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DEUTSCHE AUSGABE DES

AU TI S M US ESSAY DEMOKRATI E
Fehlfunktion Gibt es Fortschritt? Wählen mit doppelter
der Spiegelneuronen Gerechtigkeit
4/07
APRIL 2007

6,90 € (D/A) · 13,50 sFr / Luxemburg 8,– €

Im Griff der
Dunklen Energi e
D6179E

Diese mysteriöse Kraft


beschleunigt das Universum und
beeinflusst das Schicksal der Galaxien
www.spektrum.de
EDITORIAL

Reinhard Breuer
Chefredakteur

Handeln bei unvollständiger Information


Es schlug schon gewaltige Wellen, als Anfang Februar das IPCC (Intergovernmental
Panel on Climate Change) in Paris seinen 4. Klimareport herausbrachte. Eigentlich war es
ja nur die Zusammenfassung des wissenschaftlichen Teils (die Teile über Folgen und
Maßnahmen stehen noch aus), aber die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Nun sei, wie
das Fachblatt »Nature« befand, nach dem »offensichtlichen« wissenschaftlichen auch ein
»politischer Konsens« in Reichweite, der das Problem »endlich anerkenne«.
Ist das wirklich so? Liegt der – wünschenswerten – politischen Akzeptanz tatsächlich
bereits ein Konsens der Wissenschaft zu Grunde? Wie unser Autor Sven Titz in seinem
Beitrag ab S. 26 klar macht, ist in der jetzt verschiedentlich ausbrechenden Untergangs­
hysterie auch etwas Skepsis angebracht. Das ist kein Abwiegeln, sondern eine Frage der
wissenschaftlichen Redlichkeit.
Solange noch ernste Probleme bestehen (etwa bei den Ozeantemperaturen) – und zu
denen bekennen sich auch Forscher, die am IPCC mitgewirkt haben –, sollte sich auch die
Klimaforschung insgesamt nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Es sei nicht auszu­
schließen, dass es da eine Art Eskalationszwang gibt, mutmaßt der promovierte Meteo­
rologe Titz. Dieser Zwang nötige die Berichterstatter vielleicht, von Mal zu Mal höhere
Gewissheiten zu behaupten, und sei es nur um einer größeren Wirkung willen.
Auch Sprachfeinheiten sind zu beachten: Was im Englischen als »body of evidence«
firmiert, gerät im Deutschen rasch zu »Beweismaterial«, auch wenn es sich in diesem
Kontext eher um eine Indiziensammlung handelt. Selbst mit »Prognosen« und »Projektio­
nen« sollte man vorsichtig umgehen, und schon gar nicht Letztere für Erstere halten. Es ist
ein Dilemma: Wie handeln bei unvollständiger Information? Eigentlich ist das normal. B-42 MARINEMASTER
Ärzte müssen akute Fälle immer schon sofort behandeln, Politiker müssen Gebiete evaku­ Automatik, wasserdicht 200 m / 20 bar
Saphirglas beidseitig entspiegelt
ieren lassen, wenn ein Vulkanausbruch droht – der dann vielleicht doch nicht eintritt. Erste Uhrenfabrik der Welt für automatische
Doch bei der Klimaerwärmung handelt es sich nicht um ein lokales oder temporäres Armbanduhren · since 1912 swiss
Problem. Hier auf der sicheren Seite zu stehen, erfordert globale Klimaschutzmaßnah­ Mehr als 10 Jahre im Weltraum
www.fortis-watch.com
men ungeahnten Ausmaßes. Denn dass Klimaprojektionen unsicher sind, macht sie nicht
notwendigerweise falsch. Umso mehr ist Transparenz geboten. »Was würde es für die
Glaubwürdigkeit der Forscher bedeuten«, gibt Sven Titz zu bedenken, »wenn in zehn
Jahren ganz andere Projektionen präsentiert werden?«

Erstmals hatten wir vor einigen Wochen einen Beitrag vorab ins Internet gestellt
und Sie zur Diskussion eingeladen (www.spektrum.de/fortschritt). Den Essay »Die
Fortschrittsillusion« finden Sie zusammen mit einer Auswahl der Leserreaktionen sowie
einer Replik des Autors ab S. 108.

Herzlich Ihr

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Inhalt
spektrogramm
I NHALT

Seite 26
12 Beamen von Licht · Himmelsauge mit
staubiger Pupille · Autobahn für Hirn-
zellen · Ultraviolettes Flirtsignal u.a.
15 Bild des Monats
Saturnringe von oben
MONAT 2007

forschung aktuell Klimaprognosen

16 Krebsdiagnose mit Xenon im Käfig? Wolkige Szenarien


Ein neues Verfahren zur Abbildung
Nach dem jüngsten IPCC-Bericht ist Klimaschutz angesagt. Doch die wissen-
molekularer Vorgänge in der Zelle
schaftliche Basis der Klimavorhersagen bleibt verbesserungsbedürftig
19 Von wegen Müll!
Abfallprodukt entpuppt sich als
Drahtzieher der Genregulation Seite 42
21 Parfümierte Stinker Autismus
Nützliche, aber übelriechende Stoff-
klasse erhält angenehme Duftnote Der blinde Spiegel
22 Superatom aus Quasiteilchen Eine Störung im Neuronensystem,
Bose-Einstein-Kondensat bei das Aktionen anderer Menschen
Raumtemperatur erzeugt widerspiegelt, könnte für Autismus
mitverantwortlich sein. Daraus
themen ergeben sich neue Therapieansätze
für das rätselhafte Leiden
26 Klimaprognosen 
Noch viele offene Fragen
r 32 TITELTHEMA Astronomie Seite 50
Dunkle Energie beeinflusst Galaxien Meeresökologie
r 42 neurologie
Totes Meer – wiederbelebt!
Besteht eine Verbindung zwischen
Autismus und Spiegelneuronen? Küstennahe Gewässer sterben, wenn
50 meeresökologie  sie überdüngt werden. Eine Renatu-
Abgestorbene Küstengewässer rierung wie im Toten Meer ist mög-
lassen sich renaturieren lich, erfordert jedoch drastische
58 Genomforschung
Eingriffe in regionale Landwirtschaft
Pseudogene nicht völlig nutzlos
70 computergrafik 
Deutlich verbessertes Ray-Tracing Seite 58
r 76 Wahlverfahren Genetik
Eine doppelt gerechte Zuteilungs-
methode für Wählerstimmen
Das heimliche Wirken der Pseudogene
82 Chemie
Unser Erbgut ist mit defekten Genen durchsetzt, viele davon lädierte Relikte
Abdrücke von Molekülen in Plastik der Evolution. Manche greifen allerdings auch heute noch ins Zellgeschehen
92 rechenschieber ein, indem sie etwa die Funktion verwandter Gene überwachen
Nachruf auf ein Allround-Genie
108 ESSAY 
r Fortschritt nur eine Illusion?  Seite 70
computergrafik

Die Kunst, Lichtstrahlen zu


berechnen
Verbesserte Bildqualität erreichen
jetzt Computergrafiker durch Fort-
schritte beim Ray-Tracing

 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007


Kommentar

24 Springers Einwürfe
Krippenkinder und Rabenmütter

Wissenschaft im …

40 Alltag: Rabbit Prototyping – schnelle


Modelle für Osterhasen
69 Rückblick: Tünchmaschine · Schmerzloses
Zähnebohren · Diät gegen Erbkrankheit u.a.

Junge Wissenschaft

88 Das Projekt »Schüler an Hochschulen«

Rezensionen

100 Leben – Bilder aus dem Inneren


des menschlichen Körpers von Lennart
Nilsson und Hans Wigzell
Anybody Out There? von Dagmar Röhrlich
Bioethik zwischen Natur und Interesse
von Dieter Birnbacher
 Titelthema  Astronomie Seite 32 Erlebnis Wissen
von Hendrik Neubauer (Hg.)
Im Griff der Dunklen Energie Physikalische Unterhaltungen
Vor einem Jahrzehnt entdeckten Astronomen, dass sich die Expansion
des Kosmos beschleunigt. Neuen Arbeiten zufolge hat dies in der Vertei- 104 Die Vielseitigkeit der Rollkurven
Man findet sie unter Kaustiken ebenso wie
lung und den Formen der Galaxien deutliche Spuren hinterlassen
im Bauch von Apfelmännchen

Weitere Rubriken
Seite 76
wÄhlen in zürich 3   Editorial
Handeln bei unvollständiger Information
Die Mathematik der doppelten Gerechtigkeit
8   Leserbriefe
Ein Wahlverfahren gewinnt allgemeine Zustimmung, weil es – mathematisch
10   Impressum
beweisbar – als einziges eine doppelte Forderung nach Gerechtigkeit erfüllt
107   Preisrätsel

Seite 82 114   Vorschau

Chemie

Moleküle aus der Gussform


Abdrücke und Imitate von Biomole-
külen aus Plastik könnten vor Bio­
terror-Angriffen warnen, die Umwelt
entgiften und die ­Entwicklung neuer
Medikamente beschleunigen

Seite 92 Titelillustration: Kenn Brown


rechenschieber
Die auf der Titelseite angekündigten
Als Rechner noch geschoben wurden Themen sind mit r gekennzeichnet;
die mit markierten Artikel können
Schon 1622 erfunden, avancierten Rechenschieber im letzten Jahrhundert Sie als Audiodatei im Internet beziehen,
zum unverzichtbaren Utensil von Wissenschaftlern und Technikern. Taschen- siehe: www.spektrum.de/audio
rechner und PCs machten dem nützlichen Begleiter schließlich den Garaus

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 


Spektrum ONLINE
Service

l Überblick

Neues aus dem Verlag


Auf Wunsch senden wir Ihnen regelmäßig per E-Mail (»Newsletter«)
r jeweils zum Erscheinungsdatum die Inhaltsverzeichnisse der Magazine
Spektrum der Wissenschaft, Gehirn&Geist, Abenteuer Archäologie, Sterne und
Weltraum sowie Astronomie heute
r jeden Montag einen Überblick über unser aktuelles Online-Angebot 
 www.spektrum.com/newsletter

l Geometrie

Pflastern Sie mit


Ein von einem Amateur entdeckter Pflasterstein (die »Krone«) bringt neues
Leben in die Diskussion über die fünfzählig-symmetrischen, nichtperiodischen
Parkettierungen der Ebene (»Penrose-Parkette«). Noch gibt es viele Möglich-
keiten zu entdecken, wie man die Krone, das Fünfeck, dünne und dicke Rauten
zu neuen Mustern zusammensetzen kann. Beteiligen Sie sich an der Suche
unter www.spektrum.de/artikel/867615

5×5 Die Rezension des Monats


von spektrumdirekt
l Rezension

William K. Purves u. a.: Biologie


1•2•3•4•5 Nun gibt es ein bestens gelungenes Lehrbuch in neuer Auflage.
Die Verfasser legen großen Wert auf die Vermittlung wichtiger
Inhalt Forschungsmethoden; didaktisch ansprechende Geschichten
Didaktik machen die Einzelkapitel interessant und den »Purves« gut lesbar. Nie waren
Suchen / Finden die Einstiegssemester in Biologie angenehmer zu bewältigen.
Lesespaß  Aus der Rezension von Daniel C. Dreesmann
Preis / Leistung Den kompletten Text und zahlreiche weitere Rezensionen
Gesamtpunktzahl  25 finden Sie unter www.spektrumdirekt.de/5x5

l Spektrum-Plus: Zusatzangebot für Abonnenten

Die Eindämmung des Kohlendioxids


Dem Anstieg der Treibhausgase Einhalt zu gebieten ist ein gigantisches Unter-
fangen – aber machbar. Die Technologien dazu gibt es bereits. Aber wir dürfen
keine Zeit verlieren.

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Publikationen zu Themen
in diesem Heft

Zum Artikel auf Seite 26 Treibhausszenario  SDW Dossier 2/2005

cinETExT
Die Erde im
Eiszeit in Manhattan – bisher nur im Film.
Doch Wissenschaftler warnen seit langem
vor den Folgen eines dramatischen Kli-
mawandels.

treibhauseffekt Klimawandel auf der Erde –


Treibhaus
die planetare Krankheit
Klimawandel auf der Erde Unlängst sorgte Roland Emmerichs »The day after tomor-
row« für Furore. Der wissenschaftliche Hintergrund dieses
Horrorszenarios ist durchaus seriös. Denn dass sich unser
Klima dramatisch wandelt, lässt sich nicht mehr bestreiten.
Fiebernder Globus
Unser Planet hat Fieber und schuld Schmelzendes
Von Harald Kohl und Helmut Kühr erstellt. In der aktuellen Version, dem kenswert stabil. Abgesehen von zwei Eisbohrkernen und historischen Berich- wolkenbruchartiger Regenfälle in der Während solche Ereignisse wegen ihrer

H
2001 vorgelegten Third Assessment Re- kühleren Perioden im 14. und im 16. ten beruhen. Zwar sind solche indirek- zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um unmittelbaren, teils katastrophalen Aus-
eiß, feucht und stickig ist es port, ist nicht nur skizziert, wie sich das Jahrhundert – bekannt als »Kleine Eis- ten Daten mit höheren Unsicherheiten zwei bis vier Prozent gestiegen. wirkungen die Schlagzeilen prägen, setzt
auf der Venus, frostig kalt Klima in den nächsten Jahrzehnten vor- zeit«, die Wetter- und Lebensverhältnis- behaftet, die umso größer werden, je In engem Zusammenhang hiermit sich eine eher schleichend verlaufende
und rostrot kennt man den aussichtlich weiter ändern wird und wel- se in Mittel- und Nordeuropa immerhin weiter man in vergangene Zeiten vor- steht das dritte Symptom der Erderwär- Entwicklung weniger stark im öffentli-
Mars, und brüllend wüsten- che Folgen dies haben kann; der Bericht signifikant veränderte – variierte der dringt. Dennoch: Es ist deutlich und mung: die Zunahme extremer Wetter- chen Bewusstsein fest: Die erreichten Ta-

Polareis
heiß stellt man sich die Oberfläche des macht auch unmissverständlich klar, dass Mittelwert der globalen Lufttemperatur auch von den stärksten Zweiflern nicht situationen. Starkniederschläge, Stürme, ges- sowie die minimalen Nachttempera-

ist der Mensch. Eine erdrückende


Merkur vor. Die Erde hingegen gilt als der Mensch die wichtigste Ursache für um kaum mehr als ein bis zwei Zehntel abzustreiten, dass es ein signifikantes Si- aber auch Trockenheiten und lang anhal- turen übersteigen immer wieder die bis-
blaues Paradies – wie geschaffen für Fau- diesen globalen Wandel ist. Von der vier- Grad. Doch seit rund 150 Jahren weist gnal gibt, das sich aus diesem Rauschen tende Dürren traten im letzten Jahrhun- herigen Rekordwerte. Die 1990er Jahre
na, Flora und Ökosysteme, und nicht zu- ten Ausgabe des Berichts, die gegenwär- die Fieberkurve deutlich nach oben. erhebt – die Erde erwärmt sich. dert in einigen Weltregionen gehäuft auf. waren das wärmste Jahrzehnt. Der Be-
letzt für den Menschen. Viele plastische tig vorbereitet wird und 2007 erscheinen Zwischen 1860 und 2000 stieg der Wert Zweites Symptom: Die globalen Nie-
Beschreibungen der »Welten« auf unse- soll, ist sicherlich keine Entwarnung zu um 0,6 Grad Celsius. Dieser Zeitraum derschläge haben zugenommen – im Kioto-Protokoll
ren planetaren Nachbarn und dem Blau- erwarten. fällt mit der expandierenden Industriali- Mittel um 5 bis 10 Prozent seit Beginn
en Planeten haben manches Klischee in sierung des 19. Jahrhunderts, mit dem des 20. Jahrhunderts. Dabei gibt es er- Das Kioto-Protokoll wurde 1997 von der 3. gestellt. Damit das Protokoll in Kraft tre-
den Köpfen hinterlassen. Eines suggerie- Die Fieberkurve steigt Beginn des »fossilen Zeitalters« zusam- hebliche geografische Unterschiede im Vertragsstaatenkonferenz der Klimarah- ten kann, muss es von mindestens 55
ren diese Vorstellungen dabei besonders: Fast könnte man von einer Krankheit men – und das nicht zufällig, wie noch Niederschlagsmuster: In manchen Regi- menkonvention angenommen. In dem Staaten ratifiziert werden, wobei diese

Fülle von Indizien belegt mittlerweile


Die klimatischen Bedingungen auf den sprechen, an der unser Heimatplanet zu zeigen sein wird. onen Afrikas, etwa der Sahelzone, ist die Protokoll verpflichten sich die Industrie- mindestens 55 Prozent der CO2-Emissi-
Planeten sind offenbar unveränderlich. leidet, und tatsächlich hat dieser belieb- Wie lassen sich globale Temperatu- Regenmenge um rund die Hälfte gesun-

Kippt Europa in den


staaten, ihre gemeinsamen Emissionen onen der so genannten Annex-I-Länder
Doch das Gegenteil kann der Fall te Vergleich einiges für sich. Die Diag- ren vergangener Jahrhunderte und Jahr- ken, in Teilen Australiens, Nordamerikas der wichtigsten Treibhausgase im Zeit- (Industrieländer und Länder des ehema-
sein. Wir haben das wichtigste Beispiel nose zeigt immer deutlicher vielfältige tausende rekonstruieren? Den Wissen- und Nordeuropas um bis zu 30 Prozent raum von 2008 bis 2012 um mindestens ligen Ostblocks) von 1990 auf sich verei-
sogar unmittelbar vor Augen: Das Kli- Symptome auf, die fast syndromhaft schaftlern steht dafür eine breite Palette gestiegen (s. Grafik S. 28). Der Grund 5 Prozent unter das Niveau von 1990 nigen müssen.
masystem der Erde ist keineswegs so verknüpft sind. an Handwerkszeugen zur Verfügung. hierfür ist offensichtlich: Der Wasser- zu senken. Dabei haben die Länder un-
konstant, wie die menschliche Erfahrung Erstes Symptom der Klimakrank- Am wichtigsten sind selbstverständlich kreislauf wird durch erhöhte globale terschiedliche Emissionsreduktionsver- bis heute haben mehr als 120 staaten ratifi-
dies nahe legt. Das Klima wandelt sich, heit: Die globale mittlere Temperatur direkte, systematische Temperaturmes- Temperaturen angeheizt, die Erde pflichtungen akzeptiert. Die konkrete ziert, darunter auch die Länder der Euro-
ist äußerst dynamisch und möglicher- der Atmosphäre steigt (Grafik S. 27). sungen – doch die gibt es erst seit 100 kommt quasi ins Schwitzen. Eine Folge Ausgestaltung des Protokolls wurde auf päischen Union. Zum In-Kraft-Treten des

den Klimawandel Eiskeller?


weise fragil. Die umfassendste Untersu- Wenngleich das Erdklima über geologi- bis 150 Jahren. Für weiter zurückliegen- davon ist auch die erhöhte Anzahl von der Fortsetzung der 6. Vertragsstaaten- Protokolls fehlt derzeit lediglich die Rati-
chung hierzu hat der Zwischenstaatliche sche Zeiträume hinweg stets deutlichen de Zeiten liegen hingegen nur »Proxy«- Starkniederschlägen. Allein in mittleren konferenz in Bonn sowie der 7. Vertrags- fikation Russlands als einem der größ-
Ausschuss für Klimafragen (Intergovern- Schwankungen unterworfen war, blieb Daten vor, die auf der Untersuchung und höheren Breiten der Nordhalbkugel, staatenkonferenz in Marrakesch fertig ten Treibhausgas-Emittenten vor 1990.
mental Panel on Climate Change, IPCC) es in den letzten tausend Jahren bemer- von Baumringen, Korallenwachstum, so schätzt IPCC, ist die Zahl solcher

24 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT


DOSSIER 2/05: DIE ERDE IM TREIBHAUS SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
DOSSIER 2/05: DIE ERDE IM TREIBHAUS 25

Zum Artikel auf Seite 76 Wahlen  SDW Dossier 5/2006


Fairness, Koopera-
Wer wird Präsident?
Wahlverfahren Welcher unter den Kandidaten soll als gewählt gelten?
Derjenige, der dem Willen der Wähler am genauesten entspricht.
tion, Demokratie
Aber wie auch immer man dieses Ziel versteht, es ist

Wer wird Präsident?


unerreichbar. Immerhin lassen sich einige Betrügereien und
Paradoxien samt zugehöriger Enttäuschung vermeiden.

Von Michel Balinski

E
s ist schlicht abwegig zu glau-
ben, dass im Frühjahr 2002
mehr Franzosen den rechts-
Man nimmt allgemein an (und dieser An­
sicht ist meines Wissens nie widerspro­
chen worden), dass in einer Wahl die
Mehrheit der Stimmen dem Wunsch der
stimmt hatten, hätten in einem Vergleich
zwischen Buckley und Ottinger eventu-
ell eine leichte Präferenz für Letzteren
gehabt (Kasten S. 8). In einer Stichwahl
hätte Goodell sowohl gegen Ottinger als
Die Mathematik der
Gerechtigkeit
extremen Jean-Marie Le Pen Wähler entspricht, dass also der Kan­ auch gegen Buckley gewonnen.
zum Präsidenten haben wollten als den didat, der diese Mehrheit erreicht, not­ Was braucht es mehr, um zu recht-
damaligen sozialistischen Regierungschef wendigerweise derjenige ist, den die fertigen, dass Goodell derjenige war, den

Eigentlich sollte immer der Kandidat


Lionel Jospin. Gleichwohl ergab sich ge- Wähler seinen Konkurrenten vorziehen. die Wähler wirklich wollten? Dieses
nau diese Reihenfolge im ersten Wahl- Ich werde jedoch zeigen, dass diese Prinzip vertrat der Marquis de Condor-
gang der französischen Präsidentschafts- Meinung wohl für eine Wahl zwischen cet (1743 – 1794; Bild S. 9): »Es soll je-
wahlen. Damit hat sich in krasser Form zwei Kandidaten zutrifft, in allen anderen der Wähler seinen Willen vollständig
bestätigt, was ich im Original dieses Ar- Fällen aber falsch sein kann. ausdrücken, indem er jeweils zwei Kan-
tikels (der vor der damaligen Wahl in didaten vergleicht, und aus dem Ergeb-
»Pour la Science« erschienen ist) nur als Jean-Charles Chevalier de Borda nis der Mehrheitsentscheidungen für all
Vermutung äußern konnte: Wahrschein- am 16. Juni 1770 in einer Sitzung diese Vergleiche soll der allgemeine Wille

Teilen und Helfen


lich ist ein anderer Präsident gewählt der Académie Royale des Sciences abgeleitet werden.« Ein Bewerber wie
AP Photo / EulEr

als gewählt gelten, der dem Willen


worden als der, den die Wähler wirklich Goodell, der jeden einzelnen Gegenkan-
wollten. didaten seine Stimme, und es gewinnt didaten aussticht, wird der Condorcet-
Jean-Charles Chevalier de Borda der Bewerber mit der größten Stimmen- Sieger dieser Wahl genannt.
(1733 – 1799), ein vielseitiger Mathema- zahl. Bei der Wahl von 1970 im Staate Dieselbe Idee ist schon bei dem mit-
tiker, hat schon 1770 argumentiert, dass New York kandidierten James Buckley, telalterlichen Universalgelehrten Ramón glieder, wobei jedoch im zweiten Wahl- 1988 gegeben (Kasten S. 9 oben). Es ist »Schock«, »Erdbeben«, »Bombe«,
diese Situation immer dann eintreten der dem rechten Flügel der Republika- Llullo (Raimundus Lullus, um 1234 – gang jeder Kandidat antreten darf, der kaum zu bezweifeln, dass Raymond  »Das hat Frankreich nicht verdient«:
kann, wenn mehr als zwei Kandidaten ner angehörte und für die konservative 1316) zu finden. im ersten mindestens 12,5 Prozent der Barre im Zweikampf gegen Jacques Chi- Der französische Blätterwald erbebte
zur Wahl stehen. In der Zwischenzeit ist Partei antrat, Richard Ottinger, ein ge- Stimmen erhalten hat. rac gewonnen hätte. Es ist weniger si- über das gute Abschneiden des rechts-
diese abstrakte Möglichkeit mehrfach re- mäßigter Demokrat, sowie Charles Goo- Der französische Fehler: Wären also Buckley, Goodell und cher, wird aber von vielen für wahr- extremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen

der Wähler am genauesten entspricht


alisiert worden, zu verschiedenen Zeiten dell vom linken Flügel der Republikaner, zwei Wahlgänge Ottinger Präsidentschaftskandidaten in scheinlich gehalten, dass er auch Fran- bei der Präsidentschaftswahl 2002.
und unter Anwendung verschiedener der sowohl von seiner Partei als auch von In Frankreich wird das Mehrheitswahl- Frankreich gewesen, so wäre Goodell çois Mitterrand geschlagen hätte. Doch

Spiele auf Leben


Verfahren. Wie kann es dazu kommen? den Liberalen vorgeschlagen worden war. system mit zwei Wahlgängen praktiziert. nach dem ersten Wahlgang ausgeschie- Barre kam nicht über den ersten Wahl-
Buckley wurde mit 39 Prozent der Stim- Jeder Wähler verfügt wieder über eine den und Ottinger im zweiten gewählt gang hinaus.
Der amerikanische Fehler: men gewählt, Ottinger erreichte 37 Pro- einzige Stimme. »Der Präsident der Re- worden. Bei Parlamentswahlen hätte Rangfolge bringen, sonst ist sein Stimm-
die Mehrheitswahl zent und Goodell 24 Prozent. War Buck- publik wird nach der absoluten Mehr- Goodell am zweiten Wahlgang teilneh- Der australische und irische Fehler: zettel ungültig). Jeder Stimmzettel be-
In den USA werden die Senatoren in ei- ley wirklich der vom Wahlvolk ge- heit der gültigen Stimmen gewählt. Wird men dürfen, aber wohl ohne Erfolgs- die Vorzugswahl steht also – theoretisch – aus einer Folge
ner Mehrheitswahl mit einem einzigen wünschte Senator? diese im ersten Wahlgang nicht erreicht, aussichten. Also wird auch mit diesem Australien und Irland kennen die Vor- von Plätzen, auf die der Wähler in der
Wahlgang bestimmt. ( Jeder Bundesstaat Wohl nicht. Es ist nämlich anzuneh- so findet am übernächsten Sonntag ein System der »richtige« Kandidat nicht ge- zugs- oder Alternativwahl (preference vo- Reihenfolge seiner Präferenzen die Kan-

– ein unerreichbares Ziel und Tod


hat zwei Senatoren, aber wegen überlap- men, dass ein Buckley-Wähler lieber zweiter statt. Zugelassen sind dann nur wählt. ting oder alternative voting). Jeder Wäh- didaten setzt.
pender Amtszeiten geht es bei jeder Wahl Goodell als Ottinger gehabt hätte und die ersten zwei Kandidaten …« (Artikel Höchstwahrscheinlich hat es eine ler bestimmt unter allen Bewerbern seine Hat ein Kandidat die Mehrheit der
höchstens um einen Senatssitz pro Bun- ein Ottinger-Wähler lieber Goodell als 7 der französischen Verfassung). Ähnlich vergleichbare Situation bereits bei den erste, zweite, …, letzte Wahl (in Austra- ersten Plätze, so ist er gewählt. Andern-
desstaat.) Jeder Wähler gibt einem Kan- Buckley. Die Wähler, die für Goodell ge- lautet die Regel für die Parlamentsmit- französischen Präsidentschaftswahlen von lien muss er alle Kandidaten in eine falls wird der Kandidat mit der gerings-

 Spektrum der WiSSenSchaft dOSSier5/06:fairneSS–kOOperatiOn –demOkratie


Spektrum der WiSSenSchaft dOSSier5/06:fairneSS–kOOperatiOn –demOkratie


Zum Artikel auf Seite 42 therapie G&G Dossier 2/2006


Intelligenzbestien
Delfintherapie
Papageien als
Doktor Flipper
delfintherapie

Doktor Flipper
Delfintherapie soll bei behinderten Kindern wahre Wunder wir-
pfiffige Plauderer
ken – wissenschaftliche Belege gibt es jedoch kaum. Ein Würz-
s
corBi

burger Forschungsprojekt will jetzt klären, ob und wie die Mee-

Ein Forschungsprojekt soll jetzt


ressäuger den kleinen Patienten tatsächlich helfen können.

Von Mila Hanke einträchtigt, und er gab nie mehr als un­ Sonderpädagogik der Universität Würz­ und selbstbewusster seien, sich besser Delfintherapie scheint tatsächlich irgend­ Feucht-fröhliche Begegnung Spürnase im Einsatz
f
verständliche Laute von sich – bis heute. burg, nun schließen. Im Halbdunkel ausdrücken könnten oder mehr aus sich ein Damm gebrochen zu sein.« Keine Frage: Der Anblick eines
isch«, brummelt Julian leise und Während der Kleine nun bunte Plastik­ steht er zwischen den leeren Zuschauer­ herauskämen. »Dafür könnte aber ge­ Zahlreiche Therapiezentren bieten Delfins ist ein bewegendes

klären, ob und wie die Meeresäuger


grinst, während er Delfindame bälle ins Wasser wirft, als wäre nichts ge­ reihen des Delfinariums und bannt die nauso gut die mit dem Therapieaufent­ diese Behandlungsform heute an – so Erlebnis. Aber kann ein Rendez-
Naomi einen solchen vor die schehen, wischt sich seine Mutter die Begegnung zwischen Julian und Naomi halt verbundene Urlaubsatmosphäre und etwa in Florida, Israel, auf Teneriffa und vous mit dem Meeressäuger
Schnauze hält. In dem zum For­ Tränen aus den Augen. auf Video. Gerade liegt die 7­jährige die psychologische Rundumbetreuung an der ukrainischen Schwarzmeerküste. tatsächlich die Entwicklung

Empfindsame Wesen
schungslabor umfunktionierten Delfi­ Delfindame rücklings im Wasser und der ganzen Familie verantwortlich sein«, Theoretischer Hintergrund und prakti­ behinderter Kinder vorantreiben?
narium im Soltauer Heidepark herrscht Erfolg bewiesen? lässt sich von ihrem freudig glucksenden stellt Breitenbach fest. scher Ablauf sind jeweils verschieden,
plötzlich ehrfürchtige Stille. Regungslos Julian ist eines von 80 Kindern mit geis­ Besucher die Bauchseite tätscheln. »Eu­ Julians Eltern stimmen die selbst beo­ doch sie alle wollen durch das Spiel mit
stehen Julians Eltern und Therapeuten tiger oder körperlicher Behinderung, die phorische Erfolgsmeldungen über die bachteten Behandlungseffekte jedenfalls dem Meeressäuger die Entwicklung be­ von dem beeindruckenden Einfluss sei­
am Beckenrand und starren ungläubig derzeit an einer Studie der Universität Delfintherapie sind mit Vorsicht zu ge­ sehr optimistisch – egal, woher sie rüh­ hinderter oder psychisch gestörter Kin­ nes Retrievers Jingles auf psychisch kran­

behinderten, darunter autistischen


auf den pausbäckigen Jungen im Neo­ Würzburg teilnehmen. Über die exoti­ nießen«, erklärt Breitenbach. »Oft ste­ ren mögen. Sichtlich ergriffen stehen Ka­ der fördern (siehe Kasten auf S. 93). ke Kinder. Durch Zufall entdeckte der
prenanzug. Selbst Naomi unterbricht ihr sche Behandlungsform Delfintherapie cken dahinter kommerzielle Interessen. rin und Thomas Fenzl am Beckenrand Der Ursprung der Delfintherapie liegt Begründer der tiergestützten Therapie,
lautes Schnattern, als hätte sie die Be­ kursieren in den Medien seit Jahren re­ Zudem weisen Studien, die die Wirk­ und beobachten das Treiben der zwei un­ dabei schon einige Jahrzehnte zurück. In dass sich beziehungs­ und kontaktgestör­
deutung des Augenblicks erkannt. Denn gelrechte »Wunder«­Berichte – etwa über samkeit wissenschaftlich belegen sollen, gleichen Spielpartner. »Unser Sohn war den 1960er Jahren herrschte unter ame­ te Kinder allein schon durch die Anwe­
»Fisch« ist das erste vollständige Wort, kleine Autisten, die nach der Begegnung zum Teil erhebliche methodische Män­ viele Jahre in logopädischer Behand­ rikanischen Psychologen allgemeine Auf­ senheit des Vierbeiners deutlich zu ent­
das dem Zehnjährigen über die Lippen mit Doktor Flipper auf einmal fließend gel auf – etwa zu kleine Stichproben oder lung«, berichtet Mutter Karin. »Da ge­ bruchstimmung. Seriöse Forscher disku­ spannen schienen: Der Hund wirkte wie
kommt. Julian war gerade zwölf Monate sprechen konnten. Doch einen wissen­ fehlende Kontrollgruppen.« Unklar sei schah gar nichts, keinerlei Fortschritt; tierten plötzlich Behandlungsansätze, die eine Art Eisbrecher – die Widerstände
alt, da entdeckte der Kinderarzt ein Cy­ schaftlichen Nachweis dafür, ob und wie vor allem, ob die vereinzelt beobachteten wir hatten die Sprachtherapie eigentlich bisher eher als unwissenschaftlich belä­ der Kinder gegenüber dem Therapeuten
tomegalievirus in seinem Gehirn. Der die Therapie tatsächlich wirkt, gibt es Effekte wirklich auf das Spiel mit den schon aufgegeben. Aber jetzt haben wir chelt worden waren – wie zum Beispiel lösten sich förmlich in Luft auf. Ange­

Kindern tatsächlich helfen können


Krankheitserreger zerstört die Zellen des bislang nicht. Meeressäugern zurückzuführen sind. Im­ gesehen, dass Julian wohl doch in der den Einsatz von Tieren in der therapeu­ spornt durch diese Entdeckung zogen in
Organs, das es befällt. Seitdem ist Julians Diese Forschungslücke will Erwin mer wieder wird davon berichtet, dass Lage ist, Worte zu artikulieren – wenn er tischen Praxis. Als Erster berichtete der den folgenden Jahren zahlreiche Psycho­
gesamte geistige Entwicklung stark be­ Breitenbach, Psychologe am Institut für Kinder nach der Therapie entspannter mal richtig bei der Sache ist. Durch die New Yorker Psychiater Boris Levinson logen aus, um verschiedene Tiere auf ihr 

90 GEHIRN&GEIST DOSSIER: Intelligenzbestien GEHIRN&GEIST DOSSIER: Intelligenzbestien 91

www.gehirn-und-geist.de/artikel/
849211

SUW Special 1/2003


Zum Artikel auf Seite 32
Das junge
astronomie Universum
Galaxien vom Quasare und
Urknall bis heute Schwarze Löcher

Seit ihrer Entstehung haben sich die Ursprung der


Elemente
Galaxien durch Kollisionen und
Beinahezusammenstöße vielfach Geburt der
Welteninseln
gegenseitigt beeinflusst

Diesen Artikel finden Sie als kostenlose Leseprobe im Internet. Unsere Sonder- und www.spektrum.de
Monatshefte sind im Handel, im Internet oder direkt über den Verlag erhältlich service@spektrum.com
Telefon: 06221 9126-743
LESERBRIEFE
Glaube versus Dass der Glaube immer eine Ver­ traproduktiv, naiv bis dumm, in jeder
LESERBRIEFE

Rationalität pflichtung gegenüber der Vernunft hat,


ist im Christentum von Anfang an klar.
Hinsicht fragwürdig und erschreckend
fundamentalistisch. Manch andere Äuße­
Vom Glauben zum Wissen und zurück Sie beweist sich aber nicht durch Zitate rung oder Handlung von Tierschützern
Essay, Januar 2007 aus Bibel und Theologiegeschichte, son­ gehört in die gleiche »Ecke« (Totalableh­
dern in der Anwendung auf tägliche Pro­ nung der Jagd, des Fleischverzehrs, der
Bedeutung der Klöster bleme, und da fehlt es leider. Nutzung tierischer Produkte etc.). Sogar
Herr Springer wählt in seinen Darstel­ Prof. em. F. Burgey, Eichstätt Gesetzgebung und Rechtsprechung gehen
lungen die Tatsachen so aus, dass sie in hier manchmal zu weit, etwa wenn die
sein Argumentationskonzept passen. Besenderung von Wildtieren für wissen­
Die christliche Kirche sei stets hem­ Tierversuch schaftliche Untersuchungen rechtlich als
mend und Neuem gegenüber nicht auf­ »Tierversuch« gilt, und nicht etwa qualifi­
geschlossen gewesen. Hier muss natürlich nicht mehr Goldstandard zierte Ethologen, sondern Kreisveterinär­
sofort Galilei herangezogen werden, wie Ersatz für Tiervesuche – nicht nur behörden über Zulassung oder Nichtzu­
natürlich auch nicht verschwiegen wer­ zum Tierschutz, Februar 2007 lassung zu entscheiden haben – aber das
den darf, dass Kardinal Ratzinger quasi steht auf einem anderen Blatt.
die historische Verlängerung der Inquisi­ Erfreulich – die tierversuchsfreie For­ Karsten Dörfer, Heinade
tion ist. Dass über Jahrhunderte die Aus­ schung kommt voran. Doch darf der En­
breitung von Schrift, Literatur und Kunst thusiasmus über einige Fortschritte nicht
nur über die Klöster erfolgte, braucht in darüber hinwegtäuschen, dass wir von ei­ Talent und Motivation
so einer Argumentation selbstverständ­ ner wirklichen Lösung des Problems lei­
lich nicht weiter beachtet zu werden. der noch meilenweit entfernt sind. Was Wie Genies denken, Januar 2007
Im weiteren Verlauf sind nicht alle wir brauchen, ist ein vollständiger Para­
Gedanken schlecht, aber eben stark mit digmenwechsel in Forschung und Pro­ Breitensport Schach
Polemik verwoben. Der Spott von Ernst duktprüfung, bei dem der Tierversuch Endlich ein Artikel, der das Schachspiel
Haeckel über Gott als gasförmiges Wir­ nicht mehr als Goldstandard gilt. für das Denkenlernen in den Vorder­
beltier ist einfach nur beleidigend und So ist es allenfalls als Zwischenschritt grund stellt. Leider erhält dieser Sport in
hätte in einem seriösen Artikel nichts zu anzusehen, wenn beim LD50-Test nicht unserer Gesellschaft nicht die Aufmerk­
suchen. mehr 140, sondern »nur« noch 16 Tiere samkeit, die ihm von seiner Bedeutung
Prof. Jürgen Schnack, Bielefeld zu Tode gequält werden. Eine grau- her zusteht. Im Artikel werden fast aus­
same und falsche Methode wird nicht da­ schließlich amerikanische Untersuchun­
Rolle der Religion durch besser, dass weniger Tiere einge­ gen als Grundlagen genommen. Ich darf
Es ist erfreulich, dass sich ein Naturwis­ setzt werden. Es ist absurd, wenn sich zu bedenken geben, dass in den USA im
senschaftler mit der Regensburger Vor­ neue, aus­sagekräftige Testmethoden an Vergleich relativ wenige Großmeister ent­
lesung Benedikts XVI. auseinandersetzt. der schlechten, erwiesenermaßen unzu­ standen sind.
Allerdings erweckt der Artikel den Ein­ verlässigen Methode Tierversuch aus dem Immer noch an der Spitze – und hier
druck, als seien die Naturwissenschaften vorletzten Jahrhundert messen lassen auch als Volkssport – steht das Schach­
und ihre Methoden senkrecht vom Him­ müssen, um anerkannt zu werden. spiel in Osteuropa. Genau dort gehört
mel gefallen. Die Anwendung naturwis­ Tierversuche müssen abgeschafft wer­ es – immer noch – zum Schulunterricht.
senschaftlicher Prinzipien hat vielmehr den, um den Weg frei zu machen für eine Hier ist es also ein Zusammenspiel von
eine lange Entwicklungsgeschichte, in der ethisch vertretbare, am Menschen orien­ Talentförderung und gesellschaftlicher
die Religion eine wichtige Rolle spielte. tierte Forschung und Medizin. Anerkennung. Ein ausgeprägt geförder­
Dr. med. vet. Corina Gericke, Ärzte gegen ter Breitensport bringt automatisch auch
Tierversuche e. V., Braunschweig viele Spitzenspieler hervor. Doch so sieht
Briefe an die Redaktion ... es bei uns leider nicht aus.
... sind willkommen! Tragen Sie Ihren Jochen Krehnke, Bad Münder
Leserbrief direkt in das Online-Formu- Retten mit
Arbeitsgarantie
lar beim jeweiligen Artikel ein (klicken
Sie unter www.spektrum.de auf »Ak­
fragwürdigen Methoden für Familientherapeuten
tuelles Heft« beziehungsweise »Heft- Tierversuche und ihre Gegner Die Behauptung, dass Anlagen und Ta­
archiv« und dann auf den Artikel). Editorial, Februar 2007 lent im Vergleich zur Motivation nur eine
untergeordnete Rolle spielen, die man
Oder schreiben Sie mit Ihrer vollständi- Ich teile Ihre Kritik an bestimmten Akti­ nur – möglichst bereits pränatal – kräftig
gen Adresse an: onen mancher »Tierschützer«. Wir ver­ drillen müsse, kommt einer Arbeitsgaran­
Spektrum der Wissenschaft danken der kritischen Aufmerksamkeit tie für Familientherapeuten nahe, die sich
Frau Ursula Wessels von Tierschützern zwar, dass immer wie­ bereits kräftig über volle Praxen mit am
Postfach 10 48 40 der unglaubliche Tierquälereien aufge­ Ehrgeiz der Eltern gescheiterten Kindern
69038 Heidelberg deckt wurden und zum großen Teil der freuen dürfen. Ich wäre gespannt über
E-Mail: leserbriefe@spektrum.com Vergangenheit angehören. Befreiungsakti­ die Ergebnisse einer vergleichenden Stu­
onen sind aber kriminell, destruktiv, kon­ die über Alkoholismus von Fußballern,

 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Öltanker ist kein Vergleich
Wie das Klima
Berge versetzt
Februar 2007

Steffen Foerster / worldofstock.com


Auf S. 54 vergleicht Kip Hodges in sei-
nem sehr anschaulichen Artikel über die
Entwicklung des Himalaya die noch immer
andauernde Kollision der beteiligten Konti-
nente Indien und Eurasien mit dem langen
Bremsweg von Öltankern und Güterzügen.
Explizit macht er die Massenträgheit der in-
dischen Platte für das Kollisionsgeschehen werden. Die potenzielle Energie, die not- Der Himalaya entstand durch die Kol-
verantwortlich. Der Vergleich mit dem Öl- wendig ist, um ein Stück Granit auf die o lision Indiens mit Eurasien.
tanker ist ein häufig verwendeter; vor allem Höhe des Mount Everest zu heben (8848
in Vorträgen und Artikeln, die sich an ein all- m), berechnet sich zu Epot = m · g · h. Unter
gemeines Publikum wenden, jedoch auch in Vernachlässigung von Deformation und der nicht eben beeindruckend im geologischen
Vorlesungen der Geologie an mancher Hoch- Erzeugung von Reibungswärme soll die ki- Maßstab. Der Stoß der beiden Platten, Asien
schule. Der Vergleich ist jedoch unzulässig netische Energie vollständig in potenzielle und Indien, ist ein unelastischer Stoß, das
und physikalisch falsch, wie sich anhand ei- Energie umgewandelt werden; es gilt also heißt, die beiden Körper bewegen sich nach
ner einfachen Rechnung zeigen lässt: Ekin = Epot. Die Masse des Gesteins, welches der Umwandlung der kinetischen Energie in
Die kinetische Energie eines Körpers ist auf die Spitze des Everest gelangen kann, Verformungsarbeit, potenzielle Energie und
Ekin = 1/2 mv2. Der indische Kontinent hat in ist demnach m = 6800 / (9,81 · 8848) kg = Wärme mit einer gemeinsamen Geschwin-
etwa die Form eines gleichschenkligen, 78 g. Dies entspricht einem Granit-Würfel digkeit als ein Körper weiter. In diesem Fall
rechtwinkligen Dreiecks mit 3000 km Kan- der Kantenlänge 3 cm. ist die Relativbewegung beendet, und der
tenlänge. Die Mächtigkeit der Lithosphäre Himalaya fällt der Erosion zum Opfer. Wie
beträgt zirka 100 km, wonach sich das Vo­ Offensichtlich ist also der Beitrag der wir oben gezeigt haben, wird die geringe ki-
lumen zu etwa 4,5 · 1017 m3 berechnet. Die kinetischen Energie der driftenden Platten netische Energie der indischen Platte je-
Multiplikation mit der ungefähren Dichte zur Entstehung von Kollisionsgebirgen doch schon abgebaut, wenn in China der
von Gesteinen der Lithosphäre von 3000 praktisch gleich null. Das Beispiel zeigt in erste Sack Reis umfällt. Damit sollten sich
kg/m3 ergibt eine Masse von 1,35 · 1021 kg. hervorragender Weise, wie sehr uns die In- nach den Gesetzen der Trägheit die beiden
Die Geschwindigkeit von driftenden Plat- tuition in der Abschätzung physikalischer Kontinente gemeinsam sehr langsam weiter
ten beträgt in etwa 10 cm pro Jahr, das sind Prozesse täuschen kann, wenn es um nicht- nach Norden bewegen, aber es sollte kein
3,2 · 10-9 m/s. lineare Prozesse geht. Schon die Hand­ Gebirge entstehen.
Die kinetische Energie beträgt also habung der Beziehung »Energie ist propor- Der Grund für die immense Deformation
Ekin = 0,5 · 1,35 · 1021 kg  ·  (3,2 · 10-9 m/s)2 = tional zum Quadrat der Geschwindigkeit« der Kruste und die Fortbewegung der Plat-
6800 J oder 6,8 kJ. übersteigt, wenn wir ehrlich sind, unser ten ist also nicht mit der Trägheit der Masse
Die kinetische Energie des größten Öl- Vorstellungsvermögen. zu erklären. Vielmehr bewegen sich die Plat-
tankers »Jahre Viking« beträgt bei voller Nun könnte man darüber hinaus einen ten aus dem gleichen Grund weiter, aus dem
Ladung (560 000 t) und voller Fahrt (15,8 Blick auf die Impulserhaltung werfen, da der sie sich schon vor der Kollision bewegt ha-
Knoten = 8,1 m/s) ungefähr 37 Millio- Impuls linear zur Geschwindigkeit wächst, ben: der konvektierende Mantel unter ihnen
nen kJ. und in unserem Beispiel für die indische schiebt sie vorwärts und der abtauchende
Um den geringen Energiebetrag der in- Platte etwa 4,3 · 1012 Ns beträgt. Das ent- ozeanische Teil der Platten zieht sie vor-
dischen Platte zu veranschaulichen, soll er spricht dem Impuls von ziemlich genau wärts. Horst Marschall, Bristol
in Bezug zur Hebung des Himalaya gesetzt 1000 Öltankern aus dem oberen Beispiel – und Erich Marschall, Nußloch

die es trotz brennender Motivation nicht Fehlerfreie Programme tischer Prüfsoftware zu schwach. Es
geschafft haben. wurde eher im Gegenteil die Erwartung
Neue Wege zu sicherer Software
Kleiner Tipp: Der Farbenblinde wird von möglicher Null-Fehler-Software er­
Januar 2007
kein Maler, der Zwergwüchsige scheitert zeugt.
im Basketball, wem Gott kein gutes Ge­ Nicht zu optimistisch werden! Software wie Alloy einzusetzen halte
hör geschenkt hat, der sollte besser sei­ Der Artikel war sehr interessant. Aller­ ich für grundsätzlich wichtig, um die
nen Ehrgeiz nicht auf Musik lenken. dings fand ich die (bei genauem Le- Fehlerzahl zu reduzieren! Und ich be­
Förderung – auch früh: Ja bitte! sen vorhandenen) Warnungen vor über- zweifle keineswegs die Fähigkeit von Al­
Rücksichtsloser Drill, nein danke. triebenen Hoffnungen auf fehlerfreie loy und anderen Tools, Fehler zu fin-
Heiner Schilling, Darmstadt Software durch den Einsatz automa­ den, wohl aber die Fähigkeit, alle Fehler

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  


(im Design) zu finden, wenn das Pro- Atmung bei Haien putern aufgebaut. Man könnte nun Soft­
LESERBRIEFE

jekt hinreichend groß wird. ware laufen lassen, die nach bestimmten
Ein Flugzeug für den Weltraum
Software-Designs werden auch so Mustern Verbindungen erzeugt und Da­
Februar 2007
nicht hundertprozentig fehlerfrei wer­ ten für einen bestimmten Zeitraum sen­
den. Schließlich sind auch Alloy und Co. In Ihrem sehr interessanten Artikel über det. Und das nur, um den Verbindungs­
nur Programme, die selbst der Unvoll­ Flugzeuge mit Scramjet-Technik wurden graphen zu stören. Es können beliebige
kommenheit unterliegen. Wer sich auf diese mit Haien verglichen, die unent­ Scheinverbindungen im Verbindungs­
»der sicheren Seite« (auf der »sichereren« wegt vorwärtsschwimmen müssen, um graphen entstehen. Es gibt Software, die
Seite ist sehr wohl möglich) wähnt, nur ihren Sauerstoffbedarf zu decken. Im Telekommunikation ermöglicht, ohne
weil er Alloy oder ein ähnliches Tool ein­ Gegensatz zu früheren Lehrmeinungen dass der Sender je erkannt werden kann.
gesetzt hat, ist ein leichtes Opfer seines können jedoch alle bekannten Haiarten Wo ist der Unterschied zwischen dem
Wunschdenkens. ihren kompletten Sauerstoffbedarf auch Telekommunikationsverkehr einer Ter­
Jürgen Busch, Limburg im Ruhen aufnehmen, da sie zum aktiven rorzelle, die kurz vor der Ausführung
Ventilieren befähigt sind. Da ich selbst in eines großen Anschlags steht, und dem
Entwicklungskosten bei Ariane einem Meeresaquarium gearbeitet habe, eines Bürgerrechtsvereins, der kurz vor
In dem interessanten Aufsatz ist dem konnte ich diese Atemtechnik häufig be­ der Ausführung einer wichtigen De­
Autor ein logischer Fehler unterlaufen, obachten. Auch wenn große Haie, wie monstration steht? Welche Gruppe wird
wenn er anlässlich des Absturzes der ers­ der Weiße Hai oder der Riesenhai, meist denn nun vom Verfassungsschutz eher
ten Ariane-5-Rakete schreibt: »Mit ihr ständig in Bewegung sind, ersticken sie überwacht? Es läuft darauf hinaus, dass
verpufften gut 6 Milliarden Euro an Ent­ bei Bewegungslosigkeit nicht. Evolutiv jeder überwacht und jeder verdächtigt
wicklungskosten.« Das liest sich so, als wäre dies auch wenig sinnvoll, da ein wird, und das darf in einem Rechtsstaat
seien diese 6 Milliarden Euro komplett Schwimmen des Hais mit der Strömung nicht geschehen.
verloren. Tatsächlich verloren, was die seinen sicheren Tod bedeuten würde. Gilbert R. Röhrbein, Leipzig
Entwicklung der Rakete betrifft, waren Heiko Schmied, Bonn
dagegen »nur« die weiteren Flugphasen
und damit die – ohne diesen Fehler – Errata
vielleicht erfolgreiche Qualifikation der Kein wirklicher Schutz Ursprünge der griechischen
an diesen Phasen beteiligten Komponen­ Angriff der mobilen Computerviren Sternbilder, März 2007
ten (zu diesem frühen Versagenszeitpunkt Februar 2007 Leider sind zwei der drei auf S. 86 gezeigten
allerdings die überwiegende Mehrzahl al­ Ausschnitte der Oberfläche des Himmelsglo-
ler Komponenten). Verloren war darüber Der Artikel zeigt grob, was mit gespei­ bus des Atlas von Farnese falsch datiert: der
hinaus auch die wertvolle wissenschaft­ cherten Verbindungsdaten alles gemacht mittlere zeigt die Lage des Frühlingspunkts
liche Nutzlast »Cluster«, für die man die werden könnte und schon gemacht wird. im Jahr 125 v. Chr. (statt 100 v. Chr.) und
der untere im Jahr 200 n. Chr. (statt 2000
mit mehr Risiken behaftete, aber dafür Dabei wird aber von Laborbedingungen n. Chr.).
kostenlose Mitfluggelegenheit auf der ers­ ausgegangen, die so nicht existieren. Hilft
ten, also zuvor nicht erprobten Ariane-5- uns die Vorratsdatenspeicherung im oh­ Mit Grips unterhalten
Trägerrakete gewählt hatte. Es gilt also, nehin schon umstrittenen Kampf gegen Rezensionen, März 2007
zwischen Entwicklungs- und Wiederbe­ Terrorismus? Nein. Die Herausgeber des Buches »Braintertain-
schaffungskosten zu unterscheiden. Telekommunikationsverbindungen ment«, das auf S. 103 besprochen wurde, sind
Peter Groepper, Wassenaar, Niederlande werden automatisch, das heißt von Com­ Manfred Spitzer und Wulf Bertram.

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ner Gans, Dr. Rainer Kayser, Dr. Andreas Schmidt-Rhaesa, Claus- Tel. 0211 887-2387, Fax 0211 887-2686 buchhandel und beim Pressefachhändler
10
Peter Sesín, Prof. Dr.-Ing. Philipp Slusallek, Annette Zimmermann. Anzeigenpreise: Gültig ist die Preisliste Nr. 28a vom 01. 01. 2007. SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT
mit diesem Zeichen. · MONAT 2007
Spektrogramm
Verhalten Astronomie
Spektrogramm

Ultravioletter Liebeszauber Himmelsauge mit


Die Fühler von Weibchen der Spinnen- staubiger Pupille
Matthew L. M. Lim und Daiqin Li, Nationaluniversität Singapur

l art Cosmophasis umbratica fluoreszie-


ren in ultraviolettem Licht grünlich. q Wenn ein Stern wie unsere Sonne stirbt,
nachdem er seinen Kernbrennstoff aufge­
braucht hat, stößt er in seinen letzten Todes-
der Paarung eine Rolle spielen, setzten die zuckungen, während er zum Weißen Zwerg
Forscher die Tiere in getrennte Glaskästen. So schrumpft, noch die äußere Hülle ab. Aus
konnten sie nichtvisuelle Einflüsse wie Gerü- dieser bildet sich ein so genannter Planeta-
che oder Geräusche auf das Verhalten aus- rischer Nebel, der im Licht der Sternenleiche
schließen. Dann drehten sie am Lichtschalter. vielfarbig fluoresziert. Der Raum unmittelbar
Im vollen Spektrum begannen die Spinnen um den Weißen Zwerg sollte dagegen komplett
sofort mit der Balz. Filterten die Forscher leergefegt sein. Nun entdeckte ein Team um
jedoch die ultravioletten Strahlen aus, zeigten Kate Su von der Universität von Arizona in
q Statt schummriger Beleuchtung bringt die Tiere keinerlei Interesse mehr aneinander. Tucson jedoch mit Hilfe des Spitzer-Infrarot-
grelles UV-Licht Springspinnen der Art Cos- Saßen nur die Männchen im UV-Licht, be- Teleskops beim bekannten Helixnebel, der nur
mophasis umbratica in romantische Stim- gannen die Weibchen zwar mit dem Balzver- 700 Lichtjahre von uns entfernt im Stern-
mung. Das haben Matthew Lim und Kollegen halten, doch achtzig Prozent der Umworbenen bild Wassermann liegt, dass dessen Zentrum
von der Nationaluniversität Singapur nun ließ das kalt. Um in Stimmung zu kommen, in Wahrheit ziemlich staubig ist.
entdeckt. Bisher war nur bekannt, dass Fle- fehlte ihnen offenbar die grüne Fluoreszenz.

NASA, JPL / Caltech / Kate Su, University of Arizona


cken auf dem Körper der Männchen – vor Andersherum war es genauso: Die Männchen
allem im Gesicht – UV-Strahlung reflektieren, flirteten heftig mit den strahlenden Weibchen,
während die Fühler der Weibchen grün auf- aber nur ein Fünftel der Damen ließ sich von
leuchten, wenn sie davon getroffen werden. einem unbeleuchteten Verehrer anmachen.
Um zu untersuchen, ob diese Leuchteffekte bei Science, 26.1.2007, S. 481

Archäologie

Ältestes Sonnenobservatorium Amerikas


q Seit dem 19. Jahrhundert rätselten Ar­chäo­ Westen der Anhöhe entdeckt – die westliche
Wie eine rote Pupille leuchtet in der Auf-
logen über den einstigen Verwendungszweck noch komplett erhalten –, von denen aus die
nahme des Spitzer-Teleskops die neu
einer Ringwallanlage 400 Kilometer nörd­lich Turmreihe genau den Bereich der Sonnenauf-
entdeckte Staubscheibe im Zentrum des
der peruanischen Hauptstadt Lima. Mys­teriös und -untergangspunkte im Jahreszyklus ab-
Helixnebels.
erschien vor allem eine Reihe aus 13 Türmen, deckt: Der Turm am einen Ende markiert die
die auf einer kammartigen Anhöhe im Innern Sommer- und der am anderen die Winter-
genau in Nord-Süd-Richtung angeordnet sind. sonnenwende. Demnach gehörten die Ruinen Woher kommt dieser Staub? Die Forscher
Auf den ersten Blick wirkt die Ruinenstätte offenbar zu einer Kultstätte, die zugleich als erklären den überraschenden Befund damit,
namens Chankillo wie eine ehemalige Befesti- Sonnenobservatorium diente. Ähnliche An- dass der Kometengürtel des Vorläufersterns
gung. Da­gegen sprechen jedoch die vielen lagen sind auch aus der Mayazeit in Mittel­ die dramatischen Ereignisse an dessen Ende
Eingänge und die fehlende Wasserversorgung. amerika bekannt. Chankillo ist jedoch viel offenbar überlebt hat, dabei aber kräftig
Ivan Ghezzi von der Universidad Católica älter: Nach einer Radiokarbondatierung von verwirbelt wurde. Bei Kollisionen miteinan-
del Perú in Lima und Clive Ruggles von der Ghezzi und Ruggles wurde es schon im der haben sich die Objekte dort inzwischen
Universität Leicester (England) haben nun dritten vorchristlichen Jahrhundert erbaut. anscheinend teilweise pulverisiert und so
eine Plattform im Osten und eine weitere im  Science, 2.3. 2007, S. 1239 neuen Staub gebildet, der in der Spitzer-
Aufnahme im Zentrum des Nebels nun
Ivan Ghezzi, PUCP

dunkelrot leuchtet. Die Staubscheibe liegt


etwa 35 bis 150 Astronomische Einheiten
vom Weißen Zwerg entfernt – also etwa dort,
wo sich im Sonnensystem der Kuipergürtel
befindet.
 Astrophysical Journal Letters, 3/2007, S. L41

Die 13 Türme der Ruinenstätte Chan-


l killo in Peru markieren die Sonnenauf-
und -untergangspunkte im Jahreslauf.

 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Neurologie
Im Gehirn von Erwachsenen verwandeln
Autobahn für nach­ sich neuronale Stammzellen in reife Neu-
ronen, während sie von den seitlichen
wachsende Hirnzellen Hirnkammern (bläulich) an röhrenförmi-
gen Fortsätzen entlang im rostralen migra-
q Das menschliche Gehirn ist in vieler torischen Strom (orange) zu den Riechkol-
Hinsicht nach wie vor eine Terra incognita. ben wandern.
Zahllose Wege auf seiner neurologischen
wie anatomischen Landkarte sind noch nicht
eingezeichnet. Auf einer »Expedition« in
unser Denkorgan haben Wissenschaftler aus
Schweden und Neuseeland nun gleich zwei
Entdeckungen gemacht. Zum einen fanden
sie eine Struktur, die bisher nur bei Nage­
tieren bekannt war. Sie verbindet in jeder
Hirnhälfte die subventrikuläre Zone, die an
den Hirnkammern anliegt, mit dem Riech­
kolben im Vorderhirn. Zum anderen orteten
die For­scher längs dieses s-förmigen Pfads,
der bei Nagern RMS (rostraler migratori­

Jonathan Westin, Göteborg


scher Strom) heißt, Nervenzellen in ver-
schiedenen Entwicklungsstadien.
Aus Tierver­suchen war bereits bekannt,
dass sich an der subventrikulären Zone
neuronale Stammzellen auf den Weg ma-
chen und sich zu reifen Neuronen ausdiffe- nun auch bei sechs menschlichen Ver- Fund ist ein weiterer Beleg dafür, dass
renzieren, während sie am RMS entlang­ suchspersonen mittels Magnetresonanz­ sich auch im Gehirn erwachsener Men-
wandern. Das Gleiche beobachtete das tomografie. Zuvor hatten die Forscher die schen Nervenzellen neu bilden können –
schwedisch-neuseeländi­sche Team unter 17 Millimeter lange Struktur in den Ge- was noch bis Ende der 1990er Jahre
Peter S. Eriksson aus Göteborg und Richard hirnen von dreißig Verstorbenen elektro- höchst umstritten war.
L. M. Faull von der Universität Auckland nenmikroskopisch identifiziert. Dieser  Science, 2.3.2007, S. 1243

Paläontologie
Skelett: Clay Bryce, Western Australian Museum; Rekonstruktion: Western Australian Museum

Reiche Funde aus Vorzeit-Falle


q Was vielen Bewohnern Südwestaustra­ und verlassenen Steppenregion, aus der es
liens vor 100 000 bis 270 000 Jahren zum bisher kaum Fossilien gab.
Verhängnis wurde, erwies sich für Paläonto- Insgesamt siebzig verschiedene Spe­zies
logen nun als seltener Glücksfall: In drei entdeckten die Paläontologen bei ihren
Karsthöhlen im trockenen Buschland der Ausgrabungen – darunter einen Riesen­
Nullarbor-Ebene entdeckten Gavin Prideaux wombat und einen Beutellöwen (Bild links).
und seine Kollegen vom Western Australian Von den 23 gefundenen Känguruarten waren
Museum in Perth die Überreste verschiedens- acht bisher unbekannt – darunter zwei
ter Tiere, die dort im Niemandsland auf Baumkängurus. Daraus und aus der Tatsa-
halbem Weg zwischen Adelaide und Perth che, dass die in den Höhlen verendeten
einst durch ein Loch im Kammerdach hinein- Tiere überwiegend Pflanzenfresser waren,
gestürzt und verendet waren. Damit eröffnete schließen die Forscher auf eine einstmals
sich ein unerwarteter Blick auf eine überra- üppigere Vege­ta­tion, obwohl das Klima
schend reiche Fauna in einer heute öden ähnlich trocken wie heute war.
Insgesamt 21 der entdeckten Arten sind
mittlerweile ausgestorben. Ursache war
Nach dem Skelett eines in den Thy­ laut Prideaux wohl die Versteppung durch
l lacoleo-Höhlen gefundenen Beutellö- zu­nehmende Flächenbrände, ausgelöst vom
wen (oben) ließ sich diese Rekonstruktion Menschen, der den Kontinent vor etwa
(unten) des ausgestorbenen Raubtiers an- 40000 Jahren besiedelte.
fertigen.  Nature, 25.1.2007, S. 445

 13
Medizin Planetologie
Spektrogramm

Uralter menschlicher Untermieter Heiter bis wolkig


Von Anfang an lag es dem Menschen auf Titan
l im Magen: das Bakterium Helicobac-
q Der Saturnmond Titan gleicht in man-
ter pylori.
chem der Erde: Er ist fast genauso groß, und
seine dichte Atmosphäre besteht gleichfalls
sapiens den Plagegeist in jeden Winkel der hauptsächlich aus Stickstoff. Auch einen
Erde. Zu diesem Ergebnis kommt ein Wetterkreislauf ähnlich dem irdischen ver-
internationales Team um Mark Achtman muteten die Astronomen dort seit Langem,
vom Max-Planck-Institut für Infektionsbio- wobei wegen der sehr viel tieferen Tempera-
logie in Berlin. turen allerdings Methan die Rolle des Was-
Die Forscher verglichen die Variabilität sers übernähme. Es liegt bei –182 bis –162
im Erbgut diverser Bevölkerungsgruppen Grad Celsius als Flüssigkeit vor, die ver-
ZacPac, Abbott, Altana

weltweit mit derjenigen im Genom von dampfen und Wolken bilden könnte, aus
Populationen des Magenbakteriums. Dabei denen der Kohlenwasserstoff schließlich
entdeckten sie eine erstaunliche Parallele: wieder abregnet. Als erste Bestätigung dafür
Bei beiden Spezies nimmt mit zunehmen­ wurden kürzlich in der Tat Seen aus flüs-
q Seit fast 60 000 Jahren ist es dem Men- der geografischer Distanz von Ostafrika die sigem Methan auf der Nordhalbkugel Titans
schen ein treuer, aber missliebiger Begleiter: genetische Variabilität ab. Das beweist entdeckt.
das Bakterium Helicobacter pylori. Etwa je- ihren gemeinsamen Ursprung auf dem Nun hat die Raumsonde Cassini zudem
der Zweite von uns trägt es im Magen, wo es Schwarzen Kontinent. Denn in diesem Fall einen riesigen Wolkenwirbel über dem
Entzündungen und Geschwüre hervorruft. sind Populationen in anderen Erdteilen Nordpol des Saturnmonds fotografiert.
Schon bevor unsere Ahnen aus ihrer Ur- umso später entstanden, je weiter sich ihre Er enthält neben Methan auch Ethan sowie
sprungsregion in Ostafrika in alle Welt aus- Gründer von Afrika entfernt hatten. In der andere organische Verbindungen und ist
schwärmten, dürfte ihnen die haken- bis kürzeren Zeit seither konnten sich dann we-

NASA, JPL / University of Arizona


schraubenförmige Mikrobe Bauchgrimmen niger Mutationen in ihnen anhäufen.
verursacht haben. Anschließend trug Homo  Nature, 22.2.2007, S. 915

Quantenphysik

Erstmals Licht gebeamt


q Die Teleportation von Teilchen – genauer: Laserpuls neu und setzte seine Reise fort. Im
das Erstellen einer Kopie an einem anderen jetzigen Experiment übertrug Haus Team die
Ort – ist inzwischen fast schon Routine. Nun in den Spins gespeicherte Information auf ein Auf jüngsten Aufnahmen der Raumson-
haben Lene Vestergaard Hau von der Harvard- anderes, mehr als ein zehntel Millimeter ent- de Cassini erscheint ein riesiger Wol-
Universität in Cambridge (Massachusetts) und ferntes Bose-Einstein-Kondensat, bevor es kenwirbel über dem Nordpol des Sa-
ihre Kollegen den gleichen Trick erstmals auch den Lichtstrahl wieder freisetzte. Für die turnmonds Titan.
mit Licht geschafft. Der Forschergruppe war es Übertragung dienten Atome als Boten.
in den vergangenen Jahren bereits gelungen, Der aus dem zweiten Kondensat wiederer- mit einem Durchmesser von 2400 Kilome-
elektromagnetische Strahlung vorübergehend weckte Laserpuls stimmte in seinen quanten- tern halb so groß wie die USA.
anzuhalten. Dabei ließ das Team einen Laser- mechanischen Eigenschaften völlig mit dem Ein Titanjahr dauert knapp dreißig Erd­-
puls in einem so genannten Bose-Einstein- ursprünglichen überein; nur die Intensität war jahre. Derzeit hat dort gerade der Frühling
Kondensat verschwinden. In dieser extrem auf ein Fünfzigstel gesunken. Die Teleporta­ begonnen. Nach Computersimulationen mit
kalten Ansammlung von Gasatomen, die ihre tion von Licht hat potenzielle Bedeutung für Klimamodellen sollte sich die beobach­tete
Individualität eingebüßt haben und wie ein Quantencomputer. Nature, Bd. 8.2.2007, S. 623 Wolke samt Regen und Methanseen im
gleichgeschaltetes Kollektiv agieren, übernah- Verlauf des Titanjahrs nach Süden verlagern
men Elektronenspins die im Lichtstrahl enthal- und dann auflösen. Nach einer fast wolken-
tenen quantenmechanischen Informationen, freien Zeit von vier bis fünf Erdjahren
sodass diese nicht verloren gingen. Wurden begänne der Kreislauf von vorn. Ob sich die
Sean R. Garner, Harvard University

sie später wieder abgerufen, erstand der Vorhersagen bestätigen, lässt sich mit Cassi-
ni direkt verfolgen, da die Sonde allein 2007
noch 16-mal dicht an Titan vorbeifliegt.
Ein Laserpuls verschwindet in einem
r
 Pressemitteilung der Esa vom 1.2.2007
Bose-Einstein-Kondensat (violett) und
taucht aus einem anderen wieder auf. Mitarbeit: S. Hügler, A. Römer und I. Wahl

14 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


bild des monats

NASA, JPL / Space Science Institute

Saturn von oben


»Es ist so atemberaubend, dass es einem fast schwindelt«, schwärmte Carolyn Porco
vom Institut für Weltraumforschung in Boulder (Colorado) über diese nie zuvor
gesehene Ansicht des Ringsystems von Saturn aus einem Winkel von etwa vierzig Grad
oberhalb der Äquator­ebene. Aufgenommen hat das Mosaik aus zwölf echtfarbigen Ein­-
zelbildern die Raumsonde Cassini, die den Planeten derzeit auf wechselnden Bahnen
umkreist. Die Belichtung wurde auf optimalen Kontrast für die Ringe eingestellt, sodass
die Tagseite Saturns überbelichtet und die Nachtseite fast schwarz ist. Nur in der
schmalen Zwielichtzone dazwischen blitzen die natürlichen Farben auf. Die Wirkung
des Bildes beruht auch auf dem imposanten Schattenriss der Ringe auf Saturns Tag­
seite und dessen eigenem Schattenkegel.
FORSCHUNG AKTUELL
FORSCHUNG AKTUELL

Medizin

Xenon im Käfig für die Krebsdiagnose


Im Modellversuch ist es erstmals gelungen, molekulare Vorgänge auf der
Ebene einzelner Zellen direkt sichtbar zu machen. Das Verfahren, das 
Biosensoren mit eingeschlossenem Xenon benutzt, könnte dereinst zur
Frühdiagnose von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen dienen.

Von Leif Schröder wie der Patient auf die Behandlung an- stärker besetzt als der obere. Dadurch
spricht. trägt bei klinischen MRT-Geräten nur

C omputer- und Mag­netresonanz­to­


mo­grafie (CT und MRT) liefern
heute schon detaillierte Einblicke in den
Da die MRT räumlich hoch aufgelös-
te Aufnahmen liefert und mit harmlosen
Radiowellen arbeitet, würden die Medi-
etwa jeder millionste Kern zum Signal
bei. Infolgedessen lassen sich ausschließ-
lich Substanzen sichtbar machen, die in
menschlichen Körper. Insbesondere die ziner sie gerne auch für die molekulare hoher Konzentration im Körper vorlie-
MRT geht dabei über die rein anato- Bildgebung heranziehen. Bisher störte gen. Das gilt vor allem für Wasser, die
mische Darstellung hinaus und erlaubt dabei allerdings die sehr geringe Emp- Quelle fast aller klinischen MRT-Bilder.
es, auch physiologische Vorgänge wie die findlichkeit dieser Messmethode. Bei der Allerdings kann dieses allgegenwärtige
Durchblutung oder Gewebeelastizität bis MRT bringt ein Radiopuls Kernspins – Molekül nur in den seltensten Fällen auch
hin zur Aktivierung einzelner Gehirnare- eine Art Drall bestimmter Atomkerne, biochemische Veränderungen anzeigen.
ale visuell darzustellen. mit dem ein magnetisches Moment ver- Es gibt jedoch Lösungsansätze für das
Im nächsten Schritt, an dem Wissen- bunden ist – in einem Magnetfeld zum Problem. Viel versprechend erscheint da-
schaftler derzeit intensiv arbeiten, geht es Umklappen, wodurch die Teilchen auf bei kurioserweise ein Atom, das in bio­
nun darum, auch biologische Prozesse ein höheres Energieniveau angehoben logischen Proben gar nicht vorkommt:
auf zellulärer Ebene direkt sichtbar zu werden. Dann misst ein Detektor die Xenon. Das Isotop Xe-129 hat die beson­
machen. Dazu dienen molekulare Mar- Radiostrahlung, die sie bei der Rückkehr dere Eigenschaft, dass sich bei ihm der
ker, die biochemische Veränderungen in in den Ausgangszustand aussenden. Unterschied in der Besetzungszahl der
einer Weise anzeigen, dass man sie letzt- beiden Energieniveaus durch Wechsel-
lich mit dem Auge beobachten kann. Problem zu schwacher Signale wirkung mit Rubidiumatomen künstlich
Ziel ist es, Erkrankungen schon im frü- Die Intensität dieses Signals hängt stark 10 000-fach steigern lässt – ein Vorgang,
hestmöglichen Stadium zu erkennen und vom Unterschied in der Anzahl der Spins der als Hyperpolarisation bezeichnet
ei­ne maßgeschneiderte Therapie zu ent- auf den beiden Niveaus ab. Wegen der wird. Die Folge ist ein äußerst starkes Sig­
wickeln. Auch ließe sich so auf biochemi­ sehr geringen Energiedifferenz ist der un- nal, das auch bei geringer Konzentration
scher Ebene äußerst verlässlich verfolgen, tere Zustand normalerweise aber kaum dieses Elements messbar bleibt. Hyper-
polarisierte Edelgase können entweder –
was heute schon bei der Magnet­resonanz­
Biotin
H3CO tomografie der Lunge mit Helium ge-
OCH3
Verbindungsstück schieht – direkt vom Patienten eingeat-
Abbildungen dieser Doppelseite: Alexander Pines und david Wemmer, university of california berkley

H3CO
H3CO
OCH3 met oder in Lipid-Emulsionen gelöst
Xe und dann injiziert werden.
Peptidkette Wie aber lässt sich die molekulare In-
Käfig Xe
Käfig Xe formation auf Xenon übertragen? Eine
Xe Biotin Forschergruppe um Alexander Pines und
Xe David Wemmer von der Universität von
Xe Kalifornien in Berkeley und vom Law-
Xe
Xe
Xe
Im Modellversuch ließ sich das Prote-
Andocken an Avidin Xe l in Avidin mit einem Sensor aufspüren,
in dem ein molekularer Käfig für Xenon (Xe)
mit dem Molekül Biotin verbunden ist, das
sich spezifisch an bestimmte Oberflächen-
strukturen des Avidins anlagert. Durch diese
Anlagerung ändert sich das Magnetreso-
nanz-Signal des eingesperrten Xenonkerns.

16 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Xe Xe Die Magnetresonanz von Xenon lässt
Xe
Xe
Xe selektive 
Depolarisation
Xe
Xe
Xe
l sich durch »Hyperpolarisation« erheb­
Xe Xe lich steigern. Dennoch ist das Signal eines
Xe Xe Xe Xe einzelnen Xenonatoms im Käfig (grün) zu
Xe Xe
Xe Xe schwach, um sich klar gegen das Hinter-
Xe Xe Xe Xe grundrauschen abzuheben. Mit dem neuen
Hyper-Cest-Verfahren lässt es sich jedoch
kollektives stetiger verstärken. Dabei wird ausgenutzt, dass der
Signal Xenon- Käfig porös ist, weshalb ein stetiger Aus-
Austausch
tausch von Xenonatomen stattfindet. Hebt
man nun mit einem Radiopuls gezielt die
Xe ­Hyperpolarisation der Gefängnisbesucher
Xe
Einzelatom­- Xe Xe auf, sammeln sich Tausende depolarisierter
signal Xenonatome (rot) in der Umgebung des Kä-
Xe
figs an. Sie bewirken eine gut messbare
Xe Xe
Xe Schwächung der lokalen Magnetresonanz
Xe
Xe Xe gegenüber dem Rest der Probe.

Signalverstärkung

rence-Berkeley-Nationallaboratorium, der se maßgeschneiderte Sonden für alle bio- nutzlos. Könnte man sie einbeziehen,
ich angehöre, sperrt das Atom dazu in logisch wichtigen Moleküle herstellen, fiele das Signal deutlich stärker aus. Das
einen molekularen Käfig. An diesen ist für die ein Antikörper oder anderer spe- haben wir nun geschafft, indem wir aus-
die eigentliche Sonde gekettet: ein orga- zifischer Andockpartner bekannt ist. nutzten, dass der Käfig nicht wirklich
nisches Molekül, das nach dem Schlüs- Die Hyperpolarisation des Xenons al- dicht ist, sondern jedes Xenonatom nur
sel-Schloss-Prinzip mit einer Zielstruktur lein reicht allerdings noch nicht aus, um für kurze Zeit festhält. Nachdem es frei-
wechselwirken kann. In den bisherigen die räumliche Verteilung eines bestimm- gekommen ist, gerät ein anderes ins Ge-
Experimenten ging es uns darum, den ten Moleküls mit der MRT empfindlich fängnis. So findet ein reger Austausch
Beweis zu liefern, dass die Methode genug darzustellen. Weil jeder Käfig nur zwischen innen und außen statt.
funktioniert. Dabei diente das Molekül ein einziges Edelgasatom aufnimmt,
Biotin als Sonde zum spezifischen Auf- bleibt die Konzentration der eingefange­ Stempel für Käfigbesucher
spüren des Proteins Avidin. nen Teilchen in der biologischen Probe Da sich die Anregungsfrequenz für die
Entscheidend ist, dass das vom Xenon so gering, dass die Aufnahme eines Bil- Kerne im Käfig von der für freies Xenon
ausgehende Signal sehr stark von der des mehrere Wochen dauern würde. Un- unterscheidet, lässt sich den kurzzeitig
molekularen Umgebung beeinflusst ser Berkeley-Team hat jedoch einen Trick gefangenen Edelgasatomen gleichsam
wird, obwohl das Edelgas selbst weder gefunden, dieses Problem zu umgehen. ein Stempel aufdrücken, der erhalten
eine chemische Bindung mit dem Käfig Paradoxerweise steigern wir dabei die bleibt, nachdem sie wieder entkommen
noch gar mit dem Zielmolekül eingeht. Empfindlichkeit dadurch, dass wir das sind. Dies geschieht durch einen Radio-
Die Atome in seiner Nachbarschaft Signal gezielt auslöschen. puls, der ihre Polarisation aufhebt und
schirmen jedoch das Magnetfeld ab. Da- Wie funktioniert das? In der ge- damit bewirkt, dass sie nichts mehr zum
durch beeinflussen sie den Abstand zwi- schilderten Situation befinden sich die MRT-Signal beitragen. Dauert solch ein
schen den beiden Spin-Niveaus und da- allermeisten Xenonatome außerhalb der Puls einige Sekunden an, so sind in die-
mit die Energie für den Übergang zwi- molekularen Käfige und bleiben damit ser Zeit Tausende von Xenonatomen im
schen ihnen. Folglich ändert sich die
Frequenz des Radiosignals. Somit kön-
nen die Forscher nicht nur unterschei-
den, ob ein Xenonatom im Käfig eines
Sensors sitzt, sondern auch, ob dieser
Sensor sich gerade an sein Zielmolekül –
in diesem Fall das Avidin – angelagert
hat. Prinzipiell lassen sich auf diese Wei-

In einer herkömmlichen Magnetreso-


r nanzaufnahme (links) ist der mit Avi-
din beschichtete Bereich (+) nicht erkennbar.
Dagegen leuchtet er beim Hyper-Cest-Verfah-
ren deutlich auf (farbcodiertes Bild, rechts).

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  17


Käfig gewesen und depolarisiert worden. Nach der erfolgreichen Demonstra­ Langfristiges Ziel aber bleibt ein biome-
Sie sammeln sich in der Umgebung an. tion der molekularen Bildgebung mit dizinisches Verfahren zur frühzeitigen
Auf einer MRT-Aufnahme erscheint die- Xenon-Biosensoren im Modellversuch Diagnose von Tumoren oder Herz-Kreis-
se Region deshalb dunkler als auf einem hoffen wir, bald auch erste Anwen- lauf-Erkrankungen. Auch wenn der Weg
vorher angefertigten Bild. Bildet man die dungen dieses Hyper-Cest genannten bis dahin noch lang sein dürfte, stimmt
Differenz aus beiden Datensätzen, so Verfahrens (nach englisch chemical ex- uns zuversichtlich, dass die Forschung
leuchtet nur die Region mit den vorher change saturation transfer) mit biomedizi- im Bereich der Magnetresonanz bisher
»markierten« Atomen auf. Indem wir die nischen Fragestellungen realisieren zu schon viele schwierige Hürden genom-
Frequenz des Auslöschungspulses so kön­nen. So wollen wir mittels eines hy- men hat.
wählten, dass ausschließlich Xenon­atome perpolarisierten Xenon-Biosensors Krebs­
depolarisiert wurden, die in einem Käfig zellen aufspüren, die ein charakteristi- Leif Schröder hat 2003 an der Universität Hei-
saßen, dessen Biotin-Sonde an ein Avi- sches Protein auf ihrer Membran tragen. delberg in Physik promoviert und arbeitet der-
din gebunden war, konnten wir diese Vorderhand planen wir die entspre- zeit als Emmy-Noether-Stipendiat der Deutschen
Bindung sichtbar machen. chenden Versuche in Modell-Lösungen. Forschungsgemeinschaft in Berkeley.

Molekularbiologie

Von wegen Müll!


Von den meisten Forschern bislang als nutzloses Abfallprodukt verkannt,
entpuppt sich die nichtcodierende RNA immer mehr als Drahtzieher bei der
Genregulation.

Von Stefanie Reinberger obwohl sie nach aktuellen Schätzungen


zwischen 50 und 95 Prozent aller Ribo-

Ü ber viele Jahrzehnte war die Ribo-


nukleinsäure, die RNA, in den
Köpfen der Molekularbiologen nur
nukleinsäuren einer Zelle ausmachen. In
den letzten Jahren mehren sich jedoch
die Hinweise darauf, dass die nichtcodie- Normalerweise binden sich in einer
eines: ein schlichter Handlanger, der als rende RNA eine wichtige Rolle bei der u Zelle die beiden Proteine NoRC und
DNA-Blaupause die Übersetzung der Genregulation spielt. Zum Beispiel hilft UBF an die Kernkörperchen, die in der mi-
Erbinformation in Proteine unterstützt. sie entscheidend mit, bei Frauen eines kroskopischen Aufnahme (links) als dunkle
Kurze RNA-Schnipsel oder Abschriften der beiden Geschlechtschromosomen Punkte zu erkennen sind. Wird jedoch die so
aus Genomabschnitten, in denen keine stillzulegen. genannte IGS-RNA abgefangen, verteilt sich
Eiweißmoleküle verschlüsselt sind, gal- Ingrid Grummt, Leiterin der Abtei- das NoRC – nicht dagegen das UBF – auf den
ten als bloße Abfallprodukte – und das, lung Molekularbiologie der Zelle II gesamten Zellkern.

UBF NoRC
normal

UBF NoRC
ohne IGS-RNA

Christine Mayer, DKFZ Heidelberg

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  19


am Deutschen Krebsforschungszentrum muss er allerdings seinen Einsatzort fin- dung auf diesen besonderen Bereich des
FORSCHUNG AKTUELL

(DKFZ) in Heidelberg, hat gemeinsam den. Wie gelingt ihm das? Christine May- Zellkerns. Dazu erzeugte es kurze RNA-
mit ihren Mitarbeiterinnen Christine er, die schon als Studentin von der RNA Abschriften jener Erbsubstanz, die sich
Mayer und Raffaella Santoro jetzt eine fasziniert war und ihr seither ihre For- dort befindet. In diesem sehr viel
weitere bedeutende Kontrollfunktion der schungsarbeit widmet, hatte gleich den kleineren Pool fischte es dann wiederum
Ribonukleinsäure identifiziert. Demnach Verdacht, dass ihr Lieblingsmolekül dabei mit dem NoRC-Angelhaken.
entscheiden nichtcodierende RNAs da­ mitmischt. Im einem ersten, groben Test Diesmal hatten die Forscherinnen Er-
rüber, in welchem Umfang eine Zelle behandelte sie deshalb Kulturzellen kur- folg: Von allen Abschriften blieb nur
überhaupt neue Proteine produzieren zerhand mit einem Enzym, das RNAs eine haften. Sie stammte noch dazu aus
kann (Molecular Cell, Bd. 22, S. 351). zerstört. Das Ergebnis dieses Rundum- den IGS-Regionen, also den Platzhaltern
Ausgangspunkt dieser Entdeckung war schlags bestätigte ihre Vermutung: Zuvor zwischen den rDNA-Abschnitten. Aber
jene Ribonukleinsäure, die im Verbund an rDNA gebundenes NoRC hatte sich fungierte sie wirklich als Regulator? Um
mit einigen Eiweißmolekülen die Riboso- nach der Behandlung abgelöst. Als »Kitt« das zu prüfen, schaltete Mayer diesmal
men bildet, an denen die Eiweißsynthese zwischen beiden musste also eine Ribo- gezielt nur diese Ribonukleinsäure aus.
stattfindet. Die genetische Information nukleinsäure fungieren. Das Ergebnis war überzeugend: In den
für diese so genannte rRNA liegt in der behandelten Zellkulturen hatten sich
rDNA verschlüsselt und findet sich gleich Fahndung nach dem RNA-Kleber wiederum die NoRC-­Moleküle vom
mehrfach im Genom – in annähernd 400 Nun begann für das Team am DKFZ der Erbgut abgelöst. Zugleich lagen sämt-
Exemplaren, die fein säuberlich durch mühselige Teil der Arbeit: Es galt den liche rDNA-Bereiche in der locker gewi-
nichtcodierende Platzhalter (IGS, nach RNA-Kleber zu identifizieren und ge- ckelten, aktiven Form vor, und es wurde
englisch Intergenic Spacer) getrennt sind. nauer zu charakterisieren. Dafür bedien- doppelt so viel rRNA produziert wie
Allerdings ist in jeder Zelle immer nur ten sich die Forscherinnen eines erprob- normal. Durch den Mangel an IGS-
etwa die Hälfte davon aktiv. Der Rest ten Tricks. Sie benutzten das NoRC-Pro- RNA hatten die bislang verpackten und
liegt dicht verpackt vor – in Form von so tein als Angelhaken, um damit den pas- damit stillgelegten DNA-Abschnitte so-
genanntem Heterochromatin, das im Ge- senden RNA-Bindungspartner aus dem mit die Arbeit aufgenommen.
gensatz zum locker gewickelten Euchro- bunten Mischmasch zellulärer RNAs he­ »Damit haben wir einen weiteren
matin nicht abgelesen werden kann. rauszufischen. Doch der Trick versagte. wichtigen Beleg dafür gefunden, dass
Zuständig für die Verpackung und »In der hohen Konzentration, in der Pro- RNA regulierend in die Umsetzung der
Stilllegung der rDNA ist ein Proteinkom- teine bei solchen Tests eingesetzt werden, genetischen Information eingreift«, erklärt
plex namens NoRC (nucleolar remodeling verband sich NoRC plötzlich mit jegli- Mayer. Zwar sind auch andere Beispiele
complex). Bevor er tätig werden kann, cher Form von RNA«, erzählt Mayer. für eine solche Steuerung durch nicht­
»Mit diesem Ergebnis konnten wir na- codierende Ribonukleinsäuren bekannt,
türlich überhaupt nichts anfangen.« doch das Heidelberger Team hat erstmals
Ein aktives rRNA-Gen wird, beginnend So schnell gab sich die junge Wissen- einen Einblick in die zu Grunde liegen-
u am Promotor 1, von einer RNA-Poly- schaftlerin allerdings nicht geschlagen. den Mechanismen gewonnen – auch
merase abgelesen. Setzt die Polymerase da- Sie setzte die Suche gezielter fort. »Es ist wenn es sicher noch viele Rätsel zu kna-
gegen am Promotor 2 an, entsteht eine so schon lange bekannt, dass rRNA in den cken gibt, bis die Arbeitsweise der IGS-
genannte IGS-RNA. Diese sorgt dafür, dass Nukleoli, den Kernkörperchen, gebildet RNA und anderer vermeintlich unnützer
sich das Protein NoRC kurz vor dem Promo- wird«, erläutert sie das Vorgehen. »Folg- Ribonukleinsäuren endgültig geklärt ist.
tor 1 anlagert und das rRNA-Gen inaktiviert, lich sollte sich auch die Regulation der Die weiteren Untersuchungen ver-
indem es den DNA-Strang in eine kompakte, rDNA-Aktivität dort abspielen.« Des- sprechen spannend zu werden, denn die
verknäulte Form bringt. halb konzentrierte das Team seine Fahn- DKFZ-Wissenschaftlerin hält es für
möglich, dass die RNA bei der Genregu-
lation sogar die Hauptrolle spielt und die
Gen aktiv
Proteine nur für die grundlegende Struk-
Promotor 2 Promotor 1 RNA-Polymerase tur und Funktion der Zelle zuständig
sind. Das würde das molekularbiolo-
gische Weltbild auf den Kopf stellen. Die
IGS-Sequenz
rRNA
überzeugte RNA-Forscherin Mayer freut
sich aber nicht nur auf die Aussicht, viel-
leicht einen kompletten Wissenschafts-
rRNA-Gen zweig zu revolutionieren, wie sie lachend
zugibt: »Es verschafft mir auch so etwas
IGS-RNA wie eine persönliche Genugtuung, mit
der Arbeit unseres Teams zeigen zu kön-
Christine Mayer, DKFZ Heidelberg

+
nen, dass die RNA alles andere ist als nur
Gen inaktiv
die langweilige Abschrift der DNA.«

Stefanie Reinberger ist promovierte Biologin


kompakte Chromatinstruktur und freie Wissenschaftsjournalistin in Heidelberg.

20 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


chemie

Parfümierte Stinker
Nützlichen Chemikalien, die wegen ihres widerlichen Geruchs kaum eingesetzt
wurden, konnten Forscher nun eine angenehme Duftnote verpassen.

Daniela Naomi Molnar


Wasserstoff
Stickstoff
Von Steven Ashley
Kohlen-
stoff Isonitrilgruppe

W as stinkt am schlimmsten? Ver-


dorbener Fisch? Abgase von Klär-
anlagen? Schweißfüße? Organische Che- Sauerstoff
Wasserstoff 
wird von starker
Sauerstoff reagiert mit 
Base entfernt Estergruppe
Carbonsäurederivat
miker kennen eine Klasse von Substan-
Oxazol wohlriechendes Isonitril
zen, die noch widerlicher riechen: die
Isonitrile. Sie enthalten eine über Stick- desstaat New York) so: »Die Verbin- Bei einem neuen Verfahren zur Syn-
stoff gebundene Cyanogruppe (C≡N–) dungen sind für organische Chemiker o these wohlriechender Isonitrile wird
und leiten sich von der hochgiftigen interessant, weil sie drei oder vier weitere zunächst mit einer starken Base ein Proton
Blausäure ab. »Da dreht sich einem au- funktionelle Gruppen – also Atomver- von einer zyklischen organischen Verbin-
genblicklich der Magen um«, meint bände mit charakteristischer Reaktivität – dung namens Oxazol entfernt. Dabei öffnet
Luca Turin, ein sehr bekannter, wenn zusammenbringen können.« Die meis- sich der Ring zu einem linearen Molekül, das
auch umstrittener Geruchsforscher, den ten anderen Substanzen, die sich für am einen Ende eine Isonitrilgruppe und am
Chandler Burr 2003 in seinem Buch ähnliche Zwecke eignen, verknüpfen nur anderen ein negativ geladenes Sauerstoff­
»Emperor of Scent« (etwa »Herr der zwei Reaktionspartner auf einmal. atom enthält. Dieses bildet mit einem Car-
Düfte«) porträtiert hat. Die seltene Fähigkeit der Isonitrile bonsäurederivat eine Estergruppe, der das
Hinzu kommt, dass die gebräuch- ist, wie Ganem betont, besonders in der so erzeugte Isonitril womöglich seinen ange-
liche Methode zur Herstellung von Iso- kombinatorischen Chemie von Vorteil, nehmen Duft verdankt.
nitrilen mit Phosgen arbeitet, einem be- wo es um die Suche nach neuen Medi-
rüchtigten Kampfgas (»Grünkreuz«) aus kamenten geht. Dabei werden mit ein-
dem Ersten Weltkrieg. Kein Wunder fachen, schnellen Verfahren unzählige Gruppe ins Spiel bringt, und so weiter.
also, wenn viele Forscher diese Verbin- verschiedene Verbindungen erzeugt – als Genau im richtigen Moment kommt so
dungen, die noch dazu wenig stabil sind, Ausgleich für die verschwindend geringe jeder Baustein an die Reihe.«
scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Wahrscheinlichkeit, per Zufall einen Isonitrile ermöglichen insbesondere
Dabei haben Isonitrile erwiesenermaßen nützlichen Wirkstoff zu finden. »Die zwei wohlbekannte organische Umset-
viele nützliche Eigenschaften und taugen Forscher kombinieren auf systematische zungen: die Passerini- und die Ugi-Reak-
insbesondere als Ausgangsstoffe für Arz- Art Varianten diverser Ausgangsstoffe tion. Beide liefern peptidartige Moleküle
neimittel und Polymere. und produzieren so riesige Substanz- mit Bindungen, die denen von Eiweiß-
Die Situation könnte sich jedoch ­Bibliotheken, die sie dann mit einfachen stoffen gleichen. Die Reaktionsprodukte
bald ändern. Zwei Wissenschaftler an Screening-Methoden auf ihre Wirksam- können folglich vielfach die Funktionen
der Universität von Kalifornien in River- keit gegen bestimmte Krankheiten tes- natürlicher Peptide nachahmen.
side haben jetzt wohlriechende Isonitrile ten«, erläutert Ganem. Pirrung und Ghorai sind auf die
synthetisiert, die ihren stinkenden Ver- wohlriechenden Isonitrile gestoßen, als
wandten nicht nur in nichts nachstehen, Nützliche Eintopf-Reaktionen sie nach einer Alternative zur Herstellung
sondern auch problemloser herstellbar Ideal für diesen Zweck wäre ein Verfah- der herkömmlichen Stinker mit Phosgen
sind. Die Duftnote reiche von Soja, Malz ren, bei dem sich in einem Zug mehrere suchten. Dabei kamen sie auf die Idee, es
und altem Holz über Kirsch bis Toffee, Ausgangsstoffe zu einem Produkt vereini- mit Oxazol oder Benzoxazol zu versu-
berichteten der Chemiker Michael C. gen, ohne dass irgendwelcher Abfall ent- chen – zwei Substanzen, die erst neuer-
Pirrung und sein Doktorand Subir Gho- steht. Isonitrile ermöglichen solche Ein- dings leicht zugänglich sind. Es handelt
rai kürzlich im »Journal of the American topf-Reaktionen: In ihrer Gegenwart sich um zyklische Verbindungen – ge-
Chemical Society« (Bd. 128, S. 11772). braucht man nur die Ausgangssubstanzen nauer: Heteroaromaten – mit einem
»Diese Substanzen sind so vielseitig und zusammenzukippen, und schon laufen Stickstoff- und einem Sauerstoffatom in-
leicht zu erzeugen, dass sie meines Er- wie von Geisterhand die erforderlichen nerhalb eines Fünfrings. Am Kohlenstoff-
achtens bald viele Anwendungen finden Reaktionen in der richtigen Reihenfolge atom dazwischen sitzt ein Wasserstoff,
werden«, prophezeit Pirrung. ab. »Wie bei fallenden Dominosteinen«, der sich viel einfacher als die anderen ent-
Warum eignen sich Isonitrile so gut sagt Ganem, »setzt das Isonitril zuerst fernen lässt. Allerdings braucht man da-
als Ausgangsstoffe für Synthesen? Den eine funktionelle Gruppe in Komponen- für sehr starke organische Basen, wie sie
Grund erklärt Bruce Ganem von der te A frei, die daraufhin mit Komponente die frühen Isonitril-Forscher noch nicht
Cornell-Universität in Ithaca (US-Bun- B reagiert, wo sie die nächste funktionelle kannten. Beim Entfernen des Wasserstoff­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  21


atoms öffnet sich der Ring zu einem ge- um aus Pirrungs Studenten bewerten. erst offen. »Dass man Isonitrile parfü-
FORSCHUNG AKTUELL

streckten Molekül, das am einen Ende Das Ergebnis war eine breite Palette von mieren kann, hat mich vom Stuhl ge-
die gewünschte Cyano- und am anderen durchweg relativ angenehmen Düften. hauen«, bekennt Ganem. »Dieser Trick
eine alkoholische Gruppe trägt. Letztere Es liegt nahe, den Grund dafür in sollte uns eine Latte von nützlichen Re-
bildet mit Carbonsäuren einen Ester. der Estergruppe zu vermuten, dem cha- aktionspartnern für die kombinatorische
»Nachdem mein Doktorand auf die- rakteristischen Element einer Stoffklasse, Chemie bescheren, die nicht nur die
se Weise mehrere Isonitrile hergestellt die Früchten und Blumen ihren ange- Fantasie der Pharmaforscher beflügeln
hatte, fragte ich ihn, wie sie denn rö- nehmen Geschmack oder Duft verleiht. dürfte.« Nach Jahrzehnten auf dem ge-
chen«, erinnert sich Pirrung. »Als er Dagegen spricht allerdings, dass ein ruchlichen Abstellgleis könnten Isonitrile
nichts Negatives zu berichten wusste, schon früher entdecktes Isonitril mit Es- also endlich ihr enormes Potenzial als
war meine Neugier geweckt.« Die beiden tergruppe so übel riecht wie alle anderen Werkzeuge in der organischen Chemie
Forscher stellten also weitere Isonitrile herkömmlichen Vertreter dieser Subs- entfalten.
mit der neuen Methode her und ließen tanzgruppe. Die Frage nach der Ursache
deren Geruch von einem Ad-hoc-Gremi- des angenehmen Dufts bleibt also vor- Steven Ashley ist Redakteur bei Scientific American.

Quantenphysik Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Bose-Einstein-Kondensa­t 
bei Zimmertemperatur
Der exotische quantenmechanische Zustand, in dem die Atome eines Gases 
zu einer Art Superatom verschmolzen sind, ließ sich bisher nur bei extrem

Universität Kaiserslautern
tiefen Temperaturen erzeugen. Mit so genannten Quasiteilchen ist der Über-
gang jetzt erstmals auch ohne Kühlung gelungen.

Von Jürgen Brück sen individuell verhalten und nicht etwa Beim Experiment zur Erzeugung ei­nes
im Formationsflug umherschwirren. o Bose-Einstein-Kondensats aus Ma­g­­no­

I m Physikunterricht in der Schule lernt


man, dass Materie in der Regel einen
von drei Aggregatzuständen annimmt:
Es gibt freilich eine bemerkenswerte
Ausnahme. Schon 1924 gelangten Saty-
endra Nath Bose und Albert Einstein zu
nen justiert Alexander Serga von der Universi­
tät Kaiserslautern einen Laserstrahl, der auf
die Probe gerichtet ist. Diese befindet sich
fest, flüssig oder gasförmig. Für den All- der theoretischen Erkenntnis, dass ge- zwischen den Spulen eines Elektromagneten
tagsgebrauch reicht das sicherlich. Wis- wisse Teilchen unter bestimmten Um- und erscheint als kleiner schwarzer, horizon-
senschaftler unterscheiden allerdings etli- ständen ihre Eigenständigkeit verlieren taler Streifen im Fokus des Laserstrahls. Die
che weitere Materiezustände. Dazu zählt können. Oberhalb einer kritischen Dich- drei Zuleitungen übertragen Mikrowellen,
etwa das Plasma, ein Gemisch aus posi- te sollten sie, wenn ihre Energie überein- die zur Erzeugung und Überprüfung des
tiven Atomrümpfen und negativen Elek- stimmt, einen gemeinsamen Quanten­ Bose-Einstein-Kondensats notwendig sind.
tronen. zustand annehmen. Damit werden sie
ununterscheidbar und verhalten sich wie
Makroskopische Quantenobjekte ein einziges Superatom. Jahr 1995 gelang das Eric A. Cornell
Die Schulphysik lehrt ferner, dass die Die Idee eines solchen Phasenüber- und Carl Wieman an der Universität
Teilchen eines Gases idealerweise nur gangs faszinierte die Physiker von Be- von Colorado in Boulder. Die beiden
durch elastische Stöße miteinander ginn an; denn als makroskopisches Ge- Forscher schufen als Erste ein gasförmi­
wechselwirken. Sie verhalten sich dabei, bilde böte das Bose-Einstein-Kondensat ges Bose-Einstein-Kondensat – wofür sie
grob betrachtet, wie punktförmige Bil- ganz neue Möglichkeiten, die Quanten- 2001 den Physik-Nobelpreis erhielten.
lardkugeln, die aufeinanderprallen und natur der Materie, die sonst nur an win- Damit stand nun zwar ein makrosko-
dann in unterschiedliche Richtungen zigen submikroskopischen Objekten zu pisches Quantenobjekt zur Verfügung.
wieder auseinanderfliegen. In der Reali- Tage tritt, experimentell zu erforschen. Doch behinderten die nötigen extrem
tät kommen zwar zusätzliche Faktoren Doch seine Herstellung erwies sich als tiefen Temperaturen das Arbeiten damit.
ins Spiel – so die endliche Ausdehnung extrem kompliziert und aufwändig. Da- Deshalb bleibt es ein lohnendes Ziel, an-
der Moleküle und ihre gegenseitige An- mit sich genügend Atome im gleichen dere physikalische Systeme zu finden, bei
ziehung. Das ändert jedoch nichts daran, Energieniveau sammeln, muss das Gas denen die Bose-Einstein-Kondensation
dass sich die Atome in einem typischen nämlich bis fast auf den absoluten Null- keine so starke Kühlung erfordert. Ein
Gas bei normalen Temperaturverhältnis- punkt heruntergekühlt werden. Erst im solches System haben Physiker um Ser-

22 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


gej Demokritov von der Universität
Münster und Burkard Hillebrands von
der Universität Kaiserslautern nun ent-
deckt (Nature, Bd. 443, S. 430).
Ermöglicht wurde der Erfolg durch
den Übergang von echten Gaspartikeln
zu so genannten Quasiteilchen. Dabei Die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW umfasst acht
handelt es sich um elementare Anre- Hochschulen mit über 6.000 Studierenden in den Kantonen
gungen in Festkörpern. Das können zum Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn. Die
Beispiel Schallwellen sein. Die Quanten Hochschule für Life Sciences ist international und regional
solcher Gitterschwingungen bezeichnen ausgerichtet. Sie generiert Innovationen und Wissen und rich-
tet sich nach gegenwärtigen und zukünftigen Märkten. Am
die Physiker analog zu den Photonen,
Institut für Medizinaltechnologie ist zum nächstmöglichen
den Lichtquanten, als Phononen. Ent-
Termin folgende Stelle mit Arbeitsort Muttenz zu besetzen:
sprechend treten in magnetischen Mate-
rialien magnetische Wellen auf. In ferro-
magnetischem Eisen zum Beispiel, aus
dem die üblichen Stabmagnete bestehen, Professur im Bereich
sind die magnetischen Momente (Spins)
der Eisenatome parallel ausgerichtet. Die Intelligente Implantate (100 %)
kleinstmögliche wellenförmige Störung Feinwerktechnik / Mikrosystemtechnik
dieser Anordnung – also ein Spinwellen-
quantum – wird Magnon genannt.
Ihre Aufgaben
La Ola mit Elektronen In einem interdisziplinären Team bearbeiten Sie Problem-
stellungen in den Bereichen medizinische Mikrosystemtechnik
Nun gilt in der Quantenwelt der so ge-
MEMS oder Implantatdesign. Dabei setzen Sie eigene For-
nannte Welle-Teilchen-Dualismus. Er
schungsschwerpunkte und bauen diese aus. Sie akquirieren
besagt, dass quantenmechanische Ob-
Gelder für Projekte in der angewandten Forschung und Ent-
jekte gleichzeitig Teilchen- und Wellen-
wicklung, die Sie dann in Zusammenarbeit mit Industrie und
natur haben. Deshalb lassen sich Spin- Forschungsinstitutionen durchführen. Ferner helfen Sie beim
wellen auch als Teilchen auffassen, die Aufbau und der Durchführung der Studiengänge mit und wer-
typische Partikeleigenschaften wie Im- den auf dem Gebiet der Lehre ausgewählte Themen angemes-
puls oder Energie aufweisen. sen vertreten.
Im Ferromagneten bilden diese Quasi-
teilchen eine Art verdünntes Gas, das sich Ihr Profil
im Prinzip gleichfalls zur Bose-Einstein- Sie verfügen über einen relevanten Studienabschluss mit
Kondensation bringen lassen sollte. Die Promotion und können sowohl eine internationale akademi-
Voraussetzungen dafür sind sogar beson- sche Laufbahn als auch mehrjährige F&E-Erfahrung in der
ders günstig. Die einzige Möglichkeit, um Industrie vorweisen, vorzugsweise im Bereich der Konstruk-
bei normalen Gasen zu erreichen, dass die tion medizintechnischer Systeme und Implantate und in der
Atome in genügender Zahl ein und Anwendung biokompatibler bzw. bioaktiver Materialien.
denselben Energiezustand besetzen, be- Zudem haben Sie in der Vergangenheit bereits klinische
steht darin, sie auf das energetisch tiefste Studien begleitet und können auf Grund Ihrer Kontakte in die
Niveau zu zwingen. Das aber erfordert, Medizin neue Ideen und Lösungen für medizinische Fragestel-
lungen generieren. Erfahrung in der Lehrtätigkeit an einer
sie bis fast auf den absoluten Temperatur-
Hochschule ist von Vorteil, ebenso ein Faible für das Manage-
Nullpunkt abzukühlen. In einem Ferro-
ment von Forschungsvorhaben. Wegen der internationalen
magneten dagegen kann man durch Ein-
Ausrichtung der Fachhochschule ist die Beherrschung von
strahlen von Mikrowellen einer bestimm-
Fremdsprachen, insbesondere Englisch, in Wort und Schrift
ten Frequenz zusätzliche Magnonen er- unerlässlich.
zeugen, die auch bei Zimmertemperatur
zunächst einmal alle im tiefsten Energie­ Ihre Bewerbung
niveau vorliegen. Steigt dessen Beset- Nähere Auskünfte erteilt Ihnen gerne
zungsdichte über einen kritischen Schwel- Prof. Dr. Erik Schkommodau, Institutsleiter,
lenwert, vereinigen sich die Quasiteilchen Tel. +41 (0)61 467 42 46, E-Mail: erik.schkommodau@fhnw.ch.
zum Bose-Einstein-Kondensat.
Genau diese Strategie haben die Ar- Ihre Bewerbung senden Sie bitte bis zum 10.04.2007 an
beitsgruppen von Demokritov und Hil- Heiner Christ, Leiter Personaladministration, FHNW,
lebrands verfolgt. Als Ferromagneten ver- Gründenstrasse 40, CH-4132 Muttenz.
wendeten sie Filme aus dem künstlichen
Halbedelstein Yttrium-Eisen-Granat, der www.fhnw.ch
auch in der Hochfrequenztechnik ein-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  23


gesetzt wird. Er ist bekannt dafür, dass
FORSCHUNG AKTUELL

sich mit Mikrowellen leicht Magnonen


darin anregen lassen. In diesem Material Springers Einwürfe
erzeugten die Forscher mittels einer klei-
nen Antenne, die an einen Mikrowellen-
generator angeschlossen war, große Men-
gen solcher Magnonen. Durch so ge-
Kinderkrippen und »Rabenmütter«
nannte Brillouin-Streuung verfolgten sie Haben berufstätige Frauen gestörte Kinder?
zugleich deren Dichte im energetischen
Lady Madonna
Grundzustand. Diese lag, wie sich zeigte,
Children at your feet
ab einer bestimmten Intensität der Mi-
Wonder how you manage
krowellenstrahlung über dem kritischen
To make ends meet
Wert, bei dem die Magnonen der Theo-
Lennon/McCartney
rie zufolge zu einem Bose-Einstein-Kon-
densat verschmelzen sollten. Seit eine christdemokratische Familienministerin die Einrichtung von Kinder-
krippen forciert, ist der schon seit Langem schwelende Streit um die richtige Familien-
Internationale Ehrung politik mit neuer Heftigkeit entbrannt. Das Für und Wider um das Wohl des Kindes spal-
Um festzustellen, ob dies tatsächlich ge- tet Kirchen und Parteien; es hat Züge eines veritablen Kulturkampfs angenommen. Da
schah, schalteten die Forscher den Mikro- beide Seiten sich auf die Wissenschaft berufen – hier wie dort werden Befunde aus
wellengenerator aus und verfolgten die Hirnforschung und Psychologie ins Treffen geführt –, droht das klassische Experten­
Besetzungsdichte des niedrigsten Energie- dilemma. Die einen rufen hü, die anderen hott. Da fragt sich der teilnehmende Beob-
niveaus der Magnonen weiter. Normaler- achter: Wer hat nun Recht?
weise leert sich dieses Niveau durch Stöße Unstrittig ist, dass das Neugeborene im ersten Lebensjahr am besten bei der Mutter
zwischen den einzelnen Quasiteilchen aufgehoben bleibt. Doch bei der Zeit danach scheiden sich die Geister. Die einen mei-
sehr schnell. Nicht so, wenn in dem Ex- nen, auch in den Folgejahren entwickle sich das Kind nur im ununterbrochenen Kontakt
periment die Intensität der Mikrowellen mit der Mutter optimal; die anderen verweisen auf entwicklungspsychologische Indi-
derart gesteigert wurde, dass die Anzahl zien für das Entstehen sozialer Neugier – und die werde am besten in Krabbelgruppen
der Magnonen im energetisch tiefsten Zu- gestillt.
stand laut Theorie für die Bose-Einstein- Dabei ist zu bedenken, dass das typische Kleinkind heute längst nicht mehr in einer
Kondensation ausreichen sollte. In diesem kinderreichen ländlichen Großfamilie aufwächst, sondern oft als Einzelkind in städ-
Fall nahm die Besetzungsdichte des nied- tischen Kleinfamilien mit zwei berufstätigen Eltern (wie meine Tochter) oder gar nur
rigsten Energieniveaus nach dem Abschal- mit einer allein erziehenden Mutter (wie meine Enkelin). Da kompensiert die Kinder-
ten des Mikrowellengenerators nur relativ krippe ein soziales Defizit, das mit der Modernisierung – und Atomisierung – der Ge-
langsam ab. Die beiden Forscher werten sellschaft notwendig einhergeht und übrigens analog auch beim Problem der Altenpfle-
dies als klares Indiz dafür, dass tatsächlich ge auftritt: Was die traditionelle Familie einst von selbst geleistet hat, müssen heute
ein Bose-Einstein-Kondensat entstanden soziale Dienste übernehmen.
war, das sich durch eine besondere Stabi-
lität auszeichnete, weil keine Stoßvorgän- Dennoch steht die prinzipielle Frage: Sollte das Kleinkind lieber möglichst da-
ge darin stattfinden. heim bei der rund um die Uhr verfügbaren Mutter bleiben? Schaden Berufstätigkeit der
»Uns gelang es mit Glück, einen neu- Mutter und Kinderkrippe seiner Entwicklung?
en experimentellen Zugang zu dem fas- Die wohl gründlichste Studie zum Thema hat in den USA das National Institute on
zinierenden Gebiet von korrelierten Phä- Child Development (NICHD) angestellt, das mehrere tausend Kinder von Geburt an be-
nomenen in Festkörpern zu finden«, re- obachtete. Das Ergebnis: Fremdbetreuung – selbst wenn sie zu wünschen übrig lässt! –
sümiert Hillebrands das Ergebnis der stört weder die Mutter-Kind-Bindung noch die kindliche Entwicklung merklich. Freilich
Versuche. »Nun stehen weiterführende gilt der NICHD-Studie zufolge auch: Das Kindswohl hängt in jedem Fall entscheidend
Experimente an, zum Beispiel die Suche von der Qualität der Mutter-Kind-Beziehung ab, von mütterlicher Zuwendung und Sen-
nach neuen gebundenen Magnonenzu- sibilität. Ist die Mutter gestresst und chronisch abgelenkt und obendrein die Krippen-
ständen, die analog zu Cooper-Paaren in betreuung schlecht, so leidet das Kind.
der Supraleitung existieren könnten.« Aber bedingt Berufstätigkeit nicht gerade das typische Profil der gestressten »Ra-
Welche Bedeutung die Arbeit der benmutter«, die keine Zeit fürs Kind aufbringt, wodurch es weniger gesund heran-
Physiker aus Münster und Kaiserslautern wächst und später sogar eher zu kriminellem Verhalten neigt?
hat, drückt sich auch in einer Ehrung Auch das wird von einer 2006 publizierten Langzeitstudie ver-
aus: Vom Onlineportal »Physicsweb« des neint, die Adele E. Gottfried und Allen W. Gottfried von der Cali-
internationalen Institute of Physics mit fornia State University durchführten (American Behavioral Scien-
Hauptsitz in London wurde sie zu einer tist, Bd. 49, S. 1310). Als positiven Nebeneffekt weiblicher
der zwölf besten im letzten Jahr erklärt. Berufstätigkeit erwähnen die Forscher, dass sich der Vater stär-
ker an der Kinderbetreuung beteilige, was seine Bindung an das
Jürgen Brück hat sich als freier Journalist in Kind dauerhaft verstärke. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur
Michael Springer
Bonn auf Physik, Kosmologie und Nanotechnolo- bestätigen.
gie spezialisiert.

24 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Klimadebatte Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Wolkige Projektionen
Nachweislich zuverlässige Klimavorhersagen sind noch nicht
möglich. Umso mehr wird die Diskussion über den Klima-
wandel von ökonomischen und politischen Interessen bestimmt.
Sie sollten offengelegt werden.

Von Sven Titz nach entschlossenem Handeln laut. Seit- bislang unmöglich, ihre Vorhersagegüte

A
dem stehen die Zeichen der Zeit auf rigoros zu testen. Das ist kein vernach-
nfang Februar dieses Jahres Klimaschutz. lässigbares Problem.
schien die Debatte gelaufen Die wissenschaftliche Debatte geht Der Philosoph Karl Popper forderte
zu sein. Der neue UN-Kli- jedoch auch nach dem Fourth Assess- von wissenschaftlichen Aussagen, wider-
mabericht wurde fast einhel- ment Report des IPCC weiter. Viele De- legbar zu sein. Hypothesen ließen sich
lig als finaler Beweis dafür gewertet, tails des Klimas und des Klimawandels niemals direkt beweisen, sondern er-
dass die Menschheit für die globale Er- müssen erst noch erforscht werden. Und langten ihre Glaubwürdigkeit nur da-
wärmung verantwortlich ist. Der größte vor allem sollte man bei der Einschät- durch, dass alle Versuche zu ihrer Wider-
Teil des Anstiegs der globalen Mittel- zung der Warnungen beachten, dass die legung scheiterten. Klimavorhersagen
temperatur seit Mitte des 20. Jahrhun- Zuverlässigkeit eines der wichtigsten In­ sind zwar grundsätzlich widerlegbar. Sie
derts gehe mit neunzigprozentiger strumente, auf dem sie beruhen, nach zu testen dauert aber extrem lange, denn
Wahrscheinlichkeit auf den Ausstoß von wie vor nicht erwiesen ist. Trotz aller das, was prognostiziert werden soll, ist
Treibhausgasen zurück, bezifferte das Fortschritte steht noch immer nicht fest, schließlich nichts anderes als die Statistik
International Panel on Climate Change dass sich mit Klimamodellen das Klima des Wetters über viele Jahre. Die Welt-
(IPCC) der Vereinten Nationen die tatsächlich korrekt vorhersagen lässt. meteorologieorganisation (WMO) nennt
Überzeugungskraft der Indizien. In der Den Modellen fehlt eine entscheidende in ihrer Definition des Klimas einen
Öffentlichkeit wurde rasch der Wunsch wissenschaftliche Qualifikation: Es war Zeitraum von dreißig Jahren.

global global Land global Meer


Mitteltemperatur 1900 – 1950
Abweichung von der

1,0 1,0 1,0


IPCC Fourth Assessment Report 2007
in Grad Celsius

0,5 0,5 0,5

0,0 0,0 0,0

1900 1950 2000 1900 1950 2000 1900 1950 2000


Jahr Jahr Jahr

26  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Ulla faccum illa adigna feuguer sismo-

CSIRO Science image online


r digna at. Ut nisim ing ent aut pra-
esecte del diat lor sis et aut utat praessed
min hendio conulla faciliq uamet, veliquis
num irit et ulla facinci pisismodit prat, ve

Nehmen wir einmal an, im Jahr tion des Weltklimas mit einem globalen Ausgedörrte Böden – wie hier in Aus-
1990, als der erste IPCC-Sachstands­ Zirkulationsmodell wurden 1975 von o tralien – stehen für eine der vorher-
bericht erschien, wäre eine Klimasimu­ Syukuro Manabe und Richard Wethe- gesagten Folgen des Klimawandels: mehr
lation für die darauf folgenden hundert rald veröffentlicht; physikalisch konsis- extreme Hitze- und Trockenperioden in be-
Jahre durchgeführt worden. Die gerade tente Modelle existieren seit der Jahrtau- stimmten Regionen.
erwähnte 30-Jahresperiode würde dann sendwende. Bis deren Prognosen einem
erst 2020 enden. Und selbst zu diesem strengen Test unterzogen werden kön-
Zeitpunkt wäre es streng genommen nen, müssen wir darum noch eine ganze schlag oder sogar die Häufigkeit von
noch nicht möglich, die Modellvorhersa- Reihe von Jahren warten. Stürmen aus der Klimageschichte able-
ge aus dem Jahr 1990 endgültig zu be- sen lassen. Immerzu werden neue »Pro-
werten. Wenn die Prognose einträfe, Szenarien statt Prognosen xys« aufgespürt, wie diese Stellvertreter-
könn­te das ebenso gut aus Zufall gesche- Weil sich die Vorhersagen von Klima- daten gemeinhin heißen.
hen sein. Auch ein Wettervorhersage- modellen nicht richtig prüfen lassen, ver- Um das Klima vergangener Epochen
modell hat nicht nach einer einzigen meiden es die meisten Fachleute wohl- zu rekonstruieren, kombiniert man die
korrekten Prognose schon den Gütetest weislich, das Wort »Klimavorhersage« Proxys mit Computersimulationen. Al-
bestanden, sondern muss sich bei einer überhaupt in den Mund zu nehmen. lerdings sind die Paläodaten noch sehr
Vielzahl von Vorhersagen bewähren. Die Stattdessen sprechen sie lieber von einer lückenhaft, und für manche entschei-
Resultate der ersten Computersimula- Projektion. Diese liefert eine mögliche denden Klimagrößen gibt es überhaupt
Klimazukunft oder gibt eine Entwick- keine Proxys – für die weltweite Wolken-
lungstendenz an. Sie ist aber nur die Vor- bedeckung zum Beispiel. Daher ist auch
Die globale Mitteltemperatur ist so- stufe einer wirklichen Vorhersage. für das vergangene Klima keine strikte
l wohl für Landflächen als auch im Meer Und wie steht es mit dem Blick zu- Prüfung der Modelle möglich.
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rück? Im Prinzip sollten sich die Com- Weil sich die Ergebnisse von Kli-
gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1900 puterprogramme am Klima der Vergan- maprognosen also streng genommen
bis 1950 gestiegen (schwarze Kurve). Dieser genheit ausprobieren und trainieren las- derzeit keinem rigorosen Test unterzie-
Anstieg lässt sich in Klimasimulationen nicht sen. Der zuständige Forschungszweig der hen lassen, berufen sich viele Klimafor-
reproduzieren, sofern als externe Faktoren Paläoklimatologie ist in der Tat äußerst scher in ihren Warnungen vor dem
nur die Sonne und Vulkanausbrüche einge- fruchtbar. Eisbohrkerne, Korallen, Sta- Treibhauseffekt darauf, dass die Compu-
hen (blau) – wohl aber, wenn auch der lagmiten, See- und Meeressedimente, terprogramme das Klima der letzten un-
menschliche Einfluss in Gestalt von Treib- Baumringe – es gibt zahlreiche Indika- gefähr hundert Jahre, für die es viele
hausgasen, Aerosolen und Veränderungen toren, an denen sich klimatologische Messwerte gibt, korrekt wiedergeben
der Landoberfläche berücksichtigt wird (rot). Größen wie die Temperatur, der Nieder- können – im Nachhinein wohlgemerkt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 27


Klimadebatte

Das mag im Großen und Ganzen stim- Wasser bedeckt, und die Meere können schicht aufheizen, können die Wolken-
men, doch auch hier gibt es noch eine mehr als tausendmal so viel Wärme­ bildung verhindern. Hellere Teilchen be-
Menge Probleme. energie speichern wie die Atmosphäre. wirken als Kondensationskeime manch-
Zum Beispiel lässt sich die Entwick- Der Wärmehaushalt der Ozeane gilt da­ mal das Gegenteil. Außerdem ist in
lung des ozeanischen Wärmehaushalts rum als eine der wichtigsten Messgrößen jedem Klimamodell die Höhe der Wol-
bisher nicht richtig simulieren, und die für den Treibhauseffekt überhaupt (siehe ken und die kondensierte Wassermenge
Temperaturmessungen sind umstritten. Spektrum der Wissenschaft, Januar unterschiedlich.
Die oberen Meeresschichten bis in eine 2005, S. 50). All diese Unsicherheiten betreffen
Tiefe von 750 Metern haben nach Un- auch den Strahlungshaushalt des Klima-
tersuchungen einer Gruppe um John M. Probleme mit systems und somit Rückkopplungen, die
Lyman vom Pacific Marine Environmen- natürlichen Klimaschwankungen den Treibhauseffekt verschärfen oder lin-
tal Laboratory der NOAA in Seattle Ferner sind Klimamodelle noch nicht in dern können. Die Atmosphärenkompo-
(Washington) in den zwei Jahren zwi- der Lage, die natürliche Klimavariabilität nenten der Klimamodelle haben nur
schen 2003 und 2005 etwa zwanzig Pro- korrekt wiederzugeben. Das gilt insbe- eine Auflösung von 200 Kilometern.
zent der Wärmeenergie verloren, die sie sondere für El Niño, die auf kurzen Weil einzelne Wolken um ein Vielfaches
seit 1955 aufgenommen hatten. Was Zeitskalen stärkste natürliche Klima­ kleiner sind, wird es noch lange dauern,
diesen Wärmeverlust verursacht haben schwankung. Über diese Erwärmung des bis sich die entsprechenden Prozesse rea-
könnte, ist noch unklar. Vermutet wird Meerwassers im Ostpazifik, die alle zwei listisch mit dem Computer simulieren
eine natürliche Klimaschwankung. bis sieben Jahre auftritt und mit einer lassen. Bis dahin müssen sich Klimafor-
Zu diesem Verständnisproblem Umstellung der atmosphärischen Zirku- scher mit Notlösungen behelfen.
kommt ein möglicherweise gravierender lation verknüpft ist, rätseln Experten Doch vielleicht sind all diese Unzu-
Messfehler hinzu. Viktor Gouretski vom nach wie vor. Das Phänomen beeinflusst länglichkeiten gar nicht so bedenklich,
Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven das Wetter auf der ganzen Erde; jedes El- wie es den Anschein hat. Möglicherweise
und Klaus Peter Koltermann von der In- Niño-Ereignis hebt die globale Durch- brauchen wir nicht unbedingt ausgefeil-
tergovernmental Oceanographic Com- schnittstemperatur der Luft um ein paar te, nachweislich korrekte Computerpro-
mission der Unesco haben jüngst he­ Zehntelgrad an. gramme, um zu belegen, dass wir dabei
rausgefunden, dass viele ozeanische Tem- Die Vorhersagemodelle scheitern sind, in fahrlässiger Weise ins irdische
peraturmessdaten, die seit Mitte der noch an der so genannten »spring bar­ Klimasystem einzugreifen. In ihrem po-
1960er Jahre erhoben wurden, um 0,2 rier« – erst nach dem Frühling können pulärwissenschaftlichen Buch »Der Kli-
bis 0,4 Grad zu hoch liegen könnten. die Klimaforscher ihrer Prognose trauen. mawandel« argumentieren zum Beispiel
Falls diese Daten korrigiert werden müs- Das war im jüngsten Fall nicht anders: Stefan Rahmstorf und Hans-Joachim
sen, hieße das, dass die Ozeanschicht Dass sich Ende des vergangenen Jahres Schellnhuber: »Auch ohne diese Modelle
zwischen der Oberfläche und einer Tiefe ein El Niño anbahnen würde, zeigten die würde alle Evidenz sehr stark darauf hin-
von 3000 Metern zwischen 1957 und Modelle selbst im April 2006 noch nicht deuten, dass der Mensch durch seine
1997 ungefähr 38 Prozent weniger Wär- an. Verlässliche Aussagen darüber, wie Emissionen von CO2 und anderen Ga-
me aufgenommen hat als gedacht. Der sich dieses Phänomen im Verlauf des 21. sen im Begriff ist, das Klima einschnei-
von Gouretski und Koltermann abge- Jahrhunderts entwickeln wird, sind da- dend zu verändern«, heißt es dort.
schätzte Wärmegewinn ist außerdem im- her nicht möglich. In der Tat liefert der anthropo-
mer noch sehr ungenau – die Autoren Zu den unsichersten Elementen in ­gene Treibhauseffekt die am genauesten
geben eine Unsicherheit von zwei Drit- den Klimasimulationen zählen bekann- durchdachte Hypothese, die zum großen
teln des berechneten Werts an. termaßen die Wolken. Die Probleme, die Teil erklären kann, weshalb die Tempera-
Diese Mängel in der Mess- und Si- damit zusammenhängen, sind komplex. tur der bodennahen Luftschicht im ver-
mulationsleistung sind keine gute Nach- Sie haben besonders mit dem Effekt zu gangenen Jahrhundert um ungefähr 0,7
richt für Klimaforscher, denn die Ozea- tun, den Aerosolteilchen auf die Kon­ Grad Kelvin gestiegen ist. Im aktuellen
ne bilden eine zentrale Komponente des densation von Wasserdampf ausüben. IPCC-Report sind viele Belege dafür zu
Klimasystems. Schließlich ist die Erd­ Dunkle Partikel, die Sonnenstrahlen ab- finden – daher auch die oben erwähnte
oberfläche zu mehr als zwei Dritteln von sorbieren und auf diese Weise eine Luft- Wahrscheinlichkeit von neunzig Prozent.
Sie beruht auf einem Konsens unter den
Klimaexperten, die an dem Report mit-
16 Die Erwärmung der Weltmeere wurde gewirkt haben.
l womöglich überschätzt. Darauf weist Doch so imposant die Zahl neunzig
relativer Wärmeinhalt

8
eine Analyse von Messfehlern bei Ozean- Prozent klingen mag – bei den IPCC-
in 1022 Joule
Geophysical Review Letters 2007, Bd. 34, L01610

0
thermometern hin. Die bisherige Auswer- Belegen handelt es sich immer noch um
tung ergab eine starke Zunahme des Wärme- ziemlich unsicheres Wissen. Oben habe
aus: V. Gouretski, K. P. Koltermann,

–8 gehalts (dunkelblaue Linie) in der Wasser- ich schon einige Probleme der Messung
schicht bis 3000 Meter Tiefe. Werden neu und Modellierung genannt. Zudem be-
–16 erkannte Abweichungen eines bestimmten einflusst der Mensch das Klima nicht al-
Thermometertyps berücksichtigt, reduziert lein durch die Treibhausgase. Andere an-
1960 1970 1980 1990 sich dieser Anstieg (türkisblaue Linie) um thropogene Faktoren könnten eine grö-
Jahr fast vierzig Prozent. ßere Rolle für den Klimawandel spielen,

28  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Auch durch eine geänderte Landnut-
100
Ackerland
l zung hat der Mensch das Klima beein-
flusst. In den vergangenen 300 Jahren ist
der Anteil von Acker- und Weideflächen auf
Kosten von Wald und anderen Vegetations-
Landnutzung insgesamt

75
aus: G. K. Klein, Estimating Global Land Use Change over the Past 300 Years,

Weideland typen auf heute etwa vierzig Prozent der ge-


in Prozent

samten Erdoberfläche angewachsen. Wie


sich dieser Wandel auf das regionale und
50
globale Klima auswirkt, ist allerdings erst in
in: Global Biogeochem. Cycles 2001, Bd. 15, NO. 2, S. 417–434

Ansätzen erforscht.
Wald
25

andere
0
70 1800 1900 1980
Jahr

als bisher angenommen wurde – etwa dem Klimawandel optimal. Dieser Logik wohl nicht aus uneigennützigen Gründen
die Aerosole und die Veränderung der zufolge ist das Klima linear und vorher- jahrelang davon zu überzeugen versucht,
Landoberfläche. Im neuen IPCC-Bericht sagbar genug, um den Projektionen der Klimawandel sei völlig harmlos.
wird diesen beiden Faktoren viel Platz Glaubwürdigkeit zu verleihen, doch zu- Doch den umgekehrten Fall gibt es
eingeräumt. Der US-Klimaforscher Ro- gleich in einem Maße nichtlinear und auch. Ist etwa niemandem damit gedient,
ger Pielke sen. wies schon vor mehr als unvorhersehbar, dass wir uns vor den ka- wenn die Gesellschaft sich vor der glo­
15 Jahren darauf hin, dass diese mensch- tastrophalen Konsequenzen des anthro- balen Erwärmung ängstigt? Da wären
lichen Einflüsse bei der Untersuchung pogenen Klimawandels fürchten müssen. zum Beispiel Versicherungsunternehmen:
des Klimawandels nicht vernachlässigt Die Argumente untermauern die War- Wenn die Risiken des Klimawandels in
werden sollten. nungen auf so perfekte Weise, dass es fast den Projektionen größer erscheinen, als
Aus der enormen Komplexität und schon unheimlich wirkt. sie real sind, können die Versicherer über-
Nichtlinearität des Klimas zieht Hendrik höhte Prämien verlangen. Unternehmen
Tennekes, ehemaliger Leiter der For- Unklare außerwissenschaftliche im Bereich der erneuerbaren Energiequel-
schungsabteilung im staatlichen Wetter- Interessen len haben ein vitales Interesse daran, dass
dienst der Niederlande, einen radikalen Doch fußt diese Argumentation wirk- der Klimaschutz in der Öffentlichkeit
Schluss: Er bezweifelt grundsätzlich, dass lich auf rein wissenschaftlichen Fakten? Vorrang hat gegenüber billigen Energie-
die Naturwissenschaften in absehbarer Und wie sieht das bei dem skeptischen preisen. Bis auf wenige Ausnahmen hängt
Zeit eine allgemein akzeptierte wissen- Tenne­kes aus? Die Frage nach mög- die Existenz solcher Firmen derzeit noch
schaftliche Grundlage für politische lichen nicht­wissenschaftlichen Motiven am Tropf staatlicher Unterstützung.
Maßnahmen hervorbringen können, die stellt sich angesichts der lückenhaften Wer Interessen nichtmaterieller Art
den Klimawandel betreffen. Mit dieser Kenntnis über das Klimasystem und den vertritt, profitiert unter Umständen eben-
Einschätzung befindet er sich freilich in Klimawandel bei vielen Debattenbei­ falls davon, wenn sich die Gesellschaft
der Minderheit. Anders als Tennekes sind trägen. Welchen Beweismitteln jemand vor dem anthropogenen Klimawandel
viele Klimaforscher der Ansicht, das Kli- Glauben schenkt und welchen nicht, ängstigt. Zu dieser Gruppe zählen alle
ma reagiere auf eine Störung zunächst kann schließlich auch von Faktoren ab- Anhänger von Weltanschauungen, mit
einmal linear. Diese Tatsache garantiere hängen, die außerhalb der Wissenschaft denen sich die Sorge um das Klima gut
eine gewisse Vorhersagbarkeit. Dennoch liegen. Je unsicherer die Wissensbasis ist, verträgt. In Kreisen von Umweltschüt-
gebe es so genannte »Tipping Points«. An desto mehr Spielraum bleibt für externe zern genießt zum Beispiel die Gaia-Hy-
diesen kritischen Punkten könnten nicht- Interessen. pothese des Biologen James Lovelock
lineare, katastrophale Prozesse auftreten. Starke politische Interessen entsprin- große Popularität: In ihrer strengen Vari-
Eines der Paradebeispiele für ein gen gewöhnlich dem Bereich der Ökono- ante besagt sie, dass die Erde ein Meta-
mögliches Umkippen im Klimasystem mie. Das gilt auch für die Klimadebatte. organismus ist, der selbst dafür sorgt, dass
ist die Ozeanzirkulation im Nordatlan- Welche politischen Kräfte verhindern die eigenen Lebensbedingungen stabil
tik. Vertreter der »Tipping Points«- wollen, dass der Klimawandel als ernst- bleiben. Nach der Lesart von Lovelock
Denkschule nennen auch den brasilia- haftes Problem anerkannt wird, wurde greift der Mensch drastisch in Gaias
nischen Regenwald oder den indischen schon häufiger beschrieben. Sicherlich ist Selbstregulierung ein und wird darum
Monsun als Exempel für Subsysteme des bestimmten Industriezweigen stark daran mit katastrophalen Folgen bestraft.
Klimas, die von einer plötzlichen desas- gelegen, Maßnahmen zum Klimaschutz Auch Christen können weltanschau-
trösen Entwicklung bedroht sind. möglichst zu verhindern. So haben Lob- lich aus dem Menetekel des anthropo-
Das Argument der nichtlinearen byisten von Unternehmen im Bereich der genen Klimawandels Kapital schlagen.
Schwellenwerte stützt die Warnungen vor fossilen Energiequellen die Öffentlichkeit Aus ihrer Sicht droht der Mensch durch

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 29


Klimadebatte

Das El-Niño-Ereignis Ende letzten Jah-


SEP  15  2006
l res – ein Anstieg der Wassertempertur
und damit des Meeresspiegels (rot) im äqua-
torialen Ostpazifik – sagten Computerpro-
gramme selbst im April 2006 noch nicht vor-
her. Solche Klimaschwankun­gen lassen sich
bis heute nicht langfristig prognostizieren.

Die Debatte über den anthropo-


genen Klimawandel würde an Transpa-
renz gewinnen, wenn die Interessen, die
von den beteiligten Menschen und Insti-
tutionen verfolgt werden, offener zu Tage
träten. Der Wissenschaft kommt hier
eine besondere Verantwortung zu. So
manchen Forschern stünde es gut zu Ge-
sicht, wenn sie weltanschaulich oder an-
derweitig motivierte Statements deut-
licher von Äußerungen trennen würden,
die allein ihrem wissenschaftlichen Er-
kenntnisinteresse entspringen.
Tennekes erinnerte neulich an einen
Appell des US-Physikers Harvey Brooks,
ehemals Dekan an der Harvard-Universi-
tät in Cambridge (Massachusetts). Brooks
forderte 1973 in einem Buch über die
Manipulation des Wetters: »Wissenschaft-
NASA

ler, deren Meinung politisches Gewicht


rücksichtslosen Umgang mit der Natur vorliegen, weil die potenzielle Bedro- besitzt, haben die Pflicht, ihre politischen
die göttliche Schöpfung zu gefährden. Es hung zu groß und zu akut ist – das ist und ethischen Grundannahmen offenzu-
verwundert daher nicht, dass sich im vo- eine heikle Ermessensfrage. legen. Und sie sollten versuchen, mit sich
rigen Jahr die evangelikalen Christen in Angesichts der weiter bestehenden selbst, ihren Kollegen und ihrem Publi-
den USA dem Kampf gegen den Klima- Unsicherheiten wäre es jedoch verfrüht, kum ehrlich zu sein hinsichtlich des Aus-
wandel anschlossen. die Debatte über die Ursachen und das maßes, in dem ihre Grundannahmen ihre
Anti-Ideologien können sich mit der Ausmaß des Klimawandels schlicht für Auswahl und Interpretation der wissen-
Klimaangst ebenfalls leicht anfreunden. beendet zu erklären. schaftlichen Belege beeinflusst haben.«
Wer zum Beispiel die USA für das Bei vielen Wortführern in der öffent- Dem ist nichts hinzuzufügen.
Grundübel unserer Zeit hält, wird den lichen Diskussion ist die wissenschaft-
unmäßigen Öldurst des Landes verurtei- liche Erkenntnis jedenfalls nicht der ein-
Sven Titz arbeitet als promo-
len und schon aus Gründen der Selbst- zige Grund für ihr Engagement. Und vierter Meteorologe und frei-
achtung für den heimischen Klimaschutz nicht alle im weitesten Sinne politischen er Wissenschaftsjournalist in
eintreten. Die Vertreter einer marxisti- Interessen werden in der öffentlichen Berlin.
schen Weltanschauung können anhand Diskussion über den Klimawandel klar A utor u n d L iteraturhi n weise
der Treibhausfrage die Rücksichtslosig- genug artikuliert. Den Verdacht der Vor-
Der Klimawandel. Von S. Rahmstorf und H.-J.
keit des Kapitals anprangern. eingenommenheit möchte ich ausdrück- Schellnhuber. Verlag C. H. Beck, München
lich nicht auf die Mitwirkenden des 2006
Ende der Debatte wäre verfrüht IPCC beziehen – der Sachstandsbericht
How much is the ocean really warming? Von
Ich will keineswegs behaupten, wir ist ein sorgfältig kompiliertes Dokument, Viktor Gouretski und Klaus Peter Koltermann
brauchten uns über den Klimawandel dessen austarierter Entstehungsprozess in Geophysical Review Letters, Bd. 34,
keine Sorgen zu machen. Je nachdem, ein hohes Maß an Objektivität garan- L01610, Januar 2007
wie groß die Risiken durch den vom tiert. Doch in der öffentlichen Auseinan- Human impacts on weather and climate. Von
Menschen verstärkten Treibhauseffekt dersetzung werden nach meiner Beo- W. R. Cotton und R. A. Pielke sen. Cam­bridge
einzuschätzen sind, können präventive bachtung zahlreiche Argumente nur des- University Press 2007
Maßnahmen zum Klimaschutz nicht nur halb vorgebracht und anerkannt, weil die Recent cooling of the upper ocean. Von J. M.
gerechtfertigt, sondern auch dringlich er- jeweiligen Akteure sie gesucht haben und Lyman et al. in: Geophysical Research Letters,
scheinen. Möglicherweise haben wir kei- an die Konsequenzen glauben möchten. Bd. 33, L18604; 20. 9. 2006
ne Zeit zu warten, bis hieb- und stich­ Dies gilt beim Klimaproblem nicht nur Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
feste Beweise für die ausschlaggebende für die Skeptiker, sondern auch für die www.spektrum.de/artikel/866418
Rolle des anthropogenen Treibhauseffekts Warner.

30  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


TITELTHEMA:
TITELTHEMA Astronomie

Hier scheint die Dunkle Energie aus der Tie-


Jean-François Podevin

fe des Raumes auf Galaxien einzuwirken.


Vermutlich ist diese abstoßende Energie je-
doch gleichmäßig verteilt – und prägt den-
noch das Schicksal der Welteninseln.

32 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Die unsichtbare Hand
des Universums
Die rätselhafte Dunkle Energie beschleunigt nicht nur die
Expansion des Kosmos. Astronomen entdecken jetzt, dass sie
auch Formen und Verteilung der Galaxien prägt.

Von Christopher J. Conselice pro Kubikmeter – das entspricht nur we­ halten, deren Entfernung und Fluchtge­

I
nigen Wasserstoffatomen in diesem Vo­ schwindigkeit man auch noch in großem
m Jahr 1998 erkannten die Astro­ lumen. (Energie und Masse werden über Abstand genau bestimmen kann. Von al­
nomen, dass sie zuvor ganze drei Einsteins Formel E = mc2 ineinander um­ len uns bekannten Objekten eignen sich
Viertel vom Inhalt des Universums gerechnet.) Die in unserem Sonnensys­ dafür Supernovae am besten. Diese ex­
übersehen hatten: die Dunkle Ener­ tem enthaltene Dunkle Energie ent­ plodierenden Sterne leuchten über meh­
gie. Dieses noch immer rätselhafte Phä­ spricht höchstens der Masse eines klei­ rere Wochen hell auf und erreichen im
nomen hat die Zukunft des Alls im nen Asteroiden. Spürbare Auswirkungen Maximum eine recht einheitliche Hellig­
Griff. Von allen Seiten zerrt sie an uns – hat sie hier nicht, diese sind erst auf viel keit. Dank moderner Teleskope und De­
und dennoch sind wir nahezu vollstän­ größeren Strecken und langen Zeitspan­ tektoren können wir sie noch im Ab­
dig blind dafür. Einige Theoretiker hat­ nen erkennbar. stand von mehreren Milliarden Licht­
ten zwar spekuliert, dass eine solche jahren nachweisen.
Ener­gie existieren könnte, doch auch für Wie Rosinen im Hefeteig Als zwei Arbeitsgruppen unabhängig
sie war ihr Nachweis ein Meilenstein der Seit den 1920er Jahren sind sich Beob­ voneinander Ende der 1990er Jahre aus
Kosmologie. Obwohl sie eine Säule des achter darin einig, dass sich – mit Aus­ entfernten Supernovae die Änderung der
heutigen Standardmodells der Kosmo­ nahme der Nachbarn unseres Milchstra­ kosmischen Expansionsgeschwindigkeit
logie darstellt, werden vermutlich neu­ ßensystems – alle Galaxien von uns ent­ ableiteten, überraschte sie das Ergebnis:
artige physikalische Theorien nötig sein, fernen. Dem so genannten Hubble-Ge­ Offenbar hatte sich der Kosmos in seiner
um ihr Wesen zu deuten. setz zufolge hängt die Geschwindigkeit Frühzeit langsamer ausgedehnt als heute,
Forscher entdecken gerade erst, wel­ dieser Fluchtbewegung linear vom Ab­ die Expansion scheint sich zu beschleu­
che Eigenschaften die Dunkle Energie hat stand der Welteninseln ab: Je ferner eine nigen (siehe SdW 3/1999, S. 38, und
und welche Konsequenzen sich daraus er­ Galaxie ist, umso schneller entfernt sie SdW 7/2004, S. 42). Weitere Beobach­
geben. Dass diese die Geschicke des Uni­ sich. Dass sie alle ausgerechnet vor un­ tungen von Supernovae sowie davon un­
versums als Ganzes beeinflusst, erkannten serem Milchstraßensystem fliehen, ist abhängige Messungen der kosmischen
sie sofort. Erst danach geriet die geheim­ dabei kaum wahrscheinlich. Kosmolo­ Hintergrundstrahlung bestätigten dieses
nisvolle Energie in Verdacht, die Entwick­ gen schließen aus der Beobachtung viel­ zunächst verblüffende Ergebnis.
lung von Sternen, Galaxien und Galaxi­ mehr, dass es der Raum selbst ist, der ex­ Erklären könnte man sich die Beob­
enhaufen zu prägen. Haben Astronomen pandiert und die Galaxien dabei mit sich achtung damit, dass die Schwerkraft auf
das Wirken der Dunklen Energie viel­ zieht – ähnlich wie Rosinen in einem großen Entfernungen einem anderen
leicht sogar seit Jahrzehnten beobachtet, Hefeteig, der beim Backen aufgeht (sie­ Gesetz folgt als auf kleineren, die wir im
ohne es zu merken? he SdW 5/2005, S. 38). Labor sowie im Sonnensystem überprü­
Gerade durch ihre Allgegenwart Über Jahrzehnte fragten sich Astro­ fen können. Dann wäre die Anziehungs­
macht es uns die Dunkle Energie offen­ nomen, ob sich die Expansionsrate des kraft zwischen den Galaxien zu schwach,
bar schwer, sie zu bemerken. Im Gegen­ Kosmos mit der Zeit verändert. Denkbar um die Expansion abzubremsen. Die
satz zur sichtbaren Materie und der un­ schien, dass sie auf Grund der Schwer­ meisten Wissenschaftler sind jedoch da­
sichtbaren Dunklen Materie ist sie völlig kraft zwischen den Galaxien allmählich von überzeugt, dass das Gesetz der
gleichmäßig im Raum vorhanden. Ob in sinkt. Doch nur über äußerst große Ent­ Schwerkraft universell gültig ist und es
Ihrer Küche oder weit außerhalb der fernungen und Zeiträume sollte das fest­ vielmehr eine bislang unbekannte Art
Milchstraße: Überall beträgt die Dichte zustellen sein. Will man dies nachwei­ der Energie gibt, welche die Anziehungs­
der Dunklen Energie 10– 26 Kilogramm sen, muss man nach Objekten Ausschau kraft zwischen den Galaxien übersteigt

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 33


TITELTHEMA Astronomie

und diese auseinandertreibt. Auch wenn kraft mit der kosmischen Expansion. immer mehr als Schlüssel, der zuvor für
diese Dunkle Energie in unserem Milch­ Über große Entfernungen hinweg halten unabhängig gehaltene Eigenschaften der
straßensystem keine beobachtbare Kon­ sich diese erstaunlich genau die Waage. Welteninseln miteinander verbindet. Als
sequenz hat, würde sie insgesamt den Würde man die Materie gleichmäßig im entscheidend erweist sich dabei, dass
Kosmos dominieren. Universum verteilen, erhielte man eben­ Kollisionen und Verschmelzungen be­
Die Dunkle Energie bestimmt jedoch falls eine Massendichte von ungefähr stimmen, wie sie sich entwickeln. Die
nicht nur den Verlauf der kosmischen 10– 26 Kilogramm pro Kubikmeter. Do­ Dunkle Energie wirkt sich darauf ent­
Expansion. Wie Forscher inzwischen he­ miniert die Dunkle Energie, würden die scheidend aus.
rausfanden, wirkt sie auch auf die im Leerräume im Universum stärker an­ Warum das so ist, folgt aus der ge­
Universum enthaltene Materie ein. Diese wachsen; überwöge die Materie, wären genwärtigen Theorie der Galaxienentste­
ist keineswegs gleichmäßig verteilt, son­ die Filamente deutlicher ausgeprägt. hung. Diese setzt voraus, dass es zwei
dern bildet ein Netz von Filamenten, fa­ Auf der kürzeren Längenskala von Klassen kosmischer Materie gibt. Gut
denförmigen Strukturen, die sich über Galaxien und Galaxienhaufen ist die Si­ vertraut ist uns die gewöhnliche Materie,
viele Millionen Lichtjahre erstrecken und tuation komplizierter. Galaxienhaufen deren Elementarteilchen sowohl leicht
ausgedehnte Leerräume umgeben, die sind die größten durch die Schwerkraft miteinander wechselwirken als auch, so­
»Voids«. Aufwändige Computersimula­ gebundenen Objekte im Universum: fern sie elektrisch geladen sind, mit der

Die Dunkle Energie könnte verschiedene Aspekte der


Galaxienentstehung steuern, zwischen denen
Astronomen lange keinen Zusammenhang erkannten

tionen zeigen, dass die Schwerkraft, die Ansammlungen von Tausenden von Ga­ elektromagnetischen Strahlung. Astro­
auf anfängliche Fluktuationen der kosmi­ laxien, die in riesige Wolken aus heißem nomen nennen sie baryonische Materie,
schen Materiedichte wirkte, dieses Mus­ Gas eingebettet sind. Die Schwerkraft weil ihr Hauptbestandteil Baryonen
ter nicht allein hervorbrachte – auch die bestimmt auch die Struktur von Spiral­ sind, wie beispielsweise Protonen und
Dunkle Energie prägte es nachhaltig. An­ galaxien wie unserem Milchstraßensys­ Neutronen. Noch immer rätselhaft ist
ders sind die Berechnungen jedenfalls tem, in denen sie mit dem Drehimpuls hin­gegen das Wesen der so genannten
nicht mit Beobachtungen der Galaxien­ der in ihnen enthaltenen Materie ein Dunklen Materie, die 85 Prozent der
verteilung in Einklang zu bringen. Gleichgewicht bildet. Um zu wachsen, Materie im Kosmos ausmacht. Zwar tre­
Astronomen überrascht das kaum. müssen sie Gas aus dem intergalak­ ten ihre Teilchen nicht mit elektro­
Schließlich haben sich Filamente und tischen Raum aufnehmen oder mit an­ magnetischer Strahlung in Wechselwir­
Leerräume ja nicht von der kosmischen deren Welteninseln verschmelzen. kung – deshalb gilt sie als dunkel. Doch
Expansion abgelöst; im Gegensatz zu Galaxien und Galaxienhaufen sind zerrt sie über ihre Schwerkraft an der
Planeten und Galaxien sind sie keine von der kosmischen Expansion abgekop­ sichtbaren, baryonischen Materie und
durch die Schwerkraft gebundenen pelt. Deshalb klingt es zunächst abwegig, verrät sich dadurch indirekt.
Strukturen. Vielmehr beruht ihre Gestalt dass die Dunkle Energie ihr Schicksal Da sie vom intensiven Strahlungsfeld
auf dem Kräftemessen der Anziehungs­ beeinflussen soll. Und doch gilt diese des jungen Universums unabhängig war,
konnten Dichteschwankungen der Dunk­
len Materie bereits kurz nach dem Ur­
knall zu sphärischen Strukturen anwach­

In Kürze sen, die Astronomen als Halos bezeich­


nen. Den Baryonen erging es anders: Sie
waren mit dem Strahlungsfeld gekoppelt
r Die Dunkle Energie gilt als wahrscheinlichste Ursache der beschleunigten Expan- und blieben zunächst unverdichtet in
sion des Universums, auf die Beobachtungen ferner Supernovae und Messungen der einem Zustand, der dem eines heißen
kosmischen Hintergrundstrahlung hindeuten. Gases ähnelte. Erst als das expandierende
r  Weniger bekannt ist, dass die Dunkle Energie auch das Schicksal der Materie im Universum abkühlte, strömte die baryo­
Universum mitbestimmt. Sie trug zur Entstehung filamentartiger Strukturen in der nische Materie in die bereits existie­
großräumigen Verteilung der Materie bei und bewirkte womöglich, dass Galaxienhau- renden Halos der Dunklen Materie und
fen seit etwa sechs Milliarden Jahren nicht weiter anwachsen. verdichtete sich dort zu den ersten Ster­
r Indem sie die Häufigkeit galaktischer Zusammenstöße senkte, prägte sie auch die ne und Galaxien.
Entwicklung von Galaxien. So fror vermutlich die relative Häufigkeit der verschiedenen Seit den 1980er Jahren haben Theo­
Galaxientypen in den letzten sieben Milliarden Jahren ein. retiker diesen Prozess mit Computern im
Detail simuliert, darunter die Forscher­

34 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


gruppen von Simon D. M. White am
Max-Planck-Institut für Astrophysik in
Hinweise auf die Dunkle Energie
Garching und Carlos S. Frenk an der
Universität Durham in England. Den
Simu­lationen zufolge waren die ersten
Strukturen im Kosmos kleine, relativ
massearme Halos aus Dunkler Materie.
Auf Grund der hohen Dichte im frühen
Universum verschmolzen diese – mitsamt
den in ihnen enthaltenen Galaxien – zu

Nasa / Esa, Hubble Key Project  Team / High-Z Supernova Search Team
größeren, massereicheren Systemen. Ga­
laxien entstanden demnach in einem Bot­
tom-up-Prozess, der vom Kleinen zum
Großen verlief – ähnlich dem Bau von
Spielzeughäusern aus Bausteinen. (Ein
Top-down-Prozess verläuft umgekehrt
vom Großen zum Kleinen; dabei würde
man zunächst ein Spielzeughaus zerstö­
ren, um seine Bausteine zu erhalten.)
Gemeinsam mit meinen Kollegen
überprüfte ich diese Modelle, indem wir
rekonstruierten, wie Galaxien im Verlauf
der kosmischen Entwicklung miteinander Entfernte Supernovae
verschmolzen. Wir wussten, dass die Wel­ Im expandierenden Universum wächst die Fluchtgeschwindigkeit zwischen Galaxien
teninseln dabei ihre ursprünglichen For­ mit ihrem Abstand an. Astronomen können das mit hellen Sternexplosionen bis in
men verlieren. Die frühesten Galaxien, große Entfernungen verfolgen. Aus deren Spektren lesen sie die Rotverschiebung der
die wir heute sehen können, existierten Spektrallinien ab und schließen so auf die Geschwindigkeit; ihre Helligkeit im Maxi-
bereits, als das Universum etwa eine Mil­ mum verrät die Entfernung. Messungen entfernter Supernovae zeigen, dass die Expan-
liarde Jahre alt war. Dass sich Verschmel­ sionsrate des Kosmos früher geringer war – die Ausdehnung hat sich beschleunigt.
zungen damals viel häufiger ereigneten als
heute, erkennen wir an den unregelmä­ Hintergrundstrahlung
ßigen Formen dieser jungen Galaxien, die Karten der kosmischen Hintergrundstrahlung zeigen ein Muster von Flecken, die kühler
häufig zwei Kerne aufzuweisen. beziehungsweise wärmer sind als der Mittelwert. Aus deren Winkelgröße am Himmel
können Forscher auf die Geometrie des Universums schließen und daraus seine Ener-
Seltenere Zusammenstöße giedichte ableiten. Der gemessene Betrag lässt sich nicht allein mit Materie erklären;
Im Lauf der Zeit vereinigten sich große eine bislang unbekannte Komponente muss die Lücke schließen. Darüber hinaus wird
Galaxien immer seltener. Zwei Milliar­ das Fluktuationsmuster der Hintergrundstrahlung von den Schwerefeldern kosmischer
den Jahre nach dem Urknall war noch Strukturen auf eine Weise verformt, die ebenfalls vom Verlauf der Expansion abhängt.
jedes zweite massereiche System in einen Messungen stimmen mit Vorhersagen überein, die Theoretiker unter Berücksichtigung
kosmischen Zusammenstoß verstrickt, der Dunklen Energie machen.
vier Milliarden Jahre später fast keines
mehr. Die relative Häufigkeit der ver­ Verteilung der Galaxien
schiedenen Formen großer Galaxien fror Welteninseln sind nicht zufällig im All verteilt, sondern in großen Strukturen angeord-
ein. Im heutigen Universum sind 98 net. Eine davon ähnelt dem Muster der in der Hintergrundstrahlung erkennbaren Tem-
Prozent der Galaxien elliptisch oder spi­ peraturschwankungen – ein Hinweis auf die Energiedichte des Universums und die
ralförmig und weisen damit Formen auf, Existenz der Dunklen Energie.
die beim Verschmelzen zerstört würden.
Diese Objekte sind dynamisch stabil und Gravitationslinsen
bestehen überwiegend aus alten Sternen. Kosmische Schwerkraftfelder lenken das Licht entfernter Objekte ab. Befindet sich eine
Sie müssen also vor langer Zeit entstan­ Lichtquelle hinter einer solchen Gravitationslinse, können Mehrfachbilder entstehen.
den sein – und haben sich seitdem mor­ Das ist umso wahrscheinlicher, je größer das Universum ist – was wiederum vom Wir-
phologisch nicht verändert. Die meisten ken der Dunklen Energie abhängt. Mit Messungen dieses Effekts können Astronomen
der wenigen Galaxien, die noch heute das Wachstum kosmischer Materiehäufungen studieren. Auch darin hinterlässt die
verschmelzen, sind massearm. Dunkle Energie ihre Spuren.
Darüber hinaus wurden im Lauf der
kosmischen Geschichte in Galaxien im­ Galaxienhaufen
mer weniger Sterne geboren. Der Groß­ Mit Röntgenbeobachtungen können Forscher verfolgen, wie die Masse von Galaxien-
teil heute existierender Sterne entstand haufen im Lauf der Zeit anwuchs. Ohne die Dunkle Energie wären die Messungen nicht
bereits in der ersten Hälfte der kos­ zu deuten.
mischen Geschichte. Dieser Nach­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 35


TITELTHEMA Astronomie

weis gelang in den 1990er Jahren Ar­ versum sind helle Quasare selten und die Der Zusammenprall von Gaswolken in
beitsgruppen von Simon J. Lilly, damals Schwarzen Löcher in den Zentren des den Galaxien löste neue Sterngeburten
an der Universität Toronto, Piero Ma­ Milchstraßensystems und ihrer Nach­ aus, Gas gelangte in die Zentren der Wel­
dau, damals am Space Telescope Science barn ruhig. teninseln und ließ dort die massereichen
Institute in Baltimore und Charles C. Schwarzen Löcher anwachsen. Doch der
­Steidel vom California Institute of Tech­ Kräftemessen Raum expandierte weiter, die Materie­
nology in Pasadena. Neueren Messungen kosmischer Energien dichte sank und damit auch die Anzie­
zufolge endete die Sternentstehung in Zwar erklären sich einige Astronomen hungskräfte zwischen den Galaxien.
massereichen Galaxien recht früh. In den den Abfall der Sternentstehungsrate al­ Mit der Zeit verschob sich das Kräf­
vergangenen sieben Milliarden Jahren, lein mit Vorgängen innerhalb der Gala­ teverhältnis zwischen anziehender Ma­
also der zweiten Hälfte der bisherigen xien, etwa der von den zentralen Schwar­ terie und Dunkler Energie, bis die zeit­
Geschichte des Kosmos, wurden Sterne zen Löchern und Supernovae ausgesand­ weilige Verlangsamung der Expansion in
vor allem in massearmen Systemen ge­ ten Strahlung. Das verrät jedoch nicht, eine Beschleunigung umschlug. Groß­
boren (siehe SdW 3/2005, S. 50, und warum Galaxien gleichzeitig seltener ver­ räumige Strukturen, in denen sich die
SdW 7/2006, S. 52). schmolzen. Dass die Dunkle Energie da­ Galaxien befanden, wurden auseinander­
Das erscheint widersinnig, denn mals gerade zur dominierenden Kraft im gezerrt, Verschmelzungen allmählich sel­
schließlich besagt doch die Theorie der Kosmos wurde, macht ihren Einfluss tener. Auch die Rate, mit der intergalak­
Galaxienentstehung, dass kleine Systeme plausibel. tisches Gas in die Galaxien einfiel, nahm
zuerst entstanden und zu größeren ver­ Bis vor etwa sieben Milliarden Jahren ab. Von diesem Nachschub abgeschnit­
schmolzen. Seltsam ist auch, dass sich war die Materiedichte so groß, dass die ten, wurden die Schwarzen Löcher in
das Wachstum der massereichen Schwar­ Gravitationskräfte zwischen Galaxien den Zentren inaktiv.
zen Löcher in den Galaxienzentren dra­ über den Einfluss der Dunklen Energie Dieser Ablauf legt nahe, warum sich
matisch verlangsamte. Im heutigen Uni­ dominierten und Kollisionen bewirkten. die Sternentstehung von massereichen zu

Im Griff der Dunklen Energie


Kurz nach dem Urknall bildeten sich die ersten Strukturen im den Galaxien wurden viele Sterne geboren. Die Aktivität ebbte aus-
Universum – doch bereits nach etwa sieben Milliarden Jahren froren gerechnet dann ab, als sich die kosmische Expansion beschleunigte.
­diese ein. Anfangs war die Rate galaktischer Kollisionen hoch und in Ein Zufall?

Zeit seit dem Urknall (Milliarden Jahre)


0 6 12 13.7
Das Ende galaktischer Galaxien-Kollision (NGC 4676)
Rate galaktischer Verschmelzungen*

107
Verschmelzungen
Sechs Milliarden Jahre nach
mittelhelle
dem Urknall verschmolzen 106 Galaxien
leuchtkräftige, massereiche
Galaxien kaum noch mitei­

Nasa / ACS Science & Engineering Team


lichtschwache
alle Grafiken: Lucy Reading-Ikkanda

nander. Auch masseärmere, 105 Galaxien


leuchtschwache Welteninseln helle
Galaxien
kollidierten immer seltener.
* Verschmelzungen pro Milliarden Jahre 104
pro Kubik-Gigaparsec. Ein
Gigaparsec sind eine Milliarde Parsec
oder 3,26 Milliarden Lichtjahre.
Übergangszeit
80
verschiedene Galaxientypen in der
kompakten Gruppe Hickson 87
Anteil des Galaxientyps (Prozent)

n
G alaxie
Eingefrorene Formen ische
60 Ellipt
Im frühen Kosmos hatten die
Galaxien keine regelmäßige
Gestalt – häufige Zusammen- 40
stöße verhinderten das. Erst
Nasa / Esa, Hubble Heritage Team

als diese seltener auftraten, Spiral


galaxi
änderte sich die Häufigkeit 20 en
von elliptischen und spiral-
förmigen Galaxien nicht Irreguläre Galaxien
mehr. 0

36 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


*
Zeit seit dem Urknall (Milliarden Jahre)
0 6 12 13.7
massearmen Welteninseln verlagerte.
Mas­sereiche Halos aus Dunkler Materie

galaktischer Verschmelzungen*
107
mitsamt den darin enthaltenen Galaxien
treten stärker gehäuft auf als masseärme­ Zeit seit dem Urknall (Milliarden Jahre)
mittelhelle
re – sie können eher zusammenstoßen 106 0 6 Galaxien 12 13.7
und verschmelzen. Das löst »Starbursts«

Verschmelzungen*
107
aus, Phasen intensiver Sternbildung. lichtschwache
Bald explodieren massereiche Sterne 105 als Galaxien
helle mittelhelle
Supernovae, heizen das Gas in ihrer10Um­
6 Galaxien
Galaxien
gebung auf und verhindern, dass weitere
104
Sonnen entstehen. Die Stern­entstehung
Rate

erstickt sich selbst. Gedämpft wird lichtschwache


105 sie
Rate galaktischer

Galaxien
aber auch durch die zentralen Schwarzen helle
Galaxien
Übergangszeit
Löcher. Diese werden beim Zusammen­
stoß der Welteninseln mit Gas gefüttert
804
10
und zu intensiver Aktivität angeregt:
Galaxientyps (Prozent)

­Gebündelte Materiestrahlen, so genann­ axien


isch e Gal
te Jets, wühlen ihre Umgebung auf, 60 er­ ÜbergangszeitEllipt
hitzen das Gas und verhindern, dass es
80
abkühlt und zu Sternen kollabiert.
Ist die Sternentstehung in einer40mas­
Anteil des(Prozent)

n
sereichen Galaxie erst einmal unterbro­ alaxie
60 i p t i s che G
l
El S
chen, scheint sie nicht wieder aufzu­ piralg
alaxie
n
Anteil des Galaxientyps

20

40
Irreguläre Galaxien
0
Spiral
galaxi
20 en Nasa / Harvard Smithsonian CfA, K. L. Luhman / Steward Observatory,
G. Schneider, E. Young, G. Rieke, A. Cotera, H. Chen, M. Rieke, R. Thompson

Verebbte Irreguläre Galaxien junger Sternhaufen im Orion-Nebel


Sternentstehung
0
Das frühe Universum war ein
Sternentstehungsrate*

Hexenkessel intensiver Stern­ 0,1


entstehung in den Galaxien –
nach Andrew Hopkins, University of Sidney

doch nachdem sie schnell ih-


ren Höhepunkt erreichte, fiel
Sternentstehungsrate*

sie immer weiter ab.


0,1
0,01
* Sonnenmassen pro Kubik-Megaparsec.
Ein Megaparsec sind eine Million Parsec
oder 3,26 Millionen Lichtjahre.

10–23
0,01
Dominanz
der Dunklen Energie
(kg pro m3)

Eine gemeinsame Ursache


VIS, Universität Stuttgart / Virgo Supercomputing Consortium, MPG Garching /
könnte diese Entwicklung prä- Institute for Computational Cosmology, Durham University
10–23
gen: die Verdünnung der Ma- Simulation kosmischer
Strukturbildung
Dichte

terie auf Grund der kosmi­ 10–25


3)

schen Expansion. Als die Dich-


(kg pro m

Ma
mittlere Dichte mittlere

te der Materie unter die der ter i


e
Dunk­len Energie fiel (hier als
konstant angenommen), be- Dunkle Energie
10–25
schleunigte sich die Ausdeh-
nung. Galaxien wurden schnel- 10–27
Ma
ter i
ler auseinandergetrieben, kol- e
lidierten seltener und nahmen Dunkle Energie
weniger Gas auf, aus dem
neue Sterne entstanden. 10–27

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 37


TITELTHEMA Astronomie

Das Universum im Computer


Simulationen verraten, wie die Zusammensetzung des Kosmos Jeder Kasten zeigt eine würfelförmige Region mit einer Kanten-
seine Geschichte prägt. Gäbe es mehr Dunkle Energie, hätte die be- länge von einer Milliarde Lichtjahren. Darin befinden sich 27 Mil­
schleunigte Expansion früher eingesetzt und die Materie schneller lionen Teilchen, die jeweils einer Galaxie entsprechen. Von der
verdünnt; große Strukturen wären nicht entstanden. Im Fall von Dunklen Energie wird angenommen, dass sie in Raum und Zeit
weniger Dunkler Energie wäre die Schwerkraft länger dominierend. konstant ist. Der Parameter WL beschreibt ihre Dichte.

Universum mit mehr Dunkler Energie als gemessen (WL = 0,99)

Universum mit dem gemessenen Anteil Dunkler Energie (WL = 0,75)

L. Gao, C. Frenk, A. Jenkins, Institute for Computational Cosmology, Durham University


Universum ohne Dunkle Energie (WL = 0)

Junges Universum: Bei einem Sechstel Die Schlüsselepoche: Als das Universum Heutiges Universum: Im Fall des tat-
seiner heutigen Größe war die Materie in drei Viertel seiner heutigen Größe hatte, wa- sächlich beobachteten Gehalts an Dunkler
allen drei Szenarien gleichmäßig verteilt. ren die Auswirkungen der Dunklen Energie Energie ist das Wachstum großräumiger
Die Dunkle Energie machte sich noch dramatisch. Ein hoher Anteil hätte die Ent­ Strukturen abgeschlossen, die Filamente
nicht bemerkbar. stehung großräumiger Strukturen verhindert sind einge­froren (Mitte). In einem Univer-
(oben). In den beiden anderen Fällen können sum ohne Dunkle Energie wachsen sie
sich deutliche Filamente ausbilden. weiter (unten).

38 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


In der zweiten Hälfte seiner Geschichte verlor
das Universum an Schwung: Galaxien
verschmolzen seltener, Schwarze Löcher ruhten

flammen. Entweder enthalten diese Ob­ auf Dimensionen von 30 Millionen Planeten noch Lebewesen. Eine Galaxie,
jekte dafür zu wenig Gas oder das Lichtjahren bemerkbar zu machen. in der nur wenige Sterne geboren wer­
vorhandene Gas ist zu heiß, um schnell In einem von der Dunklen Energie den, könnte sie kaum hervorbringen.
genug abzukühlen. Zwar können auch dominierten, beschleunigten Universum Einerseits hat die Dunkle Energie die
diese großen Welteninseln verschmelzen, ergeben sich die beobachteten Verän­ Vergangenheit des Kosmos tief greifend
das geschieht jedoch »trocken«, ohne derungen in der Galaxienpopulation geprägt und wirkt auch in der Zukunft
Geburt vieler neuer Sterne. Entgegen zwanglos. Ohne die Dunkle Energie hät­ weiter. Sie wird dem Leben nützen, in­
dieser Stagnation verschmelzen kleinere ten sich Galaxien über einen längeren dem sie etwa verhindert, dass das Univer­
Galaxien bis heute, dabei sind schwä­ Zeitraum miteinander vereinigt. Dann sum schrumpft und in einem Kollaps en­
chere Starbursts nicht selten. Masse­ enthielte das Universum heute viel mehr det. Andererseits birgt sie gewissermaßen
reiche Ga­laxien scheinen demzufolge massereiche Galaxien mit Populationen auch Risiken, denn sie treibt die Gala­
früher ihre endgültigen Formen anzu­ alter Sterne. Massearme Galaxien wären xien immer schneller auseinander, sodass
nehmen als massearme – womöglich ge­ hingegen seltener, genauso wie Spiralga­ die ­ Lokale Gruppe schließlich zu einer
prägt durch die Dunkle Energie, welche laxien (darunter unser Milchstraßensys­ isolierten Oase in den leeren Weiten des
die Häufung massereicher Halos und de­ tem), denn galaktische Kollisionen zer­ Kosmos wird. Die Wirkung der Schwer­
ren Verschmelzungsrate bestimmt. stören die Spiralstruktur. Großräumige kraft wird sich dann immer mehr auf die
Damit stimmt auch die Entwicklung Strukturen wären stärker gebunden, Ga­ unmittelbare Nähe massereicher Objekte
der Galaxienhaufen überein. Als das laxien würden häufiger verschmelzen. wie Galaxien und Sterne beschränken.
Universum halb so alt war wie heute, Ihr Wesen ist noch weit gehend un­
hatten diese Strukturen bereits ihre heu­ Abstoßende Zukunft erforscht, doch nach den Mutmaßungen
tige Masse erreicht. In den folgenden Wäre die Dunkle Energie jedoch stärker einiger Theoretiker könnte die Dunkle
acht Milliarden Jahren wuchsen sie kaum als beobachtet, träten Kollisionen sel­ Energie so dramatisch anwachsen, dass
weiter an. Der Einfall weiterer Galaxien tener auf und es gäbe dementsprechend sie Objekte zerreißt, die bislang durch
in die Haufen endete, als die Dunkle weniger massereiche Galaxien und Ga­ die Schwerkraft gebunden waren, darun­
Energie die Expansion des Universums laxienhaufen. Spiralgalaxien und masse­ ter Galaxienhaufen, Galaxien und sogar
zu dominieren begann. Mitte der 1990er arme Zwergsysteme wären häufiger, Ga­ Planetensysteme. In ferner Zukunft wür­
Jahre bemerkten einige Astronomen eine laxienhaufen jedoch masseärmer – falls de sie unsere Erde von der Sonne fortrei­
Stagnation des Haufenwachstums. Das sie existierten. Wahrscheinlich wären viel ßen und dann zerfetzen – mit allem, was
erklärten sie sich zunächst damit, dass weniger Sterne entstanden und ein grö­ sich auf ihr befindet, schließlich sogar
die Materiedichte in den vergangenen ßerer Teil der baryonischen Materie des ihre Moleküle und Atome.
acht Milliarden Jahren niedriger war, als Kosmos wäre noch immer gasförmig.
die Theorie vorhersagte. Wird die Dunk­ Obwohl sich die Dunkle Energie
le Energie berücksichtigt, löst sich dieser nahtlos in eine konsistente Entwick­ Christopher J. Conselice ist
Dozent für Astronomie an der
scheinbare Widerspruch auf. lungsgeschichte einzufügen scheint, ist Universität Nottingham. Zu-
A ut o r u n d L i teraturh i n we i se
Unsere Lokale Gruppe, die Ansamm­ diese damit noch längst nicht bewiesen. vor arbeitete er als Postdoc
lung des Milchstraßensystems, der An­ Dass bestimmte Phänomene gleichzeitig am California Institute of
dromeda-Galaxie und ihrer Nachbar­ geschehen, belegt schließlich nicht ihren Technology in Pasadena.
galaxien, illustriert, wie die Dunkle Ener­ kausalen Zusammenhang. Einen Schritt
gie auf unsere kosmische Umgebung voran verspricht eine Reihe neuer Das fast unendliche Universum: Grenzfragen
einwirkt. Bis vor wenigen Jahren dach­ Durchmusterungen, die gegenwärtig mit der Kosmologie. Von Joseph Silk. München
ten die Astronomen, die Lokale Gruppe den Weltraumteleskopen Hubble, Chan­ 2006
würde in den nahen Virgo-Galaxien­ dra und Spitzer sowie großen erdgebun­ The extravagant universe: exploding stars,
haufen stürzen. Doch dazu wird es nicht denen Teleskopen unternommen wer­ dark energy, and the accelerating cosmos.
kommen, denn die Dunkle Energie den. Unter anderem soll dabei für viele Von Robert P. Kirshner. Princeton 2004
treibt die beiden Haufen auseinander. Galaxien ermittelt werden, wann sie zu­ A direct measurement of major galaxy mer-
Außerdem wäre ohne sie nicht zu verste­ letzt mit anderen verschmolzen. gers at z < 3. Von Christopher J. Conselice et
hen, dass die Bewegungen der einzelnen Wie die Welteninseln entstehen, be­ al. in: Astronomical Journal, Bd. 126, S. 1183,
Galaxien in unserer kosmischen Nach­ einflusst auch unsere eigene Existenz. 2003
barschaft nur geringfügig von einem line­ Nur in Sternen entstehen Elemente, die Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
aren Expansionsgesetz abweichen. Dem­ schwerer als Lithium sind, und ohne die­ www.spektrum.de/artikel/866413.
zufolge scheint sich die Dunkle Energie se Elemente gäbe es weder erdähnliche

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 39


WISSENSCHAFT IM ALLTAG
WISSENSCHAFT IM ALLTAG

rabbit prototyping
Computer Aided Design,
l
Ostern kommt also die rechnergestützte
Konstruktion, baut eine Hasen-
hohlform aus geometrischen Ele-

immer so plötzlich menten auf, in diesem Beispiel aus


Rechtecken. Für das Rabbit Proto-
typing muss dieses digitale Modell
so umgerechnet werden, dass ein
Computerunterstützte Verfahren verkürzen die  aus Schichten aufgebautes reales
Produktionszyklen in der Schokoladenindustrie. Objekt hergestellt werden kann.

Von Klaus-Dieter Linsmeier der. Beide Verfahren erfordern Raffinesse bei der Planung, denn durch
die thermischen Vorgänge entstehen auch mechanische Spannungen,

V orbei die Zeiten, da schon im Advent die Hasenproduktion be-


gann und zu Ostern die ersten Nikoläuse vom Band liefen. Zum
Glück: Ärzte klagen schon lange, dass Beschäftigte der Schokoladen-
die Objekte können beispielsweise schrumpfen und so die Anforde-
rungen an die Genauigkeit von Maß und Form verletzen.
Selbst beim Lasersintern dauert der Prozess Stunden, bei großen
industrie häufig unter zeitlicher Desorientierung leiden. Künftig wer- Teilen und hohen Präzisionsanforderungen sogar Tage. Noch lang-
den Hasen just in time gefertigt. Denn eine neuartige Klasse von Tech- samer allerdings geht es mit Verfahren wie dem Lasergenerieren oder
niken wird die gesamte Produktionskette drastisch verkürzen: Rabbit dem Laser Melting, bei dem die Pulverkörner komplett aufgeschmol-
Prototyping. zen werden. Lediglich acht Kubikzentimeter pro Stunde sind keine
Um das Ziel einer durchgängig computerunterstützten Chocolate- Seltenheit.
rie zu erreichen, wurde das Fraunhofer-Institut für Mehl- und Süß- Osterhasen wie Nikoläuse sind Hohlformen aus Schokolade, die
speisen (IMS) in Castrop-Rauxel beauftragt, verfügbare Techniken Wandstärken liegen bei zwei bis drei Millimetern. Zu ihrer Fertigung
auf ihre Eignung zu prüfen. Das für eine Hochtechnisierung erforder- dienen zweiteilige Werkzeuge aus Kunststoff, die anhand der Model-
liche Marktvolumen ist zweifellos gegeben, immerhin verzehrt jeder le gebaut werden. Über eine kleine Öffnung wird die bei etwa 35 Grad
Deutsche durchschnittlich 8,94 Kilogramm Schokolade und Schoko- Celsius verflüssigte Schokolade eingefüllt, dann wird das Ganze eini-
ladenwaren (Angabe für 2005). Alljährlich stehen weit über hundert ge Minuten lang in allen Raumrichtungen sowie jeweils um die eige-
Millionen Osterhasen und eine nur wenig kleinere Zahl von Weih- ne Achse geschleudert, bis die Schokolade die Innenseite gut ausklei-
nachtsmännern zur gegebenen Zeit in den Regalen. det. Dabei wird sie allmählich steif, in einem Kühltunnel dann fest.
Schon länger werden neue Produkte oder Varianten beliebter Das Produkt kann entnommen und beispielsweise mit bedruckter
Klassiker wie der Goldhase mit Glöckchen mittels CAD-Software am Staniolfolie umhüllt werden.
Monitor konstruiert. Doch künftig sollen nicht mehr Modellbauer oder Stereolithografie und Lasersintern eignen sich sehr gut für die Mo-
computergesteuerte Fräsmaschinen diese Entwürfe in räumliche Ob- dellentwicklung. Ist nur eine Kleinserie gefragt – etwa eine limitierte
jekte umsetzen, um Design, Passgenauigkeit und Eignung für weiter- Auflage nach Entwürfen bekannter Künstler –, lassen sich damit sogar
verarbeitende Prozessschritte zu prüfen. Schneller und kosteneffizi- die Werkzeuge kostengünstig herstellen. Für die Entwicklung bei
enter arbeiten laut IMS Verfahren, die aus den Konstruktionsdaten Großserien bieten sich Lasergenerieren und Laser Melting an.
zunächst spezielle digitale Modelle und daraus automatisch solche Langfristig könne laut IMS der Osterhase sogar direkt aus den
aus Kunststoff oder anderen Materialien generieren. CAD-Daten gefertigt werden, etwa mittels Schmelzschichtung, im
Englischen Fused Deposition Modeling: Eine computergesteuerte und
Das älteste dieser Verfahren wurde bereits in den 1980er frei fahrbare Düse extrudiert aufgeschmolzene Schokomasse. Diese
Jahren entwickelt – die Stereolithografie (nach dem griechischen erstarrt und die nächste Schicht kommt darüber (siehe Grafik rechts).
stereos für »räumlich« und der Lithografie als Drucktechnik). Ein La- Vorläufig ist dieser Prozess noch zu aufwändig, allenfalls ließen sich
serstrahl belichtet entsprechend dem digitalen Modell die Oberfläche individuell nach den Wünschen betuchter Kunden gestaltete Lecke-
eines flüssigen Kunstharzes. Dadurch härtet eine Schicht von 0,05 bis reien damit realisieren.
0,5 Millimeter Dicke aus (siehe Grafik rechts). Sie wird abgesenkt und Angesichts dieser bahnbrechenden Entwicklung sollen auch an­
mit frischem Harz benetzt, die nächste Schicht kann entstehen. Auf dere Branchenvertreter Interesse geäußert haben. Die Verfahren
diese Weise lassen sich Objekte mit Kantenlängen von mehr als sieb- könnten als Rapid Prototyping in der Automobil- und Konsumgüter­
zig Zentimetern aus Acrylaten und Epoxiden erzeugen. industrie sowie in der Medizintechnik Anwendung finden.
Ähnlich funktioniert das Lasersintern, nur sind die Ausgangsmate-
rialien pulverförmige Polyamide, Metalle oder Keramiken. Die win- Klaus-Dieter Linsmeier ist Redakteur bei »Spektrum der Wissen-
zigen Partikel werden auf einer Plattform fein verteilt. Der Laser schaft«. Der Autor dankt der Fraunhofer-Allianz Rapid Prototyping und
schmilzt die Oberflächen der Körner an und verbackt diese miteinan- dem Infozentrum Schokolade des Süßwarenverbands.

40  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · april 2007


Wussten Sie schon ?
r  Für das Rabbit Prototyping in einer Büroumgebung – werke und schließlich das Conchieren – ein Knetprozess, bei dem
etwa bei einem freien Foliendesigner – eignet sich das Multi Jet die Kakaobutter erneut aufgeschmolzen wird – ergibt schließlich
Modeling: Schmelzfähige Kunststoffe werden über die Düsen eines den zarten Schmelz der Schokolade.
Druckkopfs – ähnlich wie Farben beim Tintenstrahldrucker – r  Kakaobohnen liefern den Stoff, aus dem die Naschträume
schichtweise ausgegeben und gehärtet. Einen Druckkopf verwen- sind. Es sind die Samen von Bäumen, die im feuchtwarmen Klima
det auch das 3D Printing. Dieser spritzt ein Bindemittel zum Bei- der Äquatorländer wachsen. Im Jahr 2004 belief sich die Ernte
spiel in Zellulosepulver. weltweit auf 3,5 Milliarden Tonnen, davon stammte aber mehr als
r  Das Kakaoaroma entsteht durch Fermentation, Trock- die Hälfte aus Afrika. Neunzig Prozent der Ernte entfällt auf den
nen und Rösten der Bohnen. Mahlwerke reißen das Zellgewebe auf Konsumkakao Forastero, während die Criollo genannte Sorte Edel-
und erhöhen gleichzeitig durch Reibung die Temperatur. Die kakao liefert.
Kakao­butter wird freigesetzt, schmilzt und verbindet Stärke- und r  Der Name Kakao leitet sich vom aztekischen Xocoatl ab:
Eiweißmoleküle zur Kakaomasse. Wird die Butter ausgepresst, Der spanische Konquistador Hernando Cortez hatte die Bohnen
bleibt ein fester Kuchen zurück, der zu Trinkkakao zermahlen bei der Heimfahrt im Gepäck. In Mittelamerika waren sie hoch­
wird. Mischt man hingegen Kakaobutter, Zucker, Sahne- oder geschätzt, dienten sogar als Zahlungsmittel. Doch das Getränk
Milchpulver hinzu, erhält man eine knetfähige Schokoladenmasse. daraus entsprach nicht dem europäischen Geschmack. Tatsäch-
Pflanzliches Lezithin erhöht die Fließfähigkeit, Vanille und gele- lich bedeutet xococ sauer oder herb. Erst das Versetzen mit Honig
gentlich auch Zimt runden das Aroma ab. Immer feinere Walz- oder Rohrzucker verhalf dem Kakao zur Akzeptanz.

D9K=J Kha]_]d

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\]kEYl]jaYdk

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Bei der Stereolithografie
r entsteht ein Modellhase aus
Monomeren eines lichtempfind-
lichen Kunststoffs. Ein Wischer ver-
teilt die Masse und sorgt so für \mj[`dkka_]
K]fchdYll]
eine glatte Oberfläche. Diese wird
von einem per Computer und einem
beweglichen Spiegel gesteuerten
Laser belichtet. Anschließend fährt
Retseck
die ausgehärtete Schicht nach un- nach
: George

ten, wird von Kunststoff bedeckt, / Siganim


; diese

den der Wischer wieder glatt der


Wissenschaft

streicht – die nächste Schicht kann : Spektrum

belichtet werden. Beide


Illustrationen

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · april 2007 41


Spiegelneuronen II

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Foto:
In Spektrum 3/2007 erschien Spiegelneuronen I: Spiegel im Gehirn

Der blinde Spiegel Autismus


Die Schädigung eines Neuronensystems, das die Aktionen ande-
rer widerspiegelt, ist vermutlich eine Ursache für Autismus.
Aus dieser Theorie könnten neue Methoden für Diagnose und
Therapie des rätselhaften Leidens hervorgehen.

Von Vilayanur S. Ramachandran und Entwicklungsstörung, unter der rund ronen. Da diese Neuronen offenbar an
Lindsay M. Oberman 0,5 Prozent aller Kinder leiden. Obwohl Fähigkeiten wie dem Einfühlungsvermö­

A
keiner der beiden Forscher von der Ar­ gen und dem Wahrnehmen der Inten­
uf den ersten Blick fällt einem beit des anderen wusste, gaben sie dem tionen anderer beteiligt sind, lag die
oft nichts Besonderes auf, Syndrom denselben Namen: Autismus, ­Vermutung nahe, eine Fehlfunktion des
wenn man einem Jungen mit nach dem griechischen Wort autos für Spiegelneuronensystems könnte manche
Autismus begegnet. Doch so­ selbst. Symptome des Autismus verursachen. In
bald man mit ihm zu reden versucht, Der Name passt gut, denn das auffäl­ den letzten Jahren haben mehrere Stu­
wird schnell klar, dass etwas ganz und ligste Merkmal ist eine starke Beein­ dien Indizien für diese Theorie erbracht.
gar nicht stimmt. Er meidet den Blick­ trächtigung des sozialen Interaktionsver­ Weitere Untersuchungen werden viel­
kontakt, zappelt unruhig herum, wiegt haltens – gleichsam ein totaler Rückzug leicht erklären, wie Autismus entsteht,
den Körper vor und zurück oder schlägt auf das eigene Selbst. Später haben Ärzte und somit den Ärzten bessere Diagnose-
sogar mit dem Kopf gegen die Wand. Zu den Begriff Autismusspektrumstörung und Behandlungsmethoden liefern.
einem normalen Gespräch ist ein Autist eingeführt, um zu verdeutlichen, dass
meist überhaupt nicht fähig. Obwohl er das Leiden viele Varianten mit höchst Rätselhafte Symptome
Gefühle wie Angst, Wut und Glück zu unterschiedlichem Schweregrad hat, de­ Als wichtigste Anzeichen gelten soziale
erleben vermag, fehlt es ihm an echtem nen aber gewisse charakteristische Symp­ Isolation, das Vermeiden von Blickkon­
Einfühlungsvermögen, und subtile sozi­ tome gemeinsam sind. takt, geringe Sprachkompetenz und feh­
ale Signale, welche die meisten Kinder Wodurch wird es verursacht? Die lendes Einfühlungsvermögen, doch au­
mühelos auffangen, entgehen ihm völlig. Forscher wissen, dass die Anlage dafür ßerdem treten andere, weniger bekannte
In den 1940er Jahren entdeckten der vererbbar ist, obwohl auch die Umwelt Symptome auf. Viele Autisten haben
amerikanische Psychiater Leo Kanner eine Rolle zu spielen scheint (siehe »Au­ Probleme mit dem Verstehen von Me­
und der österreichische Kinderarzt Hans tismus« von Patricia M. Rodier, Spek­ taphern und nehmen sie oft wörtlich.
Asperger unabhängig voneinander diese trum der Wissenschaft 5/2000, S. 56). Außerdem fällt es ihnen schwer, die
Seit Ende der 1990er Jahre untersuchen Handlungen anderer zu imitieren. Oft
Forscher an der Universität von Kalifor­ beschäftigen sie sich übertrieben mit
Kinder mit Autismus haben vielleicht nien in San Diego (U.C.S.D.), ob die Lappalien, ignorieren aber wichtige As­
l deshalb Schwierigkeiten, ihre Mit- Krankheit mit einer neu entdeckten Klas­ pekte ihrer Umgebung, insbesondere ih­
menschen zu verstehen, weil ihre Spiegel- se von Nervenzellen im Gehirn zusam­ rer sozialen Umwelt. Ebenso seltsam ist,
neuronen nicht richtig funktionieren. menhängt, den so genannten Spiegelneu­ dass sie oft eine extreme Abneigung ge­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 43


Spiegelneuronen II

gen bestimmte Geräusche haben, die sie das Innenleben ihrer Mitmenschen hi­ wenn der Affe nach einer Erdnuss greift,
ohne ersichtlichen Grund erschrecken. neinzuversetzen. Nach Frith und Baron- ein anderes, wenn er einen Hebel zieht,
Die Erklärungsansätze lassen sich in Cohen ermöglichen uns spezielle neuro­ und so weiter. Diese Gehirnzellen wer­
zwei Gruppen unterteilen: anatomische nale Schaltkreise im Gehirn, detaillierte den oft als Motoneuronen bezeichnet.
und psychologische. Eine dritte Gruppe Hypothesen darüber aufzustellen, was Wohlgemerkt steuert das Neuron, dessen
von Theorien, die einer lieblosen Kind­ im Kopf anderer Menschen vorgeht. Die­ Aktivität jeweils aufgezeichnet wird, den
heit die Schuld geben – Stichwort »Kühl­ se Hypothesen wiederum erlauben uns Arm nicht allein; es gehört vielmehr zu
schrankmutter« –, gilt heute als wider­ brauchbare Vorhersagen über das Verhal­ einem ganzen Schaltkreis, dessen Funk­
legt. Wie der Anatom Eric Courchesne ten anderer. tion anhand der Signale der einzelnen
von der U.C.S.D. und andere Forscher Frith und Baron-Cohen sind offen­ daran beteiligten Nervenzellen verfolgt
zeigen konnten, weist das Kleinhirn, das sichtlich auf der richtigen Spur, aber ihre werden kann.
für die Koordination komplexer willkür­ Theorie vermag die scheinbar unzusam­ Überraschenderweise wurden man­
licher Muskelbewegungen zuständig ist, menhängenden Symptome des Autismus che Motoneuronen auch dann aktiv,
bei autistischen Kindern charakteristi­ nicht vollständig zu erklären. Wer sagt, wenn der Affe bloß jemandem bei der­
sche Abnormitäten auf. Dennoch wäre dass Autisten nicht sozial interagieren selben Handlung zusah. Zum Beispiel
der Schluss voreilig, eine Schädigung des können, weil ihnen eine theory of mind feuerte ein Neuron, das an der Steuerung
Kleinhirns sei die einzige Ursache für fehlt, beschreibt eigentlich nur die des Griffs nach der Erdnuss beteiligt war,
Autismus. Wird das kindliche Kleinhirn Symptome mit anderen Worten. Die wenn der Affe beobachtete, dass ein Art­
durch einen Schlaganfall geschädigt, so Forscher müssen vielmehr diejenigen genosse dieselbe Bewegung ausführte.
Wie bildgebende Verfahren in der Folge
zeigten, gibt es diese so genannten Spie­
Spiegelneuronen erfüllen offenbar genau die Funktion, gelneuronen auch in entsprechenden Re­
gionen der menschlichen Hirnrinde.
die bei Autismus so schwer gestört ist Demzufolge senden Spiegelneuronen –
oder genauer gesagt die Netzwerke, de­
nen sie angehören – nicht nur moto­
beobachtet man normalerweise Muskel­ Hirnvorgänge identifizieren, die bei Au­ rische Befehle, sondern befähigen Affen
zittern, unsicheren Gang und abnorme tisten gestört sind. wie Menschen, die Intentionen anderer
Augenbewegungen – Symptome, die bei Einen entscheidenden Hinweis lie­ Individuen herauszufinden, indem sie
Autisten selten sind. Umgekehrt tritt bei ferte die Arbeit von Giacomo Rizzolatti deren Handlungen mental simulieren.
Patienten mit Kleinhirnschädigung kein und seinen Kollegen an der Universität Bei Affen beschränkt sich diese Gabe
einziges der für Autismus typischen Parma (Italien); sie untersuchten in den wahrscheinlich auf das Vorwegnehmen
Symptome auf. Vielleicht sind die bei 1990er Jahren die Nerventätigkeit im einfacher zielgerichteter Handlungen,
autistischen Kindern beobachteten Ver­ Gehirn von Makaken, während die Tiere aber beim Menschen könnten die Spie­
änderungen im Kleinhirn eher Nebenef­ zielgerichtete Handlungen ausführten gelneuronen die Fähigkeit entwickelt ha­
fekte abnormer Gene, die das Leiden auf (siehe »Spiegel im Gehirn« von Giacomo ben, komplexere Intentionen zu inter­
ganz andere Weise bewirken. Rizzolatti, Leonardo Fogassi und Vitto­ pretieren.
Die wohl klügste psychologische rio Gallese, Spektrum der Wissenschaft
Theorie haben Uta Frith vom University 3/2007, S. 48). Seit Jahrzehnten ist be­ Emotionale Ansteckung
College London und Simon Baron-Co­ kannt, dass bestimmte Neuronen im Wie sich später herausstellte, finden sich
hen von der Universität Cambridge auf­ prämotorischen Cortex – einem Teil des Spiegelneuronen auch in anderen Teilen
gestellt. Demnach sind Autisten vor Frontallappens – bei der Steuerung will­ der menschlichen Hirnrinde wie dem
allem unfähig, eine so genannte theory of kürlicher Bewegungen eine Rolle spie­ Gyrus cinguli und der Insel (Insula). Sie
mind zu konstruieren, das heißt, sich in len. Zum Beispiel feuert ein Neuron, spielen möglicherweise eine Rolle bei
emotionaler Ansteckung: Bei wachen
Versuchspersonen feuern manche Neu­
ronen im vorderen cingulären Cortex,

In Kürze die typischerweise auf Schmerz reagie­


ren, auch dann, wenn die Person jemand
anderen beobachtet, der offensichtlich
r  Da Spiegelneuronen offenbar für das Verstehen der Mitmenschen wichtig sind, unter Schmerzen leidet. Spiegelneuronen
könnte ein Defekt dieses neuronalen Systems einige Hauptsymptome des Autismus er­ könnten auch an der Nachahmung mit­
klären – zum Beispiel soziale Isolation und fehlendes Einfühlungsvermögen. wirken; Menschenaffen scheinen diese
r An Autisten lässt sich mangelnde Aktivität der Spiegelneuronen in mehreren Hirn­ Fähigkeit in rudimentärer Form zu besit­
arealen beobachten. Gezielte Therapien könnten diese Aktivität vielleicht wiederher­ zen, während sie beim Menschen am
stellen und einige Symptome abschwächen. deutlichsten auftritt. Die Gabe muss zu­
r Eine ergänzende Hypothese namens Salience-Landscape-Theorie erklärt sekun­ mindest teilweise angeboren sein: An­
däre Symptome wie Überempfindlichkeit durch die Unfähigkeit von Autisten, Wich­ drew Meltzoff von der Universität Wa-
tiges von Unwichtigem zu unterscheiden. shington hat gezeigt, dass ein neugebo­
renes Baby, dem man die Zunge zeigt,

44  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


dasselbe tut. Da das Baby seine eigene logramm (EEG) ausreicht, das die Hirn­ schwer gestörte Kinder schienen uns für
Zunge nicht zu sehen vermag, kann es wellen der Kinder über äußere Messfüh­ diese Studie nicht geeignet, weil wir
diese Fähigkeit nicht durch visuelles ler aufzeichnet. Wie Hirnforscher seit Effekte ausschließen wollten, die bloß
Feedback und Fehlerkorrektur gelernt über einem halben Jahrhundert wissen, von Aufmerksamkeitsdefiziten, Verständ­
haben. Stattdessen muss es im Gehirn wird eine Komponente des EEG, die so nisproblemen oder allgemeiner Entwick­
des Kindes einen fertigen Mechanismus genannte My-Welle (sprich mü, nach lungsverzögerung herrührten.
geben, der das Erscheinungsbild der dem griechischen Buchstaben μ), jedes Das EEG des autistischen Kindes
Mutter – ob sie nun gerade die Zunge Mal unterdrückt, wenn eine Person eine zeigte eine beobachtbare My-Welle, die
herausstreckt oder breit lächelt – auf die willkürliche Muskelbewegung ausführt – unterdrückt wurde, wenn es eine ein­
Motoneuronen abbildet. zum Beispiel ihre Hand öffnet und fache Bewegung ausführte – genau wie
schließt. Interessanterweise wird diese bei einem Gesunden. Wenn das Kind je­
Unterdrückte Hirnwellen Komponente auch dann blockiert, wenn doch jemand anderen beim Ausführen
Auch die kindliche Sprachentwicklung die Person einer anderen bei der gleichen der Handlung beobachtete, trat die Un­
erfordert eine gewisse Abbildung zwi­ Handlung zusieht. Einer von uns (Ra­ terdrückung nicht auf. Daraus schlossen
schen Hirnarealen. Um die Worte von machandran) und Altschuler hatten wir, dass zwar das motorische Befehlssys­
Vater oder Mutter zu imitieren, muss das daher die Idee, die Unterdrückung der tem des Kindes funktionierte, nicht aber
Gehirn des Kindes auditive Signale, die My-Wellen könnte einen simplen, nicht- sein Spiegelneuronensystem. Dieses Re­
in den Hörzentren der Schläfenlappen invasiven Zugang zur Aktivität der sultat, das unsere Hypothese überzeu­
verarbeitet werden, in verbalen Output Spiegelneuronen liefern. gend bestätigte, präsentierten wir im
des motorischen Cortex umwandeln. Wir beschlossen, unsere ersten Expe­ Jahr 2000 beim Jahrestreffen der Society
Zwar ist noch nicht bekannt, ob Spie­ rimente auf ein »hochfunktionales« au­ for Neuroscience.
gelneuronen an diesem Vorgang direkt tistisches Kind – das heißt auf eines ohne Freilich darf man einen Einzelfall
beteiligt sind, aber offensichtlich muss schwere kognitive Behinderungen – zu nicht verallgemeinern. Darum führten
ein analoger Prozess stattfinden. Und konzentrieren. Sehr kleine, kognitiv wir später eine systematische Serie von
schließlich brauchen Menschen vermut­
lich die Spiegelneuronen, um sich selbst
mit den Augen anderer zu sehen – eine Die Anatomie des Autismus
Voraussetzung für Selbstbewusstsein und
Introspektion. Autisten zeigen reduzierte Aktivität der Spiegelneuronen in der unteren Stirn­
Was hat all dies mit Autismus zu hirnwindung (Gyrus frontalis inferior), einem Teil des prämotorischen Cortex. Das er­
tun? In den späten 1990er Jahren be­ klärt vielleicht ihre Unfähigkeit, die Absichten anderer zu verstehen. Defekte Spiegel­
merkte unser Team an der U.C.S.D., neuronen in der Insel und dem vorderen Gyrus cinguli könnten verwandte Symptome
dass Spiegelneuronen anscheinend just verursachen, etwa fehlendes Einfühlungsvermögen. Defekte im Gyrus angularis führen
die Funktionen ausüben, die bei Autis­ möglicherweise zu Sprachstörungen. Bei Autisten treten außerdem strukturelle Verän­
mus gestört sind. Wenn das Spiegelneu­ derungen im Kleinhirn und im Stammhirn auf.
ronensystem tatsächlich an der Interpre­
tation von komplexen Intentionen mit­ untere Stirnhirnwindung: vorderer Cortex cinguli: Gyrus angularis:
wirkt, sollte ein Zusammenbruch dieses Steuern von Bewegungen Regeln von Empathie Sprachverständnis
und Einschätzen und anderen Emotionen und Kombinieren
neuronalen Schaltkreises das auffälligste von Intentionen von Sinneszellen
Defizit von Autisten erklären: fehlende
soziale Kompetenz. Auch andere Haupt­
symptome wie fehlende Empathie,
Sprachstörungen oder schlechtes Imitie­
ren würde man erwarten, wenn die Spie­
gelneuronen nicht funktionieren. An­
drew Whittens Gruppe an der Univer­sity
of St Andrews (Schottland) kam unge­
fähr gleichzeitig mit uns auf diese Idee,
aber die ersten experimentellen Indizien
lieferte unser Labor zusammen mit Eric
L. Altschuler und Jamie A. Pineda von
alle Infografiken des Artikels: Lucy Reading-Ikkanda

der U.C.S.D.
Um die Fehlfunktion der Spiegelneu­
ronen bei autistischen Kindern zu zei­
gen, mussten wir einen Weg finden, die
Aktivität der Nervenzellen abzuleiten,
ohne Elektroden im Gehirn zu platzie­
Insel:
ren, wie Rizzolatti und seine Kollegen beteiligt an Reaktionen
das bei ihren Affen getan hatten. Wir er­ auf Schmerz und Ekel Stammhirn Kleinhirn
kannten, dass dafür ein Elektroenzepha­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 45


Spiegelneuronen II

Aufschlussreiche My-Wellen
Um das Spiegelneuronensystem bei Autisten zu untersu- quenzspitze bei 8 bis 13 Hertz erscheint. Die Forscher verglichen
chen, nutzten Forscher die Beobachtung, dass beim Feuern von die My-Wellen von autistischen Kindern mit denen einer Kontroll­
Neuronen im prämotorischen Cortex die so genannten My-Wellen gruppe, während die Probanden willkürliche Muskelbewegungen
unterdrückt werden. Dabei handelt es sich um eine Komponente ausführten und dann dieselben Aktionen auf einem Bildschirm be­
der Hirnaktivität, die im Elektroenzephalogramm (EEG) als Fre­ trachteten.

Aktives Handeln
Motoneuronen feuern immer dann, wenn eine Person eine willkürliche Muskelbewegung aus­
führt. Alle Versuchspersonen wurden aufgefordert, die rechte Hand zu öffnen und zu schließen.
Wie erwartet unterdrückte diese Handlung die Amplitude der My-Wellen – sowohl bei den
Kindern mit Autismus als auch bei den Kontrollprobanden.

vor der Muskelbewegung


relative Amplitude

Öffnen und Schließen


der Hand
während der Muskelbewegung

0 10 20 30 40 50
Frequenz der Hirnwellen in Hertz

Kinder mit Autismus Öffnen und Schließen


der Hand im Video
relative Amplitude

Kontrollprobanden

0 10 20 30 40 50
Frequenz der Hirnwellen in Hertz

Beobachtetes Handeln
Die Spiegelneuronen im prämotorischen Cortex feuern normalerweise auch dann, wenn eine
Person einer anderen beim Ausführen einer Handlung zusieht. Die Forscher führten EEG-
­Messungen der Hirnaktivität durch, während die Testpersonen einen Bildschirm betrachteten,
auf dem sich eine Hand öffnete und schloss. Die My-Wellen der Kontrollprobanden wurden
unterdrückt (rot), doch die der autistischen Kinder nicht (blau). Dieser Befund zeigt, dass das
Spiegelneuronensystem der autistischen Kinder defekt ist.

46  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Experimenten durch, wobei zehn hoch­ Um Metaphern zu verstehen, muss Verarbeiten visueller, auditiver und hap­
funktionale Testpersonen mit Autismus­ man fähig sein, für vordergründig un­ tischer Information erfordert. Daraus
spektrumstörung einer zehnköpfigen ähnliche Dinge einen gemeinsamen ging schließlich wohl die Fähigkeit her­
Kontrollgruppe passenden Alters und Nenner zu finden. Nehmen wir den vor, Metaphern zu bilden. Die Spiegel­
Geschlechts gegenüberstanden. Wir sa­ Buba-Kiki-Effekt, den der deutsch-ame­ neuronen erlauben dem Menschen, nach
hen die erwartete Unterdrückung der rikanische Psychologe Wolfgang Köhler den Sternen zu greifen, nicht nur nach
My-Wellen, wenn die Kontrollprobanden vor gut sechzig Jahren entdeckte. Der Erdnüssen.
ihre Hand bewegten – und wenn ihnen Versuchsleiter zeigt Testpersonen zwei Die Entdeckung des Zusammen­
per Video eine sich bewegende Hand grob skizzierte Formen, eine gezackte hangs zwischen Spiegelneuronen und
vorgeführt wurde. Hingegen zeigten die und eine runde, und fragt: »Welche ist Autismus eröffnet neue Möglichkeiten
EEGs der Autisten die My-Unterdrü­ Buba und welche Kiki?« Unabhängig für Diagnose und Therapie. Zum Bei­
ckung nur, wenn sie die eigene Hand be­ von der Sprache der Probanden wählen spiel könnten Ärzte die fehlende Unter­
wegten. 98 Prozent für die runde Form Buba drückung der My-Wellen – oder die Un­
Andere Forscher haben unsere Er­ und für die gezackte Kiki. fähigkeit, eine Mutter beim Zungezeigen
gebnisse mit unterschiedlichen Tech­ zu imitieren – verwenden, um Autismus
niken zur Beobachtung der Nerventä- Buba klingt rund, Kiki wirkt spitz schon im frühesten Kindesalter zu dia­
tigkeit bestätigt. Ein Team um Riitta Offenbar vermag das menschliche Ge­ gnostizieren und möglichst rasch mit
Hari von der Technischen Hochschule hirn abstrakte Eigenschaften von For­ Verhaltenstherapie zu beginnen. Der frü­
Helsinki (Finnland) fand Spiegelneu­ men und Klängen zu abstrahieren – zum he Zeitpunkt ist dabei entscheidend,
ronendefizite bei autistischen Kindern Beispiel die Gezacktheit, die sowohl von denn Verhaltenstherapie wirkt viel weni­
mit Hilfe der Magnetenzephalografie, der spitzigen Zeichnung als auch vom ger, wenn erst nach Auftreten der Haupt­
welche die von elektrischen Strömen im zackig klingenden Kiki verkörpert wird. symptome – meist im Alter zwischen
Gehirn erzeugten Magnetfelder misst. Wie wir vermuten, hat dieses Abbilden zwei und vier – damit begonnen wird.
Kürzlich zeigte Mirella Dapretto von der zwischen unterschiedlichen Sinnesberei­ Eine noch interessantere Möglich­
Universität von Kalifornien in Los An­ chen etwas mit Metaphern zu tun und keit, um wenigstens die Symptome zu
geles mittels funktioneller Magnetreso­ setzt neuronale Schaltkreise von der Art lindern, wäre Biofeedback. Ärzte würden
nanztomografie bei Autisten eine gerin­ des Spiegelneuronensystems voraus. Tat­ dabei die My-Wellen eines autistischen
gere Aktivität der Spiegelneuronen im sächlich stellten wir fest, dass autistische Kindes ableiten und ihm auf einem Bild­
präfrontalen Cortex. Hugo Théoret von Kinder beim Buba-Kiki-Test schlecht ab­ schirm vorführen. Falls die Funktion
der Universität von Montreal (Kanada) schneiden: Sie stellen keinen Bezug zwi­ der Spiegelneuronen nicht komplett ver­
nutzte die transkranielle Magnetstimula­ schen Formen und Klängen her. loren ist, sondern nur ruht, könnte das
tion, bei der elektrische Ströme im mo­ Doch welcher Teil des menschlichen Kind sie wiederbeleben, indem es –
torischen Cortex induziert werden, um Gehirns ist zuständig für diese Fähigkeit? durch Versuch und Irrtum und visuelles
Muskelbewegungen auszulösen. Wäh­
rend bei den Kontrollprobanden die
induzierten Handbewegungen ausge­ Wir fanden überzeugende Indizien, dass bei Autisten
prägter wurden, wenn sie Videos dersel­
ben Gesten betrachteten, war dieser die Spiegelneuronen nicht richtig funktionieren
Effekt bei den autistischen Testpersonen
viel schwächer.
Alles in allem liefern diese Ergebnisse Als wahrscheinlicher Kandidat bietet Feedback – lernt, die My-Wellen auf
überzeugende Indizien dafür, dass bei sich der Gyrus angularis an. Er sitzt dem Bildschirm zu unterdrücken. Unser
Autisten das Spiegelneuronensystem nicht nur strategisch günstig an der Kollege Pineda verfolgt diesen Ansatz,
nicht richtig funktioniert. Noch ist unbe­ Kreuzung zwischen den Zentren für Se­ und seine vorläufigen Ergebnisse sehen
kannt, welche genetischen und umwelt­ hen, Hören und Tastempfindung, son­ recht viel versprechend aus. Allerdings
bedingten Risikofaktoren die Entwick­ dern auch an einer Stelle, wo Nerven­ sollten solche Therapien die traditionelle
lung von Spiegelneuronen hemmen, aber zellen nachgewiesen wurden, die wie Verhaltenstherapie nicht ersetzen, son­
viele Forscherteams verfolgen nun diese Spiegelneuronen funktionieren. Als wir dern ergänzen.
Hypothese, weil sie Symptome – auch nichtautistische Personen mit Schädi­ Ein anderer Therapieansatz sucht
weniger bekannte – zu erklären vermag, gungen in diesem Hirnareal unter­ chemische Ungleichgewichte zu korrigie­
die ausschließlich bei Autismus vorkom­ suchten, fanden wir heraus, dass viele ren, welche die Spiegelneuronen lähmen.
men. Forscher wissen zum Beispiel seit beim Buba-Kiki-Test versagen und auf­ Wie unsere Gruppe – mit den Studenten
Langem, dass autistische Kinder oft fallend schlecht Metaphern verstehen – Mikhi Horvath und Mary Vertinsky –
Sprichwörter oder Metaphern missverste­ genau wie Autisten. annimmt, verstärken spezielle Neuromo­
hen. Wenn wir zu einem Probanden Vermutlich hat sich das Abbilden dulatoren die Aktivität von Spiegelneu­
sagten: »Halte dich zurück!«, nahm er zwischen unterschiedlichen Sinnesberei­ ronen, die an emotionalen Reaktionen
das wörtlich und fasste sich an den Kör­ chen ursprünglich entwickelt, um den beteiligt sind. Nach dieser Hypothese
per. Obwohl das Phänomen nicht bei al­ Primaten komplexe motorische Aufga­ könnte ein Mangel an solchen Substan­
len Kindern mit Autismus vorkommt, ben zu erleichtern, etwa das Hangeln zen das bei Autismus fehlende Einfüh­
schreit es nach einer Erklärung. von Ast zu Ast, das ein äußerst rasches lungsvermögen erklären. Darum sollten

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 47


Spiegelneuronen II

Forscher nach Verbindungen fahnden, Bewegungen, Vermeiden von Blickkon­ rischen Hirnarealen verarbeitet worden
die das Ausschütten der Neuromodula­ takt sowie Überempfindlichkeit, insbe­ ist, wandert sie zum Mandelkern (Amyg­
toren stimulieren oder ähnlich auf Spie­ sondere gegen bestimmte Geräusche. Um dala), der Pforte zum limbischen System,
gelneuronen wirken. Ein Kandidat ist diese Sekundärsymptome zu deuten, hat das die Emotionen steuert. Der Mandel­
MDMA, besser bekannt als Ecstasy; es unsere Gruppe – zusammen mit William kern nutzt gespeichertes Wissen, um zu
fördert bekanntlich emotionale Nähe Hirstein vom Elmhurst College (US- bestimmen, wie die Person emotional re­
und Verständigung. Vielleicht gelingt es, Bundesstaat Illinois) und Portia Iversen agieren soll – zum Beispiel mit Furcht
aus der Partydroge ein unschädliches von »Cure Autism Now«, einer gemein­ beim Anblick eines Einbrechers, mit Be­
und wirksames Medikament zu entwi­ nützigen Stiftung in Los Angeles – die gierde angesichts eines Liebhabers oder
ckeln, das wenigstens einige Symptome so genannte »Salience-Landsape-Theorie« gleichgültig, wenn die Person etwas Un­
des Autismus lindert. entwickelt (etwa: Theorie der Wichtig­ bedeutendes sieht. Von der Amygdala ge­
Solche Therapien können freilich nur keitslandschaft). langen Signalkaskaden zum übrigen lim­
eine gewisse Erleichterung bieten, denn Die Umwelt konfrontiert den Men­ bischen System und erreichen schließlich
andere Symptome lassen sich nicht mit schen mit einer überwältigenden Menge das vegetative Nervensystem, das den
der Spiegelneuronenhypothese erklären – unterschiedlichster Sinnesdaten. Nach­ Körper auf Aktionen vorbereitet. Stellt
zum Beispiel ständiges Wiederholen von dem die Informationsflut in den senso­ der Mensch zum Beispiel einen Einbre­
cher, so beschleunigt sich sein Puls und
der Körper beginnt zu schwitzen, um
Die Salience-Landscape-Theorie die durch Muskelanspannung erzeugte
Wärme abzuleiten. Die vegetative Erre­
Um gewisse sekundäre Autismussymptome zu erklären – Überempfindlichkeit, gung wird wiederum dem Gehirn rück­
Vermeiden von Blickkontakt, Abneigung gegen bestimmte Geräusche –, wurde die so gemeldet, das die emotionale Reaktion
genannte Salience-Landscape-Theorie entwickelt. Bei einem gesunden Kind wandern verstärkt. Mit der Zeit erzeugt der Man­
die Sinnesdaten zum Mandelkern, dem Tor zum limbischen System, das Emotionen ver­ delkern eine Art Wichtigkeitslandschaft –
arbeitet. Der Mandelkern nutzt gespeichertes Vorwissen, um zu bestimmen, wie das eine Karte, welche die emotionale Be­
Kind emotional auf jeden Reiz reagieren soll. Auf diese Weise entsteht eine Art Wich­ deutsamkeit jedes Vorgangs in der indivi­
tigkeitslandschaft (salience landscape) der kindlichen Umwelt. Doch bei Kindern mit duellen Umwelt detailliert wiedergibt.
Autismus sind die Verbindungen zwischen den sensorischen Arealen und dem Mandel­ Unser Team fragte sich nun, ob diese
kern offenbar verändert; darum reagieren Autisten auf unbedeutende Ereignisse oder Karte bei autistischen Kindern verzerrt
Objekte mit extremen Emotionen. ist. Vielleicht sind Verbindungen zwi­
schen den Arealen der Hirnrinde, die
Sinnesdaten verarbeiten, und dem Man­
gesundes Kind autistisches Kind delkern gestört oder Nervenbahnen zwi­
Sehrinde Mandelkern schen den limbischen Strukturen und
den Frontallappen, die letztlich das Ver­
halten steuern. Infolge dieser Verbin­
Sinnesdaten dungsdefekte könnte jedes belanglose
werden zum
Mandelkern Ereignis oder Objekt im Geist des Kin­
Die veränder-
geleitet.
te Verbindung
des eine extreme emotionale Reaktion –
Das Kind zeigt zwischen Sehrinde einen vegetativen Sturm – auslösen. Die­
eine angemessene und Mandelkern se Hypothese würde erklären, warum
emotionale verzerrt die
Reaktion des solche Kinder nicht nur Blickkontakte
Reaktion.
Kindes. meiden, sondern jede neue Empfindung:
weil sie einen seelischen Aufruhr auszu­
Der Mandelkern
alarmiert das lösen droht. Gestörte Wahrnehmung des
vegetative emotionalen Stellenwerts könnte auch
Nervensystem, der Grund sein, warum viele dieser Kin­
Herz beschleunigt
Herz den Puls. der sich intensiv mit Zugfahrplänen und
schlägt schlägt
normal. anderen Kleinigkeiten abgeben, während
schneller. Das Kind sieht sie für all die Dinge, welche die meisten
weg, um die
Bedrängnis zu Kinder faszinieren, keinerlei Interesse
reduzieren. zeigen.
Eine gewisse Stütze für unsere Hypo­
these lieferten die vegetativen Reaktio­
nen einer Gruppe von 37 autistischen
Kindern, bei denen wir den Anstieg der
Hautleitfähigkeit durch Schwitzen ma­
ßen. Im Gegensatz zur Kontrollgruppe
war bei ihnen das Gesamtniveau der
vegetativen Erregung höher. Die Autis­

48  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


ten erregten sich vor allem, wenn sie mit
unwichtigen Dingen und Ereignissen
konfrontiert wurden, ignorierten jedoch
häufig Reize, die in der Kontrollgruppe
die erwarteten Reaktionen auslösten.
Wodurch wird die Wichtigkeitsland­
schaft eines Kindes derart verzerrt? Wie
man weiß, hat fast jeder dritte Autist in
früher Kindheit eine Schläfenlappen-
Epilepsie erlitten – und da epileptische
Anfälle oft unentdeckt bleiben, kommt
wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer
hinzu. Die Krampfanfälle könnten durch
die wiederkehrenden Salven zufälliger
Nervenimpulse, die das limbische Sys­
Autismus ergeben. Hirstein entwickelt
derzeit ein tragbares Gerät, das die Haut­
leitfähigkeit eines autistischen Kindes
misst. Wenn das Gerät vegetative Erre­
gung entdeckt, aktiviert es eine Art
Druckweste, die sich sanft um den Kör­
per des Kindes zusammenzieht und ei­
nen beruhigenden Druck ausübt.
Unsere beiden Hypothesen zur Er­
klärung der Symptome – Störung der
Spiegelneuronen und verzerrte Wichtig­
keitslandschaft – müssen einander nicht
widersprechen. Dasselbe Ereignis, das
die emotionalen Prioritäten eines Kindes
durcheinanderbringt – gestörte Verbin­
@
wichtigeonlineadressen

Datenauswertung und Messtechnik


tem durchschießen, schließlich die Ver­ dungen zwischen limbischem System Sensoren, Verstärker, USB-Messkarten
bindungen zwischen der Sehrinde (visu­ und übrigem Gehirn – schädigt viel­ Messprogramme, Auftragsmessungen
ellem Cortex) und dem Mandelkern leicht auch die Spiegelneuronen. Umge­ Instrumentierung von Prüfständen
durcheinanderbringen, indem sie man­ kehrt könnten die veränderten lim­ www.alles-messen.de
che Verbindungen verstärken und ande­ bischen Verbindungen auch eine Neben­
re schwächen. wirkung derselben Gene sein, welche die Der Ambulante Bibliotheksservice
Defekte im Spiegelneuronensystem ver­ Inventarisierung, Katalogisierung
Wissen nutzen können !
Lässt sich die autistische ursachen. Weitere Experimente sind nö­
www.AraDet.de
Erregung dämpfen? tig, um diese Mutmaßungen strengen
Bei Erwachsenen führt Schläfenlappen- Tests zu unterwerfen. Die tiefste Ursache Dipl.-Ing. Runald Meyer VDI
Epilepsie zu ausufernden emotionalen des Autismus muss erst noch entdeckt Entwicklung, Konstruktion, Technische
Störungen, ohne die kognitiven Fähig­ werden. Bis dahin liefern unsere Speku­ Berechnung, Strömungsmechanik
keiten radikal zu beeinträchtigen; doch lationen einen brauchbaren Rahmen für www.etastern.de
bei Kindern richten die Anfälle vielleicht künftige Forschung.
größeren Schaden an. Wie am Autismus DOK – Düsseldorfer Optik-Kontor
scheinen auch am Risiko einer Schläfen­ Kontaktlinsen online bestellen
lappen-Epilepsie in früher Kindheit so­ www.dok.de
Vilayanur S. Ramachan­
wohl genetische als auch Umweltfak­ dran ist Direktor des
toren beteiligt zu sein. Beispielsweise Center for Brain and Co- Kernmechanik –
gni­tion an der Universi- Optimiertes Modell:
könnten einige Gene anfälliger für Vi­
tät von Kalifornien in Kernspin + Dipolmomente
rusinfektionen machen – und diese wie­ San Diego. Er promovierte www.kernmechanik.de
derum für epileptische Anfälle. in Neurowissenschaften
Unsere Befunde über vegetative Re­ an der Universität Cam­ Prometheus Wissenschaftsfernsehen:
A u t o r e n u n d L it e r at u r h i n w e is e

aktionen erklären möglicherweise die bridge. Er erforschte Livestream in TV-Qualität


nicht nur die Verbindung
alte klinische Beobachtung, dass hohes zwischen Autismus und
Tägliche Wissenschaftsnachrichten,
Fieber manchmal die Symptome von Spiegelneuronen, son­ V-Tipps, TV-Tipps, Reportagen und Dokus
Autismus vorübergehend abschwächt. dern auch Phantomschmerzen und Syn­ www.prometheus.tv
Das vegetative Nervensystem ist an der ästhesien. Lindsay M. Oberman ist seit
Steuerung der Körpertemperatur betei­ 2002 Doktorandin in Ramachandrans Consulting für EU-Forschungsanträge
ligt; da Fieber anscheinend von densel­
Team. im 7. Rahmenprogramm
Energietechnik, Oberflächen,
ben neuronalen Bahnen reguliert wird
Superisolationen, num. Modellierung
wie die autistische Aufregung, vermag es A brief tour of human consciousness. www.haraldreiss.de
sie vielleicht zu dämpfen. Neuauflage. Von Vilayanur S. Ramachan-
Möglicherweise könnte die Salience- dran. Pi Press, 2005
Zahnimplantate Krefeld-Zentrum
Landscape-Theorie auch begründen, wa- EEG evidence for mirror neuron dysfunc­ Einzelzahnversorgung ab 1000,– Euro
rum autistische Kinder Bewegungen ste­ tion in autism spectrum disorders. Von www.michael-eichbaum.de
reotyp wiederholen oder den Kopf gegen Lindsay M. Oberman et al. in: Cognitive
Brain Research, Bd. 24, S. 190, 2005
die Wand schlagen. Dieses Verhalten, so
genannte Selbststimulation, dämpft ir­ Autonomic responses of autistic children Hier können Sie den Leserinnen und Lesern von Spektrum
gendwie die vegetativen Unwetter im to people and objects. Von William Hir- der Wissenschaft Ihre WWW-Adresse mitteilen. Für € 83,00
stein, Portia Iversen und V. S. Ramachan- pro Monat (zzgl. MwSt.) erhalten Sie einen maximal fünf­
Kopf des Kindes. Wir fanden, dass
dran in: Proceedings of the Royal Socie­ zeiligen Eintrag, der zusätzlich auf der Internetseite von
Selbststimulation nicht nur beruhigend ty of London B, Bd. 268, S. 1883, 2001 Spektrum der Wissenschaft erscheint. Mehr Informationen
wirkt, sondern auch die Hautleitfähig­
Weblinks zu diesem Thema finden Sie un­ dazu von
keit messbar reduziert. Daraus könnte ter www.spektrum.de/artikel/866414
sich eine Therapie für Symptome des GWP media-marketing
Mareike Grigo
Telefon 0211 61 88-579
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007
E-Mail: m.grigo@vhb.de
MEERESÖKOLOGIE

NASA, Visible Earth


Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Neuer Atem für


marine Todeszonen
Ganze Küstenabschnitte im Meer werden durch menschliche
Aktivitäten verwüstet, vor allem durch Abwässer aus ­
Industrie und Landwirtschaft. Gibt es Chancen, diese Bereiche
wieder neu zu beleben?

Von Laurence Mee etwa 40 000 Quadratkilometer aus – ein Meeresforscher führen heute die Ent­

M
Gebiet von der Größe der Schweiz. Auf stehung der meisten Todeszonen auf ein
an stelle sich einen Strand der anderen Seite des Globus, im Golf Phänomen zurück, das Eutrophierung
vor, überfüllt mit Bade­ von Mexiko, nahe der Mississippimün­ genannt wird. Darunter versteht man die
gästen, welche die heiße dung, bildete sich in der Mitte der Überdüngung von Meeren mit Nährstof­
Sommersonne genießen. 1970er Jahre eine ähnliche Todeszone, fen, die das Wachstum von Pflanzen för­
Doch während im flachen Wasser Kin­ die bis zu 21 000 Quadratkilometer dern – das sind hauptsächlich solche, die
der nach Muschelschalen und anderen überdeckte. In den letzten 20 Jahren Stickstoff und Phosphat enthalten.
Schätzen suchen, treiben sterbende oder wurden in der Nähe von Meeresküsten Eine gewisse Menge dieses Düngers
tote Tiere an die Küste: anfangs nur ein und Flussmündungen immer wieder sol­ ist für das Wohlergehen des Phytoplank­
paar Fische im Todeskampf, dann bald che toten oder verödeten Gebiete beob­ tons durchaus notwendig – insbesondere
stinkende Haufen verrottender Krebse, achtet (siehe Karte S. 52). für freischwimmende Algen und andere
Muscheln und anderes Getier. Von pa­ Seit ich in den frühen 1990er Jahren Photo­syn­these betreibende Organismen,
nischen Schreien ihrer Kinder alarmiert, meinen ersten Artikel über die ökolo­ die im Meer am unteren Ende der Nah­
zerren verängstigte Eltern ihren Nach­ gische Krise im Schwarzen Meer schrieb, rungskette stehen. Auch Seegräser und
wuchs vom Wasser weg. Zugleich tau­ suche ich nach den Gründen solcher Algen, die auf dem Grund von Flach­
chen am Horizont Boote auf, in denen Zerstörungen. Wie kann man sie verhin­ meeren wachsen, profitieren davon.
frustrierte Fischer mit leeren Netzen in dern? Wie könnten solche Gebiete wie­ Zu viele dieser Nährstoffe im licht­
den Hafen zurückkehren. derbelebt werden? Einigen Kollegen ge­ durchfluteten Wasser lassen allerdings
Diese Szene stammt nicht etwa aus lang es, Prozesse zu identifizieren, die Pflanzen allzu sehr wuchern, führen zu
einem schlechten Horrorfilm. In den küstennahe Ökosysteme veröden lassen, verheerenden Algenblüten und anderen
1970er und 1980er Jahren kam es in und Maßnahmen zu entwickeln, mit de­ unerwünschten Effekten. Die Pflanzen
mehreren rumänischen und ukrainischen nen sie renaturiert werden könnten. treten in die Nahrungskette ein, wenn
Badeorten am Schwarzen Meer immer
wieder zu ähnlichen Zwischenfällen.
Fachleute schätzen, dass während dieser
Zeit 60 Millionen Tonnen von am Bo­
den lebenden Meerestieren (auch Ben­
thos genannt) an Hypoxie eingingen. Mit den toten Fischen, die in den
Hypoxie bedeutet, dass das Meerwasser r 1970er Jahren im Bereich der Donau-
in diesen Gebieten so wenig Sauerstoff mündung an die Küste des Schwarzen Meers
enthält, dass dort höchstens noch Bakte­ trieben, bekamen Forscher die ersten Hin-
rien überleben können. weise auf eine ökologische Todes­zone. In
Auf dem Höhepunkt der Krise im der Satellitenaufnahme (links) vom Jahr
Jahr 1990 breitete sich diese Todeszone 2000 sind im Westen deutlich Algenblüten
Radu Mihnea

im Nordwestteil des Schwarzen Meers, erkennbar, Beleg für erhebliche Nährstoff­


meerseitig der Donaumündung, über zufuhr aus der Donau.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 51


MEERESÖKOLOGIE

Ostsee

Küste von Schwarzes Meer


Oregon

Chesapeake Bay
Seto-Inlandsee

Golf von Mexiko

NASA, Visible Earth, nach: UNEP und GEO Jahrbuch 2003


Sauerstoffabbau
ganzjährig
periodisch (oft jährlich)
gelegentlich

sie von winzigen Meerestieren, dem Zoo­ nenlicht abbekommen. Seegräser, die in ohnehin schon sauerstoffarmen Meeres­
plankton, Pflanzen fressenden Fischen flachen Buchten siedeln, werden dann boden.
oder filtrierenden Bodentieren wie Mies­ von kleinen Algen bedeckt, woran sie Ins Wasser gelangt der Sauerstoff ent­
muscheln und Austern gefressen werden. letztendlich ersticken. Algen können weder als Produkt der Photosynthese von
Auch wenn sie sterben, verrotten, auf auch Korallenriffe besiedeln, besonders Wasserpflanzen oder direkt aus der Luft
den Boden sinken, von Bakterien zer­ dann, wenn durch Überfischung gerade durch physikalische Diffusion. Sobald der
setzt und schließlich Teil des Meeresbo­ die Organismen dezimiert wurden, die Meeresgrund mit toten Algen bedeckt ist
dens werden, sind sie Teil des Lebenszyk­ sonst die Algen abfressen. und starke Dichteunterschiede in ver­
lus. Von dieser organischen Substanz schiedenen Wassertiefen verhindern, dass
können sich wiederum andere Tiere wie Zu viele Planktonblüten sich das Wasser mit sauerstoffreicherem
Würmer, Garnelen oder Fische ernähren. Vermehren sich Phytoplankton und Auf­ Oberflächenwasser mischt, kann der Sau­
Normalerweise wird die Menge des sitzerpflanzen (fachlich: Epiphyten), so erstoff am Boden schnell aufgezehrt sein.
Phytoplanktons begrenzt durch das Licht­ erschwert das zunehmend anderen Mee­ Damit sterben alle dort lebenden Tierge­
angebot, verfügbare Nährstoffe und Ab­ resorganismen das Leben. Doch noch meinschaften ab. (Dichtegradienten kön­
weidung. Reichern sich im Wasser Stick­ bedrohlicher wird es, wenn in boden­ nen sich durch Unterschiede in der Tem­
stoff und Phosphat an, so vermehren sich nahen Wasserschichten der Sauerstoff­ peratur oder im Salzgehalt bilden.) Diese
die kleinen photosynthetisch aktiven gehalt sinkt. Dieser reduziert sich, wenn grundlegende Abfolge – Planktonblüte
­Organismen in großem Maßstab. Wu­ dort Bakterien in größerem Umfang or­ durch Eutrophierung, erhöhte bakterielle
cherndes Phytoplankton färbt das Wasser ganisches Material zersetzen, das sich Aktivität am Meeresboden, Sauerstoff­
braun oder grün, mit der Folge, dass alle durch Überdüngung gebildet hat. Die schwund mit Pflanzen- und Tiersterben –
am Meeresboden lebenden Pflanzen bald meisten dieser toten pflanzlichen und haben Wissenschaftler in fast allen Todes­
im Schatten stehen und zu wenig Son­ tierischen Organismen sammeln sich am zonen registriert.
Details hängen von den örtlichen bi­
ologischen und physikalischen Verhältnis­

In Kürze
sen ab. Auch spielt der Nährstoffeintrag
vom Land eine Rolle. Gering durch­
mischte Flussmündungen etwa (so ge­
r  Wo Pflanzennährstoffe über Flüsse ins Meer gelangen, vernichten sie in flachen nannte Ästuare) leiden besonders unter
Küstenzonen der ganzen Erde alles Leben. Es entstehen so genannte Todeszonen. Überdüngung, weil eine langsame Strö­
r Dünger führt zur Vermehrung von mikroskopisch kleinen, nahe der Wasserober­ mung dem Bodenwasser nur wenig Sau­
fläche schwimmenden Pflanzen. Das blockiert für die Pflanzen am Meeresboden das erstoff zuführt. In großen Flussmün­
Sonnenlicht, eine große Menge an totem organischem Material sammelt sich am Mee­ dungen an der Ostküste der USA (wie
resboden. Bakterien, die dieses Material zersetzen, verbrauchen den in Boden­nähe der Chesapeake Bay) mangelt es deswe­
vorhandenen Sauerstoff, und alle tierischen Organismen sterben ab. gen ständig an Sauerstoff.
r  Marine Ökosysteme lassen sich renaturieren – jedoch nur, wenn die Nährstoffe aus Überschüsse von Stickstoff oder Phos­
Land- und Abfallwirtschaft drastisch reduziert werden und die Überfischung dieser phat, die in die Küstengewässer gelangen,
Zonen beendet wird. sind vor allem auf veränderte Lebensge­
wohnheiten von Menschen zurückzufüh­

52  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Todeszonen auf unserem Globus: So- gung ausgelöst wird. Denn das meeres­ kleinerer Fische, die wiederum ihre Nah­
l bald Bakterien die Reste explosions- biologische System wandelt sich schon rung, das Zooplankton, deshalb über­
artig vermehrter Algenblüten zersetzen, lange vorher, vor allem bei den Tierpopu­ proportional dezimieren. Das lässt das
wird den Gewässern der letzte Sauerstoff lationen. Die Nahrungskette eines gesun­ Phytoplankton noch weiter wuchern.
entzogen – der Lebensraum stirbt. Dieses den, küstennahen Ökosystems beginnt Wissenschaftler bezeichnen diesen Pro­
Phänomen tritt vor allem in flachen, küsten- auf der untersten Ebene mit Kieselalgen, zess als »trophische Kaskade«. Eine ineffi­
nahen Meeresgebieten auf, etwa im Einzugs- dem Teil des Meeresphytoplanktons mit ziente Nahrungskette reichert auf dem
bereich von Industrieansiedlungen. Seit Kieselsäureschalen. Diese werden von Meeresboden organische Stoffe an, was
1990 hat sich die Zahl betroffener Gebiete Ruderfußkrebsen (Copepoden) gefressen, die Entwicklung hin zu einer Todeszone
verdoppelt. Obwohl die meisten Todeszonen winzigen zooplanktischen Krebsen, die beschleunigt.
durch Nährstoffeinträge vom Land entste- wiederum Fischen als Nahrung dienen. Ökosysteme, die durch Überdüngung
hen, gibt es für sie manchmal auch natür- Erhöht sich die Nährstoffkonzentra­ gestört sind, werden zusätzlich anfälliger
liche Ursachen. Im Schwarzen Meer hat sich tion, so verändert das den Mix der Phy­ für die Invasion gebietsfremder Arten,
die Todeszone in den letzten Jahren stark zu- toplanktonarten: Kieselalgen verlieren wie sie etwa mit dem Ballastwasser trans­
rückgebildet. gegenüber anderen, unverdaulicheren ozeanischer Schiffe eingeschleppt werden.
Spezies. Wenn nun durch die Eutrophie­ So wurde Ende der 1980er Jahre die Rip­
rung mehr Phytoplankton blüht, dann penqualle Mnemiopsis leidyi im Schwar­
schaffen es die Ruderfußkrebse nicht zen Meer heimisch, vermutlich von der
mehr, die neuen Algenarten abzuweiden. Ostküste der USA herkommend. Bereits
Auch dem Überangebot an organischen 1990 hatte dieser gefräßige Sackgassen­
Feinpartikeln, die beim Niedergang des räuber das dortige Ökosystem überwäl­
Ökosystems entstehen, sind sie dann tigt und erreichte mit bis zu fünf Kilo­
ren, die an Küsten oder in der Nähe von nicht mehr gewachsen. gramm pro Quadratmeter eine schier un­
Flussmündungen leben. Erhöhter Ver­ Dadurch vermehren sich Organis­ glaubliche Dichte.
brauch fossiler Brennstoffe (wodurch men, die unter solchen Bedingungen
Stickstoff in die Atmosphäre gelangt), eben besser gedeihen können. Ein Bei­ Austern als Ökosystemingenieure
Abwässer aus Massentierhaltung, Inten­ spiel ist Noctiluca, das Meeresleuchttier­ Manchmal tragen Muschelriffe dazu bei,
sivlandwirtschaft sowie auch immer mehr chen, das beim Wellengang phosphores­ die Degradierung eines Ökosystems ab­
Kläranlagen steigern die Nährstoffbelas­ ziert. Biologen bezeichnen solche quallen­ zuwehren. In vielen Ästuaren der ameri­
tung der Flüsse. 2005 publizierte die UN artige Fauna auch als Sackgassenart, weil kanischen Ostküste wirken Austern als
das Millenium Ecosystem Assessment räuberische Spezies, die in der Nahrungs­ Ökosystemingenieure, indem sie große
(Millenium-Bewertung von Ökosyste­ kette höher stehen, kaum von ihnen al­ Riffe bilden, die oft vom Meeresboden
men). Darin heißt es, dass der Stickstoff­ lein leben können. Damit sinkt die Effizi­ mehrere Meter aufragen; diese Riffe be­
gehalt im Meer von 1860 bis 1990 um enz der Nahrungskette und reduziert die herbergen eine vielfältige Lebensgemein­
80 Prozent zugenommen hat; bis Mitte Größe der Fischbestände. schaft – mit Plattfischen, Schnappern,
dieses Jahrhunderts sei mit einem wei­ Gerät die Nahrungskette erst einmal Silberbarschen und Blaukrabben.
teren Zuwachs von 65 Prozent zu rech­ aus dem Gleichgewicht, kann kommer­ Hunter Lenihan und Charles H. Pe­
nen. Es liegt also nahe, dass Todeszonen zieller Fischfang sie noch weiter beschä­ terson von der North Carolina University
sich eher noch weiter ausbreiten werden, digen, vor allem dann, wenn hochwer­ in Chapel Hill konnten zeigen, dass bei
wenn die Menschheit nicht bald die Zu­ tige und in der Nahrungskette ganz oben der Entstehung einer Todeszone im dor­
fuhr von Pflanzendüngemitteln ins Meer stehende Räuber gejagt werden, wie Ka­ tigen Fluss Neuse die Spitzen von Aus­
in den Griff bekommt. beljau, Seehecht, Doraden oder Bastard­ ternriffen zum Zufluchtsort für am Bo­
Todeszonen entstehen nur als letzter makrelen. Verschwinden diese Räuber, den lebende Organismen wurden. Letzte­
Akt eines Prozesses, der durch Überdün­ dann vermehren sich die Bestände re waren offenbar aus den tieferen,

Tot und doch wiederbelebt: links ein


l Stück Boden des Schwarzen Meers
mit Resten von Muscheln, die an Sauerstoff-
beide Fotos: Tim Stevens

mangel verendeten. Rechts eine Zone, in der


sich der Boden allmählich erholt – mit viel-
fältigem Algenbewuchs und zahlreichen See-
scheiden (Ascidianae)

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 53


MEERESÖKOLOGIE

Wie entsteht eine Todeszone?


Die Todeszone im Schwarzen Meer
intaktes Ökosystem (vor 1970)
zeigt, wie sauerstoffarme (hypoxische)
Sauerstoff­-
Gewässer veröden können. Zuerst ver­ gehalt
stärkt sich der Nährstoffeintrag. Diese Phytoplankton
Überdüngung (Eutrophierung) lässt Algen
O2
und andere photosynthetisch aktive Pflan­
zen wuchern. Sie entziehen dem Wasser hoch
den letzten Sauerstoff. In den tie­feren
Wasserschichten sterben Pflanzen und
Zooplankton
Tiere ab.
Drei Stadien prägen den Niedergang
küstennaher Ökosysteme, wie sie zuerst O2
von Tatsuki Nagai von der Japanischen Fi­
scherei-Forschungs-Agentur beschrieben mittel
wurden. Nagai untersuchte eines der
sauerstoff­armen Gebiete, das in Japan in
den 1960er Jahren in der Seto-Inlandsee
entstand. Den ursprünglichen Zustand
nannte der Biologe das »Meer der roten O2
Brassen« (nach einem dortigen Raubfisch). hoch
Dem folgte das »Meer der Anchovis«, da
nach dem Verschwinden der Raubfische
nur deren kleinere Beutefische übrig blie­
ben. Im dritten Stadium, dem »Meer der
Quallen«, waren die meisten Arten bereits Die Küstengewässer im Nordwestteil des Schwarzen Meers waren einst reich an Phyto­
ausgestorben oder ausgewandert; das Meer plankton (treibenden Algen und anderen mikroskopisch kleinen Pflanzen) sowie an Fischen
wurde nun von eingewanderten, sehr tole­ und anderen Organismen. In den flachen Zonen tummelten sich aufwachsende Anchovis, Ma­
ranten Arten dominiert. Als einer der ers­ krelen und Tunfische. In den mittleren Tiefen lebten große Schwärme von Raubfischen, wie
ten Forscher hat Nagai auf die Überfischung etwa dem Wittling, daneben zahlreiche ihrer Beutefische sowie einige Quallen. Am Meeresbo­
als eine Ursache für den Niedergang der den gediehen Miesmuscheln zwischen ausgedehnten Wiesen aus Seegras, braunen und roten
Nahrungskette im Meer hingewiesen. Algen. Dazwischen lebten Grundeln, Steinbutte, Störe und Einsiedlerkrebse.

sauerstoffarmen Zonen in die besser mit sowie beim Stickstoff der Eintrag aus der riesigen Bänken von Miesmuscheln und
Sauerstoff versorgten höheren Wasser­ Atmosphäre. Mindestens die Hälfte des anderen Muschelarten, ein Lebensraum
schichten ausgewichen. Das mechanische Stickstoffs, der zusätzlich in das Schwar­ für zahllose wirbellose Tiere und Fische.
Abfischen von Austern kappt häufig die ze Meer einfloss, kam aus der Landwirt­ Algen versorgten die bodennahen Was­
Spitzen dieser Riffe und trägt so dazu bei, schaft, vor allem aus Düngemitteln und serschichten mit Sauerstoff, Muscheln
die natürliche Widerstandskraft dieses Le­ Massentierhaltung. filtrierten das Wasser, hielten es klar und
bensraums zu schwächen. Diese Agraraktivitäten steigerten auch sorgten so für gute Lichtbedingungen
Auch im Schwarzen Meer ist das einst schon den Phosphatanteil. Doch den für die Photosynthese. Dieses Ökosys­
intakte Ökosystem durch Nährstoffüber­ Hauptanteil zur Eutrophierung hatten in­ tem konnte eine Reihe klimatischer
schüsse vernichtet worden. Dieser Fall dustrielle und städtische Abwässer beige­ Schwankungen und anderer natürlicher
zeigt aber auch, wie so ein System renatu­ tragen, die mit phosphathaltigen Reini­ Störungen gut verkraften. Mit steigender
riert werden kann. Vor allem der nord­ gungsmitteln belastet waren. Nährstoffzufuhr tauchten jedoch im
westliche Teil des Schwarzen Meers wur­ Oberflächenwasser verstärkt Phytoplank­
de Opfer langjähriger Überdüngung. Im Als das Schwarze Meer kippte tonblüten auf. Diese trübten die Gewäs­
Zeitraum zwischen 1960 und 1980 hatte Bis in die 1960er Jahre bildete die flache ser, immer weniger Licht erreichte die
sich der Eintrag stickstoff- und phosphat­ Nordwestregion des Schwarzen Meers am Boden lebenden Algen, bis diese ver­
haltiger Substanzen vom Land mehr als ein vielfältiges und produktives Öko­ schwanden. So kippte das gesamte na­
verdoppelt. system. Da gab es großflächige küsten­ türliche Ökosystem des Schwar­zen
Der hauptsächliche Zufluss ent­ nahe Matten von am Boden lebenden Meers.
stammte der Donau, die Stromgebiete Braunalgen sowie, etwas fernab der Küs­ Während der Sommermonate, in de­
aus elf Ländern Zentraleuropas entwäs­ te, mit der größten Rotalgenkolonie der nen sich unterschiedliche Wasserschichten
sert, von Deutschland bis nach Rumä­ Welt, ein Phyllophora-Feld von der Grö­ ausbilden, sank der Sauerstoffgehalt, be­
nien. Verursacher sind Abwässer aus ße der Niederlande. Diese natürlichen sonders in Bodennähe. Viele der dort sie­
Landwirtschaft, Städten und Industrie Algenwiesen existierten zusammen mit delnden Muschelgemeinschaften konnten

54  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Überdüngungsphase (frühe 1970er Jahre) Todeszone (späte 1980er Jahre)
Sauerstoff­- Sauerstoff­-
gehalt gehalt

O2 O2

sehr sehr
hoch hoch

Pycnokline
(Grenzschicht zwischen Zonen
unterschiedlicher Dichte)

Illustrationen dieser Doppelseite: Shawn Gould


O2 O2
sehr sehr
niedrig niedrig

Mit zunehmendem Nährstoffeintrag von Stickstoff und Phosphat Je mehr die Küstengewässer überdüngt wurden, desto rascher
veränderte sich die Ökologie des Schwarzen Meers. Phytoplankton- verendete am Meeresboden alles Leben. Intensivfischerei hatte be­
Blüten färbten das Wasser grün oder braun und beschatteten die am reits viele der Raubfischarten dezimiert, sodass diese und die ande­
Meeresboden lebenden Pflanzen. Mehr als je zuvor rieselte laufend ren größeren Tiere aus dem Gebiet verschwanden. Stattdessen konn­
verwesendes Material zu Boden. Bakterien zersetzten am Meeresbo­ ten sich jetzt ungehemmt opportunistische, gebietsfremde Arten in
den die organischen Stoffe und verbrauchten damit den restlichen der oberflächennahen Wasserschicht vermehren, vor allem die Rip­
Sauerstoff, was viele der dort lebenden Organismen absterben ließ. penqualle Mnemiopsis leydyi.

trotz dieser Sauerstoffarmut bis zu 20 triebe mit Massentierhaltung geschlossen, wiederhergestellt waren, obwohl es sich
Tage lang durchhalten, indem sie ihre was den Ausstoß von Nährstoffen ent­ nicht um die gleichen Arten handelte, die
Schalen schlossen und körpereigene Gly­ scheidend reduzierte. Davor hatte ein ein­ vor der Entstehung der Todeszone hier
kogenreserven aufzehrten, ihre wichtigste ziger Mastbetrieb in Rumänien mit mehr lebten.
Speichersubstanz. Danach jedoch starben als einer Million Schweinen etwa so viel Für eine erfolgreiche Renaturierung
die Muscheln en masse und wurden von Schadstoffe eingespült wie eine ganze von Todeszonen muss also auf jeden Fall
Bakterien und anderen Organismen zer­ Stadt mit fünf Millionen Einwohnern. die Nährstoffzufuhr aus dem umge­
setzt. Dabei verbrauchten diese den letz­ benden Land gesenkt werden. Doch ma­
ten verbliebenen Sauerstoff und lieferten Langsame Renaturierung rine Ökosysteme kehren, sind sie einmal
dadurch den Algen noch weitere Nähr­ Der reduzierte Zufluss an Nährstoffen durch Überdüngung und Hypoxie kolla­
stoffe. Bis dann der Sauerstoff fast voll­ ließ innerhalb von sechs Jahren auch die biert, dann keineswegs immer zu ihrem
ständig aus dem System beseitigt war, Todeszone schrumpfen (siehe Kasten S. ursprünglichen Zustand zurück. Drei
hatten sich alle dort lebenden tierischen 56). Der Meeresboden erholte sich je­ Gründe erschweren die Renaturierung:
Organismen bereits in andere Gegenden doch nur schrittweise. So konnten meine r Flusssysteme besitzen normalerwei­
verzogen oder waren ausgestorben. Damit Kollegen und ich verfolgen, wie sich die se eine gewaltige Kapazität, Nährstoffe zu
war das natürliche Ökosystem dieser Re­ Miesmuschelbänke in den verwüsteten speichern – entweder in gelöster Form im
gion nachhaltig geschädigt. Gebieten des nordwestlichen Flachmeers Grundwasser oder an Bodenpartikel an­
Erst nachdem 1989 die kommunisti­ erst 2002 wieder deutlich erholten, Jahre gelagert. Jahre oder sogar Jahrzehnte kön­
schen Regierungen Osteuropas kollabiert nachdem dort längst andere Lebensge­ nen vergehen, bevor die aus Düngern
waren, endete auch die zentralistische meinschaften wieder intakt waren. Eine stammenden Phosphate und Stickstoff
Planwirtschaft. Plötzlich hatten die Land­ Forschungsexpedition im August 2005 ausgewaschen sind und in das Meer ge­
wirte kein Geld mehr, um Dünger zu zeigte uns, dass auch Lebensgemein­ langen. Besonders stickstoffhaltige Subs­
kaufen – die landwirtschaftliche Aktivität schaften der zu den Kieselalgen gehö­ tanzen sammeln sich eher im Grundwas­
ging zurück. Zugleich wurden viele Be­ renden benthischen Algen weit gehend ser an.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 55


MEERESÖKOLOGIE

Wie das Schwarze Meer gerettet wurde

Will man betroffene Meereszonen wieder in einen ökologisch wie weit sich die überdüngten Gewässer verbreitet hatten. (Die
intakten Zustand zurückführen, gilt es vor allem, den Nährstoff­ Eutrophiebereiche in Bildern (c) und (d) wurden durch Chloro­
eintrag aus der Landwirtschaft und anderen Quellen drastisch zu phyll-a gemessen, als Indikator für das Pflanzenwachstum im
verringern. Die Todeszone im Nordwesten des Schwarzen Meers Oberflächenwasser.)
konnte sich erst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen
Regierungen 1989 wieder erholen. Denn erst danach wurden Fünf Jahre nach Beendigung der Intensivlandwirtschaft
­Massentierhaltung und der starke Einsatz von stickstoff- und erwachte die Todeszone wieder zum Leben (b, d), mit einem ein­
­phosphatreichem Dünger beendet (a). Nährstoffe aus Landwirt­ zigen kleinen Einbruch im außergewöhnlich heißen Sommer von
schaft und Abwässern gelangten über die Donau ins Schwarze 2001. Die Miesmuschelgemeinschaften hatten sich erst 1998 er­
Meer, ­ deren Nordwestteil sie erstmals 1973 in eine Todeszone holt. Diese Zone kann allerdings auch schnell wieder um­kippen,
­verwandelte, die 21 Jahre lang periodisch jeden Sommer zurück­ da inzwischen die Wirtschaft der Anrainerstaaten erneut wächst
kehrte (b). Die rote Farbe in dem Satellitenfoto von 1979 (c) zeigt, und die Landwirtschaft inzwischen wieder intensiviert wird.

a b c d
40

a und b: Jen Christiansen;  c und d nach: CZCS / SeaWIFS, Abigail McQuatters-Gollop


Chlorophyll-a
Düngerverbrauch im Flusssystem der
Donau (in Millionen Tonnen pro Jahr)

3 Stickstoff
viel
(in 1000 Quadratkilometer)

Donau
30

2
Todeszone

20

1
10

Phosphor
N
0 0
1960 1980 2000 1960 1980 2000
wenig
Jahr Jahr Juli 1979 Juli 2002

r Die Renaturierung von Todeszo­ arten das ganze System kollabieren lassen wandert, kann es sein, dass der ursprüng­
nen verzögert sich, wenn in der näheren kann. Ein neues Gleichgewicht stellt sich liche Zustand nicht mehr erreicht wird.
Umgebung kaum intakte Lebensgemein­ dann ein zwischen einigen der verbliebe­ Es reicht nicht zu wissen, wie man To­
schaften von Pflanzen und Tieren vor­ nen Arten, welche die Überdüngung tole­ deszonen repariert; auch die Regierungen
kommen, die als Keimzellen für eine rieren, und neu angekommenen, oppor­ der beteiligten Länder müssen überzeugt
Wiederbesiedlung dienen können. Denn tunistischen Invasoren. Leider ist dieser sein, dass dies ein wichtiges Ziel ist. Tat­
die ursprünglich im Gebiet vorkommen- neue, degradierte Zustand des Ökosys­ sächlich konnten Wissenschaftler bisher
de Flora und Fauna kann inzwischen tems oft selbst ziemlich stabil, weshalb wenige Fälle der Erholung von Todeszo­
ausgestorben sein. Viele Meerestiere wer­ auch eine Abnahme der Überdüngung nen dokumentieren. Denn der Nährstoff­
den als Larven über lange Distanzen das Ökosystem nicht unbedingt wieder­ eintrag lässt sich nur senken, wenn sich
fortgetrieben und besiedeln woanders herstellt. Dazu muss die Nährstoffzufuhr auch die landwirtschaftlichen Methoden
geeignete biologische Nischen. Manch­ möglicherweise noch deutlich unter das ändern und die Abwässer besser geklärt
mal werden diese potenziellen Heimkeh­ Ausgangsniveau abgesenkt werden. werden. Die meisten bisherigen Pro­
rer von opportunistischen Einwanderern gramme ereichten allenfalls eine halbher­
verdrängt, die inzwischen alle verfüg­ Unerreichbarer Ausgangszustand zige Senkung des Nährstoffeintrags.
baren Nischen besetzt haben. Ein weiterer Umstand verkompliziert die Um den Zufluss von Nährstoffen
r Schließlich ändert Überdüngung Dynamik von Ökosystemen: Hat die na­ wirklich zu verringern, müssen also um­
die Ökosysteme auf eine Weise, die sich türliche Widerstandsfähigkeit eines Öko­ fassende Pläne für gesamte Flusssysteme
nicht immer einfach umkehren lässt (sie­ systems bereits durch Überfischung ge­ realisiert werden, sodass Stickstoff und
he Grafik S. 57). Steigt der Nährstoffge­ litten, kippt es noch rascher vom natür­ Phosphat an Land verbleiben und nicht
halt, werden einige Arten seltener, aber lichen zu einem degradierten Zustand. mehr in die Gewässer gelangen. Derar­
das Ökosystem als Ganzes bleibt beste­ Deswegen kann es zusätzlich geboten tige Anstrengungen gibt es zurzeit in der
hen, wenn seine natürlichen Populationen sein, den Fischfang einzuschränken, um Chesapeake Bay an der amerikanischen
das starke Wachstum des Phytoplanktons die Rückkehr zu einem gesunden System Ostküste und im Schwarzen Meer. Im
verkraften können. zu eröffnen. letzten Fall haben sich die Anrainerstaa­
Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird Sind die in dem ursprünglichen Sys­ ten unter der Führung der Globalen
aber eine Schwelle überschritten, bei wel­ tem lebenden Arten komplett ver­ Umweltabteilung der UN auf eine Initi­
cher der Rückgang bestimmter Schlüssel­ schwunden oder fremde Arten einge­ ative verständigt, nach der die Nährstoff­

56  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


einträge wieder auf das Niveau von 1995
abgesenkt werden sollen. Offenbar wird
Kollaps und Wiederbelebung
dieses Vorhaben mit Pilotprojekten un­ hoch
terstützt, die auch die Land- und Abfall­ Schwellenwert 2
wirtschaft verbessern sollen. Zwei wich­ Schwellenwert 1

Komplexität des Ökosystems


tige Faktoren müssen jedoch überwun­
widerstandsfähiges

Zusammenbruch

Zusammenbruch
den werden, bevor eine komplette und
System vor Überdüngung
langfristige Wiederbelebung des Schwarz­
meer-Ökosystems gelingen kann.

Erholung
Fatales Fischen mit Grundnetzen
widerstandsfähiges
Erstens: Die Regierungen Europas sollten System nach Überdüngung
Maßnahmen ergreifen, durch die neues

Jen Christiansen
Wirtschaftswachstum nicht wieder die
Schwellenwert 3
Nährstoffeinträge ins Meer erhöht. Dazu niedrig
müssten viele Projekte zur Abfall­
entsorgung auf den neuesten Stand der Belastung mit Nährstoffen
Technik gebracht werden. Dies wäre be­
sonders wichtig für das Donaudelta, aus Für die Renaturierung einer Todeszone reicht es nicht unbedingt, die Nährstoffbe­
dessen Bereich vor Kurzem sechs Länder lastung auf das Niveau vor der Katastrophe zu senken. Die Grafik zeigt die Güte eines
der EU beigetreten sind. Einige Land­ Ökosystems (gemessen an seiner Komplexität oder Artenvielfalt) in Abhängigkeit ihres
wirte aus Westeuropa, wo die Landwirt­ Nährstoffgehalts. Hochkomplexe Systeme mit geringen Nährstoffeinträgen sind in der Re­
schaft schon oft Flüsse und Küstengewäs­ gel sehr widerstandsfähig, bis die Belastung einen bestimmten Wert überschreitet
ser überdüngt hat, stehen bereits in den (Schwellenwert 1). Dann kollabiert das System und sinkt auf einen Zustand geringerer
Startlöchern, um auch in Mitteleuropa Komplexität. Diese Schwelle wird rascher erreicht, wenn zusätzlich die Tierbestände
landwirtschaftliche Flächen zu erwerben. durch Überfischung dezimiert wurden (Schwellenwert 2). Leider ist der neue, minderwer­
Zweitens: Künftige Regierungen müs­ tigere Zustand sehr stabil. Eine Renaturierung setzt dann erst ein, wenn der Nährstoff­
sen die Intensität der kommerziellen Fi­ eintrag deutlich unter das Ausgangsniveau fällt (Schwellenwert 3) – das ist die Hysterese
scherei so weit zurückfahren, dass sich der Renaturierung. Selbst dann erreicht das Ökosystem nicht notwendigerweise seinen
auch die überfischten Bestände der Raub­ Ausgangszustand, wenn inzwischen Schlüsselarten des Systems ausgestorben sind.
fische wieder erholen können. Zusätzlich
zerstört die Lebensgemeinschaften am
Meeresboden das Fischen mit Grund- deren Fäkalien zersetzen, wird so viel
Laurence Mee ist Direktor
und Schleppnetzen, so genannten Sauerstoff verbraucht, dass in schlechter des Meeresbiologischen
Dredgen – Netz­säcken oder Metallkör­ durchmischten Wasserzonen in rascher Instituts an der Universi­
ben, die zur Muschelernte an der Unter­ Folge ganze Populationen heranwachsen tät von Plymouth in Eng­
seite mit gezahnten Stahlkanten versehen und wieder kollabieren. Bricht eine Mu­ land sowie des inter­
disziplinären Forschungs­
werden. Tatsächlich sollten Küstenländer schelpopulation plötzlich zusammen,
zentrums für Politik des Meers und der
weltweit darauf hinarbeiten, den Druck breitet sich so lange eine neue Todeszone Küsten. Er promovierte an der Universität

A utor und L iteraturhinweise


der Fischerei auf überdüngte Gebiete zu aus, bis alles organische Material abge­ von Liverpool in Ozeanografie und war
verringern – kein leichtes Ziel, da schon baut ist und sich das System aufs Neue am Institut für Wissenschaft des Meers
heute über die Hälfte aller Fischbestände erholen kann. In den Flussmündungen und des Süßwassers in Mexiko, am IAEA
Meeres-Umwelt-Laboratorium in Monaco.
überfischt ist. Ein internationales Abkom­ am Schwarzen Meer wurde dieses Phä­ Mee koordinierte das UN-Programm zur
men will bis 2012 ein globales Netzwerk nomen öfter beobachtet. Es ist eine He­ Ökologie des Schwarzen Meers.
von Schutzzonen im Meer errichten. Da­ rausforderung für alle Manager mariner
mit sollen die weltweite Überfischung Ressourcen, die Umweltbedingungen so
eingedämmt und die Tierpopulationen stabil zu halten, dass widerstandsfähige Restoring the Black Sea in times of uncer­
erhalten werden, die für eine Wiederbe­ und artenreiche Systeme erhalten wer­ tainty. Von L. D. Mee et al. in: Ozeanogra­
phy, Bd. 18, S. 32, 2005
siedlung von Todeszonen nötig sind. den – auch wenn eine vollständige Erho­
Auch wenn ein eutrophiertes Öko­ lung nicht immer möglich sein wird. Ecosystems and human well-being: cur­
system sich teilweise erholt hat, sollten Küstennahe Todeszonen erinnern uns rent state and trends. Millenium Eco­
system Assessment. Island Press, 2005
sich die zuständigen Institutionen be­ daran, dass wir Menschen von natür­ (www.millenniumassessment.org/en/
wusst sein, dass halbherzige Schritte die lichen Ökosystemen nicht erwarten soll­ Condition.aspx)
Lage sogar destabilisieren können. Mies­ ten, dass sie unseren Müll ohne schwere
Nutrient-enhanced productivity in the
muscheln etwa sind außerordentlich ef­ und oft unerwartete Folgen absorbieren northern gulf of Mexico. Von N. N. Rabe­
fektive Wasserfiltrierer, weswegen Mies­ können. Heute wissen wir, wie Todes­ lais et al. in: Hydrobiologia, Bd. 475, Nr.
muschelbänke oft auf künstlichen Riffen zonen renaturiert werden können. Aber 6, S. 39, 2002
angesiedelt wurden, um dort die Wasser­ letztendlich müssen wir dafür den Wert Weblinks zu diesem Thema finden Sie un­
qualität zu verbessern. Doch sobald Bak­ erkennen, den wir den marinen Ökosys­ ter www.spektrum.de/artikel/866415
terien die abgestorbenen Muscheln und temen unserer Welt beimessen.  l

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 57


Genetik

Das heimliche Wirken


der Pseudogene
Zu Tausenden erzählen verunstaltete Genrelikte von der
­Vergangenheit. Aber anscheinend sind nicht alle nur nutzlose
Fossilien. Manche wachen offenbar über ihre Zwillingsgene.

Von Mark Gerstein und Deyou Zheng auf den Chromosomen wichtige Erbfak­ Anzahl. Bislang haben unsere und an­

U
toren zu lokalisieren. So suchten sie bei­ dere Forschergruppen im menschlichen
nser Genom enthält eine spielsweise nach dem Gen für Beta-Glo­ Genom über 19 000 Pseudogene identi­
Menge Leichen – verstüm­ bin, einer Komponente des Sauerstoff­ fiziert, vermutlich werden es noch mehr.
melte Reste längst verbli­ transporters Hämoglobin. Sie fanden Nach neuerer Schätzung besitzt der
chener Gene. Chromosomen tatsächlich eine DNA-Sequenz, die das Mensch wohl nur etwa 21 000 Gene, die
sind damit reich bestückt. Ähnlich wie gesuchte Gen darzustellen schien. für Proteine kodieren. Womöglich liegt
Knochenfossilien erzählen diese so ge­ Bei genauerem Hinsehen konnte das die Anzahl der Pseudogene also höher.
nannten Pseudogene manches über un­ aber nicht stimmen. Denn mit diesem Schon ihre schiere Zahl macht stutzig.
sere Evolutionsgeschichte. Bisher hielten »Gen« hätte die Zellmaschinerie, die Erb­ Woher stammen diese Scheingene? Wie
Forscher solche Überbleibsel für funkti­ sequenzen in Proteine übersetzt, gar könnten sie entstanden sein? Und wa­
onslos. In letzter Zeit finden sie jedoch nichts Rechtes anfangen können. Ent­ rum gibt es so viele von ihnen? Weshalb
immer mehr Indizien dafür, dass sich scheidende Zutaten, die ein Gen braucht, werden sie in der Evolution mitge­
zumindest einige dieser Genfossilien waren defekt, durch Mutationen zerstört. schleppt, wenn sie doch offenbar nur
noch regen, dass in ihnen gewisserma­ Erst seit Forscher ganze Genome, auch nutzlosen Ballast bilden?
ßen noch Leben steckt. Dies zeigt wie­ das des Menschen, sequenziert haben, ge­
der einmal, wie wenig wir bisher das winnen sie einen besseren Überblick über Jedem eine eigene Vergangenheit
menschliche Genom verstehen. die Landschaft solcher Erbsätze. Staunend Einige dieser Aspekte können sich die
Dass unser Erbgut weniger einer erkennen sie, wie viele Ungereimtheiten Wissenschaftler schon recht gut erklären.
Datenbank ähnelt als einem dynami- die verschiedenen Genome aufweisen. Sie vermuten, dass ein kleiner Teil früher
schen Verarbeitungssystem, ist Fachleu­ Das menschliche Genom enthält ordentliche Gene waren, die wegen
ten schon länger bewusst. In Analogie über drei Milliarden Nukleotide – die schädlicher Mutationen in ihrer Nukleo­
zum Computer würden Pseudogene auf Bausteine der DNA. Lediglich zwei Pro­ tidsequenz sozusagen abstarben. Doch
der Festplatte noch vorhandene Pro­ zent davon »kodieren« direkt für Protei­ die Mehrzahl scheint eine andere Ver­
grammreste darstellen, die zwar heute ne; das heißt, sie verschlüsseln die Abfol­ gangenheit zu haben. Sie sind nämlich
nicht mehr zu brauchen sind, aber noch ge der Aminosäuren, aus denen Proteine funktionsunfähige Zwillinge brauchbarer
widerspiegeln, wie die Kodes einst ent­ bestehen. Etwa ein Drittel der Gesamt- Gene. Manche waren von vornherein
standen und sich seitdem weiterentwi­ DNA dürften nichtkodierende Sequen­ schadhaft, andere wurden es später.
ckelten. Von den Genresten können wir zen innerhalb von Genen darstellen, so Ein funktionstüchtiges Gen benötigt
lernen, wie Genome sich in der Evolu­ genannte Introns, die nach dem Ablesen einen bestimmten Aufbau (siehe Kasten
tion umgestalten, an neue Bedingungen der Gene herausgeschnitten werden. Der S. 60/61, rechts). Dazu gehören Exons:
anpassen – und vielleicht sogar erfahren, große Rest des Genoms, lange Strecken Abschnitte, deren Bausteinsequenz für
wie sie manchmal bereits ausgemusterte zwischen den funktionalen Genen, liegt eine Kette von Aminosäuren im späteren
Elemente wieder beschäftigen. für die Forscher zu weiten Teilen buch­ Protein kodiert. Typischerweise enthal­
»Falsche« Gene, die zwar richtigen stäblich noch im Dunkeln. Die meisten ten Gene auch Introns: Zwischenstücke
Genen glichen, offenbar aber keine Pseudogene finden sich inmitten dieser zwischen den Exons, die zur Herstellung
Funktion erfüllten, entdeckten Geneti­ »dunklen genetischen Materie«, wie ros­ des Proteins nicht benötigt werden. Den
ker erstmals in den späten 1970er Jah­ tige Autowracks, die irgendwo zurückge­ Anfang eines Gens bildet der Promotor,
ren. Damals begannen Forscher damit, lassen wurden. Allerdings erstaunt deren ein Segment, das der Zellmaschinerie am

58  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Dave Cutler Studio
Unser Genom ist mit Genresten ge-
r spickt (hier als umgekippte und ka-
putte Lampen dargestellt), die teilweise aus
uralter Zeit stammen. Doch handelt es sich
nicht nur um Ballast. Einige Pseudogene
melden sich noch zu Wort – und sind sogar
unverzichtbar.

Chromosom als Erkennungsstelle und


Startpunkt für das Gen dient.
Die Expression eines Gens zur Pro­
teinherstellung beginnt damit, dass sich
bestimmte Moleküle an den Promotor
setzen und dann das Gen entlangwan­
dern. Sie fertigen vom Gen eine Ab­
schrift an – die vorläufige, unreife RNA-
Kopie. Auf diese Transkription erfolgt
das Splicing: Aus der RNA-Kopie wer­
den die Introns herausgetrennt und die
Exons aneinandergefügt. Diese und wei­
tere Schritte, durch die eine reife RNA-
Vorlage für Proteine entsteht, heißen
Prozessierung. Erst an dieser »Matrize«
bildet die Zelle jene Kette von Amino­
säuren, aus denen das Protein besteht,
das die Genfunktion erfüllt.
Wie erwähnt entstanden fast alle
Pseudogene anscheinend aus der – mehr
oder weniger vollständigen – Verdopp­
lung eines schon vorhandenen Gens.
Das konnte offenbar auf zwei völlig ver­
schiedenen Wegen geschehen – was man
dem Zwilling deutlich ansieht (siehe
Kasten S. 60/61).
Erstens: Vor einer Zellteilung ver­
doppelt (dupliziert oder repliziert) die
Zelle ihr gesamtes Genom. Dabei kann
es vorkommen, dass von einem Gen eine
Kopie zu viel entsteht, die woanders ins
Erbgut eingebaut wird.
Zweitens: Eine RNA-Matrize (die
Vorlage für Proteine) wird in DNA zu­
rückübertragen und an einer neuen Stelle
ins Genom eingebaut. Der Vorgang heißt
reverse (umgekehrte) Transkription.
Häufig dürfte das eine Form der so ge­
nannten Retrotransposition (sozusa­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 59


Genetik

gen Rücküberführung) bewerkstelligen,


bei der sich lange Sequenzwiederho­
Herkunft der Scheingene
lungen der DNA selbst kopieren. Diese
Wiederholungseinheiten, von denen un­ Pseudogene entstanden meist auf zwei Wegen (Bilder rechts): infolge von Kopierfeh-
ser Erbgut Unmengen enthält, werden lern beim Verdoppeln (Duplizieren) der DNA – oder infolge einer Rücktranskription
Lines genannt (long interspersed nuclear von einer RNA-Matrize, an der eigentlich Proteine gebildet werden, in DNA.
elements). Lines verhalten sich ähnlich
wie ins Genom integrierte Retroviren,
das heißt sie können sich mittels Retro­ Tödliche Mutationen an Genen Kode. »Synonyme« – »stumme« – Muta­
transposition vervielfältigen und die Ko­ Viele Arten von Mutationen können ein tionen machen nichts aus, »nichtsyno­
pien integrieren. Das geschieht nicht sehr Gen funktionsunfähig und damit zum nyme« ergeben eine andere Aminosäure.
sauber: Leicht nehmen sie dabei andere Pseudogen machen. Es kann zum Beispiel Im unten gezeigten Beispiel ist ein
RNA von gerade aktiven Genen mit. einen wesentlichen Teil verlieren, etwa Ausschnitt der Sequenz des menschlichen
Beide Prozesse, die Duplikation von den Promotor. Auch der Verlust einzelner Gens RPL21 dargestellt und im Vergleich
Genen und die Retrotransposition, ge­ Bausteine (Nukleotide) oder ein zusätz­ dazu der gleiche Abschnitt eines seiner
hören zu den wichtigsten Mechanismen, lich eingefügter Baustein wirken fatal, vielen Pseudogene, ψ RPL21 (siehe auch
die das Genom in der Evolution umfor­ weil sie das Leseraster für Aminosäuren Kasten S. 62). Man erkennt verschiedene
men. Dadurch können Genome wach­ verschieben. (Jeweils drei Nukleotide ko­ typische Mutationen, die das Gen beschä­
sen und ihre Funktionen erweitern, denn dieren für eine Aminosäure des Proteins; digt haben. (Die roten und blauen Buch­
viele der hinzugekommenen Gene blei­ siehe Bild unten.) Des Weiteren verän- staben bezeichnen die vier Nukleotide,
ben aktiv, können weiter mutieren und dern manche – nicht alle – Austausch­ abgekürzt A, C, G, T; die schwarzen Buch­
andere Aufgaben wahrnehmen. So ent­ ereignisse eines einzelnen Bausteins den staben stehen für Aminosäuren.)
stehen neue Organismenvarianten. Auch
Pseudogene kommen auf solche Weise
zu Stande – etwa wenn die Genkopie
synonymer Austausch
durch Schreibfehler schadhaft ist, oder vorzeitiges Stopcodon (gleiche Aminosäure)
wenn ihr wichtige Abschnitte fehlen, wie
zum Beispiel der Promotor. AS N V R I E H I K H S K S R D S F L K R V
RPL21 A AT GTG CGT AT T GAG C AC A AT AAG CAC TC T AAG ACG CG A G AT AGC T TC C TG A A A CGT GTG A
Pseudogene, die bei der Verdopplung
kompletter Gene entstanden, enthalten Y RPL21 A AT GTG C AT AT T G AG C AC AT T A AG C AC TCC A AG ACG TG A G AT A AC TCC C TA A A A A AC ATG A
AS N V H I E H I K H S K S R D N F L K S S K
Introns und Exons – daran sind sie er­
kennbar. Sie heißen »duplizierte Pseudo­ nichtsynonymer Austausch
gene«. Den anderen, die ihr Dasein einer (neue Aminosäure)
Rücküberführung aus RNA verdanken,
fehlen die Introns – das RNA-Transkript
war ja bereits zurechtgeschnitten. Die manche davon sogar eine beträchtliche der einzelnen Gene zusammen. Solche,
Forscher sprechen bei ihnen folglich von Anzahl. Da sind zum Beispiel die rund die viel gefragt sind, bieten eben mehr
»prozessierten Pseudogenen«. 80 Gene für die Proteine von Riboso­ Gelegenheit für Retrokopien.
Bemerkenswert ist, dass sich die men, jener Partikel der Zellmaschinerie, Die beschriebenen Mechanismen
Scheingene zwar recht beliebig über das an denen die Proteinsynthese abläuft. Zu scheinen alt zu sein. Manche Pseudogene
gesamte Genom verteilen, dass sie aber ihnen existieren ungefähr 2000 prozes­ stammen von inzwischen überflüssigen
vorwiegend von bestimmten Gensorten sierte Pseudogene – ein Zehntel der bis­ Erbsequenzen, zu denen es längst keine
abstammen. Funktionsfähige Gene ord­ her beim Menschen bekannten Menge. funktionstüchtigen Versionen mehr gibt.
nen die Forscher nach der Ähnlichkeit Allein vom ribosomalen Gen RPL21 gibt In anderen Fällen haben sich die korres­
ihrer Sequenzen und Funktionen Fami­ es über 140 Gegenstücke (siehe Kasten pondierenden funktionalen Gene mit
lien zu. Offenbar hat nur ein Viertel der S. 62). Vermutlich hängen diese großen der Zeit stark verändert. Dann kann ein
Genfamilien Pseudogene hervorgebracht, Unterschiede mit den Aktivitätsniveaus Pseudogen einen früheren Zustand spie­
geln. Die weiten scheinbar nutzlosen
Strecken in unserem Genom stecken so­
mit voller Zeugnisse der evolutionären

In Kürze Vergangenheit, sie sind sozusagen Fossil­


lager alter Gene, schweigende Zeugen
unserer Evolutionsgeschichte.
r  Pseudogene stellen scheinbar unbrauchbare Überbleibsel und Kopien von Genen Offenbar gelten die Regeln der natür­
dar. Zur großen Mehrzahl von ihnen existieren noch die mit ihnen verwandten funk­ lichen Selektion auch für die Gene. Bei
tionierenden Gene. Als Genfossilien geben die Pseudogene Aufschluss über die Gen­ funktionalen Erbsequenzen sind Mutati­
entwicklung und Umstrukturierung von Genomen in der Evolutionsgeschichte. onen meist recht klare Grenzen gesetzt.
r Vermutlich sind einige Pseudogene keineswegs tot. Vielmehr scheinen ihnen neue Wenn sich die Veränderung für den Or­
Aufgaben bei der Genregulation zugefallen zu sein. ganismus und dessen Fitness günstig aus­
wirkt, wird ein mutiertes Gen vielleicht

60  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Duplikation und Mutation

dupliziertes Pseudogen
Promotor Exon Intron
genomische
Duplizierte DNA
Pseudogene
Gen prozessiertes Pseudogen
Beim Vervielfältigen der DNA kann eine
überschüssige Kopie eines Gens entstehen
Transkription
und an einer anderen Stelle eingebaut wer­
den. Manchmal ist gleich die Abschrift feh­ reverse Transkription

a
und Mutation

and
lerhaft. Manchmal lädie­ren das neue Gen RNA-Primärtranskript

ading-Ikk
erst spätere Mutationen.

y Re
Prozessierung

Lu c
Boten-RNA
Prozessierte Pseudogene
Die DNA-Sequenz eines aktiven Gens wird in lerweise ist das die fertige Matrize für das
RNA umgeschrieben (transkribiert). Diese Protein. Manchmal wird diese RNA-Sequenz
Sequenz wird dann prozessiert: Überflüssige wieder in DNA zurücküberschrieben – eine
Teile wie die Introns werden herausgeschnit­ reverse Transkription – und das Transkript
ten und es entsteht die Boten-RNA. Norma­ ins Genom eingebaut.
h Verlust (Deletion)
) eines längeren Abschnitts

K E N D Q K K K E A K E K G T W V Q L K R Q P A P P R E A H F V R
A AG GA A A AT G AT C AG A A A A AG A A A G A A G CC A A A G AG AAA GGT ACC TG G GT T C A A C TA A AG CG C CAG CC T G C T CC A CCC AGA GAA GCA CA C T T T GTG AG A
AG GA A A AT G AT C AG A A A A AG ––– ––– ––– ––– ––– A A A –GC C A A AGA GT T C A A C TG A AG TG C C AG CC T G C T C TA CCA AGA G A A GTC CAAC T T T GTG AGA
K E N D Q K K K Q R V Q L K C Q P A L P R E V F V R

Verlust (Deletion) eines einzelnen Nukleotids, Einbau (Insertion) eines zusätzlichen Nukleotids,
dadurch Leseraster verschoben dadurch Leseraster verschoben

bewahrt, andernfalls, wenn die Mutation zeptoren) bei den Säugetieren, Proteine nachdem sich die Vorfahren von Schim­
schadet, wird es meist schnell verworfen. in der Riechschleimhaut. Es handelt sich pansen und Menschen in verschiedene
Auf Pseudogenen lastet kein solcher um eine Familie von über tausend Ge­ Linien aufgespaltet hatten. Andererseits
Selektionsdruck. Sie können fast beliebig nen – eine der größten Genfamilien die­ tragen auch die Menschenaffen von 30
Mutationen anhäufen, die einem funkti­ ser Tierklasse. Doron Lancet und Yohav bis 40 Prozent der Geruchsrezeptorgene
onalen Gen niemals erlaubt wären. Die Gilad vom Weizmann-Forschungsinsti­ nur noch die Pseudoversion – verglichen
Sequenzveränderungen ihrer Bausteine tut in Rehovot (Israel) haben gezählt, mit Nagetieren und Hunden ein klarer
eignen sich deswegen quasi als moleku­ wie viele dieser Gene beim Menschen Abfall. Es sieht so aus, als ob schon
lare Uhr der Prozesse bei der Evolution vorkommen – und wie viele zugehörige unsere Menschenaffenvorfahren nicht
des Genoms. So wie Paläontologen aus Pseudogene er besitzt. Sie erkannten, mehr sonderlich geruchsempfindlich sein
dem Fossilbericht die Entstehung und dass bei uns weniger als die Hälfte jener mussten (siehe Kasten S. 64).
den Untergang von Arten rekonstruie­ Gene noch arbeiten, nicht einmal 500.
ren, können Genetiker am DNA-Schrott Die israelischen Forscher fanden zudem Gut sehen, schlechter riechen
Geburt und Tod von Genen ablesen. 300 Sequenzen, die beim Menschen nur Als Lancet und seine Kollegen verschie­
Unsere Arbeitsgruppe hat Pseudo­ noch Pseudogene darstellen, die aber bei dene systematische Gruppen der Pri­
gene bei ganz unterschiedlichen Organis­ Ratten und Mäusen funktionale Gene maten untersuchten, erkannten sie eine
men untersucht, so bei Bakterien, Hefe, für Riechmoleküle sind. aufschlussreiche Verteilung: Die größten
Würmern, Fliegen und Mäusen. Schein­ Verwunderlich ist das eigentlich Verluste an Genen für Riechmoleküle
gene sind weit verbreitet, Regeln für ihre nicht. Die meisten anderen Säuger be­ verzeichneten sie in Primatenlinien, die
Häufigkeit sind aber schwer auszuma­ nutzen den Geruchssinn viel intensiver ein recht gutes Farbunterscheidungsver­
chen. Es scheint weder eine strenge Be­ als wir. Erstaunlicher ist, dass unser Ge­ mögen entwickelt haben – die nämlich
ziehung zur Zahl der Gene eines Orga­ nom noch deutlich mehr dieser Pseudo­ drei Farbrezeptortypen besitzen. Ur­
nismus zu geben noch zur Genomgröße. gene enthält als das von Schimpansen. sprünglich haben Primaten nur zwei (sie­
Ein gutes Beispiel bieten die Erban­ Offenbar verloren demnach etliche je- he auch Spektrum der Wissenschaft,
lagen für die Riechmoleküle (Geruchsre­ ner Erbsequenzen ihre Funktion erst, 1/2007, S. 96).

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 61


Genetik

Warum können Pseudogene, die Trotz der ausgeprägten Gemeinsamkeiten schnitte zwischen den Genen mühsam
durch Duplikation entstanden, Auf­ von Genen und Genomstruktur hat von danach absucht, ob irgendwo Sequenzen
schluss über die Geschichte von Orga­ den menschlichen Pseudogenen nur ein vorkommen, die einem bekannten Gen
nismen geben? Große Genfamilien wie kleiner Anteil bei der Maus ein Gegen­ gleichen. Schwerer lässt sich nachweisen,
die für die Riechmoleküle bilden sich in stück (ein Beispiel im Kasten rechts). dass eine verdächtige Sequenz wirklich
der Evolution oft heraus, wenn sich Or­ Mehr noch: Manche der für Schein­ keine Funktion hat.
ganismen in einem Bereich auf die Viel­ gene prädestinierten Genfamilien unter­ Die verschiedensten schädlichen Mu­
falt ihrer Umwelt einstellen. In dem Zu­ scheiden sich bei den beiden Arten er­ tationen können aus einem Gen ein
sammenhang besonders beanspruchte heblich. An angehäuften Mutationen Pseudogen machen. Im Grunde kann der
Gene verdoppeln sich dann immer wie­ lässt sich ablesen, dass viele Pseudogene Defekt jede Stufe der Proteinherstellung
der und differenzieren sich auch mit der bei der Maus zu einem anderen Zeit­ treffen. Unter Umständen sieht man dem
Zeit. Viele Pseudogene entstehen dabei punkt aufkamen als beim Menschen. Pseudogen an, wo der Fehler liegt. Gene­
einfach durch Fehler beim Kopieren. Offensichtlich verursachten jeweils ande­ tiker suchen etwa nach vorzeitig auftau­
Eine Menge Duplikate sterben aber erst re Umweltbedingungen, dass sie sich an­ chenden Stoppcodons. Auch kommt es
nachträglich, etwa weil sich die Umwelt häuften. vor, dass in die Sequenz ein zusätzlicher
später wieder verändert hat oder sich Or­ Baustein eingegliedert wurde oder einer
ganismen nochmals umgestellt haben. Zu wenig Mutationen verschwand. Dann stimmt das Leseraster
Dann werden die vielen ähnlichen Gene Weil die Pseudogene lange als ziemlich für den genetischen Kode nicht mehr
schlicht nicht mehr benötigt und kön­ überflüssige Relikte galten, beginnt sich (siehe Kasten S. 60/61 unten).
nen nun beliebig weiter mutieren. Art­ ein eigenes Forschungsfeld für sie erst zu Wieder etwas anderes ist der reine
unterschiede und Anpassungen sind an etablieren. Frühere Bemühungen, sie zu Austausch einzelner Bausteine der gene­
den Pseudogenen darum oft besonders erfassen, rührten meist daher, dass Gene­ tischen Sequenz. Nicht alle solche Muta­
deutlich erkennbar. Mit regulären Ge­ tiker sie bei der Entschlüsselung des Erb­ tionen wirken sich auf die Genfunktion
nen, die ihre Aufgaben erfüllen müssen, guts nicht mit echten Genen verwech­ aus. Der Biomathematiker Motoo Kimu­
gelingt das viel mühsamer. seln wollten. Allerdings lassen sie sich ra entwarf in den 1960er Jahren die The­
Frappant ist zum Beispiel der Ver­ schwerer ausmachen als richtige Gene. orie, dass es neutrale Mutationen gibt,
gleich von menschlichem und Mausge­ Letztere können wir einigermaßen zu­ die für die natürliche Selektion unwich­
nom. Von den funktionalen Genen des verlässig mit Computerprogrammen auf­ tig sind. Entsprechend bleibt bei einem
Menschen existiert für 99 Prozent eine spüren, die nach bestimmten Charakte­ so genannten synonymen Austausch
Entsprechung bei den Nagern. Auch fin­ ristika von regulären Genen suchen. Bei eines DNA-Bausteins die kodierte Ami­
den sich für fast alle Regionen des Ge­ Pseudogenen bleibt dagegen nicht viel nosäure des Proteins gleich, das Protein
noms dazu passende Abschnitte bei den anderes, als sich daran zu orientieren, somit unverändert. Es ist einsichtig, dass
Mäusen – obwohl die Trennung beider dass sie Genen zwar ähneln, aber nicht ein Gen unter Selektionsdruck fast nur
Abstammungslinien 75 Millionen Jahre als solche funktionieren. Man geht so solche Mutationen verträgt. Für funkti­
zurückliegt. Anders die Pseudogene: vor, dass man die langen DNA-Ab­ onslose Sequenzen sollte das egal sein. Sie

Viele verzerrte Spiegelbilder


Die zahlreichen Pseudogen-Abkömmlinge (türkis und blau) lang haben Forscher beim Menschen 21 000 funktionale Gene ge­
des Gens für ein ribosomales Protein (orange) verteilen sich fast funden sowie 19 000 Pseudogene. Rund 8000 der Scheingene
über das gesamte menschliche Genom – weit gehend anscheinend entstanden anhand von prozessierter RNA, die ins Genom zurück­
zufällig. Einzelne Regionen scheinen jedoch mehr davon zu ent­ überschrieben wurde. Viele der anderen kamen bei oder nach ei­
halten – als ob sie solche Relikte besser bewahren können. Bis­ ner Genduplikation zu Stande.

Zahl der
Gene
Pseudogene
21 000
11 000
Gen RPL21 nicht-
pro-
zessiert
8000
pro-
Lucy Reading-Ikkanda

zessiert

Genom des Menschen


1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 X Y
Genom des Menschen

62  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Verlorene Vitamin-C-Synthese
Ein starker
In der Regel ähneln sich die Genome Solche Unterschiede können wichtige
Jahrgang …
verwandter Organismen stark. So weist Evolutionsschritte bezeichnen. Das Gen
der gezeigte Chromosomenabschnitt bei Gulo zum Beispiel kodiert für das Enzym
Mensch und Maus im Prinzip die gleichen zum letzten Schritt der Vitamin-C-Syn­
funktionalen Gene (orange) auf. Doch das these. Anscheinend ging jenes Enzym den
Mausgen Gulo kommt beim Menschen nur Primaten schon vor über 40 Millionen
noch als Pseudogen ψ Gulo vor (türkis). Jahren verloren.

Maus
Chromosom 14

Images, Digital Vision; Baby: Corbis, Paul Barton


Grafik: Lucy Reading-Ikkanda; Maus: Getty
Chrna2 Ephx2 Gulo Clu Scara3

Chrna2 Ephx2 YGulo Clu Scara3

Mensch
Chromosom 8 … ist die CD-ROM 2006 von Spektrum
der Wissenschaft. Sie bietet Ihnen alle

müssten viel eher auch andere Verwechs­ schon vorhandenen Daten sieht es so aus, Artikel (inklusive Bilder) des vergangenen
lungen einzelner Bausteine enthalten. als würde im menschlichen Erbgut min­ Jahres im PDF-Format. Diese sind im
Als die Forscher allerdings Pseudo­ destens jedes zehnte Pseudogen tatsäch­
Volltext recherchierbar und lassen sich
gene bei verschiedenen Arten verglichen, lich transkribiert. Natürlich besagt das
fanden sie diese These nicht immer be­ noch nichts über eine Funktion. Aber ausdrucken. Eine Registerdatenbank
stätigt: Manche der Scheingene hat die womöglich werden manche Pseudogene erleichtert Ihnen die Suche ab der Erstaus-
Zeit nicht so stark abgewandelt, wie wirklich noch irgendwie gebraucht und
ohne Selektionsdruck zu erwarten wäre. dürfen deshalb nicht frei mutieren. gabe 1978. Die CD-ROM läuft auf Win-
Sollten diese Sequenzen doch noch ir­ dows-, Mac- und Unix-Systemen (der Acro -
gendwelche Aufgaben erfüllen? Tatsäch­ Unerwartete Einmischung bat Reader wird mitgeliefert). Des
lich wiesen kürzlich Tomas Gingeras von Möglich wäre zum Beispiel, dass sie bei
der Firma Affymetrix und Michael der Steuerung von Genaktivitäten mit­ Weiteren finden Sie das spektrumdirekt-
Snyder von der Yale-Universität in New wirken. Viele der Gene höherer Organis­ Archiv mit über 10 000 Artikeln.
Haven (Connecticut) nach, dass auch men kodieren nicht für Proteine, son­
spektrumdirekt und das Suchregister
beträchtliche Bereiche der nicht gentra­ dern ihre RNA-Transkripte kontrollieren
genden Abschnitte des menschlichen andere Gene. Sie können diese aktivie­ laufen nur unter Windows. Die Jahrgangs-
Genoms in RNA umgesetzt, also trans­ ren oder hemmen – oder sie verhindern, CD-ROM kostet im Einzelkauf € 25,– (zzgl.
kribiert werden: Über die Hälfte der in­ dass an deren Transkript Proteine entste­
tensiv transkribierten DNA-Sequenzen hen. Wir kennen mittlerweile zumindest Porto) oder zur Fortsetzung € 18,50 (inkl.
scheinen außerhalb bekannter Gene zu zwei Beispiele von Pseudogenen, die sich Porto Inland).
liegen. Davon überlappen nicht wenige so verhalten.
Bestellen können Sie über den Beihefter
mit Pseudogenen. Sollten diese Sequen­ Eines fand die Gruppe von Michael
zen doch nicht völlig tot sein? O’Shea von der Universität Sussex (Eng­ oder unter:
Unsere Arbeitsgruppe gehört zu land) im Jahr 1999 bei einer Schlamm­
einem Zusammenschluss von Labors, die schnecke. Die Tiere besitzen zu dem Gen
das »dunkle Genom« erforschen. Wir für ein Enzym – die Stickstoffmonoxid­ www.spektrum.de/lesershop
bauen gerade ein Projekt namens »En­ synthetase (NOS) – auch ein verwandtes
Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft
code« (für: Enzyklopädie der DNA-Ele­ Pseudogen. Beide werden in Nervenzellen mbH | Slevogtstraße 3–5 | 69126 Heidelberg | Tel
mente) auf, das darauf abzielt, alle Teile transkribiert, aber die RNA vom Pseudo­ 06221 9126-743 | Fax 06221 9126-751 | service@
des Genoms zu identifizieren und deren gen hemmt die Bildung des Enzyms an spektrum.com
Funktionen zu bestimmen. Nach den der RNA des regulären Gens.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 63


Wissen aus erster Hand
Genetik

Die schlechte Nase des Menschen

Die feinen Zilien der menschlichen Gene Pseudogene


Riechschleimhaut (Bild) tragen Unmen­ 100 -
gen von Rezeptormolekülen, die Duftstof­

Foto: Richard Costanzo, Virginia Commonwealth University; Grafik: Lucy Reading-Ikkanda


fe einfangen. Bei den Säugetieren um­
80 -
fasst die Genfamilie für diese Rezepto-
ren mehr als tausend Gene. Nur ein Teil
davon funktioniert noch beim Menschen.
60 -
Viele aber sind als Pseudogene noch vor­
handen.

Prozent
40 -

20 -

0-
Mensch Menschen- Hund Maus
affen
Gene für Geruchsrezeptoren

Das andere Beispiel entdeckte Shinji che mit gut untersuchten Genen. Junge Oberflächenproteine herleiten. Selbst da­
Hirotsune von der Saitama Medical Pseudogene sind so nicht schwer zu fin­ von abgesehen, dass diese abgestorbenen
School ( Japan) im Jahr 2003. Er unter­ den. Wahrscheinlich übersehen wir aber Sequenzen faszinierende Einblicke in un­
suchte Ursachen für Fehlbildungen bei sehr alte, stark verstümmelte Relikte. Die sere evolutionäre Vergangenheit gewäh­
Mäusen. In einem Fall fiel das wichtige Arbeit dürfte jedoch umso leichter wer­ ren, sind sie wohl keineswegs überflüssig.
regulatorische Gen Makorin1 aus – ob­ den, je besser, vollständiger und genauer Sie könnten ein Reservoir darstellen, aus
wohl der Forscher dieses gar nicht hatte das menschliche Genom erfasst und ana­ dem bei Bedarf neue Gene erstehen. Wie
manipulieren wollen. Unwissentlich hat­ lysiert ist. wertvoll die Pseudogene heute oder mor­
te er aber das Makorin1-Pseudogen ver­ Aufregend ist nicht nur, dass in man­ gen für uns sind, wird zukünftige For­
ändert. chen Pseudogenen vielleicht noch ein schung erweisen. 
Wenigstens zwei Dutzend Pseudo­ Rest Leben steckt. Denn nach einigen
gene verdächtigen die Forscher bisher, Hinweisen mögen auch reguläre Gene Mark Gerstein (oben) und
­irgendwie aktiv zu sein – oft wohl nur für Proteine existieren, die früher tot wa­ Deyou Zheng sind Biomathe­
in bestimmten Zellen. Viele Scheingene ren und sozusagen wieder aufgelebt sind. matiker. Gerstein hat die A.-
sind ihrem Herkunftsgen so ähnlich, dass Wie sorgfältige Sequenzvergleiche eines L.-Williams-Professur für Bio­
medizinische Informatik an
man glauben möchte, es könnte weitere Enzymgens von Rindern für eine Ribo­ der Yale-Universität in New
Paare geben, von denen die eine Sequenz nuklease ergaben, war das lange Zeit ein

A u t o r e n u n d L i t e r at u r h i n we i s e
Haven (Connecticut). Zugleich
für ein Protein kodiert und die andere Pseudogen und wurde erst in jüngster ist er stellvertretender Leiter
den Zwilling kontrolliert. Dass solch ein Zeit reaktiviert. des Yale-Programms für Com­
Zusammenspiel von Anfang an bestand, Zudem sind die Pseudogenmuster puterbiologie und Bioinfor­
matik. Zheng kam 2003 nach
ist allerdings unwahrscheinlich. Eher bei verschiedenen Menschen nicht un­ seiner Promotion zu Gerstein.
dürfte es zufällig durch günstige Mutati­ bedingt gleich. Nimmt man etwa die Er arbeitet dort über die Aktivität von Pseu­
onen aufgekommen sein. Denkbar wäre Geruchsrezeptoren, so verfügen einzel- dogenen und deren Evolution.
auch, dass Selektionskräfte irgendwann ne Personen durchaus über – einige we­
Mechanismen hervorbrachten, ausgeson­ nige – arbeitende Gene, zu denen die
Large-scale analysis of pseudogenes in the
derte Genwracks noch zu verwerten. meisten von uns nur die Pseudoversion
human genome. Von Z. Zhang und M. Gerstein
Von der Ära der molekularen Paläon­ besitzen. Zu Stande kommen könnte so in: Current Opinion in Genetics & Develop­
tologie dürfen wir noch viel Spannendes etwas, wenn eine zufällige Mutation den ment, Bd. 14, Heft 4, August 2004, S. 328
erwarten, hat sie doch kaum eingesetzt. Defekt einer Sequenz rückgängig macht.
Pseudogenes: Are they »junk« or functional
Wer weiß, was an Pseudogenen noch Noch können wir jedoch nicht sagen, ob DNA? Von E. S. Balakirev und F. J. Ayala in: An­
auftauchen wird und welche weiteren dieser unerwartete Befund das bekannt­ nual Review of Genetics, Bd. 37, Dez. 2003,
Überraschungen sie bereithalten? For­ lich unterschiedliche Geruchsvermögen S. 123
schergruppen treiben die Suche nach ih­ verschiedener Individuen erklärt. Das neue Genom. Spektrum der Wissenschaft,
nen nun stark voran. Hauptsächlich ist Unsere eigenen Untersuchungen er­ Dossier 1/2006
das eine Frage des Umgangs mit den rie­ gaben aber, dass Hefen in einer sie stres­ Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
sigen Datenmengen. Die Genetiker bau­ senden neuen Umwelt einige Pseudo­ www.spektrum.de/artikel/866416
en dabei weit gehend auf Sequenzverglei­ gene reaktivieren, die sich von Genen für

64  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Wissenschaft im Rückblick
vollkommener bewerkstelli­ Zähnebohren ohne Schmerzen

Wissenschaft im Rückblick
gen als mit Strichlisten. Die
Häufigkeiten der Merkmale »Ein Hochleistungsbohrgerät für Zahnärzte mit Hartmetall­
werden dann direkt auf Zähl­ bohrern und pneumatischem Antrieb wurde vor kurzem den
sätze mit 6 oder 8 oder 10 Zahnärzten aus aller Welt vorgeführt … Mit diesem Gerät soll
Zählwerken eingetastet. Da das Zahnbohren so gut wie schmerzlos sein. … In den Halter ist
man nicht mehr durch das eine Luftturbine eingebaut, welche dem Bohrer eine Geschwin­
Nie wieder Stricheln abgelenkt ist und die digkeit von 50 000 Umdrehungen pro Minute verleiht … und
Masse der Werte blind eintas­ ein vibrationsfreies Arbeiten ergibt. Die hohe Umdrehungsge­
Strichlisten ten kann, werden auch diffe­ schwindigkeit vermindert in Verbindung mit den Hartmetall­
»Die Handhabung statisti­ renzierte Zählungen bei Er­ bohrern den erforderlichen Druck auf ein Dreissigstel des nor­
scher Verfahren in der For­ scheinungen erfaßbar, bei de­ malerweise Erforderlichen und gibt dem Patienten die Empfin­
schung erfordert die Aufstel­ nen in einer Sekunde mehrere dung einer federleichten Berührung.« Neuheiten und Erfindungen, 24.
lung von Häufigkeitsvertei­ Einheiten zu zählen sind.« Na- Jg., Nr. 268, S. 54, April 1957
lungen. Sie läßt sich mit turwissenschaftliche Rundschau, 10. Jg.,
Zählgeräten schneller und Heft 4, S. 151, April 1957
Diät gegen Geisteskrankheit
u Macht Strichlisten überflüssig: »Statitest« »Wir wissen heute, daß die Aminosäure Phenylalanin von der
mit zehn Zählwerken erleichtert Leber normalerweise zu Tyrosin umgebaut wird. … Fehlt ein be­
statistische Erfassungen. stimmtes Ferment (wie bei manchen geistig unterentwickelten
Kindern), so bleibt der Umbau aus und Phenylalanin nebst sei­
nem Abbauprodukt Phenylbrenztraubensäure werden im Urin
ausgeschieden. Diese Substanzen scheinen, wenn sie vermehrt
im Blut auftreten, für das Nervensystem sehr toxisch zu sein. …
Rickel sowie Woolf … gaben kranken Kindern nur Nahrungs­
mittel, die kein Phenylalanin enthielten. In allen Fällen trat kli­
nisch eine auffallende Besserung ein. Diese Ernährungsweise ist
jedoch sehr schwierig und kostspielig, da Phenylalanin in fast al­
len Eiweißen enthalten ist.« Umschau, 57. Jg., Heft 8, S. 248, April 1957

Hilft Kaffee beim Verdauen? Tünchmaschine »Fix«


»Neuerdings wurden in der Biologischen Abteilung des Patho­ »Die Erfahrung hat gelehrt,
logischen Instituts der Berliner Universität nach dieser Rich­ dass Unreinlichkeit die Vorbe­
tung hin Versuche an Hunden angestellt. Es handelte sich da­ dingung der meisten Tierkrank­
rum festzustellen, ob der Kaffee die Absonderung des Magen­ heiten ist … Es ist mit Freuden
saftes befördere. Die Versuche zeigten, daß das in der Tat in sehr zu begrüßen, dass eine Stall­
starkem Maß der Fall ist. … Anders verhält sich der Tee; er desinfektions-Einrichtung auf sigkeit unter mindestens 8 At­
hemmt die Absonderung des Magensaftes und beeinträchtigt den Markt gebracht wird, mit mosphären Druck entweder
somit die Magenverdauung … Diese Versuche scheinen also da­ deren Hilfe eine bequeme und strahlförmig oder nebelartig zu
für zu sprechen, daß die vielfach geübte Sitte, nach einer reich­ gründliche Desinfektion aller verspritzen. … Kuh-, Schweine-
lichen Mahlzeit eine Tasse Mokka zu schlürfen, einen triftigen Räumlichkeiten bis in den letz­ und Geflügelställe können da­
physiologischen Grund hat.« Die Gartenlaube, Nr. 6, S. 134, 1907 ten Winkel vorgenommen wer­ mit gründlich desinfiziert und
den kann. … Mit diesem Ap­ geweisst werden.« Deutsche Ex-
parat ist es möglich, jede Flüs­ port-Revue, No. 2, S. 71, April 1907
Antifeministische Professoren
»Die allmähliche Freigabe unserer Hochschulen für die Frauen
ist eine unabweisbare Forderung der Zeit. … Angenommen, es
hätte nur ein kleiner Bruchteil aller Frauen die Fähigkeit, wis­
senschaftliche Berufe auszuüben, so müßte doch für diesen
Bruchteil die Pforte zur Universität geöffnet bleiben. …Deshalb
ist es nicht zu billigen, wenn noch heute eine nicht geringe An­
zahl von Professoren es von vornherein ablehnt, akademischen
Unterricht an Studentinnen zu erteilen. … Ohne daß man die
natürlichen Verschiedenheiten von Mann und Weib zu leugnen
braucht, muß man doch anerkennen, daß schon sehr tüchtige
wissenschaftliche wie praktische Arbeiten von Frauen geleistet
worden sind.« Beilage zur Allgemeinen Zeitung, Nr. 82, S. 55, April 1907 o Die Tünchmaschine »Fix« desinfiziert und weißt Ställe.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  69


Computergrafik Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Simulationen: W. Wayt Gibbs;  Modelle mit frdl. Gen. von DAZ Productions Inc. und Ingo Wald, Universität des Saarlandes

3-D-Grafik – der große Sprung


Die dreidimensionale Computergrafik erlebt derzeit einen 
enormen Zuwachs an Bildqualität – vor allem dank schnellerer
Verfahren für die Simulation der Lichtausbreitung.

70  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Von W. Wayt Gibbs beitung und wissenschaftliche Visualisie- Schnelle Algorithmen und Spezial-
o

D
rung profitieren davon. Dies ist insbe- chips für Ray-Tracing können heute
iejenigen unter uns, die ih- sondere der Entwicklung bei den Grafik- Bilder selbst von komplexen und sich schnell
re prägenden Jahre damit prozessoren (Graphics Processing Units, ändernden Szenen (obere Bildzeile) in einer
verschwendet haben, eckige GPUs) zu verdanken – jenen kleinen Zeit erzeugen, die bisherige Software für ein
»Space Invaders« abzuschie- Chips im Computer, die dreidimensio- Einzelbild benötigt (untere Bildzeile).
ßen, stehen heute mit großen Augen nale Szenen schneller in zweidimensio-
und offenem Mund vor aktuellen Com- nale Bilder verwandeln, als man schauen
puterspielen. Der primitive, pixelige Affe kann. Genauso schnell, wie die Leistung reicht werden kann. Ein Schwenk von so
»Donkey Kong« hat sich zu einem drei- der GPUs in die Höhe schoss, taten das genannten Rasterisierungsverfahren, die
dimensionalen »King Kong« mit ver- auch die Umsätze der Hersteller dieser in den GPUs für interaktive Grafik ge-
blüffenden Details verwandelt. Einige Grafikchips wie etwa ATI/AMD, Nvidia nutzt werden, hin zu dem physikbasier-
Spiele für die neue Xbox 360 stellen oder Intel. ten Ray-Tracing-Verfahren zur Strahlver-
ihre Hauptdarsteller mit aufwändigen Trotzdem gibt es heute immer noch folgung wurde von fast allen Experten
Netzen aus mehr als 20 000 Polygonen einen himmelweiten Unterschied zwi- lange als völlig unmöglich angesehen.
dar, von denen jedes Einzelne in jeder schen interaktiver 3-D-Grafik auf der ei- Fortschritte bei Soft- und Hardware ha-
Sekunde dutzende Male mit raffinierten nen und Kinofilmen oder Fotografien ben Ray-Tracing jetzt aber überraschend
Materialien, Mustern und Glanz auf auf der anderen Seite – insbesondere was schnell in die Nähe des PC-Massen-
dem Bildschirm präsentiert wird. Realismus und Überzeugungskraft der marktes katapultiert.
Neben der boomenden Spiele-Indus- Bilder betrifft. Einige Experten meinen, Ray-Tracing, das quasi schon der Re-
trie haben die Fortschritte der Grafik- dass das Nonplusultra der Computer­ naissance-Maler Albrecht Dürer einsetzte
technologie auch der interaktiven Soft- grafik – in dem virtuelle Szenen die glei- und das erstmals in den 1970er Jahren
ware für das Design und Ingenieur­we­sen chen flüssigen Bewegungen und subtilen auf einem Computer implementiert wur-
zu neuen Leistungshochs verholfen. Selbst Details zeigen wie die Realität – nur mit de, steht jetzt vor seiner eigenen Renais-
die Architektur, medizinische Bildverar- einem fundamental neuen Ansatz er- sance, sagt Philipp Slusallek, Informatiker

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 71


Computergrafik

Von schnellen Rastern zu Strahlen in Echtzeit

Raster-Grafiken Im Chip durchlaufen die Polygone indivi­ Da die GPU jedes Polygon isoliert betrach­
Für das Rasterisierungsverfahren, wie es in duell eine Pipeline, in der die Geometrie tet, müssen diese für jedes Bild oft mehr­
den Chips heutiger Grafikkarten und Spiel­ transformiert und mit dem »Shading« die fach durch die Pipeline geschickt werden,
konsolen verwendet wird, müssen die Ob­ Farbgebung der Dreiecke berechnet wird. um das Aussehen der Objekte mit Schatten,
jekte einer Szene zuerst in viele Polygone Ein Z-Puffer speichert pro Pixel die Entfer­ Transparenz, Reflexionen und anderen Ef­
zerlegt werden (meist Dreiecke). nung zum dort sichtbaren Dreieck. fekten zu approximieren.

GPU

Gibbs;  Modelle mit frdl. Gen.


Alle Infografiken: W. Wayt

von DAZ Productions Inc.


Z-Puffer
Abstand zum Bildschirm

Traditionelles Ray-Tracing Trifft der Strahl ein Objekt, so kann das Sys­ Dank dieser rekursiven Berechnung können
Ray-Tracing berechnet ein Bild der Szene, tem einfach weitere »Schatten«-Strahlen alle Lichteffekte in einem einzelnen Durch­
indem es virtuelle Strahlen durch die Pixel zu jeder Lichtquelle schicken, um festzu­ gang exakt und physikalisch korrekt be­
des 2-D-Displays schickt. Die Szene besteht stellen, ob diese sichtbar ist oder der Punkt rechnet werden.
dabei aus einer Datenbank, die eine Viel­ im Schatten liegt. Auch bei reflektierenden
zahl an gekrümmten und flachen Objekten oder transparent lichtbrechenden
enthalten kann. Flächen bestimmen weitere Strah-
len den Anteil der Beleuchtung
Datenbank aus diesen Richtungen.
Schattenstrahl
Lichtstrahl

indirekte Lichtstrahlen

an der Universität des Saarlandes und ei- fahren muss prinzipiell alle eventuell rele- aller Objekte einer Szene hängt von allen
ner der Hauptakteure der neuen Techno- vanten Polygone verarbeiten, selbst wenn anderen ab, da das Licht immer wieder
logie. Die Zeit sei reif: »Das Rasterisie- diese am Ende gar nicht sichtbar sind. zwischen ihnen reflektiert wird«. Infor-
rungsverfahren der GPUs ist in einer »Erst wenn das System das allerletzte Po- matiker sprechen bei diesem Problem
Sackgasse angekommen«, versichert der lygon dargestellt hat, kann es feststellen, von der »globalen Beleuchtungssimula­
Professor. ob diese letzte Fläche nicht vielleicht alle tion«. Neue GPUs können eine Szene
Die Rasterisierung hat drei Haupt- vorherigen hinter sich verdeckt«, erklärt zwar mehrfach darstellen, um die indi-
probleme, die alle auf den ersten Schritt Gordon Stoll, Grafikforscher bei Intel. rekten Beleuchtungseffekte zu approxi-
dieses Verfahrens zurückgehen: Die vir- Der Berechnungsaufwand steigt deshalb mieren. Dieser Trick verbraucht aller-
tuelle Welt im Computer wird in eine bei der Rasterisierung proportional zur dings viel Speicher, verstopft interne Da-
Vielzahl kleiner, flacher Polygone zerlegt, geometrischen Komplexität einer Szene. tenkanäle und erreicht trotzdem nicht
etwa Dreiecke, die alle einzeln verarbeitet Verdoppelt sich die Anzahl der Details, den gewünschten Fotorealismus.
werden. Das erste Problem dabei ist, dass dann halbiert sich gleichzeitig die Rate, Ray-Tracing vermeidet diese Pro-
fast alle realen Objekte unterschiedlich mit der eine GPU die Bilder berechnen bleme, indem es die Lichtstrahlen selbst
stark gekrümmte Oberflächen haben und und darstellen kann. durch die Szene verfolgt. Wo Rasterisie-
durch die Approximation mit ebenen Ein drittes und noch wichtigeres Pro- rung auf Tricks, Approximationen und
Flächenstücken unnatürlich wirken. blem ist, sagt Slusallek, dass »Schatten, manuelle Eingriffe angewiesen ist, simu-
Falls der Designer einer bestimmten Reflexionen und andere globale Effekte liert Ray-Tracing die Gesetze der Optik –
Szene den Aufwand nicht scheut, könnte überhaupt nicht korrekt mit Rasterisie- und mit der Physik kommt die Wirklich-
er zwar die Rundungen mit einer größe- rung berechnet werden können«. Die keitstreue. »Die Lichtstrahlen sind wirk-
ren Zahl an Dreiecken akkurater model- Begründung, erklärt Stoll, »liegt in der lich unabhängig voneinander«, bemerkt
lieren. Dies verschlimmert allerdings das falschen Annahme, dass Polygone unab- Stoll, sodass Reflexionen, Schatten oder
zweite Problem: Das Rasterisierungsver- hängig voneinander sind. Das Aussehen selbst Rauch bei Ray-Tracing-Bildern

72  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Echtzeit-Ray-Tracing inzwischen aber auch im Konsumentenbereich verfügbar. Drei we­
Echzeit-Ray-Tracing wird bereits heute kommerziell in Servern ein­ sentliche Fortschritte haben dazu die Rechenzeit von Stunden auf
gesetzt, etwa in Visualisierungszentren der Automobilbranche, ist Bruchteile von Sekunden pro Bild reduziert.

1 Benachbarte Strahlen werden in Pake­


ten zusammengefasst und in allen Stu­
fen des Ray-Tracers parallel auf Desktop-
2 Moderne Datenstrukturen wie so genannte kD-Bäu­
me unterteilen den Raum der Szenen rekursiv in
immer kleinere Teile, sodass jeder etwa einen ähn­
3 Spezielle Mikrochips, die
vor Kurzem an der Universi­
tät des Saarlandes entworfen
PCs verarbeitet. So kann die hohe lichen Berechnungsaufwand erfordert. wurden, laufen als Prototypen
Parallelität in heutigen Standardprozes­ Statt einen Strahl beziehungsweise ein Strahlenpa­ zwar erst mit 66 MHz, liefern
soren (SIMD/SSE-Berechnungen) optimal ket daraufhin zu testen, ob jedes Objekt der Szene ge­ aber schon jetzt die Leistung
ausgenutzt werden. Auch müssen Daten troffen wird, untersucht der Ray-Tracer rekursiv immer ­einer 40-fach schnelleren 2,6-
nur einmal geladen und viele Berechnungen nur die Teile des kD-Baums, durch die der Strahl ver­ GHz-CPU. Eine fast fertig ent­
pro Paket nur einmal ausgeführt werden. läuft. So muss er lediglich die Objekte in den Blättern worfene Asic-Variante für den
des Baums testen, die nahe am Strahl liegen. kommerziellen Einsatz soll
mehr als die 50-fache Leistung
Zentral- liefern – für Echtzeit-Software
prozessor mehr als genug.

Jedes Paket wird in separaten »Threads«

mit frdl. Gen. von Philipp Slusallek,


bearbeitet, die optimal auf moderne Multi-

Universität des Saarlandes


Core-CPUs verteilt werden können.

Paket

Test des RPU-Prototyps durch


kD-Baum seine Erfinder an der Universi-
tät des Saarlandes

auch so aussehen, wie man sie kennt. aktiven Systemen verhindert hat: Der Schon im Jahr 2003 war Slusallek so
»Wenn ich diese Effekte in einem Ray- durch die Physik bedingte Rechenauf- von der Marktfähigkeit dieser Techno­
Tracer einschalte«, ergänzt der Intel-For- wand hatte bisher alle Rechner in die logie überzeugt, dass er mit seinen Mit­
scher, »stimmen automatisch auch alle Knie gezwungen. arbeitern eine Spin-off-Firma gründete,
ihre möglichen Kombinationen, wie etwa Selbst Pixars großes Netzwerk von um sie für die Industrie auch kommer­
die Reflexion des Schattens einer Rauch- über 3000 der schnellsten Computer ziell verfügbar zu machen. Sie gründeten
wolke. Das geht mit Rasterisierung so rechnet für jede einzelne Sekunde des die inTrace GmbH. Die erste Generation
überhaupt nicht.« Nur mit Ray-Tracing fertigen Films mehrere Tage lang. Wäh- der Software benötigte noch einen Clus-
könne bisher die globale Beleuchtung fast rend Filmproduzenten so etwas vielleicht ter schneller Computer, um hochauflö-
perfekt berechnet werden. noch tolerieren können, geht das bei sende, fotorealistische Ansichten mit
Als das Pixar Animation Studio an- Spielern, Ingenieuren und Medizinern mehr als zehn Bildern pro Sekunde zu er-
fing, den Film »Cars« zu produzieren − im Allgemeinen nicht mehr. zeugen. Fast alle deutschen Automobilfir-
einen computergenerierten Film, der men wie BMW, Audi, DaimlerChrysler,
letztes Jahr in unsere Kinos kam –, muss- Besser mit Echtzeit-Ray-Tracing Volkswagen, aber auch Airbus und ande-
ten die Mitarbeiter feststellen, dass die Ray-Tracing setzt jetzt allerdings zum re Firmen griffen bei inTrace zu.
metallischen Oberflächen der Wagen nur Sprung über diese Geschwindigkeitshür- Sie benutzen die OpenRT-Software
dann perfekt glänzten, wenn statt der de an. Bessere Algorithmen und spezielle derzeit zur visuellen Evaluation von neu-
bisherigen Rasterisierung Ray-Tracing Hardware haben Ray-Tracing in kürzes- en Automodellen, zur Bewertung von
ein­gesetzt wurde. Bei allen früheren Fil- ter Zeit um mehr als zwei Größenord- Designentscheidungen, noch bevor das
men hatte Pixar es vermieden, Ray- nungen beschleunigt. Durch Echtzeit- erste Modell gebaut werden kann, und
Tracing zu verwenden – aus dem glei- Ray-Tracing können Computerbilder viel zur finalen Oberflächenkontrolle mittels
chen Grund, der den Einsatz auch bei einfacher und gleichzeitig mit einer deut- Reflexionen. Seitdem wurden die Ray-
Computerspielen und anderen inter­ lich besseren Qualität erzeugt werden. Tracing-Algorithmen des OpenRT-Sys-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 73


Computergrafik

In diesem originalen 3-D-Modell ei-


r ner Boeing 777 sind alle Schrauben,
Schalter und Kabel sichtbar. Eine Szene die-
ser Komplexität überfordert traditionelle
Rasterisierungsverfahren, die für jedes Bild
jedes der 350 Millionen Polygone bearbei-
ten. Da Ray-Tracing-Systeme nur mit den
sichtbaren Objekten rechnen, sind selbst
solche Modelle einfach darzustellen.

Philipp Slusallek, Universität des Saarlandes;  Modelle mit frdl. Gen. der BOEING Company

tems so verbessert, dass interaktive Bild- und sein Kollege Jim Hurley bei Intel ar- kann man auf alle manuellen Tricks ver-
raten sogar schon auf einem leistungs- beiten an Verbesserungen des klassischen zichten, die man wegen des Rasterisie-
starken PC erreicht werden. 2004 zeigten Indexes, bekannt als ein »kD-Baum«. rungsverfahrens heute in Spielen noch
Slusallek und seine Mitarbeiter Carsten Ein kD-Baum unterteilt den Raum wie- braucht. Mit Ray-Tracing baut man ein-
Benthin und Ingo Wald, wie man mit derholt in je zwei kleinere Teile und ar- fach das Modell, drückt einen Knopf
Ray-Tracing große Szenen voll ge- rangiert ihn so in eine baumartige 3-D- und das perfekte Bild ist fertig.« Slusal-
krümmter Freiformflächen (so genannte Hierarchie. Um Zeit zu sparen, baut das lek plant, die neue RPU-Hardware mit
Spline-Flächen), wie sie im Automobil- so genannte Razor-System von Intel nur Treibern und Compilern für die Indus-
bau Verwendung finden, sehr schnell die für das jeweilige Bild benötigten Äste trie zu kommerzialisieren.
darstellen kann. Diese müssen dabei des Baums neu auf. Sein kd-Baum reprä- »Die Technologie, um hochdetaillier-
nicht mehr in viele Dreiecke zerlegt wer- sentiert die Szene in mehreren Auf­ te, realistische Szenen in Echtzeit darstel-
den, wie das für GPUs und klassische lösungsstufen, sodass es zum Beispiel ein len zu können, ist jetzt endlich verfüg-
Ray-Tracer noch notwendig war. In den entferntes Schloss schnell darstellen bar«, sagt der Saarländer. »Jetzt wird sich
letzten zwei Jahren haben Slusallek, Stoll kann, ohne jeden einzelnen Ziegelstein zeigen, auf welcher Hardware-Plattform
und Wald (inzwischen an der Universität anfassen zu müssen. sie zukünftig am besten funktioniert:
von Utah) jeweils neue Wege aufgezeigt, »Razor ist ein weit reichendes Testsys- Multi-Core-CPUs, Ray-Tracing-Erwei­
wie man diejenigen Objekte noch schnel- tem«, meint Hurley. »Es kann Explosi- terungen für künftige GPUs oder eben
ler identifizieren kann, die höchstwahr- onen, spritzendes Wasser und den ganzen Spezialprozessoren wie unsere RPU.«
scheinlich von einem Strahl auf dessen Bereich der Lichteffekte berechnen. Es ist Eines scheint aber klar: Die enorme Be-
Weg vom Bildschirm zur Lichtquelle ge- zwar noch nicht schnell, aber durch Op- schleunigung der Ray-Tracing-Techno­
troffen werden (um Rechenzeit zu spa- timierungen erwarten wir eine Beschleu- logie signalisiert einen großen Sprung in
ren, wird das Licht rückwärts verfolgt, nigung um den Faktor 10 bis 100.« Die der Computergrafik.
die Physik bleibt jedoch die gleiche). Optimierungen sollen auch die Mög­
lichkeit moderner Multi-Core-Prozesso­
Büchersuchen in einer Bibliothek ren nutzen, die mehrere Programmteile W. Wayt Gibbs ist freier Mitar-
beiter von Scientific American.
A ut o r u n d L i teratur h i n w e i se
Will man feststellen, ob ein Strahl ein gleichzeitig ausführen können.
bestimmtes Objekt auch trifft, sagt Slu- Letztes Jahr hat die Forschergruppe
sallek, gleiche dies der Suche nach einem aus dem Saarland einen Chip entwickelt, Razor: An architecture for dy­
Buch in einer Bibliothek. »Auch da fängt der viele Ray-Tracing-Berechnungen par- namic multiresolution Ray
man nicht am ersten Regal oben links an allel bearbeiten kann. In ersten Tests tracing. Von Gordon Stoll et al. University of
Texas at Austin, Department of Computer Sci­
und arbeitet sich dann durch die ganze konnte die »RPU« (Ray Processing Unit)
ences Technical Report #TR 06-21, 2006
Bibliothek. Man benutzt den Katalog, schon Dutzende von Bildern pro Sekun-
den Index, und geht dann direkt zum de erzeugen. Um die Möglichkeiten zu Ray tracing goes mainstream. Von Jim Hurley
in: Intel Technology Journal, Bd. 9, Ausg. 22,
richtigen Regal.« Einen Index für 3-D- demonstrieren, haben zwei Studenten Mai 2005
Objekte aufzubauen ist einfach. Schwie- von Slusallek eine virtuelle Insel mit 40
rig ist jedoch, es innerhalb weniger Mil- Millionen Polygonen modelliert, zum RPU: A programmable Ray processing unit for
realtime ray tracing. Von Sven Woop, Jörg
lisekunden zu tun, und zwar jedes Mal, Beispiel auch mit den Ozeanwellen, die Schmittler und Philipp Slusallek in: Proceed­
wenn sich etwas in der Szene verändert nachts den Sternenhimmel und die La- ings of ACM Siggragph, 2005
hat und bevor das nächste Bild darge- gerfeuer am Strand reflektieren. »Das
Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
stellt wird. »Es ist, als ob die Bücher schafften die beiden in etwa drei Mona- www.spektrum.de/artikel/866421
ständig umsortiert würden«, sagt er. Stoll ten«, berichtet er. »Durch Ray-Tracing

74  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


WAHLVERFAHREN

Die Mathematik der


doppelten Gerechtigkeit
Für ein Zuteilungsproblem, bei dem zwei konkurrierende Forde-
rungen zugleich zu erfüllen sind, gibt es eine algorithmische
Lösung. Sie ist so überzeugend, dass sie – unter anderem – für
die Besetzung des Zürcher Gemeinderats praktiziert wird.

Von Michel Balinski Partei so viele Vertreter sitzen, wie ihrem 2002 erledigt hat). Das war der Auslöser
und Friedrich Pukelsheim Stimmenanteil am Gesamtergebnis ent­ einer Suche nach Abhilfe, die in dem be­

W
spricht, sondern auch von jedem Wahl­ schriebenen Gesetz endete.
ir haben das Vergnügen, kreis (jeder Region, jedem Bundesland Zürich mit seinem neuen Zutei­
über eine geradezu bil­ …) so viele Vertreter, wie dessen Anteil lungsverfahren macht den Anfang, die
derbuchmäßig erfolg­ an der Gesamtbevölkerung entspricht. Kantone Aargau und Schaffhausen erwä­
reiche Anwendung von Das Neue Zürcher Zuteilungsverfahren gen zu folgen. Darüber hinaus sind dop­
Mathematik zu berichten. Einer der Au­ ist vor allem deswegen so überzeugend, pelt proportionale Sitzzuteilungsverfah­
toren, Michel Balinski, erarbeitet in der weil es – mathematisch beweisbar – keine ren überall von Interesse, wo die Zusam­
Theorie eine Lösung eines Problems, an Umverteilung der Sitze gibt, durch die mensetzung des Parlaments neben der
dem sich die mexikanische Legislative man dem Ideal der doppelt proportiona­ parteipolitischen Landschaft auch die
jahrelang vergeblich abgemüht hat. Der len Repräsentation näher käme. regionale Bevölkerungsaufteilung wi­
andere Autor, Friedrich Pukelsheim, ar­ derspiegeln soll. Das gilt für Belgien mit
beitet diese Lösung weiter aus und stellt Atemberaubendes Tempo des seiner­ Sprachenvielfalt ebenso wie für
sie auf seiner Website bereit. Wir beide Schweizerischen Bundesgerichts die Färöer-Inseln, die in der dänischen
veröffentlichen unsere Gedanken in der Bis 2002 wurden bei den Wahlen für Reichsgemeinschaft einen hohen Grad
vorliegenden Zeitschrift (Spektrum der den Zürcher Gemeinderat die Vertreter an Autonomie genießen, und für die Eu­
Wissenschaft 10/2002, S. 72 und 75). jedes Wahlkreises ausschließlich aus den ropäische Union, deren Mitgliedstaaten
Auf der Suche nach der Lösung eines in diesem Wahlkreis abgegebenen Stim­ ihre nationale Repräsentation im Euro­
gleichartigen Problems stößt Christian men ermittelt. Da beispielsweise der päischen Parlament garantiert sehen
Schuhmacher, Leiter des Gesetzgebungs­ Wahlkreis 1 wegen seiner geringen Wäh­ wollen­.
diensts in der Verwaltung des Kantons lerzahl nur zwei Vertreter in den Ge­ Früher bildete jeder der zwölf Be­
Zürich, auf unsere Arbeiten. Es ist uns meinderat zu entsenden hatte, war jede zirke (»Stadtkreise«) Zürichs einen Wahl­
ein Leichtes, unsere Lösung den Zürcher Stimme, die in diesem Wahlkreis für eine kreis für sich, wobei auf Kreis 1 nur be­
Gegebenheiten anzupassen. Die vorbe­ der kleineren Parteien abgegeben wurde, sagte zwei Sitze entfielen. Für die Wahl
reitende parlamentarische Kommission von vornherein wertlos, obgleich für die­ 2006 wurden die drei kleinen Kreise 1, 5
und der Kantonsrat machen sich unseren selbe Partei im gesamten Stadtgebiet und 8 mit größeren zusammengelegt,
Vorschlag mit großer Einmütigkeit zu mehr als genügend Stimmen für einen um Kleinstwahlkreise zu vermeiden.
eigen. Das »Neue Zürcher Zuteilungs­ Gemeinderatssitz zusammenkamen. Ge­ Nach der Neugliederung entsendet jeder
verfahren« wird zum Gesetz und bei der gen diese Ungleichbehandlung legte Wahlkreis entsprechend seiner Bevölke­
Wahl zum Zürcher Gemeinderat am 12. nach der Wahl im März 2002 ein Bürger rungszahl 10 bis 19 Abgeordnete ins
Februar 2006 erstmals angewandt. beim Schweizerischen Bundesgericht Be­ Stadtparlament.
Es geht darum, die Parlamentssitze so schwerde ein – mit Erfolg. Nach nur Jeder Wähler hat so viele Stimmen,
zuzuteilen, dass die Wahlkreise propor­ neun Monaten gab das Bundesgericht wie in seinem Wahlkreis Sitze zu verge­
tional zu den Bevölkerungszahlen reprä­ der Beschwerde statt (während das deut­ ben sind. Um die Stimmen im Wahlge­
sentiert werden und die Parteien propor­ sche Bundesverfassungsgericht nach vier biet auf einen Nenner zu bringen, werden
tional zu ihren Stimmengewinnen. Im Jahren noch nicht einmal die Einsprüche die Stimmenzahlen in jedem Wahlkreis
Parlament sollen also nicht nur von jeder gegen die vorletzte Bundestagswahl von durch die Wahlkreisgröße (die Anzahl der

76 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


beide Fotos: Martin Zachariasen, Universität Kopenhagen

auf diesen Wahlkreis entfallenden Sitze) Wegen der Rundung ergeben die so Der Autor Friedrich Pukelsheim beob-
geteilt und zur nächstgelegenen ganzen errechneten Sitzzahlen möglicherweise o achtet gespannt die Auszählung der
Zahl gerundet. Das Ergebnis sind die nicht genau die geforderte Gesamtzahl Ergebnisse der Zürcher Gemeinderatswahl
»Wahlkreiswählerzahlen« (Tabelle S. 78). (in diesem Fall 125). Dem kann man ab­ am 12. Februar 2006, die erstmals nach dem
Für die folgende Diskussion können wir helfen, indem man den »Stadtdivisor« von ihm ausgearbeiteten Neuen Zürcher Zu-
mit vernachlässigbarem Fehler unterstel­ 530,616 geeignet verändert. Macht man teilungsverfahren abläuft.
len, jeder Wähler hätte genau eine Stim­ ihn beispielsweise kleiner, so werden die
me und die Wahlkreiswählerzahlen wären Quotienten größer, bis einer von ihnen
die Anzahlen dieser Stimmen. die entscheidende Grenze »ganze Zahl Parteien entsprechend ihrer Stimmenzahl
Das neue Zuteilungsverfahren rech­ plus 0,5« überwindet und nach oben in dem jeweiligen Wahlkreis zugeteilt.
net in zwei Schritten. Für die »Oberzu­ statt nach unten gerundet wird, wodurch Dabei gilt es sowohl die vorgeschriebenen
teilung« werden die Wahlkreiswähler­ die Gesamtzahl der Sitze um 1 steigt. Wahlkreisgrößen einzuhalten als auch die
zahlen einer Partei über alle neun Wahl­ Theoretisch kann sich dieses Um­ in der Oberzuteilung bestimmten Partei­
kreise aufsummiert. Proportional zu springen bei zwei Quotienten zugleich sitzzahlen auszuschöpfen. Weil es nun
diesen kumulierten »Wählerzahlen« sol­ ereignen, etwa wenn zwei Parteien exakt zwei Bedingungen zu erfüllen gilt, gibt es
len die zu vergebenden Sitze den Par­ die gleiche Stimmenzahl errungen ha­ auch zwei Gruppen von Schlüsselzahlen:
teien zugeteilt werden, und zwar zu­ ben. In diesem Fall würde die Sitzzahl Wahlkreisdivisoren und Parteidivisoren.
nächst ohne Rücksicht auf die Verhält­ gleich um 2 ansteigen und damit mögli­ Ansonsten folgt die Rechnung dem­
nisse in den einzelnen Wahlkreisen. Das cherweise den geforderten Wert verfeh­ selben Schema wie vorher, nur dass jetzt
ist eine einfache Dreisatzaufgabe. Da ins­ len. In der Praxis sind diese Fälle ohne pro Wahlkreis und Partei die Wählerzahl
gesamt 66 327 Stimmen für 125 Sitze Bedeutung. Die meisten Wahlgesetze zweimal geteilt wird, sowohl durch den
abgegeben wurden, entfallen auf jeden schreiben vor, dass solche Pattsituationen zugehörigen Wahlkreisdivisor als auch
Sitz 66 327 / 125 = 530,616 Wähler­ durch Losentscheid aufzulösen sind. durch den entsprechenden Parteidivisor.
stimmen. Schließlich wird der sich ergebende Quo­
Man teile die Stimmenzahl jeder Par­ Subtile Balance tient zur nächstgelegenen ganzen Zahl
tei durch 530,616 und erhält die dieser zwischen zwei Zielen gerundet.
Partei zustehende Sitzzahl. Da das im In unserem Beispielfall muss der Divisor Randbedingungen (Wahlkreisgrößen
Allgemeinen keine ganze Zahl ist, muss 530,616 gar nicht nachgebessert werden. und Parteisitzzahlen) sowie Zuteilungs­
gerundet werden: Aus dem Quotienten Alle Divisoren zwischen 528,206 und schlüssel (Wahlkreis- und Parteidiviso-
43,68 für die SP (Sozialdemokratische 532,873 reproduzieren die in der Tabelle ren) bilden einen Rahmen um den Kern
Partei) ergeben sich 44 Sitze; der Quoti­ aufgeführten Sitzzahlen. der Tabelle. Zum Beispiel ergibt sich in
ent 3,19 für die SD (Schweizer Demo­ Für das weitere Verfahren sind diese Wahlkreis 12 für die SP der Quotient
kraten) wird zu 3. Das ist die auch im Gesamtsitzzahlen für die Parteien ebenso 1322 / (400 . 1,01) = 3,27, der zu 3 Sit­
kaufmännischen Bereich übliche Stan­ als konstant anzusehen wie die vorab zen gerundet wird.
dardrundung. Andere Verfahren, etwa festgelegten Wahlkreisgrößen. Wie ermittelt man die Schlüssel­
Abrunden zur nächstniederen ganzen Der zweite und neue Schritt des Ver­ zahlen? Man berechnet zunächst für je­
Zahl, werden auch praktiziert, haben fahrens ist die »Unterzuteilung«; hier den Wahlkreis einen Wahlkreisdivisor,
aber erhebliche Nachteile (siehe unten). werden die Sitze jedes Wahlkreises den mit dem die Wahlkreisgröße ausge­

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  77


WAHLVERFAHREN

schöpft wird. Dabei ergeben sich in aller Computerprogramm namens »Bazi«, das 603 Stimmen pro Stück, an ihre fünf
Regel noch nicht die richtigen Parteisitz­ die Augsburger Mathematikergruppe frei Sitze gekommen.
zahlen. Daher berechnet man im zweiten benutzbar ins Internet gestellt hat (www. Und schon argumentiert die CVP,
Durchgang mit den soeben skalierten uni-augsburg.de/bazi). im Wahlkreis 7-8 stünde ihr auf Kosten
Wählerzahlen (man dividiert jede Wäh­ Auf den ersten Blick sieht das Ergeb­ der FDP ein Sitz mehr zu; denn dann
lerzahl durch den aktuellen Wahlkreis­ nis etwas merkwürdig aus. Der zentrale käme die Aufteilung dem Prinzip der
divisor) Parteidivisoren, sodass die kor­ Grundsatz der Erfolgswertgleichheit be­ Erfolgswertgleichheit wesentlich näher.
rekten Parteisitzzahlen erreicht werden. sagt, dass jede Wählerstimme den glei­ Oder der SP-Kandidat aus Kreis 10, des­
Wenn man jetzt jede Wählerzahl chen Beitrag zu einem Wahlerfolg haben sen Listenplatz gerade nicht mehr für ei­
durch ihren zugehörigen Wahlkreis- und soll, einerlei in welchem Wahlkreis oder nen Einzug ins Parlament gereicht hat,
Parteidivisor teilt und dann rundet, stim­ für welche Partei sie abgegeben wird, macht seinem Parteifreund aus Kreis 9
men im Allgemeinen die Wahlkreisgrö­ oder, was auf dasselbe hinausläuft, dass den gerade noch errungenen Stadtrats­
ßen nicht mehr. Also passt man diese an, für jeden Sitz, gleich für welche Partei sitz streitig. Was ist auf derlei Ansprüche
indem man mit den skalierten Wähler­ und welchen Wahlkreis, ungefähr die zu erwidern?
zahlen (diesmal Wählerzahl durch aktu­ gleiche Anzahl an Stimmen erforderlich
ellen Parteidivisor) neue Wahlkreisdivi­ sein soll, in unserem Beispiel eben 530 Vermeidung paarweiser Konflikte
soren berechnet, und so weiter. Stück. Da wirkt es seltsam, dass in Wahl­ Die Frage läuft auf die Eigenschaft der
Es scheint so, als würde man ständig kreis 9 der SP 2628 Stimmen für sechs »Kohärenz« hinaus, die Michel Balinski
die eine Sorte Größen nachbessern und Sitze genügen, während dieselbe Partei in seinem Artikel »Die Mathematik der
dabei in Kauf nehmen, dass die Größen in Wahlkreis 10 für 2938 Stimmen nur Gerechtigkeit« (Spektrum der Wissen­
der anderen Sorte verrutschen. Aber die lumpige vier Sitze bekommt. In Kreis 11 schaft 3/2004, S. 90) in allgemeinerem
gute Nachricht ist: Es rutscht sich zu­ sind für 777 Stimmen schon zwei CVP- Zusammenhang diskutiert. Kohärenz be­
recht. In unserem Fall ist nach fünf Sitze zu haben, im Kreis 7-8 gibt es für deutet: Zwischen je zwei Parteien sollten
Durchgängen ein Ergebnis erreicht, das deutlich mehr, nämlich 837 Stimmen, die von beiden zusammen errungenen
beide Bedingungen erfüllt. Die Rechen­ nur einen Sitz. Im selben Wahlkreis ist Sitze so aufgeteilt sein, dass beide das Er­
arbeit erledigt – zum Beispiel – ein die FDP wesentlich billiger, nämlich mit gebnis als unstrittig und gerecht empfin­

Das Neue Zürcher Zuteilungsverfahren

Die Zuteilung der 125 Sitze bei der Zürcher Gemeinderatswahl am Wahlkreiswählerzahlen zweimal geteilt – durch den zugehörigen
12. Februar 2006 erfolgt in zwei Schritten. Für die Oberzuteilung Wahlkreisdivisor wie auch durch den Parteidivisor – und erst dann
werden die Wählerzahlen durch den Stadtdivisor geteilt und der gerundet. Beispiel SP in Wahlkreis 12 : 1322 /(400 · 1,01) = 3,27 3.
resultierende Quotient zur Parteisitzzahl gerundet. Beispiel SP: Die Divisoren sind so berechnet, dass Wahlkreisgrößen und Partei-
23180 / 530 = 43,74 44 Sitze. In der Unterzuteilung werden die sitzzahlen genau ausgeschöpft werden.

SP SVP FDP Grüne CVP EVP AL SD

Stadt-
Oberzuteilung im gesamten Wahlgebiet ( Wählerzahl Parteisitzzahl )
divisor
23 180  44 12 633  24 10 300  19 7501  14 5418  10 3088  6 2517  5 1692  3 530
Unterzuteilung an die Wahlkreise (Wahlkreiswählerzahl Wahlkreis-Parteisitzzahl ) Wahlkreis-
Wahlkreis 125 44 24 19 14 10 6 5 3 divisor

Kreis 1-2 12 2377  4 1275  2 1819  3 1033  2 610  1 236  0 201  0 138  0 600
Kreis 3 16 2846  7 1379  3 653  1 1082  3 541  1 176  0 464  1 198  0 432
Kreis 4-5 13 2052  5 629  2 349  1 786  2 315  1 79  0 699  2 108  0 400
Kreis 6 10 2409  4 968  1 1092  2 842  1 440  1 342  1 230  0 111  0 660
Kreis 7-8 17 3632  5 1642  2 3015  5 1499  2 837  1 618  1 323  1 144  0 660
Kreis 9 16 2628  6 1972  4 754  2 572  1 708  1 615  1 154  0 333  1 473
Kreis 10 12 2938  4 1630  3 1272  2 807  1 696  1 391  1 212  0 124  0 650
Kreis 11 19 2976  6 2113  4 1039  2 661  1 777  2 631  2 191  1 328  1 470
Kreis 12 10 1322  3 1025  3 307  1 219  1 494  1 0  0 43  0 208  1 400
Parteidivisor 1,01 1 1,01 1 1 0,88 0,8 1

SP Sozialdemokratische Partei Grüne Grüne AL Alternative Liste/PdA


SVP Schweizerische Volkspartei CVP Christlichdemokratische Volkspartei SD Schweizer Demokraten
FDP Freisinnig-Demokratische Partei EVP Evangelische Volkspartei

78 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


den. Eine faire Sitzzuteilung für das Ge­
SP Idealanspruch SVP Idealanspruch
samtproblem muss also auch aus der
Sicht eines jeden Teilproblems – man be­ Kreis 11 2976  6 x = 5,71 2113  4 10–x = 4,29 10
trachte etwa nur zwei Parteien und die
für sie abgegebenen Stimmen und lasse Kreis 12 1322  3 9–x = 3,29 1025  3 x–3 = 2,71 6
alles andere außer Acht – fair erscheinen.
Summe 9 7 16
Ist die Oberzuteilung in Tabelle 1
kohärent? Widersteht sie dem neidvoll
vorgetragenen Anspruch jeder Partei, wie der zur nächsten ganzen Zahl gerun­ Die Kohärenzprüfung dieser Vierer-
dass ihr ein Sitz eher zustehe als einer dete Ideal­anspruch ausmacht, wenn die ge­ o kette ergibt als Lösung der im Text ge-
anderen? Nehmen wir das Teilproblem, meinsamen Sitze neu aufgeteilt würden. nannten Bestimmungsgleichung x =  5,71. Die
das aus den Parteien SP und AL besteht. Dieses konfliktminimierende, kohä­ resultierenden Idealansprüche reproduzie-
Sie erhalten gemeinsam 44 + 5 = 49 Sitze rente Verfahren ist die beschriebene Divi­ ren die schon vorliegenden Sitzzahlen. Das
bei zusammen 23 180 + 2517 = 25 697 sormethode mit Standardrundung (nach gilt beim Neuen Zürcher Zuteilungsverfah-
Wählern. Das ergibt einen Idealanspruch Webster, Sainte-Laguë und Schepers). ren für jede beliebige Transferkette.
von 49 . 23 180 / 25 697 = 44,20 Sitzen für Dagegen würde die Divisormethode mit
die SP und von 4,80 Sitzen für die AL. Abrundung (nach Jefferson, D’Hondt
Die gerundeten Idealansprüche von SP und Hagenbach-Bischoff) im Beispiel hungsweise x–3 Sitze. Das Prinzip der
und AL ergeben 44 und 5 Sitze, und das der SP 45 und der AL 4 Sitze zuteilen Erfolgswertgleichheit würde fordern,
ist genau das, was die beiden eh schon und damit über Kreuz mit den Idealan­ dass x/2976=(9–x)/1322=(10–x)/2113
haben. Diese Paarung findet also keinen sprüchen geraten. =(x–3)/1025 gilt, und das ist sogar als
Anlass, zu streiten. Eine Übersicht über die historischen Ideal unmöglich. Eine Lösung x, die das
Schwachpunkt dieser Argumentation Autoritäten, von denen die Zuteilungs­ leistet, gibt es nicht.
ist, dass sie auf die Parteien starrt. Wich­ methoden ihre Namen haben, bietet die Was wäre also ein geeignetes Hilfs­
tiger als die Parteien ist der demokra­ von Friedrich Pukelsheim zusammenge­ mittel, um vier Erfolgswerte gegeneinan­
tische Souverän, das Wahlvolk. Aber tragene Ahnengalerie in Spektrum der der abzuwägen? Schauen wir abermals in
auch die Wählersicht kommt zum selben Wissenschaft 9/2002, S. 83. die Schweiz. In das Wahlgesetz des Kan­
Ergebnis, wenn auch auf anderem Weg. tons Bern wurde 1980 der so genannte
Bei x SP-Sitzen kommt jedem der 23 180 Berner Doppelquotient Doppelquotient eingeführt. Er wird mit
SP-Wähler der Erfolgsanteil x / 23 180 Damit ist zunächst die Oberzuteilung anderen Zahlen definiert und anders ver­
zu. Das heißt, jede SP-Wählerin und je­ über jede Anfechtung erhaben. Was aber wendet als hier; trotz dieser Unterschiede
der SP-Wähler trägt einen Anteil von ist mit den oben angesprochenen Merk­ weist das Konzept den Weg zum Ziel.
x / 23 108 zum Sitzerfolg der Partei ihrer würdigkeiten der Unterzuteilung? Die Idee ist folgende: Eine gewisse
Wahl bei. Die 2517 AL-Wähler erzielen Die erste Antwort ist: Einfach in Ungleichheit hat das Teilproblem von
den Erfolgswert (49–x)/2517. (Der Er­ einem Wahlkreis einen Sitz von einer der Lösung des Gesamtproblems geerbt,
folgswert ist der Kehrwert des oben dis­ Partei zu einer anderen zu schieben ist und zwar in Gestalt der fest vorgege­
kutierten »Preises« für einen Sitz. Das verboten; dadurch würden ja die fest benen Randwerte. Für einen Sitz in
Ziel der gleichen Erfolgswerte aller Wäh­ vorgegebenen Parteisitzzahlen verändert. Wahlkreis 11 sind – im Teilproblem –
lerstimmen ist der zentrale Ansatzpunkt Es wäre allenfalls eine Art Ringtausch (2976 + 2113)/10 = 508,9 Stimmen er­
in den Überlegungen der Verfassungsge­ denkbar, eine so genannte Viererkette, forderlich, für einen Sitz im Wahlkreis
richte.) zum Beispiel: Die SP gibt einen Sitz im 12 nur (1322 + 1025)/6 = 391,2 Stim­
Aus dem Grundsatz der Erfolgswert­ Kreis 11 an die SVP ab und bekommt men. Wohlgemerkt: Diese Ungleichheit
gleichheit folgt also die Gleichung dafür in Kreis 12 von ihr einen Sitz zu­ beruht nicht auf Willkür, sondern wird
x 49 x rück. Es ändern sich vier Zahlen in der im Interesse einer Gleichheit »auf hö­
Tabelle, und alle Wahlkreisgrößen und herer Ebene« in Kauf genommen. Wenn
23180 2517
Parteisitzzahlen bleiben unverändert. sie nun schon nicht zu vermeiden ist,
Die Lösung ist x = 44,20 und somit die­ Die Frage muss also lauten: Harmo­ soll sie wenigstens gleichmäßig auf die
selbe, die der parteienorientierte Ansatz nieren die zugeteilten Sitze mit den Parteien aufgeteilt werden. Das Verhält­
liefert. Beim Vergleich von SP und AL Wählerzahlen 2976, 1322, 2113 und nis der Erfolgswerte soll für beide Par­
werden also deren Wähler wie auch die 1025, oder ist das Zuteilungsergebnis teien dasselbe sein:
beiden Parteien selbst gerecht bedient. angreifbar? Für dieses Teilproblem sind
Die Überprüfung sämtlicher 28 Partei­ die Sitzzahlen jeder Partei in beiden x 10 x
2976 2113
enpaare liefert dasselbe Ergebnis, wie Wahlkreisen zusammen (9 für die SP
9 x x 3
mathematisch beweisbar ist: und 7 für die SVP) ebenso vorgegeben
1322 1025
Es gibt genau ein Zuteilungsverfahren, wie die Sitzzahlen jedes Wahlkreises für
für das bei allen denkbaren paarweisen Ver­ beide Parteien zusammen (10 in Wahl­ Eine analoge Ungleichheit gilt für
gleichen kein Beteiligter einen rechne­ kreis 11 und 6 in Wahlkreis 12). Erhält die Parteien: Im Teilproblem sind 477,6
rischen Anlass findet, einem anderen einen nun die SP ideale x Sitze in Wahlkreis Stimmen für einen SP-Sitz erforderlich,
Sitz weg­zunehmen. Dieses Ver­fahren teilt 11, dann bleiben ihr 9–x in Wahlkreis aber nur 448,3 Stimmen für einen SVP-
von zwei Parteien beiden so viele Sitze zu, 12. Die SVP bekommt 10–x bezie­ Sitz. Da kann man verlangen, dass beide

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  79


WAHLVERFAHREN

Es gibt genau ein Zuteilungsverfahren


Kohärenzprüfung beliebiger Transferketten der Sitze auf die Wahlkreise und Parteien,
für das bei allen denkbaren Transferketten
Eine Transferkette besteht aus zwei Wahlkreisen pro beteiligter Partei und zwei kein Be­teiligter einen rechnerischen Anlass
Parteien pro beteiligtem Wahlkreis; die Randsummen gelten als fest. Die in der Tabelle findet, einem anderen einen Sitz wegzuneh­
unten angezeigte Sechser-Kette führt zu der Bestimmungsgleichung men. Dieses Verfahren teilt in jeder Trans­
x x 5 x 5 12 x 8 x 7 x ferkette pro Wahlkreis und Partei so viele
2846 1499 631 3632 661 176 Sitze zu, wie der zur nächsten ganzen Zahl
gerundete Idealanspruch ausmacht, wenn
mit der Lösung x=6,63 und den angegebenen Idealansprüchen. Im Beispiel gibt es eine die Sitze unter Wahrung der Wahlkreis- und
gegenläufige Sitzvergabe in Wahlkreis 11 (2 Sitze auf 631 Wähler, aber nur 1 auf 661) Parteierfolge neu aufgeteilt würden.
und eine innerhalb der SP (7 Sitze auf 2846 Wähler, aber nur 5 auf 3632). Die Idealan- Die eindeutig bestimmte in diesem
sprüche belegen, dass bei Wahrung der Randsummen mehr Ausgewogenheit nicht er- Sinn kohärente Methode ist das Neue
reichbar ist. Zürcher Zuteilungsverfahren. Ihre Sitz­
SP Idealanspruch Grüne Idealanspruch EVP Idealanspruch
zuteilungen erweisen sich also deshalb
als so stabil, weil jeder denkbare Sitz­
Kreis 3 2846  7 x = 6,63 176  0 7–x = 0,37 7
transfer unweigerlich von den Idealan­
Kreis 7-8 3632  5 12–x = 5,37 1499  2 x–5 = 1,63 7 sprüchen wegführt.
Kreis 11 661  1 8–x = 1,37 631  2 x–5 = 1,63 3 Wir haben unser Verfahren mit dem
Summe 12 3 2 17 Argument gerechtfertigt, dass es den
Ideal­ansprüchen entlang der beschrie­
benen Transferketten am nächsten
Wahlkreise unter dieser Ungleichheit im Viererketten sind nur die einfachste kommt. Das ist zunächst nur eines von
gleichen Maß zu leiden haben: Möglichkeit, die Sitzverteilung anzufech­ vielen denkbaren Argumenten. Es hat al­
ten. An einem Ringtausch könnten auch lerdings den unschätzbaren Vorteil, dass
x 9 x mehr als zwei Parteien und entsprechend es der Erfolgswertgleichheit der Wähler­
2976 1322
viele Wahlkreise beteiligt sein. Zu dem stimmen eine zentrale Rolle zuweist. Da­
10 x x 3
entsprechenden Teilproblem tragen jeder mit passt es präzise in das Argumentati­
2113 1025
beteiligte Wahlkreis und jede beteiligte onsmuster der (deutschen wie Schwei­
Macht man diese Gleichungen etwas Partei genau zwei Wählerzahlen bei. Es zer) Verfassungsgerichte.
übersichtlicher, indem man die Nenner gibt Vierer-, Sechser-, Achter- und all­ Es ist nicht auszuschließen, dass die
hochmultipliziert, so stellen sie sich als gemein 2n-Ketten. Aus den 2n Erfolgs­ Parteien ihre Ansprüche lieber anders de­
identisch heraus: werten entlang einer Kette ergibt sich finiert sehen würden; nur ist bislang kei­
x 10 x 9 x x 3 die Bestimmungsgleichung für die zuge­ ne überzeugende Alternative zu sehen.
hörigen Idealansprüche. Die Tabelle im Wirklich stabil ist das Neue Zürcher
2976 2113 1322 1025
Kasten oben zeigt eine interessante Sech­ Zuteilungsverfahren deshalb wohl nicht
Das ist eine quadratische Gleichung, von serkette. Die zugehörige Bestimmungs­ wegen seiner mathematischen Eigen­
deren beiden Lösungen nur x = 5,71 gleichung folgt der Produktgestalt der schaften, sondern weil es das vormathe­
sinnvoll ist. Damit sind sämtliche Ide­ Vierergleichung. matische, von einem politischen Grund­
alansprüche in der diskutierten Vierer­ In allen Transferketten rechtfertigen konsens in Parlament und Regierung ge­
kette bestimmt. Sie rechtfertigen die die gerundeten Idealansprüche genau die tragene Ziel eines Doppelmaßes an
Sitzzahlen aus der Tabelle S. 78. Zahlen, die zur Prüfung vorliegen: Proportionalität realisiert.
Rida Laraki

Michel Balinski (links) ist Professor im Ins-


titut für Ökonometrie an der École Polytech-
nique in Paris. Friedrich Pukelsheim ist Pro-
A u t o r en u nd lite r at u r

fessor für Mathematik an der Universität


Augsburg. Über der Wandtafel die Väter der
fran­zösischen Mathematik (und Schöpfer frü-
her Theorien der Gerechtigkeit), von links
nach rechts: Joseph-Louis Lagrange, Gaspard
Monge, Augustin Louis Cauchy, Siméon-Denis
Poisson und Pierre-Simon Laplace.

Mathematics and democracy. Recent advan-


ces in voting systems and collective choice.
Von Friedrich Pukelsheim und Bruno Sime-
one (Hg.). Springer, Berlin 2006
Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
www.spektrum.de/artikel/866417.

80 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Chemie

Mit raffinierten Verfahren lassen


sich auf der Oberfläche von Kunst­
stoffperlen Abdrücke von Mole­
Ken Eward, BiografX

külen erzeugen. Diese winzigen


Hohlformen haben viele interes­
sante Anwendungen.

82  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Prägen und Gießen
von Molekülen
Abdrücke und Imitate von Biomolekülen aus Plastik könnten
nicht nur vor Bioterror-Angriffen warnen und giftige 
Substanzen aus der Umwelt entfernen, sondern auch die
­Entwicklung neuer Medikamente beschleunigen.

Von Klaus Mosbach Netze sogar Vorstufen der Kunststoffe sität von Kalifornien in Irvine stützen

V
herstellen, aus denen sie selbst bestehen. sich dagegen auf Verfahren aus der orga­
or mehr als drei Jahrzehnten Zu unserer Freude tauchen immer neue nischen Chemie.
entwickelten meine Mitar­ potenzielle Anwendungen für unsere da­ Auch für Abdrücke von Molekülen
beiter und ich an der Univer­ malige Erfindung auf. So könnten in den gibt es eine Fülle von Anwendungen. In
sität Lund (Schweden) eine Netzen gefangene Zellen andere erset­ der Nahrungsmittelindustrie wäre es
Art Fischernetz für den Nanobereich. zen, die abgestorben oder nicht mehr zum Beispiel möglich, Giftstoffe wie das
Damit konnten wir lebende Zellen und funktionstüchtig sind. Das eröffnet in­ Aflatoxin der Schimmelpilze damit zu
später sogar noch kleinere biologische teressante Perspektiven in der Medizin – entfernen. Im biomedizinischen Bereich
Einheiten wie Enzyme »fangen«. Unter etwa für die Diabetes-Behandlung. ist das Verfahren ebenfalls auf großes In­
geeigneten Bedingungen erfüllten diese teresse gestoßen. Hier könnte es zur Rei­
dann auch außerhalb ihrer natürlichen Vom Netz zum Abdruck nigung und Trennung von Wirkstoffen
Umgebung noch monatelang Unsere Netze waren freilich nur ein ers­ dienen. Aber auch das Frühstadium der
ihre normale Aufgabe. ter Versuch, Kunststoffe mit biologischen Arzneimittelentwicklung ließe sich da­
Unsere Netze haben vie­ und anderen Molekülen zusammenzu­ mit beschleunigen, was die Kosten sen­
lerlei praktische Anwendun­ bringen. Inzwischen prüfen mehr als 500 ken würde. Schließlich könnten Abdrü­
gen gefunden. Heutzutage stellen Forscher weltweit Anwendungen einer cke von Molekülen die Basis neuer me­
darin eingeschlossene Coli-Bakterien zweiten Erfindung, an der ich ebenfalls dizinischer Geräte und diagnostischer
zum Beispiel Asparaginsäure her – eine maßgeblich beteiligt war: Plastikabdrü­ Hilfsmittel bilden.
Aminosäure, die als Ausgangsprodukt cke von Biomolekülen. Meine Gruppe Als wir in meinem Labor in Lund an
für verschiedene Arzneimittel dient. In hat eine heute oft angewandte Herstel­ Methoden zur Immobilisierung von En­
der Nahrungsmittelindustrie wandelt ein lungsmethode auf biochemischer Grund­ zymen und Zellen arbeiteten, kam mir
eingesperrtes Enzym Traubenzucker in lage entwickelt. Andere Forscher wie eine Idee. Wie wäre es, unser ursprüng­
die viel süßer schmeckende Fructose um. Günter Wulff an der Universität Düssel­ liches »Fischfang«-Verfahren so abzuän­
Mit einem anderen »Fang« können die dorf und Kenneth J. Shea an der Univer­ dern, dass sich das Netz wie eine zweite

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 83


Chemie

Haut eng an die eingeschlossenen Mole­ schein-Forschung«, denn wir mussten bilden so eine Plastikhülle um jedes Mo­
küle schmiegt – allerdings nur auf einer die Machbarkeit des Konzepts ohne fi­ dell. Dann löst man die Schablonen mit
Seite – und dann erstarrt? Anschließend nanzielle Unterstützung auf eigene Kos­ einem Lösungsmittel heraus. Zurück
könnten wir den Fang wieder ausspülen ten prüfen. Hintenherum hörte ich von bleibt ein Material, dessen Kunststoff­
und behielten permanente Abdrücke da­ potenziellen Geldgebern, dass sie die Sa­ oberfläche mit Hohlräumen gespickt ist,
von als Hohlräume zurück. An der Idee che für zu abwegig und wenig aussichts­ in denen sich die Kontur und Ladungs­
fesselte mich vor allem die Aussicht, dass reich hielten. verteilung der chemischen Gruppen im
andere Moleküle mit ähnlicher Form in Doch mit der Zeit fanden wir he­ ursprünglichen Bio­molekül erhalten hat.
diese Hohlräume passen sollten. Somit raus, wie sich Plastikabdrücke von Mole­ Diese »Molekülabdruck-Polymere«
wären die Abdrücke für vielerlei Zwecke külen herstellen lassen, und allmählich oder kurz Mips (nach englisch molecu-
zu gebrauchen – beispielsweise zur Iso­ begannen auch externe Gelder zu flie­ larly imprinted polymers) haben zwei po­
lierung bestimmter Substanzen aus einem ßen. Es gelang uns, das Verfahren ein­ sitive Eigenschaften, die ihren Einsatz
Stoffgemisch; denn nur Moleküle mit fach zu gestalten. Dadurch dauerte es begünstigen. Zum einen kosten sie nicht
der richtigen Form und den richtigen nur wenige Tage, um Perlen oder dünne viel, weil sie in kurzer Zeit aus billigen
chemischen Gruppen würden in den Filme mit Hunderttausenden von Ab­ Kunststoffbausteinen hergestellt werden
Hohlräumen festgehalten. drücken herzustellen. können. Zum anderen bleiben sie selbst
Zuerst mischt ein technischer Ange­ unter extremen Bedingungen sehr lange
Mondschein-Forschung stellter die interessierenden Moleküle – intakt. Einige Exemplare aus unserem
Mehr als zwanzig Jahre lang arbeitete wir bezeichnen sie als Modelle oder Labor waren auch nach einem Jahr noch
meine Forschungsgruppe mit Unterbre­ Schablonen – mit ausgewählten Kunst­ funktionstüchtig.
chungen immer wieder an der Umset­ stoffbausteinen. Diese Einheiten, auch Die Anwendungsmöglichkeiten der
zung dieser Idee. Ich nannte unsere Un­ Monomere genannt, werden dann poly­ Mips sind zahlreich. So lassen sich damit
tersuchungen damals scherzhaft »Mond­ merisiert, also zu Ketten verknüpft, und etwa unerwünschte Substanzen aus dem
Blut entfernen. Dafür genügt ein Röhr­
chen mit Perlen, die Abdrücke der frag­
Viel versprechende Hohlformen lichen Moleküle auf ihrer Oberfläche
Kunststoffperlen mit Abdrücken von Molekülen auf ihrer Oberfläche taugen für
tragen. Eines oder mehrere davon
viele Zwecke – so zur Isolierung eines Wirkstoffs aus einem Substanzgemisch (unten).
könnten zu einer behelfsmäßigen Blut­
Ihre Synthese erfolgt im Wesentlichen in drei Schritten (oben).
wäsche bei Patienten mit Nierenversagen
dienen. Über einen Katheter würde das
Modell Monomer Blut aus einer Vene durch die außerhalb
des Körpers angebrachten Röhrchen ge­
leitet, wo sich die schädlichen Stoffe auf
Plastikhülle
entferntes den Perlen mit den Abdrücken ansam­
Modell meln, und dann gereinigt in den Kreis­
1 Vermische das
Molekül eines
reinen Wirkstoffs 2 Vereinige die
Monomere, die das
lauf zurückgeführt. Patienten könnten
die Vorrichtung, da sie nicht groß stört,
(das Modell) mit Modell umschließen, dauernd tragen und müssten so vermut­
ausgewählten zum Kunststoff lich seltener zur Dialyse. Sobald die Mip-
Kunststoff-
bausteinen
Einheit mit den unerwünschten Sub­
(Monomeren) 3 Entferne das
Modell, um einen
Hohlraum mit der
stanzen beladen wäre, würde sie einfach
durch eine neue ersetzt.
komplemetären Form Ebenso ließen sich aus anderen Or­
Mischung zu erhalten ganen wie dem Magen oder Darm mit
Abdruck Mo­lekülabdrücken missliebige Stoffe
Säule mit
entfernen. So ist es uns gelungen, auf
Perlen ­diese Weise Cholesterin aus Lösungen zu
(nicht Gießt man die ungerei- extrahieren.
maßstab-
Die Selektivität der Mips könnte
Infografik: George Retseck;  Foto: Klaus Mosbach und Andrew Mayes

getreu)
nigte Lösung eines Wirk-
stoffs auf eine Säule mit auch in der pharmazeutischen Industrie
Ausspülen Perlen, die dessen Ab- zur Reinigung von Arzneimitteln die­
des Wirk- druck tragen, nehmen nen. Große Bedeutung hat das vor allem
stoffs aus
den Perlen
die Hohlräume nur den bei Molekülen, die in zwei spiegelbild­
Wirkstoff auf. Alle ande- lichen Formen – so genannten Enantio­
ren Substanzen bleiben meren – vorkommen, von denen die
Ein Kügelchen von 0,025 gelöst und fließen ab. eine therapeutisch wirksam, die andere
Millimeter Durchmesser Der Wirkstoff kann dann dagegen potenziell schädlich ist. Einen
Wirkstoff
trägt Tausende von Ab­ ausgepült und so rein tragischen Beleg dafür lieferte die Con­
Verun-
drücken eines Moleküls. reinigungen gewonnen werden. tergan-Affäre. Bevor man bemerkte, dass
das Spiegelbild des Wirkstoffs die Em­

84  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Wissen Sie,
In Kürze was heute
r Kunststoffe mit Abdrücken von speziellen Molekülen halten nur diese selektiv fest.
Daher können solche Mips (von englisch molecularly imprinted polymers) dazu dienen,
wichtig ist?
unerwünschte Substanzen aus Stoffgemischen zu entfernen oder erwünschte daraus
zu isolieren.
r Eine weitere Einsatzmöglichkeit ist der Nachweis von Krankheitserregern oder To­
xinen in Umwelt- oder Blutproben.
r Junge Unternehmen arbeiten an der kommerziellen Verwertung dieses Verfahrens.
r Auch fortgeschrittene Varianten wie der doppelte Abdruck oder die Direktformung
von Molekülen werden bereits erprobt.

bryonalentwicklung beeinträchtigt, war im Herbst 2001 an US-Regierungs- und


in den 1950er und frühen 1960er Jahren Medienvertreter verschickt wurden, soll­
in vielen Ländern ein Gemisch aus bei­ ten sich mit Molekülabdrücken entde­
den an schwangere Frauen verschrieben cken lassen.
worden. So kamen etwa 10000 missge­ Dabei können Sensoren mit mehre­
bildete Säuglinge zur Welt. ren Mips sogar verschiedene Verbin­
Herkömmliche chemische Synthese­ dungen in einer Probe gleichzeitig identi­
methoden liefern die beiden spiegelbild­ fizieren. Solch eine multifunktionale Son­
lichen Formen zu gleichen Teilen. Arz­ de ließe sich auf einem Chip anbringen,
neimittelhersteller setzen zwar heute der ein Signal an einen Empfänger sen­
meist raffinierte Herstellungsverfahren den würde, wenn eine der inkriminierten
ein, um nur das eine Enantiomer zu er­ Substanzen auftaucht. Zum Entfernen
halten. Trotzdem bildet sich oft auch der unerwünschten Stoffe könnten dann
das andere in kleinen Mengen. Im Ver­ gesonderte Behälter mit einer großen An­
gleich zu typischen kommerziellen zahl der jeweiligen Mips dienen. Behör­
Trennverfahren sollte sich mit der Mip- den und Industrie haben Interesse an sol­
Methode die unerwünschte Form leich­ chen Produkten bekundet, da sich damit Die Redaktion von spektrumdirekt infor-
ter entdecken und entfernen lassen, Seen, Bäche und Böden von Umwelt­
miert Sie schnell, fundiert und verständlich
denn nur sie würde in den jeweiligen giften befreien ließen.
Hohlraum passen. Viele Anwendungen von Mips beru­ über den Stand der Forschung.
hen auf ihrer Fähigkeit, zu bestimmten
Einsatz gegen Bioterroristen Modellen passende Moleküle und Mi­
und Umweltsünder kroorganismen einzufangen. Das Her­
Angesichts ihrer hohen Selektivität wä­ stellungsverfahren bietet jedoch auch die
ren Mips auch für Firmen und Behör­ Möglichkeit, einen Kunststoff derart zu
den, die sich mit der Abwehr von Terro­ formen, dass er ein natürlich vorkom­
rismus und neu auftauchenden Krank­ mendes Molekül – etwa einen Antikör­
heiten befassen, ein probates Mittel zum per – teilweise oder ganz imitiert. Unser
Erschnüffeln von Giften und Krank­ Immunsystem produziert solche Ab­
heitserregern. Für diesen Zweck kann wehrstoffe, sobald es spezifische Kompo­
man zwar heute schon Sensoren mit spe­ nenten – so genannte Antigene – eines
ziellen Biomolekülen ausstatten. Solche Eindringlings, sei es ein Virus oder Bak­
Sonden sind für den Einsatz außerhalb terium, bemerkt hat.
der Labors aber oft nicht stabil genug. Antikörper-Moleküle erkennen sehr
In Tests ließ sich mit Mips unter an­ spezifisch jeweils nur ein bestimmtes
derem das Herbizid Atrazin aufspüren. Molekül, an das sie sich fest binden, und
Desgleichen gelang der Nachweis von ignorieren alle anderen; in gewisser Wei­
Sarin, einem Nervengas, das sich als Bio­ se ähneln sie somit einem Schlüssel, der
terror-Waffe eignet. Traurige Berühmt­ ausschließlich in ein bestimmtes Schloss
heit erlangte es, als Anhänger der Aum- passt. Aus diesem Grund nutzen Ent­
Sekte Mitte der 1990er Jahre in Japan wickler sie schon seit Langem für Dia­
damit einen Anschlag in der U-Bahn gnosetests. Versetzt man zum Beispiel www.spektrumdirekt.de/heute
verübten, dem 19 Menschen zum Opfer eine Blutprobe mit Antikörpern gegen
fielen. Auch Anthrax-Sporen, wie sie ein bestimmtes Bakterium, so binden

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 85


Chemie

sie sich an den Krankheitskeim, falls er die betreffenden natürlichen Antikörper immer genau dann statt, wenn das Ziel­
vorhanden ist, und zeigen damit die In­ und könnten diese in vielen Tests erset­ molekül oder Substrat in eine Vertiefung
fektion an. Auf ähnliche Weise lässt sich zen. Dadurch müssten weniger Tiere lei­ oder Bindungstasche im Enzym einras­
die Konzentration verschiedener Prote­ den. Übrigens war die Entwicklung von tet, die als sein aktives Zentrum bezeich­
ine im Blut bestimmen. Plastikörpern, für die ich den Nordischen net wird.
Um die benötigten Mengen an Anti­ Preis für Alternativen zu Tierversuchen Zur Herstellung künstlicher En­
körpern zu gewinnen, injizieren die Her­ erhielt, der einzige Teil meiner wissen­ zyme oder »Plastizyme«, wie wir sie ana­
steller von Diagnosetests üblicherweise schaftlichen Arbeit, den eine meiner log zu den Plastikörpern nennen, erzeu­
die betreffenden Antigene – zum Beispiel Töchter als Teenager völlig verstand und gen mein Team und andere Gruppen
Proteine – in Ziegen oder andere Tiere. guthieß. Plas­tikabdrücke von Substraten, die ex­
Diese bilden im Verlauf von ein bis zwei akt wie in der Bindungstasche des ech­
Wochen die gewünschten Abwehrstoffe, Enzyme aus Plastik ten Enzyms angeordnet sind. Die resul­
die dann aus ihrem Blut extrahiert wer­ Mips bieten sich auch als länger halt­ tierenden Hohlräume ahmen dann die
den. Mit unserem Verfahren lassen sich barer Ersatz für Enzyme an, welche die dreidimensionale Form des aktiven
dagegen auf unblutige Weise künstliche chemische Industrie in zunehmendem Zentrums nach. Durch die Auswahl der
Imitate von Antikörpern – wir nennen Maß verwendet. In der Natur produ­ Monomere sorgen wir außerdem dafür,
sie Plastikörper – herstellen, die noch ziert jeder Organismus Tausende solcher dass die Plastizyme über ähnliche che­
dazu viel robuster und dauerhafter sind. Reaktionsbeschleuniger, von denen je­ mische Gruppen verfügen wie ihre na­
Dazu muss man nur Abdrücke des be­ der eine bestimmte biochemische Um­ türlichen Vorbilder.
treffenden Antigens auf Kunststoff­ober­ setzung katalysiert – zum Beispiel die Bei unseren ersten Versuchen er­
flächen erzeugen. Spaltung eines Moleküls an einer be­ zielten wir bereits eine gewis­se kataly­
Die resultierenden Mips haben im stimmten Stelle oder die Verschmelzung tische Aktivität, aber wir müssen noch
Wesentlichen dieselbe Bindungsstelle wie zweier Substanzen. Die Reaktion findet daran arbeiten, sie zu steigern. Plasti­

Wie man aus Negativen Positive macht

Bei zwei Erweiterungen des molekularen Prägens dienen Verfahren besteht diese Gussform aus dem Plastikabdruck des zu
Hohlräume als »Gussformen« zur Herstellung von Verbindungen imitierenden Moleküls, bei der Direktformung aus der Bindungs­
mit bestimmten räumlichen Eigenschaften. Beim Doppel-Abdruck- tasche eines Biomoleküls.

Doppel-Abdruck-Verfahren
Damit sollten sich Wirkstoffe herstellen lassen,
die in ihrer dreidimen­sionalen Struktur und Funk­ Imitat
tionalität einem schon bekannten Medikament des Originals
chemisch
gleichen, aber günstigere Eigenschaften wie eine eingefügte verbundene
größere Beständigkeit oder weniger Nebenwir- Moleküle Moleküle
kungen aufweisen.

zu imitierendes
Molekül
Abdruck
4 Löse das
Endprodukt ab

2 Fülle den entstehenden


Hohlraum mit ausge-
wählten Molekülen
3 Verbinde die Moleküle
chemisch miteinander

1 Mache einen Abdruck des


ursprünglichen Moleküls
potenzieller
Wirkstoff
Direktformung eingefügte Moleküle chemisch verbundene Moleküle
Dieses Verfahren liefert im Wesentlichen einen
»Stopfen«, der in die Bindungstasche eines En-
zyms oder eines anderen Biomoleküls passt und
es damit blockiert.

Teil eines 3 Löse das


Endprodukt ab
Biomoleküls

Bindungs-
George Retseck

tasche
1 Fülle die Bindungstasche 
mit verschiedenen Molekülen 2 Verbinde die Moleküle
chemisch miteinander

86  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


natürlich noch gewisse Probleme zu lö­
Einige Firmen, die Mips nutzen
sen. Eines davon betrifft die Herstellung
Aspira Biosystems Erstellt von ausgewählten Proteinsegmenten Teilabdrucke für der Mips. Hier müssen wir noch heraus­
Burlingame mögliche Anwendungen in medizinischer Forschung und Therapie finden, wie sich die Menge der Abdrücke
(Kalifornien) ohne Qualitätseinbuße steigern lässt. Das
Mip Technologies Entwickelt Hilfsmittel zur Extraktion und Separation von Substan- Problem ist sicherzustellen, dass ein Ab­
Lund (Schweden) zen aus komplexen Mischungen im analytischen und industriellen druck exakt dem anderen gleicht. Außer­
Maßstab dem brauchen wir bessere Methoden zum
POLYIntell Entwickelt Polymere für Reinigungszwecke und Sensoren. Erzeugt Ausspülen der Schablonen.
Rouen (Frankreich) auf Anforderung künstliche Antikörper und Enzyme für die Pharma- Während wir Vertreter dieser jungen,
industrie und andere Branchen aufstrebenden Forschungsrichtung uns
bemühen, die verbliebenen Hürden auf
Semorex Entwickelt Handgeräte für Ärzte zur Diagnose von ansteckenden
North Brunswick Krankheiten und Krebs im Frühstadium, außerdem für den Mili­tär-,
dem Weg zu wirksameren Mips und ver­
(New Jersey), Sicherheits- und Notfallbereich zur raschen Erkennung und Iden­ wandten Produkten zu beseitigen, gibt es
Ness Ziona (Israel) tifizierung von chemischen Kampfmitteln und Explosivstoffen ermutigende Anzeichen für ein wach­
sendes Interesse aus der pharmazeu­
tischen und biotechnologischen Indus­
zyme könnten natürlich auch Aufgaben diverser Stoffe, die wir zum Imitat des trie. Mich erstaunt noch immer, wie man
übernehmen, für die bisher kein natür­ Originals zusammenfügen. Dann prüfen heute in wenigen Tagen Molekülformen
liches Enzym gefunden wurde. wir, welche Kombinationen die erhoff­ herstellen kann, zu deren Entwicklung
Meine eigene sowie andere For­ ten Eigenschaften haben. Im Vergleich die Natur Millionen von Jahren benötigt
schungsgruppen verfolgen neuerdings zum Screening umfangreicher kombina­ hat, und ich freue mich schon auf die
auch zwei Ableger der Mip-Technologie. torischer Bibliotheken sollte unser Ver­ Zeit, wenn unsere Arbeit in der Arznei­
In einem Fall erhält man ein Imitat des fahren sehr viel schneller geeignete Kan­ mittelentwicklung und auf vielen ande­
ursprünglichen Moleküls. Genauer ge­ didaten für die nächste Testserie liefern. ren Gebieten Früchte trägt. 
sagt, entsteht eine Substanz mit dersel­ An der zweiten Fortentwicklung, die
ben räumlichen Struktur und annähernd wir Direktformung nennen, arbeiten
derselben Ladungsverteilung. Damit kann ebenfalls einige Gruppen. Dabei dient Klaus Mosbach ist emeritier­
ter Professor an der Univer­
das Imitat auch dieselben Funktionen ein biologisches Molekül selbst – oft ein
sität Lund (Schweden), wo
wie das Original ausüben. Enzym oder sein aktives Zentrum – als er den Fachbereich Reine
Wir sprechen von einem Doppel-Ab­ Nanogefäß zur Herstellung eines Wirk­ und Angewandte Biotech-
druck; denn das Verfahren läuft darauf stoffs. Auf diese Weise sollte sich insbe­ nologie sowie das Zentrum
hinaus, vom Abdruck eines Moleküls sondere die Entwicklung von Enzym-In­ für Molekulare Prägung ins
Leben gerufen hat. Er war auch Mitbegrün-
quasi erneut einen Abdruck zu machen. hibitoren beschleunigen lassen. Rund ein der des Bereichs Biotechnologie an der Eid-
Der erste Abdruck dient dabei als eine Drittel der heutigen Medikamente fällt genössischen Technischen Hochschule (ETH
Art winzige Gussform. Dieses Nanoge­ in diese Kategorie. Effizientere Verfahren Zürich). Als ausgebildeter Pianist bezieht er

A u to r u nd L i te r at u r h i n w e i s e
fäß füllen wir mit Molekülfragmenten zum Aufspüren weiterer solcher Stoffe seine Inspiration aus dem Musizieren.
oder Bausteinen von Kunststoffen und wären daher ausgesprochen wertvoll.
lassen sie zu einem einzigen Molekül mit Betrachten wir zum Beispiel die
Molecularly imprinted materials science and
der Form des Hohlraums verschmelzen. Metastasierung von Krebszellen. Ein technology. Von M. Yan und O. Ramström
Von diesem Verfahren könnten Phar­ Hemmstoff für ein – leider noch unbe­ (Hg.). CRC Press, 2004
mafirmen profitieren, die zu bekannten kanntes – Schlüsselenzym, das an diesem
Two ways to shape new drugs. Von S. Borman
Wirkstoffen analoge Moleküle herstellen Prozess beteiligt ist, wäre zweifellos ein in: Chemical and Engineering News, Bd. 81,
wollen – sei es, um die Wirksamkeit zu Segen für die Menschheit. Auf der Suche Nr. 2, S. 40, 2003
erhöhen, Nebenwirkungen zu vermeiden nach einem Molekül, welches das aktive
Formation of a class of enzyme inhibitors
oder einen Patentschutz zu umgehen. Zentrum dieses imaginären Enzyms blo­ (drugs) including a chiral compound, by using
Heute erstellt man dazu in der Regel ckiert, könnte man blind alle möglichen imprinted polymers or biomolecules as mo-
eine so genannte kombinatorische Biblio­ Kandidaten durchmustern. Mehr Erfolg lecular-scale reaction vessels. Von Yihua Yu
thek, die aus Zehntausenden verwandter verspräche es dagegen, ähnlich wie beim et al. in: Angewandte Chemie, Bd. 114, S.
4459, 2002
Verbindungen bestehen kann. Jede da­ Doppel-Abdruck-Verfahren Monomere
von wird auf ihre Fähigkeit geprüft, sich und andere kleine Moleküle in das ak­ The emerging technique of molecular imprin-
an ein bestimmtes Biomolekül zu binden tive Zentrum einzupassen und zu ver­ ting and its future impact on biotechnology.
Von K. Mosbach und O. Ramström in: Bio/
(das übrigens auch durch ein stabileres knüpfen. Eine Kombination, die sich gut Technology, Bd. 14, S. 163, Februar 1996
Mip ersetzt werden könnte). Die so se­ in die Bindungstasche einfügt, würde zu­
lektierten Substanzen kommen dann in mindest eine wichtige Voraussetzung für Drug assay using antibody mimics made by
molecular imprinting. Von George Vlatakis et
die nächste Testrunde. einen Inhibitor erfüllen und könnte al. in: Nature, Bd. 361, S. 645, 18. Februar
Das Doppel-Abdruck-Verfahren ist dann weiter auf ihre Hemmwirkung in 1993
viel zielgerichteter. Wir machen vom be­ der lebenden Zelle getestet werden.
Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
kannten Wirkstoff einen Abdruck. In Wie bei allen neuen Technologien mit www.spektrum.de/artikel/866420
dieses Nanogefäß füllen wir Mischungen viel versprechenden Anwendungen gibt es

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 87


JUNGE WISSENSCHAFT
JUNGE WISSENSCHAFT

Projekt »Schüler an Hochschulen«

Statt Unterricht in die Vorlesung


Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler studieren neben der Schule so erfolgreich, 
dass sie vor dem Eintritt in die Universität schon das Vordiplom ablegen können.

Von Ulrich Halbritter Physik, Chemie und Informatik Briefe an die Schulen im Stadtgebiet ver­
schlossen sich an, rechtliche Bedenken schicken; das übernahm vertretungsweise

F ür die Überreichung eines Vordiplom­


zeugnisses gibt es normalerweise kei­
ne Feierstunde. Aber diesmal bitten drei
wurden beiseitegeschoben. Rolf Theil,
Chemielehrer und heute stellvertretender
Schulleiter am Rheingymnasium in Köln,
Rolf Theil.
Am Ende des Semesters hatten zwei
Teilnehmer die zweit- und die drittbeste
Fernsehsender, der Deutschlandfunk nahm die Idee begeistert auf und stellte Physikklausur geschrieben, in Konkur­
und mehrere Zeitungsredaktionen den den Kontakt zur Bezirksregierung her. renz zu den regulären Erstsemestern. Eine
Absolventen um Interviews; stern tv mit Der dort zuständige Dezernent Heinz Schülerin hatte gleich zwei Anfängervor­
Günther Jauch als Moderator widmet Wambach unterstützte das Projekt sofort, lesungen, nämlich Analysis I und Physik
dem Thema eine ganze Sendung. Sogar ebenso wie die entsprechenden Stellen im I, belegt und beide Übungsscheine er­
die Produzenten von »tv total« zeigen In­ Wissenschafts- und im Schulministeri­ worben. Zugleich hatten alle drei ihr
teresse. Denn der 18-jährige Mikko Fi­ um. Eine ungewöhnliche Konstellation: Abitur – im Einserbereich – abgelegt.
scher ist – im Oktober 2005 – der Erste, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Schule Damit war auch die spannendste Frage
dem es gelungen ist, sein Vordiplom in und Verwaltung zogen an einem Strang, beantwortet: Wie würden die Teilnehmer
Mathematik vor Studienbeginn abzule­ um den eigentlichen Leistungsträgern, den Unterrichtsausfall verkraften? Denn
gen. Damit hat das Projekt »Schüler an den interessierten Schülerinnen und alle relevanten Anfängervorlesungen fan­
der Universität« seinen ersten spektaku­ Schülern, zum Studium zu verhelfen. den vormittags statt.
lären Erfolg eingefahren. Nach dem »lokalen« Durchbruch in
Ein Jahr später erhält Patrick Graf Der lange Marsch Köln folgte die Ausweitung auf Landes-
ebenfalls zum Studienbeginn sein Vordi­ durch die Institutionen und Bundesebene. Tassilo Küpper, mitt­
plom aus der Hand des Prorektors, nach­ Wie immer in Deutschland waren die lerweile Rektor, stellte das Projekt nach­
dem er jahrelang aus Neuss an die Köl­ wichtigsten Fragen rechtlicher Natur. einander der nordrhein-westfälischen
ner Universität angereist ist. Drei weitere Wenn die Schüler Klausuren mitschrei­ Landesrektorenkonferenz, der Hoch­
Kölner Schülerstudenten sind dieses Jahr ben würden, durften wir dann Leistungs­ schulrektorenkonferenz und der Kultus­
an der Reihe; einer von ihnen muss sich nachweise ausstellen, und würden diese ministerkonferenz vor und fand allent­
mit dem Zeugnis noch ein Jahr gedul­ später anerkannt werden? Wichtiger halben Zustimmung. Inzwischen haben
den, weil er erst in der 12. Klasse ist. noch: Waren die Schüler während ihres die zuständigen Gremien entsprechende
Das Projekt begann ganz informell Universitätsbesuchs überhaupt versichert? Beschlüsse und Gesetze verabschiedet.
am Rande einer so genannten Sommer­ Die erste Frage ließ sich schnell klären: Wie sich inzwischen herausgestellt
akademie für Schüler (Spektrum der Einen Schein, den die Kölner Universität hat, ist die Grundidee nicht neu: In den
Wissenschaft 2/2006, S. 78) im Juli ausstellt, muss zumindest sie selbst später
2000. Lothar Theodor Lemper, damals auch anerkennen. Bei der zweiten Frage
Geschäftsführer der Hochbegabtenstif­ fand Rolf Theil den richtigen Ansatz: Die
tung der Kreissparkasse Köln, und der Universitätsveranstaltungen werden zum
Mathematiker Tassilo Küpper, Prorektor »Lernen am schulfremden Ort« erklärt,
der Universität Köln, suchten nach bleiben wie ein Theaterbesuch im Rah­ Jonas Huckestein (rechtes Bild, links)
einem Weg, hochbegabte Jugendliche men eines Deutschkurses formal Schul­ r nimmt am 3. Juli 2005 sein Zertifikat
nicht nur in immer wieder neu zu orga­ unterricht und stehen damit unter dem über die erfolgreiche Teilnahme am Schüler-
nisierenden Einzelmaßnahmen, sondern Schutz der Gemeindeunfallversicherung. studium aus der Hand des Kölner Rektors
dauerhaft und nachhaltig zu fördern. Damit waren die schwierigsten Hürden Axel Freimuth (rechts) entgegen (in der Bild-
Küpper und ich kamen daraufhin auf die genommen; eine kurzfristige Werbekam­ mitte der Bielefelder Rektor Dieter Timmer-
Idee, Schülerinnen und Schüler der pagne der Kreissparkasse Köln bei den mann). Voraussichtlich wird er sein Studium
Oberstufe schon vor dem Abitur Anfän­ Schülern der Köln-Bonner Region ergab im Herbst dieses Jahres mit dem Vordiplom
gervorlesungen in Mathematik hören zu 26 Teilnehmer im Wintersemester 2000/ beginnen. Sein Mit-Jungstudent Bodo Bütz-
lassen. Zum Wintersemester 2000/2001 2001. Kuriose Randnotiz: Da die Kreis­ ler (links) nimmt neben der Schule an zwei
brachten Kreissparkasse und Universität sparkasse Köln ihren Geschäftsbereich im Programmen zugleich teil: Chemie an der
die Initiative als offizielles Projekt auf Kreis, aber nicht in der Stadt Köln hat, Universität und Klavier an der Musikhoch-
den Weg. durfte ihre Hochbegabtenstiftung keine schule Köln.

88  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


USA gibt es solche und ähnliche Pro­ denten als »Wanderer zwischen zwei
jekte (»Advanced Placement«) schon seit Welten« berichten ihren Mitschülern von
mehr als 50 Jahren. ihren Uni-Erlebnissen.
Überall wurde das Projekt mit gro­ Mittlerweile betreiben mehr als die
ßem Interesse aufgenommen: Dass Ju­ Hälfte der deutschen Universitäten (mehr
gendliche mehr leisten wollten, als sie als fünfzig) das Projekt unter unterschied­ Wollen Sie Ihren Schülern einen Anreiz
mussten, und das auf hohem Niveau, lichen Namen und mit unterschiedlichen zu intensiver Beschäftigung mit der
war endlich einmal eine positive Nach­ Auswahlverfahren; ständig kommen wei­ Wissenschaft geben? »Wissenschaft
richt aus der Jugendszene. Aus vielen tere hinzu. An der TU Chemnitz hat das in die Schulen!« bietet teilnehmenden
Teilen Deutschlands riefen Eltern oder Projekt soeben die Gremien passiert. Klassen einen Klassensatz »Spektrum
die Jugendlichen selbst an, um nach ähn­ Zwar sind an den meisten Universitäten der Wissenschaft« oder »Sterne und
lichen Angeboten in ihrer Region zu fra­ immer noch Mathematik und Informa­ Weltraum« kostenlos für ein Jahr, dazu
gen. Sogar nach Köln umziehen wollten tik Eckpfeiler des Projekts, aber mittler­ didaktisches Material und weitere
einige, nur um parallel zur Schule die weile beteiligen sich auch viele andere Anregungen.
Universität besuchen zu dürfen. Disziplinen, so an der Ruhr-Universität www.wissenschaft-schulen.de
Bochum alle Fachbereiche bis auf einen.
Manche Schulen mauern Nach vorsichtigen Schätzungen gab
Nach Auftritten auf Messen und ein­ es im vergangenen Wintersemester bun­ Lehrkräfte im privaten Gespräch: »Meine
schlägigen Fachtagungen wurden auch desweit etwa 700 Teilnehmer. Bega­ besten Schüler brauche ich im Unter­
die Stiftung der deutschen Wirtschaft bungsforscher schätzen, dass 3 bis 6 Pro­ richt, sonst komme ich gar nicht voran.«
(sdw) und die Deutsche Telekom Stif­ zent aller Jugendlichen über ein so hohes Eine pädagogische Bankrotterklärung in
tung auf unser Projekt aufmerksam. Die Potenzial verfügen, dass sie am Projekt zweifacher Hinsicht: Würden die besten
sdw hat inzwischen mehrere »Schülerstu­ teilnehmen könnten. Da Schülerstu­ Schüler an der Universität gefördert,
denten« direkt nach dem Abitur auf denten keine »richtigen« Studenten sind, könnte der Unterricht in der dann ho­
Grund ihrer universitären Leistungen als bezahlen sie keine Studiengebühren. mogeneren Klasse besser dem Niveau an­
Stipendiaten aufgenommen, während Die Mehrzahl der Hochschulen ver­ gepasst werden. Glücklicherweise scheint
dies sonst erst nach mehreren Hoch­ lässt sich bei der Auswahl geeigneter die Mehrheit der Lehrer das Projekt zu
schulsemestern möglich ist. Kandidaten auf das Urteil der Schule. unterstützen.
Die Deutsche Telekom Stiftung ent­ Leider lassen manche Schulen ihre Schü­ Gleichwohl bleibt der verpasste Un­
schloss sich, nach Vorgesprächen mit ih­ ler nie oder nur selten am Projekt teil­ terricht ein ernst zu nehmendes Hinder­
rem Vorsitzenden, dem ehemaligen Bun­ nehmen. »Schüler gehören an die Schu­ nis. Am Kölner Mathematischen Institut
desaußenminister Klaus Kinkel, zu einem le, nicht an die Uni!« ist eine häufig ge­ finden die Anfängervorlesungen immer
massiven Engagement (das sich gemäß äußerte Begründung – die zumindest von 8 bis 10 Uhr statt; ihr Besuch kostet
der Stiftungssatzung auf die Fächer Ma­ dann dem Recht auf individuelle Förde­ Schüler aus der Nähe zwei bis drei Schul­
thematik und Informatik sowie die na­ rung widerspricht, wenn die Schule kei­ stunden an zwei Wochentagen. Die zuge­
turwissenschaftlichen und technischen ne eigenen adäquaten Förderungsmaß­ hörigen Übungen finden nachmittags
Disziplinen beschränkt). Sie sieht unsere nahmen anbietet. statt, sodass für sie in der Regel kein Un­
Initiative als beispielhaftes Projekt zur Be­ Auf welche pädagogischen Prinzipien terricht ausfällt. Weiter entfernt woh­
gabtenförderung und zur Erleichterung sich diese Meinung bei leistungsstarken nende Teilnehmer fehlen oft zwei Vormit­
des Übergangs von der Schule zur Hoch­ Schülern stützt, bleibt unklar. Eine tage pro Woche in der Schule (wenn auch
schule, und zwar Letzteres nicht nur für schlimmere Begründung für ihre Verwei­ nur in der Vorlesungszeit). Extrem sind
die Teilnehmer. Denn die Schülerstu­ gerungshaltung liefern widerstrebende die Verhältnisse an der Universität Würz­
beide Fotos: Marcus Laufenberg, Köln

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 89


burg: Im Wintersemester 2005/2006 hat­ der Klasse 11 schnitt in Köln in Linearer gen intensiverer Betreuung und Auslese
JUNGE WISSENSCHAFT

te jeder fünfte der über 50 Projektteilneh­ Algebra I als Beste ab. Die Liste ließe immerhin noch 90 Prozent. Man sollte
mer mehr als 100 Kilometer zurückzule­ sich fast beliebig verlängern. jedoch einen Projektabbruch nicht als
gen. Die Schüler sind jedoch auf Grund Das Projekt war ursprünglich auf die Scheitern oder als Anzeichen für eine
ihrer Leistungsstärke meist in der Lage, Oberstufe beschränkt – bis der oben er­ Fehleinschätzung auffassen. Wer bei die­
die Unterrichtsinhalte so nachzuarbei­ wähnte Mikko Fischer, damals 14 Jahre ser Art des Schnupperns feststellt, dass
ten, dass sich ihre Noten nicht ver­ alt und in der 10. Klasse, mich eindring­ das gewählte Fach doch nicht seinen Nei­
schlechtern. Die hohen Reisekosten wer­ lich um Aufnahme in das Projekt bat. gungen entspricht, und hinterher etwas
den häufig zumindest teilweise von der Sein Erfolg schon im ersten Semester be­ anderes studiert, hat sich immerhin ein
Deutschen Telekom Stiftung oder loka­ wirkte, dass die Beschränkung auf die Jahr Zeitverlust erspart – und den Uni­
len Sponsoren übernommen. Den Fä­ Oberstufe generell entfallen ist. Die versitäten eine Erhöhung der Abbrecher­
chern Mathematik und Informatik geht Schulen wissen am besten, ob sie einem quote. Andere hätten es ohne Weiteres
es dabei besser als beispielsweise der jüngeren Schüler die Teilnahme gestat­ schaffen können, wurden aber durch
Chemie: Ganztägige Praktika über Wo­ ten. So gab es in Köln bereits erfolg­ Zeitmangel aus dem Projekt vertrieben
chen lassen sich mit dem Schulbesuch reiche Teilnehmer, die im Alter von 12 wie jener Schüler, der neben Studium
nicht vereinbaren. Jahren eingestiegen sind, die niedrigste und Abiturvorbereitung auch noch Mu­
Bei Gesprächen über die Lösung sol­ vertretene Klassenstufe ist die 7. Natür­ sik und Sport betreiben und den Führer­
cher Konflikte bringen Schulen wie lich sind das Ausnahmen unter den Aus­ schein machen wollte, aber hinterher auf
Hochschulen gerne die Idee auf, die je­ nahmen, aber Begabung lässt sich nun Anhieb einen Studienplatz für Computer
weils andere Institution könne ja ihre einmal nicht in Schablonen pressen. Science in Oxford bekam, oder der 16-
Veranstaltungen auf den Nachmittag Jährige, den seine Freundin vor die Alter­
verlegen – weisen jedoch solche Ansin­ Abbruch ist kein Misserfolg native »die Uni oder ich« stellte.
nen für sich selbst als absurd zurück. Allerdings ist insbesondere bei jüngeren Die größte Gruppe bilden jedoch die
Der Mädchenanteil beträgt im Schülern eine gute Mitarbeit von Eltern Erfolgreichen, die Leistungsnachweise
Schnitt 30 bis 40 Prozent, mit großen und Lehrern unabdingbar. Die Universi­ erwerben und Gleichgesinnte gefunden
Unterschieden von Fach zu Fach. In In­ tät ist mit jeglicher Form von Kontrolle haben, die sich auch für das gleiche Stu­
formatik liegt er im einstelligen Bereich. einzelner Schüler überfordert. In Köln dienfach – selbst in ihrer Freizeit – be­
Hier sollten die Schulen ermunternd und Bonn finanziert die Deutsche Tele­ geistern; sie nehmen dankbar die Mög­
eingreifen. kom Stiftung Tutoren für spezielle Schü­ lichkeit des Studiums an.
Das Engagement der Jugendlichen, lerübungen neben dem regulären Mikko Fischer studiert zurzeit in
die an der Universität – endlich – ein an­ Übungsbetrieb. Die helfen dann, nicht Cambridge, und wenn ich mein letztes
gemessenes Betätigungsfeld gefunden Verstandenes nachzuarbeiten oder Stoff Gespräch mit ihm richtig deute, hat er
haben, ist beeindruckend. Oft überrascht nachzuholen, wenn ein Schüler wegen nicht vor, sein Studium in Minimalzeit
es sie am meisten, dass sie zum ersten einer wichtigen Klassenarbeit eine Vorle­ zu beenden – gut so! Nicht ein Examen
Mal im Leben hart arbeiten müssen, um sung versäumt. in Rekordzeit, sondern Begabungs- und
mithalten zu können. Immer wieder er­ Selbstverständlich gibt es auch Pro­ Bildungsförderung sind primäre Ziele des
reichen unsere Leute Spitzenplätze: Ein jektabbrecher. In Köln sind nach acht Projekts. Dass beides trotzdem zusam­
Achtklässler schrieb in Düsseldorf die Wochen in der Regel nur noch zwei Drit­ mentreffen kann, hat Aaron Dessauer aus
beste Informatikklausur; eine Schülerin tel der Teilnehmer dabei, in Bochum we­ Münster bewiesen: Nach erfolgreichem
Schülerstudium und Abitur konnte er
nach zwei weiteren Semestern in den Fä­
Schüler studieren chern Philosophie, Soziologie und evan­
gelischer Theologie sein Magisterzeugnis
Das Projekt genießt mittlerweile den Die Deutsche Telekom Stiftung und die in den Händen halten und – als 19-Jäh­
Segen nahezu aller zuständigen Verwaltun­ Universität zu Köln haben ein gemeinsames riger – nach Harvard aufbrechen. 
gen. § 65, Absatz 6 des nordrhein-westfäli­ Projekt installiert, das die weitere Verbrei-
schen Hochschulgesetzes lautet: tung des Modells an allen deutschen Hoch-
»Schülerinnen oder Schüler, die nach schulen zum Ziel hat. In diesem Rahmen gibt Ulrich Halbritter ist promovierter Mathematiker
dem einvernehmlichen Urteil von Schule und der Autor Einführungsvorträge und weitere und arbeitet an der Universität zu Köln. Wenn ihm
seine Verwaltungstätigkeit Zeit lässt, beschäftigt
Hochschule besondere Begabungen aufwei- Unterstützung – für die Empfängerhochschu- er sich gerne mit Zahlentheorie.
sen, können im Einzelfall als Jungstudieren- le kostenfrei.
de außerhalb der Einschreibungsordnung zu
Lehrveranstaltungen und Prüfungen zugelas- Dr. Ulrich Halbritter Dieser Artikel ist eine erweiterte und aktualisier-
te Fassung des Beitrags »Begabte Schüler – junge
sen werden. Ihre Studien- und Prüfungsleis- Mathematisches Institut Studenten. Das Projekt ›Schüler an Hochschu-
tungen werden auf Antrag bei einem späteren der Universität zu Köln len‹«, der in den Mitteilungen der Deutschen Ma-
Studium angerechnet.» Weyertal 86 – 90 thematiker-Vereinigung (Band 13, Heft 4, 2005)
Ähnliche Formulierungen finden sich 50931 Köln erschienen ist.
mittlerweile in den Hochschulgesetzen vieler Telefon 0221 470-4344
Bundesländer. halbritter@math.uni-koeln.de Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter www.
spektrum.de/artikel/867519.

90  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Rechenschieber

Brad De Cecco

92  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007


Als Rechner
noch geschoben wurden
Vor der Ära der Taschenrechner waren Rechenschieber bei Wis-
senschaftlern und Ingenieuren äußerst beliebt. Ihre
»Intelligenz« und ihr praktischer Nutzen erstaunen noch heute.

Von Cliff Stoll jeder etwas Geübte auch Inverse, Sinus,

V
Cosinus oder Tangens ermittelten.
or zwei Generationen hatten Mit seinen über ein Dutzend Skalen
Ingenieure ein Standard- symbolisierte der kleine Helfer die Ge-
Outfit: weißes Hemd, enge heimnisse der Wissenschaft. Tatsache je-
Krawatte und Rechenschie- doch ist, dass für fast alle Aufgaben zwei
ber samt Schutzhülle. Seitdem mutier- Skalen bereits ausreichten, da sich viele
ten Hemd und Krawatte zum T-Shirt technische Berechnungen auf Multipli-
mit Software-Werbung, die Schutzhülle kation und Division beschränken. Ein
wich der Handytasche und Rechen- Pianist mag alle Tasten des Klaviers aus-
schieber wurden durch Taschenrechner reizen, doch nur selten nutzten Ingeni-
ersetzt. eure alle Skalen ihres Begleiters.
Doch der Rechenschieber ist einen Einige Forscher besaßen – vielleicht
Rückblick wert. Holen Sie ihn doch mal weil sie befördert werden wollten – Re-
aus der Schublade, in die er vor 30 Jah- chenschieber aus feinem Mahagoni oder
ren gelegt wurde, oder basteln Sie sich Buchsbaum; andere prunkten mit Gerä-
einen eigenen (siehe Kasten auf S. 94). ten aus Elfenbein, Aluminium oder Fi-
Sie werden rasch erkennen, warum er berglas. Geizhälse indes – wie der Autor
damals unverzichtbar war. Vor 1970 war dieses Artikels – begnügten sich seiner-
der Rechenschieber ähnlich verbreitet zeit mit Plastikmodellen. Alle Typen –
wie Schreibmaschinen oder Vervielfälti- vom elegantesten bis zum einfachsten –
Als Rechenschieber noch in Mode waren, gungsmaschinen. Mit ein paar Handgrif- basieren jedoch auf Logarithmen (siehe
schwor jeder Ingenieur auf seinen Schie- fen konnte jedermann multiplizieren, di- Kasten auf S. 96).
bestab. Erst die Taschenrechner beende- vidieren, Quadrat- und Kubikwurzeln John Napier, ein schottischer Mathe-
ten ihre Karriere. ziehen. Mit wenig mehr Aufwand kann matiker, Physiker und Astronom, erfand

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 93


Rechenschieber

Rechenschieber im Eigenbau
Sie können sich aus Papier und selbstklebender pien dieser Vorlagen auf dickerem Papier ein hinreichend
­Folie selbst einen funktionsfähigen Rechenschieber stabiles Modell fertigen lässt. Diese Vorlagen finden sich
bauen. Unsere Tests haben gezeigt, dass sich mit Fotoko- auch im Internet auf der Seite www.spektrum.de.

Index
BAUANLEITUNG
Schneiden Sie mit einer Schere
das gesamte helle Rechteck aus (a);
anschließend entlang der Linie die
Teile A und B trennen (b) und den b
Überstand (c) abschneiden.
Teil A an den durchgezogenen
Linien falten
Teil B in den gefalteten Teil A
stecken
Zur Fertigung des Läufers zwei
Streifen selbstklebende Folie in der
Länge der beiden Linien (links)
zuschneiden: der eine Streifen
so lang wie schwarze Linie, der
andere so lang wie die rote
Linie. Anschließend beide
Streifen mit ihren klebenden
Seiten so zusammenkleben,
das am oberen Ende des
unteren Streifens ein
Stückchen frei bleibt.

Mit einem feinen


Stift eine Linie in der
Mitte ziehen.
Haarlinie

Die gefaltete Folie um den


Rechenschieber legen. Das
freie Ende zum Zusammenkle-
ben der Folie verwenden.
Chris Hamann, Nancy Shaw

Läufer
Cliff Stoll / Scientific American
Index

Teil Teil

fertiger Läufer A B

94  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007


im Jahr 1614 die Logarithmen. Sein gestalten. Und wie funktionierten Na- mit 6,61 multiplizieren, sucht man in ei-
»Canon of Logarithms« beginnt so: »Da piers Logarithmen? ner Tafel Logarithmen dieser Zahlen –
für Mathematiker und Rechenkundige »Sie gestatten«, notierte der Erfinder, 0,58 und 0,82. Ihre Addition ergibt 1,4.
nichts so beschwerlich ist wie Multipli- »die Zahlen, die multipliziert, dividiert Nun schaut man wieder in die Logarith-
kation, Division und das Ziehen von oder aus denen Wurzeln gezogen werden mentafel und sucht die Zahl, deren Log-
Quadrat- oder Kubikwurzeln aus großen sollen, einfach beiseitezulegen und sie arithmus 1,4 ist, und erhält als ziemlich
Zahlen – es kostet nicht nur viel Zeit, durch andere Zahlen zu ersetzen, mit de- genaue Näherung 25,12. Und schon ist
sondern führt gerne auch zu Flüchtig- nen die Lösung viel einfacher gefunden es vorbei mit »Flüchtigkeitsfehlern«!
keitsfehlern –, überlegte ich mir, wie ich werden kann – nämlich lediglich durch Napiers Erfindung revolutionierte
diese Hemmnisse auf zuverlässige und Addition, Subtraktion, Division durch die Rechenkunst: Mathematiker griffen
geschickte Weise umgehen könnte.« zwei oder drei.« die Idee sofort auf, um ihre Arbeit zu
Tatsächlich wurden Logarithmen – beschleunigen. So nutzte etwa Anfang
der Horror des Mathematikunterrichts Kepler und der Mars des 17. Jahrhunderts der deutsche As-
in der Schule – erfunden, um unser Le- Somit lassen sich durch Logarithmen tronom Johannes Kepler die neuartigen
ben zu vereinfachen. In wenigen Gene- Multiplikationen auf Additionen redu- Logarithmen, um die Umlaufbahn des
rationen werden Leute vielleicht ähnlich zierten, Divisionen auf Subtraktionen, Mars zu berechnen. Ohne sie hätte er
schockiert reagieren, wenn sie hören, Quadratwurzelziehen auf Divisionen vielleicht nie seine drei Gesetze der
dass auch Computer einmal erfunden durch zwei, Kubikwurzelziehen auf Di- Himmelsmechanik formulieren können.
wurden, um unser Leben einfacher zu visionen durch drei. Will man etwa 3,8 Henry Briggs, seinerzeit Englands be-

Bedienungsanleitung für Rechenschieber


Zunächst wollen wir die Teile des einfachen Rechenschie- Zahl berechnen? Dazu muss die Zunge nicht bewegt werden. Es
bers benennen: Das zweiteilige Instrument hat oben gewöhnlich genügt, die Strichmarkierung über eine Zahl auf der D-Skala zu
die A-Skala. Die Skalen B und C befinden sich auf der beweglichen schieben. In gleicher Position auf der A-Skala zeigt die Strichmar-
Zunge in der Mitte des Rechenschiebers. Die D-Skala steht auf kierung das Quadrat dieser Zahl an. So findet sich direkt über der
dem unteren Teil. Der linke Index auf der Zunge ist die Ziffer 1 am 7 auf der D-Skala der Wert 4,9 auf der A-Skala. Sie verschieben
linken Ende der C-Skala. Am rechten Ende der Zunge findet sich jetzt das Dezimalkomma eine Stelle nach rechts, und schon haben
eine weitere 1: der rechte Index. Auf dem beweglichen Läufer sitzt Sie die korrekte Lösung: 49.
die Strichmarkierung. Um Quadratwurzeln zu ziehen, muss die Zunge ebenfalls nicht
Zum Multiplizieren zweier Zahlen muss die Zunge so verscho- bewegt werden. Aber dabei ist zu beachten, dass die A-Skala in
ben werden, dass ihr linker Index auf die erste der beiden Zahlen zwei Hälften unterteilt ist. Die linke Hälfte geht von 1 bis 10, die
auf der D-Skala zeigt. Jetzt wird der Läufer verschoben, bis seine rechte von 10 bis 100. Um die Quadratwurzel einer Zahl zwischen
Strichmarkierung auf die zweite Zahl auf der C-Skala zeigt. Die Lö- 1 und 10 zu ziehen, schiebt man die Läufermarkierung über die
sung findet sich unter der Strichmarkierung auf der D-Skala. Um entsprechende Zahl auf der linken Hälfte der A-Skala, die rechte
beispielsweise 2 mit 4 zu multiplizieren, ist die C-Skala so weit zu Hälfte ist für Zahlen zwischen 10 und 100.
verschieben, dass ihr linker Index über der 2 auf der D-Skala steht. Soll die Quadratwurzel einer Zahl zwischen 1 und 10 gefunden
Nun stellen Sie die Strichmarkierung des Läufers auf die 4 der werden, muss der Läufer über diese Zahl auf der linken Hälfte der A-
C-Skala ein. Die Lösung, 8, findet sich auf der D-Skala – ebenfalls Skala geschoben werden, die Quadratwurzel der Zahl findet sich in
an der Position der Strichmarkierung. gleicher Position auf der D-Skala. Mit der rechten Hälfte der A-Ska-
la lassen sich Quadratwurzeln von Zahlen zwischen 10 und 100 be-
Wenn das Ergebnis so groß ist, dass es außerhalb der Länge stimmen. Werden Zahlen in wissenschaftlicher Schreibweise mit
des Rechenschiebers läge, muss der rechte Index verwendet wer- Hilfe von Exponenten dargestellt (wie 1,23 · 104), finden sich solche
den. Um beispielsweise 6 mit 7 zu multiplizieren, ist der rechte In- mit geraden Exponenten auf der linken Seite der A-Skala, die mit
dex auf die 7 auf der D-Skala einzustellen, die Strichmarkierung ungeraden Exponenten (wie 1,23 · 103) auf der rechten.
auf die 6 auf der C-Skala. Als vorläufiges Ergebnis wird unter der
Strichmarkierung auf der D-Skala 4,2 angezeigt. Nun muss das De- Es gibt auch viele Möglichkeiten, Rechnungen zu vereinfa-
zimalkomma um eine Stelle nach rechts verschoben werden. Die chen. So kann die Läufermarkierung als »Kurzzeitgedächtnis«
korrekte Lösung lautet: 42. zum Zwischenspeichern von Lösungen umfangreicherer Kalkula­
Zur Division ist die Strichmarkierung des Läufers auf den Wert tionen verwendet werden. Oder man kann die Cl-Skala benutzen,
des Dividenden auf der D-Skala einzustellen. Danach wird die um zu verhindern, dass Ergebnisse jenseits des Rechenschieber-
Zunge verschoben, bis der Teiler (Divisor) unter der Markierung Endes liegen. Auf dem Rechenschieber zum Selbstbasteln (links)
liegt (an der gleichen Stelle wie der Dividend). Der gesuchte Quo- finden sich noch weitere Skalen. Die K-Skala dient der Berechnung
tient ist die Zahl unter dem Index. Zur Übung teilen wir 47 durch von Kubikzahlen und Kubikwurzeln, die S- und die T-Skala stehen
33. Zunächst stellen Sie die Strichmarkierung auf 4,7 auf der für Sinus und Tangens. Die L-Skala liefert den Logarithmus einer
D-Skala ein und verschieben die Zunge, bis der Wert 3,3 auf der Zahl auf der D-Skala. Probieren Sie es selbst. Nach ein wenig
C-Skala ebenfalls unter der Strichmarkierung liegt. Der rechte In- Übung werden Sie erstaunt sein, wie einfach er zu handhaben
dex zeigt das Ergebnis an: 1,42. Wollen Sie auch das Quadrat einer ist – und wie nützlich er sein kann.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 95


Rechenschieber

deutendster Mathematiker, reiste eigens ermitteln konnten, ohne erst lange in mit seinen Errungenschaften. Er schätzte
nach Schottland, um Napier aufzu­ die Bibliothek zu gehen. Gunter zog die reine Mathematik und glaubte wohl,
suchen. eine Zahlenlinie, in der die Zahlen pro- seine Erfindungen hätten keinen beson-
»Mein Herr«, soll Briggs zu dem For- portional zu ihren Logarithmen positio- deren Wert. Schließlich würden sich Ma-
scher gesagt haben, »ich habe diese lange niert wurden. In dieser Skala liegen auf- thematiker Gleichungen ausdenken, sie
Reise in der Absicht unternommen, zu einanderfolgende Zahlen am linken nutzen sie nicht. (Dies trifft auch heute
erfahren, welcher Genius und welche Ende deutlich weiter auseinander als am noch zu: Geld verdient man oft damit,
Weisheit Sie als Ersten diese für Astro- rechten, wo sie immer enger zusammen- eine Anwendung für etwas zu finden,
nomen so überaus hilfreiche Idee finden rücken. Zwei Zahlen konnten nun mit­ was jemand anders entwickelt hat.)
ließ. Ich frage mich, warum niemand zu- einander multipliziert werden, indem
vor darauf kam, wo sie doch jetzt, da sie man mit einem Stechzirkel den Abstand Gut zu Fuß und zu Pferd
bekannt ist, so einfach erscheint.« Briggs vom Anfang der Skala bis zum ersten Aus welchem Grund auch immer –
hatte ein gutes Auge für Genies: Napier Faktor abtrug, die Zirkelspitze dann auf Oughtred versäumte es jedenfalls, seine
erfand später noch das Dezimalkomma, den zweiten Faktor setzte und an der Erfindung publik zu machen. Doch ei-
Rechenstäbe (bekannt als Napiers Kno- Posi­tion des zweiten Schenkels das Er- ner seiner Studenten, Richard Delamain,
chen) und lieferte Grundlagen für Isaac gebnis ablas. behauptete in einer 1630 veröffentlich-
Newtons Differenzialrechnung. Um 1622 legte William Oughtred, ten Druckschrift, dass ihm die Idee der
John Napier hatte zwar das Rechnen ein anglikanischer Geistlicher, zwei loga- Rechenscheibe gekommen sei. Dela-
vereinfacht, doch dafür musste man eine rithmische Skalen nebeneinander und main, eher Ingenieur als Mathematiker,
Logarithmentafel zur Hand zu haben. schuf so den ersten Rechenschieber. Ei- freute sich besonders über die gute Mo-
So kam es, dass 1620 der Londoner Ma- nige Jahre später konstruierte er außer- bilität der Scheibe – und schrieb, sie lie-
thematiker Edmund Gunter ein Lineal dem eine Rechenscheibe – einen kreis- ße sich »sowohl beim Reiten als auch zu
mit Logarithmen markierte – wodurch förmig ausgelegten Rechenschieber (sie- Fuß« benutzen. Als ihm so sein Anrecht
seine rechnenden Kollegen Logarithmen he Bild rechts). Oughtred prahlte nicht auf die Erfindung geraubt wurde, geriet

Rechnen mit Logarithmen


Fühlen Sie sich bei Logarithmen leicht benebelt? Das ist kein suchen: 2,547. Teilen Sie diesen durch 2, und Sie erhalten 1,377.
Wunder: Wenn jeder Schüler einen Taschenrechner hat, brauchen Schlagen Sie nun den Antilogarithmus zu 1,377 nach. Die Lösung
Logarithmen nicht mehr so umfassend wie früher gelehrt zu wer- ist 23,82.
den. In der Gleichung ax = m ist x der Exponent. Es gibt auch Komplikationen. In Logarithmentabellen findet
Man kann x auch als »Logarithmus von m zur Basis a« bezeich- sich nur die Mantisse – die Nachkommastellen des Logarithmus.
nen. Dabei kann a jede beliebige Zahl sein. Wir wollen uns aber Um den tatsächlichen Logarithmus zu finden, muss man eine
auf die gängige Logarithmen zur Basis 10 beschränken (bei denen (ganzzahlige) Zahl (die so genannte Kennziffer) zur Mantisse ad-
also a = 10 ist). Der Logarithmus von 1000 ist dann 3, weil 10 po- dieren. Die Kennziffer ist die Anzahl der Dezimalstellen, um die
tenziert mit 3, also 103, 1000 ist. Umgekehrt ist der Antilogarith- das Dezimalkomma der zugehörigen Zahl verschoben werden
mus von 3 1000 – er ist das Ergebnis, das man erhält, wenn man muss. Um etwa den Logarithmus von 8912 zu bestimmen, schlägt
10 mit 3 potenziert. man die Logarithmentafeln auf und findet den Wert 0,95. Danach
sucht man die Kennziffer zu 8912 heraus – es ist die 3 (weil das
Exponenten müssen nicht ganzzahlig sein. So ist beispiels- Dezimalkomma drei Stellen nach links verschoben werden muss,
weise auch 100,25 erlaubt, was rund 1,778 ergibt; 103,7 ergibt rund um von 8912 zu 8,912 zu kommen). Addiert man nun die Kennzif-
5012. Der Logarithmus von 1,778 ist daher 0,25, und der von 5012 fer zur Mantisse, erhält man den vollständigen Logarithmus: 3,95.
ist 3,7. Logarithmentafeln findet man in Online-Bibliotheken wie
www.sosmath.com/tables/logtable/logtable.html. Berechnungen mit Logarithmen stellen immer nur gute Nä-
Wenn Zahlen als Zehnerpotenzen dargestellt werden, lassen herungen dar, da die Tabellen nicht vollkommen exakt sind. Log-
sie sich multiplizieren, indem man ihre Exponenten addiert. So arithmen tauchen überall in der Wissenschaft auf. Chemiker nut-
liefert 100,25 mal 103,7 das Ergebnis 103,95 (100,25 + 3,7). Und was ist zen sie, um den Säuregehalt mittels pH-Wert anzugeben (der
103,95? Suchen Sie den Antilogarithmus zu 3,95 in der Tabelle, das pH-Wert ist der negative Logarithmus der Wasserstoffionen-Kon-
Ergebnis ist 8912 – was in der Tat dem Produkt aus 1,778 und zentration einer Lösung).
5012 entspricht. Schallintensität wird gemessen in Dezibel (dem zehnfachen
Auf die gleiche Weise, wie Multiplikation zur – einfacheren – Logarithmus der Intensität geteilt durch eine Standardintensität).
Addition wird, wird Division zur Subtraktion. Hier ein Beispiel, Die Stärke von Erdbeben wird in Werten der Richterskala angege-
wie sich 759 mit Hilfe von Logarithmen durch 12,3 teilen lässt: ben, die auf Logarithmen basiert – ebenso wie die scheinbaren
­Zunächst müssen die Logarithmen zu 759 und 12,3 nachgeschla- Helligkeiten (angegeben in Klassen) von Sternen und Planeten.
gen werden: Es sind 2,88 und 1,09. Zieht man 1,09 von 2,88 ab, so Aber auch im täglichen Leben begegnen uns Logarithmen. Viele
erhält man 1,79. Nun sucht man den Antilogarithmus zu 1,79 he­ Diagramme, die große Zahlen darstellen, nutzen logarithmische
raus – und erhält als Lösung 61,7. Wollen Sie die Quadratwurzel Skalen, deren Werte in Zehnerpotenzen (10, 100, 1000 und so
aus 567,8 berechnen? Zunächst müssen Sie dazu den Logarithmus weiter) zunehmen – wie auf den Skalen der Rechenschieber.

96  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007


Oughtred außer sich. Er veranlasste sei- Den Rechenschieber erfand der angli-
ne Freunde, Delamain als »schamlos« u kanische Geistliche William Oughtred
und »geistigen Taschendieb« zu be- im Jahr 1622. Henry Sutton konstruierte um
schimpfen. Der Streit setzte sich bis zu 1633 ein kreisförmiges Modell und Robert
Delamains Tod fort. »Diese Schmach«, Bissaker 1654 die erste Version, bei der ein
schrieb Oughtred einmal später, »brach- Stab in einer festen Halterung gleiten konn-
te mir viele Nachteile.« Wer seine Erfin- te. Der Ingenieur Otis King aus London wi-
dung in Händen hielt, brauchte keine ckelte 1921 meterlange Skalen um einen Zy-
Logarithmentafeln mehr. Er musste linderstab, der in die Tasche passte (unten).
nicht einmal mehr wissen, was Logarith-
men sind. Multiplikation erforderte nur
noch, zwei Zahlen aneinanderzureihen
und eine Skala abzulesen. Rechenschie-
ber waren schnell und leicht zu transpor-
tieren.
Obwohl eine grandiose Idee, oben
: Sci
ence
and
Soci
brauchte das Gerät dennoch zwei Jahr- et y
Pictu
re L
ibra
ry /
hunderte, um sich durchzusetzen. »Für Scie
nce
Mus
eum
;  un
ein paar Schillinge«, beklagte noch 1850
ten:
vint
ag e c
alcul
ator
der französische Mathematiker Augustus s .com

de Morgan die geringe Verbreitung,


»könnten viele Leute einige Hundert
Mal so viel Rechenkraft in ihre Taschen
stecken, als sie im Kopf haben.«
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts wurde der Rechenschieber verbes-
sert und erweitert. Peter Roget, der Er-
finder des Thesaurus, beschrieb 1814 in werden konnte. Innerhalb weniger Jahre noch genauer zu machen, fügten die
einem Vortrag vor der Royal Society den nahm sogar die französische Armee diese Hersteller Lupen hinzu, mit denen sich
von ihm erfundenen Log-Log-Rechen- Geräte in ihre Bestände auf. Denn wenn die Skalen detaillierter einstellen und ab-
schieber. Damit konnte er sogar fraktio- die preußische Armee angriffe, wer hätte lesen ließen, unterteilten die Skalen noch
nale Potenzen und Wurzeln berechnen – dann noch Zeit, mit einer Kanone auf feiner und verlängerten das Instrument.
etwa 30,6 hoch 2,7. Der Nutzen des den Feind zu zielen und gleichzeitig lan- Zudem trugen sie Napiers Logarithmen
Log-Log-Rechenschiebers wurde jedoch ge Kalkulationen durchzuführen? auf kreis-, spiral-, scheiben- oder zylin-
erst nach 1900 erkannt, als Chemiker, derförmige Rechenhilfen auf. 1921 wi-
Elektroingenieure und Physiker mit im- Kreise, Scheiben und Spiralen ckelte der Londoner Ingenieur Otis King
mer komplizierteren mathematischen Mit der Zeit übernahmen Europas Inge- eine gut 1,50 Meter lange logarithmische
Formeln konfrontiert wurden. nieure, Landvermesser, Chemiker und Skala sogar um einen Zylinder von rund
Es bedurfte eines 19-jährigen franzö- Astronomen Mannheims verbessertes 2,5 Zentimeter Durchmesser, der gut in
sischen Artillerieleutnants – Amédée Modell. Nach dem Ersten Weltkrieg die Tasche passte.
Mannheim –, um den Rechenschieber setzten es auch amerikanische Wissen- Ingenieure rühmten sich ihrer Be-
weithin populär zu machen. 1850 wähl- schaftler ein. Fast alle Rechenschieber – rechnungen mit vierstelliger Genauig-
te er die vier wichtigsten Skalen aus und bis auf die ganz billigen – zeigten Qua- keit. Für noch größere Präzision mussten
fügte dem Rechenschieber einen ver- dratzahlen und Quadratwurzeln an, Ku- sich Wissenschaftler einen so genannten
schiebbaren Läufer hinzu – eine Ablese- bikzahlen und Kubikwurzeln, inverse Fuller-Kalkulator zulegen – damals die
hilfe, die auf beliebige Zahlen eingestellt Zahlen, Sinus und Tangens. Die besten genaueste mechanische Rechenhilfe:
warteten sogar mit hyperbolischen Funk- Eine 12,50 Meter lange Spirale schlän-
tionen auf, mit denen sich etwa Vektoren gelte sich um einen hölzernen, gut 30
Einer der schönsten und beliebtesten und Kettenkurven berechnen ließen, Zentimeter langen Zylinder. Dank seiner
u Rechenschieber aller Zeiten: der Fa- beispielsweise für die Konstruktion von speziellen Anzeige hatte der Fuller-Kal-
ber-Castell 2/83N Hängebrücken. Um die Instrumente kulator die Präzision eines Rechenschie-

Faber-Castell AG

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 97


Rechenschieber

gatoren, die rasch Ergebnisse benötigten, matischen und Rundungsfehler bewusst

IBM
spezielle Geräte. Die US-Marine ent- waren – im Gegensatz zu heutigen In­
wickelte einen Standard-Rechenschieber genieuren, die nur noch Computerpro-
mit Aluminiumkörper und Plastikläufer, gramme verwenden. Wer sich mit einem
in den Zelluloidkarten für spezielle An- Ingenieur aus den 1950er Jahren unter-
wendungen eingesetzt werden konnten – hält, bekommt höchstwahrscheinlich
bei Flugzeugen etwa für Reichweite, ein Loblied auf die Tage zu hören, als
Kraftstoffverbrauch oder Flughöhe. Berechnungen und ein tieferes Verständ-
Noch bis in die 1960er Jahre konnte nis der Materie noch Hand in Hand
man keine Ingenieurausbildung abschlie- gingen.
ßen, ohne auch einen einwöchigen Kurs Statt einen Computer mit Zahlen zu
im Gebrauch von Rechenschiebern ab- füttern, hatten damalige Forscher ein
solviert zu haben. In jedem Fachbereich Verständnis für die Feinheiten von Be-
für Elektrotechnik hingen sie in Leder- lastungen und Dehnungen, Spannungen
hüllen an den Arbeitsplätzen. In Semi- und Strömen, Winkeln und Distanzen.
naren konnte man sehen, wer die Zahlen Per Hand ermittelte Zahlen lösten Pro-
des Referenten nachprüfte. Hightech- bleme auf Grund von Wissen und Ana-
Firmen verschenkten sie mit eingra- lyse – nicht durch Computersimula­
vierten Markenzeichen an Kunden. tionen. Gezwungenermaßen lernten sie
Vergegenwärtigen Sie sich einmal, auch, Probleme zu vereinfachen.
welche technischen Meisterleistungen
ihre Existenz der Tatsache verdanken, Die Kunst der Daumenregeln
Als »Computer« wurden ursprünglich dass zwei Stäbe aneinander entlangglit- Da lineare Gleichungen auf Rechen-
o Menschen bezeichnet, die ihre Zeit ten: das Empire State Building, der Hoo- schiebern leichter zu bewältigen sind als
mit Berechnungen von Zahlen verbrachten. ver-Damm, die geschwungenen Kurven komplexere Systeme, bemühten sich
Bis in die 1960er Jahre benutzten sie dazu der Golden Gate Bridge, Automatik­ Wissenschaftler, mathematische Bezie-
meist Rechenschieber. Das änderte sich, als getriebe von Autos, Transistorradios, die hungen zu linearisieren, wobei naturge-
elektronische Taschenrechner und digitale Boeing 707. Wernher von Braun, Erfin- mäß Glieder höherer Ordnung oft unter
Computer aufkamen. der der V2-Rakete sowie der Saturn V, den Teppich gekehrt wurden. So kam es,
verließ sich auf einen recht einfachen Re- dass Autoentwickler den Kraftstoffver-
chenschieber der Marke Nestler. Die Fir- brauch hauptsächlich aus der Motorstär-
bers von 25,3 Meter Länge, was fünf­ ma Pickett stellte Modelle her, die sogar ke berechneten und den mit zuneh-
stellige Genauigkeit lieferte. Das Gerät bei jeder Apollo-Mission zum Mond für mendem Tempo steigenden Windwider-
konnte auch mit einem gravierten Nudel­ den Notfall mitgeführt wurden. Der stand ignorierten. Ingenieure suchten
holz verwechselt werden. sowjetische Raumfahrtingenieur Sergej
Mangels Alternativen übernahmen Korolew benutzte bei der Entwicklung
auch die Ingenieure der Technikära den der Sputnik- und Wostok-Raumsonden
Rechenschieber. Hersteller versahen ihn ein Nestler-Modell. Auch Albert Ein-
mit zusätzlichen Markierungen, die das stein bevorzugte diese Marke.
Rechnen beschleunigten. Auf den Skalen Doch Rechenschieber haben eine
fanden sich nun auch die Konstanten Pi, Achillesferse: Standardgeräte sind nur
Pi/4 und e (Basis des natürlichen Loga- auf drei Ziffern genau. Das genügt voll-
rithmus), und zuweilen gab es Markie- auf, wenn es darum geht, wie viel Ze-
rungen, um Inch in Zentimeter oder ment benötigt wird, um im Boden ein
Pferdestärken in Watt umzurechnen. Zu- Loch zu füllen. Doch für die Berech-
dem erschienen Modelle für Spezialisten: nung der Flugbahn einer Raumsonde
mit Molekulargewichten für Chemiker, auf Mondkurs reicht es nicht. Und was
mit Hydraulikformeln für Schiffbauer noch schlimmer ist: Man muss die De­
oder mit radioaktiven Zerfallskonstanten zimalkommastelle im Kopf behalten.
für Kerntechniker. Wenn der Läufer auf »346« steht, kann
Um 1945 war bei Ingenieuren der das 3,46, 3460 oder 0,00346 bedeuten.
Log-Log-Duplex-Rechenschieber weit Die Stolperfalle der falsch gesetzten
verbreitet. Mit bis zu 12 Skalen auf jeder Dezimalkommastelle veranlasste jeden
Seite versetzte er seine Besitzer in die ver­antwortungsbewussten Ingenieur, sei-
Lage, eine Zahl mit einer beliebigen an- ne Ergebnisse zweimal zu überprüfen.
deren zu potenzieren und trigonomet- Zunächst schätzte er das ungefähre Er-
rische Berechnungen mit Sinus-, Cosi- gebnis ab, dann verglich er es mit der er-
nus- und Hyperbel-Funktionen durch- mittelten Zahl. Ein positiver Neben­
Rick Furr

zuführen. Im Zweiten Weltkrieg nutzten effekt war, dass die Benutzer sehr gut
amerikanische Bomberstaffeln und Navi- mit Zahlen vertraut und sich der syste-

98  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007


Eric Marcotte

nach Vereinfachungen und entwickelten baute 1963 den »Friden 130« – einen Fahrt ins All: Der Pickett N600-ES
Daumenregeln. Positiv betrachtet sparte der ersten elektronischen Rechner mit o war beim Apollo-Mondflug mit dabei.
das Zeit. Negativ war, dass diese Nähe- Transistoren. Das Gerät in der Größe
rungen Fehler versteckten, Parameter eines Desktop-PCs beherrschte die vier
überdimensionierten oder auch zu Fehl- Grundrechenarten und verblüffte damit, Bildfläche – ebenso wie Bücher mit fünf-
konstruktionen führen konnten. Ergebnisse geräuschlos mit 12-stelliger stelligen Logarithmentafeln.
Da die Ingenieure sich auf grobe Be- Genauigkeit zu liefern. Ragen erinnert Heute hängt an meiner Wand noch
rechnungen stützen mussten, gingen sie sich daran, wie er dieses elektronische ein zweieinhalb Meter langer Rechen-
bei ihren Entwicklungen naturgemäß Wunderwerk ausschließlich mit analo- schieber von Keuffel & Esser. Einst
konservativ vor. Sie machten Mauern di- gen Werkzeugen entwickele: »Sämtliche diente er dazu, meine Kommilitonen im
cker als nötig, Flugzeugflügel schwerer Schaltungswerte, von den Transistorströ- Physikstudium in die Geheimnisse ana-
und legten Brücken stärker aus. Solche men bis zur Speicherauslegung, habe ich loger Berechnungen einzuweihen. Jetzt
Sicherheitszuschläge mögen die Verläss- mit meinem ›Keuffel & Esser‹-Rechen- ist er nur noch ein surfbrettgroßer
lichkeit und Haltbarkeit erhöht haben, schieber berechnet.« So half der Rechen- Wandschmuck – ein Zeichen der Ver-
verteuerten aber die Herstellung, redu- schieber bei der Konstruktion eben der gänglichkeit. Spät in der Nacht, wenn es
zierten die Leistung und machten Pro- Maschine, die ihn überflüssig machte. in meinem Haus still geworden ist, un-
dukte schwerfälliger. In den späten 1960er Jahren konnte terhält er sich flüsternd mit meinem
Den schwierigen Umgang mit Re- man für ein paar hundert Dollar einen Pentium: »Pass bloß auf«, warnt er den
chenschiebern zu lernen, schreckte die tragbaren elektronischen Taschenrechner Prozessor. »Man weiß nie, wann man sei-
breite Masse ab. Zwar gab es Lebensmit- mit den vier Grundrechenarten kaufen. nem eigenen Nachfolger den Weg be-
telhändler, die damit Rabatte berechnen 1972 präsentierte Hewlett-Packard den reitet.«
konnten; und der Autor dieses Artikels ersten wissenschaftlichen Taschenrechner
ertappte einmal seinen Englischlehrer – den HP-35 (Foto links unten). Der
dabei, wie er während einer Klassen­ konnte alles, was auch ein Rechenschie- Cliff Stoll promovierte an der
University of Arizona in Pla-
arbeit mit dem Gerät den Gewinner ei- ber zu leisten vermochte – und noch ei- netenphysik und arbeitete an
ner Dreierwette beim Pferderennen er- niges mehr. In seiner Bedienungsanlei- verschiedenen Observatorien.
mitteln wollte. Ins tägliche Leben dran- tung stand: »Wir dachten uns, Sie wür- Er wurde bekannt, als er in
gen die Rechenschieber jedoch nie vor, den gern etwas besitzen wollen, was man den Frühzeiten des Internets
da man mit ihnen nicht addieren und sonst nur bei fiktiven Helden wie James half, einen Hacker-Ring auszuheben, wie er
in seinem Buch »The Cuckoo’s Egg« schildert.

A u tor u nd L iterat u rhinweise


subtrahieren kann und weil es nicht je- Bond, Walter Mitty oder Dick Tracy er- Weitere Titel: »High Tech Heretic: Why Com-
dem leicht fällt, die Dezimalkommastel- warten wüde.« puters Don’t Belong in the Classroom« und
le im Kopf zu behalten. So blieben die Dutzende anderer Hersteller folgten. »Silicon Snake Oil«. Stoll befasst sich derzeit
Geräte Werkzeuge für Techniker. Texas Instruments nannte sein Konkur- mit Kleinschen Flaschen und lehrt Physik an
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhun- renzprodukt »Rechenschieber-Kalkula- einer Highschool. Er lebt mit seiner Familie
in Oakland/Kalifornien. Der Logarithmus der
derts entwickelten sich mechanische tor«. In einem Versuch, beide Techniken Anzahl seiner Kinder beträgt 0,301, und sie
­Rechenmaschinen zu den wichtigsten zu vereinigen, produzierte Faber-Castell haben fast 100,4772 Katzen.
Konkurrenten der Rechenschieber, und einen Rechenschieber mit einem Ta-
Anfang der 1960er Jahren begann der schenrechner auf der Rückseite.
Siegeszug der Elektronik. Robert Ragen Der elektronische Taschenrechner Dennert & Pape ARISTO 1872 – 1978 mit 2
CD-ROMs. Von Klaus Kühn und Karl Kleine
beendete schließlich die Vorherrschaft
(Hg.). Zuckschwerdt-Verlag, 2004
der Rechenschieber. 1975 schaltete die
Dieser Taschenrechner HP-35 ver- Firma Keuffel & Esser ihre Gravur-Ma- Slide rules: their history, models and ma-
l setzte den Rechenschiebern den To- schinen ab. Alle anderen bekannten Her- kers. Von Peter M. Hopp. Astragal Press,
1999
desstoß. Das Mitte 1972 von Hewlett-Pack- steller – Post, Aristo, Faber-Castell und
ard eingeführte tragbare Gerät kostete Pickett – stellten die Produktion eben- A history of the logarithmic slide rule and
allied instruments. Von Florian Cajori. Erst-
damals 395 Dollar, enthielt sechs integrierte falls bald ein. Nachdem mehr als 40 Mil- veröffentlichung 1909, nachgedruckt von As-
Schaltkreise (insgesamt sechs Chips) und lionen Rechenschieber hergestellt wor- tragal Press, 1994
war mit einem Display aus roten Leuchtdio- den waren, endete ihre Ära. Sie wurden
Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter
den ausgestattet. Den Strom lieferten drei in Schreibtischschub­laden verstaut und www.spektrum.de/artikel/866419
AA-Batterien oder ein Netzteil. verschwanden nach und nach von der

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · April 2007 99


REZENSIONEN
BILDBAND Spermium über eine Art Tagebuch der Organ-
REZENSIONEN

reifung bis zum fertigen Menschlein kurz


Unprätentiös und  vor der Geburt. »Leben« fasst seine schöns-
ten Bilder zusammen und dürfte so etwas
genial wie das Vermächtnis des preisgekrönten
Grandseigneurs der Wissenschaftsfotografie
Lennart Nilsson legt eine Zusammenfassung seines werden.
fotografischen Lebenswerks vor. In dem angehängten Essay »Lennart und
Leonardo« wird sogar der Bogen von dem

L eben, einfach nur Leben: So schlicht und


groß wie das Thema ist der Blick, den
Lennart Nilsson in seinem neuesten Bildband
»Life« die ersten Fotos eines Embryos im
Mutterleib präsentierte, verkaufte sich das
Heft 8 Millionen Mal. Sein Bildband »Ein
Universalgenie der Renaissance zu dem mitt-
lerweile 85-jährigen Nilsson gespannt, der
übrigens derzeit an einer weiteren Dokumen-
auf das Leben wirft. Der schwedische Wis- Kind entsteht« erschien kurze Zeit später, tation des Zellaufbaus arbeitet.
senschaftsfotograf zeigt faszinierende Ma- hat weltweit Millionenauflagen erreicht und Katharina Werle
kroaufnahmen menschlicher Organe, feinster avancierte schnell zum Klassiker. Die Rezensentin ist Leiterin der Schlussredaktion
Muskelfasern oder einzelner Zellen; er macht Immer genauere und immer frühere Bil- von Spektrum der Wissenschaft.
Sars- und HI-Viren bei der Arbeit sichtbar. der vom Beginn des Lebens gelangen ihm mit
Vor allem aber lässt er den Betrachter teilha- seiner elektronenmikroskopischen Kamera, Lennart Nilsson (Bilder), Hans Wigzell (Essay)
ben an der heimlichen Sensation, wenn das stille und ausdrucksstarke Aufnahmen, die Leben
Wunderwerk Mensch zu leben beginnt. mit wissenschaftlich exaktem und dabei Bilder aus dem Inneren
des menschlichen Körpers
Für seine spektakulären Aufnahmen des künstlerisch behutsamem, fast zärtlichem
Aus dem Englischen von Rita Seuß. Knese-
menschlichen Körpers ist Nilsson berühmt. Blick die Embryonalentwicklung einfangen: beck, München 2006. 304 Seiten, € 39,95
Als er 1965 im amerikanischen Magazin vom ersten Aufeinandertreffen von Ei und

Arbor vitae oder Lebensbaum:


das Kleinhirn

100 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Astronomie son und Crick bei der Entschlüsselung der
DNA-Struktur über die Schulter. Doch trotz
Eine dramatische Geschichte aller Verheißungen, dass »bald aus irgend­
einem Rundkolben ein Käfer krabbeln wür-
der Wissenschaft de«, sei »die organische Chemie noch Licht-
jahre weit von Biologie, von Leben entfernt«.
Dagmar Röhrlich versteht es, eine sehr lange Geschichte Hier hält sie es mit dem Exzentriker Hoyle,
kurzweilig wie einen Krimi zu erzählen. der die spontane Bildung von Leben, von ers-
ten lebenden Zellen auf der Erde für ungefähr
so wahrscheinlich gehalten hatte wie die zu-
fällige Verwandlung eines Schrottplatzes in
einen voll flugfähigen Jumbojet, wenn gerade
ein Tornado über das Gelände wirble.
Auch wenn Hoyles Ideen mittlerweile als
verfehlt erkannt sind, klaffen in den Theorien
noch breite Lücken. Aber Röhrlich zeigt dem
erkenntnisfrohen Leser viele interessante
Bruchstücke, die in der wissenschaftlichen
Community allerdings umstritten sind: skur-
rile Wesen aus Ton, die der schottische Mole-
kularbiologe Alexander Graham Cairns-Smith
postuliert, oder den Last Universal Common
Pfannkuchenvulkan auf der Venus Ancestor LUCA, den letzten universellen ge-
meinsamen Vorfahren, den hypo­thetischen

V om Urknall bis zur Gegenwart einschließ-


lich der Entstehung des Lebens auf der
Erde und möglicherweise anderswo: Das ist
versums als »großen Knall« (»Big Bang«) – und
musste erleben, wie sein Schimpfwort zum
allgemein gebräuchlichen Namen der Theo-
Überlebenden der gigantischen Katastro-
phen, welche die frühe Erde heimsuchten
(Spektrum der Wissenschaft 4/2000, S. 52).
ein gigantischer Themenbogen. Viele haben rie wurde. Waren daran etwa Bio-Importe aus dem All
sich daran versucht – der Markt wimmelt von Lange nach dem Anfang der Welt, als die beteiligt? Das glauben zumindest einige Wis-
derlei Titeln – und sind kläglich gescheitert. »Singularität in einem unvorstellbar kurzen, senschaftler, die seit den 1960er Jahren mit
Ganz anders die viel gelesene Journalistin grellen Lichtblitz ... zu werden beschloss«, dem Experiment Seti (Search for Extraterres-
Dagmar Röhrlich. Auch sie gibt zum Schluss begann vor 4,6 Milliarden Jahren die Ge- trial Intelligence) nach außerirdischer Intelli-
eine Antwort auf die Titelfrage »Hallo, ist dort schichte unseres Sonnensystems als »eine genz fahnden, seit 1999 mit Unterstützung
draußen jemand?«. Aber was ihr Werk so at- sehr staubige Angelegenheit«. Die Erde hatte tausender Freiwilliger per Internet.
traktiv und bemerkenswert macht, ist die einst einen Zwilling, die marsgroße Theia. Röhrlich nimmt den Leser mit auf ihre Su-
leichtfüßige Hinführung des Lesers zum letz- Sie stürzte vor 4,527 Milliarden Jahren in che nach den ältesten Zeugnissen von den
ten Stand der Astronomie, Geologie, Biologie einem »Giant Impact« in die Erde und schlug Anfängen des Lebens und des Menschen auf
und Paläontologie. Jahrelange Auseinander- den Mond heraus – eine ganz wichtige Vo­ unserem Planeten, auf Expeditionen in un-
setzung mit dem Thema, gründliche Literatur- raussetzung für Leben auf unserem Planeten, wegsame Gefilde; nach Afrika, Australien,
recherche, Hintergrundgespräche mit For- doch beileibe nicht die einzige. nach Grönland und in die Tiefsee. Sie lässt
schern und Expeditionen zu den entlegensten Flüssiges Wasser, Energie – nicht zu we- uns das Abenteuer hautnah miterleben; vol-
Winkeln der Erde bilden die Basis für ihr ge- nig, nicht zu viel –, ein Tag-Nacht-Rhythmus, ler Exotik, Stimmung und Romantik.
radezu im Plauderton gehaltenes Buch. Ebbe und Flut, Mineralien und manch ande- Das Buch ist eine Zeitreise, eine drama-
Dass der Big Bang vor 13,7 Milliarden Jah- res sind notwendig, erfährt der Leser, damit tische Geschichte der Wissenschaft. Dabei
ren stattfand, zählt mittlerweile zum Allge- ein Leben entsteht, das den drei Kriterien wird der Weg immer fassettenreicher und un-
meinwissen. Aber wem ist schon geläufig, von Gerald Joyse vom kalifornischen Scripps- übersichtlicher; ein Ende ist noch nicht abzu-
dass dieses Ereignis 1630 von einem Ge- Forschungsinstitut genügt: Seine Basis ist sehen. Und das Beste daran: Es liest sich wie
lehrten, der auch noch irischer Erzbischof erstens Chemie. Zweitens wächst Leben und ein Krimi – originell, voller überraschender
war, auf den »Abend vor dem 23. Oktober des erhält sich selbst durch Stoffaustausch mit Wendungen, herrlich frisch und spannend bis
Jahres 4004 vor Christus, um sechs Uhr« da- seiner Umgebung. Und drittens können sich zur letzten Zeile.
tiert wurde? Dem bildungshungrigen Leser lebende Organismen durch Mutation und Se- Reinhard Löser
offeriert Röhrlich noch manch andere Epi­ lektion zu immer komplexeren Wesen fort- Der Rezensent ist promovierter Physiker und ha-
sode aus der Wiege der Urknall-Theorie: etwa entwickeln. bilitierter Volkswirt; er arbeitet als freier Journa-
die Geschichte vom unermüdlichen und Aber wie erfolgt der Übergang von unbe- list in Stuttgart.
höchst exzentrischen Sir Fred Hoyle (1915 – lebter zu belebter Materie? Voller Erzählfreu-
2001). Er war in den 1950er Jahren einer der de zeigt die Autorin dem Leser das legendäre Dagmar Röhrlich
eifrigsten Kritiker der Theorie des Weltalls, Experiment von Stanley Miller und Harold C.
Anybody Out There?
die damals noch »dynamisches Entwick- Urey (1953), in deren anorganisch ange- oder: Die Suche nach neuen Welten
lungsmodell« hieß, verspottete die Vorstel- rührter Ursuppe überraschend organische List, Berlin 2006. 247 Seiten, � 19,95
lung von einem definierten Anfang des Uni- Verbindungen schwammen, und schaut Wat-

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  101


Philosophie Menschsein mit der Verschmelzung von Ei-
REZENSIONEN

und Samenzelle beginne. Zudem seien der


Hat die embryonale Begriff der menschlichen Würde und auch
die Intensität des Schutzes in gleicher Weise
Zelle eine Würde? auf das ungeborene menschliche Leben wie
auf den geborenen Menschen anzuwenden.
Ein führender Moralphilosoph und Vertreter des Utilitarismus Aus dieser Position ist das Verbot der PID in
gibt eine anspruchsvolle Zusammenfassung seiner Positionen Deutschland ohne Weiteres nachzuvollzie-
hen, denn dabei werden dem Embryo toti­
zu Fragen der Bioethik.
potente Zellen entnommen. Da sich aus ih-
nen noch ein ganzer Organismus entwickeln

D ie rasante Entwicklung der Biotechnolo-


gie nötigt uns zu einer Auseinanderset-
zung mit den Chancen, den Risiken und der
der Bioethik, das Verhältnis von Ethik und
Bioethik, die Methodik der Angewandten
Ethik sowie die Möglichkeiten der wissen-
kann, seien sie als ungeborenes mensch-
liches Leben aufzufassen und müssten daher
ebenso geschützt werden wie der geborene
moralischen Bewertung der neuen Möglich- schaftlichen Auseinandersetzung mit Ethik. Mensch.
keiten. Wie ist die Forschung mit adulten und In den weiteren Teilen »II. Naturbegriff Andererseits haben wir in Deutschland
embryonalen Stammzellen moralisch zu be- und Ökologie«, »III. Um Leben und Tod« und eines der liberalsten Abtreibungsrechte der
werten? Ist therapeutisches und reproduk- »IV. Kontroversen der Medizinethik« bewegt Welt. Diese widersprüchliche Situation ließe
tives Klonen sittlich zu rechtfertigen? Welche sich Birnbacher zwar, seinem wissenschaft- sich, so Birnbacher, durch die Aufhebung des
rechtlichen Grenzen sollte der Gesetzgeber lichen Rang entsprechend, auf einem intel- strengen Prinzips der Menschenwürde auflö-
bezüglich eugenischer Maßnahmen beschlie- lektuell anspruchsvollen Niveau, jedoch sind sen. Es sei eine attraktive Lösung, zwischen
ßen? Sind die visuelle und die genetische seine Ausführungen auf Grund ihrer klaren einer starken Form von Achtung für alle ge-
Präimplantationsdiagnostik (PID) moralisch Struktur und ihrer pointierten Formulie- borenen Menschen und einer schwachen
verwerfliche Formen der Diagnose? rungen durchaus nachvollziehbar. Form von Achtung für vorgeburtliches
menschliches Leben zu unterscheiden.
Ich halte diesen Vorschlag grundsätzlich
Eine starke Form der Menschenwürde für alle für sinnvoll und in die richtige Richtung wei-
Geborenen, eine schwache für die Ungeborenen? send, obwohl ich es für unerlässlich halte,
die normativen Implikationen noch wesent-
lich feingliedriger zu unterteilen. Es ist zu
Dieter Birnbacher, Professor für Philoso- Birnbacher argumentiert stets auf der Ba- überdenken, ob die entscheidenden Ein-
phie in Düsseldorf und seit Jahrzehnten einer sis seiner Variante des Utilitarismus: Handle schnitte nicht eher an Fähigkeiten festzuma-
der führenden deutschen Moralphilosophen, so, dass die Gesamtsumme des zu erwar- chen sind als an dem Geburtsprozess oder ob
hat in dem vorliegenden Band seine wich- tenden Nutzens maximal wird, wobei alle zumindest in manchen Übergangsbereichen
tigsten bioethischen Artikel seit 1990 zu- Folgen deines Handels mit zu berücksichti- beide Kriterien zu berücksichtigen sind.
sammengefasst. Dabei umfasst »Bioethik« gen sind (Spektrum der Wissenschaft 1/2005, Klarheit, Präzision und profundes Wissen
insbesondere auch Tier- und Umweltethik. S. 102). Diese konsequentialistische Ethik ist fallen in allen Artikeln Birnbachers auf. Der
Dem langen Zeitraum zum Trotz haben die nicht ohne Alternative. Nach der Deontologie Leser gewinnt einen fundierten Einblick in
angesprochenen Probleme nicht an Aktuali- haben Menschen die Pflicht, sich für und die jeweilige Fragestellung, da Birnbacher
tät und Brisanz verloren. egen bestimmte Handlungen zu entscheiden. zumeist den state of the art referiert, bevor er
Manche der ursprünglich in Fachzeit- Für Tugendethiker stehen nicht die Hand- seine eigene Position darstellt. Obwohl er
schriften publizierten Artikel sind für den lungen im Fokus der Bewertung, sondern auf einem hohen philosophischen Niveau ar-
Laien eher schwierig zugänglich, für das die Eigenschaften des Handelnden. Beiden gumentiert (ein kurzer, nicht erläuterter Ver-
Fachpublikum dagegen unerlässliches Grund- Ethiken kommt es nicht primär auf die Folgen weis auf das Zwei-Ebenen-Modell ist für den
lagenmaterial. Das gilt insbesondere für die des Handelns an. Uneingeweihten kaum nachvollziehbar), sind
drei Artikel des ersten Teils »Grundlegende In »Das Stammzellgesetz – ein Fall seine Beiträge mit gehöriger Bemühung
Fragen der Bioethik«. Birnbacher erörtert von Doppelmoral?« beschreibt und kritisiert durchaus zugänglich. Für das Fachpublikum
abstrakte, theoretische Fragen wie etwa das Birnbacher auf treffende Weise die Biopolitik sind sie von großem Interesse, da sich in ih-
Verhältnis von Ethik und Bioethik und das in Deutschland. Einerseits ist die offizielle nen ein präziser Denker ohne poetische Wort-
angemessene Verständnis der Begriffe »Per- deutsche Position von rigorosen Grundhal- hülsen, und ohne etwas unhinterfragt zu
son« und »Menschenwürde«. In »Welche tungen geprägt. So hat Deutschland die Bio­ lassen,­ zu brisanten Fragestellungen äußert.
Ethik ist als Bioethik tauglich?« thematisiert ethikkonvention des Europarats noch nicht Stefan Lorenz Sorgner
er auf hervorragende Weise das Verständnis unterzeichnet, weil der Schutz von einwil­ Der Rezensent ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für
ligungsunfähigen Personen und von mensch- Angewandte Ethik an der Universität Jena.
Alle rezensierten Bücher können Sie in lichen Embryonen hinter dem Niveau des
unserem Science-Shop bestellen deutschen Rechts deutlich zurückbleibt.
Dieter Birnbacher
direkt bei: www.science-shop.de Viele Politiker deuten das hochrangige Prin-
Bioethik zwischen Natur und Interesse
per E-Mail: shop@wissenschaft-online.de zip der Menschenwürde so, dass mensch-
telefonisch: 06221 9126-841 Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006.
liches Leben niemals nur als Mittel zum
per Fax: 06221 9126-869 395 Seiten, � 14,–
Zweck genutzt werden dürfe und dass das

102 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Museen maß an Schieß- und Bombenwerfgerät, das
obendrein noch vom Museum selbst mit
Wissenschaftlicher prahlerischem Stolz angepriesen wird. An-
nas drückt das so aus, dass sich mit den he-
Familienausflug rumstehenden Panzern »spielend ein mittel-
großer Krieg gewinnen lassen würde«.
Vom Multimar Wattforum in Tönning bis zum Zeppelin Das Karlsruher Staatliche Museum für Na-
Museum Friedrichshafen werden 72 Museen mit Erleb- turkunde ist nicht vertreten, obgleich die
nischarakter beschrieben. ausgestopften Tiere hinter denen aus Bonn
nicht wesentlich zurückstehen. Vielleicht hat
zur Abwertung geführt, dass man in Karls­

D ie Szene der wissenschaftlichen Erlebnis-


zentren ist in den letzten Jahren aufge-
blüht. Vom ältesten und größten deutschen
Bonn hatte ich zwar schon gehört, aber erst
dieses Buch hat uns auf die Idee gebracht, es
aufzusuchen, und die vielen schönen ausge-
ruhe sein Essen selbst mitbringen muss. Der
Informationsteil führt nämlich neben Dingen
wie Adresse, Öffnungszeiten, Eintrittsprei-
Wissenschaftsmuseum, dem Deutschen Muse- stopften Tiere haben unserem vierjährigen sen und Weblinks auch eine empfohlene Ver-
um in München, bis zum kürzlich eröffneten Moritz die erwarteten Begeisterungsschreie weildauer und das lokale Restaurant auf –
»Phaeno« in Wolfsburg (Spektrum der Wis- entlockt. das ist wichtig, wenn man die Zielgruppe bei
senschaft 3/2006, S. 80) finden sich mehr als Meine persönlichen Favoriten, darunter Laune halten will. In diesem Zusammenhang
hundert »Museen zum Anfassen« in Deutsch- das Mathematikum in Gießen, das Meeres- sind die Autoren sogar zu streng mit dem Mu-
land. Die drei Journalisten Max Annas, Hen- museum in Stralsund und das Universum in seum König. Es gebe eine deutlich bessere
drik Neubauer und Johannes Wendland haben Bremen, sind sämtlich in der Liste vertreten. gastronomische Auswahl in Fußgängerent-
sie während eines Jahres alle bereist, beglei- Manche Stätten der Bildung habe ich nicht so fernung. Stimmt; aber das Café des Hauses
tet von Vertretern der Hauptzielgruppe in Ge- positiv erlebt, wie die Autoren sie beschrei- bietet alles – fett, süß, Ketschup –, was das
stalt ihrer Kinder, und 72 davon in die vorlie- ben. So waren im Gegensatz zu mir meine – Kinderherz begehrt. Das reicht doch.
gende Auswahl aufgenommen. durchaus lesefähigen – Kinder nicht bereit, Christoph Pöppe
Herausgekommen ist ein – vom Stifter- die vielen informationsreichen Schrifttafeln Der Rezensent ist Redakteur bei Spektrum der
verband für die Deutsche Wissenschaft ge- im Wikinger-Museum Haithabu zu studieren, Wissenschaft.
förderter – Reiseführer, der zu jedem Muse- und bewerteten den ganzen Besuch als nicht
um eine launig geschriebene und bebilderte besonders gelungen, dem Riesen-Wikinger- Hendrik Neubauer (Hg.)
Beschreibung sowie einen ausführlichen In- schiffsmodell zum Trotz. Wo Max Annas für Erlebnis Wissen
formationsteil bietet. Seine Eignung konnten das Auto und Technik Museum Sinsheim und Die besten Erlebnismuseen
und Science Center
wir beim letzten Familienausflug austesten – dessen kleinen Bruder in Speyer lobende
Der Reiseführer
mit erfreulichem Ergebnis: Von dem tradi­ Worte findet – »Das große Boah!« –, waren
Bube, Pulheim 2006. 282 Seiten, € 19,90
tionsreichen Museum Alexander König in wir auf die Dauer abgestoßen von dem Über-

»Bigger than life«: die Riesengitarre im


Kinderreich des Deutschen Museums
in München

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  103


PHYSIKALISCHE UNTERHALTUNGEN
PHYSIKALISCHE UNTERHALTUNGEN

Epi- und Hypozykloiden

Die Viel­seitigkeit
der Rollkurven
Sie zeichnen nicht nur den Weg des Lichts in Kaustiken nach, sondern finden
sich auch in dem bekanntesten Objekt der fraktalen Geometrie.

Von Norbert Treitz weist auf den Mittelpunkt des bewegten; Punktquelle auf dem Rand des Kreises
der zweite, mit Länge b, geht von dort auftritt (Bild oben), und für m=3 die

R ollt ein (Zahn-)Rad mit dem Ra-


dius r von außen um ein ruhendes
mit dem Radius R, so läuft ein Zahn von
zur Position des Bleistifts. Es gilt also
a=R+r und b=r. Die Winkelgeschwin-
digkeiten der Zeiger verhalten sich um-
Nephroide, von der die Sonne – oder
sonst eine ferne Lichtquelle – eine Hälf-
te in die Kaffeetasse zaubert. Hypozyklo-
ihm (das heißt ein Punkt seines Um- gekehrt wie ihre Längen. Ist deren Ver- iden entstehen für negative m, mit dem
fangs) auf einer Kurve, die überall dort hältnis m=b/a eine rationale oder sogar Spezialfall der geradlinigen Strecke für
ihre charakteristischen, nach innen ge- ganze Zahl, so entsteht eine geschlossene m=–1: ein weiteres Beispiel für eine Ge-
richteten Spitzen hat, wo der Zahn das Kurve, die sich für nicht ganzzahliges m radführung (Spektrum der Wissenschaft
ruhende Rad berührt. Sie heißt Epizyklo- mehrfach überschneidet. Für irrationales 5/2006, S. 105).
ide, weil der bewegliche Kreis »auf« (grie- m schließt sich die Kurve nie. Die entstehenden Kurven sind für
chisch epi) dem ruhenden Kreis (kyklos, Für positives m ergeben sich Epizy­ ganzzahliges m stets (m–1)-zählig dreh-
latinisiert cyclus) abrollt. Im letzten Mo- klo­iden, insbesondere für m=2 die Kar- symmetrisch. Das gilt auch für negative
nat habe ich erzählt, wie eine solche Kur- diodide, die als Kreis-Kaustik für eine m: Die Steiner-Deltoide (m=–2) hat
ve auch auf gänzlich unmechanischem
Weg zu Stande kommen kann: als Kaus-
tik (»Brennkurve«) eines Lichtbündels, Der karierte Kern der Mandelbrot-Menge
das an einem Kreisrand reflektiert wird.
Diesmal möchte ich Sie mit weiteren Die hier gezeigten Bilder der klassischen brett oder eine »rundkarierte« Zielscheibe
überraschenden Eigenschaften dieser Mandelbrotmenge (rechts, linkes Bild) sowie abwechselnd dunkel- und mittelblau ge-
Kurven bekannt machen. ihrer Verallgemeinerung für m=4 (rechtes färbt werden (kleines Bild). Der Punkt, der
Die Epizykloide hat eine »einwärts- Bild) sind für die Punkte außerhalb der Men- dem Parameter c entspricht, wird nun so
gekehrte« Verwandte: Wenn das ruhende ge (Fall a) nach dem üblichen Verfahren eingefärbt wie der Punkt z, gegen den die
Rad seine Zähne nach innen gerichtet konstruiert: Es wird für jeden Punkt c be- zugehörige Folge konvergiert – wenn sie
hat und in seinem Inneren ein (kleineres) stimmt, nach wie vielen Iterationen konvergiert. Aus dem rundkarier-
Zahnrad abrollt, beschreibt einer von die Folge zj einen vorher be- ten Kreis entsteht dadurch eine –
dessen Zähnen – an dem wir uns einen stimmten (großen) Betrag erst- ziemlich verzerrt – rundkarier­
Bleistift angeklemmt vorstellen dürfen – mals überschreitet. Der Punkt te Kardioiden-Innenfläche. Für
eine Hypozykloide (von griechisch hypo wird dann hell- oder dunkel- m = 3 ergibt sich aus einem et-
unter). Wir haben diese Kurven als die grau eingefärbt je nachdem, ob was größeren Kreis die uns
optimalen Wege für innerirdische U- diese Anzahl gerade oder unge- schon vertraute Nephroide. Für
Bahnen kennen gelernt (Spektrum der rade ist. größere m sind die Ränder der
Wissenschaft 12/2005, S. 110). Wenn die Iteration gegen einen Fix- Konvergenzbereiche ebenfalls exakte Epi-
Wir können die beiden Zahnräder punkt z konvergiert (Fall b), dann liegt z für zykloiden.
durch rotierende Zeiger (Vektoren) in m =2 innerhalb des Kreises um den Null- Die anderen Farben bezeichnen Punkte
der Ebene ersetzen, die aneinanderge- punkt mit Radius 1/2. Dieser Kreis ist durch mit zyklischem Konvergenzverhalten. Die
hängt sind (addiert werden). Dabei sitzt Ringe der Breite 0,05 und durch Strahlen Ordnung n des Zyklus wird durch die am
der erste Zeiger, dessen Länge wir a nen- durch den Nullpunkt in 10·36 Ringsektoren unteren Rand erklärten Farben angezeigt,
nen wollen, mit dem hinteren Ende fest geteilt, die wie ein rundgebogenes Schach- für n>11 weiß.
im Mittelpunkt des ruhenden Rads und

104 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Ein Zahnrad (hellblau), das an einem
l ruhenden Zahnrad gleicher Größe
(schwarz) abrollt, zeichnet je nachdem, wo
auf seiner (verlängerten) Speiche der Blei-
stift sitzt, verschiedene Limaçon-(»Schne-
cken«-)Kurven. Insbesondere erzeugt ein
Stift auf dem Umfang des Rads die Kardio­
ide (rot). Rechts: Ein und dieselbe Epi-
oder Hypozykloide (von links nach rechts:
Nephroide, Deltoide und Astroide) kann
durch jeweils zwei verschiedene Zahnrad-
paare erzeugt werden.

eine Dreier-, die Astroide (m=–3) eine erzeugte Kurve gelegentlich die Bezeich- den Bleistift nicht unbedingt auf den
Vierersymmetrie. nung »Perizykloide«, die aber überflüssig Umfang des bewegten Rads, sondern auf
Um eine Epizykloide zu erzeugen, ist, denn die fertige Kurve ist nichts an- eine Speiche oder die Verlängerung einer
muss das bewegliche Rad seinen Mittel- deres als eine Epizykloide. Speiche setzt. Epi- und Hypotrochoiden
punkt nicht unbedingt außerhalb des ru- Auch eine Hypozykloide kann auf kann man ebenfalls mit zwei Zeigern so-
henden haben. Es darf auch ein großes zwei verschiedene Arten erzeugt werden. wie auf je zwei Arten mit Zahnrädern er-
Rad mit Innenzähnen sein, das seinen Ob im Inneren eines ruhenden Zahn- zeugen. Übrigens: Zykloiden und Tro-
ruhenden Partner umgibt und um ihn rads vom Radius R ein Zahnrad mit Ra- choiden ohne den Vorsatz Epi- oder
läuft wie ein Hula-Hoop-Reifen um den dius r abrollt oder eines mit Radius R–r Hypo- sind wieder etwas anderes, näm-
Bauch eines Menschen. Letzterer wäre in Gegenrichtung, sieht man der fertigen lich die Bahnen eines Bleistifts auf einem
allerdings sehr unsportlich, denn er be- Kurve nicht an (Bilder oben). Rad, das auf einer Geraden abrollt. Lei-
wegt sich dabei nicht und ist kugeldick, Verallgemeinerungen der Epi- und der sind die Bezeichnungen nicht ein-
genauer: Er hat einen kreisrunden Hypozykloiden sind die Epi- und Hy- heitlich. Manche Autoren, darunter
Bauchquerschnitt. Man findet für die so potrochoiden. Man erhält sie, wenn man Gino Loria, der Verfasser des klassischen

alle Abbildungen dieses Artikels: Norbert  treitz

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007  105


komplexe Zahl i heißt die imaginäre
PHYSIKALISCHE UNTERHALTUNGEN

Einheit).
Man nimmt nun einen Punkt z0 der
komplexen Ebene (z0 =0 ist eine gute
Wahl) und wendet darauf die Funktion f
an: z1 =f (z0). Auf das Ergebnis wendet
man wieder die Funktion an und so wei-
ter: z2 =f (z1), z3=f (z2), … Je nach dem
Wert des dabei festgehaltenen Parame-
ters c kann die so definierte Punktfolge
z0 , z1, z2, …
r  (a) betragsmäßig über alle Grenzen
wachsen,
r  (b) gegen einen festen Punkt streben
(konvergieren),
Die rote Epizykloide ist die Evolute Kurve eine unendliche Schar von Evol- r  (c) gewisse Punkte immer wieder in
o der blau-gelben, diese eine Evolvente venten. derselben Reihenfolge und mit zuneh-
der roten. Die dicke weiße Linie (der »Fa- Von einer Evolventen B einer Kurve mender Genauigkeit aufsuchen oder
den«) liegt zum einen Teil auf dem Umfang A erhält man A zurück als den geomet- r  (d) zwar beschränkt bleiben, aber auf
der kleineren Epizykloide und bildet zum an- rischen Ort aller Krümmungskreismit- die Dauer weder konstant (Fall b) noch
deren den Radius des Krümmungskreises telpunkte von B. Die Kurve A heißt periodisch (Fall c) werden.
der größeren. Die gelben und hellblauen Ab- dann auch die Evolute von B. Der letzte Fall ist das berüchtigte »Cha-
schnitte auf dem Quadrat sind genau so lang Für die Epizykloiden (und auch für os«, das in unserem Zusammenhang al-
wie die entsprechenden Kurvenstücke. die Hypozykloiden) sind Kurve und lerdings nicht von Belang ist.
Evolute zueinander ähnlich. Wählen wir Die Mandelbrot-Menge ist die Men-
bei einer Epizykloide der Ordnung m ge derjenigen Punkte c, für die Fall a
Werks zur Kurvengeometrie, sprechen (also mit m–1 Spitzen) den Faden so nicht eintritt. Um zu entscheiden, ob das
von -zykloiden statt -trochoiden und lang, dass er genau den halben Weg von der Fall ist, müsste man die Funktion f
müssen die dann auf wenig elegante einer Spitze zur nächsten abdeckt. Dann unbegrenzt oft anwenden. In der Praxis
Weise in Unterklassen einteilen. ist die zugehörige Evolvente eine im ist das nicht so dramatisch (was bereits
Die Website http://www.spektrum. Maßstab (m+1):(m–1) vergrößerte Ver- den PC-Benutzern der 1980er Jahre er-
de/KaustikAnim/ani.htm zeigt eine Aus- sion der Ursprungskurve und gegen die- freuliche Bilderzeugungsmöglichkeiten
wahl aus der großen Fülle dieser Kur­ se um 1/(2m) des Vollwinkels verdreht verschaffte). Wenn die Folge zj einen ge-
venklassen. Alle Ellipsen zählen dazu, (Bilder oben). wissen Kreis um den Nullpunkt erst ein-
insbesondere die Ellipsen mit kleiner mal verlassen hat, kommt sie mit Sicher-
Halbachse 0, besser bekannt unter dem Äpfel und andere Epizykloiden heit nicht zurück, und man braucht
Namen Strecken, aber auch konzent- in Mandelbrot-Mengen nicht weiter nachzurechnen.
rische und exzentrische Kreise, Rho- Die Kardioide findet sich noch an einer Der Fall b ist relativ übersichtlich:
doneen (»Rosenlinien«), die durch den ganz anderen Stelle wieder, nämlich als Damit ein Punkt z überhaupt Grenzwert
Nullpunkt gehen, und die nach Étienne der Apfel im »Apfelmännchen«, besser einer unserer Punktfolgen sein kann,
Pascal (dem Vater des berühmteren bekannt unter dem Namen »Mandel- muss er ein Fixpunkt von f sein, das
­Blaise) benannten Kurven, die unter brot-Menge«. Seit der Mathematiker Be- heißt die Gleichung z=z 2 +c erfüllen,
dem Namen »Limaçon«, einer veralteten noît Mandelbrot sie 1979 bei Compu- und darüber hinaus ein »attraktiver Fix-
französischen Bezeichnung für »Schne- terexperimenten entdeckte, ist sie so et- punkt«. Er muss gewissermaßen die
cke«, bekannt sind. was wie das Markenzeichen der fraktalen Punkte in seiner Umgebung anziehen,
Geometrie geworden. Sie bietet mit ihrer sodass eine Punktfolge, die in seine Nähe
Evoluten und Evolventen unendlich stachligen Gestalt, die in jeder gerät, gar nicht anders kann, als in seine
Man befestige einen Faden an einem Vergrößerung neue Details zeigt, genü- Arme zu sinken. Mit Hilfe der Analysis
Punkt einer Kurve, zum Beispiel einer gend Stoff für eine ganze Theorie. Be- verwandelt man diese poetische Um-
Epizykloide, lege diesen Faden straff ge- schränken wir uns hier auf das Nötigste. schreibung in eine schlichte Ungleichung
spannt um ein Stück der Kurve und ste- Es geht um die Iteration der Funkti- für z mit dem Ergebnis, dass z im Inne-
cke in eine Öse am freien Ende des Fa- on f (z)=z 2 +c in der komplexen Ebene. ren des Kreises um den Nullpunkt mit
dens einen Bleistift. Wenn man diesen Man kann komplexe Zahlen wie in die- Radius 1/2 liegen muss. Das wiede­rum
nun bewegt, sodass sich der nach wie vor sem Fall z, c und f (z) als Paare von re- lässt sich in eine Bedingung an den Para-
straff gespannte Faden allmählich von ellen Zahlen und damit als Punkte in der meter c übersetzen: c muss im Inneren
der Kurve löst, beschreibt die Bleistift- Ebene auffassen – und abbilden –, au- einer Kardioide liegen. Das ist der Apfel
spitze eine so genannte Evolvente (»aus- ßerdem aber mit ihnen rechnen: Man im Apfelmännchen.
wickelnde Kurve«) der Ursprungskurve. schreibt ein Zahlenpaar (x, y) als x+iy Anstelle der klassischen Iterations-
Da man sich die Länge des freien Faden­ und rechnet wie gewohnt unter Beach- funktion f (z)=z 2 +c kann man auch ihre
endes aussuchen kann, gibt es zu einer tung der Rechenregel, dass i 2 =–1 ist (die Verallgemeinerung f (z)=z m+c betrach-

106 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


ten, wobei der Exponent m größer als 2 zyklischer Konvergenz aneinanderhän­
Norbert Treitz ist apl.
oder sogar negativ sein darf. Es ergeben gende Kreisscheiben, die zusammen eine Professor für Didaktik der

A ut o r und L iteratur
sich verallgemeinerte Apfelmännchen, in fraktale und annähernd selbstähnliche Physik an der Universität
denen die Punkte, die zu Fall b gehören, Struktur bilden. Bei höheren m haben Duisburg-Essen.
für m >2 im Inneren einer Epizykloide diese Bereiche qualitative Ähnlichkeit zu
mit m–1 Spitzen liegen. Für negative Epizykloiden, zum Beispiel zu Kardioi-
m<–1 sind es Hypozykloiden. den bei m = 3. Was haben Rollkurven
und Mandelbrotmengen miteinander zu
Die unendlich vielen »Knospen«, die Nach diesem Ausflug in die Radli- tun? Von Herbert Zeitler in: Didaktik der
am Hauptkörper des Apfelmännchens nien kehren wir im nächsten Heft wie- Mathematik, Bd. 23, S. 276, 1995
sitzen, enthalten Punkte mit zyklischem der zu den Katakaustiken zurück, von
Spezielle algebraische und transcen-
Konvergenzverhalten (Fall c). So streben denen wir hier zwei näher besehen ha- dente ebene Kurven. Theorie und Ge-
bei einem n-Zyklus die Werte zj ab­ ben, und finden erstaunliche Zusam- schichte. Band II. Von Gino Loria. Teub-
wechselnd n verschiedene Punkte immer menhänge. Auch begegnen wir einem ner, Leipzig 1911
genauer an. Für m=2 sind die Bereiche großen sächsischen Erfinder.

preisrätsel

Die Hydrazinthe Die Hydrazinthe ist eine Pflanze, die ter sieben Stiele der Pflanze und sammelte
als junger Spross aus einem Stiel mit einer die herabgefallenen Teile auf, um sie heute
Von Paul von der Heyde Blüte besteht. Sie verändert sich nur, wenn seiner Frau Petra als Geburtstagsstrauß zu
ein oder mehrere Stiele durchtrennt wer- schenken. »Oh Peter, wie hübsch«, freut
den. Dann wächst über Nacht jeder durch- sich Petra, »für jedes Jahr eine Blüte!« Tat-
trennte Stiel nach und treibt zwei neue sächlich, die Blütenanzahl entspricht ge-
Stiele mit je einer Blüte. Als Beispiel zeigt nau ihrem Alter.
der rechte Teil der Skizze eine Pflanze, bei Weniger erfreulich ist der Anblick der
der am Vortag die im linken Teil markierten Hydrazinthe im Garten: Im Vergleich zum
Stiele durchtrennt wurden. Zustand vor Peters Eingriff hat sie heute
Ein wesentlich größeres und üppiger nur noch ein Drittel der Blüten und 32,8
blühendes Exemplar dieser Art steht in Pe- Prozent der Stiele.
ter Silies Garten. Gestern durchtrennte Pe- Wie alt wurde Petra heute?

Schicken Sie Ihre Lösung in einem frankierten Brief oder auf einer Postkarte an Spektrum der ­Wissenschaft, Leserservice, Postfach
10 48 40, 69038 Heidelberg oder per E-Mail an preisraet­sel@spektrum.com. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir
zwei Zauberwürfel »Spektrum Cube«. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es werden alle Lösungen berücksichtigt, die bis Dienstag, den
17. 04. 2007, eingehen. Un­sere Preisrätsel finden Sie auch im Internet unter www.spektrum.de/preisraetsel.

Lösung zu »Wie alt bin ich?« (Februar 2007)


Der Mathematiker ist am 6. 7. 1722 gebo- Damit erhält man n + 1 = 43, die einzige nau 165 Jahre früher machte also der Ma-
ren, war am 6. 7. 1764 genau 42 Jahre alt Primzahl in diesem Bereich. Somit ist thematiker seine Aussage.
und machte die Aussage über sein Alter am n=42, und der Mathematiker war im Jahre Für den Fall, dass man Jahreszahl und
23. 2. 1771. 42² = 1764 genau 42 Jahre alt, ist also im Alter nicht als Produkt der Zahlen x und y
Bezeichnet man das genannte Alter des Jahr 1722 geboren. Sigrid Bader schreibt: beziehungsweise x² und y², sondern als
Mathematikers mit n = xy, so erhält man »Mit xy= 42 = 2·3·7 erhält man vier mög- Zeichenkette auffasst, sind Lösungen nur
folgende Bedingungen: liche Geburtstage, nämlich 21. 2., 14. 3., möglich, wenn man extrem lange Lebens-
Für ein zulässiges Datum gilt x ≤31 und 7. 6. und 6. 7., und damit ein später Gebore- spannen (über 100 Jahre) annimmt (etwa
y  ≤  12, ferner n ≤ 44 (denn das Jahr 45² ner frühestens in 165 Jahren eine entspre- einen 93. Geburtstag im Jahr 819 und da-
=2025 liegt bereits in der Zukunft). In die- chende Aussage machen kann, darf er nicht nach einen 101. Geburtstag im Jahr 1001).
sem Bereich ist (n+1)² – n² = 2n+1 stets klei- ebenfalls 1722 geboren sein. Also ist der Unter Berücksichtigung führender
ner als 165, also darf es im Jahr (n+ 1)² kein Mathematiker am spätestmöglichen Tag ­Nullen im Datum hat Roman Wurdack die
Datum der genannten Art geben (»Frühes- geboren.« möglichen Daten 01. 09. 0181 und 02. 01.
tens in 165 Jahren ...«). Dies ist nur mög- Entsprechend feiert der später Gebore- 0401 gefunden, die Aussage erfolgt also
lich, wenn n+1 keinen Primfaktor ≤  31 hat, ne am frühestmöglichen Datum (22. 2.) im am 03. 01. 0236.
also selbst eine Primzahl ist. Außerdem Jahr 44² = 1936 seinen 44. Geburtstag und Die Gewinner der beiden Bücher »Ler-
muss (n+2)²  –  n²  ≥  165 gelten, was auf die kann frühestens am nächsten Tag in der nen« sind Norbert Pfannerer, Wien und
Bedingung n  ≥  41 führt. Vergangenheitsform darüber sprechen. Ge- Barbara Lachnit, Erzhausen.

Lust auf
SPEKTRUM DERnoch mehr Rätsel?
WISSENSCHAFT Unsere
· APRIL 2007Online-Wissenschaftszeitung
 (www.spektrumdirekt.de) bietet ­Ihnen unter dem
107
Stichwort »Knobelei« jeden Monat eine neue mathematische Knobelei.
ten, wobei der Exponent m größer als 2 zyklischer Konvergenz aneinanderhän­
Norbert Treitz ist apl.
oder sogar negativ sein darf. Es ergeben gende Kreisscheiben, die zusammen eine Professor für Didaktik der

A ut o r und L iteratur
sich verallgemeinerte Apfelmännchen, in fraktale und annähernd selbstähnliche Physik an der Universität
denen die Punkte, die zu Fall b gehören, Struktur bilden. Bei höheren m haben Duisburg-Essen.
für m >2 im Inneren einer Epizykloide diese Bereiche qualitative Ähnlichkeit zu
mit m–1 Spitzen liegen. Für negative Epizykloiden, zum Beispiel zu Kardioi-
m<–1 sind es Hypozykloiden. den bei m = 3. Was haben Rollkurven
und Mandelbrotmengen miteinander zu
Die unendlich vielen »Knospen«, die Nach diesem Ausflug in die Radli- tun? Von Herbert Zeitler in: Didaktik der
am Hauptkörper des Apfelmännchens nien kehren wir im nächsten Heft wie- Mathematik, Bd. 23, S. 276, 1995
sitzen, enthalten Punkte mit zyklischem der zu den Katakaustiken zurück, von
Spezielle algebraische und transcen-
Konvergenzverhalten (Fall c). So streben denen wir hier zwei näher besehen ha- dente ebene Kurven. Theorie und Ge-
bei einem n-Zyklus die Werte zj ab­ ben, und finden erstaunliche Zusam- schichte. Band II. Von Gino Loria. Teub-
wechselnd n verschiedene Punkte immer menhänge. Auch begegnen wir einem ner, Leipzig 1911
genauer an. Für m=2 sind die Bereiche großen sächsischen Erfinder.

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Die Hydrazinthe Die Hydrazinthe ist eine Pflanze, die ter sieben Stiele der Pflanze und sammelte
als junger Spross aus einem Stiel mit einer die herabgefallenen Teile auf, um sie heute
Von Paul von der Heyde Blüte besteht. Sie verändert sich nur, wenn seiner Frau Petra als Geburtstagsstrauß zu
ein oder mehrere Stiele durchtrennt wer- schenken. »Oh Peter, wie hübsch«, freut
den. Dann wächst über Nacht jeder durch- sich Petra, »für jedes Jahr eine Blüte!« Tat-
trennte Stiel nach und treibt zwei neue sächlich, die Blütenanzahl entspricht ge-
Stiele mit je einer Blüte. Als Beispiel zeigt nau ihrem Alter.
der rechte Teil der Skizze eine Pflanze, bei Weniger erfreulich ist der Anblick der
der am Vortag die im linken Teil markierten Hydrazinthe im Garten: Im Vergleich zum
Stiele durchtrennt wurden. Zustand vor Peters Eingriff hat sie heute
Ein wesentlich größeres und üppiger nur noch ein Drittel der Blüten und 32,8
blühendes Exemplar dieser Art steht in Pe- Prozent der Stiele.
ter Silies Garten. Gestern durchtrennte Pe- Wie alt wurde Petra heute?

Schicken Sie Ihre Lösung in einem frankierten Brief oder auf einer Postkarte an Spektrum der ­Wissenschaft, Leserservice, Postfach
10 48 40, 69038 Heidelberg oder per E-Mail an preisraet­sel@spektrum.com. Unter den Einsendern der richtigen Lösung verlosen wir
zwei Zauberwürfel »Spektrum Cube«. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Es werden alle Lösungen berücksichtigt, die bis Dienstag, den
17. 04. 2007, eingehen. Un­sere Preisrätsel finden Sie auch im Internet unter www.spektrum.de/preisraetsel.

Lösung zu »Wie alt bin ich?« (Februar 2007)


Der Mathematiker ist am 6. 7. 1722 gebo- Damit erhält man n + 1 = 43, die einzige nau 165 Jahre früher machte also der Ma-
ren, war am 6. 7. 1764 genau 42 Jahre alt Primzahl in diesem Bereich. Somit ist thematiker seine Aussage.
und machte die Aussage über sein Alter am n=42, und der Mathematiker war im Jahre Für den Fall, dass man Jahreszahl und
23. 2. 1771. 42² = 1764 genau 42 Jahre alt, ist also im Alter nicht als Produkt der Zahlen x und y
Bezeichnet man das genannte Alter des Jahr 1722 geboren. Sigrid Bader schreibt: beziehungsweise x² und y², sondern als
Mathematikers mit n = xy, so erhält man »Mit xy= 42 = 2·3·7 erhält man vier mög- Zeichenkette auffasst, sind Lösungen nur
folgende Bedingungen: liche Geburtstage, nämlich 21. 2., 14. 3., möglich, wenn man extrem lange Lebens-
Für ein zulässiges Datum gilt x ≤31 und 7. 6. und 6. 7., und damit ein später Gebore- spannen (über 100 Jahre) annimmt (etwa
y  ≤  12, ferner n ≤ 44 (denn das Jahr 45² ner frühestens in 165 Jahren eine entspre- einen 93. Geburtstag im Jahr 819 und da-
=2025 liegt bereits in der Zukunft). In die- chende Aussage machen kann, darf er nicht nach einen 101. Geburtstag im Jahr 1001).
sem Bereich ist (n+1)² – n² = 2n+1 stets klei- ebenfalls 1722 geboren sein. Also ist der Unter Berücksichtigung führender
ner als 165, also darf es im Jahr (n+ 1)² kein Mathematiker am spätestmöglichen Tag ­Nullen im Datum hat Roman Wurdack die
Datum der genannten Art geben (»Frühes- geboren.« möglichen Daten 01. 09. 0181 und 02. 01.
tens in 165 Jahren ...«). Dies ist nur mög- Entsprechend feiert der später Gebore- 0401 gefunden, die Aussage erfolgt also
lich, wenn n+1 keinen Primfaktor ≤  31 hat, ne am frühestmöglichen Datum (22. 2.) im am 03. 01. 0236.
also selbst eine Primzahl ist. Außerdem Jahr 44² = 1936 seinen 44. Geburtstag und Die Gewinner der beiden Bücher »Ler-
muss (n+2)²  –  n²  ≥  165 gelten, was auf die kann frühestens am nächsten Tag in der nen« sind Norbert Pfannerer, Wien und
Bedingung n  ≥  41 führt. Vergangenheitsform darüber sprechen. Ge- Barbara Lachnit, Erzhausen.

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Stichwort »Knobelei« jeden Monat eine neue mathematische Knobelei.
SPEKTRUM-ESSAY EVOLUTION Diesen Artikel können Sie als Audiodatei beziehen; siehe www.spektrum.de/audio

Die Fortschrittsillusion
Wir sehen Fortschritt, weil unser Gehirn dafür konstruiert
ist, stets zu vergleichen und zu bewerten. Wahrscheinlich
aber existiert er nur in unserer naiven Vorstellung.

Von Eckart Voland nen irgendeiner vorfindlichen Objektivität.

W
Das »Ich« ist ein Selbstmodell des Gehirns, der
issenschaft entlarvt Illusio- »freie Wille« eine soziale Attribution, und die
nen. Vor der zersetzenden Farben sind vom Gehirn generierte Erlebnis-
Kraft ihrer schonungslosen qualitäten bloßer elektromagnetischer Strah-
Analyse scheint nichts sicher. lung in einer absolut farblosen Welt. Ob Fort-
Ob die Illusion von Erdscheibe und Him- schritte in der Kosmologie, Neurobiologie
melsgewölbe, das »Ich« und der »freie Wille«, oder in den anderen naturwissenschaftlichen
ob die Linearität eines Zeitstroms oder auch Unternehmungen: Paradoxerweise scheint
nur die bunte Farbenpracht in der Welt »da mehr denn je Skepsis bei der erkenntnistheo-
draußen«. All dies gibt es nicht in einem ob- retisch so bedeutsamen Frage angebracht, ob
jektiven Sinn, wie man naiv meinen könnte, und in welcher Weise wir die Welt »da drau-
sondern diese Ideen sind Konstrukte des Ge- ßen« außerhalb unseres Bewusstseins über-
hirns, die sich evolutionär bei der Meisterung haupt erkennen können. Gerade wegen der
des Lebens bewährt haben. Wissensvermehrung scheint uns die Welt un-
Die Evolution setzt bekanntlich auf Nütz- zugänglicher, unplausibler, irrealer, distanzier-
lichkeit und nicht auf das bestmögliche Erken- ter, illusionärer denn je zuvor, und Selbstverge-

Die Online-Debatte
Dieser Essay steht seit Ende Januar auf der Website von Spektrum der Wissenschaft.
Wir haben die Online-Leser um Stellungnahme gebeten und eine Vielfalt von Reaktio-
nen erhalten. Auszüge aus einigen dieser Briefe und eine Replik des Autors können
Sie hier lesen. Die ungekürzten Fassungen und weitere Kommentare finden Sie unter
www.spektrum.de/voland.

Susanne Irmer, Nürnberg: Jonas Schnaitmann, München:


Die Welt ist subjektiv – na und? Dass es keine wirkliche Objektivität »Fortschritt ist der Evolution wesensfremd« – genau das ist doch die
gibt, ist keine neue Erkenntnis. Die Welt kann vom Gehirn nun einmal große Errungenschaft des menschlichen Geistes, dass er es geschafft
nur subjektiv erfasst werden. Dementsprechend könnte man in An­ hat, sich von der Evolution loszulösen. Genau hier liegt der Wider­
lehnung an Einstein sagen: Alles ist subjektiv. spruch des Artikels: Über sich selbst und die Konstrukte der eigenen
Wenn aber die einzige Art der Wirklichkeit subjektiv ist und damit, Rasse nachzudenken liegt sicher auch nicht im Wesen der Evolution,
nach Meinung des Autors, illusorisch, ist ein illusorischer Fortschritt doch der Autor tut genau dies und – übertrieben gesagt – beschwert
wirklich. sich darüber, dass der Mensch sich das zu Nutze macht.

108  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


wisserungen wie das Descartes’sche »Ich denke,
also bin ich« gelten schon längst nicht mehr.
Die Enttarnung der evolutionär nütz-
lichen Weltzugänge als konstruierte Illusionen
des Zentralnervensystems stößt auf unter-
schiedliche Akzeptanz, wobei es ganz so aus-
sieht, als ob der Widerstand gegen die neuen ähneln dogmatischen Egozentrikern, die erst
Weltbilder umso massiver ausfällt, je stärker mühsam lernen müssten, andere Perspektiven
die ganz persönliche Selbstwahrnehmung be- einzunehmen, aber nicht einsehen können,
troffen ist, je stärker also das Modell des Ge- warum sie das eigentlich mit Bezug auf sich
hirns von sich selbst in Frage gestellt wird. selbst tun sollten.
Wie sonst wäre die Aufgeregtheit zu verste- Zu den nützlichen Konstruktionen des
hen, die zwar mit der wissenschaftlichen Des- Gehirns gehört auch die Idee des Fortschritts.
illusionierung des »Ich« und des »freien Wil- Vielleicht mit Ausnahme einiger pessimistisch
lens« einhergeht, aber kaum mit den ebenso gestimmter Misanthropen würde man die
irritierenden und kontraintuitiven Modellen menschliche Geschichte trotz aller gewesenen
der Mikrophysik oder Kosmologie. Gehirne natürlichen und kulturellen Katastrophen

Anna Reeves, London: duell oder gesellschaftlich) als Verbesserung erscheint, empfindet er
Wenn man von so falschen Annahmen ausgeht, dann muss man natür­ als eine solche Höherentwicklung. In unserem Kopf wird die Welt nun
lich auch zu so falschen Schlüssen kommen. Die biologische Evolution mal immer interessenorientiert bewertet – der Drang nach Verbesse­
ist mit dem Hervorbringen von bewusstseinsfähigen Wesen zu Ende rung der Lebensbedingungen ist zur Arterhaltung essenziell und folg­
gegangen beziehungsweise ist jetzt nicht mehr wichtig, und was nun lich die Basis für die Einteilung in »gute« und »schlechte« Verände­
begonnen hat, ist eine Evolution des Bewusstseins. Der Autor wird rungen der Umwelt. Das ist nicht »naiv«, sondern einfach pragmatisch.
doch kaum abstreiten, dass er intelligenter ist als zum Beispiel ein Ne­ Insofern sind die Aussagen des Artikels ganz klar: Die Natur erzeugt
andertaler oder ein Affe. Aber nicht nur in Bezug auf pure Intelligenz keine Höherentwicklung, der Mensch schon.
haben wir uns weiterentwickelt, sondern auch in moralischer, emotio­
naler und spiritueller Hinsicht, und diese Entwicklung geht weiter. MMag. Manfred Gotthalmseder:
Es ist wohl eher die krankhafte Situation universitären Wissens­
Dietzsch, Teltow: gewinns, mit dem Übergewicht an Zitaten, die den Eindruck machen
Sicher kennt die Natur kein »besser«, sie richtet sich nicht nach kann, die Basis aller Erkenntnis wäre bloß Common Sense. Im Ur­
menschlichen Kategorien. Eigentlich kommt Fortschritt von Fort­ sprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Vo-
schreiten und ist mithin ein zeitlich beziehungsweise räumlich bezo­ raussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zu­
gener Begriff ohne qualitative Aussage – insofern also genau das, was kunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit,
der Autor meint, und eben nicht die gemeinhin darunter verstandene Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich wei­
»Höherentwicklung«. Jede Veränderung, die dem Menschen (indivi­ ter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch >>

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 109


SPEKTRUM-ESSAY EVOLUTION

und Rückschläge in der großen Gesamtschau Form als höher oder niedriger entwickelt ord-
letztlich doch als Fortschrittsgeschichte schrei- nen zu wollen. Bestenfalls kann man die
ben wollen. Schließlich geht es uns – im Stammesgeschichte als einen Prozess der Kom­
Durchschnitt – besser als jeder Generation zu- plexitätszunahme beschreiben. Aber selbst
vor, wenn man die gängigen Kriterien eines dies ist nicht besonders überzeugend, denn
guten, gelingenden Lebens anlegen will: Ge- Bioinformatiker lehren uns, dass beispielswei-
sundheit, Lebenssicherheit, Bildung, Würde. se das Mäusegenom nicht wesentlich weniger
Und auch die moderne Ethik der Aufklärung komplex ist als das unsere, und außerdem gibt
gilt vielen als entwickelter als die fundamenta- es ja auch Fälle von regressiver Evolution, also
listischen Ethiken davor. Kurz: Der Zugang Fälle evolutionären Komplexitätsverlusts.
zu den Ressourcen des Glücks und der Zufrie- Kurz: Evolution ist vielleicht Komplexi-
denheit scheint gesicherter denn je. tätszunahme, aber Komplexitätszunahme ist
Aber ist das wirklich so? Schließlich ist nicht Fortschritt und Fortschritt keine biolo-
Fortschritt kein Merkmal des Evolutionsge- gische Kategorie.
schehens, auch wenn im manchmal etwas lo- Wohl aber eine psychologische. Und des-
ckeren Sprachgebrauch – auch unter Fachleu- wegen gehört die Fortschrittsidee in die Klasse
ten – gerne von Höherentwicklung und ähn- jener Konstruktionen, von denen zuvor schon
lich suggestiven Konzepten die Rede ist. »Die die Rede war. Unsere Gehirne generieren wie-
Evolution geht ziemlich langsam nirgendwo- der einmal eine Idee, für die es in der biolo-
hin«, formuliert der Biophilosoph Michael gischen Welt außerhalb des Bewusstseins keine
Ruse mit klarer Absage an jegliche Fortschritts­ in irgendeinem Sinn objektive Entsprechung
idee. Fortschritt kann es logischerweise nur zu geben scheint. Der Maßstab, an dem wir
»Der Beitrag geben, wenn es einen verlässlichen Maßstab Fortschritt messen, erwächst aus unseren ganz
gibt, an dem er zu messen wäre. Und wenn persönlichen Präferenzen, Zielen und Wün-
zeigt in schöner aber die Evolution als ein sich selbst organi- schen im Hier und Heute eines ausdifferen-
Deutlichkeit sierender Prozess verstanden werden muss, der zierten, informierten, strategisch eigen-interes-
keinem von außen angelegten Entwicklungs- sierten Gehirns. Er ist also selbst gemacht und
die subjektive plan folgt, greift die Fortschrittsrhetorik ins bleibt damit untrennbar in der Welt des Sub-
Begrenzt­heit Leere. Es wird nur allzu oft vergessen, dass jektiven verhaftet. Und weil Menschen als »na-
Homo sapiens keineswegs als höher entwi- ive Realisten« auf die Welt kommen, hegen sie
menschlichen ckelt gelten kann als seine Primaten-Verwand- die Fortschrittsidee und projizieren sie in die
Denkens, ten oder gar als andere Säuger. Auch wenn die Welt um sie herum. Damit ist die Idee des
Darwin’sche Theorie von Anfang an, vor allem Fortschritts genauso zuverlässig wahr wie jede
einschließlich der auch in der philosophischen und sozialwissen- andere naiv-realistische Interpretation des Ge-
schaftlichen Rezeption, als Fortschrittstheorie hirns: Die Erde ist eine Scheibe, die Sonne
Soziobiologie­.« aufgefasst wurde, erscheint es nicht gerecht- geht auf, die Bäume sind grün, Autos machen
Gerhard Frensel fertigt, die biologischen Arten in irgendeiner Lärm. Erst mit einem distanzierten Blick von

>> umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Er­ Gerhard Frensel, Oldenburg:
kenntnisleistung. Da die noch nicht reale, aber bereits vorgestellte Der Beitrag von Eckart Voland zeigt in schöner Deutlichkeit die sub­
Zukunft unser Verhalten bestimmt und dieses wiederum auf die Zu­ jektive Begrenztheit menschlichen Denkens. Dies gilt aber nicht nur
kunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer für die zitierten »naiven« Fortschrittsmodelle, sondern auch für phi­
Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglich­ losophische Theorien. Einzuschließen ist hier auch die Soziobiologie,
keiten erdenken, mit Anforderungen umzugehen, als je zuvor. Wenn die ebenfalls dem Erkenntnisdilemma verhaftet ist, etwas Unbeweis­
wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein bares beweisen zu wollen.
Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer
ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken. Alexandra Surdina, Düsseldorf:
Von objektivem Fortschritt zu sprechen macht genauso wenig Sinn,
Reino Kropfgans, Wuppertal wie von objektiver Geschwindigkeit zu reden. Es braucht zwei zeitlich
Innerhalb des Systems alltäglicher Selbstbehauptung ist Fortschritt verschiedene Bezugspunkte, die miteinander verglichen werden, um
nur die Möhre, die der Reiter dem Esel vor die Nase hält. Ergo ist die Bewegung festzustellen. Über Zwang zu evolutionärer Veränderung
Fortschrittskonstruktion systemimmanent und keinesfalls kompatibel zur Überlebenssicherung sind wir hinweg. Der Mensch, der längst be­
mit dem System des Absoluten. Aber genau dieser Eindruck entsteht gonnen hat, das Leben in der Umwelt an sich selbst anzupassen, liegt
bei der Lektüre, dass nämlich das eine »normale« Bewusstseinsuni­ im Überlebenschancen-Ranking weiter vorn als sein Versuchskanin­
versum gegen diesen anderen Raum abgeglichen oder gar ausgespielt chen Maus. Von der ohnehin langsamen Weiterentwicklung durch Evo­
werden soll. lution wird für uns wenig zu erwarten sein. Weiterentwicklungen und

110  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


außen, gleichsam von einem archimedischen
Punkt aus, sind diese naiven Weltinterpreta-
tionen als Illusionen zu erkennen und entspre-
chend epistemisch korrigierbar.
Aber wozu das Ganze? Warum konstruiert
das Gehirn die Fortschrittsidee und pflegt sie
ein Leben lang (mit freilich je nach Lebens-
abschnitt unterschiedlicher Emphase)? Nun –
die natürliche Selektion arbeitet bekanntlich
über die Bewertung von Unterschieden, und
aus dieser überaus simplen Tatsache folgt, dass
das Darwin’sche survival of the fittest (»Überle-
ben des Fittesten«) automatisch und zwangs-
läufig zu einem evolutionären Wettrüsten
führt. Die Vorteile des einen sind nur allzu oft
die Nachteile des anderen, und deshalb leben
Menschen in Komparativen. Stillstand bedeu-
tet das Ausscheiden aus dem evolutionären
Spiel, und deshalb ist in der Darwin’schen
Welt das »Höher, Weiter, Schneller« den Or- In den USA befragt man seit 1958 die Be-
ganismen notwendigerweise inhärent. völkerung nach ihrer Lebenszufriedenheit. In-
Bei bewusstseinsfähigen Organismen, wie teressanterweise bleibt der Anteil derjenigen,
bei uns Menschen, schlägt sich das natürlich die sich als »very happy« bezeichnen, über die
auch in der Psyche nieder. Dazu gehört es, Jahre mit rund dreißig Prozent praktisch
Unterschiede wahrzunehmen und sie gemäß konstant. Weder die Erfindung der Pille und
möglicher Fitnesskonsequenzen zu bewerten. die damit einhergehende sexuelle Liberalisie-
Aus dem simplen »Höher, Weiter, Schneller« rung noch die zunehmende Emanzipation der
werden im Lauf der Primatenevolution kom- ethnischen Minderheiten und die damit ein-
plexe Motivationslagen mit persönlich wahr- hergehende Befreiung von ökonomischer, so-
genommenen Zielen und Absichten. Und hin- zialer und rechtlicher Benachteiligung, weder
sichtlich dieser Ziele kann man Erfolg haben die Entwicklungen in der medizinischen Dia-
oder scheitern. Dann gibt es also doch Fort- gnostik und Therapie noch die Zunahme an
schritt? Und er wäre zu messen an der Erfül- Kaufkraft und materiellem Wohlstand haben
lung persönlicher Präferenzen – oder aus sozio­ zu einer Vermehrung der Glücklichen geführt.
biologischer Sicht: an der Zunahme reproduk- Es wäre aber auch nicht zu erwarten gewesen,
tiver Trümpfe im struggle for life (»Kampf ums denn wie gesagt: Evolutionärer Wandel bedarf
Dasein«)? der Differenz. In dem gleichen Maß, wie

neue Entdeckungen in Technologie und Wissenschaft öffnen neue Tü­ Überlebensfaktors. Es entspricht also nicht mehr dem subjektiven,
ren. Offene Türen sind eine Voraussetzung für Fortschritt, jedoch nicht gar pathologischen Vorstellungsgebilde, welches wir gemeinhin da­
mit ihm zu verwechseln. Im Fortschritt schwingt immer ein mora­ mit verbinden.
lischer Aspekt mit, ein Bezug auf bestimmte Ziele.
Heinrich van Martens:
Obermair, München: Der Begriff »Fortschritt« ist definiert als eine Verbesserung gegen-
Betrachtet man das Wort »Fortschritt«, ohne es zu bewerten, so bleibt über bestimmten Umständen. Das bedeutet, dass evolutionärer Fort­
nur das »Fortschreiten« von einem alten Zustand in einen neuen. Ob schritt die Verbesserung eines bestimmten Wesens hinsichtlich einer
der neue Zustand tatsächlich besser ist, hängt sicherlich von der Sicht seiner Eigenschaften meint. Also ist »Fortschritt« kein menschliches
jedes Einzelnen ab. Das Prinzip des Fortschreitens gehört jedoch zur Ermessen, sondern resultiert lediglich aus der Eigenschaft der Men­
Evolution, denn Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Tod. schen, verschiedene Sachen zu vergleichen. Daher würde ich nicht
unbedingt sagen, dass »Fortschritt« ein rein menschliches Ermessen
Dr. Ekkard Brewig, Overath: ist, sondern vielmehr hauptsächlich eine objektive Feststellung.
Wenn Eckart Voland die Aufgabe der »Fortschrittsillusion« so genau
und überzeugend als naturnotwendig für die Population Mensch be­ Tigris Seyfarth, München:
schreiben kann, dann gibt es eine Messlatte – nämlich das Überleben In der Fokussierung auf das Gehirn als angenommenen Ort der »Er­
in den gesellschaftlichen Bezügen. Das Wort »Illusion« gewinnt damit kenntnis« liegt die Blockade, der Voland wie so viele andere unterlie­
eine völlig andere, wissenschaftlich-objektive Qualität im Sinn eines gen. Dieses zeigt tatsächlich seit langer Zeit keine »Evolution«. Beim >>

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 111


SPEKTRUM-ESSAY EVOLUTION

durch »fortschrittliche Maßnahmen« Diffe- sche, Sehnsüchte und Motive zu entwickeln.


renzen eingeebnet werden, entstehen neue. Selbst Bill Gates soll gesagt haben, was so viele
Der evolutionäre Wettbewerb kennt eben kei- sagen: »Meinen Kindern soll es einmal besser
nen Stillstand. Und wie alle anderen Teilneh- gehen als mir selbst.«
mer am evolutionären Spiel sind auch Men- Was beschreibt eine solche Situation bes-
schen nicht in der Lage, ein Ende im evolu- ser als das Bild von einem Hamsterrad? Man
tionären Wettrüsten zu verabreden. Aus bewegt sich ständig, und dies mit großem
naturgeschichtlichen Gründen ist ihre Psyche Aufwand, ohne wirklich von der Stelle zu
dazu nicht in der Lage. kommen. Wer sich aber je der Illusion des
In biologischer Angepasstheit an das Evo- Fortschreitens verweigert hat, blieb zurück
lutionsgeschehen bedarf auch die menschliche und gehört nicht zu den Vorfahren der nach-
Zufriedenheit der Differenz. Die mensch- folgenden Generationen. Ganz offensichtlich
lichen Emotionen sind evolviert, weil sie uns brauchen wir die Idee des Fortschritts, nicht
als Belohner oder Bestrafer durch die Oppor- weil sie wirklich Fortschritt generiert, sondern
tunitäten und Fährnisse des Lebens navigie- allein, um im System zu bleiben. Wer, weil
ren. Positive Emotionen und Stimmungen – sein Gehirn evolutionär geformt wurde, gar
man nennt sie Glück, Zufriedenheit, Stolz, nicht anders kann, als ständig nach dem Bes-
Lust – gehen mit einem Zugewinn an repro- seren zu suchen, und das Bessere am Unter-
duktiven Ressourcen einher. Sie versprechen schied zur momentanen Situation misst, der
Fitnessgewinne, und genau deshalb erleben kann auch gar nicht anders, als die Etappen
wir sie als belohnend. der Geschichte als weniger fortgeschritten zu
Aber der Zugewinn an reproduktiven Res- interpretieren. Schließlich ähneln sie nicht der
»In der sourcen – ob Lottogewinn oder neue Liebe – momentanen Situation, und dies umso weni-
Fokussierung ist nur im Moment der Erfüllung ein Zuge- ger, je größer die historische Distanz ist. Wer
winn und wird früher oder später zum Status mag schon angesichts der heutigen biolo-
auf das Gehirn quo. Dieser aber verlangt, der Logik des bio- gischen und kulturellen Lebenschancen im
logischen Imperativs folgend, wiederum einen Mittelalter leben – oder auch nur in der Ge-
als Ort der Zugewinn: Glück lässt sich eben nicht kon- neration seiner Großeltern?
Erkenntnis­ liegt servieren. Bereits im Moment seines Entste- In dieser evolutionär gewachsenen Psycho-
hens beginnt seine Verfallsgeschichte. Wer logie wird Fortschritt zwar gedacht, aber nur
die Blockade, dies nicht glaubt, mag gerne die Biografien als strategische Konstruktion zur Motivation
der Voland von Lottogewinnern studieren, die immer in der »Tretmühle des Lebens«. Der archime-
wieder lehren, dass Menschen sich überra- dische Punkt, von dem aus Fortschritt zu ob-
wie viele andere schend schnell auf neue, vorteilhafte Situatio- jektivieren wäre, ist jedoch noch nicht gefun-
unterliegt.« nen einstellen und sehr schnell wieder damit den. Und man wird ihn auch nicht finden,
beginnen, die Differenzen zwischen »ist« und weil – wie gesagt – Fortschritt der Evolution
Tigris Seyfarth »könnte« zu sehen und entsprechende Wün- wesensfremd ist. 

>> Menschen sind es immer noch die Muskeln, die dem Sprechen zu Gerd Winkler, Berlin:
Grunde liegen. Dass aber die daraus abgeleitete »begriffliche« Fas­ Es war einmal, da lebte der Mensch in seiner Mitte. Wenn er nicht
sung der Bedingungen der Umgebung wie auch des menschlichen aufpasst, kommt er nie mehr dahin. Also – der heutige Fortschritt ist
Organismus keine Fortschritte gemacht hätte, wird auch Prof. Vo­ schon eine Illusion.
land nicht bestreiten. Wie die Menschen ihre Umgebung begrifflich
fassen, so können sie auf die Umgebung (Technik) beziehungsweise Prof. Dr. H.-W. Vohr, Erkrath:
auf ihren Körper (Medizin) einwirken. Ich halte den Artikel schon für sehr gelungen, da er die tägliche Be­
Fortschritt im Voland’schen Sinn kann es tatsächlich nicht ge­ obachtung widerspiegelt. Allerdings würde ich die Allgemeingültig­
ben, da kein Mensch sein Gehirn registrieren oder beeinflussen keit, wie sie der Autor suggeriert, nicht ganz so einfach sehen. Es
kann. Die Fokussierung auf das Gehirn bedeutet insofern eine »be­ besteht doch kein Zweifel darüber, dass sich das menschliche Ge­
griffliche« Sackgasse für die Menschen. Man bedenke, dass »Ge­ hirn in Jahrtausenden evolutionär weiterentwickelt hat, damit eben
hirn« und »Gott« gleiche Konstellationen beinhalten: Das eine im doch ein Fortschritt eingetreten ist. Allerdings hat zunehmend der
Menschen, der andere außerhalb, werden beiden die gleichen Funk­ Selektionsdruck auf Fortentwicklung des Gehirns nachgelassen. Es
tionen zugeschrieben. Beide »steuern alles«, beide kann man nicht ist schon seit Jahrhunderten eben nicht mehr von Vorteil, besonders
»registrieren« und nicht »beeinflussen«. Insofern konstituiert die begabt, intelligent, kräftig zu sein oder sonstwie am äußeren Rand
Fokussierung auf das Gehirn lediglich eine neue Transzendenz – der Norm zu stehen. Das Gleiche gilt ebenso für die anderen Ex­
jetzt im Menschen. Das passt zur Individualisierung ohne begriff­ treme. Solche besonderen Begabungen erhöhen schon lange nicht
lichen Erklärungsfortschritt. mehr die Überlebenschancen. Damit titrieren wir unsere evolutio­

112  SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Replik des Autors
Wenn man entscheiden mit ist gemeint, dass Menschen spontan ge­
will, ob etwas eine Illusion neigt sind, Entwicklungen gerichtet, also auf
sein könnte oder nicht, muss ein Ziel hin zu interpretieren. Nicht zuletzt ge­
man logischerweise seine winnen Religionen sehr viel Attraktivität aus fi­
Perspektive verändern. Solange man in der nalen Weltanschauungen, und auch Lamarcks
Sicht des naiven Realisten verharrt, kann man Evolutionstheorie bedient diese Idee, wenn sie
nicht erkennen, dass es die Erde ist, die sich um die Evolution mit einer den Organismen inne­
die Sonne dreht. Es sind die Modelle der Kos­ wohnenden Tendenz zur Höherentwicklung in
mologie, die uns eines Besseren belehren. Beziehung bringt. Der Irrtum vom Fortschritt
Entsprechendes gilt für die menschliche hat eine lange Geschichte. Und diese wirkt bis
Psychologie. Als naiver Realist kann man nicht in die Gegenwart.
erkennen, dass die Erscheinungen der Welt
farblos sind. Erst die Neurobiologie erklärt, wie Was folgt daraus? Sicherlich nicht die Emp­
im Gehirn Farben entstehen und alle anderen fehlung, sich einer fatalistischen Trägheit hinzu­
Bedeutungen, die das ausmachen, was man das geben und Veränderungen im persönlichen Le­
phänomenale Bewusstsein nennt. Und unser ben oder in Kultur und Gesellschaft keinen Wert
bestes Wissen von der biologischen Evolution beizumessen. Nur sollte man diese Verände­
lehrt, dass es keinen Fortschritt, sondern nur rungen im persönlichen Leben wie in der Ge­
eine mehr oder weniger stetige Ausdifferenzie­ schichte als das begreifen, was sie wirklich sind,
rung der Merkmale und biologischen Arten gibt, nämlich bloße Veränderungen, die als Ergebnis
auch wenn man als naiver Realist vehement ge­ eine mehr oder weniger komplexe Ausdifferen­
neigt ist, dies anders zu sehen. zierung der individuellen Lebensvollzüge und in
Viele der Leserreaktionen auf den Essay ge­ der Gesamtschau eine Kulturgeschichte hervor­
hen diesen Schritt nicht mit, sondern verteidi­ bringen.
gen den Fortschritt als etwas außerhalb des ei­ Es ist letztlich eine Frage der intellektuellen
genen Bewusstseins real Vorfindliches. Diese Redlichkeit, so lange nicht von Fortschritt zu Eckart Voland ist Professor für
Philosophie der Biowissenschaf­
Vorbehalte erinnern an das, was der Evolu- sprechen, wie nicht angegeben werden kann, ten am Zentrum für Philosophie
tionsforscher und Biophilosoph Ernst Mayr woran er zu messen sein könnte. Und es ist nun

Autor
und Grundlagen der Wissen­
(1904  – 2005) wiederholt als eines der größten mal so: Das Leben auf diesem Planeten kennt schaft der Universität Gießen.
intellektuellen Hindernisse auf dem Weg zur kein Ziel und somit keinen Fortschritt – nur ein
Akzeptanz darwinischen Denkens bezeichnet Bewusstsein, das aus den dargelegten Gründen
Weiteres zum Thema finden Sie
hat, nämliche die »finale Weltanschauung«. Da­ die Fortschrittsidee pflegt.
unter www.spektrum.de/voland.

nären Möglichkeiten auf ein Mittelmaß. Und genau das ist, worum es weit ...« – und den Fortschrittsglauben damit zur Seite legen. »Die Er­
in dem Artikel geht. Der evolutionäre Fortschritt bleibt tatsächlich fahrungen dieses Jahrhunderts sind eigentlich schrecklich genug, um
aus, weil der Selektionsdruck ausbleibt. den Fortschrittsglauben zu diskreditieren« (V. Hösle, Moral und Poli­
tik) – ohne ihn gleich grundsätzlich zu diskreditieren als bloße Marot­
Carlo Gradl, Prag: te der Evolution. Dass es Fortschritt nicht gäbe, weil man ihn nicht
Man muss kein Wissenschaftler sein, um den angeblichen »Fort­ messen könne, greift zu kurz. Natürlich müsste man die Parameter
schritt« unserer Leistungsgesellschaften als Illusion zu entlarven. Vor kennen, an denen Fortschritt zu messen wäre; am Beispiel der Le­
noch nicht allzu langer Zeit haben wir alle unser Brot selbst backen­ bensverlängerung durch die Fortschritte der Medizin erschiene das
müssen, heute gilt gerade dies wieder als schick, obwohl teurer. ... einfach – oder auch nicht? Vielleicht könnte Ernst Bloch helfen: »Klar
Also ein eindeutiges Ja zum Artikel. Fortschritt ist wohl eher die Aus­ bleibt, der Ruf nach vorwärts ist so wenig mit sich selber fertig wie
reizung des jeweils technisch Machbaren in jeder Epoche. Ob er »gut« die Sache, die er bedeutet. Der Begriff Fortschritt impliziert ein Wo­
oder »schlecht« ist, hängt nur von der Bedeutung ab, welche ihm die hin und Wozu, und zwar ein zu Wollendes, also gutes Wozu, und ein
Individuen geben. zu erkämpfendes, also noch nicht Erreicht-Vorhandenes. Ohne Wohin
und Wozu ist ein Fortschritt überhaupt nicht denkbar, an keinem
Dr. Peter Altreuther, Wuppertal: Punkte messbar, vor allem auch als Sache gar nicht vorhanden.« Wo­
An den Faust könnte man sich schon erinnert fühlen – »... und wie hin und wozu – Fortschritt nicht in der Vergangenheit, sondern in der
wir’s doch zuletzt so herrlich weit gebracht«, so sagt es Fausts Assis­ Zukunft, nicht für das Tretrad, aber zum Wohle von Menschen. Frie­
tent Wagner, und Faust quittiert bissig: »Ja weit, bis an die Sterne den wäre so ein Ziel und ein ungeheurer Fortschritt.

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007 113


Vorschau Heft Mai 2007
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Im MAI-Heft 2007

Gegenwind aus
dem Schwarzen Loch
Kleiner als unser Sonnensystem, prägen sie dennoch
das Schicksal riesiger Galaxienhaufen, in deren Zentren
sie sitzen: Durch gewaltige Teilchenwinde behindern
die kosmischen Mahlströme neue Sterngeburten

Don Dixon
Weitere Themen im Mai Treibhausgas aus Pflanzen
Die überraschende Entdeckung,
dass auch Pflanzen Methan
Mein Leben auf Festplatte ­abgeben, stößt die Emissionsbilanz
Wie wäre das, wenn alles, was ich dieses Treibhausgases um. Am
lese, schreibe, sehe, höre und sage, Klimawandel ist die Vegetation
abgespeichert würde – mit Such- dennoch unschuldig
funktion zum Wiederfinden?

Laser mit Silizium


Der Bau des ersten Siliziumlasers
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Kenn Brown

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114 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · APRIL 2007


Dieser Artikel ist als 'Plus'-Artikel zur Ausgabe
MASSNAHMEN GEGEN DEN KLIMAWANDEL » Spektrum der Wissenschaft, April 2007
nur Abonnenten der Zeitschrift zugänglich
präsentiert von www.mag-heaven.dl.am

Eindämmung
des Kohlendioxids
Dem Anstieg der Treibhausgase Einhalt zu gebieten ist ein gi-
gantisches Unterfangen – aber machbar. Die Technologien dazu
gibt es bereits. Nur dürfen wir keine Zeit verlieren.

Von Robert H. Socolow und dem Fall erscheint eine Begrenzung auf
Stephen W. Pacala diesen doppelten Wert ein erstrebens-

Z
wertes Ziel. Vor zwei Jahren haben wir
urückweichende Gletscher, beide ein einfaches Rahmenprogramm
katastrophale Wirbelstürme, zur Erreichung dieses Ziels erarbeitet.
heißere Sommer, hungernde Dabei haben wir zwei Szenarien für
Eisbären: Die bedrohlichen die nächsten fünfzig Jahre einander gegen-
Vorboten der globalen Erwärmung sind übergestellt. In dem einen (dem »Busi-
unübersehbar, und sie fordern von Un- ness-as-usual-Szenario«) wächst die jähr-
ternehmen und Regierungen eine bei- liche Emissionsrate weiter im Tempo der
spiellose Abkehr von historischen Ver- letzten dreißig Jahre bis auf etwa 14 Mil-
haltensweisen. Seit zwei Jahrhunderten liarden Tonnen CO2 im Jahr 2056. Selbst
bringen die Menschen Jahr um Jahr wenn man ab diesem Zeitpunkt beginnen
größere Mengen von Kohlenstoff in die würde, die Weltenergieversorgung völlig
Atmosphäre ein, der bis dahin unter der von der Kohlenstoffverbrennung abzu-
Erdoberfläche gebunden war. Gegen- koppeln – was gewaltige Anstrengungen
wärtig werden pro Jahr um die 7 Milli- und vielleicht hundert weitere Jahre Zeit
arden Tonnen Kohlenstoff in Form von erfordern würde –, wäre eine Verdreifa-
Kohle, Erdöl und Erdgas gefördert, und chung der vorindustriellen CO2-Konzent-
die Gesellschaft verbrennt nahezu alles ration kaum zu vermeiden. Dagegen
davon, wobei Kohlendioxid (CO2 ) frei- bleibt im »Emissionsstopp-Szenario« der
gesetzt wird. Ausstoß die nächsten fünfzig Jahre auf
Seit dem Beginn der industriellen dem heutigen Stand von 7 Milliarden
Revolution im 18. Jahrhundert steigt der Tonnen pro Jahr und wird in den fol-
CO2 -Gehalt in der Atmosphäre in bei- genden fünfzig Jahren (bis 2106) auf die
spiellosem Tempo. Ab einer gewissen Hälfte reduziert. Auf diese Weise kann
Konzentration werden die Folgen un- eine Verdopplung des atmosphärischen
serer Aktivitäten nicht nur bedrohlich CO2-Gehalts abgewendet werden. Zwi-
sein, sondern ins Katastrophale umschla- schen diesen beiden Extremszenarien
gen. Dann ist mit irreversiblen Klima- spannt sich ein Fächer von Optionen auf
veränderungen wie dem Verschwinden (Kasten S. 5).
der Eisdecke auf Grönland zu rechnen. Wie soll es möglich sein, die weltwei-
Dieser schwer zu bestimmende Schwel- ten Emissionen konstant zu halten, wäh-
lenwert liegt mit großer Wahrscheinlich- rend die Weltwirtschaft wächst? Diese
keit beim Doppelten der vorindustriel- Aufgabe ist nicht so unlösbar, wie es auf
len Konzentration – eher darunter. In je- den ersten Blick scheint. Es gibt nämlich
keine starre Kopplung zwischen wirt-
schaftlicher Aktivität und Energiever-

l
Die Menschheit hat die Wahl zwischen brauch oder zwischen Letzterem und der
einer Zukunft ohne Begrenzung der Verbrennung von Kohlenstoff. Über die
Emissionen, was eine schwere Bedrohung letzten 30 Jahre ist das Bruttosozialpro-
des Klimas nach sich zieht (links), und einer dukt aller Länder der Welt um knapp 3
aktiven Kontrolle, die sowohl Kosten als Prozent pro Jahr gewachsen, die CO2 -
auch Nutzen bringt (rechts). Emissionen aber nur halb so schnell. Die

2 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA


BEIDE BILDER: KENN BROWN
Kohlenstoffintensität der Wirtschaft, das ert, allmählich ansteigend bis auf je eine
heißt die Menge an ausgestoßenem CO2 Milliarde Tonnen im Jahr 2056, durchaus
pro erwirtschaftetem Dollar, ist also um realisierbar. Man zerlegt also das große
1,5 Prozent pro Jahr gesunken. Wenn Dreieck in sieben schmale »Keile«, die je-
diese Verhältniszahl nicht nur halb so der ein erreichbares Ziel darstellen.
schnell, sondern genau so schnell sinkt, Ein Beispiel: Ein heutiges amerika-
wie die Weltwirtschaft wächst, dann ist nisches Durchschnittsauto fährt 16 000
das Ziel »Nullwachstum an Emissionen« Kilometer pro Jahr, verbraucht 7,6 Liter
erreicht. auf 100 Kilometer und emittiert damit
Es gibt zwei langfristige Trends, die nahezu eine Tonne CO2 jährlich. Ver-
eine Entwicklung in diese Richtung be- kehrsexperten sagen voraus, dass in fünf-
günstigt haben und das auch weiterhin zig Jahren zwei Milliarden Autos welt-
tun werden. Erstens wächst in reicher weit mit ungefähr derselben Fahrleistung
werdenden Gesellschaften der Dienstleis- pro Jahr unterwegs sein werden. Falls der
tungssektor (Bildung, Gesundheit, Frei- Durchschnittsverbrauch dann immer
zeit, Geldgeschäfte und so weiter) auf noch 7,6 Liter auf 100 Kilometer betra-
Kosten des energieintensiven Produkti- gen sollte, würden ihre Auspuffrohre zu-
onssektors, zum Beispiel der Stahlindus- sammen zwei Milliarden Tonnen CO2
trie. Zweitens arbeitet der technische jährlich in die Luft pusten. Wenn dage-
Fortschritt ganz allgemein in Richtung gen der durchschnittliche Kraftstoffver-
eines geringeren Energieverbrauchs bei brauch auf die Hälfte sinkt, ist bereits
gleich bleibender Leistung. eine Milliarde Tonnen gespart. Das Vier-
Hunderte von Kraftwerken werden literauto – das heute schon technisch
gar nicht erst gebaut, weil die Welt in viel möglich ist – würde also bereits einen
sparsamere Kühlschränke, Klimaanlagen der sieben Keile einbringen.
und Motoren investiert hat, als es sie
noch vor zwanzig Jahren zu kaufen gab. Bitte keine Luftschlösser
Hunderte von Öl- und Gasfeldern wur- Aber Vorsicht! Wir dürfen nicht aus Ver-
den langsamer erschlossen als geplant, sehen Maßnahmen doppelt zählen. Be-
weil Flugzeugmotoren weniger Kraftstoff reits im Business-as-usual-Szenario steckt
verbrauchen und die Fenster in moder- ja – in Fortschreibung vergangener
nen Neubauten weniger Wärme nach au- Trends – ein gewisser technischer Fort-
ßen durchlassen. Das Ziel konstanter schritt mitsamt abfallender Kohlenstoff-
Emissionen ist überhaupt nur erreichbar, intensität. Auch in der Vergangenheit ist
weil die Menschen sich 2056 mit Fahr- ganz ohne Rücksicht auf das Klima der
zeugen bewegen werden, die noch nicht Kraftstoffverbrauch gesunken, weil das
entwickelt sind, die Häuser, die sie nut- technisch möglich war und dem Kunden
zen werden, noch ungebaut, und ihre etwas einbrachte. Das wird auch in Zu-
Wohnorte, deren Lage ihr Verkehrsver- kunft so sein (und das Anwachsen der
halten bestimmt, ebenso wie die Kraft- Anzahl an Autos wird diesen Einsparef-
werke zu ihrer Versorgung noch unge- fekt weiterhin zunichte machen). Als kli-
plant sind. Das gegenwärtige ineffiziente mawirksam können wir nur eine Maß-
Versorgungssystem hat noch viele unge- nahme zählen, die über den ohnehin
nutzte Reserven. stattfindenden technischen Fortschritt
Gleichwohl bleibt das Vorhaben gi- hinaus durch kohlenstoffpolitische Ziele
gantisch. Das Dreieck, das sich zwischen motiviert ist.
den beiden genannten Szenarien auftut Darüber hinaus darf man nur Innova-
(Kasten S. 5), ist entmutigend groß: Be- tionen berücksichtigen, die bereits heute
ginnend mit dem Status quo von heute irgendwo auf der Welt ihren Markt ge-
soll Jahr für Jahr eine größere Menge an funden haben – wenn auch vielleicht
Kohlendioxid, die ansonsten in die Luft nicht in der erforderlichen Größenord-
geblasen würde, eingespart werden, bis nung. Luftschlösser sind nicht zulässig.
hin zu im Wortsinn atemberaubenden 7 Uns geht es bei dem Konzept der Keile
Milliarden Tonnen im Jahr 2056. Die um ein pragmatisches und realistisches
Vorstellung, man könne ein Problem die- Emissionsstopp-Szenario, einen Arbeits-
ser Größe mit einer einzigen genialen Er- plan, der nicht darauf angewiesen ist, dass
findung erledigen, ist völlig utopisch. Da- uns in den nächsten zwanzig Jahren eine
gegen sind einzelne Maßnahmen, deren Wunderwaffe in den Sinn kommt. Wir
jede ein Siebtel dieser Einsparung beisteu- behaupten allerdings, dass es selbst un- r

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA 3


MASSNAHMEN GEGEN DEN KLIMAWANDEL

Hälfte senken, was zwei Keile ausmacht.


Einen weiteren Keil könnte die Industrie
In Kürze durch effizientere Nutzung elektrischer
Energie beitragen.
r Wenn die Menschheit mehr als eine gewisse Menge Kohlendioxid in die Atmo- Aber selbst wenn die letzte konventi-
sphäre einbringt, gerät das Weltklima in einen Zustand, den es in der jüngeren geolo- onelle Glühbirne zu Gunsten ihrer spar-
gischen Geschichte der Erde nicht gegeben hat, mit unabsehbaren Folgen. sameren Nachfolgerin auf dem Müll ge-
r Die Klimatologen sehen diese Schwelle zur Klimakatastrophe typischerweise bei landet ist, werden auf der Welt noch
einem CO2-Gehalt in der Atmosphäre, der dem Doppelten des vorindustriellen Werts Kraftwerke gebraucht. Die könnten sogar
entspricht. Kohle verheizen – sofern sie ihr CO2 ab-
r Eine gigantische Reduktion des CO2-Ausstoßes gegenüber den bei Fortschrei- fangen und unterirdisch verpressen, wie
bung der bisherigen Entwicklung zu erwartenden Werten ist geboten. Diese Schwindel ich (Socolow) in SdW 3/2006, S. 72,
erregende Aufgabe bekommt eine praktikable Größenordnung, indem man sie in Tei- dargestellt habe (siehe auch den Beitrag
laufgaben (»Keile«) zerlegt, deren jede mit heutigen technischen Mitteln lösbar ist. in SdW Spezial 1/2007, S. 22). Die heu-
tigen hohen Ölpreise begünstigen den
Wechsel zu dieser Technik, da Mineralöl-
r ter diesen vorsichtigen Annahmen mög- Wenn keine klimapolitischen Regeln firmen häufig bereit sind, große Mengen
lich ist, sieben Keile einzuschlagen, und greifen, könnten die Energieversorger der an CO2 einzukaufen und in ihre Ölfelder
dass dabei sogar eine gewisse Auswahl zur Welt in den nächsten fünfzig Jahren ohne zu pumpen, um durch den so erzeugten
Verfügung steht (Kasten S. 6). Eine Koo- weiteres einige tausend Kohlekraftwerke Druck mehr fördern zu können. Für ei-
peration im Weltmaßstab wird erforder- mit je 1000 Megawatt Leistung errichten nen Keil müssten 800 große Kohlekraft-
lich sein; aber in deren Rahmen werden und für den Strom Abnehmer finden. werke mit dieser Technik ausgestattet
einzelne Länder sich ein Sortiment an 700 von ihnen nicht zu betreiben – und werden, wodurch nahezu alles von ihnen
Keilen nach ihren wirtschaftlichen Mög- gar nicht erst zu bauen – würde so viel erzeugte CO2 von der Atmosphäre fern-
lichkeiten, ihren natürlichen Gegeben- CO2 einsparen, wie einem Keil ent- gehalten würde. Auf diese Weise können
heiten und ihren politischen Vorlieben spricht. Aber darüber muss jetzt entschie- sogar in einer CO2-reglementierten Welt
zusammenstellen können. den werden. In Deutschland steht nach Kohlebergbau und Kohlekraftwerke in
Wohlgemerkt: Auch wenn die Mittel einer Studie des Verbands der Elektro- Betrieb bleiben. Die großen Erdgaskraft-
zur Erreichung unserer Ziele im Prinzip technik (VDE) bis 2020 die Hälfte der werke der Zukunft würden auf dieselbe
schon zur Verfügung stehen, werden wei- zurzeit installierten Kraftwerksleistung Weise ungefähr einen Keil beisteuern.
tere Anstrengungen erforderlich sein, um zur Erneuerung an, aus Altersgründen Auch die erneuerbaren Energien kön-
diese Techniken im globalen Maßstab an- und wegen der Laufzeitbegrenzung für nen ihren Teil beitragen. Die von der
zuwenden und dabei deren Kosten und die Kernkraftwerke. Und Kraftwerke sind Sonne eingestrahlte Energie ist direkt in
Photovoltaikzellen, in Sonnenkollektoren
und in mit Sonnenwärme betriebenen
Wir brauchen keine Wunderwaffe, um die Klimakatastro- Kraftwerken nutzbar oder indirekt in
phe abzuwenden, sondern viele kleine Maßnahmen. Form von Wasser- und Windkraft. Dass
Wind und Sonne nicht rund um die Uhr
Und selbst dabei haben wir noch eine gewisse Auswahl verfügbar sind, mindert ihren Beitrag
zum Klimaschutz nicht wesentlich: Ers-
tens können Energiespeicher die Unregel-
unerwünschte Nebeneffekte in Grenzen langlebig: Eine Anlage, die in diesem mäßigkeiten in der Leistung der Sonnen-
zu halten. Gleichwohl halten wir es nicht Jahrzehnt errichtet wird, hat alle Chan- und Windkraftwerke teilweise ausglei-
nur für wünschenswert, sondern auch für cen, noch in fünfzig Jahren die Atmo- chen; und zweitens erzeugt auch ein
machbar, die CO2 -Emissionen bis 2056 sphäre zu belasten. konventionelles Kraftwerk, das die ver-
auf dem heutigen Niveau zu halten, ohne Die naheliegendste Alternative für bleibenden Lücken füllt, immer noch we-
das Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Kohlestrom ist, diesen Strom gar nicht zu niger CO2 , als wenn es im Dauerbetrieb
Ganz oben auf der Prioritätenliste verbrauchen (siehe SdW Spezial 1/2007, läuft. Streng genommen nicht erneuerbar,
steht die Abschaffung der konventio- S. 64). Von den 14 Milliarden Tonnen aber für gewöhnlich in dieser Klasse mit-
nellen Kohlekraftwerke. Dieser fossile CO2-Emissionen, die im Business-as-usu- geführt, ist die geothermische Energie,
Energieträger wird neuerdings wieder al-Szenario für 2056 prognostiziert wer- die durch Nutzung der Wärme im Erdin-
verstärkt zur Strom- und Kraftstofferzeu- den, entfallen wahrscheinlich 6 Milliar- neren gewonnen wird. Die 300 geother-
gung herangezogen, weil seine Konkur- den auf die Stromerzeugung, größtenteils mischen Kraftwerke, die es derzeit in der
renten Öl und Gas im Preis gestiegen aus Kohle. Wohn- und Geschäftsgebäude Welt gibt, sind grundlastfähig, da sie eine
und mit politischen Unsicherheiten be- verbrauchen heute 60 Prozent der welt- konstant fließende Quelle anzapfen.
lastet sind. Für die Umwelt ist das weit produzierten Elektrizität (70 Prozent Die Nutzung dieser Energiequellen
schlecht, denn ein mit Kohle befeuertes in den USA) und werden das in ungefähr kann im Prinzip so massiv ausgebaut
Kraftwerk bläst pro erzeugter Kilowatt- dieser Größenordnung auch in Zukunft werden, dass jede von ihnen einen Keil
stunde doppelt so viel CO2 in die Luft tun. Energie sparende Lampen und Ge- liefert. Allerdings hüte man sich vor
wie ein erdgasbetriebenes. räte würden diesen Verbrauch auf die überoptimistischen Doppelzählungen.

4 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA


Schließlich kann jedes Kohlekraftwerk gen ohne schwere Störfälle oder Schlim- weiten Emissionen aus fossilen Brenn-
nur einmal abgeschafft werden – oder meres zu betreiben. Dabei sitzen alle stoffen im Jahr 2002 entfielen 43 Prozent
ungebaut bleiben. Kraftwerke in einem Boot: Ein Zwi- auf Erdöl, 37 Prozent auf Kohle und der
Die wahrscheinlich kontroverseste schenfall wie der im schwedischen Fors- Rest auf Erdgas. Mehr als die Hälfte des
Eindämmungsstrategie ist die Kernkraft. mark im Juli vergangenen Jahres lässt die Erdöls wurde dabei im Verkehr ver-
Fünfmal so viele Atomkraftwerke wie Debatte um die Sicherheit der Atomen- braucht. Dessen CO2-Bilanz muss also
heute an Stelle von Kohlekraftwerken ergie sofort wieder aufflammen. Darüber ebenfalls verbessert werden. Dafür gibt
derselben Leistung würden zwei Keile hinaus werden strenge Regeln zur Ver- es, wie bei der Stromerzeugung, im Prin-
ausmachen. Alle heute am Netz befind- hinderung der militärischen Nutzung zip drei Wege. Jeder von ihnen ist für ei-
lichen Atomkraftwerke stillzulegen und von entscheidender Bedeutung sein. Die- nen Keil gut: reduzierter Verbrauch, ver-
durch moderne Kohlekraftwerke ohne se müssen international einheitlich gel- besserter Wirkungsgrad und Energiequel-
CO2-Verpressung zu ersetzen würde ei- ten, um den bösen Anschein der Doppel- len mit geringerer CO2-Emission. Viele
nen halben Keil kosten. Ob es mit der moral zu meiden, der lange Zeit klamm- Autofahrten lassen sich durch Telearbeit
Kernkraft auf- oder abwärts geht, hängt heimliche Aktivitäten angespornt hat. statt Pendeln ins Büro ganz vermeiden,
davon ab, ob die Regierungen einen poli- Die Eindämmung des Kohlendioxids andere mit sparsamen Fahrzeugen und
tischen Weg zur Entsorgung des Atom- kann sich nicht auf den Sektor der Strom- verringerter CO2-Emission unterneh-
mülls finden und ob es gelingt, die Anla- erzeugung beschränken. Von den welt- men. Der Treibstoff wäre dann ein Pro- r

Wie das Klimaproblem bewältigt werden kann


Bei der gegenwärtigen Wachstumsrate wird sich die jährliche rechts unten), was nach herrschender Auffassung dramatische Kli-
Emission von CO2 in die Atmosphäre bis zum Jahr 2056 verdop- maveränderungen auslösen würde. Wenn die Welt allerdings be-
peln (Grafik links). Selbst wenn es danach gelingen sollte, sie auf reits heute die Emissionen auf das gegenwärtige Niveau begrenzt
diesem Niveau zu halten, wird die atmosphärische Konzentration und nach fünfzig Jahren allmählich absenkt, sollte die CO2 -Kon-
des Gases auf mehr als 560 ppm (Millionstel) ansteigen (Grafik zentration deutlich unter 560 ppm bleiben.

Jährliche Emissionen Kumulation in der Atmosphäre


Die dreieckige Fläche zwischen den Emissionskurven (das »Stabilisierungsdreieck«) Ein ppm Kohlendioxid in der gesamten
entspricht der Gesamteinsparung, die durch Techniken zum Klimaschutz in den nächs- Erdatmosphäre sind insgesamt 2,1 Mil-
ten fünfzig Jahren erzielt werden muss. larden Tonnen Kohlenstoff. Der Schwel-
lenwert von 560 ppm entspricht damit
14 1200 Milliarden Tonnen, von denen
Vergangenheit 800 Milliarden heute bereits in der At-
Business as usual bis 2056 mosphäre sind. Bis zum Erreichen der
Emissionsstopp ab sofort Schwelle wären es also noch 400 Milli-
in Milliarden Tonnen pro Jahr

Stabilisierungsdreieck arden. Man dürfte etwa die doppelte


Kohlenstoffemission

Menge in die Atmosphäre blasen, denn


ungefähr die Hälfte des emittierten
7 Kohlendioxids wird von den Ozeanen
und Wäldern absorbiert. Die beiden
Konzentrationskurven in der Grafik un-
ten entsprechen den Emissionskurven
in der Grafik links.

1600
0
Kohlenstoff in der Atmosphäre

1956 2006 2056 2106 Verdopplung der


Jahr 1400 vorindustriellen
in Milliarden Tonnen

Konzentration
Keile 1 Milliarde Tonnen pro Jahr
1200
Das Stabilisierungsdreieck kann in sieben kleinere
Dreiecke (»Keile«) zerlegt werden. Jeder Keil ent- 1000
25 Milliarden Tonnen
spricht einer Einsparung, die von null heute line- insgesamt
ar bis auf eine Milliarde Tonnen im Jahr 2056 zu- 800
nimmt. Das sind insgesamt 25 Milliarden Tonnen.
Ein Keil erscheint durch eine einzelne Technolo- 50 Jahre
JEN CHRISTIANSEN

600
gie in dieser Größenordnung und in diesem Zeitrahmen realisierbar. Viele solche Tech- 1956 2006 2056 2106
niken sind denkbar; es genügt, wenn sieben von ihnen erfolgreich genutzt werden. Jahr

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA 5


MASSNAHMEN GEGEN DEN KLIMAWANDEL

r dukt aus Ernterückständen oder eigens Strom, der seinerseits – nach einem der die politisch problematische Abhängig-
dafür angebauten Energiepflanzen, die oben genannten Verfahren – ohne große keit vom Erdöl zu verringern und Preis-
das bei ihrer Verbrennung freiwerdende CO2-Belastung erzeugt wird. steigerungen auszuweichen, plant man
CO2 beim Wachstum gebunden haben; Es ist allerdings zu befürchten, dass verstärkt Kraftstoffe aus Kohle statt aus
oder das Auto fährt, direkt aus Batterien die CO2 -Intensität des Verkehrs sogar Erdöl herzustellen. Das ist eine entschie-
oder indirekt über elektrolytisch herge- zu- statt abnehmen wird, und zwar im den klimaschädliche Strategie. Ein mit
stellten Wasserstoff, mit elektrischem Namen der Versorgungssicherheit. Um synthetischem Kraftstoff betriebenes

Ein Sortiment von fünfzehn Keilen

Jede der aufgeführten fünfzehn Maßnahmen hat das Potenzi- würden genügen, um trotz wachsender Weltwirtschaft die globalen
al, Kohlendioxidemissionen in einer Menge zu vermeiden, die von CO2-Emissionen auf dem heutigen Stand zu halten; einige mehr wer-
null beginnend in fünfzig Jahren auf eine Milliarde Tonnen Kohlen- den erforderlich sein, da gewisse Einsparungen auch im Business-
stoff anwächst. Über die fünfzig Jahre kumuliert macht jede der Ein- as-usual-Szenario realisiert werden und hier nicht nochmals ge-
sparungen wegen dieses allmählichen Anwachsens nicht zählt werden dürfen. Der leere Keil deutet an, dass die Liste
50, sondern nur 25 Milliarden Tonnen alles andere als erschöpfend ist.
aus. Sieben dieser Maßnahmen
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6 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA


Fahrzeug emittiert zwar auch nur so viel Kohlendioxid, das bei der Synthese an- Zukunft so teuer machen, dass alle Betei-
CO2 wie ein benzinbetriebenes Auto, fällt, deponieren und damit die kli- ligten sich in ihren Entscheidungen da-
aber die Herstellung aus Kohle setzt weit maschädlichen Wirkungen dieser Um- ran orientieren. Wenn eine Tonne emit-
mehr CO2 frei als das Raffinieren von stellung neutralisieren. tierten Kohlenstoffs 100 bis 200 Dollar
Benzin aus Rohöl – genug, um die Emis- Nicht alle Eindämmungsstrategien kostet, ist es für den Betreiber eines Koh-
sionen pro gefahrenen Kilometer zu ver- sind hochtechnischer Natur, und nicht lekraftwerks günstiger, das CO2 unterir-
doppeln! Immerhin könnte man das alle betreffen den Energiesektor. Das disch zu verpressen, als es in die Luft zu
schlichte, überall auf der Welt praktizier- blasen. Der Preis kann in dem Maß sin-
te Umpflügen von Ackerland setzt große ken, wie das Deponieren sich durch die
Mengen CO2 aus den oberen Boden- üblichen Lerneffekte bei der Einführung
schichten frei. Alternative Verfahren, die einer neuen Technik verbilligt.
unter den Namen no-till farming (»pflug- Es stellt sich heraus, dass die genann-
Fußnoten: lose Landwirtschaft«) und conservation te Preisspanne in einem durchaus ver-
1
r für 2056 geschätzter Weltbestand tillage diskutiert werden, erfordern ge- nünftigen Rahmen liegt. Im 2005 einge-
an Pkws 2 Milliarden mit einer durch- naues Eingehen auf die lokalen Boden- führten Emissionshandel der Europä-
schnittlichen jährlichen Fahrleistung von eigenschaften und in manchen Fällen ischen Union wurden für das Recht, eine
16000 Kilometern verstärkten Einsatz von Herbiziden, sind Tonne Kohlendioxid zu emittieren, bis
2
r 1000 Megawatt (1 Gigawatt) bei 90 aber mitunter sogar für den Landwirt at- zu 30 Euro bezahlt. Wer über seine – zu-
Prozent Auslastung traktiv, weil er den Aufwand für die Bo- geteilten oder erworbenen – Rechte hi-
3
r Hier und im Folgenden wird für Koh- denbearbeitung spart und die Pflanzen naus CO2 emittiert, muss dafür eine
lekraftwerke 50 Prozent Wirkungsgrad die Zersetzungsprodukte der Ernteüber- Strafgebühr von 40 Euro zahlen. Da 3,7
und 90 Prozent Auslastung unterstellt. reste, die auf dem Feld liegen bleiben, Tonnen CO2 eine Tonne Kohlenstoff
Die gegenwärtige Stromproduktion aller nutzen können. Falls alle Bauern auf der enthalten, entspricht das einem Preis von
Kohlekraftwerke der Welt entspricht 800 Welt zu dieser Wirtschaftsweise übergin- ungefähr 150 Euro (190 Dollar) pro
Kraftwerken mit diesen Eigenschaften. gen, würden sie einen Keil beisteuern. Tonne Kohlenstoff. Dass zurzeit (März
4
r unter der Annahme, dass 90 Prozent Der Unterschied zwischen der welt- 2007) der Preis für die Tonne CO2 auf
des erzeugten CO2 deponiert wird weiten Abholzung mit der gegenwär- 1,10 Euro eingebrochen ist, belegt nur,
5
r Bei einer Fahrleistung von 16000 tigen Rate und einer Erhaltung der heu- dass die Emissionsrechte für die Han-
Kilometern im Jahr und einer Energieeffi- tigen Waldgröße – durch Stopp des delsperiode von 2005 bis 2007 zu groß-
zienz entsprechend 3,8 Litern pro 100 Ki- Holzeinschlags und/oder kompensieren- zügig zugeteilt wurden und daher nicht
lometer würde ein Pkw 170 Kilogramm de Wiederaufforstung – würde zwei Kei- wirklich knapp sind. Die Preise für die
Wasserstoff im Jahr verbrauchen. le ausmachen. Die Verminderung von zweite Handelsperiode von 2008 bis
6
r Tagesproduktion 30 Millionen Bar- Methanemissionen, die bereits heute 2012 bewegen sich in der Größenord-
rel, entsprechend einem Drittel der Welt- halb so viel zum Treibhauseffekt beitra- nung von 15 Euro pro Tonne.
Erdölproduktion; die Hälfte des einge- gen wie das CO2 , weil atmosphärisches Nach dem amerikanischen »Energy
setzten Kohlenstoffs geht in den Kraftstoff Methan um ein Vielfaches klimaschäd- Policy Act« von 2005 werden Neubauten
ein, die andere Hälfte wird deponiert. licher ist als Kohlendioxid, könnte mehr von emissionsarmen Kraftwerken, sei es
7
r Annahme: Solar- und Windkraft- als einen Keil einbringen. Leider sind da- mit erneuerbaren Energien oder mit
werke liefern im zeitlichen Mittel ein Drit- für die biologischen Prozesse, die in Kernkraft, steuerlich subventioniert. Der
tel ihrer Maximalleistung, würden bei ei- Kuhmägen, Reisfeldern und bewäs- dadurch erzeugte Wettbewerbsvorteil ge-
ner Nennleistung von zusammen 2100 sertem Land Methan produzieren, noch genüber fossile Brennstoffe verfeuernden
Gigawatt also 700 Gigawatt Kohlekraft- nicht hinreichend genau bekannt. Kraftwerken liegt in der Größenordnung
werksleistung einsparen; Kohlekraftwerke Schließlich ist der Mensch selbst, von 100 Dollar pro Tonne Kohlenstoff.
mit 2100 Gigawatt Maximalleistung wür- von Natur aus und als Konsument fos- Gleiches gilt für die Subventionierung
den die Lücke füllen, indem sie im zeit- siler Energie, ein CO2 -Erzeuger. Wenn von Bio-Ethanol, das in zunehmendem
lichen Mittel nur mit zwei Drittel Auslas- die Weltbevölkerung in fünfzig Jahren Ausmaß dem Benzin beigemischt wer-
tung laufen. nur auf acht statt der erwarteten neun den soll. Ein Emissionspreis von 100
8
r Die Weltanbaufläche beträgt 1500 Milliarden Menschen anwächst, macht Dollar pro Tonne Kohlenstoff entspricht
Millionen Hektar. Annahmen: 16000 Ki- das ebenfalls einen Keil aus. 12 Dollar pro Barrel Öl und 60 Dollar
lometer jährliche Fahrleistung, Energie- pro Tonne Kohle. Für den Endverbrau-
effizienz entsprechend 3,8 Litern pro 100 Politische Durchsetzung cher würde das auf 6 Eurocent pro Liter
Kilometer, Biomasse-Ertrag 15 Tonnen pro Durch welche politischen Maßnahmen Benzin und 1,5 Eurocent pro Kilowatt-
Hektar sind sieben Keile zu realisieren, und wel- stunde Strom hinauslaufen.
9
r Durch Entwaldung werden heute un- che Auswahl unter den denkbaren Kei- Zur Peitsche des Emissionspreises
gefähr 2 Milliarden Tonnen Kohlenstoff len (Grafik links) wird es sein? sollte Zuckerbrot hinzukommen. Die
pro Jahr nicht in Biomasse gebunden. An- Die dramatischen Umwälzungen, die Kommerzialisierung von kohlenstoffar-
nahme: Diese Rate sinkt bis 2056 auf die wir im Bereich fossiler Brennstoffe für ge- men Technologien wie Windkraft, Pho-
Hälfte im Business-as-usual- und auf null boten halten, werden nur in Gang kom- tovoltaik und Hybridautos sollte den
im Emissionsstopp-Szenario. men, wenn politische Institutionen CO2- Regierungen eine Subvention wert sein,
Emissionen jetzt und für die absehbare weil sich dadurch die Anzahl wettbe- r

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA 7


MASSNAHMEN GEGEN DEN KLIMAWANDEL

r
r werbsfähiger Optionen für die Zukunft entsprechend abnehmen, damit das Ziel Die amerikanische Umweltorganisati-
erhöht. Es ist auch sinnvoll, die langfris- Nullwachstum eingehalten wird. Wird on NRDC (National Resources Defense
tige Fehlbindung von Kapital mit poli- mehr Erdgas verbraucht, muss entspre- Council) hat in diesem Szenario ausgearbei-
tischen Mitteln zu verhindern. Die chend weniger Öl und Kohle verbrannt tet, wie die USA binnen fünfzig Jahren ihre
nachträgliche Umrüstung eines Kohle- werden. Wenn der Luftverkehr zu- CO2-Emissionen auf 60 Prozent des heutigen
kraftwerks auf CO2 -Deponierung ist nimmt, muss ein anderer Wirtschaftssek- Standes reduzieren können.
viel teurer als seine Ausstattung beim tor das emittierte Treibhausgas einspa-
Neubau. Finanzielle Anreize könnten ren. Und wenn die heutigen Dritte-Welt-
die Planung der Energieversorger in die Länder mehr ausstoßen, müssen die ormen aufgestauten Energienachfrage der
richtige Richtung lenken. Schließlich Industriestaaten mehr vermeiden. Nicht-OECD-Länder ist eine derartige
sollte man durch geeignete Anreize die Wie viel mehr? Es ist einfach, die Ungleichheit für die Zukunft unmöglich
Elektrizitätswerke oder Mineralölfirmen Antwort einzugrenzen. Gegenwärtig ver- zu rechtfertigen. Auf der anderen Seite
dazu motivieren, für effizientere Nut- ursachen die Industrienationen (genauer: können die OECD-Mitgliedsstaaten ih-
zung ihrer Ware beim Kunden Sorge zu die dreißig Mitglieder der Organisation ren CO2 -Ausstoß nicht auf null reduzie-
tragen. Das kann sich für diese Firmen for Economic Cooperation and Develop- ren, und selbst wenn sie es könnten, blie-
sogar auszahlen, weil sie dann nicht – ment, OECD) ziemlich genau die Hälfte be den anderen Ländern der Welt gerade
unter möglicherweise hohen Kosten – der CO2 -Emissionen auf der Erde; alle einmal Raum für eine Verdopplung, wo-
zusätzliche Kapazitäten bereitstellen anderen Länder der Welt – einschließlich mit sie pro Kopf immer noch weit unter
müssen. der ehemaligen Sowjetunion – mit mehr dem Industriestandard lägen.
Wenn die Emissionen in einem Be- als 80 Prozent der Weltbevölkerung teilen Ein denkbarer Kompromiss wäre es,
reich zunehmen, müssen sie in anderen sich die andere Hälfte. Angesichts der en- wenn alle OECD-Länder das Ziel errei-

Beiträge der Reichen und der Armen


Um die globalen CO2-Emissionen konstant zu halten, müssen ger emittieren als bei einem ungeregelten Lauf der Entwicklung.
sowohl die Industriestaaten (hier definiert als Mitglieder der Die Pfeile in den Grafiken unten zeigen einen von vielen mög-
OECD) als auch die Entwicklungsländer in Zukunft deutlich weni- lichen Verläufen.
Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen 2002

10 % 15 %

16 %
10 %
28 %

8%
4% 5%
4%

Um das Ziel im Weltmaßstab zu errei- … damit die Entwicklungsländer


chen, müssen die Industrieländer wenigstens einen gewissen Spielraum
weniger emittieren als heute … für wirtschaftliche Entwicklung haben. OECD
Nordamerika mit Mexiko
Business-as-usual-Szenario
A COMPENDIUM OF DATA ON GLOBAL CHANGE. CARBON DIOXIDE INFORMATION
CO2 EMISSIONS. VON G. MARLAND, T. A. BODEN UND R. J. ANDRES, IN: TRENDS:
JEN CHRISTIANSEN; QUELLE: GLOBAL, REGIONAL AND NATIONAL FOSSIL FUEL

europäische OECD-Staaten
in Milliarden Tonnen pro Jahr

Emissionsstopp-Szenario
Senkung

8 8 Japan, Südkorea, Australien,


Kohlenstoffemissionen

Neuseeland
ANALYSIS CENTER, OAK RIDGE NATIONAL LABORATORY, 2006

Rest der Welt


Süd- und Südostasien
Senkung

4 4 Afrika
China, Mongolei,
Nordkorea, Vietnam
ehemaliger Ostblock
(soweit nicht OECD)
0 0 Naher Osten
2002 2052 2002 2052
Jahr Jahr Mittel- und Südamerika

8 SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA


JEN CHRISTIANSEN; QUELLE: DANIEL A. LASHOF UND DAVID G. HAWKINS, NATURAL RESOURCES DEFENSE COUNCIL
Einsparungen durch: Jahr 2006, aber das ganze System ist bis
3,0 zur Unkenntlichkeit sauberer geworden.
effizientere Stromnutzung beim Endverbraucher
Kohlenstoffemissionen in Milliarden Tonnen pro Jahr

andere Energieeinsparungen beim Endverbraucher Strom, Kraftstoffe und Wärme werden


Senkung des Kraftstoffverbrauchs bei Pkw zugleich in integrierten Anlagen produ-
2,5 andere Einsparungen im Verkehrssektor ziert, Luft- und Wasserverschmutzung
erneuerbare Energien auf ein Minimum reduziert und der
Kohlendioxiddeponierung größte Teil des Kohlendioxids im Unter-
2,0 grund vergraben.
Neben dem fossilen existiert ein
nichtfossiles Energiesystem der gleichen
1,5 Größenordnung. Großflächige Nutzung
erneuerbarer Energien hat abgelegenen
Gegenden Aufschwung verschafft und
1,0 verödetem Land durch Anbau von Bio-
ethanol-Pflanzen zu neuem Wert verhol-
fen. Falls Atomenergie überhaupt eine
0,5 Bedeutung hat, sind starke internationale
Kontrollmechanismen etabliert, die ihre
militärische Nutzung verhindern. Die
0 Wirtschaft ist weiter gewachsen; Arme
1996 2016 2036 2056
Jahr wie Reiche sind reicher geworden. Und
unsere Nachfahren müssen nicht alle ihre
chen würden, das Premierminister Tony Jahre-Läufer den Stab an den zweiten. Kräfte ausschöpfen, um den Anstieg des
Blair im Jahr 2003 für Großbritannien Das Prinzip der Generationengerechtig- Meeresspiegels, der Temperatur, der An-
ausgerufen hat, nämlich eine Reduktion keit erfordert, dass beide Läufer unge- zahl von Wirbelstürmen und Dürrekatas-
des Niveaus von 1990 um 60 Prozent bis fähr gleich schwierige Aufgaben erhal- trophen zu bewältigen.
2050. Die anderen Länder könnten ten. Das scheint in unserem Emissions- Vor allem aber: Ein kollektives Ge-
dann ihren Ausstoß um 60 Prozent stei- stopp-Szenario der Fall zu sein: Dem wissen ist erwacht und ruft die Menschen
gern und hätten bis zur Mitte des Jahr- zweiten Läufer wird die Aufgabe, die auf zu tun, was für die Gesunderhaltung
hunderts die Hälfte des Industriestan- Emissionen auf die Hälfte zu reduzieren, unseres Planeten geboten ist. l
dards erreicht. Reiche wie arme Länder gelingen, wenn der erste seine Aufgabe,
würden weit weniger emittieren als im den Treibhausgasausstoß konstant zu
Robert H. Socolow und Ste-
Business-as-usual-Szenario, die USA nur halten, ordentlich erledigt – und für den phen W. Pacala leiten die Ak-
noch ein Viertel der ansonsten zu erwar- zweiten vorbereitende Forschung und tion zur Milderung der CO2-Fol-
tenden Menge. Damit würden die Ame- Entwicklung betrieben hat. Revolutio- gen (Carbon Mitigation Initia-
rikaner pro Kopf nicht mehr das Fünf- näre Technologien wie das direkte Aus- tive, CMI) an der Universität
fache des Weltdurchschnitts in die Luft waschen des CO2 aus der Luft, die Koh- Princeton, wo Socolow Profes-
sor für Maschinenbau und Pa-
blasen, sondern nur noch das Doppelte. lenstoffspeicherung in Mineralien, die cala Professor für Ökologie ist.

A U T O R E N U N D L I T E R AT U R H I N W E I S E
Um diesen Vorsatz zu erfüllen, Kernfusion, nuklearthermisch erzeugter Socolows Spezialgebiete sind
könnten die USA sich ein geeignetes Sor- Wasserstoff und künstliche Photosynthe- energieeffiziente Techniken,
timent aus dem großen Kuchen zusam- se würden dem zweiten Läufer einen globales Kohlenstoff-Manage-
ment und unterirdische Koh-
menstellen (Bild oben). Da alle Industrie- fliegenden Start verschaffen – und viel-
lendioxid-Deponierung. Paca-
staaten sich in einer annähernd vergleich- leicht schon dem ersten Beine machen, la erforscht die Wechselwirkung von Atmo-
baren Situation befinden, werden sie obgleich sich die Welt nicht darauf ver- sphäre, Ozean und lebenden Organismen,
ähnliche Strategien anwenden, voneinan- lassen sollte. insbesondere den globalen Kohlenstoffkreis-
der lernen und dadurch die Kosten des lauf. Er ist Direktor des Princeton Environ-
mental Institute, zu dem die CMI gehört.
ganzen Unternehmens senken. Blick zurück aus der Zukunft
Glücklicherweise steht das Ziel der Nehmen wir an, das Emissionsstopp-
CO2 -Reduzierung nicht im Widerspruch Szenario ist verwirklicht worden und wir Sichere Energie im 21. Jahrhundert. Von Jür-
zu dem Ziel, die größte Armut der Welt blicken im Jahr 2056 in die Vergangen- gen Petermann (Hg.). Hoffmann & Campe,
zu beseitigen. Es ist zwar mit mehr Emis- heit zurück: Wie hat sich die Welt verän- Hamburg 2006
sionen verbunden, wenn die Reichen die dert? Sparsamkeit in Energieproduktion Weltmacht Energie. Herausforderung für De-
Ärmsten der Welt mit Strom und mo- und -verbrauch hat alle Lebensbereiche mokratie und Wohlstand. Von Peter Hennicke
dernen Brennstoffen zum Kochen belie- durchdrungen. Gebäude, Beleuchtun- und Wolfgang Müller. 2. Auflage, Hirzel, Stutt-
fern; aber das macht nicht mehr als ein gen, Kühlschränke und Verkehrsmittel gart 2006
Fünftel eines Keils aus. haben sich grundlegend gewandelt, Stabilization wedges: solving the climate pro-
Wir haben bislang nur die ersten 50 ebenso der Gebrauch, den wir von ihnen blem for the next 50 years with current tech-
nologies. Von Stephen W. Pacala und Robert
Jahre der Zukunft betrachtet. Man stelle machen.
H. Socolow in: Science, Bd. 305, S. 968, 13.
sich die Weltgeschichte als Staffellauf Die Welt verarbeitet annähernd so August 2004
vor. Im Jahr 2056 übergibt der erste 50- viele fossile Brennstoffe wie damals im

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT · SPEZIAL 1/07: ENERGIE UND KLIMA 9

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