielem gleichen stimmte Aspekte.
zerebralen Degeneration, wobei einzelne die Vorgänge natürlich dem, wie das
Bereiche des Gehirngewebes verküm- Hörsystem auch sonst Klänge und Ge- Scharfstellen
mern. Ravel behielt sein musikalisches räusche verarbeitet (Kasten rechts). In auf wichtige Töne
Vorstellungsvermögen. Seine alten Kom- gewisser Weise ist dieses Sinnessystem, Bei diesen Leistungen reagiert das Ge-
positionen vermochte er noch zu erken- wie andere auch, hierarchisch aufgebaut. hirn keineswegs starr. Früher vermuteten
nen und sich ins Gedächtnis zu rufen. Die neuronalen Erregungen durchlaufen die Wissenschaftler beispielsweise, dass
Tonleitern konnte er noch spielen. Ei- vom Ohr bis zur Hörrinde im Schläfen- bei einer bestimmten Tonfrequenz im-
nem Freund vertraute er damals über ein lappen, der höchsten Stufe der Hörbahn, mer dieselben Zellen in immer gleicher
geplantes Projekt an: »... diese Oper (Jo- mehrere Verarbeitungsstationen. Weise ansprechen würden. Hieran ka-
hanna von Orleans) ist hier, in meinem Schon im Innenohr – in der Schne- men David M. Diamond, Thomas M.
Kopf! Ich höre sie, aber ich werde sie nie cke, wo die Sinneszellen sitzen – werden McKenna und mir Zweifel, als wir Ende
aufschreiben. Es ist vorbei! Ich kann komplexere Töne und Klänge in ihre der 1980er Jahre bei Katzen an kurzen
meine Musik nicht mehr schreiben!« Frequenzen zerlegt. Ein Geigenton etwa Tonfolgen testeten, ob die Kontur (das
Vier Jahre später starb der Künstler nach setzt sich aus mehreren überlagerten Muster des Auf und Ab, das auch eine
einer Gehirnoperation. Sein Fall unter- Schwingungen zusammen, auf die je- Melodie prägt) die Reaktion einzelner
stützt die Beobachtungen, dass es im Ge- weils andere Sinneszellen ansprechen. Im Zellen der Hörrinde beeinflusst. Wir
hirn offenbar kein eigentliches Musik- Hörnerv fließen die Teilinformationen verwendeten immer die gleichen fünf
zentrum gibt. dann über getrennte Stränge als Serien unterschiedlich hohen Töne, variierten
Der russische Komponist Wissarion elektrischer Entladungen zur nächsten aber die Reihenfolge und somit die Kon-
Schebalin (1902 – 1963) vermochte in Station. In der Art geht es weiter bis zur tur – wir präsentierten den Katzen ge-
seinen letzten zehn Lebensjahren nach Hörrinde. Charakteristisch ist, dass die wissermaßen lauter verschiedene kleine
einem Schlaganfall nicht mehr zu spre- einzelnen Nervenzellen des Hörsystems Melodien.
chen und auch Sprache nicht mehr zu jeweils bei einer bestimmten Tonfre- Zu unserer Verblüffung veränderte
verstehen. Doch komponieren konnte er quenz optimal reagieren. Etwas schwä- sich die Antwortstärke der einzelnen
noch. Unter anderem das ließ Neuro- cher sprechen sie bei davon leicht abwei- Hirnzellen auf »ihren« Ton – genauer ge-
physiologen vermuten, dass Musik und chenden Tonfrequenzen an. Hierauf rea- sagt auf ihren optimalen Frequenzbe-
reich – abhängig von dessen Position in
IN KÜRZE der Tonabfolge. So kam es vor, dass eine
Zelle stärker ansprach, wenn »ihr« Ton
r Wahrscheinlich war Musik von Anbeginn Teil der menschlichen Kultur. Die Lie- nicht an erster Position stand. Es war
be zur Musik liegt tief in uns und dürfte angeboren sein. auch nicht egal, ob der Ton in eine auf-
r Eine Anzahl von Hirnregionen spricht jeweils auf die einzelnen Komponenten oder in eine absteigende Folge eingebaut
von Klängen und Musikstücken an. Dabei verändert sich das Gehirn passend zu war, oder ob die Richtung innerhalb der
deren Bedeutung für den Einzelnen. Kontur wechselte. Das beweist, dass die-
r Tief verwurzelt ist auch das Gefühlserleben von Musik. Es funktioniert unabhän- se Verarbeitung nach einem anderen
gig vom aktiven Musikverstehen. Prinzip funktioniert als etwa die Tonwei-
tergabe über Lautsprecher oder Telefon.

32 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Wege eines Klangs
Beim Musikhören wirken außer der Hörrinde im Schläfenlappen etliche weitere
Hirngebiete mit, auch solche, die an sich mit anderen Arten von Denken umgehen.
Wo das Gehirn Musik verarbeitet, hängt von den verschiedensten individuellen Er-
fahrungen ab.

ööö
Schallwellen

Schnecke
mit den
H rsinnes-
ein zusammen- Trommelfell zellen im

ö
gesetzter Innenohr
Geigenton Steigbügel
(eines der Geh r-
Das Ohr verwandelt die Druckwellen der Klänge über kn chelchen)
Trommelfell und Gehörknöchelchen in Flüssigkeits-
entrollte Geh r-
wellen, welche der Druck des Steigbügels in der schnecke
Schnecke erzeugt.
Schnitt durch
Schwingungen der Basilarmembran stimulieren die die Schnecke
Haarzellen (die Hörsinneszellen), dem Hörnerv elek-
Fasern des
trische Signale zu übermitteln. Dieser schickt seine H rnervs
200 Hz
Signale ins Gehirn. Jede Haarzelle ist auf eine be-

öö
stimmte Schwingungsfrequenz gestimmt.
800 Hz

1600 Hz
Basilar-
membran

motorische
Hirnrinde
Einzelne Fasern des H rnervs leiten Signale
Haarzelle zu je verschiedenen Nervenzellen, die auf
unterschiedliche Frequenzen gestimmt sind.

ö
H rrinde

Das Gehirn verarbeitet Musik sowohl Ebene des


Querschnitts links unten
hierarchisch als auch die einzelnen
Komponenten parallel, das heißt ne-
beneinander. Eine der Schaltstellen auf
dem Weg zur Hörrinde ist der Thala- Thalamus
mus. In der primären Hörrinde erfolgen
die ersten Schritte der Musikerken- H rrinde
nung – wie das Erfassen von Tonhöhe
und Melodiekontur. Deren Zellen pas-
sen sich an Musikerfahrungen an. Die-
se Umstimmung weitet sich auf sekun-
däre Hörrindenfelder aus und berührt Beim Musizieren sind
auch andere assoziierte Gebiete, die unter anderem das
wahrscheinlich für komplexere Muster Kleinhirn und die mo-
ANDREW SWIFT

von Musik wie Harmonie, Melodie und torische Hirnrinde an-


Rhythmus zuständig sind. Kleinhirn Hirnstamm geregt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 33
MUSIK

ä
ü
ü üö
z
Übung stimmt Hirnzellen um
Die einzelnen Neuronen der Hörrinde –
auch bei Tieren – reagieren jeweils be-
vorzugt bei einer bestimmten Tonfre-
quenz (a). Gewinnt nun ein bestimmter
Ton f r das Tier aus irgendwelchen Gr n-
len f r hnliche Töne ihr Optimum hin zu
dessen Frequenz (b). Die »Landkarte«
auf der Hörrinde passt sich an das Ge-
lernte an und gibt dem wichtigen Ton
mehr Raum – hier am Beispiel von dres-
Die meisten Studien zur Musikverar-
beitung haben sich bisher mit Melodien
befasst. Einige Erkenntnisse gibt es aber
auch schon zum Rhythmus, zur Harmo-
nie (wenn mindestens zwei Töne gleich-
zeitig erklingen) und zur Klangfarbe
(dem unterschiedlichen Klang etwa des
gleichen Geigen- und Flötentons, was
den mehr Bedeutung, verschieben Zel- sierten Ratten (c). auf einem unterschiedlichen Oberton-
spektrum bei gleicher Grundfrequenz
beruht). So scheinen sich beim Rhyth-

h
ö

n
a verschiedene Zellen der H rrinde
mus die beiden Hirnhälften nicht in
1 2 3 4 5 6 7 gleichem Maße zu beteiligen. Allerdings
sind die Ergebnisse nicht eindeutig, wel-
che Hirnhälfte nun stärker mitarbeitet.
Antwort

Offenbar hängt das jeweils von der Art


der Aufgabe ab, aber auch vom spezifi-
schen Rhythmus selbst. Der linke Schlä-
fenlappen scheint sich bei kürzeren Tö-
C D E F G A H nen einzuschalten. Versuchen wir also
To / Frequenz Rhythmen mit kurzen Noten zu erken-
nen, benutzen wir dazu wohl mehr die
linke Seite – und umgekehrt.
b trainierte Tonh he Bei Harmonien ist die Situation ein-
140
deutiger. Achten Versuchspersonen auf
stärkste Antwort der Zelle
120 nach dem Training Harmonieaspekte von Musik, beteiligen
stärkste Antwort sich Hörbereiche auf dem rechten Schlä-
der Zelle vor dem fenlappen stärker als jene auf dem linken.
Antwortstärke eines Neurons

100 Training Gleiches scheint für die Klangfarbe zu


(in Spikes pro Sekunde)

80
gelten. Sollen Testteilnehmer Instrumen-
te am Klang erkennen, arbeitet besonders
60 die rechte Seite. Patienten, denen der
vorher rechte Schläfenlappen fehlt – wenn er
40
nachher etwa wegen eines Anfallsleidens entfernt
werden musste –, können schlecht Klang-

öüö
20 farben erkennen. Nach einer linksseitigen
Operation ist das nicht der Fall.
0 Besonders spannend ist, dass viele
solcher Reaktionen auch abhängig von
–20 Erfahrung und Übung variieren. Schon
0,1 1 10 100 ein kleines bisschen Training kann sich
Frequenz des trainierten Tons (in KHz) schnell auswirken. Noch vor ungefähr
zehn Jahren glaubten die Wissenschaftler
zum Beispiel, dass die optimale Frequenz
c für jede Zelle im Hörkortex unveränder-
Raum auf der H rrinde f r Oktavt ne
lich festliegt. Als wir die oben beschrie-
vor dem Training (Frequenzen in KHz) benen Konturstudien mit den Katzen
32 16 8 4 2
durchführten, kamen uns daran Zweifel.
Es schien, als würden manche Zellen
plötzlich für Töne besonders empfind-
32 16 8 4 2 nach dem Training (Frequenzen in KHz) lich, die dem Tier etwas bedeuten und
die es sich deshalb merkt.
Genauer untersuchten Jon S. Bakin,
Jean-Marc Edeline und ich diese These
in den 1990er Jahren in einer Reihe von
Experimenten an Meerschweinchen. Wir
wollten prüfen, ob sich die Organisation
der Hörrinde grundlegend verändert,
LAURIE GRACE

wenn das Tier einen wichtigen Ton lernt.


Zuerst spielten wir den Meerschwein-

34 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
chen eine Anzahl von Tönen vor und besteht für das Gehirn ein Weg, um den
maßen, bei welchen die Reaktionen in Rang von neuerdings wichtigen Stimuli
der Hörrinde besonders stark ausfallen einzuspeichern, darin, für das Signal
und bei welchen eher schwach. Nun mehr Zellen zur Verfügung zu stellen.
wählten wir einen Ton, der wenig Reak- Lernt das Tier die Bedeutung eines Rei-
tion hervorrief. Mit diesem Ton zusam- zes, vermag das Gehirn ihm mehr Ver-
men verpassten wir den Tieren einen arbeitungskapazität zuzuordnen (siehe
leichten elektrischen Schlag am Fuß. Die Kasten links). ANZEIGE
Nager lernten den Zusammenhang in Bei Menschen kann man das Verhal-
ein paar Minuten. ten einzelner Hirnzellen beim Erlernen
von Tönen oder Melodien nicht messen.
Tonlandkarten Jedoch können moderne Aufnahmetech-
im Gehirn vom Meerschweinchen niken offenbaren, ob Zellpopulationen
Gleich nach dem Training sowie in In- auf der Hirnrinde in der Größenord-
tervallen in den folgenden zwei Monaten nung von Tausenden von Neuronen ihre
prüften wir erneut das Verhalten dersel- durchschnittliche Reaktionsstärke än-
ben Hirnzellen. Und wirklich hatten sich dern. Ein Team um Ray Dolan vom
die Verhältnisse verändert. Der antrai- University College London trainierte
nierte Ton erzeugte deutlich mehr Reak- 1998 Versuchspersonen auf einen be-
tion als vorher. Zellen hatten ihre opti- stimmten Ton. Währenddessen erhöhte
male Frequenz zu der des Signaltons hin sich ganz ähnlich wie im Tierversuch die
verschoben. Das bedeutet: Die Zellen Reaktionsbereitschaft der Hirnzellen auf
der Hörrinde werden durch Erfahrung den spezifischen Reiz; der Bereich für
sozusagen neu gestimmt, sodass genü- den Stimulus erweiterte sich. Übertragen
gend viele bei bedeutenden Signalen auf komplexere Aspekte von Musik
mitwirken. Auch im weiteren Umfeld könnten lang anhaltende Lerneffekte
der jetzt scharf gestimmten Nervenzellen dieser Art mit erklären, warum man im
hatten sich die bevorzugten Frequenzen Lärm eine vertraute Melodie heraushört,
versetzt. Das Gehirn hatte seine Land- oder warum Alzheimerkranke bei weit
karte berichtigt. Jetzt passte sie wieder gehend verlorenem Erinnerungsvermö-
auf die relevanten Umweltereignisse. gen sich an von früher bekannte Musik-
Umgekehrt braucht man nur die Fre- stücke noch erinnern.
quenzlandkarte im Hörkortex zu studie- Ein interessantes Phänomen ist das
ren, um zu erkennen, welche Töne dem innere Hören von Musik. Wohl jeder er-
Tier wichtig sind. Die neue Stimmung lebt manchmal, dass ihm eine Melodie
der Hirnzellen war bemerkenswert dau- nicht aus dem Sinn geht. Wo im Kopf
erhaft. Der Effekt wuchs in der ersten spielt diese Musik? Andrea R. Halpern
Zeit ohne weiteres Training. Danach von der Bucknell University in Lewis-
blieb er monatelang bestehen. burg (Pennsylvania) und Robert J. Za-
Diese Ergebnisse regten die Hirnfor- torre von der McGill University in Mon-
scher zu neuen Untersuchungen über die treal (Kanada) sind dem 1999 in einer
neuronale Plastizität an. Wie es aussieht, Studie mit Nichtmusikern nachge-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
MUSIK z
gangen. Sie registrierten aktive Stellen
des Gehirns, während die Leute einem
Zusammenhang mit Musik, nicht für
andere akustische Ereignisse, selbst wenn
hirns auch vom eigenen Instrument der
Testperson abhängt. Bei Trompetern
Musikstück entweder wirklich lauschten die Töne oder Klänge sonst ähnlich sind. etwa reagieren bestimmte Hirngebiete
oder aber es vor ihrem inneren Ohr er- Wie die Forscher auch feststellten, ist verstärkt auf Trompetentöne, nicht aber
klingen ließen. Beim rein imaginierten der reagierende Bereich umso größer, je auf Geigenklänge.
Zuhören waren tatsächlich viele der früher jemand mit dem Musikunterricht Abgesehen von der Hörrinde verän-
Schläfenlappenbereiche aktiv, die sich begann. dern sich durch Musikausübung auch
auch sonst am Musikhören beteiligen. Musikerziehung scheint sogar die andere beim Musizieren beteiligte Ge-
kindliche Entwicklung zu beschleuni- hirngebiete. Instrumentalisten haben an-
Hochsensible Musikergehirne gen. Forscher der McMaster University scheinend nicht nur ein größeres Klein-
Viele der geschilderten Effekte zeigen in Ontario (Kanada) ermittelten kürzlich hirn – das sich an der Bewegungskoordi-
sich bei Musikern noch ausgeprägter. In bei Vier- und Fünfjährigen die Gehirn- nation beteiligt –, sondern auch vergrö-
manchem scheinen deren Gehirne infol- aktivität bei Klaviermusik, Geigenmusik ßerte motorische Areale in der Groß-
ge der intensiven Beschäftigung damit und reinen Tönen. Bei Kindern, die zu hirnrinde. Spezifisch die Felder für die
die Musik sogar anders zu verarbeiten. Hause viel Musik zu hören bekamen, re- Kontrolle der erforderlichen Fingerbe-
Die Studien bestätigen ganz klar, dass agierten die entsprechenden Hirnberei- wegungen sind ausgedehnter. Mitte der
unser Gehirn dazu fähig ist, auf solche che stärker als bei denen ohne ein sol- 1990er Jahre wies eine Gruppe um Tho-
Einflüsse hin neuronale Verschaltungen ches Umfeld. Die an Musik gewöhnten mas Elbert von der Universität Konstanz
umzuarbeiten. Wenn schon eine kurze Kinder entsprachen hierin drei Jahre äl- nach, dass bei Geigern Hirnrindenbe-
Trainingsphase genügt, um mehr Hirn- teren Kindern ohne intensive Musik- reiche für Sinnesinformationen des zwei-
zellen auf einen wichtigen Ton einzu- erfahrung. ten bis fünften Fingers der linken Hand
stimmen, ist es vielleicht gar nicht so er- Die ausgeprägtere Reaktion des Mu- stärker ausgebildet sind als für die rechte
staunlich, dass ausgiebige musikalische sikergehirns dürfte zu einem Teil schon Hand. Eben mit diesen vier Fingern
Betätigung die Sensibilität noch viel durch eine größere Hörrinde bedingt greift ein Geiger die Töne auf den Sai-
deutlicher verstärkt und selbst größere sein. Peter Schneider von der Universität ten. Die entsprechenden Gebiete für die
Änderungen nach sich zieht. Das jahre- Heidelberg und seine Mitarbeiter fanden rechte, die Bogenhand, sind bei ihnen
lange täglich stundenlange Musizieren 2002 bei Musikern eine Volumenzunah- nicht übermäßig auffallend.
bewirkt nicht nur, dass manche Hirnge- me dieses Bereichs um 130 Prozent. Die
biete außerordentlich ausgeprägt sind, Forscher entdeckten dabei, dass die Ver- Folgen frühen Übens
sondern es macht auch für die speziellen größerung umso stärker ausfällt, je aus- Überdies müssen viele Instrumentalisten
Anforderungen empfindlich. giebiger sich jemand mit Musik beschäf- beide Hände besonders gut koordinieren
Bei einer Studie von 1998, die Chris- tigt. Anscheinend wächst proportional können. Tatsächlich erscheint der dicke
to Pantev von der Universität Münster zum Grad musikalischer Betätigung die Faserstrang zwischen beiden Großhirn-
leitete, kam heraus, dass bei Musikern, Zahl an Musik verarbeitenden Nerven- hälften – der so genannte Balken – in
die Klaviermusik zuhören, hierbei auf zellen in der Hörrinde. Erstaunlicherwei- seinem vorderen Teil, in dem die Verbin-

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der linken Hirnseite rund 25 Prozent se ergab eine neuere Studie, die Pantev dungen zwischen rechtem und linkem

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mehr von den Hörregionen reagieren als an der Universität Toronto (Kanada) motorischem Areal verlaufen, dicker als

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bei Nichtmusikern. Das gilt allein im durchführte, dass die Sensibilität des Ge- bei Nichtmusikern. Auch da ist der Un-

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Für Musik geboren

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Jeder ist musikalisch, zumindest in gewis- Mit geschickten Testverfahren haben

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sem Grad. Man beobachte nur Kinder. Forscher herausgefunden, dass Kleinkin-

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Noch ehe Babys Sprache wirklich verar- der benachbarte T h gut unter-
beiten können, zeigen sie ausgeprägte sc wachsene. Sie

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Reaktionen auf Musik. Vielleicht deswe- bemerken auch Tempiv ungen
gen sprechen wir mit ihnen instinktiv im und Rhythmenwechsel. Eine Melodie er-

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Singsang. Das ist in allen Kulturen so. kennen sie auch wieder, w
Die Kleinen beeinflussen unseren Aus- her oder tiefer erklingt.
ESTOCK PHOTO, IT INTERNATIONAL

druck mehr, als wir selbst merken. Als in- Nach einer neueren Studie bevorzu-
dische und nordamerikanisc ter gen schon zwei bis sechs Monate alte
das gleiche Wiegenlied vorsingen sollten, Kinder k or dissonan-
Ab- hon
wesenheit, konnten andere Leute die vor der Geburt an. Ungeborene Kinder
A heiden, reagieren auf die Erkennungsmelodie ei-
on der Sprache. Auf das ner beliebten Fernsehserie, die die wer-
Kind gerichtete Merkmale waren in bei- dende Mutt h anschaute, anders Wenn wir mit Babys »sprechen«,
den Kulturen die gleichen. als auf eine neue Weise. o befolgen wir musikalische Regeln.

36 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
o
chenfl
wurde.
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,
Vor mindestens 32 000 Jahren
schnitzten Menschen diese Kno-
die in Frankreich ausgegraben
sen voneinander unterscheiden oder
Musikstücke überhaupt irgendwie zu-
ordnen. Sie weiß nicht, ob sie ein Stück
zum ersten Mal hört oder ob es ihr gera-
de wiederholt vorgespielt wurde. Selbst
einst vertraute Melodien kommen ihr
völlig fremd vor. Trotzdem reagiert diese
sammenhang mit gutem Essen, sexueller
Betätigung oder auch Drogenkonsum.
ALEXANDER MARSHACK

Die Freude, die Musik geben kann, akti-


viert einige derselben Schaltkreise des so
genannten Belohnungssystems unseres
Gehirns.
All diese Befunde weisen auf eine bi-
terschied wieder umso größer, je früher Patientin auf Musik verschiedenen emo- ologische Grundlage für Musik hin. Das
der Musikunterricht anfing. tionalen Gehalts ganz normal, mit den Gehirn scheint darauf angelegt zu sein,
Wenig ist noch darüber bekannt, wie gleichen Gefühlen wie andere Menschen sich mit Melodien, Rhythmen und Klän-
Musik Emotionen auslöst. Pionierfor- – und sie hört gern Musik. Demnach gen zu befassen. Eine Reihe von Hirnre-
schung auf dem Gebiet leistete Anfang scheint die Hörrinde im Schläfenlappen gionen beteiligt sich an der Verarbeitung,
der 1990er Jahre der Musikpsychologe zwar für das Melodieerkennen wichtig wobei jede spezielle Aufgaben über-
John A. Sloboda von der Keele Univer- zu sein, ist offenbar aber verzichtbar, um nimmt – so viel kristallisiert sich bereits
sity in Staffordshire (England). Vier von Musik mit Gefühl zu belegen. Das ge- jetzt heraus. Dass Musikergehirne an-
fünf befragten Erwachsenen kannten aus schieht unterhalb der Großhirnrinde mit scheinend zusätzliche Spezialisierungen
eigenem Erleben, dass Musik sie stark Beteiligung der Stirnlappen. aufweisen, insbesondere dass sich einige
erregte oder erschütterte, dass sie Schau- Strukturen größer als normal ausprägen,
der, Lachen oder Tränen hervorrief. In Hochgefühle ist nicht zuletzt für die Lernforschung
einer Studie von Jaak Panksepp von der vom Belohnungssystem aufschlussreich. Beim Erlernen von Tö-
Bowling Green State University (Ohio) Anne Blood und Zatorre von der McGill nen und Klängen wird das Gehirn neu
Mitte der 1990er Jahre, an der mehrere University verglichen 2001, welche Ge- gestimmt. Dann verschieben einzelne
hundert junge Menschen teilnahmen, hirngebiete bei Klängen reagieren, die Neuronen ihren Antwortbereich, und
kam heraus, dass über zwei Drittel von Menschen als Konsonanz oder Disso- insgesamt reagieren bei wichtigen Klang-
ihnen Musik mochten, weil sie Gefühle nanz empfinden, also als Wohl- oder ereignissen mehr Zellen der Hirnrinde.
auslöst. Hierzu passen Ergebnisse einer Missklang. Wie sich zeigte, werden da- Die Hirnforschung wird dazu beitragen,
1997 durchgeführten Untersuchung, die von unterschiedliche Stellen aktiviert. mehr über die Musik selbst zu erfahren –
Carol L. Krumhansl und ihre Mitarbei- Konsonante Akkorde stimulierten den auch darüber, wie viele Fassetten sie hat
ter von der Cornell University (Ithaca) rechten Orbitallappen, ein Areal des und warum es Musik gibt.
durchführten. Die Forscher spielten Ver- Stirnhirns und Teil der Assoziationsrin-
suchspersonen Musikstücke vor, die de. Dieses Gebiet gehört zum Beloh-
vermeintlich Freude, Traurigkeit, Angst nungssystem des Gehirns. Auch Teile ei- Norman M. Weinberger ar-
oder Spannung ausdrücken. Zugleich ner Region unterhalb des Balkens, der beitet in der Abteilung für Neu-
robiologie und Verhalten an der
A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
maßen sie unter anderem Herzschlag, Verbindung zwischen den beiden Hirn- Universität von Kalifornien in
Blutdruck und Atmung. Und wirklich hälften, waren einbezogen. Bei dissonan- Irvine. An der Universität grün-
zeigten die Teilnehmer je nach Kategorie ten Akkorden geschah etwas anderes: dete er das Zentrum für Neuro-
andere körperliche Reaktionen, aber bei Nun meldete sich die rechte parahippo- biologie von Lernen und Gedächtnis. Auch rief
derselben Kategorie jeweils ein ähnliches campale Gehirnwindung. Daraus folgt, er das »Music and Science Information Computer
Archive« ins Leben (www.musica.uci.edu/).
Muster. dass beim emotionalen Erfassen eines
Einzelheiten über die Hirnmechanis- Musikstücks mindestens diese beiden Die Magie der Musik in: Gehirn&Geist, Schwer-
men fügen sich erst langsam zusammen. Systeme anspringen können. Wie die punktthema, 3/ 2005
Oft sind das Zufallsbeobachtungen wie einzelnen Aktionsmuster des Hörsystems Musik im Kopf in: Gehirn&Geist, 1/2001, S.18
der Fall einer Patientin, die bei beidsei- im speziellen Fall mit jenen Systemen Music, the food for neuroscience? In: Nature, Bd.
tigen Läsionen der Schläfenlappen auch zusammenarbeiten, ist allerdings noch 434, 17. März 2005, S. 312
Verletzungen an beiden Hörrinden erlitt. unklar.
The cognitive neuroscience of music. Von Isabelle
Die Frau hat keine Sprachschwierigkei- Viel Beachtung fand eine Studie von Peretz und Robert J. Zatorre (Hg.). Oxford Univer-
ten. Auch Intelligenz und allgemeines Blood und Zatorre an Musikern über sity Press, 2003
Erinnerungsvermögen sind normal ge- das Hochgefühl beim Musikhören. In
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
blieben. Melodien kann sie aber weder solchen Momenten glich deren Gehirn- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
erkennen noch völlig verschiedene Wei- aktivität teilweise dem Zustand im Zu-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 37
CHEMIE z
Umweltgifte vom
Gabentisch der Natur
In der öffentlichen Meinung gelten Halogenverbindungen als
Schadstoffe, mit denen die chemische Industrie unsere Umwelt
verseucht. Doch die Natur produziert viele dieser und ähnlicher
Substanzen auch selbst.

Von Gordon W. Gribble mal in die Umwelt gelangt, haben sie zessen zahlreiche organische Verbindun-
sich dort festgesetzt und lokal, regional gen entstehen, die Chlor oder ein ande-

S
ie tragen die Hauptschuld am oder global große Schäden angerichtet – res Halogen enthalten. Was die Vielfalt
schlechten Image der chemischen von der Verseuchung der Muttermilch der Synthesewege und die Komplexität
Industrie: synthetische, chlorhal- bis zum Ozonloch. der erzeugten Substanzen betrifft, ist die
tige Chemikalien wie DDT (Di- Wer die chemische Industrie als Natur den menschlichen Chemikern so-
chlor-diphenyl-trichlorethan), Dioxin, Schöpfer dieses Teufelszeugs anprangert, gar weit überlegen. Ihre Produktpalette
PCBs (polychlorierte Biphenyle) und übersieht allerdings, dass auch die Natur reicht vom einfachen Methylchlorid bis
FCKWs (Fluorchlorkohlenwasserstoffe). ähnliche und bisweilen identische Ver- zu dem hoch komplizierten Antibioti-
Die einen wurden in großem Umfang als bindungen in großen Mengen herstellt. kum Vancomycin. Bisher wurden 2320
Insektizide ausgebracht, andere sind bei Selbstverständlich kann dies kein Frei- natürlich vorkommende organische
Unfällen ausgetreten und wieder andere brief für eine ungehemmte Umweltver- Chlor-, 2050 Brom-, 115 Iod- und 34
schleichend entwichen – etwa bei der schmutzung sein. Doch die Erkenntnis, Fluorverbindungen tabelliert. Ob Bakte-
Verschrottung von Kühlschränken. Ein- dass alles Natürliche nicht per se immer rien, Pilze, Pflanzen oder Tiere – sie alle
gut und harmlos sein muss, mag ein all- produzieren Halogenkohlenwasserstoffe,
NATIONAL OCEANIC AND ATMOSPHERIC ADMINISTRATION (NOAA)

PCB Cl Cl zu schematisches Schwarz-Weiß-Denken wir Menschen eingeschlossen. Es gibt


relativieren, wie es heute in weiten Teilen aber auch abiotische Quellen wie Wald-
Cl Cl der Öffentlichkeit vorherrscht. Sie kann brände, Vulkaneruptionen oder andere
zugleich dazu beitragen, manche von geothermische Vorgänge.
Cl Cl den Medien hochgespielte Umweltgefahr In welch hohem Maß die Natur ha-
durch die Chemie realistischer einzu- logenierte Moleküle erzeugt, wurde erst
schätzen. so richtig klar, als Chemiker, Pharmako-
Cl Cl
Q1 Cl Selbst vielen Wissenschaftlern ist logen und andere Wissenschaftler damit
nicht bekannt, dass bei natürlichen Pro- begannen, im Reich der Lebewesen sys-
Cl
Cl N N tematisch nach nützlichen organischen
CH3 Verbindungen zu fahnden. Marine Or-
Cl Cl ganismen erwiesen sich als reichste Quel-
Polychlorierte Biphenyle (PCBs) rei- le für Halogenkohlenwasserstoffe, was
l chern sich in Fettgewebe an. Glei- bei dem hohen Chlorid- und Bromidge-
ches gilt aber auch für die natürliche halt von Meerwasser kaum verwundert.
marine Organochlorverbindung Q1. Viele Wahrscheinlich rührt sogar der Ge-
Tiere, die sich ganz oder vorwiegend aus ruch des Meeres teilweise von flüchtigen
dem Meer ernähren und am Ende der Organohalogenverbindungen aus See-
Nahrungskette stehen, enthalten die Sub- gras her. Einige davon – wie Methylbro-
stanz deshalb in hoher Konzentration. mid, Methyliodid und Bromoform –
Dazu gehören Delfine wie der Große dienen in der chemischen Industrie als
Tümmler (links), Pinguine, Robben und Pestizide oder reaktive Zwischenproduk-
auch Menschen, die große Mengen Wal- te. Die meisten Organohalogenverbin-
speck verzehren. dungen aus dem Meer waren für die

38 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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Vulkane wie der Uzon in Sibirien stoßen
– bei hen wie in Ruhephasen –
g anorganische und organische
Halogenverbindungen aus. Dazu
Methylhalogenide, Chloroform, Kohlen-
stofftetrachlorid und Fluorchlorkohlen-
wasserstoffe. Am Ufer des heißen Krater-
htige Algen.
ANDREY NECHAYEV

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 39
CHEMIE

IA IIA
z Halogene IIIA IVA VA VIA VIIA VIIIA
Wissenschaft jedoch neu und noch
niemals von Menschenhand synthetisiert
worden. Ihre tierischen oder pflanzlichen
H He Produzenten verwenden sie meist zur
F N O F Abwehr von Fressfeinden. Viele der Sub-
Li Be Fluor
B C Ne
stanzen wirken antibakteriell oder gegen
Na Mg Al Si P S Cl Ar Fäulnis, einige aber auch als Sexuallock-
Cl stoffe oder Hormone.
K Ca Sc Ti V Cr Mn Fe Co Ni Chlor
Cu Zn Ga Ge As Se Br Kr

Rb Sr Y Zr Nb Mo Tc Ru Rh Pd Ag Cd In Sn Sb Te I Xe Halo-was?
Br Ein Halogen (wörtlich »Salzbildner«) ist
Cs Ba Lu Hf Ta W Re Os Ir Pt Brom
Au Hg Tl Pb Bi Po At Rn
ein Element, das über sieben äußere
Fr Ra Lr Rf Db Sg Bh Hs Mt Elektronen verfügt – genau eines zu we-
I
Iod nig für eine volle Valenzschale, mit der
La Ce Pr Nd Pm Sm Eu Gd Tb Dy Ho Er Tm Yb Lu das Atom so stabil wäre wie ein Edelgas.
Ac Th Pa U Np Pu Am At
Cm Bk Cf Es Fm Md No Lr
Der Energiegewinn bei Aufnahme eines
Astat achten Elektrons ist beträchtlich, wes-
halb die Halogene das fehlende Teilchen
Verbindungsname Formel Halogen Industrie Natur in aggressiver Manier an sich zu reißen
Fluorgas F2 F ja ja suchen. Chemiker beschreiben diese Ei-
Fluoressigsäure C2H3O2F F ja ja genschaft als große negative Elektronen-
Fluorwasserstoff HF F ja ja affinität. Sie bedingt eine starke Nei-
Tetrafluorethylen C2F4 F ja ja gung, sich mit anderen Elementen zu
CFC-11 CCl3F F, Cl ja ja verbinden.
2,4-Dichlorphenol C6H4OCl2 Cl ja ja Da die Anzahl der äußeren Elektro-
2,6-Dichlorphenol C6H4OCl2 Cl ja nen über die Stellung im Periodensystem
Tetrachlorkohlenstoff CCl4 Cl ja ja entscheidet, stehen die Halogene alle in
Chlorgas Cl2 Cl ja ja der siebten Spalte. Von den fünf Mitglie-
Chloressigsäure C2H3O2Cl Cl ja ja dern dieser Elementgruppe treten vier –
Chloroform CHCl3 Cl ja ja Fluor (F), Chlor (Cl), Brom (Br) und
Chlorphenol C6H5OCl Cl ja ja Iod (I) – in biologischen Molekülen auf.
Cryptophycin 1 C35H43N2O8Cl Cl ja Das letzte und größte Halogen, Astat
DDT (Dichlor-diphenyl- (At), ist wegen seiner Radioaktivität in-
trichlorethan) C14H9Cl5 Cl ja stabil, sodass es in der Natur nicht vor-
Dichlormethan CH2Cl2 Cl ja ja kommt.
Dioxine (z. B. 1,3,6,8- C12H4O2Cl2 Cl ja ja
Selbst als reine Substanzen bleiben
Tetrachlordibenzo-p-dioxin) die Elemente der Gruppe VII nicht al-
Epibatidin C11H13N2Cl Cl ja lein, sondern liegen im Gaszustand als
Chlorwasserstoff HCl Cl ja ja zweiatomige Moleküle wie F2 oder Cl2
vor. Indem sie sich dabei zwei Elektro-

ß
ä
ue
r
hypochlorige Säure HClO Cl ja ja
Lindan C6H6Cl6 Cl ja
nen teilen, füllen sie beide ihre Valenz-
Maracen A Cl ja
schale pro forma auf; dennoch bleiben
Methylchlorid CH3Cl Cl ja ja
sie ausgesprochen reaktionsfreudig.
Halogene bilden mit Metallen in der

t

l
i
c
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PCB (polychloriertes Biphenyl, z. B. C12H4Cl6 Cl ja

n
2,2',4,4',5,5'-hexachlorbiphenyl) Regel ionische und mit Nichtmetallen


stlic
Punaglandin 1 C27H37O10Cl Cl ja

n
Q1 C9H3N2Cl7 Cl ja
Spongistatin 9 C61H91O20Cl Cl ja
Halogene sind Elemente mit sieben
Vancomycin
Kalihinol A (Antifouling-Wirkstoff)
C66H75N9O24Cl2 Cl
C22H33N2O2Cl Cl
ja
ja
l Elektronen in der sten Schale.
Wegen dieser Gemeinsamkeit stehen sie
Telfairin C10H14Cl3Br Cl, Br ja
im Periodensystem gemeinsam in der
bromierte Dioxine (z.B. 1-Hydroxy- C12H4O3Br4 Br ja
siebten Spalte (Gruppe). Fluor, Chlor,
3,4,6,8-tetrabromdibenzo-p-dioxin)
Brom und Iod kommen h vor; As-
Bromoform CHBr3 Br ja ja
tat ist als instabiles radioaktives Element
Methylbromid CH3Br Br ja ja
nur h herstellbar. Viele Organo-
Panacen C15H15O2Br Br ja
halogenverbindungen – links eine kleine
Aplysiatoxin (erzeugt Schwimmerkrätze) C32H47O10Br Br ja
Auswahl – werden sowohl in Lebewesen
Methyliodid CH3I I ja ja
als auch in der chemischen Industrie pro-
Thyroxin C15H11NO4I4 I ja
duziert.

40 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
kovalente Verbindungen. Beispiele für

CANOLA COUNCIL OF CANADA


Erstere sind die meisten Halogenide wie H H
etwa Natriumchlorid, besser bekannt als
Kochsalz; zu den Letzteren zählen vor al- H Cl
lem die kohlenstoffhaltigen Organohalo- Methylchlorid
genverbindungen. H H
Schwämme, Korallen und die meis-
ten Arten von Seetang sind fest am Mee- H Br
resboden verankert, sodass sie Räubern Methylbromid
und Parasiten nicht entfliehen können.


a
nrlicNü
r
f
Da sie über keine anderen Mittel zur
Verteidigung verfügen, setzen sie chemi-

d
lb
a

m
e
u
.
sche Waffen gegen ihre Feinde ein – da-
runter auch Halogenkohlenwasserstoffe,
die sie in großer Menge und Vielfalt er-
zeugen. Schwämme scheiden zum Bei-
spiel verschiedene bromierte Dioxine
aus, Verwandte der berüchtigten indus-
triellen Schadstoffe gleichen Namens.
Diese verhindern zusammen mit ihren für die Akkumulation einer natürlichen Gleich zwei he Quellen
Stoffwechselprodukten den Bewuchs mit Organohalogenverbindung am Ende der o Methylhalogenide sind hier zu
Muscheln. Damit haben die Schwämme Nahrungskette. Die Primärquelle ist sehen: Rapspflanzen und
ein Problem gelöst, unter dem auch wahrscheinlich ein marines Bakterium. Erstere setzen Methylbromid frei und er-
Schiffe, Landungsstege und andere vom Eine verwandte Verbindung namens Q1 reichen dabei etwa 15 Prozent der anthro-
Menschen geschaffene Gegenstände im fand sich in einer Vielzahl von Mee- pogenen Emission; Letztere stoßen er-
Meer leiden. restieren wie Robben und Delfinen so- hebliche Mengen an Methylchlorid aus.
Ein Seetang, den die Eingeborenen wie in der Milch von Frauen auf den Fä-
Hawaiis mit Vorliebe essen und Limuko- röern, wo häufig Walspeck auf den Tisch
hu nennen, enthält mindestens hundert kommt.
Organohalogenverbindungen – größten- Die beiden natürlichen Substanzen gungen werden dieses Jahr voraussicht-
teils mit einzigartigen chemischen Struk- ähneln in ihrer chemischen Struktur den lich in den USA noch mehrere tausend,
turen. Bromhaltige Substanzen aus dem PCBs von Menschenhand, die früher als in der Europäischen Union einige hun-
Seetang, der in den Gewässern um die Isoliermaterial in Transformatoren und dert und in Deutschland neunzehn Ton-
Südseeinsel wächst, verursachen bei Kondensatoren verwendet wurden. Und nen eingesetzt.
Kontakt mit bloßer Haut außerdem ju- wie diese reichern sie sich in Fettgewebe Allerdings produzieren nicht nur wir
ckende Stellen, die als Schwimmerkrätze an. Die schädlichen Eigenschaften von Menschen Methylbromid. Auch Mitglie-
(swimmer’s itch) bekannt sind. PCBs sind inzwischen gut bekannt; da- der der Brassicaceae-Familie, zu der
Nacktkiemer und Seehasen – beides gegen bleibt die Wirkung von Q1 und Kohl, Brokkoli, weiße Rüben und Raps
gehäuselose Meeresschnecken – überle- anderen natürlichen Halogenkohlenwas- gehören, stellen die Verbindung her.
ben als äußerlich ungeschützte Weichtie- serstoffen auf die Gesundheit von Lebe- Raps allein erzeugt weltweit 6600 Ton-
re ebenfalls nur dank chemischer Waf- wesen am Ende der Nahrungskette erst nen Methylbromid im Jahr, was 15 Pro-
fen. Eine Seehasenspezies sondert ein noch zu untersuchen. zent der industriell produzierten Menge
bitter schmeckendes bromhaltiges Stoff- entspricht.
wechselprodukt ab, um Fressfeinden wie Passive Aggressivität Andere vertraute Pflanzen wie im-
Haien den Appetit zu verderben. Man- Auch wenn sie mit ihren Verwandten im mergrüne Bäume und Kartoffeln synthe-
che Nacktkiemer sind allerdings nicht Wasser nicht mithalten können, pro- tisieren dagegen Methylchlorid. Es ist
fähig oder vielleicht auch nur zu bequem duzieren Pflanzen und Pilze an Land dank seiner weit verbreiteten Herstellung
dazu, ihr Chemiewaffenarsenal selbst zu ebenfalls viele chlor- und bromhaltige in der Natur wie in der Industrie das
synthetisieren; sie nehmen es stattdessen Stoffe sowie einige Fluorverbindungen. häufigste chlorhaltige Molekül in der At-
mit den Schwämmen und Algen auf, die Die einfachste Organobromverbindung, mosphäre überhaupt.
sie verzehren. In diesem Fall hat die An- Methylbromid oder Brommethan, ist ein Aber das Pflanzenreich wartet noch
reicherung von Schadstoffen in der Nah- kommerzielles Desinfektionsmittel und mit vielen weiteren bemerkenswerten
rungskette einen positiven Effekt – zu- Pestizid. Da es stark ozonzerstörend Organochlorverbindungen auf. Dazu ge-
mindest für die Schnecken. wirkt, sollte in den Industrieländern laut hören etwa die Wachstumshormone in
In anderen Fällen dagegen sind die Montreal-Protokoll, einem 1987 ge- Bohnen und Erbsen. Eine essbare japa-
Folgen eher problematisch. So wurden schlossenen internationalen Abkommen nische Lilie enthält gleich einen Cocktail
in Möwen, Albatrossen, Lunden, See- zum Schutz der Ozonschicht, Anfang von sieben chlorhaltigen Fungiziden,
adlern und anderen Vögeln, die sich aus 2005 ein generelles Verwendungsverbot und der Penizillin-Schimmelpilz produ-
dem Meer ernähren, halogenierte Bipyr- für die Substanz in Kraft treten. Doch ziert 2,4-Dichlorphenol als Wachstums-
role entdeckt. Das war das erste Beispiel auf der Basis von Ausnahmegenehmi- hormon. Diese Substanz wird auch in-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 41
CHEMIE z
Organohalogenverbindungen aus dem Meer
dustriell hergestellt – als Vorstufe für
verschiedene andere Verbindungen. Als
Herbizid »2,4-D« war sie der Hauptbe-
Die reichste Quelle für Organohalogen- en (»Blaualgen«) der Gattung Lyngbya standteil des berüchtigten Entlaubungs-
verbindungen sind marine Organismen. (unten rechts) synthetisieren Aplysia- mittels Agent Orange, das die US-Armee
Der Schwamm Dysidea dendyi erzeugt toxin, das die Schwimmerkrätze verur- im Vietnamkrieg einsetzte.
bromierte Dioxine; hier ist sein naher sacht. Der Seehase Aplysia californica Auch Fluorkohlenwasserstoffe kom-
Verwandter Dysidea granulosa gezeigt (unten links) stößt eine Tinte aus, deren men in der Natur vor. Sie sind jedoch
(oben rechts). Die fädigen Cyanobakteri- halogenierte Bestandteile – wie das Ap- selten, weil Fluor nur in geringen Men-
lysiatoxin – aus seiner Algenkost stam- gen in biologisch verwertbarer Form im
men. Auch viele andere Meeresschne- Boden vorliegt. Die bekannteste Verbin-

BILL RUDMAN
ckenarten nutzen diese Nahrungsquelle dung ist Fluoressigsäure. Sie findet sich
zur Fabrikation ihrer »Chemiewaffen«. in verschiedenen Pflanzen, die in Austra-
Die chlorierten Substanzen, die der lien und im südlichen Afrika heimisch
leuchtend gefärbte Nacktkiemer Chro- sind. Da die Substanz hoch giftig ist, hat
modoris hamiltoni (oben links) herstellt, sie schon so manches Stück Vieh getötet,
sind dagegen aus eigener Fertigung. welches das Pech hatte, die betreffenden
Pflanzen zu fressen.
Früher war Fluoressigsäure ein weit

FRANCIS SCHMITZ
verbreitetes Pestizid, das unter anderem
als Rattengift diente. Es greift in den
Krebszyklus ein, einen zentralen zellulä-
ren Prozess zur Verstoffwechslung von
Kohlehydraten, und führt zu einer fata-
len Erhöhung der Zitronensäure-Kon-
zentration, was Krämpfe, Atemlähmung
und einen Kreislaufkollaps auslöst.

Das Agent Orange der Zecke


Gliederfüßer und Wirbeltiere syntheti-
sieren ebenfalls eine Anzahl von Organo-
Aus urheberrechtlichen Gründen halogenverbindungen, wenn auch nicht
können wir Ihnen die Bilder leider so viele wie Meerespflanzen und -tiere.
nicht online zeigen. So produzieren die Weibchen von mehr
als einem Dutzend Zeckenarten die Ver-
bindung 2,6-Dichlorphenol als Sexual-
lockstoff. Es ist ein enger Verwandter
ROLF SCHAUDER, MARK SCHNEEGURT UND WWW-CYANOSITE.BIO.PURDUE.EDU

der schon erwähnten Vorstufe für Agent


Orange.
Die Küchenschabe nutzt zwei weite-
re chlorhaltige Substanzen als Signal,
2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (2,3,7,8- sich zusammenzuscharen (Aggregations-
TCDD) – ist ein hoch giftiger industrieller pheromon). Auch das chemisch sehr ein-
Schadstoff. Sehr ähnliche Verbindungen fache Chloroform, das Mitte des 19.
bilden sich aber auch auf natürlichem Jahrhunderts als Betäubungsmittel dien-
Weg. So produziert der Schwamm Dysi- te und heute ein gängiges industrielles
dea dendyi Spongiadioxin A, und in den Lösungsmittel ist, hat eine Vielzahl tieri-
Torfsümpfen der kanadischen Provinz scher Quellen. Die wichtigsten Emitten-
New Brunswick entsteht bei der Zerset- ten sind Termiten. Sie stoßen 15 Prozent
zung von Pflanzenmaterial 1,3,6,8-Tetra- des Chloroforms aus, das weltweit in die
chlordibenzo-p-dioxin (1,3,6,8-TCDD). Atmosphäre gelangt – vielleicht als Ab-
fallprodukt der Chlorverbindungen, die
OH Cl natürlicherweise im Holz vorkommen.
Br O Cl O Cl O Cl Der winzige Pfeilgiftfrosch Epipedo-
bates tricolor, der in Ecuador lebt, son-
O Br O Cl Cl O Cl dert das chlorhaltige Epibatidin ab: eine
Br Br Cl Substanz mit höchst ungewöhnlicher
Struktur. Sie wirkt als Schmerzmittel
Spongiadioxin A 1,3,6,8-TCDD 2,3,7,8-TCDD 500-mal so stark wie Morphium, wes-
halb die pharmazeutische Industrie syn-

42 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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Vulkanische Gase, wie sie der Pu’u- Aus urheberrechtlic
r O’o-Krater des Kilauea auf Hawaii
(links) CFC-11 enthalten nicht online zeigen.
– einen Ozonkiller, der als
tel diente. Bei Wald- und
den – meist von Menschen gelegt – ent-
stehen große Mengen Methylchlorid und
-bromid, die auch zum Abbau der strato-
hen Ozonschicht beitragen.

RICHARD P. HOBLITT, USGS HAWAIIAN VOLCANO OBSERVATORY

thetische Analogverbindungen auf ihre und Drücken reagiert organisches Mate- Bedeutende Mengen von Organoha-
Eignung als Analgetika untersucht. Der rial wie Torf mit Chlorid- und Fluorid- logenverbindungen entstehen beim Ver-
Frosch wehrt damit vermutlich Räuber mineralien zu kohlenstoffhaltigen Halo- brennen von Biomasse. Die meisten
ab, während die einheimischen Indianer genverbindungen. Auf mindestens drei Brände werden von Menschen gelegt,
ihre Pfeile mit dem Sekret vergiften. Kontinenten – Asien, Europa, Nord- aber immerhin zehn Prozent gehen auf
Unsere eigene Spezies produziert das und Südamerika – blasen Vulkane solche Blitze oder andere Naturereignisse zu-
iodhaltige Schilddrüsenhormon Thyro- natürlich gebildeten Organochlor- und rück. Insgesamt gelangen auf diese Weise
xin, das den grundlegenden Stoffwechsel Organofluorgase in die Luft. Teils sind jährlich 900000 Tonnen Methylchlorid
reguliert. Hundert Jahre lang hielt man es diese mit anthropogenen Fluorchlorkoh- und 10000 bis 50000 Tonnen Methyl-
für die einzige vom menschlichen Körper lenwasserstoffen (FCKWs) identisch, die bromid in die Luft. Rechnet man al-
hergestellte Organohalogenverbindung. den Abbau des Ozons in der Stratosphä- le Methylchlorid-Emissionen zusammen,
Kürzlich jedoch stellte sich heraus, dass re katalysieren. kommt man auf schätzungsweise 4 Mil-
wir auch Bleichsäure (hypochlorige Säu- Auch Gestein enthält Organohalo- lionen Tonnen pro Jahr. Dagegen neh-
re) – Bestandteil vieler Toilettenreiniger – genverbindungen, sei es als Gas in men sich die 10000 Tonnen aus der In-
und Chlorgas produzieren! Hohlräumen oder als Bestandteil be- dustrie fast harmlos aus.
Die weißen Blutkörperchen benut- stimmter Mineralien. Im Bergbau ent-
zen Chlorid und das Enzym Myeloper- weichen aus manchen Gesteinen beim Biologischer Halogenkreislauf
oxidase, um mikrobielle Krankheitser- Zertrümmern Methylchlorid, Dichlor- Doch kehren wir zurück zur belebten
reger und vielleicht auch Tumorzellen methan, Chloroform, Kohlenstofftetra- Natur. Wie stellen Organismen Organo-
abzutöten. Dabei entstehen chlorierte chlorid und andere Chlorverbindungen. halogenverbindungen her? Viele Unter-
Proteine und Nucleinsäuren als Neben- Allein der Abbau von Kaliumsalzen setzt suchungen in jüngster Zeit sind dieser
produkte. Dieser Chlorierungsprozess ist Tausende von Tonnen Chloroform im Frage nachgegangen. Inzwischen kennt
ein wesentliches Element der Immunab- Jahr frei. Diverse natürliche Fluoritmi- man mehrere biogene Halogenzyklen.
wehr. Menschen, denen die Myeloper- neralien enthalten Tetrafluorethylen, die Als Ausgangsmaterial stehen Halogenid-
oxidase fehlt, sind äußerst anfällig für chemische Vorstufe zu Teflon. Ein dun- salze in riesigen Mengen zur Verfügung.
bakterielle Infektionen, insbesondere kelvioletter Fluorit aus Bayern verströmt Die Weltmeere und die Erdkruste ent-
Lungenentzündung. beim Zerstoßen unverkennbar den Ge- halten 27 beziehungsweise 45 Billiarden
ruch von Fluor, was ihm unter den Tonnen Chlorid sowie 89 beziehungs-
Schadstoffe aus dem Erdinnern ortsansässigen Bergleuten den Namen weise 190 Billionen Tonnen Bromid.

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Menschliche Zellen synthetisieren auch »Stinkspat« eintrug. Mit Hilfe der beiden gängigen Enzy-


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Organobromverbindungen, freilich nur Halogene sind übrigens nicht auf die me Bromperoxidase und Chlorperoxida-


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wenige. Als Erstes wurde ein Bromester irdische Chemie beschränkt. Chlor- se oxidiert Wasserstoffperoxid, ein nor-

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in der Hirnrückenmarksflüssigkeit ge- wasserstoff und Fluorwasserstoff finden males Stoffwechselprodukt, Bromid und
funden. Er induziert die mit Träumen sich auch im interstellaren Raum, und

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verbundene Rem-Schlafphase, die durch in mindestens vier Meteoriten wurden
rasche Augenbewegungen (rapid eye move- chlorhaltige Substanzen nachgewiesen.

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ments) gekennzeichnet ist.


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Die Häufigkeit der Halogene in Le-
bewesen weicht stark von der in der Erd- Aus urheberrechtlic
kruste ab. Organismen favorisieren Dichapetalum cymosum oder Gif-
Chlor- und Bromverbindungen. In der r blaar, eine in a heimische nicht online zeigen.
Erde dagegen dominiert das Fluor. Vul- Pflanze, t zu den wenigen h-
kane stoßen alljährlich 11 Millionen sen in Afrika und Australien, die Fluor-
Tonnen Fluor- und 3 Millionen Tonnen produzieren. Diese Substanz
Chlorwasserstoff aus. Diese enormen greift in den biochemischen Krebszyklus
Mengen zeigen, wie verbreitet die beiden ein – was sie Vieh, das die Pflanze
Elemente im Erdinneren sind. Bei den frisst, h macht, Hersteller von
dort herrschenden hohen Temperaturen Pestiziden aber wertvoll.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 43
CHEMIE z Chlorid zu Hypobromit und Hypo-
chlorit, dem Salz der schon erwähnten
hypochlorigen Säure. Von 94 Rotalgen-
spezies zeigen 71 Bromperoxidase-Akti-
vität; außerdem kommt das Enzym in
einigen marinen Diatomeen (Kieselal-
gen) vor. Freies Chlor entsteht auch über
dem Meer bei der Oxidation von Salz-
wassertröpfchen durch Ozon. Folgereak-
tionen mit organischen Stoffen können
zu Organochlorverbindungen führen.
Die biologische Chlorierung ist Teil
N Cl eines wichtigen Reaktionspfads beim
NH Recycling von organischem Abfall. Jedes

JAN VERKADE, S‘HERTOGENBOSCH


Jahr zersetzen sich schätzungsweise 63
Milliarden Tonnen totes Pflanzenmateri-
Epibatidin al zu Huminsäure, die in Gegenwart von
Chlorperoxidase und Natriumchlorid
chloriert wird. Die resultierende komple-

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xe polymere Substanz wird dann in gro-


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ßem Umfang weiter abgebaut: zuerst zu
Chlorphenolen und schließlich zu Chlor-
essigsäure und Chloroform.
Chlorphenole können sich auch zu
Dioxinen dimerisieren; dieser erstaunli-
che natürliche Prozess wurde ursprüng-
lich im Boden der Torfsümpfe in der
kanadischen Provinz New Brunswick
Aus urheberrechtlic und der Douglasienwälder in Schweden
nachgewiesen; er läuft aber auch an pro-
nicht online zeigen. faneren Orten ab: in frischem Kompost,
Abwässern und Kuhfladen.

Viel älter als der Mensch


Chlorierte Huminsäure ist mit Sicher-
heit kein Produkt, das nur unter den
heutigen Umweltbedingungen entsteht.
Chemiker fanden sie auch in 5200 Jah-
re alten Grundwasserreservoirs und in

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35000 Jahre altem organischem Materi-

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al. Organochlorverbindungen ließen sich
sogar in Lignitproben aus der Tertiärzeit
NH2 vor 15 Millionen Jahren und in einem

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HO
300 Millionen Jahre alten Kohlestück
OH
O O OH
TOBIAS KIESER, DEPARTMENT OF MOLECULAR MICROBIOLOGY, JOHN INNES CENTRE

OH
Cl O O Cl Etliche Organohalogenverbindun-
O O
l gen aus hen Quellen sind
HO OH wertvoll die Medizin: Der Pfeilgift-
O H O H O + frosch Epipedobates tricolor (oben) son-
O N N NH2Me dert Epibatidin ab, das als Schmerzmittel
N N N
H H H 500-mal wirkt als Morphin. Das
O O
NH O Cryptophycin eines Cyanobakteriums aus
– NH2 der Gattung Nostoc (Mitte) ist ein poten-
O2C
OH ter Tumorhemmer. Und von Streptomy-
OH ces (heute Amycolatopsis) orientalis, ei-
Vancomycin
nem Verwandten von Streptomyces
HO
coelicolor (unten), stammt das chlorhalti-
ge Antibiotikum Vancomycin.

44 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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nachweisen. Cyanobakterien, die viele Die Weibchen von 14 Zeckenarten –
solche Substanzen synthetisieren, existie- r hier die amerikanische Hundezecke
2,6-Dichlorphenol 2,4-Dichlorphenol
OH

JIM KALISCH, UNIVERSITY OF NEBRASKA, DEPARTMENT OF ENTOMOLOGY


OH
ren schon seit mehr als 2 Milliarden Jah- (Dermacentor variabilis) – nutzen die Cl
Cl Cl
ren. Demnach waren Organochlorver- Substanz 2,6-Dichlorphenol (links) als Se-
bindungen vermutlich seit dem Entste- xuallockstoff. Das isomere 2,4-Dichlor-
hen des Lebens auf der Erde präsent, phenol ist ein Breitbandherbizid, aus dem
und ganz gewiss gab es sie schon, lange das im Vietnamkrieg eingesetzte Entlau- Cl
bevor der Mensch auf der Bildfläche er- bungsmittel Agent Orange zur te be-
schien. stand.
Vor Jahrtausenden gewannen und
nutzten unsere Vorfahren bereits halo-
genhaltige Biomoleküle. So extrahierten
die Phönizier aus der Mittelmeerschne- klinisch erprobt. Das Chloratom spielt
cke Murex den tyrischen Purpur, ein darin die entscheidende Rolle: Entfernt
bromhaltiges Analogon zum blauen In- man es, sinkt die Wirksamkeit auf ein
digo. Sie verdanken diesem Farbstoff, der Zehntel. Als aussichtsreiches Antikrebs- Die Entdeckung, dass einige anthro-
auf Griechisch phoinix heißt, sogar ihren mittel erscheint auch das chlorhaltige pogene Halogenkohlenwasserstoffe auch
Namen. Hinweise auf die Purpurpro- Spongistatin 9 aus einem Schwamm. Bei natürlich produziert werden, erfordert
duktion in der Stadt Tyros gibt es schon Tests verschiedener Cytostatica an sech- eine breitere Bewertung von Umweltrisi-
in Texten um 1600 vor Christus. Der zig Tumorzelllinien am National Cancer ken in dem Sinne, dass die Herkunft der
seltene, brillante Farbstoff entwickelte Institute in Bethesda (Maryland) hat es Chemikalie keine Rolle spielen darf.
sich zum Haupterzeugnis des phönizi- sich als eine der wirksamsten Substanzen Wenn die Summe aus natürlichen und
schen Handelsimperiums. Römer, Ägyp- erwiesen. Andere neue Organohalogen- anthropogenen Quellen ein unannehm-
ter und Perser machten ihn zum Symbol verbindungen schließlich hemmen Vi- bares Risiko darstellt, steht außer Frage,
des Königtums, und noch heute versinn- ren, sogar den Aids-Erreger HIV. dass der menschliche Beitrag zu reduzie-
bildlicht er die Kardinalswürde. ren ist – es sei denn, er erweist sich als
Als ähnlich wertvoll wie einst der Noch kaum genutzte marginal. Für solche Bewertungen aber
Purpur könnten sich in Zukunft andere natürliche Schatztruhe müssen die Wissenschaftler die Anteile
natürlich vorkommende organische Ha- Auf der Suche nach neuartigen Medika- kennen, die jeweils aus der Industrie und
logenverbindungen erweisen. Da viele menten entdecken Naturstoffchemiker der Natur stammen – eine Aufgabe, die
von ihnen in Lebewesen wichtige Funk- jedes Jahr durchschnittlich 100 bis 200 eine genauere Kenntnis der biogeologi-
tionen ausüben, sollten sie für die Medi- Organohalogenverbindungen – zum schen Quellen und Senken dieser Stoffe
zin eine wahre Fundgrube sein. Bisher größten Teil im Meer. Tatsächlich wurde erfordert.
wurden nur wenige Schätze daraus ge- bisher nur ein kleiner Prozentsatz der
borgen. rund 500000 Spezies von Meerestieren,
Ein Beispiel ist das Antibiotikum -pflanzen und -bakterien chemisch aus- Gordon W. Gribble ist seit 1968
Professor für Chemie am Dart-
Vancomycin – oft die Ultima Ratio bei gewertet. Deshalb dürften noch tausen- mouth College in Hanover (New
der Abwehr von Bakterien mit Mehr- de natürliche Organohalogenverbindun- Hampshire). Er befasst sich vor
fachresistenz. Zur Bekämpfung von Mü- gen im Verborgenen schlummern. allem mit organischer Synthese
ckenlarven offeriert der Seetang das chlo- Ein gutes Beispiel sind die primitiven und Naturstoffen. Seit 1990 inte-

A U T O R U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
rierte Stoffwechselprodukt Telfairin. Es Moostierchen. Hier erzeugten von den ressiert er sich speziell für natür-
lich vorkommende Organohalogenverbindungen.
wirkt ebenso stark wie Lindan (Hexa- wenigen Dutzend Spezies, die bisher ana-
chlorcyclohexan), das wegen seiner ver- lysiert wurden, die meisten ihre eigenen © American Scientist
muteten Toxizität in die Kritik geraten Organohalogenverbindungen. Insgesamt (www.americanscientist.org)
ist. Die aus Pilzen gewonnene Chlorver- gibt es jedoch knapp 4000 Arten. The diversity of naturally occurring organohalo-
bindung Maracen bekämpft erfolgreich Wie wir gesehen haben, sind Haloge- gen compounds. Von G. W. Gribble in: Chemos-
phere, Bd. 52, S. 289, 2003
Mycobakterien, die Tuberkulose verursa- ne im Organismenreich genauso natür-
chen. Schließlich zeigen die chlorhaltigen lich wie Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauer- Natural production of organohalogen compounds.
Punaglandine aus einer Weichkoralle im stoff, Stickstoff und die anderen Elemen- Von G. W. Gribble (Hg.). Springer, New York 2003
Südpazifik starke Antitumoraktivität und te des Lebens. Verbindungen mit ihnen Chlorine: The only green element – towards a wi-
könnten demnächst zur Krebstherapie stehen gleichberechtigt neben der Unzahl der acceptance of its role in natural cycles. Von
genutzt werden. anderer Chemikalien, die in Flora und N. Winterton in: Green Chemistry, Bd. 2, S. 173,
2000
Auch eine andere Organochlorver- Fauna vorkommen. Wie alle Biomoleküle
bindung hat sich als viel versprechendes haben sich auch die Halogenverbindun- Composite global emissions of reactive chlorine
Mittel gegen Krebs erwiesen: Crypto- gen unter dem Druck der natürlichen Se- from anthropogenic and natural sources: Reactive
chlorine emissions inventory. Von W. C. Keene et
phycin aus Cyanobakterien der Gattung lektion für spezielle Aufgaben entwickelt al. in: Journal of Geophysical Research, Bd. 104
Nostoc. Nach vorläufigen Ergebnissen ist – sei es die Übermittlung von Signalen (D7), S. 8429, 1999
es viel wirksamer als die kommerziellen oder die Abwehr von Feinden. Dadurch
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
Tumorhemmer Taxol oder Vinblastin. spielen sie eine wichtige Rolle für das spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Ein synthetisches Analogon wird gerade Überleben des jeweiligen Organismus.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 45
WIS S ENSCHAF T I M AL LTAG
FL UGS ICHE RUNG Die amerikanische Luftfahrtbehörde ist mit ihren Planungen zu
WISSENSCHAFT IM ALLTAG

Free Flight bereits weit fortgeschritten und hat entsprechende


Freier Flug Flugsicherungsrichtlinien festgelegt. Die Lotsen werden den
knappen Luftraum künftig flexibler organisieren können und
statt Zickzackkurs eine mehr überwachende Funktion haben, um in kritischen Fäl-
len per Funk eingreifen zu können. Lästige Warteschleifen sol-
In der Kontrolle des zivilen Luftverkehrs kündigt len dann entfallen. Vor allem aber: Die Sicherheitsabstände las-
sich ein Paradigmenwechsel an. sen sich reduzieren und so dem immer noch wachsenden Auf-
kommen im Luftverkehr Herr werden.

Von Mark Fischetti und Edgar Lange Mark Fischetti ist Redakteur bei Scientific American und Edgar Lange freier
Technikjournalist mit Schwerpunkt Luftfahrt.

Ü ber 8,5 Millionen Flugzeuge sind alljährlich zu den 2500


Flugplätzen Europas unterwegs, in Spitzenzeiten bis zu

BRYAN CHRISTIE DESIGN


1500 Maschinen gleichzeitig. Trotzdem ereignen sich gefähr-
liche Situationen oder gar Unfälle selten. Denn ein auf Sicher- Hat ein Flugzeug den Zuständigkeitsbe-
heit ausgelegtes Flugkontrollsystem überwacht permanent den reich des Flughafens verlassen, über-
Luftraum. nimmt zunächst eine Anflugkontrollstati-
Die Fluglotsen kommunizieren per Funk mit den Piloten on die Leitung. Dann wird die Maschine
und leiten sie vom Abflug bis zur Landung. Für jeden Teil der von einem regionalen Kontrolldienst zum
Strecke, die vorher in einem Flugplan festgelegt wurde, müssen nächsten übergeben.
Lotsen eine Freigabe erteilen. Mit Hilfe ihrer Radarschirme, auf
denen sich jede Maschine abzeichnet, überprüfen sie zuvor,
ob sich die Flugzeuge auch bei schlechter Sicht nicht in die
Quere kommen können. In der Nähe von Flughäfen beträgt
radargestützte
der Sicherheitsabstand in der Horizontalen mindestens fünf, Anflugkontrolle
anderenfalls acht Kilometer. Zudem müssen Maschinen in der Flughafen B
Vertikalen mehr als 300 Meter voneinander entfernt sein. Frei-
lich können die Controller, wie die Lotsen in der Fachsprache regionale
heißen, auch Abweichungen von den vereinbarten Flugrou- Kontrollstelle
ten zulassen – etwa wenn der Luftraum um die Maschine im
weiten Umkreis frei ist oder wenn schlechtes Wetter umflogen
werden muss.

GPS statt Funkfeuer


Derzeit müssen die Piloten ihre Routen meist noch anhand so
genannter Funkfeuer – Sendern am Boden – abfliegen. Diese
Einrichtung hatte vor etwa fünfzig Jahren das Fliegen bei
schlechter Sicht ermöglicht, zwingt die Maschinen aber in über-
lasteten Lufträumen auf einen umständlichen und Treibstoff
verschwendenden Zickzackkurs. Die Technik der Zukunft
heißt deshalb »Free Flight«: Jeder Pilot wählt seine Flugstrecke
nach eigenem Ermessen, um auf möglichst direktem Weg
schneller zu seinem Ziel zu kommen. Ein Computer berechnet
die gewünschte, kürzeste Route noch vor dem Flug – den Pilo-
Funkfeuer
ten bleibt jedoch die Freiheit, auf kurzfristige Veränderungen
etwa des Wetters zu reagieren. Dann können sie auch starke Rü-
ckenwinde nutzen, die in großen Höhen mit 200 Stundenkilo-
metern Zeit und Sprit sparen helfen. Weiterer Vorteil: Den
Luftfahrtgesellschaften wäre es dadurch freigestellt, ihre Flüge
übergreifend zu optimieren. Im heutigen System ist es eher un-
üblich, dass etwa ein Pilot den Controller bittet, bei der Lan-
dung vorgelassen zu werden, weil sonst Passagiere ihren An-
schluss verpassen würden. Mit Free Flight wäre das zumindest
unter Flugzeugen derselben Gesellschaft kein Problem.
Möglich wird Free Flight durch das satellitengestützte GPS- Die Fluglotsen im Tower eines Flug-
Navigationssystem (Global Positioning System) und Transpon- o hafens überwachen jede Maschine
der. Das sind Funkgeräte in den Flugzeugen, die untereinander nach dem Start noch bis zu einer Flughö-
Daten austauschen, sodass auch der Pilot jederzeit einen Über- he von rund 300 Metern. Sie sorgen da-
blick darüber hat, was im Luftraum um ihn herum geschieht. für, dass der vorgegebene Kurs eingehal-
ten wird und dass sich die Maschinen in
46 ihrem Luftraum nicht zu nahe kommen.
WUSSTEN SIE SCHON?
r Über dem Atlantik wird der Luftraum großzügig eingeteilt. schließlich hängen von der Aufmerksamkeit der Lotsen unmit-
Denn über der riesigen Wasserfläche gibt es keine Radarüber- telbar Menschenleben ab. Schon nach einigen Dienstjahren
wachung, eine permanente Kontrolle durch Fluglotsen ist also klagen nicht wenige über Erschöpfungszustände. In der kom-
nicht möglich. Stattdessen melden die Piloten alle zehn Län- menden Dekade erreichen viele Fluglotsen das Rentenalter.
gengrade ihre Position über Kurzwellenfunk der Flugsiche- Bewerber sind dringend gesucht, doch die ausdrücklich gefor-
rungszentrale in Gander (Neufundland, Kanada) oder dem zwi- derte »Fähigkeit zu Mehrfacharbeiten in komplex dynamischen
schen Shannon in Irland und Prestwick in Schottland aufgeteilten Situationen« schreckt ab. Immerhin reizt ein Einkommen von
europäischen Pendant. Die Lotsen sorgen dann für einen Si- bis zu 100 000 Euro pro Jahr.
cherheitsabstand von mindestens 180 Kilometern. Eine GPS- r Neben den kommerziellen Verkehrsmaschinen sind im deut-
gestützte Flugführung soll ihn vermindern, im amerikanischen schen Luftraum jede Woche Tausende von privaten Kleinflug-
Luftraum wird dies bereits getestet. zeugen unterwegs. Dieser Verkehr zwischen Flugplätzen mit
r 1700 Fluglotsen arbeiten bei der deutschen Flugsicherung (DFS). Graspiste oder Vereinsflugplätzen im Sichtflug wird in der Re-
Zwar sitzen sie pro Woche nur 26 Stunden am Radarschirm, gel nicht von der Flugsicherung abgewickelt, da er sich in gerin-
doch Arbeitsbelastung und Verantwortung sind extrem hoch, gerer Höhe abspielt.

Funkfeuer

Flughafen C

regionale
Kontrollstelle

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radargest tzte
Anflugkontrolle


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Etwa hundert Kilometer vor der
o

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Landung ein Lotse der
Anflugkontrolle, etwa 15 Ki-
lometer vor dem Aufsetzen sein Kollege
im Flughafentower die Maschine.

Flughafen-
Private Kleinflugzeuge fliegen nach
tower Flughafen A
l Sicht und sind selbst verant-
wortlich, dass sie Abstand zu anderen
Maschinen halten und außerhalb des
kontrollierten Luftraums bleiben.
47
TITEL: HERZINFARKT

ANITA KUNZ
z
Muskelersatz
aus dem Labor
Zukünftig soll ein Muskelimplantat das Infarktherz flicken und
Folgeschäden abwenden. Das Ziel liegt in greifbarer Nähe.

Von Smadar Cohen und Jonathan Leor teure Eingriff nur bei einem Bruchteil weit fortgeschritten. Zum einen die Zell-
dieser Kranken vornehmen. Von den an- biologie, zum anderen die Materialwis-

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in gebrochenes Herz kann hei- deren aus dieser Gruppe überleben weni- senschaften warten mit neuen Einbli-
len. Liebeskummer vergeht – ger als vierzig Prozent die ersten fünf cken und Methoden auf, die sogar das
die Schäden eines Herzinfarkts Jahre nach dem Infarkt. ehrgeizige Ziel einer Herzmuskelregene-
nicht. Im Gegenteil: Bei vielen Die Medizin hat die Vision, die ge- ration und -überpflanzung erreichbar er-
Betroffenen verschlechtert sich die Herz- schädigte Zone nach der Herzattacke scheinen lassen. In unserem Fall hat uns
leistung zusehends. Denn anders als Le- mindestens zu stabilisieren, wenn nicht die Zusammenarbeit immerhin schon so
ber oder Haut kann sich der Herzmuskel zu revitalisieren. Idealerweise würde man weit gebracht, dass wir ein synthetisches
nicht aus eigener Kraft regenerieren. Da- in das Infarktgebiet neues funktiona- Gerüst herstellen konnten, in dem Herz-
her entsteht im Infarktareal eine binde- les Muskelgewebe überpflanzen. Solche muskelzellen und Blutgefäße sich zum
gewebige, kontraktionsunfähige Narben- Zellverbände mitsamt den sie versorgen- Wachstum anregen lassen. Das Prinzip
zone, die dem Herzen auf Dauer nur den Blutgefäßen im Labor zu züchten, funktioniert sogar, wenn man diese drei-
schadet. ist allerdings ein besonders anspruchsvol- dimensionale Matrix in die Infarktzone
Wegen der Infarktnarbe schlägt das les Ziel. Damit sich die neuen Muskel- pflanzt.
Herz nicht mehr »rund«. Die übrige, zellen koordiniert, synchron kontrahie-
noch gesunde Muskulatur ist nun chro- ren, müssen sie sich parallel nebenei- Selbstheilung nicht möglich
nisch überlastet. Das führt zu einem nander ausrichten sowie untereinander Gewöhnlich entsteht ein Herzinfarkt
Teufelskreis: Noch mehr ihrer Zellen ge- bestimmte physische und neuronale (Myokardinfarkt), wenn plötzlich ein
hen zu Grunde. Mit der Zeit wird die Kontakte herstellen. Haut und Knorpel Blutgerinnsel eine der Arterien verstopft,
beschädigte Stelle dünn und beult aus. etwa lassen sich einfacher kultivieren, die den Herzmuskel versorgen. In den
In ein paar Monaten kann sich die In- weil diese Gewebe wesentlich weniger meisten Fällen trifft es ein Koronargefäß
farktzone auf das Doppelte vergrößern. komplex aufgebaut sind und kleinere der linken Herzkammer. Dieser Teil des
Heute überstehen dank des medizi- Implantate keine interne Gefäßversor- Herzens erhält daraufhin kein frisches
nischen Fortschritts immer mehr der Pa- gung benötigen. Hingegen erfordern vo- Blut mehr, also auch keinen Sauerstoff.
tienten einen akuten Herzinfarkt. Doch luminösere Strukturen wie der Herzmus- Das halten die Muskelzellen nicht lange
mindestens bei jedem Dritten baut sich kel zur Ernährung und Sauerstoffversor- aus, und sie sterben ab. Die Größe der
die Herzkraft anschließend weiter ab. gung ein feines Netz aus Blutkapillaren, Infarktzone hängt davon ab, wie groß
Oft bliebe als letzter Ausweg nur eine welche das Gewebe durchziehen. Diese das Gebiet war, das die verstopfte Arte-
Herztransplantation. Schon wegen der in einen größeren synthetischen Zellver- rie versah.
begrenzten Zahl von Spenderorganen band zu integrieren ist eine der wesentli- Der versehrte Abschnitt kann sich
lässt sich der extrem komplizierte und chen Herausforderungen des Tissue En- nicht regenerieren, denn weil Herzmus-
gineering, der Konstruktion syntheti- kelzellen kaum teilungsfähig sind, gibt es
scher Gewebe. an ihnen keinen Nachschub. Einige an-
Noch vor 15 Jahren erschien es vie- dere Gewebe verfügen zu dem Zweck
Infarktgeschädigte Herzen zu repa- len völlig abwegig, dass es jemals gelin- über spezifische Stammzellen, doch im
l rieren, ist nicht mehr Utopie. Bio- gen könnte, außerhalb des Körpers le- Herzen sind bisher schwer welche zu fin-
ingenieure wollen bald neues Herzmus- bendes Gewebe zu konstruieren. Inzwi- den. Zumindest können sie den Defekt
kelgewebe bereitstellen. schen sind einige Projekte schon recht offenbar nicht aus eigener Kraft behe-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 49
TITEL: HERZINFARKT z
ben. Stattdessen bauen sich dort mit der
Zeit nicht-kontraktile Bindegewebszellen
sich aus dem Infarktareal nicht mehr zu-
rückziehen. Später sollte sich die Kunst-
Zerbröseln. Auch können saure Neben-
produkte ihres Zerfalls lokale Entzün-
ein. Unter Umständen sterben sogar zu- matrix auflösen, weil die Zellen nun dungsreaktionen hervorrufen und dabei
sätzlich überlebende Herzmuskelzellen selbst ihr eigenes Haltegerüst produzie- die implantierten Zellen noch schädigen.
vom Rand des Infarktareals ab und ver- ren. Ein entscheidender Aspekt wäre Günstigere Eigenschaften in dieser
größern so die Narbenzone noch. Alles auch, dass die Kunstmatrix ein rasches Hinsicht zeigen synthetische wasserhalti-
in allem wird die Herzwand an dieser Einwachsen von Blutgefäßen ermöglicht ge Gele. In ihrer räumlichen Struktur
Stelle grundlegend umgebaut. Sie wird oder dies sogar vorantreibt. Eine aus- ähneln sie der natürlichen extrazellulären
dünner, dehnt sich aus und kann sogar reichende Sauerstoffversorgung und die Matrix. Doch auch den Hydrogelen feh-
reißen (siehe Kasten rechts). Abfuhr von Stoffwechselendprodukten len einige funktionell wichtige chemi-
In den letzten Jahren haben Forscher sind für das Überleben des neuen Mus- sche Eigenschaften natürlicher Matrix-
versucht, den Schaden eines Infarkts mit kelgewebes unverzichtbar. proteine. Daher wurde auch die Eignung
Stammzellen etwa aus dem Knochen- von Kollagen, Fibronectin und anderen
mark oder aus Skelettmuskeln zu behe- Erste Voraussetzung: extrazellulären Faserproteinen zum Auf-
ben, die sie ins Herz übertrugen. Man ein künstliches Zellgerüst bau synthetischer Gewebegerüste ge-
hoffte, diese würden in der neuen Um- Ende der 1980er Jahre konnte eine von prüft. Diese Proteine enthalten Amino-
gebung entweder selbst zu Herzmuskel- uns (Cohen) am Massachusetts Institute säuresequenzen, an denen sich lebende
zellen heranreifen oder sonst möglicher- of Technology – MIT – in Cambridge Zellen anheften. Leider sind sie jedoch
weise doch vorhandene eigene Regene- bei Robert Langer arbeiten, einem der mechanisch nicht belastbar genug, um
rationskräfte des Herzens stimulieren. Pioniere des Tissue Engineering. Damals größere Zellverbände zu stützen. Zudem
Leider brachte das nicht den gewünsch- galt die Konstruktion lebender Gewebe wird besonders Kollagen von körpereige-
ten Erfolg. Die Mehrzahl der überpflanz- vielerorts noch als unrealisierbar. Zudem nen Enzymen rasch abgebaut. Je nach
ten Stammzellen überlebt die Prozedur hieß es, Chemieingenieure hätten in der Herkunft können Fremdproteine außer-
nicht. Der Rest konzentriert sich eher an Zellforschung nichts zu suchen. Das soll- dem allergische Reaktionen auslösen, die
den Rändern des Infarktareals, stellt je- te sich bald ändern, je mehr die Biologen gerade für Patienten mit Herzinsuffizienz
doch keine Kontakte zum benachbarten darüber herausfanden, wie Zellen mit gefährlich und belastend sind.
gesunden Gewebe her und gibt somit verschiedensten Oberflächen interagie- Aus diesen Gründen entschieden wir
auch keine elektrischen Signale weiter. ren, und die Chemiker lernten, völlig uns, eine Zellmatrix aus proteinfreiem
Eigentlich verwundert das alles nicht. neuartige Polymere zu synthetisieren. Die Material zu entwickeln. Wir verwenden
Schließlich fehlt den implantierten Zel- Forscher haben nun schon mit einer Alginate, aus Algen gewonnene natürli-
len in der Narbenzone vor allem das Vielzahl artifizieller und natürlicher che Polysaccharide. Alginate sind bio-
physiologische Stützgerüst, das norma- Komponenten experimentiert, immer kompatibel, provozieren folglich im
lerweise beim Aufbau eines Gewebes mit dem Ziel, ein Gerüstmaterial für menschlichen Körper keine Immunreak-
mithilft, weil es sowohl Wachstumsfak- neue Gewebe zu finden. tion. Löst man bestimmte Sorten in Was-
toren bietet als auch den Zellen Halt Zunächst gehörten biologisch abbau- ser und gibt Kalziumionen zu, vernetzen
gibt. In einem gesunden Gewebe besteht bare Polyester wie Polylactide und Poly- sich die Polysaccharide und es entsteht
diese extrazelluläre Matrix aus Faserpro- glykolide beziehungsweise Kopolymere ein Hydrogel mit einem Wassergehalt
teinen wie Kollagen und aus Polysaccha- aus beiden Grundstoffen zu den favori- von etwa 98 Prozent. In seiner gelatine-
riden, komplexen Zuckermolekülen wie sierten synthetischen Materialien. Vom artigen Konsistenz und Elastizität ähnelt
Heparansulfat. menschlichen Körper werden diese Sub- es der natürlichen extrazellulären Matrix.
Schon länger suchen Gewebeforscher stanzen im Allgemeinen zwar gut vertra- Wie lässt sich dieses Hydrogel mani-
für das Herz nach einem geeigneten Ma- gen, doch sie haben einige Nachteile. Da pulieren, damit es als Gerüstsubstanz für
terial, das diese Funktionen erfüllt. Die sie meist wasserabweisend sind, heften ein funktionales Gewebe aus Herzmus-
Zellen sollen sich darin ähnlich wie im sich lebende Zellen schlecht an ihre kelzellen nützt? Zum einen mussten wir
natürlichen Umfeld ausbreiten und tei- Oberflächen an. Außerdem werden Ma- ihm eine geeignete Gestalt und innere
len können und sich zu einem räumli- trizes aus diesen Materialien nicht konti- Struktur verleihen, zum anderen seine
chen Gebilde organisieren, sodass sie nuierlich abgebaut, sondern neigen zum mechanische Stärke erhöhen, denn die
Form muss der Belastung durch wach-
IN KÜRZE sende Zellverbände standhalten. Dazu
probierten wir verschiedene Herstel-
r Oft entwickelt sich nach einem Herzinfarkt schließlich eine Herzinsuffizienz. lungswege aus und fanden schließlich
Denn die Infarktzone vermag sich von allein nicht zu regenerieren, und der Scha- eine neuartige Methode, das Hydrogel
den kann sich sogar vergrößern. Die Veränderungen belasten das kranke Herz zu verfestigen.
übermäßig. Im Grunde beruht das Verfahren
r Gut durchblutete Gewebeimplantate könnten nachträgliche Zerstörungen verhin- auf einfachen physikalischen Prinzipien.
dern. Materialwissenschaftler und Zellbiologen entwickeln zusammen geeignete Wenn man die Alginatlösung in eine
Verfahren für ein solches Tissue Engineering. Es gilt, ein künstliches Gerüst be- winzige Form gießt und dann einfriert,
reitzustellen, in dem sich neue Muskelzellen ausdifferenzieren und organisieren bilden sich Eiskristalle in den Poren des
und in dem neue Blutgefäße wachsen. Gebildes, also in den Zwischenräumen
zwischen den vielen feinen Wänden aus

50 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Warum manches Infarktherz am Ende versagt
Vielen, die einen Herzinfarkt überleben, droht spä-
ter eine Herzmuskelschwäche. Die Insuffizienz ent-
steht langsam wegen der schleichenden Umgestal-
tung des Organs.
Ebene des
Querschnitts
gesundes Herz
Die linke Herzkammer pumpt sauerstoffreiches Blut in
den Körper. Ihre kräftige Wand bilden besondere Mus-
kelfasern, die Herzmuskelzellen.

linke Herzkammer

akuter Infarkt
Wird ein Blutgefäß, das den Herzmuskel versorgt,
plötzlich durch ein Gerinnsel verschlossen, sterben die
Muskelzellen in dessen Versorgungsbereich an Sauer-
stoffmangel.

Infarktzone

Bindegewebszelle
Vernarbung
Binnen Stunden bis Tagen beginnen Enzyme die extra-
zelluläre Matrix abzubauen, und Fresszellen räumen
die toten Muskelzellen ab. An deren Stelle treten Bin-
degewebszellen. Die Herzwand wird dünn und starr.
Indem im Randbereich weitere Muskelzellen abster-
ben, kann sich das Narbenareal in ein paar Monaten
auf das Doppelte ausdehnen.

gesunde Fresszelle
Muskelzellen

Umgestaltung
Die starre Narbenzone stört die koordinierte Kontrak-
tion des Herzens. Weil die gesunde Muskulatur mehr
leisten muss, werden diese Bereiche unter Umstän-
den zunächst dicker. Durch die Überlastung gehen
dann aber weitere Zellen zu Grunde, die Herzkammer
erweiterte erweitert sich und die Wand wird immer dünner.
TERESE WINSLOW

Kollagenfasern Herzkammmer

Alginat. Das Eis kann man anschließend scheidend, die während des Abkühlens Wichtig ist besonders, dass die Algi-
durch Gefriertrocknung entziehen. Zu- auftreten. Wir probierten, neben diver- natwände genügend viele – und genü-
rück bleibt eine schwammartige Struktur sen Gussformen, drei verschiedene Ge- gend große – Löcher aufweisen. Diese
von gewünschter Gestalt, deren Poren frierverfahren aus und konnten so Dich- Lücken haben mehrere Zwecke. Sie sind
der Form der Eiskristalle entsprechen. te, Größe, Länge und Ausrichtung der nötig, damit sich auf die Matrix aus-
Wie wir zeigen konnten, sind für die Poren sowie den Grad ihrer Vernetzung gebrachte Zellen in dem Gerüst überall
Porenform die je nach Methode unter- untereinander steuern (siehe Kasten auf gut und rasch verteilen können. Man
schiedlichen Temperaturgradienten ent- S. 52). braucht die Löcher auch während der

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 51
TITEL: HERZINFARKT

Gerüst für Herzmuskelgewebe


z
Um sich zu einem funktionalen Gewebe zu Gerüstformen aus Alginat Schwammstruktur im Innern der Form
organisieren, benötigen Herzmuskelzellen

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LILIA SHAPIRO U. SMADAR COHEN, BEN-GURION UNIVERSITY
eine Matrix für Halt und Orientierung. Das

MICHAL SHACHAR, RONIT BASHER U. SMADAR COHEN,


Gerüst sollte voller offener Poren – mit
mindestens 200 Mikrometer Durchmes-

rab
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ser – sein, die Zellkontakte ermöglichen
und Blutkapillaren Raum geben.

BEN-GURION UNIVERSITY, ISRAEL


Als günstiges Matrixmaterial erweisen
sich Alginate aus Algen, die in Wasser ge-
löst ein Gel bilden. Mit verschiedenen Ge-
friertechniken können wir die Porenbil-
ussen und fe
gewinnen (oben links). Beim Einfrieren
bildet das Wasser Eiskristalle, deren Aus- (siehe unten). Wenn wir das Eis dann dampfen«, bleibt nur ein porenreiches
sehen vom Ablauf der Proz sublimieren, sozusagen »trocken ver- Alginatgerüst zurück (oben rechts).

Verschiedene Gefriertechniken

üflfl
Ölbad von minus 35 °C
Am schnellsten gefriert der Boden der
Probe. Dort entstehen dicht gepackte,
feine Poren, die zueinander Verbindung
haben. Darüber bilden sich dann größere,
BEIDE AUFNAHMEN: MIT FRDL. GEN. VON ELSEVIER, S. ZMORA UND S. COHEN, AUS: SHARON ZMORA ET AL., BIOMATERIALS, VOL. 23, 2002

längliche Poren. Ihre Ausrichtung folgt


der Ausbreitungsrichtung der Kältefront

AUS: SHARON ZMORA ET AL., BIOMATERIALS, VOL. 23, 2002


MIT FRDL. GEN. VON ELSEVIER, S. ZMORA UND S. COHEN,
(links).

fl ssiger Stickstoff, minus 196 °C


Hierbei entsteht ein ähnliches Porenbild
wie im Ölbad. Die komplexe Form der Po-
ren im oberen Abschnitt geht vermutlich
darauf zurück, dass sich üssiger Stick-
stoff leicht ver üchtigt und Kältefronten
nun in verschiedene Richtungen ziehen
(rechts).

Gefrierschrank bei minus 20 °C


Die Temperatur der Alginatlösung fällt zunächst auf minus 10 °C und steigt dann plötz-
lich wieder auf minus 2 °C. Erst danach sinkt sie langsam auf minus 20°C ab. Vermut-
lich kommt der plötzliche Temperatursprung zu Stande, weil das gesamte Wasser
gleichzeitig kristallisiert und dabei Wärme abgibt. Den einheitlichen Prozess lassen
auch die gleichartigen offenen Poren erkennen (links).

flfl
SIGALIT AMITAY-SHARPUT U. SMADAR COHEN,

Porenstruktur
BEN-GURION UNIVERSITY, ISRAEL

Form und Verbindungen der Poren bestimmen maßgeblich, ob ein funktio-


nales Gewebe entsteht. Längliche Poren begünstigen zum Beispiel die
Blutgefäßbildung. In einer in üssigem Stickstoff hergestellten, von kanal-
artigen Poren durchzogenen Matrix arrangierten sich uoreszenzmarkierte
Endothelzellen (grün) innerhalb von zwei Wochen zu Strukturen, die an
Blutkapillaren erinnern (rechts).

52 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
peratur und eine hohe Luftfeuchtigkeit,
und in dem ständig ein nährstoffreiches
Medium die Probe durchströmt. Im
Weiteren verfolgten wir genau die Stoff-
wechselprozesse der Zellen. Bereits nach
48 Stunden entdeckten wir Zellen, die
sich rhythmisch kontrahierten. Nach sie-
ben Tagen war es Zeit für den nächsten
Schritt: die Implantation der Proben in
ein lebendes Herz.
Das geschah bei erwachsenen Ratten,
denen man sieben Tage vorher an der
linken Herzkammer einen Infarkt gesetzt
hatte. Als wir den narkotisierten Tieren
den Brustkorb öffneten, konnten wir die
Anzuchtphase im Labor, um selbst noch einer Nährlösung aufgeschwemmt hat- Stelle gut erkennen. Der vernarbte Be-
den innersten Zellen zunächst ungehin- ten, übertrugen wir sie auf kleine runde zirk fiel auf, weil er blasser war als die
dert Nährstoffe zuzuleiten und Stoff- Scheibchen aus unserem Gerüstmaterial Umgebung und sich nicht kontrahierte.
wechselendprodukte abzuführen – eine von sechs Millimeter Durchmesser und Genau hierhin verpflanzten wir unsere
Aufgabe, die später feine Adern überneh- einem Millimeter Dicke. Mit vorsichti- Konstrukte.
men. Wenn das Transplantat dann ins gem Zentrifugieren halfen wir nach, dass Nun hieß es warten. Zwei Monate
Herz eingepflanzt ist, entscheidet we- die Zellen sich rasch und gleichmäßig in später legten wir die Herzen erneut frei –
sentlich auch das Porenangebot, wie dem Konstrukt verteilten. Das erreichten und staunten: Zahlreiche Blutgefäße wa-
dicht Blutgefäße das neue Muskelstück wir in nicht einmal dreißig Minuten. ren aus dem gesunden Teil des Herzens
durchwachsen. Nicht zuletzt hält der so Für das Überleben der Zellen, die auf in das Implantat eingewachsen (siehe
behandelte Alginatschaum einen erhebli- Sauerstoffmangel hochempfindlich rea- Bild unten). Die Kunstprodukte hatten
chen Druck aus, selbst wenn die Poren gieren, sind schnelle Abläufe entschei- sich tatsächlich in das Narbengewebe in-
und Lücken mehr als 95 Prozent des Vo- dend. Dank ihrer homogenen Verteilung tegriert. Das Alginatgerüst begann sich
lumens ausmachen. in dem Gerüst erzielten wir trotzdem bereits aufzulösen und einer natürlichen
eine ähnliche Zelldichte wie im gesun- extrazellulären Matrix Platz zu machen.
Zweite Voraussetzung: den Herzmuskel – hochgerechnet 108 Embryonale Herzmuskelzellen hatten
Anzucht in der Kunstmatrix Zellen pro Kubikzentimeter. sich zu reifen Muskelfasern entwickelt.
Diese Matrix erfüllte die Vorbedingun- Die mit Herzzellen beschickten Algi- Manche waren sogar parallel angeordnet,
gen. Sie ließ sich in die gewünschte natgerüste kultivierten wir einige Tage in wie es im gesunden Herzen typisch ist.
Form und Struktur bringen, war nicht einem Bioreaktor – einem speziellen In- Zwischen den Fasern bestanden sowohl
immunogen und nicht toxisch, außer- kubator, der ideale Wachstumsbedingun- mechanische Verbindungen als auch
dem genügend dauerhaft und wurde im gen bereitstellt, wie eine optimale Tem- elektrische Synapsen, Strukturen für die
Körper doch in einem passablen Zeit-
raum abgebaut. Nun wurde es span-

MIT FRDL. GEN. AUS: JONATHAN LEOR ET AL., CIRCULATION, VOL. 102, NO. 19, 2000; AHA / LWW
nend: Würden Zellen dieses künstliche
Gerüst an Stelle einer natürlichen extra-
zellulären Matrix akzeptieren, noch dazu
in einer Infarktzone mit ihren Verwüs- Implantat
tungen?
Dazu führten wir zunächst in La-
borgefäßen Vorversuche durch. Wir ver-
wendeten Herzmuskelzellen von Mäuse-

lu
B fä
tg

e
embryonen, bei denen diese Zellen noch
teilungsfähig sind. Nachdem wir sie in

Eine zellbesetzte Matrix hat sich


r zwei Monate nach Einpflanzung in
den Herzmuskel einer Ratte in das Gewe-
be der Infarktzone integriert. Aus der Um-
gebung sind zahlreiche einge-
wachsen. Die Infarktzone ist nicht größer
geworden.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 53
TITEL: HERZINFARKT

Übermittlung des Kontraktionsbefehls.


Vor der Implantation hatten wir die
z Auch die Herzfunktion war bei allen im
Großen und Ganzen gleich geblieben.
Einfach indem sie einwachsenden
Adern Halt gibt, könnte die Kunstmat-
Herzfunktion der Tiere mittels Echokar- Das erste gesetzte Ziel hatten wir rix das Einwachsen neuer Blutgefäße in
diografie, also mit Ultraschall, gemessen. somit erreicht. Wie wir nun wussten, die Infarktzone begünstigen. Wir vermu-
Zu dem Zeitpunkt arbeiteten die Herzen kann es gelingen, Infarktherzen mit ei- ten aber auch, dass das Alginat körper-
ähnlich gut – oder schlecht – wie die ei- nem künstlichen Implantat vor weiteren eigene Stammzellen dazu bringt, bei der
ner Kontrollgruppe von Ratten, denen Folgeschäden zu bewahren und so eine Gefäßregeneration mitzuwirken. In der
man ebenfalls einen Infarkt verpasst hat- Herzinsuffizienz abzuwehren. Wesentli- chemischen Struktur ähnelt diese Ge-
te, die aber nur scheinoperiert werden che Fragen bleiben dennoch zu klären. rüstsubstanz nämlich ausgesprochen He-
sollten, also kein Implantat erhalten wür- So wissen wir noch nicht, auf welche paransulfat, einem wichtigen Polysaccha-
den. Erneute Ultraschallmessungen zwei Weise das transplantierte Gewebe den rid der natürlichen extrazellulären Ma-
Monate nach Überpflanzung der ange- Herzmuskel in unseren Versuchen über- trix. Unsere These haben wir kürzlich
züchteten Zellen zeigten jedoch deutli- haupt schützte. Schließlich trugen die geprüft, indem wir schlicht Alginathy-
che Unterschiede. neuen Zellen zu dessen Pumpleistung drogele direkt in die Infarktzonen von
nichts bei. Offenbar half es schon, wenn Rattenherzen injizierten. Tatsächlich be-
Erfolg: Muskelschwund verhindert das Implantat nur verhinderte, dass sich hielt die Herzkammer sogar mit dem
Bei den Tieren der Kontrollgruppe bot das Narbenareal weiter ausbreitete, und amorphen Gel ihre Form und Funktion.
sich das typische Bild einer beginnenden wenn es mitwirkte, dass die Herzwand Offenbar ersetzte die Substanz die natür-
Herzinsuffizienz: eine beträchtlich erwei- an der verletzten Stelle dick genug blieb. liche extrazelluläre Matrix und regte des-
terte linke Herzkammer und eine im Wir denken, besonders auch die neu- wegen eine Gefäßneubildung an.
Vergleich zum Zustand zwei Monate en Blutgefäße spielten eine Rolle, um Um Menschen Herzgewebe zu trans-
vorher deutlich verminderte Pumpleis- den fatalen Umbau der Herzwand abzu- plantieren, besteht die Hürde, dafür ge-
tung. Dagegen ging es sämtlichen Ratten fangen. Interessanterweise wuchsen neue eignete Zellen zu finden. Wie viele an-

ö
der Versuchsgruppe nicht schlechter als Adern auch in zellfreien Implantaten, dere Kollegen forschen auch wir nach
wenige Tage nach dem Infarkt. Bei ih- wenn auch in kleinerer Anzahl und Grö- brauchbaren Quellen für einen Ersatz.
nen hatten sich Größe und Wandstärke ße als in den mit Muskelzellen bestück- Reife Herzmuskelzellen des Patienten
der linken Herzkammer nicht verändert. ten Gerüsten. kommen nicht in Frage, weil sie sich

ü
Verschiedene Ansätze mit gleichem Ziel

ü
Forscher erproben verschiedene Methoden, um einen geschädigten Herzmuskel
zu reparieren. Teils sind die Ansätze verwandt. Alle Erfolge und Fehlschläge brin-

ü ü
gen uns dem gemeinsamen Ziel näher: zerst rtes Herzgewebe zu ersetzen.

ü
Technik Vorteile Nachteile

üü
Zellinjektion r Verabreichung einfach r wenige Zellen ber-
Stammzellen oder Muskelvorläuferzellen r injizierte Zellen können Bildung leben

üü
werden via Herzkatheter oder direkte extrazellulärer Matrix und Gefäß- r es werden keine neuen
4: B. TEFFT, M. FRDL. GEN. VON T. BOLAND, CLEMSON UNIV.; 5: K. STAUB, M. FRDL. GEN. VON K. J. L. BURG, CLEMSON UNIV.

Injektion in das Infarktareal eingebracht bildung anregen funktionst chtigen


VON OBEN NACH UNTEN, 1: N. DIB, ARIZONA HEART INST. UND J. DINSMORE, GENVEC INC.; 2: AUS: T. SHIMIZU ET AL.,
CIRCULATION RESEARCH, VOL. 90, NO. 3, PAGE E40, 2002; 3: M. SHACHAR, R. BASHER, S. COHEN, BEN-GURION UNIV.;

Muskelfasern gebildet

Gewebekultur r Anzucht im Labor recht einfach r weil Blutgefäße fehlen,


Herzmuskelzellen werden in d nnen r stabileres Implantat als bei Injektion nur kleine, d nne Teile
Schichten kultiviert, die Schichten ber- von Einzelzellen implantierbar
einander gestapelt und chirurgisch r extrem fragil
implantiert

poröse Matrix r Ger st unterst tzt Organisation r problematisch bleibt


Zellen werden in einem dreidimensio- der Zellen zu gewebeähnlichem das Intervall zwischen

ü
nalen Ger st aus nat rlichen oder synthe- Verband Implantation und
tischen Polymeren ausgesät und in einem r Matrixmaterial fördert Gefäßneu- Gefäßversorgung
Bioreaktor kultiviert, das Konstrukt dann bildung
chirurgisch implantiert

Gewebemontage r räumliche Verteilung verschiedener r Forschungsansatz steht


eine Art dreidimensionaler Drucker Zelltypen im Implantat exakt noch am Anfang; noch
montiert Formen aus Hydrogelpartikeln programmierbar keine Daten, ob solche
mit darin aufgeschwemmten Zellen; r Zellen können sich im Hydrogel frei Implantate im Körper
dann Kultur der Konstrukte und chirur- bewegen und organisieren funktionieren
gische Implantation

injizierbare Matrix r Verabreichung einfach r Kontrolle der Gewebe-


Polymerhydrogele mit oder ohne Zellen r Hydrogele könnten als vor berge- bildung begrenzt
werden via Herzkatheter oder direkte hender Ersatz der extrazellulären
Injektion in das Infarktareal eingebracht Matrix die Regeneration fördern

54 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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ü
m
Drei Mikrometer große
ren, die Wachstumsfaktoren für
freisetzen, werden gleic
ßig verteilt in die Matrix eingebaut. Man
kann sie der vor der Ge-
friertrocknung zugeben.

ANAT PERETS U. SMADAR COHEN, BEN-GURION UNIVERSITY, ISRAEL


nicht mehr teilen. Im Prinzip könnte
man Spenderzellen verwenden, insbe-
sondere embryonale Stammzellen oder
auch Stammzellen aus dem Knochen-
mark oder aus Nabelschnurblut, die
man veranlassen müsste, sich zu Herz-
muskelzellen auszudifferenzieren. Frem-
de Zellen würden allerdings vom Im-
munsystem bekämpft; der Patient müss-
te dann Medikamente erhalten, die eine
Abstoßung unterdrücken. Besser wäre,
man könnte patienteneigene Stamm-
zellen oder andere noch nicht ausdiffe- chend. Überdies konnten wir die Ge- wenn ja, wie schnell. Schaffen sie es
renzierte Zellen gewinnen, sei es aus fäßbildung beträchtlich durch Hinzuga- rasch, das Transplantat zu versorgen, hät-
dem Knochenmark, dem Muskel- oder be von Wachstumsfaktoren steigern, die te dieses sehr gute Überlebensaussichten.
dem Fettgewebe – beziehungsweise man in das Gerüst integrierte Mikrokapseln Glücklicherweise arbeiten viele ande-
würde Stammzellen durch therapeuti- kontinuierlich dosiert freisetzten (siehe re Wissenschaftler auf das gleiche Ziel
sches Klonen von Zellen des Patienten Bild oben). Doch haben solcherart Tricks hin, und sie erforschen teils ganz ver-
erzeugen. Noch geben wir auch die Grenzen, denn wie wir auch erkannten, schiedene Verfahren (siehe Kasten links).
Hoffnung nicht auf, Herzstammzellen dürfen die Adern den später implan- Je mehr sich die Ansätze gegenseitig be-
zu finden. tierten Zellen nicht zu viel Raum weg- fruchten, umso schneller kommen wir
Wie sieht die zukünftige Forschung nehmen. Wir versuchen nun, die Gefäß- voran. Es mag noch fünfzehn Jahre dau-
aus? Vor allem – wann wird es so weit bildung durch Einsatz mehrerer Sorten ern, doch der Traum, das Herz eines In-
sein, Implantationen an menschlichen von Wachstumsfaktoren genauer zu kon- farktpatienten mit einem Muskelimplan-
Infarktherzen zu erproben? Die bisheri- trollieren. tat zu reparieren, erscheint heute durch-
gen Tierversuche ermutigen. Wir glau- Bisher lässt sich ein neues Stück aus nicht mehr abwegig.
ben, dass wir wahrscheinlich in drei Herzgewebe von gewünschter Form, Zu-
Jahren soweit sind, zellfreie Alginat- sammensetzung und Funktion am bes- Smadar Cohen und
implantate am Menschen zu erproben. ten außerhalb des Körpers im Kulturge- Jonathan Leor arbei-
Mittlerweile haben sie sich nicht nur an fäß heranzüchten. Sofern ein Patient eine ten seit sechs Jahren
Ratten, sondern auch an Schweinen be- Herzruptur überlebt, wäre ihm mit dem gemeinsam an der Ent-
wicklung von Herz-
währt – ein Zeichen, dass auch bei grö- Einbau einer zellfreien Matrix nicht ge-

A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
muskelimplantaten. Smadar Cohen ist Professo-
ßeren Tieren reine Alginatgerüste an- holfen, sondern man müsste ein größe- rin für Biotechnologie an der Ben-Gurion-Univer-
scheinend schon den bedenklichen Um- res Gewebestück einsetzen. Doch noch sität des Negev in Beer Sheva (Israel). Jonathan
und Abbau der geschädigten Herzwand ist es schwierig, die vorgezüchteten Zel- Leor arbeitet als Kardiologe am Sheba Medical
Center in Tel-Hashomer (Israel), wo er das Neu-
zu verhüten vermögen. Am günstigsten len auch im Körper lange genug am Le-
field Cardiac Research Institute der Tel-Aviv-Uni-
wäre es, man würde so gleich den Anfän- ben zu halten, bis endlich Gefäße zu ih- versität leitet.
gen einer Herzinsuffizienz wehren, mög- rer Versorgung gewachsen sind.
Tissue engineering: Current state and perspec-
lichst bevor das Organ nach dem Infarkt Im Augenblick probieren wir darum, tives. Von Erin Lavik und Robert Langer in: Applied
noch weiteren Schaden nimmt. aderdurchzogene Herzmuskeltransplan- Microbiology and Biotechnology, Bd. 65, Heft 1,
tate im Labor herzustellen. Schablonen S. 1, Juli 2004
Zucht von Herzgewebe mit Kapillarnetzen konnten wir im Bio- Myocardial tissue engineering: Creating a muscle
im Organ selbst? reaktor schon konstruieren. Dazu ver- patch for a wounded heart. Von Jonathan Leor
Auch die Versuche mit Zellimplanta- setzten wir die Alginatgerüste mit Endo- und Smadar Cohen in: Annals of the New York
ten werden fortschreiten. Vielleicht kön- thelzellen, die Blutgefäße normalerweise Academy of Sciences, Bd. 1015, S. 312, Mai
nen die neuen Zellen besser überleben, auskleiden. Als Nächstes möchten wir 2004
wenn man sie erst in das Gerüst über- gleichzeitig Endothel- und Herzmuskel- The beat goes on. Von Catherine Zandonella in:
pflanzt, nachdem dieses schon einige zellen in die Matrix einbringen. Falls dies Nature, Bd. 421, S. 884, 27. Februar 2003
Zeit im Körper war und bereits von erfolgreich ist, bleibt immer noch unsi- Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
Adern durchwachsen ist. Entsprechende cher, ob die Kapillarnetze an die umge- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
Studien an Ratten verliefen viel verspre- benden Gefäße Anschluss finden – und

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 55
SUPRALEITUNG z
Heiße Aussichten für

Tieftemperatur-
Magnesiumdiborid widerspricht dem herkömmlichen
Wissen über Supraleiter. Die Verbindung wird bei der
relativ hohen Temperatur von 40 Kelvin supraleitend –
was eine Reihe interessanter Anwendungen verspricht.

Von Paul C. Canfield und unterhalb von 130 Kelvin supraleitend die Festkörperphysiker von der schnellen
Sergey L. Bud’ko werden) ist MgB2 eher ein herkömmli- Kommunikation über das Internet. Die-
cher Supraleiter – allerdings eine neue se beiden Umstände, kombiniert mit der

A
ngenommen, Sie würden in Variante. Physiker hatten bei ihrer jahr- Aussicht auf einen neuen, einfach zu
Ihrem Garten, den Sie gut zu zehntelangen Suche nach immer höhe- handhabenden Supraleiter mit hoher
kennen meinen, unvermittelt ren Sprungtemperaturen Faustregeln für Sprungtemperatur, schlugen die Physi-
eine Goldader entdecken. Ein möglichst aussichtsreiche Elementkom- kergemeinde in ihren Bann.
ähnliches Goldrauschgefühl erfasste die binationen aufgestellt. Zudem vermute- Zunächst breiteten sich Informatio-
Festkörperphysiker im Jahr 2001, als ten die meisten von ihnen, dass her- nen über Akimitsus Entdeckung nur
eine Forschungsgruppe verkündete, Ma- kömmliche Supraleiter eine Sprungtem- mündlich oder per E-Mail aus. Es gab
gnesiumdiborid (MgB2 ) könne bereits peratur von 23 Kelvin nicht nennenswert weder eine wissenschaftliche Veröffentli-
bei Temperaturen nahe 40 Kelvin wider- überschreiten könnten. Zu ihrer großen chung noch ein elektronisch verfügbares
standsfrei elektrischen Strom leiten. Überraschung widersprach MgB2 diesen Manuskript. Als unsere Gruppe wenige
Diese einfache chemische Verbin- Regeln – und durchbrach die bisher ver- Tage nach der Konferenz davon hörte,
dung wird bereits seit einem halben Jahr- mutete Temperaturobergrenze. stellten wir uns einige Fragen: Können
hundert untersucht und in manchen La- wir eine hochreine feste Probe aus die-
bors für Standardanwendungen einge- Aufregung in der Physikergemeinde sem Material herstellen? (Kommerziell
setzt – ohne dass jemand ihr enormes Erstaunlich schnell konnten die Supra- erhältliches MgB2 liegt als nicht beson-
Potenzial erahnte. Wenngleich 40 Kelvin leitungsforscher ihr Wissen um Mag- ders reines Pulver vor.) Wird es tatsäch-
(also 40 Grad über dem absoluten Null- nesiumdiborid vertiefen. Mitte Januar lich bei 40 Kelvin supraleitend? (Über
punkt oder – 233 Grad Celsius) ziemlich 2001 hatte Jun Akimitsu von der Aoya- zwei Jahrzehnte lang verfolgten uns im-
frostig klingen, ist dieser Wert doch fast ma-Gakuin-Universität in Tokio die Ent- mer wieder »USOs«, wie wir »unidentifi-
doppelt so hoch wie der bisherige Rekord deckung auf einer Konferenz vorgestellt. zierbare supraleitende Objekte« scherz-
für metallische Supraleiter (rund 23 Kel- Bereits zwei Monate später wurden auf haft abkürzten – Verbindungen, deren
vin für die in Forschung und Industrie der Jahrestagung der American Physical angeblich extrem hohe Sprungtempera-
häufig verwendeten Niob-Legierungen). Society rund hundert Zwei-Minuten- tur von niemandem reproduziert werden
Eine solch hohe Sprungtemperatur – die Vorträge zu diesem Thema gehalten, au- konnte.) Können wir, falls MgB2 tatsäch-
Temperatur, unterhalb derer ein Supralei- ßerdem waren auf arxiv.org – einer lich ein Supraleiter ist, den ursächlichen
ter elektrischen Strom verlustfrei leitet – Webseite für wissenschaftliche Veröffent- Mechanismus ergründen? Und schließ-
lässt sich mit viel geringerem technischen lichungen – bereits 70 Forschungsarbei- lich: Können wir einige grundlegende
Aufwand erreichen. Zu den potenziellen ten elektronisch erhältlich. Eigenschaften dieser Verbindung be-
Anwendungen zählen supraleitende Ma- Für diesen ungewöhnlichen Aktivi- schreiben? Zu unser aller Glück ließen
gnete und Stromleitungen. tätsschub gab es mehrere Gründe. Ers- sich diese Fragen allesamt bejahen.
Im Gegensatz zu den Hochtempera- tens ist es – wenn man herausgefunden Die Gerüchte um Akimitsus Entde-
tursupraleitern (Kupferoxid enthaltende hat, wie – recht einfach, relativ reines ckung markierten für uns und für ande-
Materialien, die schon bei Temperaturen MgB2 herzustellen. Zweitens profitierten re Forschergruppen den Beginn einer be-

56 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Supraleiter
HAL SAILSBURY, MATERIALS PREPARATION CENTER, AMES LABORATORY

Körniger Aufbau: Im polarisierten Licht


enthüllt der polierte Querschnitt eines
0,14 Millimeter dicken Drahts aus Magne-
siumdiborid, dass das Material aus dicht
gepackten, regellos angeordneten Kör-
nern besteht. Solche Drähte werden in
der Grundlagenforschung verwendet, um
die Supraleitungseigenschaften dieser
Verbindung zu untersuchen.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 57
SUPRALEITUNG z
triebsamen, wundervollen Zeit. Unser
Team ist darauf spezialisiert, die physika-
lischen Eigenschaften metallischer Ver-
bindungen zu untersuchen. Als wir von
den neuen Befunden hörten, nahmen
wir sofort unsere bisherigen Materialien
aus den Öfen und begannen, MgB2 her-
zustellen.
Anfangs war das gar nicht so einfach.
Magnesiumdiborid ist eine so genannte
intermetallische Verbindung – eine, die
zwei oder mehr leitende Bestandteile ent-
hält. Die einfachste Methode zu deren
Herstellung – das gemeinsame Schmel-
zen beider Elemente – erwies sich wegen
der stark unterschiedlichen Schmelz-
punkte als nicht praktikabel: Magnesium
schmilzt bei 650, Bor erst bei über 2000
Grad Celsius. Da Magnesium bei knapp
über 1100 Grad Celsius bereits zu sieden (ähnlich wie Sandstein). So hatten wir Aus verschiedenen Gründen vermu-

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beginnt, verflüchtigt es sich, bevor es eine nur drei Tage, nachdem wir die Gerüch- teten einige Forscher, MgB2 sei kein nor-
Verbindung mit Bor eingehen kann. te gehört hatten, selbst die Kügelchen maler BCS-Supraleiter. Erstens lagen –
Doch die Verdampfung des Magne- hergestellt und konnten bestätigen, dass bevor 1986 die Hochtemperatursupra-
siums macht eine andere Herstellungs- die Verbindung bei 40 Kelvin supralei- leiter entdeckt wurden – die höchsten
methode möglich: Wir versiegelten ein tend wird. gefundenen Sprungtemperaturen zwei

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Stück Magnesium und etwas Borpulver Jahrzehnte lang bei Werten um 20 Kel-
in einem Gefäß aus dem reaktionsträgen Verräterische Gitterschwingungen vin. Deshalb v eoreti-
Metall Tantal. Dann erhitzten wir das Danach beschäftigte uns die nächste ker, die maximal erreichbare Sprungtem-
Gefäß samt Inhalt auf eine Temperatur, brennende Frage: Handelte es sich um peratur von Verbindungen, die den BCS-
bei der das Magnesium gerade noch einen herkömmlichen Supraleiter, dessen Regeln unterliegen, könne höchstens um
nicht siedet (rund 950 Grad Celsius). Funktion sich mit der seit Langem be- die 30 Kelvin betragen. Zwar übertreffen
Magnesium hat einen vergleichsweise währten eorie erklären lässt, die die Hochtemperatursupraleiter auf Kup-
hohen Dampfdruck. Bei 950 Grad stellt nach ihren Begründern John Bardeen, feroxid-Basis diesen Wert deutlich, doch
sich ein Gleichgewicht ein, bei dem der Leon N. Cooper und J. Robert Schrief- gelten sie nicht als BCS-Typ.
Druck des verdampften Magnesiums fer benannt ist? Falls ja, dann wäre die Zweitens verletzte die relativ hohe
über der Schmelze ein Drittel des nor- ungewöhnlich hohe Sprungtemperatur Sprungtemperatur (auch als kritische
malen Luftdrucks beträgt. Wir erwarte- erklärungsbedürftig, aber das Potenzial Temperatur oder kurz Tc bezeichnet)
ten, dass der dichte Dampf in das feste für technische Anwendungen wäre ge- von MgB2 eine alte Faustregel, die für
Bor diffundieren würde. Tatsächlich bil- waltig. Falls sich ein exotischerer Mecha- die Suche von intermetallischen Verbin-
dete sich auf diese Weise innerhalb von nismus dahinter verbergen würde, so dungen mit hoher Tc galt: Je mehr Elek-
zwei Stunden sehr reines MgB2 – in der wäre dies für die Grundlagenforschung tronen am Phasenübergang in den su-
Form von lose gesinterten Kügelchen eine bedeutende Entdeckung. praleitenden Zustand beteiligt sind, des-
to höher sollte die Sprungtemperatur

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IN KÜRZE sein. Weder Magnesium noch Bor brin-

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gen besonders viele Elektronen in die

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MgB2-Verbindung ein.

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r Im Jahr 2001 entdeckten japanische Wissenschaftler, dass die an sich recht

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unscheinbare Verbindung Magnesiumdiborid bei Temperaturen unterhalb von Es gibt einen einfachen Test dafür,
etwa 40 Kelvin elektrischen Strom verlustfrei leitet. Diese Sprungtemperatur ist ob ein Supraleiter in die Klasse der BCS-
Typen gehört. Eine Schlüsselrolle in der

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rund doppelt so hoch wie die anderer verwandter Supraleiter.

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r Für praktische Anwendungen muss die Verbindung auf 20 bis 30 Kelvin gekühlt eorie spielen nämlich die so ge-
werden. Das ist mit fl Wasserstof tel oder mit Käl- nannten Gitterschwingungen; je höher
temaschinen möglich – und somit billiger und w deren Frequenz, desto höher sollte die

ü
lung mit fl und 4 K zeit gebräuchlichsten Sprungtemperatur des Supraleiters sein.
Supraleiter aus Niob-Legierungen erforderlich ist. Die Schwingungen lassen sich durch ein
r Durch gezielten Einbau von Kohlenstoff oder anderen Elementen in das Kris- mechanisches Modell verdeutlichen, in
tallgitter von Magnesiumdiborid erreic fen die Supraleitfähigkeits- dem man sich die chemischen Bindun-
eigenschaften dieser Verbindung diejenigen von Niob-Legierungen. Zu möglichen gen zwischen den Atomen eines Kristall-
Anwendungen zählen supraleitende Magnete, Hochspannungsleitungen und gitters durch starke Spiralfedern ersetzt
hochempfindliche Detektoren f r magnetische Felder. denkt. Eine äußere Anregung wie bei-
spielsweise Energiezufuhr durch Erhit-

58 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
zen bewirkt, dass die einzelnen Atome Ein Anwendungsbeispiel sind supralei- dungen und -Legierungen hergestellt
mit einer charakteristischen Frequenz zu tende Elektromagneten, die Feldstärken werden, steigen kontinuierlich.
schwingen beginnen. Wie für makrosko- bis über 20 Tesla erreichen können (rund Ein weitere potenzielle Anwendung
pische Gegenstände gilt auch im Kristall: 500-mal stärker als ein handelsüblicher sind verlustfreie Überlandleitungen aus
Die charakteristische Frequenz ist umso Magnet zum Anheften von Notizen). Supraleitern, die viel höhere Stromdich-
niedriger, je größer die Masse der Derartige Magnete (aber auch schwäche- ten erlauben als herkömmliche Leitun-
schwingenden Atome ist. Indem wir un- re) werden in Teilchenbeschleunigern, gen. Bislang haben Forscher erfolgreich
terschiedliche Magnesium- oder Bor-Iso- Forschungslabors und Computertomo- einige Prototypen aus Kupferoxid-Supra-
tope verwenden, können wir die Masse grafen eingesetzt. Die Verkaufszahlen für leitern getestet, die mit flüssigem Stick-

<=
C
S
B
der schwingenden Atome im MgB2-Kris- solche Magnete, die aus Niob-Verbin- stoff auf 77 Kelvin gekühlt wurden.
tallgitter gezielt beeinflussen. Dadurch
verändert sich die Schwingungsfrequenz
und in deren Folge auch Tc. Herstellung von MgB2-Drähten
Bor hat zwei stabile, natürlich vor-
kommende Isotope: Bor-10 und Bor-11. Nur wenige Wochen nach der Entdeckung
Gemäß der eorie sollte die von Supraleitung in Magnesiumdiborid
Sprungtemperatur zweier MgB2-Proben, (MgB2 ) entwickelten wir ein Verfahren
die aus Bor-10 beziehungsweise Bor-11 für die Herstellung von Drähten aus dem
hergestellt wurden, um 0,85 Kelvin dif- Erfolg versprechenden Material. Wir lie-
ferieren, sofern keine Sondereffekte zu ßen dazu Magnesiumdampf mit festem
berücksichtigen sind. Mit unseren ersten Bor reagieren – ein Prozess, der bei Tem-
gesinterten MgB2-Kügelchen maßen wir peraturen nahe 1000 Grad Celsius inner-
einen Temperaturunterschied von einem halb einiger Stunden abläuft. Dabei dif-

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Kelvin. Dass dies geringfügig höher war

NORMAN E. ANDERSON, JR.


fundiert das Magnesium in das Bor
als erwartet, hängt offenbar damit zu- hinein und wandelt es in MgB2 um (wo-
sammen, dass die Schwingungen der bei dieses stark aufquillt). Der Vorgang
Boratome einen höheren Einfluss auf die ist vergleichbar mit einem trockenen
Supraleitereigenschaft haben als diejeni- Schwamm, der sich an einem feuchten
gen der Magnesiumatome (siehe Kasten Tag mit Wasserdampf vollsaugt. Die Re-
auf S. 64).

=
aktion gelingt auch mit Borfasern, die in lassen sich durch
Längen von einigen hundert Metern er- o Einwirken von Magnesiumdampf
Verlustfreie Überlandleitungen? hältlich sind; der Ausgangsdurchmesser auf Borfasern herstellen.
Unser Befund legte den Schluss nahe, betrug in unseren Versuchen zwischen
dass MgB2 höchstwahrscheinlich ein 0,1 und 0,3 Millimeter.
BCS-Supraleiter ist – allerdings einer mit Die auf diese Weise hergestellten Drähte praktisch eingesetzt werden kön-

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extrem hoher Sprungtemperatur. Dem- Drähte eignen sich hervorragend für die nen, müssen sie mit einem leitfähigen,
nach war die Vorhersage der eoretiker, Grundlagenforschung. Mit ihnen können dehnbaren Mantel versehen werden,
wonach bei etwa 30 Kelvin eine Ober- die physikalischen Eigenschaften von der ihre mechanische Belastbarkeit er-
grenze erreicht sei, offenbar unzutref- MgB2 untersucht werden. Bevor solche höht. (Der leitfähige Mantel kann zudem
fend. Dies war durchaus eine gute Nach- für den Fall, dass der Supraleiter ver-
richt: Denn gewöhnliche intermetalli- sagt, weiterhin Strom transportieren,
sche BCS-Supraleiter lassen sich weit Aufgeschnitten der Mag- was eine Überhitzung und Zerstörung
einfacher handhaben und leichter zu u nesiumdiborid-Draht einen zen- des MgB2 vermeidet.) Bislang allerdings
brauchbaren Drähten verarbeiten als Su- tralen Kern aus Wolframborid mit 0,015 wurde noch kein geeigneter Mantel ent-
praleiter auf Kupferoxid-Basis. Millimeter Durchmesser. wickelt.
Uns kam in der Tat plötzlich die In einem geläufigeren Verfahren füllt
Idee, MgB2-Drähte einfach dadurch her- man Magnesium- und Borpulver oder
HAL SAILSBURY, MATERIALS PREPARATION CENTER, AMES LABORATORY

zustellen, dass wir Borfäden Magnesium- pulverförmiges MgB2 in ein Röhrchen.


dampf aussetzen (siehe Kasten rechts). Dieses wird dann zu einem Draht ausge-
Solche Drähte sind meist nützlicher als zogen und so behandelt, dass festes
gesinterte Kügelchen – für Laborexperi- Magnesiumdiborid entsteht. Mit dieser
mente ebenso wie für praktische Anwen- Technik wurden Labormuster von Dräh-
dungen wie etwa als Magnete. ten in einer Länge zwischen einigen
Auch wenn Supraleitung nur bei sehr Dutzend und einigen hundert Metern
niedrigen Temperaturen auftritt, hat sie hergestellt.
bereits heute vielfältigen praktischen Wenngleich MgB2 erst seit Kurzem
Nutzen. Ihr offenkundigster Vorzug ist, als Supraleiter bekannt ist, arbeiten Fir-
dass hohe elektrische Ströme ohne jegli- men bereits an einer Kommerzialisie-
che Verluste fließen und sich infolgedes- rung des Materials.
sen das Leitungsmaterial nicht erhitzt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 59
SUPRALEITUNG z
Geschichte der Supraleitung
Der Niederländer Heike Kamerlingh Onnes diese Kupferoxid-Verbindungen schos- richtet sein, damit der Draht technisch
entdeckte 1911 das Phänomen der Su- sen die erreichten Werte für Tc immer verwendbar ist. Wegen dieser Probleme
praleitung, als er die elektrischen Eigen- weiter nach oben; Quecksilber-Barium- wünschten sich Forscher und Ingenieure
schaften von Metallen bei tiefen Tempe- Kalzium-Kupferoxide erreichten sogar ein Material, das ähnlich einfach zu hand-
raturen untersuchte. Als er Quecksilber eine Sprungtemperatur von etwa 130 haben ist wie die intermetallischen Su-
mit flüssigem Helium auf 4,2 Kelvin ab- Kelvin. Dies war für Forscher eine faszi- praleiter, zugleich aber eine kritische Tem-
kühlte, verlor es unvermittelt seinen nierende Zeit. Ihnen wurde schnell klar, peratur oberhalb von 20 Kelvin aufweist.
elektrischen Widerstand. Die Tempera- dass die bisherige Theorie der Supralei- Zu Beginn des neuen Jahrtausends wa-
tur, bei der dieser Übergang vom norma- tung – die so genannte BCS-Theorie (sie- ren – je nach technischem und finanziel-
len zum idealen Leiter auftritt, nennen he Kasten auf S. 62) – nicht geeignet lem Aufwand – unterschiedliche Supralei-
die Physiker Sprungtemperatur oder kriti- war, den Widerstandsverlust in diesen ter verfügbar. Mit den Oxiden ließen sich
sche Temperatur (abgekürzt Tc). neuen Materialien zu erklären. Obwohl bereits durch Kühlung mit flüssigem
Im Lauf der folgenden fünfzig Jahre Physiker sich die letzten zwanzig Jahre Stickstoff, das bei 77 Kelvin siedet, Supra-
wurden weitere supraleitende Materia- eingehend damit befassten, steht eine leiter in der Praxis einsetzen. Die älteren
lien mit immer höherer kritischer Tempe- überzeugende Theorie, wie und warum intermetallischen Verbindungen wie Tri-
ratur entdeckt. Alle diese Supraleiter Kupferoxide Strom widerstandsfrei lei- niob-Zinn wurden in Labors und für Mag-
waren entweder reine Metalle oder in- ten, bis heute aus. nete in medizinischen Geräten verwen-
termetallische Verbindungen (die aus det; sie benötigen Arbeitstemperaturen
zwei oder mehr metallischen Elementen Diese Verbindungen stellen auch werk- von 4 Kelvin, die durch aufwändige Küh-
bestehen). Doch seit den 1960er Jahren stofftechnisch eine Herausforderung dar. lung mit flüssigem Helium erreicht wird.
gelang es trotz intensiver Forschungen Anfangs war es sehr schwierig, sie hoch- Darum war die Entdeckung der Supra-
nicht, die Obergrenze für Tc über den be- rein oder als Einkristall herzustellen, was leitung in Magnesiumdiborid im Jahr
reits erreichten Wert von etwa 23 Kelvin die Beschreibung ihrer grundlegenden Ei- 2001 genau das, was allen fehlte: Das
hinauszutreiben. genschaften erschwerte. Zudem war es Material zählt zu den einfach zu handha-
Dies änderte sich 1986 schlagartig mit nicht leicht, sie zu Drähten zu verarbei- benden intermetallischen Verbindungen,
der Entdeckung der Hochtemperatursu- ten: Im Gegensatz zu intermetallischen hat aber eine kritische Temperatur von
praleiter durch Johannes Georg Bednorz Supraleitern müssen die einzelnen Kör- knapp 40 Kelvin – rund doppelt so hoch
und Karl Alex Müller am IBM-Forschungs- ner, aus denen diese Oxide bestehen, in wie die bisheriger intermetallischer Su-
zentrum in Rüschlikon (Zürich). Auch für bestimmter Richtung zueinander ausge- praleiter.

Supraleiter im Lauf der Jahrzehnte


160

Quecksilber-Barium-
Kalzium-Kupferoxid
140 BCS-Supraleiter

ig
s
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r
Kupferoxid-Supraleiter Thallium-Barium-
Kalzium-Kupferoxid
120 Wismut-
Strontium-Kalzium- Nachttemperatur
Kupferoxid auf dem Mond
Temperatur in Kelvin

100
Yttrium-Barium-Kupferoxid

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r
80 fl Stickstoff

ig
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s
60

ü
Magnesium-
diborid
TOMMY MOORMAN UND CARLI MORGENSTEIN

40 Lanthan-Strontium- Oberfläche des Pluto


Kupferoxid
fl Neon
20 Triniob- Yttrium- fl Wasserstoff
Niob- Triniob- Germanium Palladium-
Queck- nitrid Zinn Borkarbid
Blei Niob
silber fl Helium
0
1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010

Jahr der Entdeckung

60 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Für den technischen Einsatz muss
ein Supraleiter im Allgemeinen deutlich Verbesserte Performance
unter die Sprungtemperatur abgekühlt
werden – auf Werte zwischen dem 0,5- Für den praktischen Einsatz ist es beson- dotiertem MgB2 und ein dünner Film
und dem 0,7fachen von Tc. Denn je nä- ders wichtig, dass die Supraleitung auch aus MgB2 mit unbekannten Zusätzen
her die Betriebstemperatur an Tc liegt, in äußeren Magnetfeldern und bei star- bei allen untersuchten Temperaturen ei-
desto größer ist die Gefahr, dass die Su- kem Stromfluss erhalten bleibt. Die Kur- nem hohen Magnetfeld (kritische obere
praleitung durch hohe Ströme oder star- ven in den beiden Diagrammen zeigen, Feldstärke) besser standhalten als
ke Magnetfelder zerstört wird. Demnach wie das gezielte Hinzufügen von Fremd- Nb3Sn. Die rechten Graphen (erstellt für
sollte ein Material, dessen Sprungtempe- atomen – eine so genannte Dotierung – 4 Kelvin, sofern nicht anders gekenn-
ratur 20 Kelvin beträgt, bei einer Tempe- die Eigenschaften von MgB2 verbessern zeichnet) zeigen, dass siliziumkarbid-
ratur von ungefähr 10 Kelvin betrieben konnte. Inzwischen übertrifft dieses Ma- dotiertes MgB2 ähnliche Stromleitungs-

T n
werden. Für die Kühlung käme somit terial teilweise die Eigenschaften des eigenschaften aufweist wie Nb3Sn,

ike
nur flüssiges Helium in Frage – was industriell häufig verwendeten Triniob- während andere Eigenschaften gering-

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nicht nur kostspielig, sondern auch äu- Zinn (Nb3Sn). Die Kurvenverläufe links fügig schlechter ausfallen. Gepunktete

ls
d
ßerst aufwändig wäre.

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zeigen, dass Drähte aus kohlenstoff- Linien stehen für Interpolationen.
Anwendungsorientierte Forscher in-

LUCY READING-IKKANDA
teressieren sich vor allem deshalb für

in Ampere pro Quadratzentimeter


esla

50
106 titandotiertes MgB2
Magnesiumdiborid, weil es einfacher auf
ko dü
eine verträgliche Betriebstemperatur ge- 40 Nb3Sn

kritische Stromdichte
do hle nn
tie ns 105
kühlt werden kann als die heute verwen-
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30

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deten Niob-Legierungen und -Verbin-
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gB 104
SiC-dotiertes MgB2
2
-F
dungen, die eine niedrigere Sprungtem- 2
N

ilm
b3
obere kritische F

20
Sn

peratur aufweisen. Als Kühlmittel für 103 reines


reine MgB2, 5 K
MgB2 eignen sich flüssiger Wasserstoff 10 MgB s 102
oder flüssiges Neon; auch sind Kältean- 2 reines MgB2,
20 K
lagen mit geschlossenem Kühlkreislauf, 0 0
die leicht Temperaturen unter 20 Kelvin 0 10 20 30 40 0 2 4 6 8 10
Temperatur in Kelvin esla
erreichen, zu einem erschwinglichen
Preis erhältlich.
Doch um diese Vision zu verwirk-
lichen, muss MgB2 gute Supraleiter- der dies eintritt, wird als obere kritische flussen – vorzugsweise durch gezielte Zu-
eigenschaften aufweisen. Forscher achten Feldstärke bezeichnet. Sie ist ein Maß gabe von Fremdatomen. Wird beispiels-
vor allem auf die Mischphase eines Sup- dafür, welchen praktischen Nutzwert ein weise etwas Bor durch Kohlenstoff er-
raleiters, bei der ein äußeres Magnetfeld Supraleiter hat. setzt, steigt die obere kritische Feldstärke
die Supraleitereigenschaft teilweise elimi- deutlich. Unser Team und andere For-
niert. In den meisten Alltagsanwendun- »Eine fantastische Verbesserung« schergruppen konnten zeigen, dass sich
gen wird sich das Material in dieser Pha- Im technischen Einsatz sind Supraleiter bei einer fünfprozentigen Kohlenstoff-
se befinden. Schwache Magnetfelder rei- zumeist mittelstarken Magnetfeldern aus- substitution die obere kritische Feld-
chen nicht aus, um die Mischphase zu gesetzt (das Magnetfeld reicht aus, um stärke von MgB2 mehr als verdoppelt –
erzeugen – sie dringen nicht ins Innere seine Funktion zu erfüllen, aber es elimi- eine fantastische und bedeutende Verbes-
des Supraleiters ein, sodass er supralei- niert die Supraleitfähigkeit nicht). Das serung.
tend bleibt. Magnetfelder mittlerer Stär- Ziel besteht also darin, die Bandbreite Des Weiteren zeigte ein Team um
ke hingegen können in den Supraleiter von Temperaturen und Feldstärken, in- David C. Larbalestier an der Universität
eindringen: Sie bilden feine »Schläuche« nerhalb derer der Supraleiter in der von Wisconsin in Madison, dass dünne
im magnetischen Fluss, so genannte Mischphase verbleibt, zu maximieren. Filme aus MgB2 noch höhere Werte für
Wirbel. Das Innere dieser Flussschläuche Temperaturen spielen bei diesen Betrach- die obere kritische Feldstärke aufweisen
ist normalleitend, außerhalb von ihnen tungen ebenfalls eine Rolle, weil die obe- – weit oberhalb des Werts für Triniob-
bleibt das Material jedoch supraleitend. re kritische Feldstärke eines Supraleiters Zinn (Nb3Sn). Dieser Befund gibt For-
In dieser Mischphase weisen Supra- von der Temperatur abhängig ist. Knapp schern Rätsel auf: Was ist die Ursache
leiter immer noch viele ihrer nützlichen unterhalb Tc liegt die obere kritische der Erhöhung? Handelt es sich um ge-
Eigenschaften auf. Doch je stärker das Feldstärke fast bei null. Das bedeutet, ringe Mengen Sauerstoff? Ist es ein ande-
äußere Magnetfeld wird, desto höher dass schon kleinste äußere Magnetfelder res Element, das sich unbemerkt einla-
wird der prozentuale Anteil des durch die Supraleitereigenschaft eliminieren gert und die Materialeigenschaften in
die Flussschläuche in seiner Supraleitung können. Bei tieferen Temperaturen hin- unbekannter Weise verändert? Ist es eine
beeinträchtigten Materials – bis zu dem gegen hält der Supraleiter auch stärkeren Dehnung der MgB2-Struktur in den Fil-
Punkt, an dem sie sich komplett überla- Störfeldern stand (siehe Kasten oben). men? Wie auch immer: Bereits jetzt ist
gern: Erfüllen die Flussschläuche den ge- Zum Glück lässt sich die obere kri- klar, dass MgB2 ein aussichtsreiches Ma-
samten Supraleiter, so verliert er seine tische Feldstärke eines supraleitenden terial für die Herstellung von supralei-
Supraleitfähigkeit. Die Feldstärke, bei Materials in gewissen Grenzen beein- tenden Magneten ist. Es verrichtet sei-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 61
SUPRALEITUNG

Die BCS-Theorie
z nen Dienst bei höheren Temperatu-
ren und möglicherweise sogar bei
höheren äußeren Feldstärken als Triniob-
Im Jahr 1957 präsentierten die Physiker Gitter aus supraleitendem Material
Zinn – die derzeit bevorzugt in solchen
John Bardeen, Leon N. Cooper und J. Magneten verwendete Verbindung.
Robert Schrieffer eine Erklärung für die Aus Sicht der angewandten Physik
gestörter Bereich
Supraleitung in Metallen – eine Theorie, ist die zweitwichtigste Eigenschaft von
die nach den Anfangsbuchstaben ihrer + + + + + Supraleitern die kritische Stromdichte.
Namen benannt wurde. In normalleiten- Sie kennzeichnet den maximalen Strom,
+ + + +
den Metallen werden Elektronen an De- + der durch einen Supraleiter fließen kann,
fekten oder Störstellen gestreut, was ohne dass dieser seine widerstandslose
Elektron 1
den elektrischen Widerstand hervorruft. Stromleitung verliert. Steigt die Strom-
Geht ein Material in den supraleitenden
positives Ion
dichte über den kritischen Wert, begin-
Zustand über, koppeln sich die Elektro- nen die Wirbel (also jene kleinen, nicht
nen gemäß der BCS-Theorie zu einem supraleitenden Regionen im Supraleiter)
Kollektiv zusammen, das sich ohne sich zu verschieben oder zu bewegen.

ALLE GRAFIKEN: LUCY READING-IKKANDA


Streuung fortbewegen kann. Daraus resultiert ein Energieverlust – der
+ +
Die Grundelemente dieses neuen + elektrische Widerstand ist größer als null.

ß
lm
ä
ig
+ +

e
e
r
g e
Elektronenzustands sind so genannte Elektron 2
+ Um diesem Effekt entgegenzuwir-
+ + + +
Cooper-Paare, in denen jeweils zwei ken, können die Wirbel durch gezieltes
Elektronen schwach aneinander gebun- Einbringen von Gitterdefekten festgehal-
den sind. Eine solche Anziehung zweier ten werden. Indem man die einzelnen
gleich geladener Teilchen erscheint zu- Kristallite (oder Körner) des Supraleiters
nächst unplausibel. Sie ist aber möglich, Ein Leitungselektron verzerrt das bei dessen Herstellung verkleinert, lässt
weil sich die negativen Elektronen durch o Gitter aus positiven sich ein solches Wirbel-Pinning (nach
ein Gitter aus positiven Atomrümpfen Ionen (oben). Die daraus resultierende dem englischen Wort für Festnageln) oft
bewegen. Jeder Partner eines Cooper- Konzentration positiver Ladungen zieht unterstützen. Denn je kleiner die Kristal-
Paars zieht auf seinem Weg eine Stö- ein zweites Elektron an (unten). lite, desto größer ist die Oberfläche an
rung positiver Ladung hinter sich her, den Korngrenzen, an denen die Wirbel
festgehalten werden. Eine weitere Me-

ig
durch die ein zweites Elektron angezo-

s
üe
n
gen wird (Bild rechts). Auf diese Weise Die einzelnen Cooper-Paare überla- thode zur Verbesserung des Wirbel-Pin-
bindet die Gitterverzerrung beide Elek- gern sich, und unterhalb der kritischen nings besteht darin, winzige Einschlüsse
tronen locker aneinander. (Genauer ge- Temperatur Tc nehmen sie einen ausge- von Materialien wie Yttriumoxid oder
sagt sind Gitterschwingungen bestimm- dehnten elektronischen Zustand an, bei Titandiborid in den Supraleiter einzu-
ter Frequenz an dieser Bindung beteiligt.) dem keinerlei elektrischer Widerstand bringen.
Eine grobe Analogie sind zwei Kinder, mehr auftritt.
die auf einem großen Trampolin sprin- Rohre für fl Wasserstoff
gen. Obwohl zwischen beiden Kindern Einer vereinfachten Version der BCS-The- Eine der größten Hürden, die der An-
keine Anziehung besteht, kommen sie orie zufolge bestimmen drei Eigenschaf- wendung von MgB2 entgegensteht, ist
sich tendenziell näher – eine Folge der ten eines Materials den Wert von Tc: Die die noch zu geringe kritische Stromdich-

liü c
Verzerrung, die das jeweils andere Kind kritische Temperatur ist umso höher, te in starken Magnetfeldern. In schwa-

k r
in der Trampolin-Bespannung erzeugt. r je mehr Elektronen am supraleiten- chen Feldern gleicht die kritische Strom-

idw
den Zustand beteiligt sein können, dichte zwar derjenigen von Triniob-

n
hen Einheiten

1,0
r je höher die charakteristische Fre- Zinn, doch im Vergleich zu diesem

ta
quenz der Gitterschwingungen ist, die Material fällt ihr Wert mit wachsender
an der Kopplung der Elektronen in Coo- Feldstärke deutlich schneller ab. Das ist
Mg11B2
per-Paaren mitwirken, und ein klarer Nachteil für den Einsatz in
0,5
r je stärker die Kopplung zwischen starken Magneten.
den Gitterverzerrungen und den Elektro- Andererseits haben die diversen For-
nen ist. schungsaktivitäten in den vier Jahren,

ä
t
n
g
Mg10B2

h
Jahrzehntelang war die Suche nach die seit Entdeckung der Supraleitfähig-
0,0
höheren Tc-Werten davon bestimmt, keit von MgB2 verstrichen sind, die kri-
Widers

37 38 39 40 41 42
diese drei voneinander abhängigen Pa- tische Stromdichte bereits deutlich erhö-
Temperatur in Kelvin rameter zu optimieren – mit einer be- hen können – nicht nur in schwachen
sonderen Präferenz für die beiden ers- Magnetfeldern, sondern insbesondere
Isotopeneffekt: Der Wert der kriti- ten. MgB2 scheint indes wegen seiner auch im Hochfeldregime. Weitere Fort-
o schen Temperatur von MgB2 stärkeren Elektron-Gitter-Kopplung – der schritte sind zu erwarten, wenn die Phy-
davon ab, ob es mit dem Isotop Bor-10 dritten dieser Eigenschaften – einen hö- siker ein tieferes Verständnis für die Vor-
oder Bor-11 hergestellt wurde. heren Tc-Wert aufzuweisen. gänge beim Wirbel-Pinning in MgB2
entwickeln.

62 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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z
ü
SUPRALEITUNG

Struktur und Bindungen


Einer der Hauptgr nde für die überra- Die Leitungselektronen der ebenen belebt: Kann die Supraleitung auf zwei
schend hohe Sprungtemperatur von Bindungen werden von Gitterschwingun- unterschiedliche Gruppen von Elektro-
MgB2 ist die Stärke der Wechselwirkung gen innerhalb der Ebene erheblich beein- nen (grüne und goldene Elektronenwol-
zwischen bestimmten Elektronen und flusst (rote Pfeile). Diese starke Wech- ken) im Material zurückzuführen sein, die
bestimmten Gitterschwingungen. Diese selwirkung oder Kopplung führt zu einem zwei verschiedene Kollektive aus Coo-
starke Wechselwirkung ist auf die Struk- Zustand, der Supraleitung bei recht ho- per-Paaren bilden? Die bisherigen experi-
tur und die Bindungen des Materials zu- hen Temperaturen ermöglicht. mentellen Befunde weisen darauf hin,
rückzuführen. MgB2 hat eine sehr interessante phy- dass MgB2 das erste Beispiel für dieses
Die Boratome im MgB2 sind in Form sikalische Grundsatzdiskussion wieder- Phänomen ist.
einer sechseckigen Honigwabe angeord-
net (rechts, rot) und durch Schichten aus Bor-Position starke Bindung
Magnesiumatomen (blau) voneinander Magne-
sium
getrennt. Die Elektronen, die sowohl für
die gewöhnliche Leitfähigkeit als auch
für die Supraleitung verantwortlich sind,
finden sich in den Borschichten – sie Bor
sind bei einer der zwei möglichen Bin-
dungen des Materials beteiligt (ganz

LUCY READING-IKKANDA
rechts). Eine sehr starke Bindung be-
steht innerhalb der Sechseckebene –
und eine viel schwächere zwischen den schwache
Elektronenwolken Bindung
Borschichten.

Die Entdeckung der Supraleitfähig- tender Drähte und sogar einige Magnete leitung in den Kupferoxiden glich der
keit von MgB2 ist einerseits das Ergebnis konnten bereits im Labor gefertigt wer- Entdeckung eines neuen Kontinents (wo
jahrzehntelanger gezielter Forschung in den. Aber es ist noch viel Arbeit nötig, weites Terrain zu erkunden war). Die
diesem Bereich. Andererseits führt sie vor um den Supraleiter zu optimieren, seine Entdeckung der Supraleitung in MgB2
Augen, dass die Natur nicht unseren un- materialspezifischen Eigenschaften zu hingegen ähnelt eher der einer entlege-
zulänglichen Beschreibungsversuchen zu verstehen und die Herstellungstechnik nen Insel eines wohlerforschten Archi-
gehorchen braucht. Obwohl MgB2 als besser in den Griff zu bekommen. pels. Wir wissen derzeit nicht, ob MgB2
chemische Verbindung bereits seit über Insgesamt sieht die Zukunft für das letzte Glied in dieser Kette ist oder
50 Jahren bekannt ist, wurde das Mate- MgB2 recht viel versprechend aus – ins- ob uns noch weitere Überraschungen er-
rial erst jetzt auf supraleitende Eigen- besondere dann, wenn eines Tages Was- warten.
schaften hin getestet. Dies ist teils darauf serstoff in unserer Energieversorgung
zurückzuführen, dass MgB2 nicht in un- eine größere Rolle spielen sollte. Die gro-
ser Bild von Kandidaten für intermetal- ßen Mengen Wasserstoff müssten ir- Paul C. Canfield (oben) und
lische Supraleiter passte. Zum Glück hat gendwie transportiert werden. Eine Sergey L. Bud’ko forschen am
die Natur gelegentlich wohlmeinende Möglichkeit wären wärmeisolierte Rohr- Ames-Laboratorium des US-Ener-

A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
gieministeriums in Iowa. Can-
Überraschungen für uns parat. leitungen, durch die flüssiger Wasserstoff field ist außerdem als Professor
In den vergangenen vier Jahren hat bei Temperaturen unterhalb seines Sie- für Physik und Astronomie an
sich unser Verständnis der Supraleiter- depunkts von 20 Kelvin gepumpt wird. der Iowa State University tätig.
eigenschaften von MgB2 drastisch und Diese Rohre könnten zugleich als Kühl- Beide erforschen die Eigen-
erstaunlich schnell erhöht. Wir haben system für verlustfrei leitende Stromka- schaften neuer Materialien.
klare Vorstellungen der Eigenschaften bel aus MgB2 fungieren. Wenngleich ein Magnesium Diboride: better
von hochreinem MgB2, und wir lern- solches System zurzeit eher nach Sci- late than never. Von Paul C. Can-
field und George W. Crabtree in: Physics today,
ten, wie wir das Material verändern müs- encefiction klingt, gibt es bereits Vor-
Bd. 56, Heft 3, S. 34, März 2003
sen, um es gegen Magnetfelder resisten- schläge für Machbarkeitsstudien.
ter zu machen und seine kritische Strom- Nach der Entdeckung des ersten Superconductivity in MgB2: electrons, phonons,
and vortices. Von Wai Kwok, George W. Crabtree,
dichte zu erhöhen – was den Nutzwert Kupferoxid-Supraleiters fanden Forscher
Sergey L. Bud‘ko und Paul C. Canfield (Hg.) in: Phy-
steigert. Seine Eigenschaften bei 20 bis Unmengen anderer supraleitender Kup- sica C, Bd. 385, Heft 1-2, März 2003
30 Kelvin konnten so weit verbessert feroxid-Varianten. Beim MgB2 hingegen
Magnesium Diboride: one year on. Von Paul C.
werden, dass Starkstromanwendungen – sieht es anders aus: In den vier Jahren Canfield und Sergey L. Bud‘ko in: Physics World,
etwa Magnete – mit Kühlmitteln wie seit seiner Entdeckung als Supraleiter Bd. 15, Heft 1, S. 29, 2002
flüssigem Wasserstoff, flüssigem Neon konnten keine verwandten Verbindun-
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
oder mit den gängigen Kälteanlagen rea- gen mit ähnlich hohen Tc-Werten gefun- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
lisierbar scheinen. Prototypen supralei- den werden. Die Entdeckung der Supra-

64 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL IV z
Brownsche Bewegung
Heute und vor 100 Jahren
Im Jahr 1905 diskutierten die Wissenschaftler noch immer,
ob Materie aus Atomen und Molekülen bestehe. Albert Einstein
trug nicht nur dazu bei, die Vorstellung vom molekularen
Aufbau der Körper zu festigen, sondern gab auch dem Gebiet
der statistischen Physik neuen Auftrieb.

Von Georg Wolschin diese Weise bestätigen, dass die Materie von anorganischen Mineralien die gleiche
aus Atomen aufgebaut ist – unter ande- Zitterbewegung. Demnach musste es sich

G
anz im Gegensatz zu Einsteins rem für jene Arbeit erhielt er 1926 den um einen physikalischen und nicht um
berühmten Arbeiten über die Physik-Nobelpreis. Einstein hatte diese einen biologischen Effekt handeln.
Spezielle Relativitätstheorie Ehrung bereits fünf Jahre zuvor erhalten Es vergingen Jahrzehnte, in denen
sind zwei andere, ebenfalls im – allerdings nicht für die Arbeiten zur die grundlegende Bedeutung des Phäno-
Jahr 1905 fertig gestellte Manuskripte in brownschen Bewegung oder zur Relati- mens weit gehend unerkannt blieb. Ei-
der Öffentlichkeit weniger bekannt. vitätstheorie, sondern für die Erklärung nes der größten Rätsel war, dass die Zit-
Dennoch gehören auch sie zu den weg- des Fotoeffekts. terbewegung nicht zum Erliegen kam.
weisenden Publikationen, mit denen der Das Phänomen der brownschen Be- Was führte den suspendierten Partikeln
am Berner Patentamt angestellte »Exper- wegung war damals schon seit Langem unablässig Energie zu?
te dritter Klasse« die weitere Entwick- bekannt – doch fehlte noch die richtige Am 18. Juli 1905 schließlich erschien
lung der Physik befruchtete. theoretische Interpretation. Benannt ist Einsteins Arbeit mit dem Titel Ȇber die
Beide Veröffentlichungen behandeln es nach dem schottischen Botaniker Ro- von der molekularkinetischen Theorie
die so genannte brownsche Bewegung. bert Brown (1773 – 1858), auf den auch der Wärme geforderte Bewegung von in
Damit bezeichnen die Wissenschaftler die erste klare Beschreibung des Zellkerns ruhenden Flüssigkeiten suspendierten
die scheinbar regellose Zitterbewegung zurückgeht und der entscheidend dazu Teilchen« in den »Annalen der Physik«.
von in Flüssigkeiten suspendierten ma- beitrug, aus der Botanik eine wissen- Gleich im ersten Absatz schrieb er: »Es
kroskopischen Teilchen. Deren Zick- schaftliche Disziplin zu machen. Als ist möglich, daß die hier zu behandeln-
zackdrift wird – wie Einstein vermutete Brown im Sommer 1827 Blütenpollen in den Bewegungen mit der sogenannten
– durch die thermische Bewegung der einem Wassertropfen unter dem Mikros- ›Brownschen Molekularbewegung‹ iden-
Flüssigkeitsmoleküle hervorgerufen, die kop untersuchte, fiel ihm auf, dass sich tisch sind; die mir erreichbaren Angaben
mit den Partikeln zusammenstoßen. die Pollen in ständiger zittriger Bewegung über letztere sind jedoch so ungenau,
Einstein ebnete mit diesen Arbeiten befanden, die weder aufhörte noch ge- daß ich mir hierüber kein Urteil bilden
den Weg für den experimentellen Nach- dämpft wurde. Äußere Einflüsse wie etwa konnte.« Aus diesem Grund fehlt auch
weis der Flüssigkeitsmoleküle, die wegen Licht konnte er als Ursache ausschließen. der Hinweis auf die brownsche Bewe-
ihrer geringen Größe selbst nicht sicht- Zunächst versuchte Brown, seine Ent- gung im Titel der Arbeit.
bar sind. Tatsächlich konnte der franzö- deckung als Eigenschaft von lebenden Inzwischen ist längst klar, dass die
sische Physikochemiker Jean Baptiste Substanzen zu erklären. Doch der Botani- Diffusionstheorie, die Einstein in dieser
Perrin (1870 – 1942) im Jahr 1908 auf ker fand auch für suspendierte Körner Publikation vorlegte, auf die brownsche

66 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Im Mai 1905 erschien in den »Anna-
o len der Physik« Einsteins Aufsatz,
in dem er die brownsche Molekularbewe-
gung theoretisch begründete.

Molekularbewegung anwendbar ist. Es Spektrum der Wissenschaft: Herr Groß- Großmann: Ja, die 1905er Arbeit über sus-
gelang ihm, eine theoretische Herleitung mann, wie kam Einstein dazu, sich mit pendierte Körper, über die wir uns hier un-
des Diffusionskoeffizienten zu geben und der brownschen Bewegung zu befassen? terhalten, ist ganz wesentlich aus Ein-
die (heute Einstein-Relation genannte) Siegfried Großmann: Der molekulare Auf- steins Dissertation erwachsen, in denen
Beziehung zwischen dem Diffusionskoef- bau der Materie war um 1900 ein leiden- er Lösungen behandelte. Eine weitere
fizienten und der Temperatur abzuleiten. schaftlich diskutiertes Thema der For- Anschlussarbeit, die ebenfalls im Februar
Die Bedeutung der Einstein’schen schung. Es war die Zeit des gedanklichen, 1906 in den »Annalen der Physik« er-
Arbeiten über die brownsche Molekular-

E fl
in
vielleicht auch emotionalen Übergangs schien, ergänzte sie unter dem Titel »Zur

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bewegung für die moderne Wissenschaft von der klassischen zur atomistisch ge- Theorie der Brownschen Bewegung«.
ist enorm. Nicht nur in der Physik und prägten modernen Physik. Deshalb ist es Einstein hielt nunmehr also für gesichert,
in angewandten Bereichen wie der Na- nicht verwunderlich, dass auch der junge dass seine Diffusionstheorie die seit Lan-
notechnologie, sondern auch in Biologie Albert Einstein, der 1905 gerade 26 Jahre gem bekannte brownsche Bewegung be-
und Chemie ist Einsteins Theorie der alt war, sich mit der »molekularkineti- schrieb.
Diffusion sehr wichtig, und diese Origi- schen« Physik auseinander setzte. Spektrum: Was war denn das grundlegend
nalarbeiten werden heute viel öfter zitiert Groß uss auf Einstein hatten die Neue an seiner Diffusionstheorie?
als diejenigen über den Fotoeffekt oder Arbeiten von Ludwig Boltzmann, Max Großmann: Einstein gründete seine Ana-
die spezielle Relativität. Planck und Robert Kirchhoff über die kine- lyse nicht wie seine Vorgänger auf den
Das folgende Interview mit dem

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tische Gastheorie und die Thermodyna- Gleichverteilungssatz der Energie über

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Physiker Siegfried Großmann von der mik. Seine Dissertation schrieb er über alle Freiheitsgrade, sondern auf den ma-
Universität Marburg soll Entstehungsge- die molekularkinetische Analyse von Lö- kroskopisch messbaren osmotischen
schichte, Inhalt und Wirkung der sungen. Darin gelang es ihm, die Begriffe Druck der suspendierten »Körperchen«.
Einstein’schen Arbeiten zur brownschen der klassischen Hydrodynamik und der Auch studierte er nicht deren Geschwin-
Molekularbewegung im Hinblick auf die Diffusionstheorie zusammenzubringen. digkeit, die sich ja unter den Stößen der
moderne Forschung beleuchten. Im Juli 1905 reichte er die Dissertation an umgebenden Flüssigkeitsmoleküle stän-
der Univ h ein; eine überarbei- dig ändert, sondern vielmehr die mittlere
Georg Wolschin lehrt tete Fassung erschien im Februar 1906 in Verschiebung der Körperchen durch die
AUTOR

an der Universität Hei- den »Annalen der Physik«. statistisch erfolgenden Molekülstöße. Er
delberg Physik und ist Spektrum: Dann ist die 1905 vorgelegte behandelte also eine ganz andere, eine
freier Wissenschafts-
Diffusionstheorie ein Produkt von Ein- neue und richtig gewählte Größe, die
journalist.
steins Doktorarbeit? messbar sein sollte und unter dem da-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 67
SERIE: INTERVIEWS ZUM EINSTEIN-JAHR 2005 / TEIL IV

l
zfü
r
Siegfried Großmann ist emeritierter
Universitätsprofessor Theoreti-
Entropie einhergehen. Ähnliches hatte
auch schon der hoch angesehene Henri
sche Physik an der Philipps-Universität Poincaré geäußert.
Marburg. Zu seinen Arbeitsgebieten ge- Einstein werden sich solche Zweifel
hören unter anderem die statistische Phy- aber gar nicht gestellt haben, weil sich
sik realer Gase und Fluide und die nicht- die Bewegung der Konstituenten, also
lineare Dynamik komplexer Systeme. der Flüssigkeitsmoleküle und der suspen-
dierten Körper, nicht unterscheiden. Der
Zweite Hauptsatz beansprucht Gültigkeit
für die Statistik von großen Systemen
So sagt er einleitend, dass nach der oder von solchen mit vielen Freiheitsgra-
klassischen Theorie der Thermodynamik den, aber nicht für die Schwerpunkts-

ROLF K. WEGST / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


nicht zu erwarten sei, dass suspendierte bewegung einzelner Teilchen. Letztere ge-
Teilchen auf die Gefäßwände irgendeine horcht der reversiblen newtonschen Me-
Kraft ausübten. Aber, und nun folgt O-Ton chanik, während der Zweite Hauptsatz
Einstein, »vom Standpunkt der molekular- über die Entropie die irreversible, nicht zeit-
kinetischen Wärmetheorie kommt man zu umkehrbare Vielteilchendynamik betrifft.
einer ganz anderen Auffassung … Die Beide kommen sich nicht nur nicht ins Ge-
suspendierten Körper üben einen osmoti- hege, sondern sie vertragen sich nach
schen Druck aus« – wie gelöste Moleküle heutiger Einsicht wunderbar. Einstein ist
auch. Denn, so seine wichtige Einsicht, übrigens auf Röntgens Brief nie explizit
mals neu entwickelten Ultramikroskop gelöste Moleküle und suspendierte Kör- eingegangen.
dann auch gemessen werden konnte. per unterscheiden sich »lediglich durch Spektrum: Anfang des 20. Jahrhunderts
Neu war aber auch, die Kenngrößen der die Größe«. Er berechnet diesen Druck wurde noch immer diskutiert, ob Atome
Diffusionsbewegung mit der inneren Zä- und die Ausbreitung durch Diffusion bei und Moleküle »reale« Teilchen seien. Wel-
higkeit der Flüssigkeit zu verknüpfen. Die- Druckgefälle und schließt mit den Worten chen Einfluss hatten Einsteins Arbeiten in
se ist ja der bremsende Gegenspieler der »Möge es bald einem Forscher gelingen, dieser Hinsicht?
Bewegung, in welche die Partikel durch die hier aufgeworfene, für die Theorie der Großmann: Sie haben wesentlich zum Be-
die Stöße geraten. Wärme wichtige Frage zu entscheiden.« wusstseinswandel über die molekulare
Spektrum: Stand denn Einstein mit der Spektrum: Und dieser Forscher, dem es Struktur der physikalischen Körper beige-
Entwicklung seiner Diffusionstheorie in gelang, war Perrin?
der Forschung ähnlich singulär da wie mit Großmann: Ja. Der Franzose Jean Baptiste
seiner Relativitätstheorie? Perrin hat mit seinen Experimenten die
Großmann: Nicht ganz. Der Theoretiker Einstein’schen Ergebnisse und Vorhersa-
Marian von Smoluchowski, der an den gen über die Diffusion schon 1908 glän-
Universitäten Lemberg und Krakau lehrte, zend bestätigt.
hat die Beschreibung der brownschen Spektrum: Wie haben Einsteins Zeitge-
Molekularbewegung mit Hilfe der mitt- nossen die Diffusionstheorie denn aufge-
leren quadratischen Verschiebung unter nommen? Gab es vor der experimentel-
dem Einfluss der Molekülstöße unabhän- len Bestätigung auch Kritik?
gig entwickelt und 1907 veröffentlicht. Großmann: Es gab schon das eine oder an-
Auch Ludwig Boltzmann hatte in seiner dere Verständnisproblem. So vermutete
Gastheorie gesagt, dass die thermische Wilhelm Conrad Röntgen in einem Brief,
Bewegung der Moleküle zu einer mess- den er im September 1906 an Einstein
baren Verschiebung der Körperchen füh- schrieb, dass die brownsche Bewegung
ren sollte. im Widerspruch zum Zweiten Hauptsatz
Spektrum: Apropos »messbar« – wie ließ der Thermodynamik stünde, nach dem ir-
sich Einsteins Theorie bestätigen? Reich- reversible Prozesse in einem abgeschlos-
ten die bisherigen Beobachtungen der Zit- senen System mit einer Vergrößerung der
JAIDEEP MATHUR / AMERICAN SOCIETY OF PLANT PHYSIOLOGISTS

terbewegungen aus, oder machte er auch


Vorhersagen, die experimentell überprüft
werden konnten?
Großmann: Einstein gelang es, die Physik Auch bläschenförmige Strukturen
von suspendierten Körpern, also gewis- r im Cytoplasma lebender Zellen un-
sermaßen Übermolekülen, quantitativ und terliegen der brownschen Bewegung.
experimentell nachprüfbar zu beschrei- Von den hier in Zwei-Sekunden-Interval-
ben. Auf eine Bewährung seiner Formeln len fotografierten Peroxisomen zeigen
in Experimenten legte er außerordentli- zwei eine solche Zitterbewegung (Kreis
chen Wert! Sie war Teil seiner Motivation und Quadrat), während sich die mit den
zu dieser Arbeit. Ziffern 1 bis 5 markierten aktiv bewegen.

68 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
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tragen – seien sie nun fest, üssig oder
gasförmig. Da Einsteins Aussagen, die

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sich aus der Vorstellungen der Molekular-
kinetik ergaben, durch Messungen nach-
prüfbar waren, erwiesen sie und damit
die Moleküle sich als in demselben Sinne
real wie andere Vorstellungen der Physik,
zum Beispiel elektrische oder magneti-
itd
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In suspendierte Partikel
in dieser Computersimulati-
on) verhalten sich wie große
Wegen der Schwerkraft nimmt ihre Kon-


sche Felder, Ladungen, Lichtquanten und Baustein für die Untersuchung vieler Sys-
vieles andere mehr. teme aus Physik, Chemie, Biologie, Neu-
Einstein war hinsichtlich des molekula- rologie, weicher Materie, Verkehrsfor-
ren Aufbaus der Materie zwar ein Rufer schung, Rauschgrenzen für Messgeräte,
neben anderen, etwa Ludwig Boltzmann, Bewegung von Viren oder Wirkstoffen
trug aber wesentlich zum endgültigen und so weiter.


Durchbruch bei. Er überzeugte schließlich Spektrum: Welche Gebiete in der heutigen
selbst die großen, aber ein ussreichen naturwissenschaftlichen Forschung profi-
Skeptiker wie Ernst Mach und Wilhelm tieren Ihrer Meinung nach am meisten
Ostwald. In der Atomdebatte bewirkte von den 1905er Arbeiten?
Einstein die durchgreifende Änderung des Großmann: Das kann man wohl so nicht
Bewusstseins, indem er die Analyseme- beantworten. Einstein hat mit allen drei
thode wesentlich erweiterte und neue, großen Arbeiten von 1905 die Entwick-
experimentell prüfbare Verknüpfungen lung der Physik wesentlich beein usst
herstellte. In den anderen beiden großen und geprägt. Seine Ergebnisse sind uns
Arbeiten von 1905 zur Relativitätstheorie heute so selbstverständlich, dass man
und zum Fotoeffekt änderte er hingegen sich oft gar nicht klar darüber ist, wann
Grundvorstellungen der Physik. und wo man sie überall verwendet. Auch
Spektrum: Gibt es ein zentrales Ergebnis werden die forschenden Wissenschaftler
der Diffusionstheorie, das über die Erklä- je nach ihrem Interessengebiet unter-
rung der brownschen Bewegung hinaus- schiedliche Antworten geben wollen. Be- MARK D. HAW

reicht? sonders die jeweils junge Generation lernt


Großmann: Zunächst einmal Einsteins Ein- die Physik nach Einsteins Einsichten, ohne
sicht, dass im molekularkinetischen Be- sich bewusst zu sein, dass es so ist. 1905 gefundenen Gesetzmäßigkeiten un-
reich generell die Gesetze der Statistik Spektrum: Wieso werden Einsteins Arbei- terworfen – seine diesbezüglichen Arbei-
und Wahrscheinlichkeitsverteilungen an- ten über die brownsche Molekularbewe- ten müssen also auch zitiert werden.
zuwenden sind. gung heute von anderen Wissenschaft- Spektrum: Und woran liegt es nun, dass
Spektrum: Und weiter? lern häufiger zitiert als diejenigen über die die brownsche Bewegung nicht mit der
Großmann: Die molekularkinetische Theo- Spezielle Relativitätstheorie und den Fo- Zeit aufhört?
rie und die makroskopische Wärmetheo- toeffekt – für die Einstein in der Öffentlich- Großmann: Weil sie Teil und Indikator der
rie wurden vereinheitlicht. Die bis dahin keit doch weit bekannter ist? ewigen atomaren Wärmebewegung ist.
nur für verdünnte Systeme, also Gase, Großmann: Das hängt vielleicht damit zu- »Wärme« ist ja nichts anderes als Bewe-
geltende Kinetik konnte nun Aussagen sammen, dass die moderne Wissenschaft gungsenergie der Moleküle, wie klein oder
machen, die auch für kondensierte Syste- sehr interdisziplinär geworden ist. Mole- groß sie auch sein mögen. Die thermische
me, also für Flüssigkeiten, gelten, bei de- kulardynamik wendet man heute auch in Energie eines jeden Moleküls ist gleich,
nen die teilnehmenden Moleküle, seien der Biophysik, der Molekularbiologie, der weil sie alle miteinander in Kontakt stehen.
sie winzig oder riesengroß, beliebig stark Biochemie und so weiter an. Das sind Ge- Die Geschwindigkeit eines Moleküls ist
und andauernd miteinander interagieren. biete, in denen die molekularkinetischen zwar umso kleiner, je größer seine Masse
Einsteins Trick war, messbare Größen un- Grundlagen für die meisten beobachteten ist, aber Bewegung ist stets vorhanden.
ter verschiedenen Gesichtspunkten zu Phänomene besonders wichtig sind. Es Alles stößt sich gegenseitig. Kühlt man ab,


betrachten und so Verknüpfungen zwi- sind einfach mehr Wissensgebiete und geht alles gemächlicher zu. Aber so wenig
schen ihnen herzustellen. Das liefert ex- deshalb mehr Wissenschaftler, die auf man den absoluten Nullpunkt erreichen
plizite Formeln, die man nachmessen Einsteins Suspensionsarbeit, auf seine kann, so wenig kann man die Bewegung
kann. Solche Zusammenhänge nennen Analyse brownscher Bewegung oder auf anhalten! Bei endlicher Temperatur bewegt
wir heute »Einstein-Relationen«. seine Einsichten zur Statistik von Schwan- sich alles immer, hört also nie auf.
Spektrum: Wo spielen solche Relationen kungen zurückgreifen. Zellen des mensch-
eine Rolle? lichen Körpers oder die von Tieren und
Die Fragen stellten Uwe Reichert, Redakteur
Großmann: Etwa bei den Zusammenhän- P anzen bestehen aus vielen, ganz unter-
AUTOREN

bei Spektrum der Wissenschaft, und Georg


gen zwischen Gleichgewichtsschwankun- schiedlich großen Molekülen. Alle zeigen Wolschin.
gen einerseits und der Reaktion eines sie Diffusion, alle zeigen andauernde ther-
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
Systems auf äußere Störungen anderer- mische Bewegung, hydrodynamische Vis- spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
seits. Sie bilden heute einen zentralen kosität. Sie sind also den Einstein’schen,

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 69
JUNGE WISSENSCHAFT

Forschen wie in Wollen Sie Ihren Schülern einen An-


reiz zu intensiver Beschäftigung mit
der Wissenschaft geben? »Wissen-

der echten Wissenschaft schaft in die Schulen!« bietet teilneh-


menden Klassen einen Klassensatz
»Spektrum der Wissenschaft« oder
Eine bunte Vielfalt von Schülerlaboren jeder Größe und Ausrichtung »Sterne und Weltraum« kostenlos
bietet Kindern und Jugendlichen von der Grundschule bis zum Abitur für ein Jahr, dazu didaktisches Mate-
rial und weitere Anregungen.
Gelegenheit, Experimente zu Fragen aus der aktuellen Forschung mit
www.wissenschaft-schulen.de
professionellem Gerät durchzuführen.

Von Katrin Engeln ist es vom Thema her unmittelbar inte-


ressant und so schwer, dass die Teilneh-

D ie Krankheit ist nicht neu, die The-


rapie aber schon. Naturwissenschaf-
ten, vornehmlich Physik und Chemie,
mer vor einer echten Herausforderung
stehen, die zumeist Kooperation erfor-
dert. Bei einem großen Teil der Schüler-
gelten bei Schülern und vor allem Schü- labore dürfen die Teilnehmer auch ein
lerinnen als langweilig, uninteressant echtes Forschungslabor besichtigen.
und schwer. Entsprechend schlecht sind
die Leistungen, wie die jüngsten interna- Bunte Mischung
tionalen Bildungsvergleichsstudien mit für alle Altersklassen
ihren ernüchternden deutschen Ergeb- In der Regel bietet ein einzelnes Labor
nissen drastisch bestätigt haben. Als Ant- nur ein sehr begrenztes Sortiment an
wort darauf sind in den letzten Jahren Experimenten an und wendet sich an
Schülerlabore wie Pilze aus dem Boden eine einzige Klassenstufe, vor allem aus
geschossen. der gymnasialen Mittel- und Oberstufe.
Inzwischen hat sich eine ganze Schü- Über die ganze Szene hinweg ist jedoch
XLAB GÖTTINGEN

lerlabor-Szene in Deutschland etabliert. das Angebot sehr vielfältig und deckt das
Industrie, Universitäten und Forschungs- gesamte Spektrum von der ersten Klasse
einrichtungen haben die Initiative ergrif- bis zum 13. Jahrgang ab. Unter den bio-
fen und auf ihrem eigenen Gelände La- logischen Experimenten sind Gentech-
PHYSIK.BEGREIFEN@DESY.DE

bore eingerichtet, in denen Schülerinnen nologie und Mikrobiologie auffällig stark


und Schüler Experimente selbsttätig vertreten.
durchführen können. Oft sind die Expe- Eine Schulklasse besucht ein Labor
rimentierplätze mit Apparaturen ausge- innerhalb des regulären Unterrichts, ei-
stattet, die auch in der aktuellen For- ner Projektwoche oder auch einer Klas-
schung verwendet werden und in den senfahrt, für einen Tag, mehrere Tage am
Schulen nicht zur Verfügung stehen. Stück oder verteilt über das ganze Schul-
Im Idealfall gleicht das angebotene jahr. Daneben bieten viele Schülerlabore
Experiment den im Hause praktizierten auch Programme für spezielle Zielgrup-
Forschungsarbeiten und vermittelt den pen wie besonders Interessierte und
Jungforschern damit einen authenti- Hochbegabte oder auch eigens für Mäd-
schen und nachhaltigen Einblick in die chen an.
Arbeit des Wissenschaftlers. Außerdem Einige Schülerlabore sollen im Fol-
genden kurz vorgestellt werden.
r Das Lübecker offene Labor (Lola)
der Universität Lübeck wendet sich mit
Laserschutzbrillen sind bei den Gentechnik und molekularer Biotechno-
l entsprechenden Experimenten im logie vor allem an die Oberstufe. Unter
XLAB in Göttingen vorgeschrieben (oben); anderem kann man dort DNA-Abschnit-
bei »physik.begreifen@desy.de« bläht te vom Neandertaler mit denen vom
sich ein Schokokuss im Vakuum zu impo- Menschen vergleichen und so Rück-
santer Größe auf (unten). schlüsse auf deren Abstammung ziehen.

70 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Schülerlabore
Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Entstehungsgeschichte und www.lernort-labor.de, der Homepage des BMBF-Projekts
Ausrichtung stimmen die Schülerlabore in ihren Zielsetzungen »Lernort Labor«. Ziel dieses Projekts ist es, die Schülerlabore
überein. Es geht ihnen darum, in ihrer Entwicklung zu fördern, ihr Wirkungspotenzial zu ver-
r das Interesse an den Naturwissenschaften zu fördern, stärken und ihre langfristige Etablierung im Bildungssystem zu
r Tätigkeitsfelder und Berufsbilder im naturwissenschaftlichen unterstützen.
Bereich vorzustellen, Die Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren
r die Bedeutung von Naturwissenschaft für unsere Gesell- hat eine Broschüre herausgebracht, in der alle Schülerlabore
schaft aufzuzeigen und der Mitgliedsinstitute aufgeführt sind.
r ein zeitgemäßes Bild von Naturwissenschaften und Technik Die Robert Bosch Stiftung fördert mit dem Programm NaT-
zu vermitteln. Working (www.bosch-stiftung.de/natworking/) zahlreiche au-
Umfassende Informationen über die Schülerlabor-Szene und ßerschulische Initiativen im naturwissenschaftlich-technischen
konkrete Angaben über fast 250 Labore finden sich unter Bereich.

r Der Kubus des Umweltforschungszen- Dort können Neunt- und Zehntklässler


trums Leipzig-Halle GmbH in Leipzig mit echten radioaktiven Präparaten ar-
bietet Versuche zur Immunmodulation, beiten und die Wirkung verschiedener
zu Schadstoffen in Grundwasser und Abschirmungen untersuchen. Der Name
Luft sowie Biotests an. So kann man physik.begreifen@desy.de ist identisch
beim Fischei-Entwicklungs-Biotest den mit der Internet-Adresse.
Einfluss von Schadstoffen, darunter Al- r Im Schülerlabor Quantensprung, in
kohol, auf die Entwicklung von Eiern dem es insbesondere um Stromerzeu-
des Zebrabärblings untersuchen. gung geht, macht das GKSS-Forschungs-

Ö
r Im Teutolab Chemie der Universität zentrum in Geesthacht einen seiner For-
Bielefeld sind chemische, am Alltag ori- schungsgegenstände zum zentralen The-
entierte Versuche für alle Altersklassen in ma: die Brennstoffzelle, mitsamt Vermes-
den Themenreihen »Naturstoffe«, »Pro- sung der Kennlinie und Untersuchung
duktionschemie« und »Energie und Um- des Einflusses der Gaszufuhr.
DLR SCHOOL LAB G TTINGEN

welt« zusammengefasst. Typisches Bei- r Das DLR School Lab Göttingen des
spiel für die erste Themenreihe ist die Deutschen Forschungszentrums für Luft-
Gewinnung von Orangenöl aus Oran- und Raumfahrt hat für Schüler der Mit-
genschalen durch Wasserdampfdestillati- tel- und Oberstufe sieben verschiedene
on für die Klassenstufen 10 und 11. Experimente aus den Themenbereichen
r Einen ähnlichen Themenschwerpunkt Kräfte, Strömungen, Wirbel, Schwin-
TEUTOLAB CHEMIE, UNIVERSITÄT BIELEFELD

hat Chemie zum Anfassen, betrieben von gungen und Messtechnik im Programm.
der Fachhochschule Merseburg und dem Besonders eindrucksvoll ist ein etwa 20
Verein »Sachzeugen der Chemischen In- mal 80 Zentimeter großer, kontinuier-
dustrie«, der sich der Förderung von lich herabfließender Seifenfilm, der von
Technikgeschichte und Kultur der mit- einem Flügelprofil oder einem anderen
teldeutschen Chemieregion verschrieben Modellkörper genauso in seiner Bewe-
hat. Zur Auswahl stehen mehr als 500 gung gestört wird wie die Luft von ei-
Experimente in 36 verschiedenen Experi- nem echten Flugzeug. Variationen in der
mentierreihen, zum Beispiel Chemie in Strömungsgeschwindigkeit des Seifen-
Bad und Küche, Oberflächengewässer, films bewirken Veränderungen der Film-
Kosmetik und Chromatografie. Für die dicke, die ihrerseits durch optische Inter-

G
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Experimente der Reihe Oberflächenge- ferenz in schillernden Farben sichtbar ge-
wässer bringen die Achtklässler eigene macht werden (Bild oben rechts).

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Wasserproben mit, von denen sie den
pH-Wert, die Leitfähigkeit oder auch den
Sauerstoffgehalt bestimmen.
r Das Deutsche Elektronen-Synchro- Der Seifenfilm im DLR School Lab
tron DESY in Hamburg bietet in seinen r tingen zeigt die variierenden
Schülerlaboren Versuche zum Vakuum Geschwindigkeiten, mit denen er ein Hin-
mit einem eindrucksvollen Knalleffekt dernis (oben). In der »Picasso-
zum Schluss – Schokokuss im Vakuum Bar« des Teutolab malen die Kinder mit
(Bild links) – sowie zur Radioaktivität: selbst hergestellten Quarkfarben (unten).

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 71
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JUNGE WISSENSCHAFT

Am XLAB in tingen wird ein Ge-


r hirn seziert.

Weitere Schülerlabore betreibt das DLR


in Berlin-Adlershof, Hamburg, Köln-
Porz, Oberpfaffenhofen und Stuttgart-
Lampoldshausen.
r Die größten Schülerlabore überhaupt
sind eng mit Universitäten verbunden:
das Alfried-Krupp-Schülerlabor in Bo-
chum und das XLAB in Göttingen. Beide
wenden sich an die Mittel- und vor allem
XLAB GÖTTINGEN

die Oberstufe, decken das gesamte Spek-


trum der Naturwissenschaften ab und
haben ausreichend Kapazität, mehrere
Klassen gleichzeitig zu betreuen.
r Am anderen Ende der Größenskala schiedlichen Wegen zu Stande kommt: nehmer die »Verständlichkeit« der Ver-
gibt es viele kleinere Labore, die von Jungen begeistern sich eher für das Ma- anstaltung einschätzte, desto fähiger
dem Engagement einzelner Personen le- terial und die Ausstattung der Labore, fühlte er sich, die Herausforderung zu
ben, sich auf Kooperationen mit ausge- Mädchen eher für die Selbsttätigkeit bewältigen, und desto beglückter war er,
wählten Schulen beschränken und eher beim Experimentieren, den Wissenser- weil ihm das gelang. Das gilt besonders
im Verborgenen wirken. werb und die Zusammenarbeit. für diejenigen, denen die Naturwissen-
Überraschenderweise beurteilen die schaften eigentlich zuwider sind und die
Besuch mit Spätwirkung Schüler ihren Laborbesuch aus dem zeit- deshalb solche Erfolgserlebnisse nur sel-
In einer empirischen Untersuchung konn- lichen Abstand von einem Vierteljahr ten zu verzeichnen haben.
te ich zeigen, inwieweit und auf welche noch deutlich positiver als unmittelbar Treffend bringt ein Schüler auf den
Weise Schülerlabore ihre erklärten Ziele danach, und das, obgleich in den meis- Punkt, was er durch den Besuch des
(Kasten S. 71) tatsächlich erreichen. Ich ten Fällen im Unterricht keine Nachbe- Schülerlabors gelernt hat: »dass Experi-
befragte mittels Fragebogen ganze Schul- reitung stattgefunden hat. Offensichtlich mentieren Spaß bringt, mir zeigt, wie
klassen, die einen einmaligen Besuch in wirkt das Erlebnis nach und verändert Forschung wirklich funktioniert, und
den Laboren DLR School Lab Göttingen, im Effekt die Sichtweisen der Jugendli- dass Experimentieren anstrengend ist.«
Quantensprung, Teutolab und physik. chen. Angesichts der Wirkungslosigkeit
begreifen@desy.de (Vakuum und Radio- vieler schulischer Bemühungen zur För-
Katrin Engeln ist Diplom-
aktivität) absolvierten, und zwar einmal derung des Interesses an Naturwissen-
physikerin und Studienrätin für
unmittelbar im Anschluss an den Besuch schaften stimmt dieser Befund durchaus die Fächer Mathematik und
und nochmals etwa drei Monate danach optimistisch. Physik. Sie arbeitet gegenwär-
während des regulären Unterrichts. Die Jugendlichen waren von dem tig im Projekt »Lernort Labor«

A U T O R I N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
Bei der Auswertung der Antworten Laborbesuch regelmäßig dann besonders am Leibniz-Institut für die
Pädagogik der Naturwissenschaften der Univer-
konnte ich die Bewertung des Laborbe- angetan, wenn die – aus den Antworten sität Kiel.
suchs durch die Teilnehmer in drei Kom- errechneten – Variablen »kognitive He-
ponenten aufgliedern: die emotionale rausforderung« und »wahrgenommene Schülerlabors: authentische, aktivierende Lern-
umgebungen als Möglichkeit, Interesse an Natur-
(»Wie viel Spaß hat mir die Labortätig- Authentizität« hohe Werte aufwiesen. wissenschaften und Technik zu wecken. Von Kat-
keit gemacht?«), die wertbezogene (»Wie Dieser Befund lässt sich unmittelbar in rin Engeln. Logos, Berlin 2004
wichtig war der Besuch für mich?«) und eine Empfehlung umsetzen, der zu fol-
Nah dran – Die Helmholtz-Schülerlabore. Von der
die epistemische (»Wie sehr hat der Be- gen den Schülerlaboren wegen ihrer en- Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungs-
such meine Wissbegier geweckt?«). Da- gen Anbindung an Universitäten, For- zentren (Hg.), Bonn 2004. Bestellung oder Down-
bei traten in keiner der drei Komponen- schungseinrichtungen und Industrie load unter http://www.helmholtz.de/de/Publika-
ten nennenswerte geschlechtsspezifische nicht schwer fallen wird: Man bemühe tionen.html
Unterschiede zu Tage. Offenbar gelingt sich, einen Bezug zur aktuellen For- Brücken zur Wissenschaft – Empfehlungen zur
den Schülerlaboren, was im herkömm- schung herzustellen. Dadurch sind die Verstetigung der Zusammenarbeit von Schulen
lichen Schulunterricht vielfach scheitert: zu bearbeitenden Aufgaben automatisch und Hochschulen. Vom Stifterverband für die deut-
sche Wissenschaft und der Robert Bosch Stiftung
Mädchen und Jungen gleichermaßen an- nicht nur »echt«, sondern meistens auch
(Hg.), 2005. Download unter www.bosch-stiftung.
zusprechen. Eine genauere Analyse deu- »echt hart«, eine intellektuelle Nuss, die de/download/ bruecken_zur_wissenschaft.pdf
tet darauf hin, dass die annähernd gleich es zu knacken lohnt.
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei www.
positive Bewertung der Schülerlabore je Ein weiterer Befund kann nicht spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.
nach Geschlecht durchaus auf unter- wirklich überraschen: Je höher ein Teil-

72 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK
aus Metallgarn heraus. Die Element 101 getauft

WISSENSCHAFT IM RÜCKBLICK
Grundlage dieses metalli- »Vor etwa zwei Monaten konnten Nobelpreisträger Glenn Sea-
schen ›Garns‹ ist mit einem borg und Mitarbeiter an der University of California das Ele-
durchsichtigen Kunststoffilm ment 101 isolieren und identifizieren. Es ist schwerer als Pluto-
überzogen, der das Rosten nium oder natürlich vorkommendes Uran, überdies stark ra-
verhindert. Mit Hilfe dieses dioaktiv, eignet sich aber infolge seiner nur sehr kurzen
neuartigen Materials, das Lebensdauer nicht für die Gewinnung von Atomenergie. Ihm
Nicht rostender nicht nur zur Herstellung von wurde die Bezeichnung Mendelevium gegeben.« (Chemiker-Zei-
Badeanzug Badeanzügen benutzt werden tung, 79. Jg., Nr. 11, S. 377, Juni 1955)
kann, lassen sich interessante
»Die amerikanische Firma Farb- und Lichteffekte an
›Dobeckmun‹ brachte unter Bekleidungsstücken erzielen.« Mehr Licht
der Bezeichnung LUREX ei- (Deutsche Erfinderpost, 7. Jg., Nr. 6,
nen Badeanzug für Damen S. 11, 1955)
fürs Fernsehen
»Die neuen Riesenglühlam-
pen … haben eine Stromauf-
Älteste Dauersiedlung entdeckt nahme von 20 000 Watt …
Die bisherige 10 000 W-Seri-
»Östlich von Mossul in der Nähe der persischen Grenze wurde enlampe liefert einen Licht-
eine kleine prähistorische Ansiedlung entdeckt, die aus der strom vom etwa 300 000 lm. r Neben einer 40-W-Glühbirne wirkt
Zeit vor 5000 vor Christus stammt und als die älteste bisher Die neuen 20 kW-Lampen die neue 20-kW-Lampe riesig.
bekannte menschliche Dauersiedlung angesprochen wird. dürften mindestens den dop-
Die Bewohner hatten noch keine Sicheln und kein irdenes pelten Lichtstrom ausstrah- len Film- und Fernsehstudios
Geschirr, obgleich sie Figuren aus Ton formten. An Geräten len, was dem Licht von unge- ausleuchten sowie zum Auf-
fand man Feuersteinwerkzeuge, Steinmörser mit Stößel, Reib- fähr 430 normalen 100 W- hellen bei Außenaufnahmen
steine und Äxte.« (Naturwissenschaftliche Rundschau, 8. Jg., Heft 6, S. 239, Lampen gleichkäme … Die dienen.« (Die Umschau, 55. Jg.,
Juni 1955) neuen Riesenglühlampen sol- Heft 12, S. 362, Juni 1955)

Japanische Insel
verschwindet
»Die Insel Nuschima, die vor
Mit der Vielfachnadel hal-
ten die Patienten die »Pri- einigen Monaten in der Nähe
ckelung« meist auch ohne der Küste von Japan aus dem
Narkose aus. Meere entstand, verschwindet
mit beinahe ebenso großer noch zehn Fuß aus dem Was-
Geschwindigkeit wie sie ge- ser herausreiche … Man
kommen ist. Die japanische nimmt an, daß die junge Insel
Regierung sandte einen Ge- in einigen Wochen wieder
lehrten dorthin, … und dieser vollständig verschwunden sein
berichtete, daß die höchste wird.« (Beilage zur Allgemeinen Zei-
Stelle der Insel nunmehr nur tung, Nr. 146, S. 560, Juni 1905)

Abhilfe bei »Roten Nasen« Die Psychologie der Regenwürmer


»Eine höchst lästige Form bleibender Gefässerweiterungen ist »Bei seinen bekannten Untersuchungen … hatte Darwin unter
die ›rote Nase‹ … Die erschlafften Venenwände entbehren der anderem beobachtet, dass die Regenwürmer beim Hineinzie-
erforderlichen Elastizität. Sie nehmen immer grössere Blut- hen von Gegenständen in ihre Röhren stets sehr zweckmäßig
Quantitäten auf … und müssen zerstört werden. Der Dermato- verfahren. Lindenblätter wurden stets bei der Spitze, Rhodo-
loge Lassar hat zu dem Zweck einen kleinen Apparat konstru- dendronblätter am Grunde ergriffen … Zunächst konnte Frl.
iert. Ein … Elektromotor treibt einen hammerartigen Apparat, E. Hanel die Richtigkeit der Darwinschen Angaben … bestäti-
an dessen Ende ein Bündel von etwa vierzig feinen vergoldeten gen. Unverletzte Lindenblätter wurden stets mit der Spitze vo-
Platinspitzen befestigt ist. Diese ›Vielfachnadel‹ … bringt die ran eingezogen … auch, wenn ihm durch Wegschneiden der
voher gesäuberte Haut während weniger Minuten zu reichli- seitlichen Teile die Gestalt eines Rhododendronblattes gegeben
cher Blutung … Acht Sitzungen genügen meist, um selbst kup- wurde … So vermutet Frl. Hanel die Einwirkung chemischer
ferrote und Purpurnasen ohne jede Spur oder Narbe glatt und Reize … Aus Papier gefertigte Blätter, die in Gestalt und Zäh-
für immer zur normalen Farbe zurückzubringen.« (Die Umschau, nelung den natürlichen glichen, wurden stets bei der Spitze er-
9. Jg., Nr. 26, S. 517, Juni 1905) griffen.« (Die Umschau, 9. Jg., Nr. 25, S. 494, Juni 1905)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 77
SCHWERPUNKT Wasserstoff

Weichen stellen
für den Wasserstoff
Der Treibhauseffekt und das drohende Ende Wasser. Kritiker halten den Wasserstoffboom
des billigen Erdöls stehen ganz oben auf der für eine Geldvernichtungsmaschine: Eine glo-
Agenda der Europäischen Union. Und so gerät bale Wasserstoffwirtschaft käme derzeit zu
Wasserstoff als Energieträger zum Hoffnungs- teuer und sei überdies ökologisch fragwürdig.
träger, denn bei der Verbrennung dieses Doch wenn die Weichen nicht jetzt gestellt
allgegenwärtigen Elements entsteht lediglich werden, wann sonst?

86 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Dummy-TextÖKONOMIE
Blabla bla

Ein entschiedenes Jein


Für die einen ist Wasserstoff die Lösung aller Energiepro-
bleme, für die anderen reine Energieverschwendung. Die
Wahrheit lautet: Es ist eine Frage der ökonomischen und
politischen Rahmenbedingungen.

Von Bernd Müller Entdeckt wurde Wasserstoff 1766


vom englischen Chemiker Henry Ca-
vendish. Sein französischer Kollege An-
»Ich glaube, dass eines Tages Was- toine Lavoisier taufte das scheue Gas, das
serstoff und Sauerstoff, aus denen im Periodensystem der Elemente heute
sich Wasser zusammensetzt, … eine an erster Stelle steht, etwa zwanzig Jahre
unerschöpfliche Quelle von Wärme später »hydrogène«, was vom griechi-
und Licht bilden werden.« schen hydro (Wasser) und genes (erzeu-
Die Zukunft des Straßenverkehrs vor Jules Verne, gend) abgeleitet ist. Wasserstoff bildet
historischer Kulisse: Vor dem Brüsseler Die geheimnisvolle Insel, 1874 aber nicht nur Wasser, sondern steckt in
Cinquantenaire Arch posierten anläss- unzähligen anderen chemischen Verbin-
lich einer Tagung in diesem Jahr im Vor- dungen, zum Beispiel in Kohlenwasser-

D
dergrund der Scooter des Forschungs- ie Vision von Jules Verne stoffen. Als molekularer Wasserstoff
zentrums Jülich, in der mittleren Reihe scheint heute zum Greifen kommt es natürlich praktisch nicht vor.
die PKWs (von links nach rechts) F-Cell nah. Wasserstoff, chemisch Damit ist eine gravierende Ein-
(DaimlerChrysler), HyMotion (VW) und mit dem Buchstaben H be- schränkung schon genannt: Wasserstoff
Hydrogen3 (General Motors), dahinter zeichnet, ist nach menschlichen Maßstä- ist kein Primärenergieträger wie Öl,
schließlich die Brennstoffzellen-Busse ben unbegrenzt verfügbar: Das bekannte Kohle, Erdgas oder wie die Sonne. Um
von MAN und DaimlerChrysler (Citaro). Universum besteht zu 75 Prozent aus ihn zu nutzen, muss man ihn erst einmal
dem leichtesten aller chemischen Ele- herstellen – und das kostet Energie.
mente. Auch unter Umweltaspekten ist
das Gas mustergültig: Bei seiner Um- Universalgenie Wasserstoff
wandlung in Brennstoffzellen oder in Was Kritiker als Nachteil empfinden,
Verbrennungsmotoren fällt im Wesentli- preisen die Befürworter. Denn als Se-
chen nur Wasser an. Eine Energiewirt- kundärenergieträger lässt sich Wasser-
schaft, die den Brennstoff aus regenera- stoff aus beliebigen Primärenergien er-
tiven Quellen wie Wind-, Wasser- oder zeugen, zum Beispiel aus Erdgas refor-
Sonnenenergie erzeugt, würde viele der mieren (derzeit der gängigste Weg), aus
heutigen Probleme lösen: vom Treib- Kohle oder Öl abspalten oder mit über-
hauseffekt bis zur Versorgungssicherheit. schüssigem Strom in der Elektrolyse aus
So weit die Theorie. Kritiker bezeich- Wasser erzeugen. Und: Wasserstoff lässt
nen eine Wasserstoffwirtschaft als Ener- sich speichern – ein großer Vorteil ge-
gieverschwendung, die Ausgaben für genüber Strom, der nur in geringen
Forschung und Entwicklung sowie für Mengen in Batterien zu bevorraten ist.
den Aufbau einer Infrastruktur wären ih- Die Skepsis der Kritiker beruht denn
res Erachtens anderswo sinnvoller inves- auch weniger auf technischen Hinder-
tiert. Helmut Geipel vom Bundesminis- nissen – die sind zum großen Teil über-
terium für Wirtschaft und Arbeit wet- wunden –, sondern in erster Linie auf
tert: »Wasserstoff ist leichter als Luft und den politischen und wirtschaftlichen
führt dazu, dass die Leute die Bodenhaf- Randbedingungen, die nicht so einfach
tung verlieren … Das Gas ist ungiftig, vorhersehbar sind.
verwirrt aber die menschlichen Sinne.« Bremse und gleichzeitig Motivation
Dagegen proklamiert der US-Bestseller- sind die begrenzten Ressourcen fossiler
autor Jeremy Rifkin pathetisch: »Die Energieträger. Wie lange Öl, Kohle und
WWW.BLUECLIC.COM

Umstellung auf Wasserstoff ist die beste Erdgas zur Verfügung stehen, darüber
Versicherung gegen künftige Ölkriege im wird heftig gestritten. Nach heutigen Er-
Nahen Osten.« kenntnissen ist beim Öl in diesem Jahr-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 87
SCHWERPUNKT Wasserstoff

hundert Schluss, schon in wenigen


Wasserstoff aus der Leitung Jahrzehnten könnte es zur Neige gehen,
zumindest zu heutigen Preisen. Es gibt
pessimistische Schätzungen, die schon in
wenigen Jahren drastische Einschrän-
kungen kommen sehen. Allein in China
ist die Nachfrage im letzten Jahr um
dreißig Prozent gestiegen. Und wenn
China denselben Automobilisierungs-
grad erreichen würde wie viele der west-
lichen Industrienationen, so verdoppelte
sich die Anzahl an PKWs weltweit von
800 Millionen auf 1,6 Milliarden. Der
Verteilungskampf hat auch in Deutsch-
land bereits begonnen: Die Lufthansa
fordert bei Ölknappheit Treibstoffkon-
tingente für den Luftverkehr.

Hilfe vom Ökominator


Bei 25 Dollar pro Barrel Rohöl ist
Wasserstoff aus Erdgasreformierung zwar
derzeit mehr als viermal so teuer (be-
zogen auf die Antriebsenergie an den
Rädern eines Autos), doch mit dem
knapper werdenden Erdöl dürfte sich das
ändern. Preisspitzen in den letzten Mo-

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naten lagen schon bei 50 Dollar pro Bar-
rel und mehr, während des Iran-Irak-
Kriegs Ende der 1970er Jahre erreichten

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LINDE AG

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sie sogar 80 Dollar. Hinzu kommt ein
politischer Aspekt: Die Erdölvorräte in
Wie kommt der Sprit zur Tankstelle? Bei Eine der ersten Wasserstofftank- Europa und in den USA gehen zur Nei-
Benzin und Diesel ist die Antwort ein- o stellen steht am Flughafen ge, die Abhängigkeit von den Förderlän-
fach: Tanklastzüge fahren den Treibstoff chen. Der Treibstoff wird von Linde Gas dern des krisengeschüttelten Mittleren
von Raffinerien selbst zu solchen Tank- & Engineering in Ingolstadt produziert, Ostens ist schon wieder so stark wie vor
stellen, die in den abgelegensten Dör- t. den beiden Ölkrisen in den 1970er und
fern stehen. Wasserstoff bietet eigent- 1980er Jahren. Erdgas aus anderen Län-
lich mehr Möglichkeiten, weil er sich dern, zum Beispiel Russland, bietet lang-
überall dort herstellen lässt, wo die Son- Kilometer. Auch in bestehende Erdgas- fristig keine Lösung. Es wird zwar vo-
ne scheint oder der Wind weht oder wo netze könnte Wasserstoff zugemischt raussichtlich bis zum Ende des Jahrhun-
überschüssiger Strom zur Verfügung werden – einzelne Gasversorger haben derts vorhanden sein, als Ersatzenergie-
steht. bereits erfolgreich Tests abgeschlossen. träger dürften Verbrauch und Preise aber
Dennoch wird H2 für eine Übergangs- Neue Erdgasnetze lassen sich bei gerin- auch beim Gas drastisch ansteigen, wenn
zeit in gleicher Weise angeliefert, auch gen Mehrkosten so ausrüsten, dass sie das Öl zur Neige geht.
wenn einige Tankstellen bereits mit klei- auch zum alleinigen Transport von Was- Die USA haben das erkannt und
nen Dampfreformern arbeiten, die aus serstoff geeignet sind. Neu ist die Idee forcieren den Einstieg in die Wasserstoff-
Erdgas Wasserstoff für Druckgastanks nicht: An manchen Orten enthielt das wirtschaft – mit viel Tamtam. Gallions-
erzeugen. Flüssiger Wasserstoff, der bei früher verwendete Stadtgas bis zu sieb- figur ist der kalifornische Gouverneur
–253 Grad Celsius in isolierten Tanks ge- zig Prozent Wasserstoff. Arnold Schwarzenegger. Der »Ökomina-
speichert wird und die erste Wahl für tor«, wie der Ex-Hollywoodstar neuer-
Autos ist, lässt sich ohnehin nicht in klei- Das EU-Projekt HyWays kommt zu dem dings genannt wird, will in seinem Bun-
nen, dezentralen Anlagen produzieren. Ergebnis, dass die Beimischung von desstaat eine lückenlose Infrastruktur aus
In Regionen, wo große Mengen des Wasserstoff in Erdgasnetze ein wichti- Wasserstofftankstellen aufbauen. Auch in
Gases zentral hergestellt werden, kann ger Baustein für die schnelle Verbreitung Europa hat H2 prominente Befürworter.
Wasserstoff auch über Pipelines verteilt von Wasserstoff sein wird. Eine reine »Mit zwei Dingen möchte ich in Erinne-
werden. Die Linde AG betreibt im Raum Wasserstoffinfrastruktur wird als Keim- rung bleiben«, erklärte EU-Kommissi-
Bitterfeld das größte derartige Netz in zelle bestehende Pipelines der Industrie onspräsident Romano Prodi bei seinem
Deutschland. Seine Gesamtlänge: 395 nutzen und ausweiten. Abschied, »mit der Osterweiterung und
der Wasserstoffenergie.« Prodi präsentier-

88 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
ÖKONOMIE

te 2003 das Langzeitprogramm »Euro-


pean Hydrogen and Fuel Cell Technolo- Wasserstoff – ein Sicherheitsrisiko?
gy Partnership«. Im sechsten Forschungs-
rahmenprogramm sind dafür 600 Milli- Wer sich an die Knallgasexplosion im Die Zündtemperatur liegt mit 585 Grad
onen Euro bis 2006 vorgesehen. Schulunterreicht erinnert, an den spek- Celsius deutlich höher als bei Benzin
Trotz derartiger Bekundungen hat takulären Brand des Zeppelins Hinden- und Diesel (etwa 220 Grad), die schon
die Innovationsfreude in Europa aber burg oder an die Explosion des Raum- an heißen Motorteilen Feuer fangen
deutlich nachgelassen – das zeigen die schiffs Challenger, bekommt vielleicht können. Hartnäckig hält sich die Behaup-
Patentzahlen zu Wasserstofftechnologi- ein mulmiges Gefühl, wenn er an das tung, Wasserstoff diffundiere besonders
en. Zwar liegt die Union bei Technologi- leichte und geruchlose Gas denkt. Dabei schnell, selbst durch dickste Stahlwän-
en zur Wasserstofferzeugung noch gut war der Wasserstoff gar nicht die Ur- de. Für heute verwendete Materialien
im Rennen, bei der Entwicklung und sache der genannten Katastrophen. trifft dies nicht mehr zu.
Herstellung von Brennstoffzellen ist Eu- Dennoch sprechen die Fakten zunächst
ropa dagegen ins Hintertreffen geraten. gegen das Gas als Brennstoff: Gemi- Brandversuche am Fraunhofer-Institut für
Zudem fehlt eine gemeinsame Vision sche aus Wasserstoff und Luft sind Chemische Technologien in Pfinztal ha-
für die europäische Wasserstoffwirt- brennbar und in einem weiten Konzent- ben ergeben, dass ein Leck in einem
schaft. Immerhin melden deutsche Fir- rationsverhältnis von 4 bis 75 Volumen- Wasserstofftank weniger verheerend ist
men und Forscher innerhalb Europas prozent auch explosiv. Die minimale als ein Leck in einem Benzintank. Bren-
immer noch mit Abstand die meisten Zündenergie, zum Beispiel aus einem nendes Benzin bildet ein Flammenmeer,
Patente an, doch mit einem deutlichen Funken, ist mit 0,02 Millijoule sehr ge- das sich kaum löschen lässt. Strömt da-
Einbruch in den letzten vier Jahren. ring und beträgt nur ein Zehntel der En- gegen Wasserstoff aus und entzündet
Um dem negativen Trend gegenzu- ergie, die zum Beispiel ein Erdgas-Luft- sich, gibt es eine eng begrenzte Flam-
steuern hat die EU-Kommission einen Gemisch entzündet. me, die sofort aufhört, wenn man die
bunten Strauß von Projekten aufgelegt, Doch Wasserstoff hat auch viele gute Gaszufuhr unterbindet. Zu einer Explosi-
die klangvolle Namen wie HyWays oder Eigenschaften. Es ist zum Beispiel ungif- on kommt es auf keinen Fall. Wenn in In-
HySociety tragen und mit hohen Förder- tig – im Gegensatz zu Benzin. Und eine dustrieanlagen Wasserstoff ausströmt,

ö
summen ausgestattet sind. HySociety, an Wasserstoffflamme brennt farblos und stellt die Feuerwehr die Anlage ab und
dem zwanzig europäische Forschungs- nahezu unsichtbar, strahlt also kaum Hit- lässt den Brand in der Regel einfach wei-
partner beteiligt sind, untersucht, welche ze ab, an der man sich verbrennen kann. terlodern.
Hürden den Aufbau einer Wasserstoff-
wirtschaft bremsen. Das Ergebnis ver-
blüfft: Es sind weniger technische Barri-
eren, sondern die unklare Finanzierung
der Infrastruktur, fehlende gesetzliche Gesicherte Erd l reserven (Stand: Ende 2003)
Regelungen und technische Normen. Zu
wenig Aufmerksamkeit werde der Ak- Man mag darüber streiten, wie lange die Ländern des Mittleren Ostens wird wie-
zeptanz in der Bevölkerung gewidmet. Ölreserven noch reichen, doch eines ist der zunehmen, denn die Reserven vor
Wasserstoff gilt zwar als besonders um- sicher: Die Abhängigkeit Europas und der eigenen Haustür sind bereits weit
weltfreundlich, allerdings gibt es Beden- der USA von den politisch instabilen gehend ausgeschöpft.
ken bezüglich der Sicherheit.
Das Projekt HyWays mit rund drei- (Angaben in Milliarden Barrel)
ßig Partnern läuft seit April 2004 und Mittlerer
hat ein Gesamtbudget von 7,9 Millionen Osten
Euro für drei Jahre. HyWays gibt einen 726,6
realistischen Anteil von Wasserstoff am
Energiemix in den Jahren 2020, 2030
und 2050 vor und errechnet daraus die

ü
Folgen für Wirtschaft, Gesellschaft und
Umwelt. Im Zentrum des Interesses ste-
hen zwei so genannte Pfade, die den
Weg zu diesen Szenarien beschreiben.
Im optimistischen rechnen die Forscher
für das Jahr 2020 in den Niederlanden
mit 3,3 Prozent Wasserstoffautos. Der S d- und Europa
Zentral- und
pessimistische Pfad sieht nur 0,7 Prozent asiatisch-
Nord- Afrika amerika Eurasien
pazifischer
der Fahrzeuge vor. Ähnliche Resultate Raum amerika 101,8 102,2 105,9
QUELLE: BP

63,6
liegen aus anderen EU-Staaten vor. Hy- 47,7
Ways kommt zu dem Ergebnis, dass
der eigentliche Wasserstoffboom erst

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 89
SCHWERPUNKT Wasserstoff

nach 2020 einsetzen dürfte. 2030 könn- fossilen Brennstoffen gleichzeitig Strom
ten schon 23,7 Prozent Wasserstoffautos und Wasserstoff gewinnen lassen. Das
fahren (die pessimistische Schätzung: 7,5 Klimagas Kohlendioxid soll abgetrennt
Prozent), 2050 dann fast 90 Prozent und in unterirdischen Speichern gebun-
(pessimistisch: knapp 48 Prozent). kert werden. Die Technologien sind
Wasserstoff lässt sich derzeit am ein- längst vorhanden, ob sie in der Bevölke-
fachsten und wirtschaftlichsten aus Erd- rung Akzeptanz finden, ist dagegen noch
gas herstellen. Bei 950 Grad Celsius wird unklar.

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das Erdgas in einem Dampfreformer mit Wenn über Wasserstoff als Energie-
Wasserdampf vermischt und in ein was- träger diskutiert wird, dann meist als
serstoffreiches Gas mit hohem Kohlen- Treibstoff für Fahrzeuge. Doch Peter

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monoxid-Anteil überführt. In einem ka- Radgen, Energieexperte vom Fraunho-

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talytischen Prozess entsteht aus Kohlen- fer-Institut für System- und Innovations- Sie sind Thermoskannen der Super-
monoxid mit Wasserdampf Kohlendioxid forschung in Karlsruhe, konstatiert: »Die r lative: LH2-Kryotanks (rechts) beste-

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und weiterer Wasserstoff. Die Dampfre- Automobilhersteller sagen, es gebe zu hen aus doppelwandigen
formierung erreicht einen Wirkungsgrad wenig Wasserstofftankstellen, die Tank- der Raum zwischen den Schalen ist eva-
von bis zu 80 Prozent. Große Reformer stellenbetreiber wollen keine Wasserstoff- kuiert und zudem mit Lagen aus Glasvlies
in Industrieanlagen liefern 100 000 zapfsäulen bauen, weil es keine Autos thermisch isoliert. Damit sich Was-
Normkubikmeter Wasserstoff pro Stun- gibt.« Der zweite Deutsche Wasserstoff- serstoff Zeit bei –253 Grad
de. Dieser wird zum Beispiel zur Her- tag, der im Februar in Berlin stattfand, Celsius speichern. Eine Heizung und Ven-
stellung von Nylon, Ammoniak für könnte hier eine Wende gebracht haben. tile sorgen die geregelte Gasabgabe.
Düngemittel und vielen weiteren Che- Wolfgang Reitzle, Vorstandsvorsitzender Auch der Tankvorgang (oben) wirft keine
mikalien verwendet. der Linde AG, verkündete eine Initia- technischen Probleme mehr auf.
tive, bei der sein Unternehmen entlang
Alles bleibt erst einmal besser den Autobahnen von München über
HyWays prognostiziert, dass Wasserstoff Stuttgart, Köln, Berlin und wieder zu-
auch noch nach 2030 weiter auf diese rück nach München alle fünfzig Kilome- umstritten. Sie beschäftigen sich zwar
Weise erzeugt wird – zunächst zentral ter eine Wasserstofftankstelle einrichten mit dem Thema, weil sie irgendwann ei-
über große Dampfreformer, ab 2020 wolle. Für die rund vierzig Zapfsäulen nen Rückgang des Geschäfts mit Benzin
dann vor allem in kleinen, dezentralen veranschlagt das Wiesbadener Unterneh- und Diesel befürchten, gehen aber davon
Anlagen. Um dennoch die Ziele zur Re- men etwa dreißig Millionen Euro Inves- aus, dass zuerst Ballungsräume mit Tank-
duktion von Treibhausgasen zu errei- titionskosten. stellen versorgt werden sollten. Thierry
chen, sollen ab 2020 Verfahren zur Ver- Hinter vorgehaltener Hand hört man, Pflimlin, Geschäftsführer der Total
gasung von Biomasse oder Kohle mit dass die Automobilindustrie dem Linde- Deutschland GmbH, sieht die Notwen-
Kohlendioxidabscheidung an Bedeutung Vorstoß mit gemischten Gefühlen gegen- digkeit von Wasserstoffkorridoren erst für
gewinnen. übersteht, weil er sie unter Zugzwang die Zeit um 2010. Bis dahin solle in we-
Letztere Variante wird in dem EU- bringt. Das Konzept der »Wasserstoff- nigen Großprojekten die Alltagstauglich-
Projekt Hypogen verfolgt. Dabei wird korridore« entlang von Autobahnen ist keit getestet werden. »Zehn Tankstellen
untersucht, wie sich großtechnisch aus auch bei den großen Mineralölkonzernen bringen mehr als hundert, wenn diese nur

Algen im Tank
Eine große, wenn auch ferne Hoffnung der schon länger bekannt. Vermutlich schüt- zwei bis drei Milliliter Wasserstoff pro
Wasserstoffbefürworter ist die Erzeu- zen Grünalgen und Cyanobakterien so Stunde – ein Vielfaches hält der Wissen-
gung des Gases mit Bakterien und Mi- ihre Photosynthesemaschine vor zu viel schaftler durch physiologische und gen-
kroalgen. Frei lebende Organismen pro- Licht, indem sie gewissermaßen »Dampf technische Veränderung für möglich.
duzieren jedes Jahr rund 200 Millionen ablassen« – in diesem Fall Wasserstoff. Dann könnten im Meer Farmen entste-
Tonnen Wasserstoff, der aber sofort wie- Rüdiger Schulz-Friedrich von der Uni- hen, wo Mikroalgen in Schläuchen ge-
der von Einzellern in der Umgebung auf- versität Kiel kultiviert solche Mikroalgen züchtet werden und der Wasserstoff ge-
genommen wird. Dass Grünalgen und und versucht, die Ausbeute zu erhöhen. erntet wird. Eine US-Firma hat allerdings
Cyanobakterien bei Belichtung mittels Aus einem Reaktor von der Größe einer bereits versucht, eine solche Biowasser-
Photosynthese Wasserstoff erzeugen, ist Milchflasche sprudeln derzeit nur etwa stoffproduktion kommerziell umzuset-
zen – und ging Pleite: zu geringe Aus-
HTTP: // LSWEB.LA.ASU.
EDU / SYNECHOCYSTIS

beute bei zu hohen Kosten. Doch Schulz-


Cyanobakterien wie Synechocys- Friedrich glaubt an die technische
l tis produzieren Wasserstoff im Machbarkeit und die Wirtschaftlichkeit
Rahmen der Photosynthese. bis in zehn oder zwanzig Jahren.

90 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
ÖKONOMIE

innere Schale
Füllrohr Wärme-
äußere Schale isolation

elektrische
Heizung
Entnahme von
flüssigem H2

Einfüll-
stutzen

BEIDE BILDER: LINDE AG


flüssiges
H2

Entnahme von
Wasserstoffgas
Wärmetauscher für Kühlwasser
Wärmeventile Füllstandsensor
Sicherheitsventile

von wenigen Fahrzeugen benutzt wer- hier bringt Wasserstoff erst einmal keine ökologischer Sicht kaum etwas gewon-
den«, so Pflimlin. Erst bei hundert Fahr- Entlastung. Auch wenn eine Brennstoff- nen. Von Vorteil wäre nur, dass Emissio-
zeugen pro Tankstelle könne man wirk- zelle vor allem Wasser ausstößt, das nen aus den belasteten Innenstädten aufs
lich von einem Alltagstest reden. Ab 500 Emissionsproblem wird lediglich verla- Land verlagert würden und der Schad-
wäre eine Tankstelle wirtschaftlich, sofern gert. Denn fast die Hälfte der heute stoffausstoß von wenigen großen Kraft-
der Preis vier bis fünf Euro pro Kilo- weltweit jährlich 600 Milliarden Norm- werken leichter zu reduzieren wäre als
gramm Wasserstoff betrage. kubikmeter Wasserstoff werden in der der von Millionen Autos.
Der Ausstieg aus fossilen Energieträ- oben beschriebenen Weise aus Erdgas er- Carl-Jochen Winter, Vizepräsident
gern und der Einstieg in die Wasserstoff- zeugt, noch einmal so viel aus Kohle und der International Association for Hydro-
wirtschaft wird auch von großen ökolo- Öl. Nur wenige Prozent stammen aus gen Energy in Überlingen, plädiert den-
gischen Hoffnungen geprägt. Um den der Elektrolyse und wenn der dafür er- noch für diesen Weg. »Erneuerbare Ener-
Kohlendioxidausstoß zu bremsen, sind forderliche Strom nicht aus Sonnen-, gien sind das Ziel, keine Voraussetzung
alternative Energieträger gefragt – doch Wind- oder Wasserkraft stammt, ist aus für den Übergang in die Wasserstoffwirt-

Energieinhalt
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35,4
35,0
Megajoule pro Liter

32,0
30,7
30,0


25,0

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15,0

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Solange das Rohöl reichlich fließt,
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kommt eine Wasserstoffwirtschaft 0,0
ohne politische Unter nur schwer
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in Schwung. Denn der Energieinhalt her-


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QUELLE: FRAUNHOFER ISI


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kömmlicher Kraftstoffe ist um ein Vielfa-


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ches höher, selbst bei einer Verdichtung


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des Wasserstoffs durch Verfl bei


W

–253 Grad Celsius.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 91
SCHWERPUNKT Wasserstoff

schaft.« Nach Forschung und Entwick- Doch seine Berechnungen sind nach speicherten zu wenig Strom und brauch-

ü
lung sei jetzt die Wirtschaft am Zuge, Meinung der Befürworter nur Zahlen- ten zu lange für die Ladung. Gerade hier
Wasserstoff zu einem Geschäft zu ma- spielereien, weil die zu Grunde gelegten hat Wasserstoff Vorteile: Er lässt sich in-
chen, das sich lohne. Winter bringt diese Szenarien gar nicht zur Diskussion ste- nerhalb von wenigen Minuten in einen
Ansicht werbewirksam auf den Punkt: hen. Niemand denkt ernsthaft darüber Tank pressen.
»It’s Hytime!« nach, den herkömmlichen Energiemix
Das sieht Ulf Bossel vom European dort auf Wasserstoffbasis zu stellen, wo Effizienz allein
Fuel Cell Forum in Oberrohrdorf in der er heute sauber und billig seinen Dienst macht nicht gl cklich
Schweiz ganz anders. Für ihn ist eine verrichtet, zum Beispiel bei der Strom- Andere Kritiker einer wasserstoffbasier-
Wasserstoffwirtschaft reine Energiever- versorgung von Gebäuden. Auch Bossels ten Mobilität bilanzieren häufig nur die
schwendung. Er pocht darauf, dass allein Forderung, Benzin- und Dieselfahr- Energie- und Umweltbilanz bis zum
die Nutzenergie am Ende einer langen zeuge durch batteriebetriebene Elektro- PKW-Tank, bei denen H2 gegenüber
Prozesskette aus Herstellung, Transport autos zu ersetzen, muss scheitern. Abge- Benzin oder Diesel schlecht abschneidet.
und Verbrauch darüber entscheidet, wel- sehen von Konzepten für Hybridautos Die aufwändigere Herstellung, Verflüssi-
chen Wirkungsgrad ein Energieträger er- mit Verbrennungsmotor und Elektro- gung oder Komprimierung und Vertei-
reicht und wie wirtschaftlich er somit ist. motor, arbeitet kein großer Automobil- lung schlucken dreißig und mehr Pro-
Bossel kommt zu einem vernichtenden hersteller heute mehr an einer solchen zent, wenn Wasserstoff wie heute üblich
Urteil: »Wasserstoff wird voraussichtlich Technik, denn trotz hoher Entwick- in Erdgasreformern hergestellt wird.
viermal teurer sein als Strom aus der lungskosten gelang es keinem, die erfor- Benzin und Diesel verlieren dagegen in
Steckdose.« derlichen Akkumulatoren zu bauen: Sie der Raffinerie und beim Transport nur
zehn Prozent ihrer Energie.

LINDE AG
Diese Verluste holt Wasserstoff in der
Brennstoffzelle aber wieder auf. Konven-
tionelle Verbrennungsmotoren in Autos
haben vergleichsweise geringe Wirkungs-
grade. Nur 20 bis 25 Prozent des einge-
setzten Kraftstoffs werden im Durch-
schnitt als Antriebsenergie genutzt, der
größte Teil der Energie verpufft als Wär-
me. Der Wirkungsgrad einer Brennstoff-
zelle, die chemische Energie eines Brenn-
stoffs in Elektrizität umwandelt, liegt
deutlich höher – zurzeit schon bei rund
45 Prozent mit weiteren Steigerungspo-
tenzialen. Für den Kunden und die Um-
welt zählt die Gesamtbilanz bezogen auf
die Energiedienstleistung, das heißt im
Verkehr die gefahrenen Kilometer. Da-
bei ergibt sich je nach Wasserstoffherstel-
lung und Transport eine vergleichbare
Gesamtenergiebilanz zu konventionellen
Brennstoffen.
Wirkungsgrade allein machen die

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Autofahrer nicht glücklich. Für sie ist die
Wirtschaftlichkeit entscheidend. Klima-
experten wiederum interessieren sich für

Mittelfristig te eine Wasser-


l stoffwirtschaft auf der Dampfrefor-
mierung von leichten Kohlenwasserstof-
fen wie Erdgas aufbauen. Die abgebildete
Anlage erzeugt pro Stunde bis zu 100 000
Kubikmeter Wasserstoff. Dazu wird das
Erdgas unter hohem Druck und hoher
Temperatur in mehreren Schritten in Was-
serstoff und leider auch Kohlendioxid
umgewandelt.

92 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
ÖKONOMIE

BEIDE ABBILDUNGEN: LINDE AG


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ö
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U-Boote
In der Marine hat die Zukunft schon
begonnen: Weil Brennstoffzellen-
unter Wasser bleiben
als solche mit Dieselantrieb, tes-
tet die Howaldtswerke Deutsche Werft
(HDW) in Kiel die noch kostspielige Spei-
Erdwärme, bei Strom sind es sogar 100
Prozent. Fossile Energien im Straßenver-
kehr und in der Fischereiflotte sollen
künftig durch Wasserstoff ersetzt wer-
den. Rund 100 000 Tonnen Wasserstoff
pro Jahr wären dafür nötig. Der wird aus
cherung von Wasserstoff in Metallhydri- dem grünen Strom gewonnen, der in Is-
den (links). land in Hülle und Fülle zur Verfügung
steht. Islands Ministerin für Industrie
und Handel Valgerdur Sverrisdottir peilt
etwa das Jahr 2020 an. Doch auf einen
die Menge an Kohlendioxid, die bei den fragen lassen, was angesichts der in je- genauen Termin will sie sich nicht festle-
verschiedenen Treibstoffen ausgestoßen dem Fall begrenzten Erdölressourcen die gen: »Der Weg ist das Ziel.«
wird. Hier ist die Botschaft eindeutig: je Alternativen sind. Denn die Optionen Falls sich eine Energieknappheit in
sauberer, desto teurer. Vergleicht man sind begrenzt: den nächsten Jahren einstellt und Was-
zum Beispiel Benzin mit Wasserstoff aus r Biodiesel und Biogas könnten zur serstofftechnologie benötigt wird, muss
umweltgerechter Kohlevergasung, redu- Minderung des CO2-Ausstoßes beitra- der Aufbau der Infrastruktur mit politi-
ziert sich der Kohlendioxidausstoß pro gen, doch in Europa begrenzen die mög- scher Unterstützung jetzt beginnen – wie
Kilowattstunde mechanischer Energie lichen Anbauflächen den Anteil auf ma- es Island vormacht. Andernfalls könnten
etwa auf ein Fünftel, während sich der ximal 20 Prozent des Bedarfs. die volkswirtschaftlichen Folgen drama-
Preis dabei mindestens verdoppelt. Rech- r Erdgas hat Vorteile bei den Emissio- tisch sein, man denke an die vergange-
net man noch die Steuern hinzu, sieht nen, doch auch diese Vorkommen sind nen Ölpreiskrisen. Falls H2 dank besserer
das Verhältnis zwar günstiger aus, trotz- beschränkt. Hier bietet sich höchstens Alternativen vorläufig doch nicht ge-
dem bleibt Wasserstoff immer die kost- eine Alternative für die Übergangszeit. braucht wird, hätte man allerdings zu-
spieligere Variante. Martin Wietschel, r Strom hat hohe Wirkungsgrade und nächst Milliarden in den Sand gesetzt.
der am Fraunhofer-Institut für System- lässt sich weit gehend emissionsfrei er- Das ist das Problem: Heute müssen Ent-
und Innovationsforschung in Karlsruhe zeugen. Doch der Einsatz in Autos über scheidungen unter Risiken eingegangen
für HyWays Szenarien zur Wirtschaft- wieder aufladbare Batterien scheitert an werden, aus denen wohl erst eine kom-
lichkeit von Wasserstoff entwickelt, sieht der mangelnden Reichweite und an der mende Generation Nutzen zieht.
einen Gleichstand erst dann, wenn Öl Unwirtschaftlichkeit.
100 bis 120 Dollar pro Barrel kostet. Dass der Traum einer Null-Emis- Bernd Müller ist Physiker und
Wasserstoff ist also für die meisten sions-Wasserstoffwirtschaft möglich ist, freier Wissenschaftsjournalist in
AUTOR

Industrieländer auf absehbare Zeit un- zeigt das Beispiel Island. Die Insel er- Esslingen. Er hat den ersten
wirtschaftlich und bringt zunächst wenig zeugt schon heute 72 Prozent ihrer Pri- Schritt in die Energiezukunft
bereits vollzogen: Er fährt ein
Entlastung für die Umwelt. Wer ihn als märenergie aus regenerativen Energie- Erdgasauto.
Kraftstoff im Auto ächtet, muss sich aber quellen, vor allem aus Wasserkraft und

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 93
SCHWERPUNKT Wasserstoff

Prima Klima

ö
durch Wasserstoff?
Die globale Erderwärmung und Luftverschmutzung
erfordern neue Konzepte der Energieversorgung.
Ist Wasserstoff die L sung oder schafft er gar neue
Umweltprobleme?

Von Martin G. Schultz Herstellung erfordert Energie. Vom wirt- ben in dem Modell gegenüber heute un-
schaftlichen Aspekt abgesehen stellt sich verändert. Eine weitere wichtige Annah-

E
ines der wichtigsten Ziele bei damit natürlich die Frage, ob dabei wo- me war, dass der benötigte Wasserstoff
dem Umstieg auf eine wasser- möglich der Teufel mit dem Beelzebub ausschließlich aus emissionsfreien Quel-
stoffbasierte Energiewirtschaft ausgetrieben würde, wie mancher Kriti- len erzeugt würde. Dies ist nicht unbe-
ist der Schutz des Erdklimas. ker behauptet. Welche klimarelevanten dingt gleichbedeutend mit regenerativen
Unter Fachleuten ist unstrittig, dass der Veränderungen bei einer weltweiten Nut- Quellen – bei der Herstellung und Ver-
Ausstoß von Treibhausgasen bei der Ver- zung von Wasserstoff zu erwarten wären, brennung von Biokraftstoffen entstehen
brennung kohlenstoffhaltiger Energieträ- hinge sicherlich stark von der Energieart Kohlenmonoxid (CO), Lachgas (N2O),
ger maßgeblich zur Erwärmung der Erde ab, die zur Erzeugung des Gases verwen- Stickoxide (NOx) sowie Methan (CH4),
beigetragen hat, Alternativen sind also det würde. während andererseits die nichtregenera-
dringend gesucht. Die »Verbrennung« Wir sind am Max-Planck-Institut für tive Kernenergie emissionsfrei arbeitet.
von Wasserstoff – zum Beispiel in einer Meteorologie in Hamburg diesem Pro- Unter diesen vereinfachenden An-
Brennstoffzelle – erfolgt ohne Freiset- blem nachgegangen. Da die wirtschaftli- nahmen wollten wir klären:
zung von Kohlendioxid (CO2 ) und chen Rahmenbedingungen für die Ein- r Wie verändert sich durch weltweite
könnte daher eine solche Lösung sein. führung einer Wasserstoffwirtschaft noch Einführung der Wasserstofftechnologie

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Allerdings gibt es dieses Gas in der freien unbekannt sind, müssen sich solche Stu- die Emission von Treibhausgasen, insbe-
Natur nicht in nutzbarer Form, seine dien auf die Entwicklung von Szenarien sondere von Kohlendioxid und Methan?
und auf numerische Simulationen stüt- Was folgt daraus für die Erderwärmung
zen. Unsere Grundannahme war: Welt- durch den Treibhauseffekt?
weit verbrennt der gesamte straßenge- r Wie verändert sich die Chemie der At-
Wie diese schematische Bilanz der bundene Verkehr Wasserstoff statt kon- mosphäre, insbesondere die globale Oxi-
u hen Wasserstoffmen- ventioneller Kraftstoffe. Alle anderen dationskapazität, und welchen Einfluss
gen zeigt, spielt die Reaktion mit Hydroxyl- Abgase aus der Industrie und den Haus- hat dies auf die Abbaurate von Methan?
radikalen (OH) eine erhebliche Rolle. halten sowie natürliche Emissionen blie- r Ändert sich die Luftqualität, insbe-

ü
sondere die Konzentration bodennahen
Ozons?
ALLE GRAFIKEN DIESES BEITRAGS: SIGANIM / SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT, NACH: M. G. SCHULTZ

r Erhöht sich die Konzentration von


molekularem Wasserstoff in der Atmos-
phäre? Hat dies spürbare Auswirkungen
CH 4 , auf das Klima, die Ozonschicht und die
fl chtige organische Reaktion
Verbindungen mit OH
Luftverschmutzung?
40
19 Allein durch menschliche Tätigkeit,
H2 vor allem durch das Verbrennen fossiler

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Kraftstoffe und durch Brandrodung, wur-
Verbrennung 16
56
de bislang so viel CO2 freigesetzt, dass die
von Biomasse
globale Erwärmung um etwas weniger als
15
ein Grad Celsius zugenommen hat. Seit
Verkehr, 6 etwa 1850 stieg die mittlere CO2-Kon-
Industrie Aufnahme durch
den Boden zentration von etwa 280 ppm (parts per
B den, million) auf derzeit über 380 ppm. Diese
Meer 100 ppm Zuwachs aber hatten bereits
denselben Effekt wie eine Zunahme der
Angaben in Millionen Tonnen H 2 pro Jahr Sonneneinstrahlung von etwa 1,46 Watt

94 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
UMWELTSCHUTZ

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bleibender Quellstärke – sein Anteil in der ozonbedingte Treibhauseffekt zumin-

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Peroxide der Atmosphäre. Da OH-Radikale sehr dest regional abnimmt und damit der
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reaktionsfreudig sind, wird ihre Konzen- Effekt der Methanzunahme dort kom-
OH HO2 tration ganz wesentlich durch schnelle pensiert würde.

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NO2 Reaktionen von kurzlebigen Spurenga- Alles in allem dürfte der Klimaein-

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CO, H2 , CH 4 , flüchtige sen und der Intensität der UV-Strahlung fluss der Wasserstoffwirtschaft haupt-
organische Verbindungen
bestimmt. Eine besondere Rolle spielen sächlich davon abhängen, wie sich die
HNO3 dabei Stickoxide, die wie ein Katalysator Kohlendioxidemissionen dadurch än-

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wirken und OH-Radikale nach deren dern werden. Insbesondere in der Über-
Hydroxylradikale bauen das Treib- »Verbrauch« zurückbilden können. gangszeit wird ein Großteil des Wasser-
o hausgas Methan in der Und damit wären wir wieder bei un- stoffs vermutlich aus Erdgas und ande-
re ab. Ihre Konzentration von zahl- serem Szenario: Gegenwärtig trägt der ren kohlenstoffhaltigen Brennstoffen ge-

s
reichen Komponenten ab, vor allem von Straßenverkehr erheblich zu den Stick- wonnen oder durch Wasserelektrolyse
Ozon (O3), energiereicher UV-Strahlung, oxidemissionen bei: über 60 Prozent in mit Strom aus konventionellen Kraft-
Wasserdampf (H2O), Stickoxiden (NO, Europa und etwa 40 Prozent weltweit. werken produziert werden. Dies würde –
NO2), Kohlenmonoxid (CO), Wasserstoff Bei ausschließlicher Nutzung von Brenn- bei gleich bleibendem Endenergiebedarf
(H2) und Wasserstoffperoxiden, Methan stoffzellen würden diese Emissionen ent- – die CO2-Emissionen erhöhen. Darum
(CH4) und anderen Kohlenwasserstoffen fallen. Mittelbar nähme die OH-Kon- ist es wichtig, gleichzeitig mit der Ein-
sowie Salpeter 3
). zentration ab, was leider einen höheren führung der Wasserstofftechnologie wei-
Anteil an klimarelevantem Methan zur ter an Einsparpotenzialen zu arbeiten
Folge hätte (siehe Grafik unten). Aller- und möglichst schnell auf regenerativ er-
dings ist die Atmosphärenchemie äußerst zeugten Wasserstoff umzustellen.
pro Quadratmeter. Das ist schon mehr als komplex, da sehr viele chemische Reak- Der zweite Nutzen, den sich viele
die natürliche Variation um etwa 1,1 tionen miteinander verknüpft sind. Des- von der neuen Technologie erhoffen, ist

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Watt pro Quadratmeter während eines halb lassen sich die Auswirkungen nur eine Verbesserung der Luftqualität. Wäh-
elfjährigen Sonnenzyklus. mit aufwändigen numerischen Modellen rend Luftverschmutzung und die daraus

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Leider würde eine Reduktion der quantifizieren, die sowohl Transportpro- resultierenden Schäden in früheren Jahr-
Emissionen diesen Anstieg lediglich ver- zesse wie chemische Reaktionen be- hunderten meist lokal beschränkt blie-
langsamen, eine Trendumkehr wäre noch schreiben. Die mit unserem Modell be- ben, hat sich heute daraus ein globales
nicht die Folge. Ohne zusätzliche Maß- rechnete Abnahme der OH-Konzentra- Problem entwickelt. Die zunehmenden

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nahmen, letztlich ohne eine Null-Emis- tion betrug rund 5 bis 10 Prozent, die Emissionen von Stickoxiden und Koh-
sions-Wirtschaft, lässt sich die Erderwär- daraus folgende Zunahme der Methan-
mung aber sicher nicht aufhalten. Die konzentration in der Atmosphäre ergäbe
Vermeidung aller CO2-Emissionen aus eine hypothetische Verstärkung der Son-
dem Straßenverkehr, wie unser Szenario neneinstrahlung um etwa 0,06 Watt pro Wie t sich die den Methan-
sie vorsieht, wäre ein solcher Schritt. Sie Quadratmeter. Das entspricht ungefähr u haushalt so wichtige Konzentration
würde immerhin etwa 20 Prozent der ge- dem Einfluss, den gegenwärtig die CO2- an OH in der wenn der Ver-
samten weltweiten Kohlendioxidfreiset- Zunahme über drei Jahre ausübt. kehr zu Lande auf regenerativ erzeugten
zung einsparen und damit weit über die Im Gegensatz zum Methan würde Wasserstoff umgestellt wird? Das Resul-
im Kyoto-Protokoll vereinbarten Ver- der Anteil des troposphärischen Ozons tat der Simulation: Im Mittel sinkt die OH-
pflichtungen hinausgehen. in einer emissionsfreien Wasserstoffwirt- Konzentration um einige Prozent, ent-
Doch wie steht es mit Methan, das schaft abnehmen. Da seine Konzentra- sprechend steigt aber der Anteil am
etwa dreißigmal so klimawirksam ist wie tion stark variiert, ist zu erwarten, dass Treibhausgas Methan.
Kohlendioxid? Zwar erzeugen konventi-
onelle Motoren selbst keine nennenswer-
ten Mengen davon, doch haben sie indi- 1,50

rekt einigen Anteil an dem Anstieg der


Änderung der OH-Konzentration

1,20
Methankonzentration um 1 ppm im
Vergleich zur vorindustriellen Zeit (ent- 1,05
sprechend einer hypothetischen Zunah-
in Prozent

me der Sonneneinstrahlung um fast 0,5 0,95


Watt pro Quadratmeter). Die mittlere
Lebensdauer dieser chemischen Verbin- 0,9

dung in der Atmosphäre beträgt rund 0,8


neun Jahre und hängt fast ausschließlich
von der Konzentration der Hydroxyl- 0,7
radikale (OH) ab. Wenn deren Anteil
schwindet, wird Methan langsamer ab- 0,6

gebaut, und damit steigt – bei gleich

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 95
SCHWERPUNKT Wasserstoff

lenmonoxid in Asien sind nicht ohne


Ottomotor mit Kältetank Bedeutung für die Luftqualität in Ame-
rika und Europa – und umgekehrt.
BMW sagt ja zum Wasserstoff, aber im Verbrennungsmotor Unsere Studie konzentriert sich bei
diesem Thema auf bodennahes Ozon,
Wasserstoff und Sauerstoff ergeben eine sich mit der Luft zum zündfähigen Gas das sich als Hauptbestandteil des so ge-
energiereiche Mischung, aus dem Che- vermischt. Der Wasserstoff hingegen nannten Sommersmogs in den 1980er
mieunterricht als Knallgas bekannt. Ein wird vorläufig noch in Saugrohre einge- und 1990er Jahren einen Namen ge-
Funken genügt und beide reagieren mit- blasen, ein Ventil für die direkte Zufuhr macht hat. Künftige Szenarien müssen
einander explosiv zu Wasser. Brennstoff- ist in der Entwicklung. Da seine Energie- sich auch mit den Auswirkungen einer
zellen bremsen diese Reaktion und schi- dichte geringer ist als die von Benzin, Wasserstoffwirtschaft auf andere Schad-
cken sie auf einen elektrochemischen führen neu entwickelte Ventile mit grö- stoffe – wie zum Beispiel Feinpartikel –
Umweg. Doch der muss nicht sein. ßerem Querschnitt dabei ein größeres auseinander setzen.
Denn herkömmliche Verbrennungsmo- Volumen zu. Eine weitere Abweichung
toren laufen auf Grund einer dauernden betraf die Werkstoffe. Da ein Benzin- Reine Luft, doch nicht für alle
Abfolge kontrollierter Explosionen. Luft-Gemisch auch eine schmierende Troposphärisches Ozon wird erst in der
Deshalb haben die Bayerischen Moto- Wirkung hat, Wasserstoff aber nicht, be- Atmosphäre aus den Vorläufersubstan-
renwerke (BMW) entschieden, ihre Visi- stehen einige Komponenten nun aus wi- zen NOx, CO und Kohlenwasserstoffen
on eines Wasserstoff-Fahrzeugs auf die derstandsfähigeren Legierungen. gebildet. Wie beim Methan spielen
etablierten Technologie zu stützen. In Stickoxide dabei eine wichtige Rolle. Die
der Rekordzeit von zehn Monaten vari- Die Motorsteuerung sorgt dafür, dass die Abnahme ihrer Emissionen im Rahmen
ierten ihre Ingenieure das Benzintrieb- Kraftstoffzufuhr über Ventile optimal auf einer globalen Wasserstoffwirtschaft wür-
werk des Modells 760i und entwickelten die Verbrennungsprozesse abgestimmt de nach unseren Ergebnissen vor allem
den BMW H2R. Die Modifikationen des ist. Diese verlaufen etwas anders, weil in den Großstädten die Luftqualität
Zwölfzylindermotors betrafen vor allem das Wasserstoff-Luft-Gemisch schneller deutlich verbessern. Dies drückt sich in
die Motorsteuerung sowie Komponen- abbrennt. Es stellen sich höhere Tempe- einer Abnahme der sommerlichen Spit-
ten der Gemischbildung. raturen als beim Benzinmotor ein und zenkonzentrationen aus. Allerdings han-
Zur Erinnerung: Der gute alte Ottomo- das expandierende Gas übt einen stärke- delt es sich bei der Ozonchemie um ein
tor basiert darauf, dass Kolben in einer ren Druck aus, was die gesamte Energie- komplexes nichtlineares System, und

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Arbeitsphase des Zylinders ein Gemisch ausbeute verbessert. Um unkontrollierte eine Verringerung der Stickoxidbelas-
aus Luft und Kraftstoff ansaugen und im Rückzündungen zu vermeiden, wird die tung kann je nach Situation die boden-
nächsten Takt verdichten, bis es von der Ansaug- sowie die Abgasluft genau ge- nahe Ozonkonzentration paradoxerweise
Zündkerze gezündet wird. Die Explosion regelt. Überdies vermeidet die Steue- sogar erhöhen. Vor allem einige ländli-
treibt den Kolben aus, dessen Bewe- rung Kraftstoff-Luft-Gemische, bei denen che Regionen in der Abluftfahne von
gung wird in die Rotation der Räder um- schädliches NOx entstehen könnte. Großstädten in Westeuropa, Asien oder
gesetzt. Der 760i-Motor spritzt den Kraft- Elf Kilogramm flüssigen Wasserstoff den USA wären davon betroffen. Gemäß
stoff direkt in den Brennraum, wo er fasst der vakuumisolierte, doppelwandi- unseren Modellvoraussagen würde der
ge Tank. Sein Betriebsdruck liegt bei drei EU-Warnwert von 180 Mikrogramm
Bar. Durch Erwärmen wird der notwen- pro Kubikmeter aber auch dort kaum
Ein -Motor, der Was- dige Gasdruck für die Kraftstoffzufuhr überschritten. Insbesondere in Gebieten
u ser produziert. des Motors erzeugt. Sollte der Kälte- fern von direkten Emissionsquellen dürf-
mantel beschädigt sein, reagieren ab te sich die Reduktion der Stickoxidemis-
fünf Bar Innendruck Sicherheitsventile sionen in jedem Fall positiv auswirken,
und lassen Gas kontrolliert entweichen. sodass manche Reinluftgebiete ihren Na-
Die Prototypen erreichten Spitzenge- men wieder zu Recht führen könnten.
schwindigkeiten von 300 Kilometer pro Es gibt noch einen weiteren wichti-
Stunde, der Motor leistete 285 PS. Zwar gen Aspekt einer globalen Wasserstoff-
hat BMW Ende letzten Jahres mit Pro- wirtschaft, und das ist der Wasserstoff
jektpartnern in Berlin die erste öffentli- selbst. Denn bei Herstellung, Lagerung,
che Wasserstofftankstelle eröffnet, bis Transport und Verbrauch des leicht
zur ausreichenden Infrastruktur ist es flüchtigen Gases entweicht unweigerlich
aber noch ein weiter Weg. Deshalb wer- ein Teil in die Atmosphäre. Dort wird es
den die ersten Wasserstoff-Serienfahr- mit Hilfe der OH-Radikale in Wasser um-
zeuge sowohl Wasserstoff als auch Ben- gewandelt und trägt somit auf zweifache
zin verbrennen können. Weise zum Treibhauseffekt bei: einmal,
wie bereits oben diskutiert, durch die
Von Klaus-Dieter Linsmeier Verlängerung der Methan-Lebensdauer,
BMW

nach Unternehmensinformationen und zum Zweiten durch einen möglichen


Anstieg der Konzentration von Wasser-

96 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
UMWELTSCHUTZ

dampf. Der ist nicht nur ein effektives fache stärker zunehmen als in unseren WEBLINKS
Treibhausgas. Gelangt er in die Strato- Szenarien. Schließlich könnte mehr Was- U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
sphäre, kann Wasserdampf eine Abküh- serstoff auch die Mikroorganismen im
lung zur Folge haben. Das würde den Boden beeinflussen. Dafür wurden je- Welche Chancen und Risiken birgt eine globale Wasserstoffwirt-
Abbau der Ozonschicht fördern, die uns doch bislang keine Anhaltspunkte gefun- schaft für Umwelt und Klima? Das Projekt HyCare geht dieser
vor der UV-Strahlung der Sonne schützt. den. Somit zeichnen sich gegenwärtig Frage nach: www.mpimet.mpg.de/en/depts/dep1/acc/hycare/Hy
Welches Ausmaß Leckagen anneh- keine schädlichen Konsequenzen einer CARE_index.html
men können, darüber gehen die Mei- erhöhten Wasserstoffkonzentration in Derzeit betriebene Wasserstoff-Fahrzeuge und -Tankstationen:

HierpäsentirdieEuropäischeGm einschaftihreAktiväten:
nungen weit auseinander. Während in der Atmosphäre ab. Auf Grund des ge- www.h2cars.de/index.html
einigen großtechnischen Anlagen bereits ringen Kenntnisstands zu diesem Thema Eine schöne Übersicht über Fahrzeugprototypen und ihre Spezifi-
seit mehreren Jahrzehnten Verlustraten ist hier weitere Forschung jedoch drin- kationen bietet auch www.event.hfpeurope.org/exhibition/index.
von weniger als 0,1 Prozent erreicht wer- gend angebracht. html
den, prognostizieren manche Studien bis Die Umstellung unserer Energiewirt- HyWeb, das Internet-Informationssystem zu den Themen Wasser-
zu 20 Prozent bei einer globalen Wasser- schaft auf wasserstoffbasierte Systeme stoff und Brennstoffzellen: www.hyweb.de/indexd.html
stoffwirtschaft. Das erscheint uns aller- würde unseren Modellrechnungen zufol- Den Beitrag »Wasserstoff in der Energiewirtschaft« von W. Zittel,
dings unsinnig, denn Verlustraten von ge die Emissionen verschiedener Spuren- R. Wurster und W. Weindorf (Ludwig-Bölkow-Systemtechnik

4eeprascgheiednseeurroBpäicishcthdeensBräennisscthoefnzeRlisøn<N
EDinie2H0om aFotruiom
naslLbo<
mehr als drei Prozent wären weder wirt- gase erheblich verändern und damit sehr GmbH, 2002) finden Sie dort unter www.hyweb.de/Wissen/w-i-
schaftlich noch sicherheitstechnisch trag- wahrscheinlich spürbare Auswirkungen energiew.html
bar. Als untere Grenze setzen wir in un- auf das Klimasystem und die Luftver-
serem Szenario ein Prozent an, denn weit schmutzung haben. Dabei werden vor http://europa.eu.int/comm/research/energy/nn/nn_rt/nn_rt_hlg/
geringere Leckagen ließen sich global allem die reduzierten Stickoxidemissio- article_1261_en.htm
nur durch kostspielige und damit unrea- nen Wirkung zeigen: Während sich ei- Daten und Fakten rund um den Wasserstoff bietet die Seite: www.
listische Maßnahmen verwirklichen. nerseits die Luftqualität in den meisten h2data.de/
Gegenwärtig enthält die Atmosphäre Gebieten der Erde verbessert, entsteht Die Linde AG ist einer der größten Wasserstoffproduzenten: www.
rund 130 Millionen Tonnen Wasserstoff, ohne weitere Maßnahmen zur Emissi- linde-gas.de/international/web/lg/de/likelgde.nsf/docbyalias/
davon stammt etwa die Hälfte aus der onsminderung mehr Methan, das den wasserstoff_technologie#
Verbrennung fossiler Kraftstoffe und Bio- Treibhauseffekt ankurbelt.
massen. Die andere Hälfte wird in der ratory über den Stand der Forschung und die Marktchancen der
Atmosphäre durch Oxidation von Me- Aus Fehlern lernen Wasserstoffwirtschaft: www.risoe.dk/rispubl/energy_report3/ris-
than und sonstigen organischen Verbin- Ob durch die Wasserstofftechnologie r-1469.htm
dungen erzeugt. Ein kleiner Teil ent- eine Abnahme der CO2-Emissionen er- www.
weicht auf Grund seines geringen Mole- reicht werden kann, hängt entscheidend efcf.com/ bietet unter »/reportsE09.pdf« einen kritischen Beitrag
kulargewichts aus der Atmosphäre, der davon ab, wie der Brennstoff erzeugt von Ulf Bossel
weitaus größere wird jedoch durch Mi- wird. Bei der Nutzung regenerativer Hamburg hat in Sachen Wasserstoff einiges zu bieten, vom Bus-
kroorganismen im Erdboden gebunden Energien wird es oftmals effizienter sein, Projekt CUTE bis zur Messe H2-Expo:
www.hh2wasserstoff.de/CUTE/HH2/ www.hamburg-messe.de/
oder durch OH-Radikale oxidiert. die anfallende Energie direkt zu verbrau-
H2Expo/h2_de/start_main.php
Leider sind die Quellen und Senken chen, anstatt sie in Form von Wasserstoff
des atmosphärischen Wasserstoffs immer zwischenzuspeichern. Wasserstoff entwi- Auf den Seiten der Autohersteller liefern Suchmaschinen zu den
Begriffen »Wasserstoff« und »Brennstoffzelle« interessante Sei-
noch unzureichend bekannt. Darum ist ckelt seine Stärken vor allem im Ver-
ten oder Dokumente zum Download:
es schwierig, die zukünftige Entwicklung kehrssektor, wo er einen erheblichen Bei- BMW: www.bmw.de;
bei einem Ersatz von fossilen Kraftstof- trag zur Eindämmung der Luftver- DaimlerChrysler: www.daimlerchrysler.com/dccom;
fen durch Wasserstoff verlässlich abzu- schmutzung liefern kann. Ford: www.ford.com/en/default.htm;
schätzen. Gelingt es, die unvermeidbaren Im Gegensatz zum Beginn des 20. General Motors: www.gm.com/;
Honda: www.honda.com/index.asp?bhcp=1;
Leckraten bei etwa ein Prozent zu hal- Jahrhunderts, als die ersten Automobile Toyota: www.toyota.com/;
ten, so dürfte sich nach unseren Rech- in Serie gingen, ist heute hinlänglich be- VW: www.volkswagen.de
nungen die atmosphärische Wasserstoff- kannt, dass vom Menschen verursachte
konzentration kaum erhöhen. Bei einer Emissionen einen gravierenden Einfluss
angenommenen Leckrate von drei Pro- auf unsere Atmosphäre zeitigen. Wir Die Erde im Treibhaus. Spektrum der Wissenschaft, Dossier
2/2005
zent ist hingegen schon mit einer Zu- sollten nicht noch einmal den Fehler
nahme von 40 bis 70 Prozent zu rech- machen, diese Konsequenzen erst im Die Wasserstoffwende. Eine neue Form der Energieversorgung.
nen. Selbst dann aber stellt Wasserstoff Nachhinein zu analysieren. Von Henning Boetius. dtv, 2005
keine Gefahr für das Klimasystem dar, Air pollution and climate-forcing impacts of a global hydrogen eco-
denn die Zunahme von Wasserdampf Martin G. Schultz arbeitet
nomy. Von Martin G. Schultz et al. in: Science, Bd. 302, S. 624,
und die Abnahme der OH-Radikale wä- 2003
am Max-Planck-Institut für
AUTOR

ren vernachlässigbar. Meteorologie in Hamburg. Climate Change 2001: The scientific basis. Contribution of Wor-
Um eine global bedeutsame Schädi- Er hat am Forschungszent- king Group I to the Third Assessment Report of the Intergovern-
rum Jülich und in Wuppertal mental Panel on Climate Change. Cambridge University Press,
gung der stratosphärischen Ozonschicht
promoviert und war Postdoc 2001
hervorzurufen, müsste die Wasserstoff- an der Harvard University.
konzentration mindestens um das Vier-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 97
SCHWERPUNKT Wasserstoff

Flotte auf Kurs


Ein wichtiger Schritt zum Brennstoffzellen-Fahrzeug
ist getan – die ersten Testflotten kreuzen auf der
Straße. Doch von einer Serienfertigung sind die
Hersteller noch weit entfernt.

Von Steven Ashley genieure aber bald dämpfen wollen. Des- Autobahnen fahren. Dreißig Daim-
halb legt Berretta solchen Wert darauf, lerChrysler-Busse befördern schon Fahr-

D
ie Radarfallen an der Zu- dass seine Besucher die hohe Anfangsbe- gäste in zehn europäischen Städten und
fahrt von Nabern in Schwa- schleunigung des F-Cell ausprobieren – jeweils drei weitere sollen bald Peking
ben scheinen das Einzige zu einen der Vorteile, die ein elektrischer und Perth erreichen. General Motors,
sein, was Rosario Berretta Motor bietet. Aber solche Manöver müs- Toyota, Nissan, Renault, Volkswagen,
Kummer bereitet. Der DaimlerChrysler- sen warten, bis die Radarfallen im Rück- Mitsubishi und Hyundai haben zumin-
Ingenieur leitet ein Team, das sechzig spiegel verschwinden. dest Prototypen entwickelt und BMW
Fahrzeuge mit dem neuesten Brennstoff- DaimlerChrysler ist nicht allein auf geht seinen eigenen Wasserstoff-Weg
zellen-Fahrzeug für den weltweiten Pro- der Suche nach dem umweltfreundli- (siehe Kasten auf S. 96). Insgesamt 600
bebetrieb unter diversen Fahrbedingun- chen Fahrzeug. Nach einem Jahrzehnt bis 800 Brennstoffzellen-Fahrzeuge rund
gen vorbereitet. Eigentlich wirkt der F- gezielter Forschung stehen diverse Test- um den Globus haben das Versuchssta-
Cell wie ein konventioneller Kleinwa- flotten bereit: Zwanzig von Hondas neu- dium erreicht. Und die Zulieferer der
gen, fährt und handhabt sich auch so. em FCX und dreißig mit Brennstoffzel- Automobilindustrie haben begonnen,
Das einzig Ungewöhnliche scheint das len betriebene Kompaktautos des Typs Komponenten zu entwickeln und anzu-
Schwirren des Kompressors, das die In- FCV von Ford werden in Kürze über die bieten. Alles in allem scheint eine Markt-
DAIMLERCHRYSLER

DaimlerChrysler testet derzeit das


F-Cell-Brennstoffzellen-Fahrzeug
auf Straßentauglichkeit.

98 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
BRENNSTOFFZELLEN

Ultra-
kondensator

Luftzufuhr für
Brennstoff-
zellen

Y
AN
MP
CO
OR
OT
AM
ND
HO
Wasserstofftanks
Befeuchtungsanlage

Brennstoffzellen-Stapel
Behälter für
Brennstoffzellen-System

H
ö
c
Antriebs-
steuerung

Triebwerks- elektrischer
lüfter Motor

einführung zu Beginn des nächsten Jahr- Ob diese Kritiker Recht haben oder Wasser im Tank. Hondas FCX-Mo-
zehnts erreichbar. die Technik schlicht problematisch ist – o dell von 2005 ist ein typischer Ver-
Konfrontiert mit immer strengeren ge- zwei Stunden Fahrt auf der Autobahn, treter des aktuellen Stands der Wasser-
setzlichen Regelungen zur Abgasemission, zum Beispiel von Nabern nach Frankfurt stoff-Brennstoffzellen-Technik mit Poly-
einer drohenden Ölknappheit und dem am Main, reichen derzeit, um Vision mermembran. Der Viersitzer bietet eine
durch Verbrennungsmotoren angeheizten und Wirklichkeit zu scheiden: In etwas hstgeschwindigkeit von 150 Kilome-
Treibhauseffekt, haben Industrie und Re- weniger als neunzig Minuten stünde ter pro Stunde und eine Reichweite von
gierungen in den letzten zehn Jahren etli- man mit leerem Tank am Straßenrand. 320 Kilometern.
che Milliarden Euro in die Verwirkli- Von der heute üblichen Reichweite von
chung einer sauberen, effizienten Antriebs- 500 Kilometern ist der Brennstoffzellen-
technik investiert, die den altehrwürdigen Antrieb weit entfernt, und Wasserstoff-
Benzin- oder Dieselmotor ersetzen soll. tankstellen sind Mangelware. fünffacht? Und wie soll ein internatio-
Vorstände versichern, dass auf lange Sicht Die wesentlichen Fragen also sind: nales Netz von Wasserstofftankstellen
kein Weg an der Wasserstoffwirtschaft Wie lässt sich die Kapazität des Tanks wachsen? Sogar einige Hersteller sind
vorbeiführe. Alle durchaus praktikablen wesentlich erhöhen? Durch welche skeptisch: »Es könnten gut und gerne
Alternativen wie das Hybridauto (das ei- Maßnahmen kann der Preis für den noch 25 Jahre vergehen«, erklärt Bill
nen Verbrennungsmotor mit elektroche- Antrieb auf ein Hundertstel des gegen- Reinert, Landeschef der amerikanischen

äößä
mischen Batterien kombiniert) verbren- wärtigen sinken, während sich gleich- Forschungsabteilung bei Toyota. Ein
nen immer noch Kohlenwasserstoffe und zeitig die Lebensdauer des Motors ver- deutliches Indiz für die Probleme ist die
erzeugen deshalb das Treibhausgas Koh-
lendioxid sowie andere Schadstoffe. Kri- IN KÜRZE
tiker erachten den bisherigen Forschungs-
und Entwicklungsaufwand als zu gering, r Die Automobilindustrie schickt rund zehn Jahre nach den ersten Prototypen
sie zweifeln schlicht an den guten Ab- nun Fahrzeugflotten mit Brennstoffzellen-Antrieb auf die Straße. Insgesamt wurden
sichten der Unternehmen, deren Strate- viele Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert, aber bis zur Kom-
gien normalerweise wesentlich kurzfristi- merzialisierung ist es noch ein weiter Weg.
ger gedacht sind. Brennstoffzellen-Fahr- r Hohe Kosten, geringe Speicherfähigkeit der Wasserstofftanks und die mangeln-
zeuge dienten lediglich als Verschleie- de Infrastruktur z hlen zu den gr ten Hindernissen.
rungstaktik, um vorläufig das gewohnte r Eine Serienproduktion ist nicht vor Mitte des n chsten Jahrzehnts zu erwarten.
Geschäft weiterführen zu können.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 99
SCHWERPUNKT Wasserstoff

einhellige Forderung fast aller Firmen PEM-Brennstoffzellen haben in der Stabilität für eine längere Lebensdauer,
nach einem stärkeren Regierungs- Theorie viele Vorteile: Sie sollten 55 Pro- weniger chemische Nebenreaktionen,
engagement bei der Grundlagenfor- zent der in den zugeführten Gasen ent- mehr Toleranz gegenüber Treibstoffver-
schung und bei den Wasserstoff-Vertei- haltenen chemischen Energie verwerten, unreinigungen oder unerwünschten Ne-
lungsnetzen. während ein Verbrennungsmotor nur benprodukten wie Kohlenmonoxid.
Dabei klingt alles so einfach und rund 30 Prozent für den Antrieb nutzt Dementsprechend erregt war die Sze-
schlüssig. Eine Brennstoffzelle liefert und den Rest großteils als Wärme ab- ne letzten Herbst über eine Nachricht
elektrischen Strom, der einen Elektro- gibt. Apropos: Während in den Zylin- von PolyFuel, einer kleinen Firma in
motor antreibt. Anders als eine Batterie dern eines Ottomotors kurzzeitig 3000 Mountain View (Kalifornien). Angeblich
speichert sie aber keine Energie, sondern Grad herrschen und die Abgastempera- sei es gelungen, eine Hydrokarbonmem-
setzt diese in einem elektrochemischen tur immer noch bei rund 1100 Grad bran zu entwickeln, die größere Leistung
Prozess frei. Der läuft so lange, wie Was- liegt, arbeitet die PEM-Zelle bei nur 80 bei niedrigeren Kosten bringe als her-
serstoff und Sauerstoff zugeführt werden Grad Celsius. Deshalb wäre ein einfa- kömmliche perfluorierte Membranen.
(siehe Illustration unten). Dafür, dass die cher und sicherer Betrieb mit geringer »Sie sieht aus wie ein Stück Zellophan«,
beiden Reaktionspartner nicht schlicht Wartung möglich. versichert Vorstand James Balcom. Wa-
als Knallgas explodieren, sorgt eine dün- rum sie mehr leisten soll als etwa Du-
ne, aus einer Fluor-Kohlenstoff-Verbin- Ein Stück Zellophan Ponts Material Nafion, habe eine ganze
dung bestehende Polymermembran, die löst Probleme Reihe von Gründen, wie etwa eine höhe-
PEM (Protonaustauschmembran, eng- Doch gerade die Membranen sind leider re Betriebstemperatur bis zu 95 Grad
lisch proton exchange membrane). Elektri- auch die Krux derzeitiger Prototypen Celsius und eine um 50 Prozent längere
sche Energie entsteht, wenn Elektronen und Testfahrzeuge. Sie verursachen bis Haltbarkeit bei 10 bis 15 Prozent höhe-
an katalytischen Bereichen der Memb- zu 35 Prozent der Kosten eines Zellen- rer Energieausbeute. Vor allem aber: Sie
ranoberfläche von Wasserstoffatomen ab- stapels. Die Energieeffizienz fällt schlech- koste nur die Hälfte. Viele Forscher ste-
getrennt werden. Weil die Membran po- ter aus als theoretisch möglich, weil die hen diesen Lobpreisungen nach wie vor
sitive Ladungsträger – Wasserstoff-Ionen, Membranen geringe Treibstoffmengen skeptisch gegenüber, doch Honda ver-
das heißt Protonen – leitet, wandern die- ungenutzt passieren lassen (Spektrum wendet die neuen Membranen bereits.
se auf die andere Seite. Dort vereinen sie der Wissenschaft 9/2001, S. 66). Weite- Eine weitere Schlüsselkomponente
sich mit Sauerstoff und einem Elektron re Punkte auf der Wunschliste der Auto- der PEM-Brennstoffzellen ist die dünne
zu Wasser. Einzelne derartige Elemente mobilfirmen an die Membranhersteller: Katalysatorschicht aus Platin auf beiden
werden zu Stapeln kombiniert. verbesserte chemische und mechanische Seiten der Membran, die 40 Prozent der

Das Innenleben einer Brennstoffzelle


Eine Brennstoffzelle erzeugt so lange Elek-
trizität, wie sie mit Sauerstoff und Was-
serstoff beliefert wird. Der für mobile
Anwendungen auf Grund der geringen Elektrizität
_ _ 3 _
Betriebstemperatur geeignete Typus der
_ _
Brennstoffzelle mit Protonaustausch- Elektronen
_ _
membran (PEM, englisch proton ex- Sauerstoff
change membrane) besteht aus zwei dün-
nen, durchlässigen Elektroden – Anode + + Wasser-
+
und Kathode – sowie einer Polymermem- + + 4 dampf
bran, die Protonen leitet. Platinbasierte +
+ +
Katalysatoren bedecken jeweils eine Sei- +
Wasser- + + Wärme
te der Elektroden. Nachdem Wasserstoff- stoff Pro- + +
atome in die Zelle gelangen (1), spaltet
1
tonen
+
+ 5
der Anodenkatalysator sie in Elektronen + + +
und Protonen (2). Erstere fließen nach au- 2 + +
Stapel
ßen ab und treiben den Elektromotor an 6
(3), während die Protonen durch die Mem- Anode Kathode
bran zur Kathode wandern (4). Der Kataly-
Polymermembran
sator auf dieser Seite kombiniert Proto-
LUCY READING-IKKANDA

nen mit den hier eintreffenden Elektronen einzelne Zelle


sowie Sauerstoff zu Wasser (5). Viele Zel-
len werden zu Stapeln kombiniert, um
größere Spannungen zu erhalten (6).

100 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
BRENNSTOFFZELLEN

Stapelkosten ausmacht. Der Katalysator


bereitet Wasserstoff (aus dem Treibstoff)
und Sauerstoff (aus der Luft) durch Spal-
tung der stets paarweise daherkommen-
den Elemente und durch Abgabe bezie-
hungsweise Aufnahme von Elektronen
auf die chemische Reaktion vor. Außer-
dem fördert das Edelmetall auch die ab-
schließende Reaktion aller Partner zu
Wasser (H2O). Vor allem diese muss sehr
genau gesteuert werden, da sich auch
Nebenprodukte wie aggressives Wasser-
stoffperoxid bilden können, die der Zelle
schaden.
Wegen der hohen Kosten des Platins
suchen die Forscher das Verfahren zu op-
timieren. Sie steigern die Wirksamkeit
des Katalysators, um mit weniger Mate-
rial für die gleiche Leistungsabgabe aus-
zukommen, stabilisieren die Struktur der
Katalysatorschicht, damit sie sich langsa-
mer abnutzt, und reduzieren Nebenreak-
tionen, die ihn verschmutzen und so sei-
ne Effektivität mindern können. Kürz-
lich vermeldeten Forscher der Firma 3M
einen Erfolg: Indem sie die Membran-
oberfläche im Bereich von Nanometern
ANZEIGE
strukturierten, formte das darauf abge-
schiedene Platin »Wälder aus winzigen
Säulen«, was die Katalysatorfläche und
damit seine Wirksamkeit signifikant er-
höhte. Andere Forscher prüfen alterna-
tive Materialien wie zum Beispiel Kobalt
und Chrom.
Lassen sich die Kosten des Antriebs
erst einmal reduzieren, bleibt aber im-
mer noch das Problem der ungenügen-
den Reichweite eines Brennstoffzellen-
Fahrzeugs. Fünf bis sieben Kilogramm
Wasserstoff brächten ein Auto bis zu 800
Kilometer weit, die Prototypen haben
aber nur 2,5 bis 3,5 Kilogramm an Bord.
»Niemand weiß, wie er die doppelte
Menge unterbringen soll«, sagt Dennis
Campbell, Chef von Ballard Power Sys-
tems in Vancouver, einem der führenden
Stapelhersteller.

Teure Kältetechnik
Typischerweise wird Wasserstoff als hoch
komprimiertes Gas bei Umgebungstem-
peratur gespeichert. Viele Ingenieurteams
arbeiten an der Verdopplung des Drucks
von derzeit 350 Bar, was aber nicht auto-
matisch auch die zweifache Speichermen-
ge bedeutet. Eine Alternative ist die Spei-
cherung von flüssigem Wasserstoff bei –
253 Grad Celsius, doch die erforderliche
Kältetechnik verbraucht dann etwa

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 101
SCHWERPUNKT Wasserstoff

ein Drittel der Treibstoffenergie. Zudem ist, Wasserstoff zunächst auf –196 Grad schule mit Schwerpunkt in den Berei-
gehen bei diesen Systemen trotz aufwän- Celsius zu kühlen, der leichter zu errei- chen Bergbau, Umwelt und Energie,
diger Isolierung jeden Tag etwa fünf Pro- chenden Temperatur von flüssigem Stick- brachte einen Hoffnungsstreif am Hori-
zent des Gases verloren. Lösungsansätze stoff. Unter hohem Druck lagert er sich zont: Die Substanz Tetrahydrofuran sta-
gibt es viele, doch den Stein der Weisen dann schnell an die inneren Oberflächen bilisiert Gashydrate derart, dass ein Tank
hat noch niemand gefunden. »Was wir poröser Materialien wie pulverisiertem schon bei 100 Bar zu betreiben wäre.
im Labor vorführen können, ist noch Kohlenstoff, entsprechender Polymere Theoretisch sollte es damit möglich sein,
weit entfernt von einem kompakten, und metallorganischer Moleküle. Eine sechs Kilogramm Wasserstoff in 120 Li-
langlebigen und erschwinglichen Spei- zweite Entwicklung zielt darauf ab, die tern Wasser zu speichern, das Gewicht
cher«, räumt Lawrence Burns ein, Leiter Bindung von Wasserstoff in Metallhydri- des Speichers wäre dann um mehr als die
der Abteilung Forschung, Entwicklung den durch Zusätze wie Silizium zu Hälfte reduziert.
und Planung bei General Motors. schwächen, sodass die Speicher das Gas Normalerweise schätzen Brennstoff-
Als viel versprechende Kandidaten schon bei 275 Grad Celsius statt 400 zellen-Entwickler keine Minusgrade au-
gelten Metallhydridsysteme. Das Wasser- Grad wieder freigeben. ßerhalb des Wasserstofftanks. Deswegen
stoffgas wird unter Druck in den Tank war es ein besonderes Ereignis, als der
eingefüllt und bindet unter Wärmeab- Eiszeit für den Wasserstoff Gouverneur des amerikanischen Bundes-
gabe chemisch an das Kristallgitter des Auch exotische Ansätze haben derzeit staats New York an einem stürmischen
fraglichen Metalls. Abwärme aus dem eine Chance auf Forschungsgelder. Da Novembermorgen im vergangenen Jahr
Brennstoffzellen-Stapel wird dazu ver- Metallhydridsysteme relativ schwer sind zwei Honda-FCX in Albany begrüßte.
wendet, die Reaktion umzukehren und – für die genannte Menge von fünf bis Alle vorherigen Demonstrationen mit
den Treibstoff freizugeben. Im Januar ha- sieben Kilogramm Wasserstoff kämen Brennstoffzellen-Fahrzeugen erfolgten
ben General Motors und die Sandia Na- insgesamt bis zu 300 Kilogramm auf die bei wärmerer Witterung. Denn Minus-
tional Laboratories ein mehrere Millio- Waage –, versuchen Wissenschaftler der grade verwandeln Wasser in Eiskristalle
nen Euro teures Vierjahresprojekt zur Universität Delft in den Niederlanden und die durchlöchern Membranen oder
Entwicklung eines Tanks gestartet, der den Brennstoff in nanometergroßen verstopfen Leitungen. Hondas Ingeni-
auf einem Natrium-Aluminium-Hydrid Zwischenräumen von Eis einzufangen. eure bewiesen die Winterfestigkeit ihrer
basiert. Der Automobilhersteller verkün- Allerdings erfordern solche Wasserstoff- Brennstoffzellen, sie sollen selbst –20
dete außerdem erste Erfolge seiner Zu- hydrate normalerweise Drücke von rund Grad Celsius problemlos verkraften. An-
sammenarbeit mit den HRL-Laborato- 2500 Bar. Eine Zusammenarbeit mit der dere Autofirmen einschließlich Daimler-
rien in Malibu (Kalifornien). Ein Ansatz Colorado School of Mines, einer Hoch- Chrysler verkündeten mittlerweile ähnli-

Kältefeste Brennstoffzellen
Die Widerstandsfähigkeit gegen Tempera-
turen unter null war lange Zeit ein Haupt-
ziel für die Entwickler von Brennstoffzel-
len-Stapeln. Wenn Stapel gefrieren, wird
das Wasser darin zu Eis, was die Mem-
branen durchlöchern und Rohre verstop-
fen kann. Letztes Jahr konnten Hondas
FCX-Entwickler demonstrieren, dass die
Brennstoffzellen-Energiequelle im jüngs-
ten FCX-Hecktürmodell (rechts) selbst bei
–20 Grad Celsius immer anspringt. For-
scher von DaimlerChrysler (unten) und
General Motors haben bereits Ähnliches
vorgeführt.
HONDA MOTOR COMPANY
DAIMLERCHRYSLER

102 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
BRENNSTOFFZELLEN

Designfreiheit durch Brennstoffzellen


Der Entwurf des Brennstoffzellen-Fahrzeugs Sequel von General Motors (rechts)
soll genügend Treibstoff für 500 Kilometer an Bord haben: Das entspricht
der akzeptablen Mindestreichweite. Erreicht wird dies durch die
Aufnahme von sieben Kilogramm Wasserstoff bei einem
Druck von 700 Bar. Der Druckbehälter passt in ein 30 Zen-
timeter dickes Chassis in Form eines Skateboards, das
auch alle allgemeinen Steuersysteme enthält. Der Se-
quel demonstriert, wie ein vollständig elektrisch betrie-
benes Fahrzeug den Designern völlig neue Möglichkei-
ten gibt. Da rein mechanische Bestandteile wie das
Lenkrad durch elektronische Komponenten ersetzt wer-
den können, lässt sich zum Beispiel der Innenraum sehr viel
offener gestalten.

ALLE ABB. DIESER SEITE: GENERAL MOTORS CORPORATION


che Erfolge mit Kaltstart-Teststapeln im ist ein klassisches »Henne-Ei-Problem«:
Labor. Der neue FCX besitzt zudem ei- Ohne Tankstellennetz wird es keine nen- f-cell Award
nen Ultrakondensator, ein Bauteil, das nenswerte Nachfrage nach den Fahrzeu-
Energie kurzfristig im elektrischen Feld gen geben, aber niemand wagt die erfor- Die Region Stuttgart will in Sachen
zweier Kondensatorplatten speichert. derlichen Investitionen ohne ausreichen- Brennstoffzelle international eine
Muss ein Motor etwa an Steigungen de Nachfrage nach dem neuen Kraftstoff. führende Rolle übernehmen. Um
mehr Leistung bringen, reagiert ein sol- Einer Studie von General Motors zu- das hohe Ziel zu erreichen, loben
ches System schneller als Batterien, die folge wären 10 bis 15 Milliarden Dollar das Ministerium für Umwelt und
bei Brennstoffzellen-Fahrzeugen meist nötig, um in den USA 11 700 Wasser- Verkehr Baden-Württemberg, die
eingebaut werden. stofftankstellen – mit einer deutlichen Wirtschaftsförderung Region Stutt-
Später an jenem Novembertag ver- Konzentration in den Städten – einzu- gart und die DaimlerChrysler AG
sammelte sich eine enthusiastische Men- richten. Mit einem solchen Netz wären zum fünften Mal den »f-cell Award«
ge auch am nahe gelegenen Hauptsitz etwa eine Million Fahrzeuge zu versorgen. aus. Prämiert werden anwendungs-
von Plug Power, des in Latham (New Das klingt nach viel Geld, ist aber wenig nahe Entwicklungen rund um die

undRedakteurfüT
York) ansässigen Herstellers stationärer im Vergleich zu den 85 Milliarden Dollar, Brennstoffzelle, ob Bauelemente,
Brennstoffzellen für Notstromaggregate. die Kabelfirmen für Fernsehnetze bereit ganze Systeme, Kraftstoff- und Be-
Sie feierten die Eröffnung einer Wasser- sind aufzubringen. Immerhin, ein Anfang tankungstechnik oder die Integra-
stofftankstelle, die das Unternehmen ge- ist gemacht. Bald sollen weltweit an die tion in mobile, portable oder sta-
meinsam mit Honda entwickelt hatte. 70 Tankstellen in Betrieb sein und Kali- tionäre Anwendungen. Vergeben
Diese »Heimenergiestation« (home energy forniens Highway-Wasserstoffprogramm werden Preisgelder von insgesamt
station) besitzt einen so genannten Dampf- hat ein besonders ehrgeiziges Ziel – € 30 000.
reformer, der Wasserstoff aus Erdgas ex- 200 Tankstellen im Sonnenstaat. Die Preise werden im Rahmen
trahiert. Ein Teil davon versorgt den des »f-cell«-Kongresses (26. bis 28.
Brennstoffzellen-Stapel, der dem Firmen- September 2005) in der Landes-
AUTOR

sitz Strom liefert. Ansonsten soll das Ge- Steven Ashley ist Journalist hauptstadt überreicht. Nähere Infor-
rät ein Auto pro Tag betanken – ein Trop- echnolo- mationen unter
gie-Themen beim Scientific
fen auf den heißen Stein. Doch die Ent- American. www.f-cell.de
wicklung einer Wasserstoffinfrastruktur

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 103
REZENSIONEN
LEBEN jahrelang an einer äußerst ergiebigen
REZENSIONEN

Stefan Klein Quelle für erstaunliche und verstörende


Alles Zufall Geschichten gesessen. Sein Buch präsen-
tiert eine gelungene Auswahl; da quillt
Die Kraft, die unser Leben bestimmt
die Fülle der Themen gelegentlich über
Rowohlt, Reinbek 2004. 377 Seiten, € 19,90
das Korsett des Buchtitels hinaus.
Mich hat das nicht ernsthaft gestört.

D er Libellenflügel ist ein unübertrof-


fenes Meisterwerk der Natur. Kein
anderes Tier vollführt mit so wenig Ma-
willige in psychiatrische Kliniken mit
dem einzigen – erdichteten – Symptom,
sie hätten unerklärliche Stimmen gehört.
Da in der Tat alles in unserem Leben
vom Zufall bestimmt wird, hat der Au-
tor eine wohlfeile Ausrede, über alles in
terial- und Energieaufwand so vielseitige, Daraufhin interpretierte das Klinikper- unserem Leben zu schreiben. Und von
komplizierte und elegante Flugmanöver. sonal jede, auch die normalste Äußerung dieser Freiheit macht er durchaus wohl-
Gleichwohl sind es nicht die Libellen, der Pseudopatienten als Anzeichen von dosierten Gebrauch.
sondern die evolutionär viel jüngeren Schizophrenie. Wahrhaft ein unglaublicher Zufall ist
Fliegen und deren Verwandte, die mit ei- Das Verhalten der Eltern hat kei- es, wie der Taxifahrer Barry Bagshaw
nem weit einfacheren und weniger effizi- nen nennenswerten Einfluss auf die nach mehr als dreißig Jahren seinen ver-
enten Flugapparat den bodennahen Neigungen und der von ihnen erzoge- lorenen Sohn wiederfindet – als ganz ge-
Luftraum beherrschen. nen Kinder. wöhnlichen Fahrgast. Zwei Menschen,
Der amerikanische Psychologe David Alles Zufall? Na ja. Stefan Klein hat die miteinander nichts zu tun haben,
Rosenhan schickte 1968 gesunde Frei- als Wissenschaftsredakteur des »Spiegel« entkommen knapp dem Terroranschlag

Ein Kunstwerk der Natur: Runde


GEOLOGIE u Konkretionen aus feinkörnigem,
weißem Sand, der durch den Druck in der
Dirk J. Wiersma
Tiefe fest zusammengebacken wurde.
Zauber der Mineralien und Gesteine Diese »Umarmung« stammt aus einem
Aus dem Englischen von Clemens Wilhelm.
Steinbruch südlich von Paris und ist 35
Springer, Heidelberg 2004. 160 Seiten, € 49,95
Zentimeter hoch.

D irk Wiersma, Geologe und Fotograf


aus Utrecht (Niederlande), hat kei-
nen besonderen Wert auf wissenschaftli-
che Systematik gelegt. Seine Bilder sind
in loser Folge vom Großen zum Kleinen
angeordnet. Aber was für Bilder!
Hauchzarte Schichten von tiefrotem
Hämatit fassen eine geheimnisvolle
schwarze Quarzkristallhöhle ein. Es
wirkt wie aus einer fremden Welt, aber
es stammt von der französischen Mittel-
meerküste: Erst die Poliertechnik und
die Vergrößerung lassen das Mineral
nach Sciencefiction aussehen.
Als ein Ammonit versteinerte, füllten
kleiner und kleiner werdende Kristalle
die durch Verwesung frei gewordenen
Hohlräume. Im Dünnschliff zeigt sich
ein farbenfrohes Fraktal.
Und erst durch Nachschlagen ent-
deckt man, dass die seitenfüllend abge-
bildete, surreale Landschaft »Torres d’es-
pumoso« in Wirklichkeit nur zweiein-
halb Zentimeter groß ist.
Ein wundervolles Buch, an dem die
Fantasie nicht müde wird.
Alice Krüßmann
Die Rezensentin ist Bildredakteurin bei Spektrum
der Wissenschaft in Heidelberg.

104 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
vom 11. September, nur um zwei Mona- aktuelle Ereignis eine Stichprobe ist – Aus einer detaillierten Analyse des
te später beim Absturz eines Flugzeugs oder zumindest so gesehen werden kann. Bergbahnunglücks von Kaprun am 11.
nach Santo Domingo kurz nach dem Der Mensch aber, stets auf der Suche November 2000 und anderer Katastro-
Start ums Leben zu kommen. Für die nach berechenbaren und sinnvollen phen destilliert Stefan Klein einen Satz
Betroffenen und deren Hinterbliebene Mustern, neigt dazu, den Einfluss des beherzigenswerter Lebensregeln: Sperre
ist ein solches Zusammentreffen derart Zufalls zu unterschätzen. So passen auf den Zufall nicht mit Gewalt aus, vor al-
aufwühlend, dass Gedanken an eine – einmal der Irrtum der Klinikpsychiater lem nicht aus deinen Gedanken, son-
gütige oder grausame – Vorsehung sich und die bei Eltern systematisch auftre- dern versuche seine guten und seine
aufdrängen. Aber dem Journalisten, der tende Überschätzung der eigenen Erzie- schlechten Folgen in eine erträgliche Mi-
Zugang zu Nachrichten aus aller Welt hungsleistung zum Thema. schung zu bringen. Unter Unsicherheit
hat, zeigt ein einfaches Rechenexempel, Unbestreitbar spielt der Zufall in der triff statt einer großen Entscheidung lie-
dass eine so unglaubliche Geschichte wie Entwicklung der Arten ebenso eine ber viele kleine; dadurch hast du mehr
die von Vater und Sohn Bagshaw irgend- entscheidende Rolle wie in zahlreichen Chancen, auf die unvermeidlichen Zu-
wo auf der Welt so gut wie sicher passie- physikalischen Phänomenen. Meistens fallsereignisse zu reagieren.
ren wird. Der Hauptgewinn, Ereignis spricht man dann über ihn, wenn kleine, Eine bunte Mischung guter Ge-
des Lebens für den Lottospieler, ist für zufällige Änderungen große Wirkungen schichten wird durch den erstklassigen
die Lottogesellschaft Standard. haben. Aber das kommt deutlich seltener Schreibstil des Autors zum Genuss.
Um den Zufall richtig einschätzen zu vor, als man noch vor zwanzig Jahren in Christoph Pöppe
können, muss man also Klarheit über die der Begeisterung über die Chaostheorie Der Rezensent ist Redakteur bei Spektrum der
Grundgesamtheit gewinnen, aus der das und den Schmetterlingseffekt glaubte. Wissenschaft in Heidelberg.

Das wohlbekannte Herzsymbol mit


KULTURANTHROPOLOGIE u seinem Einschnitt oben sieht kaum
Desmond Morris wie das echte Herz aus. Dagegen findet
Die nackte Eva sich eine frappante Ähnlichkeit an anato-
misch nicht gerade nahe liegender Stelle:
Der weibliche Körper im Wandel der Kulturen
dem von hinten betrachteten weiblichen
Aus dem Englischen von Jochen Winter. Heyne, München 2004. 272 Seiten, € 22,–
Gesäß.

D er 1928 geborene britische Zoologe


und Verhaltensforscher Desmond
Morris wurde Ende der 1960er Jahre
an, von kulturellen Unterschieden beim
weiblichen Schönheitsbegriff bis hin zu
diversen altertümlichen und modernen
erstmals mit seinem internationalen Techniken der Manipulation. So erfährt
Bestseller »Der nackte Affe« bekannt. der Leser, dass Lidschatten bereits im al-
Dem folgten weitere Erfolge wie »Dog- ten Ägypten verwendet wurde, wie der
watching«, »Catwatching« und »Body- Zungenkuss entstand, in welchen Kultu-
watching« (deutsch »Körpersignale«). ren Halsverlängerungen schick sind und
Aus einer anfänglich geplanten, revidier- dass Frauen mit Zungenpiercing beson-
ten Neuauflage des letzten Titels ent- ders vom Blitzschlag gefährdet sind.
stand »Die nackte Eva«, die noch »einige Das Märchen von Aschenputtel geht
wenige Passagen« des Vorgängers enthält. darauf zurück, dass in China traditionell
Daher rührt auch die Gliederung des kleine Füße bei Frauen als Schönheits-
Buchs, die jede Körperregion in einem merkmal gelten.
eigenen Kapitel begutachtet. So interessant und amüsant viele der
Offensichtlich ist es dem Autor je- Geschichten sind, es fehlt dem Buch
doch nicht gelungen, sich von seinem al- doch eine neue Kernaussage. Morris ver-
ten Konzept so weit zu lösen, dass er mischt kulturhistorische und biologische
dem neuen Aspekt weiblicher Schönheit Aspekte; dagegen schweigt er über
gerecht geworden wäre. Nicht nur einige grundlegende Erklärungsansätze aus der
wenige, sondern sehr viele Passagen aus Theorie der sexuellen Selektion, die kör-
»Bodywatching« findet man in leicht ab- perliche Merkmale und die Präferenzen
geänderter Form in der »Nackten Eva« für diese als adaptiven evolutionären
wieder. Dadurch überwiegt oft der An- Prozess sehen und damit hilfreich für ein
teil an allgemeiner Anatomie und Funk- fundamentales Verständnis von Schön-
tionalität der Körperteile. heit und Ästhetik sind. Häufig erklärt er
Um das auszugleichen, hängt der Au- Merkmale als Folge der Neotenie – der
tor an jedes Kapitel einzelne Geschich- Mensch ist, verglichen mit seinen nächs-
ten über die entsprechende Körperpartie ten evolutionären Verwandten, ein

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 105
Spätentwickler; oder sie hätten sich aus- Angesichts der Tatsache, dass immer nismen für diese Variabilität weiblicher
REZENSIONEN

gebildet, weil sie ein Spiegel weiblicher mehr Menschen den Schönheitschirur- Schönheit wäre dafür hilfreich gewesen,
Genitalien seien; weitere Hypothesen gen in Anspruch nehmen, um einem fehlt aber in der »Nackten Eva«.
führt er nicht an. Andere dagegen sind Idealbild zu entsprechen, kommt dem Insgesamt ist das Buch amüsant, aber
sehr gewagt, und die Erkenntnisse man- Unterfangen, auch dem »nicht perfek- wenig lehrreich.
cher Kapitel entsprechen nicht dem neu- ten« Menschen volle Wertschätzung Silke Wohlrab
esten Stand der Forschung. entgegenzubringen, heute besondere Be- Die Rezensentin ist Diplombiologin und promo-
Es wäre wünschenswert gewesen, deutung zu. Eine Darstellung evoluti- viert in der Abteilung für Soziobiologie/Anthropo-
hätte Desmond Morris in der »Nackten onsbiologischer Grundlagen und Mecha- logie der Universität Göttingen.
Eva« jüngere Arbeiten aus Bereichen der
Evolutionären Anthropologie und Psy-
chologie über »Darwin’sche Ästhetik«
einfließen lassen. Insbesondere Eckart ENTWICKLUNGSBIOLOGIE
Voland und Karl Grammer bemühen Christiane Nüsslein-Volhard
sich in »Evolutionary Aesthetics« (Sprin- Das Werden des Lebens
ger, 2003), die Unterschiede zwischen
Wie Gene die Entwicklung steuern
Mann und Frau als Vorzüge der Ge-
C.H.Beck, München 2004. 208 Seiten, € 19,90
schlechter zu sehen. So geben sie eine
evolutionäre Begründung für geschlechts-
spezifische Merkmalsausprägungen und
die entsprechenden Präferenzen hierfür:
Es ist für den Bestand einer Population
W ie entsteht aus Spermium und Ei-
zelle ein so komplexes Wesen wie
der Mensch? Warum sehen Kinder ihren
das lebhafte öffentliche Aufmerksamkeit
genießt, verständlich darzustellen. Dabei
wendet sie sich ausdrücklich an interes-
vorteilhaft, wenn die Geschmäcker – Eltern ähnlich? Woher weiß eine Zelle, sierte Laien, etwa Politiker, Theologen
zum Beispiel – der Männer verschieden welche speziellen Eigenschaften sie an- oder Juristen, die sich nicht mit Spezial-
sind, weil dadurch die verschiedensten nehmen soll? Christiane Nüsslein-Vol- wissen herumschlagen möchten.
Frauentypen eine Fortpflanzungschance hard, Nobelpreisträgerin und Direktorin Ganz in diesem Sinne steigt Nüss-
erhalten und so eine größere Variabilität des Max-Planck-Instituts für Entwick- lein-Volhard auch mit einem locker ge-
innerhalb der Population zu Stande lungsbiologie in Tübingen, stellt sich der schriebenen Überblick über die Erkennt-
kommt. Aufgabe, dieses große Forschungsgebiet, nisse von Darwin, Mendel und Linné in
das Thema ein und lässt so auf einen ver-
ständlichen, aber informativen Haupt-
Die 5x5-Rezension des Monats von wissenschaft-online text hoffen.
Weit gefehlt! Bereits auf Seite 43 geht
Michael Schünke, Erik Schulte, die Grande Dame der Entwicklungsbio-
Udo Schumacher, Markus Voll, Karl Wesker logie zur Genetik der Drosophila über –
Prometheus LernAtlas der Anatomie und damit ans Eingemachte. Keine
Allgemeine Anatomie und Bewegungssystem Frage, die Taufliege, den meisten als un-
Thieme, Stuttgart 2004, 550 Seiten € 64,95 gebetener Gast auf dem Obstteller be-
kannt, hat Forscher vieles über das Ent-

D ieses Werk ist der Versuch, die bis-


her in der Anatomie streng getrenn-
ten Lehrmaterialien »Atlas« und »Lehr-
für maximale Verständlichkeit und Über-
sichtlichkeit sorgen, spiegeln eine didakti-
sche Leistung wider, die sonst in medizi-
stehen mehrzelliger Organismen gelehrt.
Doch es ist, als hätte die Autorin das
eingangs gegebene Versprechen, dem
buch« zu vereinigen und das Ganze di- nischen Lehrbüchern oft Mangelware ist. Leser spezielles Wissen weit gehend zu
daktisch möglichst nah an den Anforde- Aus der Rezension von Johannes Pöppe ersparen, vergessen. So erklärt sie über
rungen des Präparierkurses zu orientieren. die Paarregel-Gene »even-skipped« und
5×5 Punkte
Dieses Konzept ist aufgegangen. Der »fushi-tarazu«, die eine wichtige Rolle
»Prometheus« stellt alles in den Schatten, Rubriken 1•2•3•4•5 bei der Segmentbildung des Insekts spie-
was an Anatomie-Atlanten bisher auf dem len: »Unter der Kontrolle der jeweils sie-
Markt war, und schöpft dabei das Poten- Inhalt ben Streifen der Gene even-skipped und
zial des Mediums Buch im Vergleich zu Didaktik fushi-tarazu entstehen schließlich 14
digitalen Informationsquellen voll aus. Suchen/Finden Streifen des Produkts des Gens der
Die exakten und funktionell gut verständ- Lesespaß nächsten Stufe, engrailed, das sowohl
lichen Zeichnungen, gepaart mit den nö- Preis/Leistung von fushi-tarazu als auch von even-skip-
tigen Zusatzinformationen im Text, die Gesamtpunktzahl 24 ped aktiviert wird.« Was sollen Jurist und
Theologin daraus lernen?
Hut ab vor dem, der das Buch nicht
Den kompletten Text und zahlreiche weitere Rezensionen
gleich zur Seite legt, sondern weiterblät-
von wissenschaft-online finden Sie im Internet unter tert, um mehr über den Menschen zu er-
h tt p: //w w w. w i s s e n s ch aft - o n li ne .de / re zen sio ne n fahren. Aber im Gegensatz zur ausführ-
lich besprochenen lästigen kleinen Fliege

106 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
hakt Nüsslein-Volhard den Homo sapiens Die Nobelpreisträgerin hat bei ihrem
samt allem, was daran interessieren gut gemeinten Vorhaben glatt an der
könnte, auf nicht einmal 18 Seiten ab: Zielgruppe vorbeigeschrieben. Kein Laie
von der Entscheidung »Bub oder Mäd- wird aus diesem Werk einen Gewinn zie-
chen« über die Embryonalentwicklung hen. Und wer sich als Student mit Dro-
bis hin zum Zusammenhang zwischen sophila-Genetik beschäftigt, bevorzugt
Genen und Krankheit. Wenig später, bei wohl ein echtes Lehrbuch.
den aktuellen Themen wie Klonen, De- Stefanie Reinberger
signer-Babys und Stammzellen, hofft Die Rezensentin ist promovierte Biologin und
man vergeblich auf handfeste Aussagen. Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg.

METEOROLOGIE

Mojib Latif
Klima
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2004. 128 Seiten, € 8,90

D as Klima ist prominenter Gegen-


stand der öffentlichen Debatte ge-
worden: Hitzewellen und Überschwem-
zur Vertiefung klären sich viele dieser
Ungewissheiten – geschickt hat Latif in-
teressante Aspekte des Klimasystems aus-
mungen überfallen uns häufiger und hef- gewählt. So erläutert er etwa das El-
tiger als noch vor wenigen Jahrzehnten, Niño-Phänomen, die Entstehung des
Politiker streiten über die Wirksamkeit Ozonlochs und den Klimaeffekt von
des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz. Kondensstreifen.
Damit ist es ein klassisches Sujet für ein Leider bleibt dabei die Verständlich-
Handbuch aus der Reihe »Fischer Kom- keit für den Laien auf der Strecke. Der
ANZEIGE
pakt«, die den Anspruch erhebt, den Lai- Text erreicht streckenweise das Niveau
en aus dem Munde eines Experten kom- einer einführenden Vorlesung über Kli-
pakt und verlässlich über ein abgegrenz- maphysik. Wer von Spektralbändern
tes Thema zu informieren. Mojib Latif und dem Strahlungshaushalt der Atmos-
ist ohne Zweifel ein solcher Experte: Er phäre noch nie etwas gehört hat, wird
arbeitet als Professor am Institut für die entsprechenden Absätze nur mühsam
Meereskunde an der Universität Kiel verstehen. Die Formulierungen sind oft
und besitzt internationales Renommee nicht besonders anschaulich. Dass der
als Klimaforscher. Golfstrom vom Wind angetrieben wird,
In den ersten Kapiteln führt er uns beschreibt der Autor als eine »von der
zu den chemischen und physikalischen Atmosphäre aufgezwungene Drehbewe-
Grundlagen des Klimas. Nicht nur das gung«. Auch schwankt die Ausführlich-
Wetter, das heißt der momentane Zu- keit stark. Während Latif auf zwei Seiten
stand der Atmosphäre, ist wechselhaft, recht begreiflich macht, wie Wolken und
auch der über größere Zeiträume gemit- Niederschlag entstehen, räumt er dem
telte Zustand, das Klima, schwankt im viel schwierigeren Thema »Klimamodel-
Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausen- le« nicht mehr Platz ein, sondern weni-
de. Deswegen steht seine Vorhersage mit ger. Die Grafiken können solche Defizite
Hilfe von Computern im Mittelpunkt nicht ausgleichen: Sie sind oft lieblos fa-
des Interesses. briziert, und man versteht sie kaum,
Im Folgenden beantwortet Latif die ohne den Text zu lesen.
aktuellen Fragen: Was wissen Klimafor- Lesern, die ein gerüttelt Maß an phy-
scher über die Ursachen der globalen Er- sikalischem Grundwissen mitbringen,
wärmung, was prognostizieren sie für das bietet das Büchlein einen knappen Über-
kommende Jahrhundert, wozu dient das blick auf der Höhe des aktuellen For-
Kyoto-Protokoll, und bringt es über- schungsstands. Wer aber eine leicht ver-
haupt den erhofften Nutzen? ständliche Einführung erwartet, wird
Gewisse Dinge möchte man noch den Band wohl bald enttäuscht aus der
genauer wissen. Wie stark wird das Glet- Hand legen.
schereis an den Polen künftig schmelzen, Sven Titz
und wie hoch wird dann der Meeresspie- Der Rezensent ist promovierter Meteorologe und
gel steigen? In den folgenden Kapiteln freier Journalist in Berlin.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 107
PSYCHIATRIE ist beim derzeitigen Stand der Wissen-
REZENSIONEN

Martin Schmela schaft wohl schlicht unmöglich. Zu un-


Vom Zappeln und vom Philipp terschiedlich sind die Grundannahmen
zum Störungs- und Krankheitsbegriff so-
ADHS: Integration von familien-, hypno- und
verhaltenstherapeutischen Behandlungsansätzen
wie zu den Ursachen psychischer Auffäl-
ligkeiten und damit auch die therapeuti-
Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2004. 232 Seiten, € 22,95
schen Leitlinien. Ein Versuch, sie unter
einen Hut zu bringen, würde allenfalls

D ie Aufmerksamkeits- und Aktivi-


tätsstörung im Kindes- und Jugend-
alter, auch ADD (attention deficit disor-
einem Beratungs- und Behandlungszent-
rum für verschiedene Jugendhilfeeinrich-
tungen und neuerdings in einer kinder-
zu Verwirrung im Kopf des Therapeuten
und seinen Äußerungen gegenüber dem
Kind und seinen Angehörigen führen –
der), ADHD (attention deficit hyperactivi- und jugendpsychiatrischen Ambulanz was einem Behandlungserfolg sehr ab-
ty disorder) oder HKS (hyperkinetisches setzt er sich zunächst mit den theoreti- träglich wäre.
Syndrom) genannt, ist das Phänomen schen Grundlagen der verhaltensthera- Dem heutigen Stand der Wissen-
unserer Zeit. Eltern sind in ihrem Erzie- peutischen und der systemischen Rich- schaft scheint eher angemessen, wenn
hungsverhalten sehr unsicher geworden; tung auseinander. Anschließend schildert ein Vertreter einer der vier großen Schu-
den Kindern fehlen Raum, Gelegenheit er eine Fülle von psychotherapeutischen len von der sicheren Basis seiner Über-
und Anregung für selbsterfahrendes Spie- Vorgehensweisen in der Behandlung von zeugung aus sein therapeutisches Han-
len, der Straßenverkehr und die Fülle ADHD-Kindern und zeigt, wie sich die deln für Interventionen aus anderen the-
medialer Angebote erfordern ein gestie- unterschiedlichen Ansätze miteinander rapeutischen Richtungen öffnet, die sich
genes Maß an Konzentration. verbinden lassen. in sein eigenes, stimmiges Konzept ein-
Aus diesen und anderen Gründen ist Diese Darstellung gelingt besonders ordnen lassen. Das gilt zum Beispiel für
in den letzten Jahrzehnten die Zahl der gut in vielen Fallbeispielen aus seinem
als aufmerksamkeits- und aktivitätsge- Erfahrungsbereich mit Kindern, die ne- Ein »prinzipielles Sowohl-als-auch«
stört diagnostizierten Kinder (und neu- ben einem Aufmerksamkeitsdefizit- und
erdings auch Erwachsenen) exponentiell Hyperaktivitätssyndrom noch zahlreiche ist besser als die reine Lehre
gestiegen – und mit ihr die Neigung vie- weitere psychische Störungen und Auf-
ler Eltern und auch Therapeuten, die un- fälligkeiten zeigen. Mit hoher Sensibili- das von Schmela ausführlich referierte
terschiedlichsten kindlichen Störungen tät für die Nöte der Kinder und ihrer El- TOP-Programm zur Behandlung von
diesem Phänomen zuzuordnen. Alle vier tern greift er auf einen großen Erfah- Kindern mit ADHD-Symptomatik, das
großen psychotherapeutischen Schulen – rungsschatz von Interventionen zurück. viele systemische Elemente in eine ver-
die psychodynamische, die verhaltens- So kommt ein anregendes kinderthera- haltenstherapeutische Grundlage inte-
therapeutische, die humanistische und peutisches Praxisbuch zu Stande. griert. Umgekehrt steht das ebenfalls
die systemische Richtung – haben Be- Die selbstgestellte Aufgabe »Integra- erwähnte Konzept der Anorexiebehand-
handlungskonzepte entwickelt, und die tion von familien-, hypno- und verhal- lung von Kurt Ludewig auf systemischer
Zahl der Publikationen ist inzwischen tenstherapeutischen Behandlungsansät- Basis, verwendet jedoch verhaltensthera-
kaum noch zu überschauen. zen« erfüllt der Autor nicht – und ver- peutische Mittel, um zunächst eine Ge-
Martin Schmela, Diplompsychologe sucht es auch gar nicht erst. Vielmehr wichtszunahme zu erreichen. Auch das
sowie Politik- und Geschichtswissen- regt er im Sinne des Eklektizismus von mir und meinen Kollegen entwi-
schaftler, versucht nun in seinem Buch »Mischung(en) aus verhaltens- und hyp- ckelte Viersener Modell stationärer
verschiedene dieser Ansätze zu integrie- nosystemischen Elementen« an, die bei Kinder- und Jugendpsychiatrie ist als
ren. Auf der Basis seiner Erfahrungen in einem von Fall zu Fall variierten Mi- systemtherapeutischer Rahmen ange-
schungsverhältnis »im Sinne eines prin- legt, innerhalb dessen vielfältige, im
zipiellen ›Sowohl-als-auch‹ sehr wir- Einzelfall passende Interventionen aus
kungsvolle Zusätze sein können«. anderen Therapieschulen möglich und
Tatsächlich ist die Idee »reiner« schu- erwünscht sind.
lenorientierter Therapiekonzepte über- Auch wenn Schmela sein im Unterti-
holt und wird derzeit eigentlich nur tel gegebenes Versprechen nicht einlöst:
noch vom »Wissenschaftlichen Beirat Sein Buch ist eine wertvolle Zusammen-
Psychotherapie« verfolgt. Wissenschaft- stellung zahlreicher Ansätze zur Behand-
liche Studien aus den angelsächsischen lung von Kindern mit ADHD-Sympto-
Ländern zeigen, wie wenig dogmatisch matik, das dem Praktiker viele Anregun-
dort sowohl Praktiker als auch Wissen- gen für eigenes Nach-Denken und
schaftler in ihrer Arbeit vorgehen. Handeln gibt.
Allerdings: Ein Modell der Behand- Wilhelm Rotthaus
lung von Kindern mit ADHD-Sympto- Der Rezensent war Leiter des Fachbereichs Psy-
matik zu erarbeiten, das die wichtigen chiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Ju-
und erfolgreichen therapeutischen An- gendalters der Rheinischen Kliniken Viersen und
sätze der verschiedenen Schulen zu einer ist Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in
einheitlichen Psychotherapie verbindet, Bergheim bei Köln.

108 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

damit den Losentscheid. Wenn er regel-


Das Frauenversteher-Spiel mäßig Arthur widerspricht, hängt sein
Vorankommen nur vom Zufall ab, eben-
Wer die geheimsten Gedanken einer Frau erraten kann, gewinnt ihre so wenn er selbst unabhängig von Arthur
eine Münze wirft. In allen drei Fällen
Gunst? Aussichtslos. Schnöde Taktik mit etwas Wahrscheinlichkeits- beträgt seine Gewinnchance genau 50
rechnung führt zum Ziel. Prozent.
Benjamin kann sich jedoch durch ei-
nen einfachen Trick einen beträchtlichen
Von Christoph Pöppe oder falsch raten. Dann wird die Ant- Vorteil verschaffen. Solange er in seiner
wort aufgedeckt und das Frage-Antwort- Punktzahl hinter Arthur liegt oder allen-

F ünfzig Männer wetteifern um die


Gunst einer schönen Frau. Ein gro-
ßes Turnier wird ausgefochten, bei dem
Spiel wiederholt. Sieger der Show ist,
wer als Erster fünf richtige Antworten
gegeben hat. Wenn mehr als ein Kandi-
falls gleichauf, widerspricht er ihm. So-
wie er aber in irgendeinem Stadium des
Spiels mehr Punkte hat als Arthur, wie-
nacheinander alle Kandidaten bis auf dat auf einmal dieses Ziel erreicht, wird derholt er ab da brav dessen Antworten.
drei aus dem Rennen geworfen werden. ausgelost. Damit rettet Benjamin einen einmal zu-
Erst an dieser Stelle des Spiels geht es um Teilnehmer an dem Spiel sollten eine fällig erreichten Vorsprung über den Rest
die Frage, wie gut eigentlich jeder der elementare Weisheit beherzigen: Frauen des Spiels hinweg bis zum unvermeidli-
drei Männer zu der begehrten Frau passt. verstehen ist aussichtslos – jedenfalls chen Ende.
Nicht dass sie einen von ihnen auswäh- in dieser Situation. Der Mathematiker Bezeichnen wir mit x die Differenz
len dürfte; aber immerhin soll der Sieger Kennan Shelton vom Rhodes College in »Arthurs Punktzahl minus Benjamins
der Endausscheidung derjenige sein, der Memphis (Tennessee) vermutet, dass die Punktzahl«. Am Anfang ist x = 0, und
die Gedanken der Dame am besten er- Frau ihre Antwort durch einen schlich- wenn beide Spieler naive Strategien ver-
fühlen kann. ten Münzwurf oder etwas ähnlich Zufäl- folgen, dann wird in jedem Spielzug x
Die Rede ist nicht von einem Mär- liges bestimmte. Jedenfalls hatten weder um eins größer (Arthur richtig, Benja-
chen oder einem mittelalterlichen Rit- er noch die Herren auf der Bühne ir- min falsch), um eins kleiner (Arthur
terspiel. Es geht auch nicht um ein Kö- gendeine Vorstellung von ihren gehei- falsch, Benjamin richtig) oder bleibt un-
nigreich. Der Gewinner darf sich nur men Gedanken. Was kann Mann tun, verändert (beide antworten gleich richtig
glücklich schätzen, einen Abend mit der um unter diesen Umständen noch gut oder gleich falsch). x steigt oder fällt je-
Schönen zu verbringen. Das ist das »Sin- abzuschneiden? weils mit Wahrscheinlichkeit 1/4.
gled Out Game«, das der Musik-Fern- Damit ist die Bewegung von x das,
sehsender MTV von 1995 bis 1997 in Keinen Sinn suchen! was die Statistiker einen random walk
seinem amerikanischen Programm spiel- Darauf hat Shelton einige interessante (»Irrfahrt«) nennen. Wie beim Torkeln
te. Die Moderatorin Jenny McCarthy Antworten zu bieten. Die erste: Arthur eines Betrunkenen wird zwar die Vertei-
und ihre Nachfolgerin Carmen Electra kann eigentlich nichts anderes tun, als lung der Zufallsvariablen mit der Zeit
gaben der Dating-Show ein Gesicht, be- seinerseits eine Münze zu werfen. Aber immer breiter, das heißt, der Wert von x
vor sie als Serienheldinnen in »Bay- Benjamin hat ihm gegenüber einen klei- wird immer unsicherer, aber sie bleibt
watch« zu weit größerer Berühmtheit nen Vorteil: Er weiß, was Arthur gesagt »gerecht«, nämlich symmetrisch um die
kamen. Um die politische Korrektheit hat. Davon weiß er zwar nicht besser,
zu wahren, gab es dasselbe Spiel auch was die Frau denkt – erstens ist das so- Benjamin gewinnt
mit umgekehrter Rollenverteilung: wieso aussichtslos, und zweitens ist Ar- 5
Fünfzig Frauen durften sich um einen thur auch nur ein Mann –, aber er kann
in

attraktiven Mann reißen. Eine deutsche diese Kenntnis zu taktischem Verhalten


m

4
ja

Kopie der Sendung lief 1996/97 bei nutzen. Das gilt in noch höherem Maße
en
rB

Arthur gewinnt

Sat. 1 unter dem Namen »Sommer sucht für Carsten. Im Endeffekt sieht es

ur

3
g
un

Sprosse« (Bild rechts). schlecht aus für Arthur, vor allem wenn
rt
pr

rA
rs

Die Vorrunden dienen vornehmlich Benjamin und Carsten kooperieren.



Vo

2
un

zur Belustigung des Fernsehpublikums; Betrachten wir zur Einstimmung die


pr
rs

da man sich ohnehin lächerlich macht, vereinfachte Situation mit nur zwei Hel-
Vo

sind besondere taktische Fähigkeiten den – Carsten ist für diese Überlegung 1
CHRISTOPH PÖPPE

nicht gefragt. Aber die Schlussrunde! aus dem Spiel. Arthur rät irgendwie.
Der Moderator stellt der Frau eine Ja- Benjamin hat nun mehrere Möglichkei- 0
0 1 2 3 4 5
Nein-Frage. Die Frau notiert ihre Ant- ten: Er sagt dasselbe wie Arthur, er sagt
wort an verborgener Stelle und schweigt. das Gegenteil, oder er macht seine Ant- Das ungleiche Ratespiel von Arthur
Die drei Finalisten – nennen wir sie Ar- wort ebenfalls vom Zufall abhängig. o und Benjamin als random walk in
thur, Benjamin und Carsten – äußern Alle drei Strategien scheinen nicht einem Gitter: Nach der vierten Frage hat
nacheinander ihre Vermutung darüber, besonders attraktiv. Wenn Benjamin Ar- Benjamin zufällig einen Vorsprung, den
ob die Frau mit »Ja« oder »Nein« geant- thur kopiert, erreichen sie irgendwann er bis zum Schluss hält, indem er Arthurs
wortet hat; sie können also nur richtig im Gleichschritt die fünf Richtigen und Antworten wiederholt.

110 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
Null verteilt. Ein Vorsprung für den ei-
nen ist genauso wahrscheinlich wie einer
für den anderen.
Durch Benjamins hinterhältigen
Trick bleibt allerdings x auf –1 fixiert,
wenn es irgendwann im Laufe der Zeit
diesen Wert erreicht. Das ist in der Spra-
che der Statistiker ein »random walk mit
absorbierender Grenze«. Ein Teilchen
wandert zufällig die x-Achse entlang,
bleibt aber kleben, sowie es an die Wand
gerät, die bei –1 aufgestellt ist.
Für diese Fälle hat die Statistik eine
traurige Nachricht. Auf die Dauer bleibt
mit Wahrscheinlichkeit 1 jedes Teilchen
kleben. Das ist der Fluch des Glücks-
spielers, der auch dann zuschlägt, wenn
das Glücksspiel an sich fair ist, also in je-
der Runde mit gleicher Wahrscheinlich-
keit einen Euro Gewinn wie einen Euro
Verlust beschert: x ist in diesem Fall der
Geldvorrat des Spielers, und der nimmt
SAT 1 / LINTNER

irgendwann rein per Zufall den Wert


null an, wenn der Spieler nicht rechtzei-
tig aufhören kann.
Für unser Frauenversteher-Spiel be- sam: Ein Gitterpunkt ist von seinem lin- »Sommer sucht Sprosse« vom 13.
deutet das: Benjamin hat einen Vorteil, ken, seinem unteren und seinem linken o September 1997 bei Sat.1: Drei
der Arthur keine Chance ließe, wenn das unteren Nachbarn in jeweils einem Kandidaten wetteifern im Frage-und-
Spiel beliebig lange dauern würde. Es Schritt erreichbar. Also ist die Anzahl der Antwort-Spiel um Petra, die ehemalige
dauert aber nur so lange, bis der erste Wege, die bis zu diesem Gitterpunkt Vize-»Miss Österreich«.
Kandidat fünf Punkte erreicht. Deswe- führen, gleich der Summe der Anzahlen
gen ist Benjamins Vorteil auch nicht er- der Wege, die zu seinen unmittelbaren
drückend, aber immer noch erheblich. Vorgängern führen; und die hat man ei-
Um ihn wirklich auszurechnen, trägt nen Rechenschritt vorher schon be- gering und auch nur dann realisierbar,
man alle möglichen Spielstände in ein stimmt. So arbeitet man sich, von links wenn er nicht seinen unmittelbaren Vor-
Koordinatensystem ein. Arthurs Punkt- unten beginnend (alle Wege fangen bei teil sucht.
zahl wird nach rechts abgetragen, Benja- (0, 0) an), durch das Gitter hindurch. Allgemein gilt: Der mit der Minder-
mins nach oben (Bild links). Wenn Ar- Am Ende einer langen Rechenarbeit heitsmeinung (wenn es einen gibt) ist
thur richtig rät und Benjamin nicht, ist steht eine überraschend einfache Formel. stets im Vorteil. Denn wenn er gewinnt,
es ein Schritt nach rechts, im umgekehr- Arthurs Gewinnchance ist genau 1/2, hat er von seinem einen Punkt mehr als
ten Fall einer nach oben, wenn beide wenn eine einzige richtige Antwort zum die beiden anderen, die dann immer
richtig raten, geht es nach schräg oben, Gewinnen ausreicht. Mit jedem zusätz- noch gegeneinander konkurrieren müs-
und wenn sie beide falsch liegen, passiert lich geforderten Punkt sinkt seine Chan- sen. Wenn also Arthur und Benjamin
gar nichts: Es ist so, als ob diese Frage ce um den Faktor (1–1/(2k)), wobei k sich einig sind, wird Carsten die Gegen-
nie gestellt worden wäre. Diesmal ver- die Nummer des Punkts ist. Ist also das position beziehen. Wenn sie einander
läuft also der random walk über die Git- Spiel nach zwei richtigen Antworten zu widersprechen, bleibt Carsten nichts an-
terpunkte nicht einer Linie (der x-Achse), Ende, so bleibt Arthur noch eine Chan- deres übrig, als einem der beiden beizu-
sondern einer Ebene. Wenn der Weg des ce von (1/2)  (1 – 1/(2 2)) = 3/8, mit pflichten und diesen dadurch mit in die
Punkts, der den Spielverlauf beschreibt, drei Antworten sinkt sie auf 5/16, und ungünstige Mehrheitsposition zu reißen.
nach oben über die Winkelhalbierende mit fünf zu erreichenden Punkten bleibt Wenn Benjamin Arthur wider-
hinausgeht, kann Benjamin ihn durch ihm noch ein knappes Viertel: 63/256. spricht, ist Carsten sauer, weil Benjamin
fleißiges Nachplappern in »seiner« Hälf- ihm die schöne Minderheitenposition
te halten, bis er die Gewinnlinie in sei- Ein flotter Dreikampf verdorben hat. Also wird er vielleicht
nem Sinne durchstößt. mit wechselnden Bündnissen Benjamin beipflichten und ihn so an sei-
Um nun die Gewinnwahrscheinlich- Was geschieht, wenn nun der dritte Kan- nem Schaden teilhaben lassen – aus Ra-
keit für Benjamin zu berechnen, be- didat wieder hinzutritt? Carsten verfügt che oder zumindest als Drohung, damit
stimmt man zunächst, wie viele denkba- von allen drei Männern über die meiste Benjamin fortan gefügiger spielt. Die
re Wege durch jeden der Gitterpunkte Information, also sollte er auch die güns- Drohung geht jedoch ins Leere. Benja-
verlaufen. Das geht im Prinzip ganz ein- tigste Position haben. Das stimmt auch, min kann sich nämlich überlegen, dass
fach, in der Praxis allerdings etwas müh- allerdings ist sein Vorteil überraschend es für ihn, einerlei wie Carsten spielt,

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005 111
von Vorteil ist, Arthur zu widerspre-
PREISRÄTSEL
MATHEMATISCHE UNTERHALTUNGEN

chen. Dagegen ist es für Carsten sinn-


voll, seine Rachegelüste zu unterdrücken
Patchworkfamilie und Arthur beizupflichten, womit er
Benjamin einen »unverdienten« Vorteil
Von Roland Mildner verschafft. Diese Strategienkombination
»Benjamin egoistisch, Carsten nachsich-
Uli Licht und seine Frau Cilli bemerken, Schicken Sie Ihre Lösung in einem tig« ist ein so genanntes Nash-Gleichge-
dass ihre Namen eine besondere Ei- frankierten Brief oder auf einer Post- wicht. Das heißt, keiner der Spieler kann
genschaft haben. Zeichnet man die karte an Spektrum der Wissenschaft, sich durch einseitiges Abweichen von sei-
Buchstaben beider Vor- und Nachna- Leserservice, Postfach 10 48 40, D– ner Haltung einen Vorteil verschaffen.
Wenn schließlich beide die Möglich-

ü
men im eckigen Stil auf ein kariertes 69038 Heidelberg.
Papier und schneidet sie aus (siehe Unter den Einsendern der richtigen keit in Betracht ziehen, unabhängig von
Skizze rechts oben), dann lassen sich Lösung verlosen wir fünf schwebende den anderen ihre Spielzüge nach dem
alle Buchstaben lückenlos und überde- Kugelschreiber »Pen Ultimate«. Der Zufall zu wählen, gibt es zwei Nash-
ckungsfrei zu einem einzigen Quadrat Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es wer- Gleichgewichte. All das kann man nicht
zusammenlegen. den alle Lösungen berücksichtigt, die mehr durch geschicktes algebraisches
Wie sieht eine Lösung aus? bis Dienstag, 14. Juni 2005, eingehen. Rechnen belegen, sondern muss die ver-
schiedenen Möglichkeiten vom Compu-
ter auszählen lassen.

Lösung zu »Überholfreude« (April 2005) Der späte Sieg


des Einf hlungsvermögens
Die Reihenfolge im Ziel ist BADC. Das Überholvorgängen beteiligt. Da jeder Und wenn nun Arthur doch ein Frauen-
heißt, Carl kommt als Erster ins Ziel, Läufer sechsmal überholt, gibt es insge- versteher ist? Nicht dass er der schönen
gefolgt von Dora, Alf und Bea. samt 24 Überholvorgänge und damit 15 Unbekannten jeden Gedanken von den
Alle Permutationen von ABCD erge- ohne Alf. Bea, Carl und Dora haben am Augen ablesen könnte. Aber nehmen wir
ben 24 mögliche Zieleinläufe. Da jeder Ziel noch ihre ursprüngliche Reihenfol- an, seine Chance, ihre Antwort richtig
Läufer genau sechsmal einen anderen ge. Jeder überholt also jeden der beiden zu erraten, ist größer als 1/2; nennen wir
überholt und jeder eine ungerade An- anderen genauso oft, wie er selbst von sie p. In unserem Diagramm sind dann
zahl von Malen überholt wird, muss sich ihnen überholt wird. Also ist die Anzahl Schritte nach rechts wahrscheinlicher als
die Position jedes Läufers um eine un- der Überholvorgänge ohne Alf gerade: solche nach oben. Wieder gilt, dass Ar-
gerade Anzahl an Plätzen verändern. Widerspruch. thurs Chance umso schlechter steht, je
Nur bei vier der 24 denkbaren Zieleinläu- Für DABC verläuft die Argumentation länger das Frage-und-Antwort-Spiel dau-
fe ist dies auch tatsächlich der Fall: analog. Dora verliert drei Plätze, über- ert. Für den Grenzwert unendlich vieler
DCBA, BCDA, DABC und BADC. holt sechsmal und wird neunmal über- Fragen lässt sie sich durch eine einfache
Hartmut Fenner aus Hamburg schloss holt. Sie ist also an 15 Überholvorgän- Formel ausdrücken: Für p > 1/2 gewinnt
davon drei durch Widerspruch aus: gen beteiligt und an neun nicht. Diesmal Arthur mit Wahrscheinlichkeit 2 – 1/p,
Bei DCBA rückt Alf drei Plätze vor. Da behalten Alf, Bea und Carl ihre Reihen- oder eben etwas mehr, wenn es nur end-
er selbst sechsmal überholt, kann er nur folge, und die Anzahl der Überholvor- lich viele Fragen sind.
dreimal selbst überholt werden; diese gänge ohne Beteiligung von Dora muss Dieser Wert ist genau dann gleich
drei Möglichkeiten werden bereits aus- gerade sein. Neun ist aber ungerade. 1/2, wenn p=2/3 ist. Was lernen wir da-
geschöpft, indem jeder andere alle drei Für BADC genügt es nun, ein Lö- raus? Man muss schon ein ziemlich gu-
Mitläufer überholt. Dora hingegen ver- sungsbeispiel zu finden (der jeweils ter Frauenversteher sein – zwei Drittel
liert drei Plätze. Da auch sie sechsmal Überholende ist rot markiert): ABCD; aller Gedanken richtig erraten –, um den
selbst überholt, wird sie selbst neunmal BCDA; CDAB; DABC; ABCD; ACDB; Vorteil des dumpfsinnigen, aber taktisch

ätsel?
R
überholt, also von jedem der anderen ADBC; DBAC; BADC; ABDC; BADC; geschickten Nachplapperers aufwiegen
genau dreimal. Dies kann nur sein, BACD; BADC. zu können.
wenn sie ihrerseits jeden anderen zwei- Mit Hilfe des Computers lassen sich
mal überholt. Das widerspricht der Vo- insgesamt 47 969 Varianten dieses Ziel-
raussetzung, dass Alf von jedem nur einlaufs finden. Christoph Pöppe ist pro-
A U T O R U N D L I T E R AT U R

einmal überholt wird. Die Gewinner der drei Taschenlampen movierter Mathematiker
Auch bei BCDA gewinnt Alf drei Plät- und Redakteur bei Spek-
»Everlight« sind Thomas Fehsenfeld,
trum der Wissenschaft.
ze, überholt also sechsmal und wird Kaufbeuren; Falk Lehmann, München;
dreimal überholt. Er ist somit an neun und Simon Beier, Rabenau. The singled out game. Von
Kennan Shelton in: Mathe-
matics Magazine, Bd. 78, Heft 1, S. 15,
Lust auf noch mehr Unser Wissenschaftsportal wissenschaft-online 2005
(www.wissenschaft-online.de) bietet Ihnen unter dem Fachgebiet »Mathe-
Weblinks zu diesem Thema finden Sie bei
matik« jeden Monat eine neue mathematische Knobelei. www.spektrum.de unter »Inhaltsverzeichnis«.

112 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


Q JUNI 2005
IM J U L I-H EFT 2005 A B 2 8 . J UN I A M K IOS K
V O VR OSR SC C HH AAU U

NASA / ESA / JHU, RAVI SANKRIT UND WILLIAM P. BLAIR


Rätselhafte Supernova-Explosionen
Die gewaltigen Kataklysmen, mit denen schwere Sterne spektakulär ver-
glühen, haben sich als hochkomplexe Vorgänge entpuppt. Selbst die aufwändigs-
ten Simulationsrechnungen konnten ihnen nicht alle Geheimnisse entreißen

WEITERE THEMEN IM JULI Virtuelle Realität


Alles andere als Computerspiele:
Das Gehirn und sein Marihuana VR-Programme sollen Brandopfer von
Hirneigene Cannabinoide sind an der Schmerzen ablenken, Phobikern
Empfindung von Schmerz, Angst oder im Kampf gegen die Angst helfen und
Hunger beteiligt. Forscher nehmen sie Terroropfer unterstützen, das Erlebte
zum Vorbild für neue Medikamente zu verarbeiten
HUNTER G. HOFFMAN

Rettung vor der Spam-Flut


Gegen die Zeit und Geld fressenden
unerwünschten Massen-E-Mails gibt
KAREN CARR

es wirksame Gegenwehr; sie müsste


nur weltweit praktiziert werden Dinosaurier der Arktis
Die Herrscher des Erdmittelalters tummelten sich auch jenseits des
Polarkreises: zum Beispiel im Norden Alaskas. Offenbar arrangierten sich
die gigantischen Reptilien dort sogar mit dem winterlichen Dauerdunkel
N
VI
DE
O

P
IS
ÇO
114 J E AN
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