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Die Geschichte von

unten schreiben!

100 Jahre
Russische
Revolution
40 Jahre
Morde in
Stammheim
Herausgeberin

Revolutionäre Aktion Stuttgart


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Eigentumsvorbehalt
Nach dem Eigentumsvorbehalt ist diese Broschü-
re so lange Eigentum deR AbsenderIn, bis sie
der/dem Gefangenen persönlich ausgehändigt
ist. „Zur-Habe-nahme“ ist keine persönliche Aus-
händigung im Sinne dieses Vorbehalts. Wird sie
der/dem Gefangenen nicht persönlich ausgehän-
digt, ist sie deR AbsenderIn mit dem Grund der
Nichtaushändigung zurückzusenden.
Inhalt
4 25
Die Geschichte von unten Die Oktoberrevolution
schreiben

6 26
Der Kampf um Geschichte und Der Kampf gegen die
Geschichtsschreibung Konterrevolution

9 27
Der historische Materialismus Die weitere Entwicklung der
Sowjetunion

14 28
„Die Geschichte ist der Historische Bedeutung...
einzig wahre Lehrmeister“

16 30
Die sozialistische ...und Aktualität der
Oktoberrevolution Oktoberrevolution

18 32
Die ökonomische Situation zu Wie gekämpft wird,
Beginn des 20. Jahrhunderts – entscheiden wir!
Das Reich des Zaren Die RAF - Teil
revolutionärer Geschichte

19 34
Die Revolution von 1905 Was war?

21 35
Die Bolschewiki Zur Geschichte der RAF

22 38
Der Erste Weltkrieg Stadguerilla

23 39
Die Februarrevolution Ein knapper Ausblick...

23 43
Doppelherrschaft Fragen eines lesenden
Arbeiters

Revolutionäre Aktion Stuttgart 3


Die Geschichte
von unten
schreiben
4 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017
Die Geschichte der Gesellschaften ist kein

:
Museumsraum, in dem Ausstellungsstucke

:
der Vergangenheit prasentiert werden, sie
ist niemals neutral und endet nicht mit ei-
nem abgeschlossenen Rundgang. Wer heute
die Deutung der Vergangenheit beherrscht,

:
richtet damit zugleich die Grundpfeiler fur
die Entwicklungen der Zukunft aus.

I
n diesem Jahr, dem „Ge- „Moderne Geschichtsarbeit“ zur
schichtsjahr 2017“, spielt der Oktoberrevolution liest sich zum
Blick in die Vergangenheit Beispiel so: „Ihr totalitärer An-
eine besondere Rolle. Das spruch mobilisierte rund um den
gilt für diejenigen, die sie in Me- Globus Millionen und entwickel-
dien, Schulen und Unis präsen- te sich zum Albtraum für Aber-
tieren, ebenso wie für uns, die millionen[...]“.1 Der Austritt des
antreten, um eine grundlegende revolutionären Russlands aus
Veränderung der Gesellschaft einem der grausamsten Kriege
voranzutreiben: Vor genau 100 der Menschheitsgeschichte und
Jahren stürzte die Oktoberrevo- die Errichtung einer umfassen-
lution das russische Zarenhaus den Rätedemokratie scheinen
und brach mit der gesamten ka- in dieser reißerischen Ankündi-
pitalistischen Ordnung, um eine gung einer staatlich finanzier-
sozialistische Gesellschaft aufzu- ten Ausstellung zur Sowjetunion
bauen, vor 40 Jahren starben die nicht erwähnenswert zu sein.
RevolutionärInnen Gudrun Enss- In ähnlichem Ton werden ehe-
lin, Jan-Carl Raspe und Andreas malige RAF-AktivistInnen in der
Baader in der Stammheimer JVA. bürgerlichen Presse regelmäßig
Zusammen mit anderen Ereig- zu gewissenlosen MörderInnen
nissen, wie etwa den Morden an gemacht. Unter dem Titel „Sie
Benno Ohnesorg und Che Gue- schweigen über ihre Taten - wie
vara vor genau 50 Jahren, laufen ihre Väter“2 werden sie in einem
diese bedeutenden Momente exemplarischen Beitrag der Ta-
Gefahr, von den Mühlen des bür- gesschau aus dem Jahr 2012 mit
gerlichen Antikommunismus zu den Nazis gleichgesetzt, weil sie
düsteren Kriminalgeschichten den Gerichten und der Polizei
zermahlen zu werden. auch nach jahrelangen Haftstra-

Revolutionäre Aktion Stuttgart 5


fen nicht bei der Verfolgung von Kampf der Roten Armee Frakti-
ehemaligen AktivistInnen be- on beizutragen. Uns ist bewusst,
hilflich waren. Auch hier: Kein dass eine erfolgreiche sozialis-
Wort über die Hintergründe von tische Revolution auf der einen
militanten Aktionen, über welt- und der bewaffnete Kampf ei-
weite Befreiungskämpfe in den ner Minderheit im Herzen des
Jahrzehnten des bewaffneten Imperialismus auf der anderen
Kampfes in Europa und über eine Seite nicht einfach nebeneinan-
BRD-Gesellschaft, in der damals der gestellt werden können. Aus
noch immer Kontinuitäten des beiden Erfahrungen müssen auf
deutschen Faschismus fortleb- ganz verschiedenen Ebenen Leh-
ten, die bis heute nie eine konse- ren gezogen werden. Mit dieser
quente Aufarbeitung der faschis- Veröffentlichung möchten wir
tischen Herrschaft erlebt hat. dennoch beide Themenfelder
anschneiden, um uns die reich-
Die Russische Revolution und der haltige Bedeutung vergangener
bewaffnete Kampf in Deutsch- revolutionärer Versuche vor Au-
land und Europa von den 60er gen zu halten. Friedrich Engels
bis in die 80er Jahre sind nicht hat einmal geschrieben „Sind wir
nur zu bedeutungsvoll und fol- einmal geschlagen, so haben wir
genreich für die weltweite Ent- nichts anderes zu tun, als wieder
wicklung linker Bewegungen, um von vorn anzufangen!“. In diesem
sie sensationslüsternen Journa- Sinne verstehen wir uns in der
listInnen und den intellektuellen Tradition vieler hoffnungsvoller
PredigerInnen der kapitalisti- revolutionärer Neuanfänge, die
schen Ausbeutung zu überlassen heute unser unabdingbares Ge-
- sie sind Teil unserer Geschichte. päck im Kampf für eine kommu-
Der Geschichte derjenigen, die nistische Gesellschaft sind.
der Ausbeutung des Menschen
durch den Menschen ein Ende
setzen wollen. Einer Geschichte, Der Kampf um Geschichte und
die wir selbst schreiben müs- Geschichtsschreibung
sen, aus der wir zu lernen haben,
die uns Verantwortung und ein
reichhaltiges Erbe überträgt.
Wir möchten die runden Jah-
I m öffentlichen und medialen
Diskurs wird ständig behaup-
tet, dass es keine Alternative zu
restage 2017 nutzen, um aus re- den bestehenden Verhältnissen
volutionärer Perspektive einen gebe und dass alle historisch
Teil zur Auseinandersetzung mit aufgetretenen Gegenentwürfe
der Oktoberrevolution und dem gescheitert seien. Kommunis-

6 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


mus wird mal als nette Utopie ja doch nur schlimmer werden
abgetan, die aber leider sowieso könne. Die Bestimmung und In-
nicht machbar sei, mal als wahn- terpretation der Geschichte dient
witziger diktatorischer Versuch, als Herrschaftsinstrument. Sie
alles und jeden gleichzuschalten. bestimmt welcher Widerstand
Was bleibt? Eine Politik, die sich in welcher Situation legitim ist
immer in den Zwängen der ka- und wo er unvertretbar wird, sie
pitalistischen Profitjagd bewegt. definiert das Wertesystem von
Dass diese Gesellschaftsord- Gesellschaften und beeinflusst
nung alles andere als stabil ist, das Verständnis von Moral und
dass sie weltweite Krisen, Krie- Ethik. Und dies ist nicht erst seit
ge, politisches Chaos und Armut gestern so, Geschichtsschreibung
produziert, dass 60 Millionen wurde bereits sehr früh von den
Menschen über den Globus ir- Pharaonen als Herrschaftsinstru-
ren, weil ihre Lebensgrundlagen ment für die Unterdrückung und
zerstört werden und doch nir- Befriedung der größten Teile der
gends ankommen können, weil Bevölkerung entdeckt und von
sie nicht in die Verwertungsord- chinesischen Kaisern, Azteken,
nung passen, interessiert in die- mittelalterlichen Despoten, den
ser Logik nicht. Was zählt, ist der deutschen Faschisten, wie auch
Zusammenbruch realsozialisti- den bürgerlichen DemokratIn-
scher Staaten und das Ende des nen durch alle Zeiten hindurch
Kalten Krieges als „Ende der Ge- als solches genutzt4.
schichte“3. Mit dem omnipräsen-
ten Märchen vom Kapitalismus Neben den bürgerlichen Medi-
als letzter und bestmöglicher Ge- en sind insbesondere die mei-
sellschaftsordnung soll den Men- nungsbildenden Institutionen
schen jede Basis zur Verände- wie Schulen und Universitäten
rung der Verhältnisse entzogen zentrale Orte, an denen das herr-
werden. Die Auseinandersetzung schende Geschichtsbild in den
mit gewesenen und möglichen Köpfen verankert wird. Abgese-
Alternativen wird bestenfalls hen von der sozialen Ungleich-
als sinnlos, im schlechteren Fall heit, die dieses Bildungssystem
als gefährlich eingestuft, weil es immer wieder reproduziert, wird

1) Deutsches Historisches Museum, Berlin: Zitiert wird hier aus dem Ankündigungstext (2017) für die Wanderaus-
stellung „Der Kommunismus in seinem Zeitalter“, gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Dikta-
tur.
2) Tagesschau-Interview: RAF-Kenner Stefan Aust zum Prozessausgang. „Sie schweigen über ihre Taten - wie ihre
Väter“(Stand: 03.12.2015), zu finden unter http://www.tagesschau.de/inland/becker174.html
3) Fukuyama stellte Anfang der 1990er – zum Ende des sog. Kalten Krieges - die These vom „Ende der Geschichte“
auf. Eine These, die sich angesichts der weltweiten Entwicklungen der letzten 25 Jahre ohnehin überholt hat.
4) Vgl. Harman, Chris: Wer baute das siebentorige Theben? Band I, Laika Verlag 2016, S. 8 f.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 7


in seinen Institutionen ein Ge- Die herrschende Klasse muss
schichts- und Gesellschaftsbild aus ihrer Sicht verhindern, dass
vermittelt, in dem die Interessen eine positive Bezugnahme auf
der besitzenden und verwalten- die revolutionären Subjekte in
den Klasse im modernen Kapita- der Geschichte stattfindet. Und
lismus diejenigen der gesamten vor allem darf ihr Handeln nicht
Gesellschaft seien. Dieses „Wis- in Bezug zur aktuellen Situation
sen“ ist alles andere als eine Ein- gesetzt und als Handlungsoption
ladung zum kritischen und mün- verstanden werden. Die erzwun-
digen Denken: Eine angebliche gene Enteignung von Konzern-
Bürgergesellschaft, die aus allen chefs? Die Ersetzung von Par-
Erfahrungen und Widersprüchen lamenten zum kapitalistischen
der Vergangenheit gelernt habe, Interessenausgleich durch Räte
die besten Traditionen fortführe der ArbeiterInnen? Der Angriff
und heute auf Augenhöhe demo- auf militärische Infrastruktur
kratische Entscheidungen träfe. kriegsführender Staaten? Das
Das besitzende Bürgertum als darf nicht denkbar sein, also dür-
rundum fortschrittliche Klasse, fen auch bestimmte geschichtli-
die den Feudalismus niederge- che Akteure keine weitere Wir-
rungen habe und, mit einigen kungsmacht entfalten.
Fehltritten hier und da, eine Welt
der Freiheit und Gleichheit ge- Die bürgerliche Geschichts-
schaffen habe. schreibung besteht aus einem
Sammelsurium an Theorien, die
Die Diffamierung und das Ver- sich teils widersprechen, teils
schweigen revolutionärer Ge- ineinander übergehen. Mal sind
schichte, der Geschichte von es große Staatsmänner, mal Kul-
Aufständen, Revolten und Wi- turen oder Philosophien, die die
derständen der Ausgebeuteten Geschichte formen, mal stehen
gegen die Macht des Kapitals, Geschlechterrollen, mal steht der
sind wichtige Pfeiler in der Auf- wissenschaftliche Fortschritt im
rechterhaltung der bestehenden Vordergrund. Und sicherlich be-
Verhältnisse. Gegenentwürfe zur ziehen auch ernstzunehmende
herrschenden Ordnung aus der bürgerliche HistorikerInnen die
Klasse der Ausgebeuteten ha- Widersprüchlichkeit der Pro-
ben in den bürgerlichen Erzäh- duktionsverhältnisse in ihre Ar-
lungen keine Legitimation. Sie beiten mit ein. Was alle Formen
werden als verbrecherisch, ver- dieser Geschichtsschreibung
werflich oder einfach als unfä- aber eint, ist ein fehlendes Ver-
hig abgestempelt und diffamiert. ständnis für die Systematik der

8 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Gesellschaftsgeschichte. Diese zu ren. Geschichte beschreibt, wie
verstehen bedeutet eben auch, wir wurden, was wir sind.
die folgenreichen Bruchlinien Die Menschheitsgeschichte wur-
zwischen den sozialen Klassen de nicht durch den Zufall gelenkt,
von Gesellschaften, die revolutio- nicht durch Ideen oder gar ei-
nären Interessen und Potenziale nen Gott. Die Entwicklung der
von Teilen der Gesellschaften zu menschlichen Gesellschaften
sehen und zu begreifen. Kurz: Zu folgte und folgt bestimmten Ge-
verstehen, dass die bewusst han- setzmäßigkeiten, die in den Ge-
delnde Masse der Ausgebeuteten sellschaften selbst zu finden sind.
und Unterdrückten die Mensch- Neben vielen Pflöcken, die Marx
heitsgeschichte unter bestimm- und Engels auf philosophischem,
ten Bedingungen maßgeblich be- ökonomischem und politischem
einflussen kann. Sicherlich ist die Terrain einschlugen, war eines
bürgerliche Geschichtsschrei- ihrer bedeutendsten Werke die
bung nicht der einzige Grund Ausarbeitung und Beschreibung
dafür, dass davon heute und hier einer Geschichtsauffassung, die
kaum etwas zu spüren ist. Eines auf dem gesellschaftlichen Han-
der wirksamsten gesellschaftli- deln der Menschen selber auf-
chen Beruhigungsmittel, das jede baut, dem historischen Materi-
Hoffnung auf Verbesserungen alismus. Dieser beschreibt die
der sozialen Lage aufs Jenseits objektiven Entwicklungsgesetze
verschiebt, sind religiöse Ideolo- des Werdens der menschlichen
gien. Nicht zuletzt ist es schlicht Gesellschaft, er ist eine wissen-
die Indifferenz gegenüber jegli- schaftliche Erklärung der Ent-
chen gesellschaftlichen Entwick- wicklung der Gesellschaftsfor-
lungen, die Fokussierung auf die men, ihrer Gesetzmäßigkeiten
eigene kleine Lebenswelt mit der und Triebkräfte.
große Teile der Gesellschaft den
aufklaffenden Widersprüchen Grundlegend für ein materialis-
des Kapitalismus zu entgehen tisches Verständnis der Mensch-
versuchen. heitsgeschichte ist die Feststel-
lung, dass Menschen nur durch
gemeinsame Anstrengungen
Der historische Materialismus überleben und vorankommen
können. Die Grundlage, auf der

D och „Geschichte“ - Was ist


das überhaupt? Zunächst
eine Abfolge von Ereignissen, die
alle gesellschaftlichen Erschei-
nungen beruhen, ist die Produk-
tion und die Verteilung der pro-
zu unserem jetzigen Leben füh- duzierten Güter. Immer wieder

Revolutionäre Aktion Stuttgart 9


stattfindende Veränderungen sind, geprägt. Auf der anderen
und Weiterentwicklungen der Seite wirken sie auch zurück auf
Produktivkräfte (Werkzeuge, Ma- die weitere Entwicklung dieser
schinen, Infrastruktur, Kompe- ökonomischen Basis und können
tenzen, Arbeitsabläufe) bedingen dieser zeitweise durchaus auch
Veränderungen der gesamten vorauseilen.
Produktionsverhältnisse. Pro-
duktionsverhältnisse, das ist die Engels skizzierte die wissen-
Gesamtheit der Beziehungen, die schaftliche Erklärung des histo-
die Menschen einer Gesellschaft rischen Materialismus in seiner
zueinander eingehen, um zu pro- Schrift „Die Entwicklung des
duzieren und zu verteilen. Im Ka- Sozialismus von der Utopie zur
pitalismus etwa sind die Produk- Wissenschaft“ mit prägnanten
tionsverhältnisse maßgeblich Worten:
dadurch geprägt, dass die kleine
Klasse der Kapitalisten samt ih- „Die materialistische Anschau-
rer hohen Verwaltungen über die ung der Geschichte geht von dem
Produktionsmittel, inklusive der Satz aus, dass die Produktion und
menschlichen Arbeitskraft, ver- nächst der Produktion der Aus-
fügt, während der größte Teil der tausch ihrer Produkte, die Grund-
Gesellschaft durch Lohnarbeit lage aller Gesellschaftsordnung
zwar die eigentlich produktiven ist; dass in jeder geschichtlich auf-
Tätigkeiten vollbringt, von der tretenden Gesellschaft die Vertei-
Kontrolle über den geschaffe- lung der Produkte, und mit ihr die
nen Reichtum aber ausgeschlos- soziale Gliederung in Klassen oder
sen bleibt. Diese Art der gesell- Stände, sich danach richtet, was
schaftlichen Produktion, der und wie produziert und wie das
Möglichkeiten menschlicher Be- Produzierte ausgetauscht wird.
dürfnisbefriedigung und Weiter- Hiernach sind die letzten aller ge-
entwicklung, wirkt sich auch auf sellschaftlicher Veränderungen zu
weitere gesellschaftliche Berei- suchen [...] in der Veränderung der
che wie Kultur, Politik, Wissen- Produktions- und Austauschwei-
schaft und Philosophie aus. Die se; sie sind zu suchen nicht in der
Fortschritte und Entwicklungen, Philosophie, sondern in der Öko-
die in diesen Bereichen gemacht nomie der betreffenden Epoche.“5
werden, sind einerseits immer
von den Produktionsverhältnis- In der Entwicklung der Mensch-
sen, unter denen sie entstanden heitsgeschichte löst eine Gesell-

5) F. Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. MEW 19, S. 210.

10 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


schaftsformation die andere ab. Regionen der Erde mit sehr un-
In groben Zügen kann man die terschiedlichen Geschwindig-
folgende Abfolge erkennen: Ur- keiten voran. Es gibt Schübe, in
gesellschaft – Sklavenhalterge- denen sich Geschichte rasend
sellschaft – Feudalgesellschaft schnell entwickelt, es gibt En-
– kapitalistische Gesellschaft.
Eine darauf folgende Ge-
sellschaftsform, die sich aus
den Möglichkeiten der tech-
nischen, wissenschaftlichen
und organisatorischen Wei-
terentwicklungen, aber ge-
rade auch aus den gärenden
Widersprüchen zwischen
Herrschenden und Ausge-
beuteten im Kapitalismus
entwickeln lässt, ist der Sozi-
alismus. Mit ihm ist die Ent-
wicklung hin zu einer befrei-
ten Gesellschaft, in der die
Versorgung der Menschen, die wicklungssprünge, große Rück-
Befriedigung ihrer materiellen schläge und Jahrhunderte, in
und sozialen Bedürfnisse, und denen Gesellschaften verkrusten
die Möglichkeiten ihrer Entfal- und die geschichtliche Entwick-
tung durch kollektive und selbst- lung still zu stehen scheint. Die
bestimmte Anstrengungen selbst menschliche Geschichte im Ge-
in die Hand genommen werden samten verharrt jedoch nicht auf
können keine reine Utopie mehr, der Stelle. Durch Entwicklungen
sondern eine geschichtliche der Produktivkräfte im Produk-
Möglichkeit mit objektiv gegebe- tionsprozess bleibt sie ständig
nen Voraussetzungen. in Bewegung, entwickelt sich zu
höheren Formationen. Auf einer
Mit dem historischen Materia- bestimmten Entwicklungsstufe
lismus lässt sich die allgemei- geraten die voranschreitenden
ne Tendenz der Gesellschafts- Produktivkräfte in Konflikt mit
geschichte herausstellen und den althergebrachten Produkti-
erklären. Es gibt jedoch kein onsverhältnissen - die bestehen-
automatisches, mechanisches den Formen der Produktion und
Fortschreiten. Die Entwicklun- Verteilung sind nicht mehr in
gen schreiten in verschiedenen der Lage, den neuen Kapazitäten

Revolutionäre Aktion Stuttgart 11


und Potenzialen Durchbruch zu sie weiterzuentwickeln und letz-
verschaffen. In diesen großen ge- ten Endes gegen die Angriffe und
sellschaftlichen Auseinanderset- Konkurrenz des Imperialismus
zungen, reißt eine bislang unter- zu bewahren. Dass ein revolu-
geordnete Klasse, die die neuen, tionärer Umbruch in den fort-
fortgeschritteneren Produkti- geschrittenen kapitalistischen
onsverhältnisse und die Weiter- Staaten noch immer längst über-
entwicklung der Produktivkräfte fällig ist, dass der Kapitalismus
repräsentiert, die Führung der seine eigenen produktiven Mög-
Gesellschaft an sich. Dieser Kon- lichkeiten längst nicht mehr um-
flikt, ein erbitterter Kampf zwi- fänglich ausschöpfen und nutzen
schen den Bewahrenden und den kann - stattdessen bestehendes
Neugestaltenden, wühlt sämtli- Potenzial zerstört und blockiert -
che gesellschaftlichen Bereiche zeigt sich heute überdeutlich. Das
auf und verläuft niemals ohne Kapital strömt vom einen Krisen-
handfeste Auseinandersetzun- herd zum nächsten. Überproduk-
gen. Jede grundlegende Umwäl- tionskrisen werden durch auf-
zung gesellschaftlicher Ordnun- geblähte Finanzmärkte verstärkt
gen, jede soziale Revolution, hat und ausgedehnt, Unmengen an
ihre Grundlage in dieser Zuspit- Lebensmitteln werden tagtäglich
zung des Klassenkampfes, der vernichtet, weil Märkte fehlen,
an den zentralen Widersprüchen um sie gewinnbringend zu ver-
von Gesellschaften anknüpft. kaufen, die Zerstörung imperia-
listischer Kriege trägt schon den
Die bürgerlichen Revolutionen Ausblick auf profitablen Wieder-
Ende des 18. und im 19. Jahr- aufbau in sich - um nur einige
hundert, aber auch die sozia- Beispiele zu nennen. Auch wenn
listischen Revolutionen des 20. das Bewusstsein der lohnabhän-
Jahrhunderts, gründen auf ma- gigen Klasse - kulturelle Welten
teriellen geschichtlichen Ent- zwischen „Bauer sucht Frau“ und
wicklungen, die sich eben nicht Instagram-Stories - es kaum ver-
ewig in Zaum halten lassen. muten lassen: Die Möglichkeiten
Auch das Scheitern der sozialis- zur Aufhebung dieser Ordnung
tischen Staaten zu Beginn der sind gegeben.
1990er Jahre, der Aufschwung
der Konterrevolution, gründet Deshalb ist Geschichte für uns
auf der Schwäche dieser Staaten keine Geschichte der Ideen der
die neue Wirtschafts- und Sozia- großen Denker, Köpfe und Herr-
lordnung in der lohnabhängigen scher, sondern sie wird nur ver-
Klasse nachhaltig zu verankern, ständlich aus einer Perspektive,

12 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


die sich den Kämpfen zwischen es sich selbst dünkt, ebenso wenig
den widerstreitenden sozialen kann man eine solche Umwäl-
Interessen in einer Gesellschaft zungsepoche aus ihrem Bewusst-
widmet. Das heißt nicht, dass die sein beurteilen, sondern muss
Geschichte der Philosophie, des vielmehr dies Bewusstsein aus
Denkens, der Ideen für uns keine den Widersprüchen des materiel-
Bedeutung hat. Es bedeutet aber, len Lebens, aus dem vorhandenen
dass die Bewusstseinsformen, Konflikt zwischen gesellschaftli-
denen das Denken entspringt, chen Produktivkräften und Pro-
eben im Kontext bestimmter ge- duktionsverhältnissen erklären.“6
schichtlichen Etappen des Klas-
senkampfes gesehen werden Gerade revolutionäre Bewegun-
müssen. In diesem Kontext kön- gen entstehen aus den Umstän-
nen Ideen durchaus maßgeblich den und Gegebenheiten ihrer
zur Beschleunigung geschichtli- Zeit und nicht als Kopfgeburt
cher Entwicklungen beitragen. Einzelner.
Die Ideen von „nationalen Ver-
einigungen“ und der „Gleichheit Was die materialistische Ge-
vor dem Gesetz“ in den bürgerli- schichtsauffassung für die Per-
chen Revolutionen zum Beispiel spektive revolutionärer Verän-
sind nicht per se fortschrittlich, derungen bedeutet? Menschen
oder gar vernünftig. Sie hängen werden durch die Erkenntnis
zusammen mit den Interessen gemeinsamer sozialer Interes-
der damals aufstrebenden bür- sen miteinander verbunden und
gerlichen Klasse, große zusam- gestalten so den Gang der Ge-
menhängende Märkte, Produk- schichte selber. Jedoch tun sie
tions- und Handelsräume zu dies nicht unter frei gewählten
schaffen, in denen sie sich ohne Umständen und nicht zwangs-
rechtliche Einschränkungen aus- läufig als bewusst handelnde
breiten können. Subjekte. Das heißt, sie sind ge-
Während die bürgerliche Ge- sellschaftlich und geschichtlich
schichtsschreibung auf den Ein- bedingten Zwängen unterwor-
fluss von Ideen auf die geschicht- fen, neue Wege können nur auf
liche Entwicklung beharrt und Grundlage der vorangegangenen
materielle Entwicklungsbedin- Entwicklung der Gesellschaft
gungen beliebige Teilaspekt bil- eingeschlagen werden. Die Han-
den, betont Marx: delnden sind „Kinder ihrer Zeit“,
sie können sich die Widersprü-
„Sowenig man das, was ein Indivi- che und Entwicklungsperspekti-
duum ist, nach dem beurteilt was ven dieser Zeit und ihre eigene

Revolutionäre Aktion Stuttgart 13


gesellschaftliche Rolle darin aber senkampfes zu begreifen und zu
bewusst machen und auf revolu- verarbeiten, ohne sich in eben
tionäre Veränderungen hinwir- dessen Geschichte bewegt zu
ken. haben. Folglich kann es nur die
Aufgabe heutiger linker und re-
volutionärer Bewegungen sein,
„Die Geschichte ist der einzig diese Geschichte zu verstehen
wahre Lehrmeister, die Re- und weiter zu schreiben.
volution die beste Schule des
Proletariats.“ In der Vergangenheit gab es
schon immer Versuche, das je-

A ls revolutionäre Linke, die für


sich beansprucht, Geschich-
te zu machen, müssen wir diese
weils herrschende System zu
kippen, die Mächtigen zu stürzen
und das Bestehende durch etwas
herrschaftssichernde und belie- Besseres zu ersetzen. Dabei lässt
bige Form der Geschichtsschrei- sich beim Blick in die Geschichte
bung aufbrechen, den Kampf um ein roter Faden, eine Kontinuität
die Definitionsmacht über die erkennen, die sich - nicht ohne
Geschichte aufnehmen und die Wirrungen, Verirrungen und
vorangegangen fortschrittlichen Brüche – von den BäuerInnen-
Kämpfe als Teile unserer eigenen kriegen, über die theoretischen
Kämpfe begreifen. „Das Subjekt Ausarbeitungen von Marx und
historischer Erkenntnis ist die Engels, dem ersten Versuch ihrer
kämpfende, unterdrückte Klasse praktischen Umsetzung mit der
selbst.“7. Folglich wäre es nicht Pariser Commune, über die Ok-
nur politisch aussichtslos, von toberrevolution in Russland, die
den bestehenden Institutionen niedergeschlagene November-
und Akteuren der Geschichts- revolution in Deutschland, den
forschung einzufordern, eine Widerstand gegen den Faschis-
Perspektive einzunehmen, die mus in ganz Europa, die Revolten
sie von ihren hohen Rössern ver- 1968 und alle anderen sozialisti-
meintlicher Neutralität und All- schen Versuche, bis zu den heu-
gemeingültigkeit wirft. Es ist der tigen Kämpfen erstreckt. Diese
bürgerlichen Geschichtsschrei- Aufzählung ließe sich noch wei-
bung als ideologischer Stütze der terführen mit den zahlreichen re-
herrschenden Ordnung schlicht volutionären Befreiungskämpfen
nicht möglich, die Erkenntnisse in Asien, Südamerika und Afrika
aus hunderten Jahren des Klas- in den letzten Jahrhunderten.

6) Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie. MEW 13, S. 9.


7) Walter Benjamin (1942) : Aufsatz: „Über den Begriff der Geschichte“

14 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Da wir uns nicht als UtopistInnen schen und scheinbar zeitlosen
verstehen, die eine neue Gesell- Warte zu beobachten und einer
schaft auf eine leere Leinwand reinen Kritik zu unterziehen,
pinseln, studieren wir die bishe- sondern die Erfahrungen und
rigen Versuche revolutionärer Fehler in ihrem historischen
Umgestaltungen und Kämpfe, um Kontext zu betrachten und zu
daraus theoretische und prakti- diskutieren. Die revolutionäre
sche Lehren für perspektivische Geschichte birgt eine Vielzahl
Umwälzungen zu ziehen. Wenn positiver Erfahrungen und Tradi-
wir aus der Geschichte lernen, tionen, an denen wir uns – ohne
sollten wir uns darüber bewusst sie zu verklären oder zu romanti-
sein, dass die ProtagonistInnen sieren - orientieren können und
früherer Revolutionsversuche die einen großen Erfahrungszu-
auf nur wenige Anhaltspunkte wachs bedeuten. Andere Tradi-
und Erfahrungen zurückgreifen tionen und Rituale müssen wir
konnten, aus denen sie Schlüs- überwinden, weil sie uns keine
se ziehen, lernen, auf denen sie Hilfe im Aufbau einer zeitgemä-
aufbauen konnten. Heute ha- ßen revolutionären Bewegung
ben wir ungleich bessere Vor- sind. Es liegt in unserer Verant-
aussetzungen, da wir durch die wortung die Fehler und Prozesse
vergangenen Anstrengungen zu zu studieren, die zum Scheitern
einem großen Erfahrungsschatz oder zu Verirrungen von histo-
revolutionärer Versuche Zugang rischen Kämpfen und sozialisti-
haben. Die Erkenntnisse, die wir schen Versuchen geführt haben,
aus dem Studium der Geschich- um ähnliches nicht zu wieder-
te gewinnen können, sind aller- holen. Schon Ende 1918 erkann-
dings kein Selbstzweck, sondern ten die GenossInnen der frisch
bilden die Grundlage unseres gegründeten Kommunistischen
politischen Handelns, unserer Partei Deutschlands:
Theorie und Praxis. Dabei ist „Die Geschichte ist der einzig wah-
jeder errungene Sieg und jede re Lehrmeister, die Revolution die
erlittene Niederlage eine Lehre beste Schule des Proletariats. Sie
für uns, für den heutigen Aufbau werden dafür sorgen, dass die
von Strukturen und für aktuelle „kleine Schar“ der Meistverleum-
Kämpfe. Der Blick zurück ist so deten und Verfolgten Schritt um
immer auch ein Blick nach vorne. Schritt zu dem wird, wozu ihre
Weltanschauung sie bestimmt:

.
Für uns kommt es darauf an, die zur kämpfenden und siegenden
Geschichte der revolutionären Masse des revolutionären sozialis-
Linken nicht aus einer morali- tischen Proletariats.“

Revolutionäre Aktion Stuttgart 15


DIE SOZIALISTISCHE
OKTOBERREVOLUTION

16 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


D
ieses Jahr, am 7. No- messlichen Reichtum für Wenige
vember 20171, jährt bedeutet. Es ist daher auch hier
sich die sozialistische und heute sinnvoll, notwendig
Oktoberrevolution zum und möglich, die Grundsteine
einhundertsten Mal – ein Ereig- dafür zu legen, dass wir eines
nis, das für uns als revolutionäre Tages das Heft des Handelns in
Linke auch heute noch eine gro- die Hand nehmen und eine Ge-
ße Bedeutung hat. Die russischen sellschaft errichten, in der die
ArbeiterInnen, Bäuerinnen, Bau- Grundlagen für Ausbeutung und
ern und Soldaten zeigten damals imperialistische Kriege beseitigt
erstmals, dass es nicht nur not- sind und eine soziale Ordnung
wendig und sinnvoll, sondern schaffen, die frei von Armut,
auch möglich ist, die Macht des Elend und Not ist. Da es dies ist,
Kapitals zu brechen, eine sozi- was in Russland vor 100 Jahren
alistische Revolution zu Ende geschafft wurde, müssen wir auf
zu bringen, ihre Errungenschaf- dieses bedeutende Ereignis der
ten nachhaltig abzusichern und Menschheitsgeschichte zurück-
schließlich eine sozialistische blicken und unsere Lehren und
Gesellschaft aufzubauen. Sie Schlüsse daraus ziehen.
zeigten, dass es auch für unsere Um die Bedeutung und Tragwei-
Seite möglich ist zu siegen. te der Revolution, aber auch ihre
Damals wie heute stehen wir Voraussetzungen und die Grün-
einem System gegenüber, das de für ihren Erfolg zu erfassen,
imperialistische Kriege, Not, muss man zunächst um einige
Niedriglohn und Arbeitslosig- Jahre weiter zurück in die russi-
keit für die Mehrheit und uner- sche Geschichte eintauchen2:

1) Bis zum Sieg der Revolution galt in Russland der julianische Kalender, der dem in Westeuropa gebräuchlichen
gregorianischen Kalender um 13 Tage nachhing. So entsprach der 7. November 1917 im vorrevolutionären Russland
dem 25. Oktober – daher die Bezeichnung Oktoberrevolution. Am 31.01.1918 wurde in der jungen Sowjetrepublik
der gregorianische Kalender eingeführt.
2) Der folgende historische Abriss bietet lediglich einen groben Überblick über die Ereignisse.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 17


Die ökonomische Situation zu ärmliche Stadtteile, in denen sich
Beginn des 20. Jahrhunderts – aber allmählich eine neue Klasse
Das Reich des Zaren herausbildet – ein zunehmend
selbstbewusstes Industrieprole-

Z um Ende des 19. Jahrhunderts


ist Russland ein – im Vergleich
zu den anderen großen Staaten -
tariat.
In der extremen Verschärfung
der Ausbeutung und der Wi-
rückständiger Agrarstaat. Vier dersprüche zwischen Kapital
Fünftel der Bevölkerung leben in und Arbeit kommt es im Indus-
den Dörfern und bearbeiten mit trieproletariat zu einer raschen
mittelalterlichen Anbaumetho- Politisierung und Radikalisie-
den die Äcker. Hunger, Krankhei- rung. Aus geheimen Lesezirkeln
ten, Alkohol und Faustrecht prä- entstehen verschiedene sozia-
gen den tristen Alltag. listische und marxistische Rich-
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts tungen, Gruppen und Parteien,
hat in den großen Städten jedoch die im Untergrund agieren. Es
die, immer mehr Fahrt aufneh- kommt in den ersten Jahren des
mende, Industrialisierung ein- 20. Jahrhunderts vermehrt zu
gesetzt. Deren Schlüsselprojekt Veranstaltungen, Aktionen und
ist der Bau der transsibirischen Streiks.
Eisenbahn, die den Bergbau, die Das seit Jahrhunderten an der
Entwicklung der Stahl- und Ei- Spitze der Klasse des Adels ste-
senhütten, die Schwerindustrie, hende absolutistische Zarenre-
den Binnenhandel und den Ge- gime reagiert auf diese Politi-
treideexport befördert. In den sierung der ArbeiterInnen mit
Schlüsselindustrien sowie in der harten Repressalien. Haft, Folter,
Sphäre der Banken kommt es zu Zwangsarbeit, Verbannung oder
einer starken Monopolisierung, Einzug in die Armee steht für
der Kapitalismus ist auch in vermeintliche oder tatsächliche
Russland – später und gehemm- Linke auf der Tagesordnung, die
ter als im restlichen Europa – in vom Geheimdienst (Orchana)
sein „höchstes und letztes Stadi- der Untergrundarbeit bezichtigt
um“, den Imperialismus, einge- werden. Doch dies führt nicht zu
treten. einem Abbruch der Politisierung
Immer mehr Bäuerinnen und sondern zu einer weiteren Ra-
Bauern verlassen ihre Dörfer dikalisierung. Neben den politi-
um ihr Glück im Umfeld der boo- schen AktivistInnen versuchen
menden Fabriken, Werften und auch Teile des Klerus ArbeiterIn-
Baustellen zu suchen. In den nen zu organisieren, allerdings
Städten entstehen so rasch neue, mit dem Segen des Zaren und der

18 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Unterstützung der Orchana. den kirchlichen ArbeiterInnen-
Neben der sich mehr und mehr organisationen mitgetragen, die
organisierenden ArbeiterInnen- in den Streiks und Protesten eine
klasse steigt die Unzufriedenheit nicht unwesentliche Rolle spie-
mit den starren politischen Ver- len. Sozialistische AktivistInnen,
hältnissen auch unter StudentIn- die darüber hinaus den Sturz des
nen und AkademikerInnen, dem Zaren anstreben, haben zunächst
neuen Großbürgertum, und der Schwierigkeiten sich Gehör zu
– teilweise – liberal eingestell- verschaffen. In Petersburg setzt
ten neureichen Geldelite. Sie alle sich allerdings zum ersten Mal
fordern BürgerInnenrechte und ein Sowjet (Rat) der ArbeiterIn-
parlamentarische Mitbestim- nendeputierten zusammen, der
mung. Der Druck im russischen zum Koordinationszentrum der
Dampfkessel steigt von Tag zu Protestbewegung wird. Als am 9.
Tag – hinzu kommt die Niederla- Januar ca. 150.000 Demonstran-
ge im russisch-japanischen Krieg tInnen in das Stadtzentrum strö-
1904, der Tausenden das Leben men, um dem Zaren eine Petition
gekostet hatte. zu übergeben, schießen Soldaten
in die Menge, hunderte Arbei-
terInnen sterben, es kommt zu
Die Revolution von 1905 schweren Auseinandersetzun-
gen in der ganzen Stadt. In den

D ieser Druck bricht sich in


den ersten Januartagen des
Jahres 1905 seine Bahn. Ein zu-
kommenden Tagen und Wochen
setzen sich Streiks, Straßen-
kämpfe und Meutereien unter
nächst kleinerer Streik in Pe- Soldaten in vielen Städten des
tersburg3 weitet sich binnen ei- Riesenreichs mit Tausenden von
ner Woche auf über 380 Betriebe Toten fort.
aus, über 100.000 ArbeiterInnen Schließlich kommt es im Som-
beteiligen sich. Die Forderungen mer auch zu einer Aufstandsbe-
der Streikenden lauten: Mitbe- wegung unter der bäuerlichen
stimmung in den Fabriken, Ein- Bevölkerung, hunderte von
führung des Achtstundentages, Gutshäuser gehen in Flammen
Zulassung freier Gewerkschaften, auf. Die revolutionäre Bewe-
Rede- und Pressefreiheit, freie gung bringt das alte System ins
Wahlen zu einer verfassungs- Wanken. Der Zar hält eisern an
gebenden Versammlung. Diese seiner Alleinherrschaft fest und
Forderungen werden auch von reagiert auf die Ereignisse mit

3) Sankt Petersburg war bis März 1918 die russische Hauptstadt. 1914 wurde sie in Petrograd umbenannt, von 1924
bis 1991 trug sie den Namen Leningrad.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 19


weiteren Verschärfungen der Re- setzungen. Hausdurchsuchun-
pression. Er plant, eine Militär- gen, Verhaftungen, Verurteilun-
diktatur zu errichten. Schließlich gen durch Feldgerichte ohne
zwingen ihn im Mai 1905 einige Beweise binnen weniger Stun-
Adelige aus seinem Umfeld, zag- den und darauf folgende Hin-
haften Reformen zuzustimmen, richtungen sind an der Tages-
um der Bewegung den Wind aus ordnung. Mehrere zehntausend
den Segeln zu nehmen und eine Aufständische sind hingerichtet,
Revolution abzuwenden. Der eingekerkert oder deportiert. Die
Zar genehmigt ein Parlament Aufstände flachen daraufhin ab.
(Duma), in dem nach einem Die bürgerlich-demokratische
Ständewahlrecht gewählt wird Revolution ist gescheitert. Das
- dem allerdings höchstens eine zaristische System hat zunächst
beratende Funktion zukommt. standgehalten, der Zar hält sich
Vom Zaren wird es konsequent weiter für unverwundbar. Das
und demonstrativ missachtet. Regime hat jedoch sein wahres
Alle reale Macht liegt weiterhin Antlitz enthüllt.
beim ihm, er plant ohnehin, die Die politischen Probleme des
Reformen nach einer Befriedung Landes, die soziale Lage der Ar-
wieder zurück zu nehmen. Doch beiterInnen, Bäuerinnen und
viele der liberalen BürgerInnen, Bauern bleiben zunächst unge-
die die kämpfenden ArbeiterIn- löst. Die zugespitzten Auseinan-
nen zunächst unterstützt hatten, dersetzungen sorgen weiter für
lassen sich davon blenden und Politisierung. Linke Parteien ar-
stellen die Unterstützung der beiten teilweise in der Legalität
Streikenden ein. weiter, indem sie sich an der –
1906 wird eine Landreform um- weitgehend machtlosen – Duma
gesetzt, um die Bäuerinnen und beteiligen, teils lehnen sie die
Bauern zufrieden zu stellen. Vie- dortige Mitarbeit ab, da sie durch
len ArbeiterInnen, Bäuerinnen, ihre Beteiligung nicht am weite-
Bauern und Soldaten gehen diese ren Überleben des alten Systems
Zugeständnisse allerdings nicht beteiligt sein wollen. Im Unter-
weit genug, die Revolte schwillt grund ziehen die Bolschewiki die
zunächst noch an, weitere Trup- Lehren aus der mittlerweile ge-
penteile meutern, es wird weiter scheiterten Revolution, analysie-
gestreikt. Neben den erwähnten ren die Erfahrungen und die wei-
Reformen geht das Zarenregime tere politische Entwicklung und
weiter mit äußerster Härte ge- nehmen – vor allem – den Aufbau
gen Aufständische vor: Tausende der ausgebluteten und am Boden
sterben in direkten Auseinander- liegenden Partei in Angriff. >>

20 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Ihnen gegenüber stand die
zweite große Strömung der rus-
sischen Sozialdemokratie, die
Menschewiki. Diese negierten
den revolutionären Charakter
des Marxismus, versuchten ihn
auf eine ökonomische Analyse
zu begrenzen. Zu einer ersten
Spaltung zwischen den beiden
Strömungen kam es auf dem
Parteitag von Brüssel und Lon-
don (1903). Die Bolschewiki mit
Lenin an ihrer Spitze wollten die
Organisation als straffe Kader-
partei (Partei des neuen Typus)
Die organisieren, die Menschewiki
als breite und flexible Partei mit
Bolschewiki lockerer Mitgliedschaft. Nach
diversen ideologischen Debat-
Die Bolschewiki waren eine der ten kam es 1912 bei der Kon-
beiden bedeutendsten Strö- ferenz in Prag zur organisatori-
mungen der 1898 gegründeten, schen Trennung in radikal linke
marxistisch orientierten Sozial- Bolschewiki und „gemäßigte
demokratischen Arbeiterpartei SozialistInnen“ (Menschewiki).
Russlands (SDARP). Ihr primäres Wichtige Unterschiede zwi-
Ziel war der Sturz des Zaren, im schen den beiden Fraktionen
Anschluss daran wurde die stra- bestanden in der Haltung zum
tegische Ausrichtung auf die Parlamentarismus (Bolschewi-
Diktatur des Proletariats4 auf ki: taktisches Verhältnis, Men-
Basis von ArbeiterInnen- und schewiki: Aufbau einer demo-
Soldatenräten und die Errich- kratisch-parlamentaristischen
tung des Sozialismus gerichtet. Partei), zum imperialistischen
Die Bolschewiki vertraten einen Weltkrieg (Bolschewiki: klare
revolutionären Kommunismus Ablehnung, Menschewiki: un-
auf den Grundlagen der wissen- klare und schwankende Hal-
schaftlichen Theorien von Marx tung) und zum bewaffneten
und Engels. Kampf.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 21


Der Erste Weltkrieg eine konsequent revolutionäre
Linie verfolgen und den Welt-

I m Juli 1914 tritt Russland im


Bündnis mit Frankreich und
Großbritannien in den Ersten
krieg als imperialistischen Krieg
der Reichen und Mächtigen, in
dem es um die Neuaufteilung
Weltkrieg gegen die Mittelmäch- von Kolonien und um noch mehr
te des Deutschen Reichs und Macht und Profit geht, brand-
Österreich-Ungarns ein. Die rus- marken und zum Widerstand
sische Armee ist den Gegnern gegen diesen Krieg aufrufen.
unterlegen, binnen der nächsten 1915 und 1916 finden im kleinen
zweieinhalb Jahre fordert der Schweizer Örtchen Zimmerwald
Krieg 5,5 Millionen Tote und Ver- zwei Konferenzen der Vertrete-
letzte, allein auf russischer Seite. rInnen der linken Oppositionen
Die ArbeiterInnen, Bäuerinnen in den Sozialistischen Parteien
und Bauern in Uniform werden statt. Sie rufen die Werktätigen
von den zaristischen Offizieren aller Länder auf, mit dem imperi-
oft regelrecht verheizt. alistischen Krieg Schluss zu ma-
Wie beispielsweise in Deutsch- chen, die Gewehre umzudrehen
land haben auch in vielen ande- und ihn in einen revolutionären
ren europäischen Ländern die Bürgerkrieg umzuwandeln um
opportunistischen Strömungen die jeweils eigene Regierung zu
in den sozialdemokratischen stürzen. Als Voraussetzung da-
Parteien die Oberhand, die unter für benennt vor allem Lenin die
dem Vorwand der „Vaterlands- vollständige organisatorische
verteidigung“ den Weltkrieg Trennung von den opportunis-
unterstützen. An diesem Verrat tischen Parteiströmungen. Die
an sozialistischen Grundhaltun- internationale Vereinigung der
gen der ArbeiterInnenbewegung revolutionären Kräfte geht als
(„Internationale Solidarität“) Zimmerwalder Linke in die Ge-
zerbricht schließlich die II. Inter- schichte ein.
nationale5. Durch den Krieg verschärft sich
Auch in Russland unterstützt die die wirtschaftliche und gesell-
Strömung der Menschewiki den schaftliche Krise in Russland
Krieg, während die Bolschewiki erneut, immer wieder kommt

4) Der Begriff „Diktatur des Proletariats“, der bei vielen Menschen zunächst negative Assoziationen auslösen mag,
bedeutet nichts anderes als die Herrschaft der großen Mehrheit der Lohnabhängigen über die Minderheit der Kapi-
talisten. Sie ist die politische Herrschaftsform der ArbeiterInnenklasse in der Übergangsperiode vom Kapitalismus
zum Kommunismus.
5) Zusammenschluss von sozialdemokratischen Parteien aus ganz Europa, gegründet 1889 in Paris. Noch 1913 wurde
auf einer Konferenz der Beschluss gefasst, einen zukünftigen Krieg zwischen den Ländern mit einem Krieg zwischen
den Klassen zu beantworten.

22 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


es zu Streiks und Desertion von fegt, seine Minister danken ab.
den Truppen. Im Januar 1917 ist Der Zar selbst will zunächst kei-
die wirtschaftliche Zerrüttung ne Kompromisse eingehen und
enorm, die kapitalistischen Mit- will den Aufstand mit loyalen
tel zur wirtschaftlichen Regu- Frontverbänden niederschlagen.
lierung greifen nicht mehr, die Am 02.03.1917 sieht er aller-
Lebensmittelversorgung bricht dings die Aussichtslosigkeit die-
komplett zusammen. ses Vorhabens ein und dankt ab.
Die bürgerlich-demokratische
Revolution hat gesiegt.
Die Februarrevolution

D ie revolutionäre Krise reift


rasch heran, am 18. Feb-
Doppelherrschaft

ruar 1917 treten die Arbeite-


rInnen des größten Betriebs in
Petrograd in den Streik. Nach
W ährend im ganzen Land an
fast allen Orten ArbeiterIn-
nen- und Soldatenräte gegründet
anfänglichem Zögern spielen die werden, tritt dem Petrograder
Bolschewiki eine zentrale Rol- ArbeiterInnen- und Soldatenrat,
le in der Streikbewegung, der der schon seit einigen Tagen die
innerhalb weniger Tage zum Macht in Petrograd innehat, nun
Generalstreik unter dem Motto das neue Machtorgan der Bour-
„Brot & Frieden! Weg mit dem geoisie gegenüber: Die sogenann-
Zaren!“ wird. Nach dem es am te Provisorische Regierung. Die
26.02.1917 noch zu Massenver- Provisorische Regierung wurde
haftungen kommt, die Soldaten zunächst von Liberalen, Anhän-
den Schießbefehl erhalten, de- gern einer konstitutionellen Mo-
nen zunächst zahlreiche Arbeite- narchie und den sog. Sozialrevo-
rInnen zum Opfer fallen, werden lutionärInnen unterstützt, später
die Soldaten durch linke Agitato- treten auch Menschewiki in die
rInnen überzeugt, die Gewehre Provisorische Regierung ein. Die
umzudrehen. Bis zum Abend des beiden Organe ringen wochen-
27. Februars sind 60.000 Solda- lang um die Macht, um Krieg und
ten auf die Seite der Revolution, Frieden - die sogenannte Zeit der
die mittlerweile zum bewaffne- Doppelherrschaft beginnt.
ten Aufstand geworden ist, über- Doch auch in den Sowjets tum-
gelaufen. Innerhalb weniger Tage meln sich nicht (nur) revolutio-
dehnt sich der Aufstand auf das näre ArbeiterInnen, auch viele
komplette Land aus. Das Blutre- KleinbürgerInnen und opportu-
gime des Zaren wird hinwegge- nistische Menschewiki mischen

Revolutionäre Aktion Stuttgart 23


mit, die unnötigerweise Macht an pularität einbringt. In Petrograd,
die Provisorische Regierung ab- Moskau und weiteren großen
treten. Diese sagt den Kriegsver- Städten können sie im Sommer
bündeten zu den Krieg gegen die 1917 die Mehrheit in den Sow-
Mittelmächte zunächst fortzu- jets erringen. Ihre zentralen For-
führen. Mittlerweile sind zahlrei- derungen lauten: Bedingungs-
che RevolutionärInnen aus dem loser und sofortiger Frieden,
Gefängnissen befreit und aus der Verteilung des Landes an die
Verbannung aus Sibirien zurück- arme Landbevölkerung, Kontrol-
gekehrt und stärken die Sache le der Fabriken durch die Arbei-
der Bolschewiki. Im April kehrt terInnen.
auch Lenin aus dem Schweizer Da der Krieg noch immer andau-
Exil zurück. Er wird von tausen- ert, die materielle Not noch im-
den revolutionären ArbeiterIn- mer groß ist, kommt es im Herbst
nen empfangen. Er formuliert die zu einem weiteren revolutionä-
bekannten April-Thesen in denen ren Aufschwung. Im September
er u.a. die Überleitung der bür- und Anfang Oktober schließen
gerlich-demokratischen in eine sich immer mehr Konferenzen,
sozialistische Revolution fordert. Gewerkschaftskongresse und
Er plant den Sturz der Provisori- ArbeiterInnen- und Soldatenräte
schen Regierung und die soforti- im ganzen Land den Forderun-
ge Machtübernahme der Sowjets gen der Bolschewiki an.
als politische Form der Diktatur Diese nehmen Kurs auf den be-
des Proletariats. Doch im Juli waffneten Aufstand. Ihr Zentral-
scheitert ein bewaffneter Auf- komitee fasst am 10.10.1917 ei-
stand, der dies durchsetzten will, nen entsprechenden Beschluss,
zunächst. Die Provisorische Re- ihre militärischen Organisatio-
gierung verbietet die Bolschewi- nen treffen konkrete Vorberei-
ki und nimmt die AnführerInnen, tungen. Lenin kehrt – zunächst
derer sie habhaft werden kann, im Verborgenen – aus Finnland
fest. Lenin kann nach Finnland zurück, um sich an der politi-
entkommen und hält sich dort schen Leitung des Aufstandes zu
im Untergrund verborgen. Doch beteiligen. Am 24.10.1917, dem
den steigenden Zuspruch der Vorabend der Revolution, ist
Bolschewiki im Kampf um die die Spannung in vielen Städten
Massen kann dies nicht brechen. des riesigen Reichs und in ganz
Im August haben sie eine führen- Petrograd zu spüren. Das Revo-
de Rolle in der Niederschlagung lutionäre Militärkomitee lässt
eines versuchten Militärput- alle Truppenteile in Alarmbe-
sches, was ihnen zusätzliche Po- reitschaft versetzen, der Panzer-

24 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


kreuzer Aurora wi-
dersetzt sich dem
Befehl der Proviso-
rischen Regierung
aufs offene Meer zu
fahren und bleibt in
Petrograd. An die
Roten Garden und
revolutionäre Trup-
penteile werden
Waffen ausgegeben.
Die Provisorische
Regierung ver-
sucht noch einmal
g e g e n z u s te u e r n ,
lässt die wenigen
verbliebenen loya-
len Truppenteile
a u f m a r s c h i e re n ,
versucht führen-
de Bolschewiki zu
verhaften und Zei-
tungen schließen
zu lassen. Zuletzt Telegrafenämter, Militärgarni-
lassen sie die Brücken, die die sonen). Die entmachtete Provi-
ArbeiterInnenbezirke vom Zent- sorische Regierung zieht sich
rum trennen, heraufziehen. in den Winterpalais zurück, der
am Abend nach den historischen
Schüssen des revolutionären
Die Oktoberrevolution Panzerkreuzers Aurora von Ar-
beiterInnen, revolutionären Sol-
I n den frühen Morgenstunden
des 25.10.1917 bricht die sozi-
alistische Oktoberrevolution los:
daten und Matrosen gestürmt
wird. Schon in der darauffolgen-
den Nacht nimmt der gesamt-
Die Roten Garden, revolutionäre russische Sowjetkongress sei-
Soldaten und Matrosen beset- ne Arbeit auf und bildet den Rat
zen binnen weniger Stunden alle der VolkskommissarInnen, die
wichtigen Gebäude und Plätze Sowjetregierung der ArbeiterIn-
der Hauptstadt (Staatsbank, nen, Bäuerinnen und Bauern.
Bahnhöfe, Post-, Telefon- und

Revolutionäre Aktion Stuttgart 25


Am darauf folgenden Tag fasst kann sich in vielen Städten und
der Kongress weitere Beschlüs- Regionen durchsetzen, in an-
se von historischer Tragweite, so deren Regionen rüstet sich die
z.B. das Dekret über den Frieden Konterrevolution zum Bürger-
(sofortige Friedensverhandlun- krieg. Anfang Dezember kommt
gen mit allen kriegführenden es zum Waffenstillstand zwi-
Regierungen) und das Dekret schen der Sowjetregierung und
über den Grund und Boden (ent- den Mittelmächten. Lenin ist mit
schädigungslose Enteignung der seiner Position einer sofortigen
Großgrundbesitzer, kostenlo- Einstellung der Kampfhandlun-
se Überlassung des Bodens an gen zunächst in der Minderheit,
die arme und werktätige Land- kann dann aber die Mehrheit der
bevölkerung). Diverse weitere Bolschewiki davon überzeugen,
Maßnahmen zur sozialistischen dass die Leben der Frontsolda-
Umgestaltung folgen in den kom- ten schwerer wiegen, als die Zu-
menden Wochen. Doch viel Zeit geständnisse, die dem Deutschen
aufzuatmen bleibt den Revoluti- Reich gemacht werden müssen.
onärInnen nicht. Dieses kann der Sowjetregie-
rung angesichts ihrer militäri-
schen Übermacht die Kontrolle
Der Kampf gegen die Konter- über große Gebiete, Rohstoffe
revolution und dringend benötigte Lebens-
mittelvorräte abpressen, man

I n den darauf folgenden Ta-


gen versuchen Anhänger der
Provisorischen Regierung eine
spricht vom „Raubfrieden“ von
Brest-Litowsk. Im Dezember
wird die außerordentliche Kom-
militärische Gegenoffensive um mission („Tscheka“) gegründet,
Petrograd, die jedoch vom kom- die als bewaffnetes Organ die
munistischen KämpferInnen gerade erkämpfte Herrschaft ab-
zurückgeschlagen wird. In ei- sichern soll. Sie wird vor allem
nigen Landesteilen verläuft die gegen sich formierende Verbän-
Revolution weitgehend friedlich, de der sogenannten Weißen Gar-
in anderen Städten wie z.B. in den, die sich aus Resten des za-
Moskau kommt es zu größe- ristischen Heers, Monarchisten,
ren Kämpfen, die dort aber bis Kadetten, Sozialrevolutionären,
zum 02.11.17 niedergeschlagen Kosaken, und weiteren Reaktio-
werden können. Der politische nären und Konterrevolutionären
Kampf um die Macht wird in den zusammensetzen, vorgehen. Im
darauffolgenden Wochen aus- darauffolgenden Februar 1918
gefochten, die Sowjetregierung gründet der Rat der Volkskom-

26 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


missarInnen die schnell anwach- Überraschung Vieler gelingt
sende „Rote ArbeiterInnen- und der Roten Armee zunächst die
Bauernarmee“. Abwehr eines Angriffs weißer
Truppen auf Petrograd und
Im Laufe des Jahres 1918 set- dann in einer Gegenoffensive
zen die Weißen Garden unter die Zurückdrängung der Reak-
General Denikin und Admiral tionäre in den Süden und Osten
Koltschak die Sowjetregierung des Riesenreiches. Damit haben
mächtig unter Druck. Sie bringen sich die Bolschewiki zunächst
die transsibirische Eisenbahn etwas Luft verschafft, bis 1922
unter ihre Kontrolle und haben kommt es jedoch immer wieder
mehrere hunderttausend Mann zu heftigen Kämpfen. Durch die
unter Waffen. Hinzu kommt, dass Feldzüge, der von den imperia-
verschiedene Hafenstädte vor listischen Mächten unterstützen
allem durch französische, briti- Reaktionäre, verlieren weitere
sche, US-amerikanische und ja- Millionen von SowjetbürgerIn-
panische Verbände erobert und nen ihr Leben in dem ohnehin
besetzt werden. Dies dient dazu, schon ausgebluteten Land. Nach-
die Wege offen zu halten, über die dem dieser schmerzhafte und
sie die Weißen Garden logistisch unermesslich hohe Blutzoll be-
und vor allem durch massive glichen war und die Bolschewiki
Waffenlieferungen unterstützen den Sieg errungen haben, kann
können. Für diesen Zweck wen- nun mit dem Aufbau des jungen
den die Regierungen der Entente Staates und der sozialistischen
immense Summen auf. Umgestaltung begonnen werden.
Der Krieg kehrt mit seinem ge-
samten Leid, dem Tod und der
Zerstörung zurück. Weiße Ver- Die weitere Entwicklung der
bände rücken im Frühjahr 1919 Sowjetunion
aus Sibirien bis über die Wol-
ga vor, aus dem Süden rücken
die Weißen auf Moskau vor, aus
Westen greifen zudem polnische
D ie weitere Entwicklung der
Sowjetunion zu umreißen,
zu diskutieren und zu bewerten
Verbände das Sowjetreich an. würde den Rahmen dieser Ver-
Zuletzt stehen die Weißen im öffentlichung bei weitem spren-
Herbst 400 km vor Moskau – das gen. Sicher ist, dass die Entwick-
inzwischen zur Hauptstadt ge- lung des Staates nach dem Tode
worden war. Unter gewaltigen Lenins und seiner GenossInnen
Anstrengungen, Entbehrungen der ersten Stunde einen Weg ge-
und zahllosen Opfern und zur nommen hat, der neben viel Licht

Revolutionäre Aktion Stuttgart 27


auch seine
Schatten-
seiten hat-
te. Sicher
ist auch,
dass die So-
wjetunion
nach über
70 Jahren
ihrer Exis-
tenz ge-
scheitert
ist. Dies
lag neben
eine denkbar ungünstigen Aus- Historische Bedeutung...
gangslage in dem nach wie vor
rückständigen und nach acht
Jahren Krieg buchstäblich aus-
gebluteten Land mit niedrigem
N ach diesem kurzen histo-
rischen Abriss der damali-
gen Ereignisse wollen wir kurz
Bildungsniveau, auch an der umreißen, welche historische
geopolitischen Entwicklung (ein Bedeutung wir der großen sozia-
weiterer Vernichtungsfeldzug listischen Oktoberrevolution bei-
des deutschen Faschismus gegen messen und welche Lehren wir
die Sowjetunion, dann System- aus der Geschichte für die strate-
konfrontation und Wettrüsten, gische Ausrichtung unserer Poli-
etc.). Auch im Inneren der Sow- tik ziehen können. Die Oktober-
jetunion gab es eine Verkettung revolution erstritt – nach einem
von Fehleinschätzungen und ersten Versuch durch die Pari-
-entscheidungen. Mit einer um ser Communarden - erstmals in
sich greifenden Bürokratisie- der Geschichte praktisch und in
rung entfernte die Partei sich großem Maßstab, das, was Marx
mehr und mehr von den Massen. und Engels zu Papier gebracht
Zudem entwickelte sich die ver- hatten: Eine - zunächst im Auf-
hängnisvolle Tendenz, auf Wi- bau befindliche - sozialistische
dersprüche in undialektischer Gesellschaftsordnung. Das Pro-
Weise mit Repression – auch letariat eroberte die Macht und
gegen die eigenen GenossInnen errichtete ein Sowjetsystem. Das
– zu reagieren, statt diese aufzu- heißt, die ArbeiterInnen, Bäue-
greifen und den Sozialismus dar- rinnen und Bauern übten über
an weiter zu entwickeln.

28 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Räte, in denen die Delegierten Jahr zu Jahr. Nicht zuletzt wur-
ihren WählerInnen jederzeit zur de ein nie dagewesenes Maß an
Rechenschaft verpflichtet waren Gleichberechtigung zwischen
und ebenso jederzeit abgewählt Frau und Mann erreicht. Viele
werden konnten, die direkte gesellschaftlichen Errungen-
Regierungsmacht aus. Dieses schaften, die heute wieder ver-
System konnte mittels der Dik- schwunden sind oder massiv in
tatur des Proletariats gegen alle Frage gestellt werden, wurden
Angriffe von Innen und Außen damals rasch zu Selbstverständ-
verteidigt werden. Die Groß- lichkeiten. Auch für zahlreiche
grundbesitzer, Fabrikanten und technische Errungenschaften
Kapitalisten wurden enteignet durch die der Lebensstandard
und ihr ehemaliger Besitz in Ge- der Bevölkerung gesteigert wur-
meingut umgewandelt. Die ka- de, war der Sowjetstaat die Aus-
pitalistische Produktionsweise gangsbasis. So wurde binnen
wurde durch eine Planwirtschaft weniger Jahre nach Beendigung
und Güterverteilung ersetzt, die des Krieges nahezu das gesam-
zum Wohl der gesamten Gesell- te Riesenreich elektrifiziert, gi-
schaft organisiert und weiterent- gantische Infrastrukturprojekte
wickelt wurde. im Straßen- und Schienenbau
Die Revolution markierte einen folgten - und nicht zuletzt war
radikalen Wandel in allen ge- der erste Mensch im Weltall
sellschaftlichen Bereichen, ange- der sowjetische Kosmonaut Juri
fangen bei der Organisation der Gagarin - ein Beweis für die Be-
Produktion, der Verteilung des mühungen, wissenschaftlichen
gesellschaftlichen Reichtums, und technischen Fortschritt trotz
der politischen Organisation widriger Bedingungen schnell
und Verwaltung des neuen Staa- zu entwickeln und fernab von
tes und seiner Organe, bis in die Profitinteressen für den sozialis-
Bereiche Gesundheits- und So- tischen Aufbauprozess nutzbar
zialpolitik, Kultur, Bildung und zu machen. Letztendlich legte
Erziehung. So wurde ein für die die Oktoberrevolution mit den
SowjetbürgerInnen kostenloses enormen Wiederaufbau- und In-
Gesundheitssystem, das auf der dustrialisierungsleistungen auch
Welt schon bald seinesgleichen die Grundlage dafür, dass es der
suchte, aufgebaut. Bildung wur- Roten Armee möglich wurde,
de den breiten Massen auch in über den deutschen Faschismus
den ländlichsten Gegenden zu- zu siegen.
gänglich gemacht – die Quote Auch die weiteren geopolitischen
der AnalphabetInnen sank von Folgen der Oktoberrevolution

Revolutionäre Aktion Stuttgart 29


waren enorm. Nicht nur, dass Gewehre umzudrehen, einen
– weitere Revolutionen sollten imperialistischen Weltkrieg zu
folgen – ein sechstel des Erdballs beenden und den bewaffneten
rot wurde. Das sowjetische Wirt- Massenaufstand zu organisie-
schafts- und Gesellschaftsmodell ren. Die Bolschewiki waren mit
und seine rasante Entwicklung der sozialistischen Revolution
aus der Rückständigkeit wur- auch deshalb erfolgreich, weil sie
de zu einer Großmacht und für frühzeitig entscheidende Wei-
viele Bewegungen und Parteien chen ihrer Politik stellten und in
des sogenannten Trikonts zum der Lage waren, ihre Politik stra-
Orientierungspunkt. Die Sowjet- tegisch und vorausschauend aus-
union unterstütze ihrerseits wie- zurichten. An diesen Weichen-
derum weltweit, im Rahmen ei- stellungen für eine erfolgreiche
nes gelebten Internationalismus, revolutionäre Politik können wir
fortschrittliche Bewegungen uns auch heute orientieren. Die
nach Kräften – wo diese bewaff- Bolschewiki erkannten spätes-
net kämpften auch durch Aus- tens nach der gescheiterten Re-
bilderInnen und Waffen - aber volution von 1905, dass es, um
ebenso durch Unterstützung in eine Revolution zum Erfolg zu
Fragen der Nahrungsmittelpro- führen absolut notwendig ist, die
duktion, der Entwicklung von Vereinzelung und Zersplitterung
Gesundheits- und Bildungssys- der Klasse zu überwinden und
tem und der Industrialisierung. diese zu organisieren.
Über Jahrzehnte und bis heute Dazu musste eine entschlossene
ist die Oktoberrevolution Be- und vor allem eine konsequent
zugspunkt, Hoffnungsträgerin der revolutionären Linie fol-
und Inspiration für antikoloniale genden Organisation aufgebaut
Befreiungsbewegungen, kommu- werden, die sich weder an Re-
nistische Parteien und revoluti- formbemühungen abarbeitet,
onäre Organisationen auf allen noch lediglich radikale Phrasen
Kontinenten. drescht, ohne Bezug zu den ta-
gesaktuellen Kämpfen und den
gesellschaftlichen Notwendig-
...und Aktualität der Oktober- keiten herzustellen. Sie muss in
revolution dem klaren Bewusstsein han-
deln, dass das Proletariat die

S icher ist unsere Lage in der


BRD 2017 eine völlig andere
als in Russland vor 100 Jahren.
einzige Klasse ist, die ein objekti-
ves Interesse an der Beseitigung
des kapitalistischen Systems hat
Aktuell geht es nicht darum, die und die einzige Klasse ist, die in

30 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


der Lage ist, den Sozialismus zu Neben dem politischen Aufbau
organisieren. Durch jederzeiti- einer revolutionären Organisati-
ge Konsequenz, Verlässlichkeit on wurde ebenfalls klar, dass die
und Geradlinigkeit muss die herrschende Klasse, Kapital und
Organisation sich das Vertrau- Reaktion – und das gilt damals
en der Massen erkämpfen. Sie wie heute - sich nicht durch Pe-
muss im Klassenkampf zuhau- titionen, höfliches Bitten, parla-
se sein, zu den verschiedensten mentarische Resolutionen oder
fortschrittlichen Kämpfen Bezug spontane Aufstände vertreiben
aufnehmen und in allen Feldern lassen – warum sollten sie auch?
des politischen Widerstands Der bewaffnete Aufstand durch
ihre Kampfkraft entwickeln. Das systematisch aufgebaute und ge-
heißt eben auch, Proteste und schulte Organisationen brachte
Widerstände etwa des Kleinbür- die Revolution der Bolschewi-
gertums gegen die herrschende ki schließlich zum Durchbruch.
Klasse an den Kampf der Arbei- Wie schon zuvor die Pariser
terInnenklasse anzuschließen. Communarden mussten auch
Sie muss in der Lage sein, einen sie erfahren, dass sie Reaktion
lebendigen Marxismus auf die auch nach einer erfolgreichen
jeweilige Situation anzuwenden Revolution mit allen zur Verfü-
und anzupassen – ohne seine re- gung stehenden Mitteln zum Ge-
volutionären Grundzügen zu ver- genschlag ausholen wird. Indem
wässern. Der Aufbau einer sol- die historischen Lehren aus der
chen Organisation ist für uns als Zerschlagung der Pariser Com-
- zur Zeit - marginalisierte und mune gezogen wurden, waren
nur wenig in der ArbeiterInnen- die Bolschewiki besser vorbe-
klasse verankerte deutsche Linke reitet und ruhten sich nicht auf
sicherlich die mühsamste, aber dem Erreichten aus, sondern
auch zentralste strategische Auf- versuchten von Anfang an, der
gabe. Der Kampf der Bolschewiki Konterrevolution möglichst we-
hat jedoch auch gezeigt, dass Ge- nig Spielraum zu lassen und be-
schichte sich sprunghaft entwi- waffnete Verteidigungsorgane zu
ckeln kann und eine revolutionä- schaffen. Trotzdem: Der Ausgang
re Situation schneller entstehen war denkbar knapp, aber es hat

.
kann, als manche es sich vorstel- letztendlich gereicht, den neuen
len konnten. Wer hätte 1905, als Sowjetstaat zu verteidigen und
die Partei am Boden lag, gedacht, durchzusetzen.
dass Sie nur 12 Jahre später die
Machtfrage zu ihren Gunsten be-
antworten konnte?

Revolutionäre Aktion Stuttgart 31


WIE
K Ä M P F T
GE ,
W I R D
C H E I D E N
E NT S
W I R !
32 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017
Die RAF
Teil revolutionärer Geschichte

A
uch 40 Jahre nach den gerechtigkeit der Vergangenheit
Morden in Stamm- angehören. Dennoch lohnt sich
heim und bald 20 Jah- eine Auseinandersetzung mit ihr
re nach der Auflösung und der damaligen Zeit, da sie
der Roten Armee Fraktion (RAF), Teil der revolutionären Geschich-
wurden die Ereignisse in der To- te in Deutschland ist.
desnacht am 18. Oktober 1977
noch immer nicht aufgeklärt. Die RAF hat es als verhältnis-
Die Herrschenden hetzen noch mäßig kleine Gruppe geschafft
immer und stellen sich keiner die Herrschenden in Angst und
objektiven, historischen Aus- den Staat auf allen Ebenen in
einandersetzung mit der RAF Alarmbereitschaft zu versetzen.
und anderen damals bewaffnet Sie hat dem deutschen Natio-
kämpfenden Gruppen. Kaum ver- nalismus eine neue Form des
wunderlich, liegt es doch in ih- Internationalismus und der So-
rem Interesse RevolutionärInnen lidarität entgegengesetzt und
zu diffamieren und als Kriminelle dabei durchaus auch Sympathien
darzustellen, statt als Menschen, in der Bevölkerung erhalten. Der
die dem kapitalistischen System Staat hat sein ganzes Repertoire
zurecht den Kampf ansagen und an Aufstandsbekämpfung gegen
für eine befreite Welt einstehen, die RAF eingesetzt und dennoch
in der imperialistischen Kriege, ist es ihm nicht gelungen die RAF
Ausbeutung und die soziale Un- zu zerschlagen.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 33


Dieser Text soll einen Impuls ge- Ende des Faschismus besetzten
ben, sich mit der Geschichte der noch immer oder wieder viele
RAF authentisch zu beschäftigen Nazis Ämter in wichtigen Behör-
und die Deutungshoheit über das den wie der Bundeswehr, Justiz,
was war, nicht den bürgerlichen Polizei, in den Schulen, Geheim-
Medien, PolitikerInnen oder den diensten oder auch in der Regie-
„geläuterten“ selbstverliebten rung. Sie konnten dort weiter ihr
RAF-Aussteigern und Kronzeu- Unwesen treiben, während die
gen, die sich bewusst in Szene faschistischen Verbrechen unter
setzen, in Talkshows auftreten den Tisch gekehrt wurden. Linke
und sich mit sogenannten Insi- Kräfte wurden verfolgt, die KPD
derwissen brüsten, zu überlas- war verboten, während die Täter
sen. von damals die Kriege von mor-
Wir wollen dabei weder roman- gen planen konnten. Deutsch-
tisierend zurückblicken, noch die land unterstützte die Politik der
RAF und ihre Ansätze als Ganzes USA bedingungslos, die Kriege
verwerfen. Denn wer die herr- führte, rassistische Kolonialre-
schenden Verhältnisse nicht ak- gime in Afrika unterstützte und
zeptieren, sondern ernsthaft für weltweit gegen progressive Ent-
eine befreite Gesellschaftsord- wicklungen vorging. Hinzu kam
nung eintreten will, kommt nicht die Wiederbewaffnung Deutsch-
darum herum, auf den Erfah- lands und der NATO-Beitritt.
rungen derjenigen aufzubauen,
die wichtige praktische Beiträge Die entstehende Bewegung,
hierfür geleistet haben. Unser die ihre Anfänge in den Studie-
Anspruch muss es sein, ihre Feh- rendenprotesten hatte, wandte
ler herauszuarbeiten und nicht sich gegen die Kontinuität der
zu wiederholen, sowie die er- Faschisten und gegen die chau-
rungenen richtigen Erkenntnisse vinistischen vorherrschenden
und Erfahrungen auf einer neuen Moralvorstellungen. Es war eine
Stufe weiterzuentwickeln. Revolte gegen die bürgerlichen
Verhältnisse, gegen Krieg und
Aufrüstung, gegen den bürgerli-
Was war? chen Staat an sich. Die interna-
tionale Situation beflügelte und

D ie Situation in Westdeutsch-
land war in den 60er Jahren
moralisch, gesellschaftlich und
radikalisierte dabei den Wider-
stand: Weltweit fanden Kämp-
fe gegen die imperialistischen
politisch starr und repressiv: Länder statt. Ob antikoloniale
Nicht einmal 30 Jahre nach dem Kämpfe in Afrika oder auch die

34 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Befreiungskämpfe in Asien oder hängern und der Westberliner
Lateinamerika, sie gaben Men- Polizei angegriffen und bei der
schen Hoffnung auf ein besseres darauffolgenden Hetzjagd wur-
Leben und zeigten, dass die Ver- de der Student Benno Ohnesorg
hältnisse geändert werden kön- von einem Polizisten ermordet.
nen: Dieses Ereignis spitzte die Situa-
tion zu und radikalisierte die Be-
„Diesen historischen Prozess zu wegung, zeigte sich daran doch
begreifen, war schon ein Aha-Er- deutlich wie weit die Staatsmacht
lebnis, das den 68er Aufbruch ging, um ihre Handelspartner zu
prägte. Du erfährst plötzlich, es schützen.
wird mit dir nichts gemacht, son-
dern du kannst es selbst machen.
Die Geschichte steht auf deiner Zur Geschichte der RAF
Seite. Auch wenn wir immer eine
Minderheit waren – es hat uns
nichts ausgemacht. Wir wussten,
wir haben einfach einen ganzen
D er offiziellen Gründung im
Mai 1970, die mit der Erklä-
rung „Die Rote Armee aufbau-
Prozess bestimmt und darum ge- en“ bekannt gemacht wurde,
kämpft – dann war das nicht so ging die Befreiung von Andreas
ein Drama. Es gab keinen Grund, Baader voraus. Unmittelbar da-
demoralisiert zu sein von der nach begann die Fahndung nach
Schwäche der Linken. Wenn man RAF-Mitgliedern und wurden
nur die Birne rausgekriegt hatte die Repressionsbehörden per-
aus den deutschen Verhältnissen, sonell und von den rechtlichen
sah plötzlich alles anders aus.“ Möglichkeiten her aufgerüstet.
(Rolf-Clemens Wagner1) Ein bis dato unbekannter Fahn-
dungsaufwand, bei dem die po-
Insbesondere der Kampf des vi- lizeiliche Praxis bald „tot oder
etnamesischen Volkes, das sich lebendig“ lautete, begann. Die
mit einer sozialistischen Pers- ersten Aktivitäten der RAF wa-
pektive gegen die Aggression der ren Banküberfälle, um das Leben
USA zur Wehr setzte, sorgte für in der Illegalität zu ermöglichen.
breite Unterstützung. Am 2. Juni Am 15. Juli 1971 wurde das
1967 kam es zu Protesten ge- RAF-Mitglied Petra Schelm bei
gen den Besuch des persischen einer Fahrzeugkontrolle erschos-
Schahs in Berlin. Die Demonst- sen und im Dezember desselben
rantInnen wurden von Schahan- Jahres auch Georg von Rauch, ein

1) junge Welt-Interview, vom 17.10.2007: „Wir wollen den revolutionären Prozess weitertreiben“

Revolutionäre Aktion Stuttgart 35


Mitglied der „Tupamaros West- musste, die von dort aus koor-
berlin“. Im März 1972 folgte das diniert wurden. Hinzu kam noch
RAF-Mitglied Thomas Weißbe- ein Sprengstoffattentat gegen
cker, der von einem polizeilichen den damaligen Bundesrichter
Sonderkommando aus zwei Me- Buddenberg, dem verantwortli-
ter Entfernung erschossen wur- chen Ermittlungsrichter gegen
de. die RAF, der wie so viele andere
Richter seine juristische Karriere
Obwohl Medien und Politik alles im Faschismus begonnen hatte.
taten, um den Krieg gegen die Im Juni und Juli desselben Jahres
RAF zu unterstützen, ergab eine kam es zu Verhaftungen wich-
Untersuchung des Allensbach In- tiger (Gründungs-)Mitglieder –
stitutes aus dem Jahr 1971, dass unter anderem Ulrike Meinhof,
jedeR Vierte in Deutschland un- Andreas Baader, Holger Meins,
ter 30 Jahren mit der RAF sympa- Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin,
thisierte. JedeR fünfte BürgerIn Brigitte Mohnhaupt und Irmgard
tolerierte die (Schutz-)Aufnahme Möller.
eines Mitglieds vor Verfolgung Der Widerstand wurde damit je-
(12%) oder war diesbezüglich doch nicht gebrochen. Draußen
zumindest unentschieden (8%). und im Knast gingen die Kämpfe
JedeR Siebte schloss nicht aus weiter. Im Knast wurde Isolati-
RAF-Mitglieder über Nacht bei onsfolter ab 1972 zu einem üb-
sich zu verstecken und sechs lichen Mittel gegen die Gefange-
Prozent bezeichneten sich sogar nen, die sich mit Hungerstreiks
als potentielle HelferInnen2. dagegen zur Wehr setzten. Insge-
samt neun revolutionäre Gefan-
Im Jahr 1972 wurde der Krieg ge- gene überlebten diese Ausein-
gen Vietnam immer barbarischer. andersetzung nicht. Einer davon
Die RAF begann im Mai eine Of- war Holger Meins, der 1974 an
fensive, bei der sie Sprengstoffan- den Folgen der Zwangsernäh-
schläge auf das Hauptquartier rung starb.
des 5. US-Corps in Frankfurt, auf Am 8. Mai 1976 starb Ulrike
das Polizeipräsidium in Frank- Meinhof. Laut offizieller Version
furt, das LKA in München, das erhängte sie sich in ihrer Zelle
Springerhochhaus in Hamburg im Hochsicherheitstrakt Stutt-
und auf das US-Headquarter in gart-Stammheim, obwohl eine
Heidelberg verübten. Letzteres internationale Untersuchungs-
führte dazu, dass die US-Armee kommission zu einem anderen
vorübergehend Bombardierun- Ergebnis kommt:
gen gegen Vietnam einstellen

36 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


„Die Behauptung der staatlichen und keine Schmauchspuren auf
Behörden, Ulrike Meinhof habe den Händen gefunden werden
sich durch Erhängen selbst ge- konnten. Bei Gudrun Ensslin
tötet, ist nicht bewiesen, und die stellte der von der Stuttgarter
Ergebnisse der Untersuchung le- Staatsan-
gen nahe, dass sich Ulrike Meinhof waltschaft
nicht selbst erhängen konnte. Die beauftragte
Ergebnisse der Untersuchungen Prof. Jür-
legen vielmehr den Schluss nahe, gen Pfeiffer
dass Ulrike Meinhof tot war, als zwar fest,
man sie aufhängte, und es beun- dass der
ruhigende Indizien gibt, die auf Tod von ihr
ein Eingreifen eines Dritten im nicht durch
Zusammenhang mit diesem Tod Erhängen
hinweisen.“ (Bericht der Interna- eingetreten
tionalen Untersuchungskommis- sein kann,
sion3) allerdings
wurde dieser Widerspruch zu
Am 18. Oktober 1977 werden der offiziellen Ermittlungsrich-
die Gefangenen Andreas Baader, tung nicht weiter verfolgt. Ge-
Gudrun Ensslin und Jan Carl Ras- nauso wenig wie die Spuren von
pe tot und Irmgard Möller durch Gewalteinwirkung auf ihrem
Messerstiche schwerverletzt in Körper, die nicht auf den Todes-
ihren Zellen Stuttgart-Stamm- kampf zurück geführt werden
heim aufgefunden. Bis heute wi- können. Irmgard Möller selbst,
derlegen auch hier in allen Fällen die sich mit dem Messer vier Sti-
zahlreiche Indizien die offizielle che selbst zugeführt haben soll,
Selbstmordversion. So ist bei- schwer verletzt jedoch überleb-
spielsweise nicht geklärt, wie te, widerspricht der Selbstmord-
Waffen mit denen sich Andreas version. Röntgenaufnahmen, die
Baader und Jan Carl Raspe an- hierzu Aufschluss geben könn-
geblich erschossen haben sollen ten, werden ihr und ihren Vertei-
nach Stammheim eingeschmug- digern vorenthalten.
gelt werden konnten, wie es mög-
lich ist, dass niemand den Schuss In Mogadischu stürmte vor der
gehört hatte oder wieso die Waf- Mordnacht die GSG9 ein Flug-
fen keine Fingerabdrücke trugen zeug, das zur Erzielung der

2) www.socialhistoryportal.org/sites/default/files/raf/0019710300.pdf (Kepplinger, 1974, S. 770 ff: „Statusdevianz


und Meinungsdevianz. Die Sympathisanten der Baader-Meinhof-Gruppe“)
3) Der Tod Ulrike Meinhofs: Bericht der Internationalen Untersuchungskommission. 2. überarbeitete Auflage. Iva. 1.
Auflage Januar 1979 Paris

Revolutionäre Aktion Stuttgart 37


Freilassung der Gefangenen einem so noch nie dagewesenen
von palästinensischen Aktivis- Fahndungsdruck, Ermordeten
tInnen entführt worden war. und vielen Gefangenen - wahr-
Das RAF-Kommando Siegfried nehmbar zu sein und für eine
Hausner erschoss am 19. Okto- Kontinuität des Kampfes und für
ber, nach Bekanntwerden des eine revolutionäre Veränderung
Todes der drei RAF-Gefangenen, einzustehen.
den ehemaligen SS-Untersturm-
führer und damaligen Arbeit-
geberpräsidenten Hans-Martin Stadtguerilla
Schleyer. Er war zuvor entführt
worden, um die Gefangenen aus
der RAF im Austausch zu befrei-
en.
D ie RAF definierte sich als
Stadtguerilla und und orien-
tierte sich dabei an den Konzep-
ten in Lateinamerika:

„Es ist dort, was es auch hier


sein kann: die revolutionäre In-
terventionsmethode von insge-
samt schwachen revolutionären
Kräften. […] Stadtguerilla heißt,
sich von der Gewalt des Systems
nicht demoralisieren zu lassen.
Stadtguerilla zielt darauf ab, den
staatlichen Herrschaftsapparat
an einzelnen Punkten zu destru-
ieren, stellenweise außer Kraft zu
setzen, den Mythos von der Allge-
genwart des Systems und seiner
Unverletzbarkeit zu zerstören.“
(Das Konzept Stadtguerilla4)

Doch selbst das beendete die Die RAF sah es als ihre Aufgabe
Geschichte der RAF nicht, es an, dem Kapitalismus im Herzen
gab noch immer Menschen, die der Bestie, im Zentrum des Impe-
den Kampf fortsetzten und Ak- rialismus, den Kampf anzusagen,
tivistInnen, die für den Kampf während er zugleich von außen
gewonnen werden konnten. Es aus den Ländern des Trikonts
ist ihr in fast drei Jahrzehnten bekämpft wurde. Die Kämpfe
gelungen, als Organisation - trotz wurden als ein gemeinsamer

38 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Kampf begriffen und es entstand Grundlagen, die damals gelesen
eine neue Form des Internatio- wurden und von denen Impulse
nalismus. Dieser internationale ausgingen.
Rahmen begründete die Strate- Die RAF war zwar keine Massen-
gie der bewaffnet kämpfenden bewegung und es gelang ihnen
Gruppen und die Praxis wurde auch nicht diese durch ihre Ak-
zum Primat der Politik. Ange- tivitäten zu schaffen, ihre Aktio-
lehnt wurden die Konzepte auch nen versetzten die Herrschenden
an die sog. Fokustheorie (die in dennoch in Angst und Schrecken.
Kuba Erfolg hatte), laut der es die Sie gaben ihr bestes, um den
Aufgabe von RevolutionärInnen Widerstand auf allen Ebenen zu
ist, Brennpunkte zu entzünden, brechen. Diejenigen die in Haft
von denen heraus Konflikte mit kamen, wurden gefoltert, isoliert
den Herrschenden begonnen und sogar ermordet. Es wurde
werden und die wie eine Lawi- alles unternommen, bis hin zur
ne um sich greifend eine Bewe- Kreiierung eines sogenannten
gung entfachen sollen. So sollten „Terror-Gens“, um sich nicht den
durch das Engagement einiger Fragen zu stellen, die die RAF
Weniger die Massen gewonnen und andere bewaffnet kämpfen-
und die herrschenden Verhält- de Gruppen aufwarfen – dass der
nisse gestürzt werden: Kapitalismus nicht das Ende der
Geschichte ist und Ausbeutung
„Unser Projekt war auch ein an- von Menschen gemacht und von
deres als das der traditionellen Menschen beendet werden kann.
kommunistischen Parteien. Wir
haben auf den Prozess gesetzt, die
Guerilla zu entwickeln, durch un- Ein knapper Ausblick...
sere Aktionen gegen den Staat ge-
sellschaftlich zu polarisieren. Die
Guerilla, so unsere Vorstellung, ist
der kleine Motor, der den großen
D ie Politik der RAF war bis zu
ihrer Auflösung von unter-
schiedlichen Konzepten geprägt.
Motor anwerfen soll. Diesen klei- Die Isolierung der zahlreichen
nen Motor galt es aufzubauen und Gefangenen und die Schwierig-
zu verankern.“ (Helmut Pohl5) keiten, auf die sich seit 1970
weltweit und auch in Deutsch-
Die erfolgreiche Revolution in land massiv verändernde Situati-
China und die Schriften Mao Ze- on, immer Antworten zu finden,
dongs waren ebenfalls wichtige machten es ihr schwer, einen

4) Positionspapier der RAF „Das Konzept Stadtguerilla“ veröffentlicht im April 1971


5) Im Interview mit Rolf Clemens Wagner, jW (s.o.)

Revolutionäre Aktion Stuttgart 39


kontinuierlichen Prozess zu ge- Der Kapitalismus befand sich zu
währleisten. Während zu Beginn der damaligen Situation noch
ein Klassenstandpunkt noch in einer deutlich besseren Si-
deutlich erkennbar war, rückte tuation als heute. Die von ihm
später zunächst die Gefangenen- selbst erzeugten Widersprüche
frage ins Zentrum ihrer Politik konnten in Westdeutschland
und dann der Aufbau einer „Anti- noch unterdrückt oder integriert
imperialistischen Front“ in West- werden. Großen Teilen der Be-
europa. völkerung ging es ökonomisch
Es war nicht das Ziel der RAF gut und die Sozialpartnerschaft
eine Partei oder Massenorga- funktionierte mehr oder weniger
nisation aufzubauen, sie wollte reibungslos. Die direkte System-
stattdessen intervenieren. Sie konkurrenz durch die DDR (und
bezweifelte, dass der für eine anderer sozialistischer Staaten)
große Massenorganisation nö- sorgte ebenfalls dafür, dass der
tige Vereinheitlichungsprozess Kapitalismus alles gab, um sein
unter den damaligen Bedingun- System als überlegen dazustel-
gen machbar wäre und entschied len und hierfür auch bereit war,
sich daher für das Konzept Stadt- Zugeständnisse an die Lohnab-
guerilla: hängigen zu machen. Andere
Ansätze in Westdeutschland, die
„Die politischen Möglichkeiten die verschiedenen K-Gruppen
des Imperialismus sind hier we- beispielsweise verfolgten und
der in ihrer reformistischen noch die sich eher am orthodoxen
in ihrer faschistischen Variante Marxismus orientierten, hatten
erschöpft, seine Fähigkeiten, die rückblickend betrachtet, eben-
von ihm selbst erzeugten Wider- falls keinen Erfolg.
sprüche zu integrieren oder zu
unterdrücken, nicht am Ende. Das Dass sich der politische Schwer-
Konzept Stadtguerilla der Roten punkt der RAF schließlich auf
Armee Fraktion basiert nicht auf die Gefangenenfrage verlagerte
einer optimistischen Einschät- und viele Aktionen die Justiz und
zung der Situation in der Bundes- ihre Handlanger zum Ziel hat-
republik und Westberlin [...] Stadt- ten, oder die Gefangenen damit
guerilla heißt, trotz der Schwäche befreit werden sollten, ist in der
der revolutionären Kräfte in der damaligen Situation begründet:
Bundesrepublik und Westberlin
hier und jetzt revolutionär zu in- „In der Zeit vor 1977 hatte die Be-
tervenieren!“ (Das Konzept Stadt- freiung der bedrohten Genossin-
guerilla) nen und Genossen absolute Priori-

40 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


tät. Sie saßen in den toten Trakten, das Ziel eine Massenorganisati-
und die ersten waren schon um- on aufzubauen und waren in den
gebracht worden: Holger Meins, Betrieben und der Gesellschaft
Siegfried Hausner, Ulrike Mein- so auch besser verankert.
hof. Die Situation brannte uns
unter den Nägeln. Uns war klar: Als RevolutionärInnen ist es
Die Gefangenen zu befreien war wichtig dort anzusetzen, wo
unser wichtigstes sich Brüche mit
und nächstes Ziel. der herrschen-
Einerseits waren den Politik ent-
sie existentiell be- wickeln können
droht, andererseits, und Ansätze von
klar, wir wollten Selbstorganisie-
sie auch draußen rung und aktivem
haben. Es ist unver- Klassenkampf von
zichtbar für eine unten entstehen
Guerillabewegung, – bei Streiks, so-
auch Aktionen mit zialen Protesten
dem Ziel durchzu- und politischem
führen, Gefangene Widerstand. Hier
zu befreien.“ (Rolf müssen Revoluti-
Clemens Wagner) onärInnen präsent
sein, den Unmut
Die direkten Aktionen gegen Jus- aufgreifen, weiterentwickeln und
tiz und die Herrschenden haben politisieren. In den gemeinsa-
zwar Sympathien hervorgerufen, men Kämpfen lässt sich Solida-
eine Massenbewegung setzten rität erfahren und können erste
sie jedoch nicht in Gang. Die RAF, Formen von Klassenbewusstsein
die das „Primat der Praxis“ als entstehen.
zentral ansah, setzte mit ihren Dies schließt militante, nicht-le-
Aktivitäten den Herrschenden gale Aktionen, die die Herr-
zwar gut zu, kämpfte jedoch iso- schenden direkt oder symbolisch
liert und schaffte keinen gemein- treffen und eine politisierende
samen Rahmen für politische Ar- Wirkung haben, keineswegs aus,
beit mit anderen Kräften. ersetzt den Kampf mit und als
Dass Stadtguerilla auch anders Teil der Klasse der Lohnabhän-
aussehen kann, zeigen die Roten gigen jedoch nicht. Das kollektive
Brigaden in Italien. Sie hatten Kämpfen ist jedoch eine Voraus-
zwar eine ähnliche Konzeption setzung für einen revolutionären
wie die RAF, verfolgten jedoch Prozess.

Revolutionäre Aktion Stuttgart 41


Die RAF hat fast 28 Jahre als ckeln, um die kapitalistischen
klandestine Struktur in Deutsch- Gegebenheiten zu verändern.
land agiert, obwohl immer wie- Diejenigen, die sich nur mit dem
der Mitglieder verhaftet wurden, Scheitern der RAF beschäftigen
der Staat massiv aufrüstete und und daraus ableiten, dass der be-
der RAF den Krieg ansagte. Die waffnete Kampf in Deutschland
damalige Zeit zeigt uns heute da- als Fehler erwiesen sei, machen
her einerseits wie weit die Herr- es sich zu einfach. Sie ignorie-
schenden gehen, um ihre Macht ren einerseits die historischen
zu erhalten, andererseits aber Umstände und kaschieren oft ge-
auch wie angreifbar sie sind. Die nug nur den Unwillen sich einer
RAF hat den bewaffneten Kampf neuen Situation mit einer eigen-
in einer nicht-revolutionären ständigen Analyse und Praxis zu
Phase auf die Tagesordnung ge- nähern – inklusive aller Risiken.
setzt. Dies in einem Land, in dem Unsere Kritik muss hingegen als
die faschistische Gesellschaft fast Werkzeug benutzt werden, um
nahtlos in eine bürgerlich-demo- auf den gemachten Erfahrungen
kratische übergegangen war. aufzubauen und sie in der Praxis
weiterzuentwickeln.
40 Jahre nach den Morden in
Stammheim, ist die Auseinander- Es werden durchaus wieder Zei-
setzung mit der RAF noch immer ten kommen, in denen es nötig
wichtig und lohnenswert. Dabei sein wird, den (mehr oder we-
ist es jedoch zentral, nach vorne niger) legalen Rahmen zu ver-
zu schauen und den Fokus darauf lassen und RevolutionärInnen
zu legen, was wir für die Kämp- wieder in den Untergrund gehen
fe von heute und morgen lernen müssen. Allerdings kann dies
können. Die RAF war keine ver- nicht die nötige Arbeit in und als
rückte Mörderbande, aus nach Teil der Klasse der Lohnabhän-
Macht strebenden Machos oder gigen ersetzten. Denn nur diese
geltungssüchtigen Geisteskran- hat objektiv ein Interesse, die
ken. Es waren GenossInnen, die Ausbeutung des Menschen durch

.
sich nicht mit den Verhältnissen den Menschen zu beenden und
zufrieden gaben und versuch- verfügt über die hierfür nötige
ten eine konkrete eigenständige Macht.
Analyse und Praxis zu entwi-

42 Die Geschichte von unten schreiben Oktober 2017


Fragen eines
lesenden Arbeiters
Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon
Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war,
Die Maurer? Das große Rom
Ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in den sagenhaften Atlantis
Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang,
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Der junge Alexander eroberte Indien.


Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?
Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte
Untergegangen war. Weinte sonst niemand?
Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer
Siegte außer ihm?

Jede Seite ein Sieg.


Wer kochte den Siegesschmaus?
Alle zehn Jahre ein großer Mann.
Wer bezahlt die Spesen?

So viele Berichte.
So viele Fragen.

Bertold Brecht
www.revolutionaere-aktion.org